Die (Un-)Ordnung der Ehe: Normen und Praxis ernestinischer Fürstenehen in der Frühen Neuzeit 9783486705904, 9783486597721

Welche Herausforderungen und Konflikte ergaben sich, wenn in der Frühen Neuzeit ein Fürst bigamistisch lebte, wenn unein

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Die (Un-)Ordnung der Ehe: Normen und Praxis ernestinischer Fürstenehen in der Frühen Neuzeit
 9783486705904, 9783486597721

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Stefanie Walther Die (Un-)Ordnung der Ehe

Ancien Régime Aufklärung und Revolution Herausgegeben von Rolf Reichardt und Hans-Ulrich Thamer Band 39

Oldenbourg Verlag München 2011

Die (Un-)Ordnung der Ehe Normen und Praxis ernestinischer Fürstenehen in der Frühen Neuzeit

Von Stefanie Walther

Oldenbourg Verlag München 2011

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs- und Beihilfefonds Wissenschaft der VG Wort

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

© 2011 Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München Rosenheimer Straße 145, D-81671 München Internet: oldenbourg.de Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen. Umschlagbild: Szenen aus dem Leben des Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554), © Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr. Kg 58/14 Umschlaggestaltung: Dieter Vollendorf Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier (chlorfrei gebleicht). Druck: Memminger MedienCentrum, Memmingen Bindung: Buchbinderei Klotz, Jettingen-Scheppach ISBN 978-3-486-59772-1

Inhalt Danksagung .......................................................................................... 9 1. Einleitende Bemerkungen ................................................................11 1.1 Themenaufriss .................................................................................................11 1.2 Forschungsstand ..............................................................................................17 1.3 Quellenüberlieferung...................................................................................... 20

2. Die Ernestiner als Familienverband................................................ 26 2.1 Von der Familie zum Familienverband – eine semantische Annäherung .... 26 2.2 Individualität innerhalb des Familienverbandes ........................................... 30 2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert .................. 33 2.4 Familien-, Dynastie- und Standesbewusstsein bei den Ernestinern ............ 42

3. Die Ehe als Ordnungsmodell .......................................................... 47 3.1 Rechtliche Normen und soziale Ansprüche................................................... 47 3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner ........................................... 59

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern ............................. 75 4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine beiden Ehefrauen ........................................................................................ 75 4.1.1 Die Anbahnung der Ehe zwischen Bernhard von Sachsen-Jena und Marie-Charlotte de la Trémoïlle ............................................................... 75 4.1.2 Die Allianz wird besiegelt – Ehevertrag und Hochzeit .......................... 79 4.1.3 Eheleben – Eheleiden............................................................................... 85 4.1.4 Die Beziehung des Herzogs zu Maria Elisabeth von Kospoth – Eine bigamistische Eskapade ........................................................................... 92 4.1.5 Reaktionen und Restriktionen: Das gesellschaftliche Umfeld..............101 4.1.6 Die Wiederherstellung der Ordnung? ................................................... 109 4.1.7 Die „Frucht der Infamie“: Emilie Eleonore ..........................................117 4.1.8 Ein toter Herzog, zwei Frauen und drei Kinder .................................... 120 4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Die Ehe und Scheidung des Herzogs Wilhelm Ernst und der Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar ........ 126 4.2.1 Die Anbahnung der Ehe ........................................................................ 127 4.2.2 Der Vormundschaftsstreit ......................................................................131 4.2.3 Die Suche nach einer geeigneten Hofmeisterin oder: Wie erzieht man eine junge Ehefrau? ............................................................................... 134 4.2.4 Die Trennung ......................................................................................... 139 4.2.5 Diskussionen und Diskurse ...................................................................147 4.2.6 Die Wiederherstellung der Ordnung? .................................................. 152 4.2.7 Die Scheidung........................................................................................ 158 4.2.8 Die „unseelige“ Prinzessin ....................................................................173

6

Inhalt

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“ – Die Ehen und außerehelichen Beziehungen des Herzogs Ernst August von Sachsen-Weimar ...... 189 4.3.1 „kleine Amours“ und ihre Folgen – Von der Notwendigkeit der Eheschließung .......................................................................................... 190 4.3.2 Das gescheiterte Eheprojekt zwischen Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar und Prinzessin Charlotte Christine von Hanau-Lichtenberg ................................................................................. 197 4.3.3 Die Anbahnung der Ehe Herzog Ernst Augusts mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen ..................................................... 205 4.3.4 Ehe und Herrschaft................................................................................ 208 4.3.5 Divertissements eines fürstlichen Witwers ...........................................216 4.3.6 Die Eheschließung Herzog Ernst Augusts mit Prinzessin Sophie Charlotte Albertine von Brandenburg-Bayreuth ...............................221 4.3.7 Die Ehe Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Sophie Charlotte Albertine als Ausgangspunkt für neue Auseinandersetzungen .................... 226 4.3.8 Die unehelichen Beziehungen Herzog Ernst Augusts und die daraus hervorgegangenen Kinder ............................................................ 234 4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen – Die standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit Philippine Elisabeth Cäsar................................................................................. 250 4.4.1 Das familiäre Umfeld ............................................................................ 250 4.4.2 Von der „lieson secrete“ zum Konfliktfall ........................................... 256 4.4.3 Mehr als eine „brüderliche Deference“ ................................................ 270 4.4.4 Die Durchsetzung der Standeserhöhung .............................................. 284 4.4.5 Verheiratet und doch getrennt: Einblicke in den Alltag einer standesungleichen Ehefrau ................................................................... 293 4.4.6 Die standesungleiche Ehe als reichsweiter Präzedenzfall.................... 302 4.4.7 Die Wiederherstellung der Ordnung? ................................................... 305 4.4.8 Die Kinder Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars... 312

5. Von der ,Unordnung‘ zur Umordnung:Gestaltungsspielräume und Handlungsmuster innerhalb der Ehepraxis ............................... 327 5.1 Ehemänner .................................................................................................... 327 5.2 Ehefrauen ..................................................................................................... 336 5.3 Familienverband ........................................................................................... 342 5.4 Akteure außerhalb des Familienverbandes ................................................. 349 5.4.1 Zum Hochadel gehörende Akteure ....................................................... 349 5.4.2 Nicht zum Hochadel gehörende Akteure.............................................. 356

6. Schlussbetrachtungen ...................................................................360 Quellen- und Literaturverzeichnis.................................................... 368 Archivalien ......................................................................................................... 368

Inhalt

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Publizierte Quellen ............................................................................................ 372 Literatur.............................................................................................................. 374

Anhang (Stammtafeln) ...................................................................... 402 Abbildungsverzeichnis ...................................................................... 407 Personenverzeichnis.......................................................................... 408

Danksagung Die vorliegende Studie habe ich im Oktober 2008 als Dissertationsschrift an der Universität Bremen eingereicht und für den Druck aktualisiert. Sie wäre nicht vollständig ohne den Dank an all jene, die mich in der Entstehungszeit dieser Arbeit begleitet und materiell wie auch intellektuell unterstützt haben. An erster Stelle sei Prof. Dr. Dorothea Nolde genannt, die mir während meiner Promotion mit wertvollen Ratschlägen zur inhaltlichen Gestaltung und arbeitstechnischen Umsetzung zur Seite stand. Sie hat mich stets ermuntert, die Arbeit konsequent weiterzuführen. Ebenso geht mein Dank an Prof. Dr. Cordula Nolte, die das Zweitgutachten für die Dissertation übernommen hat. Die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den von mir aufgesuchten Archiven und Bibliotheken hat viel zum Entstehen dieser Arbeit beigetragen. Insbesondere danke ich dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar, dessen Besucherdienst unbürokratisch dafür gesorgt hat, dass ich auch bei kurzfristigen Archivbesuchen Zugang zu den von mir gewünschten Akten erhalten habe. In diesem Zusammenhang geht mein besonderer Dank an Prof. Dr. Alfred Erck, dessen wertvolle Quellenhinweise zum Herzogshaus Sachsen-Meiningen mir viel Zeit und Mühe bei der Archivrecherche erspart haben. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sommerakademie „Adel und Moderne in Mittel- und Osteuropa“ sowie des Transatlantischen Doktorandenseminars zur frühneuzeitlichen Geschichte danke ich für Anregungen und intensive methodische Debatten. Ebenso bedanke ich mich bei PD Dr. Michael Sikora für den inhaltlichen Austausch und nicht zuletzt dafür, dass er mir seine teilweise unpublizierten Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt hat. Mein besonderer Dank geht zudem an Julia Gebke, Annekatrin Helbig und Dr. Elke Stolze, die weite Teile des Dissertationsmanuskriptes Korrektur gelesen und mir mit ihren kritischen Anmerkungen sehr geholfen haben. Für alle eventuell noch verbliebenen Fehler übernehme ich selbstverständlich die Verantwortung. Das Layouten des Manuskriptes und die Erstellung des Personenregisters hat Katharina Lücke übernommen. Dafür, aber auch für die endlose Geduld mit mir, bin ich ihr sehr dankbar! Den Herausgebern der Reihe „Ancien Régime“ danke ich für die Aufnahme der Arbeit in ihre Reihe. Mein Dank geht zudem an den Oldenbourg Verlag, und hier vor allem an Dr. Julia Schreiner für ihre Betreuung. Die Drucklegung wurde ermöglicht durch einen Zuschuss der VG Wort. Aus dem Familien-, Verwandtschafts- und Freundeskreis habe ich ebenfalls vielfältigen Beistand erfahren. Dies gilt vor allem für meinen Mann Andreas. Ihm wie auch allen anderen danke ich herzlich für die Unterstützung, die mir zuteil wurde. Stefanie Walther Bremen, im Juli 2010

1. Einleitende Bemerkungen 1.1 Themenaufriss Man heiratet nicht für sich selbst allein, sondern genau so gut oder noch mehr für die Nachkommen und die Familie.1 Dieses Zitat des französischen Philosophen und Schriftstellers Michel de Montaigne (1533–1592) gibt äußerst prägnant die große Bedeutung der Ehe für die frühneuzeitliche Gesellschaft wieder. Insbesondere im Hochadel war eine Ehe mit weit reichenden ökonomischen und machtpolitischen Konsequenzen für die ganze Familie verbunden. Fehlentscheidungen konnten letztlich den Bestand, die wirtschaftliche Grundlage und die soziale Existenz eines Hauses gefährden. Um derartigen negativen Entwicklungen vorzubeugen, verfolgten die hochadeligen Häuser eine am gesellschaftlichen Status ausgerichtete Heiratspolitik. Damit einhergehend waren sie bestrebt, die Eheschließungen ihrer Mitglieder zu normieren. Neben den hausinternen Normen, innerhalb derer zwischen standesgemäßen und nicht standesgemäßen Ehen differenziert wurde, existierte aber auch eine Vielzahl an externen Normen. Hier waren vor allem kirchenrechtliche Bestimmungen von Bedeutung. Letztlich war es ein umfangreiches Konglomerat aus internen und externen, rechtlichen wie auch sozialen Normen, das auf die Reglementierung der hochadeligen Ehepraxis abzielte. Die einzelnen Normensysteme waren dabei auf das engste miteinander verwoben und konstituierten die Ehe als gesellschaftliches Ordnungsmodell. Allerdings konnten die einzelnen Normensysteme auch in Konkurrenz zueinander treten, beispielsweise dann, wenn eine Ehe zwar den kirchenrechtlichen Vorgaben entsprach, aber standesungleich war und damit den ständischen Konventionen zuwiderlief. Derartige Situationen konfligierender Ordnungen weisen darauf hin, dass die Geltungsansprüche ehelicher Normen in der sozialen Praxis umfangreicher Aushandlungsprozesse bedurften. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Untersuchung damit, welche Rolle das Geflecht rechtlicher und sozialer Normen nicht nur für die Eheschließung, sondern auch für das Eheleben im frühneuzeitlichen Hochadel spielte. Dabei werden unterschiedliche Ehesituationen in den Blick genommen, um am Einzelfall zu überprüfen, wie Normen von den historischen Akteuren wahrgenommen, angeeignet, verschoben, genutzt oder umgangen wurden. Die einzelnen Fallbeispiele umfassen standesgleiche wie auch standesungleiche Ehen, ebenso Ehebruch, Bigamie und Scheidung. Indem einzelne Ehebeispiele analysiert und kontextualisiert werden, ist es möglich, die Grenzen von Normen abzutasten und damit zugleich überindividuelle Strukturen sichtbar zu machen. Auf diese Weise werden mikrohistorische Aspekte mit der makrohistorischen Ebene

1

MONTAIGNE 2004, S. 805.

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1. Einleitende Bemerkungen

verbunden.2 Allerdings ergibt sich an dieser Stelle ein Problem, das einer jeden mikrohistorischen Studie immanent ist: Generalisierende Aussagen lassen sich anhand detaillierter Fallstudien nur schwer treffen. Demgegenüber ermöglicht es eine mikrohistorische Perspektive, Lebenszusammenhänge erklärend zu rekonstruieren und so ein erhellendes Gesamtbild, das über gesellschaftliche Strukturen hinausgeht, zu erhalten. Daran anknüpfend interessiert sich die vorliegende Studie weniger für die Ehe als dynastisches Instrument, sondern vielmehr für die Vielfalt der ehelichen Praxis und damit einhergehende potentielle und virulente Konflikte. Im Zentrum der Untersuchung steht das jeweilige Ehepaar, doch werden darüber hinaus auch das soziale Umfeld und insbesondere die Angehörigen des ernestinischen Familienverbandes betrachtet. Dabei gilt, den Handlungsspielräumen der Akteure innerhalb der stark reglementierten Adelsgesellschaft nachzugehen und – in Anlehnung an Natalie Zemon Davis – die gesellschaftlichen Ressourcen aufzudecken, die das Handeln der Akteure prägten.3 Und es wird – um es mit Bourdieus Worten zu sagen – nach dem ökonomischen, kulturellen, sozialen und symbolischen Kapital gefragt, welches das Handeln der Akteure prägte.4 Wie bisherige Forschungen gezeigt haben, kommt bei der Frage nach den Handlungsspielräumen hochadeliger Akteure neben dem gesellschaftlichen Status und der Position innerhalb des Familienverbandes auch der Geschlechtszugehörigkeit eine wesentliche Bedeutung zu.5 Dabei ist zum einen die Tatsache zu berücksichtigen, dass Geschlecht in den einzelnen Epochen unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen unterlag. Zum anderen sollte die Kategorie Geschlecht nicht isoliert von den sie umgebenden und die Gesellschaft ordnenden Kategorien betrachtet werden. Bei Themenfeldern wie Ehe und Eheleben wurde innerhalb der Geschlechtergeschichte der Blick vor allem auf die Differenz stiftende Funktion der Kategorie Geschlecht gerichtet.6 In Bezug auf den Hochadel zeigt sich allerdings, dass hier Geschlecht auf das engste mit weiteren Kategorien – allen voran Rang und Alter – verwoben ist. Insbesondere die Kategorie Rang ist für die höfische Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Dies trifft nicht zuletzt auf die unter Hochadel subsumierten Reichsfürsten und Reichsgrafen zu, da es sich hier – wie beim Adel insgesamt – keineswegs um eine homogene soziale Gruppe handelte. Indem sich die vorliegende Studie auf einen reichsfürstlichen Familienverband konzentriert, wird das Anliegen verfolgt, die Mitglieder der Fürstengesellschaft als Angehörige einer sozialen Formation, die spezifischen Interessen und Logiken verpflichtet waren, sichtbar zu machen. Die Entscheidung für den Hochadel als Untersuchungsgegenstand ist ebenso auf pragmatische Gründe zu-

2

Zur Mikrogeschichte siehe: GINZBURG 1993, S. 169–192. DAVIS 1986, S. 117–132; FARGE/DAVIS 1994, S. 15–16. 4 BOURDIEU 1992, S. 50–65. 5 NOLTE 2001, S. 174–192; OPITZ 2005, S. 58–60; DAVIS 1998, S. 20. 6 Exemplarisch für die Frühe Neuzeit: OPITZ 1997, S. 344–370; DAVIS 1994, S. 189–206; WUNDER 1992a. 3

1.1 Themenaufriss

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rückzuführen: Für kaum eine andere der sozialen Formationen der Frühen Neuzeit ist die Quellenlage derart umfassend wie für den Hochadel. Um die dynastische Bedeutung der Ehen und Ehekonflikte sowie die Interaktion innerhalb des verwandtschaftlichen Netzwerks nachzeichnen zu können, erschien die Konzentration auf einen Familienverband sinnvoll. Die Wahl fiel dabei auf den ernestinischen Familienverband, der sich aufgrund der günstigen Quellenüberlieferung als besonders geeignet erwies. Mit der Entscheidung für die Ernestiner konnte ein breites Spektrum an Ehen, Eheverläufen und Konflikten abgedeckt und so ein qualitativ aussagekräftiges Feld für die Untersuchung gewonnen werden. Daneben verlangte die angestrebte mikrohistorische Analyse der Quellen eine entsprechend dichte Überlieferung. Auch dieser Anforderung konnte mit der Entscheidung für die Ernestiner als Untersuchungsgegenstand entsprochen werden. Doch ist es nicht nur die gute Quellenlage, die eine Auseinandersetzung mit einem hochadeligen Familienverband wie den Ernestinern begünstigt: Angesichts einer disparaten Gesetzeslage innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ermöglicht eine Konzentration auf die ernestinischen Häuser, den Ehen und den sich daran entzündenden Konflikten vor dem Hintergrund eines weitgehend einheitlichen Rechtsraumes nachzugehen. Dem steht allerdings ein in zahlreiche Teillinien aufgespaltener Familienverband gegenüber. Dennoch – oder: gerade deshalb – ist es möglich, neben dem Ehepaar auch die diffizilen familiären Beziehungsgeflechte, die familiäre Kommunikation und Interaktion in den Blick zu nehmen. Mit den Ernestinern wurde zugleich einer der größten Familienverbände des Alten Reiches herausgegriffen, auch wenn sie nach dem Verlust der Kurwürde im Jahr 1547 an politischer Bedeutung verloren hatten. Trotzdem nahmen die Ernestiner eine wichtige Position im politischen Gefüge des Reiches ein, nicht zuletzt in ihrer selbsternannten Rolle als „Hüter des Protestantismus“7. Die Konfessionszugehörigkeit beeinflusste auch die Wahl der Ehepartner sowie die Gestaltung ehelicher Normen entscheidend. Auch wenn sich die vorliegende Studie auf die Ernestiner konzentriert, sind immer wieder Rückschlüsse auf andere hochadelige, protestantische Häuser des Reiches wie die Welfen oder Askanier möglich, da sich diese in einer mit den Ernestinern vergleichbaren Situation befanden. Und dies nicht nur im Hinblick auf die Konfessionszugehörigkeit, sondern auch hinsichtlich der Struktur des Familienverbandes und der machtpolitischen Ausgangslage. Fürstenhäuser wie die Ernestiner, Welfen oder Askanier sahen sich in einem latenten Spannungsverhältnis gegenüber den katholischen Reichsfürsten und insbesondere gegenüber dem Kaiserhaus. Hinzu kam die Konkurrenz mit denjenigen adeligen Häusern, die in der Frühen Neuzeit den fürstlichen Rang erhielten und den altfürstlichen Häusern ihre Privilegien streitig machten. Damit einher ging ein ständiger Kampf um politische Macht und Prestige, der zum einen innerhalb des Reichsfürstenstandes ausgetragen wurde, zum anderen aber auch zwischen den Reichsfürsten und dem Kaiser. Um den eigenen gesellschaftlichen Status zu bewahren und an der Spitze 7

WESTPHAL 2007, S. 173–192.

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1. Einleitende Bemerkungen

der ständischen Hierarchie bestehen zu können, waren Familienverbände wie die Ernestiner nicht zuletzt auf eine erfolgreiche Heiratspolitik angewiesen. Vor diesem Hintergrund ist es besonders reizvoll, die Auswirkungen ehelicher Unordnung beispielsweise in Form einer Scheidung oder gar einer standesungleichen Ehe, auf den Familienverband zu untersuchen. Den zeitlichen Ausgangspunkt der Untersuchung bildet dabei die 1662 geschlossene standesgleiche Ehe Herzog Bernhards von Sachsen-Jena (1638–1678) mit Marie-Charlotte de la Trémoïlle (1632–1682). Den chronologischen Schlusspunkt setzt der Tod Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen im Jahr 1763. Die Studie umfasst somit gut einhundert Jahre thüringisch-ernestinischer Geschichte. Bei der Betrachtung sozialer Gemeinschaften wie eines Familienverbandes erfreut sich in den Sozial- und Kulturwissenschaften der Begriff Netzwerk seit einigen Jahren außerordentlicher Beliebtheit. Obgleich der Begriff auch in der historischen Forschung omnipräsent ist, liegt nur wenigen Arbeiten eine explizite methodische Fundierung und Operationalisierung zugrunde.8 Grundlage der Netzwerkanalyse ist die Annahme, dass soziale Strukturen nicht nur auf der Makroebene gesamtgesellschaftlicher Systeme existieren, sondern sich parallel auch in den sozialen Beziehungen der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft bilden. Die Netzwerkanalyse versucht daher, durch eine Verknüpfung von Mikround Makroebene gesellschaftliche Strukturen aus der Analyse individueller Handlungen zu beschreiben. Allerdings interessiert sich die soziale Netzwerkanalyse nicht systematisch für die Mikroebene sozialer Interaktion. Ihr Fokus richtet sich vielmehr auf aggregierte Strukturen, die aus dem Zusammenspiel individueller Handlungen entstehen und aus diesen abgeleitet werden.9 Eine soziale Netzwerkanalyse ist dabei im Wesentlichen durch die Definition der zu untersuchenden Einheiten, Beziehungen und der Abgrenzung des Netzwerks bestimmt.10 Angesichts dessen stellt die vorliegende Untersuchung keine dezidierte Netzwerkanalyse dar. Indem aber die Intensität sozialer Beziehungen untersucht wird, greift die Studie auf Impulse der Netzwerkanalyse zurück. Daneben werden auch Begrifflichkeiten genutzt, die ihren Ursprung in der sozialen Netzwerkanalyse haben.11 Insbesondere bei der Analyse von Verwandtschaftsbeziehungen ist es nahe liegend, auf den Begriff des Netzwerks zurückzugreifen. Daran anknüpfend richtet die Arbeit den Blick auf die Interaktion von Verwandten. Ebba Severidt unter8

GORISSEN 2006, S. 160. JANSEN 2003, S. 14. 10 SERDÜLT 2002, S. 128. 11 Hier sei insbesondere auf die Studien von Mark GRONEVETTER hingewiesen, der zur Bezeichnung von starken und schwachen Beziehungen die Begriffe „strong ties“ und „weak ties“ benutzte. Siehe: GRONEVETTER 1973, S. 1360–1380. Der Multidimensionalität und Dynamik von Beziehungen werden die Begriffe „strong ties“ und „weak ties“ allerdings nicht gerecht. Da zwischen zwei gleichen Personen unterschiedliche Arten von Bezügen existieren können, ist in Anlehnung an Harrison WHITE vielmehr von „types of ties“ auszugehen. Siehe: WHITE 1992; STEGBAUER 2008, S. 113–114. 9

1.1 Themenaufriss

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scheidet an dieser Stelle zwischen einer aktiven und einer passiven Verwandtschaft. Als Kriterium für die Zuordnung benutzt Severidt die Häufigkeit der brieflichen Kontaktaufnahme zwischen zwei verwandten Akteuren.12 Diese Vorgehensweise kann unter der Prämisse, dass verwandtschaftliche Interaktion nicht ständig, sondern nur von Fall zu Fall erfolgte, allerdings zu Fehlinterpretationen führen.13 Um es zu verdeutlichen: Verwandte, die insgesamt betrachtet nur einen sporadischen Briefwechsel unterhielten und deren Interaktion gemäß Severidt eher als passiv zu bewerten ist, konnten in einer konkreten (Konflikt-)Situation sehr wohl intensiv – oder in Anlehnung an Severidt: aktiv – interagieren. Umgekehrt konnten Verwandte, die in der Regel häufig miteinander kommunizierten, sich im Konfliktfall distanzieren. Bezogen auf die vorliegende Studie bedeutet dies, dass die hier dargestellte und analysierte verwandtschaftliche Interaktion nur eine Momentaufnahme darstellt. Darüber hinaus geht es in dieser Untersuchung nicht nur um die Quantität verwandtschaftlicher Interaktion, sondern – um nicht zu sagen insbesondere – auch um deren Qualität. Die Studie richtet das Augenmerk daher weniger auf die Dichte der Korrespondenz als vielmehr auf die Inhalte, um so der Qualität von Beziehungen und den emotionalen Bindungen innerhalb von Familie und Verwandtschaft nachzugehen. Nicht allein die Frage nach emotionalen Bindungen ist bei der Untersuchung des Umgangs hochadeliger Familien mit den Situationen konfligierender Normensysteme von wesentlicher Bedeutung. Damit einhergehend interessiert das komplexe Verhältnis von Emotionen14 und Interessen. Dies umso mehr, da die Beziehungen zwischen Ehegatten, zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Geschwistern – um nur einige Akteure zu nennen – sowohl auf gesellschaftlich anerkannten, wechselseitigen Verpflichtungen basierten, als auch auf persönlicher Zuneigung und Gefühlen beruhten.15 Daher ist zu klären, welche Faktoren die Beziehungen prägten und tatsächlich handlungsleitend wurden. Waren es letztlich überschwengliche Gefühle, welche die Herzöge und Herzoginnen, Prinzen und Prinzessinnen veranlassten, sich über Normen hinwegzusetzen? Darüber hinaus bietet es sich insbesondere für standesungleiche Ehen an zu fragen, inwieweit hier emotionale Bedürfnisse die Ehestiftung dominierten, zumal innerhalb der Adelsforschung nach wie vor die These präsent ist, dass standesungleiche Ehen primär und in Sonderheit auf emotionale Motive zurückzuführen wären. Insbesondere der Begriff ,Liebesheirat‘ wurde im Zusammenhang mit standesungleichen Ehen über Gebühr strapaziert. Dabei liegt diesem Begriff ein romantisches Konzept von Liebe zugrunde, das sich erst im ausgehenden 18. Jahrhundert herausbildete 12

SEVERIDT 1998, insbesondere S. 145. R EINHARD 2006, S. 272. 14 Vor dem Hintergrund einer existierenden Konturlosigkeit und Unübersichtlichkeit des mit dem Terminus Emotionen verbundenen Gegenstandsbereichs wird der Begriff hier – in Anlehnung an Claudia BENTHIEN, Anne FLEIG und Ingrid K ASTEN – als Arbeitsbegriff, der bewusst verschiedene Felder und Ebenen (affektive Reaktionen, psychische Prozesse, Gefühlszustände) subsumiert, verwendet. Siehe: BENTHIEN/FLEIG/K ASTEN 2000, S. 10. 15 H AREVEN 1999, S. 38. 13

16

1. Einleitende Bemerkungen

und als Erklärungsansatz für frühneuzeitliche Sachverhalte nur bedingt verwendbar ist.16 Doch wird nicht nur die Bedeutung von Gefühlen im Kontext adeliger Eheschließungen untersucht, sondern anknüpfend an jüngere Arbeiten zum frühneuzeitlichen Adel wird auch gefragt, inwieweit eheliche Liebe ein verbreiteter Gefühlsanspruch innerhalb der Ehepraxis der Ernestiner war.17 Bei der Betrachtung von Emotionen allgemein und der Frage nach ehelicher Liebe im Besonderen sind einmal mehr methodische Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Zum einen fehlen begriffliche Raster, anhand derer Emotionen eindeutig definiert werden. Zum anderen sind die methodischen Probleme darauf zurückzuführen, dass es sich bei Emotionen nicht um anthropologische Konstanten handelt. Vielmehr sind sie sowohl durch gesamtgesellschaftliche als auch durch familiäre Konventionen vorstrukturiert und dem historischen Wandel ausgesetzt.18 Die Historiker Hans Medick und David Sabean haben bereits 1984 in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband „Emotionen und materielle Interessen. Sozialanthropologische und historische Beiträge zur Familienforschung“ darauf hingewiesen, dass das subjektive Erleben von Emotionen nicht erforschbar sei.19 Daran anknüpfend ist folglich eine Unterscheidung zwischen den geäußerten Emotionen einerseits und den ihnen zugrunde liegenden Standards andererseits sinnvoll.20 Während die Standards beispielsweise anhand normativer Texte relativ gut zu fassen sind, sind ausgedrückte, „individuelle“ Emotionen nur schwer nachweisbar.21 Dennoch ist es ein Anliegen der Untersuchung, Emotionen – und hier insbesondere die zwischen den Ehepartnern existierenden Gefühle – herauszuarbeiten. Hier bieten Korrespondenzen einen ersten Anhaltspunkt.22 Die briefliche Überlieferung legt über zeitspezifische Artikulationsformen, Stilisierungen und Wortwahl die kulturellen Muster offen, innerhalb derer Emotionen ausgedrückt wurden. Die vorliegende Studie bewegt sich somit einerseits auf der mikrohistorischen Ebene einzelner Beziehungen, andererseits verweist sie durch die Rückkoppelung an landesherrschaftliches Regiment, konfessionelle Identität, Rangverhalten und höfische Kommunikation immer wieder auf die Makroebene frühneuzeitlicher Verhaltensweisen und Mentalitäten sowie frühneuzeitlicher Politik. Die Arbeit ist dabei in sechs Kapitel gegliedert. Neben der Einleitung und den abschließenden Bemerkungen handelt es sich um vier inhaltliche Kapitel. Um die 16

LISCHKA 2006, S. 15; JARZEBOWSKI 2008a, Sp. 896–905. M ARRA 2007, S. 251–262; LESEMANN 2000, S. 189–207; HUFSCHMIDT 2001, S. 251–262. 18 KOLESCH 2006, S. 32; BENTHIEN/FLEIG/K ASTEN 2000, S. 8. K RAUSE/SCHECK (Hg.) 2006. 19 MEDICK /SABEAN 1984 S. 27–54. 20 Diese Unterscheidung geht auf die Studien von Carol und Peter STEARNS zurück. Siehe unter anderem: STEARNS/STEARNS 1994, S. 813–836. Auch jüngere Arbeiten der Adelsforschung haben diese Unterscheidung aufgegriffen. Siehe insbesondere: RUPPEL 2006a, S. 48–50; NOLTE 2005, S. 64. 21 Zu den Problemen bei der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Emotionen siehe: A NTENHOFER 2007, S. 274–277. 22 SPIESS 1993, S. 477; HUFSCHMIDT 2001, S. 252. Siehe auch: BASTL 1999, S. 512–527. 17

1.2 Forschungsstand

17

spezifischen politischen und familiären Ausgangsbedingungen der Ernestiner herauszuarbeiten, widmet sich das zweite Kapitel den Ernestinern als Familienverband. Anschließend werden die rechtlichen und sozialen Ehenormen, die im Hinblick auf den Hochadel allgemein wie auch im Hinblick auf die Ernestiner insbesondere existierten, eingehend beleuchtet. Vor dem Hintergrund dieser normativen Folie wird im vierten Kapitel anhand von vier Ehebeispielen aus den ernestinischen Herzogshäusern diskutiert, wie Normen wahrgenommen und wie mit ihnen umgegangen wurde. Dieses Kapitel bildet somit den Kern der Analyse. Das abschließende fünfte Kapitel bündelt noch einmal die Erkenntnisse im Hinblick auf Gestaltungsspielräume und Handlungsmuster bestimmter Akteure. Konkret werden Ehemänner, Ehefrauen, der Familienverband, Angehörige des Hochadels außerhalb des Familienverbandes sowie nicht zum Hochadel gehörende Personen betrachtet. Hier werden die in den Fallbeispielen mikrohistorisch gewonnenen Erkenntnisse explizit mit der makrohistorischen Ebene verknüpft, um ein umfassendes Bild hochadeliger Ehepraxis zu zeichnen.

1.2 Forschungsstand Nahmen Untersuchungen zum Adel in den 1980er Jahren noch eine randständige Rolle ein, entstanden in den letzten Jahren eine Reihe von Studien zu adeliger Herrschaft, Adelsfamilien wie auch adeligen Lebensformen.23 Auch im Hinblick auf die Wettiner ist ein erfreulicher Anstieg an Forschungsarbeiten zu verzeichnen, nachdem sich die Geschichtswissenschaft in früheren Jahrzehnten hauptsächlich auf das Zeitalter August des Starken konzentrierte, und dies hauptsächlich in politikgeschichtlicher Perspektive.24 Ungeachtet des Aufschwungs der Adelsforschung steht die systematische Auseinandersetzung mit dem hohen Adel noch am Anfang. Konstatierte Silke Marburg hinsichtlich der Forschungsarbeiten zum deutschen Adel des 19. Jahrhunderts, dass der Hochadel stillschweigend unter „Adel“ subsumiert werde25, so trifft dies zweifelsohne auch für zahlreiche Studien zu, die sich mit den vorhergehenden Jahrhunderten beschäftigen.26 Zudem lassen sich innerhalb der Adelsforschung unterschiedliche methodische Schwerpunkte ausmachen: Während es das wesentliche Anliegen der sozialgeschichtlich orientierten Adelsforschung war und ist, die Mitglieder des Adels als politische Akteure sichtbar zu machen, nehmen kulturanthropologisch ausgerichtete Arbeiten kulturelle Muster und Ausdrucksformen, Selbst- und Fremdsichten, Identitäten und Emotionen, Beziehungsgeflechte, Handlungs- und Praxisfelder in den

23

Exemplarisch: ASCH 2008; LABOUVIE (Hg.) 2007; RUPPEL 2006a; NOLTE 2005. Als programmatisch erwies sich hier die bereits im Juni 1989 in Dresden veranstaltete wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Sachsen und die Wettiner. Chancen und Realitäten“. Siehe auch: HELD 1997, S. 13–30. 25 M ARBURG 2008, S. 24. 26 DEMEL 2005. 24

18

1. Einleitende Bemerkungen

Blick.27 Daran anknüpfend ist auch die vorliegende Untersuchung zur Ehepraxis der Ernestiner kulturgeschichtlich ausgerichtet. Dabei stießen adelige Ehen und Ehekonflikte von jeher auf ein breites Interesse der Öffentlichkeit und bilden selbst heute noch einen wesentlichen Bestandteil der medialen und populärwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Adelskultur. Auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung nehmen adelige Ehen einen breiten Raum ein, doch handelt es sich hierbei in erster Linie um standesgleiche Ehen. So existieren zahlreiche Studien, die sich mit der Ehe als dynastischem Instrument beschäftigen. Hier liegen nicht zuletzt für Herrschergeschlechter wie die der Habsburger und Wittelsbacher umfangreiche Studien vor.28 Im Hinblick auf die Wettiner und deren Familien- und Heiratspolitik in Mittelalter und Früher Neuzeit ist auf die Arbeiten von Jörg Rogge und Anne-Simone Knöfel zu verweisen.29 Zumeist richtet sich das Forschungsinteresse auf Strategien der Eheanbahnung und die mit einer adeligen Hochzeit verbundenen Rituale.30 Hauptsächlich konzentrieren sich die Untersuchungen auf die ökonomischen, rechtlichen und repräsentativen Aspekte der Eheverbindungen.31 In Arbeiten jüngeren Datums werden zunehmend auch Einblicke in den ehelichen Alltag gegeben.32 Zum protestantischen Hochadel liegt mit Stephanie Marras Arbeit zu den Grafen von Bentheim eine detailreiche Untersuchung vor, die sich auf das 16. und 17. Jahrhundert konzentriert.33 Zur Ehepraxis reichsfürstlicher Familienverbände wie der Ernestiner, die der Gegenstand dieses Buches sind, existieren bislang – trotz eines Anstiegs an Einzelfallstudien – keine umfassenden Arbeiten. Ebenso stehen systematische Untersuchungen zu Ehekonflikten, außerehelichen Beziehungen, Trennungen und Scheidungen im Adel nach wie vor aus. Diesbezügliche Impulse für die vorliegende Untersuchung konnten allerdings aus Forschungsarbeiten zu Ehedifferenzen in nichtadeligen Bevölkerungsgruppen gewonnen werden.34 Dabei kommt insbesondere Alexandra Lutz der Verdienst zu, eheliche Konflikte verstärkt auf ihre emotionale Qualität hin untersucht zu haben.35

27

LILIENTHAL 2007; LABOUVIE (Hg.) 2007; NOLTE 2005; Dies. 2004a, S. 45–92; Dies. 2004b, S. 75– 88; HUFSCHMIDT 2001. Für das Themenfeld Familie und Verwandtschaft im Adel sei insbesondere auf die Arbeiten von Cordula NOLTE, Ebba SEVERIDT und Karl-Heinz SPIESS verwiesen. Indem diese Arbeiten unterschiedliche Forschungsansätze wie die Historische Familienforschung, die Historische Anthropologie und die Geschlechtergeschichte verknüpfen, liefern sie auch wichtige Impulse für die vorliegende Studie. 28 BASTL 1996b, S. 75–90; KOHLER 1994, S. 461–482; VACHA (Hg.) 1992; INSTITUT FÜR BAYERISCHE GESCHICHTE (Hg.) 1981. 29 ROGGE 2005; Ders. 2002a; K NÖFEL 2009. 30 SCHÖNPFLUG 2009; R AHN 2005; BASTL 1997a, S.751–764. 31 Stellvertretend: BASTL 1997a, S.751–764; HILLENBRAND 1996; OBERHAMMER 1990, S.182–203. 32 ESSEGERN 2007; M ARRA 2007; IFFERT 2007, S. 95–120. Siehe ebenfalls: OSSWALD -BARGENDE 2000. 33 M ARRA 2007. 34 LUTZ 2006; BECK 1992, S. 137–212. 35 LUTZ 2006, insbesondere S. 192–196.

