Edition und Sprachgeschichte: Baseler Fachtagung 2.-4. März 2005 3484295260, 9783484295261

Dieser Sammelband befasst sich mit den sprachgeschichtlichen Aspekten von Texteditionen aus dem Bereich der germanistisc

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Edition und Sprachgeschichte: Baseler Fachtagung 2.-4. März 2005
 3484295260, 9783484295261

Table of contents :
Vorwort vii
Kurt Gärtner, Neue Philologie und Sprachgeschichte 1
Karin Schneider, Akzentuierung in mittelalterlichen deutschsprachigen Handschriften 17
Elvira Glaser, Von der Transkription bis zur lauthistorischen Interpretation 25
Stefanie Stricker, Zur Edition althochdeutscher Glossen: Der handschriftliche Befund und seine sprachhistorischen Folgen 43
Wernfried Hofmeister, Mehrschichtiges Edieren als neue Chance fur die Sprachwissenschaft 73
Andrea Hofmeister-Winter, Die Grammatik der Schreiberhände: Versuch einer Klärung der Schreiberfrage anhand der mehrstufigdynamischen Neuausgabe der Werke Hugos von Montfort 89
Rüdiger Schnell, Sprachhistorische Einsichten und editorische Entscheidungen: Überlegungen zu deutschen Übersetzungen der "Regula Benedicti" 117
Susanne Homeyer, Inta Knor und Hans-Joachim Solms, Vorlagenreflexe und Edition: Zur Vorlage-Kopie-Beziehung der Handschriftengruppe um das sogenannte "Liederbuch der Clara Hätzlerin" 141
Wolfgang Haubrichs, Edition und Sprachgeschichte: Zum sprach- und literarhistorischen Sinn einer synoptischen Edition der westrheinfränkischen Prosaübersetzung der "Pilgerschaft des träumenden Mönchs" (PTM) 155
Herman Brinkman, Dilemmata der Dienstbarkeit: Editionen mittelniederländischer Texte im Spannungsfeld zwischen Literatur- und Sprachgeschichte 187
Martin-D. Gleßgen, Philologie und Sprachgeschichtsschreibung in der Romanistik: Die 'informatische Wende' 201
Martin J. Schubert, Glossargestaltung und Glossarnutzung: Editorische, sprachhistorische und andere Perspektiven 213
Thomas Klein, Zur Sprache der Wolfenbütteler und Zwettler 'Erec'-Fragmente und zur Herkunft des zweiten 'Erec'-Romans 229
Helmut Tervooren, Die eingeschriebene Landschaft. Editionsprobleme bei Texten in Übergangslandschaften: Das "Darfelder Liederbuch" 257
Burghard Dedner, Adelungs Sprachnormen als Zugewinn für sprachliche Individualisierung im Drama: Anlässlich von Editionsproblemen mit Georg Büchners "Woyzeck" 273
Michael Stolz in Verbindung mit Robert Schöller und Gabriel Viehhauser, Transkriptionsrichtlinien des "Parzival"-Projekts 295
Handschriftenregister 329
Anschriften 333

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B E I H E F T E

ZU

editio H e r a u s g e g e b e n v o n WINFRIED WOESLER

B a n d 26

Edition und Sprachgeschichte Baseler Fachtagung 2.-4. März 2005

Herausgegeben von Michael Stolz in Verbindung mit Robert Schöller und Gabriel Viehhauser

Max Niemeyer Verlag Tübingen 2007

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-484-52926-1

ISSN 0939-5946

© Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2007 Ein Imprint der Walter de Gruyter GmbH & Co. KG http://www.niemeyer.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier. Druck und Einband: Laupp & Göbel GmbH, Nehren

Inhalt

Vorwort Kurt Gärtner Neue Philologie und Sprachgeschichte Karin Schneider Akzentuierung in mittelalterlichen deutschsprachigen Handschriften.. Elvira Glaser Von der Transkription bis zur lauthistorischen Interpretation Stefanie Stricker Zur Edition althochdeutscher Glossen. Der handschriftliche Befund und seine sprachhistorischen Folgen Wernfried Hofmeister Mehrschichtiges Edieren als neue Chance für die Sprachwissenschaft Andrea Hofmeister-Winter Die Grammatik der Schreiberhände. Versuch einer Klärung der Schreiberfrage anhand der mehrstufig-dynamischen Neuausgabe der Werke Hugos von Montfort Rüdiger Schnell Sprachhistorische Einsichten und editorische Entscheidungen. Überlegungen zu deutschen Übersetzungen der Regula Benedicti Susanne Homeyer, Inta Knor, Hans-Joachim Solms Vorlagenreflexe und Edition. Zur Vorlage-Kopie-Beziehung der Handschriftengruppe um das sogenannte Liederbuch der Clara Hätzlerin

VI

Inhalt

Wolfgang Haubrichs Edition und Sprachgeschichte. Zum sprach- und literarhistorischen Sinn einer synoptischen Edition der westrheinfränkischen Prosaübersetzung der Pilgerschaft des träumenden Mönchs (PTM)

155

Herman Brinkman Dilemmata der Dienstbarkeit. Editionen mittelniederländischer Texte im Spannungsfeld zwischen Literatur- und Sprachgeschichte.

187

Martin-D. Gleßgen Philologie und Sprachgeschichtsschreibung in der Romanistik: Die ,informatische Wende'

201

Martin J. Schubert Glossargestaltung und Glossarnutzung. Editorische, sprachhistorische und andere Perspektiven

213

Thomas Klein Zur Sprache der Wolfenbütteler und Zwettler £>ec-Fragmente und zur Herkunft des zweiten £Vec-Romans

229

Helmut Tervooren Die eingeschriebene Landschaft. Editionsprobleme bei Texten in Übergangslandschaften: Das Darfelder Liederbuch

257

Burghard Dedner Adelungs Sprachnormen als Zugewinn für sprachliche Individualisierung im Drama. Anlässlich von Editionsproblemen mit Georg Büchners Woyzeck ____

273

Michael Stolz in Verbindung mit Robert Schöller und Gabriel Viehhauser Transkriptionsrichtlinien des Parzival-Projekts

295

Handschriftenregister. _

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Anschriften

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Vorwort

Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge gehen zurück auf eine internationale Tagung, die, organisiert von der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition (Kommission für die Edition von mittelalterlichen Texten) und dem Parz/VaZ-Projekt, vom 2. bis 4. März 2005 an der Universität Basel stattgefunden hat. Das Thema ,Edition und Sprachgeschichte' reicht zurück in die Anfange der germanistischen Fachgeschichte und ist hinsichtlich seiner Relevanz doch von ungebrochener Aktualität: Nach wie vor sind viele Texte der mittelhochdeutschen Literatur nur in der f o r m a l i sierten' Textgestalt verfügbar, die ihnen die Editoren des 19. Jahrhunderts, allen voran Karl Lachmann, verliehen haben. Durch editorische Eingriffe stark manipuliert, bildet diese Sprachform die Grundlage von gängigen, bis heute gebräuchlichen Hilfsmitteln wie Wörterbüchern und Grammatiken. Damit aber ist eine Situation entstanden, die sowohl für literatur- als auch für sprachwissenschaftliche Studien unbefriedigend ist: In der mediävistischen Literaturwissenschaft wird vielfach mit künstlich hergestellten Texten gearbeitet. Für die Sprachwissenschaft sind die verfügbaren Textausgaben und Hilfsmittel häufig unbrauchbar, da sie nicht der in der handschriftlichen Überlieferung begegnenden Erscheinungsform der Texte entsprechen. Seit einiger Zeit wird deshalb in der germanistischen Mediävistik verstärkt die Forderung nach einem ,Mittelhochdeutsch aus Handschriften' erhoben. Diese Rückbesinnung auf den handschriftlichen Befund erfolgt einerseits im Kontext der in den neunziger Jahren geführten Debatte um die sogenannte ,New Philology'. Sie steht andererseits im Zusammenhang mit einschlägigen Wörterbuch- und Grammatikprojekten, die derzeit u.a. in Bochum, Bonn, Göttingen, Halle und Trier betrieben werden. Zugleich betrifft der Anspruch, die mittelhochdeutsche Sprache und Literatur aus den Handschriften heraus zu ermitteln, das Verhältnis der in den letzten Jahrzehnten zunehmend separierten Fachteile der Sprach- und Literaturgeschichte. Die Baseler Tagung setzte an diesem Punkt an, indem sie gezielt Vertreterinnen und Vertreter der Sprach- und Literaturwissenschaften, nicht nur der Germanistik, sondern auch einiger philologischer Nachbardisziplinen, miteinander ins Gespräch brachte. Die Ergebnisse werden in diesem Band einer weiteren interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Im einleitenden Beitrag über „Neue Philologie und Sprachgeschichte" betont K u r t G ä r t n e r (Trier/Marburg), dass sich die Germanistik im 19. Jahrhundert mit ihrem historisch-vergleichenden Methodeninventar als ,neue Philologie' gegenüber der bereits anerkannten ,alten', d.h. klassischen, Philologie etablierte. Er kontrastiert

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Vorwort

diese Entwicklung mit der ihrerseits unter dem Signet ,neu' auftretenden Öffnung der germanistischen Mediävistik gegenüber der ,New Philology'. Aus den von poststrukturalistischen Theoremen angeregten Postulaten dieser durchaus inkohärenten, mitunter aber auch missverstandenen und einseitig rezipierten Bewegung greift Gärtner Komponenten heraus, die im Sinne des Tagungsthemas eine Rückbesinnung auf die Interaktion sprach- und literaturgeschichtlicher Phänomene ermöglichen: Berücksichtigung des handschriftlichen Wortlauts und Erscheinungsbilds, Varianzforschung, Einbezug der Textgeschichte in die Interpretation, Nutzung der neuen Medien zur Erschließung und Edition der Texte. Die hier vorgebrachten Anregungen werden in vielfaltiger Weise in den nachfolgenden Beiträgen aufgegriffen. Eine erste Gruppe von Aufsätzen gilt der konzisen Analyse handschriftlicher Befunde. K a r i n S c h n e i d e r (Herrsching) zeigt anhand der Zirkumflex-Setzung, wie dieser Akzent erst durch philologische Normalisierungsverfahren zu einem (in den Textausgaben begegnenden) Längenzeichen wurde, während er - von systematischen Verwendungen in althochdeutscher Zeit (Otfrid, Notker III.) abgesehen - in hochmittelalterlichen Handschriften vielfach unsystematisch gebraucht wird und neben der Akzentuierung auch zur Unterscheidung der Grapheme oder zur Dekoration dient. Die Schwierigkeiten, handschriftliche Phänomene (wie Diakritika) lautgeschichtlich angemessen zu interpretieren, behandelt E l v i r a G l a s e r (Zürich), die am Beispiel einiger Schreiberinnen und Schreiber im spätmittelalterlichen Augsburg (u.a. Clara Hätzlerin, Sebastian Ilsung) zeigt, wie innerhalb eines überschaubaren Raums und mitunter in der Hand einer einzigen Schreiberpersönlichkeit divergierende Schreibsysteme begegnen. Am Beispiel der althochdeutschen Glossen deckt S t e f a n i e Stricker (Bamberg) Diskrepanzen zwischen dem handschriftlichen Befund und der editorischen Praxis auf, um daraus Empfehlungen für ein sprachgeschichtlich angemessenes Editionsverfahren abzuleiten. Dem sowohl auf der Stufe der Schreiber (gegenüber der handschriftlichen Vorlage) als auch auf der Stufe der Philologen (gegenüber dem handschriftlichen Befund) bestehenden Problem der Wahrnehmung graphischer Phänomene sind die Beiträge von W e r n f r i e d H o f m e i s t e r und A n d r e a H o f m e i s t e r - W i n t e r (beide Graz) gewidmet. Anhand der in den Handschriften mit Dichtungen Hugos von Montfort (1357-1423) greifbaren „Grammatik der Schreiberhände" präsentieren sie ein mehrschichtiges Editionsverfahren als „neue Chance für die Sprachwissenschaft": Im Modell der Hybridedition bleibt ein graphisch stark vereinfachter Lesetext der konventionellen Druckausgabe vorbehalten, während begleitend eine Internet-Plattform exakte Transliterationen der einzelnen Überlieferungszeugen zur Verfügung stellen und damit eingehende sprachwissenschaftliche Untersuchungen ermöglichen soll. Dieses Verfahren schließt die Forderung ein, anhand von Editionen dieses neuen Typs verbindliche internationale Standards zur Markierung von Schreibphänomenen zu entwickeln. Beide Aufsätze eröffnen eine zweite Gruppe von Beiträgen, die sich dem Dialog von Sprach- und Literaturwissenschaft in der editorischen Praxis widmen. Am Beispiel der breit überlieferten deutschsprachigen Benediktinerregeln zeigt R ü d i g e r

Vorwort

IX

S c h n e l l (Basel) die Probleme bei der Zuordnung der einzelnen Handschriften zu bestimmten Schreibdialekten auf und verweist dabei auf Vorgänge wie nachträgliche Eingriffe im lexikalischen Bereich (etwa bei den Nomina minne/liebe oder bei Verben mit der Bedeutung ,anfangen'). Der stemmatologischen und editorischen Berücksichtigung von Vorlagenreflexen in divergierenden Schreibsystemen gilt (am Beispiel einer Neuausgabe des Liederbuchs der Clara Hätzlerin) der Beitrag von S u s a n n e H o m e y e r , I n t a K n o r und H a n s - J o a c h i m S o l m s (Halle). Für die aus dem 15. Jahrhundert stammenden westrheinfränkischen Prosaübersetzungen der Pilgerschaft des träumenden Mönchs des französischen Dichters Guillaume de Digulleville stellt W o l f g a n g H a u b r i c h s (Saarbrücken) das Modell einer Paralleledition vor, die den hohen Bestand an Lehn- und ,Grenzwörtern' dieser Texte sichtbar macht. Eine dritte Gruppe von Aufsätzen eröffnet,Übergänge' aus unterschiedlichen Perspektiven: So sind zwei Beiträge den Problemen von Edition und Sprachgeschichte in den Nachbarphilologien der Niederlandistik und Romanistik gewidmet: H e r m a n B r i n k m a n (Den Haag) und M a r t i n - D . G l e ß g e n (Zürich) verdeutlichen, dass bei durchaus unterschiedlichen Fachtraditionen vergleichbare „Dilemmata der Dienstbarkeit" nicht nur gegenüber sprach- bzw. literaturwissenschaftlich orientierten Benutzern von Editionen, sondern auch hinsichtlich der Erschließungstiefe und der medialen Aufbereitung bestehen. Nach diesem Blick über germanistische Fachgrenzen hinaus behandelt M a r t i n J. S c h u b e r t (Berlin) an exemplarisch ausgewählten Editionen (u.a. Ausgaben der Reihe Deutsche Texte des Mittelalters) Muster der Glossargestaltung; er zeigt dabei Wege auf, wie sinnvoll zwischen der Gestalt der Überlieferungszeugnisse und den Bedürfnissen der Benutzer vermittelt werden kann. T h o m a s K l e i n (Bonn) widmet sich der Sprache der Wolfenbütteler und Zwettler free-Fragmente aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, die bezeugen, dass neben Hartmanns Versroman ein zweiter, eigenständiger Text existierte; er kann eine „thüringisch-hessische Literatur- und Schreibsprache mit Einschluss ihres benachbarten niederdeutschen Einflussraums als sprachliche Heimat" plausibel machen (S. 249). Den Editionsproblemen bei Texten in der Übergangslandschaft des Niederrheingebiets im 15. und 16. Jahrhundert gilt der Beitrag von H e l m u t T e r v o o r e n (Duisburg/Meckenheim): Die Mischsprache von Deutsch und Niederländisch verweigert sich hier einer grammatischen Normierung und stellt besondere Ansprüche an den Kommentar, der damit zum eigentlichen editorischen Instrument avanciert. Das Gebiet der neueren deutschen Literatur betritt B u r g h a r d D e d n e r (Marburg), der am Beispiel von Georg Büchners Woyzeck zeigt, dass Adelungs Sprachnormen zu einer Vielfalt von Druck- und Überlieferungsvarianten führten, die ihrerseits mit graphischen Verfahren in Büchners Entwurfshandschrift kollidierten; die hieraus fur den Editor erwachsenden Probleme sind beträchtlich. Ergänzend zu den Beiträgen der Baseler Tagung werden am Ende des Sammelbands erstmals die Transkriptionsrichtlinien des Parzival-Projekts publiziert, die graphische Phänomene aus volkssprachigen Handschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts in eine elektronische Auszeichnungssprache überfuhren. Aus der Praxis eines überlieferungsgeschichtlich orientierten Editionsprojekts heraus soll ihre Veröffentli-

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Vorwort

chung eine Diskussion zur Markierung von Schreibphanomenen anregen, wie sie auf der Tagung ausdrucklich gefordert wurde. Fur das Zustandekommen des Sammelbandes sind die Herausgeber zahlreichen Personen und Institutionen zu Dank verpflichtet. Dieser gilt zuallererst dem Schweizerischen Nationalfonds zur Forderung der wissenschafitlichen Forschung, der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft der Universitat Basel, welche die Tagung durch groBzugige Beitrage unterstutzten. Die Universitat Basel hat durch die Bereitstellung ihrer Infrastruktur zu der angenehmen Tagungsatmosphare beigetragen. Herrn Hendrik Kuschel M.A. (Universitat Gottingen) danken wir fur seine Bemiihungen um den Satz, Frau Saier vom Max Niemeyer Verlag fur die verlegerische Betreuung. Herr Prof. Dr. Winfried Woesler kam uns freundlicherweise mit dem Angebot, die Tagungsakten in den Beiheften zu editio zu veroffentlichen, entgegen. Zu danken haben die Herausgeber auch zahlreichen Bibliotheken, die Abbildungen aus ihren Handschriftenbestanden zur Verfugung stellten und die Erlaubnis zur Publikation erteilten (die Berechtigung wurde jeweils von den Autoren der einzelnen Beitrage eingeholt). Wie sich in den Diskussionen des Symposions wiederholt zeigte, fungieren die Philologen als Mittler zwischen der Uberlieferungsgestalt der ihnen anvertrauten Texte und einem heterogenen, in seinen Bediirfnissen und Interessen nicht immer klar bestimmbaren Zielpublikum. Einen Weg, dieser Vielfalt beizukommen, bieten die heute verfugbaren Medien mit der Moglichkeit zur Nutzung hybrider Darstellungsformen. Die Anspriiche an die mit dem Geschaft der Edition betrauten Herausgeberinnen und Herausgeber werden dadurch nicht geringer: Gefragt sind zuallererst philologische Kompetenz und die Bereitschaft zum fachtibergreifenden Dialog. Bern und Basel im Januar 2007 Michael Stolz, Robert Scholler, Gabriel Viehhauser

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Kurt Gärtner

Neue Philologie und Sprachgeschichte

Mein Thema 1 werde ich in zwei Schritten behandeln. In einem ersten Schritt geht es um die Begründung einer neuen Philologie, zu der die neuphilologischen Fächer einschließlich der Germanistik gehören, gegenüber einer alten, etablierten, nämlich der klassischen Philologie, am Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese neue Philologie wurde zunächst vornehmlich durch die heute sogenannte Ältere deutsche Philologie repräsentiert, aus der die andern Fachteile der Germanistik sich entwickelt haben und die gegenüber diesen neuen Fachteilen heute als eine etwas verwitterte Säule am Eingang des Germanistikstudiums steht, teils noch mit Engagement vertreten als ein Stück bewährter philologischer Tradition, teils aber auch mit Widerwillen betrieben von Lehrenden wie Lernenden, denn die Sprachgeschichte, das zweite Stichwort meines Themas, wird in den Einführungsveranstaltungen vornehmlich am Beispiel des Wandels der Sprachlaute vom Indoeuropäischen bis zum Neuhochdeutschen demonstriert, kaum an Wörtern oder gar an ganzen Sätzen. In einem zweiten Schritt geht es um eine Richtung, die in der postmodernen Methodenvielfalt unter der amerikanischen Bezeichnung ,New Philology' auftritt; aus ihren Ansätzen greife ich aber nur das heraus, was mir brauchbar erscheint für die Sprachgeschichte und die sprachgeschichtlichen Aspekte von Texteditionen.

