Eine Amerikanerin in Ostberlin: Edith Anderson und der andere deutsch-amerikanische Kulturaustausch [1. Aufl.] 9783839426777

American, communist, Jewish, and feminist: The study on Edith Anderson's work as an American woman in Eastern Germa

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Polecaj historie

Eine Amerikanerin in Ostberlin: Edith Anderson und der andere deutsch-amerikanische Kulturaustausch [1. Aufl.]
 9783839426777

Table of contents :
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Allgemeine Abkürzungen
Siglenverzeichnis
Dank
Einleitung
ORIENTIERUNG
Biografischer Überblick
Kindheit und Jugend
Ausbildung und Ausrichtung
Frühe Jahre in Berlin 1948–1958
Sesshaft in Berlin? 1959–1968
Kämpfe 1969–1979
Neuorientierungen 1980–1999
Der Kontext
Offizielle Amerikabilder in der DDR
Private Amerikabilder
BRÜCKEN
Die Managerin und Freundin
Auf Vermittlung Edith Andersons: Amerikanische Kultur in der DDR
IREX à la Anderson. Ressource für amerikanische Frauenforschung
Die Übersetzerin
Übersetzungen aus dem Deutschen: Beginn mit Brecht
Für die toten Kampfgenossen: Nacked among wolves
Noch einmal Brecht
Übersetzungen ins Deutsche: Einblicke in das ›andere Amerika‹
Jimmie Durhams Gedichte
Die Journalistin
Korrespondentin für Mainstream und The New York National Guardian
In der DDR-Presse
Die Feministin
Zur Frauenfrage in der DDR
Die Anthologie Blitz aus heiterm Himmel
Zur Rezeption der Geschlechtertausch-Geschichten
Amerikanischer Feminismus in der DDR? Weitere Texte und Taten
Die Schriftstellerin
Der Roman Gelbes Licht
Das Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts
Die Rundfunkarbeiten
Die Memoiren Love in Exile
SCHLUSS
Zusammenfassung der Untersuchung
›A remarkable woman‹
Anmerkungen
ANHANG
Abbildungen
Unveröffentlichte Quellen
Literaturverzeichnis
Primärliteratur – Edith Anderson
Primärliteratur anderer Autor/-innen
Sekundärliteratur
Weiterführende Sekundärliteratur
Film- und Fernsehverzeichnis
Personenindex

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Sibylle Klemm Eine Amerikanerin in Ostberlin

Histoire | Band 59

2015-01-05 17-03-10 --- Projekt: transcript.titeleien / Dokument: FAX ID 0312386879031038|(S.

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4) TIT2677.p 386879031046

Für Dr. BR – ein paar Sätze mehr.

Sibylle Klemm (Dr. phil.) lehrt Amerikanistik an der Technischen Universität Dortmund.

2015-01-05 17-03-10 --- Projekt: transcript.titeleien / Dokument: FAX ID 0312386879031038|(S.

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Sibylle Klemm

Eine Amerikanerin in Ostberlin Edith Anderson und der andere deutsch-amerikanische Kulturaustausch

2015-01-05 17-03-10 --- Projekt: transcript.titeleien / Dokument: FAX ID 0312386879031038|(S.

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4) TIT2677.p 386879031046

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein. Gefördert durch die Gerda-Weiler-Stiftung für feministische Frauenforschung D-53894 Mechernich: www.gerda-weiler-stiftung.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2015 transcript Verlag, Bielefeld

Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Umschlagkonzept: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Umschlagabbildung: Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Archiv Verlag Volk und Welt, Sign. 94 Korrektorat & Satz: Edith Hochegger, Graz Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar Print-ISBN 978-3-8376-2677-3 PDF-ISBN 978-3-8394-2677-7 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unter: [email protected]

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Inhalt

Abkürzungsverzeichnis | 7

Allgemeine Abkürzungen | 7 Siglenverzeichnis | 9 Dank | 11 Einleitung | 13

O RIENTIERUNG Biografischer Überblick | 23 Kindheit und Jugend | 23 Ausbildung und Ausrichtung | 25 Frühe Jahre in Berlin 1948–1958 | 30 Sesshaft in Berlin? 1959–1968 | 33 Kämpfe 1969–1979 | 36 Neuorientierungen 1980–1999 | 37 Der Kontext | 41

Offizielle Amerikabilder in der DDR | 42 Private Amerikabilder | 48

BRÜCKEN Die Managerin und Freundin | 57

Auf Vermittlung Edith Andersons: Amerikanische Kultur in der DDR | 57 IREX à la Anderson. Ressource für amerikanische Frauenforschung | 91 Die Übersetzerin | 109 Übersetzungen aus dem Deutschen: Beginn mit Brecht | 111 Für die toten Kampfgenossen: Nacked among wolves | 116 Noch einmal Brecht | 122 Übersetzungen ins Deutsche: Einblicke in das ›andere Amerika‹ | 128 Jimmie Durhams Gedichte | 134

Die Journalistin | 145 Korrespondentin für Mainstream und The New York National Guardian | 147 In der DDR-Presse | 167 Die Feministin | 175 Zur Frauenfrage in der DDR | 176 Die Anthologie Blitz aus heiterm Himmel | 182 Zur Rezeption der Geschlechtertausch-Geschichten | 204 Amerikanischer Feminismus in der DDR? Weitere Texte und Taten | 210 Die Schriftstellerin | 219

Der Roman Gelbes Licht | 219 Das Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts | 240 Die Rundfunkarbeiten | 299 Die Memoiren Love in Exile | 315

S CHLUSS Zusammenfassung der Untersuchung | 361 ›A remarkable woman‹ | 369 Anmerkungen | 373

ANHANG Abbildungen | 393 Unveröffentlichte Quellen | 415 Literaturverzeichnis | 421

Primärliteratur – Edith Anderson | 421 Primärliteratur anderer Autor/-innen | 424 Sekundärliteratur | 429 Weiterführende Sekundärliteratur | 439 Film- und Fernsehverzeichnis | 441 Personenindex | 443

Abkürzungsverzeichnis

ALLGEMEINE ABKÜRZUNGEN AdK ADN AFN AP

Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst American Forces Network – amerikanischer Soldatensender Auskunftsperson – Person, die bei Ermittlungen des MfS Auskunft gab, kein Inoffizieller Mitarbeiter ASSGDR American Society for the Study of the German Democratic Republic B.A. Bachelor of Arts BRD Bundesrepublik Deutschland BStU Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR CDU Christlich Demokratische Union CPUSA Communist Party United States of America DEFA Deutsche Film AG – volkseigenes Filmunternehmen der DDR DDR Deutsche Demokratische Republik DSV Deutscher Schriftstellerverband (DDR) E.A. Edith Anderson EAS-Archiv Edith-Anderson-Schroeder-Archiv, AdK, Berlin FDGB Freier Deutscher Gewerkschaftsbund FDJ Freie Deutsche Jugend GAWA German American Writers Association GDR German Democratic Republic = DDR Gen. Genosse Genn. Genossin HA Hauptabteilung HUAC House Un-American Activities Committee IDFF Internationale Demokratische Frauenföderation

IM IREX ITT KPD KPdSU MfS Ms. ND NPD NZZ OPS RIAS SAPMO SED UA Ü. USCFGDR VdN VEB ZK

Inoffizielle/r Mitarbeiter/in für das Ministerium der Staatssicherheit der DDR International Research and Exchange Board In These Times Kommunistische Partei Deutschlands Kommunistische Partei der Sowjetunion Ministerium für Staatssicherheit der DDR Manuskript Neues Deutschland – von 1946 bis 1989 Zentralorgan der SED, seither Tageszeitung Nationalsozialistische Partei Deutschlands Neue Zürcher Zeitung Outpost Station Berlin, Programmreihe der Nordamerika-Redaktion des Senders Radio Berlin International Rundfunk im amerikanischen Sektor – Rundfunkanstalt in Westberlin 1946–1993 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Sozialistische Einheitspartei Deutschlands Uraufführung Übersetzer/-in, Übersetzung United States Committee for Friendship with the GDR Verfolgte des Naziregimes Volkseigener Betrieb Zentralkomitee der SED

S IGLENVERZEICHNIS Beo Beo2 Dfion GL LIEe LIE

NaW NuW

Edith Anderson (1972): Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten, Berlin: Volk und Welt. Edith Anderson (1976a): Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten, 2., veränderte Auflage. Berlin: Volk und Welt. Anderson, Edith (1975): »Dein für immer oder nie«, in: E.A.: Blitz aus heiterm Himmel, Rostock: Hinstorff, S. 129–167. Edith Anderson (1956a, ²1958a, ³1964): Gelbes Licht, Ü. Max Schroeder und Otto Wilck, Berlin/Weimar: Aufbau. Edith Anderson (1999): Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin, South Royalton: Steerforth. Edith Anderson (2007a, 22007b): Liebe im Exil. Erinnerungen einer amerikanischen Schriftstellerin an das Leben im Berlin der Nachkriegszeit, Hg. von Cornelia Schroeder, Ü. Christa und Clemens Tragelehn, Berlin: BasisDruck. Bruno Apitz (1960): Naked among Wolves, Ü. Edith Anderson, Berlin: Seven Seas. Bruno Apitz (1958): Nackt unter Wölfen, Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag.

Dank

Ich danke den Menschen und Institutionen, die mit ihrem Interesse und ihrer Unterstützung zu dieser Arbeit beitrugen. Gerade weil ich Edith Anderson nicht mehr persönlich kennenlernte, waren die Gespräche mit ihren Freund/-innen und Verwandten in Berlin und New York besonders wertvoll, denn sie spiegelten mir auf einzigartige Weise ihre Persönlichkeit und die Lebensumstände. Ich danke Andersons Tochter Cornelia Schroeder für ihre großzügige Unterstützung und andauernde Gesprächsbereitschaft über die Jahre meiner Forschung. Ich bin dankbar für die Zeit mit Bud Handelsman, mit Helen Yglesias und mit Naomi Replansky. Bettina Berch, Renate Bridenthal, Malaga Baldi, Margaret Morse und Hazel Rowley danke ich für ihre Erinnerungen an Edith Anderson und die transatlantischen Projekte. Ich danke den Berliner Freunden Mary-Lou und Leonard Goldstein, die mein Verständnis für die Situation von Amerikaner/-innen in der DDR erweiterten. Ich danke Renate Drenkow, die mir nicht nur das Innenleben des Schriftstellerverbandes näherbrachte. Ich danke Roland Links für seine Sicht Edith Andersons und der 1960er Jahre. Ich danke den Zeitzeug/-innen und Wissenschaftler/-innen, die mir in Gesprächen ein tieferes Verständnis des Kontextes von Andersons Handeln vermittelten: Joel Agee, Simone Barck, Bernd-Rainer Barth, Heinz Birch, Helma Harrington, Rosemarie Heise, Salomea Genin, Victor Grossman, Heide Lipecky, Siegfried Lokatis, Margrit Pittman, Lia Pirskawetz, Konrad Reich, Annette Rubinstein, Irene Runge, Rainer Schnoor, Thomas Simon, Klaus Steiniger, Jarvis Tyner, Fred Wander, Beate Wonde, Carsten Wurm. Ich danke den Mitarbeiter/-innen des Hinstorff Verlages, der Tamiment Library, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) im Bundesarchiv, des Archives des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin (AdK). Mein besonderer Dank gilt Sabine Wolf für ihre allzeit herzliche und umfangreiche Unterstützung.

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Ich danke Steffen Grünert, der mir nach intensiven Recherchetagen in Berlin Ausgleich und Unterkunft bot. Ich danke den Kolleg/-innen der Dortmunder Amerikanistik für ihre Anregungen und Unterstützung. Meiner Gutachterin Randi Gunzenhäuser danke ich für Gründlichkeit und Herausforderung. Ich danke Edith Hochegger, meiner Lektorin, für die hohe Kompetenz und das außergewöhnliche Engagement, das sie meinem Buch entgegenbrachte. Walter Grünzweig für sein brennendes Interesse an dem Thema der Arbeit und so viel mehr.

Einleitung

Der Kalte Krieg gilt allgemein als eine Periode des 20. Jahrhunderts, in der sich zwei Systeme, angeführt von den Supermächten USA und UdSSR, antagonistisch gegenüberstanden. Die europäische Grenze zwischen den Systemen wird häufig als ›Eiserner Vorhang‹ bezeichnet. Diese dem Theaterbau entliehene Benennung des Schutzvorhanges, der im Brandfall Bühne und Zuschauerraum teilt, unterstrich den unüberwindbaren Charakter der Grenze. So wie im Theater kein Feuer diese Grenze überschreiten sollte, beschreibt die Metapher die Abgeschlossenheit der Systeme, die Unmöglichkeit des Austausches. Die Kalte-Kriegs-Forschung ist an dem Erhalt solcher Metaphern nicht unbeteiligt, denn in der Regel geht sie von einer bipolaren Welt aus, in der zwei Blöcke in Konfrontation und Konkurrenz existierten. Doch ähnlich wie der Eiserne Vorhang auf der Bühne eine Tür enthalten darf, gab es auch Öffnungen im ›Eisernen Vorhang‹, die den mentalen Austausch und transsystemische Kollaborationen ermöglichten. In erster Linie wird das in den Beiträgen zur Erforschung und Darstellung der kulturellen Beziehungen zwischen Ost und West deutlich. Untersuchungen wie Cultural Exchange and the Cold War. Raising the Iron Curtain (Richmond 2003), Beyond the Color Line and the Iron Curtain (Baldwin 2002) oder Nylon Curtain (Péteri 2006) weisen vielfältige kulturelle Verbindungen auf den Gebieten von Literatur, Musik, Film oder Architektur zwischen den sozialistischen Staaten und dem Westen nach und stellen die Annahme von zwei strikt getrennten Systemen in Frage. Die Beiträge im Sammelband Reassessing Cold War Europe (Autio-Sarasmo/ Miklóssy 2011) zeigen, dass eine transsystemische Zusammenarbeit im Bereich von Wissenschaft und Forschung, Technologietransfer oder auf der Basis von internationalen Organisationen wie dem Weltbund der Demokratischen Jugend oder der Internationalen Demokratischen Frauenföderation gelang. Die Herausgeberinnen plädieren für einen Paradigmenwechsel in der Erforschung des Kalten Krieges weg von der Annahme einer bipolaren Welt mit monolithischen Blöcken hin zu einem Paradigma der »multileveled-multipolar interaction« (ebd.: 3). Die Annahme, dass unterhalb der bipolaren Struktur zahlreiche Beziehungen von verschiedenen Ak-

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teur/-innen unterhalten wurden, bestätigen Veröffentlichungen, die sich mit dem Verhältnis DDR – USA befassen. Dazu gehören Untersuchungen wie Jürgen Großes Amerikapolitik und Amerikabild in der DDR 1974–1989 (1999), Anna-Christina Giovanopoulos’ Die amerikanische Literatur in der DDR (2000) und Uta Poigers Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany (2000) sowie die Sammelbände Amerikanistik in der DDR (Schnoor 1999), Jeans, Rock und Vietnam (Hörnigk/Stephan 2002), Umworbener Klassenfeind (Balbier/Rösch 2006) und Ambivalent Americanizations. Popular and Consumer Culture in Central and Eastern Europe (Herrmann/et al. 2008). Diese Arbeiten belegen die mannigfaltige Rezeption amerikanischer Kultur in der DDR in den Bereichen Literatur, Film, Musik und Design. Darüber hinaus stellen sie die Zusammenarbeit von nicht staatlichen Institutionen wie etwa der Herrnhuter Brüdergemeinde oder der Akademie der Wissenschaften vor. Das Paradigma der »multileveled-multipolar interaction« bestätigt der Historiker Jens Niederhut. Aus der Untersuchung des Wissenschaftler/-innenaustausches USA – DDR schloss er, dass eine Konzentration auf die jeweiligen Regierungen als Handelnde nicht genüge, um die Sozial- und Kulturgeschichte des Kalten Krieges zu erforschen (vgl. Niederhut 2006: 125). Vielmehr solle die Analyse des Kulturaustausches »die Untersuchung transnationaler Netzwerke, nicht-staatlicher Akteure und internationalistischer Werthaltungen verstärkt einbeziehen.« (Ebd.: 141) Bisher wurden in der Kalten-Kriegs-Forschung vorwiegend staatliche und nicht staatliche Institutionen, etwa die Abteilungen des Zentralkomitees der SED, die Jewish Claims Conference, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums, Kirchen und Religionsgemeinschaften oder amerikanische Lobbygruppen, die für die Anerkennung der DDR wirkten, als Akteure wahrgenommen und untersucht. Wenngleich der Schwerpunkt dieser Untersuchungen auf den Institutionen lag, verweisen sie indirekt auch auf die zahlreichen Individuen, die den transsystemischen kulturellen Austausch ermöglichten. Giovanopoulos etwa analysiert die Rolle der Gutachter/-innen bei der Veröffentlichung amerikanischer Literatur in der DDR (vgl. Giovanopoulos 2000: 211–346), Schnoor vermittelt Einblicke in die Gruppe der DDR-Amerikanist/-innen (vgl. Schnoor 1999: 29–50), Weimann berichtet über seine Gastprofessuren in den USA und die Zusammenarbeit mit amerikanischen Literaturwissenschaftler/-innen (vgl. Weimann 1999, 173–188). Autor/-innen, Journalist/-innen, Musiker/-innen, Künstler/-innen, Schauspieler/innen, Intellektuelle und Bürgerrechtler/-innen spielten bei der Vermittlung amerikanischer Kultur in der DDR bzw. bei der Pflege von transnationalen Netzwerken eine bedeutende Rolle. Dies bestätigen jüngere Untersuchungen, die sich – wenngleich erst bruchstückhaft – Paul Robeson, Angela Davis, Martin Luther King (vgl. Höhn/Klimke 2010) oder Louis Armstrong und deren Beziehungen zur DDR widmen. Bei der Erforschung der Akteur/-innen des kulturellen Austausches wurde je-

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doch bisher eine Gruppe vollkommen ignoriert: die im Osten lebenden Amerikaner/-innen. Zu ihnen gehörten die amerikanischen Angehörigen der Remigranten, Deserteure amerikanischer Truppen, Flüchtlinge aus der McCarthy-Zeit, Korrespondent/innen und Angestellte linker Institutionen, Künstler/-innen – alles Amerikaner/innen, die mehrere Jahre in der DDR lebten und nicht selten in Multiplikatorenfunktion ihr Wissen, ihre Talente und ihre Kontakte einbrachten. Dazu zählen Alma Uhses Initiativen als Gastgeberin von Partys für internationale Gäste der DDR, Gertrude Gelbins Engagement für den englischsprachigen Seven Seas Verlag, Ollie Harringtons Karikaturen, Victor Grossmans Veröffentlichungen zu amerikanischer Musik, Irene Runges Darstellungen New Yorks oder Dean Reeds Rolle in der Unterhaltungsbranche der DDR. Allein diese Kurzdarstellung verdeutlicht die außerordentliche Bedeutung dieser Akteur/-innen und zeigt, dass die Vernachlässigung ihres Schaffens im transatlantischen Kulturaustausch zu einem unvollständigen Bild des Kalten Krieges führen muss. Um diese Lücke zu füllen, untersucht diese Arbeit paradigmatisch das Lebenswerk von Edith Anderson, die von 1947 bis zu ihrem Tod 1999 in Ostberlin lebte und als Kulturvermittlerin zwischen der DDR und den USA tätig war. Anderson wurde 1915 in New York geboren und war nach ihrer Ausbildung am New College der Columbia University zunächst als Kulturredakteurin für die kommunistische Tageszeitung Daily Worker und später als Eisenbahnerin tätig. Durch ihre Ehe mit dem deutschen Kunsthistoriker Max Schroeder, der als Kommunist seit 1933 im Exil kulturpolitisch wirkte, lernte Anderson die deutsche Exilant/-innenszene in New York gut kennen. 1947 folgte sie ihrem Ehemann in das zerstörte Berlin, wo Max Schroeder bald Cheflektor des renommierten Aufbau-Verlages wurde. Anderson setzte hier ihre Schreibversuche fort und veröffentlichte ihren ersten Roman, Gelbes Licht (1956a). Nach dem frühen Tod Schroeders im Jahr 1958 entschied sich Anderson vor allem wegen ihrer Tochter Cornelia (geb. 1948) in der DDR zu bleiben, wo sie als Übersetzerin, Journalistin, Autorin arbeitete. Zu ihren Hauptwerken gehören Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten (1972), das nach ihrem zehnmonatigen New-York-Aufenthalt 1967/1968 entstand, und Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin (1999), welches 2007 unter dem Titel Liebe im Exil. Erinnerungen einer amerikanischen Schriftstellerin an das Leben im Berlin der Nachkriegszeit in deutscher Übersetzung erschien. Darüber hinaus gab Anderson die – vor allem in westlichen Germanist/-innenkreisen – vielbeachtete Anthologie Blitz aus heiterm Himmel (1975) heraus, deren Erzählungen sich mit Geschlechterrollen befassen. Edith Anderson starb 1999 in Berlin. Stärker als alle anderen Amerikaner/-innen in der DDR hat sich Anderson für den Kulturaustausch zwischen der DDR und den USA engagiert. Ihr Schaffen ist besonders interessant, weil sie nicht nur in der DDR tätig war, sondern auch in den

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USA Beiträge zum Deutschland- und DDR-Bild leistete. Gerade ihre Kontakte in die USA widersprechen einmal mehr der Annahme von zwei monolithischen Blöcken, die während des Kalten Krieges existierten. Im Gegenteil, auch in den USA gab es zahlreiche Institutionen und Personen/gruppen, die ein Interesse an der DDR und ihrer Kultur hatten. Da sowohl Anderson als auch ihre Netzwerkpartner/-innen bisher weitgehend unerforscht blieben, basiert diese Untersuchung auf intensiver Recherche, die den »multileveled-multipolar«-Charakter der Interaktionen freilegt. Dazu gehörte die Erarbeitung von Andersons Nachlass in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin (AdK), der unter anderem die manchmal über 50 Jahre währende Korrespondenz Andersons mit ca. 300 Personen und Institutionen enthält. Die Abteilung DDR und die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) des Bundesarchives gewährten Einsichten in wichtige Quellen, etwa Druckgenehmigungsverfahren oder Korrespondenzen zwischen der CPUSA (Communist Party United States of America) und Regierungsvertretern der DDR. Die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der DDR gaben Hinweise auf die Einschätzung Andersons durch staatliche Stellen. Die Archive der New Yorker Tamiment Library über verschiedene Gruppierungen der amerikanischen Linken ermöglichten, weitere Korrespondenzen von Anderson mit verschiedenen Amerikaner/innen aufzuarbeiten bzw. in der Korrespondenz Dritter Aufschlüsse über Andersons Stellung in der CPUSA zu finden. Recherchen in der New York Public Library und anderen amerikanischen Bibliotheken dienten der Erfassung von Andersons Beiträgen in verschiedenen linken amerikanischen Magazinen und Tageszeitungen. Ein Verständnis für den Kontext von Andersons Wirken bot die einschlägige Fachliteratur zu Geschichte, Kulturpolitik und Literatur der beiden Staaten und ihrer Beziehungen. Darüber hinaus wurden Interviews in diese Arbeit eingebracht, so etwa mit Andersons Verwandten (der Tochter Cornelia Schroeder, dem Bruder John Bernard (Bud) Handelsman), ihren Freund/-innen und Bekannten in den USA (Helen Yglesias, Naomi Replansky, Renate Bridenthal, Malaga Baldi, Bettina Berch, Hazel Rowley, Margaret Morse) und Menschen, die sie in Berlin kannte (Fred Wander, Salomea Genin, Beate Wonde, Roland Links). Vielfältige Perspektiven eröffneten mir die Gespräche mit anderen Amerikaner/-innen in der DDR und ihren Angehörigen (Joel Agee, Victor Grossman, Helma Harrington, Irene Runge, Mary-Lou und Leonard Goldstein) sowie mit den Vertreter/-innen verschiedener DDR-Institutionen etwa Heinz Birch (ZK der SED), Thomas Simon (Liga für Völkerfreundschaft), Klaus Steiniger (Neues Deutschland), Heide Lipecky (Sinn und Form), Renate Drenkow (Schriftstellerverband) oder Konrad Reich (Hinstorff Verlag) und Margrit Pittman und Jarvis Tyner von der CPUSA. Um Andersons vielfältiges Wirken (und ihre Wirkung) als Vermittlerin zwischen amerikanischer und ostdeutscher Kultur einer heterogenen Leserschaft nachvollziehbar vorzustellen, gliedert sich der Band in zwei Teile. In der Einführung

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und Orientierung werden wesentliche biografische Angaben und die Rahmenbedingungen von Andersons Wirken mit dem Schwerpunkt der gängigen Amerikabilder und ihrer Quellen in der DDR präsentiert. Der zweite Teil trennt Andersons Schaffen in separate Tätigkeitsfelder und analysiert, welche Beiträge Anderson als Freundin, als Übersetzerin, als Journalistin, als Feministin und als Autorin zum transatlantischen Austausch leistete. Diese künstliche Trennung von Rollen, die häufig ineinander übergingen, ermöglichte am besten, Andersons komplexes Wirken umfassend darzustellen. Das erste Kapitel des zweiten Teils präsentiert Anderson als Managerin und Freundin im transatlantischen Kontext. Ihre Hilfe für Projekte anderer Amerikaner/innen wurde bisher nie thematisiert, obwohl sie einen großen Teil von Andersons Arbeitskraft in Anspruch nahm und nicht unwesentlich zur Vermittlung amerikanischer Kultur in der DDR beitrug. Wie dies ganz konkret aussah, zeigt die Untersuchung an Andersons Beziehungen zu dem kanadischen Folksänger Perry Friedman, den amerikanischen Autor/-innen Victor Jeremy Jerome, Katya und Bert Gilden sowie Yuri Suhl und zu dem Komponisten Earl Robinson. Die größten Leistungen auf diesem Gebiet vollbrachte Anderson in den 1960er Jahren. Als Managerin und Freundin agierte sie aber auch in den 1980er Jahren, als amerikanische Forscherinnen Anderson als Informationsquelle entdeckten. Im zweiten Teil des Kapitels wird dargestellt, wie diese Beziehungen verliefen, welchen Beitrag Anderson zum DDRBild der Amerikaner/-innen leistete und auf welche Weise sie selbst von diesen Freundschaften profitierte. Kulturtransfer im engsten Sinne betrieb Anderson mit ihren Übersetzungen. Das Kapitel zu Anderson als Übersetzerin stellt ihre Übertragungen literarischer Texte von Bertolt Brecht, Bruno Apitz, Lorraine Hansberry und Jimmie Durham vor. Die Untersuchung fragt nach Andersons Motiven und Anschauungen, aber auch nach der Bedeutung ihrer Tätigkeit im kulturpolitischen Kontext des Kalten Krieges. Ein weiteres Wirkungsfeld war der Journalismus. Ende der 1950er Jahre begann Anderson als Berlin-Korrespondentin für das linke Kulturmagazin Masses and Mainstream1 zu schreiben. Später berichtete sie regelmäßig im New York National Guardian über politische und kulturelle Ereignisse in West- und Ostdeutschland. Meine Analyse ihrer Beiträge zeigt einerseits die Bandbreite ihrer Leistungen und andererseits die Komplexität ihres Wirkens zwischen den Systemen. Andersons letzter Essay »Town Mice and Country Mice. The East German Revolution« (1990) gibt Aufschluss über die Ansichten der (ehemaligen) Kommunistin zur politischen Wende in der DDR. Im geringeren Maß als in den linken amerikanischen Zeitschriften publizierte Anderson in der DDR-Presse. An Beispielen wird gezeigt, welche Themen und Amerikabilder sie hier vermittelte und auf welche Weise ihr das gelang. Ein separates Kapitel zu Anderson als Feministin entspricht der zentralen Rolle, die das Thema der Geschlechterbeziehungen in ihrem Leben und Werk einnahm.

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Hier wird der Versuch unternommen, ihre teilweise radikalen Auffassungen aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Texten und Aktivitäten zu systematisieren. Herausragend auf diesem Gebiet ist ihre Anthologie Blitz aus heiterm Himmel (1975), in der sie Erzählungen verschiedener DDR-Autor/-innen veröffentlichte, die den Tausch der Geschlechter thematisierten. Um die außerordentliche Bedeutung des Projektes zu vermitteln, wird nach einer Darstellung des gesellschaftlichen Kontextes und der schwierigen Veröffentlichungsgeschichte eine Textanalyse insbesondere von Andersons Erzählung unternommen und anschließend die Rezeption der Anthologie in der DDR, der BRD und in den USA erschlossen. Gerade durch die internationale Dimension gestattet diese Fallstudie nicht nur interessante Einblicke in die Sozialgeschichte der DDR, sondern gibt ebenso Aufschluss über den Stand der Gender-Debatten in Ost und West. Gleichzeitig leistet diese detaillierte Aufarbeitung des Projektes einen Beitrag zur differenzierten Betrachtung des ost- und westdeutschen Verlagswesens. Immer wieder hat Anderson gerade durch ihre Außenseiterperspektive Impulse für die Diskussion von Geschlechterfragen geben können. Stellvertretend dafür werden ihr Theaterstück Wo ist Katalin? (aus dem Jahr 1979)2, ihr Engagement für eine Frauengruppe im Schriftstellerverband sowie ihr Essay zu feministischen Utopien amerikanischer Autorinnen vorgestellt. Trotz ihrer zahlreichen anderen Tätigkeitsfelder hat sich Anderson in erster Linie als Schriftstellerin verstanden. Das letzte Kapitel dieser Arbeit widmet sich daher ihren Rundfunkarbeiten und Prosawerken. Aufgrund der Materialfülle konzentriert sich die vorliegende Untersuchung auf diese Werke und klammert die Untersuchung von Andersons Kinderbüchern aus. Die Rundfunkarbeiten umfassen einige Sketche sowie vier Hörspiele, von denen zwei näher dargestellt werden. Die Untersuchung zeigt einerseits Andersons Verhältnis zu den ›progressiven‹ Kräften der USA, insbesondere den Afroamerikaner/-innen, und andererseits erklärt sie, wie sich ihre Arbeiten ins offizielle Bild vom linken Amerika in der DDR einfügten. Zu Andersons Prosawerken gehören der erste Roman Gelbes Licht (1956a), der die Situation der amerikanischen Eisenbahnerinnen in den 1940er Jahren thematisiert, Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten (1972), welches ihre Erfahrungen in New York 1967/68 reflektiert und mit dem Anderson in der DDR berühmt wurde, sowie Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin (1999), ihr abschließendes Hauptwerk. Die ausführliche Analyse des Amerika-Buches ist in der Schlüsselstellung begründet, die dieses Werk in Andersons Leben einnahm, sowie dem Einfluss, den die Auseinandersetzung um eine zweite Auflage auf ihr Selbstverständnis als Vermittlerin zwischen den USA und der DDR hatte. Alle Werke weisen autobiografische Bezüge auf, und die Untersuchung geht der Frage nach, wie Anderson die Erfahrungen und Konflikte der Wirklichkeit in ihren Werken aufgegriffen, interpretiert und bearbeitet hat. Für diesen Prozess war der Kontext der Veröffentlichung natürlich von großer Bedeutung und

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dementsprechend ausführlich wird er hier dargestellt. Diese Kontextualisierung gestattet eine Einschätzung der Spezifik von Andersons Beiträgen zu den Amerikabildern in der DDR und den kulturpolitischen Diskursen. In diesem Sinne ist Love in Exile besonders interessant, da Anderson dieses Buch nach Beendigung des Kalten Krieges, also unter stark veränderten Rahmenbedingungen, veröffentlichte. Die Untersuchung zeigt, in welchem Verhältnis dieser Text zu ihren früheren Veröffentlichungen und Ansichten steht und vor allem, wie die Spezifik ihrer Perspektive sich von vielen anderen autobiografischen Schriften zur DDR unterscheidet und wieder zur Vermittlung zwischen Ost und West beiträgt. Die Arbeit verbindet literaturwissenschaftliches ›close reading‹ mit der kulturwissenschaftlichen Analyse der sozialen und politischen Funktion der Texte in den jeweiligen Kontexten. Damit befindet sich die Untersuchung am Schnittpunkt zwischen Amerikanistik, Germanistik und der Geschichtswissenschaft. Diese Form der Leseprozesse verbunden mit dem Fokus auf das Lebenswerk Andersons und ihrer ungewöhnlichen Position als amerikanische Jüdin in Ostberlin gestattet neue Einsichten in den transatlantischen Kulturaustausch, die amerikanischen Linken, die Exilforschung sowie den DDR-Kulturbetrieb und trägt zu einer Präzisierung der Kalten-Kriegs-Forschung bei.

Orientierung

Biografischer Überblick

K INDHEIT

UND

J UGEND

Edith Handelsman, die sich als junge Frau den Namen Anderson gab, wurde am 30. November 1915 in New York City geboren. Als Tochter einer jüdischen Lehrerfamilie wuchs sie gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder John Bernard Handelsman (1922–2007) in der New Yorker East Bronx auf. Andersons späteres Faible für Ungarn scheint in der Erfahrung mit ihren Großeltern begründet zu sein. Der Großvater Bernath Handelsman arbeitete als Buchbinder und stammte wie seine Frau Rose aus Ungarn. An Grandma Rose Handelsman erinnerte sich Anderson: »She was a small, white haired woman whose face was a mass of wrinkles, but she always ran rather than walked. She had a chronic terrible cough. She lived in Harlem, near Lennox Ave and her many children and grandchildren visited her on Sundays – not everyone every Sunday, but there was always a mob. The entertainment consisted of cookies and fruit, which she urged especially on the children.«1

Während im Haus der Großeltern Handelsman vorwiegend Ungarisch gesprochen wurde, sprachen Andersons Großeltern mütterlicherseits, die ebenfalls aus Österreich-Ungarn kamen, Deutsch. Da die Großeltern in der nahe gelegenen Hoe Avenue wohnten, hatte Anderson häufig Kontakt mit Großmutter Birnbaum und Großvater Birnbaum, einem Talmud-Gelehrten: »Grandma Birnbaum was dignified and majestic, but she did not know it. She was stern to the children for fear of what would happen to them in the jungle beyond our gate. She would lie to drive us into the house: ›mother is calling you!‹ It was one of the few things she could say in English: She had a broad, strong face, beautiful eyebrows and an expression of deep composure. I used to be disappointed by her Friday night dinners. She boiled everything. The liquid was then the soup, and naked vegetables and potatoes with no sauce or noticeable seasoning appeared on the dinner plate with the tasteless chicken. Dessert was ›Kuchen‹ she had baked and was quite good. Every Yom Kippur she came upstairs and apologized to each of us for the wrongs she had done to us during the preceding year. She cried, as if she had really wronged us, but we could not imagine how.

24 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH ANDERSON Grandpa Birnbaum was a sweet gentle man, always praying. (So was Grandma always praying.)«2

Andersons Eltern Max Handelsman und Teenie Birnbaum wurden beide 1885 in New York geboren. Als Nachkommen von Immigranten in zweiter Generation identifizierten sie sich im stärkeren Maße als ihre Eltern mit der amerikanischen Kultur. Ediths Vater etwa verabscheute, dass die Verwandten in seinem Elternhaus immer noch Ungarisch anstatt Englisch sprachen, und seine Berufswahl als Englischlehrer belegt seinen starken Willen zur Integration in die amerikanische Kultur und Gesellschaft. Ediths Mutter war ebenfalls ausgebildete Lehrerin und unterrichtete vor ihrer Ehe Mathematik. Die im Nachlass erhaltenen Briefe der Mutter vermitteln einen Einblick in die Familienstimmung und den Humor, den sowohl Edith als auch ihr Bruder Bud erbten und der Buds Karriere als Karikaturist beeinflusst haben mag. Zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise schrieb die Mutter etwa an ihre Tochter: »These stamps I am enclosing are not to be used (recklessly) for other correspondence – they are for home consumption only. […] Family first is my motto. If I hear of any of your friends getting letters with George Washington’s imprint in the upper right hand corner of the envelopes, I shall know you have been robbing me. I will allow you one stamp so you can write to Mrs. LaFollette, telling her to go to hell.«3

Die Skurrilität findet sich ebenfalls in der aus über fünfhundert Briefen bestehenden Korrespondenz zwischen Anderson und ihrem Bruder, die schon allein wegen ihres Witzes einen Höhepunkt des Nachlasses bilden. Anderson und ihr sechs Jahre jüngerer Bruder ähnelten sich in ihrem Humor, Ansichten, Interessen und Aussehen, und mit ihm verband sie die engste und längste Beziehung ihres Lebens. In seiner Grabrede erinnerte Bud Handelsman an den Spaß, den er schon als Kind mit seiner Schwester hatte: »There were shared childhood memories, code words that only we understood, funny songs we had composed as children. One day long ago, out of the blue, Edith – who may have been 18 – suddenly sang: ›I’m a baboon, I’m a baboon, I’m a pink one, I’m a blue one, I’m a yellow baboon!‹ I laughed with surprise and delight. She also liked to say ›gleeps‹, an interjection denoting momentary dismay, which came from a long-defunct comic strip.«4

Anderson besuchte die James Monroe Highschool, an der auch ihr Vater unterrichtete. Dort lernte sie Naomi Replansky und Helen (Cole) Yglesias kennen, mit denen sie eine lebenslange Freundschaft verband. Die spätere Lyrikerin und Brecht-Übersetzerin Replansky erinnerte sich an eine ihrer ersten Begegnungen mit Edith: »I was thirteen years old, sitting on a wall in front of the school and smoking a cigarette. I considered myself as very cool. Then sixteen year old Edith came by, saw me and said: ›You smoke like an amateur.‹«5 Während Andersons Bewunderung für

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Naomi Replansky erst mit den Jahren wuchs, hegte sie schon in der Schulzeit großen Respekt für Helen Yglesias, die sie als Preisträgerin einiger Schreibwettbewerbe der Schule kennengelernt hatte. Die spätere Herausgeberin von The Nation und Autorin wurde zur engen Freundin, der Anderson ihre unkonventionellen Ansichten zur Welt und ihre verschiedenen Erfahrungen mit Männern anvertraute.

AUSBILDUNG UND AUSRICHTUNG Mit dem Ziel, später als Lehrerin zu arbeiten, studierte Anderson von 1933 bis 1937 am New College der Columbia University. Das New College war erst 1932 von dem Bildungsforscher Thomas Alexander gegründet worden. Im Unterschied zu der regulären Ausbildung am Columbia Teacher’s College verstand Alexander die Veränderung der Gesellschaft als Aufgabe der zukünftigen Lehrkräfte. Die verpflichtenden Aufenthalte in der Produktion bzw. im Dienstleistungssektor sowie im Ausland befähigten die Studierenden zum Perspektivenwechsel und galten als wichtige Vorbereitung für die Arbeit mit Kindern aus verschiedenen sozialen Gruppen und ihren Eltern. Eine Farm in North Carolina diente der New College Community als Übungsort für neue Formen des sozialen Zusammenlebens. In Andersons Nachlass befinden sich nur wenige Dokumente aus dieser Zeit. Einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt verbrachte sie in England und ihre ersten Kurzgeschichten und Gedichte unter dem Namen Handelsman erschienen 1933 in Point of View, dem Magazin des Writer’s Club der Schule. Nach Aussagen ihrer Tochter hat Anderson das Studium nicht vollständig abgeschlossen. Trotzdem prägten die Ausbildung und die Werte des New College etwa das Bemühen um eine gerechtere Gesellschaftsordnung, Unkonventionalität und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsels Andersons weiteres Leben. Im Mai 1937 beendete Edith Anderson ihr Studium und begann mit verschiedenen Bürojobs ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die gelegentlichen Tagebucheinträge geben einen Einblick in die Gedankenwelt der jungen Edith Anderson und ihrer Versuche, sich zu den Themen Politik, Geschlechterbeziehungen oder etwa dem Sinn des Lebens eine Position zu erarbeiten. Die Reflexion einer Straßenszene im Februar 1937 zeigt eindrücklich, was die New Yorkerin in jener Zeit bewegte: »23. Feb 1937 Today, I gave a sobbing Irish woman a quarter. She had the grippe, perhaps even Pneumonia. Her handkerchief was soaked with her cold and with tears. I gave her a clean handkerchief. She thanked me in the name of Jesus Christ and the Saints and her dead husband – and forgave me for being a Jewess. Afterwards I thought: ›Why didn’t I give her money, handkerchief, and advice in the name of the Communist Party?‹ But I know why. It was because I didn’t give it with the Communist Party in mind. I just gave it, and

26 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH ANDERSON I was sorry I could not give more, and so I ran away crying and my hat blew off in the street. I had to go and get it while a college boy passing by starred at me.«6

Wie Anderson auch in ihren späteren Memoiren Love in Exile schreibt, waren es die Armut, Obdachlosigkeit und der Hunger ihrer Landsleute, die sie tief berührten und veranlassten, nach alternativen Gesellschaftsmodellen mit einer faireren Verteilung des Wohlstandes zu suchen. Das New York der 1930er Jahre bot zahlreiche Möglichkeiten, sich linken Gruppierungen anzuschließen. Dazu gehörten etwa die Kommunisten, die Sozialisten, die Socialist Workers Party, die Lovestonites Gruppe des ehemaligen CPUSA-Generalsekretärs Jay Lovestone, die Trotzkisten oder die Anarchisten. Anderson hatte einige Vertreter dieser Gruppierungen kennengelernt, etwa Max Eastman, Autor und ehemaliger Redakteur des linken Magazins The Masses, der mit Trotzki befreundet war. Die Irritationen, die Anderson durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen linken Ansichten in den 1930er Jahren erfuhr, belegt ihr Tagebucheintrag nach einem Besuch bei Max Eastman und seiner russischen Frau Ilyena: »These two human beings declared that Bolshevism had been betrayed by the Stalinists – that Russia is a horrible tyrannical prison – that the trials were a frame-up. They could prove it. Ilyena knew the men personally. […] And many other fine people call Eastman the enemy of the working class, a Trotskyist; and declare that Russia has socialism, that it is a happy country, that we all should become communists. They have pamphlets, facts, proofs, arguments. I am not antiintellectual. I am just weary because I feel like a handball being smacked up against a wall by anyone, who can get a smack at me, whenever I try to find out ›the real facts‹. I’d like to believe that doubtful people are good for the whole, but I don’t believe it. I desire very much to know where I stand but it’s like being forced to choose a husband from a group of well-dressed strangers, and choose before the count of ten.«7

Trotz ihrer Verunsicherung durch die vielen Grabenkämpfe zwischen den linken Gruppierungen, identifiziert sich Anderson mit der kommunistischen Partei, der sie 1938 beitrat. Für ihr Verhältnis zur Partei steht prototypisch der bereits erwähnte Tagebucheintrag über die Begegnung mit der irischen Bettlerin: »[…] I didn’t give it with the Communist Party in mind. I just gave it.« Die kommunistische Partei beherrschte nie ihr Denken, Anderson hat immer nach ihren eigenen Anschauungen geurteilt, aber der Kommunismus bot Ideen und Antworten, die sie faszinierten. Die im Jahr 1919 gegründete CPUSA hatte sich bei den Wahlen 1936 als stärkste Partei im linken Spektrum etabliert. In seiner Schrift Which Side Were You On? The American Communist Party during the Second World War (1982) führt der Historiker Maurice Isserman diesen Aufschwung auf eine Reihe von Gründen zurück. So etwa wuchs die Popularität der Sowjetunion, weil deren Planwirtschaft scheinbar solche Wirtschaftskrisen verhinderte, wie die amerikanische Bevölkerung sie gerade erlebte und weil sich das Land gegen den Faschismus positionierte. Die

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Zusammenarbeit der CPUSA mit verschiedenen Partnern wie etwa Roosevelt oder den Sozialisten steigerte ebenso den Status und den Einfluss der Partei. Außerdem hatten die Kommunisten Mitte der 1930er Jahre führende Positionen bei den Industriegewerkschaften inne. Gezielt unterbreitete die Partei auch Angebote für Schriftsteller/-innen, Künstler/-innen und Intellektuelle, etwa durch die League of American Writers. Bekannte Autoren wie John Dos Passos oder Theodore Dreiser sprachen sich für die CPUSA aus, weil sie als einzige in der Lage wäre, das System nachhaltig zu verändern. Wie Isserman hervorhebt, war die CPUSA nicht nur ein Zentrum für Intellektuelle, sondern gleichzeitig ein Sammelpunkt für die Nachkommen jüdischer Einwanderer, die in den 1930er und 1940er Jahren die Hälfte aller Mitglieder ausmachten (vgl. ebd.: 10). Wenngleich ihre Identität als Jüdin in jener Zeit vor allem durch den Antisemitismus geprägt wurde, den sie in New York zu spüren bekam (»She thanked me in the name of Jesus Christ and the Saints and her dead husband – and forgave me for being a Jewess.«), so wird die Tatsache, dass viele ihrer jüdischen Freund/-innen, Partner und Bekannten mit der kommunistischen Partei sympathisierten oder schon Mitglieder waren, dazu beigetragen haben, dass auch Anderson sich für diese Partei entschied. Neben der Suche nach ihrer politischen Identität reflektierte Anderson in den 1930er Jahren auch ihre Sexualität. Im Frühjahr 1938 – vorübergehend ohne Partner – sinnierte sie in ihrem Tagebuch nicht ohne Selbstironie: »The manlessness of my present existence has proved – as I hoped it would – to be a peaceful and restoring circumstance. Things other than man have provided fun – and even romance. This is a historic declaration, for me.«8 Zu den Dingen, die ihr Freude bereiteten, gehörten Marionetten, die sie teilweise selber baute und mit Freund/-innen wie der in New York ansässigen australischen Schriftstellerin Christina Stead austauschte und bespielte. Anderson wäre gern professionelle Puppenspielerin geworden, doch die New Yorker Puppenspielmeister Tony Sarg und Bil Baird hatten ihre Bewerbung um eine Ausbildung beide abgelehnt. Über die Vorzüge des Single-Seins schrieb Anderson noch im März 1938: »Old maidenhood doesn’t always involve a cat, a ball of wool, and a narrow window facing a dismal court. It may mean independence, inviolable self-respect, a special rare kind of firm forthright beauty. It cannot help but mean utter freedom of choice in friends, moving about, ways of daily life.«9 Eine Hochzeit um jeden Preis kam für die Dreiundzwanzigjährige nicht in Frage, dafür wusste sie schon zu viel über sich und ihre Ansprüche. Der folgende Tagebuchauszug belegt die feministische Grundhaltung, die Anderson ihr Leben lang behielt: »I found out that I don’t bend easily; I break. Or since I do seem to recover, maybe I do bend but in great pain. A marriage that would bend me just couldn’t work. Cooperation

28 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH ANDERSON should be the thing in marriage and of course the goals must be identical. Any marriage at all, some women believe, is better than no marriage. I see why they believe so, but I’ve passed through experiences which have dulled my enthusiasm for romantic brutality, 10 quarrels, jealousy, and the rest. So I think otherwise.«

Im Jahr darauf, 1939, heiratete Anderson den CPUSA-Funktionär Victor Teich, einen ehemaligen Schulkameraden. Die Ehe scheiterte nach kurzer Zeit nicht zuletzt wegen Andersons Ansprüchen an eine gleichberechtigte Partnerschaft und ihres Unwillens, sich über ihr Dasein als Ehefrau zu definieren. Seit Mitte der 1930er Jahre hatte sich Anderson auf ganz verschiedenen Gebieten ausprobiert, Faszinationen entwickelt und dennoch nicht das gefunden, was sie voll und ganz erfüllte. Nach ihrer Ausbildung ging sie nicht als Lehrerin in die Schule, sondern begann sich für die Lektorentätigkeit zu interessieren. Sie versuchte, ihr Puppenspiel-Hobby zum Beruf zu machen, aber auch das funktionierte nicht. Nach den Kontakten mit verschiedenen linken Gruppen war sie von der Lehre des Kommunismus überzeugt, und wollte eine gute Kommunistin werden: »I wanted to master scientific Marxism-Leninism; become a fearless and dependable Party worker; and apply the theories of Communism to my own life as far as possible. But that was not quite right either. It was all right, but incomplete.«11 Der Marxismus vermittelte ihr Einsichten in die Gesellschaft, aber er lehrte sie wenig über die Menschen und sich selbst. Doch genau das schien Anderson am dringendsten zu interessieren, hier vermutete sie ihre Aufgabe, ihren Sinn: »I want to know what makes us tick. I want to know how everyone lives and thinks. I want to read everything good that’s been written on the subject. I want to understand. More than anything else, I want to understand. And it’s people I want to understand more than anything in the world. I understand many things, of course, about people, but I want to know about how they have come to believe what they believe, how it is they have decided that monogamous marriage is a practical arrangement, what alternatives other people have worked out and why, and how they work – what other people think is beautiful and why. […] I want to know more about love, sex-love, and about the family relationships, which now seem to me (middle-class ones, at any rate, the only kind I know) so false and crappy.«12

Dieses Interesse an den menschlichen Beziehungen, das schonungslose Hinterfragen von Konventionen, welches nicht zuletzt durch das Scheitern ihrer ersten Ehe angeregt wurde, und das Umsetzen ihrer Erkenntnisse in eigene Texte motivierte Anderson bis zum Ende ihres Lebens. Durch Zufall erhielt sie 1942 das Angebot, vertretungsweise als Kulturredakteurin bei der kommunistischen Tageszeitung Daily Worker zu arbeiten. Geschmeichelt und überrascht von dieser Gelegenheit sagte sie zu und war bis zur Rückkehr einer Kollegin im Jahr 1943 für die Kulturseite der Zeitung zuständig. Anderson hat

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es nie ganz verwunden, dass sie nicht in die Redaktion übernommen wurde. Dennoch war diese Zeit sehr fruchtbar, da sie in ihrer Position zahlreiche Kontakte mit linken Intellektuellen und Künstler/-innen hatte, auf die sie später zurückgreifen konnte. Um der Erfahrungswelt der Arbeiter/-innen näher zu sein, entschieden sich in den 1930er/1940er Jahren viele junge intellektuelle Kommunist/-innen für eine Tätigkeit in der Industrie. Anderson unternahm nach der Kündigung ihrer Stelle als Redakteurin einen ähnlichen Schritt und arbeitete von 1943 bis 1947 bei der Eisenbahn. Mit großem Engagement brachte sie sich dort in die Gewerkschaft ein, wobei ihr die Situation der Frauen in traditionellen Männerberufen besonders wichtig war. Während dieser Zeit als Eisenbahnerin reifte ihre von Beginn an nicht ganz einfache Beziehung mit dem fünfzehn Jahre älteren Max Schroeder. Der deutsche Kunsthistoriker, der aus politischen Gründen vor den Nazis flüchten musste und lange Zeit in Frankreich im antifaschistischen Widerstand tätig war, wirkte nun als Redakteur des The German American, einer antifaschistischen Zeitung in deutscher Sprache, in New York. Die Anstrengungen und Niederlagen seines Lebensweges versuchte Schroeder immer wieder mit Alkohol erträglich zu machen. Er genoss nicht nur in Exilkreisen hohes Ansehen, auch Ediths amerikanische Freundinnen oder seine ehemaligen Mitarbeiter, die ich fünfzig Jahre nach seinem Tod befragte, zeigten sich immer noch beeindruckt von ihm als Menschen und Intellektuellen. In ihrer Beziehung ergänzten sich der gebildete Deutsche und die junge Amerikanerin einerseits prächtig: Anderson vermittelte ihrem zukünftigen Ehemann ein umfassenderes Verständnis der amerikanischen Kultur und im Gegenzug lernte sie viele deutschsprachige Intellektuelle und Künstler/-innen im Exil kennen. Andererseits sorgten der Altersunterschied, die unterschiedliche Sozialisation, auseinandergehende Interessen sowie Andersons Affären und Schroeders Alkoholproblem für eine problematische Beziehung. Das Paar heiratete 1944, war aber im November 1946 bereits getrennt, als Schroeder nach Berlin zurückkehrte, um dort als Cheflektor des Aufbau-Verlages tätig zu werden. Neun Monate später, nachdem sie als Frau bei der Eisenbahn nach Kriegsende keine Chancen mehr hatte und von der Sehnsucht nach Schroeder getrieben wurde, machte Anderson sich auf die Reise nach Berlin. Dies war in vielerlei Hinsicht keine einfache Entscheidung. Immerhin begab sich Anderson als Jüdin nach Deutschland, wo gerade Millionen Jüdinnen und Juden vernichtet worden waren. Ihre Eltern waren gegen diese Reise, wohl auch weil sie ahnten, dass der geografische und ideologische Abstand zwischen Ostberlin und New York ein Wiedersehen extrem erschweren würde. Andersons linke Freund/innen hingegen betrachteten ihre Entscheidung mit Bewunderung, denn sie würde sich nun direkt in den Aufbau einer antifaschistischen deutschen Gesellschaft einbringen können.

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Aufgrund von Einreisebestimmungen reiste Anderson im August 1947 zunächst nach Paris, wo sie unter anderem Freundschaft mit dem dort lebenden afroamerikanischen Schriftsteller Richard Wright schloss. Nachdem sie schließlich ihr Visum für Berlin erhalten hatte, traf sie am 25. Dezember 1947 bei Max Schroeder in Berlin ein.

F RÜHE J AHRE

IN

B ERLIN 1948–1958

In ihren 1999 veröffentlichten Memoiren Love in Exile berichtet Anderson über ihre ersten zwölf Jahre in Berlin an der Seite Max Schroeders. Schroeder, der an Andersons Talent als Schriftstellerin glaubte, hatte ihr angeboten, in Deutschland für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, damit sie sich ganz auf das Schreiben konzentrieren könne. Doch zunächst erfüllte sich ein anderer langgehegter Wunsch Andersons, denn im November 1948 gebar sie ihre Tochter Cornelia. Love in Exile vermittelt eindrucksvoll, welche Freude und Kraft Anderson aus dem Dasein ihrer Tochter in dieser schweren Zeit zog. Problematisch waren nicht nur die Lebensbedingungen der Nachkriegszeit, sondern auch ihre Ehe. Es fiel Anderson überaus schwer, im postnationalsozialistischen Deutschland vertrauensvolle Beziehungen mit Menschen einzugehen und damit wuchsen die Erwartungen an Schroeder als Tröster, Partner, Freund und Verbindungsglied zur Welt. Schroeder konnte diese Rollen nicht ausfüllen. Aufgrund seiner gleichzeitigen Tätigkeiten als Cheflektor beim Aufbau-Verlag, als Theaterkritiker und als Chefredakteur der Zeitschrift Aufbau war er extrem beansprucht und dementsprechend hatte er kaum Zeit für Frau und Familie. Weiter getrübt wurde das Verhältnis der Eheleute, als Schroeder wieder zu trinken begann. Mit Unterstützung einer Haushalthilfe versuchte Anderson, Kinderbetreuung, Haushalt und ihr Schreiben unter einen Hut zu bringen. Eine ihrer ersten Kurzgeschichten mit dem Titel »Loretta« (1949) handelt vom Antisemitismus, den eine junge Jüdin in New York erfährt, und den daraus erwachsenden Identitätsproblemen. Max Schroeder übertrug diese Erzählung ins Deutsche; sie erschien in Ost und West, einer Zeitschrift, die mit Texten von ›fortschrittlichen‹ Autor/-innen aus Ost und West zur Entwicklung eines vereinigten antifaschistischen Deutschlands beitragen wollte. Im Grunde verwies schon diese erste publizierte Kurzgeschichte auf die Themen, die Anderson immer wieder beschäftigten. Loretta wird aufgrund ihres Äußeren nicht als Jüdin identifiziert und deswegen wird sie Zeugin des unverhohlenen Antisemitismus ihrer Mitmenschen. In diesem Stoff sind die Insider/OutsiderThematik bzw. die Problematik des teilnehmenden Beobachters angelegt, die Anderson in ihren späteren Werken weiter bearbeitete, so etwa in ihrem Amerika-Buch

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Der Beobachter sieht nichts (1972) oder der Anthologie zum Geschlechtertausch Blitz aus heiterm Himmel (1975). Der Kontext ihrer Veröffentlichungen spielt immer wieder eine wesentliche Rolle; hier etwa wird Andersons Geschichte über den Antisemitismus der New Yorker/-innen in einer deutschen Zeitschrift veröffentlicht, die sich dem Antifaschismus verschrieben hat. Die Distanz des Settings von »Loretta« erspart den deutschen Leser/-innen ausdrückliche Vorwürfe bezüglich ihres Umganges mit Jüdinnen und Juden, regt aber dennoch zur Reflexion der eigenen Haltung an. Neben den Kurzgeschichten schrieb Anderson Gutachten für den AufbauVerlag und nahm die Arbeit an einem alten Projekt wieder auf, in dem sie ihre Erfahrungen bei der Pennsylvania Railroad bearbeitete. Dieser Roman über die Situation von amerikanischen Frauen in Männerberufen während des Zweiten Weltkrieges und ihre Einbindung in die Gewerkschaften erschien unter dem Titel Gelbes Licht (1956a) im Aufbau-Verlag. Im Jahr 1951 zog Anderson mit ihrer Familie von Westberlin in die speziell für die Mitglieder der DDR-Intelligenz erbaute Siedlung im Ostberliner Grünau. Durch Max Schroeders Tätigkeiten im Exil und seiner Stellung in der DDR-Kulturelite hatte Anderson schon zahlreiche bedeutende Künstler/-innen und Kulturschaffende wie etwa Bertolt Brecht oder die Brüder Gerhart und Hanns Eisler kennengelernt. Hier in der Siedlung fand sie Freunde in Florence und Georg Knepler. Der österreichische Musikwissenschaftler Georg Knepler war mit seiner englischen Frau aus dem Exil in die DDR gekommen und gründete in Berlin die Hochschule für Musik. Bekannt wurde Anderson in der Siedlung auch mit den Heyms. Der mit seinem Roman The Crusaders (1948) in Amerika erfolgreiche Schriftsteller Stefan Heym war 1953 mit seiner amerikanischen Partnerin Gertrude Gelbin aus den USA in die DDR gekommen. Gertrude wurde bald Leiterin des englischsprachigen DDR-Verlages Seven Seas Publishers, der zwar nicht Andersons eigene Schriften, aber ihre Übersetzung von Bruno Apitz’ Buchenwald-Roman Nackt unter Wölfen (1958) unter dem Titel Naked among Wolves (1960) publizierte. Wie die Zusammensetzung der Nachbarschaft zeigt, war Anderson nicht die einzige Frau, die ihren Partner während seines Exils kennengelernt hatte und ihm nach Ostberlin gefolgt war. Zu dieser Gruppe gehörte auch die New Yorkerin Alma Uhse, die nach ihrer Trennung von dem Schriftsteller James Agee mit ihrem Sohn Joel nach Mexico gegangen war, dort den deutschen Exilanten Bodo Uhse geehelicht hatte und mit ihm und den nunmehr zwei Söhnen 1948 in die sowjetische Besatzungszone Berlins kam. Wenngleich Anderson in den 1950er Jahren keine enge Freundschaft mit Alma pflegte, so änderte sich das nach Max Schroeders Tod (1958) und Almas Rückkehr in die USA 1960. Um ihr Haushaltsgeld aufzubessern, nahm Anderson 1951 eine Stelle als Übersetzerin bei der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) an, die seit diesem Jahr ihren Sitz in Ostberlin hatte. Hier kam sie in Kontakt mit anderen

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anglophonen Expatriates und beruflich bedingte Reisen führten sie nach Rumänien und China. Trotz dieser Erweiterung ihres Wirkungskreises ging es Anderson in den frühen 1950er Jahren nicht gut. Das Heimweh quälte sie, die Beziehung mit Schroeder entsprach nicht ihren Vorstellungen von einer Partnerschaft, der Alltag zwischen Job, Haushalt und eigenem Schreiben stresste sie. Im Sommer 1953 erlitt Anderson einen ersten Nervenzusammenbruch und während des sechswöchigen Krankenhausaufenthaltes in Berlin-Buch machte sie sich bewusst, welche Anstrengung ihr doch das Leben in der DDR bereitete: »August 17, 1953 When I left New York for Germany I felt on the whole cheerful – because I felt optimistically that it was one world, that Germany was really very near home and that the separation was purely technical and financial matter. […] I did not anticipate that it would be the political situation that would cut me off from America, that if I went home I would be unable to leave again, my passport would be confiscated and for all I know I might go to jail or some framed-up charge. When I had realized this I began to feel as if I were in a concentration camp of a kind, here cut off, semi-paralyzed. There are people who can adopt the land they live in as their own, but I could not do that even in the Soviet Union, let alone in a terrible country like poor Germany. I have told myself it was my duty; certainly I owe the country something that cares for my welfare. But I think real love of a country excludes the possibility of loving another. [...] One may be very fond of another country, but it is not home – it is not one’s self. And I am not even fond of Germany. Only God could be – Jesus Christ in his infinite mercy and understanding.«13

Zu dieser Zeit sah Anderson keinen anderen Ausweg, als in der DDR bei Schroeder zu bleiben. Mit gelegentlichen Affären versuchte sie, sich die Situation zu erleichtern. Erfüllung fand sie aber vor allem in der Arbeit an ihrem Roman und die zahlreichen brieflichen Kontakte mit ihren früheren Freund/-innen boten ihr Raum zur Reflexion und eine Verbindung zur Heimat. Das Jahr 1956 war recht ereignisreich für Anderson; ihr Roman wurde gedruckt und infolgedessen wurde sie in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen. Sie kündigte beim IDFF, nahm vorübergehend eine Arbeit bei ADN, der Nachrichten- und Bildagentur der DDR, auf und arbeitete vorwiegend freiberuflich als Übersetzerin und Journalistin. Der Redakteur der linken amerikanischen Zeitschrift Mainstream äußerte Interesse an regelmäßigen Beiträgen Andersons aus Deutschland. Anfang August erkrankte Max Schroeder schwer und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zwei Monate später brach auch Anderson, ähnlich wie schon 1953, zusammen und wurde in Buch behandelt. Die Zeit der Erkrankung und Ruhe beider Eheleute führte zu einer positiven Wende ihrer Beziehung, resümiert Anderson in ihren Erinnerungen. Im Frühjahr 1957 wurde Schroeder nach Hause entlassen und Anderson beschreibt den darauffolgenden Sommer als einen glücklichen für die Familie. Am 14. Januar 1958 starb

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Max Schroeder und mit seinem Tod war Anderson noch einmal gezwungen, ihre ganze Lebenssituation zwischen Amerika und der DDR zu überdenken.

S ESSHAFT

IN

B ERLIN ? 1959–1968

Obwohl Anderson durch Max Schroeder viele Künstler/-innen und Intellektuelle kennengelernt hatte, unterhielt sie nur in Ausnahmefällen eine direkte und von Max unabhängige Beziehung zu ihnen. Andersons Verhältnis zu ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt änderte sich jedoch mit dem Ableben von Schroeder. So kamen Bekannte wie Gertrude Heym oder Alma Uhse nun direkt auf sie zu und boten ihre Hilfe an, etwa für den Umzug in die Stalinallee. Gleichzeitig entschied sich Anderson noch einmal bewusst dafür, mit ihrer Tochter in der DDR zu leben. Zu diesem Entschluss trug ein Besuch der alten Heimat maßgeblich bei. Nach zwölf Jahren Abwesenheit konnte Anderson im Frühjahr 1960 mit ihrer Tochter Cornelia endlich nach Amerika reisen. Ihre Mutter war 1959 verstorben, ohne dass Anderson sie noch einmal gesehen hatte, und erst mit Hilfe eines amerikanischen Anwalts erhielt Anderson einen neuen Pass, der ihr schließlich die Reise ermöglichte. Doch die Distanz zu ihrem Berliner Leben, die sie während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in New York erfuhr, brachte ihr keine Erleichterung. Das Heimweh der elfjährigen Tochter und die innere Bindung an die Ideale Schroeders, die Anderson vor allem nach dessen Tod realisierte, veranlassten sie, gegen den Wunsch ihres Vaters erneut nach Berlin zu reisen. Die folgenden Jahre gehörten zu den intensivsten ihres Lebens. Als Journalistin arbeitete sie für die linke Zeitschrift New York National Guardian und vermittelte in ihren Beiträgen vor allem eine kritische Perspektive auf die Entwicklungen in Westberlin und der BRD. Durch diese Tätigkeit und ihre früheren Kontakte zu amerikanischen Linken wurde sie zur Ansprechperson für viele Amerikaner/-innen, die Interesse an der DDR hatten. Sie half dem Komponisten und Dirigenten Earl Robinson, sein Gastspiel in Berlin zu organisieren, und sorgte für die Veröffentlichung von linken amerikanischen Autor/-innen in der DDR. Dazu nutzte sie alte Bekannte, die sie durch Schroeder kennengelernt hatte. Zunehmend konnte sie auch auf eigene Beziehungen und Freundschaften zurückgreifen. Vor allem half ihr jedoch die Kenntnis der Funktionsweise des Systems. Dieses Insiderwissen stellte sie auch ihrem Freund, dem kanadischen Folksänger Perry Friedman, zur Verfügung, der 1959 wegen eines Musikstudiums nach Ostberlin gekommen war und die Singebewegung der DDR nach Vorbildern der amerikanischen Folkmusik begründete. Bis zu seinem Tod im Jahr 1995 blieb der zwanzig Jahre jüngere Friedman Andersons engster Freund in Berlin. Amerikaner/-innen in der DDR waren in den 1960er Jahren nicht mehr nur jene, die wegen ihres Partners gekommen waren, sondern auch solche, die in den 1950er

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Jahren als Kommunist/-innen mit Verfolgung rechnen mussten, wie etwa Victor Grossman. Ollie Harrington, der bekannte afroamerikanische Karikaturist, fürchtete ebenfalls die Rückkehr in die USA. Er vermutete, dass die CIA am plötzlichen Tod seines Freundes Richard Wright in Paris beteiligt war. Die DDR bot ihm politische und soziale Sicherheit und zahlreiche Aufträge, so dass er sich auch künstlerisch weiterentwickeln konnte. Ähnlich ging es später dem Schauspieler und Sänger Dean Reed. In den 1960er/70er Jahren gehörten zur Gruppe der Amerikaner/-innen in der DDR auch jene, die wie George und Helga Lohr oder Margrit Pittman beruflich etwa als Korrespondent/-innen für die Daily World oder andere linke Institutionen in Berlin oder Osteuropa weilten. Entscheidend für die Länge ihres Aufenthaltes in der DDR war bei fast allen Amerikaner/-innen die Bindung an deutsche Partner/innen. Einigen, darunter Harrington, Grossman und Reed, gelang auch die Gründung einer Familie in der DDR, aber wenn die Beziehung wie im Falle der Uhses scheiterte, war die Rückkehr nach Amerika nicht mehr weit. Trotz ihrer Gemeinsamkeiten bildeten die Amerikaner/-innen im Osten keine eingeschworene Gruppe. Einerseits hinderte die immerwährende Furcht vor CIAAgent/-innen das vertrauensvolle Miteinander, andererseits unterschieden sie sich in ihrer Nähe und ihrem Umgang mit der CPUSA. Darüber hinaus verfolgten die Amerikaner/-innen in der DDR meist ähnliche berufliche Ziele, fast alle arbeiteten manchmal für Radio Berlin International oder ADN und wären gern als Korrespondenten für linke amerikanische Zeitschriften tätig gewesen, um ein paar Dollar zu verdienen. Anderson kannte die Kreise der Amerikaner/-innen in der DDR, aber eine enge Freundschaft unterhielt sie lediglich mit Perry Friedman und dem Ehepaar Mary-Lou und Leonard Goldstein. Die Innenarchitektin und der Anglist waren 1962 in die DDR gekommen, da Leonard Goldstein als Kommunist keine Professur in den USA bekommen konnte. In der DDR lehrte er an der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Trotz seiner Einsichten in die widersprüchliche Entwicklung der DDR hielt er an seinen Überzeugungen fest, da er im Kapitalismus keine Alternative sehen konnte. Im Grunde teilte Anderson seine Ansicht, ging aber mit ihrer Kritik am System offener um, was zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und Goldstein führte, aber der Freundschaft keinen Abbruch tat. Neben den Kinderbüchern Hunde, Kinder und Raketen (1958b), Großer Felix und kleiner Felix (1961a) und Der verlorene Schuh (1962a) schrieb Anderson in den frühen 1960er Jahren das Hörspiel Nicht weit von Birmingham (1965)14 über die Bürgerrechtsbewegung in den USA und arbeitete an der Herausgabe des Erzählbandes Leckerbissen für Dr. Faustus (1966a). In den 1960er Jahren verbrachte Anderson oft mehrere Wochen in Ungarn, dem Land ihrer Vorfahren. Die Ungarin Erzsi Székely hatte Anderson kurz nach Schroeders Tod in Berlin kennengelernt. Sie war mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller, Drehbuchautor und Oscar-Preisträger János Székely (Künstlername John Pen bzw. John S. Toldy) 1956 aus dem amerikanischen Exil in die DDR gekommen. János

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Székely starb im Jahr 1958 und so kehrte seine Witwe allein in die Heimat nach Budapest zurück, wo sie für den Corvina Verlag tätig wurde. Zu Székelys Bekannten gehörten Mitarbeiter/-innen der Zeitschrift New Hungarian Quarterly, wie die britische Journalistin Bertha Gaster oder das amerikanische Ehepaar Noel und Herta Field. Im Rahmen des Rajk-Schauprozesses hatte der ungarische Geheimdienst Noel Field im Sommer 1949 als angeblichen Superspion verschleppt und gefoltert und wenig später auch seine Frau Herta verhaftet. Beide saßen bis zu ihrer Rehabilitierung im Jahr 1954 in geheimer ungarischer Isolationshaft. Während ihrer Aufenthalte in Budapest freundete sich Anderson freundete sich mit ihnen und Bertha Gaster an und arbeitete im Sommer 1964 und 1965 als Urlaubsvertretung in der Redaktion des New Hungarian Quarterly. An den dargestellten Beispielen wird deutlich, wie sich Anderson stärker als in den 1950er Jahren in den ostdeutschen bzw. osteuropäischen Kontext integrierte und sich durch ihre Arbeit und ihre Freundschaften mit den in diesem Raum ansässigen Kosmopoliten die Wahlheimat zu eigen machte. Diverse Affären und Beziehungen brachten Anderson neue Einsichten bei der Analyse ihrer Bedürfnisse und in die Geschlechterbeziehungen. In der Wahl ihrer Freund/-innen und Liebhaber zeigte sich ebenfalls Andersons fortschreitende Integration. Waren es zunächst meist Männer wie etwa der kanadische Journalist Max Reich, die durch ihre Herkunft oder ihr Exil einen ähnlichen Horizont wie Anderson hatten, so konnte sie später auch Freundschaften und Beziehungen mit Deutschen pflegen. Durch einen gemeinsamen Bekannten lernte sie Mitte der 1960er Jahre etwa den Lektor Roland Links und seine Frau Christa kennen. Wie Links in einem Interview selber sagte, ist Andersons Erzählung »Dein für immer oder nie« (1975) ein Porträt ihrer Beziehung. Der fünfzehn Jahre jüngere Deutsche war für Anderson auf verschiedene Weise interessant. So unterstützte er etwa als Lektor behutsam ihren Schreibprozess und sorgte sich als Kommunist ähnlich wie Anderson um die Entwicklung des Sozialismus in der DDR. Wenngleich sich aus ihrem Verhältnis keine Partnerschaft entwickelte, erhielten sie sich doch den intellektuellen Austausch und die Briefe, die Anderson während ihres USA-Aufenthaltes vom August 1967 bis Juni 1968 an Links schrieb, wurden zur Grundlage ihres Amerikaberichtes Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten (1972). Im Mai 1967 war Anderson nach New York gereist, um die personellen und inhaltlichen Veränderungen beim New York National Guardian, für den sie als Berlin-Korrespondentin regelmäßig schrieb, besser beurteilen zu können. Infolge dieses Besuches entschied sich die inzwischen zweiundfünfzigjährige Anderson, wieder für längere Zeit in ihrer Heimat zu leben und dort zu arbeiten. Mit diesem Aufenthalt wollte sie der gefühlten Entfremdung von der Heimat begegnen, die ihrer Arbeit als Journalistin für amerikanische Publikationen abträglich war. Gleichzeitig empfand sie ihr Leben mit der Witwenrente in der DDR als extrem behütet, gleichförmig und eben nicht von ihr selbst erarbeitet, so dass sie sich nach einer Heraus-

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forderung sehnte. Ihre Tochter Cornelia entschied sich, bei ihrem Freund in Berlin zu bleiben und das Studium der Biochemie aufzunehmen. So reiste Anderson im August 1967 allein nach New York, um herauszufinden, was sie wollte und konnte. Schließlich gelang es ihr, als Lektorin beim Verlag George Baziller eine Stellung zu finden und sich finanziell über Wasser zu halten. Zwar meisterte Anderson die Herausforderung des Neubeginnes in New York, doch erschien ihr dieses Leben wie ein Dasein im Hamsterrad, in dem die Zeit zum Reflektieren und Schreiben fehlte. Neben den Annehmlichkeiten, die ihr das Leben in der DDR als Schriftstellerin bot, wurde Anderson sich während ihrer Zeit in New York über ihre enge Bindung an die DDR und ihre Freund/-innen dort bewusst, so dass sie im Juni 1968 nach Berlin zurückkehrte und ihren Bericht zu schreiben begann.

K ÄMPFE 1969–1979 In Andersons Nachlass befand sich ein Ordner mit dem Titel »Fights«, dessen nicht geringer Inhalt vorwiegend aus Dokumenten aus den 1970er Jahren bestand. Zu diesen Kämpfen gehörte die Veröffentlichung ihres Amerika-Buches Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten, welches aufgrund einer schlechten Kritik in der Parteipresse nur unter großen Schwierigkeiten in zweiter Auflage erschien. Beginnend mit dem Prager Frühling und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, gefolgt von ihren eigenen Auseinandersetzungen mit Vertretern der CPUSA und der SED, ihres Verlages und des DDR-Schriftstellerverbandes, erlebte Anderson eine zunehmende Desillusionierung über die Möglichkeiten des Sozialismus im Kalten Krieg. Einen weiteren Tiefschlag erfuhr sie mit dem von ihr initiierten Projekt einer Anthologie mit Erzählungen, die einen Geschlechtertausch thematisieren. Nicht nur die angefragten Beiträger/-innen meldeten Zweifel an, viele Verleger/-innen schreckten vor der Zusammenarbeit mit Anderson zurück, weil sie von den Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung des Amerika-Buches gehört hatten. Schließlich gelang es dem Rostocker Hinstorff Verlag, den Band Blitz aus heiterm Himmel (1975) herauszugeben, der vor allem bei den Germanist/-innen im westlichen Ausland auf großes Interesse stieß. Wenngleich Anderson für die Durchsetzung ihrer Projekte alte Bekannte und Beziehungen nutzte, so wurde ihr allein schon wegen des Generationswechsels in der Partei und den Kulturinstitutionen in den 1970er Jahren als Schroeders Witwe keine Sonderstellung mehr eingeräumt. Inzwischen pflegte sie eigene Netzwerke, operierte eigenständiger und lernte dabei die DDR-Zensur genauer kennen. Die Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung ihrer Texte wirkten demotivierend. Bis Mitte der 1970er Jahre wurden noch zwei ihrer Hörspiele produziert und

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1976 erschien schließlich die nach den Vorgaben veränderte Auflage ihres Amerika-Buches. Danach hörte man lange Zeit nichts mehr von ihr. Anstatt zu schreiben unterrichtete Anderson Englisch an der Humboldt-Universität und lernte Polnisch an der Volkshochschule. 1979 erschien ihr Kinderbuch Der Klappwald, das das Sterben der Wälder thematisiert und ursprünglich für eine Veröffentlichung im englischsprachigen Ausland vorgesehen war. Über die Jahre hatte Anderson immer wieder versucht, Verlage in den USA oder Großbritannien für ihre Arbeiten zu interessieren, aber ohne Erfolg. Aufgrund ihrer langen Abwesenheit hatte sie zu dieser Branche keinen Zugang mehr und ihre Schriften waren entweder zu weit von der Lebensrealität der vermeintlichen Leser/-innen entfernt oder Andersons Wohnsitz und Weltanschauung entsprachen nicht der der Verleger. Eine Ausnahme bildete der von John Willett und Ralph Manheim herausgegebene Band von Bertolt Brechts Poems. 1913–1956 (1976), in dem einige Übersetzungen Andersons erschienen. Während Anderson in den 1950er Jahren noch große Schwierigkeiten hatte, sich mit Deutschen anzufreunden, gelang ihr das in den 1970er Jahren immer besser. Mit vielen jüngeren Frauen pflegte Anderson intensive Freundschaften, etwa mit Irmtraud Morgner. Oft zerbrachen diese Freundschaften aufgrund von Missverständnissen oder weil die Intensität des Austausches auf Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte. Aber gerade wegen ihrer Offenheit gegenüber diversen Themen, ihres Interesses und ihres Andersseins wurde Anderson für viele eine bedeutende Partnerin in der Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt. Den Exotenstatus verlor Anderson trotz ihrer fortschreitenden Integration in die DDR-Gesellschaft nie. Dazu trug sicher auch das Privileg der Reisefreiheit bei. Eines von Andersons Markenzeichen in Berlin waren Partys amerikanischen Stils, die bei ihren vorwiegend ostdeutschen Bekannten und Freund/-innen großen Eindruck machten. Den Kontakt zur Heimat pflegte Anderson immer noch mittels zahlreicher und teilweise sehr intensiver Korrespondenz, einer Reise nach New York im Jahr 1979 sowie dem Austausch mit amerikanischen Besucher/-innen in Ostberlin. Ihre Funktion als Vermittlerin von Kontakten zwischen linken amerikanischen Kulturschaffenden und ostdeutschen Institutionen wie etwa Verlagen oder Konzertagenturen, die sie in den 1960er Jahren verstärkt entwickelt hatte, verlor aufgrund ihrer eigenen Schwierigkeiten in der DDR in den 1970er Jahren an Bedeutung.

N EUORIENTIERUNGEN 1980–1999 Da Anderson nach den Erfahrungen mit ihren Werken in den 1970er Jahren für sich auf dem Buchmarkt der DDR keine Chance mehr sah und Texte für Hörspiele und Theaterstücke vom Schriftstellerverband ausdrücklich gewünscht wurden, schloss

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sie sich Ende der 1970er Jahre einer Autorengruppe unter Leitung des Regisseurs Helfried Schöbel an. Infolge dieser Zusammenarbeit wurde Andersons Stück Wo ist Katalin? am Weimarer Nationaltheater 1979 aufgeführt. 1984 wurde noch ihr Hörspiel zu Martin Luther King, Endlich frei! Endlich frei! – Zum Tod Martin Luther Kings,15 produziert, aber im Prinzip gelangte Anderson durch diese Texte zu der Erkenntnis, dass die Dramatik nicht ihr Metier sei, und stellte weitere Arbeiten auf diesen Gebiet ein. Eine andere Möglichkeit, in der DDR wieder als Autorin bzw. Journalistin Fuß zu fassen, boten journalistische Arbeiten. Hier war es vor allem ihrer Bekannten, der Übersetzerin und Sinn und Form-Mitarbeiterin Heide Lipecky, zu verdanken, dass Anderson 1982 eine ausführliche Besprechung von englischsprachigen Werken mit feministischen Utopien in Sinn und Form veröffentlichen konnte. In dieser Zeitschrift erschien ebenfalls eine Auswahl der von Anderson übersetzten Gedichte des Cherokee-Indianers Jimmie Durham, für die Anderson lange Zeit keinen Verlag finden konnte. Schließlich veröffentlichte sie der Verlag Neues Leben in seiner Reihe Poesiealbum (Durham 1985). Andersons 1980er Jahre sind vor allem durch die Kontakte mit amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen markiert. Aufgrund ihrer Anthologie Blitz aus heiterm Himmel und auf Vermittlung älterer amerikanischer Bekannter wie der Literaturwissenschaftlerin Annette Rubinstein wurde Anderson von zahlreichen jungen Forscherinnen zu verschiedenen Themen befragt. Dazu gehörten in erster Linie das Leben in der DDR, die Situation der Frauen, die DDR-Frauenliteratur sowie Andersons Verhältnis zu der australischen Schriftstellerin Christina Stead oder zu Richard Wright. Aus diesen Begegnungen entwickelten sich häufig intensive Freundschaften und so wie Anderson den jüngeren Freundinnen als Informationsquelle diente, nutzte sie die Forscherinnen, um sich über Tendenzen der amerikanischen Kultur und Literatur und insbesondere über die Frauenbewegung zu informieren. Diese Kontakte hatten einen unmittelbaren Einfluss auf ihr Schaffen, weil sie Anderson zur Auseinandersetzung inspirierten und die Freundinnen ein starkes Interesse an Andersons Einsichten und Erfahrungen formulierten. Ganz besonders bemühte sich die New Yorker Autorin Bettina Berch, einen amerikanischen Verleger für Andersons Werke zu finden. Dies führte 1990 zur Publikation von Andersons Essay »Town Mice and Country Mice. The East German Revolution« zur politischen Wende in der DDR in Without Force or Lies: Voices from the Revolution of Central Europe 1989–90 (Brinton 1990), einem Sammelband, zu dessen Beiträgern unter anderem Vaclav Havel zählte. Wenngleich Anderson die Mängel des DDR-Sozialismus bewusst waren, so betrachtete sie die Entwicklungen nach dem Umbruch mit großer Skepsis. Von ihren amerikanischen Freundinnen erhielt Anderson auch immer wieder Zuspruch für ihr Buchprojekt »Cold War Marriage«. Seit Jahrzehnten arbeitete sie an diesem Stoff, einer Reflexion ihrer Ehe und ihrer ersten Jahre in Berlin, der sich

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gleichzeitig zu einer Analyse des DDR-Sozialismus entwickelte. Durch die mit der Wende verbundenen zahlreichen Informations- und Recherchemöglichkeiten bot sich eine weitere und schließlich finale Bearbeitung an. Das komplette Manuskript sandte Anderson 1995 einer Freundin von Bettina Berch nach New York, die als Literaturagentin einen Verlag finden wollte. Dies war keine einfache Aufgabe und es bedurfte noch zahlreicher Überarbeitungen, bis Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin 1999 bei Steerforth Press erschien. Die ursprünglich geplante deutsche Ausgabe konnte nicht bei Kiepenheuer und Witsch erscheinen, da Anderson mit der Qualität der Übersetzung nicht einverstanden war. Anderson blieb auch im fortgeschrittenen Alter energiegeladen und hochaktiv. Wenngleich verschiedene Erkrankungen ihr zu schaffen machten, unternahm sie noch Reisen, unter anderem 1987, 1991 und 1999 nach New York, und ging verschiedene Beziehungen mit Männern ein. So traf sie Anfang der 1990er Jahre wieder mit ihrem ersten Ehepartner Victor Teich zusammen und zog in Erwägung, bei ihm auf Long Island zu leben. Der Abschluss von Love in Exile stürzte die achtzigjährige Anderson in eine Krise, die durch den Tod ihres besten Freundes Perry Friedman verstärkt wurde: »I could live without the book, I could perhaps live without Perry, but not both at once«16, schrieb Anderson im Juni 1995 einer Freundin. Angeregt durch ihren Enkel Paul (geb. 1974), mit dem sie ein sehr gutes Verhältnis pflegte, setzte sich Anderson mit vielen Filmproduktionen der 1990er Jahre auseinander. Anlässlich des Erscheinens ihres Buches reiste sie im Frühjahr 1999 für zwei Wochen nach New York. Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie dort nicht alle Termine wahrnehmen und war auf die Unterstützung ihres Bruders und der ehemaligen Schulfreundinnen angewiesen. Nach ihrer Rückkehr starb Edith Anderson infolge eines Schlaganfalls am 13. April 1999 und wurde in Berlin-Friedrichshain beigesetzt.

Der Kontext

Über lange Zeit wurde der BRD ein Alleinstellungsmerkmal in den Beziehungen zu den USA zugeschrieben. Erst in den 1990er Jahren entdeckte man den Kulturaustausch zwischen den USA und der DDR als Forschungsgebiet. Eine erste Studie lieferte Burton C. Gaidas Dissertationsschrift USA – DDR. Politische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen seit 1974 (1989), die noch vor dem Ende der DDR veröffentlicht wurde. Ebenfalls 1989 erschien Daisy Weßels Analyse des Amerikabildes in der DDR-Literatur, Bild und Gegenbild. Die USA in der Belletristik der SBZ und der DDR (bis 1987). Die nach der Wende zunehmende Möglichkeit der Akteneinsicht nutzte Jürgen Große für seine Arbeit Amerikapolitik und Amerikabild der DDR 1974–1989 (1999), die in ausgewählte Aspekte der politischen Beziehungen und des offiziellen Amerikabildes einführte und zur vertiefenden Forschung anregte. Dem Potsdamer Amerikanisten Rainer Schnoor sind Darstellungen der Beziehungen zu den USA aus ostdeutschen Perspektiven zu verdanken, die er in dem Band Amerikanistik in der DDR: Geschichte – Analysen – Zeitzeugenberichte (1999) publizierte. Eine umfassende Analyse der Veröffentlichungspraxis amerikanischer Literatur in DDR-Verlagen vermittelt Anna-Christina Giovanopoulos’ Die amerikanische Literatur in der DDR (2000). Wenngleich der Fokus des von Detlef Junker herausgegebenen zweibändigen Handbuches Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges 1945–1990 (2001a, 2001b) auf Westdeutschland liegt, so enthalten einige Beiträge interessante Einblicke in die ostdeutsche Gesellschaft und ihr Verhältnis zu den USA. Als Resultat einer Konferenz zum Thema amerikanischer Kultur in der DDR publizierten Therese Hörnigk und Alexander Stephan den Sammelband Jeans, Rock und Vietnam (2002), dessen Beiträge sich mit der Rezeption von amerikanischer Musik, Literatur und amerikanischem Design befassen und das Amerikabild in DDR-Filmen untersuchen. Die Vielfalt des Forschungsfeldes der politischen und kulturellen Beziehungen zwischen der DDR und den USA belegt ebenfalls der Sammelband Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA (Balbier/Rösch 2006), der ebenfalls infolge einer Konferenz zu diesem

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Thema erstellt wurde. Neben Beiträgen aus den Bereichen Musik, Film und Literatur enthält das Buch Untersuchungen zur Außenpolitik der DDR sowie zum Austausch im kirchlichen und wissenschaftlichen Bereich. Victor Grossmans Beitrag (2006) über die zwischen 1955 und 1989 jährlich stattfindende Internationale Dokumentarfilmwoche in Leipzig verweist indirekt auf die Existenz von US-Bürger/innen in der DDR. Dieser Aspekt der Beziehungen zwischen den USA und der DDR wurde bisher lediglich in autobiografischen Darstellungen, aber kaum in der Forschung reflektiert. Aus der vielfältigen Quellenlage zu den Beziehungen zwischen der DDR und den USA während des Kalten Krieges wähle ich für eine genauere Darstellung vor allem die Felder aus, die für das Verständnis von Edith Andersons Wirken in der DDR relevant sind. Als Journalistin, Übersetzerin und Autorin sowie in ihrer Rolle als Vermittlerin von Kontakten und Informationen gab Anderson bedeutende Impulse für das Amerikabild der Ostdeutschen. Aufgrund der spezifischen politischen und geografischen Situation der DDR kann davon ausgegangen werden, dass die verbreiteten Vorstellungen von den USA in einem konträren oder zumindest ambivalenten Verhältnis zueinander standen. So war beispielsweise das offizielle, von SED, Medien und Lehrbüchern in der DDR propagierte Bild der USA das eines imperialistischen Landes mit den vorherrschenden Kennzeichen der Ausbeutung der Arbeiterklasse und Unterdrückung der progressiven Kräfte. Im Gegensatz dazu erlebten die Bürger/-innen der DDR bis 1961 durch Besuche in der BRD und später vor allem durch die Funk- und Fernsehmedien der BRD ein anderes Amerikabild, welches der Ideologie der BRD entsprach, deren wichtigster Bündnispartner die USA war.

O FFIZIELLE AMERIKABILDER

IN DER

DDR

Das USA-Bild von Partei und Regierung in der DDR beruhte auf der herrschenden marxistisch-leninistischen Ideologie und deren offener Gegnerschaft zum Kapitalismus und Imperialismus. Obwohl diese Ansicht das offizielle USA-Bild durchgängig bis 1989 bestimmte, lassen sich verschiedene Phasen in der Deutung der USA feststellen, die teilweise durch die Politik der Sowjetunion oder durch die wirtschaftliche Situation der DDR bedingt waren. Von Anfang an wurden die USA als imperialistischer Aggressor, als Zentrum der reaktionärsten Kräfte bezeichnet. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurden Kriegshetze und Ausbeutung als Merkmale der Politik der USA festgeschrieben, die sich außenpolitisch in der Militarisierung Westdeutschlands, den Kriegen in Korea und Vietnam und der Kuba-Politik manifestierten und innenpolitisch in der Jagd auf Kommunist/-innen, Rassismus, Armut und Obdachlosigkeit ih-

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ren Niederschlag fanden. Die Darstellung der einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen in den USA, im DDR-Jargon »die gegen ihre Unterdrückung kämpfenden Volksmassen« (Schnoor 2001a: 936), spielte in diesem von SED und den Medien propagierten Bild der USA eine wesentliche Rolle. Diese Vertreter/-innen des ›anderen Amerikas‹, etwa der Sänger und Schauspieler Paul Robeson in den 1950er Jahren, Angela Davis in den 1970er Jahren oder der Vorsitzende der CPUSA, Gus Hall, wurden von der Staats- und Parteiführung der DDR massiv unterstützt, wenn sie sich eindeutig mit der kommunistischen Bewegung identifizierten. Gleichzeitig waren solche Persönlichkeiten für den DDR-Kontext von großem Interesse, da sie mit ihren Besuchen in der DDR deren Bedeutung bestätigten und die dortigen Lebensbedingungen legitimierten. So war der afroamerikanische Künstler Paul Robeson nicht nur wegen seiner Hautfarbe und seiner politischen Einstellungen ein idealer Repräsentant des ›anderen Amerikas‹ in der DDR. Zu einer Zeit, als in Westdeutschland der G.I. Elvis Presley als Botschafter amerikanischer Kultur vor allem von der Jugend gefeiert wurde, geriet die DDR-Führung unter Druck, dem Vormarsch der populären amerikanischen Kultur, der auch die DDR-Jugendlichen erfasste, etwas entgegenzusetzen. Paul Robeson, dessen Repertoire hauptsächlich aus traditionellen Liedern der Schwarzen in Amerika und klassischer Musik bestand und der darüber hinaus ein hervorragender Sänger war, wurde zum Werkzeug im Kampf gegen die ›Unkultur‹ und stand für das Bestreben der jungen DDR, sich durch die Förderung einer künstlerisch anspruchsvollen Kultur von der amerikanischen Massenkultur in der BRD abzugrenzen. Als Ausdruck des Kulturverfalls in den USA definierten die DDR-Ideologen Musikrichtungen wie Jazz, Rock ’n’ Roll und Beat, Pulp-Fiktion-Produkte und Comics (›Schund- und Schmutzliteratur‹) sowie bestimmte Bekleidungsartikel und Modeerscheinungen. Der Amerikanist Rainer Schnoor erinnert sich: »Amerikanische Lebensweise und Rowdytum wurden gleichgesetzt. Angefeindet wurde das Tragen von Kreppsohlen, ›Texashemden‹, Petticoats, ›Niethosen‹ (Jeans), Ringelsöckchen und Nylonstrümpfen, die vor 1961 besonders im Raum Berlin verbreitet waren. Waren es in den 1950er Jahren ›Igelfrisuren‹, von denen auf philoamerikanische oder westliche Neigungen ihrer Träger geschlossen wurde, so lastete man dies in den 1960er Jahren den ›Langhaarigen‹ an.« (Ebd.: 935)

Natürlich wurde zu dieser Zeit auch in der Bundesrepublik der Einfluss der amerikanischen Kultur kritisch betrachtet, aber anders als in der DDR wurden solche Lebensstiläußerungen nicht politisch gedeutet und bekämpft, sondern letztendlich von den Massenmedien und der Musikindustrie aufgegriffen und kommerzialisiert. Im Gegensatz dazu wurde in der DDR der Kampf gegen den Einfluss amerikanischer Kultur gesetzlich festgeschrieben. In der 1955 verabschiedeten »Verordnung zum Schutze der Jugend« heißt es etwa einleitend:

44 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH ANDERSON »Dennoch gibt es Gefahrenquellen für die Entwicklung unserer Jugend, die von manchen Eltern, Lehrern und Erziehungsberechtigten entweder nicht erkannt oder unterschätzt werden. Die im Adenauer-Staat, besonders durch Schund und Schmutzerzeugnisse propagierte ›amerikanische Lebensweise‹, der Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Westberliner Agentenzentralen und durch sonstige kriminelle Elemente sowie andere Gefahren erfordern Schutzmaßnahmen.« (Ministerrat der DDR 1955: 641)

Die diplomatische Anerkennung der DDR durch verschiedene westliche Staaten – 1974 durch die USA – und die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki im Jahr 1975 führten zu einer leichten Trendwende im offiziellen Amerikabild und vor allem in der Amerikapolitik der DDR. Jürgen Große erklärt in Amerikapolitik und Amerikabild der DDR 1974–1989, dass das Amerikabild der SED bis zum Ende der DDR durch den Klassenkampf geprägt worden sei, die Amerikapolitik, das heißt die diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen hingegen durch Kooperationsnotwendigkeiten (vgl. Große 1999: 10). Erste Schritte der Verbesserung der Beziehungen zu den USA fanden auf kulturellem Gebiet statt. Die Entsendung von ›Kulturschaffenden‹, wie der Brecht-WeillInterpretin Gisela May (ab 1972) oder der Schriftstellerin Christa Wolf (1974), von Symphonieorchestern (erstmals 1974 mit dem Gewandhausorchester Leipzig) oder Gemäldeausstellungen (»The Splendor of Dresden« 1978/79) in die USA sollten der kulturpolitischen Imagepflege des sozialistischen Staates dienen. Seit 1975 gab es Vereinbarungen über einen begrenzten Wissenschaftler/-innenaustausch im Rahmen des IREX-Programmes. Doch die Politik der Entspannung und der friedlichen Koexistenz führte nicht zu einer positiveren Darstellung Amerikas in der DDR, sondern war eher die Grundlage für eine Verschärfung des ideologischen Kampfes. Die SED sah es als eine ihrer vordringlichsten Aufgaben, das Bewusstsein der Bevölkerung im Sinne des Sozialismus und des Antifaschismus zu fördern und setzte dazu Bildungseinrichtungen und Massenmedien ein. Bis in die 1970er Jahre spielten Presseerzeugnisse, an welche beginnend mit Bummi, ABC-Zeitung und Frösi die DDR-Bürger/innen vom Kindergartenalter an systematisch gewöhnt wurden, die wichtigste Rolle in der Verbreitung des ideologisch begründeten Amerikabildes des Zentralkomitees (ZK) der SED. Die USA wurden hier als ›Ungeheuer Imperialismus‹ stilisiert, welches sich durch Kinderfeindlichkeit, Kriegstreiberei, Arbeitslosigkeit, Rassismus und ein inhumanes Gesundheits- und Sozialwesen auszeichnete (vgl. Große 1999: 277–295). Damit wurden vorwiegend solche Themen und Problemfelder aus den USA aufgegriffen, die in der DDR als zufriedenstellend gelöst galten. Ähnlich stellte der amerikanische Germanist Jack Zipes in seiner Untersuchung des Amerikabildes in der DDR-Literatur fest, dass das Amerikabild ein Zweckbild der DDR zur Selbstlegitimation war (vgl. Zipes 1975). Den Mangel an ausgewogener und freier Information kompensierten viele DDR-Bürger/-innen in den 1970er Jahren durch den Konsum westlicher Medien.

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Die Furcht vor den Auswirkungen des ungefilterten Einflusses westlicher Ideologien führte zu einer Strategieänderung der SED von einer reinen Verurteilung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Kulturerscheinungen und insbesondere den Massenmedien der kapitalistischen Länder. Pädagog/-innen und DDR-Massenmedien sollten Jugendliche befähigen, sich »selbständig und aktiv mit verschiedenen Strömungen imperialistischer Ideologie und Lebensweise auseinanderzusetzen« (Große 1999: 223), um auch ansprechend wirkende Angebote als Teil der »von den Verfallserscheinungen ablenkenden kapitalistischen Gesellschaft« (ebd.) begreifen zu können. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit der Kultur des ›Klassenfeindes‹ wurde die Strategie der Vereinnahmung insbesondere auf dem Gebiet der Popmusik praktiziert. Peter Wicke erklärt, dass aufgrund der mit keiner Repression zu bremsenden jugendlichen Begeisterung für Beatmusik die Abteilung Agitation des ZKs der SED die Initiative Tanzmusik gründete, die später in das Komitee für Unterhaltungskunst des Kulturministeriums und zahlreiche Arbeitsgruppen überging. Damit erfolgte die Anerkennung von Beat- und Rockmusik, die in den 1960er Jahren noch zu Verhaftungen bzw. flächendeckenden Verboten geführt hatte (vgl. Wicke 1998). Bei der Veröffentlichung amerikanischer Literatur in der DDR gab es Mitte der 1970er Jahre offenbar ebenfalls Liberalisierungstendenzen. Eberhard Brüning dokumentiert in seinem Aufsatz »US-amerikanische Literatur in der DDR seit 1965« (1980) die intensive Publikation amerikanischer Gegenwartsautoren wie Baldwin, Bellow, Heller, Himes, Malamud, A. Miller, Salinger, Updike, Vonnegut oder Wilder in der DDR. Es handelte sich hier vielmehr um eine inhaltliche Neuorientierung als um eine quantitative Steigerung der Neuerscheinungen im Zuge der Entspannungspolitik. Die 282 Erstausgaben aus den Jahren 1971 bis 1980 entsprechen fast den 271 Erstausgaben amerikanischer Literatur, die zwischen 1961 und 1970 erschienen waren (vgl. Giovanopoulos 2000: Anhang 156). Giovanopoulos’ Untersuchung zeigt deutlich, dass die Art und die Zahl der Ausgaben amerikanischer Texte in den einzelnen Jahren der DDR kaum Rückschlüsse auf die politischen Beziehungen zwischen der DDR und den USA erlauben. Zu viele Instanzen, die die kulturpolitischen und ökonomischen Vorgaben sichern sollten, beeinflussten den Veröffentlichungsprozess. Auch wenn Verlage kreativ mit ideologischen Selektionskriterien umgingen, spielte die Zuweisung von Devisen für den Erwerb von Lizenzen neben der Verfügbarkeit von Papier- und Druckkapazitäten eine wesentliche Rolle für die Publikation. Obgleich in den 1970er Jahren auf kulturellen und wissenschaftlichen Gebieten Beziehungen mit den USA entwickelt wurden, erfolgte keine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit während dieser Entspannungsphase. Immer wieder spielten politische Fragen eine übergeordnete Rolle. So war die DDR besonders an der Einrichtung einer Handelsvertretung in New York interessiert, im Gegenzug dazu wollten die USA Kultur- und Informationszentren, ähnlich den Amerikahäu-

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sern in der Bundesrepublik mit frei zugänglichen Leihbüchereien und Bildungsprogrammen in Rostock und Leipzig gründen. Das ZK der SED lehnte dieses Ansuchen jedoch ab, da die Aktivitäten solcher Zentren als unkontrollierbar eingeschätzt wurden. Als Alternative wurde den USA die Einrichtung einer Handelsvertretung in Leipzig vorgeschlagen, was aber dem Interesse der USA an der Verbreitung von kultur- und informationspolitischen Inhalten nicht entsprach. Als problematisch für die Entwicklung von Handelsbeziehungen und die dafür notwendigen Konsularabkommen stellte sich die Haltung der DDR-Regierung gegenüber Reparations- und Wiedergutmachungsansprüchen heraus. Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat, in dem aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen die Grundlagen für Faschismus, Imperialismus und Militarismus nicht mehr existierten. Den in der DDR lebenden Verfolgten des Naziregimes und ihren Angehörigen wurden materielle Vergünstigungen und besondere Rechte gewährt. Außenpolitisch ging die DDR von dem Grundsatz aus, dass keine völkerrechtliche Pflicht zur Nachfolge in Verbindlichkeiten des Vorgängerstaates bestünde. Diese Position wurde von den USA und ihren Jewish Claims-Organisationen nicht akzeptiert. Obwohl der Konsularvertrag schließlich 1980 ratifiziert wurde, blieb die Forderung nach den symbolischen $ 100 Millionen Entschädigung bis zum Ende der DDR bestehen. Während in den 1970er Jahren die Ost-West-Beziehungen insgesamt von einer Entspannungspolitik geprägt waren, verschärften sich die Konflikte Anfang der 1980er Jahre. Die Krisen in Polen, Nicaragua, den vormaligen portugiesischen Kolonien Afrikas und vor allem der Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan führten zu einem härteren Kurs der amerikanischen Regierung (vgl. Große 1999: 54). Diese Entwicklungen beeinflussten auch das Verhältnis zwischen den USA und der DDR. Trotz der Vorbehalte gegen die Politik der Vereinigten Staaten war die DDR aufgrund ihrer wirtschaftlich geschwächten Position (während der weltweiten Energiekrise verweigerte die Sowjetunion Ende der 1970er Jahre die zugesicherten Erdöllieferungen an die DDR) gezwungen, eine Vertiefung der Kultur- und Handelsbeziehungen mit den USA anzustreben. Seitens der USA bestand jedoch kein Interesse, der DDR wirtschaftlich entgegenzukommen. Mit dem Wahlsieg Ronald Reagans 1980 traten weitere Handelsrestriktionen in Kraft. So verhängte die US-Regierung 1983 ein Getreideembargo gegen Osteuropa. Hinzu kamen die Rüstungsmaßnahmen, die mit der Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Boden der Bundesrepublik ihren Höhepunkt fanden. In der DDR bildeten der NATO-Raketenbeschluss und die Aufrüstung der USA Anfang der 1980er Jahre die Grundlage für die offizielle Darstellung der USA als ›kriegstreiberisches‹ Land. Zu einer Wende in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington und ersten Abrüstungsverhandlungen kam es erst 1985 mit der Übernahme der sowjetischen Staats- und Parteiführung durch Michail Gorbatschow und der Wiederwahl

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Reagans in den USA. Bereits ein Jahr davor hatten die USA vor allem aufgrund des stagnierenden Verhältnisses zwischen der UdSSR und der DDR mit Hilfe der ehemaligen US-Botschafterin in der DDR, Rozanne Ridgway, wieder stärkeres Interesse an Beziehungen mit der DDR gezeigt. Eine Intensivierung der Beziehungen scheiterte jedoch an den von den USA gestellten Bedingungen nach Reparationsleistungen für die amerikanischen Opfer des Nationalsozialismus und der Einhaltung der Menschenrechte in der DDR. Diese Forderung der USA nach Einhaltung der Menschenrechte in der DDR fand sich immer wieder unter umgekehrten Vorzeichen im propagierten Amerikabild der DDR wieder. So etwa erschien 1980 der Fotoband Amerikanische Bilder des Dänen Jacob Holdt, der menschenunwürdige Lebensbedingungen in den USA dokumentierte. Im Nachwort der DDR-Ausgabe schreibt Harald Wessel: »Selbst den beschränktesten Antikommunisten in den Vereinigten Staaten würde es nicht leicht fallen, Jacob Holdts Buch als ›kommunistische Propaganda‹ abzutun. Wer dieser Fotodokumentation kaum faßbarer menschlicher Not ein solches Etikett anhängen möchte, der hat zu bedenken, daß es die von Holdt festgehaltenen sozialen, wirtschaftlichen, geistlichen und politischen Verhältnisse selbst sind, die da ›kommunistische Propaganda‹ machen.« (Holdt 1980: 275)

Die kritische Darstellung der sozialen Missstände in den USA durch einen Westeuropäer wie Holdt, der, wie das Nachwort betont, nicht als Kommunist oder Marxist in die USA gereist war, sondern aus christlichem Haus stammte und dennoch »zu Einsichten gelangt, die mit marxistischen Analysen und Zielen deutlich übereinstimmen« (ebd.), verlieh der antiamerikanischen Propaganda der SED zusätzliche Glaubwürdigkeit. Anders als Gorbatschow, der 1985 die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der UdSSR kritisch einschätzte und entsprechende Reformen förderte, war die Führung der DDR an Reformen nicht interessiert und hielt an ihrem alten Kurs fest. Der Wandel der Beziehungen zwischen Washington und Moskau, die Reformpolitik Gorbatschows, die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung und die Möglichkeit, auf Besuchsreisen ein eigenes Bild vom Westen zu erwerben – 1986 besuchten 1,7 Millionen DDR-Bürger/-innen die BRD (vgl. Schnoor 2001b: 779) –, führten zu einer Legitimationskrise, die vor allem im Bereich der Kulturpolitik zu widersprüchlichem Handeln führte. So etwa feierte sich die FDJ Ende der 1980er Jahre mit amerikanischen Stars wie Bob Dylan, Joe Cocker oder Bruce Springsteen, während gleichzeitig sowjetische Zeitschriften wie Sputnik verboten wurden. Das Chaos zeigte sich ebenfalls im offiziellen Amerikabild der DDR. Große spricht von einer ideologisch verunsicherten Berichterstattung über die USA (vgl. Große 1999: 294). Die alten manichäischen Bilder von Freund und Feind funktionierten nicht mehr. Die Gegner und ihre Beziehungen zueinander hatten sich verändert, das gelegentliche Bellen aus dem ZK strafte die Realität Lügen. Für die Ame-

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rikaner stellten die Sicherungsanlagen entlang der Grenze zur BRD und die Berliner Mauer insgesamt eine Verletzung der Menschenrechte dar und zahlreiche USVertreter, darunter auch George H. W. Bush, forderten eine Öffnung der Mauer in den letzten Jahren der DDR. Erich Honecker nahm zu diesem Punkt mehrfach Stellung und erklärte, dass, anders als in den USA, in der DDR das Recht auf Bildung, Arbeit, Wohnen und Reisen – grundlegende Menschenrechte also – verwirklicht seien und die Mauer so lange bestehen bliebe, bis die Gründe für ihre Errichtung beseitigt seien. Es kam anders.

P RIVATE AMERIKABILDER »Amerika war ganz anders. Ich kannte Amerika ja nur aus dem ND«1, erklärte die Schriftstellerin Gabriele Eckart, die 1986 von der DDR in die USA auswanderte. Die Auffassung, dass das offizielle Bild der USA, wie es im Zentralorgan der SED propagiert wurde, mit dem privaten Amerikabild identisch sei, wurde wahrscheinlich nur von einer kleinen Gruppe von ehemaligen DDR-Bürger/-innen geteilt. Seit den 1950er Jahren waren DDR-Bürger/-innen unermüdlich einer einseitigen Berichterstattung über die kapitalistischen Länder, insbesondere die USA, ausgesetzt. Gleichzeitig erfolgte eine unkritische positive Darstellung der ›Errungenschaften‹ des Sozialismus, die mit der Erfahrungswelt der meisten Bewohner/-innen nicht übereinstimmte. Die offiziellen Darstellungen waren bekannt, aber ob ihnen tatsächlich Glauben geschenkt wurde, ist zu bezweifeln. Im Gegenteil, die Wiederholung der Darstellungen führte zum Abstumpfen und nicht selten zur Umkehrung der Botschaften in den Köpfen der Rezipient/-innen. Das propagierte Feindbild der USA als Ausbeuter und Kriegstreiber war zwar Teil des öffentlichen Diskurses, aber im privaten Raum blieben die Haltungen gegenüber den USA und ihrer Kultur durchaus nicht einseitig negativ. Gabriele Eckart meinte sogar, dass sie unvoreingenommener als viele Westdeutsche in die USA kam – gerade aufgrund der DDRPropaganda gegen die USA: »Merkwürdigerweise erinnert mich ihre [die westdeutsche] Art der Verächtlichmachung Amerikas an jene der DDR-Medien, denen ich instinktiv jedes Wort im Mund herumgedreht hatte. Rührt daher meine AmerikaEuphorie?« (Eckart 1992: 19) Mit Gabriele Eckart auf eine heimliche Amerikaliebe bei allen DDR-Bürger/innen zu schließen, wäre vermessen. Die wenigen, allesamt erst nach 1989 durchgeführten Untersuchungen zu diesem Thema (vgl. Fügener/Skoretz 1991; Fuchs 1999; Große 1999; Schnoor 2001a und 2001b) ergeben ein vielschichtiges Bild über das Wissen und die Haltungen in Bezug auf die USA in den unterschiedlichen Phasen der vierzigjährigen DDR-Geschichte. Gerade die Vielfalt der Untersuchungsergebnisse belegt, dass das private Amerikabild der einzelnen DDR-Bürger/-innen im

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engen Zusammenhang mit der jeweiligen Periode, dem Alter, der Region und damit dem Einfluss der Westmedien sowie der Stellung in der Gesellschaft stand. Auszüge aus fünfzehn problemzentrierten Interviews, die Große im Rahmen seiner Untersuchung1996/97 durchführte, bestätigen die Annahme, dass von keinem homogenen Amerikabild ausgegangen werden kann. (Vgl. Große 1999: 347– 358) Viele der Befragten betonen, dass sie das von der SED propagierte Bild der USA hinterfragt hätten. Aus den Interviews lässt sich ebenfalls ein großes Desinteresse an den USA herauslesen: »Und ansonsten war Amerika irgendwie wahnsinnig weit weg. Darüber hat man sich keine große Gedanken gemacht.« (Ebd.: 350) Aufgrund der Reisebeschränkungen schienen die USA unerreichbar und damit für viele Ostdeutsche uninteressant. Man träumte davon, vielleicht einmal die Bundesrepublik oder ein anderes westeuropäisches Land zu besuchen, aber die USA lagen außerhalb des Vorstellungsbereiches. Neben den einseitig negativen Darstellungen durch DDR-Ideologen trug der Mangel an differenzierten Informationen und Kontakten auch nicht zur Erhöhung des Interesses an den USA bei. Eine andere Haltung gegenüber den USA beschreibt Schnoor in seiner Untersuchung der Amerikabilder in der DDR (vgl. Schnoor 2001a). Die Jugendlichen der DDR hätten in den 1960er Jahren die USA zur »Positivprojektion eigener Defiziterfahrungen« (ebd.: 938) genutzt. Vor allem nach dem Bau der Mauer hätten die Reise- und Ausbruchsmöglichkeiten stark abgenommen; mit den kulturellen Angeboten der FDJ wollten sich nur wenige Jugendliche identifizieren und gleichzeitig wuchs der Druck zur Anpassung. All das, was die Jugendlichen beispielsweise in Leipzig vermissten, wurde Amerika zugeschrieben: grenzenlose Reise- und Handlungsfreiheit, Vielfalt und Individualismus. Eine ebenfalls nicht repräsentative Untersuchung (Fügener/Skoretz 1991) des Amerikabildes Jugendlicher von 1990 zeichnet ein andersartiges Amerikabild. Das Autorenkollektiv merkt an, dass die Antworten der Befragung schon den gesellschaftlichen Wandel, der im Herbst 1989 eingeleitet wurde, widerspiegeln, dennoch hält es die Studie für ein Zeugnis der vorherrschenden Meinungen zu den USA in der DDR. Im Gegensatz zu dem von Schnoor beschriebenen Bild, assoziieren hier viele Jugendliche die USA neben den an erster Stelle stehenden Wolkenkratzern und Großstädten mit Negativmerkmalen wie Drogen, Armut, Kapitalismus, Rüstung und Arbeitslosigkeit. Aber auch positiv besetzte Vorstellungen wurden genannt, etwa ›Land der unbegrenzten Möglichkeiten‹, ›großes Land‹ sowie Filme und Musik aus den USA. Die Frage, ob sie gern in den USA leben würden, bejahten 27,3 % der Befragten, sie betonten aber gleichzeitig die Notwendigkeit der sozialen Sicherheit für einen solchen Schritt. Die Untersuchung verdeutlicht, dass die Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad das von den DDR-Medien propagierte Bild der USA verinnerlicht hatten, wonach die innere Verfasstheit der USA im Gegensatz zur sozialen Sicherheit in der DDR stand. Darüber hinaus belegt die Studie, dass das Amerikabild von der jeweiligen individuellen Lebenssituation abhängig

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ist. Das heißt, in dem Moment, als die ›amerikanischen‹ Verhältnisse real näher rücken, wie es Anfang der 1990er Jahre auf dem Gebiet der DDR der Fall war, nehmen die negativen Aspekte im Bild zu. Alle genannten Untersuchungen belegen, dass sich das Amerikabild in Interaktion mit den jeweiligen Bedürfnissen (Suche nach einem Gegenbild, Feindbild, Leit- oder Zukunftsbild) und den Bildangeboten (Medienbilder, Erinnerungsbilder, offizielle USA-Bilder der DDR, oder Produkte der US-amerikanischen Kunst und Kultur) verändern kann. Neben der offiziellen antiamerikanischen Darstellung der USA in den DDR-Medien standen in den vierzig Jahren DDR auch andere Informationsquellen zur Verfügung, aus denen das Amerikabild gespeist wurde. Dazu gehörten die westdeutschen Medien, US-amerikanische Filme und Musik, Literatur aus den und über die USA oder auch der Geografie-, Geschichts- und Englischunterricht in den Schulen. Der direkte Kontakt mit den USA blieb nur wenigen vorbehalten; die Masse der DDR-Bevölkerung hat seit 1961 kaum Amerikaner/-innen persönlich kennengelernt. Einige Forscher/-innen verweisen auf die Nachwirkungen der antiamerikanischen Propaganda der Nationalsozialisten und verstehen Gedenkveranstaltungen etwa zur Zerstörung Dresdens in erster Linie als Anlässe, die USA weiterhin als Gegner zu diffamieren (vgl. Wierling 2006: 33). Ob diese Veranstaltungen tatsächlich darauf angelegt waren, antiamerikanische Einstellungen zu fördern, oder ob sie eher an antifaschistische Traditionen und den Vorsatz anknüpften, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen solle, bleibt fraglich. Dennoch ist Dorothee Wierlings Argument nicht von der Hand zu weisen. Ihrer Ansicht nach sollte das Image des die Zivilbevölkerung bombardierenden Amerikaners ganz bewusst im Kontrast zu dem kinderrettenden und sein Leben im Kampf gegen den Hitler-Faschismus riskierenden sowjetischen Soldaten im kollektiven Gedächtnis der DDR bewahrt werden. Die Folgejahre lieferten genügend Anlässe (Korea, Vietnam etc.), um auf dieses Bild der Amerikaner zurückzugreifen. Die privaten Amerikabilder in der DDR während der Nachkriegszeit wurden neben den möglicherweise eigenen Kontakten mit amerikanischen Soldaten sowie den USA-Berichten von heimgekehrten Emigranten und Kriegsgefangenen vor allem durch rasch voranschreitende Aufbauleistungen in Westdeutschland und Westberlin geprägt. Die wirtschaftliche Unterstützung der Amerikaner im Rahmen des Marshall-Plans in den Westzonen ermöglichte bald den Versand von Paketen an Verwandte in Ostdeutschland und half so, in vielen Fällen die Not der Nachkriegszeit zu lindern und indirekt ein positives Bild von Amerika zu vermitteln. Bis 1961 konnten die DDR-Bürger/-innen den wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik und Westberlins noch aus eigener Ansicht beurteilen. Aber auch nach dem Bau der Mauer konnte die These vom ›faulenden, absterbenden Kapitalismus‹ nie ganz überzeugen angesichts der grellen Warenflut, deren Duft und Geschmack viele aus Westpaketen, der Fernsehwerbung oder dem Intershop kannten.

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Ursprünglich 1955 als Duty-free-Läden für internationale Matrosen in Rostock eingerichtet, gewann der Intershop vor allem nach dem Mauerbau immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich allen DDR-Bürger/-innen, die im Besitz von Devisen waren, zugänglich gemacht (vgl. Merkel 1999: 243–248). Mit Westpaketen und dem Angebot im Intershop kamen nicht nur bundesdeutsche Produkte in die DDR, sondern auch solche, die für die amerikanische Lebensweise standen, wie etwa Levi-Strauss-Jeans. Neben den Konsumgütern bildeten westliche Massenmedien eine wichtige Quelle für die Entwicklung eines alternativen Amerikabildes. Fast flächendeckend konnten amerikanische Fernsehserien des Westfernsehens wie etwa Bonanza, Lassie, 77 Sunset Strip oder in den 1980er Jahren Dallas in der DDR empfangen werden. Schnoor sieht in der großen Popularität der Serien ein »Fluchtverhalten gegenüber den Indoktrinationsstrategien der DDR-Medien, Ausdruck des Bedarfs an Abwechslung, Glanz und Glamour.« (Schnoor 2001b: 780) Dennoch bezweifelt Schnoor, ohne dies näher zu begründen, dass diese Serien das Bild vom Leben der amerikanischen Durchschnittsbürger/-innen beeinflusst hätten. Die Komplexität der Quellen und deren Zusammenspiel für die Prägung der verschiedenen privaten Amerikabilder lässt eine empirische Erforschung kaum zu. Es kann lediglich darum gehen, die Diversifikation der Quellen aufzuzeigen. Eine Beurteilung der Wirkung dieser Bildangebote scheint mir problematisch, zumal das Bild Amerikas bei der Bevölkerung der DDR kein statisches war, sondern durch aktuelle Entwicklungen wie der Hochrüstung in den 1980er Jahren beeinflusst wurde. Möglicherweise griff man bei der Urteilsbildung auch unbewusst auf Eindrücke durch Fernsehserien zurück. Bei der Einschätzung der USA-Außenpolitik spielten die westlichen Medien eine wesentliche Rolle, boten sie doch die Möglichkeit, eine Balance zwischen dem offiziellen Amerikabild der DDR und der Darstellung aus der Perspektive der USA und ihrer Verbündeten zu finden. In welchem Maße der Masse der Konsument/-innen westdeutscher Sendungen in der DDR der politische Auftrag von Medien wie dem RIAS bewusst war, mit anderen Worten, inwiefern sie den propagandistischen Anspruch dieser Sender in Zeiten des Kalten Krieges erfassten, ist nicht bekannt. In der Regel wirkten die westdeutschen Medien relativierend, ab und zu jedoch deckten sich die Darstellungen aus Ost- und Westdeutschland, wie es teilweise im Bereich der Rüstungspolitik Reagans der Fall war. Westdeutsche Berichte von der Friedensbewegung in den westlichen Ländern verstärkten das von den DDR-Medien gezeichnete Negativimage vom ›Kriegstreiber USA‹ und zeigten, dass die Gefahr eines Atomkrieges real existierte und nicht allein ein Produkt der DDR-Propaganda gegen die westlichen Staaten war. Eine weitere Quelle für das private Amerikabild waren die Kinofilme aus den USA und über sie, wobei sich nur wenige DEFA-Filme mit den USA beschäftigten. Thomas Fuchs unterstreicht in seiner Untersuchung (1999), dass lediglich bis An-

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fang der 1960er Jahre in der DDR Filme gedreht wurden, die sich kritisch mit der USA-Politik und dem ›American way of life‹ auseinandersetzten. Dazu gehörten in den 1950er Jahren die Verfilmungen, die die McCarthy-Ära thematisierten, wie Hotel Boy Ed Martin (1955), oder Jugendfilme, wie Berlin – Ecke Schönhauser (1957) und Die Glatzkopfbande (1963), die den Hang zum amerikanischen Lebensstil und den negativen Einfluss amerikanischer Populärkultur präsentierten. Nach dem Bau der Mauer wandten sich DEFA-Produktionen laut Fuchs fast ausschließlich der Reflexion der DDR-Realität zu. 1984 wurde mit der Verfilmung des Romans Bockshorn (1973) des Westberliner Autors Christoph Meckel noch einmal der Versuch unternommen, die Unmenschlichkeit des amerikanischen Kapitalismus darzustellen, aber selbst im Neuen Deutschland wurde der Film kritisiert (vgl. Große 1999: 302f.). Die DEFA-Indianerfilme waren in der DDR sehr beliebt und pflegten fast ausschließlich das Klischee vom ›edlen Wilden‹, der gegen Landraub und Vertreibung Widerstand leistet. Das starke Interesse an der Kultur und der Geschichte der Indianerstämme erklärt van der Heyden (1999) mit der in Deutschland traditionsreichen Verklärung der Indianer, der Faszination für die Werke Karl Mays und James Fenimore Coopers sowie der von offizieller DDR-Seite erfolgten Eingruppierung der Indianer als Vertreter des ›guten Amerikas‹, die gegen den amerikanischen Imperialismus kämpften und denen die Solidarität der DDR gelten sollte (vgl. van der Heyden 1999: 126). Diese Sichtweise trug dazu bei, dass die nordamerikanischen Indianerkulturen in der DDR gefördert wurden, etwa durch die Veröffentlichung von Texten von Louise Erdrich, Scott O’Dell, Leslie Marmon Silko oder James Welch, durch Einladungen von Repräsentant/-innen der indigenen Bevölkerung, durch die Publikation von zahlreichen Kinderbüchern deutscher Autor/-innen (Eva Lips, Liselotte Welskopf-Henrich), die sich mit Indianerkulturen befassten. Die grundsätzlich positive Einstellung der DDR-Regierung gegenüber den amerikanischen Ureinwohner/-innen gestattete auch die Existenz der Indianistik-Gruppen, in denen sich Menschen mit einem außerordentlichen Interesse für die Lebensweisen und die Geschichten der Indianer/-innen Nordamerikas austauschten. US-amerikanische Kinofilme, die in der DDR vor allem in den 1960er und 1970er Jahren gezeigt wurden, wie etwa 1963 der Western Die glorreichen Sieben (1961), waren meist Filme mit sozialkritischen Inhalten. Thomas Fuchs verglich die DDR-Filmplakate mit den Originalpostern und belegt an zahlreichen Beispielen, wie Text und Grafik eine filmimmanente Amerika-Kritik hervorhoben (vgl. Fuchs 1999). Außerordentlichen Einfluss auf die Jugendkultur in der DDR hatten Filme wie Blutige Erdbeeren (1971), der von studentischen Protesten gegen den Vietnamkrieg handelt, oder in den 1980er Jahren Beat Street, der in der Breakdance-Szene der Bronx spielt (vgl. Schmieding 2008). Beide Filme visualisierten verschiedene Tanzarten und fanden unter den Jugendlichen in der DDR zahlreiche Nachahmer.

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In ihrer Untersuchung von Hollywood-Importen in den 1970er und 1980er Jahren kommt Rosemary Stott zu dem Ergebnis, dass die Anteile von sozialkritischen US-Filmen zugunsten Blockbuster wie Dirty Dancing (1987; DDR-Premiere: 1989) abnahmen (vgl. Stott 2006). Stott führt dies in erster Linie auf die Entwicklungen in der amerikanischen Filmindustrie zurück, wo der progressive Film des New Hollywood Ende der 1970er Jahre vom mit großem Budget gedrehten Blockbuster abgelöst wurde. Die Rezeption amerikanischer Popmusik hatte einen außerordentlichen Einfluss auf die Entwicklung der DDR-Musikszenen (vgl. Poiger 1997; Wicke 1998; Larkey 2001b). Die Rhythmen und die englischsprachigen Texte vermittelten Einsichten in das Lebensgefühl junger Amerikaner/-innen und prägten das Amerikabild in der DDR, wobei eine klare Unterscheidung zwischen britischer und amerikanischer Musik bei den Rezipient/-innen wohl kaum eine Rolle spielte. Mit dem Bau der Mauer war den meisten DDR-Bürger/-innen die Möglichkeit genommen, nicht sozialistische Länder aus eigener Anschauung kennenzulernen. Aus dieser Beschränkung heraus wurde Literatur aus und über diese Länder zur einer der wichtigsten Informationsquellen. Von 1946 bis 1989 erschienen 1090 Erstausgaben amerikanischer Autor/-innen; von Klassikern wie Cooper, London oder Twain über sozialkritische Autoren wie Fast, Maltz, Dos Passos bis zur amerikanischen Gegenwartsliteratur der 1970er und 1980er Jahre (Bellow, Heller, Mailer, Malamud, Morrison, Roth, Updike, Vonnegut, Walker, etc.) reichte das Angebot für die DDR-Leserschaft (vgl. Giovanopoulos 2000: Anhang 18–34). Hinzu kamen Kriminalromane von Chandler, Hammett und Highsmith sowie die Dramen von Autor/-innen wie Wilder, A. Miller, T. Williams, Hansberry oder O’Neill. Mit einem entsprechenden Nachwort ausgestattet (›marxistische Lesehilfe‹) konnten auch Texte, die zunächst wegen ihres Inhaltes für die Veröffentlichung in der DDR ungeeignet schienen, verlegt werden (vgl. ebd.: 351–378). So etwa Jack Kerouacs Unterwegs (1978), das in den 1980er Jahren zum Kultbuch vieler DDR-Jugendlicher wurde. Eine weitere Quelle für die Prägung der privaten Amerikabilder boten die USADarstellungen in der DDR-Literatur. In ihrer detaillierten Untersuchung weist Daisy Weßel (1989) nach, dass die USA in der DDR-Belletristik überwiegend negativ dargestellt wird. Bis auf wenige Ausnahmen gleicht das Bild in der Literatur dem von der DDR-Regierung propagierten Amerikabild eines imperialistischen Landes, dessen militärisch-industrieller Komplex die Politik, die Forschung und das tägliche Leben der Menschen bestimmt. Ausnahmen bildeten die Arbeiten von Schriftsteller/-innen, die entweder in den USA aufgewachsen waren wie Edith Anderson und Victor Grossman oder sich über längere Zeit in den USA aufhalten konnten und somit in der Lage waren, auch andere, positive Aspekte der amerikanischen Kultur kennenzulernen. Dies gelang etwa Günter Kunert, der nach seinem Aufenthalt als

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Gastprofessor an der Universität Texas seine Eindrücke in Der andere Planet. Ansichten von Amerika (1974) schilderte. Eine andere in dieser Tradition stehende, aber in Weßels Arbeit noch nicht aufgenommene Autorin ist Irene Runge. Sie wurde 1942 als Kind deutscher Emigranten in New York City geboren und siedelte 1949 mit ihren Eltern in die DDR über. Im Anschluss an ihre Reise nach New York veröffentlichte sie 1986 einen Reisebericht, dessen Titel Himmelhölle Manhattan bereits ihre differenzierte Sichtweise auf die USA widerspiegelt. Runge beschreibt ihre Absichten dann auch folgendermaßen: »Ich will erzählen, was ich gesehen habe, wer mir begegnet ist, was ich geschmeckt, gesprochen, gefühlt habe, was mir liebenswert erschien und mich faszinierte, aber auch, was ich fürchtete und zu hassen gelernt habe.« (Runge 1986: 5) Die Texte von Runge, Kunert oder Anderson stehen den negativen Seiten des amerikanischen Kapitalismus, der Armut, dem Rassismus oder der Macht des Kapitals nicht kritiklos gegenüber. Dennoch führt die Tatsache, dass die Autor/-innen positive Aspekte in der amerikanischen Kultur wahrnehmen konnten, zu einem ausgeglicheneren und scheinbar authentischeren Bild der USA. Aufgrund dieser differenzierteren Sichtweise, welche gleichzeitig einen partiellen Gegenentwurf zu dem offiziell propagierten USA-Bild darstellte, waren diese Texte unter den USA-unerfahrenen Rezipient/-innen sehr populär. Die Ausführungen zeigen die Vielfalt der Quellen für die privaten Amerikabilder in der DDR-Bevölkerung. Die individuellen Sichtweisen standen nicht unbedingt konträr zu dem offiziellen Amerikabild, aber die Einsicht, dass dieses offizielle negative Bild der USA ein ideologisch verzerrtes war, und das Fehlen der direkten USA-Erfahrung ließ viele Ostdeutsche nach anderen Quellen suchen. In Abhängigkeit vom Zugang zu diesen Quellen und verschiedenen anderen Faktoren, wie Zeit, Ort, Generation, Position in der Gesellschaft, entstanden äußerst heterogene private Amerikabilder, die nur teilweise den öffentlichen entsprachen.

