Eine Uredda: Untersuchungen und Texte zur Frühgeschichte der eddischen Götterdichtung

"Uredda" mag verstanden werden wie Urfaust: der Ausdruck will nicht sagen, daß die früheste dichterische Ersch

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Eine Uredda: Untersuchungen und Texte zur Frühgeschichte der eddischen Götterdichtung

Table of contents :
Vorwort 5
I. Die drei Seherinnenreden der älteren Edda
1.Das Ausblicksgedicht 7
2. Das Rückblicksgedicht 19
3. Lange und kurze Völuspa 30
II. Weisheit und Wissen Odins
1. "Havamal" und das Lied von Odrerir 46
2. Die Lieder von Grimnir und der Wissenswettstreit mit Vafthrudnir 79
3. Wesen und Rolle der Lausavisa 91
Texte 100

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EIN E UREDDA U NTERSU CH U N G EN U N D TEXTE ZUR FR Ü H G ESCH IC H TE D ER E D D ISC H EN G Ö T T E R D IC H T U N G

VON

HERMANN SCHNEIDER

MAX

NIEMEYER

VERLAG 19 4 8

H A L L E (SAALE)

Alle Rechte Vorbehalten Copyright 1948 by Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale)

Veröffentlicht unter der Lizenz Nr. 113 der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland 2181/48 — 1066/48

11(3) D ruck: Kreuz-Verlag G .m .b .H ., Halle (Saale), Franckcplatz 1 413

113

Vorwort ,Uredda* mag verstanden werden wie Urfaust: der Ausdruck will nicht sagen, daß die früheste dichterische Erscheinungsform von W erk oder Gattung erfaßt und abgebildet werden soll; sondern nur die letzte uns greifbare Vorstufe.

W enn Edda, wie man heute

wieder will, Großmutter heißt, dann ist diese Uredda die Urgroß­ mutter;

die

nilehsthöhere

Generation

von

dem

Erhaltenen und

Gewohnten aus, kein fabelhaftes Urwesen. Dieses 'Huch sucht Antwort auf die Frage: was für (nichtskaldische) Götterlieder gab es zur Zeit der Bekehrung? eine Edda des Jahres 1000 ausgesehen?

W ie hätte

Zweierlei war zu diesem

Zwecke festzustellen: erstens das A lter der Lieder, die ein viertel Jahrtausend später zur

»E dda“

zusammengestellt wurden;

denn

nicht a l l e werden auf eine so lange Lebensdauer zurückblicken. Zweitens die Gestalt, die sie damals hatten; denn es ist nicht selbst­ verständlich, daß sie jene Zeitspanne alle h e il überstanden haben, und noch weniger die Überführung ihrer Daseinsform aus der münd­ lichen Weitergabe in das Literaturwerk. Das Ziel heißt also: eddische Dichtung vor den Edden; aber nicht jegliche eddische Dichtung, sondern nur solche, die zu den späteren Sammlern gelangt und damit äußerlich zur Masse der eddischen Lieder gestoßen ist. Diese Abhandlungen

suchen über die dem 13. Jahrhundert

bekannten Textgestaltungen hinaus zu älteren Formen und Einheiten durchzudringen.

Nicht alle Lieder haben sich ergiebig gezeigt, und

wir sagen nicht, daß die Sammlung vollständig ist und also d ie Uredda darstellt.

1*

Die drei Seherinnenreden der älteren Edda i

.Das Ausblicksgedicht

Duster und rätselreich steht am Eingang zum eddischen Gedicht­ kodex das magisch anziehende und logisch oft so schwer durchdringliche Wundergebildo der Völuspa.

Die viel erörterten Probleme: ob es

alt ist oder jung, germanisch oder zum mindesten verchristlicht, scheinen sich am besten zu lösen durch ein et- et, oder auch durch viele: eine Anzahl Stellen mutet aus den verschiedensten Gründen jünger an



künstlich, trocken, lehrhaft, unheidnisch oder wie

sonst -r- andere wecken immer erneut das Gefühl, das Jakob Grimm in die W orte kleidete: »entlegenste Urzeit atmend“ . Aber es bleibt bei dem G e f ü h l der Doppelheit und der Mehrschichtigkeit; dem kräftigen Zupacken schien sich die spröde Y ölva ebenso zu entziehen wie Einzelwortlaut und Gesamtkomposition des Gedichtes.

Es ist

leicht, Bruch- und Nahtstellen zu wittern, schwer, voneinander zu trennen oder aneinander zu kitten, was sich nicht mehr ganz fügen will.