1.2 Forschungsstand

19

Im Hinblick auf standesungleiche Ehen ist festzuhalten, dass hier zahlreiche Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert beziehungsweise aus dem beginnenden 20. Jahrhundert vorliegen. Diese Untersuchungen beschäftigen sich aber überwiegend aus juristischer Perspektive mit diesen Ehen.36 Selbst die neueren Forschungsarbeiten thematisieren vorwiegend die juristische Auseinandersetzung mit standesungleichen Ehen und liefern in dieser Hinsicht einschlägige Informationen.37 Eine positive Ausnahme stellen die Arbeiten von Michael Sikora – und hier insbesondere seine bislang unpublizierte Habilitationsschrift aus dem Jahr 2004 – dar, die sich explizit mit dem Problem standesungleicher Heiraten im deutschen Hochadel der Frühen Neuzeit beschäftigen und Einblicke in die mentalitäts- und geschlechtergeschichtliche Dimension dieser Ehen geben.38 Die erwähnten Werke jüngeren Datums liefern wichtige Impulse für die Untersuchung hochadeliger Ehepraxis, doch gibt es nach wie vor Aspekte, die bislang nur marginal Berücksichtigung fanden. Hierzu gehört das komplexe Verhältnis von Emotionen und Interessen.39 Ebenso werden familiäre Beziehungsgeflechte und ihre Bedeutung für die hochadelige Ehepraxis nur am Rande thematisiert.40 Auch hinsichtlich der Rolle und Selbstwahrnehmung der Geliebten hochadeliger Männer, der unebenbürtigen Ehefrauen oder der aus außerehelichen Beziehungen wie auch standesungleichen Ehen hervorgegangenen Kinder fehlen Forschungen bislang fast völlig. Dabei sind viele dieser Frauen und Kinder namentlich bekannt, so dass sie ohne weiteres in Untersuchungen einbezogen werden können. Die oftmals fragmentarische Quellenüberlieferung führt allerdings dazu, dass eine historische Annäherung an diese Akteure, ihre Handlungsspielräume und Verhaltensmuster, nur in bescheidenem Maße möglich ist. Was bisher für den Forschungsstand in Bezug auf die Untersuchung hochadeliger Ehen insgesamt konstatiert wurde, gilt für die im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehenden ernestinischen Fürstenhäuser im Besonderen. Zwar erfreuen sich die Wettiner im Ganzen großer Beliebtheit in der Forschung, doch bei genauerer Betrachtung ist es zumeist die vermeintlich bedeutendere albertinische Kurlinie beziehungsweise das Königshaus und seine Mitglieder, die im Fokus der Untersuchungen stehen.41 Demgegenüber wurde die Geschichte der 36 Stellvertretend für die Fülle an Literatur: A BT 1911; DALCHOW 1905; LOENING 1899; K LEIN 1897; ZOEPFL 1853. 37 WILLOWEIT 2004; MUTH 1989; KÜHN 1968. 38 SIKORA 2007; Ders. 2005; Ders. 2004; Ders. 2003. 39 So forderte Andreas BIHRER in seinem Forschungsüberblick zur Hof- und Residenzenforschung ein, verstärkt auch Themen wie Gefühle und Emotionen aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Siehe: BIHRER 2008, S. 263. 40 Anders stellt sich die Situation für das Mittelalter dar. Hier liegen mit den Arbeiten von Cordula NOLTE, Ebba SEVERIDT und Karl-Heinz SPIESS grundlegende Studien vor. Siehe: NOLTE 2005; SEVERIDT 1998; SPIESS 1993. 41 M ARBURG 2008; K ROLL 2007: ROGGE 2005. Auch geschlechtergeschichtliche Aspekte finden zunehmend Berücksichtigung in den Forschungen zu den Albertinern. Exemplarisch hierfür: ESSEGERN 2009; Dies. 2007; K ELLER 2000, S. 263–285.

20

1. Einleitende Bemerkungen

ernestinischen Fürstenhäuser viele Jahre vernachlässigt. Erst in jüngerer Zeit wurden die ernestinischen Fürstenhäuser und ihre Mitglieder im Rahmen der Territorial- und Herrschaftsgeschichte eingehender beleuchtet. Dabei liegen die Schwerpunkte der Forschung bei den regierenden Fürsten42 und der Residenzkultur.43 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Arbeit von August Wilhelm Müller aus dem Jahr 1862 (sic!), die sich mit den „Stammmüttern des Hauses Sachsen Ernestinischer Linie“ beschäftigt, allerdings noch auf der biographischen Ebene verhaftet bleibt.44 Zwar forderte Karlheinz Blaschke bereits im Jahr 1990 programmatisch, dass den Frauen der Wettiner vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken sei, da sie es wären, die den Fortbestand der Dynastie gewährleistet hätten.45 Doch geht die Berücksichtigung weiblicher Mitglieder des ernestinischen Familienverbandes über wenige Einzelstudien nicht hinaus.46 Hervorzuheben ist an dieser Stelle der Sonderforschungsbereich 482 „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der mehrere Studien zu den Ernestinern hervorgebracht und sich dabei auch geschlechtergeschichtlichen Aspekten gewidmet hat.47 Mit Blick auf die weiblichen wie auch männlichen Akteure in den von mir untersuchten Fallbeispielen existieren bislang noch zahlreiche Forschungsdesiderate. Dies trifft insbesondere auf das Herzogshaus Sachsen-Jena zu. Vor dem Hintergrund des hier skizzierten Forschungsstands stellt die vorliegende Studie einen Beitrag zur Schließung der existierenden Forschungslücken vor allem im Hinblick auf die Ernestiner, aber auch hinsichtlich der hochadeligen Ehepraxis allgemein, dar.

1.3 Quellenüberlieferung Die Quellenbasis für die vorliegende Untersuchung bilden im Wesentlichen Bestände des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar sowie des Thüringischen Staatsarchivs Meiningen. In Weimar befinden sich unter anderem die Urkundenund Aktenbestände der ernestinischen Häuser Sachsen-Jena, Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach. Die für die Studie relevanten Quellen gehören zu den Beständen „Fürstenhaus Weimar“ (Weimarer Archiv), dem „Grossherzoglich Sächsischen Hausarchiv“ sowie dem „Eisenacher Archiv Fürstliches Haus“. Vor allem der Teilbestand „Fürstenhaus“ aus dem Bestand „Fürstenhaus Weimar“ erwies sich als bedeutsam. Darin enthalten sind Abschriften juristischer Dokumente, aber auch Korrespondenzen von Mitgliedern der Weimarer Fürstenfamilie. Hier 42

K LINGER 2002; JACOBSEN/RUGE (Hg.) 2002; IGNASIAK (Hg.) 1994. SCHEURMANN/FRANK (Hg.) 2004; JACOBSEN (Hg.) 1999. 44 MÜLLER 1862. 45 BLASCHKE 1990, S. 43. 46 ERCK /SCHNEIDER 2005; BERGER 2003. 47 FRINDTE/WESTPHAL (Hg.) 2005. Hier sei insbesondere auf den Beitrag von Joachim BERGER zu Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach sowie auf den Beitrag von Bärbel R ASCHKE zu Luise Dorothea von Sachsen-Gotha verwiesen. 43

1.3 Quellenüberlieferung

21

sei insbesondere auf die Korrespondenz Herzog Bernhards von Sachsen-Jena mit seiner unebenbürtigen Ehefrau Maria Elisabeth von Kospoth (†1716) hingewiesen, die im Rahmen dieser Studie erstmals Berücksichtigung in der Forschung findet. Im Hinblick auf das Thüringische Staatsarchiv Meiningen und die dort untergebrachten Archivalien des Herzogshauses Sachsen-Meiningen sind insbesondere die Bestände des „Geheimen Archivs Meiningen“48 von Bedeutung für die vorliegende Untersuchung. Seit dem 18. Jahrhundert bestand für das Herzogtum Sachsen-Meiningen ein „Geheimes (Kanzlei-)Archiv“, in dem nach 1850 auch Archivalien der herzoglichen Familie aufbewahrt wurden. Bis zum Ende des Deutschen Kaiserreiches wurde das „Geheime Archiv“ als „Herzogliches Geheimes Hauptarchiv“ geführt. Nach Gründung des Freistaates Thüringen gingen die Bestände in das Thüringische Staatsarchiv Meiningen über. Bei den in Weimar und Meiningen befindlichen und im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ausgewerteten Quellen handelt es sich hauptsächlich um Briefe, Urkunden und Prozessakten. Ferner gehören hierzu Diarien, Rechnungen, Inventarlisten und Zeitungsartikel. Neben den bereits erwähnten Beständen wurden im Rahmen der Studie auch einzelne Akten aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden, dem Bayerischen Staatsarchiv Bamberg, dem Hessischen Staatsarchiv Marburg und dem Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel ausgewertet. Insbesondere die in Bamberg befindlichen Quellen sind hervorzuheben, da es sich hierbei um eine einzelne, offenbar unsystematisch zusammengestellte Akte zu Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (1687–1763) handelt. Die Akte beinhaltet zum einen Abschriften aus dem Meininger Staatsarchiv, die im Jahr 1846 angefertigt wurden. Zum anderen befinden sich in der Akte Originale, die in den Jahren 1849 und 1850 vom Staatsarchiv Bamberg bei Antiquariaten und Händlern angekauft wurden. Über die genauen Umstände und Gründe, die zum Anlegen dieser Akte führten, ist allerdings nichts bekannt. Unter den in Bamberg verwahrten Korrespondenzen befinden sich auch Briefe von Bernhard Ernst (1716–1778), dem ältesten Sohn Herzog Anton Ulrichs aus dessen erster Ehe mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar (1686–1744), an seinen Vater Anton Ulrich. Die Briefe stammen aus den Jahren 1737–1751 und sind für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung, da sie Einblicke in den Alltag und das Selbstverständnis eines aus einer standesungleichen Ehe hervorgegangenen Kindes gewähren. Doch sind die Briefe nicht nur unter qualitativen Gesichtspunkten bedeutsam, sondern auch unter dem Aspekt, dass verhältnismäßig wenige Briefe von Bernhard Ernst und seinen Geschwistern überhaupt überliefert sind. Ergänzend zu dem Archivgut wurden edierte Quellen herangezogen. Auch wenn Quelleneditionen für die Ernestiner insgesamt ein Desiderat darstellen, so gibt es hier zumindest eine nennenswerte und im Hinblick auf kulturanthropo48

Daneben existiert das „Geheime Archiv Henneberg“, dessen Bestände ebenfalls im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen untergebracht sind.

22

1. Einleitende Bemerkungen

logische Fragestellungen ergiebige Ausnahme: Die von Roswitha Jacobsen und Juliane Brandsch edierten Tagebücher Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha und Altenburg (1646–1691).49 In diesen Tagebüchern werden zwar nur zwei der in der vorliegenden Studie analysierten Ehen thematisiert und die Ehekonflikte bleiben gänzlich unerwähnt, doch stellt allein schon diese Tatsache einen Befund dar, der Rückschlüsse auf die Wahrnehmung dieser Ehekonflikte zulässt.50 Darüber hinaus geben die Tagebücher aus Sicht des Gothaer Herzogs Einblicke in die familiäre Konstellation und Interaktion.51 Wo es die Überlieferungssituation zuließ, wurde auch auf Selbstzeugnisse von Personen, die nicht zum ernestinischen Familienverband gehörten, zurückgegriffen. Dies trifft beispielsweise auf die von P. Henri Griffet herausgegebenen Memoiren von Henri-Charles de la Trémoїlle (1620–1672), dem Bruder der Herzogin Marie-Charlotte von SachsenJena, ebenso wie auf die von Reinhard Mosen ins Deutsche übersetzten und herausgegebenen Memoiren der Charlotte-Amelie de la Trémoїlle (1652–1732), der Nichte Marie-Charlottes von Sachsen-Jena, zu.52 In beiden – allerdings quellenunkritischen – Editionen finden sich zwar keine Hinweise auf den Ehekonflikt zwischen Herzogin Marie-Charlotte und Herzog Bernhard von Sachsen-Jena, doch sind den Memoiren zahlreiche Informationen über das familiäre und politische Umfeld zu entnehmen, die aber einer kritischen Betrachtung und Kontextualisierung bedürfen. Vereinzelt wurden Quellen auch in der Sekundärliteratur publiziert. Für die vorliegende Untersuchung aufschlussreich sind die Publikationen Wolf Otto von Tümplings aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der die Geschichte seiner Familie nachzeichnete und ergänzend hierzu Urkunden beigefügt hat.53 Zu dieser Familiengeschichte gehört die bigamistische Ehe Herzog Bernhards von Sachsen-Jena mit Maria Elisabeth von Kospoth, denn aus dieser Beziehung ging Emilie von Kospoth (1674–1706) hervor, die 1692 Otto Wilhelm von Tümpling (1660–1730) heiratete. Da Quellen zur Ehe Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth in den Archiven nur fragmentarisch überliefert sind, bieten die von Tümpling gesammelten Urkunden hier eine wertvolle Ergänzung.

49

JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 1998–2003. Anhand der äußeren wie auch inneren Gestalt der Tagebücher kamen Roswitha JACOBSEN und Juliane BRANDSCH zu dem Schluss, dass die Tagebücher nicht zu repräsentativen Zwecken dienten. So enthalten die Tagebücher Herzog Friedrichs I. äußerst kritische Bemerkungen über Angehörige des Familienverbandes und insbesondere über den eigenen Vater Herzog Ernst. Siehe: JACOBSEN/ BRANDSCH (Hg.) 1998, Bd. 1, S. 34. Aus meiner Sicht spricht gerade die Tatsache, dass die ehelichen Differenzen nicht thematisiert wurden, dafür, dass Herzog Friedrich I. eine Rezeption seiner Tagebücher durch Dritte als wahrscheinlich erachtete. 51 Bei den edierten Tagebüchern handelt es sich um Originale, die von Herzog Friedrich I. nicht nachbearbeitet wurden. Zur Editionsgeschichte siehe: JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 1998, Bd. 1, S. 33–38. Zur Edition von frühneuzeitlichen Tagebüchern allgemein siehe: MEISE 1995, S. 27–37. 52 GRIFFET (Hg.) 1767; MOSEN (Hg.) 1892. 53 TÜMPLING 1864. 50

1.3 Quellenüberlieferung

23

Die geschilderte Quellenüberlieferung ist in ihrer Struktur wie auch in ihrer inhaltlichen Zusammensetzung heterogen. Für die einzelnen Fallbeispiele sind im Hinblick auf die Quellenlage große Unterschiede auszumachen. Während für die Ehe und Scheidung Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar (1662–1728) mit Charlotte Marie von Sachsen-Jena (1669–1703) sowie für die standesungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen mit Philippine Elisabeth Cäsar auf eine Fülle an Quellenmaterial zurückgegriffen werden kann, liegt für die Ehen Herzog Bernhards von Sachsen-Jena und Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar (1688–1748) – abgesehen von seriellen Quellen wie Heiratsverträgen – ungleich weniger Quellenmaterial vor. Die quantitativ wie qualitativ sehr unterschiedliche Quellenüberlieferung bedingte oftmals eine intensive textimmanente Arbeit. Den Schwerpunkt des untersuchten Quellenmaterials bilden die Korrespondenzen der fürstlichen Familienmitglieder. Daher sei es an dieser Stelle auch gestattet, etwas ausführlicher auf diese Quellengattung einzugehen, zumal es sich um eine Quellengattung handelt, die von der Geschichtswissenschaft lange Zeit ignoriert wurde. Erst mit der Hinwendung zu kulturgeschichtlichen Fragestellungen wurden Briefe als Quelle zunehmend rezipiert. Einhergehend mit dem Aufschwung der Briefforschung haben Korrespondenzen als Quelle auch mehrfach Anlass zu kontroversen Diskussionen gegeben. Insbesondere das Spannungsfeld zwischen öffentlichem und privatem Charakter der Briefe stand im Zentrum der Diskussion.54 Vor dem Hintergrund, dass die höfische Sphäre der Frühen Neuzeit eine Trennung von Privatem und Öffentlichem nicht kannte, ist auch eine Unterscheidung von „Privatbriefen“ und „öffentlichen Briefen“ nicht möglich. Selbst die Formelhaftigkeit frühneuzeitlicher Briefe stellt kein Indiz für das vermeintliche Fehlen des ,Privaten‘ dar.55 Dennoch gilt es dieser Formelhaftigkeit eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. So lassen sich beispielsweise anhand der Anredepraxis Aussagen über Beziehungsnetze treffen.56 Neben den konventionellen Stilelementen sind auch individuelle Stilelemente zu berücksichtigen, ebenso wie die äußeren Merkmale der Briefe. Hier sei insbesondere auf den Beschreibstoff, die Schreibart und -mittel sowie den Schriftspiegel und die Textgliederung verwiesen.57 Da Briefe stärker als Urkunden und Akten in den unmittelbaren Kommunikationskontext eingebunden sind, stellen sie für die vorliegende Untersuchung und für die Frage nach Kommunikationssituationen und -zusammenhängen eine ergiebige Quellengattung dar. Auch im Hinblick auf die Intensität von Beziehungen und auf Fragen nach Emotionalität können Briefe wichtige

54

Siehe: A NTENHOFER 2007, S. 215–216; RUPPEL 2006b, S. 67–82; FOUQUET 2002, S. 172–173; NOLTE 2000a, S. 185–186; ROGGE 2000, S. 205. 55 RUPPEL 2006b, S. 80; FOUQUET 2002, S. 173. 56 Zur Formelhaftigkeit und den Stilprinzipien frühneuzeitlicher Briefe siehe: FURGER 2010; H ÄMMERLE/SAURER 2003, S. 21; VELLUSIG 2000; KORDING 1996, S. 27–45; A NTON 1995; NICKISCH 1969. 57 BASTL 2009, S. 308.

24

1. Einleitende Bemerkungen

Anhaltspunkte liefern. Wie Cordula Nolte zeigen konnte, zeugen insbesondere die von Frauen geschriebenen Briefe von emotionaler Tiefe, was dieser Quellengruppe einen besonderen Wert verleiht.58 Hinsichtlich des in der Forschung geäußerten Vorbehaltes, dass frühneuzeitliche Briefe in ihrer Formelhaftigkeit Emotionen nur sehr stilisiert wiedergeben59, kann entgegnet werden, dass Emotionen gerade dann deutlich werden, wenn von der Formelhaftigkeit abgewichen wird.60 Doch nicht nur im Hinblick auf die Erforschung zwischenmenschliche Beziehungen erweisen sich Korrespondenzen als geeignete Quellenbasis, sondern auch wenn es darum geht, die Wertvorstellungen und Idealbilder der Akteure aufzudecken. Daher sind die untersuchten Briefe auch bei der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Ehenormen von entscheidender Bedeutung. Die für die vorliegende Studie herangezogenen Briefe ließen sich in den genannten Archiven relativ leicht erheben, da sie in Personalreposituren zusammengefasst sind. Allerdings handelte es sich bei den nach Personen geordneten Korrespondenzen sowohl um eingehende als auch um ausgehende Briefe. Zudem wurden die Korrespondenzen innerhalb der jeweiligen personalen Teilbestände unsystematisch, das heißt chronologisch nicht oder nur ansatzweise geordnet, zusammengefasst. Dies betraf insbesondere die Bestände für das Haus SachsenMeiningen. Die Analyse und Auswertung gestaltete sich teilweise sehr schwierig, da partielle Verschlüsselungen und Geheimsprachen aufgrund fehlender Decodierschlüssel nicht aufgelöst werden konnten. Daneben war die Analyse der Briefe besonders problematisch, wenn es sich um Autographen handelte und das individuelle Schriftbild bei der Transkription oftmals hinderlich war.61 Vor allem aber sind nur in den wenigsten Fällen komplette Briefwechsel erhalten geblieben. Beispielsweise ist ein Großteil der Briefe Philippine Elisabeth Cäsars an ihren Ehemann Anton Ulrich überliefert, aber die Gegenkorrespondenz fehlt fast vollständig. Somit erschwerte die lückenhafte Überlieferung der Briefe die Rekonstruktion und gewährte häufig nur einen eingeschränkten Blick auf die untersuchten Aspekte und nicht zuletzt auf die Qualität verwandtschaftlicher Beziehungsnetze.62 Darüber hinaus ist bei den in dieser Arbeit untersuchten Ehekonflikten zu beklagen, dass Korrespondenzen systematisch vernichtet wurden. Bei den untersuchten Korrespondenzen handelt es sich sowohl um Konzepte als auch um fertige Briefe. Da in der Regel jedem Brief ein Konzept vorausging, ermöglicht die Gegenüberstellung von Konzept und Brief – sofern beides 58

NOLTE 2000a, S. 197. BRÄNDLE/GREYERZ/HEILIGENSETZER 2001, S. 12. 60 Für die Frühe Neuzeit konnte Sophie RUPPEL anhand von Geschwisterkorrespondenzen aus dem pfälzischen, dem hannoverschen und dem brandenburgischen Kurhaus zeigen, dass sich Emotionalität in der Verwendung von Begrifflichkeiten wie auch in der Abweichung von barocker Formelhaftigkeit äußert. Siehe: RUPPEL 2006a, insbesondere S. 53–56; Dies. 2006b, S. 80. Ergänzend siehe auch: ROGGE 2000, S. 233. 61 Zu Besonderheiten von Autographen siehe: NOLTE 2000a, insbesondere S. 177–180. 62 Zu den arbeitstechnischen Einschränkungen bei der Auswertung von Korrespondenzen siehe auch: RUPPEL 2006a, S. 35–38.

59

1.3 Quellenüberlieferung

25

überliefert wurde – etwaigen Veränderungen nachzugehen. Dementsprechende Befunde werden in den Anmerkungen ausgewiesen. Ebenso wird in den Anmerkungen darauf hingewiesen, ob es sich um die Originalkorrespondenz oder um Abschriften handelt. Diese Differenzierung betrifft auch die übrigen Quellengruppen. Neben den Korrespondenzen nehmen Urkunden und Akten einen breiten Raum innerhalb der Quellenbasis dieser Studie ein. Zu den Urkunden gehören insbesondere die Heiratsabredungen und -verträge. Da Eheverträge aus mehreren Elementen bestehen, sind neben der Haupturkunde auch so genannte Nebenurkunden zu berücksichtigen. Hierzu sind der Erbverzicht der Ehefrau, ferner auch Inventar- und Aussteuerlisten, Morgengabs- und Wittumsverschreibungen wie auch Quittungen über erhaltene Geldbeträge zu rechnen. Darüber hinaus sind für die vorliegende Studie nicht zuletzt Testamente und Erbverordnungen von Belang, da sie unter anderem normative Bestimmungen und Vorgaben zur Ehepartnerwahl enthalten. Des Weiteren werden unter Urkunden auch kaiserliche Diplome (Standeserhöhungsdiplome) und Beschlüsse des Reichshofrats subsumiert. Demgegenüber zählt zu den Akten insbesondere das im Zusammenhang mit den juristischen Auseinandersetzungen entstandene Schriftgut. Hier sind exemplarisch die im Rahmen des Ehekonflikts zwischen Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und seiner Frau Charlotte Marie angefertigten Scheidungsakten und Verhör protokolle zu nennen. Dabei handelt es sich bei Scheidungsakten um eine Quellengattung, die bislang kaum von der Geschichtswissenschaft genutzt wurde.63 Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass derartige Quellen mehr noch als andere Quellengattungen weniger die realen Geschehnisse und die persönlichen Wahrnehmungen der betroffenen Personen als vielmehr bloße Argumentationsstrategien wiedergeben.64 Doch kann dieses Defizit durch die Hinzunahme weiterer Quellen und eine entsprechende Kontextualisierung ausgeglichen werden. Der Transkription der im Text verwendeten Quellenzitate liegen die „Empfehlungen zur Edition frühneuzeitlicher Texte“65 des gleichnamigen Arbeitskreises zugrunde. Die in den frühneuzeitlichen Quellen anzutreffende Uneinheitlichkeit in der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie die Zeichensetzung wurden modernisiert. Die im Text erscheinenden Zitate sind mit Anführungszeichen versehen. Anmerkungen, Übersetzungen und Zusätze der Verfasserin wurden jeweils in eckige Klammern gesetzt.

63

BLASIUS 1992. Zur Quellendiskussion siehe: WERKSTETTER 2008, S. 212. 65 Die 1980 veröffentlichten „Empfehlungen zur Edition frühneuzeitlicher Texte“ befinden sich in aktualisierter Form auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e. V., siehe URL: http://www.ahfmuenchen.de/Arbeitskreise/empfehlungen.shtml. 64

2. Die Ernestiner als Familienverband Um die Ehe als Angelegenheit des Familienverbandes zu untersuchen, ist es wichtig, den Familienverband als solches genauer zu betrachten. Spätestens hier stellt sich allerdings die Frage, was überhaupt unter Familie in der Frühen Neuzeit zu verstehen ist, zumal der Begriff erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts Eingang in die deutsche Alltagssprache fand.1 Daher gilt es zunächst, nach den zeitgenössischen, frühneuzeitlichen Bezeichnungen für verwandtschaftliche Strukturen im Hochadel zu fragen.

2.1 Von der Familie zum Familienverband – eine semantische Annäherung Von zentraler Bedeutung bei der Beschreibung verwandtschaftlicher Strukturen in der Frühen Neuzeit ist weniger der Begriff ‚Familie‘, sondern vielmehr der Begriff ‚Haus‘. Dieser findet bei Quellen sowohl adeliger Provenienz als auch solchen, die den Adel betreffen, Verwendung. Dies trifft auch für diejenigen Quellen zu, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ausgewertet wurden. So heißt es beispielsweise in den Korrespondenzen „unser fürstliches Haus“ und in offiziellen Dokumenten „dem Chur= und fürstl. Hause Sachsen“. Als Selbstbezeichnung ist der Hausbegriff bei den Wettinern erst relativ spät belegt. Im Gegensatz zu anderen Geschlechtern wie den Wittelsbachern und den Habsburgern, die den Hausbegriff bereits seit dem 14. Jahrhundert benutzten, taucht der Begriff „Haus Sachsen“ erst in den Jahren 1485/86 in den Korrespondenzen von Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht auf.2 Bemerkenswert ist dabei, dass als Selbstbezeichnung „Haus Sachsen“ und nicht „Haus Wettin“ Verwendung fand, wie auch die Wettiner übergreifend mit diesem Begriff angesprochen wurden. Die einzelnen Teillinien bezeichneten sich dabei als eigenständige „Häuser“, jedoch wird immer wieder Bezug zum „Gesamthaus“ genommen. Das adelige Haus steht aber nicht nur für eine durch verwandtschaftliche Beziehungen begründete Einheit, sondern auch Herrschaftsbeziehungen und wirtschaftliche Aufgaben spielen eine zentrale Rolle.3 Der Gebrauch des Hausbegriffs als terminus technicus ist allerdings problembehaftet. Zwar ist dieser Begriff seit Otto Brunners Konzept des „Ganzen Hauses“4 in der Wissenschaft fest etabliert und zahlreichen Studien zugrunde ge1

GESTRICH 2006, Sp. 792. ROGGE 2002a, S. 372–373. 3 ASCH 2008, S. 99. 4 BRUNNER verwendet den Begriff „Ganzes Haus“ als Bezeichnung für einen im Haus lebenden Personenverband, der aus der Kernfamilie und allen an der Hauswirtschaft Beteiligten besteht. Kennzeichnend für diesen Personenverband sind die subsistenzwirtschaftliche Arbeits- und 2

2.1 Von der Familie zum Familienverband – eine semantische Annäherung

27

legt worden, das brunnersche Konzept ist aber auch immer wieder kritisiert und relativiert worden.5 In Anlehnung an die Kritik am Konzept des „Ganzen Hauses“ hat sich in der historischen Forschung ein neues Verständnis des Hausbegriffs herausgebildet: Neben die Bedeutung des Hauses als Herrschaftsmittelpunkt, der auch wirtschaftliche Funktionen hatte, tritt das Haus als normative Denkform, die das Handeln der Menschen prägte. Als solches ist es auch elementar für das adelige Selbstverständnis.6 Die Bedeutung des Hauses für das adelige Selbstverständnis kommt insbesondere bei symbolischen Praktiken, die das Wissen um Herkunft und Zugehörigkeit vermitteln, zum Ausdruck. In diesem Kontext erscheint ‚das Haus‘ als Gemeinschaft der lebenden, toten und der zukünftigen Angehörigen eines Geschlechts. Mit der Zugehörigkeit zum Haus wurde die Stellung des Individuums innerhalb der Adelsgesellschaft deter miniert und damit auch der Zugang zu materiellen, kulturellen und nicht zuletzt symbolischen Ressourcen. Schließlich entschied die Zugehörigkeit zum ‚Haus‘ über Karrierewege und Heiratskreise und beeinflusste damit den Lebensweg entscheidend.7 Vor diesem Hintergrund, aber auch aufgrund der Tatsache, dass der zeitliche Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung im 17. Jahrhundert liegt, ist der Begriff ‚Haus‘ – als zeitgenössische Begrifflichkeit – von zentraler Bedeutung für die vorliegende Untersuchung. Seit dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff des Hauses zunehmend durch die Vokabel ‚Familie‘ abgelöst.8 Während Familie heute im Allgemeinen für die kernfamiliale Einheit eines Elternpaares mit Kind(ern) steht9, umfasst der frühneuzeitliche Familienbegriff in der Regel nicht nur Blutsverwandte, sondern vielmehr die gesamte Haus- und Wirtschaftseinheit und schließt neben Eltern und Kind(ern) weitere Personen mit ein. In Zedlers Universal-Lexikon aus dem Jahre 1735 findet sich unter dem Stichwort ‚Familia‘ folgende Beschreibung: „das Geschlechte, oder Stamm, die Kinder und bedeutet 1) alle die Bluts=Freunde [...], einerley Name, Schild und Helm führen, 2) Weib, Kinder, Hausgesinde, Knecht und Mägde, und in dem verstand heist pater familias der Hauß=Vater, 3) die

Lebensweise, die Einheit von Produktion und Konsumtion sowie die absolute patriarchale Herrschaft durch den Hausherrn. Siehe: BRUNNER 1968, S. 103–127. 5 So wies Sophie RUPPEL darauf hin, dass der Begriff des „Ganzen Hauses“ und das damit assoziierte „Unter-einem-Dach-Wohnen“ insbesondere für den Hochadel keineswegs zutreffen, da hier in der Regel alle Geschwister den Heimathof verlassen. Siehe RUPPEL 2006a, S. 63; siehe auch: GROEBNER 1995, S. 69–80; OPITZ 1994, S. 88–98; TROSSBACH 1993, S. 277–314; R ICHARZ 1991, S. 269–279. 6 MUTSCHLER 2005, S. 199. 7 MUTSCHLER 2005, S. 199–200; siehe auch: M AUERER 2001. 8 Analog zur Vokabel „Familie“ haben sich auch zahlreiche kernfamiliale Bezeichnungen erst im Verlauf der Frühen Neuzeit im deutschen Sprachgebrauch etabliert. Exemplarisch hierfür stehen die aus dem Französischen stammenden und nicht lineare Verwandtschaftsbeziehungen ausdrückende Vokabeln wie Tante, Onkel, Neffe und Nichte. Sie sind im deutschen Sprachraum erst seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar. Siehe hierzu: GOODY 1989, S. 277. 9 GESTRICH /K RAUSE/MITTERAUER 2003, S. 6; MITTERAUER 2003, S. 35–52.