Brücken

Die Managerin und Freundin

AUF V ERMITTLUNG E DITH ANDERSONS : AMERIKANISCHE K ULTUR IN DER DDR Seit ihrer Übersiedlung in die DDR trug Edith Anderson auf verschiedenen Ebenen dazu bei, dass nordamerikanische Kultur Eingang in die ostdeutsche Kultur fand. Dabei sah sie sich weniger als Botschafterin der USA, die die gesamte Bandbreite amerikanischer Kultur in die DDR bringen wollte. Vielmehr unterstützte Anderson einzelne Projekte, die zur Bereicherung der Kultur eines sozialistischen Staates wie der DDR dienen sollten. Edith Andersons Einsatz für die Publikation von Werken amerikanischer Schriftsteller/-innen und Künstler/-innen in der DDR begann im Grunde schon vor ihrer Übersiedlung nach Ostdeutschland, nämlich in Paris, wo sie im Herbst 1947 auf ihr Visum wartete, um nach Berlin zu Max Schroeder weiterreisen zu können. Seit März 1947 war Schroeder als Lektor für den Aufbau-Verlag in Berlin tätig und in dieser Funktion bat er Anderson, ihren in Paris lebenden Freund Richard Wright wegen der Veröffentlichung seiner Werke beim Aufbau-Verlag anzusprechen: »We intend, if we get the rights to publish Native Son in a large printing. It would be very nice if you can ask him, if he would agree principally. That could help us in our negotiations with the authorities.«1 Ihrer umgehenden Reaktion nach zu urteilen, übernahm Anderson die Rolle der Vermittlerin mit großer Freude. Am 27. Oktober 1947 schrieb sie Max Schroeder: »Just got your letter mentioning among other things your desire to publish Native Son. Immediately phoned Wright and had lunch with him. Here’s the dope. He’s perfectly willing, in fact delighted, to have you publish Native Son and gives his full approval and will cooperate as much as he can. He wishes you would publish Black Boy first because he thinks it builds up a better understanding of Native Son.«2

Außerdem brachte sie in Erfahrung, dass in der Schweiz bereits eine Übersetzung einiger Kapitel von Native Son existierte und an wen sich Schroeder diesbezüglich wenden könnte. Wegen der Rechte sollte sich Schroeder mit Wrights Agentin in

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Verbindung setzen. Wright hatte diese gleich während des Essens mit Edith Anderson angerufen und über das Vorhaben des Aufbau-Verlages informiert. Trotz dieses raschen Beginnes der Verhandlungen erschien Native Son in der DDR erst 1969 als Sohn dieses Landes beim Verlag Volk und Welt. Die lange Wartezeit war nicht zuletzt der Haltung der DDR-Kulturfunktionäre gegenüber Wrights Abtrünnigkeit von der CPUSA und ihren Prinzipien geschuldet. Obwohl der Einsatz Andersons für die Publikation von Wrights Roman beim Aufbau-Verlag letztendlich nicht zum Erfolg führte, sind ihre Anstrengungen im Oktober 1947 doch der Beginn ihrer vielfältigen Rolle als Mittlerin zwischen der amerikanischen und der ostdeutschen Kultur. Dem Nachlass nach zu urteilen, begann sich Anderson vor allem nach dem Tod Max Schroeders, also ab 1959, dieser Aufgabe zu widmen. Zu diesem Zeitpunkt stand sie plötzlich allein und selbstverantwortlich da, aber eben auch nicht mehr im Schatten ihres Mannes. Der New-York-Aufenthalt 1960 bekräftigte ihre bewusste Annahme der DDR als Wahlheimat und diese Entscheidung führte zu ihrem verstärkten Engagement in diesem Land. Mit der Vermittlung linker amerikanischer Kultur in der DDR fand Anderson nicht nur eine Aufgabe für sich, sondern führte unter Verwendung ihrer spezifischen Kontakte und Fähigkeiten Max Schroeders Wirken für die Kultur der jungen DDR fort. Wie der Fall Richard Wright zeigt, war die Publikation der Werke amerikanischer Autoren/-innen von vielen Faktoren abhängig. Es geht hier weniger darum, Andersons Erfolge quantitativ zu dokumentieren, sondern ihre bisher wenig beachtete und doch mit viel Aufwand und Komplikationen verbundene, teilweise auch erfolglose Detailarbeit in fünf Fällen zu analysieren und damit die Mechanismen dieser transatlantischen und transsystemischen Mediationsprozesse zu erforschen. Dieses Herangehen gestattet ebenso interessante Einblicke in Andersons Motivation und ihre Talente bei der Realisierung von Projekten. Die Fallbeispiele wurden so ausgewählt, dass sie verschiedene Facetten von Andersons Wirken aufzeigen. Bei Perry Friedman geht es um Andersons Engagement für den Begründer der FDJSingebewegung in der DDR, Victor Jeremy Jerome hingegen ist ein vormals bedeutender Kulturfunktionär der CPUSA, mit dem Anderson Ende der 1950er Jahre im Kontakt war. Mit Earl Robinson unterstützte Anderson einen Starkomponisten Amerikas bei der Organisation seiner Gastspiele in der DDR. Die Bestsellerautoren Katya und Bert Gilden sind besonders interessant, weil sie zu einer neuen Generation von amerikanischen Freund/-innen gehörten, die Anderson eben nicht in New York, sondern während ihrer Berliner Zeit kennenlernte. Am Ende wird beispielhaft für den intellektuellen Austausch mit ihren Freund/-innen Andersons Verhältnis mit dem jüdischen Schriftsteller Yuri Suhl dargestellt. Zahlreiche Hintergrundinformationen zu einzelnen Personen und Kulturphänomenen bzw. kulturpolitischen Entwicklungen in der DDR und den USA dienen der Einordnung von Andersons

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Schaffen und des Nutzens, den sie selbst aus diesen Beziehungen mit den amerikanischen Künstler/-innen und Intellektuellen zog. Hootenannies in Berlin: Edith Anderson und Perry Friedman »Nicht alles, was du machst, ist gut« (Anderson 1966a: 44), lässt die Protagonistin Prissy in der 1961 entstandenen Erzählung »Leckerbissen für Doktor Faustus« ihren zwanzig Jahre jüngeren Freund wissen. Geschildert aus der Perspektive des Mannes, wird hier die Geschichte der Beziehung zwischen der Lehrerin Prissy und ihrem Untermieter, dem arbeitslosen Eisenbahner Sam, erzählt. Prissy liebt Sam und ihrem Lehrberuf gemäß möchte sie ihn fördern. Es gelingt ihr, dass der bisher eher orientierungslose junge Mann sein verborgenes künstlerisches Talent entdeckt und sich zum erfolgreichen Maler entwickelt. »Prissy konnte nicht malen, aber sie hatte ein Auge dafür. Nachdem sie ihn ein paar Monate lang ermutigt hatte, begann sie ihn zu kritisieren.« (Ebd.: 42) Auch wenn ihre Kritik bisweilen recht barsch erfolgt – »Was soll denn diese erbärmliche Kritzelei? Und warum das Zinnober? Schmeiß die Tube weg, wenn du das Zinnober unbedingt los sein willst.« (ebd.: 43) –, unterstützt sie doch Sams Entwicklung. Sie führt Sam in ihren Freundeskreis ein, mit dessen Hilfe seine erste Ausstellung zustande kommt, und sie ermahnt ihren Freund, trotz enthusiastischer Presse ›authentisch‹ zu bleiben. Mit Sams Karriere ändert sich auch die Struktur der Beziehung zu Prissy. Obwohl Sam durch seine Arbeit mehr Selbstbewusstsein errungen hat, bleibt er zu schwach, um sich gegen die Konventionen zu stellen und die Beziehung mit einer älteren Frau zu führen. Auf das Motiv der Erkenntnissuche, insbesondere der schwierigen Selbsterkenntnis, bezieht sich der Titel der Erzählung, »Leckerbissen für Dr. Faustus«, die mit der Trennung von Sam und Prissy endet. Im Unterschied zu den Protagonisten gelang es der Autorin und Perry Friedman jedoch, ihre Freundschaft zu erhalten. Kurz nach seiner Ankunft in der DDR im Jahr 1959 hatte der Kanadier Perry Friedman (1935–1995) Edith Anderson kennengelernt und wohnte einige Zeit bei ihr und ihrer Tochter zur Untermiete. In seinen Erinnerungen beschreibt er Anderson: »Sie war eine attraktive Frau. Ihr Mann Max Schroeder war erst vor einem Jahr an Krebs gestorben. Obwohl sie schon so lange in Deutschland lebte, hätte man ihren dicken New Yorker Akzent mit dem Messer schneiden können. Sie war so amerikanisch wie apple pie.« (Friedman 2004: 59)

Trotz des Altersunterschiedes – Edith Anderson war zwanzig Jahre älter als Friedman – verband beide eine jahrelange intensive Freundschaft, die nicht zuletzt auf den biografischen Parallelen beruhte. »Du hast einmal gesagt oder geschrieben, er [Perry Friedman] wäre ohne mich heimatlos. Ja das stimmt. Ich bin seine Heimat. Auf eine Weise. Und er ist meine Heimat.«3, schrieb Edith Anderson 1961 einer

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Freundin. Friedman bestätigt diese Einschätzung in seinen 2004 posthum veröffentlichen Erinnerungen an seinen ersten Abend in Andersons Wohnung: »An diesem Abend begann unsere Freundschaft, die bis heute besteht. Corky [Cornelia Schroeder] und Edith waren schon bald meine Familie.« (Friedman 2004: 60) Bevor der vierundzwanzigjährige Perry Friedman mit dem Ziel eines Musikstudiums in die DDR kam, war er drei Jahre als Gelegenheitsarbeiter in Nordamerika unterwegs gewesen und hatte sich unter dem Einfluss von Pete Seeger zum Folksänger entwickelt. In der DDR wurde der Banjo-spielende Sänger vor allem als der Begründer der Hootenanny-Bewegung bekannt. Die Bedeutung dieser Bewegung für die weitere Entwicklung der DDR-Singebewegung und ihrer Ableger beschreibt Lutz Kirchenwitz ausführlich in seinem Buch Folk, Chanson und Liedermacher in der DDR (1993). Im Folgenden sollen nur einige Aspekte der Bewegung dargestellt werden, die exemplarisch für den transatlantischen Kulturaustausch zwischen der DDR und den USA stehen und den Beitrag Edith Andersons betreffen. Der Begriff Hootenanny (›Hörensagen‹) wurde von Pete Seeger und Woody Guthrie geprägt: »[Sie] hatten ihn Anfang der 40er Jahre als Bezeichnung für eine zwanglose Party von Linken mit Musik, Tanz und Essen in Seattle gehört und übernahmen ihn, als sie mit ihrer damaligen Gruppe, den Almanac Singers, in dem Haus, das sie gemeinsam bewohnten, wöchentlich Veranstaltungen machten, auf denen sie Gewerkschafts- und Friedenslieder und Lieder gegen den Rassismus sangen. So wurde Hootenanny zum Begriff für eine sehr demokratische, improvisierte und engagierte Konzertform.« (Kirchenwitz 1993: 27)

Bei den Hootenannies handelte es sich also um interaktive Kommunikation, einen Austausch von Gedanken und Liedern, der allen Teilnehmenden Vorsingen, Mitsingen und Zuhören ermöglichte. Der demokratische Anspruch dieser Veranstaltungsform wird in Pete Seegers Beschreibung des idealen Hootenannys deutlich: »The best hoot, in my opinion, would have an audience of several hundred, jammed tight into a small hall, and seated semicircularwise, so that they face each other democratically. The singers and musicians would vary from amateur to professional, from young to old, and the music from square to hip, cool to hot, long-hair to short. Some songs might be quiet – like a pin drop. Others would shake the floor and rafters till the nails loosen. Something old and something new, something borrowed and something blue …« (Seeger 1972: 328)

Nach dem Zweiten Weltkrieg veranstalteten die ehemaligen Mitglieder der Almanac Singers wieder Hootenannies, um mit dem Erlös Projekte wie People’s Songs zu unterstützen. Aufgrund der starken Beliebtheit entwickelten sich die Hootenannies bald zum Selbstläufer, das heißt, sie fanden unabhängig von den ursprünglichen Organisatoren überall im Land statt. Pete Seeger erinnerte sich: »When college students in the 1950’s started using the term we didn’t feel like stopping ’em.

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In the next ten years several hundred thousand Americans attended hootenannies in various cities and campuses of the Union.« (Ebd.) Legendär wurden die Hootenannies in The Bitter End, einem Musikklub im Greenwich Village, Anfang der 1960er Jahre. Die Eigentümer verkauften das erfolgreiche Konzept und den Namen Hootenanny 1962 an den Fernsehsender ABC, der zwischen April 1963 und September 1964 insgesamt dreiundvierzig Sendungen in zwei Staffeln ausstrahlte. Mit der Übernahme durch das Fernsehen änderte sich das Konzept der Hootenannies. Ein Moderator präsentierte relativ bekannte Musiker/-innen der Folkszene auf dem Campus einer Universität. In der zweiten Folge wurde das Genre durch Beiträge aus Jazz, Gospel und Country (unter anderem Johnny Cash) sowie Stand-up Comedy (Woody Allen, Bill Cosby) erweitert. Hootenanny erreichte wöchentlich bis zu 11 Millionen Zuschauer/-innen und trug entscheidend zur Verbreitung amerikanischer Folkmusik bei. Gleichzeitig gab es viel Widerspruch zu dem Programm. Etliche Musiker/-innen wie Joan Baez, Bob Dylan oder Peter, Paul and Mary boykottierten ABC Television etwa wegen seiner Politik bei der Auswahl von Künstler/-innen. So wurde Pete Seeger, der die Form der Hootenannies ja erst bekannt gemacht hatte, wegen seiner linken Ansichten und seiner Nähe zur CPUSA nicht zur Show eingeladen. Seeger selbst gab sich gelassen, bedauerte aber, dass mit der Kommerzialisierung das Konzept der Hootenannies als demokratisches Fest verlorenging, wo Menschen jeden Alters und sozialer Herkunft traditionelle und neue Lieder, Lieder der Gewerkschaft und des Protestes, Lieder des amerikanischen Volkes sangen: »A hootenanny was now a gay variety show where nothing controversial would ever be presented.« (Ebd.: 329) Interessanterweise entwickelte sich zeitgleich mit der amerikanischen Hootenanny-Welle in den frühen 1960er Jahren eine in der DDR. (Vgl. Trinkus 2010) Die Anfänge mit Perry Friedman beschrieb die Schriftstellerin Gisela Steineckert 1981: »Er beherrschte sein Banjo und machte etwas, das kannte man bei uns nicht. Er erbat sich das Hineinreden und Hineinsingen. So unbefangene Leute sind wir Preußen nicht, daß uns dies nicht starke Überwindung gekostet [...] hätte. Er stand da vorne, sang und redete, erzählte über Lieder, über Ausbeutung, über den Mut der Menschen und all ihr Leiden. Und dann sang er wieder leise, natürlich, manchmal gerade dann, wenn man es in einer Stelle seiner Rede am wenigsten erwartete. Er gab uns Erwachsenen die kleine weiße Friedenstaube, als ein Lied nicht nur für Kinder, welch ein schönes Lied. Und er gab uns die ›Brünnlein‹ wieder, ließ sie sprießen und brachte uns mit seinem komischen Deutsch zum Lachen. Er ermutigte uns, jeden von uns, so gut zu singen, wie man es kann. Das heißt auch: so ehrlich! Und nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit dem Kopf.« (Steineckert 1981)

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Mit seiner unkonventionellen Art des Musizierens ermöglichte es Perry Friedman den Ostdeutschen, neben internationalen Liedern auch wieder deutsche Volksliedertraditionen aufzugreifen, denen sie wegen des Missbrauchs durch die Nazis entfremdet waren. Im Juli 1962 berichtete Friedman Edith Anderson über seine Absichten: »I found some very interesting material. Wunderful [sic] material!! My hope was restored in the Germans, they have the same long and interesting ballads and songs as do England, Scotland and America... I even found a version of ›Lord Randall‹ [...] In any case I feel I am on the right track. The next important thing is to popularize these songs and I believe that it is possible to build up a genuine interest in folk music here, where the whole situation could change and the folk field would once again become creative. It is almost exciting!!!!!!«4

In Anderson fand Friedman eine Partnerin, mit der er sich ausgezeichnet über seine Einsichten in die deutsche Kultur austauschen konnte. Darüber hinaus unterstützte Anderson Friedman auf ganz praktische Art. So vermittelte sie ihm den Kontakt zu ihrer Freundin Charlotte Niemann nach Westdeutschland, die als Komponistin und Regisseurin bei Radio Bremen arbeitete. Während eines gemeinsamen Besuches in Worpswede 1961 gab Friedman ein Konzert, bei dem Edith Anderson übersetzte. Den Mitschnitt strahlte Niemann später über ihren Sender aus und verhalf damit Friedman zu größerer Popularität und Konzerten im Westen.5 In Bezug auf Friedmans Leistungen war die Profimusikerin Niemann geteilter Meinung. Während sie seine Rezeption amerikanischer Folksongs sehr schätzte, stand sie dem Hootenanny, also dem gemeinsamen Singen, eher skeptisch gegenüber: »Immer, wenn er allein singt, ist es ›Kunst‹, große lyrisch-dramatische Musik. Immer, wenn andere mitsingen, macht es vor allem ihm und den anderen Spaß. (Und weniger uns, weil ich mich fürchte vor dem, was er als seine Sendung ansieht, weil es seine eigenen Möglichkeiten einengt.) Er will das nicht hören, und ich werde nicht müde werden, das zu denken und zu sagen, weil ich glaube zu wissen, wer Perry wirklich ist (als Musiker).«6

Durch Anderson erhielt Friedman also Kontakt zu einer Spezialistin auf seinem Gebiet, die ihn fachlich beraten konnte. Anderson selbst arbeitete ebenfalls mit Friedman zusammen. Ähnlich wie in den USA und der BRD, wurden in der DDR Anfang der 1960er Jahre Hootenanny-Sendungen vom Jugendradio und vom Fernsehen produziert. Für die Fernsehsendung Hootenanny am Lagerfeuer (1961) schrieb Edith Anderson das Szenario. Gemeinsam mit Perry Friedman erarbeitete sie noch weitere Sendungen (unter anderem Hootenanny im Neubau), deren Produktion aber schon 1962 eingestellt wurde. Edith Anderson lebte zu diesem Zeitpunkt seit fünfzehn Jahren in der DDR und kannte die Strukturen und einflussreichen Persönlichkeiten des DDR-Kulturbetrie-

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bes. Ihre Kenntnisse und Beziehungen stellte sie Perry Friedman zur Verfügung, damit er sich als Künstler in der DDR etablieren konnte. Beispielsweise wandte sich Anderson im Namen von Perry Friedman an Heinz Adamek, den Intendanten des Deutschen Fernsehfunks, um gegen die Einstellung der Hootenanny-Sendungen zu protestieren. Der Brief belegt, wie gut Anderson den Kulturpolitik-Diskurs der DDR kannte und in ihren Argumentationsstrategien zu verwenden wusste. Dazu wäre Perry Friedman allein nach nur knapp drei Jahren in der DDR wohl kaum in der Lage gewesen: »Unsere Absicht mit den ›Hootenannys‹ war es, junge Leute zu künstlerischer Selbstbestätigung anzuregen, indem wir ihnen zeigten, dass es möglich ist, an jedem beliebigen Ort ein interessantes Programm auf hohem Niveau zu gestalten – sei es in einer Scheune, in einer Wohnung, am Lagerfeuer, usw. Unsere Beweggründe sind politischer Art. Wir wollten die jungen Menschen dem verderblichen kulturfeindlichen Einfluss Westdeutschlands entziehen.«7

Andersons Argumentation mag merkwürdig anmuten, wenn man bedenkt, dass sie mit der aus den USA stammenden Tradition der Hootenannies gegen den Einfluss der westdeutschen Kultur, die letztendlich doch auch stark amerikanisch geprägt war, arbeiten wollte. Anderson benutzte hier die auch von der DDR-Führung häufig angeführte Unterscheidung zwischen ›high culture‹ und ›low culture‹, die sie selber auch vertrat.8 Durch die Förderung von künstlerisch hochwertiger Kultur wollte sich die DDR Anfang der 1960er Jahre noch von der in der BRD um sich greifenden populären Kultur abgrenzen. Dass es dabei anscheinend nicht pauschal um den geografischen Ursprung der Kulturerscheinung, sondern vielmehr um deren Niveau und natürlich auch den politischen Standpunkt des Künstlers gehen sollte, wurde mit der Förderung von Künstlern wie dem Kommunisten Paul Robeson belegt. Ähnlich versuchte Edith Anderson zu argumentieren, dass Hootenannies einer niveauvollen und politischen Kultur entsprächen und dass auf diese Weise Jugendliche dem Einfluss der populären westlichen Kultur entzogen werden könnten. Trotz Andersons Einspruch wurden vom Fernsehen keine Hootenanny-Sendungen mehr produziert, aber die populären Hootenannies mit Perry Friedman fanden überall in der Republik statt. In Berlin entstand aus den ersten Hootenanny-Veranstaltungen 1960 die feste Reihe Treff mit Perry, aus der 1966 der Hootenanny-Klub in der Karl-Marx-Allee hervorging. Die Haltung der politischen Führung der DDR gegenüber den Hootenannies und der sich daraus entwickelnden Singebewegung weist vielfältige Parallelen zum Umgang mit der Beatbewegung auf, wie sie Wicke (1998) darstellt. Da waren zum einen die DDR-typischen Widersprüchlichkeiten im Verhalten der verschiedenen machthabenden Instanzen und zum anderen zeigte sich, dass ein geschickter Umgang mit ihnen oftmals doch das von den Jugendlichen gewünschte Ergebnis brachte. Der Zentralrat der FDJ etwa stand den Anfängen der Singebewegung skeptisch

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gegenüber, doch gleichzeitig erhielt sie Unterstützung von den FDJ-Grundorganisationen durch Fördermittel und Räume. Insgesamt lassen sich die Brüche in der Kulturpolitik in den 1960er Jahren, die Peter Wicke (1998) für die Beatbewegung konstatierte, wo sich Tauzeit, Eiszeit und schließlich Vereinnahmung ablösten, auch im Fall der Singebewegung erkennen. Nach dem Bau der Mauer geriet die DDR-Führung in Zugzwang. Die FDJ hatte stark an Einfluss verloren, viele Jugendliche waren von der westlichen Beatmusik fasziniert, auf die die DDR bisher mit strengen Reglementierungen reagiert hatte. Um die Jugend wieder stärker an sich zu binden, wurde nach neuen Wegen gesucht. In einem Kommuniqué des Politbüros des Zentralrates der SED (vgl. Stephan et al. 2002: 1266–1287) sicherte man der Jugend der DDR 1963 Vertrauen und Verantwortung zu, was sich letztendlich in der Öffnung der Jugendkulturpolitik zeigte. Dazu gehörten die Veröffentlichung von Beatles-Schallplatten, größere Freiräume für Beatgruppen in der DDR und eben auch für andere Genres wie Jazz oder Lyrik. Von dieser Öffnung profitierte Friedman. Gemeinsam mit Vertretern einer neuen, kritischen Generation wie Wolf Biermann und Manfred Krug trat er beispielsweise bei von der FDJ organisierten Lyrik-Abenden (vgl. Sellhorn 2005) auf. Zahlreiche Veranstaltungen folgten, gemeinsam mit Heinz Kahlau gab er eine Sammlung von amerikanischen Arbeiterliedern heraus, 1965 wurde die erste LP, Hootenanny mit Perry Friedman, aufgenommen. Das nach dem Mauerbau von Walter Ulbricht propagierte Vertrauen in die Jugend hatte sich aber bald erschöpft. Nicht zuletzt führten die Auftritte von Biermann und Krug sowie die Intensität der sich an angelsächsischen Vorbildern orientierenden Beatbewegung zu einem Kurswechsel in der Jugendpolitik, der mit dem 11. Plenum des ZKs der SED im Dezember 19659 eingeleitet wurde. Die Verbote und Eingrenzungen zielten in besonderer Weise auf die Eindämmung des Einflusses der westlichen Populärkultur. Der Erfolg dieser Maßnahmen blieb jedoch bescheiden, denn die Jugendlichen konnten ihr Interesse weiter durch westliche Medien nähren. Dorothee Wierling untersuchte das Verhältnis zwischen politischer Führung und den Jugendlichen in den 1960er Jahren und stellte fest: »Der disziplinierende und politische Einfluss der FDJ auf die Arbeiterjugend blieb gering. In den Schulen verstärkte sich eine Haltung der Anpassung und Heuchelei, die zunächst noch durchaus als solche erkannt und mit Bedauern nach oben gemeldet wurde.« (Wierling 1994: 412) Die Hootenanny-Bewegung blieb jedoch von den Konsequenzen des 11. Plenums weitestgehend verschont. Schließlich lagen ihre Wurzeln bei Vertretern des ›guten Amerikas‹, Woody Guthrie und Peter Seeger, die der CPUSA und den Gewerkschaften sehr nahestanden. Außerdem galt sie im Gegensatz zur Beatmusik als kulturell hochwertig. Neben Perry Friedman gehörten anerkannte Künstler/-innen der DDR wie Gerry Wolf, Gisela May und Lin Jaldati zum Kreis der Hootenannies. Natürlich gab es auch kritische Meinungen zu diesen Veranstaltungen, aber zu-

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nächst beurteilten die Machthaber diese Art des Musizierens grundlegend positiv. Das belegen die Gründung des ersten Hootenanny-Klubs in Berlin drei Monate nach dem Plenum, die Aufnahme einer zweiten LP mit Perry Friedman und die Zustimmung zu weiteren Hootenanny-Klubs 1966 und 1967. An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, dass es sich bei der DDR um ein System handelte, in dem die Herausbildung von Kultur größtenteils von der politischen Führung gesteuert wurde. Die Gründungen von Klubs, Auftritte oder Plattenaufnahmen waren nicht in erster Linie der persönlichen Motivation oder der Wirtschaftlichkeit von Kunst geschuldet, sondern standen immer in Abhängigkeit von den machthabenden Organen in der DDR. Insofern lässt sich die oben ausgeführte Entwicklung der Hootenanny-Bewegung als eine von der DDR-Politik geförderte bewerten. In dieser Phase war Hootenanny keine von der FDJ instrumentalisierte Bewegung, wie Kirchenwitz betont, sondern »eine Sache, die relativ spontan entstanden ist, sehr kollektiv betrieben wird und ein für DDR-Verhältnisse ungewöhnliches Maß an Lockerheit aufweist.« (Kirchenwitz 1993: 35) Doch schon Ende 1966 kam es auch zu Beschränkungen der Hootenanny-Bewegung. Der Zentralrat der FDJ kritisierte die starken Parallelen zu der Folk- und Protestsongwelle in den kapitalistischen Ländern und forderte eine eigenständige, den Gegebenheiten und politischen Zielen der DDR angepasste künstlerische Entwicklung. Eine Veranstaltung des Berliner Hootenanny-Klubs mit Manfred Krug, Eva Maria Hagen und Gerry Wolf wurde wegen ihres Titels, »Jazz & Folksongs«, und der Ansammlung von Biermanns Freunden verboten, durfte aber später als »Jazz & Volkssongs« und unter der Bedingung der Umbenennung der Gruppe auf DDRTournee gehen. Demzufolge nannte sich der Berliner Hootenanny-Klub ab dem 24. Februar 1967 Oktoberklub nach der russischen Revolution von 1917. In einem ›Leserbrief‹ in der Jungen Welt hieß es dazu am nächsten Tag: »Ich frage mich, wer und was manche von uns dazu zwingt, Maschen mitzumachen, die in einer Welt gestrickt werden, die nicht die unsrige ist. Noch ein Beispiel: Ich finde es gut, daß sich Mädchen und Jungen in Berlin in einem Klub zusammenfinden, um zu singen. Ich war selbst schon dort und habe mitgesungen. Aber sie nennen das nicht Singen, sondern sie machen ›Hootenanny‹. Und dieser Klub ist ein ›Hootenanny‹-Klub. Das unverständliche Wort kommt aus dem Amerikanischen, und ich frage mich, warum man es der viel einfacheren Bezeichnung Sing-mit-Klub (als Beispiel) vorzieht. Das gemeinsame Singen ist doch nicht etwa in Amerika erfunden worden? Auch ist der progressive Charakter dieser Bezeichnung keineswegs eindeutig.« (Ebd.)

Weiter erging sich der Autor dieses Briefes in Anspielungen auf die Verwendung von Hootenannies bei der psychologischen Kriegsführung der USA und schloss mit der Feststellung, dass es keinen Grund gäbe, den Begriff ›Hootenanny‹ in das DDRVokabular aufzunehmen.

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Der Beitrag kündigte die weitere Entwicklung an: Verstärkt wurden Maßnahmen umgesetzt, die den Einfluss der westlichen Kultur zurückdrängen sollten. Musikergruppen mit englischen Namen mussten sich umbenennen, englischsprachige Musik durfte kaum noch im Radio gespielt werden. »Perry Friedman erhält ein halbes Jahr lang keine Auftrittsmöglichkeit in der DDR. Der Hofmeister Musikverlag zieht das Projekt einer Songzeitschrift mit dem Namen Hootenanny zurück (1968 als Chantille einmalig erschienen).« (Ebd.: 41) Parallel zu den laufenden Beschränkungen vereinnahmte die FDJ die Hootenanny-Bewegung als die Singebewegung der Freien Deutschen Jugend. Die nächste große FDJ-Veranstaltung im März 1967 (unter anderem mit dem Oktoberklub) hieß Kommt und singt!, wo auch zahlreiche Lieder vom Aufbau des Sozialismus zu hören waren. Die Übernahme durch die FDJ tat der Begeisterung vieler Jugendlicher zunächst keinen Abbruch. Überall in der DDR entstanden Singeklubs nach dem Vorbild des Oktoberklubs. Doch in den nächsten Jahren erfolgte eine immer stärkere Instrumentalisierung dieser Klubs durch die FDJ. Statt des gemeinschaftlichen Singens in der Gruppe, bekamen die Klubs die Funktion der Präsentation von Kampfliedern bei gesellschaftlichen Anlässen. Gleichzeitig wurden sie ermahnt, das Massenlied zu verbreiten und zum Mitsingen anzuregen, um dem Ideal von der liedersingenden Jugend näher zu kommen. Insgesamt litt bei diesen Versuchen vor allem die künstlerische Qualität der FDJ-Singeklubs und mit den Reglementierungen ging die ursprünglich demokratische Form der amerikanischen Hootenannies verloren. Aus der Perspektive der Bevölkerung geriet der Oktoberklub ab den 1970er Jahren immer mehr in den »Geruch einer Jubeltruppe des Establishments« (ebd.: 35) und viele der ehemaligen Oktoberklubmitglieder hatten gute Chancen auf eine Karriere in der DDR-Kultur- und Unterhaltungsbranche. All diese Entwicklungen beeinflussten Perry Friedmans künstlerische und berufliche Karriere. Vergleicht man den Verlauf der Hootenanny-Bewegung in der DDR mit den Auszügen aus Andersons privater Korrespondenz, die Perry Friedman betreffen, so ergibt sich ein spannendes Wechselspiel, welches nicht zuletzt interessante Einblicke in Andersons Haltung zu ihrer Wahlheimat DDR ermöglicht. Andersons Beziehung zu Perry Friedman war in den 1960er Jahren eine turbulente, von Begeisterung, aber auch Enttäuschungen geprägte Freundschaft. Anderson hatte bemerkt, wie mit dem Erfolg und der Anerkennung in der DDR Friedmans Qualität abnahm. »Was er im Fernsehen tut, macht krank, richtig krank. Abgesehen davon, daß er im Moment nicht sehr fotogen ist, weil er einen dicken Bauch hat, trudelt er um die Szene herum, klopft einen andern auf den Rücken und macht Witze, wobei er selber kichert.«10 Anderson war enttäuscht, wie der einstmals kämpferische Friedman sich in den bequemen Verhältnissen der DDR eingerichtet hatte und sein Talent verkümmern ließ. Aber anstatt sich von Friedman abzuwenden, versuchte sie immer wieder, sich mit ihm auseinanderzusetzen und so

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blieb die Freundschaft erhalten. Anderson war vermutlich die einzige, die Friedman so offen und deutlich kritisierte: »Ich sagte schlimme, harte Dinge, Dinge, die ich nie gesagt habe, furchtbare, unerträgliche Wahrheiten, und er ertrug sie und dankte mir noch. [...] Er sagte, ›es hört sich so an, als ob meine Freunde über mich trauern wie über einen Toten.‹ Ich antwortete, ›Genau so ist es gewesen. Wir trauern nach dir, wir trauern über dein verlorenes Talent, über deine Faulheit, über deine Clownerei im Fernsehen, wir trauern, daß wenn du singst, es ist wie der sechste Aufguß [...], wir trauern, daß du dich verkauft hast, daß du langweilig bist, und du warst eine PRACHT, du warst BESSER ALS PETE SEEGER, du mußtest gar nicht wachsen, du mußtest nur wahr bleiben, und du bist es nicht geblieben, du mußt nach hause fahren, zurück zu deinen Wurzeln, zu deiner Wahrheit, zu Menschen, dessen Leben du verstehst und teilst.‹ Er fing an seine deutschen Volkslieder zu verteidigen, aber ich sagte ihm, er soll sie in Kanada singen, das hätte wirklich einen Sinn, die Leute da sind nicht volksliedfeindlich, und für sie wären diese herrlichen deutschen Lieder eine Neuigkeit, besonders wie er sie präsentiert, aber hier muß er damit aufhören, GANZ AUFHÖREN SOFORT! [...] Er sagte, eigentlich war er soweit, er war bereit, das zu akzeptieren, er hatte selber nachgedacht, er hatte sich geschworen, die vielen dummen Konzerte aufzugeben. Na, wir werden sehen, ob er das finanziell durchhält.«11

Aus Andersons Korrespondenz mit Charlotte Niemann wird nicht ganz deutlich, warum Friedman die deutschen Volkslieder aufgeben sollte, die er doch als sein Anliegen verstand. Friedman schrieb selbst in seiner Autobiografie: »Sie nannten mich manchmal den Vater der Singebewegung, aber eigentlich hatte ich ihnen nur helfen wollen herauszufinden, wie wundervoll ihre eigenen Volkslieder waren, und sie ermutigen wollen, diese wieder zu singen.« (Friedman 2004: 80) Niemann und Anderson verstanden Friedman als Sänger, der sein Talent in der linken amerikanischen Folktradition entwickelt hatte. Dieser revolutionäre, kämpferische Aspekt ging ihrer Meinung nach beim Vortrag deutscher Volkslieder in FDJ-Sendungen verloren und mit der floskelhaften Animation zum Mitsingen arteten seine Konzerte zur trivialen Volksmusik aus. Die Entscheidungsträger in FDJ und SED teilten diese Kritik nicht, sie erhofften sich durch die Singebewegung und Sendungen mit Perry Friedman eine Kanalisierung jugendlicher Musikinteressen und eine Wiederbelebung des Massenliedes (vgl. Jahn 2002: 12). Friedman befand sich demnach im Konflikt zwischen den Anforderungen seiner Arbeitgeber und dem Anspruch an die Qualität seiner künstlerischen Leistungen. Hinzu kam, dass sich Mitte der 1960er Jahre ein Stamm von Hootenanny-Akteur/-innen herausgebildet hatte, der sich langsam von seinem alten Meister Friedman emanzipierte und teilweise neue Wege mit eigenen Songs gehen wollte, wie Lutz Kirchenwitz in einem Interview erklärte.12 Zeitgleich mit Friedmans Ehekrise und der Verarbeitung des Todes seines vierjährigen Sohnes Andy 1966 begannen die Restriktionen der Hootenanny-Bewegung. Die verstärkten Kam-

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pagnen gegen Anglizismen und gegen den Einfluss westlicher Kultur führten 1967 schließlich dazu, dass Friedman nicht mehr in der DDR singen durfte. Interessanterweise fand Anderson gegenüber ihrer Freundin Charlotte Niemann ausschließlich private Erklärungsmuster für die schlechte Qualität von Friedmans künstlerischen Leistungen. Am Ende des Jahres 1966 schrieb sie Niemann: »Man sagt mir, dass Perry in seinen jetzigen Konzerten in Westdeutschland sehr sehr schlecht ist, furchtbar dick und unliebsam aussieht und langweilige Reden hält, spricht zu seinem Publikum wie zu einem Kindergarten und dass die jungen Menschen über ihn lachen. Er hat sich ruiniert. Ist das nicht schlimm? Sein Bruder ist überzeugt, dass das an seiner Ehe liegt. Ich bin nicht sicher. Denn Perry hat auch seine Frau ruiniert, die, als er sie kennenlernte, ein liebes, frisches, hoffnungsvolles Mädchen war. [...] Ein schlechter Vater ist er auch. Jetzt wachsen ihm seine Sünden über den Kopf, wie Teufel, und rächen sich an ihm. Aus seinem Jungen Ralphie macht er einen Affen – durch Vernachlässigung, dann Verwöhnung und überhaupt Dummheit. Er selbst trinkt Unmengen und spielt Karten mit nichtigen Bekannten. Ich bin sicher, dass er schrecklich leidet und nicht ein noch aus weiß. Wenn ich ihm helfen könnte, würde ich es tun. Ich würde ihm vor allem jetzt raten, einen anderen Beruf zu lernen, mein armer armer Perry. Der ganze Junge ist 31.«13

Mit keinem Wort erwähnte Anderson hier die kulturpolitischen Veränderungen in der DDR, die sicher nicht spurlos an Perry Friedmans beruflicher Entwicklung vorübergegangen sind und letztendlich auch sein Befinden beeinflussten. War sich Edith Anderson dieser Veränderungen, die sich 1967 noch verschärfen sollten, nicht bewusst? Oder wollte sie der westdeutschen Freundin keine Argumente liefern, die ihre ohnehin skeptische Einstellung zur DDR noch bestärkt hätten? Bereits 1964, nach einem Besuch der Niemanns in Berlin, bei dem die Entwicklung der DDR offenbar diskutiert wurde, hatte Edith Anderson erklärt: »[...] nach Eurem Berlin-Besuch, wo wir doch merken mussten, daß die zwei Deutschlands, in denen wir leben immer weiter auseinander rücken. Aber ich will das nicht ernst nehmen. Abgesehen von persönlichen Gründen, glaube ich auch, daß dieses Auseinanderrücken keineswegs fatal ist (das Auseinanderrücken der zwei Deutschland), sondern vielmehr, daß die immer klareren Unterschiede am Ende zu einer Attraktion der Gegensätze führen werden. Ich merke schon, daß zum Beispiel mein Bruder und seine Frau, die ungefähr so denken wie Ihr, eine große Überraschung hier erlebten – voriges Wochenende – und fühlten sich zu unserem way-of-life widerwillig hingezogen. Sie wollten nicht ein Teil davon sein, aber sie sahen, daß die ganze Sache, dieser Sozialismus, gedeiht, vor allem, daß die Menschen hier – die meisten – ihn schon als eine Selbstverständlichkeit nehmen. Wir sind aber auch zu Euch hingezogen, Ihr habt viel, was wir bewundern und brauchen. Eines Tages, in unserer Lebzeit, werden die zwei Welten zusammen sein, und irgendwelche Reibungen zwischen Freunden, die aus den Unterschieden zwischen den Deutschlands entstanden, werden vergessen sein.«14

In dieser interessanten Wiedervereinigungsprognose wird auch Edith Andersons Verbundenheit mit dem Sozialismus und ihr Stolz auf ihre Wahlheimat DDR deut-

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lich, deren Entwicklung sie von Anfang an begleitet hatte. Dabei übersah sie nicht, dass die DDR noch nicht dem Ideal einer sozialistischen Gesellschaft entsprach: »Mischi, was wir hier – und in der UdSSR und sonst wo – haben, ist noch lange nicht Sozialismus. Nur ein paar Strahlen sind manchmal zu sehen. Die sehe ich aber gerne.«15 Niemals beklagte sich Anderson bei Niemann über die politische oder materielle Situation in der DDR, sondern belegte im Gegenteil mit den Berichten über ihre Arbeit und die Lebensumstände, dass ein gutes Leben in der DDR möglich sei und sie zuversichtlich in die Zukunft schaue. Als Freundin begleitete Anderson Perry Friedman durch seine Krise, arbeitete auch teilweise mit ihm zusammen. Die Korrespondenz mit Charlotte Niemann belegt beispielsweise, dass der Text seines Vietnamliedes »I don’t stand alone« von Edith Anderson stammte, auch wenn sie später nie als Verfasserin genannt wurde, etwa im The Vietnam Songbook (vgl. Raeithel 1972: 133). Gerade dieses Beispiel zeigt, dass Edith Anderson zum Schaffen von Perry Friedman beigetragen hat, ihre Rolle dabei jedoch weitestgehend verdeckt ist. Als Drehbuchautorin für Friedmans Fernsehauftritte, Texterin seiner Lieder und insbesondere als ältere und erfahrenere Freundin half sie Perry Friedman, sich als Künstler in der DDR und auch in der BRD zu etablieren. Sie lehrte ihn ihre Strategien, mit der Zerrissenheit eines Lebens zwischen Ost und West umzugehen, und stand ihm bei der Bewältigung seiner persönlichen Krisen bei. Perry Friedman, der 1995 in Berlin starb, gilt heute als einer der Wegbereiter der Musikszene in der DDR. Aus der von ihm initiierten Singebewegung gingen unter anderem viele Liedermacher/-innen hervor. Zu ihnen gehören etwa Bettina Wegner, Barbara Thalheim oder Stefan Krawczyk, die sich in ihren Songs kritisch mit den Entwicklungen in der DDR auseinandersetzten und ähnlich wie einige Schriftsteller/-innen zum Sprachrohr für die reformorientierten Kräfte in der DDR wurden. Perry Friedman hätte seinen Beitrag zur Kultur der DDR ohne Edith Anderson nicht leisten können. Unbestritten ist ebenso, dass auch Friedman als einziger langjähriger nordamerikanischer Freund in der DDR für Edith Anderson eine zentrale Rolle spielte und, wie die Erzählung »Leckerbissen für Dr. Faustus« (1966a) zeigt, ihr Schreiben inspirierte. Victor Jeremy Jerome Im Jahr 1955 erschien beim Berliner Volk und Welt Verlag Victor Jeremy Jeromes Roman Eine Laterne für Jeremias16, der die Erfahrungen des jüdischen Autors während seiner Kindheit in der polnischen Stadt Strykow aufgreift. Der Roman war bereits 1952 im Verlag Masses and Mainstream in den USA erschienen und bildete lange Zeit eine Ausnahme in Jeromes Schaffen, das von den 1930er bis in die

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1950er Jahre fast ausschließlich aus politischen und kulturtheoretischen Schriften bestand und Jeromes Rolle als ›Kulturkommissar‹ der CPUSA begründete (vgl. Wald 2002: 163–178). Victor Jeremy Jerome wurde 1896 als Jerome Isaac Romain in einer jüdischen Gemeinde in Łód geboren. Im Alter von neun Jahren ging er mit seinen Eltern nach England, wo er die Schule besuchte. 1915 zog er nach New York, arbeitete für einige Jahre in verschiedenen Berufen und belegte etliche Kurse am City College of New York. Im Jahr 1919 heiratete Jerome die linke Dichterin Frances Winwar. Aus der Ehe, die 1924 geschieden wurde, ging ein Sohn, Germinal, hervor. Später, in den 1930er Jahren, wurde Winwar vor allem durch ihre Biografien von Künstler/innen und Intellektuellen wie Walt Whitman und den englischen Romantiker/-innen bekannt. Im Jahr 1924 trat Jerome der kommunistischen Partei bei. Seine Partnerin war nun die siebzehn Jahre ältere Rose Pastor Stokes (1879–1933), ein Gründungsmitglied der CPUSA, die in erster Ehe mit dem Reformer und Millionär James Graham Phelps Stokes verheiratet gewesen war. Jeromes Ehe mit Rose Pastor Stokes dauerte nur sechs Jahre, da Stokes 1933 einem Krebsleiden erlag. Während dieser Zeit erwarb Jerome seinen B.A. an der New York University und sah zunächst eine Zukunft als Schriftsteller für die Arbeiterklasse vor sich. Bekannt wurde Jerome aber vor allem wegen seiner kulturpolitischen Schriften; beginnend 1933 mit dem Artikel »Unmasking an American Revisionist of Marxism«, in dem er den der Partei nahestehenden New Yorker Philosophieprofessor Sidney Hook für seine Auslegungen des Marxismus attackierte (vgl. Wald 1987: 394). Jerome war nicht der einzige, der Hooks Auffassungen kritisierte, doch ging er über das Maß einer sachlichen Diskussion hinaus und griff Hook auch persönlich als den Verfasser einer kritischen Analyse des Marxismus an. Alan M. Wald stellt zu den Polemiken V.J. Jeromes fest: »There would endure a brutality in Jerome’s prose polemics, they rank among the strongest pieces of evidence in the cultural Left in the United States for the existence of a kind of thinking parallel to that of the Stalinist cultural thugs such as Andrei Zhdanov.«17 (Wald 2002: 168) In seinen Schriften »Toward a Proletarian Novel« (1933), The Intellectuals and the War (1940), Culture in a Changing World: A Marxist Approach (1947) und Grasp the Weapon of Culture! (1951) vertrat Jerome die Ansicht, dass Kunst und Kultur der Arbeiterklasse im Kampf gegen die Ausbeutung dienen müssen. Nach dem Tod seiner Frau ging Jerome ein Jahr nach Kalifornien, um dort Spenden für die Truppen im Spanienkrieg einzuwerben. Nach seiner Rückkehr 1935 bot ihm die Partei die Stelle des Mitherausgebers für das Parteiblatt The Communist (später umbenannt in Political Affairs) an, die er bis 1955 innehatte. 1936 wurde Jerome von der Partei nach Kalifornien delegiert, um in Hollywood eine Parteigruppe zu organisieren. Seine Analyse der Filmbranche und sein starkes Interesse an der Situation der Afroamerikaner/-innen verband Jerome in The Negro in Holly-

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wood Films (1950), einer Kritik des sich in Themenwahl, Stereotypisierung und Beschäftigungspolitik manifestierenden Rassismus in der Filmindustrie. 1937 wurde er zum Leiter der Kulturkommission der kommunistischen Partei befördert. Er heiratete Alice Hamburger, die bei der linken New Theater League beschäftigt war und nach der Geburt ihrer beiden Söhne Carl und Friedrich Leiterin der Park Nursery School wurde. Während der McCarthy-Zeit verlor sie ihren Job und wurde auf die Schwarze Liste gesetzt. Auch Jerome wurde Opfer des Komitees für unamerikanische Umtriebe (HUAC). Sein Vortrag Grasp the Weapon of Culture (gedruckt 1951) wurde als Aufruf zur Revolution interpretiert und fiel damit unter den Smith Act, der seit 1940 das Anstiften zum Umsturz der amerikanischen Regierung unter Strafe stellte. Nach seiner Verhaftung machte Jerome von seinem Recht Gebrauch, nicht gegen sich selbst auszusagen. Nach einem neunmonatigen Prozess, den er zeitweise gemeinsam mit Dashiell Hammett (vgl. Jerome 1963) in Untersuchungshaft verbrachte, wurde er zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er 1955 antrat.18 Dashiell Hammett organisierte nach seiner Freilassung ein Komitee zur Verteidigung Jeromes. Neben Unterzeichnern von Petitionen suchte Hammett Sponsoren. Aufgrund von Jeromes harscher Kritik an Autor/-innen, die sich nicht hundertprozentig dem kulturpolitischen Auftrag von Literatur in Jeromes Sinne unterworfen hatten, war das keine leichte Aufgabe für Hammett. So etwa erklärte der Journalist I.F. Stone: »I’d feel like a stultified ass to speak at a meeting for Jerome without making clear my own sharp differences with the dogmatic, Talmudic, and dictatorial mentality he represents. I intend to go on defending him as a Smith Act victim but I can’t pretend he’s a libertarian.« (Navasky 1980: 287)

Während seiner Haft widmete sich Jerome wieder dem kreativen Schreiben und begann, an der Fortsetzung seines autobiografischen Romans zu arbeiten. Nach seiner Entlassung 1957 beteiligte er sich nicht an den parteiinternen Auseinandersetzungen um Chruschtschows Enthüllungen über Stalin, sondern reiste nach Polen und hielt sich von 1959 bis 1961 in Moskau auf, wo er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins tätig war. 1962 kehrte er nach New York zurück und starb 1965 an den Folgen eines Gehirntumors. Seine Witwe versuchte mit Hilfe der CPUSA, Jeromes Folgeroman von A Lantern for Jeremy (Jerome 1952 und 1956) mit dem Titel The Paper Bridge (1966) zu veröffentlichen. Da die Partei ihr Vorhaben ignorierte, wandte sich Alice Jerome mit der Bitte um Unterstützung an Jeromes Freund/-innen in aller Welt, zu denen auch Edith Anderson zählte. Anderson hatte Jerome – »A learned, rabbinical-looking man with moist brown eyes and a weakness for young ladies.« (LIEe: 9; LIE: 16)19 – während ihrer Zeit als Kulturredakteurin beim Daily Worker kennengelernt. Im Juli 1955 schrieb Jerome Anderson aus Warschau: »Will I remember you! Of course I remember you. And

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I’ve followed with constant interest your articles and stories in the press that has been available to me.«20 Es ist anzunehmen, dass Anderson 1955 anlässlich der DDR-Ausgabe von Eine Laterne von Jeremias im Verlag Volk und Welt mit Jerome Kontakt aufnahm und im gleichen Jahr von dem Ehepaar Jerome in Berlin besucht wurde. Für die Folgejahre ist keine Korrespondenz zwischen Anderson und Jerome erhalten, was wohl auch mit Jeromes Gefängnisaufenthalt und Edith Andersons Belastung durch die Krankheit und den Tod ihres Mannes zu erklären ist. Während seiner Moskauer Zeit (1959–1961) pflegten Anderson und Jerome einen engeren Kontakt. Jerome besuchte Anderson in Berlin und die Korrespondenz bezeugt die gegenseitige Unterstützung für die Veröffentlichung von Texten in Publikationen der sozialistischen Länder. Während ihres Aufenthaltes in New York Anfang 1960 besuchte Edith Anderson auch die dort lebende Alice Jerome. Nach Jeromes Tod 1965 bat Alice Jerome Anderson, Berliner Freund/-innen von Jerome (unter anderem Beatrice Johnson, Georg Knepler, Bodo Uhse oder Helene Weigel) anzusprechen, die das Projekt der posthumen Ausgabe von The Paper Bridge in den USA unterstützen könnten, indem sie das Buch vorbestellten. Anderson erklärte ihr, dass die meisten Freund/-innen in der DDR keine US-Dollars besäßen und so auch nicht zu den tausend Vorbestellern gehören könnten, die der Verlag für die Auflage forderte. Vielmehr hielt sie es für sinnvoll, sich an den Verlag Volk und Welt zu wenden, der schon Jeromes Eine Laterne für Jeremias herausgeben hatte, und sich dort für eine deutsche Ausgabe von den The Paper Bridge einzusetzen, die Alice Jerome einige Dollars für die Veröffentlichung in den USA einbringen würde.21 Wie in vielen anderen Fällen stellte Anderson ihre Kenntnis des ostdeutschen Kulturapparates zur Verfügung und musste hier noch ihre eigenen negativen Erfahrungen mit dem Verlag Volk und Welt überwinden, dessen Abteilung für englischsprachige Literatur (Seven Seas) 1960 Andersons »A Man’s Job«, das Original des Romans Gelbes Licht, mit den Worten abgelehnt hatte: »Die verschiedenen Urteile stimmen darin überein, dass, ganz abgesehen von gewissen Ihnen sicher selbst bekannten Schwächen des Buches, die Thematik nicht in die politische Aufgabenstellung von Seven Seas Books passt. Ihr Buch behandelt einige spezielle Probleme eines kleinen Zweiges der amerikanischen Gewerkschaftsarbeit während des zweiten Weltkrieges, die aber im Jahre 1960 nicht mehr von entscheidender Bedeutung sind. Wir können daher nicht erwarten, dass Ihr Buch genügend Leserinteresse findet oder in größerem Maße dazu beitragen kann, die politischen Aufgaben zu erfüllen, um de22 rentwillen Seven Seas Books veröffentlicht werden.«

Neben der komplizierten Beziehung zwischen dem Verlag und Anderson, belastete das Gerücht, Jerome sei in den letzten Jahren von der Parteilinie abgewichen, das Vorhaben, Jeromes Buch bei Volk und Welt herauszubringen. Der Brief an den

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Verlagsleiter Walter Czollek verlangte Anderson daher einiges diplomatisches Geschick ab. Alice Jerome berichtete sie darüber: »In wording my letter so carefully, I made sure not to make any incorrect statement and did not suggest that Czollek should see me about the matter, but I tried to write in such a way that he would want to see me, because I would like to be able to exert the influence which is only possible in a personal interview to make him publish The Paper Bridge.«23

Um den Verdacht von Jeromes Parteiabtrünnigkeit auszuräumen, ohne diesen direkt auszusprechen, erinnerte Anderson Czollek an Jeromes letzten Berlin-Besuch 1965 und unterstrich damit seine enge Verbundenheit mit der DDR. Außerdem nannte sie angesehene Linke, die sich positiv über Jerome geäußert hatten und offenbar nicht an ihm zweifelten: »Bei der Trauerfeier sprachen u.a. Henry Winston als Vertreter der KPUSA, Dr. Herbert Aptheker, Chefredakteur der parteitheoretischen Zeitschrift Political Affairs, und James Aronson, Chefredakteur des New York National Guardian. In der Parteizeitung The Worker erschien danach ein langer, sehr schöner Artikel über Jerome von Joe North. Jewish Currents, die der Partei nahe steht, brachte einen längeren Trauerartikel von Chefredakteur Morris U. Schappes.«24

Czollek dankte Anderson im März 1966 für ihren Brief und schlug vor, sich an den Aufbau-Verlag zu wenden, da dieser sich mit Jeromes Werk befasse. Darüber hinaus hätte Volk und Welt jedoch Interesse an Jeromes Essay über Dashiell Hammett und würde es gern bei der geplanten Ausgabe von Hammetts Der gläserne Schlüssel (1976) verwenden. Czollek wollte sich mit seinem Honorarvorschlag von $ 20 an Alice Jerome wenden. Zwar führte Andersons Brief nicht zum gewünschten persönlichen Gespräch, aber immerhin wusste sie nun, dass der Aufbau-Verlag für Jerome zuständig war. Neben dem Brief an Czollek hatte Anderson, wie von Alice Jerome gewünscht, auch Helene Weigel um Unterstützung gebeten. Im Unterschied zu dem Brief an den Verlag, konnte Anderson gegenüber Helene Weigel die Komplikationen, die einer Veröffentlichung von Jeromes The Paper Bridge in der DDR entgegenstanden, offen benennen. »After he [Jerome] left the GDR a minor writer and translator who had had a tiff with Jerry spread a completely baseless rumor about him to the effect that he was ›a renegade like Howard Fast‹. After this rumor was spread, The Paper Bridge was dropped from the list of Volk & Welt Verlag. [...] I would be grateful to you, Helli, if, whenever you get a chance, you would help correct the wrong impression of Jerry which got into people’s mind when he was here, and after.«25

Helene Weigel informierte den einflussreichen Gerhart Eisler über den Vorgang, der ihr daraufhin schrieb, dass die Veröffentlichung von The Paper Bridge in den

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USA wegen mangelnder Devisen durch die DDR nicht unterstützt werden könne. Hinsichtlich der Gerüchte über Jerome fügt er hinzu: »Jerome verließ die DDR auf Wunsch seiner Partei. Er war sehr lange bei uns. [...] Ich werde an Czollek einen Brief schreiben und ihm mitteilen, daß die Behauptungen, die über Jerome aufgestellt wurden, in keiner Weise stimmen. Ich kenne das Buch nicht, aber vielleicht kann man dadurch erreichen, daß es auch bei uns gebracht wird. Es wird zweckmäßig sein, daß Du selbst auch noch an Czollek schreibst.«26

Auch Eisler erfuhr von Czollek, dass der Aufbau-Verlag die Ausgabe von Jeromes Texten übernommen hatte und dass Eislers Brief, in dem er die Zweifel an Jeromes politischen Haltungen ausgeräumt hatte, an Günther Klotz vom Aufbau-Verlag weitergeleitet worden war. Edith Anderson hatte inzwischen schon von Günther Klotz gehört, dass seine Übersetzung von Jeromes Unstill Waters 1967 bei Aufbau erscheinen würde und der Verlag großes Interesse an dem Roman The Paper Bridge hätte. Jeromes Miniaturen Unruhige Wasser erschienen tatsächlich 1967 mit einem Nachwort von Günther Klotz beim Aufbau-Verlag. Wenn es auch noch elf Jahre dauerte, bis Die Papierbrücke (1978) folgte, so hat Edith Anderson doch den Anstoß geliefert und dafür gesorgt, dass die Werke von Victor Jeremy Jerome weiter in der DDR verlegt wurden. Mit den literarischen Schriften des ehemaligen Kulturfunktionärs der CPUSA lernte die Leserschaft in der DDR einen bedeutenden Vertreter der linken amerikanischen Literatur kennen, der ebenso einen Zugang zur jüdischen Literatur Amerikas jenseits von Saul Bellow und Phillip Roth ermöglichte. Jeromes Leben zeigt deutlich die Verbindungen zwischen Europa und Amerika, zwischen Ost und West: Als Kind in Polen aufgewachsen, ging der junge Jerome in die USA und fand dort seine politische Heimat bei den amerikanischen Kommunist/-innen. Nach seiner zweijährigen Haftstrafe hielt sich Jerome Ende der 1950er Jahre längere Zeit in Osteuropa auf. Dort fand er Erholung und die Anerkennung seiner Leistungen auf politischem und literarischem Gebiet, die er im MainstreamAmerika nie erzielte. Die Existenz der sozialistischen Staaten und seine Aufnahme dort stärkte wiederum Jeromes Auftreten und Wirken in den USA. Nicht zuletzt trug die Publikation von Unruhige Wasser in der DDR zur Finanzierung der amerikanischen Ausgabe von The Paper Bridge bei. Jerome nutzte die beiden Pole Ost und West nicht nur als Zuflucht, sondern bereicherte mit seinem Wirken beide Kulturen. Doch eben dieser Akt der Bereicherung, etwa des Zuganges zu seinen Schriften in der DDR, bedurfte der aufwändigen Kleinarbeit und der Pflege von Netzwerken, wie sie Anderson leistete.

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Earl Robinson Die Popularität des amerikanischen Komponisten, Sängers und Dirigenten Earl Robinson in der DDR ist in erster Linie Georg Friedrich Alexan (Georg Friedrich Kupfermann) zu verdanken. Der deutsche Schriftsteller und Kunstkritiker Alexan27 besaß während seines Exils in New York eine Buch- und Kunsthandlung in der 42. Straße, die als Treffpunkt für deutsche Emigranten wie Hilde und Gerhardt Eisler, Oskar Maria Graf, Wieland Herzfelde, Max Schroeder oder Berthold Viertel diente. Außerdem war Alexan Mitglied in einigen Vereinigungen von Exilant/-innen wie der German American Writers Association (GAWA) und der Tribüne für freie deutsche Literatur und Kunst, deren Anliegen es war, deutschsprachigen Schriftsteller/-innen und Künstler/-innen in New York eine Plattform für Vorträge, Lesungen, Kabarettabende und Theateraufführungen in deutscher Sprache zu bieten. Der Regisseur Berthold Viertel bezeichnete Alexan als das »aktivste Mitglied der Tribüne«, der alle für solche Veranstaltungen notwendigen organisatorischen und künstlerisch-technischen Arbeiten ausführte und gleichzeitig »Kulissenträger, Pressechef, Requisiteur, Organisator und Kartenbüro, Geschäftsführer und Schreiber von Briefkuverts« (Kirfel-Lenk 1983: 457) war. Es ist denkbar, dass Earl Robinson während dieser Kulturveranstaltungen oder eben direkt durch Hanns Eisler Alexan kennenlernte. Eisler hatte zwischen 1935 und 1942 zahlreiche Kurse an der New School for Social Research in New York unterrichtet. Seine Ansichten zur Rolle der modernen Musik für die Ziele der Arbeiterklasse stießen auf großes Interesse bei den linken amerikanischen Komponisten und Robinson war einer von Eislers Studenten und Freunden. Robinson (1910–1991) hatte in Seattle Musik studiert und kam 1934 nach New York, wo er dem Composers Collective beitrat, einer Gruppe von linken Komponisten, die Musik für die Arbeiterbewegung schaffen wollten (vgl. Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 156–157). In den 1930er und 1940er Jahren wurde er durch seine häufig von Paul Robeson interpretierten Kompositionen der Lieder »Joe Hill«, »Abe Lincoln« oder »The House I Live In« sowie die Kantaten »Ballad for Americans« und »The Lonesome Train« bekannt, in denen er sein Bild von den USA als multiethnischer Gesellschaft, deren demokratisches Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist, präsentierte. Sein Engagement für Gewerkschaften und verschiedene verhaftete Mitglieder der kommunistischen Partei führten zu Berufsverboten in den 1950er Jahren und schließlich 1957 zu einem Verhör durch den HUAC. Robinson, der vorher tausende Konzerte überall in den USA und Kanada nicht nur in kleinen Klubs, sondern sogar im Weißen Haus gegeben hatte, der von Kinderchören bis zur New York Philharmonie alles dirigiert hatte, konnte nun nur noch als Musiklehrer in einer New Yorker Schule arbeiten und sich mit seinen Kompositionen beschäftigen. Viele seiner Stücke basierten auf Texten amerikanischer

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Schriftsteller/-innen wie Theodore Dreiser (Sandhog, 1954 nach: »St. Columba and the River«, 1927), Yuri Suhl (One foot in America, 1950) oder Katya und Bert Gilden (Hurry Sundown, 1964). Zu Robinsons bekanntesten Liedern zählt »Black and White« (1956), das die Aufhebung der Rassentrennung in den Schulen feiert, welche der Rechtsprechung im Fall Brown versus Board of Education 1954 folgte. Ab den 1970er Jahren entdeckte Robinson neue Themen für sein Leben und Schaffen. Dazu gehörte die Geschichte und Situation der Ureinwohner Amerikas, Ökologie, Esoterik und Theologie. »To the Northwest Indians«, ein Orchesterstück mit Texten von Native Americans, beendete er 1974; es folgten die Bühnenstücke Listen to the Dolphin (1981) und Song of Atlantis (1983). 1991 starb Robinson bei einem Autounfall in Seattle. Für seinen Erfolg in der DDR, in der er 1959 und 1973 Konzerte gab, spielte Georg Friedrich Alexan, wie bereits erwähnt, eine wichtige Rolle. Alexan hatte bis zu seiner Flucht aus den USA 1948 die Tribüne geleitet und war vor allem auf dem Gebiet der bildenden Künste tätig, indem er Ausstellungen antifaschistischer Künstler/-innen in seiner Tribune Subway Gallery organisierte (vgl. Kirfel-Lenk 1983: 666). Ab 1949 lebte er als Übersetzer und Publizist in der DDR und hatte im Frühjahr 1958, also wenige Monate nach Robinsons Verhör durch den HUAC, Robinson als »Sänger und Kämpfer des amerikanischen Volkes« in der Zeitschrift Musik in der Schule vorgestellt (vgl. Alexan 1958: 96). Neben dem einführenden Artikel veröffentlichte Alexan dort in Auszügen das von ihm übersetzte Verhör Earl Robinsons vor dem Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung sowie die Texte und Noten der Lieder »Joe Hill«, »The House I Live In« und »Black and White« mit deutschen Nachdichtungen von Marianne Gräfe. In den Folgejahren wurde das Lied »Black and White« in die Musikbücher der Oberstufe aufgenommen und erfreute sich großer Beliebtheit bei anglophilen DDR-Schüler/-innen: »The ink is black, the page is white, together we learn to read and write, to read and write.« Im Jahr 1959 gelang es Alexan, für Earl Robinson eine Reihe von Konzerten in Berlin zu organisieren. Robinson schrieb später über Alexan: »a very warm nice guy I hasten to add, a Jimmy Higgins type who is absolutely responsible I believe for my first successful trip and concerts in E. Germany in ’59.«28 Bei Robinsons Konzert in der Staatsoper in Berlin spielte der erst kurze Zeit in Ostberlin lebende Perry Friedman das Banjo. Ähnlich wie Friedman, der die Möglichkeit eines Musikstudiums in Berlin bekommen hatte, wurden Earl Robinson verschiedene Projekte angeboten, die darauf abzielten, den wegen seiner politischen Anschauungen in den USA in Ungnade gefallenen bedeutenden amerikanischen Komponisten für längere Zeit an die DDR zu binden. Robinson lehnte zwar aufgrund anderer laufender Arbeiten ab, aber noch Jahre später berichtete er Edith Anderson begeistert von den guten Angeboten: »Last time I was there they invited me to stay for a year study conducting, a house with a piano out in the country etc.«29, oder »At one time

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they were offering and discussing seriously a three thousand dollar (American $) commission for me to do an opera on Joe Hill.«30 Mit Edith Anderson, die er und seine Frau Helen während des Gastspieles 1959 in Berlin kennengelernt hatten und deren Beiträge im New York National Guardian er mit Interesse verfolgte, nahm Robinson erstmals 1962 anlässlich des Todes von Hanns Eisler Kontakt auf. Um seiner Verehrung und Dankbarkeit gegenüber Eisler – »he meant an awful lot to me, as a man and a friend besides having a real influence on my composing«31 – Ausdruck zu verleihen, plante Robinson zwei Projekte, für deren Verwirklichung er Hilfe aus der DDR benötigte. Für seine Aufführung von Eislers Werken in New York, die Robinson mit namenhaften Musikern wie Leonard Bernstein gestalten wollte, brauchte er Aufnahmen von Eislers Musik, die in der DDR erhältlich waren. Das andere Projekt betraf die Komposition einer Friedenskantate basierend auf einem Text von Walter Lowenfels, die Robinson seinem Lehrer Hanns Eisler widmen und in der DDR uraufführen wollte. In seinem Brief vom 19. Oktober 1962 fragte Robinson Edith Anderson, ob die DDR sein Vorhaben finanziell unterstützen könne. Warum er in dieser Sache nicht seinen Freund Alexan um Hilfe bat, erklärte Robinson mit der Tatsache, dass er seit dem Mauerbau 1961 Schwierigkeiten gehabt hätte, Alexan zu erreichen. Wie selbstverständlich erfüllte Anderson Robinsons Wünsche. Sie leitete seinen Brief sofort an Nathan Notowicz, den Sekretär des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler und Leiter des Hanns-Eisler-Archives weiter. Robinson erhielt umgehend die gewünschten Aufnahmen von Eisler, wenngleich er sich wegen anderer beruflicher Belastungen erst fünf Monate später bei Edith Anderson wieder meldete und den Erhalt bestätigte. Bis Ende der 1960er Jahre folgte ein sporadischer Briefwechsel zwischen Anderson und Robinson32, der größtenteils die Entwicklung der beruflichen Projekte thematisierte. Robinson berichtete etwa über die Entstehungsgeschichte seiner Folkoper zu den Mohawk-Indianern im Stahlbau oder beriet Anderson zu ihrem Liedtext »I don’t stand alone« über einen amerikanischen Kriegsdienstverweigerer33, den sie für Perry Friedman geschrieben hatte. Robinson unterrichtete Anderson auch über interessante Neuerscheinungen auf dem amerikanischen Büchermarkt wie etwa Katya und Bert Gildens Roman Hurry Sundown (1964), »which is one of the most important books written by American authors in the 20th century I think.«34 Das Buch wurde in den USA zum Bestseller und mit Andersons Hilfe konnte der Roman auch später in der DDR erscheinen. Earl Robinsons Einladung zu einem Gastspiel in der DDR führten Anfang der 1970er Jahre wieder zu einem intensiveren Briefwechsel zwischen Anderson und Robinson. Für die Vorbereitung seiner Konzertreise in die DDR im September 1972 war Robinson, der weder Deutsch verstand noch Kenntnis von den Verantwortungsbereichen der einzelnen Kulturinstitutionen in der DDR hatte, auf die Hilfe von Edith Anderson angewiesen.

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Zwischen 1971 und 1972 verwendete Anderson viel Zeit darauf, die richtigen Ansprechpartner/-innen für Robinson zu finden und ihn mit diesen in Verbindung zu bringen. Die Verhandlungen zu seinem Besuch waren besonders problematisch, da Robinson zum einen selbst nur wenig Zeit hatte, um die Verantwortlichen in der DDR zu kontaktieren, und ihm, wenn er es tat, sehr zögerlich und ausschließlich auf Deutsch geantwortet wurde. Zum anderen wurde er immer wieder an andere Ansprechpartner/-innen verwiesen, etwa an Eberhard Rebling oder die Künstleragentur der DDR, bis sich im August 1972 herausstellte, dass die Leitung der Berliner Festtage sein Verhandlungspartner sei. Hinzu kam, dass Robinson nicht einfach als Solist in der DDR auftrat, sondern einige seiner Werke von einem Orchester aufgeführt werden sollten, was umfangreichere Vorbereitungen erforderte, wie das Zusenden von Partituren, die Ermittlung eines geeigneten Orchesters, das Übersetzen der Texte usw. Aufgrund der vielen Hürden kam Robinson daher erst im Herbst 1973 und nicht wie geplant 1972 in die DDR. Diese Verspätung beruhte unter anderem auf der Tatsache, dass Robinson keinen Manager in der DDR hatte. Gerade 1971, seine Vorbereitungen für dieses Gastspiel beginnend, war Robinson sehr zufrieden und dankbar für die Hilfe, die Edith Anderson ihm bot: »I am much happier to be working with you than friend Alex, George Alexan.«35 Schließlich schlug er ihr vor, das freundschaftliche Verhältnis in ein professionelles umzuwandeln: »I would love you to be my E. German agent and hereby appoint you at the usual 10% of fees if you are willing...«36 Ob Anderson dieses Angebot vorübergehend annahm, geht aus der vorhandenen Korrespondenz nicht hervor. In jedem Fall unterrichtete Robinson sie weiterhin über die Vorbereitungen seiner Tour und bat sie immer wieder, bei den Verantwortlichen in der DDR nachzuhaken, da er von ihnen keine Antwort auf seine Briefe erhielt. Anfang 1973 schlugen sich die Probleme, die Anderson nach der Veröffentlichung ihres NewYork-Tagebuches Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten (1972) in der DDR hatte, in der Beziehung zu Robinson nieder. Obwohl viele Leser/-innen ausgesprochen positiv auf ihr Buch reagiert hatten, wurde Anderson in einigen Rezensionen wegen ihres Amerikabildes scharf angegriffen. Eine zweite, veränderte Auflage konnte erst 1976 erscheinen und im Allgemeinen waren ihre Wirkungsmöglichkeiten in dieser Zeit stark reduziert. Deprimiert von diesen Entwicklungen, schrieb sie im März 1973 an Robinson, »just about managing to keep my head above water.«37 Daraufhin erklärte Robinson ihr die ›Re-evaluation Counseling‹Methode, die ihm selbst schon geholfen hätte.38 Die Grundthese dieser Methode besteht in der Annahme, dass jeder Mensch ein gewaltiges Potenzial zum Lösen seiner Probleme in sich trage. Um dieses Wissen zu nutzen, bedarf es eines aufmerksamen, unkritischen und liebevollen Zuhörers, dem alles erzählt werden kann, was einen belaste. Inwiefern Anderson dieser Methode etwas abgewinnen konnte, wird aus der erhaltenen Korrespondenz nicht ersichtlich, aber immerhin wird deutlich, dass sie durch diese scheinbar einseitige Beziehung mit Robinson (einseitig in dem

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Sinne, dass Anderson vor allem Robinson unterstützte) auch emotionale Zuwendung erfuhr. Wie schon erwähnt, geht aus dem Nachlass nicht genau hervor, ob Edith Anderson jemals offiziell als ostdeutsche Agentin von Earl Robinson arbeitete. Aus den Briefen von Robinson ab dem Frühjahr 1973 lässt sich jedoch eine Veränderung ablesen, die eindeutig belegt, dass Anderson nicht (mehr?) Robinsons Agentin in der DDR war. Vermutlich hatte Anderson Robinson mitgeteilt, dass sie aufgrund der Schwierigkeiten mit ihrem Buch im Moment nicht die geeignete Person sei, um etwas für sein Gastspiel in der DDR zu bewirken. Auch Robinson wurde zurückhaltender mit seinen Wünschen: »Things seem to be progressing fairly well for the October visit, but I still wish I had an American or German friend who spoke English and had time to simply keep me posted on what is happening. I gather this is hard for you to do now.«39 Pete Seeger hatte Robinson vorgeschlagen, den in Berlin lebenden Amerikaner Victor Grossman um Hilfe zu bitten, doch bevor Robinson das tat, wollte er von Edith Anderson wissen, ob Grossman der geeignete Mann sei. Schließlich arbeitete Grossman ab Sommer 1973 mit Robinson zusammen. Dennoch war es immer wieder Edith Anderson, an die sich Robinson mit der Bitte um Rat und Hilfe wandte; so zum Beispiel, als es darum ging, eine Schauspielerin zu finden oder um Fragen des Honorars zu klären.40 Inwieweit Edith Anderson diese Aufgaben tatsächlich ausführte oder Robinson riet, sich selbst an die zuständigen Behörden zu wenden, geht aus den Briefen nicht eindeutig hervor. Auf jeden Fall benutzte Robinson sie weiter als »Friday girl«41 – in Referenz auf Robinson Crusoe – bis die letzten Absprachen für seine Konzerte getroffen waren. Während seines DDR-Aufenthaltes im Oktober 1973, bei dem er drei Konzerte mit dem Hallischen Sinfonieorchester zu den Berliner Festtagen und sechs Soloabende in verschiedenen Städten der DDR aufführte, wurden Earl Robinson und sein Stiefsohn, der Musiker Michael Martin, intensiv von Victor Grossman betreut (vgl. Grossman 2003: 182). In seiner Autobiografie Ballad of an American (1998) schildert Robinson seine Eindrücke und Erinnerungen an seine beiden DDR-Gastspiele in den Jahren 1959 und 1973. Wenngleich Robinson in seinen Ausführungen Anderson nicht erwähnt, so belegt meine Untersuchung, dass eine Zusammenarbeit mit den Institutionen der DDR keinesfalls auf direktem Weg funktionierte. Vielmehr bedurfte es der Mitarbeit von Insidern wie Anderson, die einerseits den DDRKulturbetrieb kannte und andererseits aufgrund ihrer Herkunft aus der amerikanischen Linken Robinsons Vertrauen genoss und seine Größe und Bedeutung im amerikanischen Kontext verstand. Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel – ähnlich wie bei Friedman –, dass, obwohl Andersons Beiträge zum Gelingen verschiedener Projekte in späteren Darstellungen der Akteure kaum Erwähnung fanden, ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte.

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Katya und Bert Gilden: »the utmost faith in her judgement«42 Die Freundschaft zwischen Edith Anderson und dem Schriftstellerehepaar Katya und Bert Gilden, aus der unter anderem auch die Veröffentlichung der beiden Romane der Gildens in der DDR hervorging, begann mit der Empfehlung Earl Robinsons. Er hatte Anderson 1965 auf den Roman Hurry Sundown (1964) des Paares, das unter K.B. Gilden veröffentlichte, aufmerksam gemacht und die Gildens veranlasst, ihr ein Exemplar des zweibändigen Werkes in die DDR zu schicken. In Hurry Sundown wird die Geschichte eines schwarzen und eines weißen Soldaten erzählt, die nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg den drohenden Aufkauf des Landeigentums ihrer Familien nur durch Kooperation verhindern können. Eine solche Zusammenarbeit birgt aufgrund der Vergangenheit natürlich Probleme und die Nachkommen von Sklav/-innen und Sklavenhaltern müssen lernen, sich als gleichberechtigte Partner anzusehen. Die Verfilmung (1967) des 1000 Seiten starken Romans durch Hollywood-Regisseur Otto Preminger mit Jane Fonda in einer Hauptrolle und Musik von Earl Robinson verstärkte die Popularität von Hurry Sundown nicht unerheblich. Der Roman wurde in den USA über eine Million Mal verkauft. Die Kritik sah in ihm eine Art Fortsetzung von Margaret Mitchells Gone with the Wind, was Katya und Bert Gilden besonders verärgerte, da sie ganz bewusst mit der Auswahl ihrer Protagonisten und der Darstellung ihrer Lebenszusammenhänge in einer rassistischen Umgebung vielmehr ein Gegenstück als eine Fortsetzung von Gone with the Wind schreiben wollten. Nach der Lektüre des Romans nahm Edith Anderson mit den Gildens Kontakt auf, denn sie teilte Robinsons Meinung, dass Hurry Sundown in der DDR veröffentlicht werden sollte. Katya und Bert Gilden waren über ihre positive Reaktion erfreut und an einer ostdeutschen Ausgabe sehr interessiert.43 Die Rechte für die deutsche Ausgabe lagen jedoch bei Droemer/Knaur, die das Buch in zwei Bänden bereits 1964/1966 unter dem Titel Morgen ist ein neuer Tag veröffentlicht hatten. Im Dezember 1966 informierte Anderson die Gildens über den Fortgang der Dinge. Sie hatte sich an Droemer/Knaur gewandt und von ihnen die deutsche Ausgabe erhalten. Sie verglich die Übersetzung von Paul Baudisch mit dem amerikanischen Originaltext und kam zu dem Schluss: »It’s pretty good, as far as I can see. A clean job. But absolutely no dialect.«44 Für sie stellte die Sprache der Protagonisten in Hurry Sundown einen der Höhepunkte des Buches dar und sie bedauerte, dass diese sprachlichen Varietäten nicht ins Deutsche übersetzt werden konnten. Außerdem berichtete Anderson über ihre Suche nach einem geeigneten ostdeutschen Verleger: »I also wrote to my own publisher, the biggest and most prestigious (my English sometimes goes to hell and I grab the first word that emerges out of the European Babel in my head) in the GDR, Aufbau-Verlag, telling them to get hold of your book fast and giving

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them a rundown of my impressions. They took ages to answer, but yesterday the letter finally came, thanking me in very cordial terms for putting them onto the book. They got themselves a copy and are now having it read by their own inside or outside readers.«45

In ihren Brief an die Gildens präsentierte sich Anderson auffällig als kompetente (ihre Analyse der Übersetzung) und einflussreiche (einer der besten DDR-Verlage, nämlich Aufbau, schätzt sie sehr und folgt ihren Vorschlägen) Person, der man die Verhandlungen um die ostdeutsche Ausgabe eines Bestellers getrost anvertrauen könne. Diesen Eindruck unterstrich sie durch die Ablehnung des Vorschlages von Droemer/Knaur, der vorsah, dass sich einige bekannte DDR-Autor/-innen zu der westdeutschen Ausgabe von Morgen ist ein neuer Tag äußerten. Anderson vermutete, dass es sich hier um den Versuch handelte, die Verkaufszahlen der westdeutschen Ausgabe zu steigern, und keineswegs darum, das Projekt einer ostdeutschen Ausgabe zu unterstützen. Gerade ein Kommentar von Stefan Heym zu einer westdeutschen Ausgabe wäre ihrer Meinung nach der Todesstoß für eine DDR-Ausgabe gewesen, da Heym bei den Kulturfunktionären in der DDR sehr umstritten war. Wenn das Buch in der DDR erschiene, würden die positiven Reaktionen von DDRSchriftsteller/-innen wie von selbst kommen, und wenn nicht – so erklärte Anderson den Gildens und betonte an dieser Stelle noch mal ihre einflussreiche Position –: »I can very easily prod a few [important writers] for comments – if that’s what you want. I can certainly see to it that the book is promptly reviewed; all I have to do is to call up a few editors.«46 Ohne Zweifel verfügte Anderson über besondere Erfahrungen und Beziehungen im Kulturbetrieb der DDR und war willens, diese voll und ganz in den Dienst der transatlantischen Kulturbeziehungen zu stellen. Gerade aufgrund der problematischen Beziehung zwischen den USA und der DDR bedurfte es eines außerordentlichen Optimismus und auch Enthusiasmus, um solche Projekte anzustoßen und die Beteiligten an den Erfolg glauben zu lassen. Insofern war es strategisch notwendig, dass sich Edith Anderson als höchst kompetent und einflussreich präsentierte. Damit schuf sie bei den Partner/-innen natürlich auch eine Erwartungshaltung, die ihre Arbeitskraft teilweise überforderte und zu Konflikten führte. Prinzipiell war sie immer bereit, transatlantische Projekte mit ihren Kenntnissen und Beziehungen zu unterstützen; aber in erster Linie verstand sie sich als Schriftstellerin, die einen großen Teil ihrer Arbeitszeit für ihre eigenen Texte benötigte. Im Fall von Katya und Bert Gilden blieb das Engagement für die Kolleg/-innen nicht einseitig. Die Korrespondenz belegt, dass Katya und Bert Gilden Anderson nicht allein als Agentin sahen, die ihnen beratend zur Seite stand, sondern vielmehr als eine Schriftstellerin, die aufgrund ihrer speziellen Erfahrungen in Ost und West einzigartig war. So wie Anderson die Publikation von K.B. Gildens Werken beim Aufbau-Verlag (Morgen ist einer neuer Tag, 1970 und Zwischen Berg und Meer, 1974) unterstützte, nutzten die Gildens ihre Kontakte zu amerikanischen Verlagen,

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um Anderson zu fördern. So etwa empfahl Bert Gilden seinem Bekannten Ken McCormick vom Verlag Doubleday Edith Anderson, als diese 1967 einen Job in New York suchte, mit folgenden Worten: »[...] we found her a fascinating person. Because of her abilities and unusual background she has a great deal to offer which should be useful to the American publishing world.«47 Die Gildens bewunderten Andersons Lebenserfahrung als Amerikanerin in der DDR und ermutigten sie immer wieder, mit ihren Schriften eine Mittlerrolle einzunehmen, um vor allem der amerikanischen Leserschaft ein komplexeres Bild von Osteuropa zu vermitteln: »Other than that you have a big contribution to make toward deepening our understanding of Eastern Europe.«48 Mit Hilfe der Gildens lernte Anderson während ihres New-York-Aufenthaltes 1967/68 den Literaturagenten Peter Matson kennen. Gemeinsam planten sie das Projekt eines Tagebuches, dessen erster Band ihre Eindrücke von New York 1967/68 schildern sollte, während ein zweiter Band das Leben in der DDR zum Inhalt haben würde. Edith Anderson schrieb das Buch nach ihrer Rückkehr in die DDR. Dennoch scheiterte das Vorhaben, einen Text über die USA zu verfassen, der sich in DDR und gleichzeitig den USA verkaufen ließe. So erschien Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten 1972 lediglich in der DDR. Obwohl die Gildens Anderson immer wieder ermunterten, dem Agenten Peter Matson doch Kapitel ihrer Arbeit zu senden, kam es letztendlich zu keiner Veröffentlichung in den USA. Neben der gegenseitigen Unterstützung bei der Ausgabe der eigenen Werke, spielte der intellektuelle Austausch in dieser Freundschaft mit den Gildens eine große Rolle. Eine vor allem Anfang der 1970er Jahre immer wieder diskutierte Frage war etwa die nach der Rolle des Schriftstellers in Ost und West. Diese Problematik erörterten Katya und Bert Gilden auch 1971 mit Studierenden der Potsdamer Hochschule während ihrer Lesereise in der DDR. Katya Gilden erinnerte sich in einem ihrer Briefe an Anderson: »One of the students raised the question: Why write novels? I could only answer then from my own conviction that the writer in any society must serve not only as its celebrant – but as its critic and its conscience, and what better way than in the living terms of fiction?«49 Anderson erklärte Katya Gilden anschließend, dass in einer sozialistischen Gesellschaft, wo der Arbeiter im Mittelpunkt stehe, an Schriftsteller/-innen andere Erwartungen gestellt werden als lediglich Gesellschaftskritik zu üben. Vielmehr sollten sie mit ihren Werken einen Beitrag zum Aufbau dieser Gesellschaft leisten. Ganz anders sei das in den USA, wo gerade der zweite Roman von Katya und Bert Gilden, der Auswirkungen der Konzernbildung in den 1950er Jahren auf das persönliche und soziale Leben der Arbeiterschaft thematisierte, auf wenig Interesse seitens der amerikanischen Literaturkritik und der Intellektuellen stieß. Katya Gilden fasste die Diskussion über die Rolle des Schriftstellers in den verschiedenen Systemen zusammen:

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»Here from the point of view of the intellectual the working class is peripheral. [...] Over there, with you, the working class is focal. And it is the intellectual who is, in a sense, peripheral. That is, he derives his living recognizably from the wealth produced by workers. And implicitly he is expected to contribute back to this central source whether through his science, knowledge – or writing talent.«50

Trotz ihrer Einsicht in die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme hielt Gilden daran fest, dass Autor/-innen gerade aus ihrer Opposition gegenüber bestimmten Zuständen in der Gesellschaft schrieben: »The writer, I am convinced, derives his dynamic from his critical role. Actually his objections, if they are honest and expressed with all his talent, should become part of the continuing necessity of creating a new society.«51 Anlässlich der Ausgabe ihres Buches Morgen ist ein neuer Tag (1970) im Aufbau-Verlag kamen die Gildens 1971 zur Leipziger Buchmesse und an der Vorbereitung dieser Reise war Anderson nicht unwesentlich beteiligt. Die Gildens betrachteten sie als Freundin und vertrauten ihrem Urteilsvermögen: »Hopefully, you will be there as a sort of a friendly soul for us to feel we can fall back upon. We have been asked to inform our host whether there are any particular people we would like to meet and would like your suggestion in this.«52 Die Gildens führten die Verhandlungen mit den Institutionen zwar direkt oder mit Hilfe ihres Agenten, aber im Zweifelsfall wandten sie sich wie schon Earl Robinson immer an Anderson und baten sie um Hilfe. Nach Bert Gildens plötzlichem Tod 1971 nahm der Briefwechsel zwischen Anderson und Katya Gilden stark ab. Vermutlich war also Bert der Verfasser der bisher immer mit »K. & B.« unterzeichneten Briefe gewesen. Gleichzeitig passt dieses Versiegen der Korrespondenz zu diesem Zeitpunkt in die Krise, die Anderson in den 1970ern durchlief und die ihr Selbstverständnis als Mittlerin zwischen den Welten erschütterte. Interessant an der Freundschaft mit den Gildens ist die Tatsache, dass Anderson das Paar erst 1965 kennenlernte und die Basis ihrer Beziehungen also nicht die gemeinsamen Erfahrungen aus dem New York der 1930/40er Jahre sind, sondern vielmehr der intellektuelle Austausch und die gegenseitige Unterstützung in der Gegenwart. Gleichzeitig zeigt diese Freundschaft, wie die Netzwerke weiter gesponnen wurden und Wege sich kreuzten; so hatte Robinson nicht nur Gildens Roman zur Grundlage seiner musikalischen Werke genommen, sondern auch Yuri Suhls Texte, der ebenfalls mit Anderson befreundet war. Yuri Suhl Ähnlich wie ihre Freundschaften mit anderen linken Intellektuellen in den USA, war Andersons Verhältnis zu dem Autor Yuri Suhl (1908–1986) kein rein privates,

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sondern trug – wenn auch nur in kleinen Dosen – dazu bei, den Kulturaustausch zwischen der DDR und den USA trotz des Kalten Krieges zu stärken. Über ihre erste Begegnung mit Suhl schreibt Edith Anderson im September 1965 ihrer Freundin Charlotte Niemann: »Gewiß, der amerikanische Schriftsteller konnte mir auch nicht mehr geben, aber in dem Moment hatten wir beide eine allumfassende Illusion, er wußte noch, daß er zu Hause eine Frau hatte (schon seit 20 Jahren), aber er konnte es auch vergessen, wie Odysseus bei Circe. In die zwölf Tage unserer Bekanntschaft packten wir ein ganzes Leben, eine Welt, und lernten uns bis auf den Grund kennen und lieben. Er war auch das richtige Alter für mich – er war 56, obwohl er jünger aussah und irgendwie auch war. Ich mußte nicht bei ihm denken, ich bin alt, meine Figur ist hin; ich wusste, er liebte mich genau wie ich war, mit Falten am ganzen Körper, ja er liebte sogar die Falten selbst. Inzwischen ist die Illusion zusammengebrochen – eigentlich schon lange. Denn er fuhr nach Hause, sah seine Frau, und ernüchterte sich. Aus Paris schrieb er noch einen schönen Brief, aber von zu Hause schreibt er mir sehr nüchtern und er mahnt mich, auch nüchtern zu schreiben. Das werde ich auch tun – wenn ich schreibe...«53

Seit ihrer ersten Bekanntschaft auf einer internationalen Schriftstellerkonferenz in Weimar 1965 bis zum Tod Yuri Suhls 1986 bestand zwischen Edith Anderson und Yuri Suhl eine Freundschaft, die trotz Spannungen und gelegentlicher Enttäuschungen fortdauerte. Die in Andersons Nachlass erhaltene Korrespondenz, bestehend aus ca. einhundert Briefen Suhls und weniger als zehn von Anderson selbst, vermittelt einen Einblick in Yuri Suhls Vermögen, die Freundschaft belastende Spannungen auf freundliche Art aufzuheben. Anfang des Jahres 1970 schrieb Suhl etwa, nachdem er mehrere Monate nichts von Edith Anderson gehört hatte: »I wonder whether your long silence is due to a lack of interest or a lack of energy due to health or other problems. At any rate, I want you to know that I am both interested and concerned.«54 Suhls Fürsorge und Interesse an Edith Anderson nahmen einen großen Raum in Suhls Briefen ein. Um jedoch die Komplexität der Beziehung und damit auch Suhls Bedeutung für Anderson trotz der Abwesenheit ihrer Briefe im Nachlass genauer erfassen zu können, sind einige Informationen zu Suhls Biografie notwendig. Untersuchungen zur amerikanischen Linken oder zu jiddischer Literatur führen gelegentlich Suhls Namen auf, aber grundsätzlich gibt es nur wenige Informationen zu seinem Leben und Werk. Ich stütze meine folgenden Ausführungen daher auf einen Lexikoneintrag, den Yuri Suhl selbst verfasst und in Kopie an Edith Anderson gesandt hat.55 Sein Verhältnis zur CPUSA legt er in diesem Artikel nicht ausdrücklich dar; aus den einzelnen aufgeführten Stationen seines Werdeganges schließe ich jedoch eine enge Bindung an die Yiddish Left. Diese Gruppe vertrat das Konzept der ›Yiddishkayt‹, das heißt, sozialistische/kommunistische Überzeugungen verbunden mit dem Anspruch der Bewahrung jiddischer Sprache und Kultur als Alternative zur zionistischen Hebräischbewegung einerseits und andererseits

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zur allumfassenden Amerikanisierung. Die Yiddish Left wurde vor allem von jüdischen Immigranten aus der amerikanischen Arbeiterklasse unterstützt. (Vgl. Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 864–868) Yuri Suhl wurde 1908 als erstes Kind von Shaye und Miriam Fiskel Suhl in einer kleinen Stadt in Galizien geboren. Sein Vater, ein aufgeklärter orthodoxer Jude, hatte seine in der Gemeinde hochgeschätzte, aber wenig einträgliche Tätigkeit als Talmudist eingestellt und versuchte, die Familie mit wechselnden Jobs als Vertreter zu ernähren. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges besetzte die zaristische Armee die zu Österreich-Ungarn gehörige Heimatstadt Suhls und seine Familie wurde Opfer zahlreicher brutaler Übergriffe. Die Familie flüchtete 1916 aus dem Kriegsgebiet und lebte zunächst zwei Jahre in Ungarn, wo Suhls Mutter starb. Nach vier Jahren im polnischen Oswiecim (Auschwitz) entschied sich Shaye Suhl 1923, mit seinen beiden Söhnen und deren Stiefmutter in die USA auszuwandern. Suhls Vater konnte sich nur unter größten Schwierigkeiten an die modernen amerikanischen Lebensbedingungen anpassen. Schließlich fand er als Küster einer kleinen Synagoge in Brooklyn eine Anstellung, die ein bescheidenes Einkommen und den Fortgang seiner Talmudstudien sicherte. Sein fünfzehnjähriger Sohn Yuri begegnete der fremden Umgebung mit größerer Offenheit und erschloss sich die Möglichkeiten der neuen Welt zunächst als Fahrradkurier eines Fleischers und Schüler der Eastern District Evening High School. Der Englischlehrer erkannte Suhls literarische Begabung und förderte ihn durch Publikationen im Schulmagazin. Das durch einen befreundeten Anhänger der ›Yiddishkayt‹ initiierte Studium jiddischer Literatur schuf in dem jungen Suhl ein Bewusstsein für den Reichtum und die Schönheit der Umgangssprache seiner Heimat und schon 1927 veröffentlichte das Jewish Morning Journal die ersten Erzählungen und Gedichte Suhls in jiddischer Sprache. Von 1929 bis 1931 studierte Suhl an der New Yorker Jewish Worker’s University, einer 1924 gegründeten marxistischen Einrichtung, die jüdischen Einwanderern Kurse in jiddischer Sprache und Literatur, jüdischer Geschichte, der Geschichte der Arbeiterklasse sowie politischer Ökonomie anbot und damit ihre Absolvent/innen auf führende Positionen in linken jüdischen kulturpolitischen Organisationen und den Gewerkschaften vorbereitete (vgl. Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 405). Nach Abschluss seiner Ausbildung unterrichtete Suhl zunächst in einer Schule jüdische Kultur für Immigrantenkinder, bis er 1935 durch das Federal Writers Project gefördert wurde. Im gleichen Jahr erschien Suhls Sammlung jiddischer Gedichte Dos Licht oif Mein Gass. Von 1942 bis 1944 diente Suhl in der amerikanischen Armee und setzte danach die Arbeit an seinem ersten Roman, One Foot in America (1950), fort. Der Roman trägt stark autobiografische Züge und schildert aus der Perspektive des jungen Einwanderers Sol Kenner das Ankommen und Einleben in die zunächst fremde amerikanische Gesellschaft. Cowboy on a Wooden Horse (1953) zeigt die Weiterent-

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wicklung des Protagonisten, der nun als junger Mann seinen Platz bei den Gewerkschaften findet und in Konflikt mit den orthodoxen Standpunkten seines Vaters gerät. Die Niederschlesische Jüdische Gemeinde lud Yuri Suhl als Mitglied des Yiddisch Poets Club of America im Jahr 1948 zu einem fünfmonatigen Gastaufenthalt nach Polen ein. Die Gemeinde wollte ihr dreijähriges Bestehen und ihr Leben nach dem Holocaust in den Werken eines Künstlers dokumentiert sehen. Stark berührt von der Lebenseinstellung der polnischen Juden, die er bei seinen Besuchen in jüdischen Einrichtungen und während seiner Lesungen kennengelernt hatte, kehrte Suhl im Herbst 1948 von der Reise zurück, die er später als die eindrucksvollste seines Lebens bezeichnete und die die Themenwahl seiner zukünftigen Bücher beeinflussen sollte. Anfang der 1950er Jahre engagierte sich Yuri Suhl als Sprecher des National Committee to Secure Justice in the Rosenberg Case für die Begnadigung der wegen Atomspionage angeklagten Ethel und Julius Rosenberg. Gerade diese Funktion belegt, dass Yuri Suhl zu der Gruppe kultureller Linker gehörte, die in den 1950er Jahren Widerstand gegen den McCarthyismus übten. Seine besondere Stellung im Fall der Rosenbergs wird durch die Tatsache unterstrichen, dass er nach der Hinrichtung von Julius und Ethel im Juni 1953 in den Vorstand des fünfköpfigen Rosenberg Children Trust Funds gewählt wurde, der sich um die weitere Erziehung und die Belange der beiden Söhne kümmerte. Spätestens in diesem Zusammenhang muss Suhl die Bekanntschaft mit Ann und Abel Meeropol (Künstlername Lewis Allan)56 und Earl Robinson gemacht haben. Das Ehepaar Meeropol adoptierte Michael und Robert Rosenberg und Earl Robinson erteilte den Kindern Musikunterricht. Eine weitere Verbindung zwischen Suhl, Meeropol und Robinson ergab sich Ende der 1950er Jahre, als Meeropol und Robinson das Musical One Foot in America schrieben, welches auf Suhls beiden autobiografischen Büchern basierte. Im Jahr 1959 erschien Suhls Ernestine L. Rose and the Battle for Human Rights, eine Biografie der jüdischen Frauenrechtlerin Ernestine Rose (1810–1892), die in Polen geboren und aufgewachsen war. Für das Verfassen dieser Arbeit erhielt Suhl ein Stipendium der Emma Lazarus Federation of Jewish Women’s Clubs, der Nachfolgeorganisation einer Vereinigung jüdischer Frauen, die wegen ihrer engen Verbindung zur CPUSA während der McCarthy-Zeit aufgelöst werden musste. Suhls nächstes Projekt war die Verwirklichung einer Idee, die er bei seinem Aufenthalt in Polen 1949 entwickelt hatte. In Gesprächen mit den Überlebenden hatte Suhl viel über den jüdischen Widerstand gegen die Nazis erfahren, den er nun in einer Anthologie dokumentieren wollte. Für die Recherche zu diesem Buch forschten Suhl und seine Frau Isabelle 1959 sechs Monate im Warschauer Institut für jüdische Geschichte. Während dieser Zeit besuchte Suhl die DDR und schloss vermutlich einen Vertrag mit dem Verlag Volk und Welt über eine deutsche Aus-

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gabe seiner Romane One Foot in America und Cowboy on a Wooden Horse. Beide erschienen 1963 in einem Band unter dem Titel Guten Tag, Greenhorn. Suhls weitere Aufenthalte in Polen und der DDR wurden durch Gedenkfeiern für die Opfer der Naziregimes terminiert, zu denen er als Vertreter der USA eingeladen wurde. So schrieb er im Jahr 1966 an Edith Anderson: »The closest I can come to entertaining the possibility of another trip abroad is the spring of 1968 when Poland will commemorate the 25th anniversary of the Warsaw ghetto uprising on a grand scale, and I may, as I did in 1963 for the 20th anniversary lead the American delegation to Warsaw. Incidentally, in 1963, I was one of a number of delegates invited by the East German Delegation to Berlin for a Memorial Meeting.«57

Im Mai 1965 besuchte Suhl eine Konferenz in Weimar, zu der die DDR anlässlich des 20. Jahrestages der Niederschlagung des Hitlerfaschismus internationale antifaschistische Autor/-innen eingeladen hatte. Dort lernte er Anderson persönlich kennen. Da Suhl wie auch Anderson für das Literaturmagazin der CPUSA Masses and Mainstream (das ab Herbst 1956 wieder Mainstream hieß) und den New York National Guardian schrieben, verfügten sie über einen gemeinsamen Bekanntenkreis, der Intellektuelle wie Annette Rubinstein und Charles Humboldt einschloss. Als DDR-Korrespondentin des National Guardian berichtete Anderson der amerikanischen Leserschaft über die Konferenz in Weimar: »Writers in all genres from 52 countries came to learn the purpose of this GDR meeting. The week’s entertainment was lavish, but what the invitation meant in effect, was: Come into our house and see how we have cleansed it of fascism; criticize us if you will; we are listening.« (Anderson 1965c: 6)

Das Programm, so Anderson, gestattete den Teilnehmer/-innen, sich auf verschiedene Arten, etwa durch Lesungen, Gedenkstätten- und Museumsbesuche oder Gespräche mit der Bevölkerung, ein Bild vom Umgang der DDR mit der Vergangenheit zu machen. Anderson schloss ihren Artikel mit den Worten des britischen Journalisten James Aldridge, die repräsentativ für die allgemeine Stimmung unter den Teilnehmer/-innen gewesen seien: »But for the first time in my adult life I can go back from here and feel again, ›I love Germans.‹ This is not easy to say, unless you mean it. What this country, this GDR, and this meeting have given to me is the restoration of a people, of a culture, and of a future which up to now had not existed for me.« (Ebd.)

Anderson erwähnte in ihrem Beitrag nicht, dass kein Vertreter aus Israel an der Veranstaltung teilnahm, vielmehr betonte sie die Internationalität der Besucher/-innen mit Worten wie »[w]riters of every shade of anti-fascist persuasion – about 200 of them from all over the world« oder »Yuri Suhl. Speaking both as an American and as a Jew.« (Ebd.)

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Die Frage nach der Abwesenheit der israelischen Delegierten nahm in der der Konferenz folgenden Korrespondenz zwischen Suhl und Anderson einen breiten Raum ein. Suhl berichtete beispielsweise von seinem Vortrag in Paris, wo er auch die Zusammenkunft in Weimar erwähnte und direkt nach der Anwesenheit von israelischen Delegierten gefragt wurde. Im August 1965 erschien Suhls Beitrag in der Monatszeitschrift Jewish Currents mit einer Einführung vom Herausgeber Morris U. Schappes, der es für einen unverzeihlichen Fehler hielt, dass zwar arabische, aber eben nicht israelische Schriftsteller/-innen in die DDR eingeladen wurden. Suhl ahnte, dass Schappes’ Einführung auf Edith Andersons Kritik stoßen würde und empfahl ihr, Einwände direkt bei Schappes vorzubringen. Da Andersons Briefe sowohl an Suhl wie auch an Schappes nicht erhalten sind, lässt sich ihre Argumentationslinie nur anhand der Antwortschreiben grob rekonstruieren. Anderson versuchte zu relativieren, indem sie das Versäumnis, israelische Schriftsteller/-innen nach Weimar einzuladen, nicht als Ausdruck der pro-arabischen Politik der DDR, sondern als ein Versehen deklarierte: »The GDR has frequently invited Israelis to scientific congresses [...] but they usually refuse to come, occasionally one comes.«58 Aus heutiger Sicht ist es schon erschreckend, in welch simpler Art Anderson hier um Verständnis warb, als ginge es bei dem Verhältnis zwischen Israel und der DDR um private Beziehungen, die nach dem Motto ›wir haben sie so oft eingeladen und sie sind nicht gekommen, jetzt laden wir sie nicht mehr ein‹ gehandhabt werden könnten. Anderseits zeigt dieser Vorgang, wie sehr Anderson sich mit der DDR identifizierte und als ihre Botschafterin fungierte. Gerade der Umgang mit der Nazivergangenheit und die Frage der Wiedergutmachung spielten immer wieder eine wesentliche Rolle in den politischen und letztendlich wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und der DDR. Die Auseinandersetzung zwischen Anderson und Shappes zeigt, dass aber gerade im Kulturbereich wichtige Verhandlungen stattfanden. Schappes gab sich mit Andersons Argumenten natürlich nicht zufrieden, sondern erklärte, dass die Teilnahme israelischer Forscher/-innen an wissenschaftlichen Kongressen in der DDR eine Sache sei, die Einladung (oder in diesem Fall das Unterlassen der Einladung) an israelische Autor/-innen zu einer Gedenkfeier anlässlich der Niederschlagung Hitlers aber eine andere: »You are right that ›there is no guarantee‹ that if such writers had been invited they would have come. [...] But I still think that the GDR had a moral and political obligation to extend such an invitation and press it in such forms that it would be accepted.«59 Die Situation jüdischer Menschen in aller Welt, deren Geschichte und Identität spielten eine zentrale Rolle in der Korrespondenz zwischen Anderson und Suhl, der sich in seinem Werk ausschließlich mit jüdischer Kultur befasste. Er unterrichtete Anderson über Entwicklungen in Osteuropa, etwa den Antisemitismus in Polen, der zwischen 1967 und 1970 mehr als 15.000 Jüdinnen und Juden, darunter viele seiner Freund/-innen, vertrieben hatte. Mit ihm tauschte sich Anderson über das Verhältnis

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zwischen Israel und den arabischen Staaten aus und Suhl ermutigte sie, die Einseitigkeit der DDR-Berichterstattung zu erkennen: »First let me assure you that I value your friendship too much to let it become a victim of political misunderstandings, especially when I know that with regard to certain issues your part of the world provides only one side of the picture and you must make your judgment based only on this side alone. To give you just one example: You speak of Israel’s bombing of Arab villages which were shown on the TV in the GDR. But has the same TV also shown what preceded the Israeli bombings namely the repeated massacres by Arafat’s commanders of Israeli children and women.«60

Inwiefern die amerikanischen Medien die arabische Seite in diesem Konflikt adäquat dargestellt hatten, erklärte Suhl nicht. Wenn er dann noch ein paar Zeitungsartikel beilegte, die Anderson helfen sollten, ihr Informationsdefizit auszugleichen, so schien er zwar die Beschränktheit anderer, aber nicht seine eigene zu erkennen. Andererseits war Suhl jemand, der sich von offiziellen Darstellungen aus West oder Ost kaum blenden ließ, sondern sich gerade während des Kalten Krieges sein Urteil vor allem über persönliche Kontakte, also im Austausch mit jüdischen Menschen aus Polen, der DDR oder Israel bildete. Als Anhänger der Yiddish Left war Suhl die Bewahrung der jüdischen Kultur in der DDR ein Anliegen. So sandte er Anderson neben seinen eigenen Werken jüdische Erzählungen, eine Dokumentation über die Geschichte der Juden in Amerika für die Tochter und ein Jiddisch-Englisches Wörterbuch. Den Besuch von Irene Runge Anfang der 1980er Jahre – Suhl hatte sie als junges Mädchen 1959 in der DDR kennengelernt – nahm er zum Anlass, um sich über die jungen Juden in der DDR bei Edith Anderson zu informieren: »She [Irene Runge] is very Jewish-conscious, goes to synagogue, so do her friends, some of whom are even kosher. This was surprising to me. Is this characteristic of the Jewish youth or Jews generally in the GDR? Is it a search for identity? What does it signify?«61 Anderson, die Runge skeptisch gegenüberstand, erklärte Suhl, dass die jungen Leute ihre Wurzeln suchten und dies häufig in der Annahme der Religion geschah. Als Yuri Suhl Edith Anderson 1965 kennenlernte, verfügte er bereits durch die Veröffentlichung von Guten Tag, Greenhorn beim Verlag Volk und Welt und seine Besuche in den Jahren 1959 und 1963 über eine beträchtliche Zahl an Verbindungen in die DDR so etwa auch zu Georg Friedrich Alexan oder Stefan Heym. Edith Anderson war also nicht die einzige Kontaktperson, die Suhl in der DDR hatte. Dennoch war ihre Hilfe für ihn von großer Bedeutung, gerade wenn es darum ging, die eigentlich Verantwortlichen aufzurütteln. So hatte Suhl im Mai 1965 mit Wera und Klaus Küchenmeister die Idee für ein Drehbuch besprochen, welches auf seiner Anthologie They Fought Back: The Story of Jewish Resistance in Nazi Europe (1967) basieren sollte. Da er nichts mehr von Küchenmeisters gehört hatte, bat er Anderson, sie anzusprechen. Außerdem hatte er

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ihnen das Manuskript von »To Wait in Darkness« gesandt. Dies war die Geschichte eines polnischen Ehepaares, das versucht, die Leiche ihres verstorbenen jüdischen Arztes, den sie beide über Monate versteckt hatten, ins Warschauer Ghetto zu bringen. Suhl war sich nicht sicher, ob Volk und Welt die Geschichte bringen würde, und schrieb an Edith Anderson: »You living there and knowing the mentality of the East Germans, would be in a better position to judge whether these [my] hesitations are justified or not. If you have the time and the inclination I authorize you to get the manuscript from Klaus and read it at your own convenience. Because of the subject matter the style is startlingly different from that of the other novels. To this day I don’t know to what extent I have succeeded, or failed, considering the difficulty the book has in finding a publisher.«62

Nachdem Anderson das Manuskript erhalten und gelesen hatte, wandte sie sich direkt an den Präsidenten der Akademie der Künste, Konrad Wolf, dessen Verfilmung von Christa Wolfs Der geteilte Himmel 1964 sehr erfolgreich war. Konrad Wolf zeigte sich an Suhls Stoff interessiert, war aber für die nächsten zwei Jahre ausgebucht. Außerdem arbeitete der Regisseur Frank Beyer, der unter anderem Nackt unter Wölfen (1963) produziert hatte, gerade an der Verfilmung von Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner (1969) und Konrad Wolf hielt es für ungünstig, zwei thematisch ähnlich gelagerte Stoffe gleichzeitig zu verfilmen.63 Zu weiteren Verhandlungen mit der DEFA kam es in diesem Fall nicht, da Jakob der Lügner erst acht Jahre später fertiggestellt wurde. Neben der Unterstützung des Filmprojektes versuchte Anderson – wenn auch ohne Erfolg – bei verschiedenen Verlagen, etwa bei Seven Seas oder einem ungarischen Verlag, für Suhls Werke Interesse zu erwecken. Zwischen 1970 und 1980 schrieb Yuri Suhl zehn Kinder- und Jugendbücher, von denen Die Purimziege schließlich 1983 im Kinderbuchverlag Berlin erschien. Aber auch hier war Edith Andersons Unterstützung notwendig, denn Suhl erfuhr von dem Verlag kaum etwas über das Honorar oder die Rezeption des jüdischen Kinderbuches in der DDR. Anderson holte nach, was der Verlag versäumt hatte, und schickte Suhl die Rezensionen. Umgekehrt versuchte auch Suhl, zwei von Andersons Kinderbuch-Manuskripten bei seinem Verlag Four Winds unterzubringen, sie wurden aber als zu didaktisch abgelehnt. Empfehlung und Austausch von Literatur war ein wichtiger Teil der Korrespondenz zwischen Suhl und Anderson; im Gegenzug zu Kate Milletts Sexual Politics (1969) erhielt Yuri Suhl beispielsweise Fred Wanders The Seventh Well (1976). Sensibilisiert durch seine Arbeit zur Frauenrechtlerin Ernestine Rose, beobachtete Yuri Suhl sehr genau die neue amerikanische Frauenbewegung am Anfang der 1970er Jahre und schickte Anderson zahlreiche Zeitungsartikel zu diesem Thema. Im Jahr 1972 begann Anderson an ihrer Geschlechtertausch-Anthologie zu arbeiten, nicht unbeeinflusst von der amerikanischen Frauenbewegung und den Materialien,

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die sie von Suhl erhalten hatte. Nach dem intensiven Beginn im Jahr 1965 hatte Anderson die bloße Freundschaft mit Suhl eher gefürchtet, seine Briefe der folgenden zwanzig Jahre ergeben aber das Bild eines liebevollen Mannes, der Edith Anderson intellektuell bereicherte und zur Auseinandersetzung inspirierte und der sich trotz eigener gesundheitlicher und finanzieller Probleme bis an sein Lebensende um sie und ihre Gesundheit sorgte. Im Gegenzug – dies lässt sich aus den wenigen erhaltenen Briefen Andersons ablesen – war Anderson eine interessante Kommunikationspartnerin, die Yuri Suhl mit Insiderwissen aus der DDR bereicherte und bei der Veröffentlichung seiner Werke in der DDR unterstützte.

IREX

À LA ANDERSON . R ESSOURCE FÜR AMERIKANISCHE F RAUENFORSCHUNG IREX, das International Research and Exchange Board, wurde im Jahr 1968 auf Wunsch von ca. einhundert amerikanischen Universitäten in New York eingerichtet und diente der Organisation und Verwaltung des wissenschaftlichen Austausches mit den sozialistischen Staaten Osteuropas. Gefördert durch verschiedene Stiftungen, wie etwa der Rockefeller Foundation sowie Banken und Firmen, finanzierte IREX ab dem Studienjahr 1975/76 auch den wissenschaftlichen Austausch zwischen den USA und der DDR (vgl. Gaida 1989: 209–220; Niederhut 2006: 123– 141). Die Vereinbarung zwischen IREX und dem Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen sah zunächst ein Kontingent von jährlich zwanzig Besuchsmonaten vor, für die die empfangende Seite die Lebenshaltungskosten trug. Später wurde die Austauschquote auf sechzig Monate erhöht. Wenn amerikanische Wissenschaftler/innen sich länger in der DDR aufhielten bzw. DDR-Wissenschaftler/-innen in den USA forschten, geschah das meist im Rahmen des IREX-DDR-Programmes. Edith Anderson hatte mit diesem Programm nichts zu tun und doch bestand ein wesentlicher Aspekt ihrer Tätigkeit in der Förderung amerikanischer Wissenschaftler/-innen, deren Forschungsgegenstand die DDR im weitesten Sinne betraf. Insbesondere profitierten amerikanische Germanistinnen, die sich in den 1980er Jahren vor allem mit der Literatur von Frauen aus der DDR beschäftigten, von den Kontakten mit Anderson. Doch auch schon vor dieser Zeit fungierte Anderson als Vermittlerin und Informationsquelle für viele Amerikaner/-innen. Durch ihre Veröffentlichungen in dem kommunistischen Kulturmagazin Mainstream und dem New York National Guardian hatte sich Anderson als Spezialistin für Ost- und Westdeutschland einen Ruf erworben und nicht selten wurde sie von Leser/-innen um weitere Informationen gebeten. So etwa bezog sich 1964 Miriam Levin von der Organisation Women Strike for Peace auf einen Artikel Andersons im National Guardian und erbat weitere Informationen und Kontakte zur

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Friedensbewegung in der BRD.64 Über solche auf ihrer journalistischen Arbeit beruhenden Kontakte hinaus erreichten Anderson Anfragen von Amerikaner/-innen, die über Bekannte in New York von ihr gehört hatten. So war etwa der New Yorker Schauspieler und Regisseur Harold Herbstman, der sich für das Berliner Ensemble interessierte, über Stefan Uhse, dessen erstes Theaterstück, »A Play for the General« (1965), Herbstman inszeniert hatte, mit Edith Anderson in Kontakt getreten. Gerade für die Inszenierung eines zweiten Stückes von Uhse erhoffte sich Herbstman Inspiration durch eine Hospitation beim Berliner Ensemble: »[…] there is almost no place here to learn the techniques of presenting material of and with social content. It is what I know I could learn there at the Ensemble.«65 Herbstman interessierte sich für das Brecht-Theater, ein Musikprofessor aus Portland für Hanns Eisler, eine Literaturwissenschaftlerin für Ezra Pounds Beziehung zu Deutschland – Andersons Korrespondenz belegt die Vielfalt der Anfragen und ihre Hilfsbereitschaft. Während diese Korrespondent/-innen häufig über Mainstream oder den National Guardian mit Anderson in Kontakt traten, war sie ebenso in den linken Kreisen New Yorks als Anlaufstelle für Berlinaufenthalte bekannt und ihre Adresse wurde von einem zum anderen weitergereicht. Der Herausgeber von Mainstream, Charles Humboldt, empfahl Anderson beispielsweise 1959 seiner Kollegin Annette Rubinstein, die die DDR besuchte und in den Folgejahren als Gastprofessorin für amerikanische Literatur an verschiedenen Universitäten der DDR lehrte. Die New Yorker Historikerin Renate Bridenthal erhielt wiederum von Annette Rubinstein Andersons Adresse für ihren Besuch in Ostberlin im Jahr 1982. Ein Jahr später folgte Bridenthals Bekannte Bettina Berch, eine Wirtschaftswissenschaftlerin vom Barnard College, die mit einer Gruppe Feministinnen in die DDR kam, um sich über die Situation von Frauen im Sozialismus zu informieren. Bedenkt man, dass alle diese Personen als Universitätslehrerinnen und Journalistinnen tätig waren und damit Multiplikatorfunktion hatten, wird die Tragweite von Andersons Gastfreundschaft für das Bild der DDR zumindest in Fachkreisen der USA deutlich. In der Regel kam es während dieser Aufenthalte in der DDR zu ein oder zwei Besuchen bei Edith Anderson und häufig war dies der Ausgangspunkt für langjährige intensive Freundschaften. Andersons spezielle Kenntnis der amerikanischen, aber eben auch der DDR-Gesellschaft halfen den Besucherinnen, ein differenzierteres Bild von der DDR zu bekommen, als es durch amerikanische Medien oder die offiziellen Gesprächspartner/-innen in der DDR vermittelt wurde. Gerade diese Zwischenposition in Verbindung mit ihrem Humor und ihrem Interesse an Kontakten mit Amerikaner/-innen ließ Anderson aus amerikanischer Sicht als sichere und vertrauenswürdige Partnerin in dieser fremden DDR-Kultur erscheinen. So schrieb Alison Owings, die 1984 in der DDR war, um an ihrer Studie zu Frauen im Nationalsozialismus zu arbeiten, in ihrem Buch: »former East Berliners I wish to thank include Edith Anderson (in whose apartment I inhaled welcome intakes of ›frische Luft‹)« (Owings 1993: 483). Die Begegnungen mit Anderson

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bildeten offenbar ein Gegenstück zu den teilweise äußerst belastenden Situationen, mit denen Owings während ihrer Interviews zum Nationalsozialismus konfrontiert war. Hinzu kam, dass sie während des Forschungsaufenthaltes in der DDR von offizieller Seite betreut wurde und ihre Wahrnehmung dieser Betreuung erklärt wohl am besten, warum sie die Aufenthalte bei Edith Anderson als »frische Luft« empfand: »It [the GDR] made all the choices and arrangements and did not allow me to find women on my own. My fledgling attempts to do so behind my host’s backs turned me into a paranoid wreck and I gave up, although not without gaining my first sense of what life in Third Reich might have been like.« (Ebd.: xix) Ähnlich irritiert von der intensiven Betreuung durch die Liga für Völkerfreundschaft, der Dachorganisation verschiedener Freundschaftsgesellschaften in der DDR zur Pflege von Beziehungen mit anderen Ländern, waren die Mitglieder der Gruppe, die mit Bettina Berch im Januar 1984 die DDR besuchten. Berch erklärte rückblickend, wie eigenartig sich die Betreuung als Staatsgäste für die Besucherinnen anfühlte, die es gewöhnt waren, auf sich selbst gestellt zu sein, Darüber hinaus handelte es sich um eine Studiengruppe, die größtenteils aus Akademikerinnen bestand, die normalerweise sehr direkt, mit großer Energie und auch nicht ohne Ironie über alle möglichen Themen diskutierten. Diese Frauen, die kaum ein Tabu kannten, trafen nun mit Vertreter/-innen von DDR-Parteien und Organisationen zusammen, die im Grunde immer wieder nur die erfolgreiche Entwicklung des Sozialismus bekundeten. Selbst in den Gesprächsrunden mit Arbeiterinnen erfuhren die Amerikanerinnen nichts über die problematische Situation von vollbeschäftigten Frauen und der Sexualforscher Siegfried Schnabl, mit dem die Gruppe in Karl-Marx-Stadt (das heutige Chemnitz) zusammentraf, bestritt eine Diskriminierung von Homosexuellen in der DDR. Ständig wurde den Gästen suggeriert, es gäbe keine Probleme, was dazu führte, dass die Amerikanerinnen immer misstrauischer wurden. Die Schriftstellerin Sarah Schulman, die Teil dieser Gruppe war, hat ihre vorwiegend negativen Eindrücke von der DDR in dem Artikel »Low Marks for German Democracy« (Schulman 1994: 74–82) festgehalten und lieferte damit auch ein eindrückliches Dokument von der Schwierigkeit, sich während eines vierzehntägigen Besuches (im Jahr 1984) – zerrissen zwischen offiziellen Verlautbarungen und denen aus der Bevölkerung – ein umfassendes Urteil zur DDR zu bilden. Das Gefühl der ständigen Beobachtung war nicht etwa der Hysterie der Besucher/-innen geschuldet. Vielmehr wurden, wie die Besuchsberichte in Archiven der verschiedenen Behörden zeigen, tatsächlich Protokolle über alle Begegnungen und Vorfälle geführt.66 Hinzu kam, dass die Gäste während ihres Aufenthaltes nicht nur ihre Erfahrungen mit der DDR verarbeiten mussten, sondern dass auch das von Nationalsozialismus und Holocaust geprägte Deutschlandbild in ihre Eindrücke hineinspielte. Gerade in der Frauengruppe mit Bettina Berch befanden sich amerikanische Jüdinnen, von denen nicht wenige gegen den Willen ihrer Verwandtschaft zum ersten Mal nach Deutschland gekommen waren.

