Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit: Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des achtzehnten Jahrhunderts

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Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit: Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des achtzehnten Jahrhunderts

Table of contents :
Vorwort
I. Überblick
Die Ausstrahlung der Französischen Revolution auf Deutschland
Französische Revolution und Öffentlichkeit in Österreich
Wirkungen der Französischen Revolution auf die schweizerische Öffentlichkeit
Zur Topographie der Aufklärung in Deutschland 1789. Methodische Überlegungen an Hand der zeitgenössischen Presse
Probleme des kulturellen Transfers der Französischen Revolution in der deutschen Publizistik 1789–1799
II. Wirkungen auf deutschsprachige Regionen und einzelne Zeitungen und Zeitschriften
Norddeutsche Öffentlichkeit und Französische Revolution. Zur Bedeutung der periodischen Presse in der Auseinandersetzung von Umwälzung und Beharrung am Ende des 18. Jahrhunderts
Der diskrete Charme des landesherrlichen Kirchenregiments. Das Spannungsfeld von aufklärerischer Landesverwaltung und kommunaler Öffentlichkeit in Oldenburger und Osnabrücker Kirchspielen zur Zeit der Französischen Revolution
Französische Revolution und preußische Zeitungsberichte. Ein Pilotprojekt zur historischen Inhaltsanalyse
Publizistischer Alltag in der preußischen Provinz zur Zeit der Französischen Revolution
Das Echo der Französischen Revolution in Gelehrten-Zeitschriften und Zeitungen Schwedisch-Pommerns
„Laßt uns besser werden! Gleich wird’s besser seyn!“ Oder Moral statt Revolution. Rudolph Zacharias Beckers „Deutsche Zeitung“ und die Französische Revolution
Baumschulen des kommenden Blätterwaldes. Zur Popularisierung der Presse und Politisierung in der Helvetik
„Moi, toujours moi, rien que moi“ – Zu einigen Facetten des Napoleonbildes in der deutschen Publizistik
III. Reaktion der Obrigkeiten und Zensur
Das Verhältnis von Presse und Obrigkeiten in der Berichterstattung über die Französische Revolution. Bilder und Farben
Pressefreiheit, Zensur und Wohlverhalten. Die Braunschweigische Schulbuchhandlung zur Zeit der Französischen Revolution. Mit der Edierung einer „ehrfurchtsvollen Erklärung“ Joachim Heinrich Campes
Redaktion und Zensur in einer Hand: Der kurpfälzische Hofrat Andreas Lamey und seine „Mannheimer Zeitung“
Revolution als Spiegel. Reflexe der Französischen Revolution in deutscher Öffentlichkeit und Alltagskultur um 1800
Enthusiasmus und Schabernack. Über Wirkungen der Französischen Revolution im deutschen Alltag
„... das Rad der Kleider-Moden mauerfest und täglich neue überraschende Phänomene“. Die Französische Revolution im „Journal des Luxus und der Moden“ 1789 bis 1795
Die ‚Literarische Damengesellschaft‘ in Oldenburg zur Zeit der Französischen Revolution
Die Französische Revolution in zeitgenössischen bäuerlichen Tagebüchern
Zeitungen für das „Volk“. Ein Beitrag zur Entstehung periodischer Schriften für einfache Leser und zur Politisierung der deutschen Öffentlichkeit nach der Französischen Revolution
Verzeichnis der Autoren
Personenregister
Titel- und Sachregister

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saur

Deutsche Presseforschung

Band 28

Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des achtzehnten Jahrhunderts Herausgegeben von Holger Böning

Κ · G · Saur München · London · New York · Paris 1992

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit : Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des achtzehnten Jahrhunderts / hrsg. von Holger Böning. München ; New York ; London ; Paris : Saur, 1992 (Deutsche Presseforschung ; Bd. 28) ISBN 3-598-21629-7 NE: Böning, Holger [Hrsg.]; Deutsche Presseforschung (Bremen): Deutsche Presseforschung

®

Gedruckt auf säurefreiem Papier Alle Rechte vorbehalten / All Rights Strictly Reserved Κ. G. Saur Verlag GmbH & Co. KG, München 1992 Part of Reed International P. L. C. Printed in the Federal Republic of Germany Jede An der Vervielfältigung ohne Erlaubnis des Verlags ist unzulässig. Satz: Fotosatz Herbert Buck, 8300 Kumhausen Druck: WS Druckerei, Bodenheim Binden: Buchbinderei Schaumann, Darmstadt ISBN 3-598-21629-7

Inhalt Vorwort

IX

I. Überblick Helmut Bertling Die Ausstrahlung der Französischen Revolution auf Deutschland . . .

3

Helmut Reinalter Französische Revolution und Öffentlichkeit in Osterreich

17

Ulrich Im Hof Wirkungen der Französischen Revolution auf die schweizerische Öffentlichkeit

27

Reinhart Siegert Zur Topographie der Aufklärung in Deutschland 1789. Methodische Überlegungen an Hand der zeitgenössischen Presse . . . .

47

Rolf Reichardt Probleme des kulturellen Transfers der Französischen Revolution in der deutschen Publizistik 1789-1799

91

II. Wirkungen auf deutschsprachige Regionen und einzelne Zeitungen und Zeitschriften Ulrike Möllney Norddeutsche Öffentlichkeit und Französische Revolution. Zur Bedeutung der periodischen Presse in der Auseinandersetzung von Umwälzung und Beharrung am Ende des 18. Jahrhunderts

149

Karl Heinz Ziessow Der diskrete Charme des landesherrlichen Kirchenregiments. Das Spannungsfeld von aufklärerischer Landesverwaltung und kommunaler Öffentlichkeit in Oldenburger und Osnabrücker Kirchspielen zur Zeit der Französischen Revolution

165

Ursula E. Koch/Ute Nawratil/Detlef Schröter Französische Revolution und preußische Zeitungsberichte. Ein Pilotprojekt zur historischen Inhaltsanalyse

199

V

Gert Hagelweide

Publizistischer Alltag in der preußischen Provinz zur Zeit der Französischen Revolution

251

Herbert Langer

Das Echo der Französischen Revolution in Gelehrten-Zeitschriften und Zeitungen Schwedisch-Pommerns

267

Wolfgang Martens

„Laßt uns besser werden! Gleich wird's besser seyn!" Oder Moral statt Revolution. Rudolph Zacharias Beckers „Deutsche Zeitung" und die Französische Revolution

275

Sebastian Brändli

Baumschulen des kommenden Blätterwaldes. Zur Popularisierung der Presse und Politisierung in der Helvetik . . .

297

Antje Siemer „Moi, toujours moi, rien que m o i " — Zu einigen Facetten des Napoleonbildes in der deutschen Publizistik

309

III. Reaktion der Obrigkeiten und Zensur Bodo Rolika Das Verhältnis von Presse und Obrigkeiten in der Berichterstattung über die Französische Revolution. Bilder und Farben

325

Hanno Schmitt

Pressefreiheit, Zensur und Wohlverhalten. Die Braunschweigische Schulbuchhandlung zur Zeit der Französischen Revolution. Mit der Edierung einer „ehrfurchtsvollen Erklärung" Joachim Heinrich Campes

341

Christel Hess

Redaktion und Zensur in einer Hand: Der kurpfälzische Hofrat Andreas Lamey und seine „Mannheimer Zeitung"

VI

369

IV. Wirkungen auf die Alltagskultur Wolfgang Kaschuba Revolution als Spiegel. Reflexe der Französischen Revolution in deutscher Öffentlichkeit und Alltagskultur um 1800

381

Hans-Wolf Jäger Enthusiasmus und Schabernack. Uber Wirkungen der Französischen Revolution im deutschen Alltag

399

Pia Schmid „ . . . das Rad der Kleider-Moden mauerfest und täglich neue überraschende Phänomene". Die Französische Revolution im .Journal des Luxus und der Moden" 1789 bis 1795

419

Helga Brandes Die »Literarische Damengesellschaft' in Oldenburg zur Zeit der Französischen Revolution

439

Jan Peters Die Französische Revolution in zeitgenössischen bäuerlichen Tagebüchern

453

Holger Böning Zeitungen für das „ V o l k " . Ein Beitrag zur Entstehung periodischer Schriften für einfache Leser und zur Politisierung der deutschen Öffentlichkeit nach der Französischen Revolution

467

Verzeichnis der Autoren Personenregister Titel- und Sachregister

527 535 543

VII

Vorwort „Sie, und nicht wir" — mit diesem Wort Friedrich Gottlieb Klopstocks, des deutschen Dichters und Ehrenbürgers der Franzosen, ist vielfach das Denken und Handeln der Deutschen im Jahrzehnt nach der Französischen Revolution charakterisiert worden. 1 Dies gilt für eine konservative Nationalgeschichtsschreibung wie für Forscher, die sich demokratischer Traditionen auch im deutschen Sprachraum vergewissern wollten. Die Behauptung deutscher Widerständigkeit gegen den revolutionären Geist des Nachbarlandes versperrt den Blick auf die bedeutenden Wirkungen der Französischen Revolution aber ebenso wie die verdienstvolle Suche nach einzelnen besonders „radikalen" Demokraten in Deutschland, die dann als Ausnahmegestalten in einem Meer von politischer Borniertheit und Servilität erscheinen. „Sie, und nicht wir" — das ist es, was lobend oder tadelnd bestätigt wird. Die Wirkungen der Französischen Revolution in den deutschsprachigen Ländern äußerten sich zum geringeren Teil in spektakulären Aktionen, sie waren gleichwohl tiefgehend und nachhaltig. Wohl gab es Bauernaufstände, in denen sich die ländliche Bevölkerung auf die nun besser gestellten Standesgenossen in Frankreich berief, Handwerkerrevolten, in denen die Parolen von Freiheit und Gleichheit laut wurden, Bürger verschiedener Städte fehlten nicht, die ihren Anteil an der politischen Macht forderten. Repräsentativ sind diese Erscheinungen nicht. Politisches Handeln nach dem Vorbild der Franzosen war, aufs Ganze gesehen, nicht die Sache der Deutschen: zu unterschiedlich waren die ökonomischen, sozialen, territorialen und kulturgeschichtlichen Voraussetzungen. Stattdessen finden wir eine intensive, von öffentlicher Diskussion begleitete Rezeption der französischen Ideen, die diesseits des Rheins zu einer starken Politisierung der Öffentlichkeit und zu einer Veränderung der politischen Kultur führten. Zeitungen und Zeitschriften haben daran den größten Anteil. Auch die Alltagskultur, so zeigen zahllose Beispiele, blieb von den Ereignissen in Frankreich nicht unbeeinflußt. O b allerdings eine politische Öffentlichkeit in den deutschsprachigen Ländern erst Ergebnis der Französischen Revolution ist oder ob sie sich bereits seit der Mitte des Jahrhunderts in den Diskussionen der praktischen Aufklärer 2 herausbildet, bleibt weiterhin eine offene Frage. Fest steht jedenfalls, daß die Debatten über die Gestaltung des Gemeinwesens nach 1789 durch neue Fragestellungen und Bezugspunkte eine andere Qualität annehmen. Den Veränderungen und Wandlungen, die nach 1789 in Öffentlichkeit und Alltagskultur wahrzunehmen sind, hat sich eine Fachtagung gewidmet, die im Oktober 1989 von der „Deutschen Presseforschung" an der Universität Bremen durchgeführt wurde. Als Teilnehmer wirkten Wirtschafts- und Sozialhistoriker ebenso mit wie Fachwissenschaftler der Pressegeschichte, der Pädagogikund Literaturgeschichte und der Volkskunde. Das Thema „Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit" gab den Referenten aus der Bundesrepu-

IX

blik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik, der Schweiz und Osterreich Raum für breit gestreute Fragestellungen und ermöglichte die Heranziehung unterschiedlicher Quellengruppen. Zwar stand die Zeitungs- und Zeitschriftenpresse am Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Zentrum der Betrachtungen, doch dienten auch die Lied- und Bildpublizistik, die Predigt- und Kalenderliteratur, die Mode und andere Erscheinungen des Alltags dazu, die Wirkungen der Französischen Revolution auf die deutsche Öffentlichkeit zu erhellen. Die Beiträge dieses Tagungsbandes enthalten die — zum Teil für den Druck überarbeiteten — Referate der Fachkonferenz. Sie stellen unterschiedliche Fachrichtungen, Sichtweisen und Methoden zur Diskussion. Kontroverse Thesen waren erwünscht und bleiben erkennbar. Der erste größere Teil des Bandes bietet dem Leser Einführung und Uberblick. Für Deutschland, die Schweiz und für Osterreich werden die Strukturen und Voraussetzungen skizziert, die das Verständnis für die Reaktionen auf die Französische Revolution in diesen Ländern ermöglichen. Es folgt eine Darstellung zur Topographie der deutschen Aufklärung, die anschaulich macht, auf welch unterschiedliche Verhältnisse in den deutschen Ländern und Ländchen die Nachrichten von der Revolution stießen. Gleichzeitig weist dieser Beitrag darauf hin, daß eine bibliographische und charakterisierende Beschreibung der deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft im 18. Jahrhundert nach wie vor ein Desiderat der Forschung ist.3 Der letzte Aufsatz des ersten Blockes befaßt sich detailliert mit Problemen des kulturellen Transfers der Französischen Revolution in die deutsche Publizistik und zeigt auf der Grundlage der in dieser Zahl erstmals ausgewerteten Quellen, wie die verdeutschte Revolutionspublizistik „als Beschleuniger, als Katalysator für die Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland, ihrer unterschwelligen Modernisierung und Demokratisierung" wirksam wurde.4 Daß eine solche Bedeutung nicht nur den übersetzten Schriften, sondern noch mehr der deutschen Publizistik selbst zuzusprechen ist, zeigt der zweite Teil dieses Bandes, der die Wirkungen der Französischen Revolution auf unterschiedliche Regionen und auf die Presse des zeitungsreichsten Landes in Europa thematisiert. Insbesondere Norddeutschland und Preußen stehen im Mittelpunkt der Beiträge, die zugleich auch unterschiedliche Methoden der Presseforschung und der Zeitungsinhaltsanalyse zur Diskussion stellen. Auch werden Betrachtungsweisen der geschichtlichen Vorgänge dokumentiert, die seit dem Herbst 1989 selbst schon fast historisch erscheinen. Vor allem aber zeigen die Aufsätze, in welcher Intensität dem deutschen Lesepublikum die Ereignisse in Frankreich nahegebracht wurden und wie insbesondere die Zeitungspresse durch ihre regelmäßigen Nachrichten die Grundlage dafür legte, daß die politischen Geschehnisse zum alles beherrschenden Diskussionsthema werden konnten. Welche Wirkung die Revolution auf die Gattung der moralisch-aufklärerischen Presse hatte, illustriert ein Aufsatz über die „Deutsche Zeitung" des Rudolph Zacharias Becker. Die beiden letzten Beiträge verlassen bereits ein wenig den Zeitraum, der im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Kann man die Ereignisse der HelveX

tischen Revolution und Republik noch als unmittelbare Wirkungen der Französischen Revolution begreifen, auch wenn die innerschweizerischen Verhältnisse für sie ausschlaggebend sind, so weist die Darstellung des Napoleonbildes in der deutschen Presse bereits auf die weiteren Entwicklungen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Zum dritten Teil des Bandes: Die Reaktion der Obrigkeiten auf die Geschehnisse in Frankreich und die spätestens seit Beginn des Krieges verstärkt einsetzende Zensur der Presse gehören ebenso zu einem vollständigen Bild der Revolutionswirkungen wie das diffizile Verhältnis von Zensur und Selbstzensur bei vielen Aufklärern. „Bilder und Farben" sind es, die hier geboten werden können - zu einem vollständigen Bild der Zensurverhältnisse am Ende des achtzehnten Jahrhunderts fehlt es immer noch an den notwendigen Vorarbeiten. Der vierte und letzte Teil ist den Wirkungen der Revolution auf die Alltagskultur gewidmet. Der Begriff der Öffentlichkeit wird dabei in einem sehr weiten Sinne verstanden. Er umfaßt die orale oder semiorale Kommunikation auf dem Lande gleichermaßen wie die Entwicklung der Mode und des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern, die Gestaltung des Alltagslebens und die Entstehung eines größeren Angebotes von Volkslesestoffen ebenso wie die Gestaltung des Verhältnisses von Obrigkeiten und Untertanen. Es sind zum Teil ungewöhnliche Quellen, die herangezogen werden, wenn etwa dem Bild der Revolution in bäuerlichen Tagebüchern nachgegangen und gleichzeitig eine spannende Auseinandersetzung mit Erkenntnisinteressen, Fragestellungen und Methoden der Geschichtsschreibung geführt wird, wenn an Kleidern, Schmuck oder Festen ganz unvermutete Wirkungen der Revolution nachgewiesen werden oder wenn die Einbeziehung des weiblichen Geschlechts in die politische Debatte verfolgt wird. Der abschließende Beitrag des Bandes ist den neu entstehenden Zeitungen für das „ V o l k " gewidmet, die zu einer für die Entwicklung im deutschsprachigen Raum insgesamt charakteristischen Politisierung der Öffentlichkeit beitragen, ein ganz neues Lesepublikum für die periodische Presse erschließen und mithelfen, der deutschen Presselandschaft ein neues Gesicht zu verleihen. Ein besonderer Dank des Herausgebers gilt der Volkswagen-Stiftung. Sie ermöglichte der Deutschen Presseforschung an der Universität Bremen die Durchführung des Forschungsprojektes „Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit" und der Fachtagung. Dank auch der Universität Bremen, die die Drucklegung des vorliegenden Bandes unterstützte. Mögen die hier präsentierten Forschungsergebnisse informieren und anregen — vornehmlich unter dem Aspekt, daß die Reaktion der Deutschen auf die französischen Ereignisse sehr viel politischer war als häufig behauptet und daß diese Reaktion ihre Grundlage in einer gründlichen Information durch Zeitungen und Zeitschriften hatte. Holger Böning

XI

Anmerkungen 1

2

3

4

Zuletzt durch die Titelgebung des Bandes von Arno Herzig, Inge Stephan und Hans G. Winter (Hrsg.): „Sie, und nicht Wir". Die Französische Revolution und ihre Wirkung auf Norddeutschland. Bd. 1 - 2 . Hamburg: Dölling und Galitz 1989. Vgl. aber vor allem Rudolf Vierhaus: „Sie und nicht wir". Deutsche Urteile über den Ausbruch der französischen Revolution. In: Ders.: Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, soziales Gefüge, geistige Bewegungen. Göttingen 1987, S. 202 - 215. Zuvor auch in dem für unser Thema wichtigen Band von Jürgen Voss (Hrsg.): Deutschland und die Französische Revolution. (= Beihefte der Francia, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris, Bd. 12), München und Zürich: Artemis Verlag 1983, S. 1 - 1 5 . Siehe hierzu jetzt Holger Böning und Reinhart Siegen: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850. Bd. 1 - 4 ; bisher erschienen: Bd. 1 Holger Böning: Die Genese der Volksaufklärung und ihre Entwicklung bis 1780. Stuttgart/Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1990. Diese Aufgabe ist inzwischen in Angriff genommen worden. In Bremen wird eine Bibliographie zur deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenpresse erstellt, die für alle deutschen Städte die während des achtzehnten Jahrhunderts erschienenen Zeitungen, Intelligenzblätter und Zeitschriften verzeichnet, die einzelnen Blätter nach Autopsie charakterisiert und Standorte nachweist. Aus der Summe der Ortsbibliographien soll so eine deutsche Pressegeschichte entstehen, für die insbesondere die bei der Deutschen Presseforschung gesammelte, oft schwer zugängliche Forschungsliteratur ausgewertet und nachgewiesen werden wird. Band 1 dieser Bibliographie, bearbeitet vom Herausgeber und Emmy Moepps, ist weit fortgeschritten und umfaßt Norddeutschland sowie die deutschsprachige Presse der Ostseeanliegergebiete. Vgl. dazu Rolf Reichardt: Die Französische Revolution und Deutschland. Thesen für einen komparatistischen kulturhistorischen Neuansatz. In: Karl Otmar Freiherr von Aretin und Karl Härter (Hrsg.): Revolution und konservatives Beharren. Das Alte Reich und die Französische Revolution. Mainz 1990, S. 2 1 - 2 8 , hier S. 28.

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I Überblick

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HELMUT BERDING

Die Ausstrahlung der Französischen Revolution auf Deutschland1 Die Frage nach den Auswirkungen der Französischen Revolution auf die deutsche Staatenwelt ist nicht neu. Sie beschäftigte schon die Zeitgenossen, die das unerhörte Geschehen in Frankreich mit größter Aufmerksamkeit verfolgten und sich keineswegs einig waren, wie sie die Revolution selber beurteilen und deren Folgen für die politische Entwicklung in den deutschen Ländern einschätzen sollten. Nach der Revolution dauerte die Diskussion fort, unterlag vielfachen Wandlungen und ist bis heute, 200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, nicht zum Abschluß gelangt. Je nach historischer Perspektive und politischer Grundeinstellung kam die komplexe Problematik des Einflusses der Französischen Revolution auf die deutsche Geschichte außerordentlich unterschiedlich in den Blick. O b das Interesse stärker den geistigen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Aspekten galt, ob mehr die unmittelbaren ereignishaften Zusammenhänge oder die längerfristig wirksamen Veränderungen betrachtet wurden, ob die revolutionären Impulse von außen oder die Reformanstöße von innen in den Mittelpunkt des Interesses rückten, das hing nicht zuletzt auch mit dem sich ständig wandelnden Verständnis der Französischen Revolution selbst zusammen. Welches Revolutionsbild steht heute im Vordergrund? Wo setzt die Geschichtswissenschaft unserer Zeit die Akzente? Diese Frage soll zunächst erörtert werden. In der Revolutionsforschung der letzten Jahrzehnte standen sich hauptsächlich zwei Positionen gegenüber. Dominierenden Einfluß besaß lange Zeit der zäsurgeschichtliche Ansatz. Dieses identifikatorische Interpretationsmodell ist auf die Revolution selber zurückzuführen. Es prägte das Revolutionsbild sowohl der liberal ausgerichteten französischen Nationalgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert als auch der marxistisch-leninistischen Historiographie des 20. Jahrhunderts. Albert Soboul war der letzte große Wortführer dieses Konzepts, das den revolutionären Bruch von 1789 betonte und die welthistorisch wirksame progressive Funktion der dramatischen Ereignisse vom Ballhausschwur am 20. Juni 1789 bis zum Sturz Robespierres am 27. Juli 1794 herausstellte. Das französische Bürgertum und die es unterstützenden Volksmassen erschienen aus dieser gründungsmythischen Sicht als die Hauptakteure einer Revolution, die das morsche Gebäude des Ancien Regime zum Einsturz brachte und damit den Weg bahnte für den Ubergang von der sogenannten geburtsständischen Privilegienordnung zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung. In Auseinandersetzung mit dem identifikatorischen gewann der strukturanalytische Interpretationsansatz mehr und mehr an Boden. Dieses Deutungsmuster, das in der Tradition von Alexis de Tocqueville steht und dem in Frank3

reich vor allem Frangois Füret Geltung verschaffte, richtete das Hauptaugenmerk nicht auf die raschen Veränderungen, sondern auf die Kontinuitäten und den allmählichen Wandel, auf die Verläufe der „longue duree", die ganz anderen Zeitrhythmen folgen als die eher flüchtige Ereignisgeschichte. Der strukturanalytische Zugriff stufte schon vom Ansatz her das Revolutionsgeschehen zur bloßen Episode herab. Die Französische Revolution drohte somit ihren weltgeschichtlichen Rang einzubüßen. Ihr wurde für die Entstehung der modernen Welt nur noch eine untergeordnete Bedeutung beigemessen. Historiker, deren Interesse der Institutionengeschichte galt, sahen in ihr einen beschleunigenden Faktor der Herausbildung moderner Staatlichkeit. Aus wirtschaftshistorischer Perspektive hingegen erschien sie eher als Störfaktor, der in Frankreich den Aufschwung von Handel und Industrie bremste. Während die Anhänger der Zäsur- und Ereignisgeschichte den Strukturanalytikern vorhielten, die Französische Revolution in eine Vielzahl von Prozeßelementen aufzulösen und damit zum Verschwinden zu bringen, lautete der Vorwurf umgekehrt: ideologische Befangenheit, mangelndes Kritikvermögen und politische Mythologisierung der Französischen Revolution. Heute bestehen die unfruchtbaren Gegensätze, die zeitweilig zum völligen Abbruch von Diskussion und Kommunikation führten, in dieser Schärfe nicht mehr fort. Der allgemeine Abbau ideologischer Frontstellungen und nicht zuletzt auch die empirische sozialgeschichtliche Forschung haben zu einer gewissen Annäherung der Standpunkte geführt. Auf beiden Seiten verstärkte sich das Bemühen, Ereignisgeschichte und Strukturgeschichte miteinander zu verbinden, den radikalen Bruch der Revolution mit der Vergangenheit und die ihr innewohnende Dynamik ebenso zu erfassen wie die Kontinuitäten, in die das Revolutionsgeschehen eingebettet lag. Diese inzwischen weitgehend anerkannte Verknüpfung ursprünglich entgegengesetzter Interpretationsansätze erlaubt nicht nur eine überzeugendere Einordnung der revolutionären Ereignisse in längerfristig ablaufende Prozesse des sozialen Wandels. Sie läßt zudem die Ausstrahlung der Französischen Revolution auf Deutschland in einem anderen Licht erscheinen. Auch dieses rezeptionsgeschichtliche Thema besitzt einen ereignisgeschichtlichen und einen strukturgeschichtlichen Aspekt. Wenn man nun versucht, beide Teilaspekte in die Betrachtung einzubeziehen, öffnet sich der Blick für die Komplexität des Revolutionstransfers, der auf den einzelnen Ebenen sehr unterschiedliche Auswirkungen zeitigte. Als in Frankreich die Revolution ausbrach, war die deutsche Gesellschaft in raschem Wandel begriffen. Sie überschritt in den Jahrzehnten von 1770 bis 1820, in der sogenannten „Sattelzeit", die Schwelle zur Moderne. Erstens verschärften sich in dieser Epoche des Umbruchs die sozialen Spannungen und Konflikte. Auch in Deutschland gerieten die unteren und mittleren Gesellschaftsschichten in Bewegung, Unruhen breiteten sich aus. Zweitens vollzog sich in der geistigen Führungsschicht eine nachhaltige Veränderung des politischen Bewußtseins. Mit der Entstehung unterschiedlicher politischer Strömungen bildeten sich politisch-ideologische Gegensätze heraus, wie sie in dieser Schärfe 4