28

2. Die Ernestiner als Familienverband

Erbschafft [...]“10. Dieses umfassende Verständnis von Familie, das über den modernen Familienbegriff hinausgeht, hat zum synonymen Gebrauch der Begriffe ‚Familie‘ und ‚Haus‘ im 18. Jahrhundert geführt. Dennoch existieren bereits für das 18. Jahrhundert Quellen, in denen der Familienbegriff im heutigen, engeren Sinn gebraucht wird und die damit das Vorhandensein eines zeitgenössischen Verständnisses von Kernfamilie belegen.11 Beispielsweise lassen sich in den Briefen Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen Äußerungen finden, die auf ein derartiges Verständnis von Familie als Kernfamilie hindeuten: In einem Brief vom 23. August 1718 schreibt er von „ma famille“ und fügt dann erläuternd „mon Epouse et mes Enfants“12 hinzu. Somit verwendet Herzog Anton Ulrich den Begriff Familie – entgegen dem zedlerschen Verständnis – im Sinne der heutigen Zweigenerationenfamilie. Dass es sich bei der Formulierung im Brief des Herzogs Anton Ulrich nicht um einen Einzelfall handelt, zeigen mehrere Briefe seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie (1681–1766), in denen sich ebenfalls derartige Formulierungen finden lassen.13 Angesichts der unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs ‚Familie‘ ist keine klare Definition von Familie in der Frühen Neuzeit auszumachen. Vielmehr erweisen sich die Grenzen der Familie als durchlässig und flexibel.14 Dieser Eindruck wird durch den Gebrauch kernfamilialer Bezeichnungen in der Frühen Neuzeit verstärkt: Insbesondere der Hochadel bediente sich eines Bezeichnungssystems, bei dem auch für Personen außerhalb der Kernfamilie verwandtschaftliche Bezeichnungen wie etwa Vater, Mutter oder Bruder und Schwester gebraucht wurden.15 Neben den Begriffen ‚Familie‘ und ‚Haus‘ wird in der historischen Forschung der Begriff ‚Dynastie‘ zur Beschreibung verwandtschaftlicher Strukturen im frühneuzeitlichen Hochadel benutzt. Verglichen mit ‚Familie‘ und ‚Haus‘ steht der Begriff ‚Dynastie‘ für eine größere verwandtschaftliche Einheit. Wolfgang E. J. Weber bezeichnet sie sogar als „optimierte Erscheinungsform der Familie“16. Dabei handelt es sich auch hier um eine Begrifflichkeit, die in der Frühen Neuzeit eine andere Bedeutung hatte.17 Während Dynastie in der Gegenwart eine Sozial10

ZEDLER 1735, Bd. 9, Sp. 205. Zur Entwicklung und Bedeutung des Familienbegriffs siehe: SCHWAB 1972, S. 253–301; H ARRINGTON 2004, S. 356–363. 11 Für die Existenz eines vormodernen Verständnisses von Kernfamilie sprechen sich auch KarlHeinz SPIESS und Ebba SEVERIDT in ihren Arbeiten aus. Siehe: SPIESS 1993, S. 485–487; SEVERIDT 1998, S. 25. Demgegenüber betont GESTRICH, dass es erst im ausgehenden 18. Jahrhundert zur Abgrenzung der Kernfamilie gekommen wäre. Siehe: GESTRICH 2006, Sp. 792. 12 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 24. Mai 1720, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 11, fol. 8r–8v. 13 Exemplarisch hierfür siehe die Briefe der Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie an ihren Bruder Herzog Anton Ulrich vom 18. August 1715, vom 3. April 1719 und vom 21. April 1721, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T14. 14 Siehe hierzu auch: DAVIDOFF u. a. 2000, S. 381. 15 RUPPEL 2006a, S. 66–67. 16 WEBER 1998, S. 95. 17 In Zedlers Universal-Lexikon findet man unter dem Lemma „Dynastie“: „Dynastia, heist bey denen Alten eine Regierung, und Dynasta ein König. Bey denen Politicis heist es so viel als eine

2.1 Von der Familie zum Familienverband – eine semantische Annäherung

29

form bezeichnet und im wissenschaftlichen Kontext wertneutral verwendet wird, wurde der frühneuzeitliche Dynastiebegriff in erster Linie mit heidnischer Tyrannei in Verbindung gebracht und war negativ besetzt. Es erstaunt daher kaum, dass der Begriff in den frühneuzeitlichen Quellen nicht als Eigenbezeichnung hochadeliger Familienverbände zu finden ist. In der Geschichtswissenschaft fehlte lange eine konturierte Beschreibung des Dynastiebegriffs. Laut Wolfgang E. J. Weber zeichnet sich eine Dynastie „durch erhöhte Identität [...], ausdrücklich gemeinsam genutzten [...] Besitz [...], im Interesse ungeschmälerter Besitzweitergabe bzw. maximaler Besitzerweiterung bewußt gesteuerte Heirat und Vererbung sowie daher in der Regel gesteigerte Kontinuität [aus]“18. Wenn man sich wie Weber auf eine rechtliche Konstruktion von Dynastie, die primär auf die Besitzweitergabe abzielte, beschränkt, wird der Fokus nahezu ausschließlich auf die männliche Erbfolge und damit auf die Agnaten gerichtet. So merkte Heide Wunder in Bezugnahme auf das webersche Konzept zu Recht kritisch an, dass hier die vielfältigen Formen weiblicher Herrschaftsteilhabe vollkommen ausgeblendet werden. In Anlehnung an Heide Wunder wird im Folgenden die Dynastie der Wettiner nicht nur als agnatische Herrscherfolge verstanden, sondern auch als ein komplexes Beziehungsgeflecht und Handlungsfeld der jeweils gleichzeitig lebenden Agnaten und Agnatinnen, der Kognaten und Kognatinnen.19 Bezogen auf die vorliegende Untersuchung stellt sich jedoch die Frage, inwieweit hier der Dynastiebegriff Anwendung finden kann.20 Es dürfte unumstritten sein, den Dynastiebegriff auf die Wettiner oder auch auf die Ernestiner in ihrer Gesamtheit anzuwenden. Dynastie dient dabei als Äquivalent für den Familienverband, wobei eine Dynastie nicht nur die gegenwärtigen, sondern auch alle verstorbenen und künftigen Mitglieder männlichen und weiblichen Geschlechts umfasst. Im Hinblick auf die einzelnen ernestinischen Zweige erscheint es aber problematisch, hier von jeweils eigenständigen Dynastien zu sprechen. Dies ist auf die engen Verflechtungen dieser Zweige untereinander und nicht zuletzt auf die eine Dynastie kennzeichnende, aber bei den ernestinischen Teillinien oftmals fehlende Kontinuität zurückzuführen. Aus diesem Grunde wird der Dynastiebegriff im Folgenden ausschließlich für die Ernestiner insgesamt angewandt, die Oligarchia, welches ein verderbter Zustand der Aristokratie ist, da die vornehmsten, welche die höchste Gewalt haben, nicht nach der Richtschnur derer Gesetze, sondern ihren Eigennutzen die Regierung einrichten.“ (ZEDLER 1734, Bd. 7, Sp. 1685–1686). 18 WEBER 1998, S. 95. 19 WUNDER 2002, S. 18. Siehe auch: NOLTE 2001, S. 174–191; BLASCHKE 1990, S. 43. 20 Zur vorliegenden Problematik siehe: RUPPEL 2006a, S. 64. RUPPEL benutzt bei ihren Untersuchungen zu Geschwisterbeziehungen im Hochadel den Begriff der Kerndynastie, als analoge Form zur Kernfamilie. So einleuchtend wie diese Entscheidung für die Untersuchung Ruppels auch ist, so wenig geeignet ist diese Begrifflichkeit für die vorliegende Untersuchung. Wenn man davon ausgeht, dass die Ernestiner eine Dynastie darstellen, ist es problematisch, den Begriff ‚Kerndynastie‘ bei Mitgliedern der einzelnen Zweige Sachsen-Weimar, Sachsen-Jena oder Sachsen-Meiningen anzuwenden.

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2. Die Ernestiner als Familienverband

einzelnen Zweige wie Sachsen-Weimar, Sachsen-Jena oder auch Sachsen-Meiningen, die im Zentrum der Untersuchung stehen, werden als dynastische Teillinien betrachtet und als Häuser bezeichnet.

2.2 Individualität innerhalb des Familienverbandes Bedingt durch die Struktur der adeligen Familie, das Verwandtschaftsnetz des Hochadels sowie eine kaum vorhandene Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit in der Frühen Neuzeit wurde der Einzelne vollkommen anders in der Gemeinschaft verortet als es in der Moderne der Fall ist.21 Das Individuum in der Frühen Neuzeit kann nicht losgelöst von seinem sozialen Status betrachtet werden. Aber auch die innerfamiliäre Position, das Geschlecht und das Alter – um nur einige Bezugsgrößen zu nennen – sind hier von grundlegender Bedeutung. Diese Faktoren entschieden letztlich über die soziale Rolle, die das Individuum einnahm.22 Damit einher gingen vielfältige Interdependenzen zwischen Individuum und Familienverband, die sich auf die materielle wie auch immaterielle Ebene erstreckten. Das Individuum war im Wesentlichen auf das adelige Haus angewiesen und von ihm abhängig: Durch das Haus wurde die wirtschaftliche Existenz des Einzelnen geregelt, Lebenschancen wurden vorgegeben und erst durch die Zugehörigkeit zum Haus konnte das Individuum an der Standesehre partizipieren. Diese Abhängigkeit prägte das individuelle Handeln entscheidend, konnte sich mitunter aber auch als Zwang erweisen. Doch wurde in der Forschung zuletzt vermehrt darauf hingewiesen, dass die Erfahrung von Zwang und Abhängigkeit innerhalb des Hauses oder des Familienverbandes nicht losgelöst von der Erfahrung der Zugehörigkeit betrachtet werden kann.23 Die Familiendisziplin verlangte von den Angehörigen des Hauses, dass sie ihre Interessen denen des Hauses unterordneten. Dies führte oftmals zu Konflikten innerhalb des Hauses, denn die Unterordnung unterlag keinem Automatismus und erfolgte nicht immer widerstandslos. Demgegenüber gab es eine Art kollektiver ‚Haftung‘ des Hauses für diejenigen Mitglieder, deren Verhalten weniger diszipliniert war. Die Solidarität innerhalb des Familienverbandes stieß jedoch schnell an ihre Grenzen und insbesondere dann, wenn das Verhalten des Einzelnen die Familienehre gefährdete.24 Somit war nicht nur die einzelne Person vom Familienverband abhängig, sondern das Prestige und die Existenz des Familienverbandes hingen auch vom Zusammenhalt der einzelnen Mitglieder ab. Vor dem Hintergrund dieser Verflechtung

21

RUPPEL 2006a, S. 82. Demnach bezieht sich der Begriff ‚Rolle‘ hier nicht nur auf äußere Verhaltenserwartungen, die an das Individuum gerichtet werden, sondern auch auf die aktive Gestaltung einer sozialen Rolle durch den Rolleninhaber. Zu den verwandtschaftlichen Rollen siehe ausführlich: NOLTE 2005, S. 57–67. 23 NOLTE 2005, S. 57. 24 ASCH 2008, S. 112. 22

2.2 Individualität innerhalb des Familienverbandes

31

wird deutlich, dass sich Individuum und Familienverband nicht als zwei verschiedene Systeme dichotomisch gegenüberstehen und auch nicht von einander abgrenzbar sind. Damit sich die einzelne Person im Sinne des Hauses verhielt, wurden von Kindheit an gemeinsame Normen, Werte und Interessen vermittelt. Die dadurch erzeugte Gruppenidentifikation stellte das Leitmotiv für das individuelle Handeln dar.25 Übertragen auf den Aspekt adeliger Eheschließung bedeutet dies, dass in den meisten Fällen bei der Eheschließung von Seiten des Familienverbandes kein Zwang auf das zu verheiratende Mitglied ausgeübt werden musste, damit dieses in die Heirat einwilligte. Vielmehr sahen es die Prinzen und Prinzessinnen als die Erfüllung ihrer familiären wie auch dynastischen Pflicht an, den Normen des Hauses zu entsprechen und den für sie bestimmten Partner zu heiraten. Durch ihre verwandtschaftliche wie auch ständische Eingebundenheit wurden die Prinzen und Prinzessinnen dahingehend sozialisiert, dass sie an der gesellschaftlichen Position des künftigen Partners interessiert waren. Dabei kam – in Anlehnung an David Sabean – dem „sozialen Erkennen“26 bei der Partnerwahl eine zentrale Rolle zu. Persönliche Neigungen der Heiratskandidatinnen und -kandidaten und ständische wie auch dynastische Erwägungen bei der Partnerwahl mussten demnach keinen Widerspruch darstellen.27 Vor diesem Hintergrund ist auch die These, dass bei der Partnerwahl keine Rücksicht auf die persönlichen Wünsche der Brautleute genommen wurde28, zu widerlegen. Auch individuelle Interessen, Ansprüche und Rechte wurden erst durch die Familien- und Standeszugehörigkeit begründet. Konflikte waren zumeist nicht darin begründet, dass der Einzelne „autonome“ Wege jenseits des Familienverbandes oder des Standes gehen wollte, sondern vielmehr darin, dass sich der Einzelne gegen die Strukturen innerhalb des Familienverbandes beziehungsweise innerhalb des Standes und der damit verbundenen Erwartungen auflehnte.29 Obwohl alle Mitglieder des Familienverbandes im Hinblick auf die Zugehörigkeit zum Fürstenstand gleich waren, gab es dennoch Unterschiede. Die Ungleichheit war durch mehrere Aspekte bedingt: Hierzu zählten das Geschlecht, das Alter, der Platz in der Geschwisterfolge oder die Generationszugehörigkeit. Aber auch die Tatsache, ob ein Mitglied des Familienverbandes verheiratet war oder nicht und in welchem physischen Zustand sich ein Mitglied des Familienverbandes befand, konnte hierbei entscheidende Bedeutung erlangen.30 Allerdings musste die Ungleichheit nicht zwangsläufig zu 25

NOLTE 2005, S. 57. Mit sozialem Erkennen bezeichnet SABEAN ein spezifisches Handlungsmuster bei der Partnerwahl, das sich an impliziten wie auch praktizierten Wahrnehmungsformen eines Individuums orientierte. Siehe: SABEAN 1997, S. 158. 27 BASTL 1990, S. 378; STRATHERN 1992, S. 15. Eine gegenteilige Meinung hierzu vertritt u. a.: SCHRAUT 2000, S. 25. 28 Siehe u. a. OBERHAMMER 1990, S. 201. 29 NOLTE 2005, S. 59. Siehe auch: A LTHOFF 2004, S. 25. 30 NOLTE 2005, S. 59. 26

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2. Die Ernestiner als Familienverband

Problemen und Auseinandersetzungen innerhalb des Familienverbandes führen. Konnte die Ungleichheit, beispielsweise in der materiellen Ausstattung, durch andere Aspekte, beispielsweise durch die Beteiligung an der Herrschaftsausübung, ausgeglichen werden, wurde sie durchaus hingenommen.31 Dennoch boten die in den Strukturen des Familienverbandes angelegten Unterschiede und der auf Konkurrenz angelegte Charakter sozialer Beziehungen ein enormes Konfliktpotential. Dessen waren sich auch die Mitglieder des Familienverbandes bewusst und versuchten dem entgegenzuwirken. Doch gerade bei den Ernestinern zeigte sich, dass Instrumente wie das bei der Erbfolge praktizierte Gleichheitsprinzip brüderliches Konkurrenzverhalten nicht verhindern konnten. An dieser Stelle ist auch der Einfluss des Familien- und Lebenszyklus auf das Individuum nicht zu unterschätzen.32 Die einzelnen Phasen des Familien- und des Lebenszyklus eines Individuums waren in der Frühen Neuzeit wie auch heute noch durch verschiedene Muster von Haushalts- und Familienorganisation, wechselnde Personen- und Beziehungsnetze, sowie Statusänderungen geprägt.33 Angesichts dieses Wandels der Funktionen und Rollen von Familienmitgliedern ist es nahe liegend, Familie nicht als ein fest gefügtes Gebilde, sondern als einen Prozess kontinuierlicher Veränderung zu denken. Dies gilt für die Frühe Neuzeit umso mehr, da hier die Phasenübergänge sehr stark in die Familie eingebunden waren und von den strategischen Planungen der Familie wie auch des Familienverbandes beeinflusst wurden.34 Exemplarisch hierfür ist die Heiratspolitik adeliger Häuser anzuführen, die sich auf die Partnerwahl erstreckte, aber auch den Zeitpunkt bestimmte, an dem ein Prinz oder eine Prinzessin zu heiraten hatte.35 Familienverbände waren stets bemüht, durch ein Höchstmaß an Kontrolle und Organisation eine gewisse familiäre Ordnung und Kontinuität herzustellen. Doch derartige Bemühungen konnten schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn biologische Zufälle den Ordnungsbestrebungen zuwiderliefen. Faktoren wie Kinderlosigkeit, Krankheit und Sterblichkeit waren nicht kalkulierbar und erforderten daher Verhaltensflexibilität des Individuums wie auch des Familienverbandes als Ganzem. So brachte es die hohe Sterblichkeit – vor allem der Frauen – mit sich, dass der verwitwete Ehepartner erneut heiratete.36 Nicht zuletzt in Folge von Wiederverheiratungen kam es dazu, dass die Grenzen zwischen den Generationen verschwammen. Oftmals gingen mit derartigen Entwicklungen Komplikationen und Konflikte einher, beispielsweise im Fall Herzog Anton Ulrichs von SachsenMeiningen, dessen Kinder erster Ehe um ein vielfaches älter als seine zweite Frau 31

NOLTE 2005, S. 59. H AREVEN 1999; Dies. 1997, S. 17–37. 33 NOLTE 2005, S. 67; Dies. 2009, S. 89–92. 34 H AREVEN 1999, S. 60. 35 Siehe hierzu Kap. 3.2 der vorliegenden Publikation. 36 Für die Ernestiner konnte Anne-Simone K NÖFEL eine Wiedervermählungsquote von achtundsiebzig Prozent bei den Witwern, dagegen eine Quote von lediglich neun Prozent bei den Witwen ermitteln. Dieser Unterschied dürfte im Wesentlichen auf die relativ guten ökonomischen Ausgangsbedingungen von Witwen zurückzuführen sein. K NÖFEL 2009, S. 40. 32

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert

33

waren. Dies führte letztlich dazu, dass die mütterliche Autorität von Seiten der Kinder in Frage gestellt wurde.37 Vor dem Hintergrund der starken Eingebundenheit des Individuums in den Familienverband wurde in der Forschung lange Zeit die Meinung vertreten, dass mit der eingeschränkten Individualität auch das Fehlen emotionaler Bindungen einhergegangen sei. Diese Annahme bezog sich insbesondere auf das Eltern-KindVerhältnis und auf die Beziehung zwischen Eheleuten.38 Mittlerweile besteht in der geschichtswissenschaftlichen Forschung jedoch Einigkeit darüber, dass Emotionen von zentraler Bedeutung für die Interaktion von Menschen der Vormoderne waren.39 Vielmehr hat sich gezeigt, dass Emotionalität, Individualität und soziale Rollen auf das engste miteinander verbunden waren. Je nachdem, welche Rolle ein Mitglied des Familienverbandes aufgrund seines Geschlechtes, der Geburtenfolge etc. zugeteilt bekam, boten sich ihm unterschiedliche Handlungsspielräume zur Ausgestaltung der eigenen Rolle. Damit einhergehend entwickelten sich auch unterschiedliche emotionale Bindungen beispielsweise zwischen Geschwistern, aber auch zwischen Eheleuten. Emotionen sind daher immer im Zusammenhang mit den individuellen Handlungschancen zu sehen.40 In Bezug auf die vorliegende Arbeit und die zu untersuchenden Fallbeispiele bedeutet dies, die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen offen zu legen, in denen sich individuelle Handlungsspielräume und Emotionen entfalten konnten. Hierfür ist es notwendig, sich näher mit der Bedeutung und Struktur des ernestinischen Familienverbandes zu beschäftigen.

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert Im für die vorliegende Untersuchung relevanten Zeitraum des 17. und 18. Jahrhunderts war das ernestinische Gesamthaus in zahlreiche Teillinien aufgespaltet, die machtpolitisch betrachtet eine eher marginale, aber nicht unbedeutende Rolle im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation spielten.41 Diese Tatsache resultierte aus zwei markanten Entwicklungen: Zum einen ist hier der Verlust der Kurwürde im Zuge des Schmalkaldischen Krieges 1546/47 und damit einhergehend auch der Verlust des Gros ernestinischer Besitzungen an die Albertiner zu nennen.42 Zum anderen wurde der mit dem Verlust der Kurwürde verbundene Status37

Siehe Kap. 4.4 dieser Publikation. A RIÈS 1990, S. 98–100; STONE 1977, S. 102–120. 39 MEISE 2000, S. 119–140; LABOUVIE 2007, S. 228–234; HUFSCHMIDT 2001, S. 244–262. 40 NOLTE 2005, S. 64. 41 WEBER 1998, S. 23. 42 Während des Schmalkaldischen Krieges verlor der aus der ernestinischen Linie stammende und auf Seiten der Protestanten kämpfende Kurfürst Johann Friedrich (1503–1554) die Kurwürde und das Kurfürstentum Sachsen, seinen Anteil an der Mark Meißen sowie die böhmischen Lehen. Die Kurwürde ging daraufhin am 4. Juni 1547 an Herzog Moritz von Sachsen, der sich zuvor auf 38

34

2. Die Ernestiner als Familienverband

und Machtverlust durch die innerernestinischen Landesteilungen begleitet und auch weiter gefördert.43 Dass die Verlagerung der politischen Führung innerhalb der Wettiner von den Ernestinern hin zu den Albertinern für erstere eine äußerst schmerzhafte Niederlage darstellte, zeigte sich nicht zuletzt in den vergeblichen Bemühungen von ernestinischer Seite, diesen Zustand in der Folgezeit rückgängig zu machen. Letztlich kam es durch die Revisionsbestrebungen und insbesondere den so genannten „Grumbachschen Händel“44 dazu, dass die politische Bedeutungslosigkeit der Ernestiner gegenüber den Albertinern zunahm.45 Die Tatsache, dass die Ernestiner ihre Staatlichkeit nach dem Verlust der Kurwürde überhaupt behielten, ist auf den Interessengegensatz zwischen dem albertinischen Sachsen und dem Kaiser zurückzuführen. Das Kurfürstentum Sachsen konnte an seiner westlichen Grenze kleine Fürstentümer gerade noch akzeptieren; demgegenüber war dem Kaiser daran gelegen, einen weiteren Machtzuwachs des sächsischen Kurfürstentums zu verhindern.46 Faktisch mussten die Ernestiner mit ansehen, wie das albertinische Sachsen im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts die politische Führungsrolle in Mitteldeutschland übernahm.47 Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts wandelte sich das offenkundige Gegeneinander der Ernestiner und Albertiner zu einem pragmatischen Nebeneinander, bei dem die Führung allerdings klar beim albertinischen Sachsen lag.48 Selbst innerhalb des thüringischen Gebietes nahm die Bedeutung der Ernestiner als Machtfaktor signifikant ab. Vielmehr entwickelte sich zwischen den Ernestinern und den aufstrebenden Schwarzburgern und Reußen im Laufe des 17. Jahrhunderts ein relatives Kräftegleichgewicht.49

die Seite Kaiser Karls V. gestellt hatte, und damit an die albertinische Linie über. Darüber hinaus erhielt der nunmehrige Kurfürst den weitaus größten Teil der ernestinischen Besitzungen. Den Ernestinern, genauer den Söhnen Johann Friedrichs I., Johann Friedrich II. (1529–1595) und Johann Wilhelm (1530–1573), blieb ein selbständiges kleines Fürstentum mit Gotha als Residenz. Siehe hierzu: ROGGE 2005, S. 207–218, SCHIRMER 2007, S. 55–75. 43 Zu den ernestinischen Gebietsteilungen siehe insbesondere: FLACH 1941, S. 6–48; BRADTER 1951; K LEIN 1982, S. 89–114. Zur Problematik der so genannten Kleinstaaterei allgemein siehe auch: SCHNETTGER 2008, S. 605–640. 44 Benannt nach dem fränkischen Ritter Wilhelm von Grumbach (1503–1567). Als vormaliger Hofmarschall des Bischofs von Würzburg kämpfte von Grumbach um seine Rechte im Bistum Würzburg und versuchte hierfür Johann Friedrich II. als Verbündeten zu gewinnen. Letztlich wurden beide mit der Reichsacht belegt. Mit der Vollstreckung der Reichsacht wurde Kurfürst August von Sachsen (1526–1586, Kurfürst seit 1553) beauftragt, der dabei von Johann Friedrichs Bruder Johann Wilhelm unterstützt wurde. Die Vollstreckung der Reichsacht brachte einen erneuten Gebietsverlust für die Ernestiner mit sich. Siehe: ROGGE 2005, S. 223–228. Zum Verhältnis zwischen Ernestinern und Albertinern siehe auch: PATZE 2002, S. 713. 45 EIGENWILL 1996, S. 112. 46 PRESS 1989, S. 63–71. 47 STIEVERMANN 2003, S. 392. 48 PATZE 2002, S. 713. Siehe auch: PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 7–13; WARTHENBERG 2004, S. 51. 49 IGNASIAK 1996, S. 57.

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert

35

Das 17. Jahrhundert war zugleich das Jahrhundert, in dem die ernestinischen Teilungen ihren Höhepunkt erreichten.50 Der ernestinische Gesamtbesitz war zwar bereits 1554 in die Herzogtümer Sachsen-Weimar und Sachsen-Coburg aufgeteilt worden, von denen sich 1596 bzw. 1603 noch einmal die Herzogtümer Sachsen-Eisenach und Sachsen-Altenburg abspalteten. Als jedoch 1633 die Linie Sachsen-Coburg und 1638 die Linie Sachsen-Eisenach ausstarben, wurden die ernestinischen Länder neu verteilt. Das neben Sachsen-Altenburg noch verbliebene Sachsen-Weimar teilte sich 1640 vorübergehend in drei, ab 1645 in zwei Linien, nämlich in Weimar und Gotha (Abbildung 1). In Weimar folgten 1662 zunächst vier Brüder in gemeinschaftlicher Regierung unter Führung des Ältesten. Doch als 1672 beim Aussterben der Herzöge von Sachsen-Altenburg ein Viertel von deren Besitzungen an die Weimarer fiel, teilten die dort verbliebenen drei Brüder das Land in die Teillinien Sachsen-Weimar, Sachsen-Eisenach und Sachsen-Jena auf. Die Linie Sachsen-Jena starb bereits 1690 aus und das Herzogtum wurde unter den beiden brüderlichen Linien aufgeteilt (Abbildung 2).51 Die Landesteilungen führten dazu, dass die ernestinischen Herzöge mitunter nur über Territorialfragmente regierten.52 Die weitere Entwicklung hat gezeigt, dass die einzelnen Teillinien der Ernestiner diese Situation keineswegs als nachteilig empfanden. Wohl au s diesem Grund wurden auch Möglichkeiten, an dieser Situation grundlegend etwas zu ändern, nicht genutzt. Beispielsweise konnte Herzog Ernst von Sachsen-Gotha (1601–1675) durch den Anfall von Großteilen des Herzogtums Sachsen-Altenburg im Jahr 1672 den weitaus größten Teil der ernestinischen Territorien wieder vereinigen. Anstatt diese Einigung zu festigen und ihr zu einem dauerhaften Bestand zu verhelfen, verzichtete er im so genannten „Nexus Gothanus“ auf die Einführung der Primogenitur.53 In seinem Testament bestimmte Herzog Ernst, dass seine sieben Söhne unter dem Direktorium des Ältesten gemeinsam das Land regieren sollten. Letztlich hatte er damit die Möglichkeit einer Landesteilung offen gelassen, was seine untereinander uneinigen Söhne in der Folgezeit dazu nutzten,

50 Die ältere Forschung postuliert, dass es sich bei den ernestinischen Landesteilungen um einen „Sonderfall“ innerhalb der deutschen Geschichte handelt. Dass dies jedoch keineswegs der Fall ist, zeigen mittlerweile zahlreiche Studien zu weiteren hochadeligen Familien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Siehe u. a.: MUTSCHLER 2004; FREITAG 2003, S. 195–226; FREITAG/HECHT (Hg.) 2003. 51 K LEIN 1982, S. 98–99. Siehe auch: PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982. 52 Damit einher gingen zahlreiche Bestrebungen ernestinischer Fürsten, den politischen Machtverlust zu kompensieren. In der Forschung wird in diesem Zusammenhang vermehrt auf die umfangreichen Tätigkeiten ernestinischer Familienmitglieder auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet hingewiesen. Siehe hierzu unter anderem: IGNASIAK (Hg.) 1994; einen knappen Überblick bietet auch: Ders. 1995, S. 13–19; dabei hat die ältere Forschung fast ausnahmslos nur die männlichen Mitglieder behandelt. Erst die jüngere Forschung hat – neben der exponierten Stellung der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach – auch weitere weibliche Dynastiemitglieder in den Fokus gerückt. Siehe u. a. BERGER 2001; R ASCHKE 1998, S. 69–103. 53 IGNASIAK 1996, S. 57.

36

2. Die Ernestiner als Familienverband

Ernestinische Linie Ernst, Stifter der Linie 1485

Johann Friedrich (der Großmütige)

Ältere Linie Sachsen-Coburg-Eisenach 1554–1638 Johann Friedrich II. 1554

a. SachsenCoburg Johann Casimir 1596 Linie stirbt aus 1633

b. SachsenEisenach Johann Ernst 1596 Linie stirbt aus 1638

I. Neueste Linie Sachsen-Weimar 1640–1741 Wilhelm (IV.) 1640

Johann Ernst Linie stirbt aus 1553

Ältere Linie Sachsen-Weimar 1554–1573 Johann Wilhelm 1554

a. SachsenAltenburg Friedrich Wilhelm I. 1573 Linie stirbt aus 1672

II. Linie Sachsen-Eisenach Albrecht 1640 Linie stirbt aus 1644

b. Neuere Linie Sachsen-Weimar 1573–1640 Johann 1573

III. Sachsen-Gotha 1640–1825 Ernst I. (der Fromme) 1640

Abb. 1: Die ernestinischen Linien 1485–1640

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert

Neueste Linie Sachsen-Weimar 1640–1741 Wilhelm (IV.) 1640

Hauptlinie Sachsen-Weimar Johann Ernst II. 1662 ab 1741 Sachsen-Weimar-Eisenach seit 1815 Großherzogliche Linie

Nebenlinie Sachsen-Eisenach Adolph Wilhelm 1662 Linie stirbt aus 1671

Nebenlinie Sachsen-Marksuhl Johann Georg I. 1662 ab 1672 Sachsen-Eisenach Linie stirbt aus 1741

Nebenlinie Sachsen-Jena Bernhard 1672 Linie stirbt aus 1690

Abb. 2: Die Linie Sachsen-Weimar 1640–1741

37

38

2. Die Ernestiner als Familienverband

Linie Sachsen-Gotha(-Altenburg) 1640–1825 Ernst I. (der Fromme) 1640

Hauptlinie Sachsen-Gotha Friedrich I. 1675 Linie stirbt aus 1825 (1826 Neugliederung des Hauses Gotha)

Nebenlinie Sachsen-Coburg Albrecht III. 1680 Linie stirbt aus 1699 Nebenlinie Sachsen-Meiningen Bernhard 1680 Nebenlinie Sachsen-Römhild Heinrich 1680 Linie stirbt aus 1710 Nebenlinie Sachsen-Eisenberg Christian 1680 Linie stirbt aus 1707 Nebenlinie Sachsen-Hildburghausen Ernst 1680 seit 1826 Sachsen-Altenburg

Nebenlinie Sachsen-Saalfeld Johann Ernst 1680 von 1735−1826 Sachsen-Coburg-Saalfeld seit 1826 Sachsen-Coburg-Gotha

Abb. 3: Die Linie Sachsen-Gotha(-Altenburg) 1640–1825. Die Teilung der Hauptlinie SachsenGotha erfolgte gemäß dem „Haupt-Erbvergleichungs-Receß“ vom 24. Februar 1640, der auch den sogenannten „Nexus-Gothanus“ begründete. Siehe: WESTPHAL 2002, S. 137–144.

