Gesamtausgabe (MEGA): Band 8 Oktober 1848 bis Februar 1849 9783110683394, 9783110683271

Continuing from Volume I/7, this volume presents the journalistic works published by Marx and Engels in the Neue Rheinis

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Gesamtausgabe (MEGA): Band 8 Oktober 1848 bis Februar 1849
 9783110683394, 9783110683271

Table of contents :
Inhalt
KARL MARX FRIEDRICH ENGELS WERKE: ARTIKEL - ENTWÜRFE OKTOBER 1848 BIS FEBRUAR 1849
Oktober 1848
November 1848
Dezember 1848
Januar 1849
Februar 1849
ANHANG
Protokolle und Aufzeichnungen mündlicher Äußerungen
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden in Komiteesitzungen und Generalversammlungen des Kölner Arbeitervereins. Berichte
Vernehmung von Karl Marx durch den Kölner Instruktionsrichter am 21. Dezember 1848. Protokoll
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Aussagen im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ am 7. Februar 1849
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden auf einem demokratischen Bankett in Mülheim am Rhein am 11. Februar 1849. Bericht
Friedrich Engels’ Trinkspruch auf einem demokratischen Bankett in Köln am 26. Februar 1849. Bericht
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Inhalt
Verzeichnis der Abkürzungen, Siglen und Zeichen
Einführung
Friedrich Engels als Auslandskorrespondent der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in der Schweiz 1848/49
Friedrich Engels’ Berichterstattung über den ungarischen Unabhängigkeitskrieg 1848/49
KARL MARX. FRIEDRICH ENGELS. WERKE: ARTIKEL - ENTWÜRFE. OKTOBER 1848 BIS FEBRUAR 1849
Oktober 1848
November 1848
Dezember 1848
Januar 1849
Februar 1849
ANHANG
Protokolle und Aufzeichnungen mündlicher Äußerungen
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden in Komiteesitzungen und Generalversammlungen des Kölner Arbeitervereins. Berichte 16. Oktober 1848 bis 15. Februar 1849 (S. 537–545)
Vernehmung von Karl Marx durch den Kölner Instruktionsrichter Franz Joseph Kratz am 21. Dezember 1848. Protokoll 21. Dezember 1848 (S. 546)
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Aussagen im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ am 7. Februar 1849 7. Februar 1849 (S. 547)
Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden auf einem demokratischen Bankett in Mülheim am Rhein am 11. Februar 1849. Bericht 11. Februar 1849 (S. 548)
Friedrich Engels’ Trinkspruch auf einem demokratischen Bankett in Köln am 24. Februar 1849. Bericht 24. Februar 1849 (S. 549/550)
REGISTER
Namenregister
Literaturregister
Verzeichnis der im Apparat ausgewerteten Quellen und der benutzten Literatur
Sachregister

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KARL MARX FRIEDRICH ENGELS GESAMTAUSGABE (MEGA) ERSTE ABTEILUNG WERKE · ARTIKEL · ENTWÜRFE BAND 8

HERAUSGEGEBEN VON DER INTERNATIONALEN MARX-ENGELS-STIFTUNG AMSTERDAM

KARL MARX FRIEDRICH ENGELS WERKE · ARTIKEL ENTWÜRFE OKTOBER 1848 BIS FEBRUAR 1849 TEXT Bearbeitet von Jürgen Herres und Franc¸ois Melis

DE GRUYTER AKADEMIE FORSCHUNG

2020

Internationale Marx-Engels-Stiftung Vorstand Anja Kruke, Marcel van der Linden, Michael Quante, Andrej Sorokin

Redaktionskommission Beatrix Bouvier, Fangguo Chai, Marcel van der Linden, Jürgen Herres, Gerald Hubmann, Götz Langkau, Regina Roth, Kohei Saito, Ljudmila Vasina

Wissenschaftlicher Beirat Andreas Arndt, Birgit Aschmann, Shlomo Avineri, Harald Bluhm, Warren Breckman, James M. Brophy, Aleksandr Buzgalin, Gerd Callesen, Hans-Peter Harstick, Axel Honneth, Jürgen Kocka, Hermann Lübbe, Herfried Münkler, Bertell Ollman, Alessandro Pinzani, Wolfgang Schieder, Hans Schilar, Gareth Stedman Jones, Jianhua Wei Dieser Band wurde im Rahmen der gemeinsamen Forschungsförderung im Akademienprogramm mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung des Landes Berlin, des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft sowie des Ministeriums für Wissenschaft und Wirtschaft Sachsen-Anhalts erarbeitet.

ISBN 978-3-11-068327-1 e-ISBN (PDF) 978-3-11-068339-4

Library of Congress Control Number: 2020948393 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: pagina GmbH, Tübingen Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen www.degruyter.com

Inhalt Text

Apparat

Verzeichnis der Abkürzungen, Siglen und Zeichen

579

Einführung Friedrich Engels als Auslandskorrespondent der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in der Schweiz 1848/49

583 659

Friedrich Engels’ Berichterstattung über den ungarischen Unabhängigkeitskrieg 1848/49

667

KARL MARX · FRIEDRICH ENGELS: WERKE · ARTIKEL · ENTWÜRFE · OKTOBER 1848 BIS FEBRUAR 1849 Karl Marx · Redaktionelle Erklärung zum Wiedererscheinen der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Karl Marx · Revolution in Wien Karl Marx · Die „Kölnische Revolution“ Karl Marx · Das Ministerium Pfuel Karl Marx · Thiers’ Rede über eine allgemeine Hypothekenbank mit Zwangskurs Karl Marx · Die „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung“ und die Wiener Revolution

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Karl Marx · Antwort des Königs von Preußen an die Deputation der Berliner Nationalversammlung

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Karl Marx · Antwort König Friedrich Wilhelm IV. an die Deputation der Berliner Bürgerwehr

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Inhalt

Karl Marx · Die englisch-französische Vermittlung in Italien Karl Marx · Die „Re´forme“ über die Juniinsurrektion Friedrich Engels · Von Paris nach Bern Karl Marx · Der Staatsprokurator „Hecker“ und die „Neue Rheinische Zeitung“ Karl Marx · Aufruf des demokratischen Kongresses an das deutsche Volk Karl Marx · Die Pariser „Re´forme“ über die französischen Zustände Karl Marx · Die Wiener Nachrichten Karl Marx · Der Wiener Oktoberaufstand und die „Kölnische Zeitung“ Karl Marx / Ferdinand Freiligrath · Die neuesten Nachrichten aus Wien, Berlin und Paris Karl Marx · Wiener Nachrichten Karl Marx · Sieg der Kontrerevolution zu Wien Karl Marx · Die Berliner Krisis Friedrich Engels · Das Exfürstentum Karl Marx · Die Kontrerevolution in Berlin Karl Marx · Extra-Blatt zu Nr. 141 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Karl Marx · Erscheinungsbefehl für Karl Marx Karl Marx · Cavaignac und die Junirevolution Karl Marx / Karl Schneider · Aufruf des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten vom 14. November 1848 Karl Marx · K. Marx Friedrich Engels · Die neuen Behörden – Fortschritte in der Schweiz Karl Marx · Extra-Blatt zu Nr. 143 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Karl Marx · Die „Kölnische Zeitung“ und die „Rheinische Volkshalle“ Karl Marx / Karl Schneider · Erklärung Karl Marx · Bekenntnisse einer schönen Seele Karl Marx · Keine Steuern mehr!!!

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Inhalt

Karl Marx · Ein Erlass Eichmanns Karl Marx / Karl Schapper / Karl Schneider · Aufruf des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten zur Steuerverweigerung vom 18. November 1848 Friedrich Engels · Sitzungen der Schweizer Kammern Karl Marx · Der Stadtrat Friedrich Engels · Wahl des Schweizer Bundesrats Karl Marx / Karl Schapper / Karl Schneider · Aufruf an die Demokraten der Rheinprovinz vom 20. November 1848 Karl Marx · Über die Proklamation des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel in Betreff der Steuerverweigerung Karl Marx · Die Oberprokuratur und die „Neue Rheinische Zeitung“ Karl Marx · Die Staatsanwaltschaft in Berlin und in Köln Karl Marx · Die Frankfurter Versammlung Friedrich Engels · Wahlen für das Bundesgericht – Verschiedenes Karl Marx · Belagerungszustand überall Friedrich Engels · Verschiedenes Friedrich Engels · Resultat der Nationalratswahlen im Kanton Bern Friedrich Engels · Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz Karl Marx · Manteuffel und die Zentralgewalt Karl Marx · Drigalski der Gesetzgeber, Bürger und Kommunist Friedrich Engels · Die Wahlen – Sydow Karl Marx · Vernehmungen Karl Marx · Drei Staatsprozesse gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ Friedrich Engels · Die Schweizer Nationalratssitzung vom 22. November 1848 Friedrich Engels · Abdankung Raveaux’ – Verletzung der Schweizer Grenze Karl Marx · Neuigkeiten Friedrich Engels · Sitzung des Bundesrats und des Ständerats

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Inhalt

Friedrich Engels · Die Persönlichkeiten des Schweizer Bundesrats Karl Marx · Geöffnete Briefe Karl Marx · Das Organ Manteuffel und Johannes – Die Rheinprovinz und der König von Preußen Friedrich Engels · Die revolutionäre Bewegung in Italien Friedrich Engels · Vereinigte Sitzung der Räte – Der Bundesrat Friedrich Engels · Sitzung des Schweizer Nationalrats vom 27. November 1848 Friedrich Engels · Raspail oder Ledru-Rollin Friedrich Engels · Proudhon Friedrich Engels · Sitzung des Nationalrats – Ständerat – Protest des Papstes – Reichskornsperre – Der Walliser Große Rat Friedrich Engels · Bern zur Bundesstadt erklärt – Franscini Friedrich Engels · Neues aus Bern Friedrich Engels · Duell zwischen Benz und Luvini Friedrich Engels · Die deutsche Grenzsperre – Das Reich – Der Kriegsrat Karl Marx · Prozesse der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Friedrich Engels · Schweizerische Zeugnisse über die Heldentaten der österreichischen Armee in Wien Friedrich Engels · Der Bundesrat und die auswärtigen Gesandten – Bundesrat in Tessin – Zentralisation der Posten – Abbitte des deutschen Reichstruppenkommandanten Karl Marx · Die Auflösung der Nationalversammlung Karl Marx · Der Staatsstreich der Kontrerevolution Karl Marx · Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution Karl Marx · Fragment zur Artikelserie „Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution“ Friedrich Engels · Maßregeln wegen der deutschen Flüchtlinge Friedrich Engels · Der Schweizer Nationalrat Friedrich Engels · Neuer Bundesgenosse der Kontrerevolution

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Inhalt

Karl Marx · Die Verleumdungen der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Friedrich Engels · Ursulinerinnenkloster – Werbungen für den Kartätschenkönig – Die „Bürgergemeinde“ – Kommission wegen eines gemeinsamen Zolltarifs Karl Marx / Hermann Korff / Stephan Naut / Louis Schulz · Bestellungen der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Karl Marx · Ein Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ vertagt Karl Marx · Prozess gegen Gottschalk und Genossen Karl Marx · Drigalskis Prozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ Karl Marx · Notiz über das Verbot eines Fackelzuges für Andreas Gottschalk. Entwurf Karl Marx · Die preußische Kontrerevolution und der preußische Richterstand Friedrich Engels · Die Maßregeln gegen deutsche Flüchtlinge – Die Truppen aus Tessin zurück – Die Patriziergemeinde Karl Marx · Die revolutionäre Bewegung Friedrich Engels · Schweizerisch-Italienisches Karl Marx / Georg Weerth · Ein Bourgeoisaktenstück Karl Marx / Georg Weerth · Das Budget der Vereinigten Staaten und das christlich-germanische Karl Marx · Eine Neujahrsgratulation Karl Marx · Ludwig Raveaux. Die „Kölnische Zeitung“ Karl Marx · Eine Entgegnung des Oberlandesgerichtsrats Rintelen Friedrich Engels · Der magyarische Kampf Friedrich Engels · Herr Müller – Radetzkys Schikanen gegen Tessin – Der Bundesrat – Lohbauer Friedrich Engels · Die letzten Freischärler Friedrich Engels · Budget des Schweizer Kanton Bern Friedrich Engels · Die Schweizer Presse Friedrich Engels · Schutzzollagitation – Neapolitanische Werbungen Friedrich Engels · Müller – Die Freiburger Regierung – Ochsenbein

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Inhalt

Karl Marx · Montesquieu LVI. Karl Marx · Die Wahlen (24. Januar 1849) Karl Marx · Die Wahlen (25. Januar 1849) Karl Marx · Die Berliner „National-Zeitung“ an die Urwähler Friedrich Engels · Antwort von Oberst Engels Karl Marx · Urwahl-Erfahrungen Friedrich Engels · Preußischer Steckbrief gegen Kossuth Friedrich Engels · Vor dem Instruktionsrichter Karl Marx · Zustand in Paris Karl Marx · Die Situation in Paris Karl Marx · Die „Kölnische Zeitung“ über die Wahlen Karl Marx · Die Situation Friedrich Engels · Der Kampf in Ungarn Karl Marx · Camphausen Friedrich Engels · Ungarn. 4. Februar 1849 Karl Marx · Wesendonck Friedrich Engels · Ungarn. 6. Februar 1849 Karl Marx · Entwurf der Verteidigungsrede im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ Karl Marx · Freisprechung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ Karl Marx · Der Steuerverweigerungsprozess Karl Marx · Lassalle Friedrich Engels · Ungarn. 11. Februar 1849 Karl Marx · Erwiderung Hugo Wesendoncks Karl Marx · Die Teilung der Arbeit bei der „Kölnischen Zeitung“ Friedrich Engels · Ungarn. 11. Februar 1849 (Zweite Ausgabe) Karl Marx · Verfolgung gegen die Steuerverweigerer Friedrich Engels · Ungarn. 13. Februar 1849 Karl Marx · Verteidigungsrede im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ Friedrich Engels · Verteidigungsrede im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ Karl Marx · Neues Zeitungskartell

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Inhalt

Friedrich Engels · Der demokratische Panslawismus Friedrich Engels · Ungarn. 16. Februar 1849 Karl Marx · Preußische Finanzwirtschaft unter Bodelschwingh und Konsorten Karl Marx · Anton Gladbach Karl Marx · Der Steuerverweigerungsprozess Karl Marx / Friedrich Engels · Saedt Karl Marx · Dreigestirn gegen Dreieck Friedrich Engels · Der Wiener Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“ Friedrich Engels · Die „Kölnische Zeitung“ über den magyarischen Kampf Karl Marx / Wilhelm Wolff · Stein Friedrich Engels · Ungarn. 18. Februar 1849 Friedrich Engels · Die Kroaten und Slowaken in Ungarn Friedrich Engels · Die Kriegskunst der KaiserlichKöniglichen Friedrich Engels · Ungarn. 21. Februar 1849 Friedrich Engels · Ungarn. 22. Februar 1849 Karl Marx · Weiterer Beitrag zur altpreußischen Finanzwirtschaft Karl Marx · Anton Gladbach und Joseph DuMont Karl Marx · Eine Denunziation Friedrich Engels · Ungarn. 24. Februar 1849 Karl Marx · Verteidigungsrede im Prozess gegen den Rheinischen Kreisausschuss der Demokraten Friedrich Engels · Ungarn. 25. Februar 1849 Friedrich Engels · Ungarn. 25. Februar 1849 (2. Beilage) Friedrich Engels · Die Russen in Siebenbürgen Friedrich Engels · Ungarn. 28. Februar 1849

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ANHANG Protokolle und Aufzeichnungen mündlicher Äußerungen

535

Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden in Komiteesitzungen und Generalversammlungen des Kölner Arbeitervereins. Berichte

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XI

Inhalt

Vernehmung von Karl Marx durch den Kölner Instruktionsrichter am 21. Dezember 1848. Protokoll Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Aussagen im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ am 7. Februar 1849 Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Reden auf einem demokratischen Bankett in Mülheim am Rhein am 11. Februar 1849. Bericht Friedrich Engels’ Trinkspruch auf einem demokratischen Bankett in Köln am 26. Februar 1849. Bericht

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Apparat

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REGISTER UND VERZEICHNISSE Namenregister

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Literaturregister 1. Arbeiten von Marx und Engels 2. Arbeiten anderer Autoren 3. Periodika

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Verzeichnis der im Apparat ausgewerteten Quellen und der benutzten Literatur 1. Archivalien a. IISG b. RGASPI c. Andere Archive 2. Gedruckte Quellen a. Handbücher und Quelleneditionen b. Periodika c. Zeitgenössische Publikationen 3. Forschungsliteratur

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Sachregister

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Verzeichnis der Abbildungen Titelblatt der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 114 vom 12. Oktober 1848. Originalexemplar von Marx Engels: Von Paris nach Bern. Erste Seite des Manuskripts Topographische Skizzen und Zeichnungen von Engels. Vorderseite Topographische Skizzen und Zeichnungen von Engels. Rückseite

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Inhalt Text Extra-Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 139 vom 10. November 1848. Erster Andruck. Originalexemplar von Marx Extra-Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 139 vom 10. November 1848. Zweiter Andruck. Originalexemplar von Marx Außerordentliche Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 145 vom 17. November 1848. Originalexemplar von Marx Titelblatt der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 147 vom 19. November 1848. Originalexemplar von Marx Engels: Raspail oder Ledru-Rollin. Erste Seite des Manuskripts Marx: Entwurf der Verteidigungsrede im Presseprozess der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Erste Seite des Manuskripts Titelblatt der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 231 vom 25. Februar 1849. Originalexemplar von Marx

Apparat

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KARL MARX FRIEDRICH ENGELS WERKE · ARTIKEL · ENTWÜRFE OKTOBER 1848 BIS FEBRUAR 1849

Karl Marx Redaktionelle Erklärung zum Wiedererscheinen der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 114, 12. Oktober 1848

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Durch die Theilnahme, die sich namentlich in Köln für die Aufrechthaltung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ gezeigt, ist es gelungen, die von dem Belagerungszustande herbeigeführten finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden und sie wiedererscheinen zu lassen. Das Redaktionscomite bleibt dasselbe. Ferdinand Freiligrath ist neu eingetreten. Karl Marx, Redakteur en chef der Neuen Rheinischen Zeitung. ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙

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Karl Marx Revolution in Wien

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 114, 12. Oktober 1848

* K ö l n , 11. Oktober. In ihrer ersten Nummer (vom ersten Juni) hatte die „Neue Rheinische Zeitung“ aus Wien eine Revolution (vom 25sten Mai) zu berichten. Heute, bei unserm ersten Wiedererscheinen nach der durch den kölnischen Belagerungszustand herbeigeführten Unterbrechung, bringen wir die Botschaft der ungleich wichtigern Wiener Revolution vom 6. und 7. Oktober. Die ausführlichen Berichte über die Wiener Ereignisse zwingen uns alle raisonnirenden Artikel heute wegzulassen. Darum nur wenige Worte, und zwar über die Wiener Revolution. Unsere Leser ersehen aus den Berichten des Wiener Correspondenten, daß diese Revolution an dem Mißtrauen der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse, wenn nicht zu scheitern, so wenigstens in ihrer Entwickelung gelähmt zu werden droht. Wie dem aber auch sei, ihr Rückschlag auf Ungarn, Italien und Deutschland vereitelt den ganzen Feldzugsplan der Contrerevolution. Die Flucht des Kaisers und der czechischen Deputirten aus Wien zwingt die Wiener Bourgeoisie, will sie sich nicht auf Gnade und Ungnade ergeben, den Kampf fortzusetzen. Die Frankfurter Versammlung, die uns Deutschen ein Nationalzuchthaus und e i n e g e m e i n s a m e P e i t s c h e so eben zu schenken beschäftigt ist, wird von dem Wiener Ereigniß unangenehm aus ihren Träumereien aufgeschreckt und das Berliner Ministerium an dem Universalmittel, dem Belagerungszustand, irr werden. Der Belagerungszustand machte wie die Revolution die Tour um die Welt. Man versuchte eben das Experiment im Großen, auf ein ganzes Reich, auf Ungarn anzuwenden. Dieser Versuch, statt die Contrerevolution in Ungarn hat die Revolution in Wien heraufbeschworen. Der Belagerungszustand wird sich von dieser Schlappe nicht mehr erholen. Der Belagerungszustand ist für immer kompromittirt. Es ist eine Ironie

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Titelblatt der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 114 vom 12. Oktober 1848 Originalexemplar von Marx

Revolution in Wien

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des Schicksals, daß gleichzeitig mit Jellachich der westliche Heros des Belagerungszustandes, Cavaignac, zur Zielscheibe des Angriffs aller der Fraktionen geworden ist, die er im Juni mit Kartätschen gerettet hat. Nur durch den entschiedenen Uebertritt zur Revolution kann er sich für einige Zeit noch möglich machen. Wir lassen hinter den neuesten Nachrichten aus Wien noch einige Korrespondenzen vom 5. Oktober folgen, weil sie ein Echo der Wiener Hoffnungen und Befürchtungen wegen Ungarn’s Schicksal sind.

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Karl Marx Die „Kölnische Revolution“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 115, 13. Oktober 1848

** K ö l n, 12. Oktober. Die „Kölnische Revolution“ vom 25. September ˙ ˙ ˙die ˙˙ war ein Fastnachtsspiel, erzählt uns die „Kölnische Zeitung“ und „Kölnische Zeitung“ hat Recht. Die „Kölnische Kommandantur“ führt am 26. September den Cavaignac auf. Und die „Kölnische Zeitung“ bewundert die Weisheit und Mäßigung der „Kölnischen Kommandantur“. Wer aber ist der Komischste, die Arbeiter, die am 25. September sich im ˙ ˙ ˙ ˙mber in Barrikadenbauen übten oder der Cavaignac, der am 26. ˙Septe ˙ ˙ ˙ ˙˙ heiligstem Ernst den Belagerungszustand aussprach, Journale suspendirte, die Bürgerwehr entwaffnete, die Associationen untersagte? Arme „Kölnische Zeitung“! Der Cavaignac der „Kölnischen Revolution“ kann keinen Zoll größer sein als die „Kölnische Revolution“ selbst. Arme „Kölnische Zeitung“! Die „Revolution“ muß sie im Scherz und den „Cavaignac“ dieser lustigen Revolution im Ernst nehmen. Verdrießliches, undankbares, widerspruchvolles Thema! Ueber die Berechtigung der Kommandantur verlieren wir kein Wort. D’Ester hat diesen Gegenstand erschöpft. Wir betrachten übrigens die Kommandantur als untergeordnetes Werkzeug. Die eigentlichen Dichter dieser sonderbaren Tragödie waren die „gutgesinnten Bürger“, die Dumonts und Consorten. Kein Wunder also, daß Herr Dumont mit seinen Zeitungen die Adresse gegen D’Ester, Borchardt und Kyll kolportiren ließ. Was sie zu vertheidigen hatten, diese „Gutgesinnten“, es war nicht die That der Kommandantur, es war ihre eigene That. Das Kölnische Ereigniß wanderte durch die Saharawüste der deutschen Presse in der Form, die ihm das Kölnische „Journal des De´bats“ gegeben. Hinreichender Grund, um darauf zurückzukommen. Moll, einer der beliebtesten Führer des Arbeitervereins, sollte verhaftet werden. Schapper und Becker waren schon verhaftet. Man hatte zur Ausführung dieser Maßregeln einen Montag gewählt, einen Tag, an dem be-

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Die „Kölnische Revolution“

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kanntlich der größte Theil der Arbeiter unbeschäftigt ist. Man mußte also vorher wissen, daß die Verhaftungen große Gährung unter den Arbeitern hervorrufen und selbst zu gewaltthätigem Widerstand die Veranlassung bieten konnten. Sonderbarer Zufall, der diese Verhaftungen gerade auf einen Montag fallen ließ! Die Aufregung war um so leichter vorherzusehen, als bei Gelegenheit des Stein’schen Armeebefehls, nach Wrangels Proklamation und Pfuels Ernennung zum Ministerpräsidenten jeden Augenblick ein entscheidender, kontrerevolutionärer Schlag, also eine Revolution von Berlin aus erwartet wurde. Die Arbeiter mußten daher die Verhaftungen nicht als gerichtliche, sondern als politische Maßregeln betrachten. In der Prokuratur sahen sie nur noch eine kontrerevolutionäre Behörde. Sie glaubten, daß man sie am Vorabende wichtiger Ereignisse ihrer Führer berauben wolle. Sie beschlossen, Moll um jeden Preis der Verhaftung zu entziehen. Und sie verließen erst den Kampfplatz, nachdem sie ihren Zweck erreicht hatten. Die Barrikaden wurden erst gebaut, als die auf dem Altenmarkt versammelten Arbeiter erfuhren, daß von allen Seiten das Militär zum Angriff anrücke. Sie wurden nicht angegriffen. Sie hatten sich also auch nicht zu vertheidigen. Zudem war ihnen bekannt geworden, daß aus Berlin durchaus keine gewichtigen Nachrichten eingetroffen. Sie zogen sich also zurück, nachdem sie einen großen Theil der Nacht hindurch vergebens einen Feind erwartet hatten. Nichts lächerlicher daher als der Vorwurf der Feigheit, den man den Kölnischen Arbeitern gemacht hat. Aber noch andere Vorwürfe hat man ihnen gemacht, um den Belagerungszustand zu rechtfertigen und das Kölner Ereigniß zu einer kleinen Julirevolution zuzustutzen. Ihr eigentlicher Plan sei die Plünderung der guten Stadt Köln gewesen. Diese Anklage beruht auf der angeblichen Plünderung eines Tuchladens. Als wenn nicht jede Stadt ihr Kontingent Diebe hätte, die natürlich Tage öffentlicher Aufregung benutzen. Oder versteht man unter der Plünderung die Plünderung von Waffenläden? So schicke man das Kölnische Parket nach Berlin, damit es den Prozeß gegen die Märzrevolution instruire. Ohne die geplünderten Waffenläden hätten wir vielleicht nie die Genugthuung erlebt, Hrn. Hansemann in einen Bankdirektor und Hrn. Müller in einen Staatssekretär verwandelt zu sehen. Genug von den Arbeitern Köln’s. Kommen wir zu den sogenannten Demokraten. Was wirft ihnen die „Kölnische Zeitung“ vor, die „Deutsche Zeitung“, die „Augsburger Allgemeine Zeitung“, und wie die andern „gutgesinnten“ Blätter heißen mögen? Die heroischen Brüggemann’s, Bassermann’s u. s. w. verlangten Blut, und die weichherzigen Demokraten, aus Feigheit haben sie kein Blut fließen lassen.

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Der Thatbestand ist einfach dieser. Die Demokraten erklärten im Kranz (auf dem Altenmarkt), im Eiser’schen Saale und auf den Barrikaden den Arbeitern, daß sie unter keiner Bedingung einen „Putsch“ wollten. In diesem Augenblicke aber, wo keine große Frage die Gesammtbevölkerung in den Kampf treibe und jede Emeute daher scheitern müsse, sei sie um so sinnloser, als in wenigen Tagen gewaltige Ereignisse eintreffen könnten und man sich daher vor dem Tage der Entscheidung kampfunfähig mache. Wenn das Ministerium in Berlin eine Contrerevolution wage, dann sei der Tag für das Volk gekommen, eine Revolution zu wagen. Die gerichtliche Untersuchung wird unsere Angabe bestätigen. Die Herrn von der „Kölnischen Ztg.“ hätten besser gethan, statt im „nächtlichen Dunkel“ mit „verschränkten Armen und finstern Blicken“ vor den Barrikaden zu stehen und über „die Zukunft ihres Volkes nachzusinnen“, vielmehr die verblendete Masse mit ihren Worten der Weisheit von den Barrikaden herab zu haranguiren. Was nutzt die Weisheit post festum? Am schlimmsten ist bei Gelegenheit der Kölnischen Ereignisse der Bürgerwehr von der guten Presse aufgespielt worden. Unterscheiden wir. Daß die Bürgerwehr sich weigerte, zum willenlosen Diener der Polizei herab zu sinken – es war ihre Pflicht. Daß sie die Waffen freiwillig ablieferte, es ist nur durch eine Thatsache zu entschuldigen. Der liberale Theil derselben wußte, daß der illiberale Theil die Gelegenheit mit Jubel ergriff, um sich der Waffen zu entledigen. Der partielle Widerstand aber wäre nutzlos gewesen. Die „Kölnische Revolution“ hat ein Resultat gehabt. Sie hat das Dasein einer Phalanx von mehr als 2000 Heiligen enthüllt, deren „satte Tugend und zahlungsfähige Moral“ nur im Belagerungszustand ein „freies Leben“ führt. Vielleicht findet sich einmal Veranlassung „acta sanctorum“ Biographien dieser Heiligen zu schreiben. Unsere Leser werden dann erfahren, wie die „Schätze“ erworben werden, die weder „Motten noch Rost“ fressen, sie werden lernen, auf welche Weise der ökonomische Hintergrund der „guten Gesinnung“ erobert wird.

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Karl Marx Das Ministerium Pfuel

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 116, 14. Oktober 1848

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* K ö l n, 13. October. Als das Ministerium Camphausen stürzte, sagten wir: „Das Ministerium Camphausen hatte sein liberalbürgerliches Gewand der Contrerevolution umgeworfen. Die Contrerevolution fühlt sich stark genug, die lästige Maske abzuschütteln. Ein beliebiges unhaltbares Ministerium des linken Centrums (Hansemann) kann möglicher Weise dem Ministerium vom 30. März auf einige Tage folgen. Sein wirklicher Nachfolger ist das Ministerium des Prinzen von Preußen“. (N. Rh. Z. Nr. 23 vom 23. Juni.) Und wirklich folgte das Ministerium Pfuel (von Neufchatel) dem Ministerium Hansemann. Das Ministerium Pfuel geht mit den konstitutionellen Phrasen um, wie die Frankfurter Centralgewalt mit der „deutschen Einheit“. Wenn wir das corpus delicti, den wirklichen Körper dieses Ministeriums mit seinem Echo, seinen konstitutionellen Erklärungen, Beschwichtigungen, Vermittlungen, Vereinbarungen in der Berliner Versammlung vergleichen, so können wir nur Ein Wort auf es anwenden, Falstaff’s Wort: „Was wir alten Leute doch dem Laster des Lügens ergeben sind!“ Dem Ministerium Pfuel kann nur ein Ministerium der Revolution folgen.

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Karl Marx Thiers’ Rede über eine allgemeine Hypothekenbank mit Zwangskurs

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 116, 14. Oktober 1848

* Hr. Thiers publizirt in dem „Constitutionnel“ eine Broschüre über das „Eigenthum“. Wir werden auf diese klassisch geschriebene Trivialität näher eingehen, sobald die Publikation vollständig erschienen ist. Hr. Thiers hat sie plötzlich abgebrochen. Uns genügt einstweilen zu bemerken, daß die „großen“ belgischen Blätter, der „Observateur“ und die „Independance“ schwärmen für die Schrift des Hrn. Thiers. Heute verfolgen wir einen Augenblick die am 10. Oktober von Hrn. Thiers in der französischen Nationalversammlung gehaltene Rede über die Hypothekenbons, eine Rede, die nach der belgischen „Independance“ dem Papiergeld den „Todesstoß“ versetzt hat. Aber Hr. Thiers ist auch, wie „Independance“ sagt, ein Redner, der mit gleicher Ueberlegenheit die politischen Fragen behandelt, die finanziellen, die sozialen. Diese Rede interessirt uns nur, weil sie die Taktik der Ritter der alten Zustände zeigt, eine Taktik, die sie mit Recht den Don Ouixoten der neuen entgegenhalten. Verlangt eine theilweise Reform in den industriellen und kommerziellen Zuständen, wie Hr. Turck, dem Thiers antwortet, und sie halten euch die Verkettung und die Wechselwirkung der Gesammtorganisation entgegen. Verlangt die Umwälzung der Gesammtorganisation und ihr seid destruktiv, revolutionär, gewissenlos, utopistisch und überseht die partiellen Reformen. Also Resultat: Laßt Alles beim Alten. Hr. Turck z. B. will den Bauern die Verwerthung ihres Grundeigenthums durch offizielle Hypothekenbanken erleichtern. Er will ihr Eigenthum in Circulation bringen, ohne daß es durch die Hände des Wuchers hindurchpassiren muß. In Frankreich nämlich, wie in den Ländern überhaupt, wo die Parzellirung herrscht, hat sich die Herrschaft der Feudalherrn in die Herrschaft der Kapitalisten, haben sich die feudalen Leistungen des Bauern in bürgerliche Hypothekenverpflichtungen verwandelt.

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Was antwortet Hr. Thiers zunächst? Wollt ihr den Bauern durch öffentliche Kreditanstalten helfen, so beeinträchtigt ihr den kleinen Handelsmann. Ihr könnt dem einen nicht helfen, ohne dem andern zu schaden. Also müssen wir das ganze Kreditsystem umwandeln? Bei Leibe nicht! Das ist eine Utopie. Also ist Herr Turck abgefertigt. Der kleine Handelsmann, für welchen Hr. Thiers so zärtlich sorgt, ist die große Bank von Frankreich. Die Konkurrenz von Papierscheinen für 2 Milliarden Hypotheken würde ihr das Monopol und die Dividenden und vielleicht noch something more ruiniren. Hinter dem Argument des Hrn. Thiers steht also im Hintergrund – Rothschild. Kommen wir zu einem andern Argument des Hrn. Thiers. Der Vorschlag der Hypotheken, sagt Hr. Thiers, geht die Agrikultur selbst eigentlich gar nichts an. Daß das Grundeigenthum nur unter erschwerenden Umständen in Circulation gesetzt wird, daß es sich nur mühsam verwerthet, daß die Kapitalien es so zu sagen fliehen, das alles, bemerkt Hr. Thiers, liegt in der „Natur“. Es werfe nämlich nur kleinen Profit ab. Aber von der andern Seite kann Hr. Thiers nicht läugnen, daß es in der „Natur“ der modernen industriellen Organisation liegt, daß alle Industrieen, also auch die Agrikultur, nur gedeihen, wenn ihre Produkte und ihre Instrumente leicht verwerthet, in Umtausch gesetzt, mobilisirt werden können. Bei dem Grund und Boden ist das nicht der Fall. Also wäre der Schluß: innerhalb der bestehenden civilisirten Zustände kann die Agrikultur nicht gedeihen. Man muß daher die bestehenden Zustände ändern und ein kleiner, wenn auch inkonsequenter Anlauf zu einer solchen Veränderung ist der Vorschlag des Hrn. Turck. Keineswegs! ruft Thiers aus. Die „Natur“, d. h. die jetzigen sozialen Verhältnisse verdammen die Agrikultur zu ihrem jetzigen Zustande. Die jetzigen sozialen Verhältnisse sind „Natur“, d. h. unabänderlich. Die Behauptung ihrer Unveränderlichkeit ist natürlich der schlagendste Beweis gegen den Vorschlag jeder Veränderung. Wenn die „Monarchie“ Natur ist, ist jeder republikanische Versuch eine Auflehnung gegen die Natur. Nach Hrn. Thiers ist es auch einleuchtend, daß das Grundeigenthum immer naturgemäß dieselben kleinen Profite abwirft, sei es, daß der Staat dem Grundeigenthümer die Kapitalien zu 3, oder der Wucherer zu 10 pCt. vorschießt. Es ist dies einmal „Natur“. Indem aber Hr. Thiers den industriellen Profit und die Rente, welche die Agrikultur abwirft, miteinander identifizirt, stellt er geradezu auch eine den jetzigen sozialen Verhältnissen, dem was er „Natur“ nennt, widersprechende Behauptung auf.

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Während der industrielle Profit im Allgemeinen beständig fällt, steigt beständig die Grundrente, d. h. der Werth des Bodens. Hr. Thiers hatte also das Phänomen zu erklären, daß der Bauer trotzdem beständig verarmt. Er läßt sich natürlich auf dieß Gebiet nicht ein. Von wirklich merkwürdiger Oberflächlichkeit ist ferner, was Thiers über den Unterschied der französischen und englischen Agrikultur sagt. Der ganze Unterschied, belehrt uns Thiers, besteht in der Grundsteuer. Wir zahlen sehr hohe Grundsteuer, die Engländer gar keine. Abgesehen von der Unrichtigkeit der letztern Behauptung, weiß Hr. Thiers sicher, daß in England die Armensteuer und eine Masse anderer in Frankreich nicht existirender Steuern auf die Agrikultur fallen. Das Argument des Hrn. Thiers wird in umgekehrtem Sinn von englischen Anhängern der kleinern Agrikultur angewandt. Wißt ihr, sagen sie, warum das englische Getreide kostspieliger ist als das französische? Weil wir Grundrente zahlen und hohe Grundrente, was die Franzosen nicht thun, da sie im Durchschnitt nicht Pächter, sondern kleine Eigenthümer sind. Es lebe daher das kleine Eigenthum! Es gehört die ganze unverschämte Trivialität von Thiers dazu, um die englische Concentration des Arbeitsinstruments, des Bodens, wodurch Anwendung der Maschinerie und der Theilung der Arbeit im Großen auf die Agrikultur möglich gemacht wird, die Wechselwirkung der englischen Industrie und des englischen Handels auf die Agrikultur, um alle diese vielverzweigten Verhältnisse in die eine nichtssagende Phrase aufzulösen, die Engländer zahlen keine Grundsteuer. Der Ansicht des Hrn. Thiers, daß die jetzige Hypothekenwirthschaft in Frankreich gleichgültig für die Agrikultur ist, setzen wir die Ansicht des größten französischen agronomischen Chemikers entgegen. Dombasle hat ausführlich bewiesen, daß, wenn das jetzige Hypothekenwesen sich „der Natur“ gemäß in Frankreich fortentwickelt, die französische Agrikultur zu einer Unmöglichkeit werden wird. Welche freche Flachheit gehört überhaupt dazu, zu behaupten, der Agrikultur seien die Grundeigenthumsverhältnisse gleichgültig, mit andern Worten, der Produktion seien die gesellschaftlichen Verhältnisse gleichgültig, innerhalb deren producirt wird? Es bedarf übrigens keiner weitern Auseinandersetzung, daß Hr. Thiers, der den Credit der großen Kapitalisten erhalten will, den kleinen keinen Credit geben darf. Der Credit der großen Kapitalisten ist eben die Creditlosigkeit der kleinen. Wir läugnen allerdings nicht, daß es unmöglich ist den kleinen innerhalb des jetzigen Systems durch irgend ein finanzielles Kunststück aufzuhelfen. Aber Thiers mußte dies behaupten, da er die jetzige Welt für die beste der Welten ansieht.

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In Bezug auf diesen Theil von Thiers Rede bemerken wir daher nur noch Eins. Indem er gegen die Mobilisation des Grundeigenthums spricht und andererseits die englischen Verhältnisse preißt, vergißt er, daß die Agrikultur in England gerade im höchsten Grade den Vorzug besitzt, daß sie fabrikmäßig betrieben wird und daß die Grundrente, d. h. das Grundeigenthum ein mobiles, übertragbares Börsenpapier wie jedes andere ist. Fabrikmäßige Agrikultur, d. h. Betreibung der Agrikultur in der Weise der großen Industrie bedingt ihrerseits Mobilisation, kaufmännisch-leichte Austauschbarkeit des Grundeigenthums. Der zweite Theil der Rede des Hrn. Thiers besteht in Angriffen auf das Papiergeld im Allgemeinen. Er nennt die Ausgabe von Papiergeld überhaupt Falschmünzerei. Er erzählt uns die große Wahrheit, daß, wenn man eine zu große Masse Circulationsmittel, d. h. Geld auf den Markt wirft, man das Geld selbst entwerthet, also doppelt betrügt, die Privaten und den Staat. Dies sei bei den Hypothekenbanken besonders der Fall. Alles dies sind Entdeckungen, die man in den schlechtesten Katechismen der politischen Oekonomie findet. Unterscheiden wir. Es ist klar, daß wir die Produktion, also den wirklichen Reichthum nicht vermehren, indem wir das Geld, sei es Papieroder Metallgeld, willkürlich vermehren. So verdoppeln wir im Kartenspiel unsere Stiche nicht, wenn wir die Spielmarken verdoppeln. Andererseits ist ebenso klar, daß, wenn die Produktion durch Mangel an Spielmarken, an Austauschmitteln, an Geld gehemmt wird, sich zu entwickeln, jede Vermehrung der Austauschmittel, jede Verminderung der Schwierigkeit, sich Austauschmittel zu verschaffen, zugleich eine Vermehrung der Produktion ist. Diesem Produktionsbedürfnisse verdanken Wechsel, Banken u. s. w. ihren Ursprung. In dieser Weise kann die Agrikultur durch Hypothekenbanken gehoben werden. Wofür Hr. Thiers aber eigentlich kämpft, ist nicht das Metallgeld gegen das Papiergeld. Er selbst hat zu viel auf der Börse gespielt, um in den Vorurtheilen der alten Merkantilisten befangen zu sein. Was er bekämpft ist die Regelung des Credits durch die im Staat repräsentirte Gesellschaft gegen die Regelung des Credits durch das Monopol. Der Ansatz zu einer Regelung des Credits im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse war eben der Turckesche Vorschlag einer allgemeinen Hypothekenbank, deren Scheine Zwangskurs hätten, so wenig dieser Vorschlag in seiner Isolirung bedeutet.

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Karl Marx Die „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung“ und die Wiener Revolution

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 120, 19. Oktober 1848

* K ö l n , 18. Oktober. „Es waltet ein eigenes Geschick über Deutschland. ˙ ˙ sei an dem Punkte angelangt, wo es gestattet sei, Wenn man glaubt,˙ ˙man die Hand an den Wiederaufbau des gemeinsamen Vaterlandes zu legen, – wenn man dafür den Blick dankbar zum Himmel erhebt –, so entladen sich die Gewitterwolken, die Europa stets noch umlagern, in neuen gewaltigen Schlägen und machen die Hände erzittern, die sich dem Verfassungswerke Deutschlands gewidmet haben. Einen solchen Donnerschlag haben wir so eben wieder in Wien erlebt.“ So klagt der Moniteur der Reichsverwesung, die Frankfurter Oberpostamtszeitung. Dies brave Blatt, dessen letzter Redakteur auf der Liste der von Guizot bezahlten Kreaturen prangte, nahm seine Stellung einen Augenblick au serieux. Die Centralgewalt mit ihrer parlamentarischen Umrahmung, dem Frankfurter Concil, erschien ihm als eine ernsthafte Macht. Statt direkt ihre contrerevolutionären Ordres an ihre Unterthanen auszutheilen, ließen die 38 deutschen Regierungen sich von der Centralgewalt zu Frankfurt den Befehl ertheilen, ihre eigenen Beschlüsse auszuführen. Alles war im besten Gange, wie zur Zeit der Mainzer Immediatkommission. Die Centralgewalt konnte sich einbilden, eine Gewalt, und ihr Moniteur konnte sich einbilden, ein Moniteur zu sein. „Nun danket alle Gott“, sang er, „die Hände zum Himmel erhoben.“ Und nun „erleben“ wir von Wien aus einen Donnerschlag. Die „Hände“ unserer Lykurge „erzittern“, trotz der Armee von Pickelhauben, die eben so viele Blitzableiter der Revolution sind; trotz der Dekrete, worin die Kritik der schwarz-roth-goldenen Personen und Gesta zu einem hochnothpeinlichen Casus dekretirt wird; trotz der Kraftworte jener gigantischen Figuren, Schmerling, Mohl und Gagern. Von Neuem brüllt das revolutionäre Ungeheuer – und man „zittert“ zu Frankfurt. Die Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung wird aus ihrem Dankgebete aufge˙ ˙ ˙ ˙grollt ˙˙ ˙ sie ˙˙ dem ˙˙˙ ˙ ˙eisernen ˙ schreckt. – Tragisch Verhängniß.

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Zu Paris die Thierspartei oben auf, zu Berlin das Ministerium Pfuel mit Wrangels in allen Provinzen, zu Frankfurt eine Central-Gendarmerie, in ganz Deutschland mehr oder minder versteckter Belagerungszustand, Italien von dem milden Ferdinand und Radetzky pacifizirt, Jellachich Kommandant von Ungarn, nach Vernichtung der Magyaren gemeinsam mit Windisch-Grätz zu Wien „kroatische Freiheit und Ordnung“ proklamirend, zu Bukarest die Revolution im Blut erstickt, die Donaufürstenthümer mit den Wohlthaten des russischen Regimes beglückt, in England alle Führer der Chartisten verhaftet und deportirt, Irland zu ausgehungert, um sich bewegen zu können – sage, was willst Du mehr? Die Wiener Revolution hat noch nicht gesiegt. Ihr erstes Wetterleuchten aber genügte, um alle Positionen der Contrerevolution vor Europa klar zu legen und so einen universellen Kampf auf Leben und Tod unvermeidlich zu machen. Die Contrerevolution ist noch nicht vernichtet, aber sie hat sich lächerlich gemacht. In Held Jellachich sind alle ihre Helden zu komischen Figuren verwandelt, und in Fuad Effendi’s Proklamation nach dem Blutbade von Bukarest sind alle Proklamationen der Freunde der „verfassungsmäßigen Freiheit und Ordnung“ zu Tode parodirt, von den Reichstagsproklamationen bis zur kleinsten Heuler-Adresse herab. Wir werden morgen ausführlich auf die unmittelbare Lage Wiens und die östreichischen Verhältnisse überhaupt zu sprechen kommen.

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Karl Marx Antwort des Königs von Preußen an die Deputation der Berliner Nationalversammlung

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 120, 19. Oktober 1848

* K ö l n, 18. Oktober. Der König ist jedenfalls konsequent. Se. Majestät widerspricht sich nie. Zu der Deputation der Frankfurter National-Versammlung sagte er bei Gelegenheit des Kölner Dombaufestes: „Die Bedeutsamkeit Ihrer Versammlung verstehe ich sehr wohl, meine Herren. Ich sehe sehr wohl ein, wie wichtig Ihre Versammlung ist!“ – Die Stimme Sr. Majestät nahm hier einen sehr ernsten, schneidenden Ton an – „Vergessen Sie aber auch nicht, daß es noch Fürsten in Deutschland gibt“ – hier legte Se. Majestät die Hand auf’s Herz und sprach mit ungemeinem Nachdruck – „und vergessen Sie nicht, daß Ich dazu gehöre!“ – Eine ähnliche Antwort erhielt auch die Deputation der Berliner Versammlung, als sie am 15. Oktober im Schlosse Bellevue Sr. Majestät die Gratulations-Visite machte. Der König sprach: „Wir sind im Begriffe, einen Bau aufzuführen, welcher Jahrhunderte währen soll. Aber, meine Herren, ich mache Sie auf Eins aufmerksam. Wir besitzen noch eine, gewiß von vielen Seiten beneidete, angestammte Obrigkeit von Gottes Gnaden“ – diese Worte sprach der König mit großem Nachdruck – „welche noch mit voller Macht ausgestattet ist. Sie ist das Fundament, auf welchem einzig und allein jenes Gebäude aufgeführt werden kann, wenn es so von Dauer sein soll, wie ich erwähnte.“ Der König ist konsequent. Er würde immer konsequent gewesen sein, wenn nicht leider die Märztage jenes verhängnißvolle Stück Papier zwischen Sr. Majestät und das Volk geschoben hätten. Se. Majestät scheinen wieder in diesem Augenblicke, wie vor den Märztagen, an die „eisernen Füße“ des Slaventhums zu glauben. Das Volk zu Wien ist vielleicht der Zaubrer, der das Eisen in Thon verwandeln wird.

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Karl Marx Antwort König Friedrich Wilhelm IV. an die Deputation der Berliner Bürgerwehr

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 121, 20. Oktober 1848

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* K ö l n, 18. Oktober. Friedrich Wilhelm IV. antwortete dem Berliner Bürgerwehrkommandanten Rimpler auf seine Gratulation bei Gelegenheit des 15. Oktober: „Ich weiß, daß ein heldenmüthiges und tapferes Volk auch ein treues ist. Aber vergessen Sie nicht, daß Sie die Waffen von mir haben, und ich es als eine Pflicht fordere, daß Sie für die Wahrung der Ordnung, des Gesetzes und der Freiheit einstehen.“ Die konstitutionellen Könige sind unverantwortlich, unter der Bedingung, unzurechnungsfähig zu sein – im konstitutionellen Sinne natürlich. Ihre Handlungen, ihre Worte, ihre Mienen, nicht ihnen selbst gehören sie, sie gehören den verantwortlichen Ministern. Hansemann z. B. ließ bei seinem Exit den König sagen, die Ausführung des Stein’schen Armeebefehls sei unvereinbar mit der konstitutionellen Monarchie. Pfuel führte ihn aus – im parlamentarischen Sinne nämlich. Hansemann war kompromittirt – im konstitutionellen Sinne. Der König selbst hatte sich nicht widersprochen, weil er nicht gesprochen hatte – immer im konstitutionellen Sinne. So ist obige Erklärung des Königs nichts anders als eine ministerielle Erklärung; und als solche unterliegt sie der Kritik. Behauptet Pfuel, der König habe aus freiem Antriebe die Bürgerwehr geschaffen? So behauptet er, der König sei der Urheber der Märzrevolution, was Unsinn ist – sogar im konstitutionellen Sinne. Abgesehn davon. Nachdem Gott die Welt und die Könige von Gottes Gnaden geschaffen hatte, überließ er die kleinere Industrie den Menschen. „Waffen“ sogar und Lieutenantsuniformen werden auf profanem Wege fabrizirt, und der profane Weg der Fabrikation schafft nicht, wie die himmlische Industrie, aus Nichts. Er bedarf des Rohmaterials, der Arbeitsinstrumente

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und des Arbeitslohns, lauter Sachen, die man unter dem schlichten Namen Produktionskosten zusammenfaßt. Diese Produktionskosten werden für den Staat durch die Steuern aufgebracht, und die Steuern werden durch die Nationalarbeit aufgebracht. Im ökonomischen Sinne bleibt es also ein Räthsel, wie irgend ein König irgend einem Volke irgend etwas geben kann. Erst muß das Volk Waffen machen und dem Könige Waffen geben, um vom Könige Waffen erhalten zu können. Der König kann immer nur geben, was ihm gegeben wird. So im ökonomischen Sinne. Die konstitutionellen Könige erstehen aber gerade in Augenblicken, wo man diesem ökonomischen Geheimnisse auf die Spur kommt. Die ersten Anlässe zum Sturze der Könige von Gottes Gnaden waren daher stets – Steuerfragen. So auch in Preußen. Sogar die immateriellen Waaren, die Privilegien, die sich die Völker von den Königen geben ließen, haben sie nicht nur vorher den Königen gegeben, sie haben das Rückgeben ihnen immer baar bezahlt – mit Blut und mit klingender Münze. Verfolgt z. B. die englische Geschichte seit dem 11. Jahrhundert, Ihr werdet ziemlich genau berechnen können, wie viel eingeschlagene Hirnschädel und wie viel Pfund Sterling jedes konstitutionelle Privilegium gekostet hat. Hr. ˙ ˙ ˙in die guten Zeiten der Davenantschen ökonomischen Pfuel scheint uns Tabelle zurückführen zu wollen. In dieser Tabelle über die englische Produktion heißt es nämlich u. A.: § 1. Produktive Arbeiter: Könige, Offiziere, Lords, Landgeistliche u. s. w. § 2. Unproduktive Arbeiter: Matrosen, Bauern, Weber, Spinner u. s. w. Nach dieser Tabelle schafft § 1. und empfängt § 2. In diesem Sinn läßt Hr. Pfuel den König geben. Die Pfuel’sche Erklärung beweist, was man in Berlin von dem Heros der „kroatischen Ordnung und Freiheit“ erwartet. Die letzten Vorfälle in Berlin erinnern an die ebenfalls von der Kamarilla hervorgerufenen Wiener Streitigkeiten zwischen Bürgerwehr und Volk am 23. August. Diesem 23. August folgte ein 5. Oktober.

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Karl Marx Die englisch-französische Vermittlung in Italien

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 123, 22. Oktober 1848

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* K ö l n, 21. Oktober. Die englisch-französische Vermittlung in Italien ist ˙ ˙ ˙˙ ˙˙ ˙Diplomatie ˙ ˙ ˙˙˙ ˙grinst ˙˙ aufgegeben. Der Todtenkopf der nach jeder Revolution und namentlich nach den Reaktionen, die jeder Revolution folgen. Die Diplomatie verkriecht sich in ihr parfümirtes Beinhaus –, so oft der Donner einer neuen Revolution grollt. Die Wiener Revolution hat die französisch-englische Diplomatie weggeblasen. Palmerston hat seine Ohnmacht eingestanden, Bastide hat sie eingestanden. Die Wiener Revolution hat den langweiligen Korrespondenzen dieser Herren, wie sie erklären, ein Ende gemacht. Bastide hat dies dem sardinischen Gesandten, dem Marquis Ricci offiziell eröffnet. Auf Befragen des Letztern, „ob Frankreich unter gewissen Umständen die Waffen zu Gunsten Sardiniens ergreifen würde?“ hat der farouche Republikaner Bastide (vom National) einen Knix gemacht, einmal, zweimal, dreimal und gesungen: „Vertraut auf mich und helft euch selbst, So wird auch Gott euch helfen.“ Frankreich halte am Prinzipe der Nichtintervention fest, an demselben Prinzipe, von dessen Bekämpfung Bastide und die übrigen Herren des National jahrelang zehrten zu Guizots Zeiten. In dieser italienischen Frage hätte sich die französische „honette“ Republik tödtlich blamirt, wäre sie nicht erhaben über alle Schmach, seit dem schicksalsschwangern Juni. Rien pour la gloire! sagen die Freunde des Handels unter allen Umständen. Rien pour la gloire! ist das Motto der tugendhaften, der gemäßigten, der anständigen, der gesetzten, der honetten, mit einem Worte der Bourgeoisrepublik. Rien pour la gloire! Lamartine war die Einbildung der Bourgeoisrepublik von sich selbst, die überschwengliche, die phantastische, die schwärmerische Vorstellung,

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die sie sich von sich selbst machte, ihr Traum von ihrer eigenen Herrlichkeit. Was kann man sich nicht alles einbilden! Wie Aeolus aus seinem Schlauche alle Winde, so entfesselte er alle Luftgeister, alle Phrasen der Bourgeoisrepublik und blies sie nach Ost und West, windige Worte von Fraternität aller Völker, von der Emancipation, die allen Völkern durch Frankreich bevorstehen, von Aufopferung Frankreichs für alle Völker. Er that – Nichts. Die That zu seinen Phrasen übernahm Cavaignac und sein auswärts gekehrtes Organ, Bastide. Die unerhörten Scenen in Neapel, die unerhörten Scenen in Messina, die unerhörten Scenen im Mailändischen ließen sie ruhig unter ihren Augen vorgehen. Und damit nicht der geringste Zweifel übrig bliebe, daß in der „honetten“ Republik dieselbe Klasse herrsche, also auch dieselbe auswärtige Politik, wie unter der konstitutionellen Monarchie, unter Cavaignac dieselbe, wie unter Louis Philippe, nimmt man in den Völkerzwisten zu dem alten ewig neuen Mittel seine Zuflucht, zur entente cordiale mit England, mit dem England Palmerstons, mit dem England der kontrerevolutionären Bourgeoisie. Die Geschichte durfte aber die Spitze nicht vergessen, die Pointe. Ein Redakteur des National, Bastide, mußte krampfhaft die Hand Englands ergreifen. Und die entente cordiale war der Haupttrumph, den der arme Anglophage „National“ sein Lebenlang ausgespielt hatte gegen Guizot. Auf dem Grabstein der „honetten“ Republik wird zu lesen sein: Bastide – Palmerston. Aber selbst die entente cordiale Guizots ist von den „honetten“ Republikanern überboten worden. Die Offiziere der französischen Flotte ließen sich von den neapolitanischen Offizieren in einem Bankett traktiren – und jubelten Gesundheit zu dem Könige von Neapel, dem blödsinnigen Tieger Ferdinand, auf den noch rauchenden Trümmern von Messina. Ueber ihren Köpfen aber verdampften die Phrasen Lamartines.

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Karl Marx Die „Re´forme“ über die Juniinsurrektion

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* P a r i s . Als die „Neue Rheinische Zeitung“ am 29. Juni mit Ausnahme des englischen Northern Star das einzige europäische Blatt war, welches den Muth und die Einsicht hatte, die Junirevolution richtig zu würdigen, wurde sie nicht widerlegt, sondern denuncirt. Die Thatsachen bestätigen nachträglich unsere Auffassung, selbst für das blödeste Auge, so weit das Interesse nicht alle Sehkraft raubt. Damals blamirte sich auch die französische Presse. Die entschiedenen Pariser Zeitungen waren unterdrückt. Die „Re´forme“, das einzige radikale Journal, dem Cavaignac fortzuexistiren erlaubte, stotterte Entschuldigungen für die hochherzigen Junikämpfer und bettelte bei dem Sieger um ein Almosen Humanität für die Besiegten. Man hörte natürlich nicht auf den Bettler. Es bedurfte erst des vollständigen Verlaufs des Junisiegs, der monatlangen Diatriben der nicht von dem Belagerungszustand gefesselten Provinzialblätter, der augenfälligen Auferstehung der Thierspartei, um die „Re´forme“ zur Besinnung zu bringen. – Bei Gelegenheit des Amnestieprojekts der äußersten Linken bemerkt sie in ihrer Nummer vom 18. Oktober: ˙ es von den Barrikaden stieg, bestrafte Niemanden. Das „Das Volk,˙ als Volk! damals war es der Herrscher, der Souverain, der Sieger; man küßte ihm die Füße, die Hände, man salutirte vor seinen Blusen, man akklamirte seinen edlen Gefühlen. Und mit Recht. Es war großmüthig. Heute hat das Volk seine Kinder, seine Brüder in den Kerkern, auf den Galeeren und vor den Kriegsgerichten. Nachdem es die Geduld des Hungers erschöpft hatte, nachdem es eine ganze Bevölkerung von Ehrsüchtigen, die es von der Straße aufgerafft, ruhig an sich hatte vorbeigehen und Paläste hinaufsteigen gesehn, nachdem es drei lange Monate hindurch der Republik Kredit geschenkt hatte, verlor es eines Tages den Kopf mitten zwischen seinen ausgehungerten Kindern und seinen hinsiechenden Vätern und stürzte sich in die Schlacht.

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Es hat theuer gezahlt. Seine Söhne sind unter den Kugeln gesunken und diejenigen, die übrig blieben, theilte man in zwei Theile. Den einen warf man den Kriegsgerichten vor, den andern verpackte man zur Deportation, ohne Untersuchung, ohne das Recht der Vertheidigung, ohne Urtheil! Diese Methode ist jedem Lande fremd, selbst dem Lande der Kabylen. Nie während ihrer zwanzigjährigen Dauer hatte die Monarchie ähnliches gewagt. Damals kamen die Journale, die in Dynastien spekuliren, berauscht von dem Geruche der Leichname, kühn und schnell bereit zum Insulte gegen die Todten, (vgl. die „Kölnische Zeitg.“ vom 29. Juni) spieen sie alle ˙ ˙ sie das Volk, vor der Verläumdungen gehässiger Bosheit aus, viertheilten gerichtlichen Untersuchung, in seiner Ehre, und schleiften sie die Besiegten, Todte und Lebende, vor die Ausnahmsgerichte; sie denuncirten sie der Raserei der Nationalgarden und des Heers, sie machten sich zu Mäklern des Henkers, zu Knechten des Prangers. Lakaien wahnsinniger Rachgelüste, erfanden sie Verbrechen; sie vergifteten unsern Unstern und sie raffinirten die Beleidigung und die Lüge!“ (Vgl. die N.Rh.Z. vom 1. Juli über den französischen „Constitutionnel“, die belgische „Inde´pendance“ und die „Kölnische Ztg.“) „Der ,Constitutionnel‘ hielt offene Butik mit gräßlichen Verstümmelungen und unwürdigen Greueln. Er wußte sehr wohl, daß er log, aber das paßte nun einmal in seinen Handel und in seine Politik, und, Handelsmann und Diplomat zugleich, verkaufte er ,nach dem Verbrechen‘, wie man sonst ,nach der Elle‘ verkauft. Diese schöne Spekulation mußte einmal ein Ende nehmen. Die Widersprüche regneten: nicht der Name eines einzigen Galeerensträflings auf den Akten der Kriegsgerichte, auf den Bülletins der Transportation; es gab kein Mittel mehr, die Verzweiflung herabzuwürdigen, und man schwieg, nachdem man den Profit einkassirt hatte.“

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Friedrich Engels Von Paris nach Bern

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Von Paris nach Bern. I. Seine und Loire.

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La belle France! In der That, die Franzosen haben ein schönes Land & sie haben Recht wenn sie stolz darauf sind. Welches Land in Europa will sich an Reichthum, an Mannichfaltigkeit der Anlagen & Produkte, an Universalität mit Frankreich messen? Spanien? Aber zwei Drittel seiner Oberfläche sind durch Nachlässigkeit oder von Natur eine heiße Steinwüste, & die atlantische Seite der Halbinsel, Portugal, gehört nicht zu ihm. Italien? Aber seit die Welthandelsstraße durch den Ocean geht, seit die Dampfschiffe das Mittelmeer durchkreuzen, liegt Italien verlassen da. England? Aber England ist seit achtzig Jahren aufgegangen in Handel & Industrie, Kohlenrauch & Viehzucht, & England hat einen schrecklich bleiernen Himmel und keinen Wein. Und Deutschland? Im Norden eine platte Sandebene, vom europäischen Süden durch die granitne Wand der Alpen getrennt, weinarm, Land des Bieres, Schnapses & Roggenbrots, der versandeten Flüsse & Revolutionen! Aber Frankreich! An drei Meeren gelegen, von fünf großen Strömen in drei Richtungen durchzogen, im Norden fast deutsches & belgisches, im Süden fast italiänisches Klima; im Norden der Waizen, im Süden der Mais & Reis; im Norden die Colza, im Süden die Olive; im Norden der Flachs, im Süden die Seide, & fast überall der Wein. Und welcher Wein! Welche Verschiedenheit, vom Bordeaux bis zum Burgunder, vom Burgunder zum schweren St. Georges, Lünel & Frontignan des Südens; & von diesem zum sprudelnden Champagner! Welche

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Mannichfaltigkeit des Weißen & des Rothen, vom Petit Maˆcon oder Chablis zum Chambertin, zum Chaˆteaux Larose, zum Sauterne, zum Roussilloner, zum Aı¨ Mousseux! Und wenn man bedenkt daß 2) jeder dieser Weine einen verschiedenen Rausch macht, daß man mit wenig Flaschen alle Zwischenstufen von der Musardschen Quadrille bis zur Marseillaise, von der tollen Lust des Cancans bis zur wilden Glut des Revolutionsfiebers durchmachen, & sich schließlich mit einer Flasche Champagner wieder in die heiterste Carnevalslaune von der Welt versetzen kann! Und Frankreich allein hat ein Paris, eine Stadt in der die europäische Civilisation zu ihrer vollsten Blüte sich entfaltet, in der alle Nervenfasern der europäischen Geschichte sich vereinigen, & von der in gemessenen Zeiträumen die elektrischen Schläge ausgehn, unter denen eine ganze Welt erbebt; eine Stadt, deren Bevölkerung die Leidenschaft des Genusses mit der Leidenschaft der geschichtlichen Aktion wie nie ein andres Volk vereinigt, deren Bewohner zu leben wissen wie der feinste Epikuräer Athens & zu sterben wie der unerschrockenste Spartaner, Alcibiades & Leonidas in Einem; eine Stadt, die wirklich, wie Louis Blanc sagt, Herz & Hirn der Welt ist. Wenn man von einem hohen Punkte der Stadt, oder vom Montmartre oder der Terrasse von Saint Cloud Paris überschaut, wenn man die Umgegend der Stadt durchstreift, so meint man, Frankreich wisse, was es an Paris besitze, Frankreich habe seine besten Kräfte verschwendet, um Paris recht zu hegen & zu pflegen. Wie eine Odaliske auf bronzeschillerndem Divan, liegt die stolze Stadt an den warmen Rebenhügeln des gewundenen Seinethals. Wo in aller Welt gibt es eine Aussicht wie die von den beiden Versailler Eisenbahnen hinab auf das grüne Thal mit seinen zahllosen Dörfern & Städtchen, 3) & wo gibt es so reizend gelegene, so reinlich & nett gebaute, so geschmackvoll angelegte Dörfer & Städtchen wie Suresnes, Saint Cloud, Se`vres, Montmorency, Enghien, & zahllose andre? Man gehe hinaus zu welcher Barriere man will, man verfolge seinen Weg aufs Gerathewohl, & überall wird man auf dieselbe schöne Umgebung, auf denselben Geschmack in der Benutzung der Gegend, auf dieselbe Zierlichkeit & Reinlichkeit stoßen. Und doch ist es wieder nur die Königin der Städte selbst, die sich dies wunderbare Lager geschaffen hat. Aber freilich gehört auch ein Frankreich dazu, um ein Paris zu schaffen, & erst wenn man den üppigen Reichthum dieses herrlichen Landes kennen gelernt hat, begreift man, wie dies strahlende, üppige, unvergleichliche Paris zu Stande kommen konnte. Man begreift es freilich nicht, wenn man von Norden kommt, auf der Eisenbahn die Blachfelder

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Flanderns & Artois, die wald- & rebenlosen Hügel der Picardie durchfliegend. Da sieht man nichts als Kornfelder & Weiden, deren Einförmigkeit nur durch sumpfige Flußthäler, durch ferne, gestrüppbewachsene Hügel unterbrochen wird; und erst wenn man bei Pontoise den Kreis der Pariser Atmosphäre betritt, merkt man etwas vom „schönen Frankreich“. Man begreift Paris schon etwas mehr, wenn man durch die fruchtbaren Thäler Lothringens, über die rebenbekränzten Kreidehügel der Champagne, das schöne Marnethal entlang nach der Hauptstadt zieht; man begreifts noch mehr, wenn man durch die Normandie fährt & von Rouen nach Paris mit der Eisenbahn die Windungen der Seine bald verfolgt, bald 4 durchkreuzt. Die Seine scheint die Pariser Luft auszuhauchen bis an ihre Mündung; die Dörfer, die Städte, die Hügel, Alles erinnert an die Umgebung von Paris, nur daß Alles schöner, üppiger, geschmackvoller wird je mehr man sich dem Centrum Frankreichs nähert. Aber ganz habe ich erst verstanden, wie Paris möglich war, als ich die Loire entlang ging & von da über’s Gebirg mich nach den burgundischen Rebenthälern wandte. Ich hatte Paris gekannt in den letzten beiden Jahren der Monarchie, als die Bourgeoisie im Vollgenuß ihrer Herrschaft schwelgte, als Handel & Industrie erträglich gingen, als die große & kleine bürgerliche Jugend noch Geld hatte zum Genießen & zum Verjubeln, & als selbst ein Theil der Arbeiter noch gut genug gestellt war, um mit an der allgemeinen Heiterkeit & Sorglosigkeit theilnehmen zu können. Ich hatte Paris wiedergesehn in dem kurzen Rausch der republikanischen Flitterwochen, im März & April, wo die Arbeiter, die hoffnungsvollen Thoren, der Republik mit der sorglosesten Unbedenklichkeit „drei Monate Elend zur Verfügung stellten“, wo sie den Tag über trocken Brot & Kartoffeln aßen & den Abend auf den Boulevards Freiheitsbäume pflanzten, Schwärmer abbrannten, & die Marseillaise jubelten, & wo die Bourgeois, den ganzen Tag in ihren Häusern versteckt, den Zorn des Volks durch bunte Lampen zu besänftigen suchten. Ich kam – unfreiwillig genug, bei Hecker! – im Oktober wieder. Zwischen dem Paris von damals & von jetzt lag der fünfzehnte Mai & der fünfundzwanzigste Juni, lag der furchtbarste Kampf, den die Welt je gesehn, 5 lag ein Meer von Blut, lagen fünfzehntausend Leichen. Die Granaten Cavaignacs hatten die unüberwindliche Pariser Heiterkeit in die Luft gesprengt; die Marseillaise & der Chant du Depart waren verstummt, nur die Bourgeois summten noch ihr Mourir pour la patrie zwischen den Zähnen, die Arbeiter, brotlos & waffenlos, knirschten in verhaltnem Groll; in der Schule des Belagerungszustands war die ausgelassene Republik gar bald honett, zahm, artig und gemäßigt (sage et mode´re´e) geworden. Aber Paris war todt, es war nicht mehr

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Paris. Auf den Boulevards nichts als Bourgeois und Polizeispione; die Bälle, die Theater verödet; die Gamins in der Mobilgardenjacke untergegangen, für dreißig Sous täglich an die honette Republik verkauft, und je dummer sie wurden, desto mehr gefeiert von der Bourgeoisie – kurz, es war wieder das Paris von 1847, aber ohne den Geist, ohne das Leben, ohne das Feuer & das Ferment das die Arbeiter damals überall hineinbrachten. Paris war todt, und diese schöne Leiche war um so schauerlicher, je schöner sie war. Es litt mich nicht länger in diesem todten Paris. Ich mußte fort, gleichviel wohin. Also zunächst nach der Schweiz. Geld hatt’ ich nicht viel, also zu Fuß. Auf den nächsten Weg kam’s mir auch nicht an; man scheidet nicht gern von Frankreich. Eines schönen Morgens also brach ich auf & marschirte aufs Gerathewohl direkt nach Süden zu. Ich verirrte mich zwischen den Dörfern, sobald ich erst aus der Banlieue hinaus war; das war natürlich. Endlich gerieth ich auf die große Straße nach Lyon. Ich verfolgte sie eine Strecke, mit Abstechern über die Hügel. Von dort oben hat man wunderschöne 6 Aussichten, die Seine aufwärts & abwärts, nach Paris & nach Fontainebleau. Unendlich weit sieht man den Fluß sich schlängeln im breiten Thal, zu beiden Seiten Rebenhügel, weiter im Hintergrund die blauen Berge, hinter denen die Marne fließt. Aber ich wollte nicht so direkt nach Burgund hinein; ich wollte erst an die Loire. Ich verließ also am zweiten Tage die große Straße, & ging über die Berge nach Orleans zu. Ich verirrte mich natürlich wieder zwischen den Dörfern, da ich nur die Sonne & die von aller Welt abgeschnittenen Bauern, die weder rechts noch links wußten, zu Führern hatte. Ich übernachtete in irgend einem Dorf, dessen Namen ich nie aus dem Bauernpatois deutlich heraushören konnte, fünfzehn Lieues von Paris, auf der Wasserscheide zwischen Seine & Loire. Diese Wasserscheide wird gebildet von einem breiten Bergrücken, der sich von Südosten nach Nordwesten entlang zieht. Zu beiden Seiten sind zahlreiche Thaleinschnitte, von kleinen Bächen oder Flüssen bewässert. Oben auf der windigen Höhe gedeiht nur Korn, Buchweizen, Klee und Gemüse; an den Thalwänden jedoch wächst überall Wein. Die nach Osten zu gelegenen Thalwände sind fast alle mit großen Massen jener Kalkfelsblöcke bedeckt, welche die englischen Geologen Bolderstones nennen & die man im sekundären & tertiären Hügelland häufig findet. Die gewaltigen blauen Blöcke, zwischen denen grünes Gebüsch & junge Bäume emporwachsen, bilden gar keinen üblen Kontrast zu den Wiesen des Thals & den Weinbergen des gegenüberliegenden Abhangs.

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7 Allmählig stieg ich in eins dieser kleinen Flußthäler hinab & verfolgte es eine Zeitlang. Endlich stieß ich auf eine Landstraße, & damit auf Leute, von denen zu erfahren war, wo ich mich eigentlich befand. Ich war nah bei Malesherbes, halbwegs zwischen Orleans & Paris. Orleans selbst lag mir zu weit westlich; Nevers war mein nächstes Ziel, & so stieg ich wieder über den nächsten Berg direkt nach Süden zu. Von oben eine sehr hübsche Aussicht: zwischen waldigen Bergen das nette Städtchen Malesherbes, an den Abhängen zahlreiche Dörfer, oben auf einem Gipfel das Schloß Chaˆteaubriand. Und was mir noch lieber war: gegenüber, jenseits einer schmalen Schlucht, eine Departementalstraße die sich direkt nach Süden zog. Es gibt nämlich in Frankreich dreierlei Straßen: die Staatsstraßen, früher königliche, jetzt Nationalstraßen genannt, schöne breite Chausseen, die die wichtigsten Städte mit einander verbinden. Diese Nationalstraßen, in der Umgegend von Paris nicht nur Kunst- sondern wahre Luxusstraßen, prächtige, sechszig & mehr Fuß breite, in der Mitte gepflasterte Ulmenalleen, werden schlechter, schmaler & baumloser je weiter man sich von Paris entfernt & je weniger Bedeutung die Straße hat. Sie sind dann stellenweise so schlecht, daß sie nach zwei Stunden mäßigen Regens für Fußgänger kaum noch zu passiren sind. Die zweite Klasse sind die Departementalstraßen, die Communikationen zweiten Rangs herstellend, aus Departementsfonds bestritten, schmaler & prunkloser als die Nationalstraßen. Die dritte Klasse endlich bilden die großen Vicinalwege (chemins de grande communication) aus Kantonalmitteln hergestellt, schmale, bescheidne Straßen, aber 8 stellenweise in besserem Zustand als die größeren Chausseen. Ich stieg querfeldein direkt auf meine Departementalstraße los, & fand zu meiner größten Freude, daß sie mit der unabänderlichsten Geradlinigkeit direkt nach Süden ging. Dörfer & Wirthshäuser waren selten; nach mehrstündigem Marsch traf ich endlich einen großen Pachthof, wo man mir mit der größten Bereitwilligkeit einige Erfrischungen vorsetzte, wofür ich den Kindern des Hauses einige Fratzen auf ein Blatt Papier zeichnete & sehr ernsthaft erklärte: dies sei der General Cavaignac, das sei Louis Napoleon, das Armand Marrast, Ledru Rollin u. s. w., zum Sprechen ähnlich. Die Bauern starrten die verzerrten Gesichter mit großer Ehrfurcht an, bedankten sich hocherfreut, & schlugen die frappant ähnlichen Portraits sogleich an die Wand. Von diesen braven Leuten erfuhr ich auch, daß ich mich auf der Straße von Malesherbes nach Chaˆteauneuf an der Loire befinde, bis wohin ich noch etwa zwölf Lieues habe.

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Ich marschirte durch Puyseaux & ein andres kleines Städtchen, dessen Namen ich vergessen, & kam des Abends spät in Bellegarde an, einem hübschen & ziemlich großen Ort, wo ich übernachtete. 9) Der Weg über das Plateau, das hier übrigens an vielen Orten Wein produzirt, war ziemlich einförmig. Den nächsten Morgen gings nach Chaˆteauneuf, noch fünf Lieues, & von da der Loire entlang auf der Nationalstraße von Orleans nach Nevers. Unter blüh’nden Mandelbäumen, An der Loire grünem Strand, O wie lieblich ists zu träumen, wo ich meine Liebe fand – so singt gar mancher deutsche schwärmerische Jüngling & manche zarte germanische Jungfrau in den schmelzenden Worten Helmina von Chezy’s & der geschmolzenen Weise Karl Maria von Webers. Aber wer an der Loire Mandelbäume & sanfte liebliche Liebesromantik sucht, wie sie Anno Zwanzig in Dresden Mode war, der macht sich schreckliche Illusionen, wie sie eigentlich nur einem deutschen Erbblaustrumpf in der dritten Generation erlaubt sind. Von Chaˆteauneuf über les Bordes nach Dampierre bekommt man diese romantische Loire fast gar nicht zu sehn. Die Straße geht in einer Entfernung von 2–3 Lieues vom Flusse über die Höhen, & nur selten sieht man in der Ferne das Wasser der Loire in der Sonne aufleuchten. Die Gegend ist reich an Wein, Getreide, Obst; nach dem Flusse zu sind üppige Weiden; der Anblick des waldlosen, nur von wellenförmigen Hügeln umgebnen Thals ist jedoch ziemlich einförmig. Mitten auf der Straße, nah bei einigen Bauernhäusern, traf ich eine Karavane von vier Männern, drei Weibern & mehreren Kin 10dern, die drei schwerbeladene Eselskarren mit sich führten, & auf offner Landstraße bei einem großen Feuer ihr Mittagsmahl kochten. Ich blieb einen Augenblick stehn: ich hatte mich nicht getäuscht, sie sprachen deutsch, im härtesten oberdeutschen Dialekt. Ich redete sie an; sie waren entzückt, mitten in Frankreich ihre Muttersprache zu hören. Es waren übrigens Elsasser, aus der Gegend von Straßburg, die jeden Sommer in dieser Weise ins Innere Frankreichs zogen & sich mit Korbflechten ernährten. Auf meine Frage, ob sie davon leben könnten, hieß es: „Ja schwerlich, wenn mer alles kaufe müscht’; das Mehrscht werd g’bettelt.“ Allmählig kroch noch ein ganz alter Mann aus einem der Eselskarren hervor, wo er ein vollständiges Bett hatte. Die ganze Bande hatte etwas sehr Zigeunerartiges in ihren zusammengebettelten Costümen, von denen kein Stück zum andern paßte. Dabei schauten sie indeß recht gemüthlich drein &

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plauderten mir unendlich viel von ihren Fahrten vor, & mitten in der heitersten Schwatzhaftigkeit geriethen sich die Mutter & die Tochter, ein blauäugiges sanftes Geschöpf, beinahe in die struppigen rothen Haare. Ich mußte bewundern, mit welcher Allgewalt sich die deutsche Gemüthlichkeit & Innigkeit auch durch die zigeunerhaftesten Lebens- & Kleidungsverhältnisse Bahn bricht, wünschte guten Tag & setzte meine Reise fort, eine Strecke lang begleitet von einem der Zigeuner, der sich vor Tisch das Vergnügen eines Spazierrittes auf 11) der spitzknochigen Croupe eines magern Esels erlaubte. Den Abend kam ich nach Dampierre, einem kleinen Dorf nicht weit von der Loire. Hier ließ die Regierung durch 3–400 Pariser Arbeiter, Trümmer der ehemaligen Nationalwerkstätten, einen Damm gegen die Überschwemmungen ausführen. Es waren Arbeiter aller Art, Goldarbeiter, Metzger, Schuhmacher, Schreiner, bis herab zum Lumpensammler der Pariser Boulevards. Ich fand ihrer an die zwanzig im Wirthshause, wo ich die Nacht blieb. Ein robuster Metzger, der bereits zu einer Art Aufseherstelle vorgerückt war, sprach mit großem Entzücken von dem Unternehmen: man verdiene dreißig bis hundert Sous täglich, je nachdem man arbeite, vierzig bis sechszig Sous seien leicht zu machen, wenn man nur etwas anstellig sei. Er wollte mich gleich in seine Brigade einrangiren; ich werde mich bald hineinfinden, & gewiß schon in der zweiten Woche fünfzig Sous den Tag verdienen, ich könne mein Glück machen & es sei wenigstens noch für sechs Monat Arbeit da. Ich hatte nicht übel Lust zur Abwechslung auf einen oder zwei Monate die Feder mit der Schaufel zu vertauschen; aber ich hatte keine Papiere, & da wäre ich schön angelaufen. Diese Pariser Arbeiter hatten ganz ihre alte Lustigkeit behalten. Sie betrieben ihre Arbeit, zehn Stunden täglich, unter Lachen & Scherzen, ergötzten sich in den Freistunden mit tollen Streichen, & amüsirten sich Abends damit, die Bauermädchen zu „de´niaisiren“. Aber sonst waren sie durch ihre Isolirung auf ein kleines Dorf gänzlich demoralisirt. Von Beschäftigung mit den Interessen ihrer Klasse, mit den, die Arbeiter so nahe berührenden politischen Tagesfragen keine Spur. Sie schienen gar keine Journale mehr zu lesen. Alle Politik beschränkte sich bei ihnen auf die Ertheilung von Spitznamen; der Eine, ein großer starker Lümmel, hieß Caussidie`re, der Andre, ein schlechter Arbeiter & arger Trunkenbold, hörte auf den Namen Guizot, u. s. w. Die anstrengende Arbeit, die verhältnißmäßig gute Lebenslage, und vor Allem die Lostrennung von Paris & die Versetzung nach einem abgeschlossenen, stillen Winkel Frankreichs hatte ihren Gesichtskreis merkwürdig beschränkt. Sie standen schon im Begriff zu verbauern, & sie waren erst zwei Monate dort.

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12) Den nächsten Morgen kam ich nach Gien, & damit endlich ins Loirethal selbst. Gien ist ein kleines winkliges Städtchen mit einem hübschen Quai & einer Brücke über die Loire, die hier an Breite kaum dem Main bei Frankfurt gleichkommt. Sie ist überhaupt sehr seicht & voller Sandbänke. Von Gien nach Briare geht der Weg durch das Thal, ungefähr eine Viertelmeile von der Loire entfernt. Die Richtung geht nach Südost, & die Gegend nimmt allmählig einen südlichen Charakter an. Ulmen, Eschen, Akazien oder Kastanienbäume bilden die Allee; üppige Weiden & fruchtbare Felder, zwischen deren Stoppeln eine Nachernte des fettesten Klees aufschoß, mit langen Pappelreihen besetzt, machen die Thalsohle aus; jenseits der Loire in duftiger Ferne eine Hügelreihe, diesseits dicht neben der Landstraße eine zweite, ganz mit Weinstöcken bepflanzte Kette von Anhöhen. Das Thal der Loire ist hier durchaus nicht auffallend schön oder romantisch, wie man zu sagen pflegt, aber es macht einen höchst angenehmen Eindruck; man sieht der ganzen reichen Vegetation das milde Klima an, dem sie ihr Gedeihen verdankt. Selbst in den fruchtbarsten Gegenden Deutschlands habe ich nirgends einen Pflanzenwuchs gefunden der sich mit dem auf der Strecke von Gien bis Briare vergleichen könnte. Eh’ ich die Loire verlasse, noch ein paar Worte über die Bewohner der durchstreiften Gegend & ihre Lebensart. Die Dörfer bis vier, fünf Stunden von Paris können keinen Maßstab für die Dörfer des übrigen Frankreichs abgeben. Ihre Anlage, die Bauart der Häuser, die Sitten der Bewohner sind viel zu sehr von dem Geist der großen Metropole beherrscht, von der sie leben. Erst zehn Lieues von Paris, auf den abgelegnen Höhen, fängt das eigentliche Land an, sieht man wirkliche Bauernhäuser. Es ist bezeichnend für die ganze Gegend bis zu der Loire & bis nach Burgund hinein, daß der Bauer den Eingang seines Hauses möglichst vor der Landstraße versteckt. Auf den Höhen ist jeder Bauernhof von einer Mauer umgeben; man tritt ein durch ein Thor, und muß im Hofe selbst die meist nach hinten zu gelegne Hausthür erst suchen. Hier, wo die meisten Bauern Kühe & Pferde haben, sind die Bauernhäuser ziemlich groß, 13 an der Loire dagegen, wo viel Gartenkultur getrieben wird & selbst wohlhabende Bauern wenig oder gar kein Vieh besitzen & die Viehzucht als besondrer Erwerbszweig den größeren Grundbesitzern oder Pächtern überlassen bleibt, werden die Bauernhäuser immer kleiner, oft so klein, daß man nicht begreift, wie eine Bauernfamilie mit ihrem Geräth & ihren Vorräthen darin Platz findet. Auch hier indeß ist der Eingang auf der der Straße abgekehrten Seite, & in den Dörfern haben fast nur die Schenken & Läden Thüren nach der Straße zu.

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Die Bauern dieser Gegend führen meist, trotz ihrer Armuth, ein recht gutes Leben. Der Wein ist, wenigstens in den Thälern, meist eignes Produkt, gut & wohlfeil (dies Jahr zwei bis drei Sous die Flasche), das Brot überall, mit Ausnahme der höchsten Gipfel, gutes Weizenbrot, dazu vortrefflicher Käse & herrliches Obst, das man in Frankreich bekanntlich überall zum Brote ißt. Wie alle Landbewohner, verzehren sie wenig Fleisch, dagegen viel Milch, vegetabilische Suppen & überhaupt eine vegetabilische Nahrung von ausgezeichneter Qualität. Der norddeutsche Bauer, selbst wenn er bedeutend wohlhabender ist, lebt nicht den dritten Theil so gut wie der französische zwischen Seine & Loire. Diese Bauern sind ein gutmüthiges, gastfreies, heiteres Geschlecht, dem Fremden auf jede mögliche Weise gefällig & zuvorkommend, & im schlechtesten Patois noch ächte, höfliche Franzosen. Trotz ihres im höchsten Grade entwickelten Eigenthumssinnes für die von ihren Vätern dem Adel & den Pfaffen aberoberte Scholle, sind sie noch immer die Träger gar mancher patriarchalischen Tugend, besonders in den von den großen Straßen abseits gelegnen Dörfern. Aber Bauer bleibt Bauer, & die Lebensverhältnisse der Bauern hören keinen Augenblick auf, ihren Einfluß geltend zu machen. Trotz aller Privattugenden des französischen Bauern, trotz der entwickelteren Lebenslage in der er sich gegen den ostrheinischen Bauern befindet, ist der Bauer in Frankreich, wie in Deutschland, der Barbar mitten in der Civilisation. 14) Die Isolierung des Bauern auf ein abgelegenes Dorf mit einer wenig zahlreichen, nur mit den Generationen wechselnden Bevölkerung, die anstrengende, einförmige Arbeit, die ihn mehr als alle Leibeigenschaft an die Scholle bindet, & die vom Vater auf den Sohn stets dieselbe bleibt, die Stabilität & Einförmigkeit aller Lebensverhältnisse, die Beschränkung, in der die Familie das wichtigste, entscheidendste gesellschaftliche Verhältniß für ihn wird – alles das reduzirt den Gesichtskreis des Bauern auf die engsten Gränzen, die in der modernen Gesellschaft überhaupt möglich sind. Die großen Bewegungen der Geschichte gehen an ihm vorüber, reißen ihn von Zeit zu Zeit mit sich fort, aber ohne daß er eine Ahnung hat von der Natur der bewegenden Kraft, von ihrer Entstehung, von ihrem Ziel. Im Mittelalter, im siebenzehnten & achtzehnten Jahrhundert ging der Bewegung der Bürger in den Städten eine Bauernbewegung zur Seite, die aber fortwährend reaktionäre Forderungen aufstellte, & ohne für die Bauern selbst große Resultate herbeizuführen, nur die Städte in ihren Emanzipationskämpfen unterstützte. In der ersten französischen Revolution traten die Bauern gerade solange revolutionär auf, als ihr allernächstes, handgreiflichstes Privatinteresse dies erforderte: solange, bis ih-

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nen das Eigenthumsrecht auf ihre, bisher in feudalen Verhältnissen bebaute Scholle, die unwiederbringliche Abschaffung dieser Feudalverhältnisse, & die Entfernung der fremden Armeen von ihrer Gegend gesichert war. Als dies erreicht, kehrten sie sich mit der ganzen Wuth blinder Habgier gegen die unverstandene Bewegung der großen Städte & namentlich gegen die Pariser Bewegung. Zahllose Proklamationen des Wohlfahrtsausschusses, zahllose Dekrete des Convents, vor allem die über das Maximum & die Akkapareurs, mobile Colonnen & ambulante Guillotinen, mußten gegen die eigensinnigen Bauern gerichtet werden. Und doch kam die Schreckensherrschaft, die die fremden Armeen vertrieb & den Bürgerkrieg erstickte, keiner Klasse so sehr zu gute, 15) wie gerade den Bauern. Als Napoleon die Bourgeoisherrschaft des Direktoriums stürzte, die Ruhe wiederherstellte, die neuen Besitzverhältnisse der Bauern befestigte & in seinem Code civil sanktionirte, & die fremden Armeen immer weiter von den Gränzen trieb, schlossen die Bauern sich ihm mit Begeisterung an & wurden seine Hauptstütze. Denn der französische Bauer ist national bis zum Fanatismus; la France hat für ihn eine hohe Bedeutung, seit er ein Stück Frankreich erbeigenthümlich besitzt; die Fremden kennt er nur in der Gestalt verheerender Invasionsarmeen, die ihm den meisten Schaden zufügen. Daher der unbegränzte nationale Sinn des französischen Bauern, daher sein ebenso unbegränzter Haß gegen l’e´tranger. Daher die Leidenschaft, mit der er 1814 & 1815 in den Krieg zog. Als die Bourbonen 1815 wiederkamen, als die vertriebne Aristokratie wieder Ansprüche auf den in der Revolution verlornen Grundbesitz erhob, sahen die Bauern ihre ganze revolutionäre Eroberung bedroht. Daher ihr Haß gegen die Bourbonenherrschaft, ihr Jubel, als die Julirevolution ihnen die Sicherheit des Besitzes & die dreifarbige Fahne wiederbrachte. Von der Julirevolution an hörte aber auch die Betheiligung der Bauern an den allgemeinen Interessen des Landes wieder auf. Ihre Wünsche waren erfüllt, ihr Grundbesitz war nicht länger bedroht, auf der Mairie des Dorfes wehte wieder dieselbe Fahne, unter der sie & ihre Väter ein Vierteljahrhundert gesiegt. Aber wie immer genossen sie wenig Früchte ihres Sieges. Die Bourgeois begannen sogleich, ihre ländlichen Verbündeten mit aller Macht zu exploitiren. Die Früchte der Parzellirung & der Theilbarkeit des Bodens, die Verarmung der Bauern & die Hypothezirung ihrer Grundstücke hatten schon unter der Restauration angefangen zu reifen; nach 1830 traten sie in immer allgemeinerer, immer drohenderer Weise hervor. Aber der Druck, den das große Kapital auf den Bauern ausübte, blieb für ihn ein bloßes Privatverhältniß zwischen ihm & seinem Gläubiger; er sah

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nicht & konnte nicht sehen, daß diese immer allgemeiner, immer mehr 16) zur Regel werdenden Privatverhältnisse allmählig zu einem Klassenverhältniß zwischen der Klasse der großen Kapitalisten & der der kleinen Grundbesitzer sich entwickelten. Es war nicht mehr derselbe Fall wie mit den Feudallasten, deren Entstehung längst vergessen, deren Sinn längst verloren, die nicht mehr Gegenleistung gegen erwiesene Dienste, die längst eine bloße, den einen Theil bedrückende Last geworden. Hier, bei der Hypothekarschuld, hat der Bauer oder doch sein Vater die Summe in harten Fünffrankenthalern ausbezahlt erhalten; der Schuldschein & das Hypothekenbuch erinnern ihn vorkommenden Falls an den Ursprung der Last; der Zins, den er zahlen muß, selbst die stets sich erneuernden, drückenden Nebenvergütungen für den Wucherer sind moderne, bürgerliche Gefälle, die in ähnlicher Form alle Schuldner treffen; die Bedrückung geschieht in ganz moderner, zeitgemäßer Gestalt & der Bauer wird genau nach denselben Rechtsprinzipien ausgesogen & ruinirt, unter denen allein ihm sein Besitz gesichert ist. Sein eigner Code civil, seine moderne Bibel, wird zur Zuchtruthe für ihn. Der Bauer kann in dem Hypothekarwucher kein Klassenverhältniß sehn, er kann seine Aufhebung nicht verlangen, ohne zugleich seinen eignen Besitz zu gefährden. Der Druck des Wuchers, statt ihn in die Bewegung zu schleudern, macht ihn vollends verwirrt. Worin er allein Erleichterung sehen kann, ist Verminderung der Steuern. Als im Februar dieses Jahres zum erstenmal eine Revolution gemacht wurde, in der das Proletariat mit selbstständigen Forderungen auftrat, begriffen die Bauern nicht das Mindeste davon. Wenn die Republik einen Sinn für sie hatte, so war es nur der: Verminderung der Steuern, & hie & da vielleicht auch etwas von Nationalehre, Eroberungskrieg & Rheingränze. Als aber in Paris am Morgen nach dem Sturz Louis Philipps der Krieg zwischen Proletariat & Bourgeoisie losbrach, als die Stockung in Handel & Industrie auf das Land zurückwirkte, die Produkte des Bauern, in einem fruchtbaren Jahr ohnehin entwerthet, noch mehr im Preise fielen & unverkäuflich wurden, als vollends die Junischlacht bis in die entferntesten Winkel Frankreichs Schrecken & Angst verbreitete, da erhob sich unter den Bauern ein allgemeiner Schrei der fanatischsten Wuth gegen das revolutionäre Paris & die nie zufrie 17denen Pariser. Natürlich! Was wußte auch der starrköpfige, bornirte Bauer von Proletariat & Bourgeoisie, von demokratisch-sozialer Republik, von Organisation der Arbeit, von Dingen, deren Grundbedingungen, deren Ursachen in seinem engen Dorf nie vorkommen konnten! Und als er hie & da durch die unsauberen Kanäle der Bourgeoisblätter eine trübe Ahnung von dem erhielt, worum es sich in Paris handelte, als die Bourgeois ihm das große

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Schlagwort gegen die Pariser Arbeiter zugeschleudert hatten: ce sont les partageux, es sind Leute die alles Eigenthum, allen Grund und Boden theilen wollen, da verdoppelte sich der Wuthschrei, da kannte die Entrüstung der Bauern keine Gränzen mehr. Ich habe Hunderte von Bauern gesprochen, in den verschiedensten Gegenden Frankreichs, & bei Allen herrschte dieser Fanatismus gegen Paris & namentlich gegen die Pariser Arbeiter. „Ich wollte dies verdammte Paris würde morgen am Tage in die Luft gesprengt“ – das war noch der mildeste Segenswunsch. Es versteht sich, daß für die Bauern die alte Verachtung gegen die Städter durch die Ereignisse dieses Jahres nur noch vermehrt & gerechtfertigt wurde. Die Bauern, das Land muß Frankreich retten; das Land produzirt Alles, die Städte leben von unserm Korn, kleiden sich von unserm Flachs & unsrer Wolle, wir müssen die rechte Ordnung der Dinge wiederherstellen, wir Bauern müssen die Sache in unsre Hand nehmen; das war der ewige Refrain, der mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger bewußt durch alles verworrene Gerede der Bauern durchklang. Und wie wollen sie Frankreich retten, wie wollen sie die Sache in ihre Hand nehmen? Indem sie Louis Napoleon Bonaparte zum Präsidenten der Republik wählen, einen großen Namen getragen von einem winzigen, eitlen, verworrenen Thoren! Bei allen Bauern, die ich gesprochen, war der Enthusiasmus für Louis Napoleon ebenso groß wie der Haß gegen Paris. Auf diese beiden Leidenschaften & auf das gedankenloseste, thierischste Verwundern über die ganze europäische Erschütterung beschränkt sich die 18) ganze Politik des französischen Bauern. Und die Bauern haben über sechs Millionen Stimmen, über zwei Drittel aller Stimmen bei den Wahlen in Frankreich. Es ist wahr, die provisorische Regierung hat es nicht verstanden, die Interessen der Bauern an die Revolution zu fesseln, sie hat in dem Zuschlag von 45 Centimen auf die Grundsteuer, der hauptsächlich die Bauern traf, einen unverzeihlichen, nie gut zu machenden Fehler begangen. Aber hätte sie auch die Bauern auf ein paar Monate für die Revolution gewonnen, im Sommer wären sie doch abgefallen. Die gegenwärtige Stellung der Bauern zur Revolution von 1848 ist nicht Folge von etwaigen Fehlern & zufälligen Verstößen; sie ist naturgemäß, sie ist in der Lebenslage, in der gesellschaftlichen Stellung des kleinen Grundeigenthümers begründet. Das französische Proletariat, ehe es seine Forderungen durchsetzt, wird zuerst einen allgemeinen Bauernkrieg zu unterdrücken haben, einen Krieg, der selbst durch Niederschlagung aller Hypothekarschulden sich nur um kurze Zeit wird hinausschieben lassen. Man muß während vierzehn Tagen fast nur mit Bauern, Bauern der verschiedensten Gegenden zusammengekommen sein, man muß Gelegen-

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II. Burgund 10

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Briare ist ein alterthümliches Städtchen an der Mündung des Kanals der die Loire mit der Seine verbindet. Hier orientirte ich mich über die Route & fand es angemessener, statt über Nevers, über Auxerre nach der Schweiz zu gehn. Ich verließ 19) also die Loire & wandte mich über die Berge nach Burgund zu. Der fruchtbare Charakter des Loirethals nimmt allmählig, aber ziemlich langsam ab. Man steigt unmerkbar & kommt erst fünf bis sechs Meilen von Briare, bei Saint-Sauveur und Saint-Fargeau, in die Anfänge des waldigen, viehzuchttreibenden Gebirgslandes. Der Bergrücken zwischen Yonne & Loire ist hier schon höher, & diese ganze westliche Seite des Yonne-Departements ist überhaupt ziemlich gebirgig. In der Gegend von Toucy, sechs Lieues von Auxerre, hörte ich zuerst den eigenthümlichen naiv-breiten Burgunder Dialekt, ein Idiom, das hier & im ganzen eigentlichen Burgund noch einen liebenswürdigen, angenehmen Charakter hat, dagegen in den höheren Gegenden der FrancheComte´ einen schwerfälligen, plumpen, fast doktoralen Klang annimmt. Es ist wie der naive oestreichische Dialekt, der sich allmählig in den groben oberbairischen verwandelt. Das burgundische Idiom betont auf eine merkwürdig unfranzösische Weise stets die Silbe vor derjenigen, welche im guten Französisch den Hauptaccent hat, sie verwandelt das jambische Französisch in ein trochäisches, & verdreht dadurch merkwürdig die feine Accentuirung, die der gebildete Franzose seiner Sprache zu geben weiß. Aber wie gesagt, im eigentlichen Burgund klingt es noch recht nett, & im Munde eines hübschen Mädchens sogar reizend: mais, maˆ foi, monsieur, je vous demande uˆn peu ... Wenn man vergleichen kann, so ist überhaupt der Burgunder der französische Oestreicher. Naiv, gutmüthig, zutraulich im höchsten Grade, mit viel Mutterwitz innerhalb des gewohnten Lebenskreises, voll naiv komischer Vorstellungen über Alles, was darüber hinaus geht, possirlich un-

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geschickt in ungewohnten Verhältnissen, stets unverwüstlich heiter, so sind diese guten Leute fast Einer wie der Andre. Man verzeiht dem liebenswürdig gutherzigen burgundischen Bauern noch am allerersten seine gänzliche politische Nullität & seine Schwärmerei für Louis Napoleon. Die Burgunder haben übrigens unläugbar eine stär 20kere Beimischung deutschen Bluts als die weiter westlich wohnenden Franzosen; die Haare und der Teint sind heller, die Gestalt etwas größer, namentlich bei den Frauenzimmern, der scharfe kritische Verstand, der schlagende Witz nimmt schon bedeutend ab & wird ersetzt durch ehrlicheren Humor & zuweilen durch einen leisen Anflug von Gemüthlichkeit. Aber das französische heitre Element herrscht noch bedeutend vor, & an sorglosem Leichtsinn gibt der Burgunder Keinem nach. Die westliche Berggegend des Yonne-Departements lebt hauptsächlich von der Viehzucht. Aber der Franzose ist überall ein schlechter Viehzüchter, & diese burgundischen Rinder fallen gar dünn & klein aus. Doch wird neben der Viehzucht noch viel Kornbau getrieben & überall ein gutes Weizenbrot gegessen. Die Bauernhäuser nehmen hier auch schon einen deutscheren Charakter an; sie werden wieder größer & vereinigen Wohnung, Scheune & Ställe unter einem Dach; doch ist auch hier die Thür noch meist seitwärts von der Straße oder ganz von ihr abgekehrt. An dem langen Abhang, der nach Auxerre hinunter führt, sah ich die ersten Burgunder Reben, zum großen Theil noch belastet mit der unerhört reichen Traubenernte des Jahres 1848. An manchen Stöcken sah man fast gar keine Blätter vor lauter Trauben. Auxerre ist ein kleines, unebenes, von Innen nicht sehr ansehnliches Städtchen mit einem hübschen Quai an der Yonne und einigen Ansätzen zu jenen Boulevards, ohne die ein französischer Departementshauptort nun einmal nicht sein kann. Zu gewöhnlichen Zeiten muß es gar still & todt sein, & der Präfekt der Yonne muß die Pflichtbälle & Abendessen, die er unter Ludwig Philipp den Notabeln des Ortes zu geben hatte, mit wenig Kosten bestritten haben. Aber jetzt war Auxerre belebt wie es nur Einmal im Jahre belebt ist. Wenn der Bürger Denjoy, Volksrepräsentant, der sich in der Nationalversammlung so sehr darüber skandalisirte, daß bei dem demokratisch-sozialen Bankett von Toulouse 21 das ganze Lokal roth dekorirt war, wenn dieser brave Bürger Denjoy mit mir nach Auxerre gekommen wäre, er hätte vor Entsetzen Krämpfe bekommen. Hier war nicht ein Lokal, hier war die ganze Stadt roth dekorirt. Und welches Roth! das unzweifelhafteste, unverhüllteste Blutroth färbte die Mauern & Treppen der Häuser, die Blousen & Hemden der Menschen; dunkelrothe Ströme füllten sogar die Rinnsteine & befleckten das Pfla-

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ster, & eine unheimlich schwärzliche, rothschäumende Flüssigkeit wurde von bärtigen, unheimlichen Männern in großen Zubern über die Straßen getragen. Die rothe Republik schien mit allen ihren Gräueln zu herrschen, die Guillotine, die Dampfguillotine schien in Permanenz zu sein, die buveurs de sang von denen das Journal des De´bats so schauerliche Sagen zu berichten weiß, feierten hier offenbar ihre kannibalischen Orgien. Aber die rothe Republik von Auxerre war sehr unschuldig, es war die rothe Republik der burgundischen Weinlese, & die Blutsäufer, die das edelste Erzeugniß dieser rothen Republik mit so großer Wollust verzehren, sind Niemand anders als die Herren honetten Republikaner selbst, die großen & kleinen Bourgeois von Paris. Und der ehrenwerthe Bürger Denjoy hat in dieser Beziehung auch seine rothen Gelüste trotz dem Besten. Wer nur in dieser rothen Republik die Taschen voll Geld gehabt hätte! Die Lese von 1848 war so unendlich reich, daß nicht Fässer genug gefunden werden konnten um all den Wein aufzunehmen. Und dabei von einer Qualität – besser als 46’ger, ja vielleicht besser als 34ger! Von allen Seiten strömten die Bauern herzu, um den noch übrigen 47ger zu Spottpreisen – zu zwei Franken die Feuillette 22) von 140 Litern guten Weins – aufzukaufen; zu allen Thoren kamen Wagen auf Wagen mit leeren Fässern herein, und doch wurde man nicht fertig. Ich habe selbst gesehn wie ein Weinhändler in Auxerre mehrere Fässer 47ger, ganz guten Weins, auf die Straße auslaufen ließ, um nur Fassung zu bekommen für den neuen Wein, der der Spekulation allerdings ganz andre Aussichten bot. Man versicherte mir, dieser Weinhändler habe in wenig Wochen auf diese Weise bis zu vierzig große Fässer (fuˆts) auslaufen lassen. Nachdem ich in Auxerre mehrere Schoppen des Alten sowohl wie des Neuen zu mir genommen, zog ich über die Yonne, den Bergen des rechten Ufers zu. Die Chaussee geht das Thal entlang; ich nahm indeß die alte, kürzere Straße über die Berge. Der Himmel war bedeckt, das Wetter unfreundlich, ich selbst war müde, & so blieb ich im ersten Dorf, einige Kilometer von Auxerre über Nacht. Am nächsten Morgen brach ich in aller Frühe & mit dem herrlichsten Sonnenschein von der Welt auf. Der Weg führte zwischen lauter Weinbergen hindurch über einen ziemlich hohen Bergrücken. Aber für die Mühe des Steigens belohnte mich oben der prachtvollste Überblick. Vor mir die ganze, hügelige Abdachung bis zur Yonne, dann das grüne, wiesenreiche & pappelbepflanzte Yonnethal mit seinen vielen Dörfern & Bauernhöfen; dahinter das steingraue Auxerre, an die jenseitige Bergwand gelehnt, überall Dörfer, & überall, soweit das Auge reichte, Reben, nichts als Reben, und der schimmerndste, warme Sonnenschein, nur in

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der Ferne durch feinen Herbstduft gemildert, ausgegossen über diesen großen Kessel, in dem die Augustsonne einen der edelsten Weine kocht. Ich weiß nicht, was es ist, das diesen französischen, 23) durch keine ungewöhnlich schönen Umrisse ausgezeichneten Landschaften ihren eigenthümlich reizenden Charakter verleiht. Es ist freilich nicht diese oder jene Einzelnheit, es ist das Ganze, das Ensemble, das ihnen einen Stempel der Sättigung aufdrückt wie man ihn selten anderswo findet. Der Rhein & die Mosel haben schönere Felsengruppirungen, die Schweiz hat größere Kontraste, Italien ein volleres Colorit, aber kein Land hat Gegenden von einem so harmonischen Ensemble wie Frankreich. Mit einer ungewöhnlichen Befriedigung schweift das Auge von dem breiten, üppigen Wiesenthal zu den bis auf den höchsten Gipfel ebenso üppig mit Reben bewachsenen Bergen und zu den zahllosen Dörfern & Städten, die aus dem Laubwerk der Obstbäume sich erheben. Nirgends ein kahler Fleck, nirgends eine störende unwirthbare Stelle, nirgends ein rauher Fels, dessen Wände dem Pflanzenwuchs unzugänglich wären. Überall eine reiche Vegetation, ein schönes sattes Grün, das in eine herbstlich-bronzirte Schattirung übergeht, gehoben durch den Glanz einer Sonne, die noch im halben Oktober heiß genug brennt, um keine Beere am Weinstock unreif zu lassen. Ich ging noch etwas weiter & eine zweite, ebenso schöne Aussicht eröffnete sich vor mir. Tief unten, in einem engeren Thalkessel, lag SaintBris, ein kleines ebenfalls nur von Weinbau lebendes Städtchen. Dieselben Details wie vorhin, nur näher zusammengerückt. Weiden & Gärten unten im Thal um das Städtchen, Reben ringsum an den Wänden des Kessels, nur an der Nordseite umgeackerte oder mit grünem Stoppelklee bedeckte Felder & Wiesen. Drunten in den Straßen von Saint-Bris, dasselbe Getriebe wie in Auxerre; überall Fässer & Keltern, & die ganze Einwohnerschaft unter Lachen & Scherzen beschäftigt, Most zu keltern, in die Fässer zu pumpen, oder in großen Kufen über die Straße zu tragen. Dazwischen wurde Markt gehalten; in den breiteren Straßen hielten Bauernwagen mit Gemüse, Korn & andern Felderzeugnissen; die Bauern mit ihren weißen Zipfelmützen, die Bäuerinnen mit ihren Madrastü 24)chern um den Kopf drängten sich schwatzend, rufend, lachend zwischen die Winzer; u. das kleine Saint-Bris bot ein lebendiges Getreibe dar, daß man glaubte in einer großen Stadt zu sein. Jenseits Saint-Bris gings wieder einen lang hingezogenen Berg hinauf. Aber diesen Berg erstieg ich mit ganz besonderm Vergnügen. Hier war Alles noch in der Weinlese begriffen, & eine burgundische Weinlese ist ganz anders lustig als selbst eine rheinländische. Auf jedem Schritt fand ich die heiterste Gesellschaft, die süßesten Trauben & die hübschesten

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Mädchen; denn hier, wo von drei zu drei Stunden ein Städtchen liegt, wo die Einwohner vermöge ihres Weinhandels viel mit der übrigen Welt in Verkehr sind, hier herrscht schon eine gewisse Civilisation, & niemand nimmt diese Civilisation rascher an als die Frauenzimmer, denn sie haben die nächsten & augenfälligsten Vortheile davon. Es fällt keiner französischen Städterin ein, zu singen: Wenn ich doch so hübsch wär, Wie die Mädchen auf dem Land, Ich trüg ’nen gelben Strohhut Und ein rosenrothes Band. Im Gegentheil, sie weiß viel zu gut, daß sie der Stadt, der Entziehung aller groben Arbeiten, der Civilisation & ihren hundert Reinlichkeitsmitteln & Toilettenkünsten die ganze Ausbildung ihrer Reize verdankt; sie weiß, daß die Mädchen auf dem Land, selbst wenn sie nicht schon von ihren Eltern jene dem Franzosen so schreckliche Grobknochigkeit ererbt haben, die der Stolz der germanischen Race ist, doch durch die anstrengende Feldarbeit im glühendsten Sonnenschein wie im heftigsten Regen, durch die Erschwerung der Reinlichkeit, durch die Abwesenheit aller Mittel der körperlichen Ausbildung, durch das zwar sehr ehrwürdige aber ebenso unbeholfene & geschmacklose Kostüm meistens zu plumpen, wackelnden, in grellen Farben komisch aufgeputzten Vogelscheuchen werden. Die Geschmäcke sind verschieden; unsre deutschen Landsleute halten es meist mehr mit der Bauerntochter, & sie mögen nicht Unrecht haben: allen Respekt vor dem Dra 25gonertritt einer handfesten Viehmagd, & besonders vor ihren Fäusten; alle Ehre dem grasgrün & feuerroth gewürfelten Kleide, das sich um ihre gewaltige Taille schlingt; alle Achtung vor der Tadellosigkeit der Ebene, die von ihrem Nacken bis zu ihren Fersen geht & ihr von hinten das Ansehn eines mit buntem Kattun überzogenen Brettes gibt! Aber die Geschmäcke sind verschieden, & darum möge der von mir differirende, obgleich darum nicht minder ehrenwerthe Theil meiner Mitbürger mir verzeihen, wenn die reingewaschenen, glattgekämmten, schlankgewachsenen Burgunderinnen Saint-Bris & Vermenton einen angenehmeren Eindruck auf mich machten als jene naturwüchsig schmutzigen, struppigen, molossischen Büffelkälber zwischen Seine & Loire die Einen wie vernagelt anstarren wenn man eine Cigarette dreht, & mit Geheul davonlaufen, wenn man sie in gutem Französisch nach dem rechten Wege fragt. Man wird mir also gern glauben, daß ich mehr mit den Winzern & Winzermädchen Trauben essend, Wein trinkend, plaudernd & lachend im Grase lag als den Berg hinaufmarschirte, & daß ich in derselben Zeit wie diesen unbedeutenden Hügelrücken, den Blocksberg oder gar die Jung-

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frau hätte besteigen können. Um so mehr, als man sich an Weintrauben alle Tage sechszigmal satt essen kann, & also an jedem Weinberge den besten Vorwand hat, sich mit diesen ewig lachenden & gefälligen Leuten beiderlei Geschlechts in Verbindung zu setzen. Aber Alles hat ein Ende, & so auch dieser Berg. Es war schon Nachmittag, als ich den andern Abhang herunter stieg in das reizende Thal der Cure, eines kleinen Nebenflusses der Yonne, nach dem Städtchen Vermenton, das noch schöner liegt als Saint-Bris. Bald hinter Vermenton aber hört die schöne Gegend auf. Man nähert sich allmählig dem höheren Rücken des Faucillon, der die Flußgebiete der Seine, Rhoˆne & Loire von einander scheidet. Von Vermenton steigt man mehrere Stunden, geht über ein langes unfruchtbares Plateau, auf dem schon der Roggen, Hafer & Buchweizen den Weizen mehr oder weniger vertreiben.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 129, 29. Oktober 1848

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* K ö l n, 28. Oktober. Nr. 116 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ brachte ˙ ˙ ˙ ˙d. h. außerhalb des politischen Theils der Zeitung, hinter dem Striche, „Ein Wort an das deutsche Volk“, unterzeichnet „Hecker“. Dies „historische Aktenstück“ hatten deutsche Zeitungen vor der „N. Rh. Z.“ mitgetheilt. Andere deutsche Zeitungen, rheinpreußische und altpreußische nicht ausgenommen, brachten es später. Selbst die „Kölnische Zeitung“ besaß historischen Sinn genug, die Proklamation von Struve abzudrucken, nicht minder die von Fuad Effendi. Wir wissen nicht. Ließen die Lorbeeren des Republikaners Hecker den Staatsprokurator Hecker nicht ruhig schlafen? Die erstaunte Welt sollte sie erfahren, daß die deutsche Revolution doppelt geschlagen sei, durch die Flucht des Republikaners Hecker nach New-York, durch die Anwesenheit des Staatsprokurators Hecker zu Köln? Man kann es nicht läugnen. Die Nachwelt wird in diesen beiden Riesengestalten die Gegensätze der modernen Bewegung dramatisch zusammengefaßt sehn. Ein künftiger Göthe wird sie in einen „Faust“ binden. Wir überlassen es ihm, welchem Hecker er die Rolle des Faust zutheilen will, welchem die des Wagner. Genug. Dem phantastischen Abschiedsworte des Republikaners Hecker folgte ein nicht minder phantastisches Requisitorium des Staatsprokurators Hecker. Oder täuschen wir uns? Glaubt Hecker, der Staatsprokurator, „Das Wort an das deutsche Volk“ sei eigenstes Fabrikat der „Neuen Rheinischen Zeitung“ und in ihrer erfinderischen Bosheit habe diese Zeitung ihre eigene Proklamation „Hecker“ unterzeichnet, um dem deutschen Volke glauben zu machen, Hecker, der Staatsprokurator, wandere aus nach New-York, Hecker, der Staatsprokurator, proklamire die deutsche Republik, Hecker, der Staatsprokurator, sanktionire amtlich revolutionäre fromme Wünsche?

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Eine solche Finte war glaublich, denn das in der Beilage zu Nr. 116 der „N. Rh. Z.“ abgedruckte Aktenstück ist nicht Friedrich Hecker unterschrieben, sondern tout bonnement „Hecker“. Hecker ohne Schnörkel, einfacher Hecker! Und besitzt Deutschland nicht einen zweifachen Hecker? Und wer von den zweien ist der „einfache Hecker“? Zweideutig bleibt diese Einfachheit immerhin, wir meinen inkulpirend für die „Neue Rheinische Zeitung“. Wie dem auch sei, Hr. Hecker, der Staatsprokurator, sah offenbar in dem „Wort an das deutsche Volk“ ein Fabrikat der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Er erblickte darin eine direkte Aufforderung zum Umsturze der Regierung, Hochverrath in ausgebildetster Form oder zum allerwenigsten Theilnahme am Hochverrath, was nach dem Code pe´nal „einfacher“ Hochverrath ist. Hr. Hecker trug also bei dem Instruktionsrichter darauf an, nicht den unterzeichneten Geranten, sondern den Redakteur en chef, Karl Marx, als Hochverräther zu „konstituiren“. Einen als Hochverräther „konstituiren“, heißt aber mit andern Worten, Einen vorläufig ins Gefängniß stecken, und ihn bis aufs weitere mit der Untersuchungshaft bestrafen. Es handelt sich hier um die „Konstitution“ des Zellengefängnisses. Der Instruktionsrichter weigerte sich. Wenn Hr. Hecker einmal eine Idee gefaßt hat, so verfolgt er seine Idee. Den Redakteur en chef der „N. Rh. Z.“ zu „konstituiren“, war ihm zur fixen Idee geworden, wie der Name „Hecker“ unter dem „Abschiedswort“ zur Fiktion. Er wandte sich also an die Rathskammer. Die Rathskammer weigerte sich. Er ging von der Rathskammer an den Appellsenat. Der Appellsenat weigerte sich. Aber Hrn. Hecker, den Staatsprokurator verließ seine fixe Idee nicht, den Redakteur en chef der „N. Rh. Z.“, Karl Marx, immer in dem angegebenen Sinne zu „konstituiren“. Die Ideen des Parkets sind, wie man sieht, keine spekulativen Ideen im Hegel’schen Sinne. Es sind Ideen im Kant’schen Sinne. Einfälle der „praktischen“ Vernunft. Karl Marx konnte nimmer gleich direkt als Hochverräther „konstituirt“ werden, konstituirte selbst der Abdruck revolutionärer Thatsachen oder Proklamationen eine Zeitung zur Hochverrätherin. Zunächst hatte man sich an den zu halten, der die Zeitung unterzeichnet, ganz besonders in diesem Falle, wo das fragliche Aktenstück unter dem Strich steht. Was blieb übrig? Eine Idee gibt die andere. Man konnte Karl Marx nach Artikel 60 des Code pe´nal als Complice des angeblich vom Geranten begangenen Verbrechens citiren. Man kann ihn, wenn man will, auch als Complice jeder Annonce, stehe sie selbst in der „Kölnischen Zeitung“, citiren. Karl Marx erhielt also von dem Instruktionsrichter einen Er-

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scheinungsbefehl, erschien und wurde zu Protokoll vernommen. Die Setzer wurden, so viel wir wissen, als Zeugen geladen, der Korrektor wurde als Zeuge geladen, der Druckereibesitzer wurde als Zeuge geladen. Endlich aber wurde der Gerant als Zeuge geladen. Die letzte Ladung verstehen wir nicht. Soll der angebliche Autor gegen seinen Complicenzeugen? Um in unserer Geschichtserzählung vollständig zu sein: eine Haussuchung wurde im Büreau der „N. Rh. Z.“ abgehalten. Hecker der Staatsprokurator hat Hecker den Republikaner übertroffen. Der eine vollbringt rebellische Thatsachen und erläßt rebellische Proklamationen. Der andere streicht die Thatsachen trotz allem Widerstreben aus, aus den Memoiren der Zeitgeschichte, aus den Zeitungen. Er macht das Geschehene ungeschehn. Theilt die „schlechte Presse“ revolutionäre Thatsachen und Proklamationen mit, so hochverräth sie doppelt. Sie ist moralischer Complice; sie theilt die rebellischen Thatsachen nur mit, weil dieselben sie innerlich kitzeln. Sie ist Complice im gewöhnlichen juristischen Sinne; indem sie referirt, verbreitet sie und indem sie verbreitet, macht sie sich zum Werkzeuge des Aufruhrs. Nach beiden Seiten hin wird sie daher „konstituirt“ und genießt so die Früchte der „Konstitution“. Die „gute Presse“ dagegen wird das Monopol haben, revolutionäre Aktenstücke und Thatsachen mitzutheilen oder nicht mitzutheilen, zu verfälschen oder nicht zu verfälschen. Radetzky hat diese Theorie angewandt, indem er den Mailänder Blättern verbot, die Wiener Thatsachen und Proklamationen mitzutheilen. Dagegen brachte die „Mailänder Zeitung“ an der Stelle der großen Wiener „Revolution“ einen eigens von Radetzky komponirten kleinen Wiener Krawall. Ein Aufstand soll, so munkelt man, nichtsdestoweniger in Mailand ausgebrochen sein. Hr. Hecker, der Staatsprokurator, ist, wie Jedermann weiß, Mitarbeiter an der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Als unserm Mitarbeiter vergeben wir ihm viel, nur nicht die Sünde gegen den unheiligen „Geist“ unserer Zeitung. Und er begeht eine solche Sünde, indem er mit einem Mangel an Kritik, der an einem Mitarbeiter der „N. Rh. Z.“ unerhört ist, die Proklamation Heckers des Flüchtlings in die Proklamation der „Neuen Rheinischen Zeitung“ verwandelt. Friedrich Hecker verhält sich pathetisch, die „N. Rh. Z.“ verhält sich kritisch zur Bewegung. Friedrich Hecker erwartet alles von dem magischen Wirken einzelner Persönlichkeiten. Wir erwarten alles von den Kollisionen, die aus den ökonomischen Verhältnissen hervorgehn. Friedrich Hecker reist nach den Vereinigten-Staaten, um die „Republik“ zu studiren. Die „N. Rh. Z.“ findet in den großartigen Klassenkämpfen, die innerhalb der französischen Repu-

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blik vorgehen, interessantere Gegenstände des Studiums, als in einer Republik, wo die Klassenkämpfe im Westen noch nicht existiren und im Osten nur noch in der alten lautlosen englischen Form sich bewegen. Für Friedrich Hecker sind die socialen Fragen Konsequenzen der politischen Kämpfe, für die „N. Rh. Z.“ sind die politischen Kämpfe nur die Erscheinungsformen der socialen Kollisionen. Friedrich Hecker könnte ein guter trikolorer Republikaner sein. Die eigentliche Opposition der „N. Rh. Z.“ beginnt erst in der trikoloren Republik. Wie hätte z. B. die „Neue Rheinische Zeitung“, ohne vollständig ihre Vergangenheit zu desavouiren, dem deutschen Volke zurufen können: „Schaart euch um die Männer, welche das Banner der Volkssouveränetät hoch und bei demselben treue Wache halten, um die Männer der äußersten Linken zu Frankfurt am Main, schließt euch in Rath und That fest ˙ ˙˙ ˙ an die tapfern Führer der republikanischen Schilderhebung.“ Wir haben wiederholt erklärt, daß wir kein „parlamentarisches“ Blatt sind und uns daher nicht scheuen, von Zeit zu Zeit den Zorn selbst der äußersten Linken von Berlin und Frankfurt auf unser Haupt zu ziehen. Wir haben den Herrn von Frankfurt zugerufen, sich an das Volk, wir haben nie dem Volke zugerufen, sich an die Herren von Frankfurt anzuschließen. Und „die tapfern Führer der republikanischen Schilderhebung“, wo sind sie, wer sind sie? Hecker ist bekanntlich in Amerika, Struve im Gefängnisse. Also Herwegh? Die Redakteure der N. Rh. Z., namentlich Karl Marx, sind dem Herweghschen Unternehmen zu Paris in öffentlichen Volksversammlungen entschieden gegenübergetreten, ohne die Ungunst der aufgeregten Massen zu scheuen. Sie sind dafür ihrer Zeit gebührendermaßen von Utopisten, die sich für Revolutionäre versahn, verdächtigt worden. (Vergleiche u. A. die „Deutsche Volkszeitung“.) Und jetzt, wo die Ereignisse wiederholt unsere Vorhersagungen bestätigt haben, sollten wir uns den Männern der entgegengesetzten Meinung anschließen? Doch seien wir gerecht. Hr. Hecker, der Staatsprokurator, ist noch ein junger Mitarbeiter an unserm Blatte. Der Anfänger in der Politik wie der Anfänger in der Naturwissenschaft gleicht jenem Maler, der nur zwei Farben kennt, weiß und schwarz, oder wenn man lieber will, schwarzweiß und roth. Die feineren Unterschiede innerhalb jeder espe`ce enthüllen sich nur dem geübten und erfahrenen Auge. Und überdem, war Hr. Hecker nicht beherrscht von der fixen Idee, den Redakteur en chef der „N. Rh. Z.“, Karl Marx, zu „konstituiren“!, eine fixe Idee, die weder im Fegefeuer des Instruktionsgerichtes noch der Rathskammer, noch des Appellsenats zerschmolz, also eine feuerhaltige fixe Idee sein muß.

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Die größte Errungenschaft der März-Revolution ist unstreitig, um mit Brutus Bassermann zu reden, die „Herrschaft der Edelsten und Besten“, und ihr rasches Steigen auf der Stufenleiter der Herrschaft. Wir hoffen daher, daß auch die Verdienste unsres geehrten Mitarbeiters, des Herrn Staatsprokurators Hecker, den schneeweißen Tauben gleich, die vor den Wagen der Aphrodite gespannt, sie pfeilschnell zum Olymp trugen, ihn auf die Höhen des Staatsolymps tragen werden. Unsere Regierung ist, wie Jedermann weiß, konstitutionell. Pfuel schwärmt für den Konstitutionalismus. In konstitutionellen Staaten ist es usus, den Empfehlungen der Oppositionsblätter aufmerksames Gehör zu schenken. Wir bewegen uns also auf konstitutionellem Boden, wenn wir der Regierung rathen, unserm Hecker die erledigte Oberprokuratur von Düsseldorf zu ertheilen. Hr. Prokurator Ammon von Düsseldorf, der, so viel uns bekannt, bisher noch keine Rettungsmedaille um das Vaterland verdient hat, wird keinen Augenblick anstehn, vor dem höhern Verdienste seinen eignen etwaigen Ansprüchen, ehrfurchtvolles Schweigen zu diktiren. Sollte aber Hr. Heimsoeth Justizminister werden, wie wir hoffen, so empfehlen wir Herrn Hecker zum Generaladvokaten. Größeres erwarten wir für Herrn Hecker. Herr Hecker ist noch jung. Und, wie jener Russe sagt: der Czaar ist groß, Gott ist noch größer, aber der Czaar ist noch jung.

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Karl Marx Aufruf des demokratischen Kongresses an das deutsche Volk

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 133, 3. November 1848

* K ö l n , 2. November. Nachstehend geben wir den Aufruf des „demokratischen Kongresses“: An das deutsche Volk! Lange schmachvolle Jahre hindurch seufzte des deutsche Volk unter dem Joche der Gewaltherrschaft. Die blutigen Thaten Wien’s und Berlin’s berechtigten zu der Hoffnung, daß seine Freiheit und Einheit mit einem Schlage zur Wahrheit werden würden. Teuflische Künste einer fluchwürdigen Reaktion traten dieser Entwickelung entgegen, das heldenmüthige Volk um die Früchte seiner großartigen Erhebung zu betrügen. Wien, ein Hauptbollwerk deutscher Freiheit, steht augenblicklich in der höchsten Gefahr. Aufgeopfert durch die Ränke einer noch immer mächtigen Kamarilla, sollte es auf’s Neue den Fesseln einer Zwingherrschaft überliefert werden. Aber seine edle Bevölkerung erhob sich wie Ein Mann und steht den bewaffneten Horden seiner Unterdrücker todesmuthig entgegen. Die Sache Wien’s ist die Sache Deutschland’s, ist die Sache der Freiheit. Mit dem Falle Wien’s wird die alte Willkürherrschaft mehr wie je ihr Banner erheben, mit seinem Siege wird sie vernichtet sein. An uns ist es, deutsche Mitbrüder, Wien’s Freiheit nicht untergehen zu lassen, sie nicht dem Waffenglücke barbarischer Horden preiszugeben. Es ist die heiligste Pflicht der deutschen Regierungen, mit allem ihrem Einflusse der bedrängten Schwesterstadt zu Hülfe zu eilen; es ist zugleich aber die heiligste Pflicht des deutschen Volkes, im Interesse seiner Freiheit, im Interesse seiner Selbsterhaltung zur Rettung Wien’s jedes Opfer zu bringen. Nimmer darf es die Schmach stumpfer Gleichgültigkeit auf sich laden, wo das Höchste, wo Alles auf dem Spiele steht. Wir fordern Euch daher auf, Mitbrüder! daß Ihr, Jeder nach seinen Kräften beitragt, Wien vor dem Untergange zu retten. Was wir für Wien thun, thun wir für Deutschland. Helfet selbst! Die Männer, die Ihr nach Frankfurt gesendet,

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um die Freiheit zu gründen, haben die Aufforderung, Wien zu helfen, mit Hohngelächter zurückgewiesen. An Euch ist es jetzt zu handeln! Fordert Ihr es mit dem kräftigen und unwandelbaren Willen von Euren Regierungen, daß sie sich Eurer Majorität unterwerfen und die deutsche Sache und die Sache der Freiheit in Wien retten. Eilt! Ihr seid die Macht, Euer Wille ist Gesetz! Auf! Ihr Männer der Freiheit, auf! in allen deutschen Landen, und wo sonst der Gedanke der Freiheit und Humanität edle Herzen durchglüht! Auf ehe es zu spät ist! Rettet die Freiheit Wien’s, rettet die Freiheit Deutschland’s. Die Gegenwart wird Euch bewundern, die Nachwelt mit unsterblichem Ruhm belohnen! Am 29. Oktober 1848. Der demokratische Kongreß in Berlin. Dieser Aufruf ersetzt den Mangel an revolutionärer Energie durch ein predigerartiges Heulerpathos, hinter dem sich die entschiedenste Armuth an Gedanken und an Leidenschaft verbirgt. Einige Proben! Der Aufruf erwartete von den Wiener und Berliner Märzrevolutionen das „zur Wahrheitwerden der Einheit und Freiheit“ des deutschen Volks „mit Einem Schlage“. In andern Worten: der Aufruf träumte von „Einem Schlage“, der dem deutschen Volke die „Entwicklung“ zur „Einheit und Freiheit“ überflüssig machen würde. Gleich darauf verwandelt sich ihm aber der phantastische „Eine Schlag“, der die Entwicklung ersetzt, in eine „Entwicklung“, welcher die Reaktion entgegengetreten sei. Phrase, sich selbst auflösende Phrase! Wir seh’n ab von der eintönigen Wiederholung des Grundthema’s: Wien ist in Gefahr, mit Wien Deutschland’s Freiheit; helft Wien, ihr helft damit euch selbst! Diesem Gedanken wird nicht Fleisch und Blut gegeben. Die Eine Phrase wird so oft um sich selbst gewickelt, bis sie sich zu einem Redestück ausgedehnt hat. Wir bemerken nur, daß der gemachte, unwahre Pathos immer dieser stümperhaften Rhetorik verfällt. „An uns ist es, deutsche Mitbrüder, Wien’s Freiheit nicht untergeh’n zu lassen, sie nicht dem Waffenglücke barbarischer Horden preiszugeben.“ Und wie sollen wir das anfangen? Zunächst durch eine Adresse an das Pflichtgefühl der „deutschen Regierungen“. C’est incroyable! „Es ist die heiligste Pflicht der deutschen Regierungen, mit allem ihrem Einflusse der bedrängten Schwesterstadt zu Hülfe zu eilen.“ Die preußische Regierung, soll sie Wrangel oder Colomb oder den Prinzen von Preußen gegen Auersperg, Jellachich und Windischgrätz senden? Durfte der „demokratische“ Kongreß sich einen Augenblick diese

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kindische und konservative Stellung zu den deutschen Regierungen geben? Durfte er einen Augenblick die Sache und die „heiligsten Interessen“ der deutschen Regierungen von der Sache und den Interessen „der kroatischen Ordnung und Freiheit“ trennen? Die Regierungen werden selbstvergnügt lächeln über diese jungfräuliche Schwärmerei. Und das Volk? Das Volk wird im Allgemeinen ermahnt, „jedes Opfer zur Rettung Wien’s zu bringen“. Gut! Aber das „Volk“ erwartet vom demokratischen Kongresse bestimmte Forderungen. Wer alles verlangt, verlangt nichts und erhält nichts. Die bestimmte Forderung, die Pointe also ist: „Fordert Ihr es mit dem kräftigen und unwandelbaren Willen von Euren Regierungen, daß sie sich Eurer Majorität unterwerfen und die deutsche Sache und die Sache der Freiheit in Wien retten. Eilt! Ihr seid die Macht, Euer Wille ist Gesetz! Auf!“ Gesetzt, es gelänge großartigen Volksdemonstrationen, die Regierungen zu offiziösen Schritten für Wien’s Rettung zu bewegen – wir würden mit der zweiten Auflage des „Stein’schen Armeebefehls“ beglückt werden. Die jetzigen „deutschen Regierungen“ als „Freiheitsretter“ verwenden zu wollen, als ob sie in den Reichsexekutionen ihren wahren Beruf, ihre „heiligsten Pflichten“ als Gabriele der „verfassungsmäßigen Freiheit“ nicht vollzögen? Der „demokratische Kongreß“ mußte schweigen von den deutschen Regierungen, oder er mußte ihre Konspiration mit Olmütz und Petersburg schonungslos enthüllen. Obgleich der Aufruf „Eile“ empfiehlt und in Wahrheit keine Zeit zu verlieren ist, reißt ihn die humanistische Phraseologie über die Gränzen Deutschland’s, über jede geographische Gränze hinweg in das kosmopolitische Nebelland der „edlen Herzen“ im Allgemeinen! „Eilt! Auf! Ihr Männer der Freiheit, auf! in allen deutschen Landen und wo sonst der Gedanke der Freiheit und Humanität edle Herzen durchglüht!“ Wir zweifeln nicht, daß es selbst in Lappland solche „Herzen“ giebt. In Deutschland und wo sonst! Indem der „Aufruf“ in diese rein bestimmungslose Phrase verpufft, hat er seinen wahren Ausdruck gewonnen. Es bleibt unverzeihlich, daß der „demokratische Kongreß“ ein solches Aktenstück kontrasignirte. Weder wird ihn „die Gegenwart dafür bewundern“ noch „die Nachwelt mit unsterblichem Ruhm belohnen“. Hoffen wir trotz dem „Aufruf des demokratischen Kongresses“, daß das Volk aus seiner Lethargie erwachen und die einzige Hülfe den Wienern bringen wird, die es ihnen in diesem Augenblicke noch bringen kann, die Besiegung der Contrerevolution im eignen Hause.

