Germanentum und Spätantike

Zu den bedeutendsten historischen Vorgängen in der Spätantike gehört das Eindringen der Germanen in die Mittelmeerwelt;

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German Pages 336 [352] Year 1965

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Polecaj historie

Germanentum und Spätantike

Table of contents :
Einleitung 5
Zur Rolle der Heermeister fränkischer Abstammung im späten vierten Jahrhundert 9
Alamannen im römischen Reichsdienst 30
Spanische Senatoren der spätrömischen und westgotischen Zeit 54
Der politische Zerfall des römischen Westens (455-476) 88
Die geschichtliche Stellung der ostgermanischen Staaten am Mittelmeer 101
Leowigild 134
Die Senatoren bei Gregor von Tours 192
Das spanische Westgotenreich und Byzanz 207
Studien zu den historisch-geographischen Grundlagen der Nibelungendichtung 246
Um die Grenze zwischen Antike und abendländischem Mittelalter 275
Nachwort 311
Namen- und Sachregister 313
Quellenverzeichnis 328
Verzeichnis der Abkürzungen 331
Abbildungsverzeichnis 334

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KARL FRIEDRICH S T R O H E K E R

GERMANENTUM UND SPÄTANTIKE

A R T E M I S VE RLA G Z Ü R I C H UND STUTTGART

A N D REA S ALFÖ LD I zum 27. August 1965

© 196J A R T E M I S V E R L A G S - A G Z Ü R I C H GENOSSENSCHAFTSDRUCKEREI ZÜRICH PRINTED IN SW ITZERLAND

EINLEITUNG

Zu den bedeutendsten historischen Vorgängen in der Spätantike gehört das Eindringen der Germanen in die Mittelmeerwelt; es be­ gleitet diese Epoche von den Anfängen bis zu ihrer Auflösung mit zunehmender Wirkung auf die Gesamtentwicklung. Die einstige Vorstellung, daß die Germanen das Römische Reich sozusagen im Frontalangriff zerstört hätten, ist wohl endgültig überwunden und hat einer differenzierteren Betrachtung Platz gemacht. Man sah in­ zwischen, wie umfassend und keineswegs nur auf kriegerische Be­ gegnungen beschränkt die Auseinandersetzung der spätrömischen Welt mit den war, wobei neben den Germanen auch die anderen Randvölker des Imperiums, vor allem die Iranier und die Hunnen, Beachtung fanden. Dieser langanhaltende Prozeß hatte nicht nur einschneidende Veränderungen im äußeren politi­ schen Bild, sondern auch starke Antriebe und Wandlungen im in­ neren Leben der Spätantike zur Folge. Von den Germanen ging in diesem Zusammenhang eine besonders nachhaltige geschichtliche Bewegung aus, weil sie im Gegensatz zu den anderen tief in das römische Reichsgebiet eindrangen und im Westen dann seit dem fünften Jahrhundert eigene Staatswesen errichten konnten. Ihre Rolle in diesem Geschehen wurde früher meist überbewertet heute herrscht eher die entgegengesetzte Tendenz vor. Dabei läßt sich der germanische Anteil an der Formung und Um ­ gestaltung der spätantiken Welt nicht auf einen Nenner bringen. Er spannt sich in weitem Bogen von den Soldaten und Feldherrn ger­ manischer Herkunft im römischen Reichsheer des vierten Jahrhun­ derts über die Wanderzüge ganzer Stammesverbände durch große Teile des Imperiums bis zu den neuen Staatengründungen mit ihren gemeinsamen, doch im einzelnen auch wieder verschiedenen Vor­ aussetzungen und Merkmalen. Aber auch in sich selbst stellten die

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EINLEITUNG

Germanen, als sie in diese enge Berührung mit der Spätantike tra­ ten, alles andere als eine Einheit dar. Zwischen den am Rhein und an der oberen Donau seit langem als Nachbarn des Römischen Rei­ ches lebenden Stämmen und den aus dem Osten und Norden neu herandrängenden Germanen gab es wesentliche Unterschiede, die sich auch historisch auswirkten. Nicht einmal die einzelnen germa­ nischen Stammesverbände, die in dieser Zeit handelnd hervortra­ ten, waren durchgehend feste Größen. Nur mit den dadurch be­ dingten Einschränkungen kann man vom dieser Epoche sprechen. Die Aufsätze, die in dieser Sammlung vereinigt sind, behandeln Themen, die in der einen oder anderen Weise die Auseinanderset­ zung der Germanen mit der spätrömisch-byzantinischen Welt vom vierten bis zum siebten Jahrhundert berühren. Für die Bezeichnung der Zeit und des Raumes, in denen sich diese Vorgänge abspielten, schien aus verschiedenen Gründen der längst eingebürgerte Begriff am besten geeignet zu sein. Vielleicht würde mancher Byzantinist auch hier den Terminus vorziehen1, doch dann bestünde die Gefahr einer falschen Akzentsetzung. Der Begriff erhielt seine Prägung nicht nur von der klassi­ schen Zeit Griechenlands und Roms her, woran sich diese Epoche als letzte noch antik und mittelmeerisch bestimmte anschließt, son­ dern zugleich auch mit dem Blick auf die weitere Entwicklung im Westen. Diese nahm - vor allem durch das Auftreten der Ger­ manen - eine andere Wendung als im byzantinischen Osten mit seinem unmittelbaren Fortleben antiker Traditionen in die Jahr­ hunderte des gleichzeitigen abendländischen Mittelalters hinein. Was in den westlichen Ländern an spätem provinzialrömischem Erbe noch unter der germanischen Herrschaft mitgestaltend fort­ wirkte, wandelte sich in dieser letzten Phase nicht plötzlich zum 1 Vgl. etwa F. Dölgcr, B yzZ 5 4,196 1,4 49 . Die Kontroverse geht weiter zurück; G.Rodenwaldt, Zur Begrenzung und Gliederung der Spätantike, ] d l 59/60, 1944/45, 84, stellte vom Standpunkt des klassischen Archäologen umgekehrt dazu fest: «Es würde wesentlich zur Klärung und zur Vermeidung von Irrtümern beitragen, wenn man die Bezeichnung erst für die Kunst des Mittelalters im griechischen Osten seit der sogenannten mittelbyzantinischen Renaissance anwenden würde.»

