Fokus und Skalen: zur Syntax und Semantik der Gradpartikeln im Deutschen 3484301384, 9783484301382

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Fokus und Skalen: zur Syntax und Semantik der Gradpartikeln im Deutschen
 3484301384, 9783484301382

Table of contents :
0. Einleitung
1. Syntaktische, phonologische und semantische Variation in Gradpartikelsätzen
2. Arten des Gradpartikel-Bezugs
3. Die Syntax von Gradpartikelsätzen
3.1 Zum Format der syntaktischen Theorie
3.2 Eine nicht-transformationelle Beschreibung der Grad-partikel-Syntax
1.3 Transformationen in der Gradpartikelsyntax?
1.4 Zusammenfassung der Ergebnisse zur Gradpartikelsyntax
4. Zur Semantik von Gradpartikelsätzen
4.1 Die Bedeutung der Gradpartikeln
4.2 Zur Bedeutungskomposition in Gradpartikelsätzen
4.3 Ausblick
4.4 Zusammenfassung der Ergebnisse zur Gradpartikelsemantik
5. Gradpartikeln und Negation
6. Appendix: Eine Grammatik für einen illustrativen Deutschausschnitt
6.1 Die Grammatik für DA1
6.2 Beispiele und Probleme
Literaturverzeichnis

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Linguistische Arbeiten

138

Herausgegeben von Hans Altmann, Herbert E. Brekle, Hans Jürgen Heringer, Christian Rohrer, Heinz Vater und Otmar Werner

Joachim Jacobs

Fokus und Skalen Zur Syntax und Semantik der Gradpartikeln im Deutschen

Max Niemeyer Verlag Tübingen 1983

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Jacobs, Joachim: Fokus und Skalen : zur Syntax u. Semantik d. Gradpartikeln im Dt. / Joachim Jacobs. - Tübingen : Niemeyer, 1983. (Linguistische Arbeiten ; 138) NE: GT ISBN 3-484-30138-4

ISSN 0344-6727

Max Niemeyer Verlag Tübingen 1983 Alle Rechte vorbehalten. Ohne Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus photomechanisch zu vervielfältigen. Printed in Germany. Druck: Weihert-Druck GmbH, Darmstadt.

VORBEMERKUNG

Als ich zwischen 1977 und 1979 die Negation im Deutschen untersuchte, fielen mir immer wieder Ähnlichkeiten zwischen bestimmten Negationsträgern (vor allem nicht) und Gradpartikeln a u f . Ich nahm mir deshalb vor, einmal einen kleinen Aufsatz über Gradpartikeln und ihr Verhältnis zur Negation zu schreiben. Daraus wurde dann das vorliegende Buch. Der Bezug zur Negation manifestiert sich in ihm noch in einem der sieben Kapitel sowie in sehr zahlreichen Verweisen auf meine Dissertation (Jacobs 1 9 8 2 a ) . Der Aufbau dieses Buches ist nicht zuletzt von der Idee geprägt, daß Syntax und Semantik in dem Sinn autonom sind, daß sie weitgehend unabhängig voneinander untersucht werden können, wenn auch die zu erstellenden syntaktischen und semantischen Theorien miteinander kompatibel sein müssen. Inwieweit sich diese Idee befruchtend oder behindernd auf meine Analyse der deutschen Gradpartikeln ausgewirkt hat, möge der Leser selbst entscheiden. Schließlich weise ich darauf hin, daß die vorliegende Arbeit als Teil eines größeren Projekts konzipiert ist, das die Akzentuierung im Deutschen und ihre Bezüge zu den verschiedenen Teilebenen der Grammatik zum Gegenstand hat. Ich danke den Teilnehmern des Linguistischen Kolloquiums der Universität München, die im Januar 1982 eine erste Fassung des Vorliegenden mit mir diskutierten. Dazu, es nicht bei dieser ersten Fassung bewenden zu lassen, ermutigte mich Hans Altmann, der mich dann auch in den weiteren Phasen der Entstehung dieses Buches mit Rat und Tat unterstützte. Ihm gilt mein besonderer Dank, ebenso wie Gabriele Hollmann, die es auf sich genommen hat, das z . T . extrem d i f f i z i l e Manuskript typographisch zu gestalten.

München, im Oktober 1983

Joachim Jacobs

INHALTSVERZEICHNIS

. Einleitung

1

1. Syntaktische, phonologische und semantische Variation in Gradpartikelsätzen

4

2. Arten des Gradpartikel-Bezugs

8

3. Die Syntax von Gradpartikelsätzen

22

3.1

Zum Format der syntaktischen Theorie

22

3.2

Eine nicht-transformationelle Beschreibung der Gradpartikel-Syntax

32

3.2.1

Phrasenstrukturregeln für Gradpartikeln

34

3 . 2 . 1 .1 3.2.1.2

34

3.2.1.3 3.2.1.4 3.2.2 3.2.3

4O

Gradpartikeln in ad-adnominaler und ad-prädikativer Funktion

64

Gradpartikeln in Ad-Artikel-Funktion

69

Gradpartikelfokus und Syntax Insertionsregeln für Gradpartikelsätze 3.2.3.1 3.2.3.2 3.2.3.3

3.3 3.4

Ausgangspunkte Gradpartikeln in adsententialer und adverbialer Funktion

73 95

Gradpartikeln in Nachbarposition zu einem vorgezogenen Fokus

95

Gradpartikeln in Distanzposition zu einem vorgezogenen Fokus Gradpartikeln innerhalb ihres Fokus

101 114

Transformationen in der Gradpartikelsyntax? 117 Zusammenfassung der Ergebnisse zur Gradpartikelsyntax 122

4 . Zur Semantik von Gradpartikelsätzen 4 .1

127

Die Bedeutung der Gradpartikeln

128

4.1.1 4.1.2

128

Skalen und Grenzwerte Skalierung als Interpretationsparameter intensionalen Logik

der 139

VIII

4.2

4.1.3

Die Bedeutung von sogar und auch

144

4.1.4

Die Bedeutung von nur

161

4.1.5

Exkurs: Zur Form des Lexikons

176

Zur Bedeutungskomposition in Gradpartikelsätzen

182

4.2.1

Die Rolle des Gradpartikelfokus

182

4.2.2 4.2.3 4.2.4

Die Rolle des semantischen Bereichs Sogar als affirmatives Polaritätselement Prasuppositionen, Implikationen, Präsuplikationen

196 211

Offene Probleme

224

4.2.5 4.3 4.4

220

Ausblick 231 Zusammenfassung der Ergebnisse zur Gradpartikelsemantik 236

5. Gradpartikeln und Negation

241

6. Appendix: Eine Grammatik für einen illustrativen Deutschausschnitt

256

6.1

6.2

Die Grammatik für DA1

256

6.1.1 6.1.2

Das Lexikon für DA1 Die syntaktischen Regeln für DA1

26O 262

6.1.3 6.1.4 6.1.5

Die Übersetzungsregeln für DA1 Die Bedeutungseinschränkung f ü r DA1 Die Wohlgeformtheitseinschränkung für DA1 ....

276 281 283

Beispiele und Probleme

Literaturverzeichnis

284 295

IX

ZEICHENERKLÄRUNG

Die Zeichen "?", "??" und "*" markieren zunehmende Grade der Inakzeptabilität natürlichsprachlichen Materials, wobei die Art der Inakzeptabilität ( z . B . syntaktische oder semantische Inakzeptabilität) o f f e n bleibt. Die verwendeten logischen Zeichen werden auf den Seiten 139 14O erklärt.

0. EINLEITUNG Der Gegenstand der vorliegenden Untersuchungen sind die G r a d p a r t i k e l n

d e s Standard-Neuhochdeutschen,

also Wörter w i e

nur, auch und sogar. ' Sie sollen unter dem Aspekt ihrer s y n t a k t i s c h e n R o l l e i n d e n Sätzen, i n denen s i e vorkommen, sowie ihres B e i t r a g s zur B e d e u t u n g dieser Sätze betrachtet werden. Darüberhinaus wird auch die Frage des l e x i k a l i s c h e n

S t a t u s

dieser Wörter z u erörtern

sein. Mit dieser Thematik begebe ich mich nicht gerade in eine Terra incognita. Vielmehr ist über Gradpartikeln (auch und besonders unter den eben genannten Aspekten) in den letzten zehn Jahren viel ge2 schrieben worden, wobei die gründlichsten Analysen zweifellos diejenigen v o n H a n s A l t m a n n sind. Gerade Altmanns A r beiten machen aber deutlich, weswegen das Thema Gradpartikeln durchaus noch nicht ad acta gelegt werden kann. An einem bestimmten Punkt der Altmannschen Untersuchungen wird nämlich (ganz bewußt) ein großes Fragezeichen gelassen. Es betrifft das Problem der Erfassung der einschlägigen Daten i n einer f o r m a l e n G r a m m a t i k , z . B . einer Transformationsgrammatik oder einer Montague-Grammatik. Wie noch zu zeigen sein wird, hat auch der Rest der jüngeren Literatur über Gradpartikeln wenig dazu beigetragen, dieses Fragezeichen 4 verschwinden zu lassen. Dies ist umso bedauerlicher, als man sich von einer adäquaten formalen Analyse der Gradpartikelsyntax und -semantik nicht nur erwarten kann, daß sie die bereits vorhandenen Erkenntnisse über die einschlägigen Phänomene in eine deduktive Struktur einbindet und damit diese Phänomene unter Umständen in einem bestimmten Sinn erklärt, sondern auch, daß sie zentrale, aber unklare Begriffe, die in der Literatur zur Beschreibung der Daten eingesetzt wurden, expliziert und damit den Daten selbst deutlichere Konturen

1

Die Bezeichnung "Gradpartikel" für diese Wörter stammt von H. Altmann.

2

Darüber sollte das relativ schmale Literaturverzeichnis der vorliegenden Arbeit nicht hinwegtäuschen. Ich habe dort nur die mir am wichtigsten erscheinenden Titel berücksichtigt.

3

Altmann 1976a, Altmann 1976b, Altmann 1978, Altmann 198O.

4

Vgl. die Bemerkungen hierzu in den Abschnitten 3.2 und 3.3 sowie im Kap. 4.

verleiht.

Zwei solche Begriffe, den des Fokus und den der Skala,

habe ich in den Titel der Arbeit gesetzt, weil ich sie für besonders wichtig halte. Ich will also die Syntax und Semantik der deutschen Gradpartikeln unter dem besonderen Aspekt ihrer Behandlung in einer formalen Grammatik betrachten. Bevor ich einen ersten Überblick über die dabei zu berücksichtigenden Fakten gebe, möchte ich einige E i n s c h r ä n k u n g e n , d i e i c h m i r auferlegen muß, deutlichen machen. Die erste ist sehr naheliegend: Wie die folgenden Beispiele zeigen, übernehmen Lautketten, die als Gradpartikel fungieren können, häufig auch a n d e r e F u n k t i o n e n : ( O . 1 ) Das Buch ist interessant, nur müßte es kürzer sein. ( 0 . 2 ) Der Kanzler schickte keinen Vertreter, sondern kam selbst. ( O . 3 ) Wer das auch getan hat, er wird dafür

büßen.

In ( O . 1 ) wird nur als eine Art von Konjunktion verwendet; in ( O . 2 ) ist selbst, d.as ansonsten zu der Gruppe der semantisch mit sogar verwandten Gradpartikeln gehört, ein 'Reflexivum". Und das auch in ( 0 . 3 ) schließlich hat nicht Gradpartikel-, sondern Modalpartikelfunktion. Alle diese Funktionen, deren saubere Trennung von der Gradpartikelfunktion hauptsächlich den Arbeiten von Altmann zu verdanken ist, berücksichtige ich im folgenden nicht, obwohl die Frage ihres Zusammenhangs mit der Gradpartikelfunktion interessant und bisher unbeantwortet ist. Eine weitere Einschränkung b e t r i f f t direkt d i e

M e n g e

der

hier zu betrachtenden Partikeln. Ich werde im allgemeinen nur Sätze mit den drei meistdiskutierten Gradpartikeln nur, sogar und auch analysieren und damit mindestens die folgenden Gradpartikeln vernachlässigen : ( 0 . 4 ) bloß,

lediglich, ausschließlich, selbst, gerade, zumindest

Ich tue dies in der Annahme, daß die für nur, sogar und auch festzustellenden Zusammenhänge im großen und ganzen das gesamte Feld 5

Vgl. z . B . Altmann 1978, 2.2. Zu selbst vgl. auch Edmonson/Plank 1978.

der Gradpartikeln charakterisieren und daß deswegen eine Berücksichtigung der Eigenschaften anderer Gradpartikeln nicht zu einer prinzipiellen Revision des zu gewinnenden Bilds von der GradpartikelSyntax und -Semantik führen wird, sondern nur zu punktuellen, von Idiosynkrasien der jeweiligen Partikel abhängigen Zusätzen und Modifikationen (vgl. auch 4 . 3 ) .