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* K ö l n, 2. November. Schon vor dem Juniaufstande haben wir wiederholt die Illusionen der Republikaner der Tradition von 1793, der Republikaner von der „Re´forme“ (der „Pariser“) enthüllt. Die Junirevolution und die aus ihr hervorgegangene Bewegung zwingen diese utopistischen Republikaner nach und nach die Augen zu öffnen. Ein Leitartikel der „Re´forme“ vom 29. Oktober zeigt uns das Ringen dieser Partei zwischen ihren alten Einbildungen und den neuen Thatsachen. Die „Re´forme“ sagt: „Seit langer Zeit waren die Kämpfe, welche bei uns den Besitz der Regierung zum Zwecke hatten – Klassenkriege, Kämpfe der Bourgeoisie und des Volkes gegen den Adel beim Auftreten der ersten Republik; Hingebung des bewaffneten Volkes nach Außen, Herrschaft der Bourgeoisie nach Innen, unter dem Kaiserreiche; Versuche nach Restauration der Feudalität unter den Bourbonen der ältern Linie; endlich 1830 Triumph und Herrschaft der Bourgeoisie: das ist unsre Geschichte.“ Die „Re´forme“ setzt seufzend hinzu: „Mit Bedauern, sicherlich, sprechen wir von Klassen, von gottlosen und gehässigen Unterschieden; aber diese Unterschiede existiren und wir können diese Thatsache nicht verkennen.“ Das heißt: der republikanische Optimismus der „Re´forme“ sah bisher nur „citoyens“; die Geschichte ist ihr so direkt auf den Leib gerückt, daß sie das Zerfallen dieser „citoyens“ in „bourgeois“ und „proletaires“ nicht mehr wegschwärmen kann. Die „Re´forme“ fährt fort: „Im Februar wurde der Bourgeoisdespotismus gebrochen. Was verlangte das Volk? Die Gerechtigkeit für alle, die Gleichheit. Das war sein erster Ruf, sein erster Wunsch. Die Bourgeoisie, aufgeklärt durch den

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Blitz, der sie getroffen, hatte im Anfang keinen andern Wunsch als das Volk.“ Die „Re´forme“ beurtheilt den Charakter der Februarrevolution noch immer nach den Februardeklamationen. Weit entfernt, daß in der Februarrevolution der Bourgeoisdespotismus gebrochen worden wäre, wurde er vollendet. Die Krone, der letzte feudale Heiligenschein, welcher die Herrschaft der Bourgeoisklasse versteckte, wurde abgeschlagen. Die Herrschaft des Kapitals trat rein hervor. Bourgeoisie und Proletariat bekämpften in der Februarrevolution einen gemeinschaftlichen Feind. Sobald der gemeinschaftliche Feind beseitigt war, standen die beiden feindseligen Klassen allein auf dem Kampfplatze und der entscheidende Kampf zwischen ihnen mußte beginnen. Wenn die Februarrevolution die Bourgeoisherrschaft vollendete, woher, wird man fragen, der Rückfall der Bourgeoisie in den Royalismus? Nichts einfacher. Sie sehnt sich in die Periode zurück, wo sie herrschte, ohne verantwortlich für ihre Herrschaft zu sein; wo eine Scheinmacht, zwischen ihr und dem Volke stehend, für sie handeln und ihr zugleich als Versteck dienen mußte; wo sie so zusagen, einen gekrönten Sündenbock besaß, auf den das Proletariat losschlug, sobald es sie treffen wollte, gegen den sie sich selbst mit dem Proletariat verband, so oft er ihr lästig wurde, und sich als Macht für sich festsetzen wollte. In dem Könige besaß sie einen Blitzableiter für das Volk, in dem Volke einen Blitzableiter für den König. Indem die „Re´forme“ die theils heuchlerischen, theils ehrlich gemeinten Einbildungen, die am Tage nach Louis Philippe’s Niederlage grassirten, für Realitäten versieht, erscheint ihr die Bewegung nach den Februartagen als eine Reihe von Fehlern und mißlichen Zufällen, die vermieden worden wären durch einen großen Mann, der den Bedürfnissen der Situation entsprochen. Als ob Lamartine, das Irrlicht, nicht der wahre Mann der Situation gewesen wäre! Immer noch will der wahre Mann, der große Mann nicht erscheinen, klagt die „Re´forme“ und die Situation verschlechtert sich jeden Tag. „Einerseits wächst die industrielle und kommerzielle Krise. Andrerseits wächst der Haß und jeder strebt nach entgegengesetztem Ziele. Die, welche vor dem 24. Februar unterdrückt waren, suchen ein Ideal von Glück und Freiheit in der Conception einer ganz neuen Gesellschaft. Die, welche unter der Monarchie herrschten, denken nur daran, ihr Reich wieder zu gewinnen, um es mit verdoppelter Härte auszubeuten.“ Wie, nun tritt die „Re´forme“ zwischen die schroff entgegenstehenden Klassen? Erhebt sie sich auch nur zu der Ahnung, daß die Klassengegensätze und der Klassenkampf erst mit dem Verschwinden der Klassen verschwinden?

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Die Pariser „Re´forme“ über die französischen Zustände

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Nein! So eben hat sie den Klassengegensatz zugegeben. Die Klassengegensätze aber beruhen auf ökonomischen Grundlagen, auf der bisherigen materiellen Produktionsweise und den daraus hervorgehenden Verkehrsverhältnissen. Die „Re´forme“ weiß kein besseres Mittel, sie zu verändern und aufzuheben, als von ihrer wirklichen Grundlage, eben von diesen materiellen Verhältnissen, wegzublicken und sich in den blauen Dunsthimmel der republikanischen Ideologie zurückzustürzen, d. h. in die poetische Februarperiode, aus der die Juniereignisse sie gewaltsam herausgeworfen hatten. Man höre nur: Das Traurigste bei diesen innern Zwistigkeiten ist das Erlöschen, das Verlorengehen der patriotischen, der nationalen Gefühle, das heißt eben jener Schwärmerei, womit beide Klassen ihre bestimmten Interessen, ihre Lebensbedingungen patriotisch und national übertünchten. Als sie das 1789 thaten, war auch ihr wirklicher Gegensatz noch nicht entwickelt. Was damals der entsprechende Ausdruck der Situation war, ist heute nur eine Ausflucht aus der Situation. Was damals Körper, ist heute Reliquie. „Offenbar“ schließt die „Re´forme“, „ist es ein tiefliegendes Uebel, woran Frankreich leidet; aber es ist nicht unheilbar. Es hat seinen Ursprung in der Verwirrung der Ideen und Sitten, in dem Vergessen der Gerechtigkeit und der Gleichheit in den gesellschaftlichen Verhältnissen, in der Verderbtheit durch einen egoistischen Unterricht. In diesem Zirkel muß man die Mittel der Reorganisation sichern. Statt dessen nimmt man zu materiellen Mitteln seine Zuflucht.“ Die „Re´forme“ schiebt die Sache in’s „Gewissen“, und nun hilft die moralische Salbaderei aus aller Noth. Der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat stammt also von den Ideen dieser beiden Klassen her. Und woher stammen diese Ideen? Aus den gesellschaftlichen Verhältnissen. Und woher diese Verhältnisse? Aus den materiellen, den ökonomischen Lebensbedingungen der feindseligen Klassen. Nach der „Re´forme“ ist beiden geholfen, wenn sie das Bewußtsein ihrer wirklichen Lage und ihres wirklichen Gegensatzes verlieren und sich in dem Opium der „patriotischen“ Gefühle und Redensarten von 1793 berauschen. Welche Rathlosigkeit!

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Karl Marx Die Wiener Nachrichten

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 133, 3. November 1848

* K ö l n, 2. November. Zeitungen und Briefe aus Wien fehlen uns noch ˙ ˙ ˙Weinreisenden ˙ immer. Die von ˙den der „Breslauer Ztg.“ und den diplo˙ ats Anzeigers“ vermatischen Commis Voyageurs des „Preußis˙c˙h˙ e˙ n˙ ˙ Sta ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙nicht ˙ ˙bestätigt. ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙˙Daß ˙ ˙ ˙ ˙ Wien breiteten Gerüchte haben sich bis jetzt durchaus sich mitten im Kampfe befindet, ist unzweifelhaft. Daß die Kroaten und sonstigen Freunde der „verfassungsmäßigen Freiheit“ bisher trotz dem großen Jellachich, dessen Heldenmuth, wie der des tapfern Sipahsalar, so berühmt ist, daß „beim Blinken seines Säbels sich der erschrockene Mond in den Wolken verbirgt“ – keinen irgendwie entscheidenden Vortheil errungen haben, scheint schon daraus hervorzugehen, daß das preußische Ministerium keine niederdonnernden Depeschen veröffentlicht. Wien ist abgesperrt, aber nicht für das Berliner Ministerium, das „aus der Umgegend von Wien“ Berichte erhält. Die brave „Kölnische Zeitung“ bringt ihren Lesern seit dem 6ten October fortlaufend großgedruckte Extrablätter, von denen das eine immer das andere Lügen straft. Heute sieht sie sich in die „traurige“ Nothwendigkeit versetzt, ihre „gestrigen höchst traurigen Mittheilungen“ zu bestätigen, selbst nach dem „Preuß. Staatsanzeiger“, welcher nebst der „Breslauer Zeitung“ unserer Nachbarin natürlich als Evangelium gilt. Unsere Leser finden unten die widersprechenden und haltlosen Gerüchte, die dem „Pr.St.A.“, dem „Constitutionellen Blatt aus Böhmen“, ˙˙˙˙ ˙ Mährischen ˙˙ ˙ ˙ ˙˙˙˙ ˙ ˙Blättern ˙˙ ˙ ˙ entnom˙ ˙ ˙ ˙˙ der „Allgemeinen Deutschen Zeitung˙“˙und ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ men sind. Zur Kritik der von der „Kölnischen Zeitung“ so gesinnungsernst acceptirten „neuesten Nachrichten“ und zur Kritik dieser ernsten Gesinnung selbst genüge einstweilen Folgendes: Extrablatt der Kölnischen Zeitung vom 2. Nov.: (Großgedruckt.) „In der Nacht zum 29. hörte man nur vereinzeltes Feuern, während desselben wurde das Belvedere, sowie die ganze Jäger-

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zeil und Leopoldsvorstadt von den kaiserlichen Truppen, wie es scheint, ohne großen Widerstand besetzt“ etc. etc. Dies schreibt man aus der Umgebung von Wien am 29. Nachmittags ein halb 3 Uhr. Dagegen schreibt ein Reisender, der Florisdorf am 28. Abends 8 Uhr verließ: „Das Militär hat den Prater im Besitz, ebenso den Kirchhof Schmelz, dagegen ist die Leopoldstadt noch in den Händen der Wiener, und die Kaiserlichen haben in den Vorstädten noch nicht einen Fuß breit Terrain gewonnen.“ Die erste Nachricht bringt der Berliner Staatsanzeiger, die letztere die Allgemeine Oder-Zeitung. Die Kölnische Zeitung begleitet letztere mit ˙ ˙ ˙˙ ˙Fragezeichen. ˙ obligaten Zu erklären wären indessen beide Mittheilungen, wenn ein Angriff auf die genannten Vorstädte in der Nacht vom 28. auf den 29. stattgefunden hätte. Lesen wir aber die weiteren Notizen der Dumont’schen Spinnstube: Breslau, 30. Okt., Abends 10 Uhr. (Breslauer Zeitung.) In 2 Vorstädten Wiens habe der Brand so überhand genommen, daß man am 28. Abends in Floridsdorf bei dem Leuchten des Flammenmeers im Freien lesen konnte. (Wäre diese Münchhausiade wahr, so könnte diese treffliche Beleuchtung, der geographischen Lage von Floridsdorf gemäß, nur aus der Leopoldstadt gekommen sein.) Ferner Breslau vom 30. Oktober (Korresp.) In Florisdorf konnte man vorgestern Abend (also am 28.) deutlich lesen, so hell war der Brand der Vorstädte Wien’s. (Dies konnte man denselben Abend auch in Köln am Rhein.) Beruhen diese sämmtlichen Nachrichten auf Wahrheit, so standen am 29. die Truppen in dem Theile der Vorstadt, der noch die Nacht vorher so lustig gebrannt, was einen übrigens nicht befremden kann, wenn man in derselben Spalte unseres klassischen Extrablattes aus derselben Breslauer Zeitung die bewunderungswürdige Mittheilung liest: „Der Brand, welcher am 28. Abends außerordentlich stark gewesen sein soll, war am 29. Abends fast erloschen.“ Von sonstigen Bären, welche die Berichterstatter „aus der Umgegend Wien’s“, d. h. aus dem kaiserlichen Lager dem preußischen Staatsanzeiger, oder vielmehr dieser seinen Lesern aufzubinden versucht, geben wir nur folgenden als einen der pikantern: „In der Landstraße hatten die Jäger, wie man sagte, in 9 Stunden 30 Barrikaden genommen.“ Macht nach Adam Riese auf die Barricade 6 Minuten, also noch flinker als in Köln am Rhein, am Morgen des 26. September. Bringt man

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dazu die Länge der Landstraße in Rechnung, so käme dort eine Barricade auf je 20 Schritte, was ein neues erfreuliches Licht auf die Strategik der Wiener Vertheidigung wirft. Wir lassen nun die „neuesten Nachrichten“ folgen. Unsere Leser wissen, welchen Glauben sie verdienen.

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Karl Marx Der Wiener Oktoberaufstand und die „Kölnische Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 133, 3. November 1848. 2. Beilage

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* K ö l n, 3. November. Unsere Leser haben sich nie utopistischen Hoffnungen, bezüglich Wiens, hingegeben. Nach der Junirevolution glaubten wir an jede Niederträchtigkeit der B o u r g e o i s i e. Wir haben gleich in der ersten Nummer der nach dem Belagerungszustande wiedererscheinenden “Neuen Rh. Zeitung“ gesagt: „Diese Revolution droht an dem Mißtrauen der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse, wo nicht zu scheitern, doch wenigstens gelähmt zu werden. Wie dem aber auch sei, ihr Rückschlag auf Ungarn, Italien und Deutschland vereitelt den ganzen Feldzugsplan der Contrerevolution!“ Wir wären daher nicht überrascht von einer Niederlage Wien’s; wir würden uns nur dazu bestimmt finden, jede Vermittlung mit der Bourgeoisie, die die Freiheit an der Freiheit des Schachers mißt, abzubrechen, und versöhnungslos, vermittlungslos der elenden deutschen Mittelklasse gegenüber zu treten, die auf ihre eigne Herrschaft gern Verzicht leistet, unter der Bedingung, daß sie kampflos weiter schachern darf. Die englische und französische Bourgeoisie ist ehrgeizig; die Ehrlosigkeit der deutschen Bourgeoisie würde sich bestätigen durch Wien’s Niederlage. Also: Wir haben keinen Augenblick den Sieg der Wiener verbürgt. Ihre Niederlage würde uns nicht überraschen. Sie würde uns nur überzeugen, daß kein Friede, selbst nicht für Uebergangszeit, möglich ist mit der Bourgeoisie, daß das Volk sich gleichgültig verhalten muß in den Kämpfen der Bourgeoisie mit der Regierung und ihre Siege oder Niederlagen abwarten muß, um sie zu exploitiren. Noch einmal. Unsere Leser haben nur unsere bisherigen Nummern nachzuschlagen, um sich zu überzeugen, daß weder der Sieg noch die Niederlage der Wiener uns überraschen kann. Aber was uns überrascht, ist das abermalige Extrablatt der „Kölnischen Zeitung“. Verbreitet die Regierung absichtlich falsche Gerüchte über

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Wien, um die Aufregung in Berlin und den Provinzen niederzuschlagen? Bezahlt Dumont den preußischen Staatstelegraphen, so daß er, Dumont, Nachrichten von „Berliner“ und „Breslauer“ Morgenblättern empfängt, die der „schlechten Presse“ nicht zugehen? Und woher hatte Dumont heute Morgen seine „telegraphische Depesche“, die wir nicht hatten? Ist Birk aus Trier, diese Null, die an Wittgensteins Stelle getreten ist, als Redakteur bei Dumont engagirt? Wir glauben es nicht. Denn selbst ein Brüggemann, ein Wolfers, ein Schwanbeck, – alles das ist noch kein Birk. Wir bezweifeln, daß Dumont eine solche Impotenz engagirt hat. Heute 6 Uhr Abends bringt Dumont, der die Februarrevolution und die Märzrevolution weggelogen hatte, in seinen ersten Berichten abermals einen „telegraphischen“ Bericht, wonach Wien sich der „wendischen Krätze“, dem „Windischgrätz“ ergeben hat. Möglich. Aber die Möglichkeiten des ehemals bluttriefenden „Brüggemann’s“, des Ex-Korrespondenten der alten „Rheinischen Zeitung“, des Biedermann’s, dessen Ansicht immer mit dem „Tauschwerth“ der Ansichten überhaupt Hand in Hand ging, – seine Möglichkeiten beruhen auf dem „Preußischen Staats-Anzeiger“ und der „Breslauer Ztg.“ Ein eigner ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ Geschichten „Brüggemann’s“ Beitrag zur Geschichte werden˙˙die oder der „Kölnischen Zeitung“ über die Februar- März- und Oktober-Revolution bieten. Wir geben nun die Berichte, die nichts berichten.

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Karl Marx / Ferdinand Freiligrath Die neuesten Nachrichten aus Wien, Berlin und Paris

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 135, 5. November 1848

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* K ö l n, 4. November. Der Horizont lichtet sich. ˙ ˙ ˙ noch ˙˙ Aus Wien fehlen immer die direkten Nachrichten. So viel geht aber aus den Berichten, selbst der offiziellen preußischen Presse hervor, daß Wien sich nicht ergeben und Windischgrätz absichtlich oder aus einem Mißverständnisse eine falsche telegraphische Depesche in die Welt geschleudert hatte, die ein bereitwilliges, vielzüngiges, orthodoxes Echo in der „guten“ Presse fand, so sehr sie ihre Schadenfreude hinter heuchlerischen Leichenbitterreden zu verstecken suchte. Streifen wir allen mährchenhaften und in seinen eigenen Widersprüchen sich auflösenden Wust der schlesischen und Berliner Berichte ab, so heben sich folgende Punkte hervor: Am 29. Oktober hatten die kaiserlichen Banditen nur erst einige Vorstädte in ihrer Gewalt. Daß sie in der Stadt Wien selbst schon Fuß gefaßt, geht aus den bisherigen Berichten nicht hervor. Die ganze Uebergabe Wiens beschränkt sich auf einige hochverrätherische Proklamationen des Wiener Gemeinderaths. Am 30. Oktober griff die Vorhut der ungarischen Armee Windisch-Grätz an und wurde angeblich zurückgedrängt. Am 31. Oktober begann Windisch-Grätz wieder das Bombardement Wiens – erfolglos. Er befindet sich jetzt zwischen den Wienern und der mehr als 80 000 Mann starken ungarischen Armee. Die infamen Manifeste des Windisch-Grätz haben in allen Provinzen das Signal zum Aufstand oder wenigstens zu sehr drohenden Bewegungen gegeben. Sogar die czechischen Fanatiker zu Prag, die Neophyten der Slowanska lipa erwachen aus ihrem wüsten Traume und erklären sich für Wien gegen den kaiserlichen Schinderhannes. Nie hatte die Contrerevolution so albernschamlos ihre Pläne auszuposaunen gewagt. Selbst in Olmütz, dem östreichischen Koblenz, bebt der Boden unter den Füßen des gekrönten Idioten. Die Anführung des welten berühmten Sipehsalar-Jellachich, dessen Namen so groß ist, daß „beim Blinken seines Säbels sich der erschrockene

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Karl Marx / Ferdinand Freiligrath

Mond in den Wolken verbirgt“, dem bei jeder Gelegenheit der „Donner der Kanonen die Richtung bezeichnet“, in der er sich aus dem Staube zu machen hat, läßt nicht zweifeln, daß Ungarn und Wiener Peitschen dies Gesindel in die Donau, Stäupen fort dies freche Lumpenpack, Die Bettler, hungrig, ihres Lebens müde, Ein Schwarm Landläufer, Schelme, Vagabunden Kroatenabschaum, niedre Bauernknechte, Die ausgespien ihr übersättigt Land Zu tollen Abenteuern, sicherm Untergang. Spätere Berichte werden entsetzliche Details über die Schandthaten der Kroaten und der andern Ritter „der gesetzlichen Ordnung und verfassungsmäßigen Freiheit“ bringen. Und von ihren Börsen- und sonstigen bequemen Zuschauerlogen aus, klatschte die europäische Bourgeoisie der namenlosen Blutscene ihr Bravo zu, dieselbe Elende, die bei einigen barschen Akten der Volksjustiz einen einzigen Schrei moralischer Entrüstung ausstieß und ihr einstimmiges Anathem über die „Mörder“ des braven Latour und des edlen Lichnowsky aus tausend Lungen hervorkrächzte. Die Polen haben in Vergeltung der galizischen Mordscenen abermals sich an die Spitze von Wiens Befreiern gestellt, wie sie an der Spitze des italienischen Volks stehn, wie sie überall die hochherzigen Generale der Revolution sind. Heil, dreifach Heil den Polen. Die Berliner Camarilla, berauscht im Blute Wiens, geblendet von den Rauchsäulen der brennenden Vorstädte, betäubt von dem Kroaten- und Haiducken-Siegsgeheule, hat den Schleier fallen lassen. „Die Ruhe ist in Berlin hergestellt.“ Nous verrons. Von Paris aus endlich hören wir ein erstes unterirdisches Grollen das Erdbeben ankündigen, das die honette Republik in ihren eigenen Ruinen begraben wird. Der Horizont lichtet sich.

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Karl Marx Wiener Nachrichten

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 135, 5. November 1848. Zweite Ausgabe

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* K ö l n, 5. November. Aus Wien sind Briefe und Zeitungen ausgeblieben. ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Breslauer Blätter, die „Allgemeine Oderzeitung“, Die uns vorliegenden die „Schlesische Zeitung“, die „Breslauer Zeitung“ enthalten, kritisch zu ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ sprechen, Nichts. Einige Berliner Morgen-Zeitungen vom 3. November enthalten die eine ˙˙ ˙ aus Hietzing, die anderen aus Wien folgende Nachricht: „Die Stadt Wien ist ganz von kaiserlichen Truppen besetzt.“ Die „Kölnische Zeitung“ bringt diese ihr von Breslau als „zuverlässig bezeichnete Nachricht zu“ und bestätigt sie durch eine „telegraphische Depesche“ aus Berlin, die natürlich „an und für sich“ zuverlässig ist. Lassen wir das anonyme Schreiben aus Breslau! Kommen wir zur großgedruckten telegraphischen Depesche der „Kölnischen Zeitung“. Die telegraphische Depesche ging ab von Wien am 1. November 12 Uhr Mittags. Der Brief an Dumont, wenn selbiger auf schriftlichem Wege die Nachricht erhalten, ging ab mit der Berliner Post 3. November Morgens 8 Uhr. ˙ ˙gerüchtweise ˙ Am 3. November Abends war diese Nachricht nur in ganz ˙ ˙ ˙ Berlin verbreitet und die am Abend des 3. November ausgegebenen Blät˙˙ ˙ ter vom 4. November stellen sie in Abrede. ˙ ˙ Nachricht von Wien. Dumont, der Wien seit dem Wir sind also˙ ohne 6. Oktober brennen und wegnehmen läßt, könnte ausnahmsweise an einem Tag im Monate das Factum erwischt haben.

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Karl Marx Sieg der Kontrerevolution zu Wien

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 136, 7. November 1848

* K ö l n, 6. November. Die kroatische Freiheit und Ordnung hat gesiegt ˙ ˙ ˙ ˙ ˙Schändung, Plünderung, mit namenlos-verruchten und mit Mordbrand, Unthaten ihren Sieg gefeiert. Wien ist in den Händen von Windischgrätz, Jellachich und Auersperg. Hekatomben von Menschenopfern werden dem greisen Verräther Latour in sein Grab nachgeschleudert. Alle düsteren Vorhersagungen unseres Wiener Korrespondenten haben sich bestätigt und vielleicht ist er selbst in diesem Augenblicke schon abgeschlachtet. Einen Moment hofften wir Wiens Befreiung durch ungarischen Succurs und noch sind uns die Bewegungen der ungarischen Armee räthselhaft. Verrath jeder Art hat Wiens Fall vorbereitet. Die ganze Geschichte des Reichstags und des Gemeinderaths seit dem 6. Oktober ist nichts als eine ˙ ˙ fortgesetzte Geschichte des Verraths. Wer war repräsentirt im Reichstag und Gemeinderath? Die Bourgeoisie. Ein Theil der Wiener Nationalgarde ergriff gleich im Beginn der Oktoberrevolution offene Partei für die Kamarilla. Und am Schlusse der Oktoberrevolution finden wir einen andern Theil der Nationalgarde, im Kampfe mit dem Proletariat und der akademischen Legion, im geheimen Einverständnisse mit den kaiserlichen Banditen. Wem gehören diese Fraktionen der Nationalgarde an? Der Bourgeoisie. In Frankreich aber trat die Bourgeoisie an die Spitze der Contrerevolution, nachdem sie jede Schranke, die der Herrschaft ihrer eigenen Klasse im Wege stand, niedergeworfen hatte. In Deutschland befindet sie sich gedrückt im Gefolge der absoluten Monarchie und des Feudalismus, ehe sie auch nur die ersten Lebensbedingungen ihrer eignen bürgerlichen

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Freiheit und Herrschaft sichergestellt. In Frankreich trat sie als Despot auf und machte ihre eigne Contrerevolution. In Deutschland tritt sie als Sklavin auf und macht die Contrerevolution ihrer eignen Despoten. In Frankreich siegte sie, um das Volk zu demüthigen. In Deutschland demüthigt sie sich, damit das Volk nicht siege. Die ganze Geschichte zeigt keine schmachvollere Erbärmlichkeit als die der deutschen Bourgeoisie. Wer lief in Schaaren aus Wien fort und überließ der Großmuth des Volkes die Ueberwachung der hinterlassenen Reichthümer, um es für seinen Wachtdienst während der Flucht zu verlästern und bei der Wiederkehr niedermetzeln zu sehn? Die Bourgeoisie. Wessen innersten Geheimnisse spricht der Thermometer aus, der bei jedem Lebensathem des Wiener Volkes fiel, bei jedem Todesröcheln desselben stieg? Wer spricht in der Runensprache der Börsenkurse? Die Bourgeoisie. Die „deutsche Nationalversammlung“ und ihre „Centralgewalt“ haben Wien verrathen. Wen repräsentiren sie? Vor allem die Bourgeoisie. Der Sieg der „kroatischen Ordnung und Freiheit“ zu Wien war bedingt durch den Sieg der „honetten“ Republik zu Paris. Wer siegte in den Junitagen? Die Bourgeoisie. Mit ihrem Siege zu Paris begann die europäische Contrerevolution ihre Orgien zu feiern. In den Februar- und Märztagen scheiterte überall die bewaffnete Macht. Warum? Weil sie nichts als die Regierungen selbst vertrat. Nach den Junitagen hat sie überall gesiegt, weil die Bourgeoisie sich überall im geheimen Einverständnisse mit ihr befindet, während sie andererseits die offizielle Leitung der revolutionären Bewegung in ihrer Hand hat und alle jene halben Maßregeln in’s Werk setzt, deren naturgemäße Frucht der Abortus ist. Der nationale Fanatismus der Czechen war das gewaltigste Werkzeug der Wiener Camarilla. Die Verbündeten sind sich schon in die Haare gefallen. Unsere Leser werden den Protest der Prager Deputation gegen die schnöden Ungezogenheiten, womit sie zu Olmütz begrüßt wurden, in dieser Nummer abgedruckt finden. Es ist dies das erste Symptom des Krieges, der zwischen der slawischen Partei und ihrem Heros Jellachich mit der Partei der einfachen, über alle Nationalität erhabenen Camarilla und ihrem Heros Windisch-Grätz beginnen wird. Seinerseits ist das deutsche Landvolk von Oestreich noch nicht pazificirt. Seine Stimme wird durch die östreichische Völkerkatzenmusik

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gellend durchdringen. Und von einer dritten Seite läßt sich die Stimme des völkerfreundlichen Czaren bis nach Pesth vernehmen; seine Scharfrichter harren des entscheidenden Worts in den Donaufürstenthümern. Endlich müßte der letzte Beschluß der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt, der das deutsche Oestreich in das deutsche Reich inkorporirt, allein zu einem Riesenkonflikte führen, wenn nicht die deutsche Centralgewalt und die deutsche Nationalversammlung ihren Beruf darin erfüllt fänden, auf die Bühne zu treten, um ausgezischt zu werden von dem europäischen Publikum. Trotz ihrer gottergebenen Resignation wird der Kampf in Oestreich sich in Riesendimensionen entfalten, wie die Weltgeschichte sie noch nie gesehen hat. In Wien ist so eben der zweite Akt des Drama’s aufgeführt worden, dessen ersten Akt man zu Paris spielte, unter dem Titel: „Die Junitage“. Zu Paris Mobile, zu Wien „Kroaten“ – in beiden Lazzaroni’s, bewaffnetes und erkauftes Lumpenproletariat gegen das arbeitende und denkende Proletariat. Zu Berlin werden wir bald den dritten Akt erleben. Gesetzt, die Contrerevolution lebte in ganz Europa durch die Waffen, sie würde in ganz Europa sterben durch das Geld. Das Fatum, das den Sieg kassiren würde, wäre der europäische – Bankerutt, der Staatsbankerutt. An den „ökonomischen“ Pointen brechen die Spitzen der Bayonnette wie mürber Zunder. Aber die Entwickelung wartet den Verfalltag jener Wechsel nicht ab, die die europäischen Staaten auf die europäische Gesellschaft gezogen haben. In Paris wird der vernichtende Gegenschlag der Juni-Revolution geschlagen werden. Mit dem Siege der „rothen Republik“ zu Paris, werden die Armeen aus dem Innern der Länder an und über die Gränzen ausgespieen werden und die wirkliche Macht der ringenden Parteien wird sich rein herausstellen. Dann werden wir uns erinnern an den Juni, an den Oktober, und auch wir werden rufen: Va e V i c t i s ! Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni- und Oktobertagen, das langweilige Opferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Contrerevolution selbst wird die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentriren, nur ein Mittel – den revolutionären Terrorismus.

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Karl Marx Die Berliner Krisis

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 138, 9. November 1848

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* K ö l n, 8. November. Die Situation scheint sehr verwickelt; sie ist sehr einfach. Der König, wie die „Neue Preußische Zeitung“ richtig bemerkt, steht „auf der breitesten Grundlage“ seiner „angestammten gottesgnadlichen“ Rechte. Auf der andern Seite steht die Nationalversammlung auf gar keiner Grundlage, sie soll erst konstituiren, Grund legen. Zwei Souveräne! Das Mittelglied zwischen Beiden ist Camphausen, die Vereinbarungstheorie. Sobald die beiden Souveräne sich nicht mehr vereinbaren können oder wollen, verwandlen sie sich in zwei feindliche Souveräne. Der König hat das Recht der Versammlung, die Versammlung hat das Recht, dem Könige den Handschuh hinzuwerfen. Das größere Recht ist auf der Seite der größern Macht. Die Macht erprobt sich im Kampfe. Der Kampf erprobt sich im Siege. Beide Mächte können ihr Recht nur durch den Sieg bewähren, ihr Unrecht nur durch die Niederlage. Der König war bisher kein konstitutioneller König. Er ist ein absoluter König, der sich zum Konstitutionalismus entschließt oder nicht entschließt. Die Versammlung war bisher nicht konstitutionell, sie ist konstituirend. Sie hat bisher den Konstitutionalismus zu konstituiren gesucht. Sie kann von ihrer Sucht ablassen oder nicht ablassen. Beide, der König und die Versammlung haben sich einstweilen der konstitutionellen Ceremonie gefügt. Die Forderung des Königs, ein ihm beliebiges Ministerium Brandenburg trotz der Kammermajorität zu bilden, ist die Forderung eines absoluten Königs.

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Die Anmaßung der Kammer, dem Könige durch eine direkte Deputation die Bildung eines Ministeriums Brandenburg zu untersagen, ist die Anmaßung einer absoluten Kammer. Der König und die Versammlung haben gegen die konstitutionelle Konvention gesündigt. Der König und die Versammlung haben sich, jeder auf sein ursprüngliches Gebiet, zurückgezogen, der König bewußt, die Kammer unbewußt. Der Vortheil ist auf Seiten des Königs. Das Recht ist auf der Seite der Macht. Die Rechtsphrase ist auf der Seite der Ohnmacht. Das Ministerium Rodbertus wäre die Null, worin plus und minus sich paralysiren.

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Extra-Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 139 vom 10. November 1848 Erster Andruck. Originalexemplar von Marx

Extra-Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 139 vom 10. November 1848 Zweiter Andruck. Originalexemplar von Marx

Friedrich Engels Das Exfürstentum

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 140, 11. November 1848

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** A u s d e r R e p u b l i k N e u c h a t e l, 7. November. Es wird Sie interes˙ ˙˙ siren, auch einmal etwas aus einem Ländchen ˙zu˙ hören, das noch bis vor Kurzem sich der Segnungen der preußischen Herrschaft erfreute, aber zuerst von allen Landen, die der Krone Preußens unterthan, die Fahne der Revolution aufpflanzte und die preußische väterliche Regierung verjagte. Ich spreche von dem ehemaligen „Fürstenthum Neuenburg und Valendis“, bei dem Herr Pfuel, der jetzige Ministerpräsident, als Gouverneur die ersten administrativen Studien machte und im Mai dieses Jahres vom Volk abgesetzt wurde, noch ehe er sich in Posen Lorbeeren erringen und in Berlin als Premier Mißtrauensvoten erndten konnte. Das Ländchen hat jetzt den stolzeren Namen Re´publique et Canton de Neuchaˆtel angenommen, und die Zeit wird wohl nicht fern sein, wo in Berlin der letzte Neuchateller Gardeschütze seinen grünen Waffenrock bürstet. Ich muß gestehen, es gewährte mir eine humoristische Genugthuung, fünf Wochen nach meiner Flucht vor der preußischen heiligen Hermandad, wieder ungehudelt auf einem Boden herumspazieren zu dürfen, der de jure noch preußisch ist. Die Republik und Canton Neuchatel befindet sich übrigens offenbar in einem weit behaglicheren Zustande als weiland das Fürstenthum Neuenburg und Valendis; denn bei den neulichen Wahlen für den schweizerischen Nationalrath erhielten die republikanischen Kandidaten über 6000 Stimmen, während die Kandidaten der Royalisten, der Bedouins, wie man sie hier nennt, kaum 900 musterten. Auch im großen Rath sitzen fast lauter Republikaner, und nur ein kleines, von den Aristokraten beherrschtes Gebirgsdorf, Les Ponts, hat den königlich-preußisch-fürstlichneuenburgischen Ex-Staatsrath Calame als seinen Repräsentanten nach Neuchaˆtel geschickt, wo er vor einigen Tagen der Republik den Eid der Treue schwören mußte. Statt des alten königlichen Constitutionnel Neu-

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chaˆtelois erscheint jetzt – in La Chaux-de-fonds, dem größten, industriellsten und republikanischsten Orte des Cantons – ein Re´publicain neuchaˆtelois, der zwar in einem sehr schlechten jurassischen Schweizerfranzösisch, aber sonst gar nicht übel redigirt wird. Die Uhren-Industrie des Jura und die Spitzenmanufaktur des Traversthales, die Hauptlebensquellen des Ländchens, fangen auch an, wieder besser zu gehen und die Montagnards gewinnen allmählig, trotz des fußhohen Schnee’s, der hier bereits liegt, ihre alte Heiterkeit wieder. Inzwischen gehen die Bedouins gar trübselig umher, tragen an Hose, Blouse und Mütze die preußischen Farben umsonst zur Schau und seufzen vergebens nach der Rückkehr Ehren-Pfuels und der Dekrete, die da anfingen: Nous Fre´de´ric-Guillaume par la graˆce de Dieu. Die preußischen Farben, schwarze Mützen mit weißen Rändern, hoch oben im Jura, 3500 Fuß über dem Meeresspiegel, sind ebenso niedergeschlagen, ebenso zweideutig angelächelt, wie bei uns am Rhein; – sähe man nicht die schweizer Fahnen und die großen Plakate: Republique et Canton de Neuchaˆtel, man könnte sich zu Hause glauben. Uebrigens freut es mich, berichten zu können, daß die deutschen Arbeiter bei der Neuchateller, wie bei allen Revolutionen von 1848, eine entscheidende, sehr ehrenvolle Rolle gespielt haben. Dafür wird ihnen auch der Haß der Aristokraten im vollsten Maße zu Theil.

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* K ö l n, 11. November. Das Ministerium Pfuel war ein „Mißverständniß“; ˙ ˙ ˙ ist ˙ ˙ das Ministerium Brandenburg. Das Ministerium sein wirklicher Sinn Pfuel war die Inhaltsanzeige, das Ministerium Brandenburg ist der Inhalt. Brandenburg in der Versammlung und die Versammlung in Brandenburg. So lautet die Grabschrift des Hauses Brandenburg! Kaiser Karl V. wurde bewundert, weil er sich begraben ließ bei lebendigem Leibe. Einen schlechten Witz in seinen Grabstein meißeln, das ist mehr als Kaiser Karl der Fünfte sammt seiner Halsgerichtsordnung, der hochnothpeinlichen. Brandenburg in der Versammlung und die Versammlung in Brandenburg! Es erschien einst ein König von Preußen in der Versammlung. Es war nicht der wirkliche Brandenburg. Der Marquis von Brandenburg, der vorgestern in der Versammlung erschien, war der wirkliche Preußenkönig. Die Wachtstube in der Versammlung, die Versammlung in der Wachtstube! – Das heißt: Brandenburg in der Versammlung, die Versammlung in Brandenburg! Oder wird die Versammlung in Brandenburg ... Berlin liegt bekanntlich in der Provinz Brandenburg – Herr werden ... über den Brandenburg in der Versammlung? Wird Brandenburg in der Versammlung Schutz suchen, wie Capet einst in einer andern Versammlung? B r a n d e n b u r g i n d e r Ve r s a m m l u n g u n d d i e Ve r s a m m l u n g i n B r a n d e n b u r g ist ein vieldeutiges Wort, zweideutig, schicksalsschwanger. Die Völker werden bekanntlich mit den Königen unendlich leichter fertig als mit den gesetzgebenden Versammlungen. Die Geschichte besitzt einen Katalog vergeblicher Empörungen des Volkes gegen die Nationalversammlungen. Sie bietet nur zwei große Ausnahmsfälle. Das englische

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Volk zerstäubte das lange Parlament in der Person Cromwells, das französische Volk den gesetzgebenden Körper in der Person Bonaparte’s. Aber das lange Parlament war lange schon zum Rumpfe geworden, der gesetzgebende Körper längst zum Cadaver. Sind die Könige glücklicher als die Völker in Emeuten gegen die gesetzgebenden Versammlungen? Karl I., Jakob II., Louis XVI., Karl X. sind wenig versprechende Ahnenbilder. Aber in Spanien, in Italien gibt es lachendere Vorfahren. Und jüngst in Wien? Doch man vergesse nicht, daß zu Wien ein Völkerkongreß saß und daß die slavischen Volksrepräsentanten, mit Ausnahme der Polen, mit klingendem Spiele in das kaiserliche Lager zogen. Der Krieg der Wiener Kamarilla mit dem Reichstag war gleichzeitig der Krieg des slavischen Reichstags mit dem deutschen Reichstag. In der Berliner Versammlung dagegen machen nicht die Slaven Scission, sondern nur die Sklaven und Sklaven, Sklaven sind keine Partei, sie sind höchstens der Troß einer Partei. Die ausgetretene Berliner Rechte bringt keine Macht in das feindliche Lager, sie steckt es mit einer tödtlichen Schwäche an, mit dem – Verrath. In Oestreich hat die slavische Partei gesiegt mit der Kamarilla; sie wird jetzt kämpfen mit der Kamarilla um die Siegesbeute. Siegt die Berliner Kamarilla, so hat sie den Sieg nicht zu theilen mit der Rechten und geltend zu machen gegen die Rechte; sie wird ihr ein Trinkgeld geben und – Fußtritte. Die preußische Krone ist in ihrem Rechte, indem sie der Versammlung als absolute Krone gegenübertritt. Aber die Versammlung ist im Unrechte, weil sie der Krone nicht gegenübertritt als absolute Versammlung. Vor allem mußte sie die Minister als Hochverräther verhaften lassen, als Hochverräther gegen die Volkssouveränetät. Sie mußte jeden Beamten, der andern Befehlen als ihren Befehlen gehorcht, in die Acht erklären, für vogelfrei. Indeß wäre es möglich, daß die politische Schwäche, womit die Nationalversammlung zu Berlin auftritt, zu ihrer bürgerlichen Kraft wird in den Provinzen. Die Bourgeoisie hätte so gern auf gütlichem Wege das feudale Königthum in ein bürgerliches Königthum verwandelt. Nachdem sie der feudalen Partei die ihren Bürgerstolz beleidigenden Wappen, Titel und die bürgerliche Aneignungsweise verletzenden, dem Feudaleigenthume angehörigen Gefälle entrissen, hätte sie sich so gerne vermählt mit der Feudalpartei und gemeinsam mit ihr das Volk geknechtet. Aber die alte

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Bureaukratie will nicht zur Dienerin einer Bourgeoisie herabsinken, deren despotische Schulmeisterin sie bisher war. Die feudale Partei will ihre Auszeichnungen und ihre Interessen nicht auf dem Altar des Bürgerthums auflodern lassen. Und die Krone endlich, sie erblickt in den Elementen der alten feudalen Gesellschaft, deren höchster Auswuchs sie ist, ihren wahren einheimischen gesellschaftlichen Boden, während sie in der Bourgeoisie eine fremde künstliche Erde erblickt, von der sie nur getragen wird, unter der Bedingung, zu verkümmern. Die berauschende „Gnade Gottes“ verwandelt die Bourgeoisie in einen ernüchternden Rechtstitel, die Herrschaft des Bluts in die Herrschaft des Papiers, die königliche Sonne in eine bürgerliche Austral-Lampe. Das Königthum ließ sich daher nicht beschwatzen von der Bourgeoisie. Es antwortete ihrer halben Revolution mit einer ganzen Contrerevolution. Es stürzte die Bourgeoisie zurück in die Arme der Revolution, des Volkes, indem es ihr zurief: Brandenburg in der Versammlung und die Versammlung in Brandenburg. Wenn wir gestehen, daß wir von dem Bürgerthum keine der Situation angemessene Antwort erwarten, so dürfen wir nicht unterlassen, andererseits zu bemerken, daß auch die Krone in ihrem Aufstande gegen die Nationalversammlung zu heuchlerischer Halbheit ihre Zuflucht nimmt und ihr Haupt unter den konstitutionellen Schein versteckt, in demselben Augenblicke, wo sie diesen lästigen Schein abzustreifen sucht. Brandenburg läßt sich von der deutschen Centralgewalt zu seinem Staatsstreiche den Befehl ertheilen. Die Garderegimenter sind in Berlin eingezogen auf Befehl der Centralgewalt. Die Berliner Contrerevolution geschieht auf Befehl der deutschen Centralgewalt. Brandenburg ertheilt Frankfurt den Befehl, ihm diesen Befehl zu ertheilen. Es verläugnet seine Souverainität in dem Augenblicke, wo es sie herstellen will. Hr. Bassermann ergriff natürlich mit beiden Händen die Gelegenheit, den Bedienten als Herrn zu spielen. Aber er hat die Genugthuung, daß der Herr seinerseits den Bedienten spielt. Wie auch die Würfel in Berlin fallen: das Dilemma ist gestellt, König oder Volk – und das Volk wird siegen mit dem Rufe: Brandenburg in der Versammlung und die Versammlung in Brandenburg. Wir können noch eine harte Schule durchmachen, aber es ist die Vorschule der – g a n z e n R e v o l u t i o n .

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 141, 12. November 1848. Zweite Ausgabe

* K ö l n, 11. November. Die europäische Revolution beschreibt einen Kreislauf. In Italien begann sie, in Paris nahm sie einen europäischen Charakter an, in Wien war der erste Widerschlag der Februarrevolution, in Berlin der Widerschlag der Wiener Revolution. In Italien, zu Neapel, führte die europäische Contre-Revolution ihren ersten Schlag, in Paris – die Junitage – nahm sie einen europäischen Charakter an, in Wien war der erste Widerschlag der Juni-Contre-Revolution, in Berlin vollendet sie sich und kompromittirt sie sich. Von Paris aus wird der gallische Hahn noch einmal Europa wach krähen. Aber zu Berlin kompromittirt sich die Contre-Revolution. In Berlin kompromittirt sich alles, selbst die Contre-Revolution. Zu Neapel das Lazzaronithum verbunden mit dem Königthum gegen die Bourgeoisie. Zu Paris der größte historische Kampf, der je stattgefunden. Die Bourgeoisie, verbunden mit dem Lazzaronithum, gegen die Arbeiterklasse. Zu Wien ein ganzer Bienenschwarm von Nationalitäten, der in der Contre-Revolution seine Emancipation vermuthet. Dazu geheime Tücke der Bourgeoisie gegen die Arbeiter und akademische Legion. Kampf in der Bürgerwehr selbst. Endlich – Attaque von Seiten des Volkes, die der Attaque von Seiten des Hofes einen Vorwand giebt. In Berlin nichts von alledem. Die Bourgeoisie und das Volk auf der einen Seite – die Unteroffiziere auf der andern. Wrangel und Brandenburg, zwei Menschen ohne Kopf, ohne Herz, ohne Tendenz, reiner Schnurrbart – das ist der Gegensatz dieser quängelnden, klugthuenden, entschlußunfähigen National-Versammlung. Willen! sei es auch der Wille eines Esels, eines Ochsen, eines Schnurrbarts – Willen ist das einzige Requisit den willenlosen Quänglern von der Märzrevolution gegenüber. Und der preußische Hof, der keinen Willen hat, so wenig wie die National-Versammlung, sucht die zwei dümmsten Menschen in der Monarchie auf, und sagt diesen Löwen: Vertretet den Willen. Pfuel hatte noch einige Gran Gehirn. Aber vor der absoluten Dummheit schrecken die Raisonneurs der Märzerrungenschaften zurück. „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergeblich“, ruft die betroffene National-Versammlung aus. Und diese Wrangels, diese Brandenburgs, diese vernagelten Hirnschädel, die wollen können, weil sie keinen eigenen Willen haben, weil sie wollen, wie ihnen befohlen wird, die zu dumm sind, an Befehlen irre zu werden, die man ihnen mit bebender Stimme, mit zitternder Lippe giebt,

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auch sie kompromittiren sich, indem sie nicht zum Schädeleinstoßen kommen, das einzige Geschäft, dem diese Mauerbrecher gewachsen sind. Wrangel bringt es nicht weiter, als zu gestehen, daß er nur eine Nationalversammlung kennt, die Ordre parirt! Brandenburg erhält Unterricht im parlamentarischen Anstande und, nachdem er mit seinem rohen, widerlichen Unteroffiziersdialekt die Kammer empört hat, läßt er den „Tyrann übertyrannisiren“ und parirt Ordre der Nationalversammlung, indem er demüthigst um das Wort bittet, das er so eben noch nehmen wollte. „Wär’ ich doch lieber eine Laus in Schaafswolle, Als solch’ tapfre Dummheit!“ Die ruhige Haltung von Berlin ergötzt uns; an ihr scheitern die Ideale des preußischen Unteroffiziersthums. Aber die Nationalversammlung? Warum spricht sie nicht die mise hors de loi aus, warum erklärt sie die Wrangels nicht für vogelfrei, warum tritt kein Deputirter mitten unter Wrangels Bajonette und erklärt ihn in die Acht und haranguirt die Soldateska? Die Berliner Nationalversammlung blättere den Moniteur nach, den Moniteur von 1789–1795. Und was thun wir in diesen Augenblicken? W i r v e r w e i g e r n d i e S t e u e r n . Ein Wrangel, ein Brandenburg begreift, – denn diese Wesen lernen arabisch von den Hyghlans – daß sie einen Degen tragen und eine Uniform und Gehalt beziehen. Woher aber der Degen und die Uniform und das Gehalt, das begreifen sie nicht. Es giebt nur noch ein Mittel, das Königthum zu besiegen, – nämlich bis zur Epoche der Anti-Junirevolution zu Paris, die im Dezember stattfinden wird. Das Königthum trotzt nicht nur dem Völker-, es trotzt dem Bürgerthum. Besiegt es also auf bürgerliche Weise. Und wie besiegt man das Königthum in bürgerlicher Weise? Indem man es aushungert. Und wie hungert man es aus? Indem man die Steuern verweigert. Bedenkt es wohl! Alle Prinzen von Preußen, alle Brandenburgs und Wrangels produziren kein – Kommißbrod. Ihr, ihr produzirt selbst das Kommißbrod.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 142, 14. November 1848

* K ö l n, 13. November. Wie einst die französische Nationalversamm˙ ˙ ˙ ˙˙ lung ihr offizielles Sitzungslokal verschlossen fand und in dem Ballspielhause ihre Sitzungen fortführen mußte, so die preußische Nationalversammlung im Schützenhause. Der im Schützenhause gefaßte und von uns nach unserm Berliner Ë-Korrespondenten im heute Morgen ausgegebenen Extrablatte mitgetheilte Beschluß, wonach Brandenburg zum Hochverräther erklärt ist, findet sich nicht im Berichte der „Kölnischen Zeitung“. Indessen geht uns so eben der Brief eines M i t g l i e d e s d e r N a t i o n a l v e r s a m m l u n g zu, worin es wörtlich heißt: Die Nationalversammlung hat einstimmig (242 Mitglieder) erklärt, daß Brandenburg sich durch diese Maßregel (die Auflösung der Bürgerwehr) des Hochverraths schuldig gemacht habe, und ein jeder, welcher zu der Ausführung dieser Maßregel aktiv oder passiv mitwirkt, als Hochverräther zu betrachten sei. Die Glaubwürdigkeit Dumont ist bekannt. Indem die Nationalversammlung Brandenburg zum Hochverräther erklärt, hört die S t e u e r v e r p f l i c h t u n g v o n s e l b s t auf. Einer hochverrätherischen Regierung schuldet man keine Steuern. Wir werden unsern Lesern morgen ausführlich mittheilen, w i e m a n e s i n d e m ä l t e s t e n k o n s t i t u t i o n e l l e n L a n d e , i n E n g l a n d, bei ähnlichen Collisionen, mit der S t e u e r v e r w e i g e r u n g hält. Uebrigens hat die hochverrätherische Regierung selbst dem Volke den richtigen Weg gezeigt, i n d e m s i e sofort der Nationalversammlung die Steuern verweigerte (die Diäten u. s. w.) und sie a u s z u h u n g e r n sucht. Der oben erwähnte Deputirte schreibt uns ferner: „ D i e B ü r g e r w e h r w i r d i h r e Wa f f e n n i c h t a b g e b e n . “ Der Kampf scheint also unvermeidlich und es ist die P f l i c h t d e r R h e i n p r o v i n z m i t M ä n n e r n u n d Wa f f e n d e r B e r l i n e r N a t i o nalversammlung zu Hülfe zu eilen.

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Karl Marx Extra-Blatt zu Nr. 141 der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 141, 12. November 1848. Extra-Blatt

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zu Nr. 141 der Neuen Rheinischen Zeitung. Sonntag, den 12. November. 10. Uhr Abends. 5

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( * ) B e r l i n , 1 1 . Nov. Abends 1/4 vor 8 Uhr. Gegen 6 Uhr wurde bekannt, daß an Rimpler der Befehl ergangen sei, bis Morgen 4 Uhr alle Waffen der Bürgerwehr abzuliefern. Die Versammlung beschloß indessen: 1) daß General Brandenburg ein H o c h v e r r ä t h e r sei; 2) daß die Bürgerwehr ihre Waffen nicht abzugeben und im Nothfall G e w a l t m i t G e w a l t zu vertreiben habe; 3) daß jeder Offizier, der gegen die Bürger zu feuern befehle, des L a n d e s v e r r a t h e s angeklagt werde. – Außerdem wurde eine Commission zur Berathung der S t e u e r v e r w e i g e r u n g ernannt. Die Versammlung hatte schon in ihrer Morgensitzung eine Kommission ernannt, um die Steuerverweigerung zu berathen. Als die Nationalversammlung vor dem Schauspielhause erschien, fand sie den Eingang versperrt. Im Innern desselben bivouakirte eine Compagnie Soldaten, deren Hauptmann Herrn v. Unruh den Eintritt weigerte. Die Nationalversammlung begab sich von da nach der Aula, wo ihr ebenfalls der Eintritt verwehrt wurde. Sie tagte dann im Hotel de Russie. 11. November Abends. Die Nationalversammlung verlegte ihre Nachmittags-Sitzung in’s Schützenhaus in der Lindenstraße. Am Montage wird sie das Kölnische Rathhaus beziehen. Wie ich höre, hat die Börse Credit angeboten, und die Stadtverordneten wollen Garantie für die Diäten leisten. Mehrere Deputationen [von Spandau, Magdeburg, Pommern] sind angekommen, um das Recht der Versammlung anzuerkennen.

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Während des Verlaufs des Tages ist eine „Proklamation“ des Königs erschienen, kontrasignirt von den Ministern. Diese Proklamation, die an ähnliche Proklamationen Don Miguels erinnert, sucht die Vertagung der Nationalversammlung zu rechtfertigen. Eine zweite königl. Verfügung löst die Bürgerwehr auf und eine dritte ernennt Rintelen, Chefpräsident des Oberlandesgerichts zu Naumburg, zum Justizminister. D a s k ö n i g l i c h e O b e r - Tr i b u n a l , n a c h d e m H e r r B o r n e mann demselben die Frage vorgelegt: ob der Krone das Recht zustehe, die hier Namens des ganzen Landes versamm e l t e N a t i o n a l - Ve r s a m m l u n g z u v e r t a g e n , z u v e r l e g e n oder zu schließen, hat einstimmig mit „Nein!“ geantwortet. In Berlin circulirte das Gerücht, zu Breslau sei das Militär aus der Stadt geschlagen und das Hotel Brandenburg’s zerstört worden. Wir schenken diesem Gerüchte keinen Glauben, da ein uns so eben zugekommener Breslauer Brief, de dato 11. November Nachts 1 Uhr ˙ ˙dieses ˙˙ nichts davon enthält. Der Hauptinhalt Briefes ist folgender: Der Centralausschuß der Bürgerwehr in seiner Sitzung vom 10. Nov. beschließt, den Magistrat (und die Stadtverordneten) zu veranlassen, daß er allgemeine Bewaffnung aller waffenfähigen Männer sofort bewirke und erkläre, die National-Versammlung unter allen Umständen anzuerkennen und zu beschützen und nur in ihr den Sitz der Regierung zu erblicken. Einer an ihn abgesandten Deputation erklärte der Oberpräsident, er werde den Rechtsboden nicht verlassen, werde aber nie etwas gegen die National-Versammlung unternehmen, noch einem solchen Unternehmen die Hand bieten. Er werde sein Amt niederlegen sobald man etwas Rechtwidriges von ihm verlange. Die Nothwendigkeit der Vertagung der Nationalversammlung erkenne er nicht an. Diesen Erklärungen trat der anwesende Polizeipräsident bei. Ein Recht zur Auflösung der Kammer gestehe er nicht zu und werde sofort sein Amt niederlegen, wenn etwas der Art geschehe. Der Centralausschuß der Breslauer Bürgerwehr erklärt sich für parmanent. Indem die National-Versammlung den Premier-Minister Brandenburg zum Hochverräther erklärt hat, hört die Steuerverpflicht u n g v o n s e l b s t a u f , da man seine hochverrätherische Administration nicht mit Steuern unterstützen darf. – D i e S t e u e r e i n z a h l u n g i s t a l s o jetzt Hochverrath, die Steuerverweigerung erste Pflicht des Bürgers.

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Karl Marx Erscheinungsbefehl für Karl Marx

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 142, 14. November 1848

* K ö l n, 13. November. Der „Redakteur en chef“ der „Neuen Rheinischen Zeitung“ hat so eben einen neuen Erscheinungsbefehl von dem hiesigen Instruktionsgericht für den 14. November erhalten.

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Karl Marx Cavaignac und die Junirevolution

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 142, 14. November 1848. Zweite Ausgabe

* F. Girardin ist erbärmlich in seiner Apologie des imperialistischen Cretin, Louis Napole´ons, des „kleinen Konstablers“; er ist liebenswürdig in seinem Angriffe auf Cavaignac, den Degen des Herrn Marrast. Seit dem 7. November bringt er in fortlaufenden Nummern eine Philippica gegen den Heros der europäischen Bourgeoisie, die sich in seine arabische Nachtmütze verliebt hatte. Treulos, wie sie ist, hat sie ihn dem Sipehsalar Jellachich geopfert, der jetzt der Lion des europäischen Schachers ist. Wir theilen unsern Lesern vollständig den acte d’accusation der „Presse“ mit. Wir haben die Junirevolution, im Widerspruch mit allen europäischen Blättern großen und kleinen Formats, aufgefaßt, wie die Geschichte sie bestätigt hat. Wir halten darauf, von Zeit zu Zeit auf ihre Hauptmomente und Hauptschauspieler zurückzukommen, da die Junirevolution das Centrum ist, worum sich die europäische Revolution und Contrerevolution dreht. Die Entfernung von der Junirevolution war, wie wir während ihres Verlaufs aussprachen, die Sonnenhöhe der Contrerevolution, die ihre Tour um Europa machen mußte. Die Rückkehr auf die Junirevolution ist der eigentliche Beginn der europäischen Revolution. Also auf Cavaignac zurück, auf den Erfinder des Belagerungszustandes.

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Karl Marx / Karl Schneider Aufruf des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten vom 14. November 1848

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* K ö l n, 14. November. Der Rheinische Kreisausschuß der Demokraten fordert alle demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, sofort die Vereine zusammenzuberufen und an allen Orten der Nachbarschaft Volksversammlungen zu veranlassen, um die gesammte Bevölkerung der Rheinprovinz zur Steuerverweigerung aufzumuntern, als dem zweckmäßigsten Mittel, den an der Versammlung der Preußischen Volksvertreter verübten Gewalthandlungen des Gouvernements entgegenzutreten. Jede gewaltsame Widersetzlichkeit gegen allenfallsige exekutive Beitreibung der Steuern muß abgerathen, dagegen das Nichtbieten bei Zwangsverkäufen empfohlen werden. Zur Verabredung weiter zu ergreifender Maßregeln erachtet der Kreisausschuß die Einberufung eines Kongresses von Deputirten der Vereine für nothwendig, zu welchem dieselben auf Donnerstag den 23. des Morgens 9 Uhr (im Saale bei Eiser in der Komödienstraße hierselbst)˙ ˙ eingeladen werden. Köln, den 14. November 1848. Im Namen des Kreisausschusses: Karl Marx. Schneider II.

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Karl Marx K. Marx

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 143, 15. November 1848

* K ö l n, 14. November. Auf die Nachricht hin, daß der Redakteur en chef der „N. Rh. Z.“, K a r l M a r x, für heute Morgen einen Erscheinungsbefehl von dem Instruktionsgerichte erhalten, hatte sich eine ansehnliche Volksmasse im Appelhofe eingefunden, um ihre Theilnahme zu bekunden und das Resultat abzuwarten. K. Marx wurde bei seinem Wiedererscheinen mit lauten Beifallsbezeugungen begrüßt und nach dem Eiser’schen Saale begleitet, wo er einige Worte des Dankes für die Volkstheilnahme aussprach und erklärte, daß er nur zum Schlußverhör in der Hecker’schen Angelegenheit vernommen worden sei. Der ehemalige Staatsprokurator, jetzige Oberprokurator Herr Hecker glaube nämlich durch ein in der „N. Rh. Z.“ abgedrucktes und „Hecker“ unterzeichnetes Aktenstück von K. Marx als Republikaner denuncirt worden zu sein.

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** B e r n, 9. November. Seit vorgestern sind nun die neuen gesetzgeben˙ ˙ ˙der ˙ ˙ schweizerische Nationalrath und der Ständerath den Bundesstaaten, hier versammelt. Die Stadt Bern hat ihr Möglichstes gethan, um sie so glänzend und so bestechend wie möglich zu empfangen. Musik, Festzüge, Kanonendonner und Glockengeläute, Illumination, nichts fehlte. Die Sitzungen wurden gleich vorgestern eröffnet. Der Nationalrath, nach allgemeinem Stimmrecht und nach der Volkszahl gewählt (Bern hat zwanzig, Zürich zwölf, die kleinsten Kantone je zwei bis drei Abgeordnete geschickt) ist seiner überwiegenden Mehrzahl nach aus radikal-gefärbten Liberalen zusammengesetzt. Die entschieden radikale Partei ist sehr stark vertreten, die konservative hat nur sechs bis sieben Stimmen auf mehr als hundert. Der Ständerath aus je zwei Abgeordneten für jeden ganzen, und je einem für jeden halben Kanton bestehend, gleicht so ziemlich der letzten Tagsatzung in Zusammensetzung und Charakter. Die Urkantönli haben wieder einige ächte Sonderbündler hineingeschickt, und in Folge der indirekten Wahl ist bei den Ständen das reaktionäre Element, wenn auch in entschiedener Minorität, doch bereits stärker vertreten, als im Nationalrath. Der Ständerath ist überhaupt die durch Abschaffung der bindenden Mandate und der Ungültigkeit der halben Stimmen verjüngte und durch Creirung des Nationalraths in den Hintergrund gedrängte Tagsatzung. Er spielt die undankbare Rolle des Senats oder der Pairskammer, des Hemmschuh’s an der vorausgesetzten überfliegenden Neuerungslust des Nationalraths, des Erben der reifen Weisheit und sorgfältigen Ueberlegung der Väter. Diese würdige und gesetzte Behörde theilt bereits jetzt das Schicksal ihrer Schwestern in England und Amerika und weiland in Frankreich; sie wird, noch eh’ sie ein Lebenszeichen von sich gegeben, von der Presse über die Achseln angeseh’n und über dem Nationalrath vergessen. Kein Mensch spricht fast von ihr, und wenn sie von sich sprechen machen wird, so wird’s um so schlimmer für sie sein.

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Der Nationalrath, obwohl er die ganze schweizerische „Nation“ repräsentiren soll, hat gleich in der ersten Sitzung eine Probe, zwar nicht grade von Kantönligeist, aber doch von ächt schweizerischer Uneinigkeit und Kleinigkeitsträumerei gegeben. Um einen Präsidenten zu wählen, mußte man dreimal abstimmen lassen, obwohl nur drei Kandidaten, und alle drei noch dazu Berner, ernsthaft in Betracht kamen. Es waren die Herren Ochsenbein, Funk und Neuhaus; die ersten beiden Repräsentanten der Berner alt-radikalen, der dritte Vertreter der alt-liberalen, halbkonservativen Partei. Endlich wurde Herr Ochsenbein mit 50 aus 93 Stimmen, also einer gar knappen Majorität, erwählt. Daß die Züricher und andern Moderados dem Hrn. Ochsenbein den weisen und vielerfahrenen Neuhaus entgegensetzten, begreift sich; daß aber Hr. Funk, der ganz zu derselben Schattirung gehört wie Ochsenbein, mit ihm in Konkurrenz gebracht und in zwei Abstimmungen gehalten wurde, das beweist, wie wenig noch die Parteien sich geordnet und disziplinirt haben. Jedenfalls haben die Radikalen beim ersten Turnier der Parteien durch Ochsenbein’s Wahl den Sieg davongetragen. – Bei der darauf vorgenommenen Wahl des Vicepräsidenten kam erst beim fünften Mal eine absolute Majorität heraus! Der gesetzte und erfahrne Ständerath dagegen wählte gleich in der ersten Abstimmung fast einstimmig den Zürcher Moderado Furrer zu seinem Präsidenten. Diese beiden Wahlen bezeichnen schon hinreichend, wie verschieden der Geist der beiden Kammern ist und wie bald sie auseinandergehn und in Konflikte gerathen werden. Der nächste interessante Gegenstand der Debatte wird die Wahl der Bundesstadt sein. Interessant, für die Schweizer weil sehr viele von ihnen materiell dabei interessirt sind, für das Ausland, weil grade diese Debatte am klarsten zeigen wird, in wie weit der alte Lokalpatriotismus, die Kantönli-Bornirtheit, verschlissen ist. Bern, Zürich, Luzern konkurriren am heftigsten. Bern möchte Zürich mit der Bundes-Universität, und Luzern mit dem Bundesgerichtshof abfinden, aber umsonst. Bern ist jedenfalls die einzig geeignete Stadt, als Uebergangspunkt der deutschen in die französische Schweiz, als Hauptstadt des größten Kantons, als entstehender Centralpunkt für die ganze Schweizer Bewegung. Nun muß Bern, um etwas zu werden, auch die Universität und das Bundesgericht haben. Aber das bringe Einer den für ihre Kantonsstadt fanatisirten Schweizern bei! Es ist sehr möglich, daß der radikalere Nationalrath für das radikale Bern, der gesetzte Ständerath für das gesetzte, hoch- und wohlweise Zürich stimmt. Dann ist vollend’s guter Rath theuer. In Genf sieht es seit drei Wochen sehr unruhig aus. Bei den Wahlen für den Nationalrath setzten die reaktionären Patrizier und Bourgeois, die von ihren Villen aus die Dörfer um Genf in fast feudaler Abhängigkeit

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halten, mit ihren Bauern alle drei Kandidaten durch. Aber das Bureau kassirte die Wahlen, weil mehr Stimmzettel eingegangen als ausgetheilt waren. Nur diese Kassation beruhigte die revolutionären Arbeiter von Saint-Gervais, die schon haufenweise durch die Straßen zogen und riefen: aux armes! Die Haltung der Arbeiter während der nächsten acht Tage war so drohend, daß die Bourgeois vorzogen, lieber gar nicht zu stimmen, als eine Revolution mit obligaten, bereits angedrohten Schreckensscenen zu provoziren. Um so mehr, als die Regierung drohte ihre Entlassung einzureichen, wenn die reaktionären Kandidaten nochmals durchgingen. Inzwischen änderten die Radikalen ihre Kandidatenliste, setzten weniger schroffe Namen darauf, holten die versäumte Agitation nach, und erreichten bei der neuen Wahl 5000–5500, fast tausend Stimmen mehr als die Reaktionäre bei der vorigen gehabt. Die drei reaktionären Kandidaten erhielten fast gar keine Stimmen, am meisten hatte noch General Dufour, der es auf 1500 brachte. Acht Tage später waren die Wahlen für den großen Rath. Die Stadt wählte 44 Radikale, das Land, das 46 Großräthe zu wählen hat, fast lauter Reaktionäre. Die Revue de Geneve streitet sich noch mit den Bourgeoisblättern herum, ob diese 46 alle reaktionär sind oder ob ein halbes Dutzend für die radikale Regierung stimmen werden. Es wird sich bald zeigen. Die Verwirrung in Genf kann groß werden; denn wenn die Regierung, die hier direkt vom Volk gewählt wird, abtreten muß, so könnte es bei der Neuwahl leicht gehen, wie bei der zweiten Nationalrathswahl, und einer reaktionären Großraths-Majorität eine radikale Regierung gegenübergestellt werden. Es ist übrigens gewiß, daß die Genfer Arbeiter nur auf eine Gelegenheit warten, um durch eine neue Revolution die bedrohten Eroberungen von 1847 sicher zu stellen. Alles in Allem genommen hat die Schweiz gegen die ersten 40ger Jahre bedeutende Fortschritte gemacht. Bei keiner Klasse ist dieser Fortschritt aber so auffallend, wie bei den Arbeitern. Während bei der Bourgeoisie und namentlich in den altpatrizischen Familien der alte lokalbornirte Zopfgeist noch ziemlich allgemein herrscht und höchstens modernere Formen angenommen hat, haben sich die Schweizer Arbeiter merkwürdig entwickelt. Früher hielten sie sich getrennt von den Deutschen und stolzirten im absurdesten „freien Schweizer“ Nationalhochmuth einher, raisonnirten über die „fremden Chaibe“, und blieben bei der ganzen Zeitbewegung theilnahmlos. Jetzt ist das anders geworden. Seitdem die Arbeit schlechter geht, seitdem die Schweiz demokratisirt ist; namentlich aber seitdem an die Stelle der kleinen Putsche europäische Revolutionen und Schlachten wie die Pariser Juni- und Wiener Oktoberschlacht getreten sind, seitdem haben die Schweizer Arbeiter mehr und mehr an der

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politischen und sozialistischen Bewegung Theil genommen, haben sich mit den fremden Arbeitern, besonders den deutschen, verbrüdert und ihr „fryes Schwyzerthum“ an den Nagel gehängt. In der französischen und in vielen Gegenden der deutschen Schweiz sind Deutsche und deutsche Schweizer ohne allen Unterschied in demselben Arbeiterverein zusammen, und Vereine, deren Mehrzahl aus Schweizern besteht, haben beschlossen, sich an die projektirte und theilweise ausgeführte Organisation der deutschen demokratischen Vereine anzuschließen. Während die radikalsten Radikalen der offiziellen Schweiz höchstens von der Einen und untheilbaren helvetischen Republik träumen, hört man nicht selten von Schweizer Arbeitern die Ansicht aussprechen, daß die ganze Selbstständigkeit der kleinen Schweiz in dem europäischen Sturm, der sich vorbereitet, wohl bald zum Teufel gehen werde. Und das sagen sie ganz kaltblütig und gleichgültig, ohne ein Wort des Bedauerns, diese proletarischen Landesverräther! Die Theilnahme für die Wiener war groß bei allen Schweizern, die ich gesehen, aber bei den Arbeitern stieg sie zum wahren Fanatismus. Von Nationalrath, Ständerath, von dem Freiburger Pfaffenputsch hörte man kein Wort; aber Wien, Wien war im Munde Aller vom Morgen bis zum Abend. Es war als ob die Schweizer wieder, wie vor Tells Zeit, Wien zu ihrer Hauptstadt hätten, als ob sie wieder östreichisch seien. Hunderte von Gerüchten wurden verbreitet, diskutirt, bezweifelt, geglaubt, wieder umgestoßen, alle möglichen Fälle wurden durchgesprochen; und als endlich die Nachricht vom Unterliegen der heroischen Wiener Arbeiter und Studenten von der Uebermacht und der Barbarei Windischgrätzs sich definitiv bestätigte, da machte sie einen Eindruck auf diese Schweizer Arbeiter, als ob in Wien ihr eigen Loos entschieden, die Sache ihres eigenen Landes erlegen sei. Diese Stimmung ist freilich noch nicht allgemein, aber sie greift täglich mehr um sich unter dem Schweizer Proletariat, und daß sie schon an vielen Orten besteht, das ist für ein Land wie die Schweiz ein ungeheurer Fortschritt.

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Karl Marx Extra-Blatt zu Nr. 143 der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 143, 15. November 1848. Extra-Blatt

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zu Nr. 143 der Neuen Rheinischen Zeitung. Mittwoch, den 15. November.

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Das Ministerium ist in Anklagezustand versetzt. Die Stadt Brandenburg will nichts wissen von dem Ministerium Brandenburg und schickt eine Dank-Adresse an die Nationalversammlung. Das ganze Land erkennt in seinen Adressen nur die Regierung der Nationalversammlung an. Das Ministerium begeht neuen Hochverrath, indem es im Gegensatze zu dem Habeas-Corpus-Act ohne Genehmigung der Nationalversammlung den Belagerungszustand ausgesprochen und die Nationalversammlung selbst mit Bajonnetten aus dem Schützenhause vertrieben hat. Die Nationalversammlung hat ihren Sitz im Volke, nicht in dem Umkreis dieser oder jener Steinhaufen. Vertreibt man sie aus Berlin, so wird sie in einem andern Orte tagen, in Breslau, Köln oder wo es ihr gutdünkt. Sie hat in ihrer Sitzung vom 1 3 . diesen Beschluß gefaßt. Die Berliner moquiren sich über den Belagerungszustand und lassen sich in keiner Weise durch denselben einschränken. Niemand liefert die Waffen ab. Von verschiedenen Gegenden sind Bewaffnete der National-Versammlung zur Hülfe geeilt. Die Garden verweigern den Gehorsam. Die Soldaten fraternisiren immer mehr mit dem Volke.

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Schlesien und Thüringen sind in vollem Aufstande. Wir aber, Bürger, rufen euch zu: Schickt Geld dem demokratischen Centralausschusse nach Berlin. Zahlt dagegen keine Steuern an die contrerevolutionäre Regierung. Die National-Versammlung hat erklärt, daß die Steuerverweigerung rechtlich begründet sei. Sie hat sie noch nicht beschlossen aus Rücksicht für die Beamten. Die H u n g e r k u r wird diese Beamte die Macht des Bürgers kennen lehren, und sie selbst zu guten Bürgern machen. Hungert den Feind aus und verweigert die Steuern! Nichts thörichter als einer hochverrätherischen Regierung Mittel zum Kampfe gegen die Nation zu bieten und das Mittel aller Mittel ist – G e l d.

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D a s Va t e r l a n d i n G e f a h r . Heute Mittwoch den 15. November Mittags halb 1 Uhr. Ve r s a m m l u n g der Landwehrmänner und Reservisten aller Waffengattungen einschließlich deren Offiziere im Eiser’schen Saale.

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Karl Marx Die „Kölnische Zeitung“ und die „Rheinische Volkshalle“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 144, 16. November 1848

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K ö l n, 15. November. In einem Augenblick, wo ganz Deutschland mit ˙ ˙ ˙˙ dem Schrei der ˙Entrüstung emporfährt, daß der bluttriefende Diener des östreichischen Idioten, daß ein Windischgrätz es wagen konnte, den Frankfurter Deputirten, Robert Blum, wie einen Hund todtschießen zu lassen – in einem solchen Augenblicke ist es an der Zeit, auf zwei deutsche Blätter zurückzukommen, von denen das Eine mit seltener Perfidie die letzten Lebenstage des Geschiedenen zu schänden suchte und das andre ihn bis ins Grab mit seinem faden Cretinismus verfolgt. Wir sprechen von der „Köln. Ztg.“ und der „Rhein. Volkshalle“. Wir vermieden es bisher, die Rhein. Narhalla, genannt Volkshalle zu erwähnen. Ein Angriff auf dies quartanerhafte Stümperblatt war unter unsrer Würde. In Nro. 262 berichtete die Kölnische Zeitung: „Am 22. d. (Oktober) haben sich die begeisterten Führer der demokratischen Partei (folgen verschiedene Namen) aus Wien entfernt; desgleichen Fröbel und Robert Blum.“ Die „Kölnische“ machte diese Mittheilung ohne weitern Zusatz, setzte aber diese Denunziation gegen Blum in Garmondschrift, um sie dem Gedächtniß ihrer Leser desto leichter einzuprägen. Die „Kölnische Zeitung“ vervollkommnete sich in ihren spätern Nummern. Sie scheute sich nicht, selbst Artikel des schwarz-gelbsten Blattes der Kamarilla, Mittheilungen des Organs der Erzherzogin Sophie, die Nachrichten der infamsten aller östreichischen Zeitungen, der Wiener „Presse“ in ihre Spalten aufzunehmen, um dadurch einen Mann herabzuwürdigen, dessen einziger, von uns oft gerügter Fehler der war, daß er nicht noch energischer und rücksichtsloser, mit einem Worte nicht terroristischer auftrat. Die Mittheilungen der Wiener „Presse“, welche die Kölnische Zeitung so bereitwillig aufnahm, lauteten wie folgt:

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„Robert Blum hat in Wien keine Lorbern geärntet, und die wiener Presse ist sogar sehr entrüstet gegen ihn. Er sprach nämlich auf der Aula von den inneren Feinden der Zaghaftigkeit, des Mangels an Muth und Ausdauer; „sollte es aber außer diesem inneren Feinde auch andere geben – er hoffe, es gebe deren nicht – oder sollten noch Leute in der Stadt existiren, die den Sieg des Militärs lieber wollten, als den Sieg der Freiheit, so müsse sich der Vernichtungskampf gegen die Scharen vor der Stadt mit schroffer Waffe auch gegen sie kehren.“ Hat Hr. Robert Blum diese Worte wirklich gesprochen, sagt z B. die „Presse“, dann stehen wir keinen Augenblick an, unsere Entrüstung auszudrücken. Wir wollen die Freiheit, die volle unverkürzte Freiheit des Volkes. Im Interesse dieser Freiheit aber müssen wir eine solche Sprache, wie sie Herr Robert Blum führt, mit Abscheu zurückweisen; die Gutgesinnten aller Parteien ohne Ausnahme müssen darin übereinkommen, daß Humanität und Gesittung von der Freiheit unzertrennlich sind. Nicht die Bombe, durch welche der äußere Feind den Brand in die Stadt wirft, ist das Schrecklichste, was uns bedroht; der innere Feind, der die Fackel der Zwietracht, der Verdächtigung und des politischen Hasses im Momente der Krisis in die Gemüther wirft, ist mehr zu fürchten. In Hrn. Blum’s Rede liegt der Wahnsinn eines Septembristen, die Perfidie der politischen Denunciation. Hat Hr. Robert Blum Muth und Lust, den Danton zu spielen, dann bedenke er, daß dieser die Gefahr der blutigen Gewaltherrschaft theilte, die er herbeigeführt. Hr. Blum ist in Wiens Mauern als Fremder, als Mitglied des deutschen Parlaments unverletzlich – er hat die Mittel zu Händen, dem Sturme, den er heraufbeschwören will, jeden Augenblick zu entweichen. Darum ist sein Verrath an der heiligen Sache der Gesittung ein doppelt strafbarer. Wer hat Hrn. Robert Blum das Mandat gegeben, das Volk Wiens zum Wahnsinne des Terrorismus aufzustacheln, damit den Blättern der Geschichte, auf welchen die Ereignisse der letzten Tage verzeichnet stehen, Flecken von Blut und Schmach aufgedrückt werden? Hat Hr. Robert Blum diese Worte gesprochen, dann hat er – wir sagen es unumwunden – sich entehrt.“ So weit die Kölnische Zeitung. Doch Robert Blum, der Fremde in den Mauern Wiens, der „als Mitglied des deutschen Parlamentes unverletzlich war,“ er kehrte sich nicht an die Erbärmlichkeit einiger gedungener Literaten: „der begeisterte Führer der demokratischen Partei“ entfernte sich nicht von Wien, er griff zu den Waffen, und kämpfte an der Spitze der Mobilgarde bis zum letzten Augenblicke und sank, die Brust von Kugeln zerrissen, ein Mann, auf den wir stolz sein können, dessen Name in den Herzen des Volkes mit der Erinnerung an den heroischen Freiheitskampf zu Wien fortleben wird.

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Schlapp, erbärmlich, weinerlich hinkt die „Rheinische Narhalla“ der „Kölnischen Zeitung“ nach. Die „Rheinische Volkshalle“ meint zwar, daß Windischgrätz „kein Recht über des Mannes Leben gehabt habe“ nichts desto weniger behauptet sie aber: „daß Robert Blum nicht mehr widerfahren sei, als er verdient habe,“ und daß „das rasche Verfahren der Gerechtigkeit in Oestreich zu loben“ sei. Wie man von einem Tölpel manchmal mit einem Fußtritte Abschied nimmt, so nehmen wir Abschied von der Rheinischen Volkshalle. Die gute Presse! – Als man vor einigen Wochen, in einer hiesigen Volksversammlung den Tod Lichnowsky’s mittheilte und einigen taktlosen Leuten dadurch Veranlassung gab, einen unpassenden Beifall zu äußern, da verbreitete die „gute Presse“ überall das Gerücht, daß die Demokratie der Rheinprovinz mit satanischer Freude dies Ereigniß begrüßt habe – – Die Demokratie führt Krieg mit den Lebenden, nicht mit den Todten.

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Karl Marx / Karl Schneider Erklärung

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 145, 17. November 1848

Erklärung. K ö l n, 16. November. Die Kölnische Zeitung in ihrer Nummer vom ˙ ˙ „Aufruf des rheinischen Kreisausschusses der De15. Nov. bringt ˙den mokraten“ in einen völlig erdichteten Zusammenhang mit einer angeblich von der äußersten Linken der preußischen National-Versammlung in die Provinzen gesandten „Versicherung“ über die Steuerverweigerung. Den Unterzeichneten ist nichts von einer durch Mitglieder der äußersten Linken verbreiteten Nachricht über eine von der Nationalversammlung schon beschlossene Steuerverweigerung bekannt geworden. Karl Marx. Schneider II.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 145, 17. November 1848

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* K ö l n, 16. November. Wir haben der rechten Seite vorausgesagt, was ˙ ˙ ˙Camarilla ˙ ihrer warte, wenn˙ die siegt, – ein Trinkgeld und Fußtritte. Wir haben uns getäuscht. Noch ist der Kampf nicht entschieden und schon erhalten sie Fußtritte von ihren Prinzipalen, ohne ein Trinkgeld zu erhalten. Die „Neue Preußische Zeitung“, Ritterin vom Landwehrkreuze, „mit Gott für König und Vaterland“, offizielles Organ der jetzigen Gewalthaber, erklärt in einer ihrer letzten Nummern die Abgeordneten Zweiffel (Oberprokurator in Köln) und Schlink (Appellationsgerichtsrath in Köln) für – der Leser rathe – für „revolutionäre Magen“ (die „Neue Preußische Zeitung“ schreibt „Mägen“). Sie spricht von der „nicht auszudrückenden Gedankenleere und Gedankenlosigkeit“ dieser Herren. Sie findet, daß selbst „Robespierre’s Hirngespinnste“ weit erhaben sind über die Einfälle dieser „Herren von der Centralabtheilung.“ Avis a` Messieurs ˙˙ ˙ ˙ ˙ Zweiffel et Schlink! In derselben Nummer dieses Blattes wird Pinto-Hansemann für einen „Führer der äußersten Linken“ erklärt, und gegen Führer der äußersten Linken gibt es nach derselben Zeitung nur ein Mittel – das Standrecht – den Strang. Avis a` Monsieur Pinto-Hansemann, den Exminister der That ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ und der Konstabler! Für einen Staatsmoniteur besitzt die „Neue Preußische Zeitung“ zu viel naive Offenherzigkeit. Sie sagt den verschiedenen Parteien zu laut, was in den Registern der santa Casa versiegelt steht. Im Mittelalter schlug man den Vergil auf, um zu prophezeien. Im preußischen Brumaire 1848 schlägt man die „Neue Preußische Zeitung“ auf, um sich der Mühe des Weissagens zu entschlagen. Wir geben neue Beispiele. Was bereitet die Camarilla den Katholiken vor?

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Hört! In Nummer 115 der „Neuen Preußischen Zeitung“ heißt es: ˙ ˙ ˙unwahr ˙˙ „Ebenso ist es, daß der Staat (nämlich der königlich Preußische Staat, der Landwehrkreuzstaat in seiner vormärzlichen Periode) einen e n g k o n f e s s i o n e l l e n Charakter angenommen und von diesem einseitigen Standpunkt aus die religiösen Angelegenheiten geleitet habe. D i e s e r Vo r w u r f w ü r d e z w a r , w e n n e r w a h r w ä r e , e i n e n t s c h i e d e n e s L o b a u s s p r e c h e n . Er ist aber unwahr; denn bekannt ist, daß unser Regiment den a l t e n u n d g u t e n S t a n d p u n k t einer e v a n g e l i s c h e n R e g i e r u n g ausdrücklich verlassen hat.“ Bekannt ist, daß Friedrich Wilhelm III. die Religion in einen Zweig der militärischen Disciplin verwandelte und die Dissenters polizeilich abfuchtelte. Bekannt ist, daß Friedrich Wilhelm IV., als einer der zwölf kleinen Propheten, durch das Ministerium Eichhorn-Bodelschwingh-Ladenberg das Volk und die Wissenschaft zur Religion Bunsen gewaltsam bekehren wollte. Bekannt ist, daß selbst unter dem Ministerium Camphausen die Polen eben so sehr dafür geplündert, gesengt, gekolbt wurden, weil sie Polen, als weil sie Katholiken waren. Die Pointe der Pommern war stets, die Muttergottesbilder in Polen zu spießen und die katholischen Geistlichen zu hängen. Die Verfolgungen der dissentirenden Protestanten unter Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. sind ebenso bekannt. Der erste begrub in Festungen die protestantischen Pfarrer, die die eigends von ihm erfundene Agende und Dogmatik verwarfen. Dieser Mann war ein großer Erfinder in Soldatenröcken und Agenden. Und der zweite? Das Ministerium Eichhorn? Es reicht hin, das Ministerium Eichhorn zu nennen. Aber das alles war nichts! „ U n s e r R e g i m e n t hatte d e n a l t e n u n d g u t e n S t a n d p u n k t einer evangelischen Regierung ausdrücklich verlassen.“ Wartet also die Restauration Brandenburg-Manteuffel ab, Katholiken der Rheinprovinz und Westphalens und Schlesiens ! Man hat euch früher mit Ruthen gezüchtigt, man wird euch mit Scorpionen geißeln. Ihr werdet den „alten und guten Standpunkt einer e v a n g e l i s c h e n Regierung ausdrücklich“ kennen lernen! Und nun gar die Juden, die seit der Emanzipation ihrer Sekte wenigstens in ihren vornehmen Vertretern überall an die Spitze der Contrerevolution getreten sind, was harrt ihrer? Man hat den Sieg nicht abgewartet, um sie in ihr Ghetto zurückzuschleudern.

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Zu Bromberg erneuert die Regierung die alten Beschränkungen der Freizügigkeit und beraubt die Juden so eines der ersten Menschenrechte von 1789, sich frei von einem Orte an den andern zu begeben. Das ist „Ein“ Aspekt der Regierung des wortreichen F r i e d r i c h W i l h e l m I V . unter den Auspizien Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg. In ihrer Nummer vom 10. November hatte die „Neue Preußische Zei˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ hintung“ den Wohlstand der „liberal-konstitutionellen Partei“ als Köder geworfen. Allein sie schüttelte schon bedenklich das Haupt über die Konstitutionellen. „Vor der Hand haben unsere Konstitutionellen allerdings noch eine gewaltige Scheu, sich gemeinsam in den Vereinen oder in ihren öffentlichen Organen als Reaktionärs zu bekennen“. Sie fügt indeß noch beschwichtigend und treffend hinzu: „Jeder Einzelne (Liberal-Konstitutionelle) hat es längst kein Hehl mehr, daß für dermalen kein Heil ist, als in gesetzlicher Reaktion“, d. h. also darin, das Gesetz reaktionär oder die Reaktion gesetzlich zu machen, die Reaktion zum Gesetze zu erheben. In ihrer Nummer vom 15. April macht die „Neue Preußische Ztg.“ ˙˙˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙die die schon nicht mehr so viel Federlesens mit den „Konstitutionellen“, Reaktion zum Gesetze erhoben haben wollen, aber gegen das Ministerium Brandenburg-Manteuffel sich sträuben, weil es die Contrerevolution sans phrase will. „Man muß“, sagt sie, „die ordinairen Konstitutionellen ihrem Schicksal überlassen!“ Mitgefangen! Mitgehangen! Zur Nachricht für die ordinairen Konstitutionellen! Und worin besteht der extraordinäre Constitutionalismus Friedrichs Wilhelm IV. unter den Auspicien Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg? Das offizielle Regierungsorgan, die Landwehrkreuzritterin mit Gott für König und Vaterland, verräth die Geheimnisse des außerordentlichen Constitutionalismus. Das „einfachste, geradeste und ungefährlichste Heilmittel“ ist natürlich, die „Versammlung an einen andern Ort zu verlegen“, aus einer Hauptstadt in eine Wachtstube, aus Berlin nach Brandenburg. Indeß diese Verlegung ist, wie die „Neue Preußische Zeitung“ verräth, nur ein „Versuch“. „Es muß“, sagt sie, „der Versuch gemacht werden, ob die Versammlung durch die Verlegung an einen andern Ort mit der Wiedererlangung der äußern freien Bewegung auch die innere Freiheit wieder gewinne.“ Zu Brandenburg wird die Versammlung äußerlich frei sein. Sie wird nicht mehr unter dem Einflusse der Blousen, sie wird nur noch unter dem Einflusse schnurrbärtiger Schleppsäbel stehen.

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Aber die innere Freiheit? Wird die Versammlung zu Brandenburg sich von den Vorurtheilen und den verwerflichen revolutionären Gemüthseindrücken des 19. Jahrhunderts befreien? Wird ihre Seele frei genug sein, die feudalen Jagdrechte, allen modrigen Plunder der sonstigen Feudallasten, die Ständeunterschiede, die Censur, die Steuerungleichheit, den Adel, das absolute Königthum und die Todesstrafe, wofür Friedrich Wilhelm IV. schwärmt, die Ausplünderung und Verschleuderung der Nationalarbeit durch die „blassen Canaillen, die ausgesehen wie Glaube, Liebe und Hoffnung“, durch ausgehungerte Krautjunker, Gardelieutenants und inkorporirte Conduitenlisten, wird die Nationalversammlung selbst zu Brandenburg innerlich frei genug sein, alle diese Artikel der alten Mise`re wieder als offizielle Glaubensartikel zu proklamiren? Man weiß, daß die kontrerevolutionäre Partei die konstitutionelle Parole ausgetheilt hatte: „Vollendung des Verfassungswerkes!“ Das Organ des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg verschmäht es, diese Maske länger zu tragen. „Die Lage der Dinge“, gesteht das offizielle Organ, „ist auf einen Punkt gediehen, wo uns nicht einmal mehr mit der so lang ersehnten Vollendung des Verfassungswerkes geholfen werden kann. Denn wer kann es sich länger verbergen, daß eine Urkunde, die den Volksvertretern Paragraph vor Paragraph unter Rad und Galgen diktirt und von denselben der Krone abgedrungen ist, nur so lange für verbindlich erachtet werden w i r d , als der direkteste Zwang sie aufrecht zu erhalten im Stande ist.“ Also Paragraph vor Paragraph die kümmerlichen durch die Nationalversammlung zu Berlin errungenen Volksrechte wieder aufheben, das ist die Aufgabe der Nationalversammlung zu Brandenburg! Wenn sie nicht vollständig, Paragraph vor Paragraph, den alten Plunder restaurirt, nun, so beweist sie eben, daß sie zwar „die Freiheit der äußern Bewegung“ zu Brandenburg wieder gewonnen hat, aber nicht die von Potsdam beanspruchte innere Freiheit. Und wie soll die Regierung gegen die Seelenverstocktheit, gegen die innere Unfreiheit der nach Brandenburg übersiedelten Versammlung operiren? „Die Auflösung müßte erfolgen“, ruft die „Neue Preußische Zeitung“ aus. Aber das Volk, fällt ihr ein, ist vielleicht innerlich noch unfreier als die Versammlung. „Es würde“, schüttelt sie die Achseln, „das Bedenken erhoben werden können, ob neue Urwahlen nicht ein noch jämmerlicheres Resultat, als die ersten, zu Tage fördern möchten.“

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Das Volk in seinen Urwahlen besäße die Freiheit der äußern Bewegung. Aber die innere Freiheit? That is the question! Die Paragraphen der aus neuen Urwahlen hervorgehenden Versammlung könnten die alten an Ruchlosigkeit übertreffen. Was also gegen die „alten“ Paragraphen thun? Die Landwehrkreuzritterin wirft sich in Positur. „Die Faust hat sie geboren, (die alten Paragraphen seit dem 19. März) die Faust wird sie stürzen – und das von Gottes und Rechtswegen.“ Die Faust wird das „gute alte Regiment“ herstellen. Die Faust ist das letzte Argument der Krone; die Faust wird das letzte Argument des Volkes sein. Vor allem wehre es die bettelhaften hungrigen Fäuste ab, die aus seinen Taschen Civillisten – und Kanonen herausgreifen. Die prahlerischen Fäuste werden abmagern, sobald es sie nicht mehr mästet. Das Volk verweigere vor allem die Steuern, und – später wird es zählen, auf welcher Seite die meisten Fäuste sind. Alle sogenannten Märzerrungenschaften werden nur so lange für verbindlich erachtet werden, als der direkteste Zwang sie aufrecht zu erhalten im Stande ist. Die Faust hat sie geboren, die Faust wird sie stürzen. Die „Neue Preußische Zeitung“ sagts, und was die „Neue Preußische Zeitung“ sagt, hat Potsdam gesagt. Also keine Illusion mehr! Das Volk muß den Märzhalbheiten ein Ende machen, oder die Krone macht ihnen ein Ende.

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Karl Marx Keine Steuern mehr!!!

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 145, 17. November 1848. Außerordentliche Beilage

Keine Steuern mehr!!! * K ö l n, 16. November. Alle Zeitungen aus Berlin, mit Ausnahme des „Preußischen Staatsanzeigers“, der „Vossischen Zeitung“ und der „Neuen Preußischen Zeitung“ sind ausgeblieben. Die Entwaffnung der Bürgerwehr ist im Geheimerathsviertel vollzogen worden, aber nur im Geheimerathsviertel. Es ist dasselbe Bataillon, das am 21. Oktober die Maschinenbauer meuchelmordete. Seine Entwaffnung ist ein Gewinn für die Volkssache. Die Nationalversammlung ist wiederum durch bewaffnete Macht aus dem Kölnischen Rathhause vertrieben worden. Sie begab sich dann in das Mylius Hotel, wo sie endlich einstimmig mit 2 2 6 S t i m m e n den unten nachfolgenden Beschluß der Steuerverweigerung faßte. „Das Ministerium Brandenburg ist nicht berechtigt, über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, so lange die Nationalversammlung nicht in Berlin ihre Sitzungen frei fortsetzen kann. Dieser Beschluß tritt mit dem 17. November in Kraft. Nationalversammlung vom 15. November.“ Vo n d e m h e u t i g e n Ta g e a n s i n d a l s˙o ˙ d i˙e S t e u e r n a u f g e hoben!!! Die Steuereinzahlung ist Hochverrath, die Steuerverweigerung erste Pflicht des Bürgers!

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Außerordentliche Beilage der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 145 vom 17. November 1848. Originalexemplar von Marx

Karl Marx Ein Erlass Eichmanns

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* K ö l n, 18. November. Die Aufforderungen zur Steuerverweigerung, ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ lassen, machen mir eine ernste Ermahnung dawelche sich vernehmen gegen an die meiner Fürsorge anvertrauten Provinz zur Pflicht. Nachdem der König die gewichtvollen Gründe der Verlegung der Nationalversammlung aus Berlin öffentlich dargelegt, nachdem ein großer Theil der Abgeordneten das Recht der Krone anerkannt hat, und die deutsche Nationalversammlung gleich der Centralgewalt in Frankfurt diesem Anerkenntnisse beigetreten ist, kann es nicht meine Absicht sein, zu dem sich bildenden Urtheile der Bewohner der Rheinprovinz über diesen Akt der Staatsregierung auch meine Stimme abzugehen. Allein mein Amt gebietet mir, jeden Angriff gegen die Gesetze und ihre Befolgung, ohne welche kein Staat bestehen kann, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zurückzuweisen. Ein solcher Angriff liegt in den Aufforderungen, die Steuern, die unentbehrlichen Mittel zur Erhaltung der Ordnung und Gerechtigkeit, Steuern, welche in gesetzlichem Wege ausgeschrieben sind und nur Kraft eines Gesetzes verändert werden können, nicht mehr zu zahlen. Nach meinen Erfahrungen über die Achtung, welche in den Bewohnern der Provinz für die Gesetze lebt, kann ich mich zu ihnen einer folgenschweren Verletzung derselben nicht versehen, vertraue ihnen vielmehr, daß sie jenen Versuchungen zu ihrer Ehre und dem gemeinen Wohle unerschütterlich widerstehen werden. Für die unverhofften Fälle, worin dieses Vertrauen dennoch sich getäuscht finden sollte, erwarte ich aber von sämmtlichen Provinzial- und Ortsbehörden, daß sie mit aller Kraft, welche die Gesetze ihnen verleihen, die Steuerzahlung anhalten und ihre Amtspflicht ohne Wanken erfüllen werden. Köln, den 17. November 1848. ˙ ˙ ˙ ˙˙ Der Oberpräsident der Rheinprovinz, (gez.) Eichmann

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So lautete die Antwort des Exministers und Oberpräsidenten Eichmann, auf den Erlaß des „rheinischen Ausschusses der Demokraten“. Hr. Eichmann, als er diese seine Epistel an die Thessalonicher schrieb, kannte er schon den Beschluß der Nationalversammlung über die Steuerverweigerung? Eichmann repräsentirte die Brandenburg-Manteuffel früher im Schoose des Ministeriums Pfuel. Er repräsentirt sie jetzt an der Spitze der Rheinprovinz. Eichmann ist die Contrerevolution an der Regierung in der Rheinprovinz. Die Erlasse des Hrn. Eichmann haben also denselben Werth, wie die Erlasse des Hrn. Brandenburg. Versetzung in Anklagezustand wegen Hochverrath wird früher oder später die Laufbahn des Hrn. Eichmann würdigst abschließen, des braven Mannes – der in seinen jugendlichen Jahren mit unermüdlichem Feuereifer die „Hochverräther“ in die Festungen spedirte. Hr. Oberpräsident Eichmann erklärt sich in dem obigen Erlasse als offenen Feind der Nationalversammlung, ganz im Gegensatze zu dem Hrn. Oberpräsidenten Pinder in Schlesien, der bekanntlich Royalist ist. Hr. Eichmann hat also aufgehört, Oberpräsident, wie sein Gebieter Brandenburg aufgehört hat, Minister zu sein. Herr Eichmann hat sich selbst abgesetzt. Die Beamten, die seine contrerevolutionären Befehle ausführen, thun es auf ihre Gefahr. Wenn die Bewohner der Rheinprovinz die Nationalversammlung auch auf wirksamere Weise als durch bloße Adressen unterstützen, wenn sie nicht stumpfsinnig und widerstandslos vor der Knute ihre Kniee beugen wollen, so müssen sie allen Behörden, speziell den Regierungspräsidenten, Landräthen, Bürgermeistern und städtischen Behörden eine öffentliche Erklärung darüber abzwingen, ob sie die Nationalversammlung anerkennen und ihre Beschlüsse ausführen wollen, o u i o u n o n ? Im Falle der Weigerung und gar des direkten Entgegenhandelns gegen diese Beschlüsse, sind diese Beamten 1) für abgesetzt, 2) für Hochverräther zu erklären und an ihrer Stelle provisorische Sicherheitsausschüsse zu ernennen, deren Befehle einzig und allein als rechtsgültig zu betrachten sind. Wo die contrerevolutionären Behörden gewaltsam die Bildung und Amtsthätigkeit dieser Sicherheitsausschüsse hintertreiben wollen, ist jede Art von Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen. Der passive Widerstand muß den aktiven Widerstand zu seiner Unterlage haben. Er gleicht sonst dem Sträuben des Kalbes gegen seinen Schlächter.

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Titelblatt der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Nr. 147 vom 19. November 1848 Originalexemplar von Marx

Karl Marx / Karl Schapper / Karl Schneider Aufruf des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten zur Steuerverweigerung vom 18. November 1848

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 147, 19. November 1848. Zweite Ausgabe

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K ö l n, 18. November. Der Rheinische Kreisausschuß der Demokraten ˙ ˙ ˙ ˙˙ fordert alle demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, die Beschlußnahme und Durchführung folgender Maßregeln zu bewerkstelligen: 1) Nachdem die preußische Nationalversammlung selbst die Steuerverweigerung beschlossen hat, ist ihre gewaltsame Eintreibung überall durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen. 2) Der Landsturm zur Abwehr des Feindes ist überall zu organisiren. Für die Unbemittelten sind Waffen und Munition auf Gemeindekosten oder durch freiwillige Beiträge zu beschaffen. 3) Die Behörden sind überall aufzufordern, sich öffentlich darüber zu erklären, ob sie die Beschlüsse der Nationalversammlung anerkennen und ausführen wollen. Im Weigerungsfalle sind Sicherheits-Ausschüsse zu ernennen und zwar wo möglich im Einverständnisse mit den Gemeinderäthen. Der gesetzgebenden Versammlung widerstrebende Gemeinderäthe sind durch allgemeine Volkswahl zu erneuern. Köln, den 18. November. Im Namen des rheinischen Kreisausschusses der Demokraten. Karl Marx. Karl Schapper. Schneider II.

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Friedrich Engels Sitzungen der Schweizer Kammern

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 147, 19. November 1848. Zweite Ausgabe

** B e r n, 12. November. Die bisherigen Sitzungen der beiden schweize˙ ˙ ˙ ˙ noch keine der wichtigeren Fragen zur Debatte rischen Kammern ˙haben gebracht. Die Konstituirung der zwei Räthe, die Debatte über Publikation der Verhandlungen (bekanntlich ohne Resultat vorläufig fallen gelassen), die Zurückweisung der mit Vorbehalten gegen die neue Verfassung gewählten Deputirten waren die Hauptgeschäfte der vorigen Woche. In der gestrigen Sitzung wurde der Eid für die Bundesbehörden redigirt und die Gehälter des Bundesraths (der Präsident 6000 Schweizerfranken, die Räthe jeder 5000, der Kanzler 4000 und freie Wohnung) ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Die Wahl der Bundesstadt und die Ernennung des Bundesfestgesetzt. raths wird nun nicht länger verschoben werden können. Auch zeigte der Vorort den beiden Räthen gestern die wegen Tessin ergriffenen Maßregeln an. Tessin hat vom Vorort an die neuen Bundesbehörden appellirt; es steht indeß nicht zu erwarten, daß diese die Beschlüsse ihres Vorgängers im Amt modifiziren oder gar umstoßen werden.

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Karl Marx Der Stadtrat

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 148, 21. November 1848

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* K ö l n, den 20. November. Der kölnische Gemeinderath hat eine Peti˙ ˙ ˙ ˙ ˙ worin er den König flehentlich bittet, das tion nach Berlin abgesandt, Ministerium abzusetzen, um das Königthum zu retten. Der Stadtrath von Köln, resp. Herr Dumont et Consorten, wendet sich ˙ ˙˙ ˙König ˙ an den König, während die ganze Rheinprovinz sich vom abwendet, um sich der konstituirenden Versammlung zuzuwenden. Herr Dumont resp. der Stadtrath will den König retten, während die Rheinprovinz nur daran denkt, sich zu retten. Als wenn die Rettung des Königs mit der Rettung der Rheinprovinz zusammenhänge! In einem Augenblicke, wo die Könige und Kaiser sich durch Belagerungszustände und Bombardiren retten, will der Stadtrath den König retten. Wer hat den Stadtrath berufen, den König zu retten, und eine Petition ergehen zu lassen, die das servilste Werk des kölnischen Schlaraffenthums ist? Nach den Antecedentien des Königs und des kölnischen Stadtraths flehet letzterer, um weiter nichts als um Fußtritte. Hätte der Stadtrath von Köln mehr auf den Beschluß der Berliner Deputirten, als auf den autokratischen Willen und die Rettung des Königs gesehen, so hätte er schon längst die Thore der Stadt Köln besetzen lassen, um die Erhebung der Steuern zu verhindern und dem Willen der Kammer Nachdruck zu geben. Der kölnische Stadtrath muß daher un˙˙ ˙ ˙und ˙ Steuerbehörden, welche verzüglich abgesetzt werden. Alle Gerichtsnicht die Enthebung der Steuern mit aller Energie verhindern, müssen als Hochverräther behandelt werden. Wenn die Stadt Köln ihren Stadtrath nicht absetzt und sofort zwei neue Deputirte statt der Weggelaufenen nach Berlin schickt, verdient sie die – Knute.

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Friedrich Engels Wahl des Schweizer Bundesrats

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 148, 21. November 1848.

** B e r n, 16. Nov. Ich eile, Ihnen das Resultat der heute in gemeinsamer Sitzung des Nationalraths und Ständeraths vorgenommenen Wahl des vollziehenden Bundesraths mitzutheilen. Es wurden erwählt: Zum Präsidenten: Bürgermeister Furrer, von Zürich; Zum Vizepräsidenten: Staatsrath Druey, von Waadt; Zu Mitgliedern: Oberst Ochsenbein, von Bern; Oberst Franscini, von Tessin; Herr Munzinger, von Solothurn; Herr Näff, von St. Gallen. Herr Steiger, von Luzern. Die gemäßigte Partei, in beiden Räthen in großer Uebermacht, hat also ihre Kandidaten alle durchgesetzt gegen die radikalen Kandidaten: Eytel, Stämpfli, Luvini etc.

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Karl Marx / Karl Schapper / Karl Schneider Aufruf an die Demokraten der Rheinprovinz vom 20. November 1848

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 148, 21. November 1848. Zweite Ausgabe

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K ö l n , 20. November. Demokraten der Rheinprovinz! Statt dem Oberpräsidenten Eichmann, hat der bekannte Oberprokurator Z w e i f f e l durch den Instruktionsrichter L e u t h a u s , Eurem Ausschusse einen Erscheinungsbefehl auf Morgen, wegen öffentlicher Aufforderung zur Rebellion, zugestellt. Man erwartet Scandal; die Kommandantur von Köln hat alle Anstalten getroffen; nach dem von einem hochverrätherischen Ministerium ausgegangenen Befehle soll Köln bei dieser Gelegenheit in Belagerungszustand erklärt werden. Vereitelt diese Hoffnung. Was uns auch zustoßen mag, verhaltet Euch ruhig. Der Kongreß findet unter allen Umständen Statt. Die Rheinprovinz wird eher ihren letzten Blutstropfen vergießen, als dem Regimente der Säbelherrschaft sich unterwerfen. Karl Marx. Karl Schapper. Schneider II.

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Karl Marx Über die Proklamation des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel in Betreff der Steuerverweigerung

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 149, 22. November 1848

* K ö l n, 21. November. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel hat ˙ ˙ ˙ ˙ ˙Regierungen den Befehl ergehen lassen, die Steuan sämmtliche königl. ern durch gewaltsame Maßregeln einzutreiben. Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel, das auf gesetzwidrigem Boden steht, empfiehlt Zwangsmittel gegen die Weigernden und Milde gegen die Unvermögenden. Es stellt also zwei Kategorien von Nichtzahlenden auf. Die Einen, die nicht zahlen, um dem Willen der Nationalversammlung nachzukommen, und die Andern, die nicht zahlen, weil sie nicht zahlen können. Die Absicht des Ministeriums ist nur zu klar. Es will die Demokraten theilen; es will die Bauern und Arbeiter veranlassen, sich zu den Nichtzahlenden aus Unvermögen zu zählen, um sie loszutrennen von den Nichtzahlenden aus Gesetzlichkeit, und dadurch die Letztern des Beistandes der Erstern zu berauben. Aber dieser Plan wird scheitern; das Volk sieht ein, daß es solidarisch verantwortlich ist, für die Weigerung der Steuern, so wie es früher solidarisch verantwortlich war für ihre Eintreibung. Der Kampf wird entschieden werden zwischen der zahlenden Gewalt und der bezahlten Gewalt.

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Karl Marx Die Oberprokuratur und die „Neue Rheinische Zeitung“

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* K ö l n, 21. November. Wer steht auf dem Rechtsboden, der Oberprä˙ ˙ ˙ ˙die ˙ Redakteure der „Neuen Rheinischen Zeitung“? sident Eichmann oder Wer soll den Boden des Gefängnisses betreten, die Redakteure der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder der Oberpräsident Eichmann? Diese Frage liegt gegenwärtig dem öffentlichen Ministerium Zweiffel zur Entscheidung vor. Wird das öffentliche Ministerium Zweiffel auf die Seite des Ministeriums Brandenburg treten, oder wird der Oberprokurator Zweiffel als alter Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung“ die Partei seiner Kollegen ergreifen? Diese Frage liegt gegenwärtig dem Publikum zur Entscheidung vor. Die „Neue Rheinische Zeitung“ drang auf Einstellung der Steuern vor dem Beschlusse der Nationalversammlung; sie war gesetzlich vor der gesetzgebenden Gewalt. Und wenn dieses Vorgreifen vor der Gesetzlichkeit eine Ungesetzlichkeit ist, so stand die Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ während sechs vollen Tagen auf ungesetzlichem Boden. Herr Zweiffel hätte während sechs Tagen inquiriren können, den 7. Tag aber mit seinem Inquisitions-Eifer ruhen müssen. Am 7. Tage aber, nachdem das Werk der Schöpfung vollbracht und Herr Zweiffel den Sabbath gefeiert, und die Nationalversammlung die Weigerung der Steuern zum Gesetze erhoben hatte, wendete sich der Präsident Eichmann an den Herrn Zweiffel, um gegen diejenigen, welche zur Weigerung der Steuern provocirt hatten, zu inquiriren. Wer hat zur Steuerverweigerung provocirt? Die Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ oder die Nationalversammlung zu Berlin? Wen soll Herr Zweiffel verhaften, seine alten Kollegen, die Deputirten zu Berlin, oder seine alten Mitarbeiter, die Redakteure der „Neuen Rheinischen Zeitung“, oder den Präfekten, Herrn Eichmann? Herr Zweiffel hat bisheran noch Niemanden verhaftet.

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Wir tragen daher darauf an, daß ein anderer Zweiffel den Herrn Zweiffel verhaftet, weil er vor dem Sabbath nicht die Redakteure der „Neuen Rheinischen Zeitung“, und nach dem Sabbath nicht den Herrn Eichmann verhaftet hat.

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Karl Marx Die Staatsanwaltschaft in Berlin und in Köln

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 149, 22. November 1848

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* K ö l n , 21. November. In Berlin streckt die Staatsanwaltschaft die Waf˙ ˙ ˙ ˙˙ fen vor einem Hochverräther. Der erste Staatsanwalt, Herr Sethe, statt der Aufforderung der Nationalversammlung, gegen den Hochverräther Brandenburg seine Pflicht zu thun, Genüge zu leisten – dankt ab. Der Rheinische Kreisausschuß der Demokraten, welcher sich bemüht, dem gesetzlichen Beschluß der Nationalversammlung die möglichste Verbreitung zu geben, und dazu auffordert, die Pläne eines Hochverräthers zu vereiteln, wird von dem Kölnischen Prokurator verfolgt wegen – Rebellion (?!) „Wer die Gewalt hat, hat das Recht.“ – Die Vertreter des Rechts stehen überall auf Seiten der Gewalt.

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Karl Marx Die Frankfurter Versammlung

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 150, 23. November 1848

* K ö l n, 22. November. Das Frankfurter Parlament hat den Beschluß ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ in Betreff der Steuerverweigerung, als gesetzder Berliner Versammlung widrig für null und nichtig erklärt. Es hat sich dadurch für Brandenburg, für Wrangel, für das spezifische Preußenthum erklärt. Frankfurt ist nach Berlin, Berlin ist nach Frankfurt hinübergesiedelt. Das deutsche Parlament ist in Berlin, das preußische Parlament in Frankfurt. Das preußische Parlament ist ein deutsches, das deutsche ein Brandenburg-preußisches geworden. Preußen sollte in Deutschland aufgehen, und das deutsche Parlament in Frankfurt will nun, daß Deutschland in Preußen aufgehe! Das deutsche Parlament! Wer sprach von einem deutschen Parlament nach den schweren Vorfällen in Berlin und Wien. Nach dem Tode Robert Blum’s dachte kein Mensch mehr an das Leben des edlen Gagern. Nach einem Ministerium Brandenburg-Manteuffel dachte kein Teufel mehr an einen Schmerling. Die Herren Professoren, welche „Geschichte machten“, zu ihrem Privatvergnügen, mußten geschehen lassen die Bombardirung Wiens, die Ermordung Robert Blum’s, die Barbarei Windischgrätz! Die Herren, denen die Kulturgeschichte Deutschlands so sehr am Herzen lag, überließen die praktische Handhabung der Kultur einem Jellachich und seinen Kroaten! Während die Professoren die Theorie der Geschichte machten, ging die Geschichte ihren stürmischen Lauf und kümmerte sich wenig um die Geschichte der Herren Professoren. Der Beschluß von vorgestern hat das Frankfurter Parlament vernichtet. Er hat es in die Arme des Hochverräthers Brandenburg geworfen. Das Frankfurter Parlament hat sich des Hochverraths schuldig gemacht, und muß gerichtet werden. Wenn ein ganzes Volk sich erhebt, um gegen einen Akt königlicher Willkühr zu protestiren, wenn dieser Protest auf ganz gesetzmäßigem Wege, durch die Weigerung der Steuern geschieht,

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und eine Versammlung von Professoren, ohne alle Befugniß, diese Weigerung der Steuern, diese Erhebung des ganzen Volkes, für eine gesetzwidrige erklärt, so ist diese Versammlung außer allem Gesetz, sie ist eine hochverrätherische. Es ist die Pflicht aller Mitglieder der Frankfurter Versammlung, welche gegen den Beschluß gestimmt haben, aus diesem „verblichenen Bundestag“ auszutreten. Es ist die Pflicht aller Demokraten, diese ausgetretenen „Preußen“ für die deutsche Nationalversammlung in Berlin zu wählen, als Stellvertreter der ausgeschiedenen „Deutschen“. Die Nationalversammlung in Berlin ist kein „Theil“, sie ist vollständig, denn sie ist beschlußfähig. Die brandenburgische Versammlung in Frankfurt wird aber ein „Theil“ werden; denn dem nothwendig gewordenen Austritt der 150 werden gewiß noch manche andere nachfolgen, die nicht einen Frankfurter Bundestag konstituiren wollen. Das Frankfurter Parlament! Es hat Furcht vor einer rothen Republik, und dekretirt eine rothe Monarchie! Wir wollen keine rothe Monarchie, wir wollen nicht, daß die purpurroth gefärbte Krone Oestreichs über Preußen kömmt, und deßhalb erklären wir das deutsche Parlament des Hochverraths schuldig! Doch nein, wir thun ihm zu viel Ehre an; wir geben ihm eine politische Wichtigkeit, die es längst verloren. Das strengste Urtheil ist bereits über ihm ergangen – die Nichtbeachtung seiner Beschlüsse, und die – Vergessenheit.

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Friedrich Engels Wahlen für das Bundesgericht – Verschiedenes

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 150, 23. November 1848

** B e r n, 18. November. Gestern gab ich Ihnen die acht erstgewählten ˙ ˙ ˙Verfolg ˙˙ Bundesrichter an. Im der gestrigen gemeinsamen Sitzung wurden noch ernannt: Folly von Freiburg (einer der dortigen Nationalräthe, deren Wahl kassirt wurde), Dr. Karl Brenner, Redakteur der schweizeri˙ ˙ ˙ ˙ ˙von ˙ Uri, wodurch ˙ ˙˙ schen Nationalzeitung von Basel, und Advokat Jauch ˙das ˙ ˙ ˙ Bundesgericht ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ auf die volle Zahl von elf Richtern gebracht wird. Zum Präsidenten wurde Kern, zum Vicepräsidenten Dr. K. Pfyffer ernannt. Wie Sie wissen, hat der National-Rath die Wahlen des Kantons Frei˙ ˙ ˙ ˙ ˙Wähler zur Abstimmung zugelassen ˙ ˙˙ burg kassirt, weil nur diejenigen wurden, welche die neue Bundesverfassung zu beschwören bereit waren. Er hat sein Votum am folgenden Tage durch fast einstimmige (73 gegen 13) Verwerfung des Funkschen Antrags, die Sache durch beide Räthe entscheiden zu lassen, bestätigt. Abgesehen von dem Berner Lokalklatsch, den dieser Beschluß hervorgerufen, hat er aber auch Anlaß gegeben zu sehr bittern Erörterungen zwischen den Radikalen der deutschen und französischen Schweiz. Die Sache ist folgende: Die Bundesverfassung bestimmt, der erste Nationalrath soll von allen Schweizern gewählt werden, welche 20 Jahre wenigstens alt und sonst in ihrem Kanton Wähler sind. Im Uebrigen ist die ganze Anordnung, Reglement und nähere Bestimmungen den einzelnen Kantonen überlassen. Der von der Freiburger Regierung verlangte Eid ist auch in manchen andern Kantonen Bedingung des Wahlrechts; in diesen Kantonen muß jeder Schweizer Bürger, der zum erstenmal sein Wahlrecht ausübt, die Kantonalverfassung beschwören. Es ist klar, die Absicht der Verfasser der neuen Konstitution war, für die Wahlen das allgemeine Stimmrecht zu sichern; aber nach dem Wortlaut hat die Freiburger Regierung Recht, und nach den Umständen, in denen sie sich einer kompakten feindlichen, von den

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Pfaffen beherrschten Majorität gegenüber befindet, mußte sie entweder den Eid verlangen oder abdanken. Die deutschen Radikalen halten nun an der Absicht des Gesetzgebers fest, die französischen, Waadt an ihrer Spitze, stützen sich auf den Buchstaben der Verfassung, um die Freiburger Regierung und die ihnen so erwünschten fünf radikalen Stimmen im Nationalrath zu retten. Sie erklären den Beschluß des Nationalraths für eine indirekte Billigung der Rebellion des Freiburger Bischofs, die, was ganz richtig ist, den Sturz der Freiburger radikalen Regierung und die Herstellung einer Sonderbundsregierung in diesem Kanton nach sich ziehen müsse. Sie tituliren die Berner und sonstigen deutschen Radikalen „Theoretiker“, „Fabrikanten hohler Abstraktionen“, „Doktrinäre“ u. s. w. Es ist richtig, daß die deutsch-schweizerischen Radikalen, meist Advokaten, ihren juristischen Standpunkt oft zu sehr festhalten, während die Waadtländer und Genfer, in der revolutionären französischen Schule gebildet, bessere Politiker sind und das Jus zuweilen auf die leichte Achsel nehmen. Das entschiedenste Blatt dieser französisch-schweizerischen Richtung ist der „Nouvelliste Vaudois“ von Lausanne, das „Organ der in Permanenz erklärten Revolution“, wie die Konservativen und selbst die gesetzten Liberalen ihn nennen. Dies übrigens gar nicht ohne Geist und Leichtigkeit geschriebene Blatt pflanzt ohne Weiteres die Fahne der rothen Republik auf, erklärt sich für die Juni-Insurgenten in Paris, nennt den Tod Latours in Wien „einen gewaltigen Akt souveräner Volksjustiz“, und verspottet mit bitterer Ironie den pietistisch-reaktionären „Courrier suisse“, der ob solcher Greuel heulend die Augen verdrehte. Und doch ist dieser Nouvelliste das Organ einer mächtigen Partei in der Waadtländer Regierung, ja man kann fast sagen, das Organ der Majorität dieser Regierung; und dennoch geht in Waadt durchaus Alles in Ordnung, das Volk ist ruhig, und hängt seiner Regierung enthusiastisch an, wie gerade die Nationalrathswahlen wieder beweisen. Nach einer halboffiziellen Mittheilung der Revue de Gene`ve wird Genf die Beschlüsse der Diözesankonferenz wegen des Bischofs von Freiburg (die werden sie längst kennen) mit einigen geringen, durch alte Concordate bedingten Vorbehalten ratifiziren. Die übrigen Kantone der Diözese haben bereits ratifizirt. Sobald alle Ratifizirungen eingelaufen, berichtet sie weiter, wird Bischof Marilley freigelassen werden, da der Kanton Freiburg erklärt hat, die gegen ihn eingeleitete Kriminaluntersuchung wegen Betheiligung an dem letzten Aufstandsversuch niederschlagen zu wollen. Man ist sehr gespannt auf die Wahl der Bundesstadt. Wenn Bern nicht gewählt werden sollte, und man will ein Vorzeichen dafür in dem Um-

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stand sehen, daß kein Berner weder zum Präsidenten noch zum Vicepräsidenten des Bundesraths ernannt, so wird hier eine Bewegung ausbrechen, die den Sturz Ochsenbeins, eine Majorität der radikalen Richtung (Stämpfli, Niggeler, Stockmar etc.), und die Revision der kaum eingeführten Bundesverfassung zur Folge haben würde. Nach der Verfassung müssen nämlich die beiden Räthe aufgelöst und neue zur Verfassungsrevision gewählt werden, sobald 50 000 wahlfähige Schweizerbürger dies verlangen. Bern allein bringt diese Zahl von Unterschriften leicht zusammen, ungerechnet die Massen, die aus den avancirten romanischen Kantonen kommen würden, gespornt durch die Aussicht auf Einkammersystem und größere Centralisation. Aber alle Vermuthungen über Voten schweizerischer Räthe sind gerade ins Blaue hinein; die gränzenlose Zersplitterung, diese nothwendige Folge der historischen Föderativ-Republik, die namenlose Konfusion der Interessen und das unbegreifliche Durcheinander der bestimmenden Motive machen alle Kannengießereien über Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit zu Schanden.

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Karl Marx Belagerungszustand überall

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 150, 23. November 1848. Extrablatt

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* K ö l n, 22. November. Wir haben dem Kölnischen Stadtrathe Fußtritte ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ auf die Petition an den König. Wir haben uns prophezeit, als Antwort getäuscht. Die Fußtritte hat der Gemeinderath zwar erhalten, aber nicht vom Könige, sondern von Manteuffel-Brandenburg. Tant pis! Wir haben ferner gesagt, daß nach dem Beschluß des Frankfurter Parlaments es Pflicht der Linken sei, auszutreten. Wie wir hören, ist nicht allein die Linke, sondern auch das linke Centrum ausgetreten, um einen demokratischen Central-Ausschuß zu bilden. Tant mieux! Belagerungszustände, das sind die Errungenschaften der Märzrevolution. Düsseldorf in Belagerungszustand! Man belagert eine Stadt, um sie zu erobern. Alle Städte Preußens werden nach und nach in Belagerungszustand erklärt, um wieder erobert zu werden. Ganz Preußen muß wieder erobert werden, weil ganz Preußen von Preußen abtrünnig geworden. Wie wird der Belagerungszustand bewerkstelligt? Durch die Entwaffnung der Bürger. Wie wird eine Stadt wie Köln, die bereits entwaffnet ist, abermals in den Belagerungszustand gesetzt? Indem man ihr vorher die Waffen wiedergibt. Köln abermals in den Belagerungszustand setzen, d. h. Köln die Waffen in [die] Hände geben. Es lebe der Belagerungszustand!

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Friedrich Engels Verschiedenes

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 151, 24. November 1848. Beilage

** B e r n, 20. November. So eben höre ich von Beamten der eidgenössi˙ ˙ ˙ daß die deutsche Centralgewalt den Krieg˙an ˙ ˙ ˙die ˙˙ schen Kriegsverwaltung, ˙Schweiz ˙ ˙ ˙ ˙ erklärt haben soll. Gestern Abend sei der Courrier eingetroffen, und noch um 11 Uhr habe der Vorort Sitzung gehalten. Man habe bereits Maßregeln zu ernstlichen Rüstungen getroffen. Ferner heißt es, 50 000 Mann Reichstruppen konzentrirten sich an der Schweizergränze, um die Feindseligkeiten zu beginnen. Ich gebe Ihnen diese Nachricht, wie ich sie gehört. Ich selbst glaube nicht daran, obwohl die Quelle gut ist. Diesen Wahnsinn traue ich selbst dem Reichsministerium nicht zu.

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Friedrich Engels Resultat der Nationalratswahlen im Kanton Bern

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 152, 25. November 1848

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** B e r n, 21. November. Resultat der Nationalrathswahlen von vorge˙ ˙˙ stern: Alt-Großrath˙ ˙Fischer (konservativ) 1793 Stimmen, erwählt. Wein˙ ˙˙ ˙ tiv) 1256 ˙ ˙ Sti ˙ ˙m ˙ men. Da keiner gart 1315, Mathys 1266, Blösch (konserva ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Radikalen dieser Drei eine absolute Majorität hat, so˙ ˙˙bleiben die˙beiden Weingart und Mathys in der Wahl, und Weingart wird wohl gewählt werden. Daß die Radikalen wenigstens einen Kandidaten durchsetzten, verdanken sie der Theilnahme des gerade in Freiburg unter den Waffen befindlichen Berner Milizenbataillons, das wie ein Mann für die Radikalen stimmte.

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Friedrich Engels Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153, 26. November 1848

* K ö l n, 24. November. In den Komödien des vorigen Jahrhunderts, na˙ ˙ ˙ ˙˙ mentlich den französischen, fehlt es nie an einem Bedienten, der das Publikum dadurch erheitert, daß er jeden Augenblick Prügel, Püffe, und in Scenen von besonderm Effekt, sogar Fußtritte bekommt. Die Rolle dieser Bedienten ist gewiß nicht dankbar, aber sie ist noch beneidenswerth gegen eine Rolle, die auf unserm frankfurter Reichstheater stehend ist: gegen die des Reichsministers der auswärtigen Angelegenheiten. Die Bedienten im Lustspiel haben wenigstens ein Mittel sich zu rächen, sie haben Witz. Aber der Reichsminister! Seien wir gerecht. Das Jahr 1848 trägt allen Ministern der auswärtigen Angelegenheiten keine Rosen. Palmerston und Nesselrode sind bis jetzt froh gewesen, daß man sie in Ruhe ließ. Der schwunghafte Lamartine, der mit seinen Manifesten selbst deutsche alte Jungfern und Wittwen zu Thränen rührte, hat sich mit zerknickten und zerrupften Schwingen verschämt auf die Seite schleichen müssen. Sein Nachfolger, Bastide, der noch vor einem Jahr im „National“ und der obscuren „Revue nationale“ als offizieller Kriegsdrommetenschmetterer die tugendhafteste Entrüstung über die feige Politik Guizot’s ausschüttete, vergießt jetzt allabendlich stille Thränen über die Lektüre seiner Œuvres compleˆtes de la veille und über den herben Gedanken, daß er tagtäglich mehr zum Guizot der honetten Republik herabsinkt. Alle diese Minister haben jedoch einen Trost: ist es ihnen im Großen schlecht gegangen, so haben sie im Kleinen, in dänischen, sizilianischen, argentinischen, walachischen und andern entlegenen Fragen Revanche nehmen können. Selbst der preußische auswärtige Minister, Hr. Arnim, als er den unangenehmen dänischen Waffenstillstand schloß, hatte die Genugthuung, nicht blos der Geprellte zu sein, sondern auch Jemanden zu prellen – und dieser Jemand war – der Reichsminister!