EINLEITUNG

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; zutreffend erscheint dagegen diese Kennzeich­ nung auch hier für jene Einflüsse, die besonders auf kulturellem Gebiet im sechsten und siebten Jahrhundert aus dem Bereich des Imperiums mit seinem Zentrum im Osten aufs neue bis in das west­ gotische Spanien und in das Merowingerreich ausstrahlten. Um des historischen Verständnisses dieser Vorgänge willen ist cs nicht überflüssig, solche terminologische Unterscheidungen zu treffen. Die vorliegende Sammlung will keine Gesamtdarstellung des Problemkreises «Germanentum und Spätantike» geben. Statt des­ sen enthält sie einerseits Abhandlungen zu größeren oder auch klei­ neren Ausschnitten, die der Bearbeitung wert zu sein schienen. Themen wie Theoderich d. Gr. und sein italisches Ostgotenreich oder die Vandalenherrschaft in Nordafrika, die schon öfter einge­ hend behandelt wurden, mag der Leser hier vermissen. Dagegen findet er Fragen aufgegriffen, die auf den ersten Blick mehr am Rande des diese Epoche bestimmenden Geschehens zu liegen schei­ nen. Aber gerade von ihnen aus ist vielleicht eine weitere Klärung der zur Diskussion stehenden Probleme möglich, weil sie zu den bisherigen Gesichtspunkten und Ergebnissen neue hinzufügen kön­ nen. Sie betreffen sowohl die germanische als auch die spätrömische Seite dieser langen Begegnung und Auseinandersetzung; einige von ihnen beschäftigen sich mit den spanisch-westgotischen Ver­ hältnissen, denen die deutsche Forschung nach dem vielverspre­ chenden Auftakt am Ende des vorigen Jahrhunderts in der letzten Zeit nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Doch eben vom Westgotenreich, das viel länger bestand als die anderen Staa­ tenbildungen der Ostgermanen, lassen sich bei einer vollen Aus­ schöpfung der Quellen noch wertvolle Aufschlüsse erwarten. Andere dieser Beiträge bemühen sich um eine allgemeinere Pro­ blemstellung zum Gesamtthema. Im Zentrum stehen dabei die Fragen nach der geschichtlichen Einordnung der ostgermanischen Staaten am Mittelmeer sowie nach der Abgrenzung zwischen An­ tike und abendländischem Mittelalter. In diesen Aufsätzen kommt die eigene Position des Verfassers am deutlichsten zum Ausdruck: die Auffassung nämlich, daß diese ältesten germanischen Staaten­

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EINLEITUNG

bildungen auf früherem römischem Reichsboden ohne eine ent­ sprechende Bewertung ihres immer noch lebendigen Zusammen­ hanges mit der spätantiken W elt und ihrer jeweiligen provinzialrömischen Voraussetzungen nur schwer verstanden werden kön­ nen. Obwohl sich in diesen Staaten bereits manche Vorstufe der späteren Entwicklung im Westen erkennen läßt, führt von ihnen im Gegensatz zum Frankenreich keine unmittelbare Brücke zum abendländischen Mittelalter. Aus solchen Gesichtspunkten ergibt sich, sofern man auf eine Beschäftigung mit dem Problem der Periodisierung Wert legt, auch eine Antwort auf die Frage, w o der Grenzsaum zwischen Spätantike und Frühmittelaltcr zu suchen sei : erst in der Zeit nach Justinian, der als letzter großer Vertreter des illyrischen Römertums noch einmal die ganze Mittelmeerwelt in den Bann seiner imperialen Politik gezogen hat. Schon um 600 findet man dann aber im Westen nur noch auf der Pyrenäenhalb­ insel kräftige spätantike Elemente, während sie im damaligen Fran­ kenreich und erst recht im langobardischen Italien bereits ganz in den Hintergrund getreten sind. Von den , die sich unter den Kaisern des vierten Jahrhunderts in den Dienst des römischen Imperiums gestellt haben, bis zu der ausgeprägten Eigenart des spanischen Westgoten­ reiches erstreckt sich ein weiter W eg. Er verläuft durch die ganze Spätantike, und auf ihm erscheinen die Probleme, die sich aus der Auseinandersetzung mit den Germanen ergaben und von denen hier wenigstens einige näher betrachtet werden, in immer wieder neuer Gestalt. Diese Epoche trägt viele und wechselnde Züge, doch der Anteil der Germanen an ihrem Geschehen bedeutet für diese Zeit selbst und für die weitere Entwicklung im Westen eine ihrer wichtigsten historischen Komponenten.

Z U R ROLLE DER HEERMEISTER FRÄNKISCHER A B S T A M M U N G IM SPÄTEN VIERTEN JA H RH UN DE RT

Das Auftreten der Germanen in der spätantiken Welt und ihr Ein­ fluß auf die Geschicke des Römischen Reiches seit Konstantin d. Gr. wurden von der Forschung der letzten Jahre wieder so verschieden beurteilt, daß man von einem allgemein überzeugenden Bild dieses historisch bedeutsamen Prozesses noch weit entfernt zu sein scheint. Die innere Anteilnahme an diesem Thema, das stets aufs neue als aktuell empfunden wird, bringt es verständlicherweise mit sich, daß in die Diskussion unwillkürlich auch moderne Fragestellungen und Erfahrungen einfließen. Die fortschreitende Klärung dieses komplexen Vorgangs mit seinen vielseitigen Voraussetzungen und Folgen wird jedoch dadurch eher gehemmt als gefördert. Statt dessen sollte vielleicht mit größerem Nachdruck versucht werden, aus den Vorstellungen der Spätantike selbst einen Standort zu ge­ winnen, der es ermöglicht, dieses vielschichtige Problem über die scheinbaren oder tatsächlichen Widersprüche hinweg als Ganzes zu erfassen. Aber auch im einzelnen erscheint es notwendig, die ver­ schiedenen Phasen der des Reiches und die in ihnen jeweils wirksamen Kräfte noch deutlicher als bisher aufzu­ zeigen. Für das vierte Jahrhundert bis gegen sein Ende hin ist dies eine besonders schwierige Aufgabe, weil damals noch keine ge­ schlossenen Stammesverbände innerhalb der Reichsgrenzen als selbständig handelnde Faktoren auftraten, sondern die und zwar bekanntlich nicht nur Angehörige germanischer Stämme - einzeln oder in kleineren Gruppen den W eg in das Reich fanden. Seit Theodosius I. gelten dann nach dem Eintritt ostgermanischer Völker in das Imperium wesentlich andere Bedingungen. Die Ver­ hältnisse in den vorhergehenden Jahrzehnten lassen sich dagegen sehr viel schwerer überblicken. Für ihre Beurteilung fehlt es vor Historia 4 ,19 5 5 , 3*4-330