Zudem stehen nur, sogar und auch jeweils für ganze G r u p p e n semantisch verwandter Partikeln (s. Altmann 1976a). Auch dies läßt erwarten, daß die Analyse dieser drei Partikeln einigermaßen repräsentativ sein wird.

1. SYNTAKTISCHE, PHONOLOGISCHE UND SEMANTISCHE VARIATION IN GRADPARTIKELSÄTZEN

Ein Hauptgrund für das große Interesse, das Gradpartikeln in der sprachwissenschaftlichen Literatur entgegengebracht wurde, scheint mir die auf den ersten (und wohl auch noch auf den zweiten) Blick . verwirrende

V a r i a b i l i t ä t

ihrer syntaktischen Posi-

tionen und Funktionen sowie ihres damit zusammenhängenden Bedeutungsbeitrags zu sein. ' Die Zurückführung dieser Variabilität auf wenige einfache Prinzipien ist die zentrale Herausforderung für jeden Linguisten, der sich mit Gradpartikeln beschäftigt. Worin besteht diese Variabilität nun? Betrachten wir zunächst die folgenden Sätze (die in der Verbendstellungsversion angegeben sind, weil auf dieser Verbstellungsstufe die jetzt zu diskutierenden Zusammenhänge am deutlichsten sichtbar werden): isogar'] ( 1 . 1 a ) daß < auch r Luise der Polizei ein Bild von Peter zeigte | nur J sogar ( 1 . 1 b ) daß Luise \auch > der Polizei ein Bild von Peter zeigte [ nur J sogar ( 1 . 1 c ) daß Luise der Polizei \auch •ein Bild von Peter zeigte nur sogar ( 1 . 1 d ) daß Luise der Polizei das Bild von Peter · auch \ zeigte nur Gradpartikeln haben die seltsame Eigenschaft, durch Sätze von vorne bis hinten hindurchwandern zu können. Wenn man die Positionen, bei denen sie während dieser Wanderung halt machen können, prätheoretisch kennzeichnen will, muß man eine minimale valenzgrammatische Vorstrukturierung des sprachlichen Materials zur Verfügung haben.

Dann kann man sagen, daß Gradpartikeln in deutschen Sätzen

mit Verbendstellung die satzinitiale Position sowie all die Positionen einnehmen können, unmittelbar vor denen die Füllung einer freien Verbstelle erfolgen kann. In ( 1 . 1 b ) ist vor der Gradpartikelposition eine Subjektstelle gefüllt worden, und in ( 1 . 1 c ) und ( 1 . 1 d ) sind es indirekte bzw. direkte Objektstellen. Damit sind aber noch.nicht alle möglichen

Gradpartikelpositio-

nen gekennzeichnet.

Gradpartikeln können immer auch innerhalb von

Nominalphrasen in als Nominalattributen fungierenden Adjektiv- oder Partizipphrasen vorkommen, wie z . B . in ( 1 . 2 ) : r sogar] ( 1 . 2 ) ein \ auch \ im Fahndungsblatt abgedrucktes Bild von Peter [ nur J Schließlich können Gradpartikeln in seltenen und sehr idiosynkratisch verteilten Fällen in Präpositionäl- oder Genitivphrasen vor der jeweiligen Nominalphrase stehen: *

( 1 . 3 ) Für nur eine Mark erhalten Sie ein wertvolles Schmuckstück. ( 1 . 4 ) Die Einsparung nur eines einzigen Liters Kerosin pro Flugkilometer könnte die Lufthansa

vor dem Bankrott retten.

Was ich bisher zu ( 1 . 1 ) - ( 1 . 4 ) gesagt habe, gilt mutatis mutandis für alle Verbstellungstypen. Zur Verbzweitstellung muß allerdings noch bemerkt werden, daß bei ihr das Verb im allgemeinen nicht unmittelbar auf eine satzeinleitende Gradpartikel folgen kann. Zwischen Gradpartikel und Finitum muß hier ein satzgliedfähiger Ausdruck eingeschoben sein, so wie in ( 1 . 5 ) : {Sogar} ^ ( 1 . 5 ) -lAuch > Luise zeigte der Polizei ein Bild von Peter. (Nur J Manche Gradpartikeln können außerdem bei Verbzweitstellung zwischen ein satzeinleitendes Satzglied und das Finitum gestellt werden: *

( 1 . 6 ) Luise nur zeigte der Polizei ein Bild von Peter. In all diesen Fällen treten die Gradpartikeln häufig zusammen mit A k z e n t e n a u f anderen Satzteilen a u f , wobei d i e Akzente in einem intuitiven Sinn eine Beziehung zwischen der Gradpartikel und dem jeweiligen Satzteil herstellen. Meistens geht die Gradpartikel einem solchen Akzent voran ( ( 1 . 1 ) - ( 1 . 5 ) ) , zuweilen folgt l

Vgl. aber Altmann 1976a, 278f., wo festgestellt wird, daß auch in Sätzen wie Auch behielt sie die gemeinsam bewohnte Villa, nicht nur als Konjunktion, sondern auch als Gradpartikel aufgefaßt werden kann.

sie ihm aber auch.

Letzteres ist manchmal durch die Verbstellung

bedingt, ( 1 . 7 ) Luise zeigte der Polizei das Bild von Peter sogar. manchmal aber auch nicht, wie in ( 1 . 6 ) oder ( 1 . 8 ) : ( 1 . 8 ) Luise zeigte der Polizei auch ein Bild von Peter. Im allgemeinen ist mit einer gegebenen Gradpartikelposition Position des dazugehörigen Akzents nicht fest fixiert.

die

Man ver-

gleiche ( 1 . 1 c ) mit ( 1 . 1 c ' ) r sogar] ( 1 . 1 c ' ) daß Luise der Polizei J auch \ ein Bild von Peter zeigte [ nur \ Fast alle diese syntaktischen und satzphonologischen Variationsmöglichkeiten sind in einer offensichtlich systematischen Weise mit s e m a n t i s c h e r V a r i a t i o n verknüpft. Eine Ausnahme machen da nur die mit ( 1 . 6 ) und ( 1 . 8 ) illustrierten Positionsund Akzentuierungsvarianten, zu denen es unter den anderen Beispielen Äquivalente zu geben scheint (tfwr-Variante bzw. >lMc/j-Variante von ( 1 . 1 a ) ) . Ansonsten bedeutet intuitiv keine der angegebenen Versionen von ( 1 . 1 ) dasselbe wie irgendeine der jeweils anderen Versionen, und auch die Stellung von Gradpartikeln innerhalb von Nominaloder Präpositionalphrasen wie in ( 1 . 2 ) - (1 .4) ist keine rein stilistische Variante einer entsprechenden Version mit der Gradpartikel außerhalb der jeweiligen Phrase. ( 1 . 4 a ) z . B . bedeutet etwas anderes als ( 1 . 4 ) : >

( 1 . 4 a ) Nur die Einsparung eines einzigen Liters Kerosin pro Flugkilometer könnte die Lufthansa vor dem Bankrott retten . Auch die Variation der Position des zugeordneten Akzents

ist

semantisch relevant: < 1 . 1 c ' ) bedeutet nicht dasselbe wie ( 1 . 1 c ) . In der Version mit nur haben die beiden Sätze nicht einmal dieselben Wahrheitsbedingungen, denn ( 1 . 1 c ' ) kann wahr sein, wenn Luise

der Polizei eine ganze Reihe von Bildern in Frage kommender Personen gezeigt hat; in diesem Fall ist die Nur-Variante von ( 1 . 1 c ) aber falsch. (Wer hier also nur die üblicherweise mit der Akzentuierung verbundenen 'pragmatischen' Unterschiede vermutet,

ist

offensichtlich auf dem Holzweg.) Neben dieser mit der syntaktischen und phonologischen Variation verknüpften semantischen Variation gibt es bei manchen Gradpartikeln eine mit diesen Faktoren offensichtlich nicht direkt zusammenhängende semantische Variationsmöglichkeit, die am Beispiel ( 1 . 9 ) diskutiert werden kann: ( 1 . 9 ) Luise war· im Urlaub nur in

Spanien.

Das kann im einfachsten Fall bedeuten, daß Luise im Urlaub in Spanien, aber nicht in Österreich, Italien oder sonstwo war. Es kann aber darüberhinaus damit auch gesagt sein, daß es nichts Besonderes ist, seinen Urlaub in Spanien zu verbringen, daß also ein Urlaub in Spanien auf der Skala der Bewertungen möglicher Urlaube nicht sehr hoch rangiert.

H. Altmann hat deshalb für diese Interpretationsva-

riante d e n Begriff d e r s k a l i e r e n d e n Interpretation eingeführt. Die erstgenannte Interpretation, die keine entsprechende Wertung enthält, nennt e r q u a n t i f i z i e r e n d . 2

2

Vgl. Altmann 1976a.

2.

ARTEN DES GRADPARTIKEL-BEZUGS

Im vorigen Kapitel habe ich einen groben überblick über die Daten gegeben, so wie sich vor einer theoretischen Aufbereitung durch eine formale Grammatik darstellen. Wie schon angedeutet, liegt die Hauptschwierigkeit, aber auch der Hauptreiz einer solchen Aufbereitung in der Erfassung der skizzierten syntaktischen, phonologischen und semantischen Variation, ganz besonders aber in der der Z u s a m m e n h ä n g e zwischen diesen Variationsebenen. Dabei ist

es nun nützlich, sich die Natur dieser Variation und der

Variationszusammenhänge prätheoretisch noch etwas klarer zu machen Was ist es eigentlich, was sich da jeweils mit dem Wechsel der Position der Gradpartikel oder des dazugehörigen Akzents inhaltlich ändert? Offensichtlich b e z i e h e n sich d i e Gradpartikeln je nach ihrer Position und der des Akzents auf verschiedene Teile des Restsatzes.

Die mit der syntaktischen und phonologischen Va-

riation verbundene Bedeutungsvariation scheint also im wesentlichen eine B e z u g s v a r i a t i o n z u sein. D e r Begriff des Bezugs ist allerdings ein in vielen Farben schillernder, der für die Zwecke einer linguistischen Analyse irgendwie 'stabilisiert 1 werden muß.

Ich glaube, daß die Behauptung, daß sich in

einem Satz X bei einer Interpretation I ein Satzteil Z auf einen Abschnitt kann:

bezieht, mindestens drei verschiedene Dinge meinen

( 2 . 1 ) a) In X ist b) In X ist c) In X ist Der ist

s y n t a k t i s c h e

1 2

syntaktischer Bereich von Z. semantischer Bereich von Z. Fokus von Z. B e r e i c h

von Z in X bei I

durch die zu I gehörende Konstituentenstrukturanalyse

festgelegt. K

bei bei bei

K von X

Er umfaßt alle Abschnitte von X, die nach Aufweis von

K o k o n s t i t u e n t e n

von Z sind.

2

Wenn wir z . B .