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Aufgrund all dieser Einflüsse und Spannungen erschien Andersons Wohnung als neutraler Ort und Anderson selber konnte aufgrund ihrer Identität als linke amerikanische Jüdin und ihrer Offenheit das Vertrauen der Gäste gewinnen und zu einem tieferen Verständnis der DDR-Verhältnisse beitragen. Wie ein Brief an Bettina Berch belegt, bezeichnete sich Anderson nicht als Expertin für die DDR, sondern eher als jemand, der nach dem Hören der offiziellen Version differenziertere Erklärungen für die Amerikanerinnen geben konnte: »Dear Ms Berch, I should be very happy to meet you and your group when you come here between January 6th and 20th. I hope my uncertain health won’t play me any tricks and I also hope that you won’t be expecting me to be a great authority either on German history or economics. Perhaps the best moment to see me would be after you have done all the official things and learned the facts you need from people who are authorities. Sincerely, Edith Anderson.«67

Sicher gingen Andersons Informationen über die offiziellen Verlautbarungen, die sie in diesem Brief ansprach, hinaus. Selbst wenn Anderson nicht immer die offizielle Linie geteilt haben mag und offen über die Probleme im Sozialismus sprach, so war doch die Tatsache, dass sie als Amerikanerin in diesem Staat lebte, ein eindrückliches Bekenntnis zur DDR. Die Qualität der Beziehungen, die viele der amerikanischen Gäste mit Anderson nach einem ersten Besuch verband, belegt ein eindringlicher Brief von Bettina Berch, den sie zwei Tage nach ihrer Abreise aus der DDR schrieb: »Dear Edith, oh dear Edith, I miss knowing you. Why did I feel I’ve been your neighbour or an ex-student of yours? My thanks for the hours we spent – you helped my perspective a lot, even if I am not the sort to show it. I will write you longer in time, meanwhile just my greetings, Bettina.«68

Die Begeisterung für Edith Anderson, die aus diesen Zeilen spricht, bestätigt Andersons Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit ein sehr vertrauliches und freundschaftliches Verhältnis zu den jüngeren amerikanischen Forscherinnen herzustellen. Die Historikerin Renate Bridenthal erklärte zu Andersons Einfluss auf Gäste wie Bettina Berch, die insgesamt mit einen negativen Eindruck von der DDR in die USA zurückgekehrt waren: »Frankly, I was quite stunned at the depth of their [Berch’s feminist group] outrage when they returned. I’ve seen utopians go off and come back disappointed before, but they’re not always so bitter. […] but Bettina said she especially enjoyed her visit with you and the long telephone conversation, which made her feel quite at home. I think you did get to her a little: she acknowledged that German women would have to liberate themselves, if at all. You do have a knack for tactful humor in ›handling‹ people; I’ve appreciated it used on myself.«69

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Es scheint, als hätte Anderson positiv auf Berchs Verständnis von der DDR gewirkt und zufriedenstellende Aspekte ihres Lebens in der DDR hervorgehoben. Andererseits wirkte Anderson eher bremsend bei Besucherinnen, die von der DDR uneingeschränkt begeistert waren, wie ein Brief von Renate Bridenthal belegt: »Don’t laugh at me, but I really do miss the GDR; okay, okay, only as a visitor, but really… there are some fine qualities; a sense of peacefulness… better stop; I can hear your laughter all the way over here.«70 Der Briefwechsel zwischen Anderson und Bridenthal zeigt ebenso wie der mit Bettina Berch die besondere Qualität dieser Beziehungen. Durch die persönliche Begegnung in Berlin wurde das Fundament für die Freundschaft und das gegenseitige Vertrauen gelegt. Die Vielzahl von deutschen und amerikanischen Freundinnen, die Anderson Auskunft über ihre persönlichen Angelegenheiten und eben auch über ihr Sexualleben erteilten, belegt Andersons Interesse am Menschen und ihre Stärke, sehr schnell ausgesprochen vertrauensvolle Beziehungen zu schaffen. Ihre jeweilige Außenseiterposition begünstigte wohl solche Entwicklungen; Menschen sahen sich kaum in Konkurrenz zu ihr, fühlten sich vielmehr bei ihr sicher und erhielten von Anderson eine andere Perspektive auf ihre Probleme. Für die Freundschaften mit den Amerikanerinnen spielte der geografische Abstand auf jeden Fall eine Rolle, zwang er doch zur schriftlichen Korrespondenz und damit zur Reflexion der eigenen Lebenssituation. Als gute Korrespondentin analysierte Anderson diese Selbstaussagen, vermittelte ihre Ansichten und trug auf diese Weise dazu bei, die Qualität der einst mündlich begonnenen Kommunikation mit Erfolg fortzuführen. Die Bedeutung der persönlichen Begegnung in Berlin thematisierten die amerikanischen Korrespondentinnen immer wieder. So leitete Renate Bridenthal die Ausführungen über ihre Beziehungen mit Männern in einem Brief an Anderson folgendermaßen ein: »In any case, I felt like ›talking‹ to you today, and have in fact, felt that way for some time now. I guess it’s because I’m in a difficult place right now and somewhat contemplative, and that reminds me of our talks.«71 Natürlich profitierte auch Anderson von den Freundschaften mit den jüngeren Amerikanerinnen und von der Anerkennung, die sie in ihren Briefen erfuhr. Wiederholt lobte Bridenthal sie etwa für ihre therapeutischen Qualitäten: »Dearest Edith, your last letter was so wonderful, I had part of it xeroxed and showed it to some friends and to my therapist, who asked for a copy for herself. I mean the section on not wanting what another couple have (which soon look like last week’s lettuce) and on sex taking you into another room, opening a window, and then leaving, like life itself. That was brilliant. I’ve been chewing on it for weeks.«72

In einem anderen Brief heißt es: »Dearest Edith, I should be paying you as much as my therapist; your letters do me that much good!«73

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Über diesen persönlichen Rahmen hinaus teilten die Korrespondentinnen natürlich ein starkes Interesse für Literatur und Kultur. Die Bereicherung, die beide Seiten durch diesen Austausch erfuhren, ist der eigentliche Gegenstand dieses Kapitels. Dennoch funktionierten diese Beziehungen nur so gut und so lange, weil neben der fachlichen Seite, dem Austausch von Büchern und Informationen aus Ost und West, eine persönliche Freundschaft zwischen den Korrespondentinnen bestand. Für Anderson bildeten die Beziehungen mit den amerikanischen Akademikerinnen eine weitere Quelle des Kontaktes mit der Kultur ihrer Heimat, der für die exilierte Amerikanerin von höchster Bedeutung war. Neben der Einsicht in die Lebensverhältnisse der Briefpartnerinnen, die gleichzeitig einen Einblick in die amerikanische Kultur gewährten, erfuhr Anderson gerade von diesen Frauen außerordentlich viel über die Entwicklung der amerikanischen Frauenbewegung, feministische Diskurse und Literatur. So wurde Anderson etwa von der Germanistin und Medienwissenschaftlerin Margaret Morse Ende der 1970er Jahre mit aktueller feministischer Literatur versorgt. Während ihres Forschungsaufenthaltes in der DDR im Frühjahr 1977 hatte die Kalifornierin Morse über Annette Rubinstein mit Anderson Kontakt aufgenommen. Der besondere Wert der Korrespondenz mit Morse lag meiner Ansicht nach in ihrer Bereitschaft, Anderson nicht nur mit Materialien und Büchern zu versorgen, sondern auch von ihrer Forschung und ihren Konferenz- und Lektüreerfahrungen zu berichten. Auf diese Weise befruchtete sie den Austausch und führte Anderson in Diskurse ein, zu denen sie anderweitig kaum Zugang hatte. In den folgenden Zeilen aus einem von Morses Briefen vom Frühjahr 1978 wird die Empfängerin in Berlin beispielsweise mit drei für sie neuen Themen bekannt gemacht: »Does the GDR press do anything with Larry Flynt’s shooting? He is the porno now born-again publisher of Hustler, a vile ›pink‹ (genitalia) mass magazine, which has little to do with sexual pleasure, much to do with power through denigration of women. I belong to Women against Violence and Pornography in the Media but I am not sure they are designing the best strategy. Foucault’s latest theory shows how ›sexuality‹ has been used as a new form of power, penetrating the unconscious as well, in the western world.«74

Wie Morse weiter ausführte, hat sie während ihres DDR-Besuches die Abwesenheit von Pornografie als Befreiung empfunden. Pornografie war für Anderson kein zentrales Thema, aber durch Morse wurde sie in diese Diskussionen eingeführt, mit der Haltung einiger Feministinnen vertraut gemacht und darüber hinaus auf Foucault verwiesen, über dessen Theorien sich Anderson im nächsten Brief noch mehr Informationen erbat. Nicht nur Margaret Morse, sondern auch die Literaturwissenschaftlerin Dorothy Rosenberg bemühte sich, Andersons Interesse am amerikanischen Feminismus und seiner Literatur mit Informationen und Büchersendungen zu befriedigen. Im Rah-

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men ihrer Studien zur DDR-Frauenliteratur hielt sich Rosenberg 1980 in der DDR auf, um Autorinnen wie Edith Anderson zu interviewen. In dem dieser Begegnung folgenden Briefwechsel tauschten die Korrespondentinnen immer wieder ihre Meinungen zu den Werken von Frauen aus der DDR und den USA aus. Wie diese Ausführungen gleichzeitig Anlass zur Reflexion eigener Erfahrungen und Positionen gaben, zeigt etwa Andersons Kommentar zu Marge Piercys Roman Small Changes (1973), den sie von Dorothy Rosenberg erhalten hatte: »Too tired to write a letter, too busy when I’m not tired, but must tell you that Small Changes by Marge Piercy is a very good and rich book and has given me a lot, filled me in on things, made me understand, and I have even more admiration for her than when I read Woman on the Edge of Time. […] I assume that the communes she described really all existed, and I’m surprised at how well they worked. That they eventually broke down proves nothing negative. Everything breaks down and the bourgeois family with its disgusting hypocrisy first of all. These are woman going somewhere, making the hard journey toward themselves, in conditions I, at their age could never have accepted. I was like Miriam Berg, without her instant sexual success – or her brains. […] Like Miriam I cannot be turned on by another woman either – not as a permanent thing. But this makes no difference in my acceptance of the story. I am instructed. Others are different from me, and she shows me how. Wonderful the way she shows Miriam’s fate, still unknown to Miriam herself, at the end. Quite brilliant. How did the critics react? Do they realize how this Marge Piercy stands head and shoulders above the fashionable writers?«75

Rosenberg reagierte auf Andersons Begeisterung für Marge Piercy mit der Sendung von zwei weiteren Büchern und schrieb: »To me, Piercy is probably America’s only reliably good feminist author. Critics react fairly well to her, but of course, she is much too intelligent to be a best seller and too political to be socially acceptable.«76 Genauso wie Anderson Rosenberg mit DDR-Literatur versorgte, hielt Rosenberg immer wieder nach Büchern Ausschau, die für Anderson von Interesse sein konnten und in der DDR nicht erhältlich waren. Auf diese Weise erhielt Anderson etwa Werke von Margaret Atwood, Dorothy Bryant, Margaret Drabble, Germaine Greer, P.D. James oder Ursula Le Guin. Über letztere schrieb Rosenberg: »On Ursula Le Guin. She lives in Oregon, is the daughter of two anthropologists/ethnologists & calls herself an anarchist. She writes fantasy and science fiction and has published quite a lot. I think the two I sent you are her best, especially The Dispossessed although it’s hard to resist a book that begins with the line ›The King was pregnant.‹ – I haven’t liked her recent stuff as much but will send more if you would like. Will also try to find and copy a biography for you. She recently published a book about writing – would you like it?«77

Vergleicht man die Bücherpakete und Informationen, die Rosenberg nach Berlin schickte, mit Andersons Veröffentlichungen, so wird schnell deutlich, dass gerade für Andersons Aufsatz über feministische Science-Fiction-Literatur, »Feministische

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Utopien«, der 1982 in Sinn und Form erschien, Rosenberg einen wesentlichen Beitrag geleistet hatte. Ein weiterer Aspekt, der die Briefpartnerschaften mit amerikanischen Akademikerinnen für Anderson attraktiv machte, war die Unterstützung für die Publikation ihrer eigenen Werke in den USA. Andersons hat zeitlebens versucht, ihre Arbeiten auf dem amerikanischen Markt unterzubringen. Im Kontext des Kalten Krieges war das ein vergebliches Unterfangen, obwohl Anderson immer wieder mit Literaturagent/-innen und Verleger/-innen in Kontakt war. Aber außer den Veröffentlichungen im Mainstream und National Guardian konnte Anderson bis 1989 keines ihrer Werke in den USA unterbringen. Dies änderte sich auch nicht mit Hilfe ihrer Briefpartnerinnen, aber wie die Korrespondenz belegt, setzten sich diese vor allem bei feministischen Verlagen für die Veröffentlichung von Andersons Arbeiten ein. So berichtete Dorothy Rosenberg im Januar 1982 von einem Gespräch mit der Leiterin des Feminist Press Verlages, Florence Howe, die sie auf einer Konferenz über die Situation osteuropäischer Frauen in Washington, D.C., getroffen hatte: »Also, Florence Howe, the director of the Feminist Press was there so I cornered her and did a little talk about Blitz – she still doesn’t want the whole thing but was very enthusiastic about publishing one of the stories in her new international journal. What do you think? I would still like to try to get the whole thing published together but one of the stories (Kirsch or Morgner) might attract interest in the rest of them. If you agree I will write a short intro […] I also talked to several other people there about it and elicited some interest and got the name of a press in Vermont publishing feminist things which I will give a try. I haven’t given up, just trying to find promising directions to head in.«78

Während Rosenberg sich für die amerikanische Ausgabe der Anthologie zum Geschlechtertausch Blitz aus heiterm Himmel (1975) einsetzte, versuchte Bettina Berch, die sich in ihrer Forschung mit der Situation von Frauen während des Zweiten Weltkrieges befasste, einen Verleger für Andersons Eisenbahnerinnenroman Gelbes Licht (1956a) zu finden. Berch schrieb 1985 über den Roman an Anderson: »Now I have read your book and lived with it a while too, so I can tell you. It’s not ›just‹ good history. There is something that comes across in that style of yours, something that carries the flavour of those times. Your characters have their own political way of speech that doesn’t sound tinny forty years later.«79

Nach der Lektüre besorgte sich Berch das fiktive »Interview with a Lady Trainman« (Feich [i.e. Anderson] 1944), das Anderson während ihrer Zeit als Eisenbahnerin für das Magazin der Eisenbahnerbruderschaft geschrieben hatte und welches Eingang in den Roman fand. Dieses Interview, schlug Berch vor, sollte als Anhang mit dem Roman veröffentlicht werden. Wie Rosenberg wollte Bettina Berch zuerst mit Florence Howe über eine amerikanische Ausgabe des Romans sprechen:

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»I am querying Florence Howe, the head of Feminist Press and a notoriously bitchy woman, as to interest in the reading the manuscript. (I’ve xeroxed it, so it’s ready to be sent out.) […] I am increasingly finding it a very good focus for my Women in World War II project, part of which will be given at the Scholar and the Feminist conference in April. So actually, if Howe is unable or unwilling to publish it, there may be others who would, at the conference.«80

Es dauerte über ein Jahr, bis sich die Verlagsleiterin Florence Howe Andersons Manuskript ansah, aber ihre Reaktion war durchaus positiv, wie Bettina Berch berichtete: »She read the manuscript herself this summer and loved it. Apparently she enjoyed the humor in your writing and the historical value of the manuscript.«81 Als Gutachter/-innen beauftragte Howe den Ehemann der Schriftstellerin Tillie Olsen, Jack Olsen, und die Frauenforscherin Alice Kessler-Harris, deren Spezialgebiet die Geschichte der Frauenarbeit in den USA war. Bettina Berch meinte, dass zumindest Kessler-Harris einer Veröffentlichung von Andersons Roman über Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges in traditionellen Männerberufen bei der Bahn tätig gewesen waren, zustimmen würde. Trotz dieses verheißungsvollen Anfangs hörte Anderson nichts mehr von Feminist Press und ihr Roman erschien nie in den USA. Ungeachtet dieser Publikationsschwierigkeiten erhielt Anderson von Bettina Berch immer wieder Zuspruch für ihr Schreiben: »From reading ›A Man’s Job‹, the piece you had in the Trainmen’s Magazine, and your letters – three different versions of your voice – I’ve had the feeling you had a strong book in you, one where you wrote as yourself. And it seems about time you did, both for your own sake and for the people who will read it.«82

Bei dem von Berch angesprochenen Buchprojekt handelte es sich um Andersons Darstellung ihrer ersten zehn Jahre in Ostberlin, welches lange Zeit den Arbeitstitel »A Cold War Marriage« trug und schließlich 1999 als Love in Exile in den USA erschien. Auch in diesem Fall profitierte Anderson von ihrer Freundschaft mit Bettina Berch. Diese schrieb bereits 1986 zu dem Buch: »Cold-War Marriage sounds like a book only you could write, but a lot of people would want to read. Don’t worry about finding a publisher – I promise you, someone will.«83 Kurz darauf brachte Berch, die inzwischen freiberuflich als Autorin und Rezensentin arbeitete, Anderson mit ihrer eigenen Literaturagentin Malaga Baldi zusammen, die dann ab 1987 die Fertigstellung des Manuskriptes bis zur Veröffentlichung 1999 begleitete. Wenn auch Berch und Baldi großes Interesse an Andersons Buch hatten, so entsprach Berchs Optimismus, dass viele Menschen ein solches Buch lesen wollten, keinesfalls den Bedingungen des amerikanischen Büchermarktes. Als umso bedeutender ist die Unterstützung einzuschätzen, die Anderson von Baldi für die Veröffentlichung ihrer Memoiren Love in Exile in den USA erhielt. Insgesamt profitierte Anderson also auf vielfältige Weise von ihren Freundschaften mit amerikanischen Akademikerinnen. Durch sie erhielt sie Zuspruch, In-

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formationen und Materialien, sie boten eine Plattform zum Austausch von Lebensansichten und Literatur und ermöglichten es Anderson, trotz geografischer Entfernung eine enge Beziehung zur Kultur ihrer Heimat zu pflegen. Die Vorteile dieser Beziehungen lagen jedoch nicht allein bei Anderson. Der Austausch mit ihr war für die Amerikanerinnen in vielerlei Hinsicht attraktiv. Ähnlich wie sie Anderson in Berlin mit Literatur versorgten, sandte Anderson – den Forschungsgebieten der Briefpartnerinnen entsprechend – DDR-Literatur in die USA. Der Kanondiskussion der Amerikanist/-innen in den USA folgend, begannen Ende der 1970er Jahre die amerikanischen Germanist/-innen, ihren Forschungsgegenstand neu zu definieren und bisher im Diskurs marginalisierte Gruppen und Literaturen zu untersuchen. Dazu gehörten die DDR-Literatur im Allgemeinen und die von Frauen im Besonderen. Anita Mallinckrodt erklärte das verstärkte Interesse an der DDR in ihrer Studie zur DDR-Forschung in englischsprachigen Ländern (1984) mit den politischen Entwicklungen, etwa mit der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die USA im Jahr 1974, und stellte fest, dass sich ab den 1980er Jahren neben Literaturwissenschaftler/-innen vor allem Sozialwissenschaftler/-innen der DDR-Forschung zuwandten (vgl. Mallinckrodt 1984: 4). Dieses wachsende Interesse spiegelte sich in den Themen wie auch in den wachsenden Teilnehmerzahlen der seit 1975 jährlichen stattfindenden Symposien zur DDR-Kultur in Conway, New Hampshire, wider (vgl. Gerber 1981–1988; Große 1999: 158–161). Trotz dieser Entwicklungen war die DDR-Forschung für amerikanische Wissenschaftler/-innen kein unproblematisches Feld. Allein der Zugang zu Primärliteratur gestaltete sich oftmals schwierig, da die Texte weder in den amerikanischen Bibliotheken vorhanden waren, noch einfach über den DDR-Buchhandel bezogen werden konnten. In diesem Kontext wird deutlich, dass Anderson mit den Büchersendungen einen wesentlichen Beitrag zur Arbeit der mit ihr befreundeten DDRForscherinnen leistete. Das folgende Zitat aus einem Brief an Margaret Morse zeigt, welche Schwierigkeiten Anderson selbst bei der Beschaffung der Literatur hatte und wie sie dennoch über die gewünschten Bücher hinaus die Freundin auf die für ihr Forschungsgebiet möglicherweise interessanten Neuerscheinungen aufmerksam machte. »I was too dumb when I bought Fortgesetzter Versuch by C. Wolf to remember I should be buying two, but I will send you mine as soon as I get it back from Cornelia. When it is reissued I will get more – I am not in a hurry or in permanent need of C. W.’s thoughts, though I have a high opinion of her. Tod am Meer [Werner Heiduczek], as you rightly guessed, is nowhere to be found. I will ask among friends who might be prepared to sacrifice theirs, if they have it. […] Surely you have Helga Schubert’s first book [Lauter Leben], whose title slips my mind, a collection of weakish short stories? A second has been announced but it hasn’t appeared yet. I will try to get it for you. Nothing new by Irmtraud [Morgner] has appeared because she writes terribly long stuff. […] A book I would like to get hold of is short stories by a mathematician named Helga Königsdorf who works at

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the Academy of Sciences. The title is something like My Indiscreet Thoughts [Meine ungehörigen Träume], so it sold out before I’d even heard of it. People are enthusiastic, and all say ›but – ‹. When I can get it, I will get two. For myself I just bought Peter Hacks Maßgaben der Kunst, a great fat collection of his brilliant essays. Are you interested?«84

Neben Margaret Morse versorgte Anderson auch Dorothy Rosenberg mit DDRLiteratur und Abonnements der wichtigsten Literatur- und Kulturmagazine Sinn und Form sowie Weimarer Beiträge. Mallinckrodts Studie belegt, dass Germanist/innen im englischsprachigen Ausland sich zwar am häufigsten mittels dieser beiden Publikationen informierten, jedoch nicht davon ausgegangen werden konnte, dass jede amerikanische wissenschaftliche Bibliothek sie in ihrem Bestand hatte. (Vgl. Mallinckrodt 1984: 29–37) Vielmehr kritisierten die Befragten der Studie den Mangel an Forschungsmaterial in ihren Bibliotheken; so erstaunt Margaret Morses Bemerkung nicht, dass sie sich durch das Abonnement der Weimarer Beiträge gegenüber anderen amerikanischen DDR-Expert/-innen im Vorteil fühlte.85 Ein weiterer Nutzen, den die DDR-Forscherinnen aus der Korrespondenz mit Anderson zogen, wird im Vergleich zu den Kommentaren der Befragten in der Studie Mallinckrodts offenbar. Einerseits wussten die DDR-Forscher/-innen aus englischsprachigen Ländern, dass die Primärtexte aus der DDR ein Lesen zwischen den Zeilen erforderten, andererseits fehlte ihnen häufig das Wissen über den Kontext, um Subtexte entschlüsseln zu können. Die folgenden Kommentare von befragten Literatur- und Sozialwissenschaftler/-innen erläutern diesen Sachverhalt: »Ich habe Probleme, genaue, objektive Informationen über die DDR zu bekommen – die typischen Schwierigkeiten eines Ausländers, der Mangel an ›Insider‹-Informationen, an unmittelbaren Erfahrungen des Alltags in der DDR – und das führt dann leicht zu einer gewissen Naivität. Gespür und genügend Detailkenntnisse zu gewinnen, um bei der Analyse von Nachrichten aus der DDR ›zwischen den Zeilen lesen‹, also zwischen dem offenen und latenten Gehalt einer Meldung differenzieren zu können, ist ein Problem. In einer relativ geschlossenen Gesellschaft herauszufinden, wo die ›Wahrheit‹ liegt, ist ein Problem.« (Mallinckrodt 1984: 43)

Eine Strategie im Umgang mit diesem Problem schienen Interviews zu sein. Dennoch war auch dieses Verfahren nicht frei von Problemen, da die Interviewpartner/innen aus der DDR häufig die offizielle Linie vertraten und in diesem Sinne keine weiteren Erkenntnisse beförderten. »Interviews (mit Regierungsvertretern und Wissenschaftlern in der DDR) bringen viel weniger als beispielsweise in Ungarn oder Polen« (ebd.: 42), merkte ein Sozialwissenschaftler in Mallinckrodts Studie an und ein Kollege aus England beklagte: »Der wohl traurigste und ärgerlichste Aspekt der DDR-Forschung ist die fehlende Bereitschaft von DDR-Wissenschaftlern, mit ihren

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Kollegen aus Westeuropa und den USA in einen kritischen Dialog einzutreten.« (Ebd.) Gleichzeitig verwiesen einige der Befragten auf außerordentlich positive Erfahrungen, die sie etwa mit Einzelpersonen oder Theaterleuten oder auch mit der Liga für Völkerfreundschaft erlebt hatten. »Einzelne Leute in der DDR, die ich um ein Interview bat, waren stets so entgegenkommend und kooperativ wie möglich. Sie scheinen geradezu darauf erpicht zu sein, Ausländern zu helfen, die Interesse an der DDR bekundeten.« (Ebd.) Das Dilemma, in dem DDR-Forscher/-innen steckten, wird durch Mallinckrodts Studie recht deutlich: Einerseits konnten die DDRPrimärquellen ohne Beachtung des Kontextes, in dem sie geschaffen und rezipiert wurden, nicht analysiert werden, andererseits war es schwierig, Partner/-innen zu finden, die bereit waren, dieses Hintergrundwissen zu liefern und die Komplexität des Umfeldes und der Lebensweise in der DDR zu erläutern. Um in diesem Dschungel der Verlautbarungen, Informationen und Materialien aus der DDR eine Position zu finden, war Anderson eine unschätzbare Hilfe. Sie stand nicht nur einmalig in einem Interview zur Verfügung, sondern mittels der Korrespondenz hielt sie die Forscherinnen auf dem Laufenden und vermittelte ihre Sichtweisen auf bestimmte Werke sowie Hintergründe, die in keiner Veröffentlichung in oder über die DDR zu finden waren. Dies bestätigt etwa Dorothy Rosenbergs Brief, den sie in Vorbereitung auf ihren DDR-Besuch an Anderson schrieb: »[I] could certainly use your guidance and I’m very eager to get background on the writers from you. A couple of long gossipy afternoons might make me feel less like a complete ignorant.«86 Die Art und der Ton dieser Gespräche wird auch in Andersons Briefen an Rosenberg recht deutlich, so etwa in ihren Ausführungen zu Charlotte Worgitzkys Meine ungeborenen Kinder (1982), einem Buch, in dem sich die Erzählerin mit ihren vielfachen Abtreibungen auseinandersetzt. Anderson schrieb dazu: »By now, I suppose, C.W. will have sent her excruciatingly awful book ›The Gynaecological Me‹ (if only she’d called it that it would be some recommendation). I am praying she won’t ever phone me and ask how I liked it. […] You mustn’t think I wanted to find the new book bad. We haven’t got so many feminist writers here that we can afford to snigger. I’m not sniggering either, I’m appalled. […] In all seriousness C.W. thinks that abortion and other gynaecological problems which have been the ruin of the Garden Eden can be eliminated by yelling shrilly at the patriarchs. In the GDR this is pretty much a matter of kicking down open doors. […] I’m ashamed for C. Worgitzky. She is silly and complacent. She has a strong sense of belonging to the ›bessere Leute‹ and uses this as her excuse for giving us the most intimate details of her agonies as she lay sprawled on gynaecologists’ chairs with her knees over the racks and her feet in the stirrups. She is proud of her ›frankness‹. She has no taste. She’s a simp!«87

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Andersons Kommentare zu den Werken ihrer Kolleg/-innen sind teilweise recht bissig, aber Germanistinnen wie Rosenberg und Morse waren durchaus in der Lage, sich selber ein Urteil über die Qualität eines Werkes zu bilden. Von größerer Bedeutung waren Andersons Hinweise zum Kontext, in dem diese Werke geschrieben und gelesen wurden, und dieser Kontext erschloss sich eben nicht einfach aus dem Studium der Primärtexte. Andersons Bemerkungen waren also keineswegs objektiv, aber sie erinnerten die amerikanischen Forscherinnen an die Spezifik des DDR-Alltages. So hätte eine Amerikanerin etwa den Italienaufenthalt der Protagonistin in Christine Wolters Die Alleinseglerin (1986) als vollkommen natürlich wahrnehmen können und vergessen, dass eine solche Reise den meisten DDR-Bürger/-innen verwehrt war. Anderson, die Wolters Buch gar nicht schätzte, erklärte Rosenberg: »There’s something slightly obscene about any travel book appearing in the GDR (her works are all a kind of travel books) unless they have something very compelling to say, something of intimate and immediate personal importance to the reader, so that they’re not saying, look at me, I got to go to Italy, but believe me, you’d hate it, just stay where you are.«88

Zur Veröffentlichung ihres eigenen Reisebuches Der Beobachter sieht nichts nahm Anderson in diesem Zusammenhang keine Stellung. Ähnlich wie in der Korrespondenz mit Rosenberg, finden sich in Andersons Briefen an Margaret Morse zahlreiche Erklärungen und Hinweise zu Ereignissen und Entwicklungen der DDR-Kultur: »Have you heard about Günter Kunert leaving the GDR to live in West Germany? Someone told me he took his ›Edeltannen‹ along, some kind of fancy fir trees, which indicates that he isn’t planning to come back, though he can within 3 yrs – if he wishes. If you didn’t notice […] you will find in Vol. 2 of Sinn und Form an article or letters by Kunert [1979a] about harm to the environment in the socialist countries, accompanied by some correspondence between him and the editors of S&F who had taken exceptions to a word he used – ›symmetrical‹ – because it implied that in some respects socialism is as bad as capitalism. In No. 4 editor-in-chief Girnus replied at length and in a very snotty tone to Kunert’s article. This reply was nevertheless very interesting because for the first time it described in a publication hypothetically available to anyone what the GDR has actually done in respect to improving the environment. The article is dishonest because it pretends that everyone knew these things and that improvement of the environment in the GDR is such an old hat that Kunert was simply making himself ridiculous.«89

Gerade diese Ausführungen zu Kunert und der Umweltpolitik der DDR belegen deutlich den Wert der Korrespondenz mit Anderson für die amerikanischen Wissenschaftlerinnen. Sie lieferte Insiderwissen (Kunert ging in den Westen) und Tratsch (Kunerts Edeltannen), sie informierte über aktuelle Diskussionen (die Auseinandersetzung zwischen Girnus und Kunert in Sinn und Form) (Kunert/Girnus 1979b, Kunert 1979c) und mittels ihrer Erklärungen des Kontextes (die hypotheti-

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sche Zugänglichkeit von Sinn und Form für alle; das bisherige Schweigen über Umweltprobleme) lehrte Anderson ihre Briefpartnerin Morse, zwischen den Zeilen des Girnus-Artikels zu lesen und so dessen ›Unehrlichkeit‹ und gleichzeitig dessen Bedeutung für den Diskurs zur Umweltverschmutzung in der DDR zu erkennen. Natürlich waren Andersons Interpretationen und Urteile subjektiv, aber gerade diese Subjektivität eröffnete den Forscher/-innen neue Perspektiven, die sie, wie Mallinckrodts Untersuchung bestätigt, aus Interviews mit Vertreter/-innen von DDR-Institutionen nicht gewinnen konnten. Neben ihrem eigenen Wissen und Ansichten stellte Anderson den amerikanischen Wissenschaftler/-innen ihre Kontakte und Netzwerke zur Verfügung. Dies umfasste ganz praktische Informationen zu Einreise, Visum oder Unterkunft sowie die Herstellung von Kontakten zu Menschen, die dem Forschungsgegenstand dienlich sein mochten. So etwa nahm Dorothy Rosenberg Andersons Hilfsbereitschaft für die Planung ihrer Reise in Anspruch: »Can you apply for a 3 week visa for me from July 12 or 15 on? If at all possible for the whole GDR and not just Berlin, I really need to go to Leipzig for a week or so and possibly to Weimar and Potsdam. A multiple-entry would be more convenient if I needed to pick something up in West Berlin, but is not really necessary – being able to travel in the GDR is.«90

Eine andere Forscherin, die von der Bekanntschaft mit Anderson profitierte, war Hazel Rowley. Sie hatte sich zunächst 1988 an die Amerikanerin in Berlin gewandt, um für ihre Biografie über die australische Schriftstellerin Christina Stead (Rowley 1994) mehr zu deren Aufenthalt in der DDR und ihrer Freundschaft mit Edith Anderson zu erfahren. Noch vor der ersten Begegnung erhielt Rowley von Anderson einen wichtigen Insidertipp zur Unterkunft in Ostberlin: »Don’t let anyone talk you into stopping at a hotel other than the Palast; my spoiled brother and sister-in-law were pleasantly surprised. So was I when I learned they weren’t forced to change money, which other tourists must do, simply because they were staying at the Palast.«91

Die ca. fünfundsechzig Briefe umfassende Korrespondenz zwischen Rowley und Anderson von 1988 bis 1998 unterstreicht abermals Andersons Bereitschaft, Wissenschaftlerinnen bei ihrer Arbeit großzügig zu unterstützen. Anderson kannte Christina Stead und ihren Partner Bill Blake aus New York, war in den 1950er Jahren eine ihrer engsten Vertrauten und konnte daher sowohl Rowleys Amerikakapitel wie auch ihre Darstellung des DDR-Aufenthaltes der Blakes wesentlich ergänzen.92 Rowley schrieb diesbezüglich an Anderson: »Dearest Edith, You are really a gem. You went to such trouble for me in your long letter of April 7, and I know how busy you are with your own work. And then to send me the GDR letters. I

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am sincerely moved by the efforts you have made on my behalf. Your comments and the details you give are magnificent. Thank you so much, Edith. […] Thanks almost exclusively to the correspondence with you, I have been able to write an interesting section on the GDR trip.«93

Die Zusammenarbeit mit Rowley führte auch dazu, dass Anderson ihre noch erhaltene Korrespondenz mit Christina Stead dem Archiv der australischen Nationalbibliothek in Canberra stiftete und damit Forschungszwecken zur Verfügung stellte. Nach Beendigung der Stead-Biografie widmete sich Hazel Rowley der Biografie Richard Wrights (Rowley 2001) und auch hier konnte Edith Anderson behilflich sein. Sie berichtete Rowley über ihre persönlichen Erfahrungen mit Wright in Paris und gab ihr Wrights Briefe zur Einsicht. Darüber hinaus nutzte Anderson ihr Wissen und ihre Kontakte, um Rowley mit weiteren Interviewpartner/-innen, etwa Naomi Replansky in New York oder Oliver W. Harrington in Berlin, zusammenzubringen. Während der 1950er Jahre war der afroamerikanische Karikaturist Oliver W. Harrington Wrights enger Freund in Paris gewesen und lebte seit dessen Tod in Ostberlin. Anderson schrieb über Harrington an Rowley: »I know an old man – well I don’t actually know him because he was snotty to me almost from the start – who lives in Berlin, is a ›black‹ (very light) American, and seems to have known Richard Wright in Paris quite well. […] His name is Oliver Harrington; he is a very amusing raconteur. Or was. He’s not always reliable though, as to facts, and is a show-off. […] Anyway, if he lives long enough he is, as far as I know, still in Berlin, though feeble and not very happy: you might still get to meet him, but it could well prove a wild goose chase.«94

Rowley fürchtete, dass Harringtons Erinnerungsvermögen zu schwach sei und so verzichtete sie nicht zuletzt auch aus Kostengründen auf eine Reise nach Berlin. Später bereute sie diese Entscheidung und wollte, da Harrington im November 1995 verstorben war, wenigstens mit seiner Witwe Helma Harrington sprechen. In diesem Zusammenhang war Anderson wieder sehr aktiv, um Rowley vor Fehlern zu bewahren. Rowley hatte zunächst angenommen, dass Harringtons Witwe Helga hieße. Darauf schrieb ihr Anderson umgehend: »I hasten to answer your letter I received from you today in order to save you from addressing Ollie Harrington’s widow as ›Helga‹ when you write to her. Her name is, I’m almost certain, Helma. To make sure, I’ve rung a chap whose mother was quite friendly with the Harringtons and asked him or rather his telephone answerer to call me back and let me know if it’s Helma or Hilma. Before I send this off I’ll probably have heard from him.«95

Helga, Hilma oder Helma – die Angelegenheit mag banal erscheinen und doch zeigt sie das Engagement und die Gewissenhaftigkeit, mit der Anderson die Forschungsinteressen ihrer Freundinnen begleitete.

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Ein weiteres Beispiel dafür findet sich in Andersons Brief an die Medienwissenschaftlerin Margaret Morse. Dieser bietet abschließend noch einmal einen Einblick in Andersons Rolle und darin, wie strategisch sie ihre Kenntnisse und Kontakte einsetzte, um das Forschungsprojekt der Amerikanerin über den Regisseur Slatan Dudow, der 1932 Brechts Drehbuch Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? verfilmte, zu fördern. Darüber hinaus vermittelt dieses längere Zitat einen Eindruck von dem Wesen Edith Andersons, welches durch eine Beschreibung und Analyse ihrer Tätigkeit nur unzureichend wiedergegeben werden kann: »Dear Maggie, I have just sealed a letter to Günther Rücker, whom I know a bit, and who I think is the person in charge of the film dept. of the Academy of Arts, in which I asked his advice about how you should proceed in establishing a correspondence with people likely to be helpful with information for your monograph on Slatan Dudow. But this doesn’t mean that you yourself shouldn’t write; on the contrary, that is obviously what you should be doing as soon as possible. The summer is really a rotten time to visit the GDR, when most of the kind of people you’d want to see have gone to their datchas or to somewhere else on holiday. But you have no other choice, and therefore the sooner you make your plans and get your people pinned down for the time when you are here, the better. The address of the Akademie der Künste is 104 Berlin, Hermann-Matern-Str.58/59 – in case you’d forgotten or don’t have the address with you in Nashville. I suggested to Günther that it would be nice if you could be officially invited, which would smooth things out for you in every way, especially financially. At the moment the price of admission to the GDR for tourists has gone up rather steeply, so coming as a tourist would not be a good idea for you, unless your sponsor (I don’t know what the initials IREX mean) is so generous that this would not be a consideration. However, what I say privately to Günther is not going to affect policy, and you must first of all get in touch with the Academy and find out which people would be most useful for you, so you can start planning your time here. Actually I had tried phoning the Film Dept. of the Academy, but I got a busy signal all day. Then I decided it was just as well, because I can get further by applying directly to someone I know pretty well. (Not very well. We are both shy, but we admire one another.)«96

Ein Brief an Günther Rücker, ein Brief an Margaret Morse, der ganztägige Versuch, die Filmabteilung der Akademie zu erreichen, die Suche nach anderen Bekannten, die für Margaret Morse hilfreich sein könnten; es sind die kleinen, teils mühevollen Schritte, mit denen Anderson Netzwerke knüpfte und die, mannigfach ausgeführt, einen großen Teil ihrer Arbeitszeit einnehmen mussten. Zu den konkreten Ergebnissen von Andersons Unterstützung zählen neben Hazel Rowleys Arbeiten zu Christina Stead und Richard Wright vor allem amerikanische Veröffentlichungen zur DDR-Literatur. So etwa gab Dorothy Rosenberg einen Band mit Texten von Frauen aus der DDR (vgl. Lukens/Rosenberg 1993) heraus, der viele Autorinnen enthielt, über die sie sich mit Anderson ausgetauscht hat-

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te. Darüber hinaus teilten Renate Bridenthal, Margaret Morse (»Politics of the Invisible: Slatan Dudow’s ›Stronger than the Night‹« 1981) und Dorothy Rosenberg (»On beyond Superwomen: The Conflict between Work and Family Roles in GDR Literature« 1983; »Another Perspective: Young Women Writers in the GDR« 1984) ihre Kenntnisse mit anderen Germanist/-innen und Soziolog/-innen auf den DDRSymposien in New Hampshire, die auch in den Tagungsbänden veröffentlicht wurden. Die Tatsache, dass Andersons selbst zu einem Vortrag während des Symposiums 1983 eingeladen wurde, belegt die Rolle, die Edith Anderson als Spezialistin und Vermittlerin der DDR-Kultur bei amerikanischen DDR-Forscher/-innen einnahm. (Vgl. Anderson 1984) Man mag einwenden, dass Andersons Einfluss auf die amerikanische DDRForschung insgesamt bzw. im Vergleich mit anderen Gesprächspartner/-innen in der DDR wie etwa der Germanistin Eva Kaufmann gering war, doch die Untersuchung zeigt, mit welchem Engagement sich Anderson am transatlantischen Forschungsaustausch beteiligte. Wie im ersten Teil dieses Kapitels beschrieben, hatte sich Anderson vor allem in den 1960er Jahren als Vermittlerin zwischen den Kulturen der DDR und den USA eingesetzt und diese Tätigkeit aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung ihres Amerika-Buches in den 1970er Jahren weitestgehend eingestellt. Der hier untersuchte Austausch mit den Akademikerinnen zeigt, wie Anderson in den 1980er Jahren wieder zu ihrer Rolle als Vermittlerin zwischen den Kulturen zurückfand. Im Gegensatz zu ihrem früheren Wirken auf diesem Gebiet, als sie häufig amerikanischen Künstler/-innen und Autor/-innen eine Plattform in der DDR schaffen wollte, arbeitete Anderson in den 1980er Jahren jedoch kaum mit DDR-Institutionen zusammen, sondern bot vielmehr als Privatperson ihr Wissen, ihre Einsichten und ihre Hilfe an – IREX à la Anderson.

Die Übersetzerin

Ein Eintrag in Andersons Stasi-Akte illustriert recht eindrücklich, welchen Einfluss der Kalte Krieg und die jeweils vorherrschenden Ideologien auf die Übersetzungstätigkeit nehmen konnten und wie Anderson damit umging. Im Januar 1960 unterrichtete Major Paul Kienberg das Ministerium für Staatssicherheit: »In ideologischer Hinsicht wird die Schröder [Anderson] als völlig verwirrt eingeschätzt. Dafür gibt es auch Beweise während ihrer Tätigkeit als Übersetzerin im ADN. Sie sollte u.a. einen Artikel über die Verhaftung von [Wolfgang] Harich ins Englische übersetzen, was sie ablehnte. Bei der Übersetzung eines Artikels über den berüchtigten Sänger Bill Haley wehrte sie sich heftig gegen die Bezeichnung ›amerikanische Unkultur‹.«1

Ausführlicher wurde Andersons Verweigerung in einem Vermerk der ADN-Kaderabteilung vom 03. November 1958 beschrieben: »Kollege XXX hatte, wie er mir sagte, eine Meldung in deutscher Sprache vorbereitet, die im Zusammenhang mit dem Auftreten des amerikanischen Rock-and-Roll-Sängers Bill Haley darstellte, wie die westdeutsche Jugend ›Mit Darbietungen amerikanischer Unkultur verdorben‹ wird. Kollegin Schröder, die diese Meldung zu übersetzen bekam, habe sich geweigert, ›such stuff‹, solches Zeug zu übersetzen und die Worte ›amerikanische Unkultur‹ im Manuskript durchgestrichen. Daraufhin habe sich eine langdauernde Diskussion ergeben, die damit endete, daß im englischen Text schließlich die Rede von ›Kultur‹ war, ›wie sie von der westdeutschen Regierung und westlichen Besatzungsmächten gefördert wird‹. Mit anderen Worten, Kollegin Schröder hat ihre Meinung durchgesetzt. Am nächsten Tag erschien Kollegin Schröder nicht zum Dienst. Sie rief bei der Kollegin XXX an und sagte ihr, sie sei nicht arbeitsfähig; Diskussionen, wie die vom Tag zuvor, machen sie krank. Auch am Montag, den 3.11. war Kollegin Schröder noch nicht zum Dienst erschienen.«2

Einmal davon abgesehen, dass auch das westdeutsche Establishment zu jener Zeit der amerikanischen Populärkultur kritisch gegenüberstand, zeigt dieser Vorfall, wie wenig sich Anderson korrumpieren ließ. Ob die Bezeichnung der amerikanischen Kultur als Unkultur ihre Gefühle als Amerikanerin verletzte oder sie die kontraproduktive Wirkung dieser Bezeichnung bei englischen und amerikanischen Rezipien-

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ten fürchtete, lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht bestimmen. Tatsache bleibt, dass die Staatssicherheit Andersons Weigerung zur Grundlage nahm, um sie als politisch »äußerst verwirrt« zu beurteilen und zu erklären, dass »ihr Verbleiben in der DDR keinen gesellschaftlichen Wert hat.«3 Dieses sicherlich extreme Beispiel aus Andersons Laufbahn als Übersetzerin lässt bereits vermuten, dass sie das Übersetzen nicht als mechanisches Übertragen von Texten in eine andere Sprache verstand, sondern sogar bereit war, Textänderungen vorzunehmen, um die Wirkung des Textes in der Zielkultur zu erreichen. Die zahlreichen Themenfelder der relativ jungen Übersetzungswissenschaft und der möglichen Analyse von Übersetzungen etwa aus linguistischer, literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive wurden in dem dreibändigen Handbuch Übersetzung (Kittel 2004–2011) dargestellt und ich greife hier nur einige immer wiederkehrende Fragestellungen auf. Dazu gehört der Grad der Übereinstimmung zwischen Ausgangs- und Zieltext bzw. die Frage, ob sich Anderson für eine möglichst wörtliche oder eine freie/sinngemäße Übersetzung entschieden hat. Für diese Unterscheidung werden in der Fachliteratur verschiedene Oppositionspaare genannt, so etwa die Orientierung am Ausgangstext oder die Orientierung am Zieltext, die formal equivalence oder die dynamic equivalence, die Übereinstimmung und die Adaption (vgl. Schäfer 2004: 108–110). Keines der zwei Modelle ist richtig oder falsch; in beiden Fällen wird ein neuer Text geschaffen, der auf einer Interpretation des Ausgangstextes beruht. Bei der sinngemäßen/dynamischen Übersetzung spielt die Anpassung an das zielsprachliche System eine entscheidende Rolle. Der Bedeutung des kulturellen Systems und der in die Übersetzung einfließenden Diskurse von Ideologie und Macht wandten sich die Übersetzungswissenschaften, eingeleitet durch Susan Bassnetts und André Lefeveres Translation, History, and Culture (1990), seit Anfang der 1990er Jahre stärker zu (vgl. Gentzler 2004). Während Anderson in den frühen 1950er Jahren hauptberuflich als Übersetzerin und Redakteurin für die Internationale Demokratische Frauenförderation (IDFF) arbeitete, wo sie vorwiegend aus dem Französischen ins Englische übersetzte, konzentrierte sie sich später auf die Übersetzung literarischer Texte. Andersons Œuvre reichte von der Übertragung deutscher Romane wie etwa Bruno Apitz’ Nackt unter Wölfen (Ü. 1960) über verschiedene Sachtexte bis hin zu Übersetzungen von Brecht, Gedichten des Cherokee-Indianers Jimmie Durham sowie Dramen von Lorraine Hansberry und Lillian Hellman. Darüber hinaus übersetzte sie in den 1960er Jahren zwei kunsthistorische Sachbücher, Goethe’s Life in Pictures (Hoyer 1963) sowie Art and Architecture in the Mediterranean Islands (Arendt 1966). Wie aus der Korrespondenz mit dem Verlag Edition Leipzig hervorgeht, bereiteten die deutschen Vorlagen dieser Werke Anderson große Probleme und dies mag der Grund gewesen sein, warum sie keine weiteren Übersetzungen von Fachbüchern anfertigte.4 Interpretiert man Edith Andersons Schaffen als Kommunikation über Sprach-,

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Kultur- und Systemgrenzen hinweg, so scheinen gerade ihre Literaturübersetzungen besonders interessant und sollen deshalb im Folgenden untersucht werden.

Ü BERSETZUNGEN AUS B EGINN MIT B RECHT

DEM

D EUTSCHEN :

Andersons Karriere als Literaturübersetzerin begann mit dem Tod Bertolt Brechts im August 1956. Ursprünglich hatte sich Anderson im Frühsommer 1956 an Charles Humboldt, den Herausgeber von Masses and Mainstream gewandt, um einen amerikanischen Verlag für ihren Eisenbahnerinnen-Roman Gelbes Licht zu finden. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Literatur- und Kulturmagazin der kommunistischen Partei, Masses and Mainstream, in einer tiefen Krise. Die Erschütterung, die die amerikanische Linke mit den Enthüllungen über Stalin spätestens seit dem XX. Parteitag der KPdSU (14.–26. Februar 1956) erfasst hatte, manifestierte sich unter anderen in den zahlreichen Kündigungen von Abonnements. Als neuer Herausgeber – Samuel Sillen, der seit 1948 das Magazin herausgeben hatte, war unmittelbar nach den Enthüllungen zurückgetreten – verstand Charles Humboldt Masses and Mainstream weiterhin als ein Forum für die Veröffentlichung von Texten von internationalen linken Superstars, Autoren aus den 1920/30er Jahren, zeitgenössischen linken Autor/-innen sowie von bisher wenig veröffentlichten Frauen und ethnischen Minderheiten. Wie Humboldt in seiner Korrespondenz mit Edith Anderson betonte, war ihm der internationale Aspekt des Magazins ein besonderes Anliegen und er schlug Anderson vor, unter dem Titel »Letter from Berlin« regelmäßig von der allgemeinen und intellektuellen Atmosphäre in der DDR zu berichten. Folgende Fragen könnten in diesen Beiträgen thematisiert werden: »Have the recent events and revelations, etc. in the Soviet Union, Poland, Hungary had repercussions in Berlin? What about the murder of the Yiddish writers as revealed in the Polish party paper, the Folk-Stimme? Is it felt that too much bureaucratic control has been exercised over writers? Etc. […] Also what of contacts between the intellectuals of East and West Germany? Is there hostility? Cooperation? We could easily stand a piece on this alone.«5

Bei der späteren Durchsicht ihrer Korrespondenz merkte Anderson 1988 an, dass die meisten von Humboldts Vorschlägen aus DDR-Sicht tabu waren. Dennoch war sie 1956 gern bereit, den »Letter from Berlin« für das Magazin zu übernehmen sowie Humboldts Wunsch zu erfüllen, die Leser/-innen stärker mit Brecht sowie anderen linken deutschen Autor/-innen bekanntzumachen. Humboldt hatte es bedauert, dass alle Darstellungen von Brecht immer nur dem ›Antikommunisten‹ Eric

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Bentley überlassen wurden und dadurch Brechts politische Überzeugungen kaum Beachtung erfuhren. Brechts Tod am 14. August 1956 bildete schließlich den Auslöser für die rasche Realisierung von Humboldts Vorstellungen und die meisten Informationen, die die Kommunist/-innen in den USA über Brechts Tod und seine Stellung in der DDR erhielten, liefen über Edith Anderson. Gleich am 15. August 1956 schrieb Anderson Humboldt einen ausführlichen Brief über Brechts Ableben, die Reaktionen darauf sowie die geplanten Zeremonien. Geschickt reicherte sie dieses Schreiben mit Insiderwissen an, welches sie in erster Linie durch Max Schroeder, aber auch durch ihre eigene Bekanntschaft mit führenden Künstler/-innen und Intellektuellen erworben hatte. So berichtete sie etwa über Brechts Verhältnis zu Max Schroeder oder die Bewunderung, die viele Mitglieder seines Theaters, dem Berliner Ensemble, für Brecht empfanden und die sie veranlasste, seine Frisur und seinen Kleidungsstil zu imitierten. Außerdem informierte sie Humboldt, dass noch am 12. August des Jahres 1956 in der Literaturbeilage des Neuen Deutschland das frühe Brecht-Gedicht »O du Falada, da du hangest« (aus dem Jahr 1919) erschienen war. Das Gedicht thematisiert das Ende eines erschöpften Kutschpferdes, dem von hungrigen Menschen in Berlin das Fleisch von den Knochen gerissen wird. Der Titel nimmt Bezug auf das sprechende Pferd Falada in Grimms Märchen »Die Gänsemagd«. Anderson erklärte zu dem Gedicht: »Poems of Brecht never appeared without his permission, and his permission always had some purpose. It can therefore be safely assumed that he particularly wanted to repeat the message of that poem, and therefore I have translated it for you should you care to publish it with an obituary.«6

»Oh Falladah«7, erschienen 1956 in Masses and Mainstream (Brecht 1956), ist somit Andersons erste Brecht-Übersetzung. Es war ihr durchaus bewusst, dass die Übertragung von Brechts scheinbar simplem Stil mehr Komplikationen mit sich brachte, als man auf den ersten Blick vermutete. Aber das Ziel, Humboldt und die amerikanischen Leser/-innen von Masses and Mainstream umfassend zu informieren, brachte Anderson schließlich dazu, sich der Herausforderung einer literarischen Übersetzung zu stellen. Vergleicht man Andersons Übersetzung mit der von Christopher Middleton, die in Poems. 1913–1956 (Brecht 1976) erschien, wird Andersons Bemühen um eine textnahe Übersetzung besonders offensichtlich. Eine Schwierigkeit der Übertragung bestand in der Tatsache, dass den Rezipient/-innen in der Zielsprache das titelgebende Märchen der Gebrüder Grimm wahrscheinlich nicht bekannt war und sie den Namen »Falladah« nicht mit einen Pferd verbanden. Der Gedichtbeginn, »Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche«, sowie die Erwähnung des Kutschers unterstreichen den Eindruck, dass der Sprecher des Gedichtes ein Pferd ist. In Andersons Übersetzung ist die Identität des Sprechers nicht

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leicht zu erkennen. Sie übertrug »Ich zog meine Fuhre« in »I pulled my load«, den Kutscher nannte sie »driver« und wählte damit sehr allgemeine Textfelder anstatt solcher aus dem Zugpferdbereich wie etwa »coachman« oder »I hauled my cart«, mit dem Middletons Übersetzung beginnt. Um den Spagat zwischen Originaltext und der Verständlichkeit in der Zielkultur zu meistern, behilft sich Anderson mit einer Fußnote: »Falladah is the name of a legendary talking horse in one of Grimm’s fairy tales, ›The Goose Girl.‹ He was killed to prevent his telling the truth, but he told it after he was dead just the same.« (Brecht 1956) Anderson war mit ihrer Übersetzung vor allem nicht zufrieden, weil sie Brechts Reimschema nicht erhalten konnte. Wenige Tage später schrieb sie Charles Humboldt: »This is the difficulty with the ›Falladah‹ poem I sent to you too, which is a gorgeous poem, makes shivers run down your back, though you’d never know it in my unrhymed translation.«8 Aus dem Unvermögen heraus, Brechts Reimschemen in Englisch wiederzugeben, konzentrierte sich Anderson auf die Übertragung von reimlosen Gedichten wie etwa »Wer aber ist die Partei?« oder »Kohlen für Mike«. Für die anspruchsvolleren Gedichte mit Reim empfahl Anderson Charles Humboldt, ihre Freundin, die Lyrikerin Naomi Replansky, zu kontaktieren. Andersons Bericht zu Brechts Tod, »Brecht’s Death: A Letter from Berlin« (1956c), fand bei Humboldt große Anerkennung – »its very brevity of expression makes it even more moving«9 – und er entschied, dass dieser Brief in leicht geänderter Form der erste für die Serie »Letter from Berlin« sein sollte. Darüber hinaus wollte der Herausgeber von Mainstream Brechts Tod zum Anlass nehmen, ausführlicher über ihn und sein Werk zu informieren. Dabei war Anderson ihm eine große Hilfe. Ob es um die Beschaffung von Fotografien, die Übersetzung von Brechts Texten oder der zahlreichen Nachrufe, wie etwa denen von Johannes R. Becher oder Georg Lukács, ging, Edith Anderson lieferte Humboldt das Gewünschte schnell, zuverlässig und ohne Honoraransprüche. Teilweise bereitete ihr diese Arbeit große Schwierigkeiten, denn sie verfügte zwar über Erfahrungen beim Übersetzen und Dolmetschen durch ihre Tätigkeit für den IDFF, aber mit Übersetzungen von literarischen Texten, wie jenen von Lukács oder Brecht, war sie keineswegs vertraut. Becher zitierte in seinem Nachruf »Dem Genossen Bertolt Brecht« (1956) etwa folgende Zeilen aus Brechts Gedicht »Tschaganak Bersijew oder Die Erziehung der Hirse« (1950) (vgl. Brecht 1993b: 228–238): »Träume! Goldenes Wenn! Sieh die schöne Flut der Ähren steigen! Säer, nenn, was du morgen schaffst, schon heut dein eigen!«10

In der Übersetzung von Bechers Rede beließ Anderson diese Zeilen zunächst einmal in der Originalsprache und erklärte dazu, »This poem could not be rendered in its inimitable Brecht simplicity without sacrificing the rhyme. But without the

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rhyme the whole thing sounds rather flat and as if anybody could have written it.«11 Aus dieser Einsicht heraus entwarf sie weitere Übersetzungen, mit denen sie aber auch nie vollständig zufrieden war. Letztendlich erschienen diese Verse nie in Mainstream, aber Humboldt war sehr dankbar für Andersons Arbeit: »I can’t tell you how grateful we are to you for your swiftness in getting the Brecht material to us. It’s lovely to deal with friends whose consciences are useful instead of paralyzing.«12 Andersons außerordentliches Engagement für dieses Projekt zeigt deutlich, wie uneigennützig sie als Mittlerin zwischen den Welten tätig war. Humboldt war von ihrem Wissen und ihrer Arbeit abhängig, um die amerikanischen Leser/-innen über Brecht zu informieren, und so verstand Anderson es als ihre Aufgabe, sich dieser Herausforderung zu stellen. Allein in der zweiten Augusthälfte 1956 sandte sie Humboldt sieben Briefe mit zahlreichen Übersetzungen. Wie aus ihren Memoiren hervorgeht, war gerade dieser Spätsommer für sie sehr belastend, da Max Schroeder mit Verdacht auf Tuberkulose im Krankenhaus lag und sie selbst infolge eines Nervenzusammenbruchs mehrere Wochen in einer Klinik verbrachte. Die enormen Anstrengungen im August 1956 legten den Grundstein für Andersons weitere Entwicklung als Journalistin und Übersetzerin. In der MainstreamRedaktion erhielt sie den Status der Berlin-Korrespondentin – Anderson hatte niemals ein Angebot für eine solche Position von der Parteizeitung Daily Worker bekommen – und Charles Humboldt nahm sie nach seinem Wechsel 1960 in dieser Funktion mit zum New York National Guardian. Als Literaturübersetzerin, durch Brechts Tod veranlasst, hatte Anderson mit den schwierigsten Texten begonnen, die ein Übersetzer sich vorstellen kann: Verse, bei denen jedes Wort genau auf Sinn, Metrik und Reim geprüft worden war. Darüber hinaus hatte Brecht in seinen Texten außerordentlichen Wert auf Eindeutigkeit gelegt. Diesen Anspruch in den Übersetzungen beizubehalten, war eine komplexe Aufgabe, der sich Anderson nicht aus maßloser Selbstüberschätzung stellte, sondern aus der Einsicht in die Notwendigkeit, denn zu jenem Zeitpunkt gab es in der DDR kaum jemanden, der diese Arbeit so schnell leisten konnte. Für Mainstream übersetzte Anderson bis 1960 noch verschiedene Texte Brechts, unter anderem »Vergnügungstheater oder Lehrtheater?« (aus dem Jahr 1936), in dem Brecht die Grundzüge des epischen Theaters erläuterte, unter dem Titel »Theater for Learning« (Brecht 1958). Diese Ausführungen waren ein Schlüsseltext zum Verständnis des Brecht-Theaters und erst dessen Übertragung ins Englische gestattete vielen Dramaturg/-innen, Schauspieler/-innen und Autor/-innen, sich intensiver mit Brechts dramaturgischer Arbeit auseinanderzusetzen. Anderson war sich der Bedeutung und Tragweite dieses Textes durchaus bewusst und ging, wie sie Charles Humboldt schrieb, um Fehler oder Missverständnisse auszuschließen, die Übersetzung Wort für Wort mit Brechts enger Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann durch.

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Eric Bentley hatte vor Anderson Brechts Konzept der Ent- bzw. Verfremdung mit dem Wort »alienation« übersetzt. (Vgl. Brecht 1949) »Alienation« ist aber bereits durch Karl Marx besetzt, der damit den Prozess in der Arbeitswelt beschrieb, bei dem der Arbeiter immer weniger Fertigkeiten benötigt, weil er immer wieder die gleiche Teilarbeit ausführen muss und demzufolge auch keine Beziehung zu dem Arbeitsergebnis, dem Endprodukt hat. Brecht hingegen verwendete den Begriff der Entfremdung und später – möglicherweise, um Verwechslungen auszuschließen – den Begriff der Verfremdung, zur Erklärung seiner Strategie, den Zuschauer weg von der Identifikation hin zur Analyse und schließlich auch zur Veränderung des Vertrauten zu führen. So schrieb er in »Vergnügungstheater oder Lehrtheater?«: »Von keiner Seite wurde es dem Zuschauer weiterhin ermöglicht, durch einfache Einfühlung in dramatische Personen sich kritiklos (und praktisch folgenlos) Erlebnissen hinzugeben. Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozess aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann. Bei allem ›Selbstverständlichen‹ wird auf das Verstehen einfach verzichtet. Das ›Natürliche‹ musste das Moment des Auffälligen bekommen. Nur so konnten die Gesetze von Ursache und Wirkung zutage treten.« (Brecht 1980: 383)

In ihrer Übersetzung benutzte Anderson nicht das Wort »alienation«, sondern »defamiliarization«. Obwohl sich die Bezeichnungen »alienation« und »alienation effect« über die Jahre durchgesetzt haben, erfasst das von Anderson erfundene Wort »de-familiarization« die Bedeutung von Entfremdung im Sinne Brechts genauer und verhindert Verwechslungen mit dem Gebrauch in der marxistischen Philosophie. Zum besseren Verständnis einiger Passagen aus Brechts Text fügte Anderson sechs Fußnoten ein. Dort erklärte sie etwa Brechts Referenz zu einem bekannten Gedicht der Biedermeierzeit oder ergänzte seine Aussage von 1936, dass der Faschismus die Entwicklung eines epischen, lehrhaften Theaters in Berlin behinderte, mit einem Hinweis auf das Berliner Ensemble: »After the defeat of the Nazis in 1945, the German administrators of the then Sovietoccupied zone – now the German Democratic Republic – invited Brecht to establish his own theater in East Berlin. This theater, the ›Berliner Ensemble,‹ is recognized today all over the world as a classical type of epic theater.«13

Dieses zusätzliche Werben für die DDR bezeugt Andersons Engagement. Gleichzeitig mag Anderson bei diesem Überschreiten ihrer Rolle als Übersetzerin die interessierten Leser/-innen im Blick gehabt haben, die durch diese Hinweise etwa die Tourneen des Berliner Ensembles stärker wahrnehmen würden. Wie bereits erwähnt hat Anderson mit »Theater for Learning« der englischsprachigen Brecht-Rezeption einen Text zugänglich gemacht, der eine zentrale Rolle für das Verständnis des epischen Theaters spielt. Die Bedeutung des Textes und seiner

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Übersetzung durch Anderson spiegelt sich in der Tatsache, dass er nicht nur 1958 in Mainstream erschien, sondern ebenso Teil des Brecht-Sonderheftes der Tulane Drama Review (Brecht 1961) war und darüber hinaus in das Brecht Sourcebook (Brecht 2000) aufgenommen wurde. Aufgrund dieser Arbeiten wurde Anderson zur angesehenen Brecht-Übersetzerin, die Anfang der 1970er Jahre von John Willett zur Mitarbeit an der englischen Ausgabe von Brecht-Gedichten eingeladen wurde. Ihr Beitrag zu dieser Ausgabe wird später näher dargestellt, in der Chronologie der Übersetzungsarbeiten folgte der Auseinandersetzung mit Brecht zunächst die Übersetzung eines Romans.

F ÜR DIE TOTEN K AMPFGENOSSEN : N ACKED AMONG WOLVES Bruno Apitz’ Buchenwald-Roman Nackt unter Wölfen (1958) war Andersons nächstes Übersetzungsprojekt, welches 1960 unter dem Titel Naked among Wolves bei Seven Seas Publishers erschien. Leider enthält weder Andersons Nachlass noch das Archiv des Volk und Welt Verlages bzw. des Ministeriums für Kultur Hinweise über die Auftragsvergabe an Anderson. Gerade weil das Verhältnis zwischen Anderson und dem Ehepaar Heym – der Seven Seas Verlag wurde von Heyms amerikanischer Ehefrau Gertrude Gelbin geleitet – von Anderson immer wieder als äußerst angespannt dargestellt wurde (vgl. LIEe: 260–274), erstaunt es, dass Anderson von diesem Verlag den Auftrag für die Übersetzung eines DDR-Bestsellers erhielt. Möglicherweise erteilte Gelbin diesen Auftrag aus Mitgefühl und zur Unterstützung der jungen Witwe Max Schroeders. Apitz und seine Frau Kiki waren außerdem mit Anderson befreundet und dieser Umstand mag Gelbins Entscheidung befördert haben. Der auf Tatsachen beruhende Roman beschreibt das Schicksal eines dreijährigen jüdischen Jungen, der von einem polnischen Gefangenen in einem Koffer von Auschwitz nach Buchenwald geschmuggelt wurde. Auch in diesem Lager nehmen sich Häftlinge des Kindes an, um es vor der SS zu retten. Die Spannung, die aus dem Verstecken des Kindes und der damit einhergehenden Gefahr für die Häftlinge erwächst, verstärkt Apitz durch einen zweiten Handlungsstrang: Die kommunistische Untergrundgruppe im Lager bereitet den Aufstand und die Selbstbefreiung vor, doch mit dem Engagement für das Kind gefährden einige Kommunisten die Organisation des bewaffneten Widerstandes. Trotz einiger Opfer gelingen am Ende die Rettung des Kindes und die Befreiung des Lagers unter Leitung der Kommunisten. Apitz’ Roman wurde millionenfach gedruckt. Da er zum V. Parteitag der SED 1958 erscheinen sollte, wurde die Druckgenehmigung Anfang April 1958 im Eil-

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verfahren erteilt und die Auflagenhöhe von den üblichen 8.000 auf 10.000 Stück erhöht.14 Wenig später folgte eine Auflage von 52.000 und es heißt, dass das Buch in den ersten zwei Jahren über 400.000-mal verkauft wurde (vgl. Emmerich 2000: 35). Bis in die 1980er Jahre gehörte Nackt unter Wölfen zur Pflichtlektüre der DDR-Schüler/-innen. Der gleichnamige Film von Frank Beyer mit Erwin Geschonneck und Armin Müller-Stahl in den Hauptrollen kam 1963 in die Kinos. Während das Buch wie auch der Film in der DDR als Musterbeispiel der moralischen Überlegenheit der Kommunisten über ihre Peiniger zelebriert wurde,15 stand vor allem nach der Wende Apitz’ Fokussierung auf kommunistische Häftlinge und das gleichzeitige Ausblenden ihrer jüdischen Identität bzw. der jüdischen Häftlinge überhaupt unter starker Kritik. William Niven setzte sich in The Buchenwald Child (2007) mit diesen Vorwürfen auseinander und gab zu bedenken, dass die Dekonstruktion der Rettungsgeschichte nach 1990 nicht nur der kritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-Antifaschismus diente, sondern ebenso für die Totalitarismusdebatte und die Dämonisierung des Kommunismus instrumentalisiert wurde (vgl. Niven 2007: 187–221). Die ungewöhnliche Darstellung des KZs in diesem Roman – nämlich nicht als Todeslager, sondern als Ort des kommunistischen Widerstandes – fiel auch schon 1958 dem Gutachter des Druckgenehmigungsverfahrens auf, wenngleich er darin keinen Makel sehen konnte: »Am Schicksal eines Kindes, das von einem polnischen Häftling ins Lager gebracht wird, erweist sich die Standhaftigkeit der Männer um das internationale Lagerkomitee, der Männer von der kommunistischen Partei. Das Buch handelt deshalb weniger von den Leiden und Foltern des KZ (obwohl auch diese dargestellt sind), sondern vorwiegend von dem Widerstand der Kommunisten, der Aufrichtigkeit des Menschen, seiner Bewährung unter schlimmsten Umständen und der Vorbereitung des Aufstandes in Buchenwald.«16

Der polnische Häftling war natürlich ein jüdischer Häftling. Aber das Wort Jude wurde in der DDR, wie auch in anderen Ländern, in der Regel vermieden, um mit der Vergangenheit zu brechen, in der die Zugehörigkeit zum Judentum Grund genug war, Millionen von Menschen zu ermorden. Lediglich zur Bezeichnung der Opfer des Nationalsozialismus – so sprach man etwa von »sechs Millionen ermordeten Juden« – oder der Mitglieder jüdischer Religionsgemeinschaften war das Wort Jude gebräuchlich. Ansonsten wurden Juden wie andere Menschen als den Bürger ihres jeweiligen Landes betrachtet und nicht (wie im Nationalsozialismus) als separate Gruppe. Das Kategorisierungsproblem wird im Roman bereits auf der ersten Seite offenbar, wenn Apitz über die Zusammensetzung der Häftlinge schreibt: »Block neben Block, Deutsche, Russen, Polen, Franzosen, Juden, Holländer, Österreicher, Tschechen, Bibelforscher, Kriminelle …, eine unübersehbare Masse, zu einem exakt ausgerichteten Riesenquadrat zusammenkommandiert.« (NuW: 7) Apitz mag mit dieser

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Beschreibung den außerordentlich internationalen Charakter des Lagers aufzeigen – bei der Befreiung im April 1945 waren 95 Prozent der Häftlinge keine Deutschen –, doch minimiert die Aufzählung nach nationaler Zugehörigkeit den Anteil der Juden unter den Inhaftierten. Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail gehen zu wollen, wird dieser Eindruck im gesamten Roman bestätigt. Zwar wird das Kind immer wieder als »Judenbalg« bezeichnet, aber wenn es etwa darum geht, Gefangene für den Sanitätertrupp zusammenzustellen, dann scheint die Lagerleitung einzig zwischen Kommunisten oder Kriminellen wählen zu können. Die Distanz des Erzählers gegenüber nichtkommunistischen Juden wird durch Beschreibungen wie die des »›Kleinen Lagers‹« offenbar: »Ein Lager im Lager, abgesondert und mit eigenen Lebensgesetzen. Menschen aus allen europäischen Nationen hausten hier, von denen niemand wusste, wo einstmals ihr Zuhause gewesen war, deren Gedanken niemand erriet und die eine Sprache sprachen, die keiner verstand. Menschen ohne Namen und Angesicht.« (NuW: 10f.)

Diese aus dem Zusammenhang entnommenen Zeilen, die den Juden in diesem Teil des Lagers einen Namen, eine Identität, eine verständliche Sprache und eine Herkunft verwehren, könnten im Extremfall als Ausdruck antisemitischer Haltungen interpretiert werden. Im Kontext des ganzen Romans belegen sie vielmehr eher Apitz’ Hang zum Pathos. Meine Frage an Andersons Übersetzung von Nackt unter Wölfen war, ob der kommunistischen Jüdin schon damals bei der Übersetzung Aspekte des Romans auffielen, die später kritisiert wurden, und ob sie diese mittels ihrer Übertragung ins Englische zu beeinflussen versuchte. Hat sie beispielsweise die jüdische Identität vieler Häftlinge stärker als im Original markiert, etwa durch eine vom Jiddischen gefärbte Sprache oder Ähnliches? Andersons Übertragung des Romans für eine englischsprachige Leserschaft zeigt, dass sie sich für eine möglichst textnahe Übersetzung entschieden hat. Nur gelegentlich weicht sie vom Original ab, etwa wenn sie die internierten Bibelforscher nicht als ›Jehova’s witnesses‹ sondern als »Fundamentalists« (NaW: 9) bezeichnet. Aufgrund der weitgehend wörtlichen Übersetzung findet sich in der englischen Version auch keine stärkere Präsenz der jüdischen Identität vieler Häftlinge. Dennoch gibt es Absätze, in denen Andersons Übersetzung die Mängel des Originals sanft ausgleicht. Die hier bereits vorgestellte Beschreibung der Menschen des »›Kleinen Lagers‹« verändert Anderson zwar nur minimal, aber dennoch entschärft ihre Wahl des Verbs und des Passivs die Aussage des Originals: »Menschen aus allen europäischen Nationen hausten hier, von denen niemand wusste, wo einstmals ihr Zuhause gewesen war, deren Gedanken niemand erriet und die eine Sprache sprachen, die keiner verstand.« (NuW: 10f.) Bei Anderson heißt es: »People from all the countries of Europe were herded there, and no one knew where their homes had once been,

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no one guessed their thoughts, and they spoke a language that no one understood.« (NaW: 12) Anstatt (wie die Vandalen) ›zu hausen‹ sind die Häftlinge bei Anderson ›zusammengepfercht‹. Anderson lässt in ihrer Übersetzung die Gefangenen nicht als Akteure eines scheinbar selbstbestimmten Verhaltens auftreten, sondern findet mit ihrer Übersetzung eine der Situation passendere Beschreibung. Apitz benutzte das Verb ›hausen‹ mehrfach, um die Lebensverhältnisses der jüdischen Häftlinge zu beschreiben. Als es darum ging, das Kind in der Seuchenbaracke zu verstecken, sagt der Lagerälteste Krämer: »›Die polnischen Pfleger hausen monatelang in der Baracke und haben sich noch nichts geholt. Die sind auf Draht. Über das Kind halten sie alle Hände, verlaß dich drauf. Ist doch ihr Kind, ein polnisches. […]‹« (NuW: 123) Anderson schreibt: »›The Polish attendants have been in the barrack for months without catching anything. They know what they are doing. They will treat the kid like a sacred cow. It’s one of their own, Polish. […]‹« (NaW: 98) Wie in Apitz’ Original, gebrauchen in der Übersetzung die kommunistischen Protagonisten des Romans kaum das Wort ›Jude‹ und wenn, dann höchstens in Verbindung mit der Nationalität des Benannten (»the Polish Jew« [NaW: 13]). Andersons Übersetzung entfernt sich also nur im geringen Maße vom Original. Rebecca Jany zeigte 2008 in ihrer Studie des Seven Seas Verlages, wie der Verlag durch Auslassung, Auswahl oder Übersetzung nicht selten Einfluss auf ein Werk nahm, um es den kulturell-politischen Normen der DDR und eben auch der Kundschaft im nicht sozialistischen Ausland anzupassen. Während etwa die Übersetzung von Christa Wolfs Der geteilte Himmel (Devided Heaven, 1965) stark vom Original abwich und eher das Ende einer Beziehung als die Teilung Deutschlands beschrieb, entsprach Nackt unter Wölfen in Original und Übersetzung dem offiziell propagierten Bild vom kommunistischen Widerstand gegen die Naziherrschaft. Im Klappentext und der Einführung der englischen Ausgabe findet sich wiederum überhaupt kein Verweis auf die Kommunisten und ihre Rolle bei der Organisation des Widerstandes im Lager. Allein die Rettung des Kindes wird hier thematisiert: »In these final weeks, when personal survival is the key feeling in every breast, a small child is smuggled into the camp. To save his life becomes a cause to a group of the prisoners who brave terror, torture and death in their effort to keep the child alive. […] Here is an unforgettable story that will keep your pulses pounding.« (NaW: 1)

Die Reduktion der Protagonisten, von denen die Mehrheit im Roman als KPDMitglieder dargestellt wurden, auf eine »group of […] prisoners« sowie die Anpreisung des Buches als unvergessliche und spannende Geschichte verweisen auf die kulturell-politischen Normen der westlichen Zielländer zu Zeiten des Kalten Krieges. Wie Gertrude Gelbin in ihrem Bericht an das Ministerium für Kultur 1962 über die inhaltliche und ökonomische Entwicklung des Verlages erklärte, war die Praxis des Abfangens und Markierens aller Bücher aus den sozialistischen Ländern als ›communist literature‹ durch die US-Zollbehörde äußerst hinderlich für den Ver-

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trieb von Seven Seas Büchern.17 Präsident John F. Kennedy hob diese Bestimmung im März 1961 auf, dennoch war es für den Vertrieb eines Buches sicher nicht förderlich, wenn das ›K-Wort‹ (Kommunismus) schon auf dem Umschlag zu lesen war. Aufgrund der geschilderten Einfuhrschwierigkeiten waren die Schwerpunkte des Exportes von Seven Seas Büchern ins kapitalistische Ausland im Jahr 1960 England (ca. 23.000 Bände), Indien (ca. 9.000) und Australien (ca. 3.500). Eine Angabe zur Verteilung der 10.000 Bände von Naked among Wolves findet sich in den erhaltenen Archivmaterialien lediglich für das Jahr 1961, wo in das sozialistische Ausland 427 Exemplare, nach Indien 370, nach Australien 200 und in die USA 224 Bücher geschickt wurden.18 Für einen größeren Absatz des Romans in den USA setzte sich Anderson persönlich ein und diese Episode unterstreicht noch einmal den kulturpolitischen Kontext des Kalten Krieges, in dem Anderson operierte. Auf der Suche nach einflussreichen Verbündeten – mit der Verlagsleiterin Gertrude Gelbin hatte Anderson, wie erwähnt, ein eher gespanntes Verhältnis – wandte sich Anderson im Oktober 1960 direkt an Irene Gysi, der Sektorenleiterin in der Abteilung für kulturelle Beziehungen des Ministeriums für Kultur: »Liebe Irene! ›Naked among Wolves‹ ist jetzt endlich erschienen. Ich möchte dich daran erinnern, dass wir im Frühling darüber gesprochen haben und miteinander einverstanden waren, dass es viel besser für das Prestige der DDR wäre, wenn dieser Roman über einen kommerziellen Verlag in den USA und Großbritannien erscheint, als wenn er durch Seven Seas angebo19 ten wird.«

Das Kulturministerium selbst hatte Andersons Vorschlag bereits im Juni in einem Schreiben an den Seven Seas Verlag zugestimmt, als es darum bat, Apitz und Anderson Leseexemplare für amerikanische Verlage zur Verfügung zu stellen: »Wie uns Herr Apitz, Verfasser des Romans ›Nackt unter Wölfen‹ mitteilt, sind große amerikanische Verlage an der Herausgabe seines Buches interessiert. Wir sind der Meinung, dass das Erscheinen des Buches in einem amerikanischen Verlag den Verkauf der englischsprachigen Ausgabe von Seven Seas Books nicht beeinträchtigen wird, da die Absatzgebiete sich mit denen des amerikanischen Verlages kaum überschreiten werden. Aus kulturpolitischen Gründen sind wir an einer Verbreitung des Werkes in den USA sehr interessiert.«20

Bedenkt man die Bedingungen, unter denen Seven Seas in den USA operierte, das heißt, die Einfuhrbedingungen für Seven Seas Bücher sowie die hohen Valutakosten für die Werbung, ohne die ein erfolgreicher Verkauf unter den Bedingungen des amerikanischen Buchmarktes unmöglich war, so schien es logisch, die Übersetzung einem Verlag anzubieten, der diesen Bedingungen stärker als Seven Seas gewachsen war. Anderson nutzte dazu ihre Beziehungen und bot das Buch

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Simon & Schuster und Alfred A. Knopf an. Die in London lebende amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Ella Winter, die Anderson 1947 in Paris bei einer Zusammenkunft mit Anna Seghers und Helene Weigel kennengelernt hatte, unterstützte die Suche nach einem britischen oder amerikanischen Verlag für Naked among Wolves, wie aus ihrer Korrespondenz mit Anderson hervorgeht.21 So nahm etwa Angus Cameron vom Verlag Alfred A. Knopf in seinem Schreiben an Anderson vom 18. November 1960 auf Ella Winter Bezug: »I was very interested to learn that we are soon to see a translation of Apitz’s ›Naked among Wolves‹. This will give me the opportunity to judge the book myself. I don’t know whether Miss Winter explained to you that we had a report on the German Language Edition on which we based our decision not to make an offer. However, with the opportunity to read the book ourselves we might very well reverse that.«22

Cameron nennt die Gründe für die Ablehnung nicht, doch die Korrespondenz von Ella Winter mit Edith Anderson erklärt zumindest ansatzweise, was den Gutachter der deutschen Version bewogen haben mag, das Buch nicht für eine Veröffentlichung bei Alfred A. Knopf zu empfehlen. Winter schrieb Anderson: »I am glad you are sending it [Naked among Wolves] to Knopf because Angus is waiting for it. Fles read the German I sent him, thought of it ›too left‹, this is exactly what I thought it wasn’t!«23 Nachdem weitere Gutachten über die englische Fassung des Romans vorlagen, schloss sich Angus Cameron der Meinung des Literaturagenten Barthold Fles an, wenngleich er andere Gründe für die Ablehnung nannte: Der Roman sei schlecht geschrieben und die Übersetzung ändere diese Tatsache nicht. »Our readers feel that the translation just isn’t far enough away from the German original: that is, that the translation – if you will forgive my being candid – is too literal. Of course it could be that this merely reflects our original opinion about the writing in German. In any case we will not make a publishing offer on it.«24

Cameron hatte Recht, wenn er Andersons Übersetzung als eine weitestgehend wörtliche beschreibt. Da die Unterlagen nicht mehr existieren, kann nur darüber spekuliert werden, ob Kay Pankey, die Lektorin des Seven Seas Verlages, eine ›dynamischere‹ Übersetzung akzeptiert hätte, so sie denn von Anderson gekommen wäre. Dieses Gedankenspiel ist müßig, dennoch verdeutlicht es die Situation der Übersetzerin und mag eine Erklärung für die Art ihrer Übersetzung von Nackt unter Wölfen bieten. Das Problem bei dieser Übersetzung bestand darin, dass Anderson hier zwei Herren dienen musste und diese unterschiedlichen Welten angehörten. Einerseits übersetzte sie für den DDR-Verlag Seven Seas, andererseits war der implizite Leser ihrer Übersetzung Angehöriger der westlichen Welt. Da sich die Absatzmärkte von Seven Seas in vielen englischsprachigen Ländern befanden und Anderson die amerikanische Kultur am besten kannte, wird sie sich beim Übersetzen eine amerikani-

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sche Leserschaft vorgestellt haben. Wenn Anderson direkt für Knopf gearbeitet hätte, wäre ihre Übersetzung vermutlich anders ausgefallen, aber in diesem Fall musste sie die Erwartungen und Einstellungen des Auftraggebers in der DDR mit denen der Leserschaft in Einklang bringen. In dieser Situation entschied sich Anderson für eine weitestgehend wörtliche Übersetzung des Romans. Zieht man Andersons Gesamtpersönlichkeit in Betracht, ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre Verweigerung gegenüber doktrinärem Denken, so ist es wahrscheinlich, dass Anderson den melodramatischen Stil in Nackt unter Wölfen nicht bedenkenlos hinnahm. Dennoch setzte sie sich für eine Übersetzung und Verbreitung des Romans ein, denn der Roman war in der DDR sehr erfolgreich und englischsprachigen Leser/-innen sollte diese Auseinandersetzung mit dem Faschismus zugänglich sein. Darüber hinaus – und hier zeigt sich die persönliche Bedeutung des Themas für die Übersetzerin – konnte Anderson über die Unzulänglichkeiten des Stils eines häufig als »Arbeiterschriftsteller« Bezeichneten hinweg schauen, weil sie den Inhalt des Romans mit großer Ehrfurcht betrachtete. Apitz schilderte Kommunisten, die wie Max Schroeder jahrelang ihre Gesundheit und ihr Leben dafür eingesetzt hatten, dem Naziregime Widerstand zu leisten. Letztendlich war es das Schicksal und der Kampf dieser Genossen für ein ›besseres Deutschland‹, die Andersons Leben prägten. Den Genossen, die während der Naziherrschaft umkamen, widmete Apitz seinen Roman: »Ich grüße mit dem Buch unsere toten Kampfgenossen aller Nationen, die wir auf unserem opferreichen Weg im Lager Buchenwald zurücklassen mussten. Sie zu ehren, gab ich vielen Gestalten des Buches ihre Namen.« (NuW: 5)

Die Last der Toten und der erbrachten Opfer im Kampf gegen die Nationalsozialisten sowie Andersons eigene Verbindungen zu diesem Kampf und dessen Ergebnissen wogen wohl schwerer, als dass sich Anderson Ende der 1950er Jahre, kurz nach dem Tod ihres Partners Max Schroeder, über den Stil von Apitz’ Roman Nackt unter Wölfen hätte mokieren mögen.

N OCH EINMAL B RECHT Im Jahr 1976 gab John Willett gemeinsam mit Ralph Manheim den Band Poems. 1913–1956 mit rund 450 Brecht-Gedichten in englischer Sprache heraus. An

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diesem Projekt, welches erstmalig die Gedichte in einem repräsentativen Umfang der englischsprachigen Welt vorstellte, waren über dreißig Übersetzer/-innen beteiligt. Der Herausgeber und Brecht-Spezialist Willett hatte über Naomi Replansky von Edith Andersons früheren Arbeiten zu Brecht erfahren und lud sie 1969 ein, sich an dem Band zu beteiligen. Die endgültige Fassung der Ausgabe enthielt acht Übersetzungen Andersons, darunter die beiden Preisgedichte »Kohlen für Mike« und »Inbesitznahme der großen Metro durch die Moskauer Arbeiterschaft am 27. April 1935«, zudem »Der Blumengarten« sowie fünf Gedichte25 über das Theater. Im Gedicht »Inbesitznahme der großen Metro durch die Moskauer Arbeiterschaft am 27. April 1935« berichtet der Sprecher über den Einsatz der Arbeiter/-innen beim Bau der Moskauer Metro und ihren Stolz auf das großartige Werk. Doch der im Gedicht eigentlich gefeierte Triumph ist nicht das beeindruckende Bauwerk, sondern das neuartige Verhältnis der Arbeiter zu ihrem Produkt, »als Bauherren die Bauleute«: »Wo wäre dies je vorgekommen, daß die Frucht der Arbeit Denen zufiel, die da gearbeitet hatten? Wo jemals Wurden die nicht vertrieben aus dem Bau Die ihn errichtet hatten?« (Brecht 1988: 43)

Wie viele von Brechts Gedichten ist auch dieses aus dem Jahr 1935 nicht zum stillen Lesen, sondern für den Vortrag geschrieben. Brecht erklärte 1938 in seinen Ausführungen »Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen« (Brecht 1981: 77–88) seine Abneigung gegen die »ölige Glätte des üblichen fünffüßigen Jambus« (ebd.: 79), da regelmäßige Rhythmen eher zu Assoziationen als zum Denken animierten. Anstelle von Reim und Jambus verwendet Brecht eine gezielt manipulierte Syntax, die den gestischen Charakter seiner Verse unterstreicht (vgl. Jesse 1994: 98–105). »Das bedeutete: die Sprache sollte ganz dem Gestus der sprechenden Person folgen.« (Brecht 1981: 81) Die Sprache und ihr Rhythmus sollten also der Haltung des Sprechers und dem Gesagten Gewicht verleihen. Diesen Anspruch stellte Brecht ebenfalls an die Übersetzungen von Gedichten. Zwar warnte er vor einer allzu wörtlichen Übersetzung, jedoch sollte die Haltung des Sprechers in der Übertragung zu erkennen sein: »When poems are translated into another language, most of the damage tends to be due to people trying to translate too much. Maybe they should confine themselves to translating a poet’s ideas and attitudes. In so far as the rhythm of the original is a part of the writer’s attitude an effort should be made to translate it; but no further.« (Brecht 1976: xxv)

Andersons Übersetzungen entsprechen vielfach Brechts Vorstellungen: Um englischsprachigen Leser/-innen einen möglichst genauen Einblick in seine Dichtung zu bieten, versuchte sie nicht nur, den Gedichtinhalt und die Haltung des Sprechers

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zu übertragen, sondern ebenso, den Rhythmus, die Zeileneinteilung sowie die Gedankenfolge der Originale in den Übersetzungen beizubehalten. Die Haltung des Sprechers im Gedicht zur Moskauer Metro ist die des Lobpreises. Zu diesem Eindruck trägt auch die Art der Präsentation der Fakten bei, die Anderson für ihre Übersetzung wählt: »Alle Schwierigkeiten – Unterirdische Flüsse, Druck der Hochhäuser Nachgebende Erdmassen – wurden besiegt. Bei der Ausschmückung Wurde keine Mühe gespart. Der beste Marmor Wurde weit hergeschafft, die schönsten Hölzer Sorgfältig bearbeitet. Beinahe lautlos Liefen schließlich die schönsten Wägen Durch taghelle Stollen: für strenge Besteller Das Allerbeste.« (Brecht 1988: 43) »All obstacles – Underground streams, pressure from multi-storey buildings Massive cave-ins – were overcome. For the ornamentation No pains were spared. The best marble Was transported from afar, the finest woods Worked with scrupulous care. The splendid trains Ran almost soundlessly at last Through tunnels light as day: for exacting clients The best of everything.« (Brecht 1976: 248)

Nach der Fertigstellung sind die Moskauer/-innen fast närrisch vor Freude über ihr prächtiges Werk und Brecht gelingt der Ausdruck dieser Erregung durch die konkrete Schilderung ihres Verhaltens. Andersons Übersetzung zeigt die Schwierigkeit, unter Beibehaltung der Form den bei Brecht so einfach erscheinenden Inhalt in der Übersetzung ähnlich wirken zu lassen. »[…] An jeder Station Wurden die Kinder hochgehoben. Möglichst oft Stürmten die Fahrenden hinaus und betrachteten Mit fröhlicher Strenge das Geschaffene. Sie befühlten die Pfeiler Und begutachteten ihre Glätte. Mit den Schuhen Fuhren sie über Steinböden, ob die Steine Auch gut eingefügt seien. Zurückströmend in die Wägen Prüften sie die Bespannung der Wände und griffen An das Glass. [...]« (Brecht 1988: 44) »[…] At every station The children were lifted up. As often as possible The travellers rushed out and inspected With eager, exacting eyes the finished job. They felt the pillars

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And appraised their gloss. They scraped the soles of their shoes Over the stone floors, to see the slabs Were smoothly fitted. Crowding back into the cars They tested the wall surfaces and fingered The glass. […]« (Brecht 1976: 249)

Im Kontext des Gedichtes kann man sich die Untersuchung des Geschaffenen »[m]it fröhlicher Strenge« zwar vorstellen, aber für die Übersetzung ist gerade diese Formulierung problematisch, da das Fröhliche eigentlich nicht die Strenge, sondern die Menschen und die Art ihrer Betrachtung näher beschreibt. In Andersons Unterlagen finden sich mehrere Varianten für die Übersetzung dieser Zeile: »examined the finished job/ with elation, critically«, »gaily critical«, »Joyously, critically«, »With eager, expert eyes the finished job«26. Schließlich gibt sie dem Klang der Alliteration »eager, exacting eyes« den Vorzug, wenn dieser auch nicht die Bedeutung von Brechts Betrachten »[m]it fröhlicher Strenge« genau widerspiegelt. Auch aus Gründen des Rhythmus verwendete Anderson zur Beschreibung der Oberfläche der Pfeiler das Wort »gloss« statt ›smoothness‹. Brechts Pfeiler sind glatt, bei Anderson glänzen sie, was aber in das Bild passt, welches Brecht vorher von dem verwendeten Marmor gab. Brechts »Bespannung der Wände«, die beim Leser Assoziationen von Stofftapeten oder Holzfurnieren hervorrufen mögen, übersetzt Anderson mit »They tested the wall surfaces«. Damit überträgt sie zwar die Bedeutung der Zeile ins Englische, reduziert aber die Vorstellungen von der Art der Bedeckung oder Gestaltung der Wände. Dies wird durch den Fokus der Zeilen gerechtfertigt, der ja hier auf dem Verhalten der Menschen und deren Vereinnahmung der Metro liegt und nicht auf dem Material. Im letzten Teil des Gedichtes schloss sich Anderson einer vom Mitherausgeber Ralph Manheim vorgeschlagenen Formulierung an, die meiner Ansicht nach der Überzeugung des Sprechers im Original nicht ganz entspricht. »Denn es sah der wunderbare Bau Was keiner seiner Vorgänger in vielen Städten vieler Zeiten Jemals gesehen hatte: als Bauherren die Bauleute!« (Brecht 1988: 45, Herv.i.O.) »For this wonder of construction was witnessing What none of its predecessors in the cities of many centuries Had witnessed: the builders in the role of proprietors.« (Brecht 1976: 250)

Die Bauleute in der Rolle der Besitzer, »the builders in the role of proprietors«, verzerrt Brechts »als Bauherren die Bauleute«, da »in the role of« Assoziationen von einem zeitlich begrenzten Spiel, einem Rollentausch erweckt, während es im Original klar heißt, dass die Bauherren die Bauleute sind. Andersons ursprüngliche Version »The owners and contractors were the workmen!«27 gibt zwar Brechts Zeile sinngemäßer wieder, aber ihre Länge steht in keinem Verhältnis zu der Form des Originals.

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Die dargestellten Fallbeispiele belegen die schwierigen Entscheidungen, die Anderson als Übersetzerin von Brechts Lyrik zu treffen hatte. Wie John Willett in seiner Einleitung zu Brechts Poems bekannte, »it is always simpler to translate expository writing than dialogue, while great poetry is ten times harder than even the finest play.« (Ebd.: ix) Umso höher ist es den Übersetzer/-innen der Brecht-Gedichte anzurechnen, dass sie sich dieser Aufgabe gestellt haben. Obwohl Brecht als Lyriker lange Zeit unterschätzt wurde, wird auch in dieser Sammlung offenbar, dass gerade die Lyrik zu seinen Theaterstücken führte und dass in vielen seiner Gedichte später formulierte Theorien bereits anklangen. Insbesondere galt dies für die sogenannten Theatergedichte, von denen Anderson einige übersetzte. Diese häufig als »Lehrgedichte« bezeichneten Texte vermitteln in nicht immer leicht verständlicher, zugleich elementar-einfacher Diktion Brechts Vorstellungen von der Aufgabe des Theaters und der Spielweise der Schauspieler (vgl. Mennemeier 1982: 132). Durch die Übersetzung von Brechts Aufsatz »Vergnügungstheater oder Lehrtheater?« hatte Anderson sich bereits Ende der 1950er Jahre mit seinen Auffassungen zum Theater bekanntgemacht. Diese Kenntnisse mögen sie bewogen haben, die Übersetzung dieser teilweise äußerst schwierigen Gedichte zu übernehmen. »It’s not that clear what B. means, but I think this is closer«28 kommentiert der Herausgeber Ralph Manheim Andersons Übersetzung von »Über das Sprechen der Sätze«. Ein anderes Gedicht thematisiert die Distanz zwischen Schauspieler und Zuschauer. Die Einheit von Schauspieler und Zuschauer ist unmöglich, da beide im selben Augenblick immer etwas anderes erleben. Mit dem Bewusstmachen der Folge von Augenblicken, dem »›Historisieren‹« (Mennemeier 1982: 136), »soll die Wirklichkeit, auch und gerade die der Gegenwart, so verfremdet werden, daß sie als das erscheint, was sie ist: eine im Fluß befindliche, veränderliche und veränderbare Wirklichkeit.« (Ebd.) »Der Nachschlag Meine Sätze spreche ich, bevor Der Zuschauer sie hört; was er hört, wird Ein Vergangenes sein. Jedes Wort, das die Lippe verlässt Beschreibt einen Bogen und fällt Dann in das Ohr des Hörers, ich warte und höre Wie es aufschlägt, ich weiß Wir empfinden nicht das nämliche und Wir empfinden nicht gleichzeitig.« (Brecht 1993a: 375)

Die Schwierigkeit besteht hier in den Übersetzungen des Titels »Der Nachschlag«, »wird/ Ein Vergangenes sein« sowie der letzten beiden Zeilen. Da in diesem Gedicht, entstanden um 1937, gerade über das Sprechen und Hören, den Nachhall und die Wirkung des Gesprochenen reflektiert wird, war es unabdingbar, die Form des Originals mit den entsprechenden Pausen auch in der Übersetzung beizubehalten.

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»The moment before impact I speak my lines before The audience hears them; what they will hear is Something done with. Every word that leaves the lip Describes an arc, and then Falls on the listener’s ear; I wait and hear The way it strikes; I know We are not feeling the same thing and We are not feeling it at the same time.« (Brecht 1976: 342)

Brechts Titel »Der Nachschlag« ist vermutlich der Musik entlehnt und wird dort zur Bezeichnung der unbetonten Taktzeit verwendet. Auch ohne Kenntnis dieser spezifischen Bedeutung, beschreibt das Wort »Nachschlag« die eintretende Wirkung von etwas vorher Geschehenem. Diese Bedeutung wäre durch die einfache Übersetzung von »Nachschlag« mit »offbeat« nicht abgedeckt und daher entschied sich Anderson wohl für die Umschreibung »The moment before impact«, die ihre Interpretation des Gedichtes widerspiegelt. Grundsätzlich folgt Anderson Brechts Form des Gedichtes, wenn sie auch gelegentlich Brechts Stil nivelliert, indem sie ihn dem englischen Satzbau anpasst. So etwa in der letzten Zeile, die im Original ohne Objekt auskommen muss, in der Übersetzung jedoch ein »it« erhält, obwohl gerade in der vorhergehenden Zeile die Existenz eines solchen »it«, das Fühlen eines »Nämlichen« (desselben) verneint wurde. Trotz dieser Veränderungen befördert die Übersetzung die Gedanken und Haltung des Sprechers in die englische Sprache und erzielt eine dem Original ähnliche Wirkung. Für ihre Übersetzungen erhielt Anderson 1974 ein Honorar von £ 26, ein lächerlicher Betrag, wenn man sich den Arbeitsaufwand für die verschiedenen Fassungen bis hin zur endgültigen Version der Übersetzungen vor Augen führt. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Andersons Engagement als Vermittlerin zwischen den Kulturen der DDR und der westlichen Welt nicht auf ökonomischen Motiven basierte. Vielmehr hielt sie es für selbstverständlich, ihre Fähigkeiten, ihre besondere Lebenssituation und das damit verbundene spezifische Wissen in den Dienst der Vermittlung von kulturellen Produkten zu stellen, die sie selbst sehr schätzte und als Bereicherung für die jeweils andere Kultur empfand. Darüber hinaus beteiligte sich Anderson hier an einem Prestigeprojekt, zu dem viele namenhafte Brecht-Spezialisten wie etwa Erich Fried, Martin Esslin, Michael Hamburger, Frank Jellinek, Naomi Replansky, Muriel Rukeyser oder eben John Willett beitrugen und durch das sie ihren Ruf als Brecht-Übersetzerin stärker etablieren konnte. Mit ihrer Arbeit ehrte sie Bertolt Brecht, den sie durch Max Schroeder kennengelernt hatte. »Für Max hat Brecht denselben Rang wie Shakespeare« (LIE: 176), schrieb Anderson in ihren Erinnerungen und insofern war die Verbreitung von Brechts Dichtung in der englisch-

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sprachigen Welt nicht nur ein Dienst an Brecht, sondern ebenso die Erfüllung von Max Schroeders Vermächtnis.

Ü BERSETZUNGEN INS D EUTSCHE : E INBLICKE IN DAS › ANDERE AMERIKA ‹ Anderson hat nur in Ausnahmefällen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Sie selbst schrieb bis zum Ende ihres Lebens ihre eigenen Texte vorwiegend auf Englisch. Der in der DDR lebende Österreicher Eduard Zak, Ehemann der Literaturkritikerin Annemarie Auer, übertrug bis zum seinem Tod 1979 die meisten von Andersons Texten ins Deutsche. Wie aus dem Nachlass hervorgeht, war Anderson eine äußerst genaue und scharfe Prüferin der deutschen Versionen ihrer Texte. Für ihr letztes Buch Love in Exile beispielsweise lag schon Ende der 1990er Jahre eine deutsche Übersetzung vor, die Anderson jedoch für so minderwertig hielt, dass sie das Projekt einer deutschen Ausgabe absagte. Die Korrespondenz mit ihrem Übersetzer Zak ist im Nachlass leider nicht enthalten, aber ich gehe davon aus, dass Anderson mit seiner Arbeit sehr zufrieden war. Dieser Eindruck wird durch ihr Schreiben an den Deutschen Schriftstellerverband anlässlich einer Gedenkstunde für Eduard Zak im Dezember 1979 bestätigt. Anderson erklärte darin: »Wie sehr ich den Zak geschätzt habe, kann nur einer verstehen, der in der Sprache des Landes wo er lebte stumm war und daher unverstanden und unerkannt hätte bleiben müssen, wenn nicht jemand anderes ihn durch sein eigenes Talent, dabei mit unendlicher Geduld, lieb und großzügig, sprechend machte. Das hat Zak für mich getan. Das zu vergessen wäre mir unmöglich.«29

Um die Bedeutung ihres Übersetzers Eberhard Zak herauszustreichen, stilisierte sich Anderson zur ›Stummen‹, zu einer, die nicht dazu in der Lage war, ihre Inhalte und Anliegen auf Deutsch zu vermitteln. Diese Selbsteinschätzung bestätigen ihre – wenn auch nicht sehr zahlreichen – Übersetzungen amerikanischer Texte ins Deutsche nicht. Dabei handelte es sich ausschließlich um Texte von Vertreter/-innen des ›anderen Amerikas‹, der Linken Lillian Hellman (Herbstgarten, 1968), der Afroamerikanerin Lorraine Hansberry und des Cherokee-Indianers Jimmie Durham. Eine Betrachtung des Kontextes, in dem diese Übersetzungen angefertigt und rezipiert wurden, vermittelt nicht nur interessante Einblicke in Andersons Beitrag zur Divergenz des Bildes der USA in der DDR, sondern ebenso in ihre Einstellungen gegenüber ethnischen Minderheiten und ihr Selbstverständnis als Übersetzerin. In diesem Zusammenhang sind die Übersetzungen von Hansberrys und Durhams Texten besonders interessant und sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.

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A Raisin in the Sun (1958; UA: 1959) gehört zu den Klassikern des amerikanischen Dramas. Zum einen war es das erste Mal, dass das Stück einer afroamerikanischen Frau am Broadway aufgeführt wurde, zum anderen behandelte die junge Lorraine Hansberry (1930–1965) hier die Problematik von Integration und Segregation, Gleichberechtigung und Diskriminierung bzw. das Verhältnis zum ›Mutterland‹ Afrika: alles Themen, die in den 1960er Jahren von der afroamerikanischen Dramatik vertieft wurden. Im Mittelpunkt des konventionell strukturierten Stückes steht Familie Younger, die in einer kleinen Wohnung in der Chicagoer Southside lebt. Mutter Lena erhält von der Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes $ 10.000, was alle Familienmitglieder animiert, sich der Realisierung ihrer Träume und Ambitionen näher zu fühlen. Sohn Walter möchte das Geld, um endlich seinen verhassten Job als Chauffeur aufzugeben und gemeinsam mit seinen Freunden einen Schnapsladen zu eröffnen, von dem er sich ein hohes Einkommen verspricht. Seine Frau Ruth erwartet gerade ihr zweites Kind und sorgt sich um die Zukunft der Familie. Lenas Tochter Beneatha möchte Ärztin werden und erhofft sich die Finanzierung des Studiums mit dem Geld. Mutter Lena unterstützt die Absichten der Tochter, aber zunächst verwendet sie einen Teil des Geldes, um sich ihren Traum von einem kleinen Häuschen außerhalb der Southside zu erfüllen. Dieser Traum von der eigenen Scholle ist Teil des amerikanischen Traums und verbindet weiße und schwarze Amerikaner/innen. Hansberrys Stück war nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil sich viele weiße Amerikaner/-innen mit dem kleinbürgerlichen Streben von Mutter Younger identifizieren konnten. Doch das Stück zeigt ebenso den Rassismus, der Afroamerikaner/-innen daran hindert, ihren Traum zu erfüllen. Mit der Ansiedelung des Stückes in Chicago hinterfragt Hansberry den damals vorherrschenden Mythos, dass Segregation und Diskriminierung auf den Süden beschränkt seien. In der DDR feierte das Stück in der von Edith Anderson angefertigten Übersetzung im März 1963 (Hansberry 1963) mit einer Inszenierung von Hans Dieter Mäde im Berliner Maxim Gorki Theater Premiere. Da sich der Vertragsabschluss zwischen Hansberrys Rechtsvertretern und dem Henschel Verlag hinzog, erschien die Übersetzung erst 1968 in Eberhard Brünings Sammlung Amerikanische Dramen aus fünf Jahrzehnten30 im Aufbau-Verlag. Ähnlich wie James Baldwin, passte auch Hansberry in das Bild vom ›anderen, um seine Befreiung kämpfenden Amerika‹. Hansberrys und Baldwins Texte zeigten die Ungerechtigkeiten und den Rassismus, den schwarze Amerikaner/-innen erlitten, aber sie stellten die ›Rassenfrage‹ nicht über die ›Klassenfrage‹, wie ihre Nachfolger in den 1960er Jahren. Das heißt, bei Hansberry und Baldwin werden die Probleme nicht auf die Ebene der Rasse reduziert, sondern es wird auf ihre soziale Komponente verwiesen. Militante Autoren der 1960er Jahre wie Amiri Baraka (Le Roi Jones), die zur totalen Separation und zum Kampf gegen die Weißen aufriefen, konnten in der DDR nur unter großen Schwierigkeiten und mit einer dem marxis-

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tisch-leninistischen Diskurs entsprechenden Interpretation im Nachwort publiziert werden (vgl. Giovanopoulos 2000: 288–295). In dem folgenden Zitat argumentiert ein Gutachter für den Druck eines Buches von John Oliver Killens und fasst dabei sehr prägnant zusammen, welche afroamerikanischen Theorien und Ideologien in der DDR Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre nicht erwünscht waren: »Es ist ein Buch, das die Problematik des schwarzen Amerika in den Mittelpunkt rückt, ohne linksradikalistischem Sektierertum (Black Panther Party), kleinbürgerlichem Nationalismus (Elija Muhammad), rassistischen Theorien vom ›Supermaskulinen Knecht‹ (Eldridge Cleaver) oder von Mao oder Marcuse inspirierten Lehren das Wort zu reden.« (Ebd.: 292)

Mit ihrem Stück (1959 von Philip Rose und David J. Cogan im New Yorker Ethel Barrymore Theatre aufgeführt) war Hansberry keiner dieser Strömungen zuzurechnen. Im Vorwort der Sammlung amerikanischer Dramen, die »Eine Rosine in der Sonne« enthält, unterstreicht der Leipziger Amerikanist Eberhard Brüning, dass es in dem Stück um mehr als um den Erwerb eines Hauses in der weißen Nachbarschaft ginge (vgl. Brüning 1968: 34). Diese ›Interpretationshilfe‹ weist auf die Schwierigkeiten hin, die ein Stück, in dem Angehörige der schwarzen Arbeiterklasse vorwiegend am materiellen Erfolg interessiert sind, mit der Zensur in der DDR gehabt haben mag. Brüning schreibt: »Mit Bestechung, Erpressung und Drohung wollen die weißen Bürger den Einzug verhindern. Die Youngers nehmen den Kampf auf. Das ist ein entscheidender Schritt von vorwärtsweisender Bedeutung, nicht nur für die Erreichung des individuellen Glücks dieser Familie, sondern auf dem Weg der amerikanischen Negerbevölkerung schlechthin zur Verwirklichung des Traums von einem menschenwürdigen, freien Leben in einer menschenwürdigen Welt.« (Ebd.)

Tatsächlich muss die afroamerikanische Familie für ihr Recht auf ein Haus in der weißen Nachbarschaft kämpfen und damit Gleichberechtigung auf diesem Gebiet einfordern. Gleichzeitig idealisiert Brüning den Text, wenn er das kleinbürgerliche Streben nach materiellem Besitz als Schritt zu einem »menschenwürdigen, freien Leben in einer menschenwürdigen Welt« (ebd.) darstellt. In gewissem Sinne idealisiert auch Andersons Übersetzung die Protagonist/-innen. Der markanteste Unterscheid zwischen Originaltext und Übersetzung liegt in der Sprache der Protagonist/-innen. Obwohl Hansberry ausdrücklich einzelne Personen im Stück durch ihren Dia- bzw. Soziolekt charakterisiert, sprechen in der deutschen Übersetzung alle vorwiegend Standarddeutsch. So lautet die Regieanweisung zu Beneatha: »Her speech is a mixture of many things; it is different from the rest of the family’s insofar as education permeated her sense of English – and perhaps the Midwest rather than the south has finally – at last – won out in her inflection; but not altogether because over

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all there is a soft slurring and transformed use of vowels which is the decided influence of the south side.« (Hansberry 1958: 17)

Anderson fasst diese Angaben für deutsche Rezipient/-innen folgendermaßen zusammen: »Ihre Sprache ist eine Mischung von allem möglichen; sie unterscheidet sich von der Sprache ihrer Familie, da die Schulbildung ihr Gefühl für das Englische gefärbt hat, sie ist aber doch nicht ganz frei von dem Einfluß des Negerdialekts der Südseite von Chicago.« (Hansberry 1968: 571) Obwohl Anderson diese Anweisungen gibt, ist der Einfluss des »Negerdialekts« auf Beneathas Sprache in der deutschen Übersetzung nirgends zu finden. Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen Original und Übersetzung in der Figur der Mutter Lena, von der es heißt: »(…Her speech on the other hand is as careless as her carriage is precise – she is inclined to slur everything – but the voice is perhaps not so much quiet as simply – soft.) MAMA. Who that round here slamming doors at this hour?« (Hansberry 1958: 21) »So präzise ihre Haltung ist, so vernachlässigt ist ihre Sprache. Ihre Stimme ist eher sanft als leise. Mama: Wer knallt hier die Türen so früh am Morgen?« (Hansberry 1968: 575)

Das Übertragen von Dia- und Soziolekten stellt für jeden Übersetzer ein schwieriges Problem dar, welches im Grunde – wenn überhaupt – nur durch das Kreieren einer von der Norm abweichenden deutschen Sprache gelöst werden könnte. Dies schien über Andersons Möglichkeiten hinauszugehen und so entschied sie sich gegen eine solche dynamische Übersetzung. Ein Stück, in dem die Vertreter/-innen des anderen, des ›guten‹ Amerikas grammatikalisch falsch sprechen, hätte wohl auch nicht in den kulturpolitischen Diskurs jener Zeit gepasst. Mit dieser Entscheidung, die Dialoge der Protagonist/-innen in Standarddeutsch zu verfassen, bestätigte Anderson das Bild von den makellosen, ja edlen, aber unterdrückten Afroamerikaner/-innen, welches in der DDR propagiert wurde. Abwandlungen des Originaltextes in Richtung Zielkultur nahm Anderson auch an anderen Stellen des Textes vor. So bei Passagen, die für jemanden, dem die USA fremd sind, in einer wörtlichen Übersetzung unverständlich blieben. Walter äußert sich etwa abfällig über New York: »New York ain’t got nothing Chicago ain’t, except a bunch of hustling people all squeezed up together – being ›Eastern.‹« (Hansberry 1958: 56) ›Ostler zu sein‹ hätte bei den Rezipient/-innen in der DDR, die mit den Stereotypen über die Ostküste der USA nicht vertraut waren, keine oder ganz andere Assoziation ausgelöst. Daher übersetzte Anderson hier sinngemäß: »Chicago ist allemal so gut wie New York. New York ist nichts als ein Haufen eiliger, zusammengedrängter Menschen, die wunder denken, was sie sind.« (Hansberry 1968: 610) Während bei diesem Beispiel Andersons Übertragung als gelungen bezeichnet werden kann, da der Gehalt von Walters Kommentar in der deutschen Übersetzung

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bewahrt bleibt, misslingt die Anpassung des Textes an den Erfahrungskreis der ostdeutschen Rezipient/-innen an anderer Stelle. In Referenz auf den amerikanischen Film Mrs. Miniver (1942), in dem die gärtnerisch ambitionierte Protagonistin sich in einem englischen Dorf tapfer den Nöten des Krieges stellt, wird Lena Younger, die sich sehnlichst einen kleinen Garten wünscht, von ihren Kindern »Mrs. Miniver« genannt: »›To our own Mrs. Miniver – Love from Brother, Ruth and Beneatha.‹« (Hansberry 1958: 84) Gleich darauf, als Travis seiner Großmutter Lena einen Gartenhut überreicht, heißt es noch einmal: »BENEATHA. (Giggling fiercely.) Travis – we were trying to make Mama ›Mrs. Miniver‹ – not Scarlet [sic] O’Hara!« (Ebd.: 84) Da kaum jemand in der DDR gewusst haben wird, wer diese Mrs. Miniver war und was sie mit Lena Younger gemeinsam hatte, tauscht Anderson Mrs. Miniver mit Brechts Figur Mutter Courage. »Wir haben Mama eine Mutter Courage genannt – und nicht Scarlett O’Hara!« (Hansberry 1968: 638) Obwohl durchaus Parallelen zwischen Mutter Courage und Mutter Lena Younger zu finden sind, greift eine derartige ›Eindeutschung‹ dieses intertextuellen Bezugs stark in Hansberrys Text ein. »Für unsere Mutter Courage« (Ebd.) suggeriert, dass den Protagonisten das Brecht-Stück bekannt ist, was wiederum kaum zu der restlichen Charakterisierung von Lena, Walter und Ruth passt. Zum anderen behindert diese Einbettung in einen deutschen Kontext die Konfrontation mit einer anderen, fremden Kultur, die auch Potenzial böte, den Horizont der DDR-Rezipient/-innen zu erweitern. Es scheint mir weniger problematisch, die Zuschauer/-innen mit Aussagen zu konfrontieren, dessen Referenzen sie im Einzelnen nicht immer verstehen, die aber die Authentizität des Textes vermitteln, als zu suggerieren, dass die Bewohner der Chicagoer Southside mit Brecht vertraut seien. Im Verhältnis zur Gesamtleistung der Übersetzerin nehmen sich diese Einwände jedoch gering aus. Durch Andersons Übersetzung und der Inszenierung des Stückes von Hans Dieter Mäde am Gorki Theater im März 1963 erhielten die Zuschauer/-innen in der DDR fast zeitgleich wie in den USA einen Einblick in die verschiedenen Facetten afroamerikanischer Erfahrungen und Ideologien. Dem Assimilationsstreben einiger Protagonist/-innen stellte Hansberry mit dem nigerianischen Studenten Joseph Asagai den Stolz auf die afrikanischen Wurzeln gegenüber. Die Darstellung der Distanz zu diesem afrikanischen Erbe entbehrt nicht einer gewissen Komik, so etwa, wenn Beneatha Mutter Lena auf die Begegnung mit dem nigerianischen Freund vorbereitet: »Mama: Wie heißt er? Beneatha: Asagai, Joseph. Ah-sah-gai… Er kommt aus Nigeria. Mama: Ach, das ist das kleine Land, das von Sklaven gegründet wurde, vor vielen Jahren… Beneatha: Nein, Mama – das ist Liberia. Mama: Ich glaube, ich hab noch nie einen Afrikaner gesehen.

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Beneatha: Bitte, tu mir einen Gefallen und stell ihm nicht einen Haufen alberner Fragen über Afrikaner. Zum Beispiel: gehen sie nackt und so weiter…« (Ebd.: 589)

Wertekonflikte, in denen ihre Protagonist/-innen stecken, beschönigt Hansberry nicht. Walter wird von seinen schwarzen Bekannten betrogen und auch er beginnt darüber nachzusinnen, ob er aus dem erpresserischen Angebot des Vertreters des weißen Wohnviertels nicht Vorteile ziehen und so die Weißen mit ihren Mitteln schlagen sollte. Er hat es satt, über den »alte[n] Kram« von Recht und Unrecht nachzudenken und seiner Schwester erklärt er: »Das ist eben der alte Kram. Du und der Junge, der heute hier war. Wenn es nach euch geht, tragen wir alle eine Fahne und einen Speer und singen Marschlieder, nicht? Ja. Weißt du, was mit dem Jungen eines Tages passieren wird? Er wird sich im Knast wiederfinden, lebenslänglich – und die Nehmer sitzen auf dem Schlüssel. Wirf den Kram weg, Baby. Es gibt keine heilige Sache. Es gibt nichts als Nehmen auf dieser Welt, und wer das meiste nimmt ist der Klügste – und wie er es macht, ist schnuppe.« (Ebd.: 655)

Walters ausgeprägte Ausrichtung auf Wohlstand und Reichtum entfremdet ihn auch von seiner Mutter, die im Süden ganz andere Erfahrungen gemacht hat: »Zu meiner Zeit machten wir uns Sorgen, wie wir dem Lynchen entgehen und wenn möglich nach Norden ziehen konnten. Wie wir am Leben bleiben und noch einen Rest Würde bewahren konnten …« (Ebd.: 603) All diese Auseinandersetzungen zwischen den Familienmitgliedern, aber auch mit den Freunden Beneathas, die unterschiedliche Anschauungen präsentieren, vermitteln über den Familienkonflikt hinaus einen differenzierten Einblick in die Situation und die Haltungen der Afroamerikaner/innen Ende der 1950er Jahre. Interessanterweise haben die Rezensent/-innen der Aufführung im Maxim Gorki Theater Hansberrys Angebot zur Innenansicht der Black Community wenig geschätzt – vielmehr sprechen sie dem ersten Teil des Stückes wiederholt Längen zu (vgl. Mollenschott 1963; Nössig 1963; Edel 1963). So schreibt Manfred Nössig in der Berliner Zeitung: »Dieses Stück steht in der Tradition der gesellschaftskritischen Dramatik Nordamerikas, die in Arthur Miller ihren Gipfel gefunden hat. Allerdings sind bei Lorraine Hansberry dramatisch wenig ergiebige Milieuschilderungen neben sentimentalen Zügen nicht zu übersehen.« (Nössig 1963, o.S.) Einheitlich wird in den drei mir vorliegenden Rezensionen auf die Universalität der Thematik des Stückes verwiesen. Weniger als um die spezifische Situation der Afroamerikaner/-innen, ginge es in dem Stück um das Streben nach der Verwirklichung eines Traumes unter Bewahrung der menschlichen Würde. Peter Edel schreibt: »Daß die Handlung dieses Stückes unter Negern spielt, spitzt die Allgemeingültigkeit der Konflikte jener Familie Younger nur zu, verdeutlicht nur, daß die Autorin Lorraine Hansberry hier nicht allein die Rassendiskriminierung in den USA brandmarken, sondern damit auch die Klassenfrage stellend, die Drangsale vieler Tausender solcher in der kapi-

134 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON talistischen Welt ›träumenden kleinen Leute‹ – egal, ob schwarzer oder weißer Hautfarbe – anschaulich machen wollte.« (Edel 1963, o.S.)

Edel, wie auch die anderen Rezensenten, ignoriert die spezifische Geschichte der schwarzen Bevölkerung in den USA und gliedert sie in die große Masse der Unterdrückten ein. Diese Eingliederung des Stückes in die Ideologie vom ›anderen Amerika‹ ist einerseits ein Akt der Akzeptanz der Schwarzen als Repräsentanten der gesamten amerikanischen Arbeiterklasse. Andererseits ist diese Lesart diskriminierend, weil sie den Einfluss des Rassismus auf die Lebenssituation der schwarzen Bevölkerung vernachlässigt. Wenn der Konflikt zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung in den Theaterkritiken überhaupt erwähnt wird, dann immer wieder mit dem Verweis auf die Klassenzugehörigkeit der Weißen: »die weißen Herrschaften« (ebd.), denen Lena die Küche scheuert, die »weißen Bosse« (ebd.) oder die »weißen Herren Anwohner« (ebd.). Wie auch später der bereits zitierte Eberhard Brüning, überhöhen die Rezensent/-innen das Ziel der Youngers, am Wohlstand der Gesellschaft in Form eines eigenen Hauses teilzuhaben. Zwar wird den Protagonisten/-innen der Traum vom Leben im Sozialismus nicht ausdrücklich unterstellt, wer aber die offizielle DDRRhetorik kennt, weiß, dass folgende Formulierung nicht weit davon entfernt war: »Werden sie [die Youngers] den Traum nicht aufgeben von einem menschenwürdigen Leben in einer menschlicheren Welt? – Lorraine Hansberry entscheidet diese Frage in einer ergreifenden Schlußszene im Namen der Zukunft.« (Mollenschott 1963) Wenngleich sich die Rezensent/-innen in ihrer Wahrnehmung des Stückes einig waren und ihre Kritiken den politischen Diskurs jener Zeit eindrucksvoll widerspiegeln, so bot das Stück den Zuschauer/-innen weit mehr Einblicke und Informationen über die Lebenssituation einer afroamerikanischen Familie sowie die verschiedenen Ansichten und Einstellungen in der Black Community, als die einzelnen Rezensionen vermuten lassen. Zu dieser Möglichkeit der Information und der Auseinandersetzung mit den Folgen von Sklaverei und Rassismus auf die Situation von Afroamerikaner/-innen, vielleicht auch zu einer Reflexion der eigenen Haltung gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe, trug Andersons Übersetzung des Stückes A Raisin in the Sun maßgeblich bei.

J IMMIE D URHAMS G EDICHTE Nach ihrer intensiven Phase als Übersetzerin, widmete sich Edith Anderson Ende der 1960er Jahre stärker ihrer Arbeit als Autorin und Journalistin und nahm nur in Ausnahmefällen Übersetzungen an, darunter Willetts Ausgabe der Poems Brechts

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(1976) sowie die Übertragung und Veröffentlichung der Gedichte des CherokeeIndianers Jimmie Durham in den 1980er Jahren (vgl. Durham 1985). Auf Jimmie Durham wurde Anderson 1981 von Annette Rubinstein aufmerksam gemacht. Er war der Vertreter indigener Völker bei der UN gewesen und würde mit einer Gruppe der Freundschaftsgesellschaft (USCFGDR) Berlin besuchen. Rubinstein hatte Durham mit den Telefonnummern von verschiedenen Bekannten in der DDR ausgestattet und hoffte, dass es zu einer Begegnung zwischen ihm und Anderson kommen würde. Darüber hinaus bat sie Anderson um Rat für die Veröffentlichung von Durhams Manuskript »Columbus Day«: »He has, not at all incidentally, just completed a most remarkable 135 page book which he calls: Columbus Day – Poems, Drawings and Stories about American Indian life and death in the 1970s. […] You will, I’m sure, be very much interested to see it and if, after reading it, you feel there is any possibility of Seven Seas or some other GDR publisher bringing it out I’d be most grateful for any suggestion or help you can give him. […] Of course we’ll try for publication here but with the political situation and the ›recession‹ that’s going to be difficult.«31

Ganz ähnlich wie in den 1960er Jahren, der Hochzeit ihrer Tätigkeit als Unterstützerin linker amerikanischer Kunst und Literatur in der DDR, wurde Anderson hier um ihren Einsatz für die Veröffentlichung von Jimmie Durhams Texten in der DDR gebeten. Die Sammlung »Columbus Day«, welche schließlich doch 1983 unter diesem Titel in den USA erschien (Durham 1983a), war die erste Veröffentlichung des 1940 in Arkansas geborenen Künstlers. Bereits als junger Mann hatte sich Durham aktiv für die Belange der Indianer/-innen in den USA eingesetzt, bis er Ende der 1960er Jahre zu dem Schluss kam, dass ihre Lage hoffnungslos war. Über diese Krise schrieb er in Columbus Day: »It is embarrassing to report that I told people then that our best plan would be to shoot as many white people as we could as we went down in dignity, rather than fade away in disease.« (Ebd.: 5) Aufgrund seiner Frustration zog Durham nach Europa, um sich dort als Künstler zu verwirklichen. Die Begegnungen mit anderen Exilindianer/-innen aus Mittel- und Südamerika und die sie einende Erfahrung von Diskriminierung und Unterdrückung führte zur Gründung des International Indian Treaty Council, einer von den Vereinten Nationen anerkannten Nicht-Regierungsorganisation von Ureinwohnern. Im Jahr 1977 organisierte Durham die erste Delegation von Repräsentant/-innen der Indianerstämme mit dem Ergebnis, dass die UN eine Arbeitsgruppe zur Situation indigener Völker formierte. Diese Gruppe erarbeitete eine erste Fassung der Universal Declaration of the Rights of Indigenous Peoples, die schließlich 2007 in modifizierter Form von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Ab Mitte der 1980er Jahre wandte sich Durham wieder verstärkt seiner Kunst zu, die neben Zeichnungen und Plastiken Installationen unter Benutzung verschie-

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dener Medien umfasst. Ward Churchill, Ethnologe und politischer Aktivist für die Rechte der indianischen Bevölkerung, betont in seinen Ausführungen zu Jimmie Durham, dass es sich bei dessen Kunst eben nicht um pastellfarbenen Indianerkitsch handle, sondern um das Aufbrechen der gewohnten Sichtweisen und Annahmen mittels der Gegenüberstellung von dissonanten Elementen: »Clearly, it is impossible to project the American Indian Movement as Bambi, to elaborate the essence of Wounded Knee, 1973, or the 1975 Oglala Firefight, in gentle contours or soft pastels.« (Churchill 1996: 491) Eben diese Haltung spiegelt Durhams Columbus Day wieder. In Essays und Gedichten erinnert Durham an die Aktivitäten des American Indian Movement, das sich in den 1970er Jahren radikalisierte und dessen Kampf in der Besetzung von Wounded Knee in South Dakota gipfelte: »A few hundred Indians there, led by the American Indian Movement and armed with hunting rifles and shotguns (and one Czech army rifle which was a souvenir from Viet Nam, and which didn’t have any ammunition) confronted and held at bay the U.S. Army of President Nixon, along with State troopers, The Bureau of Indian Affairs Police and the local sheriff. The U.S. Army had tanks, helicopters, flame-throwers, and deadly chemicals there.« (Durham 1983a: 4)

Neben der Thematik des Widerstandes enthält Durhams Buch viele Texte, die die Dominanz der Angloamerikaner sowie die allmähliche Auslöschung der Indianerkulturen reflektieren. Als Antwort auf diese Prozesse propagiert Durham eine Besinnung auf die traditionellen Kulturen und deren Werte. In mehreren Gedichten setzt Durham etwa den verlorenen Indianersprachen ein Denkmal und verweist auf deren Exaktheit. Ähnlich einfach und präzise wie die Sprache seiner Gedichte sind Durhams Zeichnungen und Drucke, die meist einen engen Bezug zur Natur und den Tieren im Kontrast zur Zivilisation der Weißen aufweisen. Diese teilweise sehr humorvollen Arbeiten entsprechen keinesfalls gängigen Indianerklischees. In seiner Einleitung zu Columbus Day kritisiert Durham die Art der Darstellung der Indianer ausdrücklich: »In the United States we are shown and visible, but not as our selves in our real situations. In fact, we are romanticized almost to death. I believe that every U.S. President so far has been presented with a plains [sic] Indian headdress as part of his campaign strategy; not to win Indian friends, but to prove to the public that he is a straight-shooting frontiersman. […] Every year we lose more and more land. Every year we get poorer and more desperate. Every year more Indian young people commit suicide or are committed to prisons. Yet we are exploited by every ›movement‹ and cause, from the political parties to the hippies to the ecologists, and this has always been true. In our confusion, many Indians are willing participants in that exploitation.« (Ebd.)

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Das problematische Verhältnis mit Bündnispartnern, von dem Durham hier spricht, bezieht sich auch auf die CPUSA, die sich den Problemen der indianischen Bevölkerung zuwandte. Die CPUSA betrachtete die Indianergruppen als Verbündete im Kampf gegen den Kapitalismus und übersah dabei die eigentlichen Ziele der indigenen Bevölkerung, nämlich den Kampf gegen die fortschreitende Industrialisierung und Ausplünderung der Erde, wie es Russell Means 1980 ausdrückte.32 Ebenso wie die CPUSA verstanden auch andere kommunistische Parteien in den 1970er Jahren den Widerstand der Indianer als revolutionären Kampf gegen das System und zeigten sich solidarisch. So wurden etwa Russell Means (vgl. Grossman 2003: 196) und 1983 Archie Fire Lame Deer (vgl. Conrad 1987: 455) in der DDR als Staatsgäste empfangen. Die positive Einstellung der Regierung zur indigenen Bevölkerung der USA teilten viele Menschen in der DDR – aus verschiedenen Gründen, die Ulrich van der Heyden erklärt: »Sie reichen von der nostalgischen Verklärung der Indianer, die in Deutschland eine lange Tradition hat, über die Faszination breiter Bevölkerungskreise für solche Schriftsteller wie Karl May oder James Cooper bis hin zur Einbindung der Problematik in die staatlich geförderte oder zumindest nicht ungern gesehene antiimperialistische Solidarität.« (van der Heyden 1999: 125)

Die Beschäftigung und Identifikation mit dem Kampf der indianischen Bevölkerung bot ebenso die Möglichkeit, sich bewusst oder unbewusst von der eigenen deutschen Geschichte des Völkermordes zu entfernen bzw., wie Andrei S. Markovits erläutert, die leidvolle Situation der Indianer im Sinne des Antiamerikanismus zu instrumentalisieren (vgl. Markovits 2004: 81). Einen Einblick in die zahlreichen DDR-Veröffentlichungen von Schriften über die Indianer aber auch von indigenen Autor/-innen wie Louise Erdrich oder James Welch sowie die zahlreichen Kinderbücher vermittelt Ulrich van der Heyden in seinem Aufsatz »Die Native American Studies und ihre Rezeption in der DDR« (van der Heyden 1999). Als weiteren Kommunikator bei der Vermittlung eines Bildes der nordamerikanischen Indianer nennt van der Heyden die Indianistik-Gruppen, in denen sich Laien mit autodidaktisch erarbeiteten Kenntnissen über die Kultur, Geschichte und auch die aktuelle Situation der Indianer zusammenschlossen und in Veranstaltungen und Veröffentlichungen wie etwa den Monatsblättern der einzelnen Gruppen für die Vermittlung dieses Wissens sorgten. Das war der Kontext, in dem sich Edith Anderson bewegte, als sie einen DDRVerlag für die Veröffentlichung von Jimmie Durhams Columbus Day Anfang der 1980er Jahre suchte. Einerseits bestand in der DDR aus vielerlei Gründen großes Interesse an der indigenen Bevölkerung, anderseits hatten sich gerade Anfang der 1980er Jahre bekannte Indianer wie Russell Means vom Marxismus distanziert und Jimmie Durhams Bemerkungen zur Vereinnahmung der Indianer durch verschiedene Parteien und Bewegungen wies in eine ähnliche Richtung. So mag es nicht ver-

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wundern, dass Anderson, obwohl sie den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke in ihre Bemühungen einbezog, keinen Verlag fand, der bereit war, Columbus Day zu veröffentlichen. Lediglich die Literaturzeitschrift Sinn und Form, mit deren Mitarbeiterin Heide Lipecky Anderson ein gutes Verhältnis pflegte, druckte im Herbst 1982 elf Gedichte Durhams (Durham 1982). Reclam begründete seine Absage mit der Einteilung seines Verlagsprogrammes in bestimmte Reihen, Belletristik, Literaturgeschichte usw., und da sei ein so heterogenes Buch wie Columbus Day nicht einzuordnen.33 Der Dietz Verlag zog sich zurück, weil er ausschließlich gesellschaftswissenschaftliche Literatur verlege und es sich hier um ein belletristisches Werk handle.34 Hans Petersen von Volk und Welt begründete seine Absage mit inhaltlichen Bedenken: »Wir sind der Auffassung, dass ideologischer und künstlerischer Anspruch eines Buches weitgehend übereinstimmen sollten, was auf die in diesem Band zusammengefügten Materialen unterschiedlicher Genres nach unserer Meinung nicht zutrifft. Es dürfte sich in dieser Form letztlich auch im Buchhandel nicht leicht absetzen lassen. Außerdem sind wir, wie Sie wissen, angehalten, die uns zur Verfügung stehenden kleinen Papiermengen sehr bewusst einzusetzen.«35

Petersens scharfe Reaktion mag noch von den Querelen geprägt gewesen sein, die Anderson und der Verlag in den 1970er Jahren um Andersons Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts ausgetragen hatten. Nach einer weiteren Absage des Aufbau-Verlages willigte Anderson im August 1983 in den Vorschlag des Berliner Verlages Neues Leben ein, eine Auswahl von Durhams Gedichten in der populären Reihe Poesiealbum herauszubringen. Ihre Bereitschaft, nach einer langen Pause des Übersetzens nun doch diese Gedichte ins Deutsche zu übertragen, begründet Anderson in einem Brief an Jimmie Durham: »The only explanation I can find for this sudden ability is that your words, your feelings carry me along. I guess the main reason is that you are writing about real trouble. No abstractions can creep in, no intellectualizations which foul up translations so often.«36 Ein leicht verklärter Blick auf die Indianer und die Qualität der Gedichte reizten Anderson, sich diesem Projekt zu widmen. Durhams Wortwahl wie auch die Struktur und Kürze seiner Gedichte boten eine fast wörtliche Übersetzung an, die Anderson etwa für folgende Zeilen praktizierte: »The man who loves blue flowers Walks Over the land that holds us.

»Der Mann, der blaue Blumen liebt Geht Über das Land, das uns hält.

He is crying He is crying

Er weint Er weint

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The man who loves red flowers Walks Over the land that holds us.

Der Mann, der rote Blumen liebt Geht Über das Land, das uns hält.

He is calling He is calling« (Durham 1983a: 15)

Er ruft Er ruft« (Durham 1985: 3)

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Natürlich wären bei diesem zunächst sehr einfach erscheinenden Gedicht alternative Übersetzungen möglich, etwa: ›Der Mensch, der blaue Blumen liebt/ Läuft/ Über die Erde, die uns trägt// Weinend/ Weinend‹. Anderson entschied sich für die Beibehaltung des Wortes »Land«, welches einerseits auf den Boden und andererseits auf einen Staat verweist. Der Kontext ›über das Land gehen‹ reduziert jedoch die Möglichkeit der zweiten Bedeutung des Wortes. Beide Protagonisten des Gedichtes sind in großer Sorge, wenngleich sie unterschiedlich darauf reagieren. Diese Sorge scheint dem Land zu gelten, über welches sie gehen, und ihre enge Beziehung zur Natur wird durch die Liebe zu den Blumen bestätigt. Mit anderen Worten: Menschen, die die Natur lieben, sind in tiefer Sorge. Eine etwas freiere Übersetzung von »land« mit ›Erde‹ wäre dieser Interpretation gerechter geworden, da ›Erde‹ sowohl als Boden materiell wie auch metaphorisch als das uns tragende ökologische System und darüber hinaus als Universum verstanden werden kann. Dies mag jedoch eine europäische Lesart des Gedichtes sein; Anderson hat sich an Durhams Worte gehalten, möglicherweise, um die Assoziation mit ›Indianerland‹ zu bewahren. Bei anderen Gedichten gestattete sich Andersons mehr Freiheiten bezüglich Wortwahl und Satzstruktur und dadurch gelang es ihr, den teilweise recht umgangssprachlichen Ton der Gedichte wiederzugeben. »Looking at old photographs of Geronimo I always get the feeling that he is going to shoot The photographer. Hey Desert Hawk. Son of a stone and cactus. Coyote’s brother Tecolote’s teacher. Hey you old geezer stop faking like a jackrabbit – We know you’re not dead.« (Durham 1983a: 18)

»Alte Fotos von Geronimo betrachtend, Hab ich immer das Gefühl, gleich Schießt er auf den Fotografen. He! Wüstenhabicht. Sohn eines Steins, Kaktussohn. Bruder des Kojoten. Lehrer des Tecolote.

140 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON He! Du alter Knacker, hör auf, wie ein Kaninchen zu bluffen – Wir wissen, daß du nicht tot bist.« (Durham 1985: 3)

Insgesamt vermittelt die von Anderson getroffene Auswahl von Durhams Gedichten einen vielseitigen Einblick in die Erfahrungen und Perspektiven eines Indianers, seine Verbundenheit zu den Traditionen der Cherokee-Kultur und anderen Stämmen. Die Texte thematisieren die vielfachen Opfer und die Unterdrückung, aber auch einen Ruf nach Widerstand und eine leise Zuversicht. Nicht selten gelingt dieses Erheben aus der Opferposition mittels der Ironisierung des Verhaltens und Denkens der Weißen: »Lehren meiner Großmutter In einer Zeitschrift, die man sich nicht leisten kann, las ich, US-Wissenschaftler haben durch hochkomplizierte Apparate Festgestellt, daß eine Ratte Wenn man sie in einen Käfig sperrt, wo man ihr früher Elektroschocks versetzte, weint. Das erzählte ich meiner Großmutter und sie sagte: ›Das hätten wir womöglich auch gewusst.‹ […]« (Ebd.: 25)

Durham hatte durchaus Humor und es ist erstaunlich, dass Anderson, die ja eine Meisterin im Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen war und gerade humorvolle Menschen sehr schätzte, keinen richtigen Zugang zu Durham fand. So notierte sie in ihrem Tagebuch nach einem Besuch bei Jimmie Durham und seiner Freundin in New York 1983: »We were not really at ease with each other, which is no wonder.«37 Die Gründe ihres Unbehagens analysierte Anderson in ihrem Reisetagebuch nicht, aber aus der Korrespondenz mit Durham und Dritten lässt sich eine extreme Hochachtung und Höflichkeit gegenüber dem Cherokee-Indianer ablesen, die eine entspannte Beziehung wohl eher verhinderten: »Please tell Maria Thereza it was a great pleasure to meet her. And I will always remember that Cherokee soup with the sassafras leaves and that corn bread you made, Jimmie.«38 Ihr Urteil über seine Texte erinnert an die Charakteristik des edlen Wilden: »Mir gefällt an seinem Dichten eine Ursprünglichkeit und Grundehrlichkeit, die der Tradition der Indianer-Gesänge verpflichtet sind, ohne aber naiv zu sein; gleichzeitig ist alles, was er schreibt, kämpferisch ohne Holzhammer, kämpferisch aus Schmerz und Verstand, und voll psychologischer Einsicht.«39

Anderson identifizierte Durham wohl in erster Linie als Indianer und weniger als Mensch, und die historische Last der Diskriminierung und des Völkermordes mag bei ihr eine ähnliche Befangenheit ausgelöst haben, wie sie Deutsche gelegentlich in der Begegnung mit Juden spüren. Natürlich ist ein Bewusstsein für die Vergan-

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genheit auf der Seite der Nachkommen der Täter durchaus angebracht. Allerdings führte Andersons obsessives Interesse an der ›authentischen‹ Darstellung der Indianerkulturen zu deren Romantisierung. Dies lässt sich ganz gut mit den zwei Projekten belegen, die zu Durhams Texten entstanden. Zum einen handelt es sich um das von Perry Friedman produzierte Radio-Feature Ich bin ein Cherokese (1988)40 und zum anderen um die Theateraufführung Regenkrähenlieder (vgl. Durham 1983b) der Schauspielerin Walfriede Schmitt und des Jazzmusikers Ernst-Ludwig Petrowsky an der Berliner Volksbühne. Bereits im Frühjahr 1982 bat Anderson Durham um die Zustimmung zu der Radiosendung, die dann erst Jahre später ausgestrahlt wurde. Für diese Sendung hatte Anderson nicht nur Gedichte, sondern auch Teile von Durhams Prosa übersetzt und selbstverständlich beriet sie ihren Freund, den Kanadier Perry Friedman, bei der Umsetzung der Texte. Um einen hohen Authentizitätsgrad zu vermitteln, bat sie Durham um detaillierte Informationen zur Aussprache der Cherokee-Wörter, das Aufsprechen von zwei Gedichten auf Band sowie Aufnahmen indianischer Musik. Nachdem ein Tonband abhandenkam, nahm Durham die Gedichte schließlich während Andersons Besuch in New York 1983 auf. Da Durham keine indianische Musik lieferte, besorgte sich Anderson in London solche Aufnahmen. Anderson schrieb Durham über die Inszenierung: »The theme of the program is resistance. And by the use of sound effects – sounds of nature and music – Indian music – singing and drums etc. – the whole sense of wild, free Indian lands is conjured up.«41 Bei dieser Produktion, Ich bin ein Cherokese, wirkt der Sound eher illustrativ denn als Kontrast. Unter Bezug auf das Gedicht »Regenkrähenlieder« beginnt die 30-minütige Sendung mit Krähenrufen und Regengeräuschen, die in den Klang von Trommeln übergehen und in den Hintergrund treten, wenn Jimmie Durham »A Cherokee Language Lesson« vorträgt. Die restlichen Texte werden größtenteils von dem Schauspieler Kurt Böwe gesprochen, dessen ruhige Erzählstimme mit den zwischendurch eingespielten Trommeln oder indianischen Gesängen bzw. der Panflötenmusik (vermutlich von Londoner Anden-Indianern) zumindest klanglich ein harmonisches Ganzes bildet. Diese Geschlossenheit verstärkt den Eindruck, dass die Sendung einen Einblick in eine fremde, auch exotisch anmutende Kultur vermittelt. Anderson war mit dieser Umsetzung von Durhams Texten äußerst zufrieden, wie aus ihrem Brief an Perry Friedman hervorgeht: »Your Jimmie Durham program last night was even more spell-binding than the first time when you played me the completed tape. It’s the most perfect beautiful thing you have done so far, a proof of mastery.«42 Weitaus weniger zufrieden war Anderson hingegen mit der Produktion der Volksbühne, die am 10. September 1983 Premiere hatte. Anderson kannte die Schauspielerin Walfriede Schmitt schon lange und als diese sie um weitere Übersetzungen von Texten Durhams bat, war Anderson zunächst sehr erfreut. Am liebs-

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ten hätte sie Jimmie Durham als Berater für die Theaterproduktion in die DDR geholt, damit diese so ›rein‹ wie möglich, die Kultur der Indianer repräsentiere: »It would be so important to have your advice at the theater. We are all so ignorant about Indian matters. You have shown us just how ignorant we are, and we wouldn’t like to put something together that wasn’t worthy of you or the cause.«43 Anders als Perry Friedman in seiner Radioproduktion, entschied sich Walfriede Schmitt gegen eine rein mimetische Darstellung indianischer Kultur. Durch die Darbietung der Texte von ihr als Frau sowie deren Einbettung in Petrowskys Improvisationen mit verschiedenen Blasinstrumenten wurde Durhams Werk in zweifacher Weise interpretiert. Diese Brüche gestatteten gleichzeitig einen Brückenschlag von der fremden Kultur der Indianer und ihrem Kampf zu universellen Fragen und damit auch der Lebenswirklichkeit des DDR-Publikums. Anderson fürchtete, dass mit dieser Wirkungsweise das »authentisch Indianische«44 zugunsten allgemeinmenschlicher Probleme geopfert würde. An Walfriede Schmitt schrieb sie: »Wenn auch diese Gedichte nicht nur für die heutigen Indianer gelten, sondern allgemeinmenschliche Probleme beleuchten, so ist das das große Verdienst von Jimmie Durhams Dichtung und gibt uns keinen Freibrief, über das Indianische in allgemeinmenschliche Gebiete zu springen und die Indianerwürde, die er anstrebt und, weiß Gott, hat, durch eine allzufreie [sic] Improvisation in die gefährliche Nähe einer Spielerei herunterzuziehen. Ich glaube zu ahnen, was du heraufbeschwören willst. Aber das Authentische darf nicht geopfert werden.«45

Anderson ahnte die Bedeutung, die Durhams Gedichte des Widerstandes 1983 bei einem DDR-Publikum auslösen könnte, das darin trainiert war, Lebenswirklichkeit viel eher im Theater und der Literatur als in den Massenmedien abgebildet zu finden. Zeilen wie »Ich glaube, wir müssen ausbrechen« (Durham 1985: 12) oder »Tanzen wir den Tanz des Wirbelwindes./ Nehmen wir unsere Knüppel und Knochen und Eisen./ Es ist an der Zeit, die Erde zu drehen« (Durham 1983b, o.S.) trafen den Nerv von all denen, die sich in der DDR ebenfalls gegängelt und eingesperrt fühlten. Anderson sah voraus, dass in solchen Momenten nicht mehr die Situation der Indianer, sondern die der Rezipient/-innen im Vordergrund stand und dass diese Wirkung von der Art des Vortrages und dem Einsatz des Saxophons verstärkt wurde. Andersons Engagement zeigt den schmalen Grat zwischen Vereinnahmung und Identifikation. Die Auseinandersetzungen um die beiden Produktionen im Radio und Theater illustrieren die Komplexität der Thematik, die aufgrund der Geschichte des Völkermordes an den Indianern keinen bedenkenlosen Umgang zulässt. Aber dass es überhaupt einen solchen Umgang gab und diese verschiedenen Interpretationen entwickelt werden konnten, ist eben Edith Anderson zu verdanken, die Jimmie Durham eine deutsche Stimme gab. Darüber hinaus zeigt diese Episode, welche

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Verantwortung Anderson für die von ihr übertragenen Texte und Autor/-innen entwickelte und hier schließt sich der Kreis zu ihrer eingangs erwähnten Weigerung, die amerikanische Kultur als Unkultur zu bezeichnen.