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allem immer noch an einer exakten Bestandsaufnahme der damals im Reichsdienst tätigen , wie sie einst von Martin Bang für die Germanen bis auf Konstantin in vorbildlicher W eise durch­ geführt wurde.1 Eine solche Zusammenstellung könnte auch den An­ teil der einzelnen Stämme näher bestimmen und überhaupt nach je ­ der Richtung eine festere Grundlage für weitere Schlüsse abgeben. Die Römer haben den Barbarenbegriff von den Griechen über­ nommen. Er ignorierte die Vielfalt der fremden Völker und ließ sie als scheinbare Einheit der eigenen Welt des Imperiums gegen­ übertreten. Dasselbe gilt mit gewissen Einschränkungen aber auch für den Germanennamen, den Rom seit Caesar auf die Gesamtheit der germanischen Stämme übertrug, ohne daß dies bis in die Spät­ antike auf der Gegenseite ein entsprechendes Echo gefunden hätte.2 Für die Germanen stellte der einzelne Stamm oder sogar eine seiner Untergruppen die alleinige Bindung in Volkstum und staatlichen Formen dar. Gelegentliche Bündnisse zwischen den Stämmen ha­ ben daran grundsätzlich so wenig etwas geändert wie ihr Zusam­ menschluß zu größeren Verbänden, denen w ir seit dem dritten Jahrhundert begegnen. A u f der anderen Seite stand der gewaltige Bau des römischen Imperiums mit seinem mächtigen und glanz­ vollen Kaisertum an der Spitze. Dies war die W irklichkeit, in der sich das politische Dasein der Germanen abspielte, und sie wies von Stamm zu Stamm mannigfache Differenzierungen auf. Die Quel­ len gestatten leider kaum, ihnen im einzelnen mit der wünschens­ werten Genauigkeit nachzugehen, aber im großen wird ihre histo1 M. Bang, Die Germanen int römischen Dienst bis zum Regierungsantritt Constantins I . , Berlin 1906. - Einen weiter gespannten Überblick, auch zum vierten Jahrhundert, geben A. G raf Schenk von Stauffenberg, Die Germanen im römischen Reich, W aG 1/3, 1935/37, jetzt in: Das Imperium und die Völkerwanderung, München o .J. (1948), 7 ff·; W .Enßlin, Germanen in römischen Diensten, Gymnasium 52, 1941, 5 f f ; Die Bedeutung der Germanen für die antike und mittelalterliche Welt, in: Grundlagen und Grundfragen europäischer Geschichte, Baden-Baden 19 51, 22 f f 2 Vgl. Ed. Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus’ Germania, Leipzig-Ber­ lin 1922, 423 fr.; Alt-Germanien, Leipzig-Berlin 1934, 72 f. ; G.Walser, Rom, das Reich und die fremden Völker, Baden-Baden 19 5 1, 67 fr. - Aufschlußreich ist der Sprach­ gebrauch bei Ammian, der den Barbarenbegriff auf die Stämme der Germanen, Hunnen, Alanen usw. anwendet, dagegen nicht au f das Perserreich, vgl. W . Enßlin, Zur Geschichtschreibung und Weltanschauung des Ammianus Marcellinus, K lio Beih. 16, 1923, 33-

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rische Auswirkung etwa sichtbar in der verschiedenartigen Rolle derWest- und der Ostgermanen seit dem vierten Jahrhundert. Da­ bei tritt unter den im römischen Dienst von Konstantin bis auf Theodosius I. gerade der Anteil westgermanischer Stämme - der Franken und der Alamannen - besonders hervor, während später die Goten und andere Ostgermanen mehr und mehr in den Vordergrund rücken. Die folgende kleine Untersuchung beschäf­ tigt sich mit jener Gruppe hoher römischer Offiziere fränkischer Abstammung, die unter den Nachfolgern Valentinians I. fast zwei Jahrzehnte hindurch auf die innere Entwicklung des Reiches, vor allem im Westen, einen großen Einfluß nehmen konnte1, und will versuchen, den einen oder anderen Gesichtspunkt, auch allgemei­ ner Art, zu ihrer Beurteilung beizutragen. In dem Jahrzehnt nach dem Tode Valentinians I. haben viermal Reichsfeldherm germanischer Herkunft die hohe Würde des or­ dentlichen Konsulats bekleidet: Mcrobaudes (377 und 383), Richomer (384) und Bauto (385).2 Aber auch unter Valentinian I. waren bewährte Heerführer Abstammung, die Ger­ manen Dagalaif (cos. 366) und Arintheus (cos.372) sowie der Sarmate Victor (cos. 369), in solcher Weise ausgezeichnet worden.3 Und selbst Julian hatte sich trotz seines bekannten Vorwurfs gegen Konstantin, unter dem zuerst zu dieser höchsten Ehren­ stelle des Imperiums zugelassen worden seien, nicht gescheut, 362 den Germanen Nevitta zum consul ordinarius zu machen.4 Bis auf Konstantin zurück läßt sich die Reihe der Konsuln des vierten Jahrhunderts allerdings nicht verfolgen. Sofern sie sich nicht etwa hinter Trägern römischer Namen verbergen, erscheint darum die Annahme berechtigt, daß sie sich, zum mindesten unter Konstantin, als consules suffecti noch mit einer bescheideneren Auszeichnung begnügen mußten.5 An den Verhältnissen der Zeit 1 Dazu allgemein L. Schmidt, Geschichte der deutschen Stämme II: Die Westgermanen, Berlin 19 18, 562 f. ; C.Jullian, Histoire de la Gaule VII, Paris 1926, 274fr., 310 ff. 2 A.Degrassi, Ifasti consolari dellTmpero Romano, Rom 1952, 84f. 3 Vgl. A. Alföldi, A Conflict of Ideas in the Late Roman Empire, O xford 1952, 55. 4 A m m .2 1, 10, 8, vgl. A.Degrassi, a.O .82. 6 C.Jullian, a.O . 132 A. 6; A. Alföldi, The Conversion of Constantine and Pagan Rome, O xford 1948, 119 A. 2.