I.l

Ich beginne mit einem Rückblick auf die Anfänge der modernen Sprachwissenschaft und Sprachgeschichtsforschung, die im 19. Jahrhundert zur Begründung der Germanistik und der anderen Neuphilologien führte. An ihrem Beginn steht die Entdeckung der Indoeuropäischen Sprachfamilie. 2 1786 hatte Sir William Jones (1748-94), ein in den klassischen wie orientalischen Sprachen hochgebildeter Richter am Obersten

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Das Thema hängt zusammen mit den Gegenständen, mit denen ich mich seit den Anfängen meiner Lehr- und Forschungstätigkeit in Trier beschäftigt habe. Ich bin deshalb Herrn Stolz und der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition dankbar, dass sie die sprachgeschichtlichen Aspekte von Texteditionen in den Mittelpunkt der Tagung gerückt haben und dass ich zu dem Thema etwas beitragen kann. Vgl. zum Folgenden die Überblicke bei Hans Arens: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 1: Von der Antike bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1974 (Fischer-Athenäum-Taschenbücher. 2077), S. 155-203; Kurt R. Jankowsky: The Neogrammarians. A Re-evaluation of their Place in the Development of Linguistic Science. The Hague 1972 (Janua linguarum. 116), S. 41-92; vor allem die Darstellung von Otto Jespersen: Die Sprache. Heidelberg 1925, S. 1 - 8 0 (Indogermanische Bibliothek. 3/4).

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Kurt Gärtner

Gerichtshof in Calcutta, vor der von ihm mitbegründeten Asiatick Society of Bengal einen berühmt gewordenen Vortrag gehalten, in dem er die Verwandtschaft des Sanskrit mit dem Griechischen und Lateinischen feststellte: Das Sanskrit stehe dem Griechischen und Lateinischen sowohl in seinen Wortwurzeln wie in seinen grammatischen Formen zu nahe, als dass dies etwa ein Zufall sein könnte; es stehe ihnen sogar so nahe, dass kein Philologe alle drei Sprachen untersuchen könne, ohne zu der Ansicht zu kommen, dass sie aus einer gemeinsamen Quelle, die vielleicht nicht mehr existiere, entsprungen seien. Auch das Gotische und Keltische und schließlich das Altpersische, mit dessen Literatur Jones gut vertraut war, rechnete er zu dieser Sprachfamilie.3 Jones war nicht nur vertraut mit den Strukturen, der Flexion und dem Formenreichtum der von ihm als verwandt erkannten Sprachen, sondern auch mit ihren Literaturen. Er war also ein Philologe. Den genauen Vergleich der von ihm als verwandt erkannten Sprachen führte er selbst nicht mehr durch, das taten andere. Seine These von der Verwandtschaft der genannten Sprachen wurde von den Indien- und Orientbegeisterten in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgenommen und führte zur Begründung der vergleichenden Sprachwissenschaft. Unter den ersten Sprachvergleichern, die das Sanskrit berücksichtigten, war Friedrich Schlegel (1772-1829). 4 1802 begab er sich nach Paris, damals das Mekka der Orientalisten, um dort u.a. Persisch zu lernen. In Paris traf er auf Alexander Hamilton (1762-1824), 5 einem englischen Marineoffizier, der wegen des zwischen Frankreich und England geführten Streits um den indischen Kolonialbesitz von 1802 bis 1807 in Paris interniert war. Hamilton war Mitglied der von Jones gegründeten Asiatick Society of Bengal und hatte während seines Aufenthalts in Bengalen Sanskrit gelernt. Er war damals der einzige Gelehrte auf dem Kontinent, der Sanskrit verstand. Schlegel ließ sich täglich von ihm unterrichten, mit wachsender Begeisterung. 1803 schreibt er an Ludwig Tieck aus Paris: „Jetzt ist alles vom Sanskrit verdrängt. Hier ist die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen Geistes; alles stammt aus Indien ohne Ausnahme".6 Die Früchte seiner Sanskrit-Studien veröffentlichte Friedrich Schlegel in seinem 1808 erschienenen Buch Über die Sprache und Weisheit der Indier J In dem sprach3

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Englische Fassung der oft zitierten Sätze aus den Asiatick Researches 1, 1788, S. 422 bei Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 25f.; deutsche Übersetzung bei Arens 1974 (Anm. 2), S. 147 und Jespersen 1925 (Anm. 2), S. 15. Vgl. zum Folgenden Arens 1974 (Anm. 2), S. 160-169; Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 51-55; Jespersen 1925 (Anm. 2), S. 15-18; femer die Einleitung von Sebastiano Timpanaro „Friedrich Schlegel and the Beginnings of Indo-European Linguistics in Germany" zu: Friedrich Schlegel: Über die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Altertumskunde. New ed. with an introductory article by Sebastiano Timpanaro (transl. from Italian by J. Peter Mäher) prep, by Ernst F. K. Koerner. Amsterdam 1977 (Amsterdam Studies in the Theory and History of Linguistic Science: Series 1, Amsterdam Classics in Linguistics, 1800 - 1925, vol. 1), S. XI-LVII. Vgl. Rosane Rocher: Alexander Hamilton. In: The Encyclopedia of Language and Linguists. Hrsg. von R. E. Asher u.a. Bd. 7. 1. Auflage. Oxford/New York 1994, S. 3651-3654. Zit. nach Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 52. Friedrich Schlegel: Studien zur Philosophie und Theologie. Über die Sprache und Weisheit der Indier. Eingel. und hrsg. von Emst Behler und Ursula Struc-Oppenberg. Darmstadt 1975 (Kritische FriedrichSchlegel-Ausgabe. Bd. 8, 1), S. 104-433; Faksimiles der Erstausgabe (zit.) bei Koemer 1977 (Anm. 4) und Ueber die Sprache und Weisheit der Indier, Friedrich Schlegel / Über das Conjugationssystem der

Neue Philologie und

Sprachgeschichte

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wissenschaftlichen Teil dieses Werkes fordert er für den Sprachvergleich, dass der Vergleich der Formen, d.h. der flexivischen Elemente in der Konjugation und Deklination, den Primat haben muss beim Sprachenvergleich.8 Seine fur die Geschichte der modernen Sprachwissenschaft wichtige und vielzitierte Feststellung lautet: „Jener entscheidende Punkt aber, der hier alles aufhellen wird, ist die innere Structur der Sprachen oder die vergleichende Grammatik, welche uns ganz neue Aufschlüsse über die Genealogie der Sprachen auf ähnliche Weise geben wird, wie die vergleichende Anatomie über die höhere Naturgeschichte Licht verbreitet hat."9 Den Namen und das Modell für die neue Sprachwissenschaft lieferten die Naturwissenschaften: Vergleichende Grammatik ist nachgebildet der vergleichenden Anatomie. Schlegel forderte aber nicht nur den Vergleich der Sprachen, sondern auch den Vergleich ihrer historischen Entwicklungsstufen. Der ersten Forderung Friedrich Schlegels kam dann Franz Bopp nach, der zweiten Forderung kamen Rasmus Rask und Jacob Grimm nach. Franz Bopp (1791-1867) 10 verglich in seinem 1816 erschienen Erstling" das Konjugationssystem mehrerer indoeuropäischer Sprachen und konnte die von William Jones und Friedrich Schlegel angenommene Verwandtschaft dieser Sprachen anhand des Formenvergleichs beweisen. Mit der vergleichenden Untersuchung der Konjugationssysteme der Sprachen durch Bopp hatte die neue Disziplin, die vergleichende Sprachwissenschaft, ihre Methode gefunden, die dann im gleichen Jahrzehnt durch die Arbeiten von Rasmus Rask und Jacob Grimm um die historische Dimension erweitert wurde. Wie William Jones waren auch Rasmus Rask und Jacob Grimm Philologen, aber das Feld ihrer Philologie beschränkte sich nicht auf die klassische Philologie, sondern schloss die Beschäftigung mit der Überlieferung der Nationalsprachen, der modernen lebenden Sprachen also, mit ein. Dies war die neue Philologie, die Neuphilologie im Gegensatz zur Altphilologie. Fachgeschichtlich gesehen ist also die neue Philologie die nationalsprachliche Philologie, welche die Arbeitsweise der klassischen Philologie auf die lebenden Sprachen und ihre Literatur übertrug. Durch die Ausweitung des Gebietes der Philologie auf neue, noch unbebaute Gebiete wurde die neue Philologie populär und zugleich national.12 Die Geschichte der nationalsprachlichen Literaturen

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Sanskritsprache, Franz Bopp. With an Introduction by Chris Hutton. London 1995 (History of Linguistics. 4: 18th and 19th Century German Linguistics). Ebd., S. 27-43 im 3. Kapitel „Von der grammatischen Structur". Ebd., S. 28. Zu Bopps Bedeutung fur die Geschichte der Sprachwissenschaft vgl. Arens 1974 (Anm. 2), S. 175-179, 218-227; Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 55-61; Jespersen 1925 (Anm. 2), S. 29-37; August Leskien: Franz Bopp. In: Allgemeine deutsche Biographie. Bd. 3. Leipzig 1876, S. 140-149. Franz Bopp: Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache. In Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprachen. Hrsg. und mit Vorerinnerungen begleitet von Karl Joseph Windischmann. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt a.M. 1816. Hildesheim u.a. 1975; weiteres Faksimile der Erstausgabe s.a. Anm. 7. So 1885 die Sicht von Wilhelm Scherer: Jacob Grimm. 2., verbesserte Auflage. Berlin 1885, S. 152f. Vgl. aber unten Anm. 41 die Sicht Michel Foucaults. Zu den wechselnden Positionen in der Beurteilung Jacob Grimms als Begründer oder Mitbegründer einer neuen Philologie aus der Sicht der Germanisten vgl. den Beitrag von Karl Stackmann: Die Germanisten und die Brüder Grimm. In: Die Brüder Grimm und die Geisteswissenschaften heute. Ein wissenschaftliches Symposium in der Paulinerkirche zu Göttingen am 21. u. 22.11.1997. Kassel 1999 (Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft. 30), S. 69-91.

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Kurt Gärtner

und Sprachen wurde nun zum Forschungsgegenstand, und es etablierten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die entsprechenden akademischen Disziplinen, zuerst die Germanistik, die als germanische Philologie die Sprache und Literatur der germanischen Sprachen umfasste, und dann die Romanistik und Slavistik, die ähnlich umfangreiche Gebiete wissenschaftlich erforschten. Vom Programm dieser neuen Philologie, die zunächst noch ohne die sprachwissenschaftliche Strenge der altetablierten klassischen operierte, kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man den Inhalt der drei Bände der 1813-16 von Jacob und Wilhelm Grimm herausgegebenen Zeitschrift Altdeutsche Wälder13 betrachtet: Schon der Titel, der an Herders Kritische Wälder anknüpfte, musste provozieren, vor allem die Brüder Schlegel, die wenige Jahre zuvor das vornehme Athenäum herausgegeben hatten und von der klassischen Philologie herkamen.14 In den Altdeutschen Wäldern gehörten Sagen, Märchen, Mythologie, alt- und mittelhochdeutsche Literatur, Rechtsüberlieferung und alles sonstige, was zur nationalen Kultur in Beziehung stand, zum Programm. Die sprachwissenschaftlichen und sprachgeschichtlichen Beiträge Jacob Grimms sind in den Altdeutschen Wäldern allerdings nicht auf der Höhe der Zeit und der strengen wissenschaftlichen Methodik, die Friedrich Schlegel für den Sprachvergleich bereits 1808 gefordert und Franz Bopp schon 1816 realisiert hatte. Jacob etymologisiert 1813 z.B. den Namen des berühmten Schweizer Sagenhelden Teil noch ganz in der seit der Antike bekannten Art und Weise:15 Alle möglichen Ausdrücke aus den ihm bekannten Sprachen und Literaturen, in denen er in seinen damals schon riesigen Sammlungen etwas fand, zieht er heran nach dem Prinzip, dass der Name das Wesen einer Sache offenbart.16 Auch der erste Band der Altdeutschen Wälder ist durchzogen von etymologischen Spekulationen, nach denen „der Name einer Sache oder Person sich mit ihrem Wesen deckt und die Offenbarung dieses Wesens ist".17 Jacob Grimm verfahrt in diesen Etymologien ganz unhistorisch, er stellt Ketten oder Reihen von Formvarianten zusammen, die sich lautlich und inhaltlich berühren; dabei führt er nie eine jüngere Formvariante auf eine ältere ihm sehr wohl bekannte zurück, sondern stellt sie bestenfalls gleichrangig nebeneinander.18 Aufgrund lautlicher und semantischer Gemeinsamkeiten werden ad hoc Assoziationen hergestellt, ähnlich wie die dekonstruktivistisch verfahrende ,New Philology' vorschlägt, die

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Altdeutsche Wälder. Hrsg. durch die Brüder Grimm. Bd. 1-3. 1813-1816. Mit einer Einführung zum Neudruck von Wilhelm Schoof. Darmstadt 1966. Vgl. Ludwig Denecke: Jacob Grimm und sein Bruder Wilhelm. Stuttgart 1971 (Sammlung Metzler. 100), 55f.; zum umfassenden Programm der Altdeutschen Wälder vgl. Gudrun Ginschel: Der junge Jacob Grimm: 1805-1819. 2., um den Aufsatz „Der Märchenstil Jacob Grimms" und ein Register erweiterte Auflage. Stuttgart 1989, S. 51-57; vgl. ferner Ulrich Wyss: Die wilde Philologie. Jacob Grimm und der Historismus. München 1979, S. 227-232: die Altdeutschen Wälder gehören mit ihren spekulativen Etymologien zur ,Wilden Philologie', von der Grimm, auch wenn er später „umsichtiger etymologisieren wird", nicht ablassen werde (S. 232). Jacob Grimm: Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte. In: Deutsches Museum. Hrsg. von Friedrich Schlegel. Bd. 3. Wien 1813, S. 53-75 (Kleinere Schriften. Bd. 4. Hrsg. von Karl Müllenhoff. Berlin 1869 [Nachdruck Berlin 1965], S. 74-85). Zur Teil-Etymologie vgl. Ginschel 1989 (Anm. 14), S. 328ff.; Ahrens 1974 (Anm. 2), S. 195. Ginschel 1989 (Anm. 14), S. 330. Ebd., S. 335.

Neue Philologie und Sprachgeschichte

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ganz in den Bahnen dieser ,Wilden Philologie' Jacob Grimms das freie assoziative Spiel der im Computer gespeicherten Überlieferungsvarianten propagiert. Gerade dieses „enthusiastisch wüste Etymologisiren" 19 nahm August Wilhelm Schlegel in seiner Rezension des ersten Bandes der Altdeutschen Wälder-20 aufs Korn. Er nennt Jacob Grimm einen „etymologischen Heraklitus" 21 und unerfahren in den einfachsten Prinzipien der Sprachvergleichung. 22 Zu der Art und Weise des Etymologisierens bemerkte er sarkastisch, man mache damit „am Ende die Etymologie zu einer Wissenschaft, wobei, wie Voltaire sagt, die Vokale für gar nichts, die Konsonanten für sehr wenig gerechnet werden." 23 Es war vor allem die Kritik A.W. Schlegels, die Jacob Grimm zu einer Wende in seinen Sprachstudien veranlasste und „die Gestaltung der germanischen Philologie zu einer festgegründeten Wissenschaft" mit herbeiführte. 24 Durch sein intensives Studium der älteren Überlieferung und die systematisch angelegten sprachwissenschaftlichen Sammlungen zu den historischen Sprachstufen des Germanischen bereitete er das Material für seine Deutsche Grammatik5 vor. Der erste Band, der 1819 erschien, enthält die Morphologie, war also wie die erste Arbeit von Franz Bopp ganz dem Formenvergleich, der Flexion, gewidmet. Während Bopp aber mehrere Sprachen verglichen hatte, verglich Jacob Grimm mehrere Sprachstufen der germanischen Sprachen; er fügte nun dem Sprachenvergleich durch den Sprachstufenvergleich die in seinen vorwissenschaftlichen spekulativen Etymologien ganz und gar fehlende historische Dimension hinzu, indem er die einzelnen Sprachzustände, also das Althochdeutsche mit dem Mittelhochdeutschen und dieses wieder mit dem Neuhochdeutschen, verglich. Erst 1816 hatte er mit der auf diesem Verfahren gegründeten Erklärung des i-Umlauts die sichere Methode gefunden, mit der sich synchron erscheinende Formvarianten diachron erklären ließen.26 Aus der vergleichenden Sprachwissenschaft war die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft geworden. Die Sprachgeschichte als eine Geschichte des Sprachsystems und vor allem der Ebene ihrer grammatischen Formen hatte damit ein tragfahiges Fundament erhalten.

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Wilhelm Scherer: Jacob Grimm. In: Allgemeine deutsche Biographie. Bd. 9. Leipzig 1879, S. 678-688, hier S. 682. August Wilhelm Schlegel: Sämmtliche Werke. Hrsg. von Eduard Böcking. Bd. 12. Leipzig 1847, S. 383-426. Ebd., S. 403 zum Beitrag XII .Bedeutung der Blumen und Blätter' mit den assoziativen Reihen von Wörtern, die sich lautlich und inhaltlich berühren: „Die Kenner werden leicht in dieser babylonischen Sprachverwirrung das wenige Wahre von dem Erträumten und aus der Luft Gegriffenen sondern. Man möchte Hrn. J[acob] Gr[imm] einen etymologischen Heraklitus nennen. Dieser Philosoph lehrte, wie bekannt, alle Dinge seien fließend, ohne festen Bestand und in ständiger Verwandlung." Ebd., S. 400: „Allein darüber werden alle Kenner einverstanden sein, daß wer solche Etymologien ans Licht bringt, noch in den ersten Grundsätzen der Sprachforschung ein Fremdling ist." Ebd., S. 397. Hermann Paul: Geschichte der germanischen Philologie. In: Grundriß der germanischen Philologie. Hrsg. von Hermann Paul. 1. Bd. 2., verbesserte Auflage. Straßburg 1901, S. 74. Jacob Grimm: Deutsche Grammatik. Th. 1 4. Göttingen 1819-37. - Th. 1. 2. Ausgabe. Göttingen 1822. - Th. 1, Abth. 1 [Vokalismus], 3. Ausgabe. Göttingen 1840; Neuer Abdruck bearbeitet von Wilhelm Scherer (Bd. 1.2), Gustav Roethe und Edward Schröder (Bd. 3.4.). Berlin 1870-1898, Nachdruck Hildesheim 1967. Vgl. Ginschel 1989 (Anm. 14), S. 357-363.