vorher nicht existiert hatten, und die Aufklärungsgesellschaft verlor ihren inneren Zusammenhalt. Drittens entstanden im staatlichen Bereich nach Säkularisierung, Mediatisierung und Auflösung des Alten Reiches souveräne Mittelstaaten. Das Zeitalter der Reformen löste die Epoche des aufgeklärten Absolutismus ab, und die politische Ordnung wurde völlig umgestaltet. Betrachtet man die Auswirkungen der Französischen Revolution auf Deutschland vor diesem Hintergrund eines tiefgreifenden Umwälzungsprozesses, dann stellt sich das Problem, inwieweit sich die Veränderungen aus der eigenen Tradition erklären und inwieweit sie auf Impulse von außen, auf die Französische Revolution, zurückzuführen sind. Diese Frage gilt es auf drei Gebieten zu verfolgen: dem Gebiet der sozialen Unruhen, des politisch-ideologischen Wandels und der staatlich-rechtlichen Veränderungen. Zunächst steht der erste Bereich, das Problem der sozialen Unruhen, zur Diskussion. In welchem Ausmaße die Französische Revolution die sozialen Spannungen und Konflikte in der deutschen Staatenwelt beeinflußt und das Protestverhalten der unteren sowie mittleren Gesellschaftsschichten verändert hat, läßt sich aus zwei Gründen nicht leicht beurteilen. Zum einen steckt die Forschung noch in den Anfängen. Trotz einer beachtlichen Anzahl lokal- und regionalgeschichtlicher Untersuchungen, die inzwischen immerhin doch über Handwerkerund Bauernunruhen im Zeitalter der Revolution vorliegen, bleibt das Wissen außerordentlich lückenhaft. Es fehlt an einer systematischen Auswertung der Einzelstudien und an epochenübergreifenden Analysen. Zum anderen ist es vom Methodischen her schwierig, das Protestverhalten der aufrührerischen Handwerker und Bauern, die Unruhen in den Städten und die Tumulte der Unterschichten, die sich konkret zumeist gegen örtliche Mißstände richteten und lokal begrenzt blieben, auf einen einheitlichen Nenner zu bringen und auf ein von außen hereinwirkendes Ereignis wie das der französischen Revolution zu beziehen. Dennoch bieten sich gute Anhaltspunkte für die These, die hier vertreten werden soll: Die Französische Revolution hat die gesellschaftlichen Konflikte in Deutschland vorübergehend erheblich verschärft, jedoch das Protestverhalten der unteren und mittleren Schichten nachhaltig kaum verändert. Zur Begründung dieser These läßt sich von einer gesicherten Feststellung ausgehen: Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution nahmen in den deutschen Territorien und Städten Aufruhr und Widersetzlichkeiten ganz erheblich zu. Dies gilt nicht allein für die grenznahen Gebiete entlang des Rheins. Bis weit in den süd- und norddeutschen Raum hinein kam es in den meisten mittleren und größeren Städten zu regelrechten Revolten der Handwerkergesellen gegen die lokalen Obrigkeiten. In manchen Fällen griffen die Unruhen auf das platte Land über, wo sich die Bauern gegen die Grundherren erhoben und eine Verringerung der drückenden Abgaben sowie Frondienste verlangten. Im östlichen Deutschland bildete Kursachsen, wo sich im Sommer 1790 10 000 Bauern an einem Aufstand beteiligten, das Zentrum schwerer Unruhen. Auch Schlesien geriet in Gärung. In dieser preußischen Provinz folgten den bäuerlichen Erhebungen 1790/92 im Jahre 1793 der blutige Gesellenaufstand in Breslau und Weberrevolten, die in verschiedenen Regionen ausbrachen. 5

Die Unruhen der 1790er Jahre setzten nicht schlagartig mit der Revolution ein, sondern bildeten nur den Kulminationspunkt einer sich über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erstreckenden und erst zu Beginn der napoleonischen Zeit abflauenden Phase verschärfter Proteste. Zu den allgemeinen Ursachen, die in der deutschen Geschichte gesucht werden müssen, zählen wirtschafts-, sozial- und mentalitätsgeschichtliche Wandlungsprozesse. Das rasche Wachstum der Bevölkerung erhöhte die Massenarmut, Rationalisierungsmaßnahmen in der Forst- und Landwirtschaft verstärkten die Auflösungstendenzen in der Ständegesellschaft. Hinzu traten krisenhafte Ereignisse wie Mißernten, Hungersnöte und Kriege. Unter dem Einfluß dieser Faktoren verschlechterten sich die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungskreise in Stadt und Land. Parallel dazu nahm im Zuge eines tiefgreifenden soziokulturellen Wandels in den mittleren und unteren Gesellschaftsschichten die Bereitschaft ab, wirtschaftliche Not, sozialen Abstieg oder Statusverlust als gottgewollte Schicksalsschläge einfach hinzunehmen. Dies war der allgemeine Hintergrund, vor dem sich an den vielfältigen lokalen Unzuträglichkeiten und regionalen Nöten überall soziale Unruhen entzündeten. Die Nachrichten von den Ereignissen in Frankreich trugen dazu bei, daß sich die sozialen Spannungen in offenen Auseinandersetzungen entluden. Einen zuverlässigen Beleg hierfür lieferte Johann Melchior Hoscher. Er war als Sekretär des Reichskammergerichts zu Wetzlar für sogenannte „Tumultsachen" zuständig und besaß von daher einen guten Einblick in die Problematik. Hoscher führte schon im November 1789 die sehr rasch wachsende Aufsässigkeit der Untertanen in den Herrschaftsgebieten des Alten Reiches auf „die Rebellion in Frankreich" zurück. Die Unruhe scheine „nach dem schnellen Laufe, womit sich der französische Empörergeist wie ein elektrischer Schlag in viele andere Gegenden verbreitet hat, fast als eine allgemeine Seuche die Welt ergreifen zu wollen" 2 . Ab 1789 rissen die sozialen Konflikte nicht mehr ab. Die unteren und mittleren Schichten setzten sich häufiger, heftiger und zahlreicher als in früheren Jahren zur Wehr. In vielen Fällen konnten die Aufstände nur mit Militärgewalt niedergeschlagen werden. Die Französische Revolution machte sich jedoch nicht nur in der Intensität, sondern auch im Charakter der sozialen Unruhen bemerkbar. Wiederholt griffen aufständische Bauern und revoltierende Handwerkergesellen die Revolutionsparolen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf, und sie identifizierten sich durch symbolische Handlungen wie das Pflanzen von Freiheitsbäumen zumindest momentan mit der Revolution. Wie weit damit bewußt auf einen Umsturz der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung hingewirkt werden sollte, ist eine offene Frage, die schon die Zeitgenossen sehr unterschiedlich beantworteten. Einige Demokraten und Republikaner, die sogenannten deutschen Jakobiner, schätzten die Situation in ihrem Sinne günstig ein. Sie glaubten, daß auch in Deutschland breite Bevölkerungskreise von einer revolutionären Stimmung erfaßt seien, und sie versuchten, in der deutschen Staatenwelt eine Volksrevo6

lution zu entfesseln. In der Geschichtswissenschaft der letzten zwei Jahrzehnte wurde diesen Bestrebungen große Bedeutung beigemessen — eine wohl allzu große, wie es scheint. Nüchterner als die meisten anderen „Jakobiner" beurteilte der Mainzer Revolutionär Georg Forster die Lage. Er schrieb im Dezember 1792: „Ich bleibe dabei, daß Deutschland zu keiner Revolution reif ist, und daß es schrecklich, gräßlich seyn wird, sie durch das halsstarrige Bestehen auf die Fortsetzung des unglückseligsten aller Kriege, unfehlbar vor der Zeit herbeizuführen . . . Unser rohes, armes, ungebildetes Volk kann nur wüthen, aber nicht sich constituieren . . ." 3 . Der heute erreichte Forschungsstand erlaubt eine differenziertere Beurteilung des damaligen Protestverhaltens. Man darf einerseits die Politisierung der unteren und mittleren Gesellschaftsschichten nicht unterschätzen. Es wäre wohl zu eng gegriffen, wollte man lediglich einen spektakulären Protestfall wie den sächsischen Bauernaufstand von 1790 gelten lassen, der manche Parallelen mit den Bauernunruhen in Frankreich aufwies. Die sächsischen Bauern folgten bewußt dem französischen Vorbild, über das sie gut unterrichtet waren. Auch organisierten sie den Widerstand nach dem Muster der Franzosen, versuchten wie diese, das Militär auf ihre Seite zu ziehen und waren bereit, Gewalt anzuwenden. Ferner lief ihre Forderung, „daß es wie in Frankreich werden müsse", unmißverständlich auf die Abschaffung der Grundherrschaft hinaus. Man muß zwar zugestehen, daß die sächsische Bauernbewegung allein von der Dimension her alle anderen Revolten an Bedeutung übertraf. Insofern war sie für den sozialen Protest in Deutschland zur Zeit der Französischen Revolution nicht typisch. Aber ebensowenig bildete sie eine Ausnahme. Weitaus häufiger als bisher angenommen gaben sich Protestbewegungen nicht mehr mit der bloßen Rückkehr zum status quo ante zufrieden, sondern erhoben weiterreichende Forderungen, die auf eine dauerhafte Verbesserung ihrer materiellen, rechtlichen und politischen Situation abzielte. Hierfür lassen sich zahlreiche Beispiele aus vielen Regionen und unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen anführen. Man darf aber andererseits die Politisierung auch nicht überschätzen. Sicherlich wäre es zu weit gegriffen, wollte man jeder Protestbewegung, die von der Französischen Revolution ausgelöst wurde und sich auf sie berief, einen revolutionären Charakter verleihen. Es war nicht unbedingt ein Zeichen von revolutionärer Gesinnung und entschlossenem Veränderungswillen, wenn aufgebrachte Bauern, Zunftbürger oder andere Gruppen bei sozialen Protesten Freiheitsbäume errichteten, Kokarden trugen oder Revolutionsparolen verkündeten. Nicht immer entsprangen solche symbolische Handlungen einer bewußten Parteinahme für die Französische Revolution. Die Anleihen, die an sie gemacht wurden, waren oft nur aufgepfropft. Sie erfolgten unbedacht oder dienten nur der Einschüchterung. Ein entschlossener Veränderungswille stand in der Regel nicht dahinter. Oft hatte sich am althergebrachten defensiven Protestverhalten kaum etwas geändert. Mit anderen Worten: Ein „revolutionäres" Protestverhalten setzte sich in größerem Ausmaße und auf Dauer nicht durch. Vielmehr blieben die Insurrektionen örtlich begrenzt und erloschen bald wieder. Die Re7

volution erreichte also in Deutschland keine Breiten- und keine Tiefenwirkung. Daher mußten die Revolutionspläne der deutschen Jakobiner scheitern. Der Ausstrahlung der Französischen Revolution auf die sogenannten „Volksmassen", insbesondere auf Bauern und Handwerksgesellen, also auf die mittleren und unteren Gesellschaftsschichten, waren von vornherein enge Grenzen gesetzt. Dies lag in der vorrevolutionären Zeit und der Frühphase der Revolution von 1789 bis 1791 vornehmlich in der politischen Kleinräumigkeit begründet. Später, als die Französische Revolution in ihre terroristische und vor allem in ihre expansionistische Phase eintrat, kamen noch andere Faktoren hinzu, die dem Revolutionstransfer von Frankreich nach Deutschland entgegenwirkten. Einmal erlebte die große Mehrheit der Bevölkerung in den deutschen Territorien und Städten die Französische Revolution immer auch als militärische und politische Expansion. Nicht die Ideen von 1789, sondern die konkreten Erfahrungen mit der Revolutionsarmee und der Besatzungsmacht beziehungsweise später mit der napoleonischen Herrschaft in Deutschland bestimmten das Bild, das sich der einfache Mann von der Revolution und ihren Folgen machte. Das Urteil fiel nicht immer positiv aus. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, daß in den 90er Jahren die Übertragung revolutionärer Errungenschaften im linksrheinischen Deutschland zum Teil heftige Proteste auslöste. So, wie die Anhänger der Revolution Freiheitsbäume errichteten, rissen Revolutionsgegner sie wieder nieder. In der napoleonischen Zeit breitete sich Unmut gegen Militärdienst, Armeedurchmärsche, Einquartierungen, Requisitionen sowie gegen die finanzielle und wirtschaftliche Ausbeutung der Rheinbundstaaten durch Frankreich aus. Die Unzufriedenheit, die sich zum Teil in Insurrektionen mit nationalen, Zügen entlud, schlug sich auch in einer zunehmend skeptischen oder ablehnenden Haltung gegenüber der Revolution nieder. Die gegenrevolutionäre Propaganda, die schon zu Beginn der 90er Jahre einsetzte, tat ein Übriges, indem sie geschickt die kriegerischen und politischen Wirren mit ihren zum Teil katastrophalen Folgen gerade für die unteren und mittleren Gesellschaftsschichten als Ausfluß der Revolution hinstellte. Zum anderen erlebte die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ganz im Unterschied zu der in Frankreich die Revolution nicht als eine von ihr selbst erkämpfte Befreiung. In der deutschen Staatenwelt fühlte sich der einfache Mann als Objekt und nicht als Subjekt des sozialen Wandels. Ihm traten die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen konkret als Oktroi von außen oder als staatliche Reform von oben entgegen. Für eine Identifizierung mit der Revolution war dies eine denkbar ungünstige Voraussetzung. Anders als in Frankreich etwa in den Revolutionen von 1830 und 1848 oder im Kommuneaufstand von 1871 konnten die unteren und mittleren Schichten in Deutschland nicht stolz darauf sein, sich wenigstens vorübergehend als souveränes Volk konstituiert und das Schicksal in die eigene Hand genommen zu haben. Während die Franzosen ihre Revolution nach einer Formulierung des französischen Revolutionshistorikers Michel Vovelle „als Trauma und Gründungserlebnis zugleich" in Erinnerung bewahrten, fehlte den Deutschen die Voraussetzung für eine po8

sitive Bezugnahme — sieht man einmal von der schmalen Schicht der politisch bewußten Gebildeten ab. Dies wirkte sich auf die mentalen Einstellungen der unteren und mittleren Schichten aus. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und somit bis in die Anfänge des Industriezeitalters hinein blieben in Deutschland die tradierten Handlungsmuster vorherrschend. Wie in der vorindustriellen Zeit ging es in den sozialen Protesten des Vormärz mehr um Statuserhalt und Wahrung der traditionellen sozialen Beziehungen einschließlich der überkommenen korporativen und hierarchischen Strukturen als um das Ziel einer freien und gerechten Zukunftsgesellschaft. Ein solches rückwärtsgewandtes „reaktives" wurde nur allmählich durch ein vorwärtsgewandtes „proaktives" Protestverhalten abgelöst. Endgültig durchgesetzt hat es sich erst in der organisierten Arbeiterbewegung. Ob sich von hier eine Brücke zur Französischen Revolution zurückschlagen läßt und von einer Fernwirkung gesprochen werden kann, erscheint mehr als fraglich. Sicher ist nur, daß die Französische Revolution das Protestverhalten in Deutschland beeinflußte. Es nahm vorübergehend an Umfang zu und veränderte auch punktuell seinen Charakter, blieb aber letztlich lokal begrenzt und rückwärtsgewandt. Für die Herausbildung einer breiten, organisierten und zukunftgerichteten Protestbewegung fehlten alle Voraussetzungen. Wie stand es nun mit der Auswirkung der Französischen Revolution auf die Veränderung des politischen Bewußtseins? Dieser Aspekt des Themas, der nun zu betrachten sein wird, stand in der sehr umfangreichen Literatur über Deutschland und die Französische Revolution von jeher im Mittelpunkt des Interesses. Darüber, wie sich die Ideen von 1789 in der deutschen Aufklärungsgesellschaft niedergeschlagen haben, liegen vorzügliche Untersuchungen in großer Zahl vor. Historiker, Philosophen und Literaturwissenschaftler sind immer wieder der Frage nachgegangen, wie die führenden Köpfe der Gelehrtenrepublik die Revolution aufnahmen und verarbeiteten, wie parallel zur Radikalisierung der Revolution in Frankreich die Politisierung, Differenzierung und Polarisierung der öffentlichen Meinung in Deutschland voranschritt und wie sich schließlich die großen politischen Bewegungen des frühen 19. Jahrhunderts zu formieren begannen. Obwohl die geistige Auseindersetzung mit der Revolution im einzelnen also recht gut erforscht ist, besteht über wichtige Fragen, so zum Beispiel die Bedeutung der deutschen Jakobiner, keine Einigkeit. Auch zum Problem, in welchem Ausmaße der Wandel des politischen Bewußtseins entweder auf die Tradition des aufgeklärten Denkens in Deutschland oder aber auf die Französiche Revolution zurückgeführt werden kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Nach der These, die hier vertreten wird, hat die Französischen Revolution den Prozeß der politischen Bewußtseinsbildung beschleunigt und die in der deutschen Aufklärungsgesellschaft bereits angelegten politischen Tendenzen verstärkt sowie in neue Bahnen gelenkt. Die Fronten, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das politische Bewußtsein bestimmten, formten sich in der Auseinandersetzung mit der Revolution aus und erhielten dadurch erst ihre scharfen Konturen. Dieser Vorgang verlief in drei Phasen. 9

In der ersten Phase, die mit der Eröffnung der Generalstände in Versailles am 5. Mai 1789 begann und mit dem Ubergang des revolutionären Frankreich zum Eroberungskrieg sowie der Hinrichtung Ludwigs XVI. in Paris am 21. Januar 1793 endete, entfaltete die Französische Revolution eine gewaltige geistige Ausstrahlungskraft. Große Teile der deutschen intellektuellen Führungsschicht waren von den Vorgängen in Frankreich fasziniert und begeistert. In Scharen zogen Revolutionspilger nach Paris und berichteten von den Erfahrungen, die sie am Hauptort des Geschehens machten. Das gebildete Publikum verfolgte die Zeitungsmeldungen, Zeitschriftenartikel und Bücher, die in ständig wachsender Zahl über die Revolutionsereignisse informierten, mit gebannter Aufmerksamkeit. In dem Bild, das sich die deutsche Aufklärungsgesellschaft von der Französischen Revolution machte und das in charakteristischer Weise von selektiver Wahrnehmung geprägt war, stachen zwei Aspekte positiv hervor. Einmal betonte man, wie dies schon 1789 Kaiser Joseph II. getan hatte, die Ähnlichkeit der Revolutionsziele mit dem Reformprogramm des aufgeklärten Absolutismus. In den Augen der meisten Beobachter speiste derselbe Reformwille, der in der deutschen Staatenwelt manche Verbesserungen bewirkt hatte, hier aber seit einigen Jahren erlahmt war, auch die Revolution in Frankreich. Die naheliegende Hoffnung einer Ausstrahlung auf Deutschland verband sich mit dem Appell an die aufgeklärten Fürsten und Regierungen, die Impulse aus Frankreich aufzunehmen und in staatliche Reform maßnahmen umzumünzen. Für ein revolutionäres Zusammengehen mit dem Volk und den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verhältnisse, also für die unmittelbare Übernahme des französischen Modells, ließ sich in der Frühphase der Revolution kaum jemand begeistern. Das deutsche Bildungsbürgertum, das aufgrund der politischen Enge viel stärker als in Frankreich vom Staat lebte und an ihn gebunden war, war reformerisch und nicht revolutionär gesinnt. Zum anderen galt die Französische Revolution als ein Werk des aufgeklärten Denkens. „Sie ist", schrieb Friedrich Gentz Ende 1790 und verlieh damit einer allgemein verbreiteten Uberzeugung Ausdrucks, „der erste praktische Triumph der Philosophie, das erste Beispiel einer Regierungsform, die auf Prinzipien und auf ein zusammenhängendes konsequentes System gegründet wird" 4 . Ein solche vom Glauben an die geschichtsbildende Kraft des Fortschrittsdenkens und der Freiheitsidee getragene idealistische Interpretation übersah völlig die Bedeutung der Volkserhebungen, schätzte deshalb die der Revolution innewohnende Dynamik sowie die von ihr freigesetzten destruktiven Kräfte falsch ein und weckte eine Erwartung, die enttäuscht werden mußte, als die Revolution in Eroberungskrieg und Terrorherrschaft einmündete. In der deutschen Aufklärungsgesellschaft schlug deshalb in Reaktion darauf die öffentliche Meinung um. Der bisher vorherrschende Konsens löste sich auf und machte einem differenzierten Revolutionsverständnis Platz. In der zweiten Phase, die von 1793 bis 1799, von der „derapage", das heißt der „Ausuferung" der Revolution bis zu ihrer „Vollendung" durch Napoleon dauerte, büßten die Ereignisse in Frankreich ihre Faszination ein. In Deutsch10

land bildeten sich durch die geistige Auseinandersetzung mit der Revolution drei unterschiedliche politische Richtungen heraus. Die einzelnen Positionen lassen sich zwar idealtypisch eindeutig bestimmen, doch sind in der geschichtlichen Wirklichkeit die Grenzen fließend, so daß häufig die Zuordnung von bestimmten Personen oder gar Gruppen schwerfällt und als problematisch angesehen werden muß. Auf dem äußerst rechten Flügel standen die Konservativen. Diese zunächst zwar nur kleine, aber allmählich an Bedeutung zunehmende Gruppe von Gebildeten sagte der Revolution den Kampf an. Es handelte sich zum Teil um Angehörige der deutschen Bildungselite, die dem Fortschrittsgedanken und den Reformideen des aufgeklärten Denkens von Anfang an negativ gegenübergestanden hatten. Die Wurzeln der konservativen Reaktion reichen bis in die 1770er Jahre zurück, in eine Zeit, als die Aufklärung mit ihren natur- und menschenrechtlichen Ideen die öffentliche Meinung zu beherrschen begann und die Reformen der aufgeklärten Regierungen die überlieferte Ständeordnung zu nivellieren drohten. Bei einigen konservativ eingestellten Köpfen rief diese Entwicklung Bedenken hervor. Schon unter dem aufgeklärten Absolutismus formierten sich die Gegner des Wandels und begannen, dem Geist der Aufklärung in einer bewußt politischen Haltung entgegenzutreten. In der Französischen Revolution sahen die Konservativen eine Bestätigung ihrer Befürchtungen. Sie reagierten auf die Bedrohung des inneren und äußeren Friedens zum Teil geradezu hysterisch. Uberall vermuteten sie Verschwörer, verdächtigten selbst gemäßigte Aufklärer und Reformer eines umstürzlerischen Jakobinismus, überwachten die öffentliche Meinung, verfolgten Kritiker, entwarfen eine gegenrevolutionäre Ideologie und veranstalteten eine breit angelegte Propagandakampagne. Durch dieses von Revolutionsfurcht geleitete Verhalten trugen sie maßgeblich zur Polarisierung des politischen Bewußtseins bei. Auf dem äußerst linken Flügel standen die sogenannten deutschen Jakobiner. Auch sie stellten nur eine Minderheit in der deutschen Bildungswelt dar. Ihre Angehörigen hielten selbst nach 1792, also während der Revolutionskriege und der Terrorherrschaft in Frankreich, an der Revolution fest. Diese Demokraten und Republikaner hielten auch in Deutschland den gewaltsamen Umsturz für notwendig. Die ganz und gar unbewegliche, ja sogar militant antireformerische Haltung der konservativen Reaktion bestärkte die Jakobiner in ihrer revolutionären Uberzeugung. Zur Erreichung ihres Ziels setzten sie drei Mittel ein: Sie gründeten Klubs, entfalteten eine rege Propagandatätigkeit und bemühten sich um die Unterstützung der französischen Behörden im Linksrheinischen beziehungsweise der Revolutionsarmee in Süddeutschland. Zwischen Konservativen und Demokraten standen die liberal-reformerisch Gesinnten. Sie bildeten die überwiegende Mehrheit der deutschen Aufklärungsgesellschaft. Nach anfänglicher Begeisterung wandten sich die Angehörigen dieser großen Gruppe von Gebildeten desillusioniert von der Französischen Revolution ab. Gewiß schlug bei einigen Enttäuschung in Resignation um, führte das Unbehagen an Politisierung und Polarisierung zum Rückzug ins Theoretische, 11