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In der That der Reichsminister des Auswärtigen ist der Einzige von Allen, der eine rein passive Rolle gespielt, der Stöße erhalten, aber keinen einzigen ausgetheilt hat. Er ist seit den ersten Tagen seines Amtsantritts das auserkorne Sündenlamm gewesen, auf den alle Kollegen der Nachbarstaaten ihre Galle ausgossen, an dem sie alle Vergeltung nahmen für die kleinen Leiden des diplomatischen Lebens, an denen auch sie ihren Theil zu tragen hatten. Da er geschlagen und gemartert wurde, that er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Wo ist einer, der da sagen kann, der Reichsminister habe ihm ein Härlein gekrümmt? Wahrlich, die deutsche Nation wird es Hrn. Schmerling nie vergessen, daß er mit solcher Entschlossenheit und Konsequenz die Traditionen des alten heiligen römischen Reichs wieder aufzunehmen gewagt hat. Sollen wir den Duldermuth, den Hr. v. Schmerling entfaltet hat, durch ein Register seiner diplomatischen Erfolge noch konstatiren? Sollen wir zurückkommen auf die Reise des Herrn Max Gagern von Frankfurt nach Schleswig, jenes würdige Seitenstück zu weiland Sophiens Reise von Memel nach Sachsen? Sollen wir die ganze erbauliche Historie vom dänischen Waffenstillstand wieder hervorsuchen? Sollen wir auf die verunglückte Mediations-Anerbietung in Piemont und auf Hrn. Heckschers diplomatische Studienreise aus Reichsstipendien eingehen? Es ist nicht nöthig. Die Thatsachen sind zu neu und zu schlagend, als daß man sie nur zu erwähnen brauchte. Aber Alles hat seine Gränzen und am Ende muß auch der Geduldigste einmal zeigen, daß er Haare auf den Zähnen hat, sagt der deutsche Spießbürger. Getreu dieser Maxime einer Klasse, die unsere Herren Staatsmänner für die große wohlgesinnte Majorität in Deutschland erklären, hat Hr. v. Schmerling endlich auch einmal das Bedürfniß gefühlt, zu zeigen, daß er Haare auf den Zähnen hat. Das Sündenlamm suchte einen Sündenbock, und glaubte ihn endlich in der Schweiz gefunden zu haben. Die Schweiz – kaum zwei und eine halbe Million Einwohner, Republikaner obendrein, die Zufluchtsstätte, von der aus Hecker und Struve nach Deutschland eingefallen und das neue heilige römische Reich schwer beunruhigt haben, kann man eine bessere und zugleich ungefährlichere Gelegenheit finden, zu beweisen, daß das „große Deutschland“ Haare auf den Zähnen hat? Sofort wurde eine „energische“ Note an den Vorort Bern wegen der Umtriebe der Flüchtlinge gerichtet. Der Vorort Bern jedoch antwortete dem „großen Deutschland“ im Namen der „kleinen Schweiz“ ebenso energisch im Bewußtsein seines guten Rechts. Das aber schüchterte Hrn. Schmerling keineswegs ein. Die Haare wuchsen ihm erstaunlich schnell

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auf den Zähnen, und schon am 23. Oktober wurde eine neue noch „energischere“ Note abgefaßt und am 2. November dem Vorort behändigt. Hier drohte Hr. Schmerling der unartigen Schweiz schon mit der Ruthe. Der Vorort, noch rascher bei der Hand als der Reichsminister, antwortete schon zwei Tage darauf mit derselben Ruhe und Entschiedenheit wie früher, und Hr. Schmerling wird nun also seine „Vorkehrungen und Maßregeln“ gegen die Schweiz in Kraft treten lassen. Er ist bereits damit auf’s Eifrigste beschäftigt, wie er in der Frankfurter Versammlung erklärt hat. Wäre diese Drohung ein gewöhnliches Reichspossenspiel, wie wir deren schon so viele in diesem Jahr gesehen, wir würden kein Wort darüber verlieren. Da aber unsern Reichs-Donquixoten oder vielmehr ReichsSanchos in der Verwaltung des auswärtigen Amts ihrer Insel Barataria nie Unverstand genug zuzutrauen ist, so kann es leicht kommen, daß wir durch diese Schweizer Differenz in allerhand neue Verwicklungen gerathen. Quidquid delirant reges u. s. w. Sehen wir uns also die Reichsnote an die Schweiz etwas näher an. Es ist bekannt, daß die Schweizer das Deutsche schlecht sprechen und nicht viel besser schreiben. Aber die Antwortsnote des Vororts ist, was den Styl angeht, ein göthisch-gerundetes Meisterwerk gegen das schülerhafte, unbeholfene, stets um den Ausdruck verlegene Deutsch des Reichsministeriums. Der schweizerische Diplomat, (wie es heißt, der Bundeskanzler Schieß) scheint absichtlich seine Sprache besonders rein, fließend und gebildet gehalten zu haben, um schon in dieser Beziehung einen ironischen Kontrast zu bilden gegen die Note des Reichsverwesers, die von einem der Rothmäntel Jellachichs gewiß nicht schlechter stylisirt worden wäre. Es sind Sätze in der Reichsnote, die gar nicht zu verstehen, und andere, die von vollendeter Holprigkeit sind, wie man weiter unten sehen wird. Aber sind nicht diese Sätze gerade geschrieben „in der Sprache der Geradheit, die die Regierung des Reichsverwesers im Völkerverkehr sich stets zur Pflicht machen wird“? Nicht besser geht es dem Hrn. Schmerling, was den Inhalt anbetrifft. Gleich im ersten Absatz erinnert er „an die Thatsache, daß über die deutsche Note vom 30. Juni d. J. in der Tagsatzung mehrere Wochen hindurch, bevor irgend eine Antwort erfolgte, in einem Tone verhandelt wurde, welcher zu jener Zeit einem Vertreter Deutschlands den Aufenthalt in der Schweiz unmöglich gemacht haben würde“. (Hier ist gleich eine Stylprobe). Der Vorort ist gutmüthig genug, der „Regierung des Reichsverwesers“ nach den Protokollen der Tagsatzung zu beweisen, daß diese „mehrere Wochen langen“ Debatten sich auf eine einzige kurze Verhandlung an

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einem einzigen Tage beschränken. Man sieht, wie unser Reichsminister, statt die Aktenstücke nachzuschlagen, lieber dem Schatz seines verworrenen Gedächtnisses vertraut. Wir werden dafür noch mehr Beweise finden. Die Regierung des Reichsverwesers kann übrigens in dieser Gefälligkeit des Vororts, in der Bereitwilligkeit mit der er ihrem schwachen Gedächtniß nachhilft, einen Beweis der „freundnachbarlichen Gesinnungen“ der Schweiz finden. Wahrhaftig, hätte sie sich beigehen lassen, in einer Note auf ähnliche Weise von den englischen Parlamentsdebatten zu sprechen, die trockene Insolenz Palmerstons würde ihr ganz anders die Thüre gewiesen haben! Der preußische und östreichische Gesandte in London können ihr erzählen, was über ihre resp. Staaten und Noten öffentlich verhandelt wurde, ohne daß ein Mensch daran dachte, daß ihr Aufenthalt in London dadurch unmöglich geworden. Diese Schüler wollen der Schweiz Völkerrecht beibringen und wissen nicht einmal, daß von den Verhandlungen souveräner Versammlungen sie nur Das angeht, was beschlossen, nicht aber das, was geredet wird! Diese Logiker behaupten in derselben Note, „die Schweiz werde wissen, daß Angriffe auf die Preßfreiheit nicht von Deutschland ausgehen könnten“ (diese Zeilen in der N. Rhein. Ztg. abzudrucken, reicht schon hin, um sie bitter zu ironisiren) – und wollen sich sogar in die Freiheit der Debatte der damals höchsten schweizerischen Behörden mischen! „Ein Streit über Grundsätze liegt nicht vor. Es handelt sich nicht um das Asylrecht, noch um die Preßfreiheit. Die Schweiz wird wissen, daß Angriffe gegen diese Rechte nicht von Deutschland ausgehen können. Sie hat wiederholt erklärt, daß sie den Mißbrauch derselben nicht dulden werde, sie hat anerkannt, daß das Asylrecht nicht zu einem Gewerbe für die Schweiz, (was soll das heißen?) zu einem Kriegszustand für Deutschland (das Asylrecht ein Kriegszustand, welches Deutsch!) werden dürfe, daß ein Unterschied sein müsse zwischen einem Obdach für Verfolgte und einem Schlupfwinkel für Wegelagerer.“ „Schlupfwinkel für Wegelagerer!“ Sind Rinaldo Rinaldini und sämmtliche bei Gottfried Basse in Quedlinburg erschienenen Räuberhauptleute aus den Abruzzen mit ihren Banden an den Rhein gezogen, um bei gelegener Zeit das badische Oberland auszuplündern? Ist Karl Moor im Anzuge aus den böhmischen Wäldern? Hat Schinderhannes auch einen Bruderssohn hinterlassen, der als „Neffe seines Onkels“ die Dynastie von der Schweiz aus fortsetzen will? Weit entfernt! Struve, der im badischen Gefängniß sitzt, Frau Struve und die paar Arbeiter, die unbewaffnet über die Gränze zogen, das sind die „Wegelagerer“, die in der Schweiz ihre „Schlupfwinkel“ hatten oder noch haben sollen. Die Reichsgewalt, nicht

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zufrieden mit den Gefangenen, an denen sie sich rächen kann, entäußert sich so alles Anstandes, daß sie den glücklich Entronnenen Schimpfworte über den Rhein nachschleudert. „Die Schweiz weiß, daß man ihr keine Preßverfolgungen zumuthet, daß nicht von den Zeitungs- und Flugblättern, sondern von deren Urhebern die Rede ist, welche dicht an der Gränze bei Tag und Nacht durch massenweise Einschleppung von Brandschriften einen niedrigen Schmuggelkrieg gegen Deutschland führen.“ „Einschleppung!“ „Brandschriften!“ „niedriger Schmuggelkrieg!“ Die Ausdrücke werden immer gebildeter, immer diplomatischer – aber hat sich nicht die Regierung des Reichsverwesers „die Sprache der Geradheit zur Pflicht gemacht“? Und in der That, ihre Sprache ist von merkwürdiger „Geradheit“! Sie muthet der Schweiz keine Preßverfolgungen zu; sie spricht nicht von den „Zeitungen und Flugblättern“, sondern von „deren Urhebern“. Diesen soll das Handwerk gelegt werden. Aber, ehrliche „Regierung des Reichsverwesers“, wenn man in Deutschland einem Blatt den Prozeß macht, z. B. der Neuen Rhein. Zeitung, handelt es sich da um das Blatt, das in aller Welt Händen ist und nicht mehr der Cirkulation entzogen werden kann, oder um die „Urheber“, die man einsteckt und vor Gericht stellt? Diese brave Regierung verlangt keine Verfolgungen gegen die Presse, blos gegen die Urheber der Presse. Ehrliche Haut! Wunderbare „Sprache der Geradheit“! Diese Urheber „führen durch massenweise Einschleppung von Brandschriften einen niedrigen Schmuggelkrieg gegen Deutschland.“ Dies Verbrechen der „Wegelagerer“ ist wirklich unverzeihlich, um so mehr, als „es bei Tag und Nacht“ geschieht, und daß die Schweiz dies duldet, ist ein himmelschreiender Bruch des Völkerrechts. Von Gibraltar aus werden ganze Schiffsladungen englischer Waaren nach Spanien hineingeschmuggelt, und die spanischen Pfaffen erklären, daß die Engländer von dort aus „durch Einschleppung von evangelischen Brandschriften“, z. B. spanischen Bibeln der Bibelgesellschaft, einen niedrigen Schmuggelkrieg gegen die katholische Kirche führen. Die Fabrikanten von Barcelona fluchen ebenso sehr über den niedrigen Schmuggelkrieg, der durch Einschleppung englischer Calicos von dort aus gegen die spanische Industrie geführt wird. Aber der spanische Gesandte sollte sich nur einmal darüber beschweren, und Palmerston würde ihm antworten: thou blockhead, gerade deswegen haben wir ja Gibraltar genommen! Alle andern Regierungen haben bisher zu viel Takt, Geschmack und Ueberlegung besessen, um sich in Noten über den Schmuggel zu beschweren. Aber die naive Regierung des Reichsverwesers spricht so sehr

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die „Sprache der Geradheit“, daß sie höchst treuherzig erklärt, die Schweiz habe das Völkerrecht verletzt, wenn die badischen Gränzaufseher nicht gehörig aufpassen. „Die Schweiz kann endlich auch darüber nicht im Unklaren sein, daß das Recht des Auslandes, sich solcher Unbill zu verwehren, nicht davon abhängen kann, ob es den schweizerischen Behörden an der Macht oder am Willen fehlt, sie zu verhüten.“ Die Regierung des Reichsverwesers scheint vollständig „darüber im Unklaren zu sein, daß das Recht“ der Schweiz, Jeden ruhig gewähren zu lassen, der sich den Landesgesetzen unterwirft, sollte er auch durch Einschleppung etc. einen niedrigen Schmuggelkrieg etc. führen, „nicht davon abhängen kann, ob es den deutschen Behörden an der Macht oder am Willen fehlt“, diesen Schmuggel „zu verhüten“. Die Regierung des Reichsverwesers beherzige die Antwort Heine’s an den Hamburger, der ihm vom großen Brande vorjammerte: Schafft Euch beß’re Gesetze an, Und beß’re Feuerspritzen. – und sie wird nicht mehr nöthig haben, sich fernerhin durch die Geradheit ihrer Sprache lächerlich zu machen. „Nur über die Thatsachen ist Streit“, heißt es weiter, und wir werden also endlich außer dem niedrigen Schmuggelkrieg einige andere, bedeutende Thatsachen hören. Wir sind begierig. „Der hohe Vorort verlangt, unter Berufung auf seine Nichtkenntniß, daß er den bestimmten Nachweis von Vorgängen erhalte, welche die gegen die schweizerischen Behörden erhobenen Anklagen zu erhärten vermögen.“ Offenbar ein sehr vernünftiges Verlangen von Seiten des hohen Vororts. Und die Regierung des Reichsverwesers wird bereitwilligst diesem billigen Verlangen entsprechen? Keineswegs. Man höre nur: „Aber ein kontradiktorisches Verfahren zwischen Regierungen über weltkundige Dinge liegt nicht in der Sitte der Völker.“ Da habt ihr eine derbe Lektion des Völkerrechts für die arrogante kleine Schweiz, die da glaubt mit der Regierung des Reichsverwesers des großen Deutschlands ebenso naseweis umspringen zu dürfen, wie weiland das kleine Dänemark. Sie sollte sich ein Exempel nehmen an dem dänischen Waffenstillstand und bescheidener werden. Es könnte ihr sonst ebenso gehen. Wenn die Auslieferung eines gemeinen Verbrechers von einem Nachbarstaate verlangt wird, so läßt man sich in ein kontradiktorisches Verfahren ein, mag das Verbrechen noch so „weltkundig“ sein. Aber das

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kontradiktorische Verfahren, oder vielmehr der bloße Nachweis der Schuld, den die Schweiz verlangt, ehe sie – nicht gegen übergetretene gemeine Verbrecher, auch nicht gegen Flüchtlinge, nein, gegen ihre eigenen, aus demokratischer Volkswahl hervorgegangenen Beamten einschreitet – dieser Nachweis „liegt nicht in der Sitte der Völker“! Wahrlich, die „Sprache der Geradheit“ verleugnet sich nicht einen Augenblick. Gerader heraus kann man nicht gestehen, daß man keine Beweise zu bringen hat. Und jetzt folgt ein Hagel von Fragen, in dem alle diese weltkundigen Thatsachen aufgezählt werden. „Zweifelt Jemand an dem Treiben der deutschen Aufwiegler in der Schweiz?“ Gewiß Niemand, ebensowenig wie an dem Treiben des Herrn Schmerling in Frankfurt. Daß die deutschen Flüchtlinge in der Schweiz meistens irgend etwas „treiben“, ist klar. Die Frage ist nur, was sie treiben, und das weiß offenbar Hr. Schmerling selbst nicht, sonst würde er’s sagen. „Zweifelt Jemand an der Flüchtlingspresse?“ Gewiß Niemand. Aber Hr. Schmerling selbst erklärt ja, Angriffe gegen die Preßfreiheit könnten nicht von Deutschland kommen. Und wenn sie kämen, die Schweiz würde sie wahrhaftig zurückzuweisen wissen. Was heißt denn diese Frage? Uebersetzen wir sie aus der „Sprache der Geradheit“ ins Deutsche, so heißt sie weiter nichts als: die Schweiz soll für die Flüchtlinge die Preßfreiheit aufheben. A un autre, Monsieur de Schmerling! „Soll Deutschland vor Europa die Wallfahrten nach Muttenz beweisen?“ Gewiß nicht, schlaue „Regierung des Reichsverwesers“. Aber daß diese Wallfahrten die Ursache des Struve’schen Einfalles oder wo möglich irgend einer andern Unternehmung gewesen sind, die mehr Grund zur Klage gegen die Schweiz gibt, das zu beweisen, würde der Regierung des Reichsverwesers keine Schande, aber desto mehr Schwierigkeiten machen. Der Vorort ist abermals so gefällig mehr zu thun, als „in der Sitte der Völker liegt“, und Hrn. Schmerling daran zu erinnern, daß die Wallfahrten nach Muttenz gerade Hecker galten, daß Hecker gegen den zweiten Einfall war, daß er sogar, um allen Zweifel über seine Absichten niederzuschlagen, nach Amerika ging, daß unter den Wallfahrern hervorragende Mitglieder der deutschen Nationalversammlung waren. Der Vorort ist delikat genug, selbst der undelikaten Note des Hrn. Schmerling gegenüber, den letzten und schlagendsten Grund nicht zu erwähnen: daß nämlich die „Wallfahrer“ ja wieder nach Deutschland zurückgingen und dort

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von der Regierung des Reichsverwesers jeden Augenblick für irgend welche strafbare Handlung, für all ihr „Treiben“ in Muttenz zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Daß dies nicht geschehen, beweist am besten, daß die Regierung des Reichsverwesers keine Data hat, die die Wallfahrer inkriminiren, daß sie also noch viel weniger den schweizerischen Behörden in dieser Beziehung einen Vorwurf machen kann. „Oder die Versammlungen auf dem Birsfelde?“ Die „Sprache der Geradheit“ ist eine schöne Sache. Wer, wie die Regierung des Reichsverwesers, sich diese Sprache „zur Pflicht im Völkerverkehr gemacht hat“, der braucht blos nachzuweisen, daß Versammlungen überhaupt, oder auch Versammlungen von Flüchtlingen auf dem Birsfelde stattgefunden haben, um den schweizer Behörden grobe Verletzung des Völkerrechts vorwerfen zu können. Andre Sterbliche müßten freilich erst nachweisen, was in diesen Versammlungen Völkerrechtwidriges vorgefallen. Aber das sind ja „weltkundige Thatsachen“, so weltkundig, daß, ich wette, keine drei unter den Lesern der N. Rh. Ztg. sind, die überhaupt wissen, von welchen Versammlungen Hr. Schmerling spricht. „Oder die Rüstungen der Unheilstifter, die längs der Gränze, in Rheinfelden, Zurzach, Gottlieben und Laufen ihr Wesen treiben dürfen?“ Gottlob! Wir erfahren endlich etwas Näheres über das „Treiben“ der Flüchtlinge. Wir haben Hrn. von Schmerling Unrecht gethan, als wir meinten, er wisse nicht, was die Flüchtlinge trieben. Er weiß nicht nur was sie treiben, er weiß auch wo sie treiben. Wo treiben sie? In Rheinfelden, Zurzach, Gottlieben und Laufen längs der Gränze. Was treiben sie? „Ihr Wesen!“ „Sie treiben ihr Wesen!“ Kolossale Schändung alles Völkerrechts – ihr Wesen! Was treibt denn die Regierung des Reichsverwesers, damit sie das Völkerrecht nicht verletzt – etwa „ihr Unwesen“? Aber Hr. v. Schmerling spricht von „Rüstungen“. Und da unter den Städten, wo die Flüchtlinge zum Schrecken des ganzen Reichs ihr Wesen treiben, mehrere sind, die dem Kanton Aargau angehören, so nimmt der Vorort ihn zum Beispiel. Er thut wieder ein Uebriges, er thut abermals mehr, als „in der Sitte der Völker liegt“, und erbietet sich durch ein „kontradiktorisches Verfahren“ nachzuweisen, daß damals im Kanton Aargau nur 25 Flüchtlinge lebten, daß davon nur 10 am zweiten Freischaarenzuge Struve’s theilnahmen, und daß auch diese unbewaffnet nach Deutschland hinübergingen. Das waren die ganzen „Rüstungen“. Aber was heißt das? Die übrigen 15, die zurückblieben, waren gerade die Gefährlichsten. Sie blieben offenbar nur zurück, um „ihr Wesen“ ununterbrochen weiter zu „treiben“!

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Das sind die gewichtigen Anklagen der „Regierung des Reichsverwesers“ gegen die Schweiz. Weiter weiß sie nichts vorzubringen und braucht es auch nicht, da es „nicht in der Sitte der Völker liegt“ u. s. w. Ist die Schweiz schamlos genug, durch diese Anklagen noch nicht niedergeschmettert zu sein, so werden die „Entschließungen“ und „Vorkehrungen“ der Regierung des Reichsverwesers die niederschmetternde Wirkung nicht verfehlen. Die Welt ist begierig zu erfahren, wie diese Entschließungen und Vorkehrungen beschaffen sein werden, um so begieriger, als Hr. Schmerling sie mit dem größten Geheimniß betreibt, und selbst der Frankfurter Versammlung nichts Näheres mittheilen will. Die schweizer Presse hat indeß schon nachgewiesen, daß alle Repressalien, die Hr. Schmerling ergreifen kann, weit schädlicher auf Deutschland wirken müssen, als auf die Schweiz, und nach allen Berichten sehen die Schweizer den „Vorkehrungen und Entschließungen“ der reichsverweserlichen Regierung mit dem größten Humor entgegen. Ob die Herren Minister in Frankfurt denselben Humor behaupten werden, besonders wenn englische und französische Noten dazwischen kommen, müssen wir erwarten. Nur Eins ist gewiß: die Sache wird enden wie der dänische Krieg – mit einer neuen Blamage, die diesmal aber nur das offizielle Deutschland treffen wird.

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* K ö l n, 24. November. Der Minister Manteuffel hat gestern den zu Ber˙ ˙ ˙ ˙˙ lin anwesenden Reichskommissairen erklärt, daß die preußische Regierung sich dem Beschlusse der Frankfurter Versammlung, ein volksthümliches Ministerium zu bilden, nicht unterwerfen werde, weil es sich von einer i n n e r n Angelegenheit handle. Manteuffel stimmt also darin mit uns überein, daß auch der Beschluß der Frankfurter Versammlung über die S t e u e r v e r w e i g e r u n g null und nichtig ist, weil er nur eine i n n e r e Angelegenheit betrifft. Es wäre allerdings möglich, daß das Ministerium Brandenburg-Manteuffel die Rheinprovinz in eine auswärtige Angelegenheit für Preußen verwandeln hilft.

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Karl Marx Drigalski der Gesetzgeber, Bürger und Kommunist

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153, 26. November 1848

* K ö l n, 24. November. Düsseldorf ist in Belagerungszustand erklärt; das Ministerium Brandenburg-Wrangel hat in den Herren Spiegel-Drigalski würdige Repräsentanten gefunden. Der erste dieser Herren ist simpler Regierungspräsident, der andere aber vereinigt mannigfaltige Qualitäten; er ist nicht bloß General-Lieutenant und Divisionskommandeur – als solcher figurirt er in der Rang- und Quartierliste und als „oberster“ Gesetzgeber der Stadt und Sammtgemeinde Düsseldorf – er ist auch Schriftsteller und sagt von sich selbst, daß er zugleich „Bürger“ sei und –, Kommunist, alles mit Gott, für König und Vaterland. Diese beiden Herren, der einfache wie der vielfarbige, haben gefunden, daß in Düsseldorf der gesetzliche Zustand nur mit außerordentlichen Mitteln aufrecht erhalten werden kann; sie haben sich daher „genöthigt“ gefunden, „zum Schutze der gesetzlichen Ordnung“ die Gesammtgemeinde Düsseldorf in Belagerungszustand zu erklären. Wir wissen seit lange, daß die Regierung Brandenburg nur mit außerordentlichen Mitteln sich halten kann; wir wissen, daß sein Zustand längst schon aufgehört haben würde, wenn das Land sich nicht im Belagerungszustande befände. Der Belagerungszustand ist der gesetzliche Zustand der Regierung Brandenburg. „Belagerungszustand, meine Herren, heißt Kriegszustand“, erklärte der Ministerpräsident von Pfuel in der Vereinbarungssitzung vom 29. September. Damals handelte es sich von der Stadt und Festung Köln, damals war von einem Aufstande die Rede, die Verfügungen der Gerichte konnten nicht ausgeführt werden, die gesetzliche Gewalt – die Bürgerwehr – konnte die Ruhe nicht aufrechterhalten, es waren Barrikaden gebaut worden; der Gewalt ließ sich nichts anders gegenüber stellen als Gewalt. So behaupteten wenigstens die Vertheidiger des Belagerungszustandes, man gab sich wenigstens noch Mühe, mit angeblich konstatirten

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Thatsachen den äußern Schein zu retten. Jetzt macht man sich die Sache viel leichter; Düsseldorf ist nicht in Aufruhr, die Aktion der Gerichte ist keinen Augenblick gestört, die Bürgerwehr ist stets bereit gewesen, der gesetzlichen Requisition Folge zu geben, ja man kann sich nicht einmal auf die veralteten Instruktionen vom Jahre 1809 berufen, auf welche damals ein Hauptgewicht gelegt wurde; denn Düsseldorf ist keine Festung. Aber Düsseldorf hat sich mit einer seltenen Energie für die Steuerverweigerung ausgesprochen, das genügte den beiden Brandenburgern, den gesetzlichen Zustand herzustellen, d. h. die Stadt außer dem Gesetz zu erklären. Wir gehen nicht auf die Beschuldigungen ein, welche der Proklamation des Belagerungszustandes zum Vorwande dienen sollen; wir empfehlen sie als falsche Beschuldigungen der Aufmerksamkeit der gerichtlichen Behörde, da zu ihrer Unterstützung nirgendwo der gesetzliche Beweis beigebracht, es sind Kalumnien, die den Artikeln 267 u. ff. des Strafgesetzbuchs verfallen. Wir wollen hier nur die Gesetzwidrigkeiten zusammenstellen, die sich die Hrn. Spiegel und Drigalski, zum Schutze der gesetzlichen Ordnung, zu Schulden kommen lassen. Nachdem die beiden Herren den Belagerungszustand ausgesprochen und „damit die oberste Gewalt an die Militärbehörde übergegangen ist“, verordnet der „Kommunist und Bürger“ Drigalski, wie folgt: 1) Die gesetzlich bestehenden Behörden verbleiben in ihren Funktionen und werden in den von ihnen zu treffenden Maßregeln auf’s kräftigste unterstützt werden. Das heißt, die gesetzlich bestehenden Behörden sind, insofern sie gesetzlich bestehen, kassirt, verbleiben aber zur Unterstützung des Hrn. v. Drigalski in ihren Funktionen. „Ich erwarte, spricht Drigalski zu seinen ,Mitbürgern‘, daß alle gutgesinnten Einwohner mir die Handhabung der Gesetze erleichtern und die Behörden mich darin mit aller Entschlossenheit unterstützen werden“. Herr Drigalski macht nicht bloß, sondern er handhabt auch die Gesetze, die gesetzlich bestehenden Behörden sind seine Trabanten. Und die „unabhängigen“ Richter des Düsseldorfer Landgerichts und der Hr. Oberprokurator und sein Parquet lassen sich das alles ganz ruhig gefallen! Sie finden keine Gesetzverletzung darin, daß sie ihres Amtes entsetzt werden, sie huldigen dem Gesetzgeber Drigalski und freuen sich, daß sie um diesen Preis ihr Gehalt fortbeziehen dürfen. Pfui ihr Herren, befällt Euch gar keine Scham, die Ihr unter dem Säbelregimente Verhaftsbefehle und Untersuchungen vornehmt? Oder ist etwa die Verhaftung des Hrn. Lassalle, der in einem leider allzukühnen Vertrauen auf sein gutes Recht und den Schutz der gerichtlichen Behörde, dem Belagerungszustande sich

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nicht entziehen wollte, nur ein Akt der Privatrache des Hrn. Drigalski? Ist vielleicht in der Stille gegen diesen Menschen und seine Helfershelfer schon eine Untersuchung auf Grund der Artikel 114, 123, 124 beantragt und eingeleitet? Das zweite Gesetz des Hrn. Drigalski lautet: „Alle Vereine zu politischen und sozialen Zwecken sind aufgehoben.“ Was kümmert den Herrn Drigalski das Gesetz vom 6. April § 4. Sind hiernach „alle Preußen berechtigt zu Zwecken, welche den bestehenden Gesetzen nicht zuwiderlaufen, sich zu Gesellschaften ohne vorgängige polizeiliche Erlaubniß zu vereinigen“, so ist das offenbar eine jener „Errungenschaften“, die so schnell als möglich wieder abgerungen werden müssen, also mit der Gesetzgebung Drigalski’s unverträglich. Drittes und viertes Gesetz. Hr. v. Drigalski ordnet den Straßen- und Wirthshausverkehr. Als ob Düsseldorf Paris geworden wäre, erläßt er ein Gesetz gegen die Attroupements. Er ist aber nicht bloß groß als Polizist, er bekundet auch entschiedenes Talent zum Nachtwächter: er gebietet Feierabend. Fünftes Gesetz. „Die Bürgerwehr ist vorbehaltlich ihrer Reorganisation aufgelöst und hat die Waffen noch heute abzuliefern.“ Dieses Gesetz ist complicirt an Ungesetzlichkeiten, wir unterscheiden: a) Die Bürgerwehr ist aufgelöst. Nach den gewöhnlichen Gesetzen, namentlich dem Bürgerwehrgesetz vom 17. October kann die Bürgerwehr nur durch königl. Kabinetsordres aufgelöst werden. Hat Hr. v. Drigalski vielleicht eine geheime Kabinetsordre in Petto? Nun, warum publizirt er sie nicht, wie er die Erklärung des Ober-Post-Direktors Maurenbrecher publizirt. Freilich, diese ist sofort durch die Düsseldorfer Bürgerwehr Lügen gestraft worden. Hr. v. Drigalski hat keine Kabinetsordre, er handelt aus eigner Machtvollkommenheit und maßt sich königliche Befugnisse an, obgleich er ein königlich-gesinnter „Bürger und Kommunist“ ist. b) Die Bürgerwehr ist nicht etwa bloß ihres Dienstes enthoben. Hr. v. Drigalski begnügt sich nicht damit, nur die Amtsgewalt des Regierungspräsidenten an sich zu reißen. Was die Ungesetzlichkeit anlangt, so hätte er durch die bloße Dienstenthebung schon ein Hinreichendes gethan. § 4 des Gesetzes vom 17. October lautet: Wenn die Bürgerwehr einer Gemeinde oder eines Kreises der Requisition der Behörde Folge zu leisten sich weigert, oder sich in die Verrichtungen der Gemeinde-, der Verwaltungs- oder gerichtlichen Behörden einmischt, so kann der Verwaltungs-Chef des Regierungsbezirks, unter Angabe der Gründe, sie vorläufig ihres Dienstes entheben. Die Dienstenthebung konnte also nur von dem Regierungspräsidenten ausgesprochen werden; aber weder von einem General-Lieutenant, noch

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von einem Divisionskommandeur, noch von einem Bürger, noch endlich von einem Kommunisten und sei es auch ein „königl. preußischer Kom˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ munist“. Aber Hr. Drigalski hat seine guten Gründe, sich ohne Achtung vor dem Instanzenzug sofort als Majestät zu geriren. Hätte er die Bürgerwehr bloß als Regierungspräsident behandelt, so konnte er sie nicht entwaffnen. Aber c) „die Bürgerwehr hat noch heute die Waffen abzuliefern“. Eine bloße Dienstenthebung berechtigt noch keineswegs zur Abnahme der Waffen. Sonst müßten ja auch suspendirte Offiziere ihren Degen abgeben. Aber Hr. Drigalski hat Recht; hätte die Bürgerwehr die Waffen behalten dürfen, so würde sie sich wahrscheinlich durch ihn nicht des Dienstes haben entsetzen lassen; sie würde ihrer Bestimmung, wie der § 1 des Gesetzes sie vorschreibt, nachgekommen sein. d) Hr. v. Drigalski läßt an sich die Waffen abliefern. Da er sich einmal berufen fühlt, als Majestät aufzutreten, so stört er sich auch nicht an die königliche Verordnung betreffend die Ausführung des Gesetzes über die Errichtung der Bürgerwehr. Hier heißt es § 3: „Die vom Staate den Gemeinden verabreichten Waffen bleiben jedenfalls bis zu dem oben bezeichneten Zeitpunkte im Besitze der Gemeinden.“ Die „Stadtverwaltung und Gemeinderath“ von Düsseldorf haben gegen diese Anordnung nichts einzuwenden. Statt gegen diese Ungesetzlichkeit zu protestiren und für die Rechte der Gemeinde einzutreten, ermahnen sie die Bürger zu „ruhigem, gesetzlichem Verhalten“ gegen ihren neuen Diktator. Sechstes Gesetz. „Wer in offnem und bewaffnetem Widerstande gegen Maßregeln der gesetzlichen Behörde getroffen wird, oder den Truppen durch eine verrätherische Handlung Gefahr oder Nachtheil bereitet, soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden.“ Nach dem Gesetz zum Schutze der persönlichen Freiheit darf Niemand vor einen andern als den im Gesetz bezeichneten Richter gestellt werden. Ausnahmsgerichte und außerordentliche Kommissionen sind unstatthaft. Keine Strafe kann angedroht oder verhängt werden als in Gemäßheit des Gesetzes. Nach demselben Gesetze kann diese Bestimmung niemals zeitoder distriktweise suspendirt werden: selbst nicht im Falle eines Kriegs oder Aufruhrs. Denn nach §. 8. können alsdann nur §§. 1 und 6, aber auch nur durch Beschluß und unter Verantwortlichkeit des Staatsministeriums provisorisch aufgehoben werden. Gleichwohl verordnet Herr v. Drigalski ein Kriegsgericht für Civilpersonen. Daß er Verhaftungen vornehmen läßt, daß er zu diesem Zwecke die Heiligkeit der Wohnung verletzt, darf nicht mehr wundern; diese Bestimmungen können ja wenigstens noch suspendirt werden, wenn auch nicht durch Herrn v. Drigalski. Es ist

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übrigens gleichgültig, ob man der Behauptung der Düsseldorfer Zeitung, daß die Verhaftung Lassalles auf völlig formlose Weise erfolgt sei, oder der Versicherung der Kölnischen Zeitung, wonach sie auf Befehl des Instruktionsrichters geschehen ist, Glauben beimessen will. Die Kölnische Zeitung nimmt sich natürlich des Militärkommandanten an, um den Instruktionsrichter zu blamiren. Jedenfalls ist die Verhaftung ungesetzlich; denn in einem ungesetzlichen Zustande können keine gesetzlichen Handlungen vorgenommen werden. Im Kriegszustande hört die Aktion der bürgerlichen Gerichtsbarkeit auf. Bleibt der Instruktionsrichter in seinen Funktionen, so tritt er in die Stellung eines Militärauditeurs, sein Gesetzbuch werden die Kriegsartikel. Das Düsseldorfer Parquet hat diese seine neue Stellung wohl begriffen; denn betrachtete es sich noch in der Kompetenz, welche die rheinische Strafprozeßordnung vorschreibt, so würde es längst eingeschritten sein, wenn auch nur auf Grund des §. 9. der Habeas-Corpus-Acte, welcher heißt: „Es ist keine vorgängige Genehmigung der Behörden nöthig, um öffentliche Civil- und Militär-Beamten wegen der durch Uebertretung ihrer Amtsbefugnisse verübten Verletzungen vorstehender Bestimmungen gerichtlich zu belangen“. Es fragt sich nun noch, um die Kraft unsrer rheinischen Institutionen vollständig kennen zu lernen, ob der Generalprokurator, Herr Nicolovius, unter dessen Aufsicht alle Beamte der gerichtlichen Polizei, selbst die Instruktionsrichter stehen, das Verhalten des Düsseldorfer Parquets genehmigen wird. Einer Deputation, welche sich gestern zu ihm begab, um ihn aufzufordern, den Düsseldorfer Ereignissen gegenüber seine Amtsgewalt eintreten zu lassen, soll Herr Nicolovius geantwortet haben, er habe keinen Gesetzartikel, auf Grund dessen er einschreiten könne. Wir sagen, Herr Nicolovius soll, obwohl uns diese Aeußerung auf die glaubwürdigste Weise mitgetheilt worden ist. Wir können aber trotzdem nicht daran glauben, denn wir müßten sonst annehmen, daß Hr. Nicolovius den Code pe´nal sammt allen Gesetzen, welche seit dem März dieses Jahres erlassen worden sind, gänzlich aus dem Gedächtniß verloren haben müsse.

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** B e r n, 21. November. Die Bundesversammlung (beide Räthe vereinigt) ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Sitzung mit den Freiburger Wahlen beschäftigt. hat sich in ihrer gestrigen Vorher zeigte der Vorort an, daß er im Begriffe stehe, sich mit Tessin zu verständigen, und daher wünsche, daß die dorthin beorderten Truppen zurückgezogen werden. Ferner wünscht der Vorort, daß der Bundestag sich baldigst konstituire, (in Folge der Verwicklungen mit der Reichsregierung). – Hr. Escher verlangt seine Demission als Repräsentant des Bundes in Tessin. – Hr. Furrer erklärt, daß er einstweilen bis zur nächsten Session die Stelle als Bundesrath und Bundespräsident annehme. Hierdurch sind 4 Mitglieder (Furrer, Ochsenbein, Frei-Herose und Näff) vorhanden; Hr. Ochsenbein erklärt den Bundesrath für konstituirt, verläßt das Präsidium der Versammlung, das Hr. Escher einnimmt, und die vier Bundesräthe werden beeidigt. Zur Tagesordnung übergehend, trägt Hr. Bruggissen Namens der Majorität der betreffenden Kommission auf Rapportirung des Nationalrathsbeschlusses an, wodurch die Freiburger Wahlen kassirt werden. Die Minorität verlangt Bestätigung des Nationalrathsbeschlusses. Die Herren Kopp, Anton Schnyder, Pottier, Eytel, Pittet, Castella (Freiburg), Weder (St. Gallen), Ochsenbein und Fazy sprachen für die Majoritätsanträge, die Herren Tanner, Trog, Escher, Frei, Streng und Imobersteg für die Minorität. Die Argumente waren meistens juristischer Natur, jedoch nahm bei den Vertheidigern der Freiburger Wahlen die politische Nothwendigkeit, die dortige Regierung zu halten und den Kanton nicht wieder den Intriguen der Geistlichkeit preiszugeben, eine sehr bedeutende Stelle ein. Der Antrag der Majorität der Kommission wurde schließlich mit 68 gegen 53 Stimmen zum Beschluß erhoben und damit der Beschluß des Nationalraths, der die Freiburger Wahlen kassirt, wieder aufgehoben.

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Die „Suisse“ und der „Verfassungsfreund“ jubeln, denn dieser Beschluß sichert ihnen fünf Stimmen, die für Bern als Bundessitz stimmen werden. Der „Nouvelliste Vaudois“ wird ebenfalls jubeln, denn die radikale Freiburger Regierung und die fünf radikalen Stimmen im Nationalrath sind einstweilen gesichert. Die „Berner Zeitung“, obwohl in ihren Prinzipien dem Nouvelliste weit näher stehend als den obigen beiden Blättern Ochsenbeins, erklärt dagegen den Beschluß der Bundesversammlung für den ersten Sieg der Kantonalsouveränetät im neuen Bunde. Wir glauben, die Berner Zeitung irrt sich. Die Prinzipienfragen, die bei dieser Debatte vorgebracht wurden, waren gewiß den wenigsten Rednern der Majorität Ernst, am allerwenigsten Hrn. Eytel, der sogar soweit ging, gegen die Einheitspartei zu sprechen. Bei ihnen handelte es sich um ganz praktische Interessen, wie die obigen Blätter beweisen mögen, die den entgegengesetztesten Parteien huldigen und deren Parteigänger doch dieselbe Seite der Frage mit denselben Gründen verfochten. Den meisten Gliedern der Minorität dagegen, und besonders den Berner Radikalen, war es Ernst mit der Prinzipienfrage. Aber es steht dahin, ob diese Herren sich nicht durch ihr juristisches Gewissen haben etwas zu weit treiben lassen. Vorgestern ist auch zu allgemeiner Verwunderung Seine Excellenz der ˙ ˙ ˙ Abwesenheit Herr v. Sydow, preußischer Gesandter, nach einjähriger wieder hier eingetroffen. Man weiß, daß er seit dem Sonderbundskrieg seinen Wohnsitz in dem frommen Basel aufgeschlagen hatte – gleich und gleich u. s. w. Was seine plötzliche Herreise zu bedeuten hat, weiß man noch nicht. Wahrscheinlich gar nichts. Wenigstens hat er dem Vorort keine Eröffnungen gemacht, ebensowenig dem Bundesrath. Auch ist seine ganze Kanzlei einstweilen noch in Basel geblieben. Meine gestrige Nachricht wegen der Differenzen mit dem Reich hatte also doch etwas Richtiges. Zwar von Kriegserklärung ist keine Rede, auch ist keine neue Reichsnote eingetroffen. Aber daß 50 000 Mann Reichstruppen sich an der Schweizer Gränze konzentriren und einen Cordon von Konstanz bis Basel bilden sollen, diese Nachricht hat der Vorort allerdings vorgestern Abend erhalten und darauf noch denselben Abend, wie ich Ihnen schrieb, Sitzung gehalten. Wir werden bald erfahren, was für Gegenmaßregeln von ihm und dem jetzt konstituirten Bundesrath beschlossen worden sind. Vorgestern fanden im Kreis Mittelland (Bern und Umgegend) die Wahlen für zwei Nationalräthe Statt, an die Stelle Dufour’s, der in drei Wahlkreisen gewählt, für Seeland optirte, und Ochsenbein’s, der durch seine Wahl in den Bundesrath den Charakter als Nationalrath verliert. Es erhielten in der Stadt die konservativen (d. h. reaktionären) Kandidaten

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Fischer 1059 und Blösch 893 Stimmen. Die beiden Radikalen Weingart 559 und Mathys 540. Die Wahl Fischer’s ist gewiß, die von Blösch, der ˙ ˙ Antipathieen gegen sich hat, weniger. Die bedeutende Majorität größere der Konservativen in der Stadt Bern schreibt sich hauptsächlich von dem Einflusse her, den die reichen altpatrizischen Familien hier auf die Wahlen ausüben. Bei weitem der größte Theil der Wähler ist von ihnen abhängig und reißt sich nur von der Bevormundung los, wenn Momente der Krise eintreten, oder wenn eine Persönlichkeit, wie Ochsenbein, als Kandidat auftritt, die populäre Antecedentien besitzt und es zu einer angesehenen Stellung in der Schweiz gebracht hat. Hier, wie in den meisten Orten der Schweiz, sitzt die eigentliche revolutionäre Volkskraft in den schweizerischen und deutschen Arbeitern, die aber kein festes Domizil in der Stadt haben und daher das Wahlrecht, selbst wenn sie Kantonsbürger sind, nur sehr selten besitzen. Dieser Umstand, sowie der mit dem Eintritt ruhigerer Zustände sogleich wieder um sich greifende Einfluß des Patriziats, erklärt die konservativen Wahlen, die wenige Jahre nach jeder liberalen oder radikalen Revolution unfehlbar vorkommen. In der heutigen Sitzung des Nationalraths wurde an Ochsenbein’s Stelle Dr. Steiger von Luzern zum Präsidenten gewählt. Die Versammlung debattirt über die Tessiner Angelegenheit. Pioda (Tessiner) hat in einem langen und für einen Italiener sehr matten Vortrage, eine Menge Anklagen gegen die eidgenössischen Repräsentanten und Truppen in Tessin ˙˙ ˙ ˙ bemüht ˙˙ angehäuft. Escher von Zürich sich aber, diese Anklagen zurückzuweisen. Ich werde wo möglich das Resultat der Sitzung noch nachtragen. Es wird voraussichtlich, eine vollständige Billigung des Vororts und der Repräsentanten, und besten Falls eine einfache Tagesordnung sein, begründet auf die gestrige Mittheilung des Vororts, (siehe oben) daß ˙˙ ˙ ˙ Alles beigelegt sei. Nachdem noch mehrere Redner und schließlich Oberst Ziegler gesprochen, welcher Letztere den, die Maßregeln des Vororts billigenden Anträgen der Majorität noch den hinzugefügt hatte, die Tessiner Regierung wenigstens in einen Theil der Kosten zu verurtheilen und den Repräsentanten ihre Anerkennung zu votiren, wurde auf den Antrag des Präsidenten die Diskussion auf morgen vertagt.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153, 26. November 1848. Zweite Ausgabe

* K ö l n, 25. Nov. In den Vernehmungen von Marx, Schapper und Schneider II. vor dem Instruktionsgerichte, wegen des zweiten im Namen des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten erlassenen Aufrufes, wurde die Erklärung der Beschuldigten, jenen Aufruf verfaßt und unterschrieben zu haben, protokollirt und die Untersuchung sodann geschlossen. Keiner der Beschuldigten wurde verhaftet. Dies als Antwort auf verschiedene an den Kreisausschuß gerichtete Briefe.

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Karl Marx Drei Staatsprozesse gegen die „Neue Rheinische Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153, 26. November 1848. Zweite Ausgabe

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* K ö l n, 24. November. Es sind in diesem Augenblicke drei Staatspro˙ ˙ ˙ ˙ ˙Rheinische Zeitung“ anhängig, – wir rechnen die zesse gegen die „Neue gerichtlichen Verfolgungen gegen Engels, Dronke, Wolff und Marx wegen angeblicher „unzeitungsmäßiger“ politischer Vergehen nicht ein. – Man versichert aus gut unterrichteter Quelle, daß wenigstens noch ein Dutzend Inquisitionen gegen das „ S c h a n d b l a t t “ – offizieller Ausdruck des ci-devant-procurators und wirklichen Oberprokurators Hecker (c’est du Hecker tout pur) – eingeleitet worden. Erstes Verbrechen: Gewaltsamer Angriff auf die jungfräuliche „Delikatesse“ von sechs kgl.-preußischen Gensd’armen und des Königs des Kölnischen Parkets, des Hrn. Oberprokurators Zweiffel – Volksrepräsentanten in partibus infidelium, tagt einstweilen weder zu Berlin noch zu Brandenburg, sondern zu Köln am Rhein. Am Rhein! am Rhein! da wachsen unsre Reben! Auch wir ziehen den Rhein der Spree vor und das Hotel Disch dem Hotel Mielentz. Va pour la de´licatesse des gensd’armes! Was die „Delikatesse“ des Hrn. Zweiffel angeht, so ist sie für uns ein „noli me tangere!“ Wir waren sittlich entrüstet über jene undelikaten Mißtrauensvota, wodurch seine Wahlmänner ihn zum Rückzuge bewogen haben sollen. Als wahre Ehrenwächter der jungfräulichen „Delikatesse“ des Hrn. Zweiffel ersuchen wir ihn, die Erklärung des Hrn. Weinhagen von Cleve öffentlich zurückzuweisen. Hr. Weinhagen erklärt in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ mit Namensunterschrift, er habe für die „Ehre und Delikatesse“ des Herrn Zweiffel verletzende Thatsachen mitzutheilen. Er könne diese Thatsachen selbst beweisen, müsse aber von ihrer Veröffentlichung abstehen, solange Hr. Zweiffel zu dem Paragraphen des Code pe´nal seine Zuflucht nehme, wonach jede, selbst die gegründetste Denunciation als Verläumdung verfolgt wird, wenn sie nicht durch richterliches Urtheil oder authentische

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Urkunden bewiesen werden kann. Wir appelliren also an die „Ehre und Delikatesse“ des Hrn. Zweiffel! Zweites Verbrechen. Der einfache Hecker und der zwiespaltige Hecker. Drittes Verbrechen. Dies Verbrechen, welches sich im Jahre 1848 ereignet hat, wird auf Ansinnen des Reichsministeriums verfolgt. Das Verbrechen Schnapphahnski! Das Feuilleton als Verbrecher! Das Reichsministerium soll in seiner Anklageschrift die „Neue Rheinische Zeitung“ als die schlechteste Zeitung in der „schlechten Presse“ anerkannt haben. Wir unsererseits erklären die Reichsgewalt für die komischste Gewalt aller komischen Gewalten.

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Friedrich Engels Die Schweizer Nationalratssitzung vom 22. November 1848

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 153, 26. November 1848. Zweite Ausgabe

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** B e r n, 22. November. In der heutigen Sitzung des Nationalraths wur˙ ˙ ˙ ˙ ˙ worin General Dufour eine ausgezeichnete Rede de nach langer Debatte, zu Gunsten Tessins hielt, während alle andern Militärs in der Versammlung (Ziegler, Michel, Benz etc.) mit großer Animosität gegen Tessin auftraten, und nach einer vortrefflichen Erwiederung Pioda’s auf alle Angriffe, der Vorschlag der Minorität der Kommission, „die italienischen Flüchtlinge, welche an der letzten Erhebung Theil genommen, zu interniren und der Tessiner Regierung die Ausführung dieses Beschlusses zu überlassen“, mit 62 gegen 31 Stimmen durch Namensaufruf verworfen, dagegen die Majoritätsanträge: 1) alle italienischen Flüchtlinge, nur mit den durch die Humanität ge˙˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ worüber die eidgenössischen Repräsentanten entbotenen Rücksichten, ˙ ˙ ˙˙Innere ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ der Schweiz zu verscheiden sollen, aus dem Kanton Tessin˙ ˙ins weisen, mit 62 gegen 31 Stimmen, und 2) dem Kanton Tessin bis auf Weiteres zu verbieten italienischen ˙˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Flüchtlingen den Aufenthalt zu gestatten, mit 50 gegen 46 Stimmen angenommen. Die beiden Züricher Escher und Furrer, der gegen Dufours noble Ritterlichkeit sein ganzes Gewicht als Bundesraths-Präsident in die Wagschale legte und fast eine Kabinetsfrage stellte, haben durch geschickte Einwirkung auf die deutschen Schweizer die Sache entschieden. Die 31 Stimmen für Tessin waren, mit 5–6 Ausnahmen, lauter französische Schweizer. Man hörte nur „oui“ und „Nein“ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙einziges „non“, und nur fünf bis sechs „Ja“. beim Namensaufruf, ˙kein Die romanische Schweiz ist von den Deutschen erdrückt worden.

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Die übrigen Punkte des Majoritätsantrags, denen auch die Minorität (Hr. Pioda) sich angeschlossen, werden eben angenommen. Die Sitzung und die Post schließen gleichzeitig. Morgen Näheres über diese interessante Debatte.

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Friedrich Engels Abdankung Raveaux’ – Verletzung der Schweizer Grenze

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 154, 28. November 1848. Beilage

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** B e r n, 23. November. Die Abdankung Raveaux’s von seinem Ge˙ ˙ ˙ ˙ hier das größte Aufsehen und die ungetheilteste sandtschaftsposten ˙erregt Billigung. – Große Entrüstung dagegen hat die Gebietsverletzung deutscher Truppen bei Sulgen, noch größere die kavaliermäßige Entschuldigung des Kommandanten hervorgerufen. Wie? 35 Mann Soldaten betreten mit den Waffen in der Hand schweizerisches Gebiet, dringen in ein Dorf ein, umzingeln ein im Voraus bezeichnetes Haus, wo ein im Voraus bezeichneter Flüchtling, Hr. Weißhaar, verborgen sein soll, machen Miene, es zu durchsuchen, bestehen auf ihrem Vorhaben, trotz der wiederholten Anzeige, sie seien auf Schweizer Boden, drohen Gewalt anzuwenden und müssen erst durch die Knittel und Steinwürfe der Bauern verjagt werden, und trotz aller dieser nur zu schlagenden Umstände, die einen vorbedachten Ueberfall nur zu sicher beweisen, behauptet der Kommandant, die Truppen hätten nicht gewußt, daß sie auf Schweizer Boden seien? Warum denn der befremdliche Umstand, daß ein so zahlreiches Detaschement nur von einem Unteroffizier, nicht wenigstens von einem Lieutenant befehligt war, wie dies sonst überall geschieht und namentlich in dem lieutenantswimmelnden Deutschland, warum dies, wenn nicht deshalb, weil man sich durch Beigabe eines Offiziers, der soviel Geographie kennen mußte, gar zu sehr kompromittirt hätte? In der That, die schweizerische Regierung wird sich mit einer so kavalierement hingeworfenen Entschuldigung nach einer so leichthin begangenen Beleidigung nicht zufrieden geben. Die züricher Behörden haben bereits eine Untersuchung angestellt und es wird wohl schließlich dahin kommen, daß nicht die Schweiz dem Reich Barataria, sondern das Reich Barataria der Schweiz Abbitte thun muß.

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Karl Marx Neuigkeiten

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 155, 29. November 1848

* Köln, 28. Nov. Die „N. Rh. Ztg.“ sagte in ihrer Nummer vom 17. November: „Und nun gar die Juden, die seit der Emancipation ihrer Sekte, wenigstens in ihren vornehmen Vertretern, überall an die Spitze der Contrerevolution getreten sind, was harrt ihrer? Man hat den Sieg nicht abgewartet, um sie in ihr Ghetto zurückzuschleudern.“ Wir citirten damals Bromberger Regierungserlasse. Eine noch schlagendere Thatsache haben wir heute zu berichten. Die große Freimaurerloge zu den drei Kronen in Berlin – bekanntlich ist der Prinz von Preußen oberster Leiter der preußischen Freimaurerei, wie Friedrich Wilhelm IV. oberster Leiter der preußischen Religion – hat die Loge Minerva zu Köln in Inaktivität erklärt. Warum? Weil sie Juden affiliirt hat. Zur Nachricht für die Juden!

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Friedrich Engels Sitzung des Bundesrats und des Ständerats

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 155, 29. November 1848

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** B e r n . 25. November. In der gestrigen Sitzung des Nationalraths wur˙ ˙ des ˙ ˙ ˙ Bundessitzes ihrer Lösung nicht näher gerückt, de die Frage wegen vielmehr eher von ihr entfernt. Gegen die Majorität wurde entschieden, den Bundessitz nicht in vereinigter Sitzung beider Räthe, durch geheimes Skrutinium, sondern durch ein von beiden Räthen besonders zu berathendes Gesetz festzustellen. Wie ich schon früher vermuthete, wird in diesem Fall ein Konflikt eintreten; der Nationalrath wird Bern, der Ständerath Zürich wählen. So sagen Mitglieder beider Räthe selbst. Wenn der Ständerath diesen Beschluß nicht wieder aufhebt, so ist nicht abzusehen, wie der Konflikt sich lösen wird. Im Uebrigen wurde der zu erwählenden Bundesstadt auferlegt, die nöthigen Lokale für die gesetzgebenden Bundesversammlungen sowie für die Centralregierung zu beschaffen und zu möbliren, und ebenfalls ein Münzgebäude zu stellen. Hierauf wurde dem Bundesrath ein unbeschränkter Kredit mit großer Stimmenmehrheit bewilligt. Derselbe Kredit wurde gleichzeitig vom Ständerath eröffnet und hat also Gesetzes-Kraft. Heute war zuerst Sitzung des Ständeraths, dann der vereinigten Räthe, und nachher des Nationalraths. In der vereinigten Sitzung wurden Druey und Franscini als Bundesräthe beeidigt. Was sonst Wichtiges vorgefallen, melde ich Ihnen morgen, da ich verhindert war, den Sitzungen beizuwohnen.

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Friedrich Engels Die Persönlichkeiten des Schweizer Bundesrats

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 155, 29. November 1848

** B e r n, 24. November. Es wird den Lesern der N.Rh.Ztg. nicht unan˙ ˙ Details ˙ ˙˙ genehm sein, einige über die Persönlichkeiten zu erfahren, die jetzt berufen sind, die Schweiz unter Kontrolle der beiden Räthe zu regieren, und die jetzt eben in Thätigkeit getreten sind. Fünf Mitglieder des Bundesraths haben unbedingt, eines, Hr. Furrer, provisorisch bis zum Frühjahr die Wahl angenommen, und über die Annahme des siebenten (Munzinger) kann kein Zweifel obwalten. Der Präsident des Bundesraths, Hr. Furrer, ist der ächte Typus des Zürichers. Er hat, wie man in Frankreich sagen würde, l’air e´minemment bourgeois. Kleidung, Haltung, Gesichtszüge bis zur silbernen Brille verrathen auf den ersten Blick den „freien Reichsstädter“, der sich als Präsident des Vororts und resp. der Tagsatzung zwar etwas civilisirt hat, aber dennoch „jeder Zoll ein Provinzialist“ geblieben ist. Hr. Furrer, einer der tüchtigsten Advokaten des „schweizerischen Athen“ (so beliebt der züricher Spießbürger sein Städtchen von 10 000 Einwohnern zu nennen) hat das hauptsächlichste Verdienst, durch seine konsequenten Bemühungen und seinen gemäßigten Liberalismus das züricher Septemberregiment gestürzt und den Kanton der Partei der Bewegung wiedergegeben zu haben. Als Tagsatzungspräsident ist er seinen Prinzipien treu geblieben. Gemäßigter Fortschritt nach Innen, strengste Neutralität nach Außen war die Politik, die er verfolgte. Daß er jetzt Präsident des Bundesrath geworden, ist mehr Zufall als Absicht. Man hätte lieber einen Berner genommen; aber da blieb nur die Wahl zwischen Ochsenbein, gegen den große Antipathieen herrschten und Neuhaus, der jetzt, 1848, ebenso konservativ auftrat, wie vor 5 [bis] 6 Jahren, und deshalb gar nicht in den Bundesrath gewählt wurde. In dieser Verlegenheit nahm man einen Züricher, und da war Furrer allerdings der passendste. Furrer repräsentirt also keineswegs ganz genau die Majorität der Bundesversammlung, aber er repräsentirt wenigstens die Majorität der deutschen Schweiz.

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Der Vicepräsident Druey ist in allen Stücken das Gegentheil Furrers und der beste Repräsentant, den die französische Schweiz schicken konnte. Ist Furrer der Majorität und vollends der radikalen Minorität zu gemäßigt, so ist Druey den meisten viel zu radikal. Ist Furrer ein gesetzter bürgerlicher Liberaler, so ist Druey ein entschiedener Anhänger der rothen Republik. Die hervorragende Rolle, die Druey in den letzten Revolutionen seines Kantons gespielt hat, ist bekannt; weniger bekannt, aber desto größer sind die vielseitigen Verdienste, die er sich um seinen Kanton (Waadt) erworben hat. Druey, der sozialistische Demokrat von der Farbe Louis Blanc’s, der erste Kenner des Staatsrechts und der rascheste und fleißigste Arbeiter in der ganzen Schweiz, ist ein Element im Bundesrath, das mit der Zeit mehr und mehr an Einfluß gewinnen und von der besten Wirkung sein muß. Ochsenbein, der Chef der Freischaaren gegen Luzern, der Präsident der Tagsatzung, die den Sonderbundskrieg beschloß, der Oberst der Berner Reserven in diesem Feldzug, ist durch seine Antecedentien nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa bekannt und populär geworden. Aber weniger bekannt ist sein Benehmen seit der Februarrevolution. Der theilweise sozialistische Charakter dieser Revolution, die Maßregeln der provisorischen Regierung in Frankreich und die ganze Bewegung des ˙˙ ˙si˙s˙c˙h ˙ ˙en ˙ ˙Proletariats schüchterten ihn, den de´mocrate pur, den die franzö ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Partei des National rechnen würden, nicht wenig ein. Er Franzosen zur näherte sich allmählig der gemäßigten Richtung. Besonders in der auswärtigen Politik, in der er vor und während des Sonderbundskriegs soviel Energie gezeigt hatte, neigte er sich mehr und mehr dem alten System der sogenannten strikten Neutralität zu, die in Wirklichkeit jedoch nichts als die Politik des Konservatismus und der Konnivenz gegen die Reaktion ist. So zauderte er als Vorortspräsident mit der Anerkennung der französischen Republik und benahm sich mindestens zweideutig in der italie˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙Angelegenheit. Dazu kommt noch, daß die ungestüme Leidennischen schaftlichkeit, mit der er die Tagsatzung präsidirte und die ihn oft zur Parteilichkeit gegen die Radikalen fortriß, ihm bei diesen und namentlich bei den französischen Schweizern viele Feinde gemacht hat. Wäre für das ˙ ˙˙˙ ˙eine ˙ ˙ ˙ andere Wahl zu treffen gewesen als zwischen ihm Berner Mitglied und Neuhaus, Ochsenbein würde weit weniger Stimmen auf sich vereinigt haben. Oberst Frey-Herose von Aargau gilt für eine der militärischen Kapacitäten der Schweiz. Er war Chef des Generalstabs im Feldzug gegen den Sonderbund. Wie die meisten schweizerischen Stabsoffiziere, hat auch er in seinem Kanton schon seit längerer Zeit eine politische Rolle gespielt und ist dadurch auch mit der Civilverwaltung vertraut geworden. Er wird

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in seiner neuen Stellung jedenfalls für das militärische Departement Tüchtiges leisten. Seiner politischen Farbe nach gehört er den entschiedeneren Liberalen seines Kantons an. Staatsrath Franscini aus Tessin ist unbedingt einer der geachtetsten öffentlichen Charaktere der ganzen Schweiz. Seit langen Jahren hat er in seinem Kanton unermüdlich gearbeitet. Er war es hauptsächlich, der 1830, schon vor der Julirevolution es dahin brachte, daß das verachtete, für politisch unmündig angesehene Tessin zuerst in der ganzen Schweiz und ohne Revolution die alte oligarchische Verfassung durch eine demokratische ersetzte; er war es wiederum, der an der Spitze der Revolution von 1840 stand, welche die erschlichene Herrschaft der Pfaffen und Oligarchen zum zweitenmal stürzte. Franscini war es ferner, der nach dieser Revolution, die in den Händen der Reaktionäre ganz in Unordnung gerathene Verwaltung neu organisirte, den zahllosen eingerissenen Diebstählen, Unterschleifen, Bestechungen und Verschleuderungen einen Riegel vorschob, und endlich den unter der Leitung der Mönche gänzlich verkommenen Schulunterricht, soweit es die Mittel des armen Gebirgslandes erlaubten, neu organisirte. Dadurch entzog er den Priestern ein Hauptmittel der Einwirkung auf das Volk, und die Folgen traten in dem steigenden Vertrauen der Tessiner in ihre Regierung jedes Jahr mehr hervor. Franscini gilt außerdem für den gebildetsten Oekonomen der Schweiz und ist der Verfasser der besten schweizerischen Statistik (Statistica della Svizzera, Lugano 1827, Nuova Statistica della Svizzera ˙˙˙˙Bundesrath ˙ ˙ ˙˙ ˙ 1848.) Er ist ein entschiedener Radikaler und wird ˙im mehr zu Druey als zu Ochsenbein und Furrer halten. Die Tessiner rechnen ihm, dem langjährigen Chef ihrer Regierung, namentlich seine „ehrenvolle Armuth“ hoch an. Regierungsrat Munzinger aus Solothurn ist der einflußreichste Mann seines Kantons, den er seit 1830 fast dauernd auf der Tagsatzung vertreten hat und den er seit Jahren thatsächlich regiert. Er soll wie sich ein halbradikales Blatt der französischen Schweiz, die Gazette de Lausanne ausdrückt, cacher sous les apparences de la bonhommie un esprit fin et pe´ne´trant, d. h. er besitzt jene unter gutmüthig-biedermännischer Außenseite verdeckte kleine Schlauheit, die in Reichsstädten für Diplomatie angesehen wird. Im Uebrigen ist er ein gemäßigter Fortschrittsmann a` la Furrer und verlangt, die Schweiz soll sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, und die große europäische Politik Gott und Lord Palmerston überlassen. Daher ist er durchaus nicht günstig auf die ausländischen Flüchtlinge zu sprechen, die der Schweiz bisher immer Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Er hat, in Verbindung mit dem Schweizer Athenienser Dr. Escher, in Tessin neuerdings wieder Proben seiner

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Gesinnungen in dieser Beziehung abgelegt. Ueberhaupt vertreten Furrer und Munzinger im Bundesrath ganz vollkommen die Vorurtheile und Bornirtheiten des „aufgeklärten“ deutschen Schweizers. Endlich Hr. Näff von St. Gallen, von dem ich wenig zu sagen weiß. Er soll in seinem Kanton wesentlich zur Hebung der Verwaltung beigetragen, und sich auch sonst ausgezeichnet haben. Der Kanton St. Gallen, liest man in schweizer Blättern, sei überhaupt einer der reichsten und tüchtigsten Männer; aber diese tüchtigen Männer haben das Unglück, daß man von ihnen nicht viel hört, und jedenfalls scheint es ihnen an Initiative zu fehlen. Doch soll Hr. Näff in einer Specialität als Verwaltungsmann nicht ohne Verdienst sein. Seiner politischen Richtung nach steht er zwischen Furrer und Ochsenbein; entschiedener als jener, nicht ganz so weit gehend wie von diesem nach seinen Antecedentien vielleicht noch erwartet werden kann. Nach dieser Zusammensetzung des Bundesraths ist die Politik, die die Schweiz vor der Hand verfolgen wird, unzweifelhaft. Es ist dieselbe, die die alte Tagsatzung und der Vorort Bern unter Ochsenbeins und später Funks (der ohne Ochsenbein nichts ist) Leitung verfolgt haben. Nach Innen strenge Handhabung der neuen Bundesverfassung, die der Kantonalsouveränetät nur noch zuviel Spielraum läßt, nach Außen strenge Neutralität, natürlich strenger oder gelinder nach den Umständen, strenger namentlich gegenüber Oestreich. Die gemäßigte Partei hat entschieden die Oberhand, und es ist wahrscheinlich, daß Hr. Ochsenbein in den meisten Fragen mit ihr stimmen wird. Wie aber eine Minorität, wie Druey und Franscini unter solchen Umständen die Wahl annehmen, sich der Annehmlichkeit fortwährend überstimmt zu werden, aussetzen konnte, wie ein solches Kollegium nur zusammen regieren kann, das zu begreifen muß man Schweizer sein oder gesehen haben, wie die Schweiz regiert wird. Hier, wo alle vollziehenden Behörden kollegialisch deliberiren, geht man nach dem Prinzip: Nimm die Stelle nur an, heute bist du freilich in der Minorität, aber vielleicht kannst du doch nützen und wer weiß, ob nicht Todesfälle, Abdankungen u. s. w. dich nach einem oder zwei Jahren in die Majorität bringen. Es ist das die natürliche Folge davon, daß regierende Kollegien aus einer Wahl hervorgehen. Jede Partei sucht dann, gerade wie in den gesetzgebenden Versammlungen, sich durch die Eindrängung eines oder mehrerer Kandidaten in dem Kollegium wenigstens festzusetzen, sich eine Minorität zu sichern, so lange sie keine Majorität erringen kann. Sie würde es ihren Kandidaten nicht übel nehmen, wenn sie, wie dies in größern Ländern unbedingt geschehen würde, die Wahl ablehnen wollten. Aber der Bundesrath ist keine commission du pouvoir exe´cutif, und von der Stellung Drueys zu der Ledru-Rollins ist es unendlich weit.

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Die Schweizer Presse behauptet allgemein, der Bundesrath sei aus Capacitäten ersten Ranges zusammengesetzt. Ich zweifle indeß, ob außer Druey und Franscini ein einziges Mitglied in einem größeren Lande je eine hervorragende Rolle einnehmen, und ob mit Ausnahme von FreyHerose und Ochsenbein, einer der drei Andern es nur zu einer bedeutenden sekundären Rolle bringen würde.

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Karl Marx Geöffnete Briefe

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 155, 29. November 1848. Extra-Blatt

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* K ö l n, 28. November, 11 Uhr Abends. Zwei der uns heute Abend zu˙ ˙ ˙ ˙˙ gekommenen Korrespondenzen, eine von Bern datirt, die andere von Paris, sind offenbar durch eine offizielle oder offiziöse Hand erbrochen worden. Siegel fehlte. Die Oblaten, womit man die Briefe wieder zugemacht, waren noch nicht trocken. Mit Windischgrätz macht auch Sedlnitzky Propaganda.

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Karl Marx Das Organ Manteuffel und Johannes – Die Rheinprovinz und der König von Preußen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 156, 30. November 1848

* K ö l n . Die „Neue Preußische Zeitung“ bestätigt die von uns schon mitgetheilte Aeußerung Manteuffel’s in Bezug auf die Frankfurter Centralgewalt und Versammlung. Das Organ Manteuffel’s sagt: „Die Proklamation des Reichsverwesers mag sehr gut gemeint sein. Wir Preußen müssen sie aber entschieden zur ü c k w e i s e n , d a s Vo l k n i c h t m i n d e r a l s d i e K r o n e . “ Das Organ Manteuffel spricht uns aus der Seele. Dasselbe offizielle Blatt belehrt uns über die Gültigkeit der Frankfurter Beschlüsse wie folgt: „Wir Preußen haben keinen andern Herrn als unsern König. Und nur was er gut heißt an den Frankfurter Beschlüssen, nur das wird uns binden, weil E r (preußischer Styl) es eben gut heißt, und aus keinem andern Grunde.“ Wir „Preußen“!!! Wir Rheinländer haben das Glück bei dem großen Menschenschacher zu Wien, einen „Großherzog“ vom Niederrhein gewonnen zu haben, der die Bedingungen nicht erfüllt hat, unter denen er „Großherzog“ wurde. Ein „König von Preußen“ existirt für uns erst durch die Berliner Nationalversammlung, und da für unsern „Großherzog“ vom Niederrhein keine Berliner Nationalversammlung existirt, so existirt für uns kein „König von Preußen“. Dem Großherzoge vom Niederrhein sind wir durch den Völkerschacher anheimgefallen! Sobald wir weit genug sind, die Seelenverkäuferei nicht mehr anzuerkennen, werden wir den „Großherzog vom Niederrhein“ nach seinem „ B e s i t z t i t e l “ fragen.

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Friedrich Engels Die revolutionäre Bewegung in Italien

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 156, 30. November 1848

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* K ö l n, 29. November. Endlich, nach sechsmonatlichen fast ununter˙ ˙ ˙ ˙ ˙ der Demokratie, nach einer Reihe der unerhörbrochenen Niederlagen testen Triumphe der Contrerevolution, endlich zeigen sich wieder Symptome eines baldigen Siegs der revolutionären Partei. Italien, das Land, dessen Erhebung das Vorspiel zur europäischen Erhebung von 1848 bildete, dessen Sturz das Vorspiel zum Falle von Wien war, Italien erhebt sich zum zweitenmal. Toskana hat sein demokratisches Ministerium durchgesetzt und Rom hat sich so eben das seinige erobert. London, den 10. April; Paris, den 15. Mai und 25. Juni; Mailand, den 6. August; Wien, den 1. November, das sind die vier großen Daten der ˙ ˙ die ˙ vier Meilensteine, welche die durcheuropäischen Contrerevolution, eilten Entfernungen auf ihrem letzten Triumphzuge bezeichnen. In London, den 10. April, wurde nicht nur die revolutionäre Macht der Chartisten, es wurde auch zuerst die revolutionäre Propaganda des Februarsiegs gebrochen. Wer England und seine ganze Stellung in der modernen Geschichte richtig auffaßt, konnte sich darüber nicht wundern, daß die Revolutionen des Kontinents für den Moment spurlos an ihm vorübergingen. England, das Land, das durch seine Industrie und seinen Handel alle jene revolutionirenden Nationen des Kontinents beherrscht, und vermöge seiner Herrschaft über die asiatischen, amerikanischen und australischen Märkte doch verhältnißmäßig wenig von ihrer Kundschaft abhängt; das Land, in dem die Gegensätze der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die Klassenkämpfe zwischen Bourgeoisie und Proletariat am weitesten entwickelt, am höchsten auf die Spitze getrieben sind, England hat mehr als jedes andere Land seine eigene, selbstständige Entwicklung. England bedarf nicht des Herumtappens kontinentaler provisorischer Regierungen um der Lösung von Fragen, der Aufhebung von Gegensätzen näher zu kommen, deren Lö-

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sung und Aufhebung vor allen andern Ländern sein Beruf ist. England acceptirt nicht die Revolution vom Kontinent, England wird, wenn seine Stunde geschlagen hat, dem Kontinent die Revolution diktiren. – Das war die Stellung Englands, das die nothwendige Folge dieser Stellung, und daher war der Sieg der „Ordnung“ am 10. April ganz erklärlich. Aber wer erinnert sich nicht, wie dieser Sieg der „Ordnung“, der erste Gegenstoß gegen die Stöße des Februar und März, überall der Contrerevolution einen neuen Halt gab, den sogenannten Konservativen den Busen mit kühnen Hoffnungen schwellte! Wer erinnert sich nicht, wie in ganz Deutschland das Auftreten der Londoner Spezialkonstabler sogleich von der gesammten Bürgerwehr zum Vorbild genommen wurde! Wer erinnert sich nicht, welchen Eindruck dieser erste Beweis machte, daß die losgebrochene Bewegung nicht unwiderstehlich sei! Paris, den 15. Mai, lieferte sogleich das Gegenstück des Siegs der englischen Stillstandspartei. Der 10. April hatte den äußersten Wogen der revolutionären Sturmfluth einen Damm entgegengesetzt; der 15. Mai brach ihre Gewalt an ihrem Ausströmungspunkte selbst. Daß die Februarbewegung nicht unaufhaltsam sei, hatte der 10. April bewiesen; daß die insurrektionelle Bewegung in Paris zu hemmen sei, bewies der 15. Mai. Die Revolution, in ihrem Centrum geschlagen, mußte natürlich auch in der Peripherie erliegen. Und das geschah täglich mehr in Preußen und in den kleinern deutschen Staaten. Aber noch war die revolutionäre Strömung stark genug, um in Wien zwei Siege des Volks, den ersten auch am 15. Mai, den zweiten am 26. Mai möglich zu machen, und der Sieg des Absolutismus in Neapel, der ebenfalls am 15. Mai erkämpft wurde, wirkte durch seine Excesse eher als Gegengewicht gegen den Sieg der Ordnung in Paris. Es fehlte noch etwas; nicht nur die revolutionäre Bewegung mußte in Paris geschlagen werden, der bewaffneten Insurrektion mußte in Paris selbst der Zauber der Unbesiegbarkeit abgestreift werden; erst dann konnte die Contrerevolution ruhig sein. Und das geschah zu Paris in der viertägigen Schlacht vom 23. bis zum 26. Juni.. Vier Tage Kanonendonner – und die Uneinnehmbarkeit der Barrikaden, die Unüberwindlichkeit des bewaffneten Volks war dahin. Was anders hatte Cavaignac durch seinen Sieg bewiesen, als daß die Gesetze der Kriegskunst mehr oder weniger dieselben sind in der Straße wie im De´file´, gegenüber der Barrikade wie gegenüber dem Verhau und der Bastion? Daß 40 000 undisciplinirte bewaffnete Arbeiter, ohne Kanonen und Haubitzen und ohne Zufuhr von Munition einer organisirten Armee von 120 000 alten Soldaten und 150 000 Nationalgardisten, unterstützt von der besten und zahlreichsten Artillerie und reichlich mit Munition versehen, nicht länger als vier Tage widerstehen können? Der Sieg Ca-

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vaignacs war die platteste Erdrückung der geringeren Zahl durch die siebenfache Ueberzahl, der ruhmloseste Sieg, der je erfochten, und um so ruhmloser, je mehr Blut er trotz der kolossalen Uebermacht kostete. Und dennoch staunte ihn die Welt als ein Wunder an – weil dieser Sieg der Uebermacht dem Pariser Volk, der Pariser Barrikade den Nimbus der Unbesiegbarkeit genommen hatte. In den 40 000 Arbeitern hatten Cavaignacs Dreihunderttausend nicht nur die 40 000 Arbeiter, sie hatten, ohne es zu wissen, die europäische Revolution besiegt. Wir wissen es Alle, welche unaufhaltsam stürmische Reaktion von jenem Tage an hereinbrach. Da war kein Hemmen mehr möglich; die konservative Gewalt hatte das Volk in Paris mit Granaten und Kartätschen besiegt, und was in Paris möglich war, konnte man anderswo auch nachmachen. Der Demokratie blieb weiter nichts übrig, als nach dieser entscheidenden Niederlage den Rückzug so ehrenvoll wie möglich zu machen, und das nicht mehr haltbare Terrain in Presse, Volksversammlungen und Parlamenten wenigstens Schritt für Schritt zu vertheidigen. Der nächste große Schlag war der Fall Mailands. Die Wiedereroberung Mailands durch Radetzky bildet in der That das erste europäische Faktum seit dem Pariser Junisieg. Der Doppeladler auf der Kuppel des Mailänder Doms, das bedeutete nicht nur den Fall von ganz Italien, das bedeutete auch das Wiedererstehen des Schwerpunkts der europäischen Contrerevolution, das Wiedererstehen Oestreichs. Italien erschlagen und Oestreich auferstanden – was konnte die Contrerevolution mehr verlangen! Und es ist eine Thatsache, mit Mailands Fall erschlaffte in Italien die revolutionäre Energie momentan, stürzte Mamiani in Rom, wurden die Demokraten in Piemont besiegt; und zugleich erhob die reaktionäre Partei in Oestreich wieder ihr Haupt, und begann mit neuem Muth von dem Hauptquartier Radetzky’s, ihrem Centrum, aus ihre Intriguen über alle Provinzen auszuspinnen. Erst jetzt ergriff Jellachich die Offensive, erst jetzt kam die große Allianz der Contrerevolution mit den östreichischen Slaven vollends zu Stande. Von den kleinen Intermezzi, in denen die Contrerevolution lokale Siege erfocht und einzelne Provinzen eroberte, von der Frankfurter Schlappe u. s. w. spreche ich nicht. Dergleichen hat lokale, vielleicht nationale, aber keine europäische Bedeutung. Endlich, am 1. November wurde das Werk vollendet, das am Tage von ˙ ˙ Radetzky ˙ ˙˙ Custozza begonnen: wie in Mailand eingezogen war, so zogen Windischgrätz und Jellachich in Wien ein. Die Methode Cavaignacs ist auf den größten und thätigsten Herd der deutschen Revolution angewandt worden und mit Erfolg; die Revolution ist in Wien, wie in Paris, unter Blut und rauchenden Trümmern erstickt worden.

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Aber fast scheint es, als sollte der Sieg vom 1. November zugleich den ˙ ˙ ˙ ˙˙ Punkt bezeichnen, wo die rückgängige Bewegung umschlägt und eine Krise eintritt. Der Versuch, die Wiener Heldenthat in Preußen Stück für Stück zu wiederholen, ist gescheitert; im günstigsten Falle, selbst wenn das Land die konstituirende Versammlung verlassen sollte, hat die Krone nur einen halben, nichts entscheidenden Sieg zu erwarten, und jedenfalls ist der erste entmuthigende Eindruck der Wiener Niederlage gebrochen, gebrochen durch den plumpen Versuch, sie in jedem ihrer Details zu kopiren. Und während der Norden von Europa entweder schon wieder in die Knechtschaft von 1847 zurückgeschleudert ist, oder mühsam die Eroberungen der ersten Monate gegen die Contrerevolution vertheidigt, erhebt sich plötzlich Italien wieder. Livorno, die einzige italienische Stadt, die durch den Fall Mailands zu einer siegreichen Revolution aufgestachelt wurde, Livorno hat endlich seinen demokratischen Aufschwung dem ganzen Toskana mitgetheilt und ein entschieden demokratisches Ministerium durchgesetzt, entschiedener als je eins in einer Monarchie und so entschieden, wie nur wenige in einer Republik bestanden; ein Ministerium, das auf den Fall Wiens und die Wiederherstellung Oestreichs mit der Proklamation der italiänischen konstituirenden Nationalversammlung antwortet. Und der revolutionäre Feuerbrand, den dies demokratische Ministerium damit in das italienische Volk geschleudert, hat gezündet: in Rom ist Volk, Nationalgarde und Armee wie Ein Mann aufgestanden, hat das tergiversirende, kontrerevolutionäre Ministerium gestürzt, ein demokratisches Ministerium errungen und an der Spitze seiner durchgesetzten Forderungen steht: Regierung nach dem Prinzip der italienischen Nationalität, d. h. Beschickung der italienischen Constituante, die Guerazzi vorgeschlagen. Daß Piemont und Sizilien folgen werden, ist keinem Zweifel unterworfen. Sie werden folgen, wie sie im vorigen Jahre gefolgt sind. Und nun? Wird diese zweite Auferstehung Italiens binnen drei Jahren, wie die vorhergehende, die Morgenröthe eines neuen Aufschwungs der europäischen Demokratie sein? Fast hat es den Anschein. Das Maaß der Contrerevolution ist voll bis zum Ueberlaufen. Frankreich im Begriff, sich einem Abentheuerer in die Arme zu werfen, um nur der Herrschaft Cavaignac’s und Marrast’s zu entgehn, Deutschland zerrissener als je, Oesterreich erdrückt, Preußen am Vorabend des Bürgerkriegs, alle, alle Illusionen des Februar und März unbarmherzig vom Sturmschritt der Geschichte zertreten. – Wahrlich, das Volk könnte aus neuen Siegen der Contrerevolution nichts mehr lernen! Möge es die Lehren dieser letzten sechs Monate bei der kommenden Gelegenheit rechtzeitig und furchtlos anwenden.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 156, 30. November 1848

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** B e r n, 26. November. In der gestrigen vereinigten Sitzung der Räthe wurden nicht wie es Absicht und angegebener Zweck war, die beiden Bundesräthe, Druey und Franscini, sondern bloß der erstere beeidigt. Franscini war nicht eingetroffen, da die Post über den Gotthard wegen des vielen Schnees ganz ausgeblieben ist. Es wurde ferner dem Bundesrath Vollmacht ertheilt, die erst nach etwaiger Vertagung der beiden gesetzgebenden Räthe eintreffenden Bundesräthe und Bundesrichter zu beeidigen. – Vorher hatte eine Sitzung des Ständeraths, zur Berathung des vom Nationalrath vorgestern angenommenen Gesetzentwurfs über den Bundessitz stattgefunden. Die vom Nationalrath bereits schwierig gestellte Frage wurde hier noch schwieriger gemacht. Fazy von Genf stellte den Antrag, den Bundessitz provisorisch auf ein Jahr in Bern beizubehalten, und inzwischen ein ausführlicheres Gesetz auszuarbeiten, worin auch die dem Kanton aufzuerlegenden Verpflichtungen wegen des Schutzes der Bundesbehörden aufzunehmen seien. Die Frage wurde viel zu leicht genommen. Man müsse auch dem Schweizer Volk Gelegenheit geben vorher seinen Willen auszusprechen. Briatte von Waadt, Präsident des Ständeraths, schloß sich dieser Meinung an. Andere Mitglieder stellten weitere Amendements: Der Bundessitz solle in vereinigter Sitzung durch Wahl festgesetzt werden; ferner: der Bundessitz solle, nach Art des weiland Vororts, wechseln, aber von sechs zu sechs Jahren, wenigstens bis die Bundes-Universität errichtet sei u. s. w. Die Debatte mußte wegen der zur vereinigten Sitzung anberaumten Stunde abgebrochen werden und wird heute fortgesetzt. Rüttimann (Zürich) hat vorgeschlagen, den Entwurf mit den Amendements an die Kommission zurückzuverweisen. – Nach der vereinigten Sitzung blieb der Nationalrath noch versammelt zur Berathung des vom Bundesrath vorgelegten Gesetzentwurfs wegen Uebernahme der sämmtlichen Schweizer Postanstalten durch den Bund

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vom 1. Januar 1849 an, unter einstweiliger Beibehaltung der Verwaltung durch die einzelnen Kantone bis zur definitiven Regelung des Postwesens, jedoch mit der Vollmacht für die Bundesgewalt die Laufe etc. etc. zu ändern. Der Entwurf wurde se´ance tenante mit geringen Aenderungen Drueys und Andrer angenommen. Heute beräth der Nationalrath das von dem radikalen Dr. Emil Frei (Baselland) vorgeschlagene Verantwortlichkeitsgesetz für die schweizerischen vollziehenden Bundesbeamten, und wenn Zeit bleibt, den von Ochsenbein vorgeschlagnen Gesetzentwurf wegen Errichtung einer Bundes-Universität. Der Bundesrath, die vollziehende Behörde, hat schon mehrere Sitzungen gehalten. Provisorisch hat Furrer die auswärtigen Angelegenheiten, Ochsenbein das Militärwesen, Frei-Herose die Finanzen übernommen. Der eidgenössische Kriegsrath ist demzufolge unter Dank außer Thätig˙ ˙ ˙ ˙Ferner ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ hat der Bundesrath die Anzeige seiner Konstituirung keit gesetzt. an die Kantone, die auswärtigen diplomatischen Agenten der Schweiz und die fremden Mächte beschlossen. Deßgleichen eine Beschwerde an die Reichsregierung wegen der Gebietsverletzung im Kanton Zürich, und zugleich die Einziehung von Erkundigungen bei den betreffenden Kantonen über das Verhalten der Flüchtlinge und über die Wahrheit der in der Ober-Post-Amts-Zeitung von der Reichsgewalt veröffentlichten ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙˙˙ ˙˙ ˙ ˙ Thatsachen.

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Friedrich Engels Sitzung des Schweizer Nationalrats vom 27. November 1848

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 157, 1. Dezember 1848. Beilage

** B e r n, 27. November. In der heutigen Sitzung des Nationalraths wur˙ ˙ des ˙ ˙ ˙ zu veröffentlichenden Bülletins der Verhandlunde die Frage wegen gen wieder aufgenommen, da aber die Versammlung wenig zahlreich war, sehr bald auf morgen vertagt.

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[1] 1) * Paris. Raspail oder Ledru-Rollin? Sozialist oder Montagnard? Das ist die Frage, die jetzt die Partei der rothen Republik in zwei feindliche Lager theilt. Worum handelt es sich eigentlich in diesem Streit? Fragt die Journale der Montagnards, die Re´forme, die Re´volution, & sie werden Euch sagen daß sie es selbst nicht entdecken können; daß die Sozialisten buchstäblich dasselbe Programm der permanenten Revolution, der Progressiv- & Erbschaftssteuer, der Organisation der Arbeit aufstellen, das der Berg aufgestellt hat; daß gar kein Streit um Prinzipien vorhanden ist & daß der ganze unzeitige Skandal von einigen Neidischen & Ehrgeizigen angestiftet worden ist die die „Religion & den guten Glauben“ des Volks täuschen & die Männer der Volkspartei aus Egoismus verdächtigen. Fragt das Journal der Sozialisten, den „Peuple“, & es wird Euch mit bittern Expektorationen über die Unwissenheit & Hohlköpfigkeit der Montagnards, mit endlosen juristisch-moralisch-ökonomischen Abhandlungen & schließlich mit dem geheimnisvollen Wink antworten, es handle sich im Grunde um die neue Panacee des Bürgers Proudhon die im Begriff sei den alten sozialistischen Phrasen aus der Schule Louis Blancs den Rang abzulaufen. Fragt endlich die sozialistischen Arbeiter, & sie werden Euch kurz zur Antwort geben: Ce sont des bourgeois, les montagnards. Die Einzigen, die den Nagel auf den Kopf treffen, sind wieder die Arbeiter. Sie wollen vom Berge nichts wissen, weil der Berg aus lauter Bourgeois besteht. Die sozialistisch-demokratische Partei bestand schon vor dem Februar aus zwei verschiednen Fraktionen; erstens aus den Wortführern, Depu-

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tirten, Schriftstellern, Advokaten usw. mit ihrem nicht unbeträchtlichen Schweif kleiner Bourgeois, die die eigentliche Partei der Re´forme bildeten; zweitens aus der Masse der Pariser Arbeiter, die keineswegs unbedingte Nachfolger der ersteren, sondern im Gegentheil sehr mißtrauische Bundesgenossen waren & sich ihnen bald enger anschlossen, bald weiter von ihnen entfernten, je nachdem die Leute von der Re´forme entschiedner oder schwankender auftraten. In den letzten Monaten der Monarchie war die Re´forme, in Folge ihrer Polemik mit dem National, sehr entschieden aufgetreten & das Verhältniß zwischen ihr & den Arbeitern war ein sehr intimes. Die Leute von der Re´forme traten daher auch als Vertreter des Proletariats in die provisorische Regierung. Wie sie in der provisorischen Regierung in der Minorität waren & dadurch, unfähig das Interesse der Arbeiter durchzusetzen, nur den „reinen“ Republikanern dazu dienten, die Arbeiter solange hinzuhalten bis die reinen Republikaner die öffentliche Gewalt, die jetzt ihre Gewalt gegenüber den Arbeitern war, wieder organisirt hatten; wie der Chef der Re´forme-Partei, Ledru-Rollin, sich durch Lamartine’s Aufopferungsphrasen & durch den Reiz der Macht bereden ließ, in die Exekutivkommission zu treten; [2] wie er dadurch die revolutionäre Partei spaltete, schwächte, theilweise der Regierung zur Verfügung stellte, & so die Insurrektionen des Mai & Juni scheitern machte, ja selbst gegen sie kämpfte – das Alles braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Die Thatsachen sind noch zu frisch im Gedächtniß. Genug, nach der Juni-Insurrektion, nach dem Sturz der Exekutivkommission & der Erhebung der reinen Republikaner zur ausschließlichen Herrschaft in der Person Cavaignacs, waren der Partei der Re´forme, der demokratisch-sozialistischen kleinen Bourgeoisie, alle Illusionen über die Entwicklung der Republik vergangen. Sie war in die Opposition gestoßen, sie war wieder frei, machte wieder Opposition & knüpfte ihre alten Verbindungen mit den Arbeitern wieder an. Solange keine wichtigen Fragen vorkamen, solange es sich nur um die Bloßstellung der feigen, verrätherischen & reaktionären Politik Cavaignacs handelte, solange konnten die Arbeiter es sich gefallen lassen, in der Presse durch die Re´forme & Re´volution sociale et de´mocratique vertreten zu sein. Die Vraie Re´publique & die eigentlichen Arbeiterblätter waren ohnehin schon durch den Belagerungszustand, durch Tendenzprozesse & Cautionen unterdrückt worden. Ebenso konnten sie es sich gefallen lassen, in der Nationalversammlung durch den Berg sich vertreten zu lassen. Raspail, Barbe`s, Albert waren verhaftet, Louis Blanc & Caussidie`re mußten flüchten. Die Clubs waren theils geschlossen, theils

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unter strenger Aufsicht, & die alten Gesetze gegen die Redefreiheit bestanden & bestehen noch fort. Wie man sie gegen die Arbeiter anzuwenden versteht, davon gaben die Journale täglich Beispiele. Genug, die Arbeiter, in der Unmöglichkeit, ihre eignen Vertreter sprechen zu lassen, mußten sich wieder mit denen begnügen, von denen sie vor dem Februar vertreten worden waren – von den radikalen kleinen Bourgeois & ihren Wortführern. Da taucht die Präsidentschaftsfrage auf. Drei Kandidaten stehn da: Cavaignac, Louis-Napoleon, Ledru-Rollin. Von Cavaignac konnte für die Arbeiter keine Rede sein. Der Mann, der sie im Juni mit Kartätschen & Brandraketen zusammengeschossen, konnte nur auf ihren Haß rechnen. Louis Bonaparte? Für ihn konnten sie nur aus Ironie stimmen, um ihn heute durch die Abstimmung zu erheben, morgen durch die Waffen wieder zu stürzen, & mit ihm die honette, „reine“ Bourgeoisrepublik. Und endlich Ledru Rollin, der sich den Arbeitern als der einzige rothe, sozialistisch-demokratische Kandidat empfahl. Also nach den Erfahrungen von der provisorischen Regierung, vom 15. Mai & 24. Juni her, verlangte man von den Arbeitern daß sie der radikalen kleinen Bourgeoisie & Ledru-Rollin abermals ein Vertrauensvotum geben sollten? Denselben Leuten, die am 25. Februar, als das bewaffnete Proletariat Paris beherrschte, als Alles durchzusetzen war, statt revolutionärer Thaten nur erhabne Beruhigungsphrasen, statt rascher entscheidender Maßregeln [3] nur Versprechungen & Vertröstungen, statt der Energie von 93 nur die Fahne, die Redensart, die Titulaturen von 93 hatten? Denselben Leuten die mit Lamartine & Marrast riefen: Man muß vor Allem die Bourgeois beruhigen & die darüber die Revolution fortzuführen vergaßen? Denselben Leuten, die am 15. Mai unentschieden waren, & die am 23. Juni Artillerie von Vincennes & Bataillone von Orle´ans & Bourges holen ließen? Und doch hätte das Volk vielleicht, um die Stimmen nicht zu theilen, für Ledru-Rollin gestimmt. Aber da kam seine Rede vom 25. Novbr gegen Cavaignac, worin er abermals sich auf die Seite der Sieger stellt, Cavaignac zum Vorwurf macht daß er nicht energisch genug gegen die Revolution eingeschritten, nicht noch mehr Bataillone gegen die Arbeiter bereit gehabt habe. Diese Rede hat Ledru-Rollin bei den Arbeitern vollends um allen Credit gebracht. Auch jetzt noch, nach fünf Monaten, nachdem er alle Folgen der Junischlacht sozusagen an seinem eignen Leibe hat büßen müssen, auch jetzt noch hält er es, gegenüber den Besiegten, mit den Siegern, ist er stolz darauf, mehr Bataillone gegen die Insurgenten verlangt zu haben als Cavaignac stellen konnte!

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Und der Mann, dem die Junikämpfer nicht rasch genug besiegt wurden, der will Chef der Partei sein, die die Erbschaft der Erschlagnen des Juni angetreten hat? Nach dieser Rede war Ledru-Rollins Candidatur bei den Pariser Arbeitern verloren. Die Gegenkandidatur Raspails, schon früher aufgestellt, schon früher von den Sympathien der Arbeiter umgeben, hatte in Paris gesiegt. Hätten die Stimmzettel von Paris zu entscheiden, Raspail wäre jetzt Präsident der Republik. Die Arbeiter wissen sehr gut, daß Ledru-Rollin noch nicht ausgespielt hat, daß er der radikalen Partei noch große Dienste leisten kann & wird. Aber er hat das Vertrauen der Arbeiter verscherzt. Seine Schwäche, seine kleine Eitelkeit, seine Abhängigkeit von hochfahrenden Phrasen, wodurch sogar Lamartine ihn beherrschte, sie, die Arbeiter, haben sie büßen müssen. Kein Dienst, den er leisten kann, wird dies vergessen machen. Die Arbeiter werden immer wissen, daß, wenn Ledru-Rollin wieder energisch wird, seine Energie nur die der bewaffneten Arbeiter ist, die treibend hinter ihm stehn werden. Indem die Arbeiter Ledru-Rollin ein Mißtrauensvotum gaben, gaben sie zugleich der ganzen radikalen Kleinbürgerschaft ein Mißtrauensvotum. Die Unentschiedenheit, die Abhängigkeit von den hergebrachten Phrasen des de´vouement etc., das Vergessen der revolutionären Handlungen über den revolutionären Reminiscenzen sind lauter Eigenschaften, die Ledru-Rollin mit der Klasse teilt, die er vertritt. Die radikalen Kleinbürger sind bloß deßhalb sozialistisch weil sie ihren Ruin, ihren Übergang ins Proletariat klar vor Augen sehn. Nicht als Kleinbürger, als Besitzer eines kleinen Kapitals, sondern als zukünftige Proletarier schwärmen sie für Organisation der Arbeit & Umwälzung des Verhältnisses von Kapital & Arbeit. Gebt ihnen die politische Herrschaft, so werden sie die Organisation der Arbeit bald vergessen. Die politische Herrschaft gibt ihnen ja, wenigstens im Rausch des ersten Augenblicks, Aussicht [4] auf Kapitalerwerb, auf Rettung vom drohenden Ruin. Nur wenn die bewaffneten Proletarier mit gefälltem Bajonett hinter ihnen stehn, nur dann werden sie sich ihrer Bundesgenossen von gestern erinnern. So haben sie im Februar & März gehandelt, & Ledru-Rollin, als ihr Chef, war der erste, der so handelte. Wenn sie jetzt enttäuscht sind, ändert das die Stellung der Arbeiter zu ihnen? Wenn sie bußfertig wiederkommen, haben sie das Recht zu verlangen, daß die Arbeiter jetzt, unter ganz andern Verhältnissen abermals in die Falle gehn sollen? Daß die Arbeiter dies nicht thun werden, daß sie wissen wie sie zu den radikalen kleinen Bourgeois stehn, das geben sie ihnen zu verstehn indem sie nicht für Ledru-Rollin stimmen sondern für Raspail.

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Aber Raspail – wodurch hat sich denn Raspail um die Arbeiter so verdient gemacht? Wie kann man ihn gegenüber von Ledru-Rollin als Sozialisten par excellence hinstellen? Das Volk weiß recht gut daß Raspail kein offizieller Sozialist, kein Systemmacher von Profession ist. Das Volk will die offiziellen Sozialisten & Systemmacher gar nicht, es hat sie satt. Sonst wäre der Bürger Proudhon sein Candidat & nicht der heißblütige Raspail. Aber das Volk hat ein gutes Gedächtniß & ist lange nicht so undankbar, wie verkannte reaktionäre Größen in ihrer Bescheidenheit zu sagen lieben. Das Volk erinnert sich noch sehr gut, daß Raspail der Erste war, der der provisorischen Regierung ihre Unthätigkeit, ihre Beschäftigung mit bloßem republikanischem Larifari vorwarf. Das Volk hat den Ami du Peuple, par le citoyen Raspail, noch nicht vergessen, & weil Raspail zuerst den Muth hatte – es gehörte wirklich Muth dazu – revolutionär gegen die provisorische Regierung aufzutreten, & weil Raspail gar keine bestimmte sozialistische Couleur, sondern nur die soziale Revolution vertritt – darum stimmt das Volk von Paris für Raspail. Es handelt sich gar nicht um die paar kleinlichen, im Manifest des Bergs feierlichst als weltrettend verkündeten Maßregeln. Es handelt sich um die soziale Revolution, die den Franzosen noch ganz andre Dinge bringen wird als diese zusammenhangslosen, bereits stehend gewordenen Phrasen. Es handelt sich um die Energie diese Revolution durchzusetzen. Es handelt sich darum ob die kleine Bourgeoisie diese Energie haben wird, nachdem sie schon einmal sich ohnmächtig erwiesen hat. Und das Proletariat von Paris, indem es für Raspail stimmt, antwortet: Nein! Daher die Verwunderung der Re´forme & Re´volution, daß man ihre Phrasen acceptiren & doch nicht für Ledru-Rollin stimmen kann, der doch diese Phrasen vertritt. Diese braven Blätter, die sich für Arbeiterblätter halten & doch jetzt mehr als je vorher Blätter der kleinen Bourgeois sind, können natürlich nicht einsehn, daß dieselbe Forderung im Munde der Arbeiter revolutionär, in ihrem Munde eine bloße Phrase ist. Sie müßten ja sonst ihre eignen Illusionen nicht haben! Und der Bürger Proudhon & sein „Peuple“? Davon morgen.

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* Paris. Wir sprachen gestern von den Montagnards & den Sozialisten, von der Candidatur Ledru-Rollin & der Kandidatur Raspail, von der Re´forme & dem „Peuple“ des Bürgers Proudhon. Wir versprachen, auf Proudhon zurückzukommen. Wer ist der Bürger Proudhon? Der Bürger Proudhon ist ein franc-comtesischer Bauer, der verschiedne Erwerbszweige & verschiedne Studien durchgemacht hat. Die öffentliche Aufmerksamkeit zog er zuerst auf sich durch ein 1842 veröffentlichtes Pamphlet: „Was ist das Eigenthum?“ Die Antwort lautete: „Das Eigenthum ist der Diebstahl.“ Die überraschende Repartie frappierte die Franzosen. Die Regierung Ludwig Philipps, der auste`re Guizot, der kein Organ für’s Calembour hat, war bornirt genug, Proudhon vor Gericht zu stellen. Aber umsonst. Für ein so pikantes Paradoxon hat man bei jeder französischen Jury auf Freisprechung zu rechnen. Und so geschahs. Die Regierung blamirte sich, & Proudhon wurde ein berühmter Mann. Was das Buch selbst angeht, so entsprach es durchgehends dem obigen Resume´. Jedes Kapitel faßte sich zusammen in einem merkwürdigen Paradoxon, in einer Manier die den Franzosen noch nicht vorgekommen war. Im Übrigen enthielt es theils juristisch-moralische, theils ökonomischmoralische Abhandlungen deren jede zu beweisen suchte, daß das Eigenthum auf einen Widerspruch hinausläuft. Was die juristischen Punkte angeht, so kann dies zugegeben werden, insofern nichts leichter ist als nachzuweisen daß die ganze Jurisprudenz überhaupt auf lauter Widersprüche hinausläuft. Was die ökonomischen Abhandlungen betrifft, so enthalten sie wenig Neues, & was sie Neues enthalten, beruht auf falschen Kalkulationen. Die Regel de Tri ist überall schmählich mißhandelt.

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Indeß die Franzosen wurden mit dem Buch nicht fertig. Den Juristen war es zu ökonomisch, den Ökonomen zu juristisch, & Beiden zu moralisch. Apre`s tout, sagten sie endlich, c’est un ouvrage remarquable. Aber Proudhon strebte nach größeren Triumphen. Nach verschiedenen verschollenen kleinen Schriften erschien endlich 1846 seine Philosophie de la mise`re, in zwei gewaltigen Bänden. In diesem Werk, das seinen Ruhm auf ewig begründen sollte, wandte Proudhon eine arg mißhandelte Hegelsche philosophische Methode auf eine seltsam mißverstandene Nationalökonomie an, & suchte durch allerlei transcendente Sprünge ein neues sozialistisches System der freien Arbeiterassociation zu begründen. Dies System war so neu daß es in England unter dem Namen der Equitable Labour Exchange Bazaars oder Offices [2] bereits vor zehn Jahren in zehn verschiednen Städten zehnmal Bankerott gemacht hatte. Dies schwerfällige, gelehrtthuende, dickleibige Werk, worin schließlich nicht nur sämmtliche bisherigen Oekonomen, sondern auch sämmtliche bisherigen Sozialisten die größten Grobheiten zu hören bekamen, machte auf die leichtsinnigen Franzosen durchaus keinen Eindruck. Diese Art zu sprechen & zu raisonniren war ihnen noch nicht vorgekommen & weit weniger nach ihrem Geschmack als die kuriosen Paradoxa aus Proudhons früherem Werk. Dergleichen Paradoxa fehlten zwar auch hier nicht (so erklärte sich Proudhon sehr ernsthaft als „persönlichen Feind des Jehova“) aber sie waren unter der vorgeblich dialektischen Bagage wie vergraben. Die Franzosen sagten wieder: C’est un ouvrage remarquable, & legten es beiseite. In Deutschland wurde das Werk natürlich mit großer Ehrfurcht aufgenommen. Marx hat damals eine ebenso witzige wie gründliche Gegenschrift (Mise`re de la philosophie, re´ponse a` la Philosophie de la mise`re, de M. Proudhon. Par Karl Marx, Bruxelles et Paris 1847) erlassen, & die in Denkweise & Sprache tausendmal französischer ist als das Proudhonsche prätentiöse Ungethüm. Was den wirklichen Inhalt beider Proudhonschen Schriften an Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse angeht, so kann man, nachdem man sie beide gelesen hat, mit gutem Gewissen sagen, daß er sich auf Null reduzirt. Was seine Vorschläge zur sozialen Reform betrifft, so haben sie, wie schon gesagt, den Vortheil, daß sie sich in England bereits vor längerer Zeit durch mehrfachen Bankerott glänzend bewährt haben. Das war Proudhon vor der Revolution. Während er sich noch damit beschäftigte, ein Tagblatt „Le Repre´sentant du peuple“ ohne Kapital, aber vermittelst einer Kalkulation die in Verachtung der Regel de Tri ihres Gleichen sucht, zu Stande zu bringen, setzten sich die Pariser Ar-

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beiter in Bewegung, jagten Louis Philippe weg, & gründeten die Republik. Vermöge der Republik wurde Proudhon zuerst „Bürger“; vermöge der Wahl der Pariser Arbeiter auf seinen ehrlichen sozialistischen Namen hin wurde er sodann Volksrepräsentant. Damit hatte die Revolution den Bürger Proudhon aus der Theorie in die Praxis, aus dem Schmollwinkel aufs Forum geschleudert. Wie benahm sich der störrische, hochfahrende Autodidakt, der alle Autoritäten vor ihm, Juristen, Akademiker, Oekonomen & Sozialisten mit gleicher Verachtung behandelt, der alle bisherige Geschichte für Faselei erklärt & sich selbst sozusagen als neuen Messias hingestellt hatte – wie benahm er sich, als er selbst sollte Geschichte machen helfen? [3] Wir müssen ihm zum Ruhme nachsagen, daß er damit anfing, sich auf die äußerste Linke unter dieselben Sozialisten zu setzen & mit denselben Sozialisten zu stimmen, die er so tief verachtete & so heftig als unwissende, arrogante Hohlköpfe angegriffen hatte. Man will freilich wissen daß er in den Parteiversammlungen des Bergs seine alten gewaltsamen Angriffe auf die Gegner von ehedem mit frischer Heftigkeit erneuert, daß er sie sammt & sonders für Ignoranten & Phrasendreher erklärt habe, die nicht das Abc von dem verstünden worüber sie sprächen. Wir glauben das gern. Wir glauben sogar gern daß die mit der trocknen Leidenschaftlichkeit & Zuversicht des Doktrinarismus vorgebrachten ökonomischen Paradoxa Proudhons die Herren Montagnards nicht wenig in Verlegenheit setzten. Die wenigsten unter ihnen sind ökonomische Theoretiker & verlassen sich mehr oder weniger auf den kleinen Louis Blanc; & der kleine Louis Blanc, obgleich ein viel bedeutenderer Kopf als der unfehlbare Proudhon, ist doch eine zu intuitive Natur als daß er mit der ökonomisch-gelehrten Prätention, der fremdartigen Transcendenz & der anscheinend mathematischen Logik Proudhons fertig würde. Zudem mußte er bald fliehen & seine auf dem Felde der Oekonomie rathlose Heerde blieb schutzlos den unbarmherzigen Krallen des Wolfes Proudhon überlassen. Daß Proudhon trotz aller dieser Triumphe doch ein höchst schwacher Oekonom ist, braucht wohl nicht wiederholt zu werden. Nur liegt seine schwache Seite nicht grade im Bereich der Menge der französischen Sozialisten. Den größten Triumph, den er je erlebte, errang Proudhon jedoch auf der Tribüne der Nationalversammlung. Bei, ich weiß nicht mehr welcher Gelegenheit ergriff er das Wort, & erboste die Bourgeois der Versammlung während anderthalb Stunden durch eine unaufhörliche Reihe ächt

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Proudhonscher Paradoxa, eins toller wie das andre, aber jedes berechnet die heiligsten & theuersten Gefühle der Zuhörer aufs Gröbste zu schockiren. Und das Alles vorgetragen mit seiner trocknen professoralen Gleichgültigkeit, im tonlosen, professoralen franc-comtesischen Dialekt, im trockensten imperturbabelsten Styl von der Welt – der Effekt, der Veitstanz der rasenden Bourgeois war wirklich nicht übel. Das war aber auch der Glanzpunkt der Proudhonschen öffentlichen Thätigkeit. Inzwischen fuhr er fort, durch den allmählig & nach bittern Erfahrungen über die Regel de Tri zu Stande gekommnen Repre´sentant du Peuple, der sich bald in den „Peuple“ kurzweg verwandelte, sowie in den Clubs die Arbeiter für seine Beglückungstheorie zu bearbeiten. Er blieb nicht ohne Erfolg. On ne le comprend pas, sagten die Arbeiter, mais c’est un homme remarquable.

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Friedrich Engels Sitzung des Nationalrats – Ständerat – Protest des Papstes – Reichskornsperre – Der Walliser Große Rat

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** B e r n, 26. November. In der gestrigen Sitzung erledigte der National˙ ˙ ˙ ˙˙ rath die beiden Gegenstände der Tagesordnung (die Motion Emil Frei’s wegen des Verantwortlichkeitsgesetzes und die Ochsenbeins wegen der Bundesuniversität) dadurch daß er sie dem Bundesrath überwies. Bei der Diskussion über die Universität fielen einzelne eigenthümliche Aeußerungen. Lusser aus Uri sah in dem Projekt den Ruin der Finanzen seines Kantons. Hungerbühler von Bern wehrte sich desgleichen mit aller Gewalt gegen die Universität: es sei eine Luxusausgabe und man habe schon verstudirte Leute genug. Auch der Alcibiades des schweizerischen Athen, Hr. Escher von Zürich, meinte, man müsse erst die Geldmittel abwarten. Alcibiades hatte gute Gründe auf einfache Tagesordnung zu dringen; er wußte sehr wohl, daß die Berner beabsichtigen, den Bundessitz an sich zu reißen und dann Luzern mit dem Bundesgericht und Zürich mit der „eidgenössischen Hochschule“ abzufinden. Aber die Ambition der Atheni˙ ˙ ˙ ˙ ˙der ˙˙ ˙ ˙Schweiz ˙˙ enser geht weiter hinaus, und bis auf zwei stimmten sie alle, wenn auch vergeblich, für einfache Tagesordnung. Im Ständerath wurde das Gesetz wegen des Bundessitzes in der vom Nationalrath vorgeschlagenen Fassung angenommen und nur ein Zusatz von Rüttimann, die Sicherheit der Bundesbehörden betreffend, angehängt. Es ist also jetzt beschlossen, daß der Bundessitz in beiden Räthen besonders und zwar nicht durch Wahl, sondern durch gewöhnliche Abstimmung festgesetzt werden soll. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Im Kanton Neufchatel war vor einigen Tagen große Verwirrung eingetreten. Die Nachricht kam hieher, daß sämmtliche Staatsräthe, bis auf Einen (Hrn. Steck) ihre Entlassung eingereicht hätten. In der größten Bestürzung reisen alle National- und Ständeräthe der Republik von hier sofort nach Hause. Wie wir hören, ist die Differenz, durch einen heftigen

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Ausfall von Seiten des Hrn. Steck hervorgerufen, von einer zu diesem Zweck ernannten Kommission des großen Raths wieder beigelegt und in der vorgestrigen Sitzung zogen die Staatsräthe ihre Entlassung zurück, was vom großen Rath mit lautem vive la re´publique aufgenommen wurde. Der Pabst hat gegen die Beschlüsse der fünf Kantone der Freiburger Diözese, welche den Bischof Marilley der bischöflichen Funktionen entheben und Maßregeln zur provisorischen Bisthumsverwaltung anordnen, protestirt. Er droht, wenn diese Maßregeln nicht zurückgenommen würden, mit „andern Bestimmungen, wozu ihn sein Gewissen, gegenüber der katholischen Welt, verpflichten würde.“ Der „schweizerische Beobachter“, das hiesige reaktionäre Blatt, tröstete sich vorgestern Abend mit der Hoffnung: da jetzt in Rom die Republik proklamirt sei (das hatte man dem braven Blatt aufgebunden) so sei es aus mit dem Pabstthum und die katholische Welt sei ihrer Freiheit wiedergegeben, wodurch sich auch die Freiburger Wirren lösen würden! Die Nachrichten von der deutschen Gränze über den schon erfolgten oder nicht erfolgten Eintritt der Kornsperre lauten widersprechend. Soviel ist gewiß, daß sie höchstens am Bodensee schon eingetreten ist; denn noch am 24., vorgestern, waren in Zürich noch ebensoviel schwäbische Kornbauern, wie je vorher zum Markte gekommen. Der Walliser große Rath hat den Beschluß gefaßt, die Sonderbundskriegssteuer nicht wie es anderswo geschehen, auf die enorm reichen Klöster, sondern auf die Gemeinden zu legen. Der Antheil, den Wallis zu zahlen hat, beträgt 1 600 000 Schweizer Franken. Statt der eigentlichen ˙ ˙˙Mönche, ˙ ˙˙ ˙ ˙ soll ˙ ˙ ˙ also das arme Volk des Urheber des ganzen Aufstandes, der Kantons diese Steuer zahlen. Inzwischen schleppen die ehrwürdigen Väter mehr und mehr ihr Eigenthum nach Piemont hinüber, wie es die Patres vom großen Bernhard schon gethan haben. Diese in Schulbüchern und sentimentalen Geschichten wegen ihrer Hunde und ihrer angeblichen Aufopferung gegen erfrierende Wanderer so berühmten, in der Wirklichkeit aber ungeheuer reichen und sehr behaglich sich pflegenden Pfäfflein haben all ihre Reichthümer, ihr Vieh, ihr Geld, ihre Geräthe nach Aosta gebracht, wo sie sich ebenfalls aufhalten und dem piemontesischen Wein herzlich zusprechen. Als Radetzky in Mailand einzog, feierten diese Menschenfreunde das frohe Ereigniß mit Bankettiren und Kanonendonner, und wurden deßhalb von den piemontesischen Gerichten in Anklagestand versetzt. In ihrem winterlichen Kloster hat diese ecclesia pressa nichts hinterlassen, als etwas Brod und Speck, womit einige Knechte die Reisenden bewirthen. Die „Suisse“ bezweifelt übrigens, daß es mit obigem Beschluß seine Richtigkeit habe, obwohl er im Journal du Valais abgedruckt stehe.

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Friedrich Engels Bern zur Bundesstadt erklärt – Franscini

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** B e r n, 28. November. In der heutigen Sitzung des Nationalraths wur˙ ˙Stimmen ˙ ˙˙ de mit 58 gegen 42 Bern zur Bundesstadt erklärt. Es fehlt nun noch die Genehmigung des Ständeraths, auf die das Berner Publikum mit Sicherheit hofft. Der Ständerath wird heute Nachmittag um 4 Uhr Sitzung halten und seinen Beschluß in dieser Sache fassen; da die Post um halb 5 abgeht, wird es unmöglich sein, daß ich das Resultat dieser Sitzung noch heut berichte. In seiner gestrigen Sitzung hat der Ständerath den Beschluß des Nationalraths in der Tessiner Sache unverändert angenommen, und dieser hat also Gesetzeskraft. In der Diskussion, die sich ziemlich in die Länge zog, zeichnete sich besonders der Tags zuvor angekommene Bundesrath Franscini durch eine Rede zu Gunsten der Tessiner aus. Carteret von Genf sprach ebenfalls mit viel Energie zu Gunsten der italienischen ˙˙ ˙ ˙˙ ˙Ver˙˙˙ Flüchtlinge, und protestirte dagegen, daß man sie hier in dieser sammlung als „Schuldige“ bezeichne, während sie in ihren Bestrebungen und Kämpfen die Sympathien aller Schweizer verdienten. Daß die Tessiner ihnen eine so lebhafte Sympathie gezeigt hätten, gerade dadurch hätten sie bewiesen, daß sie ächte Schweizer seien. Trotz dieser und mehrerer andern entschiedenen Protestationen, besonders gegen Art. 2, der dem Tessin das Asylrecht nimmt, ging, wie gesagt, der ganze Nationalrathsbeschluß mit ziemlicher Majorität durch. Die deutschen Kantone entschieden auch hier, obwohl einige deutsche Abgeordnete auch im Ständerath für die Tessiner auftraten.

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Friedrich Engels Neues aus Bern

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 159, 3. Dezember 1848. Zweite Ausgabe

** B e r n, 29. November. In der gestrigen Sitzung des Ständeraths wurde ˙ ˙ ˙ ˙˙ das bereits vom Nationalrath angenommene Gesetz wegen Centralisation der Posten vom 1. Januar 1849 ab in den Händen der Bundesgewalt berathen und unverändert angenommen. Auf der Tagesordnung stand der Beschluß über den Bundessitz. Da aber der Nationalrath sich gleichzeitig mit diesem Beschluß beschäftigte und bereits die Initiative ergriffen hatte, so wurde die Sitzung bis 4 Uhr vertagt. Um 4 Uhr schritt der Rath zur Abstimmung. In der ersten Abstimmung erhielt Bern 21, Zürich 13, Luzern 3 Stimmen, absolute Majorität für Bern. Bern ist also definitiv Sitz der schweizerischen Bundesbehörden. Heute Morgen kommen beide Räthe zusammen, um die Beeidigung des Bundesraths Franscini vorzunehmen. Franscini hielt dabei eine längere Rede in italienischer Sprache, die mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurde. Hierauf vertagte sich die Bundesversammlung auf unbestimmte Zeit, dem Bundesrath überlassend, sie im geeigneten Moment wieder zusammen zu berufen. Der Bundesrath hat die verschiedenen Departements folgendermaßen unter sich vertheilt: Furrer als Präsident Auswärtiges und allgemeine Leitung der Bundespolitik; Druey, Justiz und Polizei; Ochsenbein, Krieg; Franscini, Inneres; Munzinger, Finanzen; Frei-Herose, Handel- und Straßenzölle (pe´ages); Näff, Posten und öffentliche Arbeiten. Die beiden letzten Berner Wahlen für den Nationalrath sind liberal ausgefallen; im Mittelland ist Weingart, im Emmenthal Regierungsstatthalter Karrer gewählt. Daß die Berner wegen ihrer Erhebung zu Schweizer Hauptstädtern im Jubel sind, brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Gestern Abend Fackelzug und Ständchen in Menge. Dazu der unvermeidliche Kanonendonner; das Glockengeläut scheint man der „Reichsgewalt“ zu überlassen. Vor

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dem Erlacher Hof wurde natürlich eine bedeutende Serenade gebracht; der Bundesrath hält dort seinen Sitz und Steiger und Furrer hielten Reden. So eben höre ich, daß Luvini sich mit dem Obersten Benz wegen der von Letzterem in der Tessiner Diskussion gethanen herausfordernden Aeußerungen duellirt hat. Es scheint Niemand verwundet zu sein; doch kann ich noch nichts Gewisses hierüber sagen.

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Friedrich Engels Duell zwischen Benz und Luvini

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 160, 5. Dezember 1848

** B e r n, 30. November. In dem gestrigen Duell zwischen den Herren Benz ˙ ˙ Benz ˙ ˙ ˙ am Arm und in der Seite ziemlich bedeutend und Luvini ist Hr. verwundet worden. Die gewählte Waffe war der Offiziersäbel (briquet d’ordonnance). Als Hr. Benz gestern abreiste, mußte er in den Wagen getragen werden.

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Friedrich Engels Die deutsche Grenzsperre – Das Reich – Der Kriegsrat

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 160, 5. Dezember 1848

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** B e r n, 1. Dezember. Gottlob! Endlich soll die offizielle Nachricht vom ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Grenzsperre beim Bundesrath eingetroffen sein Eintritt der deutschen und wir werden nun also wohl wissen, woran wir sind. Es war hohe Zeit, nachdem die wohllöbliche Centralgewalt uns Schweizer so lange gefoppt und zum Besten gehabt hatte. Der Bundesrath soll beschlossen haben, dieser ganzen gewaltigen Reichstruppenaufstellung von 50 000 Mann gegenüber auch nicht Eine Kompagnie Schweizer Truppen aufs Piket stellen zu lassen. Die Reichsgewalt mag daraus ersehen, wie sehr man sich hier in der Schweiz vor ihren Entschließungen, Vorkehrungen, Drohungen und Truppenaufstellungen fürchtet. Freilich besitzt das „Reich“ keine solche Militärverfassung wie die Schweiz, die ohne einen Mann stehender Truppen zu besolden, binnen acht Tagen 150 000 Mann schlagfertiger und geübter Soldaten auf die Beine bringen kann – also verhältnißmäßig doppelt so viel, als das klassische Land des Parademarsches mit seiner Scharnhorstischen vielgerühmten Wehrverfassung. Obwohl nun der aus den widersprechenden Gerüchten über die Sperre hergenommene Stoff zur Heiterkeit den Schweizern auszugehen droht, so sorgt das „Reich“ doch fortwährend dafür, daß wir zu lachen haben. Gestern bringen uns die deutschen und namentlich die Frankfurter Reichsblätter mit der ernstesten Miene von der Welt eine neue fette Zeitungsente: den neuen Einfall der Flüchtlinge oder vielmehr Banditen nach Lörrach, nebst dem Gefecht, worin vier leibhaftige Badische Dragoner geblieben sind! Daß die ganze lächerliche Historie, die hier die größte Heiterkeit erregte, auf einer Mystifikation beruht, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Aber sagen kann ich Ihnen, daß die Angst der Reichsbürger vor den dritthalb Freischärlern, die sich allenfalls noch an der Grenze herumtreiben mögen, auf jeden Schweizer den komischsten Eindruck von der Welt macht. Man hat hier bereits die neue Phrase

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stehend gemacht: „er fürchtet sich wie sechs Reichsbürger vor einem Freischärler.“ Der neue Artikel der Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung ˙ ˙ ˙Flüchtlinge ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ an˙ ˙der ˙ Grenze ˙ ˙˙ ˙˙˙ ˙hat ˙˙ über die fortwährenden Umtriebe der nicht wenig beigetragen, diese Heiterkeit auf Kosten des Reichs zu unterhalten. Welch gewaltige Enthüllungen haben nicht die Spione des Hrn. Schmerling zu Stande gebracht! Metternich weilt in Muttenz und ist auf dem Birsfeld gesehen worden, allwo Neff verweilt und viel Briefe schreibt und empfängt; in Emmishofen weilt Siegel und Katzenmaier, und das Reich sollte nicht zittern! Ja, was noch schrecklicher ist, in Dornach, hart an der deutschen Grenze, in Dornach duldet die schweizer Regierung – – „einige versprengte Wirthe aus Lörrach und Umgegend“!!! Zudem „herrscht allgemein die Ueberzeugung“, daß neue „Raubzüge“ stattgefunden haben würden, wenn etc. Ja, ist nicht von Groß-Laufenburg über den Rhein hinüber scharf geschossen worden? – von wem, wann und wie, weiß die Reichszeitung freilich nicht. Kurzum, wenn das Reich so schlecht gezimmert ist, daß es in seinen Grundfesten erbebt, wenn Metternich auf dem Birsfeld gesehen wird, und einige versprengte Wirthe in Dornach trauern, so wird sich die Schweiz wahrhaftig nicht dazu hergeben, diesem morschen Gebäude als Stütze zu dienen! Und dazu widersprechen sich diese konfus zusammengestellten Berichte der ReichsMouchards in jeder Zeile: so heißt es, Metternich sei der einzige Flüchtling in Muttenz, und drei Zeilen weiter „vernimmt man von Muttenz, daß man (!!) dort wieder rüste“!! Man – d. h. Metternich ganz allein! Und dafür, daß die Reichsgewalt sich durch solche plumpe Widersprüche vor der ganzen Welt lächerlich macht, dafür bezahlt sie ihre Mouchards in der Schweiz! Trema Bizanzio, Metternich ist auf dem Birsfeld gesehen worden und „mehrere versprengte Wirthe“ in Dornach haben dir den Untergang geschworen! Doch lassen wir das Reich bei Seite. Der eidgenössische Kriegsrath ist pro Forma aufgelöst worden, aber sofort als militärische Kommission wiederhergestellt, deren Vorsitz Hr. Ochsenbein als Chef des Bundeskriegsdepartements übernommen hat. Die Berner Zeitung tadelt diese Wiederherstellung resp. Fortdauer des schwerfälligsten und kostspieligsten Stücks der alten Bundesregierung mit scharfen Worten. Der Kriegsrath habe nie etwas fertig gebracht, außer der Ernennung einiger aristokratischen Offiziere und einem nach langen Geburtswehen endlich zur Welt gebrachten eidgenössischen Kamaschenreglement, das soviel gekostet, daß man dafür die ganze Armee mit Kamaschen und Schuhen habe versehen können. Im Uebrigen habe er sich darauf beschränkt, seine 16 Franken per Kopf täglich zu beziehen, und habe vor lauter Schwierig˙ ˙ ˙ ˙und ˙ Kleinigkeitskrämereien längst darauf verzichtet, irgend etwas keiten zu Stande zu bringen.

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Außer dem Duell zwischen Luvini und Benz stand in Folge der Tessiner Debatte im Nationalrath noch ein zweites in Aussicht – zwischen Pioda und Michel aus Graubündten. Oberst Michel hatte sich sehr ungebührlich geäußert und schließlich voller Wuth Hrn. Pioda ein vollständiges Dementi gegeben. Pioda antwortete äußerst ruhig und konvenabel, zog aber nachher den bündnerischen Haudegen zur Rechenschaft. Hr. Michel hat darauf solche Erklärungen gegeben, die Hrn. Pioda und seine Freunde vollständig zufrieden stellten und die Sache fiel damit zu Boden.

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Karl Marx Prozesse der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 161, 6. Dezember 1848

* K ö l n, 5. Dezember. Vor einigen Tagen war der Redakteur en chef der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Karl Marx, von neuem vor das Instruktionsgericht vorgeladen. Vier Artikel haben die Centralgewalt bewogen, auf Verläumdung zu klagen: 1) Schnapphahnski, 2) ein Artikel aus Breslau über Lichnowsky, 3) ein Artikel, worin von einem „verfälschenden“ Berichte eines gewissen „komischen Stedtmann“ die Rede ist, 4) der Abdruck der im Eiser’schen Saal beschlossenen „Volksverrathserklärung“ gegen die Frankfurter Majorität in Schleswig-Holstein’schen Sachen. Die „Neue Rheinische Zeitung“ erwartet nun sehnlichst fernere Verläumdungsklagen von Berlin, Petersburg, Wien, Brüssel und Neapel. Am 20. Dezember wird der erste Prozeß der „Neuen Rheinischen Zeitung“ contra Parquet und Gensd’armen verhandelt werden. Wir haben bisher nicht vernommen, daß irgend ein rheinisches Parquet irgend einen Artikel des Code pe´nal auf die groben, handgreiflichen Gesetzwidrigkeiten sämmtlicher rheinischer Behörden anwendbar gefunden hätten. „Distinguendum est“! „II faut distinguer“ ist der Wahlspruch des tapferen rheinischen Parquets.

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Friedrich Engels Schweizerische Zeugnisse über die Heldentaten der österreichischen Armee in Wien

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 161, 6. Dezember 1848

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* K ö l n, 5. Dezember. Während die Augsburger Allgemeine Zeitung und ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙und ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙als˙˙Hersteller ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Jellachich andere erkaufte Blätter einen Windischgrätz der Ordnung in den Himmel erheben, die tapfern östreichischen Truppen mit Lorbeeren überschütten und nicht müde werden von den Gräueln der demokratischen Schreckensherrschaft zu erzählen thut sich in der Schweizer Presse plötzlich eine neue Quelle von Material auf für die Geschichtschreibung der letzten Wiener Ereignisse. Es sind die mit Noth und unter Lebensgefahr und Mißhandlungen den Schergen der „Ordnung“ entkommenen Schweizer, die in ihre Heimath zurückgekehrt, ihre Erlebnisse während der „Schreckenstage“ und des „Kriegs der Ordnung“ veröffentlichen. Und zwar nicht wüthende „Proletarier“, sondern große Kapitalisten, Leute, die in Wien enorme Fabriken besaßen, ganz unverdächtige Bourgeois mit konservativen Gesinnungen – und ein Schweizer Konservativer ist bekanntlich ein deutscher „Heuler“ in der zweiten Potenz – und ihre Berichte stehen nicht in radikalen Schandblättern, sondern in höchst konservativen Intelligenzblättern. Einer solchen Schilderung des Baseler Intelligenzblattes entnehmen wir folgende Details: Herr Specker von Sankt Gallen war Direktor einer großen Maschinenfabrik, die vor der äußern Zolllinie Wiens, am Tabor, ganz vereinzelt stand. Er wie seine Arbeiter und Werkmeister, sämmtlich Schweizer, hatten weder am Kampfe Theil genommen, noch Waffen im Hause behalten. Es blieben nur 15 Arbeiter zum Dienst der im Hofe aufgestellten Feuerspritze in der Fabrik. Beim Anrücken des Militärs gab der General Wyß, Berner Patrizier und Chef des östreichischen Generalstabs, Hrn. Specker sein Ehrenwort, wenn er keine Waffen habe und nicht aus seiner Fabrik geschossen werde, so solle dem Gebäude nichts geschehen. Das Haus wurde von Truppen durchsucht, und nichts gefunden. Trotzdem behauptete eine andere Abtheilung Jäger, es sei aus dem Hause geschossen wor-

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den (sehr begreiflich, da ihnen erlaubt war, jedes Haus zu plündern, aus dem man schoß). Die „Schweizerhunde“, die so sehr auf das Wort ihres Landsmannes, des Generals Wyß getraut, daß sie selbst ihre Frauen und Kinder in der Fabrik gelassen, wurden von diesen Jägern auf’s Brutalste mißhandelt, und nur durch die Dazwischenkunft eines andern Offiziers gerettet. Dieser führte sie nach der Wache. Ein Nachbar zeigte beim Vorbeimarsch auf einen der Arbeiter und sagte: „Der war auch beim Brückenabtragen am Tabor.“ Sofort, ohne daß ihm ein Wort gestattet, wurde er an die Mauer gestellt und erschossen. Auf der Wache wurden mehrmals die Flinten auf die „Schweizerhunde“ angelegt, und nur die vorgehaltene geladene Pistole des Offiziers hielt die Soldaten zurück. Der Direktor Specker wurde an die Wand gestellt, drei Jäger schlugen auf ihn an, einer setzte ihm den Lauf der Büchse an den Mund, und spielte, bei gespanntem Hahn, am Drücker. Ein Offizier zog die Uhr und sagte: Eine Viertelstunde hast du noch, du Schweizerhund, dann wirst du erschossen; also bete! Ehe diese Frist verstrichen, kam der Offizier, der sie schon einmal gerettet, zurück und führte Hrn. Specker zum General Wyß, der ihm seinen „Wortbruch“ vorwarf! Er behauptete steif und fest es sei aus der Fabrik geschossen worden, obwohl Hr. Specker ihm die physische Unmöglichkeit bewies. Endlich erhielt er einen Passierschein für sich und seine Leute nach Florisdorf. Nach der Fabrik zurückgekehrt, fanden sie Alles zertrümmert, demolirt und ausgeplündert. Die Familie des Herrn Specker war mit Büchsenschüssen im Hause herum gejagt worden, der Buchhalter, ein Schweizer, von mehrern Kugeln durchbohrt, wälzte sich im Todeskampfe im Garten und auf jeden, der sich ihm näherte, wurde geschossen, so daß der Unglückliche bis tief in die Nacht dort liegen blieb und starb. Er hieß Kunz. Endlich gelang es den Ueberlebenden, glücklich bis Florisdorf zu kommen. Dem Maschinenfabrikanten Bollinger, auch einem Schweizer, der sich durch seine Arbeiten am Stephansthurm berühmt gemacht hat, gelang es, seine Fabrik durch Spritzen vor Brand zu schützen. Aber auch hier drangen die Oesterreicher unter dem erlogenen Vorwande ein, es sei aus der Fabrik geschossen worden, plünderten und demolirten das ganze Gebäude, steckten es in Brand und erstachen den Bruder Bollinger’s, als dieser aus den Flammen sich zu retten suchte. Einer andern in Wien ansässigen Schweizerin, Madam Bodener, wurde ihr Kind von den Kroaten in den Armen erschossen. Der Bericht stellt noch weitere Aufklärungen über die Heldenthaten der tapfern österreichischen Armee in Aussicht, sobald noch andere Schweizer zurückgekehrt sein werden. Zugleich aber schildert er in den rührendsten Ausdrücken die Sicherheit, die Ruhe und das höfliche, an-

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ständige Benehmen von Seiten der bewaffneten Proletarier, deren sich die Schweizer während der sogenannten Schreckensherrschaft des Wiener Proletariats und der Studenten zu erfreuen hatten. Wir wiederholen: Die Urheber dieser Berichte sind keine Radikalen, keine Proletarier und Mißvergnügte, sondern große Kapitalisten und ächte Schweizer Vollblut-Aristokraten. Will nicht die A.A.Z. von ihren verschiedenen τγ, MW, #, Δ und andern Korrespondenten in Wien Erkundigungen einziehen lassen, ob sich das nicht alles buchstäblich so verhält? Wir haben ihre Namen, Ort und alle Details so genau angegeben, wie sie nur wünschen kann. Aber sie wird sich hüten.

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Friedrich Engels Der Bundesrat und die auswärtigen Gesandten – Bundesrat in Tessin – Zentralisation der Posten – Abbitte des deutschen Reichstruppenkommandanten

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 161, 6. Dezember 1848

** B e r n, 2. Dezember. Der Bundesrath hat auf die Anzeige der Kon˙ ˙ ˙Bundesbehörden ˙˙ stituirung der neuen und des damit zusammenfallenden Erlöschens des Vertrages von 1815, bereits von allen Gesandten die Zusicherung erhalten, daß sie die Anerkennung der neuen Behörden und der neuen Verfassung von Seiten ihrer Regierungen im Voraus glaubten zusagen zu können. Nur der englische Gesandte, Master Peel, erwähnt von Anerkennung nichts und erklärt blos ganz trocken, die Anzeige seiner Regierung mitgetheilt zu haben. Da Rußland keinen Vertreter hier hat, so ist auch natürlich von dieser Macht noch keine Erklärung eingetroffen. – Zu Bundesrepräsentanten in Tessin hat der Bundesrath ernannt: Oberst Stehlin von Basel und Oberst Briatte von Waadt, beide Mitglieder, Letzterer Präsident des Ständeraths. Der radikale Briatte wird hoffentlich anders auftreten, als die Herren Escher und Munzinger. Uebrigens sind bereits sämmtliche waffenfähige italienische Flüchtlinge aus Tessin nach dem Innern der Schweiz instradirt. – Ferner hat der Bundesrath sich sogleich an den Vollzug des Gesetzes wegen Centralisation der Posten gegeben; Herr Laroche-Stehelin von Basel ist zum provisorischen General-Postdirektor der Schweiz ernannt und zwei Kommissionen gebildet, die eine zur Taxation des von den Kantonen und Privaten zu übernehmenden Materials, die zweite zur Entwerfung eines Gesetzes über Organisation der schweizerischen Posten. – Der betreffende Kommandant der deutschen Reichstruppen hat in einer Zuschrift an den Bundesrath richtig Abbitte gethan; er erklärt sich bereit zur geforderten Genugthuung und meldet, daß die Betreffenden bereits zur Bestrafung überwiesen seien.