Die Journalistin

Schockiert vom Rücktritt des Herausgebers des New York National Guardian James Aronson, beschrieb Anderson die Bedeutung ihrer Tätigkeit als Korrespondentin für diese linke Wochenzeitung im Frühjahr 1967 in einem Brief an Aronson: »I can imagine what this has done to you when I think how I am affected – a very minor matter – after 7 years of association with the Guardian. It has been my bridge to home, it has been the chief content of my existence here, it has been an inestimable education and discipline.«1

Obwohl Anderson hier in erster Linie die Auswirkungen ihrer Arbeit auf ihr persönliches Leben erklärte, war diese »bridge to home« keinesfalls allein von privater Bedeutung, denn ihre Beiträge schlugen eine Brücke im transatlantischen Verhältnis zwischen Ostberlin und den USA. Daher darf eine Darstellung von Andersons journalistischen Texten in dieser Arbeit, die sich ihrer Rolle als Ost-West-Vermittlerin während des Kalten Krieges widmet, nicht fehlen. Begonnen hat Anderson ihre Laufbahn als Journalistin 1942 bei der kommunistischen Tageszeitung Daily Worker. In ihren Memoiren Love in Exile beschreibt sie, wie sie zu dem Job kam: »Hastening down Broadway to my Marxist analyst who charged only $5 a session because I was unemployed (he too was still young) I bumped into a former college crony named Milton. He hailed me joyously. ›You are the person I need!‹ He told me he was cultural editor of the The Daily Worker but had just been drafted into the Army and must find replacement by the weekend.« (LIEe: 8; LIE: 14)

Die sechsundzwanzig Jahre alte Anderson, die bis dahin keinerlei journalistische Erfahrungen hatte, war überwältigt vom Angebot des Kulturredakteurs. Später sollte sie lernen, dass gerade die Kulturseite wenig Prestige in der Redaktion des Daily Worker genoss. Zu ihrer Unterstützung heuerte Anderson ihre ehemalige Schulkameradin Helen Yglesias an, die sich sechzig Jahre später in einem Interview an diese Zeit erinnerte:

146 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »By that time Edith and I were very close friends because we would go downtown together every day by the subway, screaming at each other over the noise, talking many miles a minute and we went to meetings together. In fact, I used that in the book I wrote [Family Feeling (1976)] because she was very funny; she had a wonderful sense of humor. Edith would draw stick figures of the political leaders, make fun of them […]. Now, neither Edith nor I were staunch communists, we were staunch but we differed. We had our differences, we spoke about it.«2

Offenbar verfügte Anderson schon als junger Mensch über eine gewisse Distanz, die einen ironischen und eben auch kritischen Blick ermöglichte. Dies bedeutete aber nicht, dass sich Anderson weniger mit den Idealen ihrer Partei identifizierte; sie war trotz der ihr bewussten Mängel und Schwächen der Partei eine überzeugte Kommunistin. Als Redakteurin war Anderson vor allem mit der Organisation der Kulturseite beschäftigt und verfasste selber kaum Beiträge. Helen Yglesias, damals Helen Cole, schrieb viel und war für die Ankündigungen von Veranstaltungen zuständig. Ein Veranstaltungshinweis aus dem Daily Worker vom 8. Mai 1942 sei hier erwähnt, der in Bezug zu Andersons weiterem Leben stand. »German Exile Reads Work in Progress […] On Friday, May 8, Ruth Domino Jerusalem, young German exiled writer, reads a short story dealing with the migrations of anti-fascists from Belgium to the south of France: with Maxim Lieber, literary agent and short story anthologist and Max Schroeder, prominent anti-fascist continental writer, appearing as commentators.« (Anon. 1942: 7)3

Außer diesem Hinweis auf Max Schroeder ergab meine Recherche der Kulturseite des Daily Worker lediglich, dass die wenigsten Beiträge eine Signatur trugen und somit kein Artikel eindeutig Edith Anderson zugeordnet werden kann. Andersons Tätigkeit für den Daily Worker dauerte nicht lange, kaum ein Jahr. Als sie nach einer längeren Krankheit ihren Arbeitsplatz wieder einnehmen wollte, erfuhr sie von ihrer Entlassung, da eine Kollegin aus dem Mutterschutz zurückgekehrt war und beschäftigt werden musste. Damit endete zunächst einmal Andersons Karriere im Journalismus. Wenn diese Zeit auch kurz war so dürfen vor allem die Kontakte nicht unterschätzt werden, die sie während ihrer Tätigkeit als Kulturredakteurin zu verschiedenen linken Intellektuellen, Journalist/-innen und Künstler/innen knüpfte. Dazu gehörten Mike Gold, Victor Jeremy Jerome, die Journalistin und Autorin Janet Stevenson, die später die sozialistische Zeitung In These Times herausgab, und Simon Gerson, der damals als Vertreter der CPUSA im New Yorker Stadtrat saß, in den 1950er Jahren leitender Herausgeber des Daily Worker war und 1968 maßgeblich zur Gründung der neuen kommunistischen Tageszeitung Daily World beitrug. Im Laufe ihres Lebens griff Anderson immer wieder auf diese Kon-

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takte zurück und sie bildeten den Grundstock für die transatlantischen Netzwerke, die sie später pflegte.

K ORRESPONDENTIN FÜR M AINSTREAM T HE N EW Y ORK N ATIONAL G UARDIAN

UND

Es dauerte mehr als zehn Jahre bis Anderson wieder journalistisch tätig wurde. Wie im Kapitel zu ihren Leistungen als Übersetzerin bereits näher ausgeführt, bat sie der Herausgeber des kommunistischen Kultur- und Literaturmagazins Mainstream, Charles Humboldt, um Beiträge über linke deutsche Autoren bzw. um einen »Letter from Berlin«, der kulturelle und politische Entwicklungen thematisierte. Humboldt war diese Idee aufgrund Andersons persönlichem Bericht über Brechts Tod im August 1956 gekommen. In redigierter Form erschien dieser Brief dann in der Septemberausgabe von Mainstream als »Brecht’s Death: A Letter from Berlin« (Anderson 1956c: 17). Humboldt hatte die persönliche Note des Schreibens bewahrt, um den Leser/-innen ein eindrückliches Bild von der Atmosphäre in Berlin zu vermitteln: »I asked what was the matter with Brecht last week and I was told ›He’s just terribly tired – tired from a lifetime of intensive work.‹ […] But nobody thought of death. That Brecht could die was unthinkable, it’s unthinkable now; the blow to the German theater, German letters, to German unity, to the whole cause of peace and socialism, is shattering. I dare not to telephone the Berliner Ensemble today to ask any questions, I can too well imagine in what a state of complete prostration they all are – actors, directors, writers, stagehands, publicity agents, secretaries, cleaning women: Brecht was adored.« (Ebd.)

Auf Anregung Humboldts schrieb Anderson bis 1959 drei lange Beiträge für Mainstream (vgl. Anderson 1957, 1959a, 1959b), die sich in erster Linie mit politischen Entwicklungen in Deutschland befassten. Den Tenor dieser Veröffentlichungen gibt ein Zitat aus dem ersten dieser Beiträge, »Chain Reaction in Germany«, wohl am besten wieder: »I do not know what your papers are telling you; but Americans should know […].« (Anderson 1957: 1) In diesem Artikel berichtete Anderson über die Reaktionen auf die Erklärung von achtzehn westdeutschen Atomwissenschaftlern, die die Entwicklung und Herstellung deutscher Atomwaffen ablehnten. Während Konrad Adenauer (CDU) darauf bestand, dass die Atomwaffenfrage eine politische sei, die die Regierung allein zu entscheiden hätte, schlossen sich viele andere Parteien, Zeitungen, Kirchenvertreter und prominente Künstler den Wissenschaftlern an. Ebenso formulierten Forscher, Schriftsteller und Kirchenvertreter aus der DDR ihre Unterstützung und Anderson schlussfolgerte: »It is my impression that the anti-atomic public chain reaction has just started. It is the most hopeful thing, the most unifying thing that hap-

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pened in a Germany split more dangerously than the atom in the ten years I have been living here.« (Ebd.: 9) Vergleicht man Andersons Mainstream-Beiträge, so ergeben sich eine Reihe von Themenstellungen – etwa die mangelnde Entnazifizierung der westdeutschen Gesellschaft oder die Atomwaffenbestrebungen der BRD-Regierung –, die Anderson immer wieder aufgriff und mit denen sie das Bild hinterfragte, welches amerikanische Medien vom Bündnispartner BRD zeichneten. So schilderte Andersons Beitrag 1957 zwar die Anfänge einer gesamtdeutschen Friedensbewegung, aber es fanden sich auch hier genügend Hinweise auf die Gefahren, die von Westdeutschland ausgingen. In einem Nebensatz erwähnte Anderson etwa die Nazi-Vergangenheit von NATO-Generälen: »Present also to lend their authority were Generals Heusinger and Speidel who served under Hitler and are now high muchamucks in NATO.« (Ebd.) Solche Verweise spielten in allen Beiträgen Andersons eine Rolle, so auch in ihrem »Battle Report from Berlin« (1959a). Anlass für ihren BerlinBericht bildete ein Informationsheft des State Departments, welches – laut Anderson – die ohnehin für Außenseiter fast undurchschaubare Entwicklung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg falsch darstellte. Um ihre Glaubhaftigkeit zu erhöhen, berief sich Anderson auf ihre eigenen Erfahrungen im Berlin der Nachkriegszeit: »I did not merely see, as a reporter sees, the ominous breakdown of the city’s unity. I lived it, both in the western and eastern sectors of town. I know that the laboriously dignified State Department booklet on Berlin published in January, 1959, is a falsification of the facts, because I experienced the facts.« (Ebd.: 22)

Während in der Broschüre behauptet wurde, dass die Sowjets grundlos aus dem Vier-Mächte-Vertrag ausgetreten seien und die Berliner Blockade begonnen hätten, erklärte Anderson, dass erst die Einführung der Westmark in den Sektoren der Westmächte die politische Teilung Berlins nach sich zog. Ohne es direkt zu formulieren, zeigte Anderson, wie Westberlin in der Auseinandersetzung zwischen den zwei Systemen instrumentalisiert wurde und welche schädlichen Folgen das für die deutsche, aber auch für die amerikanische Bevölkerung hatte. Mit der Westmark kamen Produkte in die Westberliner Schaufenster, die für Menschen, die über Jahre diese Dinge entbehrt hatten, äußerst attraktiv waren. Die Waren kamen aus Westdeutschland bzw. von den Westmächten und Anderson zitiert zu diesem Sachverhalt eine Passage aus der Broschüre des State Departments, die sie besonders aufbrachte: »›[…] Western powers were forced to maintain a minimum economic level by financing imports to Germany.‹ I saw with my own eyes the ›minimum economic level‹ that the Western powers were ›forced to maintain‹. West Berlin’s shop windows filled up with hothouse fruits, slick hardware, gorgeous woolen textiles and nylon underthings, while eastern government officials grimly looked the other way and tightened their belts.« (Ebd.: 25)

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Die Westmark und die damit einhergehenden Luxusartikel waren nicht nur für die Moral der Menschen gefährlich – »in a country which, after twelve years of enthusiastically supporting Hitler, was none too firm morally« –, sondern machten Westberlin zum »virus in the body of socialism.« (Ebd.) Die Industrie in den Westsektoren der Stadt hätte niemals allein dieses »disgusting bath in luxury, which the State department calls a minimum economic level« (ebd.) leisten können. Vielmehr mussten die amerikanischen Steuerzahler die riesigen Kosten dafür tragen. Andersons mehrfache Hinweise, dass der Osten sich größtenteils aus eigener Kraft entwickeln musste und dabei zahlreichen von Westberlin ausgehenden Sabotageakten ausgesetzt war, gaben weiteren Anlass, die Rechtmäßigkeit der intensiven Unterstützung Westberlins zu hinterfragen. Die möglichen Zweifel daran bestärkte Anderson, indem sie auf die fehlende Entnazifizierung in Westdeutschland und Westberlin aufmerksam machte: »West Germany has revived its war industry on a tremendous scale, remilitarized and renazified. It has become scandalously wealthy, it is a heavy creditor of Great Britain, it is shouldering its way into the North African colonial game, and it has its old Nazi generals placed in influential NATO positions. […] The Nazi-riddled government of west Germany may find itself suddenly abandoned by an increasingly realistic United States. For there is not a shadow of a doubt that the German fascists are using the United States for their own purposes just as the United States is using west Germany.« (Ebd.: 32)

Die Darstellung der Entwicklung Berlins lief darauf hinaus, das Verhältnis der USA zu ihrem Bündnispartner BRD zu hinterfragen und war nicht frei von starken Pauschalisierungen und der Rhetorik des Kalten Krieges. Doch der Kontext der Veröffentlichung darf nicht unterschätzt werden, denn die Informationen, die Anderson in ihrem Texten vermittelte, waren in anderen amerikanischen Medien gar nicht bzw. antikommunistisch interpretiert zu finden. So schrieb der Herausgeber von Mainstream, Charles Humboldt, an Edith Anderson: »It’s true you don’t have to convince us; but you do have to give us the facts and the sense of the realities with which we can convince others. The fact is that not one of us here knew just what had gone on about the west mark; and your vivid description will enable us and other readers to speak to people outside with some authority for the first time. This is one of the best things we’ve had, and thousand thanks for it.«4

Wie Humboldt betonte, wurden Andersons Informationen von den Leser/-innen weitergetragen und hatten so einen weit größeren Wirkungsradius. Humboldts Beschreibung der Leserreaktionen unterstreicht die Bedeutung von Andersons Arbeit: »[…] everyone is enthusiastic about your Berlin piece; they say it taught them more than a dozen analytical articles. In fact, it’s a small sensation in Left circles. […] It’s invaluable for people to show to others who either have never understood the situation, or who

150 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON are inclined to believe that everyone is at fault. Yes, there are many of these even to the left side of the center.«5

Nachdem Anderson ihre für den amerikanischen Raum einzigartige Perspektive auf die Entwicklungen in Deutschland unter Beweis gestellt hatte, bat Humboldt sie gleich um einen weiteren Text, in dem sie ihre Anmerkungen in »A Battle Report from Berlin« zum Antisemitismus in Westberlin und Westdeutschland detaillierter ausführen konnte. »Your remarks about the rise of anti-Semitism in West Germany are a matter of greatest concern. Curiously, just the other day I caught a news item in the Times about a ›Communist‹ having been arrested in West Germany for putting up anti-Semitic posters! So they are even sending the stories over here for release. As a matter of fact, a piece on this subject, slightly shorter than your latest Berlin Report might be of the greatest interest – and usefulness – to us. […] I imagine you’ll want to make some comparisons with the GDR. Fine.«6

In ihrem Aufsatz »They are beating Jews again« (1959b) erläuterte Anderson, wie in Westdeutschland im privaten, aber eben vor allem auch im öffentlichen Bereich der Antisemitismus gedieh. Dazu gehörten die Zerstörung jüdischer Friedhöfe, die Gleichgültigkeit gegenüber antisemitischen Verlautbarungen von Parlamentariern, die milden Strafen, wenn es tatsächlich zu Verurteilungen kam, oder die Verstrickungen ehemaliger Nazis in die Politik und das Rechts- und Bildungssystem. Anderson ging auf den in der New York Times dargestellten Fall des Düsseldorfer Linken ein, der angeblich Hakenkreuze geschmiert hatte. Sie erklärte, dass die westdeutsche Polizei angewiesen worden war, bei antisemitischen Handlungen die Täter unter den Linken zu suchen. In diesem Zusammenhang erinnerte Anderson an die politische Justiz des Reichstagsbrandes von 1933, wo ebenfalls ein unschuldiger Linker festgenommen wurde, obwohl es – ähnlich wie in diesem Düsseldorfer Fall – Hinweise gab, dass ein anderer die Tat begangen hatte. Ihre Behauptung, dass die Nazis im bundesdeutschen System Machtpositionen besaßen, belegte Anderson mit vielen konkreten Beispielen. So schrieb sie etwa: »After all, the Reichstag fire trial is still very much alive in the West German government. Dr. Braschwitz, assistant head of the criminal police in Dortmund, had been assigned by Goering in 1933 to ›investigate‹ the Reichstag fire. Dr. Zirpins, head of the federal Criminal Office in Hanover, held the hearing for van der Lubbe.« (Ebd.: 9)

Ähnlich wie mit Rudolf Braschwitz und Walter Zirpins verhielt es sich mit Otto Bräutigam, der bis 1956 die Ostabteilung des westdeutschen Außenministeriums leitete. Erst die Veröffentlichung seiner Kriegstagebücher in der DDR, in denen er die Pläne zur Deportationen und Ermordung aller europäischen Jüdinnen und Juden und seine eigenen Liquidationsvorschläge festhielt, zwang ihn, von seinem Amt zurückzutreten. Dennoch wurde er im diplomatischen Dienst als Konsul der Bundes-

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republik Deutschland in Hongkong weiter beschäftigt. Auch aus dem Bildungsbereich nannte Anderson konkrete Fälle von ehemaligen Nazis, die nun als Professoren angestellt waren: »Dr. Herbert Scholl, head of the Finance School at Hersching, Ammersee, wrote a commentary in 1940, ›The De-Judaisation of German Landed Property.‹ Dr. Siegfried Ruff, Professor of Airmedicine and Physiology at Bonn University, conducted low pressure experiments on concentration camp inmates which killed 70 to 80 percent of them – mainly Jews, Poles, Germans and Soviet citizens. He told the Nuremberg Tribunal on December 9, 1946, ›Personally I do not regard such experiments as immoral, particularly in time of war.‹« (Ebd.: 13)

Am Ende ihres Beitrages verglich Anderson recht kurz, aber dafür sehr einleuchtend, die westdeutsche Situation mit der in der DDR: »Are there anti-Semites here? I wouldn’t be surprised. But they are keeping their mouths shut. There is a law in the German Democratic Republic against racist propaganda, and the sentences are unpleasantly long. […] But our illustrious protégé and NATO ally, West Germany, did not care to pass such a law.« (Ebd.)

Indem Anderson die Beziehungen zwischen den USA und der BRD unterstrich, regte sie zum Hinterfragen dieses Verhältnisses an. Gleichzeitig mahnte sie mit ihrem Beitrag die internationale Aufmerksamkeit an, die der Antisemitismus in Westdeutschland erfordere. Genau wie ihr Beitrag »Battle Report from Berlin« bot dieser Bericht über den Antisemitismus und die mangelnde Entnazifizierung in Westdeutschland eine Alternative zu den Darstellungen in den restlichen amerikanischen Medien. Durch Charles Humboldt erfuhr Anderson regelmäßig, wie Westdeutschland den Leser/innen der New York Times präsentiert wurde. So etwa: »There’ve been occasional short notes in the Times on the subject [anti-Semitism] all containing the lying allegation that the West German Jews have nothing to fear since it’s the impotent communists of that country who are responsible [for anti-Semitic actions].«7 Anderson ging in ihrem Beitrag zwar nicht konkret auf die Berichte der New York Times ein, reagierte aber indirekt darauf, als sie schrieb: »The whole world knows that Communists do not go in for anti-Semitism, that they are the ones who fight it most consistently, more than the Jews themselves.« (Anderson 1959b: 9) Wenn diese Anmerkung auch stark pauschalisierte, so lieferte Anderson in ihrem Text viele Fakten und konkrete Beispiele, die Besorgnis über den Antisemitismus in der BRD auslösen konnten und dementsprechend reagierten viele Leser/-innen des Mainstream. Eine längere Leserdiskussion hatte Andersons Kurzgeschichte »The Socks« (1958c) schon Ende 1958 ausgelöst und Humboldt schrieb im Mai 1959 ganz begeistert über die Reaktionen auf Andersons Texte:

152 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »The interesting thing is that while this story raised more howls of rage than any bit of fiction we’ve run in a long while, it also got more affirmative comments. […] I must also tell you that your second piece, to which we gave a dramatic title, is also attracting a lot of attention, and people seem to want to have your name in the pages as often as you feel like writing.«8

Wenn Anderson an dieser Stelle mit Mainstream eine Plattform für die Veröffentlichung ihrer Texte in den USA gefunden zu haben schien, so hielt diese Position nicht lange an, da Humboldt 1960 die Redaktion des Mainstream verließ und zum New York National Guardian wechselte. Doch mit den wenigen Veröffentlichungen im Mainstream hatte sich Anderson zur angesehenen Journalistin im linken Spektrum entwickelt, die über ihre persönlichen Erfahrungen hinaus vor allem politische Themen recherchieren, bearbeiten und für die amerikanische Leserschaft darstellen konnte. Mit noch größerem Engagement ging Anderson ihrer Tätigkeit als Journalistin in den 1960er Jahren nach. Bereits vor seinem Übertritt zum National Guardian hatte Humboldt Anderson im Februar 1959 vorgeschlagen, in Ermangelung eines Honorars für ihre Mainstream-Beiträge den Herausgeber des Guardian, Jim Aronson, zu fragen, ob Anderson als Berlin-Korrespondentin für diese Wochenzeitung arbeiten könne. Während ihres dreimonatigen Aufenthaltes in New York Anfang 1960 lernte Anderson Aronson persönlich kennen und es wurden weitere Absprachen für ihre zukünftige Mitarbeit beim National Guardian getroffen. The New York National Guardian galt lange als die renommierteste aller linken Nachkriegszeitungen, die unter anderem aufgrund der Professionalität ihrer Herausgeber zwanzig Jahre existierte (vgl. Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 529–532). Cedric Belfrage, James Aronson und John McManus gründeten sie 1948 als unabhängige Wochenzeitung. Wie Belfrage und Aronson in ihrem Buch Something to Guard. The Stormy Life of the National Guardian 1948–1967 (1978) berichten, entstand die Idee einer unabhängigen Zeitung aus ihren Erfahrungen als Armeeangehörige im westlichen Nachkriegsdeutschland. Beide waren dort im Pressewesen tätig und für die Entnazifizierung und Neugründung von Tageszeitungen wie etwa der Frankfurter Rundschau zuständig. Belfrage erinnert sich an die damalige Zeit: »›Do you realize that what you’re setting up here is journalism run by journalists?‹ Yes, we were simply eliminating the potbellied millionaire who, since it was ›a business like any other,‹ reduced our craft to glorified prostitution. […] But why should only German journalists get the chance to go straight? Why not an honest paper in America?« (Ebd.: 6)

»An honest paper« war für die Gründer des National Guardian eine Zeitung, die mit einem schlichten Erscheinungsbild ein großes Spektrum linker Leser/-innen ansprach, die Sensationsmache und politische Klischees vermied und sich kurz fasste. »We would encourage reader opinions, editorialize mainly by quoting authorities on issues, and be sparing with polemic but target exclusively at the enemy, the Free

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World reaction.« (Ebd.: 12) Zu den Gründungsprinzipien des National Guardian gehörte, weder Parteiorgan zu sein noch eine Gruppe aus dem linken Spektrum zu bevorzugen. »We insisted that we had no enemies on the left, however great the disagreement about certain tactics or politics.« (Ebd.: 345) Die Beiträge im Guardian wandten sich gegen den Kalten Krieg, die Kriege in Korea und Vietnam, berichteten über die Bürgerrechtsbewegung, unterstützten die Ansichten des Student Nonviolent Coordinating Commitee und später von Malcolm X und der Black Panther Party. Ein weiteres Thema war die Berichterstattung über politische Gefangene in den USA. Der Guardian verteidigte die unter dem Smith Act verurteilten Kommunisten oder die Hollywood Ten. Die Radikalität und Bedeutung des Guardian zeigt sich im Prozess gegen die Rosenbergs: »The most historic defense was of Julius and Ethel Rosenberg. At a time [1951] when the Communist Party and the Daily Worker would not cover the case, the Guardian published a William A. Reuben story that sparked what would become an international defence effort.« (Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 530) Wie die Beispiele belegen, bot der National Guardian immer wieder alternative Perspektiven und informierte über Minderheiten, die sonst in der amerikanischen Presse keine Stimme hatten oder nur verzerrt dargestellt wurden. Über die Berichterstattung aus den sozialistischen Ländern erklärte Belfrage: »Concentrating on news that was elsewhere distorted or suppressed, and interpreting it by the way it was handled, we would cover socialist countries’ actions and policies as adequately as their defensive censorship system would permit.« (Belfrage/Aronson 1978: 12) Betrachtet man das Profil des Guardian, so fällt auf, dass Andersons bisherige journalistische Arbeiten für Mainstream ausgezeichnet in dieses Konzept passten. Zwischen 1961 und 1967 schrieb Anderson fast dreißig Artikel für den National Guardian und wurde zur voll akkreditierten Berlin-Korrespondentin dieser Wochenzeitung. Ihr Name erschien im Editorial der Zeitung neben anderen Auslandskorrespondent/-innen wie Cedric Belfrage (Havanna), Anne Bauer (Paris), George Wheeler (Prag), Wilfred Graham Burchett (Moskau) oder Anna Louise Strong (Peking). Andersons Akkreditierung als Berlin-Korrespondentin für den National Guardian verlief nicht problemlos, wie aus den Unterlagen ihrer Personalakte beim Deutschen Schriftstellerverband hervorgeht. Zunächst wurde Andersons Akkreditierungsantrag von der Pressestelle des Außenministeriums mündlich abgelehnt. Über die Gründe der Ablehnung gibt eine Aktennotiz aus der Auslandsabteilung9 Aufschluss. Darin heißt es, dass der National Guardian nicht sehr einflussreich wäre und niemand für Edith Anderson bürgen wolle. Eine Akkreditierung würde bedeuten, dass sie auch an internen Sitzungen mit Journalist/-innen teilnehmen dürfe. Noch problematischer wurde die Tatsache eingeschätzt, dass Anderson aufgrund ihres Wohnsitzes in der DDR für Reisen innerhalb der DDR nicht, wie andere akkreditierte Journalist/-innen, die Zustimmung des Ministeriums einholen müsste. Eine

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Akkreditierung sei Anderson mit der Aussage zu verweigern, dass Akkreditierungen nur an echte Ausländer/-innen vergeben würden und für sie als DDR-Bürgerin eine Akkreditierung nicht notwendig sei. Im August 1960 wandte sich Anderson erneut an den Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Otto Winzer, und erklärte unumwunden ihr Unverständnis für die Ablehnung der Akkreditierung: »Meine Chefredaktion macht sich Gedanken, warum gerade in der DDR The National Guardian diskriminiert wird, während ihren Korrespondenten in Moskau und in Peking alle Türen geöffnet sind; und ich bin nicht in der Lage, entgegen diesen Gedanken irgendeine vernünftige Erklärung aufzubringen. The National Guardian ist die einzige nichtkommunistische Zeitung in den USA, die den Standpunkt der sozialistischen Welt mutig vertritt und für Frieden, gegen die Aufrüstung, gegen den Faschismus in den USA und überall, besonders gegen die Wiedergeburt des Nazismus in Westdeutschland, immer wieder kämpft.«10

Nach einer Darstellung ihrer Qualifikationen als Autorin und Journalistin für Mainstream, betont Anderson noch einmal den großen Einfluss des Guardian auf »fortschrittliche und liberale Kreise, die von den kommunistischen Organen nicht erreicht werden. Wenn man überlegt, wie wenig von der Wahrheit über die DDR und Westdeutschland in der amerikanischen Presse gebracht wird, […] ist es nicht [sic] verwunderlich, dass eine hohe Regierungsstelle der DDR eine solche gute Gelegenheit dazu blockiert?«11

Wenn Anderson hier der Behörde Diskriminierung und mangelnde Weitsicht vorwarf, so trug ihr das mit Sicherheit keine Sympathien ein. Eine wesentliche Voraussetzung für ihre Arbeit als Korrespondentin bildete jedoch die Teilnahme an Pressekonferenzen und dafür benötigte sie die Akkreditierung. Schließlich gaben die Behörden doch Andersons Ansuchen nach, möglicherweise um Differenzen mit dem National Guardian, die Anderson ja schon in ihrem Schreiben anklingen ließ, zu vermeiden. Interessanterweise berichtete Anderson in ihren Beiträgen für den Guardian nur selten ausführlich über Entwicklungen in der DDR. Die meisten ihrer Arbeiten thematisierten vielmehr das Geschehen in der BRD und Westberlin. Immer wieder verwies Anderson in ihren Texten, etwa in »Nazi influence still high at Bonn« (1963a) oder »East Germans to open trial of Globke, Adanauer aide« (1963c), auf die enge Verbindung der Bundesrepublik mit dem Nationalsozialismus. Mittels der Informationen, die sie auf Pressekonferenzen und aus der Presse der DDR erhielt, erläuterte Anderson etwa die Funktionen des Staatssekretärs Hans Globke. Dieser hatte während des Nationalsozialismus die Grundlagen für die Nürnberger Gesetze gelegt und nutzte nun seine einflussreiche Stellung in der BRD, um Gesetze zu initiieren, die es früheren Nazi-Beamten gestatteten, in den öffentlichen Dienst zu kommen. So schien es Anderson nicht verwunderlich, dass ehemalige Nazis in der

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BRD nur selten verurteilt wurden, wenn die Richter selbst einst der SS angehört hatten. Von der Vergangenheit des neuen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger hatte Anderson auf einer Pressekonferenz in Ostberlin erfahren und gab in ihrem Beitrag »New Bonn chief: Kiesinger as Nazi« (1966c) diese Informationen an die amerikanischen Leser/-innen weiter. Anderson erklärte, Kiesinger sei Leiter der Abteilung Radio-Propaganda im Reichsaußenministerium gewesen und damit verantwortlich für die Organisation der weltweiten Nazipropaganda. Die Bedeutung seiner Leistungen für die Nazis verdeutliche die Tatsache, dass er auf der Liste der Personen stand, die im Falle einer Katastrophe zu retten waren. Weiter berichtete Anderson, dass die NPD Kiesinger (CDU) unterstütze, da er sich unter Berufung auf demokratische Prinzipien gegen ein Verbot dieser Partei ausgesprochen hatte. Zur Relativierung fügte Anderson hinzu, dass die KPD bereits seit zehn Jahren verboten war. Gelegentlich zog die Journalistin Vergleiche zwischen der Vergangenheitsbewältigung in der DDR und der BRD. So etwa heißt es in ihrem Beitrag »Will 10,000 Nazi murderers go unpunished?« (1965a) über die in der BRD geplante Straffreiheit von Verbrechen aus der Nazizeit aufgrund der Verjährungsfrist, dass in anderen Ländern wie Polen, Belgien und der DDR diese Verjährungsklausel für Verbrechen aus der Nazizeit aufgehoben worden sei. Dem westdeutschen Argument, dass es nicht genügend Fälle gäbe, die eine Gesetzesänderung rechtfertigen würden, stellte Anderson ein Zitat des ostdeutschen Regierungssprechers Horst Brasch entgegen: »Brasch informed the press that 12,307 Nazi and war criminals had been taken to court in the GDR, as against only 5,513 in West Germany. Since only a third of the total German population lives in the GDR, and many implicated Nazis fled to West Germany to evade punishment, [Robert] Kempner’s estimate of 10,000 undiscovered criminals was probably a very optimistic one, Brasch said.« (Ebd.: 5)

Das Bild der DDR als antifaschistischen Staat vermittelte Anderson in zwei weiteren Beiträgen. So berichtete sie, wie schon im Zusammenhang mit Yuri Suhl erwähnt, über das Treffen von 200 internationalen antifaschistischen Schriftsteller/innen in Weimar anlässlich des 20. Jahrestages der Befreiung Buchenwalds (Anderson 1965c). Einen anderen Beitrag, »A play about Auschwitz jolts both Germanies« (1965e) widmete sie der Ring- Uraufführung von Die Ermittlung, dem Stück von Peter Weiss über die Frankfurter Ausschwitz-Prozesse, welches am 19. Oktober 1965 an fünfzehn west- und ostdeutschen Theatern sowie von der Royal Shakespeare Company, London, gleichzeitig gezeigt wurde. Die Aufführung in Ostberlin mit Politiker/-innen und Schauspieler/-innen in der Volkskammer der DDR kontrastierte Anderson mit wütenden Rezensionen aus der westdeutschen Presse zu den Aufführungen dort und suggerierte so, dass die Auseinandersetzung mit dem Natio-

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nalsozialismus in der BRD auf großen Widerstand stieß, während sie in der DDR von höchster Stelle gefördert wurde. Dem Unterschied zwischen Ost und West wandte sich auch der Beitrag »Brecht and the Berlin Wall« (1962d) zu, in dem Anderson den Weggang ostdeutscher Künstler kommentierte. Einige Brecht-Regisseure wie etwa Peter Palitzsch oder Carl Maria Weber sind nach dem Bau der Mauer im Westen geblieben, denn, wie Anderson Weber zitiert, »under the Ulbricht regime, freedom of artistic decision was no longer guaranteed.« (Ebd.: [verm. 10]) Anderson ging auf diesen Vorwurf nicht direkt ein. Vielmehr zitierte sie aus der Erklärung von Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann und Hanns Eisler, dass ein Brecht-Künstler nicht das Land eines Arturo Ui gehöre, und vertiefte mit dieser Anspielung auf das Brecht-Stück indirekt die Charakterisierung der BRD zum Land, in dem Nazis zur Macht gelangen. Darüber hinaus wies Anderson darauf hin, wie die künstlerische Freiheit von BrechtInterpreten in Westdeutschland eingeschränkt wurde: »In re-nazified West Germany Brecht is anathema, he is already verboten in many cities – in Baden-Baden and Hamburg, in Kassel and West Berlin.« (Ebd.) Ob Brecht-Stücke in diesen Städten nun wirklich immer aus politischen Gründen abgesetzt wurden, ist an dieser Stelle zweitrangig; viel interessanter ist die Tatsache, wie Anderson das Thema behandelte. Das Geschehen in der DDR wurde nicht kommentiert oder nur insofern, als dort in der DDR angesehene Künstler/-innen wie Hanns Eisler oder Helene Weigel lebten. Dagegen nannte sie detailliert Beispiele für die Absetzung von Brechts Stücken im Westen verbunden mit dem Hinweis auf die dort vorherrschenden faschistischen Tendenzen (»re-nazified West Germany«) und einer Affirmation amerikanischer Vorbehalte gegenüber Deutschland (in Deutschland ist alles »verboten«). Eine weitere Charakteristik Westdeutschlands in Andersons Beiträgen zum National Guardian waren die eingeschränkten Bürgerrechte. Dabei ging es nicht nur um künstlerische Freiheiten wie im Falle der Brecht-Inszenierungen, sondern ebenso um das Recht auf Meinungsäußerung oder das Demonstrationsrecht. Mehrfach berichtete Anderson von geplanten Gesetzen zur Handlungsfähigkeit des westdeutschen Staates in Krisensituationen (die so genannten Notstandsgesetze) sowie den Schikanen, denen kritische Journalist/-innen oder Anhänger/-innen der Friedensbewegung in Westdeutschland ausgesetzt waren (Anderson 1962f; 1962g; 1963b; 1965d; 1966b). Dabei dramatisierte die Verfasserin die Vorgänge, indem sie diese mit der Nazi-Vergangenheit Deutschlands in Verbindung setzte. So etwa in ihrem Beitrag über die Verhaftung der Spiegel-Redakteure, die 1962 über die Hintergründe eines Skandals um Verteidigungsminister Franz Josef Strauß berichten wollten: »The Gestapo-style arrest of the Spiegel editors Oct 26 was only a logical follow up to the destruction of civil rights and liberties in West Germany which began in 1950.« (Anderson 1962g: 6) Ähnlich verfuhr sie bei der Darstellung der Geheiminformationen, die der DDR über die geplanten westdeutschen Notstandsgesetze vorlagen:

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»Under a compulsory ›civil service‹ for citizens from 18 to 65 (55 for women), workers would have to live in labor or concentration camps (›community lodgings,‹ as the decree is worded) and wear uniforms (›service or working clothes‹). […] Court-Martial patterned after the Nazi Standgerichte, where the accused were summarily sentenced with no opportunity to defend themselves. […] A new Gestapo would be created […].« (Anderson 1966b: 3)

Die Interpretation der Maßnahmen in Naziterminologie war keine Leistung Andersons, sondern bereits vom Politbüromitglied Albert Norden auf der Pressekonferenz so formuliert worden. Anderson übernahm diese Rhetorik, um die amerikanischen Leser/-innen auf Symptome der Restauration in Westdeutschland aufmerksam zu machen. Die Gefahren Westdeutschlands ließen sich nicht nur in der Innenpolitik nachweisen, sondern waren ebenso im außenpolitischen Bereich präsent. Dazu gehörten die Stationierung von Atomwaffen und die Nichtanerkennung der Grenzen von 1945. Neben Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger, die diese Politik vertraten, kritisierte Anderson immer wieder den CSU-Politiker und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß als den reaktionärsten aller westdeutschen Politiker: »As soon as he felt himself entrenched, Strauss began to reveal a brutal and profligate personality.« (Anderson 1962c: 9) In Kombination mit seinen politischen Ansichten, die Anderson durch Zitate belegte, erschienen Strauß’ Pläne zur Aufrüstung besonders gefährlich und erinnerten an Hitlers Machtansprüche. Unter anderem unterstützte die CSU die Forderungen sudetendeutscher Landsmannschaften zur Rückgabe von Territorien in der Tschechoslowakei. Zum Verhältnis mit den USA erklärte Strauß: »›The time when Bonn could blindly play follow-the-leader to anything the Americans considered right is obviously past.‹« (Ebd.) Auch in weiteren Texten zu den Atomwaffenplänen der BRD blieb es Andersons Strategie, die westdeutsche Aufrüstung der amerikanischen Leserschaft nicht so sehr als Teil des Kalten Krieges, das heißt, im Verbund mit den Westmächten und gegen Osteuropa gerichtet zu präsentieren, sondern vielmehr als Bonns Bestreben, die Grenzen nach Osten auszuweiten. So begann ihr Beitrag »Bonn’s bid for power: The atomic mine plan« vom 27. Feburar 1965 mit folgender Aussage: »The obstinacy with which the West German government clings to its planned amnesty for Nazis criminals on May 8, in the face of world-wide protest, can only be understood in terms of its general plan to restore German imperialism to its former dominion and continue where Hitler was forced to leave off.« (Anderson 1965b: 3)

Andersons ständige Interpretationen der Aktivitäten Westdeutschlands als Fortführung nationalsozialistischer Bestrebungen erscheinen heute, zwanzig Jahre nach Beendigung des Kalten Krieges, oft extrem. Mit ihren Darstellungen westdeutscher Politik lieferte sie allerdings immer wieder Argumente, die zu einem kritischen Hinterfragen des engen Verhältnisses zwischen den USA und der BRD anregen

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konnten. Wenn man Andersons Leistungen als Journalistin für die linke amerikanische Presse bewerten möchte, so darf der Kontext der Rezeption ihrer Artikel nicht unbeachtet bleiben. Ihre Beiträge vermittelten Perspektiven, die in den amerikanischen Massenmedien so nicht zu finden waren. So etwa erklärte sie die Motive der DDR für den Mauerbau oder analysierte die Rolle ehemaliger Nazis in der Bundesregierung und trug damit zu einem differenzierteren Bild der Vorgänge in beiden deutschen Staaten bei. Bei der Beschäftigung mit Andersons journalistischen Arbeiten für den Guardian wird schnell deutlich, dass es sich hier nicht um die Berichte einer Amateurin handelte, die Englisch konnte und sich etwas dazu verdienen wollte. Anderson nahm ihre Aufgabe sehr ernst, sammelte ihre Informationen auf Pressekonferenzen und während gründlicher Recherchen. Dazu gehörte ihr tägliches Studium verschiedener Medien aus Ost und West. Dies wird in einem Brief Andersons vom 3. November 1966 an das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR bestätigt, in dem sie sich darüber beschwerte, dass das Ministerium die Zahlung für die von ihr benötigten Westzeitungen eingestellt hätte, obwohl eine Regelung aus dem Jahr 1961 vorsah, dass die Zeitungen, wie Anderson schreibt, »im Zeichen des proletarischen Internationalismus« gezahlt würden. Weiter heißt es: »Ich kann Ihnen dazu nur sagen, für mich und meine journalistische Arbeit sind diese Zeitungen gar nicht entbehrlich, sondern sie stellen ein Minimum dar, was man an Westzeitungen bedarf. Vor einem Jahr bat ich zusätzlich um Die Zeit aus Hamburg, aber man hat es abgelehnt, es war einfach zu teuer. Das konnte ich durchaus verstehen und billigen. Die Zeit ist kein Muß. Aber Der Spiegel – ja. Wie auch Die Welt, The New York Times und The Worker aus New York. Zwar erscheinen nicht sehr oft Artikel von mir in meiner Zeitung The New York National Guardian, aber was erscheint, ist von einem gut informierten Journalisten geschrieben. Ich verbringe 3 Stunden am Tag mit dem Lesen von Zeitungen und Zeitschriften. Es geht nicht anders.«12

Andersons Anspruch auf Finanzierung der für ihren Job notwendigen Lektüre durch die DDR anstatt durch ihren Arbeitgeber, den National Guardian, mag befremdlich erscheinen. Gleichzeitig gibt diese Forderung einen Einblick in Andersons Selbstverständnis als Journalistin. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie von der DDRRegierung die Kostenübernahme für die Presserzeugnisse verlangte, zeigt, dass sie ihre Arbeit für die Wochenzeitung eben nicht als privaten Job zum Gelderwerb, sondern durchaus als Beitrag im internationalen Klassenkampf im Interesse der DDR verstand. Obwohl sie nur selten über die Entwicklungen in der DDR berichtete und wenn, dann immer ausgesprochen positiv, so ist ihre Entscheidung, sich auf das politische Geschehen in Westdeutschland zu konzentrieren, ebenso als Ausdruck ihrer Loyalität gegenüber der DDR zu verstehen. Es ging ihr nicht um eine ausgewogene Darstellung der Fortschritte und Probleme der DDR. So verzichtete

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sie etwa bewusst auf einen Bericht über das 11. Plenum der SED (16.–18.12.1965), weil sie den Sinn dieser Kulturpolitik nicht überzeugend erklären konnte.13 Vielmehr versuchte Anderson, mit ihren Anmerkungen zu positiven Entwicklungen in der DDR und ihren Artikeln zu reaktionären Tendenzen in der BRD die antikommunistischen Darstellungen in der amerikanischen Mainstream-Presse auszugleichen. Infolge innerbetrieblicher Differenzen über das Profil der Zeitung verließen Jim Aronson und Cedric Belfrage im Frühjahr 1967 den National Guardian. Anderson war schockiert von dieser Nachricht und entsprechend hart fiel ihre erste Reaktion in einem Brief an Aronson aus. Wenn die folgenden Aussagen auch etwas übertrieben scheinen, so zeigen sie die Bedeutung ihrer Tätigkeit als National GuardianKorrespondentin für ihre Existenz als Amerikanerin in der DDR: »I will have to end my association with the Guardian, because without you and without Cedric it simply isn’t the Guardian any more. This is going to remove an important part of the framework of my existence in Berlin […]. Being accredited has meant access to information and to certain freedoms that would be cancelled overnight if I announced that I was resigning from the Guardian. I would then be confronted with a personally intolerable situation whose only solution would be to return home.«14

Die Tätigkeit für den Guardian hatte Anderson nicht nur mit Privilegien wie den Zugang zu Pressekonferenzen und internationalen Medien ausgestattet, sondern offenbar ihrem Leben in der DDR einen zusätzlichen Sinn verschafft. Der Wegfall dieses Jobs erschütterte Andersons Lebenskonzept und führte nicht zuletzt zu ihrer vorübergehenden Rückkehr in die USA 1967. (Siehe Kapitel »Die Schriftstellerin« – Das Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts) Mit ihrem Rücktritt vom National Guardian war Andersons Karriere als Journalistin für eine amerikanische Zeitung weitestgehend beendet. Wie im Kapitel zu Andersons Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts gezeigt wird, hatte die kommunistische Zeitung Daily World kein Interesse an ihren Beiträgen. Darüber hinaus war die Tätigkeit für eine – wenn auch linke – amerikanische Zeitung keine Privatangelegenheit, sondern konnte durchaus auch von Kommunisten gegen sie verwendet werden. So warf Klaus Steiniger vom Neuen Deutschland Anderson später vor, sie hätte für das »›Mao-Blatt‹« The National Guardian gearbeitet.15 Anderson verwahrte sich zwar gegen diese Behauptung, denn gerade als der Guardian sich stärker linksradikal profilierte, hatte sie ihre Arbeit für ihn eingestellt; aber die Auseinandersetzungen rund um ihr Amerika-Buch führten zu einer großen Verunsicherung unter anderem darüber, für welche linke Zeitung sie schreiben könne. So erhielt Anderson 1977 von ihrer Freundin Janet Stevenson, die sie einst durch ihre Tätigkeit bei Daily Worker kennengelernt hatte, das Angebot, für die sozialistische Zeitung In These Times über kulturelle Entwicklungen in der DDR zu berichten. Da die Zeitung erst 1976 gegründet worden war, konnte Anderson deren

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politische Ausrichtung nur schwer beurteilen und erbat sich von ihrem Freund Simon Gerson Rat, der gerade die Wahlkampagne für die kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gus Hall und Jarvis Tyner organisierte. Anderson schilderte ihm die Schwierigkeiten, die das Schreiben für eine amerikanische Leserschaft von der DDR aus mit sich brachte, und bat um sein Urteil: »Trying to explain to Americans what is going on in a socialist country is very difficult against the barrage of propaganda, so cunning, that makes them suspect any socialism which actually starts to operate. And if one writes in terms Americans can understand, one runs into the problem that the authorities here feel one has said too much. It’s a tightrope walk.«16

Gersons Einschätzung von In These Times erfuhr Anderson erst, als sie schon den ersten Artikel eingereicht hatte. In einem Brief vom Dezember 1977 erklärte Gerson, die Einstellung der Zeitung zu sozialistischen Ländern sei, gelinde gesagt, zweideutig und böse ausgedrückt, feindlich. Freunde auf beiden Seiten des Ozeans würden sich wundern, wenn Anderson für dieses Blatt arbeiten würde.17 In ihrer Antwort an Gerson erklärte Anderson, dass auch sie Zweifel über die Ausrichtung der Zeitung bekommen hatte, nachdem ihr Artikel über die Biermann-Affäre abgelehnt worden war. Trotzdem würde sie ihr Versprechen an Janet Stevenson halten und die Rezension von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne (1977) liefern. Den Biermann-Artikel hatte Anderson bereits in einem früheren Brief an Gerson erwähnt: »For a long time I wanted to write about the Biermann case, which I know all about and was certain I could explain in such a way as to defeat the anti-communists propaganda the west has made out of it. But I did not know for whom.«18 Andersons Manuskript des Biermann-Artikels befindet sich noch in ihrem Nachlass. In ihm spricht sie Biermann ein außerordentliches Talent ab und relativiert die Unterstützung, die er nach seiner Ausbürgerung erhielt, durch Aussagen von Biermann-Kritikern wie Peter Hacks. Darüber hinaus betont Anderson, dass Biermann unter den Arbeiter/-innen der DDR kaum Anhänger/-innen gehabt und mit seinen Bemerkungen über die DDR und die Berliner Mauer die westliche Propaganda unterstützt hätte. »Prior to the Biermann affair, no matter how annoyed some socialist citizens may have been at injustices on the part of the government, they stopped short at confiding in the west. Anyone who did this, it was felt, was committing treason in the era of Armageddon.«19 Immer wieder sind es Biermanns öffentliche Kommentare zur DDR, mit denen Anderson seinen Parteiausschluss, Auftrittsverbote in der DDR und schließlich seine Ausbürgerung in ihrem Artikel zu begründen versucht. Umso beachtlicher scheint es, dass Andersons Stasi-Akten gerade ihre Verwendung für Biermann in den 1960er Jahren belegen. Der Lyriker und Inoffizielle Mitarbeiter Paul Wiens berichtete der Staatssicherheit Anfang November 1965, also noch vor dem 11. Plenum der SED, dass Anderson ihn um die Unterstützung Wolf

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Biermanns durch den Schriftstellerverband gebeten hatte.20 Anlass war die Festnahme Biermanns vor einer Veranstaltung der Reihe Jazz und Lyrik am 31. Oktober 1965. Den mitwirkenden Künstlern, unter anderen Andersons Freund Perry Friedman, war die Verhaftung bekannt geworden und sie weigerten sich aufzutreten, bevor Biermann nicht wieder frei war. Schließlich begann das Konzert vierzig Minuten später als geplant, nachdem die Polizei seine Freilassung versichert hatte. Laut Stasi-Akte hatte Anderson Paul Wiens erklärt, dass Biermann boykottiert werde, obwohl das Ministerium für Kultur Biermann gegenüber eine solche Maßnahme abgestritten hatte. Wiens gab Andersons Anliegen an Hermann Kant weiter, der bereits durch Biermanns Mentor Stephan Hermlin informiert war, wie aus den Aufzeichnungen der Stasi hervorgeht. Einen Monat später rechnete die SED-Führung mit Biermann öffentlich ab. Den Anfang machte der damalige Kulturredakteur des Neuen Deutschland mit einem Artikel am 5. Dezember 1965. Wenige Tage später beschuldigten mehrere Redner auf dem 11. Plenum der SED Biermann des Klassenverrates an seinem kommunistischen Vater (vgl. Jäger 1994: 126–128). Somit erscheint Andersons Haltung im Fall Biermann widersprüchlich: Während sie 1965 noch ihre Verbindungen etwa zu Paul Wiens nutzte, um Biermann vor ungerechten Maßnahmen zu schützen, schrieb sie 1977 einen Artikel, in dem sie seine Ausbürgerung zu rechtfertigen sucht. Gerade dieses scheinbar widersprüchliche Handeln Andersons gestattet einen Einblick in ihr Agieren in der DDR und ihr Verständnis als Journalistin. Im Gegensatz zu Biermann, der seine Kritik häufig öffentlich formulierte und damit wenig Raum für Kompromisse bot, nutzte Anderson ihre individuellen Kontakte, um die Verhältnisse anzuprangern bzw. zu verbessern. In Analogie zu Brechts Frage, »Wer aber ist die Partei?«, verstand sie die Partei als ein Haus mit vielen Telefonen und erreichte über Paul Wiens die Leitung des Schriftstellerverbandes. Biermanns Art, die DDR zu kritisieren, mag Andersons Aversionen gegenüber dem Künstler über die Jahre genährt haben, so dass sie sich 1977 in der Lage sah, einen solch kritischen Artikel über ihn für In These Times zu schreiben. Es ging ihr keineswegs darum, Biermann zu verteidigen, sondern sie wollte eine Gegenperspektive zu den Berichten in den westlichen Medien liefern und die Maßnahmen der DDR-Führung nachvollziehbar machen, »to defeat the anti-communists propaganda the west has made out of it [the Biermann case].«21 Diese überaus schwierige Aufgabe konnte sie aber nicht zur Zufriedenheit der Redakteure von In These Times lösen. Janet Stevenson fasste die Probleme einer solchen Gegendarstellung zusammen, als sie Anderson schrieb: »Within the frame of trying to make clear to an audience that has absolutely no conception of the realities of that task, you have to find an approach – a tone – that will convey your understanding past the barricades of a) our ignorance b) our traditional, ingrained respect for certain kinds of democratic rights and c) the absence of such rights in many new socialist countries.«22

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Neben der Tatsache, dass der Entzug des Rechtes auf freie Meinungsäußerung wirklich kaum zu rechtfertigen war, bestand das Problem der Darstellung eben auch in der Komplexität des Falls Biermann, der über zehn Jahre andauerte. Aber gerade die Schwierigkeit des Themas schien Anderson zu reizen. Sie verstand sich als Vermittlerin einer Perspektive, die die von den westlichen Medien geprägten Ansichten der Leserschaft herausforderte. Auch wenn ihr Beitrag von der Redaktion als zu polemisch abgelehnt wurde, so belegen Andersons Themenvorschläge für weitere Beiträge – etwa die Existenz von Intershops – ihr Streben, linken Leser/innen in den USA schwer verständliche Erscheinungen und Entwicklungen in der DDR zu erklären.23 Sowohl der Auslandsredakteur John Judis wie auch die Kulturredakteurin Janet Stevenson ermutigten Anderson, weiter für In These Times zu schreiben. Judis erklärte: »I want very much to have the kind of coverage of the GDR that you could provide and that simply is not available otherwise.«24 Ganz ähnlich schrieb Stevenson: »I think it’s enormously important that you write for this paper, and enormously important that you do the difficult job of explaining reality on one side of the abyss to well-meaning people on the other side.«25 In einem weiteren Brief forderte Stevenson Anderson auf: »Write me a review of the book about women that you made sound so fascinating.«26 Mit diesem Artikel über Maxie Wanders Frauenprotokolle Guten Morgen, du Schöne (1977) hatte Anderson mehr Erfolg und er erschien 1978 in der Literaturbeilage der Märzausgabe von In These Times (Anderson 1978).27 Anderson nahm das Buch zum Anlass, um über die Situation von Frauen in der DDR zu berichten. Das Wissen über die amerikanische Frauenbewegung half ihr, die Besonderheiten dieser DDR-Frauen zu erkennen und darzustellen. Die Tatsache etwa, dass kaum eine der Frauen in den Protokollen es für nötig erachtete, für die Emanzipation der Frauen zu kämpfen, erklärte Anderson folgendermaßen: »These women are an historical phenomenon. They live in a paradoxical situation: Plenty of the traditional troubles with men, but equal opportunities and equal pay. The GDR woman did not get these things by demonstrating. They were handed to her on a silver platter. But now that she has them, she is quickly indignant if anyone – a husband, say – tried to prevent her enjoying them.« (Anderson 1978: 22)

Anderson verschwieg nicht, dass die traditionelle Rollenverteilung auch noch in der DDR existierte. Aber aufgrund der Rechte, die die sozialistische Gesellschaft Frauen garantierte, und des Arbeitskräftemangels, der zu Maßnahmen führte, um Frauen die Berufstätigkeit zu ermöglichen, seien die Frauen relativ unabhängig und durchaus selbstbewusst genug, um Kritik zu äußern: »So with no revolution behind them and virtually no tradition of a woman’s movement behind them, these women who get the pill and abortion and education free have devel-

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oped into human beings willing and eager to use their brains and very articulate about the problems Early Socialism hasn’t solved.« (Ebd.)

Gleichzeitig erklärte Anderson, dass die Besonderheit von Maxie Wanders Buch in der Offenheit läge, mit der diese Frauen von ihrem privaten und gesellschaftlichen Leben sprechen. »To her [Maxie Wander] they entrusted their private thoughts about love and socialism, parents, children, the school system, emancipation, responsibility, thoughts they had never completely unrolled for themselves.« (Ebd.) Anderson gibt Beispiele aus den Protokollen, in denen Frauen ihren Ärger über bestimmte Erscheinungen in der Gesellschaft, wie etwa der Heuchelei, ausdrückten oder ihr Sexualleben erklärten. Die Promiskuität einer glücklich verheirateten Sekretärin bettet Anderson in den kulturellen Kontext der ostdeutschen Gesellschaft und ihrer Sozialbeziehungen: »›I do go to bed with another man now and then, or in the bushes. You may ask why she does export her sexuality when she has it so good at home? I don’t know, I really don’t know. I just can’t see why I shouldn’t sleep with them.‹ Tame as this admission may sound to Americans, it has to be understood in the context of socialist public propriety. Here government members are never even photographed with their families, as if such connections might suggest a lack of monolithicness. At the opposite extreme you get blatant, yet puerile sex films, made apparently to prove that nothing human is alien to us. All this prudery, no matter on which side of the coin it is on, is completely at odds with the natural lustiness of the Germans.« (Ebd.)

Möglicherweise selbst von der Atmosphäre des Buches inspiriert, beschrieb Anderson in dieser Rezension die Realität der DDR mit größerer Offenheit als je zuvor. Die Leser/-innen erfuhren von der Zensur in der DDR und den Schwierigkeiten, denen Frauen ausgesetzt waren. Nach der einführenden Darstellung des außerordentlich hohen Grades an Gleichberechtigung, räumte der Artikel diese Problemfelder freimütig ein. Kulturredakteurin Stevenson schrieb Anderson: »Meanwhile, everyone is fascinated by the book review of Guten Morgen, and I’m going to run it in the special book issue coming up in mid-March.«28 Dies war Andersons letzter Beitrag für eine Zeitschrift in den USA. Wie schon erwähnt, hatte Simon Gerson Anderson im Dezember 1977 von einer Tätigkeit für In These Times abgeraten und sie folgte seiner Empfehlung. Am Ende der Betrachtungen zu Andersons Mittlertätigkeit als Journalistin für eine amerikanische Leserschaft sei noch ein interessanter Essay des Jahres 1990 erwähnt, da dieser die Mittlerfunktion Andersons eindrücklich belegt. »Town Mice and Country Mice. The East German Revolution« (Anderson 1990) erschien in einem Sammelband von Essays über die Ereignisse in den ehemals sozialistischen Staaten Mitteleuropas. Unter anderen enthält der von William M. Brinton herausgegebene Band Without Force or Lies. Voices from the Revolution of Central Europe in 1989–90 Texte von Michail Gorbachov, Günter Grass,

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Vaclav Havel und Reiner Kunze. Anderson war von ihrer amerikanischen Literaturagentin Malaga Baldi im Oktober 1989 ermutigt worden, einen Text zur Wende zu schreiben, den Baldi dann im Frühjahr 1990 in dieser Sammlung unterbrachte. Die gesellschaftlichen Veränderungen waren also noch voll im Fluss, als Anderson an ihrem Bericht arbeitete. »The thing was, I wasn’t simply writing about what seemed to be a revolution, I was living it, I was involved emotionally, so that when the bottom fell out of the poor little GDR and great hideous dragons from West Germany started tramping around on it and telling it what to do I was just as upset as everyone else.«29

Die Rolle Westdeutschlands, die Anderson hier in einem Brief an Bettina Berch beschrieb, war noch nicht Hauptthema des Essays, da diese sich erst nach Abgabe des Textes manifestierte. Vielmehr gab Anderson in ihrem Beitrag einen weitgehend chronologischen Überblick über die Ereignisse vor und unmittelbar nach der Wende und lieferte eine erste Interpretation. Anderson begann mit der Darstellung des Wahlbetruges im Mai 1989, erläuterte den Exodus tausender junger DDR-Bürger/innen über Ungarn und Tschechien nach Westdeutschland und kam schließlich zu den Feiern zum 40. Jahrestag der Republik in Berlin, die parallel zu den Protestdemonstrationen in Städten wie Leipzig, Dresden, Rostock oder Gera stattfanden. Gerade in diesem ersten Teil unterschieden sich Andersons Darstellungen der DDR nicht von jenen, die in der westdeutschen Presse zu finden waren. Wie die folgenden Auszüge belegen, spielte die Loyalität, die Anderson in ihren früheren Artikeln gegenüber der DDR gezeigt hatte, hier kaum noch eine Rolle: »East Germany’s legislatures were pathetic ciphers yessing decisions made by a nonelected caucus. The fact that quite a few responsible and conscientious individuals sat there in silent resignation only emphasized the helplessness of the whole people. Not a single channel for democratic action existed.« (Anderson 1990: 172)

Zur materiellen Versorgung in der DDR Ende der 1980er Jahre erklärte Anderson: »Too many things were wrong, worst of all the soothing syrup of the media. Too much was missing from the shops. A taken for granted item would disappear, come back, disappear again. Meat in the window of the butcher shop nearest my house consisted at one point of unidentifiable remnants; the sausage smelled and tasted as if meant for uncritical dogs. Women’s clothes were frumpy.« (Ebd.)

Besonders scharf rechnete Anderson mit dem Trabant ab, den sie zwanzig Jahre früher vielleicht noch als Ausdruck ostdeutscher Tatkraft präsentiert hätte: »Some had had the hardihood (or were good enough mechanics) to drive all the way to Hungary in a Trabant, the cheaper make of East German car, which breaks down at a dirty look.« (Ebd.: 175) Ebenso machte Anderson kein Hehl aus der Gewalt, die friedliche Demonstrant/-innen von der Volkspolizei und den Mitarbeiter/-innen der Staatssicherheit erfuhren:

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»Anyone caught in the vicinity of the Gethsemane Church that night was bestially mishandled […]. While fireworks thundered and showered pretty pink and green stars over East Berlin, these people were hustled in paddy wagons to three different security prisons, where they were forced to strip naked. They were viciously beaten.« (Ebd.: 180)

Ausführlich berichtete der Text über die Ereignisse in der Hauptstadt, den Rücktritt Honeckers, die von Künstler/-innen und Schriftsteller/-innen organisierte Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 und die Öffnung der Mauer. Die Autorin bezweifelte, ob diese Entscheidung zu diesem Zeitpunkt die richtige war oder einfach nur eine Panikreaktion von Egon Krenz: »By panicking he threw away a hand full of acres, a primary bargaining point in negotiations with West Germany.« (Ebd.: 189) Anderson, die während der letzten vierzig Jahre immer nach Westberlin reisen konnte und der auch die Situation vor dem Mauerbau noch gut in Erinnerung war, präsentierte hier einen anderen Blick auf die Öffnung der Mauer als die vielen DDR-Bürger/-innen, die diesen Akt zunächst einmal als Befreiung feierten: »Freedom to travel, if only from East to West Berlin, is a blessing mixed with gall when your only money is nonconvertible. It is the old story with the town mouse and the country mouse. West Germany has long donated a hundred west marks once a year to any visiting country mouse who cared to collect it. After the wall opened the country mice had to stand in long lines like beggars at a soup kitchen to get this money. Most admitted it made them feel ashamed.« (Ebd.)

Anderson fuhr fort, dass der Geldtausch auf dem Schwarzmarkt einen Ausverkauf der subventionierten DDR-Produkte zur Folge haben würde. Zur deutschen Einheit schrieb sie: »Many thoughtful East Germans have realized for a long time that some kind of confederation with West Germany was desirable, but they did not want the exorbitant Anschluss demanded last year by Chancellor Kohl – quite rudely – in a hasty ten-point take over ultimatum that would have ripped from the GDR its last shreds of pride.« (Ebd.: 191)

Ähnlich wie in den National Guardian-Beiträgen aus den 1960er Jahren zog Anderson hier die Verbindung zwischen Westdeutschland und dem Nationalsozialismus, indem sie den Beitritt als »Anschluss« bezeichnete. Gleich darauf informierte sie über das Wiedererstarken rechtsextremer Kreise in Ost und West unter Führung der Republikaner, die mit ihren reaktionären Forderungen nun auch die Montagsdemonstrationen übernommen hätten. Anderson schloss ihren Artikel mit der Frage, ob es sich wirklich um eine Revolution handelte, die da im Herbst 1989 vonstattenging. Prinzipiell gibt der Essay einem Außenstehenden einen guten Einblick in die komplexen Vorgänge dieser Zeit. Fragt man, welche Haltung die Autorin selbst gegenüber den Ereignissen einnahm, so wird deutlich, dass sie die Wiedervereinigung

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mit großer Skepsis betrachtete. Trotz der scharfen Kritik an den Lebensbedingungen in der DDR interpretierte sie die Wende nicht als Resultat einer maroden Wirtschaft. Vielmehr sei es die teilweise in Hysterie ausartende Gier der Menschen nach materiellem Wohlstand gewesen, der zu der Ausreisewelle im Sommer 1989 führte. Dies wird nicht nur durch Formulierungen im Text deutlich, wie etwa die Darstellung von DDR-Bürger/-innen, die sich nach der Ausreise vollkommen ratlos auf dem Frankfurter Bahnhof wiederfanden. Es ist vor allen die Referenz auf Äsops Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus im Titel des Essays, die Andersons Interpretation der Ereignisse vermittelt. In der Fabel ist die Stadtmaus bei der Landmaus zu Gast und da sie das Leben ihrer Gastgeberin als recht schlicht empfindet, lädt sie die Landmaus zu sich in die Stadt ein. Dort lernt die Landmaus Luxus kennen, volle Speicher mit schönen Dingen, aber immer wenn sich die beiden an das Essen machen wollen, kommt jemand und sie müssen sich verstecken. Der Landmaus ist das schließlich zu aufregend und sie verabschiedet sich sinngemäß mit den Worten: »Ich sehe, du lebst im Luxus, aber du bist von Gefahren umgeben, während ich zu Hause mein einfaches Essen in Frieden genießen kann.« In ihrem Text identifizierte Anderson die Westdeutschen ein einziges Mal als Stadtmäuse und die Ostdeutschen als Landmäuse, die sich für Westgeld anstellen. Einen weiteren Bezug stellt Anderson nicht her und so bleibt für amerikanische Rezipient/innen relativ offen, worin die Analogien zwischen Wendeereignissen und Fabel bestehen. Anderson hat mit ihren Darstellungen des Lebens in der DDR Ende der 1980er Jahre selbst gezeigt, dass es sich hier nicht um ein einfaches Leben in Frieden handelte, zu dem die Landmäuse nun in aller Bescheidenheit zurückkehren könnten. Andersons Rezeption und Adaption der Fabel scheint vielmehr einen Rückzug in die Vergangenheit, eine Besinnung auf die eigenen Werte und die Vorteile einer bescheideneren Lebensweise zu suggerieren. Mit anderen Worten: Statt auf einen Beitritt mit allen materiellen Vorteilen und den Nachteilen der sozialen Unsicherheit sowie den Gefahren, die von rechten Gruppen ausgingen, sollten sich die Ostdeutschen auf ein bescheidenes, aber selbstbestimmtes Leben besinnen, wie es in den Herbstmonaten des Jahres 1989 mit den Veränderungen und Reformen, mit offenen Diskussionen und Runden Tischen eingeleitet worden war. Für Leser/-innen ohne Kenntnis der Fabel wird dieser Schluss, den Anderson aus dem bisherigen Geschehen im Dezember 1989 zog, kaum offenbar. Dennoch vermittelte der Text einen guten Überblick über die Ereignisse im Herbst 1989 aus der Perspektive einer amerikanischen Journalistin, die, wenn auch mit Privilegien ausgestattet, seit vierzig Jahren in der DDR gelebt hatte.

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Im Vergleich zu ihren journalistischen Arbeiten für linke US-Zeitschriften hat Anderson in der DDR-Presse nur wenig publiziert. Ihre Abwesenheit von den USA war kaum dazu geeignet, aktuelle Phänomene der amerikanischen Innenpolitik oder Kultur darzustellen. Ein weiterer Grund für geringe Anzahl von Beiträgen Andersons mag in dem allgemeinen Misstrauen liegen, welches man ihr von offizieller Seite spätestens seit den Diskussionen um ihr Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts Anfang der 1970er Jahre entgegenbrachte. Aber auch schon vorher hatte Anderson etwa als Übersetzerin bei ADN ihr ›Querulantentum‹ unter Beweis gestellt, welches mit der strengen Zensur der DDR-Presse nicht zu vereinbaren war. In Leserbriefen an die Berliner Zeitung und die Junge Welt hatte sie Erscheinungen in der DDR kritisiert, die ihr als amerikanischer Jüdin augenfälliger waren als den meisten Deutschen. So beschwerte sie sich in den 1950er Jahren in einem fünfseitigen Brief an die Berliner Zeitung über die Repräsentation und Behandlung von Menschen mit dunkler Hautfarbe in der DDR: »Es ist Zeit – es ist höchste Zeit – etwas zu sagen über die schmähliche Art, in der die Neger uns als eine kuriose Abart der Gattung Mensch vorgestellt werden. Allerorts sehen wir Darstellungen von Negern auf der Bühne, vor allem in Kindervorstellungen, auf dem Varieté und im Zirkus, in Bilderbüchern, in Spielzeugen und auf Kostümfesten als halbnackte Barbaren mit einer Perlenkette um den Hals und einem kurzen grellfarbigen Röckchen oder als bunt ausstaffierte Mohren mit hohem Turban.«30

Diese Art der Darstellung vermittle den Eindruck, dass sich Schwarze als Menschen grundlegend von Weißen unterschieden, und dieses Bild würde durch die DDRPresse bekräftigt: »Eine unserer Wochenzeitungen veröffentlichte als Titelfoto eine afrikanische Mutter, die ihrem Baby die Brust gibt. In der sentimentalen Unterschrift wird sie ›Ebenholzmadonna‹ genannt. Wüßte diese afrikanische Mutter, daß europäische Frauen sich schämen, ihre Brüste sehen zu lassen, so würde sie dagegen protestieren, in Europa mit nackter Brust gezeigt zu werden. Solche Bilder erscheinen oft in unserer Presse. Es steckt eine pornographische Spekulation hinter vielen dieser Veröffentlichungen trotz ihrer prätentiösen Bildunterschriften.«31

Aufgrund dieser unreflektierten Darstellungen sei es kein Wunder, wenn Afrikaner/-innen in der DDR unwürdig behandelt würden. »Wenn ein Neger in den Straßen Berlins auftaucht, reißen die Leute den Mund auf wie Backfische, laufen ihm oft nach, rufen hinter ihm her und machen ihm den Weg von einer Ecke zur anderen zur Qual.«32 Neben anderen Beispielen beschreibt Anderson die Erfahrungen der afroamerikanischen Sängerin Hope Foye, deren Erscheinung von den Fahrgästen einer Berliner Straßenbahn laut kommentiert und belacht wurde. Anderson schloss ihre Ausführungen mit der Forderung nach dem Ende der Präsentation von Menschen

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mit dunkler Hautfarbe als Exoten. Vielmehr wünschte sie eine Darstellung, die zeige, »daß die Neger in allen Teilen der Welt Menschen sind genau wie wir selbst, die dasselbe wollen wie wir und dafür kämpfen.«33 Wie Anderson später auf ihrem Manuskript handschriftlich notierte, wurde ihr Schreiben nirgendwo veröffentlicht. Dies mag nicht verwundern, denn ihre Kritik und die Unterstellung eines latenten Rassismus entsprachen in keiner Weise dem Bild der Völkerfreundschaft, mit dem sich die DDR gern offiziell präsentierte. Ähnlich erging es Anderson mit ihrer Kritik eines antisemitischen Gedichtes über Israel von Gottfried Jürgas, welches bei einem Laienwettbewerb des Zentralorgans der FDJ, Junge Welt, einen ersten Preis gewonnen hatte.34 In ihrem Schreiben erklärte Anderson ausführlich, auf welche Weise das Gedicht, wenn auch sicherlich unbeabsichtigt, mit Zeilen wie »Er trug einen schmierigen Rock, weil er Jude war.« alte Stereotypen aufnahm. Wenngleich Anderson Zustimmung vom Schriftstellerverband erhielt – im Kulturministerium teilte man Andersons Kritik nicht und der Preis wurde nicht aberkannt. In Andersons Nachlass finden sich noch weitere Beispiele, die ihre Kritik an Rassismus und Antisemitismus in der DDR belegen. Die ausführliche Analyse der Vorfälle und die freundliche Bestimmtheit ihrer Schreiben können als konstruktives Engagement für eine bessere Gesellschaft gewertet werden. Offenbar war man aber an dieser Kritik nicht interessiert und sah die Kritikerin vielmehr als Querulantin, als dass man sich ihre spezifische Perspektive zu Nutzen gemacht und sie zu weiteren Beobachtungen ermutigt hätte. Insgesamt hat Anderson weniger als ein Dutzend Texte in Zeitschriften und Magazinen der DDR veröffentlicht. Dabei handelte es sich um zwei Artikel zu politischen Entwicklungen in den USA, einige autobiografische Essays, Rezensionen und andere Kurztexte. Im Februar 1961 druckte die Berliner Zeitung einen von Andersons politischen Texten mit dem Titel »Was können wir von Kennedy erwarten?« (Flaherty [i.e. Anderson] 1961). Anderson hatte Anfang 1960 drei Monate in den USA verbracht und dabei die Anfänge von Kennedys Wahlkampf beobachten können. Unter dem Pseudonym »Maxine Flaherty (USA)« trat Anderson als amerikanische Berichterstatterin auf und analysierte Kennedys Positionen nach dem Amtsantritt. In optimistischem Ton beschreibt der Beitrag die Probleme, denen sich der neue Präsident stellen muss. Dazu gehörten die riesigen Kosten für das Militär und der damit einhergehende Goldabfluss, welche nur mit einem höheren Exportaufkommen auszugleichen seien. Da Kennedy sich über die steigenden Lebenshaltungskosten für die amerikanischen Arbeiter/-innen besorgt zeigte, konnte die Lösung nicht in der Reduzierung der Löhne, sondern nur in der Eroberung neuer Märkte liegen: »Um also das Gold zurückzubekommen und es sich gleichzeitig nicht mit den Arbeitern zu verderben, müssen die USA auf den sozialistischen Markt zielen, den sie und ihre

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Verbündeten bisher boykottiert haben. Mit anderen Worten: Eine Abkehr vom kalten Kriege wäre notwendig.« (Ebd., o.S.)

Ausführlich ging Anderson auf die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung und der Bürgerrechtsbewegungen ein. Kennedy habe diese Themen in seiner Rede an die Nation weitestgehend ignoriert, würde sich aber während seiner Amtszeit damit auseinandersetzen müssen. Am Schluss erinnerte Anderson an »Franklin Delano Roosevelt als einen großen und humanistischen Präsidenten« (ebd.), der dies bei seinem Amtsantritt noch nicht war und erst durch die Verhältnisse dazu reifte. Ob Kennedy das Zeug dazu habe, würde die Entwicklung zeigen, »in seinem und in unserem Interesse wünschen wir ihm alles Gute« (ebd.). Anderson schien große Sympathien für Kennedy zu hegen, die sich neben den genannten Zitaten vor allem darin ausdrückten, dass sie seine Karriere als Antikommunist verharmloste. Gleich am Anfang des Artikels betonte sie: »Der gute Eindruck blieb auch nach seinem Amtsantritt bestehen. Kennedy hetzte nicht gegen Castro. Er ließ eine offizielle Rede umschreiben, um antisowjetische Beleidigungen zu beseitigen.« (Ebd.) Offenbar hatte der Anblick eines »so gut aussehenden, tatkräftigen jungen Mannes« (ebd.) in Verbindung mit der Hoffnung auf einen zweiten Roosevelt Andersons Bewertung von Kennedy geleitet. Ihren zweiten Beitrag über die politischen Verhältnisse in den USA schrieb Anderson erst sechs Jahre später, als sie 1967 in ihrer Heimatstadt New York die Bürgerrechtsbewegung aus nächster Nähe kennenlernte. Ihr Text, der unter dem Titel »Todkranker Riese USA« (Anderson 1967) in der Zeitschrift des Zentralrats der FDJ Forum erschien, erklärt vor allem die Haltungen militanter Strömungen und Gruppen innerhalb der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Einführend äußert sie ihre Bedenken gegenüber den Anschauungen und Strategien dieser Gruppen, geht dann aber dazu über, ihre Erfahrungen mit dem jungen schwarzen Aktivisten Levi zu schildern. Sie hatte ihn bei einer Freundin in New York kennengelernt und die zahlreichen Gespräche mit ihm vermittelten ihr eine andere Perspektive auf die Radikalität afroamerikanischer Gruppen und ihrer Führer wie etwa Stokely Carmichael. Eindrucksvoll schildert Anderson Levis Erfahrungen mit der Brutalität der Weißen auf den Baumwollfeldern im Süden der USA. Diesem individuellen Schicksal folgen Darstellungen der menschenunwürdigen Lebensbedingungen in den Ghettos, die 1965 zu den Aufständen in Los Angeles führten. Seitdem hätte sich weder die Situation der Schwarzen verändert, noch sei die Gewaltbereitschaft zurückgegangen. Darüber hinaus schildert Anderson das Verhältnis zwischen Afroamerikaner/innen und der kommunistischen Partei ein. Die CPUSA fordere ein Ende des Vietnamkrieges und ein Milliarden-Dollar-Programm zur Verbesserung der Lage der schwarzen Bevölkerung. Obwohl aus Andersons Text hervorgeht, dass die meisten Schwarzen die kommunistische Partei nicht als Bündnispartner betrachteten, so ver-

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sucht sie immer wieder, Ansätze eines solchen Bündnisses darzustellen. So schreibt sie über die gewaltbereiten jungen Führer Stokely Carmichael und H. Rap Brown: »Sie haben keinen Kontakt mit der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten. Aber die jüngsten Erklärungen und Aktionen Carmichaels deuten darauf hin, daß er einen Ausweg aus dem kapitalistischen System sucht.« (Ebd.) Ähnlich interpretiert sie Malcolm X’ Abkehr vom Hass auf die Weißen am Ende seines Lebens: »Der nächste logische Schritt wäre für ihn der zum Kommunismus […].« (Ebd.) Ohne ein Bündnis mit der kommunistischen Partei und den weißen Arbeitern sei der Kampf der Schwarzen vergebens: »Viele verantwortungsbewusste Leute weisen verschiedentlich darauf hin, daß spontane Gewalt ohne feste organisatorische Basis, ohne marxistische Theorie und ohne ›eine Partei neuen Typs‹ scheitern müsse, dazu verurteilt sei, ein Blutbad zu werden, das tragisch und nur tragisch ist, da es zu keinen prinzipiellen Änderungen führt.« (Ebd.)

Anderson übertüncht mit solchen Erklärungen nicht die Kluft, die zwischen Schwarzen und Kommunisten besteht: »Bis jetzt haben aber die Ansichten der Kommunistischen Partei unter den Negern kaum Fuß gefaßt, wohingegen alles, was von Stokely Carmichael oder H. Rap Brown gesagt wird, wie ein Lauffeuer von einem Negerviertel zum anderen getragen wird.« (Ebd.) Ähnlich wie in diesem Beitrag hatte Anderson später in ihrem Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts (1972) die Beziehungen zwischen Afroamerikanern und Kommunisten präsentiert und war dafür von Klaus Steiniger (1973) heftig kritisiert worden. (Siehe Kapitel »Die Schriftstellerin«) Im Jahr 1967 genügte es noch, Andersons Beitrag eine kurze Einführung, eine Art Lesehilfe, voranzustellen, die die folgenden Darstellungen ins richtige kommunistische Licht rückte: »Die Autorin dieses Beitrags, Bürgerin der USA, legt ihre Gedanken zur Negerbewegung in den Vereinigten Staaten dar, einer Bewegung, die in gewisser Weise für das Frühstadium aller sozialen Bewegungen typische Attribute zeigt: Erbitterung und Verzweiflung, verursacht durch die herrschenden Zustände; radikale, häufig utopische, sektiererische und teilweise anarchistische Losungen. Noch fehlt der Bewegung die feste Verbindung zu jener gesellschaftlichen Kraft und Weltanschauung, mit deren Hilfe ihr Kampf Ziel, Verbündete und Durchschlagskraft erhalten wird.« (Anderson 1967: 13)

Anderson hat keine weiteren Beiträge über die politischen Entwicklungen in den USA in Zeitschriften und Magazinen der DDR veröffentlicht. Dennoch bildete ihre Heimat immer wieder Thema und Bezugspunkt für verschiedene andere Veröffentlichungen, etwa zur feministischen Science-Fiction-Literatur der USA (vgl. Anderson 1982) oder zu ihrem Bericht über den Besuch einer Krishna-Veranstaltung in Ostberlin, die von zwei Deutsch-Amerikanern geleitet wurde (vgl. Anderson 1974). Dieser Beitrag lieferte keine ernsthafte Einführung in die alte indische Glaubensform, vielmehr warnte die Autorin mit starken Pauschalisierungen vor der Verbreitung dieser Kultur in der DDR:

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»Solche armseligen Dogmen, wie dieser Missionar sie verbreitet, werden in den USA von vielen unglücklichen Jungen und Mädchen aufgegriffen, die eine minderwertige Schulbildung oder keine genossen haben, die in ständiger Angst vor der Armut oder einem gewaltsamen Tod leben, deren Verstand oft durch Rauschgift vernebelt ist und die Trost in irgendeiner exotischen Religion suchen, die im Gegensatz zur herzlosen ›Konsumgesellschaft‹ (wie sie das kapitalistische System vage bezeichnen) zu stehen scheint. […] Wer schickt nachgemachte Mahatmas, um Resignation in einem Land der Hoffnung zu predigen? Um junge Menschen in der DDR dazu zu bringen, Kapitalismus mit Sozialismus und die sogenannte ›Verbraucherideologie‹ mit dem Aufbau einer vernünftigen humanen Gesellschaft gleichzusetzen?« (Ebd.: 181)

Abschließend sei noch auf einen frühen Artikel Andersons eingegangen, da die Amerikanerin hier erstmals ihr persönliches Verhältnis zu den USA und ihrer Wahlheimat DDR darlegte. Unter dem Titel »Der patriotische Bigamist« wurde dieser Essay 1961 in der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur veröffentlicht (Anderson 1961b). Anlass für den Text bildete wohl Andersons Rückkehr in die DDR nach dem dreimonatigen USA-Aufenthalt und ihre damit einhergehenden Reflexionen zum Thema Heimat. »Zwei Heimatländer können ein hinderlicher Reichtum sein, in dieser Welt der Klassenkämpfe und Kriege, wo geteilte Liebe und Patriotismus oft verdächtig sind« (Anderson 1961b: 98), schreibt Anderson einleitend. Das Leben zwischen zwei Welten wurde zu ihrem Grundthema, welches sie in ihren späteren Werken Der Beobachter sieht nichts (1972) und Love in Exile (1999) wieder aufnahm. Ähnlich wie in ihren Memoiren über die ersten Jahre in Berlin, beschreibt Anderson in dem Essay »Der patriotische Bigamist« ihren Weg nach Deutschland im Jahr 1947, ihre Motivation, gemeinsam mit ihrem Mann am Aufbau eines neuen Deutschlands mitzuwirken, das Heimweh, welches sie besonders in der ersten Zeit quälte, und ihre Gefühle gegenüber den Deutschen. »Ich haßte die Deutschen. Alles haßte die Deutschen. Ich haßte sie unverblümt, sachlich, unerbittlich und völlig unrealistisch. […] Auf der Straße starrte ich, ohne Mitgefühl, meine deutschen Mitmenschen an und dachte, als ich die verschlossenen, erschöpften, apathischen Gesichter erforschte: Was hast du vor 1945 getan? Hast du ein jüdisches Kind in die Gaskammer gestoßen? Hast du einem Kommunisten Glied für Glied die Finger gebrochen? Oder warst du unschuldig – das heißt, hieltest dir die Ohren zu, als die SA die Wohnung nebenan demolierte?« (Anderson 1961b: 99)

Diese Außenperspektive auf die Deutschen ließ Anderson aber nicht so stehen, sondern ergänzte, dass sie nach der schweren Anfangszeit im Berlin der Nachkriegsjahre vor allem durch ihre Arbeit auch ›gute Deutsche‹ kennengelernt hätte. Darüber hinaus wirkte der Koreakrieg, den die USA Anfang der 1950er Jahre führte, relativierend auf ihre Beurteilung eines Volkes:

172 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Meine eigenen Mitbürger – Jungen, mit denen ich einst zur Schule ging – verübten Gräueltaten. Sie waren keine Nazis; sie stießen Kinder nicht in Gaskammern. Sie waren amerikanische Moralisten: sie warfen Bakterien-infizierte Spielsachen vom Flugzeug ab, damit ›kommunistische‹ Kinder sie aufheben und an der Pest sterben.« (Ebd.: 101)

Die Einsicht, dass auch das Handeln der Amerikaner negativ zu beurteilen ist, führte Anderson zu der Frage, warum man Liebe gegenüber der Familie und den alten Freunden empfindet: weil diese gut sind oder weil man sie so gründlich kennt und mit ihnen vernetzt ist? Andersons Sehnsucht nach der Heimat war keine Sehnsucht nach dem materiellen Wohlstand. Westberlin, welches zumindest ähnliche Produkte wie New York anbot, hatte keinen Reiz für sie, im Gegenteil: »Im Vergleich zu New York war Westberlin ein deprimierendes Stück gemalter Szenerie in einer billigen Schaubude. […] Ich, die große und schöne Städte gesehen habe und einfache, anspruchslose Städte, fühle ein Unbehagen, wenn ich am Bahnhof Zoo aussteige und den Abglanz der herrschenden Unmoral in so vielen Gesichtern sehe – irregewordenen, perversen, verzweifelten Gesichtern. Selbst die Apfelsinen und Bananen scheinen pornographisch aus ihren Ständen um den Bahnhof zu winken.« (Ebd.: 102)

Andersons Darstellung Westberlins noch vor dem Bau der Mauer ist natürlich im Kontext des Kalten Krieges zu sehen, wo die westliche Warenwelt eine große Anziehungskraft auf die Ostdeutschen hatte. Davon abgesehen ist es wirklich interessant, wie dieser Essay von 1961 viele Aspekte von Andersons späterem Wirken vorwegnahm. So etwa findet sich diese Westberlin-Polemik, wenn auch nicht in dieser Schärfe, in ihren Beiträgen für den National Guardian wieder. Den Besuch der Heimatstadt 1960, die sie zwölf Jahre nicht mehr gesehen hatte, beschreibt Anderson zunächst einmal als eine Konfrontation mit einem extremen Warenüberfluss. Ihrer Beobachtung nach lieferte dieser Wohlstand den Amerikaner/-innen aber keine Sicherheit. Vielmehr löste die ständige Sorge um den Erhalt dieses Wohlstandes bei ihnen existenzielle Ängste aus, die sie, wie von den Europäern häufig belächelt, nicht selten mit Hilfe einer Therapie zu überwinden suchten. Das Fremdsein in der eigenen Heimat thematisierte Anderson vor allem im Beobachter, doch erstmals formulierte sie es in diesem Essay von 1961: »Verloren suchte ich nach etwas Vertrautem, woran man sich halten konnte […], nach den Prinzipien, für die so viele aus meiner Heimatstadt einst Opfer brachten. […] Die Geistesschaffenden, die ich sprach, waren bedrückt durch die herrschende Kommerzialisierung des Denkens, durch die opportunistischen Zweideutigkeiten, bei denen sie selbst mitmachten, um zu existieren. Ich hatte Heimweh nach Amerika gehabt; sie auch.« (Ebd.: 105)

Die Rückkehr nach Berlin beschrieb Anderson in Love in Exile als Entscheidung für die Heimat der Tochter. In ihrem 1961 verfassten Essay spielte dieser Aspekt je-

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doch keine Rolle. Vielmehr deutet sie auf die große soziale Unsicherheit, die die meisten Amerikaner/-innen umtreibt: »Einerlei, wie die Menschen reagieren, unter der Oberfläche von Witzen und erkauftem Glück empfinden sie einen erschreckenden, bodenlosen Abgrund. Das beunruhigte mich jeden Tag, den ich dort verbrachte. Schließlich fand ich eine Stelle als deutsche Korrespondentin einer fortschrittlichen amerikanischen Zeitung und kehrte ohne weiteres Kopfzerbrechen zurück in die DDR.« (Ebd.: 108)

Nicht ohne auf die Vorzüge der DDR hingewiesen zu haben, deren Zukunft »nur den Willen der Menschen erwartet, um sie mit Frieden und Freuden zu erfüllen« (ebd.: 109), beendet Anderson ihre Überlegungen zur Heimat mit der Einsicht, dass die ganze Welt Heimat sei. Die letzten Sätze ihres Essays antizipieren in erstaunlicher Weise eine Anderson, wie sie in den folgenden Jahren noch öfter kennenzulernen war. Unter Bezug auf den Titel »Der patriotische Bigamist« schrieb Anderson hier keck: »Was die Liebe betrifft, gibt es so viele Arten, wie es Objekte und Liebende gibt. Wenn ich bei der Bigamie halt mache, dann nur aus Mangel an Gelegenheit.« (Ebd.: 109) Anstatt sich einer Entscheidung zwischen zwei Ländern und Systemen zu stellen, wählt Anderson den dritten Weg des Universalismus. Fast alle journalistischen Beiträge Andersons sind unmittelbar vom Kontext des Kalten Krieges geprägt. Charakteristisch für ihre Veröffentlichungen in den USA ist das Angebot von Argumenten und Perspektiven, die die Komplexität von Problemen, Auseinandersetzungen und Sichtweisen stärker widerspiegelten und damit eine Gegenstimme zu der allgemeinen Berichterstattung über die BRD und die DDR in der US-Presse lieferten. In der DDR formulierte Anderson zunächst in ihren Leserbriefen keine Gegenstimme, sondern eine kritische Stimme, die zum Fortschritt der Gesellschaft beitragen wollte. Aber auch diese Stimme war nicht erwünscht und so veröffentlichte Anderson nur wenige Artikel in der DDR. Wenngleich in ihrer Themenstellung recht divers, so nahmen doch fast alle dieser Arbeiten auf Amerika Bezug und gewannen an Überzeugungskraft durch die Darstellung persönlicher Erfahrungen der Autorin. Anders als in den USA unterschieden sich ihre Beiträge in der DDRPresse nicht grundlegend vom offiziell propagierten Amerikabild. Doch durch die Berücksichtigung ihrer persönlichen Beziehungen mit Amerikaner/-innen wie mit dem schwarzen Aktivisten Levi oder ihren weißen Freund/-innen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierten, erhielt dieses offizielle Amerikabild eine weitere glaubwürdige Facette. Diese bestätigte die Existenz des Rassismus, berichtet aber gleichzeitig von den Menschen in den USA, die eben nicht nur für ihren persönlichen Wohlstand arbeiteten, sondern sich für die Veränderung der Gesellschaft einsetzten. Selbst wenn Andersons Beobachtungen eines latenten Rassismus und Antisemitismus in der DDR nicht ernst genommen wurden, so boten ihre Berichte

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über die Situation der Afroamerikaner/-innen und der Bürgerrechtsbewegung in den USA Anlass, das Geschehen in der DDR dazu in Relation zu setzen.

Die Feministin

Ein zentrales Thema im literarischen Schaffen Edith Andersons sind die Geschlechterbeziehungen. Bereits eine ihrer ersten Erzählungen, »The Socks« (1958c), zeigt ein jungvermähltes amerikanisches Kommunistenpaar bei seinen Schwierigkeiten, sich vom tradierten Rollenverhalten zu lösen. Während der Ehemann in der kumpelhaften Behandlung seiner Partnerin deren Gleichberechtigung verwirklicht sieht, wünscht sie sich eine romantische Beziehung, in der sie angebetet wird. Gleichzeitig hält sie es für selbstverständlich, dass er seine Strümpfe selber wäscht. Allerdings kann sich der junge Revolutionär dieser Aufgabe nicht stellen und bedient sich der Hilfe seiner Mutter. In dieser kleinen Erzählung warf Anderson Fragen auf, mit denen sie sich in ihren späteren Texten immer wieder auseinandersetzte: Wie kann eine heterosexuelle Beziehung unter gleichberechtigten Partnern gelingen? Was bedeuten Kameradschaft und Freundschaft für die Erotik in der Beziehung? Ist Liebe das Ende oder die Fortsetzung einer Freundschaft? Welche Rolle spielen Gesellschaftsordnungen für die Emanzipation der Frauen? Was ist überhaupt ein Mann, was ist eine Frau, und welchen Einfluss haben Geschlechterrollen auf die Wahrnehmung eines Menschen als Mann oder Frau? Sei es in ihrem ersten Roman über die amerikanischen Eisenbahnerinnen in einem traditionellen Männerberuf, in ihren Erzählungen oder ihren Theaterstücken, in ihrer Amerika-Reportage oder ihrem Essay über »Feministische Utopien« (Anderson 1982) – immer wieder hat Anderson die Leserschaft zur Auseinandersetzung mit der Situation von Frauen angeregt und Geschlechterbeziehungen thematisiert. Auf ganz besondere Weise widmete sie sich dieser Problematik als Herausgeberin der Anthologie Blitz aus heiterm Himmel (1975), einem Projekt, zu dem sie 1970 verschiedene Autorinnen und Autoren der DDR einlud, Erzählungen zu schreiben, in denen die Protagonist/-innen einen Geschlechtswechsel erfuhren. Die Bedeutung dieser Anthologie und damit Andersons Beitrag zur Diskussion von Geschlechterfragen erschließt sich nicht allein über die Analyse der Texte, sondern zeigt sich ge-

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rade in der Entstehung und Rezeption der Anthologie in ihrem sozialhistorischen Kontext.

Z UR F RAUENFRAGE

IN DER

DDR

»Sie und Er und 1000 Fragen«1 Die gesellschaftliche Stellung und Situation von Frauen in der DDR wird von der Forschung teilweise recht konträr bewertet. Untersuchungen, die sich unter dem Fokus von Frauenliteratur mit der Situation und dem Selbstverständnis von Frauen in der DDR und den damit einhergehenden Geschlechterbeziehungen befassen, belegen eindrücklich die Vielfalt der möglichen Interpretationen der DDR-Gesellschaft (vgl. Kaufmann 1991; Rosenberg 1993; Hauser 1994; Dahlke 1997: 51–81; Park 1999; Herminghouse 2003). Entsprechend ihrer Ideologie und ihren Erfahrungen betonen die Verfasser/-innen entweder den hohen Emanzipationsgrad und das Selbstbewusstsein der DDR-Frauen oder eben ihre Diskriminierung und ihre Blindheit gegenüber den patriarchalischen Strukturen. So schreibt die amerikanische Germanistin Dorothy Rosenberg im Vorwort einer Sammlung übersetzter Texte von DDR-Autorinnen, die 1993 in den USA erschien: »In 1989, after forty years of active practical efforts to facilitate the emancipation and full social equality of women, the GDR was a society in which the structural details of emancipation were largely in place and, to a degree somewhat breathtaking to the outsider, taken for granted by the vast majority of the population.« (Rosenberg 1993: 5)

Rosenberg verweist auf die verschiedenen Perspektiven (»breathtaking to the outsider« oder »taken for granted«), die die Einschätzung der Situation von Frauen in der DDR beeinflussten. Um ihren amerikanischen Leser/-innen eine Vorstellung vom Grad der Emanzipation der DDR-Frauen zu vermitteln, vergleicht Rosenberg die Situation von Frauen aus der DDR mit der BRD anhand von Statistiken. Neben dem hohen Grad der Erwerbstätigkeit (DDR 91 %, BRD 55 % aller Frauen) listet Rosenberg Fakten und Zahlen für die DDR, die geradezu dem Ideal der westlichen Frauenbewegung entsprachen: eine Arbeitslosenrate von 0 %, eine Frauenrate unter den Universitätsabsolvent/-innen von 49 % (BRD 38 %), voll bezahlter Schwangerschaftsurlaub von sechs Monaten und ein bis zu 90 % bezahltes Babyjahr, kostenlose Kinderbetreuung, Lohnfortzahlung bei Krankheit des Kindes, monatlicher Haushaltstag, Recht auf kostenlosen Schwangerschaftsabbruch und Verhütungsmittel. (Vgl. ebd.) Rosenberg lässt die ebenfalls in der DDR existierende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen und vor allem die Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Familie/Haushalt

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nicht unerwähnt, zeichnet aber insgesamt – gerade nach dem Ende der DDR, wo sich die Lage der Frauen radikal änderte – ein überwiegend positives Bild von den Bedingungen und dem darauf basierenden Selbstverständnis der DDR-Frauen. Viel kritischer beurteilte die ostdeutsche Germanistin Birgit Dahlke 1997 die Situation von DDR-Frauen in ihrer interessanten Untersuchung inoffiziell publizierter DDR-Autorinnen. In Anbetracht der praktizierten Arbeitsteilung (Frauen waren wie Männer berufstätig und erfüllten zusätzlich die weiblich besetzte Haus- und Familienarbeit), den Unterschieden zwischen Männern und Frauen im Durchschnittsverdienst und der Art der Berufstätigkeit, meint Dahlke, »ließe sich eher von einem ›Mythos der Emanzipation‹ sprechen, den nicht zuletzt DDR-Frauen selbst verinnerlicht hatten.« (Dahlke 1997: 53) In Übereinstimmung mit Thesen des westlichen Feminismus erklärt Dahlke, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft bzw. dessen Scheitern von den DDR-Frauen als privates Problem verstanden wurde und eine Veränderung der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in Beruf und Familie hauptsächlich von der Einsicht des Mannes abhängig und nicht einklagbar war. Da sie die Mehrfachbelastung als Privatsache wahrnahmen, hätten DDR-Frauen kaum ein Bewusstsein für die »sehr wohl auch in der DDR existierenden festen patriarchalischen Strukturen der Gesellschaft« (ebd.: 51) entwickelt. Natürlich, und darin stimme ich mit Dahlke überein, wurde die vollkommene Gleichstellung von Mann und Frau in der DDR nicht realisiert. Dennoch halte ich es für fraglich, ob Analysen und Einsichten, die zur Herausbildung der neuen westlichen Frauenbewegung führten, wie etwa Simone de Beauvoirs Erkenntnis, dass das Private politisch ist, oder Betty Friedans Betrachtungen zur Situation der USFrauen in der weißen Mittelschicht, unmittelbar auf die Situation von Frauen in der DDR übertragen werden können. Die Arbeitsteilung in den Familien blieb zwar in traditionellen Mustern verhaftet, dennoch zeigten die staatlichen Fördermaßnahmen für Frauen und Kinderbetreuung, dass die Reproduktion der Gesellschaft anders als in den meisten westlichen Ländern nicht allein als Privatsache definiert wurde. Gerade dieser Umstand trug dazu bei, dass DDR-Frauen nicht die Art des feministischen Bewusstseins entwickelten, durch den sich ein Teil der Frauen im Westen auszeichnete. Neben den zahlreichen Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Lage von Frauen mag, wie Dahlke auch hervorhob, die Stellung der Frauenfrage in der marxistischen Ideologie »ein Grund für die verzögerte Selbstfindung der DDR-Frauen« (ebd.: 55) gewesen sein. Für Karl Marx war das Verhältnis von Mann und Frau nicht ohne Bedeutung, sondern sogar Gradmesser des kulturellen Entwicklungsstandes einer Gesellschaft. Ausführlicher beschäftigte sich August Bebel mit der Frauenfrage in seinem Klassiker von 1909 Die Frau und der Sozialismus (1990). Bebel erklärte, dass die Situation der Frau an die Situation der Arbeiterklasse gebunden sei und Frauenemanzipation, die er als gleichberechtigte Teilnahme am Produktionsprozess definierte, eine klassenlose Gesellschaft voraussetze. Sich da-

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rauf berufend, schlussfolgert Dahlke: »Das Verhältnis der Geschlechter wurde somit stets ›größeren‹ Fragen untergeordnet. Theoretiker schlossen an diese marxistischen Denkmuster an, als sie die ›Frauenfrage‹ für gelöst erklärten.« (Dahlke 1997: 56) Leider führt die Autorin keine Beispiele auf, die belegen würden, dass aus offizieller Sicht die Gleichberechtigung in der DDR erreicht wurde. Zwar wurde die Klassenfrage im ›real existierenden Sozialismus‹ als weitestgehend gelöst angesehen, dennoch war diese Gesellschaft nicht frei von (Neben-)Widersprüchen, wie seit dem Amtsantritt von Erich Honecker 1971 auch offiziell eingeräumt wurde, und es galt, diese Gesellschaft zu gestalten und von ihren Widersprüchen zu befreien. Dabei war die Gleichberechtigung der Frauen lediglich ein Thema unter vielen, dem keine besondere Dringlichkeit zukam. Es wurde aber eben nicht, wie Dahlke behauptet, tabuisiert bzw. für gelöst angesehen. Stellvertretend sei hier der Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant, zitiert, der 1980 erklärte, dass die Literatur von Frauen energischer, kritischer und unduldsamer als die der Männer sei, habe »›wahrscheinlich mit jener Gleichberechtigung zu tun, von der unsere Autorinnen wissen, daß sie machbar, aber noch längst nicht gemacht ist.‹« (Hauser 1994: 94) Im Prinzip schien Gleichberechtigung in der DDR zu bedeuten, dass Frauen in Bereiche eingezogen waren, die traditionell als männlich galten. Die Umkehrung dieser Grenzüberschreitung, etwa dass Männer sich stärker in häuslichen Bereichen engagierten, stand aber kaum zur Debatte. Dennoch wurde von staatlicher Seite die Mehrfachbelastung von Frauen nicht vollkommen ignoriert und privatisiert, vielmehr begegnete man ihr mit Fördermaßnahmen und dem Vertrauen, dass der technische Fortschritt die Probleme lösen würde. Diese Maßnahmen mögen dazu beigetragen haben, dass in der DDR keine Frauenbewegung wie in den westlichen Ländern entstand. Hinzu kommt, dass bei aller Kritik am Staat das Verhältnis der Frauen zum Staat im Sozialismus grundsätzlich ein anderes war als im Kapitalismus. Während Feministinnen des Westens Kapitalismus und Patriarchat für ihre Ausbeutung verantwortlich machten, waren Frauen im Sozialismus als Miteigentümerinnen der Produktionsmittel der marxistischen Ideologie zufolge in einer ganz anderen Position. Und mussten die Männer nicht, ähnlich wie in den feministischen (bzw. ›womanist‹) Kreisen der US-Minoritäten, eher als Bundesgenossen für das gemeinsame Ziel einer besseren Gesellschaft denn als Unterdrücker und Profiteure von der Ausbeutung der Frauen wahrgenommen werden? Sicherlich sind viele Sichtweisen und Interpretationen der Situation von Frauen in der DDR möglich und gerechtfertigt. Ich halte nur jene für problematisch, die westliche Feminismustheorien zum alleinigen Maßstab für die Betrachtung der DDR-Realität erheben und beispielsweise die Distanz, die viele DDR-Autorinnen und Kritikerinnen aufgrund ihrer Lebenserfahrung im Sozialismus gegenüber dem westlichen Feminismus empfanden, als Ausdruck der Verklärung der eigenen Situation bewerten.

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Eine Untersuchung der Geschlechterbeziehungen, die in der DDR selbst entstand und 1980 von der Kulturwissenschaftlerin Irene Dölling in den Weimarer Beiträgen vorgestellt wurde, ist in diesem Zusammenhang besonders interessant. Wie den bibliografischen Angaben zu entnehmen ist, hatte sich Dölling intensiv mit der westlichen Frauen- und Geschlechterforschung befasst und forderte in ihrem Aufsatz »Zur kulturtheoretischen Analyse von Geschlechterbeziehungen« (Dölling 1980) dazu auf, die Geschlechterbeziehungen in der DDR nicht mehr als Privatsache von Individuen zu betrachten, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse zu untersuchen. Die Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsprozess und im öffentlichen Leben sei insbesondere für die Frauen mit neuen Anforderungen, aber eben auch Möglichkeiten verbunden. So seien es in erster Linie die Frauen, »die die Widersprüche bewältigen müssen, die bei der Wahrnehmung dieser Möglichkeiten in der Konfrontation mit ihren traditionellen Funktionen auftreten. Dies ist nicht allein eine Frage des Zeitbudgets, der doppelten und dreifachen Belastung, sondern ganz wesentlich eine Frage der Konfrontation mit sich selbst, mit seit Generationen eingeübten Verhaltensmustern und Wertorientierungen, die zu neuen gesellschaftlichen wie individuellen Anforderungen und Ansprüchen in Widerspruch geraten.« (Ebd.: 60)

Dölling erklärte, dass die Geschlechterbeziehungen im Sozialismus nicht dem Stand der Gesellschaft entsprachen, sondern Produkte der sozial-ökonomischen Entwicklungen im Übergang von der Urgesellschaft bis zum 20. Jahrhundert waren. Die über Jahrhunderte fortdauernde Reproduktion und Internalisierung traditioneller Geschlechterrollen und damit die Herabsetzung der »praktischen, intellektuellen und auch sexuellen Fähigkeiten [der Frauen] durch deren Interpretation als Naturgegebenheit« (ebd.: 75) wurde durch die veränderten Bedingungen im Sozialismus nicht einfach ausgelöscht. Frauen waren nun institutionell weniger diskriminiert als in früheren Zeiten oder anderen Gesellschaftssystemen, aber im privaten Bereich der Familie und im Umgang miteinander waren die traditionellen Rollenvorstellungen noch nicht überholt. Dölling, die kollektiven Männer- und Frauenbildern eine größere Wirkung als dem Ideal der allseitig entwickelten Persönlichkeit zumaß, forderte eine kulturhistorische Analyse von Männer- und Frauenbildern in der Geschichte, die den Wandel dieser Bilder, ihre Abhängigkeit von der Gesellschaftsform und ihren Niederschlag in der konkreten Lebensgestaltung untersucht. Eine theoretische Aufarbeitung dieser Entwicklungen würde die »gesellschaftliche Bestimmtheit der Individuen« (ebd.: 80), das heißt, die soziale Konstruiertheit von Gender aufdecken und ein Bewusstsein über die Veränderbarkeit der Geschlechterrollen könnte zu neuen, den sozialistischen Verhältnissen entsprechenden Geschlechterverhältnissen führen.

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Literatur und Emanzipation »›Wir suchen nach neuen Lebensweisen, im Privaten und in der Gesellschaft‹«, zitierte Irene Dölling (1980: 59) aus dem Vorwort zu Maxie Wanders Tonbandprotokollen Guten Morgen, du Schöne (1977). Immer wieder griff die Kulturwissenschaftlerin auf Aussagen von Wanders Interviewpartnerinnen zurück und belegte damit, wie dieser Band als Seismograf der gesellschaftlichen Verhältnisse fungierte. Dölling verwies sogar explizit auf die Rolle der Literatur in der DDR im Geschlechterdiskurs: »Sind Probleme des Zeitbudgets, der ›Rollenverteilung‹ im Haushalt und andere seit Jahren soziologisch erfaßt und dokumentiert, ist die Emanzipation der Frau als diffiziles und konfliktreiches Ineinanderwirken von sozialen und psychischen Prozessen bislang vor allem in der Literatur zur Sprache gekommen. Irmtraud Morgner, Christa Wolf, Günter de Bruyn, Helga Schubert, Helga Königsdorf zum Beispiel haben sich damit auseinandergesetzt.« (Dölling 1980: 60)

Ganz besonders in den 1970er Jahren wurde die Selbstbehauptung von Protagonistinnen thematisiert – etwa in den drei 1974 erschienenen Romanen Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, Karen W. von Gerti Tetzner und Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Diesen Werken folgte eine Vielzahl von Texten, in denen Autorinnen die widersprüchlichen Erwartungen an Frauen in der Gesellschaft und im Privatbereich literarisch verarbeiteten. Themen wie Ehe, Sexualität, Karriere oder die Probleme von Alleinerziehenden wurden aufgriffen und das offizielle Bild der Frau im Sozialismus hinterfragt: »One significant function of this literature was to provide a space within which to experiment with the creation of new intellectual and social models for women as alternatives to the traditional socialist model of rational, goal-oriented behaviour in work, family and personal relationship.« (Rosenberg 1993: 13)

Dorothy Rosenberg verweist hier auf einen wesentlichen, aber schwer zu fassenden Punkt. Betrachtet man die Magazine und Zeitschriften der DDR, wie etwa das jährlich erscheinende Magazin Jahr der Frau, so wird deutlich, dass die Doppelbelastung der Frau nicht nur in fiktionalen Texten thematisiert wurde, sondern auch in Sachtexten von Bedeutung war. Der Unterschied zwischen diesen Medien und der Literatur bestand jedoch im Umgang mit diesen Problemen. Während sich die Sachmedien in Berichten, Kommentaren und Ratschlägen zur Gestaltung des Lebens als berufstätige Ehefrau und Mutter dem Funktionieren der Frauen im Sozialismus widmeten, bot die Literatur Raum, um das Scheitern des weiblichen Individuums an den propagierten Modellen zu spiegeln und, wie Rosenberg sagt, die Suche nach Alternativen aufzuzeigen.

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Eine radikale, utopische Alternative bot der Geschlechtertausch, zu dessen literarischer Gestaltung Edith Anderson 1970 verschiedene Autoren und Autorinnen der DDR aufrief. Das heißt, noch vor dem Aufblühen der DDR-Frauenliteratur, deren Beginn häufig mit dem Erscheinen der drei Romane von 1974 beschrieben wird, regte Anderson zur Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen an. Zu behaupten, dass Anderson die erste und einzige in der DDR war, die dieses Thema bearbeitete, wäre zu weit gegriffen. Chung-Hi Park legt in ihrer Studie (1999) dar, dass bereits in den 1960er Jahren Christa Wolfs Erzählung »Juninachmittag« (1967) und Irmtraud Morgners Hochzeit in Konstantinopel (1968) den allmählichen Paradigmenwechsel von der Aufbau- und Kollektivliteratur hin zu den Erfahrungen des weiblichen Individuums und den gesellschaftlichen Widersprüchen beförderten. Dennoch kann Anderson aus mehreren Gründen als bedeutende Wegbereiterin der DDR-Frauenliteratur eingeordnet werden. Wie ich im Kapitel zur Autorin Anderson aufzeige, war gerade der 1969 verfasste Text über ihren Amerikaaufenthalt, Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten, der Bericht einer Frau, die ihre individuellen Erfahrungen mit ihrer Weltanschauung zu verhandeln sucht und in diesem Hinterfragen der eigenen Position sehr authentisch wirkt. Die Schwierigkeit, ›Ich‹ zu sagen, von der die Protagonistin in Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. (1968) spricht, hat Anderson in diesem Werk überwunden und war damit beispielgebend für literarische Erkundungen subjektiver Realitäten und individueller Selbstbehauptungen von Frauen. Ein weiterer Grund, der für Andersons einflussreiche Rolle in der Entwicklung einer DDR-Frauenliteratur spricht, liegt in ihrer Initiative, eine Anthologie mit Geschlechtertausch-Geschichten herauszugeben. Dieses Projekt war radikal, konnte die Möglichkeit des Tausches doch auch das Auflösen der Geschlechterdichotomie implizieren. Andersons Bemühungen, eine Vielzahl von männlichen und weiblichen Beiträger/-innen in dieser Anthologie zu vereinen, führte dazu, dass sich einige von ihnen erstmals mit dem Thema Geschlechterverhältnisse kritisch auseinandersetzten und in ihren späteren Schriften weiter bearbeiteten. Darüber hinaus war die Tatsache, dass es sich hier um eine Anthologie und nicht um den Text einer einzelnen Autorin handelte, maßgebend für die intensive Rezeption, die das Werk vor allem durch amerikanische und westdeutsche Germanist/-innen erfuhr. Diese Aufmerksamkeit wirkte sich im Gegenzug produktiv auf die Beschäftigung mit Frauenliteratur in der DDR aus und führte nicht zuletzt, wie bereits erwähnt, zu soziologischen Studien, etwa der von Dölling.

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D IE ANTHOLOGIE B LITZ AUS

HEITERM

H IMMEL

»Primarily sexual beings« 2 – Andersons Ansichten zu Mann und Frau Ähnlich wie Maxie Wander, die etwa mit ihren Tonbandprotokollen Ungewöhnliches schaffen konnte, war Edith Anderson eine, die von ›außen‹ kam und eben kein Produkt des Systems DDR war. In dieser Außenseiterposition war Anderson zum einen weniger in die offiziellen Ideologien und Denkmuster eingebunden, zum anderen verfügte sie durch ihre Sozialisation in New York über einen Referenzrahmen, der den im Faschismus oder in der DDR geborenen Menschen nicht zur Verfügung stand. Diese Distanz, die auf Fremdheit und nicht auf dem Wunsch nach Abstand beruhte, ermöglichte Anderson, Konventionen zu übergehen und Projekte wie die Geschlechtertausch-Anthologie zu realisieren. Doch noch stärker als der Wunsch, etwas Ungewöhnliches und Neues in der Literatur der DDR zu schaffen, motivierte Anderson ihr eigenes Interesse an den Beziehungen von Frau und Mann. Viele von Andersons Texten tragen autobiografische Züge und geben Auskunft darüber, welche Schwierigkeiten Anderson schon als junge Frau mit traditionellen Geschlechterrollen hatte. Aufgrund ihrer Intelligenz, ihrer Erziehung und Ausbildung und sicher nicht zuletzt aufgrund ihres Verständnisses von demokratischen Rechten hatte die Amerikanerin als junge Frau ein Selbstbewusstsein entwickelt, welches ein Dasein als untergebene Hausfrau unmöglich machte und 1937 zur Scheidung ihrer ersten Ehe führte. In Love in Exile schreibt Anderson über ihren ersten Ehemann, den Kommunisten Victor Teich: »[…] my first husband who (charity begins at home) thought it his prerogative to create me, to tell me what to do with five dollars I was saving for a hat (give it to the Fund drive), and lecture me for writing unsolicited poetry instead of going out and organizing. Having appointed himself a professional revolutionary, nebbich, which also exempted him from getting a paying job, he considered my privacy his backyard.« (LIEe: 255; LIE: 335)

Der sarkastische Unterton, mit dem Anderson die Beziehung resümiert, weist auf die enttäuschte Hoffnung, dass die Ehe mit einem gleichgesinnten Linken traditionelle Geschlechterrollen durchbrechen und eine Partnerschaft unter Gleichen ermöglichen würde. Ihr Leben lang blieb Anderson auf der Suche nach einer Partnerschaft, die sie intellektuell und sexuell erfüllen würde. Diese Suche drückte sich auch in Andersons – durchaus ambivalenten – Haltungen gegenüber traditionellen Geschlechterrollen aus. Während etwa die junge Protagonistin in »The Socks« ihren Ehemann anhält, seine Wäsche selbst zu waschen, heißt es in Andersons dreißig Jahre später angesiedeltem Amerikabericht, als der Bekannte Barney sich anschickt, bei der Erzählerin das Geschirr zu spülen:

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»Was soll dieser amerikanische Abwaschfimmel? Ahmed gab selbstgefällig zu verstehen, daß er es nicht nötig hatte, Ersatzdienste zu leisten. Was weiß ich, vielleicht ist Geschirrspülen das Mittel, das sich manche Männer aussuchen, um eine peinliche Last loszuwerden. Wenn wir sie nicht gewähren lassen, drängen wir sie in die Situation, ganz und gar unritterlich zu sein.« (Beo: 243)

Mit dem Hinweis auf »Ersatzdienste« meint die Erzählerin, dass Männer eine Aufgabe haben, nämlich die, Frauen zu befriedigen. Können sie diese sexuell nicht erfüllen, versuchten sie, mit Ersatzhandlungen, etwa den Hausarbeiten, ihr Versagen auszugleichen und auf diese Weise die Frau zu besänftigen. Die Betonung, dass der Abwaschfimmel ein amerikanischer sei, verrät, dass Anderson in der DDR, einem Land, welches bei seiner Gründung die Gleichberechtigung verfassungsmäßig festgeschrieben hatte, die Beteiligung der Männer im Haushalt nicht gewöhnt war. Doch Andersons widersprüchliche Haltungen sind nicht nur Resultat ihrer Lebenserfahrung in unterschiedlichen Systemen. War sie etwa in den 1940er Jahren als eine der ersten Eisenbahnerinnen in einem traditionellen Männerberuf tätig, in dem sie sich auch körperlich schwerer Arbeit stellte, so fühlte sie sich hilflos und verraten, als der erkrankte Richard Wright sie im Dezember 1946 zu ihrer Abreise nach Berlin nicht zum Pariser Bahnhof fahren und mit dem Gepäck behilflich sein konnte (vgl. Rowley 2001: 370). Es ist diese Mischung aus modernen und traditionellen Auffassungen geschlechtsadäquaten Verhaltens, die bei der Analyse von Anderson Werk und Biografie irritiert. Durch eigene Tätigkeit und Witwenrente finanziell unabhängig, frei in ihren Entscheidungen, aktiv in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Sexualität und Freundschaft, führte Anderson nach dem Tod Max Schroeders das Leben einer modernen emanzipierten Frau. Doch die starke Bedeutung, die Anderson den sexuellen Beziehungen mit Männern für ihre eigene Identität zuschreibt, erinnert an die konservative Wahrnehmung von Frausein als Objekt männlicher Begierde. Am deutlichsten formulierte sie diese Abhängigkeit vom sexuellen Interesse der Männer 1963, als sie Charlotte Niemann schrieb, dass man aufhört, »eine Frau zu sein, wenn kein Mann da ist, der die Frau liebt«3. Gleichzeitig kann Andersons Eingeständnis ihrer sexuellen Bedürfnisse auch als progressiv für ihre Zeit gelten. So erklärt sie in ihrem Tagebuch 1966, zu einer Zeit, als in der DDR das offizielle Bild der Frau das der vorbildlichen Arbeiterin im Kollektiv war: »Woman (man) is primarily a sexual being. This fact is cruelly denied by socialist society in the present stage. Socialist society grants women’s rights, all sorts of rights, good and necessary rights, but it refuses to admit the simple truth, which everyone knows, that the most important right of all is the right to be oneself, i.e. primarily a sexual being. […] A tremendous number of mature women have no husband, and this society makes no provision for them, except in a few rare cases like mine, financial provision. These women are told to find solace and expression in work. Work is fine – without work there is no

184 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON love – but to pretend that work can compensate a woman for the loss of her sexual personality is absolutely criminal.«4

Ebenso wie die Ignoranz der sexuellen Bedürfnisse von Frauen an sich beklagte Anderson die Tabus und scheinheilige Moral, mit denen diese Bedürfnisse belegt waren. Anderson glaubte, dass in Zeiten eines kriegsbedingten Mangels an Männern das Konzept der monogamen Partnerschaft aufzuheben sei. »Polygamy is a fact here (in Germany), but society pretends not to see it, or applies moral judgements to it. What I object to is that socialism and all, the moral judgments are still aimed chiefly against the women. I don’t want them to be aimed against men either. I feel that although it is difficult to carry out, it is possible for decent people to manage an affair without clawing and banditry. There is more happiness to be distributed than most people dare think possible. But say this in public? Say this to the wives who imagine that possession is nine tenths of the law?«5

Wenn man Andersons Treuekonzept auch überraschend finden mag, belegen die Zeilen aus ihrem Tagebuch, dass sie ihre individuellen Erfahrungen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einordnen konnte und sich radikal mit vorgegebenen Denkstrukturen und Ideologien auseinandersetzte. Die Mischung von radikalen und konservativen Ansichten drückte sich auch in Andersons Haltung zur Homosexualität aus. Während Anderson mit ihrem Liebesverhältnis zu einer Kollegin in den 1940er Jahren die Konventionen überschritt und mit ihrem Plan, Anfang der 1950er Jahre den im Eisenbahnmilieu angesiedelten Roman über eine Frauenbeziehung zu schreiben6, etwas Radikales vorhatte, sind ihre Äußerungen zum Verhalten einer lesbischen Bekannten im Jahr 1996 von Vorurteilen und einem konservativen Rollenverständnis geprägt: »What happened was this: I suddenly recalled that as she is a Lesbian, born that way, she might have a lot of testosterone in her make-up and might react much as men do to the embarrassment of having made a terrible mistake, like losing quite a bit of a manuscript she was supposed to be taking care of. […] Men panic when they’ve done wrong and can’t bear to come clean, they put off the day of reckoning as long as they possibly can.«7

Trotz aller Beschäftigung mit feministischen Schriften aus den USA scheint Anderson bis ins hohe Alter den Glauben an biologische Determinierung und Polarität der Geschlechter aufrechterhalten haben. Diese Annahme war wohl auch eine Grundlage für ihre Anthologie zum Geschlechtertausch. Andersons Motivation für die Beschäftigung mit diesem Thema rührte weniger aus der Erfahrung der Überforderung durch berufliche und familiäre Verpflichtungen als vielmehr aus ihrem Interesse an Männern und den Möglichkeiten einer gleichberechtigten Beziehung. Dies deuten auch Andersons frühere Werke an. So erkennt die Protagonistin Jessie im Roman Gelbes Licht (1956a), dass die Ge-

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schlechterkonventionen ihr ein freundschaftliches Zusammensein, wie Männer es untereinander pflegen, verbieten: »›Warum kann ich nicht ausgehen und mich mit ihnen herumtreiben?‹ dachte sie. Ihre Witze machten ihr nichts aus, sie kannte selber welche. Ihre wohlbehütete Vergangenheit und ihr Dasein als Frau waren ihr ein Haus mit niedrigem Dach und ohne Ausgang, das sie gern niedergerissen hätte.« (GL: 265)

Ihre Ehe mit Max Schroeder und die späteren Beziehungen zu verschiedenen Männern, etwa ihr Verhältnis mit Roland Links, führten zu weiteren Auseinandersetzungen Andersons über den Charakter der Beziehungen, die Männer und Frauen miteinander eingehen können. Die Institution Ehe betrachtete Anderson 1966 mit äußerster Skepsis: »There is an absolutely hopeless contradiction between partners today. The man is devoured by inhuman demands of his job as never before, while the woman lives in the most primitive isolation in a world of household and children.«8 An diesen Zeilen wird deutlich, dass Anderson hauptsächlich ihre eigenen Erfahrungen und ihre soziale Schicht, wo Frauen vorwiegend zu Hause arbeiteten, in Betracht zog. Sie fürchtete, dass aufgrund dieser Entwicklungen die Entfremdung zwischen den Ehepartnern zunehmen und der mangelnde Austausch zum Scheitern der Beziehungen führen würde. Während ihres Aufenthaltes in den USA 1967/68 stellte Anderson Beobachtungen zu den Beziehungen zwischen Frauen und Männern in ihrer Heimat an, die sie keinesfalls optimistischer stimmten. Amerikanische Männer hätten durch die Anforderungen der Frauen und die Normen der amerikanischen Kultur enorm an Selbstvertrauen und Potenz verloren. Wenngleich Andersons Ansichten zu diesem Thema einseitig sein mögen, auch ihr Amerika-Buch unterstreicht ihr Bestreben nach einem Miteinander von Männern und Frauen. Dies zeigt sich nicht nur in der Tatsache, dass Freund O. der Adressat für die meisten Aufzeichnungen der Erzählerin ist, sondern wird ebenso explizit artikuliert: »Ich sehe sie [Männer] als menschliche Gefährten an, die in diesem historischen Augenblick in einer weitaus ärgeren Klemme sitzen als ich.« (Beo: 44) Mit dem Ziel der Kooperation anstatt der Emanzipation vertrat Anderson eine Ansicht, die unter westlichen Feministinnen wohl kaum auf Zuspruch stieß, aber ganz typisch für viele Frauen in der DDR war. Zur Beschreibung der spezifischen Haltungen und Überzeugungen von Frauen in der DDR, die nicht ›unfeministisch‹ waren, aber aus einem ganz anderen, von westlichen Ländern differenten sozialen und kulturellen Kontext hervorgingen, benutzte die Literaturwissenschaftlerin Eva Kaufmann den Begriff des DDR-Feminismus und erklärte: »Morgner, Wolf und andere DDR-Autorinnen isolierten die Frauenbefreiung nicht von allen übrigen Gesellschafts- und Weltproblemen, sondern setzten sie in Bezug zu ›globalen‹ Fragen (Krieg, Ökologie, Dritte Welt). Das ›Andersartige des DDR-Feminismus‹,

186 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON von dem amerikanische Literaturwissenschaftlerinnen sprechen, liegt wohl auch darin begründet, daß der Mann nicht links liegen gelassen wird. […] Wohl gaben Morgner und Wolf die in den frühen Erzählungen zu beobachtenden Liebesutopien auf, dafür verfolgten sie durchgehend, gerade auch in Amanda und Kassandra, die Strategie, unter den Männern Bundesgenossen zu finden.« (Kaufmann 1991: 115)

DDR-Autorinnen, so Kaufmann, können als feministisch bezeichnet werden, weil sie sich kritisch mit den Geschlechterverhältnissen auseinandersetzten, gleichzeitig entsprachen sie nicht den im Westen verbreiteten feministischen Tendenzen und Begriffen, da sie nicht im Gegeneinander der Geschlechter, sondern im Miteinander die Veränderung der Welt intendierten. So etwa erklärte Christa Wolf in ihrem Vorwort zu der westdeutschen Ausgabe von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne von 1978: »Ich halte es für falsch, alle Frauen zu einer ›Klasse‹ zu erklären, wie manche Feministinnen es tun.« (abgedruckt in: Wolf 1980: 284) Wolf zeigt Verständnis für westliche Feministinnen, deren Weg zur Selbstfindung oft über den Rückzug auf das eigene Geschlecht führe und von deren Solidarität, Spontaneität, Erfinderlust und Vielfalt sie beeindruckt eingesteht: »Ich kann nicht finden, daß wir gar nichts davon zu lernen hätten.« (Ebd.: 288) Aber im Sozialismus sind die Bedingungen ihrer Meinung nach anders: »Unsere Verhältnisse haben es Frauen ermöglicht, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, das nicht zugleich Wille zum Herrschen, zum Dominieren, zum Unterwerfen bedeutet, sondern Fähigkeit zur Kooperation.« (Ebd.: 289) Genau diese Fähigkeit zur Kooperation von Männern und Frauen stellte Edith Anderson mit ihrer Anthologie Blitz aus heiterm Himmel (1975) unter Beweis. Ziel des Projektes war es nicht allein, die Befindlichkeiten von Frauen in der DDR zu thematisieren, sondern vor allem, die Empathie zwischen Männern und Frauen durch das Hineindenken in das jeweils andere Geschlecht zu fördern. So schrieb Anderson 1970 in ihrem Exposé: »Schlüpfen wir in die Haut des anderen Geschlechts und malen wir uns – anstatt es zu beneiden, zu bedauern, zu verachten oder es zu lieben, zu ersehnen, anzubeten – nur einmal aus, wie uns zumute wäre, wenn die Rollen vertauscht wären. Könnte das nicht ein recht heilsames Spiel sein, das unserer gesamten Gesellschaft zugute käme?«9

Auch wenn Anderson hier lediglich von einem Rollentausch spricht und scheinbar die Kategorien männlich und weiblich zu trennen vermag, so impliziert der Tausch doch auch die Dekonstruktion des essentialistischen Geschlechterkonzeptes. Die Literaturwissenschaftlerin Annemarie Auer erklärte dazu in ihrem der Anthologie beigefügten Essay »Mythen und Möglichkeiten«: »Wir sind nicht interessiert an einem Rollentausch, der uns die alten Vorurteile, derer wir überdrüssig sind, immer von neuem auffrischt, nur in Form einer Travestie. Nicht ums Verkleiden geht es ja. Auch nicht um einen Rücktausch der Herrschaft. Unser Experiment will weiter hinaus, es durchbricht den Teufelskreis vom Herrschen und Beherrscht-

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werden. Es zwang der Phantasie die Anstrengung ab, die Grenzen des Gegebenen oder Gewohnten ganz auszuschreiten bis dahin, wo die Umrisse andersartiger und neuer, uns offenbar sehr notwendiger Lebensformen sich abzuzeichnen beginnen.« (Auer 1975: 283)

Mit ihrem ausführlichen Exkurs in die Geschichte der Geschlechterbeziehungen belegte Auer die Abhängigkeit der Rollen von Mann und Frau von der jeweiligen Gesellschaftsform. Damit nahm Auer bereits 1972, dem Jahr, in dem dieser Essay entstand, die später vom westlichen Feminismus angewandte Unterscheidung zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht vorweg. Weiter meinte Auer, dass der Sozialismus die Möglichkeit böte, die Trennung der Geschlechter aufzuheben. »Die revolutionäre Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung der Geschlechter verspricht, zum ersten Mal in aller Geschichte, auch in der Liebe einen Abbau der Entfremdungen: den uneingeschränkten Austausch menschlicher Wesenskräfte und Kreativität.« (Ebd.: 284)

Auer warnte davor, den »enormen Druck des Herkommens« (ebd.: 28) zu unterschätzen, und verwies damit, ähnlich wie später die Kulturwissenschaftlerin Irene Dölling, auf die Macht der Traditionen, die verinnerlicht sind und unbewusst weitergegeben werden. Letztendlich sei der in den Erzählungen thematisierte Wechsel des biologischen Geschlechtes ein Versuch, die Konstruiertheit der traditionellen sozialen Geschlechterrollen bewusst zu machen und zu hinterfragen. Denn von selbst, so Auer in einem Brief an den Hinstorff Verlag, würden sich diese nicht auflösen: »Meine Meinung ist, daß die Geschlechts-Stereotype, denen Mann und Frau noch unterliegen, überlebt sind und genau so mies, wie die gesamte Klassengesellschaft, deren Erzeugnis sie sind; und daß sie also aus historischen Gründen heute und hier sinnlos geworden, nutzlos nicht nur sondern direkt hinderlich sind. Da sie sich aber nicht von selber auflösen, muß man den Vorgang unterstützen.«10

Zur Genese der Anthologie Den von Auer erwünschten »uneingeschränkten Austausch menschlicher Wesenskräfte« realisierte Anderson schon allein durch die Tatsache, dass sie männliche und weibliche Autoren um Beiträge bat. Doch gerade das Bestehen auf der Beteiligung männlicher Autoren verursachte der Herausgeberin einige Schwierigkeiten. Als Anderson 1970, angeregt durch die Diskussion von Peter Hacks’ Theaterstück »Omphale«, den Entschluss fasste, die Anthologie herauszugeben, wollte sie Paul Wiens, Eduard Claudius, Franz Fühmann, Jurek Becker, Hermann Kant und Stefan Heym daran beteiligen. Daneben sollte eine gleiche Anzahl von Autorinnen stehen, um eine Vielfalt von namhaften Autor/-innen und damit auch zahlreiche Va-

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riationen des Geschlechtertauschmotivs zu erreichen. Doch lediglich Paul Wiens und Stefan Heym waren sofort bereit, einen Text zu schreiben, wenngleich es beide nicht in die endgültige Fassung der Anthologie schafften. Die Reaktionen von Wiens und Heym schilderte Anderson in ihrem Beitrag gegenüber amerikanischen Germanist/-innen auf dem New Hampshire Symposium on the German Democratic Republic 1983: »›Oh, I’ve always wanted to be a woman!‹ cried Paul Wiens. He was a poet and sensitive translator of poetry. But when the deadline came he hadn’t got past paragraph one. […] Stefan Heym said yes with alacrity and was the first to complete his story, if not deliver it. Instead he sent it to Playboy, on the grounds that such a book would never come out in the GDR anyway.« (Anderson 1984: 6)

Franz Fühmann hingegen war entsetzt über Andersons Vorschlag, eine Erzählung über die Umwandlung eines Mannes in eine Frau zu schreiben: »›Aber das ist ja der reine Kafka! Nein, sogar schlimmer noch denn als Mistkäfer aufzuwachen!‹«11 Ähnlich fiel Hermann Kants Antwort aus. In ihrem Exposé fasste Anderson die Reaktionen folgendermaßen zusammen: »die meisten Frauen, denen ich das vorschlug, [riefen] gleich begeistert: ›O ja!‹ Die meisten Männer dagegen fingen auf die Zumutung hin zu lachen an, wurden still oder waren offenbar entsetzt.«12 Nach einer Absage des Aufbau-Verlages bot Anderson im November 1970 das Projekt dem Leiter des Rostocker Hinstorff Verlages Konrad Reich an. Obwohl Reich sich anfangs ohne Einschränkungen sehr begeistert von der Idee der Anthologie zeigte, schlug er kurze Zeit später Anderson vor, ein reines Frauenbuch, das heißt, eine Anthologie ohne Texte männlicher Autoren herauszubringen. Ich vermute, dass dieser Sinneswandel durch die im Exposé beschriebenen ablehnenden Haltungen einiger männlicher Autoren, darunter eben auch Hinstorffs Hausautor Franz Fühmann, ausgelöst worden war. Da Anderson jedoch die Vorteile einer solchen Reduktion nicht überzeugend dargelegt werden konnten, einigte man sich auf die ursprünglich vorgesehene Fassung der Anthologie mit Texten von Männern und Frauen. Sarah Kirsch, Irmtraud Morgner, Christa Wolf, Renate Holland-Moritz, Edith Anderson und Annemarie Auer wurden vom Verlag als Beiträgerinnen akzeptiert. Zu diesem Zeitpunkt fehlten nur noch Texte von Männern und der Verlag und die Herausgeberin beschlossen gemeinsam, Lothar Kusche und Rolf Schneider um einen Beitrag zu bitten. Damit war die Diskussion um die Beiträge von Männern in dem Band jedoch keineswegs abgeschlossen. Im Januar 1971 teilte der Verlag Anderson mit, dass es Probleme mit dem Buch gäbe. Zum einen sei das Papierkontingent gekürzt worden, zum anderen wäre ein Teil der Verlagsleitung der Ansicht, dass die Anthologie nur Erzählungen von Frauen enthalten sollte, da es ein Buch über die Emanzipation der Frauen sei. Anderson hielt in ihren Aufzeichnungen fest: »I pointed out that the emancipation of women was not a one-sided thing but was necessarily related to the emancipation of men. Also the fact that the male writers

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were so interested in the project indicated that male interest in such a book does exist.«13 Die Verhandlungen mit dem Verlag blieben für Anderson schwierig, da die ablehnende Haltung gegenüber Beiträgen von Männern nie nachvollziehbar begründet wurde. Anderson suchte das Gespräch mit dem Cheflektor Kurt Batt, der als Hauptquelle dieser Einwände galt, doch Batt verweigerte die Auseinandersetzung mit Anderson. Im Briefwechsel zwischen Verlag und Herausgeberin (der auf Andersons Initiative im Frühjahr 1971 auch in Kopie an den Schriftstellerverband, den Kulturminister und die Hauptverwaltung Verlage ging) bezog sich Konrad Reich noch einmal auf die im Exposé geschilderte Reaktion eines Schriftstellers, der meinte, es sei noch schlimmer, als Frau aufzuwachen als in Gestalt von Kafkas Insekt: »Der von Ihnen erwähnte Schriftsteller, wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, daß es sich um Franz Fühmann handelt, hat genau die zwischen uns noch nicht geklärte Frage umschrieben; genau das ist unser Problem, über das wir mehrmals diskutierten. Nicht, weil der Cheflektor unseres Hauses die Richtung dieser Textsammlung nicht erkennt oder erkennen will, sondern weil eine uns vorliegende literarische Umsetzung Ihrer Grundidee unsere zu treffende Entscheidung erleichtern helfen würde.«14

Eine genauere Erklärung oder Definition des Problems hätte wohl eine Analyse der patriarchalischen Strukturen erfordert und da sich Reich dieser verweigerte, bleibt seine ganze Argumentationslinie unlogisch. Er gab vor, in Sorge um die literarische Umsetzung zu sein, aber diese Sorge bezog sich lediglich auf die Darstellung der Umwandlung eines Mannes in eine Frau, während er keine Zweifel an der Darstellbarkeit der umgekehrten Verwandlung hegte. Darüber hinaus versteckte sich Reich hinter Fühmann, aber gerade dessen Verweis auf Kafka zeigt, dass die literarische Umsetzung einer Verwandlung sehr wohl möglich war. Es scheint, als sei Reich prinzipiell für die Anthologie in Andersons Sinne gewesen, konnte aber die Meinung seines Cheflektors nicht übergehen, der offenbar Frauen für so minderwertig hielt, dass es keinem Mann zuzumuten war, sich eine Verwandlung in eine Frau auch nur vorzustellen. Daher war Reichs Bitte, den Text eines Mannes vorab einzureichen, möglicherweise nur ein Mittel, um die Meinung des Cheflektors Batt zu ändern.15 Nach Rücksprache mit den Beiträger/-innen lehnte Anderson diesen Wunsch ab, da die Anthologie gerade verschiedenste Perspektiven aufzuzeigen sollte und eine einzelne Erzählung nicht repräsentativ für das gesamte Projekt sein konnte. Schließlich gelang es Anderson doch, Kurt Batt in einem Gespräch von der ursprünglichen Konzeption der Anthologie zu überzeugen, so dass im Dezember 1971 ein schriftlicher Vertrag zwischen Edith Anderson und dem Hinstorff Verlag geschlossen werden konnte. Der Verlag verpflichtete sich darin, die Anthologie mit dem Titel ›Geschlechtertausch‹ 1973 herauszubringen, tatsächlich erschien sie erst im Februar 1975 unter dem vom Verlag geänderten Titel.