Der diese Strophen in eines setzte, gleichviel, aus welchem

Material und nach welchem Grundsatz, scheint den W illen zum Ganzen gehabt zu haben, und wenn er auch die Steine nicht alle glatt aufeinander abschliff, so hat er doch nach dem vorherrschenden Eindruck einen Bau erstellt, der das zwingende Gefühl der Ge­ schlossenheit erweckt.

M ag manches beim ersten Zugriff ein wenig

abbröckeln, in seinen tieferen Schichten scheint er auch energischerem K lopfen und selbst dem kräftigen Meiseihieb standzuhalten. Aber dieser Schein trügt.

Die Völuspa ist nicht das Ganze,

als das sie gilt und sich gibt.

Das Gedicht hat einen doppelten

Anfang, eine doppelte Themenstellung, einen doppelten Rahmen und scheint sich an zweierlei Publikum zu wenden. Die Völva, oder eine Volva, wird in das Gedicht zweimal eingeführfc, Str. 1 und Str. 28.

Das erste Mal ergreift sie ohne

H

Dlo drei Bchorinnenreden der älteren Edda.

weiteren du« W ort und beruft sich auf Odins W illen, der ihr auf­ erlogt, zu der Menge zu sprechen, in deren Mitte sie zu weilen scheint.

In Str. 28 wird eine deutlichere Szene entworfen: sie zeigt

die V ölva im sitia uti, dem Zustand, der als besonders fruchtbar für Empfängnis und Offenbarung gilt; Odin tritt zu ihr und sieht ihr ins Auge.

Sie weist sich vor ihm aus durch ihre Kenntnis

tiefer Geheimnisse, wird von ihm reich begabt und fühlt sich alsbald zu ihrer großen »S pa“ inspiriert. es sich hier und dort?

Um was für Enthüllungen dreht

Die Anfangsstrophe umreißt das Thema:

forn spiqll fira, die älteste Kunde des Menschengeschlechts. Str. 20 heißt es: fclck spiqll spahlig, sä hon mit olc um viti o f verqld hveria. Ein viel größerer Horizont!

D ie s e Y ölva hat den Überblick über

die Weiten der W elt, der Zeiten und der W elt Schicksale.

Sie

weiß offenbar mehr und Höheres, als was sich die Menschen erzählen oder was nur von Menschen handelt. Dem entspricht auch die verschiedene A r t des W issens; in Sir. 1 beruft sie sich auf (‘in munaf ihr Erinnern.

In 2 8 f. ist die

Hede von vita und njä%von Wissen wohl, aber auch und vor allem vom Schauen.

Doch nicht in dem Sinne, daß dort alles Vergangen­

heit wäre und hier alles Zukunft; diese Vorstellung wird schon durch die Zeitform unterbunden, deren sie sich bedient; was die Seherin nach

28 offenbart, wahrt zunächst auch noch das V er­

gangenheitstempus.

Von

welchem

wirklichen,

gewissermaßen

historischen Blickpunkt aus sie spricht, wird erst festzustellen sein; einstweilen verfließen die Zeitbegriffe in Str. 30 ff. noch völlig. — Rahmen, Beginn und Programm der 1. Str. dagegen schaffen sofort klare und eindeutige Verhältnisse: von Urzeiten anfangend, will die V ölva ihr W issen und ihre Erinnerung in chronologischer Folge offenbaren.

In welchem Zeitpunkt des Weltgeschehens sie sprechend

zu denken ist, wird allerdings auch hier nicht gesagt; genug, die Erde steht noch fest, und Odin hat die Herrschaft. stellung führt auch zu keinem kennbaren Ziel;

Die Dar­

das letzte klar

formulierte Thema lautet: wie der erste Krieg in die W elt kam. Der Bericht geht bis 26. besteht keinerlei

Zwischen dieser Strophe und der folgenden

Verbindung.

Str. 28

schafft

dann den neuen

Rahmen, die Stfene mit Odin. Der klaren Bewußtheit der Seherin des Anfangs steht in dem zweiten Rahmenteil, eben von 28 an, eine ganz andere Seelen-

9

1. Das Ausblicksgedicht.

Verfassung entgegen, die Erregtheit des beginnenden Trancezustandes. Jene V ölva gebietet majestätisch Schweigen, und man glaubt ihr ohne Weiteres, daß kein Hörer sich nach ihrem ersten W ort zu regen wagt.