Weitere Daten, z.B. solche, die das Verhalten von Gradpartikeln bei 'Herausstellung 1 betreffen, werden später präsentiert, weil sie vorerst nur irritieren würden. Das sind die Teile von X, die gemäß einer Baumdarstellung der Konstituentenstruktur von X vom (von 'unten' gesehen) ersten verzweigenden Knoten, der Z dominiert, raitdominiert werden.

die übliche Konstituentenstrukturanalyse ( 2 . 3 ) für den Satz ( 2 . 2 } betrachten, ( 2 . 2 ) Jeder Arzt besitzt ein Auto. (2.3) AR

Jeder Arzt besitzt ein Auto. so können wir sagen, daß in allen bei ( 2 . 3 ) möglichen Interpretationen von ( 2 . 2 ) Arzt der syntaktische Bereich von jeder und Auto der syntaktische Bereich von ein ist und daß sich also jeder und ein in diesem Sinn auf Arzt bzw. Auto beziehen. Außerdem können wir sagen, daß sich im gleichen Sinn jeder nicht auf Arzt besitzt ein Auto bezieht, ein nicht auf Arzt, besitzt nicht auf jeder Arzt

usw. Der s e m a n t i s c h e B e r e i c h i s t das, w a s i n der englischsprachigen Literatur oft als 'scope' bezeichnet wird, weil es dem S k o p u s eines dem fraglichen Satzteil Z entsprechenden Operators Z ' in der logischen Repräsentation I ' von X analog ist und auch dadurch expliziert werden kann. Der semantische Bereich von Z in X bei I umfaßt also all die Abschnitte von X, für die es im Skopus von Z 1 in I ' eine logische Entsprechung Y 1 gibt. Wenn wir z . B . die naheliegendste Interpretation von ( 2 . 2 ) mit ( 2 . 4 ) repräsentieren, ( 2 . 4 ) V x [ A r z t ( x ) - > ] y [ A u t o ( y ) & besitzt (y) (x) ]] können wir sagen, daß in ( 2 . 2 ) bei der durch ( 2 . 4 ) repräsentierten Interpretation der ganze Restsatz Arzt besitzt ein Auto semantischer Bereich von jeder ist, da das Material im Skopus des dem Artikel entsprechenden Quantors V in ( 2 . 4 ) sich diesem Abschnitt bzw Ich verwende hier wie auch im folgenden die aus Montague's Werken bekannte funktionale Argumentschreibweise. In der üblichen relationalen Notation wäre z.B. " b e s i t z t ( y ) ( x ) " als "besitzt(x,y)" zu notieren.

10

seinen Teilen zuordnen läßt. In diesem Sinne bezieht sich also jeder auf Arzt besitzt ein Auto, während es sich im Sinne des durch ( 2 . 3 ) explizierten syntaktischen Bereichs

( s . o . ) darauf

n i c h t bezieht (und dies, obwohl ( 2 . 3 ) eine durchaus z u ( 2 . 4 ) passende Konstituentenstrukturanalyse ist ) . Semantischer und syntaktischer Bereich sind also (auch bei jeweils konstant gehaltener Interpretation) nicht notwendigerweise (ja nicht einmal im Normalfall) identisch, weswegen man kaum zu einer konsistenten Beurteilung der Bezugsverhältnisse in natürlichsprachlichen Sätzen kommen wird, wenn man diese beiden Aspekte nicht auseinanderhält. Viel häufiger als mit dem syntaktischen Bereich wird der semantische Bereich jedoch mit dem F o k u s vermischt oder verwechseit. für unsere lZwecke ausreichende Bestimmung dieses Beselt. Eine für g r i f f s ist die folgende: ( 2 . 5 ) In X ist bei Fokus von Z , wenn in X bei durch Akzentuierung hervorgehoben ist und diese Hervorhebung anzeigt, daß in X bei als von Z semantisch besonders betroffen zu verstehen ist. Der hier verwendete Begriff des 'besonderen semantischen Betroffenseins 1 ist natürlich unklar, aber eine Präzisierung in diesem prätheoretischen Stadium ist weder möglich noch nötig. Einige Beispiele werden deutlich machen können, was gemeint ist. In ( 2 . 6 ) ( 2 . 6 ) nicht jeder Arzt besitzt ein Auto (,aber doch die meisten Ärzte). ist der Artikel jeder bei der durch die angeschlossene Aber-Phrase verdeutlichten Interpretation Fokus des Negationsträgers nicht, weil er durch Akzentuierung hervorgehoben ist und diese Akzentuierung anzeigt, daß er als vom Negationsträger semantisch besonders 4

Hierein sieht man, daß der semantische Bereich eines Ausdrucksvorkommnisses nicht unbedingt eine Konstituente sein muß. Näheres zum semantischen Bereich in Jacobs 1982a, 3.3.1.

5

Vgl. Jacobs 1982a, Kap. 2.

6

Oft auch aufgrund einer mangelnden terminologischen Trennung, z . B . in Altmann 1976a, wo durchweg das, was wir Fokus nennen, Skopus genannt wird.

11

betroffen zu verstehen ist, jedenfalls als mehr und anders betroffen als die anderen Satzteile. In diesem Sinne bezieht sich also nicht in ( 2 . 6 ) nur auf jeder, während es sich im Sinne des semantischen Bereichs auf den ganzen Restsatz (ohne die Aber-Phrase) bezieht, da ( 2 . 6 ) ja mit ( 2 . 7 ) semantisch zu repräsentieren wäre: ( 2 . 7 ) - V x [ A r z t ( x ) -> ] y [ A u t o ( y ) & besitzt ( y , x ) ]] Auch mit dem syntaktischen Bereich ist der Fokus weder hier noch in den meisten anderen Fällen identisch, doch darauf werden wir später zurückkommen . Wenn wir den Fokus s i c h t b a r machen wollen, so wie wir den syntaktischen Bereich in einer Darstellung der Konstituentenstruktur und den semantischen Bereich in einer logischen Repräsentation s ichtbar machen, können wir das tun, indem wir in der orthographischen Repräsentation der Sätze das fokussierte Material mit tiefgestellten Halbklammern markieren und die Verbindung mit dem fokussie8 renden Ausdruck durch gleiche numerische Indizierung anzeigen. ( 2 . 6 ) kann dann so dargestellt werden: ( 2 . 6 a ) Nicht, .jeder Arzt besitzt ein Auto.

Bevor ich die Relevanz der drei eben skizzierten Bezugsdimensionen für die Analyse von Gradpartikelsätzen diskutiere, möchte ich auf eine weitere wichtige Bezugsdimension hinweisen, die im folgenden allerdings keine Rolle mehr spielen wird.

Daß sich in X bei I Z auf

A r g u m e n t eine durch Y

1

von Z ist.

bezieht, kann auch heißen, daß in X bei I Dies ist der Fall, wenn in I ' ( s . o . ) Y' oder

gebundene Variable eine Argumentstelle von Z ' füllt. So sind in

( 2 . 2 ) bei der durch ( 2 . 4 ) explizierten Interpretation jeder Arzt

und ein Auto

Argumente von besitzt.

Interessant wird diese Bezugsdimension z . B . im Zusammen9 hang mit 'Kontroll' -Phänomenen bei Infinitiven oder bei der Analyse der sogenannten prädikativen Attribute 7

wie in Peter traf Gerd im Smoking, wo Peter oder Gerd

( 2 . 7 ) wäre allerdings b e i einer k o n t r a s t i e r e n d e n Interpretation der Negation keine vollständige semantische Repräsentation von ( 2 . 6 ) , vgl. Jacobs 1982a und Kap. 5 der vorliegenden Arbeit. 8 Zur semantischen Repräsentation der Fokussierung vgl. Kap. 4. 9 Vgl. z . B . Bartsch 1978. 1O Vgl. z . B . Bartsch 1972, Altmann 198O.

12 Argumente des als Prädikat aufgefaßten Adverbs im Smoking sein können. (Eine weitere Bezugsdimension, die hier keine Rolle spielen wird, ist die des anaoder kataphorischen Bezugs von Pronomina.)

Das Hauptproblem bei der Betrachtung der in die oben genannten Dimensionen 'zerlegten 1 Bezugsverhältnisse in Gradpartikelsätzen ist beim gegenwärtigen Stand unserer Analyse, daß die Konstatierung eines Bezugs in einer dieser Dimensionen eigentlich immer schon ein e grammatische T h e o r i e f ü r d i e fraglichen Sätze voraussetzt, zumindest aber einigermaßen explizite grammatische Repräsentationen dieser Sätze. Dies ist beim syntaktischen und beim semantischen Bereich offensichtlich, da sie ja direkt über bestimmte Konstellationen in der syntaktischen bzw. semantischen Repräsentation eingeführt wurden ( s . o . ) . Doch auch die Bestimmung des Fokus ist natürlich letztlich theorieabhängig. Aus dieser Zwickmühle, daß wir auf dem Weg zu einer theoretischen Aufbereitung der Daten Begriffe einsetzen wollen (und müssen), deren Extension in jedem gegebenen Fall letztlich erst durch diese Aufbereitung festgelegt werden kann, helfen uns bis zu einem gewissen Grad jeweils passende T e s t s und durch diese gestützte Plausibilitätsbetrachtungen. So ist es z . B . plausibel, daß die zu erstellende syntaktische Theorie bzw. die von ihr festgelegten syntaktischen Repräsentationen den Gradpartikeln in ( 1 . 1 a) - ( 1 . 1 d ) jeweils verschiedenen syntaktischen Bereich zuordnen werden, denn die üblichen Tests der Konstituentenstrukturanalyse ordnen die Gradpartikel wohl in jedem dieser Sätze einem anderen Satzteil zu. In eben diesem Sinn ist es plausibel, daß die Gradpartikel in ( 1 . 4 ) nicht denselben syntaktischen Bereich wie in ( 1 . 4 1 ) hat. Obwohl wir damit noch nichts Genaues über den syntaktischen Bereich von Gradpartikeln wissen, können wir also wohl jetzt schon davon ausgehen, daß sich mit der P o s i t i o n einer Gradpartikel im allgemeinen ihr syntaktischer Bereich und damit ein Aspekt ihrer Bezugs verändert. Ob auch der Ort und die Art der A k z e n t u i e r u n g d e n syntaktischen Bereich beeinflussen, ob also z . B . die Gradpartikeln in ( 1 . 1 c ) und ( 1 . 1 c ' ) denselben syntaktischen Bereich haben, wird noch zu prüfen sein. Besonders vorsichtig muß man bei analogen prätheoretischen Betrachtungen über d e n s e m a n t i s c h e n B e r e i c h sein, 11 Vgl. Wells 1947 sowie speziell zu Gradpartikelsätzen Altmann 1976a, 2 . 2 . 4 .

13

denn hier stehen die entsprechenden Tests auf sehr wackligen Beinen. Tatsächlich kenne ich nur einen Test, der wenigstens halbwegs zuverlässige Ergebnisse liefert, nämlich den S u b o r d in a t i o n s t e s t . 1 2 B e i i h m wird versucht, i n natürlichsprachlichen Paraphrasen mit Hilfe der syntaktischen Hierarchisierung durch Subordination die semantische Bereichshierarchie nachzuzeichnen. Das funktioniert am besten bei der Negation und bei Quantoren.

So wird die Tatsache, daß in ( 2 . 8 )

( 2 . 8 ) Peter hat nicht viele Bücher gelesen. der ganze Restsatz im semantischen Bereich des Negationsträgers liegt, dadurch deutlich, daß man in einer Paraphrase eine Nebensatzentsprechung dieses Restsatzes einer Matrixsatzentsprechung des Negationsträgers subordinieren kann: ( 2 . 8 a ) Es ist nicht der Fall, daß Peter viele Bücher gelesen hat. Daß dagegen in ( 2 . 8 ) der Restsatz nicht im semantischen Bereich des Quantors viele liegt, i s t daran erkennbar, d a ß ( 2 . 8 b ) Paraphrase von ( 2 . 8 ) ist:

k e i n e

( 2 . 8 b ) Für viele Bücher gilt, daß Peter sie nicht gelesen hat. (2.8b) paraphrasiert vielmehr ( 2 . 9 ) , ( 2 . 9 ) Peter hat viele Bücher nicht gelesen. woran man sieht, daß hier der Restsatz im semantischen Bereich des Quantors ist. Das erste Problem bei diesem Test ist,

daß die syntaktischen

Subordinationsmöglichkeiten nicht immer den Skopusverhältnissen in einer adäquaten semantischen Repräsentation entsprechen. ( 2 . 1 1 ) zweifellos eine Paraphrase von ( 2 . 1 0 ) ,

So ist

12 In Jacobs 1982a habe ich gezeigt, daß ein von G. Zifonun vorgeschlagener Folgerungstest für den semantischen Bereich von Negationsträgern inadäquat ist (vgl. ebd., Anm. 3 2 ) .