Ästhetische, Private. Doch kann von einer allgemeinen Flucht aus dem Politischen, einer weitverbreiteten Rückbildung des politischen Bewußtseins schwerlich gesprochen werden. Für eine solche tiefgreifende Veränderung eingeschliffener Grundeinstellungen gibt es keine Anhaltspunkte. Alles spricht dafür, daß sich zwischen den minoritären Extremen, der konservativen Reaktion auf der einen und den deutschen Jakobinern auf der anderen Seite, der aufgeklärt-reformerische Konsens im großen und ganzen erhalten und ausdifferenziert hat. Auf dem rechten Flügel bildete sich, ohne schon scharfe Konturen anzunehmen, eine reform- konservative, auf dem linken Flügel eine entschieden reformerische Richtung aus. Aus dem breiten Lager der Mitte mit seinen weitgespannten Flügeln rekrutierte sich die Staatsbürokratie der preußischen und rheinbündischen Reformzeit. In der dritten Phase, die den Zeitraum von 1800 bis 1813, das heißt das Konsulat und das Kaiserreich, umfaßte, gewann die Revolution wieder an Ausstrahlungskraft. Napoleon hatte sie nicht nur nach seiner eigenen Auffassung, sondern auch nach der Uberzeugung der deutschen Aufklärer „vollendet". Die in Frankreich auf den Grundlagen der Revolution errichtete Staats- und Gesellschaftsordnung entsprach weitgehend den politischen Vorstellungen der reformorientierten deutschen Gebildeten. Diese aufgeklärte Gesellschaftsschicht, der Adelige und Bürgerliche angehörten, stieg in Preußen und in den Rheinbundstaaten zur politisch bestimmenden Kraft auf. Den deutschen Jakobinern entzog die Reformepoche hingegen die Existenzgrundlage. Auch der reaktionäre Konservativismus geriet gegenüber der reformwilligen Staatsbürokratie in die Defensive. Während die liberalen Reformer ihre jakobinischen und konservativen Gegner in die Schranken weisen konnten, sahen sie sich zunehmend der Kritik einer neuen, der nationalen Bewegung ausgesetzt. Der Unmut gegen die napoleonische Hegemonialmacht mit ihren militärischen, politischen und wirtschaftlichen Bedrückungen beförderte die Politisierung der nationalen Idee, deren Wurzeln bis weit ins 18. Jahrhundert zurückreichten. Der politische Nationalismus begann sich zu formieren. Von ihm führten Verbindungslinien sowohl zum Liberalismus als auch zum Konservativismus, den beiden anderen großen politischen Strömungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einige Anhänger der nationalen Idee orientierten sich an der deutschen Geschichte, die sie christlich-germanisch verklärten. In diesem Fall verschmolz der Nationalismus mit der politischen Romantik sowie der organischen Staatstheorie zu einer gegenrevolutionären Ideologie. Andere Vertreter des Nationalstaatsgedankens beriefen sich auf das Ideal von der einen und unteilbaren Nation. Dieser Nationalismus, der an die Ideen von 1789 anknüpfte, flöß mit dem Liberalismus zu einer einheitlichen politischen Bewegung zusammen. In ihr wirkten jene Ideen der Freiheit und Gleichheit fort, die sich in einer langen geistesgeschichtlichen Entwicklung herausgebildet und sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer politischen Macht verdichtet hatten. Die Französische Revolution wurde zum Symbol für die unwiderstehliche 12

Kraft dieser emanzipatorischen Ideen. Nach einer bekannten Formulierung von Immanuel Kant vergißt sich ein „solches Phänomen in der Menschengeschichte . . . nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat" 5 . Im Sinne dieser Worte des Königsberger Philosophen beeinflußte die Französische Revolution auch das politische Bewußtsein in Deutschland. Die Ideen von 1789 ließen sich nicht mehr wegdenken. Wie steht es nun mit dem dritten Bereich, den staatlichen Reformen, denen die folgenden Ausführungen gewidmet sind? Bereits unmittelbar nach Ausbruch der revolutionären Ereignisse in Frankreich setzte sich im deutschen Bildungsbürgertum die Auffassung durch, daß die Reformbereitschaft der aufgeklärten Fürsten die Revolution in Deutschland überflüssig mache. Der revolutionäre Wandel in Frankreich von der konstitutionellen Monarchie in jakobinische Gewaltherrschaft sowie napoleonische Militärdiktatur auf der einen und die Fortschritte der preußischen beziehungsweise rheinbündischen Reformen auf der anderen Seite bekräftigten die Aufklärer in ihrem Urteil, daß die deutsche Geschichte ohne Revolution und deren Schrecken die Fesseln einer überholten Vergangenheit abstreifen könne. Hieran knüpfte die deutsche Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts an und leitete aus ihrer Uberzeugung von dem in Deutschland vorhandenen reformerischen Potential die These vom deutschen Sonderweg ab — eine These, die, nebenbei bemerkt, mit einem umgekehrten Vorzeichen versehen, heute noch ihre Bedeutung hat. Nach der ursprünglichen Sonderwegsthese führte der Weg Frankreichs in die moderne Welt über Revolutionen, der Weg Deutschlands hingegen über Reformen. So grundverschieden und so unabhängig voneinander, wie es das idealtypische Denken in Entwicklungsmodellen nahelegt, verlief die Geschichte der beiden Nachbarländer allerdings nicht. Vielmehr übte die Französische Revolution einen massiven Einfluß auf die staatlichen Reformen in Deutschland aus. Anders formuliert: Ohne Druck von außen wäre die deutsche Staatenwelt, bloß aus eigener Kraft, zu den politischrechtlichen Umwälzungen der preußisch-rheinbündischen Reformzeit wohl kaum in der Lage gewesen. Auf keinem Gebiet wirkte sich die Französische Revolution so nachhaltig aus wie in diesem staatlich-rechtlichen Reformbereich. Dies gilt in doppelter Hinsicht. Einmal räumte das revolutionäre Frankreich, als es im Zuge der Machtexpansion einen bestimmenden Einfluß auf die deutsche Geschichte gewann, eine Reihe von Hindernissen aus dem Weg, die den Fortgang der aufgeklärt-absolutistischen Reformen in Deutschland gehemmt und ihm enge Grenzen gesetzt hatten. Zum anderen sorgte die napoleonische Herrschaft für die Übertragung wichtiger revolutionärer Errungenschaften auf Deutschland. Die Reformen, die unter mehr oder weniger direktem französischen Einfluß im links-rheinischen Deutschland, in den Rheinbundstaaten und in Preußen durchgeführt wurden, gingen weit über die Veränderungen hinaus, die der aufgeklärte Absolutismus bewirkt hatte. Wenn hier der epochale Charakter der rheinbündisch-preußischen Refor13

men betont wird, so bedeutet dies keine Geringschätzung des aufgeklärten Absolutismus. Sein Anteil am Aufbau moderner Staatlichkeit, seine Verdienste im Bereich des Rechts- und Bildungswesens oder beispielsweise auf dem Gebiete der Armenfürsorge sind ebenso unbestreitbar wie sein Eintreten für mehr Gerechtigkeit und die Verpflichtung des Monarchen auf den Staat und des Staates auf das Wohl der Untertanen. Der aufgeklärte Absolutismus leistete Beachtliches, bereitete einem umfassenderen Reformwerk den Boden, und von ihm führen viele Verbindungslinien zu den Reformen der napoleonischen Ära. Doch lassen sich die Grenzen seiner Wirksamkeit nicht übersehen. Erstens bewegte sich der aufgeklärt-monarchische Modernisierungsprozeß im territorialstaatlichen Rahmen, über den er nicht hinausgelangen konnte, solange das wegen seiner Struktur mehr auf Bewahrung als auf Veränderung angelegte und deshalb reformunfähige Alte Reich bestand. Der weite Bereich der reichsstädtischen, reichsritterschaftlichen und zum Teil auch der geistlichen Gebiete blieb versperrt. Zweitens tasteten die aufgeklärt- absolutistischen Herrscher, sieht man von den weiterreichenden, aber alles in allem gescheiterten Versuchen Josephs II. einmal ab, die hervorgehobene Stellung des Adels und die geburtsständische Ordnung nicht ernsthaft an. Das Reformwerk des aufgeklärten Absolutismus hob infolgedessen mehr auf eine Rationalisierung des Staatswesens als auf eine Nivellierung der Ständeordnung ab. Drittens stellte der aufgeklärte Absolutismus die herausgehobene Stellung des Monarchen nicht in Frage. Damit war von den Voraussetzungen her eine Mitwirkung der Untertanen an Gesetzgebung, Regierung und Verwaltung ausgeschlossen. Legislative und Exekutive blieben in der Hand allein des Monarchen, so daß die Ausdehnung oder Einengung der aufgeklärt- absolutistischen Herrschaft in hohem Maße von den Wechselfällen der Thronfolge abhing. Uber diese systembedingten Schranken konnte die aufgeklärt-absolutistische Monarchie nicht hinausgelangen. Die Grenzen ihrer Wirksamkeit traten schon in den 1780er Jahren hervor, als in Preußen und anderen deutschen Staaten der Modernisierungswille erlahmte, die Reformbewegung sogar rückläufige Tendenzen aufwies. Die französische Machtexpansion veränderte die politischen Verhältnisse und damit die Voraussetzung für Reformen grundlegend. So gingen die Anstöße für den Zusammenbruch des reformunfähigen Reiches vom revolutionären Frankreich aus, das seine Grenzen bis an den Rhein vorschob. Der Säkularisation und Mediatisierung fielen jene kleinen und kleinsten Herrschaften sowie auch geistlichen Fürstentümer zum Opfer. Aus den territorialen Veränderungen ging eine Reihe von Mittelstaaten hervor, die über ein größeres und geschlosseneres Gebiet verfügten als die früheren Territorien. Die arrondierten Mittelstaaten erhielten mit der Gründung des Rheinbundes die volle innere und äußere Souveränität. Damit entfielen die Schranken, die das Reich mit seinen Institutionen nach außen und die von ihm garantierten landständischen Verfassungen im Inneren dargestellt hatten. Die souveränen Staaten des Rheinbundes wie auch Preußen nutzten den Spielraum für die Beschleunigung des Modernisierungsprozesses. Sie führten einer14

seits das auf halbem Wege steckengebliebene Reformwerk des aufgeklärten Absolutismus fort. Dies gilt in erster Linie für den Aufbau eines modernen Staatswesens mit einem leistungsfähigen Regierungs- und Verwaltungssystem, Finanzund Zollwesen sowie anderen Einrichtungen entwickelter Staatlichkeit. Andererseits gingen die rheinbündisch-preußischen Reformen weit über die des aufgeklärten Absolutismus hinaus. Zwei Gesichtspunkte des in der napoleonischen Ära stürmisch voranschreitenden politisch- gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses sind in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben. Zunächst liefen die Reformen auf eine rechtliche Egalisierung und soziale Nivellierung der überlieferten Ständegesellschaft hinaus. Sowohl die Entprivilegierung des Adels auf der einen wie die Emanzipation der unterprivilegierten Gesellschaftsschichten einschließlich der Juden auf der anderen Seite standen auf dem Programm. Sodann umschloß der durch eine Revolution von oben vorangetriebene Modernisierungsprozeß die Konstitutionalisierung der Herrschaftsordnung. Verfassungen, die die Souveränitätsrechte des Fürsten und die Kompetenzen der Regierung beschränkten, die Kontrolle der Regierungsgewalt institutionalisierten sowie die Mitspracherechte der in Repräsentationskörperschaften versammelten Bürger garantierten, gehörten zu den wichtigsten Reformzielen. Sie wurden in den süddeutschen Mittelstaaten noch während der Rheinbundzeit oder unmittelbar danach verwirklicht. In Preußen fielen sie der Restauration zum Opfer. Alles in allem ist festzuhalten, daß durch die vielfältigen Modernisierungsmaßnahmen in der napoleonischen Ära die Staats- und Gesellschaftsordnung in Deutschland tiefgreifende Veränderungen erfuhr. Die dadurch herbeigeführte Epochenwende verdankt ihre wichtigsten Anstöße dem revolutionären Frankreich. Das Nachbarland hatte nicht nur durch die von ihm ausgelöste territoriale Revolution in der deutschen Staatenwelt die wesentlichen Voraussetzungen für das Reformwerk geschaffen, sondern diente auch den Reformern unmittelbar als Vorbild. Die Epoche der rheinbündisch-preußischen Reformen, durch die die Französische Revolution den nachhaltigsten Einfluß auf die deutsche Geschichte ausübte, muß als unmittelbare Antwort auf die Herausforderung durch die Revolution angesehen werden. Niemand hat dies klarer erkannt und besser formuliert als Karl August Hardenberg, der in seiner Rigaer Denkschrift von 1807 sagte: „Die Französische Revolution, wovon die gegenwärtigen Kriege die Fortsetzung sind, gab den Franzosen unter Blutvergießen und Stürmen einen ganz neuen Schwung. Alle schlafenden Kräfte wurden geweckt, das Elende und Schwache, veraltete Vorurteile und Gebrechen wurden — freilich zugleich mit manchem Guten — zerstört. Die Benachbarten und Überwundenen wurden mit dem Strome fortgerissen . . . Der Wahn, daß man der Revolution am sichersten durch Festhalten am Alten und durch strenge Verfolgung der durch solche geltend gemachten Grundsätze entgegenstreben könne, hat besonders dazu beigetragen, die Revolution zu befördern und derselben eine stets wachsende Ausdehnung zu geben. Die Gewalt dieser Grundsätze ist so groß, sie sind so allgemein anerkannt und verbreitet, daß der Staat, der sie nicht annimmt, entweder seinem Untergange oder der erzwungenen Annahme der15

selben entgegensehen muß . . . Also eine Revolution im guten Sinn, gerade hinführend zu dem großen Zwecke der Veredelung der Menschheit, durch Weisheit der Regierungen und nicht durch gewaltsame Impulsionen von innen oder außen — das ist unser Ziel, unser leitendes Prinzip" 6 . Das, was der spätere preußische Staatskanzler 1807 niederschrieb, entsprach präzise den Zielen der Aufklärung. Wenn die preußisch- rheinbündischen Reformer im Sinne dieser Ideen politisch wirken konnten, so nicht zuletzt deshalb, weil die Französische Revolution Hindernisse aus dem Weg geräumt und den Handlungsspielraum für staatliche Reformen entscheidend erweitert hatte. Deutschlands Weg in die moderne Welt, in die bürgerliche Gesellschaft und den liberalen Verfassungsstaat verdankt der Französischen Revolution mehr, als es die Vertreter der alten Sonderwegthese wahrhaben wollten.

Anmerkungen 1

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Leicht überarbeitete Vortragsfassung. Die Anmerkungen beschränken sich auf den Nachweis der im Text verwendeten Zitate. Johann Melchior Hoscher: Beyträge zur neuesten Geschichte der Empörung deutscher Untertanen wider ihre Landesherrschaft. Aus gerichtlichen Acten, Gießen 1790. Zitiert nach Rolf Reichardt: Deutsche Volksbewegungen im Zeichen des Pariser Bastillesturms. Ein Beitrag zum sociokultureOen Transfer der Französischen Revolution, in: Helmut Berding (Hg.): Soziale Unruhen in Deutschland während der Französischen Revolution, Göttingen 1988. Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Hg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR, Siebzehnter Band: Briefe von 1792 bis 1794 und Nachträge. Bearbeitet von K.-G. Popp, Berlin 1989, S. 279. Briefe von und an Friedrich von Gentz, hg. von Friedrich Carl Wittichen, Bd. 1, München 1909, S. 177 f. Immanuel Kant: Der Streit der Fakultäten, Leipzig o. J., S. 105. G. Winter (Hg.): Die Reorganisation des Preußischen Staates unter Stein und Hardenberg, 1. Teil: Allgemeine Verwaltungs- und Behördenreform, Bd. 1, Leipzig 1931, S. 306.

HELMUT REINALTER

Französische Revolution und Öffentlichkeit in Osterreich i. Bereits vor der Französischen Revolution entstand in Osterreich (seit den theresianischen Reformen) eine politische Öffentlichkeit, die vor dem Hintergrund der einsetzenden Polarisierung und Aufspaltung der Aufklärung in verschiedene ideologisch-politische Richtungen (Konservativismus, Liberalismus und Demokratismus) gesehen werden muß.1 Joseph Π. hat während seiner Regierungs stets versucht, die öffentliche Meinung im Sinne seiner Reformen zu beeinflussen und Anhänger sowie Bewunderer seiner Reformpolitik zu gewinnen. Daher lockerte er die bisher streng gehandhabte Zensur. Die Theorien der Aufklärer, die die Neuerungen in Staat und Gesellschaft entscheidend beeinflußt hatten, sollten allgemeine Verbreitung finden und für alle Bevölkerungsschichten popularisiert werden. So hatte der Kaiser im Februar 1781 selbst die „Grundregeln zur Bestimmung einer ordentlichen Bücherzensur" festgelegt. Dementsprechend traf er auch eine gezielte Auswahl der Zensoren, unter denen sich bedeutsame Aufklärer, Freimaurer und Illuminaten befanden. Für die Erforschung der öffentlichen Meinung waren besonders die Broschüren bedeutsam, die nach 1781 große Verbreitung fanden. Nach Lockerung der Zensur sind zum Beispiel in Wien ca. 1 200 Broschüren erschienen, die reißenden Absatz fanden. Fast nach jedem Erlaß entstanden solche Schriften, in denen die Beschwerden erörtert wurden. Die meisten Flugschriften sind jedoch anonym erschienen. Nach Schätzung Blumauers kamen jeden Monat ca. 50 bis 60 Broschüren heraus. Viele josephinische Broschüren sind im Auftrag der Regierung entstanden, wobei auch Gegenschriften von Joseph Π. zugelassen wurden, um das Interesse zu erhöhen. Die meisten Broschüren beschäftigten sich mit der josephinischen Kirchenreform. Viele Verfasser waren Beamte, aber auch Schriftsteller und Dichter. Der Stellenwert der Reform für den Staat wurde besonders in der Wochenzeitschrift „Wöchentliche Wahrheiten für und über die Prediger in Wien" hervorgehoben, in der die öffentliche Kritik der Predigten ganz im Sinne der Aufklärung gehandhabt wurde. Ahnlich wirkte auch Wittolas wöchentlich erscheinende Kirchenzeitung. Die Tageszeitungen hatten zum Teil die Funktion, Aufklärung unter das Volk zu bringen. Sie enthielten häufig Angriffe gegen veraltete Sitten, polemisierten gegen die Geistlichkeit und betonten die Bedeutung der Reformen des Kaisers. Die Broschüren waren aber besser geeignet, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, da die Tagespresse erst am Anfang ihrer Entwicklung stand. Welche Bedeutung die Flugschriften und Broschüren hatten, zeigt besonders die Broschürenflut, die nach dem Erlaß des Freimaurerpatents 17

1785/86 neuen Aufwind bekam. Es gab allerdings auch Versuche, die Verbreitung der Schriften um eine Kaution einzuschränken, die beim Druckverbot für das Armeninstitut eingezogen werden sollte, die aber am Einspruch der Zensoren scheiterten. Zur raschen Verbreitung der Broschüren mag letztlich auch der Umstand beigetragen haben, daß damit schnell Geld zu verdienen war. Daß durch diese gezielte Beeinflussungspolitik Josephs Π. ein langes Nachwirken des Josephinismus erreicht werden konnte, ist evident, doch war es nicht möglich, die breite Masse des Volkes zu überzeugen. Die entscheidend neue Funktion der Presse war unter Kaiser Joseph Π. ihre „Mitarbeiterrolle" beim josephinischen Reformwerk. Sie sollte die öffentliche Meinung wecken und Volksaufklärung über das Medium der Presse vornehmen, soweit sie seinen politischen Zielen dienlich war. II. Die Reformen Josephs II. haben im allgemeinen wesentlich dazu beigetragen, die mittleren und unteren Sozialschichten aus ihrer bisherigen politischen Inaktivität herauszuführen und sie zu einem stärkeren politischen Engagement anzuregen, das aber Joseph Π. später zu beunruhigen begann, da die Kritik sich nicht nur gegen die Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit, sondern gegen das politische System des aufgeklärten Absolutismus richtete. Die politisch aktiven Josephiner, die die öffentliche Meinung entscheidend beeinflußten, brachten zwar keine revolutionäre Gesinnung hervor, die die Grundlagen des Staates ernsthaft bedroht hätte, doch zeigten sie eine Überzeugung, die wesentlich zur Politisierung der Öffentlichkeit beitrug. So bekämpften sie nicht nur die Forderungen der Privilegierten, sondern verfaßten auch eigene politische Konzepte, die zum Teil konstitutionelle Ansätze erkennen ließen. Dieses politische Engagement wurde auch von Leopold Π. bis zu einem gewissen Grad gefördert, dessen Politik jedoch unter dem Einfluß der Französischen Revolution eine neue Dimension erhielt. In den durch seine Mitarbeiter mit Umgehung der Zensur in Umlauf gebrachten Schriften herrschte ein satirischer, manchmal sogar bissiger Ton vor, und die Argumente gegen die adeligen Ansprüche enthielten nicht selten drohende Anspielungen auf die Französische Revolution. Die Forderungen der Bürger und Bauern auf Befreiung von den alten Feudallasten und auf Vertretung in den ständischen Körperschaften wurden von geschulten Juristen in Bittschriften aufgenommen. Diese waren auch maßgeblich an der Organisierung verschiedener Aktionen zur Unterschriftensammlung beteiligt. Sicher mußten dabei die Mitarbeiter Leopolds Π. bis zu einem gewissen Grad von politischer Uberzeugung erfüllt gewesen sein, um ihren Aufgaben nachzukommen, zumal es nicht einfach war, in jenen Ländern die geheimen Aufträge des Kaisers durchzuführen, in denen Adel und Geistlichkeit an Macht und Einfluß kaum eingebüßt hatten. Die Aufträge der Mitarbeiter des Kaisers waren natürlich von den politischen Zielen Leopold Π. bestimmt, Adel und Klerus gegen das Bürgertum und die sozial unteren Schichten auszuspielen. 18

Die vielleicht im modernen Sinne erste politische Zeitschrift in Österreich entstand nicht zufällig unter Leopold II. Sie erschien unter dem Namen „Wiener Zeitschrift" und wurde von Leopold Alois Hoffmann herausgegeben. Sie sollte ein Gegenstück zu allen aufklärerischen Zeitschriften der josephinischen Epoche sein und erlangte im Hinblick auf die Verbreitung konservativer Auffassungen große politische Bedeutung. Von 1793 bis 1797 wurde sie als „Magazin für Kunst und Litteratur" weitergeführt. Programmatisch heißt es im „Prolog der Wiener Zeitschrift": „Sie erschrikt nicht vor der Tollwuth der herrschenden Aufklärungsbarbarei und ihrer falschen Apostel. Sie hat den Muth, die geheimschleichende Bosheit verrätherischer Volksverführer überall, wo sie ihr begegnen wird, ohne Schonung zu entlarven." Die Stimmung in der Öffentlichkeit und die starke Bereitschaft der gesellschaftskritischen Josephiner, alle Maßnahmen der Regierung zu diskutieren und eine politische Meinung zu artikulieren, verunsicherten die Regierung und erzeugten sogar Bestürzung, weil es sich hier um mehr als nur um traditionelle Unzufriedenheit handelte. Die damalige Stimmung in Regierungskreisen gab der Sekretär der Polizeihofstelle, Friedrich Schilling, wieder: „Eurer Majestät tiefsten Einsicht ist nicht verborgen, wie sehr sich der Ton der hiesigen Residenzstadt (Wien) seit einigen Jahren geändert hat; es ist nicht mehr das gutmüthige Volk, das es ehemals war, welches ohne zu raisonniren mit blinder Unterwürfigkeit dem Rufe der Gesetze folgte, mit Ehrfurcht seine Obrigkeiten ansah, und stolz auf die Ehre Unterthan des deutschen Kaysers zu seyn, seyn Glück mit keiner Nazion des Erdbodens vertauscht hätten. Dieses läutsame, treusame, zufriedene Volk sucht man dermal vergebens in hiesiger Residenzstadt . . . " Unter Franz H. wurden die von seinen Vorgängern durchgeführten politischen Reformen rasch eingestellt. An ihre Stelle traten die Verschärfung der Polizei- und Zensurmaßnahmen und das harte Vorgehen gegen Anhänger der Revolution. Auch gegen Ausländer wurden erschwerende Vorschriften erlassen, da der Kaiser befürchtete, daß französische Agenten die Bevölkerung für die Ideen der Französischen Revolution gewinnen könnten. Die bereits erlassenen Vorschriften wurden noch strenger gefaßt und betrafen in erster Linie die Überwachungsbestimmungen für Fremde und Einreisende. Unter Franz Π. wurde die Angst vor der Wirkung des gedruckten Wortes so groß, daß die Ausschaltung der politischen Gefahren in relativ kurzer Zeit zu einem Kampf gegen Wissenschaft und Bildung wurde. In einem seiner Polizeiberichte bezeichnete z.B. Polizeiminister Pergen Denken und Wissenschaft als die eigentlichen Feinde des nationalen Glücks, der bürgerlichen Ordnung und als die Ursache des Revolutionsgeistes und Zerstörer der monarchischen Ordnung. Die Folge dieser Politik war daher eine scharfe Zurückweisung der angeblich gefährlichen Grundsätze der Revolution, die von gewissenlosen Philosophen vertreten und verbreitet würden. 1793 wurde durch die Wiedererrichtung der Polizeihofstelle ein Instrument geschaffen, das dem Kaiser im Kampf gegen den Zeitgeist gute Dienste tat. Die 19