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert

39

um eine solche Teilung zu realisieren (Abbildung 3).54 Damit hatte Herzog Ernst von Sachsen-Gotha – ohne dass es seine explizite Absicht war – durch sein Testament den Grundstein für die wohl umfassendste Aufteilung des ernestinischen Besitzes gelegt. Festzuhalten bleibt, dass am Ende des 17. Jahrhunderts innerhalb des ernestinischen Thüringens zehn voneinander gesonderte Linien, drei im weimarischen und sieben im gothaischen Hause, existierten. Damit war der ernestinische Besitz auf lange Zeit aufgeteilt, wenn auch durch das Aussterben einzelner Nebenlinien eine partielle Zusammenführung wieder ermöglicht und vollzogen wurde.55 Die Landesteilungen zogen zugleich umfangreiche ökonomische Belastungen nach sich: Der soziale Anspruch an den herzoglichen Rang und die damit verbundenen Repräsentationspflichten verursachten erhebliche Kosten, die aus den jeweiligen Landeseinkünften nicht zu finanzieren waren. Dies wiederum brachte es mit sich, dass die Landesherren einen ständigen Kampf gegen ihre Schulden führen mussten, der einen beträchtlichen Teil der vorhandenen Energien absorbierte.56 Erst Ende des 17. Jahrhunderts begannen einzelne ernestinische Fürsten, die Primogenitur in ihren Herrschaftsgebieten einzuführen. Dies war nicht zuletzt durch die ökonomischen Gegebenheiten bedingt: Die fehlende ökonomische Potenz der kleinen ernestinischen Fürstentümer stand einer Beibehaltung der Kollektivsukzession und der damit verbundenen Entstehung weiterer Kleinstherrschaften mit eigenen Hofhaltungen entgegen. Vor diesem Hintergrund wurden auch religiöse Werte, wie beispielsweise das im Zusammenhang mit der Kollektivsukzession immer wieder angeführte Gleichheitsprinzip, den ökonomischpolitischen Gegebenheiten untergeordnet.57 Dass es ganz pragmatische Gründe waren, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts die Einführung von Erstgeburtsregelungen verzögerten, wird bereits in frühneuzeitlichen Schriften deutlich. So schreibt Johann Jacob Moser 1744 in dem von ihm verfassten „Teutschen Staats=Recht“: „Daß und warum die nachgeborenen Söhne meistens die Einführung des Rechts der Erstgeburt ungerne gesehen haben, ist leicht begreifflich; sie wollten nemlich lieber auch über noch so wenig, als über gar nichts, zu befehlen haben [...]“58. Nach Mosers Auffassung wurde die brüderliche Rivalität 54

FLACH 1941, S. 20. IGNASIAK 1996, S. 57. 56 A RNDT 2003, S. 72. 57 FICHTNER 1989, S. 14, S. 78; PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 5. Innerhalb des ernestinischen Gesamthauses war es Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der als erster 1685 die Primogenitur einführte. Es folgte 1703 Sachsen-Hildburghausen, 1724 Sachsen-Weimar, 1733 Sachsen-Coburg-Saalfeld und erst 1802 Sachsen-Meiningen. Damit war Sachsen-Meiningen das letzte Territorium im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das die Primogenitur einführte, obgleich es hier bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Herzog Ernst Ludwig I. Bestrebungen gab, eine Erstgeburtsregelung zu etablieren. Siehe hierzu Kap. 4.4 der vorliegenden Untersuchung. 58 MOSER 1744, 13. Teil, S. 430. MOSER nennt neben den religiösen Motiven noch die elterliche Liebe für die nachgeborenen Kinder sowie die Tatsache, dass Teilungen die weltlichen Fürsten55

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2. Die Ernestiner als Familienverband

durch Primogeniturordnungen mehr gefördert, denn beseitigt. Umgekehrt zeigte sich in der sozialen Praxis, dass auch die Kollektivsukzession Rivalitäten innerhalb des Familienverbandes auf Dauer nicht verhindern konnte.59 Bei Betrachtung der einzelnen ernestinischen Landesteilungen wird sehr deutlich, dass mit ihnen oftmals Konflikte und Differenzen innerhalb und zwischen den Häusern voraus- und einhergingen. In derartigen Konstellationen familiärer Konkurrenz zeigte sich zudem, dass die daran beteiligten Akteure die Loyalität zur Dynastie hinter die Selbstbestimmung für das eigene Haus oder die eigene Familie zurückstellten.60 Derartige von Rivalität geprägte Situationen61 wiederholten sich insbesondere dann, wenn eine der ernestinischen oder erbverbrüderten Linien62 ausstarb und eine Aufteilung des Erbes unter den ernestinischen Linien anstand. Rivalität war somit ein zentraler Aspekt der innerdynastischen Beziehungen, als solches tangierte und beeinflusste sie auch das Handeln der einzelnen Mitglieder des ernestinischen Familienverbandes. Dabei schlug sich das Konkurrenzdenken insbesondere in der höfischen Repräsentation nieder.63 Einerseits gab es also eine gewisse ernestinische Solidarität, um sich gegenüber anderen Adelshäusern und nicht zuletzt gegenüber den Albertinern zu behaupten. Andererseits gab es zugleich innerernestinische Rivalitäten, ja eine regelrechte Prestigekonkurrenz, die das Verhältnis der ernestinischen Häuser untereinander

stimmen mehren und damit das Reich insgesamt stärken würden. ROGGE 2002a, S. 333. 60 Demgegenüber konstatiert Rogge für die Wettiner, dass bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts die Präferenz für das Eigene bzw. die eigene Familie letztlich hinter dem dynastischen Gesamtzusammenhalt zurückstand. ROGGE 2002a, S. 335–336. 61 So war beispielsweise das Verhältnis zwischen Sachsen-Gotha und Sachsen-Weimar einerseits und Sachsen-Altenburg andererseits seit der Erbteilung im Jahre 1603 äußerst gespannt. Bei der damaligen Erbteilung hatten die Altenburger den „Vorrang im Sitzen, Gehen und Stehen“ gegenüber der älteren Weimarer und der aus ihr hervorgegangenen Gothaer Linie erhalten. Die in der Folgezeit getätigten Interventionen von Weimarer beziehungsweise Gothaer Seite hatten nichts daran geändert. Siehe hierzu: BRANDSCH 1999, S. 210. Siehe auch: NEUHAUS 2001, S. 297. 62 Zu den erbverbrüderten Häusern der Ernestiner gehörten neben den Albertinern auch die Hohenzollern und die Landgrafen von Hessen. Die sächsisch-hessisch-brandenburgische Erbverbrüderung reicht bis in das Jahr 1373 zurück. In diesem Jahr wurde der Erbverbrüderungsvertrag zwischen den Landgrafen von Thüringen und Hessen geschlossen. Siehe: K RONFELD 1878, S. 192. Am 5. Januar 1435 kam es zu einem neuerlichen Vertrag zwischen Kurfürst Friedrich II. von Sachsen sowie dessen Brüdern Sigismund, Heinrich und Wilhelm III. auf der einen Seite und dem Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg nebst seinen drei Söhnen auf der anderen Seite. Diesem Erbverbrüderungsvertrag trat 1456 auch Landgraf Ludwig von Hessen bei. Siehe: MÜLLER 1701, S. 19 und S. 31. 63 H AHN 2006, S. 15. H AHN greift hier exemplarisch Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg heraus. Demnach benutzte dieser die höfische Repräsentation (Umbau der Residenz in Gotha, Schlossneubauten in Friedrichswerth und Gräfentonna), um seine Vorrangstellung gegenüber seinen sechs jüngeren Brüdern, die ebenfalls über eigene Territorien verfügten, zu demonstrieren. 59

2.3 Der ernestinische Familienverband im 17. und 18. Jahrhundert

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prägte.64 Dass diese Konkurrenz allerdings zu einer vollständigen Auflösung der innerernestinischen Beziehungen führen würde, war per se ausgeschlossen: Der Gemeinschaftsaspekt wurde bei den Ernestinern nicht nur durch die verbreitete laterale Erbfolge deutlich, sondern äußerte sich insbesondere in der Belehnung zur gesamten Hand durch den Kaiser.65 Darüber hinaus blieben auch die reichsständischen Verpflichtungen Angelegenheit des Gesamthauses. Zudem gab es gemeinschaftliche Institutionen und eine Reihe von Hoheitsrechten, die in Gemeinschaft ausgeübt wurden. Nicht zuletzt erwies sich die Konfessionszugehörigkeit als integratives Moment bei den Ernestinern: Der lutherische Glauben war verbindliches Bekenntnis bei allen ernestinischen Linien.66 Darüber hinaus stellte die konfessionelle Identität nach dem Übergang der Kurwürde auf die Albertiner zunehmend ein Äquivalent für die verlorene politische Macht dar.67 Die dynastische Vernetzung der ernestinischen Häuser wurde durch Hausverträge und Hauskonferenzen abgerundet, wie auch durch die gegenseitige Übernahme von Vormundschaften, das Senioratsprinzip68 und nicht zuletzt durch innerdynastische Heiratsverbindungen. Eine Auflösung der innerdynastischen Verbindungen lag auch keineswegs im Interesse der Teillinien. Um auf politischer Ebene im Reich wahrgenommen zu werden, mussten die ernestinischen Linien zwangsläufig kooperieren. Erst mit der Umstellung auf das Primogeniturprinzip und den damit teilweise verbundenen Auseinandersetzungen innerhalb des Gesamthauses setzte eine Entwicklung ein, die letztlich zu einer Auflockerung des dynastischen Zusammenhaltes führte. Die einzelnen Teillinien verfolgten zunehmend unterschiedliche Interessen und gerieten vermehrt miteinander in Konflikt. Zudem traten durch die Einführung von Primogeniturordnungen nicht nur Konflikte zwischen den ernestinischen Häusern, sondern auch innerhalb der einzelnen Häuser zu Tage. Die für die innerfamiliäre Konfliktregelung vorgesehenen Instanzen wie beispielsweise die Geschlechtstage reichten nicht mehr aus, derartige Differenzen zu klären. Die Austragung und Klärung innerfamiliärer Konflikte verlagerte sich daher vom

64 JACOBSEN 1999, S. 187–207. JACOBSEN nennt exemplarisch die 1676 veranstaltete Tenneberger „Lust“, das erste von Herzog Friedrich I. nach dem Tode seines Vaters Ernst I. in Eigenverantwortung organisierte Fest. Das Fest diente Herzog Friedrich I. – dem nunmehrigen Inhaber des Direktoriums über das Herzogtum – als Instrument der Distinktion gegenüber seinen sechs Brüdern. 65 WESTPHAL 2002, S. 35. 66 WESTPHAL 2004, S. 96. 67 WESTPHAL 2007, S. 173–192. 68 Im Fürstbrüderlichen-Erbteilungsvertrag der Herzöge Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar (1598– 1662), Albrecht von Sachsen-Eisenach (1599–1644) und Ernst von Sachsen-Gotha (1601–1675) vom 12. September 1641 wurde festgelegt, dass „nehmlich die Sachen, so wichtig und aller Herren, Reichs- und Crays-Stände gewisse Verwilligung, Veschenckung, Verträge, Erlassung und dergleichen betreffen, von allen durch unsere Unterschreibung und Siglung, die andern aber, welche nicht von solcher Wichtigkeit seyn, alleine von dem ältesten Herrn als Directore unter seiner Subscription, doch in gesammten Nahmen, vor sich und die Herrn Brüder oder Vettere, ausgefertiget werden solle.“ (MOSER 1746, 22. Teil, S. 456–475)

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2. Die Ernestiner als Familienverband

Familienverband hin zu den Reichsgerichten, und insbesondere hin zum Reichshofrat.69

2.4 Familien-, Dynastie- und Standesbewusstsein bei den Ernestinern Vor dem Hintergrund eines in zahlreiche Teillinien gespaltenen Familienverbandes und der damit einhergehenden Konflikte stellt sich natürlich die Frage nach der Existenz eines dynastischen Bewusstseins als verbindendes Element der einzelnen Teillinien. Die Frage stellt sich umso mehr, da sich die ernestinischen Häuser in den Quellen jeweils als eigenständige verwandtschaftliche Einheiten betrachteten. So schrieb beispielsweise Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg in einem Brief an seinen Vetter, Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar, von „mir und den Meinigen“70, und bezog sich dabei explizit auf das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg. Zu den „Meinigen“ zählte in erster Linie die enge Verwandtschaft, die Kernfamilie; darüber hinaus konnten hierzu aber auch nicht verwandte Personen gerechnet werden, zu denen Herzog Friedrich I. eine besonders enge, mitunter ideelle Beziehung unterhielt.71 An anderer Stelle schrieb Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg von „dero Fürstl. Haußes reputation“72 als Bezeichnung für das Haus Sachsen-Weimar, auch dies ein Beleg dafür, dass sich die einzelnen Teillinien als eigenständige Häuser betrachteten. Um die eigene Herrschaft zu legitimieren und zu repräsentieren, wurde Bezug auf die wettinische Herkunft genommen. Nicht zuletzt der in Vertragstexten und Urkunden zu findende Hinweis „[...] von einem Uhralten Fürstl. Manns-Stamm her gebürdige [zu sein]“73, macht dies deutlich. Für neu entstandene Familienzweige wurde der Bezug zur Herkunftsdynastie sogar zu einer existentiellen Notwendigkeit, denn die Betonung der Zugehörigkeit zu einer alten und prestigeträchtigen Dynastie wie den Wettinern bekräftigte die Legitimität des eigenen Hauses wie 69

WESTPHAL 2002, S. 48–50. WESTPHAL konnte in ihrer Studie zum Zusammenhang von kaiserlicher Rechtsprechung und herrschaftlicher Stabilisierung im Bezug auf die Ernestiner nachweisen, dass diese sich vor 1648 kaum an den Reichshofrat wandten. Nach 1648 machen die Aktivklagen dagegen 429 von insgesamt 964 Fällen am Reichshofrat aus. Somit klagten die ernestinischen Dynastien fast genauso häufig wie sie von anderen verklagt wurden. Die gestiegene Zahl an am Reichshofrat anhängigen Verfahren spiegelt eindrucksvoll die Zunahme innerdynastischer Konflikte wider. Ebenso eindrucksvoll wie markant ist auch die Tatsache, dass das Gros der Aktivklagen auf den Streitgegenstand Familienverband zurückzuführen ist. 70 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 22. Juli 1687, ThStA Weimar, Bestand Fürstenhaus A 131, fol. 374r. 71 SEVERIDT 1998, S. 25. 72 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 22. Juli 1687, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 374v. 73 Rezess zwischen Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen und seinen Brüdern, Herzog Friedrich Wilhelm und Herzog Anton Ulrich, vom 15. Juni 1706, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV F 24.

2.4 Familien-, Dynastie- und Standesbewusstsein bei den Ernestinern

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auch die eigenen Herrschaftsansprüche und verschaffte damit Sicherheit in einem sonst von Unsicherheiten geprägten reichspolitischen Umfeld. Die Betonung der Anciennität und der Rekurs auf die Herkunftsdynastie wurden zur Grundlage des politischen Handelns und der fürstlichen Selbstdarstellung der Teillinien.74 Damit wurde der Verweis auf eine gemeinsame Herkunft aus dem Hause Wettin zur einigenden Klammer für die seit dem 17. Jahrhundert zunehmend auseinanderdriftenden ernestinischen Teillinien. Das dynastische Bewusstsein der ernestinischen Häuser erstreckte sich dabei nicht nur auf die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern die in der Gegenwart stattfindende Glorifizierung der Vergangenheit war zugleich auch in die Zukunft gerichtet. Diese drei zeitlichen Ebenen waren miteinander verschränkt und bedingten einander.75 Das Dynastiebewusstsein artikulierte sich in erster Linie auf repräsentativer Ebene durch die symbolische Bezugnahme auf die Vergangenheit beispielsweise bei Wappen oder auch Denkmalsetzungen. Allerdings brachte es die teilungsbedingte geographische Zerstreuung der Fürsten mit sich, dass weder eine gemeinsame Grablege noch ein zentraler sakraler Ort für das Seelenheil existierte.76 An dieser Stelle offenbarten sich bereits Grenzen des dynastischen Bewusstseins und individuelle Präferenzen der einzelnen ernestinischen Häuser wurden deutlich. Darüber hinaus reichten repräsentative Elemente allein nicht aus, um Dynastiebewusstsein zu erzeugen und zu erhalten. Erst durch das Vorhandensein eines durch gemeinsame Normen und Werte geschaffenen Bandes manifestierte sich das Dynastiebewusstsein.77 Dieses mentale Band innerhalb der Dynastie sollte nicht zuletzt durch innerernestinische Heiraten oder durch Heiraten zwischen Ernestinern und Albertinern sowie durch die Übernahme von Patenschaften für die Nachkommen und durch Namensgebungen gefestigt werden.78 Im Hinblick auf die Übernahme der Patenschaft, die als „Werk der Gevatterschaft“79 betrachtet wurde, und die Namensgebung wird allerdings deutlich, dass sich dynastisches Bewusstsein nicht nur auf die agnatische Linie und deren Tradition beschränkten, sondern auch auf die kognatische Linie ausgerichtet war.80 Das keineswegs un74

K LINGER 2002, S. 314; ROHRMÜLLER 2002, S. 161. MELVILLE 1987, S. 203–310, SPIESS 1993, S. 485–493; NOLTE 2005, S. 44–55. 76 Zur Bedeutung und Funktion von Grabdenkmalen siehe: KOHN 2005, S. 19–46. 77 FREITAG 2003, S. 205. 78 MITTERAUER 1993, S. 385. MITTERAUER weist im Hinblick auf die Namensrepetition als System familienbezogener Namengebung darauf hin, dass es hier in erster Linie um geistige und körperliche Qualitäten ging. Es wurde angenommen, dass diese Qualitäten durch Abstammung weitergegeben werden. 79 So dankte Herzog Bernhard von Sachsen-Jena seinem Bruder Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar (1627–1683) für das „Werk der Gevatterschaft“, die bereitwillige Übernahme der Patenschaft für den Prinzen Wilhelm (1664–1667). ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 10, fol. 26v. 80 Exemplarisch hierfür sei die von Herzog Bernhard I. von Sachsen-Meiningen angefertigte Liste der Paten seines 1687 geborenen Sohnes Anton Ulrich angeführt. Bei den Paten handelte es sich um: „1. Der Herr Vatter zur Wolfenbüttel [= Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel], 2. Die Frau Mutter zur Wolfenbüttel [= Herzogin Elisabeth Juliane von Braunschweig-Wolfenbüttel], 3. Der Hertzog von Zelle [= Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der 75

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2. Die Ernestiner als Familienverband

übliche Vorgehen, die Paten sowohl aus der väterlichen als auch aus der mütterlichen Linie zu wählen, steht für das bewusste Betonen der Familienbande, die über die eigene Familie oder auch Dynastie hinausreichten. Zugleich brachte es diese Vorgehensweise mit sich, dass sich in den einzelnen ernestinischen Häusern unterschiedliche Traditionen beispielsweise hinsichtlich der Namensgebung herausbildeten. Weitere Möglichkeiten, um den Zusammenhalt des Familienverbandes zu dokumentieren, waren der Abschluss von Verträgen81 sowie das Abhalten von Geschlechtstagen. Letztere waren vor allem dazu angedacht, damit „die vilen bißherigen circa Communicationem geführte Querelen und Beschwerden dermahleinst cassirt und aufgehoben bleiben mögen“82. Die Geschlechtstage sollten daher „zum wenigsten 2mal im Jahr“ stattfinden. Damit verbunden war die Hoffnung, „es würden alle [...] gehabte Besorgnisse und Gravamina gäntzlich ceßiren [= aufhören/wegfallen], Serenissimo Directori Dero ohnedem schweres Fürstliches Amt erleichtert und nicht schwerer, hingegen der Cours der Geschäfte leichter gemacht und Serenissimis Fratribus alles, was von ihnen mit Billigkeit und ad normam derer alten und neuen Verträge zu praetendiren seyn möchte, ohne Beschwerde zugestanden werden können.“83 Somit sollten die Geschlechtstage nicht nur eine repräsentative Funktion erfüllen, sondern auch als Instrument der innerdynastischen Konfliktregelung dienen. Dies ist zugleich ein Indiz dafür, dass dynastische Konflikte zum Alltag gehörten, andernfalls hätte es eines derartigen Instrumentes nicht bedurft. De facto konnten sich die Geschlechtstage als Konfliktlösungsinstrument in der Praxis nicht etablieren. In Konfliktfällen gewann vielmehr – neben informellen Praktiken – der direkte Rechtsweg an Bedeutung. Letztlich wird auch am Beispiel der Geschlechtstage deutlich, dass das dynastische Bewusstsein der Ernestiner ein situationsabhängiges Konstrukt war, auf das von den ernestinischen Häusern dann zurückgegriffen wurde, wenn es mit den Interessen des jeweiligen Hauses kompatibel war. Der Bezug zur Herkunftsdynastie spielte nicht nur bei der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung der Ernestiner eine wichtige Rolle, sondern insbesondere auch bei der Wahrnehmung der Ernestiner durch ihr soziales Umfeld. Schließlich befanden sich die alten, hochadeligen Häuser des Reiches in einem ständigen Konkurrenzverhältnis um Status und Macht, das sich nicht zuletzt auch auf die adelige Eheschließungspraxis und den Heiratsmarkt erstreckte. Hier waren zwei in Celle residierte], 4. Bruder Friedrich zur Gotha, 5. Bruder Johan Ernst zur Sahlfeld, 6. Hertzog Johan Ernst zur Weimar, 7. Der ErbPrinz von Heßen Darmstad, Printz Ernst Ludwig, 8. Seine Braud Prinzeßin Charlotta Dorothea von Anspach, 9. Mein Schwager von Arnstad Graff Anthon Günther von Schwartzburg“ (ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV E 2). Neben den Verwandten aus den ernestinischen Häusern wurden mit den Großeltern und dem „Herzog von Zelle“ auch Verwandte mütterlicherseits als Paten ausgewählt. 81 Siehe hierzu: SPIESS 1993, S. 486. 82 Gutachten sachsen-gothaischer Räte bezüglich der Notwendigkeit von Geschlechtstagen, erstellt im Jahr 1678, zitiert nach: MOSER 1746, 22. Teil, S. 521. 83 Ebd., S. 522.

2.4 Familien-, Dynastie- und Standesbewusstsein bei den Ernestinern

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Aspekte von besonderer Bedeutung: Zum einen die objektive Einordnung eines adeligen Hauses unter ständischen Gesichtspunkten, wobei die Stimmenzahl und Sitzordnung auf dem Reichstag eine entscheidende Rolle spielte.84 Zum anderen war es eine subjektive Einordnung aufgrund der Auctoritas beziehungsweise des sozialen Kapitals, über das die Familie verfügte. Die Auctoritas leitete sich wesentlich von der Tradition und Anciennität einer Dynastie ab. Eine Akkumulation von Auctoritas konnte dazu führen, dass eine Familie Konnubialbereiche erobern konnte, die sie über ihren eigentlichen ständisch-politischen Wert hinausführten.85 Umgekehrt konnte aber auch eine wenig vorteilhafte oder gar standesungleiche Eheschließung innerhalb einer adeligen Familie dazu führen, dass diese Familie an Auctoritas verlor und damit ihre Einflussmöglichkeiten jenseits formell-institutioneller Strukturen gefährdete. Somit kam Eheschließungen sowohl auf materieller als auch auf immaterieller Ebene eine zentrale Bedeutung zu. Eine Ehe war Grundlage für eine legitime Nachkommenschaft und zugleich der Ausgangspunkt für den Auf- und Ausbau personeller Netzwerke. Sofern es sich nicht um eine innerernestinische Eheschließung handelte, wurden durch eine Ehe Kontakte zu einem anderen hochadeligen Haus gestiftet. Das Bindeglied hierbei war die Ehefrau. Doch damit diese Kontakte nicht nur formaler Natur blieben, sondern auch in der sozialen Praxis entsprechend ‚gelebt‘ wurden, mussten sie immer wieder erneuert und bestätigt werden. Hierbei kam beispielsweise Patenschaften eine wichtige Rolle zu.86 Bei der Stabilisierung von Rang und Status stellten Eheschließungen – insbesondere für den Hochadel – ein entscheidendes Medium dar. Die Heiratspraxis dokumentierte die Grenze zwischen denen, die dazugehörten, und denen, die außen vor blieben. Und dies erstreckte sich keineswegs nur auf nicht adelige Personen, sondern fand auch innerhalb des Adels, zwischen den unterschiedlichen Adelsgruppen, Anwendung. In diesem Zusammenhang kommt Ronald G. Asch zu dem Schluss, dass protestantische Adelshäuser in Deutschland gegenüber Heiraten männlicher Adeliger mit Frauen aus bürgerlichen oder frisch nobilitierten Häusern aufgeschlossener als katholische Adelshäuser waren.87 Dies mag auf niederadelige Familien zweifelsohne zutreffen; hinsichtlich hochadeliger und machtpolitisch wenig einflussreicher Häuser wie den Ernestinern stellte sich die Situation differenzierter dar: Hier konnten standesgleiche Heiraten zur existentiellen Notwendigkeit werden, um sich gegenüber aufstrebenden, neu gefürsteten Häusern zu behaupten. Nur standesgemäße Eheschließungen gewährleisteten, dass das Alter und die Reinheit einer Familie als zentrales, legitimierendes und

84 Die Ernestiner verfügten am Ende des 17. Jahrhunderts über fünf Reichsvoten. Hinzu kam ein halbes hennebergisches Votum. Dabei handelte es sich um volle Stimmen innerhalb des Fürstenrates. Siehe: WESTPHAL 2004, S. 98–99. Zur Sitzordnung des Reichstages siehe: NEUHAUS 2001, S. 285. 85 FUCHS 2000, S. 207. 86 A LFANI 2007, S. 47. 87 ASCH 2008, S. 39.

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2. Die Ernestiner als Familienverband

distinktives Merkmal erhalten blieb. Der Nachweis dieser Exklusivität war in der sozialen Praxis durch Ahnenproben zu erbringen. Sie dienten zur Regulierung des Zugangs zu adeligen Korporationen und damit letztlich auch dazu, ,Aufsteiger‘ auszugrenzen.88 Bei der Herstellung und Dokumentation von Nähe und Distanz kam dem Zeremoniell als soziales Ordnungsmuster entscheidende Bedeutung zu. In diesem nahm das hochadelige Haus als generationenübergreifende Gemeinschaft überhaupt erst Gestalt an.89 Durch zeremonielle Akte wurde nicht nur familiäres oder dynastisches Bewusstsein ausgedrückt, sondern zugleich auch adeliges Selbstverständnis. Als Mittel der sozialen In- und Exklusion definierte das Zeremoniell den beschränkten Zugang zu den gesellschaftlichen, politischen und zum Teil auch ökonomischen Ressourcen.90 Es barg daher ein großes Konfliktpotential in sich, denn nur wer die Sprache des Zeremoniells beherrschte, konnte auf dem „Schlachtfeld der Zeremonien“91 bestehen. Derartige Praktiken des Adels wie auch das Zeremoniell insgesamt sind unweigerlich mit adeligen Ehransprüchen verbunden. Für die frühneuzeitliche Gesellschaft verkörperte Ehre ein grundlegendes Prinzip, das die eigenen Verhaltensweisen strukturierte. Ehre war dabei immer auf Öffentlichkeit bezogen, die Ehre einer Person existierte nur im sozialen Kontext wie beispielsweise dem Stand und musste daher in Beziehungen gelebt und ausgedrückt werden.92 Dabei gingen die Auffassungen, worin die eigene Ehre oder die des Hauses lag sowie die Vorstellung darüber, wie Ehre zu wahren oder wiederherzustellen war, mitunter weit auseinander. Dies hing nicht zuletzt mit den unterschiedlichen politischen, konfessionellen, aber auch geschlechtlichen Rahmenbedingungen, die dieser Ehre gesetzt waren, zusammen.93 Der Anspruch auf Ehre war konstitutiv für den Stand als solchen: Die Standesehre, die dem Adel bereits qua Geburt zu Teil wurde, legitimierte Herrschaftsrechte, Privilegien und soziale Exklusivität des Adelsstandes. Somit ermöglichte der Ehrbegriff dem Adelsstand die Herausbildung einer Gruppenidentität und nicht zuletzt die Abgrenzung von allen Personen nicht adeliger Herkunft. Vor diesem Hintergrund sind beispielsweise auch die Bemühungen der Ernestiner zu sehen, standesungleiche Ehen zu verhindern beziehungsweise die aus standesungleichen Ehen hervorgegangenen Kinder an der kollektiven Familienehre und den damit verbundenen Rechten nicht partizipieren zu lassen. Die damit in Verbindung stehenden Ehenormen der Ernestiner werden im folgenden Kapitel eingehend beleuchtet. 88

KÜPPERS-BRAUN 2005. MUTSCHLER 2005, S. 205. Die zentrale Bedeutung des Zeremoniells für die soziale Praxis in der Frühen Neuzeit lässt sich auch daran ablesen, dass sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine regelrechte „Ceremoniell-Wissenschaft“ etablierte, deren Existenz allerdings auf das 18. Jahrhundert beschränkt blieb. Siehe: VEC 1998. 90 BENIGNO 2001, S. 405. 91 BASTL 1997b, S. 228. 92 POLLOCK 2007, S. 3–29; DINGES 1998, S. 123–147. 93 WREDE/CARL 2007, S. 14. 89

3. Die Ehe als Ordnungsmodell In der Frühen Neuzeit kam es zu einer Neubewertung der Ehe, an der unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte beteiligt waren: Die Ehe stellte nunmehr die einzig legitime und allseits anerkannte Form der Lebensgemeinschaft der Geschlechter dar. Damit einher gingen zahlreiche Formalisierungsbemühungen insbesondere von Seiten der Kirchen und der weltlichen Obrigkeiten. In Konsequenz dessen existierte eine Vielzahl rechtlicher und sozialer Normen, die auf die Eheschließungspraxis und das Eheleben ausgerichtet waren. Diese Normen und Erwartungen sind durch Rechtstexte, aber auch Ehebücher und andere normative Quellen vergleichsweise gut dokumentiert. Was die Ehe aber für den einzelnen Menschen in seinem jeweiligen sozialen Kontext bedeutete, ist dagegen schwer auszumachen, da die Quellenlage hierzu oftmals fragmentarisch und disparat ist.1 Dies gilt auch für Ehen im Hochadel, obgleich die relative Fülle sowohl an seriellen Quellen als auch an Selbstzeugnissen eine gute Ausgangslage für diesbezügliche Untersuchungen bietet.

3.1 Rechtliche Normen und soziale Ansprüche Trotz des Bedeutungszuwachses der Ehe ist für die Frühe Neuzeit keine einheitliche Definition von Ehe auszumachen. Vielmehr existierten verschiedene, hauptsächlich von Theologen und Juristen getragene Ehediskurse, die miteinander konkurrierten.2 Dennoch oder gerade deshalb gab es im gesamten deutschen Sprachraum kein einheitliches Gesetzesrecht, das die Belange der ehelichen Lebensgemeinschaft regelte. Eherechtliche Aspekte fanden hauptsächlich im so genannten ‚Gemeinen Recht‘ ihren Niederschlag. Dieses Recht setzte sich im Wesentlichen aus vier Quellen zusammen: dem Römischen Recht, dem Kirchenrecht, regionalen Rechtsquellen und dem Naturrecht.3 Insbesondere kirchenrechtliche Bestimmungen waren hierbei von zentraler Bedeutung. Im Hinblick auf das im 17. und 18. Jahrhundert geltende Kirchenrecht ist zum einen auf eine Differenzierung zwischen Katholiken, Lutheranern und Reformierten zu achten, zum anderen auch auf die Tatsache, dass das Kirchenrecht selbst auf unterschiedliche Rechtsquellen zurückgriff.4 Das Gemeine Eherecht wurde ergänzt durch örtliche Normen, die aber das Gemeine Eherecht in der Regel nur erklären und nicht ver-

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DÜLMEN 1999, S. 157–158. Grundlegend hierfür: BUCHHOLZ 1988. Einen knappen Überblick erhält man bei: LUTZ 2006, S. 147–160. 3 DUNCKER 2003, S. 115. 4 Insgesamt griff das Kirchenrecht in der Frühen Neuzeit auf folgende Rechtsquellen zurück: das Corpus Iuris Canonici, die Heilige Schrift, aber auch auf weltliche Gesetze, das Naturrecht und das Gewohnheitsrecht. 2

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

drängen sollten. Das genaue Zusammenwirken der einzelnen Rechte, aus denen sich das Gemeine Eherecht speiste, war je nach Territorium unterschiedlich.5 Für den souveränen Hochadel des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation kam hinzu, dass hier seit dem 18. Jahrhundert das so genannte Privatfürstenrecht prägend war. Hierbei handelte es sich um ein standesspezifisches Familien- und Erbrecht, das auf den von Dynastiemitgliedern erlassenen Hausgesetzen, Erbverbrüderungen, Fürstentestamenten und ähnlichen Urkunden beruhte. Das Privatfürstenrecht entsprach dem Selbstverständnis des Hochadels als souveräne und exklusive soziale Formation und zielte auf den Erhalt des sozialen Status ab. In dieser Funktion trat es in Konkurrenz zu den übrigen bestehenden Rechtsnormen. Soweit allerdings im Privatfürstenrecht Regelungen fehlten oder lückenhaft waren, galt das Gemeine Recht subsidiär. Im Übrigen unterstanden die Mitglieder der deutschen regierenden Häuser – und damit auch die Ernestiner – der kaiserlichen Jurisdiktion und damit dem Reichsrecht.6 Vor dem Hintergrund der rechtlich fixierten Normen waren es vier Merkmale, die den Inhalt und den Zweck der Ehe – unabhängig davon, welcher sozialen Schicht die Ehepartner angehörten – bestimmten: Zuerst war die Ehe der alleinige Ort legitimer Sexualität. Vor- und außereheliche Sexualität galt im Allgemeinen als unehrenhaft oder gar Unzucht, und konnte als solche auch juristisch geahndet werden.7 Insbesondere für Frauen barg das Bekanntwerden eines solchen Falles das Risiko des Ehrverlustes, da die Ehre der Frau eng mit der Unversehrtheit ihres Körpers zusammenhing. Dies führte dazu, dass weibliche Ehre und Keuschheit vielfach gleichgesetzt wurden.8 Die „Policey- und Landesordnung“ der Herzöge Friedrich Wilhelm (1562–1602) und Johann von Sachsen (1570–1605) aus dem Jahre 1589, die über zweihundert Jahre Bestand hatte9, sah im Fall vorehelichen Geschlechtsverkehrs vor: „Wenn zwo Verlobte vor dem öffentlichen Zusammengehen und Trauen sich mit einander fleischlich einlassen, so soll die Weibsperson, wenn gleich auch keine Schwängerung daraus erfolget, mit verdecktem Haupt und ohne Spiel zur Kirche gehen und sie beyderseits mit zeitlichem Gefängniß oder sonst nach Gelegenheit willkührlich gestrafet werden.“10 Das hier zu Tage tretende weltliche Straf- und Disziplinierungssystem zielte letztlich auf eine Regulierung der sexuellen Begierde.11 Dabei besaß Sexualität weitgehend kei5

DUNCKER 2003, S. 115–119. STOLLEIS 1997, S. 276. 7 BURGHARTZ 1999; GLEIXNER 1994. 8 ROPER 1991, S. 191; BURGHARTZ 1999, S. 46. 9 Die Landesordnung von 1589 galt in Sachsen-Weimar bis in das 18. Jahrhundert, in modifizierter Form sogar bis in das 19. Jahrhundert hinein. Zudem war die Weimarer Landesordnung auch für die gothaischen Herzogtümer von Bedeutung, denn die Landesordnung von 1589 bildete die Grundlage für die große Landesordnung Herzog Ernsts von Sachsen-Gotha von 1653. Siehe: R ICHTER 1964, S. 23 und S. 30. 10 Policey- und Landesordnung der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen, Weimar 1589, C, Kap. IV. 11 EDER 2002, S. 51. 6

3.1 Rechtliche Normen und soziale Ansprüche

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nen eigenständigen Wert und war auch nicht zwangsläufig mit Zuneigung und Liebe verbunden. Sexualität diente in erster Linie der Zeugung von Nachkommen.12 Diese Perspektive wird auch in kirchenrechtlichen Bestimmungen, wie beispielsweise dem kanonischen Recht, eingenommen. An dieser Stelle ist jedoch zu vermerken, dass es sich beim kanonischen Recht primär nicht um Rechtstexte handelt, sondern um theologische Quellen, die eherechtlich verwendet wurden. Daher liegt diesen Bestimmungen ein besonders stark ausgeprägter moralischer Impetus zugrunde. Eine zweite Bedeutung der Ehe – neben der Befriedigung sexueller Bedürfnisse innerhalb der Ehe – ist in der legitimierten Zeugung von Kindern zu sehen. Diese Funktionsbestimmung der Ehe war zwar nicht adelsspezifisch, doch war sie insbesondere für den Adel von existentieller Bedeutung: Im Adel stand die Geburt von Kindern für dynastische Präsenz und garantierte die Fortsetzung sowie das Fortleben des adeligen Geschlechtes und seiner Macht- und Herrschaftsansprüche. Dabei war jedoch entscheidend, dass es sich bei den Nachkommen um legitime Nachkommen handelte. Nur die legitime Nachkommenschaft gewährleistete die fortschreitende Weitergabe von Macht und Herrschaft in der dynastischen Erbfolge. Dass für die Transformation von Herrschaft neben der legitimen, ehelichen Geburt allerdings auch die Standesgleichheit der Eltern von wesentlicher Bedeutung war, wird im folgenden Kapitel noch eingehender zu thematisieren sein. Gegenüber legitimen Kindern waren Nachkommen aus außerehelichen Beziehungen benachteiligt: Sie wurden in der Regel nicht nur von den Herrschafts- und Erbrechten ausgeschlossen, sondern waren auch im Alltag den ehelichen Kinder nachgeordnet. Vereinzelt kam es allerdings dazu, dass illegitime Kinder – nicht zuletzt dank der exponierten Stellung und der Protektion ihres leiblichen Vaters – in einflussreiche Positionen, insbesondere im Militär oder im diplomatischen Dienst, gelangen konnten. Dies betraf aber nahezu ausschließlich aus illegitimen Beziehungen hervorgegangene Söhne.13 Mit der Zeugung von Nachkommen als wesentlicher Funktion der Ehe korrespondierte zugleich die selbstverständliche Erwartungshaltung, dass jeder Eheschließung die Zeugung von Kindern folge. Kinderlosigkeit galt als sozialer ‚Defekt‘ und schmälerte das Ansehen eines Paares in der Gesellschaft. Ein dritter Aspekt der Ehe war die durch die Eheschließung gestiftete Lebensgemeinschaft der Ehepartner. Diese Lebensgemeinschaft war wiederum an Besitz gebunden und stellte darüber hinaus einen Arbeitszusammenhang her.14 Dies traf nicht zuletzt für den Adel zu. Die vielschichtige Heiratspolitik im Adel ist markanter Ausdruck dieses besitzorientierten Verständnisses von Ehe. Aufgrund dieser Funktionalität der Ehe wurde in der Forschung lange Zeit davon ausgegangen, dass emotionale Bindungen zwischen den Ehegatten keine Voraus12

A RIÈS 1992, S. 165–175. A RIÈS spricht von der „Automatik des Geschlechtsaktes“ (S.166); JEROUSCHEK 1991, S. 284. 13 AUGE 2005, S. 41–55. 14 WUNDER 1992a, S. 98.