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unmittelbar nach Valentiniani, sind jedenfalls zwei Sym ptom e her­ vorzuheben - einmal die weitere Steigerung des Anteils barbari­ schen Feldherm am ordentlichen Konsulat und dann die Tatsache, daß es sich bei ihnen durchweg um Franken handelt.1 Am glanzvollsten war die Laufbahn des Merobaudes, der schon unter Julian im kaiserlichen Dienst erscheint und bereits gegen Ende der Regierung Valentinians I. zum magister peditum praesen­ talis aufsteigen konnte. Der Heermeister eröffnete 375 mit seinen Streitkräften den Quadcnfcldzug Valentinians, und als der Kaiser im Herbst dieses Jahres an der Donaugrenze unerwartet starb, war Merobaudes an der Ausrufung des kleinen Valentinian II. zum Augustus maßgeblich beteiligt. Unter Gratian, in dessen Händen weiterhin die tatsächliche Regierung im ganzen Westen lag, er­ reichte sein Einfluß den Höhepunkt. Die Auszeichnung durch zwei ordentliche Konsulate kann als ganz ungewöhnlich gelten, denn seit Konstantin war diese Ehrung nur noch regierenden Angehöri­ gen des kaiserlichen Hauses zugekommen.2 Als Merobaudes dann Ende 387 von dem Usurpator Magnus M axim us zum Selbstmord gezwungen wurde, war er sogar für 388 bereits zu einem dritten Konsulat designiert.3 Mit seiner bedeutenden Position unter Gra­ tian wird es Zusammenhängen, daß damals im Westen Franken häufiger als je zuvor hohe militärische W ürden erreichten - neben Bauto und Richomer auch Mallobaudes und Richomcrs Neffe Ar1 Bauto: «Transrhenanus genere», Ambros. Ep. 24, 8 ; Franke nach Zos. 4,33, 2 und sonst. Richomer war nach Joh. Antioch. Frg. 187 der Oheim Arbogasts (zu dessen Herkunft unten S. 2 1, Anm. 3), also ebenfalls Franke, vgl. O. Seeck, R E I A 796, womit er seinen früher in der Symmachus-Ausgabe (M G H A A V I 1), praef. C X X X V n. 663 geäußerten Zweifel (ähnlich auch L. Schmidt, a.O . 563 A . 2) zurückzog. Auch Merobaudes war sicher Franke, obwohl es in den Quellen nicht ausdrücklich gesagt wird, vgl. L. Schmidt, a.O. 562; C.Jullian, a.O. 279 A . 3; W .Enß lin, R E X V 1038 (aus Sulpicius Alexander bei Greg.Tur. Hist. Franc. 2, 9 kann allerdings hierzu nichts entnommen werden). 2 Den nächsten Vorgänger hatte Merobaudes in dem stadtrömischen Aristokraten Sex. Anicius Paulinus, cos. II 325, der jedoch das erstemal nur consul suffectus ge­ wesen war, vgl. O. Seeck, R E 1 2199; A.Degrassi, a.O . 79. 8 Z u Merobaudes vgl. W .Enßlin, R E X V I0 3 8 f.; K lio 24, 19 3 1, 12 5, 1 3 1, 146, sowie jetzt E. Vetter, Das Grab des Flavius Merobaudes in Trier, R h M 103, i960, 366 ff. Die neuentdeckte Grabinschrift bezeichnet den Feldherrn als «Trever»; vielleicht war auch er, wie Süvanus (vgl. unten S. 20 f.), als Sohn eines Offiziers fränkischer Herkunft bereits in Gallien geboren.

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HEERMEISTER FRÄNKISCHER ABSTAMMUNG

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bogast. Bauto w ar vermutlich schon um 380 Gratians magister equitum praesentalis, so daß sich damit die beiden höchsten Kom ­ mandos des Westheeres in der Hand von Feldherm fränkischer Ab­ stammung befanden. Seit 383 erscheint er in der Stellung des ma­ gister peditum praesentalis als die einflußreichste Persönlichkeit in der Umgebung Valcntinians II. ; er starb aber dann wohl schon vor 387 oder 388.1 Auch Richomcr stand zunächst im Dienste Gratians. Er wird zu 377 als comes domesticorum genannt, wobei zu beach­ ten ist, daß der damalige zweite Inhaber dieses Amtes sein Lands­ mann Mallobaudes war. Nach der unglücklichen Schlacht bei Adrianopel (378) wurde Richomer dem neuen Ostkaiser Theo­ dosius I. zugeteilt, der ihn offenbar schon bald zu seinem zwei­ ten praesentalis beförderte. M it dem Kaiser nahm er 388 am Feldzug gegen Magnus M aximus in den Westen teil. 394 sollte er die Führung im Kampfe gegen den Usurpator Eugenius übernehmen, er starb aber noch vor Beginn des Krieges.2 Die Laufbahn der drei Franken Merobaudes, Bauto und Richo­ mer im kaiserhehen Dienst war ganz besonders erfolgreich. In vieler Hinsicht ist sie jedoch kennzeichnend für die Verhältnisse des späteren vierten Jahrhunderts. Wenn sich zum Beispiel der Auf­ stieg des Merobaudes stetig unter der Regierung mehrerer Kaiser nacheinander vollzog, die sich sonst in ihrer Innenpolitik von sehr verschiedenen Prinzipien leiten ließen, dann handelt es sich hierbei keineswegs um ein vereinzeltes Phänomen. Man erkennt vielmehr an diesem Beispiel neben zahlreichen anderen, daß das im Reichsdienst des vierten Jahrhunderts nicht nur ein fluktu­ ierendes Element war, sondern, wenigstens mit einem guten Teil seiner hervorragenden Vertreter, auch personell eine gewisse kon­ stante Größe darstellte. Die gleiche hohe Stellung wie diese Fran­ ken haben vorher und nachher auch andere erreicht; auch die Verwendung Richomers zuerst im Westen und dann im Osten erscheint bei dem damals noch verhältnismäßig starken Zu­ sammenhalt des Reichsganzen nicht als außergewöhnlich. Bei Bauto 1 O. Seeck, R E I I I 176, dazuW . Enßlin, Klio 2 4 ,1 9 3 1 ,1 3 2 ff. 2 O .Sccck, R E I A 796f., dazuW .Enßlin, a.0 . 1 3 2 f., 13 8 ,14 4 .