General-Zensur-Verordnung vom Februar 1795 bedrohte mit drakonischen Strafen alle jene Buchdrucker und Buchhändler, die versuchten, die Zensur zu umgehen. Unter den Neuerscheinungen wurden fast alle Schriften, die über die Ereignisse in Frankreich berichteten, verboten, selbst wenn sie als Gegenpropaganda gedacht waren. Auch die „Wiener Zeitung", die in den ersten Jahren noch relativ viel über die Französische Revolution brachte, wurde mehrfach kritisiert und zum Schweigen gebracht. Als nächsten Schritt verbot Franz Π. alle Druckwerke, die unter Joseph Π. zugelassen worden waren. In kurzer Zeit wurden nicht weniger als 2 500 Schriften erfaßt. 1798 unterstellte der mißtrauische Kaiser die Zensurkomission sich selbst, wobei die Zahl der Verbote ständig stieg. Die monatlichen Verbote erreichten z.B. Ende 1794 die Höhe von 44 Werken, 1795 62 und Anfang 1796 80. Im Jahre 1795 wurden von 3 955 Drucken und 1 248 Manuskripten 595 verboten und 174 nur gegen Erlaubnisschein gestattet. Die Lesekabinette waren wie die Freimaurerlogen bereits nach den Jakobinerprozessen 1794/95 aufgehoben worden. Dieser plötzliche politische Kurswechsel veranlaßte auch die ehemaligen Josephiner, ihre politischen Überlegungen zu ändern: Während ein Teil die politischen Aktivitäten einstellte und sich der neuen antirevolutionären Propaganda anschloß, wandten sich andere gegen die Restaurationspolitik der neuen Regierung. ΠΙ. Diese Oppositionellen bildeten gleichsam den Kern der österreichischen Jakobinerbewegung, die allerdings keine breite soziale Protestbewegung oder gar eine Massenbewegung war, sondern als politische und soziale Opposition kleinerer Gruppen (Klubs) und politisch engagierter Einzelpersönlichkeiten eingestuft werden muß. Solche Zirkel und Klubs gab es höchstwahrscheinlich in allen Ländern der Habsburgermonarchie, genauere Details sind jedoch nur dort bekannt, wo die Polizei eingreifen mußte. Die einzelnen Klubs hatten nur zum Teil eine straffe Organisationsform und mußten ihre politischen Aktivitäten unter den Bedingungen der Illegalität durchführen. Ihre politischen und sozialen Ziele, die meist von einigen wenigen Mitgliedern artikuliert wurden, umfaßten die Aufhebung der bestehenden Privilegienordnung und die Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Unterschichten. Um dies zu verwirklichen, mußten die durch Abstammung und Bildung und vom Absolutismus gestützten Schranken zwischen Reichen und Armen, Besitzenden und dem „gemeinen Haufen" beseitigt werden, und zwar durch eine Volkserhebung, die sie durch die Verwandlung der Unzufriedenheit der Bauern und der Stadtarmut in Revolutionsbereitschaft erreichen wollten. Die österreichischen Jakobiner kamen aber in ihren Handlungskonzepten über allgemeine Aufstandspläne nicht hinaus und konnten auch keine größere Wirkung im Volk erzielen. Neben Schriften verfaßten sie handgeschriebene literarische Kurzformen wie revolutionäre Lieder, Gedichte, Gebete, Katechismen und Aufrufe, die im Volk verbreitet wurden. Diese Formen der Agitation

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waren unter den schwierigen politischen Bedingungen noch am ehesten geeignet, eine gewisse politisch-agitatorische Effizienz zu erreichen und die sozialen Wünsche der Bauern, Handwerker, Gesellen, Soldaten und Studenten zu artikulieren. Die politischen Schriften der Jakobiner blieben jedoch ohne größere Breitenwirkung, da die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen und der massive Widerstand der Aristokratie die Wirkungsmöglichkeiten stark einschränkten. Zudem war das politische Bewußtsein der sozialen Unterschichten trotz josephinischer Reformen noch nicht so stark entwickelt, daß eine breitere Bewegung hätte entstehen können. Neben der Jakobinerbewegung gab es in Osterreich auch verschiedene soziale Unruhen, die allerdings nur zum Teil in einem direkten Zusammenhang zur Französischen Revolution standen. Die Protestformen zeigen die Verschränkung von alten und neuen Strukturen, verdeutlichen aber auch die Verstärkung des Aktionswillens und die Intention nach Abschaffung des Feudalsystems unter dem Einfluß der Französischen Revolution. Unter den verschiedenen Protestbewegungen in Osterreich nach 1789 nehmen die bäuerlichen Erhebungen einen besonderen Stellenwert ein. Der Hauptanlaß der Bauernunruhen war neben der Französischen Revolution das Wirksamwerden der großen Steuer- und Agrarreform im letzten Regierungsjahr Josephs Π. Der tiefere Hintergrund des wachsenden Widerstandes der Bauern gegen die Urbarialforderungen wurde von den sichtlich beunruhigten Grundherren und der Regierung in Wien durchaus richtig erkannt, wenn diese betonten, daß es hier nicht nur um die Durchführung eines Gesetzes, sondern um die Erhaltung einer Gesellschaftsordnung geht, in der Untertanen einer herrschaftlichen Obrigkeit Gehorsam schulden. Verschiedene Bauerndeputationen trugen ihre Wünsche bei Hofe vor. Ihre Gesuche und Bittschriften wurden meist von Anwälten und geschulten Juristen verfaßt. Die vorgebrachten Forderungen gingen über lokal bedingte Probleme hinaus, stellten das Feudalsystem grundsätzlich infrage und waren somit Teil einer größeren, umfassenderen Auseinandersetzung mit der feudalen Restauration. Ein weiteres Problemfeld sozialer Protestbewegungen und Unruhen in Osterreich bildete die Opposition gegen den Ersten Koalitionskrieg, die Ablehnung der Interventionspolitik gegen Frankreich, die besonders stark in bäuerlichen, in bürgerlichen und zum Teil auch in niederen Adelskreisen ausgeprägt war. Besonders heftig wendeten sich Bauern gegen die Rekrutierungsmaßnahmen der Regierung. Sie waren aus familiären Gründen, wegen ihrer Arbeitsweise und der erforderlichen Arbeitskräfte nicht bereit, das Leben ihrer Söhne oder ihr eigenes für einen Krieg aufs Spiel zu setzen, der keine Berührungspunkte zu ihren eigenen Interessen aufwies. So kam es bei Rekrutierungen häufig zu tätlichen Auseinandersetzungen. Die Bürger und der niedrige Adel opponierten vorwiegend aus politischen Gründen gegen den Krieg, da sie sich durch Broschüren und Zeitungslektüre eine, wenn auch nur begrenzte Information über die Französische Revolution und deren Ursachen erwerben konnten. Sie wußten, daß sich dieser Krieg auf längere Zeit hinauszögern würde und der Kaiser die Kriegskosten auf lange Sicht gesehen nicht mehr aus privaten Mitteln bestreiten könne. 21

Auch durch Teuerungen und ökonomische Störungen kam es zu Protestbewegungen und Hungerrevolten, die aber keine größeren, um sich greifenden Unruhen bewirkten. Wegen der zunehmenden Kritik an den Teuerungen erschienen zahlreiche, zum Teil von der Regierung in Auftrag gegebene Schriften und Broschüren, in denen heftig gegen die Ideen der Revolution polemisiert wurde. So verfaßte zum Beispiel Leopold Alois Hoffmann, der dem geheimen Mitarbeiterkreis Leopolds II. angehörte, eine Broschüre, in der er hervorhob, daß die gegenwärtige Teuerung in Wien „dem Freiheitstaumel mancher Schwindelköpfe einen gewünschten Vorwand und einen süßen Stoff zu hämischen Jeremiaden verschafft habe." Die Bevölkerung müsse, so betonte er, vor den Volksverführern und Propagandisten des Aufruhrs gewarnt werden. Die Unzufriedenheit breiter Kreise der Bevölkerung über die allgemeine Verteuerung der Grundnahrungsmittel führte schließlich zu spontanen Hungerrevolten und zu einem Aufstand in Wien. Von den enormen Preissteigerungen waren vor allem die Handwerker und Tagelöhner betroffen, die in Wien Bäckerläden stürmten und plünderten. Parolen der Französischen Revolution wurden zwar verwendet, aber nicht weiter reflektiert oder gar zu einem politischen Aktionsprogramm entwickelt. Die Herrschaftsstruktur des absolutistischen Staates und das ausgeprägte Spitzelsystem erstickten jede soziale Unruhe und politische Opposition. Die harten Regierungsmaßnahmen gegen Oppositionelle und Aufrührer verschärften sich nach 1792 im Zuge der Restaurationspolitik Franz EL, in deren Mittelpunkt die Bekämpfung der Ideen der Französischen Revolution stand. Öffentliche Diskussionen über die politischen Ereignisse in Frankreich wurden verboten. Die antirevolutionäre Propaganda wandte sich besonders gegen Aufklärung, Geheimgesellschaften und Revolutionäre, die angeblich gefährliche Zusammenkünfte hielten. U n t e r Franz Π. hatte sich der Glaube an eine Verschwörung oder an ein Komplott verbreitet, der den Ausbruch der Französischen Revolution als Werk einer Gruppe von Verschwörern auszulegen versuchte. Zu den profiliertesten Vertretern dieser Theorie zählten in Osterreich Polizeiminister Johann Anton Graf Pergen und der Schriftsteller und Professor Leopold Alois Hoffmann. Pergen, der bereits unter Joseph II. die gefürchtete Polizeihofstelle ausgebaut hatte, sah in ihr ein wirksames Instrument zur Überwachung und Kontrolle der öffentlichen Meinung. Die Erweiterung polizeilicher Kompetenzen wurde unter ihm nicht mehr öffentlich bekannt gemacht, sondern nur mehr in Kabinettsverordnungen und geheimen Instruktionen bekanntgegeben. E r sah vor allem in den Freimaurerlogen eine große Gefahr für den Staat, die nach seinen Informationen bedenkliche Revolutionspropaganda betrieben hätten. Ihr Ziel sei nicht vernunftmäßige Aufklärung und tätige Menschenliebe, wie sie vorgaben, sondern, wie Pergen betonte, die systematische Untergrabung der Macht und des Ansehens der Monarchen, den Freiheitssinn im Volk anzufachen und eine geheime Oberherrschaft zu errichten. Hoffmann, der Professor für deutsche Sprache, praktische Rhetorik und Geschäftsstil in Wien war, versuchte die Anhänger der Französischen Revolution und radikalen Jakobiner

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auf eine volkstümlichere Art zu bekämpfen. 1792 gründete er im Auftrag Kaiser Leopold II. die bereits erwähnte konservative „Wiener Zeitung" mit dem Ziel, die subversiven Elemente aufzudecken. Diesem Periodikum kam für die Entwicklung und Verbreitung der Verschwörungstheorie große Bedeutung zu. Für ihn war die Französische Revolution Teil einer weltweiten, von den Illuminaten angezettelten Verschwörung. Ihre lokalen Verästelungen sollten wirkungsvoll bekämpft werden, weshalb er auf Grund seiner früheren freimaurerischen Kontakte eine Liste verdächtiger Freimaurer und Illuminaten erstellte. Leopold II. schlug er vor, diese Männer zurechtzuweisen, zu degradieren oder gar zu entlassen. In Überspitzung seiner Verschwörerthese gelangte er zur Uberzeugung, daß Wien von einer radikalen Partei heimgesucht werde, die enge Beziehungen zu Pariser Jakobinern unterhalte. Als wirksames Gegenmittel zur Bekämpfung dieser Verschwörer entwarf er Pläne für eine konservativ orientierte Geheimgesellschaft, die folgende Absicht verfolgen sollte: „Entgegenarbeitung wider die französische Propaganda — den philanthropischen Freiheitstaumel — die Religionslosigkeit und falsche Aufklärung dieses Zeitalters und wider alle hiemit verwikkelte geheime Orden, Fraktionen, Sozietäten usw. — Ferner: Statuirung und Ausbreitung reeller Grundsätze, wodurch ächte Religionsbegriffe eingepflanzt, dann das sichere Gleichgewicht zwischen gemäßigte Monarchismus und Demokratismus hergestellt und ein unerschütterlicher Volksgehorsam unter die Gesetze des Staates und die Religion in jedem Lande bewirkt wird." Um diese Pläne zu verwirklichen, entwickelte Hoffmann Vorstellungen, die sich teilweise mit denen der Illuminaten deckten. Ziel dieser Assoziation war es, den Enthusiasmus für die erwähnte gute Sache und für den Staat zu wecken und Druckschriften, Zeitungen und Journale zu gründen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und die bereits vorhandenen Zeitungen für die Absicht des Regenten einzusetzen. Die Weiterentwicklung dieses Planes wurde jedoch durch den plötzlichen Tod Leopolds Π. 1792 verhindert. Wegen seiner intensiven konterrevolutionären publizistischen Tätigkeit wurde Hoffmann schließlich so berüchtigt, daß ihm die Berliner „Allgemeine Deutsche Bibliothek" 1793 unterstellte, daß er „die Rolle eines politischen Inquisitors und Denunzianten mit solchen Geräusch, mit solcher Unverschämtheit gespielt" habe, „daß sein Name und das Organ seiner Tätigkeit, die Wiener Zeitschrift, in ganz Deutschland zum Sprüchwort" geworden seien. Da Hoffmann aber das Vertrauen Franz Π. nach 1792 nicht gewinnen konnte, mußte er 1793 die „Wiener Zeitschrift" einstellen. An ihre Stelle » a t das vom Exjesuiten Felix Hofstätter und vom Schriftsteller Lorenz Haschka herausgegebene „Magazin für Kunst und Litteratur", in dessen 2. Band gleichfalls die KomplottTheorie propagiert wurde, ohne aber zum Mittel der persönlichen Diffamierung zu greifen. Daß Hoffmann mit seiner Verschwörungstheorie in Österreich politischen Einfluß gewann, obwohl er unter Franz II. seine Professur verloren hatte, verdeutlicht besonders die Haltung des Polizeiministers Pergen, der in den geheimen Gesellschaften die Urheber revolutionärer Unruhen sah und sich daher 23

besonders auf die Freimaurerei und deren Bekämpfung konzentrierte. So hat sich die Verschwörungstheorie, die eng mit der Polemik gegen den Illuminatenorden zusammenhing, auch in Osterreich als Manipulations- und Repressionsinstrument erwiesen, da aus der Perspektive des Konservativismus unter Franz Π. Aufklärung und Französische Revolution den Bruch mit der überkommenen Sozial- und Wertordnung ideologisch gerechtfertigt hätten und der Prozeß der Aushöhlung der alten Ordnung nun als Verschwörung gegen Thron und Altar vor sich gegangen sei. IV. In der öffentlichen Meinung spiegelte sich nach den Jakobinerprozessen 1794/95 das konservative politische Bewußtsein der franziszeischen Reaktion sehr deutlich wider. Die österreichischen Jakobiner wurden in Prozessen zu langjährigen Kerkerstrafen verurteilt. Der Kaiser war zunächst bestrebt, die Jakobiner den ordentlichen Gerichten zu entziehen und diese von einem Sondergerichtshof aburteilen und ihre Rädelsführer hinrichten zu lassen. Die Juristen, darunter besonders Martini, weigerten sich jedoch unter Berufung auf die Abschaffung der Todesstrafe für Zivilpersonen durch Joseph Π., dieser Vorgangsweise, die einer Rechtsbeugung gleichgekommen wäre, zuzustimmen. Martini argumentierte auf der Grundlage des bestehenden Rechts und betonte, daß nur begangene Taten und nicht Gesinnungen bestraft werden dürften und eine Rechtsbeugung auch in Notsituationen nicht zugelassen werden könne. Der Prozeß und die Untersuchungshaft dauerten bis zum Urteilsspruch im Juli 1795 insgesamt ein Jahr. Die Militärangehörigen unter den Jakobinern wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, die übrigen revolutionären Demokraten bekamen langjährige Kerkerstrafen. Die Jakobinerprozesse stießen bei der Bevölkerung auf großes Interesse, wie den vielen Kommentaren zu den Flugblättern und gedruckten Schriften über die Urteile entnommen werden kann. Uber Stimmungen und Meinungen verschiedener Bevölkerungsschichten zur Zeit der Jakobinerbewegungen liegen mehrere Berichte vor, denen jedoch wegen mangelnden Tatsachenwissens maßlose Ubertreibung oder bewußte Verhüllung des Wahren anhafteten. Zunächst noch in Opposition zum herrschenden politischen System und zu den Jakobinerverfolgungen, änderte sich 1793 die Einstellung des Volkes zur Französischen Revolution und zum Jakobinismus. Unter dem Einfluß der antirevolutionären Propaganda wurde nun der Jakobinismus in Osterreich abgelehnt und bekämpft. Wie die verschiedenen Flugblätter in der Bevölkerung angekommen sind, ist leider schwer feststellbar, doch dürfte ihr Wahrheitsgehalt nicht allzu hoch veranschlagt worden sein. Die Informationen und Nachrichten über die Aufdeckung der Jakobinerbewegung und die Mitteilung der Prozeßurteile zeigen je nach politischer Einstellung der Verfasser verschiedene Tendenzen, die von konservativer Anlehnung bis zu einer liberaleren, differenzierteren Einschätzung der Vorgänge reichten. Die vielen Beispiele für Reaktionen des Volkes auf die Jakobi24

nerprozesse zeigen, daß diese Vorgänge auf ein größeres Interesse der Öffentlichkeit stießen. Freilich wurde die Entwicklung eines politischen Bewußtseins, wie es in Ansätzen unter Joseph Π. bereits vorhanden war, durch die Jakobinerprozesse und die harten Maßnahmen der Regierung gegen die Sympathisanten der Französischen Revolution gestoppt. Das Regime Franz Π. ließ die Entstehung einer politischen Öffentlichkeit im Sinne des Josephinismus nicht mehr zu und war vor allem durch das starre Festhalten an der absolutistischen Gesellschaftsform gekennzeichnet. Aus diesem politischen Klima heraus entstand auch die innere Opposition in den kritischen Jahren 1793/94, als sich aus Enttäuschung auf geweckte politische Hoffnungen allmählich eine aktive politische Opposition gegen die Politik Franz Π. herausgebildet hatte. Diese politische Opposition war bestrebt, eine Auflehnung gegen die Restaurationspolitik Franz II. zu organisieren und war vorläufig ein letzter Versuch, die politische Öffentlichkeit im Sinne einer Weiterführung der Gesellschaftsreformen zu beeinflussen. Er scheiterte an den bestehenden feudal-absolutistischen Strukturen des franziszeischen Systems.

Anmerkungen 1

Ich verzichte für diesen Uberblick auf detaillierte Literaturhinweise. Sie finden sich in den folgenden Arbeiten vom Verfasser: Aufgeklärter Absolutismus und Revolution, Wien 1980; Österreich im friderizianischen Zeitalter, Innsbruck 1986; Österreich und die Französische Revolution, Wien 1988; Die Französische Revolution und Mitteleuropa, Frankfurt/M. 1988; Sozialprotest und Revolution. Soziale Unruhen in Österreich im Einflußfeld der Französischen Revolution, in: Geschichte und Gegenwart 3 (1989), S. 215 ff; Aufklärung und Geheimgesellschaften, München 1989. An weiteren Untersuchungen wurden insbesondere hinzugezogen: Klaus Epstein: Die Ursprünge des Konservativismus in Deutschland, Frankfurt/M. - Berlin 1973; Ingrid Fuchs: Leopold Alois Hoffmann 1760-1806, ungedr. Diss., Wien 1963; Hans Wagner: Die Zensur in der Habsburger-Monarchie (1750 — 1810), in: Buch- und Verlagswesen im 18. und 19. Jahrhundert, hg. v. Herbert G. Göpfert u.a., Berlin 1977, S. 28 ff; Erich Zöllner (Hg.): Öffentliche Meinung in der Geschichte Österreichs, Wien 1979. Weitere Literatur in: Helmut Reinalter (Hg.): Bibliographie zur Geschichte der demokratischen Bewegungen in Mitteleuropa 1770 - 1850, Frankfurt/M. — Bern — New Y o r k - P a r i s 1990.

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ULRICH IM H O F

Wirkungen der französischen Revolution auf die schweizerische Öffentlichkeit 1. Beginn der Einwirkung der französischen Revolution 1.1 Die Schweiz als Republik Ganz zu Beginn wird die französische Umwälzung von den meisten Schweizern begrüßt, als willkommene und längst fällige Entwicklung, die die Schweiz schon längst hinter sich hat. Sie ist ja ein freies Land, republikanisch organisiert seit dem 14./15. Jahrhundert. Außerdem ist durch die intellektuelle Elite in der zweiten Jahrhunderthälfte ein moderner nationaler Patriotismus entwickelt worden, vor allem in der repräsentativen Helvetischen Gesellschaft (1761 f.)1, begleitet von einem reichlichen Schrifttum. Es ging da einmal um den Versuch einer engeren nationalen Verbindung der Kantone unter sich, was an sich ein utopisches Unterfangen war 2 . Außerdem sollte die konfessionelle Spaltung überwunden werden. Was man tun konnte, war nur die Pflege eines historischen Patriotismus, d.h. der Rückgriff auf die gemeinsame Heldengeschichte des 14. und 15. Jahrhunderts, als Geschichte der Befreiung eines an sich freien Volkes von Teil und Rütli bis zu den Burgunderkriegen. Da arbeitet man mit dem Mittel neuer historischer Volkslieder (Lavaters „Schweizerlieder") und dem Mittel der historischen Forschung (Johannes von Müller)3. Zum Kult der Schweizer Geschichte gesellt sich die Entdeckung der schweizerischen Natur. Diese naturwissenschaftliche Entdeckung ließ sich durchaus mit dem historischen Impuls verbinden: Der Alpler, der Hirt wird zum Prototyp des „freien Schweizers". Dieser nationale Patriotismus steht keineswegs im Gegensatz zu einem universalen Patriotismus. Die Nation wird als vorläufiges Ziel betrachtet, sie ist in einen universalen Zusammenhang einzuordnen: Staaten sind nur besondere Gemeinden im „Staate Gottes" (Iselin).4 Dieser neue nationale Patriotismus, bzw. „Helvetismus" — der jedes Jahr an der Jahresversammlung der Helvetischen Gesellschaft zelebriert wurde5 — hat eine starke Wirkung auf die Entwicklung der entsprechenden Mentalitäten im Ausland gehabt. Er war schon entwickelt als die französische Revolution ausbrach, die ihn nicht beeinflußt hat, wohl aber die Möglichkeiten von Veränderungen in der politischen Struktur des Landes verdeutlichte.

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2. Kontakte mit der französischen Revolution 2.1 Die offiziellen Beziehungen Die Schweiz hatte traditionell ein enges politisches Verhältnis zu Frankreich. Noch 1777 war die alte Allianz von 1521 erneuert worden. In Solothurn residierte der französische Ambassador. In Paris und in den Garnisonen der Provinz waren die zahlreichen Schweizerregimenter stationiert. Kaufleute bereisten das Land. Lyon war ein Zentrum für den schweizerischen Handel. Paris gehörte zu den Bildungsreisen junger Schweizer. Die Vorgänge in Paris wurden aufs genaueste beobachtet. In der Beurteilung trat sehr bald eine Scheidung ein. Die nationalpatriotische Elite spaltete sich. Eine traditionalistische Richtung betrachtete die gegenwärtigen schweizerischen Zustände als mehr oder weniger gut und wünschte keine eingreifende politische Veränderung. Damit traf sie sich mit den Ultrakonservativen. Beide zusammen dominierten mehrheitlich die Regierungspolitik der Kantone. Eine negative Haltung der französischen Revolution gegenüber zeichnet sich von 1790 - mit dem Beginn von Unruhen in beiden Ländern - ab. Die Regierungen orientierten sich immer stärker nach Osterreich, bzw. nach gegenrevolutionären Strömungen. Unsichere Zeiten begannen! Beim Ausbruch der Revolutionskriege verhielt man sich allerdings neutral und besetzte die Grenzen. Aber die Vernichtung der Schweizergarde im August 1792 führte zum Abbruch der Beziehungen, die allerdings inoffiziell durch den Vorort Zürich weitergeführt wurden. Ambassador war der der Schweiz wohlgesinnte Barthelemy. Fortan hielt sich außenpolitisch die „Neutralitätspartei" (vor allem Zürich und Basel) und die „Kriegspartei" (Patriziatsmehrheit in Bern und die katholischen Kantone) die Waage. Letztere begünstigte bis zur Grenze der Neutralitätspolitik die Alliierten. Der englische Gesandte Wickham konnte die Schweiz zu einem Zentrum der Gegenrevolution ausbauen. Die in Frankreich entlassenen Schweizersoldaten traten teils in alliierte Dienste. Die alliierte Blockade führte dazu, daß die Schweiz die einzige Lücke im System war. Damit wurde die Schweiz von hohem Wert als Möglichkeit von Importen. Die französische Republik (Robespierre) betrieb der Schweiz gegenüber eine gutnachbarliche Politik. Mit dem Direktorialregime und dem Frieden von Basel (1795) normalisierten sich die Beziehungen wieder. Aber vom Staatsstreich des 14. Septembers 1797 (18. Fructidor) an wurde alles anders, da die neue französische Regierung die Schweiz als österreichisches Glacis betrachtet, das die Verbindungen nach Italien blockiert. Die neue französische Kriegspolitik bezieht darum die Schweiz in ihre militärischen Absichten ein und setzt als Mittel auch die innere Revolutionierung der Schweiz ein.

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2.2 Die Sonderfälle 2.2.1 Republik Genf Die Republik Genf stand insofern mit der Schweiz in einem engeren Verhältnis, als sie seit dem 16. Jahrhundert mit Bern und Zürich im Bündnis stand und als Zentrum der Reformation sich in enger Verbindung mit allen evangelischen Kirchen der Schweiz befand. Andererseits gehörte auch Frankreich zu den Schutzmächten der Republik. Genf hatte das ganze Jahrhundert hindurch periodisch Bürgerunruhen erlebt, Auseinandersetzungen der liberalen und der konservativen Kräfte und damit Vorspiele der großen Revolutionen. 1782 hatte aber die konservative Partei mit Hilfe Frankreichs, Berns und Savoyens die Republik vor der Liberalisierung gerettet. Die emigrierten Führer der Liberalen aber setzten ihr Werk in Paris weiter fort, wo Claviere, Dumont, du Roveray und Reybaz zum „atelier de Mirabeau" gehörten6. Genf macht zwischen 1792 und 1798 alle Phasen der Revolution nach Pariser Muster mit, bis es 1798 von Frankreich annektiert wird, im französischen System des Departement du Leman jedoch eine gewisse Selbständigkeit in kultureller und volkswirtschaftlicher Beziehung wahrnehmen kann (Societe economique).

2.2.2 Die vorübergehende Umwälzung in Graubünden 1794 hat eine Volksbewegung, geführt von der aufklärerischen Elite, im extrem föderalistischen und extrem patriarchalisch-demokratischen Freistaat der ΠΙ Bünde eine Modernisierung der bündnerischen Verfassung in Angriff genommen. Die Bewegung ist nach anfänglichen Erfolgen jedoch wieder zusammengebrochen, da Graubünden zwischen der progressiven Cisalpinischen Republik, den konservativen schweizerischen Kantonen sowie dem gegenrevolutionären Österreich bald in den Sog der imperialistischen Politik beider Machtblöcke geriet/ So trennte sich 1797 das Untertanengebiet des Veltlin von Graubünden und Schloß sich der Cisalpinischen Republik an.