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setzung der Eheschließung waren.15 Demgegenüber wurde auf eine Gleichheit der Lebensumstände als geeignete Voraussetzung für eine funktionierende Ehe verwiesen. Diese Annahme übersieht jedoch die Historizität von Emotionen und die Relationalität von Emotionen und materiellen Interessen. Dass die so genannte ‚Liebesehe‘ eine Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts sei, gilt allenfalls dann, wenn man Liebe als vermeintlich voraussetzungslos und zweckfrei begreift. Im Kontext der frühneuzeitlichen Ehe steht Liebe vielmehr für den Versuch, die Ehe als Lebensmodell, das die göttliche Liebe in eine weltliche Liebe übersetzt, verbindlich zu machen.16 Als solches war Liebe konstitutive Bedingung für die Beziehung von Mann und Frau.17 Am Beispiel niederadeliger Ehepaare des Weserraumes konnte Anke Hufschmidt zeigen, dass Liebe hier als Modus einer freiwilligen Unterordnung verstanden wurde und ihr demzufolge eine erhebliche Bedeutung für die Stabilisierung ehelicher Verhältnisse zukam.18 Demgegenüber hatte Liebe in Form von Leidenschaft in der frühneuzeitlichen Ehe keinen Platz, und außerhalb der Ehe praktiziert gefährdete sie diese. Die vierte Wesensbestimmung einer Ehe lag darin, dass die Ehe als ‚unauflöslich‘, als eine Vereinbarung für das gesamte Leben, betrachtet wurde.19 Dieses rigide Eheverständnis wandelte sich allerdings im Verlauf der Frühen Neuzeit. Bereits vor Luther, der die Ehe als „weltlich Ding“20 ansah und damit den von der katholischen Kirche postulierten sakramentalen Charakter der Ehe negierte, konnte eine Ehe durch die kirchliche Jurisdiktion aufgelöst werden. Dies durfte allerdings nur dann geschehen, wenn die Ehe noch nicht vollzogen war.21 Dieser einzig zugelassene Grund war bereits eine Reaktion der Scholastiker auf die häufig auftretenden Ehescheidungen innerhalb des Adels, der sich dabei zunehmend über die kirchliche Jurisdiktion hinweggesetzt hatte.22 Im Zuge der Reformation und der Aufwertung des Ehelebens durch Kirche und Obrigkeit wurde im Protestantismus nunmehr die Möglichkeit zur Auflösung der Ehe, selbst wenn diese bereits vollzogen war, geschaffen. Als Scheidungsgründe wurden von den Reformatoren in Anlehnung an das Römische Recht ‚böswilliges Verlassen‘ und Ehebruch anerkannt.23 Die Möglichkeit einer Scheidung bedeutete jedoch keineswegs eine Abwertung der Eheschließung: Indem die Reformatoren nur dem an der Scheidung unschuldigen Teil eine Wiederverheiratung zubilligten, wurde 15

ASCH 2008, S. 106; Zur Bedeutung von ,Liebe‘ für die Eheanbahnung in der Frühen Neuzeit siehe: LISCHKA 2006. 16 JARZEBOWSKI 2008a, Sp. 900–901. 17 BURGHARTZ 1999, S. 178; BECK 1997, S. 191. 18 HUFSCHMIDT 2001, S. 252. 19 DÜLMEN 1999, S. 158. 20 LUTHER, Martin, Von Ehesachen (1530), zitiert nach: D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe, Bd. 30, III. Abteilung, Weimar 1910 (ND Weimar 1964), S. 205, Zeile 12. Zu Luthers Eheverständnis siehe auch: WEIGELT 1993, S. 87–91. 21 BERGER 1993, S. 414. 22 DUBY 1988, S. 187–242. 23 Zur Diskussion um die Scheidungsgründe im Protestantismus siehe: BUCHHOLZ 1988, S. 334.

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der moralische Wert der Ehe sogar erhöht. Doch bot gerade der Ehebruch einem scheidungswilligen Partner eine relativ einfache Möglichkeit, ein Scheidungsverfahren zu initiieren. Damit ist nicht gemeint, dass der scheidungswillige Partner selbst Ehebruch begeht, vielmehr war es praktikabel, der Gegenpartei einen Ehebruch zu unterstellen. Um einem derartigen Rechtsmissbrauch vorzubeugen, zog eine aufgrund eines Ehebruchs eingereichte Scheidungsklage eine langwierige Untersuchung nach sich. Damit sollten leichtfertig gefasste Scheidungsurteile verhindert werden.24 Darüber hinaus wurde in Bezug auf Scheidungen sehr deutlich, inwieweit geistliche und weltliche Rechtsnormen miteinander verwoben waren und wie uneinheitlich dabei die Rechtspraxis war. Unter frühneuzeitlichen Juristen wurde intensiv und äußerst kontrovers diskutiert, ob Scheidungen und Ehestreitigkeiten im Allgemeinen zu den geistlichen oder weltlichen Angelegenheiten zu rechnen und demzufolge von der kirchlichen oder weltlichen Gerichtsbarkeit zu verhandeln seien.25 Relative Einigkeit bestand unter den Juristen allerdings darin, dass die Ehe als solches durch Gott gestiftet und daher dem geistlichen Bereich zuzuordnen sei. In den Westfälischen Friedensverträgen wurde darüber hinaus festgehalten, dass die „causæ matrimoniales [...] zu denen causis Ecclesiasticis [zählen] und folglich vor den geistlich- und nicht vor den weltlichen Richter [gehören]“26. Doch diese Ansicht setzte sich nicht durch. Insbesondere dem regierenden Hochadel widerstrebte eine derartige Regelung, da hier eine Scheidung mit weit reichenden Konsequenzen auf politischem und ökonomischem Gebiet einherging. Da nicht zuletzt materielle Aspekte, wie beispielsweise der Umgang mit dem Heiratsgut, im Falle einer Scheidung der Regelung bedurften, waren Scheidungen im Adel auch aus Sicht zahlreicher Juristen eindeutig vor weltlichen Gerichten zu verhandeln. Doch gab es weder ein Reichs- noch ein Landesgesetz, das die Zuständigkeiten und Kompetenzen im Bereich der Eheangelegenheiten regelte. Einzig für die katholischen Gläubigen gab es in diesem Bereich keinen Klärungsbedarf: Für sie war das kanonische Recht bindend und für die Jurisdiktion war der Papst zuständig. Bei Angehörigen der evangelischen Konfession gestaltete sich die Situation anders. Auch wenn die Ehe im Zuge der Reformation zunehmend zu einer weltlichen Angelegenheit wurde und ein festgelegter Kanon an Scheidungsgründen existierte, so war die juristische Verfahrensweise nicht eindeutig festgelegt. Das bestehende Rechtsvakuum bot evangelischen Landesherren, die aufgrund des landesherrlichen Kirchenregimentes auch Kirchenoberhaupt in ihrem Herrschaftsbereich waren, weit reichenden Handlungsspielraum.27 24

DÜLMEN 1999, S. 162. Einen Überblick hierzu gibt MOSER 1745, 21. Teil, S. 2–35. 26 MOSER 1745, 21. Teil, S. 3. 27 Durch die im Zuge des Augsburger Religionsfriedens von 1555 erfolgte Aussetzung der ‚iurisdictio ecclesiastica‘ in den protestantischen Territorien rückte der evangelische Landesherr in das ‚ius episcopale‘ ein. Insbesondere die lutherische Lehre von den drei Ständen band den Landesherrn in ein innerkirchliches Verfassungssystem ein, was letztlich zu einem massiven Ausbau der Herrschersouveränität führte. Vgl. BUCHHOLZ 1988, S. 308–313. 25

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Diesbezüglich konstatierte Herzogin Albertine Wilhelmine Amalie von Württemberg (1771–1829), eine geborene Prinzessin von Schwarzburg-Sondershausen, im Hinblick auf ihre Scheidung von Herzog Ferdinand von Württemberg (1763–1834) und hinsichtlich der Frage, wer hierfür zuständig sei, „daß ein jeder protestantischer Fürst in seinem Lande [...] Papst wäre“28. In der Tat gab es in der Frühen Neuzeit zahlreiche Versuche protestantischer Landesherren, ihre Eheund Scheidungsangelegenheiten eigenmächtig zu regeln. Herzog Karl Leopold von Mecklenburg-Schwerin (1678–1747) hielt im Hinblick auf sein Trennungsbegehren von Herzogin Sophie Hedwig (1690–1734), einer geborenen Prinzessin von Nassau-Dietz, fest, dass „die Ehe [...] bey denen Protestirenden nur wie ein Contract [gelte]; falls ein Theil demselben commitendo vel omittendo zuwider handle, stehe dem andern frey, ihn völlig aufzuheben. Bey Standespersonen komme das Hauptwerck auf die Ehepacten an, das übrige seye lediglich eine Ceremonie [...]“29. Ein derart pragmatisches Verständnis stieß allerdings bereits bei den Zeitgenossen auf Kritik. Johann Jacob Moser äußerte in seinem „Teutschen Staats=Recht“ von 1745 hierzu: „Und in der That es ist unbillig, daß ein Fürst, wanns ihm in den Kopf kommt, seine Gemahlin verstößt, und sich von ihr scheiden läßt propria auctoritate. Denn die Fürsten consideriren in solchen Fällen meist ihre Gemahlinnen ut reas und jagen sie weg, weil sie das Ius Divortii hätten.“30 Um daher dem Rechtsmissbrauch durch protestantische Fürsten vorzubeugen, schlug Moser vor, „daß eigentliche Ehe-Sachen pro causis mixti fori angesehen werden.“31 Ehedifferenzen und Scheidungen sollten demnach sowohl von Theologen als auch Juristen gemeinschaftlich begutachtet und verhandelt werden. Diese Vorgehensweise setzte sich auch in der Praxis durch. In evangelischen Territorien kam dabei den Konsistorien eine zentrale Rolle zu.32 Im Hinblick auf die Ehe im Hochadel waren nicht allein rechtliche Normen von Bedeutung. Vielmehr war es ein Konglomerat aus rechtlichen und sozialen Normen, das die Ehepraxis prägte. Dabei konnten rechtliche und soziale Normen sogar divergieren.33 Dies wurde am Beispiel des Ehebruchs besonders deutlich. In der „Policey- und Landesordnung“ der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen aus dem Jahre 1589 hieß es: „So will uns auch deste mehr zustehen und gebüren, seiner göttlichen Gebot, mit dem höchsten warzunemen, und von sündlichen Lastern abzulassen, denn sein Allmechtigkeit, nicht weniger durch andere Laster, als Hurerey, Ehebruch, uneheliche Beywohnunge, und der28

Herzogin Albertine Wilhelmine Amalie von Württemberg an Herzog Friedrich I. Wilhelm Karl von Württemberg, 14. Juli 1801, zitiert nach: R ICHTER 1993, S. 344. 29 MOSER 1775, Bd. 12/2, 1. Hälfte, S. 425. 30 MOSER 1745, 21. Teil, S. 13–14. 31 Ebd., S. 27. 32 Hierbei handelte es sich um landesherrliche geistliche Behörden mit Rechtsprechungsbefugnis. Ursprünglich oblagen den Konsistorien nur Rechtsfragen. Nach dem Wegfall der Visitationsgerichte wurden die Konsistorien auch zu Tatsacheninstanzen. Siehe hierzu: SEEHASE 1999, S. 34–35. 33 Dies trifft natürlich auch auf andere gesellschaftliche Gruppen zu. Siehe hierzu: NOLDE 2003.

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gleichen vorlezt wird, und solches alles wider sein Gebot ist. Demnach wollen und ordnen wir, das ihr alle in gemein und sonderheit [...] die Hurerey, Ehebruch, und uneheliche Beywohnung, [...] unnachlessig, und mit ernst straffet“34. Konkret sah die Polizei- und Landesordnung vor, dass wenn „einer eines andern Eheweib beschlefft, er sey gleich ein Eheman oder ein lediger Geselle, so sollen sie beide mit dem Schwert von dem Leben zum Tode gestrafft werden, und mit dieser Straffe soll auch ein Ehemann, welcher in stehender Ehe eine ledige Weibsperson beschlefft, beleget, die ledige Dirne aber auff solchen Fall mit Staupen35 schlagen des Landes vorwiesen werden.“36 Strafmildernd konnte sich allerdings auswirken, wenn „der unschuldige Ehegatt vor das vorbrechende Teil bitten, und sich erbieten demselben, ungeacht gebrochener trew [= Treue] und Glaubens, lenger ehelich beyzuwonen; So soll als denn dem Ehestand zu ehren, der schuldige Teil mit der Lebensstraff verschonet, und des Landes ewig vorwiesen werden, auch der unschuldige Teil seinem Ehegatten aus dem Lande folgen, darinen ferner nicht wohnen, noch sich wesentlich aufhalten.“37 Während Ehebruch im Rahmen der Rechtsnormen verurteilt und sanktioniert wurde, gehörte das Refugium sexueller Freizügigkeit zur sozialen Praxis des Adels. In Form des Mätressenwesens und der Ehe minderen Rechts wurde der Ehebruch im Adel sogar institutionalisiert.38 Die hier zu Tage tretende Diskrepanz zwischen theoretisch strengem Strafmaß und vergleichsweise milder Rechtspraxis stellte allerdings keinen Widerspruch dar. Vielmehr war das dialektische Verhältnis von Strafmaß und Rechtspraxis darauf zurückzuführen, dass der gesellschaftliche Status und das Prestige des Täters die Bemessungsgrundlage dafür darstellte, ob und wie sein Vergehen geahndet wurde.39 Hinzu kam im Fall eines Landesherren, dass ihm letztlich die gesamte Rechtssprechung unterstand.40 Dies machte eine Strafverfolgung bei Vergehen des Landesherren selbst nahezu unmöglich. Der Landesherr konnte demzufolge – zumindest unter juristischen Gesichtspunkten – ungestraft Ehebruch betreiben. Dennoch war eine Sanktionierung des Handelns durch das Haus oder die Standesgenossen möglich, zumal dann, wenn sich der Ehebruch als nachteilig für das adelige Haus und die Herrschaftsausübung erwies. Als tatsächliches Problem wurde der Ehebruch im Adel zumeist erst dann angesehen, wenn die Ge34 Policey- und Landesordnung der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen, Weimar 1589, C, Kap. IV. 35 Staupenschläge sind als schwere Körperstrafe einzuordnen: Bei Staupen handelt es sich um Reisigbündel, die mitunter scharfkantige Metallsplitter oder Steine enthielten. 36 Policey- und Landesordnung der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen, Weimar 1589, C, Kap. IV. 37 Ebd. 38 HEINIG 2002, S. 286. Bei den Wettinern war es Kurfürst Johann Georg IV. von Sachsen (1668– 1694), der mit Magdalena Sybille von Neitschütz (1675–1694) als erster eine außereheliche Favoritin nach dem Vorbild des französischen König Ludwig XIV. etablierte. 39 SCHWERHOFF 1992, S. 391. 40 Sachsen-Jenaische Consistorial-Ordnung vom 12. Juni 1574, zitiert nach: SCHMIDT 1801, S. 285.

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liebte beziehungsweise die Mätresse die Herrschaft des Fürsten und des adeligen Hauses zu gefährden schien, indem sie beispielsweise eigene politische Macht entfaltete.41 Allerdings wurde die sexuelle Freizügigkeit des Hochadels bereits von den Zeitgenossen kritisch kommentiert. Exemplarisch hierfür stehen die Äußerungen des Julius Bernhard von Rohr (1688–1742), der in seiner „Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der grossen Herren“ aus dem Jahr 1733 äußerte: „Betrüblich ists, wenn grosse Herren, bey Lebzeiten ihrer Gemahlinnen, auf andere verehlichte oder ledige Dames ein unzüchtiges Auge werffen, sie als Maitressen auf eine kostbahre Art ernehren, und uneheliche Kinder mit ihnen zeugen.“42 Die Tatsache, dass außereheliche Beziehungen bei von Rohr Berücksichtigung finden, macht deutlich, dass dieser Sachverhalt zum Alltag „Der grossen Herren“ gehörte. Ebenso wird hierbei ein Eheverständnis zum Ausdruck gebracht, das den legitimen Geschlechtsverkehr einzig innerhalb der Ehe ansiedelt. Doch sind es bei von Rohr nicht nur moralische Aspekte, die den außerehelichen Geschlechtsverkehr als bedenklich erscheinen lassen, sondern auch materielle. Explizit spricht er die aufwendige Unterhaltung der Mätressen an, die sich für die Herrschaft eines Fürsten nachteilig auswirken konnte. Demgegenüber führten hochadelige Männer zur Rechtfertigung ihres Verhaltens nicht zuletzt medizinische Gründe an. Hierzu gehörte das Argument, dass Enthaltsamkeit nicht gut für den Körper sei.43 Doch bewegte sich diese Argumentationsweise auf einem schmalen Grat, denn innerhalb der frühneuzeitlichen medizinischen Diskurse wurde auch die Meinung vertreten, dass übermäßiger Geschlechtsverkehr zu schwer wiegenden gesundheitliche Schäden führe.44 An dieser Stelle wird deutlich, dass die sozialen Normen des Hochadels das Ergebnis vielfältiger diskursiver Prozesse waren. Dies bedeutete aber auch, dass sie ständig neu verhandelt wurden. Da die familiär-private und öffentliche Existenz eines Mitgliedes des Hochadels kaum voneinander zu trennen waren, blieben außer- oder nebeneheliche Verhältnisse nur schwer verborgen. Dies traf insbesondere für die Mätressen zu, die eine herausgehobene Stellung am Hofe innehatten. Sie dienten bei weitem nicht nur der Befriedigung sexueller Bedürfnisse eines (hoch-)adeligen Mannes, sondern waren als Statussymbol auch Teil der höfischen Repräsentation. Die Nähe zum Herrscher bot einer Mätresse die Möglichkeit, den eigenen Aktionsradius zu erweitern und machtpolitisch in Erscheinung zu treten.45 Dieser Bedeutungsvielfalt sind auch die unterschiedlichen Bezeichnungen – maîtresse en titre/régante/declarée – geschuldet. Die einzig legitime Form der Partnerschaft stellte aber die Ehe dar. Die übrigen Formen geschlechtlicher Partnerschaft, die den formalen 41

Als prominentes Beispiel für die Wettiner sei an dieser Stelle Anna Constantia von Brockdorff, spätere Reichsgräfin von Cosel (1680–1765), genannt. Sie war die einflussreichste Mätresse Kurfürst (Friedrich) Augusts I. von Sachsen (1670–1733, seit 1697 als August II. König von Polen). Siehe hierzu: GÖSE 2003, S. 101–120; HOFFMANN 1984. 42 ROHR 1733, S. 161. 43 STOLBERG 2003, S. 207; WERNZ 1993, S. 100. 44 STOLBERG 2003, S. 208. 45 OSSWALD -BARGENDE 1998b, S. 113; Dies. 2000.

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Vorgaben der Ehe nicht entsprachen, bedeuteten zumindest für die Frau, dass sie ein Leben auf minderem Status führen musste. Dies wiederum führte dazu, dass sich hochadelige Frauen in der Regel auf diese Verhältnisse nicht einließen.46 Während hochadeligen Männern der Ehebruch zugestanden wurde, gehörte es zu den Pflichten einer tugendhaften hochadeligen Ehefrau, nicht nur dem Ehemann treu zu sein, sondern auch dessen Verhalten zu tolerieren. Ein Aufbegehren der Ehefrau gegenüber dem Ehemann oder Klagen über sein Verhalten wurden als Verstöße gegen die eheliche Gewalt des Mannes betrachtet.47 Begünstigt wurde dies durch die in der Frühen Neuzeit vorherrschenden Moralvorstellungen, die von der Annahme einer Überlegenheit des männlichen Geschlechts geprägt waren. Obgleich sich in der Rechtssprechung das auf Gegenseitigkeit beruhende Ehe- und Treuverständnis durchgesetzt hatte und keine Zweifel daran bestanden, dass der Ehebruch eines Mannes ebenso strafwürdig wie der Ehebruch einer Frau war, stellte der Ehebruch der Frau ein größeres Unrecht dar. Die sexuelle Untreue der Frau wurde als folgenschwerer und sozial schädlicher erachtet, da die Möglichkeit bestand, dass aus dem Ehebruch eine Schwangerschaft resultieren könnte. Somit brachte die sexuelle Untreue der Frau Unsicherheiten in den Abstammungsverhältnissen ehelich geborener Kinder mit sich und war daher entschieden zu verurteilen.48 Elisabeth Charlotte von Orléans (1652–1722) äußerte diesbezüglich gegenüber ihrer Tante, der Kurfürstin Sophie von Hannover (1630–1714): „[...] welchen Herren findt man in der Welt, so allein seine Gemahlin liebt und nicht waß anderst, es seyn Maitressen oder Buben, dabey hatt? Solten deßwegen ihre Gemahlin auch so übel leben, könte, [...] niemandt sicher sein, daß die Kinder im hauß die rechten Erben wehren.“49 Daran anknüpfend konstatierte Elisabeth Charlotte von Orléans, dass „[...] der Weiber Ehre daran ligt, mitt niemandes alß ihren Männern zu thun zu haben undt daß den Männern keine Schande ist, Maitressen zu haben, aber woll, Hannereyen zu sein“50. Letztlich war es weniger eine Frage der Moral als vielmehr eine Frage des dynastischen Interesses und der herrschaftsrechtlichen Ansprüche, die es einer Frau geboten, keine außerehelichen Beziehungen zu unterhalten. Doch obgleich der von Frauen begangene Ehebruch stärker verurteilt und sanktioniert wurde, war er ebenso wie der von Männern begangene Ehebruch Teil der sozialen Praxis und gehörte auch im Adel zum Alltag.51 Exemplarisch sei hier auf ein Mitglied des albertinischen Gesamthauses, und zwar auf Herzogin Henriette Charlotte von Sachsen-Merseburg (1693–1734), 46

SIKORA 2004, S. 113. OSSWALD -BARGENDE 1998a, S. 87. 48 Siehe hierzu: KOCH 1991, S. 117. 49 Brief der Elisabeth Charlotte von Orléans an Sophie von Hannover vom 13. Februar 1695, zitiert nach: HEUVEL 2000, S. 83. 50 Ebd. 51 ASCH 2008, S. 106. Für den italienischen und spanischen Adel ist in diesem Zusammenhang auf die Institution des Cicisbeo bzw. Cortejo zu verweisen. Zwar handelte es sich hier im zeitgenössischen Verständnis um einen „Cavallier, welchen eine Dame dazu ausersehen hat, um sich seiner Dienstleistungen bey unterschiedlichen Vorfällen zu bedienen“ (K RÜNITZ 1776, Bd. 8, Sp. 47

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verwiesen. Ihre konfliktbehaftete Ehe mit Herzog Moritz Wilhelm von SachsenMerseburg (1688–1731) und insbesondere der instabile psychische Zustand ihres Ehemannes veranlassten die Herzogin, eine Beziehung mit dem Merseburger Hofmarschall einzugehen. Als sich die Anzeichen für eine Schwangerschaft der Herzogin verdichteten, entwickelte sich das Verhältnis zu einem hochpolitischen Konflikt, in den sich nunmehr auch das Kurhaus einschaltete. Der Seitensprung der Herzogin war zu einem Problemfall für den gesamten Familienverband geworden und löste zahlreiche diplomatische Ränkespiele aus. Letztlich blieb der Konflikt aber ohne größere Außenwirkung, da das illegitime Kind der Herzogin kurz nach der Geburt verstarb.52 Auch wenn Ehebruch zum hochadeligen Alltag gehörte und – wenn überhaupt – zumeist nur moralisch sanktioniert wurde, gab es auch hier einen Punkt, der aus rechtlicher und moralischer Perspektive als besonders verwerflich angesehen wurde: Der Punkt, an dem Ehebruch in Bigamie mündete. Die Bedeutsamkeit von Bigamie für die frühneuzeitliche Gesellschaft53 wird bereits im rechtlichen Umgang mit ihr deutlich. Zwar taucht Bigamie in den Rechtstexten der Frühen Neuzeit als eigener Tatbestand im Gegensatz zum Ehebruch nur vereinzelt auf; doch wenn sie – wie beispielsweise in der peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. (Constitutio Criminalis Carolina) von 1532 – explizit benannt wird54, dann werden auch härtere Strafen als im Fall eines Ehebruchs formuliert. Das mag allerdings kaum erstaunen, denn im Rechtsverständnis beinhaltet Bigamie nicht nur den Ehebruch, sondern versucht diesen auch noch mit einer unrechtmäßigen Ehe zu kaschieren.55 Damit stellte Bigamie ein besonders schwerwiegendes Vergehen dar, über das auch Macht und Souveränität eines Landesherrn

122), doch war es nicht ungewöhnlich, dass mit einer derartigen dienstlichen Beziehung auch ein intimes, sexuelles Verhältnis einherging. Siehe: FABER 2009, S. 293. 52 WILDE, Manfred, Zwischen Ehebruch und Staatsräson. Das außereheliche Verhältnis von Herzogin Henriette Charlotte von Sachsen-Merseburg als diplomatisches Ränkespiel, Vortrag gehalten auf der Tagung Sachsen und seine Sekundogeniturfürstentümer. Eine Publikation des Vortrages ist geplant. Siehe auch: Tagungsbericht Sachsen und seine Sekundogeniturfürstentümer, 22.–23. Juni 2007, Barockschloss Delitzsch, in: H-Soz-u-Kult, 22.10.2007, URL: http://hsozkult.geschichte. hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1741. 53 Zur Bedeutung von Bigamie in der Frühen Neuzeit siehe MIKAT 1988; SIEBENHÜNER 2007. Die von SIEBENHÜNER gewählten Fallbeispiele behandeln allerdings keine Bigamisten, die gleichzeitige oder abwechselnde Eheleben führten, sondern aufeinander folgende. 54 Im Artikel 121 der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. heißt es: „Item so eyn Ehemann eyn ander Weib, oder eyn Eheweib eyn andern Mann, inn Gestalt der heyligen Ehe bei Leben des ersten Ehegesellen nimbt, welche Übelthat dann auch ein Ehebruch vnd größer dann das selbig Laster ist, vnd wiewol die Keyserlichen Recht, auff solch Übelthat keyn Straff am Leben setzen So wollen wir doch welcher solchs Lasters betrüglicher weiß, mit Wissen vnd Willen Ursach gibt vnnd volnbringt, daß die nit weniger dann die Ehebrüchigen peinlich gestrafft werden sollen.“ (entnommen aus: SCHROEDER 2000). In der „Policey- und Landesordnung“ Herzog Friedrich Wilhelms von Sachsen-Weimar von 1589 wird der Tatbestand der Bigamie bzw. Mehrehe nicht genannt. 55 R ICHHARDT 2004, S. 185.

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nicht einfach hinwegtäuschen konnten. Am bekanntesten Beispiel eines fürstlichen Bigamisten, nämlich dem Landgrafen Philipp von Hessen (1504–1567), wird deutlich, wie sehr fürstliche Macht bei aller Souveränität und ständischen Privilegien zugleich auch von religiösen und gesellschaftlichen Normen geprägt wurde: Denn erst nach zähem Ringen und unter Ausübung politischen Drucks konnte der Protestant Philipp den Widerstand der Reformatoren Luther, Melanchthon und Bucer brechen und seine Zweitehe mit Margarethe von der Saale (1522–1566) durchsetzen.56 Was für Philipp letztlich ein Erfolg war – obgleich die Eheschließung zahlreiche moralische Vorwürfe und Konflikte mit den Verwandten nach sich zog – bedeutete für seine Frau Margarethe allerdings ein Leben in gesellschaftlicher Isolation, ein Leben im Verborgenen.57 Dabei handelte es sich bei der von Landgraf Philipp von Hessen praktizierten Bigamie keineswegs um einen Einzelfall. Immer wieder kam es zu bigamistischen Vorfällen innerhalb des Hochadels. Das wohl bekannteste Beispiel bei den Wettinern ist das des Kurfürsten Johann Georg IV. von Sachsen (1668–1694). Er ging – obgleich er seit 1692 mit der verwitweten Markgräfin Eleonore Erdmuthe Luise von Brandenburg-Ansbach (1662–1719), einer geborenen Prinzessin von Sachsen-Eisenach, verheiratet war – eine Nebenehe mit Magdalena Sibylle von Neitschütz (1675–1694) ein. Sein Vorgehen versuchte er mit der Heiligen Schrift zu rechtfertigen, die es seines Erachtens nicht verbot, zwei Frauen gleichzeitig zu haben.58 Dem Kurfürst gelang es sogar, seine zweite Frau in den Reichsgrafenstand erheben zu lassen. Die bigamistische Beziehung fand jedoch ein abruptes Ende, als Magdalena Sybille von Neitschütz, Reichsgräfin von Rochlitz, an den Pocken erkrankte und am 4. April 1694 starb. Noch an ihrem Totenbett erklärte der Kurfürst sie zu seiner wahren und eigentlichen Gemahlin.59 Der Kurfürst, der sich bei der Reichsgräfin an den Pocken angesteckt hatte, starb kurz darauf am 27. April 1694. Obgleich es derartige Fälle von Mehrehen im frühneuzeitlichen Hochadel gab, würde es jedoch zu weit gehen, hier von einer seit dem 16. und 17. Jahrhundert verstärkt auftretenden Erscheinung zu sprechen.60 Praktizierte Bigamie war nur eine Möglichkeit, mit der Angehörige des Hochadels versuchten, eigene, den dynastischen Interessen oftmals zuwiderlaufende Präferenzen im Hinblick auf Partnerwahl und Eheleben durchzusetzen. Wenn es sich bei der erwählten Partnerin oder dem erwählten Partner um einen standesungleichen Partner handelte, reichte die Palette der Möglichkeiten von der Unterhaltung außerehelicher Beziehungen über das Eingehen einer morganatischen Ehe

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Zum Fall Landgraf Philipps von Hessen siehe: R ICHHARDT 2004, S. 183–192; BUCHHOLZ 2004, S. 57–73; Ders. 1997, S. 39–63; MERKEL 2000, S. 103–126. 57 R ADY 1890, S. 60. 58 HEINIG 2002, S. 286. 59 DÖRING 2007, S. 169. 60 Die Zunahme von Mehrfachehen konstatiert Stephanie M ARRA, allerdings ohne aussagekräftige Zahlen oder Beispiele zu erwähnen. Sie nennt einzig das Beispiel des Landgrafen Philipp von Hessen. Siehe: M ARRA 2007, S. 132.

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bis hin zum Abschluss einer vollgültigen Ehe.61 Insbesondere die morganatische Ehe etablierte sich in der Frühen Neuzeit als probates Mittel für standesungleiche Paare, um ihre Beziehung rechtlich zu legitimieren.62 Kennzeichnend für diese Form der Ehe war, dass sie bestimmte Rechtsfolgen der Ehe ausschloss. Hierzu gehörte, dass die Ehefrau wie auch die aus der Ehe hervorgehenden Kinder keine Anrechte auf Titel und Besitz sowie auf die Herrschafts- und Erbrechte des Ehemannes beziehungsweise des Vaters hatten. Die Versorgung der Ehefrau wurde primär durch die Morgengabe gewährleistet.63 Damit bestand zwischen der morganatischen Ehe und einer vollgültigen Ehe ein wesentlicher qualitativer Unterschied. Der mit einer morganatischen Ehe einhergehende mindere Status der Ehefrau wurde in der Regel vertraglich festgehalten, ein Vertrag war aber keine zwingende Voraussetzung für eine derartige Ehe.64 Der Status der Ehefrau kam in der Trauzeremonie auch symbolisch zum Ausdruck, indem die Braut an der linken Seite ihres Ehemannes platziert wurde. Von dieser Zeremonie leitete sich letztlich die deutsche Bezeichnung ‚Ehe zur linken Hand‘ ab. Die Institution der morganatischen Ehe bot insbesondere adeligen Männern die Möglichkeit, eine nicht ebenbürtige Frau zu ehelichen, ohne dass diese an den Standes- und Vermögensrechten partizipieren konnte.65 Somit war es möglich, individuelle Interessen und Emotionen mit den rechtlichen Anforderungen an eine Ehe zu verbinden, ohne dass daraus herrschaftsrechtliche Folgen resultierten. So blieben letztlich auch die dynastischen Interessen gewahrt. Dabei konnte es sich bei einer morganatischen Ehe durchaus auch um eine Ehe standesgleicher Personen handeln.66 Demgegenüber stand das Eingehen einer vollgültigen standesungleichen Ehe zumeist im Widerspruch zu dynastischen Interessen, die auf die Behauptung von Stamm, Rang und Namen abzielten. Dies führte dazu, dass sich an so genannten ‚Missheiraten‘ nicht selten Konflikte entzündeten. Dabei gab es noch im 17. Jahrhundert weder allgemeine Kriterien noch eindeutige Grenzen, die eine ‚Missheirat‘ markierten. Von entscheidender Bedeutung war hierbei die Frage der Ebenbürtigkeit und damit verbunden die Frage, wann eine Eheschließung zur ‚Missheirat‘ wurde. Ging ein Reichsfürst oder auch ein Reichsgraf die Ehe mit einer Bürgerstochter ein, handelte es sich offensichtlich um eine ‚Missheirat‘. Doch wenn ein Reichsfürst eine Grafentochter heiratete, dann war es schon nicht mehr eindeutig, ob hier tatsächlich eine ‚Missheirat‘ vorlag. Selbst unter den frühneuzeitlichen Juristen war es äußerst umstritten, wo letztlich die Grenze zu ziehen sei und was als Regel und als Ausnahme zu gelten habe. Für den Reichsgrafenstand konstatierte Barbara Stollberg-Rilinger, dass dieser sich mit Beginn des 18. Jahrhunderts darum bemühte, eine klare Grenze zwischen dem eigenen Stand und

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SIKORA 2005. BULKE 1871; A NONYM 1874; A BT 1911; KÜHN 1968. SIKORA 2004, S. 117. Hier finden sich auch Hinweise zur begriffsgeschichtlichen Entwicklung. MOSER 1745, 19. Teil, S. 355. SCHULZ-LÖHNING 2006, Sp. 50–52. BOENICKE 1915, S. 30.

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner

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rangniederen Adeligen zu ziehen. Grund hierfür war nicht zuletzt die Tatsache, dass sich die altgräflichen Häuser durch die zunehmende Zahl neu nobilitierter Grafen bedroht sahen.67 Ein analoges Vorgehen hierzu lässt sich auch im Hinblick auf die Reichsfürsten festhalten: So kam der Frage nach Ebenbürtigkeit der Ehegatten eine zentrale Bedeutung im Rahmen der hochadeligen Heiratspolitik wie auch der häuslichen Normen zu. Dies zeigt sich auch am Beispiel der Ernestiner, deren Heiratspolitik im Folgenden eingehend in den Blick genommen wird.