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und Arbogast wird ausdrücklich hervorgehoben, daß sie von jen ­ seits der Reichsgrenze kamen, und dasselbe gilt für den «comes do­ mesticorum et rex Francorum» Mallobaudes1, der wieder in seine rechtsrheinische Heimat zurückkehrte. Es waren Männer von vor­ nehmer, ja fürstlicher Herkunft, aber auch sonst sind in dieser Zeit oft genug Adlige der Randvölker in den kaiserlichen Waffendienst getreten. Am Beispiel der Franken ergibt sich jedoch vielleicht in beson­ derem Maße eine Möglichkeit, in die bei solchen Beziehungen auf beiden Seiten wirksamen Vorstellungen etwas tiefer einzudringen. Die Stämme am Niederrhein, die seit der Mitte des dritten Jahr­ hunderts in der Überlieferung unter dem neuen Sammelnamen der Franken erscheinen, gehörten, wie etwa die Brukterer, zu den älte­ sten germanischen Nachbarn des Römischen Reiches. Bereits unter dem gallischen Sonderkaiser Postumus (260-268) zeigt sich nunjene Problematik, die auch weiterhin im Verhältnis des spätantiken Im­ periums zu den Franken, wie zu seinen Nachbarn überhaupt, vorliegt: Postumus wehrte die fränkischen Vorstöße in das Innere des Reiches entschlossen ab und stellte die Rheingrenze wieder her, zugleich stützte sich der «Restitutor Galliarum» aber auch auf starke fränkische Hilfstruppen.2 Dasselbe Bild bietet sich dann wenige Jahrzehnte später unter der Tetrarchie. Maximian und Constantius I. kämpften erfolgreich gegen die Franken; um die Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert wurden jedoch auch die kriegstüchtigen gallisch-germanischen Auxilien aufge­ stellt, die sich zu einem beträchtlichen Teil aus rechtsrheinischen Franken zusammensetzten.3 Unter Konstantin zeichnet sich dann diese Politik noch schärfer ab. Der Kaiser ging nach seinem Regie­ rungsantritt schonungslos gegen die in Gallien eingedrungenen 1 Zu Mallobaudes W .Enßlin, R E X IV 9 13 ; H. Gensicke, Spuren des Frankenkönigs Mallobaudes?, Nass Ann 69, 19 5 8 ,19 ff. 2 SH A Gall. 7, i : «cum multis auxiliis Postumus iuvaretur Celticis atque Francicis», vgl. allgemein A .A lfö ld i, C A H X II 157fr., 18 5 fr.; L.Schm idt, a.O. 249f., 437 f. 3 Zu den gallisch-germanischen Auxilien Th. Mommsen, Gesammelte Schriften VI, Berlin 1910, 283; R.Grosse, Römische Militärgeschichte, Berlin 1920, 38 f f ; A .G raf Schenk von Stauffenberg, Imp. u. Völkern. 19 Î.

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HEERMEIS TER FRÄNKISCHER A BS TA M M UNG

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Franken vor und ließ zwei ihrer Fürsten im Trierer Circus den wilden Tieren vorwerfen. Nach dem verheerenden rechtsrheini­ schen Feldzug Konstantins im Jahre 310 wiederholte sich dieses Schauspiel an den fränkischen Kriegsgefangenen in großem Aus­ maß.1 Noch 321 durfte ein Panegyriker rühmend auf diese Vor­ gänge zurückkommen.2 Andererseits hat der Kaiser im Jahre 312 beim Zuge gegen Maxentius starke germanische, darunter zweifel­ los auch fränkische, Hilfstruppen ins Feld geführt3, und unter den , die während seiner Regierung im römischen Dienst zu Rang und W ürden kamen, befanden sich gewiß auch Franken, wie jener Bonitus, der sich 324 im Kriege gegen Licinius auszeichncte.4 Dazwischen lagen jedoch neue Frankenfeldzüge in den Jahren 313 und 320.5 In den Beziehungen Konstantins zu den , und speziell zu den Franken, gab es offenbar einen weiten Spielraum, der von großer Härte bis zur äußersten Gunstbezeigung reichte. Einen solchen Kontrast bringen nun unsere Quellen für diese und die folgende Zeit durchweg zum Ausdruck. Neben der Tatsache, daß seit Konstantin viele Germanen und sonstige im Reichsdienst zu den höchsten Würden gelangen konnten, steht un­ übersehbar ein anderes Faktum : die gerade seit dem frühen vierten Jahrhundert wieder sehr massive Verherrlichung der Siege über die gefürchteten Feinde des Imperiums auf zahlreichen Münzen, bei den Panegyrikern und Historikern.® Diese offenkun1 Vgl. L. Schmidt, a.O . 263, 442fr, mit den dort angegebenen Einzelbelegen. 2 Nazarius, Paneg. 16, 5 f., zum Untergang der Frankenfürsten Askarich und Merogais im Jahre 306. 3 Zos. 2, 1 5 , I, zurW iedergabe der gallisch-germanischen Auxilien auf dem Kon­ stantinsbogen H .P .L O r a n g e -A . v.Gerkan, Der spätantike Bildschmuck des Konstan­ tinsbogens, Berlin 1 9 3 9 , 1 2 3 f. ; vgl. allgemein J. Vogt, Constantin d.Gr. und sein Jahr­ hundert, München i 9 6 0 2, 1 5 8 . 4 Am in. 15, 5, 33. 5 Vgl. L. Schmidt, a.O . 443. A u f den Frankensieg Konstantins von 313 ist auch die Trierer Prägung mit der besiegten Francia auf der Rückseite (G A V D IV M R O M A N O R V M ), vgl. J . Maurice, Numismatique constantinienne I, Paris 1908, X C IIf., 401 f.; M .R . Alföldi, Jb N G 9, 1958, 110 , 12 0 ff., Nr. 23-26 ; Die constantinische Goldprägung, Mainz 1963, 42, 169, N r. 15 5 -15 8 , zu beziehen. 6 Vor allem die überaus drastische Bildersprache der kaiserlichen Münzen (der be­ siegte w ird getreten, an den Haaren gezerrt, aus seiner Behausung ge­ schleppt usw.) verdient Beachtung. Diese M otive finden sich zwar zum großen Teil schon au f den Prägungen der Soldatcnkaiser des dritten Jahrhunderts (vgl. H .v.