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Dieses Fundament wurde noch sicherer durch die Arbeiten des Dänen Rasmus Rask (1787—1832).27 In seiner 1814 abgeschlossenen Preisabhandlung über den Ursprung der altnordischen Sprache28 hatte er unabhängig von Bopp den Formenvergleich aus der Perspektive der skandinavischen Sprachen bereits praktiziert29 und über den Formenvergleich hinaus den Lautvergleich gefordert im Bereich des Grundwortschatzes, der nicht oder kaum von Entlehnungen aus anderen Sprachen betroffen ist.30 Rask versuchte, die Korrespondenzen der Sprachlaute bzw. Lautentsprechungen, die er beim Vergleichen der Sprachen feststellte, in Regeln zu fassen, „Regeln fur Buchstabenübergänge" (Regler for Bogstavernes Overgange) nannte er sie. 31 Diese Regeln für Lautentsprechungen werden wichtig für die Zurückführung einer neueren Form auf eine ältere, wie z.B. bei den Regeln für die neuhochdeutsche Diphthongierung die Form mein auf mhd. min, von Haus auf mhd. hüs; von einer neuhochdeutschen Namenform wie Weigand auf mhd. wigant, von Hausmann auf hüsman usw. Rasks Lautübergangsregeln wurden später Lautgesetze genannt, als die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft in Analogie zu den exakten Naturwissenschaften immer präziser die früheren Sprachzustände anhand der Lautgesetze rekonstruieren konnte und ein sicheres Fundament für die wissenschaftliche Etymologie schuf. Diese hatte nichts mehr zu tun mit dem ,wüsten Etymologisiren' Jacob Grimms vor 1816 und dem seit der Antike geübten und heute als Volksetymologie bezeichneten Verfahren, in dem wir laut- und bedeutungsähnliche Wörter zur Deutung des Inhalts eines Wortes heranziehen, besonders gerne beim Namenspott.32 Unter dem Einfluss von Rask, der anhand des Wortvergleichs Lautkorrespondenzen feststellte und auch schon die Regeln für die Erste Lautverschiebung erkannt hatte,33 arbeitete Jacob Grimm 1819 den ersten Band seiner Deutschen Grammatik 27

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Über Rask vgl. Arens 1974 (Anm. 2), S. 191-194; Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 61-76; Jespersen 1925 (Anm. 2), S. 18-22; Paul Diderichsen: Rasmus Rask und die grammatische Tradition. Eine Studie über den Wendepunkt in der Sprachgeschichte. München 1976 (Internationale Bibliothek für allgemeine Linguistik. 33). Rasmus Rask: Undersögelse om det gamle Nordiske eller Islandske Sprogs Oprindelse. Kopenhagen 1818 [abgeschlossen 1814!], krit. Ausgabe in: Rasmus Rask: Ausgewählte Abhandlungen. Hrsg. von Louis Hjelmslev mit einer Einleitung von Holger Pedersen. Bd. 1. Kopenhagen 1932 (zit.). Bd. 3. 1932— 1937, S. 1-174 (Kommentar); dt. Teilübersetzung Rasmus Rask: Von der Etymologie überhaupt. Eine Einleitung in die Sprachvergleichung. Tübingen 1992 (Lingua et traditio. 11). Die theoretische Forderung nach dem Formenvergleich Undersögelse 1818 (Anm. 28), S. 49,9-50,2 (dt. Übersetzung von Pedersen in der Einleitung, S. XXXVI und Ahrens 1974 [Anm. 2], S. I92f.). Undersögelse 1818 (Anm. 28), S. 50,12-14, 51,3-7 (dt. Übersetzung ebd. S. XXXVIf.; bei Ahrens 1974 [Anm. 2], S. 193). Ebd., S. 51,4f.; ,Übergang' ist nicht historisch zu verstehen, sondern bedeutet „ganz einfach .Korrespondenz'", vgl. Pedersen, S. XLII und Kommentar z. St. Goethe hat sich z.B., wie er in Dichtung und Wahrheit über seine Straßburger Zeit mit Herder berichtet, mächtig geärgert, als Herder Goethes Familiennamen etymologisiert: „Der von den Göttern du stammst, von Gothen oder vom Kothe, Goethe", Goethes Werke. Weimarer Ausgabe. Bd. 1,27. Weimar 1889, S.311. Undersögelse 1818 (Anm. 28), S. 188, vgl. auch Ahrens 1974 (Anm. 2), S. 193; Jankowsky 1972 (Anm. 2), S. 72. Zu Rasks Schema vgl. Pedersen 1932 (Anm. 28), S. XLVIf.; Rask verfährt allerdings nicht stets konsequent historisch, worauf Pedersen immer wieder hinweist, ebd., S. XLf.: „Indessen darf es nicht verhehlt werden, daß Rask bisweilen - und noch dazu nicht ganz selten - aus der historischen Auffassung der Lautgesetze herausfällt. Er kann einen aus einer Sprache konstatierten Lautübergang als Argument für die Annahme desselben Übergangs in einer anderen Sprache (θεός : deus 188,15) gelten

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um; es habe ihn, wie er in der Vorrede schreibt, „kein langes besinnen gekostet, den ersten aufschuß meiner grammatik mit stumpf und stiel, wie man sagt, niederzumähen".34 Der Flexionslehre wurde eine auf dem Sprachstufenvergleich und daher auf historischen Prinzipien beruhende Lautlehre hinzugefugt, in der er auch die wichtigen und jedem älteren Germanisten bekannten Lautgesetze der ersten oder germanischen und der zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebungen systematisch beschrieb.35 Die Konzentrierung auf die Ebene der Formen und Laute und vor allem die Untersuchung der Sprache um ihrer selbst willen, nicht um ihrer Literatur willen, hatte schon bei Franz Bopp zu einer Trennung von Philologie und Sprachwissenschaft gefuhrt, die in den neuen, nationalen Philologien nicht so ausgeprägt war, denn die Geschichte der nationalsprachlichen Literatur und Sprache wurde von denselben Forschern betrieben, und die Kenntnis der älteren Sprachstufen war die Voraussetzung fur den Umgang mit ihrer Literatur. Doch im Laufe des 19. Jahrhunderts führte die Konzentrierung auf die Laute und die Eruierung der Lautwandelgesetze immer stärker in eine Richtung, welche die Sprachwissenschaft und die Erforschung der literarischen Überlieferung voneinander isolierten.36 Die Konzentrierung auf Laute und Formen führte zunächst allerdings auch dazu, dass die Syntax in der Sprachgeschichte des 19. Jahrhunderts weitgehend ausgeblendet war und die wissenschaftlichen Grammatiken nur aus einer Laut- und Formenlehre bestehen. Die heute maßgebende wissenschaftliche Grammatik des Althochdeutschen von Wilhelm Braune erhielt erst kürzlich eine Ergänzung durch eine Darstellung der Syntax,37 und auch Hermann Pauls Mittelhochdeutsche Grammatik wurde erst in der zweiten Auflage um einen kurzen Syntaxteil erweitert.38 Der Syntaxteil der Deutschen Grammatik von Jacob Grimm war unvollständig geblieben, nur die Syntax des einfachen Satzes hat er noch behandelt.39 Gerade der Teil der

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lassen, ein methodischer Fehler". Er verfahrt also nicht konsequent historisch wie Jacob Grimm in seinen grammatischen und auch seinen literarischen, rechtskundlichen, mythologischen und historischen Werken mit ihren weitgespannten philologischen Interessen. Nach Wyss 1979 (Anm. 14), S. 142, liegt darin „ein genauer Gegensatz zu Rask und Bopp, die ihre Tage als vergleichende Grammatiker hingebracht haben, sobald die vergleichende Grammatik einmal entdeckt war." Grimm: Deutsche Grammatik 1822 (Anm. 25), S. V; zur Bedeutung von Rask für die 2. Auflage vgl. Vorwort zur 1. Auflage, S. XVIII-XIX, zit. bei Pedersen 1932 (Anm. 28), S. LXII, Anm. 2. Grimm: Deutsche Grammatik 1822 (Anm. 25), S. 496-505. Wenn heute in den Einführungen zur Sprachgeschichte und Älteren deutschen Philologie die historische Lautlehre behandelt wird, um die Verwandtschaft der indoeuropäischen Sprachen zu demonstrieren, dann geschieht das in der Regel so, dass der einzelne Laut nach seiner Herkunft befragt wird: Dabei fragt man in der Regel nur, woher kommst du, wer waren deine Vorfahren? Dagegen fragt man kaum nach der Position eines Lautes im funktionierenden System einer Sprache, man fragt also kaum: Wer bist du, wer sind deine Nachbarn und welche Aufgabe, welche Funktion hast du als einzelnes Element im Ensemble der Laute, Formen und Wörter. Die grammatischen Kategorien wie Numerus und Genus interessieren z.B. zunächst und vor allem im Hinblick auf ihre morphologische Realisierung in der Flexion, ebenso ihre Stärkung oder Schwächung im Laufe der Geschichte einer Sprache wie die Stärkung der Numeruskategorie im Deutschen oder die Schwächung der Genuskategorie im Englischen. Richard Schrodt: Althochdeutsche Grammatik II: Syntax. Tübingen 2004 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A 5/2). Hermann Paul: Mittelhochdeutsche Grammatik. 2. Auflage. Halle a.d.S. 1884 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A 2). Erst Otto Behaghel: Deutsche Syntax. Eine geschichtliche Darstellung. 4 Bde. Heidelberg 1923-1932, lieferte die Ergänzung, allerdings mit einer deutschen Syntax im engeren Sinne des Wortes ,deutsch',

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Sprachwissenschaft, der den Philologen besonders interessiert, nämlich die Syntax und syntaktische Stilistik, war in der neuen Philologie des 19. Jahrhunderts zunächst von nachrangigem Interesse. Die Syntax wurde allenfalls im Rahmen der Einzelwortgeschichte behandelt, und zwar in den großen Wörterbüchern des Alt- und Mittelhochdeutschen in denjenigen Wortartikeln, welche die syntaktisch relevanten Kleinwörter wie Konjunktionen, Präpositionen, Artikel, Pronomina und Partikeln behandeln. Die Wörterbücher sind daher auch noch für jeden Herausgeber älterer Texte unverzichtbar fur die Beurteilung von syntaktischen Varianten. 1.2 Die Arbeiten von Friedrich Schlegel, Franz Bopp, Jacob Grimm und Rasmus Rask hatten zur Begründung einer neuen Philologie gefuhrt, die auf die Erforschung der inneren Organisation der Sprachen, d.h. ihrer Formen- und Lautstruktur, gerichtet waren. Dies hatte auch eine neue Einteilung der Sprachen zur Folge, die auf der Kenntnis des grammatischen Baus der Sprachen beruhte.40 Die alte Hierarchisierung in wichtigere und vornehmere Sprachen, die zivilisierter' waren, hatte die durch Schlegel, Bopp, Grimm und Rask etablierte ,neue Philologie', wie Michel Foucault sie nennt, aufgegeben: „Künftig sind alle Sprachen gleich."41 Das erworbene sprachgeschichtliche Wissen hatte nun gerade für die Bemühungen um die editorische Erschließung der volkssprachigen Quellen und ihre Textkritik Forderungen zur Folge, die Jacob Grimm in der Vorrede zum ersten Band der Deutschen Grammatik zusammenstellte.42 Das Interesse der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft an der methodischen Erschließung und Rekonstruktion früherer Sprachzustände bis hin zum Urgermanischen oder Urindogermanischen hatte trotz der Etablierung der Sprachwissen-

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das von Jacob Grimm für seine Grammatik in der weiteren Bedeutung im Sinne von .germanisch' gebraucht wurde. Vgl. Friedrich Schlegel 1977 (Anm. 4), S. 4 4 - 5 9 , „Von zwei Hauptgattungen der Sprachen nach ihrem inneren Bau". Eine differenziertere Einteilung gab später August Wilhelm Schlegel: Eine der nach ihrem Bau gebildeten Gruppen, die flektierenden Sprachen, teilte er weiter ein in die bekannten Klassen der synthetischen Sprachen und der analytischen Sprachen, diese ,,moderne[n] Schöpfungen", die „aus der Zersetzung der synthetischen Sprachen entstanden", zit. bei Ahrens 1974 (Anm. 2), S. 189. Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt a.M. 1974 (suhrkamp taschenbuch Wissenschaft. 96), S. 348 in seinem Teilkapitel über Bopp, S. 3 4 2 - 3 5 9 . Grimm: Deutsche Grammatik 1822 (Anm. 25), IX: „Die forderungen, welche man jetzo an einen herausgeber mittelhochdeutscher gedichte zu machen hat, sind nach und nach gesteigert und verständigt worden; ich glaube, daß bald darüber kein zweifei mehr obwalten wird. Sorglose auflagen nach schlechten handschriften und mit halber sprachkenntnis fruchten nichts; diplomatisch-ängstliches wiedergeben guter handschriften reicht nicht aus und kann nur in seltenen fallen geboten seyn. Wir fordern also critische ausgaben, keine willkürliche critik, eine durch grammatik, eigenthümlichkeit des dichters und vergleichung der handschriften geleitete. [...] Ein haupthülfsmittel gewährt [...] der reim". Zu den ersten textkritischen Editionen im Z u s a m m e n h a n g mit den sprachwissenschaftlichen Aktivitäten des Zeitraums und den damaligen Methoden mit ihren wissenschaftsmethodischen Prämissen, die für die deutsche Philologie und die historisch-vergleichende Sprachforschung von konstitutiver Bedeutung waren und teilweise auch noch sind, vgl. die Arbeit von Magdalene Lutz-Hensel: Prinzipien der ersten textkritischen Editionen mittelhochdeutscher Dichtung. Brüder Grimm - Benecke - Lachmann. Eine methodenkritische Analyse. Berlin 1975 (Philologische Studien und Quellen. 77).

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schaft als eigener Disziplin43 seine Parallele in der Philologie: Für die Edition der Texte verglich man auf ähnlich systematische Weise die in den Handschriften überlieferten Textzustände miteinander, um alles Sekundäre, im Laufe der Überlieferung Hinzugekommene oder Veränderte als solches zu erkennen und um die ursprüngliche Textstufe, das Original eines Autors oder den Urtext zu erschließen. Die Wege der Auseinanderentwicklung der Sprachen oder Texte von der Ursprache oder dem Urtext aus veranschaulichte man in der Sprachwissenschaft wie der Philologie mit dem Bild des Stammbaums. Die späteren Sprachstufen wie Textstufen wurden allerdings immer wieder als Degeneration, als Verfall einer ursprünglichen Vollkommenheit, einer reich flektierenden älteren Sprachstufe gesehen wie des Sanskrit oder des Gotischen bzw. des vollkommenen, d.h. originalen Textes. Die Verwandtschaft oder Deszendenz der Sprachstufen und Textstufen im Bilde des Stemmas, wie es in den Stammbäumen der historischen Sprachwissenschaft bei August Schleicher (1821-1868) 44 und den stemmata codicum der mit dem Namen Karl Lachmanns verbundenen Textkritik45 erscheint, demonstrieren den Triumph eines primär rückwärts gewandten Interesses, das sein Ziel in der Rekonstruktion der vollkommenen Ausgangsstufe erreicht, nachdem alles, was zur Sprach- und Textgeschichte gehört, abgestreift ist. Die neue Philologie hatte aber nicht nur mit Jacob Grimms Deutscher Grammatik und den nach ihrem Muster gearbeiteten Grammatiken fur die romanischen und slawischen Sprachen ihre bleibenden Leistungen erzielt, sondern auch auf dem Gebiet der Edition der mittelalterlichen volkssprachigen Texte, die mit der gleichen methodischen Strenge ediert wurden wie die Texte der lateinischen und griechischen Klassiker und der Text des Neuen Testaments. Der Typ der von Karl Lachmann geschaffenen Edition stellte den kritisch rekonstruierten Text in den Mittelpunkt, die Schlacken der Überlieferung, die aus den wesentlichen Abweichungen vom kritischen Text, also den Varianten der Überlieferung bestanden, wurden im kritischen Apparat unter dem Text plaziert, verbannt in den ,Lesartenfriedhof, wie später diejenigen den Apparat zu nennen pflegten, die nichts damit anfangen konnten. Der rekonstruierte Text der mittelalterlichen Werke wie des Parziväl und Tristan und Nibelungenlieds wurde außerdem normalisiert, d.h. die Sprachformen wurden geregelt aufgrund der Ergebnisse der sprachwissenschaftlichen Untersuchungen zu den Reimen der Dichter um

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Obwohl die Neuphilologien im Grunde Töchter der Klassischen Philologie waren, interessieren sich die Vertreter der klassischen Philologie bis heute kaum für die neue Disziplin; vgl. Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans Helmut Christmann. Darmstadt 1977 (Wege der Forschung. 474), S.83 im kommentierenden Nachtrag des Herausgebers zur S. 67-83 abgedruckten Antrittsvorlesung von Georg Curtius: Philologie und Sprachwissenschaft, die Curtius 1862 in Leipzig hielt und in der er die Bedeutung der Sprachwissenschaft für sein Fach aufzeigt. Vgl. den differenzierten Stammbaum bei August Schleicher: Die deutsche Sprache. 4. Auflage. Stuttgart 1879, S. 28. Vgl. Kurt Gärtner: Stemma. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3: Ρ - Z. Hrsg. von Jan-Dirk Müller. Berlin/New York 2003, S. 506f.; zu den Ähnlichkeiten in den Forschungsmethoden von Sprachwissenschaft und Philologie, deren Annäherung von Georg Curtius angemahnt wurde (s. Anm. 43), vgl. Sebastiano Timpanaro: Die Entstehung der Lachmannschen Methode. 2., erweiterte und überarbeitete Auflage. Hamburg 1971, S.73-92.

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1200, die mittels der Technik des „neutralen Reims"46 alles Mundartliche im Reim vermieden. Die Normalisierung, die z.T. nur darin bestand, dass man Langvokale durch einen hinzugefügten Zirkumflex von den Kurzvokalen unterschied und auf diese Weise das Sprachwissen des Philologen für eine originale laute Lektüre verfügbar machte, täuschte mit ihrer Einheitsorthographie jedoch darüber hinweg, dass gerade die Periode des Mittelhochdeutschen, die Zeit vom 11. bis 14. Jahrhundert, eine Zeit größter Veränderungen des Deutschen war, die sich in den verschiedenen Teilen des deutschen Sprachgebiets auf unterschiedliche Weise vollzogen. Nur in den kritischen Apparaten mit ihren Fragmenten der Textgeschichte sind diese Veränderungen meist noch erkennbar, denn die Varianten der Überlieferung werden in der Regel in der Schreibweise der Handschriften geboten. Ich kürze die weitere Geschichte der neuen Philologie und ihr Verhältnis zur Sprachgeschichte als einer Geschichte des Laut- und Formensystems ab, indem ich noch einen kurzen Blick auf die neuen Tendenzen werfe, die im 20. Jahrhundert eine zunehmende Rolle spielen. Auf dem Gebiet der Editionsphilologie war es vor allem die Textgeschichte, die jede einzelne in den Handschriften dokumentierte Textstufe als ein gültiges Dokument sui generis betrachtete und die Handschriften selbst, den in ihnen dokumentierten Textwandel und Sprachwandel sowie ihre Einbettung in die mittelalterliche semi-orale Laienkultur untersuchte; nicht nur die innersystematischen sprachlichen Faktoren, welche den Laut- und Formenwandel bestimmen, sondern auch die historischen Faktoren, welche die Geschichte einer Sprache im Bereich des Wortschatzes und der Syntax prägen, wurden Gegenstand des Forschungsinteresses.

II. Ich komme nun in meinem zweiten Schritt noch zu sprechen auf das Verhältnis von Philologie und Sprachgeschichte in der jüngsten Vergangenheit, die geprägt ist von der Debatte um die ,New Philology'; wieder eine neue Philologie also, die in den Ländern mit einem komplizierten und gebrochenen Verhältnis zur philologischen Tradition auf große Resonanz gestoßen ist, die aber in Ländern wie Italien mit seinem ungebrochenen Verhältnis zur philologischen Tradition, die auch immer die Sprachgeschichte mit einschloss, die Gemüter kaum erregt hat. Vor 17 Jahren (1990) erschien ein Sonderheft des Speculum, der führenden und traditionsreichen Zeitschrift der amerikanischen Mediävisten, das unter dem provozierenden Thementitel The New Philology mehrere Beiträge versammelte, die im Hinblick auf die prekäre Situation der Mittelalterstudien in den Romanistik- und Anglistikabteilungen der nordamerikanischen Universitäten eine Erneuerung, eine renovatio der Philologie forderten.47 Der Wert der Philologie, die sich mit der Überlieferung und Edition der Texte und mit deren Sprache beschäftigt, wird in den ein46

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Thomas Klein: Heinrich von Veldeke und die mitteldeutsche Literatursprache. Untersuchungen zum Veldeke-Problem. In: Thomas Klein und Cola Minis: Zwei Studien zu Veldeke und zum Straßburger Alexander. Amsterdam 1985 (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur. 61), S. 1-121, hier S. 89-92. Speculum. Α Journal of Medieval Studies 65, 1990.