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner Da Eheschließungen allen voran im Hochadel dazu dienten, politischen Einfluss zu gewinnen und ökonomisch Ressourcen zu maximieren, stellten sie für die daran beteiligten Familienverbände ein Politikum dar.68 Die knappe, aber äußerst bedeutende Ressource der adeligen Familien bei der Umsetzung der dynastischen Pläne waren die Prinzen und Prinzessinnen. Sie hatten sich den dynastischen und familiären Verfügungen meist vorbehaltlos unterzuordnen. Dies schloss allerdings nicht aus, dass sich Prinzen und Prinzessinnen ihren Ehepartner frei wählten.69 Für die Mehrheit der Eheschließungen dürften die Worte des sachsen-merseburgischen Landkammerrates Julius Bernhard von Rohr zutreffend sein. Dieser schrieb 1733 in seiner „Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der grossen Herren“: „Es geschieht nicht selten, daß diejenigen, so sonst Länder und Unterthanen zu beherrschen pflegen, bey ihren Vermählungen ihren eigenen Willen beherrschen, und sich mit einem Ehegatten verbinden müssen, nicht, wie sie ihn sonst nach dem natürlichen und freyen Zuge ihres Hertzens erwehlen würden, sondern, wie sie nach ihren besondern Staats=Absichten hierzu genöthiget werden.“70 Julius Bernhard von Rohr steht an dieser Stelle exemplarisch für diejenigen frühneuzeitlichen Zeitgenossen, die sich mit der adeligen Heiratspolitik kritisch auseinandersetzten. Aus Sicht eines hochadeligen Hauses war diese Form der Heiratspolitik jedoch von exestentieller Bedeutung, denn eine Eheschließung konnte über das Wohlergehen des Hauses entscheiden. Für die Ernestiner, die zwar zum Hochadel, aber zu den politisch weniger einflussreichen Fürstengeschlechtern gehörten, bot sich durch eine geschickte Heiratspolitik die Möglichkeit, trotz begrenzter ökonomischer und machtpolitischer Ressourcen mit den großen regierenden Häusern mitzuhalten. So gelang es ihnen auch vereinzelt, auf dem europäischen Heiratsmarkt in erstaunlicher Weise zu

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STOLLBERG-R ILINGER 2002, S. 50. Exemplarisch hierzu siehe: CZECH 2004, S. 96–107; JÜNGLING 1988, S. 329–345; STOLLEIS 2001, S. 50; Ders. 1997, S. 274–279; Ders. 1990. 69 ASCH 2008, S. 104–105. 70 ROHR 1733, S. 132. 68

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

reüssieren.71 Ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl der potentiellen Ehepartner war der Rang und die Ebenbürtigkeit.72 Aus der Sicht der Ernestiner galt das Kriterium der Ebenbürtigkeit dann als erfüllt, wenn der Ehepartner oder die Ehepartnerin aus einem fürstlichen, zumindest aber aus einem altgräflichen Hause stammte.73 Um sich der Ebenbürtigkeit eines Heiratskanditaten zu versichern, wurden Stammtafeln, Turnierbücher und vergleichbare Unterlagen herangezogen. Durch einen detaillierten Herkunftsnachweis wollten die beteiligten Parteien sicher gehen, dass der Stammbaum des künftigen Paares makellos war und damit auch das Ansehen des eigenen Hauses nicht durch eine Missheirat beeinträchtigt wurde.74 Die Forderung nach standesgleichen Eheschließungen bei den Ernestinern wird bereits im Testament Herzog Johann Wilhelms von Sachsen (1530–1573) deutlich. Dieser wies 1573 seine Nachfolger an, „als sich auch zutragen sollte, daß unserer lieben Söhne einer nach erlangten mündigen Jahren sich verheyrathen wollte, derselbige soll solches mit Rath seiner Herrn und Freunde und der Frau Mutter (so sie die Zeit am Leben) und seiner vornehmsten Räthe Bedencken dermassen vornehmen und in das Werck setzen, darmit er sich mit einem Christlichen fürstlichen Fräulein in Teutschland vermählen lasse, mit nichten aber sich dißfalls mit fremden Nationen befreunden.“75. Herzog Johann Wilhelm gab explizit die Vorgabe, dass sich seine Nachkommen mit fürstlichen und deutschen Frauen zu vermählen hätten. Um dies zu gewährleisten, sollte eine soziale Kontrolle durch das familiäre wie auch höfische Umfeld erfolgen. Ebenso äußerte sich Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha in seinem Testament von 1654. Dabei griff er nicht nur die Bestimmungen Herzog Johann Wilhelms auf, sondern erweiterte diese auch dahingehend, dass sich seine Nachkommen „mit einem Fürstl. Teutschen Fräulein, welche unserer allein seeligmachenden Lutherischen Religion von Herzen zugethan ist, vermählen sollen“76. Neben den Aspekt des Ranges trat nun explizit auch der Aspekt der Religionszugehörigkeit. Außerdem betonte Herzog Ernst I. in seinem Testament, „daß keines aus Unsern Kindern sich an jemanden Unsers Hauses Gräfliche Lehn=Leute verheyrathen solen, derowegen sie dann dieses nicht weniger in gute Obacht nehmen werden“77. Bei den nicht genauer benannten „gräflichen Lehnleuten“ handelte es sich zweifelsohne um die aufstrebenden Häuser Schwarzburg und Hohenlohe, mit denen sich die 71

SCHNETTGER 2008, S. 619. Als Beispiel sei die Eheschließung der Prinzessin Adelheid von Sachsen-Meiningen (1792–1849) mit Herzog William von Clarence (1765–1837), dem späteren König William IV. von Großbritannien, erwähnt. Siehe hierzu: ERCK /SCHNEIDER 2005. 72 OBERHAMMER 1990, S. 182. 73 Exemplarisch hierfür die Verordnung Herzog Ernst Ludwigs I. von Sachsen-Meiningen aus dem Jahr 1721, auszugsweise in: MOSER 1745, 19. Teil, S. 46. 74 M ARRA 2007, S. 63. 75 Testament Herzog Johann Wilhelms von Sachsen-Weimar von 1573, auszugsweise in: ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 1528, Lit. O. Siehe auch: PÜTTER 1796, S. 196–197. 76 Testament Herzog Ernsts von Sachsen-Gotha von 1654, auszugsweise in: ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 1528, Lit. P. 77 Ebd.

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner

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Ernestiner zur damaligen Zeit in Auseinandersetzungen um landesherrliche Vorrechte befanden. Auch in der Folgezeit wurden die normativen Vorgaben an die soziale Herkunft der potentiellen Ehepartner mehrfach explizit formuliert. Der Grund hierfür dürfte nicht zuletzt in der Tatsache zu sehen sein, dass derartige Vorgaben von Mitgliedern des Familienverbandes unterlaufen wurden. Markantes Beispiel hierfür ist die 1713 geschlossene Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar. Vor dem Hintergrund dieser standesungleichen Ehe bestimmte Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen, der älteste Bruder Herzog Anton Ulrichs, in seinem Testament von 1721: „Wir hieher, nebst denen von Unsers Groß=Herrn=Vatters Gnad. so wohl, als Unser in Gott ruhenden Herrn Vaters Gnaden dißfalls gemachten heilsamen und nachdrücklichen Disposition ausdrücklich wiederholen [...] Befehlen Ihnen demnach, bey Unserm harten Fluch und väterlichen Unsegen, hiemit nachdrücklich an, sich an keine andere als Fürstliche, oder wenigstens Reichs=Gräfliche=Häuser und Familien zu verheurathen.“78 Keinesfalls aber sollten seine Söhne eine „adeliche oder bürgerliche Weibs=Person heurathen“79. Bemerkenswert ist dabei, dass Herzog Ernst Ludwig I. nicht nur explizit die soziale Gruppe der in Frage kommenden Heiratskandidatinnen benennt, sondern nunmehr auch eine semantische Grenze zwischen Fürsten auf der einen Seite und Adeligen auf der anderen Seite zieht. Hier wird einerseits das Selbstverständnis Herzog Ernst Ludwigs I. als Fürst, der sich als einer exklusiven sozialen Formation zugehörig versteht und daher um Distinktion gegenüber rangniederen sozialen Gruppen bemüht ist, deutlich. Andererseits kommt hier aber auch der hohe interne wie externe Konkurrenzdruck, dem sich der Fürstenstand im 18. Jahrhundert ausgesetzt sah, zum Ausdruck. Dementsprechend sollten auch Zuwiderhandlungen der Nachkommen hart sanktioniert werden. Für den Fall, dass einer seiner Söhne den Bestimmungen nicht Folge leisten würde, sollte „nicht allein dessen Descendenz zur Landes=Succession niemahlen gelassen, und vor Fürsten keineswegs erkennet, sondern auch seine Ehe hiedurch und Krafft dises pro matrimonio ad morganaticam declariret [werden]“80. Ähnliche normative Vorgaben wie Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen stellte auch Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar in der von ihm erlassenen Primogeniturordnung aus dem Jahr 1724 auf. Herzog Ernst August bestimmte, dass „wofern einer von unsern Söhnen, oder deren Nachkommen sich, wie bisher in vielen fürstlichen Häusern zu deren nicht geringen Nachtheile geschehen, mesalliiren, und eine andere Person, als aus einem fürstlichen oder alten reichsgräflichen Hause heirathen sollte; so setzen und ordnen wir hiermit ausdrücklich, daß, wenn es der Primogenitus wäre, solcher der Succession der Lande und Regierung verlustig seyn, und diese 78

Testament Herzog Ernst Ludwigs I. von Sachsen-Meiningen von 1721, auszugsweise in: MOSER 1745, 19. Teil, S. 46. 79 Ebd. 80 Ebd.

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hingegen gegen eine jährliche Apanage von vier tausend Reichsthalern an seinen erst nachgebohrnen Bruder kommen soll“81. Anhand der genannten Beispiele wird deutlich, dass die heiratspolitischen Vorgaben insbesondere in testamentarischen Verfügungen untermauert wurden. Dabei hatte die Problematik standesungleicher Heiraten einen hohen Stellenwert und verlor im Verlauf der Frühen Neuzeit nicht an Aktualität: Innerhalb der ernestinischen Teillinien sind neben der Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar noch weitere so genannte ‚Missheiraten‘ zwischen ernestinischen Prinzen und standesungleichen Partnerinnen zu konstatieren82. Obgleich Herzog Anton Ulrichs Ehe der wohl bekannteste und folgenschwerste Fall einer standesungleichen Ehe im ernestinischen Gesamthaus war, stellte diese Ehe keineswegs ein Novum dar. Schon Herzog Bernhard von Sachsen-Jena ging 1674 eine standesungleiche Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth, der späteren Reichsgräfin von Allstädt, ein.83 Ebenso heiratete Herzog Albrecht III. von Sachsen-Coburg (1648–1699) im Jahr 1688 in zweiter Ehe die Niederadelige Susanna Elisabeth Kempinsky von Schwisitz und Altenhofen (1643–1717), und ließ sie 1689 zur Reichsgräfin von Schwisitz erheben.84 Das deviante Verhalten einzelner Familienmitglieder führte dazu, dass das Bedürfnis nach normativen Vorgaben und der Regelungsbedarf der Familienoberhäupter innerhalb des ernestinischen Familienverbandes zunahm. Es waren bei weitem aber nicht nur männliche Familienmitglieder, die normative Vorgaben im Hinblick auf die Heiratspolitik schriftlich fixierten. Auch Herzogin Eleonore Dorothea von Sachsen-Weimar (1602–1664), eine geborene Prinzessin von Anhalt-Dessau und Schwägerin Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha, wiederholte in ihrem Testament ausdrücklich die Verordnungen Herzog Johann Wilhelms von Sachsen-Weimar.85 Die Tatsache, dass derartige Anweisungen erlassen wurden, schloss selbstverständlich nicht aus, dass diese Bestimmungen von den Nachkommen unterlaufen wurden. Vielmehr stehen sie für ein Bedürfnis, den durch innerwettinische Auseinandersetzungen, aber auch durch den Aufstieg von gräflichen Häusern wie den Schwarzburgern latent gefährdeten Status und Rang der Ernestiner zu sichern.86 Zwar hatte sich die Position einer Familie zumeist über Generationen 81 Primogeniturordnung Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar vom 29. August 1729, auszugsweise in: PÜTTER 1796, S. 244. 82 Anne-Simone K NÖFEL ermittelte im Rahmen ihrer Untersuchung zur Heiratspolitik der Wettiner für die Jahre 1485–1918 eine Zahl von sechzehn morganatischen Ehen bei den Ernestinern. Dabei entfällt das Gros dieser Ehen auf das 19. Jahrhundert, das jedoch nicht Gegenstand meiner Untersuchung ist. Die von K NÖFEL ermittelte Zahl morganatischer Ehen erweist sich unter methodischen Gesichtspunkten allerdings als problematisch, da K NÖFEL die standesungleichen Ehen, die zur rechten Hand geschlossen wurden, unter den morganatischen Ehen subsumiert. Siehe: K NÖFEL 2009, S. 414–418. 83 Nähere Ausführungen hierzu im Kap. 4.1 dieser Publikation. 84 WILLOWEIT 2004, S. 34. 85 PÜTTER 1796, S. 197. 86 CZECH 2004, S. 97.

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hinweg etabliert, unter bestimmten Voraussetzungen konnte es jedoch zu Umschichtungsprozessen innerhalb des ständischen Gefüges kommen. Eine entsprechende Entwicklung setzte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im 16. Jahrhundert ein: Die Durchsetzung der Gegenreformation und nicht zuletzt das Aussterben zahlreicher adeliger Häuser87 brachte umfangreiche Auf- und Abstiegsbewegungen in Gang, die viele adelige Familien durch eine gezielte Heiratspolitik zu ihren Gunsten zu nutzen respektive die möglicherweise negativen Folgen auszugleichen versuchten. Letzteres traf auch für die Ernestiner zu: Der mit dem Verlust der Kurwürde verbundene Statusverlust der Ernestiner prägte die Familien- und Heiratspolitik entscheidend. Das Ziel der ernestinischen Linien war es, den Statusverlust zumindest partiell durch angemessene Eheschließungen auszugleichen.88 Allerdings blieben derartige Bestrebungen und Forderungen oftmals ein theoretischer Anspruch. Doch stehen sie für ein Bedürfnis, in dem mehr als der Gedanke an Stärkung des Ansehens und der gesellschaftlichen Position zum Ausdruck kommt: Eine familiäre Verbindung zu einer einflussreichen reichsständischen Familie konnte den sozialen Aktionsradius der Ernestiner erweitern und darüber hinaus auch die Effizienz ihrer Aktivitäten erheblich verstärken.89 Neben den Standesschranken war es bei den Ernestinern insbesondere eine konfessionelle Schranke, die den Heiratskreisen Grenzen setzte. So bemühten sich die Ernestiner, die der lutherischen Konfession angehörten, um Heiratskandidatinnen und -kandidaten aus protestantischen und vor allem evangelischlutherischen Adelsfamilien. Damit unterschieden sie sich auch wesentlich von den Albertinern, die nach dem 1697 erfolgten Wechsel des Kurfürsten Friedrich August I. (1670–1733) vom evangelischen zum katholischen Glauben ihre Ehepartner zunehmend aus katholischen Adelshäusern rekrutierten. Bei den Er nestinern dagegen erfolgte die Öffnung hin zu nicht protestantischen Konfessionen erst um 1800, als sich das Konnubium auf das russische Zarenhaus ausdehnte.90 87

Von den etwa 16 Grafen- und Herrengeschlechtern, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwischen Harz, Thüringer Wald und Erzgebirge angesiedelt waren, existierten am Ausgang des 18. Jahrhunderts gerade noch vier Familienverbände: die Grafen von Stolberg, die Grafen von Schwarzburg, die Herren von Schönburg und die Herren Reuß. Siehe: CZECH 2003b, S. 55. 88 Ebenso wie die Ernestiner waren auch zahlreiche Familien des niederen Adels bestrebt, vor dem Hintergrund der gewandelten machtpolitischen Rahmenbedingungen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation prestigeträchtige Verbindungen, beispielsweise durch Eheschließungen mit standeshöheren Häusern, einzugehen. Für den Raum des heutigen Thüringens sei das Beispiel der Grafen von Schwarzburg-Sondershausen genannt, die sich in den 1690er Jahren intensiv um eine Erhebung in den Fürstenstand bemühten. In diesem Kontext sind auch die Eheschließungen des Grafen Christian Wilhelm und Anton Günther II. von Schwarzburg-Sondershausen zu sehen. Graf Christian Wilhelm heiratete 1684 Prinzessin Wilhelmine Christiane von Sachsen-Weimar, sein Bruder Anton Günther II. vermählte sich nur wenige Monate später mit Prinzessin Auguste Dorothea von Braunschweig-Wolfenbüttel. Die prestigeträchtigen Eheverbindungen waren Ausdruck des gesteigerten Ansehens der Schwarzburger Grafen und zugleich Wegbereiter der angestrebten Erhebung in den Fürstenstand. Siehe hierzu: CZECH 2003a, S. 162. 89 OBERHAMMER 1990, S. 183–184. 90 K NÖFEL 2009, S. 192–193.

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Eine Eheverbindung zu einem Haus, das keiner protestantischen Konfession angehörte, war zwar nicht prinzipiell ausgeschlossen, allerdings war eine derartige Ehe ohne vorherige Konversion einer Seite kaum vorstellbar. In der adeligen Eheschließungspraxis wurde zumeist von der Braut verlangt, dass sie aus Gründen der Staatsräson zur Religion ihres Bräutigams konvertierte.91 Dementsprechende Forderungen wurden auch an Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen herangetragen, um auf diesem Wege eine Eheschließung mit dem Habsburger Karl VI. (1685–1740) beziehungsweise mit dem französischen Dauphin Louis (1682–1712) zu ermöglichen. Die potentielle Braut lehnte einen Wechsel zum Katholizismus jedoch ab.92 Vermutlich waren es nicht nur Glaubensgründe, sondern auch familienpolitische Erwägungen, die einer Eheschließung von Elisabeth Ernestine Antonie letztlich im Wege standen.93 Die Tatsache, dass sich Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie weigerte, zum Katholizismus überzutreten, dokumentiert zugleich die Handlungsspielräume hochadeliger Frauen im Vorfeld einer Eheschließung. Es wird deutlich, dass Frauen keineswegs nur ein Spielball dynastischer Interessen waren, sondern auch eigene Entscheidungen treffen und durchsetzen konnten.94 Dabei war der Unterschied der Konfession ein im Adel akzeptiertes Argument, mit dem eine Prinzessin oder auch ein Prinz eine ihr beziehungsweise ihm offerierte Eheverbindung ablehnen konnte.95 Zwar gab es auch die Möglichkeit, eine Mischehe einzugehen, doch stellte dies weder für die protestantischen Ernestiner und noch weniger für die katholischen Habsburger bzw. Bourbonen eine Alternative dar. Sowohl bei Protestanten als

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MOSER konstatiert hierzu: „Wann nemlich Personen von verschidener Religion zusammen heurathen, wird öffters einbedungen, daß eine Parthie der anderen (meistens die Braut des Bräutigams) Religion annehmen solle.“ (MOSER 1745, 19. Teil, S. 415) Zu konfessionsverschiedenen Ehen und daraus hervorgehenden Konflikten siehe u. a.: HUFSCHMIDT 2004, S. 333–355; FREIST 2002, S. 275–304. 92 Um allerdings den kaiserlichen Hof in Wien nicht zu beleidigen, erklärte Prinzessin Elisabeth Ernestine daraufhin, dass sie sich „besonderer Ursachen wegen“ nie verheiraten werde. Siehe: EMMRICH 1834, S. 136–137; HERTEL 1903, S. 197. Nachdem Prinzessin Elisabeth Ernestine einen Religionswechsel abgelehnt hatte, bemühte sich Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel um eine Eheschließung von Karl VI. mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750), die ebenfalls eine Enkelin des Herzogs war. Sie wurde bereits im Alter von 13 Jahren von ihrem Großvater Anton Ulrich in Übereinkunft mit der Kaiser-Gemahlin Amalia Wilhelmine mit Karl verlobt. Prinzessin Elisabeth Christine widersetzte sich jedoch der geplanten Heirat zunächst, da auch sie einen Glaubenswechsel ablehnte – ein Indiz dafür, dass es sich bei Elisabeth Ernestine nicht um eine Ausnahme handelte. Im Gegensatz zu Elisabeth Ernestine gab Elisabeth Christine letztlich jedoch nach und konvertierte 1707. Die Hochzeit mit Kaiser Karl VI. fand schließlich 1708 statt. 93 Es gab zu dieser Zeit Planungen, Elisabeth Ernestine Antonie zur Äbtissin von Quedlinburg wählen zu lassen. Damit wäre sie nicht nur Reichsfürstin geworden, sondern hätte auch an der Spitze eines der bedeutenden freiweltlichen Damenstifte im Reich gestanden. 94 Siehe auch: ROGGE 2002b, S. 235–276. 95 HUFSCHMIDT 2004, S. 341.

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auch Katholiken waren Mischehen äußerst ungern gesehen, da sie die Gefahr der religiösen Infiltrierung oder gar einer Konversion bargen.96 Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Wahl der Ehepartner war die Berücksichtigung physischer Gegebenheiten. Da das Äußere des Ehepartners respektive der Ehepartnerin nur in den wenigsten Fällen Gegenstand von Heiratsverhandlungen war, leitete die ältere Forschung daraus ab, dass bei der Gattenwahl die Ästhetik nahezu bedeutungslos gewesen sei.97 Neuere Forschungen haben gezeigt, dass diese Aussage einer Relativierung bedarf: Sofern zu befürchten stand, dass physische Deformierungen auch Auswirkungen auf die Nachkommen haben könnten, spielten ästhetische Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle bei den Überlegungen zur Partnerwahl.98 Prinzipiell sollte vor allem die potentielle Braut nicht nur gesund, sondern auch jung und wohlgestaltet sein, damit möglichst viele und ansehnliche Nachkommen das Licht der Welt erblickten. Allerdings wurde eine übermäßige sexuelle Attraktivität als Gefahr für den ehelichen Frieden betrachtet.99 Letztlich war es die Gebärfähigkeit, die bei der Wahl der Braut im Vordergrund stand. Die Erhaltung der Familie war Angelpunkt aller Erwägungen. Dass auch als stabil geltende Häuser jederzeit vom Aussterben bedroht waren, lehrten Beispiel und Erfahrung. Erkundigungen über den Gesundheitszustand der Frau, dem ihrer Angehörigen sowie nach allfälligen Erbkrankheiten, die unter Umständen den Bestand eines Geschlechts gefährden konnten, hatten eine Risikominderung zum Ziel. Und ob eine Verbindung kinderreich zu werden versprach, was man aus diversen Anzeichen, etwa aus dem Körperbau und der Anzahl der Geschwister abzulesen suchte, war ein immer wiederkehrendes und zentrales Thema.100 Die Geburt von legitimen Kindern stellte nicht nur die Erfüllung des Zweckes einer christlichen Ehe dar, sondern garantierte die weitere Existenz der Familie und der damit verbundenen Besitz- und Rechtsansprüche.101 Angesichts der hohen Kindersterblichkeit stellte sich Fruchtbarkeit als Überlebensfrage für adelige Familien dar. Dies war auch Ausgangspunkt der Überlegungen Elisabeth Ernestine Antonies von Sachsen-Meiningen, die sie hinsichtlich einer Wiederverheiratung ihres immerhin schon sechzigjährigen Bruders, des Herzogs Anton Ulrich, anstellte: „Ils ne pourronts pourtant rien entreprendre durant votre vie, si vous avés une jeune Epouse, qui peut esperer d’une Année à L’autre d’avoir encore des Enfants, Come les exemples ne Sont pas rares [...]“102. Die Äußerungen Elisabeth 96

FREIST 2002, S. 280–281; HUFSCHMIDT 2004, S. 339. Siehe hierzu: DÜLMEN 1988, S. 74; Ders. 1993, S. 202. 98 PILLER 2007, S. 83. 99 BASTL 1997b, S. 229. 100 OBERHAMMER 1990, S. 193. 101 LABOUVIE 2007, S. 207. 102 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 4. Juli 1747, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 16. Übersetzung: „Sie können daher nichts zu Ihren Lebzeiten unternehmen, wenn Sie eine junge Ehefrau haben, die von einem Jahr auf das andere noch erwarten kann, Kinder zu bekommen, wofür es nicht wenige Beispiele gibt [...].“ Gerade für Herzog Anton Ulrich mussten das Alter und die Fruchtbarkeit 97

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Ernestine Antonies dokumentieren die große Bedeutung, die der Fruchtbarkeit einer potentiellen Braut zukam. Zudem wird deutlich, dass physische Gegebenheiten eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Gattenwahl spielten. Die ständischen und religiösen Schranken, hauspolitische Erwägungen und insbesondere das Prinzip der Ebenbürtigkeit brachten es mit sich, dass die Zahl derjenigen Familien, aus denen die Ehepartner gewählt wurden, von vornherein begrenzt war. Dies wiederum führte zu einer engen verwandtschaftlichen Verflechtung der jeweiligen adeligen Häuser. Auch bei den Ernestinern lassen sich hierfür Beispiele finden, wobei die Eheschließung von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar mit seiner Cousine Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena eines der aussagekräftigsten und zugleich folgenschwersten Beispiele ist.103 Heiraten naher Verwandter waren keine Seltenheit, auch wenn bereits im 17. Jahrhundert in Hausverträgen adeliger Familien vor zu engen innerfamiliären Verbindungen gewarnt wurde, da man das Auftreten erbbiologischer Schäden befürchtete.104 Trotz der erwähnten Bedenken wurden Verwandtenehen als spezifischer Ausdruck des Familien- und Dynastiebewusstseins sogar geschätzt und gefördert, obgleich das Kirchenrecht diesbezüglich klare Grenzen vorgab. Das kanonische Recht untersagte eine Ehe zwischen Verwandten bis zum siebten Grad.105 Demgegenüber wurde in protestantischen Kirchenordnungen wie auch landesherrlichen Gesetzen der vierte Verwandtschaftsgrad als Grenzwert angesetzt.106 In der Landesordnung des Herzogs Moritz von Sachsen (1521–1553) aus dem Jahr 1545 ist diesbezüglich festgehalten: „So soll doch die Ehe in Unsern Landen hinfürder nicht weiter, dann in dem dritten Grad ungleicher Linie des Geblüts und Schwägerschaft verboten und in dem dritten gleicher Linien und dem vierten Grad erlaubt und zugelassen sein.“107 Diese Regelungen richteten sich vordergründig gegen die Inzestgefahr, allerdings sollten sie gleichermaßen heiratspolitischen Strategien der Untertanen, die Besitz- und Machtakkumulation zum Ziel hatten, entgegenwirken. Für den Adel und insbesondere den Hochadel selbst wurde diese kirchenrechtliche Vorgabe den heiratspolitischen Zielsetzungen untergeordnet. Zudem waren Verwandtschaftsgrade kein Hindernis, da es durch seiner künftigen Frau eine immense Bedeutung haben, da er sich zu diesem Zeitpunkt in einer äußerst schwierigen familiären Situation befand: Nachdem 1744 seine erste, standesungleiche Frau Philippine Elisabeth Cäsar verstorben war und die Kinder aus dieser Ehe nicht erbberechtigt waren, fehlte es ihm an sukzessionsfähigen männlichen Nachkommen. Dies führte dazu, dass die ernestinischen Verwandten bereits Teilungspläne für das Herzogtum Sachsen-Meiningen hegten. Um dieser Entwicklung vorzubeugen, bedurfte es einer neuen Gattin, die nicht nur standesgemäß, sondern insbesondere auch fruchtbar war, um möglichst viele Nachkommen zu zeugen und damit die Existenz der Dynastie und schließlich auch des Landes zu gewährleisten. Dies schien mit einer jungen Prinzessin am ehesten realisierbar. 103 Siehe hierzu auch Kap. 4.2 der vorliegenden Publikation. 104 OBERHAMMER 1990, S. 185. 105 Zum kanonischen Eherecht siehe: VELDTRUP 1988, S. 97–106. 106 DIETERICH 1970, S. 214–228. 107 Landesordnung des Herzogs Moritz von Sachsen von 1545, zitiert nach: SCHMIDT 1801, S. 461–462.

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das Einholen von Dispensen möglich war, die eigenen Interessen zu wahren.108 In dieser Hinsicht befanden sich die Ernestiner in einer aus ihrer Sicht günstigen Position, da sie protestantische Landesherren und damit selbst Kirchenoberhaupt waren und als solches die Dispensbefugnis innehatten. In der Praxis zeigte sich daher, dass jenseits kirchenrechtlicher Normen vor allem die ökonomische Basis einer Person für das Zustandekommen einer Heirat ausschlaggebend war. Die ökonomische Unabhängigkeit war eine wesentliche Voraussetzung jeder Eheschließung. Selbständiges Wirtschaften, Hofhaltung und Repräsentation waren letztlich nur auf der Grundlage einer entsprechenden Herrschaftsausstattung denkbar. Dies führte nicht zuletzt in den ernestinischen Fürstenfamilien, die nur über relativ begrenzte wirtschaftliche Potenz verfügten, dazu, dass im Hinblick auf die Prinzen zumeist nur die Erstgeborenen eine Ehe eingehen konnten. Umgekehrt bildeten Grund und Boden auch die Voraussetzung für die ökonomische Sicherheit einer Ehefrau. Die Gelder, die sie in die Ehe einbrachte bzw. die ihr zustanden, wurden hypothekarisch auf den Gütern angelegt. Starb der Ehemann oder kam es zur Trennung, war ihre angemessene Versorgung zumeist garantiert. Es konnte jedoch immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Witwe und den Verwandten des Ehemannes kommen.109 Wo daher die väterlichen Besitzungen diese Belastung und eine gesonderte Führung zweier Haushalte nicht erlaubte, musste ein Sohn mit seiner Hochzeit warten, bis ihm durch das väterliche Erbe die entsprechenden ökonomischen Mittel zur Verfügung standen. Vor diesem Hintergrund konnten regelrechte Heiratsverbote für die nachgeborenen Söhne ausgesprochen werden, um auf diesem Weg die familiären Besitzungen und die finanziellen Mittel zusammenzuhalten.110 Doch gerade dies führte dazu, dass insbesondere nachgeborene Söhne, die nicht auf eine Ehe verzichten wollten, eigenmächtig eine Ehe eingingen. Dies traf nicht zuletzt bei Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen zu. Aber auch Prinz Constantin von Sachsen-WeimarEisenach (1758–1793), versuchte mehrfach, einen eigenen Hausstand zu gründen, obwohl dies dem Prinzen aus Kostengründen verwehrt wurde. Bei der Wahl seiner potentiellen Ehefrau waren es bevorzugt bürgerliche Frauen, die in den engeren Kreis der Kandidatinnen gelangten. Letztlich kam jedoch keines der von ihm anvisierten Eheprojekte zustande, zu groß waren der Widerstand seines Bruders, des regierenden Herzogs Carl August, und seiner Mutter, der verwitweten Herzogin Anna Amalia.111 Die ausreichende finanzielle Grundlage einer adeligen Familie war auch ausschlaggebend für die Verheiratung der Töchter, schließlich mussten diese im Zuge der Eheschließung standesgemäß ausgestattet und mit einer Mitgift verse-

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Die Notwendigkeit, überhaupt einen Dispens einzuholen, lag nicht zuletzt in den in der Frühen Neuzeit zunehmenden Bemühungen der Kirche begründet, die Ehe aus dem Einflussbereich der Familien zu lösen. Siehe hierzu: MÉTRAL 1981, insbesondere S. 145–197; SCHMUGGE 1995. 109 Siehe hierzu Kap. 4.1.7. 110 DANZ 1792, S. 35–36. 111 BERGER 2005, S. 219–220.