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Karl Marx Die Auflösung der Nationalversammlung

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 162, 7. Dezember 1848. Extrablatt

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* K ö l n, 6. Dezember. Die Contre-Revolution ist bei ihrem zweiten Sta˙ ˙ ˙National-Versammlung ˙ dium angelangt.˙Die ist aufgelöst. Eine octroyirte Verfassung ist von der „Allerhöchsten Gnade“ ohne Weiteres verkündet worden. Die ganze seit dem Mai mit der „Vereinbarung“ getriebene Heuchelei hat sich ihrer letzten Hülle entledigt. Die März-Revolution ist für nichtig erklärt und das „Gottesgnadenthum“ feiert seine Triumphe. Die Kamarilla, das Junkerthum, die Bureaukratie und die gesammte Reaktion mit und ohne Uniform jubeln, daß das dumme Volk endlich wieder in den Stall des „christlich-germanischen“ Staates zurückgetrieben werden soll. Der „Preußische Staats-Anzeiger“ vom 6. December enthält im „amtlichen Theile“ folgende Verordnung: Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden, König von Preußen etc. haben aus dem beifolgenden Berichte Unseres Staats-Ministeriums über die letzten Sitzungen der zur Vereinbarung der Verfassung berufenen Versammlung zu Unserem tiefen Schmerze die Ueberzeugung gewonnen, daß das große Werk, zu welchem diese Versammlung berufen ist, mit derselben, ohne Verletzung der Würde Unserer Krone und ohne Beeinträchtigung des davon unzertrennlichen Wohles des Landes, nicht länger fortgeführt werden kann. Wir verordnen demnach, auf den Antrag Unseres Staats-Ministeriums, was folgt: §. 1, Die zur Vereinbarung der Verfassung berufene Versammlung wird hierdurch aufgelöst.

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§. 2. Unser Staats-Ministerium wird mit Ausführung dieser Verordnung beauftragt. Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Königlichen Insiegel. Gegeben Potsdam, den 5. December 1848. Friedrich Wilhelm. Das Staats-Ministerium. Graf von Brandenburg. von Ladenberg. von Strotha. von Manteuffel. Rintelen. von der Heydt. Der Eingang zur Verfassungs-Urkunde lautet: Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden, König von Preußen etc. etc. thun kund und fügen zu wissen: daß Wir in Folge der eingetretenen außerordentlichen Verhältnisse, welche die beabsichtigte Vereinbarung der Verfassung unmöglich gemacht, und, entsprechend den dringenden Forderungen des öffentlichen Wohls, in möglichster Berücksichtigung der von den gewählten Vertretern des Volkes ausgegangenen umfassenden Vorarbeiten, die nachfolgende Verfassungs-Urkunde zu erlassen beschlossen haben, vorbehaltlich der am Schlusse angeordneten Revision derselben im ordentlichen Wege der Gesetzgebung. Das dritte Aktenstück beruft die in der octroyirten Charte bezeichneten zwei Kammern auf den 26. Februar 1849 nach Berlin ein. Am 22. Januar sollen in Betreff der 2ten Kammer die Wahlen der Wahlmänner und am 5. Februar die Wahlen der Abgeordneten, in Betreff der 1ten Kammer die Wahlen der Wahlmänner am 29. Januar und die Wahlen der Abgeordneten am 12. Februar stattfinden. Wegen Bildung der ersten Kammer wird unverzüglich ein, natürlich gnädigst octroyirtes Wahlgesetz folgen. Dieses Aktenstück ist betitelt: „Patent betreffend die Zusammenberufung der Vertreter.“ So sind wir denn glücklich bei der P a t e n t - P e r i o d e des Jahres 1847 wieder angelangt.

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Karl Marx Der Staatsstreich der Kontrerevolution

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 163, 8. Dezember 1848

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* K ö l n, 7. Dezember. Die National-Versammlung ist aufgelöst. Die Ver˙ ˙ ˙ ˙„von Gottes Gnaden“ auseinander gejagt. treter des Volkes˙ sind Zu dem mit solcher Frechheit ausgeführten Staatsstreiche fügt das Ministerium in seiner Motivirung der Gewaltthat den bittersten Hohn. Die National-Versammlung ärntet jetzt die Früchte ihrer langwierigen ˙ ˙ ˙ ˙Feigheit. ˙ ˙ ˙ Sie ˙ ˙ ˙ ließ ˙ Schwäche ˙und die Verschwörung gegen das Volk monatelang ruhig fortarbeiten, stark und mächtig werden und fällt ihr daher jetzt zum ersten Opfer. Ebenso büßt das Volk, was es im März und noch im April und Mai aus Großmuth, oder richtiger aus Dummheit, und zuletzt durch den sogenannten „passiven Widerstand“ verschuldete. Es hat jetzt eine Lehre bekommen, die es sich wohl zu Nutze machen wird. Sein nächster Sieg wird der „Vereinbarung“ wie allen übrigen Phrasen und Heucheleien ein Ende machen.

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Karl Marx Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 165, 10. Dezember 1848

* K ö l n, 9. Dezember. Wir haben es nie verheimlicht. Unser Boden ist ˙ ˙ ˙ es ist der revolutionäre Boden. Die Regierung hat nicht der Rechtsboden, nun ihrerseits die Heuchelei des Rechtsbodens aufgegeben. Sie hat sich auf den revolutionären Boden gestellt, denn auch der contrerevolutionäre Boden ist revolutionär. In § 6 des Gesetzes vom 6. April 1848 ist bestimmt: „Den künftigen Vertretern des Volkes soll jedenfalls die Zustimmung zu allen Gesetzen, so wie zur Feststellung des Staatshaushaltungs-Etats und das Steuerbewilligungs-Recht zustehn.“ In § 13 des Gesetzes vom 8. April 1848 heißt es: „Die auf Grund des gegenwärtigen Gesetzes zusammentretende Versammlung ist dazu berufen, die künftige Staatsverfassung durch Vereinbarung mit der Krone festzustellen und die seitherigen reichsständischen Befugnisse, namentlich in Bezug auf die Bewilligung von Steuern für die Dauer ihrer Versammlung auszuüben.“ Die Regierung jagt die Vereinbarungsversammlung zum Teufel, diktirt dem Lande höchsteigen eine soidisant Verfassung und bewilligt sich selbst die Steuern, die ihr von den Volksvertretern versagt worden. Die preußische Regierung hat der Camphauseniade, einer Art feierlicher Rechts-Jobsiade, ein eklatantes Ende gemacht. Aus Rache tagt der Erfinder dieser Epope´e, der große Camphausen, ruhig in Frankfurt fort als Gesandter derselben preußischen Regierung und intriguirt fort mit den Bassermanns im Dienste derselben preußischen Regierung. Dieser Camphausen, der die Vereinbarungstheorie erfand, um den Rechtsboden zu retten, d. h. um die Revolution zunächst um die ihr gebührenden Honneurs zu prellen, erfand zugleich die Minen, welche später den Rechtsboden sammt der Vereinbarungstheorie in die Luft sprengen sollten.

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Dieser Mann gab die indirekten Wahlen, welche eine Versammlung ergaben, der die Regierung im Augenblicke einer augenblicklichen Erhebung zudonnern konnte: Tr o p t a r d ! Er rief den Prinzen von Preußen zurück, den Chef der Contrerevolution und verschmähte es nicht, dessen Flucht durch eine offizielle Lüge in eine Studienreise zu verwandeln. Er ließ die alte preußische Gesetzgebung über politische Verbrechen und die alten Gerichte in Kraft. Die alte Bureaukratie und die alte Armee gewannen unter ihm wieder Zeit, sich von ihrem Schrecken zu erholen und sich vollständig zu rekonstituiren. Sämmtliche Führer des alten Regimes blieben unverletzt auf ihren Sitzen. Unter Camphausen führte die Kamarilla den Krieg in Posen, während er selbst den Krieg in Dänemark führte. Der dänische Krieg sollte ein Ableiter für die patriotische Ueberkraft der deutschen Jugend sein, die nach ihrer Rückkehr auch gebührendermaßen polizeilich gemaßregelt wurde, er sollte dem General Wrangel und seinen berüchtigten Garderegimentern eine gewisse Popularität verleihn und die preußische Soldateska im Allgemeinen rehabilitiren. Sobald der Zweck erfüllt war, mußte dieser Scheinkrieg um jeden Preis in einen schmählichen Waffenstillstand erstickt werden, den derselbe Camphausen wieder zu Frankfurt am Main mit der deutschen Nationalversammlung vereinbarte. Das Resultat des dänischen Kriegs war der „Oberbefehlshaber beider Marken“ und die Rückkehr der im März vertriebenen Garderegimenter nach Berlin. Und der Krieg, den die Kamarilla zu Potsdam unter Camphausens Auspicien in Posen führte! Der Krieg in Posen war mehr als ein Krieg gegen die preußische Revolution. Er war der Fall Wiens, der Fall Italiens, die Niederlage der Junihelden. Er war der erste entscheidende Triumph, den der russische Czar über die europäische Revolution erfocht. Und alles das unter den Auspicien des großen Camphausen, des denkenden Geschichtsfreundes, des Ritters der großen Debatte, des Heroen der Vermittlung. Unter und durch Camphausen hatte sich so die Contrerevolution aller entscheidenden Posten bemächtigt, sie hatte sich ihr schlagfertiges Kriegsheer vorbereitet, während die Vereinbarerversammlung debattirte. Unter dem Minister der That Hansemann-Pinto wurde die alte Polizei neu eingekleidet und ein ebenso erbitterter, als kleinlicher Krieg der Bourgeoisie gegen das Volk geführt. Unter Brandenburg zog man den Schluß aus diesen Vordersätzen. Es gehörte dazu nur noch ein – Schnurrbart und ein Säbel statt eines Kopfes. Als Camphausen abtrat, riefen wir ihm zu: „Er habe die Reaktion gesät im Sinne der Bourgeoisie, er werde sie ernten im Sinne der Aristokratie und des Absolutismus.“

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Wir zweifeln nicht, daß Se. Exzellenz, der preußische Gesandte Camp˙˙ ˙ ˙ ˙ hausen, sich in diesem Augenblicke selbst zu den Feudalherren zählt, und sich mit seinem „Mißverständnisse“ aufs friedlichste vereinbart haben wird. Man täusche sich indeß nicht; man schreibe einem Camphausen, einem Hansemann, diesen Männern untergeordnetster Größe, keine weltgeschichtliche Initiative zu. Sie waren nichts als die Organe einer Klasse. Ihre Sprache, ihre Handlungen waren nur das offizielle Echo einer Klasse, die sie in den Vordergrund gedrängt hatte. Sie waren nur die große Bourgeoisie – im Vordergrunde. Die Repräsentanten dieser Klasse bildeten die liberale Opposition auf dem selig entschlafenen, durch Camphausen für einen Augenblick wiedererweckten vereinigten Landtage. Man hat den Herrn dieser liberalen Opposition vorgeworfen, ihren Prinzipien nach der Märzrevolution untreu geworden zu sein. Es ist dies ein Irrthum. Die großen Grundbesitzer und Kapitalisten, die ausschließlich auf dem vereinigten Landtage vertreten waren, mit einem Worte die Geldbeutel, hatten an Geld und Bildung zugenommen. Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Preußen – d. h. mit der Entwicklung der Industrie, des Handels und des Ackerbaus – hatten einerseits die alten Ständeunterschiede ihre materielle Grundlage verloren. Der Adel selbst war wesentlich verbürgerlicht. Statt in Treue, Liebe und Glauben, machte er nun vor allem in Runkelrüben, Schnaps und Wolle. Sein Hauptturnier war der Wollmarkt geworden. Andrerseits war der absolutistische Staat, dem seine alte gesellschaftliche Grundlage unter den Füßen durch den Gang der Entwickelung weggezaubert war, zur hemmenden Fessel geworden für die neue bürgerliche Gesellschaft mit ihrer veränderten Produktionsweise und ihren veränderten Bedürfnissen. Die Bourgeoisie mußte sich ihren Antheil an der politischen Herrschaft vindiciren, schon ihrer materiellen Interessen wegen. Sie selbst war allein fähig ihre commerciellen und industriellen Bedürfnisse gesetzlich zur Geltung zu bringen. Sie mußte einer überlebten, ebenso unwissenden als arroganten Bureaukratie die Verwaltung dieser ihrer „heiligsten Interessen“ aus der Hand nehmen. Sie mußte Controlle des Staatsvermögens, dessen Schöpfer sie sich dünkte, für sich in Anspruch nehmen. Sie besaß auch den Ehrgeiz, nachdem sie der Bureaukratie das Monopol der sogenannten Bildung entwendet hatte und sie an wirklicher Kenntniß der bürgerlichen Gesellschaftsbedürfnisse weit zu überragen sich bewußt war, eine ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechende politische Stellung erzwingen zu wollen. Sie mußte, um ihren Zweck zu erreichen, ihre ei-

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genen Interessen, Ansichten und die Handlungen der Regierung frei debattiren können. Das nannte sie das „Recht der Preßfreiheit“. Sie mußte sich ungenirt associiren können. Das nannte sie das „Recht der freien Association“. Religionsfreiheit u. dgl. mußte ebenfalls als nothwendige Folge der freien Concurrenz von ihr verlangt werden. Und die preußische Bourgeoisie war vor dem März 1848 auf dem besten Wege, alle ihre Wünsche sich verwirklichen zu sehen. Der preußische Staat befand sich in Geldnöthen. Sein Kredit war versiegt. Das war das Geheimniß der Zusammenberufung des „Vereinigten Landtags“. Die Regierung sträubte sich zwar gegen ihr Schicksal, sie entließ ungnädig den „Vereinigten“, aber Geldnoth und Kreditlosigkeit hätten sie unfehlbar nach und nach der Bourgeoisie in die Arme geworfen. Wie die Feudalbarone, so haben die Könige von Gottes Gnaden von jeher ihre Privilegien ausgetauscht gegen baares Geld. Die Emanzipation der Leibeigenen war der erste, die konstitutionelle Monarchie der zweite große Akt dieses weltgeschichtlichen Schachers in allen christlich-germanischen Staaten. „L’argent n’a pas de maıˆtre“, aber die maıˆtres hören auf, maıˆtres zu sein, sobald sie de´mone´tise´s (entmünzt) sind. Die liberale Opposition auf dem „Vereinigten Landtage“ war also nichts anderes als die Opposition der Bourgeoisie gegen eine Regierungsform, die ihren Interessen und Bedürfnissen nicht mehr entsprach. Um dem Hofe Opposition, mußte sie dem Volke den Hof machen. Sie bildete sich vielleicht wirklich ein, für das Volk Opposition zu machen. Die Rechte, die Freiheiten, die sie für sich erstrebte, konnte sie daher natürlich nur unter Firma von Volksrechten und Volksfreiheiten der Regierung gegenüber in Anspruch nehmen. Diese Opposition befand sich wie gesagt auf dem besten Wege, als der Februarsturm losbrach. (Schluß folgt.) Neue Rheinische Zeitung. Nr. 169, 15. Dezember 1848

* K ö l n, 11. Dezember. (Fortsetzung. Siehe die erste Ausgabe der ˙˙ ˙ Nr. 165). Als die Märzsündfluth – eine Sündfluth en miniature – sich verlaufen hatte, ließ sie auf der Berliner Erdoberfläche keine Ungeheuer zurück, keine revolutionären Kolosse, sondern Kreaturen alten Styls, bürgerlich untersetzte Gestalten – die Liberalen des „Vereinigten Landtags“, die Vertreter der bewußten preußischen Bourgeoisie. Die Provinzen, welche die entwickeltste Bourgeoisie besitzen, die Rheinprovinz und Schlesien, liefer-

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ten das Hauptkontingent zu den neuen Ministerien. Hinter ihnen ein ganzer Schweif rheinischer Juristen. In demselben Maße, als die Bourgeoisie von den Feudalen in den Hintergrund zurückgedrängt wurde, machten in den Ministerien die Rheinprovinz und Schlesien den urpreußischen Provinzen Platz. Das Ministerium Brandenburg hängt nur noch durch einen Elberfelder Tory mit der Rheinprovinz zusammen. Hansemann und von der Heydt! In diesen beiden Namen liegt für die preußische Bourgeoisie der ganze Unterschied zwischen März und Dezember 1848! Die preußische Bourgeoisie war auf die Staatshöhn geworfen, aber nicht, wie sie gewünscht hatte, durch eine friedliche Transaktion mit der Krone, sondern durch eine Revolution. Nicht ihre eigenen Interessen, sondern die Volksinteressen sollte sie gegen die Krone, d. h. gegen sich selbst vertreten, denn eine Volksbewegung hatte ihr die Wege bereitet. Die Krone war aber in ihren Augen eben nur der gottesgnadliche Schirm, hinter dem ihre eigenen profanen Interessen sich verbergen sollten. Die Unantastbarkeit ihrer eigenen Interessen und der ihrem Interesse entsprechenden politischen Formen sollte, in die konstitutionelle Sprache übersetzt, lauten: Unantastbarkeit der Krone. Daher die Schwärmerei der deutschen und speziell der preußischen Bourgeoisie für die konstitutionelle Monarchie. War daher die Februarrevolution sammt ihren deutschen Nachwehen der preußischen Bourgeoisie willkommen, weil das Staatsruder ihr durch dieselbe in die Hand geworfen wurde, so war sie eben so sehr ein Strich durch ihre Rechnung, weil ihre Herrschaft so an Bedingungen geknüpft wurde, die sie weder erfüllen wollte, noch erfüllen konnte. Die Bourgeoisie hatte keine Hand gerührt. Sie hatte dem Volke erlaubt, sich für sie zu schlagen. Die ihr übertragene Herrschaft war daher nicht die Herrschaft des Feldherrn, der seinen Gegner besiegt, sondern die Herrschaft eines Sicherheits-Ausschusses, dem das siegreiche Volk die Wahrung seiner eigenen Interessen anvertraut. Camphausen fühlte noch ganz das Unbequeme dieser Position und die ganze Schwäche seines Ministeriums datirt aus diesem Gefühle und den Umständen, die es bedingten. Eine Art von Schaamröthe verklärt daher die schaamlosesten Akte seiner Regierung. Die offenherzige Schaamlosigkeit und Unverschämtheit waren das Privilegium Hansemann’s. Die rothe Teinte bildet den einzigen Unterschied zwischen diesen beiden Malern. Man muß die preußische Märzrevolution weder mit der englischen Revolution von 1648, noch mit der französischen von 1789 verwechseln. 1648 war die Bourgeoisie mit dem modernen Adel gegen das Königthum, gegen den feudalen Adel und gegen die herrschende Kirche verbunden.

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1789 war die Bourgeoisie mit dem Volke verbunden gegen Königthum, Adel und herrschende Kirche. Die Revolution von 1789 hatte zum Vorbilde (wenigstens in Europa) nur die Revolution von 1648, die Revolution von 1648 nur den Aufstand der Niederländer gegen Spanien. Beide Revolutionen waren nicht nur der Zeit, sondern auch dem Gehalte nach um ein Jahrhundert ihren Vorbildern voraus. In beiden Revolutionen war die Bourgeoisie die Klasse, die sich wirklich an der Spitze der Bewegung befand. Das Proletariat und die nicht der Bourgeoisie angehörigen Fraktionen des Bürgerthums hatten entweder noch keine von der Bourgeoisie getrennte Interessen oder sie bildeten noch keine selbstständig entwickelten Klassen oder Klassenabtheilungen. Wo sie daher der Bourgeoisie entgegentreten, wie z. B. 1793 bis 1794 in Frankreich, kämpfen sie nur für die Durchsetzung der Interessen der Bourgeoisie, wenn auch nicht in der Weise der Bourgeoisie. Der ganze französische Terrorismus war nichts als eine plebejische Manier, mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgerthum fertig zu werden. Die Revolutionen von 1648 und 1789 waren keine englischen und französischen Revolutionen, sie waren Revolutionen europäischen Styls. Sie waren nicht der Sieg einer bestimmten Klasse der Gesellschaft über die alte politische Ordnung; sie waren die Proclamation der politischen Ordnung für die neue europäische Gesellschaft. Die Bourgeoisie siegte in ihnen; aber der Sieg der Bourgeoisie war damals der Sieg einer neuen Gesellschaftsordnung, der Sieg des bürgerlichen Eigenthums über das Feudale, der Nationalität über den Provinzialismus, der Concurrenz über die Zunft, der Theilung über das Majorat, der Herrschaft des Eigenthümers des Bodens über die Beherrschung des Eigenthümers durch den Boden, der Aufklärung über den Aberglauben, der Familie über den Familiennamen, der Industrie über die heroische Faulheit, des bürgerlichen Rechts über die mittelaltrigen Privilegien. Die Revolution von 1648 war der Sieg des 17ten Jahrhunderts über das 16te Jahrhundert, die Revolution von 1789 der Sieg des 18ten Jahrhunderts über das 17te Jahrhundert. Diese Revolutionen drückten mehr noch die Bedürfnisse der damaligen Welt, als der Weltausschnitte aus, in denen sie vorfielen, Englands und Frankreichs. In der preußischen Märzrevolution nichts von alledem. Die Februarrevolution hatte das constitutionelle Königthum in der Wirklichkeit und die Bourgeoisherrschaft in der Idee abgeschafft. Die preußische Märzrevolution sollte das konstitutionelle Königthum in der Idee und die Bourgeoisherrschaft in der Wirklichkeit schaffen. Weit ent-

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fernt, eine europäische Revolution zu sein, war sie nur die verkümmerte Nachwirkung einer europäischen Revolution in einem zurückgebliebenen Lande. Statt ihrem Jahrhundert voraus, war sie hinter ihrem Jahrhundert um mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Sie war von vornherein sekundär, aber es ist bekannt, daß die sekundären Krankheiten schwerer zu heilen sind, und den Körper gleichzeitig mehr verwüsten, als die primitiven. Es handelte sich nicht um die Herstellung einer neuen Gesellschaft, sondern um die Berliner Wiedergeburt der zu Paris verstorbenen Gesellschaft. Die preußische Märzrevolution war nicht einmal national, deutsch, sie war von vornherein provinziell-preußisch. Die Wiener, die Kaßler, die Münchener, alle Sorten provinzieller Aufstände rannten neben ihr her und machten ihr den Rang streitig. Während 1648 und 1789 das unendliche Selbstgefühl hatten an der Spitze der Schöpfung zu stehn, bestand der Ehrgeiz der Berliner 1848 darin, einen Anachronismus zu bilden. Ihr Licht glich dem Lichte der Sterne, das uns Erdenbewohnern erst zukömmt, nachdem die Körper, die es ausgestrahlt, schon 100 000 von Jahren erloschen sind. Die preußische Märzrevolution war im Kleinen, wie sie alles im Kleinen war, ein solcher Stern für Europa. Ihr Licht war das Licht eines längst verwesten Gesellschaftsleichnams. Die deutsche Bourgeoisie hatte sich so träg, feig und langsam entwickelt, daß im Augenblicke, wo sie gefahrdrohend dem Feudalismus und Absolutismus gegenüberstand, sie selbst sich gefahrdrohend gegenüber das Proletariat erblickte, und alle Fraktionen des Bürgerthums, deren Interessen und Ideen dem Proletariat verwandt sind. Und nicht nur eine Klasse hinter sich, ganz Europa sah sie feindlich vor sich. Die preußische Bourgeoisie war nicht wie die französische von 1789, die Klasse, welche die ganze moderne Gesellschaft den Repräsentanten der alten Gesellschaft, dem Königthum und dem Adel gegenüber vertrat. Sie war zu einer Art von Stand herabgesunken, ebenso ausgeprägt gegen die Krone als gegen das Volk, oppositionslustig gegen beide, unentschlossen gegen Jeden ihrer Gegner einzeln genommen, weil sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein zum Verrath gegen das Volk und zum Compromiß mit dem gekrönten Vertreter der alten Gesellschaft geneigt, weil sie selbst schon zur alten Gesellschaft gehörte; nicht die Interessen einer neuen Gesellschaft gegen eine alte, sondern erneute Interessen innerhalb einer veralteten Gesellschaft vertretend; nicht an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hinter ihr stand, sondern weil das Volk sie vor sich herdrängte; nicht an der Spitze, weil sie die Initiative einer neuen, sondern nur weil sie die Rancüne einer alten Gesellschaftsepoche vertrat; eine nicht zum Durchbruch gekommene Schichte des alten Staats

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durch ein Erdbeben auf die Oberfläche des neuen Staats geworfen; ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, knurrend gegen oben, zitternd gegen unten, egoistisch nach beiden Seiten, und sich ihres Egoismus bewußt, revolutionär gegen die Konservativen, konservativ gegen die Revolutionäre, ihren eigenen Stichworten mißtrauend, Phrasen statt Ideen, eingeschüchtert vom Weltsturm, den Weltsturm exploitirend, – Energie nach keiner Richtung, Plagiat nach allen Richtungen, gemein, weil sie nicht originell war, originell in der Gemeinheit – schachernd mit ihren eigenen Wünschen, ohne Initiative, ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, ohne weltgeschichtlichen Beruf, – ein vermaledeiter Greis, der sich dazu verdammt sah, die ersten Jugendströmungen eines robusten Volks in seinem eigenen altersschwachen Interesse zu leiten und abzuleiten – ohn’ Aug! ohn’ Ohr! ohn’ Zahn, ohn’ Alles – so fand sich die preußische Bourgeoisie nach der Märzrevolution am Ruder des preußischen Staates. (Fortsetzung folgt.) ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ Neue Rheinische Zeitung. Nr. 170, 16. Dezember 1848

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* K ö l n, 15. Dezember. (Fortsetzung.) Die Vereinbarungstheorie, welche die im Ministerium Camphausen zur Regierung gelangte Bourgeoisie sofort als „breiteste“ Grundlage des preußischen contrat social proklamirte, war keineswegs eine hohle Theorie; sie war vielmehr gewachsen auf dem Baume des „goldnen“ Lebens. Die Märzrevolution hat den Souverän von Gottes Gnaden keineswegs dem Volkssouveräne unterjocht. Sie hat nur die Krone, den absolutistischen Staat, gezwungen, sich mit der Bourgeoisie zu verständigen, sich mit ihrem alten Rivalen zu vereinbaren. Die Krone wird der Bourgeoisie den Adel, die Bourgeoisie wird der Krone das Volk opfern. Unter dieser Bedingung wird das Königthum bürgerlich und die Bourgeoisie königlich werden. Nach dem März giebt es nur noch diese zwei Mächte. Sie dienen sich wechelseitig als Blitzableiter der Revolution. Alles natürlich auf „breitester demokratischer Grundlage“. Das war das Geheimniß der Vereinbarungstheorie. Die Oel- und Wollhändler, welche das erste Ministerium nach der März-Revolution bildeten, gefielen sich in der Rolle, die blosgestellte Krone mit ihren plebejischen Fittigen zu decken. Sie schwelgten in dem Hochgenusse, hoffähig zu sein und widerstrebend, von ihrem rauhen Römerthum aus reiner Großmuth ablassend – von dem Römerthum des vereinigten Landtags – die Kluft, welche den Thron zu verschlingen

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drohte, mit dem Leichnam ihrer ehemaligen Popularität zu schließen. Wie spreizte sich der Minister Camphausen als Wehmutter des konstitutionellen Thrones. Der brave Mann war offenbar über sich selbst, über seine eigne Großmuth gerührt. Die Krone und ihr Anhang duldete widerstrebend diese demüthigende Protektorschaft, sie machte bonne mine a` mauvais jeu in Erwartung bess’rer Tage. Die halb aufgelöste Armee, die für ihre Stellen und Gehalte zitternde Bureaucratie, der gedehmüthigte Feudalstand, dessen Führer sich auf konstitutionellen Studienreisen befand, übertölpelten leicht mit einigen süßen Worten und Knixen den Bourgeois Gentilhomme. Die preußische Bourgeoisie war nomineller Besitzer der Herrschaft, sie zweifelte keinen Augenblick, daß die Mächte des alten Staats ohne Hinterhalt sich ihr zu Gebot gestellt und in eben so viele devote Ableger ihrer eignen Allmacht verwandelt hätten. Nicht nur im Ministerium, in dem ganzen Umfang der Monarchie war die Bourgeoisie von diesem Wahn berauscht. Die einzigen Heldenthaten der preußischen Bourgeoisie nach dem März, die oft blutigen Chikanen der Bürgerwehr gegen das unbewaffnete Proletariat, fanden sie nicht in der Armee, in der Büreaucratie und selbst in den Feudalherrn willig unterwürfige Helfershelfer? Die einzigen Kraftanstrengungen, wozu sich die lokalen Vertreter der Bourgeoisie aufschwangen, die Gemeinderäthe – deren zudringlich servile Gemeinheit von einem Windischgrätz, Jellachich und Welden später in angemessener Weise befußtrittet wurde – die einzigen Heldenthaten dieser Gemeinderäthe nach der Märzrevolution, ihre patriarchalischernsten Warnungsworte an das Volk, wurden sie nicht angestaunt von den verstummten Regierungspräsidenten und den in sich gegangenen Divisionsgeneralen? Und die preußische Bourgeoisie hätte noch zweifeln sollen, daß der alte Groll der Armee, der Bureaucratie, der Feudalen, in ehrfurchtsvoller Ergebenheit vor dem sich selbst und die Anarchie zügelnden großmüthigen Sieger, der Bourgeoisie, erstorben sei? Es war klar. Die preußische Bourgeoisie hatte nur noch eine Aufgabe, die Aufgabe, sich ihre Herrschaft bequem zu machen, die störenden Anarchisten zu beseitigen, „Ruhe und Ordnung“ wieder herzustellen und die Zinsen wieder einzubringen, die während des Märzsturms verloren gegangen waren. Es konnte sich nur noch darum handeln, die Produktionskosten ihrer Herrschaft und der sie bedingenden Märzrevolution auf ein Minimum zu beschränken. Die Waffen, welche die preußische Bourgeoisie in ihrem Kampfe gegen die feudale Gesellschaft und deren Krone unter der Firma des Volks in Anspruch zu nehmen sich gezwungen sah, Assoziationsrecht, Preßfreiheit etc., mußten sie nicht zerbrochen werden

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in den Händen eines bethörten Volks, das sie nicht mehr für die Bourgeoisie zu führen brauchte und gegen sie zu führen bedenkliche Gelüste kund gab? Der Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone, davon war sie überzeugt, dem Markten der Bourgeoisie mit dem alten, in sein Schicksal ergebenen Staate, stand offenbar nur noch ein Hinderniß im Wege, ein einziges Hinderniß, das Volk – puer robustus sed malitiosus, wie Hobbes sagt. Das Volk und die Revolution ! Die Revolution war der Rechtstitel des Volkes; auf die Revolution gründete es seine ungestümen Ansprüche. Die Revolution war der Wechsel, den es auf die Bourgeoisie gezogen hatte. Durch die Revolution war die Bourgeoisie zur Herrschaft gelangt. Mit dem Tage ihrer Herrschaft war der Verfalltag dieses Wechsels angebrochen. Die Bourgeoisie mußte gegen den Wechsel Protest einlegen. Die Revolution – das bedeutete im Munde des Volks: Ihr Bourgeois seid das Comite´ du salut public, der Wohlfahrtsausschuß, dem wir die Herrschaft in die Hand gegeben, nicht damit ihr euch über eure Interessen mit der Krone vereinbart, sondern damit ihr gegen die Krone unsere Interessen, die Interessen des Volks durchsetzt. Die Revolution war der Protest des Volkes gegen die Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone. Die mit der Krone sich vereinbarende Bourgeoisie mußte also protestiren gegen – die Revolution. Und das geschah unter dem großen Camphausen. Die Märzrevolution wurde nicht anerkannt. Die Berliner Nationalrepräsentation konstituirte sich als Repräsentation der preußischen Bourgeoisie, als Vereinbarerversammlung, indem sie den Antrag auf Anerkennung der Märzrevolution verwarf. Sie machte das Geschehene ungeschehen. Sie proklamirte es laut vor dem preußischen Volke, daß es sich mit der Bourgeoisie nicht vereinbart, um gegen die Krone zu revolutioniren, sondern daß es revolutionirt, damit sich die Krone mit der Bourgeoisie gegen es selbst vereinbare! So war der Rechtstitel des revolutionären Volkes vernichtet und der Rechtsboden der konservativen Bourgeoisie gewonnen. Der Rechtsboden! Brüggemann, und durch ihn die „Kölnische Zeitung“, haben so viel geplaudert, gefabelt, gewimmert vom „Rechtsboden“, so oft den „Rechtsboden“ verloren, wiedergewonnen, den Rechtsboden durchlöchert, geflickt, von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt nach Berlin geschleudert, verengt, ausgedehnt, aus einem einfachen Boden in einen getäfelten Boden, aus einem getäfelten Boden in einen Doppelboden, – bekanntlich ein Hauptwerkzeug der schauspielernden Escamoteurs – aus einem Dop-

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pelboden in eine bodenlose Fallthüre verwandelt, daß der Rechtsboden sich für unsre Leser mit Recht schließlich in den Boden der „Kölnischen Zeitung“ verwandelt hat, daß sie das Schiboleth der preußischen Bourgeoisie mit dem Privatschiboleth des Herrn Joseph Dumont, einen nothwendigen Einfall der preußischen Weltgeschichte mit einer willkührlichen Marotte der „Kölnischen“ Zeitung verwechseln können und im Rechtsboden nur noch den Boden sehn, auf dem die „Kölnische Zeitung“ wächst. Der Rechtsboden und zwar der preußische Rechtsboden! Der Rechtsboden, auf dem sich nach dem März der Ritter der großen Debatte Camphausen, das wiedererweckte Gespenst des Vereinigten Landtags und die Vereinbarerversammlung bewegen, ist er das Konstitutionsgesetz von 1815, oder das Landtagsgesetz von 1820, oder das Patent von 1847, oder das Wahl- und Vereinbarungsgesetz vom 8. April 1848? Nichts von alledem. Der „Rechtsboden“ bedeutete einfach, daß die Revolution ihren Boden nicht gewonnen und die alte Gesellschaft ihren Boden nicht verloren habe, daß die Märzrevolution nur ein „Ereigniß“ sei, welches den „Anstoß“ zu der längst innerhalb des alten preußischen Staats vorbereiteten „Verständigung“ zwischen dem Throne und der Bourgeoisie gegeben, deren Bedürfniß die Krone selbst in frühern allerhöchsten Erlassen schon ausgesprochen und nur vor dem März für nicht „dringlich“ erachtet habe. Der „Rechtsboden“ bedeutete mit einem Worte, daß die Bourgeoisie nach dem März mit der Krone auf demselben Fuße unterhandeln wolle wie vor dem März, als ob gar keine Revolution stattgefunden, und der Vereinigte Landtag ohne die Revolution sein Ziel erreicht hätte. Der „Rechtsboden“ bedeutete, daß der Rechtstitel des Volkes, die Revolution, in dem contrat social zwischen Regierung und Bourgeoisie nicht existire. Die Bourgeoisie leitete ihre Ansprüche aus der altpreußischen Gesetzgebung her, damit das Volk keine Ansprüche aus der neupreußischen Revolution herleite. Es versteht sich, daß die ideologischen Cretins der Bourgeoisie, ihre Zeitungsschreiber u. dgl., diese Beschönigung des Bourgeoisinteresses für das eigentliche Interesse der Bourgeoisie ausgeben und als solches sich und andern einbilden mußten. Im Kopfe eines Brüggemann verwandelte sich die Phrase des Rechtsbodens in eine wirkliche Substanz. Das Ministerium Camphausen hatte seine Aufgabe gelöst, die Aufgabe der Vermittlung und des Uebergangs. Es bildete nämlich die Vermittlung zwischen der auf den Volksschultern emporgehobenen Bourgeoisie und der Bourgeoisie, die nicht mehr der Volksschultern bedurfte; zwischen der

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Bourgeoisie, welche scheinbar das Volk der Krone und der Bourgeoisie, die wirklich die Krone dem Volke gegenüber vertrat; zwischen der Bourgeoisie, die sich von der Revolution losschälte und der Bourgeoisie, die als Kern der Revolution herausgeschält war. Seiner Rolle gemäß beschränkte sich das Ministerium Camphausen in jungfräulicher Schamhaftigkeit auf den passiven Widerstand gegen die Revolution. Es verwarf sie zwar in der Theorie, aber in der Praxis sträubte es sich nur gegen ihre Anmuthungen und duldete nur die Rekonstituirung der alten Staatsgewalten. Die Bourgeoisie glaubte unterdeß auf dem Punkte angelangt zu sein, wo der passive Widerstand in aktiven Angriff übergehen müsse. Das Ministerium Camphausen trat ab, nicht weil es diesen oder jenen Mißgriff begangen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil es das erste Ministerium nach der Märzrevolution, weil es das Ministerium der Märzrevolution war und seinem Ursprung gemäß den Repräsentanten der Bourgeoisie noch unter dem Volksdiktator verstecken mußte. Diese seine zweideutige Entstehung und sein doppelsinniger Charakter legten ihm noch gewisse Convenancen, Rückhalte und Rücksichten gegen das souveräne Volk auf, die der Bourgeoisie lästig wurden, die ein zweites direkt aus der Vereinbarerversammlung hervorgegangenes Ministerium nicht mehr zu beobachten hatte. Sein Rücktritt war daher ein Räthsel für die Wirthshauspolitiker. Das Ministerium der That, das Ministerium Hansemann folgte ihm, weil die Bourgeoisie aus der Periode des passiven Verraths des Volks an die Krone in die Periode der aktiven Unterwerfung des Volks unter ihre mit der Krone vereinbarte Herrschaft überzugehen gedachte. Das Ministerium der That war das zweite Ministerium nach der Märzrevolution. Das war sein ganzes Geheimniß. (Fortsetzung folgt.) Neue Rheinische Zeitung. Nr. 183, 31. Dezember 1848

* K ö l n, 29. Dezember. (Schluß des in Nr. 170 abgebrochenen Artikels.) „Meine Herrn! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf!“ In diesen sechs Worten resumirte Hansemann den ganzen vereinigten Landtagsliberalismus. Dieser Mann war der nothwendige Chef des aus der Vereinbarerversammlung selbst hervorgegangenen Ministeriums, des Ministeriums, welches den passiven Widerstand gegen das Volk in thätigen Angriff auf das Volk verwandeln sollte, des Ministeriums der That.

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In keinem preußischen Ministerium so viel bürgerliche Namen! Hansemann, Milde, Märker, Kühlwetter, Gierke! Selbst die hoffähige Etiquette dieses Ministeriums, v. Auerswald, gehörte dem liberalen, d. h. der Bourgeoisie huldigenden Adel der Königsberger Opposition an. Roth von Schreckenstein allein vertrat unter der Kanaille den alten büreaukratisirten preußischen Feudaladel. Roth von Schreckenstein! Ueberlebender Titel eines verloren gegangenen Räuber- und Ritterromans des seligen Hildebrandt! Aber Roth von Schreckenstein war nur die feudale Einfassung des bürgerlichen Juwels. Roth von Schreckenstein,, mitten in dem bürgerlichen Ministerium, besagte in Riesenbuchstaben: Die preußische Feudalität, Armee, Büreaukratie folgen dem neu aufgegangenen Sterne des preußischen Bürgerthums. Ihm haben sich diese Gewaltigen zur Verfügung gestellt und das Bürgerthum pflanzt sie vor seinen Thron, wie man auf alten heraldischen Sinnbildern Bären vor die Volksherrscher aufpflanzte. Roth von Schreckenstein soll nur der Bär des bürgerlichen Ministeriums sein. Am 26. Juni stellte sich das Ministerium Hansemann der Nationalversammlung vor. Mit dem Juli erst beginnt seine ernsthafte Existenz. Die Junirevolution war der Hintergrund des Ministeriums der That, wie die Februarrevolution der Hintergrund des Ministeriums der Vermittlung. Die preußische Bourgeoisie exploitirte gegen das Volk den blutigen Sieg der Pariser Bourgeoisie über das Pariser Proletariat, wie die preußische Krone den blutigen Sieg der Kroaten zu Wien gegen die Bourgeoisie exploitirte. Die Wehn der preußischen Bourgeoisie nach dem östreichischen November sind die Abrechnung für die Wehn des preußischen Volks nach dem französischen Juni. In ihrer kurzsichtigen Engherzigkeit verwechselten sich die deutschen Spießbürger mit der französischen Bourgeoisie. Sie hatten keinen Thron umgeworfen, sie hatten nicht die feudale Gesellschaft, viel weniger ihren letzten Rest beseitigt, sie hatten keine von ihnen selbst geschaffene Gesellschaft zu behaupten. Sie glaubten nach dem Juni, wie nach dem Februar, wie seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts, wie im 18. Jahrhundert, in ihrer angestammten pfiffig-profitwüthigen Weise aus fremder Arbeit drei Viertel Profit ziehen zu können. Sie ahnten nicht, daß hinter dem französischen Juni der östreichische November und hinter dem östreichischen November der preußische Dezember lauerte. Sie ahnten nicht, daß wenn in Frankreich die Throne zerschmetternde Bourgeoisie nur noch einen einzigen Feind vor sich erblickte, das Proletariat – die preußische mit der Krone ringende Bourgeoisie nur noch einen einzigen Bundesgenossen besaß – das Volk. Nicht als wenn beide keine feindlich entgegengesetzten Interessen besäßen. Wohl aber, weil dasselbe Interesse

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gegen eine dritte, sie gleich niederdrückende Macht beide noch zusammenschmiedete. Das Ministerium Hansemann betrachtete sich als ein Ministerium der Junirevolution. Und in jeder preußischen Stadt verwandelten sich die Spießbürger den „rothen Räubern“ gegenüber in „honette Republikaner“ – wobei sie nicht aufhörten, ehrbare Royalisten zu sein und gelegentlich übersahen, daß ihre „Rothen“ – weißschwarze Kokarden trugen. In seiner Thronrede vom 26. Juni machte Hansemann kurzen Prozeß mit Camphausens mysteriös-nebelhafter „Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage“. „Konstitutionelle Monarchie auf Grundlage des Zweikammersystems und die gemeinschaftliche Ausübung der gesetzgebenden Macht durch beide Kammern und die Krone“ – auf diese trockene Formel führte er den ahnungsschweren Spruch seines begeisterten Vorgängers zurück. „Abänderung der nothwendigsten mit der neuen Staatsverfassung nicht zu vereinbarenden Verhältnisse, Befreiung des Eigenthums von den Fesseln, welche dessen vortheilhafte Benutzung in einem großen Theile der Monarchie lähmen, Reorganisation der Rechtspflege, Reformation der Steuergesetzgebung, namentlich Abschaffung der Steuerbefreiungen u. s. w.“ und vor allem „Stärkung der Staatsgewalt nothwendig zum Schutze der (von den Bürgern) erworbenen Freiheit gegen Reaktion (Ausbeutung der Freiheit im Interesse der Feudalen) und Anarchie (Ausbeutung der Freiheit im Volksinteresse) und zur Wiederherstellung des gestörten Vertrauens“ – das war das ministerielle Programm, das war das Programm der zum Ministerium gelangten preußischen Bourgeoisie, deren klassischer Repräsentant Hansemann ist. Auf dem „Vereinigten Landtage“ war Hansemann der erbittertste und cynischste Widersacher des Vertrauens denn – „Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf.“ Am Ministerium proklamirte Hansemann als erste Nothwendigkeit die „Wiederherstellung des gestörten Vertrauens“, denn – diesmal wandte er sich zum Volke, wie damals zum Thron – denn „Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf.“ Damals handelte es sich um das Vertrauen, das Geld giebt, diesmal um das Vertrauen, das Geld macht; dort um das feudale Vertrauen, das treuergebene Vertrauen in Gott, König und Vaterland, hier um das bürgerliche Vertrauen, das Vertrauen in den Handel und Wandel, in die Verzinsung des Kapitals, in die Zahlungsfähigkeit der Geschäftsfreunde, um das kommerzielle Vertrauen; nicht um Glaube, Liebe, Hoffnung, sondern um den Kredit. „Wiederherstellung des gestörten Vertrauens!“ In diesen Worten sprach Hansemann die fixe Idee der preußischen Bourgeoisie aus.

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Der Kredit beruht auf der Sicherheit, daß die Exploitation der Lohnarbeit durch das Kapital, des Proletariats durch die Bourgeoisie, der Kleinbürger durch die Großbürger in herkömmlicher Weise fortdauert. Jede politische Regung des Proletariats, welcher Natur auch, sie sei denn unmittelbar durch die Bourgeoisie kommandirt, stört also das Vertrauen, den Kredit. „Wiederherstellung des gestörten Vertrauens!“ hieß also im Munde Hansemanns: Unterdrückung jeder politischen Regung im Proletariat und in allen Schichten der Gesellschaft, deren Interesse nicht direkt mit dem Interesse der ihrer Meinung nach am Staatsruder befindlichen Klasse zusammenfallen. Dicht neben die „Herstellung des gestörten Vertrauens“ stellte Hansemann daher die „Stärkung der Staatsmacht“. Er irrte sich nur in der Natur dieser „Staatsmacht“. Er glaubte die dem Credit, dem bürgerlichen Vertrauen dienende Staatsmacht zu stärken und er stärkte nur die Staatsmacht, die Vertrauen verlangt und im Nothfall mit Kartätschen ertrotzt, weil sie keinen Credit besitzt. Er wollte mit den ProductionsKosten der bürgerlichen Herrschaft knickern und belastete die Bourgeoisie mit den unerschwinglichen Millionen, welche die Restauration der preußischen Feudal-Herrschaft kostet. Den Arbeitern gegenüber erklärte sich Hansemann sehr bündig: Er habe ein großes Heilmittel für sie in der Tasche. Ehe er es herausholen könne, müsse aber vor allem das „gestörte Vertrauen“ wieder hergestellt sein. Um das Vertrauen herzustellen, müsse die Arbeiterklasse ihrem Politisiren und Einmischen in Staatsdingen ein Ende machen und in ihre alten Gewohnheiten zurückkehren. Folge sie seinem Rathe, sei das Vertrauen wieder hergestellt, so sei das geheimnißvolle große Heilmittel jedenfalls wirksam schon deßwegen, weil es nicht mehr nöthig und nicht mehr anwendbar sei, denn in diesem Falle war ja die Krankheit, die Störung der bürgerlichen Ordnung beseitigt. Und wozu Heilmittel, wo keine Krankheit? Beharre aber das Volk auf seinem Kopfe – nun gut, so werde er die „Staatsmacht stärken“, die Polizei, die Armee, die Gerichte, die Bureaukratie, er werde ihm seine Bären auf den Hals hetzen, denn das „Vertrauen“ sei zur „Geldfrage“ geworden und: „Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf!“ So sehr Hansemann darüber lächeln mag, sein Programm war ein ehrliches Programm, ein bravgemeintes Programm. Er wollte die Staatsmacht stärken, nicht nur gegen die Anarchie, d. h. gegen das Volk, er wollte sie auch stärken gegen die Reaktion, d. h. gegen die Krone und die feudalen Interessen, so weit sie dem Geldsäckel und

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den „nothwendigsten“, d. h. den bescheidensten politischen Prätensionen der Bourgeoisie gegenüber sich durchzusetzen versuchen sollten. Das Ministerium der That war seiner ganzen Zusammensetzung nach schon ein Protest gegen diese „Reaktion“. Vor allen früheren preußischen Ministerien zeichnete es sich nämlich dadurch aus, daß sein wirklicher Ministerpräsident der Finanzminister war. Der preußische Staat hatte Jahrhunderte lang auf’s sorgfältigste verheimlicht, daß Krieg und Inneres und auswärtige Angelegenheiten und Kirchen- und Schulsachen und sogar das königl. Hausministerium und Glaube, Liebe und Hoffnung den profanen Finanzen untergeordnet sind. Das Ministerium der That stellte diese verdrießlich-bürgerliche Wahrheit an seine Spitze, indem es Herrn Hansemann an seine Spitze stellte, den Mann, dessen ministerielles Programm gleich seinem Oppositionsprogramme sich dahin resümirte: „Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf.“ Die Monarchie war in Preußen zu einer „Geldfrage“ geworden. Gehen wir nun von dem Programme des Ministeriums der That zu seinen Thaten über. Mit der Drohung der „verstärkten Staatsmacht“ gegen die „Anarchie“, d. h. gegen die Arbeiterklasse und alle Fraktionen des Bürgerthums, die nicht bei dem Programme des Herrn Hansemann stehen blieben, wurde Ernst gemacht. Man kann sogar sagen, daß, mit Ausnahme der Erhöhung der Rübenzucker- und Branntweinsteuer, diese Reaktion gegen die sogenannte Anarchie, d. h. gegen die revolutionäre Bewegung, die einzige ernsthafte That des Ministeriums der That war. Eine Menge von Preßprozessen auf Grund des Landrechts oder, in Ermanglung, des Code pe´nal, zahlreiche Verhaftungen auf derselben „genügenden Grundlage“ (Formel von Auerswald), die Einführung des Constablerinstituts zu Berlin, wonach auf 2 Häuser 1 Constabler kam, die polizeilichen Eingriffe in die Associationsfreiheit, Loslassen der Soldateska auf übermüthig gewordene Bürger, Loslassen der Bürgerwehr auf übermüthig gewordene Proletarier, beispielsweiser Belagerungszustand, alles das lebt noch von der Olympiade Hansemann’s her in frischem Gedächtniß. Es bedarf keiner Details. Kühlwetter resümirte diese Seite der Bestrebungen des Ministeriums der That in seiner Aeußerung: „Ein Staat, der recht frei sein wolle, müsse ein recht großes Polizeipersonal als exekutive Macht haben“, wozu Hansemann selbst die bei ihm stabil gewordene Glosse murmelte: „Es werde dieß auch zur Herstellung des Vertrauens, zur Belebung der darniederliegenden Handelsthätigkeit wesentlich beitragen.“

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Unter dem Ministerium der That „stärkten“ sich also die altpreußische Polizei, das Parket, die Büreaukratie, die Armee – weil im Solde, auch im Dienste der Bourgeoisie, wähnte Hansemann. Genug, sie „stärkten“ sich. Die Stimmung des Proletariats und der bürgerlichen Demokratie dagegen wird durch ein Faktum charakterisirt. Weil einige Reaktionäre einige Demokraten in Charlottenburg mißhandelten, stürmte das Volk das Hotel des Ministerpräsidiums in Berlin. So populär war das Ministerium der That geworden. Am andern Tage schlug Hansemann ein Gesetz gegen die Zusammenrottungen und öffentlichen Versammlungen vor. So schlau intriguirte er gegen die Reaktion. Die wirkliche, greifbare, populäre Thätigkeit des Ministeriums der That war also eine rein polizeiliche. In den Augen des Proletariats und der städtischen Demokratie, vertrat dies Ministerium und die Vereinbarerversammlung, deren Majorität im Ministerium vertreten war, und die preußische Bourgeoisie, deren Majorität in der Vereinbarungsversammlung die Majorität bildete, nichts anders als den alten, wieder aufgefrischten Polizei- und Beamtenstaat. Die Erbitterung gegen die Bourgeoisie war hinzugekommen, weil die Bourgeoisie herrschte und in der Bürgerwehr zu einem integrirenden Theil der Polizei sich herangebildet hatte. Das war die „Märzerrungenschaft“ in den Augen des Volks, daß auch die liberalen Herren von der Bourgeoisie – polizeiliche Funktionen übernahmen. Also eine verdoppelte Polizei! Nicht in den Thaten des Ministeriums der That, sondern in seinen organischen Gesetzvorschlägen tritt es erst hervor, daß es die „Polizei“, den letzten Ausdruck des alten Staats nur im bürgerlichen Interesse „stärkte“ und zu Thaten anspornte. In den von dem Ministerium Hansemann vorgelegten Entwürfen zur Gemeindeordnung, den Geschwornengerichten, dem Bürgerwehrgesetze ist der Besitz in einer oder der andern Form stets die Gränze zwischen dem gesetzlichen und dem ungesetzlichen Lande. In allen diesen Gesetzvorschlägen sind der kgl. Macht zwar die servilsten Konzessionen gemacht, denn nach dieser Seite hin glaubte das bürgerliche Ministerium einen unschädlich gewordenen Bundesgenossen zu besitzen, aber zur Entschädigung tritt die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit desto rücksichtsloser hervor. Das Bürgerwehrgesetz, das die Vereinbarungsversammlung sanktionirt hat, ist gegen die Bourgeoisie selbst gekehrt worden und hat den gesetzlichen Vorwand zu ihrer Entwaffnung abgeben müssen. Allerdings sollte es in ihrer Einbildung erst wirksam werden nach Erlaß der Gemeindeordnung und der Promulgation der Verfassung, d. h. nach Befestigung ihrer Herrschaft. Die Erfahrungen, welche die preußische Bourgeoisie

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mit dem Bürgerwehrgesetze gemacht hat, mögen zu ihrer Aufklärung beitragen; sie mag daraus ersehen, daß sie einstweilen alles, was sie gegen das Volk zu thun meint, nur gegen sich selbst thut. Für das Volk also resümirte sich das Ministerium Hansemann praktisch in dem altpreußischen Polizeibüttelthum, theoretisch in belgisch beleidigenden Unterscheidungen zwischen Bourgeois und Nichtbourgeois. Gehen wir zum andern Theil des ministeriellen Programms über, zu der Anarchie gegen die Reaktion. Nach dieser Seite hin hat das Ministerium mehr fromme Wünsche als Thaten aufzuweisen. Zu den frommen bürgerlichen Wünschen gehört der parzellenweise Verkauf der Domänen an Privatbesitzer, die Preisgebung des Bankinstituts an die freie Konkurrenz, die Verwandlung der Seehandlung in ein Privatinstitut u. s. w. Das Ministerium der That hatte das Unglück, daß seine ökonomischen Angriffe gegen die feudale Partei alle unter der Aegide der Zwangsanleihe auftreten und seine reformirenden Versuche überhaupt als blos finanzielle Nothbehelfe zur Füllung der Kasse der erstarkten „Staatsmacht“ in den Augen des Volks erschienen. Hansemann erndtete so den Haß der einen Partei, ohne die Anerkennung der Andern zu erndten. Und es läßt sich nicht leugnen, daß er nur da einen ernstern Angriff auf die Feudalprivilegien wagte, wo die dem Finanzminister zunächst liegende „Geldfrage“ wo die Geldfrage im Sinne des Finanzministeriums sich aufdrängte. In diesem engherzigen Sinne rief er den Feudalen zu: „Meine Herrn! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf.“ So trugen selbst seine positiv bürgerlichen Bestrebungen gegen die Feudalen dieselbe polizeiliche Färbung, wie seine negativen Maßregeln zur „Belebung der Handelsthätigkeit“. Die Polizei heißt nämlich in der politischen Oekonomie Fiskus. Die Erhöhung der Rübenzucker- und Branntweinsteuer, die Hansemann bei der Nationalversammlung durchsetzte und zum Gesetz erhob, empörte die Geldbeutel mit Gott für König und Vaterland in Schlesien, in den Marken, in Sachsen, in Ost- und Westpreußen u. s. w. Während diese Maßregel aber den Zorn der industriellen Grundeigenthümer in den altpreußischen Provinzen heraufbeschwor, erregte sie nicht minderes Mißvergnügen unter den bürgerlichen Branntweinbrennern der Rheinprovinz, die sich dadurch in noch ungünstigere Konkurrenzbedingungen den altpreußischen Provinzen gegenüber versetzt sahen. Und, um das Maaß voll zu machen, verbitterte sie die Arbeiterklasse der alten Provinzen, für die sie nichts bedeutete und nichts bedeuten konnte, als: Vertheuerung eines unentbehrlichen Lebensmittels. Es blieb also nichts von dieser Maßregel übrig als Füllung der Kasse der „gestärkten Staats-

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macht“! Und dies Beispiel genügt, denn – es ist die einzige That des Ministeriums der That gegen die Feudalen, die wirklich zur That, der einzige Gesetzvorschlag in dieser Richtung, der wirklich zum Gesetze wurde. Hansemann’s „Vorschläge“ wegen Aufhebung der Klassen- und Grundsteuersteuerbefreiungen, wie sein Projekt einer Einkommensteuer, rief Taranteltänze unter den grundherrlichen Schwärmern für „Gott, König und Vaterland“ hervor. Sie verschrieen ihn als – Kommunisten, und noch heute bekreuzt sich dreimal die preußische Kreuzritterin bei Nennung des Namens – Hansemann. Er klingt ihr wie Fra Diavolo. Die Aufhebung der Grundsteuerbefreiung, die einzige bedeutende Maßregel, die während der Herrlichkeit der Vereinbarerversammlung von einem preußischen Minister vorgeschlagen wurde, sie scheiterte an der prinzipiellen Bornirtheit der Linken. Und Hansemann selbst hatte diese Bornirtheit berechtigt. Sollte die Linke dem Ministerium der „gestärkten Staatsmacht“ neue finanzielle Hülfsquellen eröffnen, bevor die Verfassung fabrizirt und beschworen war? So unglücklich war das bürgerliche Ministerium par excellence, daß seine radikalste Maßregel durch die radikalen Glieder der Vereinbarerversammlung paralysirt werden mußte. So dürftig war es, daß sein ganzer Kreuzzug gegen die Feudalität sich in eine Steuererhöhung verlief, allen Klassen gleich gehässig und daß sein ganzer finanzieller Scharfsinn in einer Zwangsanleihe abortirte. Zwei Maßregeln, die schließlich nur Subsidien zu dem Feldzuge der Kontrerevolution gegen die Bourgeoisie selbst verschafften. – Die Feudalen aber hatten sich von den „böswilligen“ Absichten des bürgerlichen Ministeriums überzeugt. So bewährte sich selbst in dem finanziellen Kampfe der preußischen Bourgeoisie gegen den Feudalismus, daß sie in ihrer unpopulären Ohnmacht Geld sogar nur gegen sich selbst einzutreiben wußte, und – Meine Herrn! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf! Wie es dem bürgerlichen Ministerium gelungen war, das städtische Proletariat, die bürgerliche Demokratie und die Feudalen gleichmäßig gegen sich zu erbittern, so wußte es selbst die vom Feudalismus unterjochte Bauernklasse sich zu entfremden und zu verfeinden, aufs Eifrigste darin unterstützt von der Vereinbarerversammlung. Man vergesse überhaupt nicht, daß während der Hälfte ihrer Lebensfrist diese Versammlung in dem Ministerium Hansemann ihren sachgemäßen Repräsentanten fand und daß die bürgerlichen Märtyrer von heute, Hansemann’s Schleppträger von gestern waren. Der unter Hansemann durch Patow vorgelegte Entwurf zur Befreiung von den Feudallasten (siehe unsre frühere Kritik darüber) war das jäm-

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merlichste Machwerk ohnmächtigsten bürgerlichen Gelüstes, die Feudalprivilegien, diese mit der „neuen Staatsverfassung unverträglichen Verhältnisse“ abzuschaffen, und bürgerlicher Angst sich revolutionär an irgend einer Sorte des Eigenthums zu vergreifen. Der jämmerliche, bange, engherzige Egoismus verblendete die preußische Bourgeoisie in dem Grade, daß sie ihren nothwendigen Bundesgenossen – die Bauernklasse – von sich zurückstieß. Am 3. Juni stellte der Abgeordnete Hanow den Antrag, „daß alle schwebenden Verhandlungen Behufs der Auseinandersetzung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse und Behufs der Dienstablösungen bis zum Erlasse eines neuen, auf billigen Grundsätzen gebauten Gesetzes über diese Angelegenheit sogleich auf einseitigen Antrag eingestellt werden möchten.“ Und erst Ende September, also 4 Monate später, unter dem Ministerium Pfuel, nahm die Vereinbarungsversammlung den Gesetzentwurf wegen Sistirung der obschwebenden gutsherrlich-bäuerlichen Verhandlungen an, nachdem sie alle liberalen Amendements verworfen und es beim „Vorbehalt interimistischer Festsetzungen der laufenden Leistungen“ wie der „Beitreibung der streitigen Abgaben und der Rückstände“ belassen hatte. Im August, wenn wir nicht irren, erkannte die Vereinbarerversammlung Nenstiel’s Antrag auf „sofortige Aufhebung der Robotdienste für nicht dringlich“ – und die Bauern hätten es als dringlich erkennen sollen, sich für dieselbe Vereinbarerversammlung zu schlagen, die sie hinter den faktischen Zustand, den sie nach dem März erobert hatten, zurückschleuderte? Die französische Bourgeoisie begann mit der Befreiung der Bauern. Mit den Bauern eroberte sie Europa. Die preußische Bourgeoisie war so sehr in ihren engsten, nächstliegenden Interessen befangen, daß sie selbst diesen Bundesgenossen verscherzte und zu einem Werkzeuge in der Hand der feudalen Contrerevolution machte. Die offizielle Geschichte von der Auflösung des Bürgerministeriums ist bekannt. Unter seinen Fittichen war die „Staatsmacht“ so weit „erstarkt“, die Volksenergie so sehr niedergedrückt, daß die Dioskuren Kühlwetter-Hansemann schon am 15. Juli eine Ermahnung an sämmtliche Regierungspräsidenten der Monarchie gegen die reaktionären Umtriebe der Verwaltungsbeamten, speziell der Landräthe erlassen mußten, daß später eine „Versammlung des Adels und der großen Gutsbesitzer zum Schutze“ ihrer Privilegien neben der Vereinbarerversammlung in Berlin tagte, daß endlich der sogenannten Berliner Nationalversammlung gegenüber ein

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aus dem Mittelalter überkommener „Kommunallandtag zur Wahrung der bedrohten Eigenthumsrechte des Grundbesitzes“ in der Oberlausitz auf den vierten September sich zusammenberief. Die Energie, welche Regierung und sogenannte Nationalversammlung gegen diese immer bedrohlicher werdenden contrerevolutionären Symptome aufbot, äußerte sich angemessen in papiernen Ermahnungen. Bayonette, Kugeln, Gefängnisse und Büttel hatte das Bürgerministerium nur für das Volk „zur Herstellung des gestörten Vertrauens und zur Belebung der Handelsthätigkeit“. Die Vorfälle zu Schweidnitz, wo die Soldateska direkt die Bourgeoisie in der Bürgerwehr meuchelmordete, erweckten endlich die Nationalversammlung aus ihrer Apathie. Am 9. August raffte sie sich zu einer Heldenthat auf, zu dem Stein-Schultze’schen Armeebefehle, dessen letztes Zwangsmittel das Zartgefühl der preußischen Offiziere war. Welch’ ein Zwangsmittel! Und verbot die royalistische Ehre den Offizieren nicht auf die bürgerliche Ehre zu hören? Einen Monat, nachdem die Vereinbarerversammlung den Stein-Schultze’schen Armeebefehl gefaßt hatte, am 7. September beschloß sie abermals, daß ihr Beschluß ein wirklicher Beschluß sei und von den Ministern ausgeführt werden müsse. Hansemann weigerte sich und dankte ab am 11. September, nachdem er vorher sich selbst zum Bankdirektor mit 6000 Thlr. jährlichem Gehalt ernannt hatte, denn – Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf. Am 25. September endlich nahm die Vereinbarerversammlung dankbar aus Pfuel’s Munde die gänzlich abgeschwächte Anerkennungsformel des Stein-Schultze’schen Armeebefehls entgegen, der unterdessen durch den parallel laufenden Wrangel’schen Armeebefehl und die um Berlin koncentrirten Truppenmassen zu einem schlechten Witze herabgesunken war. Man braucht die eben gegebenen Daten und die Geschichte des SteinSchultze’schen Armeebefehls nur mit einem Blicke zu überfliegen, und man überzeugt sich, daß jener Armeebefehl nicht der wirkliche Grund von Hansemann’s Abdankung war. Hansemann, der vor der Anerkennung der Revolution nicht zurückschauderte, hätte vor jener papiernen Proklamation zurückschaudern sollen? Hansemann, der das Portefeuille jedesmal wieder aufhob, so oft es ihm entfallen war, hätte es dießmal aus biedermännischer Gereiztheit auf der Ministerbank zum Ausgebot liegen lassen sollen? Nein, unser Hansemann ist kein Schwärmer! Hansemann wurde einfach düpirt, wie er überhaupt die düpirte Bourgeoisie darstellte. Man ließ ihn glauben, die Krone werde ihn unter keinen Umständen fallen lassen. Man ließ ihn den letzten Schein der Popularität verlieren, um ihn endlich den Rancünen der Krautjunker hinopfern und sich von

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der bürgerlichen Vormundschaft befreien zu können. Ueberdem erforderte der mit Rußland und Oesterreich verabredete Feldzugsplan einen von der Kamarilla außer der Vereinbarerversammlung ernannten General an der Spitze des Kabinets. Unter dem Bürgerministerium war die alte „Staatsmacht“ hinreichend „erstarkt“, um diesen Coup wagen zu dürfen. Man täuschte sich in Pfuel. Der Sieg der Kroaten zu Wien machte selbst einen Brandenburg zu einem brauchbaren Werkzeuge. Unter dem Ministerium Brandenburg wurde die Vereinbarer-Versammlung schmählich auseinander gejagt, gefoppt, verhöhnt, gedemüthigt, verfolgt, und das Volk blieb gleichgültig im entscheidenden Augenblicke. Ihre Niederlage war die Niederlage der preußischen Bourgeoisie, der Konstitutionellen, also ein Sieg der demokratischen Partei, wie theuer diese den Sieg auch bezahlen mußte. Aber die oktroyirte Verfassung? Einst hieß es, nie werde ein „Stück Papier“ sich zwischen den König und sein Volk drängen. Jetzt heißt es: Nur ein Stück Papier soll sich zwischen den König und sein Volk drängen. Die wirkliche Verfassung Preußens ist der – Belagerungszustand. Die oktroyirte französische Verfassung enthielt nur einen § 14, der sie aufhob. Jeder Paragraph der oktroyirten preußischen Verfassung ist ein § 14. Die Krone oktroyirt durch diese Verfassung neue Privilegien – nämlich sich selbst. Sie giebt sich selbst frei, die Kammern in indefinitum aufzulösen. Sie giebt den Ministern frei, in der Zwischenzeit beliebige Gesetze (auch über Eigenthum u. dgl.) zu erlassen. Sie gibt den Deputirten frei, die Minister deswegen anzuklagen, auf die Gefahr hin, als „innere Feinde“ in Belagerungszustand erklärt zu werden. Sie giebt endlich sich selbst frei, wenn im Frühling die Aktien der Contrerevolution hochstehen, an die Stelle dieses in der Luft schwebenden „Stück Papiers“ eine aus den mittelaltrigen Ständeunterschieden organisch herauswachsende christlich-germanische Magna Charta zu setzen oder das Verfassungsspiel überhaupt aufzugeben. Selbst in dem letzten Falle würde der konservative Theil der Bourgeoisie die Hände falten und beten: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Die Geschichte des preußischen Bürgerthums, wie überhaupt des deutschen Bürgerthums von März bis Dezember beweist, daß in Deutschland eine rein bürgerliche Revolution und die Gründung der Bourgeoisherrschaft unter der Form der konstitutionellen Monarchie unmöglich, daß nur die feudale absolutistische Contrerevolution möglich ist oder die social-republikanische Revolution.

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Daß aber selbst der lebensfähige Theil der Bourgeoisie wieder aus seiner Apathie erwachen muß, dafür bürgt uns vor allem die Monsterrechnung, womit die Contrerevolution ihn im Frühling überraschen wird und – wie unser Hansemann so sinnig sagt: Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemüthlichkeit auf!

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5) mit einem Worte ordinair so machten selbst diese Unschönheiten ihn zum charakteristischen Typus der Klasse, die er repräsentirt u. verliehn ihm so einen eignen Reiz für den interessenlosen Beobachter der preussisch-bürgerlichen Naturgeschichte. Gehn wir vom Programm zur Ausführung des Programms über u. vergessen wir nicht, daß das Ministerium Hansemann die Epoche bezeichnet, wo der heraufgekommne deutsche Spießbürger sich bestrebt, den englischen oder französischen Bourgeois zu spielen. Hansemann, charakteristisch für sein Ministerium ˙˙ ˙

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Friedrich Engels Maßregeln wegen der deutschen Flüchtlinge

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 165, 10. Dezember 1848

** B e r n, 5. Dezember. Der Bundesrath hat nun, theils um der Reichs˙ ˙ ˙ ˙ ˙ zu feindseligen Maßregeln zu nehmen, theils um gewalt allen Vorwand seine Unparteilichkeit gegenüber Tessin zu zeigen und den in der Tessiner Debatte errungenen Triumph der strengen Neutralitätspolitik auch in den nördlichen Kantonen praktisch durchzuführen, auch Maaßregeln wegen der deutschen Flüchtlinge ergriffen. Die Politik Furrer–Munzinger– Ochsenbein wird überall durchgesetzt. Ein Circular des Bundesraths an die betreffenden Gränzkantone wiederholt die vom Vorort ausgesprochenen Grundsätze und besteht abermals auf Internirung aller Flüchtlinge die an dem Struveschen Zuge sich betheiligt haben, und um diesem Verlangen Nachdruck zu geben, ist der Präsident der Bundesversammlung, Dr. Steiger, bereits gestern als eidgenössischer Repräsentant nach den nördlichen Kantonen abgegangen. Gegen die Maaßregeln an und für sich läßt sich nichts einwenden. Daß die Schweiz sich keinen Unannehmlichkeiten aussetzen will wegen einiger Freischärler, denen es nach Abenteuern gelüstet und die sich in ihrem Exil herzlich langweilen, wird ihr Niemand verübeln. Aber warum dann vorher jene verwegne Sprache gegen Deutschland, jene positive Versicherung, man habe seine Pflicht gethan, wenn man jetzt indirekt zugibt sie nicht gethan zu haben, wenn man jetzt erst sich überzeugen will, in wiefern die Kantone den Instruktionen des Vororts nachgekommen sind? Es ist nicht zu läugnen, dieser Beschluß des Bundesraths, ein Akt der Gerechtigkeit gegen Tessin, ist ein vollständiges Dementi des letzten offiziellen Akts des Vororts, und so ungetheilter Beifall die Note fand, so wenig Freude wird dieser Anfang zur Desavouirung der Note verursachen. Von der deutschen Grenzsperre hört man wieder nichts, außer daß ganz Schwaben dagegen protestirt. Ob sie eintreten wird oder nicht,

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bleibt wieder dem lieben Gott überlassen. Jedenfalls hat der Bundesrath beschlossen vor der Hand keine Truppen gegenüber der Reichsdivision aufzustellen. Der eidgenössische Kriegsrath hat jetzt seine laufenden Geschäfte erledigt und ist nun definitiv aufgelöst worden. An seine Stelle wird ein Kriegsbureau treten das Ochsenbein als Chef des Militär-Departements einrichten und diregiren wird. Der neue spanische Gesandte, Hr. Neviez, der vor einigen Tagen mit Creditiven für den Vorort hier ankam, hat diese nun dem Vicepräsidenten des Bundesraths, Hrn. Druey, überreicht und sich dadurch sogleich mit den neuen Behörden in Verbindung gesetzt. Die Presse ist sehr aufgebracht über die Behandlung der Schweizer in Wien, von der ich Ihnen neulich einige Proben gab. Sie verlangt, der Bundesrath solle von Oestreich Satisfaktion und Entschädigung fordern. Namentlich erregt das Benehmen des Berners General Wyß hier allgemeinen Unwillen. Der Bruder dieses Generals ist Baumeister hier in Bern.

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Friedrich Engels Der Schweizer Nationalrat

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 165, 10. Dezember 1848

** B e r n, 6. Dezember. (Der Nationalrath). ˙ ˙ ˙ ˙ in dieser Zeit der europäischen Stürme um die Wer kümmert˙ sich Schweiz? Außer der Reichsgewalt, die hinter jedem Busch des linken Rheinufers von Konstanz bis Basel einen wegelagernden Freischärler wittert, gewiß so leicht Niemand. Und doch ist die Schweiz ein wichtiger Nachbar für uns. Heute ist das konstitutionelle Belgien der offizielle Musterstaat; bei dem stürmischen Wetter das wir haben, wer steht uns dafür, daß morgen nicht die republikanische Schweiz offizieller Musterstaat sein wird? Ohnehin kenne ich mehr als Einen farouchen Republikaner, der keine höheren Wünsche hat, als die schweizerischen politischen Zustände mit großen und kleinen Bundes-, National-, Stände- und sonstigen Räthen über den Rhein zu tragen, aus Deutschland eine Schweiz im Großen zu machen und sodann als Herr Großrath oder Landammann des Kantons Baden, Hessen oder Nassau ein stilles und geruhiges Leben zu führen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Die Schweiz geht uns Deutsche also allerdings an, und was die Schweizer denken, sagen, thun und treiben, kann uns in sehr kurzer Frist als Vorbild vorgehalten werden. Es kann daher keinesfalls schaden, wenn wir uns schon vorher einigermaßen damit bekannt machen, was die zwei und zwanzig Kantone der „Eidgenossenschaft“ für Sitten und für Leute in ihrer Föderativrepublik erzeugt haben. Es ist billig, daß wir da zuerst die Cre`me der schweizerischen Gesellschaft betrachten, die Männer die das Schweizer Volk selbst zu seinen Repräsentanten ernannt hat, ich meine den Nationalrath im Rathhause zu Bern. Wenn man die Tribüne des Nationalraths betritt, so muß man sich wundern über die Mannichfaltigkeit der Figuren, die das schweizer Volk zur Berathung seiner gemeinsamen Angelegenheiten nach Bern geschickt

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hat. Wer nicht vorher schon einen guten Theil der Schweiz gesehen hat, begreift kaum wie es möglich ist, daß ein Ländchen von ein paar hundert Quadratmeilen und nicht dritthalb Millionen Einwohnern eine so bunte Versammlung zu Stande bringen kann. Und doch ist es nicht zu verwundern; die Schweiz ist ein Land, in dem vier verschiedene Sprachen gesprochen werden, deutsch, französisch, italiänisch (oder vielmehr lombardisch) und romanisch, und das alle verschiedenen Kulturstufen, von der ausgebildetsten Maschinenindustrie bis herab zum unverfälschtesten Hirtenleben in sich vereinigt. Und der schweizerische Nationalrath vereinigt die Cre`me aller dieser Nationalitäten und Kulturstufen, und sieht deßhalb nichts weniger als national aus. Von bestimmten Plätzen, von gesonderten Parteien ist in dieser zur Hälfte patriarchalischen Versammlung keine Rede. Die Radikalen haben einen schwachen Versuch gemacht, sich auf die äußerste Linke zu setzen, aber es scheint nicht gelungen zu sein. Jeder setzt sich, wohin er will, und wechselt den Platz oft drei bis viermal in einer Sitzung. Doch haben die meisten Mitglieder gewisse Lieblingsplätze, die sie schließlich immer wieder einnehmen, und so scheidet sich die Versammlung doch in zwei ziemlich scharf von einander getrennte Theile. Auf den vordersten drei halbkreisförmigen Bänken sieht man scharf markirte Gesichter, ziemlich viel Bart, sorgfältig gepflegtes Haar, moderne Kleider nach Pariser Schnitt; hier sitzen die Repräsentanten der französischen und italiänischen Schweiz, oder wie man hier sagt, die „Welschen“, und von diesen Bänken aus wird selten anders als französisch gesprochen. Hinter den Welschen aber sitzt eine kurios gemischte Gesellschaft. Man sieht zwar keine Bauern in schweizerischen Nationaltrachten, im Gegentheil lauter Leute, über deren Kostümirung die Hand einer gewissen Civilisation hinweggegangen ist; hie und da sogar einen mehr oder weniger modernen Frack, zu dem gewöhnlich auch ein anständiges Gesicht gehört; dann ein halb Dutzend schweizerischer Offizierstypen in Civil, einer wie der andere, mehr feierlich als kriegerisch, in Gesicht und Kleidung etwas veraltet, und einigermaßen an den Ajax in Troilus und Cressida erinnernd; und endlich das Gros, bestehend aus unbeschreiblich physiognomirten und kostümirten, mehr oder weniger ältlichen und altfränkischen Herren, jeder verschieden, jeder ein Typus für sich und meistens auch für eine Karikatur. Alle verschiedenen Spielarten des Spießbürgers, des campagnard endimanche´ und des Kantönli-Oligarchen sind hier vertreten, alle aber gleich biedermännisch, gleich erschrecklich ernsthaft, mit gleich schweren silbernen Brillen. Das sind die Repräsentanten der deutschen Schweiz, und dieses Gros der Gesellschaft ist von den kleineren Kantonen und den entlegenen Bezirken der größeren geliefert worden.

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Dieser Versammlung gegenüber nimmt den Präsidentenstuhl ein der bekannte Dr. Robert Steiger von Luzern, noch vor wenig Jahren unter der Siegwart-Müller’schen Wirtschaft zum Tode verurtheilt, jetzt Präsident der schweizerischen Bundesversammlung. Steiger ist ein kleiner untersetzter Mann mit ausgeprägten Gesichtszügen, denen das weiße Haar, der braune Schnurrbart und selbst die unvermeidliche silberne Brille gar kein übles Relief geben. Er verwaltet sein Amt übrigens mit großer Ruhe und vielleicht etwas zu viel Mäßigung. Wie die Physiognomie, so die Diskussion. Die Welschen sind die einzigen die in ganz civilisirter, rhetorischer Form sprechen, und auch sie nicht alle. Die Berner, die von den deutschen Schweizern noch am meisten welsche Sitte angenommen haben, kommen ihnen am nächsten. Bei ihnen findet man wenigstens noch einiges Feuer. Die Züricher, diese Söhne von Schweizer-Athen, sprechen mit der Gesetztheit und Gemessenheit, die einem Mittelding zwischen Professor und Zunftmeister zukommt, aber stets „gebildet“. Die Offiziere sprechen mit feierlicher Langsamkeit, mit wenig Geschick und Inhalt, aber dafür mit einer Bestimmtheit, als ob ihr Bataillon schlagfertig hinter ihnen stände. Das Gros der Gesellschaft endlich liefert mehr oder weniger wohlmeinende, bedenkliche, gewissenhafte rechts und links abwägende und doch schließlich stets auf die Seite ihrer Kantonalinteressen tretende Redner, die übrigens fast alle sehr holprig und stellenweise nach eignen grammatischen Prinzipien sprechen. Wenn der Kostenpunkt zur Sprache kommt, geschieht es stets zuerst von hier, namentlich von den Urkantonen aus. Uri hat sich schon in beiden Räthen in dieser Beziehung einen wohlverdienten Ruhm erworben. Die Diskussion ist daher im Ganzen matt, ruhig, mittelmäßig. Rhetorische Talente, die auch in größern Versammlungen Erfolge erringen würden, zählt der Nationalrath sehr wenige; ich kenne bis jetzt nur zwei, Luvini und Dufour, und etwa Eytel. Ich habe freilich mehrere der einflußreicheren Mitglieder noch nicht gehört; aber weder ihre Erfolge in der Versammlung noch die Referate ihrer Reden in den Blättern sind der Art, daß sie zu glänzenden Erwartungen berechtigten. Nur Neuhaus soll glänzend sprechen. Wie wäre es auch möglich, daß rednerische Anlagen in Versammlungen sich entwickeln könnten, die höchstens ein paar hunderttausend Menschen repräsentiren und sich mit den kleinlichsten Bezirksinteressen zu beschäftigen haben! Die selige Tagsatzung war ohnehin mehr eine diplomatische als gesetzgebende Versammlung; auf ihr konnte man lernen, Instruktionen zu verdrehen und Auswege plausibel zu machen, aber nicht eine Versammlung fortzureißen und zu beherrschen. Die Reden der Nationalräthe beschränken sich daher meist auf motivirte Vo-

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ta, in denen jeder Redner den Thatbestand darlegt der ihn so oder so zu stimmen veranlaßt, und daher mit der größten Unbefangenheit alles ruhig wiederholt was schon vor ihnen bis zur Unerträglichkeit wiederholt worden ist. Namentlich haben die Reden des Gros diese patriarchalische Offenherzigkeit an sich. Und wenn einer dieser Herren einmal das Wort hat, so versteht es sich, daß er bei der Gelegenheit auch seine Meinung über alle Zwischenfälle der Diskussion ausplaudert, mögen sie noch so lange abgethan sein. Zwischen diesem vertraulichen Geplauder der Biedermänner halten dann einige Hauptreden den Faden der Debatte mühsam zusammen, und wenn die Sitzung aus ist, gesteht man sich, selten etwas langweiligeres gehört zu haben. Die Spießbürgerei, die dem physique der Versammlung etwas Originelles gibt, weil man sie in dieser Klassicität selten sieht, hört auch hier nicht auf, au moral platt und einschläfernd zu sein. Von Leidenschaft ist wenig, von Esprit gar nicht die Rede; Luvini ist der einzige der mit hinreißender, gewaltiger Leidenschaft spricht, Dufour der Einzige, der durch ächt französische Klarheit und Präzision imponirt. Frei von Baselland vertritt den Humor, zu dem zuweilen auch Oberst Bernold nicht mißlungene Anläufe macht. Der französische Esprit mangelt den französischen Schweizern gänzlich. So lange die Alpen und der Jura stehn, ist auf ihrem Rücken noch kein passabler Calembourg zu Stande gekommen, keine rasche schlagende Repartie gehört worden. Der französische Schweizer ist nicht bloß se´rieux, er ist grave. Die Debatte, die ich hier näher schildern will, ist die über die Tessiner Angelegenheit und die italienischen Flüchtlinge in Tessin. Die Sache ist bekannt; die sogenannten Umtriebe der italienischen Flüchtlinge in Tessin boten den Vorwand zu unangenehmen Maßregeln von Seiten Radetzkis; der Vorort Bern sandte eidgenössische Repräsentanten mit ausgedehnten Vollmachten und zugleich eine Brigade Truppen nach Tessin; der Aufstand im Veltlin und in der Valle Intelvi veranlaßte eine Anzahl der Flüchtlinge, in die Lombardei zurückzukehren, was ihnen, trotz der Wachsamkeit der schweizerischen Grenzposten, gelang; sie überschritten, jedoch unbewaffnet, die Grenzen, nahmen an dem Aufstand Theil, kamen nach der Niederlage der Insurgenten von Valle Intelvi, ebenfalls unbewaffnet, wieder auf Tessiner Gebiet und wurden von der Tessiner Regierung ausgewiesen. Inzwischen verschärfte Radetzki seine Repressalien an der Gränze und verdoppelte seine Reklamationen bei den eidgenössischen Repräsentanten. ˙ Diese ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙verlangten ˙˙˙ Ausweisung aller Flüchtlinge ohne Unterschied; die Tessiner Regierung weigerte sich; der Vorort bestätigte die Maßregeln der Repräsentanten; die Tessiner Regierung appellirte an die inzwischen zu-

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sammengetretene Bundesversammlung. Ueber diesen Appell und über die von beiden Seiten vorgebrachten thatsächlichen Behauptungen, die sich besonders auf das Verhalten der Tessiner gegen die Repräsentanten und die schweizerischen Truppen bezogen, hatte der Nationalrath zu entscheiden. Die Majorität der deßhalb ernannten Kommission trug auf Ausweisung aller italiänischen Flüchtlinge aus Tessin, Internirung derselben in der inneren Schweiz, Verbot, neuen Flüchtlingen den Aufenthalt in Tessin zu gestatten, überhaupt Bestätigung und Beibehaltung der vom Vorort ergriffenen Maßregeln an. Ihr Berichterstatter war Hr. Kasimir Pfyffer von Luzern. Bis ich mir aber auf der öffentlichen Tribüne einen Weg durch die dichten Zuhörermassen gebahnt hatte, war Hr. Pfyffer mit seinem ziemlich trocknen Bericht längst fertig, und Hr. Pioda hatte das Wort. (Schluß folgt.) ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 165, 10. Dezember 1848. 15 Zweite Ausgabe

** B e r n , 6. Dezember. (Der Nationalrath). (Schluß.) ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ Herr Pioda, Staatssekretär in Tessin, der für sich allein die Minorität der Kommission ausmachte, bringt seinen Antrag vor auf Ausweisung blos derjenigen Flüchtlinge, die an dem letzten Aufstand Theil genommen und gegen die also ein positiver Grund zum Einschreiten vorliege. Herr Pioda, Major und Bataillons-Kommandant im Sonderbundkriege, hat sich trotz seines sanften blonden Aussehens damals bei Airolo sehr tapfer gehalten und gegenüber einem Truppenkorps, das zahlreicher, geübter und besser gerüstet war als das seinige, und zudem eine vortheilhaftere Stellung einnahm, seinen Posten eine Woche lang behauptet. Pioda spricht ebenso sanft und gefühlvoll wie er aussieht. Ich hätte ihn anfangs, da er sowohl, was Accent wie Beherrschung der Sprache angeht, vollkommen französisch spricht, für einen französischen Schweizer gehalten und war erstaunt, als ich hörte, daß er ein Italiener sei. Als er aber auf die Vorwürfe zu sprechen kam, die man den Tessinern machte, als er dagegen das Auftreten der schweizerischen Truppen schilderte, die fast so thaten, als wären sie in Feindes Land, als er warm wurde, entwickelte er zwar keine Leidenschaft, aber doch jene lebendige, durch und durch italienische Beredsamkeit, die bald die antiken Formen, bald einen gewissen modernen, zuweilen übertriebenen Redepomp anwendet. Ich muß ihm zum Ruhme nachsagen, daß er in letzterer Beziehung Maß zu halten wußte, und daß diese Stellen seiner Entwicklung von sehr gutem Effekt waren. Im Ganzen war sein Vortrag aber zu lang und zu gefühlsreich. Die

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deutschen Schweizer besitzen das aes triplex des Horaz, und an ihrer eben so harten wie breiten Brust prallten alle schönen Sentenzen, alle nobeln Gefühle des guten Pioda wirkungslos ab. Nach ihm erhob sich Herr Doktor Alfred Escher von Zürich. A la bonne heure, das ist ein Mann comme il en faut pour la Suisse! Herr Doktor Escher, Eidgenössischer Repräsentant in Tessin, Vicepräsident des Nationalraths, Sohn, wenn ich nicht irre, des bekannten Mechanikers und Ingenieurs Escher, der die Linth kanalisirte und eine enorme Maschinenfabrik bei Zürich gründete. Herr Doktor Escher ist nicht sowohl ein Züricher, als ein „schweizerischer Athenienser“. Sein Frack, sein Gilet sind vom ersten marchand tailleur Zürichs angefertigt; man sieht das lobenswerthe und stellenweise nicht erfolglose Bestreben den Anforderungen des pariser Modejournals nachzukommen, man sieht aber auch die reichsstädtische Erbsünde die die Hand des Zuschneiders immer wieder in das altgewohnte kleinbürgerliche Geleise zurückführte. Wie der Frack, so der Mann. Die blonden Haare sind sehr sorglich geschnitten, aber schrecklich bürgerlich geschnitten, und der Bart desgleichen – denn unser schweizerischer Alcibiades trägt natürlich auch seinen Bart, eine Caprice, die bei einem Züricher aus „guter Familie“ sehr an Alcibiades den Ersten erinnert. Wenn Herr Doktor Escher den Präsidentenstuhl besteigt, um Steiger einen Moment abzulösen, so vollzieht er dies Manöver mit einer Mischung von Würde und eleganter Nonchalence, um die ihn Herr Marrast beneiden könnte. Man sieht deutlich, wie er die paar Augenblicke benutzt, um seinen auf der harten Bank müde gewordenen Rücken in dem weichen Polster des Fauteuils wieder auszuruhen. Kurz, Herr Escher ist so elegant, wie man es in Schweizer-Athen nur sein kann, und dazu ist er reich, hübsch, von kräftigem Körperbau und nicht über 33 Jahre alt. – Die Berner Damen mögen sich hüten vor diesem gefährlichen Alcibiades von Zürich. Herr Escher spricht ferner recht fließend und so gutes Deutsch, wie es einem Schweizer-Athenienser nur möglich ist: attisches Idiom mit dorischem Accent, aber ohne grammatische Fehler, und das ist nicht jedem Nationalrath der deutschen Schweiz gegeben, spricht er wie alle Schweizer, mit schreckenerregender Feierlichkeit. Herr Escher könnte in seinem siebzigsten Jahre keinen solenneren Ton anschlagen als vorgestern – und er ist einer der Jüngsten in der Versammlung. Dazu besitzt er noch eine andere nicht schweizerische Eigenschaft. Jeder deutsche Schweizer nämlich hat für alle seine Reden, bei allen Gelegenheiten, für die Dauer seines Lebens nur einen Gestus. Herr Doktor Kern z. B. streckt den rechten Arm seitwärts im rechten Winkel erhoben von sich; die verschiedenen Offiziere machen genau denselben Griff, nur daß sie den Arm gerade vor

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sich hin und nicht seitwärts halten; Herr Tanner von Aarau macht bei jedem dritten Wort eine Verbeugung; Herr Furrer wechselt es zwischen Front, Halbrechts und Halblinks; kurz, wenn man den ganzen deutschredenden Nationalrath zusammen nimmt, so bekommt man einen ziemlich vollständigen Telegraphen heraus. Der Gestus des Herrn Escher besteht darin, daß er die Hand gerade vor sich hinstreckt und mit ihr die Bewegung eines Pumpenschwengels auf’s Täuschendste nachmacht. Was den Inhalt der Rede des Herrn Doktor Escher angeht, so brauche ich diese Aufzählung der Beschwerden der Repräsentanten um so weniger zu wiederholen, als diese Beschwerden fast alle vermittelst der Neuen Züricher Zeitung in die meisten deutschen Blätter übergegangen sind. Neues enthielt die Rede absolut nicht. Nach der züricher Feierlichkeit die italienische Leidenschaft: nach Herrn Dr. Escher der Oberst Luvini. Luvini, ein ausgezeichneter Soldat, dem der Kanton Tessin seine ganze militairische Organisation verdankt, der die Revolution von 1840 als militairischer Chef dirigirte, der 1841 im August, als die gestürzten Oligarchen und Pfaffen einfielen und von Piemont her eine Contrerevolution versuchten, durch seine Schnelligkeit und Energie in einem Tage den Versuch erstickte, und der im Sonderbundskriege nur deßwegen der einzige Gefangene war, weil die Bündner ihn im Stich ließen, Luvini sprang mit großer Schnelligkeit auf, um seine Landsleute gegen Escher zu vertheidigen. Daß die Vorwürfe des Hrn. Escher in der gespreizten, aber äußerlich ruhigen Sprache eines Schulmeisters vorgebracht waren, nahm ihnen nichts von ihrer Bitterkeit; im Gegentheil, Jedermann weiß, daß die doktrinäre Weisheit an sich schon unerträglich und verletzend genug ist. Luvini antwortete mit der ganzen Leidenschaft des alten Soldaten und des Tessiners, der Schweizer durch Zufall, aber Italiener von Natur ist: „Macht man hier nicht den Tessinern ordentlich einen Vorwurf aus ihrer Sympathie für die italienische Freiheit? Ja, es ist wahr, die Tessiner sympathisiren mit Italien und ich bin stolz darauf, daß es so ist, und ich werde nicht aufhören, Morgens und Abends Gott um die Befreiung dieses Landes von seinen Unterdrückern zu bitten. Ja, trotz Hrn. Escher, die Tessiner sind ein ruhiges und friedliches Volk, aber allerdings, wenn sie täglich und stündlich sehen müssen, wie die schweizerischen Soldaten fraternisiren mit den Oesterreichern, mit den Schergen eines Mannes, dessen Namen ich nie aussprechen kann ohne eine Bitterkeit, die aus tiefster Seele kommt, mit den Söldlingen Radetzki’s, da sollen sie nicht erbittert werden, sie, vor deren Augen so zu sagen, die Croaten die scheußlichsten Gräuel begehen? Ja, die Tessiner sind ein ruhiges und friedliches Volk, aber wenn man ihnen schweizerische Soldaten schickt,

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die Partei für die Oesterreicher ergreifen, die sich stellenweise wie die Kroaten benehmen, dann sind sie es freilich nicht! (Folgt eine Aufzählung von Thatsachen über das Benehmen der schweizer Truppen in Tessin). Es ist schon hart und traurig genug, wenn man von Fremden unterjocht und geknechtet wird, aber man duldet es in der Hoffnung auf den Tag, wo man die Fremden verjagen wird – aber daß meine eignen Brüder und Eidgenossen mich knechten, mir sozusagen den Strick um den Hals legen, wahrlich ...“ Die Klingel des Präsidenten unterbrach den Redner. Luvini wurde zur Ordnung gerufen. Er sprach noch einige Sätze und schloß ziemlich abrupt und verdrießlich. Dem heißblütigen Luvini folgte der Oberst Michel aus Graubünden. Die Bündner sind von jeher, mit Ausnahme der italienisch redenden Misoxer, schlechte Nachbarn der Tessiner gewesen, und Herr Michel blieb seinen vaterländischen Traditionen treu. In höchst feierlich-biedermännischem Ton suchte er die Angaben der Tessiner zu verdächtigen, erging sich in einer langen Reihe unangebrachter Invektiven und Klatschereien gegen das Tessiner Volk und war sogar ungeschickt und unedel genug, den Tessinern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie (mit Recht) für ihre Niederlage bei Airolo seine, Michels Landsleute, die Bündner verantwortlich machten. Er schloß mit dem liebevollen Antrag, der Tessiner Regierung einen Theil der Grenzokkupationskosten aufzubürden. Auf Steigers Antrag wurde die Debatte hiermit ausgesetzt. Am nächsten Morgen ergriff zuerst Herr Oberst Benz von Zürich das Wort. Herr Oberst Benz – von seiner äußeren Erscheinung spreche ich nicht, denn wie gesagt sehen die deutsch-schweizerischen Offiziere Einer aus wie der Andre – Herr Benz ist Kommandant des in Tessin stehenden Züricher Bataillons, von dessen übermüthigem Benehmen Luvini eine Menge Exempel gegeben hatte. Herr Benz mußte natürlich sein Bataillon vertheidigen und da er mit den deßhalb vorgebrachten thatsächlichen Behauptungen bald zu Ende war, so erging er sich in einer Reihe der maßlosesten persönlichen Ausfälle gegen Luvini. „Luvini, sagte er, sollte sich schämen, die Rede auf die Disziplin der Truppen zu bringen und vollends die Disziplin eines der besten und ordentlichsten Bataillone zu verdächtigen. Denn wenn mir passirt wäre was dem Herrn Luvini passirt ist, so würde ich längst meine Demission gegeben haben. Es ist dem Herrn Luvini passirt, daß er im Sonderbundskriege mit einer überlegenen Armee geschlagen wurde und auf den Befehl vorzurücken, erwiderte: das sei unmöglich, seine Truppen seien demoralisirt u. s. w. Uebrigens wünsche ich nicht hier, sondern anderswo mit dem Herrn Luvini ein Wörtchen über diese Angelegenheit zu sprechen, ich liebe es, meinem Gegner

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das Weiße im Auge zu sehen.“ Alle diese und zahllose andere Provokationen und Beleidigungen wurden von Herrn Benz in einem halb würdevollen, halb polternden Ton vorgebracht. Er wollte offenbar die fougueuse Rhetorik Luvini’s nachmachen, erreichte aber nur ein komplettes Fiasco. Da die Geschichte von Airolo nun schon zweimal in meinem Bericht vorgekommen ist und nochmals vorkommt, so will ich kurz an die Hauptumstände erinnern. Der Plan Dufours im Sonderbundskriege war: während die Hauptarmee Freiburg und Luzern angriff, sollten die Tessiner über den Gotthard, die Bündner über die Oberalp in das Urserenthal vordringen, die dortige liberale Bevölkerung befreien und bewaffnen und durch diese Diversion Wallis von den Urkantonen abschneiden und die Luzerner Hauptarmee der Sonderbündler zwingen, sich zu theilen. Der Plan wurde vereitelt, erstens durch die Besetzung des Gotthard durch die Urner und Walliser noch vor Eröffnung der Feindseligkeiten und zweitens durch die Lauheit der Bündner. Die Bündner zogen die katholischen Milizen gar nicht ein, und selbst die eingezogenen Truppen ließen sich im Hochgericht Dissentis von der katholischen Bevölkerung vom weiteren Vordringen abhalten. Tessin war also ganz allein, und wenn man bedenkt, daß die militärische Organisation dieses Kantons noch sehr jung, daß die ganze tessiner Armee nur an 3000 Mann beträgt, so begreift man die Schwäche Tessins gegenüber dem Sonderbund. Die Urner, Walliser und Unterwalder hatten sich inzwischen auf mehr als 2000 Mann mit Artillerie verstärkt und brachen am 17. November 1847 mit ˙ ˙ ˙ ˙ Die Tesihrer gesammten Macht den Gotthard hinab nach Tessin ˙herein. siner Truppen standen von Bellinzona bis Airolo das Levantinathal hinauf echelonnirt; ihre Reserve stand in Lugano. Die Sonderbündler, von einem dichten Nebel verhüllt, besetzten alle Höhen um Airolo, und als der Nebel sich verzog, sah Luvini, daß die Position verloren sei, noch ehe ein Schuß gefallen. Er setzte sich indeß zur Gegenwehr, und nach einem mehrstündigen Gefecht, worin die Tessiner sich mit der höchsten Tapferkeit schlugen, wurden seine Truppen von den überlegenen Feinden geworfen. Anfangs wurde der Rückzug von einigen Truppentheilen gedeckt; aber von den Höhen herab in die Flanke genommen, mit Artillerie beschossen, geriethen die Tessiner Rekruten bald in die größte Unordnung und waren nicht eher zum Stehen zu bringen als acht Stunden von Airolo, hinter der Moesa. Wer die Gotthardsstraße passirt hat, begreift die enormen Vortheile, die die von oben herabdringende Armee hat, besonders wenn sie Artillerie besitzt, und begreift die Unmöglichkeit für eine bergab fliehende Armee, sich irgendwo wieder zu setzen und in dem engen Thal ihre Kräfte zu deployiren. Uebrigens waren die Tessiner, die

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wirklich ins Gefecht kamen, keineswegs den Sonderbündlern überlegen, sondern umgekehrt. An dieser Niederlage die übrigens keine weiteren Folgen hatte, war also nicht Luvini, sondern erstens seine geringen und ungeübten Streitkräfte, zweitens das ungünstige Terrain, drittens und hauptsächlich das Ausbleiben der Bündner schuld, die sich in Dissentis den Veltliner schmecken ließen, statt auf der Oberalp zu sein, und die jetzt endlich, über den Bernardin, den Tessinern post festum zwei Bataillone stark zu Hülfe kamen. Und dieser Sieg des Sonderbunds an der einzigen Stelle, wo er die Uebermacht hatte, wird den schmählich im Stich gelassenen Tessinern zum Vorwurf gemacht von denen, die sie im Stich ließen oder die bei Freiburg und Luzern, drei gegen Einen kämpfend, wohlfeile Lorbeeren erwarben! Wie Sie wissen, ist auf diese Expektorationen Benz’ gegen Luvini ein Duell erfolgt, in dem der Welsche den Züricher derb abführte. Doch zurück zur Debatte. Herr Dr. Kern aus Thurgau erhob sich, um die Anträge der Majorität zu unterstützen. Herr Kern ist eine große breitschultrige Schweizergestalt, mit einem nicht unangenehmen, ausgeprägten Gesicht und etwas theatralischem Haar, etwa wie sich ein biedrer Schweizer den olympischen Jupiter vorstellen mag, etwas gelehrt angezogen, und im Blick, Ton, Gebärde von unerschütterlicher Entschlossenheit. Herr Kern gilt für einen der tüchtigsten und scharfsinnigsten Juristen der Schweiz; „mit der ihm eigenen Logik“ und hochbetheuernden Manier ging der Präsident des Bundesgerichts auf die Tessiner Frage ein, wurde mir aber bald so langweilig, daß ich vorzog, ins Cafe´ italien zu gehen und einen Schoppen Walliser zu trinken. Als ich wiederkam, hatten nach Kern Almeras von Genf, Homberger, Blanchenay von Waadt und Castoldi von Genf gesprochen, mehr oder weniger Lokalgrößen, deren eidgenössischer Ruhm erst im Entstehen ist. Am Sprechen war Eytel von Waadt. Herr Eytel kann in der Schweiz, wo die Menschen in demselben Verhältniß groß sind wie das gewöhnliche Rindvieh, für einen feingewachsenen Mann gelten, obwohl er in Frankreich als jeune homme fort robuste passiren würde. Er hat ein hübsches, feines Gesicht mit blondem Schnurrbart und blondem Lockenhaar, und erinnert, wie die Waadtländer überhaupt, mehr als andre welsche Schweizer, an einen Franzosen. Daß er eine der Hauptstützen der ultraradikalen, rothrepublikanischen Waadtländer ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Er ist übrigens auch noch jung und gewiß nicht älter als Escher. Herr Eytel sprach mit großer Lebhaftigkeit gegen die eidgenössischen Repräsentanten. „Sie haben sich in Tessin benommen, als ob Tessin nicht ein souverainer Staat, sondern eine Provinz wäre, die sie als Prokonsule zu verwalten hätten; wahrlich,

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wären die Herren in einem französischen Kanton so aufgetreten, ihres Bleibens wäre nicht länger dort gewesen! Und die Herren, statt Gott zu danken, daß die Tessiner sich all ihre Herrschergelüste und Phantasien so ruhig gefallen ließen, beklagen sich noch über schlechte Aufnahme!“ Herr Eytel spricht recht gut, aber etwas zu weitschweifig. Es geht ihm wie allen französischen Schweizern: die Pointe ist ihnen abhanden gekommen. Der alte Steiger sprach vom Präsidentenstuhl aus auch einige Worte zu Gunsten der Majoritätsanträge, und sodann erhob sich zum zweitenmal unser Alcibiades Escher, um seine schon einmal erzählte Geschichte zum zweitenmal zu erzählen. Diesmal aber versuchte er einen rhetorischen Schluß, dem man das Schulpensum indeß auf drei Meilen weit ansah. „Entweder sind wir neutral oder wir sind es nicht, was wir aber sind, müssen wir ganz sein; und die alte Schweizertreue erfordert, daß wir unser Wort halten, sei es auch einem Despoten gegeben.“ Aus diesem neuen und schlagenden Gedanken pumpte der unermüdliche Arm des Herrn Escher den Strom einer feierlichen Peroration heraus und als sie vollendet war, setzte sich Alcibiades, sichtlich zufrieden, wieder hin. Herr Tanner von Aarau, Obergerichtspräsident, der sich nun erhob, ist ein mittelgroßes dünnes Männchen, das sehr laut spricht und zwar sehr gleichgültige Dinge. Seine Rede war im Grunde weiter nichts als die hundertmalige Wiederholung eines einzigen grammatischen Fehlers. Ihm folgte Herr Maurice Barman, aus Französisch-Wallis. Man sieht ihm nicht an, daß er 1844 am Pont de Trente sich so tapfer geschlagen hat, als die Oberwalliser unter Anführung derer von Kalbermatten, von Riedmatten und anderen Matten den Kanton contrerevolutionirten. Herr Barman hat ein ruhig-bürgerliches, doch kein unangenehmes Aeußere; er spricht bedächtig und etwas abgebrochen. Er wies die Persönlichkeiten Benz’s gegen Luvini zurück und sprach für Pioda. Herr Battaglini aus Tessin, der etwas bürgerlich aussieht und einen boshaften Beobachter an den Dottore Bartholo des Figaro erinnern könnte, las eine längere französische Abhandlung über Neutralität zu Gunsten seines Kantons ab, die zwar ganz richtige Prinzipien enthält, aber sehr oberflächlich angehört wurde. Auf einmal hörte das Geplauder und Herumlaufen in der Versammlung auf. Die größte Stille trat ein und alle Blicke richteten sich auf einen alten, bartlosen, kahlköpfigen Mann mit langer gebogner Nase, der in französischer Sprache zu reden anfing. Dieser kleine alte Mann, der in seiner einfachen schwarzen Kleidung und seinem ganz bürgerlichen Aeußern eher einem Gelehrten als allem andern glich und nur durch ein ausdrucksvolles Gesicht und einen beweglichen, penetranten Blick auf-

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fiel, war der General Dufour, derselbe, dessen umsichtige Strategik den Sonderbund fast ohne Blutvergießen erstickte. Welch ein Abstand von den deutsch-schweizerischen Offizieren der Versammlung! Diese Michel, Ziegler, Benz u. s. w., diese biedern Haudegen, diese pedantischen Schnurrbärte machen gegenüber dem kleinen, unscheinbaren Dufour eine höchst charakteristische Figur. Man sieht auf den ersten Blick, wie Dufour der Kopf war, der den ganzen Sonderbundkrieg dirigirte, und diese würdevollen Ajaxe nur die Fäuste, die er zur Ausführung seiner Beschlüsse gebraucht. Die Tagsatzung hatte wirklich richtig gewählt und den nothwendigen Mann getroffen. Aber wenn man Dufour reden hört, erstaunt man erst. Dieser alte Genie-Offizier, der sein Lebenlang bloß Artillerieschulen organisirt, Reglements entworfen und Batterien inspizirt, der sich nie in parlamentarische Verhandlungen gedrängt, nie öffentlich gesprochen hat, tritt auf mit einer Sicherheit, spricht mit einem Fluß, einer Eleganz und einer Präzision, einer Klarheit, die bewundernswerth und im schweizerischen Nationalrath einzig ist. Dieser maiden-speech Dufours über die Tessiner Angelegenheit würde was Form und Vortrag angeht, in einer französischen Kammer das größte Aufsehen erregt haben, und übertrifft in jeder Beziehung bei weitem die dreistündige Rede, wodurch Cavaignac sich zum ersten Advokaten von Paris gemacht hat – wenn man nach dem Abdruck im Moniteur urtheilen kann. Die Schönheit der Sprache ist aber bei einem Genfer doppelt anzuerkennen. Die Nationalsprache von Genf ist ein kalvinistisch-reformirtes Französisch, breit, platt, arm, tonlos und ermattet. Aber Dufour sprach kein Genferisch, sondern wirkliches, ächtes Französisch. Und dazu waren die Gesinnungen, die er kundgab, so nobel, so soldatisch im guten Sinne des Worts, daß sie die brodneidischen Eifersüchteleien, die kleinlichen Kantönlibornirtheiten der deutschschweizerischen Offiziere erst recht grell hervortreten ließen. „Ich freue mich, daß die Neutralität im Munde aller ist“, sprach Dufour. „Aber worin besteht die Neutralität? Sie besteht darin, daß wir nichts unternehmen oder unternehmen lassen, wodurch der Friedenszustand zwischen der Schweiz und den Nachbarstaaten gefährdet wird. Nicht’s weniger, aber auch nichts mehr. Wir haben also das Recht, den fremden Flüchtlingen ein Asyl zu gestatten, es ist ein Recht, worauf wir stolz sind. Wir sehen es als eine Pflicht an, die wir dem Unglück schuldig sind. Aber unter Einer Bedingung: daß der Flüchtling sich unsern Gesetzen unterwerfe, daß er nichts unternehme, was unsere innere und äußere Sicherheit gefährdet. Daß ein von der Tyrannei verjagter Patriot sich auch von unserm Gebiet aus bestrebt, die Freiheit seines Vaterlandes wieder zu gewinnen, ich finde es erklärlich, ich mache ihm keinen Vor-

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wurf daraus, aber auch wir haben dann zu sehen, was wir zu thun haben. Wenn daher der Flüchtling seine Feder spitzt oder seine Flinte ergreift gegen die Nachbarregierung, gut, so werden wir ihn nicht ausweisen, das wäre ungerecht, aber von der Gränze entfernen, ihn interniren. Das gebietet unsre eigne Sicherheit, unsre Rücksicht auf die Nachbarstaaten; nichts weniger, aber auch nichts mehr. Schreiten wir dagegen ein nicht blos gegen den Freischärler, der ins fremde Gebiet eingefallen, sondern auch gegen den Bruder, den Vater des Freischärlers, gegen den, der ruhig geblieben, so thun wir mehr als wir müssen, so sind wir nicht mehr unparteiisch, so ergreifen wir Partei für die fremde Regierung, für den Despotismus gegen seine Schlachtopfer. (Allgemeines Bravo.) Und gerade jetzt, wo Radetzki, ein Mann, mit dem gewiß Niemand in dieser Versammlung sympathisirt, wo er bereits von uns diese ungerechte Entfernung aller Flüchtlinge von der Gränze verlangt hat, wo er seine Forderung durch Drohungen, ja durch feindselige Maßregeln unterstützt, gerade jetzt ziemt es uns am Allerwenigsten, der ungerechten Forderung eines übermächtigen Gegners nachzukommen, weil es aussieht, als hätten wir der Uebermacht nachgegeben, als hätten wir diesen Beschluß gefaßt, weil ein Stärkerer ihn von uns verlangt.“ (Bravo.) Ich bedaure nicht mehr von dieser Rede und nicht wörtlichere Auszüge geben zu können. Aber Stenographen gibts hier nicht und ich muß aus der Erinnerung aufschreiben. Genug, Dufour erstaunte die ganze Versammlung eben so sehr durch seine Rednergabe, und durch die Anspruchslosigkeit seines Vortrags, wie durch die schlagenden Argumente, die er vorbrachte, und setzte sich mit der Erklärung, er stimme für Pioda, unter allgemeinem Beifall nieder. Ich habe sonst nie Beifallsbezeugungen im Nationalrath während der Diskussion gehört. Die Sache war entschieden, nach Dufours Rede war nichts mehr zu sagen, der Antrag Pioda’s war durchgesetzt. Aber damit war den in ihrem Gewissen erschütterten Kantönlirittern nicht gedient und auf den Ruf nach Schluß antworteten sie durch 48 Stimmen für Fortsetzung der Debatte. Nur 42 stimmten für den Schluß; die Diskussion ging also weiter. Hr. Veillon von Waadt schlug vor, die ganze Sache dem Bundesrath zu überweisen. Hr. Pittet von Waadt, ein hübscher Mann mit französischen Zügen, sprach für Pioda, fließend, aber breit und doktrinär und die Debatte schien eingeschlafen, als endlich Herr Bundespräsident Furrer sich erhob. Hr. Furrer ist ein Mann in seinen besten Jahren, das Seitenstück zu Alcibiades Escher. Wenn dieser Schweizer-Athen vertritt, so repräsentirt Herr Furrer Zürich. Neigt Escher zum Professor, so neigt Furrer zum Zunftmeister hin. Beide zusammen repräsentiren Zürich vollständig.

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Hr. Furrer ist natürlich ein Mann der unbedingtesten Neutralität, und als er durch Dufours Rede sein System gewaltig bedroht sah, mußte er die äußersten Mittel aufbieten, um sich die Majorität zu sichern. Hr. Furrer war zwar erst seit drei Tagen Bundespräsident, aber dessen ungeachtet bewies er, daß er die Politik der Kabinetsfragen versteht trotz Duchaˆtel und trotz Hansemann. Er erklärte, der Bundesrath sei ungeheuer begierig auf den Beschluß des Nationalraths, weil dieser Beschluß der ganzen Politik der Schweiz die entscheidende Wendung geben werde u. s. w. und nach einiger Ausschmückung dieser Captatio benevolentiae ging er allmählig dazu über, auseinander zu setzen, was seine Meinung sei und die Meinung der Majorität des Bundesraths, nämlich, daß es bei der Neutralitätspolitik sein Bewenden haben müsse und daß die Ansicht der Majorität der Kommission auch die der Majorität des Bundesrathes sei. Und das Alles sagte er mit so feierlicher Würde und so eindringlicher Stimme, daß die Kabinetsfrage aus jeder Silbe seiner Rede hervorsah. Nun muß man wissen, daß in der Schweiz die vollziehende Gewalt nicht wie, in der konstitutionellen Monarchie oder der neuen französischen Verfassung eine selbstständige Gewalt neben der gesetzgebenden, sondern daß sie blos der Ausfluß und der Arm der gesetzgebenden Gewalt ist. Man muß wissen, daß es hier gar nicht Gebrauch ist, daß die vollziehende Gewalt zurücktritt, wenn die gesetzgebende Versammlung etwas andres beschließt, als sie wünscht; im Gegentheil pflegt sie diesen Beschluß gehorsamst zu vollziehen und auf bessere Zeiten zu warten. Und da die vollziehende Gewalt ebenfalls aus einem gewählten Rath besteht, der auch verschiedene Nüancen enthält, so hat es gar nicht so viel zu sagen, wenn die Minorität im vollziehenden Rath in manchen Fragen die Majorität im gesetzgebenden Rath hat. Und hier waren wenigstens zwei Bundesräthe, Druey und Franscini, für Pioda und gegen Furrer. Dieser Appell Furrers an die Versammlung war also nach schweizer Sitte und Anschauungsweise ganz unparlamentarisch. Aber einerlei! Die gewichtige Stimme des Hrn. Bundespräsidenten gab den Kantönlirittern wieder Courage und als er sich setzte, versuchten sie sogar ein verhallendes Bravo und schrien nach Schluß. Der alte Steiger war aber billig genug, vorher Herrn Pioda als Berichterstatter der Minorität noch das Wort zu geben. Pioda sprach mit derselben Ruhe und demselben Anstand wie früher. Er widerlegte nochmals alle Einwürfe, indem er die Debatte kurz resümirte. Er vertheidigte mit Wärme seinen Freund Luvini, dessen fougueuse Beredsamkeit ihn vielleicht hier zuweit fortgerissen, aber bei einer früheren Gelegenheit, man solle es nicht vergessen, der Schweiz seinen Kanton erhalten habe. Endlich kam er auf Airolo, und bedauerte daß dies Wort hier vorgebracht,

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daß es vollends von einer Seite vorgebracht, von der er es am wenigsten erwartete. „Es ist wahr, sagte er, wir haben bei Airolo eine Niederlage erlitten. Aber wie ging das zu? Wir standen allein da, unser kleiner dünnbevölkerter Kanton gegen die ganze Wucht der Urkantone und des Wallis, die sich auf uns warfen und uns, nachdem wir uns tapfer vertheidigt, erdrückten. Es ist wahr, wir sind geschlagen worden. Aber geziemt es Ihnen (zu Michel gewandt) uns daraus einen Vorwurf zu machen? Sie, meine Herren, Sie sind Schuld daran, daß wir geschlagen wurden. Sie sollten auf der Oberalp sein und den Sonderbündlern in die Flanke fallen, und wer nicht da war, wer uns im Stich ließ, das waren Sie, und deßhalb wurden wir geschlagen. Ja, Sie sind gekommen, meine Herren, aber als es zu spät, als Alles vorüber war – da endlich sind Sie gekommen!“ Wüthend und mit krebsrothem Gesicht, sprang Oberst Michel auf, und erklärte dies für eine Lüge und Verläumdung. Durch lautes Murren und die Klingel des Präsidenten zur Ordnung gerufen, fuhr er etwas ruhiger fort. Er wisse nichts davon, daß er habe auf der Oberalp sein sollen. Er wisse bloß, daß, als er gerufen worden sei, er den Tessinern zu Hülfe gekommen und zwar er zu allererst. Pioda erwiederte ebenso ruhig wie vorher: es sei ihm nicht eingefallen Herrn Michel persönlich angreifen zu wollen, er habe nur von den Graubündnern im Allgemeinen gesprochen und da sei es allerdings ein Faktum, daß sie hätten von der Oberalp herab die Tessiner unterstützen sollen. Wenn Hr. Michel das nicht wisse, so sei das leicht erklärlich, da er damals bloß ein Bataillon kommandirt habe und also die allgemeinen Dispositionen des Feldzugs ihm sehr wohl unbekannt geblieben sein könnten. Mit diesem Intermezzo, das noch zu verschiedenen Privatverhandlungen zwischen diesen Herren außerhalb des Versammlungssaals führte und endlich durch beiderseitig zufriedenstellende Erklärungen beigelegt wurde, schloß die Debatte. Die Abstimmung erfolgte durch Namensaufruf. Die Franzosen und 4–5 Deutsche stimmten mit den Tessinern; die Masse der deutschen Schweizer stimmte dagegen; Tessin wurde des Asylrechts beraubt, Radetzkis Forderungen wurden zugestanden, die Neutralität um jeden Preis proklamirt und Herr Furrer konnte mit sich und dem Nationalrath zufrieden sein. Das ist der schweizerische Nationalrath, die Blüthe der schweizerischen Staatsmänner. Ich finde, daß sie nur durch eine Tugend sich vor andern Gesetzgebern auszeichnen: durch eine größere Geduld.

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* K ö l n, 11. Dezember. Die Contrerevolution hat einen neuen Bundes˙ schweizerische Bundesregierung. genossen erhalten:˙ ˙Die Schon vor fünf Tagen erfuhren wir aus einer durchaus zuverlässigen Quelle, daß die neuerdings verbreiteten Gerüchte von einem beabsichtigten Einfalle der deutschen Flüchtlinge nach Baden, von Rüstungen an der Gränze, von einer fabelhaften Schlacht bei Lörrach zwischen Freischärlern und Reichstruppen, daß alle diese sonderbaren Gerüchte von der im schweizer Bundesrath herrschenden Partei Furrer-OchsenbeinMunzinger mit der deutschen Reichsgewalt „vereinbart“ seien, um besagter Partei einen Vorwand zum Einschreiten gegen die Flüchtlinge und dadurch zur Herstellung eines guten Einvernehmens mit der Reichsgewalt zu bieten. Wir haben diese Nachricht unsern Lesern nicht sogleich mitgetheilt, weil wir nicht unbedingt an eine solche Intrigue glauben konnten. Wir warteten auf Bestätigung, und die Bestätigung hat nicht lange auf sich warten lassen. Es fiel bereits auf, daß diese Gerüchte nicht von badischen Blättern, die, selbst an Ort und Stelle, doch am besten und ersten unterrichtet sein mußten, gebracht wurden, sondern von den Frankfurter Blättern. Es fiel ferner auf, daß dem Frankfurter Journal bereits am 1. Dezem˙ ber von Bern aus mitgetheilt wurde, der Bundesrath habe wegen ˙der ˙ ˙˙ Flüchtlinge ein Cirkular erlassen und einen Kommissär abgeschickt, während die Berner Blätter, von denen mehrere (Verfassungsfreund und Suisse) in direkten Beziehungen zu Bundesräthen stehen, die Nachricht erst am 3. bringen. Jetzt endlich liegt das Cirkular an die Kantonsregierungen in der „Suisse“ vor uns, und wenn wir früher noch zweifeln konnten an dem Beitritt der Schweiz zu der neuen heiligen Allianz, so sind jetzt alle Zweifel beseitigt.

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Das Cirkular hebt an mit den Gerüchten von neuen Rüstungen der politischen Flüchtlinge und von einem beabsichtigten neuen Einfall ins badische Gebiet. Es motivirt durch diese Gerüchte, von denen die ganze Schweiz und ganz Baden wissen, daß sie erlogen sind, die neuen außerordentlichen Maßregeln gegen die Flüchtlinge. Die Tessiner Beschlüsse der Bundesversammlung werden nur erwähnt, um die Kompetenz, nicht um die Verpflichtung des Bundesraths zu diesen Maßregeln zu begründen; im Gegentheil wird der wesentliche Unterschied in der Lage der Verhältnisse in Tessin und den nördlichen Kantonen ausdrücklich anerkannt. Sodann folgende Weisungen: 1) Alle Flüchtlinge, die am Struve’schen Zuge sich betheiligt, oder die sonst keine persönlichen Garantieen für ruhiges Verhalten bieten, aus den Gränzkantonen zu entfernen; 2) alle Flüchtlinge ohne Unterschied genau zu überwachen; 3) dem Bundesrath so wie allen übrigen Gränzkantonen eine Liste der sub 1) fallenden Flüchtlinge einzusenden, und 4) etwaige Ausnahmen von der Internirung dem eidgenössischen Re˙ ˙ ˙so ˙ ˙˙˙wie ˙ ˙ ˙ ˙überpräsentanten Dr. Steiger zur Entscheidung zu überlassen, haupt den Weisungen desselben zu folgen. Daran schließt sich die Aufforderung, diesen Weisungen „streng“ nachzukommen, indem sonst, wenn Truppenaufstellungen nöthig würden, die Kosten dem betreffenden Gränzkanton zur Last fallen würden. Das ganze Cirkular ist in einer für die Flüchtlinge höchst verletzenden, herben Sprache abgefaßt und schließt mit den Worten: „Die Schweiz darf nicht zum Sammelplatz werden für ausländische Parteien, die ihre Stellung auf einem neutralen Boden so sehr verkennen und so oft die Interessen des Landes mit Füßen treten, das sie gastfreundlich aufnimmt.“ Jetzt vergleiche man diese bittre Sprache mit der Sprache der Note vom 4. November; man bedenke, daß die Gerüchte, auf die das Cirkular ˙ ˙ ˙˙ sich stützt, ˙notorisch falsch sind; daß, wie uns heute von der Gränze geschrieben wird, der eidgenössische Repräsentant Dr. Steiger mit seiner ˙ ˙ ˙ den die Reichsgewalt am meisten ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙gegen Inspektion im Kanton Aargau, Klagen führte, bereits fertig ist und gefunden hat, die betreffenden Flüchtlinge seien längst internirt und er habe hier nichts mehr zu thun (er ist bereits in Liestal); daß die Note vom 4. November bereits behauptet, ˙ ˙ ˙Basellandscha ˙˙ daß die schweizer Presse (z. B. Schweizer Bote, ftliches ˙˙˙˙˙ ˙ ˙ ˙ Volksblatt, Nationalzeitung etc.) längst bewiesen hatte, daß alle˙ Gränzkantone längst ihren Pflichten nachgekommen seien; man bedenke endlich, daß nach langer Ungewißheit, nach den widersprechendsten Nach-

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richten über die Grenzsperre jetzt seit 2–3 Tagen alle unsere Schweizer Blätter und Briefe darin übereinstimmen, daß gar keine Zwangsmaßregeln gegen die Schweiz in Anwendung kommen, ja daß der Befehl zur strengeren Ueberwachung des Personenverkehrs, der einigen Gränzposten gegeben war, 24 Stunden nachher schon widerrufen wurde; man bedenke das Alles und sage, ob die Umstände nicht bis ins kleinste Detail die oben von uns gegebene Mittheilung bestätigen. Ohnehin ist es bekannt, daß die Herren Furrer, Ochsenbein, Munzinger u. s. w. längst vor Begierde brennen, dem „Flüchtlingsunwesen“ ein für allemal ein Ende zu machen. Wir gratuliren dem Hrn. Schmerling zu seinen neuen Freunden. Wir wünschen nur daß, wenn auch er einmal als Flüchtling in die Schweiz kommen sollte – was doch wohl vorkommen könnte, ehe die dreijährige Amtsdauer des jetzigen Bundesraths abläuft – diese seine Freunde ihn nicht etwa zu jenen Flüchtlingen rechnen, welche „keine persönlichen Garantien bieten“.

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Karl Marx Die Verleumdungen der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 168, 14. Dezember 1848

* K ö l n, 13. Dezember. Der Artikel der „Neuen Rheinischen Zeitung“ vom 4. August, wegen dessen der Gerant Korff, der Redakteur en chef Marx und der Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“, Engels, für den 20. d. M. vor den Assisen erscheinen werden, schließt mit folgenden Worten: „Das also sind die Thaten des Ministeriums der That, des Ministeriums des linken Centrums, des Ministeriums des Uebergangs zu einem altadlichen, altbüreaukratischen, altpreußischen Ministerium. Sobald Herr Hansemann seinen transitorischen Beruf erfüllt hat, wird man ihn entlassen. Die Linke zu Berlin aber muß einsehn, daß die alte Macht kleine parlamentarische Siege und große Konstitutionsentwürfe ihr getrost überlassen kann, wenn sie nur unterdessen sich aller wirklich entscheidenden Positionen bemächtigt. Getrost kann sie die Revolution des 19. März in der Kammer anerkennen, wenn dieselbe nur außerhalb der Kammer entwaffnet wird. Die Linke könnte an einem schönen Morgen finden, daß ihr parlamentarischer Sieg und ihre wirkliche Niederlage zusammenfallen. Die deutsche Entwickelung bedarf vielleicht solcher Kontraste. Das Ministerium der That erkennt die Revolution im Prinzip an, um in der Praxis die Contrerevolution zu vollziehen.“ Die Thatsachen haben bewiesen, wie sehr die „Neue Rheinische Zeitung“ die preußische Regierung und ihre Trabanten v e r l ä u m d e t hat.

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Friedrich Engels Ursulinerinnenkloster – Werbungen für den Kartätschenkönig – Die „Bürgergemeinde“ – Kommission wegen eines gemeinsamen Zolltarifs

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** B e r n, 9. Dezember. Das letzte Kloster im Kanton Bern, das der Ur˙ ˙ ˙ ˙ ˙ im Jura, geht seinem Ende entgegen. Der Resulinerinnen in Pruntrut gierungsrath hat beschlossen, dem großen Rath die Aufhebung desselben vorzuschlagen, in Vollziehung des Tagsatzungsbeschlusses, der alle den Jesuiten affiliirte Orden (wozu auch die Ursulinerinnen gehören) von der Schweiz ausschließt. Nachdem Radetzky den neapolitanisch-schweizerischen Rekruten wieder den Durchpaß durch die Lombardei gestattet, hat König Ferdinand sogleich wieder die Gestattung der Werbungen in der Schweiz beantragt. Luzern und die Urkantone haben sich natürlich beeilt, die Werbung zu gestatten; die Berner Regierung, der die Kapitulationen ohnehin ein Dorn im Auge sind, hat glücklicherweise einen Vorwand gefunden, sie vor der Hand noch zu untersagen. Sie erklärt nämlich, nach der Kapitulation (die ein Erbstück der löblichen Regierung des Herrn Neuhaus ist) müßten die Rekruten über Genua gehen, welcher Weg ihnen auch jetzt noch versperrt sei; und ferner müßte die neapolitanische Regierung vorher den Schweizern in Neapel den am 15. Mai durch Plünderung etc. zugefügten Schaden ersetzen. Der gottesfürchtige „Beobachter“ skandalisirt sich natürlich wieder entsetzlich über diesen Bruch der unverbrüchlichen Schweizertreue, der zudem noch einer Masse braver junger Kantonsbürger eine glorreiche Carrie`re (!) versperre, die Berner Soldaten in Neapel in ihrer Zukunft kompromittire, die in Bern anwesenden WerbUnteroffiziere verhungern lasse und den Wirthen, bei denen sonst das Handgeld verzecht wurde, den Erwerb schmälere. Mit solchen Argumenten kämpft die reaktionäre Schweizerpresse! Die hiesigen Zopfpatrizier haben eine arge Schlappe erlitten. Hier besteht nämlich eine sogenannte Bürgergemeinde innerhalb der eigentlichen Commune. Diese Bürgergemeinde, deren Kern das Patriziat bildet, hat

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trotz aller Revolutionen durchgesetzt, daß die ehemaligen Klostergüter und sonstigen Staats- und städtischen Domainen, die ihr als der ehemaligen Inhaberin der Souveränetät zustanden, nicht mit der Souveränetät an den Staat resp. die Stadt übergegangen, sondern ihr als CollektivEigenthum verblieben sind. Nur ein kleiner Theil dieser höchst beträchtlichen Güter, von denen sich die Patrizier noch heute mästen, soll der Stadt zufallen; aber die „Bürger“ weigerten sich stets, ihn herauszugeben. Jetzt endlich ist durch die Ernennung Berns zum Bundessitz und die damit nöthig gewordenen bedeutenden städtischen Ausgaben die Bürgergemeinde gezwungen worden, der städtischen Commune, der sogenannten Einwohnergemeinde, ihren Antheil herauszugeben und sich außerdem noch zu einem „erklecklichen“ Beitrag zu den Kosten des Bundessitzes zu verpflichten. Die Patrizier erklären Zion in Gefahr, und sie haben Ursache, denn der Bundessitz bedroht ihren Beutel sehr ernstlich. Der Bundesrath hat unter dem Vorsitze des Chefs des Handels- und Zollwesens, Herrn Näff, eine Kommission gebildet, die die Aufhebung der Kantonalzölle und die Herstellung eines schweizerischen Zolltarifs vorbereiten, und die nöthigen Maßregeln vorschlagen soll. Die Schweiz wird jetzt auch Schutzzölle bekommen, die zwar nicht hoch sein, aber bei dem ausgebildeten Stande der meisten schweizerischen Industriezweige und bei dem niedrigen Arbeitslohn vollkommen ihren Zweck erreichen werden. England, Paris, Mühlhausen und Lyon werden am meisten davon leiden.

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Karl Marx / Hermann Korff / Stephan Naut / Louis Schulz Bestellungen der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 172, 19. Dezember 1848

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Bestellungen auf die „Neue Rheinische Zeitung“ für das nächste Quartal, Januar bis März 1849, wolle man baldigst machen und zwar in K ö l n bei der Expedition der Zeitung (unter Hutmacher Nr. 17), a u s w ä r t s bei allen Postanstalten Deutschlands. Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexandre, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 rue Notre Dame de Nazareth in Paris, so wie das königliche Oberpostamt in Aachen; für England ˙ ˙ ˙ ˙ ˙72, ˙˙ ˙ ˙Newgate Street in London; für Belgien die HH. J. J. Ewer u. Comp., und Holland die resp. königlichen Briefpostämter und das Postbüreau in ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ Lüttich. Durch den Wegfall des Stempels wird der Abonnementspreis ermäßigt und beträgt von jetzt ab für Köln n u r 1 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf., bei allen preußischen Postanstalten, (das Porto einbegriffen) n u r 1 Thlr. 1 7 Sgr. vierteljährlich; für Abonnenten im übrigen Deutschland tritt ein verhältnißmäßiger Postaufschlag hinzu. Die Redaktion bleibt unverändert. D i e b i s h e r i g e n M o n a t s g ä n g e d e r „N e u e n R h e i n i s c h e n Z e i t u n g“ s i n d i h r P r o g r a m m . D u r c h i h r e p e r s ö n l i c h e n Ve r bindungen mit den Chefs der demokratischen Partei in England, Frankreich, Italien, Belgien und Nordamerika ist die Redaktion in Stand gesetzt, ihren Lesern die politischsoziale Bewegung des Auslandes richtiger und klarer abz u s p i e g e l n , a l s i r g e n d e i n a n d e r e s B l a t t . D i e „N. R h . Z t g .“ ist in dieser Beziehung nicht blos das Organ der deutschen, sondern der europäischen Demokratie. Inserate: Die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf. Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen unseres Blattes eine sehr weite Verbreitung. D i e G e r a n t u r d e r „N e u e n R h e i n i s c h e n Z e i t u n g“.

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Karl Marx Ein Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“ vertagt

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 174, 21. Dezember 1848

* K ö l n, 20. Dezember. Der gegen die Neue Rheinische Zeitung einge˙ ˙heute ˙ ˙ ˙ vor die Assisen. Herr Dr. Marx, Redakteur en leitete Prozeß kam chef, und Herr Korff, Gerant der N. Rh. Ztg., und Herr Engels, waren die Beschuldigten. Letzterer war abwesend. Die Klage lautete auf Beleidigung des Oberprokurators Zweiffel und Verläumdung von Gensd’armen. Der Prozeß wurde wegen eines Nullitätsgrundes ausgesetzt.