Die von 28 stellt an ihr (nicht näher gekennzeichnetes)

Publikum die unwirsche Frage: hvers fregnid mik, hvi freistidm in? Das bedeutet: wollt ihr mich etwa stören? habe ich nötig, meine Fähigkeit, meine Berufenheit zu einer prophetischen Äußerung erst zu legitimieren?

S o habe ich mich Odin gegenüber ausgewiesen

— und nun erzählt sie von ihrer Begegnung mit dem Gott (28, 5 und 6 wäre danach als Einschaltung in trennende Gedanken­ striche zu setzen). Es ist also nicht nur zweierlei Publikum — hier noch zweifelnde Neugierige, dort ein« A rt feierlicher Tempelgemeindo — zweierlei Themen der Offenbarung, zweierlei Arten und Bezirke des Wissens, es sind vor allem zwei grundverschiedene Seherinnen, die sicli hier und dort, in 1 und in 28, vorstellen.

Die eine, die vom Anfang,

ist romantisch idealisiert, eine Veleda oder Albruna mit weißen Kleidern imd bekränzter Stirn, d e r . die erhabene Inspiration aus dem Auge leuchtet.

D ie andere gehört der isländischen W irklich­

keit an, sie ist erfüllt mit aller nervösen Spannung des sitia üti, voll krampfhaften Lauerns auf die Berührung mit der jenseitigen W elt, Die bisherigen Ausführungen zielten auf den Nachweis ab: die Str. 27 ff. fügen sich nicht harmlos imd zwanglos in die mit Str. 1 begonnene „ Seherinnenredeu.

Die Szene der V ölva mit Odin

ist keine Episode ihres Lebenslaufes, die gerade an dieser Stelle fällig wäre.

Sondern es tritt mit Str. 28 ein völlig N e u e s in die

Dichtung ein; eine Völva, wie wir sie noch nicht kannten, eine A rt Offenbarung, die sich mit der klaren Rückschau jener nicht ver­ gleichen läßt;

dieses Auge wird jetzt erst klar aufgetan, vorher

war es nicht in der Lage, hell zu sehen.

Nunmehr aber gibt es

nirgends in der W elt ein Geheimnis für sie.

Das ist wahrhaftig

mehr als wenn man forn sjngll fira zu erzählen weiß. D ie Völuspa nun aber, die so, durch Abtrennung der ersten 26 Gesätze, entstanden ist, muß, um bestehen zu können, auch als ein G a n z e s

erwiesen werden; als geschlossener Organismus,

als planvoll aufgebautes und emporgesteigertes Kunstwerk, als all­ umfassendes W eltbild, einheitlich in Thema, Auffassung, Anlage, Stil.

Sein A nfang freilich muß verloren gegeben werden.

10

Bl« drei Hclicrltmonroden der älteren Edda. Hin äußeren Kennzeichen bezeugt nun in der Tat, daß mitStr. 27

ein neuer, einheitlicher und abgeschlossener Teil der Dichtung be­ ginnt;

ZUin ernten Mal

hervor, der von „VAltnim

tritt in dieser Strophe

der K e h r r e im

nun an das beherrschende Strukturelement der

bilden soll.

Er lautet: v Vitod er enn, eda h v a t und

ornohelnt, unregelmäßig verteilt, in den letzten Kurzzeilen von 8 (unter 40) Strophen.

Er hat durch Richard W agner die auch hier

meint passende Übertragung erfahren „W eiß t du, was daraus wird? Doch erscheint das so abgesteckte Gedicht nicht ganz aus einem G u ß.

Störende Unfolgerichtigkeiten drängen sich vor.

Zunächst

befremdet ein scheinbarer W echsel der sprechenden Person: die Seherin rodet von sich selbst teils als ic h , teils als s ie ; beides geht bunt durcheinander, ja, in einem typischen Fall, wie es scheint, sogar gegeneinander, in der Stefstrophe:

b]i8 — immer noch) Garmr mjqk; langandauernder Nnehklang der die A u g e n

Wellkalastrophe!

Aber nun wechselt die Szene,

der Seherin sind wiederum aufgetan.

Das Festland

entsteigt neu der Flut; sie sieht das frische Grün, ihre W irklichkeltsfreude iaht sieh an dem Bild des Adlers, der im Wasserfall nach

Fischhäute späht.