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

hen werden.112 Bei den Ernestinern der Weimarer Linie war es seit 1662 üblich, den Prinzessinnen eine Mitgift von 16.000 Reichstalern zur Verfügung zu stellen. 113 Damit einhergehend durfte auch ein ernestinischer Bräutigam als Mitgift seiner Braut nicht mehr als 16.000 Reichstaler akzeptieren, damit die von Seiten des Bräutigams zu leistende Widerlage nicht zu hoch ausfiel.114 Fehlte die ökonomische Potenz, blieben die heiratsfähigen Töchter in der Regel ledig. In diesem Fall bot sich ihnen die Möglichkeit, in ein freiweltliches Damenstift einzutreten, mit der Option auf eine spätere Eheschließung, oder aber im Familienverband zu verbleiben.115 Allerdings waren auch diese Alternativen mit Kosten verbunden, die aber zumeist nicht so umfangreich waren wie die Kosten, die bei der Ausstattung einer fürstlichen Braut anfielen. Erfolgte die Partnersuche für den Ältesten der Familie in der Regel über Eltern und Vormund, so musste hingegen ein jüngerer Sohn, wenn er an Ehe dachte, selbst aktiv werden. Wirtschaftlich meist ungenügend ausgestattet, richteten Nachgeborene ihr Augenmerk weniger auf Rang und Ansehen der Braut, ausschlaggebend für ihre Wahl war vielmehr die ausreichende Ausstattung der Frau, denn sie allein gewährleistete eine standesgemäße Hofhaltung innerhalb der Ehe.116 Dies bedeutete jedoch nicht, dass bei der Eheanbahnung eines nachgeborenen Sohnes keinerlei familiäre Kontrolle stattfand: Auch wenn die Suche sowie die Leitung der Verhandlungen großteils der Initiative der Söhne überlassen blieb, die Erlaubnis, eine Ehe einzugehen, konnten letztlich nur die Eltern beziehungsweise der Vormund, erteilen. War eine Verbindung unerwünscht, wurden alle weiteren Bestrebungen in dieser Richtung untersagt. Die Söhne fügten sich gewöhnlich dem Familiendiktat, denn eine Eheschließung ohne Konsens lag weder in ihrem Interesse noch in dem der Braut. Allerdings kam es gelegentlich vor, dass sich Kinder dem väterlichen Willen widersetzten und eigenmächtig ihren Partner wählten. So bei Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1646–1691), dessen Wahl auf Prinzessin Magdalena von Sachsen-Weißenfels (1648–1681) gefallen war. Diese Wahl entsprach 112

BASTL 2000, S. 50–53. Siehe auch: Dies. 1997a, S. 751–764. Im Jahre 1662 wurde ein Fürst-Brüderlicher-Rezess zwischen den Herzögen Weimarer Linie erlassen, der auch Heiratskonditionen wie die Festsetzung der Mitgift bzw. Widerlage auf 16.000 Reichstaler beinhaltete. Der Vertrag ist unter anderem abgedruckt bei: LÜNING 1712, S. 540–559. Siehe auch: Heiratsakte von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena, Ehevertrag vom 4. November 1683 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 67r. Anne-Simone K NÖFEL ermittelte für die Wettiner bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine durchschnittliche Mitgift in Höhe von 20.000 Floren [= Gulden], das entsprach in etwa 13.333 Reichstalern. Siehe: K NÖFEL 2009, S. 55. 114 Vgl. Heiratsakte von Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Prinzessin Marie-Charlotte de la Trémoïlle, darin: Erlass Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar vom 11. Mai 1662 (Abschrift): „Und sollen die Fürstl. Ehegelder (2.) über Sechzehen Tausend Thlr, sich nicht erstrecken, damit das Gegenvermächtnis und Widerlage nicht zuschwer fallen möge, [...]“ (ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 386r). 115 R EIF 1979, S. 82–88. 116 OBERHAMMER 1990, S. 188. 113

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner

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jedoch nicht den Vorstellungen der Eltern des Prinzen, Herzog Ernst I. und Herzogin Elisabeth Sophie, zumal auch Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg (1633–1708) die Prinzessin zu seiner künftigen Frau erwählt hatte. Dennoch beharrte Friedrich I. auf seiner Wahl, was wiederum zu Differenzen zwischen den Häusern Sachsen-Gotha-Altenburg und Hessen-Homburg führte. Um seine Ansprüche durchzusetzen, forderte Landgraf Friedrich II. seinen Kontrahenten aus dem Haus Sachsen-Gotha-Altenburg sogar zum Duell auf. Dies konnte durch das Eingreifen Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha-Altenburg verhindert werden. Eine Eheschließung seines Sohnes mit der Prinzessin von Sachsen-Weißenfels wollte Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg allerdings nicht zulassen. Doch gelang es Prinz Friedrich I., seinen Willen gegen den des Vaters durchzusetzen, so dass am 19. August 1669 schließlich die Verlobung stattfand.117 Das Wissen darum, dass der Widerstand des Hauses gegen eine unerwünschte Ehe groß sein konnte, führte mitunter dazu, dass eine Ehe heimlich und ohne Zustimmung der Eltern eingegangen wurde. Exemplarisch für ein derart eigenmächtiges Vorgehen steht die 1713 geschlossene standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar. Herzog Anton Ulrich benutzte seine Eheschließung, die an späterer Stelle noch eingehender beleuchtet wird, auch dazu, um die ihm als Nachgeborenem üblicherweise zustehenden finanziellen Mittel aufzubessern. Daran wird deutlich, dass emotionale und wirtschaftliche Motive bei der Eheschließung nicht zwangsläufig einen Gegensatz darstellten, sondern einander überlagerten.118 Mit ihrem eigenmächtigen Vorgehen bei der Partnerwahl verstießen die Kinder allerdings zum einen gegen das Gebot des kindlichen Gehorsams, zum anderen standen sie mit ihrer Entscheidung häufig im Gegensatz zu den Ansprüchen von Eltern und Familienverband. Grundsätzlich schädigte jeder Widerstand gegen die väterliche beziehungsweise vormundschaftliche Autorität den Ruf des Hauses, zumal derartige Vorkommnisse vor der Öffentlichkeit kaum zu verbergen waren.119 Für den Erstgeborenen war es ausdrückliche Pflicht und praktische Notwendigkeit, zur Sicherung der Familie und Dynastie zum ehestmöglichen Zeitpunkt zu heiraten. Dagegen sollten seine nachgeborenen Brüder ihr Auskommen außer Haus, im Hof- und Kriegsdienst oder allenfalls in kirchlichen Ämtern finden. Sie galten als Rückhalt, falls sich das Oberhaupt des Hauses unfähig erweisen sollte, überlebende Söhne zu zeugen. Vor dem Hintergrund einer solchen auf rechtlichen sowie wirtschaftlichen Aspekten begründeten Familienplanung erscheint das frühe Heiratsalter der erstgeborenen Söhne folgerichtig.120 Doch auch im Hinblick 117

JACOBSEN 1996, S. 62–67. Siehe Kap. 4.4 dieser Publikation. 119 OBERHAMMER 1990, S. 189. 120 Evelin OBERHAMMER konnte für die Söhne des Hauses Liechtenstein, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Ehe eingingen, ein Heiratsalter von etwa 27 Jahren ermitteln. Ausnahmen bildeten in erster Linie nachgeborene Söhne, die, wenn überhaupt, dann gewöhnlich erst spät zur Ehe zugelassen wurden. Bei den adeligen Töchtern des Hauses Liechtenstein lag das Heiratsalter im 17. Jahrhundert bei etwa 16 bis 23 Jahren. OBERHAMMER 1990, S. 193–194. Zum Heiratsalter 118

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

auf das Heiratsalter existierten rechtliche Normen, obgleich diese sehr disparat waren. Innerhalb der protestantischen Gesetzgebung gab es keine einheitliche Altersgrenze, vielmehr wurde bei der Frage des Heiratsalters auf Begründungen des kanonischen wie auch Römischen Rechts zurückgegriffen. Einen Fixpunkt stellte dabei nur das Verlobungs- und Heiratsverbot für Kinder unter sieben Jahren dar. Sie galten als absolut heiratsunfähig und konnten daher auch nicht von ihren Eltern verlobt werden.121 Für die Söhne aus den ernestinischen Häusern ist kein außergewöhnlich frühes Heiratsalter zu konstatieren. So konnte für diejenigen Söhne, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Ehe eingingen122, ein durchschnittliches Heiratsalter von dreißig Jahren ermittelt werden. Bei den Söhnen, die zwischen 1650 und 1700 heirateten, lag das durchschnittliche Heiratsalter bei knapp vierundzwanzig Jahren. Bei den Eheschließungen ernestinischer Prinzen, die zwischen 1700 und 1750 stattfanden, stieg das durchschnittliche Heiratsalter wieder auf neunundzwanzig Jahre. Darüber hinaus ließen sich in allen drei Untersuchungszeiträumen kaum signifikante Unterschiede im Hinblick auf das Heiratsalter erst- und nachgeborener Söhne ausmachen.123 Dies ist sicher auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Ernestiner zu den Dynastien gehörten, die lange an der Kollektivsukzession festhielten. Demgegenüber konnte Evelin Oberhammer im Hinblick auf das Heiratsalter im fürstlichen Haus Liechtenstein zeigen, dass es dort im 17. und 18. Jahrhundert üblich war, die Prinzen und insbesondere die Prinzessinnen noch vor ihrem 20. Lebensjahr zu verheiraten.124 Für die Ernestiner lässt sich dies hingegen nur bedingt bestätigen. Die Töchter aus den ernestinischen Häusern, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts heirateten, taten dies in einem Durchschnittsalter von zweiundzwanzig Jahren. Die zum Zeitpunkt der Eheschließung jüngste Prinzessin war die sechzehnjährige Auguste von SachsenGotha (1719–1772), die 1736 mit Frederick Louis Prince of Wales (1707–1751) verheiratet wurde. Auch wenn man die Eheschließungen ernestinischer Prinzessinnen, die im 17. Jahrhundert stattfanden, in die Untersuchung mit einbezieht,

siehe auch: BASTL 1990, S. 377; NOLTE 2004a, S. 80–83; SPIESS 1993, S.414–420. Für den niederen Adel siehe: HUFSCHMIDT 2001, S. 119–129. 121 DIETERICH 1970, S. 130–132 sowie 209–211. 122 Ich beziehe mich ausschließlich auf Erstehen ernestinischer Prinzen. 123 Siehe: http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin3.html, Abruf vom 13.04.2007. Dergl. http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin4.html; http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/ wettin6.html; http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin7.html; http://www.genealogy.euweb. cz/wettin/wettin8.html. Siehe auch: K NÖFEL 2009, S. 41. 124 Evelin OBERHAMMER konstatierte für das Haus Liechtenstein im 18. Jahrhundert bemerkenswert häufig auftretende Fälle von Frühehen 15- und 16jähriger Mädchen. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen mag durch die neue Stadtsässigkeit vieler adeliger Familien gegeben sein. Mit der Ballsaison, den Hoffesten und Theaterveranstaltungen war erstmals ein zentraler Heiratsmarkt gegeben, wodurch sich die unter Umständen recht zeitaufwändig verlaufende Partnersuche und die Verhandlungen über größere Distanzen weitgehend erübrigten. OBERHAMMER 1990, S. 194.

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner

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so ergibt sich ein durchschnittliches Heiratsalter von zweiundzwanzig Jahren.125 Das Heiratsalter von Charlotte Marie von Sachsen-Jena, die mit nur dreizehn Jahren Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar heiratete126, stellt bei den Töchtern der Ernestiner eine absolute Ausnahme dar.127 Hatten sich schließlich die am Eheanbahnungsprozess beteiligten Parteien geeinigt, wurde zur Besiegelung der Allianz in der Regel ein Ehevertrag aufgesetzt. Da dieser nicht konstitutiv für die Gültigkeit der Ehe war, bestand nicht die Notwendigkeit, einen solchen Vertrag im Vorfeld einer Ehe abzuschließen.128 Den rechtlichen Rahmen der Eheverträge steckten die Hausgesetze der adeligen Familien ab. Aber auch die Eheverträge selbst stellten Hausgesetze dar. Sie waren somit Rechtsquelle und Rechtsanwendung zugleich.129 Dabei beschränkten sich frühneuzeitliche Eheverträge nicht nur auf güterrechtliche Regelungen, sondern klärten umfassend die personen- und vermögensrechtlichen Sachverhalte. So sahen Eheverträge ein Beilager zur Erfüllung des Verlöbnisses vor.130 Einen weiteren Bestandteil des auszuhandelnden Ehevertrages bildete die Religionsklausel. Sie war insbesondere bei Mischehen von Bedeutung. Im Fall einer derartigen Ehe pflegte man zu vereinbaren, dass die Fürstin ihre Religionsausübung auf den innersten Privatbereich beschränke und jene nicht öffentlich wahrnehmbar sei.131 Neben der Religionsausübung bedurfte bei Mischehen auch die Frage der ‚rechtgläubigen‘ Erziehung der Nachkommen Regelungsbedarf. Hier wurde in den meisten Fällen die Festlegung getroffen, dass die Prinzen der Religion des Vaters, die Prinzessinnen der der Mutter folgen sollten. Dem Vater stand es natürlich frei, die Söhne auch in einer anderen Religion als der eigenen zu erziehen, wenn dies zweckmäßig schien.132 Im Fall Bernhards von Sachsen-Jena und seiner Braut Marie-Charlotte de la Trémoïlle wurde diesbezüglich in einem Zusatz zum Ehevertrag festgehalten, dass „die weil hochgedachte Princessin der Refor mirten 125

Zum gleichen Befund kommt auch Anne-Simone K NÖFEL in ihrer Untersuchung zur Heiratspolitik der Wettiner in den Jahren 1485–1918. Siehe: K NÖFEL 2009, S. 41. 126 Siehe hierzu Kap. 4.2 dieser Untersuchung. 127 Siehe: http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin3.html, Abruf vom 13.04.2007. Dergl. http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin4.html; http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/ wettin6.html; http://www.genealogy.euweb.cz/wettin/wettin7.html; http://www.genealogy.euweb. cz/wettin/wettin8.html. 128 MOSER 1745, 19. Teil, S. 371: „Es seynd aber dise Ehe=Pacten keinesweges necessitatis, noch vil weniger machet deren Unterlassung eine Ehe ungültig, oder derogirt es der Gemahlin oder denen Kindern etwas an denen effectibus civilibus einer rechtmäßigen Ehe“. 129 BASTL 1999, S. 503. 130 Damit konnte zweierlei gemeint sein: Der Begriff bezeichnete zum einen die geschlechtliche Vereinigung der Brautleute (copula carnalis), zum anderen einen hochzeitlichen Ritus, bei dem diese Vereinigung öffentlich in symbolischer Form angedeutet wurde. Siehe hierzu: SCHRÖTER 1991, S. 359–414. In beiden Bedeutungsvarianten bot das Beilager Anlass zur ehevertraglichen Regelung, denn in beiden war es ein Rechtsakt. 131 Ehevertrag Herzog Bernhards von Sachsen-Jena mit Prinzessin Marie-Charlotte de la Trémoïlle vom 9. Juni 1662 (Abschrift), ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 190. 132 HILLENBRAND 1996, S. 88–91.

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

Religion zugethan, so soll Sie eben solcher Freÿheit, in Übung dero Religion zugeniesen haben, [...] die Kinder welche auß dieser Ehe erzeuget werden, sollen in Teutsch-Land, und nach der Augspurgi. Confession Bekandtnis erzogen werden.“133 Damit war Marie-Charlotte die Ausübung ihrer Religion zwar prinzipiell zugesichert worden, doch konnte sich dies in der Realität durchaus anders gestalten: Im Fall der Herzogin Marie-Charlotte wurde spätestens beim Streit um den von der Herzogin gewünschten calvinistischen Prediger deutlich, dass die ehevertraglichen Regelungen keinen (rechts-)verbindlichen Charakter hatten. Den umfangreichsten Teil der Eheverträge stellten die güterrechtlichen Bestimmungen dar, anhand derer die Braut, Ehefrau und Witwe materiell abgesichert werden sollte. Hierzu zählte die Festlegung des genauen Umfangs der Mitgift, ferner der Umfang der vom Mann zu erbringenden Widerlage und der Morgengabe. Für die Mitgift und die Aussteuer hatten die Töchter in der Regel auf ihr Erbrecht zu verzichten.134 Der Erbverzicht konnte, wie im Fall Marie-Charlottes de la Trémoïlle, expliziter Bestandteil des Ehevertrages sein, zumeist wurden diese Vertragsinhalte aber in Nebenakten festgehalten. Vorrangig hatten Heiratskontrakte testamentarische Funktion und setzten im Rahmen erbrechtlicher Vereinbarungen in erster Linie den Umfang des Witwenunterhalts fest. War dieser Punkt vertraglich nicht fixiert, dann hatte eine Ehefrau nach dem Tod ihres Mannes keinen Anspruch auf materielle Unterstützung seitens der Erben und war auf Gnadengaben angewiesen. Im Regelfall wurde eine Witwe jedoch standesgemäß versorgt.135 Obgleich die Ernestiner nach der Leipziger Teilung von 1485 und dem Verlust der Kurwürde an politischer Bedeutung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verloren hatten, genossen sie aufgrund ihrer wettinischen Abstammung ein erhebliches Ansehen innerhalb der Dynastien des Reiches.136 Entsprechend ihrer eigenen Herkunft und ihres Standes- und Familienbewusstseins war die Zahl der Familien, deren Kinder als potentielle HeiratskandidatInnen für die Nachkommen der Ernestiner in Frage kamen, begrenzt. Da bei der Partnerwahl nicht nur das Kriterium der Ebenbürtigkeit, sondern insbesondere auch die Konfession der potentiellen Ehepartner zu berücksichtigen war, musste sich die Auswahl auf alte reichsfürstliche und protestantische Familien wie etwa das Haus Braunschweig-Lüneburg, die wittelsbachischen Pfalzgrafen oder das landgräfliche Haus von Hessen beschränken. Die Notwendigkeit standesgleicher Eheschließungen war umso mehr gegeben, als die innerwettinischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts und die zahlreichen Erbteilungen die Bedeutung und den Rang der Ernestiner im Reich zusätzlich gefährdeten. Zugleich stellte eine

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Zusatz zum Ehevertrag Bernhards von Sachsen-Jena und seiner Gemahlin Maria, einer geborenen Herzogin de la Trémoïlle, Zusatz vom 9. Juni 1662 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 397v. 134 Zum adeligen Gabensystem siehe: BASTL 1999, S. 502–512 sowie BASTL 2000, Kap. 2. 135 BASTL 2000, S. 25–83. 136 WESTPHAL 2004, S. 99.

3.2 Heiratsregeln und Heiratspolitik der Ernestiner

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mögliche Rückübertragung der Kurwürde zumindest im 16. und 17. Jahrhundert eine Option für die ernestinische Linie dar, die von den Häusern Sachsen-Weimar, Sachsen-Gotha, Sachsen-Altenburg und Sachsen- Coburg nicht außer Acht gelassen wurde und eine dementsprechende Heiratspolitik erforderte.137 Für die Nachkommen der Ernestiner erwies es sich im Verlauf der Frühen Neuzeit zunehmend schwerer, den in den Hausgesetzen fixierten normativen Anforderungen zu entsprechen. Dies betraf insbesondere die Forderung nach standesgemäßen Ehepartnerinnen und -partnern aus fürstlichen, zumindest aber altgräflichen Häusern. Gründe hierfür waren die zunehmenden Erbteilungen und die damit einhergehende Entstehung neuer eigenständiger Häuser. Dadurch wurde sowohl die politische Macht der Ernestiner als Familienverband als auch die ökonomische Potenz der einzelnen ernestinischen Häuser beeinflusst. Zugleich hatte sich damit die heiratspolitische Ausgangslage der Ernestiner verschlechtert, waren deren Nachkommen unter strategisch-politischen Gesichtspunkten als potentielle Ehepartner für andere reichsfürstliche Familien zunehmend unattraktiv geworden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich hinsichtlich der ernestinischen Heiratskreise im 17. und 18. Jahrhundert die Tendenz von Eheschließungen mit den neu gegründeten albertinischen Sekundogenituren in Weißenfels, Zeitz und Merseburg sowie innerhalb des ernestinischen Gesamthauses verstärkt. Von den achtundsiebzig Ehen ernestinischer Nachkommen, die zwischen 1600 und 1750 geschlossen wurden138, wurden zwölf zwischen Ernestinern und Albertinern eingegangen. Weitere elf Ehen wurden innerhalb der ernestinischen Linie geschlossen. Dabei ist erwähnenswert, dass vier auf die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts und fünf auf die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts entfallen. An dritter Stelle der Häuser, mit denen die Ernestiner in den Jahren 1600 bis 1750 Eheverbindungen eingingen, rangiert das Haus Hessen, gefolgt von den Häusern Braunschweig und Anhalt mit jeweils fünf Eheschließungen. Damit blieb der Heiratskreis der Ernestiner geographisch auf den mittel- und norddeutschen Raum beschränkt. Auch hinsichtlich der Konfessionszugehörigkeit ernestinischer Ehepartner lässt sich eine gewisse Einheitlichkeit feststellen, gehörten die bevorzugten Familienverbände doch alle dem protestantischen Machtblock im Reich an. Markant sind vermehrt auftretende heiratspolitische Zugeständnisse gegenüber den politisch aufstrebenden reichsgräflichen Geschlechtern seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Indem diese reichsgräflichen Häuser an Macht und Einfluss gewannen, wurden deren Nachkommen als potentielle Heiratskandidaten für die Ernestiner zunehmend attraktiver. Meist waren es jedoch nachgeborene Söhne und Töchter, und zwar vor allem aus den kleineren, mit weniger Herrschaftsrechten ausgestatteten Linien der Ernestiner, die sich mit Prinzessinnen und Prinzen aus rangniederen Geschlechtern vermählten. Zu diesen rangniederen 137

CZECH 2004, S. 97. Die Angabe bezieht sich sowohl auf Erstehen als auch auf weitere Ehen. Darüber hinaus sind nicht nur die Ehen ernestinischer Prinzen, sondern auch die Ehen ernestinischer Prinzessinnen mit einbezogen worden.

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3. Die Ehe als Ordnungsmodell

Häusern gehörten unter anderem die Grafen von Schwarzburg oder von Waldeck, die ihrerseits um eine Erhebung in den Reichsfürstenstand bemüht waren und eine Eheschließung mit einem alteingesessenen Adelsgeschlecht wie den Ernestinern dazu benutzten, ihren Forderungen nach einer Statuserhöhung Nachdruck zu verleihen.139 An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Heiratspolitik ein gegenseitiges Geben und Nehmen der adeligen Familien darstellte. Die in der historischen Forschung im Hinblick auf das Konnubium adeliger Familienverbände mehrfach vertretene These, dass adelige Söhne tendenziell ,nach oben‘ und adelige Töchter ,nach unten‘ heirateten140, trifft für die Ernestiner nicht zu. Insgesamt betrachtet sind die Konnubialbereiche der Ernestiner unter dem Aspekt Rang sehr ausgeglichen, selbst wenn man wie Hurwich eine geschlechtsspezifische Unterscheidung bei den Eheschließungen ernestinischer Prinzen und denen ernestinischer Prinzessinnen vornimmt. Wenn auch die geschlossenen Ehen nicht selten von den bereits 1573 formulierten Vorgaben Herzog Johann Wilhelms abwichen, zumindest hinsichtlich der ‚Nationalität‘ der Ehepartner leisteten die Nachkommen seinen Verfügungen Folge: Diese stammten fast ausnahmslos aus hochadeligen Häusern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Bei den vierundsiebzig standesgemäßen Ehen ernestinischer Nachkommen, die zwischen 1600 und 1750 geschlossen wurden, entstammten bis auf drei Ehefrauen ernestinischer Prinzen alle übrigen Ehepartner Adelsgeschlechtern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzt eine Öffnung der Ernestiner weg von einer auf das Reich konzentrierten hin zu einer ‚europäischen‘ Heiratspolitik ein, wofür exemplarisch die seit 1796 eingegangenen Heiratsverbindungen mit dem russischen Herrscherhaus stehen.141

139 140 141

CZECH 2004, S. 97. HURWICH 1998, S. 169. PUTTKAMMER 2004, S. 406–413.

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern Die bisherigen Betrachtungen haben gezeigt, dass an die Ehe im Hochadel vielfältige Erwartungen geknüpft wurden. Damit einhergehend existierte eine Reihe rechtlicher wie auch sozialer Normen, an denen sich eine jede Ehe zu messen hatte. Zugleich wurde deutlich, dass zwischen rechtlichen und sozialen Normen mitunter ein Spannungsverhältnis bestand. Vor dem Hintergrund dieser normativen Folie ist nunmehr zu fragen, wie und warum Individuen in konkreten Situationen sich Normen angeeignet, sie aber auch variiert oder umgangen haben. Hierzu werden vier ernestinische Fürstenehen genauer in den Blick genommen.

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine beiden Ehefrauen Ausgangspunkt der folgenden Betrachtungen ist die 1662 geschlossene standesgleiche Ehe des Herzogs Bernhard von Sachsen-Jena mit Marie-Charlotte de la Trémoїlle, wobei Herzog Bernhard 1673 noch eine standesungleiche Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth einging. Somit liegt hier eine Situation vor, bei der zum einen die standesgleiche der standesungleichen Ehe gegenübersteht; zum anderen handelt es sich um einen Fall von Bigamie. Indem die zweite Ehe sowohl den rechtlichen Ehenormen als auch den sozialen Konventionen zuwiderlief, scheint das Konfliktpotential offensichtlich zu sein. Doch liegen Konflikte keineswegs nur in der Zweitehe begründet, denn auch die erste Ehe war durch die Konfessionszugehörigkeit der Ehefrau und das Ausbleiben eines männlichen Nachkommen konfliktbeladen. Letztlich kann anhand der beiden Ehen ein Überschreiten von Ehenormen durch eine Zweitehe aufgezeigt werden, aber auch die Komplexität an Normen, Interessen und Emotionen und die damit einhergehenden Konflikte im Rahmen einer standesgleichen Ehe.

4.1.1 Die Anbahnung der Ehe zwischen Bernhard von Sachsen-Jena und Marie-Charlotte de la Trémoïlle Am 21. Februar 1638 wurden Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar (1598– 1662) und dessen Gemahlin Eleonore Dorothea, eine geborene Prinzessin von Anhalt-Dessau, Eltern eines Prinzen. Der neugeborene Junge erhielt den Namen Bernhard1, in Anlehnung an seinen Onkel väterlicherseits, den erfolgreichen 1 Er wird auch als Bernhard II. – in Bezug auf seinen Onkel Bernhard von Sachsen-Weimar – oder als Bernhard I. – in Bezug auf den 1680 geborenen Bernhard von Sachsen-Meiningen – bezeichnet. Siehe: ECKOLD 1940, S. 15. Die Namensgleichheit führte bereits zu Lebzeiten Herzog

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Feldherren Bernhard von Sachsen-Weimar (1604–1639). Den fürstlichen Eltern schwebte möglicherweise eine ähnlich erfolgreiche Militärkarriere vor, als sie den Namen Bernhard für ihren Sohn auswählten. Bernhard war bereits das siebte Kind des Herzogpaares, und da unter den sechs Geschwistern drei Brüder waren, erschien für ihn als nachgeborenen Sohn eine militärische Laufbahn nahe liegend. In der Tat stellte Bernhard in späteren Jahren seine strategischen und taktischen Qualitäten unter Beweis, allerdings nicht in militärischen Auseinandersetzungen, sondern im übertragenen Sinn: im „Venuskrieg“. Doch zunächst wurde Prinz Bernhard eine für einen Prinzen übliche Ausbildung zuteil. Im Alter von 15 Jahren wurde er zusammen mit seinem jüngeren Bruder, Prinz Friedrich2 (1640–1656), auf eine „kurtze Reise ins Reich“3 geschickt. Für die beiden Prinzen war insbesondere ein Aufenthalt in Regensburg vorgesehen, wo sie an der Kaiserkrönung Ferdinands III. teilnahmen. Im darauf folgenden Jahr begannen beide Prinzen ein Studium an der Jenaer Universität.4 Zudem übernahm der ältere von ihnen, Prinz Bernhard, formal das Rektorenamt an der Jenaer Universität und übte dieses bis zum Ende seines Studiums im November 1657 aus.5 Anfang 1658 trat er seine erste Frankreichreise an, eine für adelige Söhne obligatorische Kavalierstour6. Diese Reise markierte nicht nur den Abschluss der Ausbildung eines jungen Adeligen, sondern diente insbesondere der Vervollkommnung von kommunikativen Kompetenzen, der Erlangung von Sicherheit im Umgang bei Hofe, sowie der Beherrschung der Affekte im Sinne von Zeremoniell und Etikette.7 Zugleich war diese Bildungseinrichtung durch ihre Kostspieligkeit und Exklusivität ein Instrument der Distinktion und Demonstration von Standesgrenzen. Im Fall des Prinzen Bernhard wurden mit seiner Kavalierstour, deren Ziel Paris und der Hof Ludwigs XIV. war, eindeutig auch politische Ziele verfolgt: Im Auftrag seines Vaters, Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, sollte Bernhard dem sich im Krieg gegen Spanien befindlichen König Ludwig XIV. ein Regiment weimarischer Soldaten anbieten. Auf diesem Wege versuchte Herzog Wilhelm, die Kontakte zwischen Sachsen-Weimar und dem französischen Königshaus zu Bernhards zu Irritationen. Daher traf Herzog Bernhard von Sachsen-Jena am 31. August 1676 eine Übereinkunft mit Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen, dass der Jenaer Herzog in von ihm verfassten Schreiben und Schriften den Zusatz „der Ältere“, demgegenüber der Meininger Herzog den Zusatz „der Jüngere“ gebrauchen sollte. Siehe: MÜLLER 1701, S. 524. 2 Bei ECKOLD (S. 15) wird fälschlicherweise angegeben, dass Bernhard zusammen mit seinem Bruder Johann Georg gereist sei. 3 „Christ=Fürstlicher Lebens=Lauf, Deß Weiland Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Bernhards deß ältern, Hertzogs zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, u. Christmildesten Andenckens“, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 620a, fol. 245v. 4 Es war üblich, dass ernestinische Prinzen im Alter von 14 bis 16 Jahren die Universität in Jena besuchten. Siehe hierzu: STANNEK 2004, S. 109. 5 Christ=Fürstlicher Lebens=Lauf, fol. 246r. 6 Zur adeligen Kavalierstour – insbesondere im Hinblick auf den sächsischen Adel – siehe: K ELLER 2005, S. 429–454; Dies. 1998, S. 259–282; Dies. 1997, S. 257–274; Dies. 1994; NOLDE 2005, S. 579–590. 7 K ELLER 1997, S. 261.

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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intensivieren.8 Dass Herzog Wilhelm – wie von Eckold behauptet – mit der Reise auch beabsichtigte, seinen Sohn durch Heirat an den französischen Hof zu binden, um damit das politische Gewicht der Ernestiner auf europäischer Ebene zu erhöhen, erscheint zweifelhaft.9 Für ein derart ambitioniertes Vorhaben hätte er gewiss einem seiner älteren Söhne den Vorzug gegeben.10 Auch ist den Quellen im Hinblick auf derartige dynastische Pläne nichts zu entnehmen. Allerdings ist ebenso wenig belegt, dass Herzog Wilhelm einer solchen Entwicklung abgeneigt gegenüber stand. Letztlich ist davon auszugehen, dass es Herzog Wilhelm zumindest opportun erschien, vor dem Hintergrund machtpolitischer Interessen auch eine Schwiegertochter aus Frankreich zu akzeptieren. Damit offenbarte sich allerdings ein Gegensatz zwischen den Interessen des Hauses Sachsen-Weimar und den bestehenden Ehenormen der Ernestiner, denn noch der Großvater Herzog Wilhelms, Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar-Coburg, hatte in seinem Testament von 1573 angewiesen, dass seine Nachkommen die Partnersuche auf die „fürstlichen Fräulein in Teutschland“11 beschränken. Doch die politischen Gegebenheiten bedingten einen pragmatischen Umgang mit den Normen des Familienverbandes. Abgesehen von eventuellen Heiratsplänen für den Prinzen Bernhard ist es wahrscheinlicher, dass Herzog Wilhelm für ihn eine militärische Karriere, wie sie für nachgeborene Söhne üblich war, vorgesehen hatte. Dieser Annahme würde auch der Auftrag Bernhards, dem französischen König ein Regiment anzubieten, entsprechen. Es darf als gesichert gelten, dass Prinz Bernhard dann auch einen Posten innerhalb dieses Regiments übernommen hätte. Dies ist zumindest einem Brief Prinz Bernhards an seinen Vater, Herzog Wilhelm, vom 27. Mai 1659 zu entnehmen. Darin heißt es: „Verwichenen Sonnabendt hat mir der Herr Cardinal [= Kardinal Mazarin] Audientz geben da er sich dann höchst entschuldiget, daß [...] es Ihme sehr leid, das er mich mit einziger Employe nicht accomodiren könte sintermahl die Friedenßtractaten zimlich weit kommen. Wo aber der Krieg continuieret, hette ich mich eines Regiments zu versehen gehabet.“12 Zugleich deutete der Brief an, dass sich die Pläne Herzog Wilhelms das Regiment betreffend nicht realisieren ließen. Immerhin hatte es eineinhalb Jahre gedauert, bis es dem Prinzen Bernhard gestattet wurde, diesbezüglich bei König Ludwig XIV. vorzusprechen, der jedoch das Angebot von Weimarer Seite ablehnte. Die ab8

ECKOLD 1940, S. 18. Ebd., S. 17. 10 Diese heirateten ausschließlich Prinzessinnen aus reichsfürstlichen beziehungsweise -gräflichen Häusern: Prinz Johann Ernst II. ehelichte 1656 Prinzessin Christiane Elisabeth von Holstein-Sonderburg (1638–1679), Prinz Adolph Wilhelm heiratete 1663 Prinzessin Maria Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel (1638–1687) und Prinz Johann Georg ging 1661 die Ehe mit Johanetta von Sayn-Wittgenstein ein. 11 Testament Herzog Johann Wilhelms von Sachsen-Weimar, auszugsweise abgedruckt in: PÜTTER 1796, S. 196–197. 12 Prinz Bernhard an Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, Brief vom 27. Mai 1659, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 286, fol. 263r–264r. 9

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lehnende Haltung des französischen Königs zum Vorschlag des Herzogs von Sachsen-Weimar war vermutlich darin begründet, dass mittlerweile ein Friedensschluss zwischen Frankreich und Spanien bevorstand und die Kriegsdienste der Weimarer somit – vorerst – nicht mehr benötigt wurden.13 Schließlich trat Prinz Bernhard im Sommer 1659 die Heimreise über die Niederlande an und traf im Oktober 1659 wieder in Weimar ein. Wenn auch die politische Mission des Prinzen Bernhard nicht von Erfolg gekrönt war, so hielt er zumindest resümierend fest, „den französischen Hoff gesehen undt kennen [ge]lern[t]“14 zu haben. Darüber hinaus sollten die Kontakte, die Prinz Bernhard am französischen Hof knüpfen konnte, noch eine entscheidende Bedeutung für die Zukunft des Prinzen haben. Insbesondere die Bekanntschaft mit Henri de la Tour d`Auvergne, Vicomte de Turenne (1611–1675), sollte sich als bedeutsam erweisen. Der Marschall Turenne hatte den Prinzen Bernhard bereits während seines Aufenthaltes am französischen Hof protegiert. Er hatte dafür gesorgt, dass Prinz Bernhard die Ehre zuteil wurde, mehrere Male das königliche Ballett besuchen und beim Tanz des Königs zusehen zu dürfen. Darüber hinaus förderte er die Beziehung des Prinzen Bernhard zur Prinzessin Marie-Charlotte de la Trémoïlle (1632–1682), einer Nichte des Marschalls.15 Wo und wann sich Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar und Prinzessin MarieCharlotte de la Trémoïlle tatsächlich kennen lernten, ist anhand der Quellen nicht rekonstruierbar. Dass hierbei der Marschall Turenne eine entscheidende Rolle spielte, ist nicht auszuschließen. Ebenso könnte hieran auch der Hofmeister des Prinzen Bernhard, Antoine de Charreard, maßgeblich beteiligt gewesen sein. Charreard, dessen Eltern als Hugenotten aus Frankreich geflohen waren, wurde dank der Fürsprache seines Paten, des Herzogs Henri de la Trémoïlle (sic!), Hofmeister der beiden jüngsten Weimarer Prinzen.16 Dies zeigt, dass bereits vor Bernhards Frankreichreise Kontakte zwischen der herzoglichen Familie von Weimar und dem Haus de la Trémoïlle bestanden. Ein weiterer Beleg für die Verbindung zwischen den Häusern Trémoïlle und Sachsen-Weimar ist die Tatsache, dass Herzogin Eleonora Dorothea von Sachsen-Weimar, die Mutter des Prinzen Bernhard, eine der Patinnen der Prinzessin Charlotte Amélie de la Trémoïlle war.17 Bei Charlotte Amélie handelte es sich um das erste von fünf Kindern des Herzogs Henri-Charles de la Trémoïlle, dem Bruder Marie-Charlottes, und des-

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ECKOLD 1940, S. 18. Prinz Bernhard an Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, Brief vom 27. Mai 1659, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 286, fol. 264r. 15 ECKOLD 1940, S. 18. Die Mutter von Marie-Charlotte war Marie de la Tour d`Auvergne (1601– 1665), eine Schwester des Marschalls. 16 JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2003, Bd. 3, S. 89; ECKOLD 1940, S. 16. Bei JACOBSEN/BRANDSCH wird allerdings der Name „Charrcard“ verwendet. 17 MOSEN (Hg.) 1892, S. 13. Dort wird das Geburtsdatum der Charlotte Amélie de la Trémoïlle mit dem 3. Januar 1652 – nach neuem Datierungsstil – und dem 25. Dezember 1651 – nach altem Stil – angegeben. 14

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sen Frau Emilie (1626–1693), einer geborenen Prinzessin von Hessen-Kassel.18 Prinzessin Charlotte Amélie wurde am 12. März 1652 getauft19, demzufolge muss der Kontakt zwischen den Häusern Trémoïlle und Sachsen-Weimar bereits zu Beginn der 1650er Jahre bestanden haben. Da Antoine de Charreard in seiner Funktion als Hofmeister den Prinzen Bernhard bei dessen Kavalierstour begleitete20, ist es möglich, dass er es war, der den Kontakt zwischen Bernhard von Sachsen-Weimar und Marie-Charlotte de la Trémoïlle vermittelte. Hierüber existieren jedoch keine gesicherten Erkenntnisse. Demgegenüber erscheint es als erwiesen, dass sich Prinz Bernhard und seine zukünftige Braut während der ersten Frankreichreise des Prinzen in den Jahren 1658–1659 kennen lernten.21 Dass aber zu diesem Zeitpunkt bereits Heiratspläne bestanden und dass die sich anbahnende Ehe zwischen Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar und der Prinzessin Marie-Charlotte das Ergebnis gezielter Bemühungen von Weimarer Seite um eine Allianz mit einem französischen Adelshaus war, ist in den Quellen nicht belegt.22 Daher erscheint es auch unwahrscheinlich, dass die 1659 durch Herzog Wilhelm erfolgte Auftragsvergabe für den Schlossneubau in Jena von dessen „Wunsche nach einer vornehmen Schwiegertochter aus Frankreich“23 geleitet wurde, wie es Eckold in seiner Geschichte des Herzogtums Sachsen-Jena behauptet.24

4.1.2 Die Allianz wird besiegelt – Ehevertrag und Hochzeit Noch war die Allianz des Hauses Sachsen-Weimar mit dem Hause Trémoïlle nicht besiegelt. Hierfür bedurfte es einer erneuten Frankreichreise des Prinzen Bernhard, die er im Frühjahr 1662 antrat. Am 24. März 1662 fand schließlich nach maßgeblichem Einraten des Herzogs von Turenne und „anderer hohen Freunde“25 die Verlobung zwischen Bernhard und Marie-Charlotte statt. Die Frage, ob 18

KÖHN 2005, S. 47. Ebd., S. 47. 20 Christ=Fürstlicher Lebens=Lauf, fol. 246r. 21 HELLFELD 1828, S. 8. Über die Intensität der Beziehung von Prinz Bernhard zu Prinzessin Marie-Charlotte wird allerdings nichts ausgesagt. 22 Dennoch behauptet ECKOLD, leider ohne die Angabe von Quellen, dass es Ziel Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar war, seinen Sohn durch eine Heirat an den französischen Hof zu binden und damit letztlich die politischen Handlungsspielräume des Hauses Sachsen-Weimar zu erweitern. Siehe: ECKOLD 1940, S. 17. Diese Argumentation wurde jüngst auch von Anne-Simone K NÖFEL aufgegriffen. K NÖFEL konstatiert, dass die Ehe des Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar mit Marie-Charlotte de la Trémoïlle eine Kompensation für einen nicht zu Stande gekommenen Zugang zum französischen Königshaus darstellte. Allerdings bezieht sich K NÖFEL hierbei ausschließlich auf ECKOLD, ohne auf weitere Quellen zu verweisen. Siehe: K NÖFEL 2009, S. 402. 23 ECKOLD 1940, S. 12. 24 Demgegenüber geht Herbert KOCH davon aus, dass die Baufälligkeit der erst 1620 errichteten Residenz in Jena der Grund für den dortigen Schlossneubau war. Siehe: KOCH 1966, S. 143–144. 25 Christ=Fürstlicher Lebens=Lauf, fol. 246v.