14

( 2 . 1 0 ) Peter kam gestern nicht. ( 2 . 1 1 ) Es -ist nicht der Fall, daß Peter gestern kam. obwohl in einer korrekten semantischen Repräsentation von ( 2 . 1 0 ) der Negationsoperator im Skopus der logischen Entsprechung des Adverbs steht. 1 3 Das zweite Problem ist,

daß sich Subordinationsparaphrasen häu-

fig nur unter Verletzung von stilistischen, ja sogar von grammatischen Regeln formulieren lassen. So können wir, wenn wir durch den Subordinationstest zeigen wollen, daß in ( 2 . 1 2 ) der Restsatz im semantischen Bereich der Gradpartikeln liegt,

(

sogar auch nur

mit jemandem flirten,

dies nur mit sehr hölzernen Umformulierungen tun:

14

sogar\ , ) ( 2 . 1 2 a ) Es ist -l auch | \der Fall,{. daß Peter mit jemandem flirten [ n u r J l so, l wollte. Wenn wir über dieses Problem hinwegsehen, können wir aber immerhin mit unserem Test hier schon plausibel machen, daß die P o s it i o n von Gradpartikeln nicht nur auf ihren syntaktischen, sondern auch auf ihren semantischen Bereich Einfluß hat: sogar ( 2 . 1 3 ) Peter wollte mit jemandem < auch > flirten. [ nur J (sogar flirten wollte. (2.13a) Es gibt jemanden, mit dem Peteriauch \nur 13 Vgl. Jacobs 1982a, 245 - 248. 14 Dabei müssen wir zudem - weil wir uns ja über die Natur der semantischen Repräsentation von Gradpartikelsätzen noch keine Gedanken gemacht haben - voraussetzen, daß hier nicht wie in (2.1O) eine Nicht-Übereinstimmung von Subordinationsmöglichkeiten und Skopus besteht. Diese Annahme wird sich allerdings später als gerechtfertigt erweisen.

15

( 2 . 1 3 a ) ist

eine Paraphrase von ( 2 . 1 3 ) , aber (besonders deutlich in

der tfur-Variante) keine Paraphrase von ( 2 . 1 2 ) . Umgekehrt kann ( 2 . 1 3 ) kaum mit ( 2 . 1 2 a ) paraphrasiert werden. Dies weist darauf hin, daß der Quantor jemandem in ( 2 . 1 2 ) , aber nicht in ( 2 . 1 3 ) im semantischen Bereich der Gradpartikeln liegt. Noch deutlicher ist der Bereichunterschied in Fällen, die nicht erst in subordinierende Form gebracht werden müssen: ( 2 . 1 4 ) loh kenne sogar jemanden, der Bananen raucht. ( 2 . 1 5 ) loh kenne jemanden, der sogar Bananen raucht. Entsprechende Beobachtungen zeigen, d a ß auch d i e A k z e n t u i e r u n g d e n semantischen Bereich d e r Gradpartikeln beeinflussen kann: ( 2 . 1 6 ) Manche Schlagzeuger können auch Klavier spielen. * ( 2 . 1 7 ) Manche Schlagzeuger können auch Klavier spielen. ( 2 . 1 6 ) kann mit ( 2 . 1 6 a ) paraphrasiert werden, während ( 2 . 1 7 )

(2.17a)

entspricht: ( 2 . 1 6 a ) Es ist

auch der Fall, daß manche Schlagzeuger Klavier

spielen können. ( 2 . 1 7 a ) Für manche Schlagzeuger gilt, daß sie auch Klavier spielen können. Anscheinend ist

also in ( 2 . 1 6 ) , aber nicht in ( 2 . 1 7 ) der Subjekt-

quantor im semantischen Bereich der Gradpartikel. Das Hauptproblem bei der prätheoretischen Identifizierung des F o k u s eines Satzteils ist, daß sich das 'besondere semantische Betroffensein 1 , von dem in unserer Bestimmung des Fokusbegriffs ( 2 . 5 ) die Rede ist und an dem man eventuelle Tests festmachen könnte, ganz verschieden manifestiert, je nachdem, was der fokussierende Satzteil bedeutet. So ist der Fokus eines Negationsträgers der Teil des Satzes, dessen Ersetzung durch passendes anderes Material 15 Manche Sprecher des Deutschen haben allerdings hierzu keine klaren Intuitionen (vor allem, was die Sogar- und die .AiicTz-Variante betrifft) . 16 Das Beispiel ist an eines aus Anderson 1972 angelehnt.

16

aus dem im Satz negierten Sachverhalt einen machen würde, dessen Negation im gegebenen Zusammenhang nicht mehr angebracht wäre. Deswegen kann man den Negationsfokus erkennen, wenn man die als möglich angedeutete Ersetzung in angehängten Sondern-Phrasen tatsächlich vornimmt, so wie in ( 2 . 1 8 ) : ( 2 . 1 8 ) Nicht die Mutter von Gerd kommt, sondern die Mutter von Gerda. Die Ersetzung von Gerd durch Gerda in der Sondern-Phras& zeigt hier, daß die Negation im ersten Teilsatz unangebracht wäre, wenn dort Gerda statt Gerd stünde, und damit, daß Gerd in der hier intendierten Lesart Fokus des Negationsträgers ist. Es ist klar, daß sich dieser Test auf keine unserer Gradpartikeln übertragen läßt. Ebenso klar ist, daß wir uns nicht einfach an die Bedingung aus ( 2 . 5 ) halten können, daß der Fokus durch Akzentuierung hervorgehoben ist. Dies ermöglicht nur eine Beschränkung der möglichen Fokusse, aber keine genaue Identifizierung des tatsächlichen Fokus, denn durch einen an einer bestimmten Stelle mit einem bestimmten Stärkegrad postierten Akzent wird im allgemeinen nicht nur e i n bestimmter Abschnitt hervorgehoben. Dies wird schon bei unserem Negationsbeispiel deutlich, bei dem der Akzent auf Gerd auch im Sinne der Fokussierung von die Mutter von Gerd interpretiert werden kann, wie ( 2 . 1 9 ) zeigt: *

( 2 . 1 9 ) Nicht die Mutter von Gerd kommt, sondern der Gerichtsvollzieher. Mit der vorher eingeführten Fokusnotation können wir die beiden Mög18 lichkeiten so unterscheiden: ( 2 . 1 8 a ) Nicht- die Mutter von Gerd kommt. 1 LI ^ ( 2 . 1 9 a ) Nicht- die Mutter von Gerd kommt. 1

17 Vgl. Jacobs 1982a,

L.

1.2.

18 Die Übereinstimmung in der Akzentuierung trotz der Verschiedenheit der Fokussierung wird durch die Akzentuierungsregeln in Jacobs 1982b erklärt. Vgl. dazu auch Höhle 1981.

17

So bleibt wohl nichts anderes übrig, als für jede einzelne der hier zu betrachtenden Partikeln nur, sogar und auch einen eigenen Test zur Fokusbestimmung anzuwenden.

Bei nur (und in etwa gleich-

bedeutenden Partikeln wie lediglich) grenzt der Fokus enger ein, welche Entitäten v o n d e r intuitiv a u s s c h l i e ß e n d e n Funktion der Partikel betroffen sind, und zwar in der Weise, daß diese Entitäten vom selben semantischen Typ wie die^vom Fokus beinhaltete Entität sein müssen, aber nicht mit dieser identisch sein dürfen. Dies legt es nahe, die Ausdehnung des Fokus dadurch zu testen, daß man den fraglichen Satz in eine Umgebung bringt, in der einige oder alle auszuschließenden Entitäten explizit genannt werden,

wie z . B . den Satz ( 2 . 2 O ) in den Kontext ( 2 . 2 1 ) : ( 0 . 2 O ) Luise zeigte der Polizei nur ein Bild von Peter. ( 2 . 2 1 ) Luise zeigte der Polizei nicht ein Bild von Willi, Herbert oder dem Bundeskanzler, nein, Luise zeigte der Polizei nur ein Bild von Peter.

Die Gegenüberstellung in ( 2 . 2 1 ) macht ganz deutlich, daß in der hier intendierten Lesart von ( 2 . 2 0 ) Peter Fokus der Partikel ist. In einer anderen Interpretation kann, wegen der schon erwähnten Nicht-Eindeutigkeit der Zuordnung von Akzenten zu Fokussen, auch ein Bild von Peter als Fokus der Partikel aufgefaßt werden: ( 2 . 2 2 ) Luise zeigte der Polizei nicht den Tatort oder die Mordwaffen, nein, Luise zeigte der Polizei nur ein Bild von Peter. ( 2 . 2 0 ) hat also (mindestens)

zwei Fokusvarianten:

( 2 . 2 O a ) Luise zeigte der Polizei nur1 ein Bild von Peter. l u-, ^ (2.20b) Luise zeigte der Polizei nur1 ein Bild von Peter. 1 M 1J Mit diesem Test läßt sich sofort zeigen, daß - wie zu erwarten der Fokus von nur von der Akzentposition abhängig ist:

18

( 2 . 2 3 ) Luise zeigte der Polizei nicht den Fluchtweg von Peter oder sein Versteck, nein, Luise zeigte der Polizei nur ein Bild von Peter. Bei Betonung von Bild ist

unser Satz also so zu verstehen:

( 2 . 2 4 ) Luise zeigte der Polizei nur. ein Bild von Peter.

Einen weitgehend analogen Test kann man zur Feststellung des Fokus von auch einsetzen. Hier ist es die explizite Nennung von Entitäten, die die Partikel ihrer intuitiven semantischen Funktion gemäß e i n s c h l i e ß t , die den Umfang des Fokus deutlich machen kann: ( 2 . 2 5 ) Gerda mag Äpfel, grüne Bananen.

Gurken und Tomaten, und sie

mag auch

Also: ( 2 . 2 6 ) Sie mag auch

Außerdem ist

grüne Bananen. l L.-I !_i

möglich: >

' ( 2 . 2 7 ) Gerda mag alles, was grün ist,

z.B.

grüne Äpfel,

grüne

Gurken, grüne Tomaten, und sie mag auch grüne Bananen. Diese Fokusvariante wäre so zu notieren: ( 2 . 2 8 ) Sie maa auch, grüne Bananen. 1 M "M Daß hier grüne nicht Teil des Fokus ist,

ergibt sich daraus, daß

die Farbe der Bananen von dem durch auch ausgedrückten Einschluß ( s . o . ) nicht besonders betroffen (im Sinne von ( 2 . 5 ) ) ist, sondern vielmehr im Kontext in gewisser Weise vorausgesetzt wird, was dadurch deutlich wird, daß diese Farbe eine gleichbleibende Charakteristik der im ersten Teilsatz von ( 2 . 2 7 ) aufgelisteten Entitäten ist. Abschnitte, die solche gleichbleibenden Züge der jeweils ge-

19 genübergestellten Entitäten beinhalten, gehören prinzipiell nicht zum Fokus von Gradpartikeln (in der durch die jeweilige Gegenüberstellung induzierten Interpretation). fort, daß der Fokus in

Damit ergibt sich auch so-

( 2 . 2 9 ) nur das Adjektiv umfassen kann:

( 2 . 2 9 ) Gerda mag Bananen in allen Farben: gelbe Bananen, braune j*

Bananen, und sie

mag auch grüne Bananen.

( 2 . 3 0 ) Sie mag auch* grüne Bananen. 1 L 1 Ein entsprechender Test für den Fokus von sogar (und bedeutungsähnlichen Partikeln wie selbst)

beruht auf der Tatsache, daß diese

Partikel einschließende Funktion hat (wie auch) und darüberhinaus die jeweils eingeschlossenen Entitäten gegenüber der vom Fokus beinhalteten i n eine gewisse

R a n g f o l g e

bringt:

>

( 2 . 3 1 ) Peter hat Gerda sein Auto geliehen und einen Pelzmantel geschenkt, ja er hat ihr sogar ein Haus vermacht. ( 2 . 3 2 ) Er hat ihr sogar, ein Haus vermacht. -,-J

1 L-,

Wie zu erwarten war, zeigt sich auch bei sogar keine eindeutige Festlegung des Fokus durch die Akzentposition (vgl. ( 2 . 3 2 ) und ( 2 . 3 4 ) ) , aber doch eine Abhängigkeit des ersteren von der letzteren (vgl.