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An dieser Stelle sei angemerkt, dass Hinstorff mit der Veröffentlichung neuerer DDR-Literatur, so etwa Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. (1973), durchaus ein Verlag war, der es verstand, auch für ungewöhnliche Bücher eine Druckgenehmigung einzuholen. Franz Fühmann beschrieb 1981 in seiner Festrede zum 150. Jubiläum des Hinstorff Verlages die außergewöhnliche Qualität des Verlages in seiner Funktion als Vermittler. Als staatlich eingesetzte Leitung des Verlages hätten ihm Konrad Reich und Kurt Batt stets die Gewissheit gegeben, »in ihrem Denken und Handeln nicht nur die Interessen der Staatsmacht gegenüber dem Autor, sondern in gebührendem Maße auch die Interessen des Autors gegenüber der Staatsmacht zu vertreten, also nicht nur Willensvollzieher eines Oben, sondern auch Sachverwalter eines Unten zu sein.« (Fühmann 1981: 1333)

Der Verlag habe laut Fühmann einen »entschlossenen Willen zum Produktiven« (ebd.) und den stellte Hinstorff auch mit Andersons Anthologie unter Beweis. Doch viele Maßnahmen, die der Verlag in diesem Sinne auch aus Vorsicht ergriff, konnte Anderson nur schwer nachvollziehen. Dazu zählte die Änderung des Titels ›Geschlechtertausch‹, der, wie mir Konrad Reich erklärte, zur damaligen Zeit leicht mit Transvestismus oder Homosexualität assoziiert wurde und in diesem Sinne der Anthologie nicht entsprach. Überhaupt schien nach Einschätzung des Verlages mit Sicht auf das Druckgenehmigungsverfahren die Sexualität der heikle Punkt der Anthologie gewesen zu sein. In Vorwegnahme der Prüderie der Gutachter (oder vielleicht doch der eigenen folgend) versuchte der Verlag wiederholt, sexuelle Komponenten der GeschlechtertauschErzählungen einzuschränken. So begründete die mit dem Projekt betraute Verlagslektorin Cinna Gehrke zunächst den Ausschluss von Andersons eigener Erzählung aus der Anthologie: »Insgesamt ergibt der Text keine verständliche und überschaubare Geschichte, das ganze Anliegen reduziert sich auf zum Teil unzweideutige Sexualbeziehungen (Bett) und Illusionen über ein nicht näher definiertes Verstehen im geistigen Bereich.«16 Gleichsam versuchte Reich mögliche Einwände wegen ›pornografischer‹ Darstellungen oder Assoziationen mit Homosexualität in einer Zusammenfassung für die Gutachter von vornherein auszuräumen: »In keiner Weise soll dieses erzählerische Experiment über einen vorgespielten Rollentausch die sexuelle Komponente der Gleichberechtigung beschreiben. Dies weder im Sinne spätbürgerlicher Theorien von der biologischen Manipulierbarkeit des Menschen, noch als Verteidigung irgendwelcher Ansichten über Homosexualität. Es geht in diesen Geschichten um ein Phantasiespiel, in dem die sozialen Aspekte des Geschlechterverhaltens untersucht werden sollen, zwangsläufig können dabei Intimbeziehungen nicht ganz ausgeklammert werden.«17

›Ausklammerungen‹ hatte der Verlag ohnehin schon vorgenommen, als er entschied, welche Erzählungen in dem Band enthalten sein würden und welche nicht. Wie Anderson 1983 in ihrem Beitrag auf dem New Hampshire Symposium berich-

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tete, war es nicht ganz leicht, Autorinnen zu finden, die einen Text für die Anthologie schreiben konnten. Christa Wolfs Skepsis gegenüber dem Projekt hat Anderson wohl sehr enttäuscht, jedenfalls gab sie Wolfs Stellungnahme mehrfach, so etwa bei den amerikanischen Wolf-Verehrer/-innen während des Symposium 1983, wieder: »When Christa sent me her characteristically melancholy story it was accompanied by a note that said, ›By the way, I scarcely believe anything will come of your anthology.‹« (Anderson 1984: 7) Ebenso berichtete Anderson, dass Stefan Heym sich ganz ähnlich geäußert hätte. Diese für die Herausgeberin sicher nicht ermutigenden Zweifel unterstreichen die Radikalität, die dem Projekt Anfang der 1970er Jahre zugemessen wurde. Zu radikal erschien Hinstorff dann auch der Beitrag von Irmtraud Morgner für den Band, der »einen fröhlichen Sieg über Würde und Macht des Phallus« (Kaufmann 1991: 111) beschreibt. Aus der Aktennotiz des Verlages über ein Gespräch der Lektorin mit Irmtraud Morgner geht hervor, welche Tabubrüche der Autorin mit ihrer Erzählung »Die gute Botschaft der Valeska« vorgeworfen wurden.18 So etwa kritisierte der Verlag Morgners detaillierte Schilderung der veränderten Physis und deren Bezeichnung als »üblen Scherz« (Morgner 1980: 37): »Valeska fiel in unmäßiges Gelächter. Angesichts des Gewächses, worauf Legionen von Mythen und Machttheorien gründeten. Beweisstück für Auserwähltsein, Schlüssel für privilegiertes Leben, Herrschaftszepter: etwas Fleisch mit runzeliger, bestenfalls blutgeblähter Haut. Valeska fehlte die entsprechende Rollenerziehung für den ernsten, selbstbewundernden Blick in die Mitte: das Vorurteil.« (Ebd.: 38)

Morgner war weder bereit, ihr ›Penislachen‹ zu verändern, noch die Erprobung der Apparatur mit Freundin Shenja anderswo als in Moskau anzusiedeln und wurde daher 1973 vom Hinstorff Verlag aus der Anthologie ausgeschlossen. Daraufhin fügte Morgner »Die gute Botschaft der Valeska« in ihren Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura ein und so erschien die von Hinstorff abgelehnte Fassung als Teil des Romans 1974 im Aufbau-Verlag. Aufgrund der fünf Jahre, die es dauerte, bis die Anthologie schließlich erschien, der Kritik an ihrer Erzählung und der reduzierten Einflussnahme, die Hinstorff Anderson als Herausgeberin zubilligte, wurde Anderson ab Herbst 1973 zunehmend unzufriedener. Ihre rückblickenden Darstellungen der Entwicklung des Projektes und der Zusammenarbeit mit dem Verlag sind von dieser Enttäuschung getragen, decken sich aber nur zum Teil mit der Korrespondenz zwischen Herausgeberin und Verlag aus jener Zeit. Wenn Anderson im Nachhinein dem Verlag vorwirft, die Erzählungen von verschiedenen Autor/-innen und eben vor allem die von Morgner ohne Rücksprache mit der Herausgeberin abgelehnt zu haben, belegt die damalige Korrespondenz kaum den Kampfgeist, den sich Anderson später in ihrer Darstellung des Geschehens19 vor amerikanischen Germanistinnen zuschrieb. So schrieb Anderson im Februar 1973 an die Lektorin Gehrke:

192 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Was Irmtraud Morgner betrifft, hoffe ich, daß Sie jede weitere Diskussion mit ihr übernehmen. Ich war schon mit ihrer ersten Fassung – wenn nicht völlig zufrieden, so wenigstens geneigt, sie gelten zu lassen. Jetzt hat sie doch Änderungen gemacht. Wenn jemand sie bewegen kann, weitere Änderungen zu machen, kann ich nur Glück wünschen; ich kann sie bestimmt nicht dazu bewegen.«20

In gewissem Sinn hat Anderson an dieser Stelle die Verantwortung für Morgners Erzählung dem Verlag überlassen, ohne ihren eigenen Standpunkt deutlich zu machen. Ebenso ist ihr Vorwurf des Vertragsbruchs wegen Vorabveröffentlichungen nicht ganz so eindeutig, wie sie oder in diesem Fall Annemarie Auer ihn in einem Brief an Reich formulierte: »Das Buch wurde durch die eingeschlagene Taktik: die mehrjährige Verschleppung der Erscheinungstermine und die anderweitige Vergabe der seiner Originalbeiträge, um einen Großteil seiner Originalität, Aktualität und Spannung gebracht. Die Rezeptionsbedingungen für das ungewöhnliche Buch wurden, statt vorbereitet, vernichtet. Der Verlag selbst hat seine eigene Publikation eingreifend geschädigt! Das ist wirklich ein einzigartiger Fall.«21

Zur verzögerten Erscheinung sei relativierend angemerkt, dass nicht alle Beiträge für das Manuskript wie vereinbart im April 1972 vorlagen und die notwendigen Überarbeitungen von Andersons und Auers Texten das Hinausschieben der Drucklegung verursachten.22 Mit der Genehmigung von Vorabveröffentlichungen – Sarah Kirschs Erzählung »Blitz aus heiterm Himmel« erschien vorab in ihrem Prosaband (Kirsch 1973), Günter de Bruyns »Geschlechtertausch« in Sinn und Form 25 (1973) 2, Christa Wolfs »Selbstversuch« ebenso in dieser Ausgabe von Sinn und Form sowie 1974 in Unter den Linden – ging der Verlag tatsächlich sehr großzügig um und beeinträchtigte auf diese Weise die Originalität der Anthologie. Andererseits hatte Andersons selbst Anfragen von Beiträger/-innen bezüglich weiterer Veröffentlichungen zur Entscheidung an den Verlag weitergeleitet, ohne ihren Standpunkt zu verdeutlichen. In einem von der Zensur regulierten Literaturbetrieb wie in der DDR diente eine Vorabveröffentlichung in Sinn und Form auch als Test der Reaktionen der Leserschaft. Die bereits ohne Probleme erschienenen Erzählungen zum Geschlechtertausch legitimierten das Erscheinen der ganzen Anthologie, die Hinstorff mit so viel Sorge betrachtete. Der schleppende Fortgang der Veröffentlichung ab 1973 war sicher ebenso der Tatsache geschuldet, dass Anderson selbst mit ihrem Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts in die Kritik geraten war und auf höchster Ebene diskutiert wurde. Dennoch genehmigte der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke im November 1973 den Druck der Anthologie und erklärte: »Ausgehend von den Positionen humanistischer und sozialistischer Partnerbeziehungen, werden mittels eines Rollenspieles, z.T. in phantastischer oder grotesker Form, Bezie-

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hungen zwischen den Geschlechtern dargestellt, die Erkenntnisse über bereits vollzogene Veränderungen in der Stellung der Frau, aber auch noch zu Leistendes verdeutlichen.«23

Die Stellungnahme des Ministers spiegelt noch einmal eindrücklich den Umgang mit der Geschlechterfrage in der DDR wider. Während Anderson, Wolf und Morgner sich für eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse, das heißt für eine Zusammenarbeit von Männern und Frauen für die Emanzipation des Menschen aussprachen, reduziert Höpcke die Problematik auf die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Damit demonstriert Höpcke nicht nur das Ausüben seiner Definitionsmacht, sondern er stellt indirekt die Männer als den aktiven Teil der Gesellschaft dar und schließt eine Veränderung ihres Rollenverhaltens aus. Zur literarischen Umsetzung merkte Höpcke an: »Die einzelnen Autoren haben das Thema sowohl konzeptionell als auch ideologisch und künstlerisch sehr unterschiedlich bewältigt. Eine besonders kritische Einschätzung gab es zu dem Beitrag von Edith Anderson.«24 Ergänzend fügte der Minister hinzu, dass Anderson die Textpassagen gemeinsam mit dem Verlag entsprechend dem Gutachten von Renate Drenkow überarbeitet hätte. Es scheint merkwürdig, dass Höpcke gerade Andersons Erzählung herausstellt und die Bedeutung seiner Anmerkungen lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. Sie können als Hinweis auf die geringe literarische Qualität von Andersons Text verstanden werden. Möglicherweise gab der Minister nur die Stellungnahme Konrad Reichs in seinem Anschreiben für die Gutachter weiter, dass Andersons Erzählung »trotz der Bemühungen des Verlags erzählerisch nicht die Höhe der anderen Geschichten erreicht«25 hätte.26 Bedenkt man jedoch den historischen Kontext von Höpckes Druckgenehmigung, so kann gerade der ausdrückliche Hinweis auf Andersons literarische Qualität als Unterstützung des Projektes interpretiert werden. Immerhin ging Höpckes Schreiben an die Kulturabteilung des ZKs der SED, die sich gerade 1973 mehrfach mit Anderson und ihrem Amerika-Buch auseinandersetzen musste. Es liefen Gespräche mit der CPUSA und die zweite Auflage des Beobachters war erst einmal aufgeschoben. Unter diesen Umständen eine von Edith Anderson herausgegebene Anthologie zu befürworten, konnte leicht Widerspruch erwecken. Höpcke verschweigt das mögliche Problem nicht, sondern geht es offensiv an. Er nimmt den Widerspruch vorweg, indem er auf die bereits erfolgte »besonders kritische Einschätzung« von Andersons Beitrag verweist. Insofern signalisiert Höpcke mit seinem Satz zu Anderson, dass ihm bewusst ist, dass Anderson mit Vorsicht betrachtet werden muss, ihr Text aber bereits kritisch geprüft und genehmigt wurde und daher keine weiteren Prüfungen durch das ZK notwendig seien. Trotz Höpckes Druckgenehmigung zog sich die Herausgabe der Anthologie weiter hin. Aber ebenso wie im Fall ihres Amerika-Buches Der Beobachter sieht nichts erhielt Anderson Unterstützung durch den Schriftstellerverband, der Hinstorff mit einem Verfahren wegen Vertragsbruchs drohte. Schließlich erschien die

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Anthologie Blitz aus heiterm Himmel im Frühjahr 1975 mit den Erzählungen »Geschlechtertausch« von Günter de Bruyn, »Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll« von Christa Wolf, »Das Rübenfest« von Gotthold Gloger, »Dein für immer oder nie« von Edith Anderson, »Meditation« von Rolf Schneider, »Blitz aus heiterm Himmel« von Sarah Kirsch, »Quedlingburg« von Karl-Heinz Jakobs und dem Essay »Mythen und Möglichkeiten« von Annemarie Auer. Leben in Netzen. Edith Andersons Beitrag zur Anthologie Die Erzählung »Dein für immer oder nie« (Anderson 1975) schildert die Erfahrungen der Professorenwitwe Alyda, die nach dem Tod ihres Mannes vor allem durch das Schreiben wieder zu sich findet. Ihre Selbstwahrnehmung als unabhängiger Mensch gerät durch eine längere Affäre mit dem jüngeren Lehrer Florian ins Wanken. Florian ist mit Ruth verheiratet, die wegen der Kinder ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben hat. Doch durch die Bekanntschaft mit Alyda fühlt sie sich ermutigt, andere Lebensvorstellungen für sich zu entwickeln und zu verwirklichen. Sie wird wieder berufstätig und lebt später mit ihrem Kollegen Horst zusammen, für den Hausarbeit und Kinderbetreuung eine Selbstverständlichkeit sind. Während Ruth sich also emanzipiert, scheitert die Beziehung von Alyda und Florian an den Projektionen und Identifikationen der Liebenden. Schließlich wird Alyda scheinbar aufgrund ihres hohen Identifikationsgrades mit Florian selbst zum Mann. In dieser Gestalt versucht Alyda, ihre schöne Freundin Ottilie für die Verwirklichung einer gleichberechtigten Partnerschaft zu gewinnen. Ottilie aber ist von ihrem älteren Liebhaber Gernot besessen, ein erfolgreicher Mann, der es neben seiner Ehe zu Haus und Yacht, Auszeichnungen und Dienstreisen nach Ägypten und Ceylon gebracht hat. Am Ende der Erzählung stellt Alyda fest, dass sich mit der Geschlechtsumwandlung auch ihre Freundschaft mit Ottilie verändert hat und bang fragt sie nach ihrer Zukunft, jetzt wo die alten Rollen nicht mehr funktionieren. Die achtunddreißigseitige Erzählung enthält viele autobiografische Züge Andersons, die manchmal im DDR-Setting der Erzählung ungewöhnlich erscheinen, etwa die Beschreibungen von Ruth: »Ruth war nicht Jüdin, gleichwohl erinnerte sie mich an die braven altmodischen jüdischen Matronen, die aus den Gettos des zaristischen Russlands kamen und auf dem fromm geschorenen Kopf Perücken aus Haar von oft dürftiger Qualität trugen.« (Dfion: 136) Gerade dieses Zitat, welches zunächst wie eine dissonante Verknüpfung von der Erzählung mit biografischen Momenten der Autorin anmutet, bietet einen interessanten Einstieg in die Analyse der Erzählung. Meines Erachtens gibt sich die Erzählerin hier als Nichtdeutsche oder auch als Jüdin zu erkennen, denn die Schuld, die Deutsche mit der Ermordung von Millionen Juden auf sich gezogen hatten, verbot den meisten ein solches Plaudern über die Qualität jüdischer Perücken. Genauere

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Angaben zur Herkunft der Erzählerin mit dem merkwürdigen Namen Alyda erhalten die Leser/-innen nicht und damit tragen die zitierten Zeilen zu dem Eindruck bei, dass es sich hier um eine unglaubwürdige Erzählerin handelt. Dieser Eindruck wird durch zahlreiche Kommentare der Erzählerin verstärkt. So erklärt die etwa fünfundvierzigjährige Erzählerin: »Die Kräfte meiner Jugend hatte ich damit verbraucht, mein wirkliches Ich zuzuschütten, die Kräfte meiner reifen Jahre damit, wieder auszugraben, was davon noch erkennbar war. Ich war gerade erst dabei, ein Mensch zu werden. Etwas anderes zu werden, hatte ich keine Zeit mehr gehabt.« (Dfion: 129)

Die Erzählerin gibt damit bereits auf der ersten Seite ihre Unausgereiftheit zu erkennen. Ihre daran anschließende Frage, wie sie nach ihrer Geschlechtsumwandlung mit Männern wetteifern könnte, »die allezeit Männer gewesen waren, mit Physikern, Ingenieuren, Direktoren, Generälen« (Dfion: 129), verweist auf ihre bürgerlich geprägte Wahrnehmung der Realität. Sie ist die Witwe eines berühmten Wissenschaftlers, die sich ständig unter- oder überschätzt: »Ich verlor immerzu Fäden, schien es. Das Geschick hatte mich, mit meinem Mann angefangen, in die Gesellschaft einer Reihe von Männern gebracht, deren Gesprächen ich mangels Ausbildung nicht folgen konnte.« (Dfion: 135) Welche Rolle sie selbst in diesem »Geschick« spielte, erklärt Alyda nicht. Ebenso unterschätzt sie die Rolle, die sie in ihrer Ehe spielte, und stellt sich als Hausfrau, als »Dienstmagd« dar, die ihre »besten Jahre mit Schlangestehen, Schleppen, Feuermachen, Scheuern vergeudete[t]« (Dfion: 137) habe. Dies mag man glauben, gleichzeitig erfährt man jedoch, dass es sich hier um einen Villenhaushalt (vielleicht auch mit Personal) handelte und Alyda schon während ihrer Ehe teilweise schriftstellerisch tätig war. Die Aussagen der Erzählerin sind also eher mit Vorsicht zu betrachten, so etwa auch, wenn sie durch ihr anfängliches Verhältnis mit Florian zu der Aussage kommt: »Ich wusste, was Liebe war: Liebe war, was Florian so augenfällig für mich empfand und was ich für ihn empfand.« (Dfion: 130) Während sich die Erzählerin hier so sicher in Sachen Liebe ist, heißt es an anderer Stelle, dass sie und Florian ihre Affäre nicht voraussehen konnten: »Wir waren alle beide Anfänger, er, weil er jung in das Haus der Ehe eingezogen war und niemals den Kopf aus dem Fenster gesteckt hatte, ich, weil ich, wie Ruth, so viele Jahre dahinvegetiert hatte, daß ich um ein halbes Menschenalter im Rückstand war.« (Dfion: 141) Wenn Alyda wiederum Florian als »Liebhaber von solcher Originalität« (Dfion: 148) beschreibt, dann scheint sie einen Referenzrahmen zu haben, der ihren Rückstand von einem »halben Menschenalter« in Frage stellt. Unglaubwürdig wirkt Alyda nicht nur in der Einschätzung ihrer selbst, sondern auch anderer. So etwa meint sie: »So unähnlich Ruth und Florian einander auch waren, fünfzehn Jahre Ehe hatten sie sichtlich aufeinandergepfropft. Nachdem ich sie einmal als Paar gesehen hatte, konnte ich sie mir nicht mehr getrennt vorstellen.«

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(Dfion: 137) Aber genau das, was sich Alyda nicht vorstellen konnte, geschieht und belegt wiederum die Unzuverlässigkeit der Aussagen der Erzählerin. Letztendlich ist es genau diese Unzuverlässigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht. Die Erzählerin kann keine zuverlässigen und auf Dauer zutreffenden Aussagen machen, weil sie sich selbst, ebenso wie alle anderen Protagonisten der Erzählung, in ständiger Veränderung befindet. In Abhängigkeit von ihrer Stellung in einem Beziehungsgeflecht nehmen sich Florian und Alyda selbst wahr und Veränderungen in der Selbstwahrnehmung wirken sich wiederum in der Beurteilung der anderen aus. Dies erscheint dann in der Erzählung als Bruch. So etwa wird die zunächst als ausgesprochen reizlos empfundene Ruth, deren Haar Alyda mit den Federn eines mausernden Vogels vergleicht, »bestürzend attraktiv« (Dfion: 155), ihr Haar »geschmeidig und blauschwarz« (Dfion: 155). Ob sich nun tatsächlich Ruth selbst oder lediglich Alydas Wahrnehmung derselben so verändert hat, bleibt offen. Ruth meint, Alydas Lebensweise hätte sie inspiriert, während Alyda Ruth sicher nicht unbeeinflusst von Florians Sorge um seine Ehe wahrnimmt. »›Ich habe Ruth jahrelang nicht wirklich gesehen‹, bekannte er. ›Du möchtest sie wieder, nicht wahr?‹ ›Natürlich!‹ rief er, und nie hatten seine Augen so jungenhaft und rund ausgesehen. ›Sie ist die Mutter meiner Kinder!‹« (Dfion: 157)

So wird offensichtlich: In dem Moment, in dem Ruth sich abwendet, zeigt sie eine andere Seite von sich und erhöht damit ihren Reiz für Florian, aber auch für Alyda. So spiegelt Alydas und Florians Wahrnehmung von Ruth recht genau, wie alles in Bewegung ist, sich gegenseitig bedingt und beeinflusst. Menschen und ihre Wahrnehmung von anderen und sich selbst ändern sich, aber niemals findet dieser Prozess außerhalb von Beziehungsnetzen statt. Wiederholt benutzt die Erzählerin das Bild eines Netzes. Ihrer Ansicht nach prägte die Ehe mit dem anerkannten Wissenschaftler die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und nun, nachdem sie als Witwe gelernt hat, »aufrecht zu stehen, ohne [s]ich anzulehnen« (Dfion: 144), vergleicht sie diesen Prozess mit der Befreiung aus einem Netz. Das Netz symbolisiert hier die Beschränkungen, denen sich die Erzählerin durch das Befolgen von Moralvorstellungen und geschlechtertypischen Rollenverhalten unterzog: »Befreit aus dem Netz, in dem Ruth noch zappelte, war ich endlich bereit für die unerschrockene Liebe, die Institutionen und Kriegslisten verschmäht, für Liebe, die Freundschaft ist; und das Ergebnis war paradox. In meinem Stolz, ein ganzer Mensch zu sein, hatte ich den letzten Rest der sklavischen Vorsicht abgestreift […] nur um mich in ein neues Netz verstrickt zu finden, das mir mit seinen daunenweichen Schlingen völlig den Willen lähmte.« (Dfion: 145)

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Zwischen alten und neuen Abhängigkeiten meint die Erzählerin einen Zustand der Freiheit und Unabhängigkeit erreicht zu haben, der ihr gestattet, sich selbst und ihre Vorstellungen von Beziehungen unabhängig von gesellschaftlichen Normen zu realisieren. Doch dieser Zustand – scheinbar außerhalb der Netze – hält nicht lange an, denn in der Interaktion mit anderen, etwa Florian, findet sich Alyda nicht nur in neuen Netzen wieder, sondern schafft sie selbst, wie sie rückblickend, über den Grund ihrer Geschlechtsverwandlung nachsinnend, feststellt: »Mein Vergehen war im Sündenkatalog ungebräuchlich, doch ich fand es ohne Schwierigkeiten. Es umringte mich, war aus mir und meiner Zeit hervorgewachsen wie das Netz aus einer Spinne, und jetzt hing ich selbst in seinen Fäden gefangen.« (Dfion: 130) Die Erzählerin benutzt das Bild des Netzes, um einen Zustand der Gefangenschaft und Beschränkung auszudrücken, der ihrem Ideal des freien Lebens entgegensteht. Alyda scheint nicht zu verstehen, dass ein Leben außerhalb der Netze, die sich durch Beziehungen mit anderen Menschen und das Teilen von gewissen Wertund Verhaltensregeln ergeben, ein Leben außerhalb der Gesellschaft ein Leben im Vakuum wäre, denn nicht zuletzt sind es gerade die Normen, Grenzen und Beziehungen, über die sich ein Mensch definieren kann. Normen und Grenzen sind notwendig, auch damit sie überschritten werden können, und so sind Beziehungen, wie etwa die zwischen den Geschlechtern, keine starren Gefüge, die allein zur Beschränkung dienen. Gerade in diesem Sinne funktioniert Andersons Bild des Netzes ausgezeichnet. Ähnlich wie Beziehungen und kulturelle Normen bieten Netze nicht ausschließlich Gefangenschaft, sondern auch Halt, vielleicht sogar Sicherheit und vor allem einen hohen Grad an Flexibilität. Diese Flexibilität, diese Fähigkeit zur Bewegung und Veränderung, drückt sich in der Erzählung durch die Entwicklung der Protagonist/-innen und deren veränderte Wahrnehmung und in besonderer Weise durch die Unzuverlässigkeit, die Flexibilität der Erzählerin aus. Die Flexibilität von Normen und Grenzen erkundet die Erzählung in erster Linie auf dem Gebiet der Geschlechterbeziehungen. Einerseits scheint es keinen geschlechtsbezogenen Unterschied zwischen den Sehnsüchten, Wünschen und Unvollkommenheiten der Menschen zu geben, andererseits zeigt die Erzählung, dass das Geschlecht eines Menschen von großer Bedeutung für die Qualität der Beziehung sein kann. Dies thematisiert die Erzählung eindrücklich durch den Geschlechtswandel Alydas. Florian und Alyda gelingt es nicht, die Bilder, die sie voneinander hatten, mit der Realität zu vereinen. Anstatt sich ihre Identität zu bewahren und mit den Stärken und Schwächen des anderen abzufinden, erklären sie sich abwechselnd für bedeutungslos. »Ich jedoch, der in Florians Illusion jemand war, verkündete nun fröhlich, selber eine Null zu sein, und gab damit zu verstehen, daß unsere Gleichheit die der Bedeutungslosigkeit war!« (Dfion: 154) Mit Ruths Rückkehr in den Schuldienst gerät Florians Position ins Wanken und seine Selbstzweifel verstärken sich:

198 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Sobald er aufwachte, wärmte er die alten Geschichten wieder auf. ›Wer bin ich?‹ murmelte er, aber meine Versuche, sein Selbstbewußtsein wiederherzustellen, machten ihn jetzt nur noch schmerzlich lächeln wie ein krankes Kind. Einmal brüllte er: ›Nie habe ich in das Bild gepaßt, das du dir von mir machst!‹« (Dfion: 157)

Die Beziehung zerbricht an der kindlichen Sehnsucht beider Partner, die eigene Bedeutung durch den anderen zu erfahren. Alydas Identifikation mit dem leidenden Florian führt schließlich bis zur Annahme seines Geschlechtes: »Und in dem Spiegel, in den Florian noch vor kurzem nervöse Blicke geworfen hatte, sah ich ein Gesicht, das dem seinen im Ausdruck so ähnlich war, daß es mir einen Ruck gab: ein Gesicht, das seinen Körper verloren hatte, ganz spitz und verquält und mit Bartstoppeln bedeckt.« (Dfion: 159)

In ihrer Bestürzung über diese Verwandlung besinnt sich Alyda auch in dieser Situation nicht auf sich selbst, sondern sucht, nachdem sie Florian bei seiner neuen Freundin gesehen hat, Trost und Zuneigung bei Ottilie, von der es heißt: »[S]ie war so schön, als erwarte sie einen Sultan; doch sie erwartete nicht einmal Gernot. Ottilie sah immer so aus. Sie war zu gut für sterbliche Männer.« (Dfion: 164) Es wird nicht ganz deutlich, ob Alyda mit ihrem biologischen Geschlecht auch ihr soziales Geschlecht und ihr Denken verändert. Alydas Einschätzung von Ottilie, die sich allein auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf Männer beschränkt, mag der Wahrnehmung eines Mannes entsprechen und trägt doch gleichzeitig starke Züge der weiblichen Alyda, die ihr Leben immer wieder nach Männern ausgerichtet hat. Ottilie hingegen scheint in sich zu ruhen. Montaignes Ideale der Vollkommenheit einer Beziehung durch geistige und körperliche Vereinigung, die einst Florian und Alyda für sich beanspruchten, teilt sie nicht, sondern meint, dass Alyda wie die meisten Männer auf der Suche nach einem Unterschlupf ist: »›Ich bin nicht deine eigentliche Liebe‹, sagte sie, ›und an einer Vernunftehe bin ich nicht interessiert. Sowenig wie du es früher warst. Warum müssen Männer kopflos nach einem Unterschlupf umherjagen? Wie kann es unter solchen Umständen Freundschaft geben?‹« (Dfion: 167)

Obwohl Ottilie mit ihrer Einschätzung Alydas nicht falsch liegt, so ist Ottilies Verallgemeinerung, dass alle Männer »kopflos nach einem Unterschlupf umherjagen«, ein Indiz für die große Bedeutung des Geschlechtes bei der Beurteilung menschlichen Verhaltens. Mit dem Geschlecht ändert sich für Ottilie offenbar auch der Mensch und ihre einstige Freundin scheint ihr nach dem Geschlechtswechsel verloren. »›Ich liebte dich so, wie du warst‹, sagte sie betrübt. ›Du wirst mir fehlen.‹« (Dfion: 164) Dementsprechend stellt Alyda eine Veränderung von Ottilies Verhalten fest: »Sie war nicht mehr uneingeschränkt wahrhaftig mir gegenüber. Sie wog ihre Worte ab, als wäre der Klassenfeind zugegen, oder sie erteilte mir triviale Ratschläge.« (Dfion: 166) So ist auch Ottilie einerseits in den Netzen geschlechtsstere-

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otypen Denkens gefangen, anderseits nimmt sie sich die Freiheit, Spielräume für sich auszuloten und traditionelle Beziehungsmuster auszuweiten. Das Verhältnis mit ihrem Liebhaber gibt ihr genügend Zeit für ihre Arbeit und ihren Sohn. Mit dem Hinweis, dass Gernot bereits seinen Unterschlupf gefunden hätte, deutet Ottilie an, dass Gernot durch seine Familie und wohl auch seine beruflichen Erfolge genügend Zuwendung bekomme, so dass er Ottilie als selbstbewusster Mensch und Liebhaber zur Verfügung stehe. Auf diese Weise entgeht Ottilie den traditionellen Rollenverteilungen in einer Partnerschaft. Es ist die männliche Alyda, die daran erinnert, dass dieser Kompromiss kein Idealzustand ist: »›Laß ihn sich mit seiner Frau trösten! Wie oft hat er dich zum Weinen gebracht. Er ist ein lumpiger Überrest aus der Vergangenheit! Er beutet dich aus! […]‹« (Dfion: 164) Am Ende der Erzählung fragt sich nicht nur Alyda »Wohin gehe ich jetzt?« (Dfion: 167) Auch als Leser/-in ist man von der Hoffnungslosigkeit verstört, denn weder die Beziehung von Florian und Ruth noch die von Alyda und Florian funktionieren, und Ottilies Konzept, dass die Liebe und Freundschaft am besten gedeihen, wenn der Partner schon anderwärtig ›untergeschlüpft‹ (z.B. verheiratet) ist, hat ebenso seine Schattenseiten. Keine der Beziehungen scheint Montaignes Ideal einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau einzulösen, über das zu lesen ist: »›Allerdings … wenn ein solches freiwilliges und zwangloses Bündnis geschlossen werden könnte, bei dem nicht allein die Seelen diesen vollen Genuß fänden, sondern auch die Körper an der Vereinigung teilnähmen – in das also der ganze Mensch einträte – würde die Freundschaft gewiß noch an Fülle und Vollkommenheit gewinnen.‹« (Dfion: 147)

Die Abwesenheit eines solchen vollkommenen Bündnisses von Körper und Seele zweier Menschen könnte als Hinweis verstanden werden, dass es an der Zeit ist, sich vom Traum der vollkommenen Einheit zu verabschieden und die Vielseitigkeit des Menschen und seiner Bedürfnisse zu akzeptieren. Doch auch in dieser Richtung bleibt die Erzählung vage und überlässt es den Leser/-innen, Schlüsse zu ziehen. Insgesamt wirft Andersons »Dein für immer oder nie« viele Fragen zu den Geschlechterverhältnissen auf; eine eindeutige Ursache oder Lösung für die Probleme der Beziehung zwischen Mann und Frau liefert sie nicht. Darin bestand auch zur Zeit des Erscheinens das Besondere der Erzählung, denn ein Scheitern ohne optimistischen Ausblick zu beschreiben war höchst ungewöhnlich für die sozialistische Literatur der frühen 1970er Jahre. Sigrid Damm und Jürgen Engler belegen das in ihrer Rezension der Anthologie mit der Kritik, dass Andersons Erzählung Montaignes Ideal nicht einlöse: »Dem in der Geschichte gesetzten Ideal einer auf geistiger und körperlicher Gemeinschaft und Freundschaft basierenden Liebe (im Rückgriff auf Montaigne) kann man die Zustimmung nicht versagen. Aber dieses Ideal bleibt abstrakt, seine Verwirklichung liegt außerhalb aller in der Geschichte aufgezeigten gesellschaftlichen Möglichkeiten. Die Ar-

200 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON beitssphäre bleibt – etwa im Gegensatz zu den Geschichten von de Bruyn oder Sarah Kirsch – außerhalb der Darstellung.« (Damm/Engler 1975: 57)

Ganz deutlich wird nicht, was Damm und Engler mit diesem letzten Satz meinten, denn gerade der Protagonist in de Bruyns Erzählung erfährt nach seiner Geschlechtsumwandlung sehr eindrucksvoll, welchen Vorurteilen und Diskriminierungen Frauen im Arbeitsbereich ausgesetzt sind. Doch Damm und Engler nennen die Arbeitssphäre im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Möglichkeiten, verstanden also, wie in der DDR üblich, die Berufstätigkeit als ein Feld der individuellen Verwirklichung, der Emanzipation der Frau. Genau diese Denkweise jedoch kritisierte Anderson, wie aus ihrem schon zitierten Tagebucheintrag hervorging: »[T]o pretend that work can compensate a woman for the loss of her sexual personality is absolutely criminal.«27 Andersons Erzählung thematisiert in erster Linie nicht die Arbeitswelt, sondern die privaten Verhältnisse zwischen Männern und Frauen. Sie greift damit eine Problematik auf, welche in den frühen 1970er Jahren in der DDR, als hauptsächlich die gesellschaftliche Stellung der Frau von Bedeutung war, allenfalls in den Werken einiger Autorinnen diskutiert wurde. Dennoch ist die Berufstätigkeit in Andersons Erzählung nicht ohne Bedeutung, auch wenn sie sich nicht im Rahmen der sozialistischen Brigade vollzog und daher möglicherweise Damm und Engler entgangen ist. Nach dem Tod ihres Gatten etwa beginnt Alyda sich wieder intensiver mit dem Schreiben zu beschäftigen. Bald wird sie so davon ergriffen, dass sie nicht mehr vom Zuspruch ihrer Freunde abhängig ist, sondern darum kämpft, so viel Zeit wie möglich mit ihrer kreativen Arbeit verbringen zu können. Ebenso führt Ruths Rückkehr in den Schuldienst zu einem neuen Selbstwertgefühl sowie der Kraft, sich von Florian zu trennen und in Horst einen ihr ebenbürtigen Partner zu finden. Ottilie ist ebenfalls ständig mit ihrer Arbeit beschäftigt, so dass sie häufig ihren Liebhaber gar nicht vermisst. Alle drei Protagonistinnen in Andersons Erzählung erfahren durch ihre Arbeit einen Zuwachs an Unabhängigkeit, aber damit wird die Problematik der Geschlechterbeziehungen nicht gelöst. Mit »Dein für immer oder nie« liefert Anderson keine naive kleine Geschichte, wo Mann und Frau in Liebe und Freundschaft verbunden für das gemeinsame Wohl arbeiten, und dafür erhält sie Kritik von Damm und Engler: »Der deklarativen Behauptung der Ich-Erzählerin von der Unmöglichkeit der Freundschaft zwischen Mann und Frau wird nicht widersprochen. Damit werden die Unterschiede und Spannungen zwischen den Geschlechtern unterderhand wieder zu ewigen und unveränderlichen Antinomien.« (Damm/Engler 1975: 57)

Die Erzählung enttäuscht die Erwartung der Literaturkritiker und sicher auch die einiger Leser/-innen, die sich ein Patentrezept für die vollkommene Beziehung zwischen Mann und Frau oder wenigstens ein optimistisches Ende erhofft haben mochten. Eine solche ideale Beziehung hätte dann auch gut als Folge der in der Verfas-

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sung verankerten Gleichberechtigung und als Bestätigung des Sozialismus interpretiert werden können. Aber all das verweigert die Erzählung. Mit der Wahl einer unzuverlässigen Erzählerin, den Veränderungen der Protagonist/-innen und ihrer Beziehungen sowie dem offenen Ende der Erzählung erhalten die Leser/-innen keine konventionelle systemkonforme Geschichte, sondern werden in das Chaos der Geschlechterbeziehungen geführt und es bleibt ihnen überlassen, Sinn zu stiften. Dabei spielt die Frage nach der Möglichkeit von Freundschaft zwischen Mann und Frau und der Bedeutung des Geschlechtes für die Beurteilung eines Menschen eine zentrale Rolle. Insofern gewinnt auch die in der Erzählung enthaltene Allegorie vom Schwanenmännchen an Bedeutung, das in seinem kraftvollen Anflug auf seine Schwanenfamilie von den Steinen der Menschen verletzt wird, weil sie ihm in Unkenntnis der Lebensart von Schwänen die Zerstörung der Familie unterstellen. Ein eindeutiges Fazit lässt die Erzählung aber auch an dieser Stelle nicht zu. Die Beurteilung eines Lebewesens wie etwa der männlichen Alyda oder des Schwans aufgrund des biologischen Geschlechtes wird kritisiert, dennoch stellt sich aber die Frage, ob die Trennung vom biologischen und sozialen Geschlecht überhaupt möglich ist. Der Schwan sah aus, »als wollte er die verstörte Mutter in voller Wucht mit dem Schnabel treffen und töten.« (Dfion: 143) Damit wird dem Schwan nicht nur aufgrund seines Geschlechtes aggressives Verhalten unterstellt, sondern es scheint, als wäre er tatsächlich aggressiv. Auch Alyda weist nach ihrer Geschlechtsumwandlung Verhaltensweisen auf – wie das Werben um Ottilie, die Vorstellung, ihr materielle Sicherheit bieten zu müssen und mit Gernot in Konkurrenz zu stehen –, die Ottilie aufgrund ihrer Erfahrung mit Männern Vorsicht und Zurückhaltung nahelegen. Als Mann wird Alyda von der Suche nach einer Partnerin bestimmt, bei der sie ein Heim findet und die traditionelle Geschlechterrolle des Mannes übernehmen kann. Doch genauso – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen – hatte Alyda als Frau in ihren Partnerschaften gelebt. So sind beide Geschlechter in Verhaltensmustern gefangen, die sie daran hindern, sich als eigenständige Menschen zu entwickeln. In der Befreiung von diesen Rollen oder zumindest einer Erweiterung der Verhaltensmöglichkeiten innerhalb der durch das biologische Geschlecht gesetzten Grenzen und Netze ist wohl Alydas Ruf nach Emanzipation von Männern und Frauen am besten zu verstehen. Variationen eines Themas. Die anderen Texte der Anthologie Andersons Erzählung »Dein für immer oder nie« liefert interessante Ansätze zur Diskussion der Geschlechterverhältnisse, aber Andersons größeres Verdienst liegt in der Initiative zur Anthologie. Durch ihre Bereitschaft, mit anderen Autor/-innen zu kooperieren, konnte sie eine Vielzahl von Erzählungen versammeln, die die Thematik auf ganz unterschiedliche Weise literarisch umsetzten und deren Kom-

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plexität unterstrichen. Während Karl-Heinz Jakobs in seiner Erzählung vom Matriarchat in »Quedlinburg« berichtet, wo die Ehe und die Liebe abgeschafft wurden, findet in allen anderen Erzählungen tatsächlich ein Geschlechtswechsel statt, bei dem die soziale Rolle manchmal bewahrt, manchmal die des anderen Geschlechtes übernommen oder gänzlich abgelegt wird. In Gotthold Glogers Erzählung »Das Rübenfest« gewinnt ein Feldwirt durch seine Verwandlung Einsichten in den Alltag seiner Frau und der anderen Feldarbeiterinnen, was nach seiner Rückverwandlung jedoch lediglich zu der Überzeugung führt, dass die gesamte Gesellschaft von Frauen unterwandert sei und sie sich immer mehr auch in männlicher Gestalt an die Macht drängen. Ein ähnliches Resümee bezüglich der Machtansprüche von Frauen zieht Rolf Schneider in seiner Erzählung »Meditation«, in der ein Frauenfeind durch seine Verwandlung erkennt, dass Frauen »seit undenklichen Zeiten unterjocht, ausgepowert und um den menschlichsten Teil des menschlichen Daseins betrogen werden« (Schneider 1975: 184), und der schließlich, in eine Bienenkönigin verwandelt, das Leben als uneingeschränkte Herrscherin genießt. Günter de Bruyns »Geschlechtertausch« beschreibt die Erlebnisse eines Mannes in Gestalt einer Frau und verdeutlicht auf diese Weise die Diskriminierung der Frau in der Arbeitswelt, die trotz gesetzlicher Gleichstellung existiert. Die Welt in Gestalt eines Mannes erlebt Christa Wolfs Protagonistin in »Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll«. Die dreiunddreißigjährige Wissenschaftlerin hatte immer alles getan, um so gut wie die Männer zu sein. Um deren Verhalten und speziell das ihres Professors noch besser zu verstehen sowie dessen Anerkennung zu finden, stellt sie sich für den in ihrem Institut erforschten Geschlechtswandel als Versuchsperson zur Verfügung und wird »Anders«. Wie schon der Name andeutet, wird die Vorstellung von der Andersartigkeit der Geschlechter auch in Wolfs Erzählung nicht aufgehoben, sondern durch das Experiment noch betont: »Nie wäre ich, Anders, darauf verfallen, die gleichen Gegenstände mit denselben Wörtern zu benennen, mit denen ich, als Frau, sie einst bezeichnet hatte, wenn mir nur andere Wörter eingefallen wären. Zwar erinnerte ich mich, was ihr ›Stadt‹ war: eine Fülle immer wieder enttäuschter, immer sich erneuernder Hoffnung. Ihm – also mir, Anders: eine Ballung unausschöpfbarer Gelegenheiten. Er – also ich – war betäubt von einer Stadt, die mich lehren wollte, daß es meine Pflicht war, Eroberungen zu machen, während die Frau in mir noch nicht die Technik verlernt hatte, sich zu zeigen und, falls es die Situation so wollte, klein beizugeben.« (Wolf 1975: 65)

Wolfs Protagonistin erkennt, dass sich Männer nicht nur in ihrer Wahrnehmung der Welt und ihrer sozialen Stellung von Frauen unterscheiden, sondern auch in ihrer Unfähigkeit zu lieben. Das Revolutionäre an Wolfs Text, der über lange Strecken traditionelle Rollenklischees vermittelt, besteht im Abbruch des Experiments durch die Protagonistin. Eva Kaufmann schreibt dazu: »Indem sie aus dem Versuch aus-

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steigt, bricht sie mit der Norm, das Maß des Menschlichen vom Manne abzuleiten. Die Frau muß ihr eigenes Maß finden.« (Kaufmann 1991: 110) Der Rückzug auf das eigene Geschlecht endet bei Wolf nicht im für den westlichen Feminismus typischen Separatismus, sondern mit dem Angebot, die defekte Gefühlskultur des Mannes zu überwinden. So beschließt die Protagonistin »Anders« das Experiment ihres Professors mit den Worten: »Jetzt steht uns mein Experiment bevor: Der Versuch, zu lieben.« (Wolf 1975: 82) Die Vorstellung von einer binären Opposition der Geschlechter, wie sie in den meisten Erzählungen des Bandes dargestellt wird, löst Sarah Kirsch in ihrer witzigen Erzählung »Blitz aus heiterm Himmel« fast auf. Die Bielefelder Literaturwissenschaftlerin Maria Kublitz stellt dazu fest: »In Sarah Kirschs Geschichte fragt man sich verwundert, warum sich Katharina überhaupt in einen Mann verwandelt, denn auch vor dem Geschlechterwechsel (und erst recht danach) sind beide Partner miteinander in Einklang.« (Kublitz 1987: 25) Vielleicht ist es Katharinas »der Fröhlichkeit verpflichtetes Naturell« (Kirsch 1975: 189) und die Abwesenheit der Klage über ihre Lebensumstände, die den Geschlechtswechsel, der einfach wie ein »Blitz aus heiterm Himmel« eintrat, unmotiviert erscheinen lässt. Trotz anfänglicher Bestürzung freundet sich die Protagonistin schnell mit dem neuen Zustand an: »Die Hautfarbe erschien dunkler als gewöhnlich, sonst war alles ganz gut geraten, obwohls ihr um das Holz vorm Haus etwas leid war.« (Ebd.: 196) Als Forscherin hat die ehemalige Katharina Spaß am Experimentieren mit ihrer neuen Rolle und Kirsch versteht es ausgezeichnet, die Art der zu Max gewordenen Protagonistin zu vermitteln: »(Ich bin so wiech jetz bin, ich habn orntlichen Beruf, ich beschtell mir ein Auto, ich lerne Schkat, gleich tretich außm De-Eff-De aus.) Er riß alle Fenster auf, schaltete das Fernsehgerät ein und setzte sich breitbeinig davor in den Sessel.« (Ebd.: 198). Die Beziehung zu Albert, dem Fernfahrer, leidet nicht unter Katharinas Verwandlung, im Gegenteil, nun zeigt sich Albert viel solidarischer als in Vorzeiten, als Katharina noch allein das Reinschippen der Kohlen, den Haushalt und die Essenszubereitung versah. »Jetzt, wo ich selbern Kerl bin, jetz kriek ich die Ehmannzipatzjion, dachte Max.« (Ebd.: 204) Max wird Alberts Beifahrer und unterwegs entwerfen sie gemeinsam Pläne für zukünftige Gesellschaften. »Sie waren fröhlich am Entwerfen, so schnell in der Rede und so im Einklang miteinander wie immer, wenn sie beieinander waren.« (Ebd.: 206) Trotz des Witzes, mit dem Kirsch diese Geschichte erzählt, verweist sie auf einen recht bedenklichen Zustand: Wirkliche Emanzipation scheint nur unter Verzicht auf Liebe und Sex und unter Partnern gleichen Geschlechtes möglich. Allen Texten gemeinsam in der Geschlechtertausch-Anthologie ist die Kritik an der noch nicht eingelösten Gleichberechtigung der Frau. Ebenso unterstreicht Annemarie Auer in ihrem Essay »Mythen und Möglichkeiten«, der den Band beschließt, dass die lange Geschichte der Unterdrückung der Frau auch in sozialistischen Gesellschaften weiterwirkt.

204 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Neu aber und nie dagewesen ist der Wille, der sich dagegensetzt, entschlossen, die soziale und existentielle Trennung der Geschlechter zu beheben. Dort Freundschaft setzen, wo ein Kampf war. […] Doch liegt uns solche Bestrebung heute schon so selbstverständlich nah, daß wir Gefahr laufen, den enormen Druck des Herkommens zu unterschätzen und den Wunsch für die Tat zu nehmen.« (Auer 1975: 283)

Auer schließt ihren Essay mit dem bereits zitierten Aufruf zum Abbau der Entfremdung zwischen Mann und Frau, indem man sich die Gemeinsamkeiten, das Menschliche bewusst macht: »Wir sind nicht interessiert an einem Rollentausch, der uns in die alten Vorurteile, derer wir überdrüssig sind, immer von neuem auftischt, nur in Form einer Travestie. Nicht ums Verkleiden geht es ja. Auch nicht um einen Rücktausch der Herrschaft.« (Ebd.) Es bleibt offen, ob die Erzählungen des Bandes, die unter der Prämisse des Geschlechtertausches entstanden, tatsächlich Auers Anspruch einlösen können. Denn die Aufgabe, Erzählungen über die Annahme der Andersartigkeit des anderen Geschlechtes zu schreiben, macht eine Auflösung der Geschlechterpolarität fast unmöglich. Letztendlich zeigen jedoch alle Texte, wie das Verharren in binären Strukturen die Entwicklungs- und Beziehungsfähigkeit von Menschen – und vor allem Frauen – einschränkt.

Z UR R EZEPTION DER G ESCHLECHTERTAUSCH -G ESCHICHTEN Ostdeutsche Rezensionen der Anthologie Die in der DDR erschienenen Rezensionen und Ankündigungen28 der Anthologie Blitz aus heiterm Himmel geben nur einen begrenzten Einblick in die Rezeption des Werkes bei der breiteren Leserschaft. Der Zündstoff des Buches, der sich etwa in den Schwierigkeiten während der Entstehung und Produktion des Bandes zeigte, so zuletzt in der Weigerung eines Druckers, Jakobs Text über das Matriarchat in Quedlinburg zu drucken29, wurde von den Rezensent/-innen kaum aufgegriffen. In der Häufigkeit, mit der auf den spielerischen Charakter der Grundidee eingegangen wird, um dann zu betonen, dass hinter dem scheinbaren Spaß Ernsthaftes stecke, zeigt sich die DDR-typische Bewertung von Literatur nach ihrer Funktionalität. Stellvertretend sei hier aus Christoph Funkes Rezension zitiert, die das Prinzip vom Nutzen der Literatur nachhaltig verdeutlicht: »Zunächst ist man geneigt, das Buch als einen Spaß zu nehmen. Geschlechtsumwandlung ist ja nun (gottlob?) keine Frage, die uns auf den Nägeln brennte, gewiß ein lohnendes Spiel für die Phantasie, aber als ernsthafter Beitrag der Überlegung zum Meistern unseres alltäglichen Lebens doch wohl zu leichtgewichtig. Indes – da scheint mir Vorsicht geboten. […]

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Sie [die Erzählungen] sind ein Spiel tatsächlich, aber ein außerordentlich anspruchsvolles, geistreiches, sie zwingen unser Denken und Fühlen in neue Bahnen, sind eine wichtige Hilfe, konsequent und ergebnisreich mit alltäglichen Situationen zu experimentieren.« (Funke 1975: o.S.)

Funkes Rede vom »konsequent[en] und ergebnisreich[en] […] [E]xperimentieren« verrät etwas von den Wortschwallen, mit denen die Rezensent/-innen den Inhalt der Anthologie formalisierten und auf diese Weise eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen in der DDR verhinderten. Ähnlich verallgemeinernd heißt es in einer anderen Rezension: »Die mit dem ›Geschlechtertausch‹ operierenden Geschichten lassen erkennen, wie weit bereits in unseren Tagen Übereinstimmendes zwischen Mann und Frau besteht, daß aber auch Althergebrachtes und Patriarchalisches noch überwunden werden muß.« (Krumbholz 1975: o.S.) In zwei Fachaufsätzen setzten sich die Literaturwissenschaftler/-innen Sigrid Damm und Jürgen Engler (1975) sowie Hans Kaufmann (Kaufmann 1976) ausführlicher mit den in der Anthologie thematisierten Geschlechterverhältnissen auseinander. Damm und Engler üben Kritik an der Darstellung der Männer in den meisten Texten und warnen vor einer Polarisierung der Geschlechter, die sie vor allem in Wolfs und Auers Texten finden. »Zum Widerspruch reizt der Essay [Auers] dort, wo es um das Bild des Mannes geht und die eigene Fragestellung von vornherein mit tradierten Klischees belastet wird. Die Auskünfte, was ein Mann sei, müssen dann spärlich bleiben, wenn es heißt: ›Denn Er gilt als das, was sich von selbst versteht: die Norm, das Ziel, der Mensch an sich – und für sich. Darum wäre ihm anderes als ein Mann zu sein eine untragbare Zumutung.‹ (S. 271) Nicht zufällig oder äußerlich sind die Parallelen zu Christa Wolfs ›Selbstversuch‹ und der in ihm enthaltenen Wertung der Männer.« (Damm/Engler 1975: 63)

Als Ausdruck »heiter-ironische[r] Gelassenheit« (ebd.: 57) interpretieren Damm und Engler hingegen die Erzählungen von Günter de Bruyn und von Sarah Kirsch. Am Ende der Geschichte von de Bruyn wünscht sich der Protagonist einen Rücktausch, so dass er wieder zum Mann wird, aber seine Frau Anna weigert sich, in die Rolle der Frau zurückzukehren und fordert ihn auf, »für die Vollendung der Frauenrechte zu kämpfen« (de Bruyn 1975: 44). Das heißt, die zum Mann gewordene Anna möchte keine ihrer Privilegien abgeben, aber ermuntert den nun weiblichen Protagonisten, für die Frauenrechte zu kämpfen. Dieser Schluss kann als Allegorie für den Zustand der Geschlechterbeziehungen in der DDR verstanden werden. Damm und Engler jedoch lesen daraus, dass Gleichberechtigung eine »Emanzipations- und Entwicklungsfrage von Frau und Mann« (Damm/Engler 1975: 53) sei. In ähnlicher Weise verharmlosen sie die Kritik, die aus Kirschs Erzählung abzuleiten ist. »Blitz aus heiterm Himmel« sei die einzige von Polemik völlig freie Ge-

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schichte der Anthologie, da es Kirsch gelänge, allein durch die beschreibende Gestaltung geschlechtstypischer Verhaltensnormen diese zu hinterfragen. »Niemals aber in einem etwa die ›zurückgebliebenen Männer‹ anklagenden Ton, sondern eben mit jener aus der überlegenen Haltung resultierenden Mischung von Ernst und Heiterkeit, die sich auch ästhetisch den Widersprüchen überzeugender stellen kann als eine nur polemische Haltung. Vielleicht macht sie gerade deshalb sehr eindringlich und nachhaltig bewusst, daß es unter unseren Bedingungen oft ›nur‹ der eigenen Anstrengung zur Gleichstellung und Gleichverpflichtung beider Partner bedarf.« (Ebd.: 57)

Laut Damm und Engler sollten Frauen also auf geschmackvolle und vorwurfsfreie Weise für ihre Rechte und Pflichten eintreten und keinesfalls im Alleingang – also ohne die Männer. Vollkommen anders beurteilte kurze Zeit später der an der Akademie der Wissenschaften tätige Germanist Hans Kaufmann die Texte der Anthologie in seiner Untersuchung zur Darstellung der Geschlechterverhältnisse in der DDR-Literatur: »[…] wenn beispielsweise de Bruyn (in ›Geschlechtertausch‹) beschreibt, daß […] im öffentlichen Leben sehr wohl ein Unterschied zwischen dem Auftreten des Mannes und dem Versuch zu sachlich gleichem Auftreten einer Frau gemacht wird, wenn Sarah Kirsch (in ›Blitz aus heiterm Himmel‹) darstellt, wie eine Frau erst ihre Weiblichkeit ablegen muß, um von dem Geliebten als Kamerad behandelt zu werden, so deuten sie darauf hin, was an der im ganzen falschen Formel von der ›Männergesellschaft‹ richtig ist, d.h. sie regen zum Nachdenken über den realen Stand der Emanzipation an.« (Kaufmann 1976: 189)

Basierend auf der Annahme, dass die Geschlechterfrage sich in jedem Gesellschaftssystem entsprechend der sozialen, materiellen und geistigen Kultur anders stellt, der Sozialismus jedoch wie keine frühere Gesellschaft Lösungen für die Gleichberechtigung bietet, erwartete Hans Kaufmann von der Literatur Positionen, die den Fortschritt ermöglichen: »Und das sind in unserem Fall jene, die, Missklänge und Missverhältnisse beobachtend, neue Fragen stellen und damit auf das zu betretende Neuland wenigstens hindeuten.« (Ebd.: 179) Genau auf dieses Neuland strebte Anderson mit ihrem Projekt zu. Kaufmann befasste sich nicht spezifisch mit der Anthologie, sondern untersuchte die gesamte Bandbreite der Darstellung der Geschlechterbeziehungen in der DDR-Literatur der frühen 1970er Jahre. Dennoch beschrieb seine Feststellung, dass sich »in der Literatur, die die Frage nach der Gleichstellung und Ungleichheit der Geschlechter aufwirft, das Bedürfnis [artikulierte], auf dem weiteren Wege sozialistischer Entwicklung den Horizont des Kommunismus auftauchen zu sehen« (ebd.: 189) sehr treffend Andersons Motivation für das Projekt. Die Kenntnis von Kaufmanns Studie hätte Anderson wohl teilweise für die mit der Anthologie verbundenen Schwierigkeiten entschädigt, aber der Aufsatz erschien in keiner Fachzeitschrift, sondern in einem Band des Zentralinstituts für Literaturgeschichte der Akademie der Wissen-

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schaften, war in dieser Veröffentlichungsform also nur einer Minderheit zugänglich und keinesfalls geeignet, eine öffentliche Diskussion zu entfachen. Letztendlich gibt es kaum Indikatoren, um die Wirkung der Anthologie in der DDR zu messen. Mit ihrer Ermutigung, subjektiven Bedürfnissen Beachtung zu schenken, war die Anthologie ein Wegbereiter der DDR-Literatur hin zur Artikulation der Bedürfnisse des Individuums und der menschlichen Selbstverwirklichung im Sozialismus. Andersons Themenstellung mag von vornherein begrenzt gewesen sein, da ein Tausch der Geschlechter die Polarität der Geschlechter zunächst bekräftigt. Gleichzeitig war die Vorstellung, man könne in die Rolle des anderen schlüpfen, ein Aufbrechen der festen Begriffe vom Männlichen und Weiblichen und 1970 provokativ genug, um Männer und Frauen zum Nachdenken über die Geschlechterkonstruktion und -beziehungen anzuregen und in der Fiktion Probleme darzustellen, die in den öffentlichen Debatten und Verlautbarungen ausgespart wurden. Der in der damaligen Zeit kaum vorstellbare Akt der Geschlechtsumwandlung mag für die Autor/-innen nicht allein eine anregende, sondern ebenso eine schützende Funktion gehabt haben. Die Utopie gestattete eine deutlichere Spiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse als es etwa im Rahmen des sozialistischen Realismus möglich gewesen wäre. Ebenso klug wie das Motiv wählte Anderson die Form der Veröffentlichung. Es war die Vielzahl der Texte, die Beteiligung von Männern und Frauen und auch die Renommees einiger Beiträger/-innen, die verhinderten, dass die Problematik der Geschlechterbeziehungen einfach als individuelles Problem abgetan werden konnte. Darüber hinaus bildete das Projekt den Höhepunkt von Andersons Identifikation mit der DDR und ihrer Integration in diese Gesellschaft. Nie zuvor und erst recht nicht nach ihren Erfahrungen mit dem Amerika-Buch 1973 hat Anderson sich in diesem Maße für ein Projekt in Zusammenarbeit mit anderen DDR-Autor/-innen engagiert. Auch wenn die Anthologie erst 1975 erschien, zu einer Zeit, als Anderson über die DDR schon reichlich desillusioniert war, so war es doch nicht Andersons Ehrgeiz als Autorin und Herausgeberin, sondern ihr Wunsch, etwas zum Fortschritt der DDR beizutragen, der sie 1970 motivierte, die Initiative zur Geschlechtertausch-Anthologie zu ergreifen und zu fragen: »Könnte das nicht ein recht heilsames Spiel sein, das unserer gesamten Gesellschaft zugute käme?«30 Geschlechtertausch »für West«31 Im Jahr 1980 erschien in der Bundesrepublik im Verlag Luchterhand ein Band mit dem Titel Geschlechtertausch. Dieser bestand aus den drei für Edith Andersons Anthologie geschriebenen Erzählungen von Sarah Kirsch (»Blitz aus heiterm Himmel«), Irmtraud Morgner (»Die gute Botschaft der Valeska in 73 Strophen«) und

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Christa Wolf (»Selbstversuch. Traktat zu einem Protokoll«) sowie einem Nachwort des westdeutschen Spezialisten für DDR-Literatur, Wolfgang Emmerich. Anderson selbst erfuhr von dieser Veröffentlichung in einer Westberliner Buchhandlung am Bahnhof Zoo, wo sie das Buch im Januar 1981 zufällig entdeckte.32 Zunächst hielt sie das Werk für eine Raubkopie, da keine der beteiligten Autorinnen sie darüber informiert hatte. In einem Gespräch mit der befreundeten Irmtraud Morgner stellte sich jedoch heraus, dass alle Beiträgerinnen ihre Zustimmung erteilt hatten. Anderson sah ihre Rechte als Urheberin der Idee und Herausgeberin der Anthologie zum Geschlechtertausch verletzt. Aber es war eben nicht die komplette Anthologie nachgedruckt worden, sondern drei einzelne Erzählungen, deren Rechte bei den Verfasserinnen bzw. beim Aufbau-Verlag lagen, da dieser die Texte von Morgner und Wolf noch vor Hinstorff publiziert hatte. Es ist verständlich, dass die Autorinnen Veröffentlichungsmöglichkeiten in der Bundesrepublik gern wahrnahmen, hatte der Hinstorff Verlag in Rostock doch eindeutig mitgeteilt, dass er außer den ersten 8.000 Büchern keine weiteren Auflagen drucken würde. Dennoch war Anderson über das Vorgehen der Kolleginnen so enttäuscht, dass sie kurzerhand die Freundschaft mit Irmtraud Morgner beendete. Sicherlich kann man über die Bedeutung Edith Andersons für den Band bei Luchterhand streiten. Ohne Andersons Initiative im Jahr 1970 wären die Erzählungen in dieser Form nicht entstanden und insofern ist Anderson nicht ohne Verdienst an der äußerst erfolgreichen Publikation in der BRD (1985 erschien bereits die sechste Auflage) und der sich anschließenden Diskussion in germanistischen und feministischen Kreisen, die sich ebenfalls in zahlreichen Publikationen niederschlug. Zwar hatte Wolfgang Emmerich noch 1978 über die Erzählungen in der ostdeutsche Ausgabe geschrieben: »Daß es sich dabei um Auftragsarbeiten handelt, ist den besseren Geschichten der Sammlung (denen von Kirsch, Wolf, de Bruyn und Jakobs) keineswegs anzumerken.« (Emmerich 1978: 137); im Nachwort der westdeutschen Ausgabe erklärte er dann aber, dass die wohl interessantesten Erzählungen aus »dem ursprünglichen Fundus des Bandes Blitz aus heiterm Himmel« genommen worden waren (Emmerich 1980: 102). Die Tatsache, dass im Gegensatz zu ihrer ursprünglichen Fassung die Sammlung ohne die Texte der Männer erschienen war, spiegelt jenen feministischen Separatismus wider, den gerade Morgner und Wolf häufig selbst kritisierten. So schrieb Wolf etwa 1981 für ihre Poetik-Vorlesung: »Autonomie ist eine Aufgabe für jedermann, und Frauen, die sich auf ihre Weiblichkeit als einen Wert zurückziehen, handeln im Grunde, wie es ihnen andressiert wurde: Sie reagieren mit einem großangelegten Ausweichmanöver auf die Herausforderung der Realität an ihre ganze Person.« (Wolf 1990: 154) Wenn auch die Überzeugungen der Autorinnen dem Marktinteresse an Frauenliteratur in der BRD Anfang der 1980er Jahre weichen mussten, so trug die Entscheidung, den Band allein mit Erzählungen von Frauen herauszugeben, mit Sicherheit

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zu seinem Erfolg in der BRD bei. Der Verzicht auf Annemarie Auers Essay, welches Emmerich im Nachwort der westdeutschen Ausgabe anerkennend als »umfangreich[], kundig[]« (Emmerich 1980: 106) bezeichnete, lag wohl in Wolfs Verhältnis zu Annemarie Auer begründet, die Wolfs Kindheitsmuster 1977 in einem Sinn und Form-Artikel heftig kritisiert hatte (vgl. Auer 1977).33 Nach Edith Andersons Beitrag befragt, meinte Ingrid Krüger, damalige Lektorin des Luchterhand Verlages in einem Gespräch 2007, dass im Gegensatz zu Wolf, Morgner und Kirsch, die alle schon bei Luchterhand publiziert hatten, Anderson als Autorin in der BRD unbekannt war und die Qualität ihrer Erzählung wohl nicht den drei anderen entsprach. Krüger erinnerte sich weiter, dass sie die Veröffentlichung der drei Erzählungen in der BRD als Kommentar zur westlichen Frauenbewegung verstand, deren Einstellungen sie nicht alle teilte. Geschlechtertausch wurde also nicht als ein Buch über ›Frauen in der DDR‹ präsentiert, sondern mit dem Untertitel »Drei Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse«. Im Nachwort kritisiert Wolfgang Emmerich die Haltung des militanten Flügels der westlichen Frauenbewegung, »die eine Überwindung der patriarchalischen Welt durch gemeinsame Bemühungen beider Geschlechter gar nicht mehr als wünschenswert erscheinen lässt.« (Emmerich 1980: 124) Verena Stefans Buch Häutungen (1975) repräsentiere diese Richtung der Frauenbewegung, die Emmerich folgendermaßen zusammenfasst: »Der Austritt der Frau aus der gemeinsamen Geschichte der Geschlechter, ihre Regression in die Natur, gestaltet in einer manichäischen Bildwelt nach dem Motto ›weiblich = gut, männlich = böse‹, ist zum Programm geworden.« (Ebd.: 125) Die drei Geschichten aus der DDR hingegen böten einen anderen Weg; ihnen ginge es nicht ausschließlich um die Emanzipation der Frau, sondern ebenso um die des Mannes, um die »Vermenschlichung des Menschen«, wie Emmerich Morgner zitiert. Das heißt, ohne auf die ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen einzugehen, in der die Texte von Morgner, Kirsch und Wolf entstanden waren, benutzte Luchterhand diese Autorinnen, um radikale Feministinnen zu kritisieren. Schon vor Veröffentlichung der Luchterhand-Sammlung 1980 hatten sich einige Germanist/-innen der BRD und den USA, so etwa Patricia A. Herminghouse 1976 oder Wolfgang Emmerich 1978, mit den Geschlechtertausch-Geschichten aus der DDR auseinandergesetzt. Im Jahr 1977 beschäftigte sich das 10. Amherster Kolloquium zur deutschen Literatur mit dem Thema »Die Frau als Heldin und Autorin« und wie der 1979 von Wolfgang Paulsen herausgegebene Sammelband belegt, wurden bereits hier die Erzählungen aus Blitz aus heiterm Himmel sowie Morgners »Die gute Botschaft der Valeska« diskutiert (vgl. Bahr 1979). Sara Lennox untersuchte zu diesem Anlass die Existenz eines weiblichen Bewusstseins in Christa Wolfs Texten wie etwa dem »Selbstversuch« und beschrieb, anders als Emmerich in seinem Nachwort, deren Bedeutung für Feministinnen in der westlichen Welt:

210 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Für Feministinnen besteht der Wert von Christa Wolfs Arbeiten in der Erkenntnis und Artikulation dieser alternativen Bewußtseinsformen, die sie ausdrücklich auf ihre eigene Erfahrung als Frau bezieht. Ihren Versuch, einen erweiterten, aus der Frauenerfahrung abgeleiteten Begriff der Dialektik zu gewinnen, kann man als wichtigen Beitrag zur dringend benötigten Theorie eines sozialistischen Feminismus begreifen.« (Lennox 1979: 221)

Für die Auseinandersetzung mit den Geschlechtertausch-Geschichten, insbesondere denen von Kirsch, Morgner und Wolf, ließen sich noch zahlreiche Aufsätze nennen (Herminghouse 1979, Stephan 1983; Hilzinger 1985; Fattori 1988). Stellvertretend sei auf den Band Man müßte ein Mann sein…? (Hurrelmann/Kublitz/Röttger 1987) verwiesen, der aus dem Stuttgarter Germanistentag 1985 hervorging und sieben auf unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Theorien basierende Analysen der bei Luchterhand erschienenen Erzählungen enthält. Betrachtet man den Prozess der Produktion und Rezeption der Geschichten in Ost und West in seiner Gesamtheit, so lässt sich der Gedankenaustausch, der trotz des ›Eisernen Vorhanges‹ über Länder- und Systemgrenzen hinweg existierte, deutlich nachvollziehen. Wie Sara Lennox’ Ausführungen zu Christa Wolf unterstreichen, schloss sich der transatlantische Kreis des Ideentransfers, als amerikanische Feministinnen sich mit den Texten von DDR-Autorinnen beschäftigten, die wiederum durch eine in der DDR lebende und doch unkonventionelle Amerikanerin inspiriert waren. 1983 wurde Edith Anderson von amerikanischen Germanist/-innen zum jährlichen DDR-Symposium eingeladen, um über die Anthologie zu berichten. Sie präsentierte ihre Erfahrungen mit der Herausgabe der Anthologie als Enttäuschung, die noch immer in ihr weiterwirkte. Offenbar wurde Edith Anderson die Tragweite ihres Engagements für den transnationalen feministischen Diskurs nie bewusst.

AMERIKANISCHER F EMINISMUS W EITERE T EXTE UND T ATEN

IN DER

DDR?

Die Anthologie Blitz aus heiterm Himmel kann durchaus als Synthese zwischen amerikanischem Feminismus und sozialistischer Erfahrung verstanden werden. Genau diese Verbindung, die Aufnahme amerikanischer Quellen und deren Verarbeitung in feministischen Texten oder Aktivitäten Andersons in der DDR, stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels. Wesentliche Impulse zur Beschäftigung mit der Geschlechterfrage erhielt Anderson durch die Lektüre amerikanischer Feministinnen, über deren Aktivitäten und Schriften Anderson von ihren amerikanischen Freunden und Freundinnen unterrichtet wurde. Yuri Suhl etwa sandte Anderson Anfang der 1970er Jahre Kate Milletts

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Sexual Politics (1969) sowie zahlreiche Artikel über die Frauenbewegung in den USA. Andersons Vertrautheit mit den Texten der zweiten Welle der amerikanischen Frauenbewegung belegen die zahlreichen Referenzen in ihrer Korrespondenz. So schrieb sie 1972 an Suhl: »Thank you for the article from Ms. It’s good stuff. There certainly are a lot of brilliant young women in the movement. I’ve read a lot of good stuff in various anthologies of theirs and, recently, a whole book by Shulamith Firestone whose essay on Love (therein included) impressed me some time ago, in fact really whipped me around. I think it’s called The Dialectics of Sex. (the book).«34

Neben den Werken von Millett und Firestone studierte Anderson in den 1970er Jahren viele Klassikerinnen der amerikanischen Frauenbewegung wie Adrienne Rich, Germaine Greer oder Joanna Russ. Ihren Freundschaften mit amerikanischen Germanistinnen Ende der 1970er Jahre, etwa mit Dorothy Rosenberg oder ganz besonders mit Margaret Morse, verdankte Anderson ihre jeweils aktuellen Informationen über den Stand der amerikanischen Frauenbewegung. Im Herbst 1977 erhielt Anderson beispielsweise von Margaret Morse Adrienne Richs Of Woman Born, die erste Anthologie mit Beiträgen radikaler Feministinnen, Sisterhood is powerful (Morgan 1970), Elizabeth Janeways Man’s World, Woman’s Place (1971) sowie einige Ausgaben des Magazins Ms. Das folgende Zitat aus einem Brief von Margaret Morse illustriert, wie Anderson über die Büchersendungen hinaus mit sachbezogenen Literaturhinweisen versorgt wurde. »RE: men’s hatred of women There are many different attempts to explain it – Janeway has some later chapters on it, a man called Hays in The Dangerous Sex explained it in terms of fears and taboos, Susan Brownmiller’s book on rape, Against Our Will goes into the subject extensively. Sartre and de Beauvoir explain it as a relation to the Other, the Strange, the not-self. A Marxian Weberian model would be sociologist Randall Collins ›Conflict Theory of Sex Ideology‹, explaining not hatred but different forms of male dominance historically categorized according to the monopoly on violence and the type of family structure. […] I could send you these if you think, they’d help.«35

Wie ich im Kapitel zu Anderson als Managerin und Freundin näher ausführte, beruhte der Austausch von Informationen auf Gegenseitigkeit, das heißt, die amerikanischen Germanistinnen wurden im Gegenzug von Edith Anderson mit DDR-Literatur, Literaturzeitschriften sowie Insiderwissen versorgt. Über den bloßen Informationsaustausch hinaus tauschten die Briefpartner/-innen ihre Einschätzungen bestimmter Texte aus und verglichen die Situation der Frauen in der DDR mit den USA. Diese Fülle an Informationen und der Gedankenaustausch gekoppelt mit Andersons eigener Motivation, die Hinderungsgründe für eine gleichberechtigte Beziehung zwischen Mann und Frau genauer zu analysieren, trug nicht nur zur Her-

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ausgabe der Anthologie Blitz aus heiterm Himmel bei, sondern führte zu einer Reihe von weiteren Texten und Aktivitäten. Nach den Schwierigkeiten mit der Veröffentlichung ihrer Bücher versuchte sich Anderson ab 1975 auf einem neuen Gebiet, der Dramatik, die ihr nach eigenen Aussagen nicht lag. Zu jener Zeit war es in der DDR üblich, dass Theater Autor/-innen einluden, Stücke zu schreiben. Helfried Schöbel, Regisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar, betreute Mitte der 1970er Jahre eine kleine Gruppe von Autor/innen, zu denen Hans-Jörg Dost, Fred Wander und Edith Anderson zählten. Über diese Arbeit schreibt Klemens Renoldner in seinem Aufsatz zu Wanders Theaterstücken: »Schöbel liest erste Entwürfe und diskutiert Szenenentwürfe mit den Autoren, man trifft sich zu weiteren dramaturgischen Beratungen und besucht auch gemeinsam, in der Gruppe, Schlußproben anderer Inszenierungen.« (Renolder 2005: 193) Andersons Bühnenstück Wo ist Katalin?, welches 1979 von Helfried Schöbel inszeniert und im Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgeführt wurde, greift die Motive aus der Kurzgeschichte »Dein für immer oder nie« auf und fragt nach der Bedeutung der Frauenemanzipation für Mann und Frau. Im Programmheft definiert Anderson zwei große Probleme ihres Lebens, ihr Fremdsein und ihr Leben als Frau: »Das Frauendasein ist das zweite große Problem meines Lebens. Das Größere. Obwohl die DDR mit hoher Wahrscheinlichkeit das Land auf Erden ist, wo es der Frau z. Zt. am besten geht, sehen wir mit den Jahren, daß die Gleichberechtigung nicht mit Gesetzen allein zu garantieren ist. Kaum ein Tag vergeht, ohne daß in unserer Tagespresse Frauen beiläufig geringgeschätzt werden.« (Anderson 1979b)

Andersons Aufruf, die Darstellung der Frauen in den Medien einer kritischen Analyse zu unterziehen, mag sehr wohl durch ihre Beschäftigung mit radikalen Feministinnen inspiriert worden sein. Auf diese Weise und in einem Theaterprogrammheft wohl nicht sehr wirkungsvoll, brachte Anderson Themen amerikanischer Feministinnen in die DDR, die in Andersons Augen von systemübergreifender Relevanz waren. Anderson erhielt, wie das Beispiel zeigt, viel Inspiration und Bestätigung durch amerikanische Feministinnen, dennoch bewahrte sie sich ihnen gegenüber eine kritische Distanz, die sich immer wieder in ihren Aussagen zur Situation von Männern äußerte. In dem Programmheft von 1979 beispielsweise legte sie den Fokus weniger auf die Diskriminierung, die Frauen erfuhren, sondern argumentierte, dass Männer von der traditionellen Rollenverteilung auch nicht profitierten: »Seit die Emanzipation auf der Tagesordnung steht, weiß beim besten Willen kaum ein Mann mehr, wie er sich der Frau gegenüber verhalten soll. […] Schwer ist es, das muß man einsehen, sehr schwer für den Mann, die traditionelle Trägheit zu überwinden, Privilegien auf Kosten des Partners aufzugeben, wenn der Partner noch nicht aufzumucken gelernt hat. Und dennoch, was der Mann heute von dieser Ausbeuterei hat, ist nicht mehr als Glück zu bezeichnen.« (Ebd.)

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Im Gegensatz zum westlichen radikalen Feminismus tritt Anderson nicht für den Rückzug auf das eigene Geschlecht und Separatismus ein, sondern versucht mit Empathie, die Männer von der Aufgabe ihrer privilegierten Stellung zu überzeugen. Zentrum des Bühnenstückes ist die alleinstehende Katalin und ihr Verhältnis zu verschiedenen verheirateten Männern. Ähnlich wie Ruth in Andersons »Dein für immer oder nie«, emanzipiert sich die Ehefrau von Katalins Liebhaber, nimmt eine Arbeit auf und verhält sich fast wortwörtlich gleich wie in der Erzählung. Die Frage »Wo ist Katalin?« bezieht sich auf den Grad der Emanzipation der Hauptdarstellerin in ihrer Sehnsucht nach einer Beziehung und ihrer gleichzeitigen Furcht vor einem eheähnlichen Verhältnis. Für das Bühnenstück verwandte die Autorin im starken Maße Anleihen aus ihrem eigenen Erleben. Ähnlich wie Anderson, ist Katalin unzufrieden mit dem Verhältnis zu ihrer Tochter, auch hat sie einen amerikanischen Freund, der Komponist ist und mit ihr New-Age-Healing-Methoden praktiziert, wie es einst Earl Robinson mit Anderson tat, und der befreundete Professor im Stück weist starke Ähnlichkeit mit Andersons Freund Georg Knepler auf. Diese Parallelen wären für sich genommen irrelevant, doch wenn schon diese Figuren solche direkten Bezüge zu Andersons Leben aufweisen, so scheint die Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass auch Katalin einen Einblick in den Zustand und das Selbstbild der Autorin gewährt. Katalin scheint emanzipiert, aber sie ist keine Heldin, die klar und selbstsicher ihren Weg geht, sondern eine, die große Zweifel über sich selbst hat. Zerrissen zwischen ihren Bedürfnissen nach gleichwertiger Partnerschaft, Freundschaft, Sex und intellektueller Stimulation, geht sie widersprüchliche Verhältnisse und Kompromisse ein, die den eigentlichen Stand ihrer Emanzipation offenbaren. Das Stück bezieht sich nicht nur auf die Erfahrungen der Autorin, sondern in ihm drückt sich Andersons Bewusstsein für ihre eigenen, nicht ganz eindeutigen Ansichten und Verhaltensweisen gegenüber Männern aus. Die Einsicht, dass ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten nicht immer widerspruchsfrei mit ihren Überzeugungen einhergingen, brachte Anderson dazu, sich weiter intensiv mit den Fragen der Frauenemanzipation auseinanderzusetzen. Dies geschah zum Teil in persönlichen Aufzeichnungen, aber auch öffentlich, so etwa mit ihrem Versuch, 1981 innerhalb des Schriftstellerverbandes eine Frauengruppe zu gründen. Die Initiative ging auf Andersons Verärgerung über Form und Inhalt der Frauentags-Glückwünsche des Verbandes von 1980 zurück. In einer Klappkarte hatte Anderson wie alle weiblichen Mitglieder des Verbandes ein Stück graues Durchschlagspapier mit der schwer leserlichen Botschaft des Dankes für literarisches Schaffen und Mitarbeit im Verband erhalten. Anderson fragt im Schreiben an den Verband nach dem Sinn dieses Dankes und vergleicht ihn mit dem Lob, das man einem helfenden Kind ausspräche: »Aber warum dankt Ihr uns auf diesem Drittelstück DIN A-4 minderwertigen Papier für etwas, das längst selbstverständlich ist, wofür Dank, auch Dank auf gutem Papier wirkt

214 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON schon ein bisschen lächerlich und beleidigend, als würdet Ihr als Männer oder als Verband (ein Verband ist was männliches) von Eurer erhabenen Höhe aus das Recht, ja die Verpflichtung haben, unter uns minderen Wesen Lob auszuteilen?«36

Abschließend merkt Anderson an, dass das traditionelle Kaffeetrinken anlässlich des Frauentages nicht der Zeit entspräche und in Zukunft ein Komitee von Frauen die Gestaltung des Frauentages bestimmen solle. Im Jahr darauf nahm Anderson an der Frauentagsveranstaltung des Berliner Verbandes teil. Sie hatte eine kleine Rede vorbereitet und ihre Freundin Lia Pirskawetz, mit der sich Anderson oft über die Emanzipation der Frauen unterhalten hatte, ermutigte Anderson, diese Rede tatsächlich zu halten. Anderson schrieb Margaret Morse später über ihre Skrupel: »There they [GDR-women] all sunning themselves in their security, deluded by the assumption that it would always be there to bask in, though not one of them had fought for it (I don’t mean socialism, I mean women’s rights) (many had fought for socialism among the old members) and they went and got more cake and I reflected: What do I know about these people? Maybe they’ll be offended if I spoil their happy mood, I’m not German, I’ve never really belonged, maybe they think coffee and cake and not one meaningful word about women’s position are the right thing for Woman’s Day.«37

In ihrer Rede polemisierte Anderson gegen den DDR-Schriftsteller Eberhard Panitz, der in intellektuellen Kreisen als linientreuer Verfasser von Trivialliteratur galt und in einem Aufsatz zu Frauensprache und Frauenliteratur vor den Ausmaßen der Frauenemanzipation und zu freizügig in Anspruch genommener Selbstständigkeit etwa mit folgenden Sätzen gewarnt hatte: »Manche Frau glaubt, reif und selbstbewusst genug zu sein, um sich von niemandem mehr hineinreden zu lassen. Sie umgeht damit jedoch auch die Schwierigkeiten, die in einer Partnerschaft zu bewältigen sind.« (Panitz 1978: 72) Um sich mit Meinungen wie der von Panitz auseinanderzusetzen, rief Anderson in ihrer Rede die Schriftstellerinnen auf, eine Frauenkommission zu gründen: »Diese Frauenkommission würde regelmäßig zusammenkommen […] und könnte außer dringenden gegenwärtigen Problemen der Frauen in der DDR (und nicht letztlich spezifischen Problemen der Schriftstellerinnen) die Widerspiegelung der Frauenrolle durch unsere Literatur und Dramatik besprechen und Berichte über die Frauenbewegung in der ganzen Welt hören in Beziehung auf eigene Probleme.«38

In ihrem Bericht an Margaret Morse über die Veranstaltung wertete Anderson ihr Auftreten als Erfolg, denn im Anschluss an ihre Rede kam sie mit einigen Frauen ins Gespräch, die, angeregt durch Andersons Worte, erstmals ihre Unzufriedenheit mit ihrer Situation als Frau formulierten. Andersons stellte sich wohl die Gründung einer ›consciousness raising group‹ vor, wie sie als Teil der amerikanischen Frauenbewegung funktionierten. »The woman said she wasn’t so interested in learning

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the history of the woman’s movement, she would like to discuss this unhappiness. That was exactly what I had hoped for, though I still think the history approach is the right one.«39 Die Reaktion, die Anderson hier ihrer amerikanischen Freundin schilderte, vermittelt recht deutlich das Desinteresse an einer institutionalisierten Auseinandersetzung mit der Situation der Frauen. Möglicherweise steckte dahinter die Furcht vor einer formalisierten Beschäftigung mit der Geschichte der Frauen wie sie etwa mit der Geschichte der Arbeiterbewegung betrieben wurde. Ein größeres Bedürfnis bestand in der Analyse der individuellen Befindlichkeit (»this unhappiness«) – doch diese innerhalb einer Kommission des Schriftstellerverbandes zu diskutieren, war vielen Frauen wohl suspekt. Letztendlich beschränkte sich Andersons Initiative für eine Frauenkommission im Schriftstellerverband auf Gespräche im privaten Rahmen, an denen beispielsweise Lia Pirskawetz beteiligt war. Andersons Bitte, die Ansprache im Mitteilungsblatt des Verbandes allen Frauen zugänglich zu machen, kam der Vorstand des Schriftstellerverbandes nicht nach. Abschließend sei noch auf Andersons Artikel »Feministische Utopien« von 1982 in Sinn und Form verwiesen, der ihre Mittlerrolle auf dem Gebiet der Frauenemanzipation zwischen der DDR und den USA eindrücklich dokumentiert. Mehr als zehn Jahre hatte Anderson die Entwicklung der amerikanischen Frauenbewegung vor allem anhand ihrer Originaltexte studiert und sich damit ein Wissen erarbeitet, das in der DDR einzigartig war. Natürlich gab es in der DDR auch andere, deren Englischkenntnisse die Rezeption der Werke gestattet hätten, aber es gab wohl kaum jemanden, bei dem Sprachkenntnisse, Interesse und Zugang zu den Texten so zusammengingen wie bei Edith Anderson. Dieses Potenzial erkannte Heide Lipecky, Anglistin und bei Sinn und Form für die ausländische Literatur zuständig. Sie unterstützte Anderson in ihrem Vorhaben, einen Aufsatz über die feministische Literatur bzw. feministische Utopien zu schreiben und fertigte dessen Übersetzung an. Kernstück des Aufsatzes sind Andersons Ausführungen zu Joanna Russ’ The Female Man (1975), Ursula Le Guins The Left Hand of Darkness (1969) und The Dispossessed (1974) sowie Marge Piercys Woman on the Edge of Time (1976). Darüber hinaus bezieht sich die Verfasserin auf andere Werke der Frauenbewegung, informiert über die Bedeutung von Betty Friedans The Feminine Mystique (1963) für die amerikanische Frauenbewegung und geht ausführlich auf Aspekte von Charlotte Perkins Gilmans Herland (1915) als eine der ersten feministischen Utopien ein. Die Struktur des Textes wirkt zunächst etwas befremdlich, da er eine lange Einleitung, aber keinen Schluss enthält. Anderson beginnt mit den Worten: »Vor einem Vierteljahrhundert prophezeite der kommunistische Wissenschaftler A. L. Morton in seiner Studie Die englische Utopie, daß es nach Wells keinen positiven utopischen Roman mehr geben könne.« (Anderson 1982: 443) Bereits mit dem Erwäh-

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nen der politischen Überzeugungen des Autors im ersten Satz wird deutlich, wie Andersons sich bemühte, ihr Thema in einen Kontext zu setzen, der einer Druckgenehmigung zuarbeitete. Ob dies bei einer relativ unabhängigen Zeitschrift wie Sinn und Form, die von der Akademie der Künste herausgegeben wurde, notwendig war, ist kaum zu beurteilen. In jedem Fall ist Andersons Bemühen, ihren Text gerade in der Einleitung mit Verweisen auf die marxistisch-leninistische Ideologie auszustatten, auffällig. Von einem zitierten Autor heißt es: »Er las Marx, verfolgte mit leidenschaftlicher Parteilichkeit die Ereignisse der Pariser Kommune und beteiligte sich aktiv am sozialistischen Kampf in Großbritannien.« (Ebd.: 444) Weiter argumentierte Anderson, dass sich Mortons Ansicht von der Überlebtheit des positiven utopischen Romans auf die Realisierung des Sozialismus gründe: »Die russische Revolution war dazwischengekommen und hatte jene, für die das sozialistische Utopia nur ein Seifenblasentraum war, von denen geschieden, die dafür zu sterben bereit waren.« (Ebd.) Dass nun trotz der Realisierung einer Gesellschaftsordnung, die lange Zeit als Utopie galt, eine Vielzahl von Autorinnen in den 1970er Jahren Utopien schrieben, erklärt Anderson mit der Situation der Frauen in den USA, »wo trotz eines anderthalb Jahrhunderte langen Kampfes für die Rechte der Frauen – oder gerade deshalb, vor allem wegen seines überraschenden Wiederauflebens in den letzten fünfzehn Jahren als allgemeines Umdenken – die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sich ständig verschlimmerten und wahrscheinlich die entwürdigendsten in der Welt sind. Frauen sind nicht nur Arbeits- und Lohndiskriminierungen ausgesetzt, wie in kapitalistischen Ländern üblich, sie werden mit einer Selbstverständlichkeit unflätig beleidigt, wie man es in den USA noch nicht kannte.« (Ebd.)

Mein Eindruck, dass Anderson gerade in der Einleitung den Zensoren gefällig entgegenkommt, bestätigt sich durch das weitgehende Fehlen solcher der offiziellen Ideologie entsprechenden Verweise im Folgetext, selbst wenn die materiellen Bedingungen und die Organisation der Arbeit in den besprochenen Utopien dazu Anlass geboten hätten. Insgesamt liefert Anderson mit »Feministische Utopien« keine Analyse der Texte, sondern die Stärke des Aufsatzes besteht darin, eine mit der Materie unvertraute Leserschaft in die Themen der amerikanischen feministischen Literatur einzuführen. Dies geschieht überwiegend in einem gut lesbaren journalistischen Ton, so etwa wenn Anderson über Gilmans Herland schreibt: »Trotz stilistischer Holper bekommt die Geschichte Schwung und macht ein höchst amüsantes Spiel aus den Fragen, was ist weiblich, was ist männlich, maskulin, feminin, was ist kulturell erworben und was biologisch determiniert.« (Ebd.: 447) Andersons Qualitäten als Journalistin zeigen sich ebenso in ihrer Bezugnahme auf die möglichen Leseerfahrungen der Rezipient/-innen. So widmet sie sich auch Robert Merles Roman Die geschützten Männer, der 1977 in der DDR erschienen war und sicher bei vielen Leser/-innen die Vorstellungen von einer Gesellschaft, in

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der Frauen an der Macht waren, prägte. Anderson bot in ihrem Aufsatz eine neue Lesart für dieses Buch an. Denn anders als die meisten Rezensenten in der DDR kannte sie die Quellen, die Merle in seinem Roman verzerrt dargestellt hatte, und so argumentierte sie, dass es sich bei Merles Text um eine »satirische feministische Utopie« (ebd.: 445) handelte, eine Dystopie also, einen Text, der nicht das utopische Ideal, sondern sein Gegenteil beschreibt. In ihren Ausführungen zu den Romanen von Gilman, Russ, Le Guin und Piercy greift Anderson Aspekte heraus, die durchaus von systemübergreifender Relevanz sind: so etwa die Vergewaltigung in der Ehe in Herland oder die verschiedenen Identitäten und Funktionen, die von einer Frau abverlangt werden und die The Female Man thematisiert. Anderson schreibt dazu: »Die parallelen Welten sind in Wirklichkeit eine: die der Frau, der die Gesellschaft nicht gestattet, zu sich selbst zu finden und sie selbst zu sein.« (Ebd.: 449) Die Liste von Andersons hervorgehobenen Themen, die meines Erachtens nach im Leben von Frauen in den USA wie auch in der DDR eine Rolle spielen konnten, ließe sich noch lange fortsetzen. In beiden Staaten galten wohl auch die Gedanken von Jennifer Gardner, die Anderson in ihrem Aufsatz zitiert: »›Jede Frau einer beliebigen Gesellschaftsklasse, die auf Gleichheit in den Beziehungen zu Männern besteht, muß darauf vorbereitet sein, mit den Konsequenzen ihres Status als alleinstehende Frau in unserer Gesellschaft fertigzuwerden.‹« (Ebd.: 449) Gerade weil sich Anderson eben nicht auf die Andersartigkeit der Produktionsverhältnisse in Kapitalismus und Sozialismus konzentrierte, bot ihre Einführung in die feministische Literatur der USA neben der Information über wesentliche Schriften dieser Frauenbewegung ebenso Anregung, die Geschlechterbeziehungen in der DDR zu überdenken. Andersons Aufsatz hört mit der Vorstellung von Piercys Roman Woman on the Edge of Time ziemlich abrupt auf. Der fehlende Schluss kann als Weigerung interpretiert werden, einen positiven Ausblick auf die Geschlechterverhältnisse in den USA zu geben oder die Geschlechterverhältnisse im Sozialismus schönzufärben. Dies wäre sicher keine Überinterpretation des Textes, denn in einem Brief an die ehemalige Freundin und Literaturkritikerin Annemarie Auer betonte Anderson selber: »Denn wer in dieser Welt würde wissen, was alles drin steckt, was ich mit jedem Satz bezweckte, warum der Artikel so ausgelegt war, wie er war, wie alles so bedacht war, daß niemand ein Haar daran finden konnte – wer außer dir?«40 Annemarie Auer war begeistert von Andersons Darlegungen und in ihrem Brief an die Autorin brachte sie die Bedeutung des Beitrags und Edith Andersons für die DDR auf den Punkt: »Du solltest wissen: Dein Artikel in Sinn und Form ist fabelhaft! Der Sache nach notwendiger als je. Nur Du besitzt hierzulande einen derartigen Überblick darüber. So hoffe ich, der Schriftstellerverband wird Formen der Zusammenarbeit finden und Du die kör-

218 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON perliche Kondition dafür, uns diesen Kenntnisreichtum kontinuierlich weiter zugänglich zu machen.«41

Bis zum Ende ihres Lebens hat sich Edith Anderson mit der Geschlechterfrage auseinandergesetzt, ganz besonders deutlich in ihrem letzten Werk, Love in Exile. Wie diese Untersuchung zeigt, erwuchs ihr Interesse am Feminismus weniger aus der Erfahrung der Doppel- bzw. Dreifachbelastung als Berufstätige, Hausfrau und Mutter, sondern aus ihrer tiefen persönlichen Sorge um die Beziehungen und den Austausch zwischen Männern und Frauen. Ihr Grundverständnis von der Qualität solcher Beziehungen entsprach den Idealen von Gleichberechtigung, die seit 1776 eine wesentliche Triebkraft in der amerikanischen Kultur waren. Die Verwirklichung dieser Ideale hatte sich Anderson insbesondere von den Gewerkschaften, dem amerikanischen Kommunismus, dem Sozialismus erhofft. Doch im Laufe ihrer Erfahrungen als Frau in einem traditionellen Männerberuf bei der Bahn in den 1940er Jahren erkannte sie, dass weder die Bruderschaft der Eisenbahner noch die amerikanischen Kommunisten ein besonderes Interesse an der Gleichberechtigung von Frauen hatten. Ähnlich wie die gesamte amerikanische Gesellschaft benutzten sie Frauen lediglich, wenn es ihren Zwecken, etwa der Kriegsproduktion, dienlich war. Im Sozialismus erfuhr Anderson, dass Frauen zwar institutionell gleichgestellt waren, aber Jahrhunderte währende Traditionen die Beziehungen zwischen Frauen und Männern prägten. Unabhängig vom politischen System erhoben sich Ende der 1960er Jahre in der DDR und den USA Stimmen, die die Situation von Frauen in fiktiven und Sachtexten thematisierten, mit dem Unterschied, dass die amerikanischen Texte oft radikalere Anschauungen präsentierten und Wegbereiter für eine neue Frauenbewegung wurden. Anderson zeigte großes Interesse an diesen feministischen Texten aus ihrer Heimat, setzten sie sich doch mit den Fragen auseinander, die sie selbst vor allem in den 1970er Jahren am stärksten beschäftigten. Dabei boten ihr die Schriften weniger Anlass zur Imitation als zur Inspiration. Das heißt, in ihrer Person verband Anderson das Wissen über den westlichen Feminismus mit ihren Erfahrungen in der DDR. Ihre Werke waren immer auch Ausdruck ihrer Gedanken zur Situation der Frauen sowie der Geschlechterbeziehungen und es ist nicht zu erwarten, dass Andersons fast lebenslange Beschäftigung mit diesen Fragen widerspruchsfrei war. Ihr Verdienst liegt darin, dass sie durch ihr Wirken als Autorin, Herausgeberin und als aktive Bürgerin das Emanzipationsthema immer wieder angestoßen hat und dazu beitrug, dass die Diskussion der Geschlechterbeziehungen in der DDR durch feministische Diskurse aus den USA indirekt und direkt bereichert wurde.

Die Schriftstellerin

Schon als Schülerin und Studentin befasste sich Anderson mit kreativem Schreiben, aber erst nach ihrer Übersiedlung nach Berlin und der materiellen Absicherung durch Schroeder konnte sie sich mit größerer Intensität ihrem schriftstellerischen Werk widmen. Dazu gehörten Kurzgeschichten, Erzählungen, einige Gedichte, Kinderbücher, dramaturgische Arbeiten für Rundfunk und Theater sowie drei längere Werke. Dieses Kapitel wendet sich in erster Linie den größeren Werken, Gelbes Licht (1956a), Der Beobachter sieht nichts (1972) und Love in Exile (1999) sowie Andersons Rundfunkarbeiten zu und untersucht ihren Beitrag zum transatlantischen Kulturaustausch während des Kalten Krieges und den Folgejahren.

D ER R OMAN G ELBES L ICHT Im Aufbau-Verlag erschien 1956 in der Übersetzung von Max Schroeder und Otto Wilck Andersons erster Roman Gelbes Licht, an dessen Ende es heißt, »[w]enige von ihnen [Frauen, die während des zweiten Weltkrieges bei der amerikanischen Eisenbahn tätig waren] wussten, daß es in einem anderen Teil der Welt Eisenbahnerinnen gab, deren Seniorität gesichert war, die mit Respekt behandelt wurden und die in völliger Gleichberechtigung mit den Männern arbeiteten.« (GL: 360)

Der Schluss erklärt, warum der Roman über die Situation amerikanischer Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges einen traditionellen Männerberuf ausübten, in der DDR publiziert wurde. Gelbes Licht – der Titel verweist auf das Bahnsignal »Nächstes Signal anfahren, auf Halt einstellen« (GL: 3) – vermittelt nicht nur einen Einblick in die männlich dominierte Arbeitswelt der Schaffnerinnen und deren Diskriminierung durch Arbeitgeber und Eisenbahnerverbände, sondern fungiert ebenso als Gegenbild zur Situation werktätiger Frauen im Sozialismus, deren Diskriminierung nicht wie in den USA der 1940er Jahre institutionell betrieben wurde.

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Andersons frühes Werk beschreibt keine Erfolgsgeschichte. Basierend auf den Erfahrungen der Autorin als ›lady brakeman‹ von 1943 bis 1946 bei der Pennsylvania Railroad, begleitet der Roman eine Gruppe junger Frauen von ihrer Ausbildung zur Schaffnerin über ihre Erfolge und Niederlagen im Kampf um Gleichberechtigung bis zu der Nacht im Oktober 1946, wo von den einstmals über 200 weiblichen Beschäftigten der Eisenbahngesellschaft keine einzige mehr im Dienst ist. Ursprünglich hatte Anderson einen anderen Stoff in diesem Eisenbahnerinnenmilieu angesiedelt. Das Manuskript »Skirmish« behandelte die Liebesbeziehung zweier Eisenbahnerinnen und thematisierte Geschlechterrollen und -beziehungen. Richard Wright, dem Anderson dieses Manuskript 1951 nach Paris sandte, war begeistert von dem Thema und gab ihr ausführliche Ratschläge für eine verbesserte Umsetzung. Er schrieb ihr, dass er Anderson für ihren Mut, ein solches Thema aufzugreifen, bewundere und davon überzeugt sei, dass sie mit ihrer Zeit, ihrer Freiheit, ihrem Mut und ihrem Willen in der Lage sei, dieses Projekt zu schaffen. Das Thema sei jedoch umfassender als die Darstellung einer außergewöhnlichen Partnerschaft, es beträfe die gesamte Gesellschaft, und um das zu zeigen, solle Anderson stärker die Reaktionen der gesamten Umgebung und der Menschen auf diese beiden Frauen herausarbeiten.1 Anderson hielt das Thema der Frauenbeziehung auch Ende 1951 noch für bedeutend, war jedoch ebenso wie Wright mit der Gestaltung ihres Romans äußerst unzufrieden. Nach einigen Absagen englischer Verlage schrieb sie über den Abbruch ihres Projektes an Richard Wright: »It is not important to people living in the world today. I think time will come when such things can be written about, can first of all be thought about […] As things are now, the world is in such a state of agony and fear and struggle that it is an imposition to expect it to be interested in a novel like mine. […] I did not feel justified in taking any more time [for re-writing the novel] I felt that I ought to write something more immediately useful in this world and come back to ›Skirmish‹ some other time.«2

Interessanterweise zog Anderson nie eine Veröffentlichung von »Skirmish« in der DDR in Erwägung.3 Offenbar war ihr bewusst, dass Homosexualität hier als Tabu galt und egal, wie zurückhaltend in einem Roman behandelt, nicht als Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft gewertet werden konnte. Der Roman, den sie gegenüber Wright als »immediately useful in this world« beschreibt, wurde Gelbes Licht, ein Werk – frei von homoerotischen Beziehungen –, das den Arbeitskampf der amerikanischen Frauen in den Vordergrund stellt. Sicherlich hat Max Schroeder als Cheflektor des Aufbau-Verlages Anderson zur Bearbeitung dieses Themas ermuntert, dennoch dürfte Andersons politische Sozialisation in den USA während der 1930er Jahre die Kreation dieses proletarischen Romans entscheidend geprägt haben.

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Ein Wegbereiter der amerikanischen proletarischen Literatur war Mike Gold. Beeindruckt von der sowjetischen Arbeiterliteratur, forderte Gold in seinem New Masses-Artikel »Go Left, Young Writers!« 1929 insbesondere männliche Arbeiter auf, ihre Erfahrungen niederzuschreiben: »A new writer has been appearing; a wild youth of about twenty-two, the son of workingclass parents, who himself works in the lumber camps, coal mines and steel mills, harvest fields and mountain camps of America […] A Jack London or a Walt Whitman will come out of this new crop of young workers who write in the New Masses […] Don’t be passive. Write. Your life in mine, mill and farm is of deathless significance in the history of the world. Tell us about it in the same language you use in writing a letter. It may be literature – it often is. Write. Persist. Struggle.« (Gold 1929: 3)

Die Definition proletarischer Literatur, von Gold hier noch als die von Arbeitern verfassten Texte beschrieben, variierte im Laufe der Zeit immer wieder hinsichtlich ihrer Gewichtung von Klassenzugehörigkeit der Autor/-innen bzw. Rezipient/innen, der Thematik oder der politischen Implikationen eines Textes. In ihrer umfangreichen Studie Radical Representations (1993) argumentiert Barbara Foley, dass proletarische Literatur vor allem durch ihr Ziel zu definieren sei: »To different degrees the literary proletarians all adhered to left-wing politics and viewed their work as contributing to the arousal of class consciousness.« (Foley 1993: vii) Egal, welcher Definition man folgen möchte, Gelbes Licht ist in jedem Fall ein Werk der amerikanischen Arbeiterliteratur. Anderson folgte Mike Golds Ruf und fiktionalisierte ihre Erfahrungen als Arbeiterin. Arbeitsleben und Kollektivbildung sind die Themen des Buches, welches von einer linken Perspektive aus geschrieben wurde und mit dem Scheitern der Frauen, ihren Beruf auch nach dem Krieg noch auszuüben, bildet der Roman einen Aufruf zum Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie eine Kritik am Kapitalismus. Einem der vier von Barbara Foley identifizierten Genres proletarischer Literatur – ›proletarian fictional autobiography‹, ›bildungsroman‹, ›social novel‹, ›collective novel‹ – lässt sich Gelbes Licht nicht eindeutig zuordnen. Natürlich basiert der Roman auf dem autobiografischen Erleben, aber diese Erfahrungen einer einzelnen Protagonistin stehen nicht im Vordergrund. Auch handelt es sich nicht um einen proletarischen Bildungsroman, der die Entwicklung eines einstmals naiven Protagonisten zum klassenbewussten Kämpfer schildert. Der Roman enthält mit seiner Vielzahl an unterschiedlichen Protagonistinnen zwar typische Elemente des Bildungsromans, größtenteils wird jedoch auf das Sichtbarmachen von Entwicklungen verzichtet. Die Rezipient/-innen erfahren beispielsweise nichts darüber, was die aus einer Methodistenfamilie stammende Protagonistin Jessie Lamb dazu brachte, Kommunistin und Schaffnerin zu sein anstatt als Lehrerin an einer höheren Schule zu arbeiten. Die Entfaltung einzelner Charaktere, die in der Konfrontation mit Widersprüchen eine neue Bewusstseinsstufe erlangen, ist demnach nicht das Anliegen

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des Buches. Vielmehr zieht der Roman seine Spannung aus der Entwicklung einer Gruppe von Eisenbahnerinnen; dennoch ist er aus mehreren Gründen kein Kollektivroman. Der Roman beginnt mit der Ausbildung von acht Frauen, die zu den ersten weiblichen Bahnangestellten in den USA gehören. Zwar, so informiert der allwissende Erzähler, betrachten alle Lehrgangsteilnehmerinnen diese berufliche Entwicklung als große Bereicherung, ein Gefühl der gegenseitigen Verbundenheit zeigt sich jedoch nicht. Im Gegenteil, die Sondierung der anderen – »alle Frauen versuchten, ihr Wesen hinter einem freundlichen oder gleichgültigen Ausdruck zu verbergen und zugleich die Maske der anderen zu durchdringen« (GL: 8) – schließen fast alle Gruppenteilnehmerinnen mit einem negativen Urteil ab. Mrs. Juggs, mit fünfunddreißig Jahren die Älteste der Gruppe, stellt fest: »[S]ie sind in sich selbst verliebt, bilden sich ein, sie sehen gut aus. […] Nie im Leben haben sie etwas anderes getrieben als Firlefanz oder haben die Arbeit als Firlefanz genommen.« (GL: 11) Mit keiner dieser Frauen aus der Gruppe will sie sich einlassen und stattdessen ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Ausführungen des Ausbilders Mr. Miller richten. Für Miss Shipman ist es nach der Beobachtung ihrer Kolleginnen »auf jeden Fall eine ausgemachte Sache, daß sie der Mittelpunkt sein würde.« (GL: 11) Über Miss Spires heißt es: »Ein Außenstehender, der sie sah, konnte denken, daß sie sich als etwas Besseres vorkam als die anderen. Zweifellos tat sie das auch, fühlte sich aber auch von den anderen vernachlässigt und war entschlossen zu zeigen, daß sie nicht auf sie angewiesen war.« (GL: 12) Gegenüber Jessie Lamb und ihrer Freundin Toby Freeman nimmt Miss Spires ebenfalls eine ambivalente Haltung ein: »Miss Spires hatte das unbestimmte Gefühl, diese zwei bildeten sich ein, sie seien Gott persönlich, und richtete ihre ganze Verachtung auf sie, schloß sich aber trotzdem an und rückte in ihre Mitte.« (GL: 12) Gerade weil am Anfang des Romans die Einstellung der Frauen untereinander so extrem feindselig dargestellt wird, schafft der Text die Erwartung, dass sich die Gruppe im Laufe des Romans festigen und ihre Stärke in der Gemeinschaft erkennen wird. Doch die Umstände, die ein solches Kollektivbewusstsein hervorbringen könnten, sind nicht gegeben. Keiner möchte die Frauen bei der Bahn; nur der durch den Krieg verursachte Mangel an männlichen weißen Arbeitskräften zwingt die Eisenbahngesellschaft, Frauen als Schaffnerinnen einzustellen. Die Bruderschaft der Eisenbahner, eine Art Gewerkschaft, vereinbart mit der Unternehmensführung, Frauen nur unter Vertrag zu nehmen, wenn männlichen Beschäftigten Vorrechte eingeräumt werden: Frauen erhalten im Gegensatz zu vielen der Männer keine festen Strecken, sondern sind dem Bereitschaftsdienst zugeteilt. Dies bedeutete keine festen Dienstzeiten und weitere Benachteiligungen bei der Vergabe der Bereitschaftsstrecken, da die gutbezahlten Fernstrecken mit wenig Zwischenzeiten Männern vorbehalten blieben, während Frauen die kurzen Strecken der überfüllten Vorortzüge mit Aufenthalten

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von oft über vier Stunden bedienten. Seniorität, die Anerkennung der Dienstjahre, spielte bei der Streckenvergabe eine übergeordnete Rolle. Das heißt, wenn sich jemand mit einer höheren Anzahl an Dienstjahren für eine Strecke bewarb, so wurde ihm diese zuerkannt. Auf diese Weise konnte man sich bis zur Position des Zugführers heraufarbeiten. Da Frauen als vorübergehend Beschäftigte angesehen wurden, erhielten sie gleich gar keine Seniorität. Die Darstellung der Diskriminierung von Frauen bei der Bahn gelingt Anderson sehr eindrucksvoll, weil sie nicht die Erfahrungen einer einzelnen Person beschreibt, sondern eine Vielzahl von Protagonistinnen verwendet. Dieser Fokus hat auch Nachteile, denn bei fast zwanzig weiblichen Charakteren verliert man leicht die Übersicht. Die Frauen bleiben fremd, weil sie lediglich als Akteur/-innen im Geschehen fungieren und ihr Hintergrund und Bewusstsein nur selten dargestellt wird. Der Schauplatz des Romans ist auf die Bahn begrenzt, das heißt, das Geschehen findet fast ausschließlich in Zügen, Bereitschafts- und Versammlungsräumen und dem Fahrmeisterbüro statt und das Privatleben der Frauen wird nur gelegentlich in Erzählerkommentaren erwähnt. Der Vorteil dieser Erzählstruktur liegt in der Redundanz. Durch die wiederholte Darstellung der Benachteiligung verschiedener weiblicher Charaktere und durch die Beschränkung des Handlungsraums auf die Bahn wird die ungerechte Behandlung der Frauen eindeutig vermittelt. Die Leser/-innen werden animiert, Partei zu ergreifen. So werden etwa die Auseinandersetzungen mit dem Fahrdienstleiter Jennings, der die Strecken zuteilt und keine Rücksicht auf die Erschöpfung der Frauen nimmt, mehrfach thematisiert: »›Ich brauche ja bloß acht Stunden‹, sagte das Mädchen bescheiden. ›So, sie braucht ja bloß acht Stunden‹, äffte Jennings sie nach und schaute mit sarkastischem Lächeln um sich. ›Bist du abgerädert?‹ ›Äh, ich…‹ ›Ob du abgerädert bist?‹ bellte Jennings, wobei seine vorspringenden Augenbrauen plötzlich einen schwarzen Strich bildeten. ›Nein‹, antwortete sie sehr leise, gequält. ›Ich habe nur zwölf Stunden wirkliche Fahrzeit gehabt, aber…‹ ›Also du bist nicht abgerädert!‹ ›Ich weiß, aber ich habe gestern, ich meine vorgestern, überhaupt nicht geschlafen…‹ ›Das geht mich nichts an.‹ […] In ihrer hysterischen Verzweiflung fuhr die Schaffnerin fort: ›Ihnen ist es ganz gleich, ob wir kaputtgehn! Ich verlange gar keine zehn. Zwei Monate bin ich jetzt hier, und nicht ein einziges Mal habe ich vierundzwanzig Stunden dienstfrei verlangt. Alles, was ich will, sind acht. Acht Stunden frei!‹« (GL: 30)

Weder das Mädchen noch Toby Freeman, die von neun Uhr morgens bis Mitternacht für die Bahn unterwegs war, erhalten eine Dienstpause von Jennings:

224 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Um Mitternacht begab sie [Toby Freeman] sich ins Fahrmeisterbüro, mit der Absicht, den Trick von gestern zu wiederholen, falls dort zu großer Andrang herrschte. Sie hatte kaum den Kopf zur Tür hereingesteckt, als Jennings schon losdonnerte: ›Freeman! Herkommen!‹ Alles machte ihr Platz, als sie ängstlich zum Schalter ging. […] ›Schreib dich zwei Uhr fünfundvierzig ein für den Drei-Uhr-fünfzehn-Einsetzer.‹ ›Aber ich bin abgerädert‹, wagte sie zu sagen. ›Nicht möglich‹, erwiderte er. ›Du hast heute vier Stunden Pause in South Lehigh gehabt, also nur elf Stunden Fahrzeit.‹ ›Aber bis zum Antritt sind es ja noch über zwei Stunden!‹ ›Und die werden dir dafür auch nicht bezahlt‹, kicherte ein alter Zugführer, der daneben stand, in jeder Hand eine Lampe.« (GL: 33)

Für den Plot des Romans wäre die mehrfache Darstellung von ähnlichen Szenen nicht nötig, doch erhöhen sie die Eindrücklichkeit und ersparen pauschalisierende Erzählerkommentare, wie sie am Anfang des Buches noch zu finden sind, wo die Erzählerinstanz ihre ideologische Überzeugungen sehr direkt deklariert: »Besonders die Zugführer, mehr noch als die Lokomotivführer, besaßen ein ausgeprägtes Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen Arbeitern. Das Wort ›Proletarier‹ bezogen sie nicht auf sich selbst; sie hielten es für nichts anderes als eine lächerliche Formulierung, die sich ein Übergeschnappter ausgedacht hatte. Wenn es überhaupt etwas bedeutete, dann konnte es nur für solche Männer gelten, deren Frauen bei ihren eigenen Frauen als Scheuerfrauen arbeiteten, Männer, die speckige Mützen aufhatten und vornübergesunken im hinteren Teil der ganz frühen Vorortzüge saßen – eine nicht näher zu bestimmende Horde von Wesen ohne Glück, meist Neger oder Ausländer. […] Wie fast alle Amerikaner glaubten sie, obwohl sie sich der sozialen Hierarchie deutlich bewusst waren, nicht an die Existenz von Klassen oder Klassenkämpfen. Für sie gab es Millionäre, Angehörige des Mittelstandes und Arme, und jeder bekam, was ihm zustand.« (GL: 15)

Im Laufe des Romans wird auf solche plakativen Kommentare weitestgehend verzichtet und die sexistischen und rassistischen Haltungen werden vor allem in Dialogen dargestellt. Auf diese Weise wird nicht nur ein komplexeres Bild von der Belegschaft vermittelt, sondern den Leser/-innen wird auch ein scheinbar höherer Grad an Autonomie in ihren Urteilen und Schlussfolgerungen zugebilligt. Wie bereits erwähnt, ist der Roman keine Dokumentation einer erfolgreichen Kollektivbildung. Obwohl alle Frauen gleichermaßen unter der Diskriminierung leiden, reagieren nur einzelne mit Protest. Die meisten versuchen, individuell mit den Problemen zurechtzukommen; einige ertragen die Bedingungen, indem sie sich demütig auf ihren Patriotismus besinnen und ihren Dienst als Unterstützung der im Krieg kämpfenden Männer verstehen. Andere, wie Adelaide Haase, zeigen sich gegenüber den Vorgesetzten von der Bahngesellschaft äußerst loyal und erhalten Sonderposten. Sally Bristol hält die anderen Schaffnerinnen für dumm und lernunfähig und verbringt ihre Pausen lieber bei den Eisenbahnern, die sie wegen ihres Interes-

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ses an der Eisenbahn ernst nehmen und ihr Dinge wie etwa das Abkuppeln von Lokomotiven beibringen. Leonore Jackson, zunächst vom Verdienst bei der Bahn angelockt, studiert das System der Streckenvergabe, um möglichst viele gutbezahlte Touren zu bekommen. Bald wird sie wegen ihrer Unermüdlichkeit von den Männern anerkennend nach dem legendären Eisenbahner Casey Jones benannt. Sie begreift die ungerechte Behandlung von Frauen bei der Bahn und will sich in der Bruderschaft engagieren. Doch zunächst verweigert die Versammlung der Bruderschaft in Port Empire ihr und fünf anderen Frauen die Mitgliedschaft. Lediglich in einem anderen Bezirk können die Männer sich durchringen, Frauen aufzunehmen. Auch Toby Freeman und Jessie Lamb sind der Überzeugung, dass ihre Mitgliedschaft in der Bruderschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Frauen führen würde. Toby und Jessie stammen beide aus der Mittelklasse und haben sich auf dem College kennengelernt. Mittels dieser zwei Figuren behandelt Anderson das Thema der bürgerlichen Proletarierin und ihrer Möglichkeit, sich mit dem Kampf der Arbeiterklasse zu identifizieren. Jessie wird sich des Unterschieds zwischen ihr und den anderen, überwiegend aus Arbeiter- und Einwandererfamilien stammenden Schaffnerinnen bereits am Anfang ihrer Ausbildung bewusst: »Sie hatte vor all den Mädchen ein wenig Angst. In deren Gegenwart kam ihr zu Bewußtsein, daß sie ein recht beschränktes und behütetes Leben geführt hatte. All ihre Bekannten, wie zum Beispiel Miss Freeman, waren gebildet oder hatten selber etwas für ihre Bildung getan. Niemand, mit dem sie bisher verkehrt hatte, ausgenommen ihre ersten Freundinnen in der Grundschule, war wesentlich anders gewesen als sie selbst. Alle waren ehrgeizig, schämten sich, wenn sie eine versteckte literarische Anspielung nicht gleich verstanden, und interessierten sich brennend für Politik. […] Würden diese Mädchen sie akzeptieren, wenn sie über ihre Herkunft Bescheid wüßten? fragte sich Miss Lamb.« (GL: 21f.)

Jessies Befürchtungen werden zunächst zerstreut, da Adelaide Haase, die als erste Frau bei der Eisenbahngesellschaft eingestellt wurde und bei den Schaffnerinnen vor allem am Anfang hohes Ansehen genoss, Jessie mit Sympathie begegnet und ihre Herkunft sogar bewundert. »Jessie trennte sich von Adelaide in froher und nachdenklicher Stimmung. ‚Ich bin wohl doch nicht so abstoßend‘, dachte sie. […] Jessie wäre aus allen Wolken gefallen, hätte sie gewusst, was Adelaide so anzog. Adelaide fühlte sich, war stolz, mit Jessie zusammen gewesen zu sein; für sie war Jessie bereits ihre Freundin, eine Perle in ihrer Krone. Jessie war wohlerzogen und offensichtlich ›was Besseres‹ als die anderen Frauen bei der Bahn. […] Sie stellte sich Jessie zu Hause vor, nicht in einem gewöhnlichen Wohnzimmer, sondern in einem ›Salon‹ oder einer ›Bibliothek‹, die Wände von oben bis unten voller Bücher, wo man durch weit geöffnete Flügeltüren in einem Garten blickte, der an einem See lag.« (GL: 87)

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Trotz ihrer erfolgreichen Karriere als erste Eisenbahnerin scheint Adelaide Haase bürgerlichen Ideologien verhaftet zu sein und bewertet ein Leben in der Mittelklasse höher als ihre eigenen Leistungen als Arbeiterin. Im Prinzip teilt Jessie mit Adelaide diese Einstellung, wenn sie bereits nach der ersten Begegnung eine paternalistische Haltung gegenüber Adelaide einnimmt: »Sie [Jessie] hatte Mitleid mit dem Mädchen wegen dessen jugendlicher Verwirrung und der geistig armseligen häuslichen Atmosphäre, die die Verwirrung bedenklich werden ließ. Der Vater war bei der Polizei gewesen – die Sache war schon faul! Und doch steckte sie voll guter Anlagen, ein aufgewecktes Mädchen; die abgeklärte Pose war rührend. Was ließ sich aus einem solchen Menschen alles machen…« (GL: 87)

Toby, die von Adelaide wegen ihrer verschmutzten Arbeitskleidung beim Chef angezeigt wird, kann Jessies Haltung gegenüber Adelaide nicht teilen. »›Vielleicht kann man sie retten…‹ ›Weshalb? Wozu sich damit abgegeben?‹ fragte Toby erstaunt. ›Sie stellt hier was vor. So, wie sie ist, kann sie gefährlich werden. Vielleicht gelingt es, ihren Einfluß für ’ne gute Sache zu verwenden.‹ ›Du kannst sie bloß gut leiden, das ist alles‹, sagte Toby gekränkt.[…] ›Unsinn‹, rief Jessie. ›Ich werde ihr ins Gewissen reden.‹ Toby war ärgerlich. Sie dachte: ‚Jessie fühlt sich am Busen der Massen, sie kommt sich schon wieder überlegen vor.‘« (GL: 90)

Tobys Gedanken vermitteln den Eindruck, dass Jessie nun, da sie ihre erste Unsicherheit ablegen konnte und von Adelaide als Freundin betrachtet wird, ihre arrogante Einstellung gegenüber ihrer Umwelt wiedergewonnen hat. Eine Arroganz in Form von schulmeisterlicher Besserwisserei, gepaart mit religiösen Überzeugungen, die weniger ihrer Unsicherheit als einem tiefen Interesse an ihren Mitmenschen entspringt und von der auch Toby schon profitiert hatte. »Es war Jessie, die sie dazu gebracht hatte, mit sechzehn Jahren Zeitung zu lesen.« (GL: 23) Die problematische Seite von Jessies Methoden zur Verbesserung der Menschen in ihrem bürgerlichen Sinne zeigt etwa ihre Aussprache mit Adelaide über deren Meldung von Tobys verschmutzter Arbeitskleidung an den Vorgesetzten. »›Was bildest du dir eigentlich ein, wer du bist, mit solchen ‚Pflicht-Reporten‘ zu Mr. Burton zu rennen?‹ ›Diese Mädchen haben mich zur Leiterin gewählt‹, erwiderte Adelaide halsstarrig. ›Und Mr. Burton vertraut mir.‹ ›Du handelst wie eine ganz gewöhnliche Petze. Man kann es auch schlimmer nennen, aber das möchte ich lieber nicht.‹ ›Mr. Burton hat mich gebeten, ihn zu informieren, wie es den Mädchen geht. In ihrem eigenen Interesse. Ich bin keine Petze. Ich möchte allen Mädchen helfen.‹ Ärgerlich stieß Jessie hervor. ›Ach, das ist doch scheinheiliger Quatsch… Gib zu, daß es verkehrt war, oder setz dich woanders hin!‹

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Nach einer ganzen Weile erst sagte Adelaide kleinlaut: ›Es war wohl doch verkehrt.‹« (GL: 100)

Wie die anderen Protagonistinnen – vielleicht mit Ausnahme von Toby Freeman – wird auch Jessie in ihrer Ambivalenz dargestellt. Alle Frauen haben Schwächen, die sich teilweise sehr unangenehm in ihrem Verhalten gegenüber den Kolleginnen äußern, und keine bietet den Leser/-innen durchgängig Anlass zur Identifikation. Dennoch kommt Jessie Lamb eine besondere Rolle innerhalb dieses Gruppenromans zu: In vierzehn der neunzehn Kapitel des Romans wird Jessie zumindest als Nebenfigur behandelt und in neun Kapiteln ist sie eine der Hauptfiguren. Damit bricht Anderson auf der Diskursebene mit der Struktur eines Kollektivromans, bei dem die Gruppe von größerer Bedeutung wäre als die individuellen Charaktere. Mit der intensiveren Hinwendung zu einzelnen Protagonistinnen steuert sie die Hierarchie der Ansichten und Diskurse und setzt die ihr am nächsten stehende Jessie an oberste Stelle. Zwar kann man aufgrund verschiedener Bemerkungen vermuten, dass Jessie und ihre Freundin Toby der CPUSA nahestehen, aber merkwürdigerweise wird dies nie ausdrücklich gesagt. Vielmehr beharrt die Erzählinstanz darauf, dass Jessie und Toby sich durch ihre Collegebildung von den anderen unterscheiden. Da ihre politische Bildung nicht erläutert wird, könnte man annehmen, dass das College sie zu Linken gemacht hat: »Sie [Jessie] unterschätzte das Vorrecht der Collegebildung, die ihr ihre Familie hatte angedeihen lassen können. Sie hatte dabei weit mehr mitbekommen als den Beweis, ›nichts versäumt zu haben‹, wie sie sich Adelaide gegenüber ausgedrückt hatte. Doch sie setzte all das herab, weil sie nicht wollte, daß sie selbst oder andere es als Schranke empfänden. In ihrem Bestreben, diese Schranke zu leugnen, vergaß sie, daß sie imstande war, sich aus Dingen, von denen die anderen nichts ahnten, eine Welt der Erbauung zu schaffen und so der Langeweile und der geistigen Mittellosigkeit zu entrinnen, der so viel von ihnen ausgeliefert waren.« (GL: 110f.)