A uf einem neuen Idafeld sieht sie die

Äsen, da werden sieh auch die goldenen Tafeln wiederfinden, die Ihre Freude Im goldenen Zeilultor waren. ho

Denn alles wird wieder

worden, wie einst — z. T. erfährt man jetzt erst, wie os gewesen:

die Äcker tragen ungesät, und das blutige Opfer von einst, Baldr, erscheint als Bürge ewiger Jugend, ewigen Glücks, mit ihm andere, noubolebto Götter. —

So findet man die angewandten Zeitformen

aus dem Standpunkt der Schauenden und Lauschenden psycho­ logisch voll gerechtfertigt, das große Panorama weislich berechnet und zusammengefügt.

V om Dichter aus gesehen, ein ungewöhn­

liches Maß bewußter und doch künstlerischer Komposition. Dieser Eindruck

steigert sich, wie schon angedeutet, wenn

man die Kehrreimteehnik unseres Abschnittes ins A uge faßt.

Es

begegnen mehrere Siefs, aber ihre Bedeutung und W irkung ist ver­ schieden.

Der längere: Geyr Garmr mjqk, den wir schon kennen,

steht nicht im Dienst, der Disposition, sondern lediglich der Stimmung; wir hörten dieses Gebell als Vorklang, als Ausdruck schauerlicher Wirklichkeit, als fernen Nachhall. llalhvcrw;

Ganz anders mit jenem knappen

Viiod (r enn, eda hvat? A ls dringliche Anrede an die

13

1. Das Ausblicksgedicht.

Zuhörer — Ihr wollt doch sicher noch mehr wissen? — bedeutet der Satz nicht nur ein wesentliches Moment der Spannung, sondern auch der inneren Gliederung.

Soll nämlich die Frage Sinn haben,

so muß sie von Fall zu Fall eine besondere Antwort fordern und auch finden.

Es wird jeweils, in allen acht Fällen ihres Auftretens,

a u f e in b e s t im m t e s k ü n f t ig e s E r e ig n is h in g e w ie s e n s e in , das in einer späteren Strophe Darstellung findet.

Damit breitet

sich ein künstliches Netz über die Geschehnisse und faßt alles zur Einheit zusammen; man darf von ferne an die geheimen Fäden erinnern, die die mystische Bibelerklärung von Heilsgeschichte zur anderen hinüberspannte. all der Bilder,

Situationen

und

einer Stelle der

Der Grundgedanke

Gedanken ist:

alles

muß

sich

wandeln; zuerst: schlimmer worden und zugrundegehen; dann freilich geht die Vorhersage in einer anderen Richtung. D ie erste Mahnung an den noch fernen Untergang knüpft sich gleich zu Anfang an Heimdalls Horn. Str. 27

( „ Ileimdallar hliód

Es ist, so heißt es

kann nicht wohl etwas anderes be­

deuten — ) unter- der heiligen W eltesche verborgen — n o c h ! — die

durch

Odins

Zauberkunst frisch

und

saftig erhalten wird.

Nach langer Zeit, wenn die W eltlage von Str. 46 erreicht ist, tut sich der Ausbruch der Katastrophe kund {mjqtudr hyndiz) durch die Unruhe der Mimssöhne, der Gewässer, das verborgene H orn ist hervorgeholt und wird gellend geblasen, der „heitergewohnte heilige Baum ist ins W anken geraten (ymr it áldna tré).

Es

herrscht ein vollkommener und bewußter Parallelismus der Ge­ danken, Bilder und Situationen zwischen den Str. 2 7 f. und 46. Seltsamerweise teilen sie beide ja auch die ungewöhnliche A u s­ dehnung auf 6 — 7 Langzeilen. auf 46 ab.

Zwei der Kehrreime zielen also

Der dritte: Str. 33 heißt es „F rigg beweint in den

Fensälen Valhölls W eh



wißt ihr, was daraus wird?

Die

Frage, welcher verhängnisvolle spätere A kt des Weltgeschehens nun h ie r vorschwebe, beantwortet das Gedicht selbst, wenn es in Str. 53 ausspricht: pä Mmr Elmar harmr annarr fram} er Odin ferr vid

u lf vega.