( 2 . 3 2 ) und ( 2 . 3 6 ) ) : >

( 2 . 3 3 ) Peter hat Gerda ein Auto und einen Pelzmantel vermacht, ja er hat ihr sogar ein Haus vermacht. ( 2 . 3 4 ) Er hat ihr

sogar, ein Haus vermacht. 1 L 1 1^

( 2 . 3 5 ) Peter hat Gerda eines seiner Häuser versprochen und ein anderes zur Benutzung überlassen, ja er hat ihr sogar ein Haus vermacht. ( 2 . 3 6 ) Er hat ihr sogar, ein Haus vermächt. 1

M

1J

Mancher Leser wird sich nun fragen, wieso hier zur Eingrenzung des Fokus von Partikeln nicht einer der Tests eingesetzt wurde, die man üblicherweise zur Identifizierung des 'neuen 1 Materials in

20

Sätzen, also d e s

T h e m a t i s c h e n Satzteils (oder d e s 19 ' S a t z f o k u s ' ) verwendet. Die Antwort darauf ist einfach: Der Fok u s einer Negations- oder Gradpartikel i s t n i c h t d a s s e l b e wie der rhematische Satzteil. Er kann zwar mit letzterem koinzidieren, wie im Kontext ( 2 . 3 7 ) , ( 2 . 3 7 ) S - : Welche deiner Brüder sind nach Hamburg 82'· Nur Peter (ist

nach Hamburg

gefahren?

gefahren).

doch er kann auch im thematischen (also 'alte 1 Information beinhaltenden) Teil des Satzes liegen: ( 2 . 3 8 ) S., : Warum hat Luise der Polizei nur ein Bild von Peter gezeigt? §2' Sie hat der Polizei nur ein Bild von Peter gezeigt, weil sie von den anderen Verdächtigen kein Bild hat-

Wenn wir den rhematischen Satzteil durch Halbklammern kennzeichnen, deren Index keine Entsprechung im Restsatz hat, wäre der von B2 i-n ( 2 . 3 8 ) geäußerte Satz in der dort aktualisierten Interpretation so zu notieren: ( 2 . 3 9 ) Sie hat der Polizei nur* ein Bild von Peter gezeigt, 1 L 1 weil sie von den anderen Verdächtigen kein Bild hatte. L 2 2-1 Der rhematische Satzteil von ( 2 . 3 9 ) ist also die kausale Adsententialphrase. Der Partikelfokus liegt hier und in analogen Beispielen offensichtlich außerhalb des rhematischen Satzteils und kann deswegen weder konzeptuell noch im Sinne einer empirischen Generalisierung mit diesem identifiziert werden. 21 19 Ich meine den bekannten Fragetest und andere Tests, die darauf beruhen, daß der jeweilige Satz als 'natürliche 1 Fortsetzung eines gegebenen Dialogs verwendet wird, vor dessen Hintergrund sprachliches Material als 'alt' oder 'neu 1 gekennzeichnet werden kann. 20 Wie üblich kennzeichne ich primäre Akzente durch einen Akut, sekundäre durch einen Gravis. 21 Eine solche Identifizierung findet man in vielen Arbeiten, z . B . in Altmann 1978 und Höhle 1981. Eine Diskussion ihrer Probleme enthält Jacobs 1983.

21

Die eben skizzierte Position ist natürlich unbefriedigend, solange sie keine Erklärung der offensichtlichen konzeptuellen Verwandtschaft von Partikelfokus und Thematischem Satzteil geben kann (die ja so groß ist, Dinge meist gar nicht unterschieden werden, s. Anm. 2 1 ) .

daß die beiden

Ich glaube, daß die

Basis dieser Verwandtschaft darin besteht, daß auch der rhematische Satzteil ein Fokus im Sinne der Bestimmung ( 2 . 5 ) ist,

sofern man dort als Werte für die

Variable Z (also als fokussierende Elemente) nicht nur syntaktische, sondern auch semantische Teile des jeweiligen Satzes X zuläßt.

Der rhematische Satz-

teil ist m.E. nichts anderes als der Fokus der durch den jeweiligen Satz ausgedrückten Assertion, bzw. bei Interrogativ- oder Imperativsätzen der zum Ausdruck kommenden Frage bzw. Aufforderung.

Allgemein ist

Satzteil der Fokus der semantischen Operation, die dem n ä r e n

H a n d l u n g s p o t e n t i a l

jeweiligen Lesart) entspricht.

also der rhematische i l l o k u t i o -

d e s jeweiligen Satzes ( i n d e r

Daß diese Sicht nicht nur der intuitiven Ver-

wandtschaft von Thematischem Satzteil und Fokus Rechnung trägt, sondern auch den inhaltlichen Unterschieden zwischen diesen Phänomenen, und daß sie darüberhinaus einige notorische Probleme der Theorie der funktionalen Satzperspektive lösen kann, wird in Jacobs 1983 gezeigt.

Die Parallelität der Akzentuierungs-

phänomene, die mit dem Partikelfokus einerseits und mit dem Assertionsfokus andererseits verbunden sind, explizieren die Regeln aus Jacobs 1982b.

Wir haben nun also durch die exemplarische Anwendung bestimmter Tests plausibel gemacht, daß die mit der syntaktischen und phonologischen Variation in Gradpartikelsätzen einhergehende Bedeutungsvariation im wesentlichen eine Bezugsvariation ist, die sich als Veränderung des syntaktischen Bereichs, des semantischen Bereichs oder des Fokus der Gradpartikeln ausprägen kann. Ein Hauptziel des Rests dieser Arbeit wird es sein, diesen Feststellung eine solide theoretische Basis zu geben und dabei insbesondere den (bisher noch nicht einmal andiskutierten) R e g u l a r i t ä t e n auf die Spur zu kommen, die die formale Variation mit den verschiedenen Aspekten der Bezugsvariation verbinden und Zusammenhänge zwischen diesen Bezugsaspekten herstellen. Dabei wende ich mich zunächst den Problemen der Gradpartikelsyntax zu.

22 Der Begriff des illokutionären Handlungspotentials geht auf W. Aiston zurück (vgl. Alston 1964) und wurde in jüngster Zeit von D. Zaefferer expliziert, vgl. z.B. Zaefferer 1979.

3.

DIE SYNTAX VON GRADPARTIKELSÄTZEN

3.1

Zum Format der syntaktischen Theorie

Die erste syntaktische Entscheidung, die hier zu treffen ist, ist nicht zuletzt semantisch bedingt. Es ist die Entscheidung für ein t h e o r e t i s c h - e s M o d e l l , i n dessen Rahmen die zu gewinnenden Aussagen über die syntaktischen Verhältnisse in Gradpartikelsätzen formuliert werden können. Dieses Modell muß eines sein, für das eine klare Konzeption der Beziehung zwischen der syntaktischen und der semantischen Beschreibungsebene vorliegt. Das ergibt sich aus den Zielsetzungen dieser Arbeit: Wir wollen ja das Züsammenspiel zwischen der formalen und der inhaltlichen Variation in Gradpartikelsätzen theoretisch erfassen (vgl. die vorangehenden Kapitel), wollen und können uns hier aber nicht mit langen Überlegungen über die allgemeinen Prinzipien der Korrelierung von syntaktischen und semantischen Analysen aufhalten. Deswegen brauchen wir ein Modell, für das solche Prinzipien bereits formuliert und einigermaßen erfolgreich erprobt wurden. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung scheint mir das einzige Modell, das dies e Bedingung erfüllt, d a s d e r M o n t a g u e - G r a m m a t i k (MG) zu sein. Deswegen will ich meine syntaktischen Analysen in den Rahmen dieses Ansatzes bringen. Damit ist nun noch nicht, wie man vielleicht meinen könnte, eine technisch bedingte Vorentscheidung für eine bestimmte Art der Explikation der Gradpartikelsyntax gefallen. Insbesondere habe ich damit eine t r a n s f o r m a t i o n e l l e Analyse d e r einschlägigen Phänomene nicht ausgeschlossen. Die MG läßt vielmehr syntaktische Analysen im Stil aller Arten von Transformationsgram2 matiken zu, sofern diese Analysen in ihren semantischen Rahmen passen. Die Syntax einer MG besteht aus einer simultanen rekur1

Eine gute Darstellung der Montague-Grammatik ist

Link 1979.

2

Vgl. z.B. Partee 1975, Cooper/Parsons 1976, Bach 1979.

3

Der wesentliche Unterschied zwischen der Montague-Grammatik und den verschiedenen Varianten der Transformationsgrammatik scheint mir darin zu bestehen, d a ß d i e letzteren syntaktische S t r u k t u r e n semantisch interpretieren wollen, während die erstere die semantische Interpretation an (Sequenzen von) R e g e l a n w e n d u n g e n festmacht, vgl. Vennemann/ Jacobs 1982, Kap. 6.

23 siven Definition der Mengen der Ausdrücke der verschiedenen Kategorien.

Die Klauseln dieser Definition sind die syntaktischen Re-

geln der MG-Syntax. Form < F , < A , | , ..., lige Operation

Sie lassen sich schematisch als Tripel der

A > , B > charakterisieren.

Dabei ist

F eine n-stel-

(1 s n) auf (einer Teilmenge) der Menge der Verket-

tungen der jeweils verwendeten Grundsymbole ( ' B u c h s t a b e n ' ) , und A 1 , ...,

A und B sind syntaktische Kategorien, wobei, falls für

ein Argumenttupel «*.. , ..., gorie von ct. ist,

> für alle i

F ( a . . , ...,

(1 S i S n) A^ die Kate-

) die Kategorie B hat.

In diesen Re-

geln wird also festgelegt, welche Kategorie das Ergebnis der Anwendung bestimmter Operationen auf Ausdrücke hat, Kategorie zugeordnet ist.

denen bereits eine

Die Basis der sich mit der Menge dieser

Regeln ergebenden rekursiven Kategorienzuordnung ist

eine Kennzeich-

nung der Menge der Grundausdrücke der verschiedenen Kategorien im 4 Lexikon. Die oben angedeutete Flexibilität der MG-Syntax' ergibt sich daraus, daß die Operation F in den erwähnten syntaktischen Regeln praktisch unrestringiert sind.

So kann F einfach eine n-stellige

Juxtapositionsoperation sein, die jedes a. nes Zwischenraums) links vor das jeweilige

(unter Einschaltung .

1

ei-

stellt, in welchem

Fall die syntaktische Regel dasselbe leistet wie eine kontextfreie Phrasenstrukturregel der Form ( 3 . 1 ) : ( 3 . 1 ) B -> A.

... A

In diesem Fall werde ich < F , < A 1 , ..., A > , B > der Einfachheit

hal-

ber als Phrasenstrukturregel bezeichnen. F kann aber auch den Charakter einer Transformation beliebigen Typs haben.

So kann F eine zweistellige Operation sein, die

jedem Argumenttupel
als Wert 0 2 ' zuordnet, wobei sich

2"

von «2 dadurch unterscheidet, daß erst das erste Vorkommnis von

..

in «2 getilgt wurde und dann ein Vorkommnis von a 1 links vor den 5 verbleibenden Rest gestellt wird. Dies entspricht einer Permutationstransformation, die dem fraglichen Spitzenstellung gibt.

Vorkommnis von a ^ in a_

In einem solchen Fall bezeichne ich < F , < A ^ ,

4

Genaueres zum Lexikon in Abschnitt 4 . 1 . 5 der vorliegenden Arbeit.

5

Hier ließe sich F auch als Komposition mehrerer elementarerer Operationen auffassen, vgl. Partee 1979.

24

" ' * ' A n > / B > ^ ann einfach als Permutationstransformation (und analog bei Insertionstransformationen, Tilgungstransformationen u s w . ) . Die für Transformationen häufig (wenn auch nicht in dem gerade gewählten Beispiel) essentielle Strukturierung ihres Inputs kann dabei durch die jeweils 'vorangehenden 1 syntaktischen Operationen eingeführt werden, entweder in Form von geeigneten Klammerungen oder auch nur durch sporadisch eingesetzte strukturierende Hilfssymbole, die nur gerade soviel Struktur anzeigen, wie es für die Transformationsregeln der jeweiligen Grammatik notwendig ist. Wenn man, wie ich es tun werde, das letztere Verfahren wählt, fehlt natürlich noch eine v o l l s t ä n d i g e Darstellung der syntaktischen Struktur der durch die jeweils angewendeten Operationen abgeleiteten Ausdrücke. Auf eine solche vollständige Strukturdarstellung kann ich aber nicht verzichten. Zumindest in der Komponente der Grammatik, die den von den syntaktischen Regeln erzeugten komplexen Ausdrücken A k z e n t u i e r u n g e n zup weist, rouß klar sein, wie sich die in ihnen enthaltenen Wörter zu größeren Verbänden zusammenschließen, welche Kategorien diesen Wörtern und Verbänden zukommen, in welchen funktionalen Beziehungen Wörter und Verbände stehen usw. Ich werde deshalb jeder syntaktischen Regel eine Anweisung zur Seite stellen, nach der man dem jeweiligen Output eine Strukturierung zuordnen kann, die diese Informationen enthält. Meine Syntax besteht also aus Paaren der Form « F , < A - , ..., A > , B > , S A > , deren erstes Glied eine syntaktische Regel im oben erläuterten Sinn und deren zweites Glied SA ('Strukturierungsanweisung') eine Funktion ist, die für beliebige dem Ausdruck F(ct-|, ..., ) eine geeignete Strukturierung zuordnet, und zwar in Abhängigkeit von den sich bei der jeweiligen Ableitung ergebenden Strukturierungen der a.. Die durch SA zugeordneten Strukturierungen werden dabei jeweils in Form von Bäumen dargestellt, deren nicht-terminale Knoten mit geeigneten Kategoriensymbole etikettiert sind ( s . u . ) . In diesen Bäumen können auch sich überschneidende Kanten vorkommen. Dies ergibt sich aus der Natur 6

Vgl. Partee 1979.