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zelnen Beiträgen wohl nicht in Frage gestellt; die Philologie wird einerseits für unverzichtbar gehalten als Grundlage fur Literatur- und Sprachwissenschaft; andererseits wird jedoch im Hinblick auf die methodische Antiquiertheit der nordamerikanischen Mittelalterphilologien gefordert, den mediävistischen Elfenbeinturm zu verlassen und sich zu öffnen gegenüber den neuen theoretischen Konzepten der Postmoderne. In der Einführung zum Specw/w/w-Themenheft über die ,New Philology' beruft sich der Herausgeber Stephen Nichols 48 in seinen „thoughts on the discipline" auf einen 1989 von dem französischen Romanisten Bernard Cerquiglini veröffentlichten Essay mit dem Titel: Eloge de la Variante, der den noch aufschlussreicheren Untertitel Histoire critique de la philologie trägt. 49 Mit diesem Essay begann wissenschaftsintern in Europa, nicht in Nordamerika, die eigentliche Debatte um die ,New Philology', die sich allerdings erst im Speculum-Heft selbst inszenierte mit dem Etikett ,neu' in Anlehnung an neue wissenschaftliche Methoden oder auch nur Moden wie den ,New Historicism' oder ,New Medievalism'. Das wirklich oder nach Ansicht vieler auch nur angeblich Neue war im Haupttitel von Cerquiglinis Essay enthalten: Die Eloge / Das Lob auf die Variante. Mit der durchaus plausiblen, allerdings auch nicht so neuen Forderung nach einer Rückkehr zur mittelalterlichen Überlieferung und ihrer durch die Handschriftenkultur bedingten enormen Varianz verband Cerquiglini die im Untertitel ausgedrückte Histoire critique de la philologie, die sich ganz gegen die angeblichen Verächter der Variante in der romanischen Editionsphilologie des 19. Jahrhunderts richtete. Diese hätten in der von Karl Lachmann (einem Preußen!) begründeten Tradition der Textkritik mit ihrer Fixierung auf die Rekonstruktion eines Autortextes oder Urtextes und der analogen Entwicklung in der neubegründeten Sprachwissenschaft und deren Fixierung auf die Lautgeschichte und Rekonstruktion einer Ursprache die Überlieferungswirklichkeit fragmentiert und punktualisiert, indem sie als Editoren die Varianten aus ihrem Überlieferungskontext lösten und in die kritischen Apparate einkerkerten, in die Lesartenfriedhöfe also, oder - als Sprachwissenschaftler - isolierte Laute und Formen nur noch in diachronen Abfolgen und nicht mehr in ihrer Rolle im System einer funktionierenden Sprache betrachteten. Diese methodische Fixierung auf die Rekonstruktion eines Urtextes oder einer Ursprache von den fragmentierten Elementen aus, von den Varianten, von dem vereinzelten Laut, der vereinzelten Form, dem vereinzelten Wort aus ohne Rücksicht auf die Funktion im System, habe dazu gefuhrt, dass die historische Sprachwissenschaft weder die Mittel noch überhaupt das Bestreben kannte, die Syntax zu ihrem Objekt zu machen (S. 110). Die positivistische Arbeitsweise mit ihrer Privilegierung des Details und der Liebe zur Notiz, zur Miszelle, zur Kleinigkeit sei auch charakteristisch für den die Editionen der Philologie begleitenden kritischen Apparat von Karl Lachmann bis zu dem großen französischen Philologen Joseph Bedier. Durch seine Einrichtung und seine Funktion schließe der kritische Apparat an die Denkweise der historischen 48 49

Stephen G. Nichols: Introduction. Philology in a Manuscript Culture. In: Ebd., S. 1-10 Bernard Cerquiglini: Eloge de la Variante. Histoire critique de la philologie. Paris 1989 (zit.); die engl. Übersetzung unter dem Titel: In Praise of the Variant. A Critical History of Philology. Translated by Betsy Wing. Baltimore/London 1999.

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Sprachwissenschaft an und an den textkritischen Willen nach einem festen und einzigartigen Text, der über dem Apparat stehe (S. 111). Die Hysterie um das Detail („hysterie du detail"), wie es in Cerquiglinis provozierenden Formulierungen heißt, zerbreche und zerstückele wie ein Dreschflegel den überlieferten Kontext. Auf diese Passage folgt der in der ersten Fußnote des Speculum-Heftes und in der folgenden Debatte um die ,New Philology' immer wieder zitierte Satz Cerquiglinis: Die mittelalterliche Schriftkultur produziert keine Varianten, sie ist Varianz. „Or l'ecriture medievale ne produit pas de variantes, eile est variance" (S. 111). Die Varianz eines mittelalterlichen Werkes ist nach Cerquiglini sein Hauptmerkmal im Unterschied zu einem neuzeitlichen Werk, das durch den Buchdruck von Anfang an fixiert werde und unveränderlich bleibe, keine Instabilität, keine mouvance50 kenne wie die mittelalterliche Überlieferung. Diese Variabilität möchte Cerquiglini nun erneut inszenieren mit Hilfe des Computers. Denn ,,L'inscription informatique est variance" (S. 115). Seine Wirkung verdankt Cerquiglinis Eloge de la Variante nicht so sehr seiner Forderung nach Rückkehr zu den Handschriften und seiner Kritik an der Editionsphilologie des 19. Jahrhunderts, sondern seiner Bereitschaft, postmoderne Theorien, vor allem die Diskurstheorie Foucaults, auf mittelalterliche Texte anzuwenden. Zur Konsequenz dieser Anwendung gehört die Abschaffung der Begriffe von ,Autor' und ,Werk'. An ihre Stelle treten die Handschriften mit ihren Textvarianten. Nach diesem Konzept von neuer Philologie, wie es vor allem in der romanistischen Mediävistik teils bereitwillig aufgenommen, teils aber auch heftig abgelehnt wurde,51 werden die in den einzelnen Handschriften fassbaren Textzustände nicht in eine genealogische Abfolge gebracht oder in Klassen eingeteilt, sie werden auch nicht nach zeitlichen, örtlichen oder textsortenspezifischen Merkmalen geordnet, ihr Verhältnis zueinander ist vielmehr als freies ahistorisches Zusammenspiel von Variablen inszenierbar, und dieses Zusammenspiel kann durch den Computer mit seinen enormen Speicherkapazitäten simuliert und auf den Bildschirm gebracht werden. Die Realisierung einer solchen Computersimulation ist nach meiner Ansicht allerdings noch in weiter Ferne. Doch läßt sich die Varianz der Überlieferung mit den Möglichkeiten des neuen Mediums adäquat und vollständig erfassen, vergleichen und ordnen, sobald sämtliche Handschriften eines Werks transkribiert, maschinenlesbar gemacht und für Vergleichszwecke kodiert sind. Für die Sprachgeschichtsstudien sind die Varianten der Überlieferung das ureigene Feld. Für einen Sprachhistoriker gibt es nichts Interessanteres als Varianten. Sieht man von den überzogenen Erwartungen an die Simulation der Aufführung von volkssprachigen Texten in der mittelalterlichen Laienkultur ab und auch von der damit verbundenen Vorstellung, dass nicht ein Autor oder ein Schreiber hinter dem Werk oder seinen Abschriften stehe, dann ist dieser neuen Philologie doch zuzustimmen, wenn sie die Rückkehr zu den Handschriften als den sinnlich fassbaren Zeugen 50 51

Vgl. Paul Zumthor: Essai de poetique medievale. Paris 1972, S. 65ff. Vgl. den Sammelband: Alte und neue Philologie. Hrsg. von Martin-Dietrich Gleßgen und Franz Lebsanft. Tübingen 1997 (Beihefte zu editio. 8), dazu die Rezension von Karl Stackmann in: Zeitschrift flir deutsches Altertum und deutsche Literatur 128, 1999, S. 342-348.

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der mittelalterlichen Laienkultur fordert, die Rehabilitierung der Schreiber und der von ihnen produzierten Varianz verteidigt gegen die immer noch gängigen Vorurteile seit Lachmann, der von „Lumpenpapierhandschriften" 52 sprach im Hinblick auf die späte und nicht selten degenerierte Textüberlieferung. Ich kann die Debatte um die ,New Philology' nicht im Einzelnen nachzeichnen, auf germanistischer Seite wird sie vor allem von Literaturwissenschaftlern gefuhrt, leider immer wieder mit aus dem Kontext gerissenen geflügelten Zitaten aus Cerquiglini, wovon ich ein Beispiel gegeben habe. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft kommt in der Debatte kaum vor. Nun wird die Öffnung der Mediävistik fur Fragestellungen aus modernen Richtungen der Geisteswissenschaften kaum noch bestritten. Eine dominierende Rolle spielt in der Diskussion verständlicherweise der Autor- und Werkbegriff. 53 Es ist vor allem Karl Stackmann zu verdanken, dass er das Verhältnis der Neuen Philologie zur Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte vom Anfang der Debatte an immer wieder thematisiert hat. 54 Eine auf den Handschriften und nicht auf den kritischen Texten basierende Erneuerung der Sprachstudien ist eine der zentralen Forderungen der ,New Philology', die nach Stackmann vorbehaltlos zu übernehmen ist. Das Übergewicht der literar- und sozialhistorischen Interessen der germanistischen Mediävistik und die von einigen Vertretern vorgebrachte dezidierte Ablehnung der Sprachstudien hat dazu geführt, dass das Textverständnis immer mehr 52

Wolfram von Eschenbach. Hrsg. von Karl Lachmann. 6. Ausgabe. Berlin 1926 (Nachdr. 1965), S. XXXVIII. Diese für jüngere Hss. gebrauchte Bezeichnung ist allerdings durchaus zweideutig, denn auch Lachmann vertrat den textkritischen Grundsatz, dass jüngere Hss. nicht von vornherein schlechter sind („recentiores non deteriores"), doch muss ihr Verhältnis zur übrigen Überlieferung zuerst von der Kritik bestimmt werden; vgl. seinen Brief vom 11.12.1819 an Jacob Grimm: „Hier [in der Überlieferung des Titurel] bewährt sichs, daß der älteste Text nicht der beste ist. [...] Ich verschmähe keine noch so neue Handschrift, wenn sie nicht eine Abschrift einer noch vorhandenen ist, ja nicht das kleinste Blättchen." Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann. Hrsg. von Albert Leitzmann, mit einer Einleitung von Konrad Burdach. Bd. 1. Jena 1927, S. 14. Für den Hinweis auf die differenzierte Haltung Lachmanns gegenüber jüngeren Hss. danke ich Christoph Gerhardt.

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Vgl. Joachim Bumke: Die vier Fassungen der ,Nibelungenklage'. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert. Berlin/New York 1996 (Quellen und Forschungen zu Literatur- und Kulturgeschichte. 8 [242]); ders.: Autor und Werk. Beobachtungen und Überlegungen zur höfischen Epik. In: Philologie als Textwissenschaft. Alte und neue Horizonte. Hrsg. von Helmut Tervooren und Horst Wenzel (Zeitschrift für deutsche Philologie 116, 1997, Sonderheft), S. 87-114, und die weiteren Beiträge des Sonderhefts; Rüdiger Schnell: ,Autor' und ,Werk' im deutschen Mittelalter. Forschungskritik und Forschungsperspektiven. In: Neue Wege der MittelalterPhilologie. Landshuter Kolloquium 1996 (Wolfram-Studien. 15). Hrsg. von Joachim Heinzle, L. Peter Johnson und Gisela Vollmann-Profe. Berlin 1998, S. 12-73; Karl Stackmann: Autor - Überlieferung Editor. In: Das Mittelalter und die Germanisten. Zur neueren Methodengeschichte der Germanischen Philologie. Freiburger Colloquium 1997. Hrsg. von Eckart Conrad Lutz. Freiburg i.Ü. 1998 (Scrinium Friburgense. 11), S. 11-32, bes. S. 24-32; Werner Schröder: Bumke contra Lachmann oder: wie die ,Neue Philologie' die mittelhochdeutschen Dichter enteignet. In: Mittellateinisches Jahrbuch 33, 1998, S. 171-183; Jürgen Wolf: New Philology/Textkritik. Ältere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einfuhrung in neue Theoriekonzepte. Hrsg. von Claudia Benthien und Hans Rudolf Velten. Reinbek 2002 (rowohlts enzyklopädie), S. 171-195.

54

Vgl. Karl Stackmann: Die Edition - Königsweg der Philologie? In: Methoden und Probleme der Edition mittelalterlicher Texte. Bamberger Fachtagung 26.-29. Juni 1991. Plenumsreferate. Hrsg. von Rolf Bergmann und Kurt Gärtner unter Mitwirkung von Volker Mertens, Ulrich Müller und Anton Schwöb. Tübingen 1993 (Beihefte zu editio. 4), S. 1-18, hier S. 14f.; ders.: Neue Philologie? In: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Hrsg. von Joachim Heinzle. Frankfurt a.M./Leipzig 1994, S. 398-427, hier. S. 4 0 9 ^ 1 2 ; ders.: Rez. zu Gleßgen/Lebsanft 1997 (Anm. 51), S. 347f.

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Kurt

Gärtner

abnimmt und die Zunft zu zerfallen droht in Literaturtheoretiker einerseits und philologische Handwerker andererseits. 55 Nicht nur die Offenheit gegenüber neueren literaturtheoretischen, sondern - noch wichtiger für die Sprachgeschichte - gegenüber neueren sprachtheoretischen, vor allem pragmalinguistischen Ansätzen ist mehr als wünschenswert. Es gibt noch zu wenige Arbeiten, die die Textlinguistik und Sprechakttheorie für die historische Syntax fruchtbar machen. Die Situation der Forschung mit dem Übergewicht an literarhistorischen und literaturtheoretischen Forschungsbeiträgen und die Vernachlässigung der Sprachstudien verdeutlicht ein Blick auf die Veröffentlichungen, die unter der Rubrik Mittelhochdeutsche und mittelniederdeutsche Sprache' im Referatenorgan des Faches, der Germanistik, in den letzten 15 Jahren registriert wurden. Die Arbeiten zum Mittelhochdeutschen stehen weit zurück hinter denen zum Althochdeutschen und noch weiter hinter denen zum Frühneuhochdeutschen. Neben weniger einschlägigen Arbeiten ist ein größerer Teil der Beiträge zur mittelhochdeutschen Sprache dem neuen mittelhochdeutschen Wörterbuch gewidmet, an dem seit 1994 gearbeitet wird; 56 ein weiterer Teil dem von Thomas Klein, Hans-Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera geleiteten Projekt der neuen mittelhochdeutschen Grammatik, die in Angriff genommen worden ist und deren Quellenbasis die in den Handschriften überlieferten Texte sind. Die Forderung der ,New Philology' nach der Rückkehr zu den Handschriften dürfte also für die grammatischen Studien verwirklicht werden. Die bisherigen Beiträge zur ,New Philology'-Debatte, die sich aus text- und überlieferungsgeschichtlicher Perspektive mit konkreten Überlieferungsbefunden befassen, tun dies in der von der ,New Philology' kritisierten rückwärtsgewandten und rekonstruierenden Weise, also von einem textkritischen bzw. editionsphilologischen Standpunkt aus. Die Unterscheidung der Varianten in solche, die für die Rekonstruktion eines Textes oder auch einer Textfassung wichtig sind, und solche, die nur für die Sprach- und Textgeschichte interessant sind, wie z.B. die Varianten im Bereich der Pronomina, Konjunktionen, Präpositionen und der Negationswörter, bestätigt im Grunde Cerquiglinis Vorwurf der Vernachlässigung der Syntax. Für die Sprachhistoriker bieten die Varianten ein reiches Feld für Beobachtungen zum Sprachwandel; in den Augen vieler Literaturhistoriker dagegen, die die Textgeschichte in der Regel ausblenden und nur den edierten Text heranziehen, ist die oft über mehrere Jahrhunderte dokumentierte Textgeschichte und ihre Varianz so überflüssig wie ein Kropf. Fasst man aber nicht aus rekonstruierender, sondern aus vorwärtsgewandter sprachgeschichtlicher Perspektive die Herstellung einer Handschrift und die Arbeit

55

56

Vgl. Ingrid Bennewitz: Alte „Neue" Philologie. In: Philologie als Textwissenschaft 1997 (Anm. 53), S. 46-61, hier S. 61. Die erste Doppellieferung ist gerade erschienen: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Hrsg. von Kurt Gärtner, Klaus Grubmüller und Karl Stackmann. 1. Bd., Doppellieferung 1/2. Lieferung 1: a - amürschaft. Bearbeitet in der Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz an der Universität Trier von Ralf Plate und Jingning Tao; Lieferung 2: an- - balsieren. Bearbeitet in der Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen von Susanne Baumgarte, Gerhard Diehl und Bernhard Schnell. EDV-Arbeiten: Ute Recker-Hamm (Arbeitsstelle Trier). Stuttgart 2006.

Neue Philologie und Sprachgeschichte

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eines mittelalterlichen Schreibers als Aneignungsprozess auf, 57 dann sind die Varianten allesamt von Interesse. Besonders aufschlussreich ist das Studium der Varianten in den Fällen, wo wir unmittelbare Vorlage und Abschrift miteinander vergleichen und dabei beobachten können, dass Abschreibeprozesse zugleich Aneignungsprozesse sind. Das ist in der Urkundenüberlieferung der Fall, wenn die Originalurkunden in Kopiare aufgenommen werden wie z.B. die älteste moselfränkische Originalurkunde von 1248, die Sühne von Thurandt, die knapp 100 Jahre später in die Kopiare des Erzbischofs Balduin eingetragen wird. 58 Mit Hilfe der EDV lassen sich Vorlage und Abschrift bequem vergleichen und die Genauigkeit der Abschrift kontrollieren; wir sehen beim Vergleich: Nur die Namen werden verändert, sie werden durch die aktuellen jüngeren Formen ersetzt, um eine einwandfreie Bezugnahme zu garantieren. Der Sprachhistoriker kann in Cerquiglinis Eloge de la Variante also nur einstimmen, auch wenn er die theoretischen Positionen der ,New Philology' nicht alle ungefragt übernimmt. Neue Philologien kommen und gehen, ebenso die Kontroversen und die Aufregungen um sie. Man sollte ihnen nicht zuviel Bedeutung beimessen, sondern von ihnen das übernehmen, was man gebrauchen kann. In keinem anderen Land hat man auf die ,New Philology' so gelassen reagiert wie in Italien; auf die Reaktion der italienischen Philologen soll deshalb zum Schluss noch hingewiesen werden. Ihre Reputation als „incredibili credenti nel neolachmamiismo", wie Alberto Varvaro sie in seiner Stellungnahme zu der Debatte nennt, hat gute Gründe. 59 Diese sieht er in einem ungebrochenen Verhältnis zur philologischen Tradition und der eindrucksvollen Kompetenz der italienischen Philologen, zu deren Programm nicht nur die rekonstruierende Textkritik gehört, sondern seit Giorgio Pasquali und Michel Barbi auch die Überlieferungs- und Textgeschichte und vor allem auch ein genuines sprachwissenschaftliches Interesse. Eine Gefahr sieht Varvaro allerdings fur die Sprachstudien, wenn in den kritischen Texten die sprachlichen Formen rekonstruiert werden zuungunsten der in den Handschriften überlieferten. Die Konzentration auf die in den Handschriften überlieferten Texte, auf die überlieferten Sprachfakten und auf ihr pergamentenes Drumherum hat mit dem Computer ein Werkzeug und einen dienstbaren Knecht gefunden, der seit zehn Jahren auch als Medium immer extensiver eingesetzt wird. Für die Sprachgeschichte und die Philologie 57

!8

59

Vgl. Überlieferungs- und Aneignungsprozesse im 13. und 14. Jh.s auf dem Gebiet der westmitteldeutschen und ostfranzösischen Urkunden- und Literatursprachen. Beiträge zum Kolloquium vom 20. bis 22. Juni 2001 in Trier. Hrsg. von Kurt Gärtner und Günter Holtus. Trier 2005 (Trierer Historische Forschungen. 59). Vgl. Kurt Gärtner: Original- und Kopialüberlieferung von deutschen Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts am Beispiel der Balduineen. In: Quelle - Text - Edition. Ergebnisse der österreichischdeutschen Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition in Graz vom 28. Februar bis 3. März 1996. Hrsg. von Anton Schwöb und Erwin Streitfeld, unter der Mitarbeit von Karin KranichHofbauer. Tübingen 1997 (Beihefte zu editio. 9), S. 51-61. Alberto Varvaro: La ,New Philology' nella prospettiva italiana. In: Gleßgen/Lebsanft 1997 (Anm. 51), S. 35^t2, hier S. 35; engl. Übersetzung unter dem Titel: The "New Philology" from an Italian Perspective. In: Text. An Interdisciplinary Annual of Textual Studies 12, 1999, S. 49-58; vgl. auch Timpanaro 1977 (Anm. 4), S. 87-92.