2.2.3 Bistum Basel Das Fürstbistum Basel war — was den nördlichen Teil betraf — immer noch im Deutschen Reich integriert. Darum konnte 1791 der Fürstbischof mit Hilfe österreichischer Truppen eine Revolutionierung verhindern. 1792 aber vertrieb Frankreich die Österreicher und errichtete die „Republique Rauracienne", erste „republique soeur" von kurzem Bestand. Das Gebiet wurde 1793 zu einem eigenen Departement Mont Terrible im Rahmen Frankreichs. — Der Südteil, der mit Bern in einem Protektionsverhältnis stand und zur Schweiz gezählt 29

wurde, blieb bischöflich, entwickelte jedoch revolutionäre Tendenzen, bis er Ende 1797 französisch besetzt und dem Departement Mont Terrible eingegliedert wurde. 1800 schlug man es zum Departement Haut Rhin. Von 1793, bzw. 1798 an macht somit das Bistum Basel die Entwicklung eines französischen Departements mit.8

2.2.4 Alte Landschaft der Abtei St. Gallen 1795 gelang es den Untertanen des Fürstenabts von St. Gallen in der „Alten Landschaft" die Autonomie innerhalb dieser geistlichen Monarchie zu erreichen; dies, weil der Fürstabt (Beda Angehrn) selbst als aufgeklärter Monarch der Bewegung entgegen kam. Doch handelte es sich hier nicht um eine Übernahme französischer Vorbilder, sondern altschweizerischer. Allerdings wäre ohne den welthistorischen Hintergrund der französischen Revolution diese Veränderung kaum möglich gewesen.

2.3 Revolutionäre Bewegungen in den letzten Jahren des Ancien Regime Eine Minorität in den regierenden Kreisen sympathisierte mit den französischen Entwicklungen oder versuchte sie mindestens zu verstehen. Sie wünschte eine flexiblere Politik Frankreichs und den eigenen Untertanen gegenüber. Denn vom Frühjahr 1790 häufen sich Spannungen zwischen Obrigkeit und Untertanen, die zusätzlich zu den alten Gravamina wirtschaftlich-politischer Art einen neuen Impuls durch das französische Beispiel erhalten. Es handelt sich außer im Unterwallis (Untertanengebiet der Republik Wallis) nicht um eigentliche Aufstände, sondern nur um Beschwerden oder Demonstrationen der Untertanen. Alle diese Regungen - 1790 Hallau (Schaffhausen), 1790/91 Unterwallis, 1790 Bistum Basel, 1791 Waadt (Bern), 1794/95 Stäfa (Zürich) - werden repressiv unterdrückt, durch Truppenaufgebote aus regierungstreuen Landesteilen. Fortan wird Frankreich die große Hoffnung für unzufriedene Untertanen.

2.4 Die Helvetische Revolution (Januar bis April 1798) Im Moment, wo im Januar 1798 französische Truppen als Schutz vor Repressalien Berns in das Waadtland einmarschieren, nachdem die Waadt sich frei erklärt hat, bricht das alte System in vielen Gebieten zusammen. Hinter dieser Helvetischen Revolution aus eigenen Kräften steht auch die Vorstellung, daß eine revolutionierte, modernisierte Schweiz für Frankreich ein annehmbarer 30

Partner wäre, so daß eine militärische „Befreiungsaktion" vermieden werden könnte. 9 Die hauptstädtischen Regierungen (Basel, Luzern, Zürich, Schaffhausen) geben teils freiwillig Volksbewegungen nach, die von der aufgeklärten hauptund landstädtischen, sowie landschaftlichen Elite geführt werden. Außerdem erklären sich die Gemeinen Herrschaften (Condominate) frei, bzw. erhalten Freilassungsurkunden durch die Obrigkeiten: Thurgau, Tessin, Rheintal, etc. Damit wird die Schweiz um etwa 25 teils sehr kleine republikanische Einheiten erweitert, die entweder demokratisch-repräsentative oder direkt-demokratische Verfassungen einführen oder ausbauen. Sie betrachten sich als Kantone und erwarten eine Erweiterung des bisherigen Föderativsystems, d.h. die Promotion zu selbständigen Kantonen. Die Schweiz ist also großteils frei im Sinn der Freiheit und Gleichheit aller Bürger, d.h. der ehemaligen Untertanen. Die Bewegung wird in den alpinen Demokratien nur teils mitgemacht, besonders nicht in den katholischen Urkantonen, wo man sich ja altdemokratischer Zustände erfreut. Außerdem können sich Bern, Freiburg und Solothurn nur zu geringen Konzessionen an ihre Untertanen verstehen und nehmen keine Verfassungsänderungen vor.

2.5 Der Zusammenbruch des alten Systems (März 1798) Frankreich betrachtet sich als „Befreier" vom aristokratischen Joch. Ein Widerstand gegen Frankreich bedeutet Unterstützung der aristokratisch gebliebenen Kantone Bern, Freiburg, Solothurn. 10 Darum stehen diese drei Kantone allein, als anfangs März der französische Angriff erfolgt. N u r Bern leistet einen gewissen Widerstand. Seine Kapitulation hat auch diejenige der übrigen Kantone zur Folge, die sukzessive von französischen Truppen besetzt werden. Frankreich trennt die westlichen Randgebiete ab und annektiert Mülhausen, das Bistum Basel (Jura) und Genf. Das Fürstentum Neuenburg bleibt unter der preußischen Krone. 1802 wird noch Wallis zu einer selbständigen Republik erklärt.

2.6 Die Helvetische Republik Anstelle der nun untergegangenen ΧΕΠ-örtigen Eidgenossenschaft und anstelle einer möglichen Föderation der eben entstandenen neuen republikanischen „Kantone" mit den bisherigen, wird auf Wunsch des Direktoriums der Schweiz die Verfassung einer „Republique Soeur" aufoktroyiert, redigiert vom Basler Staatsmann Peter Ochs. Die neue schweizerische Verfassung ist jedoch in gewissen Punkten eigenständig. Es handelt sich um einen Zentralstaat mit starker Regierung (Direktorium und Ministerien) und zwei Parlamenten (Großer Rat und Senat) und einem hel31

vetischen Obergericht; neunzehn ungefähr gleich große Kantone (neun etwa im bisherigen Umfang) verwaltet von Präfekten, ernannt durch die Zentralregierung, aber mit einer kantonalen Verwaltungskammer. Das System spielt sich anfangs richtig ein. Dann aber bringt der zweite Koalitionskrieg die militärischen Auseinandersetzungen in die Schweiz. Der östliche Teil (mit Zürich) wird wieder durch die österreichische Besetzung und die zurückgekehrten Emigranten im Sinn der Totalrückkehr zur alten Schweiz restauriert. Aber nach der zweiten Schlacht von Zürich und endgültig 1800 ist das ganze Land wieder in Frankreichs Gewalt. Besetzung, Kontributionen, Kriegsfolgen führen zum finanziellen Zusammenbruch der Helvetischen Republik. Das Land spaltet sich in Anhänger und Gegner der neuen Ordnung, und es kommt zu Staatsstreichen mehr oder weniger konservativer Prägung. Im Herbst 1802 erfolgt nach dem Rückzug der französischen Besatzungstruppen (Friede von Amiens) der Aufstand der Innerschweiz. Dieser „Stecklikrieg", geführt von patrizischen und klerikalen Kreisen, führt wiederum zur Intervention Frankreichs. Der erste Consul (Bonaparte) übernimmt die Mediation zwischen den Parteien.

2.7 Mediationsverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft11 Im Rahmen der allgemeinen restaurativen Politik Frankreichs kehrt die Schweiz 1803 zum Föderativsystem zurück12 — aber nur bedingt. Die Kantone sind wieder souveräne Staaten, aber an die Bundesverfassung gebunden, die eine gewisse Einheitlichkeit, besonders in der Außenpolitik und der inneren Ordnungspolitik garantiert. Alte Privilegien und Unterschiede bleiben aufgehoben. Vor allem werden die ehemaligen Kondominien und andere Untertanengebiete (St. Gallen, Aargau, Thurgau, Tessin, Waadt) zu souveränen Kantonen.

3. Adaptation der nationalen Impulse 3.1 Ideen Selbstverständlich übernahm die fortschrittlich-revolutionäre Gruppe in der Schweiz die Ideen der französischen Revolution (Menschenrechte, Repräsentativsystem, Gleichheit). Man betrachtete sie als eine Erfüllung der aufklärerischen Bewegung, deren endgültige Realisierung in der Schweiz zu bewerkstelligen wäre, insbesondere die Befreiung der Untertanen durch Einführung der effektiven Gleichheit unter den „freien Schweizern". 32

3.2 Strategien Außer in der Republik Genf werden revolutionäre Strategien erst vom Herbst 1798 entwickelt, wo die französische Regierung eine vielfältige Propaganda einsetzte, um die militärische Aktion zu unterstützen. Vorher gab sich die Opposition gegen den regierenden Kurs entweder im traditionellen Sinn als oppositionelle Gruppe in den Räten der Republiken oder ebenfalls im traditionellen Sinn der Untertanendemonstration, wo Frankreich höchstens einige Argumente für Gegner und Befürworter lieferte. Die Waadt — Untertanengebiet von Bern — allerdings hat sich nach der Repression von 1791 stark nach Frankreich orientiert (Frederic Cesar de La Harpe).13

3.3 Nationalsymbolik 3.3.1 Die Helvetik Sie bricht mit den Symbolen der alten Schweiz, dem Schweizerkreuz und den Kantonswappen.14 An die Stelle der alten Fahnen tritt nach französischrepublikanischem Muster eine Trikolore in den Farben Grün-Rot-Gelb. Sie werden als Farben Teils gedeutet (Grün = Farbe der Natur, der wiedergefundenen Freiheit, Rot = Farbe von Schwyz, Gelb = Farbe von Uri, der zwei ersten Gründerkantone). Die Trikolore wird als Schärpe von den Helvetischen Behörden getragen. Grüne Schärpen von den kantonalen Behörden. Die helvetische Kokarde soll Abzeichen aller Bürger sein. „Bürger" (Citoyen) ersetzt die Titulatur „Herr". 1 5 In jeder Ortschaft wird ein Freiheitsbaum (arbre de la liberte, l'albero della rigenerazione) errichtet16. Er ist zuerst mit der phrygischen Mütze gekrönt, die bald durch den traditionellen (grünen) Teilenhut ersetzt wird. Der Teilenhut führt die alte Funktion des republikanischen Freiheitshutes weiter. In den Kantonen Lugano und Bellinzona wird er zum Gegensymbol zur phrygischen Mütze der Cisalpinischen Republik, zum Bekenntnis zur „Repubblica elvetica". Als Signet wird Wilhelm Teil mit seinem Knaben, der Armbrust und dem Apfel am Pfeil verwendet (meist der Tellstatuette der Helvetischen Gesellschaft nachgebildet). Gelegentlich taucht auch der Rütlischwur in späteren Zeiten der Helvetik auf.

3.3.2 Schweizerische Eidgenossenschaft der Mediation Die wieder souveränen Kantone kehren zu ihren alten Wappen und Symbolen zurück. Die fünf neuen Kantone geben sich eigene Wappen und Farben. 33

Hier lebt die revolutionäre Symbolik weiter: St. Gallen = Rutenbündel, Waadt = Devise „Liberte et patrie"; Beide und Thurgau Farben Grün/Weiß. 17 Für die Gesamteidgenossenschaft greift man auf den traditionellen Fahnentypus (Schweizerkreuz auf den kantonalen Farben) zurück. An die Stelle des Wilhelm Teil tritt als Signet ein alter Schweizerkrieger im Habit des 16. Jahrhunderts 18 .

4 Welche sozialen Schichten entwickeln eine nationalpatriotische Position? Im Ancien Regime war jeder Schweizer „freier Schweizer", auch wenn mehr als 3 / 4 der Bevölkerung sich in untertänigen Positionen befanden. Das freie Schweizertum war schöne Theorie im Rückgriff auf die Heldenzeiten des 14. und 15. Jahrhunderts. 19 Unzufrieden mit den antiquierten Zuständen waren Oberschichten der Untertanengebiete (Fabrikanten, Handwerksmeister, Wundärzte, Notare, Wirte, Geistliche), weniger stark aber bodenbesitzende Bauern. Die mehr oder weniger ungebildete Unterschicht war durch den Staat und beide Kirchen in patriarchalischem Respekt erzogen. In industrialisierten Gegenden (z.B. Jura, Zürcher Oberland und Seegebiet) war ein Teil der Heimarbeiterschicht für die neuen Ideen zu haben. Besonders stark vertreten waren die Anhänger neuer Ideen in den ca. 80 Munizipalstädten der Schweiz, wo eine Elite von Geistlichen, Kaufleuten, Handwerksmeistern, Magistraten sich der Hauptstadt an Besitz und Bildung ebenbürtig fühlte. Da erstrebte man auch wirtschaftliche Freiheit. Hier dürfte man von „Emanzipation des Bürgertums" im Sinn von Mitbestimmung und Selbstregierung durch die kleinstädtische Elite im Kanton sprechen. Jede Stadt zählte allerdings auch eine altgesinnte Minorität. In den Hauptstädten, in den traditionell regierenden Kreisen, fanden sich durchaus Anhänger einer Veränderung, besonders stark in Basel, wie auch in Luzern. Sie finden sich auch in ländlich-patrizischen Verhältnissen (z.B. Baptista Tscharner und Gaudenz von Salis-Seewis in Graubünden). Diese Gruppen waren jedoch überall minoritär. Die Geistlichkeit gehörte majoritär im reformierten, minoritär im katholischen Bereich zum aufgeklärten Teil der akademischen Elite, als eigentliche Träger der Intelligenz. Viele Geistliche beider Konfessionen halfen vor allem im Erziehungswesen mit bei den Bestrebungen der Helvetik. Die Scheidung ging an sich quer durch alle Schichten, aber mit deutlichen majoritären, bzw. minoritären Positionen. 20

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5. Medien und Organisation der nationalpatriotischen 5.1 Kenntnis der Vorgänge und Ideologien vor 1798 Da die Schweiz in ihrem westlichen Teil französisch spricht und im deutschsprachigen Teil die Elite des Französischen mächtig war, so war die Kenntnis der Vorgänge und Ideen der Revolution von Anfang an selbstverständlich (Die Italienischsprechenden werden zusätzlich von der cisalpinischen Bewegung her beeinflußt). Von Versoix bei Genf her ist revolutionäre Literatur in die Schweiz eingeschleust worden. Dahinter standen die Genfer Emigranten21. Allerdings begann bald die bewußte Abwehr der französischen Ideen durch die Obrigkeiten. Die Presse war ja überwacht, Kolporteure werden aufgespürt. Aber gewissen Druckereien wie Agnelli in Lugano oder Haas in Basel waren für neue Impulse offen. Das föderalistische System erschwerte eine systematische Unterdrückung. Ein Negativbild brachten die royalistischen Emigranten (besonders viel Kleriker) in die Schweiz.

5.2 Die Propagandatätigkeit der Helvetischen Republik 22 5.2.1 Das politische Fest Die Helvetische Republik führte das politische Fest in der Form des Schwurs auf die helvetische Verfassung ein. Je nach Stimmung in der betreffenden Region oder im betreffenden Dorf wirkte es positiv oder negativ. Das Fest war an sich Übernahme einer französischen Vorstellung 23 , jedoch konnte man an die Vorstellung des Rütlischwurs anknüpfen, sowie an die Schwurleistungen der Bürgerschaften und der Landsgemeinden.

5.2.2 Presse und Propagandaliteratur in der Helvetischen Republik Die Propagandatätigkeit der Republik wurde ab November 1798 im „Bureau de l'esprit public'7„Bureau für nationale Kultur" konzentriert. Proklamationen, Flugschriften, republikanische Katechismen wurden schon von Anfang an durch den Staat und Privatpersonen verbreitet. Das vom September 1798 an durch den Staat verbreitete „Helvetische Volksblatt" unter der Redaktion von Heinrich Pestalozzi erwies sich - da zu belehrend - als ein Mißerfolg. Der durch Heinrich Zschokke herausgegebene „Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer Bote" führte jedoch zu großem Erfolg, da sehr volkstümlich gehalten. Weitere Zeitschriften wirkten lokal. Die 35

an sich sehr breite Publizistik hatte durchaus ihre Wirkung und dies über die Helvetik hinaus. Außerdem erschienen Lieder in großer Zahl, zuerst in der Waadt, dann überall (viele Revolutionslieder, Kriegslieder während des Koalitionskrieges, patriotische Trinklieder, Friedenslieder). Als Dialektdichter war der katholische Luzerner Pfarrer Häfliger populär. Die Lieder sind teils Ubersetzungen und Nachbildungen französischer Lieder, knüpfen aber auch an Lavaters „Schweizerlieder" an.

5.3 Gesellschaften und Clubs 5.3.1 Die revolutionären Clubs In Paris bildete sich 1790/91 der „Club helvetique", zusammengesetzt aus Auslandschweizern, teils politische Emigranten aus der Schweiz. Er stand in engem Kontakt zu den Jakobinern und hat in der Schweiz eine gewisse subversive Tätigkeit entwickelt, allerdings ohne große Wirkung.24 In Genf wurden schon 1789 revolutionäre Clubs gegründet. Sie sind stark von der Pariser Emigration beeinflußt und sie nehmen an Zahl zu. Zwei tragen den Namen „Jean-Jacques" (Rousseau), andere heißen „Parti des egalisateurs", „Cercle de l'egalite", „Club des Marseillais" etc. Clubs entstehen 1792/93 in den Industriezentren der Neuenburger Berge und im industrialisierten Jura des Bistum Basels. Weitere im Tessin, in Mülhausen, Schaffhausen, spät erst in Basel und in Lausanne erst nach der Befreiung. — Im Veltlin bildet sich 1797 die „Societa patriotica di San Pietro in Berbenno." Sie ist ein Mittel zur Vereinigung des bündnerischen Untertanengebietes mit der Cisalpinischen Republik.25 Die Clubs stehen alle in irgendwelcher Verbindung zur französischen Revolution. Sie repräsentieren in der Schweiz die extremere Gruppe der Patrioten, die mit französischer Hilfe das , J o c h der Tyrannen" abschütteln will. Sie werden je nach den lokalen Regierungsumständen verboten, existieren dann im Geheimen weiter oder lösen sich auf. Besonderes Aufsehen erregt es, als um 1794/95 am Zürichsee die Lesegesellschaften von Pfäffikon und Stäfa als politisch verdächtig von der Obrigkeit verboten werden. Typische Zeichen der obrigkeitlichen Repression der letzten Jahre der alten Schweiz.26

5.3.2 Clubs, bzw. Gesellschaften in der Helvetischen Republik Anknüpfend an die patriotischen Clubs, an Lesegesellschaften und andere Vereinigungen der Zeit vor 1798 haben in der ersten Zeit der Helvetik Clubs und Gesellschaften eine bedeutsame Rolle für die Verbreitung der neuen Ideen 36

gespielt. Sie lassen sich an verschiedenen Orten feststellen. Als am 30. Oktober 1798 politische Vereine verboten wurden, da sie zu extremistischen Zellen zu werden drohten, führten — von der Regierung unterstützte — Literarische Gesellschaften, die auch gemeinnützige Ziele verfolgten, und eine gemäßigtere Linie vertraten, die Propaganda für die neue Republik weiter (z.B. Luzern, Basel, Zürich, Winterthur und Bern). Sie stellten allerdings mit dem Verlauf der Ereignisse ihre Tätigkeit wieder ein. 27

6. Das Programm für politische Reformen In der Schweiz liegt vor 1798 kein politisches Programm vor. Wir kennen — abgesehen von genferischen Programmen - einzig einen Basler Verfassungsentwurf für eine Stadtrepublik durch Isaak Iselin (schon 1758). 28 Der Grund scheint zu sein, daß es einfach zu riskant war, an den bisherigen Grundlagen der Einzelstaaten und des Gesamtstaates konkrete Kritik zu üben oder gar konkrete politische Reformvorschläge zu machen. Das war nur auf den Gebieten der Pädagogik, der Ökonomie und des Sozialwesens möglich. So fehlte 1798 ein schweizerisches politisches Programm im Sinn eines Verfassungsentwurfes. Die revolutionierten Kantone gaben sich während der Helvetischen Revolution (1798) neue Verfassungen, die mehr oder weniger französischen Modellen entsprechen, sofern sie nicht das Landsgemeindemodell übernahmen. Der Verfassungsentwurf von Peter Ochs gab Anlaß zur Diskussion einer neuen Gesamtverfassung. 29

7. Die Opposition gegen die nationalrevolutionäre Bewegung Da bis 1798 die konservativen, gegenrevolutionären Regierungen die Politik bestimmen, kann erst mit Einrichtung der Helvetischen Republik von einer „Opposition" gegen die nationale Bewegung gesprochen werden.

7.1 Die Opposition der Patrizier Eine erste konservative Oppositionsgruppe bildet sich mit der bernischen Niederlage von 1798. Die Regierenden, die sich gegen Frankreich oder die inneren Bewegungen zu sehr exponiert haben, emigrieren und bilden in Ulm das Zentrum einer Art von Exilregierung unter der Leitung des Schultheissen von Bern, Nikiaus Friedrich von Steiger, des waadtländischen Obersten Roverea 37

und des schwyzerischen Kapuzinerpaters Styger. Mit österreichischer Hilfe wird die Gegenrevolution organisiert. Man versucht Aufstände gegen die helvetische Regierung zu inszenieren. Dann begleitet man die österreichische Invasion im Rahmen des 2. Koalitionskrieges und versucht, die eroberten (bzw. befreiten) Gebiete in der Ostschweiz und im Tessin wieder zur alten Ordnung zurück zu bringen, sehr zum Erstaunen und Mißfallen der durch die Helvetische Revolution befreiten Untertanen. Diese Aktion endet mit dem Rückzug der österreichischen, bzw. russischen Truppen. Allmählich bildet sich im Land selbst eine organisierte Opposition der patrizischen Kreise, die 1798 auf Druck Frankreichs alle ihre politischen Funktionen ebenso verloren haben wie ihre Feudalrechte. Die Patrizier (besonders im Kanton Bern) können ihre ihnen immer noch treu ergebene bäuerliche Bevölkerung allmählich mobilisieren und motivieren gegen die Anarchie der helvetischen Verwaltung und gegen die französische Besetzung.

7.2 Die altdemokratische Opposition Eine hartnäckige Opposition gegen die Helvetische Republik war von vornherein in den „demokratischen" alpinen Gebieten da, insbesondere in den katholisch geprägten. Ein erster bewaffneter Widerstand erfolgte im April/Mai 1798 in der Innerschweiz, dann im Wallis und in Nidwaiden. Er konnte durch französische Truppen jeweils gebrochen werden. N u r eine minoritäre aufgeklärte Elite stellte sich der Helvetik für die Verwaltung der betreffenden Kantone zur Verfügung. Die Opposition war elementar demokratisch, geführt vom Landpatriziat und vom Klerus. Die „freien Bauern" haben die Uberzeugung, daß sie nicht durch die Helvetik, bzw. die Franzosen befreit werden müssen. Sie verlieren tatsächlich ihre alte Form der direkten Demokratie (Landsgemeinde), sowie die sehr entwickelte Selbstverwaltung der Dorfgemeinden. Besondere Angst verursachte die (vermeintliche) Bedrohung der katholischen Religion. Die patrizische und die demokratische Opposition operierten mit der Zeit gemeinsam. Sie beteiligten sich an bestimmten Staatsstreichen und organisierten die große Volkserhebung des „Stecklikrieges", der die Helvetik bekämpfte und mit der Mediation des ersten Consuls endete.

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8. Konkrete Veränderungen durch die nationalpatriotische Bewegung (Modernisierung) 8.1 Gesamtstaat Was den Gesamtstaat betrifft, so sind die politischen Einrichtungen der Helvetischen Republik weitgehend abgeschafft worden. Was blieb, war immerhin die zentrale Kanzlei und damit der Beginn einer gesamtstaatlichen „Verwaltung". Da die Kanzlei von 1798 bis 1830 in den Händen des Waadtländers Mousson lag, war eine Kontinuität gewahrt. Des weitern blieb die Außenpolitik Sache des Gesamtstaates (ab 1803 des schweizerischen Landammanns und der Tagsatzung). Auch blieb die an sich kantonal organisierte Milizarmee unter einheitlicher, gesamtstaatlicher Leitung. Da die Möglichkeit bestand, nach 1803 unter den Kantonen Konkordate zu schließen, konnten durch Gruppen der Kantone Errungenschaften der Helvetik weiter geführt werden. Das betraf das Zivil- und Obligationenrecht, Post, Maß und Gewicht, sowie Zoll. Nur die Gleichbehandlung der Bürger anderer Kantone vor den Gerichten erreichte die Zustimmung aller Kantone, einen ausgenommen. Das freie Niederlassungsrecht blieb durch die Bundesverfassung erhalten (nach 1815 nur noch durch Konkordat in 12 Kantonen). Die Handels- und Gewerbefreiheit war bis 1815 gesamtstaatlich anerkannt. Aus- und Durchfuhr der Kantone war weiterhin garantiert. Alte Binnenzölle blieben bestehen, neue unterstanden der Genehmigung der Tagsatzung.