7

Vgl. Jacobs 1982a, 2.1.1. Diese bewußt unvollständige Strukturierung ist natürlich auch über Klairanerungen möglich.

8

Vgl. Jacobs 1982b und Jacobs i. Vorb.

25

der Strukturierungen: Sie werden als Relationen zwischen einer Menge von Kategorien und der Potenzmenge der jeweils zu strukturierenden Folge von Wörtern aufgefaßt, was die Annahme von diskontinuierlichen Konstituenten (und damit von sich überschneidenq den Kanten) ermöglicht. Der Einfachheit halber werde ich SA immer als Anweisung zur Herstellung der die Strukturierung darstellenden Bäume (und damit nur indirekt der Strukturierung selbst) formulieren. Eine weitere Eigenart der hier zu verwendenden Grammatiken bet r i f f t ihr K a t e g o r i e n s y s t e m . Die Kategorien .. , ..., A und B in den syntaktischen Regeln ( s . o . ) sind bei mir komplexe Gebilde, nämlich F o l g e n v o n z u r Kategorisierung bzw. Subkategorisierung geeigneten Entitäten, d i e i c h M e r k m a l e nenne. Zu diesen Merkmalen gehören die üblichen Wortund Phrasenkategorien wie Nomen, Präposition, Term ( = 'Nominalphrase ' ) , Satz etc., aber auch die Flexionskategorien (Kasus, Numeri, Genera e t c . ) , natürliche Zahlen zur weiteren Subtypisierung der jeweiligen Ausdrücke und anderes mehr. Dieses reiche Kategorisierungssystem ist dem von den meisten Montague-Grammatikern verwendeten kategorialsyntaktischen System, in dem alle Kategorien die Form A/B haben, überlegen, vor allem, weil man in ihm beliebig viele D i m e n s i o n e n d e r Kategorisierung oder Subkategorisierung unterscheiden kann (und nicht nur, wie im anderen Vorschlag, beliebig viele Kategorien). Trotzdem wird auch mein System ein kategorialsyntaktisches sein, da ich die oben erwähnten Wort- und Phrasenkategorien meist in der Form A/B darstellen werde, was bekanntlich so zu interpretieren ist, daß die Verbindung eines Ausdrucks dieser Kategorie mit einem Ausdruck der Kategorie B einen Ausdruck der Kategorie A ergibt (wobei bei mir "Kategorie" jeweils durch "Merkmal" zu ersetzen wäre, weil A, B und A/B ja nur Glieder von Kategorien im oben angedeuteten Sinn, also Merkmale, sind). Dabei bleibt, im Gegensatz zu anderen kategorialsyntaktischen Systemen, die A r t dieser Verbindung von A/B-Ausdrücken mit B-Ausdrucken zu -Ausdrücken allerdings o f f e n . Sie wird erst durch die jeweilige syntaktische Operation F festgelegt. 9 1O

Näheres dazu in Jacobs 1982a, 2.1.1. Oder A/ B, wobei n irgendeine zur Indizierung dienende natürliche Zahl

ist.

26 Ich habe zwei Gründe für die Verwendung solcher n a l e n

M e r k m a l e

d e r Form A/B.

f u n k t i o -

D e r erste u n d u n -

wichtigere ist, daß sich auf dieser Basis die Zuordnung von semantischen Repräsentationen zu den von der Syntax erzeugten Ausdrücken besonders einfach festlegen läßt. Zu diesem Zweck wird die Schreibweise "A/B" so interpretiert, daß die Bedeutung von Ausdrücken mit einem solchen funktionalen Merkmal eine Funktion von der Menge der Bedeutungen von B-Ausdrucken in die Menge der Bedeutungen von A-Aus12 drücken ist. Ein zweiter Grund ist, daß die Strukturbäume, die durch die den syntaktischen Regeln zugeordneten Strukturierungsanweisungen SA ( s . o . ) aufgebaut werden, besonders ausdrucksstark werden, wenn ihre nicht-terminalen Knoten mit funktionalen Merkmalen etikettiert werden. Dies können wir uns an einem kleinen Beispiel klar machen: (3.2a)

x

V

ADV

Ein Freund von Peter wohnt hier (3.2b) S/T T/N

( S / T ) / A D V ADV

Ein Freund von Peter wohnt hier

11 Wenn A/B ein funktionales Merkmal ist, nenne ich auch A und B funktionale Merkmale. 12 Vgl. Lewis 1972.

27 (Die nicht-komplexen Kategoriensymbole

in ( 3 . 2 b ) können selbst Ab-

kürzungen für komplexe funktionale Merkmale sein, z . B . ADV = ( S / T ) / (S/T).

Dies spielt im folgenden

jedoch keine Rolle.)

Beide Bäume beinhalten eine Explikation der Konstituentenstruktur des Satzes Ein Freund von Peter wohnt hier.

( 3 . 2 b ) stellt aber

darüberhinaus eine asymmetrische Beziehung zwischen den jeweiligen Kokonstituenten her, eine sog. B e z i e h u n g .

O p e r a t o r - O p e r a n d -

I n jedem durch d i e Konstituentenstrukturdar-

stellung in zwei Teile zerlegten

-Abschnitt ist derjenige Teil,

dem das funktionale Merkmal A/B zugeordnet wird, Operator des Teils mit dem funktionalen Merkmal B (und dieser Operand von j e n e m ) . Also ist

in ( 3 . 2 b ) z . B . wohnt Operator von hier, wohnt hier Operator

von ein Freund von Peter usw.

Auf der Basis einer Operator-Operand-

Relation läßt sich explizieren, welche Ausdrücke in einem l e m e n t i e r u n g s -

u n d welche i n einem

r u n g s v e r h ä l t n i s

Ko mp -

A t t r i b u i e -

stehen, und es lassen sich die

p e n d e n z v e r h ä l t n i s s e

D e-

i m jeweiligen Satz erfassen.

Nach Vennemann ( 1 9 7 7 ) sind die Zusammenhänge die folgenden: Wenn das funktionale Merkmal des Operanden identisch ist gen Gesamtkonstituente, ist wenn das nicht der Fall ist, tors.

mit dem der jeweili-

der Operator Attribut des Operanden, ist

der Operand Komplement des Opera-

Wenn ein Ausdrucksvorkommnis X Attribut oder Komplement

nes Ausdrucksvorkommnisses

ist,

dann ist

ei-

X dependent von Y. Damit

besagt ( 3 . 2 b ) z . B . , daß von Peter Attribut von Freund und damit von Freund dependent ist, dependent ist

usw.

daß hier Komplement von wohnt und von wohnt

All diese Informationen

lassen sich aus ( 3 . 2 b )

direkt ablesen, während sie zu ( 3 . 2 a ) irgendwie hinzugefügt werden 14 müßten, wenn man auf sie nicht ganz verzichten will. Dies möchte ich jedoch auf keinen Fall, nicht nur, weil mir eine Explikation der Attribuierungs-, Komplementierungs- und Dependenzverhältnisse per se interessant zu sein scheint ( u . a . im Hinblick auf eine Überprüfung der traditionell-grammatischen Aussagen zu diesen Punkten), sondern auch, weil eine solche Explikation zumindest in der Satz13 Diese Termini übernehme ich aus den Arbeiten von R. Bartsch und T. Vennemann. 14 Was nicht einfach auf der Basis der in der Strukturdarstellung gegebenen Konfiguration von KategorienSymbolen geschehen kann, wie man an der Verbalphrase wohnt hier sehen kann, die unter diesem Gesichtspunkt nicht von einer Verbalphrase mit fakultativem Adverb wie singt schön zu unterscheiden ist.

28 15

phonologie und in der syntaktischen Typologie benötigt wird. Es ist des öfteren festgestellt worden, daß die Verwendung einer kategorialen Syntax nicht nur Vorteile hat. Das zentrale 15 Zur Rolle der Dependenzverhältnisse in der Typologie siehe Vennemann 1976 und Vennemann 1977. Zur Rolle der Unterscheidung von Attribuierung und Komplementierung in der Satzphonologie siehe Jacobs i. Vorb. 16 Vgl. z.B. Eisenberg 1978 und Eisenberg 198O. Allerdings spielen viele der von Eisenberg erwähnten Probleme für meine Version der kategorialen Syntax keine Rolle, insbesondere diejenigen nicht, die sich aus der Äquivalenz mancher Versionen (aber nicht meiner Version) der kategorialen Syntax mit kontextfreien Phrasenstruktursyntaxen und aus der Notwendigkeit einer detaillierten Subkategorisierung ergeben (vgl. Eisenberg 1978, 127 - 129). Außerdem sieht Eisenberg manchmal Probleme, wo gar keine sind. So glaubt er (ebd., 137), daß man rekursive Norainalattribuierungskonstruktionen wie das Auto des Mannes der Schwester seiner Frau mit einer kategorialen Syntex nicht so struktuieren kann, daß einerseits alle Attribute als Operatoren von Nomina expliziert werden und andererseits die Kategorie der Attribute nicht von ihrer Einbettungstiefe abhängt. (Wenn dies so wäre, würde man ein und derselben Einheit unendlich viele Kategorien zuordnen müssen.) Hier ist eine Strukturierung, die zeigt, daß Eisenbergs Annahme falsch ist (wobei ich voraussetze, daß Genitiv-Tenne zu N/N-Phrasen 'geliftet' werden können):

N/N

das Auto des Mannes der Sahüester meiner Frau Ein anderer Einwand Eisenbergs beruht auf einer wenig überzeugenden Datenanalyse. Eisenberg meint (vgl. ebd., 132), daß attributive und prädikative Adjektive zwar unterschiedliche Funktionen, aber die gleiche Kategorie haben und daß deshalb die in der Kategorialsyntax übliche (wenn auch nicht unumgängliche) Markierung der unterschiedlichen Funktionen dieser Ausdrücke durch Zuordnung unterschiedlicher Kategorien inadäquat sei. Doch wieso sollten prädikative und attributive Adjektive dieselbe Kategorie haben? In vielen Sprachen sind

29 Problem ist, daß die im funktionalen Merkmal eines Ausdrucks festgehaltene Funktion i m Normalfall n i c h t a l l e möglichen syntaktischen Rollen des Ausdrucks charakterisiert. Deswegen ist es unvermeidlich, einem A/B-Ausdruck auch die Verbindung mit C-Ausdrücken zu gestatten, wobei C ^ B. Falls C = D / ( A / B ) , steht diese Verbindung durchaus im Einklang mit dem Grundprinzip der kategorialsyntaktischen Analyse. Wenn dies jedoch nicht der Fall ist, muß die Zusammenfügung von A/B-Ausdrücken mit C-Ausdrücken, soll sie nicht als völlig in der Luft hängendes Phänomen beschrieben werden, i n a n d e r e P r i n z i p i e n eingebunden werden, Prinzipien, die die Verbindbarkeit von A/B-Ausdrücken mit CAusdrücken in ähnlicher Weise auf die Kategorie der ersten zurückführen, wie dies das zentrale kategorialsyntaktische Prinzip bezüglich der Verbindbarkeit mit B-Ausdrucken tut. Ein solches Prinzip hat P e t e r G e a c h vorgeschlagen: (3.3)

Wenn A . B -*- C, dann A . B/D -»· C/D.