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Kurt Gärtner

eröffnen sich damit neue Chancen, die ich allerdings etwas anders sehe als die sogenannte ,Neue Philologie', aber auch als die Philologen, die von ihren Vorurteilen gegenüber dem Computer nicht loskommen (wollen). Die Apostel der ,New Philology' haben weder theoretisch noch praktisch erklärt, wie nach ihren Vorstellungen mit Hilfe der neuen Technologie eine Edition erstellt werden soll, sie haben sich vielmehr beschränkt auf die Verkündigung der Gewissheit, dass der Computer mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten wie der kommende Messias alle Probleme lösen werde, aber sie sagen nicht, was wir in der Zwischenzeit tun sollen. 60 Der theologische Altmeister der Computerphilologie Roberto Busa, der die neue Technologie von Anfang an begrüßt und eingesetzt hat, hat noch vor dem Erscheinen des Speculum-Heües für eine ,New Philology' plädiert, die sich extensiv des Computers bedient, um über interaktive philologische Mikroanalysen auf induktivem Wege zu syntaktischen Analysen fortzuschreiten und um so die Bedeutung von Sätzen und die Funktionen der Wörter in ihrem linguistischen und pragmatischen Kontext zu ermitteln. 61 Diese neue Philologie kann die Basis für sprachtechnologische Verfahren bilden und eine neue Aufbruchstimmung herbeiführen, wie wir sie ähnlich vor 200 Jahren am Beginn der ersten neuen Philologie gesehen haben, die das Fundament für die moderne Sprachgeschichte lieferte. Das Basler Parzival-Projekt ist ein Beispiel dafür, wie diese neue Philologie realisiert werden kann. 62

60 61

62

Vgl. Varvaro (Anm. 59), S. 35. Roberto Busa: Half a Century of Literary Computing. Towards a "New" Philology. In: Literary and Linguistic Computing 7, 1992, S. 69-73. Vgl. Michael Stolz: Wolframs >Parzival< als unfester Text. Möglichkeiten einer überlieferungsgeschichtlichen Ausgabe im Spannungsfeld traditioneller Textkritik und elektronischer Darstellung, in: Wolfram von Eschenbach - Bilanzen und Perspektiven. Eichstätter Kolloquium 2000. Hrsg. von Wolfgang Haubrichs, Eckart C. Lutz und Klaus Ridder. Berlin 2002 (Wolfram-Studien. 17), S. 294-321; ders.: Autor - Schreiber - Editor. Versuch einer Feldvermessung. In: editio 19, 2005, S. 23-42; ders.: Texte des Mittelalters im Zeitalter der elektronischen Reproduzierbarkeit. Erfahrungen und Perspektiven. In: Deutsche Texte des Mittelalters zwischen Handschriftennähe und Rekonstruktion. Berliner Fachtagung 1.-3. April 2004. Hrsg. von Martin J. Schubert. Tübingen 2005 (Beihefte zu editio. 23), S. 143-158; ders.: Vernetzte Varianz. Mittelalterliche Schriftlichkeit im digitalen Medium. In: (Digitalisiertes) Schreiben von 1950 bis zur Gegenwart - ein ,azentrisches, nicht hierarchisches und asignifikatives System ohne General'. Hrsg. von Martin Stingelin in Zusammenarbeit mit Davide Giuriato und Sandro Zanetti. München 2006 (Zur Genealogie des Schreibens. 3), S. 219-246.

Karin Schneider

Akzentuierung in mittelalterlichen deutschsprachigen Handschriften

Zu den verschiedenen graphischen Zeichen, die im deutschsprachigen mittelalterlichen Schriftwesen verwendet wurden, gehören auch die Akzente. In zahlreichen Handschriften von den Anfangen bis ins 14. Jahrhundert hinein wurden Zirkumflex oder Akut über Vokale gesetzt und können Quantität oder Betonung anzeigen, bisweilen aber auch ganz anders zu deuten sein. Diese in den Handschriften überlieferte vielfältige und ganz unterschiedlich gebrauchte Akzentuierung hat kaum etwas gemeinsam mit den Akzenten im normalisierten Mittelhochdeutsch, in dem durchgehend die Langvokale durch übergesetzten Zirkumflex bezeichnet werden: einer geregelten Akzentuierung, die in den Wörterbüchern, Grammatiken und in vielen Editionen deutscher Texte vor allem des 12. und 13. Jahrhunderts üblich ist. Dass diese Normalisierung des Mittelhochdeutschen auf Karl Lachmann und Jacob Grimm zurückgeht, ist bekannt. Die sprachliche und orthographische Vielfalt und Systemlosigkeit der handschriftlichen Überlieferungsträger, die auch in deren Akzentuierung zutage tritt, war ihnen durch ihre Handschriftenstudien durchaus geläufig, doch gingen sie beide von der Idee aus, dass der Uneinheitlichkeit von Sprache und Orthographie, die sie als Verwilderung sahen, eine ursprüngliche Gesetzmäßigkeit zugrunde gelegen haben musste, die es wieder zu rekonstruieren galt. Lachmann formulierte seine Überzeugung von der Existenz eines ursprünglich einheitlichen Mittelhochdeutsch in der Vorrede zu seiner Auswahl aus den hochdeutschen Dichtern des 13. Jahrhunderts vom Jahr 1820: [...] denn wir sind doch eins, daß die Dichter des 13. Jahrhunderts, bis auf wenig mundartliche Einzelheiten, ein bestimmtes unwandelbares Hochdeutsch redeten, während ungebildete Schreiber sich andere Formen der gemeinen Sprache, theils ältere, theils verderbte, erlaubten [...].'

In den Jahren 1819 und 1820 entwickelten Lachmann und Jacob Grimm in schriftlichem Austausch ihre Grundsätze einer normalisierten mittelhochdeutschen Sprache und ein orthographisches System, das die nach ihrer Ansicht korrekte mittelhochdeutsche Sprache schriftlich wiedergeben sollte und zu dem eben auch die Kennzeichnung der Langvokale durch Zirkumflex gehört; das kommt in ihrem Briefwechsel und in ihren Publikationen dieser Jahre zum Ausdruck. Grimms erste Auflage seiner Deutschen Grammatik vom Jahr 1819 enthält noch keine Erwähnung dieser Längezeichen; doch schon drei Jahre später, in der 1822 erschienenen zweiten, überarbeiteten Auflage, bemerkt er dazu: S. VIII; wieder abgedruckt in: Karl Lachmann: Kleinere Schriften zur deutschen Philologie Bd. 1. Hrsg. von Karl Möllenhoff. Berlin 1876. Nachdruck Berlin 1969, S. 157-176, hier S. 157.

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Karin Schneider

Das wichtigste schien, die mannigfaltigkeit der vocalmischungen aufzufaßen, und zu diesem ende sind theils mehrere übliche zeichen gebraucht, theils da sie immer nicht hinreichten, einige neue erfunden, wenigstens neu bestimmt worden [...]. Der circumflex dient zur bezeichnung der gedehnten vocale [...].2

In der dritten Auflage der Deutschen Grammatik bedarf die durchgehende Verwendung des Zirkumflex als Dehnungszeichen keiner Begründung mehr, Grimm äußert sich dazu nur kurz: „Die kürze der vocale bleibt ganz unbezeichnet, die länge scheint am zweckmäßigsten durch den circumflex ausgedrückt [...]."3 Soviel nur kurz zur Entstehung der normalisierten Akzentuierung, die seither in Lexika und Grammatiken sowie in vielen Textausgaben befolgt wurde. Es handelt sich um eine viele Jahrhunderte nach der tatsächlichen Aufzeichnung der Texte künstlich hergestellte Einheitlichkeit, die es so in den Handschriften nie gegeben hat. Tatsache ist, dass in sehr vielen deutschsprachigen mittelalterlichen Schriftdenkmälern entweder gar keine oder doch nur sporadische und vor allem unsystematische Akzentuierung festzustellen ist. Das gilt bereits für die Mehrheit der althochdeutschen Textträger, in denen Zirkumflex und Akut, wenn überhaupt, so doch meist ununterschieden über Vokalen stehen. Doch sind gerade und nur zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert einige Versuche zu einer Systematisierung der Akzentsetzung in den frühen deutschsprachigen Texten zu erkennen. Die Verse von Otfrids Evangelienbuch sind durchgehend und systematisch akzentuiert in den Handschriften des späten 9. Jahrhunderts, die auf das vom Autor selbst durchgesehene Exemplar zurückgehen. 4 Mit akutförmigem übergesetztem Schrägstrich sind jeweils die 4 haupttonigen Silben jedes Viertaktverses bezeichnet; es handelt sich dabei um Tonzeichen, die rhythmisch Haupt- und Nebenton im Vers bezeichnen, also eigentlich ins Gebiet der Metrik gehören und die auch in dieser Form in deutschen Handschriften keine Nachfolge gefunden haben. Als Urheber eines wirklichen Akzentuierungssystems ist Notker III. von St. Gallen, genannt der Deutsche, bekannt; erhalten ist es nur in seiner kommentierenden Übersetzung von Boethius' De consolatione philosophiae, Buch I—II im St. Galler Cod. 825 aus dem zweiten Viertel des 11. Jahrhunderts.5 Nur in dieser Handschrift ist Notkers Absicht tatsächlich mehr oder weniger verwirklicht, wie er sie in dem bekannten Brief an seinen Bischof Hugo von Sitten im Zusammenhang mit seiner Übersetzertätigkeit ausgespro2 3

4

5

Jacob Grimm: Deutsche Grammatik. Erster Theil. Zweite Ausgabe. Göttingen 1822, S. 3 f. Güttingen 1840, S. 3 7 - Vgl.dazu Magdalene Lutz-Hensel: Prinzipien der ersten textkritischen Editionen mittelhochdeutscher Dichtung. Berlin 1975 (Philologische Studien und Quellen. 77); Gunhild Ginschel: Der junge Jacob Grimm 1805-1819. Stuttgart 1989, hier besonders S. 192-211. Wien NB Cod. 2687 (Hs. V); zu den Akzenten in V vgl. Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch. Hrsg.von Wolfgang Kleiber unter Mitarbeit von Rita Heuser. Bd. 1,2: Einleitung und Apparat. Mit Beiträgen von Wolfgang Haubrichs, Norbert Kössinger, Otto Mazal, Norbert H. Ott und Michael Klaper. Tübingen 2004, S. 119-133. Zur Hs. Stefan Sonderegger: Althochdeutsch in St. Gallen. St. Gallen 1970, S. 108, 110, Nr. 7.15, Abb. 13; ders.: Althochdeutsche Sprache und Literatur. 3. Auflage Berlin/New York 2003, S. 138 f. mit Abb. - Lachmann kopierte auf seiner , Wolframreise' 1824 in St.Gallen auch diese Hs. und stellte seine Kopie anschließend Jacob Grimm zum Abschreiben zur Verfugung.

Akzentuierung

in mittelalterlichen

deutschsprachigen

Handschriften

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chen hat: „Oportet autem scire, quia verba theutonica sine accentu scribenda non sunt, preter articulos. Ipsi soli sine accentu pronuntiantur acuto et circumflexo." 6 In der St. Galler Handschrift 825 tragen dementsprechend systematisch alle Wörter mit Ausnahme der Pronomina Akzente; haupttonige lange Vokale und lange Nebensilbenvokale werden mit Zirkumflex bezeichnet, haupttonige kurze Vokale mit Akut.7 Notkers Übersetzungswerk entstand für den Schulunterricht und hatte das pädagogische Ziel, das Verständnis des lateinischen Textes durch Umsetzen in die Muttersprache zu fördern; die gleiche Intention lag auch den frühen Interlinearverdeutschungen von Bibeltexten zugrunde. Mit der eingeführten durchgehenden Akzentuierung sollte wohl auch den Schülern Hilfestellung zum richtigen Lesen des ungewohnten deutschen Schriftbilds gegeben werden. Schon Notkers Nachfolger hielten sich nicht mehr an dieses Akzentuierungssystem; in wenig späteren Abschriften seiner Werke sind die Akzente nicht mehr korrekt gesetzt, und je weiter eine Handschrift zeitlich von Notkers Lebzeiten entfernt ist, desto weniger hielten sich die Schreiber an das System, bis zur völligen Aufgabe jeder Akzentuierung, die z.B. der Bearbeitung von Notkers Psalterverdeutschung im Wiener Cod. 2681, entstanden um 1100, durchweg fehlt. Über die Akzentuierung in althochdeutschen Handschriften liegen seit Lachmann und Grimm, später vor allem von Paul Sievers, zahlreiche Untersuchungen einzelner Schriftdenkmäler vor;8 vor allem Notkers System ist Gegenstand mehrerer Abhandlungen geworden, so dass auf diese älteren Schreibgewohnheiten hier nicht weiter einzugehen ist. Den Bedeutungswandel und den Rückgang der Akzentuierung in frühmittelhochdeutschen Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts untersuchte Kurt Gärtner anhand der ältesten Überlieferung von Willirams von Ebersberg Hohelied-Paraphrase9 und zeigte auf, dass in den autornächsten Codices wie z.B. dem ostfränkisch/rheinfränkischen Cgm 10 aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts der deutsche Text noch vollständig durchakzentuiert ist und ein System erkennen lässt, das Williram eigen war und das noch in der Nachfolge Notkers steht. Auch hier ist jedes Wort auf der Wurzelsilbe akzentuiert, Komposita wie iunkfrowen können auch zwei Akzente erhalten; diese Akzente sind als Betonungszeichen zu werten, darüber hinaus stehen sie als Quantitätszeichen auf den Stammsilbenvokalen: Langvokale und Dipthonge werden durch Zirkumflex, Kürze

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Emst Hellgardt: Notkers des Deutschen Brief an Bischof Hugo von Sitten. In: Befund und Deutung. Zum Verhältnis von Empirie und Interpretation in Sprach- und Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Grubmüller, Emst Hellgardt, Heinrich Jellissen und Marga Reis. Tübingen 1979, S. 169-192 mit Abdruck und Abb. Oskar Fleischer: Das Accentuationssystem Notkers in seinem Boethius. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 14, 1882, S. 127-172 u. 285-300; Notkers des Deutschen Werke. Nach den Handschriften neu hrsg. von Edward H. Sehrt und Taylor Starck. Bd. 1,1-3: De consolatione philosophiae (Boethius). Tübingen 1933-34 (Altdeutsche Textbibliothek. 32-34); James C. King: Die Akzente bei Notker und in der Fachliteratur. In: Notker der Deutsche: Boethius De consolatione philosophiae Buch 1/2. Hrsg. von Petrus W. Tax. Tübingen 1986 (Altdeutsche Textbibliothek. 94), S. XXXVII-XLIII, mit älterer Literatur. Paul Sievers: Die Accente in althochdeutschen und altsächsischen Handschriften. Leipzig 1909. Reprint New York/London 1967 (Palaestra. 57); Eugen Gabriel: Die Entwicklung der althochdeutschen Vokalquantitäten in den oberdeutschen Mundarten. Wien 1969 (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Studien zur österreichisch-bairischen Dialektkunde. 5), hier S. 45-101: Die Bedeutung der Akzentzeichen in den althochdeutschen Sprachdenkmälern. Kurt Gärtner: Die Williram-Überlieferung als Quellengrundlage für eine neue Grammatik des Mittelhochdeutschen. In: Mittelhochdeutsche Grammatik als Aufgabe. Hrsg. von Klaus-Peter Wegera. Zeitschrift für deutsche Philologie 110, 1991, Sonderheft, S. 23-55.

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Karin

Schneider

durch Akut bezeichnet (din, gebreitet/nämo, gegözzen). In den jüngeren Williramhandschriften des 12. Jahrhunderts ist dagegen eine deutliche Verschiebung der Akzentuierung von der Betonung weg in Richtung Quantitätsbezeichnung festzustellen, auch werden Akut und Zirkumflex bedeutungsmäßig kaum mehr unterschieden. Kurt Gärtners Beobachtung unregelmäßiger und sporadischer Akzentsetzung in diesen jüngeren Abschriften hat auch Gültigkeit fur die nachfolgende Zeit. Ich möchte hier anschließen mit einzelnen Beobachtungen zur Akzentuierung in den deutschen Handschriften des 13. und zum Teil noch der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, deren Untersuchung mit Ausnahme einzelner Schriftdenkmäler offenbar noch ein Desiderat ist, das aber im Rahmen dieses Beitrags nur in einzelnen Beispielen und natürlich nicht erschöpfend behandelt werden kann. In dem eingegrenzten Zeitraum kannten und verwendeten nicht wenige Schreiber deutscher Texte noch den Zirkumflex und anfangs auch den Akut; doch ist grundsätzlich im Voraus festzustellen, dass die Akzentuierung noch weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten durchgehend und systematisch durchgeführt wurde, dass also Systeme wie das Notkersche oder Williramsche Ausnahmeerscheinungen geblieben sind, die nur vereinzelt in schwachen Spuren weitergewirkt haben. Vorauszuschicken ist auch, dass die Verwendung von Akzenten als Quantitätszeichen in deutschen Texten jedenfalls seit dem 13. Jahrhundert ein fast ausschließlich oberdeutscher Usus war, der sein Hauptverbreitungsgebiet im süddeutschen Sprachraum hatte und der gegen den mitteldeutschen Raum merklich abnahm; mitteldeutsche Handschriften sind seltener, west- und norddeutsche Schriftdenkmäler mit ganz vereinzelten Ausnahmen nicht akzentuiert. In diesem Sprachraum wurde die Längenbezeichnung der Vokale, die noch im 12. Jahrhundert durch Akzente ausgedrückt erschien, zunehmend schon im 13. Jahrhundert durch nachgestelltes Dehnungs-z bzw. -e wiedergegeben.10 In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind akzentuierte oberdeutsche Handschriften immer noch recht zahlreich, auch wenn sie den Unterschied zwischen Zirkumflex und Akut meist nicht mehr machen. Beispielhaft sind hier die Fragmente einer sehr frühen ^//eAa/w-Handschrift zu nennen, Cgm 193/1, noch ins erste Viertel des 13. Jahrhunderts zu datieren, mit unabgesetzten Versen;11 die Blätter hatten eben wegen ihrer reichen Akzentuierung schon Grimms und Lachmanns Aufmerksamkeit erregt. Lachmann benutzte sie für seine Wolfram-Edition und wies in der Vorrede auf die Akzentuierung hin: „Man wird nicht leicht in einer mittelhochdeutschen handschrift so viele circumflexe finden: doch bedeuten sie nicht immer lange vocale [~.]."12 Tatsächlich ist der Text vor allem im Bereich der 3. Hand reichlich akzentuiert, mit Zirkumflex sind häufig Langvokale und Diphthonge wie ei, ie, io bezeichnet, aber der Zirkumflex steht nicht selten auch auf Kurzvokalen (333,25f. hei: snel, 334,8 verndmen, 334,12 wartmän) und oft auf Reimwörtern, wo er vielleicht auch als Betonungszeichen 10

" 12

Dazu Thomas Klein: Längenbezeichnung und Dehnung im Mittelfränkischen des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Quantitätsproblematik und Metrik. Greifswalder Symposion zur germanischen Grammatik. Hrsg. von Hans Fix. Amsterdam 1995 (Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. 42), S. 41-71. Vgl. Karin Schneider: Gotische Schriften in deutscher Sprache I. Wiesbaden 1987. Textbd., S. 88-90, Tafelbd., Abb. 38^10. Wolfram von Eschenbach. Hrsg. von Karl Lachmann. 7. Ausgabe. Neu bearbeitet von Eduard Hartl. Berlin 1952, hier S. XXVII.