A u f diesen Parallelismus — die beiden großen Leiden

Friggs — spielt der Stef von 33 an. Dann gleich das erschütternde Gegenbild (unsere Kehrreime erscheinen ja mit Vorliebe gepaart): eine andere leidgeprüfte Gattin und Mutter (als solche allerdings nur der Plusstrophe der Hauks-

u bok

I)io drei Heller innenreden der älteren Edda.

bekannt)

steht dem teuflischen Widersacher zur Seite: die

Holierin erlebt auch Sigyns Leid um L ok i aufs Intensivste mit. Aber die Dämonen werden ja die siegende Partei in Ragnarök sein, und

so ist es hier kein neues W e h Sigyns, auf das hin-

gowiesen wird, sondern die Frage Vitod er enn, eda hvat zielt h ie r auf den bevorstehenden Triumph und die Befreiung des Unholds. L oki wird wieder loskommen, die Bestrafung des Bösen soll nicht ewig währen.

47, die oft angezogene große Unheilsstrophe, gipfelt in

den W orten: en jqtunn losnar.

Das zielt eben auf die Befreiung

Lokis (von Fenrir war dasselbe schon 44 vorausgesagt).

Hierher

also weist der Fingerzeig von Str. 35, den der Refrain gibt. Die nächste Frage (39) gilt Nidhöggr, dem Drachen, der dritten großen Inkarnation des Bösen in diesem Unterweits- und W eltuntergangsbild; der greifbarsten Entlehnung aus der christlichen Dämonologie.

E r teilt mit dem großen Gottesfeind der Apokalypse

die Gestalt, mit Loki Fesselung.

und Fenrir das Schicksal der (befristeten)

Auch hier ist die Antwort auf das Vitod er enn, eda

hvat leicht: der Marne Nidhöggr fällt, nur noch einmal in dem Ge­ dieht-, in

seiner (scheinbaren) Schlußstrophe CG.

Nur h ie r a u f

kann sich dieser Blick in die Ferne beziehen. Auch Nidhöggr wird vom Vergehen alles Bösen betroffen. Aber die Frage in 39 schien ja unmittelbar dem Fenrir zu gelten: sleit

vargr vera — vitod er enn, eda hvat? Hier ist offenbar der Gipfel des Grauens für diese symbolische Vorschau erreicht.

Man muß

betonen: sleit vargr vera — der W o lf zerfleischt jetzt noch Menschen, einst aber, Str. 53 wagt kaum es anzudeuten, doch es war uralter Glaube — einst wird der Unhold den G o t t verschlingen!

Seltsam

ist. die Mischung der Schichten und der Technik in 4 0 ; für sie ist Fenrir, der älteren Vorstellung entsprechend, der Vcrschlinger der Sonne, über diese urtümliche Prophezeiung klingt nicht ahnungsvoll hindurch, sondern findet, ganz dürre Worte. Strophe 49 bringt die gewichtigste Vordeutung auf die eigent­ liche Katastrophe, auf Weltbrand und Weltuntergang.

Genau ge­

nommen sind sie hier, ganz im christlichen Fahrwasser, zu Vorzeichen des jüngsten Gerichts geworden: das Sterben der Menschen, der blutige Schein am Himmel, die Sonnenfinsternis — was soll das alles bedeuten?

Antwort: daß die Menschheit wirklich untergeht,

daß der Himmel wirklich in Flammen zerbirst, die Sonne zu scheinen

15

1. Das Ausblicksgedicht.

auf hört.

Darauf also deutet die Frage in 41.

Das Ziel ist m it

Str. 57 erreicht, die Vorzeichen haben die Zukunft mit erschreckender Genauigkeit abgemalt. 4 8 f. fragt: Hvat er med äsom, hvat er med älfom ? — und läßt die Erde knirschend zusammenbrechen: haben beicle, Götter und Erde, noch eine Zukunft?

Die Handlung ist nun soweit vor­

getrieben, daß wenigstens der in die Ferne schauende Blick schon jenseits der Katastrophe H alt gewinnt; und hat 48 die Äsen auf dem Gipfel der Verwirrung erblickt und dem Verderben wehrlos preisgegeben, die Erde vor dem Vergehen, — die zukunftskundige V ölva kann schon darauf hinweisen, daß es einst e in e n e u e Erde gehen wird und ein neuen Asengeschlecht.

(Str. 59 und GO). Dieses

künftige goldene Zeitalter entschleiert; sich dem Blick der Seherin Str. 01 **'(111.

Alter auch jetzt nicht, und jetzt am wenigsten, darf

die ItyngO voM unm ien: Vitod t.r mn , eda hvat?

Gibt es auch jetzt

noch Weiteres nuszuwtgen? Der Refrain ist gerade hier im knappsten Altstand gedoppelt und-scheint also in diesem Augenblick besonders dringlich, ein Ja als Antwort gesichert.