Das besagt, daß wenn die Verbindung von -Ausdrücken mit B-Ausdrucken C-Ausdrücke ergibt, die Verbindung von -Ausdrücken mit B/D-Ausdrükken C/D-Ausdrücke ergibt. gilt: (3.4)

So gilt nach ( 3 . 3 ) z . B . ( 3 . 4 ) , weil ( 3 . 5 )

AR . N/N -»- T/N

( 3 . 5 ) AR . N -> T

Und tatsächlich ergibt die Verbindung von Artikeln mit Nominalattributen Ketten, die durch ein Nomen zu einem Term ergänzt werden können. Dieses Beispiel macht auch den Status des Prinzips ( 3 . 3 ) deutlicher: Es ist ein Prinzip, das einen Spielraum für m ö g l i c h e syntaktische Funktionen von -Ausdrücken eröffnet, indem es diese möglichen Funktionen als kategorialsyntaktisch wohlgeformt auszeichnet. Ob von einer solchen Möglichkeit in der jeweiligen Sprache ja nicht einmal die Mengen der Ausdrücke der beiden Typen identisch (auch v/enn man von den Flexionsunterschieden absieht). So ist dtsch. angeblich und ehemalig ausschließlich attributiv verwendbar, engl. unable und afraid ausschließlich prädikativ usw. 17 In Geach 1972.

30

auch G e b r a u c h gemacht wird, o b also eine entsprechende Verbindung von den Regeln der Grammatik der jeweiligen Sprache berücksichtigt werden muß, weil ihr Ergebnis nach Aufweis der üblichen Kriterien Konstituentencharakter hat, läßt ( 3 . 3 ) o f f e n . Die in ( 3 . 4 ) gekennzeichnete Funktion von Artikeln z . B . wird im Deutschen wohl kaum genützt. (Artikel-Attribut-Kombinationen können normalerweise nicht als Konstituenten deutscher Sätze betrachtet 18 werden. ) Andererseits wird sich zeigen, daß ein Großteil der syntaktischen Gradpartikelfunktionen, die man im Deutschen annehmen muß, in dem von ( 3 . 3 ) umgrenzten Raum liegen, daß das Deutsche also bei den Gradpartikeln sehr weitgehenden Gebrauch von den mit ( 3 . 3 ) gegebenen Möglichkeiten macht. Voraussetzung dafür, daß wir in diesem Sinne einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Gradpartikelfunktionen herstellen können, ist allerdings eine bestimmte Kategorisierung der Gradpartikeln, die sich jedoch, wie wir sehen werden, auch unabhängig davon rechtfertigen läßt. Von dem im Vorangehenden grob umrissenen Syntaxmodell ist zu erwarten, daß es flexibel und ausdrucksstark genug ist, um uns vor der Versuchung zu bewahren, die Analyse der zu behandelnden Phänomene zu sehr an rein technische Beschränkungen unseres Beschreibungsapparats anzupassen (statt an die Phänomene selbst). Diese Flexibilität und Ausdruckskraft erlaubt es uns auch, von vorneherein auf gewisse Tricks zu verzichten, mit denen man die Analyse komplexer grammatischer Phänomene (wie in unserem Fall der Gradpartikeln) trivialisieren kann. Einer dieser Tricks ist die s y n k a t eg o r e m a t i s c h e E i n f ü h r u n g problematischer Wörter oder Wendungen. Dabei bleiben diese lexikalisch bzw. syntaktisch unanalysiert und werden quasi 'aus dem Nichts' in die Komplexe, in denen sie vorkommen, hineingezaubert. Gegen dieses Vorgehen spricht in erster Linie, daß es nicht möglich ist, über synkategorematisch eingeführte Ausdrücke irgendwelche Aussagen zu machen, die auf ihre lexikalische oder syntaktische Analyse Bezug nehmen. So könnten wir bei synkategorematisch eingeführten Gradpartikeln weder ihre Funktionsvariation irgendwie mit ihrer syntaktischen Kategorie in Verbindung bringen ( s . o . ) - wir hätten dann ja gar keine syntaktische Kategorie - noch, wie es naheliegt, die Menge der 18 Mögliche Ausnahmen sind Kombinationen wie ein einziger in ein einziger Mann.

31

19 sie kämen Gradpartikeln als lexikalisches> Feld analysieren - sie 20 im Lexikon ja gar nicht vor.' Ein noch beliebteres Verfahren zur 'Vereinfachung 1 grammatischer Analysen i s t d a s d e r r e g e l l o s e n z u w e i s u n g .

S t r u k t u r -

E s besteht darin, d e m z u analysierenden Aus-

druck X eine Symbolkette zuzuordnen, durch die irgendwelche grammatischen Eigenschaften von X erfaßt (oder "repräsentiert") werden sollen, ohne daß diese Zuordnung als Ergebnis der Anwendung bestimmter Prinzipien ausgewiesen wird. Beispiele sind a) die Zuordnung von syntaktischen Tiefenstrukturen ohne die Angabe der entsprechenden Transformationsregeln

und b) die Zuordnung von Darstel-

lungen der logischen Form ohne die Angabe von Ubersetzungs- oder Interpretationsregeln. 21 Natürlich kann man nicht davon ausgehen, daß eine dem Ausdruck X zugeordnete Struktur schon deswegen inadäquat ist, weil sie regellos zugeordnet wurde. Aber um die Adäquatheit von b e u r t e i l e n zu können, muß man wissen, warum gerade die fraglichen Aspekte von X darstellen soll und nicht ein prima facie genauso plausibles Y " . (Ein solches Y 1 gibt es fast immer!) Und wenn man in dieser Frage nicht allein der unfehlbaren Intuition des Analysierenden vertrauen will, muß man eben die Prinzipien P kennen, nach denen er Y und nicht Y 1 zugeordnet hat. Falls sich dann herausstellen sollte, daß P einem anderen Ausdruck X " eine völlig unplausible Struktur Y" oder gar keine geeignete Struktur zuordnen, während andere Prinzipien P " , die X Y " zuordnen, auch bei X 1 ein zufriedenstellendes Ergebnis erbringen, 22 hat man ein Argument gegen Y und für Y " . Insofern kann regel19 Wie es z . B . in König 1979 für die Partikeln erst, nur, auch und schon vorgeschlagen wurde. (Ähnlich Weydt 1979 für andere Partikeln.) 20 Eine synkategorematische Gradpartikelanalyse wird in Groenendijk/Stokhof 1976 sowie in Karttunen/Peters 1979 verwendet. Auf weitere Nachteile der synkategorematischen Methode wird in Jacobs 1982a ( 2 6 6 f . ) hingewiesen. Ich behaupte übrigens nicht, daß eine synkategorematische Analyse n i e m a l s angebracht ist. (Bei bestimmten klitischen Formen ist sie wohl unumgänglich. Dagegen benötigt man sie keineswegs, um 'Funktionswörter' von 'Inhaltswörtern' zu unterscheiden. Wenn diese Unterscheidung überhaupt sinnvoll ist, läßt sie sich sicher auf der Basis der für die entsprechenden Wörter im Lexikon angegebenen Bedeutungen explizieren.) 21 Im Gradpartikelbereich sind Beispiele für a) Clement/Thümmel 1975, für b) König 1981 und Lieb 1982 ( f ü r auch) . 22 Gegen diese Argumentation mag man einwenden, daß sich das Problem des Vergleichs von Y und Y 1 auf die höhere Stufe des Vergleichs von P und P 1 ver-

32

lose Strukturzuweisung auch zur Immunisierung bestimmter Analysen verwendet werden. Meist ist sie aber einfach eine Manifestation des Zurückweichens vor den technischen Komplikationen der Formulierung entsprechender Strukturzuweisungsprinzipien, und diese Komplikationen sind oft modellbedingt. Dem hier gewählten Ansatz sollten solche Komplikationen nicht inhärent sein.

3.2

Eine nicht-transformationelle Beschreibung der GradpartikelSyntax

Nachdem wir nun unseren theoretischen Rahmen skizziert haben, können wir uns Einzelproblemen der syntaktischen Analyse von Gradpartikelsätzen zuwenden. Das Ziel ist letztlich die Formulierung von syntaktischen Regeln (s. 3 . 1 ) , die das Verhalten der Gradpartikeln korrekt und möglichst generell beschreiben. Dabei werde ich, damit die Grundzüge meines Vorgehens erkennbar bleiben, in den folgenden Abschnitten eine Formulierung dieser Regeln anstreben, die sich nicht zu sehr in technischen Details verliert. Im Appendix dieses Buches wird der interessierte Leser dann eine voll ausformulierte Grammatik für einen geeigneten Deutschausschnitt finden, in der auch auf Detailfragen eingegangen wird. Nachdem wir im vorigen Abschnitt eine synkategorematische Behandlung der Gradpartikeln ausgeschlossen haben, stehen uns noch zwei Möglichkeiten der Explikation des syntaktischen Verhaltens dieser Ausdrücke offen. Wir könnten versuchen, die Positionsvariation der Gradpartikeln (s. Kap. 1 . ) durch P e r m u t a t i o n s t r a n s f o r m a t i o n e n z u erklären, d i e d i e Gradpartikeln a u s einer einheitlichen Tiefenstrukturposition in ihre verschiedenen beobachtlagern kann, dann nämlich, wenn P und P 1 für alle Ausdrücke gleich plausible Analysen liefern. Doch dies spricht natürlich nicht für regellose Strukturzuweisung, sondern nur dafür, auch die Auswahl zwischen gleich plausiblen Strukturierungsprinzipien nicht regellos zu treffen (wenn es auch noch nicht für die Annahme einer psychologisch interpretierbaren 'Universalen Grammatik 1 spricht, die diese Auswahl leitet). Im übrigen soll hier natürlich nicht bestritten werden, daß regellose Strukturzuweisungen eine wichtige h e u r i s t i s c h e Funktion haben können. 23 Und wohl auch in den in Anmerkung 21 genannten Fällen.

33

baren Stellungen verschieben.

Ich nenne diese Lösung die

t r a n s -

f o r m a t i o n e l l e . Andererseits könnten w i r u n s daran m a chen, für jede der Positionsvarianten, denen Rechnung zu tragen ist, eine

e i g e n e

R e g e l

z u formulieren, d i e d i e Gradparti-

keln an der fraglichen Stelle einführt, ohne sie dabei aus irgendeiner zugrundeliegenden Position zu verschieben. Einen solchen Ansatz nenne i c h n i c h t - t r a n s f o r m a t i o n e i l , und seine Möglichkeiten will ich in den folgenden Abschnitten erörtern. In 3.3 werden wir uns dann der transformationeilen Lösung zuwenden und sie mit der nicht-transformationellen vergleichen. Eine nicht-transformationelle Beschreibung der Gradpartikel-Synt a x m u ß nicht unbedingt ausschließlich a u f P h r a s e n s t r u k t u r r e g e l n

beruhen, d . h . a u f Regeln, deren Operation d i e

einzelnen Glieder ihres Inputs juxtaponiert (vgl. 3 . 1 ) . Statt z . B . das nur in Peter liebt nur Luise wie in ( 3 . 6 a ) durch eine Regel 24 RP einzuführen, die die Gradpartikel v o r einen geeigneten Satzteil stellt, (3.6a)

Peter liebt nur Luise Peter

liebt nur Luise liebt

y\

nur Luise RP nur

Luise

könnte man die Partikel auch als durch eine I n s e r t i o n sr e g e l RI in einen geeigneten Satzteil eingefügt betrachten: (3.6b)

Peter liebt nur Luise nur

RI

Peter liebt Luise

24 (3.6a) ist ein sogenannter Analysebaum, d.h. eine baumförmige Darstellung der Ableitungsgeschichte des erzeugten Ausdrucks, wie sie in der Montague-Grammatik üblich ist (vgl. dazu z.B. Thomason 1974). Warum solche Analysebäume nicht als Darstellungen der Konstituentenstruktur der abgeleiteten Ausdrücke interpretiert werden können, wird in Jacobs 1982a, 2.1.1, erläutert.

34 Ich bin tatsächlich der Meinung, daß man in einer adäquaten nichttransformationellen Analyse der Gradpartikel-Syntax zur Beschreibung bestimmter Phänomene nicht auf Insertionsregeln verzichten kann (vgl. 3 . 2 . 3 ) . Doch in Abwesenheit dieser Phänomene kann man Gradpartikeln im nicht-transformationellen Rahmen durch Phrasenstrukturregeln einführen. Im folgenden Abschnitt werde ich mir Gedanken darüber machen, wie diese Phrasenstrukturregeln aussehen können.