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dige Zwiespältigkeit mahnt gegenüber der Annahme einer um­ wälzenden, positiven Neubewertung des Germanentums durch Konstantin in Zusammenhang mit seiner Hinwendung zum Chri­ stentum1 zur Vorsicht. Davon wird noch zu sprechen sein. Man wird aber auch kaum an ein fortdauerndes und unvermitteltes Ne­ beneinander zweier gegensätzlicher Auffassungen denken können­ des alten Barbarenbegriffs, an den sich die offizielle Propaganda ebenso wie die konservativen Bildungskreise immer noch hielt, und einer neuen christlich-universalen Reichsidee, die sich, gleich­ sam ein ; zu Petronius Maximus und seiner Rolle beim Sturz Valentinians, W .Enßlin, RE XIV 2543 ff.; V I I A 2257. 8 Vgl. W . Enßlin, Zum Heermeisteramt des spätrömischen Reiches, Klio 24, 1931, *88 f.

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Z ER FA LL DES R Ö M I S C H E N W E ST E N S

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turns sofort aufzeigte : die Herausforderung Geiserichs führte schon im Mai 455 zum Vorstoß der Vandalen gegen Rom und damit zum Sturz des Petronius Maximus nach einer Regierung von nur wenigen Monaten. Von einer Reaktion des Ostens hören wir da­ gegen bei dem raschen Ablauf dieser Ereignisse nichts; Italien und der übrige Westen blieben in dieser schwierigen Situation auf sich selbst gestellt. Das durch den Untergang des Petronius Maximus entstandene machtpolitische Vakuum hat aber bemerkenswert schnell den senatorischen Adel Galliens - des nach Italien wichtigsten Landes der westlichen Reichshälfte - auf den Plan gerufen. Die Gallier fühlten sich seit langem von den Herrschern aus dem theodosianischen Hause zurückgesetzt und riefen nun, von den Westgoten unter­ stützt, mit Avitus einen der Ihren zum Kaiser aus (Sommer 455). Unter den damaligen Umständen wäre cs dem Avitus sicher ge­ lungen, nach dem Beispiel früherer Usurpatoren ein gallisches Son­ derreich zu schaffen - wenn er es überhaupt beabsichtigt hätte. In Wirklichkeit wollte auch er nichts anderes sein als Herrscher des universalen römischen Imperiums, «spes orbis».1 In Italien stieß der Kaiser jedoch auf den Widerstand der dortigen Senatoren, die sich mit einem Gallier auf dem Thron nicht abfinden wollten, und er­ lag - ähnlich wie Valentinian III. - ihrem Bündnis mit hohen Offi­ zieren aus der Schule des Aetius (Ende 456). Diese offene Rivalität zwischen dem italischen und dem gallischen Zw eig der Reichs­ aristokratie ist ein sprechendes Zeugnis für die im Westen sogar innerhalb der führenden Schicht der römischen Gesellschaft voran­ schreitende Entfremdung zwischen den einzelnen Ländern. Nach den gescheiterten Bemühungen zuerst des italischen und dann des gallischen Senatorenadels, den maßgebenden Einfluß auf 1 Die negative Einstellung der gallischen Aristokratie zu Valentinian III. und seinen Vorgängern aus dem theodosianischcn Haus bringt besonders stark zum Ausdruck Apoll. Sid. Carm . 5, 354ff. (vgl. 361 f.: «contempta tot annos nobilitas iacuit»); A vi­ tus als «spes orbis» Apoll. Sid. Carm. 7, 352. Zu den gallischen Verhältnissen des fünf­ ten Jahrhunderts J . Sundwall, a.O. 8 ff. ; C. E. Stevens, Sidonius Apollinaris and his Age, O xford 19 3 3 ; A .L oyen , Recherches historiques sur les panégyriques de Sidoine Apolli­ naire, Paris 194 2; K . F. Stroheker, Der senatorische Adel im spätantiken Gallien, Tübin­ gen 1948, 43 ff.