A u f den speziellen Inhalt

von 03 kann sie sich kaum mehr beziehen und sagt nur allgemein aus: Es gibt wirklich immer noch eine weitere, andere und höhere Zukunft als dies Paradies der alten Götter!

Aber welche?

So haben wir die Betrachtung des zweiten Teils der Völuspa ein zweites mal bis hart an ihren Ausgang geführt und den Glauben an ihren inneren Zusammenhalt gefestigt.

Das seltsame W erk hat

sich uns unter den Händen gerundet, und nun ist sein Schluß zum dringendsten Problem geworden. Er umfaßt zweierlei: Abschluß der Handlung, Abschluß des Rahmens. Beide Handschriften der Völuspa lassen das Gedicht enden mit der eindrucksvollen, wenn nicht schauervollen Vision des Drachen Nidhöggr, der zum zweiten Mal im Blickfeld der Seherin erscheint.. Keines ihrer Bilder wirkt, bei aller Knappheit, so drastisch; ein unerhörter Realismus!

Man sieht das Untier von Str. 39 gewisser­

maßen aus seiner Arbeit oder Mahlzeit aufgeschreckt; es hat sich, so möchte man meinen, derart in den Haufen der umherliegenden Totenleiber eingewühlt, daß es, sich in die L u ft erhebend, noch das ganze Gefieder voller Leichen trägt: „D a kommt der dunkle Drache im Flug einher, die glänzende Schlange, von Unten, aus den M d a bergen; im Gefieder — er fliegt über die Ebene — trägt N idhöggr

10

Dio drei SeherinnenredeV der älteren Edda.

die Toten“ .

Das ist das letzte Gesicht.

Drachen

Abgrund zeigt auch die christliche eschatologische

im

Die Schlange oder den

Phantasie mit Vorliebe; aber dann besiegt, gefesselt, unterlegen und unfähig, zur H öhe aufzusteigen.

Gar zu seltsam, daß hier dem

noch lebenden, noch furchtbaren Unhold das letzte W ort gehören soll! Das Böse scheint ewig, unausrottbar.

Dieser Schluß eines

Zukunftsgemäldes, das sich in manchem so überquellend optimistisch zu geben scheint, ist unmöglich.

So hat man denn, seit M öllen­

hoff, Zuflucht genommen zu einer Konjektur, die den Drachen aus der letzten Strophe zwar nicht entfernt, aber unschädlich macht. Man liest:

nu mun kann sohhvax, jetzt wird er versinken, und

schließt damit die große Schau zwar nicht erhebend, aber wenigstens im positiven Sinn: die guten Mächte haben doch gesiegt. Aber das Gedicht an dieser Stelle heilen heißt es in anderem Sinn beschädigen, ja förmlich zerschlagen! hier das Gemälde unfertig —

Entweder nämlich ist

oder der Bahmen, der wichtigste,

abrundende Teil der umschließenden, der Völvahandlung. triumphiert: jetzt versinkt auch er! —

Einer

das ist ein befriedigender

Schluß der V ision; aber die V ölva selbst, so ausdrucksvoll und weitläufig eingeführt, versäumt, sich zu verabschieden; und dazu ist ihr eh oder hon doch viel zu stark hervorgetreten!

Bleibt man

dagegen bei der Lesart der beiden Handschriften nu mun hon

solchvax, so rundet sich die Rahmenhandlung oder mindestens -E r­ scheinung ab.

W ir haben

es vorher nicht ausdrücklich gehört

(wenigstens nicht in unserem Teil der Dichtung), daß sie ein außer­ irdisches W esen ist, aber es fügt sich den herkömmlichen V or­ stellungen der mythologischen Gedichte, daß diese Prophetin und Vertraute der obersten Gottheit mehr als menschlichen Ahnen ent­ stammt.

Odin hat sie zum Zweck dieser großen Offenbarung aus

Zauberschlaf oder Todesschlaf erwecken müssen, wie die Prophetin des stofflich so benachbarten Liedes »Baldrs Traume a.