Wenngleich die Darstellung der Protagonistin Jessie lückenhaft ist, kann ihr Wirken als Paradigma für das problematische Zusammenwirken von linken Intellektuellen und Arbeiter/-innen verstanden werden. Andersons Roman verweist damit nicht nur auf die Geschlechterproblematik, sondern ebenso auf die Klassenfrage innerhalb linker Gruppierungen. Wiederholt ergreift Jessie die Initiative, um die Frauen von der Notwendigkeit des Kampfes für gerechtere Arbeitsbedingungen zu überzeugen. Auf einer Frauenversammlung setzt sie sich beispielsweise leidenschaftlich mit den Kolleginnen auseinander, die in der Seniorität für Frauen und damit den gleichen Arbeitsbedingungen für Männer und Frauen einen Angriff auf den zukünftigen Lebensunterhalt der Männer nach dem Krieg sahen. »Doris Hafner erhob sich mit verlegenem Lächeln. ›Was mich betrifft‹, sagte sie, ›ich habe nicht die Absicht, nach dem Kriege hierzubleiben und einem Mann die Arbeit wegzu-

228 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON nehmen, auch nicht einem, der jetzt in der Armee ist.‹ Damit ging sie zur Tür. ›Das hat nichts mit der Zeit nach dem Krieg zu tun, Miss Hafner‹, erwiderte Jessie. ›Das hat mit jetzt etwas zu tun, mit jetzt mitten im Krieg; wir arbeiten unter untragbaren und ungerechten Bedingungen. Niemand, der nicht will, braucht nach dem Krieg hierzubleiben, aber es braucht sich auch niemand Bedingungen gefallen zu lassen, die man uns hier aufgezwungen hat. Wir sind zu jedem notwendigen Opfer bereit; die Opfer, die hier von uns verlangt werden, sind aber nicht notwendig, sie werden ja von den Männern auch nicht verlangt.‹« (GL: 152)

An anderer Stelle bespricht Jessie mit Toby das Potenzial der Kolleginnen als Verbündete: »Sie nahmen Dutzende Frauen auseinander, eine nach der anderen, und überlegten sich, was man mit ihnen machen, wie man ihnen Kampfgeist beibringen könne.« (GL: 140) Jessie maßt sich eine Führungsrolle im Organisieren der Schaffnerinnen an. Da ihre politische Sozialisation weitestgehend verdeckt bleibt und sie in der Beliebtheitsskala ihrer Kolleginnen auch nicht weit oben steht, wird nicht recht deutlich, woher sie ihre Überzeugung nimmt. Um die Leitung der Bruderschaft für die Situation der Frauen zu interessieren, schlägt Jessie vor, einen Artikel für die Eisenbahnerzeitung Trainman zu schreiben. Diesem Vorschlag stimmen viele Frauen zu. Selbst von der Sprache und dem Witz einiger ihrer Kolleginnen beeindruckt, beschließt Jessie, den Artikel in Form eines fiktiven Interviews zu schreiben und auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf die Arbeitsbedingungen der Frauen zu lenken. Nach dem Erscheinen ist Mrs. Fargo, Jessies größte Widersacherin in der Gruppe, über Form und Inhalt des Artikels entsetzt und ihre Empörung überträgt sie auf die anderen Frauen. Der Artikel sei eine Beleidigung, weil er die Schaffnerinnen als unzufrieden, geldgierig und vulgär beschreibe. Durch den Artikel seien alle Schaffnerinnen in die Gefahr des Jobverlustes gebracht worden. Fargo verlangt von Jessie eine öffentliche Aussprache und schon in deren Ankündigung unterstellt sie Jessie prokommunistische Anschauungen: »[Miss Lamb] wird Gelegenheit haben, sich zu rechtfertigen, wie wir es in einem demokratischen Land gewohnt sind, wenn auch Miss Lamb wahrscheinlich andere Maßnahmen einführen würde, falls sie zu bestimmen hätte.« (GL: 161) Die Aussprache findet vor über achtzig Frauen statt. Es wird beschlossen, dass Toby als Jessies Freundin die Versammlung leiten darf. Mrs. Fargo weist wiederholt auf den Umstand hin, dass Jessie ein College besucht habe und sich daher wohl einbilde, etwas Besseres zu sein. Jessie geht auf diesen Vorwurf nicht ein, sondern entschuldigt sich bei denen, die den Artikel als Beleidigung aufgefasst haben, nimmt jedoch von der im Artikel formulierten Meinung, dass die Seniorität auch für Frauen gelten sollte, keinen Abstand. Fast akzeptiert die Versammlung Jessies Rechtfertigung, als durch die Ankunft einer Gruppe von Nachzüglerinnen die Diskussion erneut entflammt. Fargo ergreift die Gelegenheit, um die Schaffnerinnen noch einmal gegen Jessie aufzubringen:

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»›Vor allem irrt sie sich, wenn sie denkt, sie ist besser als wir und ihr College gibt ihr das Recht, auf andere Leute von oben herabzusehen. Und wenn sie diese Seniorität und Gleichberechtigung mit Männern haben will, dann könnt ihr euch darauf verlassen, daß sie auch all das andere haben will, was gleich dahinter kommt, die Gleichheit zwischen Niggern und Weißen und Gleichheit von Ausländern und Flüchtlingen mit richtigen Amerikanern und Gleichheit zwischen unserem Portemonnaie und dem jedes Tagediebes, der zu faul zum Arbeiten ist. Fragt sie doch, ob das nicht genau das ist, was sie will! Heimlich wollen Sie das doch, Miss Lamb? Sie sind Kommunist, nicht wahr, Miss Lamb?‹ Toby unterbrach sie voller Verzweiflung: ›Mrs. Fargo, Sie verdrehen die Diskussion! Was Sie da sagen, gehört überhaupt nicht hierher!‹« (GL: 173)

Sicher hätte in dieser Situation, in der ohnehin die Mehrheit der Frauen gegen Jessie ist, ein Bekenntnis zum Kommunismus fatale Folgen. Aber auch unter positiveren Vorzeichen vermeidet der Roman eine eindeutige Identifikation von Jessies oder Tobys politischer Überzeugung. So bleibt es etwa Sally überlassen, Vermutungen über Toby anzustellen: »Gegenüber Toby war ihr Ton nicht überheblich. Sie respektierte etwas Starkes, das sie in Toby vermutete. Es war, als hätte Toby trotz all ihrer kindlichen Fröhlichkeit etwas, das größer war als sie selbst, das sie antrieb und ihr Kraft verlieh – etwas wie Katholizismus. Selbstverständlich war es nicht Katholizismus; den hätte Sally erkannt. Es war etwas anderes, und Sally hätte gern die Hemmung überwunden, die sie abhielt zu fragen: ›Bist du Kommunist?‹« (GL: 210)

So wie Sally kann auch der/die Leser/-in nur Vermutungen über Jessies und Tobys politische Verankerung anstellen. Ein letztes Beispiel sei dafür noch gegeben. Nach ihrem Artikel im Trainman und der beschriebenen Aussprache gerät Jessie noch stärker in die Position einer Außenseiterin. Ihr Leiden unter dieser Situation wird folgendermaßen dargestellt: »Sie war völlig vergraben in ihren Kummer. Was die Lage noch unerfreulicher machte, war, daß sie darauf eingegangen war, sich im Augenblick lieber vom Kampf um Seniorität zurückzuziehen, als ihn zu gefährden. Toby dagegen, die nach dem ›Lynchen‹ noch einen Rest von Beliebtheit für sich buchen konnte, sollte sich nach Möglichkeit wieder an die Spitze setzen. Das Ergebnis war, daß sich Jessie nutzlos und isoliert vorkam…« (GL: 188)

Es bleibt die Frage, wem gegenüber Jessie auf diese Strategie eingegangen ist. Wenn es sich hier lediglich um eine Abmachung zwischen Jessie und Toby handelt, ist es erstaunlich, dass Jessie so darunter leidet. Vielmehr klingt es, als hätten Jessie und Toby Instruktionen für ihr Verhalten von dritter Seite erhalten, möglicherweise von ihrer Parteigruppe. Aber genau diese dritte Seite spart der Roman aus und man weiß nicht recht, warum. Aus heutiger Sicht scheint das noch unverständlicher, da

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der Roman doch ausschließlich in der DDR erschien, einem Land, wo die kommunistische Partei staatsrechtlich verankert war. Für Andersons Entscheidung, der kommunistischen Partei in ihrem Roman keine führende Rolle zuzuschreiben, mag es mehrere Gründe gegeben haben. Zunächst einmal gestattet die Struktur eines Gruppenromans keine ausführliche Darstellung der einzelnen Einflüsse auf den Werdegang ihrer Individuen. Der Fokus des Textes ist auf das Geschehen bei der Bahn gerichtet, das Privatleben der Protagonistinnen in Form von Familien, Beziehungen, Freizeitinteressen oder eben politischem Engagement spielt in diesem Rahmen keine oder eine äußerst untergeordnete Rolle. Möglicherweise hat sich Anderson auch für eine Verschleierung dieses Inputs entschieden, weil sie dem Stereotyp des proletarischen Romans nicht entsprechen wollte, wie ihn etwa Stanley Aronowitz beschrieb: »›This was the novel of struggle, in which friends and enemies were clearly defined, where the outcome was predictable if the reader understood the formula, and resembled the Communist version of pulp fiction. The workers would strike, their divisions would be overcome, the union would make them strong, thanks to the tireless efforts of the Communist organizers who selflessly gave himself to the struggle.‹« (Aronowitz 1981: 235, zit. n. Foley 1993: 33)

Bei Anderson erwächst der Kampfgeist einiger Frauen wie etwa Casey Jones um gerechtere Arbeitsverhältnisse aus ihrer Diskriminierung bei der Bahn und ist nicht durch Tobys oder Jessies bereits vorhandenes Klassenbewusstsein als Kommunistinnen motiviert. Mit der Auslassung der Rolle der kommunistischen Partei entgeht Anderson dem Vorwurf des Schemenhaften und dem unverhohlen Propagandistischen proletarischer Literatur. In ihrer Untersuchung fragt Barbara Foley, ob einer Literatur, deren ausgemachtes Ziel es ist, das Klassenbewusstsein zu stärken, propagandistische Züge überhaupt zum Vorwurf gemacht werden können und ob die Abwertung von revolutionärem Engagement nicht eher den antikommunistischen Einstellungen von Forschern wie Aronowitz zuzuschreiben sei. Foley beruft sich auf Lenin, der in »Was tun?« ausführt, dass Klassenbewusstsein nicht durch Lebenserfahrung der Arbeiter entstünde, sondern durch die Erkenntnis der dialektischen Zusammenhänge. Diese Erkenntnis »kann den Arbeitern nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes« (Lenin 1966: 436) und die Aufgabe der Theoretiker und Propagandisten der Partei bestehe in der Vermittlung dieser materialistischen Analyse der Stellung und Rolle sämtlicher Klassen und Schichten und ihrer Wechselbeziehungen. Demnach gehören die führende Rolle von Kommunisten und die Werbung für deren politische Grundsätze schon qua definitionem in einen proletarischen Roman. Foley merkt jedoch an, dass die amerikanischen Marxisten der 1930er Jahre aus Furcht vor zu vielen ›schlecht geschrie-

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benen‹ Romanen vor einer zu offensichtlichen Indoktrination warnten. Aus dieser Haltung schlussfolgert sie: »The literary left’s failure to theorize the range of rhetorical strategies available to the proletarian novelist – and to theorize ›propaganda‹ as a legitimate mode of ›writing‹ that might be either ›good‹ or ›bad‹ – can be seen as a failure to apply Leninist doctrine to literary criticism.« (Foley 1993: 277)

Folgt man Foleys Argumentation, so war Gelbes Licht kein leninistischer Roman, denn er unterminiert die Rolle der Partei bei der Erlangung des politischen Klassenbewusstseins. Natürlich kann man einwenden, dass auch Lenin die Bewusstseinsbildung der Arbeiter in verschiedene Stufen teilt und Andersons Roman von der Phase handelt, in der die Arbeiter im Arbeitgeber keinen Wohltäter mehr sehen, sondern ihre Eigeninteressen erkennen. Das Lehrbuch für das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium für die Hoch- und Fachschulen der DDR erklärte diese Phase folgendermaßen: »Eine neue Stufe des Bewußtseins drückt sich im gewerkschaftlich organisierten Kampf aus. Hier ist der Arbeiter bereits kein willenloses Werkzeug in den Händen der Unterdrücker mehr. Auf dieser Stufe des proletarischen Klassenbewußtseins sind die Hoffnungen und Erwartungen der Arbeiter darauf gerichtet, sich innerhalb des Kapitalismus ein halbwegs erträgliches Leben zu sichern.« (Steußloff/et al. 1988: 435)

Der Streik, den männliche und weibliche Eisenbahner am Ende des Romans unter Führung der Gewerkschaft nach dem Krieg führen, spricht dafür, dass es sich bei Andersons Werk eben um die Schilderung dieser Phase handelt. Dennoch bleibt zu fragen, warum die Rolle der kommunistischen Partei bei der Bewusstseinsbildung der Protagonist/-innen dann doch wieder indirekt vermittelt wird, etwa durch Unterstellungen anderer Charaktere oder durch Jessies Studium der entsprechenden Literatur in einer Universitätsbibliothek während ihrer Pausen: »‚Ich muß wirklich einmal etwas über griechische Literatur lesen… über die Französische Revolution… über Indien…!‘, bis sie die Bücher über Politische Ökonomie erreichte. Hier war es: Gewerkschaften. Mit begierig zitternden Händen fing sie an, Bände aus den Regalen zu ziehen und auf den Tisch zu legen. […] Sie setzte sich hin und starrte auf die Bücher, drehte sie um und befühlte sie; es gab ihr Auftrieb, all dieses Wissen vor sich ausgebreitet zu haben, und das den ganzen Sommer lang, vorausgesetzt, sie wurde nicht ›ausgebootet‹. Warum war die Bruderschaft so schwach? Was war bei dem wilden Streik von 1922 geschehen, der den Kampfgeist so vieler Eisenbahner gebrochen zu haben schien? Wieso gab es einundzwanzig Eisenbahnergewerkschaften statt einer einzigen? Ließ sich dagegen nichts unternehmen? Sie zog das erste Buch heran, schlug es auf und vertiefte sich in die Seiten.« (GL: 235)

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Zugegebenermaßen studiert die Protagonistin hier vorwiegend die Geschichte der Gewerkschaften, dennoch kann dies als ein Versuch gewertet werden, die Situation der Arbeiter nicht nur empirisch, sondern, wie von Lenin vorgeschlagen, ›von außen‹ in ihrem Zusammenspiel mit den anderen Klassen zu begreifen. Jessie betreibt hier einen Teil der wissenschaftlichen Durchdringung der Gesellschaft unter Aufarbeitung geschichtlicher Entwicklungen, der laut Lenin von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung eines politischen Klassenbewusstseins ist. Anderson beschreibt diese Bewusstseinsbildung als individuellen Akt, so als gäbe es keine Linke, keine kommunistische Partei, keine marxistischen Studiengruppen, die Jessie stärken und fördern könnten. Damit bleibt die Frage offen, warum der Roman die kommunistische Partei nicht als treibende Kraft im Verhalten von Jessie und Toby identifiziert. Mein letzter Versuch, diese Frage zu beantworten, liegt in Andersons eigenen Erfahrungen mit der CPUSA. In ihren Memoiren Love in Exile schildert Anderson die Anstrengungen, die sie als Eisenbahnerin unternommen hatte, um die Unterstützung der Partei für die Aufnahme von Frauen in die Gewerkschaften zu gewinnen. So wandte sich Anderson in den 1940er Jahren an Elizabeth Gurley Flynn, die wegen ihres militanten Engagements für die Belange der Arbeiter, Immigranten und Gewerkschaften in ihrer Jugend ›the Rebel Girl‹ genannt worden war und nun als einzige Frau in der Spitze der CPUSA tätig war. In der Encyclopedia of the American Left heißt es über Flynn: »In the Communist Party she was mainly a figurehead and rarely dissented from the major Party line, avoiding conflict and feeling outclassed intellectually by the sophisticated, college educated city folk. […] She was one of their most powerful speakers and columnists, faithfully writing two to four times a week for twenty six years for the Daily Worker. Her constituency were the rough-and-tumble miners and immigrant workers, and she preferred militant organizing to bureaucratic and reform work.« (Buhle/Buhle/Georgakas 1998: 229)

Dass Frauen nicht zur Zielgruppe von Flynns politischer Arbeit gehörten, erfuhr auch Anderson, als sie Flynn bat, etwas für die Arbeitsrechte der Schaffnerinnen zu unternehmen. In Love in Exile nutzt Anderson ihre persönlichen Erfahrungen mit Flynn, um ihre Kritik an den Schwächen der Partei zu unterstreichen: »›Well, what am I supposed to do?‹ snapped the erstwhile rebel, whose femininity had long since sunk into folds of fat. ›Why don’t you go to someone like Eugene Dennis?‹ ›But you’re the woman on the National Committee,‹ I protested. ›You’re known to have contact with prominent trade union women. Maybe you could influence them to get together across craft lines –‹ ›Do you think because I’m a woman I have to be interested in women’s matters?‹ she interrupted indignantly. As if I had come about fashions or monthly deodorants; as if anyone could see that women’s matters were garbage. […]

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Cornered, resentful, obviously wondering who the hell I thought I was, she said she had no more time. I should write her an outline of my proposals and bring it back to ninth floor, from which eyrie Party eagles saw farther than sparrows pecking at manure in the gutter. Between runs I wrote three pages, delivered them, and heard no more. Elizabeth Gurley Flynn had caught from Party males the contagion of their arrogance toward women and their entire ›wrong manner of moving in a right direction,‹ as Dick [Wright] would later express in the words of Cross Damon.« (LIEe: 257; LIE: 338)

Das Desinteresse der Partei für die Belange der Arbeiterinnen formulierte Anderson also erst in ihren 1999 erschienenen Memoiren. Im Roman Gelbes Licht wird diese Erfahrung mit der Partei nicht erwähnt. Bedenkt man den Umfang, in dem Anderson ihr reales Berufsleben und die damit in Zusammenhang stehenden Ereignisse von 1943 bis 1946 in den Roman aufnahm, so wird deutlich, dass die fehlende Erwähnung der Rolle der Partei im Arbeitskampf kein Versehen, sondern beabsichtigt gewesen sein muss. Die ansonsten starke Anlehnung des Romans an ihre eigenen Erfahrungen zeigt etwa ein Vergleich mit Jocelyn W. Knowles’ Bericht über die Schaffnerinnen der Pennsylvania Railroad im American Heritage Magazine (Knowles 1995). Knowles war mit Edith Anderson (damals Edith Teich) befreundet und ging in Gelbes Licht als Toby Freeman ein. In ihrer Dokumentation finden sich nicht nur die gleichen Ereignisse, die auch Anderson in ihrem Roman schildert – so etwa die erfolgreiche Beschwerde einiger Frauen bei dem Vorsitzenden der Bruderschaft, A. F. Whitney –, sondern es lassen sich auch ähnliche Charaktere in beiden Texten ausmachen. »Claire was the only one of us whom the men honored with a real railroad sobriquet. They called her Little Smokey as a kind of grudging tribute to her stamina and her capacity for work. ›Big Smokey‹ was a legend of the New York Division, famous for his ability to work while sleeping, or vice versa.« (Knowles 1995: 65)

Die von Knowles beschriebene Kollegin Claire entspricht in Andersons Buch Casey Jones. Auch Adelaide Haase, die von der Eisenbahngesellschaft für die Betreuung der weiblichen Beschäftigten eingesetzt wurde, findet sich in Knowles’ Bericht als Peggy Sigafoos wieder: »Peggy was the trainmaster’s appointed lady’s rep. The men had union representation, but we were not permitted to join the union. We considered Peggy a gumshoe.« (Ebd.) Die starke Orientierung des Romans an den historischen Ereignissen zeigt ebenso der bereits erwähnte Artikel, den Jessie Lamb im Roman für den Trainman schrieb und der für so viel Aufruhr unter den Kolleginnen sorgte. Anderson selbst hatte einen solchen Artikel während ihrer Tätigkeit als Schaffnerin geschrieben, der als »›An Interview with a Lady Trainman‹ By Sister Edith M. Feich, Lodge 511, Philadelphia, Pa.« in der Januar-Ausgabe von The Railroad Trainman 1944 veröffentlicht wurde. Anderson übernahm nicht nur Form und Inhalt ihres Beitrages in

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den Roman, sondern sogar den Druckfehler bei ihrem Namen. Aus Edith Teich wurde in The Railroad Trainman »Feich« und im Roman ist zu lesen: »Sie sah, daß ihr Name verkehrt gedruckt war, als J. P. Lanch, und war einen Augenblick enttäuscht.« (GL: 158) Die Anlehnung des Romans Gelbes Licht an Andersons eigene Erfahrungen ist an sich unbedeutend. Allerdings gibt das Verhältnis zwischen den im Roman aufgenommenen und den weggelassenen Ereignissen aus dieser Zeit Aufschluss über Andersons Umgang mit der Vergangenheit und den Stand ihrer politischen Überzeugungen. Die Tatsache, dass Anderson in den 1940er Jahren von der kommunistischen Partei keine Unterstützung für die Belange der Eisenbahnerinnen erhielt, wird im Roman nicht thematisiert. Vielmehr lässt Anderson die Rolle der CPUSA und ihr Verhältnis zu den Protagonistinnen im Dunkeln, wohl auch um der Partei nicht zu schaden. Stephan Hermlin, der den Roman für den Aufbau-Verlag begutachtete, bemängelte die Darstellung der Kommunist/-innen im englischen Manuskript des Romans: »Erschreckend, wie Klassenlage, wie der Klassenkampf selbst, im Stoff selbst enthalten, dennoch in diesem Buch unsichtbar ist. Das niedrige Niveau des Klassenbewusstseins bei Millionen amerikanischer Arbeiter wird hier nicht dargestellt, dem Klassenbewusstsein wirklicher Revolutionäre gegenübergestellt – es wird gewissermaßen von der Autorin geteilt. […] Damit zusammen hängt die Rolle der Kommunisten in diesem Roman. Denn es treten Kommunisten in ihm auf. Jessie Lamb und Toby Freeman sind welche. Wenn die Autorin es uns nicht sagen würde, wüssten wir es nicht. Zweifellos gibt es derartige Kommunisten. Sie sind guten Willens, aber gänzlich unentwickelt, unsicher, wenig kämpferisch, den Massen fremd. Sie wären künstlerisch zu rechtfertigen, wenn man ihnen die Verkörperung des Bolschewiken an die Seite geben würde. Aber dieser Bolschewik existiert bei Edith Anderson nicht.«4

Hermlin hat Recht: Ein Bolschewik existierte nicht in diesem Roman, denn Anderson fand als Eisenbahnerin keinen führenden Kommunisten, der sich ihrer Sache angenommen hätte. Sie entschied sich, diese Erfahrung nicht in ihren Roman aufzunehmen. Fünfzehn Jahre später wählte sie einen anderen Weg. Der Beobachter sieht nichts, der Bericht über Andersons USA-Aufenthalt 1967/68, schildert unter anderem ihre Eindrücke von den Problemen der CPUSA. Aber genau diese Darstellung sollte Anderson zum Verhängnis werden, wie ich später noch zeigen werde. Obwohl der Roman Gelbes Licht den Kommunist/-innen keine führende Rolle zuschreibt, mag allein die Tatsache, dass er die Situation der amerikanischen Arbeiter/-innen in den Mittelpunkt stellte, ausschlaggebend für die Veröffentlichung in der DDR gewesen sein. Schließlich war die Darstellung des Menschen in der materiellen Produktion gerade Anfang der 1950er Jahre das propagierte Ziel der Literatur. Wie die literaturpolitischen Kontroversen jener Zeit, etwa die Formalismusde-

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batte, belegen, gab es heftige Auseinandersetzungen über die Kunst und Literatur dieser neuen Gesellschaft, in der nicht das Bürgertum, sondern die Arbeiterschaft im Zentrum stehen sollte. Viele der »Ingenieure der menschlichen Seele«, wie Stalin die Schriftsteller einst bezeichnete, entschieden sich, das ›neue Leben‹ in ihren Texten zu thematisieren, und unterstützten damit die Forderung der Parteiführung nach Werken des sozialistischen Aufbaus. Die andauernde Diskussion über die literarische Qualität der ›Produktionsliteratur‹ Anfang der 1950er Jahre bezeugen etwa die Artikel von Alexander Abusch, einer der kulturpolitischen Zentralfiguren jener Zeit, »in denen er davor warnte, unter dem Vorwand, höchste literarische Qualität zu fordern, Werke zu verreißen, die sich in kämpferisch parteilichem Geist der Gegenwartsthematik zuwandten.« (Jäger 1994: 31) Einer der Rezensenten von Andersons Eisenbahnerinnen-Roman nutzt diesen Diskurs, um das Werk als besonders gelungen einzuschätzen: »Die Arbeit als gesellschaftliches Moment der menschlichen Entwicklung rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt der Stoffkreise aller Kunstgattungen. Wenn sich an vielen Romanen der Gegenwart – vielleicht besonders an solchen, die Themen des sozialistischen Aufbaus behandeln – die Schwierigkeit ablesen läßt, Menschen in Verbindung mit ihrer Arbeit darzustellen, so verpflichtet das wohl, ein in dieser Hinsicht besonders geglücktes Buch bevorzugt zu nennen.« (Anon. [D.H.] 1957, o.S.)

Die Rezension bescheinigt Anderson die genaue Kenntnis der Arbeitsverhältnisse und ein großes Talent als Erzählerin. Damit entsprach sie dem Idealbild eines Schriftstellers in einem Land, welches seine ›Kulturschaffenden‹ anregte, in die Produktion zu gehen und diese Arbeitswelt in den Mittelpunkt ihrer Texte zu stellen. »›Gestalten Sie den werktätigen Menschen so, wie er ist, von Fleisch und Blut, wie er arbeitet, liebt und kämpft. Zeigen Sie den Enthusiasmus, die Leidenschaft und das große Verantwortungsbewußtsein, das die Arbeiter im Kampf um das Neue beseelt.‹« (Jäger 1994: 77) hieß es etwa in einem von den Arbeitern des VEB Braunkohlewerk Nachstedt unterzeichneten Brief an den IV. Schriftstellerkongress 1955. Ein Grund für das Erscheinen des Romans mag darin gelegen haben, dass diese Verkörperung des Werktätigen als lebendiger Mensch »von Fleisch und Blut« (ebd.) besser gelungen ist als bei anderen Autor/-innen dieser Zeit, die sich im Genre des Betriebsromans versuchten. Zwar behandelt Anderson nicht die Arbeit der Werktätigen beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, aber entsprechend der Devise »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« war die Darstellung der Situation der amerikanischen Arbeiter/-innen als Repräsentant/-innen des ›guten Amerikas‹ durchaus erwünscht. Andersons Roman konnte als Dokument der gegen ihre Unterdrückung kämpfenden Arbeiter/-innen gelesen werden; so etwa heißt es in den Rezensionen, die in Andersons Nachlass zu finden waren: »[…] spannend und temperamentvoll schildert die Autorin den harten Kampf der Frauen um gleichberechtigte

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Stellung in Berufen«5 oder: »Ohne den Schutz, den ein gewerkschaftlicher Zusammenhalt zu geben vermag, sehen sich die Frauen den komplizierten Arbeitsbedingungen gegenüber, mühselig müssen sie sich ihre Rechte erkämpfen.«6 Andererseits zeigt der Roman auch, dass die neu erkämpften Rechte und Positionen ständig Gefahr liefen, von den Machthabern wieder eingeschränkt und beseitigt zu werden. Auf diese Weise wird suggeriert, dass sich nur durch die Entmachtung, nur durch einen Systemwechsel die Lage der Arbeiter/-innen in den USA entscheidend verändern könnte. Das Buch endet nicht mit der Revolution und so fasst ein Rezensent im Sonntag nüchtern zusammen, Gelbes Licht sei »ein Buch, das von einem Stück amerikanischer Arbeiterbewegung handelt und ohne falsches HappyEnd ausgeht.« (Anon. 1956, o.S.) Auf die Tatsache, dass am Ende keine Frau mehr bei der Bahn beschäftigt ist und der Roman damit keinen ›glücklichen Ausgang‹ nimmt, gehen auch andere Rezensionen ein, wenngleich in unterschiedlichem Ton: »Gelbes Licht ist eine Symphonie auf die heroischen Leistungen der amerikanischen Eisenbahnerinnen während des zweiten Weltkrieges, ein Roman der Arbeit, aber auch Spiegelbild der schweren Lebensbedingungen in jenem Land, das die Freiheit der Persönlichkeit angeblich über alles stellt – und doch nur den Profit über alles stellt.«7

Optimistischer wird der Schluss des Romans in der Zeitschrift Aufbau interpretiert: »Aber wenn 1947 die lasche Haltung der Bruderschaft und der Widerstand der Unternehmer sie zwingen, ins anonyme Privatleben zurückzukehren, weichen sie zwar, aber als neue Menschen mit neuen Zielen, die sie eines Tages – auch in Amerika – erreichen werden.« (Anon. [D.H.] 1957, o.S.)

Während Stephan Hermlin in seinem inoffiziellen Gutachten für den Verlag noch das mangelnde Klassenbewusstsein der Protagonistinnen kritisierte, schreiben die Rezensionen einheitlich das Scheitern der Frauen dem System zu und gehen nicht auf ihre mangelnde Fähigkeit zur Kollektivbildung ein. In ihrer Sorge um das offizielle Bild des amerikanischen Arbeiters als makellosem Vertreter des ›guten Amerikas‹ verschweigen die Rezensenten einen bedeutenden Aspekt des Romans. Denn obwohl sich die Frauen am Ende des Romans dem Streik der Eisenbahner um höhere Löhne anschließen und Jessies Rede auf der Streikversammlung bewirkt, dass die Frauen in die Bruderschaft aufgenommen werden, zeigt doch gerade das vorletzte Kapitel sehr deutlich, dass der Roman Widersprüche um eines logischen Schlusses willen nicht ausspart. In diesem Kapitel macht Adelaide Haase Jessie Lamb im Beisein einer anderen Kollegin für das Ausscheiden einer neuen Schaffnerin verantwortlich. Im Gegensatz zu den Anschuldigungen hat Jessie großes Mitgefühl mit der neuen Kollegin gezeigt und sie auf ihrer ersten Tour intensiv unterstützt. Aus Furcht, die Diffamierungen könnten sie wieder in eine Außenseiterposition unter den Kolleginnen bringen, fordert Jessie nun rabiat eine Entschuldigung von Adelaide: »›Was fällt dir ein, vor diesem Mädchen so eine

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gemeine Lüge zu erzählen und dann abzuhauen? Man sollte dir die Visage einschlagen! Entschuldige dich sofort.‹« (GL: 308) Da Adelaide eine Entschuldigung verweigert, schreibt Jessie einen Brief an ihren Vorgesetzten, in dem sie eine öffentliche Entschuldigung von seiner Vertreterin verlangt. Jessie wird zu einer Untersuchung vorgeladen; im Text folgt eine achtzehnseitige Darstellung des Protokolls der Unterredung mit Zeugenvernehmung. Zwar brilliert Jessie während der sechsstündigen Unterredung gelegentlich mit rhetorischen Spitzfindigkeiten, aus Furcht um ihren Arbeitsplatz gibt sie jedoch nach und gesteht ein, dass ihr Verhalten nicht den Dienstvorschriften entsprach. Im Anschluss an die Untersuchung bittet der Dienstvorsteher noch um eine vertrauliche Einschätzung von Adelaide Haases Schwächen und Jessie nimmt diese Chance wahr, um Haase bei dem Vorgesetzten ins schlechte Licht zu rücken: »›Mr. Setter, ich werde es Ihnen sagen. Adelaide ist viel zu jung, viel zu unreif für eine solche Stellung. Schon von Anfang an hat sie sich keinen Respekt bei den Mädchen verschaffen können. So leid es mir tut, aber ich muß Ihnen sagen, daß sie die Gesellschaft in ein schlechtes Licht gerückt hat. Da Sie mich um Offenheit bitten und ich Sie bei Ihrem Wort nehme, daß mir das nicht angekreidet wird: Ich persönlich war sehr erstaunt über Mr. Burtons Mangel an Menschenkenntnis, als er für den Posten im Sonderdienst Adelaide Haase wählte. Es tut mir leid, Mr. Setter, aber Sie haben mich gebeten, offen zu sein!‹« (GL: 329)

Das Gespräch mit Mr. Setter endet mit dem Satz: »In der folgenden Woche wurde Adelaide vom Sonderdienst entbunden.« (GL: 329) Jessies Verhalten bleibt im Roman unerklärt. Möglicherweise las sich dieses vorletzte Kapitel in den 1950er Jahren anders als heute und man war der Anschauung, dass Kollaborateure wie Adelaide Haase ebenso bekämpft werden mussten wie die Eigentümer der Bahn und ihre Vertreter. Die Art der Präsentation von Jessies Verhalten lässt mindestens zwei Interpretationen zu: Zum einen kann es ein Indiz für die Zuversicht der Erzählinstanz sein, dass die Leser/-innen auf Seiten des Erzählers bzw. Jessies stehen, so dass die Freude über Haases Niederlage nicht kommentiert werden muss. Zum anderen könnte der Kommentar fehlen, weil hier etwas Ungeheuerliches passiert. Schließlich verrät Jessie an dieser Stelle ihre Prinzipien; sie lässt sich von den Arbeitgebern vereinnahmen und handelt bewusst gegen ihre Kollegin. Jessies Positionswechsel wird besonders deutlich, wenn man sich daran erinnert, dass sie den Arbeitgebern von Anfang an misstraute. Bei der ersten Veranstaltung, die die Gesellschaft zur Diskussion der Probleme für die Eisenbahnerinnen anbot, hatte Jessie Toby dazu angehalten, nichts zu sagen, denn »›[j]edes Wort auf dieser Versammlung ist ein Wort für die Gesellschaft.‹« (GL: 113) Darüber hinaus war es Jessie, die sich mit Adelaide intensiv über ihre Rolle als Verbindungsglied zwischen den Frauen und der Bahngesellschaft auseinandersetzte und ihr vorwarf,

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die Frauen zu verraten. Mit größter Deutlichkeit hat Jessie Adelaide die Konsequenzen ihrer Zusammenarbeit mit dem Vorgesetzten aufgezeigt: »›Mr. Burton hat vor, aus dir einen Spitzel zu machen und einen Stoßdämpfer – ein doppeltes Spiel sollst du spielen.‹ […] ›wenn du den Posten annimmst, wirst du mehr verlieren als bloß meine Freundschaft. Jeden Tag wirst du ein bisschen tiefer sinken, bis du verdorben bist – durch und durch verdorben. Die Leute werden sagen: ‚Da kommt Adelaide Haase, die Ratte.‘‹« (GL: 109)

Im Prinzip begibt sich Jessie im vorletzten Kapitel auf das Niveau von Haase, wenn sie diese beim Dienstvorsteher anschwärzt. Jessie bricht an dieser Stelle nicht nur mit ihrem religiösen Hintergrund, der sie einst zur Seelenrettung anstiftete, sondern ebenso mit ihren moralischen und politischen Überzeugungen. Sie wird selbst zur ›Petze‹ und kollaboriert mit der Bahngesellschaft, obwohl ihr sicher bewusst ist, dass die Arbeitgeber nur einen Vorwand suchen, um nun nach Kriegsende Adelaide Haase von ihrem Sonderposten zu verdrängen. Der Roman versäumt es, die Gefahr und den Schaden, der von Haase auf ihrem Sonderposten ausging, überzeugend darzustellen, so dass Jessies Tat als gerechtfertigt und befreiend erscheinen könnte. Jessie möchte Genugtuung für die falschen Behauptungen, die Haase über sie verbreitet hat. Die Befriedigung ihrer individuellen Bedürfnisse ist ihr in diesem Moment wichtiger als Klassenbewusstsein oder Solidarität. Jessies Verhalten unterstreicht meine These, dass es sich bei Gelbes Licht nicht um einen Roman handelt, der die erfolgreiche Bildung eines Kollektivs beschreibt. Der Gruppe der Eisenbahnerinnen als Einheit kommt keine größere Bedeutung zu als den individuellen Mitgliedern dieser Gruppe. Kaum einer dieser Frauen gelingt es, den Klassenkampf über ihre individuellen Bedürfnisse zu stellen. Nicht einmal Jessie ist dazu in der Lage. Am Ende zerfällt die Gruppe ohnehin wieder in ihre Einzelteile. Aus verschiedenen Gründen verlassen die Frauen nach dem Krieg die Bahn. Viele tun dies, um sich ihrer Familie zu widmen, einige, weil sie sicherere Jobs finden, und andere, weil sie gesundheitlich nicht in der Lage sind, den Beruf weiter auszuüben. In ihren Bemühungen um Gleichberechtigung und bessere Arbeitsbedingungen sind die Frauen gescheitert. Der Roman schließt mit einer Referenz zu der Stellung der Frau in sozialistischen Ländern: »Wenige von ihnen wußten, daß es in einem anderen Teil der Welt Eisenbahnerinnen gab, deren Seniorität gesichert war, die mit Respekt behandelt wurden und die in völliger Gleichberechtigung mit den Männern arbeiteten. Eines wußten sie, was sie vor vier Jahren nicht gewußt hatten – sie wußten nun, es müßte auch bei ihnen so sein.« (GL: 359)

Der Bedeutung des Signals ›Gelbes Licht‹ – »Nächstes Signal anfahren, auf Halt einstellen« (GL: 3) – entsprechend, sind die Frauen durch ihre Arbeitstätigkeit bei

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der Bahn in ihrer Bewusstseinsbildung ein Stück weitergekommen. Sie haben erkannt, dass sie durchaus in der Lage sind, diese traditionellen Männerberufe zu meistern. Doch nun, aus diesen Berufen verdrängt, steht das Signal wieder auf Halt. Getreu der marxistischen Theorie von Basis und Überbau argumentiert das Ende des Romans, dass die Menschen im Kapitalismus für die Abschaffung der ungerechten sozialen Ordnung kämpfen sollten, aber eine markante Änderung des Überbaus, etwa der sozialen Beziehungen, nicht zu erwarten sei, solange die Basis, die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse, bestehen bleibt. Mit der Darstellung des Schicksals der amerikanischen Schaffnerinnen im Roman und ganz direkt am Schluss mit der Einordnung dieser Erfahrungen in ein größeres Weltbild bezog Anderson eindeutig Stellung für den Sozialismus. Unter der pauschalisierten Annahme, dass im Sozialismus »öllige[r] Gleichberechtigung« (GL: 359) herrsche, wird die Situation werktätiger Frauen in Amerika zum Gegenbild stilisiert. Interessanterweise greift kein Rezensent Andersons Angebot auf, die Gleichberechtigung der Frau im Sozialismus hervorzuheben, was auf die allgemeine Abwesenheit der Geschlechterthematik im politischen Diskurs der DDR in den 1950er Jahren deutet. Abschließend bleibt zu sagen, dass Gelbes Licht trotz erzähltechnischer Mängel – etwa der komplexen Figurenkonstellation oder der teilweise recht phrasenhaften Darstellung der Gedankenwelt der Protagonistinnen in Form von ›telling‹ statt ›showing‹ – einen interessanten Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte berufstätiger Frauen in den USA leistet. Anderson stellt hier eine Gruppe in den Mittelpunkt, die selbst in der proletarischen Literatur mit ihrem Fokus auf männliche Arbeiter nur marginal behandelt worden ist. Anhand der Eisenbahnerinnen zeigt sie, dass Frauen im Beruf wie auch im Arbeitskampf ebenbürtige Partnerinnen sind, wenn ihnen die Chance dazu gegeben wird. Die privaten Beziehungen zwischen Männern und Frauen behandelt der Roman nur peripher. Dennoch reflektiert dieser frühe Text bereits die Verhaftung der Protagonist/-innen in traditionellen Geschlechterrollen, ein Thema welches in allen späteren Werken Andersons eine zentrale Rolle spielt. »›Wie großartig wäre es‹, dachte sie, ›könnte sich eine Frau manchmal für ein paar Minuten in einen Mann verwandeln!‹« (GL: 291), heißt es in Gelbes Licht, und diesen Gedanken des Geschlechtertausches griff Anderson Anfang der 1970er Jahre mit Blitz aus heiterm Himmel wieder auf. Gerade diese Anthologie belegt, dass Fragen nach gegenseitiger Achtung, Freundschaft, Begehren, Empathie oder Macht in den Geschlechterbeziehungen durch einen Wechsel der Gesellschaftsordnung nicht obsolet werden, sondern auch im sozialistischen Teil der Welt, den der Schluss ihres ersten Romans so idealisiert, immer noch ausgehandelt werden müssen. Über das Gender-Thema hinaus widmet sich der Roman Fragestellungen von Klasse und dem Verhältnis von Arbeiter/-innen und bürgerlicher Linker sowie deren Stellung innerhalb der kommunistischen Bewegung. Diese Problematik war

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nicht auf die USA beschränkt, sondern ebenso in der DDR aktuell und beschäftigte Anderson Zeit ihres Lebens.

D AS AMERIKA-B UCH D ER B EOBACHTER SIEHT NICHTS Andersons Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten (1972, 21976a) kann in vielerlei Hinsicht als ihr Schlüsselwerk bezeichnet werden. Das Buch machte sie in der DDR berühmt. Gleichzeitig führte es Anderson in eine tiefe Krise, die letztendlich nicht nur ihr Schaffen als Autorin, sondern auch als Vermittlerin stark beeinträchtigte. Das Werk und der Prozess seiner Veröffentlichung und Rezeption gestatten darüber hinaus einmalige Einsichten in den Literaturbetrieb der DDR und das Zusammenwirken der Akteur/-innen. Aufgrund des Inhaltes schaltete sich die CPUSA ein und die Kooperation des ZKs der SED mit den amerikanischen Kommunist/-innen illustriert eindrücklich das Prinzip des proletarischen Internationalismus und seiner Macht gegenüber dem Individuum. Für die Analyse des Werkes werden einleitend Andersons New-York-Aufenthalte im Mai 1967 sowie von September 1967 bis Juni 1968 dargestellt. Die Erläuterung ihrer Motive und Nennung der Bezugspersonen sind für das Verständnis des Werkes nicht zwingend notwendig, sie liefern aber wesentliche Anhaltspunkte für die spätere Rezeptionsgeschichte und die Einordnung der Vorgänge in Andersons Leben. Andersons Amerika-Buch ist über vierzig Jahre nach seiner Entstehung inhaltlich wie stilistisch immer noch interessant und sehr lesenswert. Trotzdem kann die Interpretation des Werkes aus der Gegenwart heraus die Wirkung des Buches in den 1970er Jahren nicht erklären. Um möglichst viele Aspekte der damaligen Rezeption zu vermitteln, werden drei Lesarten vorgestellt. Die erste Lesart, aus Sicht der Gutachter und des Verlages, erklärt, warum das umstrittene Buch eine Druckgenehmigung erhielt (1972). Die zweite Lesart spürt den realen Leser/-innen nach und zeigt, inwiefern dieses populäre Buch eine Ergänzung zum offiziellen Amerikabild der DDR lieferte. Die dritte Lesart untersucht die damalige Kritik an Andersons Beschreibungen. Der abschließende Teil des Kapitels widmet sich der Macht der Kritiker/-innen und Andersons Auseinandersetzungen mit Institutionen in der DDR und mit Vertretern der CPUSA. Letztendlich führte dieser Kampf zu einer zweiten, veränderten Auflage (1976a), aber auch zu einer weitestgehenden Desillusionierung und Neuorientierung Edith Andersons.

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New York 1967/1968 Das »Miteinander von Persönlichem und Politischem« (Beo2: 9), wie es Edith Anderson im Vorwort der zweiten Auflage ihres Amerika-Buches Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten formuliert, ließ die Autorin im Mai 1967 für drei Wochen nach New York reisen. Sie wollte sich selbst ein Bild von den Veränderungen in der Leitung der progressiven Zeitschrift National Guardian machen, für die sie seit 1960 als Berlin-Korrespondentin tätig war. In Folge der sozialen Bewegungen der 1960er Jahre forderte ein Teil der Journalist/-innen eine Neuorientierung der Wochenzeitschrift. Der Guardian sollte stärker auf Zeitfragen eingehen und die Neue Linke ideologisch stützen. Die Gründer des Blatts, James Aronson und Cedric Belfrage, mit denen Edith Anderson befreundet war, stimmten mit dieser neuen Konzeption nicht überein und traten im April 1967 von ihren Positionen zurück. Während ihres Aufenthaltes im Mai 1967 verschaffte sich Anderson im Austausch mit alten Freunden und Bekannten einen ersten Eindruck von den Konflikten innerhalb der linken Kreise New Yorks. Schnell wurde ihr klar, dass sie die Auffassungen der neuen Redakteure des National Guardian nicht teilte und ihre Tätigkeit als Berlin-Korrespondentin für dieses Blatt einstellen würde. Gleichzeitig erkannte Anderson, dass ihr das Leben in der alten Heimat fremd geworden war. McCarthy, die weiterentwickelte Konsumgesellschaft, Bürgerrechts- und Studentenbewegungen, um nur einige Faktoren zu nennen, hatten das Land und auch die linken Kreise, in denen sich Anderson bis zur ihrer Abreise nach Berlin 1947 bewegt hatte, so sehr verändert, dass sie sich fragte: »Was wußte ich überhaupt noch von diesem Land?« (Beo2: 9) In den vergangenen zwanzig Jahren in Ostberlin hatte ihre nationale Zugehörigkeit einen großen Teil ihrer Identität bestimmt. Trotz aller Verbundenheit gegenüber dem sozialistischen Staat war sie doch immer in ihren eigenen und den Augen anderer eine Amerikanerin geblieben. Doch zurück in New York im Mai des Jahres 1967 schien es ihr, als brauche diese Identität durch einen längeren Aufenthalt erneute Bestätigung. Um dieses Vorhaben mit ihrer Tochter zu besprechen und zu organisieren, fuhr sie zunächst nach Berlin zurück. Der Zeitpunkt war günstig, denn Cornelia hatte gerade in Berlin die Oberschule abgeschlossen. Sie hätte in New York studieren können, entschloss sich aber, in der DDR zu bleiben und ein Studium der Biochemie8 an der Humboldt-Universität aufzunehmen. Über ihre Entscheidung, nun ohne die Tochter in die USA zu gehen, schrieb Anderson an ihre Worpsweder Freundin Charlotte Niemann: »Es fällt mir schwer, so ganz und gar von Cornelia weg zu gehen. Auf der anderen Seite es ist besser so. [...] Die Beziehung Mutter-Tochter hat keinen Sinn mehr zwischen uns,

242 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON wir sind beide zwei erwachsene Frauen. Könnten wir das anerkennen und danach leben, wäre es schön, aber es ist bestimmt unmöglich, beim besten Willen.«9

Obwohl Anderson hier davon spricht, »ganz und gar […] weg zu gehen«, stand zu keinem Zeitpunkt fest, wie lange sie in den Staaten bleiben würde. Für die Zweiundfünfzigjährige stellte New York eine Herausforderung gegenüber dem relativ bequemen Leben in Berlin dar. Ob sie diese Herausforderung bewältigen würde und wie eine ›echte‹ Amerikanerin leben könnte, wusste sie nicht und daher zog sie auch nicht um, sondern machte sich auf eine Reise, deren Ausgang die dauerhafte Übersiedelung hätte sein können. Am 8. September 1967 erneut in New York angekommen, wohnte Anderson zunächst bei dem befreundeten Max Kurz in der 98. Straße. Der deutschstämmige Genosse interessierte sich sehr für die sozialistischen Länder, insbesondere die DDR, und bei einem seiner regelmäßigen Aufenthalte dort hatte er Anderson Anfang der 1960er Jahre kennengelernt. Gemeinsam mit Annette Rubinstein und Christoph Schmauch war Kurz 1967 Gründungsmitglied der American Society for the Study of the German Democratic Republic (ASSGDR) gewesen, einer Gesellschaft von amerikanischen Linken und Deutsch-Amerikaner/-innen, die über die DDR informieren und damit deren internationale Anerkennung unterstützen wollten.10 Obwohl ihre Mitglieder teilweise der kommunistischen Partei angehörten, verstand sich die Gesellschaft zum Studium der DDR nicht als Ableger der Partei. Vielmehr versuchte sie, sich von Assoziationen mit der CPUSA fernzuhalten, weil sie sich davon größere Wirkung versprach. Dennoch gab es natürlich Auseinandersetzungen zwischen liberalen und kommunistischen Mitgliedern innerhalb der Gesellschaft, die nach der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die USA 1974 eskalierten und zur Gründung des U.S. Committee for Friendship with the German Democratic Republic (USCFGDR) unter Leitung von Max Kurz führten. Im Gegensatz zur ASSGDR war diese Freundschaftsgesellschaft parteinah, förderte nicht das Studium der DDR, sondern die Freundschaft zur DDR und pries die Leistungen des Sozialismus in den Bereichen Gesundheit, Kultur und Bildung. Die mit der Gründung der USCFGDR einhergehende Spaltung der an der DDR interessierten Kräfte in den USA trugen dem ohnehin schon umstrittenen Max Kurz kaum Sympathien ein (vgl. Große 1999: 208) Philip Oke, Sekretär der Gesellschaft zum Studium der DDR, beschwerte sich bei einem Besuch in der DDR 1975 über Kurz, der alle, die nicht seine Meinung vertraten, als Faschisten und CIA-Agenten bezeichne. Max Kurz wurde zum Fanatiker, sobald es um die kommunistische Partei ging, in der er seine Heimat gefunden hatte, und auch Edith Anderson sollte das nach der Veröffentlichung ihres Amerika-Buches 1973 zu spüren bekommen. Bis dahin, so belegt die Korrespondenz, war Kurz für Anderson ein liebenswerter Freund, der über Charme und außerordentlich großen Humor verfügte.

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Von September bis November 1967 lebte Anderson in Kurz’ Apartment und verbrachte ihre Zeit damit, sich einen Job zu suchen. Dabei ging es ihr nicht allein ums Geld, sondern sie suchte – wie in der DDR üblich – eine Arbeit, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprach. Das war ein schwieriges Unterfangen in New York, wo ähnlich qualifizierte Freundinnen als Sekretärinnen arbeiteten, um überhaupt ein Einkommen zu haben.11 Edith Anderson musste bald einsehen, dass ihr Wunsch, als über Fünfzigjährige ohne Berufserfahrung ihren Lebensunterhalt als Lektorin zu verdienen, angesichts der Arbeitsmarktlage und der Mietpreise in Manhattan unrealistisch war. Aber sie betrachtete diese Jobsuche als Herausforderung und gab trotz zahlreicher Ablehnungen nicht auf: »I have developed the mental habits of a journalist, to the extent where I hardly realize that this is happening to me – I think of it as a happening, or rather an occurrence, one which is interesting to watch, to record, to analyze. The entire experience is fascinating. I hope I get a job. If I don’t, I will feel bad. But not suicidal.«12

Die Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt machten Anderson wieder ›streetwise‹, die amerikanischen Kommunikations- und Präsentationsstrategien wurden ihr vertrauter und nach zwei Monaten beherrschte sie diese so ausgezeichnet, dass der Verlag George Baziller ihr einen Job als Lektorin anbot. An Charlotte Niemann in Westdeutschland schrieb sie: »Mischi, ich war nie in meinem Leben ein Lektor in einem Verlag, ich war aber ziemlich sicher, daß wenn ich die Chance hätte, es würde mir gelingen. Um eine solche Arbeit zu bekommen mußte ich einen Lebenslauf zusammenlügen, der mit meinen besten Stories und Gedichten vergleichbar ist. Ich erfand 9 Jahre in Buchverlagen. Natürlich atme ich seit Jahren Verlagsluft und habe jede Einzelheit dieser Arbeiten getan, immer und immer wieder, ich habe unerhört viel Routine, aber es war nie in einem Buchverlag und ich mußte bei diesem Job eine Menge lernen, aber so aussehen, als ob ich das entweder schon weiß oder daß ich staune, daß man es in Amerika so ganz anders macht wie in Europa. Das war immer die Masche. Jetzt habe ich das hinter mir, und niemand hat es herausgefunden. Jetzt steht der Cheflektor öfters in meiner Tür und fragt mich nach meiner Meinung. Und das freut mich!«13

Die erfolgreiche Jobsuche erfüllte Anderson mit Stolz. Trotz der Privilegien, die sie in der DDR genoss, war sie noch fähig, in einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft zu überleben. Natürlich hatte sie jederzeit die Sicherheit Berlins im Rücken. Sie hatte sich auch nicht von der Tellerwäscherin zur Lektorin hochgearbeitet, sondern war gleich relativ hoch eingestiegen, aber gerade dieses Vorgehen unterstreicht ihre präzise Analyse vom Zustand der amerikanischen Gesellschaft Ende der 1960er Jahre, als der Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos nicht mehr funktionierte, schon gar nicht für eine ältere Frau. Vielmehr kam es darauf an, sich geschickt zu präsentieren und die Arbeitskraft gewinnbringend zu verkaufen.

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Ihr – wenn auch für New Yorker Lebensverhältnisse spärliches – Einkommen gestattete, eine Einraumwohnung im elften Stock des 1380 Riverside Drive zu mieten, wo Anderson eine schöne Aussicht auf ihren geliebten Hudson hatte. Die Freizeit verbrachte sie mit Jugendfreundinnen, ehemaligen und gegenwärtigen Mitgliedern der CPUSA sowie neuen Bekannten und Liebhabern. Ihre ehemaligen Schulkameradinnen, die Dichterin Naomi Replansky und die Nation-Redakteurin Helen Yglesias sowie deren Mann, der Schriftsteller José Yglesias, wollten Anderson bei der Integration behilflich sein und versuchten, ihr die aktuelle Situation der zersplitterten amerikanischen Linken und auch ihre eigenen kritischen Positionen zur CPUSA zu erklären. Während ihrer zwanzigjährigen Abwesenheit hatte Anderson jedoch ganz andere Erfahrungen gemacht und Einstellungen entwickelt, die in den Augen der Freund/-innen verhinderten, dass sie die politischen Entwicklungen in den USA in ihrer Komplexität tatsächlich erfassen konnte. Yglesias erklärte im Nachhinein dazu: »I don’t think she understood the new kind of activism, because it wasn’t as organized as the other thing, it was very loosely organized, but people were very active and very busy and she also, I think she misunderstood the nature of the actions. They did not fit in with anything she had known because it was nothing like the Communist Party activities. As a matter of fact, there were factions. A number of factions within the new activists were very anticommunist because it was so authoritative. So I think she didn’t even want to come to a lot of this stuff that was going on.«14

Die Einschätzung der Freundin widerspricht den Absichten, mit denen Anderson nach Amerika gekommen war, wollte sie doch gerade ihr altes Wissen überprüfen und neue Einsichten gewinnen. Vermutlich war es Andersons resolute Art, die Helen Yglesias’ Urteil prägte: »She’s gotten to be very Germanic, she had manners that were so foreign to the way she had been earlier, she was very dogmatic, whatever she said, was right. The only way to do things was the way she did. She had never been that way.«15 Es ist interessant zu sehen, wie hier das Image Deutschlands die Beziehungen zwischen zwei amerikanischen Freundinnen beeinflusste. Dabei verfügte Anderson schon in ihrer Jugend über ein gesundes Selbstbewusstsein, welches ihr gestattete, über andere zu urteilen und Witze zu machen. Es war wohl vor allem die direkte preußische Art, die sich Anderson in der DDR durch die Deutschen angewöhnt hatte, die nun ihre amerikanischen Freundinnen verletzte. Eine weitere Erklärung für Andersons Verhalten mag die kritische Einstellung ihrer alten Freund/-innen zur kommunistischen Partei und den Entwicklungen in den sozialistischen Ländern gewesen sein. Anderson, die zwanzig Jahre in einem solchen Land gelebt und gerade Mitte der 1960er Jahre die Reformprozesse vor allem in der CSSR mit großem Interesse verfolgt hatte, fühlte sich ermächtigt, Urteile zu diesen Themen abzugeben. Vermutlich trug auch der Drang, ihr Leben in einem

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sozialistischen Land vor diesen kritischen Amerikaner/-innen zu rechtfertigen, dazu bei, dass sie schnell negative Urteile über die Entwicklungen in den USA fällte, von denen sie eigentlich wenig wusste: »Edith became the authority on everything, especially political things. It just did not apply anymore, we were different, you know. There were people, maybe the people she became closer to were old party people. They were the ones who disapproved of the new movement, did not understand it. And then we, of course, asked her about things and she did come clear.«16

Die »old party people«, auf die Helen Yglesias sich hier bezieht, waren in der Tat ein anderer Freundeskreis, in dem Edith Anderson sich während ihres New-YorkAufenthaltes bewegte. Andersons eigene Parteimitgliedschaft war aufgrund ihrer langen Abwesenheit erloschen und so trat sie 1967 erneut in die CPUSA ein.17 Zu ihren engsten Parteifreund/-innen gehörten Jane Hodes und Simon Gerson. Simon Gerson (1909–2004) wuchs wie Anderson in der Bronx auf und arbeitete in den 1930er Jahren als Rathaus-Reporter für den Daily Worker (vgl. Fishman 2005; Bart/et al. 1986). Seine Tätigkeit für den Stadtrat von Manhattan von 1937 bis 1940 sorgte für viele Kontroversen, war Gerson doch der erste öffentlich bekannte Kommunist, der eine solche Stellung innehatte. In den folgenden Jahren arbeitete Gerson eng mit Pete Cacchione zusammen, der als Vertreter der CPUSA seit 1941 im New Yorker Stadtrat wirkte. Nach Cacchiones Tod 1947 nominierte die Partei Gerson für diese Position, die Amtsaufnahme wurde jedoch durch den Stadtrat verhindert. Gerson gehörte zu den Parteiführern, die 1951 aufgrund des Smith Act verhaftet und auch nach ihrer Freilassung noch mehrfach verhört wurden. Parallel zu seinen politischen Funktionen war Gerson in den 1950er Jahren der leitende Herausgeber des Daily Worker, der bis 1958 als Tageszeitung und später dann als Wochenzeitung The Worker erschien. Zehn Jahre nach Einstellung des Daily Worker erschien unter maßgeblicher Beteiligung Gersons am 16. Juli 1968 erstmals wieder eine kommunistische Tageszeitung, die Daily World, die mit ihrer Berichterstattung vor allem die Kommunist/-innen der alten Garde ansprach. In den 1970er Jahren organisierte Gerson den Wahlkampf für die kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Gus Hall und Jarvis Tyner. Edith Anderson hatte Simon Gerson während ihrer Tätigkeit beim Daily Worker in den 1940er Jahren kennengelernt, aber keinen intensiven Kontakt gehalten. Das änderte sich während Andersons Besuch in New York im Mai 1967 und es war Gerson, der Anderson die Schiffsfahrkarten für die Überfahrt im August 1967 organisierte. Durch Gerson nahm Anderson im Winter 1967/68 regen Anteil an den Vorbereitungen für die kommunistische Tageszeitung Daily World. Ihre Hoffnungen, als Journalistin für das Blatt zu arbeiten, erfüllten sich jedoch nicht. Mit Jane Hodes, Tochter des Bankiers Walter E. Sachs, war Anderson seit Ende der 1950er Jahre befreundet. Ihr Ehemann Robert Hodes (1915–1966) war Profes-

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sor für Physiologie und Neurophysiologie und hatte wegen seiner kritischen Einstellung zum Koreakrieg 1953 seine Stellung an der Tulane Medical School in New Orleans verloren. Das Ehepaar sah sich gezwungen, das von Joseph McCarthy geprägte Land mit ihren drei Kindern zu verlassen, und arbeitete bis 1960 in China. Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Übersetzerin für die Women’s International Democratic Federation nahm Anderson 1956 an einer Konferenz in Peking teil und lernte dort die Hodes’ kennen. Zwei Jahre später besuchte Robert Hodes eine wissenschaftliche Tagung in der DDR und bedankte sich anschließend bei Edith Anderson für die »wonderful time«18, die er mit ihr in Berlin gehabt hatte. Anderson freundete sich im Laufe der Zeit auch mit Jane an. Robert Hodes starb 1966 und gerade aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Tod Max Schroeders leistete Anderson Jane Hodes in dieser Phase großen Beistand. Während ihres New-York-Besuches im Mai 1967 wohnte Anderson bei Jane Hodes. Hodes arbeitete zu diesem Zeitpunkt bei International Publishers, dem von Alexander Trachtenberg gegründeten Verlagshaus, zu dessen Programm die Schriften von Marx und Lenin sowie führender amerikanischer Kommunist/-innen gehörten. Sowohl Jane Hodes als auch Simon Gerson standen in engem Kontakt mit Herbert Aptheker sowie Gus Hall und bildeten Edith Andersons Verbindung zur Parteiführung. Neben ihren Beziehungen zu alten und neuen New Yorker Linken profitierte Anderson während ihres Aufenthaltes 1967 vor allem von ihrer Freundschaft mit Alma (Uhse) Neuman und den Mitgliedern ihrer Familie. Neuman hatte ähnliche Erfahrungen wie Anderson. Nachdem ihre Ehe mit dem Schriftsteller James Agee 1941 gescheitert war, hatte die amerikanische Jüdin mit ihrem Sohn Joel sieben Jahre in Mexiko gelebt und im Kreis der deutschen Exilanten ihren zweiten Ehemann, den kommunistischen Schriftsteller Bodo Uhse, gefunden. Als Uhse 1948 nach Deutschland zurückkehrte, begleitete ihn Alma mit Joel und dem gemeinsamen Sohn Stefan. Wegen seiner Untreue verließ Alma (Uhse) Neuman ihren Mann Bodo und kehrte 1960 mit den beiden Söhnen in die USA zurück. Während ihrer Zeit in der DDR und auch danach war Alma Uhse mit Anderson freundschaftlich verbunden, aus New York schrieb sie 1960 an Anderson: »Wish you were here – wish I was there – wish I could really be seeing you either at the Presse Club or at the nearest café – no, a bar would be better.«19 Wenngleich sich in den 1970er Jahren das Verhältnis zwischen Anderson und Neuman wegen einer Veröffentlichung von Joel Agee (»Twelve Years«, 1975, dt. Zwölf Jahre, 1985) trübte, so war Alma 1967/68 doch eine enge Freundin Andersons, die sieben Jahre zuvor aus der DDR nach New York zurückgekehrt war und sich daher in Andersons Situation besonders gut einfühlen konnte. Aufgrund dieser ähnlichen Erfahrungen war die Beziehung mit ihr und ihrem neuen Partner Bill Neuman, einem Eisenbahner aus der Bronx, bedeutend entspannter als mit anderen amerikanischen Freund/innen, die Anderson von früher kannte. An Mary-Lou Goldstein schrieb Anderson

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im Oktober 1967: »My friends have given up expecting to see me, except for Alma, who lives very nearby and who doesn’t care how blank my mind is.«20 Ein weiterer Knoten im Netzwerk von Andersons Bekannten in New York bildeten die linken amerikanischen Schriftsteller/-innen, die die Autorin während ihrer Zeit in der DDR kennengelernt hatte, darunter Katya und Bert Gilden und Yuri Suhl. Helen Yglesias vermutet, dass die Affäre mit Yuri Suhl, die 1965 in Weimar begonnen hatte, zu Andersons Entscheidung für einen längeren New-York-Aufenthalt beitrug. Mögliche Hoffnungen auf eine feste Beziehung mit dem verheirateten Schriftsteller wurden aber enttäuscht. Den Gildens war Anderson bei der Herausgabe ihrer Romane in der DDR behilflich gewesen. Das Paar versuchte nun seinerseits, Anderson bei der Jobsuche zu unterstützen, etwa durch das Schreiben von Empfehlungen. Die Gildens hielten Anderson aufgrund ihrer Lebenserfahrung in der DDR und den USA für einzigartig und bestärkten sie, diese Erfahrungen niederzuschreiben. Sie stellten Anderson im Februar 1968 ihrem Literatur-Agenten Peter Matson vor, mit dem Anderson die Idee einer zweibändigen Ausgabe ihrer Erfahrungen in den USA und in der DDR als Reisende zwischen den Welten entwickelte. Matson gefiel die Idee, die jedoch aus verschiedenen Gründen nicht zur Ausführung gelangte. Für dieses Projekt wäre es tatsächlich notwendig gewesen, Reisende zwischen den Welten zu sein, das heißt, wieder in die DDR zu gehen und dort das Leben mit den Augen eines beobachtenden Teilnehmers zu betrachten. Von dieser Idee war Anderson im Februar 1968 noch ganz begeistert, so dass sie an Charlotte Niemann schrieb: »Aber ich weiß immer noch nicht, ob ich nach [sic]21 der DDR zurückfahre. Wenn – dann nicht weil ich geschlagen worden bin. Dann [sic] aus ganz anderen Gründen. Nämlich, es fasziniert mich zwischen den zwei Welten pendeln zu können. Da lerne ich unglaubliche Dinge, die ich noch nicht aussprechen kann. [...] Ich lebte nicht im Sozialismus, nicht richtig, so wie Cornelia es tut. Ich lebte auf der Oberfläche. [...] Fahre ich zurück zur DDR, werde ich anders dort leben als bisher. Ich werde nicht mehr auf der Oberfläche leben, sondern, wahrscheinlich außerhalb Berlins, das tun was ich hier tue – in einem Betrieb arbeiten und mich dem selben Leben aussetzen, das die anderen leben. Denn das Problem der zwei Welten, ihre Unterschiede und die Wechselbeziehungen zwischen beiden, wäre der Gegenstand einer wichtigen Studie, die ich vielleicht schreiben könnte, obwohl ich kein Soziologe bin. Ich finde das einen wahnsinnig aufregenden Plan, und je mehr ich daran denke, umso heißer wird mein Wunsch, ihn auszuführen.«22

Vier Monate später war die Faszination für ein Leben zwischen den Welten verbraucht. Anderson kehrte im Juni 1968 in die DDR als ihre Wahlheimat zurück. Seit ihrer Jugend hatte sie sich als Schriftstellerin verstanden, aber die Jobsituation in New York ließ ihr keine Zeit für eigene Projekte – »Selber etwas zu schreiben, ist im Moment nicht möglich, ich bin nicht mehr schöpferisch nach einem 8-Stunden-Tag«23 – und auch ihre Korrespondenz wirkt gehetzt. Ihre Freund/-innen in New York waren damit befasst, den Lebensunterhalt und die Ausbildung der Kin-

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der zu finanzieren und dabei noch zu schreiben oder politisch aktiv zu sein, für die alten Freundschaften blieb da wenig Zeit. Es war jedoch vor allem die politische Entwicklung der alten Freund/-innen, die Anderson befremdete. In einem Brief an Mary-Lou Goldstein erklärte sie ihre Lage: »The missing 20 years is the real trouble. The other people have been through things I haven’t been through, and these things have changed them – not for the better. […] I am constantly sort of puzzled. My puzzlement annoys people. I act like a foreigner, but I am American. At first it was sort of piquant, now it just gives them a pain. And of course I’m not putting it on. I am a foreigner. Yet it’s only partly Europeanization, only partly socialization; where I come from is the American past. I come trailing the aura of our old ideals.«24

Theoretisch, so bekräftigte Anderson wiederholt in ihren Briefen an die Freund/-innen in Berlin, hätte sie in New York bleiben können, denn sie war in der Lage, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Ihre Lebenserfahrung drängte ihr jedoch die Frage nach dem Wozu auf. So schrieb sie Perry Friedman im März 1968: »Well, technically I made it. Yes, I showed guts. So now with my medal on me I can leave. Knowing I can’t really make it here anymore. That is – I can’t because I don’t want to, because it isn’t my atmosphere anymore.«25 Edith Anderson konnte sich zwar den Herausforderungen New Yorks erfolgreich stellen, aber die Möglichkeit, dieses Leben mit ihren Erfahrungen in der DDR zu vergleichen, führte zu einer Entscheidung für die DDR: »What impels me most strongly to go back to the GDR is the need for certain continuity of experience in life, and shared experience. The gap of 20 years is an unbridgeable gulf between me and my old friends. I get on better with strangers and young people. Whereas in the GDR I am part of the moving stream and have 20 years of common memories, even though I am a foreigner. […] It is a question of 20 years, very important ones, the best ones of my life – even though some of them were very unhappy – perhaps I should say the most meaningful years, rather than the best ones.«26

Ende Mai 1968 kündigte Anderson ihren Job und kehrte nach Berlin zurück. Später sagte sie einem DDR-Journalisten: »Von den USA aus gesehen war die DDR wie ein Zuhause. [...] In den USA werden die Mädchen dumm erzogen und manche bleiben es. Mir haben das Erlebnis und die Erfahrungen dieser Reise ein nie gekanntes Selbstbewusstsein gegeben. Es geht mir innerlich besser. Ich bin nicht länger n u r Brücke zwischen zwei Welten.« (Jessner 1972, o.S.)

Die Erkenntnis, dass sie sich auf der gewählten Seite der Brücke zu Hause fühlte, schien Anderson zu erleichtern. Betrachtet man den Lebensweg der Autorin, so war die Abreise aus den USA 1968 besonders bedeutsam, da es ihre erste völlig eigenständige Entscheidung für die DDR war, denn von 1947 bis 1967 spielten zunächst

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ihr Mann Max Schroeder und dann ihre Tochter eine große Rolle für ihren Aufenthalt in dem sozialistischen Staat. Entstehung des Buches Zurück in der DDR widmete sich Anderson weniger dem Leben einer durchschnittlichen Werktätigen, wie sie es Charlotte Niemann noch im Februar 1968 angekündigt hatte, sondern nutzte den Umstand, dass die Witwenrente ihr ein geregeltes Einkommen gewährte, um das Buch über ihre Erfahrungen in New York zu schreiben. Zu der Idee des Projektes hatte Roland Links, Lektor beim Verlag Volk und Welt, nicht unwesentlich beigetragen. Roland Links und seine Frau Christa lernten Anderson durch einen gemeinsamen Freund, den Rumänien-Deutschen Paul Schuster, 1965 in Berlin kennen. Links erinnert sich, dass Anderson damals gerade unter einer Schreibblockade litt und als professioneller Lektor hatte er schon oft geholfen, solche Krisen zu bewältigen.27 Es gelang ihm auch diesmal und Anderson war begeistert von dem jüngeren Mann, der in den 1950er Jahren während eines Praktikums im Aufbau-Verlag Max Schroeder noch persönlich kennengelernt hatte. Zu seinem Verhältnis mit Anderson erklärte Links: »Im Gegensatz zu meiner bereits gescheiterten Ehe fand ich bei Edith häusliche Harmonie, interessante Gespräche. Ich wurde geachtet und gebraucht.«28 Der Altersunterschied von sechzehn Jahren verhinderte eine langfristige partnerschaftliche Beziehung zwischen Anderson und Links, aber nicht den geistigen Austausch, der beide Seiten inspirierte. So etwa bestärkte Anderson Links im Jahr 1967, der SED beizutreten, da sie glaubte, die Partei müsse von Menschen, die nicht nur an ihrer Karriere interessiert waren, verjüngt werden. Während ihrer Zeit in New York wurde Links der Adressat für ihre Erfahrungen, ihm wollte sie ihre Eindrücke schildern, er – auf der anderen Seite der Welt – war ihr Bezugspunkt und gewissermaßen ihre Muse. Über diese Beziehung schrieb sie Charlotte Niemann im Januar 1968: »Ohne Roland kann ich bestimmte Dinge nicht aussprechen. Das ist die Bedeutung unserer Freundschaft. Für ihn auch – er braucht mich auch, um seinen Gedanken Form zu geben. Wir kennen uns zwei Jahren [sic] und mehr, aber die Aufregung hat sich noch nicht gelegt, auch jetzt nicht, wo wir getrennt sind. Manchmal bekomme ich einen Brief von ihm, der direkt aus seinem Kuvert springt, so lebendig ist er, so sehr von Rolands Gedankenaufregung durchdrungen. Und ich stürze mich an die Maschine und feuere ihm meine Antwort zurück.«29

In New York schrieb Anderson fast täglich an Links, schilderte ihre Eindrücke und Erfahrungen. »Als Lektor ermutigte ich sie und reagierte in meinen Briefen mit Absicht nahezu wie ein Regisseur. Das machte uns beiden Spaß.«30 Links meinte, dass er trotz der persönlichen Beziehung mit Anderson vor allem an der Schriftstellerin

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interessiert war, ihr wollte er helfen und aufgrund dieser professionellen Seite konnte die Freundschaft auch Spannungen ertragen. Den intensiven Briefwechsel mit Links nutzte Anderson als Basis für ihr mehr als 500 Seiten starkes Manuskript, welches zwischen August 1968 und Mai 1969 entstand. Die Korrespondenz zwischen Links und Anderson ist im Nachlass leider nicht enthalten. Sie hätte sicher interessante Einsichten zur Entstehung des Buches und zu möglichen Änderungen der Inhalte für eine Veröffentlichung in der DDR vermittelt. Roland Links bestätigte in einem Interview, dass Anderson viele der ursprünglich an ihn gerichteten Briefe für das Buch zu Tagebucheinträgen stilisierte. Dies geschah aber nicht durchgängig, da gerade die Briefform der Autorin gestattete, Außenstehenden Erscheinungen der amerikanischen Kultur grundsätzlich zu erklären. Solche Erläuterungen wären in einem Tagebuch monologischen Charakters überflüssig gewesen. Neben den Briefen an Links verwendete Anderson Briefe, die sie an ihre Tochter und Freund/-innen wie etwa Charlotte Niemann oder Perry Friedman geschrieben hatte, sowie Ausschnitte von amerikanischen Zeitungen, die der Leserschaft eine weitere Perspektive auf die USA vermitteln sollten.31 Andersons als »Tagebuch« titulierter Text besteht demnach aus einer Kombination von Elementen unterschiedlicher Textsorten (Brief, Tagebuch, Autobiografie, Reportage, Dokumentation, Essay, Erzählung usw.) und ist damit beispielgebend für Stephan Kohls These von der Reiseliteratur als »›hybride[]‹ Gattung« (Kohl 1993). Die Mischung verschiedener Textsorten ist bei Anderson weniger ein Experimentieren mit narrativen Konventionen, sondern hauptsächlich der Versuch, ihre eigene Sichtweise auf verschiedene Art zu vermitteln. Besonders deutlich wird dieser Ansatz im Umgang mit dem Fotografen Milton Rogowin. In Absprache mit dem Verlag plante Anderson, Fotografien von New York in das Buch aufzunehmen. Im Dezember 1968 schlug sie dem afroamerikanischen Fotografen Milton Rogowin die Zusammenarbeit vor und erklärte: »The idea is to make the setting of this personal diary with larger implications real to the reader who simply cannot imagine it within the limitations of his own experience. It isn’t enough for me to describe the crush in the subway. He has to see it to make the diary live. It isn’t enough for me to describe the majesty and poetry of the Hudson River above the George Washington Bridge north to Bear Mountain and beyond, he has to see it.«32

Nach Andersons Vorstellungen sollte Rogowin das tägliche Leben in New York so dokumentieren, wie sie es in ihrem Buch beschreibt: »Maybe a scene inside an office, people in the street hurrying to work, a department store with women picking over bargains at a counter, the joylessness of faces in a supermarket stacked with goodies.«33 Andersons Vorschläge belegen, dass sie den Fotografen als Illustrator ihrer Ausführungen verstand und nicht als jemanden, der mit seinen Bildern seine eigene Perspektive auf die Stadt präsentiert und damit möglicherweise auch eine

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andere Geschichte als Anderson erzählt hätte. Da Rogowin eine Mitarbeit aus nicht genauer erläuterten Gründen ablehnte34 und wegen der begrenzten Devisen des Verlages kein anderer Fotograf bezahlt werden konnte, erschien Andersons USA-Buch schließlich ohne Fotografien. Mit Unterstützung des Lektors Roland Links gelang es Anderson, den Band beim Verlag Volk und Welt unterzubringen, der aufgrund seiner internationalen Ausrichtung für ein USA-Buch besonders prädestiniert war (vgl. Barck/Lokatis 2003). Im August 1968 reichte Anderson das gemeinsam mit Links erarbeitete Exposé für ihr »Tagebuch der zwei Welten« bei dem Verlagsleiter Jürgen Gruner ein. In ihrem offiziellen Schreiben argumentierte Anderson, dass sie als Amerikanerin mit zwanzigjähriger Erfahrung in der DDR über eine einmalige Perspektive verfüge, um als Außenstehende und gleichzeitig Einheimische die amerikanische Alltagskultur darzustellen und zu analysieren. Die lange Abwesenheit von den USA hätten ihr den fremden Blick, das Staunen gegeben, aber ihre amerikanischen Wurzeln und die Tatsache, dass sie nicht als Touristin, sondern als Bürgerin für ein Jahr in New York gelebt hatte, ermöglichten ihr, tiefer in die gesellschaftlichen Prozesse einzudringen, als es einem Außenstehenden gelungen wäre. Gleichzeitig glaubte Anderson, dass ihre Erfahrungen in der sozialistischen Welt sie zu schärferen Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft führten, als es für den Einheimischen möglich wäre, denen diese Distanz und Erfahrung eines anderen Systems fehlten. »Deshalb heißt das Buch ›Tagebuch der zwei Welten‹. Ich bin nie nur in der einen, ich habe meine andere Welt mitgebracht, ich trage sie ständig mit mir herum. [...] Ich bin den Menschen meiner Umwelt überlegen, weil das Bewußtsein, einer vernünftigen Welt anzugehören, mich davor bewahrt, geistiges Opfer dieser Wahnsinnswelt und ihres Alltags zu werden.«35

Mit ihrem Buch beabsichtige sie, die Kehrseite der Verlockungen, die westliche Gesellschaften vor allem auf junge Menschen in sozialistischen Ländern ausübten, aufzuzeigen. Anderson begab sich also stellvertretend für die vielen, die nicht in die USA sollten, in die »Eingeweide dieses Drachens USA«36 und wollte mit ihrem Text die Leser/-innen »gegen das Drachengift feien«.37 »Später komme ich bewußt und systematisch auf die früher angeschnittenen Probleme zurück, und indem ich meinen Erkenntnis-Prozeß vorführe, bewirke ich ähnliches beim Leser. Er erlebt, wie ich den heutigen Alltag, das heutige Erscheinungsbild der USA als Folgen der gesellschaftlichen Konstellation erkenne, und er sieht, wie ich zu diesen Erkenntnissen mit Hilfe der Konfrontation Kapitalismus – Sozialismus gelange. Natürlich verschweige ich nicht, wie verlockend dieses Erscheinungsbild im ersten Moment sein kann. Aber ich führe an Hand eigener Erlebnisse und Beobachtungen vor, wie schnell und teuer man für diese Verlockungen bezahlen muß – erst ganz profan mit seinem Gehalt, dann via Anzahlung und Raten mit späteren Gehältern und schließlich (das wird an

252 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON Menschen meiner Umgebung deutlich) mit seiner ganzen Person, die mehr und mehr ausgehöhlt wird.«38

Andersons Exposé unterstreicht die Meisterschaft, mit der sie den gängigen ideologischen Diskurs benutzte, um ihre Projekte zu verwirklichen. Welchen Anteil Überzeugung, Taktik oder Opportunismus dabei spielten, lässt sich heute kaum feststellen. Roland Links machte mich beispielsweise darauf aufmerksam, dass der Beobachter auch einen Kommentar zur sozialistischen Welt und deren dringenden Reformen darstelle.39 Diesen Aspekt erwähnt Anderson natürlich nicht in ihrem Exposé und so kann nur die folgende genaue Untersuchung des Textes selbst darüber Auskunft geben, inwiefern Anderson ihrem Ziel, die Leser/-innen gegen die Verlockungen des Kapitalismus zu immunisieren, gefolgt ist und welche Themen darüber hinaus noch eine Rolle spielen. Im Mai 1969 reichte Anderson das Manuskript in englischer Sprache ein und schloss einen Vertrag mit dem Verlag Volk und Welt, der eine erste Auflage von 8.000 Exemplaren vorsah. Für die Übersetzung beauftragte der Verlag Eduard Zak, der schon frühere Texte von Anderson ins Deutsche übertragen hatte. Zwar drängte Anderson auf das unverzügliche Erscheinen des Buches – »eigentlich müßte es als aktuelle Reportage, die den amerikanischen Imperialismus entlarvt, übermorgen erscheinen, aber auf keinen Fall später als 1970«40 – aber sie selbst trug in gewissem Maße zur Verzögerung des Druckes bei. So etwa benutzte sie die 1970 vorliegende Übersetzung zu einer weiteren Korrektur ihres Manuskriptes. Darüber hinaus war sie eine äußerst gewissenhafte und kritische Leserin der Übersetzung und unterbreitete dem Lektor Gerhard Böttcher zahlreiche Verbesserungsvorschläge. Anderson nahm außerdem Änderungen vor, die den politischen Entwicklungen in den USA bis 1970 beziehungsweise deren Einschätzung durch die Autorin und vermutlich auch der CPUSA Rechnung trugen. So zum Beispiel bei der Darstellung Eldridge Cleavers, einem der Führer der Black Panther Party: »Aus politischen Gründen habe ich manche Zitate von Eldridge Cleaver gestrichen. Nicht alle. Aber da er sich in letzter Zeit als politisch sehr unklug gezeigt hat, möchte ich ihn nicht als einen wichtigen Führer der Neger hinstellen. Das ist er leider nicht mehr.«41 Nach der vorläufigen Fertigstellung des Manuskriptes beantragte der Verlag Volk und Welt die Druckgenehmigung bei der Hauptverwaltung Verlage des Ministeriums für Kultur. Neben Angaben zu Autor, Titel und Inhalt des Buches, Auflage etc. waren dem Antrag ein Lektoratsgutachten und ein Außengutachten beizufügen (vgl. Giovanopoulos 2000: 142–155). Leider sind weder im Bestand des Verlagsarchives (Stiftung Archiv Akademie der Künste) noch im Archiv der Hauptverwaltung (Bundesarchiv Abteilung Deutsche Demokratische Republik) Unterlagen zu dem Druckgenehmigungsverfahren enthalten und trotz intensiver Nachforschung konnte ich deren Verbleib auch nicht ausmachen.42

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Victor Grossman, der ebenfalls als Amerikaner in der DDR lebte, erinnerte sich, dass er einst ein Gutachten zum Beobachter geschrieben hatte, in dem er empfahl, das Buch mit einem Vorwort und Glossar zu veröffentlichen: »Hier hätte ein Vorwort einführende Erklärungen liefern können – über Dinge in dem Buch, die hier in der DDR nicht so leicht reinpassten, z.B. über die KP; nicht etwa, dass sie schlecht wäre, aber dass sie in den USA damals eine so kleine Rolle spielte. Das waren Sachen, die man hier nicht so leicht ohne Weiteres und ohne Erklärungen hinschreiben konnte, denn hier dachten die Leute, dass die KP eine ganz andere Rolle spielte, als in Wahrheit der Fall war – und Edith war ehrlich.«43

Wie er das Vorwort 1971 begründete, kann hier leider nicht aufgeführt werden, da auch Victor Grossman keinen Durchschlag seines Gutachtens zur Verfügung stellen konnte. In der teilweise vorhandenen Korrespondenz der Autorin mit ihrem Lektor Gerhard Böttcher unterbreitete Anderson im November 1971 einen möglichen Schluss für ein Vorwort, der ein Erstarken der Linken Anfang der 1970er Jahre betonte.44 Tatsache ist jedoch, dass die erste Auflage des Beobachters lediglich mit einem Glossar und ohne Vorwort erschien. Die Erstellung des Glossars, in dem den USA-unerfahrenen DDR-Leser/-innen im Buch genannte historische Ereignisse, Institutionen, Organisationen sowie die Rolle von Persönlichkeiten näher erläutert wurden, dessen Übersetzung ins Deutsche und die anschließende Korrektur zögerte die Drucklegung bis Ende 1971 hinaus. Schließlich erschien im Dezember 1972 Edith Andersons Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten mit 8.000 Exemplaren im Verlag Volk und Welt. Drei Lesarten Lesart I: Die USA – eine »ganze Gesellschaft von Übel« (Beo: 154) Den Titel ihres Buches Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten entlieh Anderson Johannes Bobrowskis Erzählung »Rainfarn« (1965) und auch dem ersten Teil ihres Buches stellt sie dieses Zitat aus Bobrowskis Erzählung voran: »Es ist nichts: Beobachter sein, der Beobachter sieht nichts.« (Beo: 9) Leben an einem Ort begreift nur der Betroffene, meint Bobrowski, und Anderson beschreibt in ihrem Text die Entwicklung von der Beobachterin zur Teilnehmerin. Eine Identitätskrise bildet den Ausgangspunkt von Andersons Projekt: »Mein Heimatland hatte sich in zwanzig Jahren so sehr verändert, daß es aus der Ferne kaum wiederzuerkennen war. Im Ausland war ich ein Gast, zu Hause ein Fremder geworden. Irgendwie existierte ich nicht mehr.« (Beo: 91) Ein Leben in New York unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft erschien der Erzählerin, die lange »ein allzu bequemes Leben unter sozialistischen Bedingungen geführt« (Beo: 18) hatte, als Herausforderung, als Test ihres eigenen Wertes und gleichzeitig als Möglichkeit, sich ihrer Identität als Amerikanerin zu versichern.

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Obwohl die Faszination des Buches gerade in der Darstellung der persönlichen Entwicklung der Erzählerin und dem Verhandeln ihrer Position als Teilhabende und Außenstehende liegt, weist der Untertitel des Werkes, Ein Tagebuch zweier Welten, bereits auf den angestrebten Systemvergleich hin. Es ist nicht die Erzählerin allein, die die USA in den letzten zwanzig Jahren aus der Ferne observiert hat, sondern auch die Leser/-innen in der DDR, die aufgrund ihrer Unerfahrenheit mit dem ›real existierenden‹ Kapitalismus vermutlich ähnliche Illusionen hegten wie der polnische Mathematiker, den die Erzählerin auf der Schiffsreise nach New York kennenlernt: »Und ich mochte ihn nicht etwa deshalb nicht, weil er Mathematiker war und ich von Mathe nichts kapiere, sondern weil da ein Mensch aus einem sozialistischen Land in die Vereinigten Staaten fuhr, dem die behaarte Brust [...] noch voll von großartigen Illusionen darüber war, was dort möglich sei. Natürlich hätte er das niemals zugegeben, aber seine Gedankenwelt hatte einen Eigengeruch, sie roch unverkennbar kalt und ranzig, als öffnete man einen Kühlschrank, der dringend ausgewaschen werden muß.« (Beo: 11)

Anderson versuchte, mit ihrem Buch das von Mythen und Konsum geprägte Bild Amerikas ›auszuwaschen‹. Dieser Säuberungsprozess lässt das Objekt nicht reiner und heller erstrahlen, sondern schärft den Blick auf den Dreck und das Elend in einer Stadt wie New York. Genau wie der polnische Wissenschaftler oder die durchschnittlichen DDR-Leser/-innen war die Autorin in den letzten Jahren zwar nur Beobachterin Amerikas gewesen, aber die Tatsache, dass sie die ersten dreißig Jahre ihres Lebens dort verbracht hatte, ermöglichte ihr, schneller ›heimisch‹ zu werden, hinter die Fassaden des amerikanischen Alltages der späten 1960er Jahre zu blicken und den Leser (den Beobachter, der nichts sieht!) darüber aufzuklären. Das Buch vermittelt ein negatives Bild von New York. Schon vor der Ankunft stilisiert die Erzählerin ihre Heimatstadt zum »Drachen« (Beo: 11), zum »Untier« (ebd.), in dessen Bauch sie zur Welt kam. Die Begrüßung der Freundin Peg, die die Erzählerin am Hafen abholt, wird als extrem knapp und oberflächlich beschrieben und führt in die Hektik des Stadtlebens ein: »Ihr nachgefärbtes schwarzes Haar war noch feucht von einem eiligen Duschbad und saß wie angeklatscht, im Gesicht schien sie mir jetzt, nach dem heißen Sommer etwas schmaler. Als sie mich entdeckt hatte, begrüßte sie mich freundschaftlich, aber in Hast, erklärte mir, Al und seine Frau seien im Urlaub, und schob mich in ein Taxi. ›Versteh mich richtig, ich muß gleich weiter.‹« (Beo: 13)

Das Abholen scheint wie ein abzuarbeitender Pflichtpunkt in Pegs straffem Tagesprogramm, das wenig Raum für Empathie mit der nach einer elftägigen Ozeanreise Ankommenden lässt: »Ich suchte ihr zu erklären, daß wir den Kurs hatten ändern müssen, um zwei Hurrikanen auszuweichen, doch sie unterbrach mich.« (Beo: 13) Natürlich sind die ersten Eindrücke der Erzählerin von ihrem Vorhaben geprägt, für längere Zeit in dieser Stadt zu leben. Sie nimmt sie anders wahr als während ih-

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res kurzen Aufenthaltes im Frühjahr, sie beobachtet genauer und sieht Dreck und Verkommenheit der Stadt sehr deutlich. »Bei stürmischem Wetter watet man knöcheltief durch Zeitungsfetzen, Zigarettenstummel, ausgespuckten Kaugummi, weggeworfenes Bonbonpapier, zerbrochene Flaschen, Flaschenverschlüsse, Monatsbinden und Präservative. Vorsichtig schreitet man über ausgedehnte Regenpfützen, in denen sich Benzin, Spucke, vergossene Milch, Bier, Urin und Erbrochenes mengen. FUCK steht an einer Hausmauer. I SUCK – Anruf MO.2-3809 an der U-Bahn-Treppe.« (Beo: 16)

Freude darüber, wieder in der Heimat zu sein, alte Freunde und Verwandte zu treffen, durch die Straßen der Kindheit und Jugend zu laufen, Vertrautes zu finden, dokumentiert der Text kaum. Nur einmal, zwanzig Tage nach ihrer Ankunft, drückt die Erzählerin Zufriedenheit über ihr Leben in New York in einem Brief an Freund O. (Roland Links) aus: »Zur Zeit stapfe ich noch froh und munter an einer nicht zu beschreibenden Unordnung vorüber, setzte mich in mein Zimmer (das wenigstens aufgeräumt ist) und schreibe Gutachten oder verschlinge Bücher aus der Weimarer Zeit; und ich wünsche mir, es könnte noch eine ganze Weile so weitergehen. Ein richtiges Studentenleben, träumerisch und anregend.« (Beo: 37)

Aber diese Begeisterung hält nicht lange an. Immer wieder sind es die Gefahren, die Hässlichkeit des »Drachens« New York, die sie in ihren Eintragungen festhält, und die so den Mythos vom ›freien glücksseligen‹ Leben in den USA untergraben. »Die Armut von fünfzig Millionen Bürgern hat […] so viel Hoffnungslosigkeit, Irrsinn, Gesetzlosigkeit und Unmenschlichkeit ausgebrütet, daß sie wie eine Flutwelle aus Abfall die gesamte Gesellschaft Amerikas überschwemmt hat.« (Beo: 171) Wie an zahlreichen Beispielen ausgeführt wird, bestimmt und beschränkt die hohe Kriminalitätsrate das Verhalten der New Yorker und führt zu absurden Auswüchsen. So wird von älteren Menschen berichtet, die aus Angst vor Überfällen nicht mehr die Parks besuchen, sondern versuchen, sich auf den Grünstreifen belebter Straßen unter den Augen der Polizisten zu erholen. Ein wichtiges Kriterium für die Wahl eines Apartments in Manhattan ist die Sicherheit. Bei Einbruch der Dunkelheit sollte man sich nicht allein, sondern in männlicher Begleitung oder der Nähe von Polizisten auf die Straße oder in die U-Bahn wagen. Diese Beispiele, die teilweise mit Zitaten aus der New York Times belegt werden, stehen im starken Kontrast zu dem relativ ruhigen und sicheren Leben in der DDR. Besonders erschüttert zeigt sich die Erzählerin von der Kinder- und Jugendkriminalität in ihrer Heimatstadt. Der Eindrücklichkeit halber bezeichnet sie alle Jugendlichen als Kinder. Sie fürchtet sich nachts vor einer »johlende[n] Horde« (Beo: 56) und nach ihrer Flucht in den Hauseingang wird ihr bewusst, dass sie vor »Kindern« davon gerannt sei. Sie wird Zeugin, wie schwarze Kinder den Busfahrer mit einem Messer bedrohen, weil er sie ermahnt, das Fahrgeld zu zahlen. Abgesehen

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von der Tatsache, dass New York in den 1960er Jahren ein massives Kriminalitätsproblem hatte, erscheinen die Darlegungen zu den Ursachen dieses Phänomens teilweise recht simpel und populistisch. So etwa, wenn sich die Erzählerin die Psyche zweier schwarzer Jungen ausmalt, die, an der Treppe zur U-Bahn stehend, »mit kalt berechnenden Blicken« die vorbeiziehenden Erwachsenen betrachten: »Das waren Augen, durch sadistische Filme dazu erzogen, in einem anderen Menschenwesen bloß den potentiellen Leichnam zu sehen – erdrosselt, erstochen, von Kugeln durchlöchert, mit dem Knüppel erschlagen, verstümmelt, in eine Blutlache gesunken. Hand des Todes, Töte sie sanft, Mord soll sie haben, Das Kind und der Killer, Eine Gier zu töten. Die meisten Kinder betrachten Erwachsene erbarmungslos, bei diesen Kindern aber kam die Billigung eines gewaltsamen Todes hinzu, als eine Alltagsunterhaltung, die sich sogar der Ärmste leisten kann. Kinder reißen Insekten die Beine aus, und wir schelten sie wegen Grausamkeit. Hier gibt es zahllose Kinder, die genauso unbekümmert auch Menschen die Beine ausreißen würden.« (Beo: 171)

Die Erzählerin, die hier einen interessanten Einblick in ihre eigenen Ängste und Vorurteile gegenüber Kindern, insbesondere schwarzen Kindern gewährt, erklärt deren Verhalten in diesem Fall nicht als Folge sozialer Umstände, sondern nimmt es zum Anlass, das Niveau amerikanischer Populärkultur zu kritisieren. An dieser Stelle muss man sich wieder den Kontext von Andersons Schreiben vor Augen führen, um ihrer Argumentation folgen zu können. Der implizierte Leser bzw. die implizierte Leserin ist ein junger Mensch in der DDR, der keinen freien Zugang zu den USA hat, aber von einigen Aspekten der amerikanischen Kultur fasziniert ist. Zu dieser Faszination mögen amerikanische Filme gehören, die aber nicht im Fernsehen der DDR ausgestrahlt werden. Am Beispiel der schwarzen Kinder erklärt die Erzählerin das Positive einer solchen Beschränkung. Sie nimmt an, dass alle Kinder über wenig Empathie, aber ein gewisses Gewaltpotenzial verfügen. Während Kinder in der DDR, die den Gewaltdarstellungen in Filmen nicht ausgesetzt sind, sich lediglich an Insekten vergingen, wird amerikanischen Kindern Sadismus und Brutalität als Folge des Medienkonsums unterstellt. Das Fazit dieser Argumentation, die davon ausgeht, dass Gesehenes direkt übernommen und umgesetzt wird, könnte lauten, dass es besser ist, solche Filme nicht zu sehen. Anderson schildert in ihrem Buch nicht nur eindeutig negative Seiten des amerikanischen Alltages wie die hohen Armuts- und Kriminalitätsraten, sondern geht auch auf vermeintlich positive Aspekte wie das Warenangebot ein. Ob DDR-Leser/-innen Andersons kommentarlos eingestreute Werbeanzeigen für farbige Zigaretten – »ROSA Zigaretten für Hochzeiten BLAUE für Bar-Mizwas […] Kostenloser Aufdruck ES IST EIN JUNGE, ES IST EIN MÄDCHEN usw.« (Beo: 24) – oder Haarteile für Hunde als Ausdruck des Irrsinns der kapitalistischen Warenwelt wahrnahmen oder sich von diesem Überfluss gar fasziniert zeigten, lässt sich nachträglich schwer ergründen.

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Konsum macht nicht glücklich und hinterlässt einen schalen Geschmack, versucht die Erzählerin ihrem Freund O. in der DDR zu erklären. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Leser/-innen in der DDR teilweise in einer Mangelwirtschaft lebten: »Selbst arme Leute können sich hier gelegentlich etwas leisten, worüber sich in anderen Ländern vergleichsweise als gut situiert zu bezeichnende Menschen wahnsinnig freuen würden. Hier aber kann man sich nie so richtig freuen. Es ist, als läge auf allem ein Fluch. Wie soll ich Dir das erklären?« (Beo: 62) Die Erzählerin behauptet nicht ausdrücklich, dass der Mangel an Produkten an sich positiv wäre, da er den Konsum auf das notwendige Maß beschränke und der Erhalt eines ersehnten Gegenstandes Glücksgefühle auslösen könne. Vielmehr geht es ihr darum, den Mythos von Freiheit und Glück mittels Konsum als Lüge zu entlarven. »Hier verwandelt sich alles, wonach man greift, selbst wenn es Gold ist, in Mist, weil man in Wirklichkeit gar nicht danach greifen möchte. Man ist unter der Einwirkung von Schaufenstern und Reklame nur völlig durchgedreht, man wird buchstäblich gejagt, verfolgt, zum Wahnsinn getrieben, man kauft, kauft und kauft und weiß nicht mehr, warum. Heute, nach einem Amoklauf zwischen den überquellenden Regalen eines Supermarktes, stand ich dann draußen wie ein Idiot da, die Arme voll, die Brieftasche und das Herz leer. Ich hatte bloß Salz holen wollen. [...] Man sollte unter dem Titel ›Gesichter in der Hölle‹ einen Bildband zusammenstellen. Es ist erstaunlich, wie traurig die Menschen im Supermarkt aussehen, wenn sie aus dem prachtschimmernden Angebot auswählen.« (Beo: 62)

Die Erzählerin argumentiert zunächst nicht mit den negativen Aspekten (wie niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit oder Ausbeutung von Entwicklungsländern etc.), die diesen Überfluss an Waren ermöglichen, sondern ihr Fokus liegt auf Gefühlen des Menschen, der mit einer solchen Warenwelt konfrontiert wird. Es wird also nicht der Irrsinn des Überflusses kritisiert, vielmehr sind es die Schwierigkeiten damit umzugehen, die die Erzählerin hier einen Monat nach ihrer Ankunft in New York beschreibt. Und so schließt sie den Brief an Freund O.: »Der Trick besteht vermutlich darin, nur das zu nehmen, was man fürs tägliche Leben unbedingt braucht. Nur das Unnötige verwandelt sich ja in Mist.« (Beo: 62) In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass die Erzählerin sich einen Monat später sehr wohl an Kundenservice und Warenangebot gewöhnt hat und sich beschwert: »Bügeleisen gibt es zur Zeit ebenso wenig wie Betten. Bügelbretter sind lieferbar, aber die Lieferung ist verloren gegangen. [...] Heutzutage hat kein Warenhaus mehr seinen eigenen Lieferdienst, jetzt geht alles über den United Parcel Service, und der Kunde ist ein Stück Dreck, so wie die Ware zu beträchtlichen Teilen auch.« (Beo: 147)

Gerade der Prozess, den die Erzählerin bei der Wahrnehmung des Warenangebotes durchläuft, verdeutlicht, dass der Beobachter – also der Besucher bzw. Außenste-

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hende – nichts sieht. Erst ein längerer Aufenthalt, in diesem Fall die Bereitschaft, als New Yorkerin zu leben, ermöglicht, hinter die zunächst erdrückende Fassade der bunten Warenwelt zu schauen und Brüche zu erkennen. Ähnliche Erfahrungen macht die Erzählerin bei ihrer Jobsuche, wo Oberfläche und Darstellungsvermögen eine viel größere Rolle zu spielen scheinen als die Qualität der Leistungen einer Person. Für den ersten Besuch bei der Arbeitsvermittlungsagentur für Verlagsstellen wappnet sich die Erzählerin entsprechend: »Die Büros öffnen morgens um neun, aber ich erschien absichtlich später; ich darf nicht den Eindruck erwecken, als sei ich auf Arbeit angewiesen. Ich trug das orangefarbene Kostüm, dessen lange Jackenschöße (wie bei einem Jagdanzug!) die Amerikaner so schick finden, und die bunte baumwollene Baskenmütze mit der kecken Schleife hinten. Meine Fingernägel waren windsorrosa manikürt (3 Dollar). [...] Mit Hilfe der Stanislawski-Methode kam ich als Herzogin von Argyle daher geritten und war Meisterschützin; in diesem Lande darf man sich niemals als das, was man ist, nämlich als ein Niemand, um eine Stelle bewerben.« (Beo: 45)

Zwar kennt die Erzählerin Strategien der Stellensuche noch aus ihrer Jugend, aber erst nachdem sie diese auf ihrem Weg durch zahlreiche Agenturen und Verlagshäuser erweitert, ist sie tatsächlich erfolgreich. Vergleicht man diese Erfahrungen mit der Lebenswelt der Leser/-innen im Sozialismus, wirkt die Jagd nach einem Job im Kontext von Vollbeschäftigung sehr fremd. Aber auch für Leser/-innen, die an diese Prozedur gewöhnt sind, ist Andersons Text interessant, da die Erzählerin den Umständen mit sehr viel Ironie begegnet. Sie schafft sich ein Alter Ego, die stolze Herzogin von Argyle, die das Geschehen mit Distanz betrachtet, und entgeht damit der Gefahr, Niederlagen persönlich zu nehmen. »Ich fahre nach Hause und ändere meinen Lebenslauf von Grund auf. Ich streiche die Vorzüge, die ich tatsächlich habe, weil sie Leute wie Miß Korff offenbar scheu machen, und erfinde andere, die hoffentlich beruhigender wirken. Keine freiberufliche Erfahrung also, kein literarisches Drum und Dran, das ist nicht gefragt, das klingt nach Unabhängigkeit und Frühstück im Bett, stattdessen aber: neun Jahre Achtstundentag, neun Jahre solider Verlagspraxis als copy-editor. Wenn mir bloß jemand zufällig andeuten würde, was ein copy-editor macht!« (Beo: 55)

Was anfangs noch wie ein Abenteuer erscheint, wird innerhalb eines Monats zum Problem. Die Praktiken der Agenturen und zahlreiche erfolglose Bewerbungsgespräche zehren am Selbstvertrauen der Erzählerin, existentielle Ängste schleichen sich ein. »Ich bin erst ein paar Wochen hier. Doch wehe, wenn die Suche nach Arbeit zu lange dauert oder mir ein kostspieliges Mißgeschick passiert! Eine Krankheit. Eine Krankenversicherung gibt es hier nicht. Eine Zahnbehandlung hat mich schon 170 Dollar gekostet. Denk dir, ein Zahn! Es gibt private Versicherungen mit Namen wie ›Blue Cross‹ und

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›Blue Shield‹, aber in die kann man erst eintreten, wenn man bereits Arbeit hat.« (Beo: 98)

Schließlich gelingt es der Erzählerin doch, ohne die Beziehungen ihrer Freund/-innen in Anspruch zu nehmen und ohne zu stark von ihren Tätigkeits- und Gehaltsvorstellungen abzuweichen, eine Anstellung als Lektorin mit $ 135 Wochengehalt bei einem kleinen Verlag zu bekommen, dessen Produktionen ihr zusagen: »Ich nahm die Schutzumschläge ab und musterte die für Amerika ungewöhnlich hübschen, geschmackvollen Einbände.« (Beo: 111) Der Job ist »Teil eines Vorhabens, meinen eigenen Wert zu testen« (Beo: 65) und nachdem dieser Schritt erfolgreich absolviert wurde, kann die Erzählerin noch tiefer in die amerikanische Alltagskultur eindringen und sich Herausforderungen stellen, mit denen viele New Yorker/-innen konfrontiert waren. Immer wieder werden die hohen Lebenshaltungskosten thematisiert und die Erzählerin verweist damit indirekt auf die Vorzüge des Lebens in der DDR, wo zumindest der Grundbedarf gesichert war und die Vermittlung von Arbeit oder Wohnung kostenfrei. Ganz anders in New York, wo die Arbeitsagentur $ 351 und ein Immobilienmakler $ 480 von der Erzählerin verlangen, die gerade einmal $ 425 netto verdient. Inwiefern Anderson mit Wohnraumproblemen in der DDR vertraut war oder als Witwe eines Verfolgten des Naziregimes Privilegien bei der Wohnungsvergabe genoss, wird in ihrem Buch nicht deutlich. Um die Höhe von Miete oder Kaution mussten sich DDR-Bürger/-innen in der Regel nicht sorgen. Umso krasser erscheint die Situation der Erzählerin in Manhattan, die für ihr kleines Apartment mit Hudsonblick über ein Drittel ihres Einkommens ausgibt. »Der Hausbesitzer teilt mir brieflich mit, ich müsse ihm, da ich so wenig Geld verdiene – die Logik ist bestechend – sofort mehr Geld schicken. ›Ihr gegenwärtiges Einkommen liegt unter der geeigneten Summe‹ für dieses erlauchte Haus, rücken Sie daher die ›Sicherheit‹ für einen weiteren Monat heraus. [...] Ein schwarzer Mieter, der seinen Hund spazieren führte, erzählte mir, er habe eine Sicherheitssumme für drei Monate bezahlen müssen, bevor er hier einziehen konnte. Und ich hatte geglaubt, das Haus sei ›integriert‹, weil ich so vielen Negern und auch Asiaten in ihm begegnete. Sie alle mußten für diese ›Integration‹ bluten!« (Beo: 165)

Gerade ihre Erfahrungen mit der Wohnungssuche und im Verlag nutzt die Erzählerin, um Rassismus und Antisemitismus als zwei weitere negative Aspekte der amerikanischen Kultur zu thematisieren. Über ein Gespräch mit einer potenziellen Vermieterin heißt es: »Mrs. Prout ist eine ältliche Witwe, trocken und griesgrämig und von einem Haß auf Neger besessen, der so nahe an Hysterie (oder Irrsinn) grenzt, daß sie darüber beinahe ihren Haß auf Juden vergißt. Zur Probe teile ich ihr mit, daß ich Jüdin bin. Sie sieht erschüttert aus, versucht mir zu verzeihen, bringt es nicht fertig.« (Beo: 123)

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Im Verlag leidet das freundschaftliche Verhältnis zu einer jungen Kollegin, weil die Erzählerin die Darstellung der Schwarzen im Film Vom Winde verweht (Gone with the wind 1939) kritisiert – »Phyllis stutzte, und aus ihrem offenen Munde fielen, für uns alle unerwartet, die Worte: ›Also bist du eine Niggerfreundin!‹ Ich war sprachlos.« (Beo: 290) – und schließlich kommt es zum Bruch, als Phyllis begreift, dass die Erzählerin Jüdin ist. Rassismus und Antisemitismus haben sich nicht erst in den 1960er Jahren in den USA herausgebildet. So erinnert sich die Erzählerin an diskriminierende Worte und Phrasen, denen sie in ihrer Jugend begegnet war. »JUDEN, NEGER UND PORTUGIESEN BLEIBEN DRAUSSEN. HUNDE ODER JUDEN NICHT ZUGELASSEN. GUTER NIGGER; SCHLECHTER NIGGER, SAUJUDE; SCHMIERIGER MEXIKANER; SCHWARZES GESPENST. BITTE RASSE UND RELIGION ANGEBEN. ER WURDE AN DER HARVARD-UNIVERSITÄT NICHT ANGENOMMEN, WEIL DIE ZULASSUNGSQUOTE FÜR JUDEN ERREICHT WAR. SCHWARZER MANN STELL DICH HINTEN AN.« (Beo: 216)

Im Sozialismus, so die Erzählerin, hätte sie diese schmerzhaften Erfahrungen vergessen und so bescheinigt sie dem ostdeutschen Staat einen radikalen Bruch mit der Nazi-Vergangenheit. Die USA als Kriegstreiber ist ein weiteres Thema, welches der Beobachter aufgreift. Der Vietnamkrieg, so stellt die Erzählerin zehn Tage nach ihrer Ankunft fest, hängt über der Stadt: »Es ist etwas Seltsames, wie das Leben hier, scheinbar ohne sich des Krieges bewußt zu sein, weitergeht. Scheinbar. Wir kaufen, verkaufen, plaudern, besuchen Theater, speisen in Restaurants, trinken, rauchen Marihuana, lieben uns: wir schreiben Obszönitäten an die Wände, betteln, stehlen, legen Feuer, zerstören, rauben, morden. Doch ob wir aufzubauen suchen oder niederzureißen, der belebende Hauch fehlt. Vietnam ist die Leblosigkeit im Leben hier.« (Beo: 20)

Im Verlaufe des Buches spielt der Vietnamkrieg eine untergeordnete Rolle. An Demonstrationen vor dem Pentagon kann die mit der Jagd nach einem Job beschäftigte Erzählerin nicht teilnehmen, in den Gesprächen mit Freund/-innen, Kolleg/-innen oder Bekannten wird der Krieg kaum thematisiert. Im Buch wird er durch gelegentliche Auszüge aus Artikeln der New York Times über Proteste der Kriegsgegner, deren Behandlung und Berichte zu Meinungsumfragen in Erinnerung gebracht: »New York Times, 26. Oktober [1967] Laut Schätzung des Gallup-Instituts hat sich die Zahl der Menschen in unserem Lande, die die Entsendung von amerikanischen Truppen zum Kampf nach Vietnam für einen Fehler halten, seit August 1965 nahezu verdoppelt.« (Beo: 106)

Das Zitat vermittelt eine Kluft zwischen dem Willen der Bevölkerung und der Außenpolitik der US-Regierung. Anderson zelebriert mit solchen Zeitungsauszügen

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nicht die Vorzüge einer freien Presse, vielmehr scheint es, als hätte sie diese Zitate verwendet, um den DDR-Leser/-innen zu zeigen, dass die Unzufriedenheit unter der amerikanischen Bevölkerung so groß ist, dass selbst die amerikanische Presse darüber berichten muss. Natürlich verurteilt die Erzählerin diesen Krieg, aber im Grunde genommen nimmt sie ihn hin als Teil Amerikas: »Zuerst jubelt man, daß man Arbeit hat, dann schlägt man sich vor den Kopf und erinnert sich, daß man in einem Nest von Mördern lebt und jeden Tag in irgendeiner Weise ihren Verbrechen unwillkürlich Vorschub leistet. Kauft man sich zum Beispiel den winzigsten Artikel, zahlt man jedesmal eine Steuer, auf jeden Groschen einen Pfennig, der in den Kriegsetat fließt.« (Beo: 114)

Von der Bewältigung des Alltages total eingenommen, lösen der Krieg und dessen Opfer kaum Gedanken oder Gefühle bei ihr aus. Ihrem Freund O. beschreibt sie die Amerikaner/-innen im Februar 1968 als ein unter Narkose lebendes Volk, das zwar weiß, was passiert, es aber dennoch nicht realisiert. »Sie bringen es fertig, überhaupt nichts mehr richtig zu wissen oder zu empfinden. Die Wirklichkeit ist düster geworden, sie senken den Kopf und stolpern hindurch. [...] Gefühle sind häufig nur noch Worte für Gefühle. Entsetzen entsetzt nicht.« (Beo: 253) Aus diesen Worten spricht die Beobachterin, die nicht erkennen kann, dass sie selbst Teil dieser Gesellschaft geworden ist und ähnliche Verhaltensweisen zeigt. Erst der Vietnam-Film Tell me Lies (1968) von Peter Brook erschüttert ihre Perspektive und zwingt sie, über ihr eigenes Maß an Ignoranz und dessen Ursachen nachzudenken. Dies geschieht aber nicht am Beispiel der Opfer von Vietnam, sondern bei der Beschreibung der Obdachlosen, der Bettler, der Verwirrten, denen die Erzählerin täglich auf der Straße begegnet. Sie stimmt den Berichten im Neuen Deutschland zu, die Amerikaner/-innen als herzlose und gleichgültige Menschen darstellen. »Ja, man geht vorüber. Bliebe man solcher Dinge wegen stehen, käme man niemals an, wohin man wollte.« (Beo: 268) Gleichzeitig versucht sie zu relativieren: »Ganz so herzlos oder so gleichgültig sind die Menschen nicht, meist sind sie lediglich überfordert. [...] Sie sehen nicht mehr hin. Sie dürfen sich nicht erlauben hinzusehen. Ihre eigenen Nerven sind übel mitgenommen. Ein Mensch vermag gerade noch, sich in aufrechter Haltung dorthin zu schleppen, wohin er zu gehen hat, um zu erledigen, was das Leben von ihm fordert.« (Beo: 269)

Der Kampf ums tägliche Bestehen produziert soziale Kälte. Die Erzählerin sieht sich nicht als Ausnahme, auch sie geht schneller, wenn sie am Morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Obdachlosen in seiner schmutzigen Kleidung passiert: »[E]s geht ein unglaublicher übler Gestank von ihm aus. Oft rieche ich ihn schon, bevor ich ihn sehe, und dann gehe ich etwas schneller. Das ist es eben: Ich gehe schneller.

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Bin ich herzlos, bin ich gleichgültig?« (Beo: 269) Die Leser/-innen mögen die Erzählerin nicht verurteilen und kommen vermutlich zu dem Schluss, dass nicht die Menschen, sondern das kapitalistische System an sich Ursache für die soziale Kälte ist. Im Laufe ihres Aufenthaltes lernt die Erzählerin auch alternative Gruppen und Bewegungen kennen, die in asiatischen Lebensphilosophien eine Alternative zur Konsumgesellschaft und im Umgang miteinander suchen. Jaime (Stefan Uhse), der Sohn ihrer Freundin Pilar, lädt die Erzählerin beispielsweise zu einer buddhistischen Veranstaltung ein und nach der Meditation in die entspannten Gesichter der jungen Menschen schauend, schlussfolgert sie: »Sie entrinnen einer mörderischen Wahnsinnswelt, die unerträglich voll von Lärm, Lügen und Trödel ist und sich ihnen unablässig aufdrängt. Sie sehen nicht nur keinen Ausweg aus diesem Tollhaus, sie finden auch niemals Gelegenheit, zu sich selbst zu kommen. Hier können sie es. Hier sitzen sie endlich in seliger Stille. Und Menschen, die wie Jaime in schmerzlicher Vereinsamung leben, finden hier sogleich die Solidarität einer friedlichen Gemeinschaft, in der sich kein unbedachtes Wort in die Wunden bohren wird.« (Beo: 136)

Jaime liegt der Erzählerin besonders am Herzen, sie sorgt sich um ihn. Aber im Gesamtkontext des Buches reiht sich die Geschichte von Jaime in eine Folge von Beispielen ein, die dem US-Imperialismus die bunte verführerische Maske abreißen, ihn entlarven soll. Jaime eignet sich besonders gut, da er wie Andersons Leser/-innen in der DDR aufwuchs und das erlebte, wovon vielleicht einige DDR-Leser/innen träumten: nach Amerika zu gehen. Aber Jaime kommt nicht zurecht. Als Kind in der DDR »war er ein munterer dicker Clown, der vor Wonne im Kreise tanzte, wenn wir eine Platte auflegten.« (Beo: 69) Nun leidet er an Schizophrenie, die – wie aus einem Fachbuch zitiert wird – »eine spezielle Strategie ist, die ein Mensch sich ausdenkt, um in einer lebensfeindlichen Situation leben zu können.« (Beo: 119) Dass Jaimes psychische Krankheit keine Ausnahme ist, sondern sehr viele Amerikaner/-innen an Störungen in Folge der Lebensumstände leiden, wird mit zahlreichen Beispielen aus der New York Times belegt: »Mit jährlich 22 000 Toten steht Selbstmord als Todesursache in unserer Nation an zehnter Stelle. Unter Hochschülern steht er als Todesursache an zweiter und unter jungen Menschen zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren an dritter Stelle. Alle zwanzig Minuten kommt es in den Vereinigten Staaten zu einer tragischen Selbstvernichtung.« (Beo: 225)

Der Amerika-Bericht versucht auf vielfältige Weise, den Leser/-innen plausibel zu machen, dass Freiheit und glückseliges Leben in den USA Illusionen sind. Das kapitalistische System mit seiner ungerechten Verteilung von Gütern schafft Zustände, denen der Mensch nur unter größten Schwierigkeiten standhalten kann. Konkurrenz, Kriminalität, Materialismus, Wucher, Ausbeutung und Rassismus setzen die

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meisten Amerikaner/-innen so sehr unter Druck, dass sie kaum noch Energie haben, über grundsätzliche Fragen wie die Änderung des Systems nachzudenken oder gar so radikale Ideen wie die der Erzählerin zu entwickeln: »Wo die gesamte Gesellschaft von Übel ist, kann keine Aktion in ihr richtig sein, ausgenommen die Aktion, sie zu zerschmettern.« (Beo: 157) Jack Zipes war in einer Untersuchung des Amerikabildes der DDR-Literatur zu dem Schluss gekommen, dass die Darstellung Amerikas von dem staatlich entworfenen Amerikabild geleitet sei, einem Zweckbild, »welches dazu dient, der eigenen Staatlichkeit Dauer und Legitimation zu verleihen.« (Zipes 1975: 329) Amerika wird als Maßstab benutzt, um die Entwicklungen im eigenen Land zu beurteilen. Andersons Werk schließt sich da nicht aus, im Gegenteil. Betrachtet man die dargestellten Aspekte der USA, so würden sie bei einem Vergleich mit DDR-Verhältnissen scheinbar eindeutig negativ abschneiden. Anderson strebte diesen Systemvergleich an, wie der Untertitel Tagebuch zweier Welten zeigt, er wird im Buch aber nur selten explizit geführt. Vielmehr, und darin liegt auch eine Stärke des Buches, baut Anderson auf die Kooperation der Leser/-innen, denen die DDR-Verhältnisse bekannt sind und die somit in der Lage sein sollten, selbst Vergleiche zu ziehen. Nur gelegentlich nimmt die Erzählerin diesen Vergleich vorweg und weist darauf hin, dass sie durch ihr Leben in der DDR Ressourcen und Perspektiven entwickelt hat, die sie von ihren amerikanischen Altersgenossinnen unterscheiden. So etwa, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen geht, die nach Ansicht der Erzählerin im Sozialismus stärker verwirklicht wurde und dazu beitrug, Männer nicht als Unterdrücker, sondern als Gefährten wahrzunehmen: »Könnte es sein, daß ich Männern gegenüber jetzt so großmütig bin, weil sich, als ich unter sozialistischen Verhältnissen lebte, mein Status als Frau verbessert hatte?« (Beo: 44) Insbesondere erwähnt sie die Sorglosigkeit, die sie in der DDR erfahren hat. Als sie begreift, wie schwer es sein würde, einen Job in New York zu finden, fragt sie sich: »Habe ich in der DDR die Fähigkeit verloren, mir Sorgen um das tägliche Brot zu machen?« (Beo: 70) Später, als sie diesen Job hat, erklärt die Erzählerin: »Die zwanzig Jahre Abwesenheit waren eine zwanzigjährige Anwesenheit anderswo. Ich sehe jünger aus als meine hiesigen Altersgenossinnen, weil ich weniger Sorgen hatte.« (Beo: 156) Für die von Roland Links vorgebrachten Gedanken, der Beobachter sei ein Kommentar zur sozialistischen Welt und zu den dringend benötigten Reformen, finde ich nur wenige Anhaltspunkte in dem Werk. Christa Wolf hatte daran wohl auch Zweifel. In ihrem Brief an Anderson schrieb sie: »[E]s [kam] mir so vor, als wäre der Untertitel ›Tagebuch zweier Welten‹ ein bißchen zu weit gegriffen: Von der Welt DDR finde ich nur Behauptungen, Bekenntnisse. [...] Über die USA habe ich eine Menge Konkretes erfahren, was ich vorher nicht wußte. Allerdings

264 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON war mir ein bißchen Schwarz-Weiß-Malerei im Spiel, in Bezug auf die Unterschiede zwischen den beiden Welten. Kennst Du die unsere wirklich genau?«45

Wenn Christa Wolf es auch schroff formulierte, so teile ich doch ihre Ansicht, dass es wenig differenzierte Gedanken zum Leben in der DDR in dem Buch gibt und viele Aspekte amerikanischen Lebens sehr negativ dargestellt werden. So zum Beispiel die Situation der befreundeten Julie (Naomi Replansky), die ihren Job kündigt, um im Sommer Zeit zum Lesen und Schreiben zu haben. »Wenigstens für kurze Zeit brauchte sie keine Sklavin sein.« (Beo: 70) Schon die Tatsache, dass eine Erwerbstätigkeit als Sklavenarbeit bezeichnet wird, bestätigt die von Wolf angemerkte »Schwarz-Weiß-Malerei«. Vielleicht hätte sich mancher Mensch in der DDR in Zeiten der Vollbeschäftigung ein Leben wie Julies gewünscht, um seine Kreativität auszuleben. Aber auf den Aspekt der Freiheit des Individuums geht die Erzählerin nicht ein. Vielmehr nutzt sie das Beispiel ihrer Freundin, um die Existenzängste der Menschen im Kapitalismus darzustellen. »Als der Sommer vorüber war und ihre Geldmittel zur Neige gingen, sah sie sich eifrig nach neuer Arbeit um, aber nichts fiel ihr in den Schoß. Für einen vorausblickenden Arbeitgeber ist die Trennlinie zwischen Jugend und Alter sehr klar. Julie ging das Geld aus, und sie bekam es mit der Angst zu tun – ihr Blick wurde unstet, und sie begann abzumagern.« (Beo: 70)

Wie Anderson das Lob auf die Lebensbedingungen in der DDR den Leser/-innen überlässt, so bleibt es auch deren Aufgabe, über negative Seiten dieses Lebens in der DDR und eventuelle Reformen nachzudenken. Anderson gibt hier nichts vor. Das Buch ist zwar ein Kommentar zur DDR Ende der 1960er Jahre, da die Leser/innen mit einer Gegenwelt konfrontiert werden, diese ins Verhältnis zu ihren eigenen Erfahrungen stellen und schließlich ihre Welt neu bewerten können. Aber einen Aufruf für dringend benötigte Reformen, wie Links meinte, enthält das Buch nicht. Einzig und allein die Tatsache, dass die Autorin in die USA geht, unter anderem, weil sie in der DDR keine Herausforderung mehr erfuhr, könnte als Kritik an der DDR interpretiert werden. »Allzu lange hatte ich ein allzu bequemes Leben unter sozialistischen Verhältnissen geführt, und ich wußte nicht, ob ich noch den Mumm hätte, mich einem Leben ohne Sicherheit auszusetzen.« (Beo: 18) Dennoch ist es gerade die Sorglosigkeit in Bezug auf das tägliche Leben, die eine Leserin wie Irmtraud Morgner nach der Lektüre des Buches zu schätzen weiß: »Wer das Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts liest, kann unserem Land näherkommen. [...] Plötzlich erblickt man um sich, während man den überaus kurzweiligen, drastischen Beschreibungen des Wiedersehens folgt, allerorten Glanz. Plötzlich fühlt man jäh die Lust, arglos leben zu können. Diesen Lebenskomfort, den kein kapitalistischer Konsumkomfort in den Schatten stellen kann.« (Morgner 1973: 6)

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Zwar ermöglichte der Beobachter eine solche Lesart, die auch nah an den offiziellen Amerikabildern der DDR lag, aber damit ist die große Popularität des Werkes – die erste Auflage von 8.000 Exemplaren war binnen weniger Wochen ausverkauft – bei den Leser/-innen in der DDR nicht zu erklären. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, der Rezeption des Buches durch die DDR-Leserschaft näher zu kommen und seine Bedeutung in diesem Kontext zu beschreiben. Lesart II: Imperialismus mit menschlichem Antlitz Das Interesse am Beobachter und an der Art, das Buch zu rezipieren, lässt sich vielleicht am besten an Hand eines Leserbriefes vermitteln, den ein begeisterter Siebzehnjähriger Anderson 1980 sandte. Natürlich gibt es intellektuellere Kommentare zu dem Buch, aber gerade die Tatsache, dass dieser Brief keiner Zensur oder ideologischen Vorgaben unterlag, sozusagen aus dem Bauch heraus an die Autorin geschrieben wurde, macht ihn so wertvoll für das Verständnis der Aufnahme des Buches in der DDR. »Sie haben mir auf wunderbare Weise einen tiefen Einblick in ein Land gegeben, für das ich ein großes Interesse hege und das für mich so schwer verständlich ist bzw. war. Mein Gott, was wusste ich denn vorher?! […] Es war sehr aufschlussreich, dem Leben eines normalen Amerikaners zu folgen, mit allen seinen Problemen und Freuden. Viel besser als es irgendein fiktiver Roman vermocht hätte. Die vielen kleinen, wichtigen und unwichtigen Details aus Ihrem Erleben, geben zusammengesetzt ein originales, genaues und ungemein vielseitiges Bild vom Leben eines Amerikaners ohne die hellen Töne den dunklen vorzuziehen. […] Mein Interesse für Ihr Heimatland ist jetzt so gestiegen, dass ich sehr sehr gerne selbst die USA mit eigenen Augen sehen möchte, und viele Amerikaner kennenlernen will. Aber leider ist ja dies nicht möglich.«46

Am Anfang des Zitats betont der Verfasser, dass Der Beobachter sein Bedürfnis nach Wissen über die USA befriedigt hat. Der Hintergrund der DDR-Leser/-innen spielt für die Rekonstruktion der Rezeption eine wichtige Rolle. Wie ich einleitend im Kapitel zu den privaten Amerikabildern bereits erläuterte, hatten DDR-Leser/innen in der Regel keinen unmittelbaren Zugang zur amerikanischen Alltagskultur. Dieser Mangel an direkten Erfahrungen machte Amerika zur Projektionsfläche für alle möglichen Gegenbilder zur DDR. Input für diese Amerikabilder lieferten ganz verschiedene Quellen, etwa westdeutsche Fernsehsendungen oder Informationen der DDR-Medien über die USA. Diese ideologisch konträren Quellen spiegelten zwar in besonderer Weise die Komplexität Amerikas wider, befriedigten aber nicht das Bedürfnis nach Eindeutigkeit; das Land blieb »schwer verständlich«, wie der Leser schreibt.