Akzentuierung

in mittelalterlichen

deutschsprachigen

Handschriften

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dienen soll; Betonung bedeuten die Akzente wohl auf Eigennamen wie 333,21 Sarrazin, 334,4, 9, 13 Terremer. Akutförmige Schrägstriche stehen vorzugsweise auf i; sie sind in Handschriften des 13. Jahrhunderts häufig und dienen eher als Unterscheidungszeichen, um den Vokal i zwischen anderen Kurzschäften zur besseren Lesbarkeit herauszuheben. Die gleiche Funktion haben diese langen Schrägstriche auf dem i auch in gleichzeitigen lateinischen Texten, z.B. in der Handschrift der Carmina burana (Clm 4660), wo im lateinischen wie im deutschen Text der Schreiber h 2 viele akutförmige lange Striche auf i setzt zur Unterscheidung zwischen gleichgeformten Kurzschäften m, n, u, t und r; sie können nicht als Akzente gewertet werden. Für das wenigstens partielle Weiterleben des älteren Akzentuierungssystems ist als ein späteres prominentes Beispiel die bekannte große St. Galler Epenhandschrift (St. Gallen Stiftsbibl. Cod. 857) zu nennen, hier vor allem ihr Hauptschreiber, von dessen Hand der Parzival, ein großer Teil des Nibelungenlieds und der gesamte Text des Willehalm stammt. Es finden sich in seinem Text, vielleicht beeinflusst durch systematischer akzentuierte ältere Vorlagen, tatsächlich noch Spuren von Unterscheidung zwischen dem Zirkumflex als Dehnungszeichen auf Langvokalen und Diphthongen (e, wielt, enzwei) und dem Akut auf Kurzvokalen (stärche : Märche, pfläch : lach). Allerdings sind nur vereinzelte Wörter akzentuiert, und es schleichen sich auch hin und wieder Verwechslungen und Unregelmäßigkeiten ein. Der Akut verschwand noch vor dem Zirkumflex aus dem deutschen Schriftwesen und kam in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts außer Gebrauch, jedenfalls als Quantitätszeichen; als Betonungsbezeichnung auf Fremdwörtern und Eigennamen hielt er sich vereinzelt noch weiter, auch in lateinischen Codices, wohl als Vorlesehilfe. Länger blieb dagegen der Zirkumflex in Gebrauch. Er wird z.B. reichlich verwendet im Gießener Iwein Β aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts (Gießen UB Hs. 97). Die Schreibsprache dieser Handschrift galt Benecke, Lachmann und Jacob Grimm als mustergültig und schien ihnen das „unwandelbare Hochdeutsch"13 am besten wiederzugeben, das sie zu rekonstruieren suchten. Der Schreiber akzentuierte mit schrägliegendem Zirkumflex Langvokale, hauptsächlich aber Diphthonge, vorzugsweise in den Reimwörtern. Nach der Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich der Trend zu nur sporadisch und inkonsequent durchgeführter Akzentuierung mittels Zirkumflex in den oberdeutschen Handschriften fort. Thomas Klein14 machte anhand der Wolfram-Handschrift Cgm 19 darauf aufmerksam, dass drei am selben Codex im gleichen Skriptorium beschäftigte Schreiber ganz unterschiedliche Akzentuierungsgewohnheiten hatten: der zweite Schreiber verwendet den Zirkumflex als Länge-, der dritte als Umlautzeichen, der Hauptschreiber ignoriert die Akzentuierung fast vollständig. Es lassen sich nur wenige Schwerpunkte ausmachen, etwa Akzenthäufung innerhalb der Überlieferungsträger einzelner Werke: ParavaZ-Handschriften aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts halten mehr oder weniger an der Akzentuierung fest und legen die Vermutung nahe, dass die nicht erhaltenen ältesten Wolframhandschriften stärker akzentuiert waren. Z.B. ist der bairische

13 14

Vgl. Anra. 1. Vgl. Klein 1995 (Anm.10), S. 41.

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Parzival-Codex Cgm 18 in seiner ersten Hälfte reichlich akzentuiert.15 Die südwestdeutsche Wiener Parz/va/-Handschrift G" (Wien NB Cod. 2708) hat schrägliegende Zirkumflexe auf Längen und Diphthongen. Einzelne Akzente hat selbst noch der illuminierte Wiener Willehalm von 1320 (Wien NB Cod. 2670) bewahrt. Auffällig sparsam akzentuiert sind dagegen andere Werke, etwa die Handschriften C und Α des Nibelungenlieds-, in der schwäbischen M0e/w«ge«-Handschrift J (Berlin mgf 474) fehlen überhaupt jegliche Akzente. Ebenso lässt sich bei den Liederhandschriften keine weiter überlieferte Akzentuierung erkennen: In der Kleinen Heidelberger Handschrift Α noch des 13. Jahrhunderts stehen wenige Zirkumflexe fast nur auf einsilbigen Wörtern; im Codex Manesse akzentuiert der Hauptschreiber sehr spärlich, dagegen verwenden die Nachtragsschreiber Ε und F in den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts häufiger, aber ununterschieden den Zirkumflex auf Lang- wie Kurzvokalen; F setzt sie z.B. auf die Kurzvokale in lässen, ende, verderbet. Nur die Weingartner Liederhandschrift weist im Grundstock vereinzelte Zirkumflexe als Längezeichen auf, die vor allem im Text der Haupthand altertümlich verdickte und gerundete Formen haben.16 Auch Prosatexte wurden akzentuiert. Einige Predigthandschriften und deutsche Lektionare vom Ende des 13. und frühen 14. Jahrhunderts fallen durch mehr oder weniger reichliche Verwendung des Zirkumflex auf, z.B. der älteste Textzeuge des Schwarzwälder Predigtcorpus (Freiburg UB Hs. 460). Akzente in deutschen Texten waren im 13. und 14. Jahrhundert nicht allein literarischen Handschriften und Fachprosa vorbehalten; häufig wurden auch Urkunden und Kanzleischriftgut akzentuiert durch Zirkumflex als Dehnungszeichen auf Langvokalen, in vereinzelten Fällen zur Bezeichnung von Kurzvokalen, oft auch als Betonungszeichen über Eigennamen. Im Historischen südwestdeutschen Sprachatlas ist das einschlägige Material aufbereitet und zeigt eine Konzentration vor allem im Bodenseeraum vor der Mitte des 14. Jahrhunderts.17 Es handelt sich aber nicht um eine rein alemannische Schreibgewohnheit, denn Akzentuierung war ebenso im bairischen Kanzleibetrieb üblich. Vor allem in Kanzleigut in Buchform und entsprechender Textualis als Schriftart sind Zirkumflexe nicht selten, angefangen beim Ältesten bairischen Herzogsurbar aus den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts18 bis hin zu einzelnen Schreibern in der Kanzlei Kaiser Ludwigs des Bayern im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts.19

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Bis etwa Bl. 70'; die akzentuierten Wörter sind zusammengestellt von Francis Jay Nock: The Parzival manuscript G k . New York 1935 (Ottendorfer Memorial series of Germanic Monographs. 22), S. 18f. Die Akzentuierung im zweiten Teil der Hs. beschränkt sich hauptsächlich auf Zirkumflexe auf Diphthongen in Monosyllaba wie ie, hie, aber auch Kurzvokale (zeit) und Umlaute (für) werden akzentuiert. Karin Schneider: Einige paläographische Bemerkungen zur Weingartner Liederhandschrift. In: Magister et amicus. Festschrift für Kurt Gärtner zum 65. Geburtstag. Hrsg.von Vaclav Bok und Frank Shaw. Wien 2003, S. 241-247, hier S. 245f. Wolfgang Kleiber, Konrad Kunze, Heinrich Löffler: Historischer südwestdeutscher Sprachatlas. Bem/München 1979 (Bibliotheca germanica. 22 A), Textbd. S. 183f., Karte 88. München, Hauptstaatsarchiv, Kurbayern, Äußeres Archiv 4734. Das älteste bairische Herzogsurbar. Analyse und Edition. Hrsg. von Ingrid Heeg-Engelhart. München 1990 (Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte. NF. 37). Im edierten Text sind die Akzente der Handschrift weggelassen. Helmut Bansa: Studien zur Kanzlei Ludwigs des Bayern vom Tag der Wahl bis zur Rückkehr aus Italien (1314-1329). Kallmünz 1968 (Münchener historische Studien. Abt. Geschichtliche Hilfswissenschaften. 5), S. 190 und Tafel VIII, Nr. 37, zum 1329 in der Kanzlei tätigen Schreiber Η 44.

Akzentuierung in mittelalterlichen deutschsprachigen

Handschriften

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Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts verschwinden die Akzente fast völlig aus dem Schriftbild der Handschriften. Doch gibt es einige Ausnahmen. Zum einen hielt sich der Zirkumflex als Dehnungszeichen noch länger auf solchen langvokaligen Wörtern, die mit einem gleichlautenden kurzvokaligen verwechselt werden können, wie z.B. an (äne), das nicht zu an verlesen werden soll. Auch fällt auf, dass Zirkumflexe wie schon früher, aber jetzt zunehmend und ausschließlich nur noch auf einsilbige Wörter gesetzt werden, die durch den Akzent offenbar besonders gestützt werden sollen, wie etwa hüs, rot, uz; auch einsilbige Diphthonge ie, nie o.ä. werden gern so herausgehoben; so dass sich der Zirkumflex zunehmend in der Endphase seiner Verwendung auf diese Funktion als ,Markierungszeichen'20 zu reduzieren scheint, bis schließlich von den mit Akzent zu stützenden Wörtern nur noch das Wort e übrig blieb, sowohl in der Bedeutung von ,ehe, bevor' als auch das gleichlautende Substantiv diu e. Hier soll der Akzent den Buchstaben fur den Abschreiber wie für den Leser als eigenständiges Wort aus dem Kontext hervorheben und davor bewahren, bei Lektüre oder Abschrift mit dem vorhergehenden oder nachfolgenden Wort verbunden zu werden und dadurch verlustig zu gehen. Seit dem späteren 13. Jahrhundert kam zum gleichen Zweck der Brauch auf, dieses e zwischen zwei Punkte zu setzen und es auf diese Weise vom Kontext zu isolieren, anfanglich zusätzlich zum Akzent (diu alte ,έ.), später ersetzen dann diese Isolierungspunkte den Zirkumflex. Eine eigenartige Schreibung des akzentuierten e ist in einigen süddeutschen, zwischen der Mitte des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts entstandenen Handschriften zu beobachten, die aber in keinem erkennbaren Zusammenhang zueinander stehen: der Zirkumflex wird nicht über den Buchstaben gesetzt, sondern unter der Zeile an ihn angehängt als e-caudata (p), wie sie in anderer Bedeutung in lateinischen Codices seit dem 10./11. Jahrhundert die ältere ae-Ligatur ersetzte. In den Skriptorien, in denen die beiden bekannten Epensammelhandschriften Cgm 19 und St. Gallen 857 entstanden, war je ein Schreiber tätig, der diese ungewöhnliche Form des akzentuierten e als e-caudata kannte: in der Münchner Wolframhandschrift Cgm 19 verwendete der 2. Schreiber als Längezeichen vorzugsweise in Reimwörtern die e-caudata ( f . snp), aber ebenso schrieb er völlig inkonsequent auch sne mit übergesetztem Zirkumflex,21 oder er ließ den Akzent auf e ganz weg. Im Skriptorium der St. Galler Handschrift 857 verwendete der 4. Schreiber die e-caudata; von seiner Hand stammen die ersten M6e/wMge«-Strophen, das NibelungenFragment Ε (Berlin Fragm. 44) sowie zwei Blätter einer Parzival-Handschrift (Wien, NB Cod. 13070). In allen drei Schriftzeugnissen steht e-caudata in ς, φ·en, offenbar als seine persönliche Schreibgewohnheit. Vereinzelte weitere Belege dieser e-caudata anstatt e mit Zirkumflex finden sich z.B. in der Heidelberger Handschrift (ÜB Cpg 389) des Welschen Gasts, bald nach der Mitte des 13. Jahrhunderts im Raum Kärnten-Steiermark geschrieben. Im frühen 14. Jahrhundert erscheint e-caudata auch vereinzelt im Text der ersten Nachtragshand der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift. Auch dem Schreiber der Budapester Liederhandschrift 20 21

Diese Bezeichnung schlug Nigel F. Palmer in der Diskussion vor. Thomas Klein: Die Paizivalhandschrift Cgm 19 und ihr Umkreis. In: Probleme der Parzival-Philologie. Marburger Kolloquium 1990. Hrsg. von Joachim Heinzle. Berlin 1992 (Wolfram-Studien. 12), S. 32-66, hier S. 43 zur Akzentuierung des 2. Schreibers.

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war die e-caudata bekannt, ς steht mehrfach in den Strophen des Burggrafen von Rietenburg.22 Der Vergleich der Textstellen mit der Parallelüberlieferung ergibt, dass der Codex Manesse hier e mit normal übergesetztem Zirkumflex hat. Nicht nur als Dehnungs- oder Betonungszeichen, sondern auch als Bezeichnung von Umlauten ist schließlich ein zirkumflexförmiges Superskript zu deuten, das in manchen bairischen und österreichischen Handschriften anstelle des übergeschriebenen e auf umgelautetes u, auch auf α und ο gesetzt wird. Schon im 13. Jahrhundert erscheint der Zirkumflex, seltener auch der Akut, als Umlautzeichen in der Wolframhandschrift Cgm 19 im Text der 3. Hand.23 Diese Umlautbezeichnung durch Zirkumflex findet sich auch in einigen anderen bairisch-österreichischen Handschriften des 14. Jahrhunderts, z.B. in einem Oberbayerischen Landrecht (Cgm 1506), kurz vor der Mitte des 14. Jahrhunderts im Raum München geschrieben, in dem der Umlaut in süllen, mügen, über, für, läwt, frölich mit Zirkumflex wiedergegeben wird. Die gleiche Schreibgewohnheit findet sich in den Kaiserchronik-W&nAscY\nft.Qn Cgm 37 und Wien NB Cod. 2685 aus dem ersten und zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts und noch in den siebziger Jahren in der Christherrechronik Cgm 5, wo z.B. neben der Normalschreibung götleich auch götleich steht. Dass in schwäbischen Sprachdenkmälern der Zirkumflex über ä auch die diphthongische Aussprache des langen α als au bedeuten könnte, hat Bruno Boesch24 erwogen. Das sind Sonderfalle, die jeweils unter Berücksichtigung des Gesamtbefundes der Schreibsprache einer Handschrift abzuklären sind. Keine lautliche Funktion haben schließlich zirkumflexförmige Haken, die die älteren i-Striche seit dem frühen 14. Jahrhundert annehmen können im Zug immer weiterer Auszierung der Textualis durch feine Haarhäkchen, Schleifen und Schnörkel. So kann auch der Strich auf dem w-Umlaut oder dem Diphthong iu, ein alemannisches Graphem, zu einem solchen zirkumflexförmigen Haken umgeformt werden. Diese Gewohnheit hat z.B. der Hauptschreiber Α der Manessischen Liederhandschrift. Es versteht sich, dass solche nur zirkumflexförmigen Superskripte in einer Texttranskription zu normalisieren bzw. auch zu ignorieren sind. In der Textualis der zweiten Jahrhunderthälfte kam die Akzentuierung durch Zirkumflex als Länge- oder Betonungszeichen außer Gebrauch. Als Buchschrift wurde die aus einzelnen Federzügen zusammengesetzte, zeitaufwendig zu schreibende Textualis in diesem Zeitabschnitt zurückgedrängt, um 1400 aus dem allgemeinen Schreibbetrieb fast völlig verdrängt durch die schon vor der Jahrhundertmitte neu aufkommenden und schnell an Verbreitung gewinnenden Buchschriftarten Kursive und Bastarda auf dem billigeren Beschreibstoff Papier. In diesen eiligen und zusammenhängend geschriebenen Buchschriften fehlt von vornherein jegliche Akzentuierung. 22

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Budapest, Szechenyi-Nationalbibliothek Cod. Germ. 92, hier Bl. 2V, Str. 4,7: got weiz wol daz ich fverbaere; 4,9: ξ ir vil minnechlicher liep; 6,11: ez wrde bezzer vil danne ρ. Vgl. Andräs Vizkelety: Die Budapester Liederhandschrift. Der Text. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 110, 1988, S. 387407, hier S.394f.; Abb. vgl. Lothar Voetz: Überlieferungsformen mittelhochdeutscher Lyrik. In: Codex Manesse. Hrsg. von Elmar Mittler und Wilfried Werner. Heidelberg 1988, S. 224-471, hier Abb. S. 554. Vgl. Klein 1992 (Anm. 21), S.44f. Bruno Boesch: Untersuchungen zur alemannischen Urkundensprache des 13. Jahrhunderts. Laut- und Formenlehre. Bern 1946, S. 72.

Elvira Glaser Von der Transkription bis zur lauthistorischen Interpretation

Problemstellung Sowohl beim Tagungsthema „Edition und Sprachgeschichte" als auch bei dem von mir gewählten Thema dieses Beitrags handelt es sich um Dauerbrenner. Zum einen, weil die Problematik der Materialbasis für die philologische Arbeit schon immer zu den grundlegenden Fragen gehörte, zum anderen aber weil bis heute zwischen den einzelnen mit und an Texten arbeitenden verschiedenen Disziplinen keine Einigkeit über eben diese Materialbasis besteht. Ich will mich nicht direkt zu der Frage äußern, wie aus meiner Sicht Editionen auszusehen haben,1 sondern einen Umweg gehen, der die Arbeitsweise der historischen Sprachwissenschaft, und insbesondere der historischen Graphematik, aufzeigt und schließlich an bestimmten Punkten die Frage der Edition handschriftlicher Texte tangiert. Das spezifische Interesse meiner Beschäftigung mit (spät)mittelalterlichen Texten ist dabei durch zwei Faktoren bestimmt: 1. Mein Ausgangspunkt ist handschriftliche Überlieferung, die bekanntlich in jeder einzelnen Abschrift ein Unikat darstellt. 2. Das handschriftliche Material soll primär der lauthistorischen Interpretation bzw. der schreibsprachlichen Charakterisierung dienen. Für die folgenden Ausfuhrungen stütze ich mich auf Handschriften aus dem Umkreis Augsburgs, mit deren Schreibsprache ich mich mehrfach beschäftigt habe. Als erstes Beispiel soll eine von der Augsburger Lohnschreiberin Clara Hätzlerin in der 2. Hälfte des 15. Jh.s geschriebene Handschrift herangezogen werden.2 Die verschiedenen von dieser Schreiberin überlieferten Handschriften stehen in unterschiedlichen Überlieferungszusammenhängen. Es handelt sich einerseits um Abschriften bekannter älterer Texte, wie im Falle des Augsburger Stadtbuchs, des Schwabenspiegels, der Heiligenleben (Winterteil und Sommerteil), des Beizbüchleins und des Hartliebschen Buches aller verbotenen Kunst, aber auch um mindestens teilweise singulare Zusam-

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Siehe dazu grundsätzlich und detailliert die Ausführungen von Franz Simmler: Prinzipien der Edition von Texten der Frühen Neuzeit aus sprachwissenschaftlicher Sicht. In: Probleme der Edition von Texten der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Lothar Mündt, Hans-Gert Roloff und Ulrich Seelbach. Tübingen 1992 (Beihefte zu editio. 3), S. 36-127. Zu Person und handschriftlicher Überlieferung vergleiche man Elvira Glaser: Zum Graphiesystem der Clara Hätzlerin: Portrait einer Lohnschreiberin in frühneuhochdeutscher Zeit. In: Arbeiten zum Frühneuhochdeutschen. Gerhard Kettmann zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Rudolf Bentzinger und Norbert Richard Wolf. Würzburg 1993, S. 53-73. Siehe auch die Zusammenstellung der Hss. am Ende dieses Beitrags.