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die Lenkung desWestreichs zu erhalten, zeigten sich allein noch die in Italien stehenden Heerführer zum Handeln fähig. Die beiden ranghöchsten unter ihnen - der Suebe Rikimer, den Avitus zu sei­ nem zweiten Reichsfeldherrn erhoben hatte, und der comes dome­ sticorum Maiorianus, den man wohl zum Kreise der, wie Aetius, aus Illyricum stammenden Offiziere rechnen darf - waren beim Sturz des Kaisers aus Gallien in den Vordergrund getreten. Ange­ sichts der kritischen Lage - die Vandalcngcfahr bestand unvermin­ dert weiter, Gallien ging nun seine eigenen Wege, und Dalmatien hatte sich unter dem comes Marcellinus längst unabhängig ge­ macht - suchten die neuen Männer eine Anlehnung an Konstanti­ nopel. Leo I., der hier Anfang Februar 457 den Thron bestieg, wollte das Interregnum im Westen dazu benutzen, um seinen legi­ timen Anspruch auf die Regierung des Gesamtreichs fcstzuhalten. In diesem Sinne ernannte er Rikimer zum patricius und Maiorian zum zweiten Heermeister der westlichen Reichshälfte - eine Kon­ zeption, die bereits an die spätere Regelung gegenüber Odoaker erinnert.1 457 war aber das Eigengewicht des Westens für eine sol­ che Lösung noch zu groß. Vermutlich geschah es im Einverneh­ men mit Leo, als Maiorian (Rikimer kam als arianischer Germane dafür nicht in Betracht) schon nach kurzer Zeit zum Caesar ausge­ rufen wurde, seine weitere Erhebung zum Rang eines Augustus (Dezember 457) ging jedoch über die Wünsche des Ostkaisers hin­ weg und fand nie dessen Anerkennung.2 Maiorian hat in den wenigen Jahren seiner Regierung achtung­ gebietende Anstrengungen zur Erhaltung der westlichen Reichs­ hälfte unternommen. Seine vor allem 458 erlassenen Gesetze zei­ gen einen tiefen Einblick in die inneren Schäden des römischen Westens, aber zu einer Reformtätigkeit auf lange Sicht war nun keine Zeit mehr. Statt dessen mußte sich der Kaiser den äußeren Problemen zuwenden. Die Vandalen hatten seit dem Sturz Valentinians III. die bis dahin noch römischen Teile Nordafrikas besetzt3, 1 So schon O. Seeck, a.O. V I 338. 2 Zu dem umstrittenen Problem der Erhebung Maiorians zum Kaiser W.Enßlin, R E X IV 585 Γ. ; E.Stein, a.O. 1 553 f. ( = 1 * 374f.). 8 L. Schmidt, Geschichte der Wandalen, München 19422, 83; einschränkend Chr.

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sie verwüsteten durch ihre Raubfahrten die Küstengebiete des Westreichs und lähmten dessen Seeverbindungen. Gleichzeitig drohte der Verlust auch ganz Galliens, wo nach dem Ende des Avitus die Grenzverteidigung zusammengebrochen war und sich im Süden Burgunder und Westgoten, teilweise im Einverständnis mit dem über die jüngste Entwicklung verstimmten senatorischen Adel des Landes, lebenswichtiger Positionen des Imperiums be­ mächtigten. Die Umsicht und Energie, mit der Maiorian zunächst die Lage in Gallien wiederhcrstellte, sind ein Beweis für den politi­ schen Blick des Kaisers. Die weiteren Ereignisse bis 476 haben ge­ zeigt, daß Gallien eine ausschlaggebende Bedeutung für die letzten Möglichkeiten römischer Reichspolitik im Westen besaß. Nach der Sicherung Galliens ging Maiorian entschlossen an das Vandalen­ problem, das eine stets akute Bedrohung der westlichen Reichs­ hälfte darstellte und dessen Lösung schon auf dem Programm sei­ nes Vorgängers Avitus gestanden hatte. Der römische Westen sollte endlich von dem Druck der vandalischen Seeherrschaft und ihren verheerenden Folgen befreit werden, aber das verschlagene Ge­ schick Geiserichs ließ den Kaiser an dieser Aufgabe scheitern. Die­ ser äußere Mißerfolg hat dann durch seine innenpolitischen Rück­ wirkungen zum Untergang Maiorians im Sommer 461 geführt. Die neue Krise an der Spitze des Westreichs, die den Kaiser zu Fall brachte, wurde durch den Machtwillen seines patricius ausge­ löst. Rikimer, mit dem zum ersten Male seit Stilicho wieder ein Germane das höchste militärische Amt des Westens bekleidete, be­ saß wohl von Anfang an den Ehrgeiz, neben einem mit seiner Un­ terstützung erhobenen Herrscher selbst die Hauptrolle zu spielen. Durch die Beseitigung Maiorians, dessen tatkräftige Regierung den Einfluß des Heermeisters zurückzudrängen drohte, hat Rikimer dieses Ziel erreicht und dann bis zu seinem Tode (472) seine Stel­ lung behaupten können. In diesen elf Jahren trat nun der Zerfall des römischen Westens vollends in seine entscheidende Phase ein. Courtois, Les Vandales et VAfrique, Paris 1955, 176 fr., der zwar auch nicht daran zweifelt, daß seit 455 der afrikanische Restbesitz für das Westreich verloren war, aber eine Ausbreitung der unmittelbaren vandalischen Herrschaft bis nach Mauretanien bestreitet.