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Andersons Buch wurde so zum Kompass, zum Wegweiser, der durch das Gemenge von Informationen und Phantasien leitete. Wie der Leserbrief zeigt, vertraute der Rezipient der Erzählerin und damit gelang Anderson etwas, was der DDR-Propaganda über die USA auf Dauer fehlte. Diese Glaubwürdigkeit erarbeitete sich die Erzählerin, indem sie sich als Mensch, »mit all seinen Problemen und Freuden« zu erkennen gab. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Tatsache, dass die Erzählerin aus der DDR kam und dass man zu ihr als ›einer von uns‹, die unsere Lebenswelt und Wertvorstellungen teilt, größere Nähe als etwa zu amerikanischen oder westdeutschen Autor/-innen empfinden konnte. Das Genre des Reiseberichtes erhöhte dazu die Glaubhaftigkeit seines Inhaltes, wie die Bemerkung »viel besser als es irgendein fiktiver Roman vermocht hätte« zeigt. Doch abgesehen von Erzählinstanz und Genre ergibt sich die Authentizität des Werkes für diesen Leser vor allem aus seiner Vielschichtigkeit, er lobt »kleine, wichtige und unwichtige Details«, »Probleme und Freuden«, »helle und dunkle Töne«. Während andere Quellen in der DDR ein überwiegend negatives Bild von den USA vermittelten, nimmt der Leser das USA-Bild im Beobachter als ausgewogener wahr und mag es daher auch für glaubwürdiger halten. Wie die letzten Zeilen des Leserbriefes zeigen, ist Anderson mit ihrem Vorhaben, vor allem junge Leser/-innen gegen die Verlockungen Amerikas zu wappnen47, zumindest bei diesem Leser gescheitert. Obwohl er die negativen Erfahrungen nicht ignoriert, strahlen für ihn das Land und vor allem seine Menschen nach der Lektüre eine noch größere Faszination aus. Der Kontrast dieses Fazits zu einer westdeutschen Rezension, wo es zum Beobachter heißt, »das Buch lässt nicht das geringste positive Lebensgefühl für Amerika aufkommen«48 (Stiller 1973), macht die Bedeutungslosigkeit der Intentionen eines Autors gegenüber der Rezeption deutlich und verweist auf den Einfluss des biografischen Hintergrundes bei der Rezeption. Natürlich gab es auch in der DDR unterschiedliche Interpretationen des Buches, aber die meisten Reaktionen waren positiv und wurden ähnlich wie im oben zitierten Leserbrief begründet. Im Folgenden möchte ich auf einige dieser für DDR-Leser/-innen interessanten Elemente des Beobachters näher eingehen und damit auch einen Einblick in Andersons Strategien zur Vermittlung einer für die Leser/-innen fremden Lebenswelt geben. »Der Beobachter ging wie ein Lauffeuer durch den Schriftstellerverband«, erinnert sich die Schriftstellerin Lia Pirskawetz, »es vermittelte ein differenziertes Bild von den USA und war mit so viel Liebe geschrieben.« (Pirskawetz 1995) Rainer Kirsch fasste es 1973 in einer Rezension, die nicht veröffentlicht werden konnte, ähnlich zusammen: »Es ist, kaum nötig zu sagen, mit Liebe zu Amerika geschrieben und hat nichts von jenem elenden Reportertum, das über jeden Krüppel im Lande des ideologischen Gegners jubelt.«49 Kirsch weist auf den Hintergrund, vor dem das Buch gelesen wurde. In einer Gesellschaft, in der die USA offiziell als Klassenfeind galt und die Darstellung dieses Landes der leninistischen Theorie vom

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Niedergang des Kapitalismus verpflichtet war, bot Andersons Buch etwas Außergewöhnliches: eine von Sympathie geleitete Darstellung des Landes und seiner Menschen. Der Text bestätigt zwar die von offizieller Seite propagierten Probleme der USA – Rassendiskriminierung, Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Unfreiheit, Kriegstreiberei, Konsumzwang usw. –, aber die Erzählerin kann aufgrund ihrer Identität als Amerikanerin, ihrer Verbundenheit zu dem Land und seinen Menschen keine Schadenfreude entwickeln. Sie verurteilt das System, aber da sie eben nicht wie Berichterstatter in der DDR von außen die Innen- und Außenpolitik der USA mit einer ideologischen Zwangsjacke kommentiert, sondern sich unter ihre Landsleute begibt und ihre eigenen Positionen immer wieder aushandeln muss, vermittelt sie ein anderes Bild von Amerika, welches viele DDR-Leser/-innen als ein liebevolles wahrnahmen. Anlässe für eine solche Wahrnehmung bietet das Buch in zahlreicher Form. Über ein Wochenende mit Freunden auf dem Land heißt es in einem Brief an die Tochter in Berlin: »Es war himmlisch. Es war warm wie im Sommer. Wenn Amerika doch immer so sein könnte, mit Jake und Pilar, mit Grace und Onkel John und David und diesen lustigen kleinen Mädchen! Ich wünschte, Du könntest mit mir diese Oase erleben, diese reinen Düfte, Bilder und Laute, und diese guten Menschen, bei denen ich zu Hause bin und ohne Scham Amerikanerin sein darf.« (Beo: 77)

Natürlich spielt bei dieser positiven Darstellung die Natur als Kontrast zum Leben in der Stadt eine wesentliche Rolle. Doch zeigt die Erzählerin auch angenehme Seiten des Stadtlebens, etwa einen Abend in ihrer Wohngemeinschaft im ersten Monat des Aufenthaltes: »Auch Eva packte mit triumphierender Miene geräucherten Fisch von Zabar aus, einem märchenhaften Schlemmerladen, den ich noch nicht kenne, in den sie aber rannte, sobald sie Gehalt bekam. Ich hatte ebenfalls etwas entdeckt, einen indischen Gewürzladen, in dem einen schwindlig wird von all den Gerüchen, und hatte dort ein bereits gebratenes und mit Tanduri gewürztes Hühnchen und, für achtzehn Cent, eine Safranblüte zum Reis erworben – eine einzelne getrocknete, wunderhübsche Blüte in Zellophan, einer chinesischen Zeichnung ähnlich. Das Hühnchen schob ich rasch zum Aufwärmen in die Röhre, und ein Gurkensalat mit Dill und saurer Sahne stand schon im Kühlschrank bereit. Mein Gott, wie wir aßen! Wir waren sehr fröhlich. Eva und Ahmed lachten wie ein strahlendes junges Brautpaar!« (Beo: 44)

Hier wie an anderen Stellen im Buch zeigt sich die Erzählerin begeistert von New Yorks kulinarischer Vielfalt, mit der Leser/-innen in der DDR kaum vertraut gewesen sein werden, wie die detailgenaue Beschreibung der Angebote vermuten lässt. Das New-York-Bild der Rezipient/-innen erhält an dieser Stelle einen positiven Input, der zunächst vielleicht etwas exotisch (»märchenhafter Schlemmerladen«, »Tanduri gewürztes Hühnchen«, »Safranblüte«) erscheinen mag. Das Fremde wird

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aber in eine den Leser/-innen gut bekannte Situation eingebettet – das Mitbringen/ Teilen von Essen, die Gemeinschaft, der Gurkensalat mit Dill – und diese Vernetzung von Vertrautem und Fremden erzeugt bei den Rezipient/-innen eine Beziehung zu New York, die diese Stadt nicht als etwas vollkommen anderes, als »anderen Planeten«, wie Kunert Amerika bezeichnete, abtun kann. Hier liegen die Brücken, die Anderson zwischen der DDR und ihrer amerikanischen Heimat schlug und die nur sie schlagen konnte, weil sie eben nicht die USA von außen betrachtete oder sich auf Sehenswürdigkeiten und Landschaften konzentrierte. Anders als beispielsweise Kunert war Anderson aufgrund ihrer Herkunft, auch schon allein ihrer Sprachkenntnisse wegen, in der Lage, in Interaktion mit Amerikaner/-innen zu treten, ähnlich wie es Irene Runge später vermochte. Die Darstellung dieser Seite Amerikas, seiner – im wahrsten Sinne des Wortes – menschlichen Seite machte den Beobachter so wertvoll für viele Leser/-innen in der DDR, da keine andere Quelle diese Informationen lieferte. In einem Leserbrief schreibt etwa ein Student, dass keines der Amerika-Bücher, die er bisher gelesen hat, die Realität New Yorks, seiner Menschen und Probleme so nahe brächte wie Andersons Werk: »Aber gerade die Menschen, welche einer Stadt ihr Angesicht verleihen, sie werden [in Kunerts Der andere Planet] meistens in den Hintergrund gestellt. Und das ist bei Ihnen nicht der Fall. Sicherlich, Ihr Buch, es sind Tagebuchaufzeichnungen, bei denen die Menschen eine sehr wichtige Rolle spielen, und keine einfache Reisebeschreibung, aber trotzdem. Sie sind Mittelpunkt, Ihre Freunde, Bekannten und Verwandte, Eva, Francine, Tony, Pilar und all die anderen, – die Menschen.«50

Gerade weil in dem Buch die persönlichen Begegnungen der Erzählerin im Vordergrund stehen, gab es einen Einblick, wie in New York gelebt wurde, wie die Menschen aussahen, sich kleideten, miteinander sprachen und umgingen. Die Erzählerin präsentiert ihre Freund/-innen, ihren Frisör, den Zahnarzt, Vermieter, Bürgerrechtler, Arbeitgeber/-innen, Kolleg/-innen und bietet damit ein reichhaltiges Ensemble von Charakteren und deren Lebensarten. Mit zwei, drei Sätzen konnte Anderson das Charakteristische einer Person darstellen. Diese Fähigkeit nutzt sie vor allem im ersten Teil des Buches, wo die Erzählerin aufgrund ihrer Distanz zum Geschehen auf Äußerlichkeiten angewiesen ist. »Mit einundvierzig sieht sie wie neunundzwanzig aus, selbst dann noch, wenn sie völlig erschöpft ist; dann denkt man: Sie ist noch jung, aber sie ist krank. Ihre schlanke vollendete Figur ist straff wie die einer Siebzehnjährigen, und Gesicht und Hals sind makellos glatt. Es ist das nahezu herzförmige, ein wenig unregelmäßige Gesicht einer Tschechin; Nase und Lippen sind nach slawischer Art etwas abgeflacht, und die grauen Augen stehen weit auseinander« (Beo: 22) »Eine Frau Mitte Dreißig. Sie sitzt in einem schlichten schwarzen Kostüm hinter ihrem Schreibtisch, hat eine schlichte Frisur, und ihre Erscheinung ist gekennzeichnet von

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schlichter, müder, solider Tüchtigkeit. ›Ich kann keinen Vertrag mit Ihnen schließen‹, sagt sie auf ihre schlichte, vernünftige, müde und solide Art, ›solange ich ihr Inhaltsverzeichnis nicht kenne.‹« (Beo: 35)

Detaillierte Beschreibungen von Aussehen und Kleidung mochten den Leser/-innen helfen, ihre Vorstellungen von den Amerikaner/-innen um einen weiteren Aspekt zu ergänzen, weisen aber gleichzeitig auf die Bedeutung, die die Erzählerin selbst – wenn auch durch Selbstironie gebrochen – solchen Äußerlichkeiten zumisst: »Miß Bell, die ich wegen einer Verabredung anrufen sollte, hatte eine tiefe Schuldirektorinnenstimme mit dem überlegenen Tonfall der Oberklasse. […] Aber – Überraschung Nummer zwei – die wichtige Miß Gwyneth Bell erwies sich als eine schlanke, kleine Blonde mit einer gescheiten Nase, nicht älter als siebenundzwanzig und so sauber und erfrischend anzusehen, dass mir das Herz hervorsprang wie der Kuckuck aus der Uhr. Sie gefiel mir so gut, dass ich heimlich beschloß, mich, wenn es sein müsste, nur um des Vergnügens an ihrer Gesellschaft willen, mit einem Anfangsgehalt von einhundertfünfundzwanzig Dollar zu begnügen. Aber sie rettete mich vor mir selbst. Sie bot mir nicht so viel. Ich bin nicht sicher, ob sie mir überhaupt etwas bot. Sie sah in einem grauen Schneiderkostüm und einer weißen am Hals offenen Hemdbluse schick und sachlich aus. Ihr Köpfchen war eine glatte, harte Nuß, ich konnte sehen, wie sie mit dem Maß der Übung in ihren lieblichen blauen Augen meinen kommerziellen Wert abwog.« (Beo: 100)

Einen relativ direkten Einblick in den Umgang der New Yorker untereinander, den keine andere der zugänglichen Quellen für Amerikabilder in der DDR so vermittelte, bot das Buch durch die Dialoge, die kaum beschrieben oder kommentiert werden, sondern meist in direkter Rede formuliert sind. »18. Dezember Wenn in der Klosterstille meiner kleinen Wohnung das Telefon klingelt, ist das immer erregend, es ist der einzige menschliche Laut, der aus der Außenwelt hereindringt. Fast immer ist es Jake, der befürchtet, ich könnte mich einsam fühlen. ›Na, Bubbele, inzwischen einen geangelt?‹ ›Ich bin verliebt wie ein Idiot.‹ ›Was? Ist das wahr? Wirst du Jake auch alles erzählen?‹ Er hört ohne Unterbrechung zu, dann sagt er: ›Wirf ihn zurück in den Tümpel, Bubbele.‹ ›Nein.‹ ›Hör auf Jake! Dieser Teufelsbraten wird dir ne Menge Kummer machen.‹ Pilar schnappt ihm das Telefon weg und fragt munter: ›Wann werden wir ihn kennenlernen? Halt den Mund, Jake, ich kann sie nicht verstehen! Halt den Mund! Geh aus dem Zimmer und tu was anderes, hörst du? Himmel! Achte nicht auf das Tümpelgerede, du. Erst macht er alle meine Freundinnen verrückt mit seinem ‚Inzwischen einen geangelt‘Quatsch, und dann bedauert er’s, wenn es so ist. Er glaubt, er sei der einzige Mann, der eine Frau wirklich glücklich machen kann.‹« (Beo: 173)

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Obwohl die Erzählerin selbstverständlich auch ernsthafte Gespräche wiedergibt, sind es gerade der Witz und das Maß an scheinbarer Impertinenz, welche als typisch für New York darstellt werden. »Ich lehnte mich zurück und lachte […]. Es war mir völlig bewusst, dass es für den Augenblick richtig war, heitere Gelassenheit zur Schau zu stellen und dass entspannte, gefällige Zuversicht genau das war, was einem Mädchen wie Miß Bell imponieren könnte.« (Beo: 100) Sinn für Humor bedeutet hier, sich selbst und seine Bedürfnisse nicht zu ernst zu nehmen und in der Lage zu sein, das Geschehen von mehr als nur der eigenen Perspektive aus wahrzunehmen. Stark geprägt von der jüdischen Kultur fungiert Humor als Schutz vor der Einsicht in die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit, er bewahrt vor sentimentalen oder fundamentalistischen Sichtweisen und hilft Menschen, in scheinbar ausweglosen Situationen nicht zu verzweifeln (vgl. Cohen 1987: 1–15). Dass die Erzählerin über diesen Humor verfügt, zeigen nicht nur die Betrachtungen ihrer Gegenüber, sondern auch die Tatsache, dass die aufgrund ihrer geringen Arbeitserfahrungen und ihres Alters schwer vermittelbare Jobsuchende sich als stolze Herzogin von Argyle durch die Bewerbungsbüros reitend imaginiert. Teilweise mit viel Witz und einer durch Aussparung von überflüssigen Worten gewonnenen Dynamik werden Verhaltensweisen vermittelt, die in der DDR eher unüblich waren. Das Gespräch mit dem Zahnarzt, »ein sommersprossiger, stupsnasiger Rotkopf mit den Augen eines fröhlichen Sechsjährigen« (Beo: 26), während einer Wurzelbehandlung führt beispielsweise in die Kunst des Smalltalks ein: »› … aber Sie haben schon jemand. Ich weiß, Sie haben jemand, das sehe ich Ihrem Gesicht an. Mir können Sie’s doch erzählen, Edie, ich halte dicht. Ehrenwort. Berufsethos. Haben Sie jemand?‹ Ich halte zwei schamlos lügende Finger in die Höhe. ›Zwei? Großartig! Einen in Deutschland und einen hier?‹ ›M-hm.‹ ›Ist Ihnen einer von den beiden lieber?‹ ›M-hm.‹ ›Welcher? Der hier?‹ ›Äh-ähn.‹ ›Der in Deutschland also. Werden Sie ihn heiraten?‹ ›Äh-ähn.‹ ›Weshalb nicht? Zu schlau?‹ ›Mmmmmm …‹ ›Ist er verheiratet?‹ ›Mmmmmm ...‹ ›Würden Sie den heiraten, der hier ist?‹ ›Mmmmmm ...‹ ›Teufel auch, Edie, Sie wollen mir überhaupt nichts erzählen! [...]‹« (Beo: 29)

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Poliklinik-erfahrene Leser/-innen mögen über den Konversationsstil des Arztes erstaunt sein. Nach der Behandlung bescheinigt ihm »Edie«: »Sie sind ein großartiger Zahnarzt und ein geschickter Psychologe.« (Beo: 29), und lobt damit die oft gescholtene Oberflächlichkeit der Amerikaner/-innen. Der Humor und die damit verbundene Fähigkeit des Perspektivenwechsels wird von Leser/-innen in der DDR wie der Schriftstellerin Gerti Tetzner sehr geschätzt. An Edith Anderson schreibt sie: »Aber ich muß Dir sagen, dass ich Dein Tagebuch mit großem Genuß gelesen habe. Nicht nur wegen der vielen interessanten Einblicke in eine Welt, die ich nur vom Hörensagen kenne (die komplizierten Verhältnisse in den Befreiungsbestrebungen der farbigen Bevölkerung beispielsweise), oft habe ich laut über Deinen Witz gelacht und Dich beneidet für Deine Gabe, über dich selbst zu witzeln. Du warst in dem Buch genau so, wie Du bei Fred am Tisch saßest: ich hatte Dich sehr gern für Deinen Mut, auf die Dinge zuzugehen, Deine Fähigkeit zur Solidarität, Deine Betroffenheit über Unglück und Leid anderer, für Deinen Humor. Nein, Schmeicheleien sind das nicht – so etwas erfrischt und steckt an, wir haben das alles so nötig.«51

Doch der Humor, den Tetzner hier als lebensnotwendig beschreibt, verlässt die Amerikanerin zunehmend mit der Dauer ihres Aufenthaltes und ihrer Wandlung von der Beobachterin zur Teilnehmerin. »Mein Heimweh macht sich als eine Erschöpfung bemerkbar, die mich nach und nach befällt, und als nachlassendes Interesse für das Leben.« (Beo: 233), heißt es in einem Tagebucheintrag am 21. Januar 1968, einem Wintertag, an dem selbst die Natur der Erzählerin keinen Trost bietet. »Daß der Hudson nur ein Meeresarm und kein richtiger Fluß ist, ärgert mich plötzlich.« (Beo: 233) Solche Geständnisse unterstreichen, dass Der Beobachter nicht ausschließlich ein Bericht über Amerika, sondern eben auch über die Erzählerin selbst ist. Diese Qualität des Buches wird von Rezensent/-innen immer wieder betont. Rudolf Böhme schreibt beispielsweise in der Sächsischen Zeitung: »Dieser Bericht aus der USamerikanischen Wirklichkeit von heute ist von Entstehung, Inhalt und Form her eher ungewöhnlich, aber gerade dadurch besonders faszinierend. […] Ein sehr persönlicher und auch sehr emotionaler Bericht.« (Böhme 1972, o.S.) Werner Liersch spricht vom »authentischen Einblick, den hier jemand in die konfliktreiche Erkundung einer Lebensmöglichkeit gibt, wobei nicht verhehlt wird, dass diese Authentizität die Authentizität einer persönlichen Erfahrung ist.« (Liersch 1974: 135) Auch Rainer Kirsch weist auf die Subjektivität des Buches: »Es ist, als Tagebuch, subjektiv und bekennt sich dazu; da die Autorin sich nicht schont, gehen uns ihre Liebe, ihr Zorn und ihre Verzweiflung an.«52 Vor dem Hintergrund der Objektivität, die offizielle DDR-Verlautbarungen über die USA für sich in Anspruch nahmen, scheint der subjektive Charakter des Buches von großer Bedeutung gewesen zu sein. Irmtraud Morgner geht in ihrer Re-

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zension auf das Verhältnis zwischen Klassenstandpunkt und subjektiver Erfahrung ein: »Aber ich glaube, dass der Zauber literarischer Wahrhaftigkeit, Unbestechlichkeit, Lauterkeit jeden Menschen erreicht. In Berührung. Das heißt in menschlicher Begegnung. Der Einfluß kollektiver Äußerungen auf den Leser ist sicher beachtlich. Aber kann man sich in ein Kollektiv verlieben? Die optimale Begegnung zwischen Leser und Buch ist durchaus der Liebe vergleichbar. Unpersönlich vermittelte Wahrheiten, und wären es die ungeheuerlichsten, größten, können uns nur selten verletzen.« (Morgner 1973: 6)

Die »Berührung« gelingt, da die Erzählerin im Beobachter nicht nur ihre Umwelt beschreibt, sondern sich als Mensch zu erkennen gibt, dem Sehnsüchte, Hoffnungen, Enttäuschungen und Selbstzweifel nicht fremd sind. Sie schildert ihre Reise als Suche nach Identität und Heimat und verhandelt im amerikanischen Kontext Fragestellungen von universellem Interesse wie etwa die nach dem Wert eines Menschen, der Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer dominanten Gruppe, der Bewahrung von Individualität im Kollektiv oder der Gleichberechtigung. Es sind Themen, die auch DDR-Leser/-innen beschäftigten und sie boten eine Verbindung zum ansonsten fremden Amerika. Der Beobachter ist der erste in der DDR publizierte Amerika-Bericht aus der Perspektive einer Frau und auch der einzige, in dem die Reisende über ihre partnerschaftlichen Beziehungen zu Amerikanern berichtet. Liebe, Sexualität und Partnerschaft sind für Anderson keine Tabuthemen, im Gegenteil: Sie behandelt sie mit großer Offenheit, die den Frauenprotokollen aus Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne (1977) gleichkommt. Durch das Prisma ihrer eigenen Beziehung zum Journalisten Biff, den die Erzählerin als Sinnbild für ihr Heimatland wahrnimmt, wird das Thema Liebe und Geschlechterbeziehungen sehr spezifisch eingeführt und später um allgemeinere Betrachtungen über die Situation von Männern oder die Rolle von Sex in der amerikanischen Kultur erweitert. Die erste Nacht mit Biff, »kein Feuerwerk, keine Stürme, keine Kämpfe, keine Höhepunkte […] Bei Tagesanbruch sind wir erschöpft, nicht durch Aktivität, sondern durch Mangel an Schlaf« (Beo: 175), verweist schon auf den schwierigen Umgang miteinander. Biff, dem jeglicher Sinn für das Romantische fehlt und der erklärt: »Das einzige, was Frauen mir bisher bedeutet haben, ist: Man nimmt sie und nutzt sie aus.« (Beo: 179), wird von der Erzählerin als symptomatisch für die ganze Gesellschaft gedeutet. Ihrem Freund O. in der DDR erklärt sie: »Die wechselseitige sadistische Quälerei zweier Menschen, die sich vermeintlich lieben – hier ist das normal.« (Beo: 186) Insgesamt ergibt sich ein relativ uneinheitliches Bild von den Ansichten der Erzählerin, die einerseits als emanzipierte Frau lebt und andererseits konservativen Geschlechterrollen nachhängt. Ein Mann sollte der Frau beispielsweise Schutz schenken (Beo: 188). Amerikanische Frauen empfindet sie als »ungewöhnlich ag-

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gressiv« (Beo: 186) und viele der verschüchterten Männer flüchteten sich in Homosexualität oder Exzesse, »um an die eigene Existenz zu glauben« (Beo: 187). Die amerikanische Kultur wird als sexbesessen beschrieben: »Jede Bemühung, einander kennenzulernen, kann nur als Vorspiel zum Sexuellen aufgefasst werden […] Sex ist hier – wie der Gedeckzuschlag in einem Nachtlokal – bei allen menschlichen Beziehungen obligatorisch« (Beo: 240). Die Medien suggerieren das Bild vom omnipotenten Mann und »die Männer sind nun ständig besorgt, dass sie es nicht schaffen könnten« (Beo: 198). Leistungsdruck und die zunehmende Gleichberechtigung von Frauen führten zunehmend zu männlicher Impotenz: »In einer Gesellschaft, die sie in ihrer Entwicklung hemmt, die ihre ehrlichsten Bestrebungen besudelt und ihnen gewaltsam abzwingt, was sie nicht gern geben möchten, die ihrer Männlichkeit Gewalt antut und sie schändet, ist ein Sex-Streik die einzige Rebellion, die Männer sich leisten dürfen.« (Beo: 240) Die pauschalisierenden Aussagen und Erklärungsversuche zum sexuellen Verhalten der Amerikaner/-innen und zu deren Geschlechterbeziehungen scheinen heute antiquiert. Man sollte sich dabei aber vor Augen führen, dass Anderson 1968 noch keine Theorien über gender oder den male gaze der Medienbilder zur Verfügung standen, mit denen sie die amerikanische Kultur hätte analysieren können. Dennoch kann dem Beobachter zugutegehalten werden, dass er diese – auch die Erzählerin irritierende – Seite menschlichen Zusammenlebens in den USA nicht ausspart, sondern sie als ein Phänomen beschreibt, zu dem sich die Erzählerin eine Meinung zu bilden versucht. Die Darstellung der Zerrissenheit der Erzählerin zwischen den zwei Welten und ihr Umgang damit ist ein weiterer Aspekt, der das Buch authentisch erscheinen lässt. Nach einer anfänglichen Euphorie folgen Niedergeschlagenheit und die Erkenntnis der mentalen Verbundenheit mit Berlin: »Ist es eine sehnsüchtige Erinnerung an dieses Land, wie es einmal war? Oder an Euch [die Freund/-innen in Berlin]? Ich bin wohl verrückt. Ich bin hier in Amerika und habe doch nur Deutschland, das vergangene und das gegenwärtige, um mich her.« (Beo: 40) Das Gefühl der Entfremdung erfährt die Erzählerin besonders schmerzhaft im Zusammensein mit ihren Jugendfreund/-innen: »Der Fußboden zwischen uns war aufgerissen, da führte kein Schritt hinüber. Wie ich es auch anstellen mochte, der gähnende Spalt mit den verborgenen Nägeln blieb überall zwischen uns. Die Taktik, mit der ich mich bemühte, das enge Verhältnis unserer Jugendzeit wiederherzustellen, verschlimmerte bloß ihre Qual; sie verhielt sich, als nähme sie nichts davon wahr.« (Beo: 203)

Der »gähnende Spalt mit den verborgenen Nägeln« ist vor allem politischer Natur. Kommunistische Freund/-innen und Mentor/-innen ihrer Jugend haben ihre Ansichten geändert, wie die Erzählerin mit Wut und Enttäuschung feststellt:

274 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »Diese Menschenansammlung gestern abend bestand aus intellektuellen Albinos, weißen exkommunistischen Literaten unter sich. Es schien ein besonderer Klub für Leute zu sein, die anderswo nie wieder völlige gesellschaftliche Aufnahme finden werden, für solche, die man einst ›vorzeitige Antifaschisten‹ genannt hat, die jetzt aber die Spätzugewanderten des Opportunismus sind. In keiner anderen Gesellschaft als da, wo sie unter sich sind, wäre dieser eigentümliche Groll, diese Haßliebe mit ihren versteckten Anspielungen auf die sozialistischen Länder zu verstehen.« (Beo: 133)

Anderson geht in ihrem Buch nicht genauer auf die Ursachen für die geänderten Haltungen ein, denn dann hätte sie die kritische Einstellung der ehemaligen Kommunist/-innen zum Stalinismus und Antisemitismus in der Sowjetunion oder ihr Interesse am Prager Frühling darstellen müssen, was für eine Veröffentlichung in der DDR sicher problematisch gewesen wäre. Vielmehr schreibt sie die Veränderung der Old Left dem amerikanischen System selbst zu, wo besonders während der McCarthy-Zeit Kommunist/-innen unterdrückt und in ihrer Meinungsfreiheit stark eingeschränkt wurden. Die Erzählerin, die während dieser Periode in der DDR lebte, verurteilt zwar die innenpolitischen antikommunistischen Maßnahmen der USARegierung, bringt aber – wie an ihrem Zynismus über die alten Weggefährt/-innen zu erkennen ist – zunächst nur wenig Verständnis für den Druck auf, den die Gefahr der politischen Verfolgung bei den Freund/-innen auslöste. Insgesamt scheint mir die Auseinandersetzung mit der alten und neuen Linken problematisch, da wesentliche Aspekte ausgelassen oder stark verkürzt (»eigentümlicher Groll«, »Haßliebe«, »Anspielungen«) dargestellt werden, die allein schon für das Verständnis der Situation der Erzählerin an dieser Stelle bedeutsam wären. »Ich streifte von Zimmer zu Zimmer und machte mich unmöglich, indem ich entweder auf kriegerische Art diskutierte und Leute verhöhnte, die ich für Heuchler hielt, oder benommen schwieg und bloß vor mich hin glotzte. Mir war jämmerlich zumute […]« (Beo: 132). Die Beschreibung des unnatürlichen Auftretens der betrunkenen Protagonistin auf einer Party verdeutlicht zwar die Verzweiflung und Trauer über die Kluft zwischen ihr und ihren früheren kommunistischen Freund/-innen sehr eindrücklich, die Ursachen dieser Kluft erhellt es jedoch nicht. Dennoch unterstreichen gerade solche Szenen die Glaubwürdigkeit der Erzählerin und belegen ihren Weg von der Ablehnung, über den Zusammenbruch bis hin zur Neubewertung. Das erste Kapitel des Beobachters schließt drei Monate nach ihrer Ankunft mit der zum Zusammenbruch führenden Einsicht, dass die New Yorker Welt weder die der Kindheit und Jugend noch mit Berliner Maßstäben zu erfassen ist: »Und ich fühlte mich geradezu sauwohl, bis das heulende Elend über mich kam, unerwartet und scheinbar sinnlos: wegen einer Pop-Platte, die ich seit Berlin nicht mehr gehört hatte. Es war weder Heimweh noch irgendwelche Sentimentalität, es war weit heftiger, eher so etwas wie eine Naturkatastrophe. Die Trennwand zwischen den zwei Welten war in mir

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zusammengebrochen. […] Anfänglich habe ich hier wie Chagalls Rabbiner gelebt: in der Luft schwebend, mit einer grünen Geige in der Hand. Der Dreckkram unten auf der Erde konnte mich eigentlich nicht aus der Ruhe bringen, ich beobachtete nur. Was ich vor einem Monat heiter betrachten konnte, erkenne ich jetzt als tragisch. Ich sehe besser, sehe tiefer in die Menschen um mich hinein.« (Beo: 146)

Im Einlassen auf den »Dreckkram« fällt auch die Bewertung der Opportunisten differenzierter aus. In ihrer Bekanntschaft mit dem Journalisten Barney, der wegen seiner kommunistischen Überzeugungen weder eine Karriere noch eine Familie aufbauen konnte, erkennt sie deutlicher den Druck auf die Kommunist/-innen. Sie meint sogar, dass diejenigen, die damals wie Tony weniger konsequent ihre politischen Überzeugungen verfolgten, heute »dann und wann doch etwas Gutes tun« (Beo: 274) und aufgrund ihrer besseren Positionen größeren Einfluss nehmen könnten als Barney. Wie auch immer sich die Menschen entschieden haben, die Erzählerin reagiert nun nicht mehr wütend oder traurig, sondern begreift, dass ihr zur Beurteilung eigentlich die Erfahrungen fehlen: »Wer sich den Luxus einer zweiten Heimat leistet, darf nicht über jene moralisieren, die keine Wahl haben.« (Beo: 274) Die Erzählerin als Lernende, als Leidende, als Liebende, als Mensch in Beziehung zu anderen Menschen, darin liegt Überzeugungskraft des Buches. Ihre Unvollkommenheit, ihre Arroganz, ihr Heimweh, ihr Zorn, ihr Witz machen diese Erzählinstanz glaubwürdig und so erscheinen auch die negativen Aspekte amerikanischer Kultur (die vor allem im vorigen Abschnitt besprochen wurden) wahrhaftig und nicht als bloße Propaganda. Dies bestätigen auch die Zeilen einer Freundin an die Autorin: »Bin begeistert!! Ein so ehrliches – ich kann das zwar nicht kontrollieren, aber man spürt das – für einen Ignoranten wie mich so informatives und lebendiges Buch. Da kann man nur gratulieren. Und die Überzeugungskraft bekommt das Ganze, weil die amerikanische Wirklichkeit einem durch Deine persönlichen Erlebnisse so unter die Haut geht und man immer von Neuem über solche Zustände entsetzt ist!« 53

Die Schreiberin fährt fort, dass sie mit vielen Menschen über Andersons Buch gesprochen habe und alle ihre Meinung teilten. Dass man jedoch auch vollkommen anderer Ansicht sein konnte, beweist die Rezension des ND-Redakteurs und USAExperten Klaus Steiniger, die im folgenden Kapitel ausführlicher besprochen wird. Lesart III: Das andere Amerika? Im Frühjahr 1973 erschien im Horizont. Sozialistische Wochenzeitung für internationale Politik und Wirtschaft eine Rezension unter dem Titel »Beobachtungen mit verbundenen Augen. Zum Tagebuch einer Wanderung zwischen zwei Welten« (Steiniger 1973), in der sich Klaus Steiniger ausgesprochen negativ zu Andersons Werk äußerte. Zwar wurde Steinigers Urteil nur von der Für Dich-Rezensentin Ilse Schäfer (vgl. Schäfer 1973: o.S.) geteilt – alle anderen Rezensionen hatten den Be-

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obachter gelobt –, dennoch hatte Steinigers Veröffentlichung in der Wochenzeitung einen enormen Einfluss auf die zweite Auflage des Buches und auf Andersons Wirken in der DDR. Darüber hinaus ist die Rezension interessant, weil sie geradezu mustergültig das offizielle Amerikabild der DDR beschreibt, Andersons Buch daran misst und zu dem Schluss kommt, dass »der politisch-ideologische Wert des vorgelegten Berichts in höchstem Grade anzuzweifeln sei.« (Steiniger 1973: 27) Klaus Steiniger, hauptberuflich zuständig für die USA-Berichterstattung des Parteiorgans Neues Deutschland, kritisierte vor allem Andersons Darstellung der Schwarzen, der Kommunist/-innen und der Arbeiterklasse, also derjenigen Gruppen, die als das ›andere Amerika‹ und als revolutionäre Kraft galten. Bekenntnisse der Erzählerin wie etwa: »Ich bekomme die verschiedensten Meinungen zu hören, aber keine, die mehr Sinn und Substanz hätte als die der KP« (Beo: 137), oder am Ende des Buches: »Mir ist die einzigartige Gelegenheit zuteil geworden, die Anfänge des Sozialismus zu erleben. Ich habe gerade ein ganzes Jahr davon versäumt und bin äußerst begierig, zurückzukehren, bevor ich noch mehr versäume.« (Beo: 348), bezeichnete Steiniger als »ebenso emotional wie verschwommen«. Steiniger bescheinigte Anderson den Unglauben an die Kraft der Arbeiterklasse, tendiere die Autorin doch offenbar »in der fundamentalsten Frage des politischen Kampfes zu jenen, die – gleich Marcuse – dem 80millionenköpfigen USA-Proletariat jede revolutionäre Potenz absprechen wollen.« (Steiniger 1973: 27) Steinigers Urteil mag aufgrund seiner eigenen Erfahrungen in den USA entstanden sein. Als erster DDR-Pressevertreter in den USA hatte er sich 1972 mehrere Monate in Kalifornien aufgehalten, um im ND über den Angela-Davis-Prozess zu berichten. Unter der Führung der CPUSA traten die kommunistischen Parteien weltweit für die Freilassung von Angela Davis ein. Das Engagement der amerikanischen Kommunist/-innen für die schwarze Genossin verbesserte die Beziehung zwischen den Schwarzen und den Kommunist/-innen, die gerade in der letzten Dekade mit der Entwicklung militanter Bürgerrechtsgruppen und der Parteipolitik gegenüber schwarzen Kommunist/-innen (vgl. Healey/Isserman 1990: 204–221) stark gelitten hatte. Andersons Beobachter berichtet von dieser Phase Ende der 1960er Jahre und zeichnet ein Bild, welches dem von der Einheit der unterdrückten Massen, die unter der führenden Rolle der Partei um ihre Befreiung kämpfen, teilweise widerspricht. Wie schon an anderer Stelle ausgeführt, hatte Anderson im langen Entstehungsprozess des Werkes von 1968 bis 1971 ihre Darstellungen etwa von militanten Führern aktuellen Entwicklungen angepasst. Trotzdem blieb das Buch, welches durchaus als ›parteilich‹, aber eben nicht als linientreu bezeichnet werden kann, ein Bericht über die späten 1960er Jahre. Ideologische Überzeugungen sind bei Anderson keine Dogmen, die die Komplexität von Rasse und Klasse reduzieren. Die Erzählerin nimmt die Welt als Mensch wahr und nicht als ideologiegesteuertes Wesen. Steiniger nannte das »Beobachtungen mit verbundenen Augen«, die »am Kern der Dinge« vorbeigingen und

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»durch eine Mischung von Entsetzen, Mitleid und Abgestoßensein gekennzeichnet« (Steiniger 1973: 27) seien. Ich meine, dass der Wert des Werkes gerade darin besteht, dass der Prozess geschildert wird, in dem ein Mensch seinen Erfahrungen und seiner Umwelt Sinn zuschreibt und versucht, sie mit seinen politischen Überzeugungen in Einklang zu bringen. Steiniger warf Anderson eine »kleinbürgerlich-klassenindifferente Haltung gegenüber der Befreiungsbewegung der Afroamerikaner« vor, die »dem moralischen Niveau eines bürgerlichen Wohltätigkeitsvereins entsprechen könnte« (ebd.). Was Steiniger als kleinbürgerlich abtat, ist der Versuch der Erzählerin, sich als Weiße, Jüdin und Kommunistin zum Kampf der Schwarzen zu positionieren. Gerade weil sie die politischen Bewegungen nicht beobachtet, sondern am Geschehen teilnimmt, mit den Protagonisten in Dialog tritt, liefert ihre Analyse der gesellschaftlichen Zustände keine eindeutige Abbildung der marxistisch-leninistischen Theorie. Vielmehr spiegelt das Buch die Erfahrungen und den Erkenntnisprozess der Erzählerin wider, die beispielsweise am Anfang ihres Aufenthaltes noch meint, dass sie aufgrund ihrer langen Abwesenheit »nicht das Stigma der amerikanischen Weißen trug.« (Beo: 71). Diese Annahme revidiert die Erzählerin später, als sie die amerikanische Gesellschaft besser kennengelernt hat und sich ihrer Privilegien als Weiße bewusst wird: »Und nun schaue man mich an. Wie stolz bin ich darauf, dass ich die Partie in den USA gewonnen habe, weil ich nach zwanzig Jahren Abwesenheit zu einem Job gekommen bin. Schön, ich brauche das Ergebnis nicht zu verachten. Aber es ist völlig klar, dass ich es nur erreicht habe, weil ich ein hochprivilegiertes Geschöpf war: weiß, gut gekleidet, hinreichend gebildet, um andere über die Unzulänglichkeit meiner Bildung hinwegzutäuschen, hinreichend in die gesellschaftlichen Umgangsformen eingeweiht, um ohne Bedenken zu lügen und damit durchzukommen.« (Beo: 156)

Nicht nur als Weiße, sondern auch als Jüdin setzt sich die Erzählerin mit dem Kampf der schwarzen Bevölkerung auseinander und vermittelt damit einen Einblick in die Konflikte innerhalb des ›anderen Amerikas‹. Als »Bürgerkrieg innerhalb der Arbeiterbewegung« (Beo: 33) beschreibt sie beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen afroamerikanischen Eltern, die einen hochwertigeren und weniger eurozentristischen Unterricht für ihre Kinder forderten, und den streikenden Lehrern, die eine Mitbestimmung der Eltern ablehnten. Obwohl »Antisemitismus durch das Ghetto geistert und viele New Yorker Lehrer Juden sind« (Beo: 34), ergreift die Erzählerin kurz nach ihrer Ankunft in New York für die schwarze Bevölkerung Partei: »Viele Bewohner des Brooklyner Ghettos sind chronisch arbeitslos. Die übrigen haben nur untergeordnete, unsichere und schlechtbezahlte Stellungen und wohnen in rattenverseuchten Löchern. Die Lehrer verdienen bereits weitaus mehr Geld, als diesen Negern jemals auf einmal zu Gesicht gekommen ist. […] Die einst kommunistisch gefärbte Lehrergewerkschaft, deren Gründer vor dreißig Jahren

278 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON aus ihren Stellen geflogen und in manchen Fällen ins Gefängnis gesteckt worden sind, ist inzwischen fett geworden, sozialdemokratisch und hat kein Empfinden mehr für die Leiden anderer.« (Beo: 34)

Nachdem sie vier Monate am Leben in der Stadt teilgenommen hat, klingt das Urteil der Erzählerin zu den Konflikten zwischen Juden und Schwarzen schon weniger eindeutig: »Da spielte Levi wieder mal die alte Platte ab von den jüdischen Läden in Harlem, die Profit aus der Armut der Neger schlagen. Einverstanden, es ist wahr. Ebenso wahr ist aber auch, dass sich mehr Juden mit den Negern verbünden als irgendwelche andere Weiße.« (Beo: 210) Das Misstrauen, welches viele Mitglieder und Führer schwarzer militanter Gruppen gegen jüdische Bürgerrechtler/-innen hegten, dokumentiert Anderson ebenso in ihrem Buch: »Nach dem Mississippi-Sommer von 1964 mußte sie [eine weiße Bürgerrechtlerin] ihre Aktivität gründlich auf die Forderungen der schwarzen Führer umstellen, die nicht länger dulden wollten, daß in Negergemeinden Weiße politisch tätig seien. ›Wir machen das schon selbst. Geht ihr nur in die negerfeindlichen weißen Gemeinden, die haben euer Talent eher nötig.‹ Was auch stimmt. Aber der verächtliche Ton, in dem ihnen manche politische Führer der Schwarzen, besonders Stokely Carmichael, ungeachtet der Selbstlosigkeit und des vorbehaltlosen Einsatzes von Menschen wie Anne Braden, diesen Rat ins Gesicht schleuderten, muß für viele weiße Freiheitskämpfer eine bittere Pille gewesen sein.« (Beo: 90)

Die Reaktion der amerikanischen Bevölkerung auf die Ermordung Martin Luther Kings stellt Anderson durch Auszüge aus der New York Times dar. Dort wird beispielsweise Lincoln C. Lynch, Vorsitzender der United Black Front, zitiert: »Die Ermordung Martin Luther Kings wird den schwarzen Menschen die Tatsache ins Bewußtsein rufen, daß es dringend notwendig ist, das von Dr. King vorgelegte Konzept der bedingungslosen Gewaltlosigkeit aufzugeben und den Standpunkt zu beziehen, daß für jeden Martin Luther King, der fällt, zehn weiße Rassisten mit ihm sterben müssen. Das weiße Amerika versteht keine andere Sprache.« (Beo: 304)

Der Beobachter versucht, die Vielfalt der Reaktionen wiederzugeben; so erfährt man die Ansichten schwarzer Kommunist/-innen wie Claude Lightfood ebenso wie die antikommunistischen Ansichten von Stokely Carmichael durch Auszüge aus einem Beitrag in The Worker: »Die schwarzen Menschen dürfen der weißen Linken nicht mehr vertrauen, denn jedes Mal wenn wir es in der Vergangenheit taten, sind wir hereingelegt worden; das begann mit den Abolitionisten im Bürgerkrieg und wiederholte sich dann bei der Populistenbewegung, mit den Gewerkschaften der dreißiger Jahre, mit der kommunistischen Partei und schließlich mit den Liberalen der fünfziger und sechziger Jahre. […] Marx war ein beschissener Weißer, und wir möchten nicht, daß schwarze Menschen zu einem weißen Mann aufschauen, gleichgültig wer er ist.« (Beo: 320)

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Anderson sicherte sich hier ab, indem sie Carmichaels Meinung aus der kommunistischen Wochenendzeitung zitierte und somit nicht als Urheberin der Verbreitung solcher Meinungen gelten konnte. Dennoch war die Auseinandersetzung mit Kritiker/-innen des Kommunismus ein Tabubruch in der DDR, wie Steinigers heftige Kritik des Beobachters belegt: »Im Hinblick auf die Problematik der Befreiungsbewegung der Afroamerikaner enthält der Bericht Edith Andersons eine Reihe grober Entstellungen. Während sie unter Ignorierung der Realitäten einen geradezu unüberwindlichen Gegensatz zwischen schwarzer und ›weißer‹ KP (mehr als ein Drittel der Parteimitglieder ist afroamerikanischer Abstammung) zu konstruieren sucht, verschafft sie gleichzeitig bekannten Vertretern ultralinker, anarchistischer und rassenseparatistischer Strömungen eine Tribüne. Die Wahnvorstellungen solcher Leute wie Stokely Carmichael, Le Roi Jones und Eldridge Cleaver werden ausgebreitet, während bedeutende Kommunisten wie Henry Winston, James Jackson und Charlene Mitchell nicht zu Wort kommen.« (Steiniger 1973: 27)

Steiniger ging es nicht um die Bewertung von Andersons Kunstwerk, denn dann hätte er anerkennen müssen, dass die literarische Form des Tagebuches keine umfassende Darstellung der Gesellschaft anstrebt, sondern Ereignisse beschreibt, zu denen sich die Verfasserin eine Position erarbeitet. Vielmehr scheint Steiniger eine Gegendarstellung beabsichtigt zu haben, mit der das alte Bild vom einig kämpfenden ›anderen Amerika‹ wieder hergestellt wird. Dieser Schablone folgt Andersons Buch nicht, erlebt die Erzählerin doch selbst die Ressentiments zwischen der Partei und Afroamerikaner/-innen: »In Pegs Parteigruppe gibt es keinen einzigen Neger. Das heißt, es gibt einen, der aber hat sich ein ganzes Jahr lang nicht sehen lassen. Peg suchte ihn auf und fragte ihn, warum. Er sagte, es gefiele ihm nicht, der einzige Schwarze zu sein. Sie sagte: ›Nun es hängt von dir ab, daß wir ein paar dazubekommen. Du meinst doch nicht etwa, daß wir jetzt in Harlem Mitglieder werben könnten?‹ Er gab zu, es wäre unmöglich. Gab zu, daß es unmöglich wäre! Bis vor nur wenigen Jahren war es möglich gewesen.« (Beo: 74)

Steinigers Unterstellung, der Gegensatz zwischen schwarzer Bevölkerung und weißer CPUSA sei ein von Anderson konstruierter, wird von der Literatur über diese Zeit widerlegt. Die kalifornische Kommunistin Dorothy Healey etwa, die bis zu ihrem Parteiaustritt 1973 zur Parteispitze und somit zu den Insidern gehörte, erinnert sich in ihrer Autobiografie an widersprüchliche Haltungen, die die Partei gegenüber schwarzen Mitgliedern einnahm. Einerseits gab sie schwarzen Genoss/-innen eine Plattform, andererseits lehnte sie die militanten Strömungen ab. Gruppen wie die Black Panthers, die für eine bewaffnete Selbstverteidigung eintraten, zogen viele junge Schwarze und eben auch schwarze Kommunist/-innen an: »It drove many older Communists crazy to see that even our Party youth were involved in this enthusiasm for carrying guns and practicing with them. For people in the national office this was regarded as cause for expulsion. […] If we simply denounced anyone who

280 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON talked about guns or carried one, we would lose most of our members under age of thirty.« (Healey/Isserman 1990: 212)

Die Erzählerin in Andersons Beobachter steht der Rhetorik und der Politik militanter Bewegungen ebenfalls kritisch gegenüber; dennoch ist sie in der Lage, sich in die Situation der wütenden Afroamerikaner/-innen hineinzuversetzen und deren Sichtweise und Motive wiederzugeben: »Levi ist nicht nur bereit, für die Befreiung der Schwarzen sein Blut zu lassen – er sehnt sich direkt nach der Schlacht. Er haßt nicht nur; er genießt und pflegt seinen Haß. Bei den Kommunisten vermißt er diese Art genußvoller Erbitterung, die den Haß der Schwarzen heute kennzeichnet. Dass Kommunisten wägen, bevor sie wagen, erregt sein Mißtrauen. Hinzu kommt, dass er nicht immer zwischen dem weißen Klassenfeind und dem Weißen schlechthin – dem ›Whitey‹ – unterscheidet. Für ihn ist die Partei eine weiße Partei, sind ihre Negermitglieder weiße Neger. Levi ist typisch für die schwarze Jugend heute, zumindest für einen Teil, der überhaupt weiß, daß es eine Kommunistische Partei gibt. Es ist ein Jammer. Viel Blut kann noch umsonst vergossen werden, bis die Neger und die Partei zueinander finden.« (Beo: 138)

Mit einer solchen Einschätzung untergräbt die Erzählerin natürlich die Rolle, die der CPUSA in den von der marxistisch-leninistischen Ideologie geleiteten DDRMedien zugeschrieben wird. In der zweiten Auflage des Beobachters, die aufgrund von Steinigers Rezension nur verändert erscheinen konnte, relativiert Anderson den früher empfundenen Gegensatz zwischen Partei und Schwarzen und erklärt Levis Vorbehalte gegenüber der CPUSA als Resultat antikommunistischer Propaganda: »Levi ist typisch für eine große Menge von jungen Schwarzen, zumindest für diejenigen, die überhaupt wissen, daß es eine Kommunistische Partei gibt. Die überall und unaufhörlich verbreitete antikommunistische Propaganda ist auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen.« (Beo2: 140) Änderungen musste Anderson auch bei der Darstellung der Partei vornehmen. Steiniger hatte ihr vorgeworfen, mit der Schilderung einer Parteifeier anlässlich des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution »die amerikanischen Kommunisten zu schmähen.« (Steiniger 1973: 27) Die Mehrheit der Teilnehmer/-innen bestand nach Einschätzung der Erzählerin aus über fünfzigjährigen weißen Einwanderern. Exemplarisch beschrieb sie ihren jiddisch sprechenden Nachbarn: »Die Oktoberrevolution umhüllt ihn wie sein Überzieher, für sie brüllt er immer wieder ›Hoch, hoch, hoch!‹ und singt sich die Seele aus dem Leib. Er klatscht während der Reden mit der ganzen Kraft seines elektrisch geladenen Körpers, sein Enthusiasmus ist nicht totzukriegen, aber er hat keinen Begriff von seiner unmittelbaren Umgebung ... […] Hätte ich Levi zu dieser Feier in die Carnegie Hall mitgeschleppt, hätte er schallend darüber gelacht, daß diese alten Leute nach jedem Komma in einer Rede applaudieren.« (Beo: 138)

Steiniger bemerkte zu dieser Episode: »Die zu drei Viertel den Saal füllenden Mitglieder der KP sucht Edith Anderson durch ihre Bemerkung zu diskreditieren: ›Wer

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nur diese Vertreter der Partei erlebt, die in der Öffentlichkeit erscheinen, muß sich fragen, warum sich die USA-Regierung so sehr über diese Handvoll alternder Menschen ereifert.‹« (Steiniger 1973: 27) Die sich anschließende Darstellung der Leistungen der Partei für die progressiven Kräfte in den USA in Andersons Werk hielt Steiniger nicht für erwähnenswert. In der zweiten Auflage ist der von Steiniger zitierte Satz gestrichen. Stattdessen wird der Hintergrund der alten Gäste langwierig erklärt: »Trotzdem war vermutlich die Mehrheit der Anwesenden KP-Mitglieder, darunter auch solche, die längst nicht mehr aktiv sind. Besonders in New York gibt es Tausende ehemalige Parteimitglieder aus den dreißiger Jahren, die nach der faschistischen McCarthyHysterie die Parteipresse kaum oder nie mehr lesen, sich aber immer noch als Kommunisten betrachten und bei solchen Gelegenheiten plötzlich wieder sichtbar werden.« (Beo2: 139)

Neben dem Vorwurf, das ›gute Amerika‹, also die Kommunist/-innen und Schwarzen nicht adäquat darzustellen, erbost sich Steiniger darüber, dass »keiner der namenhaftesten Führer der KP der USA […] in der Reportage auch nur erwähnt worden ist, während eine bekannte Revisionistin von der Westküste ins Spiel gebracht wird.« (Steiniger 1973: 27) Steiniger spielt hier auf Dorothy Healey, die kalifornische Gegenspielerin von Parteiführer Gus Hall an, die den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag kritisierte und unter anderem deswegen bei der Partei in Ungnade fiel. Nur Insider der amerikanischen CP-Szene mögen in der im Beobachter beschriebenen Freundin Lilian, die »mit dem Flugzeug von der Pazifikküste zu einem Treffen des Zentralkomitees der KP herübergekommen« (Beo: 63) war, Dorothy Healey erkannt haben. Die Erzählerin wollte sie im Oktober 1967 zum ›Weiberplausch‹ treffen. Healeys Differenzen mit der Parteiführung werden in Andersons Werk nicht ausgebreitet und hatten sich ja auch erst nach dem Prager Frühling verschärft. Wie in allen seinen Kritikpunkten ging Steiniger von seinem Wissensstand von 1973 aus – Healey wurde da als Renegatin betrachtet – und verurteilte die Erwähnung ihrer Person in Andersons Bericht von 1967. Hier werden Strategien totalitärer Systeme – wie sie zu Hitlers, Stalins oder McCarthys Zeiten betrieben wurden – sehr deutlich. Der bloße Privatkontakt mit Menschen, die sich später kritisch zu dem System äußern sollten, war bereits verdächtig und sollte laut Steiniger keine Erwähnung finden. Dennoch blieb Anderson dabei und die wenigen Zeilen über Lilian erschienen unverändert in der zweiten Auflage. Eine Rezension kann die Lektüre eines Buches ebenso wenig ersetzen, wie meine Ausführungen in diesem Kapitel Edith Andersons Amerika-Buch umfassend wiedergeben können. Steiniger beschuldigte Anderson der Unausgewogenheit der Darstellung und »ungenügender Kenntnis der Zusammenhänge« (Steiniger 1973: 27) – Vorwürfe, die auch seiner Rezension entgegengebracht werden können, schenkte er doch dem Buch in seiner Gesamtheit als literarisches Werk keine Be-

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achtung, sondern griff lediglich Textstellen heraus, die die Auseinandersetzungen innerhalb der Linken thematisierten. Sein Versuch, Andersons Darstellungen aus den 1960er Jahren mit der Aufzählung von Entwicklungen zu diffamieren, die sich erst Anfang der 1970er Jahre vollzogen, wie etwa die Gründung der Young Worker’s Liberation League (1971), dem Institut für marxistische Studien in Harlem (1971), der Zunahme von afroamerikanischen KP-Mitgliedern mit dem AngelaDavis-Prozess (1972), könnte ihm als ungenügende Kenntnis der Zusammenhänge zur Last gelegt werden. Steiniger bedauerte, dass es der Autorin, deren Buch »in einem kranken, von Fäulnis zerfressenen Milieu angesiedelt [ist], in dem geistig Deformierte, Rauschgiftsüchtige und dem Mystizismus Verfallene agieren«, nicht gelungen sei, »diese Umweltverhältnisse zu überwinden und dem Leser auch ein umfassendes und reales Bild des ›anderen Amerika‹, dem die Zukunft gehört, zu vermitteln.« (Ebd.) Dass Realität immer subjektiv wahrgenommen wird, zeigt gerade Andersons Tagebuch und Steinigers harsche Kritik an ihm sehr deutlich. Zwischen Intention und Rezeption liegen Welten, wie die drei hier vorgestellten Lesarten von Andersons Amerika-Buch bestätigen. Zum einen konnte das Buch entsprechend der im Exposé formulierten Absicht seiner Verfasserin als Warnung vor den Kehrseiten des manchmal so verlockend erscheinenden Kapitalismus gelesen werden. Viele DDR-Leser/-innen schätzten den Beobachter, weil hier eine Erzählerin mit dem Bericht über ihre Emotionen, Eindrücke und Erfahrungen einen hohen Grad an Authentizität erreichte und Seiten amerikanischen Lebens vermittelte, die keine sonst zugängliche Quelle in dieser Form lieferte. Dennoch war es nicht der überwiegend positive Eindruck bei Leser/-innen und Rezensent/-innen, durch den das Buch in die Kritik geriet. Vielmehr beklagte sich Steiniger darüber, dass die Kräfte des ›anderen Amerika‹ ungenügend dargestellt wurden, mit anderen Worten, Amerika sei besser als es die Autorin beschrieb. Dieser Vorwurf war nicht nur Ausdruck der USA-Erfahrungen seines Verfassers, sondern stand in engem Zusammenhang mit den Beziehungen der SED zu ihren marxistisch-leninistischen ›Bruderparteien‹ und dem Verhältnis der DDR zu den USA Anfang der 1970er Jahre. Einerseits war die DDR im Zuge ihrer diplomatischen Anerkennung um die Normalisierung der Beziehungen zu den USA auf staatlicher, wirtschaftlicher und kultureller Ebene bemüht. Andererseits wurde auf Parteiebene sowohl von SED wie auch CPUSA das Prinzip des proletarischen Internationalismus verfolgt, welches von einer weltweit gültigen Konzeption des Klassenkampfes ausging und die solidarischen Beziehungen zueinander bestimmte. Unter dem Strich bedeutete das eine konspirative Zusammenarbeit gegen Angriffe von innen und außen und die gegenseitige Bestätigung der ›reinen Weste‹ gegenüber Kritiker/-innen. So verteidigte der Vorsitzende der CPUSA, Gus Hall, trotz der Ereignisse in Prag die Politik der UdSSR (vgl. Bart/et al. 1986: 526–533) und der DDR, während die sozialistischen Staaten die CPUSA beispielsweise durch Aktionen wie der Angela-Davis-Kam-

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pagne, Studienmöglichkeiten für CP-Mitglieder und deren Angehörige oder finanziell, etwa bei der Innenausstattung des Harlemer Instituts für Marxistische Studien (Große 1999: 214), unterstützten. Wie Steinigers Rezension belegt, drückte sich der proletarische Internationalismus nicht nur materiell aus. Die ideelle Unterstützung der Bruderparteien durch unkritische und übersteigerte Darstellungen ihrer Leistungen war lange Zeit heiliges Prinzip, welches Anderson mit ihrem Buch offenbar verletzte. Klaus Steiniger stellte dies rückblickend in einem Interview 2006 so dar: »Also wenn sich kommunistische Parteien bei der DDR beschwerten, dann wurde das in der Regel auch sehr ernst genommen. […] Die CPUSA war sehr verärgert über das Buch, ›von euch hätten wir das nicht erwartet, dass ihr uns so in den Rücken fallt‹. So schlimm war es natürlich nicht, aber solche kleinen Parteien reagieren natürlich feinnerviger und empfindlicher als andere, und damals war der Kampf mit dem Guardian sehr hart. […] Ich habe Edith Anderson nicht gekannt, hatte keine Sympathien oder Antipathien, bloß mit dem Buch war ich nicht glücklich. Mir schien, die KP befand sich in einer verzweifelten Lage, und das musste sie [E.A.] auch noch ausgerechnet in der DDR so karikieren und das gefiel mir nicht.«54

Der positiven Aufnahme des Beobachters bei Andersons Leserschaft tat Steinigers Rezension keinen Abbruch, im Gegenteil, viele Leser/-innen verurteilten seine Kritik und zeigten sich solidarisch mit der Autorin. So etwa Christa Wolf in ihrem Brief an Edith Anderson: »Liebe Edith, ja, das kann sich wieder mal sehen lassen. Man denkt, der Rezensent hat ein anderes Exemplar Deines Buches gelesen als unser eins. Das strotzt ja nur so von Unterstellungen, Verzerrungen, bewußten und vielleicht auch unbewußten Mißverständnissen – unbewußt deshalb, weil ich es für möglich halte, daß derartige Rezensenten tatsächlich ein literarisches Werk nicht von einem politischen Bericht unterscheiden können.«55

Den Einfluss von Andersons Beobachter auf das Amerikabild der Leser/-innen konnte Steiniger kaum schmälern. An sich bekräftigte seine Polemik sogar noch den Eindruck, dass es sich bei Andersons Buch um einen subjektiven, einen authentischen Bericht handelte. Dennoch hatte seine Kritik aufgrund seiner Position als ND-Redakteur weitreichende Konsequenzen, deren er sich zumindest teilweise bewusst gewesen sein musste. Klaus Steiniger schrieb später über seine Tätigkeit beim Neuen Deutschland, »dass der politische Einfluss der Zeitung nicht unbeträchtlich war. Die von ihr gegebene Orientierung wurde durch die anderen Medien der DDR – auch aus Mangel an eigenen Einfällen und Einblicken [!] – in der Regel übernommen. Deshalb lastete auf den ND-Redakteuren keine geringe Verantwortung.« (Steiniger 1999: 230) Im Folgenden rekonstruiere ich Andersons Auseinandersetzungen mit verschiedenen Institutionen zur zweiten Auflage ihres Buches, weil sie nicht nur einen interessanten Einblick in die Beziehungen der Bruderparteien und die Zensurprozesse in der DDR gewähren, sondern einen weiteren Wendepunkt in Andersons Leben

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darstellen, der ihr Weltbild, ihre Stellung in der DDR und letztendlich auch ihre Möglichkeiten als Schriftstellerin und Mittlerin veränderte. Noch einmal: Von der Beobachterin zur Teilnehmerin Ursprünglich hatte Anderson geplant, ihrem Bericht über New York einen zweiten Band mit ihren Eindrücken vom Leben in der DDR als Werktätige folgen zu lassen. Wenn diese Pläne auch nicht verwirklicht wurden, lernte Anderson das Leben der anderen, der weniger privilegierten DDR-Bürger/-innen während der Auseinandersetzungen um ihr Buch besser kennen. In diesem Prozess konnte sie nicht mehr die distanzierte Beobachterin der DDR bleiben, sondern war gezwungen, teilzunehmen und für ihre Belange einzutreten. Steinigers Rezension war entscheidend für die kritische Bewertung des Buches. Hintergrund seines Verrisses waren jedoch wiederum Äußerungen von Genoss/-innen der CPUSA, die das Buch gelesen hatten. Edith Anderson notierte in ihren Unterlagen die Vermutung, dass es der amerikanische Genosse Max Kurz war, der sich gegenüber Steiniger negativ zu dem Buch geäußert hätte. Steiniger selbst erinnerte sich 1989 in einem Briefwechsel mit Andersons Tochter: »Zu Jahresbeginn 1973 sprach Beatrice Johnson (damals Korrespondentin der Daily World in der DDR) mich auf das Buch an, das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hatte. Sie brachte ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck, daß ein solches Buch, in dem die KP der USA äußerst schlecht wegkomme, und das nach ihrer Ansicht ultralinke Positionen aufbaue, in der DDR erschienen sei. Sie bat mich, es zu lesen und – falls ich es wolle – es in der Presse zu besprechen. Wir vereinbarten nichts. Später fragte mich Heinz Birch, damals Mitarbeiter der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK, jetzt Botschafter in Kanada, gelegentlich um meine Meinung. Ich sagte ihm, daß das Buch – ich kannte es inzwischen – interessant und farbig geschrieben sei, jedoch weltanschauliche Positionen einnehme, die ich nicht teilen könne. Er war gleicher Ansicht, forderte mich aber zu nichts auf.«56

Wenngleich Steiniger betonte, die Buchbesprechung wäre ohne die Einflussnahme des ZKs der SED entstanden, bestätigten Heinz Birchs Erinnerungen diese Aussagen nicht. In einem Interview berichtete mir Birch57, dass Max Kurz während eines Krankenhaus- und Kuraufenthaltes in der DDR Anfang 1973 das Buch gelesen hätte und über die Darstellung der CPUSA sowie die Tatsache, dass Antikommunist/innen und Renegaten wie Dorothy Healey im Buch erwähnt wurden, entsetzt war. Birchs Erinnerungen decken sich mit denen von Victor Grossman58, der ebenfalls Max Kurz als den Urheber der Kritik nannte. In der Folge des Gespräches zwischen Birch und Steiniger entstand Steinigers Rezension für den Horizont. Laut Birch sah die Konzeption des von Hermann Axen initiierten Magazins vor, ein Forum zur Diskussion zu bieten, und so rechtfertigt

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Birch die scharfe Auseinandersetzung Steinigers mit Andersons Buch als Diskussionsangebot.59 Die ursprüngliche Konzeption der Zeitschrift spielte jedoch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Rezension im April 1973 keine Rolle mehr. Lin Jaldati, die bekannteste Sängerin jiddischer Lieder in der DDR, und ihr Ehemann Eberhard Rebling, Musikwissenschaftler und Rektor der Hochschule für Musik Hanns Eisler, hatten sich in einem ausführlichen Leserbrief äußerst kritisch mit Steinigers Artikel auseinandergesetzt. Steinigers Behauptung, dass Anderson kein eindeutiges Bekenntnis zum Sozialismus ablege, bezeichneten sie als Verleumdung der Autorin. »Gen. Dr. Steiniger dagegen schwingt grob den Holzhammer und zerschmettert das Buch und damit seine Verfasserin. So geht es nicht! […] Wem nützt es, wenn wir einer aufrechten Verbündeten wie Edith Anderson durch eine solche Kritik das Leben in der DDR vergraulen?«60 Ihrer Bitte, »sei es als Leserzuschrift, sei es als gesonderter Artikel, eine Stellungnahme gegen diesen [Steinigers] Artikel zu veröffentlichen«61, wurde nicht entsprochen. Erst einen Monat später antwortete ihnen Chefredakteur Ernst Otto Schwabe: »Zur Sache selber möchte ich Ihnen nur mitteilen, daß der Standpunkt, den Genosse Steiniger in seiner Rezension in unserer Zeitung vertreten hat, von den zuständigen Genossen unserer Bruderpartei in den USA voll und ganz gebilligt wird. Dieser Standpunkt unserer amerikanischen Genossen war für uns letztlich auch bestimmend, die Rezension des Genossen Steiniger zu veröffentlichen, obwohl bestimmte Einsprüche abzusehen waren. Wir möchten aus diesem Grunde davon absehen, wie von Ihnen angeregt, Ihre Zuschrift in unserer Zeitschrift zu veröffentlichen.«62

Diese Zeilen belegen, dass die Annahme, die Zeitschrift könne ein Diskussionsforum bieten, lediglich eine Farce war. Schwabe ignorierte Jaldatis und Reblings Kritik an der Diffamierung Edith Andersons und unterband jedwede Diskussion mit dem Hinweis auf die Haltung der amerikanischen Genoss/-innen. Darüber hinaus merkte er an, dass es Jaldati und Rebling frei stünde, bei der zuständigen Abteilung des ZKs gegen seine Entscheidung zu intervenieren. Dies hatte Edith Anderson bereits zwei Monate früher, Anfang Mai 1973, in Folge einer Reihe von Ereignissen getan. Aufgrund des großen Interesses (etwa hatte die DEFA um die Filmrechte gebeten)63 und der positiven Rezensionen hatte der Verlag Volk und Welt noch im Dezember 1972 einer zweiten Auflage zugestimmt. Lektor Links schrieb an Anderson: »Liebe Edith, laut Themenplanänderung Nr. 5 vom 28.12.1972 wird dein Buch im Jahr 1973 in einer Nachauflage von 8.000 Exemplaren noch einmal erscheinen. Auch über eine zweite Nachauflage ist beraten worden, doch sehen wir uns außerstande, beim momentanen Stand jetzt schon etwas über die Möglichkeiten des nächsten Jahres zu sagen.«64 Im Februar 1973 verunsicherte die gerüchteweise an den Verlag gedrungene Kritik des amerikanischen Genossen Max Kurz die Verleger. Kurz pflegte gute Verbindungen zum ZK und es war zu befürchten, dass sich

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die obersten Behörden in den Vorgang einschalten würden. In Folge eines Gespräches mit Bruno Haid und seinem Nachfolger Klaus Höpcke in der Hauptverwaltung Verlage teilte der Verlagsleiter Jürgen Gruner im März 1973 Anderson mit, dass keine zweite Auflage erscheinen könne65, da das Werk der CPUSA nicht gerecht werde. Parallel dazu erfuhr Anderson, dass positive Rezensionen zum Beispiel in der Weltbühne nicht veröffentlicht wurden, da das Neue Deutschland angeblich einen Angriff gegen das Buch plante. Dieser folgte dann tatsächlich Ende April 1973 in Form von Steinigers Artikel im Horizont, welcher Anderson veranlasste, sich an das ZK der SED zu wenden. In ihrem Brief an Werner Lambertz (Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK der SED), den sie ebenfalls an die Redaktion Horizont sandte, kritisierte Anderson, dass ihr Buch nicht rezensiert, »sondern politisch denunziert«66 worden sei. In ihrer ausführlichen Stellungnahme zu den Vorwürfen Steinigers erklärte sie zusammenfassend: »Ich selbst habe Grund zu glauben, dass ich ein für die DDR politisch nützliches Buch geschrieben habe, das die vermeintlichen ›Vorzüge‹ eines Lebens unterm Kapitalismus plastisch und für die meisten Leser überzeugend enthüllt.«67 Andersons Kampf um ihre Rehabilitierung und eine zweite Auflage des Beobachters zeigt ihren Glauben an die Gerechtigkeit des Systems, den man auch als naiv bewerten könnte. Von ihrer Unschuld überzeugt, forderte sie angstfrei die Rechte, die ihr in einer Demokratie zustünden. Ein Teil dieses Grundverständnisses ist sicherlich ihrer Sozialisation in den USA zuzuschreiben, aber auch andere Komponenten trugen zu ihrer Haltung bei. In ihrer Verteidigung zitiert sie nie direkt Erich Honeckers Worte von der ZK-Tagung im Dezember 1971 – »[W]enn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.« (Jäger 1994: 140) –, aber in ihrer Argumentation verweist sie (und im Übrigen auch Jaldati und Rebling) immer wieder auf die Tatsache, dass sie eine klare Position zum Sozialismus habe: »Mit welcher Berechtigung bezichtigt er [Steiniger] mich, ein Mitglied der KPUSA seit 1938 und eine Journalistin mit solidem Ruf in fortschrittlichen Kreisen der USA, als ›trotzkistisch‹, als ›Wanderer zwischen zwei Welten‹, ›pseudolinks‹, warum beschmiert er mich mit dem Namen von Marcuse, warum will er die eindeutige Aussage (S.137) übersehen: ›Ich bekomme die verschiedensten Meinungen zu hören, aber keine, die mehr Sinn und Substanz hätte als die der KP‹?«68

Ihr eindeutiges Bekenntnis zum Sozialismus, welches sich nicht zuletzt in ihrer Rückkehr in die DDR manifestierte, ließ sich Anderson nicht streitig machen. Neben der festen Überzeugung, dass Steinigers Behauptungen haltlos waren, wurde Anderson durch ihre besondere Position in der DDR und den Zuspruch, den das Buch bis zum Erscheinen von Steinigers Rezension in der DDR erhalten hatte, er-

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mutigt, die Auseinandersetzungen um eine zweite Auflage und ihre Rehabilitation zu führen. Aufgrund ihrer Identität als Amerikanerin hatte sie einen Sonderstatus in der DDR, der einer intimen Kenntnis des Systems und seiner Repressalien in gewisser Weise entgegenstand. Andererseits hatte sie vor allem durch Max Schroeder die ehemaligen Exilant/-innen kennengelernt, die in der jungen DDR einflussreiche Stellungen im Kulturapparat innehatten. In ihrem Selbstverständnis, zur Entwicklung einer sozialistischen Kultur beizutragen, hatte Anderson diese Kontakte bereits in der Vergangenheit genutzt und nahm sie nun für ihre eigenes Anliegen in Anspruch. So wandte sie sich mit der Bitte um Unterstützung an Anna Seghers, die Vorsitzende des Schriftstellerverbandes. Im französischen Exil hatte Seghers mit Max Schroeder zusammengearbeitet, etwa bei der Neugründung des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller sowie der Deutschen Freiheitsbibliothek, die Schroeder in Paris leitete (vgl. Zehl Romero 2000: 292–296), und später beim Aufbau-Verlag wurde er ihr Lektor, »den sie, wie auch seine amerikanische Frau Edith Anderson, gern hatte.« (Ebd.: 163) Doch die alte Verbundenheit allein konnte Seghers nicht bewegen, sich mit Andersons Fall zu befassen. Vielmehr bedurfte Seghers der Bestärkung einiger ihrer Freund/-innen, etwa Berta Waterstradt oder Kurt Stern, wie in dem von Oberleutnant Rolf Pönig gezeichneten Treffbericht mit dem IM »Dichter« (Paul Wiens) vom 16. Juli 1973 festgehalten wurde: »Der IM berichtete weiter, daß er am 16.7.73 im Presseclub ein Gespräch mit der Schriftstellerin Berta Waterstradt hatte. […] Es erfülle sie auch mit Genugtuung, daß es ihr gelungen sei, Anna Seghers dafür zu gewinnen, daß im Präsidium über die Anthologie von Edith Anderson Schröder, die ihrer Meinung nach schlecht sei, gesprochen wurde. Sie habe bei Spaziergängen der Anna immer gesagt, daß sie dieses Buch lesen müsse, die Anna habe erst gar nicht gewollt. Sie habe immer zur Berta gesagt, genügt das nicht, wenn es meine Tochter liest. Darauf habe die Waterstradt der Genn. Seghers ernstlich gedroht und gesagt, wenn sie zu feig und zu bequem sei, ein Buch zu lesen und dazu Stellung zu nehmen, dann werde sie es aller Welt erzählen. Das habe bei der Genn. Seghers doch gewirkt, die hat wahrscheinlich Angst vor meiner Schandschnauze gehabt, sagte die Waterstradt zum IM. Der IM berichtete dazu, daß er noch nicht ganz in dieser Frage durchsieht, da das Mitglied des Präsidiums des DSV Gen. Stern ebenfalls gegenüber dem IM behauptet, daß es sein Verdienst sei, dass Genn. Seghers sich kritisch zu Edith Anderson Schröder geäußert habe.«69

Der hier zitierte Aktenvermerk erhellt lediglich die Arbeitsweise der Staatssicherheit, für die Rekonstruktion des Vorganges hat er aber kaum Bedeutung, da er mehrere Fehler enthält. So wurden beispielsweise die Titel von Andersons Veröffentlichungen verwechselt. IM Wiens mag die Anthologie zum Geschlechtertausch erwähnt haben, da er zu jener Zeit mit Irmtraud Morgner verheiratet war, die eine Er-

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zählung zu dem Band beisteuern wollte. Aber wie Andersons eigene Unterlagen und mein Gespräch mit Renate Drenkow – die 1973 Leiterin der Abteilung Literatur im Schriftstellerverband und mit Edith Anderson befreundet war – belegen, bezog sich Waterstradts und Sterns Engagement auf den Beobachter. Darüber hinaus hatte sich Anna Seghers nicht »kritisch zu Edith Anderson Schröder« geäußert, sondern sich für eine kritische Auseinandersetzung ihrer Behandlung durch Steiniger und den Verlag eingesetzt. In ihren persönlichen Unterlagen notierte Anderson nach einem Telefonat mit Seghers »she said she had done all she could for me, but had the impression that someone in America had complained.«70 Ihre Angelegenheit sollte am 17. Mai 1973 im Präsidium des Schriftstellerverbandes besprochen werden und in Vorbereitung darauf erklärte Anderson Seghers in einem Schreiben vom 14. Mai 1973 Max Kurz’ Rolle in dieser Sache und dass es sich hier um eine private Meinung und keineswegs um eine offizielle Klage der CPUSA handle.71 Nicht nur Anna Seghers zeigte sich besorgt über Andersons Behandlung. Die Literaturkritikerin Annemarie Auer, die Andersons Buch in einem Brief an den Leiter des Aktivs für Literaturkritik im Schriftstellerverband Klaus Jarmatz verteidigte72, riet, Hermann Kant als Präsidiumsmitglied über den Vorgang zu unterrichten, damit er sich für sie verwenden könne. Kant besuchte Anderson am 15. Mai 1973 und stimmte mit der Autorin überein, dass der Verband in dieser Sache aktiv werden müsse. Darüber hinaus hatte Renate Drenkow ihre Stellung im Schriftstellerverband und ihre Kontakte genutzt, um dafür zu sorgen, dass viele Schriftsteller/-innen über Andersons Fall informiert waren und sich mit der Autorin solidarisierten. Mit der Machtübernahme Honeckers hatten die Künstler/-innen und Schriftsteller/innen der DDR Anfang der 1970er Jahre eine Liberalisierung des kulturellen Klimas erfahren, doch die Behandlung Andersons ließ eine Umkehr in alte Dogmen und Repressionen befürchten, die jede/n von ihnen betreffen konnte. Das für das ZK verfasste Protokoll der Präsidiumssitzung des Schriftstellerverbandes vom 17. Mai 1973 hält fest, wie bestürzt sich etwa Max Walter Schulz zu dem Verfahren gegen Andersons Buch äußerte, »[…] das mit dem Geist des VIII. Parteitages und dem 6. Plenum nichts gemein hat. Kant bezeichnet Steinigers Kritik an Edith Andersons Buch Der Beobachter sieht nichts als einen Rückfall in die Steinzeit. […] Der Vorwurf des Trotzkismus und des Wanderers zwischen zwei Welten ist ja eigentlich das Schlimmste, was einem Autor vorgeworfen werden könnte.«73

Der Vertreter der Kulturabteilung des ZKs behauptete, dass die CPUSA gegen das Buch sei. Auf Nachfragen konnte er keine Antworten geben, vor allem wollte er nicht sagen, wer die CPUSA in diesem Fall repräsentiere. So beschloss das Präsidium, dass Vertreter des Präsidiums, die Autorin und der Verlag mit der Kulturabteilung und der Abteilung Internationale Verbindungen des ZKs in einem Gespräch

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klären sollten, »worin die sachlichen Voraussetzungen der geharnischten Kritik bestehen und wie in Zukunft in dieser Angelegenheit verfahren werden soll.«74 Seit Anderson klar geworden war, dass die Vorwürfe gegen das Buch auf Max Kurz Urteil beruhten und dieser scheinbar als bedeutender Vertreter der CPUSA in der DDR angesehen wurde, bemühte sie sich um Unterstützung durch ihre Partei. Sie tauschte sich mehrfach mit Beatrice Johnson, der damaligen Korrespondentin für die Daily World in Berlin aus; Johnson blieb jedoch vage in ihren Aussagen. Andersons Versuche, führende Vertreter der amerikanischen Partei wie etwa Claude Lightfood während ihrer Besuche in der DDR zu sprechen, blieben erfolglos. Ob Heinz Birch, der die Gäste betreute und nach seiner eigenen Aussage Urheber der Verbreitung von Max Kurz’ Kritik am Beobachter war, den Kontakt der amerikanischen Genossen zu Edith Anderson verhinderte oder die Genossen sich ohnehin nicht in die Sache einmischen wollten, bleibt ungewiss. Nicht nur in Berlin versuchte Anderson, sich mit amerikanischen Genossen zu beraten. Bereits Ende März beschrieb Anderson ihrer Freundin Jane Hodes, die bei International Publishers in New York und für die Daily World tätig war, ihre Situation und erläuterte, wie Kurz und Steiniger zu dieser beigetragen hatten.75 Steinigers Verriss war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen, er hatte aber bereits am 23. März 1973 in einem Vortrag über linksradikale Tendenzen in den USA vor Potsdamer Hochschullehrern behauptet, dass Anderson für ein »›Mao-Blatt‹« schriebe und im Beobachter diese linksradikalen Tendenzen sichtbar seien. Anderson hatte bis zum Mai 1967 für den New York National Guardian gearbeitet, aber wie schon erwähnt, war sie nach der Übernahme der Redaktion durch linksradikale Kräfte ausgestiegen. Am 28. März 1973 protestierte Anderson in einem Brief an das Neue Deutschland gegen Steinigers Behauptung, sie arbeite für den linksradikalen National Guardian. Im Vorwort der zweiten Auflage des Beobachters erklärte sie 1975 ebenfalls, dass sie sich von der Zeitung nach deren Kurswechsel im Mai 1967 zurückgezogen habe. Steiniger muss dies zur Kenntnis genommen haben, aber als ich ihn nach über 30 Jahren zu diesem Vorgang befragte, erklärte er mir, dass er keine persönliche Feindschaft gegenüber Anderson empfunden hätte, doch sie arbeitete bei dem linksradikalen Blatt National Guardian.76 Ihr Rücktritt sei ihm nicht bekannt gewesen. Steinigers Erinnerung unterstreicht, unter welchen Vorzeichen er Andersons Werk bewertete, und macht den Stellenwert klar, den diese falsche Annahme in dem Vorgehen gegen die Autorin einnahm. In einem späteren Gespräch räumte Steiniger selbst ein, dass dies ein Fehler gewesen sei. Zwar könne er seine inhaltliche Kritik an dem Buch immer noch vertreten, die Aggressivität seines Tones jedoch nicht.77 Andersons Versuch, sich im Frühjahr 1973 Unterstützung bei ihren amerikanischen Genoss/-innen zu holen, schlug zunächst fehl. Vermutlich hatte Jane Hodes Andersons Brief vom 27. März 1973 nicht erhalten, denn sie ging am 12. April 1973 in keiner Weise auf Andersons Bitte ein, sich mit den einflussreichen be-

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freundeten Genossen Simon Gerson und Herbert Aptheker über die Angelegenheit zu beraten. Vielmehr gab Jane Hodes eine differenzierte Einschätzung der Lage der CPUSA, die sich seit der Angela-Davis-Kampagne entscheidend verändert hatte: »Angela did so much for us, by the way. I keep meeting young people who found the Movement because of being on some Angela Committee, especially in the South. And the Hall-Tyner election Campaign was an unbelievable success. Gave all sorts of people a new lease on life. One can’t exaggerate the change of atmosphere around here. […] Now the youngsters all wear a variety of inflammatory buttons like: ›Young Worker’s Liberation League,‹ and ›Read the Daily World.‹ The kind of thing that we wouldn’t keep in our bureau drawers, underneath our underwear.«78

Hodes’ Vertrauen in Edith Anderson zeigt sich nicht nur in den Mitteilungen über ihr Privatleben – »You are a little like a shrink to me, […] there isn’t anyone else in this wide world that [I can] express my inner feelings to these days.«79 –, sondern ebenso in ihren Überlegungen zur Entwicklung der Partei: »I think the American CP has missed the boat on some present day manners and morals, but not strictly on Women’s liberation. Like Helen Winter made a recent statement that Gay people and people who go in for – uh – extra-marital relations don’t belong anywhere near our Movement. This is a generation gap thing; Helen is just plain not in tune with the times. And the younger generation is not buying it; and there is lots of discussion going on – though not in print.«80

Im Laufe der Auseinandersetzungen um den Beobachter litt die Freundschaft zwischen Jane Hodes und Edith Anderson und auch der Ton der Korrespondenz wurde aggressiver. Anderson erwartete von Hodes Hilfe aus der Partei, aber im Angesicht der Weltprobleme empfand Hodes Andersons Anliegen als Banalität, mit der sie die führenden Genoss/-innen nicht belasten wollte: »My impression is that you see plots under the bed, and your letter makes it seem as if the leadership of both the GDR and the USA Party are giving high priority to squashing your book. I doubt that they think it that important, on either side of the Atlantic. Which may be even more infuriating, in a way, but we both know that there are more important things going on in the world.«81

Anderson war außer sich über die Haltung der Freundin, deren Hilfe sie erbeten hatte. Das ZK der SED hatte es inzwischen geschafft, Ende Juli 1973 von der CPUSA einen von Helen Winter (Director, zuständig für Internationale Beziehungen der CPUSA) unterzeichneten Brief zu erhalten, der bekräftigte, dass die CPUSA mit der negativen Einschätzung des Werkes übereinstimmte: »The letter from Helen Winter said they had gotten someone who could read German to give his or her opinion of the book, and this person had said the reviews – obviously by Steiniger and Schäfer – were right.«82

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Anderson vermutete, dass diese Person entweder Max Kurz oder Margrit Pittman war. Die 1919 in Frankfurt geborene Margrit (Adler) Pittman konnte 1938 in die USA fliehen und wurde dort in antifaschistischen Kreisen politisch aktiv. Nach dem Krieg blieb Margrit Pittman in New York und heiratete den afroamerikanischen Gewerkschaftsaktivisten John Pittman. 1955 zog die Familie nach Kalifornien, wo John Pittman für die People’s World tätig war und Margrit Pittman weiter Artikel für linke Zeitschriften schrieb. Zwischen 1959 und 1987 lebten die Pittmans mehrfach in Osteuropa und Margrit Pittman schrieb als Auslandskorrespondentin für sozialistische und kommunistische Publikationsorgane. Von 1974 bis 1979 berichtete sie für die Daily World aus Berlin. Im Februar 2006 befragte ich Margrit Pittman in New York zu diesem Vorgang. Trotz ihres hohen Alters konnte sie sich zwar an viele Details ihrer faszinierenden Lebensgeschichte erinnern, aber zu Andersons Buch mochte sie lediglich sagen, dass Max Kurz es kritisiert hatte. Auf Nachfragen meinerseits reagierte sie verärgert: »I am wasting your time. I know nothing about this and even if I would, I really don’t care about that sort of business. I think it detracts from what people need to be doing if they go around fighting. I have no patience for that sort of thing at all.«83 Ob daran beteiligt oder nicht – Pittman zeigte kein Interesse an der Aufarbeitung dieses Aspekts der Parteigeschichte, und damals wie heute scheint die Partei sich für ihr langjähriges Mitglied nicht interessiert zu haben. Anderson hatte sich ebenfalls an Simon Gerson84 und Herbert Aptheker mit der Bitte gewandt, »that someone on the Central Committee write a couple of lines to the SED stating that the American Party has not taken any sort of position on Edith Anderson’s German book Der Beobachter sieht nichts – that the American Party is simply not acquainted with the book.«85 Aptheker schrieb Anderson kurz darauf, dass er ihren Brief an die Verantwortlichen weiterleiten würde, »[t]hey will then act as appears proper to them.«86 Die ›saubere‹ Lösung bestand für Helen Winter darin, sich nicht für das Anliegen der einzelnen Genossin Edith Anderson zu verwenden, sondern die Unfehlbarkeit der Bruderpartei SED zu unterstützen. In ihren Aufzeichnungen notierte Anderson, nachdem sie von Renate Drenkow über die Details des Briefes der CPUSA informiert worden war: »It very evidently means that I am unimportant, because the American Party dropped me, through this letter – I was expendable, the main thing was to support what they believed to be the SED and their friendship with the SED.«87 Mit Helen Winters Aussage hatten die Vertreter des ZKs und der Hauptverwaltung Verlage nun die Möglichkeit, ihre vormalige Behauptung, die CPUSA wäre mit dem Buch nicht einverstanden, zu belegen. Bis dahin hatten sie die Auseinandersetzung mit dem Schriftstellerverband um das Buch herausgeschoben. Auf der Präsidiumssitzung im Juli 1973 brachte Klaus Höpcke das Schreiben vor und wurde von den Präsidiumsmitgliedern heftig kritisiert, da Datum (29.06.1973) und Inhalt des Briefes zeigten, dass die amerikanische Partei eben nicht im Februar oder März,

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wie von ZK-Abteilungsvertretern behauptet, ihren Unmut über das Buch ausgesprochen, sondern erst im Nachhinein Stellung genommen hatte. Dieser Unterschied mag heute unerheblich erscheinen, aber ohne das Aufblasen der Kritik des einzelnen Genossen Max Kurz zur Parteimeinung wäre der ganze Prozess und die Streichung der Nachauflage so nicht zustande gekommen. Darüber hinaus war Helen Winter natürlich den Prinzipien des proletarischen Internationalismus und der Freundschaft zur SED verpflichtet und insofern stellte ihr Schreiben für die Präsidiumsmitglieder keinen Beitrag in der sachlichen Auseinandersetzung um das Buch dar. Der Schriftstellerverband bestand auf einer Nachauflage, in der durch Bearbeitung des Textes – vor allem durch ein Vorwort – »die Entwicklungsprobleme und faktischen Veränderungen in den USA seit 1968 benannt werden.«88 Das Engagement des Schriftstellerverbandes für Anderson war ungewöhnlich stark und bewirkte eine teilweise Rehabilitation der Autorin. In der Geschichte des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR hatte es laut Renate Drenkow vorher nur einen Fall gegeben, Erik Neutschs Roman Auf der Suche nach Gatt (1973), für den der Schriftstellerverband in dieser Intensität bei den zuständigen Behörden des ZKs und der Hauptverwaltung Verlage eingetreten war. Wie bereits erläutert, gab es im Fall Anderson mehrere Gründe, so etwa ihr Status als Witwe Max Schroeders, die Qualität ihres Buches und vor allem die Furcht, dass die Partei wieder zu viel Macht auf dem Gebiet der Kultur ausübte, die das Präsidium des Schriftstellerverbandes unter Leitung von Anna Seghers bewegten, für eine Nachauflage zu streiten. Die Unterstützung des Verbandes war für Andersons weitere Publikationsmöglichkeiten in der DDR von entscheidender Bedeutung. Der Verlag Volk und Welt erwies sich nach Veröffentlichung der ersten Auflage des Beobachters als treuer Diener seiner Eigentümerin, der SED, und seines Vorgesetzten, der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium der Kultur, und zeigte wenig »Schlauheit, Taktik und Menschenkenntnis«89, wenn es um Anderson ging. Nach den ersten Gerüchten um die Kritik des Buches zog Verlagsleiter Gruner die Zusage für eine zweite Auflage zurück. Im weiteren Verlauf reagierte er lediglich auf die Forderungen des Schriftstellerverbandes anstatt gegebene Spielräume geschickt zu nutzen und sich aktiv für eine Nachauflage einzusetzen. 1974 wurde schließlich eine Nachauflage unter der Bedingung vereinbart, dass Anderson in Zusammenarbeit mit Prof. Klaus Bollinger vom Institut für Internationale Beziehungen und Roland Links als Vertreter des Verlages das Buch überarbeite.90 Einer Lizenzausgabe – Anderson hatte ein Angebot des ungarischen Artijus Verlages – würde Gruner erst zustimmen, »wenn die druckreife Fassung der in Aussicht genommenen 2. Auflage erarbeitet ist.«91 Gruners Unsicherheit in der ganzen Sache zeigt sich auch bei der Formulierung seiner Schreiben an Edith Anderson. So enthalten die Verlagsunterlagen allein drei Entwürfe für die Absage der

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von Anderson gewünschten dritten Auflage 1976. Die »in Aussicht genommene[] 2. Auflage« erschien schließlich 1976, nachdem Anderson ein Vorwort geschrieben und brav ihre Änderungen – offenbar ohne allzu großen Druck durch Bollinger – vorgenommen hatte. »In einigen Fällen habe ich eine Änderung gemacht, in anderen habe ich erklärt, warum ich nicht konnte oder warum sie nicht notwendig war. Manchmal hat B. einfach etwas übersehen. Aber manchmal hat er auch was verlangt, was ich nicht machen kann. Ganz am Anfang unserer Gespräche, beim ersten Treff in Gegenwart von Gruner, sagte B., daß man nicht wünsche, ich soll Änderungen machen, die mir sozusagen wehtun, zu denen ich mich widerwillig zwingen müßte.«92

Im Dezember 1976 erfuhr der Verlag, dass eine Übersetzung der Erstausgabe des Beobachters in Ungarn erschienen war (Anderson 1976b). Anderson konnte und wollte sicher auch nicht Gruners Anweisung folgen, dass über eine Lizenzausgabe erst zu sprechen sei, wenn die geänderte Fassung vorliegen würde, da sie bereits im Oktober 1973 den Vertrag in Ungarn geschlossen hatte, nachdem Volk und Welt sich erfolglos um eine Veröffentlichung im Ausland93 bemüht hatte. Der Verlag entschied, den Verlagsanteil für die ungarische Ausgabe Edith Anderson zu überlassen und teilte ihr im Januar 1977 gleichzeitig frostig mit: »Bei dieser Gelegenheit wäre zu erwähnen, dass wir Ihr Buch in den nächsten Jahren für eine Nachauflage nicht vorsehen. Wenn Sie es wünschen, sind wir bereit, Ihnen die Rechte zurückzugeben.«94 Von diesem Angebot machte Edith Anderson erst 1990 Gebrauch, nachdem ihr Wunsch nach einer dritten Auflage in den späten 1970er und den 1980er Jahren vom Verlag mehrfach abgelehnt worden war. Die Handlungsweise des Verlages mag den beschränkten Papier- und Druckkapazitäten geschuldet gewesen sein, unter der fast alle Verleger in der DDR zu leiden hatten (vgl. Giovanopoulos 2000: 123–127). Allerdings lässt sich aus der vorhandenen Korrespondenz zwischen Verlag und Autorin auch kein deutliches Engagement für Edith Andersons Beobachter ablesen, wie es der Verlag bei anderen Autoren gezeigt hatte. In der von Simone Barck und Siegfried Lokatis 2003 herausgegebenen Dokumentation zum Verlag Volk und Welt findet dieses unrühmliche Kapitel der Geschichte des Verlages keine Erwähnung. Ohne die Intervention des Schriftstellerverbandes wäre es zu keiner zweiten Auflage und vermutlich zu überhaupt keiner weiteren Publikation Andersons in der DDR gekommen. Mit dem Kompromiss, dass die zweite Auflage geändert und mit einem Vorwort erschien, konnte Anderson leben. Dennoch erschütterte die Auseinandersetzung um das Buch ihr Weltbild und in den Folgejahren benennt Anderson dieses Erlebnis immer wieder als Referenzpunkt für ihr Denken und Handeln. Ihre Vorstellungen vom Sozialismus in der DDR, aber eben auch und vor allem von ihrer Partei, der CPUSA, wurden in jenen Jahren deutlich relativiert. Gegenüber Jane Hodes schätzte sie ihre Situation im August 1973 folgendermaßen ein:

294 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »The book is not the issue, but the fact that I was framed up, and that Helen Winter et al. unwittingly aided and confirmed this frame-up […] I was expendable; they walked over me as I walk over an ant. After all there are so many far more important issues in the world! The logic to which you seem to subscribe is: They are allowed to ruin a person’s political existence because there are so many far more important issues in the world. But I am not allowed to defend myself against being ruined because there are so many more important issues in the world.«95

Anderson schien sich ihrer Integrität als amerikanische Kommunistin sicher gewesen zu sein und war daher über die mangelnde Unterstützung durch die Parteiführung sehr enttäuscht. Die Tatsache, dass sie nie als DDR-Korrespondentin für die kommunistische Daily World in Betracht gekommen war, obwohl sie aufgrund ihres biografischen Hintergrundes und ihrer Fähigkeiten geradezu eine Idealbesetzung gewesen wäre, gab ihr scheinbar nie zu denken und hätte doch ein Indiz für ihren Stand innerhalb der Partei sein können. Ein Brief von Margrit Pittman, die im Mai 1968 die DDR besuchte, an ihren Ehepartner John, dem damaligen Herausgeber der Daily World, gibt Aufschluss über Andersons Reputation in linken Kreisen vor der Veröffentlichung des Beobachters. Zu jener Zeit ging es um die Frage, ob die neugegründete Daily World einen permanenten DDR-Berichterstatter beschäftigen sollte und wer dieses Amt übernehmen könne. Der Herausgeber des Democratic German Report, John Peet, hatte Pittman von Victor Grossman abgeraten und über Edith Anderson schrieb sie: »I got raised eyebrows on Edith in many quarters while it was conceded that she is a competent journalist, there was doubt about adequate political maturity for the job. I’m no judge of that.«96 Zwar gab Pittman lediglich wieder, was sie in Berlin über Anderson gehört hatte97, doch belegt das Zitat eindrücklich, auf welchen Wegen solche Einschätzungen in die Parteizentrale nach New York getragen wurden. Meiner Ansicht nach waren Anderson die Vorbehalte, die die Genoss/-innen in Berlin und New York ihr gegenüber hegten, nicht bewusst; erst die Auseinandersetzung zum Beobachter führten bei ihr zu einer realistischeren Einschätzung der Zustände. So schrieb sie 1977 ihrem Freund Simon Gerson: »Remember all the trouble I wrote you about, in connection with a book about the U.S. I wrote for the G.D.R.? It can now be considered over. The book has appeared in a second edition, with a preface to place it in historical perspective, as it is now about 9 years old. It also appeared in Hungary, in an edition twice as large, sold out in a week, and got a stunning good review. I ought to be happy, I suppose. But I’ve lost contact with home. With the kind of home that is home to you and me. Being ›rehabilitated‹ is better than not being rehabilitated, but its satisfactions are limited and rather sad.«98

Infolge der Ereignisse um ihr Buch befand sich Edith Anderson 1977 in einer tiefen Krise. Viele Überzeugungen, auf denen sie ihre Lebenseinstellung gegründet hatte,

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waren ins Wanken geraten. Menschen, die sie als ihre Freund/-innen betrachtet hatte, ließen sie im Stich, wie sie Gerson berichtete: »Si, apart from you, who are my friends to whom you refer in the U.S.? And which friends can you mean over here? My last experience with some of these ›friends‹ was that they worked up a mess for me here that took years to get sorted out. When I pleaded with friends at home who knew me to intervene and straighten it out, nothing was done – I was expendable. Fortunately, the whole Writer’s Union here stuck up for me, from Anna Seghers on down. But this did not solve the problem of how I could work as a journalist. If, as you say, these friends would take a dim view of my writing for ITT (as I would myself, now) where should my stories appear, in their opinion? Or would my finest contribution be to just waste my invaluable experience as an American living under socialism and gracefully shut up for the rest of my life? In your letter you refer to the G.D.R. as ›your (i.e., my) country‹. Perhaps you don’t realize that I remain an American, a citizen of the U.S., and one who despite everything still is deeply attached to it.«99

Der Brief an Gerson unterstreicht, dass Anderson nicht nur ihre Freund/-innen in Frage stellte, sondern vor allem sich selbst als Autorin, Mittlerin zwischen den Welten, Kommunistin und Einwohnerin der DDR, die sie nach ihrer Rückkehr als ihre Heimat empfunden hatte. Verunsichert durch die letzten Jahre fragte sie sich, wie die amerikanischen Kommunist/-innen ihre geplanten Artikel in der sozialistischen Wochenzeitung In These Times (ITT) auslegen würden. Welchen Beitrag zur Vermittlung der jeweils anderen Kultur konnte sie unter dem Misstrauen, das ihr in Berlin und New York entgegengebracht wurde, überhaupt noch leisten? Und da ihre positive Grundhaltung dem DDR-Sozialismus gegenüber erschüttert war, wie sollte sie beispielsweise einen Artikel über Biermann schreiben? Konnte sie, wie früher in ihren Arbeiten für den National New York Guardian, die Politik der DDR-Regierung positiv darstellen, oder sollte sie diese kritisch hinterfragen und damit antikommunistischer Propaganda Vorschub leisten? Der manichäische Blick auf beiden Seiten des ›Eisernen Vorhanges‹ behinderte eine differenziertere Betrachtung: »Trying to explain to Americans what is going on in a socialist country is very difficult against the barrage of propaganda, so cunning, that makes them suspect any socialism which actually starts to operate. And if one writes in terms Americans can understand, one runs into the problem that the authorities here feel one has said too much. It’s a tightrope walk.«100

Aber auch Anderson selbst hatte Schwierigkeiten, den Verlust ihres bisher scheinbar wohlgeordneten und mit klaren Kategorien ausgestatteten Weltbildes zu verarbeiten. In ihrem Tagebuch versucht sie, diese Verunsicherung zu artikulieren: »As for socialism, why cannot one grant that it doesn’t work, and keep on living? I stopped believing twenty years ago but I didn’t stop hoping or fighting. I believe one

296 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON must go on fighting for the right to live humanly from day to day, no matter how old one gets… there is no other way to live – no other sense in living. […] But as socialism becomes less and less human in its ignoring of people’s spiritual needs, the capitalist world grows bolder and starts taking back the concessions which the new socialism of a few years back once frightened it into making.«101

Wie viele Kommunist/-innen ihrer Generation machte Anderson den Einfluss des Kapitalismus und des Kalten Krieges für das Scheitern des Sozialismus verantwortlich. »Naturally I have been angry and worried for years but I still thought the bad things that had happened were aberrations caused by stupidity or sabotage or opportunism on the part of key individuals. I now see that as long as socialism has to live side by side with capitalism, trade with it, ›coexist‹ with it, it will not only never become the socialism we dreamed of, but it will become a system so full of economic and human compromises, so full of writhing to conceal the true state of affairs, so corrupt because corruption can not be punished and is therefore objectively rewarded, that the only thing it gives us is a temporary economic security which from one day to the next may give way to unpleasant necessity, just as so many other principles of socialism have.«102

Anderson erkannte, dass unter diesen Umständen der Sozialismus misslingen musste und in diesem Zustand immer weniger als Alternative zum Kapitalismus taugte. Bis zur ersten Auflage des Beobachters war die Amerikanerin noch von der Überlegenheit des Sozialismus als dem humaneren System überzeugt gewesen und hatte ihr Leben und Werk danach ausgerichtet. Doch 1977 musste sie sich fragen, worin ihre Aufgabe nun bestand, nachdem ihr bewusst war, dass der ›real existierende Sozialismus‹ sich nie mit ihren Vorstellungen von einer besseren Welt decken würde. Der Literaturwissenschaftler Leonard Goldstein, ebenfalls Amerikaner in der DDR und mit Edith Anderson befreundet, fasste dieses Problem in einem Gespräch folgendermaßen zusammen: »Die Frage war, wie lebt man mit dem Widerspruch und gab es Alternativen?«103 Wie viele der Amerikaner/-innen in der DDR hielt sich Anderson trotz ihrer Einsichten mit Kritik am Sozialismus zurück: »I hesitate to write anything that would compromise the socialist system, while all around me well-known writers are doing it and getting away with it. Because the people running this country and the ›camp‹ have gone much further than these writers in their recognition of the signposts.«104 Im Gegensatz zu den meisten Menschen in der DDR hatte Anderson den Kapitalismus erlebt und erfahren, dass extreme soziale Ungerechtigkeiten und Ausbeutung der Preis für den Wohlstand Einzelner waren. Als Autorin und Journalistin versuchte sie vor allem in den 1960er Jahren, der antikommunistischen Propaganda etwas entgegenzusetzen:

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»Anti-communism of the (American) government controlled media is partly responsible for the isolation in which the socialist world finds itself. The socialist world sees itself in crazy mirrors of anti-communism, believes it is as distorted as the mirrors show, gets an inferiority complex and behaves badly as a reaction.«105

Aus der Kenntnis des Kapitalismus und dessen Einflussnahme auf die Entwicklung des Sozialismus heraus glaubte Anderson, dass eine offene Kritik an den Zuständen in der DDR den Antikommunismus befördern würde. Was blieb Anderson, nachdem sie verstanden hatte, dass der Traum vom Sozialismus, in dem alle sozial abgesichert und mit bürgerlichen Rechten ausgestattet sind, nicht zu realisieren war? Was konnte sie noch schreiben, nachdem sie ihren Glauben an diesen Sozialismus verloren hatte? In ihrem Tagebuch brachte sie ihre Situation und den Sinneswandel, der sich bei ihr zwischen 1967 und 1977 vollzog, auf den Punkt: »Ten years ago I wanted to write the New York book to convince young people under socialism how much better off they were here than they would be under capitalism. The only way I could do this was by reporting truthfully, with that ring of conviction that makes the author believable – by not repeating the catechistic clichés of the socialist press which no one here believes and when the priests saw my way of telling what they pretended they want told they were frightened and screamed: ›Burn the witch!‹ Until now I was determined to fight for a third edition of the book. But now I don’t see the sense. [...] Someone who knows more than I do is needed.«106

Andersons Eingeständnis, dass sie, die gewöhnlich sehr selbstbewusst auftrat, unfähig war, ein neues, ihren Einsichten angemessenes Buch zu schreiben, unterstreicht den Grad der Erschütterung ihres alten Weltbildes, parallel zu den Schwierigkeiten in ihren persönlichen Beziehungen: »Socialism has turned out not to be socialism, my daughter not to be my daughter, men not to be men. Is that true? No. But it feels true. I feel impotent, unable to affect the world I live in, in any way.«107 Dieses Gefühl der Ohnmacht wirkte sich auch auf Andersons Tätigkeit als Vermittlerin von amerikanischer Kunst und Literatur in der DDR aus. Hatte sie noch 1966 Katya und Bert Gilden auf ihre einflussreiche Stellung in der DDR hingewiesen, »I can very easily prod a few [important writers] for comments – that’s what you want. I can certainly see to it that the book is promptly reviewed, all I have to do is to call up a few editors«108, so fragt Earl Robinson, als er im Juni 1973 Andersons Hilfe für ein DDR-Gastspiel benötigt: »Is your position (with the criticism on your book) secure enough to help me with any of this?«109 Es dauerte bis Anfang der 1980er Jahre, bis sich Anderson wieder kompetent genug fühlte, Amerikaner/-innen bei der Vermittlung von Kontakten in die DDR zu unterstützen. Wie aus der im Nachlass erhaltenen Korrespondenz jedoch hervorgeht, war dieses spätere Engagement Andersons von anderer Qualität und nicht so öffentlichkeitswirksam wie ihre Vermittlertätigkeit vor Steinigers Rezension.

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Die durch Steinigers Artikel in Gang gebrachten Reaktionen auf amerikanischer wie auf DDR-Seite wurden zu einem Schlüsselerlebnis in Andersons Leben und Schaffen. Auf die Umfrage des Schriftstellerverbandes, woran sie gerade arbeite, schrieb Anderson 1979: »Ich lerne Polnisch. Schreiben ist zwecklos, da ich durch die Verlage diskriminiert und durch andere Instanzen behindert werde. Ein Versuch, diese Situation im Ministerium für Kultur zu klären, hat bisher zu nichts geführt. Man versicherte mir, daß ich nicht diskriminiert würde, und die Maßnahmen gegen meine Arbeit wurden fortgesetzt.«110

Auch in späteren Jahren nimmt Anderson immer wieder Bezug auf ihre Erfahrungen mit dem Beobachter. So etwa 1987, als sie Günter Görlich um die Unterstützung des Schriftstellerverbandes in einer Auseinandersetzung mit dem Vorsitzenden ihrer Hausgemeinschaftsleitung, einem Mitglied der SED, bat: »Ein Einzelner ist nicht die Partei, das weiß ich, aber ein Einzelner kann grausame Folgen erwirken, wie ich 1972 erlebte, als ich in drei DDR-Zeitungen attackiert wurde (wegen einem Buch, das in Einheit gelobt wurde) und alle guten Beziehungen zu Verlagen verlor. Alles wegen der Aussage eines Ignoranten, der mich beim ZK verklagte.«111

»Es ist nichts: Beobachter sein, der Beobachter sieht nichts.« Diese Worte von Johannes Bobrowski hatte Edith Anderson ihrem Buch mit den USA-Erfahrungen vorangestellt und mit ihnen kann auch Andersons Entwicklung nach ihrer Rückkehr in die DDR beschrieben werden. Leben am Ort begreift nur der Betroffene. Steinigers Angriff traf Anderson und zwang sie, sich mit der Realität von Sozialismus und Parteipolitik auseinanderzusetzen. Anderson war nie eine sogenannte ›Zweihundertprozentige‹, die ihre Augen vor den problematischen Seiten des Sozialismus verschloss, aber aus ihrer relativen Unbetroffenheit und ihren politischen Überzeugungen heraus konnte sie Probleme tolerieren und beobachten. Durch ihren Status als Witwe Max Schroeders und als Amerikanerin in der DDR war sie mit Privilegien ausgestattet (neben den Beziehungen zu einflussreichen Funktionären waren das unter anderem die VdN-Rente, bevorzugte Wohnraumvergabe, Reisemöglichkeiten, kostenloser Bezug von Medien aus den USA und der BRD), die sie gern für sich in Anspruch nahm und ihre Erfahrungen in der DDR positiv prägten. Spätestens seit Ende der 1960er Jahre hatte sich in der DDR jedoch ein Generationswandel vollzogen. Das heißt, nach dem Tod der Genoss/-innen, die den Nationalsozialismus im Exil verbracht oder das KZ überlebt und in der DDR einflussreiche Funktionen inne hatten wie etwa Gerhart Eisler oder Anna Seghers, übernahmen Jüngere, meist schon in der DDR Ausgebildete, diese Positionen. Diese Generation, zu denen unter anderen Hermann Kant, Klaus Steiniger, Heinz Birch oder Roland Links zählten, erkannte nur bedingt Andersons Sonderstatus an. Anstatt nach ihrer Vergangenheit wurde Anderson nun nach ihrem gegenwärtigen Schaffen beurteilt und dabei konnte sie nicht mehr den Schutz der mit Max Schroeder verbundenen

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ehemaligen Exilant/-innen in Anspruch nehmen, sondern musste sich selbst Verbündete in der neuen Generation suchen. Auf diese Weise war sie gezwungen, am Geschehen teilzunehmen und für ihre Rehabilitation zu kämpfen. So gewann sie Einsichten in die Parteipolitik und den Sozialismus, die sich aus ihrem Sonderstatus, der ihr Schutz bot, aber eben auch Distanz mit sich brachte, nie ergeben hätten, denn »Es ist nichts: Beobachter sein, der Beobachter sieht nichts.«

D IE R UNDFUNKARBEITEN Andersons Werk als Autorin für den Rundfunk umfasst vier Hörspiele112, Arlene (ein Kinderhörspiel), Chile, scharf wie eine Degenklinge, Briefe aus New York und Endlich frei! Endlich frei! – Der Tod Martin Luther Kings, sowie einige Sketche und nimmt damit quantitativ nur eine untergeordnete Stellung in ihrem Schaffen ein. Außer den Manuskripten sind so gut wie keine Materialien oder Korrespondenzen zu der Entstehung oder Produktion dieser Texte in Andersons Nachlass erhalten. Trotz des Mangels an Material sollte in dieser Untersuchung von Andersons Schaffen als Mittlerin zwischen der U.S.- und der DDR-Kultur eine Analyse ihrer Arbeiten für den DDR-Rundfunk nicht fehlen, da sie sich auf die USA beziehen. Akustische Aspekte werden bei dieser Analyse vernachlässigt, da die Produktion der Stücke nicht in Andersons Hand lag. Eine erste Tonaufnahme von Andersons Texten erfolgte im Jahr 1956. Aus Andersons Eisenbahnerinnenroman Gelbes Licht wurde Tobys Hemd113 zusammengestellt. Während es sich hier um eine Lesung handelte, verfasste Anderson im Herbst 1961 für ein Soldatenprogramm von Radio Berlin International ihre ersten Rundfunktexte. Als einer der größten internationalen Sender während des Kalten Krieges berichtete Radio Berlin International von Mai 1959 bis 1990 aus sozialistischer Perspektive über die DDR und die internationale Politik. Für die weltweite Hörerschaft sendete Radio Berlin International in verschiedenen Sprachen und dementsprechend waren viele Muttersprachler/-innen für den Ostberliner Sender tätig. Fast alle Amerikaner/-innen in der DDR, die in dieser Untersuchung zu Edith Anderson eine Rolle spielen, waren früher oder später für Radio Berlin International tätig. Dazu gehörten Ollie Harrington, Billy Mullis, Victor Grossman und Irene Runge, aber auch die aus Australien zurückgekehrte Salomea Genin. Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 produzierte Radio Berlin International für die in Europa stationierten US-Soldaten eine Reihe, die unter dem Namen »OPS Outpost Station Berlin« bekannt wurde. »This is OPS, the program which entertains and informs. We broadcast nightly to Americans in West Germany and Europe.« (Biener 2008) Zwischen 1961 und 1972 lief die Sendung täglich zwischen 23:00 und 23:30 Uhr auf Mittelwelle und verschiedenen Kurzwellen. Eine

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Homepage mit Porträts von fast allen Auslandsdiensten in deutscher Sprache beschreibt OPS folgendermaßen: »In Musik und Moderation entsprach OPS ganz dem Konkurrenten, dem amerikanischen Soldatensender AFN. Wie es schien, richtete man sich insbesondere an Soldaten afroamerikanischer Herkunft, denn als Musik spielte man vor allem Titel schwarzer Musiker und die Nachrichten beschäftigten sich neben Vietnam vor allem mit dem Rassismus in den USA.« (Ebd.)

Victor Grossman bestätigte, dass sich das Programm von OPS Berlin vor allem durch den höheren Unterhaltungswert und die Art der Moderation vom restlichen Programm der Nordamerika-Redaktion des Senders Radio Berlin International unterschied und stärker den Hörgewohnheiten der amerikanischen Soldaten angepasst war. Das heißt, in einem den Soldaten vertrauten und attraktiven Format vermittelte OPS Berlin Informationen, die die Politik der USA und der Westmächte in Frage stellen konnten und der Wehrkraftzersetzung dienten. Edith Andersons »Betty and Stew«-Sketche114, die sie im Herbst 1961 für den Sender schrieb, entsprachen genau dieser Strategie. Ihr Talent zum Verfassen witziger Dialoge hatte Anderson bereits in ihrer Kindheit und Jugend zur Unterhaltung ihres jüngeren Bruders entwickelt. Bud Handelsman erinnerte in seiner Trauerrede an Andersons Grab an ein Stück, welches wie ein Vorläufer der späteren »Betty and Stew«-Dialoge erscheint: »She and I collaborated on a play satirizing our parent’s fear that their friends might somehow discover that we were unsuccessful compared to their children, and, worse, that we were politically tainted. In the play, our father is on the phone with his friend Manny, and lets slip that Edith is living in Germany. MANNY (shocked): Communist Germany? DAD (hastily): No, no! Nazi Germany.«115

Weitere Praxis im Bereich der Dramatik erlangte Anderson durch das Puppenspiel. Wie aus ihren Memoiren zu erfahren ist, wollte Anderson in den 1930er Jahren Puppenspielerin werden. Gerade zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise war dieser Berufswunsch nur schwer zu realisieren und ihre Suche nach einer Ausbildung scheiterte. Dennoch fand sie immer wieder Freundinnen, die ihr Interesse teilten; so etwa in New York die australische Autorin Christina Stead (vgl. Rowley 1994: 187) oder in Berlin die Puppenmacherin Lotte Pritzel. Mit großer Begeisterung besuchte Anderson 1957 das Berliner Gastspiel des sowjetischen Puppenspielers Sergej W. Obraszow und nahm an dessen Workshop teil. Obraszow lehrte sie, dass sich das Puppenspiel nicht zur Darstellung von Arbeitern oder Bauern eignet: »›A puppet can only play a type,‹ he pointed out. ›It cannot play individuals. But every worker and every peasant is an individual. To represent them with puppets diminishes them.‹« (LIE: 205) Fast bis zum Ende ihres Lebens führte Anderson gemeinsam mit ihrer

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Tochter und Freund/-innen im privaten Rahmen Puppenspiele auf, so etwa zu Weihnachten im Hause von Mary-Lou und Leonard Goldstein. Andersons »Betty and Stew«-Dialoge profitierten von dem Wissen, welches die Autorin durch das Puppenspiel erlangt hatte. Die beiden Protagonisten verkörpern eher Typen als Individuen. Das Paar lebt in Westberlin, da Stew dort als Teil der amerikanischen Streitkräfte stationiert ist. Betty ist das ›Frauchen‹, versteht nichts von der großen Weltpolitik und ihr sehnlichster Wunsch besteht darin, Westberlin zu verlassen und nach Brooklyn zurückzukehren. Stew indessen gibt den belesenen, ernsthaften Mann, der von der Richtigkeit amerikanischer Politik überzeugt ist. Die Sketche beginnen immer damit, dass Betty Stew beim Lesen der New York Times unterbricht und Stew dann ein Detail seiner Lektüre wiedergibt, was wiederum Betty zu Fragen und Kommentaren veranlasst. Im dritten Dialog berichtet Stew etwa davon, wie Moskau und Ostberlin die Einstellung des Luftverkehrs über ostdeutschem Territorium fordern. »Stew: They don’t want money, Betty. They say we should stop flying kidnappers and militarists over the air corridors. Betty: Well, I would. Stew: Betty, don’t you see that what they really want is to get us out of Berlin? Betty: Same as me.«

Dieser Einleitung folgt eine Auseinandersetzung, in der durch Bettys Kommentare die Widersinnigkeit der Nichtanerkennung der DDR deutlich wird. »Stew: […] Didn’t you hear me say the East Germans had the nerve to send us a note? How can we possibly answer them? Betty: Hollering over the wall? Stew: We can’t answer them. We don’t recognize them. Betty. Gee, that’s funny. We see them every day. Stew: I’m talking about diplomatic recognition, Betty, like we recognize England, France, Russia – but we don’t recognize Cuba, China or East Germany. Betty: I know. Cause we’re mad at them. Stew: That’s right, Betty. Betty: But aren’t we mad at Russia, Stew? Why do we recognize Russia? Stew: Betty, our foreign policy is made by very smart men. Just trust them. OK. Betty?«

Betty erlaubt sich, das politische Geschehen von ihrer Warte aus scheinbar frei von Ideologien und mit ›gesundem‹ Menschenverstand zu beurteilen. Dies klingt zunächst naiv und uninformiert und sprach in dieser Weise sicherlich die Zielgruppe der amerikanischen Soldaten an, da es das traditionelle Rollenbild, nämlich, dass Frauen keine Ahnung von Politik haben, bestätigte. Aber es ist eben genau das scheinbar Dümmliche, auf sich selbst Bezogene, das Undoktrinäre, welches die Absurdität des politischen Geschehens enthüllt.

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Den Witz der Sketche erhöht Anderson durch Übertreibungen, die teilweise in Klamauk übergehen. So etwa, wenn Betty sich zur geografischen Lage Westberlins Gedanken macht: »Betty: Is east Berlin inside of west Berlin, or is west Berlin inside of east Berlin? Stew: West Berlin is west of east Berlin. It’s in the free west. Betty: And what’s west of west Berlin, Stew? West Germany? Stew: No. East Germany. Betty: East Germany is west of west Berlin? Stew: Yes. Betty: But Stew, wait a minute. You mean west Berlin is east of east Germany? Stew: (shouting) Why don’t you look at a map?! West Berlin is in the middle of east Germany.«

Natürlich stellt diese Szene in erster Linie Bettys Unkenntnis bloß, aber gleichzeitig erinnerte sie die Zuhörer an die Tatsache, dass Westberlin vom Osten umgeben und von einer Mauer eingeschlossen war. Der Dialog kommuniziert und karikiert das Paradoxe der politischen Verhältnisse im Kalten Krieg. Betty spricht schließlich aus, was man als in Westberlin stationierter amerikanischer Soldat denken mochte, wenn man sich diese Situation vor Augen führte: »Oh help! That is not a good place to be, Stew!« Andersons »Betty and Stew«-Dialoge haben nicht allein politische Themen zum Inhalt, sondern es ›menschelt‹, wenn auch in stereotyper Form. So etwa sind Frauen nie zufrieden, sondern eifersüchtig und anhänglich, während Männer einfach nur in Ruhe Zeitung lesen wollen. »Betty: But Stew, I don’t like to feel shut in. I want to go out and go back home. Stew: Women are never satisfied. Since I know you, you’ve been yapping that you wanted to visit some picturesque walled city. Now you’re in one and you’re kicking. Betty: But Berlin isn’t picturesque, Stew. Stew: Well, it’s walled. You can’t have everything. Betty: In southern France they’ve got a picturesque walled city called Carcassonne. Why can’t we go there, some time? Stew: We saw plenty of carcasses in the sun yesterday on the beach. Betty: Ha ha ha. Especially Doris Mayfield’s carcass. That’s the real reason you want to stay in Berlin. Stew: I am here in Berlin because President Kennedy wants me here! When President Kennedy orders me home I go home. Betty: I wish you wouldn’t drag a lovely man like President Kennedy’s name into your nasty affairs. Stew: I am not having nasty affairs. I am not having affairs. Let me read. Betty: And what am I supposed to do while you’re reading, Stew? Stew: Betty, you’re hanging over my shoulder again.

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Betty: Mm, you’ve got such nice broad shoulders, Stew! Stew: I never can read a paper with you around. Betty: That’s just what I hoped you to say, Stew!«

Alle Dialoge enden in dieser Art. Neben dem gleichen Anfang und Schluss der Dialoge tragen wiederkehrende Themen, wie Bettys Unterstellungen zu Doris Mayfield oder die schrecklichen Speisen, die Betty nach Rezepten des Soldatensenders AFN kocht, dazu bei, dass sich bei den Rezipient/-innen eine Vertrautheit mit dem Format und den Protagonisten der Serie einstellt und eine gewisse Spannung auf weitere Folgen aufgebaut wird. In Andersons Nachlass befinden sich zehn solcher Dialoge, die sie offenbar im September 1961 schrieb. Da keine weiteren Unterlagen vorhanden sind, kann nur darüber spekuliert werden, warum sie diese Texte nicht fortgesetzt hat. Möglicherweise hatte sich das Format erschöpft oder sie fand keinen Abnehmer mehr für diese Texte. Das ist umso bedauerlicher, da Anderson hier auf ganz gelungene Weise ihren Humor, ihre Kreativität und ihr Gefühl für Sprache mit ihrer Weltanschauung vereinte. Herausgekommen ist kein trockener Propagandatext, wie oft im Kalten Krieg üblich, sondern eine unterhaltsame Sendung, die subtil wirkte und Zweifel an der Intelligenz amerikanischer Politik bestärken konnte. Insofern war Anderson eine ausgezeichnete Kalte Kriegerin, die ähnlich wie der RIAS, aber unter umgekehrten Vorzeichen, die Zuhörer/-innen unterhielt und sie dabei fast unmerklich einer ›Gehirnwäsche‹ unterzog. Die Lektüre der »Betty and Stew«-Dialoge lässt es umso bedauerlicher erscheinen, dass Anderson ihr humoristisches Talent vorwiegend für die private Korrespondenz aufsparte. Lediglich in ihren Büchern Der Beobachter sieht nichts und Love in Exile gibt es Passagen, die von diesem Talent geprägt sind und im Fall des Beobachters auch Kritik erfuhren. Klassenkampf mit Humor zu verbinden, wie es Anderson gelang, schien den meisten Genoss/-innen in Ostberlin und New York wohl unmöglich. Dementsprechend übte Anderson Selbstzensur und hielt ihre Beiträge für linke amerikanische Zeitschriften oder ihre Hörspiele, die vom Rundfunk der DDR produziert wurden, frei von Humor – selbst dann noch, als über den Unterhaltungswert von Kultur offiziell debattiert wurde. Andersons Hinwendung zum Hörspiel war sicher ihren negativen Erfahrungen bei der Veröffentlichung des Beobachters und der Anthologie Blitz aus heiterm Himmel in den Jahren 1972/73 geschuldet. Diese lehrten sie, dass sie nur noch unter größten Schwierigkeiten in der DDR Bücher publizieren konnte, und dementsprechend sah sie sich nach anderen Betätigungsfeldern um. Gleichzeitig hatte der Rundfunk der DDR immer wieder sein Interesse an den Arbeiten von Autor/-innen bekräftigt und etwa 1971 einen ersten Kurzhörspielwettbewerb unter den Berufsautor/-innen ausgeschrieben (vgl. Bolik 1994: 166). In seinem Referat auf dem VII. Schriftstellerkongress 1973 warb der Leiter der Funkdramatikabteilung des Rund-

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funks der DDR, Manfred Engelhardt, für eine stärkere Beteiligung der DDRSchriftsteller/-innen am Hörspiel, indem er auf kurze Produktionszeiten und hohe Hörerzahlen (die Hörspiele wurden üblicherweise auf allen fünf Sendern des DDRRundfunks wiederholt) hinwies (ebd.: 187). Andersons erstes Hörspiel, Chile, scharf wie eine Degenklinge, ein Kurzhörspiel von ca. neun Minuten, wurde von Horst Liepach inszeniert und am 11. Oktober 1973 erstmals ausgestrahlt. Der Text war eine Reaktion auf die aktuellen Ereignisse in Chile im September 1973. Dem Putsch und dem Tod des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende folgten Folter und Ermordung von tausenden Sympathisant/-innen der ehemaligen Regierung sowie von Mitgliedern linker Parteien und Gewerkschaften. Zu den dramatischen Ereignissen im September 1973 in Chile gehört auch der Tod des Dichters und Diplomaten Pablo Neruda. Neruda gehörte zu den bedeutendsten Dichtern des 20. Jahrhunderts. In seinen Werken setzte er sich als Kommunist mit dem politischen Kampf der Linken und den Entwicklungen in Südamerika auseinander, aber auch Liebesgedichte nahmen einen großen Teil seines umfangreichen literarischen Schaffens ein, für das er 1971 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Seit den 1920er Jahren begleitete Neruda verschiedene diplomatische Ämter in asiatischen und europäischen Ländern. 1969 wurde er von der kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert, verzichtete aber auf den Posten zugunsten seines Freundes, dem vom Wahlbündnis Unidad Popular favorisierten Sozialisten Salvador Allende. Als Präsident ernannte Allende 1971 Neruda zum chilenischen Botschafter in Paris. Sein sich verschlechternder Gesundheitszustand zwang Neruda das Amt 1972 niederzulegen und nach Chile zurückzukehren, wo er am 23. September 1973 seinem Krebsleiden erlag. Neben den vielfältigen tragischen Ereignissen in Chile im September 1973 boten Nerudas reichhaltiges literarisches Schaffen sowie seine politischen Überzeugungen und Tätigkeiten eine riesige Fülle an Material für eine literarische Auseinandersetzung. Aus dieser Menge und den unmittelbaren Geschehen heraus entschied sich Anderson noch im September 1973, kurz nach seinem Tod, Nerudas Verhältnis zu den USA und dem Werk Walt Whitmans in einem Kurzhörspiel darzustellen. Neruda selbst hatte sich in mehreren Gedichten und Prosatexten zu dem großen Einfluss bekannt, den Whitmans Werk auf ihn hatte (vgl. Perlman/Folsom/Campion 1998). In »Ode to Walt Whitman« (1956) etwa ist es Whitmans Hand, die den Sprecher seit seiner Jugend führte und hielt. »I touched a hand and it was the hand of Walt Whitman. During

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my entire youth I had the company of that hand, that dew, its firmness of patriarchal pine, its prairie-like expanse, and its mission of circulatory peace.« (Neruda 1998b: 225)

In seiner P.E.N.-Ansprache 1972 erklärte Neruda, warum Walt Whitman zu seiner Leitfigur wurde: »To speak frankly: he had no fear of either moralizing or immoralizing, nor did he seek the fields of pure and impure poetry. He was the first totalitarian poet: his intention was not just to sing, but to impose on others his own total and wide-ranging vision of the relationships of men and nations. In this sense, his patent nationalism forms part of a total and organic universal vision: he held himself to be the debtor of happiness and sorrow alike, and also of both the advanced cultures and more primitive cultures.« (Neruda 1998c: 232)

Für Neruda war es immer wieder Whitmans Fähigkeit des Allumfassenden gekoppelt mit seinem sozialen Bewusstsein, die ihn zum Dichter des gesamten amerikanischen Kontinents erhoben. In »I Begin by Invoking Walt Whitman«, ein Gedicht Nerudas aus den frühen 1970er Jahren, sucht der Sprecher Unterstützung bei Whitman, um mit den Mitteln des Dichters, »armed with a terrorist’s sonnet« (Neruda 1998a: 230), Richard Nixon, »who practices genocide from the White House« (ebd.), Einhalt zu gebieten. »Because I love my country I claim you, essential brother, old Walt Whitman with your gray hands, so that, with your special help line by line, we will tear out the roots and destroy this bloodthirsty President Nixon.« (Ebd.)

Obwohl Anderson in ihrem Hörspiel gerade diesen Dialog zwischen Neruda und Whitman unter Verwendung von Texten der beiden Dichter fortführte, benutzte sie interessanterweise die eben vorgestellten Texte, in denen sich Neruda ausdrücklich auf Walt Whitman bezieht, nicht. Möglicherweise waren sie zu optimistisch und passten nicht zu dem Schmerz den Neruda nach den Ereignissen vom 11. September 1973 für sein Land empfunden haben muss. »Leave me to my elegy, Yankee. I too am dead and walking«116, sagt Andersons fiktiver Neruda anfangs zu seinem Dialogpartner Whitman. Wenn auch nicht in Versform, so ist Andersons Dialog doch in gewissem Sinne die Elegie, die Neruda aufgrund seines eigenen Todes nicht mehr schreiben konnte. Nerudas Verzweiflung wird am Anfang des Dialoges deutlich, wenn er auf die Frage nach seinem Namen

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antwortet: »What does it matter? – Since day and night this misery yelps by the huts of my murdered people. They had only just begun to sing, an old song full of tears and hope and pain, when the hangman woke and drenched the land with blood.«117 Die Ereignisse in Chile sind dem fiktiven Whitman nicht fremd. Mit Worten aus seinem Gedicht »I Sit and Look Out« (1860) identifiziert er sich gegenüber Neruda in Andersons Text und bringt sein Wissen und seinen Schmerz über die Ungerechtigkeit der Welt zum Ausdruck. In Whitmans Original folgt der einführenden Zeile »I sit and look out upon all the sorrows of the world, and/ upon all oppression and shame« (Whitman 1996: 299) eine Auflistung von sieben Beobachtungen des Sprechers, in denen Menschen durch sich selbst oder in Beziehungen, durch Systeme, die Natur oder einfach durch die Arroganz anderer großes Leid erfahren. Doch wie aus der letzten Zeile des Gedichtes hervorgeht, kann der Sprecher nicht mehr als ein Bewusstsein für dieses Leid bieten: »All these – all the meanness and agony without end I sitting/ look out upon,/ See, hear, and am silent.« (Ebd.) Anderson übernimmt keine der Zeilen aus Whitmans »I Sit and Look Out«, die das Leid privater Beziehungen thematisieren, wie etwa »I see the wife misused by her husband«, sondern solche, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung im größeren Rahmen beschreiben und passt diese der Thematik ihres Dialoges an. So heißt es in Whitmans Original: »I see the workings of battle, pestilence, tyranny, I see martyrs and prisoners« (ebd.: 300), doch Andersons Whitman erwidert Neruda: »Everywhere on earth I see today the workings of battle, pestilence, tyranny wrought by my own tyrants – I see martyrs and prisoners; I observe the slights and degradations cast by arrogant persons upon laborers, the poor, and upon men of color; all the meanness and agony without end inflicted on your nation by the vassals of mine I look out upon, see, hear, and am silent.«118

In Andersons Version benennt Whitman nicht nur die Unterdrückung, die er beobachtet, sondern identifiziert seine Landsleute als Verursacher des Leides in Chile. Wie im Originalgedicht drückt am Ende auch Andersons Whitman mit »I look out upon, see, hear and am silent« eine traurige Ratlosigkeit aus oder, wie David Baldwin meint, eine Einsicht in die Notwendigkeit, die Dinge zu akzeptieren. »In this powerful lyric, then, he is dramatizing the fact that he sees the world as it is in its worst condition, that he is pained by what he sees, but that he has no choice but to accept it.« (Baldwin 1998: 299) Doch bei dieser Hilflosigkeit oder Akzeptanz belässt es Anderson nicht. Bei ihr ist es Neruda, der Whitman an seine Rufe nach Revolution und Widerstand erinnert: »No, my teacher, you were never silent, and my song is yours. […] Was it not you who cried, ›Courage yet, my brother! Keep on! Revolt! And still revolt! Revolt!‹– who wrote, ›When liberty goes out of a place, it is not the first to go, nor the second or third to go, it waits for all the rest to go – it is the last‹?«119

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Mit der Referenz auf Whitmans »To a Foil’d European Revolutionaire« (1856), in dem der Sprecher die Rebellierenden ermutigt, auch in der Niederlage die Hoffnung nicht zu verlieren, ändert sich die Stimmung in Andersons Dialog und aus der Klage erwächst Zuversicht. Mit Zeilen aus Nerudas Gedicht »I wish the woodcutter would wake up« (1948), in dem er sein positives Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und seinen Arbeiter/-innen in einer Weise beschrieb, die inhaltlich wie stilistisch stark an Whitman erinnert, beantwortet Andersons Neruda die bange Frage seines Gesprächspartners: »Can one still love that cursed country?« »It is your peace we love, Walt Whitman, not your mask. Your origin is humble like a washerwoman’s beside your rivers. […] We love your man whose hands are red from the clay of Oregon, your Negro son who brought you his music born in the ivory zones. Your industrious blood is what we love, your worker’s hand grimed with oil, and Abe Lincoln […].«120

Zum Vergleich die Zeilen aus Nerudas Original von 1948 in einer Übersetzung von Robert Bly: »What we love is your peace, not your mask. Your warrior’s face is not handsome. North America, you are handsome and spacious. You come like a washerwoman, from a simple cradle, near your rivers, pale. Built up from the unknown, what is sweet in you is your hivelike peace. We love the man with his hands red from the Oregon clay, your Negro boy who brought you the music born in his country of tusks: we love your city, your substance, your light, your machines, the energy of the West, the harmless honey from hives and little towns, the huge farmboy on his tractor, the oats which you inherited from Jefferson, […] what we love is your workingman’s blood: your unpretentious hand covered with oil.« (Neruda 1971)

Der Vergleich von Andersons Text mit der Übersetzung von Robert Bly zeigt neben übersetzerischen Unterschieden auch Schwerpunktsetzungen Andersons. Angesichts der amerikanischen Außenpolitik Anfang der 1970er Jahre war die fast vorbehaltlose Begeisterung für die USA, wie sie Neruda 1948 in seinem Gedicht aus-

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gedrückt hatte, kaum noch gerechtfertigt und daher legte Anderson den Fokus von Nerudas Worten wohl auf seine Liebe zu den amerikanischen Arbeiter/-innen. Darüber hinaus tauschte sie den von Neruda benannten Thomas Jefferson mit Abraham Lincoln aus, um das Gespräch zwischen Neruda und Whitman auf ein weiteres Thema zu leiten, welches sie verband. Bekanntermaßen hegte Whitman große Sympathien für Präsident Lincoln, da er seine demokratischen Ansichten, seine Einstellung zur Einheit der amerikanischen Staaten und seine Achtung für das einfache Volk teilte. Die Ermordung seines geliebten Präsidenten im April 1865 hatte großen Einfluss auf Whitman und sein Werk und veranlasste ihn zu Gedichten wie »O Captain! My Captain!« und »When Lilacs Last in the Dooryard Bloom’d« oder seinen Vortrag »Death of Abraham Lincoln« (1879). In diesem Vortrag, den Whitman zwischen 1879 und 1890 fast jährlich zu Lincolns Todestag hielt, erinnerte er sich, wie er Lincoln erstmals in New York und später in Washington gesehen hatte. Wenn Anderson auch nicht aus den Originaltexten zitiert, erwähnt ihr Whitman ganz ähnliche Eindrücke von der Erscheinung und dem Wesen Lincolns. So heißt es im Hörspiel über Lincoln: »Dear to democracy to the very last! Not but that he had faults and showed them in Presidency; but honesty, goodness, shrewdness, conscience, and Unionism in its truest and amplest sense formed the hardpan of his character. These he sealed with his life.«121 Neruda reagiert auf diese Worte mit dem Ruf »Allende!«, denn in der Beschreibung von Lincoln findet er seinen Freund und Präsidenten Allende wieder. Mit der Bewunderung und der Trauer um den Präsidenten, der durch seine politischen Gegner zu Tode kam, stellte Anderson eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Whitman und Neruda her, die Neruda selber aufgrund seines frühen Todes nicht formulieren konnte. Damit schrieb sie den Dialog fort, den Neruda in seinen Werken mit Whitman begonnen hatte. Ähnlich wie Whitmans Klage um seinen Präsidenten Abraham Lincoln in »When Lilacs Last in the Dooryard Bloom’d« endet Andersons Text, nachdem sich die beiden Dichter erkannt und die tragischen Ereignisse besprochen haben, mit Zuversicht. Wie in Whitmans Bürgerkriegsgedicht »The Return of the Heroes« (1867) kann der Sinn des Todes der Helden in einer besseren Zukunft liegen sowie in den Einsichten, die der Tod befördert. »The tragic splendor of a hero’s death, purging, illuminating all« sagt etwa Andersons Whitman und Neruda erinnert an die Massen von Menschen, die für den Kampf bereit stehen: »There are so many of us, so very many on our side!« Mit einer ähnlichen Begeisterung wie in den ersten »DrumTaps«-Gedichten ruft nun auch Andersons Whitman zum Kampf. Im Hintergrund die ersten Klänge der »Internationale« und schließlich das Rauschen des Meeres, endet das Hörspiel mit dem gemeinsamen Schlachtruf der Dichter: »II:

One falls and another falls. The fighter drops, sinks like a wave, but the ranks of the ocean eternally press on.