Nun mag

sie wieder versinken. — Aber dann stellen wir von neuem vor dem unmöglichen Endbild des triumphierenden Unholds! Nur unter e in e r Bedingung könnte man auf den Abschied der V ölva verzichten: wenn die Erscheinung, die sie verdrängt, und von der sie als letzter kündet, so überwältigend groß wäre, daß jene wortlos zurücktreten müßte; wenn statt ihrer nicht der Drache, das Böse, das letzte W ort hätte, sondern das Gute, die Macht, der

1. Das Ausblicksgedicht.

Tri Igor dar letzten Zukunft. wenn

17

Und dieser Voraussetzung wird genügt,

man dio Str. G5 Bugges,

58 der Hauksbok, hier in ihre

Kochtn treten läßt:

Jta Icomr inn ríki Qflugn, ofan

at regindómi sd er qllu rœdr.

|)rr Parnllolismus zu dem pd Icomr inn dimnij ofan — nedan kannte zwar mich von

einem geschickten Auchdichter erfunden

nein, aber nr int doch zu verführerisch, um weggedeutet werden zu können,

Dadurch allein endlich erschließt sich die erwünschte und

bishm* MOCh nlchl gefundene Beziehung auf die letzten beiden Stefzoilcn (O'Jfd*

Wiih will die Heilerin andeuten, wenn sie noch aus

allen Worunai iln'e* erneuten (lütter) mrad íohos mit gehäufter Dringlich­ keit die Ki'ilge »leih; dann?

Vih)d fi ttw f eda heal't — was dann, was

Dicae* llebnihnho ('Vagen kann nirgends anders seine Er­

füllung Hilden ala eben in «lei* dunklen Strophe, die der Ankunft des gelieltnulavoUch Mächtigsten gilt. die Völva,

V or ihm versinkt, ohne Laut,

Denn, so hat man zu denken, er ist ganz anderer

Art mU *le, Noch aber bleibt eine Schwierigkeit: Str. 64. Einen Saal sieht sic stehen, schöner als die Sonne, goldgedeckt, in (linde.

Da sollen die Scharen der Tugendhaften {dyggvar) wohnen

und Immerfort des Glückes genießen/ Iin Iß. Jahrhundert faßte man diesen Freudenort schlechtweg als den christlichen Himmel auf — und warum nicht schon im 1 1 V Jhxt er, sagt die Gylfaginning, Kai). 51, at vera d GimU A himti Und das Ausleseprinzip ist: die Guten genießen die himmlische Seeligkeit.

W ie gliedert sich diese Vorstellung in die

Gesamtschau dieses Zukunftsbildes ein?

Es gibt eine neue Erde,

auf der jede A rt organisches Leben vertreten ist (der Fisch im Wasser, der Adler in der L u ft); und diese W elt wird von Göttern beherrscht, einer jüngeren, moralisch unbelasteten Asengeneration. Es herrscht ewiger Friede, alle Feindschaft ist beigelegt, die Äcker tragen ohne Aussaat.

Über dieser schon seligen Erde erhebt sich

gleichsam noch das Doppelgewölbe zweier Him m el: in einem wohnen die Heidengötter und genießen wie in ihrer glücklichen Kinderzeit das goldene Alter; und in noch verschwimmenderer Ferne erhebt sich ein mehr als sonnenglänzendes Haus mit goldenem Dach, die H. S c h n e i d e r , Eine Uredda. 2

IN

Dio (Irci Sehcrinnenreden der ^älteren Edda.

Wohnstätte seliger Menschen.

Sicherlich einer der ungeheuerlichsten

Fülle von Synkretismus, den die W elt kennt: dem G old der aurea

prima actas gesellt sich, es überstrahlend, der Goldglanz der Dächer des himmlischen Jerusalems; wie ja der Name G i m l é die Edelsteinfülle der Mauern der überirdischen Stadt vor das A uge zaubert. Kurzum, christlicher als Strophe 64 kann man nicht fühlen und darstellen — man erwartet mit Notwendigkeit zu diesem Himmel den einigen und allmächtigen Gott, zu dem noch unbezwungenen Drachen des Abgrunds seinen Besieger.

E s hieße nur umstellen

und Str. 64 an den Schluß setzen, dann schlösse die ganze Glaubens­ vision der Y ölv a mit einem . . . und ein ewiges Leben Amen.

Im

Laufe der V ölu sp a,. so kann man sagen, tritt der Norden zum Christentum über, er wird dazu getrieben durch die Geißel der W elt­ untergangsfurcht, die auch die Heiden schon längst bedroht hat. Im Anschluß an den Weltuntergang erwartet man nun, nach christ­ lichem Muster, den großen, unbekannten Gott, den Richter {regindómr), der die Guten und Bösen scheidet.

Soweit hat die erlesene V er­

traute Odins den Blick in die Zukunft gelenkt.