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Karl Marx Prozess gegen Gottschalk und Genossen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 175, 22. Dezember 1848

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* K ö l n, 21. Dezember. Heute Morgen begann der Prozeß gegen Gott˙ ˙ Esser ˙ ˙ ˙ vor den hiesigen außerordentlichen Assisen. schalk, Anneke und Die Angeklagten wurden gleich den gemeinsten Verbrechern, enggeschlossen, von dem neuen Arresthause eskortirt nach dem Gerichtsgebäude, wo eine nicht unbedeutende bewaffnete Macht hauste. Unsere Leser wissen, daß wir in der Jury, wie sie jetzt organisirt ist, nichts weniger als eine Garantie erblicken. Der Census ertheilt einer bestimmten Klasse das Privilegium, aus ihrer Mitte die Geschwornen hervorgehen zu sehen. Die Anfertigung der Geschwornenlisten ertheilt der Regierung das Monopol, aus der privilegirten Klasse die ihr zusagenden Individuen herauszulesen. Der Herr Regierungspräsident fertigt nämlich eine Liste von Individuen zu einer bestimmten Zahl an, die er aus den Geschwornenlisten des ganzen Regierungsbezirks auszieht; die gerichtlichen Repräsentanten der Regierung säubern diese Liste bis auf 36, wenn unser Gedächtniß nicht täuscht. Im Augenblicke der wirklichen Bildung des Geschwornengerichts endlich steht es dem öffentlichen Ministerium zu, die letzte Liste, das Ergebniß des Klassenprivilegiums und einer doppelten gouvernementalen Destillation zum dritten Male zu säubern und bis zum letzten nothwendigen Dutzend auszumerzen. Ein wirkliches Wunder, wenn eine solche Konstitution der Jury Angeklagte, die der privilegirten Klasse und der bestehenden Staatsmacht offen opponirt haben, nicht direkt unter die absolute Gewalt ihrer rücksichtslosesten Feinde wirft. Das Gewissen der Geschwornen, wird man uns antworten, das Gewissen, verlangt man eine größere Garantie? Aber, mon Dieu, das Gewissen hängt mit dem Wissen und der ganzen Daseinsweise eines Menschen zusammen.

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Ein Republikaner hat ein anderes Gewissen, als ein Royalist, ein Besitzender ein anderes Gewissen als ein Besitzloser, ein Denkender ein anderes als ein Gedankenloser. Ein Mensch, der keinen Beruf zum Geschwornen hat, als den Census, hat das Gewissen des Census. Das „Gewissen“ der Privilegirten ist eben ein privilegirtes Gewissen. Wenn uns also das Geschwornengericht, wie es jetzt konstituirt ist, als ein Institut zur Behauptung der Privilegien Einiger und keineswegs als ein Institut zur Sicherung der Rechte Aller erscheint; wenn namentlich auch in dem vorliegenden Falle das öffentliche Ministerium den ausgedehntesten Gebrauch von seiner Befugniß gemacht hat, das letzte Dutzend ihm mißfälliger Namen von der letzten Liste auszumärzen – wir zweifeln dennoch keinen Augenblick an der Freisprechung der Angeklagten. Unser Garant ist der Anklageakt. Man glaubt eine ironisch gehaltene Vertheidigungsschrift von Gottschalk und Konsorten zu lesen. Resumiren wir diesen Anklageakt, der nur im Anklageakt gegen Mellinet und Konsorten (Prozeß Risquons-Tout in Antwerpen) ein Analogon findet. In Köln existirt ein Arbeiterverein. Gottschalk war Präsident, Anneke und Esser Ausschußmitglieder dieses Vereins. Der Arbeiterverein, belehrt uns der Anklageakt, „hatte ein besonderes, durch Gottschalk redigirtes Organ, die Arbeiterzeitung, und wer nicht Gelegenheit hatte, den Sitzungen selbst beizuwohnen, konnte aus diesem Blatte die gefährlichen, dem Proletariat schmeichelnden, auf Communismus und Umsturz des Bestehenden hinarbeitenden Tendenzen des Vereins erkennen.“ Tendenzen also konnte man erkennen, aber keine gesetzwidrigen Thatsachen. Beweis: Bis zur Verhaftung des Gottschalk’s etc. hat das Parket keine Anklage gegen die „Arbeiterzeitung“ erhoben und nach Gottschalk’s Verhaftung wurde sie nur einmal verurtheilt – in dem Monsterprozesse des hiesigen Parkets, nämlich der Klage des hiesigen Parkets wegen Beleidigung des hiesigen Parkets. „Die Arbeiterzeitung selbst“ gesteht aber der Anklageakt, „scheint sich nicht bemüht zu haben, in ihren Berichten darüber (über die Verhandlungen des Arbeitervereins, seiner Ausschußsitzungen und seiner Filialvereine) etwas zu bemänteln.“ Wenn also die „Arbeiterzeitung“ wegen ihrer „Berichte“ über die Verhandlungen des Arbeitervereins, so konnte der Arbeiterverein wegen seiner Verhandlungen selbst nicht gerichtlich verfolgt werden. Gegen den „Arbeiterverein“ liegt nur vor, was gegen die „Arbeiterzeitung“ vorliegt – die mißliebige Tendenz dieses Vereins. Gehören zu den Märzerrungenschaften auch die – Tendenzprozesse, Prozesse gegen Tendenzen, die blose Tendenzen geblieben sind? Bisher sind unsere Septem-

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bergesetze noch nicht erlassen worden. Gottschalk und Consorten wurden auch keineswegs verhaftet und in Anklagezustand gesetzt, wegen gesetzwidriger Berichte der Arbeiterzeitung oder gesetzwidriger Verhandlungen des Arbeitervereins. Der Anklageakt macht daraus kein Geheimniß. Nicht die bisherige Wirksamkeit des Arbeitervereins setzte die Justiz in Bewegung, sondern – man höre: In den Tagen vom 14.–17. Juni d. J. war zu Frankfurt ein Kongreß der Abgeordneten von einer Menge in Deutschland erstandener demokratischer Vereine versammelt. Gottschalk und Anneke repräsentirten als Abgeordnete den Kölner Arbeiter-Verein. Dieser Kongreß sprach sich, wie bekannt, öffentlich für die demokratische Republik aus, und die hiesigen Behörden erwarteten einen Nachhall der dortigen Bewegung, als auf Sonntag den 25. Juni abermals eine Generalversammlung des Arbeiter-Vereins auf dem Gürzenich angekündigt wurde. Die hiesigen Behörden erwarteten einen Nachhall der Frankfurter Bewegung. Aber welche Bewegung hatte denn in Frankfurt stattgefunden? Der demokratische Kongreß hatte sich öffentlich für die mißliebige Tendenz der demokratischen Republik ausgesprochen. Man erwartet also einen „Nachhall“ dieser „Tendenz“ und wollte in Kampf mit diesem Echo treten. Bekanntlich hat der demokratische Kongreß zu Frankfurt und der zur Exekution seiner Beschlüsse ernannte Centralausschuß von den Regierungen unangefochten zu Berlin getagt. Die deutschen Regierungen mußten also trotz der mißliebigen Tendenz die Gesetzmäßigkeit des Frankfurter Kongresses und der von ihm angeordneten Organisation der demokratischen Partei anerkennen. Aber die Kölnischen Behörden „erwarteten nun einmal“ einen Nachhall der Frankfurter Bewegung. Sie erwarteten eine Gelegenheit, Gottschalk und Konsorten auf gesetzwidrigem Boden zu ertappen. Zur Konstituirung dieser Gelegenheit wurden von der Polizeidirektion die „Polizeikommissare Lutter und Hühnermund“ am 25. Juni in die Generalversammlung des Arbeitervereins auf den Gürzenich kommandirt, und „besonders angewiesen, die Vorkommnisse daselbst zu beobachten“. In derselben Generalversammlung befand sich zufällig „der Buchbinder Johann Maltheser“, der wie der Anklageakt seufzt, „ein Hauptzeuge sein würde, wenn er nicht im Solde der Polizeibehörde gestanden hätte“, d. h. mit andern Worten, wenn er nicht bezahlter Polizeispion wäre. Endlich stellte sich hier, wahrscheinlich aus reinem patriotischem Fanatismus, der „ R e f e r e n d a r v . G r o o t e “ ein, der die Rede Anneke’s in der Generalversammlung „am ausführlichsten gibt, da er in der Sitzung selbst nachgeschrieben hat“.

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Man sieht: die Kölnischen Behörden erwarteten am 25. Juni ein von Gottschalk und Konsorten zu begehendes Verbrechen. Alle polizeilichen Vorkehrungen, um dies eventuelle Verbrechen zu konstatiren, waren getroffen. Wenn die Behörden aber einmal „erwarten“, so wollen sie nicht umsonst warten. „Aus den Berichten“ der zur Konstatirung eines erwarteten Verbrechens kommandirten Polizeikommissare und sonstiger Helfershelfer „nahm am 2. Juli die Staatsbehörde Anlaß zu einem Antrag auf Untersuchung gegen Gottschalk und Anneke wegen ihrer in jener öffentlichen Versammlung gehaltenen (soll heißen erwarteten) aufreizenden Reden. Am 3. Juli hatte ihre Verhaftung nebst Beschlagnahme ihrer Papiere Statt. Am 5. Juli, nachdem bis dahin mehrere Zeugen vernommen und nähere Anzeigen eingekommen waren, wurde die Untersuchung ausgedehnt auf die gesammte vorhergehende Thätigkeit der Vorsteher des Arbeitervereins, und damit gegen mehrere Mitglieder desselben, namentlich gegen den Faßbinder Esser u. s. w. Was die Untersuchung gegen die Angeklagten ergeben hat, bezieht sich theils auf ihre Reden im Arbeiterverein, theils auf ihre Papiere und die von ihnen verbreiteten Druckschriften.“ Was die Untersuchung wirklich ergeben hat, – wir werden es morgen aus dem Anklage-Akte selbst beweisen – ist – daß die am 25. Juni erwartete Bewegung sich auf eine Bewegung der Behörden – dies Echo der Frankfurter Bewegung – beschränkte, daß Gottschalk und Konsorten für die am 25. Juni getäuschte Erwartung der Behörden mit 6monatlicher enger Untersuchungshaft Buße thun mußten. Nichts gefährlicher als die Erwartungen der Staatsbehörde, eine Rettungsmedaille um das Vaterland zu verdienen, zu täuschen. Kein Mensch wird gern in seinen Erwartungen getäuscht, am wenigsten die Staatsbehörde. Wenn die ganze Art und Weise, wie das Verbrechen am 25. Juni in Scene gesetzt wurde, uns die Staatsbehörde als einzigen Schöpfer dieses kriminalistischen Dramas zeigt, so bietet uns die Untersuchungsakte Gelegenheit, die scharfsinnige Gewandtheit zu bewundern, womit sie den Prolog auf 6 Monate ausspann. Wir citiren wörtlich aus: „Der Politische Tendenzprozeß gegen Gottschalk und Consorten, herausgegeben von M. F. Anneke. Verlag der Neuen Kölnischen Zeitung.“ Nachdem die Untersuchung etwa 5 bis 6 Wochen gewährt hatte, wurde sie vom Instruktionsrichter Leuthaus, der an die Stelle des zum Polizeidirektor beförderten Hrn. Geiger getreten war, für geschlossen erklärt. Der Staatsprokurator Hecker stellte indeß nach Durchsicht der Akten neue Anträge, auf die auch vom Untersuchungsrichter eingegangen wur-

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de. Nach Verlauf von etwa 14 Tagen war die Voruntersuchung zum zweiten Male geschlossen. Nachdem Hr. Hecker von Neuem mit Muße die Akten durchstudirt hatte, stellte er wiederum eine Anzahl neuer Anträge. Der Untersuchungsrichter wollte nicht darauf eingehen, ebenso wenig die Rathskammer. Hr. Hecker appellirte an den Anklagesenat, und diese Instanz verfügte, daß einigen von den Anträgen stattzugeben, andere hingegen abzulehnen seien. Unter den letzteren befand sich nun beispielsweis der Antrag, auf Grund eines bloßen Namensverzeichnisses von Personen aus allen Theilen Deutschlands, welches sich in Annekes Brieftasche vorgefunden hatte, diese sämmtlichen Personen, etwa 30 oder 40 an der Zahl, in die Untersuchung zu ziehen. Nachdem die Untersuchung glücklich so weit ausgesponnen war, und sich füglich nicht weiter mehr ausdehnen ließ, verfügte die Rathskammer am 28. September über die Ueberweisung der Akten an den Anklagesenat. Dieser erkannte den 10. Oktober die Anklage und den 28. Oktober unterzeichnete der Generalprokurator den Anklageakt. Die ordentliche Quartalsassise, welche am 9. Oktober begonnen hatte, ˙ ˙ ˙˙ war somit glücklich verpaßt für diesen Prozeß. Nach dem 27. November war eine außerordentliche Assise anberaumt. Auch die sollte wo möglich noch verpaßt werden. Die Akten der Voruntersuchung wurden nämlich an das Justizministerium geschickt mit dem Antrage, den Prozeß an einen andern Assisenhof zu verweisen. Das Justizministerium fand indeß keinen hinreichenden Grund und gegen November wurden die Angeklagten Gottschalk, Anneke und Esser dann endlich auf den 21. Dezember vor die hiesige außerordentliche Assise verwiesen. Während dieses langen Prologs war der erste Instruktionsrichter Geiger zum Kommissarischen Polizeidirektor und der Staatsprokurator Hecker zum Oberprokurator befördert worden. Da Herr Hecker in letzter Eigenschaft kurz vor Beginn der außerordentlichen Assise von Köln nach Elberfeld versetzt worden ist, so wird er nicht gleichzeitig mit den Angeklagten vor der Jury – erscheinen. Neue Rheinische Zeitung. Nr. 176, 23. Dezember 1848

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* K ö l n, 22. Dezember. Welcher Tag war es, an dem die zur Konstatirung ˙ ˙ Verbrechens ˙ ˙˙ eines „erwarteten“ berufene Generalversammlung auf dem Gürzenich stattfand? Es war der 25. Juni. Der 25. Juni war der Tag der definitiven Niederlage der Pariser Juniinsurgenten. An welchem Tage nahm die Staatsbehörde ihren Antrag gegen Gottschalk und Konsorten?

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Am 2. Juli, d. h. in dem Augenblicke, wo die preußische Bourgeoisie und die damals mit ihr verbündete Regierung in rachedurstigem Uebermuthe den Augenblick gekommen glaubten, mit ihren politischen Gegnern ein Ende zu machen. Am 3. Juli wurden Gottschalk und Konsorten verhaftet. Am 4. Juli trat das jetzige contrerevolutionäre Ministerium in das Ministerium Hansemann ein, in der Person Ladenbergs. An demselben Tage wagte die Rechte der Berliner Vereinbarerversammlung einen Staatsstreich, indem sie einen bezüglich Polens mit Majorität gefaßten Beschluß, nachdem sich ein Theil der Linken verlaufen hatte, in derselben Sitzung ohne weiteres wieder umstieß. Diese Data sprechen. Wir könnten den Zeugenbeweis liefern, daß eine „gewisse“ Person am 3. Juli äußerte: „Die Verhaftung von Gottschalk und Konsorten habe einen günstigen Eindruck auf das Publikum gemacht.“ Doch genügt es, auf die Nummern der „Kölnischen“, der „Deutschen“ und der „Karlsruher“ Zeitungen von den angegebenen Daten hinzuweisen, um sich zu überzeugen, daß in diesen Tagen nicht das „Echo“ der imaginairen „Frankfurter Bewegung“, sondern vielmehr das „Echo“ der „Cavaignac’schen Bewegung“ in Deutschland und unter anderm auch in Köln tausendfältig wiederhallte. Unsere Leser erinnern sich: Am 25. Juni „erwarteten“ die Kölnischen Behörden einen Nachhall der „Frankfurter Bewegung“ bei Gelegenheit der Generalversammlung des Arbeitervereins auf dem Gürzenich. Sie erinnern sich ferner, daß die Untersuchung gegen Gottschalk und Consorten ihren Ausgangspunkt nahm nicht von einem wirklichen Verbrechen Gottschalk’s u. s. w. vor dem 25. Juni, sondern einzig und allein von der Erwartung der Behörden, daß am 25. Juni endlich ein faßbares Verbrechen stattfinden werde. Die Erwartung des 25. Juni wird getäuscht und plötzlich verwandelt sich der 25. Juni 1848 in das Jahr 1848. Den Angeklagten wird die Bewegung des Jahres 1848 zur Last gelegt. Gottschalk, Anneke, Esser werden beschuldigt, „im Laufe des Jahres 1848 (man denke sich die Dehnbarkeit dieses Ausdrucks) zu Köln ein Komplott zum Zwecke der Veränderung und des Umsturzes der betreffenden Regierung und der Erregung eines Bürgerkriegs durch Verleitung der Bürger, sich gegeneinander zu bewaffnen, gemacht oder doch (man passe auf) oder doch durch Reden in öffentlichen Versammlungen, durch gedruckte Schriften und angeheftete Plakate zu Attentaten und solchen Zwecken gereizt zu haben“. Das heißt also: Ein Komplott gemacht „oder doch“ k e i n Komplott „gemacht“ zu haben. Aber denn doch „zu Attentaten und solchen Zwecken“. D. h. zu Attentaten oder sonst dergleichen Zeug! Herrlicher Styl, der juristische!

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Also lautet es in dem Verweisungsurtheil des Anklagesenats. In dem Conclusum des Anklageakts selbst wird das Komplott fallen gelassen und „demnach“ werden Gottschalk, Anneke und Esser angeklagt: „im Laufe des Jahres 1848 durch Reden in öffentlichen Versammlungen, so wie durch Druckschriften, ihre Mitbürger zur gewaltsamen Aenderung der Staatsverfassung, zur bewaffneten Auflehnung gegen die königliche Macht und zur Bewaffnung eines Theiles der Bürger gegen den andern geradezu angereizt zu haben, ohne daß jedoch diese Anreizungen einen Erfolg gehabt haben, – Verbrechen gegen Art. 102, in Verbindung mit Art. 87, 91 des Strafgesetzbuchs.“ Und warum sind die Behörden nicht im Laufe des Jahrs 1848 vor dem zweiten Juli eingeschritten? Damit die Herren übrigens von einer „gewaltsamen Aenderung der Staatsverfassung“ sprechen könnten, hätten sie vor allem den Beweis zu liefern, daß eine Staatsverfassung bestand. Die Krone hat das Gegentheil bewiesen, indem sie die Vereinbarerversammlung zum Teufel gejagt hat. Wären die Vereinbarer mächtiger gewesen als die Krone, so hätten sie den Beweis vielleicht in umgekehrter Weise geführt. Was nun die Anreizung „zur bewaffneten Auflehnung gegen die königliche Macht und zur Bewaffnung eines Theils der Bürger gegen den anderen“ betrifft, so beweist sie der Anklageakt: 1) durch Reden der Angeklagten im Laufe des Jahres 1848, 2) aus ungedruckten, 3) aus gedruckten Schriften. Ad. 1) Die Reden bieten dem Anklageakt folgendes corpus delicti: In der Sitzung vom 29. Mai findet Esser in der „Republik“ das „Heilmittel für die Leiden der Arbeiter“. Anreizung zur bewaffneten Auflehnung gegen die kgl. Macht! Gottschalk erklärt, daß „die Reaktionäre die Republik herbeiführen werden“. Einige Arbeiter beklagen sich, daß sie nicht so viel hätten, „das nackte Leben zu fristen“. Gottschalk antwortet ihnen: „Sie sollten sich vereinigen lernen, ihre verkappten Freunde von ihren Feinden unterscheiden, sich dazu befähigen, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu ordnen.“ Offenbare Anreizung zur bewaffneten Auflehnung gegen die kgl. Macht und zur Bewaffnung eines Theiles der Bürgerschaft gegen den andern! Der Anklageakt resumirt seine Beweise in folgenden Worten: „Die Zeugen, welche über diese früheren Versammlungen vernommen worden sind, Mitglieder und Nicht-Mitglieder, sprechen sich im Ganzen nur belobend über Gottschalk und Anneke, besonders den erstern, aus. Er habe immer vor Exzessen gewarnt, die Massen mehr zu beschwichti-

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gen als aufzureizen gesucht. Dabei deutete er freilich auf die Republik als letztes Ziel seiner Bestrebungen hin, welches aber nicht durch einen Straßen-Krawall, sondern nur dadurch zu erreichen sei, daß man die Majorität des Volkes zu der Ansicht gewinne, daß außer der Republik kein Heil sei. Indem er so, wie man deutlich sieht, darauf ausging, die Fundamente des Bestehenden allmählich zu unterwühlen, hatte er begreiflicherweise oftmal genug zu thun, die Ungeduld des rohen Haufens zu zügeln. –“ Eben weil die Angeklagten die Massen beschwichtigten, statt sie aufzureizen, zeigten sie deutlich ihre bösartige Tendenz, allmählig die Fundamente des Bestehenden zu unterwühlen, d. h. von der Preßfreiheit und dem Associationsrecht in gesetzlicher Weise einen den Behörden mißliebigen Gebrauch zu machen. Und das nennt der Anklageakt: „Anreizung zur bewaffneten Auflehnung gegen die kgl. Macht und zur Bewaffnung eines Theiles der Bürger gegen den andern“!!! Endlich kommt die von den Behörden „erwartete“ General-Versammlung vom 25. Juni. Ueber sie, sagt der Anklage-Akt, „liegen umständliche Zeugnisse vor“. Und was ergeben diese umständlichen Zeugnisse? Daß Gottschalk Bericht über die Frankfurter Ereignisse abstattete; daß über die Vereinigung der drei demokratischen Vereine in Köln debattirt wurde, daß Gottschalk eine „Schlußrede“ hielt, welche besonders die Aufmerksamkeit des M a l t h e s e r s und des R e f e r e n d a r s v o n G r o o t e fesselte und die mit der „Pointe“ endete: „Ausharren fordere mehr Muth als Dreinschlagen. Man solle warten, bis die Reaktion einen Schritt thue, der auf die Proklamirung der Republik hindränge.“ Offenbare Anreizung zur bewaffneten Auflehnung gegen die königliche Macht und zur Bewaffnung ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ eines Theils der Bürger gegen den andern!!! Was nun den Anneke betrifft, so kommt nach dem Anklage-Akte „weiter nichts vor, als daß er bei der Debatte über die Vereinigung der drei Vereine (der drei demokratischen Vereine zu Köln) sehr heftig für diese Vereinigung sprach, die Versammlung ebenfalls als Bürger Republikaner anredend“. Eine Rede für die „Vereinigung“ der drei demokratischen Vereine zu Köln ist offenbar die „Anreizung zur Bewaffnung eines Theils der Bürgerschaft gegen den andern“! Und die Anrede „Bürger Republikaner“! Die Herren M a l t h e s e r und v o n G r o o t e mögen sich beleidigt durch diese Anrede gefühlt haben. Aber redet der General v. Drigalski sich selbst und die Düsseldorfer Bürgerschaft nicht an: Bürger Kommunisten? Wenn man diesen Reinertrag der „erwarteten“ Generalversammlung vom 25. Juni betrachtet, so begreift man, daß die Staatsbehörde zum Laufe des Jahres 1848 ihre Zuflucht nehmen mußte, und das thut sie denn

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auch, indem sie durch Beschlagnahme von Briefen und Druckschriften sich über die Bewegung dieses Jahres unterrichtet, z. B. 3 Nummern der Arbeiterzeitung konfiscirt, die für 4 Pfennige per Stück in jeder Straße zu kaufen waren. Aus den Briefen aber überzeugt sie sich, welch’ „politischer Fanatismus“ in dem Jahre 1848 in Deutschland herrscht. Besonders „fanatisch“ erscheint ihr ein Brief des Professor Karl Henkel aus Marburg an Gottschalk. Zur Strafe denuncirt sie diesen Brief der kurhessischen Regierung und sie erlebt die Genugthuung, daß gegen den Professor untersucht wird. Als Schlußresultat aber ergiebt sich aus den Briefen und Druckschriften, daß 1848 in den Köpfen und auf dem Papier allerlei Fanatismus sich umtrieb, und überhaupt sich Ereignisse zutrugen, die wie ein Ei dem andern „der bewaffneten Auflehnung gegen die königl. Macht und der Bewaffnung eines Theils der Bürgerschaft gegen den andern“ ähnlich sehen. Gottschalk und Konsorten aber beschäftigen sich mit all’ diesem Zeug, während die Staatsbehörde erst den „Nachhall“ dieser erstaunlichen Bewegung durch die Konfiskation der Druckschriften und Briefe der Angeklagten kennen lernt!

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Karl Marx Drigalskis Prozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 175, 22. Dezember 1848

* K ö l n, 21. Dezember. Heute war abermals Dr. Marx wegen angeb˙ ˙ des ˙ ˙ ˙ „Bürgers und Kommunisten“ Hrn. Drigalski vor licher Verläumdung den Instruktionsrichter geladen. Der wie vielste Preßprozeß gegen die „N. Rh. Z.“ dieser neue ist, läßt sich bei der Menge derselben schwer bestimmen. Wir bedauern übrigens, daß Herr Drigalski uns so verkannt hat. Unsern Artikeln über ihn hat er’s allein beizumessen, wenn ihm ein Stückchen europäischer Berühmtheit zu Theil wird. Welch’ schwarzer Undank, Herr „Bürger und Kommunist“ Drigalski!! Ein Zeichen, daß die Zeiten immer verderbter werden, wenn selbst aus einem königlich-preußisch-kommunistischen Herzen die Erkenntlichkeit für geleistete Dienste entflohen ist.

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Karl Marx Notiz über das Verbot eines Fackelzuges für Andreas Gottschalk. Entwurf

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Eine Deputation des Arbeitervereins verfügte sich Freitag 10 Uhr (23. Dez.) zum Polizei-Direktor Geiger, um die Erlaubniß zu einem Fackelzuge für Gottschalk einzunehmen. Geiger erklärte, er könne dies nicht gestatten, „es wäre nicht erlaubt“. Eine andere Deputation verfügte sich dann zum Commandanten Engels. Er ließ die Namen fragen der ihn sprechenwollenden. Beckhausen und ˙˙ noch Einer kamen herein, erklärten, sie kämen von der Polizeidirektion, ˙ ˙ die Abhaltung des Fackelzugs sei daselbst verweigert worden. Sie wollten ihn nun bitten –˙ ˙ Engels war schon vorbereitet; es war noch [von] keinem Namen für wen u. zu welchem Fackelzug der Fackelzug die Rede; er unterbrach: „Die Behörde hat die Männer verhaften lassen u. s. w. z w a r sind sie von den Geschworenen freigesprochen worden; weil die Behörde sie aber mal verhaften lassen, kann sie den Fackelzug jezt nicht erlauben.“ Auch ein Ständchen mit Musik wolle er „unter keiner Bedingung“ erlauben.

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Karl Marx Die preußische Kontrerevolution und der preußische Richterstand

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 177, 24. Dezember 1848

* K ö l n . Die Hauptfrucht der revolutionären Bewegung von 1848 ist nicht das, was die Völker gewonnen, sondern das, was sie verloren haben – der Verlust ihrer Illusionen. Juni, November, Dezember des Jahres 1848, das sind die Riesenmeilenzeiger der Entzauberung und Entnüchterung des europäischen Volksverstandes. Unter den letzten Illusionen, die das deutsche Volk gefesselt halten, steht obenan sein Aberglaube an den Richterstand. Der prosaische Nordwind der preußischen Contrerevolution knickt auch diese Blume der Volksphantasie, deren wahres Mutterland Italien ist – das ewige Rom. Die Thaten und Erklärungen des Rheinischen Kassationshofes, des Obertribunals von Berlin, der Oberlandesgerichte von Münster, Bromberg, Ratibor gegen Esser, Waldeck, Temme, Kirchmann, Gierke beweisen noch einmal, daß der französische Convent der Leuchtthurm aller revolutionären Epochen ist und bleibt. Er inaugurirte die Revolution, indem er durch ein Dekret alle Beamten absetzte. Auch die Richter sind nichts als Beamte, wovon die obengenannten Gerichte vor ganz Europa Zeugniß ablegen. Türkische Kadis und chinesische Mandarinen-Collegien können getrost die jüngsten Erlasse jener „hohen“ Gerichtshöfe gegen ihre Collegen kontrasigniren. Unsere Leser kennen schon die Erlasse des Obertribunals von Berlin und des Oberlandesgerichts von Ratibor. Für heute haben wir es mit dem Oberlandesgerichte von Münster zu thun. Doch vorher noch einige Worte über den zu Berlin residirenden Rheinischen Kassationshof, den summus pontifex der rheinischen Jurisprudenz.

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Die rheinischen Juristen hatten bekanntlich (mit einigen wenigen rühmlichen Ausnahmen) nichts Eiligeres in der preußischen Vereinbarerversammlung zu thun, als die preußische Regierung von ihren alten Vorurtheilen und ihrem alten Groll zu heilen. Sie bewiesen ihr thatsächlich, daß ihre ehemalige Opposition kaum so viel bedeute, als die Opposition der französischen Parlamente vor 1789 – die eigensinnige und liberal sich aufspreizende Geltendmachung von Zunftinteressen. Wie in der französischen Nationalversammlung von 1789 die liberalen Parlamentsglieder, so waren in der preußischen von 1848 die liberalen rheinischen Juristen die Bravsten der Braven in der Armee des Servilismus. Die rheinpreußischen Parkets beschämten die altpreußischen Inquisitionsrichter durch ihren „politischen Fanatismus“. Die rheinischen Juristen mußten natürlich auch nach der Auflösung der Vereinbarerversammlung ihren Ruf behaupten. Die Lorbeern des altpreußischen Obertribunals ließen den rheinpreußischen Kassationshof nicht schlafen. Sein Chefpräsident Sethe erließ ein ähnliches Schreiben an den Oberrevisionsrath Esser (nicht zu verwechseln mit den „gutgesinnten“ Kölnischen „Essern“), wie der Präsident des Obertribunals Mühler an den geheimen Obertribunalrath Waldeck. Aber der rheinpreußische Hof wußte den altpreußischen zu überbieten. Der Präsident des rheinischen Kassationshofs spielte Trumpf gegen seinen Konkurrenten aus, indem er die perfide Unart beging, den Brief an Herrn Esser dem Berliner Publikum in der „Deutschen Reform“ mitzutheilen, bevor er ihn dem Herrn Esser selbst mitgetheilt hatte. Wir sind überzeugt, daß die gesammte Rheinprovinz durch eine Monsteradresse an unsern greisen würdigen Landsmann, Herrn Esser, auf den Brief des Herrn Sethe antworten wird. Nicht etwas ist faul im „Staate Dänemark“, sondern Alles. Jetzt nach Münster! Unsere Leser haben schon gehört von dem Proteste des Oberlandesgerichts zu Münster gegen den Wiedereintritt seines Direktors Temme. Die Sache hängt zusammen wie folgt: Das Ministerium der Contrerevolution hatte, direkt oder indirekt, dem Geheimen Obertribunale, dem Rheinischen Kassationshofe und den Oberlandesgerichten in Bromberg, Ratibor und Münster insinuirt, der König sähe ungern, wenn Waldeck, Esser, Gierke, Kirchmann und Temme, weil sie in Berlin fortgetagt und an dem Beschlusse der Steuerverweigerung Theil genommen hätten, auf ihre hohen Richterposten zurückkehrten. Sie möchten daher dagegen protestiren. Die hohen Gerichtshöfe (im ersten Momente schwankte der rheinische Kassationshof, große Künstler erringen ihre Erfolge, nicht, indem sie zuerst, sondern indem sie zuletzt auftreten) gingen sämmtlich auf diese

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Zumuthung ein und schickten Proteste, von und nach Berlin. Das Oberlandesgericht von Münster war dumm genug, sich unmittelbar an den König (den sogenannten konstitutionellen König) zu wenden, mit einem Proteste gegen Temme, worin es wörtlich heißt: „Daß er durch Theilnahme an den ungesetzlichen Sitzungen einer Fraktion der vertagten Nationalversammlung sich in offenbare Auflehnung gegen Sr. Majestät Regierung gesetzt, und durch Mitstimmung für den Antrag auf Steuerverweigerung den Boden der Revolution betreten und den Feuerbrand der Anarchie in das Vaterland zu schleudern gesucht hätte“, und worin dann fortgefahren wird: „Es widerspricht unserem Rechtsgefühle, den Anforderungen des Publikums an die Integrität des Direktors eines Landesjustizcollegii, den Verpflichtungen desselben hinsichtlich der Ausbildung der angehenden Justizbeamten und seiner Stellung zu den Untergerichtsbeamten, daß nach solchen Vorgängen der etc. Temme in seiner amtlichen Stellung zu dem hiesigen Collegio verbleibt. Ew. Majestät fühlen wir uns daher in unserm Gewissen gedrungen, den dringenden Wunsch, uns außer amtlicher Beziehung zu dem Direktor Temme gesetzt zu sehen, allerunterthänigst auszusprechen.“ Die Adresse ist unterzeichnet von dem ganzen Kollegium, mit Ausnahme eines einzigen Rathes, eines Schwagers des Justizministers Rintelen. Dieser Justizminister hat am 18. Dezember Hrn. Temme eine Abschrift ˙ ˙ nach ˙ ˙ ˙ Münster geschickt, nachdieser Adresse „zu seiner Entschließung“ dem Temme sein Amt hier schon, ohne Widerspruch der Feiglinge, wieder angetreten hatte. Am Morgen des 19. Dezembers erschien nun Temme, wie die Düsseldorfer Zeitung berichtet, „zum erstenmale in der Plenarsitzung des Oberlandesgerichts und nahm seinen Sitz als Direktor neben dem stellvertretenden Chefpräsidenten v. Olfers ein. Gleich nach Beginn der Sitzung erbat er sich das Wort und trug in Kurzem ungefähr Folgendes vor: Er habe ein Reskript vom Justizminister mit einer abschriftlichen Anlage erhalten. Diese Anlage enthalte eine Eingabe des ,hohen Collegii‘, dem er jetzt anzugehören die Ehre habe, worin gegen sein Wiedereintreten in seine Stellung Protest eingelegt werde. Der Justizminister habe ihm diese Eingabe zur Einsicht und ,um seine Entschließung danach zu nehmen‘, mitgetheilt. Der Protest des ,hohen Collegii‘ finde seinen Grund offenbar in seiner politischen Wirksamkeit; von dieser aber, wie überhaupt von seinen politischen Ansichten wolle er hier nicht reden, da er dieselbe dem ,hohen Collegio‘ gegenüber nicht zu vertreten habe. Was nun ferner seine

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,Entschließung‘ angehe, so habe er dieselbe schon dadurch bethätigt, daß er seinen Sitz als Direktor hier eingenommen und er gebe dem ,hohen Collegio‘ die Versicherung, daß er denselben nicht räumen werde, bis er durch Urtheil und Recht dazu gezwungen werde. Uebrigens sei es nicht gemeint, daß durch die Verschiedenheit politischer Ansichten das kollegialische Verhältniß gestört sein müsse; von seiner Seite wenigstens solle das möglichst vermieden werden.“ Die Braven der Braven waren wie vom Donnerschlage gerührt. Sie saßen da, stumm, regungslos, versteinert, als wäre das Haupt der Meduse in das Mandarinencollegium hineingeschleudert worden. Das brave Oberlandesgericht zu Münster! In seinem Diensteifer hat es eine Menge Leute zur Untersuchung gezogen und zur Haft bringen lassen, weil sie den Beschluß der Nationalversammlung über die Steuerverweigerung zur Ausführung bringen wollten. Durch seinen Ausspruch über Herrn Temme sogar unmittelbar an den Stufen des Thrones, hat sich nun das brave Oberlandesgericht als – Partei konstituirt, ein Vorurtheil gefällt und kann so unmöglich mehr der andern Partei gegenüber die Richterrolle spielen. Man erinnert sich, daß der Zwang, den der Berliner Pöbel angeblich der preußischen Nationalversammlung anthat, den Vorwand zu dem ersten Staatsstreiche des Ministeriums Brandenburg abgeben mußte. Um den Deputirten keinen Zwang anzuthun, setzt es die in Berlin begonnene „wilde Jagd“ auf sie fort noch nachträglich nach der Rückkehr der Deputirten in ihre Wohnsitze! Der Justizminister Rintelen sagt in seinem, weiter unten von uns abgedruckten Erlasse: „Der von Vielen absichtlich genährte Wahn, daß die bisherigen Strafgesetze, namentlich bei Verbrechen gegen den Staat, seit dem März d. J. nicht mehr gültig seien, hat viel dazu beigetragen, die Anarchie zu vermehren, und vielleicht auch einen gefährlichen Einfluß bei einzelnen Gerichten erhalten.“ Die meisten Thaten des Herrn Rintelen und der ihm infeodirten Gerichtshöfe beweisen auf’s neue, daß in Preußen seit der gewaltsamen Auflösung der Nationalversammlung nur noch ein Gesetz gilt, die Willkühr der Berliner Kamarilla. Am 30. März 1844 hatte die preußische Regierung das berüchtigte Disziplinargesetz gegen die Richter erlassen, wonach dieselben durch einen bloßen Beschluß des Staatsministeriums ihrer Stellen entsetzt, versetzt oder pensionirt werden konnten. Der letzte „vereinigte Landtag“ hob dies Gesetz wieder auf und machte den Grundsatz wieder geltend, daß die Richter nur durch Urtheil und Recht abgesetzt, versetzt oder pensio-

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nirt werden können. Die oktroyirte Verfassung bestätigt dies Prinzip. Werden diese Gesetze nicht mit Füßen getreten durch die Gerichtshöfe, die nach Recept des Justizministers Rintelen, ihre politisch kompromittirten Kollegen durch moralischen Zwang zur Niederlegung ihres Amts hintreiben wollen? Verwandeln sich diese Gerichtshöfe nicht in Offizierkorps, die jedes Mitglied herauswerfen, dessen politische Ansicht ihrer königlich-preußischen „Ehre“ nicht zusagt? Und existirt nicht auch ein Gesetz über die Unverantwortlichkeit und Unverletzlichkeit der Volksrepräsentanten? Rauch und Schall! Wenn die preußische Verfassung nicht schon durch ihre eigenen Paragraphen und durch die Weise ihrer Entstehung sich selbst annullirte, sie würde annullirt durch die einfache Thatsache, daß das Obertribunal von Berlin ihr letzter Garant ist. Die Verfassung wird gewährleistet durch die Verantwortlichkeit der Minister, und die Unverantwortlichkeit der Minister wird gewährleistet durch den ihnen oktroyirten Gerichtshof, der kein andrer ist als das Obertribunal zu Berlin, das in Herrn Mühler seinen klassischen Repräsentanten findet. Die jüngsten Rescripte des Obertribunals sind also nichts mehr und nichts weniger als die augenkundige – Kassation der oktroyirten Verfassung. In Oestreich überzeugt sich die Bourgeoisie durch die direkten Brandschatzdrohungen der Regierung gegen die Bank, die vom Wiener Volk in den Augenblicken seiner größten und gerechtesten Erbitterung gegen die Finanzfeudalität unangetastet blieb, daß ihr Verrath gegen das Proletariat preisgab, was eben dieser Verrath sicher zu stellen meinte – das bürgerliche Eigenthum. In Preußen sieht die Bourgeoisie durch ihr feiges Zutrauen zu der Regierung und ihr verrätherisches Mißtrauen gegen das Volk die unentbehrliche Garantie des bürgerlichen Eigenthums bedroht – die bürgerliche Rechtspflege. Mit der Abhängigkeit des Richterstandes wird die bürgerliche Rechtspflege selbst abhängig von der Regierung; d. h. das bürgerliche Recht selbst macht der Beamtenwillkühr Platz. La Bourgeoisie sera punie par ou` elle a pe´che´ – die Bourgeoisie wird gestraft, wodurch sie gesündigt hat – durch die Regierung. Daß die servilen Erklärungen der höchsten preußischen Gerichtshöfe nur die ersten Symptome der bevorstehenden absolutistischen Umwandlung der Gerichtshöfe sind, dafür zeugt folgender neueste Erlaß des Justizministeriums: „Durch die allgemeine Verfügung vom 8. Oktober d. J. hat bereits mein Amtsvorgänger daran erinnert, daß es vorzugsweise die Aufgabe der Justiz-Behörden ist, die Achtung und Wirksamkeit des Gesetzes auf-

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recht zu erhalten, daß sie durch Erfüllung dieser Aufgabe dem Lande am besten dienen, weil die wahre Freiheit nur auf dem Boden des Gesetzes gedeihen kann. Seitdem sind leider an vielen Orten die schwersten Ausbrüche eines anarchischen, den Gesetzen und der Ordnung Hohn sprechenden Treibens vorgekommen; es haben sogar in einzelnen Theilen des Landes gewaltsame Auflehnungen gegen die Obrigkeit stattgefunden, welchen nicht überall mit Energie begegnet worden ist. Angesichts einer so bedauernswerthen Lage der Verhältnisse wende ich mich jetzt, wo die Regierung Sr. Majestät des Königs einen entscheidenden Schritt gethan hat, um den dem Abgrunde zugedrängten Staat zu retten, jetzt wende ich mich von neuem an die Justiz-Behörden und die Herren Staats-Anwälte des ganzen Landes, um sie aufzufordern, überall und ohne Ansehen der Person ihre Pflicht zu thun. Wer auch der Schuldige sein möge, er darf der auf dem schleunigsten Wege herbeizuführenden gesetzlichen Bestrafung nicht entgehen. Mit besonders tiefem Bedauern habe ich sowohl aus einzelnen Berichten der Landes-Behörden, als aus öffentlichen Blättern ersehen müssen, daß auch einzelne Beamte der Justiz, uneingedenk ihrer besonderen Berufspflichten, theils sich haben hinreißen lassen, offenbar gesetzwidrige Handlungen zu begehen, theils nicht den Muth und die Unerschrockenheit gezeigt haben, womit allein dem Terrorismus mit Erfolg entgegenzutreten war. Ich erwarte, daß auch in Bezug auf jene mit Feststellung des Thatbestandes, und eventuell mit Einleitung der Untersuchung, eingeschritten werde, ohne Nachsicht und mit ernster Beschleunigung, denn die Beamten der Gerechtigkeitspflege, welchen die Wahrung des Ansehens der Gesetze anvertraut ist, haben durch die eigene Verletzung des Gesetzes doppelt gefehlt; die Beschleunigung des Verfahrens gegen sie ist aber besonders nothwendig, weil in den Händen solcher Beamten die Handhabung des Rechts nicht verbleiben darf. Befinden sich unter den Schuldigen Beamte, gegen welche nach Maßgabe der bestehenden Vorschriften eine förmliche Untersuchung oder die in Fällen dieser Art jedesmal in pflichtmäßige Erwägung zu nehmende Amts-Suspension nicht ohne höhere Genehmigung verhängt werden darf, so ist mit Ermittelung der Umstände behufs der Begründung der Untersuchung ohne spezielle Anweisung vorzugehen und demnächst die erforderliche Genehmigung schleunigst einzuholen. Hinsichtlich der Referendarien und Auskultatoren ist nicht außer Acht zu lassen, daß in Betreff ihrer Entlassung aus dem Staatsdienste besondere Vorschriften bestehen. Der von Vielen absichtlich genährte Wahn: daß die bisherigen Strafgesetze, namentlich bei Verbrechen gegen den Staat, seit dem März d. J. nicht mehr gültig seien,

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hat viel dazu beigetragen, die Anarchie zu vermehren, und vielleicht auch einen gefährlichen Einfluß bei einzelnen Gerichten erhalten. Es bedarf bei dem trefflichen Geiste der preußischen Justiz-Beamten, welcher sich im Ganzen auch jetzt bewährt hat, nur der Hinweisung auf den bekannten Rechtsgrundsatz, daß Gesetze so lange ihre Kraft behalten, bis sie im Wege der Gesetzgebung aufgehoben oder abgeändert sind, so wie auf die ausdrückliche Bestimmung des Artikels 108 der VerfassungsUrkunde vom 5. d. M., um gewiß zu sein, daß die ehrenwerthen preußischen Justiz-Beamten, bei allem Interesse für die wahre, sittliche und staatliche Freiheit, das Ansehen der Gesetze und die Ordnung über Alles stellen werden. Mit diesen Grundsätzen und mit Verachtung aller persönlichen Gefahren wollen wir voranschreiten in der Zuversicht des Sieges über das Verbrechen, über die Anarchie. Gerade dadurch werden wir auf das wesentlichste beitragen, daß der früher so glänzende preußische Staat sich wieder in seiner sittlichen Stärke zeigen und nicht länger dulden werde, um mit einem wackeren Abgeordneten zu Frankfurt zu sprechen, daß noch ferner Ruchlosigkeit und rohe Gewalt unter uns ihr Wesen treiben. Die Herren Präsidenten der Gerichte so wie der Herr General-Prokurator zu Köln, mögen hiernach das Erforderliche an die Beamten ihres Ressorts veranlassen und mich davon in Kenntniß setzen, gegen welche Beamte und wegen welcher Vergehen Suspensionen und Untersuchungen eingeleitet worden sind. Berlin, den 8. Dezember 1848. Der Justiz-Minister Rintelen. Wenn die Revolution in Preußen einst siegt, so wird sie nicht nöthig haben, wie die Februarrevolution die Unabsetzbarkeit des alten Richterstandes durch ein eignes Dekret zu beseitigen. Sie findet die urkundliche Verzichtleistung dieser Kaste auf ihr Privilegium vor in den authentischen Erklärungen des rheinischen Kassationshofes, des Obertribunals zu Berlin, der Oberlandesgerichte von Bromberg, Ratibor und Münster.

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Friedrich Engels Die Maßregeln gegen deutsche Flüchtlinge – Die Truppen aus Tessin zurück – Die Patriziergemeinde

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** B e r n, 24. December. Die neuen Maßregeln des Bundesraths, die so ˙˙ ˙ sehr vom Reich anerkannt werden, bestehen nicht blos in dem Cirkular und der Steiger’schen Inspektionsreise, sie bestehen namentlich in der Ausweisung dreier höchst ungefährlicher Flüchtlinge aus der Schweiz, die eine höchst unschuldige, blos referirende Broschüre über den letzten badischen Aufstand veröffentlicht haben; ferner in dem Einschreiten gegen die Zeitschrift: „Die Revolution“ und den sogenannte „Wehrbund hilf ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ Dir“. Der Freischaaren-Chef J. Ph. Becker in Biel, seit einem Jahr Berner Kantonsbürger, trat an die Spitze einer militärischen Verbindung unter obigem Namen, die den Zweck haben sollte, alle in der Schweiz anwesenden deutschen Freischärler in eine deutsche Legion zu organisiren. Die Sache sieht gefährlich aus, war es aber durchaus nicht. Die Legion existirte nur auf dem Papier; von Bewaffnung war keine Rede; von Einübung noch weniger. Sie hatte nur den Zweck, fernere übereilte und planlose Freischaarenzüge zu verhindern, und da alle Freischaarenzüge nothwendig übereilt und planlos sind (Beweis die zwei Luzerner, die zwei badischen und der von Val d’Intelvi), so mußte der „Wehrbund“ dahin führen, daß er alle Freischaarenzüge überhaupt verhinderte. Darum war es aber weder der badischen noch der schweizer Regierung zu thun, und da die Chefs der Verbindung durch allerlei liebgewordene Reminiscenzen an alles geheime Verbindungswesen, so wie durch mehr oder weniger renommistisches Auftreten der Regierung Vorwand zum Einschreiten gaben, da ferner der ganze Plan unter das bernische Freischaarengesetz fällt, so war die beste Gelegenheit vorhanden, hier eine tiefgehende Verschwörung und Vorbereitungen zu einem baldigen neuen Einfall nach Baden zu sehen. Dazu kam noch die Unklugheit Becker’s, seine Wochenschrift, die „Revolution“, auf dem Titel als „Organ des demokratischen

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Wehrbundes hilf Dir“ anzukündigen. Genug, Hr. Ochsenbein, der zufällig oder absichtlich nach Biel kam, veranlaßte das Einschreiten der öffentlichen Gewalt. Die Probenummer der „Revolution“ wurde saisirt, einer der Redakteure, Michel, aus dem Kanton verwiesen, und bei Becker Haussuchung gehalten. Nachher besann man sich. Der Eingriff in die Preßfreiheit war zu provozirend. Die Beschlagnahme wurde wieder aufgehoben und die Revolution wird forterscheinen; doch ist die gerichtliche Untersuchung gegen Becker eingeleitet und mit dem Wehrbund hilf Dir wird es wohl aus sein. Der deutsche Reichsphilister kann wieder ruhig schlafen. In Tessin sind sämmtliche Truppen entlassen. Wie sehr die Tessiner von den Ostschweizern verläumdet worden, geht aus dem vortrefflichen Einvernehmen hervor, in dem das hingesandte Berner Bataillon mit der Bevölkerung lebte. Es ist freilich auch wahr, daß dies Bataillon damit anfing, ganz anders aufzutreten als die Züricher und Appenzeller. Bei einem dem Offiziercorps gegebenen Festessen erklärte der Berner Oberst Seiler die Neutralität für ein nothwendiges Uebel und wünschte die Zeit herbei, wo die Schweiz, von dieser Fessel frei, in den Reihen der andern Völker für die Freiheit mitkämpfen könne. Das Bataillon schoß den Sold eines Tages als Beitrag für die italienischen Flüchtlinge zusammen. Hätten die Herren Züricher und Appenzeller so gehandelt, statt eine gehässige Gendarmenpolizei mit Vergnügen zu üben und mit östreichischen Offizieren zu schmolliren, so würden ihnen die Tessiner ganz anders entgegengekommen sein. Vor einigen Tagen war hier in Bern eine höchst erheiternde Spießbürgerversammlung. Die Einwohnergemeinde trat zusammen, um sich zu erklären, ob sie die Lasten des Bundessitzes übernehmen wolle. Die Patrizier, in der letzten Bürgergemeinde geschlagen, den wirklichen Eintritt der Vermögensauseinandersetzung zwischen Bürgerschaft und Einwohnern vor Augen sehend, wollte hier ihre Revange nehmen. Mit der wirklichen Abtretung des Einwohner-Gemeindevermögens machten sie so die Stadt unabhängig vom Patriziat, verloren eine Masse einträglicher Stellen und die Hauptstütze ihres überwiegenden Einflusses im Gemeinderath, von dem bedeutenden direkten Geldverlust nicht zu sprechen. Sie boten also alle ihre Intriguen auf, um – den Bundessitz von Bern wieder zu verlegen! Sie erklärten, die Lasten des Bundessitzes seien so unbestimmt angegeben, daß man dabei vom Bundesrath schmälich über’s Ohr gehauen zu werden riskire; ferner müsse der Staat, und nicht die Stadt, den größten Theil der Kosten tragen, und unter diesen Vorwänden schlugen sie vor, knickerige 300 000 Franken zu bewilligen, mehr aber nicht. Das ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ aber unbedingte Annahme der BeGesetz über den Bundessitz verlangt

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dingungen binnen einem Monat, und der Monat läuft am 28. ab. Die Annahme des Patriziervorschlages kam also der Ablehnung des Bundessitzes gleich. Die plausiblen Sparsamkeits- und Sicherstellungsvorschläge der Patrizier fanden bei den Berner Philistern ungeheuren Anklang, so daß die Radikalen, die a` tout prix den Bundessitz behalten wollten, fast verzweifelten ihre Sache durchzusetzen. Den ganzen Tag wurde diskutirt und erst Abends brachten die Radikalen 419 Stimmen zusammen, die gegen 314 die unbedingte Annahme der von der Bundesversammlung gestellten Verpflichtungen beschlossen. Da haben Sie ein Beispiel von der knickerigen Krähwinkelei, die selbst in der Hauptstadt der Schweiz das große Wort zu führen wagen darf!

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 184, 1. Januar 1849

* K ö l n, 31. Dezember. Nie wurde eine revolutionäre Bewegung mit so ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ eröffnet, wie die revolutionäre Bewegung von erbaulicher Ouvertüre 1848. Der Papst segnete sie kirchlich ein, Lamartine’s Aeolsharfe erzitterte unter weichklingend philanthropischen Weisen, deren Text die Fraternite´, die Verbrüderung der Gesellschaftsglieder und der Nationen, war. „Seid umschlungen Millionen, Diesen Kuß der ganzen Welt!“ In diesem Augenblicke sitzt der Papst zu Gae¨ta, aus Rom vertrieben, unter dem Schutze des tiegeridioten Ferdinand, der „Iniciatore“ Italiens, gegen Italien mit dessen angestammtem Todfeinde, mit Oestreich intriguirend, das er in seiner glücklichen Periode mit dem Banne bedroht hatte. Die letzte französische Präsidentenwahl lieferte zu Lamartine’s, des Verräthers, Unpopularität die statistischen Tabellen. Nichts menschenfreundlicher humaner, schwächer als die Februar- und Märzrevolutionen, nichts brutaler als die nothwendigen Folgen dieser Humanität der Schwäche. Zeugen: Italien, Polen, Deutschland und vor allem die Besiegten des Juni. Mit der Niederlage der französischen Arbeiter im Juni wurden indeß die Sieger des Juni selbst besiegt. Ledru-Rollin und die andern Männer des Bergs wurden von der Partei der Bourgeoisrepublikaner, von der Partei des National verdrängt; die Partei des National von der dynastischen Opposition, Thiers-Barrot und diese selbst würde den Legitimisten weichen müssen, wenn nicht der Kreislauf der drei Restaurationen erschöpft und Louis Napoleon mehr als eine hohle Urne wäre, worin die französischen Bauern ihren Eintritt in die revolutionär-soziale Bewegung und die französischen Arbeiter ihre Verdammungsvota gegen alle Führer der durchgemachten Epochen, Thiers-Barrot, Lamartine und CavaignacMarrast niedergelegt hätten. Aber notiren wir die Thatsache, daß die

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Niederlage der revolutionären französischen Arbeiterklasse die Niederlage der republikanischen französischen Bourgeoisie, der sie eben erlegen war, als unvermeidliche Folge nach sich zog. Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig die neue Knebelung der Nationalitäten, die das Krähen des gallischen Hahns mit heroischen Emanzipationsversuchen beantwortet hatten. Polen, Italien und Irland wurden noch einmal von preußischen, östreichischen und englischen Sbirren gebrandschatzt, geschändet, gemeuchelmordet. Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig die Niederlage der Mittelklassen in allen europäischen Ländern, wo die Mittelklassen, einen Augenblick mit dem Volke vereint, das Krähn des gallischen Hahns mit blutiger Schilderhebung gegen den Feudalismus beantwortet hatten. Neapel, Wien, Berlin! Die Niederlage der Arbeiterklasse in Frankreich, der Sieg der französischen Bourgeoisie war gleichzeitig der Sieg des Ostens über den Westen, die Niederlage der Civilisation unter der Barbarei. In der Walachei begann die Unterdrückung der Romanen durch die Russen und ihre Werkzeuge, die Türken; in Wien erwürgten Kroaten, Panduren, Czechen, Sereczaner und ähnliches Lumpengesindel die germanische Freiheit, und in diesem Augenblicke ist der Czar allgegenwärtig in Europa. Der Sturz der Bourgeoisie in Frankreich, der Triumph der französischen Arbeiterklasse, die Emancipation der Arbeiterklasse überhaupt, ist also das Losungswort der europäischen Befreiung. Das Land aber, das ganze Nationen in seine Proletarier verwandelt, das mit seinen Riesenarmen die ganze Welt umspannt hält, das mit seinem Gelde schon einmal die Kosten der europäischen Restauration bestritten hat, in dessen eigenem Schooße die Klassengegensätze sich zur ausgeprägtesten, schamlosesten Form fortgetrieben haben – England scheint der Fels, an dem die Revolutionswogen scheitern, das die neue Gesellschaft schon im Mutterschooße aushungert. England beherrscht den Weltmarkt. Eine Umwälzung der national-ökonomischen Verhältnisse in jedem Lande des europäischen Continents, auf dem gesammten europäischen Continente ohne England, ist der Sturm in einem Glase Wasser. Die Verhältnisse der Industrie und des Handels innerhalb jeder Nation sind beherrscht durch ihren Verkehr mit andern Nationen, sind bedingt durch ihr Verhältniß zum Weltmarkt. England aber beherrscht den Weltmarkt und die Bourgeoisie beherrscht England. Die Befreiung Europas, sei es die Erhebung der unterdrückten Nationalitäten zur Unabhängigkeit, sei es der Sturz des feudalen Absolutismus, sind also bedingt durch die siegreiche Erhebung der französischen Arbeiterklasse. Aber jede französisch-sociale Umwälzung scheitert noth-

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wendig an der englischen Bourgeoisie, an der industriellen und commerciellen Weltherrschaft Großbritanniens. Jede partielle sociale Reform in Frankreich und auf dem europäischen Continente überhaupt, ist und bleibt, so weit sie definitiv sein soll, ein hohler frommer Wunsch. Und das alte England wird nur gestürzt durch einen Weltkrieg, der allein der Chartistenpartei, der organisirten englischen Arbeiterpartei, die Bedingungen zu einer erfolgreichen Erhebung gegen ihre riesenhaften Unterdrücker bieten kann. Die Chartisten an der Spitze der englischen Regierung – erst mit diesem Augenblicke tritt die sociale Revolution aus dem Reiche der Utopie in das Reich der Wirklichkeit. Jeder europäische Krieg aber, worin England verwickelt wird, ist ein Weltkrieg. Er wird geführt in Canada wie in Italien, in Ostindien wie in Preußen, in Afrika wie an der Donau. Und der europäische Krieg ist die erste Folge der siegreichen Arbeiterrevolution in Frankreich. England wird wie zu Napole´on’s Zeit an der Spitze der contrerevolutionären Armeen stehen, aber durch den Krieg selbst an die Spitze der revolutionären Bewegung geworfen werden und seine Schuld gegen die Revolution des 18ten Jahrhunderts einlösen. Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklass e , We l t k r i e g – das ist die Inhaltsanzeige des Jahres 1849.

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Friedrich Engels Schweizerisch-Italienisches

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 185, 3. Januar 1849. Beilage

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** B e r n, 28. Dezember. Kaum sind die schweizer Truppen von der lom˙ ˙zurückgezogen, ˙ ˙˙ bardischen Gränze so fangen Radetzki’s Schikanen von neuem an. Er schreibt an die eidgenössischen Repräsentanten in Tessin, es finde ein beunruhigender Waffenhandel an der Gränze Statt, und die eidgenössischen Repräsentanten bereden die tessiner Regierung, ihre Zu˙ ˙ ˙˙˙ zu ˙ ˙ ˙ ˙mehreren Haussuchungen in Mendrisio zu geben. Man stimmung fand und konfiszirte einige Flinten. Wie man diese Verletzung des Hausrechts und Beschlagnahme fremden Eigenthums rechtfertigen will, ist nicht abzusehen. Es ist nur zu verwundern, daß die tessiner Regierung sich dazu hergegeben. Die neapolitanischen Werbungen in Luzern und den Urkantonen scheinen nun doch zu nichts zu führen. Nicht als ob sich nicht eine genügende Anzahl biederer Alpensöhne gefunden, die ihre Haut für baares Geld zu verhandeln und im Solde Ferdinand’s Kroatendienste zu thun Lust gehabt hätten; im Gegentheil! Aber die Sache scheitert an der Unmöglichkeit, von der Schweiz nach Neapel zu kommen. Kapitulationsmäßig müssen die Rekruten über Genua geführt werden und die Turiner Regierung verweigerte den Durchzug. Es heißt nun, die Rekruten sollten nach Triest gebracht und dort eingeschifft werden. Diese Nachricht hat unter den Angeworbenen großen Schrecken verursacht. Nach Oestreich wollen sie nicht. Sie fürchten unter die echten Kroaten gesteckt und gegen die Magyaren geführt zu werden und petitioniren jetzt beim Luzerner Regierungsrath, daß man auf der Genueser Route bestehe. Sonderbar. Als ob es diesen Leibtrabanten der Contrerevolution nicht gleichgültig sein könnte, ob sie Magyaren oder Messineser massakriren! Aber freilich, östreichische Papierzwanziger und neapolitanische vollwichtige Dukaten, das ist ein Unterschied!

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Uebrigens scheint die Luzerner Regierung der Berner nachfolgen und die Kapitulation so lange suspendiren zu wollen, bis die Schweizer Kaufleute in Neapel und Messina entschädigt sind. Wenigstens hat sie sich beim Bundesrath erkundigt, wie es mit dieser Entschädigung stehe. Es bleiben dann nur noch die Urkantonen, und diese werden sich das Recht jedes Bürgers sich zu verschachern, so lange nicht nehmen lassen, als die Bundesverfassung es ihnen verstattet, d. h. so lange, als die gegenwärtigen Kapitulationen noch zu laufen haben. Dies Recht der Selbstverschacherung ist eines der schönsten und ältesten Privilegien der freien Urschweizer, und wenn diese tapferen „Erstgebornen der Freiheit“ versuchten, „ihre fünfhundertjährigen Rechte“ gegen die neue Bundesverfassung zu verwahren, so war es vor allem auf dies spezielle Recht abgesehen, das die neue Bundesverfassung abschafft. Die Militärkapitulationen sind wirklich eine Lebensfrage für die Urkantonen. Seit fünfhundert Jahren waren sie der Abzugskanal für die überzählige Bevölkerung, und daher die beste Garantie der bestehenden barbarischen Zustände. Man schaffe die Kapitulationen ab, und man wird eine wahre Revolution in diesen s. g. „reinen“ d. h. in der Praxis höchst unsaubern Demokratieen hervorrufen. Die jüngeren Söhne der Bauern, die jetzt nach Neapel und Rom gehen, müssen zu Hause bleiben; sie werden keine Beschäftigung finden, weder in ihren eigenen Kantonen noch in der übrigen Schweiz, die schon hinreichend an „Ueberzähligen“ laborirt; sie werden eine neue Klasse von Bauernproletariern bilden, die durch ihre bloße Existenz alle die alten, auf tausendjährigem Herkommen beruhenden Eigenthums-, Erwerbsund Rechtsverhältnisse dieser Hirtenstämme in die größte Verwirrung bringen muß. Woher sollen diese sterilen Gebirgsländer die Mittel nehmen, die Paupers zu ernähren, die ihnen von allen Seiten her auf dem Schub an die Gränze zugeführt werden? Schon jetzt existirt der Kern einer solchen Klasse von Paupers, und bedroht den übererbten Patriarchalismus auf höchst unangenehme Weise. Selbst wenn also, was nicht zu erwarten steht, auch in den nächsten Jahren die europäische Revolution denselben Respekt vor der schweizerischen Neutralität beobachten sollte wie bisher, so bereitet sich doch durch den Artikel der neuen Bundesverfassung: die Militärkapitulationen sind untersagt, ein revolutionäres Ferment vor, das die ältesten und beharrlichsten Sitze der reaktionären Barbarei in Europa endlich in Grund und Boden umwälzen würde. Wie die Monarchieen, so auch die reaktionären Republiken zu Grunde an der pekuniären Schwindsucht gehen, an der „blassen Wehmuth der Finanznoth“.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 187, 5. Januar 1849

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* K ö l n, 4. Januar. Die öffentliche Mildthätigkeit hat bekanntlich in ˙˙ England, wo die˙ Herrschaft der Bourgeoisie am entwickeltsten ist, auch die edelsten und hochherzigsten Formen angenommen. Die englischen Work-houses – öffentliche Anstalten, worin die überzählige Arbeiterbevölkerung auf Kosten der bürgerlichen Gesellschaft fortvegetirt – verknüpfen in wahrhaft raffinirter Weise die Mildthätigkeit mit der Rache, welche die Bourgeoisie an den Elenden ausläßt, die gezwungen sind, an ihre Mildthätigkeit zu appelliren. Die armen Teufel werden nicht nur mit den elendesten, kümmerlichsten und kaum zur physischen Reproduktion ausreichenden Lebensmitteln gefüttert, auch ihre Thätigkeit wird auf eine ekelerregende, Geist und Körper abstumpfende, unproduktive Scheinarbeit beschränkt – z. B. Anspannung bei den Tretmühlen. Damit den Unglücklichen endlich die ganze Größe ihres Verbrechens klar wird, eines Verbrechens, das darin besteht, statt wie im gewöhnlichen Lebenslaufe ausbeutbare und Gewinn bringende Materie für die Bourgeoisie zu sein, vielmehr in kostende Materie für ihre gebornen Nießnutzer sich verwandelt zu haben, etwa wie auf dem Lager liegen gebliebene Fässer Spiritus zur kostenden Materie für den Spiritushändler werden; damit sie die ganze Größe dieses Verbrechens empfinden lernen, wird ihnen alles entzogen, was dem gemeinsten Verbrecher gelassen wird, Umgang mit Frau und Kind, Unterhaltung, Sprache – alles. Und selbst diese „grausame Mildthätigkeit“ der englischen Bourgeoisie beruht keineswegs auf schwärmenden, sondern auf sehr praktischen, ganz berechenbaren Gründen. Einerseits könnte die bürgerliche Ordnung und die Handelsthätigkeit auf eine beunruhigende Weise leiden, würden die Paupers von ganz Großbritannien plötzlich auf die Straße geschleudert. Andererseits bewegt sich die englische Industrie bald in Perioden fieberhafter Ueberproduktion, wo der Nachfrage nach Händen kaum zu entsprechen ist und die Hände

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doch so wohlfeil als möglich beschafft werden sollen, bald in Perioden der Handelserschlaffung, wo die Produktion der Konsumtion weit vorauseilt, und nur mit Mühe die Hälfte der Arbeiterarmee mit halber Löhnung nutzbar beschäftigt werden kann. Welch’ sinnreicheres Mittel als die workhouses, um eine Reservearmee für die günstigen Perioden bereit zu halten, und sie gleichzeitig während der ungünstigen Handelsperiode in diesen gottgefälligen Anstalten zur willen-, widerstands-, anspruchsund bedürfnißlosen Maschine heranzuzüchtigen? Die preußische Bourgeoisie zeichnet sich vor der englischen vortheilhaft aus, indem sie dem britischen politischen Hochmuth, der an heidnische Römerart erinnert, allerunterthänigstes Ersterben in christlicher De- und Wehmut vor Thron, Altar, Armee, Büreaukratie und Feudalismus entgegenhält; indem sie statt der kommerziellen Energie, die ganze Welttheile sich unterwirft, reichsbürgerlichen chinesischen Kleinkram treibt und den unruhigen gigantischen Erfindungsgeist in der Industrie durch biederbsittliches Festhalten an althergebrachtem halbzunftmäßigem Schlendrian beschämt. Aber in Einem Punkt nähert sich die preußische Bourgeoisie ihrem britischen Ideale, in der schaamlosen Mißhandlung der Arbeiterklasse. Wenn sie als Korporation im Großen und Ganzen betrachtet, auch hierin hinter den Briten zurückbleibt, so ist das einfach daraus zu erklären, daß sie im Großen und Ganzen, als nationale Klasse, aus Mangel an Muth, Verstand und Energie es überhaupt nie zu etwas gebracht hat und nie zu etwas Erklecklichem bringen wird. Sie existirt nicht in nationaler Weise, sie existirt nur provinzial, städtisch, lokal, privatim, und in diesen Formen tritt sie der Arbeiterklasse noch rücksichtsloser gegenüber, wie die englische Bourgeoisie. Warum sehnten sich die Völker seit der Restaurationsepoche nach Napole´on, den sie eben noch an einen einsamen Felsen im Mittelmeer angeschmiedet hatten? Weil die Despotie eines Genie’s erträglicher ist als die Despotie eines Idioten. So kann der englische Arbeiter dem deutschen gegenüber noch einen gewissen Nationalstolz geltend machen, denn der Herr, der ihn knebelt, knebelt die ganze Welt, während der Herr des deutschen Arbeiters, der deutsche Bourgeois, ein Allerweltsknecht ist und nichts fataler, demüthigender, als der Knecht eines Knechtes zu sein. Als historisches Dokument für den Cynismus unserer Bourgeoisie, der Arbeiterklasse gegenüber, veröffentlichen wir wörtlich die „Arbeiterkarte“, welche die bei städtischen Arbeiten beschäftigten Proletarier in der guten Stadt Köln unterzeichnen müssen. Arbeiterkarte § 1. Jeder Arbeiter hat den Anweisungen und Anordnungen sämmtlicher städtischer Aufsichtsbeamten, welche zugleich als Polizeibeamte ver-

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eidet sind, pünktlich Folge zu leisten. Unfolgsamkeit und Widersetzlichkeit ziehen sofortige Entlassung nach sich. § 2. Ohne besondere Erlaubniß des Bauaufsehers darf kein Arbeiter aus einer Abtheilung in eine andere übertreten oder die Baustelle verlassen. § 3. Arbeiter, welche Karren, Karrenbretter oder sonstige Geräthe aus einer andern Abtheilung entwenden, um solche zu ihrer Arbeit zu gebrauchen, werden entlassen. § 4. Trunkenheit, Ruhestörung, Anstiftung von Zank, Streit oder Schlägerei haben sofortige Entlassung aus der Arbeit zur Folge. – Außerdem tritt in den dazu geeigneten Fällen die gesetzliche Verfolgung der Schuldigen durch die kompetenten Gerichte. § 5. Wer zehn Minuten zu spät auf der Arbeitsstelle erscheint, erhält für den betreffenden halben Tag keine Arbeit; im dritten Wiederholungsfalle kann die gänzliche Ausschließung von der Arbeit eintreten. § 6. Wenn Arbeiter auf ihren Antrag oder zur Strafe entlassen werden, so findet ihre Bezahlung am nächsten regelmäßigen Zahltage nach dem Verhältnisse der von ihnen gefertigten Arbeit statt. § 7. Die erfolgte Entlassung des Arbeiters wird auf der Arbeitskarte vermerkt. – Erfolgt die Entlassung zur Strafe, so wird dem Arbeiter nach Bewandtniß der Umstände die Wiederbeschäftigung auf der betreffenden Arbeitsstelle, oder bei allen städtischen Arbeiten versagt. § 8. Von der Strafentlassung der Arbeiter und deren Veranlassung wird die Polizeibehörde jedesmal in Kenntniß gesetzt. § 9. Haben die Arbeiter Beschwerden gegen den Bauaufsichtsbeamten zu führen, so ist solche durch eine erwählte, aus drei Arbeitern bestehende Deputation bei dem Stadtbaumeister anzubringen. Dieser untersucht den Gegenstand der Beschwerde an Ort und Stelle und entscheidet darüber. § 10. Die Arbeitszeit ist festgestellt von Morgens halb sieben Uhr bis Mittags 12 Uhr und von Nachmittags Ein Uhr bis Abends Dunkel. (Schöner Styl!) § 11. Unter diesen Bedingungen erhält der Arbeiter Beschäftigung. § 12. Die Zahlung wird am Samstag Nachmittag auf der Baustelle geleistet. Der vereidete Bauaufseher, zunächst dessen Anordnungen Folge zu leisten. Köln. Unterschrift des Arbeiters. Wird in die Abtheilung des resp. Merkzeichen p. p. gestellt und hat u. s. w. Unterschrift des Bauaufsehers. Können russische Erlasse von dem Selbstherrscher aller Reußen an seine Unterthanen asiatischer abgefaßt sein?

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Den städtischen und sogar „sämmtlichen städtischen Aufsichtsbeamten, welche zugleich als Polizeibeamte vereidet sind“, ist „pünktliche Folge zu leisten. Unfolgsamkeit und Widersetzlichkeit ziehen sofortige Entlassung nach sich.“ Also vor allem passiver Gehorsam! Hinterher steht nach § 9 den Arbeitern das Recht zu, „Beschwerden bei dem Stadtbaumeister“ zu führen. Dieser Pascha entscheidet unwiderruflich – natürlich gegen die Arbeiter, schon im Interesse der Hierarchie. Und wenn er entschieden hat, wenn die Arbeiter dem städtischen Interdict verfallen sind – wehe ihnen, sie werden alsdann unter Polizeiaufsicht gestellt. Der letzte Schein ihrer bürgerlichen Freiheit geht verloren, denn nach § 8 wird „die Polizeibehörde von der Strafentlassung der Arbeiter und deren Veranlassung jedesmal in Kenntniß gesetzt.“ Aber, meine Herren, wenn ihr den Arbeiter entlassen, wenn ihr ihm den Kontrakt gekündigt habt, worin er seine Arbeit gegen euern Lohn einsetzt, was hat die Polizei dann noch in aller Welt mit dieser Aufkündigung eines bürgerlichen Vertrags zu thun? Ist der städtische Arbeiter ein Zuchthaussträfling? Wird er der Polizei denuncirt, weil er die schuldige Ehrfurcht gegen euch, seine angeborne, wohlweise und edelmögende Obrigkeit verletzt hat? Würdet ihr den Bürger nicht verlachen, der euch der Polizei denuncirte, weil ihr diesen oder jenen Lieferungskontrakt gebrochen oder einen Wechsel nicht am Verfalltag ausgezahlt oder am Neujahrsabende über die Maßen getrunken habt? Aber allerdings! Dem Arbeiter – gegenüber steht ihr nicht im bürgerlichen Vertragsverhältnisse, ihr thront über ihm mit aller Gereiztheit der Herren von Gottesgnaden! Die Polizei soll in eurem Dienste Konduitenliste über ihn führen. Nach § 5 wird, wer 10 Minuten zu spät kömmt, um einen halben Arbeitstag bestraft. Welch’ Verhältniß zwischen Vergehn und Strafe! Ihr habt euch um Jahrhunderte verspätet und der Arbeiter soll nicht 10 Minuten nach halb sieben Uhr sich einfinden dürfen, ohne einen halben Arbeitstag zu verlieren? Damit endlich diese patriarchalische Willkühr in keiner Weise beeinträchtigt wird und der Arbeiter rein eurer Laune anheimfällt, habt ihr den Strafmodus möglichst dem Gutdünken eurer Livre´ebedienten anheimgestellt. In „geeigneten Fällen“, d. h. in euch geeignet dünkenden Fällen, folgt nach § 4 der Entlassung und der Denunciation bei der Polizei „gesetzliche Verfolgung der Schuldigen bei den kompetenten Gerichten.“ Nach § 5 „kann“ die gänzliche Ausschließung des Arbeiters erfolgen, wenn er zum drittenmale 10 Minuten nach halb sieben zu spät kommt. Bei der Entlassung zur Strafe „wird“ nach § 7 „dem Arbeiter nach Bewandtniß der Umstände die Beschäftigung auf der betreffenden Arbeitsstelle, oder bei allen städtischen Arbeiten versagt.“ u. s. w. u. s. w.

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Welcher Spielraum für die Launen des verstimmten Bourgeois in diesem Kriminalkodex unsrer städtischen Catone, dieser großen Männer, die vor Berlin im Staube wedeln! Man mag aus diesem Mustergesetze ersehn, welche Charte unsre Bourgeoisie, säße sie am Ruder, dem Volke oktroyiren würde.

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Karl Marx / Georg Weerth Das Budget der Vereinigten Staaten und das christlich-germanische

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 189, 7. Januar 1849

* K ö l n, 6. Januar. Was die preußische Regierung dem Lande kostet, ˙ ˙ ˙seit einigen Tagen schwarz auf weiß. Der „Preußische haben wir endlich Staats-Anzeiger“ hat uns endlich mit dem Finanz-Etat für das Jahr 1849 gezeigt, wie schamlos wir in den bisherigen Budgets belogen worden sind. Ueberrascht hat dieses herrliche Neujahrsangebinde nur die, denen bislang jedes Wort der gottbegnadeten Regierung als heilige Wahrheit und der ganze seit 1820 mit uns getriebene Staatsfinanz-Humbug als ein Beweis von der Vortrefflichkeit unseres polizeistaatlichen Budgets erschien. Preußen ist ein Land von beiläufig 5000 Quadratmeilen und etwas über 16 Mill. Einwohnern. Die vereinigten Staaten von Nordamerika umfassen ein Ländergebiet, dessen Oberfläche jetzt der von ganz Europa ziemlich nahe kommt und deren Einwohnerzahl über 21 Mill. beträgt. Es giebt keine passendere Einleitung zu Betrachtungen über das preußische Budget pro 1849 als das Budget der nordamerikanischen Freistaaten. Eine Vergleichung beider Budgets zeigt, wie theuer der preußische Bourgeois das Vergnügen bezahlen muß, um von einer gottbegnadeten Regierung beherrscht, von ihren Söldlingen mit und ohne Belagerungszustände malträtirt und von einer Schaar hochmüthiger Beamten und Krautjunker en canaille behandelt zu werden. Zugleich ergiebt sich’s aber, wie wohlfeil eine muthige, ihrer Macht bewußte und sie zu gebrauchen entschlossene Bourgeoisie ihre Regierung einrichten kann. Die beiderseitigen Büdgets sind allein schon hinreichender Beweis für die Feigheit, Bornirtheit und Spießbürgerlichkeit der Einen, wie von dem Selbstgefühl, der Einsicht und Energie der Andern. Sämmtliche Ausgaben der Vereinigten Staaten während des Jahres 1848 beliefen sich auf 42 Mill. 811 970 Dollars. Hierin sind die Kosten für

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den mexikanischen Krieg einbegriffen, für einen Krieg, der 2000 Meilen weit vom Sitz der Centralregierung geführt wurde. Man begreift, welche enorme Ausgaben der Transport der Armee, wie aller für sie erforderlichen Gegenstände, nothwendig machte. Die Einnahme der Union betrug 35 Mill. 436 750 Dollars, und zwar 31 Mill. 757 070 Dollars Zollgebühren, 3 Mill. 328 642 Dollars aus dem ˙ ˙˙ ˙ Verkauf von Staatsländereien und 351 037 Dollars vermischte˙ ˙und zufäl˙ ˙ ˙ lige Einnahmen. Da die gewöhnlichen Einnahmen wegen der Kriegskosten nicht ausreichten, so wurde das Fehlende durch Anleihen gedeckt, die über al pari abgeschlossen wurden. Man frage einmal auf dem Geldmarkt an, ob die „christlich-germanische“ Regierung auch nur 1000 Thlr. zu so vortheilhaften Bedingungen aufzubringen im Stande wäre! In den Vereinigten Staaten beginnt das Finanzjahr mit jedem 1. Juli. Bis zum Juli 1849 werden die Ausgaben immer noch wegen des mexikanischen Krieges gegen sonst, freilich nicht im Vergleich mit Preußen, bedeutend sein. Dagegen kündigt der Präsident Polk in seiner Botschaft an den Kongreß für das nächste mit dem 1. Juli 1850 endende Finanzjahr das gewöhnliche Friedensbüdget an. Wie hoch belaufen sich die Ausgaben dieses mächtigen Staates – der nordamerikanischen Bourgeoisrepublik – in Friedenszeiten? Auf 33 213 152 Dollars, einschließlich der Zinsen (3 799 102 Dollars) für ˙ ˙˙ die öffentliche Schuld und der am 30. Mai 1850 an Mexiko zu zahlenden 3 540 000 Dollars. Zieht man die beiden letzten Summen ab, die außergewöhnlich im Budget figuriren, so kostet die ganze Regierung und Verwaltung der Vereinigten Staaten jährlich noch nicht 26 Millionen Dollars. Und wie viel zahlen die preußischen Bürger in Friedenszeiten jährlich an den Staat? Die Antwort ist bitter. Der „Preußische Staats-Anzeiger“ gibt sie uns. ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙jährlich! ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ Sie lautet: Mehr als 94 Millionen Thaler Während also die 21 Millionen Bewohner der nordamerikanischen Republik bei ihrer Wohlhabenheit, ja bei ihrem Reichthum kaum 26 Millionen Dollars – also noch nicht 38 Millionen Thaler Preußisch Courant – an ˙ ˙ ˙ ˙˙bei ˙ ˙ ihrer ˙verhält˙˙ die Staatskasse abgeben, müssen die 16 Mill. Preußen nißmäßigen Armuth jährlich an 94 Mill. Thaler dem Staatsschatze in den Rachen werfen und doch ist er auch damit noch nicht befriedigt. Aber seien wir nicht ungerecht! Die nordamerikanische Republik besitzt dafür auch nichts weiter als einen je auf 4 Jahre gewählten Präsidenten, der freilich für das Land mehr arbeitet als ein Dutzend Könige und Kaiser zusammengenommen. Allein er bezieht dagegen nur den lumpigen Jahresgehalt von 37 000

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Thlrn. preußisch Courant. In diese winzige Summe von 37 000 Thlrn. läßt ˙˙ ˙ ˙Schmerz ˙ ˙ ˙eines christlich-preußischen Gemüths mit Gott sich der ganze für König und Junkerschaft zusammenfassen. Keine Kammerherren, Hofjuweliere, kein Besprengen der Chaussee nach Charlottenburg für Hofdamen, keine Wildpark-Apparate auf Kosten des Bürgers u. s. w. O es ist schrecklich! Das Schrecklichste aber ist, daß diese Nordamerikaner diese Schrecklichkeit, diese Oede, diese Gottverlassenheit nicht einmal zu begreifen scheinen. Wie ganz anders bei uns. Zahlen wir auch drei und vier Mal mehr, so erfreuen wir uns auch an Dingen, die Jene nicht haben, für 37 000 Thlr. nicht haben können. Wir erfreuen und erquicken uns an dem Glanze eines gottbegnadeten Hofes, der – man weiß es nicht genau, aber nach ungefährer Schätzung – dem Volke jährlich 4 bis 5 Millionen kostet. Während die Amerikaner so närrische Käuze sind, ihr Geld möglichst zum eigenen Glanze und zum eigenen Nutzen zu behalten, fühlen wir uns christlich-germanisch verpflichtet, unsern Glanz, d. h. unser Geld, von uns zu werfen und Andere damit glänzen zu lassen. Und vom Glanze abgesehen, welche Wohlthaten bietet nicht ein aus den Taschen des Volks reichausgestatteter Hof für eine Masse pauvrer Grafen, Barone, Freiherrn, simple Vons etc.? Eine Menge dieser Leute, die nur auf Konsumtion, nicht auf Produktion eingerichtet sind, würde am Ende elendiglich verderben, wenn sie nicht auf feine Weise ein öffentliches Almosen erhielten. Wollte man alle Wohlthaten und Vortheile der Reihe nach durchgehen, wir würden heut nicht fertig. Und wie weit stehen die Amerikaner wegen ihres kleinen Budgets noch in andern Beziehungen hinter uns zurück! Bei ihnen erhielte z. B. Herr Oberpräsident Bötticher kein Geschenk von 3 000 Thlrn. aus der Staatskasse. Er könne mit seinem schönen Gehalt zufrieden sein, würde es heißen. Für Grafen und Barone fiele nichts ab zur Kindererziehung. Die nordamerikanische Republik würde zu diesen gnädigen Herrn in solchem Falle sagen: alors il faut s’abstenir d’avoir des enfants! Ein „Hüser“ wäre dort um seine jährliche Gratifikation von 6000 Thalern geprellt und müßte sich mit seinem Gehalt begnügen, ja letzterer würde vielleicht auf 3000 Thlr. vermindert. Damit sollte ein Mensch, ein preußischer Mensch, ein christlich-germanischer General leben? Ruchloser Gedanke! Apage! Den Amerikanern geht, wie Hrn. Hansemann, alle Gemüthlichkeit in Geldfragen ab. Sie würden dem Don Carlos höchstens einige Whippings, aber nimmermehr 700 000 Thlr. zukommen lassen, damit er nebst seinen Granden und Mönchen sich bene thun und für die Metternich’sche Legitimität

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fechten könne. Das vermag nur ein gottbegnadetes Königthum, dem die Taschen des Volkes jederzeit und von Rechtswegen geöffnet bleiben müssen. Sind die Abgaben des Amerikaners an den Staat freilich sehr unbedeutend, so hat er andererseits auch nur ein stehendes Heer von 10 000 Mann, das blos in Kriegszeiten auf’s schnellste bis zu 2 Millionen kräftiger Streiter vermehrt werden kann. Er kennt nicht im Entferntesten das Glück, den besten Theil der Steuern auf ein Kriegsheer verwenden zu dürfen, das uns in Friedenszeit belagert, malträtirt, verwundet und todtschießt – Alles zum Ruhm und zur Ehre des Vaterlandes. Allein was hilft’s? Diese Bourgeoisrepublikaner sind einmal so starrköpfig, daß sie von unsern christlich-germanischen Einrichtungen nichts wissen, ja geringe Steuern lieber zahlen wollen, als hohe. Eben so hartnäckig besteht der deutsche Bourgeois darauf, daß das Gottesgnadenthum mit seinem Kriegs- und Beamtenheere, seinen Schaaren von Pensionirten, seinen Gratifikationen, Extraordinariis etc. gar nicht hoch genug bezahlt werden kann. Der Geldsackrepublikaner von Nordamerika und der Bourgeois in Preußen verhalten sich eben just zu einander, wie ihre Budgets, wie 37 zu 94 Millionen. Der Eine selbst-, der Andere gottbegnadet: das ist die eigentliche Differenz.

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Karl Marx Eine Neujahrsgratulation

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 190, 9. Januar 1849

* K ö l n, 8. Januar. Daß uns Pastor und Kantor, Küster und Balgentreter, Barbier und Nachtwächter, Flurschütz, Todtengräber u. s. w. das neue Jahr eingratuliren, ist eine eben so alte wie stets sich erneuende Sitte, die uns gleichgültig läßt. Allein das Jahr 1849 begnügt sich nicht mit dem Herkömmlichen. Seinen Eintritt bezeichnete es mit Niedagewesenem, mit einer Neujahrsgratulation des Königs von Preußen. Es ist ein Neujahrswunsch zu Stande gekommen, nicht an’s preußische Volk, auch nicht „An Meine lieben Berliner“, sondern „An mein Heer“. Dieses königliche Neujahrsscriptum blickt „mit Stolz“ auf das Heer, weil es treu blieb, „als (die März-) Empörung die friedliche Entwickelung der freisinnigen Institutionen störte, denen Ich Mein Volk besonnen entgegenführen wollte“. Früher sprach man von März-Ereignissen, von „Mißverständnissen“ u. drgl. Jetzt bedarf es nicht mehr der Umhüllung: die März-„Mißverständnisse“ werden uns als „Empörung“ in’s Gesicht geschleudert. Aus der königlichen Neujahrsgratulation weht uns der nämliche Geist entgegen wie aus den Spalten der Kreuzritterin. Wie jene von „Empörung“ spricht, so diese von ruhmlosen „Märzverbrechern“, von verbrecherischem Gesindel, das im März die Ruhe des Berliner Schloßlebens unterbrochen. Fragen wir, weshalb die März-„Empörung“ so überaus empörend ist, so lautet die Erwiederung: „weil sie die friedliche Entwickelung der freisinnigen (!!) Institutionen störte“ etc. – Schliefet Ihr nicht im Friedrichshain, Ihr Empörer des März, Ihr müßtet jetzt mit „Pulver und Blei“ oder lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt werden. In Eurer Ruchlosigkeit habt Ihr ja „die friedliche Entwickelung der freisinnigen Institutionen“ gestört! Bedarf es wohl der

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Rückerinnerung an jene königl.-preußische Entwickelung „freisinniger ˙˙ ˙ ˙ ˙ Institutionen“, an die freisinnigste Entwickelung des Geldverschwendens, an die „friedliche“ Ausdehnung des Muckerthums und der königlichpreußischen Jesuiterei, an die friedliche Entwickelung des Polizei- und Kasernenthums, der Spionerie, des Truges, der Heuchelei, des Uebermuths und endlich der ekelhaftesten Volksverthierung neben der schaamlosesten Corruption in den sogenannten höhern Klassen? Es bedarf ˙ ˙ ˙wir ˙ nur um uns zu blicken, nur dieser Rückerinnerung um so weniger,˙ ˙als die Hände auszustrecken brauchen, um jene „gestörte Entwickelung“ wieder in vollster Blüthe vor uns zu sehen und uns an der verdoppelten Auflage der gedachten „freisinnigen Institutionen“ zu erquicken. „Meine Armee“, heißt’s in dem königl. Gratulationsschreiben weiter, „hat ihren alten Ruhm bewährt und neuen geerntet.“ Ja wohl! Sie hat so viel Ruhm geerntet, daß höchstens die Kroaten einen größern beanspruchen dürfen. Aber wo und wie geerntet? Erstens „schmückte sie ihre Fahnen mit neuen Lorbeern, als Deutschland Unsrer Waffen in Schleswig bedurfte“. Major Wildenbruchs an die dänische Regierung gerichtete preußische Note ist die Grundlage, auf welcher der neue preußische Ruhm sich aufthürmte. Die ganze Kriegsführung paßte vortrefflich zu jener Note, die dem dänischen Hrn. Vetter versicherte: es sei der preußischen Regierung ja gar nicht Ernst, sie werfe nur den Republikanern einen Köder hin und den übrigen Leuten Sand in die Augen, damit man nur Zeit gewinne. Und Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Später werde man sich auf’s Fidelste verständigen. Herr Wrangel, über den die öffentliche Meinung längere Zeit irr geführt wurde, Herr Wrangel verließ Schleswig-Holstein heimlich wie ein Dieb in der Nacht. Er reiste in Civil, um nicht erkannt zu werden. In Hamburg erklärten sämmtliche Gastwirthe, daß sie ihn nicht beherbergen könnten. Ihre Häuser und die Fenster und Thüren darin, hätten sie viel lieber, als die vom Volke mißachteten, aber in diesem ruhmreichen Herrn verkörperten Lorbeeren der preußischen Armee. Vergessen wir auch nicht, daß der einzige Erfolg in diesem Feldzuge nutz- und sinnloser Hin- und Herzüge, der vollständig an die Prozedur der alten Reichsgerichte erinnerte (siehe unsere Nummern der damaligen Zeit), ein strategischer Fehler war. Das einzig Ueberraschende an diesem Feldzuge ist die namenlose Keckheit der Dänen, die das preußische Heer muthwillig foppten und Preußen vollständig vom Weltmarkt abschnitten. Zur Vervollständigung des preußischen Ruhmes, nach dieser Seite hin, gehören außerdem die Friedensunterhandlungen mit Dänemark und der daraus entsprungene Malmöer Waffenstillstand.

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Wenn der römische Kaiser ein Geldstück, das für Urinsteuer eingegangen war, daran riechend, sagen konnte: „non olet“ (es riecht nicht), so steht dagegen auf den in Schleswig-Holstein geernteten preußischen Lorbeeren in unvertilgbaren Zeichen: „Olet!“ (Es stinkt!) Zweitens „bestand Mein Heer siegreich Mühseligkeiten und Gefahren, als im Großherzogthum Posen die Insurrektion zu bekämpfen war“. Was die „siegreichen Mühseligkeiten“ betrifft, so sind sie folgende: Preußen beutete erstens die hochherzige von Berlin aus auf glatten Worten genährte Illusion der Polen aus, die in den „Pommern“ deutsche Waffengenossen gegen Rußland erblickten, daher ruhig ihre Armee auflösten, die Pommern einrücken ließen und erst die auseinandergesprengten Cadres wieder sammelten, als die Preußen Widerstandslose auf’s Schnödeste brutalisirten. Und nun die preußischen Heldenthaten! Nicht während des Krieges, nach dem Kriege spielen die Heldenthaten der „glorreichen“ preußischen Armee. Als Mieroslawski dem Junisieger vorgestellt wurde, war Cavaignac’s erste Frage, wie die Preußen es angefangen hätten, um bei Miloslaw geschlagen zu werden? (Wir können dies durch Ohrenzeugen beweisen.) 3000 Polen, kaum mit Sensen und Piken bewaffnet, schlagen zweimal und nöthigen zweimal zum Rückzuge 20 000 Mann wohlorganisirte und reichlich mit Geschütz versehene Preußen. Die preußische Cavallerie warf selbst in wilder Flucht die preußische Infanterie über den Haufen. Die polnische Insurrektion behauptet Miloslaw, nachdem sie die Contrerevolution zweimal aus der Stadt herausgeschlagen. Schmählicher noch als die Niederlage der Preußen bei Miloslaw war ihr endlicher durch eine Niederlage vorbereiteter Sieg bei Wreschen. Wenn ein unbewaffneter, aber herkulischer Gegner einem mit Pistolen ausgerüsteten Feiglinge gegenübersteht, so flieht der Feigling und feuert aus gehöriger Ferne die Pistolen ab. So machten’s die Preußen bei Wreschen. Sie flohen bis zu einer Entfernung, wo sie Kartätschen, mit 150 Kugeln gefüllte Granaten und Shrapnells, auf Piken und Sensen, die bekanntlich in der Ferne nicht treffen, abfeuern konnten. Die Shrapnells wurden sonst nur von den Engländern gegen ostindische Halbwilde abgefeuert. Erst die braven Preußen, in fanatischer Angst vor der polnischen Tapferkeit und im Gefühle ihrer eigenen Schwäche, wandten die Shrapnells gegen sogenannte Mitbürger an. Sie mußten natürlich nach einem Mittel suchen, die Polen massenhaft aus der Ferne zu tödten. Die Polen in der Nähe waren zu fürchterlich. Das war der glorreiche Sieg bei Wreschen. Aber, wie gesagt, nach dem Kriege beginnen erst die Heldenthaten der preußischen Armee, wie die Heldenthaten der Kerkermeister nach dem Urtheilsspruch.

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Daß dieser Ruhm des preußischen Heeres in der Geschichte fortleben wird, dafür bürgen die Tausende der durch preußischen Verrath und schwarzweiße Tücke mit Shrapnells, Spitzkugeln etc. hingemordeten und der später gehöllensteinten Polen. Von diesem zweiten Lorbeerbündel der Contrerevolutions-Armee haben die von preußischen Helden angezündeten Dörfer und Städte, die mit Kolben und Bajonetten in ihren Häusern zerstoßenen und massacrirten polnischen Bewohner, die Plünderungen und preußischen Brutalitäten aller Arten hinreichendes Zeugniß abgelegt. Unsterblicher Ruhm für diese preußischen Krieger in Posen, die den Weg angebahnt, auf welchem bald darauf der neapolitanische Henkersknecht einherwandelte, als er seine getreue Hauptstadt zusammenschoß und der Soldateska zur 24stündigen Plünderung überwies. Heil und Ruhm dem preußischen Heere aus dem posener Feldzuge! Denn er leuchtete den Kroaten, Sereczanern, Ortochanern und andern Horden des Windischgrätz und Konsorten mit einem Beispiel voran, das, wie Prag (im Juni), Wien, Preßburg etc. beweisen, zur würdigsten Nachfolge angefeuert hat. Und schließlich fand selbst dieser Muth der Preußen gegen die Polen nur aus Furcht vor den Russen Statt. „Aller guten Dinge müssen drei sein.“ Also mußte auch „Mein Heer“ einen 3 fachen Ruhm ernten. Die Gelegenheit hierzu blieb nicht aus. Denn „ihre Mitwirkung zur Erhaltung der Ordnung (!) in Süddeutschland erwarb dem preußischen Namen neue Anerkennung“. Nur Bosheit oder Verkleinerungssucht könnte es abläugnen, daß „Meine Armee“ dem Bundestage – der sich beim Umtaufen modernisirte und Centralgewalt nennen ließ – die trefflichsten Büttel- und Gensd’armendienste geleistet hat. Eben so wenig ist in Abrede zu stellen, daß sich der preußische Name im Vertilgen von süddeutschem Wein, Fleisch, Cyder etc. vollständige Anerkennung erworben hat. Die ausgehungerten Märker, Pommern etc. haben sich ein patriotisches Ränzlein angemästet, die Durstigen haben sich erquickt und überhaupt Alles, was ihnen die süddeutschen Quartiergeber vorsetzten, mit so heroischem Muthe zu vertilgen gewußt, daß dort der preußische Name überall die lauteste Anerkennung findet. Schade, daß die Quartierbillets noch nicht bezahlt sind: die Anerkennung wäre noch lauter. Der Ruhm „Meiner Armee“ ist eigentlich unerschöpflich; doch darf nicht übergangen werden, daß, „wo ich rief, sie bereit stand, in voller Treue, in voller Disciplin“ und gleich merkwürdig ist es, der Nachwelt mitzutheilen, daß „Meine Armee abscheulichen Verläumdungen ihren vortrefflichen Geist und edle Mannszucht entgegenstellte“.

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Wie schmeichelhaft ist die Gratulation für „Meine Armee“, indem ihr darin die „volle Disciplin“ und die „edle Mannszucht“ und damit nochmals ihre Heldenthaten im Großherzogthum, außerdem aber die Lorbeeren in Mainz, Schweidnitz, Trier, Erfurt, Berlin, Köln, Düsseldorf, Aachen, Koblenz, Münster, Minden u. s. w. in angenehme Erinnerung gebracht werden. Wir Andern aber, die nicht zu „Meiner Armee“ gehören, erweitern dabei unsre beschränkten Unterthanenbegriffe. Greise und schwangere Frauen niederschießen, stehlen (in der Nähe von Ostrowo protokollmäßig aufgenommen), ruhige Bürger mit Kolben und Säbeln mißhandeln, Häuser demoliren, in der Nacht mit unter’m Mantel versteckten Waffen gegen unbewaffnete Leute ausziehen, Wegelagerung (man erinnere sich des Abentheuers bei Neuwied); dieser und ähnlicher Heroismus heißt auf christlich-germanisch: „volle Disziplin“, „edle Mannszucht“! Es lebe die Mannszucht und die Disciplin, da die unter solcher Firma Gemordeten doch einmal todt sind. Die wenigen Stellen, die wir aus der königl.-preußischen Neujahrs˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ seiner Begratulation berührt haben, zeigen uns, daß dieses Schriftstück deutung und seinem Geiste nach mit dem Manifeste des Herzogs von Braunschweig pro 1792 auf gleicher Stufe steht.

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Karl Marx Ludwig Raveaux. Die „Kölnische Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 190, 9. Januar 1849

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* K ö l n, 8. Januar. Wie wir vor einigen Tagen angezeigt, ist Ludwig Raveaux von den Satelliten des Windischgrätz zur „Todesstrafe durch den Strang verurtheilt worden“. Welden hat ihn indeß zu dreijährigem Festungsarrest begnadigt. Die Gründe lassen sich ahnen. Die „Kölnische Zeitung“, deren Wiener Correspondent, der glorreiche Schwanbeck, zu Köln residirt, – DuMont producirt nach modernen ökonomischen Grundsätzen möglichst viel zu möglichst geringen Kosten – wird natürlich erklären, daß „das Schönste von alledem ist, daß kein Wort davon wahr ist“. Man erinnert sich, daß Dumont Wien während sechs Wochen brennen und den Kroaten unterliegen ließ. Schließlich traf er, wie wir ihm prophezeit, die „Wahrheit“. Man erinnert sich seiner aus dem Constitutionnel übersetzten und jetzt authentisch widerlegten Infamien über die Junirevolution, seiner Lügen über die englischen, seiner interessirten Falsa über preußische und belgische Zustände. Wir aber wünschten, daß der Wahrheitsfreund „Schwanbeck,“ – rara avis unter Dumont’s literarischen Käutzen – nur über Einen Punkt das öffentliche Gerücht Lügen strafe. Die Fama sagt, daß er, der biederbe Pommer, zusammen mit dem germanischen „Beobachter“ Weißbrod die berüchtigten Artikel der „Deutschen Zeitung“ von „Köln“ und vom „Rheine“ fabrizirt hat: Oui ou non!

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Karl Marx Eine Entgegnung des Oberlandesgerichtsrats Rintelen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 192, 11. Januar 1849

* K ö l n, 10. Januar. Der Oberlandesgerichtsrath Rintelen (zu Paderborn) ˙ ˙ ˙der „Neuen Rheinischen Zeitung“ die unten nachfolhat der Redaction gende „Entgegnung“ zugesandt mit der „ergebensten Bitte“, sie in die „nächste“ Nummer aufzunehmen und derselben „den Platz anzuweisen, an welchem sich der angreifende Artikel befunden hat“, alles unter „Bezug auf das Gesetz über die Presse vom 17. März 1848“ u. s. w. Wir weisen dem Artikel des Hrn. Rintelen einen noch höhern Rang an, als den beanspruchten. A tout seigneur toute honneur. Keineswegs halten wir uns aber zur Aufnahme der ganzen Entgegnung verpflichtet. Das Gesetz verpflichtet die Presse nur zur Aufnahme thatsächlicher Erwiderungen, keineswegs aber dazu, ihre Spalten mit Grobheiten gegen ihren eigene Korrespondenten oder mit pathetischen Ergießungen ihrer Gegner anzufüllen. Wenn wir demnach die „Entgegnung“ des Herrn Rintelen in ihrer Vollständigkeit geben, so geschieht es nur, weil wir vergeblich nach dem Theile gesucht, der eine thatsächliche Wiederlegung enthielte und daher dem Publikum überlassen müssen, sie selbst herauszufinden. Der Brief des Herrn Rinteln an die Redaktion schließt mit den Worten: „Gleichzeitig bitte ich, den Einsender des erwähnten Artikels mir zu nennen: widrigenfalls ich eine wohllöbliche Redaktion dafür verantwortlich machen müßte.“ In seiner „Entgegnung“ selbst erklärt Hr. Rintelen, persönlich stelle ihn die durch den angreifenden Artikel hervorgerufene allgemeine Indignation vollständig zufrieden. Antworte er öffentlich, so geschehe es nur aus Pietätsrücksichten. Mit keinem Worte deutet er dem Publikum auch nur entfernt an, daß er gerichtliche oder sonstige Verfolgungen gegen den tief verachteten „Anonymus“ beabsichtigt. Die Redaktion appellirt daher von dem Privatbriefe des Hrn. Rintelen an seinen öffentlichen Brief und macht die Namensnennung von dem Gutdünken ihres Korrespondenten abhängig.

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Nun das besagte Aktenstück: Entgegnung. In Nr. 185 der Neuen Rheinischen Zeitung vom 3. Januar d. J. ist in einem Artikel, bezeichnet: „Aus Westphalen, 30. Dezember“, der Name Rintelen auf eine hämische Weise zu verdächtigen gesucht. Der Unterzeichnete, welcher diesen Namen mit Ehren zu tragen sich rühmen darf, würde eine derartige Schmähung eines Anonymus auf ihrem Unwerthe beruhen lassen, und eine vollkommen ausreichende Genugthuung in der allgemeinen Indignation erblicken, welche dieser Artikel überall da hervorgerufen hat, wo die Mitglieder der Familie Rinteln näher gekannt sind, wenn nicht diese Schmähschrift hauptsächlich durch Verdächtigung der Integrität des verstorbenen Vaters desselben, des vormaligen Konservateurs Rintelen, zu begründen gesucht wäre, und also nicht Rücksichten der Pietät ihn gezwungen, in dieser Beziehung derselben öffentlich entgegen zu treten, und solche als boshafte Verläumdung mit Entrüstung zurückzuweisen. Die Todten zu beschimpfen ist nicht die Sache eines Mannes von Ehre: de mortuis nil nisi bene. Sie mit Hülfe von Lügen unter dem Schutze der Anonymität zu verdächtigen, ist – ich überlasse es dem geehrten Leser, den passenden Ausdruck dafür zu finden. Es ist aber eine grobe Entstellung der Wahrheit, und hierin bekundet sich eben das hämische, wie das besonders verdächtigende, daß der verstorbene Konservateur Rintelen bei dem Grafen Bochholz als General-Rentmeister in Dienste gestanden habe. Wohl war er dessen General-Mandatar: eine Kasse hat er aber nie für denselben zu verwalten gehabt. In welcher Weise derselbe sein Mandat geführt hat, das kann Jeder, welchem daran gelegen, bei dem jetzt in Münster wohnenden Grafen von Bocholz ganz genau erfahren. Paderborn, den 8. Januar 1849. Rintelen, Oberlandesgerichtsrath.

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Friedrich Engels Der magyarische Kampf

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 194, 13. Januar 1849

* K ö l n , im Januar. Während in Italien bereits der erste Gegenschlag gegen die Contrerevolution des letzten Sommers und Herbstes eintritt, wird in den ungarischen Ebenen der letzte Unterdrückungskampf gegen die unmittelbar aus der Februarrevolution hervorgegangene Bewegung vollendet. Die neue italienische Bewegung ist das Vorspiel der Bewegung von 1849, der Krieg gegen die Magyaren das Nachspiel der Bewegung von 1848. Wahrscheinlich wird sich dies Nachspiel noch in das neue Drama hinüberziehen, das sich in der Stille vorbereitet. Heroisch, wie die ersten rasch aufeinander folgenden Scenen der 48ger Revolutionstragödie, wie der Fall von Paris und Wien, wohlthuend heroisch nach den theils matten, theils kleinlichen Zwischenscenen zwischen Juni und October, ist auch das Nachspiel. Der letzte Akt von 1848 spielt hinüber in den ersten von 1849 durch den Terrorismus. Zum ersten Mal in der revolutionären Bewegung von 1848, zum ersten Mal seit 1793, wagt es eine von der kontrerevolutionären Uebermacht umzingelte Nation, der feigen kontrerevolutionären Wuth, die revolutionäre Leidenschaft, der terreur blanche die terreur rouge entgegenzustellen. Zum ersten Male seit langer Zeit finden wir einen wirklich revolutionären Charakter, einen Mann, der den Handschuh des Verzweiflungskampfes im Namen seines Volkes aufzunehmen wagt, der für seine Nation Danton und Carnot in Einer Person ist – Ludwig Kossuth. Die Uebermacht ist furchtbar. Ganz Oesterreich, voran 16 Mill. fanatisirte Slaven, gegen 4 Millionen Magyaren. Der Aufstand in Masse, die nationale Waffenfabrikation, die Assignaten, der kurze Prozeß mit Jedem, der die revolutionäre Bewegung hemmt, die Revolution in Permanenz, kurz alle Hauptzüge des glorreichen Jahres 1793 finden wir wieder in dem von Kossuth bewaffneten,

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organisirten, enthusiasmirten Ungarn. Diese revolutionäre Organisation, die so zu sagen binnen 24 Stunden fertig sein muß bei Strafe des Untergangs, sie fehlte in Wien, sonst wäre Windischgrätz nie hineingekommen. Wir wollen sehen, ob er nach Ungarn hineinkommt, trotz dieser revolutionären Organisation. Sehen wir uns den Kampf und die kämpfenden Parteien näher an. Die österreichische Monarchie ging hervor aus dem Versuch, Deutschland in derselben Weise zu einer einzigen Monarchie zu vereinigen, wie die französischen Könige bis auf Ludwig XI. dies in Frankreich durch˙ ˙˙˙ ˙Versuch ˙˙˙ führten. Der scheiterte an der erbärmlichen Lokalbornirtheit der Deutschen wie der Oesterreicher und an dem entsprechenden kleinkrämerhaften Geiste des Hauses Habsburg. Anstatt ganz Deutschlands, erhielten die Habsburger nur diejenigen süddeutschen Länder, die im direkten Kampfe mit vereinzelten Slavenstämmen lagen oder in denen ein deutscher Feudaladel und eine deutsche Bürgerschaft vereint unterjochte Slavenstämme beherrschten. In beiden Fällen hatten die Deutschen jeder Provinz Unterstützung von Außen nöthig. Diese Unterstützung ward ihnen durch die Association gegen die Slaven, und diese Association kam zu Stande durch die Vereinigung der fraglichen Provinzen unter dem Habsburgischen Scepter. So entstand Deutsch-Oesterreich. Man braucht nur im ersten besten Compendium nachzulesen, wie die österreichische Monarchie zu Stande kam, wie sie sich wieder trennte und abermals zu Stande kam, Alles im Kampfe gegen die Slaven, um zu sehen, wie richtig diese Darstellung ist. An Deutsch-Oesterreich stößt Ungarn. In Ungarn führten die Magyaren denselben Kampf, wie die Deutschen in Deutsch-Oesterreich. Der zwischen slavischen Barbaren vorgeschobene deutsche Keil im Erzherzogthume Oesterreich und Steyermark bot dem ebenfalls zwischen slavischen Barbaren vorgeschobenen magyarischen Keil an der Leitha die Hand. Wie im Süden und Norden, in Böhmen, Mähren, Kärnthen und Krain der deutsche Adel slavische Stämme beherrschte, germanisirte und damit in die europäische Bewegung hineinriß, so beherrschte im Süden und Norden, in Kroatien, Slavonien und den Karpathenländern magyarischer Adel ebenfalls slavische Stämme. Die Interessen Beider waren dieselben, die Gegner Beider waren natürliche Verbündete. Die Allianz der Magyaren und der österreichischen Deutschen war eine Nothwendigkeit. Es fehlte nur noch eine große Thatsache, ein gewaltiger Angriff auf Beide, um diese Allianz unauflöslich zu machen. Diese Thatsache kam mit der Eroberung des byzantinischen Reichs durch die Türken. Die Türken bedrohten Ungarn und in zweiter Instanz Wien, und Ungarn kam auf Jahrhunderte unauflöslich an das Haus Habsburg.

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Aber die gemeinsamen Gegner Beider wurden allmählig schwach. Das türkische Reich verfiel in Ohnmacht und die Slaven verloren die Kraft, sich gegen die Magyaren und Deutschen zu erheben. Ja, ein Theil des in den slavischen Ländern herrschenden deutschen und magyarischen Adels nahm slavische Nationalität an, und damit wurden die slavischen Nationen selbst an der Erhaltung einer Monarchie interessirt, die den Adel mehr und gegen die sich entwickelnde deutsche und magyarische Bürgerschaft zu schützen hatte. Die nationalen Gegensätze verschwanden, und das Haus Habsburg nahm eine andere Politik an. Dasselbe Haus Habsburg, das sich auf den Schultern der deutschen Spießbürgerschaft auf den deutschen Kaiserthron geschwungen hatte, wurde entschiedener als irgend eine andere Dynastie der Vertreter des Feudaladels gegenüber der Bürgerschaft. In diesem Sinne betheiligte sich Oestreich an der Theilung Polens. Die großen galizischen Starosten und Woiwoden, die Potocki’s, Lubomirski’s und Czartoryski’s verriethen Polen an Oestreich und wurden die treuesten Stützen des Hauses Habsburg, das ihnen dafür ihren Besitz gegen die Angriffe des niedern Adels und der Bürgerschaft garantirte. Aber die Bürgerschaft der Städte gewann immer mehr Reichthum und Einfluß, und der mit der Industrie fortschreitende Ackerbau gab den Bauern eine veränderte Stellung gegen die Grundherren. Die Bewegung der Bürger und Bauern gegen den Adel wurde immer drohender. Und da die Bewegung der Bauern, die überall die Träger der nationalen und lokalen Bornirtheit sind, nothwendig eine lokale und nationale ist, so tauchten mit ihr zugleich die alten nationalen Kämpfe wieder auf. In dieser Lage der Dinge machte Metternich sein Meisterstück. Mit Ausnahme der allermächtigsten Feudalbarone nahm er dem übrigen Adel allen Einfluß auf die Staatsleitung. Der Bourgeoisie nahm er ihre Kraft, indem er die mächtigsten Finanzbarone für sich gewann – er mußte es wohl, die Finanzen zwangen ihn dazu. So gestützt auf die hohe Feudalität und die hohe Finanz, so wie auf die Büreaukratie und die Armee, erreichte er am vollständigsten von allen seinen Rivalen das Ideal der absoluten Monarchie. Die Bürger und Bauern jeder Nation hielt er durch den Adel derselben Nation und die Bauern jeder andern Nation, den Adel jeder Nation durch die Furcht vor den Bürgern und Bauern ihrer Nation im Zaume. Die verschiedenen Klasseninteressen, Nationalbornirtheiten und Lokalvorurtheile, so komplizirt sie waren, hielten sich gegenseitig vollständig im Schach, und erlaubten dem alten Gauner Metternich die freieste Bewegung. Wie weit er es in dieser Völkeraneinanderhetzung gebracht, beweisen die galizischen Mordscenen, wo Metternich die demokratische, im Interesse der Bauern begonnene polnische

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Bewegung durch die religiös und national fanatisirten ruthenischen Bauern selbst unterdrückte. Das Jahr 1848 brachte zuerst die furchtbarste Verwirrung nach Oestreich, indem es alle diese verschiedenen, bisher durch Metternich einander knechtenden Stämme einen Moment frei ließ. Deutsche, Magyaren, Czechen, Polen, Mähren, Slovaken, Kroaten, Ruthenen, Rumanen, Illyrier, Serben geriethen unter einander in Konflikt, während in jeder dieser Nationen die einzelnen Klassen sich ebenfalls bekämpften. Aber bald kam Ordnung in diesen Wirrwarr. Die Streitenden theilten sich in zwei große Heerlager; auf der einen Seite der Revolution die Deutschen, Polen und Magyaren; auf der Seite der Contrerevolution die übrigen, die sämmtlichen Slaven mit Ausnahme der Polen, der Rumanen und der siebenbürgischen Sachsen. Woher kömmt diese Scheidung nach Nationen, welche Thatsachen liegen ihr zu Grunde? Diese Scheidung entspricht der ganzen bisherigen Geschichte der fraglichen Stämme. Sie ist der Anfang der Entscheidung über das Leben oder den Tod aller dieser großen und kleinen Nationen. Die ganze frühere Geschichte Oestreichs beweist es bis auf diesen Tag und das Jahr 1848 hat es bestätigt. Unter allen den Nationen und Natiönchen Oestreichs sind nur drei, die die Träger des Fortschritts waren, die aktiv in die Geschichte eingegriffen haben, die noch jetzt lebensfähig sind – die Deutschen, die Polen, die Magyaren. Daher sind sie jetzt revolutionär. Alle andern großen und kleinen Stämme und Völker haben zunächst die Mission, im revolutionären Weltsturm unterzugehen. Daher sind sie jetzt contrerevolutionär. Was die Polen betrifft, so verweisen wir auf unsern Artikel über die Polendebatte in Frankfurt. Um ihren revolutionären Geist zu bändigen, appellirte schon Metternich an die Ruthenen, einen durch etwas verschiedenen Dialekt und namentlich durch die griechische Religion sich von den Polen unterscheidenden Stamm, der von jeher zu Polen gehört hatte, und erst durch Metternich erfuhr, daß die Polen seine Unterdrücker seien. Als ob nicht im alten Polen die Polen selbst, eben so gut wie die Ruthenen, unterdrückt worden seien, als ob unter östreichischer Herrschaft Metternich nicht ihr gemeinsamer Unterdrücker gewesen sei! Soviel über Polen und Ruthenen, die durch Geschichte und geographische Lage übrigens so sehr vom eigentlichen Oesterreich getrennt sind, daß wir vor allen Dingen sie beseitigen mußten, um mit dem übrigen Völkerwirrwarr in’s Reine zu kommen.

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Bemerken wir indeß vorher noch, daß es bei den Polen große politische Einsicht und ächt revolutionären Sinn verräth, wenn sie jetzt im Bunde mit ihren alten Feinden, den Deutschen und Magyaren, gegen die panslavistische Contrerevolution auftreten. Ein slavisches Volk, dem die Freiheit lieber ist als das Slaventhum, beweist allein dadurch seine Lebensfähigkeit, sichert sich schon dadurch seine Zukunft. Nun zum eigentlichen Oesterreich. Oesterreich, südlich von Sudeten und Karpathen, das obere Elbthal und das mittlere Donaugebiet, bildet ein im früheren Mittelalter ausschließlich von Slaven bewohntes Land. Diese Slaven gehören, nach Sprache und Sitten, demselben Stamm an, wie die Slaven der Türkei, die Serben, Bosniaken, Bulgaren und thracischen und macedonischen Slaven, dem Stamme der im Gegensatz gegen Polen und Russen sogenannten Südslaven. Außer diesen verwandten slavischen Stämmen war das ungeheure Gebiet vom schwarzen Meer bis zum Böhmerwald und den Tiroler Alpen nur noch, im Süden des Balkan, von einzelnen Griechen, im Unterdonaugebiet von zersprengten, romanisch redenden Walachen bewohnt. Zwischen diese kompakte slavische Masse schoben sich von Westen die Deutschen, von Osten die Magyaren keilförmig ein. Das deutsche Element eroberte den westlichen Theil von Böhmen und drang zu beiden Seiten der Donau bis über die Leitha vor. Das Erzherzogthum Oestreich, ein Theil von Mähren, der größte Theil von Steiermark wurden germanisirt, und trennte so die Czechen und Mähren von den Kärnthnern und Krainern. Ebenso wurde Siebenbürgen und das mittlere Ungarn bis an die deutsche Gränze ganz von Slaven gereinigt und von den Magyaren besetzt, die hier die Slovaken und einige ruthenische Gegenden (im Norden) von den Serben, Kroaten und Slavoniern trennten und sich alle diese Völker unterwarfen. Die Türken endlich unterjochten, nach dem Vorgange der Byzantiner, die Slaven südlich von Donau und Save, und die historische Rolle der Südslaven war für immer ausgespielt. Der letzte Versuch der Südslaven, selbstständig in die Geschichte einzugreifen, war der Hussitenkrieg, ein czechisch-nationaler Bauernkrieg religiöser Fahne gegen deutschen Adel und deutsche kaiserliche Oberherrschaft. Der Versuch scheiterte, und die Czechen blieben seitdem ununterbrochen an’s Schlepptau des deutschen Reich’s gefesselt. Dagegen übernahmen ihre Besieger, die Deutschen und Magyaren, die geschichtliche Initiative in den Donaugegenden. Ohne die Deutschen und namentlich ohne die Magyaren wären die Südslaven türkisch geworden, wie ein Theil es wirklich wurde – ja mohamedanisch, wie die slavischen Bosniaken noch heute sind. Und das ist ein Dienst, den die österreichi-

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schen Südslaven selbst mit der Vertauschung ihrer Nationalität gegen die deutsche oder magyarische nicht zu theuer bezahlen. Die türkische Invasion des 15. und 16. Jahrhunderts war die zweite Auflage der arabischen aus dem 8. Jahrhundert. Der Sieg Karl Martell’s ward unter den Mauern Wien’s und in den ungarischen Ebenen aber und abermals erfochten. Wie damals bei Poitiers, wie nachher bei Wahlstatt beim Mongoleneinfall, war hier wieder die ganze europäische Entwicklung bedroht. Und wo es galt diese zu retten, da sollte es auf ein paar längst zerfallene, ohnmächtig gewordene Nationalitäten ankommen, wie die österreichischen Slaven, die obendrein ja mitgerettet wurden? Wie nach Außen, so nach Innen. Die treibende Klasse, die Trägerin der Bewegung, die Bürgerschaft, war überall deutsch oder magyarisch. Die Slaven haben es schwer, die Südslaven aber nur ganz stellenweise zu einer nationalen Bürgerschaft bringen können. Und mit der Bürgerschaft war die industrielle Macht, war das Kapital in deutschen resp. magyarischen Händen, entwickelte sich deutsche Bildung, kamen die Slaven auch intellektuell unter die Botmäßigkeit der Deutschen, selbst bis nach Kroatien hinein. Dasselbe geschah, nur später, und deßhalb in geringerem Maße in Ungarn, wo die Magyaren gemeinsam mit den Deutschen die intellektuelle und kommerzielle Leitung übernahmen. Die ungarischen Deutschen sind aber, trotz der beibehaltenen deutschen Sprache, nach Gesinnung, Charakter und Sitte ächte Magyaren geworden. Nur die neueingeführten Bauernkolonisten, die Juden und die Sachsen in Siebenbürgen machen eine Ausnahme und steifen sich auf die Beibehaltung einer absurden Nationalität mitten in fremdem Lande. Und wenn die Magyaren in der Civilisation etwas hinter den DeutschOesterreichern zurückgeblieben waren, so haben sie in der neueren Zeit durch ihre politische Thätigkeit dies glänzend nachgeholt. Von 1830–1848 existirte in Ungarn allein mehr politisches Leben, als in ganz Deutschland, wurden die feudalen Formen der alten ungarischen Verfassung im demokratischen Interesse besser ausgebeutet als die modernen Formen der süddeutschen Konstitutionen. Und wer stand hier an der Spitze der Bewegung? Die Magyaren. Wer unterstützte die österreichische Reaktion? Die Kroaten und Slavonier. Dieser magyarischen Bewegung, sowie der wieder erwachenden politischen Bewegung in Deutschland gegenüber, stifteten die österreichischen Slaven einen Sonderbund: den Panslavismus. Der Panslavismus ist entstanden nicht in Rußland oder in Polen, sondern in Prag und in Agram. Der Panslavismus ist die Allianz aller kleinen slavischen Nationen und Natiönchen Oesterreich’s und in zweiter Linie der Türkei zum Kampf gegen die österreichischen Deutschen, die Ma-

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gyaren, und eventuell die Türken. Die Türken kommen nur zufällig herein und können, als ebenfalls ganz heruntergekommene Nation, ganz außer Frage bleiben. Der Panslavismus ist, seiner Grundtendenz nach, gegen die revolutionären Elemente Oesterreich’s gerichtet, und daher von vorn herein reaktionär. Der Panslavismus bewies diese reaktionäre Tendenz sofort durch einen doppelten Verrath: indem er die einzige slavische Nation, die bis jetzt revolutionär auftrat, die Polen, seinen kleinlichen Nationalbornirtheiten opferte, und sich und Polen an den russischen Czaren verkaufte. Der direkte Zweck des Panslavismus ist die Herstellung eines slavischen Reichs vom Erzgebirge und den Karpathen bis an’s schwarze, ägäische und adriatische Meer unter russischer Botmäßigkeit, eines Reichs, das außer der deutschen, italienischen, magyarischen, walachischen, türkischen, griechischen und albanesischen Sprache noch ungefähr ein Dutzend slavischer Sprachen und Hauptdialekte umfassen würde. Das Ganze zusammengehalten nicht durch die Elemente, die bisher Oestreich zusammenhielten und entwickelten, sondern durch die abstrakte Eigenschaft des Slaventhums, und die sogenannte slavische Sprache, die allerdings der Mehrzahl der Einwohner gemeinsam. Aber wo existirt dies Slaventhum als in den Köpfen einiger Ideologen, wo die „slavische Sprache“ als in der Phantasie der Herren Palacky´, Gaj und Konsorten und annähernd in der altslavischen Litanei der russischen Kirche, die kein Slave mehr versteht? In der Wirklichkeit haben alle diese Völker die verschiedensten Civilisationsstufen, von der (durch Deutsche) auf einen ziemlich hohen Grad entwickelten modernen Industrie und Bildung Böhmens bis herab zu der fast nomadischen Barbarei der Kroaten und Bulgaren, und in der Wirklichkeit haben alle diese Nationen daher die entgegengesetztesten Interessen. In der Wirklichkeit besteht die slavische Sprache dieser zehn bis zwölf Nationen aus ebensoviel meist einander unverständlichen Dialekten, die sich sogar auf verschiedene Hauptstämme (czechisch, illyrisch, serbisch, bulgarisch) reduziren lassen; die durch die gänzliche Vernachlässigung aller Literatur und die Rohheit der meisten Völker zu reinem Patois geworden sind und die mit wenig Ausnahmen stets eine fremde nichtslavische Sprache als Schriftsprache über sich hatten. Die panslavistische Einheit ist also entweder eine reine Schwärmerei, oder aber – die russische Knute. Und welche Nationen sollen an die Spitze dieses großen Slavenreiches treten? Gerade dieselben, die seit tausend Jahren zersprengt, zersplittert, von andern nichtslavischen Völkern ihre Zufuhr an Lebens- und entwicklungsfähigen Elementen aufgedrängt bekamen, die durch die siegreichen Waffen nichtslavischer Völker vor dem Untergange in türkischer Bar-

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barei gerettet wurden, kleine, überall von einander getrennte, ohnmächtige, ihrer Nationalkraft beraubte Stämme, von ein paar Tausend bis zu nicht zwei Millionen! So schwach sind sie geworden, daß z. B. der Stamm, der im Mittelalter der kräftigste und furchtbarste war, die Bulgaren, jetzt in der Türkei nur noch wegen ihrer Sanftmuth und Schwachherzigkeit bekannt sind und ihren Ruhm darin setzen, sich dobre chrisztian, guter Christ, zu nennen! Wo ist ein einziger dieser Stämme, die Czechen und Serben nicht ausgenommen, der eine nationale geschichtliche Tradition besitzt, die im Volke lebt und über die kleinsten Lokalkämpfe hinausgeht? Die Zeit des Panslavismus war im 8. und 9. Jahrhundert, als die Südslaven noch ganz Ungarn und Oestreich innehatten und Byzanz bedrohten. Konnten sie da der deutschen und magyarischen Invasion nicht widerstehen, konnten sie die Unabhängigkeit nicht gewinnen und ein haltbares Reich bilden, selbst als ihre beiden Feinde, die Magyaren und Deutschen, sich gegenseitig zerfleischten, wie wollen sie es jetzt, nach tausendjähriger Unterjochung und Entnationalisirung. Es ist kein Land in Europa, das nicht in irgend einem Winkel eine oder mehrere Völkerruinen besitzt, Ueberbleibsel einer früheren Bewohnerschaft, zurückgedrängt und unterjocht von der Nation, welche später Trägerin der geschichtlichen Entwicklung wurde. Diese Reste einer von dem Gang der Geschichte, wie Hegel sagt, unbarmherzig zertretenen Nation, diese Völkerabfälle werden jedesmal und bleiben bis zu ihrer gänzlichen Vertilgung oder Entnationalisirung die fanatischen Träger der Contrerevolution, wie ihre ganze Existenz überhaupt schon ein Protest gegen eine große geschichtliche Revolution ist. So in Schottland die Gaelen, die Stützen der Stuarts von 1640 bis 1745. So in Frankreich die Bretonen, die Stützen der Bourbonen von 1792 bis 1800. So in Spanien die Basken, die Stützen des Don Carlos. So in Oestreich die panslavistischen Südslaven, die weiter nichts sind, als der Völkerabfall einer höchst verworrenen tausendjährigen Entwicklung. Daß dieser ebenfalls höchst verworrene Völkerabfall sein Heil nur in der Umkehr der ganzen europäischen Bewegung sieht, die für ihn nicht von Westen nach Osten, sondern von Osten nach Westen gehen sollte, daß die befreiende Waffe, das Band der Einheit für ihn die russische Knute ist – das ist das Natürlichste von der Welt. Die Südslaven hatten also ihren reaktionären Charakter schon vor 1848 deutlich ausgesprochen. Das Jahr 1848 hat ihn offen an den Tag gelegt.

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Als der Februarsturm losbrach, wer machte die östreichische Revolution? Wien oder Prag? Budapesth oder Agram? Die Deutschen und Magyaren oder die Slaven? Es ist wahr: unter den gebildeteren Südslaven existirte eine kleine demokratische Partei, die zwar ihre Nationalität nicht aufgeben, aber sie doch zur Verfügung der Freiheit stellen wollte. Diese Illusion, der es gelang auch unter den westeuropäischen Demokraten Sympathieen zu erwecken, Sympathieen, die vollständig berechtigt waren, so lange die slavischen Demokraten gegen den gemeinsamen Feind mitkämpften – diese Illusion wurde gebrochen durch das Bombardement von Prag. Von diesem Ereigniß an stellten sich sämmtliche südslavischen Stämme, nach dem Vorgang der Kroaten, zur Verfügung der österreichischen Reaktion. Diejenigen Chefs der südslavischen Bewegung, welche noch ferner von Gleichberechtigung der Nationen, von demokratischem Oesterreich u. s. w. fabeln, sind entweder vernagelte Schwärmer, wie z. B. viele Zeitungsschreiber, oder Schurken, wie Jellachich. Ihre demokratischen Betheuerungen bedeuten nichts mehr als die demokratischen Betheuerungen der österreichischen offiziellen Kontrerevolution. Genug, in der Praxis fängt die Wiederherstellung der südslavischen Nationalität mit dem brutalsten Wüthen gegen die österreichische und magyarische Revolution an, mit einem ersten großen Liebesdienst, den sie dem russischen Czaar erweisen. Die österreichische Kamarilla fand, außer dem hohen Adel, der Büreaukratie und der Soldateska, nur Unterstützung bei den Slaven. Die Slaven haben den Fall Italiens entschieden, die Slaven haben Wien gestürmt, die Slaven sind es, die jetzt über die Magyaren von allen Seiten herfallen. An ihrer Spitze als Wortführer die Czechen unter Palacky´, als Schwertführer die Kroaten unter Jellachich. Das ist der Dank dafür, daß die deutsche demokratische Presse im Juni überall mit den czechischen Demokraten sympathisirte, als sie von Windischgrätz niederkartätscht wurden, von demselben Windischgrätz, der jetzt ihr Held ist. Resumiren wir: In Oesterreich, abgesehen von Polen und Italien, haben die Deutschen und die Magyaren im Jahre 1848 wie seit tausend Jahren schon, die geschichtliche Initiative übernommen. Sie vertreten die Revolution. Die Südslaven, seit tausend Jahren von Deutschen und Magyaren ins Schlepptau genommen, haben sich 1848 nur darum zur Herstellung ihrer nationalen Selbstständigkeit erhoben, um dadurch zugleich die deutschmagyarische Revolution zu unterdrücken. Sie vertreten die Contrerevolution. Ihnen haben sich zwei ebenfalls längst verkommene Nationen

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ohne alle geschichtliche Aktionskraft angeschlossen: die Sachsen und Rumanen Siebenbürgens. Das Haus Habsburg, das seine Macht durch die Vereinigung der Deutschen und Magyaren im Kampf gegen die Südslaven begründete, fristet die letzten Momente seiner Existenz jetzt durch die Vereinigung der Südslaven im Kampf gegen die Deutschen und Magyaren. Das ist die politische Seite der Frage. Nun zur militärischen. Das von den Magyaren ausschließlich bewohnte Gebiet macht noch nicht den dritten Theil von ganz Ungarn und Siebenbürgen aus. Von Preßburg an, nördlich von der Donau und Theiß, bis an den Rücken der Karpathen hin, wohnen mehrere Millionen Slovaken und einige Ruthenen. Im Süden, zwischen Sau, Donau und Drau, wohnen Kroaten und Slavonier; weiter östlich, längs der Donau, eine serbische Kolonie von über einer halben Million. Diese beiden slavischen Striche werden verbunden durch die Walachen und Sachsen Siebenbürgens. Von drei Seiten her sind die Magyaren also von natürlichen Feinden umringt. Die Slovaken, die die Gebirgspässe inne haben, würden bei ihren zum Parteigängerkriege vortrefflichen Gegenden gefährliche Gegner sein, wenn sie weniger gleichgültig gestimmt wären. So aber haben die Magyaren von Norden her bloß die Angriffe der aus Galizien und Mähren hereingebrochenen Armeen auszuhalten. Im Osten dagegen standen die Rumanen und Sachsen in Masse auf, und schlossen sich an das dortige östreichische Armeekorps an. Ihre Stellung ist vor˙˙ ˙ ˙ ˙ trefflich, theils wegen der gebirgigen Natur des Landes, theils weil sie die meisten Städte und Festungen inne haben. Im Süden endlich sind die Serben des Banats, von deutschen Kolonisten, von Walachen, und ebenfalls von einem östreichischen Korps unterstützt, durch den ungeheuren Morast von Alibunar gedeckt und fast unangreifbar. Die Kroaten sind durch Drau und Donau gedeckt und da ihnen ein starkes östreichisches Heer mit allen Hülfsmitteln zu Gebote steht, so ˙˙ ˙ ˙vor ˙ ˙ dem Oktober auf magyarisches Gebiet vor und rückten sie schon halten jetzt ihre Vertheidigungslinie an der untern Drau mit leichter Mühe. Und von der vierten Seite endlich, von Oestreich her, rücken jetzt Windischgrätz und Jellachich in geschlossener Kolonne vor. Die Magyaren sind von allen Seiten umzingelt, von einer enormen Uebermacht umzingelt. Der Kampf erinnert an den Kampf gegen Frankreich im Jahre 1793. Nur mit dem Unterschied, daß dem dünnbevölkerten und nur halbcivilisirten Magyarenlande bei Weitem nicht die Hülfsmittel zu Gebote stehen wie damals der französischen Republik.