8.2 Kantone W o jedoch die Helvetik weitergeführt wurde, das war in den fünf „neuen" Kantonen von 1803, die als keine Repräsentativrepubliken, zentralistisch verwaltet, ein neues kantonales und schweizerisches Bewußtsein entwickelten. Zum Beispiel im neuen Kanton Ticion 3 0 „la ticinesita" anstelle der acht regionalen Bewußtseinsinhalte der ehemaligen Landvogteien. 31 Diese fünf Kantone stellten immerhin mehr als ein Drittel der schweizerischen Gesamtbevölkerung. Etwas reduzierter geschah die Weiterführung helvetischer Vorstellungen in den ehemaligen sieben Stadtkantonen, wo zwar die Hauptstadt ihre Prärogativen großteils wahren konnte (Untervertretung der Landschaft im kantonalen Parlament), es aber bei der Aufhebung der Ungleichheiten (Privilegien) blieb. Das hieß, es verschwanden die Vorrechte der Munizipalstädte, der Gerichtsherrschaften einzelner Familien, der geistlichen Herrschaften in katholischen Kantonen, der Privilegien einzelner Landschaften und Dorfgemeinden. Das war das Ende des Feudalismus in der Schweiz. Der Kanton war eine Einheit wie nie zuvor und wurde zum modernen Verwaltungsstaat. 39

Mehr oder weniger zu den alten Zuständen kehrten die kleinen altdemokratischen Kantone zurück sowie das zum schweizerischen Kanton „degradierte" Graubünden. Die Landsgemeindeherrlichkeit blühte wieder auf.

8.3 Mehrsprachigkeit In einem bedeutsamen Punkte hatte die Helvetik bahnbrechend gewirkt, nämlich auf dem für die Schweiz seither so wichtigen Gebiet der Mehrsprachigkeit. Vor 1798 war die Sprache der ΧΙΠ Orte an sich Deutsch. Nur im Kanton Freiburg wurde mehrheitlich französisch gesprochen. Ganz französischsprechend waren die drei Verbündeten Neuenburg, Genf und des Bistum Basel. Das Wallis war zweisprachig. Der Verkehr mit den Regierungen erfolgte in der Regel auf Französisch; eine Sprache, die die Regierungselite in der Regel gut beherrschte. Anderssprachige Untertanengebiete wurden in der Sprache der Untertanen regiert (Waadt, Tessin). Graubünden war dreisprachig: Mehrheitlich rätoromanisch, dazu eine starke deutsche Gruppe und vier Südtäler, die Italienisch sprachen. Diese bündnerische Dreisprachigkeit wurde in der Bündner Staatsreform von 1794 offiziell anerkannt, womit altes Herkommen modern gefaßt wurde. Auch wenn man eine einheitliche Sprache für wünschbar gehalten hätte, so anerkannte die Helvetische Republik die drei Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch als Staatssprachen. Das bedeutete, daß die Zentralregierung mit Anderssprachigen in der jeweiligen Sprache des Adressaten zu verkehren hatte. Die Verordnung vom 25. Oktober hält fest: „ . . . daß alle Cantone Helvetiens die Aufklärung jeder in seiner Sprache erhalten soll" 3 2 . Auch das Rätoromanische fand diesbezüglich Berücksichtigung. Für die Verwaltung galten Deutsch und Französisch als gleichberechtigt. Man setzte voraus, daß Verwaltung und Regierung beide Sprachen beherrschten, was ja bei der Elite aus dem Ancien Regime effektiv der Fall war. Damit lieferte die Helvetische Republik das Modell für die spätere sprachpolitische Entwicklung. Daß in der Helvetik die Dreisprachigkeit bewußte Vorstellung war, zeigt sich im Erziehungsvorschlag des Ministers Ph. A. Stapfer. Er sah seinen Plan einer schweizerischen Einheitsuniversität als mögliche Verschmelzung „deutschen Tiefsinns mit fränkischer (d.h. französischer) Gewandtheit und italienischem Geschmack", als „Stapelort der Kultur der drei gebildeten Nationen, deren Mittelpunkt Helvetien ausmacht."35 Hier wird die Utopie einer übernationalen Mission der Schweiz formuliert, wie sie die schweizerische Aufklärung allgemein postuliert hatte. Nach dem Fall der Helvetik, ab 1803, war es selbstverständlich, daß die zwei Kantone, die Französisch sprachen, Waadt und Freiburg (1814 kamen noch Neuenburg, Genf, Wallis und das ehemalige Bistum Basel dazu), sowie der Italienisch sprechende Kanton Tessin auch sprachlich über sich selbst bestimmen 40

konnten. Für die Waadt und das Tessin hatte sich Napoleon als Mediator persönlich eingesetzt. In der Praxis der Tagsatzung herrschte allerdings das Deutsche vor, doch pflegten die Delegierten von Waadt, Freiburg, Tessin und häufig auch die von Bern Französisch zu votieren34. Die Protokolle wurden übersetzt. An sich war 1803 etwa 4/5 der Bevölkerung deutschsprachig. Dieses ungleiche Mehrheitsverhältnis spielte aber keine Rolle, da die Kantone ja erneut souverän waren. Dergestalt nahm die Schweiz einen anderen Weg als fast alle anderen Nationalstaaten, wo ohne Rücksicht auf kleine Sprachgruppen die Sprache der Mehrheit alleingültig wurde.

8.4 Sozioökonomischer Wandel durch die Revolution? Der sozioökonomische Wandel war in der Schweiz schon im Laufe des 18. Jahrhunderts in Gang gekommen. Die alte Agrarverfassung war unterlaufen und das Besitzbauerntum daran, den Gemeinbesitz in seine Hände zu bringen. Diese Umstrukturierung endet erst im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie lag in der Linie der Helvetik. Die Industrialisierung bestimmter Gegenden (Ostschweiz, Jura) ist seit Beginn des 18. Jahrhunderts beschleunigt und durch die Helvetik nur insofern beeinflußt, als Handels- und Gewerbefreiheit es nun Untertanen ermöglichen, eigene Unternehmen frei zu entwickeln. Irreversibel ist der Verlust der partiell noch erhaltenen politischen Feudalrechte (Gerichtsherrschaften, Seigneuries) des Patriziats. Der patrizische Privatbesitz bleibt zwar erhalten, aber das Abgabensystem und weitere Herrschaftsfunktionen gehen an den Staat. Als bürgerliche Emanzipation muß die Gleichstellung der Munizipalstädte mit der Hauptstadt betrachtet werden und damit ihre ökonomische Unabhängigkeit, die allerdings erst 1830 vollendete Tatsache wird. Auch hier ist auf die unterschiedliche Entwicklung in den fünf neuen Kantonen (Modernisierung), den sieben ehemaligen Stadtkantonen (relative Modernisierung) und den sieben „altdemokratischen" Kantonen (keine Modernisierung) hinzuweisen (Vgl. 8.2). Die französische Revolution hat vor allem die politische Modernisierung vorangetrieben, bzw. sozioökonomischen Entwicklungen erstmals einen neuen Freiraum gegeben.

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9. Gründe des Mißerfolgs der ersten Phase der nationalpatriotischen Bewegung 9.1 Gründe des Mißerfolgs der Helvetik Der Versuch der Helvetischen Republik — getragen von der Reformelite des Ancien Regime — scheitert an folgenden Umständen: 1) Abhängigkeit von Frankreich. Besetzung durch die Armee (Kontributionen) 2) Verelendung gewisser (alpiner) Gegenden infolge des Krieges 3) Finanzkrise der Verwaltung (incl. Schule und Kirche) durch die Umwälzung des alten Finanzsystems der Abgaben auf ein neues direktes Steuersystem, das schließlich rückgängig gemacht wird. 4) Trennung von Kirche und Staat (besonders empfindlich für die katholische Kirche). 5) Die Abschaffung der Selbstverwaltung der Gemeinden. Zusammenfassend: Die Veränderungen kamen von außen, von oben und teilweise zu früh. Die Opposition, die anfangs nur Ultrakonservative umfaßte, wurde zu immer breiterer Unzufriedenheit. Anhänger der Helvetik gab es zwar überall und bis zum Schluß, aber sie wurden immer minoritärer, ausgenommen in der Waadt, in Basel und im Aargau. Außerdem spaltete sich die Anhängerschaft der Helvetik schon bald in Republikaner (gemäßigte Liberale, elitärer Art) und Patrioten (radikal-demokratisch-volkstümlich).

9.2 Die Helvetik als Teil einer langfristigen Entwicklung Die nationalpatriotische Bewegung beginnt mit paradigmatisch-utopischuniversalistischen Akzenten im 18. Jahrhundert und intensiviert sich zusehends. In der Helvetik versucht sie erstmals in die politische Realität zu treten. Die Helvetik gibt Anregung und Anstöße zu späteren Reformen: Ablösung von Zehnten und Grundzinsen ab 1800 ermöglicht eine vernünftige Agrarreform, die gegen 1850 zum Abschluß kommt. Die Einführung einheitlicher Währung, Maß und Gewicht, Post und Zoll waren verfrühte Maßnahmen, die sich aber bald als notwendig erweisen sollten und 1848 endgültig eingeführt wurden. Die Handels- und Gewerbefreiheit, sowie die freie Niederlassung geben Impulse zu wirtschaftlicher Beweglichkeit, die ab 1830 endgültig zum Tragen kommt. Die seit Jahrhunderten minder privilegierten Hintersassen (Nichtbürger) kommen in der neugeschaffenen Einwohnergemeinde endlich zu ihrem Recht. Im Erziehungswesen werden durch Stapfer, Pestalozzi und andere Impulse gegeben, die bald in vielen Kantonen in die Realität umgesetzt werden können (Elementarschulen, Realschulen, Gymnasialreform, Hochschulen, Lehrerseminare/Normalschulen). 42

Teilreformen bleiben nach 1803 (Mediation) und 1815 (Restauration) erhalten. Von 1830 an liberalisiert und demokratisiert sich die Mehrheit der Kantone und greift teils auf die Helvetik zurück. Im Gesamtstaat sorgen während der ganzen restaurativen Epoche (1803 — 1830/48) nationalpatriotische Vereine gesamtschweizerischen Charakters in der Elite und im Volk für die Entwicklung eines breiten schweizerischen Nationalgefühls liberal-demokratischer Prägung. Da die Mehrheit der Kantone schon 1830 modern denkt, aber im Rahmen der Restaurationsverfassung von 1815 keine politische Reform des Gesamtstaates möglich ist, kommt es zwischen 1840 und 1847 zu einer eigentlichen Staatskrise, die mit der Durchführung der neuen Bundesverfassung von 1848 endet. Sie schafft einen stärkeren Zentralstaat und bringt die Grundsätze des modernen Konstitutionalismus zum Durchbruch. Damit sind in gemäßigter Form und unter etlichen Konzessionen an die Kantonalsouveränität die Ideen der Reformbewegung des 18. Jahrhunderts und die Versuche der Helvetik in die schweizerische Verfassungswirklichkeit übergegangen. 35

9.3 Die allgemeine Bedeutung des Eingreifens Frankreichs in der Schweiz Der Eingriff der französischen Regierung führt zum Zusammenbruch der patriarchal-aristodemokratischen Schweiz und ermöglicht in der Helvetischen Republik einen ersten Versuch der Modernisierung, ein Versuch, der sich als Fortsetzung aufklärerischer Bemühungen versteht. Ohne den französischen Einfluß wären die Untertanenverhältnisse nicht geändert worden und die nationale Vereinheitlichung unmöglich gewesen. Die Mediationsverfassung zeigt, daß ein Weg zurück (wie auch 1815) nicht mehr möglich war. Von 1803 an konnte sich eine vom direkten französischen Einfluß nicht mehr belastete Evolution vollziehen, die 1848 nach etlichen Krisen zum vorläufigen Abschluß kam. Die französische Revolution hat sich akzelerierend und polarisierend auf die Entwicklung, die schon vor 1789 angelegt war, ausgewirkt.

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Anmerkungen 1

Für die folgenden Ausführungen ist insbesondere die folgende Literatur hinzugezogen worden: Quellen: Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik, 16 Bde. bearbeitet von Johannes Strickler und Alfred Rufer, Bern/Freiburg 1886 - 1966; Johann Heinrich Zschokke: Eine Selbstschau, bearbeitet von Remy Charbon, Bern 1977; Paul Wernle: Der schweizerische Protestantismus in der Zeit der Helvetik, Zürich 1938/1942 (materialreiche Darstellung); Literatur: Handbuch der Schweizer Geschichte, 2. Bd., Zürich 1977 (Ulrich Im Hof, Ancien Regime. Andreas Staehelin, Helvetik Lit. bis 1974); Geschichte der Schweiz - und der Schweizer, Bd. 2, Basel 1983 (Francis de Capitani, Beharren und Umsturz, 1648- 1815) (französische und italienische Ausgabe); Alfred Rufer: La Suisse et la Revolution franjaise, ed. Jean-Paul Suratteau, Paris 1974; Holger Böning: Revolution in der Schweiz. Das Ende der Alten Eidgenossenschaft. Die Helvetische Republik, 1798 - 1803. Bern u. Frankfurt/M 1985; La Suisse et la Revolution Franjaise, Images, caricatures, pamphlets, Editions du Grand-Pont, Lausanne 1989; Ulrich Im Hof: Mythos Schweiz, Identität - Nation - Geschichte, 1291-1991. Zürich 1991, S. 113-166. N.B. Die Literatur über die Zeit zwischen 1789 bis 1805 ist ungemein reich. Die Mo· dernisiserungsproblematik bleibt ein Politicum und hat Historiker immer wieder engagiert. Man konnte über diese Zeit oft nur von einem bestimmten Standpunkt aus schreiben. Z.B. vertritt Richard Feiler im 4. Band seiner Geschichte Berns, Bern 1960, den Standpunkt des alten Bern. Alfred Rufer kam in der schweizerischen Historiographie nicht recht zum Zuge, weil er die helvetische und die vorhelvetische Periode mit starker Kritik am Ancien Regime verband. Zur Helvetischen Gesellschaft vergleiche Ulrich Im Hof und Franjois de Capitani: Die Helvetische Gesellschaft. Spätaufklärung und Vorrevolution in der Schweiz. 2 Bde., Frauenfeld 1983. Emil Erne: Die schweizerischen Sozietäten. Lexikalische Darstellung, Zürich 1988. 2 Traum einer schweizerischen Nationalversammlung entwickelt durch J. G. Stokar, Präsident der Helvetischen Gesellschaft 1777. — 1779 Gründung einer separaten Helvetisch-Militärischen Gesellschaft, die sich (ohne praktischen Erfolg) um die Frage der Landesverteidigung kümmerte. Vgl. Im Hof/de Capitani wie Anm. 1. 3 Johannes von Müller — Geschichtsschreiber der Goethezeit, Schaffhausen 1986. Referate Kolloquium Homburg v.d.H., 1983. * Isaak Iselin: Versuch über die öffentliche Erziehung in einer republikanischen Handelsstadt, Basel 1779. (Ephemeriden 1780, 2. Bd., S. 657.). 5 Jean-Marie Herault de Sechelles: Details sur la societe d'Olten, Paris 1790. Herault de Sechelles, Oeuvres litteraires, ed. Emile Dard, Paris 1907, p. 191-223. 6 J. Benetruy: L'atelier de Mirabeau, quatre proscrits genevois dans la tourmente revolutionnaire, Geneve 1962. 7 Alfred Rufer: Johann Baptista von Tscharner, Chur 1963. 8 Nouvelle Histoire du Jura, Porrentruy 1984 (Andre Bandelier, La periode franiaise). 9 Z.B. J. G. Ebel bei Bernhard Böschenstein: Das Bild der Schweiz bei Ebel, Boehlendorff und Hölderlin, in: „Frankfurt aber ist der Nebel dieser Erde", Deutscher Idealismus, Bd. 8, 1981, S. 63. 10 „Was wollt ihr kümmern, die Franzosen bringen uns Freiheit, das Vaterland verlieren wir nicht, höchstens die Landvögte" (Seckelmeister Hürner von Thun, 1798) in M. Trepp: Amt Thun, S. 293. 11 Vgl. Literatur in Anm. 1

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Direktorialkantone mit Doppelstimme an der Tagsatzung waren Zürich, Bern, Luzern. Direktorialkantone außerdem noch Freiburg, Solothurn, Basel. Das Standesoberhaupt dieser 6 Kantone führte jeweils für ein Jahr die gesamteidgenössischen Geschäfte. Doppelstimmen an der Tagsatzung besaßen außerdem noch die größeren Kantone Aargau, Graubünden, St. Gallen und Waadt.

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Vgl. Jean-Charles Biaudet: Henri Monod et la Revolution vaudoise de 1798, Revue historique vaudoise, 1973. Zur Nationalsymbolik vgl. Daniel Frei (wie Anm. 22). Pestalozzi wird noch 1805 in Yverdon als „citoyen" angesprochen. Hans Trümpy: Der Freiheitsbaum, in Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Basel 1961. Zur Nationalsymbolik vgl. Daniel Frei (wie Anm. 22). Siehe ebenda. Darüber z.B. Ernst Brandes: Uber einige bisherige Folgen der Französischen Revolution in Rücksicht auf Deutschland, Hannover 1792, S. 56/57. Vgl. Im Hof: Helvetische Gesellschaft (wie Anm. 1), 1. Bd., S. 3 3 7 - 3 3 9 . Josef Feldmann: Propaganda und Diplomatie. Eine Studie über die Beziehungen Frankreichs zu den eidgenössischen Orten vom Beginn der Französischen Revolution bis zum Sturz der Girondisten, Zürich 1957, Ariane Meautis: Le club helvetique de Paris et la diffusion des idees revolutionnaires en Suisse, Neuchätel 1969. Daniel Frei: Das schweizerische Nationalbewußtsein. Seine Förderung nach dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft 1798, Zürich 1964. Zu Beginn der Mediation hat der bernische Schultheiss (Staatsoberhaupt) Nikiaus Friedrich von Mülinen im Unspunnenfest (bei Interlaken) ein außerordentlich erfolgreiches Volksfest unter Beteiligung von Hirten aus dem Oberland und der Innerschweiz wie vielen Besuchern aus dem Patriziat und aus dem Ausland organisiert, 1805 und 1808. Es eröffnet die schweizerische Festkultur, die von 1820 an nationale und liberale Züge annimmt und die Wendung von 1848 vorbereitet. s. Anm. 21. Verzeichnung der Clubs bei Im Hof, Helvetische Gesellschaft (wie Anm. 1), 1. Bd., S. 253/254. Annemarie Custer: Die Zürcher Untertanen und die Französische Revolution, Zürich 1942; Wolfgang von Wartburg: Zürich und die französische Revolution, Basel 1956. Daniel Frei: Das schweizerische Nationalbewußtsein (wie Anm. 22), S. 117 f. „Die Bürger oder die Demokratie" in "Philosophische und Patriotische Träume eines Menschenfreundes", 2. Aufl. Zürich 1758. Hans von Greyerz: Nation und Geschichte im bernischen Denken, vom Beitrag Berns zum schweizerischen Geschichts- und Nationalbewußtsein, Bern 1953, S. 77 ff. Raffaello Ceschi: Appunti sulla „ticinesita", Bloc-Notes 2 - 3 , ottobre 1980. Hermann Weilenmann: Die Vielsprachige Schweiz, Basel 1925; Daniel Frei (wie Anm. 22), S. 192 f. Daniel Frei (wie Anm. 22), S. 193. Strickler: Aktensammlung (wie Anm. 1), 3. Bd., S. 605. Rede vor 5 Mitgliedern der schweizerischen Verfassungskommission, 12. Dezember 1802 (bei Conrad von Muralt: Hans von Reinhard, Zürich 1838, S. 1 0 5 - 1 0 9 ) . Die Verfassung von 1848 wurde 1874 revidiert, blieb jedoch in den Grundsätzen mit 1848 konform. Seither erfuhr sie viele Erweiterungen und Veränderungen. Seit 1967 wurde eine Gesamtrevision geplant, die jedoch stecken blieb.

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REINHART SIEGERT

Zur Topographie der Aufklärung in Deutschland 1789 Methodische Überlegungen an Hand der zeitgenössischen Presse 1. Geistesgeschichte und Topographie 2. 3. 4. 5. 6.

Aufklärung und Territorium Staatliche Reformpolitik und private Perzeption der Aufklärung Vom Quellenwert der Presse für die Topographie der Aufklärung Konturen einer Topographie der Aufklärung in Deutschland Fazit: Der Beitrag der Presseforschung zur Erforschung der Französischen Revolution Anhang: Karten und Zahlen Erläuterungen Α Hl. Rom. Reich Deutscher Nation — Preußen — Habsburgerreich a) Karte: Mitteleuropa vor dem ersten Koalitionskrieg 1792 b) Flächengröße, Einwohnerzahl und Wohndichte der deutschen Staaten im Jahre 1792 Β Zur topographischen Lage der aufklärungsfreundlichen Territorien in Deutschland 1789 a) Karte b) Flächengröße, Einwohnerzahl und Regenten der in der Karte eingetragenen Territorien C Deutsche Städte mit über 5 000 Einwohnern 1792 D Die Verteilung der Konfessionen im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches 1789 Ε Diözesen und Hochstifte 1789 a) Diözesangrenzen b) Hochstiftgrenzen F Druckorte deutscher Zeitungen 1789 G Die Postverkehrslinien in Mitteleuropa am Ende des 18. Jhs. Η Sozietäten in Deutschland am Ende des 18. Jhs. I Die deutsche Sprachgemeinschaft am Ende des 18. Jhs.

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1. Geistesgeschichte und Topographie Am 12. Juli 1791 schrieb Schubart in seiner „Chronik": „Viele reiche und zum Teil auch geistvolle Köpfe aus Deutschland lassen sich jezt in Strasburg nieder, um dort in einer weitern und freiem Atmosphäre zu athmen. *Gottlob, unser Vaterland ist noch kein Sklavennest. Noch gibt es Städte und Lande, wo man mit edler Kühnheit und Freimüthigkeit denken, reden — auch schreiben darf, wie so viele im freiesten Geiste geschriebene Schriften beweisen, die fast von allen Orten Deutschlands auffliegen, und wie Adler in den Lüften schweben. Ein braver Deutscher ist auch bescheiden, und verlangt für sich nie zuviel Freiheit." 1

Er hat sicher mit weiser Absicht offen gelassen, wo in diesen Sätzen die Ironie beginnt. Straßburg, das erste Revolutionszentrum im deutschsprachigen Raum, kann er mit dem Adlerstartplatz nicht gemeint haben; das gehörte seit 1681/16972 zu Frankreich. Er spielt vielmehr auf die starken regionalen Unterschiede im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an, die jedem zeitgenössischen Leser bekannt waren. Manche Zeitgenossen vermitteln davon ein recht simples Bild, so sogar Heinrich Zschokke, wenn er von einer imaginären Kulturkarte Deutschlands, die immerhin „die Grade der politischen, religiösen, wissenschaftlichen, artistischen, merkantilischen und gesellschaftlichen (oder Humanitäts{-})kultur" graphisch darstellen soll, schreibt: "Sie nimmt sich sonderbar genug aus. Halb liegt sie im Schatten, halb im Lichte; die Reichsstädte, oder die Mitte Deutschlands, wo Tag und Nacht in einander fliessen, schwimmen in einer matten Dämmerung."3

Das legt die Vorstellung nahe, daß der Grad der „Polizirung" (so Zschokke) in einer Richtung 4 kontinuierlich abgenommen habe; Friedrich Nicolai hätte vielleicht das Bild von konzentrischen Kulturkreisen um den Mittelpunkt Berlin herum bevorzugt. Beides setzt voraus, daß es so etwas wie ein kulturelles Strahlungszentrum gegeben hätte — und ringsum eine Umgebung, die sich ungehindert hätte erwärmen und erleuchten lassen. Daß dem keineswegs so war, war für jeden lesekundigen Landmann schon im „Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute" zu finden. 5 Benedikt Erenz hat in einem „ZEIT"- Artikel zu den Revolutionsausstellungen des Jahres 1989 treffend formuliert, daß es „nicht bloß die so oft bespöttelte territoriale Aufsplitterung (. . .) des Heiligen Römischen Reiches allein (war), welche die vaterländische Geschichte zu einer so schwierigen macht, sondern mehr noch die Tatsache, daß viele der Landes- und Ländchengrenzen zugleich auch Zeitgrenzen waren, Datumslinien gewissermaßen. Denn während hier schon in den Maßstäben des 19. Jhs. geplant wurde, inquirierte man dort noch nach der mittelalterlichen Prozeßordnung, und entwarf man in der Residenz zu M. bereits moderne Industrie, wurden in der Grafschaft L. noch die Hexen ge-

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jagt. Andererseits hatte sich diese oder jene Gemeinde noch Reste einer ständischen Verfassung bewahrt, während in vielen Fürstentümern kleine Despoten in der Manier des großen Despoten zu Versailles regierten: absolut und sonnengleich und allenfalls ein bißchen .aufgeklärt*. — Diese über das bloß Territoriale hinausgehenden Verwerfungen, diese Zeitverschiebungen innerhalb des schon fast fiktiven Ganzen ( . . . ) - das alles muß die Antwort auf die Frage dieses Jahres, wie denn nun die Französische Revolution ,in Deutschland' gewirkt habe, bitterlich verkomplizieren. Und am Ende wird immer wieder der Einzelfall stehen: In Nürnberg etwa . . . in Berlin hingegen . . . oder: Zweibrücken zum Beispiel." 6