V on ihrer Be­

gegnung mit dem Gott, der sie begabte und befragte, ist eine ge­ waltig weite, von der H ölle durch die W elt zum Himmel führende Schau erstanden.

Und nun wir den Aufbaugrund dieses gewaltigen

Offenbarungsmonologs und seine tiefe religionshistorische Bedeutung erfaßt zu haben glauben, kommt uns in den Sinn, daß d ie Völuspa, die hier zu uns sprach, an einer wichtigen Stelle lückenhaft und rätselhaft geblieben ist: an ihrem Anfang.

W ie sie einsetzte, verrät

uns die überlieferte Form des Gesamtgedichtes nicht.

W ir sagten

schon: von 26 zu 27 ist ein weiter Sprung, und weder 27 noch 28 sind als Einleitungsstrophen geeignet.

Daß beide aber schon

Glieder d ie s e r Völuspa waren, ergab sich aus dem Auftreten des Stef in ihnen.

Sachlich ausgedrückt: wir glauben zu wissen, daß

die Begegnung Odins mit der Seherin, so wie sie in Str. 28 ge­ schildert ist, die erste Szene des Gedichts war, die Erprobung der V ölva durch den höchsten Gott und ihre Begabung. Darauf begann die

spä.

Nicht mit der leeren Strophe 30, deren Entbehrlichkeit noch

sich herausstellen wird, sondern mit dem folgenden, verhängnisreichen Gesicht.

Das erste, was die V ölva dem sorgenden Gott

und Vater enthüllt, ist Baldrs Tod,

Kein Zweifel, die Furcht um

ihn, den Lieblingssohn, und die bange Vorahnung seines Geschicks

19

2. Das Rückblicksgedicht.

hat, Odin zu der Seherin geführt.

Die Situation muß ganz dieselbe

gewesen sein wie in den Baldrsträumen, dem älteren Gedicht.

Aber,

diesem ungleich, betrachtet das unsere Baldrs Tod nicht nur als den A nfang des Endes.

Die Katastrophe des Gottes entfesselt das

Weltverhängnis, wie später seine Wiederkehr das neue Glückszeit­ alter der W elt einleitet. W elt,

Die Stationen dieser Wanderung durch

Him m el und H ölle wären also:

Baldrs Tod

Fesselung — L okis Freiwerden — Baldrs Wiederkehr.



L okis

Der christ­

liche Ausklang sprengt den religionsgeschichtlichen, nicht aber den poetischen Rahmen. Strophe 2 7 — OG der sog. Völuspa bilden somit wirklich eine streng in sich geschlossene, vorzüglich gestufte, sinnvoll verflochtene Handlung,

Es kann

kein Zweifel

sein, daß sie zu einer selb­

ständigen dichterischem Existenz bestimmt und befähigt waren. Die Obci •liefenvng kettet sie aber in all unseren Quellen und Zeugnissen aus dem 1ß. Jahrhundert unlösbar an einen Einleitungsteil von 26 Strophen.

Unsere Anschauung von ihrem ehemalig kürzeren Bau

bedarf mithin der Ergänzung und Bestätigung durch den Beweis, daß diese 26 ersten Strophen anderen Geistes Kinder sind, ein ganz anderes W ollen, ein abweichendes K önnen verraten.

2. D as Rückblicksgedicht Schon das Druckbild etwa der Keckei sehen Ausgabe bringt die Besonderheit dieses Teiles der "Völuspa stark zu Bewußtsein: das stoßweise Vordringen der Darstellung, die den Faden immer­ fort zu verlieren scheint, um ihn manchmal mit bedeutendem Abstand und nach allerhand Zwischengliedern wieder aufzunehmen. Rotstift allein

schafft da keine A bhilfe;

wenn

man

Der

scheinbare

Fremdkörper wegstreicht, klafft das "Übriggebliebene umso stärker auseinander.

W as als Ganzes hier vorliegt, ist alles andere als

eine geordnete und wohlaufgebaute Erzählung;

es

sind winzige

Kapitel, A b - und Ausschnitte aus größeren Zusammenhängen in sprunghafter Darstellung. im

Umkreis

der

Der Leser findet sich sachlich gesehen

Kosmologie,

stilistisch

betrachtet in

Wissensdichtung, wenn nicht der Katalogstrophik.

dem der

Es fehlt nicht

an kunstvollen und kraftvollen Prägungen, an steigernder Reihung, aufreizender und lockender Mystik. A ber die atemraubende Dramatik

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