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menstellungen, wie im Falle des berühmten Liederbuchs,3 oder um im Umkreis Augsburgs entstandene, anonyme zeitgenössische Überlieferung, wie der Text zur Kaiserkrönung Kaiser Friedrichs III. in Rom 1452. Dieser Text, der im Folgenden im Zentrum steht, ist in einer kleinformatigen Papierhandschrift, die insgesamt 47 Blätter umfasst, überliefert,4 wobei der Kaiserkrönungstext (mit Einzugsordnung und Ritterschlagsliste) bis Bl. 45r reicht. Eine Edition des handschriftlichen Textes ist immer noch nicht erschienen.5 Schrift und Schriftzeichen Vor der Besprechung der eigentlichen sprachlichen Untersuchung soll kurz ein Blick auf die Schrift der Clara Hätzlerin geworfen werden. Zur Illustration seien hier Bl. 4r und 4V der Heidelberger Handschrift Cpg 677 herausgegriffen, deren Abbildung im Anhang dazu zu vergleichen ist. Die Variationsbreite der insgesamt sehr klaren und gut leserlichen Schrift wird bei einem Vergleich des Kaiserkrönungs-Textes mit den Abschriften des Augsburger Stadtbuchs, des Schwabenspiegels, des Beizbüchleins und der Heiligenleben ersichtlich.6 Sie betrifft kaum die Buchstabenformen,7 sondern v.a. den Duktus. Obwohl die Handschrift des Beizbüchleins erkennbar in größerer Eile geschrieben wurde als etwa diejenige des Schwabenspiegels und des Stadtbuches, finden sich allerdings auch dort außer Nasalstrich und r-Kürzel keine Abbreviaturen. Unter den Buchstabenformen auffallend sind insbesondere vor allem initiale Formen von / und h, deren ausladende Schleife nicht geschlossen ist. Der Buchstabe v, und gelegentlich auch w, hat einen schwungvollen, unter der Zeile beginnenden Aufstrich. Langes ζ weist verschiedene Formen ohne und mit Aufstrich auf, wobei dieser Aufstrich unterschiedlich geformt und von unterschiedlicher Größe sein kann.8 Das r ist durchgehend in einer charakteristischen x-Form geschrieben, wie auf den Abbildungen gut zu sehen ist. Die Form des d wechselt dagegen zwischen einer Form mit obe-

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Vgl. hierzu den Beitrag von Susanne Homeyer, Inta Knor, Hans-Joachim Solms in diesem Band. Es handelt sich um die Hs. Cpg 677 der Universitätsbibliothek Heidelberg. Siehe dazu das Handschriftenverzeichnis am Ende dieses Beitrags sowie die Abbildungen im Anhang. Eine Edition des Romzugsberichts durch PD Dr. Achim Thomas Hack, Regensburg, ist im Druck. Ich danke Herrn Hack für die Überlassung des Manuskripts der Edition und der Untersuchung „Textgeschichtliche Beobachtungen zu einem anonymen Bericht über den Romzug Kaiser Friedrichs III. (Pseudo-Enenkel)". Vgl. außerdem Achim Thomas Hack: Auszug von Teutschen Landen. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Hrsg. von Burghart Wachinger u.a. Bd. 11. Berlin/New York 2000, Sp. 190-193, wo von einer Entstehung „im nordbairisch-ostschwäbischen Raum" (S. 191) die Rede ist sowie von Augsburg als „Zentrum der Überlieferung und Rezeption" (S. 192). Vgl. zu den Hss. die exemplarischen Abbildungen im Anhang, die z.T. bereits bei Elvira Glaser: Das Beizbüchlein in der Abschrift der Clara Hätzlerin. Ein Zeugnis Augsburger Schreibsprache im 15. Jahrhundert (Tonvokalismus). In: Sprachgeschichtliche Untersuchungen zum älteren und neueren Deutsch. Festschrift fur Hans Wellmann zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Wemer König und Lorelies Ortner. Heidelberg 1996, S. 2 9 ^ 6 , hier S. 45f., wiedergegeben sind, aber zur besseren Übersicht hier nochmals aufgenommen werden. Siehe dazu Glaser 1993 (Anm. 2), S. 59. Dieser Aufstrich ist meines Erachtens nicht als ,c' zu identifizieren, wie das bei Kurt Lindner: Die deutsche Habichtslehre. Das Beizbüchlein und seine Quellen. 2., erweiterte Ausgabe. Berlin 1964, bei der Angabe der handschriftlichen Varianten geschieht, vgl. bereits Glaser 1993 (Anm. 2), S. 59.

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rer Schleife v.a. in der Stadtbuch-Abschrift und einem überwiegend gebrauchten, runden d mit schräggestelltem Schaft. Die Eintragung des Kaiserkrönungs-Benchts in der Heidelberger Handschrift durch Clara Hätzlerin ist außer durch die gerade genannten charakteristischen Merkmale ihrer Schrift auch durch ihre eigenhändige Unterschrift Clara Hätzlerin auf Bl. 45 r am Ende des von ihr geschriebenen Textes gesichert. Sie hat die Eintragung zwar nicht datiert, aus verschiedenen Gründen kann sie aber zwischen 1464 und 1467 angesetzt werden. 9 Die Ermittlung des Schreibsystems der Hätzlerin und eine darauf aufbauende Analyse des zugrundeliegenden Lautsystems hat als Ausgangspunkt diese handschriftliche Überlieferung. Jede weiterfuhrende Interpretation muss nun allerdings bis zu einem gewissen Grad von dieser handschriftlichen Überlieferung abstrahieren, da die unzähligen Varianten einzelner Buchstaben typisiert werden müssen, etwa bei den verschiedenen z-Formen oder den verschiedenen Formen von initialem und medialem /. Die Abstraktion und Typisierung geht immer von gewissen Vorannahmen aus, in diesem Fall von einem Vorwissen über mögliche relevante Unterschiede der Graphien. Das betrifft neben der intendierten Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben in den spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Handschriften auf jeden Fall die Diakritika, die insbesondere über u und α als Häkchen, Pünktchen oder mehr oder weniger geschlossene Kreise auftreten. Gerade diese Diakritika erweisen sich bei näherer Betrachtung der Hätzlerinschen Handschriften als durchweg konsequent verteilt, wenn auch nicht in jedem Einzelfall eine Entscheidung zwischen den Typen ganz leicht fällt. Hierzu sind auf Bl. 4V verschiedene Beispiele zu vergleichen: Zwei Pünktchen werden zur Bezeichnung von Umlautgraphien verwendet: Ζ. 1 gütlich, Z. 2 küng, Z. 5 mächtiger, Z. 10 Söldnern, Z. 13 schön, Z. 22 gefiirt. Davon ist ein mehr oder weniger geschlossener Kreis zur Bezeichnung des /uo/-Diphthongs zu unterscheiden: Z. 11 Bischofftumb, Z. 17 Schul. Als drittes Diakritikon sind zwei schräg v-artig gegeneinandergestellte Strichlein zu erkennen (Z. 9 legdt, Z. 12, Z. 20 mal), die wohl einen [au]- oder [ou]-artigen Diphthong bezeichnen. Es ist im Einzelfall immer auch von der Kenntnis der Schrift und der individuell geprägten Einschätzung der Distinktionen abhängig, welche Formen als gleichwertig gewertet werden und welche nicht. Dabei wird diese Gleichwertigkeit meist im Hinblick auf die Bezeichnung lautlicher Distinktionen definiert, von anerkannten rein graphematischen Distinktionen wie der Groß- und Kleinschreibung abgesehen. Allerdings muss einem bewusst sein, dass Entscheidungen über Gleichwertigkeit von Schreibungen und mögliche Distinktionen immer auch vom Untersuchungsinteresse bestimmt sind und insofern mit guten Gründen getroffene Typisierungen durchaus aus anderer Warte als zu stark angesehen werden können. So werden üblicherweise positionelle Varianten von Buchstaben, wie etwa die oben angesprochenen unterschiedlichen Formen von / vereinheitlicht, obwohl auch solche positionsgebundenen Formunterschiede zum Schreibsystem eines Schreibers gerechnet werden können. Jede Transkription eines

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Vergleiche dazu Hack 2000 (Anm. 5), S. 190, sowie Hack Ms. (Anm. 5).

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handschriftlichen Textes ist somit Typisierung, und Typisierung bedeutet stets die Ausschaltung von Variation, eben je nach dem gesetzten Untersuchungszweck.

Schreibsystem der Hätzlerin Unter Berücksichtigung der so durch Typisierung ermittelten graphischen Verhältnisse lässt sich nun mithilfe eines mittelhochdeutschen Bezugssystems ein Schreibsystem der Hätzlerin ermitteln. 10 Die folgende Charakterisierung des Tonvokalismus berücksichtigt die bisher untersuchten vier Handschriften des Augsburger Stadtbuchs, des Schwabenspiegels, des Beizbüchleins und der Kaiserkrönung und bezieht erste Ergebnisse der Analyse der So/«werte/'/-Handschrift der Heiligenleben mit ein.11 Charakteristisch ist die durchgehende Bezeichnung der Diphthongierung beim hohen vorderen Langvokal (mhd. /i:/) mit , wobei sich die graphische Variante ey auf die Auslautposition begrenzt zeigt. Durchgehende Ausnahme ist in allen untersuchten Handschriften lediglich die Schreibung der Präposition by. Dagegen sind die Diphthonggraphien bei den alten langen hohen Labialvokalen mhd. ü und iu weniger konsequent, bei mhd. ü sogar mehr oder weniger selten zu finden. Die Verhältnisse bei im Mittelhochdeutschen umgelautetem iu sind schwer zu verallgemeinern, da es sich um relativ geringe und schwankende Belegzahlen handelt. Z.T. überwiegen hier die Diphthonggraphien (Kaiserkrönung, Heiligenleben), z.T. aber die alten ö-Graphien (nämlich in den Rechtshandschriften). Da alle untersuchten Handschriften eine Asymmetrie in der Diphthongschreibung der drei hohen Langvokale aufweisen, insofern nur bei mhd. f wirklich von durchgeführter Diphthongschreibung die Rede sein kann, kann davon ausgegangen werden, dass das Hätzlerinsche Schreibsystem tatsächlich hierdurch charakterisiert werden kann. Dabei liegt ein lautlicher Hintergrund dieser Asymmetrie nahe, der aber erst noch weiter zu verfolgen wäre. Ein zusätzliches Charakteristikum ist die konsequente graphische Trennung von (diphthongiertem) mhd. ί und mhd. ei, da der alte Diphthong einheitlich durch bzw. positionsgebunden durch vertreten ist und so keine Überschneidung vorliegt. Eine durchwegs zu findende digraphische Spezialschreibung für ehemals unumgelautetes iu verweist ebenfalls auf eine Charakteristik der Schreibsprache der Hätzlerin, der wohl eine lautliche Unterscheidung von umgelautetem mhd. iu, wie in lewt, und unumgelautetem iu, wie bei driu, zugrunde liegt. Allerdings stimmt die Verteilung der beiden Laute auf Lexeme und Wortformen nicht mehr unbedingt mit den etymologischen Verhältnissen überein, so dass der Vergleich zwischen den Handschriften, die

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Zu diesem Verfahren sind die Einzeluntersuchungen zu den Hss. (Elvira Glaser: Schreibsysteme zweier Augsburger Handschriften des 15. Jahrhunderts. In: Studien zum Frühneuhochdeutschen. Emil Skala zum 60. Geburtstag am 20. November 1988. Hrsg. von Peter Wiesinger. Göppingen 1988, S. 113-129. Glaser 1993 (Anm. 2), S. 53-73; Glaser 1996 (Anm. 6), S. 29-46; Elvira Glaser: Das Graphemsystem der Clara Hätzlerin im Kontext der Handschrift Heidelberg, Cpg 677. In: Deutsche Sprache in Raum und Zeit. Festschrift für Peter Wiesinger zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Peter Ernst und Franz Patocka. Wien 1998, S. 479-494) ebenso zu vergleichen wie generell Elvira Glaser: Graphische Studien zum Schreibsprachwandel vom 13. bis 16. Jahrhundert. Vergleich verschiedener Handschriften des Augsburger Stadtbuches. Heidelberg 1985. Die Aussagen basieren auf der Auswertung der Abschnitte zu den Heiligen Gotthard und Quiriacus.

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im Lexembestand natürlich nicht übereinstimmen, schwierig ist. Es bleibt vor einer abschließenden Beurteilung zunächst einfach die Beobachtung, dass es neben und auch noch die bei manchen Wortformen relativ feste Schreibung gibt. Typisch für das Schreibsystem der Hätzlerin ist auch die ziemlich konsequente Bezeichnung der Umlaute durch ö, ü, ä, mit charakteristischen Schwankungen beim mittelhochdeutschen Sekundärumlaut /ae/ (mhd. ), das teils mit der Einheitsgraphie der vorderen mittelhohen Vokale bezeichnet wird ( c r e f f t i g , essen, zwen, werten), teils aber auch durch (fräuel). Die Graphie ä steht umgekehrt ganz gelegentlich auch für offenes mhd. /ε/ (germ, e), wie etwa im Beispiel hättet {Heiligenleben). Zu nennen ist außerdem, dass es nahezu keine Reflexe der Rundung und Entrundung gibt, von einigen morphemgebundenen Besonderheiten, wie wollen, abgesehen. Einheitlich ist auch die Schreibregelung der hinteren und vorderen hohen Labialvokale, wo der zugrundeliegenden mittelhochdeutschen Vierer-Unterscheidung von mhd. u, ü, üe und uo (/u/, /y/, /ye/, /uo/) graphisch lediglich eine Dreierdistinktion entspricht, wie sie in folgendem Schema erkennbar ist: /u/

lyl

/ye/

/uo/

Diese Bezeichnungsverhältnisse mit dem angegebenen graphischen Zusammenfall gelten praktisch ausnahmslos in den Handschriften der Hätzlerin, obwohl der Zusammenfall mit hoher Sicherheit nicht lautlich begründet ist. Eine systematische Ausnahme liegt allerdings in der nahezu konsequenten einfachen «-Graphie von mhd. zuo vor, die wiederum die verschiedenen Handschriften gleichermaßen kennzeichnet und damit wohl eine lexemgebundene Monophthongierung reflektiert. Eine NichtBeachtung der Diakritika würde in den genannten Fällen wichtige Eigenschaften des individuellen Schreibsystems der Schreiberin verbergen. Erwähnenswert ist noch die für schwäbische Handschriften charakteristische Entsprechung für mhd. ά. Abgesehen von der überwiegenden einfachen α-Schreibung fallen besonders die Graphien und auf, die als Reflexe der sogenannten schwäbischen Diphthongierung gelten können. In der konkreten Anwendung der Graphien unterscheiden sich die Handschriften allerdings, insofern teilweise eine deutliche positioneile Beschränkung von d auf die Position vor Nasal erkennbar ist, so in der Schwabenspiegel-Abschrift, teilweise aber auch ein generellerer Gebrauch vorliegt, wie im Kaiserkrönungs-Text und den Heiligenleben. Dadurch ergibt sich eine partielle graphische Überschneidung mit mhd. ou, das ebenfalls mit den Graphien au und d vertreten ist, wobei für mhd. ou die durch Superskriptum gebildete Graphie α bevorzugt in der Position vor m auftritt, wie etwa in pdm. Die genauen

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lautlichen Hintergründe sind hier noch nicht gesichert ermittelt. Es ist aber anzunehmen, dass Überschneidungen bzw. lautliche Zusammenfalle von Monophthong und Diphthong zumindest in bestimmten Positionen, etwa vor Nasal, eine Rolle spielen. Dafür spricht, dass in Einzelfällen, insbesondere beim Wort äne, auch monographische Schreibungen mit vorkommen, so etwa in den Heiligenleben die Präteritalform nomen (3.P1.). Für die weitere Interpretation ist eine minutiöse Berücksichtigung der Schreibungen vonnöten, da gerade vereinzelte Schreibungen Hinweise auf lautliche Entwicklungen geben können. Auch aus dem Bereich der Konsonantengraphien sei noch auf ein Beispiel für eine charakteristische Schreibung hingewiesen, die zwar das Schreibsystem der Hätzlerin auszeichnet, aber mit hoher Sicherheit keine lautliche Motivation aufweist: die positioneile Verteilung von und , und jeweils einerseits im Anlaut und andererseits im Inlaut und Auslaut. Die bisher durchgeführten Analysen des Schreibsystems, insbesondere der Tonvokalschreibungen der Hätzlerin haben ergeben, dass diese Schreiberin in ihren Abschriften durchweg einem schwäbisch-augsburgisch geprägten Schreibsystem folgt. Dieses ist einerseits durch die graphischen Reflexe regional gebundener Lauterscheinungen, wie die Graphie , charakterisiert, andererseits aber auch durch den spezifischen Stand der Diphthong- und Monophthonggraphien. Dazu kommen dann natürlich noch charakteristische morphemgebundene, eventuell auf lautlichen Sonderentwicklungen oder speziellen Wortvarianten basierende Schreibungen, wie etwa das Zahlwort zwü (f.) und der α-Vokalismus des Verbs stän, worauf hier nicht genauer eingegangen werden konnte. In den Abschriften der Hätzlerin fehlen aber weitgehend die Reflexe anderer mundartlich im 15. Jahrhundert vorauszusetzender Lautentwicklungen, wie vor allem der Entrundung der vorderen Labialvokale. Nach Virgil Moser gibt es eine große Variationsbreite bei der graphischen Wiedergabe der Entrundung, wobei es auch Handschriften gibt, „welche die Zeichen nur in geringem Maße oder gar nicht miteinander vermischen" (1929, 102). Zu dieser Gruppe gehören offenbar die untersuchten Handschriften der Clara Hätzlerin. Die Vermeidung graphischer Zusammenfalle kann angesichts der Tatsache, dass in gleichzeitigen Handschriften solche Vermischungen durchaus nicht selten vorkommen und auf eine Durchsetzung in der zeitgenössischen Lautung hindeuten, als Zeichen der Sorgfältigkeit der Schreiberin angesehen werden, die hier einem traditionellen Schreibsystem folgt. Sorgfalt lässt sie, wie erwähnt, auch bei der Setzung und Differenzierung der Superskripta walten. Es ist außerdem angesichts der Vielfalt zeitgenössischer Schreibungen ein auffalliges Kennzeichen des Schreibsystems der Hätzlerin, dass sie relativ wenige sozusagen funktionslose freie Varianten verwendet. Meistens sind Schreibvarianten eines Wortes oder variative Entsprechungen eines mittelhochdeutschen Bezugsphonems bei der Hätzlerin durch lautliche Entwicklungen erklärbar oder durch positioneile oder auch grammatische Bindungen beschreibbar, wie etwa die Verteilung von i und j auf das Wort in als Präposition einerseits und jn als Pronomen andererseits. Soweit das auf der Basis der bisherigen Untersuchungen von Abschriften mit doch einigermaßen unterschiedlicher Vorgeschichte, die eigentlich eine erhöhte Heterogenität erwarten lassen, gesagt werden kann, lässt sich in diesen Abschriften ein erstaun-