Denn ganz besonders mußte diese an sich widersinnige Bindung von Gedanken an topographische Grenzen gelten, wenn diese Gedanken von solcher politischer Brisanz waren wie die der Französischen Revolution und nach dem Medienstand der Zeit vor allem über bedrucktes Papier verbreitet werden mußten. Dann erweisen sich schnell nicht die Sprachgrenzen, sondern die politischen Grenzen als mögliche Hemmnisse. Wir werden also wohl oder übel die komplizierten politischen Verhältnisse des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" im Auge behalten müssen. Doch nicht nur im Blick auf die Verbreitung, sondern auch im Blick auf die Rezeptionsmöglichkeiten empfiehlt sich die Beachtung der politischen Grenzen. Gewiß: die „res publica litteraria" war und fühlte sich grenzüberschreitend; selbst Katholiken und Protestanten kamen mittlerweile nebeneinander in Meusels „Gelehrtes Teutschland", wenn auch manch ein norddeutscher Reisebeschreiber sich über die „Hanswurstsprache" seiner bayerischen Gelehrtenkollegen mokieren zu müssen glaubte. Für die Hauptmasse der Bevölkerung jedoch hatten die stark unterschiedlichen Lebensverhältnisse, die ihnen mehrere hundert Jahre stark unterschiedlicher Regierung auferlegt hatten, zu deutlichen Differenzierungen in der Lebensform, im Wertekatalog, im Selbstbewußtsein und in der geistigen Schulung geführt. Die Unterschiede und die Grenzen waren bekannt7, und die Grenzen des 18. Jhs. waren keine „Eisernen Vorhänge". Dennoch konnten nur wenige Menschen drückenden Verhältnissen durch Uberwechseln in ein anderes Territorium ausweichen. Mehr als 3/4 der Menschen lebten von der Landwirtschaft, waren also darauf angewiesen, Grund und Boden zur Ausübung ihres Berufes zur Verfügung zu haben. Die Sicherheit ihres Lebensunterhalts war an ihr augenblickliches Stück Land gebunden und hielt sie fest, auch wenn sie nicht auf Grund von Leibeigenschaft förmlich nach der Erlaubnis zum Wegzug hätten fragen müssen. Die Handwerker waren durch die Schließung der Zünfte zunächst auf ihren Heimatort verwiesen, wenn sie sich als Meister seßhaft machen wollten. Doch auch die Intellektuellen waren nicht sehr beweglich: eine feste Anstellung war für sie meist nur im Dienste einer Obrigkeit denkbar, und das bedeutete in der Regel das Warten auf die Erledigung einer Stelle im Geburtsland.8 Am mobilsten waren wohl die, denen — im Zeichen einer Akademikerschwemme — der Zugang zu einer solchen Stelle nicht gelang, und vielleicht Teile der Kaufmannschaft. 49

Wir haben also nicht nur damit zu rechnen, daß den Menschen im Deutschen Reich die Nachrichten von der Revolution in Frankreich in territorial unterschiedlicher, abgestufter Weise zugänglich wurden, sondern vor allem damit, daß diese Nachrichten auf territorial ganz unterschiedliche Rezeptionsbedingungen stießen, bis hin zu den von Erenz festgestellten territorienbedingten Zeitverschiebungen. Die aber sind für uns von größtem Interesse. Eine der Hauptfragen der deutschen Geschichtsschreibung angesichts der Französischen Revolution ist doch die, ob sie in Deutschland eine Beschleunigung oder eine Hemmung bei der Entwicklung zu unseren modernen Verhältnissen, genauer gesagt: zum als Fortschritt empfundenen Teil von ihnen, bedeutet hat. Wir würden heute, wenn wir als Zeitgenossen ein vergleichbares Ereignis miterlebten und uns Gedanken über die zu erwartende Ausstrahlung auf die Nachbarländer machten, uns wohl zunächst einen Überblick über deren politische Verhältnisse zu verschaffen suchen und nach deren materiellen, administrativen und mentalen Hintergründen fragen. Indikatoren für die politischen Verhältnisse wären bei demokratischen Staaten deren Parteiensystem und die Wahlergebnisse. — Für unser historisches Problem müssen wir nach einem Ersatz suchen, wenn wir die politischen Grenzen' mit politischen Zuständen verbinden wollen. Die vorherrschende Fraktionierung in der öffentlichen Debatte der Zeit ist keine ständische, auch keine konfessionelle oder regionale, sondern die in Aufklärungsbefürworter und Aufklärungsgegner (mit einem breiten Spektrum von Verfechtern einer relativen, teilweisen Aufklärung). Insofern bietet sich für den gesamten politischen wie den mentalen Bereich als Maßstab die Affinität zur Aufklärung an, ein Maßstab, der für unsere politische Fragestellung noch den Vorteil hat, daß sich zumindest politischer Konservativismus und politischer Liberalismus des 19. Jhs. aus Verfechten oder Ablehnung aufklärerischer Positionen herleiten lassen. Wegen dieser Schlüsselfunktion hat Franklin Kopitzsch in seinem großen Forschungsüberblick „Aufklärung, Absolutismus und Bürgertum" von 1976 eine „historische Topographie der Aufklärung" als Forschungsdesiderat ersten Ranges genannt.10 Ansätze dazu scheint es tatsächlich schon gegeben zu haben. In seiner Autobiographie „Meine Wanderung durchs Leben" schreibt Gerd Eilers zur Zeit um 1800: „Wie man im Jahre 1817 Karten colorirte, auf welchen die Verfassungsstaaten in Hellgrün, die Staaten ohne Verfassung in Grau erschienen, so gab es damals Karten, auf welchen die Länder des Lichts erhellt, die Länder der Finsterniß in Nachtfarbe erschienen. Das oldenburgische Land lag in einem Dunkel, welches nur durch die österreichische Finsterniß übertroffen wurde, während über dem nur wenige Stunden entfernten Jeverlande helles Licht glänzte." 11

Mir ist nichts davon bekanntgeworden, daß jemand die Eilersschen Aufklärungskarten wiederentdeckt hätte. Aber selbst wenn dieser Glücksfall einträte, bliebe uns wohl nicht erspart, uns Gedanken darüber zu machen, auf Grund 50

welcher Kriterien sich solche Karten vom geistigen Profil eines Gebietes erstellen ließen. Als Indikatoren für ein solches Klima können uns die Punkte dienen, auf die die vielen aufklärerischen Reisebeschreiber in den durchreisten Gebieten achteten.

2. Aufklärung und Territorien Die Persönlichkeit des jeweiligen Herrschers findet selbstverständlich das Interesse der beschreibenden Zeitgenossen, doch sind der Maßstab für seine Beurteilung seine Einstellung zur Aufklärung 12 und — wichtiger noch — die Maßnahmen, in denen sie sich äußert. Da sind zunächst eine Reihe gesetzgeberischer Maßnahmen, an denen die Zeitgenossen den Aufklärungsstatus eines Staates maßen: die Einführung religiöser Toleranz durch obrigkeitliche Verfügung 1 ', die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Gesangbuch- und Kalenderverbesserungen und damit das Bemühen, über die beiden meistverbreiteten herkömmlichen Volkslesestoffe ein klein wenig vom neuen Geist direkt beim „gemeinen Mann" Aufnahme finden zu lassen. Hierher gehören auch Agrarreformen, zum einen mehr wirtschaftliche, die allerdings auch eine Mentalitätsveränderung bewirken konnten und sollten, wie die Einführung neuer Produkte (Kartoffeln, Futterfrüchte, Handelsgewächse) und Anbaumethoden, zum anderen mehr politische wie die Ablösung herrschaftlicher Triftrechte oder die Einschränkung der durch das adelige Jagdmonopol verursachten und vielbeklagten Wildschäden. Besonderen Symbolwert hatte dabei die Aufhebung der Leibeigenschaft, obwohl jene regional oft eine geringe praktische Belastung darstellte.14 Daneben stehen investive Maßnahmen der Obrigkeiten für das Wohl der Bevölkerung, zum Beispiel die Einrichtung von Schullehrer- und Priesterseminaren, von Ausbildungsstätten für Hebammen, Tierärzte, Dorfbader, von Versorgungsstätten für Arme, Kranke, Arbeitsunfähige, dazu eine effiziente, unbestechliche Verwaltung, in der Sprache der Zeit eine gute „Policey". An der diesbezüglichen Tätigkeit der Regierung/Obrigkeit maßen die Zeitgenossen den „Wohlstand" (im weitesten Sinne) eines Landes — und umgekehrt seine „Revolutionsanfälligkeit". So, wenn Christian Friedrich Laukhard schreibt: „Warum z.B. ist man im Speierischen, das doch so erzkatholisch ist, so gut patriotisch (= revolutionär), und warum ist man im Badischen, das protestantisch ist, mit der fürstlichen Regierung so zufrieden, daß man sich ganz und gar keine Veränderung wünschet? Antwort: weil der Markgraf von Baden ein Fürst ist, der seine Unterthanen liebt, für ihr Wohl sorgt, und sie nicht aussaugt. (. . . , S. 457) Man gehe doch ins Gothaische, oder Braunschweigische und predige da das Freyheitssystem von nun an bis in Ewigkeit: Die Gothaer und Braunschweiger werden zuhören, selbst miteinstimmen und doch ihren Herzogen treu bleiben. Aber in Hessen, und in andern paralytischen Ländern und Ländchen mögten freilich jene Grundsätze zünden, nicht für sich, sondern nach dem Stoff, den die Regierung selbst dazu hergiebt." 1 5

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Hinzu kam für die zeitgenössischen Beobachter die Infrastruktur der Öffentlichkeit eines Landes: die regionale Verteilung von Buchhandlungen, von Lesegesellschaften und Periodika16. Hier spielte der Einzelstaat (und übergeordnet das Reich) freilich eine Rolle durch direkte Zensur17 oder durch wirkungsvolle indirekte Maßnahmen wie insbesondere das Beförderungsverbot durch die Reichspost 18 , das während der Französischen Revolution gegen mißliebige Presseerzeugnisse eingesetzt wurde. Auch der Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung, insbesondere die Lesefähigkeit, war eine Größe, die durch staatliche Maßnahmen (z.B. allgemeine Schulpflicht) mitbestimmt wurde. Nun steht außer Zweifel, daß die meisten dieser Indikatoren für sich genommen reichlich fragwürdig sind.19 Schulverbesserungen z.B. mußten keineswegs aufklärerisch die Entfaltung der Fähigkeiten jedes Individuums bezwecken, sondern konnten dem nüchternen Kalkül einer Belebung der Wirtschaft entspringen, die für die Einführung neuer Produktionsweisen eine bessere Elementarbildung und größere geistige Flexibilität angeraten lassen schien. Zensurfreiheit war gerade in manchem kleinen Staat keineswegs der Ausdruck liberaler Gesinnung der Herrscher, sondern der Findigkeit seiner Berater im Aufspüren von lukrativen Exportprodukten.20 Als Bündel jedoch — oder, um ins Bild der Kartenherstellung zurückzukehren: als Stapel von Overlays, in denen jeweils das Zutreffen eines einzelnen Indikators durch schwache Flächenfärbung kenntlichgemacht ist, daß sich die Gesamtfarbe eines Gebiets aus der Zahl der zutreffenden Indikatoren ergibt — können sie recht gut ein Aufklärungsprofil eines Territoriums geben. Ein Staat, der beträchtliche Mittel für Schulverbesserung und eine gute medizinische Versorgung der Armen von Amts wegen aufwendet, der im Landkalender für Pockenschutzimpfung und Blitzableiter wirbt, der in seinem Zuständigkeitsbereich Schritte zur Ablösung der Agrarlasten vornimmt und der sich liberal und auskunftsfreudig gegenüber der Presse verhält, scheint reformerisch den Weg zu einer besseren Zukunft eingeschlagen zu haben, der in Frankreich durch die Revolution erzwungen werden mußte. Es mag überraschen, daß neben dieser administrativen Seite der Territorien ihre materielle und konfessionelle aus dem Spiel bleiben. Bei der materiellen Seite ist das durch den Forschungsstand erzwungen: es ist zwar — von wenigen, als solchen ausdrücklich bezeichneten Ausnahmen21 abgesehen — communis opinio der Zeitgenossen, daß Armut Unwissenheit, Rohheit, geistige Dumpfheit und Mangel an Motivation zu Neuerungen mit sich bringe, doch sind wir weit entfernt von so etwas wie historischen Kaufkraftkarten.22 Konfessionskarten wiederum, deren Grenzverläufe 1789 doch immerhin noch teilweise mit den politischen Abgrenzungen übereinstimmten23, liegen vor 24 und haben den Vorzug, auf einem einzigen Indikator zu basieren: dem Eintrag von Gläubigen in die Kirchenbücher der jeweiligen Konfessionen (insbes. in das Taufbuch). Aber wenn die Konfessionszugehörigkeit je ein tauglicher Maßstab für Aufnahmebereitschaft gegenüber Neuem gewesen sein sollte, so ist das gewiß nicht der Fall fürs ausgehende 18. Jh. Hier stehen sich aufgeklärt katholisch und unaufgeklärt katholisch, orthodox protestantisch und von der Neologie angekrän52

kelt protestantisch weit fremder gegenüber als die aufgeklärten Geister aller Konfessionen.25 Beim unaufgeklärten Teil des „gemeinen Mannes" waren die Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen freilich noch groß: der Verlagsort „Leipzig" konnte ein Buch unbeschadet seines Inhalts als „lutherisches" Buch für katholisches „Volk" unannehmbar machen.2' Aber es bestand auch gar kein Anlaß für solche Importe: eine breite aufklärerische Gebildetenschicht leistete (in Verbindung mit oft selbst weltanschaulich engagierten Verlegern) die Vermittlung durch Adaption oder analoge Neuproduktion27, und diese Gebildetenschicht dachte tolerant und ökumenisch.

3. Staatliche Reformpolitik und private Perzeption der Aufklärung Kaum ein Reisebeschreiber versäumt denn auch, auf das Maß von aufklärerischem Privatengagement hinzuweisen, das sich in einem Gebiet äußere. Gerade die uneigennützige Tätigkeit idealistischer Privatpersonen scheint ein Hauptindikator für den Aufklärungsgrad einer Region zu sein.28 Daß Privatleute Wohltätigkeitsaktionen zugunsten von Brand- oder Hochwassergeschädigten, von Blinden oder notleidenden Hinterbliebenen einleiten, entspricht auch noch heutigen Gepflogenheiten. Die unzähligen „ohnmaßgeblichen Vorschläge", mit denen Privatleute sich Gedanken um die Lösung von Tagesproblemen machen, die eigentlich Aufgabe des Staates wäre, sind hingegen charakteristisch für das öffentliche Leben der Spätaufklärung.2' Freilich mögen im Einzelfall auch Geltungsbedürfnis oder das Sich-für-ein-Amt-Empfehlen eine Rolle gespielt haben; mit der großen Masse anonymer Kleinschriften30 ließ sich jedoch weder Geld noch Ruhm gewinnen — sie sind kaum anders als aus aufklärerischem „Patriotismus"31 zu erklären. Doch selbst die praktische Ausführung von Reformen beruhte oft auf Privatinitiative: die Anfänge des beruflichen Schulwesens (Beispiele: die „Ackerbauakademie" von Philipp Ernst Lüders32, die Nachtschulenstiftung des Metzgermeisters Karl Dietrich Barth33, die Zeichenschulen für Handwerker in Städten34), die Anregungen für die Einführung von Kleebau, von Blitzableitern, von Pockenschutzimpfung gehen oft auf das Vorbild von Privatleuten zurück. Rochow, R. Z. Becker, Pestalozzi, Salzmann, aber auch Johann Christian Schubart, Albrecht Thaer und J. E. Fürst markieren mit den von ihnen ins Leben gerufenen pädagogischen, publizistischen und ökonomischen Mustereinrichtungen Höhepunkte solchen aufklärerischen Privatengagements. Wer sich dazu nicht allein stark genug fühlte, konnte als Teil einer Gesellschaft praktische Verbesserungen bewirken: die vielen Ökonomischen, Patriotischen oder Gemeinnützigen Gesellschaften und die Freimaurerlogen, bei denen oft ganz ähnliche Zielsetzungen im Mittelpunkt standen, sind geradezu ein Kennzeichen des „Zeitalters der Aufklärung". 35 Dieses private Engagement konnte von staatlicher Seite gefördert34 oder ge53

hemmt werden. Es lag am Willen und Geschick von Obrigkeiten, ob es ihnen gelang, den reformerischen Elan eines „Kleepfarrers" Frommel für sich arbeiten zu lassen37, einen leidenschaftlichen Reformer wie J. G. Schlosser mit einem Stargehalt einzustellen38 oder einem Volkswirtschaftler wie dem deutschen Musterphysiokraten Schlettwein die Möglichkeit zu geben, seine Theorien an der Praxis zu erproben.39 J. F. Schlez, der als reichsritterschaftlicher Dorfpfarrer schriftstellerisch auf seinen Reformwillen und seine Kompetenz aufmerksam gemacht hatte, wurde vom Grafen Görz ausdrücklich mit der Aufgabe engagiert und nach Schlitz geholt, dort Kirchen und Schulen zu reformieren.40 Bis zur Französischen Revolution war Förderung in vielen Staaten die Regel, am augenfälligsten durch die vielen Preisaufgaben der Zeit, in denen (neben privaten Gesellschaften) auch staatliche Einrichtungen den Rat und das praktische Engagement von Privatpersonen suchten; daneben „kostenneutral" durch die Verleihung von Ehrentiteln an verdiente Privatleute. Die Verteilung von Saatgut, das Zurverfügungstellen von Gebäuden oder Ländereien waren andere Möglichkeiten der an sich zuständigen Obrigkeiten, Privatinitiative von gesellschaftlicher Relevanz zu unterstützen. Pastoralkonferenzen oder auch ,3auerngespräche" (Fortbildungstagungen für interessierte Bauern) konnten organisiert werden und durch die persönliche Anwesenheit und Beteiligung des geistlichen oder weltlichen Oberhaupts privaten Reformeifer legitimieren und bestärken.41 Damit sehen wir einerseits auch die aufklärerische Privatinitiative mit den Territorien und der Topographie verknüpft, andererseits berühren wir jetzt die Mentalitätengeschichte. Wenn „Mentalitätengeschichte" nicht nur ein modischer Ausdruck für die Suche nach einem ominösen „Volksgeist" oder „Nationalgeist" oder auch einen (für das Zeitalter der Aufklärung vielleicht vertretbaren) „Zeitgeist"42 sein soll, muß mit dem Plural ernst gemacht werden: Mentalitätengeschichte soll hier bedeuten „die erforschbare Summe von Reaktionsmechanismen und Grundvorstellungen umgrenzbarer Gruppen in einem gegebenen Zeitabschnitt (...), soweit dies quellenmäßig aus Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen (als Symptome(n)) erschließbar ist."43 Auch bei Gebildeten gibt es solche das tägliche Leben von ständig wiederkehrenden Entscheidungs- und Argumentationssituationen entlastenden Reaktionsmechanismen und Grundvorstellungen44, und sie sind selbstverständlich abhängig von den äußeren Umständen. Wir suchen hier nach einer zweiten Schicht, die nicht in Promemorias und Reformschriften formuliert ist, wohl aber Voraussetzung von deren Abfassung war.45 Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, daß die Verpflichtung auf die „symbolischen Bücher" einen aufklärerisch und undogmatisch eingestellten Jungpfarrer in Gewissensnot bringen konnte, daß die vorgeschriebenen „Kanzelabkündigungen" einer unaufgeklärten Obrigkeit der aufklärerischen Tätigkeit des Verlesenden in den Rücken fallen mußten. Selbstverständlich konnte er es dennoch wagen, anonym abweichende Meinungen zu vertreten, oder sich — wenn ihm im eigenen Land die öffentliche Anerkennung versagt blieb — mit einem fremden Ehrentitel schmücken. Wahrscheinlicher waren Frustration und Verstummen, wie sie uns aus vielen Äußerungen

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aus der Zeit der Revolutionsangst und erst recht nach 1817 entgegenschlagen, wobei wieder daran zu erinnern ist, daß die Trägerschicht der deutschen Aufklärung ganz überwiegend aus Amtsinhabern bestand und somit existentiell von ihrem Dienstherrn abhängig war. Daß deshalb das „Klima" für die Rezeption und — in dieser Schicht weitgehend damit verbunden — Weitergabe aufklärerischer Ideen regional (je nach geistlicher oder weltlicher Obrigkeit, aber auch nach Lebensverhältnissen) unterschiedlich sein mußte, ist evident. Gleiches gilt für die gemeinsame Zielgruppe staatlicher Reformpolitik und aufklärerischer Privatinitiative, das „Volk". Wie eingangs schon erwähnt, konstatieren die Zeitgenossen übereinstimmend ein starkes Gefälle zwischen Bildungsstand und Wohlhabenheit (den beiden Faktoren, die am meisten mit Neuerungsbereitschaft korrelieren) des „gemeinen Mannes" einzelner Territorien, allerdings überlagert von einer zunehmenden sozialen Differenzierung auch innerhalb des „Volkes". Verständlicherweise liegen aus dem „Volk" selbst wenige Äußerungen über die eigene Aufklärungsperzeption vor; der Anteil, der sich bewußt mit der Aufklärung auseinandersetzte und in der Lage gewesen wäre, sich darüber zu äußern, war ohnedies sehr klein 44 . Wir müssen uns Hinweise auf die Mentalität des „Volks" und speziell auf seinen „Aufklärungsstatus" in den einzelnen Regionen aus agrargeschichtlichen Indizien (Umstellung auf neue Kulturpflanzen; Marktorientierung u.ä.), Alphabetisierungsbelegen (Grad der Schriftlichkeit im Alltag) und Untersuchungsakten aus den Gebieten, wo die Französische Revolution zu Unruhen führte (darin Berichte über Zeitungslektüre und Übernahme revolutionärer Schlagworte und Symbole u.a.), zusammensuchen — oder aber zu den Berichten aufklärerischer Gebildeter, zu den Anfängen der „Volks-Kunde" 47 greifen.

4. Vom Quellenwert der Presse für die Topographie der Aufklärung Nicht nur Reisebeschreibungen informieren über solche Syndrome, sondern in weit größerer Auswahl auch die oft leserbriefartigen Beiträge der zeitgenössischen Presse. Wir finden dort obrigkeitliche Maßnahmen natürlich nicht in den Details und nicht in der Direktheit 48 , die das einschlägige Aktenmaterial (falls erhalten) bietet. Wir finden dafür aber Vergleiche und Wertungen, die das Archivmaterial nicht enthält. Wir finden hier ganze Listen von Musterherrschern, Musterterritorien, Mustergrundherren, Musterpfarrern, -dörfern und -bauern mit genauer Angabe der Indikatoren, die zu dieser Bewertung geführt haben; diese machen meist die eigentliche aktuelle Meldung aus. Die Parallele zwischen dieser fortwährenden Verbesserung der Lebensverhältnisse in reformfreudigen deutschen Staaten und der revolutionären Neuordnung der Verhältnisse in Frankreich ist offensichtlich, und sie wird von Zeitgenossen auch formuliert. Etwa unter Voraussetzung eines Gesellschaftsvertrags so: 55

„Kommt also ein Staat in den Fall, daß Veränderungen in seiner Verfassung n o t wendig sind, welche der regierende Theil der Staatsglieder nicht machen will, oder nicht bewirken kann*: so haben seine Glieder alle gemeinschaftlich das Recht, diese Veränderungen zu machen." — Dazu die Anm. des Verf.: ""•Wenn der Fürst diejenigen Verbesserungen, welche der Fortgang der Zeit und der Cultur nothwendig macht, selbst immer allmählich veranstaltet: so tritt der Fall niemahls ein, wo die Nation ihr Recht, die Staatsverfassung zu ändern, ausüben könnte."*9 Und an die Adresse reformfeindlicher Fürsten gerichtet ist in einem Zeitungsüberblick über die revolutionären Ereignisse des Jahres 1789 der Satz: „Die Völker lernten z.B. von Frankreich: {.. .) daß die Staatsverfassungen mit allen Gesetzen, Rechten und Regierungsanstalten nicht eisern sind, noch seyn können und dürfen: daß man sie vielmehr allmählich verändern und immer milder machen muß; so wie die Menschen, welche unter ihnen leben, sich aufklären und sanftere Sitten erhalten."50 Bei dieser Art von Journalistik fällt auf, welche außerordentliche Rolle kleine und kleinste deutsche Territorien für die Darstellung vorbildlicher Regierungsweise spielten.51 Diese Rolle hat einen einfachen praktischen Grund: ihre machtpolitische Bedeutungslosigkeit führte bei diesen kleinen Ländern zu einem Primat der Innenpolitik,52 und auf dem Feld boten sich Reformmöglichkeiten im Sinne der Aufklärung zu Häuf, während auf dem Gebiet der Außenpolitik schwer spezifisch Aufklärerisches zu finden ist außer der Wahrung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch Verzicht auf Gewaltanwendung.53 R. Z. Becker (und auch F. K. v. Moser, C. M. Wieland54 u.a.) haben die Chancen, die der föderative55 Aufbau des Reiches für eine fortschrittliche Politik bot, publizistisch immer wieder hervorgehoben, gerade im Kampf um die Weiterführung der Aufklärung angesichts der Französischen Revolution: „Besuchte nun ein Philosoph aus einem andern Planeten unsre Erde in der Absicht, die verschiedenen Staatsverfassungen derselben zu vergleichen: würde er nicht beym Anblicke dieses ehrwürdigen, aus so vielen ungleichen Theilen zu einem Ganzen vereinigten Gebäudes ausrufen: hier ist die Schule der Staatswissenschaft! Hier kann man die Vorzüge und Mängel jeder Regierungs-Art in der Nähe beobachten, das Gute der einen in die andere übertragen, und die eigenthümlichen Fehler durch entlehnte Vorkehrungen der andern vergüten; so daß der Zweck der bürgerlichen Vereinigung in allen, oft durch verschiedene Mittel, erreicht wird. Die teutschen Regenten haben es desto leichter, wahre Väter ihrer Unterthanen zu seyn, je kleiner zum Theil der Umfang ihres Gebietes und die Anzahl ihrer zu versorgenden Landeskinder ist; sie haben hinreichende GewaltQ so viel Gutes zu thun, als sie wollen und vermögen; und dem Mißbrauche ihrer Macht zum Verderben ihrer Länder sind durch die Reichsverfassung bestimmte Schranken gesetzt. Dabey sind sie durch ihre Verbindung zu Einem großen Staatskörper und ihre gegenseitige Gewährschaft vor innern, zur Anarchie führenden Revolutionen gesichert, und gegen äußere Feinde schützt sie die Gesamtmacht des Reiches in der Hand des ersten Monarchen der Erde. Die große Anzahl der Stimmen im National-Rathe läßt es nicht zu, daß das Reich muthwillige