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Das Kaisertum sank zum Werkzeug in der Hand des ersten Reichs­ feldherrn herab, während sich in den letzten außeritalischen Ge­ bieten der westlichen Reichshälfte die germanische Herrschaft durchsetzte und ein auf ihrer Konsolidierung beruhendes neues Staatenbild immer deutlichere Gestalt annahm. Darum ist die Frage berechtigt, ob diese auf lösende W irkung der Politik Rikimers von vornherein den Absichten des Heermeisters entsprach oder ob sie sich gleichsam nur nebenbei aus dem W eg ergab, den sein rück­ sichtsloses Machtstreben cinschlug. W ir besitzen keine Hinweise auf eine grundsätzlich feindselige Einstellung Rikimers gegenüber dem Imperium, dem zweifellos auch er sich zugehörig fühlte.1 In­ dem sich jedoch der patricius in vollem Gegensatz zu der noch ein­ mal von Maiorian eingeschlagenen Rcichspolitik auf die Behaup­ tung seiner italischen Position konzentrierte und die nun rasch zu­ sammenschrumpfenden Außcngebicte des Westreichs nur noch als Vorfeld seines eigenen Machtinteresses betrachtete, hat er den zen­ trifugalen und reichsfeindlichen Kräften an der Peripherie neuen Auftrieb gegeben. Dies läßt sich am besten an den Verhältnissen in Gallien zeigen. Hier traten sich in diesen Jahren zwei römische Heermeister gegenüber - Aegidius als Anhänger des gestürzten Maiorian und der von Rikimer bestellte Agrippinus. So setzte sich der zunächst in Italien ausgetragene Konflikt um die Führung des Westreichs in Gallien fort, wobei sich beide Teile um eine Unter­ stützung von germanischer Seite bemühten. Während die Burgun­ der, wohl im Einverständnis mit Rikimer, das wichtige Lyon end­ gültig besetzen konnten (um 461) und den Westgoten, die gleich­ falls immer noch mit dem Imperium nominell föderiert waren, durch die Überlassung von Narbonne (462) der lange umkämpfte Zugang zur Mittelmeerküste geöffnet wurde, stützte sich Aegidius auf die salischen Franken und nahm kurz vor seinem Tode (464) noch Verbindung mit den vandalischen Reichsfeinden auf. Diese Konstellation beleuchtet die nun im römischen Westen herrschende Verwirrung. Rikimer hat seit Herbst 461 mit dem gänzlich unbedeutenden 1 Vgl. das Urteil über Rikimer von W . Enßlin, Das neue Bild der Antike I I 424.

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Libius Severus als Kaiser neben sich regiert. Der neue Träger des Purpurs stammte aus Lukanien1, und durch seine Erhebung wird Rikimer versucht haben, sich die Sympathien der italischen Sena­ toren zu gewinnen. Aber Libius Severus wurde nicht nur vom Osten als Usurpator betrachtet, er scheint auch im Westen außer­ halb Italiens kaum Anerkennung gefunden zu haben. In den zahl­ reichen Äußerungen des Galliers Apollinaris Sidonius aus diesen Jahren wird nicht einmal sein Name erwähnt. Doch weniger diese politische Isolierung als vielmehr die fortdauernde schwere Be­ drängnis durch die Vandalen hat dann Rikimer nach dem Tode des Libius Severus (465) veranlaßt, sich dem Osten wieder zu nähern und dessen Hilfe zu erbitten. Dieses Mal griff Leo I. als legitimes Haupt des Gesamtreichs energischer in die Verhältnisse des Westens ein. Mit Anthemius schickte er den Schwiegersohn seines Vorgän­ gers Marcianus als neuen Kaiser in den Westen (Frühjahr 467), und Rikimer mußte es sich gefallen lassen, daß ihm in dem ebenfalls zum patricius ernannten dalmatinischen Machthaber Marcellinus ein Rivale an die Seite gestellt wurde. Anthemius hat sofort zu den gallischen Senatoren Verbindung aufgenommen und sich mit ihnen verständigt. Damit knüpfte er an die aktive Reichspolitik Maiorians an, und dies gilt erst recht für das schwierigste Problem des W e­ stens, für den K am pf gegen die Vandalen. Durch eine gewaltige Anstrengung, hinter der dieses Mal auch die weit größeren finan­ ziellen und militärischen Möglichkeiten des Ostens standen, wollte man das Vandalenreich niederzwingen. Aber der neue, im Jahre 468 mit den aufs äußerste angespannten Mitteln des Gesamtreichs unternommene Vandalenfeldzug endete durch das überlegene Ge­ schick Geiserichs wieder mit einem völligen Fehlschlag.2 Ein Gelingen dieser Unternehmung hätte die Lage der westlichen Reichshälfte noch einmal zum Besseren wenden können. Um so verhängnisvoller war dafür die W irkung ihres Scheiterns. Sie be1 Chron.Gall. 636. 2 V gl. im einzelnen L. Schmidt, Gesell, d. Wand. 87 ff. ; Chr. Courtois, a.O. 201 ff. hält jedoch das von Priskos und späteren byzantinischen Quellen berichtete Ausmaß der Rüstungen und damit auch die diesem Feldzug beigelegte Bedeutung für über­ trieben.

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stand nicht nur darin, daß sich Konstantinopel aufs neue von der Entwicklung im Westen distanzierte, und in der nun erst recht un­ eingeschränkten Seeherrschaft der Vandalen. Der Mißerfolg des Reichsfeldzugs gegen die Vandalen hat offenkundig auch in Gal­ lien den völligen Zusammenbruch der römischen Stellung einge­ leitet. Bei den Westgoten regierte seit 466 Eurich, der das längst fragwürdige Föderatverhältnis nicht mehr anerkannte und nach dem Vorgang Gciscrichs die volle Souveränität für sich bean­ spruchte. Aber erst 469, nachdem die mißglückte Offensive gegen das vandalische Nordafrika von neuem die Schwäche des Impe­ riums gezeigt hatte, wagte der König den Angriff auf die letzten gallischen Gebiete des Reiches. Im Land südlich der Loire hatten die Westgoten gegen die schwachen Kräfte, die sich ihnen entgegen­ stellten (föderierte Bretonen und Burgunder), rasch Erfolg, und die Wirkung dieses neuen Rückschlags auf die Stellung des Anthe­ mius in Italien ließ nicht lange auf sich warten. Zwischen dem K ai­ ser und seinem Heermeister Rikimer, der nur notgedrungen eine Beschränkung seines Einflusses hingenommen und sich bereits sei­ nes Rivalen Marcellinus entledigt hatte, kam es nun zum Bruch. Dieser Konflikt brachte Italien an den Rand des Bürgerkriegs und verhinderte jede wirksame Hilfe für den bedrängten gallischen Reichsteil. Erst nach der Aussöhnung mit dem patricius im Früh­ jahr 471 konnte Anthemius unter seinem Sohn ein Heer nach Gal­ lien schicken, das jedoch schon in der Provence von denWestgoten vernichtend geschlagen wurde. Diese gallische Niederlage hat dann Rikimer zum Sturz des