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Die in Ungarn fabrizirten Waffen und Munitionen müssen nothwendig von sehr schlechter Beschaffenheit sein; die Fabrikation besonders der Artillerie kann unmöglich rasch von Statten gehen. Das Land ist lange nicht so groß als Frankreich, und jeder Zoll verlornes Terrain ist daher ein viel größerer Verlust. Es bleibt den Magyaren nichts als ihr revolutionärer Enthusiasmus, ihre Tapferkeit, und die energische, schnelle Organisation, die ihnen Kossuth geben konnte. Aber darum hat Oestreich noch nicht gewonnen. „Wenn wir die Kaiserlichen nicht an der Leitha schlagen, so schlagen wir sie an der Rabnitz; wenn nicht an der Rabnitz, schlagen wir sie bei Pesth; wenn nicht bei Pesth, so schlagen wir sie an der Theiß, aber wir schlagen sie jedenfalls.“ So sagte Kossuth, und er thut sein Möglichstes, um Wort zu halten. Selbst mit dem Falle Budapesths bleibt den Magyaren noch die große niederungarische Haide, ein Terrain, das für einen Cavallerie-Parteigängerkrieg wie gemacht ist, und das zahlreiche fast uneinnehmbare Punkte zwischen den Sümpfen bietet, wo die Magyaren sich festsetzen können. Und die Magyaren, die fast alle beritten sind, besitzen alle Eigenschaften, um diesen Krieg zu führen. Wagt sich die kaiserliche Armee in diese wüste Gegend hinein, wo sie all ihren Proviant aus Galizien oder Oestreich beziehen muß, weil sie nichts, gar nichts vorfindet, so ist nicht abzusehen, wie sie sich halten will. In geschlossenen Korps richtet sie nichts aus; und löst sie sich in fliegende Schaaren auf, so ist sie verloren. Ihre Schwerfälligkeit würde sie den raschen magyarischen Reiterschaaren unrettbar in die Hände liefern, selbst ohne Möglichkeit der Verfolgung, da wo sie siegen sollte; und jeder versprengte Kaiserliche fände in jedem Bauern, jedem Hirten einen Todfeind. Der Krieg in diesen Steppen gleicht dem algierischen Kriege, und die plumpe östreichische Armee würde Jahre gebrauchen, um ihn zu beenden. Und die Magyaren sind gerettet, wenn sie sich nur ein paar Monate halten. Die Sache der Magyaren steht lange nicht so schlecht, als der bezahlte schwarzgelbe Enthusiasmus glauben machen möchte. Sie sind noch nicht besiegt. Fallen sie aber, so fallen sie rühmlich als die letzten Helden der Revolution von 1848, und nur auf kurze Zeit. Dann wird einen Augenblick die slavische Contrerevolution mit ihrer ganzen Barbarei die östreichische Monarchie überfluten, und die Camarilla wird sehen, was sie an ˙˙ ˙ ˙Bundesgenossen ˙ ihren hat. Aber bei dem ersten siegreichen Aufstand des französischen Proletariats, den Louis Napoleon mit aller Gewalt herauf˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ bemüht ist, werden die östreichischen Deutschen und Mazubeschwören gyaren frei werden, und an den slavischen Barbaren blutige Rache nehmen. Der allgemeine Krieg, der dann ausbricht, wird diesen slavischen

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Sonderbund zersprengen und alle diese kleinen stierköpfigen Nationen bis auf ihren Namen vernichten. Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt.

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Friedrich Engels Herr Müller – Radetzkys Schikanen gegen Tessin – Der Bundesrat – Lohbauer

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 194, 13. Januar 1849

** B e r n, 8. Januar. Die neapolitanische Regierung, die wegen der aus˙ ˙ ˙ Rekruten immer besorgter wird, hat jetzt einen bleibenden Schweizer ihrer Schweizer Stabsofficiere, Herrn Tobias Müller, hieher geschickt, um mit dem Bundesrath wegen der Abänderung der Reiseroute der Rekruten Rücksprache zu nehmen, da der vertragsmäßige Einschiffungsplatz, Genua, gesperrt ist. Dieser Herr Müller ist vortrefflich geeignet zu einer solchen Mission. Nicht nur, daß er seit langen Jahren in Italien gegen die Freiheit gekämpft hat; er hat bereits 1831 in seiner Heimath (Freiburg) gegen die Revolution die Waffen geführt. Radetzki, der seine Leute kennt, hat ihn mit Auszeichnung empfangen, ihn vor seinem Generalstab umarmt und ihn und die Schweizer in Neapel überhaupt, wegen ihrer „Treue gegen ihren König“ (!) und ihrer Tapferkeit im Dienste ihres „Königs“, glänzend belobt. Wahrscheinlich wird Herr Müller indeß auf Schwierigkeiten stoßen; selbst der im Bundesrath herrschende Liberalismus ist kein Freund der Militärkapitulationen, ebensowenig wie die Berner und Luzerner liberalen Regierungen. Während Radetzki mit den Schweizern in Neapel fraternisirt, beginnen seine Chikanen gegen Tessin immer aufs Neue. Er hat der Regierung dort denunzirt, daß Mazzini sich noch immer im Kanton versteckt halte und hat ihr sogar sein Versteck angegeben. Ferner beklagt er sich, daß fortwährend Waffen nach der Lombardei hineingeschmuggelt würden. Die Regierung beschloß, dem ersten Punkt nachzuforschen und wenn Mazzini wirklich wieder im Kanton sei, ihn auszuweisen; über den zweiten Punkt ging sie zur Tagesordnung, da es nicht ihre Sache sei, den Oestreichern als Grenzwächter zu dienen. Radetzki hat übrigens gedroht, wenn der Waffenschmuggel nicht aufhöre, werde er die Sperre wieder eintreten lassen.

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Der Bundesrath beschäftigt sich mit den der nächsten Bundesversammlung vorzulegenden Gesetz-Entwürfen. Zu diesen gehören das Zollgesetz, die Postorganisation, militärische Organisationsvorschläge u. s. w. Man muß gestehen: während die wohllöbliche Frankfurter Versammlung in ihrer überschwänglichen Ohnmacht und ohnmächtigen Ueberschwänglichkeit nichts zu Tage fördert, als ihre eigne Mise`re, führen die schweizerischen Bundesbehörden in aller Stille ein Stück bürgerlicher Centralisation nach dem andern durch. Eine Menge centralisirender Gesetze werden im März den Räthen vorgelegt, im Mai und Juni berathen und angenommen, im Juni in Kraft sein. Für dergleichen kleine Detailreformen hat die jetzt herrschende liberale Generation der schweizer Politiker (Staatsmänner darf man doch nicht sagen) ein unbestreitbares Geschick. In wenig Jahren wird die Centralisation der Schweiz vollendet sein, soweit die Verfassung sie gestattet, und dann wird diese Verfassung selbst der weitern Entwicklung des Landes eine Fessel und die eine und untheilbare Republik eine Nothwendigkeit werden. Alles das in der – unmöglichen – Voraussetzung, daß der europäische Sturm, der sich vorbereitet, die Schweiz ebenso neutral läßt, wie das Jahr 1848. Aber freilich, welche Nation auch, zu einer Zeit der Revolutionen wie die gegenwärtige, nach weiter nichts strebt, als nach Aufhebung der Kantonalzölle, Kantonalposten und anderer Kantonaleinrichtungen, die seit langen, langen Jahren schon drückend lästig geworden sind! die mitten in den Geburtswehen einer neuen geschichtlichen Epoche ihr höchstes Ziel in eine verbesserte Auflage der historisch überkommenen Föderativrepublik und in die, durch den Sonderbundskrieg schon nöthig gewordenen ˙˙ ersten Anfänge der bürgerlichen Centralisation setzt! Welche Kleinkrämerei mitten in der großartigsten europäischen Bewegung! Uebrigens hat der Bundesrath einen höchst eigenthümlichen Schritt gethan. Er hat den bekannten Herrn Lohbauer von Berlin wieder als Professor der Militärwissenschaften berufen. Herr Lohbauer, Flüchtling von 1830, Radikaler, später Renegat, wurde bekanntlich durch die Coterie Eichhorn in den 40ger Jahren nach Berlin berufen, wo er an der Staatszeitung, am Janus und an andern ultrareaktionären und pietistischen Organen mitarbeitete. Herr Lohbauer ist, wenn wir nicht sehr irren, der Autor jenes Bedientenfußtritts im Feuilleton der Staatszeitung, womit damals Herwegh nach seinem Briefe an Se. Majestät aus den königlichen Staaten spedirt wurde. Herr Lohbauer war nie Soldat und dennoch soll er hier Militairwissenschaften doziren. Was das heißen soll, begreift nur Herr Ochsenbein, der ihn berufen hat. In den meisten Kantonen sind jetzt die großen Räthe bei einander und schlagen sich mit dem allerlokalsten Interesse herum. Der Züricher hat

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unsern Freund Dr. Alcibiades Escher zum Bürgermeister (id est Chef der Vollziehungsgewalt) gewählt. Der Berner Großrath kommt am 15. zusammen.

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Friedrich Engels Die letzten Freischärler

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* B e r n, 8. Januar. Das hiesige Obergericht hat in zweiter Instanz die ˙ ˙˙ Herren J. Ph. Becker und H. Hattemer in Biel, ersteren zu einjähriger, letzteren zu sechsmonatlicher Kantonsverweisung verurtheilt, wegen Stiftung des Wehrbundes „Hilf Dir“. Die andern Angeklagten sind freigesprochen worden. Damit hat die berühmte Geschichte von dem vielbesprochenen dritten Freischaarenzuge ihr Ende erreicht, und die Centralgewalt kann ihre sämmtliche kostbare Zeit nun wieder der deutschen Kaiserfrage und der deutschen Flotte widmen. Gott segne ihre sauren Bemühungen zum Heil des „Gesammtvaterlandes“.

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Friedrich Engels Budget des Schweizer Kanton Bern

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 195, 14. Januar 1849

** B e r n, 9. Januar. Das Budget des Kantons ist jetzt im Regierungsrath soweit berathen, daß es dem nächstens zusammentretenden großen Rath vorgelegt werden kann. Es schließt sich in sofern den übrigen europäischen Büdgets an, als es auch ein Defizit von 43 000 Franken hat, auf eine ˙ ˙ 5˙ ˙Millionen ˙ Totalsumme von circa 5 Millionen Franken. Von diesen sind circa 800 000 durch den Ertrag der Staatsgüter, 1 800 000 Franken durch ˙ ˙ ˙ ˙ ˙danach indirekte Steuern, der Rest durch Zölle etc. gedeckt. Es kommen fast genau 4 Schweizer Franken (1 Thlr. 18 Sgr.) direkte, und etwa 31/2 Franken indirekte Steuern auf den Kopf der Bevölkerung. Wenn sämmtliche, vom Finanzdirektor Stämpfli (Chef der hiesigen Radikalen) vorgeschlagene Reduktionen durchgegangen wären, so würde statt eines Defizits, ein Ueberschuß von 80 000 Franken herausgekommen sein. Aber das convenirte der liberalen Majorität des Regierungsraths nicht, die den Aristokraten den ewigen Vorwurf des „zerrütteten Finanzzustandes“ ruhig überläßt, um diesen Vorwurf dem radikalen Stämpfli zur Last zu legen. In der Wirklichkeit waren die Finanzen des Kantons durch die famose Neuhausische Regierung vollständig in Unordnung gebracht und verschleudert worden, und wenn jetzt wieder Ordnung hineingekommen, so verdanken wir dies nur Herrn Stämpfli.

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** B e r n, 11. Januar. Die politische Presse der Schweiz entfaltet mit jedem Jahr eine größere Thätigkeit. Außer einigen zwanzig literarischen Zeitschriften bestehen jetzt 98 politische Zeitungen in den 22 Kantonen. Man darf sich unter diesen Blättern aber keine Zeitungen in großem Format, wie die deutschen oder gar die französischen, vorstellen. Es sind kleine, mit Ausnahme einiger waadtländischen Blätter, sämmtlich nur in einem halben Bogen und Quartformat erscheinende Blättchen, von denen kaum ein Dutzend täglich, einige fünfmal, die Meisten dreimal, manche nur einmal wöchentlich erscheinen, und die, mit wenig Ausnahmen, wahrhaft erbärmlich dirigirt und geschrieben werden. Natürlich, wie können sich auch auf dem beschränkten Boden der hiesigen Kantonalverhältnisse, und in der hier allein möglichen allerkleinlichsten Polemik bedeutende journalistische Talente ausbilden, und welches wirkliche Talent würde sich auf diese winzigen Verhältnisse und auf den Raum eines Quartblättchens dreimal wöchentlich beschränken lassen! Die beste Eigenschaft der schweizer Presse ist ihre Unverschämtheit. Man sagt sich hier in den öffentlichen Blättern gegenseitig Dinge, man macht ganz ungenirt so freche persönliche Angriffe, daß ein rheinischer Prokurator, dem der Artikel 270 des Code pe´nal heilig ist, es keine drei Tage in einem solchen Lande aushalten würde. Aber das ist auch Alles. Man abstrahire von dieser, übrigens ohne allen Witz ausgebeuteten Rücksichtslosigkeit, und es bleibt fast nichts als die krummbuckligste Kriecherei vor den widerlichen Bornirtheiten eines kleinen, in seiner Kleinheit noch zersplitterten und gränzenlos aufgeblasenen Volks von vorsündfluthlichen Alpenhirten, vernagelten Bauern und schmutzigen Spießbürgern. Daß in großen Ländern ein Blatt sich nach seiner Partei richtet, daß es nichts gegen das Interesse der Partei aufnimmt, das ist begreiflich, das schadet der Diskussionsfreiheit wenig, weil

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jede Richtung, selbst die avancirteste, ihre Organe hat. Aber in den beschränkten Verhältnissen der Schweiz sind die Parteien selbst beschränkt, und die Presse ist ebenso beschränkt wie die Parteien. Daher die bornirten Gesichtspunkte von denen überall ausgegangen wird, daher der Mangel aller Organe für Richtungen, die zwar avancirt, aber selbst in Deutschland längst an der Tagesordnung sind, daher die Angst, selbst der Radikalsten, auch nur ein Titelchen von dem bornirten, nur auf’s Allernächste gerichteten Programm ihrer Partei abzuweichen, auch nur die bornirtesten der schweizerisch-nationalen Bornirtheiten anzugreifen. Eine patriarchalische Lynchjustiz würde sofort den Frevler am nationalen Heiligthum züchtigen. Wofür sonst hätte der biedre Schweizer seine Fäuste? Das ist der Durchschnittsstand der schweizer Presse. Ueber diesem Durchschnitt stehn die besseren Organe der welschen Schweiz und Bern’s; unter ihm die große Masse der ostschweizerischen Journale. Beginnen wir mit der Presse der schweizerischen Hauptstadt. In Bern entwickelt sich bereits eine gewisse Centralisirung der schweizer Presse. Die Presse des Kantons ist bereits hier centralisirt und beginnt schon einen gewissen hauptstädtischen Einfluß an sich zu reißen. Die reaktionäre, oder wie man hier sagt, aristokratische Partei hat zum Hauptorgan den „Schweizerischen Beobachter“, den Moniteur der schweizer Offiziere in ausländischen Diensten, wie ihn die Berner Zeitung richtig nennt. Dies saubre Blättchen (3 mal wöchentlich) preist die Heldenthaten der schweizerischen Kroaten in Italien, greift die Radikalen mit den schmutzigsten Waffen an, vertheidigt die Militärkapitulationen, lobhudelt die Patrizier, besingt Radetzki und Windischgrätz, vertheidigt den Mord Robert Blum’s, verläumdet die Revolution in allen Ländern und denunzirt die Flüchtlinge der Regierung. Das edle Blatt hat eigentlich gar keinen Redakteur; es wird zusammengeschrieben aus allerhand Einsendungen und Randglossen müßiger Patriziersöhne und Bürgerraths-Stellenjäger. Ihm zur Seite steht würdig das „Intelligenzblatt“, ein Organ, worin vorn nur Annoncen und hinten des Pietismus und der patrizischen Bürgerguts-Profitmacherei Anpreisung zu finden ist. „Die Biene“ soll den Charivari dieser Partei vorstellen. Da aber heutzutage die Herren Patrizier im Ganzen mehr zu weinen als zu lachen haben, so fällt der Witz dieser Biene erschrecklich ledern und lahm aus. Der gemäßigten oder liberalen Partei, der Partei Ochsenbein, dient vor Allem der „Berner Verfassungsfreund“ zum Organ. Dies Blatt, redigirt vom Dr. und ehemaligen Professor Karl Herzog, gilt geradezu für Ochsenbein’s halboffizielles Journal. Mit einiger Routine, aber ohne alles Talent redigirt, beschränkt es sich auf die Apologie der Regierungs- und

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Bundesraths-Akte, soweit diese von der Partei Ochsenbein ausgehen. In den östlichen, besonders den Urkantonen, ist es natürlich erschrecklich freisinnig, und auch bei Gelegenheit der auswärtigen Politik erläßt es zuweilen eine schallende Fanfare, um unter dem kriegerischen Ton die farbloseste Neutralität durchzuschmuggeln. Eine mehr oder weniger obskure „Bundeszeitung“ schifft ungefähr in denselben Wassern, sowie auch das französische Blatt: La Suisse, redigirt in schlechtem französisch von dem Piemontesen Bassi. Weniger direkt mit der Regierung liirt als der Verfassungsfreund, beweihraucht sie nicht minder die regierende liberale Majorität, und greift mit großer Beharrlichkeit, aber wenig Glück die revolutionäre Presse der französischen Schweiz, namentlich den Nouvelliste Vaudois an. Anständiger benimmt sie sich in der italiänischen Frage, wobei ihr Redakteur direkt betheiligt ist. – Diese drei Blätter erscheinen täglich. Die radikale Partei zählt die meisten Organe. An ihrer Spitze steht die „Berner Zeitung“ unter der Oberleitung des Advokaten, Großraths-Vicepräsidenten und Ständeraths Niggeler. Sie ist das Organ der im Regierungsrath durch den Finanzdirektor Stämpfli vertretenen, entschieden radikalen Partei des deutschen Kantontheils. Durchführung der Demokratie in der Gesetzgebung und Verwaltung des Kantons, wo noch viel alter Unrath aufzuräumen ist, möglichste Centralisation der ganzen Schweiz, Aufgeben der Neutralitätspolitik bei der nächsten Gelegenheit, das sind die Hauptprinzipien, nach denen dies Blatt redigirt wird. Die Notabilitäten des Berner Radikalismus arbeiten mit daran, und es darf daher nicht verwundern, daß die Berner Zeitg. das am besten redigirte Blatt des Kantons, ja der ganzen deutschen Schweiz ist. Wenn die Redaktoren und Mitarbeiter ganz frei schreiben könnten, es würde noch bedeutend besser sein; die Eine und untheilbare helvetische Republik, und zwar mit sehr röthlicher Färbung würde zum Vorschein kommen; aber das geht nun einmal nicht, die Partei duldet’s noch nicht. Neben der Berner Ztg. erscheint seit dem 1. Januar ebenfalls täglich: „L’Helve´tie fe´de´rale“, Fortsetzung der früher in Pruntrut im Jura erschienenen Helve´tie, Organ der jurassischen Radikalen und ihres Chefs, Oberst und Regierungs-Rath Stockmar. Die alte Helve´tie trat entschieden roth auf; ˙˙ ˙ ˙ ˙ ebenfalls, ˙˙ die neue ja noch entschiedener. Die Schweizer Zeitung (ehemals der Freie Schweizer) vertritt ebenfalls den Radikalismus, aber den ausschließlich bürgerlichen und beschränkt sich daher ganz auf die Forderung solcher ökonomischen Reformen, die der herrschenden besitzenden Klasse vortheilhaft sind. Im Uebrigen ist diese Zeitung indeß auch über die gewöhnlichen schweizerischen Kantonalbornirtheiten (Neutralität, Kantonalsouveränetät etc.) hinaus. Au-

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ßer diesen drei täglichen Blättern besitzt der Berner Radikalismus noch ein Witzblatt, und zwar das einzig gute der Schweiz, Jenni’s Guckkasten. Der Guckkasten (wöchentlich einmal) beschränkt sich bloß auf schweizerische und besonders Berner Kantonalinteressen, aber gerade dadurch ist es ihm gelungen, zu einer Macht im Staat zu werden, die ihr redlich Theil zum Sturz der Regierung Neuhaus beigetragen und die jetzt wieder dafür sorgt, daß die Partei Ochsenbein nicht zu lange am Ruder bleibt. Der rücksichtslose Witz mit dem Jenni von jeder regierenden Persönlichkeit bis herab auf Ochsenbein den Nimbus der Popularität abzustreifen sich bemüht, hat ihm unter Neuhaus zahllose Prozesse und Chikanen, und später Drohbriefe und Brutalitäten zugezogen, aber alles umsonst, und noch immer sehen die hohen Herren von Bern mit großer Unruhe jeder neuen Samstagsnummer des Guckkastens entgegen. Als Blum erschossen war, brachte der Guckkasten als wöchentliche Zeichnung einen Block mit einem Beil, umgeben von einer Masse zerbrochener Kronen und mit der Unterschrift: die einzige Hülfe. Als hierüber die gesetzten Berner Bürger sich entsetzten, folgte die nächste Woche ein Laternenpfahl mit einer daran aufgehangenen Krone und den Inschriften: „Suaviter in modo, fortiter in re – den Manen Messenhausers!“ Der „Seeländer Anzeiger“, herausgegeben von Nationalrath und Großrath J. A. Weingart, vertrat bis Neujahr allein den Sozialismus. Der Seeländer Anzeiger predigt ein seltsames Gemisch von thränenzerfließendem Gemüths- und Wohlthätigkeitssozialismus und rother Revolution. Ersteren für den Kanton Bern, letztern sobald er vom Ausland spricht. Was die Form betrifft, so ist dies wöchentlich erscheinende Blatt eines der am schlechtesten redigirten des Kantons. Uebrigens ist Hr. Weingart, trotz seiner christlich-weichmüthigen Seelenergüsse, in der Politik ein Anhänger des entschiedensten Radikalismus. Seit Neujahr hat der Seeländer Anzeiger einen Konkurrenten bekommen in dem ebenfalls einmal ˙ ˙ ˙ ˙˙ wöchentlich erscheinenden „Unabhängigen“, der sich die freilich etwas undankbare Aufgabe gesetzt hat, in den Zuständen des Kantons Bern und der Schweiz überhaupt Anknüpfungspunkte für die Propaganda der Anfangsgründe des Sozialismus zu finden und Maßregeln zur Abhülfe wenigstens der gröbsten Uebelstände vorzuschlagen. Jedenfalls ist das Blättchen das einzige in der ganzen Schweiz, das den richtigen Weg eingeschlagen hat, um für seine Richtung hier zu Lande Terrain zu gewinnen; und wenn seine Chancen des Erfolgs im Verhältniß stehen zu der Wuth, die es bereits bei den hohen und höchsten Behörden erregt hat, so stehen seine Aussichten gar so schlecht nicht. Von den außerhalb der Stadt erscheinenden Blättern erwähne ich nur eins: die „Evolution“, wie der Freischaarenführer Becker jetzt seine Re-

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volution umgetauft hat. Dies entschiedenste aller in der Schweiz erscheinenden Blätter appellirt einzig und allein an eine neue europäische Revolution und sucht in seinem Kreise Kämpfer dafür zu gewinnen. Zum Dank wird es von den ruhigen Bürgern verabscheut und findet, außer den deutschen Flüchtlingen in der Schweiz, Besanc¸on und Elsaß, wenig Publikum. In einem nächsten Artikel werde ich auf die außerbernische Presse näher eingehen.

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** B e r n, 12. Januar. Die Schutzzoll-Agitation in der Schweiz wird im˙ ˙ ˙in demselben Verhältniß auch die Bewegung im Inmer lebhafter, und teresse der Beibehaltung des bisherigen Freihandelssystems. Die Gründe von beiden Seiten sind gleich vortrefflich, und es ist bis jetzt schwer abzusehen wie die Schweiz sich aus dem Dilemma ziehen werde. Die Schutzzollpartei weist hin auf den jährlich sich vermehrenden Druck der auswärtigen Konkurrenz auf die einheimische Industrie und auf die in gleichem Maße verschwindende Aussicht, die wachsende brodlose Bevölkerung zu beschäftigen. Die Freihändler halten dagegen die Vertheuerung der Industrie-Erzeugnisse für die ackerbauende Mehrheit des Volks, und die Unmöglichkeit für ein Volk von 2 Millionen, eine so ausgedehnte und für den Schmuggel so geeignete Gränze wie die schweizerische ohne ruinirenden Geldaufwand zu schützen. Beide Parteien haben vollkommen Recht: ohne Schutzzölle geht ein Zweig der schweizer Industrie nach dem andern zu Grunde; mit Schutzzöllen gehen die eidgenössischen Finanzen zu Grunde. Um Beides zu vereinigen, schlägt der Berner Verfassungsfreund einen Justemilieu-Tarif vor, der beide zusammen ruiniren würde. Die eidgenössischen Räthe mögen sich im März an der unmöglichen Lösung dieser Frage die Zähne ausbeißen. In Genf ließen sich seit einiger Zeit neapolitanische Werboffiziere sehen, um Rekruten für den Dienst Sr. bombardirenden Majestät aufzutreiben. Ferdinand muß die handfesten Schweizer sehr nöthig haben, daß er selbst in Kantonen werben läßt, mit denen er keine Kapitulation abgeschlossen hat. Aber die Genfer Regierung machte diesem Treiben bald ein Ende. Sie erklärte alle bereits abgeschlossenen Engagements für null und nichtig, verbot alle Werbungen und drohte den Werboffizieren mit harter Strafe. Die Söldlinge der neapolitanischen Hyäne haben sich hierauf schleunigst vom Genfer Gebiet zurückgezogen.

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** B e r n, 13. Januar. Der große Herr Tobias Müller ist endlich im Kanton Uri angekommen und verlangt von der Regierung, daß das Depot der neapolitanischen Rekruten, das früher in Genua war, jetzt nach Altorf verlegt werde, von wo aus er sie dann auf dem einen oder dem andern Wege nach Neapel spediren werde. Man weiß nicht ob die Regierung ihm willfahren wird; aber wenn auch, so fragt sich’s immer noch ob die andern Kapitulationsregierungen mit dieser Verlegung zufrieden sein werden. – Ein Trupp Luzerner Rekruten soll nun doch, wie es heißt, über Triest nach Neapel befördert werden, zum Skandal der ganzen civilisirten Welt. – Die Freiburger Regierung, die sich überhaupt sonderbare Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen läßt, hat jetzt wieder, trotz der neuen Bundesverfassung, einen Schwyzer Kantonsbürger polizeilich ausgewiesen. Schon früher hatte sie Hrn. Sieber von Zürich, Redakteur des ˙ ˙ ˙Zeitung, ˙˙˙ „Wächters“ von Murten und jetzigen Mitredakteur der Berner ebenso ungenirt ausgewiesen. Beide Fälle werden vor die Bundesversammlung kommen, die hoffentlich der Verfassung Geltung zu verschaffen wissen wird. Ein Wunder ist geschehen: Das Organ des neutralen Hrn. Ochsenbein, der „Verfassungsfreund“, erkennt reuig an, daß die Tessiner in ihren Zwistigkeiten mit Radetzki und den ostschweizer Truppen doch so sehr Unrecht nicht hatten. Er stammelt sein pater peccavi und sucht die Sache zu vertuschen durch ein: Iliacos intra peccatur muros et extra. Und doch sind die Tessiner Regierungsräthe die ausgemachtesten Antineutralitätsleute, die es gibt und Anhänger der von Ochsenbein mit gehässigem Appell an die schweizerische Nationalbornirtheit sogenannten „Auslandspolitik“. Aber die Tessiner sind in Bern durch die Berichte der Berner Truppen sehr populär geworden, und Hr. Ochsenbein muß in Bern po-

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pulär bleiben, und endlich, das ist des Pudels Kern, hat der Bundesrath, ohne alle Veranlassung, den Kanton Tessin neuerdings für alle weiteren Verwickelungen mit Radetzki verantwortlich gemacht. Jedesmal aber, wenn Hr. Ochsenbein im Bundesrath eine praktische Gemeinheit durchsetzt, muß der Verfassungsfreund in der Theorie eine großmüthige und noble Sprache aufführen. So regiert man die dummen Bauern hier zu Lande. O Demokratie!

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* K ö l n, 20. Januar. Der „ehrenwerthe“ Joseph Dumont läßt einen nicht von ihm bezahlten, sondern ihn bezahlenden Anonymus, der hinter dem Strich die Urwähler bearbeitet, folgende Apostrophe an die „Neue Rheinische Zeitung“ richten: „Der ,Neuen Rheinischen Zeitung‘, dem Organ der Demokratie, hat es gefallen, von den unter dem Titel ,An die Urwähler‘ in diesem Blatt veröffentlichten Aufsätzen Notiz zu nehmen und dieselben als aus der ,Neuen Preußischen Zeitung‘ entlehnt zu bezeichnen. Dieser Lüge gegenüber einfach die Erklärung, daß diese Aufsätze als Inserate bezahlt werden, daß dieselben, mit Ausnahme des ersten, der Parlaments-Correspondenz entlehnten, in Köln geschrieben sind, und der Verfasser derselben die ,Neue Preußische Zeitung‘ bis jetzt noch nicht einmal gesehen, geschweige denn gelesen hat.“ Wir begreifen, welche Wichtigkeit es für Montesquieu LVI. hat, sein Eigenthum zu konstatiren. Wir begreifen eben so sehr, wie wichtig für Herrn Dumont die Erklärung ist, daß er „bezahlt“ wird, selbst für die Flugblätter und Inserate, die er im Interesse seiner eignen Klasse, der Bourgeoisie, setzen, drucken und verbreiten läßt. Was den Anonymus betrifft, so kennt er das französische Sprichwort: „les beaux esprits se rencontrent.“ Es ist nicht seine Schuld, wenn seine eigensten Geistesprodukte denen der „Neuen Preußischen Zeitung“ und der „Preußenvereine“ wie ein Ei dem andern bis zur Verwechslung gleichen. Wir haben seine Inserate in der „Kölnischen Zeitung“ nie gelesen, sondern nur die aus der Dumont’schen Druckerei hervorgehenden Flugblätter, die uns von links und rechts zugeschickt wurden, eines flüchtigen Blicks gewürdigt, finden aber jetzt durch Vergleichung, daß dieselben Wische als Inserat und Flugblatt zugleich ihre Rolle spielen.

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Um unser Vergehen gegen den anonymen Montesquieu LVI. zu sühnen, haben wir uns die harte Buße auferlegt, seine sämmtlichen Inserate in der „Kölnischen Zeitung“ durchzulesen und sein geistiges Privateigenthum als „Gesammteigenthum“ dem deutschen Publikum preißzugeben. Hier ist Weisheit! Montesquieu LVI. beschäftigt sich vorzugsweise mit der socialen Frage. Er hat den „leichtesten, einfachsten Weg“ zu ihrer Lösung gefunden und preist seine Morisonspille mit salbungsvollstem, naiv-schamlosestem Quacksalberpathos an: „Der leichteste, einfachste Weg aber ist dazu (nämlich zur Lösung der socialen Frage): die am 5. Dezember vorigen Jahres octroyirte Verfassung ˙ ˙˙ ˙allen ˙ ˙ ˙ Seiten ˙ ˙ ˙ ˙ beschwören zu lasanzunehmen, sie zu revidiren, dann von sen und sie so festzusetzen. Das ist der einzige Weg, der uns zum Heile führt. ... Wer also ein Herz im Busen trägt für die Noth seiner armen Brüder, wer die Hungrigen speisen und die Nackten kleiden will, wer mit Einem Worte die sociale Frage lösen will – der wähle keinen, der sich gegen die Verfassung ausspricht.“ (Montesquieu LVI.) Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg, und die sociale Frage ist auf dem „einfachsten“ und „leichtesten Wege“ gelöst! Stimmt für Dumont, Camphausen, Wittgenstein, oder auch für die minorum gentium, wie Compes, Mevissen, u. dgl. – und die sociale Frage ist gelöst. Die „sociale Frage“ für Eine Stimme! Wer „die Hungrigen speisen und die Nackten kleiden will“, der stimme für die Hansemann und Stupp! Für jede Stimme eine sociale Frage weniger! Die Annahme der octroyirten Verfassung – voila` la solution du proble`me social! Wir zweifeln keinen Augenblick, daß nicht nur Montesquieu LVI., sondern auch seine Patrone im Bürgervereine die Annahme, Revision, Beschwörung und Festsetzung der octroyirten Verfassung nicht abwarten werden, um die „Hungrigen zu speisen und die Nackten zu kleiden“. Auch sind dazu schon Anstalten getroffen worden. Seit einigen Wochen fliegen hier Circulare umher, worin den Handwerksmeistern, Krämern u. s. w. von den Kapitalisten angezeigt wird, daß in Betracht der heutigen Umstände und des wiedererwachenden Kredits aus philantropischen Gründen die Zinsen von 4 auf 5 pCt. erhöht werden. Erste Lösung der socialen Frage! Der hiesige Gemeinderath hat in demselben Sinne „die Arbeiterkarte“ für die Unglücklichen abgefaßt, die verhungern – oder ihre Arme der Stadt verkaufen müssen (vergleiche Nr. 187 der „Neuen Rheinischen Zei˙˙ ˙dieser ˙ tung“). Man erinnert sich, daß˙in den Arbeitern octroyirten Charte der brodlos gewordene Arbeiter kontraktlich verpflichtet wird, unter polizeiliche Aufsicht zu treten. Zweite Lösung der socialen Frage!

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In Köln stiftete der Gemeinderath kurz nach den Märzwehn eine Speiseanstalt zu kostenden Preisen, schöneingerichtet, mit prächtigen heizbaren Zimmern u. s. w. Nach der Ertheilung der octroyirten Verfassung ist an die Stelle dieses Lokals ein andres, der Armenverwaltung untergeordnetes getreten, wo nicht geheizt wird, die Speisegeschirre fehlen, wo es nicht erlaubt ist, die Speisen an Ort und Stelle zu verzehren, sondern das Quart einer namenlosen Brühe zu 8 Pfg. verkauft wird. Dritte Lösung der socialen Frage! In Wien hüteten die Arbeiter während ihrer Herrschaft die Bank, die Häuser und die Reichthümer der davongelaufenen Bourgeois. Bei ihrer Rückkehr denuncirten dieselben Bourgeois diese „Räuber“ dem Windischgrätz zum Hängen. Die Arbeitslosen, die den Gemeinderath angingen, wurden in die Armee gegen Ungarn gesteckt. Vierte Lösung der sozialen Frage! In Breslau warfen Gemeinderath und Regierung ruhig die Elenden, die im Armenhause ihre Zuflucht suchen müssen, durch Entziehung der physisch unentbehrlichsten Lebensgenüsse der Cholera in die Arme und nahmen erst Notiz von den Schlachtopfern ihrer grausamen Mildthätigkeit, als die Seuche ihnen selbst auf den Leib rückte. Fünfte Lösung der socialen Frage! Im Berliner Verein „mit Gott für König und Vaterland“ erklärte ein Freund der octroyirten Verfassung, es sei penibel, daß man immer noch zur Durchsetzung seiner Interessen und Absichten dem „Proletariat“ Komplimente machen müsse. Das [ist] die Lösung der „Lösung der socialen Frage“. „Die preußischen Spione sind eben deshalb so gefährlich, weil sie nie bezahlt werden, sondern stets hoffen, bezahlt zu werden“, sagt unser Freund Heine. Und die preußischen Bourgeois sind eben deshalb so gefährlich, weil sie nie zahlen, sondern stets zu zahlen versprechen. Die englischen und französischen Bourgeois lassen sich so einen Wahltag schweres Geld kosten. Ihre Bestechungsmanöver sind weltbekannt. Die preußischen Bourgeois „das sind die allerklügsten Leut!“ Viel zu moralisch und solid, um ihren Beutel zu ziehen, zahlen sie mit der „Lösung der socialen Frage“. Das kostet nichts! Doch Montesquieu LVI. zahlt wenigstens, wie Dumont amtlich versichert, die Insertionsgebühren an die „Kölnische Zeitung“ und gibt die Lösung der „socialen Fragen“ – gratis zu. Der praktische Theil der petits Œuvres unseres Montesquieu besteht also darin: Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg! Wählt Camphausen-Hansemann! Schickt uns nach Berlin, laßt unsere Leute sich da erst festsetzen! Das ist die Lösung der socialen Frage!

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Der unsterbliche Hansemann hat diese Fragen gelöst. Erst Herstellung der Ordnung, um den Kredit herzustellen. Dann, wie im Jahre 1844, wo „meinen lieben schlesischen Webern geholfen werden sollte und mußte“, Pulver und Blei, um die „sociale Frage“ zu lösen! Stimmt also für Freunde der octroyirten Verfassung! Aber Montesquieu LVI. nimmt nur die octroyirte Verfassung an, um sie hinterher revidiren und beschwören zu können. Bester Montesquieu! Hast du einmal die Verfassung angenommen, so wirst du sie nur auf ihrer eigenen Grundlage revidiren, d. h. revidiren, so weit es dem Belieben des Königs und der aus Krautjunkern, Finanzbaronen, hohen Beamten und Pfaffen zusammengesetzten zweiten Kammer zusagt. Diese einzig mögliche Revision ist vorsorglicherweise schon in der octroyirten Verfassung selbst angedeutet. Sie besteht in dem Verlassen des konstitutionellen Systems und in der Wiederherstellung des alten christlich-germanischen Ständewesens. Das ist die Revision, die nach Annahme der oktroyirten Verfassung einzig möglich und einzig gestattet ist, was dem Scharfsinn eines Montesquieu nicht entgangen sein kann. Der praktische Theil der petits Œuvres Montesquieu’s LVI. läuft also darauf hinaus: Stimmt für Hansemann-Camphausen! Stimmt für Dumont-Stupp! Stimmt für Brandenburg-Manteuffel! Nehmt die oktroyirte Verfassung an! Wählt Wahlmänner, die die oktroyirte Verfassung annehmen und alles das unter dem Vorwande „die sociale Frage“ zu lösen. Was Teufel scheert uns der Vorwand, wenn es einmal die oktroyirte Verfassung gibt. Aber unser Montesquieu hat seiner praktischen Anweisung, „die sociale Frage“ zu lösen, der wirklichen Pointe seines Riesenwerkes, natürlich einen theoretischen Theil vorhergeschickt. Sehen wir uns diesen theoretischen Theil an. Der tiefsinnige Denker erklärt zuerst, was die „sozialen Fragen“ sind. „Was ist es also eigentlich mit der socialen Frage? Der Mensch soll und will leben. Zum Leben braucht der Mensch Wohnung, Kleidung, Nahrung. Wohnung und Kleidung bringt die Natur gar nicht hervor, Nahrung wächst wild nur spärlich und lange nicht zureichend. Der Mensch muß sich deßhalb diese Bedürfnisse selbst anschaffen. Das geschieht durch Arbeit. Arbeit ist demnach die erste Bedingung unseres Lebens, ohne Arbeit können wir nicht leben. Bei den ersten Völkern baute sich nun Jeder seine Hütte selbst, fertigte sich seine Kleidung aus Thierfellen selbst, brach sich seine Früchte zum Essen selbst. Das war der Urzustand.

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Wenn der Mensch aber nichts braucht als Wohnung, Kleidung, Nahrung, wenn er also bloß seine körperlichen Bedürfnisse befriedigt, so steht er mit dem Thiere auf gleicher Stufe; denn das thut das Thier auch. Der Mensch aber ist ein höheres Wesen, als das Thier, er braucht mehr zum Leben: er braucht Freude, er soll sich zu einem sittlichen Werthe erheben. Das kann er aber nur, wenn er in Gesellschaft lebt. Sobald die Menschen aber in Gesellschaft lebten, trat ein ganz anderes Verhältniß ein. Sie bemerkten bald, daß die Arbeit viel leichter sei, wenn jeder Einzelne nur eine bestimmte Arbeit machte. Und so fertigte der eine Kleidung, der zweite baute Häuser, der dritte sorgte für Nahrung, und der erste gab dem zweiten, was diesem fehlte. So bildeten sich die verschiedenen Stände der Menschen ganz von selbst, indem der eine Jäger, der andere Handwerker, der dritte Ackerbauer wurde. Die Menschen aber blieben dabei nicht stehen; denn die Menschheit muß vorwärts schreiten. Man machte Erfindungen. Man erfand das Spinnen und das Weben, das Schmieden des Eisens, das Gerben der Thierfelle. Je mehr man Erfindungen machte, desto mannigfaltiger ward das Handwerk, desto leichter der Ackerbau, dem das Handwerk Pflug und Spaten lieferte. Alles half sich, Alles griff in einander. Man kam dann mit benachbarten Völkern zusammen; das eine Volk hatte, was das andere entbehrte – und dieses besaß, was jenes nicht hatte. Man tauschte dieses um. So entstand der Handel und damit ein neuer Zweig der menschlichen Thätigkeit. So schritt die Bildung von Stufe zu Stufe fort; von den ersten unbeholfenen Erfindungen kam man in Jahrhunderten endlich zu den Erfindungen unserer Zeit. So bildeten sich unter den Menschen die Wissenschaften und die Künste, und immer reicher, immer mannigfaltiger wurde das Leben. Der Arzt heilte den Kranken, der Pfarrer predigte, der Kaufmann handelte, der Landmann baute das Feld, der Gärtner zog Blumen, der Maurer baute die Häuser, die der Schreiner mit Hausgeräth versah, der Müller mahlte das Mehl, das der Bäcker zu Brot verbackte – Eines griff in das Andere; Niemand konnte allein stehen, Niemand sich seine Bedürfnisse selbst allein verschaffen. Das sind die socialen Verhältnisse. Sie sind ganz naturgemäß von selbst entstanden. Und wenn ihr heute eine Revolution macht, die alle diese Verhältnisse von Grund aus zerstört, wenn ihr dann morgen wieder von Neuem anfangt, zu leben, so werden die Verhältnisse sich genau so wieder bilden, wie sie jetzt sind. Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern der Erde eben so gewesen. Wenn nun Jemand einen Unterschied macht zwischen Arbeitern und Bourgeoisie – so ist das eine große Lüge. Wir arbeiten alle, Jeder in seiner Art,

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Jeder nach seinen Kräften und Fähigkeiten. Der Arzt arbeitet, wenn er den Kranken besucht, der Musiker, der zum Tanze aufspielt, der Kaufmann, der seine Briefe schreibt, Alle arbeiten, Jeder auf seiner Stelle.“ Hier ist Weisheit! Wer Ohren hat zu hören, der höre! Was ist es also eigentlich mit der physiologischen Frage! Jedes körperliche Wesen setzt eine gewisse Schwere, Dichtigkeit u. dergl. voraus. Jeder organische Körper besteht aus allerhand Bestandtheilen, wovon ein jeder seine eigene Funktion ausübt und wo die wechselseitigen Organe in einander greifen. „Das sind die physiologischen Verhältnisse.“ Montesquieu LVI., es läßt sich nicht läugnen, besitzt ein originelles Talent, für die Vereinfachung der Wissenschaft. Ein Patent (ohne Garantie der Regierung) für Montesquieu LVI. Arbeitsprodukte werden nur durch Arbeit hervorgebracht. Ohne Säen keine Aerndte, ohne Spinnen kein Gespinnst u. s. w. Europa wird sich bewundernd beugen vor dem Riesengenie, das diese Wahrheiten in Köln selbst, ohne jede Beihülfe der „Neuen Preußischen ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Zeitung“, zu Tage gefördert hat. ˙In ˙˙ ˙ der ˙ ˙ Arbeit treten die Menschen in bestimmte Beziehungen, zu einander. Es findet eine Theilung der Arbeit statt, die mehr oder minder mannigfaltig ist. Einer backt, der Andere schmiedet, der Eine wühlt, der Andere heult, Montesquieu LVI. schreibt und Dumont druckt. Adam Smith, erkenne deinen Meister –! Diese Entdeckungen nun, daß die Arbeit und die Theilung der Arbeit Lebensbedingungen jeder menschlichen Gesellschaft sind, befähigen Montesquieu LVI. zu dem Schlusse, daß die „verschiedenen Stände“ naturgemäß sind, daß der Unterschied zwischen „Bourgeoisie und Proletariat“ eine „große Lüge“ ist, daß die bestehenden „socialen Verhältnisse“, mag eine „Revolution“ sie heute von Grund aus zerstören, sich „genau so wieder bilden werden, wie sie jetzt sind“ und daß es endlich unumgänglich nöthig ist, Wahlmänner im Sinne Manteuffels und der oktroyirten Verfassung zu wählen, wenn man anders „für die Noth seiner armen Brüder ein Herz im Busen trägt“ und sich der Achtung Montesquieu LVI. theilhaftig zu machen gedenkt. „Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern der Erde eben so gewesen“!!! In Egypten gab es Arbeit und Theilung der Arbeit und Kasten; in Griechenland und Rom Arbeit und Theilung der Arbeit – und Freie und Sklaven; im Mittelalter Arbeit und Theilung der Arbeit und Feudalherren und Leibeigene, Zünfte, Stände u. dgl. Zu unserer Zeit giebt es Arbeit und Theilung der Arbeit und Klassen, von denen die eine im Besitz sämmtlicher Produktionsinstrumente und Lebensmittel ist, während die andere

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nur lebt, so lange sie ihre Arbeit verkauft und nur so lange ihre Arbeit verkauft, als die arbeitgebende Klasse sich durch den Ankauf dieser Arbeit bereichert. Ist es also nicht sonnenklar, daß „es bei allen Völkern der Erde seit Jahrtausenden eben so gewesen ist“, wie es heut zu Tage in Preußen ist, weil Arbeit und Theilung der Arbeit stets in einer oder der andern Form existirten? Oder zeigt sich etwa umgekehrt, daß die sozialen Verhältnisse, die Eigenthumsverhältnisse, beständig umgestürzt wurden eben durch die stets veränderte Art der Arbeit und Theilung der Arbeit? Im Jahre 1789 riefen die Bourgeois der feudalen Gesellschaft nicht zu: Adel bleib Adel, Leibeigner bleib’ Leibeigener, Zünftiger bleib zünftig – denn ohne Arbeit und Theilung der Arbeit keine Gesellschaft! Ohne Einathmung der Luft kein Leben! Athmet also die Stickluft ein und öffnet ja nicht die Fenster – so raisonnirt Montesquieu LVI. Es gehört die ganze naiv-tölpelhafte Dummdreistigkeit eines in brutaler Unwissenheit ergrauten deutschen Reichspfahlbürgers dazu, nachdem er die ersten Buchstaben der politischen Oekonomie – Arbeit, Theilung der Arbeit – oberflächlich und schief der trägen Hirnmaterie eingekeilt hat, in Fragen, an denen unser Jahrhundert sich die Zähne ausbeißt, orakelnd mitzusprechen. „Ohne Arbeit und Theilung der Arbeit keine Gesellschaft! Also Wählt Freunde der oktroyirten preußischen Verfassung und nur Freunde der oktroyirten Verfassung zu Wahlmännern.“ Dies Epitaph wird einst in großen Buchstaben auf den Wänden des prachtvollen Marmormausoleums prangen, das die dankbare Nachwelt dem Löser der socialen Frage, Montesquieu LVI. (nicht zu verwechseln mit Heinrich CCLXXXIV. von Reuß-Schleitz-Greitz-Lobenstein-Eberswalde) zu bauen sich verpflichtet fühlen wird. Montesquieu LVI. verheimlicht uns nicht, „wo der Knoten liegt“ und was er zu thun gedenkt, sobald er zum Gesetzgeber proklamirt ist. „Dafür“, belehrt er uns, „muß der Staat sorgen, daß Jeder so viel Erziehung erhält, um etwas Ordentliches in der Welt lernen zu können“. Montesquieu LVI. hat nie davon reden gehört, daß unter den bestehenden Verhältnissen die Theilung der Arbeit an die Stelle der komplizirten Arbeit die einfache, an die Stelle der Erwachsenen die Kinder, an die Stelle der Männer die Weiber, an die Stelle des selbstständigen Arbeiters Automaten setzt, daß in demselben Verhältnisse, worin die moderne Industrie sich entwickelt, die Erziehung des Arbeiters überflüssig und unmöglich wird. Wir verweisen den Kölnischen Montesquieu weder auf St. Simon noch Fourier, sondern auf Malthus und Ricardo. Der Bie-

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dermann lerne erst die ersten Grundlinien der jetzigen Verhältnisse kennen, ehe er sie ausbessert und – Orakel austheilt. „Für Leute, die durch Krankheit, durch Alter verarmt sind, muß die Gemeinde sorgen.“ Und wenn die Gemeinde selbst verarmt, was bei den mit der neuen Verfassung gleichzeitig oktroyirten 100 Millionen Steuern und epidemischen Belagerungszuständen nicht ausbleiben kann, wie dann Montesquieu? „Wo neue Erfindungen oder Handelskrisen ganze Erwerbszweige zerstören, muß der Staat zu Hülfe kommen und Rath schaffen.“ So unvertraut der kölnische Montesquieu mit den Dingen dieser Welt ist, es kann ihm kaum verborgen geblieben sein, daß die „neuen Erfindungen“ und die Handelskrisen so permanent sind, wie die preußischen Ministerialerlasse und Rechtsböden. Die neuen Erfindungen werden in Deutschland speziell erst dann eingeführt, wenn die Concurrenz mit den fremden Völkern ihre Einführung zu einer Lebensfrage macht und sollen die neu aufkommenden Erwerbszweige sich ruiniren, um den untergehenden zur Hülfe zu kommen! Die durch Erfindungen neu aufkommenden Erwerbszweige kommen eben dadurch auf, daß sie wohlfeiler produciren als die untergehenden. Wo Teufel wäre der Vortheil, wenn sie die untergehenden beköstigen müßten? Der Staat aber, die Regierung, gibt bekanntlich nur scheinbar. Erst muß ihm gegeben werden, damit er gebe. Wer aber soll ihm geben, Montesquieu LVI.? Der untergehende Erwerbszweig, damit er noch schneller untergehe? Oder der aufkommende, damit er schon im Aufkommen verkümmre? Oder die von den neuen Erfindungen nicht berührten Erwerbszweige, damit sie durch die Erfindung einer neuen Steuer bankeruttiren? Ueberlege Dir das reiflich, Montesquieu LVI.! Und nun gar die Handelskrisen, Bester? Wenn eine europäische Handelskrise ausbricht, so kann der preußische Staat nichts ängstlicher in Betracht ziehen, als wie er den gewohnten Steuerquellen durch Execution u. dergl. die letzten Wassertropfen abpresse. Der arme preußische Staat! Damit der preußische Staat die Handelskrisen unschädlich mache, müßte er außer der Nationalarbeit noch eine dritte Einnahmequelle in den Wolken besitzen. Allerdings, wenn sich durch Allerhöchste Neujahrswünsche, Wrangel’sche Armeebefehle oder Manteuffel’sche Ministerialerlasse Geld aus der Erde stampfen ließe, die „Steuerverweigerung“ würde keinen so panischen Schrecken unter die preußischen „Lieben Getreuen“ geworfen und die sociale Frage auch ohne octroyirte Verfassung gelöst worden sein.

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Man weiß, daß die „Neue Preußische Zeitung“ unsern Hansemann für einen Communisten erklärte, weil er die Steuerbefreiungen aufzuheben gedachte. Unser Montesquieu, der niemals die „Neue Preußische Zei˙ ˙ ˙ jeden ˙ ˙ ˙ ˙˙für ˙ ˙ ˙einen ˙˙ tung“ gelesen, kömmt von selbst in Köln auf den Einfall, ˙„Communisten“ ˙˙˙ und „rothen Republikaner“ zu erklären, der die octroyirte Verfassung bedroht! Also stimmt für Manteuffel oder ihr seid nicht nur persönliche Feinde der Arbeit und der Theilung der Arbeit, sondern auch Communisten und rothe Republikaner. Erkennt den neuesten „Rechtsboden“ Brüggemann’s an, oder – verzichtet auf den Code civil! Figaro, tu n’aurais pas trouve´ c¸a! Morgen mehr von Montesquieu LVI.! Neue Rheinische Zeitung. Nr. 202, 22. Januar 1849

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* K ö l n, 21. Januar. Montesquieu LVI. sucht den „geschenkten Gaul“, ˙ ˙˙ die octroyirte Verfassung, mit der ganzen kleinpfiffigen Verschlagenheit eines vielerfahrenen Roßtäuschers an die Urwähler loszuschlagen. Er ist der Montesquieu des Pferdemarkts. Wer die octroyirte Verfassung nicht will, der will die Republik und nicht nur die Republik schlechthin, sondern die rothe Republik! Leider handelt es sich bei unsern Wahlen um nichts weniger, als Republik und rothe Republik. Es handelt sich einfach darum: Wollt ihr den alten Absolutismus sammt einem neu aufgefrischten Ständewesen – oder wollt ihr ein bürgerliches Repräsentativsystem? Wollt ihr eine politische Verfassung, die den „bestehenden socialen Verhältnissen“ vergangener Jahrhunderte entspricht, oder wollt ihr eine politische Verfassung, die den „bestehenden socialen Verhältnissen“ eures Jahrhunderts zusagt? Es handelt sich in dieser Angelegenheit also um nichts weniger, als um einen Kampf gegen die bürgerlichen Eigenthumsverhältnisse, wie er in Frankreich stattfindet und in England sich vorbereitet. Es handelt sich vielmehr um den Kampf gegen eine politische Verfassung, welche die „bürgerlichen Eigenthumsverhältnisse“ gefährdet, indem sie den Repräsentanten der „feudalen Eigenthumsverhältnisse“, dem Könige von Gottes Gnaden, der Armee, der Bureaukratie, den Krautjunkern und einigen mit ihnen verbündeten Finanzbaronen und Spießbürgern das Staatsruder überantwortet. Durch die oktroyirte Verfassung ist die soziale Frage im Sinne dieser Herren gelöst. Kein Zweifel.

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Was ist die „soziale Frage“ im Sinne des Beamten? Es ist die Behauptung seines Gehalts und seiner bisherigen dem Volke übergeordneten Stellung. Und was ist die „sociale Frage“ im Sinne des Adels und seiner großen Grundbesitzer? Es ist die Behauptung der bisherigen feudalen Grundgerechtigkeiten, die Beschlagnahme der einträglichsten Stellen in Armee und Civil durch seine Familien, endlich der direkte Almosenempfang aus der Staatskasse. Außer diesen handgreiflichen materiellen und darum „heiligsten“ Interessen der Herren „mit Gott, für König und Vaterland“ handelt es sich für sie natürlich auch um Behauptung der gesellschaftlichen Auszeichnungen, die ihre Race von der schlechten bürgerlichen, bäuerlichen und plebejischen Race unterscheiden. Die alte Nationalversammlung wurde ja eben auseinandergejagt, weil sie die Hand an diese „heiligsten Interessen“ zu legen wagte. Was die Herren unter „Revision“ der oktroyirten Verfassung verstehen, ist, wie schon früher angedeutet wurde, nichts anders als die Einführung des ständischen Systems, d. h. einer Form der politischen Verfassung, welche die „socialen“ Interessen des Feudaladels, der Bureaukratie und des Königsthums von Gottes Gnaden vertritt. Noch einmal! Kein Zweifel, daß die „sociale Frage“ im Sinne des Adels und der Bureaukratie durch die oktroyirte Verfassung gelöst ist, d. h., daß sie diesen Herren eine Regierungsform schenkt, welche die Volksausbeutung durch diese Halbgötter sicherstellt. Aber ist die „sociale Frage“ im Sinne der Bourgeoisie durch die oktroyirte Verfassung gelöst? In andern Worten, erhält die Bourgeoisie eine Staatsform, in der sie die gemeinsamen Angelegenheiten ihrer Klasse, die Interessen des Handels, der Industrie, des Ackerbaus frei verwalten, die Staatsgelder auf die produktivste Weise verwenden, die Staatshaushaltung auf die wohlfeilste Weise einrichten, die Nationalarbeit wirksam nach Außen beschützen und nach Innen alle vom feudalen Schlamme versperrten Springquellen des Nationalreichthums eröffnen kann? Zeigt uns die Geschichte ein einziges Beispiel, daß die Bourgeoisie mit einem von Gottes Gnaden oktroyirten Könige je eine ihren materiellen Interessen entsprechende politische Staatsform durchzusetzen vermochte? Um die konstitutionelle Monarchie zu begründen, mußte sie in England zweimal die Stuarts verjagen, in Frankreich die angestammten Bourbonen, in Belgien den Nassauer. Woher dies Phänomen? Ein angestammter König von Gottes Gnaden, das ist kein einzelnes Individuum, das ist der leibhafte Repräsentant der alten Gesellschaft in-

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nerhalb der neuen Gesellschaft. Die Staatsmacht in den Händen des Königs von Gottes Gnaden, das ist die Staatsmacht in den Händen der alten, nur mehr ruinenweise existirenden Gesellschaft, das ist die Staatsmacht in den Händen der feudalen Stände, deren Interesse dem Interesse der Bourgeoisie aufs feindlichste gegenübersteht. Die Grundlage der octroyirten Verfassung ist aber eben der „König von Gottes Gnaden“. Wie die feudalen Gesellschaftselemente in dem Königthum von Gottes Gnaden ihre politische Spitze, so erblickt das Königthum von Gottes Gnaden in den feudalen Ständen seine gesellschaftliche Unterlage, die bekannte „Königsmauer“. So oft daher die Interessen der Feudalherrn und der von ihnen beherrschten Armee und Büreaukratie mit den Interessen der Bourgeoisie sich kreuzen, wird das gottesbegnadete Königthum jedesmal zu einem Staatsstreich gedrängt und eine revolutionäre oder contrerevolutionäre Krise vorbereitet werden. Warum wurde die Nationalversammlung verjagt? Nur, weil sie das Interesse der Bourgeoisie gegen das Interesse des Feudalismus vertrat; weil sie die [die] Agricultur hemmenden Feudalverhältnisse aufheben, die Armee und Büreaukratie dem Handel und der Industrie unterordnen, der Verschleudrung des Staatsschatzes Einhalt thun, die adligen und bureaukratischen Titel abschaffen wollte. In allen diesen Fragen handelte es sich vorzugsweise und unmittelbar um das Interesse der Bourgeoisie. Also Staatsstreiche und contrerevolutionäre Krisen, das sind die Lebensbedingungen des Königthums von Gottes Gnaden, welches durch März- oder andre Ereignisse gezwungen worden ist, sich zu demüthigen und die Scheinform eines bürgerlichen Königthums widerstrebend anzunehmen. Kann in einer Staatsform, deren nothwendige Pointe Staatsstreiche, contrerevolutionäre Krisen und Belagerungszustände sind, der Kredit je wieder aufkommen? Welcher Wahn! Die bürgerliche Industrie muß die Fesseln des Absolutismus und Feudalismus sprengen. Eine Revolution gegen beide beweist eben nur, daß die bürgerliche Industrie einen Höhepunkt erreicht hat, wo sie eine ihr angemessene Staatsform erobern oder untergehn muß. Das mit der octroyirten Verfassung gesicherte büreaucratische Vormundsschaftssystem ist der Tod der Industrie. Betrachtet nur die preußische Bergwerksverwaltung, die Fabrikreglements u. dgl.! Wenn der englische Fabrikant seine Produktionskosten mit denen des preußischen

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Fabrikanten vergleicht, so wird er stets in erster Linie den Zeitverlust feststellen, den der preußische Fabrikant durch die nothwendige Beobachtung der büreaukratischen Vorschriften erleidet. Welcher Zuckerraffineur erinnert sich nicht des preußischen Handelsvertrags mit Holland im Jahre 1839? Welcher preußische Industrielle erröthet nicht bei der Erinnerung an das Jahr 1846, wo die preußische Regierung einer ganzen Provinz die Ausfuhr nach Galizien durch ihre Gefälligkeit gegen die östreichische Regierung abschnitt und das preußische Ministerium, als Bankerut auf Bankerut in Breslau ausbrach, verwundert erklärte, es habe nicht gewußt, daß eine so bedeutende Ausfuhr nach Galizien u. s. w. stattfinde! Männer derselben Race werden durch die oktroyirte Verfassung an die Spitze des Staatsruders gestellt, wie dies Geschenk selbst aus den Händen dieser Männer kömmt. Beseht es euch also zweimal. Das Abenteuer mit Galizien ruft unsere Aufmerksamkeit auf einen andern Punkt. Damals opferte die preußische Regierung der Contrerevolution im Bund mit Oestreich und Rußland die schlesische Industrie und den schlesischen Handel. Dies Manöver wird sich täglich wiederholen. Der Banquier der preußisch-östreichisch-russischen Contrerevolution, worin das gottbegnadigte Königthum mit seinen Königsmauern seine auswärtige Stütze stets suchen wird und suchen muß – ist England. Der gefährlichste Gegner der deutschen Industrie ist dasselbe – England. Wir glauben, diese zwei Data sprechen hinreichend. Im Innern die Industrie gehemmt durch bureaukratische Fesseln, die Agrikultur durch feudale Privilegien, nach außen der Handel durch die Contrerevolution an England verkauft – das sind die Schicksale des preußischen Nationalreichthums unter der Aegide der octroyirten Verfassung. Der Bericht der „Finanzkommission“ der auseinandergejagten Nationalversammlung hat hinreichendes Licht über die gottbegnadete Verwaltung des Staatsvermögens verbreitet. Indeß weist dieser Bericht nur beispielsweise Summen auf, die der Staatskasse entzogen wurden, um die wankenden Königsmauern zu stützen und die ausländischen Prätendenten des absoluten Königthums (Don Carlos) zu vergolden. Diese Gelder, die aus den Taschen der übrigen Staatsbürger entwendet werden, damit die Aristokratie ein etatsmäßiges Leben führe und die „Stützen“ des feudalen Königthums in Stand erhalten bleiben, sind aber nur Nebensache bei Betrachtung des mit der Manteuffelschen Verfassung gleichzeitig octroyirten Staatshaushalts. Vor allem eine starke Armee, damit die Minorität die Majorität beherrsche, möglichst großes Beamtenheer, damit möglichst viele dem allgemeinen

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Interesse durch ihr Privatinteresse entfremdet werden; Verwendung der Staatsgelder in unproduktivster Weise, damit der Reichthum, wie die „Neue Preußische Zeitung“ sagt, die Unterthanen nicht übermüthig ma˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ Beiseitelegen ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ che;˙ ˙möglichstes der Staatsgelder statt industrieller Verwendung derselben, damit die gottbegnadete Regierung in leicht vorauszusehenden Momenten der Krise dem Volke selbstständig gegenüber treten könne – das sind die Grundzüge der octroyirten Staatshaltung. Verwendung der Steuern, um die Staatsmacht als unterdrückende, selbstständige und geheiligte Gewalt der Industrie, dem Handel, dem Ackerbau gegenüber zu behaupten, statt sie zum profanen Werkzeug der bürgerlichen Gesellschaft herabzuwürdigen – das ist das Lebensprinzip der octroyirten preußischen Verfassung! Wie der Geber, so das Geschenk. Wie die jetzige preußische Regierung, so die von ihr geschenkte Verfassung. Um die Feindschaft dieser Regierung gegen die Bourgeoisie zu charakterisiren, genügt es auf ihre projektirte Gewerbeordnung aufmerksam zu machen. Die Regierung sucht zur Zunft zurückzukehren unter dem Vorwande, zur Association fortzuschreiten. Die Concurrenz zwingt, immer wohlfeiler zu produciren, daher auf immer größerer Stufenleiter, d. h. mit größerem Kapital, mit stets erweiterter Theilung der Arbeit und stets vermehrter Anwendung der Maschinerie. Jede neue Theilung der Arbeit entwerthet die alte Geschicklichkeit des Handwerkers, jede neue Maschine verdrängt hunderte von Arbeitern, jedes Arbeiten auf größerer Stufenleiter, d. h. mit größerem Capital ruinirt den kleinen Kram und den kleinbürgerlichen Betrieb. Die Regierung verspricht dem Handwerk, es gegenüber dem fabrikmäßigen Betrieb, der erworbenen Geschicklichkeit, sie gegenüber der Theilung der Arbeit, dem kleinen Kapital, es gegenüber dem großen durch feudale Zunftinstitutionen zu sichern. Also die deutsche, speziell die preußische Nation, die nur mit Mühe dem gänzlichen Unterliegen vor der englischen Concurrenz durch die äußerste Kraftanstrengung widersteht, soll ihr widerstandslos in die Arme geworfen werden, indem ihr eine gewerbliche Organisation aufgedrungen wird, die den modernen Produktionsmitteln widerspricht und von der modernen Industrie in die Luft gesprengt worden ist! Wir sind sicher die letzten, die die Herrschaft der Bourgeoisie wollen. Wir haben zuerst in Deutschland unsre Stimme gegen sie erhoben, als die jetzigen „Männer der That“ in subalternem Krakehl sich selbstgefällig herumtrieben. Aber wir rufen den Arbeitern und Kleinbürgern zu: Leidet lieber in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die durch ihre Industrie die materiellen Mittel zur Begründung einer neuen, euch alle befreienden Gesell-

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schaft schafft, als daß ihr zu einer vergangenen Gesellschaftsform zurückkehrt, die unter dem Vorwand, eure Klassen zu retten, die ganze Nation in mittelalterige Barbarei zurückstürzt! Die gottbegnadete Regierung aber hat, wie wir gesehen haben, zu ihrer gesellschaftlichen Unterlage mittelalterige Stände und Zustände. Sie paßt nicht für die moderne bürgerliche Gesellschaft. Sie muß eine Gesellschaft nach ihrem Bilde herzustellen suchen. Es ist reine Konsequenz, wenn sie die freie Konkurrenz durch die Zunft, die Maschinenspinnerei durch das Spinnrad, den Dampfpflug durch die Hacke zu verdrängen sucht. Wie kömmt es also unter diesen Verhältnissen, daß die preußische Bourgeoisie, ganz im Widerspruch zu ihren französischen, englischen und belgischen Vorgängern die octroyirte Verfassung (mit ihr das Königthum von Gottes Gnaden, die Bureaukratie und das Junkerthum) als ihr Schiboleth ausposaunt? Der kommerzielle und industrielle Theil der Bourgeoisie wirft sich der Contrerevolution in die Arme aus Furcht vor der Revolution. Als wenn die Contrerevolution etwas anders als die Ouverture zur Revolution wäre? Außerdem gibt es einen Theil der Bourgeoisie, der gleichgültig gegen die Gesammtinteressen seiner Klasse ein besonderes, denselben sogar feindliches Sonderinteresse verfolgt. Es sind das die Finanzbarone, großen Staatsgläubiger, Banquiers, Rentiers, deren Reichthum in demselben Maße wächst, wie die Volksarmuth und endlich Leute, deren Geschäft auf die alten Staatszustände angelegt ist, z. B. Dumont und sein litterarisches Lumpenproletariat. Es sind ehrsüchtige Professoren, Advokaten u. dergl. Leute, die blos in einem Staate, wo es ein einträgliches Geschäft ist, das Volk an die Regierung zu verrathen, ansehnliche Posten zu erhaschen hoffen können. Es sind einzelne Fabrikanten, die mit der Regierung gute Geschäfte machen, Lieferanten, die ihre bedeutenden Procente aus der allgemeinen Volksausbeutung ziehen, Spießbürger, deren Wichtigkeit in einem großen politischen Leben verloren geht, Gemeinderäthe, die unter dem Schutz der bisherigen Institutionen ihre schmutzigen Privatinteressen auf Kosten der öffentlichen gefördert haben, Oelhändler, die durch Verrath der Revolution Excellenzen und Ritter des Adlerordens, bankerutte Tuchhändler und Eisenbahnspekulanten, die kgl. Bankdirektoren geworden sind u. s. w. u. s. w. „Das sind die Freunde der octroyirten Verfassung.“ Wenn die Bourgeoisie für diese ihre armen Brüder ein Herz im Busen hat, und wenn sie der Achtung Montesquieu’s LVI. sich würdig machen will, so wähle sie Wahlmänner im Sinne der octroyirten Verfassung.

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Karl Marx Die Wahlen (24. Januar 1849)

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 203, 24. Januar 1849

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* K ö l n, 23. Januar. Der Wahlsieg der Demokraten in der Rheinprovinz ist vollständig. In Neuß, Düsseldorf, Kaiserswerth, Gerresheim, Hamm bei Düsseldorf, Mülheim am Rhein, Siegburg, Bonn, Andernach, Coblenz u. s. w. haben die Demokraten überall die entschiedenste, oft an Einstimmigkeit gränzende Majorität. Und in Köln selbst gehören zwei Drittel der Wahlmänner der demokratischen Partei, sehr viele der arbeitenden Klasse an. Wir werden morgen, wenn es irgend möglich ist, die beiden Parteilisten abdrucken, damit man sieht, welchen Kredit beim Volke jene soidisant Volksmänner genießen, die seit sechs Wochen alle Mittel der Agitation aufwandten und sich als die natürlichen Repräsentanten der Einwohner Köln’s hinstellten. Was ihnen ihre Niederlage kostet, werden wir ebenfalls abdrucken. Wenn die übrigen Provinzen nur halb so entschieden wählen, so bleibt der oktroyirten Verfassung wirklich nichts, als die „Gnade Gottes“.

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Karl Marx Die Wahlen (25. Januar 1849)

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 204, 25. Januar 1849

* K ö l n, 24. Jan. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit Ehren-Brüggemann nach einer neuen „rettenden That der Krone“. Derselbe tiefe Denker, der noch vor nicht gar langer Zeit das allgemeine Stimmrecht als eine der glorreichsten und kostbarsten „Märzerrungenschaften“ pries; derselbe grundehrliche Mann ist heute der Meinung, daß selbst das jetzige octroyirte und beschränkte Stimmrecht wieder wegoctroyirt werden müsse. „So viel, sagt Ehren-Brüggemann, so viel muß dem Beobachter, welcher Partei er auch angehöre, gestern klar geworden sein – das gegenwärtige Wahlgesetz macht, so lange nicht durch andere politische Institutionen eine allgemeinere Theilnahme an den Wahlen und eine häufigere Berührung und bessere gegenseitige Kenntniß der Bezirksgenossen erwirkt ist, vernünftige und maßgebende Wahlen unmöglich.“ Und warum nicht? Mit einem tiefen Seufzer antwortet Brüggemann: „Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß im Ganzen die vereinigten Linken mit ihren Kandidaten (in ihrem Schmerz bringt es die Kölnische fertig, noch schlechteres Deutsch zu schreiben, als gewöhnlich) über die Kandidaten der konstitutionellen Partei den Sieg davon getragen haben.“ Und wo die konstitutionelle Partei, diese „wahre Majorität“, dieser „Kern der Bevölkerung“, so geschlagen wird, wie hier in Köln vorgestern, da kann natürlich von „vernünftigen und maßgebenden Wahlen“ nicht die Rede sein. Das ist keine Volksvertretung. Die besten Leute, die Stützen der braven Konstitutionellen haben offenbar nicht mitgestimmt. Eine kleine, aber thätige Minorität hat in Abwesenheit der Majorität die Wahlen eskamotirt. Hört nur den weisen Brüggemann: „Den Hauptgrund dieses unerwarteten Ausfalls haben wir in der erschreckenden Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes zu suchen.“

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Also das ist das Resultat der 182 000 Flugblätter und 162 000 Abdrücke in der edlen „Kölnischen“ – die erschreckende Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes! Welche „erschreckende“ Langweiligkeit und Leere muß der „mittlere Bürgerstand“ in diesen sechszehn konstitutionellen Flugblättern entdeckt haben! Welche Naivetät der Bürgervereinszeitung, gerade in der Wirkungslosigkeit und Ohnmacht ihrer krampfhaftesten Anstrengungen den „Haupt-Grund“ der Niederlage zu sehen! Aber wie sieht es aus mit dieser „erschreckenden Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes“? Man sehe doch die Listen der gewählten Wahlmänner durch, ob nicht die Majorität gerade dem „mittleren Bürgerstande“ angehören! Man sehe die Kandidatenlisten der Konstitutionellen an, ob sie nicht der Mehrzahl nach Kandidaten enthalten, die nicht dem mittleren Bürgerstande angehören, sondern „eine gesellschaftliche Stellung“ besitzen! Man vergleiche diese Listen mit den demokratischen, ob nicht überall der Reichthum, das hergebrachte Ansehen, die amtliche Stellung, gerade dem „mittleren Bürgerstande“ erlegen ist! Nur einige Beispiele: Im 3. Wahlbezirk wurde den fünf demokratischen Kandidaten Hr. Pastor Busch fünfmal entgegengestellt, und fiel fünfmal durch gegen einen Gymnasiallehrer, einen Leineweber, einen Anstreicher, einen Kammmacher und einen Fabrikanten. Im 9. Bezirk siegten fünf demokratische Kandidaten über fünf Herren von der höheren Bourgeoisie, worunter ein Stadtrath und ein Quadratfüßler. Im 29. Bezirk fiel Hr. Stadtrath Michels fünfmal durch gegen Kandidaten, die sämmtlich zum mittleren Bürgerstande gezählt werden können. Im 30. Bezirk siegte ein Schneidergesell über einen sehr vermögenden Pumpenmacher, ein Spezereihändler über den Kanzler des Domkapitels Hrn. v. Groote, ein Branntweinbrenner über den Domkapitular Hrn. Trost u. s. w. Im 32. Bezirk siegten die fünf Hauptkandidaten, worunter drei Advokaten, aus dem einfachen Grunde, weil 138 Wähler aus dem mittleren Bürgerstande, nicht mitstimmten. Die Mehrzahl davon hätte für die Demokraten gestimmt. „Die erschreckende Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes“ verhalf also gerade hier nicht den Demokraten, sondern den Konstitutionellen zum Sieg! Im 49. Bezirk fiel Hr. Karl Boisseree, Kohlenhändler etc. durchaus nicht dem mittleren Bürgerstande angehörig, achtmal durch gegen acht Demokraten aus dem „mittleren Bürgerstande“.

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Endlich im 45. Bezirk, doch hören wir zuerst Hrn. Brüggemann selbst: „Im 45. Bezirk, der 530 Urwähler enthält, wurde in der ersten Wahl bei 242 wirklich Wählenden der Kommandant, Herr Oberst Engels, in der dritten Wahl, nachdem die Demokraten über Mittag einigen Sukkurs geholt, bei 260 wirklich Wählenden als Kandidat der Letztern ein Wahlmann von der alleräußersten sozialistisch-demokratischen Gesinnung gewählt! Was ist nun die Ueberzeugung und Gesinnung des 45. Bezirks?“ Letztere Frage könnte sich Ehren-Brüggemann selbst beantworten, da er bekanntlich im Wahllokal des 45. Bezirks sich die ganzen beiden Wahltage aufgehalten und den Sieg der konstitutionellen Kandidaten in diesem Hauptquartier des Bürgervereins mit allen Mitteln durchzusetzen suchte. Aber vergebens, und daher die Thränen! Im 45. Wahlbezirk – Sie müssen es wissen, Herr Brüggemann – ging es folgendermaßen her: Die Herren vom Bürgerverein hatten sich höchst pünktlich zur bestimmten Stunde eingefunden. Die Demokraten blieben etwas länger aus. Sofort schritten die Herren vom Bürgerverein zur Wahl, und setzten den Oberst Engels – hört, hört – mit Einer Stimme Majorität – durch. Und dieser Eine entscheidende Stimmzettel enthielt weiter nichts als den Namen „Engels“ ohne weitere Qualifikation. Gegen diesen glorreichen Wahlsieg des Hrn. Engels vermittelst Einer zweifelhaften Stimme haben aber zwei Hundert vier und dreißig Urwähler des Bezirks Protest eingelegt – also fast doppelt soviel, als für Hrn. Engels stimmten. Wie aber ging es den übrigen sieben Kandidaten des Bürgervereins? Der zweite Kandidat war Herr Stupp, der wohlbekannte Ex-Abgeordnete, der in Berlin davonlief und nach Brandenburg ging. Hr. Stupp fiel durch gegen Herrn Hummelsheim, einen entschiedenen Demokraten aus dem „mittleren Bürgerstande“. Der dritte war der wohlangesehene und sehr wohlhabende Kaufmann Herr Franz Heuser, der, wie wir oben sehen, zum großen Entsetzen des Herrn Brüggemann gegen einen „alleräußersten demokratisch-sozialistischen“ Kandidaten durchfiel. Aber die Demokraten hatten „Sukkurs geholt“! Ei Herr Brüggemann, und warum holten Sie denn keinen Sukkurs? Warum liefen Sie und die übrigen Herren vom Bürgerverein nicht von Haus zu Haus, um den „mittleren Bürgerstand“ aus seiner „erschreckenden Theilnahmlosigkeit“ emporzurütteln? Warum drückten Sie den Leuten nicht noch einige Exemplare jener wunderthätigen, 344 000 mal abgezognen Flugblätter in die Hand? Ach, es wäre umsonst gewesen! Die Demokraten waren zu übermächtig. Sie sehen es ein, verkannter Brüggemann, vous aviez travaille´ pour le roi de Prusse!

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Doch weiter. Der vierte Kandidat war Hr. Advokat-Anwalt Fay, MitChef des Bürgervereins und Inhaber der Lösung der sozialen Frage. Auch du, Brutus! Die unbarmherzigen Wähler opferten ihn einem Buchdruckereibesitzer „aus dem mittleren Bürgerstande“, und Herr Fay fiel durch. Der fünfter war Herr Advokat-Anwalt Compes, Ex-Nationalversammelter von Frankfurt. Aber auch ihm leuchtete kein guter Stern: er fiel durch gegen den Schlossermeister Monius „aus dem mittleren Bürgerstande.“ Der sechste war Herr Ochse-Stern, der Leihhausverwalter, der mit seinen Pfandzetteln das ganze Proletariat und den ganzen mittleren Bürgerstand beherrscht. Er fiel durch gegen den Privatmann Froitzheim „aus dem mittleren Bürgerstande“. Der siebente war Herr Advokat-Anwalt Esser II., Ex-Abgeordneter in Berlin, der mit Hrn. Stupp am 9. Oktober im Davonlaufen wetteiferte. Er folgte seinem Genossen auch hier; er fiel durch gegen den Schneider Tilz „aus dem mittleren Bürgerstande“. Der achte endlich, Hr. Pastor Rollertz, erlag ebenfalls einem Gegner aus dem „mittleren Bürgerstande“, dem Kaufmann Hrn. Hospelt. Also sieben demokratische Wahlmänner, fast alle „aus dem mittleren Bürgerstande“, siegten gegen sieben Lokalgrößen, worunter zwei Exdeputirte, ein Pastor, ein Nationalversammelter, und ein Löser der sozialen Frage – und nur Ein nicht dem „mittleren Bürgerstand“ angehöriger Heulerwahlmann ging durch, und noch obendrein mit Einer zweifelhaften Stimme und verfolgt von einem Protest mit 234 Unterschriften! Und diesen Bezirk wählt Hr. Brüggemann, um auszurufen: Was ist nun die Gesinnung und Ueberzeugung dieses Bezirks! Diesen Bezirk, in dem der mittlere Bürgerstand entschieden siegte, wählt er, um „die erschreckende Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes“ zu beweisen! Armer Brüggemann! Die Beklemmung raubt ihm den letzten Rest von Besinnung. Uebrigens stehen auf den Armenlisten der Stadt Köln 25 000 Köpfe, die öffentliche Unterstützung erhalten. Diese 25 000 Köpfe, d. h. gerade 29 pCt. oder fast ein Drittel der Gesammtbevölkerung, sind nicht vertreten. Ferner sind die vielen Arbeiter nicht vertreten, die entweder noch keine 6 Monate hier, oder die keine Preußen sind. Nun ziehe man diese Kategorieen von der Gesammtmasse des Proletariats ab, und wie viel Proletarier bleiben übrig, die das Stimmrecht haben? Wahrhaftig, wenn das Proletariat und die kleine Bourgeoisie nicht zusammengehalten hätten, die konservative größere Bourgeoisie hätte siegen müssen! Und dabei faselt ein Brüggemann von erschreckender Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes!

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Die Sache ist einfach: Wo der Sieg der einen oder der andern Partei gewiß war, da blieben manche Wähler beider Parteien aus, oder erschienen erst wenn das Resultat zu schwanken anfing. Gerade die Sicherheit des Resultats machte die Leute scheinbar gleichgültig. Aber hätte er sie alle herbeigetrieben, Hr. Brüggemann hätte doch seiner braven Partei keinen Sieg verschafft. Dafür haben die „rettenden Thaten der Krone“ gesorgt. Uebrigens mögen die Demokraten nicht zu übermüthig sein. Es ist nicht zu läugnen, daß gerade hier in Köln die Wahlen unentschiedener ausgefallen sind als sonst in der Provinz. Die Demokraten mögen sorgen, daß unsere Gegner nicht durch Intriguen und Spaltungen bei den Wahlmännern wenigstens ein Stück des verlornen Terrains wieder gewinnen. Von der Thätigkeit der Demokraten hängt es ab, ob der errungene Sieg vollständig ausgebeutet werden wird. So lange die Deputirten nicht ernannt sind, so lange dürfen wir nicht ruhen. Also wachsam und thätig!

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 205, 26. Januar 1849

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* K ö l n, 25. Januar. Selten, aber doch von Zeit zu Zeit hat man den Genuß, aus dem Niederschlag, den die doppelte Sündfluth der Revolution und Contrerevolution hinterlassen hat, einen Wegweiser aus der guten alten vormärzlichen Zeit emporragen zu sehen. Berge sind versetzt, Thäler ausgefüllt, Wälder zu Boden gestreckt worden, aber der Wegweiser steht noch auf der alten Stelle, angestrichen mit den alten Farben, und trägt noch immer die alte Inschrift: „Nach Schilda!“ Ein solcher Wegweiser streckt uns aus Nro. 21 der Berliner Nationalzeitung seinen hölzernen Arm entgegen mit der Inschrift: „An die Urwähler. Nach Schilda!“ Der wohlgemeinte Rath der Nationalzeitung an die Urwähler erklärt ihnen zuerst: „Es ist die Stunde gekommen, wo zum zweiten Male das preußische Volk daran geht, das schwer errungene allgemeine Wahlrecht auszuüben“, (als ob das oktroyirte sogenannte allgemeine Wahlrecht, mit seiner in jedem Dorf verschiedenen Interpretation, noch dasselbe Wahlrecht sei, wie das vom 8. April!) „aus dem die Männer hervorgehen sollen, die zum zweiten Male auszusprechen haben, welches der Sinn (!), die Meinung (!!), und der Wille (!!!) nicht einzelner Stände und Klassen, sondern des ganzen Volkes ist.“ Schweigen wir von dem fettwanstig-unbehülflichen Styl dieses, langsam von einem Wort zum andern fortkeuchenden Satzes. Das allgemeine Wahlrecht, heißt es, soll uns enthüllen, was der Wille nicht einzelner Stände und Klassen, sondern des ganzen Volkes ist. Schön! Und woraus besteht „das ganze Volk“? Aus „einzelnen Ständen und Klassen“. Und woraus besteht „der Wille des ganzen Volkes“? Aus den einzelnen sich widersprechenden „Willen“ der „einzelnen Stände und Klassen“, also gerade aus dem Willen, den die Nationalzeitung als das direkte Gegentheil des „Willens des ganzen Volkes“ hinstellt.

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Großer Logiker der Nationalzeitung! Aber für die Nationalzeitung existirt ein Wille des ganzen Volkes, der keine Summe widersprechender Willen, sondern ein einiger bestimmter Wille ist. Wie das? Das ist – der Wille der Majorität. Und was ist der Wille der Majorität? Es ist der Wille, der aus den Interessen, der Lebensstellung, den Existenzbedingungen der Majorität hervorgeht. Um also einen und denselben Willen zu haben, müssen die Glieder der Majorität dieselben Interessen, dieselbe Lebensstellung, dieselben Existenzbedingungen haben, oder in ihren Interessen, ihrer Lebensstellung, ihren Existenzbedingungen einstweilen noch verkettet sein. Auf Deutsch: Der Wille des Volks, der Wille der Majorität, ist der Wille nicht einzelner Stände und Klassen, sondern Einer einzigen Klasse und derjenigen andern Klassen und Klassenabtheilungen, die dieser einen herrschenden Klasse gesellschaftlich, d. h. industriell und kommerziell unterworfen sind. „Was sollen wir aber dazu sagen?“ Der Wille des ganzen Volkes ist der Wille einer herrschenden Klasse? Allerdings, und gerade das allgemeine Stimmrecht ist nun die Magnetnadel, die, wenn auch erst nach verschiedenen Schwankungen, schließlich doch diese zur Herrschaft berufene Klasse anzeigt. Und diese gute National-Zeitung faselt noch immer, wie dies Anno 1847 geschah, von einem imaginären „Willen des ganzen Volkes“! Weiter. Nach diesem erhebenden Exordium setzt sie uns in Erstaunen durch die vielsagende Bemerkung: „Im Januar 1849 ist der Stand der Dinge ein anderer, als in den an Hoffnung und Erhebung (warum nicht auch an Andacht?) so reichen Maitagen des Jahres 1848.“ Damals stand Alles im Blüthenschmuck, Und die Sonnenlichter lachten, Und die Vöglein sangen so hoffnungsvoll, Und die Menschen hofften und dachten, Sie dachten: „Damals schien Alles einig, daß die großen Reformen, die in Preußen schon längst hätten vorgenommen werden sollen, wenn auf den im Jahre 1807–14 gelegten Grundlagen, in dem damaligen Geiste und entsprechend der seitdem gestiegenen Bildung und Einsicht, weiter fortgebaut worden wäre – nun vollständig und ungesäumt zur Ausführung kommen müßten.“

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„Damals schien Alles einig“! Große, göttliche Naivetät der NationalZeitung! Damals, als die Garden wuthknirschend aus Berlin zurückzogen, als der Prinz von Preußen in einer Postillonsjacke eilends davon laufen mußte, als der hohe Adel und die hohe Bourgeoisie ihren Zorn in sich fraßen ob der Schmach, die dem Könige im Schloßhof angethan, als ihn das Volk zwang die Mütze abzuziehen vor den Märzleichen – „damals schien Alles einig“! Weiß der Himmel, es ist schon stark, so etwas sich eingebildet zu haben, aber jetzt, nachdem man sich selbst als geprellt anerkennen muß, seine geprellte Leichtgläubigkeit noch an die große Glocke zu hängen – wahrhaftig, c’est par trop bonhomme! Und worüber „schien Alles einig“? Darüber, „daß die großen Reformen, welche ... hätten vorgenommen werden sollen, wenn ... fortgebaut worden wäre, nun ... zur Ausführung kommen müßten“. Darüber war, nein schien Alles einig. Große Märzerrungenschaft, in würdiger Sprache ausgedrückt! Und welche „Reformen“ waren dies? Die Entwicklung der „Grundlagen von 1807–14, in dem damaligen Geist und entsprechend der seitdem gestiegenen Bildung und Einsicht“. D. h. in dem Geist von 1807–14 und zugleich in einem ganz andern Geist. Der „damalige Geist“ bestand ganz einfach in dem höchst materiellen Druck der damaligen Franzosen auf die damalige preußische Junkermonarchie, sowie in dem damaligen ebenfalls wenig günstigen Finanzdefizit des Königreichs Preußen. Um den Bürger und Bauer steuerzahlungsfähig zu machen, um wenigstens dem Scheine nach einige der Reformen bei den königl.-preußischen Unterthanen einzuführen, mit de˙˙ ˙ ˙Theile ˙˙ nen die Franzosen die eroberten Deutschlands überschütteten; kurz, um die in allen Fugen krachende, verrottete Monarchie der Hohenzollern wieder einigermaßen zu flicken, deßwegen wurden einige knauserige sogenannte Städteordnungen, Ablösungsordnungen, Militärinstitutionen etc. gemacht. Alle diese Reformen zeichneten sich durch Nichts aus, als daß sie volle hundert Jahre hinter der französischen Revolution von 1789, ja hinter der englischen von 1640 zurückblieben. Und das sollen die Grundlagen für das revolutionirte Preußen sein? Aber die altpreußische Einbildung sieht immer Preußen im Mittelpunkt der Weltgeschichte, während der Staat der Intelligenz in Wirklichkeit stets von ihr durch den Koth nachgeschleift worden ist. Diese altpreußische Einbildung muß natürlich ignoriren, daß Preußen, so lange es von den Franzosen keine Fußtritte bekam, ruhig auf den unentwickelten

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Grundlagen von 1807–1814 hocken blieb und kein Glied rührte. Sie muß ignoriren, daß diese Grundlagen längst vergessen waren, als die glorreiche büreaukratisch-junkerthümliche k.-preußische Monarchie letzten Februar von den Franzosen einen neuen so gewaltigen Stoß erhielt, daß sie von ihren „Grundlagen von 1807–1814“ glorreichst herunterpurzelte. Sie muß ignoriren, daß es sich für die k.-preußische Monarchie keineswegs um diese Grundlagen, sondern bloß um Abwendung der weiteren Folgen des von Frankreich erhaltenen Anstoßes handelte. Das Alles aber ignorirt die preußische Einbildung, und als sie den Stoß plötzlich erhält, schreit sie, wie ein Kind nach der Amme, nach den verrotteten Grundlagen von 1807–1814! Als ob nicht das Preußen von 1848 nach Gebiet, Industrie, Handel, Verkehrsmitteln, Bildung und Klassenverhältnissen ein ganz andres Land sei, wie das Preußen der „Grundlagen von 1807–1814“! Als ob nicht seit jener Zeit zwei ganz neue Klassen, das industrielle Proletariat und die freie Bauernklasse, in seine Geschichte eingegriffen hätten, als ob die preußische Bourgeoisie von 1848 nicht eine ganz andre sei, als die schüchterne, demüthige und dankbare Kleinbürgerschaft aus der Zeit der „Grundlagen“! Aber das hilft Alles nichts. Ein braver Preuße darf nichts kennen als seine „Grundlagen von 1807 bis 1814“. Das sind einmal die Grundlagen, darauf wird fortgebaut, und damit basta. Der Anfang einer der kolossalsten geschichtlichen Umwälzungen wird zusammengetrocknet zum Ende einer der winzigsten Scheinreform-Prellereien – so versteht man die Revolution in Altpreußen! Und in dieser selbstgefällig-bornirten Schwärmerei aus der vaterländischen Geschichte „schien Alles einig“ – freilich, Gottlob, nur in Berlin! Weiter. „Diejenigen Stände und Klassen, welche Privilegien und Vorrechte aufzugeben hatten ... an denen es war, in Zukunft nur in gleichem Recht mit allen ihren Mitbürgern zu stehn, ... schienen bereit dazu – erfüllt von der Ueberzeugung, daß der alte Zustand unhaltbar geworden sei, daß es in ihrem eignen wohlverstandnen Interesse liege ...“ Seht den sanftmüthigen und von Herzen demüthigen Bürgersmann, wie er die Revolution abermals eskamotirt! Der Adel, die Pfaffen, die Büreaukraten, die Offiziere „schienen bereit“, ihre Privilegien aufzugeben, nicht weil das bewaffnete Volk sie dazu zwang, weil die, im ersten Schrecken vor der europäischen Revolution, unaufhaltsam eingerissene Demoralisation und Desorganisation in ihren eigenen Reihen sie widerstandslos machte – nein! Die friedlichen, wohlwollenden und für beide Theile vortheilhaften „Transaktionen“, um mit Hrn. Camphausen zu spre-

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chen, vom 24. Februar und 18. März hatten sie mit der „Ueberzeugung erfüllt“, daß dies „in ihrem eignen wohlverstandenen Interesse liege“! Die Märzrevolution und vollends der 24. Februar im wohlverstandenen Interesse der Herren Krautjunker, Consistorialräthe, Regierungsräthe und Gardelieutnants – Das ist doch wahrhaftig ein pyramidaler Einfall! Aber leider! „Heut ist es nicht mehr so. Die Nutznießer und Anhänger des alten Zustandes wollen, weit davon entfernt, ihrer Pflicht gemäß (!) selbst zu helfen, daß der alte Schutt abgeräumt und das neue Haus gebaut werde, nur die alten Trümmer, unter denen der Boden so bedenklich gewankt hat, stützen und mit einigen anscheinend der neuen Zeit sich anschmiegenden Formen ausputzen.“ „Heut ist es nicht mehr so“ – als es im Mai zu sein schien, d. h. es ist nicht mehr so wie es im Mai nicht war, oder es ist gerade so wie es im Mai war. Solches Deutsch schreibt man in der Berliner National-Zeitung und ist noch stolz darauf obendrein. Mit einem Wort: Der Mai 1848 und der Januar 1849 unterscheiden sich nur durch den Schein. Früher schienen die Contrerevolutionäre ihre Pflicht einzusehen, heute sehen sie sie wirklich und unverhohlen nicht ein, und darüber jammert der ruhige Bürger. Es ist ja doch die Pflicht der Contrerevolutionäre, ihre Interessen in ihrem eignen wohlverstandenen Interesse aufzugeben! Es ist ihre Pflicht, sich selbst ihre Lebensadern aufzuschneiden – und doch thun sie’s nicht – so jammert der Mann des wohlverstandenen Interesses! Und warum thun Eure Feinde jetzt das nicht, was, wie Ihr sagt, doch ihre Pflicht ist? Weil Ihr selbst im Frühjahr Eure „Pflicht“ nicht gethan, – weil Ihr damals, als Ihr stark waret, Euch wie Memmen benommen und vor der Revolution gezittert habt, die Euch groß und gewaltig machen sollte; weil Ihr selbst den alten Schutt habt liegen lassen und Euch selbstgefällig bespiegelt habt in der Aureole eines halben Erfolgs! Und nun, da die Contrerevolution stark geworden über Nacht und Euch den Fuß auf den Nacken setzt, nun, da unter Euren Füßen der Boden bedenklich wankt, nun verlangt Ihr, die Contrerevolution soll Eure Dienerin werden, soll den Schutt wegräumen, den Ihr wegzuräumen zu schwach und zu feig waret, sie, die Mächtige soll sich Euch Schwachen opfern? Kindische Thoren Ihr! Aber wartet eine kurze Zeit, und das Volk wird sich erheben und mit Einem mächtigen Stoß Euch zu Boden strecken mit sammt der Contrerevolution, gegen die Ihr jetzt so ohnmächtig anbellt! (Schluß folgt.)

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 207, 28. Januar 1849. Zweite Ausgabe

* K ö l n, 27. Januar. (Die Berliner Nationalzeitung an die Urwähler. – ˙ ˙˙ Schluß.) Wir haben in unserm ersten Artikel einen Umstand nicht berücksichtigt, der der National-Ztg. allerdings scheinbar zur Entschuldigung ge˙ ˙ ˙ Nati ˙ ˙ onal-Ztg. schreibt nicht frei, sie steht unter dem reichen könnte: Die ˙ ˙ ˙ dem Belagerungszustand muß sie allerBelagerungszustand. Und˙ ˙ unter dings singen: Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen, Denn mein Geheimniß ist nur Pflicht; Ich möchte dir mein ganzes Inn’re zeigen, Allein das Schicksal will es nicht!!! Inzwischen erscheinen die Zeitungen nicht, selbst unter dem Belagerungszustande nicht, um das Gegentheil von ihrer Meinung zu sagen, und dann findet auf die erste, bisher von uns in Betracht gezogene Hälfte des fraglichen Artikels, der Belagerungszustand keine Anwendung. Der Belagerungszustand ist nicht Schuld an dem wulstigen, unklaren Styl der National-Zeitung. ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ ist nicht Schuld daran, daß die National-ZeiDer Belagerungszustand ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙ tung sich nach dem März allerlei biedermännische Illusionen˙ machte. ˙ ˙ ˙Der ˙ Belagerungszustand zwingt die National-Zeitung keineswegs, die ˙ ˙˙ ˙der ˙ ˙ ˙ Reformen ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ von 1807 bis Revolution von 1848 zum Schleppenträger 1814 zu machen. Der Belagerungszustand, mit einem Wort, zwingt die National-Zeitung ˙˙ ˙ ˙ ˙Contrere˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ keineswegs, über den Entwicklungsgang der Revolution ˙und volution von 1848 so absurde Vorstellungen zu haben, wie wir sie ihr vor 2 Tagen nachwiesen. Nicht die Vergangenheit, nur die Gegenwart fällt dem Belagerungszustand anheim. Deshalb trugen wir bei der Kritik der ersten Hälfte des fraglichen Artikels dem Belagerungszustand keine Rechnung, und eben deshalb werden wir ihm heute Rechnung tragen. Die National-Zeitung, nach Beendigung ihrer historischen Einleitung ˙ ˙˙ ˙ nun ˙ ˙ ˙ folgendermaßen ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ wendet sich an die Urwähler: „Es gilt den angebahnten Fortschritt zu sichern, die Errungenschaften festzuhalten.“ Welchen „Fortschritt“? Welche „Errungenschaften“? Den „Fortschritt“, daß es „heute nicht mehr so ist“, wie es im Mai „schien“? Die „Errungenschaft“, daß „die Nutznießer des alten Zustandes weit entfernt sind, ihrer Pflicht gemäß selbst zu helfen, daß der alte Schutt aufgeräumt

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werde“? Oder die oktroyirten „Errungenschaften“, die „die alten Trümmer stützen und mit einigen der neuen Zeit anscheinend sich anschmiegenden Formen ausputzen“? Der Belagerungszustand, meine Herren, von der Nationalzeitung, ist keine Entschuldigung für Gedankenlosigkeit und Konfusion. Der „Fortschritt“, der vor der Hand am besten „angebahnt“ ist, ist der Rückschritt zum alten System, und auf dieser Fortschrittsbahn schreiten wir täglich weiter. Die einzige „Errungenschaft“, die uns geblieben ist – und das ist keine spezifisch-preußische, keine „März“-Errungenschaft, sondern das Resultat der europäischen Revolution von 1848 – ist die allgemeinste, entschiedenste, blutigste, gewaltsamste Contrerevolution, die aber selbst nur eine Phase der europäischen Revolution und daher nur die Erzeugerin eines neuen, allgemeinen und siegreichen revolutionären Gegenschlags ist. Aber die Nationalzeitung weiß das vielleicht so gut wie wir, und darf es nur nicht sagen wegen des Belagerungszustandes? Man höre: „Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution; wir sind Feinde aller Anarchie, jeder Gewaltthat und Willkür; wir wollen Gesetz, Ruhe und Ordnung.“ Der Belagerungszustand, meine Herren zwingt Sie höchstens zum Schweigen, nie zum Reden. Diesen letztcitirten Satz nehmen wir daher zu Protokoll: sprechen Sie aus ihm, um so besser; spricht der Belagerungszustand aus ihm, so brauchten Sie sich nicht zu seinem Organ herzugeben. Entweder sind Sie revolutionär, oder Sie sind es nicht. Sind Sie es nicht, so sind wir von vorn herein Gegner; sind Sie es, so mußten Sie schweigen. Aber Sie sprechen mit solcher Ueberzeugung, Sie haben so honette Antecedentien, daß wir ruhig annehmen können: der Belagerungszustand ist dieser Betheurung gänzlich fremd. „Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution.“ Das heißt: wir wollen die Fortdauer der Contrerevolution. Denn aus der gewaltsamen Contrerevolution, das ist eine historische Thatsache, kommt man entweder gar nicht heraus oder nur durch die Revolution. „Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution“, das heißt: wir erkennen die Revolution als geschlossen an, als zu ihrem Ziel gelangt. Und das Ziel, an dem die Revolution am 21. Januar 1849, als der fragliche Artikel verfaßt wurde, angelangt war, dies Ziel war eben – die Contrerevolution. „Wir sind Feinde aller Anarchie, jeder Gewaltthat und Willkür.“

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Also auch Feinde der „Anarchie“, die nach jeder Revolution bis zur Konsolidirung der neuen Verhältnisse eintritt, Feinde der „Gewaltthaten“ vom 24. Februar und 18. März, Feinde der „Willkür“, die einen verrotteten Zustand und seine morschen gesetzlichen Stützpfeiler rücksichtslos zertrümmert! „Wir wollen Gesetz, Ruhe und Ordnung“! In der That, der Moment ist gut gewählt, vor „Gesetz, Ruhe und Ordnung“ niederzuknieen, gegen die Revolution zu protestiren und in das triviale Zeter gegen Anarchie, Gewaltthat und Willkür einzustimmen! Gut gewählt, gerade in dem Augenblick, wo die Revolution unter dem Schutz der Bajonette und Kanonen offiziell zu einem gemeinen Verbrechen umgestempelt, wo „Anarchie, Gewaltthat und Willkür“ durch königliche kontrasignirte Ordonnanzen unverhohlen in Praxis gesetzt, wo das „Gesetz“, das die Kamarilla uns aufoktroyirt, stets gegen uns, nie für uns angewandt wird, wo „Ruhe und Ordnung“ darin bestehen, daß man die Contrerevolution in „Ruhe“ läßt, damit sie ihre altpreußische „Ordnung“ der Dinge herstellen kann! Nein, meine Herren, aus Ihnen spricht kein Belagerungszustand, aus Ihnen spricht der unverfälschteste, ins Berlinische übersetzte Odilon Barrot mit all seiner Bornirtheit, all seiner Impotenz, all seinen frommen Wünschen. Kein Revolutionär ist so taktlos, so verkindet, so feig, daß er die Revolution gerade dann verläugnet, wenn die Contrerevolution ihre glänzendsten Triumphe feiert. Wenn er nicht sprechen kann, so handelt er, und wenn er nicht handeln kann, so schweigt er lieber ganz. Aber verfolgen die Herren von der Nationalzeitung nicht vielleicht eine schlaue Politik? Treten sie vielleicht deshalb so zahm auf, um noch einen Theil der sogenannten Gemäßigten am Vorabend der Wahlen für die Opposition zu gewinnen? Wir haben es gesagt, vom ersten Tage an als die Contrerevolution über uns hereinbrach, von jetzt an gibt es nur noch zwei Parteien: die „Revolutionäre“ und die „Contrerevolutionäre“; nur noch zwei Parolen: „die demokratische Republik“ oder „die absolute Monarchie“. Alles was dazwischen liegt, ist keine Partei mehr, ist bloße Fraktion. Die Contrerevolution hat Alles gethan, unsern Ausspruch wahr zu machen. Die Wahlen sind seine glänzendste Bestätigung. Und zu einer solchen Zeit, wo die Parteien einander so schroff entgegenstehen, wo der Kampf mit der größten Erbitterung geführt wird, wo nur die erdrückende Uebermacht der organisirten Soldateska verhindert, daß der Kampf mit den Waffen in der Hand ausgefochten wird – zu einer solchen Zeit hört alle Vermittlungspolitik auf. Man muß selbst OdilonBarrot sein, um dann den Odilon-Barrot spielen zu können.

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Aber unsere Berliner Barrots haben ihre Vorbehalte, ihre Bedingungen, ihre Interpretationen. Heuler sind sie, aber durchaus keine Heuler schlechtweg; sie sind Heuler mit einem „Das heißt“, Heuler von der leisen Opposition: „Aber wir wollen neue Gesetze, wie sie der erwachte freie Volksgeist und der Grundsatz der Gleichberechtigung fordert; wir wollen eine wahrhaft demokratisch-konstitutionelle Ordnung“ (d. h. ein wahrhaftes Unding); „wir wollen Ruhe die auf mehr sich stützt als auf Bajonette und Belagerungszustände; die eine politisch und sittlich (!) begründete Beruhigung der Gemüther ist, hervorgerufen durch die durch Thaten und Einrichtungen gewährleistete Ueberzeugung, daß jeder Klasse des Volks ihr Recht“ etc. etc. Wir können uns die Arbeit ersparen, diesen belagerungszuständlichen Satz zu Ende zu schreiben. Genug die Herren „wollen“ nicht die Revolution, sondern nur eine kleine Blumenlese aus den Resultaten der Revolution; etwas Demokratie, aber auch etwas Konstitutionalismus, einige neue Gesetze, Entfernung der feudalen Institutionen, bürgerliche Gleichheit etc. etc. Mit andern Worten, die Herren von der Nationalzeitung und die von der Berliner Ex-Linken, deren Organ sie ist, wollen akkurat dasselbe von der Contrerevolution erlangen, weßhalb die Contrerevolution sie auseinander gejagt. Nichts gelernt und nichts vergessen! Die Herren „wollen“ lauter Dinge, die sie nie erlangen werden, außer durch eine neue Revolution. Und eine neue Revolution wollen sie nicht. Eine neue Revolution würde ihnen aber auch ganz andere Dinge bringen, als die oben aufgestellten bescheiden-bürgerlichen Forderungen enthalten. Und darum haben die Herren ganz Recht, keine Revolution zu wollen. Das Beste aber ist, daß sich die geschichtliche Entwickelung wenig darum kümmert, was die Barrot’s „wollen“ oder nicht „wollen“. Der Pariser Original-Barrot „wollte“ auch am 24. Februar nur ganz beschei˙ ˙ durchsetzen; und dene Reformen und namentlich ein Portefeuille für ˙sich kaum hatte er Beides erhascht, so schlugen die Wogen über ihm zusammen und er verschwand mit seinem ganzen tugendhaften, kleinbürgerlichen Anhang in der revolutionären Sündfluth. Auch jetzt, wo er endlich wieder ein Ministerium erhascht hat, „will“ er wieder gar mancherlei; aber nichts von dem, was er will, geschieht. Das ist von jeher das Schicksal der Barrot’s gewesen. Und so wird es den Berliner Barrot’s auch gehen.

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Sie werden, mit oder ohne Belagerungszustand, fortfahren, das Publikum mit ihren frommen Wünschen zu ennuyiren, sie werden allerhöchstens einige wenige dieser Wünsche auf dem Papier durchsetzen, und zuletzt entweder von der Krone oder vom Volke in Ruhestand versetzt werden. Aber in Ruhestand versetzt werden sie jedenfalls.

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Friedrich Engels Antwort von Oberst Engels

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 205, 26. Januar 1849. Beilage

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* K ö l n . Von Hrn. Oberst Engels kommt uns folgende Antwort auf unsere vorgestrige Interpellation zu: Auf die Insertion in Nro. 203 der neuen Rheinischen Zeitung antworte mit Nein. Nur Bürger haben sich die meiner Ueberzeugung nach ungesetzliche Aeußerung erlaubt, daß diesen Häusern von den Soldaten noch lange nicht genug geschehen. Cöln den 24t Januar 1849 ˙ ˙˙ Engels Obrist. 2ter Commandant. ˙ ˙˙ ˙˙ An Eine Wohllöbliche Redaktion der neuen Rheinischen Zeitung. Wir werden nun wahrscheinlich in diesen Tagen neue Interpellationen an Hrn. Engels zu richten haben, und zwar wegen der Wahlen.

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Karl Marx Urwahl-Erfahrungen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 206, 27. Januar 1849

* K ö l n, 26. Januar. Mit schwerem Herzen, aber stets bereit, seinen Mitbürgern das Schatzkästlein seines Geistes zu öffnen, antwortet EhrenBrüggemann auf unsern vorgestrigen Artikel durch „Urwahl-Erfahrungen“. Herr Brüggemann bleibt dabei: Das gegenwärtige Wahlgesetz macht, so lange nicht etc. etc. ... vernünftige und maßgebende Wahlen unmöglich. Schönes Kompliment für das octroyirte Wahlgesetz! Um so schöner, als sein Verfasser Niemand anders ist, als der dankbarste Anbeter der im neuen Wahlgesetz vollendeten „rettenden That der Krone“! Die „rettende That der Krone“ läuft also darauf hinaus, daß sie „vernünftige und maßgebende Wahlen unmöglich“ gemacht, und EhrenBrüggemann überzeugt hat, daß wir uns noch lange nicht „schmeicheln dürfen, die Revolution definitiv abgeschlossen zu haben“! Armer Brüggemann! Unglückliche Krone! Herr Brüggemann bemüht sich nun, Mittel aufzufinden, welche, vereint mit dem jetzigen Wahlgesetze, „vernünftige und maßgebende“, d. h. nicht demokratische, nicht oppositionelle Wahlen, Wahlen im Sinne der rettenden That vom 5. Dezember möglich machen. ˙ ˙ ˙ nebst specieller Vertretung des großen Sehr einfach! Ein hoher Census Grundbesitzes würde gewiß alle Anforderungen des tiefen Denkers Brüggemann befriedigen. Aber nein! Die Krone hat einen Schein von allgemeinem Stimmrecht beibehalten, und Brüggemann hat Ordre, nie reaktionärer zu sein, als die Krone. Es muß auch solche Käuze geben, sagt Manteuffel, wenn man ihm von Brüggemann spricht. Deswegen halten „Wir die Errungenschaft des allgemeinen Stimmrechts für sehr werthvoll“, denn „Uns ist es Ernst um die wahre Demokratie“ – so lange nämlich nicht „neue Octroyirungen werden nothwendig werden“!!

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Aber woran liegt es denn, daß die „Errungenschaft des allgemeinen Stimmrechts“ zu demokratischen Wahlen geführt und ihren Verehrer Brüggemann so tief gekränkt hat? Die Wahlen waren diesmal entschiedene Parteiwahlen. Das beweist der Umstand, daß fast überall die erste Wahl zugleich die enge, entscheidende Wahl war. Die Urwähler stimmten in voller Kenntniß der Sache; es handelte sich für sie um Sturz oder um Aufrechthaltung des Ministeriums und seiner kontrerevolutionären Akte. Die ungeheuere Majorität des Landes – das ist jetzt schon gewiß – erklärt sich für den Sturz des Ministeriums, für Vernichtung seiner Akte. Herr Brüggemann will das Gegentheil, und er vertritt doch die „wahre Demokratie“, die „wahre“ Majorität. Wie hängt das zusammen? Die Sache hat, nach Ehren-Brüggemann, zwei Haken. Erstens: „Es fehlte überall an einer genügend allgemeinen Theilnahme.“ Die „erschreckende Theilnahmlosigkeit des mittleren Bürgerstandes“ ist bereits eingeschrumpft zu einem bloßen Mangel „an einer genügend allgemeinen Theilnahme“. Erste „Urwahl-Erfahrung“ und, um mit Hrn. Brüggemann zu reden: „von dieser Erfahrung wollen wir sogleich Urkunde nehmen“. Wir haben auf diesen Punkt bereits geantwortet. Wir behaupten, daß dieser Mangel an Theilnahme, wo er existirte, aus der Sicherheit des Resultats hervorging, und auf das Resultat selbst keinen Einfluß gehabt hat. Wir behaupten ferner, daß er an manchen Orten aus dem Schamgefühl mancher Conservativen hervorging, die im November, sei es aus Ehrlichkeit, sei es aus Furcht vor einer neuen Revolution, Dankadressen an die Nationalversammlung schickten und jetzt nicht für die entgegengesetzte Politik stimmen mögen. Nicht jeder Heuler ist ein Lazzarone, der heute schreit: eviva la constituzione, und morgen für eine Schüssel Macaroni sein: eviva il Re` e la santa fede in die Welt brüllt. Nicht jeder Bourgeois versteht so unverzüglich den Mantel nach dem Winde zu hängen, wie gewisse unerschütterliche Catonen des Rechtsbodens. Oder sagen Sie uns doch, Herr Brüggemann, warum konnten die Demokraten zuweilen „über Mittag succurs holen“, während Sie seufzend bekennen: „Wir haben in den letzten Wochen zu einer allgemeinen Theilnahme wiederholt aufgefordert, und wiederholt jeden Leser gebeten in seinem Kreise für eine möglichst allgemeine Betheiligung ... zu wirken ... Diese Anmahnungen sind ... wohl größtentheils umsonst gewesen!“ Nun der zweite Haken: „Die gegenseitige Fremdheit der Wahlgenossen.“ Allerdings, hätten sämmtliche „Wahlgenossen“ der heiligen Stadt Köln die erhabenen Eigenschaften Ehren-Brüggemann’s gekannt, er wäre in allen 64 Bezirken zum Wahlmanne gewählt worden, während die „gegen-

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seitige Fremdheit der Wahlgenossen“ ihn jetzt in seinem eigenen Bezirke durchfallen ließ! Wenn unsere gegenwärtigen Wahlen einigermaßen entschieden ausgefallen sind, so liegt das gerade daran, daß diese Fremdheit existirte, oder daß, wo sie nicht existirte, man handelte, als ob man einander fremd sei. Man wählte nicht den „ehrenwerthen Charakter,“ den „angesehenen Mann,“ den „einflußreichen Kapitalisten,“ man wählte den Demokraten oder den Contrerevolutionär, den Oppositionsmann oder den Konservativen. Man hatte die Hauptsache im Auge und ließ sich nicht durch persönliche Rücksichten bestimmen. Und daher werden unsere Wahlen uns – so oder so – eine Entscheidung bringen. Aber das gerade kränkt unsern Brüggemann so tief. Und darum macht er Projekte, wie dieser Fremdheit abzuhelfen, wie die Urwähler des Bezirks persönlich mit einander bekannt zu machen, wie persönliche, patriarchalische Beziehungen in die Wahl hineinzubringen seien; darum schlägt er vor, die Wahlmänner zu permanenten Bezirksvertretern zu machen, damit bei ihrer Wahl nicht die einfache Rücksicht gelte: ob sie gut genug seien, einen Deputirten im Sinne des Bezirks zu ernennen, sondern damit hunderte andere Rücksichten ins Spiel kommen, die mit der Wahl gar nichts zu thun haben, z. B. ob sie gute Geschäftsmänner sind und zu Gemeindeverordneten u. s. w. passen, ob sie allerlei für die Wahl gleichgültige Kapazitäten und Kenntnisse besitzen etc. Die indirekte Wahl ist schon eine höchst verworrene und unnütze Operation. Aber für Ehren-Brüggemann, den Ritter von der wahren, der oktroyirten Demokratie, ist sie noch viel zu einfach. Er möchte sie so unklar machen, daß kein Mensch mehr daraus klug würde. Dann erst, wenn die Verwicklung, das Tohuwabohu auf den höchsten Grad gediehen, dann erst hofft unser oktroyirter Schlaukopf auf „vernünftige und maßgebende Wahlen“! Aber Alles das reicht noch nicht hin. Das Alles soll blos gelten „Zum Uebergang und für die Zwischenzeit“. Das Ziel von dem Allen liegt anderswo. Man höre: „Eine Kluft liegt zwischen den verschiedenen Berufs- und Lebenskreisen unserer heutigen bürgerlichen Gesellschaft, die damit, daß das Wahlgesetz sie ignorirt, wahrlich noch nicht ausgefüllt ist! Könnte man einstweilen die – unseres Erachtens sehr falsche und abergläubige – politische Scheu vor gesetzlicher Anerkennung und Berücksichtigung dieser Unterschiede noch nicht überwinden, so müßte man mindestens – obige Uebergangsmaßregeln ergreifen.“ Dazu erklärt Hr. Brüggemann: „Man solle den rettenden Ausweg nicht in dem alten ausgefahrenen Geleise des nackten Census suchen.“

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Das heißt, gerade herausgesprochen, dasselbe, was die Galgenzeitung täglich predigt: Mit einer modernen Volksvertretung ist nicht zu regieren. Man schaffe das allgemeine Wahlrecht ab und wähle nach Ständen, man jage die konstitutionellen Kammern zum Teufel und berufe den alten ständischen Vereinigten Landtag, der allein noch kapabel ist, mit Gott für König und Vaterland zu marschiren! Diese Dinge predigt Hr. Brüggemann in der Kölnischen Zeitung 11 Monate nach der Februarrevolution, 10 Monate nach den März-„Ereignissen“; und diesen unverhüllten Feudalmist nennt er „wahre Demokratie“ und „Befestigung des demokratischen Prinzips“ durch „weitere ergänzende demokratische Organisationen auf dem gewerblichen und sozialen Gebiete“!!! In der That, wir machen Fortschritte!

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Friedrich Engels Preußischer Steckbrief gegen Kossuth

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 207, 28. Januar 1849

* K ö l n, 21. Januar. So eben erhalten wir folgendes, im Oppelner Kreisblatt abgedruckte erbauliche Aktenstück: Steckbrief. Nach einer Mittheilung der k. k. österreichischen Regierungs-Kommission in Krakau sind in Ungarn solche Anstalten getroffen, daß Kossuth unter fremden Namen über Breslau nach Hamburg gelange, und wird vermuthet, daß er die Richtung über Myslowitz, Gleiwitz und Kosel einschlagen werde. In Folge Auftrages des Herrn Ober-Präsidenten der Provinz Schlesien veranlasse ich daher die Polizeibehörden, Ortsgerichte und Gensd’armen auf den Kossuth, dessen Signalement nachstehend angegeben ist, genau zu vigiliren, denselben im Betretungsfalle anzuhalten und sicher an mich zur weiteren Veranlassung abzuliefern. (Folgt hierauf das Signalement Kossuth’s, wie wir es bereits mitgetheilt.) Das ganze erbauliche Aktenstück ist unterzeichnet: Oppeln, den 17. Januar 1849. Der Königliche Landrath Hoffmann. Was sagen unsre Leser hierzu? Die gottbegnadeten Manteuffel der Wasserpolakei haben nicht übel Lust, den großen Agitator Kossuth, falls er geschlagen würde und glücklich die Gränze überschreiten sollte, zu verhaften und an seine Henker zur schleunigsten Begnadigung mit Pulver und Blei abzuliefern. Diese Auslieferung, sollte sie wirklich zu Stande kommen, würde der niederträchtigste Verrath, der infamste Bruch des Völkerrechts sein, den die Geschichte kennt. Preußen hatte gegen Deutsch-Oestreich nach dem alten Bundesrecht allerdings die Verpflichtung, die wegen auf deutschem Bundesgebiet begangener Handlungen inkriminirten politischen Flüchtlinge auf Verlan˙ ˙ ˙ ˙ Bundesrecht ˙ gen auszuliefern. Die Revolution hat das ˙alte umgestoßen, und selbst unter Pfuel waren Wiener Flüchtlinge in Berlin sicher. Aber

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gegen Ungarn hat Preußen keine derartige Verpflichtung. Ungarn ist ein unabhängiger Staat, und wenn Preußen ungarische Flüchtlinge, die nur wegen auf ungarischem Boden begangener Handlungen inkriminirt werden können, ausliefert, so begeht es dieselbe schamlose Infamie, als ob es russische oder polnische Flüchtlinge an Rußland auslieferte. Selbst unter dem Regime Bodelschwingh wagte man es nicht, die übergetretenen Galizischen und Krakauer Flüchtlinge an Oesterreich auszuliefern. Aber freilich, dafür waren wir auch damals unter der absoluten Monarchie, und heute sind wir konstitutionell! Noch mehr. Kossuth, sollte er preußisches Gebiet betreten, ist kein politischer Flüchtling, sondern eine auf neutrales Gebiet übergetretene kriegführende Partei. Deutsch-Oesterreich, ein selbstständiger Staatenbund, führt mit Ungarn, einem selbstständigen Staate, Krieg; weßhalb, geht Preußen nichts an. Und selbst 1831 wagte man nicht die übergetretenen Polen an Rußland auszuliefern; aber damals waren wir auch unter der absoluten Monarchie, und heute sind wir konstitutionell! Wir signalisiren die wohlwollenden Absichten der preußischen Regierung gegen Kossuth der öffentlichen Meinung. Wir sind überzeugt, daß dies hinreicht, um einen solchen Sturm der Sympathie für den größten Mann des Jahres 1848, der Indignation gegen die Regierung hervorzurufen, daß selbst ein Manteuffel nicht wagen wird, dagegen aufzutreten. Aber freilich! Einstweilen noch regiert Kossuth, von dem Enthusiasmus des ganzen Magyarenvolkes umgeben, in Debreczin, noch sprengen seine muthigen Husaren über die ungarischen Pußten, noch steht Windischgrätz rathlos vor den Sümpfen der Theiß, und Eure Steckbriefe sind mehr lächerlich als fürchterlich!

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Friedrich Engels Vor dem Instruktionsrichter

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 207, 28. Januar 1849. Zweite Ausgabe

* K ö l n, 27. Januar. Gestern stellte sich wieder einer der SeptemberFlüchtlinge, Friedrich Engels, Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“, vor den Instruktionsrichter. Es wurde nach kurzem Verhör die Erklärung erlassen, daß nichts gegen ihn vorliege. Dies zur Berichtigung einer kurzen Notiz in der „Düsseldorfer Zeitung“.

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Karl Marx Zustand in Paris

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* P a r i s, 28. Januar. Die Gefahr eines Volksaufstandes ist vor der Hand ˙ ˙ ˙Votum der Kammer gegen die Dringlichkeit des Klubbeseitigt durch das verbots, d. h. gegen das Klubverbot überhaupt. Aber eine neue Gefahr taucht auf: die Gefahr des Staatsstreichs. Man lese den heutigen National und sage ob nicht aus jeder Zeile die Furcht vor dem Staatsstreich hervorleuchtet. „Das Votum von heute ist ein tödtlicher Streich für das Kabinet, und wir fordern Herrn Odilon-Barrot, Faucher und tutti quanti heraus, jetzt ihre Portefeuilles noch länger zu behaupten.“ Soweit scheint der National noch guten Muths zu sein. Aber man höre den Nachsatz: – „ohne in offne Revolte gegen den Geist und den Buchstaben der Verfassung zu treten!“ Und was läge Herrn Odilon-Barrot, Faucher und tutti quanti daran, in offne Revolte gegen die Verfassung zu treten! Seit wann schwärmen Barrot und Faucher für die Verfassung von 1848! Der National droht den Ministern nicht mehr, er demonstrirt ihnen, daß sie abtreten müssen, er demonstrirt dem Präsidenten, daß er sie entlassen muß. Und das in einem Lande, wo sich der Rücktritt der Minister nach einem solchen Votum seit dreißig Jahren von selbst versteht! Der Präsident der Republik, sagt der National, wird das hoffentlich einsehn, daß die Majorität und das Kabinet in vollständiger Zwietracht sind, daß er durch Entlassung des Kabinets die Bande zwischen sich und der Majorität enger knüpfen wird, daß zwischen ihm und der Majorität nur ein Hinderniß des guten Vernehmens besteht: das Kabinet. Ja, der National sucht dem Ministerium eine goldene Brücke zum Rückzug zu bauen: er wünscht, daß die Anklage gegen die Minister fallen gelassen werde. Das Votum sei Strafe genug. Dies letzte Mittel möge

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aufgespart werden, bis die Minister die Konstitution wirklich durch einen vollendeten Akt verletzt haben. Ja, ruft er zuletzt aus, Alles macht es dem Kabinet zur Pflicht, sich zurückzuziehen; seine eigenen Worte binden es der Art, daß wir zögern zu glauben, es werde die Gewalt zu behalten wagen. Hr. Barrot erklärte heut Abend, daß, wenn die Dringlichkeit verworfen werde, die Versammlung selbst die Verantwortlichkeit für die Ereignisse übernehme. Gut, wo die Verantwortlichkeit aufhört, muß auch die Macht aufhören. Will das Kabinet nicht verantwortlich sein für die Ereignisse, so darf es sie auch nicht dirigiren. Hr. Barrot hat seine Demission auf der Tribune niedergelegt, indem er die Verantwortlichkeit ablehnte. Kurz: der National glaubt nicht an den freiwilligen Rücktritt des Ministeriums, und eben so wenig an seine Entlassung durch den Präsidenten. Wenn aber das Ministerium dem Votum der Versammlung trotzen will, so bleibt ihm nichts, als – der Staatsstreich. Die Auflösung der Nationalversammlung, und die Vorbereitung der monarchischen Restauration durch Militärgewalt, das ist es, was hinter der Furcht des National vor dem Bleiben des Ministeriums lauert. Daher bitten der National und die rothen Blätter das Volk, nur ja ruhig zu bleiben, nur ja keinen Vorwand zum Einschreiten zu geben, da jede Emeute nur das fallende Kabinet stützen, nur der royalistischen Contrerevolution dienen könne. Daß der Staatsstreich immer näher rückt, beweisen die Vorfälle zwischen Changarnier und den Offizieren der Mobilgarde. Die bouchers de Cavaignac haben keine Lust, sich zu einem royalistischen Coup gebrauchen zu lassen; deshalb sollen sie aufgelöst werden; sie murren, und Changarnier droht sie zusammenhauen zu lassen und steckt ihre Offiziere in Arrest. Die Situation komplizirt sich scheinbar; in der That aber wird sie sehr einfach, so einfach, wie sie jedesmal am Vorabend einer Revolution ist. Der Konflikt zwischen der Versammlung und dem Präsidenten nebst seinen Ministern ist zum Ausbruch gekommen. Frankreich kann unter der Impotenz, von der es seit 10 Monaten regiert wird, nicht länger existiren; das Defizit, der gedrückte industrielle und kommerzielle Zustand, der Steuerdruck, der den Ackerbau ruinirt, werden täglich unerträglicher; große, einschneidende Maßregeln werden immer dringender, und jede neue Regierung ist immer impotenter und thatloser als die frühere; bis endlich Odilon Barrot die Unthätigkeit auf die Spitze getrieben und in 6 Wochen absolut gar nichts gethan hat.

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Dadurch aber hat er die Situation sehr vereinfacht. Nach ihm ist kein Ministerium der honetten Republik mehr möglich. Die gemischten Regierungen (das Provisorium und die Exekutivkommission), die Regierung des National, die Regierung der alten Linken, Alles ist durchgemacht, alles verschlissen und abgenutzt. Die Reihe kommt jetzt an Thiers, und Thiers ist die unverhüllte monarchische Restauration. Monarchische Restauration oder – rothe Republik, das ist jetzt die einzige Alternative in Frankreich. Die Krisis kann sich noch einige Wochen hinziehen, aber ausbrechen muß sie. Changarnier-Monk mit seinen Dreihunderttausend, die ihm für 24 Stunden gänzlich zu Gebot stehen, scheint auch nicht länger warten zu wollen. Daher die Angst des National. Er erkennt seine Unfähigkeit, die Situation zu beherrschen; er weiß, daß jede gewaltsame Aenderung der Regierung seine heftigsten Feinde zur Herrschaft bringt, daß er bei der Monarchie wie bei der rothen Republik verloren ist. Daher sein Seufzen nach einer friedlichen Transaktion, seine Höflichkeit gegen die Minister. Wir werden sehr bald sehn, ob es zum endlichen Siege der rothen Republik nöthig ist, daß Frankreich für einen Augenblick durch die monarchische Phase passirt. Möglich ist es, aber nicht wahrscheinlich. Das aber ist gewiß: Die honette Republik bricht an allen Ecken zusammen, und nach ihr ist, wenn auch erst nach einigen kleinen Intermezzos, nur noch möglich die rothe Republik.

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Karl Marx Die Situation in Paris

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 209, 31. Januar 1849. Außerordentliche Beilage

* K ö l n, 30. Januar. Als wir gestern Morgen durch ein Extrablatt einen ˙ ˙˙ in Paris noch bevorstehenden Sturmausbruch verkündeten, schrieben heulende Urwähler zur ersten Kammer unter unser Flugblatt: Das ist gelogen! Bange machen gilt nicht! und was dergleichen bürgerliche Kraftsprüche mehr sind. Die Elenden erblickten in unserem Extrablatt ein bloßes Wahlmanöver, als ob die erste Kammer und die zweite Kammer dazu und die ganze preußische Bewegung obendrein uns bewegen könnten, die Geschichte der europäischen Revolution zu verfälschen! Stupp ist Wahlmann zur ersten Kammer! Rentner von Wittgenstein ist Wahlmann zur ersten Kammer! Kanzler v. Groote ist Wahlmann zur ersten Kammer! Und dennoch untersteht sich das revolutionäre Ungeheuer zu Paris von neuem zu brüllen! Quelle horreur! Wir sagten in unserer heutigen Nummer unter andern über die Pariser Situation: „Die Gefahr eines Volksaufstandes ist vor der Hand beseitigt durch das Votum der Kammer gegen die Dringlichkeit des Klubverbots, d. h. gegen das Klubverbot überhaupt. Aber eine neue Gefahr taucht auf: die Gefahr des Staatsstreichs“ „Wenn das Ministerium dem Votum der Versammlung trotzen will, so bleibt ihm nichts als – der Staatsstreich ... Die Auflösung der Nationalversammlung, und die Vorbereitung der monarchischen Restauration durch Militärgewalt, das ist es, was hinter der Furcht des National vor dem Bleiben des Ministeriums lauert ... Daß der Staatsstreich immer näher rückt, beweisen die Vorfälle zwischen Changarnier und den Offizieren der Mobilgarde ... Die Situation komplicirt sich scheinbar; in der That aber wird sie sehr einfach, so einfach, wie sie jedesmal am Vorabend einer Revolution ist. Der Konflikt zwischen der Versammlung und dem Präsidenten nebst seinen Ministern ist zum Aus-

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bruch gekommen ... Monarchische Restauration oder – rothe Republik, das ist jetzt die einzige Alternative in Frankreich ... Die honette Republik bricht an allen Ecken zusammen und nach ihr ist, wenn auch erst nach einigen kleinen Intermezzos, nur noch möglich die rothe Republik.“ Wir kündeten in dem Extrablatt die Krise für den 29. an. Die unten nachfolgenden Berichte aus Paris vom 29. werden unsern Lesern zeigen, wie genau unsere Berichte und wie schlagend richtig unsere heutige Darstellung der französischen Situation war.

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Karl Marx Die „Kölnische Zeitung“ über die Wahlen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 210, 1. Februar 1849

* K ö l n, 30. Januar. Die „Kölnische Zeitung“ hat endlich auch Wahl˙ ˙ zwar Berichte, die einigermaßen Oel in ihre Wunberichte erhalten,˙ und den gießen. „Die demokratischen Wahlberichte, ruft Ehren-Brüggemann freudetrunken aus, die demokratischen Wahlberichte (d. h. die „Neue Rheinische Zeitung“) haben arg aufgeschnitten. Die Reklamationen kommen uns jetzt von allen Seiten zu.“ Von allen Seiten! Die „Kölnische“ wird uns mit der Wucht ihrer „Reklamationen“ erdrücken. Zwei Seiten gedrängter Wahlbulletins, jedes eine „arge Aufschneiderei“ der „Neuen Rheinischen Zeitung“, jedes einen Sieg der Konstitutionellen nachweisend, werden uns die purpurnste Schamröthe in die Wangen treiben? Im Gegentheil. „Die Reklamationen kommen uns jetzt von allen Seiten zu.“ Ehren-Brüggemann „schneidet“ nicht „auf“. Es kommen ihm wirklich Summa Summarum Vier ganze Reklamationen zu: aus Westen (Trier), Norden (Hamm), Süden (Siegburg) und Osten (Arnsberg)! Sind das nicht „Reklamationen von allen Seiten“, gegen das „arge Aufschneiden der demokratischen Wahlberichte“! Lassen wir ihr einstweilen den Genuß, zu glauben, daß in diesen vier entscheidenden Orten die Konstitutionellen gesiegt haben. Ohnehin wird dieser Genuß verbittert durch den Schmerz, daß doch an manchen Orten die Konstitutionellen der „Verführbarkeit der Massen“ erlegen sind. Naives Geständniß der Konstitutionellen, daß für sie die „Massen“ nicht „verführbar“ sind! Doch Ein Trost bleibt der „Kölnischen Zeitung“. Und welcher Trost? Der Trost, daß der Koblenzer Korrespondent der „Deutschen Zeitung“ ihr Leidensgenosse ist, daß er in dieser unglücklichen Konstellation pas-

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sende Worte gesprochen hat, würdig in den ersten Columnen der „Kölnischen Zeitung“ zu figuriren: „Merkt, daß die politische Frage auch in diesem Punkte, wie überall, klein wird gegen die sociale, daß sie ganz darin aufgeht.“ Noch bis vor wenig Tagen wollte die „Kölnische Zeitung“ von der socialen Frage nichts wissen. Sie kam nie, oder höchstens mit einer gewissen Frivolität (soweit es der „Kölnischen“ möglich ist frivol zu sein), auf dies jenseitige Wesen zu sprechen. Sie verhielt sich gottlos, ungläubig, freigeistig zu ihr. Da auf Einmal geht es ihr wie dem Fischer in Tausend und Eine Nacht; wie vor ihm der Genius aus dem vom Meeresgrund aufgefischten, entsiegelten Gefäß sich riesengroß erhob, so ersteht vor der zitternden „Kölnischen“ plötzlich aus der Wahlurne das dräuende Riesengespenst der „socialen Frage“. Erschrocken sinkt Ehren-Brüggemann in die Kniee; seine letzte Hoffnung schwindet, das Gespenst verschluckt mit Einem Zuge seine ganze, jahrelang zärtlich gehätschelte „politische Frage“ sammt Rechtsböden und Zubehör. Kluge Politik der „Kölnischen Zeitung“. Ihre politische Niederlage sucht sie durch ihre sociale Niederlage zu beschönigen. Diese Entdeckung, daß sie nicht nur auf politischem, sondern auch auf sozialem Gebiet geschlagen ist, das ist die größte „Urwahlerfahrung“ der „Kölnischen“! Oder schwärmte die „Kölnische Zeitung“ etwa schon früher für die „soziale Frage“? In der That, Montesquieu LVI. hatte in der „Kölnischen Zeitung“ erklärt, die soziale Frage sei unendlich wichtig, und die Anerkennung der oktroyirten Verfassung sei die Lösung der sozialen Frage. Die Anerkennung der oktroyirten Verfassung – das ist aber vor Allem das, was die „Kölnische Zeitung“ die „politische Frage“ nennt. Vor den Wahlen also ging die soziale Frage in die politische, nach den Wahlen geht die politische in die soziale auf. Das ist also der Unterschied, daß die Urwahl-Erfahrung, daß nach den Wahlen gerade das Umgekehrte von Dem richtig ist, was vor den Wahlen ein Evangelium war. „Die politische Frage geht in die soziale auf!“ Lassen wir außer Augen, daß wir vor den Wahlen bereits möglichst handgreiflich auseinandergesetzt haben, wie von einer „sozialen Frage“ als solcher gar nicht die Rede sein kann, wie jede Klasse ihre eigene soziale Frage hat, und wie mit dieser sozialen Frage einer bestimmten Klasse auch zugleich eine bestimmte politische Frage für diese Klasse gegeben ist. Lassen wir alle diese leichtfertigen Randglossen gegenüber der ernsten, gediegenen Kölnerin außer Augen, und gehen wir, soviel möglich, auf den Gedankengang und die Redeweise dieses charaktervollen und tiefsinnigen Blattes ein.