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A ragged bugle sounds the first three notes of ›Taps‹ I: My people shall win. All people shall win. Bugle. The fourth, fifth, sixth notes of ›Taps,‹ passing into the ›International‹ I: Venceremos! II: Venceremos! The ›International‹ breaks off on the eleventh note. Ocean waves crash against the shore; again; again.«

Wenngleich das Ende des Dialoges etwas plakativ erscheint, so befindet sich Anderson damit doch in einer langen Tradition von Dichtern und gerade spanischsprachigen Dichtern, die Walt Whitman für ihre Ziele in Anspruch genommen haben (vgl. Perlman/Folsom/Campion 1998: 21–75). Anderson setzt die Konversation, die Neruda in seinen Gedichten mit Whitman begonnen hat, fort und streicht neben der Erfahrung des Bürgerkrieges und der Revolution weitere Gemeinsamkeiten wie etwa die Trauer um den verehrten Präsidenten heraus. Mit den Abwandlungen von Originaltexten der beiden Lyriker konnte Anderson ihren Dialog der beiden stärker fokussieren. Gleichzeitig ging mit diesen Abwandlungen der Originaltexte einiges verloren, was die Kraft und das Progressive von Whitmans Poesie kennzeichnet, so etwa die katalogartigen Aufzählungen. Dennoch gelang es Anderson hier, einen Eindruck von Walt Whitman zu vermittelten. Mit der Einbettung des chilenischen Militärputsches in den Rahmen eines Gespräches zwischen Neruda und Whitman bildete ihr Hörspiel einen Beitrag zum Bild der USA in der DDR. Mit Whitman selbst und Nerudas Antwort auf seine bange Frage, ob man seine Heimat noch lieben könne, verwies Anderson auf das progressive, das demokratische Amerika, das der Arbeiter/-innen. Anderson relativierte also das negative Bild der USA zu einer Zeit, in der die CIA die Machtergreifung der Putschisten aktiv unterstützt hatte und damit die Mitschuld am Leid von tausenden Chilenen trug, indem sie an das ›andere, das gute Amerika‹ erinnerte. Andersons zweites Hörspiel, Briefe aus New York122, basiert auf dem ersten Teil ihres Amerika-Buches Der Beobachter sieht nichts und wird aufgrund der ausführlichen Analyse des Textes im vorangegangen Kapitel hier nur kurz dargestellt. Wie schon erläutert, konnte das Buch nur nach langen Diskussionen in höchsten Parteiund Ministerkreisen 1976 eine zweite Auflage erlangen. Umso überraschender scheint es, dass der Rundfunk der DDR unter Regie von Günther Rücker 1974 ein Hörspiel auf der Basis des Buches produzierte. Doch das widersprüchliche Umgehen mit Andersons Buch illustriert auch, wie die DDR funktionierte: Wenn ein Weg versperrt war, konnten mit einigem Geschick und Überzeugungskraft durchaus noch andere gefunden werden. Darüber hinaus enthält das Hörspiel nicht die Themen, deren Darstellung – etwa die der CPUSA – bei Klaus Steiniger oder anderen auf Kritik gestoßen waren. Vielmehr sind es die ersten Beobachtungen und Erfahrungen, die die Protagonistin

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Irene Schell nach zwanzigjähriger Abwesenheit in New York macht. Mittels der Dialoge mit Mitbewohner/-innen, früheren Freundinnen, Arbeitsvermittler/-innen und Arbeitgeber/-innen sowie Immobilienmakler/-innen werden die schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen in New York dargestellt. Dieses Kaleidoskop von Gesprächen und Themen ergänzt Anderson durch Kommentare der Protagonistin, die ähnlich wie im Buch an ihren Freund in der DDR gerichtet sind. Stärker als die Dialoge, die in erster Linie das Leben und die Erfahrungen der weißen Mittelklasse abbilden, vermitteln die Kommentare die Wahrnehmung und Gefühle der Protagonistin in dieser Welt. »Irene:

Ach Hannes, was würde ich geben für fünf Minuten mit dir! Das würde meine Situation nicht ändern, aber mich! Lacht. Als ob ich etwas geben könnte! Ich habe alles verbraucht, auch das Geld für die Rückfahrt. Warum musste ich Idiot einen Plattenspieler kaufen? Nur weil ich deprimiert war! GELD brauche ich. Ich muß den Apparat zurückbringen, Hannes, ich hab ihn noch gar nicht ausgepackt, ich werde dem Mann erzählen, es ist jemand in der Familie gestor123 ben, oder so.«

Damit das Hörspiel nicht zum Hörbuch gerät, sind solche inneren Monologe, die einen Einblick in die Gedanken der Protagonistin gewähren, nur in Maßen verwendbar. Im Vergleich zu Andersons Beobachter, welcher nicht allein das New York der späten 1960er Jahre, sondern zugleich die Erfahrungen und Entwicklung einer Remigrantin schildert, erscheint das Hörspiel Briefe aus New York eher als Sittenstück. Es präsentiert extrem viele negative Aspekte des Lebens in New York wie etwa die Bedeutung des Scheins, die notwendige Heuchelei und Lüge, um einen Job zu bekommen, die Arbeitslosigkeit, die aus den hohen Lebenshaltungskosten erwachsenden Existenzängste, Kriminalität, die Verwahrlosung und psychischen Erkrankungen der Bevölkerung. Während diese anfänglichen Beobachtungen des Lebens im Kapitalismus im Buch durch die fortschreitende Integration der Erzählerin in die amerikanische Gesellschaft ergänzt werden, bilden sie im Hörspiel den alleinigen Inhalt und vermittelten damit ein extrem negatives Bild von den Lebensverhältnissen in den USA. Dem ›anderen, dem guten Amerika‹ wandte sich Anderson wieder in ihrem letzten Hörspiel Endlich frei! Endlich frei! – Der Tod Martin Luther Kings Anfang der 1980er Jahre zu. Der Regisseur Achim Scholz produzierte das Stück für den Rundfunk der DDR, wo es am 11. Oktober 1984 erstmals ausgestrahlt wurde. Endlich frei! zeichnet wesentliche Stationen in Martin Luther Kings Leben zwischen 1953 und 1968 nach. Kings Frau Coretta fungiert als Dialogpartnerin für King wie auch als übergeordnete Erzählerin, die die Ereignisse zusammenfasst, kommentiert bzw. in den Kontext setzt. Dazu gehören der Busboykott in Montgomery 1955, die Aktionen zur Beendigung der Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen, die Pro-

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testdemonstrationen in Birmingham, Kings berühmte Ansprache »I have a Dream« 1963, die Entwicklung militanter Gruppen als Reaktion auf die anhaltende Diskriminierung und gewalttätige Übergriffe auf Afroamerikaner/-innen, die Ermordung von John F. Kennedy und Malcolm X, Kings Kritik am Krieg in Vietnam 1967 sowie die Vorbereitung des Marsches auf Washington 1968. Durch den Versuch, eine Zeitspanne von fünfzehn Jahren in einem Hörspiel von ca. einer Stunde darzustellen, konnte lediglich ein Eindruck von den verschiedenen Aspekten der Bürgerrechtsbewegung vermittelt werden. Da aber dieser Kampf in seiner Differenziertheit nicht zum Allgemeinwissen in der DDR gehörte, war das Hörspiel äußerst informativ, es entwickelte aber keine Konflikte oder Kontraste, die die Rezipient/-innen in Unruhe versetzt hätten. So reagiert etwa Coretta auf die Sorge ihres Mannes, dass er mit der Übernahme der Leitung des Busboykotts auch seine Familie in Gefahr bringen könnte, mit den Worten: »Martin, bei allem, was du tust, steh’ ich hinter dir.«124 Ein anderer, später häufig diskutierter Konflikt war die Beteiligung von Kindern bei den Aktionen in Birmingham und die Gefahr, dass diese Kinder der Polizeigewalt zum Opfer fallen könnten. Auch dieser Aspekt wird in Andersons Hörspiel nicht als Problem thematisiert: »Coretta 1:

In Birmingham hatte es kaum ein schwarzer Bürger gewagt, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Unter Martins Führung demonstrierten sogar Kinder. Die Wasserstrahlen rissen ihnen die Kleider vom Leib, doch sie rührten sich nicht vom Fleck, auch nicht, als Polizeihunde auf sie losgingen. 959 Kinder wurden an dem Tag ins Gefängnis geworfen.«125

Der Tenor des Hörspieles besteht in der Heroisierung Kings und des gewaltfreien Kampfes der Schwarzen. Anstatt die Konflikte tiefer auszuleuchten, Kings Politik zu hinterfragen und einen beunruhigenden Blick in die Schwierigkeiten des Kampfes zu eröffnen, versucht Anderson, mittels Szenen aus Kings Privatleben, den Helden vom Sockel zu holen und als lebendigen Menschen zu präsentieren. So etwa erinnert sich Coretta an ihre Bedenken, die sie gegenüber der Ehe mit einem Pastor hegte: »Coretta 2:

Ach, ich wollte doch keinen Pastor heiraten! Aber Martin war ganz anders als das Klischee, das ich mir vorstellte. Sein Gewissen war etwas Gewaltiges. Er empfand es als Privileg, zu einer Familie zu gehören, der es finanziell einigermaßen gut ging. Er war ein wahrhaft demütiger Mensch. Gerade deshalb arbeitete er schwer und lernte ständig. Aber er war so lebhaft und witzig, es machte solchen Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Er war ein blendender Tänzer. Ach ich konnte mich nicht entscheiden. Dann kamen seine Eltern nach Boston hoch zu Besuch. Daddy King: Coretta, nehmen Sie meinen Sohn ernst? Coretta 2: Nein.

312 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON Daddy King: Das höre ich gern. Martin geht mit hübschen Mädchen aus, zieht uns mit hinein und verliert dann anscheinend das Interesse. Etliche Mädchen hatten einiges zu bieten. Coretta 2: (pikiert und stolz) Ich habe auch einiges zu bieten. – Das wurde ein Familienwitz.«126

Selbst wenn King in dieser Szene als Frauenheld gezeigt wird, steht die Ehrfurcht vor Kings moralischer Verantwortung und seinem Arbeitsethos im Vordergrund des Hörspieles. Sicher sprachen die Quellen, auf die sich Anderson bei der Erstellung des Hörspieles bezog, so etwa Coretta Kings Erinnerungen an ihren ermordeten Ehemann, mit ebensolcher Ehrfurcht über Kings Persönlichkeit und seinen Kampf. Dennoch bleibt es bemerkenswert, dass Anderson, die an anderer Stelle ihre Fähigkeiten zur Analyse und zur Ironie auch bei für sie bedeutsamen Themen wie der CPUSA oder den Beziehungen zwischen Männern und Frauen schon oft unter Beweis gestellt hatte, 1984 bei der Darstellung Martin Luther Kings und des Kampfes der Afroamerikaner/-innen um Gleichberechtigung so seltsam zahm blieb. Diese Haltung erinnert an Andersons Verhältnis zu dem Cherokee Jimmie Durham, den sie als Angehörigen einer diskriminierten Minderheit mit großer Ehrfurcht behandelte. Allerdings scheint es, als hätte Anderson ein besonderes Verhältnis zu der Gruppe der Afroamerikaner/-innen gehabt und ihr Interesse an ihnen ging über ihre sonst übliche Sensibilität gegenüber Minderheiten hinaus. Dieses besondere Verhältnis mag von der Begegnung mit Richard Wright in Paris 1948 geprägt worden sein und als Übersetzerin von Lorraine Hansberrys Stück A Raisin in the Sun (1958) wurde Anderson 1963 noch stärker für die Situation der schwarzen Bevölkerung in den USA und die verschiedenen Positionen innerhalb dieser Gruppe sensibilisiert. Von zentraler Bedeutung für Andersons Verständnis für die Rassenproblematik waren ihre Erfahrungen, die sie während des einjährigen Aufenthaltes in New York 1967/68 sammelte. In ihrem Beitrag »Todkranker Riese USA« für die FDJ-Zeitschrift Forum (Anderson 1967) und vor allem in ihrem Buch Der Beobachter berichtete Anderson von den Gesprächen, die sie mit Levi, einem Freund Stokely Carmichaels, führte und die ihr einen Einblick in den militanten Flügel der Bürgerrechtsbewegung vermittelten. Wenngleich Anderson Levis Radikalität kritisch gegenüberstand, so verkörperte er doch den Kampfgeist, den Anderson in den 1930er und 1940er Jahren in den Kreisen der amerikanischen Linken gefunden hatte. Im Vergleich zu Levi und der Bewegung der Schwarzen wirkte die traditionelle Linke, der Anderson 1967 begegnete, blass. Die Mitglieder der amerikanischen KP empfand Anderson als uralt und teilweise senil und die meisten Freund/-innen aus den 1940er Jahren hatten sich von der Partei getrennt und waren bürgerlich geworden. Ihre Ansichten und Lebenseinstellungen erschienen Anderson fremd und sinnentleert.

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Nach der schockierenden Einsicht, dass die amerikanische Linke, die ihr einst Heimat war, sich verändert hatte, blieb Anderson dennoch auf der Suche nach dem, was für sie davor die Heimat verkörperte. Anderson betonte immer wieder, dass dieses Heimatgefühl vor allem auf Ansichten und Werten basierte, die sie mit ihren Jugendfreund/-innen verbunden hatte. Dazu gehörten demokratische Überzeugungen ebenso wie der Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft. So schrieb Anderson in ihrem Essay »Der patriotische Bigamist« über ihre Erfahrungen in New York Anfang der 1960er Jahre: »Verloren, suchte ich nach etwas Vertrautem, woran man sich halten konnte […], nach den Prinzipien, für die so viele aus meiner Heimatstadt einst Opfer brachten. Wie das ehrliche Brot, so schienen auch diese Werte von der glatten Oberfläche des amerikanischen Lebens verschwunden zu sein. Ich peinigte meine Freunde mit Fragen nach der sozialen Gärung der Dreißiger und der geistigen Freiheit der Vierziger Jahre. Die Geistesschaffenden, die ich sprach, waren bedrückt durch die herrschende Kommerzialisierung des Denkens, durch die opportunistischen Zweideutigkeiten, bei denen sie selbst mitmachten, um zu existieren. Ich hatte Heimweh nach Amerika gehabt; sie auch. Sie waren Verbannte der Roosevelt-Epoche, auf die sie zurückblickten wie auf ein goldenes Zeitalter der Wahrheit und des ursprünglichen Gefühls.« (Anderson 1961b: 105)

Während die ehemals aktiven Linken nun abgeschlafft erschienen, konnte sich Anderson sehr wohl mit der Bürgerrechtsbewegung identifizieren, bot diese doch soziale Gärung, »ursprüngliche« Gefühle und Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Auch wenn sie mit verschiedenen Ansichten militanter Schwarzer, was die Wahl ihrer Mittel oder ihre Einstellung gegenüber Juden betraf, nicht übereinstimmte, so übten junge Menschen wie Levi eine Faszination auf sie aus und erinnerten sie an das Amerika ihrer Jugend. All diejenigen, die sich als Schwarze oder Weiße in der Bürgerrechtsbewegung engagierten, hatten nicht resigniert, sondern führten den Kampf um Gerechtigkeit fort und bildeten das progressive Amerika, in dem Anderson sich zu Hause fühlte. Wie Anderson den Weg von der Beobachterin zur Teilnehmerin an der Gesellschaft im Beobachter beschreibt, bot gerade die Rassenproblematik Möglichkeiten zur Positionierung und Aktion und damit auch zur Integration in diese zunächst fremd erscheinende Gesellschaft. Besonders eindringlich gelingt das der Protagonistin, als sie anlässlich der Ermordung Martin Luther Kings sein Foto an ihrem Arbeitsplatz aufhängt. Dies führt zu verschiedenen Reaktionen, Hierarchien werden durchbrochen, einige Kolleg/-innen wenden sich nun von ihr ab, andere hingegen lernt sie durch diese Aktion erst kennen: »Mona hatte nie mit mir zu sprechen geruht, weil ich aus dem ›vorderen Büro‹ war. […] Sie las die Worte unter Dr. Kings Bild und sagte ›Gut!‹, und ich sah zum erstenmal, daß ihre gelben Katzenaugen sich erwärmen konnten. Ich weiß nicht, welcher Rasse oder Nationalität sie ist. Ein paar Minuten später kam eine sehr schwarze Frau aus dem hinteren

314 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON Büro herein, blieb eine Weile, wie vor einem Heiligtum stehen, beschenkte mich mit einem solidarischen Kopfnicken und ging hinaus.« (Beo: 305)

Neben der Bekanntschaft mit Sympathisant/-innen in ihrem unmittelbaren Umfeld führen die Reaktionen auf die Ermordung Kings in der amerikanischen Gesellschaft die Protagonistin zu einem veränderten Verhältnis zu ihrer Heimat. So notiert sie am 10. April 1968: »Seit der Mordtat und all dem Entsetzlichen, das sich in der Folge ereignet hat, fühle ich mich diesem Lande näher. Der Schock hat einen Vorhang beiseite gerissen, und mit einemmal sehen sich die Menschen. Es gibt eine bedeutende und ermutigende Menge anständiger und nachdenklicher Menschen in diesem Lande.« (Beo: 307)

Aufgrund dieses Ereignisses und den darauffolgenden Reaktionen der Amerikaner/innen findet die Erzählerin wieder Zugang zu den progressiven Kreisen der Amerikas, die zwar nicht unbedingt für den Sozialismus oder Kommunismus kämpfen, aber sich dennoch für eine gerechtere Welt einsetzen. Angesichts der Bedeutung, die die Bürgerrechtsbewegung und Kings Tod für Andersons Verhältnis zu ihrer Heimat hatten, scheint es nicht erstaunlich, dass sie noch fünfzehn Jahre später Kings Kampf in einem Hörspiel gestaltete. Aus dem Hörspiel Endlich frei! entwickelte Anderson auch ein Bühnenstück, das jedoch nie zur Aufführung gelangte, möglicherweise weil die Regisseure fehlten oder weil, wie Andersons Freundin Lia Pirskawetz 1984 schrieb, »alle Dramaturgen […] Angst vor Gegenwartsstücken [haben].«127 Inwiefern Andersons Stück nun als ›heißes Eisen‹ gelten konnte, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren. Dennoch wiesen die Ereignisse in der DDR im Herbst 1989 erstaunliche Parallelen zu der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre auf. Dies betraf nicht nur die Gewaltlosigkeit der Demonstrant/-innen, sondern ebenso die Rolle der Kirchen. Wie die Existenz des Martin-Luther-King-Zentrums im Erzgebirge bestätigt, gab es in der DDR viele Anhänger des schwarzen Bürgerrechtlers. Georg Meusel, Mitarbeiter des Zentrums, schreibt zu Kings offiziellem Ansehen in der DDR: »Obwohl der Anti-Imperialist, Freiheitskämpfer und öffentlich bekennende Vietnamkriegsgegner Martin Luther King in der offiziellen DDR hoch im Kurs stand, war er den Ideologen der DDR-Partei und Staatsführung dennoch verdächtig. Denn der Lehre vom gerechten Krieg, dem bewaffneten Befreiungskampf und der bewaffneten Revolution setzte Martin Luther King Geist und Methode des gewaltfreien Widerstandes entgegen.« (Meusel 2004)

In ihrer Gesamtheit fügen sich Andersons Hörspiele für den DDR-Rundfunk sehr wohl in ihr Lebenswerk ein. Wie schon ihre Veröffentlichungen und ihr Einsatz für die Vertreter/-innen des ›anderen Amerikas‹ in der DDR zeigten, war Anderson daran gelegen, einerseits die Unmenschlichkeit des kapitalistischen Systems darzustellen und anderseits die demokratischen und progressiven Kräfte Amerikas in der

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DDR bekanntzumachen. So berichten die Briefe aus New York vom Versuch, in diesem System zu überleben, während Chile, scharf wie eine Degenklinge und Endlich frei! mit Walt Whitman und Martin Luther King an demokratische Ideale erinnern, die ebenso Teil der amerikanischen Kultur sind.

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IN

E XILE

Andersons letztes Werk, Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin (1999), dessen deutsche Übersetzung Cornelia Schroeder 2007 beim Verlag BasisDruck herausgab (vgl. Anderson 2007a), lässt sich nicht ohne weiteres in das bisher dargestellte Gesamtschaffen Andersons als Mittlerin zwischen den Welten einordnen. Es sind aber gerade die scheinbaren Widersprüche zwischen Andersons früheren Arbeiten und diesen in Love in Exile formulierten Erinnerungen an die 1950er Jahre in der DDR, die eine nähere Betrachtung herausfordern. Darüber hinaus handelt es sich um Andersons letztes Werk mit autobiografischen Zügen und diese finale Version ihres Lebens gibt Auskunft, wie sie ihr Leben am Ende interpretierte und gesehen haben wollte. Zum Verständnis der Eigenart des Buches und seiner Stellung in Andersons Gesamtschaffen wird zunächst dessen Entstehungsgeschichte und das Verhältnis zu früheren Veröffentlichungen Andersons erläutert. Die verschiedenen Identitäten der Erzählerin prägen ihr Erleben des Geschehens. Ihre Wahrnehmungen als Jüdin, als Amerikanerin, als Frau, als Kommunistin und als Mitglied der DDR-Kulturelite werden im zweiten Teil dieses Kapitels untersucht. Die Rezensionen von Love in Exile belegen noch einmal Andersons Vermittlertätigkeit auch nach dem scheinbaren Ende des Kalten Krieges und werden hier abschließend kritisch dargestellt. »The Exiles« – ein Romanprojekt Bereits Anfang der 1960er Jahre begann Anderson mit ersten Vorarbeiten, die – wenn auch stark verändert – schließlich in Love in Exile einflossen. In der jährlichen Umfrage des Schriftstellerverbandes zu laufenden und abgeschlossenen Arbeiten der Mitglieder gab Anderson im Januar 1962 an, sie arbeite an einem Roman mit dem Arbeitstitel »The Exiles«. Zum Inhalt erklärte sie: »Frauen sind ganze Menschen. Wenn sie das vergessen und ihre Ziele vergessen, um für die Ziele ihrer Männer einzutreten, opfern sie das, was sie liebenswürdig, ja attraktiv macht und fühlen sich selbst betrogen und verbittert. Das stört Ehe und Arbeit und ist der 128 kaum erforschte Grund für viel Unglücklichkeit.«

Offensichtlich plante Anderson hier ein Buch, in dem sie die Erfahrungen ihrer Ehe mit Max Schroeder literarisch verarbeiten wollte.

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Die Korrespondenz mit ihrem ehemaligen Lehrer vom Teachers College, Henry Simon, der nun im New Yorker Verlag Simon & Schuster tätig war, gibt weiteren Aufschluss über Andersons Vorhaben. Ursprünglich hatte Anderson Simon kontaktiert, um für ihre Übersetzung von Bruno Apitz’ Buchenwald-Roman Nackt unter Wölfen bzw. ihre eigenen Kurzgeschichten einen amerikanischen Verlag zu finden. Obwohl Simon ihr für beide Vorhaben mit der Begründung des Desinteresses bzw. der Übersättigung des amerikanischen Marktes mit Holocaust-Literatur und Kurzgeschichten eine Absage erteilte, bat er den Literaturagenten Barthold Fles, sich Andersons Erzählungen anzusehen und Vorschläge für deren Veröffentlichung zu unterbreiten. Doch auch Fles sah keine Chance für eine Publikation in den USA. Trotzdem hielt er Anderson für eine begabte Autorin, der er 1963 folgenden Rat mitgab: »If I were Miss Anderson I would try the longer form – the novel. It is obvious that she is a good and sensitive writer, that she has something to say, that she knows people and in general she writes very natural dialogue. […] Miss Anderson’s stories are pretty far removed from the American experience, […] but in a novel this may be an advantage rather than a drawback. I feel that her unique experience, living where she does, gives her a chance to write an exceptional novel about life in the Sektor – or East Berlin – and the fact that she is there and would know what she is writing about would make such a book valuable as well as interesting. I see this as a contemporary novel without obvious propaganda but rather a picture of life as it is. […] Actually such a book would have no compe129 tition as far as subject is concerned in this country, so far as I know.«

Durch Fles Empfehlung ermutigt, einen Roman über das Leben im Osten zu schreiben, sandte Anderson ihr erstes Kapitel sowie eine Zusammenfassung des geplanten Plots von »The Exiles« an Henry Simon. Wie aus dem Exposé hervorgeht, standen bei diesem Romanprojekt die Entwicklung einer Frau sowie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern im Vordergrund. Die Situation der Protagonistin Frances als Exilantin prägt zwar den Inhalt des Buches, aber der Ort an sich – Ostberlin – und die damit einhergehenden politischen und ideologischen Implikationen spielen in Andersons Vorschau des Buches keine Rolle. Genau das kritisierte Henry Simon: »For you are far too intelligent, sophisticated and worldly wise a woman not to know that a novel set in East Berlin, written by an American for American readers, must come directly to grips with the problem of Communism. […] Most Americans (me included) are deeply interested in the East German regime, and to have a heroine who appears almost oblivious to it is to disappoint the reader and obliterate any interest he might otherwise 130 have in her.«

Simon forderte Anderson auf, Frances’ Erfahrungen mit der politischen Atmosphäre des Ortes nicht auszusparen, ansonsten käme eine Publikation in den USA nicht in Frage.

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Anderson zeigte sich erfreut über Simons Reaktion. Wie sie ihm erklärt, hat sie die Beziehungsgeschichte von Frances und ihrem deutschen Partner Philip in den Vordergrund gerückt, da sie fürchtete, ein Roman über die Probleme des Kommunismus in Ostdeutschland könne weder in den USA noch in der DDR publiziert werden. Ihrer Meinung nach müssten in einem solchen Werk auch die Ursachen für diese Probleme angesprochen werden und diese lägen vorwiegend außerhalb des Systems: »It is the government of the United States which initiated the division of Germany, which built up West-German neo-fascism and revanchism, which invested astronomic sums in the sabotage of the East German economy, and which uses all its propaganda resources to demoralize the East German population, systematically exploiting every weakness in the East German leadership, every misfortune East German socialism has suffered (often through deliberate efforts of the C.I.A.) and the historically conditioned vulgar material131 ism and lack of patriotism of most German people.«

Diese Interpretation der Entwicklungsprobleme des Kommunismus in der DDR hatte Simon offenbar nicht im Sinn, als er Anderson ermutigte, die politischen Aspekte von Frances’ Exil im Roman zu thematisieren. Ihre Erklärungen erschienen ihm für eine gebildete amerikanische Leserschaft zu naiv. Wütend schrieb er seiner ehemaligen Studentin: »But to attribute all of East Germany’s economic and other woes to the West and, specifically, to ›the Dulles family‹ strikes me as ludicrously inadequate, and therefore a novel which tries to communicate on the grounds of such a thesis without, perhaps, even suggesting that the East German uprisings implied discontent with the East, we could not consider a ›good‹ novel. Again, such a phrase as ›The beauty of Communism‹ carries fond memories of one of those intense and naïve ›Seminars‹ of New College thirty years ago. Today it sounds just as uncritical and sentimental to me as the phrase ›The beauty of 132 American democracy‹ must sound to you – or to me, for that matter.«

Wenngleich aus dieser Korrespondenz mit Simon keine Veröffentlichung hervorging, ist sie doch ein weiteres Beispiel für Andersons Wirken im transatlantischen Kulturaustausch. Anderson ließ sich von Simons Kritik nicht entmutigen. Sie war überzeugt, dass sie dieses Buch schreiben musste, auch wenn sie nicht auf seine Unterstützung zählen konnte, und es würde ihrer Meinung nach keine »New College Propaganda« werden, sondern »sound and illuminating«.133 Wie aus dieser Diskussion des Projektes hervorgeht, war Anderson Mitte der 1960er Jahre noch im Begriff, einen Roman über eine Amerikanerin in der DDR zu schreiben. Diese Frau lernt nach dem Tod ihres deutschen Ehepartners dessen politische Überzeugungen sowie sein Verhältnis zu Deutschland besser zu verstehen und relativiert dabei ihre eigenen – häufig kritischeren – Ansichten zu ihrer Beziehung, aber auch zu den Entwicklungen in der DDR. Die Auseinandersetzungen mit Henry Simon mögen Anderson veranlasst haben, die politischen Aspekte des Ortes

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und der Handlung stärker in den Vordergrund zu stellen und von einem Roman, der allein Frances’ Emanzipation thematisiert, abzusehen. Die Auseinandersetzung mit Simon belegt ebenso, dass das Romanvorhaben zu diesem Zeitpunkt keineswegs eine Abrechnung mit dem Stalinismus war, wie sie sich dann in der Endfassung von Love in Exile findet. Vielmehr befand sich Anderson hier in einer Phase, in der sie das Gelingen des Sozialismus in Ostdeutschland optimistisch bewertete. Außerdem schien es gerade angesichts der Entwicklungen in Westdeutschland, die sie als Korrespondentin für den New York National Guardian in den 1960er Jahren kommentierte, keine Alternative zur sozialistischen Gesellschaftsordnung zu geben. »A new sort of book is needed« Wie schon im Kapitel zu ihrem Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts ausführlicher dargestellt, relativierte sich Andersons Blick auf den DDR-Sozialismus Mitte der 1970er Jahre. In ihren Tagebucheinträgen aus dieser Zeit setzte sie sich immer wieder mit dem Zustand der sozialistischen Gesellschaft auseinander und fragte sich, welche Rolle sie in dieser Gesellschaft einnehmen könnte, nachdem ihre Überzeugungen aus den 1960er Jahren der Realität nicht mehr Stand hielten. So schrieb sie etwa im September 1977: »Until now I was determined to fight for a third edition of the book [Der Beobachter sieht nichts]. But now I don’t see the sense. To convince young people they are better off under socialism? They aren’t – not of under this socialism. Would they be under capitalism? No! Where would they be better off? A new sort of book is needed. Mine served its purpose while it was time. It is no longer justified. Someone who knows more than I do is 134 needed.«

Wenn Anderson hier von der Notwendigkeit eines neuen Buches schreibt, so kann dies durchaus auch auf ihr Romanvorhaben »The Exiles« bezogen werden. Mit der Erkenntnis, dass die Mängel des Sozialismus nicht mehr als ›Kinderkrankheiten‹ abzutun waren, ließ sich auch kein Roman mehr schreiben, in dem sich die Protagonistin mit der Zeit den Idealismus ihres verstorbenen Partners zu eigen macht. Ein autobiografisches Buch hingegen gestattete einen Einblick in die Schwierigkeiten des Exils und der frühen DDR und das Ende konnte offener bleiben als bei einem Roman. So entschied sich Anderson in den 1970er Jahren, ihre Erlebnisse als Amerikanerin im Osten nicht mehr in einem Roman zu fiktionalisieren, sondern in Form von Erinnerungen zu formulieren. Doch auch diese Änderung befreite sie nicht von allen Schwierigkeiten, denn. einerseits wollte sie sich mit dem Beginn und eben auch mit den begangenen und noch wirksamen Fehlern des Sozialismus in der DDR auseinandersetzen, um zu verstehen, was falsch gelaufen war. Anderseits fühlte sie eine starke Loyalität und wollte unter keinen Umständen der antikommunistischen Propaganda des Westens

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Vorschub leisten. Diesen Konflikt belegen verschiedene Einträge in ihrem Tagebuch, so etwa am 1. Januar 1979: »›Tell it not in Gath, publish it not in Askelon‹ (II Samuel 1) what a title for my unwritten memoirs.«135 Am Anfang des Zweiten Buches Samuel singt David die Totenklage auf seinen Freund Saul und dessen Sohn und fordert die Judäer auf, dieses Lied zu lernen. Gleichzeitig ermahnt David: »Meldet es nicht in Gat, verkündet es nicht auf Aschkelons Straßen, damit die Töchter der Philister sich nicht freuen, damit die Töchter der Unbeschnittenen nicht jauchzen.« (II Samuel 1: 20) Ähnlich wie David befürchtete auch Anderson, dass die öffentliche Klage dem Feind die eigene Schwäche offenbaren würde. Nicht aus Furcht um ihre eigene Person hatte Anderson ›Schwierigkeiten mit der Wahrheit‹, sondern weil sie die Bedeutung ihrer Kritik weit über das System der DDR hinaus und im Kontext des Kalten Krieges einschätzten konnte. Ihre Aufzeichnungen zu Love in Exile geben einen Einblick in diesen äußerst schwierigen Prozess der Positionsfindung: »Wieviel darf man unterdrücken, ohne die Wahrheit zu verschleiern? Der Mensch ist nicht dumm, aber er kann entmutigt werden. Sage ich ihm, ›Die Wahrheit ist, ich, wir haben einen schweren Fehler gemacht, wir haben blindes Vertrauen zum Falschen gehabt, und dadurch haben wir gegen Unschuldige Unrecht begangen.‹ Der Mensch antwortet: ›Wenn du so schwere Fehler machst, tritt ab. Lass einen anderen deine Arbeit verrichten.‹ Aber ein anderer, der diese Arbeit machen kann, ist nicht da! Er muss erst anerzogen werden. Ich kann abtreten und einen Unfähigeren einsetzen. Was habt ihr davon? Nein – nur die Wahrheit ist sauber und versichert gegen schwere Fehler. Hättet ihr immer die Wahrheit gesagt, hättet ihr die Fehler nicht gemacht. 136 Die Wahrheit vor der ganzen Welt? Feind hört mit!«

Ähnlich wie viele andere Altkommunist/-innen hatte Anderson bisher auf kommunistische Selbstkritik verzichtet, da sie im Westen als antikommunistische Propaganda missbraucht werden konnte. Ende der 1970er Jahre erreichte Anderson jedoch eine Phase, die Alfred Kantorowicz in seinem Aufsatz über die Konfliktsituation der Intellektuellen in der DDR bereits 1969 beschrieben hatte: »Für jeden kommt der Zeitpunkt, an dem er die Widersprüche, in die er gestellt ist, nicht mehr übersehen kann. Wer es sich bequem machen will, der verdrängt die Zweifel und läuft weiter mit. Wer nicht nur Verstand, sondern auch Charakter hat, wird dann die bewusst gewordenen Widersprüche formulieren.« (Kantorowicz 1985: 157) Anderson bewies in diesem Sinne Charakter, indem sie die von ihr beobachteten Widersprüche zwischen Ideal und Realität aus ihren Memoiren nicht aussparte. Doch wie ihre Gedanken zu dem Buchprojekt belegen, formulierte sie Ende der 1970er Jahre ihre Kritik nicht als Überläuferin oder Verräterin, sondern um gängige Praktiken zu hinterfragen und die Ursprünge von Fehlentwicklungen zu analysieren.

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Ob sich Anderson die Publikation ihrer Erinnerungen in der DDR vorstellte, geht aus ihrem Nachlass leider nicht hervor. Angesichts ihrer Publikationserfahrungen aus den 1970er Jahren scheint es jedoch eher unwahrscheinlich, dass sie solche Gedanken hegte. Als ihre amerikanische Freundin Bettina Berch Mitte der 1980er Jahre Anderson eine Lesung aus ihrer gegenwärtigen Arbeit in New York vorschlug, beschrieb Anderson ihr Projekt und die Frage nach einem Verleger folgendermaßen: »My work in progress is a tightrope teeter. Sometimes I wonder how it can be published at all in my lifetime. The tightrope is very high, and there is no net. And that is what the book is about. It is called ›Cold War Marriage‹; it is about the permeation of all relationships by Cold War. It is about how there is no hiding place down here. It is about what has happened to socialism. It is about the involuntary and automatic enslavement of women by everyone, including other women, children and themselves. (If it weren’t for that, men wouldn’t have a chance at it.) I am angry and frustrated and feel like kicking the slats out of doors, but my strength is running out. I need a publisher to take care and 137 to protect me, but does this exist in our cold-war world?«

Die Fassung des Buchprojektes basierte in den 1980er Jahren offenbar auf dem Konzept, dass die Entwicklung des Sozialismus und der menschlichen Beziehungen in der DDR weitestgehend vom Kalten Krieg bestimmt wurden. Dieses Erklärungsmuster steht in dem 1999 in den USA veröffentlichten Text Love in Exile nicht mehr so deutlich im Vordergrund; vielmehr konzentrierte sich Anderson hier auf die Darstellung der Ehe zwischen Max und Edith sowie die Widersprüche, die der Amerikanerin in der Entwicklung und Politik der jungen DDR auffielen. Das Ende der DDR hatte natürlich einen entscheidenden Einfluss auf diese letzte Version der Erinnerungen. Zum einen war nun ein bestimmter Ausgang des DDR-Sozialismus bekannt, von dem aus die Sicht auf den Anfang wieder umgebaut, verdichtet und verändert wurde. Zum anderen erfuhr Anderson durch die seit Anfang der 1990er Jahre zur Verfügung stehende Masse an Hintergrundinformationen Details, die der wechselvollen und langen Entstehungsgeschichte ihres Buches weitere Aspekte zufügten, mit dem Erinnerten verschmolzen und es einer Neuordnung unterzogen. Andersons Nachlass bietet einen ausgezeichneten Einblick in ihr Bemühen, nach der Wende das politische Geschehen der 1950er Jahre stärker zu erforschen. Akribisch sammelte sie Informationen und Artikel über die im Buch erwähnten Persönlichkeiten und deren Schicksale, so etwa über Johannes R. Becher, die Eislers, Lex Ende, Wolfgang Harich, Rudolf Herrnstadt, Stefan Heym, Peter Huchel, Walter Janka, Anton Joos, Alfred Kantorowicz, Hans Mayer oder Paul Wandel.138 Darüber hinaus kontaktierte Anderson Institutionen, die sich der Aufarbeitung der DDR-Geschichte widmeten sowie einzelne Personen, um Aussagen in ihrem

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Buch zu verifizieren bzw. weitere Details zu erfahren. So etwa schrieb sie im September 1990 an Walter Jankas Frau Lotte: »Ich schreibe seit längerer Zeit ein Memoir über die 13 Jahre, die ich mit Max verbracht habe, insbesondere die zehn Jahre in Deutschland und den Kalten Krieg mit all seinen Tragödien. Diese Arbeit geht über Jahre, fing an zu einer Zeit, da ich im Dunkeln stampfte und daher eigentlich nicht wußte, wovon ich schrieb. Erst mit der Revolution von 1989 und der Flut Offenbarungen in der Presse, in Walters Buch und anderswo, fing ich an, die ganzen Zusammenhänge zu begreifen, wenn auch noch lange nicht alle Fakten zur Verfügung standen. Nachdem ich dein Interview in Sibylle las und erfuhr, dass Lex Selbstmord gemacht hat139 te, wollte ich von Dir wissen, auf welche Weise er das getan hat.«

Anderson beschreibt in diesen Zeilen an Janka genau den Prozess der Umstrukturierung ihrer Erinnerungen durch die Zufuhr von Hintergrundinformationen nach der politischen Wende in der DDR. Die Spezifik der Erinnerungen und des autobiografischen Schreibens besteht eben in dieser Konstruktion der Vergangenheit und des erinnerten Ichs. Das heißt, eine adäquate Darstellung der Gefühle, Ansichten und der Kenntnisse, die die Protagonistin in den 1950er Jahren hatte, ist unter anderem deshalb unmöglich, da diese früheren Haltungen durch später erworbenen Informationen verändert wurden. Anderson reflektiert diese verschiedenen Ebenen damaligen und gegenwärtigen Wissens, die Unterscheide zwischen erinnertem und erinnerndem Ich nicht allzu häufig und daher scheinen die Darstellungen in Love in Exile teilweise im Widerspruch zu ihrem tatsächlichen Schaffen und ihren Überzeugungen in den 1950er und 1960er Jahren zu stehen. Wenn im Folgenden einige Beispiele für diese Kluft aufgeführt werden, geht es nicht darum, die oder eine ›Wahrheit‹ zu finden, sondern lediglich um den Versuch, die Erzählperspektive genauer zu analysieren. Widersprüchlich erscheinen beispielsweise ihre Arbeiten als Journalistin aus den 1960er Jahren im Vergleich zu den Ausführungen, die in Love in Exile zu lesen sind. In den Beiträgen, die sie für den New York National Guardian schrieb, hatte Anderson häufig die mangelnde Entnazifizierung in der BRD kritisiert und gelobt, wie die DDR mit dem Erbe des Nationalsozialismus umging (siehe Kapitel »Die Journalistin«). Über die Veranstaltung mit internationalen antifaschistischen Schriftstellern anlässlich des 20. Jahrestages der Befreiung Buchenwalds schrieb sie 1965: »The week’s entertainment was lavish, but what the invitation meant in effect, was: ›Come into our house and see how we have cleansed it of fascism; criticize us if you will; we are listening.‹ There was something moving about this earnest attitude […]« (Anderson 1965c: 6). In Love in Exile liest man über ähnliche Veranstaltungen zur Ehrung der Antifaschisten in den 1950er Jahren: »Another spur to guilty self-examination was the continuous lauding of heroic antifascists who had been murdered by the Nazis. Their anniversaries were unfailingly observed with

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Während Anderson also in Beiträgen für die linke amerikanische Presse in den 1960er Jahren den Antifaschismus der DDR verteidigte, stellt sie in den 1990er Jahren dar, wie öde und scheinheilig die Ehrungen der ermordeten Antifaschisten in den 1950er Jahren waren und welchen Effekt sie auf die Überlebenden hatten. Es bleibt fraglich, ob Anderson in den 1950er Jahren das Tagesgeschehen schon so kritisch einschätzte und aus ideologischen Gründen ihre Kritik nicht formulierte oder ob diese Einschätzung erst aus dem Wissen und den Erfahrungen von vierzig Jahren DDR erwuchs. Das für die Retrospektive typische Konglomerat von altem und neuem Wissen lässt sich nicht aufspalten. Dennoch wäre das Hinterfragen der eigenen Positionen und Handlungen statt einer pauschalisierten Darstellung von Parteipolitik, Antifaschisten, Opfern usw. nicht uninteressant gewesen: Welche Veranstaltungen dieser Art hatte Anderson in den 1950er Jahren erlebt, welche Wirkung hatten sie auf sie persönlich, was trieb sie dazu, den Antifaschismus in der DDR in der amerikanischen Presse zu loben? Die Reflexion eigenen Handelns ist natürlich Teil des Buches, aber in stärkerer Form hätte sie einen noch tieferen Eindruck von den Mechanismen, die in der DDR wirkten, vermitteln können. An anderer Stelle erwähnt Anderson in ihren Erinnerungen, dass der Mangel an kritischen und radikalen Schriften in der DDR mit der Selbstzensur, der sich viele Autor/-innen unterzogen, erklärt werden konnte. »I knew very well how acutely I myself suffered from self-censorship, I wrote to Christina [Stead].« (LIEe: 298; LIE: 388) Aber außer dieser allgemeinen Bemerkung geht Anderson nicht näher auf ihre Erfahrungen mit der Selbstzensur ein. Dabei hätte doch gerade ihr Eisenbahnerinnen-Roman Gelbes Licht, an dem sie in den 1950er Jahren arbeitete, Stoff zur Auseinandersetzung mit diesem Thema geben können. (Siehe Kapitel »Die Schriftstellerin« – Der Roman Gelbes Licht) In Love in Exile erklärt Anderson, wie sie dieses Romanprojekt über die Liebesbeziehung von zwei Eisenbahnerinnen mit Richard Wright besprochen hatte. Wright ermutigte sie, an dem Thema festzuhalten, aber Anderson hat den Roman so nie geschrieben. Dafür findet Anderson in ihren Memoiren keine Erklärung mehr: »I was none too clear in my own mind then about my motivation in pursuing this story […] and my novel ended as an unfertilized egg.« (LIEe: 45; LIE: 63) Doch Anfang der 1950er Jahre hatte sie Richard Wright erklärt, dass die Menschen im Moment andere Bücher bräuchten und kaum an der Darstellung einer lesbischen Beziehung interessiert wären.

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»It is not important to people living in the world today. I think time will come when such things can be written about, can first of all be thought about […] As things are now, the world is in such a state of agony and fear and struggle that it is an imposition to expect it to be interested in a novel like mine. […] I did not feel justified in taking any more time [for re-writing the novel]. I felt that I ought to write something more immediately useful 140 in this world and come back to ›Skirmish‹ some other time.«

Interessant, wie betroffen sich Anderson hier vom Zustand der Welt im Kalten Krieg zeigt, vielleicht auch, um dem vom Kommunismus abtrünnigen Wright nicht ausdrücklich zu sagen, dass ein Buch mit lesbischen Protagonistinnen in der teilweise ›prüden‹ DDR keinen Verlag finden würde. Möglicherweise verstand Anderson ihre Entscheidung, das Romanprojekt fallen zu lassen, nicht als eine Folge von Selbstzensur und brachte es deshalb nicht in Love in Exile zur Sprache. Aber auch der Roman Gelbes Licht, der letztendlich aus diesem früheren Projekt entstand, hätte Anlass zur Reflexion über die freiwillige Anpassung eines Stoffes an die gesellschaftlichen Erfordernisse geboten. Denn wie bereits dargestellt, beruht der Roman in hohem Maße auf autobiografischen Erfahrungen, die Anderson in den 1940er Jahren im Kampf um die Gleichberechtigung der Eisenbahnerinnen erworben hatte. In Love in Exile erklärt sie, dass sie sich in diesem Zusammenhang vergeblich um die Unterstützung der kommunistischen Partei, insbesondere Elizabeth Gurley Flynns, bemüht hatte, doch im Roman aus dem Jahr 1956 fehlt dieser Aspekt gänzlich. Natürlich ist ein Roman keine Dokumentation und die Autorin hat alle Freiheiten bei der Gestaltung des Stoffes, aber dass gerade die Ignoranz der CPUSA gegenüber den Rechten der Frauen nicht erwähnt wird, kann durchaus als Resultat einer Selbstzensur gewertet werden, der sich Anderson hier unterwarf. Dies ist kein Vorwurf an Anderson, sondern lediglich der Versuch zu erklären, warum die Erzählerin von Love in Exile teilweise distanziert vom Geschehen in der DDR erscheint, wenn sie ihr eigenes Schaffen und die Kräfte, die dieses Schaffen prägten und sie zur ›Teilnehmerin‹ machten, ausspart. Eine ähnliche Wirkung haben die Pauschalurteile, die Anderson gelegentlich in ihren Erinnerungen formuliert und die in ihrer Schärfe wohl nur als Ausdruck ihrer Verzweiflung oder Enttäuschung verstanden werden können. So schreibt sie im Zusammenhang mit den Regelungen zu ihrer doppelten Staatsbürgerschaft: »I did not think to ask what disadvantages might be involved. In all likelihood he [a police officer] could not have told me anyway. No one there could have told me; law in the GDR was unpredictable as the weather.« (LIEe: 177; LIE: 239) Anderson beschreibt hier einen Vorgang von 1950 und sicherlich war zu diesem Zeitpunkt, zwei Jahre nach der Gründung der DDR, die Gesetzgebung nicht ausgereift. Wenngleich die Regelungen zur Genehmigung von Ausreisen bis zum Ende der DDR undurchsichtig blieben, scheint es doch etwas übertrieben, wie Anderson hier die Rechtslage des Landes verallgemeinert, für das sie sich in ihrem Leben mehrfach freiwillig entschied.

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Ähnlich irritierend und radikal erscheint Andersons Charakterisierung des Schriftstellerverbandes der DDR. Während sie Anfang der 1950er Jahre noch glaubte, diese Institution könne den Raum für kritische Auseinandersetzungen bieten, resümiert sie in ihren Erinnerungen: »I was just as ignorant as Stefan [Heym] of the fact that we were all deliberately kept in the dark about the true function of the writer’s union. I had still not grasped that it was neither a trade union as Americans understood it, that is, a fighter for its members’ security, nor a guild like the League of American Writers, which considered literary readings and discussions an essential feature of its work. Nor did the younger East German writers, disillusioned with fascism and still euphoric over socialist promise, yet suspect that like all other officially approved organizations theirs was simply a corral. None represented the group it professed to represent – women, miners, white collars, blue collars, anybody. All represented the Party line, and their role was that of a sheepdog driving membership in a prescribed direction.« (LIEe: 266; LIE: 350)

Betrachtet man die enge Vernetzung von Regierung, Partei und Staatssicherheit mit dem Schriftstellerverband in der DDR, so erscheint Andersons Urteil keineswegs übertrieben. Nur in Ausnahmefällen hat sich der Verband gegen die Entscheidungen des Kulturministeriums für seine Mitglieder verwandt. Doch genau das hatte Anderson Anfang der 1970er Jahre erlebt, als sie um die zweite Auflage ihres Amerika-Buches kämpfte. Sie hatte die Unterstützung des Schriftstellerverbandes ebenso bei der Veröffentlichung der Anthologie Blitz aus heiterm Himmel in Anspruch genommen. Und selbst noch 1980 erbat sich Anderson dessen Hilfe für die dritte Auflage ihres Amerika-Buches in einem Brief, der mit folgenden Zeilen begann: »Sehr geehrte Kollegen, Genossen! Ich wende mich an das Präsidium in einer Angelegenheit bei der es mir schon im Jahr 1973 solidarische Unterstützung gewährt hat. Dadurch fand das Problem eine Teillösung. 141 Es wurde aber leider nicht aus der Welt geschafft.«

Wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg, hat Anderson es durchaus verstanden, die Unterstützung des Schriftstellerverbandes für ihre Belange zu nutzen. Doch diese persönlichen Erfahrungen schienen ihr nicht erwähnenswert, wenn sie die Funktion des Schriftstellerverbandes als verlängerten Arm von Partei und Regierung in Love in Exile beschreibt. Solche Auslassungen verweisen auf das Hauptmotiv ihrer Erinnerungen, nämlich die Frage, warum der Traum vom Sozialismus in der DDR nicht realisiert werden konnte. Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Schriftstellerverband helfen nicht zu erklären, warum der Aufbau des Sozialismus misslang. Aber der Mangel an Möglichkeiten zur kritischen Auseinandersetzung, die Gleichschaltung aller Institutionen und deren Bestimmung durch die Partei, die Unterdrückung einer kritischen Masse schienen Anderson offenbar eine Erklärung für dieses Scheitern zu sein und in diesem Sinne hielt sie ihre persönlichen Erfahrungen wohl für sekundär.

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Die lange Entstehungsgeschichte von Love in Exile – angefangen mit dem Roman über den Emanzipationsprozess einer Frau, über den Versuch mit einer Analyse des Stalinismus der DDR den Spiegel vorzuhalten, bis hin zum Abgesang der DDR aus Sicht der 1990er Jahre – erklärt einige Besonderheiten von Andersons Text. Dazu gehören die Vielzahl der Themen, wie etwa die Geschlechterbeziehungen, Exilerfahrungen, der Kalte Krieg oder die DDR-Kulturpolitik. Die Erzählerin erscheint häufig wissender, als sie es zu dem Zeitpunkt des Geschehens sein konnte. Gleichzeitig sparte Anderson in ihrem Bemühen, etwas Allgemeingültiges über die DDR zu schreiben, ihre persönlichen Erfahrungen und Handlungsweisen gelegentlich aus. Das bewirkte eine Kluft zwischen der Lebensrealität, die sich etwa aus ihrem Schaffen und dem Nachlass rekonstruieren lässt, und der Vergangenheit, die Anderson für sich selbst in Love in Exile kreiert. Dieses Problem ist dem autobiografischen Schreiben immanent und wurde hier lediglich dargestellt, um mögliche Irritationen bei Rezipient/-innen, die das Schaffen und Wesen der Amerikanerin in der DDR anders wahrgenommen haben, zu erklären. Da gerade nach dem Ende der DDR sehr viele Memoiren erschienen, wird in einem nächsten Schritt untersucht, was Andersons Erinnerungen auszeichnet und worin die Besonderheiten des Buches bestehen. Vier Perspektiven Die Literaturwissenschaftlerin Simone Barck schrieb in ihrer Rezensionen zur deutschen Ausgabe des Erinnerungsbandes Liebe im Exil: »Im allgemeinen autobiografischen Boom zur DDR ragt dieses Buch heraus [...], weil es sich durch eine ganz besondere Perspektive auszeichnet. Es ist die einer amerikanischjüdischen, kommunistischen Journalistin, Übersetzerin und Autorin, die 1947 im Alter von 32 Jahren ihrem Mann, dem Cheflektor des Aufbau-Verlages Max Schroeder (19001958), nach Ostberlin folgte und hier bis 1996 lebte.« (Barck 2007)

Wenngleich Barck sich bei der Angabe von Andersons Todesjahr irrt, so fasst sie doch die Besonderheiten von Andersons Betrachtungen ausgezeichnet zusammen. Ihr Blick als Frau, als amerikanische Jüdin, als Kommunistin und Teil der kulturellen Elite sowie als jemand, der die DDR seit ihrer Gründung kannte, unterscheidet das Buch von anderen autobiografischen Schriften und macht es zu einem interessanten Dokument über die Nachkriegsjahre in Ostberlin. Obwohl diese verschiedenen Identitäten eng miteinander verknüpft sind, soll der Versuch unternommen werden, sie im Einzelnen darzustellen, um der Spezifik des Textes näher zu kommen.

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Als Jüdin in ›Nazi Germany‹ Während viele der in den letzten Jahren erschienenen autobiografischen Texte und Erinnerungen sich mit der späteren Geschichte der DDR auseinandersetzen, beginnen Andersons Memoiren bereits 1947 mit ihrer Reise nach Europa und schließlich nach Deutschland. Durch den Blick auf den Anfang, die unmittelbare Nachkriegszeit, die Gründung der DDR und deren Entwicklung in den 1950er Jahren, können die Hoffnungen und Ideale der antifaschistischen und kommunistischen Gründer vermittelt werden. Wie Christa Wolf den Stalinismus einmal als das Grundübel bezeichnete, »aus dem über die Jahrzehnte hin fast alle anderen Übel des Staates DDR hervorgegangen sind« (Wolf 1989: 123), so spürt Anderson in der Hinwendung zu diesem Zeitraum den Beginn von Fehlentwicklungen auf, die zum Zusammenbruch der DDR beigetragen haben. Aufgrund ihrer verschiedenen Identitäten und insbesondere ihres ›Fremdseins‹ kann sie das Geschehene aus Perspektiven schildern, die in Erinnerungen Deutscher an diese Zeit so nicht zu finden sind. Dazu gehören ihre Wahrnehmungen der Nachkriegszeit sowie ihre Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung. Anhand ihrer persönlichen Erfahrung vermittelt Anderson ein außerordentlich eindrückliches Bild von den Zuständen und Lebensbedingungen im Berlin der Nachkriegszeit. Berlin ist nicht Ediths142 Heimat, sondern die der Menschen, die Hitler unterstützt haben, und so kann die Protagonistin der zerstörten Stadt nur mit Distanz begegnen: »The spires of gutted apartment houses seen from the train windows became a dense forest of destruction in which here and there the melancholy miracle of an unhit house stood out. Not that it made me melancholy, or either glad. I felt nothing for the Germans, dead or living [...] Viewing the center of Berlin, surely as shattering a sight as Hiroshima, my mind stood apart as if it had quit its job. The Germans have an expression for this ugly phenomenon: It’s not my beer.« (LIEe: 55; LIE: 78)

Aufgrund der Pakete von Verwandten und Freund/-innen aus Westeuropa und den USA sowie der Stellung ihres Ehemannes genießt die Protagonistin gegenüber den Berliner/-innen zwar große Vorteile, dennoch ist ihr Leben extrem von der Not der Nachkriegszeit geprägt. Sei es Max’ Wohnung, wo nur ein Zimmer beheizbar ist, die Suche nach Brennstoffen, das Verjagen der ausgehungerten Vögel, die Stromabschaltungen, die Rationierung von Lebensmitteln, der Mangel an Putzlappen – immer wieder gelingt es Anderson, anhand von konkreten Erfahrungen die schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit anschaulich zu vermitteln. Gerade weil die Not aus der Perspektive einer Ausländerin geschildert wird, erscheint sie authentisch. Diese Darstellungen zielen nicht auf das Erheischen von Mitleid mit den ›armen‹ Deutschen, die an den von ihnen verursachten Kriegsfolgen litten, sondern verdeutlichen die harten und gesundheitsschädigenden Zustände, die 1947/48 in Berlin herrschten.

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Aus ihren Ressentiments gegenüber der deutschen Bevölkerung macht die Erzählerin keinen Hehl. Ihre Rücksichtslosigkeit im Umgang miteinander entsetzt die gerade eingetroffene Amerikanerin. Über das Selbstverständnis der Deutschen mutmaßt sie: »They knew the world detested them, that was written in their faces and they wanted to hear no more about it. Only the collective sentence passed on them seemed to throb insensibly in their skulls: Live on. You had it coming to you, I thought. Max’s street was almost undamaged, except for the self-esteem of the inhabitants. They had the look of royalty who have been dragged out of bed and kicked downstairs by the servants.« (LIEe: 56; LIE: 79)

Andersons Schilderungen der Deutschen wirken pauschal und oberflächlich und liefern an sich keine tieferen Erkenntnisse über das Befinden der Menschen. Viel interessanter sind diese Beobachtungen und Urteile in Hinblick auf die Erzählerin selbst und die Eindrücke, die die Deutschen auf die Fremde machten. Ihrer Vorstellung entsprechend, dass alle Einheimischen die Nazis unterstützt haben und nun keinerlei Schuldbewusstsein zeigen, nimmt die Erzählerin das Aussehen und Verhalten der Deutschen wahr. So etwa beim Einkauf, wo die Ladenbesitzer ihr erklären, sie seien immer ›deutsch-national‹ und keine Nazis gewesen, und die Besucherin fragen, wie ihr Berlin gefalle. Da die Erzählerin Berlin als zerstörte Stadt wahrnimmt, erscheint ihr diese Frage äußerst unangemessen und sie bestätigt ihr einmal mehr, dass den Deutschen jegliches Bewusstsein für die Vergangenheit fehle. »The gulf between their bullying Thousand Year Reich and its complete annihilation was so appalling that they simply looked the other way. A kind of mass hallucination replaced the mass support of Hitler. […] ›Of course Berlin was more beautiful before the war,‹ the grocer conceded, noticing my embarrassment. ›Viel, viel schöner,‹ the wife obliged. ›Before the war‹ and ›in the old days were further popular euphemisms to veil the twelve year hiatus during which nothing has happened in Germany.« (LIEe: 76; LIE: 105)

Die Wahrnehmungen der Protagonistin Edith und ihre Beurteilung der Deutschen sind natürlich von ihrer jüdischen Identität geprägt. Wenngleich sie den Schritt wagte und gegen den Wunsch ihrer Eltern in das Land ging, welches ihr Vater als »the country of Nazis« (LIEe: 6; LIE: 11) bezeichnete, so bedeutet das nicht, dass sie die Ereignisse der unmittelbaren Vergangenheit ignorierte. Eine Besonderheit von Andersons Memoiren besteht eben in ihrer Offenheit über die Gefühle einer Jüdin, die kurz nach dem Krieg und der Massenvernichtung von Juden nach Deutschland einreist. Anders als etwa der Österreicher Fred Wander, der in seinen Erinnerungen Das gute Leben schrieb, dass seine jüdische Identität in der DDR keine Rolle gespielt habe (vgl. Wander 1996: 358), beschreibt Anderson ihr Unwohl-

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sein unter den Deutschen. Damit gibt sie vor allem den deutschen Leser/-innen die Möglichkeit, ihre Perspektive zu wechseln und etwas über ihr Bild und ihre Wirkung auf andere, insbesondere auf Juden, zu erfahren. Dem Ungeheuerlichen des Holocausts versuchte Edith mit ihrer Abneigung gegen die Deutschen zu begegnen: »How much I detested them and their sly looks! I hated even obviously suffering passersby in the street. Pity them? Had they pitied anyone? Playing harmless now, are you, playing put-upon; what did you do under Hitler, I would wonder angrily, how many Jews did you push into a gas chamber (a procedure of which, at that time and for a long time, I had only the vaguest conception). For my part the whole unappetizing kit and caboodle could be laid out in one vast morgue awaiting autopsies. Brain damage. Paralysis of the soul. Inborn vileness of a nation.« (LIEe: 78; LIE: 108)

Wenn ihr Urteil über die deutsche Bevölkerung radikal ausfällt, ist es Ausdruck einer tiefen Verunsicherung und eines großen Misstrauens. Dieses Misstrauen äußert sich etwa sehr eindrücklich bei der Ausstellung eines behelfsmäßigen Personalausweises. Auf die Frage nach ihrer Konfession antwortet Max der Beamtin beiläufig, seine Frau sei jüdisch, woraufhin Edith ihre Fassung verliert. »›Make her tear that up,‹ I said. ›It’s completely meaningless,‹ Max told me in a low voice which was a hint to lower mine. ›The whole procedure is empty routine.‹ ›The hell it is. We know their routines!‹ I was close to vomiting. Was I religious? Did he tell them he was a Protestant? An Aryan? Jewish was a people minus six million. I was too upset to put it into words. I churned helplessly. To be thrown to slavering hyenas by Max!« (LIEe: 94; LIE: 130)

Noch auf der Straße fordert Edith Max auf, zurückzugehen und das Formular zu vernichten. Max versucht ihr zu vermitteln, dass solche Informationen nun völlig ungefährlich wären und sie keine Affäre daraus machen solle: »›Come,‹ he repeated, and I took one step. ›We are not ashamed of –‹ I shouted, ›It’s the duty of a Communist to go to the highest authorities and protest at such questions being asked!‹« (LIEe: 95; LIE: 130) In diesem Moment brach wohl auch Ediths Weltbild von den bösen und den guten Deutschen zusammen. Während die Masse der Bevölkerung zu den schlechten Deutschen zählte, gab es einige gute, wie eben Max, denen Edith traute und aufgrund derer sie es überhaupt in diesem Land aushielt. Doch außer im Klub des Kulturbundes hatte Edith nur wenig Gelegenheit, diese guten Deutschen kennenzulernen. Als Folge des Mangels an Kontakten zu den deutschen Antifaschist/-innen und Kommunist/-innen und der Unmöglichkeit, sich als Jüdin mit Deutschen anzufreunden, die möglicherweise Nazis waren bzw. ihre Verbrechen unterstützt hatten, blieb Edith auf Max fixiert und vereinsamte in Berlin.

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Als Ehefrau im Exil Wie der Titel Love in Exile. An American Writer’s Memoir of Life in Divided Berlin schon suggeriert, legt der Text nicht nur Zeugnis von einer interessanten Zeit ab. Ein wesentlicher Teil des Buches richtet sich auf die Reflexion der Beziehung mit Max. Diese Kombination von Privatem und Politischem unterscheidet Andersons Werk wieder von vielen anderen Memoiren, die sich entweder auf das Erleben bestimmter politischer Entwicklungen oder auf das Werden der eigenen Person konzentrieren, und zeigt auf, wie weit das Politische in das Privatleben von Max und Edith hineinwirkte. Die gesellschaftlichen Zustände der Nachkriegszeit, die Parteipolitik, aber eben auch die Geschlechterverhältnisse der 1950er Jahre werden hier nicht aus einem männlichen, sondern aus einem weiblichen Blickwinkel geschildert und, wie Simone Barck in ihrer Rezension von Liebe im Exil meint, aus einer »durchweg feministische[n] Perspektive« (Barck 2007). Selbst wenn man Barcks Ansicht nicht teilt, für die Erfahrungen und Beobachtungen der Protagonistin von Love in Exile spielt ihr Geschlecht eine zentrale Rolle. Allein die Tatsache, dass sie sich in das Exil begab, hing mit ihrem Frausein und ihrer Beziehung zusammen. Wie in den Erinnerungen zu lesen ist, hatte Max Edith angeboten, in Deutschland für sie zu sorgen, damit sie ihr Talent als Schriftstellerin verwirklichen konnte. »›You know why I wanted you to come. To give you a chance to write that you never had before.‹« (LIEe: 63; LIE: 88) Ein solches Angebot hätte er wohl kaum einem männlichen Freund gemacht und es scheint ausgeschlossen, dass eine Frau damals einem Mann diesen Vorschlag unterbreitet hätte, wenngleich Frauen – trotz ihrer untergeordneten Stellung in der Gesellschaft – in Krisenzeiten durchaus in der Lage waren, ihre Familien allein zu ernähren. Edith folgte Max nach Deutschland. Machte sie das zur Exilantin? Obwohl der Titel des Buches, Love in Exile, auch als Kurzform des Scheiterns der Beziehung mit Max, als Abwesenheit von Liebe gelesen werden kann, so ist er nicht allein metaphorisch zu verstehen. Edith hat die USA nicht verlassen, weil es ihr unmöglich wurde, dort zu leben oder weil sie sich etwa in ihren Freiheitsrechten beschränkt sah. Sie weilte in der Fremde nicht als Verbannte, doch unter ähnlichen Bedingungen wie jene, die gezwungen sind, ihr Heimatland zu verlassen: Sie war getrennt von der Heimat, der Kontakt zu amerikanischen Freund/-innen, Familie, Medien, Kultur war extrem eingeschränkt. Nachdem ihr US-Pass auslief, wurde ihr eine Erneuerung des Reisepasses von den amerikanischen Behörden verweigert. Aufgrund dieser Bedingungen verstand sie sich als Exilantin. Andersons Geschlecht und sexuelle Ausrichtung bildeten also die Grundvoraussetzung für ihr Exil. Laut ihren Darstellungen kam Edith aus Liebe zu Max. Ökonomische oder politische Überzeugungen spielten bei dieser Entscheidung eine untergeordnete Rolle: »›I came to be with you. I’ll go back if you don’t want it that way.‹« (LIEe: 63; LIE: 88) Dieser Ausgangslage entsprechend gestalteten sich auch die Herausforderungen, denen sich Edith als Exilantin und Ehefrau stellen musste.

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Da ihr Aufenthalt in der DDR allein mit Max begründet war und sie als amerikanische Jüdin ohnehin große Probleme bei der Integration in Deutschland hatte, blieb Edith lange Zeit auf Max fixiert. Max war jedoch nicht in der Lage, die hohen Erwartungen seiner Frau zu erfüllen. Die Enttäuschung über ihre Ehe mag Ediths Heimweh, die Sehnsucht nach ihren Freund/-innen und ihrer Familie sowie der Stadt New York noch verstärkt haben: »I missed [my brother] John so horribly that I dared not dwell on it. I missed Helen, her face from a Phoenician frieze, her lightning perceptions. No more letters came from her, either because they were confiscated or because, fearing that they would be, she simply stopped writing. […] I missed the Jewish faces everywhere that made New York so homey to me. I missed the black, brown, Latin and other foreign faces I used to see in the subway, faces of hardworking human beings who despite fatigue never bumped indifferently into other people the way people resenting Germans did […]. I missed Manhattan’s cluster of proud skyscrapers between the East and North rivers, their upper windows flashing red at sunrise and sunset. I longed for the public libraries whose books I could read with simple pleasure and no cumbersome dictionary. I wanted a long, never-ending gaze at ›our lordly Hudson hardly flowing,‹ as Paul Goodman called it, in the poem ending ›Be quiet, heart! home! home!‹« (LIEe: 317; LIE: 412)

Trotz dieser scheinbar unendlichen Sehnsucht nach ihrem Zuhause gab es in Berlin auch Dinge, die Edith trösteten. Dazu gehörten vor allem die Entwicklung ihrer kleinen Tochter und die Tätigkeit als Schriftstellerin. Die Verbindung zur Heimat pflegte die Amerikanerin durch die intensive Korrespondenz mit alten Freund/innen wie etwa Christina Stead oder Helen Yglesias. Wie die in Love in Exile enthaltenen Zitate belegen, konnte Edith in diesen Briefen ihr Befinden und vor allem den Zustand ihrer Ehe reflektieren und auf diese Weise die früheren Gespräche mit den Freundinnen in schriftlicher Form weiterführen. »I wrote to Christina Max is getting into that vicious exhaustion again that knocked him flat just before our vacation. It worries me to see it and there is nothing I can do about it. This time I am trying to keep calm and not aggravate him by making objections. It means I live alone in every way and that makes it all the more important for me to get into life here and have other connections.« (LIEe: 200; LIE: 268)

Solche anderen Beziehungen knüpfte sie etwa mit der im Buch Gillian genannten Engländerin Florence Knepler oder mit der Amerikanerin Alma Uhse, beides Frauen, die ähnlich wie Edith ihre Partner im Exil kennengelernt hatten und ihnen dann in die DDR gefolgt waren. Anderson nutzt diese Personen, um über sie Edith in Love in Exile zu charakterisieren. So heißt es etwa über Gillian:

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»But with the intelligence behind that extraordinary nose she sniffed out in short order anyone’s background, traits, daily life. She could ask a well-placed question casually, as if accidentally, then seem to forget all about it; but these were the things she did not forget. Did she do it on purpose, or couldn’t she help it? No matter how curious I was, I never found out private things if the information didn’t drop into my lap. […] I was too ladylike or clumsy, apprehended people in retrospect, mulled over oddness, and took a lot on trust. Too late I discovered that while Gillian had an instant feel for anyone else’s topography she had no map of herself.« (LIEe: 246; LIE: 324)

Die Vergleiche sind häufig so angelegt, dass Edith als die unschuldigere, naivere oder auch moralischere der beiden Frauen erscheint. Besonders interessant ist die Darstellung von Alma Uhse, die mit Bodo Uhse und ihren beiden Söhnen Joel Agee und Stefan Uhse aus Mexiko nach Ostberlin gekommen war. Während Edith versuchte, sich mit dem Nöten der Nachkriegszeit, dem Mangel an Strom, Lebensmitteln und Heizmaterialien zu engagieren – höchst eindrücklich etwa ihr vergeblicher Gang mit dem Leiterwagen zum Kohlenhändler –, heißt es über Alma, dass sie ein Pferd und einen PKW besaß und Bodo sie mit genügend Haushaltgeld ausstattete, so dass sie sich eine teure Einrichtung leisten konnte. »Owning a horse seemed perfectly natural to Alma; she did not expect it to give anyone offence. Her family in upstate New York were well-to-do, and she had ridden all her life. Since she could not read German signs she galloped straight into a Russian munitions dump and was arrested and sternly questioned. […] She didn’t bother to carry identification, so no one believed she was the well-known writer’s wife. In the evening he came to the jail in Potsdam and got her out. Russian soldiers returned the horse. For people already intrigued by Alma this made a hilarious anecdote. Others did not find the incident funny and thought Alma insensitive, Bodo weak. She was taken aback when told of this. What did people want of her? Suppose she got rid of the horse, would that make the slightest difference to Germany’s ruin?« (LIEe: 128; LIE: 170)

Obwohl Edith ihre Meinung zu Almas Auftreten selten direkt ausdrückt, so wird aus ihren Darstellungen und eben auch aus dem indirekten Vergleich von Edith und Alma recht deutlich, dass sie die leichtfertige Art der anderen Amerikanerin mit Skepsis und auch Neid betrachtete. Alma passte sich nicht den Umständen an, sie war attraktiv und unterhaltsam und wurde gerade wegen ihrer Extravaganz von vielen geschätzt. Edith hingegen erntete kaum Anerkennung oder Sympathien für ihre ernsthaften Versuche, sich angemessen zu verhalten etwa beim Einkauf oder im Umgang mit Max’ Freunden und Mitarbeiter/innen. Die teilweise recht negative Darstellung von Almas Auftreten wird am Ende von Love in Exile jedoch durch die Erinnerungen an Almas Hilfe nach Max Tod 1959 relativiert:

332 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »It had always been a wonder to me how lightly Alma could step from country to country, lightly leave friendships behind, never suffered homesickness. She was rootless as a mushroom. Yet the self-dramatizing goodtime girl had been wonderful to me and Dee after Max died. She insisted that we accompany her and Bodo’s delicate son Stefan on a ski holiday in Oberhof and be distracted from our grief. […] In Oberhof I shed tears over Max’s death for the first time, and Alma congratulated me, ›Thank God, I thought you’d never cry!‹ It was Alma, too, who looked over the apartment in Stalin Allee where other people’s deserted little rooms made me feel stranger, and said, meaning it, ›Oh, I’m so glad you got this place! It’s perfect!‹ – after which I was able to accept and live in it.« (LIEe: 391; LIE: 502)

Während Alma also erst Ende der 1950er Jahre zu Ediths Freundin wurde, war Gillian ihre Bezugsperson zu jenen Zeiten, als sie an ihrer Ehe, dem Heimweh und dem Leben in der DDR zu verzweifeln drohte. Über ihre Erfahrungen mit Gillian schrieb Edith ihren Eltern: »Gillian and I are having a wonderful time […] It’s the first time in Germany that either of us had such a feeling of being among friends.« (LIEe: 224; LIE: 296) Die Tatsache, dass sie Nachbarinnen waren und in ähnlichen Verhältnissen lebten, beförderte die Intensität ihrer Freundschaft. Auch Gillian war fremd in diesem Land, hatte ein kleines Kind und ihr Mann, der Musikwissenschaftler, arbeitete sehr viel. Zur Bindung der beiden Frauen erklärt die Erzählerin: »Our confessions were the fabric of our relationship, which existed in limbo. That the tapestry we were weaving kept showing the same figures, like a machine made pattern, wasn’t so important: we were each other’s bridge across daily alienation. At neither end, alas, did the bridge have supports on solid ground. We were extraneous. Our men lived and were needed in a world where we played no part.« (LIEe: 245; LIE: 323)

Mehrfach erwähnt Anderson in ihren Erinnerungen dieses Gefühl, keine Rolle zu spielen und lediglich ein Anhängsel von Max zu sein. Besonders deutlich empfand Edith dies bei einer Veranstaltung im Klub des Kulturbundes, den sie gemeinsam mit Max erstmals nach der Geburt ihrer Tochter wieder besuchte. »There I was shocked to discover that in the intervening months my status as a human being had sunk to nil. Men and career women who wanted to talk to Max asked me first with bright smiles how ›the little one‹ was, only to turn back to him before I could construct a halfway grammatical answer. Formerly everybody had spoken a sort of basic German in my company; now nobody bothered.« (LIEe: 144; LIE: 191)

Die Vorstellung, lediglich ein Anhängsel und abhängig von Max zu sein, verinnerlichte Edith so stark, dass sie trotz der Unzufriedenheit mit dem Zustand ihrer Ehe keine alternativen Lebenskonzepte mehr entwickeln konnte, wie ein Brief an ihre Freundin Christina Stead von 1951 belegt: »One day Max said some horrid things to me, the kind of things that make any selfrespecting woman walk out of the house and stay out. I finished Jude [the Obscure by Thomas Hardy] and cried loudly in the bathroom, but as I could not walk out and stay out

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– where to? using what for money? – I removed myself ›spiritually‹ from Max’s existence.« (LIEe: 207; LIE: 278)

Wie aus Andersons Biografie bekannt ist, war sie eine Frau, die sich lieber von ihren Partnern, etwa ihrem ersten Ehemann trennte, als eine traditionelle Frauenrolle als Dienende und Unterwürfige einzunehmen. Die Tatsache, dass eine einst emanzipierte Frau sich nicht mehr vorstellen konnte, unabhängig zu leben, unterstreicht den massiven Druck und die Eingeschränktheit, die Edith in der DDR Anfang der 1950er Jahre fühlte. Gewiss führte auch ihr Verständnis für Max schwierige berufliche Situation zu Kompromissen, die sie unter anderen Umständen nicht eingegangen wäre. »On top of political puzzles cheerless domestic surprises made him more and more evasive. He had brought me to this place, he was responsible for me; it went against the grain to confide his shocks and fears, to hint at mysteries beyond his grasp or his power to solve; could I not at least sense this? Did I think he was superhuman?« (LIEe: 199; LIE: 268)

Aus Ediths Perspektive blockierten die Arbeitsbelastungen und politischen Entwicklungen Max so stark, dass er seiner Rolle bzw. seinen Aufgaben in der Partnerschaft nicht nachkommen konnte. Für sie waren Gleichberechtigung und Liebe, die sich im Sex ausdrückte, wesentliche Bedingungen einer gelungenen Partnerschaft. Immer wieder litt sie unter dem Mangel an beiden. Offensichtlich waren ihre Auffassungen von Gleichberechtigung von ihrer amerikanischen Sozialisation beeinflusst, denn es gab wohl kaum viele deutsche Frauen, die Anfang der 1950er Jahre von ihren Männern Beiträge zur Hausarbeit einforderten. Dementsprechend erstaunt reagierte Max, als er von Edith zu hören bekam, dass sie die viele Arbeit nicht allein schaffen konnte: »I shouted. ›I can’t concentrate! I’m a squirrel on a wheel! I’m Alice running as fast as I can to stay in one place! Everything not directly connected with your goddamn work has fallen on me like a ton of bricks!‹ ›But who else is to do it?‹ he asked with a look of appeal, perplexity, and helpless contrition. Those words and that look sank into my consciousness ineradicably, summing up all that has gone wrong between man, including the finest, and his mate.« (LIEe: 148; LIE: 197)

Nicht nur im Bereich der Familie und des Haushaltes gab es Verständnisprobleme zwischen Max und Edith, sondern auch wenn es um ihre Arbeit als Autorin ging. Max hatte Edith nach Deutschland eingeladen, damit sie schreiben konnte, und wie die Erzählerin immer wieder bekräftigt, war er von ihrem Talent überzeugt. Edith verstand dieses Angebot als Einladung zu einer gleichberechtigten Partnerschaft, in der beide ihrer Arbeit nachgingen und sich ebenso partnerschaftlich in das Familienleben einbrachten. Jedoch konnte der wohlmeinende Max sich nicht aus den

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traditionellen Geschlechterrollen befreien, wie sein Verhalten und seine Bemerkungen im Alltag belegen, etwa wenn er Edith vorwarf: »›Be thankful you have the chance to write.‹« (LIEe: 148; LIE: 197) Natürlich sind solche im Streit getroffenen Aussagen nicht repräsentativ, aber sie vermitteln einen Einblick in die Geschlechterverhältnisse jener Zeit, wo es immer noch die Regel war, dass Frauen, deren Ehemänner wie Max in gehobenen Stellungen tätig waren, zu Hause blieben, sich um Haushalt und Kinder kümmerten und keine weiteren Ansprüche stellten. Noch unverständlicher waren Ediths Beschwerden für Max, weil sie fast immer eine Haushalthilfe hatte und verglichen mit dem Rest der Bevölkerung recht privilegiert lebte. Schaut man jedoch auf die Kreise, in denen sich Max und Edith bewegten, so hatten alle Personal und lebten nach den Vorstellungen der ›Bürgerlichen Familie‹. Die Vehemenz, mit der Edith Zeit für ihre Arbeit forderte, entsprang der existentiellen Bedeutung, die das Schreiben gerade in Berlin für sie hatte. Im Schreiben gelang es ihr, Trost zu finden, ihre Balance wieder zu gewinnen, ganz bei sich zu sein. Schreiben diente nicht nur als Ausdruck ihrer selbst, sondern zugleich zum Ausgleich der seelischen Schmerzen, unter denen sie wegen der Trennung von ihrer Heimat, ihrer Situation in Berlin und der Beziehung mit Max litt. Doch das Besondere an Andersons Erinnerungen besteht eben darin, dass sie keine Meistererzählung konstruiert, der sie alle Ansprüche und Erfahrungen unterordnet. Vielmehr ist ihr Buch auch Zeugnis ihrer eigenen Widersprüchlichkeit, die sich beispielsweise in ihrer Beziehung zum Schreiben ausdrückt. Denn als sie endlich die Möglichkeit hatte, sich zurückzuziehen und den Roman über die amerikanischen Eisenbahnerinnen zu schreiben, befiel Edith umgekehrt der Drang nach der Teilhabe am Leben, der sich vor allem in dem Wunsch nach Sexualität ausdrückt. »A conflict between writing and living had plagued me chronically since my twenties. Inspirations flashed on me precisely when I was too absorbed in the world outside to write them down. It was maddening. I was driven by an urge, irrepressible as lava, to be out there, just as at college I had been driven from my studies by wild surmises of love.« (LIEe: 200; LIE: 268)

Dieses Verlangen wurde umso stärker, je mehr Edith sich von Max vernachlässigt fühlte. Ein Vergleich ihrer Tagebucheinträge mit den im Buch dargestellten Beziehungen zu Männern belegt zwar, dass Anderson ihre Erfahrungen aus jener Zeit äußerst reduziert wiedergibt. Wir lesen in Love in Exile von nur einer (!) Affäre mit dem Nachbarn Harry – angeregt durch dessen Frau Gillian und abgebrochen wegen der Eifersucht dieser Frau –, dennoch reichen diese Darstellungen aus, um eine Vorstellung von Ediths Ehe und der Macht ihrer Triebe zu gewinnen. Wenngleich Edith Max immer als Intellektuellen schätzte, so war die Sexualität von großer Bedeutung und an ihr maß Edith den Erfolg der Beziehung: »What I think keeps marriage pure is a husband who doesn’t forget to make love to his wife, who in fact wants to very much.« (LIEe: 210; LIE: 281) Schonungslos berichtet Anderson über

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den Verfall der Beziehung: Ediths Flehen um Zuwendung, Max’ Trunksucht, Vorwürfe, Aggression, Schweigen, Affären. Peinlich berührt Max’ Verhalten infolge von Überarbeitung und Alkoholkonsum, etwa wenn er als Gastgeber den Unterhaltungen nicht mehr folgen kann, am Tisch einschläft und beim Aufwachen seiner Frau Befehle erteilt. Auch das Liebesleben leidet unter seinem Lebenswandel: »It is inaccurate to suggest that Max could really have forgotten me. He remembered well enough the resolute young woman I had been in New York, a rod and a staff to him; and if I broke rod and staff over his head for the drinking that led to vague pawing and sentimental blather in place of lovemaking he came to understand why.« (LIEe: 326; LIE: 424)

Anderson erzählt keine schöne Geschichte von ihrer Ehe. Mit Love in Exile bestätigt sie noch einmal Max’ Urteil von ihrem schriftstellerischen Talent, denn es gelingt ihr äußerst überzeugend, Max und ihre Liebe für ihn zu schildern. Durch die vielfältigen Beschreibungen von Max als verunsicherten Exilanten, als Verfolgten des Naziregimes, als Kunsthistoriker, als Nachkommen einer Lübecker Bürgerfamilie, als Intellektuellen, als Koch, als Liebhaber oder als Vater wird es den Leser/innen möglich, sich mit Ediths Gefühlen und ihrer Bewunderung für Max zu identifizieren. Umso schmerzlicher ist es dann zu erfahren, wie der ›große‹ Max von den Ansprüchen seiner Arbeit, der Politik und seiner Frau zerrieben wird und versagt. Anderson verzichtet darauf, ihre Ehe als Erfolgsgeschichte darzustellen. Vielmehr fordert sie das Denken der Leser/-innen heraus, indem sie die vielen Schwierigkeiten der Beziehung schildert. Trotz dieser scheinbar unglücklichen Ehe macht das Buch deutlich, dass die Beziehung mit Max nie zu Ende ging. Max bleibt Ediths Bezugsperson, wie sie am Schluss des Buches bei der Ansicht von Max’ Porträts bekennt: »The portrait had been painted in the famous art colony Worpswede when Max was about thirty years old, but it made him ageless – he was the Max with whom we were familiar. I would seat myself opposite, as if in a pew, looking over at the face that was so acutely intelligent, so inaccessible to pettiness, and with a sensitivity so sage, and consult him about knotty problems even after I became older than he had been when he died.« (LIEe: 392; LIE: 506)

Wenngleich Edith in den 1950er Jahren von Max erwartete, dass er alle ihre Bedürfnisse befriedigte, sie in vielen Beziehungen abhängig von ihm schien und damit nicht das Leben einer emanzipierten Frau führte, welches sie schon in den 1940er Jahren in New York verwirklicht hatte, so ist Love in Exile doch aus einer feministischen Perspektive geschrieben. Zumindest entspricht es Andersons eigener Definition vom Feminismus, über den sie anlässlich einer Auseinandersetzung mit Max schreibt:

336 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON »It would be twenty years before a few gallant women in the English-speaking West threw a lifeline to their stranded sisters. Their analyses and exhortations could not solve the classic insoluble problem Max and I had, but they could teach women to define themselves. What a difference that would make to me! It would not come too late. If a woman has learned before the last day of her life to cast off alien definitions and define herself, it is not too late.« (LIEe: 149; LIE: 198)

Mit Love in Exile, veröffentlicht am Ende ihres Lebens, gelingt Anderson ein weiterer, letzter, Schritt in der Definition ihrer selbst. Es ist keine prüde Darstellung eines erfolgreichen Lebens. Vielmehr ist es die Geschichte einer Frau, die sich aus antiquierten Geschlechtervorstellungen befreit, die sich ihre Ansprüche und Triebe eingesteht und auf deren Erfüllung drängt und die lernen muss, dass die Erwartung eines alle Bedürfnisse befriedigenden Partners zum Scheitern der Beziehung führt. Wenn auch Ediths Leben in den 1950er Jahren aus heutiger Sicht nicht das einer Feministin war, Andersons schriftstellerischer Umgang mit diesem Leben ist es allemal. Als Amerikanerin in ›Communist Germany‹ Love in Exile ist ein Erfahrungsbericht über die 1950er Jahre in Ostberlin aus der Warte einer Erzählerin, die in den USA sozialisiert wurde und dadurch eine andere Perspektive auf die Entwicklungen in Ostdeutschland hatte als etwa ein Einheimischer. Ähnlich beschrieb Max die Bedeutung seiner amerikanischen Partnerin für sein Leben in Berlin: »›I need you,‹ he said, ›it’s you I need, your reactions to here and now, I need you like a reference work.‹« (LIEe: 102; LIE: 139) Wenngleich Max diese Einschätzung am Anfang ihres Zusammenlebens in Berlin vornahm und er im Laufe der Beziehung gelegentlich unter Ediths Unwillen sich anzupassen litt, blieb sie doch eine Art Kompass, an dem die Ereignisse und Entwicklungen gemessen und auf ihre Vernunft hin geprüft werden konnten. Mit ihren unkonventionellen Äußerungen und Ansichten bewahrt die Erzählerin diese ihr von Max zugeschriebene Funktion auch der Leserschaft gegenüber. Anderson benutzt hier ähnliche Strategien wie im Amerika-Buch Der Beobachter sieht nichts, um den Eindruck von Authentizität und Integrität zu erzeugen. Es ist kein Text wie Werner Mittenzweis Die Intellektuellen (2001), der eine objektive Darstellung der kulturpolitischen Entwicklungen anstrebt. Vielmehr inszeniert sich Andersons Erzählerin als Unwissende, manchmal Ahnende – so etwa bei der Darstellung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953: »I, knowing nothing as usual, thought I might as well go shopping on my household day, but I got a shock when I reached the nearest grocery store.« (LIEe: 270; LIE: 356) Wie schon erwähnt hat sich Anderson das Hintergrundwissen zu den Ereignissen in den 1950er Jahren oft erst später durch intensive Recherche erarbeitet und präsentiert in Love in Exile eine Mischung der Perspektiven des Ichs als Erlebende und als Erzählende/Reflektierende. Nachträgliche Informationen zu den politischen Entwicklungen werden in die per-

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sönliche Erfahrung dieser Ereignisse eingebettet, wie eben hier, wo Edith beim Einkauf an ihrem ›Haushaltstag‹ mit den Anfängen des Volksaufstandes konfrontiert wurde. Insgesamt kommt Max die bedeutendste Rolle in Ediths Auseinandersetzungen mit den politischen Entwicklungen zu. Aufgrund ihrer Schwierigkeiten, sich als amerikanische Jüdin in die ostdeutsche Gesellschaft zu integrieren und sich damit andere Informationskanäle zu erschließen, bleibt sie von Max als Informanten abhängig. Er prägt ihre Sichtweise und ihre Anteilnahme mit seinen Reaktionen und Interpretationen von Ereignissen. So heißt es etwa zu dem der Allgemeinheit damals unverständlichen Geschehen im Frühjahr 1949, welches in der Entlassung der Redaktion des Neuen Deutschland gipfelte: »Max believed that the confidences doled out to executives at special Party meetings were the whole story, and I believed in him. So when at the end of April Lex Ende was fired from Neues Deutschland, Max was utterly unprepared and horrified.« (LIEe: 131; LIE: 174) Meist versuchte Max jedoch, eine optimistische Haltung einzunehmen, und vermied, Edith vollständig in seine Gedanken einzuweihen. »Thus despite everything, it would appear that Max was still managing to be sanguine, convinced that between Marxian political economy and Lenin’s efficiently honed ›new type of Party‹ all must come right in the end. With this faith the old fighter in him knew how to husband his physical resources and take advantage of any opportunity to restore himself. Part of this self-control was not telling his excitable wife too much.« (LIEe: 188; LIE: 253)

Das Verschweigen ist nicht nur Max’ persönliche Eigenheit, sondern typisch für das System und gehört zu den großen Themen von Love in Exile. Obwohl der Fokus des Buches auf den 1950er Jahren in Ostberlin liegt, greift Anderson hier auf ihre Erfahrungen mit der CPUSA zurück und relativiert damit die Fehler der SED. In den 1940er Jahren hatte Edith das Verschweigen als Strategie ihrer Partei in den USA kennengelernt. Dies geschah einerseits zum Schutz vor der Verfolgung von Kommunist/-innen, andererseits wurden damit – der Führung unliebsame – Diskussionen sowie Kritik an der Partei vermieden. Ein Gespräch zwischen Edith und Max über ihren ehemaligen Vorgesetzten beim Daily Worker, Louis Budenz, der schließlich im Ausschuss für Unamerikanisches Verhalten Namen anderer Kommunist/-innen preisgegeben hatte, zeigt die Komplexität des Verschweigens besonders eindrücklich. Edith war wütend über Budenz; er hatte ihr einst den Job als Kulturredakteurin einfach gekündigt, war immer von der Chefredaktion unterstützt worden und stellte sich nun als Verräter heraus: »He [Max] looked at me warningly when I continued erupting in the presence of a strange woman. We were lunching with his immaculate friend Friedl, Kanto’s wife, an actress with a face as pure and withheld as a lily, and an American acquaintance she introduced. Virginia’s clothes and quiet self-assurance suggested ladies’ Ivy League, but

338 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON her mind seemed accessible and Friedl had thought fit to bring her, so despite the unmistakable message in Max’s eyes I fired another round or two before subsiding. ›How do we know who Friedl’s friend is?‹ Max rebuked me. ›You can’t wash the Party’s dirty linen in public!‹ ›Then let them not dirty their linen,‹ I retorted. He pointed out that the people I called ›them‹ included ourselves.« (LIEe: 25; LIE: 36)

Edith, die sich ärgert, dass die Partei einst Budenz förderte, der nun nicht schwieg und damit andere in Gefahr brachte, wird ihrerseits wegen ihrer Äußerungen in der Öffentlichkeit kritisiert und mit dem Argument zum Schweigen gebracht, dass sie selbst die Partei wäre. Dass Schweigen nicht nur eine Schutzstrategie für das Verhalten in der amerikanischen Öffentlichkeit war, zeigt Ediths Erinnerung an eine Parteikonferenz, die zur Neuwahl des Nationalkomitees einberufen wurde. Parteiführer Earl Russell Browder hatte während des Zweiten Weltkrieges die CPUSA in Übereinstimmung mit der Politik Roosevelts gebracht. Dies schloss eine Umbenennung der Partei ein, deren Durchsetzung Edith frech kommentierte: »This was quickly accomplished through ›democratic centralism,‹ a form of top-to-bottom ideological hypnosis by which members were persuaded to believe whatever the National Committee declared correct.« (LIEe: 26; LIE: 37) Browders Maßnahmen, die für manche einer Auflösung der CPUSA gleichkamen, wurden nach dem Krieg stark kritisiert und führten zu eben jener Parteikonferenz, auf der die Parteiführung neu gewählt werden sollte. »The election of a new National Committee proved to be a game of musical chairs without music and with only one round. As soon as the last former member’s lame excuse was verbosely concluded, his resignation offered, and Browder unanimously expelled from the Party, the same National Committee plumped right down again on the chairs just vacated, though not exactly in the same order. Each ended up with the title that had been someone else’s before. The delegates murmured and stirred in the places, but before they could collect themselves the conference chairman announced cancellation of tomorrow’s discussion. The day was over, we must clear the hall; rent for the scheduled second day had not been raised. The delegates were enjoined to approve the slate with dispatch […] Hot and limp, brains steaming like a sauna from the long day of repetitious mea culpas, with a dim sense of having had their chairs pulled out from under them while the manipulators still sat, the delegates raised their right hands. I among them.« (LIEe: 27; LIE: 39)

Wie diese Begebenheit zeigt, hatte Edith als amerikanische Kommunistin bereits die Strategie des Schweigens und Parteigehorsams kennengelernt. In der DDR wurden ihre Erfahrungen darin jedoch noch intensiviert. Ähnlich wie auf der New Yorker Parteikonferenz waren in der DDR Diskussionen unerwünscht und Anderson beschreibt mehrfach die damit einhergehende Ödheit von Medien oder Versammlungen. Im Zusammenhang mit Grete Wittkowski, die Edith kurz nach dem Krieg kennengelernt hatte und die später stellvertretende

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Ministerpräsidentin wurde, wird die Atmosphäre der Volkskammersitzungen ganz ähnlich wie die der CPUSA beschrieben. »Years later, on television, I sometimes caught sight of the powerful figure hunched doggedly in the East German People’s Chamber, a hall without windows or ventilation system, listening all day long to the droning of other members and storing up the heart condition that would kill her. Everyone knew exactly what everyone else was going to say, so why, I wondered, couldn’t a brilliant woman like Wittkowski make them abolish those masochistic rituals.« (LIEe: 65; LIE: 91)

Die Frage, warum niemand etwas änderte, mag naiv erscheinen und man könnte erwarten, dass Edith nun auch gelernt haben müsste, dass jeder, der sich auf dieser Ebene unangepasst verhielt, in Gefahr war. Auch die scheinbar mächtige Wittkowski hatte das erfahren; zweimal war sie schon aus hochrangigen Gremien ausgeschlossen worden. Aber es ist eben das Besondere an Edith, dass sie sich nicht anpasste und resignierte, sondern trotz der vielen Jahre, in denen sie immer wieder die gleichen Mechanismen erlebte, deren Unsinn immer noch wahrnimmt und kritisiert. Gleichzeitig weiß sie, dass ähnlich wie in den USA die Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten der Kommunist/-innen durch die äußeren Umstände begrenzt waren. Anderson verwendet ein Zitat aus dem Brief ihrer New Yorker Freundin Helen Yglesias, um die Parallelität der Entwicklungen möglicherweise auch gerade für amerikanische Leser/-innen zu unterstreichen: »In one of her increasingly rare letters, one of my most treasured friends in New York, clear-headed Helen, wrote me in 1951 out of the cellar of McCarthy’s reign, ›The climates (individually and in conflict) of the two worlds you and I inhabit make easy intercourse hard. By now it is almost a reflex to hold back more than half one’s real expression.‹« (LIEe: 287; LIE: 374)

Während in den USA McCarthy und der Ausschuss für Unamerikanische Umtriebe (HUAC) zur Vorsicht zwangen, war die DDR einer der Frontstaaten im Kalten Krieg. Der Kontext des Kalten Krieges beförderte die Entwicklung der stalinistischen Strukturen, in denen das Verschweigen eine wesentliche Funktion einnahm. Am Beispiel von Johannes R. Becher, dem expressionistischen Lyriker und späteren Kulturminister der DDR, erläutert Anderson, wie das Wissen und das Schweigen über die Fehler und Verbrechen Stalins die Gruppe der Remigranten aus Ost und West teilte. Bechers Aufzeichnungen von den Verbrechen Stalins, Kenntnisse, die er während seines Exils in der Sowjetunion erworben hatte, wurden 1988 posthum in Sinn und Form veröffentlicht und Anderson, die den lebenden Becher ansonsten als peinliche Figur beschrieb, zitiert Bechers Gedanken zum Verschweigen: »›‚One does not speak of these things’ was the tacit etiquette we [the German Communist exiles in Moscow] observed, a rule that became our group’s hypocrisy. At first we had

340 | EINE A MERIKANERIN IN O STBERLIN: E DITH A NDERSON discussed them with good friends, then only with a particular confidante, later with nobody but ourselves. Finally the monologue was broken off as unworthy and morbid. One worked still more intensely to sweat off in some degree that portion of the guilt one felt was one’s own.‹« (LIEe: 140; LIE: 185)

Anderson schlussfolgert aus Bechers Bekenntnissen, dass er nicht der Einzige war, der geschwiegen hatte: »If he knew, they all knew. All who had survived Soviet exile, from Walter Ulbricht and Friedrich Wolf (author of Professor Mamlock) on down, all of them without exception, even the seemingly amiable teddy bear Wilhelm Pieck, had been welded together in a conspiracy of silence.« (LIEe: 140; LIE: 186) Das gemeinsame Wissen und Schweigen über Stalins Verbrechen hielt die Remigranten aus dem sowjetischen Exil zusammen und Anderson erklärt damit deren Reserviertheit gegenüber den Rückkehrern aus dem Westen. Nur Erich Wendt, der Leiter des Aufbau-Verlages, machte hier eine Ausnahme und sprach gegenüber Max und Edith gelegentlich von seinen Erfahrungen in sowjetischen Gefängnissen: »After they went home Max confided a still more horrifying secret: Erich had not been the only German Communist jailed through a misunderstanding in the Soviet Union. There were tales of worse fates than his though one never heard them from the survivors themselves – insofar as they had survived. […] Honorable suppression of dishonorable truth was the Communist ethic in those years. An example I came to know well was Noel Field, innocent fulcrum of the Rajk and Slansky trials. Most kept silence to the grave.« (LIEe: 104; LIE: 142)

Es waren nicht allein drohende Haftstrafen, die Kritiker/-innen zurückhielten, Fehler öffentlich zu benennen. Anderson verweist auf den Idealismus, der in vielen Fällen eine kritische Auseinandersetzung mit der Realität und den vielen Zweifeln und Ahnungen verhinderte. Max beispielweise weihte Edith selten in seine Zweifel und Befürchtungen ein. Zur Entlassung des ND-Redakteurs Lex Ende schreibt Anderson: »To his mind the Lex Ende affair must have borne a sinister resemblance to tip-of-theiceberg stories like Erich Wendt’s. Not that he had said to me. He could hardly have had the stomach to say it to anyone. There was a kind of superstition: if I express this it becomes true, if I express this I condemn us all. And everyone shared the superstition.« (LIEe: 131; LIE: 174)

Andersons Darstellungen zufolge geschah das Schweigen weniger aus der Angst um die eigene Person heraus, vielmehr war es die Sorge, dass die Sache selbst, der Aufbau eines antifaschistischen sozialistischen Staates, durch das Bekanntwerden von Zweifeln und Fehlern in Gefahr geraten könnte. Dementsprechend wollten viele Kommunist/-innen Fehlleistungen nicht wahrnehmen:

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»If anyone apart from God had whispered the truth to us then, we would not have believed it. Partly because it was still in the making and might yet prove reversible. But there are moments in history and in a lifetime when shocking facts are rejected out of hand because they oppose an all-engulfing need.« (LIEe: 220; LIE: 291)

Anderson erklärt das Funktionieren des Apparates mit dem Einsatz verschiedener Bewusstseinsebenen, um die Widersprüche zu verdrängen und zu tabuisieren. »I can only say we had all begun to exist on different levels of consciousness, automatically slithering from level to level depending on whom we were with – friend, foe, nut, or question mark. […] In any case this sort of subconscious scene-shifting in the absence of hard fact is a function of self-preservation. We learn in childhood what not to blurt out. Later we learn what not even to think. Blessed are those who perceive this and resist. Or at least know what they are doing.« (LIEe: 220; LIE: 290)

Wenngleich Edith selbst dieser Gutgläubigkeit verhaftet war, so half ihr ihre Identität als kommunistische Amerikanerin, die Entwicklungen eines vorgeblich egalitären Systems, welches im Grunde hoch hierarchisch war, gelegentlich recht kritisch zu betrachten. Als Amerikanerin verfügte sie über ein ausgeprägtes Demokratieverständnis und war daher umso überraschter, wenn sich im ›Arbeiter- und Bauernstaat‹ Ungleichbehandlungen ereigneten. So etwa wenn das Baustellenschild einer Siedlung in Grünau darauf verwies, dass dort siebenundzwanzig Häuser für die schöpferische Intelligenz entstünden: »I was aghast and went home in great agitation. I shouted at Max, ›Creative Intelligentsia! How do you think this will make ordinary people feel? Do you want your child beaten up?‹« (LIEe: 178; LIE: 240) Max konnte Ediths Beschwerde nicht verstehen, denn die schöpferischen Intellektuellen waren gesellschaftlich wichtig und sollten unter Bedingungen leben, die ihre Arbeit befördern. Im Laufe der Zeit scheint Edith diese Sichtweise zu übernehmen, so etwa wenn sie das Vorhandensein eines Dienstwagens mit Chauffeur für den Urlaub oder während Max’ Krankenhausaufenthaltes als vollkommen legitim darstellt. Ediths grundsätzlicher Egalitarismus beruht auf ihrer Sozialisation als Amerikanerin. Durch ihre politisch motivierte Identifikation mit der Arbeiterklasse wird diese Haltung noch gestärkt. Trotz der Lehrertätigkeit ihrer Eltern und ihres eigenen Collegeabschlusses definiert sie sich stolz als Proletarierin: »An East Bronx plebeian, working girl, irreverent democrat, ignoramus, and truth-seeker, her motto: A cat may look at a king.« (LIEe: 102; LIE: 139) Natürlich ist diese Selbstdarstellung von jenen kommunistischen Überzeugungen geprägt, die dem Proletariat eine außerordentliche Bedeutung zumessen. Aber neben dem »Arbeitermädchen« bezeichnet sich Edith eben auch als »respektlose Demokratin«. Das scheint mir ein Schlüssel zu Andersons Weltanschauung zu sein. Die Respektlosigkeit, die die meisten ihrer Schriften charakterisieren und wertvoll machen, ist ein Ausdruck von Gleichbe-

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handlung ohne Berücksichtigung des Ansehens, einem Gründungsprinzip der amerikanischen Gesellschaft. Die Respektlosigkeit gegenüber der gesellschaftlichen Stellung eines Menschen zeigt Edith nicht nur, indem sie sich über einige hochrangige Persönlichkeiten wie eben Becher lustig macht, sondern ebenso in ihrem Umgang mit scheinbar weniger bedeutenden Menschen. So versucht sie, mit Max’ Sekretärin und seinem Fahrer kollegiale Kontakte zu knüpfen. Doch Max, der seine aristokratische Familienprägung nicht ablegen kann, verbietet ihr ein solches Verhalten: »That sort of ›phony democracy,‹ he said, was not understood in Germany. What was phony about it, I objected. And I wasn’t to call her Elli either. She couldn’t call me by my first name. Why couldn’t she? Whether I agreed or not we weren’t going to mix business with private life.« (LIEe: 114; LIE: 155) Die Klassenverhältnisse in der DDR sind ein Thema, mit dem sich Edith auch als Kommunistin wiederholt auseinandersetzte. Schon in den USA hatte sich Edith eine kritische Haltung zur kommunistischen Partei angeeignet, wenngleich diese nicht frei von Widersprüchen war. In Richard Wrights Roman The Outsider (1953) fand sie Sätze, die ihrer eigenen Sicht auf die CPUSA entsprachen: »›It was something [the Communist movement] had and did not know it had that was seducing [Cross Damon, the black hero]. It was its believing that it knew life; its conviction that it had mastered the art of living; its will that it could define the ends of existence that fascinated him against his volition. Nowhere else save in these realms had he encountered that brand of organized audacity directed toward secular goals.‹« (LIEe: 254; LIE: 335)

Edith kritisiert die aus dem Selbstverständnis der Partei erwachsende Selbstherrlichkeit, die sie bei einigen Funktionären wie etwa Elizabeth Gurley Flynn erleben musste. Dennoch scheint sie genauso wie Wrights Protagonist von der Funktion der Partei als Erlöser fasziniert zu sein und diese Annahme bildet häufig die Grundlage für ihre Erwartungen an die kommunistische Partei. Diese Partei mit ihren hohen Zielen sollte makellos sein und bleiben. Sätze wie »Then let them not dirty their linen« (LIEe: 25; LIE: 36) belegen den fast puritanischen Anspruch Ediths an die Partei. Der mit dem amerikanischen Puritanismus eng verbundene Manichäismus war auch Edith nicht fremd und half ihr, ihre Kritik an der Partei zu formulieren. Edith, die selbst Mitglied der kommunistischen Partei war und in der DDR nicht der SED beitrat, da sie dafür ihre amerikanische Staatsbürgerschaft hätte aufgeben müssen, identifiziert sich relativ selten mit der CPUSA oder der SED. Wenn sie von der Partei spricht, dann meint sie meist deren Führung, die mit Vorschriften in das Leben der einzelnen Mitglieder eingriff. Die einzelnen Mitglieder erscheinen wie hilflose Opfer, wie etwa ihre amerikanische Kollegin Mildred Olsen. Sie war in Osteuropa geboren und wurde wie viele andere Emigrantenkinder in den USA nicht formal eingebürgert. Die fehlende amerikanische Staatsbürgerschaft wurde ihr als

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Kommunistin zum Verhängnis, denn das State Department brauchte ihr keinen Pass auszustellen. Die Partei verschaffte ihr einen Job bei der Internationalen Demokratischen Frauenföderation in Berlin, wo sie sich aber gar nicht wohlfühlte. Anderson schreibt diese Entwicklung der Parteiführung zu: »A high official of the American CP just below National Committee rank, her entire existence had been botched up by the Party in 1950. Although her head was loaded with brains she had taken a piece of idiotic advice, that amounted to an order, with the result that she became permanent American Secretary of the Women’s International Democratic Federation without the slightest inclination to do so.« (LIEe: 258; LIE: 339)

Von der SED wird ein ähnliches Bild gezeichnet. Wie ein Arbeitgeber verlangt die Partei von Max die Übernahme weiterer Arbeitsbereiche, die er kaum bewältigen kann. Die Partei läge fest, was Regierung und Gesellschaft zu tun hätten, erklärte Max immer wieder seiner Frau. Die in Love in Exile beschriebene Kluft zwischen der Parteiführung und ihren Mitgliedern erinnert an Brechts Frage: »Wer aber ist die Partei?« Der überwiegende Teil der im Buch vorgestellten Personen war sicherlich Mitglied einer kommunistischen Partei. Wenn jedoch von der Partei die Rede ist, so sind das eben nicht die Genoss/-innen, sondern eine teilweise recht diffuse Gruppe von Machthabern. Diese Struktur und ihre Konsequenzen werden als ein Grund für das Scheitern des Sozialismus benannt. Die Diktatur des Proletariats sei eine Diktatur über das Proletariat gewesen: »Society in the GDR was not classless. The class at the top of it was not the proletariat, for there had been no revolution, but it needed and flattered the proletariat. […] The class that ran the GDR, an amalgam not foreseen by Marx, used the proletariat as a propaganda monstrance and a stick with which to intimidate those most credulous citizens, the artists and intellectuals.« (LIEe: 234; LIE: 309)

Edith meint, dass diese neuen Klassenverhältnisse und Machtstrukturen einer intensiven Analyse bedurft hätten, aber niemand sei auf ihren Vorschlag eingegangen und hätte die Bearbeitung eines solchen Themas gewagt.143 Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus und die Weiterentwicklung dieser Lehre unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts waren weitestgehend tabu und nicht zuletzt trug die Stagnation der Diskussion zum Ende der DDR bei. Anderson versucht, in ihren Erinnerungen ein vielseitiges Bild der Ursachen des Scheiterns zu vermitteln. Interessant ist auch ihre Haltung zur Rolle der Sowjetunion. So beschreibt sie die Einflussnahme der Sowjetunion auf die Entwicklung der DDR zwar gelegentlich, jedoch bleibt sie weit davon entfernt, die DDR allein als Handlanger des ›großen Bruders‹ zu charakterisieren. Damit bietet Love in Exile eine Alternative zu den – meist westlichen – Interpretationen der Rolle der Ostdeutschen als Opfer sowjetischer Politik. Anderson nennt einige Funktionäre wie Wladimir Semjonow oder Andrei Alexandrowitsch Schdanow; dem Genre der Erinne-

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rungen entsprechend kann der Text aber keinen Anspruch auf Faktizität144 erheben noch lässt sich innerhalb dieser Form die Bandbreite sowjetischen Einflusses darstellen. Im Zentrum der Betrachtung stehen die persönlichen Erinnerungen und stärker als die Steuerung der Sowjetunion erlebte Edith das Verhalten der SEDFunktionär/-innen. So war die Formalismus-Debatte zwar durch Semjonow alias Orlow ins Rollen gekommen, aber, wie Anderson schreibt, »[t]he GDR had plenty of its own little Orloffs.« (LIEe: 292; LIE: 379) Neben der Einflussnahme und Kontrolle durch die Sowjetunion wird in der Geschichtsschreibung häufig das Schicksal der DDR mit dem Kalten Krieg erklärt. Auch Anderson hatte in ihren bisher erschienenen Arbeiten und Aufzeichnungen die Ansicht vertreten, dass der Fortschritt und die Entwicklung der DDR durch den Kalten Krieg gebremst worden waren. Love in Exile, ihr letztes Werk, enthält zwar immer noch Ansätze dieser Interpretation, doch im Verhältnis zu ihren früheren Arbeiten nehmen diese einen weitaus geringeren Anteil ein, wie etwa hier: »Max believed that the government earnestly desired a classless society, but that all movement toward it was retarded by Cold War, forcing the socialist countries to waste their resources on a self-defense that included, alas, inept propaganda and what came to be called ›heartless Bureaucracy.‹ And it was true that the Cold War retarded a healthy development of socialism. That was the West’s purpose, and no expense was spared to ridicule and undermine socialist efforts.« (LIEe: 235; LIE: 310)

Von ihrer amerikanischen Sozialisation geprägt, die einerseits die Erfahrungen in den 1930er und 1940er Jahren in den USA und den damit einhergehenden universalen Blick und andererseits ein grundlegend egalitäres Weltverständnis umfasst, präsentiert Anderson in Love in Exile verschiedene Begründungen für das Scheitern der DDR. Sie benennt den Einfluss der Sowjetunion und des Kalten Krieges. Doch ihre vielfältigen Erinnerungen und Erfahrungen bezeugen, wie von den führenden Kräften in der DDR massive Fehler (teilweise infolge dieser Einflüsse) begangen wurden, so dass das Ziel einer gerechten Gesellschaft nicht erreicht werden konnte. Ähnlich wie Edith es schon von der kommunistischen Partei in den USA kannte, bewegte sich auch die SED auf die falsche Weise in die richtige Richtung. Als Outsider in der DDR-Kulturelite Eine weitere Spezifik von Andersons Memoiren besteht in der Darstellung der kulturellen Elite der DDR in den 1950er Jahren. Bis zu einem gewissen Grad gehörte sie dieser Elite an und ihre Teilhabe wurde durch verschiedene Faktoren geprägt. Die größte Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang natürlich Max zu, da er Edith überhaupt Anlass bot, sich mit den deutschen Antifaschisten und ihrer Kultur zu beschäftigen. Durch ihn hatte sie Menschen kennengelernt, die später in der DDR sehr einflussreiche Posten innehatten, und die gemeinsame Zeit in New York bildete die Grundlage der Beziehungen, wenngleich Edith selten Vorteile daraus

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ziehen konnte. Als Edith verzweifelt versuchte, ein Ausreisevisum für die USA zu bekommen, empfahl ihr Max, sich an Albert Norden zu wenden: »He [Max] put an arm around me and soothed, ›Write to Norden.‹ He believed that just because a ›comrade‹ had drunk our coffee a few times he would use his influence on our behalf. Did Norden even have influence, icy Norden who used to pretend not to notice when I came home during an editorial meeting of the German American? He was now a member of the Politburo, where as a West exile he had to mind his p’s and q’s, but doubtless did so with never a wince. Still, I composed the letter…« (LIEe: 316; LIE: 411)

Norden ist nur ein Beispiel. In ihrem New Yorker Wohnzimmer hatte Max mit Gerhart Eisler und Albert Norden Redaktionssitzungen abgehalten. Alexan, der in seiner Tribune Subway Gallery auf der 42. Straße Kulturveranstaltungen für deutsche Künstler/-innen im Exil durchführte, war Ediths und Max’ Trauzeuge. Seine Wohnung war ein Ort, an dem sich die Exilanten heimisch fühlten: »Her [Alexan’s wife Masha] kindness and stunning legs and Alexan’s bubbling optimism were momentary antidotes to depressing news; their comfortable living room provided a forum for people who not only liked to hear themselves talk but also seemed to have something to say.« (LIEe: 19; LIE: 29) Zwar behinderten Sprachprobleme den direkten Austausch mit den Exilant/-innen, aber mittels ihrer Beobachtungsgabe und Max’ Informationen lernte Edith viele Exilant/-innen gut kennen und verstehen. Sie begegnete Alfred Kantorowicz, Hermann Budzislawski, Oskar Maria Graf und zahlreichen anderen deutschsprachigen Intellektuellen in einer Phase, die mit vielen existentiellen Sorgen behaftet war, und die Kontakte aus dieser schweren Zeit bildeten eine Grundlage für die weitere Bindung zwischen Edith und den Remigranten in der DDR. Für ihr Ansehen und ihre Integration in die Kulturelite Ostberlins war es nicht unbedeutend, dass Edith von Anbeginn der DDR dabei war. Das heißt, sie hatte deutsche Intellektuelle nicht nur in ihrer Exilsituation kennengelernt, sondern teilte mit ihnen die Erfahrung des Lebens im zerstörten Berlin der Nachkriegszeit. Sie wusste, was es bedeutete, ohne Strom, mit wenig Essen und einer kalten Wohnung auszukommen, und diese gemeinsame Erfahrung bildete eine weitere Verbindung zwischen ihr und den Deutschen, insbesondere den antifaschistischen deutschen Intellektuellen. So erinnert sich Edith etwa an den Dichter Peter Huchel, der später Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form wurde. Huchel und seine Frau hatten Max und Edith großzügig geholfen, als bei ihnen im Winter 1948 die Kohlen und sämtliches anderes Brennmaterial zu Ende gegangen war und sie keinen anderen Ausweg wussten, als sich in einer Kneipe aufzuhalten, um nicht zu erfrieren. Ein anderer Ort, der in dieser Zeit außergewöhnlichen Komfort bot, war der Klub des Kulturbundes. Zu den Vorteilen des Hauses gehörte, dass man hier Mahl-

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zeiten ohne Markenabgabe einnehmen und mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen konnte. Edith erinnert sich an die frühere Atmosphäre im Klub, als dieser noch von Trümmerwüsten umgeben war: »The rooms were buzzed with stimulating political talk. Returned exiles mixed with kindred spirits who had remained in Germany, all of them excited to be meeting, eagerly visiting from table to table, weighing projects, retailing news and anecdotes. The old literary cafés that expired in 1933 seemed to have been revived under its roof. […] All the same it was a time of exuberant hope, elation that one had survived to experience it, and a robust faith that the future was theirs to make. The atmosphere of those days in the Club was nostalgically remembered after the Cold War put an end to freedom. That it had ever existed came to seem incredible.« (LIEe: 81; LIE: 112)

Wenngleich sich die Atmosphäre änderte, bot der Klub für Edith zahlreiche Gelegenheiten, Intellektuelle und Künstler/-innen, also die ›guten‹, das heißt antifaschistischen Deutschen zu beobachten und kennenzulernen. Zu den prominenteren Mitgliedern gehörten unter anderem Willi Bredel, Klaus Gysi, Wolfgang Harich, Anna Seghers, Bodo Uhse, Victor Klemperer und natürlich Johannes R. Becher, der den Vorsitz innehatte. Auch außerhalb des Klubs traf Edith auf die Mitglieder der Kulturelite und lernte ihre persönliche Seite kennen. So etwa bei den Tanzveranstaltungen des Aufbau-Verlages (Walter Janka) oder des Schriftstellerverbandes (Stefan Heym), an der Ostsee in Ahrenshoop, wo fast alle Urlaubsquartiere KulturbundMitgliedern vorbehalten waren (Arnold und Beatrice Zweig, Hanns Eisler, Bildhauer Gustav Seitz, der engste Freund Max Schroeders). Gelegentlich lud Max Kollegen ein, manchmal war Edith auch bei Arbeitsessen erwünscht (Leonard Frank) und darüber hinaus waren die beiden selber zu Gast bei Bekannten (Gerhart Eisler) oder auf den Partys etwa im Hause Uhse. Anderson beschreibt Alma Uhse als geistreiche und originelle Gastgeberin, die letztendlich auch das Ansehen der DDR bei ihren internationalen Gästen steigerte. Andersons Erinnerungen an einen solchen Abend vermitteln einen Einblick in die Atmosphäre dieser Partys: »All I remember of the guest list is the French writer and filmmaker Claude Chabrol and the venerable Cuban poet Nicolás Guillén, as well as Stefan [sic] Hermlin, an impressive young man just my age whose self-assurance was years older. A respected German poet and a close friend of both Bodo and Alma, separately and together, he was almost always to be found at their international parties as a sort of assistant host; but there were many interesting faces that evening and foreign voices doting with bits of English the Romance languages in which Bodo, Alma, Hermlin or Max could more or less tolerably pinch-hit.« (LIEe: 238; LIE: 314)

Für ein Verständnis von Ediths Stellung innerhalb der Gruppe der führenden Kulturschaffenden ist gerade das Ende dieses Zitats besonders aufschlussreich. Obwohl Edith im gleichen Kontext agierte, war sie nicht Teil des Geschehens; Bodo, Alma,

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Hermlin und Max unterhielten sich in den von ihnen leidlich beherrschten romanischen Sprachen. Über Ediths Kommunikation auf Englisch oder Französisch wird nichts berichtet. Die Erzählerin nahm die Rolle der Beobachterin ein, die Gesichter analysierte, das Geschehen beschreibt, welches mit nachträglich erarbeitetem Hintergrundwissen zu den einzelnen Protagonist/-innen angereichert wird. Insofern unterscheidet sich Andersons Buch von anderen autobiografischen Schriften wie etwa Stefan Heyms Nachruf (1990). Sie beschreibt die DDR-Kulturelite nicht mit dem Fokus auf ihr eigenes Agieren in dieser Gruppe, sondern aus der Perspektive einer teilweise distanzierten Beobachterin. Dabei war sie durchaus, wie ich bereits zu zeigen versuchte, durch ihre Lebensumstände eng mit dieser Gruppe verwoben. Sie hatte Kontakt mit Künstler/-innen, die bei Max den Status von Genies hatten, wie etwa Bertolt Brecht und Hanns Eisler; sie lebte in einer Siedlung mit angesehenen Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen; sie kannte durch Max fast jeden, der im Kulturbereich Rang und Namen hatte; und sie hatte Affären unter anderem mit Gustav Seitz und dem im Buch als »Harry« bezeichneten Musikwissenschaftler Georg Knepler. Dennoch fühlte sie sich als Außenseiterin und die Außenperspektive der Beobachterin war nicht allein ein stilistisches Mittel zur Darstellung ihrer Erinnerungen, sondern entsprach wohl ihrem Gefühl von Isolation. Schon in den Erinnerungen an ihre Beziehungen zu den deutschen Emigrant/innen in New York wird die Außenseiterposition thematisiert: »Even when the two men [Max and Hans Meyer] spoke English I failed to catch many of their laughing, learned allusions. Being under thirty I got away with naiveté by being an ornament, a fact I only half understood and got little satisfaction from. I was chagrined to discover the insularity of an American education. When Hans laughed caressingly at one of my mistakes I felt mortified. He was the only friend of Max with whom I felt affinity.« (LIEe: 21; LIE: 31)

In der Regel handelte es sich bei den deutschen Exilant/-innen und späteren Remigrant/-innen um Max’ Freund/-innen und unabhängig von Max unterhielt Edith nur selten eine Beziehung mit ihnen. Diesen Tatbestand bekräftigt Anderson, indem sie die Bekannten als Max’ Freunde bezeichnet und Ediths distanziertes Verhältnis zu ihnen beschreibt. So etwa heißt es von den Uhses: »I say ›friends‹ with reservations. It was the men who had something in common. They had been through Paris exile together, shared aesthetic insights and Marxist convictions, and were now working in closely related jobs under the same roof.« (LIEe: 128; LIE: 171) Mit der englischen Freundin Gillian scheint Edith die Auffassung ihrer Position zu teilen: »We were extraneous. Our men lived and were needed in a world where we played no part.« (LIEe: 245; LIE: 323) Die Annahme, den Männern nicht ebenbürtig zu sein, beeinflusst die Selbstwahrnehmung ihrer Position in der Ehe und der Gruppe der Kulturelite. Mit ihren Komplexen bringt sich Edith einerseits selbst in eine Au-

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ßenseiterposition, andererseits – und das wird ganz deutlich – gestattet das Verhalten der Deutschen kaum eine andere Wahrnehmung ihrer selbst. Dazu ein Beispiel: Ähnlich wie die im Buch erscheinenden Autoren Bodo Uhse oder Stephan Hermlin hat sie Schwierigkeiten mit dem Schreiben, und obwohl Max an ihr Talent glaubt, meint sie manchmal, sie sei gar keine richtige Schriftstellerin. Theoretisch hätte Edith über das Schreiben mit anderen deutschen Autor/-innen ins Gespräch kommen können. Doch in Love in Exile tauscht sich Edith nur mit Richard Wright oder ihrer Freundin Gillian diesbezüglich aus. Bei den deutschen Autoren beobachtet sie eine von Opportunismus und Hochmut geprägte Mentalität. Über Hermlin etwa schreibt Anderson: »He may not originally have meant to be a snob, but I think in the end he accepted being one as his prerogative. He shared that Olympian blindness of the elite to anyone who plays no recognizable role in its preserves. His preserves were above all literary […].« (LIEe: 239; LIE: 315) Die Ignoranz gegenüber denjenigen mit niedrigerem Prestige, die Edith nicht nur als Schriftstellerin, sondern vor allem auch als Frau erfährt, geht einher mit einer Autoritätshörigkeit, für die sie als Amerikanerin kein Verständnis hat. Voll Sarkasmus beschreibt sie etwa Bechers monarchenhaftes Auftreten im Klub des Kulturbundes und das katzbuckelnde Verhalten der Mitglieder. Über ihre Begegnung mit Becher im Klub berichtet sie: »Soon after my arrival Max led me to the dais to be presented. Becher awarded him, if not me, a brief, condescending attention – Max had to edit his books after all, and it was Becher who had okayed him for the job. They exchanged a few civilities, during which the remote gray eyes in their higher orbit once passed noncommittally above me. I felt mortified as Max steered me away. I had stammered that I was happy to meet Becher when I was not. I was transfixed, as by a basilisk, and turned to stone. I hated myself for being intimidated, I hated the way everyone else deferred to him, even Max, to whom – this was my firm opinion – Becher should have deferred.« (LIEe: 138; LIE: 184)

Gerade die beschriebene Szene mit Becher bringt all die Facetten von Ediths Position innerhalb der Kulturelite noch einmal auf den Punkt: Den großen Einfluss von Max, ihr Dasein als Ornament, die Ignoranz und Abweisung, die sie vor allem als Frau erfährt, ihre großen Schwierigkeiten mit dem Opportunismus der Deutschen und gleichzeitig ihre Teilhabe an dem Geschehen – selbst wenn sie sich dafür hasst, sie wurde in diesem Fall Teil des Hofes, den Becher im Namen des Kommunismus gegründet hatte. Aus diesem Wechselspiel von Insider- und Outsider-Perspektive konnte Edith einzigartige Ansichten zu kulturpolitischen Entwicklungen und vor allem zu den Persönlichkeiten entwickeln und gerade darin besteht die Leistung von Love in Exile gegenüber anderen Betrachtungen dieser Zeit. Bei der Darstellung bedeutender Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich verwendet Anderson zwei Verfahren. Entweder sie stößt sie vom Sockel, oder sie prä-

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sentiert andere, bisher wenig bekannte private Facetten von ihnen, so dass die Personen in einem positiven Licht erscheinen. Walter Janka etwa wird einerseits als furchtloser Mensch beschrieben: »Janka was not a man to be pushed around. Tough, bold, almost forbidding, he had been decorated for heroism by the Loyalists in the Spanish Civil War and promoted to major at only twenty-three, which made him the youngest commissioned officer in the International Brigades.« (LIEe: 229; LIE: 303) Diese Art von Informationen kann man auch in anderen Berichten über Janka finden. Andersons Buch bietet eine andere, weichere Seite dieses Mannes, der in erster Linie für seine Widerstandskraft bekannt war. Das Wissen um diese andere Seite bezog Anderson aus ihren Beobachtungen des ihr damals noch unbekannten Jankas auf einer Tanzveranstaltung des Aufbau-Verlages: »Dark as a gypsy, with an almost unnoticeable scar on his upper lip, Janka was dancing every dance with the same lovely young woman, one of the editors, while most of the dancers changed partners after each set. No one could have failed to recognize the budding understanding between this stranger and the fair-haired girl as rapt in his arms as if born to them, fated to them, flying in them. Each was loath to let go of the other. It was hard not to stare. I hoped for her sake that he was not married; but what striking man of thirty-five would not have been married? […] I was never again to experience this resolute man in a mood so young, so carefree, so tender.« (LIEe: 229; LIE: 302)

Als Leiter des Aufbau-Verlages wurde Janka im Dezember 1956 verhaftet, weil er in Folge von Chruschtschows Enthüllungen auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Verlag Diskussionen zur weiteren Entwicklung und Entstalinisierung der DDR angeregt hatte. Sein Lektor Wolfgang Harich hatte die Ergebnisse dieser Gespräche, die auch die Entmachtung Ulbrichts vorsahen, zusammengefasst und an Vertreter der SPD und den Spiegel weitergeleitet. Dies führte zu seiner Verhaftung in der DDR und den Schauprozess gegen die Mitglieder der sogenannten Harich-JankaGruppe. Janka bestritt alle Vorwürfe der Hetze bis zum Schluss, aber Harichs Geständnisse belasteten ihn schwer und führten zu seiner Verurteilung. Becher und Seghers hatten teilweise an diesem Prozess teilgenommen und öffentlich geschwiegen, was Janka in seinen späteren Schriften anprangerte. Janka war Seghers nicht unbekannt; schon im mexikanischen Exil hatte Janka als Mitbegründer und Leiter des deutschsprachigen Exilverlages El Libro Libre Seghers Das siebte Kreuz (1942) publiziert. In öffentlichen Reden äußerte sich Anna Seghers nur selten kritisch zu Fehlentwicklungen in der DDR, vielmehr schien sie die Konflikte in ihren Werken zu verarbeiten (vgl. Kaufmann 2009b). Aufgrund ihres Schweigens in der Öffentlichkeit konnte Seghers Haltung als affirmativ interpretiert werden und gerade deswegen wurde die einstige Ikone der DDR-Literatur vor allem nach der Wende heftig kritisiert.

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Love in Exile schließt sich dieser Kritik nicht an, sondern bietet einen anderen, einfühlsameren Blick auf Anna Seghers und ihr Verhältnis zur Partei- und DDRFührung: »For the sake of her other novels it [the party] tolerated the ambiguities of Transit, an international success if not a zealot’s cup of tea, and idealized Anna as the delineator of an idealized working class, typecasting her (rosy image of virtuous womanhood that she appeared) as the unwavering Communist ingénue. The role became a cross. She was constantly pushed before the public eye, made to visit factory brigades and schools that bore her name, wrenched from the desk to speak at conferences in Germany and abroad. It was like being in the stocks, but she dared not to refuse. The daughter of enlightened, artloving parents, she learned to walk a tightrope between commitment and wary discretion from which there was little respite.« (LIEe: 137; LIE: 182)

Anderson zeichnet in Love in Exile zahlreiche solcher kleinen Porträts von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten der DDR-Kultur, indem sie ihre persönlichen Beobachtungen mit den Ergebnissen ihrer Recherchen verbindet. Während man etwa in Lexikon-Einträgen lediglich etwas über den Werdegang und die Leistungen dieser Personen erfährt, gelingt es Anderson, sie als komplexe Menschen darzustellen. Häufig, etwa in der Beschreibung Jankas, benutzt sie dazu das Äußere der Person sowie deren Verhältnis zu ihren Partner/-innen. Über den Verlagsleiter und späteren stellvertretenden Kulturminister Erich Wendt und seine Frau Lotte schreibt sie: »His thinking forehead, lean cheeks, strong aquiline nose, and firm chin reminded me of great nineteenth-century Americans like Oliver Wendell Holmes or William Lloyd Garrison. The entire attention of his deep-set, penetrating eyes was engrossed by the person speaking to him. Despite a natural austerity he seemed to me profoundly charitable. For a long time Erich was the German whose moral excellence I trusted most. He and Lotte were newlyweds in a honeymoon phase that never seemed to alter. His prematurely white hair and her happy young face made them look a generation apart, but the difference was six years at most. He called her Lotteken. The innocent fringed gentian eyes and tiptilted dainty nose (every so often one sees a typically Irish face like hers in Germany) gave no hint of the risks she had run. In the underground she had been a courier, outwitted the Gestapo time and again, and finally escaped across the Swiss border by the skin of her teeth.« (LIEe: 104; LIE: 141)

Nicht alle Personenbeschreibungen wenden sich so deutlich an die impliziten amerikanischen Leser/-innen. Bei der Darstellung Lex Endes etwa fehlt jeglicher Verweis auf die Erfahrungswelt einer amerikanischen Leser/-in. Aber auch hier beginnt es zu ›menscheln‹, wenn Anderson Endes Aussehen und seine Frau beschreibt: »Lex was a dark, balding man in shirtsleeves, his eyes glinting with mischief. An electric, masculine dynamo inside him dwindled the living room he strode restlessly

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about. Trude was a resolute brunette, as collected as he was mercurial.« (LIEe: 105; LIE: 143) Nicht alle ihrer Porträts sind von Wohlwollen getragen. Ganz besonders heftig konnte Anderson gegen Personen wettern, wenn diese dem großen Ansehen, welches sie in der Öffentlichkeit genossen, nicht entsprachen und ihr, der »respektlosen Demokratin«, diese Verehrung unangemessen schien. So bezeichnet sie Becher als »aufgeblasenen Ochsenfrosch« und zitiert peinliche Stellen aus seinen Werken und seinem Leben, wie etwa den Selbstmordpakt mit einer Prostituierten, bei dem er als junger Mann die Frau tötete. Bechers Depressionen präsentiert Anderson nicht als Quelle für Mitgefühl oder Identifikation, sondern als Ausdruck von Schwäche und Wahn. »He did keep trying to commit suicide. In the Soviet Union, after his third failed attempt, Georgi Dimitroff asked the other exiled German writers to help their colleague overcome his chronic depression. Despite the man’s weaknesses Dimitroff believed he could be a decisive good influence in postwar Germany. […] It was Becher’s lifelong delusions of grandeur that ultimately blinded him to danger from an ego [Ulbricht] even more swollen than his own.« (LIEe: 314; LIE: 408)

Wie an dem schon erwähnten Verhalten der Kulturbund-Mitglieder gegenüber Becher erläutert, richtet sich Andersons Kritik vor allem gegen den Personenkult und Opportunismus, den Edith in Deutschland erfuhr. Als »Speichellecker« bezeichnet sie Bechers Biografen und vorgeblichen Freund Alexander Abusch. Dieser diente und schätzte Becher, »as long as Becher sat on top of the pile, but detached himself from the unequal friendship the moment his idol fell from grace. This ensured his own rise to a position of Party prestige from which he could and did snub the Poet of the Nation and of Peace and help embitter his former protector’s last months on earth.« (LIEe: 314; LIE: 408)

Relativ großen Raum (ca. zehn Seiten) nimmt in Love in Exile die Darstellung Stefan Heyms und seiner Frau Gertrude ein. Dies könnte einerseits damit zusammenhängen, dass Heym der amerikanischen Leserschaft durch seinen 1948 herausgegebenen Bestseller The Crusaders möglicherweise bekannt war. Andererseits hatte sich Heym durch seine Veröffentlichungen in der Bundesrepublik und seinen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung einen Namen als Oppositioneller gemacht. Man bezeichnete ihn als »Dissidenten auf Lebenszeit« und als bekannteste »›Unperson‹« der DDR (vgl. Krämer 2009: 128). Ediths vorwiegend negative Erinnerungen an die Heyms werden mit einem versöhnlichen Ton eingeleitet: »Our relations with the Heyms got off on the wrong foot immediately. It was sad and bad and everything that could possibly go wrong did go wrong. […] I suppose all of us were at fault, if fault is the word.« (LIEe: 262; LIE: 345) Doch die geschilderten Erinnerungen bekräftigen kaum das Bild,

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welches die Öffentlichkeit im Allgemeinen von Heym zeichnete, sondern schildern Heym und seine Frau als berechnend, kleinkariert und nachtragend. Ihnen sei es immer nur um Heyms Veröffentlichungen gegangen, deswegen erschienen sie zu Besuch bei Max und Edith und deswegen gründete Gertrude Heym den Seven Seas Verlag für englischsprachige Literatur. Aus Rache für ein negatives Außengutachten, welches Edith für den Aufbau-Verlag über Heyms The Eyes of Reason (1951) geschrieben hatte, hätte Gertrude Heym – so Andersons Vermutung – Ediths Eisenbahnerinnen-Roman nicht im Seven Seas Verlag publiziert. Darüber hinaus wird der Mensch Heym als abstoßend vor allem in seinem Verhalten gegenüber Frauen dargestellt: »Unfortunately, the private persona he showed us was in no way appealing. At a party his cold eyes would pause upon each nubile woman in the room and assess her with bland obviousness as an assortment of sexual conveniences. This look and his persistent innuendos sickened me and Gillian; we detested him, and were baffled when Gertrude always cooperatively laughed, as if bad taste were just fun and irrelevant to their own ideal love. Painful to witness, she would actually vie with him in coarseness, playing the good sport. Couldn’t she, we wondered, see that she was being grossly humiliated? She could and did, but there was no returning. She had plucked up her roots […].« (LIEe: 265; LIE: 349)

Gleichzeitig schildert Anderson Heyms Abhängigkeit von seiner zwölf Jahre älteren Frau, durch die Heym in gewisser Weise infantil erscheint: »Looked at one way, Stefan owed Gertrude, his wife, his mother, his editor, his flag bearer, everything but the brains he was born with. […] Lacking sensitivity to others, he was always putting his foot in it and having to be saved by the one person who watched Argus-eyed over his welfare.« (LIEe: 265; LIE: 350) Heym selbst schildert in seiner Autobiografie Nachruf (1990) die Beziehung mit Gertrude, mit der er kooperiert und deren Rat er schätzt, als gelungene Partnerschaft. Anderson zitiert teilweise aus Nachruf und kommentiert, dass Gertrude durch ihr Lektorat eine weitaus größere Bedeutung für den Erfolg von Hostages (1942) hatte, als Heym ihr einräumte. Ohne Kommentar übernimmt sie jedoch Heyms Erinnerungen an den Erfolg. »The young author’s head swam. Writing of himself in the third person, he described his feelings when he and Gertrude read the reviews: ›All at once the sacred halls of great art lie open before him, with a single coup he is accepted among the ranks of the immortals; and he grasps the hands of the woman who was the first to recognize in the still rough, unfinished version what he was trying to shape, and kisses her.‹« (LIEe: 263; LIE: 347)

Im Kontext von Andersons Werk wirkt Heyms Ausdruck von Freude und Dankbarkeit eher lächerlich. Wenn Anderson herau