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lieh einheitliches Schreibsystem erkennen. Es ist eine noch nicht abschließend geklärte Frage, ob dieses Schreibsystem als rein schreibsprachlich motiviert angesehen werden muss und damit die Versiertheit und Traditionsgebundenheit der Schreiberin bezeugt oder ob von einer entsprechenden akrolektalen städtischen Lautung auszugehen ist, die sich darin reflektiert.12 Schrift und Schreibsystem des Sebastian Ilsung Die Besonderheit der Hätzlerinschen Schreibsprache wird jedenfalls erst im Vergleich mit anderen zeitgenössischen handschriftlichen Schreibsystemen richtig deutlich, etwa der zeitgenössischen Eintragung des Sebastian Ilsung am Ende der Heidelberger Handschrift.13 Der kurze Bericht über die Exequien der Kaiserin Eleonore unterscheidet sich schon vom äußeren Erscheinungsbild her deutlich von der Eintragung der Hätzlerin, insofern die Schrift, die keine Interpunktion kennt, einen ungeübten und unsorgfaltigen Eindruck macht.14 Ungeachtet der Übereinstimmung im Grundsätzlichen sind die schreibsprachlichen Unterschiede zwischen der Hätzlerin und Ilsung in einigen Punkten ebenfalls beträchtlich. Gemeinsam ist die weitgehende Durchfuhrung der neuhochdeutschen Diphthongierung bei mhd. /i:/, die Bewahrung der graphischen Distinktion von /ie/, /uo/ gegenüber den entsprechenden Monophthongen sowie von mhd. /ei/ gegenüber diphthongiertem mhd. Ii:/ durch die Graphien und . Die Bandbreite der Unterschiede reicht dann von Form und Auftreten nicht distinktiver Diakritika, wie y (bei der Hätzlerin) gegenüber y (bei Ilsung), bis zur regelmäßigen graphischen Bezeichnung der Entrundung im Text Ilsungs. Dazu seien noch einige weitere Charakteristika des Ilsungschen Schreibsystems genannt. Die Handschrift Ilsungs weist keine mit Superskripta gebildeten Umlautgraphien auf, was insbesondere mit der durchgehenden graphischen Reflektierung der Entrundung zusammenhängt, die ü und ö überflüssig macht, wie in kingin, durchleichdig, esterich, greser. Es gibt auch keine graphische Differenzierung im Bereich der verschiedenen langen und kurzen e-Laute, die alle als erscheinen. Die Graphie , die bei der Hätzlerin für verschiedene Entsprechungen auftaucht, gibt es nicht. Auch bei mhd. /ou/ zeigen sich Unterschiede. Zwar dürfte auch bei Ilsung die unmarkierte Entsprechung sein (z.B. fraue, Augsburg), im Text dominiert jedoch aufgrund des häufigen Vorkom-

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Von akrolektal gebundenen Systemen geht z.B. Arend Mihm: Schreibsprachliche und akrolektale Ausgleichsprozesse bei der frühneuzeitlichen Standardisierung. In: Die deutsche Schriftsprache und die Regionen. Entstehungsgeschichtliche Fragen in neuer Sicht. Hrsg. von Raphael Berthele, Helen Christen, Sibylle Germann und Ingrid Hove. Berlin/New York 2003, S. 79-110, für Duisburger Schreiber aus. Für den oberdeutschen Raum nimmt Peter Emst: Probleme der Rekonstruktion oberschichtiger Sprachformen am Beispiel Wiens im Spätmittelalter. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. 63, 1996, S. 1-29, in Weiterfuhrung von Arbeiten Peter Wiesingers die Existenz einer oberschichtigen Sprache in Wien an. Vergleiche dazu ausfuhrlicher Glaser 1998 (Anm. 10), S. 479-494, mit Transkription der Ilsungschen Eintragung, da eine bestehende Edition von Franz Fuchs: Exequien für Kaiserin Eleonore (f 1467) in Augsburg und Nürnberg. In: Kaiser Friedrich III. (1440-1493) in seiner Zeit. Studien anläßlich des 500. Todestages am 19. August 1493/1993. Hrsg. von Paul-Joachim Heinig. Köln/Weimar/Wien 1993, S. 447-466, für sprachwissenschaftliche Zwecke zu ungenau ist. Vergleiche dazu die Abbildung eines Ausschnitts im Anhang.

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mens von mhd. ouch die Graphie , die damit der einen reduzierten bzw. modifizierten Diphthong anzeigenden Graphie der Hätzlerin entspricht, die Ilsung nicht verwendet. Die bei beiden vorkommende Schreibung grauff- dürfte nämlich ein Indiz für die grundsätzliche Geltung der schwäbischen Diphthongierung im Augsburg des späten 15. Jahrhunderts sein. Die weitgehend fehlende Widerspiegelung dieser Lautentwicklung bei Ilsung dürfte damit auf sein reduziertes Schreibsystem zurückzuführen sein. Bei mhd. /ie/ ist neben der gewöhnlichen Graphie , die die Hätzlerin verwendet, bei Ilsung die Graphie in hey, ney man, ey bemerkenswert. Daneben zweimal auftretendes in nemat weist auf die Bezeichnung einer besonderen, wohl gesenkten und flacheren Qualität des Diphthongs hin.15 Darüber hinaus treten noch weitere Bezeichnungen für positionell bedingte Senkungen auf, wie bei besongen mit pränasalem für mhd. /u/,16 sowie naterlich mit -Graphie, eventuell zur Bezeichnung eines gesenkten ea-Diphthongs (zu mhd. nätürlich/nätiurlich). Die angeführten Unterschiede zum vokalischen Schreibsystem der Clara Hätzlerin, die einerseits auf geringerer graphischer Differenzierung, andererseits aber auf der Wiedergabe regionaler Lautentwicklungen beruhen, verstärken zusammen mit weiteren Charakteristika im Bereich der Nebentonvokale und der Konsonanten, die s-Laute, fehlendes h und Konsonantenverdopplung bzw. -häufung betreffend, den schon vom unruhigen Schriftbild her gewonnenen Eindruck eines eher ungeübten Schreibers. Ilsung schreibt im Unterschied zur Hätzlerin weniger traditionsgebunden, mit deutlichen Reflexen gesprochener Sprache, aber aufgrund der mangelnden Konstanz seiner Schreibweise weit davon entfernt, die Aussprache konsequent zu bezeichnen. Solche Vergleiche können nur bei genauester Beachtung der handschriftlichen Überlieferung vorgenommen werden. Da im Fall des Bekrönungstextes zunächst noch keine Edition vorlag, war der Rückgriff auf die Handschrift ohnehin unabdingbar, aber auch in Fällen, wo eine Edition vorhanden ist, wie im Falle Ilsungs oder bei kritischen Apparaten, wie im Falle des Beizbüchleins, muss für eine entsprechende schreibsprachliche Analyse auf die Handschrift zurückgegriffen werden, insofern die Editionen entweder für solche Analysen zu ungenau sind oder ohnehin nicht die Wiedergabe der Einzelhandschrift intendieren, sondern eine Art Textrekonstruktion vornehmen. Schreibsystem des sog. Kochbuchs

der Philippine

Welser

Die notwendige Orientierung der Schreibsprachforschung an den handschriftlichen Befunden soll nun noch ergänzend an einem weiteren Fall illustriert werden, der etwas weiter in die frühneuhochdeutsche Zeit hineinführt: Es geht dabei um eine Einzelüberlieferung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, nämlich um das sogenannte 15

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Zu ea-Diphthongen vergleiche man Karl Bohnenberger: Geschichte der schwäbischen Mundart im XV. Jahrhundert. Tübingen 1892, S. 115. Nach Virgil Moser: Frühneuhochdeutsche Grammatik. Bd. 1: Lautlehre. Heidelberg 1929-1951, § 74, S. 135, ist die Bezeichnung dieser positioneilen Senkung für Augsburger Hss. allerdings untypisch.

Von der Transkription

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Kochbuch der Philippine Welser, der Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, das diese zwar nicht geschrieben, aber wahrscheinlich benutzt hat.17 Hier lässt sich aus der Analyse der Schreibsprache aufzeigen, dass dieser Text wohl zur Augsburger Schreibsprache gehört, aber vermutlich von einem Schreiber oder einer Schreiberin geschrieben wurde, der oder die kein konsequentes Schreibsystem erlernt hatte, wenn auch die Schrift als solche anders als bei Ilsung einen durchaus flüssigen Eindruck macht. Abgesehen von vielen Verschreibungen18 gibt es auch zahlreiche Schreibungen, die wohl als unmittelbare Reflexe mündlicher Formen angesehen werden können, wie etwa beim Pronomen ma (mhd. man) oder dem Substantiv bay (mhd. beiri) mit Nasalschwund am Wortende, wie es die folgenden Beispiele illustrieren: aus der fillin mag ma aiich krepfla machenn, jm bachen muß maym also dort, daü ain marckt Atisem bay [,Knochenmark'] dar aüff. Dazu kommen Fälle von Schwund unbetonter Silben im Wortinnern, wie etwa in gerybes ,geriebenes', zer schnytes ,zerschnittenes', zer schnite ,zerschnittene'. Auch in den Schreibungen ryes ,rühre es', aus drucken ,ausgepressten', bedeck ,bedeckt', genetzen angefeuchteten' u.ä. dürfte die fehlende Konsonantengraphie lautliche Reduktionen anzeigen. Zahlreich sind auch die Reflexe sprechsprachlicher Schwächungen bei enklitischen Pronomina, wie in reybs ,reib es', wans ,wann es', dus ,du es', gentz ,gehen sie', bys ,bis es', sowie reybenn klein ,reib ihn klein' Aüsem ,aus dem' und Assimilationen wie in wansch schier bachen ist ,wenn es fast fertiggebacken ist'.19 Neben diesen Beispielen, die zusammen mit der beinahe durchgehend reflektierten Entrundung mit den Graphien , , , gut mit einer Augsburger Herkunft verträglich sind, gibt es allerdings auch Schreibungen, die im Hinblick auf diese Einordnung nicht auf Anhieb plausibel sind. Es geht hier um die außer im Wort guot, das mit ti-Graphie erscheint, ziemlich regulär durchgeführte Digraphie mit der Variante fur mhd. /uo/, etwa in daü, daüch, laug für mhd. tuo, tuoch, luoc.20 Von den modernen Mundartverhältnissen her deuten solche Diphthonge eher in den nordschwäbisch-fränkisch-bairischen Übergangsraum.21 Angesichts der bereits im späten 15. Jahrhundert bei Ilsung festgestellten ,umgedrehten' Schreibung für mhd. ie, die als mundartlicher Reflex gedeutet wurde, lässt sich eventuell auch für die 17

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Eine ausfuhrlichere Analyse findet sich bei Elvira Glaser: Die Kochbücher der Philippine und Sabina Welser. Philologisch-linguistische Betrachtungen zu zwei frühen Frauenkochbüchem. In: Die Welser. Neue Forschungen zur Geschichte und Kultur des oberdeutschen Handelshauses. Hrsg. von Mark Häberlein und Johannes Burkhardt. Berlin 2002, S. 510-549. Zum Text vergleiche man außerdem Das Kochbuch der Philippine Welser. Hrsg. von Manfred Lemmer. Kommentar und Glossar von Gerold Hayer. Innsbruck 1983. Z.B. schaltζ fiir saltz (Bl. 96 v ), syep für schyep (Bl. 92^, dyffenn fur dyrffenn (Bl. 29 v ), depf für dempf (Bl. 14"). Zu Frequenzen, Stellenangaben und weiteren Details vergleiche man auch im Folgenden Glaser 2002 (Anm. 17). Eine genaue Auszählung für einen Ausschnitt (bis Bl. 24') hat ergeben, dass von 140 Belegen 89 mit erscheinen. Im Sprachatlas von Bayerisch Schwaben. Bd. 5: Lautgeographie III: Qualität und Quantität der mittelhochdeutschen Langvokale und Diphthonge. Hrsg. von Werner König. Bearbeitet von Susanne Kuffer. Heidelberg 1998, Karte 100, S. 379 ist nur nördlich der Donau im nordöstlichen Teil des Untersuchungsgebiets (Langenaltheim, Dietfurt, Mömsheim etc.) ein o»-artiger Diphthong belegt. Vgl. dazu die Kommentare S. 376-383.

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-Schreibungen im Kochbuch der Philippine Welser eine ähnliche Erklärung vorbringen. Dazu würden sich auch noch die Schreibungen don, dan fur den Infinitiv tuon stellen lassen, die wohl eine positionelle Weiterentwicklung des Diphthongs reflektieren. Die Untersuchung hat auch noch weitere Regionalismen aufzeigen können,22 wie gelegentliche und für mhd. ei, z.B. in foim, ronfal (mhd. reinval), ston, or (ei PI.), Bezeichnungen sekundärer Monophthongierungen, z.B. in lafenn (mhd. loufen), rom (mhd. roum ,Rahm'), flesch (mhd. vleisch), und Senkungen vor Nasal, z.B. in hener (mhd. hüener), grene (mhd. grüene). Als Regionalismus lassen sich auch Bezeichnungen von Reduktionen im Nebenton, wie bei den Infinitiven erwarma (mhd. erwärmen), rytla .rütteln' und den Pluralformen weyxla ,Weichsein', von mandla ,νοη Mandeln', sowie Bezeichnungen verschiedener konsonantischer Schwächungen einordnen, wie Monographe für alte Geminaten in lefel, pfanen, waser und Zusammenfalle mit Lenes, wie in süben ,Suppe', buder ,Butter', draüben. Die entsprechenden Schreibungen können in zeitgenössischen Drucken kaum beobachtet werden, lassen sich aber ansatzweise auch schon in Ilsungs älterem Text erkennen, während sich im Schreibsystem der Hätzlerin nichts Entsprechendes findet.

Zur Schichtung der Augsburger Schreibsprache Eine Erklärung für diese Beobachtungen könnte sein, dass hier eine Schicht der Augsburger Schreibsprache erkennbar wird, die bislang bei der Konzentration auf die Augsburger Druckersprache und ihre Vorläufer kaum in den Blick genommen wurde, nämlich der Schreibgebrauch von Personen, die nicht professionell, sondern für den Privatgebrauch bzw. gelegenheitsgebunden schrieben.23 Es muss im frühneuzeitlichen Augsburg eine größere Zahl solcher Personen gegeben haben, die zwar das Schreiben erlernt hatten, es aber nicht regelmäßig betrieben und nicht nach einem konsequenten Schreibsystem durchführten, sondern dann, wenn sie schrieben, das in einer individuellen Mischung von erlernten Schreibregeln und Verschriftung des Gesprochenen taten. Zu dieser Personengruppe gehörte außer dem Schreiber oder der Schreiberin des sogenannten Kochbuchs der Philippine Welser auch die Mutter Philippines, Anna Welser, der mit guten Gründen die Niederschrift des mehr oder weniger gleichzeitig entstandenen Arzneibuchs zugeschrieben werden kann, das in einigen entscheidenden Punkten dem Schreibsystem des Kochbuchs entspricht.24 Von hier lässt sich dann 22

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Im Sinne Hugo Stopps: Schreibsysteme in Handschrift und Druck. Zu graphemischen Differenzen der beiden Überlieferungsformen am Beispiel zweier Zeugen derselben Textart. In: Sprachwissenschaft 5, 1980, S. 43-52, S. 51, als nicht in die hochdeutsche Schriftsprache eingegangene Reflexe nachmittelhochdeutscher Lautentwicklungen verstanden. Vgl. auch Sabine Freund, Angelika Schmitt und Hugo Stopp: Graphemische Reflexe lautgeschichtlicher Regionalismen in Handschrift und Druck. In: Sprachwissenschaft 5, 1980, S. 266-275. Vgl. dazu auch Elvira Glaser: Zu Entstehung und Charakter der neuhochdeutschen Schriftsprache. Theorie und Empirie. In: Die deutsche Schriftsprache und die Regionen. Hrsg. von Raphael Berthele, Helen Christen, Sibylle Germann und Ingrid Hove. Berlin 2003. S. 57-78. So etwa bezüglich der Verwendung der -Graphie für mhd. /uo/ sowie graphischer Reflexe von Lenisierungen und weiterer sprechsprachlicher Erscheinungen. Vgl. dazu Glaser 2002 (Anm. 17), S. 531.

Von der Transkription bis zur lauthistorischen

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eventuell eine weitere Linie zu den von Helmut Graser analysierten Schreibzeugnissen Augsburger Heilpraktikerinnen zum Beginn des 17. Jh.s ziehen.25 Hinweise auf eine derart geschichtete Schreibsprache können wir aber nur aus der genauen Beachtung der handschriftlichen Befunde gewinnen, wie sie die Grundlage fur die hier präsentierten Ausfuhrungen bilden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht muss daher für möglichst handschriftennahe Editionen plädiert werden, wobei auch Sprachwissenschaftler für jeden Hinweis zum Textverständnis, zu vermutlichen Fehlern und zu textuellen Verwandtschaften in einem Kommentar dankbar sind.

Handschriften der Clara Hätzlerin: Augsburg, Stadt- und Staatsbibl., 2° Cod. Aug. 160: Augsburger Stadtbuch. Undatiert. 210 Bll. Heidelberg, UB, Cpg 478: Johann Hartlieb: Buch aller verbotenen Kunst. Undatiert. 78 Bll. Heidelberg, UB, Cpg 677: Kaiserkrönung Friedrichs III. Undatiert, zwischen 1464 und 1467. 47 Bll. Karlsruhe, Badische Landesbibl., Donaueschingen Nr. 830: Beizbüchlein. Datiert 1468. 40 Bll. Prag, Knihovna Närodniho musea, Ms. Χ A 12: Liederbuch. Datiert 1470/1471. 360 Bll. Salzburg, Stiftsbibl. St. Peter, Cod. b XII 19a: Der Heiligen Leben. Winterteil. Undatiert. 246 Bll. Salzburg, Stiftsbibl. St. Peter, Cod. b XII 19b: Der Heiligen Leben. Sommerteil. Undatiert. 242 Bll. Stuttgart, Württembergische Landesbibl., Cod. HB XI 51: Heinrich Münsinger: Buch von den Falken, Habichten, Sperbern, Pferden und Hunden. Datiert 1473. 82 Bll. Wien, Österreichische Nationalbibl., Cvp Ser. nova 3614: Schwabenspiegel (verkürzt). Undatiert. 70 Bll.

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Siehe Helmut Graser: Augsburg und die deutsche Sprachgeschichte. In: Bausteine zur Sprachgeschichte. Referate der 13. Arbeitstagung zur Alemannischen Dialektologie in Augsburg (29.9.-3.10.1999). Hrsg. von Edith Funk, Werner König und Manfred Renn. Heidelberg 2000, S. 99-120.

Elvira Glaser

36 Anhang: Abbildungen

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Abb. 1: Augsburg, Stadt- und Staatsbibliothek, 2° Cod.Aug. 160, Bl. 46Γ, Z. 1-9, Augsburger Stadtbuch (die Blattangabe bezieht sich auf eine zeitgenössische Zählung; nach moderner Zählung: Bl. 58r).