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Unter der sozialen Frage versteht die „Kölnische Zeitung“ die Frage: Wie ist der Kleinbürgerschaft, den Bauern und dem Proletariat zu helfen? Und jetzt, da bei den Urwahlen die Kleinbürgerschaft, die Bauern und die Proletarier sich von der großen Bourgeoisie, dem hohen Adel und der hohen Büreaukratie emanzipirt haben, jetzt ruft die „Kölnische Zeitung“: „Die politische Frage geht in die soziale auf!“ Schöner Trost für die Kölnische! Also daß die Arbeiter, die Bauern und die kleineren Bürger die großbürgerlichen und sonstigen wohlangesehenen konstitutionellen Kandidaten der „Kölnischen Zeitung“ mit eklatanten Majoritäten aus dem Felde geschlagen haben, das ist keine Niederlage der „Konstitutionellen“, sondern blos ein Sieg der „sozialen Frage“! Daß die Konstitutionellen geschlagen, beweist nicht, daß die Demokraten gesiegt haben, sondern daß die Politik gegenüber den materiellen Fragen aus dem Spiele geblieben ist. Tiefdenkende Gründlichkeit des benachbarten Publizisten! Diese Kleinbürger, die am Rande des Untergangs schweben, schwärmen sie etwa für die oktroyirte Verfassung? Diese Bauern, die, hier von Hypotheken und Wucher, dort von Feudallasten erdrückt werden, sind sie begeistert für die Finanz- und Feudalbarone, ihre eigenen Unterdrücker, zu deren Nutz und Frommen gerade die oktroyirte Verfassung erfunden? Und vollends diese Proletarier, die zu gleicher Zeit unter der Reglementirungswuth unserer Büreaukraten und unter der Profitwuth unserer Bourgeoisie schmachten, haben sie Grund, sich darüber zu freuen, daß die oktroyirte Verfassung ein neues Band um diese beiden Klassen von Volksaussaugern schlingt? Haben nicht alle diese drei Klassen vor Allem ein Interesse an der Wegschaffung der ersten Kammer, die nicht sie vertritt, sondern ihre direkten Gegner und Unterdrücker? In der That, die „Kölnische Zeitung“ hat Recht: die soziale Frage verschluckt die politische, die neu in die politische Bewegung eingetretenen Klassen werden im Interesse der „sozialen Frage“ gegen ihr eigenes politisches Interesse und für die oktroyirte Verfassung stimmen! Können die Kleinbürger und Bauern, und vollends die Proletarier, eine bessere Staatsform für die Vertretung ihrer Interessen finden als die demokratische Republik? Sind nicht gerade diese Klassen die radikalsten, die demokratischsten der ganzen Gesellschaft? Ist nicht das Proletariat gerade die spezifisch rothe Klasse? – Einerlei, ruft die „Kölnische“, die soziale Frage verschluckt die politische. Der Sieg der sozialen Frage ist zugleich der Sieg der oktroyirten Verfassung nach der Kölnischen.

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Aber die „soziale Frage“ der „Kölnischen Zeitung“ hat auch eine ganz aparte Beschaffenheit. Man lese den Bericht der „Kölnischen Zeitung“ über die Wahlen zur ersten Kammer, und ihren „glücklichen Ausfall“, der darin besteht, daß Hr. Joseph DuMont Wahlmann geworden ist. Die eigentliche soziale Frage der „Kölnischen Zeitung“ ist dadurch allerdings gelöst, und ihr gegenüber verschwinden alle die untergeordneten „sozialen Fragen“, welche bei Gelegenheit der Wahlen zur plebejischen zweiten Kammer etwa auftauchen konnten. Möge der Sturm der in Paris in diesem Augenblick dräuend sich erhebenden welthistorischen „politischen Frage“ die zarte „soziale Frage“ der „Kölnischen Zeitung“ nicht schonungslos zerknicken!

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 210, 1. Februar 1849

* P a r i s, 29. Januar. Der Vorabend des Kampfs ist da; die Parteien stehen sich, Gewehr im Arm, gegenüber. Auf der einen Seite die Legitimisten, Orleanisten, Bonapartisten, auf der andern die trikoloren und rothen Republikaner. Die Einen verschanzen sich hinter den Präsidenten, den „Erwählten der 6 Millionen“, die Andern hinter die souverän-konstituirende Nationalversammlung; die Einen rechnen auf die Armee und die drei royalistischen Legionen (1ste, 2te und 10te), die Andern auf die republikanische und Mobilgarde, auf die drei republikanischen Legionen (4te, 5te und 9te) und auf das im Juni entwaffnete Volk. Es handelt sich nicht mehr um die Schließung der Clubs, um die Auflösung der Versammlung und dergleichen Lappalien; es handelt sich um die weiße Monarchie oder die rothe Republik. Der Sieg – er ist nicht zweifelhaft – mag ausfallen, wie er will: die jetzigen offiziellen Mächte sind verloren. Der Präsident bildet sich ein, der Staatsstreich geschehe zu seinen Gunsten. Und doch denkt Niemand weniger an ein bonapartistisches Kaiserthum als die Leute, die zum Staatsstreich drängen: die Legitimisten. Gelingt der Coup, so wird Louis Napoleon bei Seite geworfen, wie eine ausgequetschte Citrone, und kann sich glücklich schätzen, wenn man ihm erlaubt, seiner Wege zu gehen. Und der einfältige Pinsel bildet sich ein, der ganze Spektakel werde zu seinem Privatvergnügen organisirt! Die Nationalversammlung glaubt für ihr souveränes Recht, für ihre Existenz gegen den Staatsstreich zu kämpfen; und erreicht sie ihren Zweck, stürzen Napoleon, Barrot und die hinter ihnen stehenden bourbonischen Faktionen vor der Achtserklärung der Versammlung und vor dem Zorn des verrathenen Volks, so stürzt die Versammlung ihnen gleich nach. Der Staatsstreich kann nur von der Revolution erstickt werden, und die Revolution hat zur ersten Bedingung, daß die Chefs der Rothen an die Spitze

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treten. Siegt die Revolution, so jagen die Rothen die Versammlung ebenso auseinander, wie die Kammer am 24. Februar. Und die Versammlung bildet sich ein, die Revolution werde zu ihrem Profit gemacht! Präsident und Versammlung sind nur die Vorwände für beide Parteien – ist der Kampf einmal losgebrochen, so wirft man sie fort und entfaltet die wirkliche, die eigne Fahne. Hier die weiße, dort die rothe; vor diesen einfachen Parteisymbolen verschwindet der bunte dreifarbige Lappen der „honetten Republik.“ – Daß es auf der einen Seite sich durchaus nicht um den Präsidenten, sondern um Niemand anders als Heinrich V. handelt, beweist die Unverschämtheit, mit der plötzlich die legitimistische Konspiration an’s helle Tageslicht tritt. Die Herrlichkeiten der gottbegnadeten Monarchie unter dem „Enkel des heiligen Ludwig“ werden offen in den Straßen von Paris gepredigt, vom Lande gar nicht zu reden. Auf demselben Platz Maubert, im Arbeiter-Faubourg St. Jacques, den die Juni-Insurgenten mit solchem Heldenmuth drei Tage lang gegen die Henker Cavaignac’s behaupteten, auf demselben Platz werden jetzt, trotz dem Gesetz gegen die Zusammenschaarungen, täglich öffentliche legitimistische Meetings gehalten. In diesem improvisirten Club treten Redner auf, der Kleidung nach Arbeiter, der Sprache nach gebildete Leute, die die Tugenden Heinrichs V. mit den schönsten Farben ausmalen. Sie haben ihre Claque, die bei den prächtigsten Kraftstellen klatscht. Die Wohlthätigkeits-Büreaus, ein Pfaffen-Institut, geben den Arbeitern nur Unterstützung, wenn sie sich verpflichten diese „Clubs“ zu besuchen und für die gute Sache Propaganda zu machen. Das ist ein Beispiel davon, wie es die Legitimisten am offnen Tage treiben. Im Geheimen wird noch ganz anders intriguirt. Changarnier, der Befehlshaber über 300 000 Mann in und vor Paris, der militärische Arm des Präsidenten, ist Legitimist. Er möchte der Monk werden, der den impotenten Richard Cromwell von 1848 stürzt und den rechten Thronerben zurückführt. Daß Bugeaud, Thiers, Odilon Barrot und alle Minister im Komplott sind, ist nicht zu bezweifeln. Falloux, der Unterrichtsminister, war von jeher Legitimist, Thiers, der hinter dem Ministerium steht, soll es in der letzten Zeit geworden sein. Und der Tölpel Bonaparte glaubt, alle diese Verräther agirten in seinem Interesse! „Die Gesetzlichkeit tödtet uns!“ ruft Odilon Barrot jetzt bereits aus. Seine Freunde erklären offen, daß eine blutige Kollision hervorgerufen werden muß, damit man das Vaterland (nicht die Republik, wohl zu verstehn) in Gefahr erklären, den Belagerungszustand proklamiren, die demokratischen Journale unterdrücken, die Redakteure verhaften kann. So meldet die „Re´publique.“

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Auch Napoleon konspirirt. Es besteht eine geheime Gesellschaft: in jedem Arrondissement ist ein Chef, der 10 Unterchefs unter sich hat, jeder von diesen verfügt über 10 Wahlchefs, und jeder Wahlchef hat wieder 10 Unterwahlchefs, Führer von 10 Mann unter sich. Wären die Cadres voll, so ständen Napoleon in jedem Arrondissement zehntausend, in ganz Paris 120 000 Verschworne zur Verfügung. Ob die Cadres voll und wie viel verkappte Legitimisten, Rothe etc. darunter sind, wird nicht gesagt. Die „Re´publique“ erklärt sich bereit, wenn Herr Le´on Faucher es wünsche, noch andre Details zu geben. Welche Aussichten die monarchische Restauration hat, geht daraus hervor, daß auch der „Sie`cle“ jetzt offen für sie auftritt, der bis vorgestern noch der beste Freund des National war und von allen Republikanern des folgenden Tages mit seinen königlichen Gelüsten am meisten zurückhielt. Der „Sie`cle“ erklärt, die Mobilgarde habe komplottirt gegen Changarnier – und Mobilgarde ist heute gleichbedeutend mit Republik, wie Changarnier mit Restauration. Die „Liberte´“ predigt ebenfalls von der Nothwendigkeit einer „geheiligten Person“ an der Spitze des Staats, mit zwei gesetzgebenden Kammern. Und die Versammlung? Ihre Hoffnungen und Befürchtungen spiegeln sich am getreusten ab im National. Man bedenke, daß alle hier citirten Journalstellen am 28., den Abend vor der allgemeinen Aufregung und den Militärdemonstrationen von heute geschrieben sind. „Sollten wir zu jenen schlimmen Tagen der Monarchie zurückgekehrt sein, wo eine in der öffentlichen Meinung diskreditirte, in der Kammer geschlagene, dem Lande verdächtige Regierung durch die Gewalt ein schon verurtheiltes System aufzudringen versuchen sollte? Was bedeuten diese Vorsichtsmaßregeln, die man gegen eine friedliche Bevölkerung nimmt? Wozu diese Truppenanhäufungen in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt? Wo hat man die Vorzeichen einer Schlacht gesehn, daß man Paris in einen Waffenplatz verwandelt? Wir befragen vergebens den Horizont, wir finden nirgends eine Rechtfertigung der herausfordernden Stellung, die das Ministerium seit einigen Tagen anzunehmen scheint. Hoffte man etwa, daß die Bürger, in gerechter Aufregung wegen des verfassungswidrigen Versuchs der Minister, unter dem Einfluß ihrer Entrüstung einen Kampf mit bewaffneter Hand hervorrufen würden? Dieser Plan, wenn er existirte, ist gescheitert.“ So fängt der National von heute an. Man sieht, er weiß recht gut, woran er ist. Nachher heißt es:

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„Es handelt sich jetzt um ganz andre Dinge, als um die organischen Gesetze; es handelt sich darum, daß die Versammlung sich zwischen die Reaktion, die die Gewalt in Händen hat und das beunruhigte, erzürnte, aber durch Vertrauen auf seine Abgeordneten zurückgehaltene Volk stelle!“ Und in einem zweiten Artikel: „Wir glauben, und nicht wir allein, an die Existenz eines umfassenden und tief angelegten Komplotts, welches die Ruhe Frankreichs und die Republik bedroht.“ „Das Ministerium und die großen Staatsmänner, seine Vormünder, zurückgestoßen durch die Nationalversammlung, fühlen, wie die Gewalt durch das regelmäßige Spiel unsrer Institutionen ihren Händen entschlüpft, und möchten jetzt Frankreich beweisen, daß es ihre Impotenz nicht entbehren kann. Ein Konflikt zwischen den beiden Staatsgewalten, eine Kollision in den Straßen würde ihren Plänen herrlich dienen.“ „Daher jener Krieg der Petitionen, der Beleidigungen, der Verläumdungen gegen die Nat.-Versammlung und die Republik.“ „Daher jene der Versammlung in der unverschämtesten Weise durch Hrn. Barrot hingeworfenen Herausforderung bei Gelegenheit der Proposition Rateau.“ „Daher der von Hrn. Le`on Faucher vorgestern auf die Tribune gebrachte und sofort durch die Majorität gebrandmarkte Gesetzentwurf.“ „Daher die ministeriellen Thaten des Herrn von Falloux, die Absetzungen, die die Herren Barrot und Faucher für gut fanden.“ „Daher die Versuche zur Wiedereröffnung der Vorlesungen eines unsren Studenten mit Recht verhaßten Professors.“ „Daher aller dieser Aufwand strategischer Manoeuver, die man in der Hauptstadt entfaltet.“ „Daher der inkonstitutionelle Beschluß, der die Hälfte der Mobilgarde entläßt und die durch und durch demokratische Organisation dieses der Republik so ergebenen Corps wesentlich ändert.“ „Daher der ungewisse Zustand, in dem man die republikanische Garde läßt, die ebenfalls schuldig ist, ihr Blut für das Wohl des Vaterlandes vergossen zu haben.“ „Daher die fortwährenden Provokationen, die man durch alle Wege der Veröffentlichung, durch Ausstellung von Bildern, Portraits, auch der Scene gewisser Theater etc. etc. gegen diejenigen richtet, die der Republik aufrichtig zugethan sind.“ „Ja wahrlich, daran erkennen wir die Hand jener kürzlich noch getrennten, jetzt vereinigten Parteien, welche schon einmal, die Eine die Mordscenen des Südens (1815), die Andere die Schlächtereien der Rue Transnonain und Lyon organisirten!“

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Endlich also gehen dem National die Augen auf – in demselben Moment, wo sie anfangen ihm überzugehen! Gestern noch wollte er keine Anklage gegen das Ministerium, heute entwirft er selbst einen Anklageakt, erklärt die Minister für Legitimisten, Orleanisten und Verräther an der Republik! Jetzt endlich, am Vorabend seines eigenen Sturzes, geht ihm ein Licht auf über den allmähligen, unaufhaltsamen Gang der Kontrerevolution, von der provisorischen Regierung zur Exekutivkommission, von der Exekutivkommission zu Cavaignac, von Cavaignac zu Bonaparte und Barrot, von Bonaparte und Barrot zu Heinrich V. Jetzt endlich ahnt er, welche Ernte ihm sein glorreicher Sieg vom Juni getragen hat: Die Wahrscheinlichkeit, daß ihm die Weißen oder die Rothen, die er beide benutzt, beide verrathen, den Kopf vor die Füße legen werden! Der National spielt die Rolle des betrogenen Betrügers, und die Nationalversammlung desgleichen. Und kann sie heute noch glauben, der Sieg der Revolution werde der Triumph der Nationalversammlung sein, so wird sie aus dieser Illusion gerissen werden, sobald die erste Patrone verbrannt ist. Endlich das Volk: Das Volk intriguirt nicht, renommirt nicht, lamentirt nicht. Das Volk ist herabgestiegen in die Straßen und betrachtet die Situation. Es wird nicht dulden, daß Royalisten oder Bonapartisten die Nationalversammlung auseinanderjagen; es hat noch für den 15. Mai 1848 seine Revanche zu nehmen und es wird sie selbst nehmen, ohne Beistand der Faktionen. Das ist die Situation am Abend des 29. Januar. Die Abstimmung über den Mathieu’schen Antrag ist noch nicht bekannt; sie mag ausfallen, wie sie will, so viel ist gewiß: wir stehen am Vorabend der dritten Phase der neuen französischen Revolution, einer Phase, die ganz andere Folgen haben wird, wie die erste vom Februar, und die Genugthuung geben wird für die Schmach, die der Revolution im und seit Juni angethan worden.

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* K ö l n, 2. Februar. Der Krieg in Ungarn geht zu Ende. „Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.“ So sprach die Kölnische Zeitung vor einigen Tagen. Sie hatte sich von Welden weiß machen lassen, der Reichstag in Debreczin habe sich und die Armee aufgelöst, und Kossuth sei im Begriffe mit den Resten seines Anhangs nach Großwardein zu entfliehen. Der kreisende Berg war diesmal Niemand anders, als die Kölnische Zeitung selbst. Das siebzehnte Armeebülletin, dem Welden obige Lüge angehangen, meldete zwei neue Operationen der Kaiserlichen: erstens den Aufbruch eines Corps von Pesth über Gyöngyös nach Miskolcz, und zweitens den Plan Schlick’s, in zwei Kolonnen, die eine über Kaschau, die andere über Hanusfalva und Varanno gegen Tokaj zu operiren. Beides konzentrische Bewegungen gegen die Theiß, hinter der die Magyaren Position genommen. Die Theiß beschreibt von der siebenbürgischen Gränze bis nach Szegedin einen Halbkreis, dessen Centrum Großwardein ist: Dieser Halbkreis bildet die Vertheidigungslinie der Magyaren. Sie wird gedeckt an der oberen Theiß durch die Festungen Sziget und Munkacs, an der mittleren Theiß durch die unwegsamen Sümpfe, die wenige Meilen von Munkacs anfangen, die Theiß zu beiden Seiten bis an ihre Mündung begleiten, und den Angriff von Norden und Westen aus sehr erschweren. Im Süden bieten die Körös und ihre Nebenflüsse eine ebenfalls durch ununterbrochene Sümpfe, zudem noch durch die vorgeschobene Festung Temeswar gedeckte Vertheidigungslinie dar. So auf drei Seiten von Sümpfen und Flüssen vertheidigt, streckt sich die Debrecziner Haide bis gegen die siebenbürgischen Höhen hin, und bietet den Magyaren einen vortrefflichen Punkt zur Konzentration ihrer Armeen; um so vortrefflicher, als Bem

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durch die Unterwerfung Siebenbürgens ihnen den Rücken freigemacht hat. So lange die Magyaren sich noch an der Drau und im Banat halten, kann das Centrum ihrer Operationen, Debreczin, nur von Norden (Schlick) und Westen (Windischgrätz) angegriffen werden, und beide oben erwähnten Bewegungen sollten diesen Angriff einleiten. Miskolcz und Tokaj, die beiden Städte, wohin die Kaiserlichen zunächst marschiren, liegen kaum 6 Meilen von einander. Tokaj ist einer der vortheilhaftesten Uebergangspunkte über die Theiß; Miskolcz liegt nahe genug, um den dorthin gesandten Truppen zu erlauben, je nach den Umständen, mit dem Corps von Schlick vereinigt bei Tokaj, oder auch für sich allein etwas mehr unterhalb die Theiß zu passiren, und wenn dies gelungen, gegen Debreczin vorzurücken. Dieser Plan der Kaiserlichen, den das 17. Bülletin mit so großem Pomp in die Welt posaunt, ist aber nicht so leicht auszuführen. Von Pesth nach Miskolcz sind über 30 Meilen, durch ein ödes, fast gar nicht oder nur von Feinden bevölkertes Haideland. Von Eperies bis Tokaj sind ebenfalls 30 Meilen, durch ebenfalls entschieden feindliches und armes Land. Die Verproviantirung der beiden vorrückenden Corps allein würde ihren Marsch sehr verzögern; die schlechten Wege, die bei dem jetzigen Thauwetter vollends unfahrbar werden, machen es ihnen erst recht unmöglich, in weniger als 14 Tagen an ihren Bestimmungsorten anzukommen. Und sind sie dort angekommen, so finden sie sich gegenüber die magyarische Armee, an den Theiß-Uebergängen, zwischen Sümpfen verschanzt, in Stellungen mit gedeckten Flanken, wo die Kaiserlichen ihre Uebermacht nicht deployiren, wo im Gegentheil ein paar Regimenter eine ganze Armee aufhalten können. Ja, sollte es ihnen sogar gelingen, die Uebergänge über die Theiß zu forciren, so wäre die östreichische Artillerie und schwere Kavallerie zwischen den Sümpfen, auf einem Moorboden, in dem sie jeden Augenblick stecken bleibt, vollends verloren. Welche großartige Erfolge diese beiden Kolonnen bis jetzt gehabt haben, geht schon daraus hervor, daß das achtzehnte Armeebülletin, das wir gestern mittheilten, gänzlich von ihnen schweigt. Wo sie sind, wie weit sie vorgerückt, welche Erfolge sie erlangt haben, davon erzählt uns Welden keine Silbe – und aus Gründen. Aber, erzählt Welden, „den aus Ungarn einlaufenden Mittheilungen zu folge, erfreuen sich unsere Waffen allenthalben eines glänzenden Erfolgs“ – und die Kölnische Zeitung glaubt das dem Herrn Welden. Sehen wir uns diese „glänzenden Erfolge“ etwas näher an. Vier „Erfolge“ werden berichtet. Davon drei in Gegenden, wo kein entscheidender Kampf geführt wird, sondern wo die Magyaren bloß da-

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nach streben, die Kaiserlichen auf Nebenpunkten zu beschäftigen und dadurch zu theilen. Nur der vierte „Erfolg“ ist an der Theiß errungen, da, wo Ungarns Schicksal sich entscheidet. Im Nordwesten, zwischen Waag und Gran, im Südwesten, zwischen Drau und Donau, und im Süden im Banat, halten 3 ungarische Corps einen bedeutenden Theil der kaiserlichen Streitkräfte bis jetzt beschäftigt und hindern dadurch Windischgrätz, mit bedeutenden Massen an die Theiß vorzudringen. Gegen diese 3 Corps haben die Kaiserlichen, wie sie sagen, „glänzende Erfolge“ errungen. Voyons. Erster Erfolg. Im Nordosten, wo man jetzt die „Slovakei“ hinverlegt, hat Baron Csorich den General Görgey vor Schemnitz geschlagen und Schemnitz genommen. Wenn man bedenkt, daß das Korps von Görgey ein reiner verlorener Vorposten ist, der sich im Rücken der kaiserlichen Armee möglichst lange zu halten hat, wenn man bedenkt, daß Görgey nicht auf magyarischem, sondern auf rein slovakischem Boden operirt, so sieht man, daß dieser Erfolg schon nicht sehr „glänzend“ ist. Dazu kommt nun noch: Csorich sollte von den Kolonnen Götz und Sossay unterstützt werden. Aber Sossay wurde eiligst nach Neutra berufen, um „daselbst zur Pacifikation des bereits okkupirten Landestheils (eines rein slavischen Comitats) mitzuwirken“, und Götz hatte alle Hände voll zu thun, um „seine Stellung bei Mossocz zu behaupten und das Turoczer Comitat vor den durch Feld-Marschall-Lieutenant Csorich ge˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙zu ˙ ˙ schützen!“ ˙ ˙˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ schlagenen und zerstreuten (!!) Insurgenten „Die endlich anzuhoffende (also noch in weitem Felde liegende) Einnahme Leopoldstadts und die Besetzung von Neuhäusl ... dürften hinreichen, um den guten Geist, der sich allenthalben im Trentschiner Comitat zu entwickeln anfängt (!) zu kräftigen ... und zur Herstellung der gesetzlichen Ordnung beizutragen.“ Welche glänzenden Erfolge! Die endlich anzuhoffende Einnahme einer annoch nicht eingenommenen Festung läßt anhoffen, daß der anzuhoffende gute Geist eines längst besetzten Gebiets hoffentlich nicht immer ein frommer Wunsch bleibt, und daß die gesetzliche Ordnung wenigstens theilweise ihrer Verwirklichung näher rücken möge! Eine nicht eingenommene Festung, eine geschlagene Armee, die indeß ein ganzes Comitat bedroht und mehrere Armeekorps im Schach hält, ein anzuhoffender guter Geist hier, ein nur zu wirklicher schlechter Geist dort, überall drohende Aufstände, und Alles Das auf slovakischem, nicht magyarischem Gebiet – das ist der erste „glänzende Erfolg“! Zweiter „glänzender Erfolg“. Ein zweiter verlorener Vorposten der Magyaren steht im Südwesten, zwischen Donau und Drau, unter dem Parteigänger-Chef Damjanich. Hier besteht der glänzende Erfolg darin,

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daß Graf Nugent Kaposvar hat besetzen lassen, um seinem Gegner in die Flanke zu kommen. Was darin für ein glänzender Erfolg liegt, ist bis jetzt nicht zu ersehen. Die Einnahme Eszeks durch die Kaiserlichen wird zwar von verschiedenen Blättern gemeldet, aber das 18. Bülletin weiß noch nichts davon und erwartet sie nicht einmal. Dritter „glänzender Erfolg“. General Theodorowich hat im Banat Werschetz eingenommen und die Magyaren bis nach Moravicza „lebhaft verfolgt“. Von Werschetz bis Moravicza sind nämlich genau drei Meilen, und die Stellung bei Moravicza zwischen dem Alibunarer Morast und dem Gebirge ist weit vortheilhafter als die bei Werschetz. Man weiß übrigens, daß das Banat soweit vom Centrum der Operationen abliegt, und daß hier die Angriffe gegen die Magyaren von jeher so ruckweise geschehen sind, daß selbst die allerglänzendsten Erfolge der Kaiserlichen hier von durchaus keiner Wichtigkeit sein würden. Vierter „glänzender Erfolg“. Bisher sahen wir die kaiserlichen Waffen zwar auf wenig entscheidendem Terrain operiren, aber wir sahen sie doch mit einigem Schein von Erfolg operiren. Jetzt kommen wir endlich auf entscheidendes Gebiet – und hier besteht der Erfolg in einer Niederlage der Kaiserlichen. Der General Ottinger war von Pesth bis an die Theiß vorgerückt, bis nach Szolnok. Der Weg war ziemlich gut; von Pesth nach Szolnok ist Eisenbahn, und man brauchte nur der Bahn nachzugehen. Die kaiserliche Avantgarde hatte bereits die Brücke bei Szolnok besetzt. Der Uebergang über die Theiß schien dem rechten Flügel der Kaiserlichen sicher. Der linke Flügel unter Schlick von Tokaj, das Centrum von Miskolcz, der rechte Flügel unter Ottinger von Szolnok aus operirend, sollten die Theißübergänge forciren und konzentrisch auf Debreczin losgehen. Aber die Herren Kaiserlichen hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Magyaren passirten den gefrorenen Fluß, schlugen Ottinger bis nach Cegled, vier Meilen weit, zurück, und gaben die Verfolgung erst auf, als Ottinger bei Cegled Verstärkungen an sich gezogen und eine starke Stellung eingenommen hatte. Die Magyaren sollen, wie das Bülletin berichtet, zwar über die Theiß zurückgegangen sein, aber jedenfalls beherrschen sie jetzt doch den Uebergang und der so eilig zurückgezogene Hr. Ottinger wird ihn wohl nicht so bald forciren. Das sind die „glänzenden Erfolge“ der kaiserlichen Waffen gegen die aufgelöste, demoralisirte, zerstreute Armee der Kossuthschen Rebellen. Ein Blick auf die Karte zeigt, An den Uebergängen dieses Flußes, oder wenn diese forcirt werden, in der Debrecziner Haide wird der entscheidende Kampf geschlagen werden. Und selbst wenn die Magyaren hier

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zersprengt würden, so würde der Parteigänger-Krieg in den niederungarischen Haiden und Sümpfen, und im siebenbürgischen Gebirg erst in derselben Weise beginnen, wie er jetzt schon, zur großen Trauer des 18. Bulletins, in den „bereits okkupirten Landestheilen“ begonnen hat. Was ein solcher Krieg in einem dünnbevölkerten Lande und auf geeignetem Terrain ausrichten kann, haben die karlistischen Banden in Spanien bewiesen, beweist Cabrera eben jetzt wieder. Aber daran ist Kossuth noch nicht. Obwohl die Kölnische Zeitung in ihrer kindlichen Naivetät ihn gestern gefangen nehmen ließ, ist er doch noch frei und verfügt über eine bedeutende Armee. Für ihn handelt sich’s jetzt nicht mehr darum, sich noch Monate lang zu halten; nur noch drei bis vier Wochen braucht er Widerstand zu leisten. In höchstens drei bis vier Wochen hat sich in Paris das Blatt gewendet: entweder siegt dort die Restauration für den Augenblick, und dann mag auch Ungarn fallen, damit die Contrerevolution vollends übermüthig werde – oder es siegt die Revolution, und dann werden die Herren Oestreicher eilends an den Rhein und nach Italien marschiren, um dort von den rothen Hosen nach Ungarn zurückgejagt zu werden. Konstatiren wir schließlich den allerglänzendsten Erfolg der kaiserlichen Waffen: die Bülletins des Hrn. Welden haben endlich Einen Gläubigen gefunden, der auf sie schwört – und dieser Eine ist die Kölnische Zeitung.

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Karl Marx Camphausen

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 213, 4. Februar 1849

* K ö l n, 3. Februar. Wir erfahren aus ganz sicherer Quelle, daß vor Eröffnung der Kammer das Ministerium Brandenburg abtreten und Herr Camphausen den Kammern bei ihrer Eröffnung als neuer Ministerpräsident entgegen treten wird. Wir waren sicher, daß so etwas im Werke sei, als vor einigen Tagen die hiesigen Freunde des gewiegten Staatsmannes das Gerücht verbreiteten, er sei der politischen Bewegung satt: Ach, ich bin des Treibens müde; Was soll all der Schmerz, die Lust? Süßer Friede, Komm, o komm in meine Brust! und wolle sich deswegen wieder in sein häusliches Stillleben zurückziehen, um seine Meditationen auf das weniger aufregende Gebiet der Fettwaaren-Spekulation zu beschränken. Jedem Einsichtigen mußte es klar sein: Hr. Camphausen fühlte das Bedürfniß, sich abermals zur Rettung der Krone auffordern zu lassen und „gerührt über seine eigene Großmuth“, zum zweiten Male die Rolle der „Wehmutter des konstitutionellen Throns“ mit bekanntem Anstand zu spielen. Die bürgerliche Kammeropposition wird jubeln über diesen parlamentarischen „Sieg“. Die Deutschen sind vergeßlich und verzeihen leicht. Dieselbe Linke, die voriges Jahr Hrn. Camphausen opponirte, wird seinen Amtsantritt als eine große Konzession der Krone dankbar begrüßen. Damit aber das Volk sich nicht abermals täuschen lasse, wollen wir die vornehmsten Großthaten des denkenden Staatsmannes kurz wiederholen. Herr Camphausen erweckte den am 18. März begrabenen Vereinigten Landtag und vereinbarte mit ihm einige Grundlagen der künftigen Verfassung.

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Herr Camphausen vereinbarte dadurch den Rechtsboden, d. h. die indirekte Leugnung der Revolution. Herr Camphausen beglückte uns ferner mit den indirekten Wahlen. Herr Camphausen verleugnete abermals die Revolution in einem ihrer Hauptresultate, indem er die Flucht des Prinzen von Preußen in eine Studienreise umwandelte und ihn aus London zurückrief. Herr Camphausen organisirte die Bürgerwehr so, daß sie von vorn herein aus der Volksbewaffnung zu einer Klassenbewaffnung wurde und Volk und Bürgerwehr einander feindlich gegenüber stellte. Herr Camphausen duldete zu gleicher Zeit, daß die altpreußische Bureaukratie und Armee sich rekonstituirten und täglich fähiger wurden, kontrerevolutionäre Staatsstreiche vorzubereiten. Herr Camphausen ließ die denkwürdigen Shrapnell-Metzeleien gegen so gut wie unbewaffnete polnische Bauern führen. Herr Camphausen begann den dänischen Krieg um die patriotische Ueberkraft los zu werden und die preußische Garde wieder populär zu machen. Als dieser Zweck erreicht, half er aus besten Kräften den Malmöer schmutzigen Waffenstillstand in Frankfurt durchsetzen, was zum Marsch Wrangel’s nach Berlin nöthig war. Herr Camphausen beschränkte sich darauf, einige reaktionäre altpreußische Gesetze in der Rheinprovinz abzuschaffen, ließ aber die ganze polizeistaatliche Landrechts-Gesetzgebung in allen alten Provinzen bestehen. Herr Camphausen war der erste, der gegen die – damals noch entschieden revolutionäre – Einheit Deutschlands intrigirte, indem er erstens neben der Frankfurter Nationalversammlung sein Berliner Vereinbarungs-Parlament berief und später auf jede Weise gegen die Beschlüsse und den Einfluß der Frankfurter Versammlung arbeitete. Herr Camphausen verlangte von seiner Versammlung, daß sie ihr konstituirendes Mandat auf ein bloß „vereinbarendes“ beschränke. Herr Camphausen verlangte ferner von ihr den Erlaß einer Adresse an die Krone, in der sie dies anerkenne – als sei sie eine nach Belieben vertagbare und auflösbare konstitutionelle Kammer. Herr Camphausen verlangte ferner von ihr die Verleugnung der Revolution und machte hieraus sogar eine Kabinetsfrage. Herr Camphausen legte seiner Versammlung jenen Verfassungs-Entwurf vor, der mit der oktroyirten Verfassung ungefähr auf einer Linie steht und damals einen allgemeinen Sturm des Unwillens erregte. Herr Camphausen rühmte sich, der Minister der Vermittlung gewesen zu sein, welche Vermittlung keine andere war, als die zwischen der Krone und der Bourgeoisie zum gemeinsamen Verrath am Volke.

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Herr Camphausen trat endlich ab, als dieser Verrath vollständig vermittelt und reif war, um durch das Ministerium der That und seine Konstabler in die Praxis eingeführt zu werden. Herr Camphausen wurde Gesandter bei der sogenannten Centralgewalt, und blieb es unter allen Ministerien. Er blieb Gesandter während in Wien kroatische, ruthenische und walachische Truppen deutsches Gebiet verletzten, die erste Stadt Deutschlands in Brand schossen und so empörend behandelten, wie kein Tilly Magdeburg behandelt hat. Er blieb Gesandter und rührte keinen Finger. Herr Camphausen blieb Gesandter unter Brandenburg, nahm damit seinen Antheil an der preußischen Contrerevolution mit, und gab seinen Namen her zu der neuesten preußischen Cirkularnote, die offen und unverhohlen die Herstellung des alten Bundestages verlangt. Herr Camphausen übernimmt endlich jetzt das Ministerium, um den Rückzug der Contrerevolutionäre zu decken und die November- und Dezember-Errungenschaften uns auf längere Zeit zu sichern. Das sind einige der Camphausen’schen Großthaten. Wird er jetzt Minister, so wird er sich beeilen, die Liste zu vergrößern. Wir unsrerseits werden möglichst genau darüber Buch und Rechnung führen.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 213, 4. Februar 1849. 2. Beilage

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* A u s d e m B a n a t . Kaum ist es den Serben, Oestreichern, DeutschBanatern, Kroaten, Zigeunern und türkischen Serbianern gelungen, die Magyaren etwas zurückzudrängen, so brechen unter der neufabrizirten banatisch-serbischen Nation die ärgsten Zwistigkeiten aus. Stratimirowich ist auf eigene Faust als Kandidat für die Wojwodenwürde aufgetreten, und hat sich dadurch in solche Feindschaft mit dem Patriarchen Rajachich gesetzt, daß dieser Befehl ertheilt, den populärsten serbischen Führer, überall wo man ihn treffe, zu verhaften und einzuliefern. Die türkischen Serbianer haben bis jetzt den Banater Serben 20 000 Mann Hülfstruppen gestellt. Wie viel Russen darunter sind, ist schwer zu sagen. Noch am 19. Januar sind 700 Serbianer und 400 bewaffnete Zi˙ ˙ ˙Pancsowa über die Donau den Banatern zu geuner bei Boljewcze und Hülfe gekommen. So hält sich die östreichische Gesammtmonarchie am Leben! Die Macht der ungarischen Insurrektion ist keineswegs vernichtet, sondern noch gegenwärtig sehr beträchtlich, denn fortwährend strömen den magyarischen Schaaren aus allen Theilen des Landes zahlreiche Freiwillige zu. Noch hat die magyarische Sache vier starke Armeecorps auf den Beinen, nämlich in Oberungarn unter Görgey, an der Theiß unter Kossuth, im Banat gegen die Serben und in Siebenbürgen unter Bem, die sich immerhin noch einige Monate herumschlagen können, indem sie jedem Hauptschlage sorgfältig auszuweichen wissen. Schon dauert der Kampf sechs volle Wochen, und doch hat die Zahl der magyarischen Streiter eher zu- als abgenommen. Gelingt es ihnen, wie sie beabsichtigen, den Krieg bis zur Eröffnung des Krieges in Oberitalien auszudehnen, so ist die Sache keineswegs verloren. Sogar im Oedenburger Komitat, unmittelbar an der Grenze Oe-

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sterreichs findet man unter dem Landvolke die lebhaftesten Sympathien für Kossuth, indem noch jüngst in einem Dorfe, nach einer schwarzgelben Predigt die Bauern den Diktator hochleben ließen, worauf eine Abtheilung Militär erschien und die sieben angesehensten Personen des Ortes verhaftete und wegführte, so daß man noch zur Stunde nicht weiß, was mit denselben geschehen ist.

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* D ü s s e l d o r f, 4. Februar. Von Seiten der ehemaligen „demokratischen  ˙ ˙ ˙eine ˙ Berichtigung unseres vorgestrigen = Monarchie“ kommt uns Artikels aus Düsseldorf über Hrn. Wesendonk zu. Die Berichtigung berichtigt eigentlich nichts, als daß Hr. Wesendonk keineswegs zur Zeit des Vorparlaments als Republikaner aufgetreten und dann zur demokratischen Monarchie zurückgekehrt sei. Im Uebrigen bestätigt sie den von ihr als „Verdächtigung“ bezeichneten Artikel. Wir protestiren zuerst gegen diese Bezeichnung. Die Herren Wahlkandidaten sind der öffentlichen Kritik unterworfen, und wenn man von diesem Recht Gebrauch macht, so kann bloß verletzte Eitelkeit darin eine Verdächtigung sehen. Wir werfen Hrn. Wesendonk vor, daß er mit großem Gepolter in Frankfurt den Antrag gemacht hat, die oktroyirte Verfassung für null und nichtig zu erklären und daß er jetzt noch nicht zwei Monate nachher, sie anerkennen will. Die „Berichtigung“ vertheidigt diese Schwenkung dadurch, daß ja das Volk durch die Urwahlen selbst schon die Oktroyirte sammt 1. und 2. Kammer anerkannt habe – Logik der Kölnischen Zeitung und der plattesten Advokaten-Beschönigung. Sie verlangt ferner, wir sollen keinen Zwiespalt ins eigene Lager werfen – d. h. die sogenannten demokratischen Kandidaten ohne Weiteres acceptiren und uns aller Kritik über sie enthalten. Wir konnten im Parteiinteresse einige Rücksicht nehmen bis zu dem Augenblick, wo die Phrase von der Anerkennung des Staatsstreichs vom 5. Dezbr. endlich von verschiedenen angeblich demokratischen Kandidaten ausgesprochen wurde. Von dem Augenblick an haben wir sämmtliche s. g. demokratische Kandidaten angegriffen, die diese Phrase acceptirten, aus dem einfachen Grunde, weil wir mit diesen Herren keineswegs in demselben „Lager“ sind.

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Wir erfahren ferner aus Düsseldorf, daß die Konstitutionellen bis jetzt 2 Gegenkandidaten aufgestellt haben: die Herren Minister v. d. Heydt und Dr. Claesen von Köln. Ihre Aussichten sollen freilich schwach sein.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 214, 6. Februar 1849

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* Das 19. Armeebülletin ist erschienen. Selbst wenn wir diesem Aktenstück Glauben schenken, so sind die von den Kaiserlichen in der letzten Zeit errungenen Vortheile nicht der Rede werth. Von den Armeekorps in den slovakischen (nord-westlichen) Comitaten erfahren wir nichts. Dies Korps hat also offenbar noch immer mit der „Pacificirung der bereits okkupirten Landestheile“ alle Hände voll zu thun. Von den aus Pesth nach Miskolcz gesandten Truppen, die die Verbindung zwischen Windischgrätz und Schlick herstellen sollen und denen wir, man erinnert sich wohl noch, eine ziemlich lange Reise prophezeiten, von diesen Truppen, deren Vorposten nach angeblichen Briefen aus dem Lager Schlicks bereits bei Miskolcz stehen sollten, erfahren wir ebenfalls nichts. Beweis, daß sie noch nicht weit gekommen. Von den Banater Zigeunerbanden erfahren wir ebenfalls nichts. Und endlich von den gegen Bem ausgesandten Truppen hören wir vollends nichts. Ueberhaupt schweigen nicht nur die offiziellen Bülletins, sondern auch die sonst so prahlerischen nichtoffiziellen Lügenberichte seit einiger Zeit gänzlich über Bem. Beweis genug, daß ihm gegenüber die Kaiserlichen ebenfalls keine Lorbeeren ernten. Da wir über Bem somit gar keine Nachrichten haben, dürfen wir uns gar nicht wundern, wenn er nächstens plötzlich im Rücken oder in den Flanken Schlicks erscheint, und dadurch den ganzen kaiserlichen Kriegsplan umwirft. Daß das Bülletin von der, jetzt sechsmal von den Standrechtsblättern erlogenen und sechsmal von der Mama Dumont geglaubten Erstürmung Leopoldstadts ebenfalls kein Wort weiß, brauchen wir kaum zu erwähnen. Die Einnahme dieser Festung ist also immer noch „anzuhoffen“.

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Das Alles also sagt das Bülletin nicht. Was sagt es denn? Es weiß Bescheid auf drei Punkten: auf der slavonischen Gränze, bei Szolnok und bei der obern Theiß. Von diesen drei Punkten meldet es natürlich wieder „glänzende Erfolge“. Erstens: „Feldzeugmeister Graf Nugent, welcher sich zur Vertreibung der bei Fünfkirchen zusammengerotteten Rebellen am 25. Januar von ˙ ˙˙ Kanisa aus dahin in Marsch setzte, hat am 29. Januar sein Hauptquartier ˙ ˙˙ nach Fünfkirchen verlegt, welche Stadt die Rebellen, 4000 Mann mit ˙ ˙ gegen ˙ 10 Geschützen stark, am 26. Januar verließen und die Richtung ˙ ˙ ˙ Essegg eingeschlagen haben dürften, um sich unter dem Schutze der von den Rebellen besetzten Festung zu sammeln, was ihnen aber nicht gelingen wird, da diese Festung durch die Brigade des Obersten van der Null des gradiskaner Grenzregiments cernirt ist und auch Feldzeugmeister Graf Nugent ihnen in dieser Richtung folgen wird. Das Erscheinen der k. k. Armee im baranyer und tolnaer Comitate hat die der Regierung feindlichen Elemente vollkommen vernichtet.“ Konstatiren wir zuerst, daß hiernach die Festung Essegg an der Drau nicht genommen ist, wie die standrechtlichen Gerüchte behaupteten, sondern daß sie eben erst „cernirt ist“, eine Cernirung, die von den „4000 Mann mit 10 Geschützen“ um so eher wird durchbrochen werden, als sie auf dem linken Drauufer wegen der ausgedehnten Sümpfe überhaupt gar nicht möglich ist. Der weitere Erfolg besteht darin, daß Nugent bis Fünfkirchen vorgerückt ist. Da nach dem 18. Bülletin Kaposvar von den Kaiserlichen bereits besetzt war, so besteht der ganze Vortheil in der um etwa 10 Meilen, parallel der Drau, weiter vorgeschobenen Stellung der Armee. Damit ist nichts gewonnen als eine schwierigere Verproviantirung, die in demselben Maße zunimmt, in dem die Armee sich dem Herzen Ungarns nähert. Die Magyaren befolgen hier übrigens offenbar dieselbe Taktik wie Görgey im slovakischen Gebiet: sie halten die Städte so lange wie möglich und beginnen dann den Guerillakrieg auf dem Lande. Was von der Pacifikation des Baranyer und Tolnaer Comitats gesagt wird, erinnert ganz an die Pacifikationen im Slovakenlande. Wir werden bald hören, daß auch hier die Armee nicht hat vorrücken können, weil sie erst die Ruhe und Ordnung in den bereits eroberten Komitaten herstellen muß. Zweitens: „Wie bereits im 18. Bülletin mitgetheilt worden, hatte die Kavalleriebrigade Ottinger, durch 3 Bataillone Infanterie und 2 Fußbatterien verstärkt, bei Cegled Position gefaßt. Auf die Kunde, daß die Rebellen beabsichtigen, diese anzugreifen, fand sich der Feldmarschall Fürst zu Windischgrätz bewogen, denselben mit allen entbehrlichen Truppen entgegenzugehen, hoffend, die Rebellen würden eine Schlacht

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annehmen. Allein auch diesmal wagten sie nicht, es auf ein entscheidendes Zusammentreffen ankommen zu lassen, und nachdem sie diese Verstärkung anrücken sahen, zogen sie sich in Eile, verfolgt von der Brigade Grammont, über die Theiß zurück.“ Also doch! Daß Windischgrätz selbst „mit allen entbehrlichen Truppen“ nach Cegled ging, beweist, daß Hr. Ottinger dort eine gewaltige Schlappe erhalten haben muß. Selbst die verstärkenden „3 Bataillone und ˙ ˙ ˙ ˙ sich 2 Batterien“ hatten also nichts gefruchtet! Der Vortheil beschränkt darauf, daß die Oestreicher bei Szolnok also wieder an der Theiß stehen. Komisch ist der Aerger des Windischgrätz darüber, daß die Rebellen abermals keine Schlacht angenommen haben. Als ob das nicht von vornherein der Plan gewesen sei, vorläufig alle entscheidenden Schlachten möglichst zu vermeiden, die Kaiserlichen möglichst weit in Ungarn hineinzulocken und hinter ihrem Rücken Bauernkrieg und Guerillas zu organisiren! Zur rechten Zeit werden sie schon „es auf ein entscheidendes Treffen ankommen lassen“. Drittens: „Der Feldmarschallieutenant Graf Schlick hat nach der bereits bewirkten Reinigung der Zips nunmehr auch jene des zempliner Comitats von den Rebellen erzielt, und ist hierauf gegen Tokaj gerückt, wohin sich die Anhänger Kossuths von allen Seiten zogen. Die Avantgarde des Feldmarschallieutenants Schlick unter Major Piattoli stieß am 19. Januar bei Szanto auf den Feind und warf denselben nach Tokaj ˙ ˙ 21. Januar zeigte eine vorgenommene Recognoscirung, daß zurück.˙ Am ˙ ˙˙ der Gegner sich zurückgezogen und eine ziemlich vortheilhafte Stellung bei Tokaj, Tarczal und Kereßtur genommen habe. Am 22. Januar unter˙ ˙˙ nahm Feldmarschallieutenant Graf Schlick den allgemeinen Angriff auf diese Position. Der Major Herczmanovsky führte sein braves Bataillon Stephan nebst einer Eskadron Kaiser-Chevauxlegers und vier Geschützen gegen Kereßtur, während Feldmarschallieutenant Graf Schlick mit der Hauptkolonne über Tallya und Mad gegen Tarczal vordrang. Das Gefecht fiel siegreich für die kaiserlichen Truppen aus. Der Feind erlitt ˙˙ ˙ Todten ˙˙ beträchtlichen Verlust, namentlich˙ ˙˙an von der polnischen Legion.“ Dieser Vortheil ist vollends überraschend. Schlick hat die Vorposten der Ungarn um einige Meilen zurückgedrängt und sich bei Tallya und Keresztur mit ihnen geschlagen. „Das Gefecht fiel siegreich für die k. k. Truppen aus –“ lautet der lakonische Rapport über den Erfolg. Ob Tallya und Keresztur genommen sind, ob die Magyaren sich über die Theiß zurückgezogen haben, davon kein Wort. Es wird mit diesem siegreichen und erfolgarmen Gefecht wohl dieselbe Bewandniß haben, wie mit Ottingers letztem Sieg, der sich zuletzt in eine Niederlage verwandelte. Die

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„Reinigung der Zips“ ist keine Kunst, da die Zips größtentheils von Deutschen bewohnt wird. Im Zempliner Komitat wohnen Ruthenen, also vor der Hand noch Freunde der Kaiserlichen, und auch hier klingt es komisch, von „Reinigung“ sprechen zu hören. Das Hauptresultat des Bülletins ist, daß die Kaiserlichen an zwei weit von einander entfernten Punkten an der Theiß stehen. Die beiden Korps sind ohne Verbindung. Kossuth wird jetzt wohl bald den entscheidenden Schlag wagen: sich entweder mit ganzer Macht auf jedes der beiden Korps einzeln werfen, oder mitten zwischen ihnen durchbrechen, auf Pesth marschiren, und den Oestreichern so in den Rücken fallen. Und während die Sachen noch so stehen, während die Kaiserlichen trotz ihrer Uebermacht nur höchst zögernd und vorsichtig vorrücken, alle ihre Kolonnen einzeln operiren lassen ohne an Konzentration zu denken, während die Magyaren gerüstet hinter der Theiß stehen, meldet die Standrechtspresse: Kossuth sei im Kreis Stry in Galizien gefangen. Und deutsche Blätter drucken das ab.

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II. Juristisches. ad. Art. 222.

„Lorsqu’un ou plusieurs magistrats de l’ordre administratif ou judiciaire auront rec¸u dans l’exercice de leurs fonctions ou a` l’occasion de cet exercice, quelque outrage par paroles tendant a` inculper leur honneur ou leur de´licatesse, celui qui les aura ainsi outrage´s, sera puni d’un emprisonnement d’un mois a` deux ans. – Si l’outrage a eu lieu a` l’audience d’une cour ou d’une tribunal, l’emprisonnement sera de deux a` cinq ans.“ Was ist honneur? Was ist de´licatesse? Unterschied von „Beleidigung“ u. „Verläumdung“ enthalten im Art. ˙˙ 375, der folgendermaassen lautet: „Quant aux injures ou aux expressions outrageantes qui ne renfermeraient l’imputation d’aucun fait pre´cis, mais celle d’un vice de´termine´, si elles ont e´te´ profe´re´es dans des lieux ou re´unions publics, ou inse´ree´s dans des e´crits imprime´s ou non, qui auraient e´te´ re´pandus et distribue´s, la peine sera une amende de seize francs a` cinq cent francs.“ § 376. „Toutes autres injures ou expressions outrageantes qui n’auront pas eu ce double caracte`re de gravite´ ou de publicite´, ne donneront lieu qu’a` des peines de simple police.“ Calumnie also nur da vorhanden, wo ich jemand ein fait pre´cis, ein artikulirtes Factum, das er selbst begangen haben soll, imputire. Nenne ich einen Dieb z. B., so ist nur Art. 375 competent. Der Name Dieb ist kein „fait pre´cis“, überhaupt nicht die Imputation eines „faits“, sondern nur „expression outrageante“, die Beschuldigung eines „bestimmten Fehlers“. Du hast gestern da u. da ein paar silberne Löffel gestohlen dagegen Culpa maxima, tritt statt der Geldstrafe in § 375 die viel ˙ ˙ ˙ u. Verlust ˙de ˙ r bürgerlichen Rechte ein. ˙˙ schwerere der Freiheitsstrafe ˙˙ Grund: im lezteren Fall die Strafe wahrscheinlicher, grösserer Verlust an der Ehre u. s. w. ˙˙ 379

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Wie Art. 375 gegen Private zutrifft, so trifft auch Art. 222 gegen Beamte zu, wenn das De´lit gegen ihn in seiner Funktion ausgeübt ist. Beleidigung gegen einen fungirenden Beamten nach dem hierachischen ˙˙ Geist des Code härter bestraft als gegen einen gefährlichen Menschen. ˙ ˙ Art. 222 seinem Inhalt u. Begriff nach mit Art. 375 durchaus identisch. Art. 222 blos die Schärfung der Strafe, wenn das Vergehen des Art. 375 ˙˙ ˙˙ gegen in Funktion begriffene Beamten ausgeübt˙ ˙wurde. Art. 222 vertritt nicht Art. 367, wo das Verbrechen der „Verläumdung“ ˙ ˙ sondern 375. ˙ ˙ Sonst würde in gegen fungirende Beamten ausgeübt wird, dem Verbrechen gegen Private stärker bestraft, als gegen fungirende Be˙˙ amten, was dem Geist des Code widerspricht. Also: 1) Art. 222 identisch mit Art. 375. 2) Art. 222 unterscheidet sich˙˙von Art. 367, wie 367 von 375 ˙˙ ˙ ˙ er Prokurator [2] Betreff Zweiffels kann nur incriminirt sein „Herr Ob ˙ ˙ ˙ etc. ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ein ˙˙ Zweiffel soll ausserdem erklärt haben, daß er binnen 8 ˙Tagen Ende machen werde.“ Paßt also nicht 222 (375) wo es heissen müßte: „Zweiffel soll niederträchtige u. ehrlose Äusserungen gemacht haben“ und sodann nur „fait pre´cis“, eine bestimmte u. genau angegebne Äusserung. Art. 222 ist aber auch aus andren Gründen nicht anwendbar. a) Zweiffel hat gar nicht funktionirt. Die Worte des Art. 222 „dans l’exercice de leurs fonctions ou a` l’oc˙˙ casion de cet exercice“ u. die Worte „outrage par paroles“ drücken den˙˙ selben Gedanken aus u. erweisen auf gleich zwingende Weise, daß der Gesetzgeber bei diesem Art. nur Beleidigungen im Auge hatte, welche unmittelbar bei Gelegenheit einer Amtshandlung vorfallen, also mündlich vorgenommen sein müssen u. daß sich der Art. 222 nicht erstreckt auf ˙˙ Beleidigungen, welche lange nach vollbrachter Amtshandlung schriftlich verübt worden. Wenn die Beleidigung „par parole“ mündlich vorgefallen sein muß, so ist damit schon gegeben, daß sie während der Amtshandlung verübt ˙˙ wird. Weisen wir nach, daß der Gesetzgeber bei Art. 222 nur Beleidigungen ˙˙ im Auge hatte, die im persönlichen Beisein des Beamten ausgestossen ˙˙ werden, so ist dadurch erwiesen, daß keine solche Beleidigung unter Art. 222 fällt, welche lange nachher u. in Abwesenheit des Beamten ˙ ˙ sich Abschriftlich verübt wurde (Schriftliche Beleidigung sezt an u. für ˙ ˙ ˙ wesenheit des Beleidigten, die Anwesenheit des Beleidigten sezt mündliche ˙˙ Beleidigung voraus.) Es heißt in den Motiven zum Art. 222 (expose´ par M. le conseiller d’e´tat Berlier se´ance du 6 fe´vrier 1810):

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„Il ne sera donc ici question que des seules outrags qui compromettent la paix publique, c’est-a`-dire, de ceux dirige´s contre les fonctionnaires ou ˙ ˙˙l’exercice ˙˙ ˙ ou a` l’occasion de l’exercice de leurs foncagents publics, dans tions; dans ce cas ce n’est plus seulement un particulier, c’est l’ordre public, qui est blesse´ ... La hie´rarchie politique sera dans ce cas prise en conside´ration: celui qui se permet des outrages o u violences envers un officier ministe´riel, est coupable, sans doute, mais il commet un moindre scandale que lorsqu’il outrage un magistrat.“ Soviel geht hieraus hervor: Der Gesetzgeber betrachtet die Beleidigung, gegen welche er 222 maaßregelt, als den untersten Akt der Widersetzlichkeit gegen einen fungiren˙ ˙ u. Re´sistance, gegen den handelnden den Beamten, als eine Auflehnung Beamten, der ein Knurren bleibt, ohne in Thätlichkeiten˙ ˙überzugehen. Wie könnte eine solche „outrage“ [3]

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sonst die „paix publique“ compromittiren „la paix publique“ ist nur dann gestört, wenn ein Aufruhr zum Sturz der Gesetze in irgend einer ˙ ˙ durch irgend eine AmtsWeise unternommen oder wenn dem das Gesetz handlung vollziehenden Beamten, sei es thätlich, sei es nur durch herabsetzende Äusserungen Widersetzlichkeit bezeugt wird. Wenn ich heute in einer Zeitung den Oberprokurator beleidige, so störe ich dadurch die ˙ ˙ u. es heißt ausdrücklich in den angeführten Motiven: paix publique nicht ˙ ˙ qui compromettent la „Il ne sera donc ici question que des seuls outrages, paix publique.“ Zu derselben Stelle heißt es: „Ainsi qui se permet des outrages ou violences envers un officier“. outrage u. violence werden hier als ihren Begriffen nach identisch, nur durch den Grad der Schwere unterschiedene ˙ ˙ nur in˙ ˙persönlichem Beisein des Verbrechen behandelt. Wie aber violence ˙˙ fungirenden Beamten verübt werden kann, so die outrage unterste Stufe desselben Vergehens, die persönliche Gegenwart des Beamten erforder˙ ˙ ˙˙˙ ˙keine ˙ lich. Somit bringt die Beleidigung Störung in˙ ˙einer Amtshandlung, ˙˙ somit auch keine Störung in dem paix publique hervor. ˙ ˙ des Beamten (Beleidigten) erforderlich, Ist aber das persönliche Beisein ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ par parole verübt werden u. nicht so kann die Beleidigung nur mündlich auf schriftliche Insulte aus gedehnt werden oder doch nur in den Fällen, wo schriftliche Insulte während der Amtshandlung möglich sind. (z. B. ˙˙ Instruktionsrichter.) Daher giebt es auch keine Majestätsbeleidigung im Code: Wenn der Code die Beamtenbeleidigung nur so begreift, daß der Beamte in Aus˙˙ führung seiner Funktion u. zwar in seiner eignen persönlichen Gegenwart

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beleidigt wird, waren Majestätsbeleidigungen in diesem Sinne unmöglich, weil der König persönlich keine Funktion ausübt sondern nur durch an˙˙ dre ausüben läßt u. somit nie im Sinne des Art. 222, in persönlicher Er˙ ˙ werden kann. scheinung u. unmittelbarer Funktion beleidigt Durch den Zusatz: „a` l’occasion de cet exercice“ scheint sich die Sache ˙˙ ˙˙ anders zu gestalten u. das Requisit der persönlichen Präsenz wegzufallen. ˙ ˙ Am besten wird diese Deutung widerlegt durch § 228, wo es also heißt: [4]

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„Tout individu qui, meˆme sans armes, et sans qu’il en soit re´sulte´ de blessures, aura frappe´ un magistrat dans l’exercice de ses fonctions, ou a` l’occasion de cet exercice, sera puni d’un emprisonnement de deux a` cinq ans. – Si cette voie de fait a eu lieu a` l’audience d’une cour ou d’un tribunal, le coupable sera puni de carcan.“ Die persönliche Gegenwart bleibt also nothwendig durch das a` l’occasion, denn ich kann Niemand in seiner Abwesenheit prügeln.˙ ˙„a` l’occasion“ heißt auch nicht „im Bezug“, sondern „bei Gelegenheit“. Ich kann keine „relative“ „beziehungsvolle“ Schläge geben. Das „a` l’occasion“ hat der Gesetzgeber nur hinzugefügt, damit der ˙ ˙ blos auf die Dauer der Amtshandlung ˙˙ Fall der Art. 222 u. 228 nicht ˙˙ ˙ ˙ vorher oder unbeschränkt ist, so daß die Beleidigung auch˙˙unmittelbar ˙ ˙ ˙˙ mittelbar nachher stattfinden kann, aber immer unmittelbar an die Amts˙ ˙ handlung sich anknüpfen u. in der persönlichen Präsenz des Beamten ˙˙ ˙˙ stattfinden muß. Wie ich einen Beamten nur in seinem Beisein prügeln kann, so kann auch der Fall des Artikels 222, da er nur dasselbe a` l’occasion de cet ˙ exercice enthält, ˙welches auch der von coups u. blessures handelnde Art. ˙˙ 228 erfordert, nur in persönlicher Präsenz des Beamten u. also nur durch ˙˙ Worte vor sich gehen.

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ad. § 367. Es liegt keine Calumnie gegen die Gendarmerie vor: ˙˙ a) Beweis der Wahrheit. ˙ B.) weil sie ˙nicht genannt sind. „Gendarm“ bezeichnet kein Individuum, sondern einen Collectivbegriff. Es liegt keine Calumnie gegen Zweiffel vor. a) Zweiffel keine „faits, qui s’ils existaient“ u. s. w. imputirt, sondern blose „mots“ dieser Unterschied gerechtfertigt. „Äusserung“ macht nicht nur nicht gesetzlich strafbar, macht auch nicht gleich „den Bürgern ver˙˙ haßt u. verachtet“.

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imputation d’un fait pre´cis verlangt. b) Zweiffel „soll“. Eine Behauptung, die Glauben finden will, u. nicht sich selbst in Frage stellen. [5] Bezüglich der Gendarmen: ˙ ˙ mit den Worten: Art. 367 schließt ˙ ˙ n’est point applicable aux faits dont la loi „La pre´sente disposition autorise la publicite´, ni a` ceux que l’auteur de l’imputation e´tait, par la nature de ses fonctions ou de ses devoirs, oblige´ de re´ve´ler ou de re´primer.“ Pflicht der Presse. ˙˙ Kommt noch hinzu: § 372.) „Lorsque les faits impute´s seront punissables suivant la loi, et que l’auteur de l’imputation les aura de´nonce´s, il sera, durant l’instruction sur ces faits, sursis a` la poursuite et au jugement du de´lit de calomnie.“ ad. 369.)

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Karl Marx Freisprechung der „Neuen Rheinischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 217, 9. Februar 1849

* K ö l n, 8. Februar. Wie wir bereits in einigen Exemplaren unserer gestrigen Nummer mittheilten, ist in der gestrigen Assisensitzung die Anklage gegen den Redakteur en chef Marx, den Redakteur Engels und den Geranten der „Neuen Rheinischen Zeitung“ wegen des Artikels ** Köln, 4. Juli (in der Nummer vom 5. Juli 1848) verhandelt worden. Der Artikel betraf die Verhaftung des Hrn. Anneke und hatte eine Anklage auf Verläumdung der die Verhaftung vollziehenden Gensd’armen (Art. 367 des Code pe´nal) und auf Beleidigung des Oberprokurators Zweiffel (Art. 222 des Code pe´nal) veranlaßt. Die Beschuldigten wurden von den Geschwornen nach kurzer Berathung freigesprochen. Dieser Prozeß, der älteste der vielen gegen die N. Rh. Z. anhängig gemachten Preßprozesse, ist dadurch von Wichtigkeit, daß die oben angeführten Art. 222 und 367 (in Verbindung mit Art. 370) diesmal in der Entscheidung der Geschwornen ganz anders ausgelegt und angewandt worden sind, als dies früher von den rheinischen Zuchtpolizeigerichten zu geschehen pflegte. Die Art. 222 und 367 sind aber, außer denen über direkte Aufforderung zum Bürgerkrieg und zur Rebellion, die einzigen, die es dem Scharfsinne der rheinischen Parkets bis jetzt gelungen ist, auf die Presse anzuwenden. Das freisprechende Verdikt der Geschwornen ist also eine neue Garantie für die Freiheit der Presse in Rheinpreußen. Wir werden die Verhandlungen so rasch wie möglich im Auszuge mittheilen. Heute steht Marx abermals vor den Geschwornen, zusammen mit Schneider, dem Abgeordneten von Köln, und Schapper, wegen einer Aufforderung zur S t e u e r v e r w e i g e r u n g, die sie als Mitglieder des demokratischen Kreisausschusses erlassen hatten.

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Karl Marx Der Steuerverweigerungsprozess

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 218, 10. Februar 1849

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* K ö l n, 9. Februar. Wenn die Entscheidung der Geschwornen in unserm ˙ ˙˙ vorgestrigen Preßprozeß von Wichtigkeit für die Presse war, so ist die gestrige Freisprechung von Marx, Schneider und Schapper entscheidend für sämmtliche aus Anlaß der Steuerverweigerung vor rheinischen Gerichten anhängig gemachten Prozesse. Das Faktum selbst war durchaus einfach und keinem Zweifel unterworfen. In dem inkriminirten Schriftstück hieß es: „Der Rheinische Kreisausschuß der Demokraten fordert alle demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, die Beschlußnahme und Durchführung folgender Maßregeln zu bewerkstelligen: 1) Nachdem die preußische Nationalversammlung selbst die Steuerverweigerung beschlossen hat, ist ihre gewaltsame Eintreibung überall durch jede Art des Widerstandes zurückzuweisen; 2) der Landsturm zur Abwehr des Feindes ist überall zu organisiren ... 3) die Behörden sind überall aufzufordern, sich öffentlich darüber zu erklären, ob sie die Beschlüsse der Nationalversammlung anerkennen und ausführen wollen? Im Weigerungsfalle sind Sicherheitsausschüsse zu ernennen. Der gesetzgebenden Versammlung widerstrebende Gemeinderäthe sind durch allgemeine Volkswahl zu erneuern.“ Dies Aktenstück ist doch wohl verständlich genug. Abgesehen von der Frage über die Gültigkeit oder Ungültigkeit des Steuerverweigerungsbeschlusses, lag hier offenbar der Fall der Aufreizung zum Aufruhr und zum Bürgerkriege vor. Die Beschuldigten machten auch kein Hehl daraus, daß unter dem „Feind“ (im Absatz 2) der innere Feind, die bewaffnete Macht der Regierung zu verstehen sei. Nichts desto weniger hatte die Staatsbehörde, an einer Verurtheilung unter diesem Artikel des Code verzweifelnd, die mildere Anklage gewählt: auf Aufforderung zur Rebellion und zum Widerstand gegen die Agenten der Staatsgewalt. (Art. 209 ff.)

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Es drehte sich hiernach nur um die politische Frage: ob die Beschuldigten durch den Steuerverweigerungsbeschluß der Versammlung autorisirt gewesen, in dieser Weise zum Widerstande gegen die Staatsgewalt aufzufordern, eine bewaffnete Macht gegen die des Staats zu organisiren und Behörden aus eigner Machtvollkommenheit ab- und einsetzen zu lassen. Die Geschwornen haben diese Frage nach sehr kurzer Berathung bejaht. Nach dieser Entscheidung werden auch Lassalle und Cantador wohl bald wieder in Freiheit gesetzt werden. Es steht nicht zu erwarten, daß der Anklagesenat von Köln in Beziehung auf sie andrer Meinung sein werde als die Geschwornen in Beziehung auf Marx, Schneider und Schapper. Wir werden übrigens morgen auf Lassalle speziell zurückkommen. Man scheint die wohlmeinende Absicht zu haben, seine Sache über die nächsten Assisen (im März) hinaus zu schleppen und ihm so neue drei Monate Untersuchungshaft zu oktroyiren. Hoffentlich aber macht der Ausspruch der Kölner Jury einen Strich durch derartige menschenfreundliche Pläne. Wie Lassalle im Düsseldorfer Gefängniß behandelt wird, darüber morgen einige angenehme Details.

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* K ö l n, 10. Februar. Wir versprachen gestern, auf Lassalle zurückzukommen. Lassalle sitzt nunmehr schon 11 Wochen im Düsseldorfer Gefängniß und erst jetzt ist die Untersuchung über einfache, durchaus nicht geläugnete Thatsachen beendigt; erst jetzt entscheidet die Rathskammer. Man hat es glücklich dahin gebracht, daß Rathskammer und Anklagesenat, wenn sie nur das Maximum der gesetzlichen Frist einhalten, die Sache über die bevorstehenden Düsseldorfer Assisen hinausverschleppen und den Gefangenen mit neuen drei Monaten Untersuchungshaft beglücken können. Und welche Untersuchungshaft! Man weiß, daß eine Deputation der verschiedenen demokratischen Vereine Kölns neulich dem Generalprokurator Nicolovius eine von einigen Tausend Bürgern unterzeichnete Adresse überbrachte, worin 1) um Beschleunigung der Untersuchung gegen die Düsseldorfer politischen Gefangenen, 2) um anständige Behandlung derselben während der Untersuchungshaft gebeten war. Hr. Nicolovius versprach diesen billigen Forderungen möglichste Berücksichtigung. Wie sehr man sich aber im Düsseldorfer Gefängniß um den Herrn Generalprokurator, um die Gesetze und um die allergewöhnlichsten Rücksichten des Anstandes kümmert, davon folgendes Exempel: Ein Gefängnißwärter erlaubte sich am 5. Januar einige Brutalitäten gegen Lassalle, und setzte diesen die Krone dadurch auf, daß er zum Direktor ging und Lassalle verklagte, als habe dieser ihn brutalisirt. Eine Stunde nachher tritt der Direktor, vom Instruktionsrichter begleitet, in Lassalle’s Zimmer, ohne ihn zu grüßen, und stellt ihn deswegen zur Rede. Lassalle unterbricht ihn mit der Bemerkung, unter gebildeten Leuten sei es üblich, daß man sich begrüße, wenn man zu Jemanden in’s Zimmer trete, und er sei berechtigt, diese Höflichkeit vom Direktor zu verlangen.

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Das war dem Hrn. Direktor zu viel. Wüthend geht er auf Lassalle zu, drängt ihn an’s Fenster zurück, und schreit mit möglichst lauter Stimme und unter Begleitung von Gestikulationen sämmtlicher Gliedmaßen: „Hören Sie, Sie sind hier mein Gefangener und weiter nichts, Sie haben sich der Hausordnung zu fügen, und wenn Ihnen das nicht beliebt, so werde ich Sie in’s Cachot werfen lassen, und es kann Ihnen noch Aergeres passiren!“ Hierauf wurde Lassalle ebenfalls heftig und erklärte dem Direktor: er habe kein Recht, ihn nach der Hausordnung zu bestrafen, da er Untersuchungsgefangener sei; das laute Schreien nütze nichts und beweise nichts; wenn dies Haus auch ein Gefängniß sei, so sei hier doch sein Zimmer und wenn der Direktor (mit dem Finger zeigend) hier bei ihm eintrete, so habe er ihn zu grüßen. Jetzt verlor der Direktor alle Besinnung. Er rückte Lassalle dicht auf den Leib, holte weit mit ausgestrecktem Arm aus und schrie: „Gestikuliren Sie nicht mit Ihrem Finger, oder ich schlage Ihnen gleich mit eigner Hand Eine ins Gesicht, daß ...“ Lassalle forderte sofort den Instruktionsrichter zum Zeugen für diese unerhörte Mißhandlung auf und stellte sich unter seinen Schutz. Der Instruktionsrichter suchte nun den Direktor zu besänftigen, was aber erst nach mehrmals wiederholtem Anerbieten von Ohrfeigen gelang. Lassalle wandte sich nach dieser erbaulichen Scene an den Staatsprokurator v. Ammon mit dem Antrage gegen den Direktor, Herrn Morret, [eine Untersuchung] einzuleiten. Die Gewaltsamkeiten des Direktors konstituiren nämlich nicht blos eine Mißhandlung und schwere Beleidigung, sondern auch eine Ueberschreitung der Amtsbefugnisse. Hr. v. Ammon antwortete, Untersuchungen wegen Ueberschreitung der Amtsbefugnisse von Seiten der Gefängnißbeamten könnten nicht ohne vorgängige Genehmigung der Verwaltungsbehörde eingeleitet werden und verwies Lassalle an die Regierung. Er stützte sich hierbei auf irgend eine alte Kabinetsordre von 1844. Der Art. 95 der oktroyirten sogenannten Verfassung erklärt: „Es ist keine vorgängige Genehmigung der Behörden nöthig, um öffentliche Civil- oder Militärbeamten wegen der durch Ueberschreitung ihrer Amtsbefugnisse verübten Rechtsverletzungen gerichtlich zu belangen.“ Art. 108 derselben Charte hebt ausdrücklich alle mit ihr im Widerspruch stehenden Gesetze auf. Aber umsonst berief sich Lassalle dem Staatsprokurator gegenüber auf den Art. 95; Herr v. Ammon beharrte auf seinem Kompetenzkonflikt und entließ ihn mit der angenehmen Bemerkung: „Sie scheinen zu vergessen, daß Sie Untersuchungsgefangener sind!“

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Hatten wir nicht Recht zu sagen, die so genannte Verfassung sei blos ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ oktroyirt ˙ ˙˙ gegen uns, nicht aber gegen die Herren Beamten worden? Also Anerbieten von Ohrfeigen, Cachot und körperliche Züchtigung, denn das war das „Aergere“, das Hr. Morret sich vorbehielt, das ist die „anständige Behandlung“, welche der Deputation für die politischen Gefangenen zugesagt wurde! Beiläufig bemerken wir, daß nach dem Gesetz die Untersuchungsgefängnisse von den Strafgefängnissen durchaus getrennt sein und die Gefangenen der ersteren unter einem ganz anderen Regime stehen sollen, als die Sträflinge. In Düsseldorf existirt aber kein besonderes Untersuchungsgefängniß, und die Untersuchungsgefangenen, nachdem man sie in’s Strafgefängniß ungesetzlicherweise eingesperrt, sollen zudem noch unter die Hausordnung der Sträflinge gestellt, ins Cachot geworfen und mit Stockprügeln traktirt werden können! Damit dieser lobenswerthe Zweck mit Lassalle erreicht werde, hat der etc. Morret eine Disziplinarkommission zusammenberufen, welche Hrn. Lassalle obiger Annehmlichkeiten theilhaftig werden lassen soll. Und die Herren Instruktionsrichter und Prokuratoren scheinen dies Alles ruhig hingehen zu lassen oder sich hinter einem Kompetenzkonflikte zu verschanzen! Lassalle hat sich an den Generalprokurator gewandt. Wir veröffentlichen unsererseits die ganze Sache, damit die öffentliche Stimme die Beschwerde des Gefangenen unterstütze. Wir hören übrigens, daß Lassalle endlich aus der einsamen Haft entlassen und wenigstens mit Cantador in dasselbe Gefängniß eingeschlossen ist.

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Friedrich Engels Ungarn. 11. Februar 1849

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 219, 11. Februar 1849

Ungarn. * Die „Kölnische Zeitung“, die bekanntlich auf Seiten Windischgrätz’s gegen die Magyaren steht, qualifizirt heute die Berichte der reaktionären, magyarenfeindlichen Breslauer Zeitung über die Siege der Magyaren als „namenlos lächerliche Aufschneidereien“. Wir haben jene Berichte mitgetheilt und werden allerdings, ehe wir näher auf sie eingehen, weitere Nachrichten erwarten. So viel ist gewiß, daß die Kaiserlichen an der Theiß unerwartete Hindernisse getroffen haben, sonst müßten sie längst herüber sein; nach den „glaubwürdigen“ östreichischen Berichten ist Schlick ja schon ein Dutzendmal auf Debreczin marschirt, während er jetzt nicht einmal die Theiß passirt hat! Inzwischen wollen wir zur Erbauung des glaubwürdigen Schwanbeck, einige kleine Notizen aus der kaiserlich königlichen Augsburger Ztg. mit˙ ˙˙ ˙ ˙˙˙ist. ˙ ˙ Man ˙ ˙ ˙ ˙ ˙erinnert ˙˙ ˙ ˙ ˙ sich,˙daß ˙ ˙ ˙ ˙wir schon theilen, die doch gewiß glaubwürdig seit einiger Zeit auf die sogenannte demokratische Fraktion der östreichischen Slaven und auf den Konflikt aufmerksam gemacht haben, in den diese Schwärmer mit der Olmützer Regierung nothwendig gerathen müßten. Wir bezeichneten Jellachich als den ersten, Stratimirovich als den zweiten Repräsentanten dieser Richtung. Daß diese Fraktion, deren Organ die „Südslavische Zeitung“ in Agram ist, auch in Kroatien selbst Terrain gewinnt, dafür zeugt folgender Artikel der A. A. Ztg.: „Wie ich Ihnen meldete, gewinnen die Machinationen des serbischen Generals Stratimirovich an Wichtigkeit, da er unter den Serben einen großen Anhang zählt und auf die Tschaikisten einen besondern Einfluß zu üben scheint. Daß seinen Aufwiegelungsversuchen gegen den Patriarchen Rajachich, wie man allgemein versichert, nicht ein Einverständniß mit den Magyaren, sondern bloß ehrgeizige Absichten zum Grunde liegen, bezweifeln wir nicht; allein wie traurig ist es, wenn man sieht, daß

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das slavische Element, an welches Oestreich sich im Sturme festklammern sollte und mußte, selbst den Stürmen egoistischer Parteiungen preisgegeben ist! Stratimirovich ist gekränkt, weil er sich in seiner Erwartung, nach dem Tode des Generals Supplikatz die Woywodenstelle zu erhalten, getäuscht sah, und brütet Rache. Ob dies auf Kosten der so nothwendigen Eintracht unter dem Volke und auf Kosten des Wohles des eigenen Vaterlandes geschieht, wird nicht gefragt. Stratimirovich hatte das Glück, mit einer kleinen Schaar siegreicher Serben im Beginn des magyarischen Kampfes sich hervorzuthun, sich gleichsam unentbehrlich zu machen, und namentlich bei St. Tomas und den Römerschanzen mehr zu leisten, als so mancher andere General mit regulären Truppen. Er stieg rasch vom Range eines Oberlieutenants bis zum General. Der nach Olmütz gesandten Deputation seines Landes beigegeben, gelang es ihm, hier die theuersten Wünsche der Serben, in Bezug auf ihre Nationalität und Selbstständigkeit, in Erfüllung zu bringen, und als bald darauf der plötzliche Tod des kaum ernannten Woywoden Supplikatz erfolgte, bezeichnete ihn der Wunsch der Truppen und des Landes, als den wahrscheinlichen Nachfolger desselben. So stehen die Sachen von dieser Seite. Aber auch in Kroatien gestalten sich die Dinge nicht gar so heiter, wie man sie oberflächlich zu berichten gewohnt ist. Glaubwürdige Personen, die aus dem Lande kommen, versichern, daß man die Abwesenheit des Banus sehr ungern sich in die Länge ziehen sieht, und daß seine Popularität gefährdet sei, da die Kroaten in ihm ihren Banus und nicht bloß den östreichischen Feldmarschall-Lieutenant finden wollen. Ebenso soll die Ernennung des Baron Kulmer zum Minister, im Lande nicht jenen Anklang finden, den man anfangs erwartet, da man ihn allgemein als ein Werkzeug des Hofs bezeichnet. Die Nachricht von seiner Ernennung soll sogar zu einer feindlichen Demonstration Anlaß gegeben haben, indem man einen Theil der ihm in Kroatien gehörigen Waldungen in Brand steckte. Aus dem allen sowie aus der täglich steigenden Gereiztheit der Sprache der Agramer Blätter, geht hervor, daß man mit den Slaven nicht gar so leichten Kaufs fertig werden dürfte.“ Andrerseits bestätigt dieselbe Zeitung die Ankunft Dembinski’s in Debreczin. Sie schreibt aus Pesth: „General Dembinski weilt wirklich in Debreczin. Mitglieder des ungarischen Repräsentantenhauses weilen daselbst in Menge, dagegen zählen die Insurgenten nur 11 Magnaten in ihrer Mitte. Das Glück scheint dem Rebellenchef Bem in Siebenbürgen den Rücken gewendet zu haben, wenigstens langen, trotz seiner prahlerischen Meldungen, fortwährend hülfesuchende Flüchtlinge bei dem Rumpfparlamente an. Laut einem Erlaß des Debrecziner Közlöni, des magyarischen Moniteur, hat Kriegs-

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minister Meszaros seine Entlassung wegen Krankheit gegeben und ist durch General Vetter ersetzt worden.“ Ueber Dembinski selbst enthält sie folgende Notizen: „Wien, 3. Februar. Die fanatisirten Magyaren erwarten den günstig˙ ˙ ˙ des bekannten Polengenerals Dembinski, dem der sten Erfolg vom Talent Oberbefehl über sämmtliche magyarische Truppen übertragen sein soll. Dembinski, 1791 geboren, kam im Jahre 1807 nach Wien in die Ingenieurakademie, entfloh heimlich von da im Jahre 1809 und trat in seinem 18. Jahre als Gemeiner in das fünfte polnische reitende Jägerregiment. Er focht gegen die Russen, und zeichnete sich im Feldzug vom Jahre 1812 in der Schlacht bei Smolensk so aus, daß er von Napoleon noch auf dem Schlachtfelde zum Hauptmann ernannt wurde. Zu stolz, um in russische Dienste zu treten, verlebte er hierauf jahrelang in stiller Zurückgezogenheit, bis er in der polnischen Revolution 1830 Gelegenheit hatte, sich als Oberst mit seiner Kavalleriebrigade von 4000 Mann auszuzeichnen, indem er in der Schlacht bei Grochow die ganze russische Macht von 60 000 Mann unter dem Marschall Diebitsch, einen ganzen Tag aufhielt.“ [...]

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 219, 11. Februar 1849. Beilage

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* K ö l n. Hr. Wesendonk schickt uns eine Erklärung zu, die wir hier – mit Ausnahme einer durchaus nicht zur Sache gehörenden Schlußbemerkung über das Haus der Frau von Hatzfeldt – folgen lassen: Herr Redacteur! Ihre Zeitung enthält in Nr. 213 ein kurzes Referat über mein hiesiges Auftreten seit dem März v. J. – Ich schätze an Ihrem Blatt die scharfe Kritik darum nicht minder, weil sie alle Parteien und alle Personen gleich strenge überwacht. Allein – etwas mehr Wahrheit in den Thatsachen möchte ich Ihren Correspondenten empfehlen. So lassen Sie sich diesmal über mich mehrere Unwahrheiten berichten: Daß ich zur Zeit des Vorparlaments als Republikaner aufgetreten, nach dem Vorparlament mich geändert hätte, ist unwahr. Gerade nach dem Vorparlament habe ich mich vielmehr als Republikaner bekannt. Ich fand und finde aber keinen Widerspruch mit dieser Gesinnung darin, daß ich auch in der bestehenden Monarchie die Demokratie zur Geltung zu bringen suchte. Ich wurde nach Frankfurt gewählt, und kämpfte dort bei Gründung des noch nicht bestehenden Deutschland für die republikanische Staatsform. Ihr Correspondent scheint darin eine Aenderung zu erkennen. Ich weiß nicht, mit welchem Rechte? – Vor vier Monaten kam ich zu einem kurzen Besuche hierher. – Eines Tages war an allen Straßenecken zu lesen: „heute Abend Sitzung des Volksklubs; Tagesordnung: Unterschied zwischen rother und weißer Republik“. Abends gegen 10 Uhr fand ich zu Hause eine Einladung mit der Aufforderung, über diesen Unterschied, so wie über den Frankfurter Barrikadenkampf einen Vortrag zu halten: Da ich nicht erschien, unterblieb dieser Vortrag. Ob ich nun in diesem nicht gehaltenen Vortrag oder sonst wie Ihrem Correspondenten als „Rother“ erschienen bin, darüber gibt er keine Erklärung. Er behauptet nur, ich sei ihm so erschienen.

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Uebrigens bin ich bereit, mich mit ihm über die rothe Farbe zu verständigen. Ihr Correspondent greift ferner eine von mir angeblich in der Düsseldorfer Zeitung abgegebene Erklärung über die octroyirte Verfassung an. Merkwürdiger Weise existirt diese Erklärung gar nicht, es sei denn in der Phantasie Ihres Correspondenten. Endlich lassen Sie sich schreiben, mein Programm als Wahl-Candidat zur zweiten Kammer habe nicht gefallen. Worin das Programm besteht, schrieb Ihr Correspondent nicht. Sollte er aber darunter, wie er in Nr. 214 erläutert, die Anerkennung der Verfassung vom 5. Dezember p., verstehen, so hat er mir ein Programm untergeschoben, welches ich nirgendwo aufgestellt habe. Ich habe erklärt und erkläre, daß ich es für einen politischen Fehler halten würde, den von mir in Frankfurt zweckmäßig gestellten Antrag, die Verfassung für null und nichtig zu erklären, in Berlin zu wiederholen. Daß ich aber die Verfassung nicht als rechtsgültig anerkenne, und auf diese Frage mit der Tages-Ordnung, eventuell mit „Nein“ antworten würde, darüber habe ich mich ebenfalls wiederholt ausgesprochen. Ich ersuche Sie, Herr Redacteur, dieser Erwiderung an derselben Stelle Ihres Blattes einen Platz zu gönnen, an welchen Sie das Referat brachten. Die Erwiderung, die Sie in Nr. 214 kritisiren, ohne sie mitzutheilen, ist mir fremd. Düsseldorf, 8. Februar 1849. Wesendonk. Wir bemerken, daß es sich in dem angegriffenen Artikel hauptsächlich von einer Beurtheilung des politischen Lebenswandels des Hrn. Wesendonk handelte. Daß Hr. Wesendonk selbst darüber anderer Ansicht sein mag, wie unser Correspondent, ist leicht begreiflich und Hr. Wesendonk hat das Recht, diese andere Meinung zu haben und zu äußern. Ebenso begreiflich aber ist, daß durch diese abweichende Meinungsäußerung in der Sache selbst nichts entschieden wird. (D. Red. der N. Rh. Z.)

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* K ö l n, 10. Februar. Wir haben, beim besten Willen, in der vorigen Woche selbst unsre besten Freunde, unsre nächsten Nachbarn nicht berücksichtigen können. Andre Geschäfte – man kennt sie, haben uns im Athem erhalten. Beeilen wir uns jetzt, das Versäumte nachzuholen, und wenden wir unsre Blicke zuerst auf die benachbarten Publizisten. Die Theilung der Arbeit wird bei der „Kölnischen Zeitung“ mit einem seltenen Ensemble durchgeführt. Sehen wir, ab von den entlegneren Theilen des Blattes, von der dritten und vierten Seite, wo der edle Wolfers Belgien preist und sein Möglichstes thut, damit Heinrich V. den Thron seiner Ahnen wieder besteige und eine Verfassung „nach dem Muster der belgischen“ oktroyire; halten wir uns nur am Frontispiz, an die erste Seite. Hier hat unser Freund Schücking das Unterstübchen inne, und stellt dort für den Liebhaber die neuesten Produkte seiner doktrinären Phantasie und seines phantastischen Doktrinarismus in Prosa und in Versen aus. Wer kennt nicht die interessanten „politischen Gespräche“, in denen der talentvolle Verfasser aus dem Schweinsleder eines deutschen Professors einen – er sagt es selbst – einen Mephistopheles herauszuschälen sich abmühte und nur einen Wagner zu Tage förderte? Ueber dem Unterstübchen aber, im ersten Stockwerk, öffnet Herr DuMont seine geräumigen politischen Salons, und hier sind es die großen Männer Brüggemann und Schwanbeck (nicht zu verwechseln mit Weißbrodt), die die Honneurs des Hauses machen. Brüggemann für den denkenden Theil, für die Rettung des Prinzips in allen Schiffbrüchen, für die Erhaltung des Rechtsbodens trotz aller Erdbeben, für das elegische Genre, für Schwanengesänge und Requiems. Schwanbeck für den deklamatorischen Theil, für das erhabene Lyrische, für die sittliche Entrüstung, für die Dithyrambe und den Sturm. Trunken von Begeisterung erhebt sich seine Phrase zu den höchsten Höhen des Olymps, und ist ihr Gang nicht immer sicher, so bleibt er doch stets rhyth-

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misch, und in der That, auf ihre Rechnung kommen fast alle die unfreiwilligen Hexameter, an denen die Kölnische Zeitung so reich ist. Der erste, der uns heute entgegentritt, ist eben derselbe schwunghafte Schwanbeck. Er klärt uns, de dato Köln, 7. Februar, über die Nachwehen des Absolutismus und die Nachwehen der Revolution auf. Der große Schwanbeck gießt den ganzen Becher seines Zorns über das preußische Volk aus, weil es entweder gar nicht gewählt oder schlecht gewählt hat. „Diese Nationalversammlung soll die letzte Hand an den Aufbau eines konstitutionell-monarchischen Staats legen, und doch – wer zweifelt noch daran, daß die Einen in ihr diesen Bau untergraben werden, weil sie nicht mehr monarchisch, die Andern, weil sie noch absolutistisch, aber noch nicht konstitutionell geworden sind, beide, weil sie eben nicht konstitutionell-monarchisch sind? Von den entgegengesetzten Polen werden dann die Stürme wehen, eine abgethane Vergangenheit wird mit einer fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft streiten, und – wer weiß ob darüber nicht die Gegenwart verloren wird!“ Man bemerke den gewaltigen Kraftstyl, der sich aus diesen klassischen Zeilen ins Dasein ringt. Jeder Satz ein knorrig gedrungenes Ganze, jedes Wort gezeichnet mit dem Stempel der sittlichen Entrüstung. Man vergegenwärtige sich möglichst handgreiflich den Kampf zwischen der „abgethanen Vergangenheit“ und der „fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft“. Wem ist nicht, als sähe er, wie die „vielleicht nie erreichbare Zukunft“ von der „abgethanen Vergangenheit“ dennoch erreicht wird, wie Beide, Megären gleich, sich in die Haare gerathen und wie, während von den entgegengesetzten Polen die Stürme wehen, eben wegen der Unerreichbarkeit der Einen und des Abgethanseins der Andern, die Gegenwart immer mehr verloren geht! Man halte dies nicht gering. Denn wenn uns ein Urtheil über so große Männer erlaubt ist, so müssen wir sagen: bei Brüggemann pflegt der Gedanke mit dem Styl, bei Schwanbeck dagegen der Styl mit dem Gedanken durchzugehen. Und in der That, wem sollte in tugendhaftem Unmuth der Styl nicht durchgehen, wenn man sieht, wie eine Versammlung, der nicht nur der König von Preußen, sondern selbst die „Kölnische Zeitung“ die Mission gegeben, die letzte Hand an den Aufbau eines konstitutionell-monarchischen Staates zu legen, wie eine solche Versammlung aus Leuten gebildet wird, die für den besagten wohlmeinenden Zweck entweder zu weit links oder gar zu weit rechts sitzen? Besonders wenn von den „entgegengesetzten Polen die Stürme wehen“ und der Kölnischen Zeitung „die Gegenwart verloren wird“!

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Schlimm genug für die Kölnische Zeitung, wenn das Volk Deputirte wählt, die Das nicht wollen, was sie nach der Kölnischen Zeitung „sollen“; noch schlimmer aber für das Volk, wenn es die Kassandra-Stimme eines Schwanbeck verspottet und statt eines konstitutionell-monarchischen Mustermenschen aus dem „großen Centrum der Nation“ Leute wählt, die entweder nicht mehr monarchisch oder noch nicht konstitutionell sind. Tu l’as voulu, George Dandin! wird Schwanbeck wehmüthig ausrufen, wenn der gewaltige Konflikt zwischen der abgethanen Zukunft und der vielleicht nie erreichbaren Vergangenheit die Gegenwart verschlingen wird! „Mit andern Worten, die Symptome der Reaktion und die Symptome einer neuen oder vielmehr einer permanenten Revolution sind nicht ausgeblieben.“ Nach dieser merkwürdigen Errungenschaft wirft Kassandra-Schwanbeck einen Blick auf Oestreich. Dieser Blick auf Oestreich ist sehend bei Schwanbeck. Oestreich ist sein zweites Vaterland; hier entrüstete er sich früher über die Tyrannei der Wiener Demagogie, hier frißt er jetzt Magyaren, hier steigt dem erhabenen Dithyrambiker endlich auch ein zarteres Gefühl, ein leiser Gewissensbiß über die standrechtlichen Begnadigungen zu Pulver und Blei auf. Daher der zärtliche Blick, den der ahnungsreiche Prophet in jedem seiner Leitartikel nach Oestreich hinüberwirft. „Was hat sich nun geändert? (in Oestreich nämlich.) Unbeschränktheit der Bureaukratie, der Demokratie, der Militärgewalt haben sich abgelöst, und am Ende ist Alles sich gleich geblieben!“ Trauriges Resultat der Revolutionen, wehmüthige Folge davon, daß die Völker nie auf die Stimmen verkannter Kassandren hören wollen! „Am Ende ist Alles sich gleich geblieben!“ Die Metternich’sche traditionell-überkommene Regierung ist zwar in manchen Stücken verschieden von der jetzigen contrerevolutionären Militärherrschaft, und namentlich ist das gemüthliche östreichische Volk aus den Zeiten Metternichs ein ganz anderes Volk, als das jetzige revolutionäre, zähneknirschende Volk; auch hat in der bisherigen Geschichte die Contrerevolution immer nur zu einer viel gründlicheren, blutigeren Revolution geführt; aber was thut das? „am Ende ist doch Alles sich gleich geblieben“ und Despotismus bleibt Despotismus. Die spießbürgerlichen Kannegießer, welche „das große Centrum der deutschen Nation“ ausmachen, um uns eines Schwanbeck’schen Ausdrucks zu bedienen, diese Biedermänner, welche bei jedem momentanen Contrecoup ausrufen: Was hat nun das Rebelliren genutzt, wir sind wieder gerade soweit wie vorher; diese tiefen Geschichtskenner, die immer

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nur zwei Schritt weit vor sich sehen, werden entzückt sein, wenn sie finden, daß der große Schwanbeck mit ihnen genau auf demselben Standpunkt steht. Nach diesem unvermeidlichen Blick auf Oesterreich geht Kassandra wieder nach Preußen herüber und bereitet sich zu einem Blick in die Zukunft vor. Die Elemente der Reaktion und die Elemente der Revolution werden gehörig gegen einander abgewogen. Die Krone und ihre Diener, Wrangel, die Belagerungszustände (nebst frommen Wünschen über deren Aufhebung), die Preußenvereine werden der Reihe nach einer gründlichen Betrachtung unterworfen. Dann heißt es weiter: „Indeß bei allem dem müssen wir uns doch eingestehen, daß die Zahl unsrer Reaktionäre nicht eben schwer in die Wage fällt. Schlimmer ist es, daß das große Centrum des Volks dermaßen an den Absolutismus gewöhnt worden ist, daß es sich in das Selfgouvernement noch gar nicht zu finden weiß, und das – aus bloßer Faulheit. Ihr, die ihr so massenhaft bei jenen Wahlen fehltet ... ihr seid die wahren Absolutisten! ... Es gibt in der ganzen Welt keine widerlichere Erscheinung als ein Volk, das zu faul für ein freies Staatsleben ist.“ „Großes Centrum des deutschen Volks“, du bist deinen Schwanbeck nicht werth! Dies „Centrum des Volks“, das „zu faul für ein freies Staatsleben ist“, ist, wie sich später herausstellt, Niemand anders als die Bourgeoisie. Schmerzliches Geständniß; kaum versüßt durch den gleichzeitigen Selbstgenuß der sittlichen Entrüstung über diese schmähliche „Indolenz“ des großen Centrums der Nation! „Noch weit schlimmer aber steht es um die Nachwehen der Revolution. Unser Volk ist reicher als wir ahnen konnten, an schwärmerischen und phantastischen Naturen, an geschickten Demagogen (naives Geständniß!) und an gedankenlosen Haufen, denen keine Spur politischer Bildung innewohnt. Erst das Jahr 1848 sollte uns zeigen, welche massenhafte Elemente der Anarchie in diesem ruhigen, gerechtigkeitsliebenden, sinnigen Volke versprengt waren, wie eine unklare Sucht nach Revolutionen um sich griff und wie das bequeme Mittel (allerdings viel „bequemer“ als tiefsinnige Leitdithyramben in der Kölnischen zu schreiben!) des Revolutionirens als eine Panacee ... gelten sollte.“ Während das „Centrum“ zu faul ist, ist die Peripherie, der „Pöbel“, die „gedankenlosen Haufen“, zu fleißig. Die „geschickten Demagogen“, vereinigt mit den „massenhaften Elementen der Anarchie“, müssen allerdings gegenüber der „Faulheit“ und „Indolenz“ der Bourgeoisie, finstre Ahnungen in der Seele eines Schwanbeck erwecken!

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„So ist nun einmal der naturgemäße Gang: der Stoß ruft den Gegenstoß hervor.“ Mit dieser weiteren großen Gedanken-Errungenschaft, die noch zum Thema einiger schwunghaften Variationen dienen muß, geht Kassandra zum Schluß über, und zieht folgendes Facit: „Erst da ist der gerade Weg zu dem echten freien Staatsleben, wo das große Centrum der Nation, das kräftige und intelligente Bürgerthum, einig und mächtig genug geworden ist, diese Abwege nach links und rechts zu einer Unmöglichkeit zu machen. Es liegt ein norddeutsches Blatt vor uns, in welchem ... geschrieben steht: ,... die Bourgeoisie hat schon jetzt über beide Extreme der Linken und Rechten die Oberhand gewonnen und dieser Partei allein gehört die Zukunft!‘ Wir fürchten, daß dies Frohlocken noch voreilig ist; will man einen Beweis dafür, nun, ,die Wahlen in Preußen werden ihn führen‘.“ Das ist der große sittlich entrüstete Klaggesang der neuesten Kassandra über die Verkehrtheit dieser bösen Welt, die nicht nach dem Sinne der Kölnischen Zeitung marschiren will. Das ist das Resultat der Forschungen Schwanbecks in der „abgethanen Vergangenheit“, der „fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft“ und der in Frage gestellten „Gegenwart“: der wirkliche, entscheidende Kampf wird geführt nicht zwischen der feudalistisch-büreaukratischen Monarchie und der Bourgeoisie, auch nicht zwischen der Bourgeoisie und dem Volk, er wird geführt zwischen der Monarchie und dem Volk, zwischen den Absolutisten und den Republikanern; und die Bourgeoisie, die Konstitutionellen ziehen sich vom Kampfplatz zurück. Ob die Bourgeoisie sich wirklich vom Kampf zurückgezogen, ob sie dies aus Faulheit gethan, oder aus Schwäche, und was die Wahlen in Preußen beweisen, darüber wollen wir uns hier in keine weiteren Glossen einlassen. Genug, die Kölnische Zeitung gibt zu, daß in dem gegenwärtigen Kampf die Bourgeoisie nicht mehr in erster Linie steht, daß es nicht mehr ihre Interessen sind, von denen es sich handelt, daß der Kampf geführt wird um absolute Monarchie oder Republik. Und nun vergleiche man die Neue Rheinische Zeitung seit November vorigen Jahres, und sage, ob wir nicht in jeder Nummer und bei jeder Gelegenheit, bei der Wiener Contrerevolution, bei der Berliner Contrerevolution, bei der Oktroyirung auseinandergesetzt, ob wir nicht in dem langen Artikel „Die Bourgeoisie und die Contrerevolution“ und in mehreren Artikeln vor den Urwahlen ausführlich entwickelt haben, wie die Schwäche und Feigheit der deutschen Bourgeoisie es war, die die Contrerevolution möglich machte, und wie die Contrerevolution ihrerseits die Bourgeoisie auf die Seite schob und den direkten Kampf zwischen den

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Resten der feudalen Gesellschaft und den äußersten Spitzen der modernen Gesellschaft, zwischen Monarchie und Republik unvermeidlich machte! Das, was wir vor drei Monaten als historisch nothwendig aus dem Gang der deutschen Revolution entwickelten, davon entwickelt sich der Kölnischen Zeitung eine schwache und verschwommene Ahnung als Resultat haruspicischer Divinationsschnüffeleien in den Eingeweiden der Wahlurne vom 5. März. Und diese schwache verschwommene Ahnung gilt für eine solche Entdeckung, daß sie sofort in der ganzen geschwollenen und gequollenen Form eines Δ-Leitartikels brühwarm dem wohlwollenden Publikum zum Genuß vorgesetzt wird. Naive Kölnerin!

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* Endlich sind wieder offizielle österreichische Berichte aus Siebenbürgen eingetroffen. Sie bestätigen das rasche Vordringen Bem’s bis dicht vor Hermannstadt, das von ihm stark bedroht wurde, und berichten über eine am 21. Januar zwischen Hermannstadt und Mediasch (Medgyes) vorgefallne Schlacht, in welcher die Magyaren geschlagen sein sollen. Sie seien, heißt es, bis Stolzenburg verfolgt und ein Theil von ihnen habe bereits die Straße nach Thorda (Thorenburg, in der Richtung von Klausenburg) eingeschlagen. 5 Kanonen und 4 Munitionswagen seien den Oesterreichern unter Puchner in die Hände gefallen. Der Widerstand der Magyaren wird als sehr hartnäckig geschildert. Ob dieser „Sieg“ wirklich so „glänzend“ ist, darüber werden wir weitere Berichte abwarten. Die Oesterreicher geben ihren eigenen Verlust auf 60–70 Todte und 98 Verwundete an. Wie es mit der Glaubwürdigkeit der österreichischen Berichte überhaupt aussieht, davon geben die bei dieser Gelegenheit in der Wiener Zeitung veröffentlichten Siebenbürger Dokumente Aufschluß. Die Armee Bem’s wird in einer Ansprache an die Hermannstädter Bürgerwehr, vom 19. Januar, „die durch das siegreiche Heer in Ungarn zu˙ ˙˙ rückgedrängten ungarischen Truppen, sich nach Siebenbürgen flüchten müssend“, genannt. Auch Puchner prahlt in seinem Tagesbefehl mit ungeheuren Siegen in Ungarn, die freilich für uns durch die späteren Nachrichten längst auf ihren wahren Werth reduzirt sind. Die Romänen sollen 25 000 Mann Landsturm nach Hermannstadt geführt haben. Dagegen ist auf die Szekler und Ungarn in Siebenbürgen wenig zu bauen; Puchner in seinem Tagesbefehl und die Siebenbürgischen Blätter stimmen überein, daß unter ihnen der k. k. schwarzgelbe Geist durchaus keinen Boden findet, und daß sie überall, wo Bem sich zeigt, sich der Bewegung anschließen.

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In Ungarn selbst beginnen die Bauern-Aufstände im Rücken der Kaiserlichen einen ernsthaften Charakter anzunehmen. Gran an der Donau, oberhalb Pesth, am 15. Januar von den Kaiserlichen besetzt und unter˙ ˙ ˙ wieder verlassen. Sie zogen nach Ofen worfen, wurde am 26. von ihnen ab, weil Windischgrätz ihrer nach der Schlacht bei Szolnok dringend bedurfte. Sogleich wurden die k. k. Fahnen und Adler abgerissen, Madarasz’sche Aufstandsplakate angeklebt, und Eljen Kossuth gerufen. Die Bauern vom linken Donau-Ufer, die ihre Waffen noch nicht abgegeben, kamen in die Stadt, schossen auf den Oberstuhlrichter Koller, schleppten den Juraten Biro´ nach Komorn, setzten die Komitats-Jurisdiktion ab und ernannten den Obernotar Palkovicz zum Präses. Die Kaiserlichen sandten den Befehl, die Schiffbrücke aufzufahren; Simunich wollte hier die Donau passiren, um auf Befehl Wrbna’s sogleich nach Pesth zu marschiren. Als aber zugleich ein Brief vom Landesvertheidigungs-Ausschuß in Debreczin ankam, der die Organisirung des Landsturms, die Abschneidung resp. Vernichtung der Zufuhren des Feindes etc. befahl, wurde beschlossen, die Brücke nicht aufzufahren und den Befehlen aus Debreczin nachzukommen. Das Komitat siedelte nach Batorkesz über, wo es von Komorn aus geschützt ist. Uebrigens sollen von Ofen aus Truppen nach Gran geschickt sein. Diese Nachrichten sind aus der offiziellen Wiener Zeitung. Im Uebrigen trifft schon dadurch eine gewisse negative Bestätigung der magyarischen Siegesberichte ein, daß die Oesterreicher durchaus keine neuen Nachrichten von der Theiß haben. Dagegen berichtet die magyarische Korrespondenz der Breslauer Zeitung wieder eine Reihe interessanter und durchaus wahrscheinlicher Thatsachen. Der k. k. Oberst Montecuccoli sei in Gyöngyös von den Magyaren gefangen genommen. Kövesd (5 Meilen diesseits Miskolcz) und Keresztur (nördlich von Tokaj), waren in den Händen der Magyaren. Die aus Temesvar ausfallenden Kaiserlichen sollen von den von Szegedin herbeieilenden Ungarn fast aufgerieben worden sein. Dann fügt sie hinzu: „Sehr böses Blut macht es in Ofen, daß der liebenswürdige Dichter und katholische Priester Czuczor wegen eines von ihm verfaßten begeisternden Kriegsliedes zu 6 Jahren Festungsarrest in schwerem Eisen abgeführt wurde. Ueberhaupt bemerkt man, daß seit den letzten Niederlagen der österreichischen Waffen das Militär-Regiment hier viel strenger ausgeübt wird. Die Verhaftungen wegen der bescheidendsten Aeußerungen sind an der Tagesordnung. Alle von Debreczin und der Umgegend überhaupt zureisenden Fremden werden sofort auf die Polizei geführt, streng verhört und mit Verbot entlassen, irgend etwas zu erzählen. Die Neugierde dringt indessen durch alle Schranken und man ist hier so ziemlich unterrichtet. Man glaubt, daß die

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ungarische Theißarmee schon dieser Tage ihren Angriff auf die Kaiserlichen bei Szolnok erneuern werde. – Aus Debreczin erfährt man, daß der ungarische General Moritz Perczel zum Kommandirenden von Siebenbürgen ernannt worden. Bem wird die Banatarmee in Ungarn anführen. Die ungarische reguläre Streitmacht wird auf 160 000 angegeben, und wenn man bedenkt, daß diese Macht jetzt von zwei weltbekannten Generalen, Dembinski und Bem kommandirt wird, daß außer dem naturfesten Siebenbürgen und dem großen Theißgebiet auch die wichtigsten und meisten Festungen in der Gewalt der Ungarn sind, so erscheint es mehr als lächerlich, wenn man in Wien Steckbriefe gegen Kossuth verfertigt. Man muß auf ein gar zu blindes Publikum rechnen, um es mit solchen Kniffen zu täuschen.“ Inzwischen brechen in den vom sogenannten magyarischen Druck befreiten Natiönchen täglich neue Zwistigkeiten, theils unter einander, theils mit der österreichischen Regierung aus. Das Constitutionelle Blatt ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙˙˙˙ einaus Böhmen sagt: „In Olmütz sollte eine Deputation von˙˙Romanen treffen, um hinsichtlich der Uebergriffe der Serben aus dem Banat Beschwerde zu führen. – In Istrien, wo Sprache und Sitten vorzugsweise italienisch sind, sträubt man sich sehr gegen das Vorhaben, diese Provinz Kroatien einzuverleiben, und es sind darüber Reklamationen ergangen und veröffentlicht worden.“ In der Wojwodowina hat die Karlowitzer Regierung sich für Stratimirovich ausgesprochen und den vom Patriarchen Rajachich gegen ihn erlassenen Verhaftsbefehl annullirt. Der Patriarch will von einem Wojwoden nichts wissen; ehe die Wojwodowina konstituirt werde, müssen die Distrikte von Kikinda und Becse, von Bacs und Baranya mit ihr vereinigt sein. Dahin solle man wirken, und dagegen den Wühlereien und Umtrieben ehrgeiziger Leute wehren, „damit die kaiserliche Armee nicht ebenso mit den Serben verfahre wie mit den magyarischen Rebellen!“ Die Südslawische Zeitung fängt schon an bedeutend zu klagen, aber diesen Phan˙˙ ˙ gehen ˙˙ tasten die Augen natürlich erst auf, wenn es zu spät ist und die Militärherrschaft sich bei ihnen festgesetzt hat. Es ist übrigens Jedem klar, daß alle diese Zerwürfnisse der magyarischen Sache nur höchst vortheilhaft sein können. Wie diese Serben Krieg führen, davon hier nur eine Probe, die durch zwei südslavische Zeitungen, den Vestnik und Napredak vom 27. Januar bestätigt wird. Weißkirchen im Banat wollte sich ergeben und sandte deshalb eine Deputation an General Todorovich. Todorovich hatte schon früher gehört, daß die Weißkirchner alle Serben in ihrer Stadt todtgeschlagen hatten und fragte die Deputation: Wer ist unter Euch Abgeordneten ein Serbe? Die Deutschen zuckten die Achseln. Geht, erwiderte

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Todorovich, mit Euch lasse ich mich in keine Unterhandlung ein. Das Serbenheer stürmte darauf Weißkirchen und nahm es ein. Man fand nur zwei Serben in der Stadt und beiden waren die Augen ausgestochen. Todorovich ließ nun, wie Reisende erzählen, 50 Hauptschuldige aussuchen und alle 50 henken. Die Uebrigen ließ er in eine Reihe stellen und jeden fünften Mann erschießen. So wurden, heißt es, 400 erschossen. Das sind die ritterlichen Helden, mit denen die Kölnische Zeitung sympathisirt!

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Karl Marx Verfolgung gegen die Steuerverweigerer

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* K ö l n, 12. Februar. Die Herren Gladbach, Körffgen und Borchardt werden im Laufe dieser Woche vor dem hiesigen Instruktionsgerichte erscheinen, um wegen ihres Votums über die Steuerverweigerung und wegen ihrer Betheiligung bei dem Steuerverweigerungsbeschlusse constituirt zu werden. Wir beschränken uns auf einfache Mittheilung dieser sprechenden Thatsache. Die „Neue Rheinische Zeitung“ kann sich glückwünschen, daß am 7. Februar das Attentat Zweiffel an dem steinernen Herzen der Geschwornen zerschellte. Herr Prokurator Bölling beabsichtigte nämlich, im Falle der Schuldigkeitserklärung uns eine Caution von 4000 Thalern zu octroyiren. Hat die octroyirte Verfassung nicht alle Cautionen abgeschafft?

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Friedrich Engels Ungarn. 13. Februar 1849

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 220, 13. Februar 1849

* Wir drucken nachstehend den 5. Bericht vom galizischen Armeekorps ab. Hiernach werden die magyarischen Siegesberichte zum Theil bestätigt. Es ist klar, Schlick hat vor der Theiß, bei Tarczal und Tokaj eine Niederlage erlitten; sonst würde er sich nicht bis Boldogkö-Varalya, 5 Meilen vom Schlachtfelde, zurückgezogen haben. Auch die Schilderung des Kampfes leidet an bedeutender Unsicherheit. Gewiß ist, daß Schlick nach einem heftigen Gefecht sich von der Theiß zurückgezogen hat. Daß er später die Ungarn über die Theiß zurückgeworfen haben soll, ist bloßes standrechtliches Gerücht. Aus Siebenbürgen gehen ganz andere Nachrichten ein als nach den letzten Siegesberichten Puchners zu erwarten. Bem, statt nach Thorenburg zu entfliehen, hat nach der Schlacht von Hermannstadt diese Stadt am 26. Januar noch einmal bedroht. Puchner, obwohl verstärkt, war gezwungen, seine sämmtlichen Truppen zurückzuziehen und vor Hermannstadt zu koncentriren. Hiernach scheint es, als ob die Schlacht von Hermannstadt und alle späteren Gefechte erst das Vorspiel wären und der entscheidende Kampf noch erst geschlagen werden sollte. Auch zittert man in der Bukowina schon vor einem neuen Einfall Bem’s, der nach österreichischen Berichten selbst 40 000 Mann mit sich führen soll. Im Süden soll nach Briefen aus Agram im magyarenfeindlichen „Con˙˙ stitutionellen Blatt aus Böhmen“ die Stadt Esseg von den Kaiserlichen ˙erstürmt ˙˙˙ ˙ ˙˙ ˙ ˙ ˙worden ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ sein. ˙˙ ˙ ˙Die˙magyarische ˙ ˙ ˙˙ Besatzung hält sich indeß noch in der Festung. Die Zerwürfnisse zwischen Stratimirovich und Rajachich dauern fort.

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Karl Marx Verteidigungsrede im ersten Presseprozess gegen die „Neue Rheinische Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 221, 14. Februar 1849

* K ö l n, 13. Februar. Preßprozeß der Neuen Rheinischen Zeitung. Verhandelt am 7. Februar vor den Assisen zu Köln. 5

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[...] K. Marx: Meine Herren Geschwornen! Die heutige Prozedur hat eine gewisse Wichtigkeit, weil die von der Anklage gegen die „N.Rh.Z.“ bezogenen Art. 222 und 367 des Code pe´nal die einzigen sind, welche die ˙ ˙ der Staatsbehörde bietet, es sei denn, daß direkrheinische Gesetzgebung te Aufforderung zum Aufruhr vorliegt. Sie alle wissen, mit welch’ ganz besonderer Vorliebe das Parket die „N.Rh.Z.“ verfolgt. Es ist ihm indeß bis jetzt trotz aller Emsigkeit nicht gelungen, uns anderer Vergehen anzuklagen, als der in Art. 222 und 367 ˙ vorgesehenen. Im Interesse der Presse halte ich daher ein näheres ˙Eingehen auf diese Artikel für nöthig. Ehe ich mich aber in eine juristische Auseinandersetzung einlasse, erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung. Das öffentliche Ministerium hat die Stelle des inkriminirten Artikels: „Verbindet Herr Zweiffel etwa die executive Gewalt mit der legislativen? sollen die Lorbeeren des Oberprokurators die Blößen des Volksrepräsentanten bedecken?“ eine Gemeinheit genannt! Meine Herren! Es kann Jemand ein sehr guter Oberprokurator und zugleich ein schlechter Volksrepräsentant sein. Er ist vielleicht nur deßwegen ein guter Oberprokurator, weil er ein schlechter Volksrepräsentant ist. Das öffentliche Ministerium scheint mit der parlamentarischen Geschichte wenig vertraut zu sein. Die Frage der Incompatibilitäten, die einen so großen Raum einnimmt in den Verhandlungen der constitutionellen Kammern, worauf beruht sie? Auf dem Mißtrauen gegen die Executivbeamten, auf dem Verdachte, daß ein Executivbeamter das Interesse der Gesellschaft leicht dem Interesse der bestehenden Regierung aufopfert und sich daher eher zu allem andern eignet, als zum

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Volksrepräsentanten. Und nun speciell die Stelle eines Staatsanwaltes? In welchem Lande hätte man sie nicht für unvereinbar gehalten mit der Würde eines Volksvertreters? Ich erinnere Sie an die Angriffe gegen He´bert, Plougoulm, Bavay, in der französischen und belgischen Presse, in den französischen und belgischen Kammern, Angriffe die eben gegen die widerspruchsvolle Verbindung der Qualitäten eines Generalprokurators und Deputirten in Einer Person gerichtet waren. Nie hatten diese Angriffe eine gerichtliche Untersuchung zur Folge, selbst nicht unter Guizot und das Frankreich des Louis Philipp, das Belgien Leopolds galten als die konstitutionellen Musterstaaten. In England verhält es sich freilich anders mit dem Attorney-General und dem Solicitor-General. Ihre Stellung ist aber auch wesentlich verschieden von der eines procureur du roi. Sie sind mehr oder minder schon richterliche Beamte. Wir, meine Herren, sind nicht konstitutionell, wir stellen uns aber auf den Standpunkt der Herren, die uns anklagen, um sie auf ihrem eigenen Terrain mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Wir berufen uns daher auf den konstitutionellen Usus. Das öffentliche Ministerium will einen großen Abschnitt der parlamentarischen Geschichte vernichten – mit einem moralischen Gemeinplatz. Ich weise seinen Vorwurf der Gemeinheit entschieden zurück, ich erkläre ihn aus seiner Unwissenheit. Ich gehe jetzt zur Erörterung der juristischen Frage über. Schon mein Vertheidiger hat Ihnen bewiesen, daß ohne das preußische Gesetz vom 5. Juli 1819 die Anklage wegen Beleidigung des Oberprokurator Zweiffel von vornherein unstatthaft war. Art. 222 des Code pe´nal spricht nur von « outrages par paroles », von mündlichen Beleidigungen, nicht von geschriebenen oder gedruckten. Indeß: das preußische Gesetz von 1819 sollte den Art. 222 ergänzen, nicht aufheben. Das preußische Gesetz kann die Strafe des Art. 222 nur da auf schriftliche Beleidigungen ausdehnen, wo der code sie für mündliche verhängt. Die schriftlichen Beleidigungen müssen unter denselben Umständen und Bedingungen vorfallen, die Art. 222 für mündliche Beleidigungen voraussetzt. Es ist also nöthig, den Sinn des Artikels 222 genau zu bestimmen.*) In den Motiven zum Art. 222 (Expose´ par M. le conseiller d’e´tat Berlier, se´ance du fe´vrier 1810) heißt es:

*) Artikel 222 lautet wörtlich: « Lorsqu’un ou plusieurs magistrats de l’ordre administratif ou judiciaire auront rec¸u dans l’exercice de leurs fonctions ou a` l’occasion de cet exercice quelque outrage par paroles tendant a` inculper leur honneur ou leur de´licatesse, celui qui les aura ainsi outrage´s sera puni d’un emprisonnement d’un mois a` deux ans. »

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« Il ne sera donc ici question que des seuls outrages qui compromettent la paix publique, c’est-a`-dire de ceux dirige´s contre les fonctionnaires ou ˙ ˙˙ ˙ ou a` l’occasion de l’exercice de leurs foncagents publics dans˙ ˙l’exercice tions; dans ce cas ce n’est plus un particulier, c’est l’ordre public qui est blesse´ ... La hie´rarchie politique sera dans ce cas prise en conside´ration: celui qui se permet des outrages ou violences envers un officier ministe´riel est coupable sans doute, mais il commet un moindre scandale que lorsqu’il outrage un magistrat. » Das heißt also zu Deutsch: „Es wird sich hier also nur von den Beleidigungen handeln, welche die öffentliche Ordnung, den Landfrieden, blosstellen, d. h. also von den Beleidigungen gegen Beamte oder öffentliche Agenten während der Ausübung oder bei Gelegenheit der Ausübung ihrer Funktionen: in diesem Falle ist es nicht mehr eine Privatperson, es ist die öffentliche Ordnung, die verletzt wird ... Die politische Hierarchie wird in diesem Falle in Erwägung gezogen werden: wer sich Beleidigungen oder Thätlichkeiten gegen einen ministeriellen Agenten erlaubt, ist zweifelsohne schuldig, aber er verursacht einen geringern Skandal, als wenn er einen Richter beleidigt.“ Sie ersehn aus diesen Motiven, meine Herrn, was der Gesetzgeber mit dem Artikel 222 beabsichtigte. Der Artikel 222 ist „nur“ anwendbar auf Beamtenbeleidigungen, welche die öffentliche Ordnung, den Landfrieden kompromittiren, in Frage stellen. Wann wird die öffentliche Ordnung, la paix publique, kompromittirt? Nur dann, wenn ein Aufruhr zum Umsturze der Gesetze unternommen, oder wenn die Verwirklichung der bestehenden Gesetze gestört wird, d. h. wenn eine Auflehnung gegen den Beamten, der das Gesetz ausführt, stattfindet, wenn die Amtshandlung eines funktionirenden Beamten unterbrochen, beeinträchtigt wird. Die Auflehnung kann beim blosen Murren, bei beleidigenden Worten stehenbleiben: sie kann bis zur Thätlichkeit, zur gewaltsamen Widersetzlichkeit fortgehen. Die outrage, die Beleidigung ist nur der unterste Grad der violence, der Widersetzlichkeit, der gewaltsamen Auflehnung. Es heißt daher in den Motiven « outrages ou violences » „Beleidigungen oder Thätlichkeiten“. Beide sind dem Begriffe nach identisch; die violence, die Thätlichkeit ist nur eine erschwerende Form der outrage, der Beleidigung des funktionirenden Beamten. Es wird also in diesen Motiven vorausgesetzt, 1) daß der Beamte beleidigt wurde, während er eine Amtshandlung ausübt; 2) daß er in seinem persönlichen Beisein beleidigt wird. In keinem andern Falle findet eine wirkliche Störung der öffentlichen Ordnung statt. Sie finden dieselbe Voraussetzung in dem ganzen Abschnitt, der von « outrages et violences envers les de´positaires de l’autorite´ et de la force

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publique » handelt, d. h. von „Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten gegen diejenigen, denen die öffentliche Gewalt und die öffentliche Macht anvertraut ist“. Die verschiedenen Artikel dieses Abschnitts stellen folgende Stufenreihe der Widersetzlichkeit auf: Mienen, Worte, Drohungen, Thätlichkeiten; die Thätlichkeiten selbst werden wieder nach dem Grade ihrer Schwere unterschieden. Es wird endlich bei allen diesen Artikeln eine Strafverschärfung verfügt für den Fall, daß diese verschiedenen Formen der Widersetzlichkeit in der Audienz eines Gerichtshofes stattfinden. Hier wird der größte „Skandal“ verursacht und die Ausführung der Gesetze, die paix publique, am schreiendsten gestört. Auf schriftliche Beleidigungen gegen Beamte ist Artikel 222 daher nur da anwendbar, wo schriftliche Beleidigungen 1) im persönlichen Beisein des Beamten, 2) während seiner Amtsverrichtung denkbar sind. Mein Vertheidiger hat Ihnen, meine Herrn, ein solches Beispiel angeführt. Er selbst würde dem Art. 222 verfallen, wenn er z. B. jetzt, während der Assisenverhandlung, in einem schriftlichen Antrage den Präsidenten beleidigte u. dgl. Auf einen Zeitungsartikel dagegen, der nach lang vollbrachter Amtshandlung, in Abwesenheit des funktionirenden Beamten „beleidigt“, kann dieser Artikel des code pe´nal unter keinen Umständen irgendwie eine Anwendung finden. Diese Interpretation des Art. 222 erklärt Ihnen eine scheinbare Lücke, eine scheinbare Inconsequenz des code pe´nals. Warum darf ich den König beleidigen, während ich den Oberprokurator nicht beleidigen darf? Warum diktiert der code keine Strafe für die Majestätsbeleidigung, wie das preußische Landrecht? Weil der König nie selbst eine Beamtenfunktion ausübt, sondern stets nur durch andere ausüben läßt, weil der König mir nie persönlich, sondern immer nur durch Repräsentanten gegenübertritt. Der aus der französischen Revolution hervorgehende Despotismus des Code pe´nal ist himmelweit verschieden von dem patriarchalisch-schulmeisterlichen Despotismus des preußischen Landrechts. Der napoleonische Despotismus schlägt mich nieder, sobald ich die Staatsgewalt wirklich hemme, sei es auch nur durch Beleidigung eines Beamten, der, in einer Amtshandlung begriffen, mir gegenüber die Staatsgewalt geltend macht. Außer der Amtshandlung wird der Beamte dagegen zum gewöhnlichen Mitgliede der bürgerlichen Gesellschaft, ohne Privilegien, ohne exceptionelle Schutzwehr. Der preußische Despotismus dagegen stellt mir in dem Beamten ein höhres, geheiligtes Wesen gegenüber. Sein Beamtencharakter ist mit ihm verwachsen, wie die Weihe mit dem katholischen Priester. Der preußische Beamte bleibt für den preußischen Laien, d. h. Nichtbeamten stets Priester. Die Beleidigung eines solchen Priesters, selbst eines nicht

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funktionirenden, eines abwesenden, eines in das Privatleben zurückgekehrten, bleibt eine Religionsschändung, eine Entweihung. Je höher der Beamte, desto schwerer die Religionsschändung. Die höchste Beleidigung des Staatspriesters ist daher die Beleidigung des Königs, die Majestätsbeleidigung, die nach dem code pe´nal zu den kriminalistischen Unmöglichkeiten gehört. Aber wird man sagen, spräche Art. 222 des code pe´nal nur von outrages gegen Beamte « dans l’exercice de leurs fonctions », von Beleidigungen gegen Beamte während der Ausübung ihrer Amtsverrichtungen, so bedürfte es keines Beweises, daß die persönliche Gegenwart des Beamten vom Gesetzgeber unterstellt wird und die notwendige Bedingung jeder unter Art. 222 zu subsumirenden Beleidigung ist. Art. 222 setzt jedoch den Worten: « dans l’exercice de leurs fonctions » hinzu: « a` l’occasion de cet exercice ». Das öffentliche Ministerium hat dies übersetzt: „mit Bezug auf ihr Amt“. Ich werde Ihnen beweisen, meine Herren, daß diese Uebersetzung falsch ist und der Absicht des Gesetzgebers gradezu widerspricht. Werfen Sie einen Blick auf Art. 228 desselben Abschnitts. Es heißt hier: Wer einen Beamten schlägt « dans l’exercice de ces fonctions ou a` l’occasion de cet exercice » wird mit Gefängniß von zwei bis zu fünf Jahren bestraft. Kann man hier nun übersetzen: „Mit Bezug auf sein Amt“! Kann man relative Schläge austheilen? Wird hier die Voraussetzung der persönlichen Gegenwart des Beamten aufgegeben? Kann ich einen Abwesenden prügeln? Es muß offenbar übersetzt werden: „Wer einen Beamten bei Gelegenheit seiner Amtsverrichtungen schlägt.“ In dem Art. 228 finden Sie aber wörtlich dieselbe Phrase, wie im Art. 222. Das « a` l’occasion de cet exercice » hat offenbar in beiden Artikeln dieselbe Bedeutung. Weit entfernt also, daß dieser Zusatz die Bedingung der persönlichen Gegenwart des Beamten ausschlösse, setzt er sie vielmehr voraus. Die Geschichte der französischen Gesetzgebung bietet Ihnen einen weitern schlagenden Beweis. Sie erinnern sich, daß in den ersten Zeiten der französischen Restauration die Parteien sich unerbittlich gegenüber traten, in den Parlamenten, in den Gerichtshöfen, mit dem Dolche in Südfrankreich. Die Geschwornengerichte waren damals nichts als standrechtliche Tribunale der siegenden Partei gegen die besiegte Partei. Die Oppositionspresse geißelte schonungslos die Geschwornenurtheile. Man fand in Art. 222 keine Waffe gegen diese mißliebige Polemik, weil Art. 222 nur anwendbar wäre auf Beleidigungen gegen die Geschwornen, während sie sitzen in ihrem persönlichen Beisein. Man fabrizirte daher 1819 ein neues Gesetz, welches jeden Angriff auf die chose juge´e, auf ein gefälltes Urtheil bestraft. Der code pe´nal kennt diese Unantastbarkeit des

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richterlichen Urtheils nicht. Hätte man ihn durch ein neues Gesetz ergänzt, wenn §. 222 von Beleidigungen „mit Bezug“ auf die Amtsfunktion handelte? Was will aber nun der Zusatz: « a` l’occasion de cet exercice »? Er will weiter nichts als den Beamten vor Angriffen kurz vor oder nach seiner Amtsverrichtung sicher stellen. Spräche Art. 222 nur von „Beleidigung und Thätlichkeit“ gegen den Beamten während der Dauer seiner Amtsverrichtung, so könnte ich z. B. einen Gerichtsvollzieher nach vollzogener Pfändung zur Treppe hinunterwerfen und behaupten, ich habe ihn erst beleidigt, nachdem er aufgehört mir als Gerichtsvollzieher amtlich gegenüberzustehen. Ich könnte einen Friedensrichter, während er nach meinem Wohnsitz reitet, um gerichtliche Polizei gegen mich auszuüben, unter Wegs überfallen und prügeln und mich der in Art. 228 angedrohten Strafe entziehen durch die Behauptung, ich habe ihn nicht während, sondern vor seiner Amtsverrichtung maltraitirt. Der Zusatz « a` l’occasion de cet exercice », bei Gelegenheit der Amtsverrichtung bezweckt also die Sicherheit der amtlich funktionirenden Beamten. Er bezieht sich auf Beleidigungen oder Thätlichkeiten, die zwar nicht unmittelbar während der Amtsverrichtung vorfallen, aber kurz vor oder nach derselben geschehen und was das Wesentliche ist, in lebendigem Zusammenhange mit der Amtsverrichtung stehen, also unter allen Umständen die persönliche Gegenwart des mißhandelten Beamten voraussetzen. Bedarf es weiterer Ausführung, daß § 222 nicht auf unsern Artikel anwendbar ist, sollten wir selbst durch denselben Herrn Zweiffel beleidigt haben? Als jener Artikel geschrieben wurde, war Hr. Zweiffel abwesend; er wohnte damals nicht zu Köln, sondern zu Berlin. Als jener Artikel geschrieben wurde, funktionirte Hr. Zweiffel nicht als Oberprokurator, sondern als Vereinbarer. Er konnte daher nicht als funktionirender Oberprokurator beleidigt, beschimpft werden. Abgesehen von meiner ganzen bisherigen Ausführung stellt sich auch auf andere Weise heraus, daß Art. 222 nicht auf den inkriminirten Artikel der „Neuen Rheinischen Zeitung“ anwendbar ist. Es folgt dies aus dem Unterschiede, den der Code pe´nal zwischen Beleidigung und Verläumdung zieht. Sie finden diese Unterscheidung genau gezeichnet im Art. 375. Nachdem von „Verläumdung“ die Rede war, heißt es hier: « Quant aux injures ou aux expressions outrageantes qui ne renfermeraient l’imputation d’aucun fait pre´cis (im Verläumdungsartikel 367 wird dies genannt: « des faits, qui s’ils existaient », Thatsachen, die, „wenn sie wirkliche Thatsachen wären“), mais celle d’un vice de´termine´,

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la peine sera une amende de seize a` cinq cent francs ». „Injurien oder beleidigende Ausdrücke, welche nicht die Beschuldigung einer bestimmten That, wohl aber die Beschuldigung eines bestimmten Fehlers enthalten, werden ... mit einer Geldbuße von sechzehn bis fünf Hundert Franken bestraft.“ In Art. 376 heißt es weiter: „Alle andere Injurien oder beleidigende Ausdrücke ... ziehen eine einfache Polizeistrafe nach sich.“ Was gehört also zur Verläumdung? Beschimpfungen, die eine bestimmte Thatsache dem Beschimpften zur Last legen. Was zur Beleidigung? Die Beschuldigung eines bestimmten Fehlers und allgemein gehalten, beleidigende Ausdrücke. Wenn ich sage: Sie haben einen silbernen Löffel gestohlen, so verläumde ich Sie im Sinne des Code pe´nal. Wenn ich dagegen sage: Sie sind ein Dieb, Sie haben Diebsgelüste, so beleidige ich Sie. Der Artikel der „N. Rhein. Ztg.“ wirft aber Hrn. Zweiffel keineswegs vor: Hr. Zweiffel ist ein Volksverräther, Herr Zweiffel hat infame Aeußerungen gemacht. Der Artikel sagt vielmehr ausdrücklich: „Herr Zweiffel soll außerdem erklärt haben, daß er binnen 8 Tagen mit dem 19. März, mit den Clubs und der Preßfreiheit und andern Ausartungen des bösen Jahrs 1848 zu Köln am Rhein ein Ende machen werde.“ Es wird Herrn Zweiffel also eine ganz bestimmte Aeußerung zur Last gelegt. Wenn also einer der beiden Art. 222, und 367 anwendbar wäre, so ˙ ˙ sondern nur Art. 367, könnte es nicht Art. 222 der Beleidigungsartikel, der Verläumdungsartikel sein. Warum hat das öffentliche Ministerium statt des Artikels 367 den Artikel 222 auf uns angewandt? Weil Art. 222 viel unbestimmter ist und viel leichter eine Verurtheilung erschleichen läßt, wenn einmal verurtheilt werden soll. Die Verletzung der « de´licatesse et honneur », des Zartgefühls und der Ehre entzieht sich jedem Maße. Was ist Ehre, was ist Delikatesse? Was ist Verletzung derselben? Es hängt dies rein von dem Individuum ab, womit ich es zu thun habe, von seiner Bildungsstufe, von seinen Vorurtheilen, von seiner Einbildung. Es bleibt kein anderes Maß, als das noli me tangere einer gespreizten sich unvergleichlich dünkenden Beamteneitelkeit. Aber auch der Verläumdungsartikel, Art. 367 ist auf den Aufsatz der „Neuen Rheinischen Zeitung“ nicht anwendbar. Art. 367 verlangt ein « fait pre´cis », eine bestimmte Thatsache, « un fait, qui peut exister », eine Thatsache, die wirkliche Thatsache sein kann. Hrn. Zweiffel wird aber nicht vorgeworfen, daß er die Preßfreiheit aufgehoben, die Clubs geschlossen, die Märzerrungenschaft an diesem oder jenem Orte vernichtet habe. Es wird ihm eine bloße Aeußerung zur Last gelegt. Art. 367 aber verlangt die Beschuldigung von bestimmten Thatsachen, „die, wenn sie wirkliche Thatsachen wären, denjenigen, dem sie

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Schuld gegeben werden, einer Kriminal- oder zuchtpolizeilichen Verfolgung, oder auch nur der Verachtung oder dem Hasse der Bürger aussetzen würden.“ Die bloße Aeußerung aber, dies oder jenes zu thun, setzt mich weder der Kriminal-, noch der zuchtpolizeilichen Verfolgung aus. Man kann nicht einmal sagen, daß sie nothwendig dem Hasse oder der Verachtung der Bürger aussetzt. Eine Aeußerung kann zwar der Ausdruck sehr niederträchtiger, hassenswerther, verächtlicher Gesinnung sein. Indeß kann ich nicht in der Aufregung eine Aeußerung ausstoßen, die mit Handlungen droht, deren ich unfähig bin? Erst die That beweist, daß es mir Ernst mit einer Aeußerung ist. Und die „Neue Rheinische Zeitung“ sagt: „Herr Zweiffel soll erklärt haben.“ Um Jemanden zu verläumden, muß ich meine Behauptung nicht selbst in Frage stellen, wie es hier geschieht durch das „Soll“, muß ich apodiktisch auftreten. Endlich, meine Herren Geschwornen, die « citoyens », die Bürger, deren Haß oder Verachtung mich die Beschuldigung einer Thatsache aussetzen muß nach Art. 367, um eine Verläumdung zu sein, diese citoyens, diese Bürger existiren in politischen Dingen überhaupt nicht mehr. Es existiren nur noch Parteigänger. Was mich dem Haß und der Verachtung bei den Mitgliedern der einen Partei, setzt mich der Liebe und der Verehrung bei den Mitgliedern der andern Partei aus. Das Organ des jetzigen Ministeriums, die „Neue Preußische Zeitung“, hat Hrn. Zweiffel bezüchtigt, eine Art von Robespierre zu sein. In ihren Augen, in den Augen ihrer Partei hat unser Artikel den Hrn. Zweiffel nicht dem Haß und der Verachtung ausgesetzt, sondern von dem auf ihm lastenden Hasse, von der auf ihm lastenden Verachtung befreit. Es ist vom höchsten Interesse, auf diese Bemerkung Gewicht zu legen, nicht für den schwebenden Fall, sondern für alle Fälle, wo man Art. 367 auf politische Polemik von Seiten des öffentlichen Ministeriums anzuwenden versuchen sollte. Ueberhaupt, meine Herren Geschworenen, wenn Sie den Verläumdungsartikel, Art. 367, im Sinne des öffentlichen Ministeriums, auf die Presse anwenden wollen, so schaffen Sie die Preßfreiheit durch die Strafgesetzgebung ab, während Sie dieselbe durch eine Constitution anerkannt und durch eine Revolution erkämpft haben. Sie sanktioniren dann jede Willkühr der Beamten, Sie erlauben jede offizielle Niederträchtigkeit, Sie bestrafen nur die Denunziation der Niederträchtigkeit. Wozu dann noch die Heuchelei einer freien Presse? Wenn vorhandene Gesetze in offenen Widerspruch mit einer neuerrungenen Stufe der gesellschaftlichen Entwickelung gerathen, dann meine Herren Geschworenen, dann ist es ge-

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rade an Ihnen, zwischen die abgestorbenen Gebote des Gesetzes und die lebendigen Forderungen der Gesellschaft zu treten. Dann ist es an Ihnen, der Gesetzgebung vorzueilen, bis diese es versteht, den gesellschaftlichen Bedürfnissen nachzukommen. Es ist dieß das edelste Attribut der Geschwornengerichte. In dem vorliegenden Falle, meine Herren, wird Ihnen diese Aufgabe durch die Buchstaben des Gesetzes selbst erleichtert. Sie haben dasselbe nur im Sinne unserer Zeit, unserer politischen Rechte, unserer gesellschaftlichen Bedürfnisse zu interpretiren. Art. 367 schließt mit folgenden Worten: « La pre´sente disposition n’est point applicable aux faits dont la loi autorise la publicite´, ni a` ceux que l’auteur de l’imputation e´tait, par la nature de ses fonctions ou de ses devoirs, oblige´ de re´ve´ler ou de re´primer. » „Die gegenwärtige Verfügung ist nicht anwendbar auf Thatsachen, deren Bekanntmachung das Gesetz erlaubt, auch nicht auf solche, die zu entdecken oder zu hemmen, der Urheber der Beschuldigung vermöge seiner Amtsverrichtungen oder seiner Pflicht verbunden war.“ Kein Zweifel, meine Herren, daß der Gesetzgeber nicht an die freie Presse dachte, als er von der Pflicht des Denunzirens sprach. Eben so wenig dachte er aber daran, daß dieser Artikel jemals auf die freie Presse eine Anwendung finden würde. Unter Napole´on existirte bekanntlich keine Preßfreiheit. Wollen Sie also einmal das Gesetz auf eine politische und gesellschaftliche Entwickelungsstufe anwenden, für die es nicht bestimmt war, so wenden Sie es ganz an, so legen Sie es aus im Sinne unserer Zeit, so lassen Sie der Presse auch diesen Schlußsatz des Art. 367 zu Gute kommen. Art. 367, im engen Sinne des öffentlichen Ministeriums genommen, schließt den Beweis der Wahrheit aus und erlaubt die Denunziation nur dann, wenn sie sich auf öffentliche Urkunden oder schon vorhandene richterliche Urtheile stützt. Wozu sollte die Presse post festum, nach gefälltem Urtheil noch denunziren? Sie ist ihrem Berufe nach der öffentliche Wächter, der unermüdliche Denunziant der Machthaber, das allgegenwärtige Auge, der allgegenwärtige Mund des eifersüchtig seine Freiheit bewachenden Volksgeistes. Wenn Sie Art. 367 in diesem Sinne auslegen, und Sie müssen ihn so auslegen, wollen Sie die Preßfreiheit anders nicht konfisziren im Interesse der Regierungsgewalt, so bietet Ihnen der Code gleichzeitig die Handhabe gegen Uebergriffe der Presse. Nach Art. 372 soll bei einer Denunziation während der Untersuchung über die Thatsachen mit dem Verfahren und der Entscheidung über das Vergehen der Verläumdung eingehalten werden. Nach Art. 373 wird die Denunziation, die sich als verläumderisch herausgestellt hat, bestraft.