3.2.1 3 . 2 . 1 .1

Phrasenstrukturregeln für Gradpartikeln Ausgangspunkte

Bevor ich Phrasenstrukturregeln für Gradpartikeln diskutiere, will ich kurz einige wichtige Regeln darstellen, mit denen die ersteren bei der Ableitung entsprechender Sätze interagieren müssen. Ich gehe dabei von den Ergebnissen aus Jacobs 1982a aus. Eine zentrale Idee der dort vorgeschlagenen Syntax ist die Gliederung deutscher Sätze i n n u l l bis d r e i s t e l l i g e Verb a l p h r a s e n . Dabei i s t eine n-stellige Verbalphrase (O S n S 3) ein aus einem Verb und eventuellen Verbergänzungen oder Verbalattributen bestehendes Syntagma, bei dem noch n Stellen für Verbergänzungen unbesetzt sind. So wird z . B . vermacht als dreistellige Verbalphrase aufgefaßt, weil drei Verbergänzungen ' f e h l e n ' , und entsprechend ein Haus vermacht als zweistellige, seiner Freundin testamentarisch ein Haus vermacht als einstellige und Peter seiner Freundin testamentarisch ein Haus vermacht als nullstellige Verbalphrase. Diese valenzorientierte Kategorisierung wird durch syn25 taktische Regeln wie die folgenden sichergestellt:

25 Im folgenden gebe ich syntaktische Regeln nicht in der in 3.1 verwendeten Tripelschreibweise an, sondern - der leichteren Lesbarkeit wegen - in metasprachlichen Konditionalsätzen. Außerdem schreibe ich einfach "a t A", wenn ich sagen will, daß Element der Menge der Ausdrücke der Kategorie A ist.

35

( R 1 ) Für 2 S n < 3: Wenn £ und £ < V n , < 1 k a s , . . . / nkas>, . . . > , dann F . . ( a , ß ) G , wobei F I ( a , ß ) = a .

( R 2 ) Wenn a £ < T , 1 k a s , . . . > und dann F 9 ( a , ß) £ , ^ 2 wobei F 2 ( a , ß ) = a ß. (R3) Wenn a £ und

£ ,

£ ,

...>,

...>.

Einige Erläuterungen zu diesen Regelbeispielen: "Vn" (O S n S 3) weist auf eine n-stellige Verbalphrase hin ( s . o . ) , deren n freie Stellen durch passende Ergänzungen (Terme, Präpositionalphrasen, Adverbien etc.) für Kasus.

zu füllen sind. "1kas", "2kas" usw. sind Variablen

(Daß in den Regeln solche Variablen und Quantifikationen

über n vorkommen, zeigt, daß es sich eigentlich um Regelschemata handelt, aus denen man 'konkrete 1 Regeln erst durch geeignete Einsetzung erhält.)

Die Zweitglieder der Verbalphrasenkategorien -

man erinnere sich, daß Kategorien hier Folgen von Merkmalen sind sind

K a s u s r a h m e n , d . h . ein- b i s dreistellige Folgen v o n

Kasus, deren i-tes Glied (1 S i i 3) der Kasus der (bei 'Normalwortstellung 1 ) i-ten Verbalphrasenergänzung ist.

Die Kasusrahmen

stellen also die Rektionseigenschaften der jeweiligen Verbalphrasen dar.

Die Operation F1 stellt das erste Input-Glied schenraum vor das zweite Input-Glied ß . ration F 2 versieht außerdem tion dieses Superskripts ist eine

( R 2 ) verwendete Ope-

mit dem Superskript " 2 " .

Die Funk-

es, die Position zu markieren, an der

V e r b z w e i t s t e l l u n g s t r a n s f o r m a -

t i o n ben,

Die in

mit einem Zwi-

das Finitum zu postieren hat.

Der Leser wird bemerkt ha-

daß ( R 1 ) - ( R 3 ) deutsche Verbalphrasen in ihrer Verbendstel-

26 Eine Verallgemeinerung des Begriffs des Kasusrahmens ist der des R e k t i o n s r a h m e n s . Rektionsrahmen sind Folgen von Kategorien, also Folgen von Folgen von Merkmalen. Mit ihrer Hilfe kann man auch über den Kasus hinausgehende Rektionsbedingungen erfassen, z . B . ob eine Verbalphrase in einer Stelle eine sententiale NP ( z . B . einen Daß-Satz) als Ergänzung verlangt. Man möge die im folgenden verwendeten Kasusrahmen als Kürzel für informationsreichere Rektionsrahmen auffassen.

36

lungsfassung erzeugen und daß deswegen noch zusätzliche Regeln für die Verberst- und die Verbzweitstellung angenommen werden müssen. Ich gehe hier davon aus, daß diese Regeln Permutationstransformationen sind. Die Regeln (R1) - ( R 3 ) erlauben Ableitungen wie die folgende:

Q

( 3 . 7 ) Luise

heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte (R2):

.-•••^

Luise

heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte (R3):

heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte (R1): ihrem Arzt ein Auto

ein Auto vermachte (R1): vermachte

D i e S t r u k t u r i e r u n g s a n w e i s u n g e n ( s .3 . 1 ) für ( R 1 ) - ( R 3 ) sind gleich: Wenn und in der jeweiligen Ableitung der Baum B ( a ) bzw. B ( g ) als Strukturdarstellung zugeordnet wurde, dann ist die Struktur des Outputs von ( R 1 ) , ( R 2 ) oder ( R 3 ) mit (3.8)

B(a)

B(ß)

darzustellen, wobei A das funktionale Merkmal (s. 3 . 1 ) des Outputs ist, also das erste Glied der dem Output durch die jeweilige Regel zugeordneten Kategorie. 27 Damit ergibt sich z . B . für die Ableitung ( 3 . 7 ) folgende Strukturierung:

27 V I , V2, V3 und ADV sind Abkürzungen für komplexe funktionale Merkmale, und entsprechend sind Strukturen wie (3.9) und ( 3 . 1 2 ) Operator-Operand-Strukturen. Dies spielt jedoch vorerst keine Rolle.

37 (3.9)

Luise heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte Durch die oben angedeuteten Verbzweitstellungs- und Verberststellungstransformationsregeln ( ( R V Z ) und ( R V E ) ) kann man ( 3 . 7 ) wie in (3.10) bzw.

( 3 . 1 1 ) fortsetzen:

(3.10) Luise vermachte heimlich ihrem Arzt ein Auto Luise

2

heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte

( 3 . 1 1 ) vermachte Luise heimlich ihrem Arzt ein Auto Luise

2

heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte

(RVZ):

,

(R2):

(RVE): (R2):

( ( R V Z ) und (RVE) bringen also nicht nur das Verb an die Stelle, sondern tilgen auch die Superskripte.)

'richtige'

Die Strukturierungsanweisungen für ( R V Z ) und (RVE) besagen, daß sich die Strukturdarstellung des Outputs von der des Inputs genau dadurch unterscheidet, daß die Kante, die das Finitum mit dem es unmittelbar dominierenden Symbol verbindet, mit dem Finitum nach vorne wandert. Danach ergibt sich z . B . für ( 3 . 1 0 ) folgender Strukturbaum :

38 (3.12)

Luise vermachte heimlich ihrem Arzt ein Auto Die nach der obigen Strukturierungsanweisung gebildeten Bäume explizieren also die Teil-Ganzes-Beziehungen in deutschen Sätzen 28 als unabhängig von der Verbstellung. Sie tragen dabei der Einsicht der traditionellen Grammatik Rechnung, daß im Deutschen auf der Verbzweit- und Verberststellungsstufe 'äußere 1 und 'innere Verbnähe' umgekehrt proportional sind, während sie sich auf der Verbendstellungsstufe im allgemeinen direkt entsprechen. 29 Noch in einem anderen Punkt unterscheiden sich unsere Strukturierungen von den in anderen neueren Ansätzen üblichen. Wie ( 3 . 9 ) und ( 3 . 1 2 ) deutlich machen, gehe ich von einer H i e r a r c h i e n u l l - b i s d r e i s t e l l i g e r V e r b a l p h r a s e n aus, wobei eine n-stellige Verbalphrase jeweils Teil einer n-1-stelligen oder n-stelligen Verbalphrase ist (1 S n S 3) und jede dieser Verbalphrasen eine Konstituente des Gesamtsatzes ist. In manchen anderen Modellen würde man dagegen in entsprechenden Sätzen (also solchen ohne Hilfsverb) nur eine einzige 'Gesamtverbalphrase 1 annehmen, die das Verb und seine verschiedenen Ergänzungen und Attribute als unmittelbare Konstituenten enthält (außer dem S u b j e k t ) . Dabei ergäbe sich für unseren Beispielsatz eine

28 Diese Möglichkeit ist den üblichen GTG-Ansätzen aus rein technischen Gründen verwehrt (speziell wegen des Verbots sich überschneidender Kanten). Sie nehmen deshalb auf der Verbzweit- und der Verberststellungsstufe meist ganz andere Zusammengehörigkeitsverhältnisse an als auf der Verbendstellungsstufe, oft solche, bei denen seltsamerweise das finite Verb kein Bestandteil der 'Verbalphrase 1 mehr ist (vgl. z . B . Edmondson 1982, 3 . 5 ) . 29 Vgl. Heibig 1971, 73.

39 Strukturierung wie die folgende: (3.13)

Luise heimlich ihrem Arzt ein Auto vermachte Ich halte solche Strukturierungen

für inadäquat.

Daß z . B . ein

Auto vermachte nicht nur eine Sequenz zweier Satzteile, sondern auch eine Konstituente ist,

sieht man an Beispielen wie dem fol-

genden: ( 3 . 1 4 ) Ein Auto vermachen wollte sie

ihm.

Daß in ( 3 . 1 4 ) ein Auto vermachen topikalisiert ist,

zeigt (in

jeder mir bekannten Topikalisierungstheorie), daß diese Sequenz eine Konstituente von ihm ein Auto vermachen wollte ist.

Wenn wir

außerdem annehmen, daß diese Phrase die unmittelbaren Konstituenten ihm ein Auto vermachen und

wollte hat,

folgt, daß ein Auto

vermachen Konstituente von ihm ein Auto vermachen ist.

Wenn wir

schließlich annehmen, daß infinite Verbalphrasen dieselbe interne Struktur haben wie entsprechende

finite Verbalphrasen,

folgt, daß

ein Auto vermachte Konstituente von ihm ein Auto vermachte

ist.

Für jemanden, der eine der eben gemachten Annahmen nicht teilt, ist

dieses Argument natürlich nicht zwingend.

auch erklären können, wieso ein Auto vermachte

Er muß dann aber z . B , F o k u s

sein

kann: (3.15)

( d a ß ) Luise heimlich ihrem Arzt nicht nur ein Auto machte, sondern ihr ganzes

Vermögen überschrieb

Wie in Jacobs 1982a gezeigt wird, ist

der Fokus von nicht

einteiliger Fokussierung, die auch in ( 3 . 1 5 ) vorliegt) lich eine Konstituente.

ver-

(bei

grundsätz-

Die Überlegungen im Abschnitt 3 . 2 . 2 der

vorliegenden Arbeit werden zeigen, daß Entsprechendes auch für

40 Gradpartikeln sowie für idiomatisierte Kombinationen von Negationsträgern und Gradpartikeln wie nicht nur (vgl. 5 . ) gilt.

Da in

( 3 . 1 5 ) ein Auto vermachte fokussiert ist, wie die angeschlossene Sondern-Phrase zeigt, muß diese Sequenz also eine Konstituente sein.

3.2.1.2

Gradpartikeln in adsententialer und adverbialer Funktion

Ich habe nun also einige zentrale syntaktischen Regeln der hier anzunehmenden Grammatik dargestellt und z . T . auch gerechtfertigt. Wir können u n s jetzt d e r Frage zuwenden, w i e G r a d p a r t i k e l n phrasenstrukturell eingeführt werden können, u m z . B . Sätzen wie den folgenden Rechnung zu tragen: nur ( 3 . 1 6 ) (daß) l sogar [ auch

(3.17)

(daß)

Luise ihrem Arzt ein Auto vermachte

(nur l Luise J s o g a r \ ihrem Arzt ein Auto vermachte

[auch J\ *·

(3.18)

(daß)

(3.19)

(daß)

, (nur \\ Luise ihrem Arzt · sogar ? ein Auto vermachte auch {nur Luise ihrem Arzt das Auto < sogar vermachte [auch

Nach einer sehr weit verbreiteten Auffassung ist

der syntakti-

sche Bereich der Gradpartikeln in solchen Sätzen das jeweils auf d e r Verbendstellungsstufe u n m i t t e l b a r n a c h f o l g e n d e S a t z g l i e d . Entsprechend müßten w i r z . B . f ü r ( 3 . 1 7 ) die folgende Konstituentenstruktur (3.20)

ansetzen:

VO

Luise