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Eroberungs-Kriege anfange: sondern es wird die Waffen gewiß nur zur Selbstverteidigung und Nothwehr ergreifen. Wenn daher das Menschengeschlecht einmahl die Vernunftfähigkeit so weit entwickeln soll(te), das Ungeheuer des Krieges von der Erde zu verbannen (...): so kann die teutsche Nation hoffen, daß der Engel des ewi(Sp. 17)gen Friedens, der die Erde zum Paradiese machen wird, von ihr ausgehen werde." 54

Doch auch schon vor der Französischen Revolution, die sicher zwecks Defension aufklärerischer Positionen dazu verleitete, zu idealisieren und Nachteile herunterzuspielen, wurde konstatiert, das Hl. Rom. Reich deutscher Nation sei gerade wegen dieser seiner inneren Verfassung zum Musterland der Aufklärung prädestiniert.57 Entsprechend dürfen wir bei der Quellensuche nicht in erster Linie die politischen Zeitungen ins Auge fassen, bei denen in der Regel das Referieren außenpolitischer Ereignisse im Mittelpunkt steht. Es sind vielmehr die im weitesten Sinne moralischen Zeitschriften, die Wochen- und Monatsblätter, die nicht nur die Gedankenwelt der Zeit, sondern auch deren Umsetzung und Verwirklichung im täglichen Leben festhalten. Die Meldung von einer spontanen Sammlung der katholischen oder protestantischen Bevölkerung einer Gegend für die Witwe eines ermordeten jüdischen Wanderhändlers51 ist für uns insofern wertvoller als die Nachricht von der Einrichtung neuer Schulen, die eine solche ökumenische/tolerante Gesinnung erst bewirken sollen. Neben Klassikern des Journalismus wie Schlözers „Stats-Anzeigen" oder Iselins „Ephemeriden der Menschheit" wäre hier an die m.E. bisher zu wenig beachteten Produkte des aufklärungstypischen Positiven Journalismus zu erinnern, an die „Deutsche Zeitung" 5 ' etwa, das „Braunschweigische Magazin" 60 , die „Rothe Zeitung" 61 oder später für Osterreich das „Allgemeine Tagblatt" 62 C. C. Andres. Diese auflagenstarken Blätter hatten sich zur Aufgabe gemacht, „durch Darstellung des geschehenen Guten das mögliche Bessere in Deutschland zu befördern" 63 . Sie vor allem sind heranzuziehen, wenn man aus dem geistigen Stand der deutschen Territorien auf die regionalen Rezeptionsvoraussetzungen für die (durch die politischen Zeitungen vermittelte) Französische Revolution schließen möchte. 64

5. Konturen einer Topographie der Aufklärung in Deutschland Für das Jahr 1789 lassen sie einige Grundzüge erkennen. Wäre das deutsche Reich ein zentralistischer Staat wie die tonangebenden zeitgenössischen europäischen Staaten gewesen, so würde sich die Bemühung um eine Topographie der Aufklärung in Deutschland reduzieren auf die Frage nach der regionalen Umsetzung angeordneter Maßnahmen in die Praxis. Am aufklärerischen Reformwillen Kaiser Josephs Π. kann kein Zweifel bestehen, wenn auch der zeitgenössischen Öffentlichkeit das Hektische und oft Undiplomatische seines Vor57

gehens nicht entging und die Hemmnisse bekannt waren, die sich seinen Reformen bei der praktischen Verwirklichung in den eigenen Stammlanden in den Weg stellten. Die Macht des Kaisers reichte kaum über diese Stammlande hinaus, doch registrierte die Öffentlichkeit mit Wohlgefallen, daß er immerhin einige kleine Mißwirtschafter und Leuteschinder unter Sequester stellte (aus der Literatur bekannt: der Rheingraf Carl Magnus65 und Fürst Johannes Aloys von Ottingen-Spielberg66) und die Besitzgier Hessen-Kassels nach dem Tod des Grafen Philipp Ernst von Schaumburg-Lippe bremste 67 . Optimisten unter den Zeitgenossen erschien unter Joseph das Wiedererstarken einer ordnenden übergeordneten Reichsmacht im Bereich des Möglichen. Und die habsburgischen Stammlande stellten immerhin rund 30 % (ohne österreichische Niederlande) des Reichs an Fläche und Bevölkerung dar, wobei besonders bemerkenswert ist, daß in Böhmen und Mähren der landsässige Adel von sich aus viel für Volksbildung und Landeskultur unternahm. Von der zeitgenössischen Presse als klar aufklärungs- und damit reformfreundlich eingestuft wurden weiterhin Baden und Anhalt-Dessau (die Musterländer aufklärerischer Reformen schlechthin), Schaumburg-Lippe, Lippe, Braunschweig-Wolfenbüttel, die thüringischen Herzogtümer Sachsen-Gotha, Sachsen-Weimar und Sachsen-Meiningen, Schwarzburg-Rudolstadt, Reuß, Wied-Neuwied, Solms-Braunfels, Nassau-Usingen, Hessen-Homburg, Ansbach und Bayreuth, Hohenlohe, die Hochstifte Würzburg, Bamberg, Passau, Fulda und Münster (Overberg), das Erzstift Salzburg, in geringerem Maß auch die drei geistlichen Kurfürstentümer Mainz (zumindest in seiner von Dalberg regierten Dependence Erfurt), Köln (Universität Bonn!) und Trier. 68 Durch besonders liberale oder ganz fehlende Zensur und durch Reste demokratischer Regierungsformen69 glänzten manche Reichsstädte, als Presse-Standorte besonders Hamburg, Nürnberg 70 und Ulm. Unspektakulär, aber positiv war ferner das Erscheinungsbild Kurhannovers (eigentlich KurBraunschweig-Lüneburgs) unter der fernen Regierung von „Farmer George" mit der Universität Göttingen und der Celler ökonomischen Gesellschaft als Aushängeschildern und milder Zensurpraxis. Preußens Image in der aufgeklärten Öffentlichkeit zehrte zwar noch vom Nimbus des „Philosophen von Sanssouci" — und von dessen geschickter Öffentlichkeitsarbeit —, konnte aber nach den Wöllnerschen Edikten (Religionsedikt Juli 1788, Zensuredikt Dez. 1788)71 und wegen seiner rückständigen Ostprovinzen mit ihrer Gutsuntertänigkeit nicht als Vorbild gelten.72 Kursachsen machte weniger durch spezifisch aufklärungsfreundliche Regierungsmaßnahmen von sich reden als vielmehr durch das (wie auch immer zu erklärende)73 hohe Bildungs- und Kulturniveau seiner Bewohner und, damit wohl zusammenhängend, besonders viele Fälle von aufklärerischer Privatinitiative. Ambivalent war das Image Württembergs mit seinem teilaufgeklärten Despoten Carl Eugen: zwischen Hoher Carlsschule und Hohenasperg, mit besonderer Zensurwillkür. Schwarze Schafe unter den größeren74 Staaten waren 1789 Hessen-Kassel und Bayern - Hessen-Kassel wegen des Soldatenhandels75, Bayern nicht als katholischer Staat an sich, sondern weil es seit der Machtübernahme durch Karl Theodor (1777) die berüchtigten Illumi-

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natenverfolgungen und bald auch die trostloseste Zensurbarbarei der Zeit76 über sich ergehen lassen mußte. Weder das schlichte Schema aufgeklärter Protestantismus — unaufgeklärter Katholizismus noch das sprichwörtliche NordSüd-Gefälle wird durch die zeitgenössische Einschätzung des Aufklärungsstatus der deutschen Territorien unterstützt. Ein erheblicher Teil77 der deutschen Bevölkerung mußte also nach dem von der Presse vermittelten Bild beim Ausbruch der Französischen Revolution den Eindruck haben, in einem Staat zu leben, der durch Einsicht der Herrschenden (und oft genug im Zusammenwirken mit ständischen Einrichtungen) auf dem Weg zu einer besseren Zukunft im Sinne der Aufklärung war. Dieses Bild ist keine Momentaufnahme. Es hatte sich in den Jahren zuvor herausgebildet, in einigen Staaten in Jahrzehnten. Manfred Kossok hat darauf hingewiesen, daß „im Unterschied zur langen Traditionslinie des klassischen Absolutismus, die von einer ganzen Kette von Herrschern repräsentiert wurde, {.. .) der aufgeklärte Absolutismus in der Regel an die Regierungszeit eines einzelnen Herrschers gebunden" gewesen sei.78 Doch ob nun biologischer Zufall oder Folge ebenfalls „vernunftgemäßer" persönlicher Lebensführung: wie die Liste der aufklärungsfreundlichen Territorialherren zeigt, hat diese Herrschergeneration im Durchschnitt ganz ungewöhnlich lang regiert; Regierungszeiten von 40 und 50 Jahren sind gar nichts Seltenes (vgl. Anhang B). In den beiden Jahrzehnten vor 1789 ist denn auch nur in drei Fällen ein einschneidender Kurswechsel hinsichtlich der Aufklärung durch Herrscherwechsel eingetreten: 1777 in Bayern beim oben erwähnten Wechsel von Kurfürst Max. ΙΠ. Joseph zu Karl Theodor, 1785 in Hessen-Kassel von Landgraf Friedrich Π. zu Wilhelm IX. und 1786 in Preußen von König Friedrich Π. zu Friedrich Wilhelm Π. Wir finden insofern vor 1789 in Deutschland eine Phase ganz ungewöhnlicher Kontinuität vor, in der sich ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen aufklärerischer Öffentlichkeit und aufklärungsfreundlichen Herrschern herausbilden konnte. Doch ausgerechnet auf dem Höhepunkt der politischen und Selbstverständniskrise, die die Französische Revolution ausgelöst hatte, folgte dem Umschwung in Bayern und Preußen die Spitze des Reiches: mit dem Tod Josephs Π. (1790) und endgültig Leopolds Π. (1792) verloren die kleineren Territorien, die für die deutsche Öffentlichkeit am reinsten und hoffnungsvollsten den Typ des aufklärungsfreundlichen Reformstaates repräsentiert hatten, ihre ideelle Rückendeckung innerhalb des Reichsgefüges. Zehn Jahre später müßte die Karte vom Aufklärungsklima des Reiches völlig anders aussehen. In Bayern ist die Ära Montgelas angebrochen - Bayern wird zum Musterland aufklärerischer Reformen. Das benachbarte, ebenso katholische Österreich hingegen ist - zumindest was seine Regierungsspitze angeht79 - zum Hort der Reaktion degeneriert. Und in der Zwischenzeit ist das Bild sehr uneinheitlich und widersprüchlich: Während z.B. Clemens Wenzeslaus von Trier sofort mit Beginn der Französischen Revolution (die ihn als unmittelbaren Nachbarn allerdings auch besonders betraf) alle Volksbildungsmaßnahmen schleunigst wieder rückgängig zu machen suchte und sogar die eben 59

eingerichteten Lehrerseminare wieder Schloß, legte Herzog Georg von Meiningen auf dem Höhepunkt der Reaktionswelle in der ^Deutschen Zeitung' ein wirtschafts- und sozialpolitisches Glaubensbekenntnis ab. Während den Universitäten Salzburg und Bonn vorsichtige Zurückhaltung auferlegt wurde und in Mainz, Trier, Heidelberg, Ingolstadt, Wien, Freiburg und Dillingen die Reaktion einkehrte (jeweils dem Lehrkörper durch die Regierungen aufgezwungen), setzte Franz Ludwig von Erthal unbeirrt seinen aufklärerischen Kurs fort und machte Würzburg zur Hochburg der Aufklärung, und als 1795 anderswo der antiaufklärerische Druck nachließ, trat ausgerechnet in Würzburg mit dem Tod Erthals und seinem Nachfolger Georg Carl von Fechenbach mehr Zurückhaltung ein.80 Wir brauchten also für die Zeit der Französischen Revolution nicht eine solche „geistige Klimakarte", sondern einen ganzen Satz, in Abständen von höchstens einem Jahr. Sie ließen sich aus der zeitgenössischen Presse gewinnen, wenngleich der Journalismus unter den materiellen Wirkungen der Revolutionskriege und den durch jene hervorgerufenen Zensurverschärfungen merklich zu leiden hatte.

6. Fazit: Der Beitrag der Presseforschung zur Erforschung der Französischen Revolution Ich bin mit dieser flüchtigen Skizzierung des Status 1789 von der mehr grundsätzlichen und theoretischen Ausrichtung meines Beitrags abgewichen. Abschließend möchte ich nochmals auf das Methodische zurückkommen. In meinem Verständnis vom Prozeß der Aufklärung spielen nicht nur der aufgeklärte Absolutismus und als Gegenspieler ein unaufgeklärter Despotismus eine Rolle, sondern auch und in erster Linie aufklärerische Privatinitiative. Die Bindung der Aufklärung an topographische Grenzen bedurfte bei diesem Aufklärungsbild der Begründung. Ich habe diese nicht etwa über die geistige Ausrichtung landeseigener Universitäten usw. und über deren prägenden Einfluß auf die Bürokratie81, sondern über die unterschiedlichen Lebensverhältnisse herzustellen versucht. Für die Einschätzung der „Fortschrittlichkeit" eines Territoriums reicht die Betrachtung von administrativen Maßnahmen als scheinbar „objektives" Kriterium ohnehin nicht aus: Zentralismus und EffizienzBestrebungen können auch konservativem Denken entspringen.82 Doch auch die Eruierung der dahinterstehenden geistigen Auffassung einer Obrigkeit ist nicht entscheidend. Für das Tätigwerden privater Aufklärer kam es weniger auf die tatsächlichen Reformen in einem Territorium an, sondern auf deren Perzeption. Indem ich die Auswertung gerade des Positiven Journalismus der Revolutionszeit vorschlage, möchte ich daher nicht die Subjektivität des Urteils des heutigen Historikers durch die Subjektivität zeitgenössischer Journalisten er60

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12: „II', vue de la Bastille". Farbaquatinta von Pernet, 134 χ 195 mm (oval), Paris: Brüder Campions 1789 (Paris, Bibliotheque Nationale, Estampes, Sammig. de Vinck 1556).

ausgebrachte Hinteransicht der Bastille kurz nach ihrer Einnahme durch die Aufständischen (Abb. 12) wurde mindestens dreimal verdeutscht: verkleinert diente sie Vulpius als Frontispiz für seine „Aechte und deutliche Beschreibung der Bastille" (Frankfurt/Leipzig 1789); eine Zeitungsanzeige dieser Flugschrift machte darauf aufmerksam, daß der kolorierte Stich auch einzeln erhältlich sei, etwa bei der Lübeckschen Buchhandlung in Bayreuth und bei Gräff in Leipzig*7. In der Tat erschien ein solcher Stich gleichzeitig in Nürnberg (Abb. 13). Ihn nahm offenbar Friedrich Schulz als Vorbild für eine Illustration seiner Anfang 1790 publizierten „Geschichte der großen Revolution in Frankreich" (Abb. 14). Da es allen drei deutschen Nachstichen nur um eine authentische Ansicht zu tun war, ließen sie die auf den französischen Originalen dargestellten Aufständischen beiseite. Anders eine ganze Reihe von Stichen zum Bastillesturm selbst. Gleich im Sommer 1789 vermittelte der Augsburger Kunsthändler und Verleger Johann Martin Will nicht nur die enthusiastische Sicht einer Pariser Farbradierung, wel118

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Abb. 13: „Wahre Ansicht der bey jüngsterfolgter Revolution durch die Nation zerstörten Bastille in Paris". Radierung von Friedrich Albrecht Annert nach Antoine-LouisFran?ois Sergent, 165 χ 220 mm, Nürnberg 1789 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Sammig. Löffelholz). che die F e s t n a h m e des v e r r ä t e r i s c h e n ' G o u v e r n e u r s durch die Bastillesieger feierte ( A b b . 15 u n d 16); er akzentuierte n o c h ihre Radikalität, i n d e m er eine p r o visorische Säule mit Freiheitshut als W a h r z e i c h e n der neuen Zeit sowie eine e m p h a t i s c h e L e g e n d e hinzufügte: „ D i e 1. Bastille, diese bewunderswürdige Vestung, unter Carl V 1369 erbaut, wurde 1789, d 14 Jul. von französ. 2. Garden und Pariser 3. Bürgern erstürmt und zertrü119

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Abb. 14: „Ansicht der Bastille". Anonyme Radierung, 77 χ 70 mm. Frontispiz zu Friedrich Schulz: Geschichte der großen Revolution . . . (wie Anm. 39), 1790.

mert. 4. Delaunai der verräterische Gouverneur welcher die 5. Friedensfahne aus gesteckt, und dadurch eine Menge Volk hineingelokt und sie hernach mit Artillerie Feuer niedergeschlagen, wurde von einem 6. Grenadier u. einem Jungen 7. Bürger gefangen genomen und von dem 8. Volke ermordet. Sein von einem 9. Metzger mit einem Beil abgeschlagner Kopf wurde auf einer 10. Lantze zur Schau herumgetragen. Nach diesen wurde die Schleifung der Bastille vorgenomen, wozu 1000 Arbeiter herbey eilten, um diesen Aufenthalt des ruchlosen Gräuels, zu zernichten. Und so wurde diese fürchtbare Wohnung, worin sich der Despotismus Jahrhunderte durch erhielt von den Patriotismus an einen Tag, in einer Zeit von 4 Stunden eingenommen und zerstört. - Auf den Platz wo sie stand, soll eine der 11. Freyheit geheiligte Säule, errichtet werden." Ohne diese Hinzufügung wurde jene Pariser Vorlage außerdem von einer deutschen Flugschrift 88 und einem Stuttgarter Blatt übernommen (Abb. 17); 120

Abb. 15: „Prise de la Bastille par les bourgeois et les braves gardes franRaises de la bonne ville de Paris, le 14 juillet 1789". Aquatinta von Jean-Louis Bance, 125 χ 175 mm, Paris 1789 (Paris, Bibliotheque Nationale, Estampes, Sammig. de Vinck 1580).

letzteres brachte als Kommentar einen triumphalen Vierzeiler von Christian Friedrich Daniel Schubart, Redakteur der Stuttgarter „Vaterlandschronik": „Da flamt die gräuliche Bastille. Es war des höchsten Herrschers Wille, Daß dieses Hauß der Tirannei Ein Denckmal seiner Rache sei."

Joseph Fill in Augsburg (Abb. 18) dramatisierte dieselbe französische Vorlage und erweiterte sie zu einer synthetischen Bildergeschichte, indem er neben der Verhaftung de Launays auch die — eigentlich vor dem Pariser Rathaus stattgefundene — Enthauptung des Vorstehers der Kaufmannschaft Flesselles darstellte und auf den Zinnen der eroberten Festung einen übergroßen Bastillestürmer eine Siegesfahne mit der Aufschrift „Vive la Nation" schwenken ließ. Mehr Zurückhaltung übte eine andere Kopie aus Wills Werkstatt89; der originalen Legende stellte sie die deutsche Übersetzung gegenüber, freilich ohne den Hinweis auf „die Schleifung dieses Denkmals des Despotismus" (Abb. 19 und 20). Ein Bayreuther Journal zeigte dieses Blatt zum Preis von 41 Kreuzern an90. 121

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Ein dritter Will'scher Nachstich vom Frühsommer 1790 beschränkte sich darauf, neben die wörtliche Wiedergabe der französischen Legende deren deutsche Ubersetzung zu stellen (Abb. 21 und 22). Doch unterschlug er die zugehörige radikalrevolutionäre Textreportage des Originals 91 . Eine nicht minder symbolträchtige Kollektivhandlung als die Erstürmung der Bastille war ihre sofort in Angriff genommene Schleifung. Auch zu ihr brachte Will den Nachstich einer französischen Farbradierung heraus, wieder mit zweisprachiger Legende (Abb. 23 und 24). Die Darstellung wirkt wie eine Illustration zeitgenössischer Presseberichte: „ D a alle Spektakels eingestellt sind, so strömt alles in die Strasse St. Antoine hin, um den bezaubernden Anblick der Niederreissung der so gefiirchteten Bastille, darin

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Abb. 17: „Die zerstörte Bastille im Julius 1789". Radierung von Karl Ebner, 233 χ 322 mm, Stuttgart 1789 (Wien, Albertina, Grafische Sammig., Historische Blätter, Bd. 24).

so mancher Unschuldige das Opfer von Privatabsicht und Rachsucht wurde, zu gemessen, woran seit Morgens 3 Uhr vom 16ten 2000 Handwerksleute arbeiten, die mit ihrer Arbeit zum größten Unwillen des Publikums nicht schnell genug fertig werden können; und während Ludwig X V I . am einen Ende in die Stadt Paris kam, verstärkte man am andern mit 500 Mann die Zahl der Arbeiter, die dieses verhaßte Monument des Despotismus niederreissen. So oft ein Stein herunterstürzt, so klopft das Volk in die Hände, und schreit aus vollem Halse: bravo, frisch dran! macht geschwind, wir werden euch bar bezahlen; und Erfrischungen werden den Arbeitern in Menge gebracht." 9 2 Parallel z u den E i n b l a t t d r u c k e n v e r a r b e i t e t e n auch Illustrationen z u deutschen F l u g s c h r i f t e n das T h e m a . Ihre D a r s t e l l u n g e n sind diesmal keine einfachen N a c h s t i c h e g a n z b e s t i m m t e r französischer Vorlagen, sondern kreative Synthesen aus b e k a n n t e n A b b i l d u n g e n der u n z e r s t ö r t e n Bastille ( o b e n A b b . 12 bis 14) u n d aktueller Schleifungsszenen, w i e Pariser Bilderbogenhändler sie in bunten Variationen a n b o t e n ( A b b . 25). D a s e n t s p r i c h t der F u n k t i o n der beiden ein123

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Abb. 21: „Prise de la Bastille . . A q u a t i n t a von Francois Janinet, 192 χ 234 mm, Paris 1790 (Coburg, Landesbibliothek, FI 5/23).

Dem fabulierenden Text folgte die Visualisierung auf dem Fuße; ein französisches Blatt, das die Befreiung des Märtyrers de Lorges durch die Bastillestürmer darstellte (Abb. 30), bildete die Vorlage für die Titelvignette der Schulz'schen Revolutionsgeschichte (Abb. 31): das unkommentierte Urbild einer revolutionären Befreiungshandlung. Schließlich blieb selbst die allgemeine revolutionäre Bildsprache, welche die Bastille-Symbolik fortentwickelte, nicht auf Frankreich beschränkt. So brachte 1790 Camille Desmoulins radikale Wochenzeitung eine Freiheitsallegorie vor den Trümmern der geschleiften Bastille, dem Sinnbild des besiegten Despotismus (Abb. 32). Mit ihm sind nun seit der Nacht des 4. August 1789 die „Feudalrechte" abgeschafft. Aus dem Schutt des Ancien Regime, bestehend aus zerbrochenen Adelswappen, zerrissenen Privilegien, geborstenen Szeptern und Krummstäben, erhebt sich als Fundament der neuen Ordnung ein Vaterlands127

Abb. 22: „Einnahm der Bastille". Radierung von Johann Martin Will Augsburg 1790 (Paris, Bibliotheque Nationale, Estampes, Sammig. Hennin 10328).

altar mit Freiheitsfahne. Dieser Zeitungsillustration korrespondiert Chodowieckis Kalenderbild aus dem folgenden Jahr (Abb. 33). In beiden Fällen der gleiche .Plunder' der alten Unrechtherrschaft, den die Botin des neuen Zeitalters unter ihre Füße tritt; beide Male ihr triumphierend hochgereckter rechter Arm mit dem Freiheitshut; hier wie dort überstrahlt im Hintergrund das Licht der Aufklärung den politischen Morgen über der Ruine der Bastille. Der deutsche Bildkommentar erklärt ausdrücklich: „Die Freyheit triumphirt über Tyrannen (denn was da unter ihren Füßen liegt, ist kein König, sondern bloß ein Tyrann), und Aberglauben; der letztere scheint sich wieder etwas aufrichten zu wollen. Im Hintergrunde sieht man die Ruinen der Bastille, hinter welchen die Sonne aufgeht, und im Vordergrunde zertrümmerte Wappen und Adelsbriefe." Dies ist ein weiteres Beispiel für kreative Anverwandlung, die den Sinn der französischen Revolutionsbotschaft in etwas gemäßigter Bildsprache vermittelt, ohne das französische Vorbild .wörtlich' zu zitieren. 128

Abb. 23: „Demolition de la Bastille". Farbaquatinta von Le Campion nach Testard, 194 χ 288 mm, Paris 1789 (Paris, Musee Carnavalet, Res. PC. G 4081).

Abb. 24: „Sieg von der Bastille in Paris d. 14 Juli 1789". Radierung von Johann Martin Will, 206 χ 346 mm, Augsburg 1789 (Paris, Bibliotheque Nationale, Estampes, Sammig. de Vinck 1668). 129

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Abb. 25: „Demolition de la Bastille. Dessinee le 12 Aout 1789". Koloriene Radierung von Laurent Guyot, 265 χ 365 mm, Paris 1789 (Paris, Bibliotheque Nationale, Estampes, Sammig. Hennin 10405).

Wenn nun die deutsche Bildpublizistik auch längst nicht alle sinnfälligen und oft polemischen französischen Revolutionsallegorien aus dem Umkreis der Bastille-Symbolik rezipierte, so übernahm sie doch viel mehr und radikalere Motive, als man bisher gemeint hat. 130

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Abb. 26: „Die Zerstöhrung der Bastille". Anonyme Radierung, 166 χ 104 mm. In: Aechte und deutliche Beschreibung der Bastille (wie Anm. 41), Frankfurt 1789. 131

Abb. 27: „Zerstörung der Bastille". Radierung von Cöntgen nach Johann Junker, 118 χ 74 mm, Frontispiz zu: L. Y. von Buri: Sammlung (wie Anm. 40), Bd. 2, Neuwied 1790.

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1796.

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