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Meine Herren! Es bedarf nur eines Blickes auf den inkriminirten Artikel, um Sie zu überzeugen, daß die „Neue Rheinische Zeitung“, weit entfernt von jeder Absicht der Beleidigung und der Verläumdung, nur ihre Pflicht des Denunzirens erfüllte, als sie das hiesige Parket und die Gensd’armen angriff. Das Zeugenverhör hat Ihnen bewiesen, daß wir bezüglich der Gensd’armen nur die wirkliche Tatsache berichtet haben. Die Pointe des ganzen Artikels aber ist die Vorhersagung der später vollzogenen Contrerevolution, ist ein Angriff auf das Ministerium Hansemann, das seinen Eintritt mit der sonderbaren Behauptung begann, je größer das Polizeipersonal, desto freier der Staat. Dies Ministerium wähnte, die Aristokratie sei besiegt; es habe nur noch eine Aufgabe, das Volk seiner revolutionären Errungenschaften zu berauben im Interesse einer Klasse, der Bourgeoisie. Es bereitete so der feudalen Contrerevolution ihre Wege. Was wir in dem inkriminirten Artikel denunzirten, das war nichts mehr, nichts minder als eine aus unsrer nächsten Umgebung herausgerissene, handgreifliche Erscheinung des systematischen contrerevolutionären Treibens des Ministeriums Hansemann und der deutschen Regierungen überhaupt. Es ist unmöglich, die Verhaftungen in Köln als eine isolirte Thatsache zu betrachten. Um sich vom Gegentheil zu überzeugen, hat man nur einen flüchtigen Blick auf die damalige Zeit-Geschichte zu werfen. Kurz vorher die Preßverfolgungen in Berlin, gestüzt auf die alten landrechtlichen Paragraphen. Einige Tage später, am 8. Juli, wurde J. Wulff, Präsident des Düsseldorfer Volksklubs, verhaftet, wurden Haussuchungen bei vielen Comite´mitgliedern dieses Klubs angestellt. Die Geschworenen sprachen später Wulff frei, wie keine einzige politische Verfolgung jener Zeit die Sanktion der Geschworenen erhalten hat. An demselben 8. Juli wurde in München den Offizieren, Beamten und Accessisten die Theilnahme an Volksversammlungen untersagt. Am 9. Juli wurde Falkenhain, Präsident des Vereins „Germania“ in Breslau, verhaftet. Am 15. Juli hielt der Oberprokurator Schnaase im Bürgerverein zu Düsseldorf eine förmliche Anklagerede gegen den Volksklub, dessen Präsident am 8. auf seinen Antrag verhaftet worden war. Hier haben Sie ein Beispiel von der erhabenen Unparteilichkeit des Parkets, ein Beispiel, wie der Oberprokurator zugleich als Parteimann und der Parteimann zugleich als Oberprokurator auftrat. Unbeirrt von der Verfolgung wegen unseres Angriffs auf Zweiffel, denunzirten wir damals den Schnaase. Er hat sich wohl gehütet zu antworten. An demselben Tage, wo Oberprokurator Schnaase diese Philippica gegen den Düsseldorfer Volksklub hielt, wurde der demokratische Kreisverein in Stuttgart durch königliche Ordonnanz verboten. Am 19. Juli wurde der demokratische Studentenverein in Heidel-

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berg aufgelöst, am 27. Juli sämmtliche demokratische Vereine in Baden und kurz darauf in Würtemberg und Baiern. Und wir hätten bei dieser handgreiflichen volksverrätherischen Konspiration sämmtlicher deutscher Regierungen schweigen sollen? Die preußische Regierung wagte damals nicht, was die badische, die würtembergische, die baierische Regierung wagte. Sie wagte es nicht, weil die preußische Nationalversammlung eben begann, die contrerevolutionäre Konspiration zu ahnen und sich gegen das Ministerium Hansemann auf die Hinterbeine zu stellen. Aber, meine Herren Geschwornen, ich spreche es unumwunden, mit der sichersten Ueberzeugung aus: wenn die preußische Contrerevolution nicht bald an einer preußischen Volksrevolution scheitert, wird die Associations- und Preßfreiheit auch in Preußen vollständig vernichtet werden. Man hat schon jetzt sie partiell durch Belagerungszustände getödtet. Man hat sogar gewagt, in Düsseldorf und in einigen schlesischen Bezirken die Censur wiedereinzuführen. Aber nicht nur der allgemeine deutsche, der allgemeine preußische Zustand verpflichteten uns, mit dem äußersten Mißtrauen jede Bewegung der Regierung zu überwachen, die leisesten Symptome des Systems dem Volke laut zu denunziren. Das hiesige, das Kölnische Parket, gab uns ganz besondere Veranlassung, es als contrerevolutionäres Werkzeug vor der öffentlichen Meinung bloszustellen. In dem Monate Juli allein mußten wir 3 ungesetzliche Verhaftungen denunziren. Die zwei ersten Male schwieg der Staatsprokurator Hecker, das dritte Mal suchte er sich zu rechtfertigen, verstummte aber auf unsere Replique aus dem einfachen Grunde, weil nichts zu sagen war. Und unter diesen Umständen wagt das öffentliche Ministerium zu behaupten, es handle sich hier nicht von einer Denunziation, sondern von einer kleinlich-böswilligen Schmähung? Es beruht diese Auffassung auf einem eigenen Mißverständnisse. Ich für meine Person versichere Ihnen, meine Herren, ich verfolge lieber die großen Weltbegebenheiten, ich analysire lieber den Gang der Geschichte, als daß ich mich mit Lokalgötzen, mit Gensd’armen und Parketts herumschlage. So groß diese Herren sich in ihrer eignen Einbildung dünken mögen, sie sind Nichts, durchaus Nichts in den riesenhaften Kämpfen der Gegenwart. Ich betrachte es als ein wahres Opfer, wenn wir uns entschließen, mit diesen Gegnern eine Lanze zu brechen. Aber einmal ist es die Pflicht der Presse, für die Unterdrückten in ihrer nächsten Umgebung aufzutreten. Und dann, meine Herren, das Gebäude der Knechtschaft hat seine eigentlichste Stütze in den untergeordneten politischen und socialen Gewalten, die unmittelbar dem Privatleben, der Person, dem lebendigen Individuum gegenüberstehn. Es reicht nicht hin, die allgemeinen Verhältnisse und die obersten

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Gewalten zu bekämpfen. Die Presse muß sich entschließen gegen diesen Gensd’arm, diesen Prokurator, diesen Landrath in die Schranken zu treten. Woran ist die Märzrevolution gescheitert? Sie reformirte nur die höchste politische Spitze, sie ließ alle Unterlagen dieser Spitze unangetastet, die alte Bureaucratie, die alte Armee, die alten Parkets, die alten im Dienste des Absolutismus gebornen, herangebildeten und ergrauten Richter. Die erste Pflicht der Presse ist nun, alle Grundlagen des bestehenden politischen Zustandes zu unterwühlen.

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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 221, 14. Februar 1849

* K ö l n , 13. Februar. Preßprozeß der Neuen Rheinischen Zeitung. Verhandelt am 7. Februar vor den Assisen zu Köln. 5

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[...] F. Engels: Meine Herren Geschwornen! Der vorige Redner hat hauptsächlich die Anklage auf Beleidigung des Ober-Procurators Herrn Zweiffel ins Auge gefaßt; erlauben Sie mir jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf die Beschuldigung der Verläumdung gegen die Gensd’armen zu richten. Es handelt sich vor allen Dingen um die Gesetzartikel auf die die Anklage sich stützt. Der Art. 367 des Strafgesetzbuchs sagt: „Des Vergehens der Verläumdung ist schuldig, wer an öffentlichen Orten, oder in öffentlichen Versammlungen, oder in einer authentischen und öffentlichen Urkunde, oder in einer gedruckten oder ungedruckten Schrift, welche angeschlagen, verkauft oder ausgetheilt worden ist, irgend Jemand solcher Thatsachen beschuldigt, die, wenn sie wahr wären, denjenigen dem sie Schuld gegeben worden, einer criminal- oder zuchtpolizeilichen Verfolgung, oder auch nur der Verachtung oder dem Hasse der Bürger aussetzen würden.“ Der Art. 370 setzt hinzu: „Wird die den Gegenstand der Beschuldigung ausmachende Thatsache in gesetzlicher Art als wahr erwiesen, so ist der Urheber der Beschuldigung von aller Strafe frei. – Als gesetzlicher Beweis wird nur derjenige angesehn, der aus einem Urtheil oder irgend einer andern authentischen Urkunde hervorgeht.“ Meine Herren! Das öffentliche Ministerium hat Ihnen seine Interpretation dieser Gesetzesstellen gegeben und Sie aufgefordert, uns darauf hin für schuldig zu erklären. Sie sind bereits darauf aufmerksam gemacht worden, daß diese Gesetze zu einer Zeit gegeben wurden, wo die Presse unter der Censur stand, wo ganz andre politische Verhältnisse bestanden als jetzt; und hierauf gestützt hat mein Vertheidiger die Ansicht ausge-

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sprochen, daß Sie diese veralteten Gesetze nicht mehr als bindend anerkennen dürfen. Das öffentliche Ministerium ist, wenigstens in Beziehung auf Art. 370, dieser Ansicht beigetreten. Es hat sich dahin geäußert: „bei Ihnen, meine Herren Geschwornen, wird es doch wohl hauptsächlich darauf ankommen, ob die Wahrheit der fraglichen Thatsachen erwiesen ist“ – und ich danke dem öffentlichen Ministerium für dies Geständniß. Aber sollten Sie dieser Ansicht auch nicht sein, daß wenigstens Art. 370 in seiner Beschränkung des Beweises der Wahrheit veraltet ist, so werden Sie gewiß der Ansicht sein, daß die angeführten Artikel einer andern Deutung unterliegen müssen als das öffentliche Ministerium ihnen zu geben sucht. Es ist gerade das Privilegium der Geschwornen, die Gesetze, unabhängig von aller hergebrachten Gerichtspraxis, so auszulegen wie ihr gesunder Sinn und ihr Gewissen es ihnen eingibt. Wir sind unter dem Art. 367 angeklagt, den fraglichen Gensd’armen Handlungen vorgeworfen zu haben, die, wenn sie wahr wären, sie der Verachtung und dem Hasse der Bürger aussetzen würden. Wenn Sie diese Ausdrücke: „Haß und Verachtung“ in dem Sinne fassen, den das öffentliche Ministerium ihnen geben möchte, so hört, solange die Bestimmungen des Art. 370 in Kraft sind, alle Preßfreiheit auf. Wie kann da die Presse ihre erste Pflicht erfüllen, die Pflicht die Bürger vor den Uebergriffen der Beamten zu schützen? Sowie sie einen solchen Uebergriff der öffentlichen Meinung denunzirt, wird sie vor die Assisen gestellt und – wenn es nach dem Wunsche des öffentlichen Ministeriums geht – zu Gefängniß, Geldstrafe und Verlust der bürgerlichen Rechte verurtheilt; es sei denn daß sie ein gerichtliches Urtheil beibringe, d. h. daß sie die Denunziation erst dann veröffentliche, wenn sie gar keinen Zweck mehr hat! Wie wenig die fraglichen Gesetzesstellen, wenigstens in der Deutung die das öffentliche Ministerium ihnen geben möchte, auf unsre heutigen Verhältnisse passen, beweist die Vergleichung des Art. 369. Hier heißt es: „Wegen Verläumdungen, die mittels ausländischer Blätter bekannt gemacht worden sind, können diejenigen verfolgt werden, welche die Artikel eingesandt ... oder die zur Einführung und Verbreitung dieser Blätter im Inlande beigetragen haben.“ Nach diesem Artikel, meine Herren, wäre es die Pflicht des öffentlichen ˙˙ ˙ ˙ ˙ Ministeriums, täglich und stündlich gegen die k.-preußischen Postbeam˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ˙ ten einzuschreiten. Denn ist unter allen dreihundertfünfundsechzig Tagen des Jahrs auch nur ein Einziger, an dem nicht die preußische Post durch Beförderung und Ausgabe dieses oder jenes ausländischen Blattes „zur Einführung und Verbreitung“ von Verläumdungen im Sinne des öffentlichen Ministeriums beiträgt? Und doch fällt es dem öffentlichen Ministerium nicht ein, die Post zu belangen.

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Bedenken Sie ferner, meine Herrn, daß diese Artikel zu einer Zeit geschrieben wurden, wo es wegen der Censur unmöglich war, Beamte durch die Presse zu verleumden. Diese Artikel konnten also, nach der Absicht des Gesetzgebers, nur den Zweck haben, Privatpersonen, nicht aber Beamte, vor Verleumdungen zu schützen, und so allein haben sie einen Sinn. Dadurch aber, daß seit der Erringung der Preßfreiheit auch die Handlungen von Beamten vor das Forum der Oeffentlichkeit gezogen werden können, dadurch verändert sich der Standpunkt wesentlich. Und gerade hier, in solchen Widersprüchen zwischen einer alten Gesetzgebung und einem neuen politischen und gesellschaftlichen Zustande, gerade hier ist es, wo die Geschwornen einzutreten, und das alte Gesetz durch eine neue Auslegung den neuen Zuständen anzupassen haben. Aber wie gesagt: Das öffentliche Ministerium selbst hat anerkannt, daß es vor Ihnen, meine Herrn, trotz des Art. 370 hauptsächlich auf den Beweis der Wahrheit ankommt. Es hat deshalb versucht, den Beweis der Wahrheit, wie wir ihn durch Zeugen geführt, zu entkräften. Sehen wir uns daher den fraglichen Zeitungsartikel an, um zu prüfen, ob die Beschuldigungen thatsächlich erwiesen sind und zugleich ob sie wirklich eine Verleumdung konstituiren. Es heißt im Anfange des Artikels: „Morgens zwischen 6–7 betraten 6–7 Gensd’armen Anneke’s Wohnung, mißhandelten sofort das Dienstmädchen“ usw. Meine Herrn, Sie haben die Aussage Anneke’s über diesen Punkt gehört. Sie erinnern sich, daß ich speziell die Frage wegen der Mißhandlung des Dienstmädchens nochmals an den Zeugen Anneke richten wollte, und daß der Herr Präsident die Frage für überflüssig erklärte, weil die Sache hinlänglich konstatirt sei. Ich frage Sie nun: haben wir in diesem Punkte die Gens’darmen verleumdet? Weiter: „Dies Antreiben geht im Vorzimmer in Thätlichkeiten über, wobei einer der Gensd’armen die Glasthüre in Scherben stößt. Anneke wurde die Treppe hinuntergestoßen.“ Meine Herrn, Sie haben die Aussage des Zeugen Anneke gehört; Sie erinnern sich, was der Zeuge Esser sagte, wie die Gensd’armen mit Anneke „per Dampf“ zum Hause herauskamen und ihn ebenfalls in den Wagen stießen; ich frage Sie abermals, meine Herrn, haben wir hier verleumdet? Endlich findet sich eine Stelle im Artikel, deren Richtigkeit nicht buchstäblich erwiesen ist. Es ist folgende: „Von diesen vier Säulen der Gerechtigkeit wankte die Eine mehr oder minder, so guter Stunde schon angefüllt mit dem ,Geist‘, dem Wasser des wahren Lebens, dem gebrannten Wasser.“ Ich gebe zu, meine Herren, daß hier durch Anneke’s ausdrückliche Worte nur soviel konstatirt ist: „nach ihrem Betragen zu urtheilen, hätten

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die Gensd’armen sehr wohl betrunken sein können“, daß hier nur soviel feststeht: daß die Gensd’armen sich wie Betrunkene betrugen. Aber, meine Herren, vergleichen Sie, was wir zwei Tage später, in Antwort auf die Replik des Herrn Staatsprokurator Hecker sagten: „Die Beleidigung könnte sich nur auf den Einen der Herren Gensd’armen beziehen, von dem versichert wurde, er habe zu guter Stunde gewankt, aus mehr oder minder spirituellen oder spirituosen Gründen. Ergibt aber die Untersuchung, wie wir keinen Augenblick zweifeln, die Richtigkeit des Thatbestandes – der von den Herren Agenten der öffentlichen Gewalt verübten Brutalitäten – so glauben wir nur den einzig mildernden Umstand mit der ganzen Unparteilichkeit, welche der Presse geziemt, im eigensten Interesse der von uns beschuldigten Herren, sorglichst hervorgehoben zu haben; und die menschenfreundliche Angabe des einzig mildernden Umstandes verwandelt das Parket in eine Beleidigung!“ Sie sehen hieraus, meine Herren, wie wir selbst eine Untersuchung der fraglichen Thatsachen provocirten. Es ist nicht unsre Schuld, daß die Untersuchung nicht stattgefunden hat. Was übrigens den Vorwurf der Trunkenheit angeht, so frage ich Sie, was ist denn das so Großes für einen königlich preußischen Gensd’armen, wenn man von ihm sagt, daß er einen Schnaps über den Durst getrunken habe? Ob das für eine Verläumdung angesehen werden kann, darüber appellire ich an die öffentliche Meinung der ganzen Rheinprovinz. Und wie kann das öffentliche Ministerium von Verläumdung sprechen, wo die angeblich Verläumdeten nicht genannt, nicht einmal näher bezeichnet sind. Es ist die Rede von „6–7 Gensd’armen“. Wer sind sie? Wo sind sie? Ist Ihnen, meine Herren, zu Ohren gekommen, daß irgend ein bestimmter Gensd’arm durch diesen Artikel „dem Haß und der Verachtung der Bürger“ ausgesetzt worden sei? Das Gesetz verlangt ausdrücklich, daß das verläumdete Individuum genau bezeichnet sei; nun wohl, in dem fraglichen Passus kann kein bestimmter Gensd’arm, kann höchstens die königlich preußische Gensd’armerie im Ganzen eine Beschimpfung finden. Sie kann sich dadurch beleidigt fühlen, daß man veröffentlichte, wie von Mitgliedern dieses Corps Ungesetzlichkeiten und Brutalitäten ungeahndet verübt werden. Aber, meine Herren, das ist kein Vergehen, der königlich preußischen Gensd’armerie im Allgemeinen Brutalitäten vorzuwerfen. Ich fordere das öffentliche Ministerium auf, mir die Gesetzesstelle zu zeigen, wonach es strafbar wäre, das königlich preußische Gensd’armerie-Corps zu beleidigen, zu beschimpfen oder zu verläumden, wenn von Verläumdung hier überhaupt die Rede sein kann. Das öffentliche Ministerium hat in dem fraglichen Artikel überhaupt nur einen Beweis von zügelloser Schmähsucht gesehen. Meine Herren,

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der Artikel ist Ihnen vorgelesen worden. Haben Sie darin gefunden, daß wir die damals in Köln vorgefallenen mehr oder weniger unbedeutenden Ungesetzlichkeiten an und für sich betrachtet, sie ausgebeutet, im Interesse unsrer vorgeblichen Ranküne gegen niedre Beamte breitgeschlagen haben? Oder haben wir nicht vielmehr diese Fakta als ein Glied in der großen Kette der Reaktionsversuche hingestellt, die damals in ganz Deutschland zugleich hervortraten? Sind wir stehen geblieben bei den Gensdarmen und dem öffentlichen Ministerium in Köln, oder sind wir der Sache weiter auf den Grund gegangen, und haben sie in ihren Ursachen verfolgt bis ins geheime Staatsministerium in Berlin? Aber freilich, es ist weniger gefährlich, sich zu vergreifen an dem großen geheimen Staatsministerium in Berlin, als an dem kleinen öffentlichen Ministerium in Köln – und zum Beweise dieser Thatsache stehen wir heute hier vor Ihnen. Betrachten Sie den Schluß des Artikels. Dort heißt es: „Das also sind die Thaten des Ministeriums der That, des Ministeriums des linken Centrums, des Ministeriums des Uebergangs zu einem altadligen, altbüreaukratischen, altpreußischen Ministerium. Sobald Hr. Hansemann seinen transitorischen Beruf erfüllt hat, wird man ihn entlassen.“ Meine Herren, Sie erinnern sich, was im August vorigen Jahres geschah: wie Hansemann, freilich unter der anständigeren Form der freiwilligen Abdankung, als überflüssig „entlassen“ wurde und wie ihm das Ministerium Pfuel-Eichmann-Kisker-Ladenberg, buchstäblich ein „altadliges, altbüreaukratisches, altpreußisches Ministerium“ auf dem Fuße folgte. Es heißt weiter: „Die Linke zu Berlin aber muß einsehen, daß die alte Macht kleine parlamentarische Siege und große Konstitutionsentwürfe ihr getrost überlassen kann, wenn sie nur unterdessen sich aller wirklich entscheidenden Positionen bemächtigt. Getrost kann sie die Revolution des 19. März in der Kammer anerkennen, wenn dieselbe nur außerhalb der Kammer entwaffnet wird.“ Wie richtig diese Anschauungsweise war, darüber brauche ich gewiß kein Wort zu verlieren. Sie wissen es ja selbst, wie gerade in demselben Verhältniß, als die Macht der Linken in der Kammer wuchs, die Macht der Volkspartei außerhalb der Kammer vernichtet wurde. Brauche ich Ihnen die straflosen Brutalitäten der preußischen Soldateska in zahllosen ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ die Entwaffnung so vieStädten, die aufkeimenden Belagerungszustände, ler Bürgerwehren, und zuletzt den Heldenzug Wrangels gegen Berlin, erst aufzuzählen, um zu zeigen, wie wirklich die Revolution entwaffnet wurde, wie die alte Macht sich in der That aller entscheidenden Positionen bemächtigte?

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Und nun endlich die merkwürdige Prophezeiung: „Die Linke könnte an einem schönen Morgen finden, daß ihr parlamentarischer Sieg und ihre wirkliche Niederlage zusammenfallen.“ Wie buchstäblich ist dies nicht eingetroffen! Derselbe Tag, wo die Linke endlich in den Besitz der Majorität in der Kammer kam, war der Tag ihrer wirklichen Niederlage. Gerade die parlamentarischen Siege der Linken führten zum Staatsstreich vom 9. November, zur Verlegung und Vertagung der Nationalversammlung, und endlich zu ihrer Auflösung und zur Octroyirung der Verfassung. Der parlamentarische Sieg der Linken fiel direkt zusammen mit ihrer vollständigsten Niederlage außerhalb des Parlaments. Diese so buchstäblich eingetroffene politische Vorhersagung, meine Herren, ist also das Resultat, das Facit, der Schluß, den wir aus den in ganz Deutschland, und unter andern auch in Köln vorgefallenen Gewaltthätigkeiten zogen. Und man spricht von blinder Schmähsucht? In der That, sieht es nicht aus, als erschienen wir heute vor Ihnen, meine Herren, um uns wegen des Vergehens zu verantworten, richtige Thatsachen, richtig mitgetheilt, und die richtigen Konsequenzen daraus gezogen zu haben? Kurz und gut: Sie, meine Herren Geschwornen, haben in diesem Augenblick über die Preßfreiheit in der Rheinprovinz zu entscheiden. Wenn es der Presse verboten sein soll, das was sich unter ihren Augen ereignet, zu berichten, wenn sie bei jeder verfänglichen Thatsache erst warten soll, bis ein gerichtliches Urtheil vorliegt, wenn sie bei jedem Beamten, vom Minister bis zum Gensd’armen, erst fragen soll, ob durch die angeführte Thatsache seine Ehre oder Delikatesse sich beleidigt fühlen könnte, ohne Rücksicht darauf, ob die Thatsachen wahr sind oder nicht; wenn die Presse in die Alternative gesetzt wird, entweder die Ereignisse zu verfälschen, oder ganz zu schweigen – dann, meine Herren, hört die Preßfreiheit auf, und wenn Sie das wollen, so sprechen Sie Ihr Schuldig über uns aus!

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* Köln, 13. Februar. Habent sua fata libelli! Derselbe begeisterungstrunkne Artikel des tüchtigen Schwanbeck, der uns vorigen Sonntag eine heitere Stunde bereitete, kommt uns heute wieder zu – in der Weserzeitung vom 10. Februar. Unsre Leser verstehen nicht, wie das zusammenhängt. Die Sache ist aber sehr einfach. Man erinnert sich: Schwanbeck citirte am Schluß seines Artikels „ein norddeutsches Blatt“, das die Herrschaft der Bourgeoisie in Deutschland für gesichert hielt. Schwanbeck äußerte seine leisen Zweifel daran. Dieses Citat war aus der Weserzeitung. Was thut die Weserzeitung, um sich zu revanchiren? Sie druckt den ganzen Artikel ab, mit Ausnahme der aus ihr abgedruckten Stelle, und stempelt ihn obendrein mit dem freilich etwas bedenklichen Prädikat „geistreich geschrieben“. Man sieht, es besteht ein vollständiges Kartell zwischen der Kölnischen Nachbarin und dem „norddeutschen Blatte“. Was wird nun die Kölnische thun, um der Weser-Zeitung das Compliment wiederzugeben? – Es bleibt ihr nichts als ihren eignen Artikel aus der Weser-Zeitung wieder abzudrucken mit der Einleitung: Ein achtungswerthes Organ in Norddeutschland entnimmt der Kölnischen Zeitung folgende bemerkenswerthe Zeilen, u. s. w.

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* K ö l n, 14. Februar. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, wie die ˙ ˙ ˙nach den Revolutionen des Februar und März aufsanften Träume, die tauchten, wie die Schwärmereien von allgemeiner Völkerverbrüderung, europäischer Föderativrepublik und ewigem Weltfrieden im Grunde weiter nichts waren, als Verhüllungen der gränzenlosen Rathlosigkeit und Thatlosigkeit der damaligen Wortführer. Man sah nicht, oder man wollte nicht sehen, was zu thun war, um die Revolution sicher zu stellen; man konnte oder man wollte keine wirklich revolutionären Maßregeln durchsetzen; die Bornirtheit der Einen, die contrerevolutionäre Intrigue der Andern kamen darin überein, daß das Volk statt revolutionärer Thaten, nur sentimentale Phrasen erhielt. Der hochbetheuernde Schurke Lamartine war der klassische Held dieser Epoche des unter poetischen Blumen und rhetorischem Flitterstaat verdeckten Volksverraths. Die revolutionirten Völker wissen es, wie theuer sie es haben entgelten müssen, daß sie damals in ihrer Gutmüthigkeit den großen Worten und hochfahrenden Versicherungen glaubten. Statt der Sicherstellung der Revolution, überall reaktionäre Kammern, die die Revolution untergruben; statt der Durchführung der Verheißungen, die auf den Barrikaden gegeben wurden, die Contrerevolutionen von Neapel, Paris, Wien, Berlin, der Fall Mailands, der Krieg gegen Ungarn; statt der Völkerverbrüderung, die Erneuerung der heiligen Allianz auf breitester Grundlage unter dem Patronat von England und Rußland. Und dieselben Männer, die noch im April und Mai den hochtönenden Phrasen der Epoche zujauchzten, denken nur noch erröthend daran, wie sie damals von Dummköpfen und Schurken sich prellen ließen. Man hat es durch schmerzliche Erfahrung gelernt, daß die „europäische Völkerverbrüderung“ nicht durch bloße Phrasen und fromme Wünsche zu Stande kommt, sondern nur durch gründliche Revolutionen und

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blutige Kämpfe; daß es sich nicht um eine Verbrüderung aller europäischen Völker unter Einer republikanischen Fahne, sondern um die Allianz der revolutionären Völker gegen die contrerevolutionären handelt, eine Allianz, die nicht auf dem Papier, sondern nur auf dem Schlachtfeld zu Stande kommt. In ganz Westeuropa haben diese bittern, aber nothwendigen Erfahrungen den Lamartine’schen Phrasen allen Kredit geraubt. Im Osten dagegen gibt es immer noch Fraktionen, angeblich demokratische, revolutionäre Fraktionen, die nicht müde werden, diesen Phrasen und Sentimentalitäten zum Echo zu dienen und das Evangelium von der europäischen Völkerverbrüderung zu predigen. Diese Fraktionen – wir abstrahiren von einigen unwissenden Schwärmern deutscher Zunge, wie Herrn A. Ruge u. s. w. – sind die demokratischen Panslavisten der verschiedenen slavischen Volksstämme. Das Programm des demokratischen Panslavismus liegt vor uns in einer Broschüre: Aufruf an die Slaven. Von einem russischen Patrioten, Michael Bakunin, Mitglied des Slavenkongresses in Prag. Köthen 1848. Bakunin ist unser Freund. Das wird uns nicht abhalten, seine Broschüre der Kritik zu unterwerfen. Man höre wie Bakunin gleich im Anfang seines Aufrufs an die Illusionen des vorigen März und April anknüpft: „Gleich das erste Lebenszeichen der Revolution war ein Schrei des Hasses gegen die alte Unterdrückung, ein Schrei des Mitgefühls und der Liebe für alle unterdrückten Nationalitäten. Die Völker ... fühlten endlich die Schmach, mit welcher die alte Diplomatie die Menschheit beladen hat, und erkannten, daß nie die Wohlfahrt der Nationen gesichert ist, so lange noch irgendwo in Europa ein einziges Volk unter dem Drucke lebt ... Hinweg die Unterdrücker, erscholl es wie aus Einem Munde; den Bedrückten Heil, den Polen, den Italienern und Allen! Keinen Eroberungskrieg mehr, aber noch den einen letzten Krieg bis auf die Neige durchgekämpft, den guten Kampf der Revolution zur endlichen Befreiung aller Völker! Nieder die künstlichen Schranken, welche von Despotenkongressen, nach sogenannten historischen, geographischen, kommerziellen und strategischen Nothwendigkeiten gewaltsam aufgerichtet worden sind! Es soll keine andern Scheidegränzen mehr geben als jene der Natur entsprechenden, von der Gerechtigkeit und im Sinne der Demokratie gezogenen Gränzen, welche der souveräne Wille der Völker selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet. So erging der Ruf durch alle Völker.“ p. 6, 7. Wir finden schon in dieser Stelle die ganze schwärmerische Begeisterung der ersten Monate nach der Revolution wieder. Von den in der

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Wirklichkeit bestehenden Hindernissen einer solchen allgemeinen Befreiung, von den so durchaus verschiedenen Civilisationsstufen und den dadurch bedingten ebenso verschiedenen politischen Bedürfnissen der einzelnen Völker ist keine Rede. Das Wort: „Freiheit“ ersetzt das Alles. Von der Wirklichkeit ist überhaupt keine Rede, oder so weit sie etwa in Betracht kommt, wird sie als etwas absolut Verwerfliches, von „Despotenkongressen“ und „Diplomaten“ willkührlich Hergestelltes geschildert. Dieser schlechten Wirklichkeit gegenüber tritt der angebliche Volkswille mit seinem kategorischen Imperativ, mit der absoluten Forderung der „Freiheit“ schlechtweg. Wir haben es gesehn, wer der Stärkere war. Der angebliche Volkswille ist gerade dadurch, daß er sich auf eine so phantastische Abstraktion von den wirklich vorliegenden Verhältnissen einließ, so schmählich düpirt worden. „Aufgelöst erklärte die Revolution aus ihrer Machtvollkommenheit die Despoten-Staaten, aufgelöst das preußische Reich ... Oesterreich ... das türkische Reich ... aufgelöst endlich den letzten Despotentrost, das russische Reich ... und als Endziel von Allem – die allgemeine Föderation der europäischen Republiken.“ p. 8. In der That, uns hier im Westen muß es eigenthümlich vorkommen, daß man, nachdem alle diese schönen Pläne in ihrem ersten Ausführungsversuch gescheitert sind, sie noch als etwas Verdienstliches und Großes aufzählen kann. Das war ja gerade das Schlimme, daß die Revolution [sich] zwar „aus eigener Machtvollkommenheit aufgelöst erklärte“, aber zugleich „aus eigener Machtvollkommenheit“ keinen Finger rührte, um ihr Dekret zu vollziehen. Damals wurde der Slavenkongreß berufen. Der Slavenkongreß stellte sich durchaus auf den Standpunkt dieser Illusionen. Man höre: „Die gemeinsamen Bande der Geschichte (?) und des Blutes lebhaft fühlend, schwuren wir, unsere Geschicke nicht wieder von einander trennen zu lassen. Die Politik verfluchend, deren Opfer wir so lange gewesen, setzten wir uns selber ein in unser Recht auf eine vollkommene Unabhängigkeit, und gelobten uns, daß diese hinfort allen slavischen Völkern gemeinsam sein sollte. Wir erkannten Böhmen und Mähren ihre Selbstständigkeit zu ... wir streckten dem deutschen Volke, dem demokratischen Deutschland, unsere brüderliche Hand entgegen. Im Namen derer von uns, die in Ungarn wohnen, boten wir den Magyaren, den wüthenden Feinden unserer Rac¸e ... ein brüderliches Bündniß an. Auch diejenigen unserer Brüder, die unter dem Joch der Türken seufzen, vergaßen wir nicht in unserem Bunde der Befreiung. Wir verdammten feierlich jene verbrecherische Politik, welche Polen dreimal zerriß ... Das Alles spra-

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chen wir aus und forderten mit allen Demokraten aller Völker (?): die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit aller Nationen.“ pag. 10. Diese Forderungen stellt der demokratische Panslavismus heute noch auf: „Wir fühlten uns damals unserer Sache gewiß ... die Gerechtigkeit und Menschlichkeit waren ganz auf unserer Seite, und auf der Seite unserer Feinde Nichts als die Ungesetzlichkeit und Barbarei. Es waren keine leeren Traumgebilde, denen wir uns hingaben, es waren die Gedanken der einzig wahren und nothwendigen Politik, der Politik der Revolution.“ „Gerechtigkeit“, „Menschlichkeit“, „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“, „Unabhängigkeit“ – bis jetzt haben wir weiter nichts in dem panslavistischen Manifest gefunden, als diese mehr oder weniger moralischen Kategorieen, die zwar sehr schön klingen, aber in historischen und politischen Fragen durchaus Nichts beweisen. Die „Gerechtigkeit“, die „Menschlichkeit“, die „Freiheit“, u. s. w. mögen tausendmal dies oder jenes verlangen; ist die Sache aber unmöglich, so geschieht sie nicht und bleibt trotz alledem ein „leeres Traumgebilde“. Die Panslavisten hätten aus der Rolle, die die Masse der Slaven seit dem Prager Kongreß gespielt hat, über ihre Illusionen sich aufklären, sie hätten einsehen können, daß mit allen frommen Wünschen und schönen Träumen gegen die eiserne Wirklichkeit nichts auszurichten ist, daß ihre Politik ebensowenig wie die der französischen Republik je die „Politik der Revolution“ war. Und dennoch kommen sie uns heute, im Januar 1849, noch mit denselben alten Phrasen, über deren Inhalt Westeuropa durch die blutigste Contrerevolution enttäuscht wurde! Nur ein Wort über die „allgemeine Völkerverbrüderung“ und Ziehung von „Gränzen, welche der souveräne Wille der Völker selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet“. Die Vereinigten Staaten und Mexico sind zwei Republiken; in beiden ist das Volk souverän. Wie kommt es, daß zwischen diesen beiden Republiken die der moralischen Theorie gemäß „verbrüdert“ und „föderirt“ sein müßten, wegen Texas ein Krieg ausbrach, daß der „souveräne Wille“ des amerikanischen Volks, gestützt auf die Tapferkeit der amerikanischen Freiwilligen, die von der Natur gezogenen Gränzen aus „geographischen, commerziellen und strategischen Nothwendigkeiten“ um einige hundert Meilen weiter südlich verlegte? Und wird Bakunin den Amerikanern einen „Eroberungskrieg“ zum Vorwurf machen, der zwar seiner auf die „Gerechtigkeit und Menschlichkeit“ gestützten Theorie einen argen Stoß gibt, der aber doch einzig und allein im Interesse der Civilisation geführt wurde? Oder ist es etwa ein Unglück, daß das herrliche Californien den faulen Mexicanern entrissen ist, die nichts damit zu machen wußten? daß die energischen Yankees durch die rasche Ausbeutung der dortigen Goldminen

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die Circulationsmittel vermehren, an der gelegensten Küste des stillen Meeres in wenig Jahren eine dichte Bevölkerung und einen ausgedehnten Handel conzentriren, große Städte schaffen, Dampfschiffsverbindungen eröffnen, eine Eisenbahn von New York bis San Francisco anlegen, den stillen Ocean erst eigentlich der Civilisation eröffnen, und zum dritten Mal in der Geschichte dem Welthandel eine neue Richtung geben werden? Die „Unabhängigkeit“ einiger spanischen Californier und Texaner mag darunter leiden, die „Gerechtigkeit“ und andre moralische Grundsätze mögen hie und da verletzt sein; aber was gilt das gegen solche weltgeschichtliche Thatsachen? Wir bemerken übrigens, daß diese Theorie der allgemeinen Völkerverbrüderung, die ohne Rücksicht auf die historische Stellung, auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe der einzelnen Völker weiter nichts will, als verbrüdern ins Blaue hinein, von den Redaktoren der N.Rh.Z. schon lange vor der Revolution bekämpft worden ist, und zwar damals gegen ihre besten Freunde, die englischen und französischen Demokraten. Die englischen, französischen und belgischen demokratischen Blätter jener ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ dafür. ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Zeit˙enthalten die˙ Beweise Was nun speziell den Panslavismus betrifft, so haben wir in Nr. 194 der N. Rh. Z. entwickelt, wie er, abgesehen von den gutgemeinten Selbsttäuschungen der demokratischen Panslavisten, in der Wirklichkeit keinen andern Zweck hat, als den zersplitterten, historisch, literarisch, politisch, commerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängigen östreichischen Slaven einen Anhaltspunkt zu geben, einerseits in Rußland, andrerseits in der durch die slavische Majorität beherrschten, von Rußland abhängigen östreichischen Gesammtmonarchie. Wir haben entwickelt, wie solche, seit Jahrhunderten von der Geschichte wider ihren eigenen Willen nachgeschleifte Natiönchen nothwendig kontrerevolutionär sein müssen, und wie ihre ganze Stellung in der Revolution von 1848 wirklich contrerevolutionär war. Gegenüber dem demokratisch-panslavistischen Manifest, das die Unabhängigkeit aller Slaven ohne Unterschied fordert, müssen wir auf diesen Punkt zurückkommen. Bemerken wir zuerst, daß die politische Romantik und Sentimentalität bei den Demokraten des Slavencongresses sehr zu entschuldigen ist. Mit Ausnahme der Polen – die Polen sind nicht panslavistisch, aus sehr handgreiflichen Gründen – gehören sie Alle Völkerstämmen an, die entweder wie die Südslaven, durch ihre ganze geschichtliche Stellung nothwendig contrerevolutionär sind, oder die wie die Russen von einer Revolution noch weit entfernt, und daher wenigstens vor der Hand noch contrerevolutionär sind. Diese Fraktionen, demokratisch durch ihre im Ausland erworbene Bildung, suchen ihre demokratische Gesinnung mit ihrem Na-

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tionalgefühl, das bei den Slaven bekanntlich sehr ausgeprägt ist, in Harmonie zu bringen; und da die positive Welt, die wirklichen Zustände ihres Landes keine oder nur fingirte Anknüpfungspunkte für diese Versöhnung boten, so bleibt ihnen nichts, als das jenseitige „Luftreich des Traums“, das Reich der frommen Wünsche, die Politik der Phantasie. Wie schön wäre es, wenn Kroaten, Panduren und Kosaken das Vordertreffen der europäischen Demokratie bildeten, wenn der Gesandte der Republik Sibirien in Paris seine Creditive überreichte! Gewiß sehr erfreuliche Aussichten; aber daß die europäische Demokratie auf ihre Verwirklichung warten soll, wird doch selbst der begeistertste Panslavist nicht verlangen – und vor der Hand sind gerade die Nationen, deren spezielle Unabhängigkeit das Manifest verlangt, die speziellen Feinde der Demokratie. Wir wiederholen es: Außer den Polen, den Russen und höchstens den Slaven der Türkei hat kein slavisches Volk eine Zukunft, aus dem einfachen Grunde, weil allen übrigen Slaven die ersten historischen, geographischen, politischen und industriellen Bedingungen der Selbstständigkeit und Lebensfähigkeit fehlen. Völker, die nie eine eigene Geschichte gehabt haben, die von dem Augenblick an, wo sie die erste, roheste Civilisationsstufe ersteigen, schon unter fremde Botmäßigkeit kommen, oder die erst durch ein fremdes Joch in die erste Stufe der Civilisation hineingezwungen werden, haben keine Lebensfähigkeit, werden nie zu irgend einer Selbstständigkeit kommen können. Und das ist das Geschick der östreichischen Slaven gewesen. Die Czechen, zu denen wir selbst die Mähren und Slovaken rechnen wollen, obwohl sie sprachlich und geschichtlich verschieden sind, hatten nie eine Geschichte. Seit Karl dem Großen ist Böhmen an Deutschland gekettet. Einen Augenblick emancipirt sich die czechische Nation, und bildet das großmährische Reich, um sofort wieder unterjocht und während fünfhundert Jahren als Spielball zwischen Deutschland, Ungarn und Polen hin und her geworfen zu werden. Dann kommt Böhmen und Mähren definitiv zu Deutschland, und die slovakischen Gegenden bleiben bei Ungarn. Und diese geschichtlich gar nicht existirende „Nation“ macht Ansprüche auf Unabhängigkeit? Ebenso die eigentlich sogenannten Südslaven. Wo ist die Geschichte der illyrischen Slovenen, der Dalmatiner, Kroaten und Schokazen? Seit dem 11. Jahrhundert haben sie den letzten Schein politischer Unabhängigkeit verloren, und theils unter deutscher, theils unter venetianischer, theils unter magyarischer Herrschaft gestanden. Und aus diesem zerrissenen Fetzen will man eine kräftige, unabhängige, lebensfähige Nation zusammenstümpern?

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Noch mehr. Bildeten die östreichischen Slaven eine kompakte Masse, ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ wären sie im Stande unter sich wie die Polen, die Magyaren, die Italiener, einen Staat von 12–20 Millionen zusammen zu bringen, so hätten ihre Ansprüche doch noch einen ernsthaften Charakter. Aber gerade das Gegentheil findet Statt. Die Deutschen und Magyaren haben sich wie ein breiter Keil zwischen sie eingedrängt bis an die äußersten Enden der Karpathen, fast bis ans schwarze Meer; haben die Czechen, Mähren und Slovaken von den Südslaven durch einen 60–80 Meilen breiten Gürtel getrennt. Im Norden des Gürtels 51/2 Mill., im Süden 51/2 Mill. Slaven, getrennt durch eine kompacte Masse von 10–11 Mill. Deutschen und Magyaren, die durch Geschichte und Nothwendigkeit Verbündete sind. Aber warum sollten die 51/2 Millionen Czechen, Mähren und Slowaken nicht ein Reich, die 51/2 Millionen Südslaven zusammen mit den türkischen Slawen nicht ein Reich bilden können? Man betrachte auf der ersten besten Sprachenkarte die Vertheilung der Czechen und ihrer sprachverwandten Nachbarn. Wie ein Keil sind sie in Deutschland hineingeschoben, aber angefressen und zurückgedrängt zu beiden Seiten vom deutschen Element. Der dritte Theil Böhmens spricht deutsch; auf 24 Czechen in Böhmen kommen 17 Deutsche. Und gerade die Czechen sollen den Kern des beabsichtigten Slavenreichs bilden; denn die Mähren sind ebenfalls stark mit Deutschen, die Slowaken mit Deutschen und Magyaren versetzt und zudem in nationaler Beziehung gänzlich demoralisirt. Und welch ein Slavenreich, in dem schließlich doch die deutsche Bourgeoisie der Städte herrschen würde! Ebenso die Südslaven. Die Slovenen und Kroaten schließen Deutschland und Ungarn vom adriatischen Meer ab; und Deutschland und Ungarn können sich nicht vom adriatischen Meere abschließen lassen, aus „geographischen und kommerziellen Nothwendigkeiten“, die zwar für Bakunin’s Phantasie kein Hinderniß sind, die aber darum doch existiren und für Deutschland und Ungarn eben solche Lebensfragen sind, wie für Polen z. B. die Ostseeküste von Danzig bis Riga. Und wo es sich um die Existenz, um die freie Entfaltung aller Ressourcen großer Nationen handelt, da wird doch eine solche Sentimentalität, wie die Rücksicht auf ein paar versprengte Deutsche oder Slaven nichts entscheiden! Abgesehn davon, daß diese Südslaven ebenfalls mit deutschen, magyarischen und italienischen Elementen überall versetzt sind, daß auch hier der erste Blick auf die Sprachenkarte das projektirte südslawische Reich in zusammenhangslose Fetzen sprengt, und daß im besten Fall das ganze Reich den italienischen Bourgeois von Triest, Fiume und Zara, und den deutschen Bourgeois von Agram, Laibach, Karlstadt, Semlin, Pancsova und Weißkirchen in die Hände geliefert wird!

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Aber könnten sich die östreichischen Südslaven nicht an die Serben, Bosniaken, Morlachen und Bulgaren anschließen? Gewiß, wenn außer den angeführten Schwierigkeiten erst noch der uralte Haß des östreichischen Gränzers gegen die türkischen Slaven jenseits der Save und Unna nicht existirte; aber diese Leute, die sich gegenseitig seit Jahrhunderten als Spitzbuben und Banditen kennen, hassen sich trotz aller Stammverwandtschaft unendlich mehr als Slaven und Magyaren. In der That, die Stellung der Deutschen und Magyaren würde äußerst angenehm sein, wenn den östreichischen Slaven zu ihrem sogenannten „Rechte“ verholfen würde! Zwischen Schlesien und Oestreich ein unabhängiger böhmisch-mährischer Staat eingekeilt, Oestreich und Steyermark durch die „südslavische Republik“ von seinem natürlichen De´bouche´, dem adriatischen und Mittelmeere abgeschnitten, der Osten Deutschlands zerfetzt wie ein von Ratten abgenagtes Brod! Und das Alles zum Dank dafür, daß die Deutschen sich die Mühe gegeben, die eigensinnigen Czechen und Slovenen zu civilisiren, Handel, Industrie, erträglichen Ackerbau und Bildung bei ihnen einzuführen! Aber gerade dies unter dem Vorwande der Civilisation den Slaven aufgezwängte Joch konstituirt ja gerade eines der größten Verbrechen der Deutschen wie der Magyaren! Man höre nur: „Mit Recht zürntet Ihr, mit Recht schnaubtet Ihr Rache gegen jene fluchwürdige deutsche Politik, die Nichts sann als Euer Verderben, die Jahrhunderte Euch geknechtet hat ...“ pag. 5. „... Die Magyaren, die wüthenden Feinde unserer Rac¸e, die kaum vier Millionen zählend, sich vermaßen, acht Millionen Slaven ihr Joch auflegen zu wollen ...“ pag. 9. „Was die Magyaren gegen unsere slavischen Brüder gethan, was sie gegen unsere Nationalität verbrochen, wie sie unsere Sprache und Unabhängigkeit mit Füßen getreten, das weiß ich Alles.“ pag. 30. Welches sind nun die großen, schrecklichen Verbrechen der Deutschen und Magyaren gegen die slavische Nationalität? Wir sprechen hier nicht von der Theilung Polens, die nicht hiehergehört, wir sprechen von dem „jahrhundertlangen Unrecht“, das an den Slaven verübt worden sein soll. Die Deutschen haben im Norden das ehemals deutsche, später slavische Gebiet von der Elbe bis zur Warthe den Slaven wieder aberobert; eine Eroberung, die durch „geographische und strategische Nothwendigkeiten“ bedingt war, die aus der Theilung des Karolingischen Reichs hervorgingen. Diese slavischen Gebietsstrecken sind vollständig germanisirt; die Sache ist abgemacht und läßt sich nicht redressiren, es sei denn, daß die Panslavisten die verloren gegangene sorbische, wendische und obotritische Sprache wieder auffänden und den Leipzigern, Berlinern und

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Stettinern aufzwängen. Daß diese Eroberung aber im Interesse der Civilisation lag, ist bisher noch nie bestritten worden. Im Süden fanden sie die slavischen Stämme bereits zersprengt. Dafür hatten die nichtslavischen Avaren gesorgt, die das später von den Magyaren besetzte Gebiet okkupirten. Die Deutschen machten sich diese Slaven zinsbar und führten manche Kämpfe mit ihnen. Dieselben Kämpfe führten sie mit den Avaren und Magyaren, denen sie das ganze Land von der Ens bis zur Leitha abnahmen. Während sie hier mit Gewalt germanisirten, ging die Germanisirung der slavischen Länder weit mehr auf friedlichem Fuße, durch Einwanderung, durch den Einfluß der entwickelteren Nation auf die unentwickelte vor sich. Deutsche Industrie, deutscher Handel, deutsche Bildung brachten die deutsche Sprache von selbst ins Land. Was die „Unterdrückung“ angeht, so wurden die Slaven nicht mehr von den Deutschen unterdrückt, wie die Masse der Deutschen selbst. Was die Magyaren betrifft, so sind ja auch eine Menge Deutsche in Ungarn, und nie haben die Magyaren über „fluchwürdige deutsche Politik“ zu klagen gehabt, obwohl ihrer „kaum vier Millionen“ waren! Und wenn die „acht Millionen Slaven“ sich während acht Jahrhunderten gefallen lassen mußten, daß die vier Millionen Magyaren ihnen das Joch auferlegten, so beweist das allein hinlänglich, wer lebensfähiger und energischer war, die vielen Slaven oder die wenigen Magyaren! Aber das größte „Verbrechen“ der Deutschen und Magyaren ist allerdings, daß sie diese 12 Millionen Slaven daran verhindert haben, türkisch zu werden! Was wäre aus diesen zersplitterten kleinen Natiönchen die eine so erbärmliche Rolle in der Geschichte gespielt haben, was wäre aus ihnen geworden, wenn sie nicht von Magyaren und Deutschen zusammengehalten und gegen die Heere Mohammeds und Solimans geführt worden wären, wenn nicht ihre sogenannten „Unterdrücker“ die Schlachten entschieden hätten, die zur Vertheidigung dieser schwachen Völkerschaften geschlagen wurden! Das Loos der „zwölf Millionen Slaven, Wallachen und Griechen“, die von „siebenhunderttausend Osmanen unter die Füße getreten werden“ (p. 8) bis auf den heutigen Tag, spricht das nicht laut genug? Und endlich, welches „Verbrechen“, welche „fluchwürdige Politik“, daß die Deutschen und Magyaren zu der Zeit als überhaupt in Europa die großen Monarchieen eine „historische Nothwendigkeit“ wurden, alle diese kleinen, verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen zu Einem großen Reich zusammenschlugen und sie dadurch befähigten an einer geschichtlichen Entwicklung Theil zu nehmen, der sie, sich überlassen, gänzlich fremd geblieben wären! Freilich, dergleichen läßt sich nicht

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durchsetzen, ohne manch’ sanftes Nationenblümlein gewaltsam zu zerknicken. Aber ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird Nichts durchgesetzt in der Geschichte, und hätten Alexander, Cäsar und Napole´on dieselbe Rührungsfähigkeit besessen an die jetzt der Panslavismus zu Gunsten seiner verkommenen Clienten appellirt, was wäre da aus der Geschichte geworden! Und sind die Perser, Celten und christlichen Germanen nicht die Czechen, Oguliner und Sereschaner werth? Jetzt aber ist die politische Centralisation in Folge der gewaltigen Fortschritte der Industrie, des Handels, der Kommunikationen noch ein viel dringenderes Bedürfniß geworden als damals im 15. und 16. Jahrhundert. Was sich noch zu centralisiren hat, centralisirt sich. Und jetzt kommen die Panslavisten und verlangen, wir sollen diese halbgermanisirten Slaven „freilassen“, wir sollen eine Centralisation aufheben, die diesen Slaven durch alle ihre materiellen Interessen aufgedrängt wird! Kurz, es stellt sich heraus, daß diese „Verbrechen“ der Deutschen und Magyaren gegen die fraglichen Slaven zu den besten und anerkennenswerthesten Thaten gehören, deren sich unser und das magyarische Volk in der Geschichte rühmen kann. Was übrigens die Magyaren angeht, so ist hier speziell noch zu bemerken, daß sie namentlich seit der Revolution viel zu nachgiebig und zu schwach gegen die aufgeblasenen Kroaten verfahren sind. Es ist notorisch, daß Kossuth ihnen alles Mögliche zugab, nur nicht, daß ihre Deputirten auf dem Reichstage kroatisch sprechen dürften. Und diese Nachgiebigkeit gegen eine von Natur contrerevolutionäre Nation ist das Einzige, was man den Magyaren vorwerfen kann. (Schluß folgt). Neue Rheinische Zeitung. Nr. 223, 16. Februar 1849

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* K ö l n , 15. Februar. (Der demokratische Panslavismus. – Schluß.) Wir schlossen gestern mit dem Nachweis, daß die östreichischen Slaven nie eine eigne Geschichte gehabt, daß sie historisch, literarisch, politisch, kommerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängen, daß sie schon theilweise germanisirt, magyarisirt, italienisirt sind, daß, wenn sie selbstständige Staaten konstituirten, nicht sie sondern die deutsche und italienische Bourgeoisie ihrer Städte diese Staaten beherrschen würde, und daß endlich weder Ungarn noch Deutschland die Losreißung und selbstständige Konstituirung solcher lebensunfähigen kleinen Zwischenstaaten dulden kann.

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Das alles indeß würde noch nichts entscheiden. Hätten die Slaven zu irgend einer Epoche innerhalb ihrer Unterdrückung eine neue revolutionäre Geschichte begonnen, so bewiesen sie schon dadurch ihre Lebensfähigkeit. Die Revolution hatte von dem Augenblick an ein Interesse an ihrer Befreiung und das besondre Interesse der Deutschen und Magyaren verschwand vor dem größeren Interesse der europäischen Revolution. Aber das war gerade nie der Fall. Die Slaven – wir erinnern nochmals daran, daß wir hier stets die Polen ausschließen – waren immer gerade die Hauptwerkzeuge der Contrerevolution. Unterdrückt zu Hause, waren sie in der Fremde die Unterdrücker aller revolutionären Nationen, soweit der slavische Einfluß reichte. Man erwidre uns nicht, wir träten hier im Interesse deutscher Nationalvorurtheile auf. Die Beweise liegen in deutschen, französischen, belgischen und englischen Zeitschriften vor, daß gerade die Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung schon lange vor der Revolution allen deutschen Nationalbornirtheiten aufs Entschiedenste gegenübergetreten sind. Sie haben zwar nicht, wie manche Andre, ins Blaue hinein und nach bloßem Hörensagen auf die Deutschen geschimpft; sie haben dagegen die schäbige Rolle die Deutschland, Dank seinem Adel und seiner Bürgerschaft, Dank seiner verkümmerten industriellen Entwicklung allerdings in der Geschichte gespielt hat, historisch nachgewiesen und schonungslos aufgedeckt; sie haben den zurückgebliebnen Deutschen gegenüber die Berechtigung der großen geschichtlichen Nationen des Westens, der Engländer und Franzosen, stets anerkannt. Aber eben deßwegen gestatte man uns, die schwärmerischen Illusionen der Slaven nicht zu theilen und andre Völker ebenso streng zu beurtheilen wie wir unsre eigne Nation beurtheilt haben. Bisher hat es immer geheißen, die Deutschen seien die Lanzknechte des Despotismus in ganz Europa gewesen. Wir sind weit entfernt, den schmählichen Antheil der Deutschen an den schmählichen Kriegen gegen die französische Revolution von 1792 bis 1815, an der Unterdrückung Italiens seit 1815, und Polens seit 1772 zu leugnen; wer aber stand hinter den Deutschen, wer benutzte sie als seine Söldner oder seine Avantgarde? England und Rußland. Rühmen sich die Russen doch bis auf den heutigen Tag, den Sturz Napole´ons durch ihre unzählbaren Armeen entschieden zu haben, was allerdings großen Theils seine Richtigkeit hat. Das wenigstens ist gewiß, daß von den Armeen, die Napole´on von der Oder bis nach Paris durch ihre Uebermacht zurückdrängten, drei Viertel aus Slaven, Russen oder östreichischen Slaven, bestanden. Und nun gar die Unterdrückung der Italiener und Polen durch die Deutschen! Bei der Theilung Polens konkurrirte eine ganz und eine halb

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slavische Macht; die Heere die Kosciuszko erdrückten, waren der Majorität nach Slaven; die Heere Diebitschs und Paskiewitschs waren ausschließlich slavische Heere. Und in Italien haben die Tedeschi lange Jahre allein die Schmach getragen, als Unterdrücker zu gelten; aber nochmals, woraus bestanden die Armeen, die sich zur Unterdrückung am besten gebrauchen ließen, und deren Brutalitäten den Deutschen zur Last gelegt wurden? Wieder aus Slaven. Geht nach Italien und fragt, wer die Mailänder Revolution erdrückt hat, man wird Euch nicht mehr sagen: die Tedeschi – seit die Tedeschi in Wien eine Revolution gemacht, haßt man sie nicht mehr – sondern die Croati. Das ist das Wort worin die Italiäner jetzt die ganze Oestreichische Armee d. h. Alles was ihnen am tiefsten verhaßt ist, zusammenfassen: i Croati! Und dennoch würden diese Vorwürfe überflüssig und unberechtigt sein, wenn die Slaven an der Bewegung von 1848 sich irgendwo ernstlich betheiligt, wenn sie sich beeilt hätten, in die Reihen der revolutionären Völker einzutreten. Ein einziger muthiger demokratischer Revolutionsversuch, selbst wenn er erstickt wird, löscht im Gedächtniß der Völker ganze Jahrhunderte der Infamie und Feigheit aus, rehabilitirt auf der Stelle eine noch so tief verachtete Nation. Das haben die Deutschen voriges Jahr erfahren. Aber während Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen, Magyaren die Fahne der Revolution aufpflanzten, traten die Slaven wie Ein Mann unter die Fahne der Contrerevolution. Voran die Südslaven, die bereits seit langen Jahren ihre contrerevolutionären Sondergelüste gegen die Magyaren vertheidigt hatten; dann die Czechen, und hinter ihnen schlachtgerüstet und bereit im Moment der Entscheidung auf dem Kampfplatz zu erscheinen – die Russen. Man weiß, wie in Italien die magyarischen Husaren massenweise zu den Italienern übergegangen sind, wie in Ungarn ganze italienische Bataillone sich zur Verfügung der magyarischen revolutionären Regierung stellten und noch unter der magyarischen Fahne kämpfen; man weiß, wie in Wien die deutschen Regimenter mit dem Volke hielten und selbst in Galizien durchaus nicht zuverlässig waren; man weiß, daß östreichische und nichtöstreichische Polen in Massen in Italien, in Wien, in Ungarn gegen die östreichischen Armeen kämpften und in den Karpathen noch kämpfen; aber wo hat man je davon gehört, daß czechische oder südslavische Truppen gegen die schwarzgelbe Fahne sich aufgelehnt hätten? Im Gegentheil, man weiß bis jetzt nur, daß das in seinen Grundfesten erschütterte Oestreich durch die schwarzgelbe Begeisterung der Slaven am Leben erhalten und für einen Augenblick wieder sicher gestellt ist; daß gerade die Kroaten, Slovenen, Dalmatiner, Czechen, Mähren und Ruthenen es waren, die einem Windischgrätz und Jellachich ihre Kontin-

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gente zur Unterdrückung der Revolution in Wien, Krakau, Lemberg, Ungarn stellten und was wir von Bakunin jetzt noch erfahren, ist, daß der Prager Slavenkongreß nicht durch Deutsche, sondern durch galizische, czechische, slovakische Slaven und „nichts als Slaven“ (p. 33) zersprengt wurde! Die Revolution von 1848 zwang alle europäischen Völker sich für oder gegen sie zu erklären. In einem Monat hatten alle zur Revolution reifen Völker ihre Revolution gemacht, alle unreifen Völker sich gegen die Revolution alliirt. Damals galt es, die Völkerverwirrung von Osteuropa zu entwirren. Es kam darauf an, welche Nation hier die revolutionäre Initiative ergriff, welche die größte revolutionäre Energie entwickelte und sich dadurch die Zukunft sicherte. Die Slaven blieben stumm, die Deutschen und Magyaren, ihrer bisherigen geschichtlichen Stellung treu, traten an die Spitze. Und dadurch wurden die Slaven vollends der Contrerevolution in die Arme geworfen. Aber der Slavenkongreß zu Prag? Wir wiederholen: die sogenannten Demokraten unter den östreichischen Slaven sind entweder Schurken oder Phantasten, und die Phantasten, die in ihrem Volke keinen Boden für die vom Ausland eingeführten Ideen finden, sind fortwährend von den Schurken an der Nase herumgeführt worden. Auf dem Prager Slavenkongreß hatten die Phantasten die Oberhand. Als den aristokratischen Panslavisten, den Herren Graf Thun, Palacky und Konsorten die Phantasterei bedrohlich schien, verriethen sie die Phantasten an Windischgrätz und die schwarzgelbe Contrerevolution. Welche bittere, schlagende Ironie liegt nicht darin, daß dieser Kongreß von Schwärmern, vertheidigt von der schwärmerischen Prager Jugend, durch Soldaten ihrer eigenen Nation auseinandergejagt, daß dem phantasirenden Slavenkongreß gleichsam ein militärischer Slavenkongreß entgegengestellt wurde! Die östreichische Armee, die Prag, Wien, Lemberg, Krakau, Mailand und Budapesth einnahm, das ist der wirkliche, der aktive Slavenkongreß! Wie haltlos und unklar die Phantasterei des Slavenkongresses war, das beweisen seine Früchte. Das Bombardement einer Stadt wie Prag würde jede andere Nation mit dem unauslöschlichsten Haß gegen die Unterdrücker erfüllt haben. Was thaten die Czechen? Sie küßten die Ruthe, die sie bis aufs Blut gezüchtigt, sie schworen begeistert zu der Fahne, unter der ihre Brüder niedergemetzelt, ihre Weiber geschändet worden waren. Der Prager Straßenkampf war der Wendepunkt für die östreichischen demokratischen Panslavisten. Um die Aussicht auf ihre elende „nationale Selbstständigkeit“ verkauften sie die Demokratie, die Revolution an die östreichische Gesammtmonarchie, an „das Centrum“, „die systematische

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Durchführung des Despotismus im Herzen Europa’s“, wie Bakunin p. 29 selbst sagt. Und für diesen feigen, niederträchtigen Verrath an der Revolution werden wir einst blutige Rache an den Slaven nehmen. Daß sie von der Contrerevolution nichtsdestoweniger geprellt worden sind, daß weder an ein „slavisches Oestreich“ noch an einen „Föderativstaat mit gleichberechtigten Nationen“ und am allerwenigsten an demokratische Institutionen für die östreichischen Slaven zu denken ist, das ist diesen Verräthern endlich klar geworden. Jellachich, der kein größerer Schurke ist als die meisten übrigen Demokraten der östreichischen Slaven, bereut bitter, wie man ihn exploitirt hat; und Stratimirovich, um sich nicht länger exploitiren zu lassen, hat den offenen Aufstand gegen Oestreich proklamirt. Die Slovanska´-Lı´pa-Vereine stehen überall der Regierung wieder gegenüber und machen täglich neue schmerzliche Erfahrungen darüber, in welche Falle sie sich haben locken lassen. Aber es ist jetzt zu spät; in ihrer eigenen Heimath ohne Macht gegen die von ihnen selbst reorganisirte östreichische Soldateska, zurückgestoßen von den Deutschen und Magyaren, die sie verrathen haben, zurückgestoßen von dem revolutionären Europa, werden sie denselben Militärdespotismus zu ertragen haben, den sie den Wienern und Magyaren aufbürden halfen. „Seid unterwürfig dem Kaiser, damit die kaiserlichen Truppen Euch nicht behandeln als seiet Ihr rebellische Magyaren“ – in diesen Worten des Patriarchen Rajachich ist es ausgesprochen, was sie zunächst zu erwarten haben. Wie ganz anders haben die Polen gehandelt! Seit achtzig Jahren unterdrückt, geknechtet, ausgesogen, haben sie sich stets auf die Seite der Revolution gestellt, haben die Revolutionirung Polen’s mit der Unabhängigkeit Polen’s für unzertrennlich erklärt. In Paris, in Wien, in Berlin, in Italien, in Ungarn haben die Polen bei allen Revolutionen und Revolutionskriegen mitgekämpft, unbekümmert, ob sie gegen Deutsche, gegen Slaven, gegen Magyaren, ja ob sie gegen Polen kämpften. Die Polen sind die einzige slavische Nation, die von allen panslavistischen Gelüsten frei ist. Aber sie haben auch sehr gute Gründe dazu: sie sind hauptsächlich von ihren eignen slavischen sogenannten Brüdern unterjocht worden, und bei dem Polen geht der Russenhaß noch vor den Deutschenhaß, und mit vollem Recht. Daher aber, weil die Befreiung Polen’s von der Revolution unzertrennlich, weil Pole und Revolutionär identische Worte geworden sind, daher ist den Polen auch die Sympathie von ganz Europa, und die Wiederherstellung ihrer Nationalität ebenso sicher wie den Czechen, Kroaten und Russen der Haß von ganz Europa und der blutigste Revolutionskrieg des ganzen Westens gegen sie.

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Die östreichischen Panslavisten sollten einsehen, daß alle ihre Wünsche, soweit sie überhaupt erfüllbar, in der Herstellung der „östreichischen Gesammtmonarchie“ unter russischem Schutz erfüllt sind. Zerfällt Oestreich, so steht ihnen der revolutionäre Terrorismus der Deutschen und Magyaren bevor, keineswegs aber, wie sie sich einbilden, die Befreiung sämmtlicher unter Oestreich’s Czepter geknechteten Nationen. Sie müssen daher wünschen, daß Oestreich zusammenbleibe, ja, daß Galizien bei Oestreich bleibe, damit die Slaven die Majorität im Staat behalten. Die panslavistischen Interessen stehen hier also schon der Wiederherstellung Polen’s direkt entgegen; denn ein Polen ohne Galizien, ein Polen das nicht von der Ostsee bis an die Karpathen geht, ist kein Polen. Darum aber ist ein „slavisches Oestreich“ immer noch ebenfalls ein bloßer Traum; denn ohne die Suprematie der Deutschen und Magyaren, ohne die beiden Centren Wien und Budapesth fällt Oestreich wiederum auseinander, wie seine ganze Geschichte bis auf die letzten Monate beweist. Die Realisirung des Panslavismus würde sich demnach auf das russische Patronat über Oestreich beschränken müssen. Die offen reaktionären Panslavisten hatten daher ganz Recht, wenn sie sich an die Erhaltung der Gesammtmonarchie anklammerten; es war das einzige Mittel, irgend Etwas zu retten. Die sogenannten demokratischen Panslavisten waren aber in einem argen Dilemma; entweder Aufgebung der Revolution und wenigstens theilweise Rettung der Nationalität durch die Gesammtmonarchie, oder Aufgebung der Nationalität und Rettung der Revolution durch den Zerfall der Gesammtmonarchie. Damals hing das Schicksal der osteuropäischen Revolution von der Stellung der Czechen und Südslaven ab; wir werden es ihnen nicht vergessen, daß sie im entscheidenden Augenblick um ihrer kleinlichen Nationalhoffnungen willen die Revolution an Petersburg und Olmütz verrathen haben! Was würde man dazu sagen, wenn die demokratische Partei in Deutschland ihr Programm mit der Rückforderung von Elsaß, Lothringen und von dem, in jeder Beziehung zu Frankreich gehörigen Belgien eröffneten, unter dem Vorwande, daß dort die Majorität der Bevölkerung germanisch ist? Wie lächerlich würden sich die deutschen Demokraten machen, wollten sie eine pangermanistische deutsch-dänisch-schwedischenglisch-holländische Allianz zur „Befreiung“ aller deutschredenden Länder herstellen! Die deutsche Demokratie ist glücklicherweise über diese Phantastereien hinaus. Die deutschen Studenten von 1817 und 1830 trugen sich mit dergleichen reaktionären Schwärmereien herum und werden heute in ganz Deutschland nach Verdienst gewürdigt. Die deutsche Revolution kam erst zu Stande, die deutsche Nation fing erst an etwas zu werden, als man sich vollständig von diesen Futilitäten befreit hatte.

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Ebenso kindisch und reaktionär wie der Pangermanismus ist aber auch der Panslavismus. Wenn man die Geschichte der panslavistischen Bewegung des letzten Frühjahrs in Prag nachliest, so meint man dreißig Jahre zurück versetzt zu sein: trikolore Bänder, altfränkische Kostüme, altslavische Messen, vollständige Restauration der Zeit und der Sitten der Urwälder; die Swornost eine komplette Burschenschaft, der Slavenkongreß eine neue Auflage des Wartburgfestes; dieselben Phrasen, dieselbe Schwärmerei, derselbe Jammer nachher: „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ u. s. w. Wer dies berühmte Lied in slavische Prosa übersetzt lesen will, der lese Bakunin’s Broschüre. Gerade wie bei den deutschen Burschenschäftlern auf die Dauer die entschiedenste kontrerevolutionäre Gesinnung und der wüthendste Franzosenhaß und das bornirteste Nationalgefühl hervortrat, wie sie später Alle zu Verräthern an der Sache wurden, für die zu schwärmen sie vorgegeben – gerade so, nur rascher, weil das Jahr 1848 ein Revolutionsjahr war, löste sich bei den demokratischen Panslavisten der demokratische Schein sehr bald in fanatischen Deutschen- und Magyarenhaß, in indirekte Opposition gegen die Wiederherstellung Polens (Lubomirski), und in direkten Anschluß an die Kontrerevolution auf. Und wenn einzelne aufrichtige slavische Demokraten jetzt den österreichischen Slaven zurufen, sie sollten sich der Revolution anschließen, die österreichische Gesammtmonarchie als ihren Hauptfeind ansehen, ja im Interesse der Revolution mit den Magyaren halten, so erinnern sie an die Henne, die am Rand des Teichs umherläuft in Verzweiflung über die jungen Enten, die sie selbst ausgebrütet und die ihr nun plötzlich auf ein wildfremdes Element entweichen, wohin sie ihnen nicht folgen kann. Machen wir uns übrigens keine Illusionen. Bei allen Panslavisten geht die Nationalität, d. h. die phantastische, allgemeinslavische Nationalität vor der Revolution. Die Panslavisten wollen sich der Revolution anschließen unter der Bedingung, daß es ihnen gestattet werde, alle Slaven ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf die materiellsten Nothwendigkeiten in selbstständige slavische Staaten zu konstituiren. Hätten wir Deutschen dieselben phantastischen Bedingungen stellen wollen, wir wären im März weit gekommen! Die Revolution aber läßt sich keine Bedingungen stellen. Entweder ist man revolutionär, und acceptirt die Folgen der Revolution, sie seien welche sie wollen, oder man wird der Contrerevolution in die Arme gejagt und findet sich, vielleicht ganz wider Wissen und Willen, eines Morgens Arm in Arm mit Nikolaus und Windischgrätz. Wir und die Magyaren sollen den östreichischen Slaven ihre Selbstständigkeit garantiren – so verlangt Bakunin, und Leute von dem Kaliber eines Ruge sind kapabel, ihm solche Versprechungen unter vier Augen

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wirklich gemacht zu haben. Man verlangt von uns und den übrigen revolutionären Nationen Europa’s, wir sollen den Heerden der Contrerevolution dicht an unsrer Thür eine ungehinderte Existenz, freies Verschwörungs- und Waffenrecht gegen die Revolution garantiren; wir sollen mitten im Herzen von Deutschland ein kontrerevolutionäres czechisches Reich konstituiren, die Macht der deutschen, polnischen und magyarischen Revolutionen durch dazwischen geschobne russische Vorposten an der Elbe, den Karpathen und der Donau brechen! Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der contrerevolutionärsten Nationen Europa’s dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der Revolution der Czechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist, und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slavischen Völker die Revolution sicher stellen können. Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentrirt sind: in Rußland und den östreichischen Slavenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln. Und wenn Bakunin endlich ausruft: „Wahrlich, nichts einbüßen soll der Slave, sondern gewinnen soll er! Wahrlich, leben soll er! Und wir werden leben. So lange uns der kleinste Theil unsrer Rechte bestritten wird, so lange ein einziges Glied von unsrem gesammten Leibe abgetrennt oder losgerissen gehalten wird, so lange werden wir bis aufs Blut, werden wir unerbittlich auf Tod und Leben kämpfen, bis das Slaventhum endlich groß und frei und unabhängig in der Welt dasteht“ – wenn der revolutionäre Panslavismus diese Stelle ernstlich meint, und wo es sich um die phantastisch-slavische Nationalität handelt, die Revolution ganz aus dem Spiele läßt, dann wissen wir auch was wir zu thun haben. Dann Kampf, „unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod“ mit dem revolutionsverrätherischen Slaventhum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus – nicht im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution!

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Friedrich Engels Ungarn. 16. Februar 1849

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 223, 16. Februar 1849

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* P e s t h , den 8. Februar. Mischkolz ist wieder in den Händen der Un˙ ˙ ˙schon ganz Ungarn bereits so gut, wie erobert, garn. Wie oft war aber nämlich in den standrechtlichen Blättern! Wie viel Male hatte man bereits Kossuth gefangen genommen, nämlich in den Kroaten-Journalen und den Zeitungen des deutschen Blödsinns und des Schachergeistes? Der Reichstag in Debreczin war aufgelöst, nachdem er selbst zuvor die ungarische Armee aufgelöst hatte, an hundert magyarische Repräsentanten lagen schon Gnade flehend zu Füßen der Windisch-grätzigen Bestialität (des Spaßes halber vergleiche man auch die Dumontsche „Galgenzeitung“ in den Monaten December 1848 und Januar 1849, wo ˙ ˙ ˙Scharfrichter-Geheul ˙ ˙ ˙ unter der Bürger Schwanbeck sein östreichisches Firma Δ regelmäßig ertönen ließ). Und jetzt? Ach jetzt muß selbst die „Pesther Zeitung“, das offizielle Standrechtsblatt, Folgendes erklären: ˙ ˙ ˙ stachelt immerwährend das Volk zur Erhebung und „Er (Kossuth) zum Widerstande, zu Brand und Verwüstung auf, damit die königlichen Truppen keine Nahrung finden sollen. – Bem hat 20 000 Sättel verlangt und so läßt Kossuth von allen Einwohnern in der Runde sammeln. – Die Insurgenten noch an Zahl beträchtlich genug, sind längs der Theiß bei Rakamaz, Polgar und Tisza Füred aufgestellt.“ ˙˙ ˙ ˙ aus Hermannstadt vom 2. Februar melden, Eben eingehende Berichte ˙ ˙ ˙ ergriffen daß General Bem mit verstärkter Macht wieder die Offensive hat; Puchner befindet sich in großer Bedrängniß. Deputationen aus den sächsischen Städten bitten ihn, die russischen Truppen herbeizuziehen.

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Karl Marx Preußische Finanzwirtschaft unter Bodelschwingh und Konsorten

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 224, 17. Februar 1849

* K ö l n, 16. Februar. Der im März „entlassene“ Minister v. Bodel˙ ˙ ˙ aus seiner bisherigen Verborgenheit wieder an’s schwingh beeilt sich, Licht zu treten: v. Bodelschwingh ist zum Abgeordneten in die zweite Kammer erwählt. Eine würdige Wahl des Teltower Bauernvereins. Hat sich die demokratische Presse bisher mit den Exministern und anderen Exleuten wenig beschäftigt, so ist es jetzt Zeit, das frühere Treiben dieser Sorte von Menschen zu beleuchten. Wir rufen die Amtsführung des Herrn v. Bodelschwingh als Finanzminister unseren Lesern und dem Staatsanwalt in’s Gedächtniß zurück. Hr. v. Bodelschwingh wurde im Frühjahr 1842 Finanzminister und hat diesen Posten bis zum 3. Mai 1844 bekleidet. Er liebte es, von seiner Amtsführung zu sprechen. Er war ein Freund der „Eröffnungen“. So eröffnete er den ständischen Ausschüssen am 24. October 1842, daß „die Finanzen in Preußen einer beschränkten Oeffentlichkeit unterliegen, derjenigen nämlich, die durch die dreijährige Publikation des Staatshaushalts-Etats in der Gesetzsammlung herbeigeführt werde.“ Er erklärte ferner die Art und Weise, wie ein preußischer Staatshaushalts-Etat gemacht werde. Derselbe beruhe „in der Hauptsache auf Durchschnittsberechnungen aus den Verwaltungsresultaten der dem Zeitpunkte der Etatsfertigung vorangegangenen 3 Jahre“. Am 26. October eröffnete derselbe Hr. v. Bodelschwingh weiter, daß die Einnahmen in den letzten sieben Jahren um mehr als 51/2 Millionen Thaler gestiegen seien, und daß auf eine weitere Steigerung zu rechnen sei. (Staatszeitung Nro. 306 u. 307.) Damals mußte man dem Herrn Fi˙˙˙ nanzminister glauben, weil die „beschränkte Oeffentlichkeit“ die preußischen Finanzen mit einem undurchdringlichen Dunkel umgab. Jetzt muß man aber an der Wahrheit der damals vom Hrn. Finanzminister gegebenen Versicherungen mindestens zweifeln, weil die neuere Zeit manches über die frühere Finanzverwaltung offenbart hat.

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Die in der Gesetzsammlung veröffentlichten Finanzetats sollen auf den Durchschnittsberechnungen der Spezialetats der einzelnen Verwaltungszweige beruhen, die nach der wirklichen Einnahme der vorhergehenden 3 Jahre entworfen werden. Ist dies richtig, so muß jeder Etat der Gesetzsammlung den ungefähren Durchschnitt der wirklichen Einnahmen und Ausgaben der Vorjahre enthalten. Wo nicht, so ist der Etat nach der eigenen Erklärung des Herrn v. Bodelschwingh falsch, eine falsche öffentliche Urkunde. 1844 wurde in der Gesetzsammlung (S. 96) ein Etat veröffentlicht, den Herr v. Bodelschwingh gegengezeichnet hat. Dieser Etat schließt in der Einnahme sowohl als in der Ausgabe mit 57 677 194 Thalern ab. Auf so hoch mußte sich also die Durchschnitts-Einnahme und Ausgabe der vorhergehenden Jahre stellen. In der That war aber die Einnahme sowohl als die Ausgabe in den Vorjahren weit höher. Die Regierung hat später den Mitgliedern des ersten vereinigten Landtages die Resultate der Finanzverwaltung von 1840/46 mitgetheilt. Nach denselben betragen die Einnahmen die Ausgaben 1843 73 822 589 Thlr. 79 102 787 Thlr. 1842 73 876 338 ″ 75 269 431 ″ 1841 71 987 880 ″ 74 185 443 ″ 219 686 807 Thlr. 228 557 661 Thlr. Die richtige Durchschnittssumme der Einnahmen war also 73 228 953 Thlr., die der Ausgaben 76 186 553 Thlr. Herr v. Bodelschwingh hat also sowohl Einnahme als Ausgabe zu niedrig angegeben und zwar bei der Einnahme 15 551 737 Thlr., bei der Ausgabe 18 509 364 Thlr. jährlich verschwiegen. Diese Summen dürften sich freilich bei einer genauen Berechnung um Einiges ändern, insofern die dreijährigen Durchschnittsberechnungen der Spezialetats für die einzelnen Verwaltungszweige nicht bei jeder Etatsentwerfung durchaus neu gefertigt werden und über 1841 und zwar bis 1838 zurückreichen können. Eine bedeutende Verminderung der verschwiegenen Summen wird sich indeß dadurch nicht herausstellen; denn 1840 betrugen die Jahreseinnahmen abermals 71 059 475 Thlr. und die Ausgaben sogar 77 165 022 Thlr. Ueber die Jahre 1839 und 1838 fehlen uns offizielle Angaben. Da sich jedoch bei gleicher Finanzgesetzgebung und im Frieden die Einkünfte des Staates nicht plötzlich, sondern nur allmählig verändern, so kann man mit Bestimmtheit annehmen, daß die Staatseinnahmen 1838 und 1839 wenigstens 70 Millionen Thaler erreicht haben. Der Finanzetat des Herrn v. Bodelschwingh ist also wie wahrscheinlich viele seiner Vorgänger und seiner beiden Nachfolger bis 1848 falsch. Hr. v.

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Bodelschwingh mußte es wissen, daß er etwas Unrichtiges veröffentlichte. Ihm waren die wirklichen Verhältnisse des Staatshaushaltes nicht unbekannt. Die Abweichungen von der Wahrheit traten auch so stark hervor, daß der Regierungsrath Bergius in Breslau und nach ihm Bülow-Cummerow sogar, ohne die Rechnungen zu kennen, im Voraus öffentlich auf diese Unrichtigkeiten hingewiesen haben. Freilich, wäre Hr. v. Bodelschwingh mit der Wahrheit hervorgetreten, seine Eröffnungen und Reden vor den Ausschüssen der Provinziallandtage hätten eine andere Aufnahme erfahren. Er konnte renommiren bei der „beschränkten Oeffentlichkeit“ der preußischen Finanzen, wo ihn bei voller Oeffentlichkeit nur Schande und Vorwürfe erwartet hätten. Er sprach mit Wohlgefallen von der Steigerung der Einnahmen um 51/2 Millionen Thaler, verschwieg aber, daß die Ausgaben von 1840 bis 1843 die Einnahmen um 14 976 601 Thlr. überstiegen haben. Obgleich das Land in diesen 4 Jahren 290 746 082 Thlr. hatte aufbringen müssen, konnten diese großen Summen doch die übermäßigen Ausgaben von 305 722 683 Thlr. nicht decken. Solche Ausgaben ohne Krieg, ohne genügende Vertretung der industriellen und Handels-Interessen im Auslande, ohne Flotte, ohne namhafte Förderung des Ackerbaues und der Gewerbe im Inlande! Prachtbauten des Königs, Günstlinge unter den Beamten, Geschenke an Junker und Bureaukraten und die Armee mit ihren Paraden und Revüen, hatten dem Lande ungeheuere Summen gekostet. Nun freilich, Hr. v. Bodelschwingh war nicht der Mann, das einzugestehen. Er machte also einen falschen Etat, um das Volk zu überreden, daß weniger eingenommen und weniger ausgegeben werde. Die Anfertigung falscher Etats ist und bleibt aber ein mißliches Unternehmen. Die preußischen Gesetze verordnen schwere Strafen für dergleichen Amtsvergehen. Die in der Gesetzsammlung veröffentlichten Finanzetats sind nämlich öffentliche Urkunden. Daran wird Niemand zweifeln. Für die Ausstellung falscher öffentlicher Urkunden von Seiten der Staatsbeamten, hat das preußische Landrecht zwar keine besondern Strafe festgesetzt. Ein Rescript vom 3. Juni 1831 (v. Kamptz’ Jahrbücher Band 37, Seite 407) verordnet aber, daß gegen dergleichen Handlungen ˙ ˙Strafen ˙ ˙des ˙˙ ˙ Betruges und beziehungsweise der Amtsvergehen zur Andie wendung kommen. Die preußischen Gerichte haben seither auch danach erkannt. Ueber Amtsvergehen bestimmt das preußische Landrecht, Theil II, Titel 20, § 333 nämlich: „Wer den Vorschriften seines Amtes vorsätzlich zuwider handelt, der soll sofort kassirt, außerdem nach Beschaffenheit des Vergehens und des verursachten Schadens mit verhältnißmäßiger Geld-, Gefängniß- oder Festungs-Strafe belegt und zu allen öffentlichen Aemtern unfähig erklärt werden.“

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Kassation, Unfähigkeitserklärung zu allen öffentlichen Aemtern nebst Geld- oder Freiheitsstrafe ist es also, was nach den Gesetzen den Fertiger falscher Etats erwartet. – Falls sich Herr v. Bodelschwingh von dem dringendsten Verdachte, einen falschen Etat veröffentlicht zu haben, nicht reinigen kann, ist es die Pflicht des Richters, diese Strafen über ihn zu verhängen. Wir fordern ihn und den Staatsanwalt auf, die Angelegenheit in’s Klare zu bringen. Die Geld-, Gefängniß- oder Festungsstrafe soll nach Beschaffenheit des verursachten Schadens bestimmt werden. Der Schaden, welchen Hr. v. Bodelschwingh in Gemeinschaft mit seinen Amtsvorgängern und Nachfolgern dem Lande zugefügt hat, ist so groß, ist von solchem Umfange, wie ihn nur Minister und sonstige höchstgestellte Personen einem ganzen Volke zufügen können. Wir wollen ihn hier seinem Betrage nach ermitteln, und bemerken dabei zugleich, daß wir bei dieser Gelegenheit sofort auf eine neue Amtsverletzung der Minister stoßen. Die Kabinetsordre vom 17. Januar 1820 setzt den Bedarf der Ausgaben für den preußischen Staatshaushalt auf 50 863 150 Thaler fest. Sodann heißt es wörtlich: „die vorstehend von Mir als Bedarf bei der laufenden Verwaltung angenommene Summe darf unter keinen Bedingungen erhöht werden. Die Chefs der einzelnen Verwaltungen sind Mir dafür persönlich und das ganze Staatsministerium insbesondere um so mehr verantwortlich, als die von mir bewilligte Summe im Ganzen zu den in den bisherigen Etatsnachweisungen angegebenen Zwecken ausreichen wird.“ Was unter dem „Bedarf der laufenden Verwaltung“ verstanden ist, ergiebt der weitere Zusammenhang klar und deutlich, indem der „laufenden Verwaltung“ die Staatsschuldenverwaltung entgegengesetzt ist. Ausgaben der laufenden Verwaltung sind alle diejenigen Zahlungen aus der Staatskasse, die nicht zu der Verzinsung oder Tilgung der Staatsschuld verwendet werden. Sie sollen, wie wir gesehen haben, nach der Kabinetsordre vom 17. Januar 1820, die noch heute nicht aufgehoben ist, niemals die Summe von 50 863 150 Thalern übersteigen. Die Kabinetsordre ist in der Gesetzsammlung von 1820 publizirt, und es ist nie bezweifelt worden, daß vor der Erklärung des konstitutionellen Königthums der Art publizirte Ordres in Preußen Gesetzeskraft hatten. Jede Ueberschreitung der gesetzlich bestimmten Summe ist also eine Gesetzwidrigkeit, ein Amtsvergehen der Minister. Die dem ersten Vereinigten Landtage mitgetheilten Rechnungen über den Staatshaushalt für 1840/46 und die der nunmehr aufgelösten Nationalversammlung vorgelegten Uebersichten über die Resultate der Finanzverwaltung im Jahre 1847 liefern den Beweis, daß sämmtliche Minister von 1840 bis 1847 in jedem Jahre ihre Pflicht verletzt haben. Sie

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haben in jedem Jahre mehr und zwar bedeutend mehr bei der laufenden Verwaltung ausgegeben, als ihnen gesetzlich zustand. Wir wollen hier des besseren Zusammenhanges wegen nicht mehr von Herrn v. Bodelschwingh allein, sondern von sämmtlichen Finanzministern seit 1840 bis 1847 sprechen. Namentlich sind das gewesen: Graf Alvensleben von 1835 bis 1842, v. Bodelschwingh von 1842 bis 1844, Flottwell vom 3. Mai 1844 bis zum 16. August 1846 und v. Düesberg seit dieser Zeit bis zum Sturze des Ministeriums durch die Märzrevolution. Alle diese Minister sind gleichmäßig betheiligt. Die einfache Darstellung der Thatsachen wird es klarmachen, wie durch eine Reihenfolge pflichtvergessener höchster Beamten der beginnende Wohlstand eines Landes ruinirt wird. Die laufende Ausgabe, d. h. die Jahresausgabe nach Abzug des auf die Staatsschulden verwendeten Antheiles konnte, wie wir gesehen haben, gesetzlich nicht mehr als 50 863 150 Thlr. betragen. 1840 sind aber ausgegeben Davon gehen ab: a) zur Schuldentilgung b) die angeblich zum Staatsschatz abgelieferten

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613 457 Zusammen Es bleibt also Ausgabe der laufenden Verwaltung Es sind hiernach in diesem Jahre ungesetzlich verausgabt. 1841 sind ausgegeben und davon für die Staatsschulden und zum Staatsschatze Also für die laufende Verwaltung Mithin mehr als die ungesetzlichen 1842 sind ausgegeben Davon ist nichts in den Staatsschatz abgeführt, und für die Staatsschulden sind verwendet. Laufende Ausgaben bleiben also Mithin mehr als gesetzlich 1843 ist die Ausgabe Für den Staatsschatz und für die Staatsschulden sind verwendet Die Ausgabe der laufenden Verwaltung betrug hiernach Ueber den gesetzlichen Betrag von

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9 192 802 Thlr. 20 67 972 220 Thlr. 17 109 070 Thlr. 74 185 443 Thlr. 25

14 419 563 Thlr. 59 765 880 Thlr. 50 863 150 Thlr. 8 902 230 Thlr. 75 269 431 Thlr. 30 8.684 865 Thlr. 66 584 566 Thlr. 15 721 416 Thlr. 35 79 102 787 Thlr. 8 261 981 Thlr. 70 840 806 Thlr. 50 863 150 Thlr.

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ausgegeben 1844 beträgt die Ausgabe Davon gehen ab für den Staatsschatz und zur Schuldenverzinsung und Tilgung ˙ ˙ 5 so daß laufende Ausgaben bleiben das heißt mehr als die 1845 beträgt die Ausgabe Zum Staatsschatz ist nichts abgeliefert. 10 Auf die Staatsschulden sind verwendet Die laufende Ausgabe ist also Mithin mehr als die gesetzlichen

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1846 sind die Ausgaben Zum Staatsschatze ist nichts abgeführt, und auf die Staatsschulden sind verwendet Ausgaben der laufenden Verwaltung bleiben Also mehr als die gesetzlichen

1847 haben die Ausgaben betragen. Davon kommen in Abzug 6 207 650 als Ausgaben zur Abhilfe der Noth und 7 209 192 für das St.-Sch.-Wesen, zus. Es bleiben also Ausgaben der laufenden Verwaltung 25 Mithin mehr als die gesetzlichen 20

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19 977 656 Thlr. 78 243 308 Thlr. 9 252 605 Thlr. 68 990 703 Thlr. 50 863 150 Thlr. 18 127 553 Thlr. 77 903 361 Thlr. 7 267 082 Thlr. 70 636 279 Thlr. 50 863 150 Thlr. 19 773 129 Thlr. 78 562 335 Thlr. 7 423 831 Thlr. 71 138 504 Thlr. 50 863 150 Thlr. 20 275 354 Thlr. 80 392 730 Thlr.

13 416 842 Thlr. 66 975 888 Thlr. 50 863 150 Thlr. 16 112 738 Thlr. Summe 135 999 646 Thlr.

Fast E i n h u n d e r t s e c h s u n d d r e i ß i g M i l l i o n e n T h a l e r sind in den letzten 8 Jahren unter der Verwaltung der Minister Alvensleben, Bodelschwingh, Flottwell und Düesberg u n g e s e t z l i c h e r We i s e aus den Staatsgeldern, d. h. aus dem Vermögen des Volkes, aus dem Erwerbe des Armen verschleudert! Und diese Leute gehen herum mit Stern und mit Orden, bekleiden, wie Flottwell, noch hohe Staatsämter! Jüngst kam es in der Tagespresse zur Sprache, daß ein Justiz-Kommissarius – er galt für einen Demokraten – gefänglich eingezogen wurde, weil er beschuldigt war, 50 Thaler nicht gehörig abgeliefert zu haben. 50 Thaler und 136 Millionen. Mag es sein, daß die 1820 festgesetzte Summe den Staatsbedürfnissen in neuerer Zeit nicht mehr entsprechend war. Dann hätte die Regierung aber offen hervortreten und gesetzlich einen neuen Etat feststellen müs-

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sen. Das mochte, das wagte sie aber nicht. Sie mochte es nicht wegen ihrer absolutistischen Gelüste, sie wagte es nicht, weil sie sich scheuen mußte die Finanzverwaltung offen zu legen. Revuen mit der Königin Victoria, Kindtaufen, Hochzeiten, Kirchen, Bisthum Jerusalem, die alten, halbvergessenen Schriften Friedrich II., Ritterschlösser, Helme, Gardelieutenants, Junker, Pfaffen und Büreaukraten u. s. w. u. s. w., welche Rolle diese Volksplagen bei den preußischen Finanzen spielen und gespielt haben – das frommt dem Volke nicht zu wissen. Also heimlich wurde die preußische Wirthschaft fortgesetzt und die Minister wurden selbst vor dem positiven Gesetze zu Verbrechern. Freilich haben sie noch keinen Richter gefunden. Wie die preußische Finanzwirthschaft unter Friedrich Wilhelm IV. die ˙˙ ˙ ˙ ˙ erschöpft, geht aus folgender Uebersicht hervor. Kräfte der Staatskassen ˙ ˙16˙ ˙949 ˙ 157 Thlr. 1840. Bestand der Vorjahre 71 059 475 ″ Jahreseinnahme Zusammen 88 008 632 ″ Davon ab die Jahresausgabe 77 165 022 ″ Bleibt Bestand 10 843 610 ″ 1841. Bestand der Vorjahre 10 843 610 ″ Jahreseinnahme 71 987 880 ″ Zusammen 82 831 490 ″ Davon ab die Jahresausgabe mit 74 185 443 ″ Bleibt Bestand 8 646 047 ″ (Der von Alvensleben gefertigte Etat in der Gesetz-Sammlung schließt mit 55 867 000 Thlr. in der Einnahme und Ausgabe ab!) 1842. Bestand der Vorjahre 8 646 047 ″ Jahreseinnahme 73 876 338 ″ Zusammen 82 522 385 ″ Jahresausgabe 75 269 431 ″ Bleibt Bestand 7 252 954 ″ 1843. Bestand der Vorjahre 7 252 954 ″ Jahreseinnahme 73 822 589 ″ Zusammen 81 075 543 ″ 79 102 787 ″ Jahresausgabe Bleibt Bestand 1 972 756 ″ 1844. Bestand der Vorjahre 1 972 756 ″ Jahreseinnahme 75 976 613 ″ Zusammen 77 949 369 ″ Jahresausgabe 78 243 308 ″

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Defizit von 293 939 ″ Jahreseinnahme 77 025 034 ″ Davon ab das Defizit von 1844 293 939 ″ Bleiben 76 731 095 ″ Jahresausgabe 77 903 361 ″ Also Defizit 1 172 266 ″ 1846. Jahreseinnahme 75 721 698 ″ Davon ab das Defizit von 1845 1 172 266 ″ Bleibt 74 549 432 ″ 78 562 335 ″ Jahresausgabe Also Defizit 4 012 903 ″ (Der erste vereinigte Landtag wird durch das Patent vom 3. Februar einberufen. Er bewilligt aber keinen Kredit.) 1847. Jahreseinnahme 79 518 543 ″ 4 012 903 ″ Davon ab das Defizit von 1846 Bleibt 75 505 640 ″ 80 392 730 ″ Die Jahresausgabe beträgt Also Defizit 4 887 090 ″ Um die nothwendigsten Ausgaben zu bestreiten, werden 4 000 000 Thaler aus dem Staatsschatze entnommen und dadurch wird die Einnahme auf 83 518 543 Thlr. gebracht. Also mit einem Defizit in der Generalstaatskasse und mit der Ausleerung des Staatsschatzes hat die alte Verwaltung das Jahr 1848 begonnen. Der Kassenbestand hat sich in den 8 Jahren 1840/47 von 16 949 157 auf ein Defizit von 4 887 090, also um 21 836 247 Thlr. vermindert. Die Einnahmen haben in den 8 Jahren betragen 598 988 170 Thlr. 620 824 417 Thlr. Die Ausgaben Defizit also genau die eben berechnete Summe von 21 836 247 Thlr. Diese Verminderung der Bestände ist nicht fortzuleugnen, wenn die Regierung sie auch zu verdecken sucht, indem sie Einnahme- und Ausgabe-Reste von einem Jahre zum andern überträgt und zwar in solcher Weise, daß, wo schon ein Defizit ist, noch ein scheinbarer Aktivbestand in den Rechnungen aufgeführt ist. Also im „Frieden“, bei der „Ruhe“, bei der „Ordnung“ waren die preußischen Finanzen durch die preußische Regierung ruinirt. Als die Bewegungen des Jahres 1848 kamen und der Geldmarkt litt, konnte der Staat den Privaten keine Stütze sein, sondern mußte in dieser gedrückten Zeit zu seinem Fortbestehen neue Opfer fordern. Die Herren Bourgeois haben sich dafür bei den preußischen Exministern und ihren Helfershelfern zu bedanken. Hätten diese keine Ungesetzlichkeiten im Amte begangen, so wären statt des Defizits 136 Millionen Thaler baares Geld vorhanden gewesen und der Kredit hätte 1845.

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dann gehalten werden können. Dies ist der verursachte Schaden, von welchem der §. 333 des preußischen Kriminalrechts spricht. Defizit in der Generalstaatskasse, und welche Einnahmen! Wir haben bei jedem Jahre eine Einnahme von über 71 bis gegen 80 Millionen gefunden. Das sind aber nur die Netto-Einnahmen, das sind die Ueberschüsse der verschiedenen Spezialverwaltungen nach Abzug der Verwaltungskosten. Bei den Steuern, beim Zoll, bei der Post, den Forsten etc. sind alle diese Verwaltungszweige treffenden Gehälter, Bureaukosten u. s. w. vorweg abgezogen und nur der verbleibende Rest ist in Einnahme gestellt. Und doch hat das Land die Gehälter und Bureaukosten für die Steuer-, Forst-, Post- u. s. w. Beamten eben so gut wie die Gratifikationen und Geschenke an die Oberpräsidenten und kommandirenden Generale aufbringen müssen. Diese vorweg abgezogenen Verwaltungskosten sind im Etat für 1847 auf 20 887 541 Thlr. veranschlagt. Rechnet man diese hinzu, so haben die jährlichen Einnahmen zwischen 90 und 100 Millionen, die jährlichen Ausgaben sogar bis über 100 Millionen Thaler betragen. Solche Summen brachte das Volk auf und dafür leere Staatskassen! Die Kabinets-Ordre vom 17. Januar 1820 enthielt, wie wir gesehen, eine Vorschrift für die Amtsverwaltung der Minister. Herr v. Bodelschwingh hat dieser Vorschrift, man kann es nicht anders annehmen, mit Wissen und Willen entgegengehandelt. Er ist also der Strafe des oben bereits angeführten §. 333, Titel 20, Theil II. des preußischen Landrechtes ˙˙ verhängt über ihn Kassation, ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Geld- oder abermals verfallen. Das Gesetz Festungsstrafe und die Unfähigkeitserklärung zu allen öffentlichen Aemtern. Da der Schaden, den er dem Lande verursacht hat, der größesten Art ist, muß auch die höchste gesetzlich zulässige Freiheitsstrafe gegen ihn zur Anwendung kommen. Die Exminister v. Alvensleben, Flottwell und v. Düesberg befinden sich in ganz gleicher Lage. Daß diese Herren Exminister den dem Lande zugefügten Schaden, d. h. die ungesetzlicher Weise verausgabten 136 Millionen Thaler dem Lande zu ersetzen verpflichtet sind, folgt schon aus den Civilgesetzen. Hiezu verordnet das Strafrecht nach §. 341, Titel 20, Theil II. preußischen ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Landrechts: „So oft ein Beamter den durch vorsätzliche Pflichtwidrigkeit dem Staate oder einem dritten verursachten Schaden nicht erstatten kann, soll derselbe nach ausgestandener Strafe so lange in einer öffentlichen Anstalt zur Arbeit angehalten werden, bis der Ersatz des Schadens auf eine oder die andere Art geleistet ist.“

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Preußische Finanzwirtschaft unter Bodelschwingh und Konsorten

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Noch eine Kleinigkeit! An Verwaltungsüberschüssen wurden zum Staatsschatz abgeliefert: Aus der Verwaltung von 1840 613 457 Thlr. ″ ″ ″ ″ 1841 2 837 000 ″ ″ ″ ″ ″ 1843 1 000 000 ″ ″ ″ ″ ″ 1844 2 000 002 ″ zusammen 6 450 459 Thlr. Nach den Rechnungen über den Staatsschatz sind aber seit dem 1. Julius 1840 nur 6 423 332 Thlr. aus den Verwaltungsersparnissen in die Staatsschatzkasse abgeführt. Bei der Generalstaatskasse sind also 27 127 Thlr. mehr in Ausgabe auf den Staatsschatz gestellt, als bei diesem eingegangen. Herr v. Alvensleben, Herr v. Bodelschwingh, Herr Flottwell und Herr v. Düesberg, wo sind die 27 127 Thlr. geblieben? Sie sind doch nicht etwa unterschlagen? Wird sich für die Herren Exminister ein Staatsanwalt und ein Richterkollegium finden? Einstweilen ist Herr v. Bodelschwingh Mitglied der II. Kammer!

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Karl Marx Anton Gladbach

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 224, 17. Februar 1849

* K ö l n, 16. Februar. Gestern erschien Hr. Gladbach, Abgeordneter zur ˙ ˙˙ aufgelösten Nationalversammlung, vor dem Instruktionsrichter beim hiesigen Landgericht. Die Untersuchung gegen ihn und die übrigen Abgeordneten erstreckt sich auf fünf verschiedene Punkte. Gladbach wurde namentlich befragt: ob er an dem Beschlusse wegen der Steuerverweigerung Theil genommen; ob er Aufforderungen zu seiner Vollziehung verbreitet, und an wen er sie geschickt; und endlich: wer von den Abgeordneten dabei besonders thätig gewesen sei! Gladbach verweigerte natürlich jede gerichtliche Auslassung über Angelegenheiten, die sich auf seine Thätigkeit als Abgeordneter bezögen, aufs Entschiedenste. Wir sind begierig zu sehen, ob man wagen wird, einen so monströsen Prozeß vor rheinische Geschworne zu bringen. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß, wie wir aus guter Quelle hören, Hr. Aldenhoven die Wahl in Neuß angenommen und auf die in den Kreisen Mülheim und Köln (Landkreis) verzichtet hat. In diesem Falle wird – wahrscheinlich am 22. d. – in Deutz eine neue Wahl stattfinden. Wir wiederholen: die Ehre der beiden Kreise erfordert, daß sie jetzt Gladbach nach Berlin senden und zwar mit möglichst großer Majorität. Gladbach, einer der talentvollsten, entschiedensten und selbst für die schaamloseste Contrerevolution unangreifbarsten Steuerverweigerer, darf um keinen Preis in der Kammer fehlen. Wir fordern alle freisinnigen Wahlmänner auf, für Gladbach, und für keinen Andern zu stimmen.

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Karl Marx Der Steuerverweigerungsprozess

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 225, 18. Februar 1849

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* K ö l n, 17. Februar. Von den verschiedensten Seiten her haben die auswärtigen Abonnenten der „N. Rh. Z.“ uns aufgefordert, die Debatten des Steuerverweigerungsprozesses ausführlich mitzutheilen. Der Raum unseres Blattes hat uns bisher nicht gestattet, diesem Wunsche zu entsprechen. Wir hoffen in der Montagsnummer (statt deren diesmal wegen des Carnevals die Dienstagsnummer ausfallen wird) die besagten Debatten mittheilen zu können.

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Karl Marx / Friedrich Engels Saedt

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 225, 18. Februar 1849

* K ö l n, 17. Februar. Jeder Marktflecken hat seinen esprit fort; das Köl˙ ˙ den Seinigen. Der esprit fort des Kölnischen Parnische Parket hat ˙auch kets ist ein gewisser – Saedt. Homo novus atque ignotus. (zu Deutsch: ein tiefer Denker.) Es gibt eine doppelte Keckheit, eine Keckheit der Ueberlegenheit; es gibt eine Keckheit der Geistesbeschränktheit, die aus ihrer amtlichen Stellung, aus dem Bewußtsein, daß sie mit privilegirten Waffen kämpft und dergleichen ihre Kraft schöpft. Welche von beiden Ueberlegenheiten ˙ ˙ esprit ˙ ˙ ˙fort ˙˙ ˙ ˙ ˙des Kölnischen Parkets in seinem Requisitorium von geder stern Nachmittag gegen Kinkel entwickelt hat, wird das Publikum entscheiden, sobald ihm die Verhandlungen vorliegen. Es wird zugleich erwägen, daß Hr. Saedt noch jung ist. Wir wüßten es aber nicht mit unserer publizistischen Aufgabe zu vereinen, einen Ausspruch unseres esprit fort dem europäischen Publikum länger vorzuenthalten. Wir wissen, daß der Demosthenes des Kölnischen Parkets den anzuführenden Passus durch eine nachträgliche Interpretation gut zu machen suchte. Wir achten aber die ursprünglichen Eingebungen des aufwallenden Genius zu hoch, um dieselben durch den abschwächenden Kommentar einer nachgebornen Reflexion uns verkümmern zu lassen. Hr. Saedt, Substitut des Staatsprokurators, sprach: Zu Deutsch: „Sie dürfen Alles was ich sage, widerlegen, aber Sie dürfen meinen Vortrag nicht kritisiren.“ Zu Französisch: M. Saedt, substitut du procureur du roi, s’adressant a` l’accuse´: « Libre a` vous de re´futer tout ce que je viens de dire, mais il ne vous appartient pas de critiquer le re´quisitoire d’un substitut du procureur du roi. » (Avis a` la « Re´forme », la « Re´publique » et a` la « Re´volution ».)

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Zu Englisch: The queen’s counsel, Mr. Saedt to the defendant: “You may refute all I say, but you have no right to criticise my speech.” (N. B. Our English contemporaries, principally the Northern Star, are requested to publish the above). Zu Italienisch: Sig. Saedt, accusatore publico, replico`: «Dite quanto volete in rifutazione di questo che ho detto, ma vi e` difeso di criticare il mio requisitorio.» (Avviso all’ „Alba“, al «Contemporaneo» ed alla «Concordia».) Zu Spanisch: El fiscal, Sennor Saedt, dijo, hablando al acusado: «Sennor, Vmd puede refutar todo que ho dicho; pero el que vengo de decir por requisitorio, es defendido de tocarlo.» (Pregamos los jornales radicales de Madrid de publicar esas lineas). Zu Dänisch: „De kunne gjensige alt hvad jeg siger, men De have intet Ret at kritisere mit Requisitoire (Angreb).“ (De danske demokratiske Tidender ville vaere meget glaedt at meddele det danske Publikum den foregaaende Bewiis af de preussiske Magistraters Sundhed.) Hr. Saedt möge selbst entscheiden, in welcher Sprache sein Ausspruch am heitersten lautet.

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Karl Marx Dreigestirn gegen Dreieck

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 225, 18. Februar 1849

* K ö l n, 16. Februar. Vor einigen Tagen trösteten wir den Δ-Leitartikel der „Kölnischen Zeitung“, der in den Wahlen zur zweiten Kammer (siehe Nr. 33 der Kölnischen Ztg.) die Niederlage des „großen Centrums“ teut˙˙ ˙zwei ˙ ˙ ˙ Kammern vor sich erblickte, wovon die eine noch scher Nation und nicht konstitutionell, die andere noch nicht monarchisch sein werde. „Von den entgegengesetzten Polen – werden dann die Stürme losgehen, eine abgethane Vergangenheit wird mit einer fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft streiten.“ Und was wird werden aus dem „Centrum teutscher Nation?“ So jammerte Schwanbeck. Brüggemann, der dreigesternte, stürmt von „entgegengesetztem Pole“ auf seinen Freund in der heutigen Nummer selbiger „Kölnischen Zeitung“. Kein Centrum, sagt der Mann des Rechtsbodens, der lebenslustige Mann, der den jedesmaligen status quo mit feierlichem Pendantismus zu einem unsterblichen Prinzipe erhebt, kein Centrum, das ist der Humor davon. Kein Centrum, das ist keine Feigheit, keine Unentschiedenheit, kein hohler Ehrgeiz! Kein Centrum – das ist die Doktrin davon! Centrum wird künftig in „wahre“ Linke und „wahre“ Rechte sich auflösen! Das ist die wahre Notiz davon. So der „wahre“ Mann der „wahren“ Entschiedenheit, der Brüggemann. In andern Worten: Brüggemann setzt sich aus dem Centrum auf die Rechte: die „parlamentarische Korrespondenz“ hat ihn zum Parlamentiren gebracht. Wir zittern für die Rechte. Das schwermüthige nachtgedankenhinsterbende Δ aber mag sich mit dem lebenslustigen Dreigestirn auseinandersetzen. C ¸ a ne nous regarde pas!

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Friedrich Engels Der Wiener Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 225, 18. Februar 1849

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* K ö l n , 17. Februar. Ein Räthsel weniger in der Weltgeschichte! Hr. ˙ ˙˙ Schwanbeck, Δ Redakteur der „Kölnischen Zeitung“, der gleichzeitig aus Wien unter dem ΔΔ Zeichen in derselben „Kölnischen Zeitung“ korre++ spondirt, hat bekanntlich unter beiden Firmen die Magyaren so lange als möglich verläumdet, der Feigheit und Niederträchtigkeit geziehn, nicht blos geschlagen, sondern wiederholt vernichtet und den standrechtlichen Einzug der Gesammtarmee in die verschiedenen Städte und Comitate Ungarns dithyrambisirt. Hr. Schwanbeck löst nun selbst das Räthsel; gleich Achilles kann unser Schwanbeck nur selbst die Wunden heilen, die er geschlagen. Und die Lösung des Räthsels? – Die Furcht vor Welden. Daher die Besudlung der Wiener und Magyaren, die erbärmlichen Lügen in Betreff der östreichischen Waffenerfolge, das Schwanzwedeln und Liebäugeln mit Kroaten und Panduren. Denn, sagt der berühmte Schwanbeck, denn, sagt er: „Man wurde ja bis jetzt förmlich Lügen gestraft und vom Gouverneur Baron Welden mit dem Ehrentitel eines böswilligen Buben beehrt, wenn man an den siegreichen Fortschritten der kaiserlichen Armee an allen Punkten der Monarchie zu zweifeln wagte.“ (Nr. 40 der Kölnischen Ztg.) ˙˙ ˙˙ ˙ Zeitung“ ˙˙˙ Aus Respekt vor Welden mußten die Leser der „Kölnischen zwei Monate durch in den ΔΔ Wiener Korrespondenzen über den un++ garischen Krieg belogen und betrogen werden. Göthe sagte in Bezug auf Pustkuchen: „Hat doch der Walfisch seine Laus, muß ich auch meine haben.“ Dasselbe kann Kossuth von Schwanbeck sagen.

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Friedrich Engels Die „Kölnische Zeitung“ über den magyarischen Kampf

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 225, 18. Februar 1849

* K ö l n , 17. Februar. „Ich habe nun den Grund gefunden, Worin mein Anker ewig hält“ – singt der tapfere Schwanbeck mit dem protestantischen Gesangbuch. Der entrüstete Tugendheld tritt, trotz der „östreichischen Note“ und dem „Gefühl tiefster Entrüstung“, endlich auch auf der ersten Seite der Kölnischen Ztg. für Windischgrätz auf. ˙˙Man ˙ ˙ ˙ ˙ höre: „Die sogenannte demokratische Presse in Deutschland hat in dem östreichisch-ungarischen Kampfe Partei für die Magyaren genommen ... Seltsam genug allerdings! Die deutschen Demokraten auf der Seite jener hochadligen Kaste, für welche ihre eigene Nation, trotz des 19. Jahrhunderts, nie aufhörte, die misera contribuens plebs zu sein, die deutschen Demokraten auf Seiten der anmaßendsten Volksunterdrücker!“ Wir erinnern uns nicht genau, ob wir das Publikum bereits auf eine eigenthümliche Eigenschaft des tapfern Schwanbeck aufmerksam gemacht haben, nämlich darauf, daß er gewohnt ist, lauter Nachsätze ohne Vordersätze zu machen. Der obige Satz ist einer dieser Nachsätze, deren Vordersatz das Licht der Welt nicht erblickt hat. Und wären die Magyaren eine „hochadlige Kaste“ der „anmaßendsten Volksunterdrücker“, was bewiese das? Ist Windischgrätz, der Mörder Robert Blum’s, darum ein Haar breit besser? Wollen die Ritter der „Gesammtmonarchie“, die speziellen Feinde Deutschlands und Freunde Schwanbeck’s, die Windischgrätz, Jellachich, Schlick u. s. w. etwa die „hochadlige Kaste“ unterdrücken, die Freiheit des bäuerlichen Grundeigenthums einführen? Kämpfen die Kroaten und Czechen etwa für die rheinische Parzellirung und den Code Napole´on?

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Die „Kölnische Zeitung“ über den magyarischen Kampf

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Als im Jahr 1830 die Polen gegen Rußland sich erhoben, war da die Rede davon, ob hier bloß eine „hochadlige Kaste“ an der Spitze stand? Es handelte sich damals zuerst um die Vertreibung der Fremden. Ganz Europa sympathisirte mit der „hochadligen Kaste“, die allerdings die Bewegung eröffnete; denn die polnische Adelsrepublik war immer ein Riesenfortschritt gegen die russische Despotie. Und war nicht der französische Census, das Monopol der 250 000 Wähler von 1830, der Sache nach eine ebenso große politische Knechtung der misera contribuens plebs wie die polnische Adelsherrschaft? Nehmen wir an, die ungarische Märzrevolution sei eine reine Adelsrevolution gewesen. Hat darum die östreichische „Gesammt“-Monarchie das Recht, den ungarischen Adel und dadurch die ungarischen Bauern so zu unterdrücken, wie sie den galizischen Adel und durch ihn (vgl. die Lemberger Landtagsverhandlungen von 1818) die galizischen Bauern unterdrückt hat? Aber freilich, der große Schwanbeck ist nicht gezwungen zu wissen, daß der größte Theil des ungarischen Adels, gerade wie der größte Theil des polnischen Adels, aus bloßen Proletariern besteht, deren aristokratisches Privilegium sich darauf beschränkt, daß man ihnen keine Stockprügel appliciren darf. Der große Schwanbeck ist aber noch viel weniger gezwungen zu wissen, daß Ungarn das einzige Land ist, in dem die Feudal-Lasten für den Bauern seit der Märzrevolution gesetzlich und faktisch gänzlich aufgehört haben zu existiren. Der große Schwanbeck erklärt die Magyaren für eine „hochadlige Kaste“, für „anmaßendste Volksunterdrücker“, für „Aristokraten“ – und derselbe große Schwanbeck weiß nicht oder will nicht wissen, daß die magyarischen Magnaten, die Esterhazy’s u. s. w. gleich bei Beginn des Krieges desertirten und nach Olmütz zur Huldigung kamen, und daß gerade die „hochadligen“ Offiziere der magyarischen Armee vom Anfang des Kampfes bis heute, täglich neuen Verrath an der Sache ihrer Nation geübt haben! Oder warum ist die Majorität des Repräsentantenhauses noch heute bei Kossuth in Debreczin, während nur elf Magnaten sich dort befinden? Soweit der Schwanbeck der ersten Seite, der Leitdithyrambiker Schwanbeck. Aber der Mann der dritten Seite, der Mann, der Leopoldstadt sechsmal gestürmt, Eszek viermal genommen und die Theiß verschiedenemale überschritten hat, der Strategiker Schwanbeck mußte doch auch seine Revanche nehmen. „Aber nun nahm der Krieg einen kläglichen, wahrhaft jammervollen Fortgang. Unaufhaltsam, fast ohne Kampf wichen die Magyaren aus allen ihren Positionen; ohne Widerstand räumten sie selbst ihre feste Königsstadt, wichen vor Jellachichs Kroaten bis hinter die Theiß zurück.“

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„Fast ohne Kampf“ d. h. nachdem sie die Oestreicher von der Leitha bis zur Theiß zwei volle Monate aufgehalten, wichen sie „fast ohne Kampf“ zurück. Der gute Schwanbeck, der die Größe eines Feldherrn nicht nach seinen materiellen Resultaten sondern danach beurtheilt, wie viel Mann er sich hat todtschlagen lassen! „Ohne Widerstand räumten sie ihre feste Königsstadt!“ Nun muß man wissen, daß Ofen allerdings nach der Westseite hin befestigt ist, der Ostseite aber nicht. Die Donau war gefroren, sodaß die Oestreicher mit Roß und Wagen hinübermarschiren, Pesth besetzen und von da aus das wehrlose Ofen zusammenschießen konnten. Wenn Deutz nicht befestigt und der Rhein gefroren wäre, wenn demnach eine französische Armee bei Wesseling und Worringen über den Rhein marschirte, und bei Deutz 100 Kanonen gegen Köln aufpflanzte, so würde der kühne Schwanbeck dem Oberst Engels also den Rath geben, Köln bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Tapfrer Schwanbeck! Die Magyaren „wichen vor Jellachichs Kroaten bis hinter die Theiß zurück“. Und wird uns der große Schwanbeck bestreiten, daß diese „Kroaten“ aus 250–300 000 Mann bestehn, die Korps von Windischgrätz, Jellachich, Götz, Csorich, Simunich, Nugent, Todorovich, Puchner etc. etc., die unregelmäßigen Truppen an der Drau und im Banat eingerechnet? Und alles das sind „Jellachichs Kroaten“? Daß übrigens ein Schwanbeck, der selbst ein Stammverwandter der Kroaten und in der Geschichte und Geographie wenig zu Hause ist, für die Kroaten schwärmt, ist leicht begreiflich. Aber freilich: „auch wir sind weit entfernt, in den offiziellen Berichten aus dem östreichischen Hauptquartier gerade ein Evangelium zu sehn“. ˙˙ ˙ ˙ ˙ ˙ Im Gegentheil, Schwanbeck findet von Zeit zu Zeit in den Berichten z. B. Schlicks „eine Lücke, welche der Leser sich durch allerlei Vermuthungen ausfüllen muß, und es ist am Ende kein Wunder (!!) wenn diese Vermuthungen bedenklicher ausfallen als sie es sollten!!!“ „Auch Puchner haben wir in dem Verdacht, daß er seine Bülletins etwas zu rosenfarben zu halten pflegt. Nach ihnen wäre er im schönsten Siegeslauf gegen den ,RebellenGeneral‘. Da plötzlich lesen wir zu unsrer größten Verwunderung (!) einen Aufruf von ihm, worin er Sachsen und Walachen um Alles in der Welt beschwört doch noch Muth zu haben, da finden wir den geschlagenen Bem plötzlich vor Hermannstadt, mitten im Sachsenlande, und die armen Deutschen (!!) wissen sich endlich nicht anders zu helfen als Schutz bei den Russen zu suchen. Hier ist ein kleiner Konflikt zwischen den offiziellen Berichten und den Ereignissen, welcher nur der Ungenauigkeit (!!) der erstern zur Last fallen kann.“

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Der Bürger Schwanbeck gesteht daß die östreichischen Bülletins und ˙˙ ˙ ˙ ˙ über ˙ nach ihnen die Kölnische Zeitung aufs Unverschämteste die angeblichen Fortschritte der Oestreicher gelogen haben; wenn die Lüge nachher nicht mehr wegzuläugnen ist, so nennt der Wahrheitsfreund Schwanbeck das: „einen kleinen Konflikt zwischen den offiziellen Berichten und den Ereignissen“! „Wenn wir aber die österreichischen Armee-Berichte keineswegs als Orakel betrachten, so haben damit die magyarischen Siegesbülletins noch nicht das mindeste in unsern (mit den obigen „kleinen Konflikten“ beschäftigten) Augen gewonnen. Sie sind von der Phantasie diktirt und würden sich recht angenehm lesen, wenn sie nur nicht so entsetzlich lächerlich wären.“ Diese „Bülletins“ sind so „entsetzlich lächerlich“, daß sie bis jetzt Nichts behauptet haben als was der große Schwanbeck der Sache nach selbst zugeben muß. Oder ist Tokaj in den Händen Schlick’s? Ist ein einziger Oestreicher bei Szolnok über die Theiß gekommen? Sind die Kaiserlichen seit 14 Tagen auch nur einen Schritt weiter gekommen? Das 22. östreichische Bülletin, das uns so eben zukommt (siehe unten), ˙˙ ˙ ˙Es klärt wird dem Bürger Schwanbeck die Mühe ersparen zu antworten. uns darüber auf, daß die Oestreicher noch nicht einmal so weit sind, wie das 20. und 21. Bülletin behauptete. „Es ist einmal nicht anders: der Krieg in Ungarn geht mit Riesenschritten seinem Ende zu.“ Das ist klar. Schwanbeck hat es schon einmal vor 14 Tagen gesagt: „Der Krieg in Ungarn geht zu Ende. Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.“ Es war dies an demselben Tage, als er die Oestreicher zum ersten Male siegreich in Debreczin einrücken ließ. Seitdem sind 14 Tage verflossen, und trotzdem daß die Magyaren „furchtbar aufgeschnitten haben“, sind die Oesterreicher noch immer nicht über die Theiß, geschweige in Debreczin. „Daß Bem’s Haufen durch die von allen Seiten herandringenden flüchtigen Schaaren der Ungarn zu einem Heere angeschwollen sind, dem die geringen kaiserlichen Streitkräfte in Siebenbürgen nicht gewachsen sind, kann Niemanden befremden.“ Durchaus nicht. Aber das kann uns befremden, wie von „von allen Seiten herandringenden flüchtigen Schaaren der Ungarn“ die Rede sein kann, solange die Ungarn die Linie der Theiß und der Marosz besetzt haben und der Bürger Schwanbeck trotz dem inbrünstigsten Gebete nicht einen einzigen Kaiserlichen hinüberschmuggeln kann; ferner, daß „flüchtige Schaaren“ plötzlich ein Heer bilden, ohne daß die Heere, die sie verfolgen, zugleich bei der Hand sind, um sie aus jeder neuen Position zu vertreiben. Aber freilich, der große Schwanbeck glaubt, daß die Ungarn,

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