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„hertzliche Zuneigung und Liebe“26 das Paar verbanden, wie es Herzog Wilhelm formulierte, muss anhand der Quellen offen bleiben. Vor dem Hintergrund der jeweiligen Sozialisation und innerfamiliären Position des Paares kann aber davon ausgegangen werden, dass das Interesse des Paares an einer Eheschließung groß war: Prinz Bernhard heiratete in eines der einflussreichsten Häuser des französischen Hochadels ein, obwohl es sich bei ihm um einen nachgeborenen Prinzen handelte und eine Heirat daher nicht selbstverständlich war. Demgegenüber bedeutete diese Ehe für die bereits dreißigjährige Marie-Charlotte nicht nur die Verbindung mit einem der renommiertesten protestantischen Häuser des Alten Reiches, sondern auch die Wahrnehmung einer angesichts ihres Alters zunehmend geringer werdenden Chance auf eine Heirat. Vor dem Hintergrund, dass Marie-Charlotte aus einem wohlhabenden und angesehenen Fürstenhaus stammte, ist es erstaunlich, warum sie erst in einem relativ hohen Heiratsalter eine Ehe einging. Doch war es für das protestantische Haus Trémoïlle kein einfaches Unterfangen, innerhalb des französischen Hochadels, der größtenteils dem katholischen Glauben angehörte, einen adäquaten Ehegatten für Marie-Charlotte zu finden, der den Ansprüchen des Hauses gerecht wurde. In den Memoiren der Gräfin Charlotte Amélie von Aldenburg, geborene Prinzessin de la Trémoïlle und Nichte Marie-Charlottes, findet sich der Hinweis: „Wenn ihr [= Marie-Charlotte] das Recht des Tabourets nicht gar so sehr am Herzen gelegen hätte, so würde sie wohl den Grafen de Roys geheiratet haben; denn bei seinem großen Vermögen und seiner edlen Abstammung, sowie der starken Neigung, die sie zueinander zog, würde die Angelegenheit wohl sehr weit geführet worden sein, umsomehr, als sein persönliches Verdienst ihn sehr auszeichnete.“27 Demzufolge gab es sehr wohl einen Heiratskandidaten für Marie-Charlotte de la Trémoïlle. Entscheidend war jedoch, dass der Graf de Roy nicht von ebenbürtiger Abstammung war. Eine Eheschließung Marie-Charlottes mit dem Grafen de Roy hätte unter anderem bedeutet, dass Marie-Charlotte das ihr aufgrund ihrer hochadeligen Herkunft zustehende Recht des Tabourets verloren hätte. Bei diesem Recht handelt es sich um das prestigeträchtige Privileg, in Gegenwart des französischen Königspaares auf einem Hocker Platz nehmen zu dürfen. Dieses Recht, das die Stellung in der französischen Hofgesellschaft symbolisierte, war nur wenigen adeligen Damen vorbehalten.28 Der Verlust dieses Privilegs durch eine standesungleiche Heirat hätte einen erheblichen Status- und Prestigeverlust für Prinzessin Marie-Charlotte und letztlich auch für das gesamte Haus de la Trémoïlle bedeutet. Um dies zu vermeiden, stellte die Prinzessin ihre 26

Erlass Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar, 11. Mai 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 385r. 27 MOSEN (Hg.) 1892, S. 22. 28 Die Prinzessin Charlotte Amélie schildert in ihren Memoiren, dass sie bereits als Vierjährige auf dem Tabouret Platz nehmen durfte: „[...] so ließ Ihre Majestät, um meiner zu mir so liebevollen Frau Großmutter eine Aufmerksamkeit zu erweisen, Tabourets bringen und befahl mir, mich zu setzen, um mich früh den Rang einnehmen zu lassen, den die Töchter des Hauses de la Trémoïlle immer gehabt haben.“ (MOSEN (Hg.) 1892, S. 19)

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Empfindungen gegenüber dem Grafen de Roy hinter ihre materiellen Interessen und die Interessen ihres Hauses zurück. Neben dem Grafen de Roy erwähnt Charlotte Amélie de la Trémoïlle in ihren Memoiren, dass auch der Herzog Armand Charles de la Meilleraye um die Hand der Prinzessin Marie-Charlotte anhielt. Im Gegensatz zum Grafen de Roy war der Herzog de la Meilleraye ein ebenbürtiger Heiratskandidat für Marie-Charlotte. Zudem entstammte er einer äußerst wohlhabenden Familie und hatte als Generalfeldzeugmeister eine bedeutsame Position bei Hofe inne. Allerdings handelte es sich bei den Meillerayes um eine katholische Adelsfamilie. Eine Verbindung zwischen den reformierten Trémoïlles und den katholischen Meillerayes lehnte die Mutter der Prinzessin Marie-Charlotte, Marie de la Trémoïlle, entschieden ab.29 An dieser Stelle mag es erstaunen, dass mit Marie de la Trémoïlle eine Frau über die Zukunft der Prinzessin Marie-Charlotte und damit letztlich auch über die Zukunft des Hauses de la Trémoïlle entschied, aber gerade im Rahmen der Heiratspolitik adeliger Häuser waren es immer wieder Frauen, die hier als Schlüsselfiguren in Erscheinung traten.30 So hatte Marie de la Trémoïlle bereits bei der Anbahnung der Ehe ihres Sohnes Henri-Charles de la Trémoïlle mit Emilie von Hessen-Kassel eine wesentliche Rolle gespielt.31 Anders als der Graf de Roy und der Herzog de la Meilleraye war Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar nicht nur ein ebenbürtiger Heiratskandidat, sondern er gehörte auch der protestantischen Kirche an. Damit erwies er sich sowohl unter ständischen als auch unter religiösen Gesichtspunkten als geeignete Partie für die Prinzessin Marie-Charlotte. Aus diesem Grunde willigte das Haus Trémoïlle in die Ehe mit Bernhard von Sachsen-Weimar ein, obgleich es sich bei ihm um einen nachgeborenen Sohn aus einem machtpolitisch eher unbedeutenden deutschen Fürstenhaus handelte. Charlotte Amélie de la Trémoïlle beschrieb den Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar zumindest als den „hübschesten“32 der vier Weimarer Prinzen, wobei fraglich ist, inwieweit dies der Realität entsprach. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich hierbei um eine beschönigende Aussage von Charlotte Amélie de la Trémoïlle handelt, um die Gattenwahl ihrer Tante MarieCharlotte in der Retrospektive besonders positiv erscheinen zu lassen. Bis es schließlich am 10. Juni 1662 zur Eheschließung kam, bedurften noch wesentliche Punkte der Klärung: Die Modalitäten der Hochzeit mussten festgelegt und die Inhalte des – wenn auch nicht obligatorischen – Ehevertrages mussten besprochen werden. Insbesondere im Hinblick auf die ökonomischen Interessen, die mit der Eheschließung einhergingen, wurde deutlich, dass ein Ehevertrag in 29

MOSEN (Hg.) 1892, S. 22. Die Reaktion der Herzogin Marie de la Trémoïlle war insbesondere von ihrer eigenen religiösen Überzeugung geleitet. Marie de la Trémoïlle war nicht nur Anhängerin der reformierten Kirche, sondern setzte sich auch vehement für verfolgte Kirchenvertreter und Hugenotten ein, was ihr den Beinamen „Königin der Hugenotten von Frankreich“ einbrachte. Siehe hierzu: KÖHN 2005, S. 52. 30 WUNDER 1992a, S. 80; K ELLER 2000, S. 272–274. 31 KÖHN 2005, S. 53. 32 MOSEN (Hg.) 1892, S. 22.

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diesem Fall unentbehrlich war. Von Weimarer Seite wurde verlautbart, dass „die Fürstl. Ehegelder (2.) über sechzehentausend Thaler, sich nicht erstrecken, damit das Gegenvermächtnis und Widerlage nicht zu schwer fallen möge“33. Diese Äußerung ist einerseits erstaunlich, denn im Allgemeinen war es üblich, dass die Höhe des Ehegeldes ausschließlich von der Familie der Braut festgelegt wurde.34 Andererseits verwundert es keineswegs, dass die Weimarer Seite auf die Höhe des Geldes Einfluss nehmen wollte. Schließlich waren die finanziellen Mittel des Hauses Sachsen-Weimar begrenzt. Demgegenüber sicherte das Haus Trémoïlle der Braut zu besagten 16.000 Reichstalern Ehegeld noch weitere 10.666 Taler Schmuck- und Kleidergeld und „ferner [...] eine Summa von 53.333 Rthlr, 8 g oder 160.000 Franzosische Gülden, die Ihr der Prinzessin und ihrem Erben, alß eigentümliche Güther zu verbleiben, darüber Sie allein zu schalten und zu walten, und auch durch Ihr Testament, oder letzten Willen wird damit disponiren konnen“35 zu. Im Gegenzug musste Marie-Charlotte einen Erbverzicht zu Gunsten ihres Bruders und dessen männlichen Leibeserben auf die ihr zustehenden Ansprüche am väterlichen und mütterlichen Erbe leisten.36 Doch führten gerade die lukrativen Paraphernalgelder zu weiteren Bedenken von Weimarer Seite. In einem Schreiben bezüglich der „Puncta, welche [im Hinblick auf den Ehevertrag] zu beobachten“37 wurde von sachsen-weimarischer Seite angefragt, „wie es mit denen 53.333 Thalern zuhalten, und welcher Gestalt mann sich solcher am Besten zuversichern, inmaßen denn wann das ganze Hauß von Tremoille und einer vor alle darvor stehen soll, die Herren Interehsenten insgesamt sich deswegen absonderlich verobligiren, oder die Fürstl. Ehestiftung mit vollziehen und unterschreiben müsten“38. Die Bedenken von Sachsen-Weimarer Seite sind nur zu verständlich, gibt es doch zahlreiche Beispiele dafür, dass den in adeligen Eheverträgen getroffenen, obgleich sehr detaillierten Absprachen hinsichtlich der finanziellen Ausstattung der Braut in der Realität nur zögerlich oder überhaupt nicht nachgekommen wurde.39 Neben den ökonomischen Aspekten gab es noch weitere Punkte, die es zwischen den beteiligten Häusern auszuhandeln galt, so auch den rituellen Ablauf der Eheschließung. Von Weimarer Seite wurde gewünscht, dass „weil [...] ohne das fast bey allen hohen Häusern itzo der Gebrauch, daß die Beylager in der Enge vollzogen werden, ist solches auch disfals in Acht zunehmen, und alle Weitläuftigkeit zu vermeiden“40. Das Beilager hatte demzufolge in einem kleinen Rahmen 33

Erlass Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar, 11. Mai 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 386r. 34 ESSEGERN 2003, S. 122. 35 Zusatz zum Ehevertrag, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 398. 36 Abschrift des Ehevertrages, ThHStA Weimar, EA Fürst Nr. 190. 37 Puncta, welche zu beobachten, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 394r. 38 Ebd. 39 M ARRA 2007, S. 73. 40 Erlass Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar, 11. Mai 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 386r.

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stattzufinden. Dabei war es – entgegen der Äußerungen von Weimarer Seite – im 17. Jahrhundert in Fürstenhäusern üblich, dass das Beilager vor dem gesamten Hofstaat abgehalten wurde. Beilager im kleinen Kreis und ohne Feierlichkeiten stellten eher eine Ausnahme dar.41 Klärungsbedarf bot auch die Konfessionszugehörigkeit der Braut, die der reformierten Kirche angehörte, während der Bräutigam Lutheraner war. Um diesbezüglichen Differenzen vorzubeugen bestimmte Herzog Wilhelm, dass „S. L. [= Seine Liebden, also Prinzessin Marie-Charlotte] dahin zusehen haben, daß so wohl des Gottesdiensts, als auch der meisten Bedienten wegen es allerdings bey der Manier und Weyse verbleiben müste, wann Sie sich alhier bey unser Hofstadt und im Lande mit den Ihrigen befinden würde“42. Dass bei den Vorverhandlungen zur Eheschließung nicht zuletzt auch ständische Aspekte und adeliges Ehrgefühl einen zentralen Gegenstand darstellten, wird an den Bedenken der Weimarer Verhandlungsbevollmächtigten deutlich. Sie befürchteten, „daß das Hauß von Tremoille einen Vorzug vor dem Hauß Sachßen suchen“43 könnte. Anlass bot die im Ehevertrag vorzunehmende Nennung der beiden herzoglichen Familien. Um einen Prestige- und Ehrkonflikt zwischen beiden Häusern zu vermeiden, kamen die Notare zu dem Schluss, dass „in einem Exemplar [= des Ehevertrages] Herrn Herzog Wilhelms Dcht., im andern aber des Herzogs von Tremoille Nahmen vorgesezet werden“44 müsste. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass sich die Verhandlungen um den Ehevertrag mehrere Wochen hinzogen und erst am 9. Juni 1662 zu einem Ende kamen. An diesem Tag wurden noch letzte „Heüraths Articuln“ zwischen Prinz Bernhard einerseits und Marie-Charlotte sowie deren Mutter Marie de la Trémoïlle andererseits verglichen. Die Mutter trat dabei als Bevollmächtigte des Vaters, Henri de la Trémoïlle, und des Bruders, Henri-Charles de la Trémoïlle, auf. Die Tatsache, dass mit Marie de la Trémoïlle ein weibliches Familienmitglied die führende Rolle bei den Vertragsverhandlungen einnahm, verdient der Hervorhebung: Während die Frauen der adeligen Familien hauptsächlich bei der Suche von potentiellen Heiratskandidatinnen und -kandidaten sowie der Anbahnung ehelicher Allianzen als Schlüsselfiguren in Erscheinung traten45, blieben die Vertragsverhandlungen in der Regel den männlichen Familienmitgliedern sowie den Hofbeamten vorbehalten.46 Ausnahmen hiervon gab es dann, wenn die Mutter des Bräutigams beziehungsweise der Braut bereits verwitwet war. In diesem Fall 41

ROHR 1733, S. 144–154; STUTH 2001, S. 312–339. Zum Beilager wurde dabei nicht nur der symbolische Akt des Zusammenlegens des Brautpaares im Brautbett gerechnet, sondern auch die sich daran anschließenden Feierlichkeiten. Siehe auch: HILLENBRAND 1996, S. 79–82; SPIESS 1997, S. 26. 42 Erlass Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar, 11. Mai 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 386v. 43 Puncta, welche zu beobachten, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 394r. 44 Ebd. 45 WUNDER 1992a, S. 80; K ELLER 2000, S. 272–274. 46 M ARRA 2007, S. 64.

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übernahm die Mutter – als Witwe – den Part des Vaters und vertrat die elterliche Position bei den Verhandlungen.47 Von einer solchen Ausnahmesituation kann hier nicht die Rede sein, da das männliche Oberhaupt des Hauses noch lebte. Vielmehr zeigte sich einmal mehr die Dominanz der Mutter in familienpolitischen Angelegenheiten. Nicht nur umfangreiche Verhandlungen prägten die Hochzeitsvorbereitungen, sondern sie wurden auch von einem unvorhersehbaren Ereignis überschattet: Am 17. Mai 1662 verstarb der Vater des Bräutigams, Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar. Die Eheschließung zwischen Prinz Bernhard und Prinzessin Marie-Charlotte war jedoch zu bedeutend für beide Häuser, als dass sie durch den Todesfall hätte in Frage gestellt werden können. Zumal der verstorbene Herzog mit einem Erlass vom 11. Mai 1662 bereits formal die notwendige elterliche Zustimmung zur Eheschließung gegeben hatte.48 Darüber hinaus hatte Herzog Wilhelm am 5. Februar 1662 bereits eine weitere, grundlegende Entscheidung getroffen: Seine vier noch am Leben befindlichen Söhne, Johann Ernst II., Adolph Wilhelm, Johann Georg und Bernhard, bekamen jeweils eine eigene Residenz zugewiesen.49 Prinz Bernhard erhielt das Schloss zu Jena, welches nunmehr im Ehevertrag zum Witwensitz der Prinzessin Marie-Charlotte bestimmt wurde.50 Nachdem alle Formalitäten geklärt waren und auch der französische König als Landesherr von Marie-Charlotte seine für die Hochzeit erforderliche Zustimmung gegeben hatte51, konnte die Trauung schließlich am 10. Juni 1662, im Palais des holländischen Gesandten in Paris, stattfinden. Entgegen der üblicherweise mit einer Hochzeit einhergehenden umfangreichen und mehrtägigen Feierlichkeiten fand die Eheschließung Bernhards und Marie-Charlottes den Bestimmungen Herzog Wilhelms von Sachsen-Weimar gemäß und vor dem Hintergrund des kürzlich erfolgten Todesfalls ohne umfangreiche Feierlichkeiten statt.52 47

M ARRA 2007, S. 66–68. Sowohl das protestantische Recht als auch das kanonische Recht machten die Gültigkeit einer Ehe von der elterlichen Zustimmung abhängig. Für das protestantische Kirchenrecht siehe: DIETERICH 1970, S. 56–59. 49 Johann Ernst II. erhielt das Rote Schloss zu Weimar, Adolph Wilhelm das Schloss zu Eisenach und Johann Georg das Schloss zu Marksuhl. Zu den angewiesenen Residenzen bekam jeder Bruder auch gewisse Ämter und Ländereien verschrieben. Siehe: HELLFELD 1828, S. 11–12. Diese Aufteilung wurde zur Grundlage der am 20. September 1672 durch die herzoglichen Brüder vollzogenen Landesteilung. 50 Abschrift des Ehevertrages, ThHStA Weimar, EA Fürst Nr. 190. 51 GRIFFET (Hg.) 1767, S. 259. 52 Dem „Christ=Fürstlichen Lebens=Lauf“ Herzog Bernhards ist diesbezüglich zu entnehmen. „am 10. Junii alten Calenders, zu besagtem Pariß, in dem Hause deß dazumahl alda anwesend sich befundenen Holländischen Ambassadeurs, durch vorhergangene Priesterliche Copulation, Christlicher Ordnung nach, beyseyns der Königl. Princeßin von Montpensieur, auch vieler vornehmen Fürstl. und anderer hohen Standes=Personen, so wohl männ= als auch weibl. Geschlechts, solenniter vollzogen worden; Wiewohl umb der [...] gleich dazumahl mit eingefallenen Trauer willen, bey der Fürstl. Trauungs Mahlzeit, alles in Stille, und gar eingezogen zugangen.“ (Christ=Fürstlicher Lebens=Lauf, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 620a, fol. 246v.) 48

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4.1.3 Eheleben – Eheleiden Nur wenige Tage nach der Trauung verließ Bernhard, nunmehr Herzog von Sachsen-Weimar, Paris, um in Weimar an der Eröffnung des väterlichen Testaments teilzunehmen. Schließlich galt es, die eigenen Interessen gegenüber den drei älteren Brüdern zu vertreten und durchzusetzen.53 Die fürstliche Braut reiste, begleitet von ihrem Bruder und dessen Gemahlin, im September 1662 nach Weimar, wo sie am 13. November eintraf.54 Am 8. Dezember 1662 bezog sie zusammen mit ihrem Gemahl die fürstliche Residenz in Jena.55 Für Herzogin MarieCharlotte muss der Umzug von Paris nach Jena, von der Großstadt in die Provinz, einen großen Einschnitt bedeutet haben, auch wenn sich die Quellen über ihre diesbezüglichen Empfindungen ausschweigen. Während sich Marie-Charlotte in ihrer französischen Heimat vorwiegend am Hof zu Versailles, sowie in den in der Bretagne gelegenen Schlössern von Thouars und Trémoïlle mit deren weitläufigen Parks aufgehalten hatte, stand ihr in Jena nur ein eher bescheidenes Schloss zur Verfügung, welches nicht einmal über einen kleinen Garten verfügte.56 Gleichwohl sich hinsichtlich der Zustände in der Jenaer Residenz nur bedingt Aussagen treffen lassen57, werden sie sich nicht wesentlich von denen der ebenfalls erst neu eingerichteten brüderlichen Residenzen in Eisenach und Marksuhl unterschieden haben. Einem gemeinsamen Brief der Brüder Bernhards, Adolph Wilhelm und Johann Georg, vom 12. Oktober 1662 zufolge hielten die Brüder ihre Residenzen für ungeeignet, Marie-Charlotte und deren Hofstaat zu empfangen.58 Eine spärliche Ausstattung und fehlende Bequemlichkeit dürfte auch für das Jenaer Schloss zugetroffen haben. Dies erstaunt keineswegs, denn die ökonomische Potenz des Herzogtums Sachsen-Weimar erlaubte es nicht, neben der Residenz in Weimar noch drei weitere Herrschaftssitze – nämlich Eisenach, Marksuhl und Jena – aus53

ECKOLD 1940, S. 18. Die Tatsache, dass eine fürstliche Braut von Familienmitgliedern in das ihr fremde Land begleitet wurde, interpretiert Karl-Heinz SPIESS als bewusste Unterstützung bei der Bewältigung der Fremdheit. Siehe: SPIESS 2004, S. 273–274. Im Fall Herzog Bernhards und Herzogin Marie-Charlottes war sicherlich entscheidend, dass der Bräutigam aufgrund des Todes seines Vaters vorzeitig abreisen musste und daher die Braut nicht begleiten konnte. 55 HELLFELD 1828, S. 21. 56 KOCH 1966, S. 146. 57 Siehe hierzu: ENDLER 1999, S. 24–26. 58 Herzog Adolph Wilhelm und Herzog Johann Georg an ihren Bruder Herzog Bernhard, 12. Oktober 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 407. Dort heißt es: „Nun will sich wohl, umb der nahen brüderlichen Verwandtnis, auch Unßers und Unßers Fürstl. Haußes Respect willen anders nicht gebühren, als hochgedacht Ihrer Ld. beÿ dero ersten Ankunfft im Lande, zumahl Sie noch hierüber theils Ihrer hohen Angehörigen mit sich bringet, alle geziemende Ehr, Lieb und Freundschafft zu erweißen, auch Ihre Ld. darneben beßer Mögligkeit nach, zu tractiren, Wir stehen aber beederseits, es möge dieselbe mit Ihrem Comitat gleich zu Creutzburgk, oder zu Eisenach anlangen, nicht wenig an, wie solches, entweder wegen Unbequemligkeit deß Orths oder durch dernoch zur Zeit gar wenig eingerichteten Residenz zu Eisenach. Mangel des Bettwercks und andern Nothwendigkeiten, ohne Disreputation füglich ins Werck zu richten.“ 54

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Abb. 4: Herzog Bernhard von Sachsen-Jena (Kupferstich von Jacob von Sandrart)

zustatten und zu unterhalten. Da sowohl die väterliche Hinterlassenschaft als auch die bescheidenen Einnahmen nicht ausreichten, um die Ausstattung der Residenz und die Hofhaltung Bernhards und Marie-Charlottes zu finanzieren, griff Herzog Bernhard in den Folgejahren mehrfach auf die Paraphernalgelder seiner Ehefrau zurück. Diverse Obligationen geben darüber Zeugnis.59 Die Jenaer Hofhaltung orientierte sich – entsprechend dem Zeitgeschmack – am französischen Vorbild, sicher auch verstärkt durch die französische Herkunft der Herzogin Marie-Charlotte. Hinzu kamen zahlreiche Bauten60 und eine große Dienerschaft61, die durchaus als eine Form der Kompensation für den fehlenden machtpolitischen Einfluss zu interpretieren sind. Ebenso dürfte hier der Wunsch

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Siehe hierzu: Obligationsschreiben in ThHStA Weimar, EA Fürst Nr. 190. Zu den umfangreichen Bautätigkeiten unter Herzog Bernhard zählen die Umgestaltung der Residenz, die Errichtung beziehungsweise Herrichtung eines Laboratoriums, eines ‚Zehr-Gartens‘, eines Lusthauses, eines Ballhauses und des so genannten Fürstenkellers. Siehe hierzu: ENDLER 1999, S. 25–26, S. 108–111. 61 Im Jahr 1678 gehörten zur Hofhaltung allein 110 Diener. Siehe ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 620a, fol. 63. 60

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Herzog Bernhards, sich von seinen Brüdern abzugrenzen beziehungsweise sich gegenüber seinen Brüdern hervorzutun, eine Rolle gespielt haben. Demgegenüber beschrieb Samuel Chappuzeau62 (1625–1701) in seinen Reiseberichten den Jenaer Hof mit den Worten: „Le Duc Bernard ne se pique pas d`auoir une grosse Cour, & il applique tous ses soins á remettre sur ses finances, que les desordres de la guerre auoient dissipées. Mais s`il a peu de gens aupres de soy, ce sont gens choisis, qui par leur bonne mine & leur beau genie s`attirent la bienvueïllance du Prince qu`ils ferment, & l`estime des Etrangers.“63 Für Chappuzeau, der zahlreiche große Fürstenhöfe in Europa besucht hatte, erschien der Jenaer Hof als klein und Herzog Bernhard als sparsam. Werden die Jenaer Bedingungen mit denen an Höfen gleicher Größenordnung verglichen, wird schnell deutlich, dass die herzogliche Familie in Jena weit über ihren finanziellen Verhältnissen lebte und ihre Hofhaltung die der fürstlichen Brüder übertraf. Darüber hinaus reflektierte Chappuzeau den Jenaer Hof 1669. Damals war Sachsen-Jena formal noch kein eigenständiges Herzogtum, sondern wurde wie das gesamte Herzogtum Sachsen-Weimar von Herzog Bernhard und seinen Brüdern gemeinschaftlich, jedoch unter dem Direktorium des ältesten Bruders, regiert. Somit bestand für Herzog Bernhard weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit, eine umfangreiche Diener- und Beamtenschaft aufzubauen. Abgesehen davon hatten die ihm zugeteilten Besitzungen lediglich eine Größe von neun Quadratmeilen. Es handelte sich um ein nahezu unbedeutendes Ländchen, das neben den Hauptteilen in und um Jena noch die fern gelegenen Besitzungen in Allstedt64 und Remda65 umfasste, wodurch die Verwaltung des Landes erschwert wurde.66 Neben den materiellen Verhältnissen und den sich recht bald abzeichnenden finanziellen Problemen, dürften es nicht zuletzt auch Integrationsprobleme gewesen sein, die das Leben der Herzogin Marie-Charlotte in Jena prägten und erschwerten. Dass die Herzogin nachweislich noch Jahre nach der Hochzeit der 62

Chappuzeau, Hugenotte aus Genf, besuchte auf seinen Reisen durch Europa zahlreiche Höfe im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Seine Eindrücke und Erinnerungen hielt er in verschiedenen Schriften, darunter „Suite de l’Europe vivante“ (1671) fest. Nachweislich hielt er sich in den Jahren 1669, 1670 und 1682 an ernestinischen Höfen auf und war dort unter anderem als Sprachlehrer tätig. Am 5. September 1670 wurde Chappuzeaus Tochter Dorothea Maria am Gothaer Hof getauft, Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg und dessen Schwester Dorothea Maria wurden dabei zu Paten bestimmt. Siehe: JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2003, Bd. 3, S. 54. 63 CHAPPUZEAU 1671, S. 277. Übersetzung: „Der Herzog Bernhard rühmt sich nicht einen großen Hof zu haben, und er richtet seine Bemühungen darauf, sein Vermögen wiederzuerlangen, das in den Kriegswirren abhanden kam. Aber auch wenn er wenige Leute um sich hat, sind dies ausgewählte Leute, die es durch ihre gute Mine und ihren schönen Geist schaffen, das Wohlwollen des Prinzen, den sie umgeben, und die Achtung der Fremden auf sich zu ziehen.“ 64 Allstedt liegt auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt, im Landkreis Mansfeld-Südharz. 65 Remda liegt auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Thüringen, im Landkreis SaalfeldRudolstadt. 66 KOCH 1966, S. 146.

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deutschen Sprache nicht mächtig war67, kann hierfür als Indiz gelten. Möglicherweise war dies aber auch Ausdruck von Protest gegenüber den an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen.68 Angesichts der Tatsache, dass zumindest der Hochadel standesgemäß das Französische beherrschte – also Ehemann wie Hofgesellschaft über entsprechende Sprachkompetenz verfügten – bestand für Herzogin Marie-Charlotte nicht zwingend die Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Eine gemeinsame Sprache wie das Französische mochte möglicherweise den Ausgangspunkt der höfischen Kommunikation und Integration darstellen, es ist jedoch davon auszugehen, dass eine erfolgreiche Interaktion am Hofe die Landessprache voraussetzte.69 Dies umso mehr, da der Kreis derer, die am Jenaer Hof über französische Sprachkompetenz verfügten, klein war. Im Wesentlichen handelte es sich hier um die Mitglieder des ernestinischen Familienverbandes. Demzufolge ist es nahe liegend, dass die fehlende Sprachkompetenz der Herzogin eine gewisse Isolation am Jenaer Hof nach sich zog. Ähnlich problematisch wie die Sprache erwies sich die Verschiedenartigkeit der Konfession des Paares. Die Konfessionszugehörigkeit Marie-Charlottes entwickelte sich schon bald nach der Hochzeit zum Konfliktfeld, das auch die eheliche Gemeinschaft belastet haben dürfte. Den Ausgangspunkt bildete ein Gesuch Marie-Charlottes, das die Zulassung eines reformierten französischen Predigers beinhaltete. Eine Bitte, die bereits im Vorfeld der Hochzeit an den Schwieger vater, den mittlerweile verstorbenen Herzog Wilhelm von SachsenWeimar, gerichtet war. Nach dessen Tod hatten die fürstlichen Brüder nunmehr gemeinschaftlich über das Ansinnen der Herzogin zu befinden. Die Herzöge Adolph Wilhelm und Johann Georg standen der Zulassung eines reformierten Predigers für die Herzogin jedoch ablehnend gegenüber, „weil solche Verstattung ganz ungewönlich, von nachdenklicher Consequenz, [...] und Hh. Haus zu Sachsen, als unserer nunmehr gesamten treuen Landtschafft schwerlich würde ungeanet gelaßen werden“70. Stattdessen unterbreiteten die beiden Herzöge den Vorschlag, „damit aber doch Eur Ld. herzliebsten Mademoiselle de la Tremoille, beÿ diesem ihrem sonst nicht unzeitig Desiderio, in andere verantwortliche Wege, 67

Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar an Herzog Adolph Wilhelm von Sachsen-Eisenach, 29. März 1667, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 427r. Zur Integration fürstlicher Bräute an den Höfen ihrer Ehemänner und damit einhergehenden Problemen siehe: COESTER 2008, S. 73–92; A NTENHOFER 2007, S. 97–103; SPIESS 2004, S. 267–290; NOLTE 1998, S. 11–42. 68 Karl-Heinz SPIESS hat für das Spätmittelalter die These aufgestellt, dass das Nichterlernen der Sprache des neuen Heimatlandes durch die Braut als trotzige Bewahrung der eigenen Identität zu bewerten ist. Siehe: SPIESS 2004, S. 277. 69 Dies bestätigt auch die von Britta K ÄGLER durchgeführte Untersuchung zur Kurfürstin Henriette Adelaide von Bayern (1636–1676), geborene Prinzessin von Savoyen. Die Kurfürstin wurde von ihrer Mutter, Herzogin Christine, wiederholt und eindringlich dazu angehalten, die deutsche Sprache zu lernen anstatt sich auf die Sprachkenntnisse der bayerischen Hofgesellschaft zu verlassen. Siehe: K ÄGLER 2010, S. 2–3. 70 Herzog Adolph Wilhelm von Sachsen-Eisenach und Herzog Johann Georg von Sachsen-Eisenach an Herzog Bernhard (Briefkonzept), 20. Juni 1662, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 403r.

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anhand zugehen sein mögte, so stünde Ihrer Ld. nach Gedenken und Gefallen, ob Sie sich etwa bis, zu Begreiffung der teutschen Sprache, eines lutherischen Predigers, so der französischen Sprache kündig, in diesen Landen auf eine zeitlang zu gebrauchen, und, beÿ vorfallender Communions Nothwendigkeit, des französischen Priesters in Caßel, der solchen falls von Eisenach aus iedesmahl leichtlich zuerlang were, bedienen wolte.“71 Ein Lösungsvorschlag, der angesichts mehrfach neuerlicher Bittgesuche, einen französischen Priester zuzulassen, für die Herzogin Marie-Charlotte unbefriedigend erschien. Die Glaubenszugehörigkeit der Jenaer Herzogin gepaart mit dem Wunsch nach einem reformierten Prediger avancierte nunmehr zum Politikum. Dennoch lenkten die fürstlichen Brüder nicht ein. Obgleich im Jahr 1667 abermals konstatiert wurde, dass „weil Sie [= die Herzogin Marie-Charlotte] unserer teütschen Sprache annoch nicht kundig, auch zu Zeiten mit plözlichen Zufällen und Schwachheiten behaftet“72 wurde daraus keine Notwendigkeit, einen französischen Prediger zuzulassen, abgeleitet. Vielmehr befürchtete Herzog Johann Ernst II., „daß wann mann es so bloßer Dinge zuließe, an andern Ohrten, zumahle den Fürstl. Gothaischen und Altenburg. Höfen, allerhand nachdenken und judicia erwekket werden dürfften“73. Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar stand dem Ansinnen seiner Schwägerin nach wie vor ablehnend gegenüber. Zu seinen religiösen Argumenten gesellten sich jetzt verstärkt politische Motive. Für den Fall, dass in Jena ein reformierter Prediger zugelassen würde, befürchtete Herzog Johann Ernst II. ein Einschreiten der verwandten Häuser Sachsen-Altenburg und Sachsen-Gotha. Möglicherweise waren dies mehr ein Vorwand und eine argumentative Strategie, um seiner eigenen Haltung und Handlungsmotivation Bedeutungsmacht zu verleihen. Doch darf an dieser Stelle auch nicht übersehen werden, dass die lutherische Konfession einen essentiellen Bestandteil der Ehre und Identität der Ernestiner darstellte und die Wahrung des lutherischen Glaubens daher große Priorität besaß.74 Angesichts des Überwiegens politischer und religiöser Bedenken hinsichtlich der Zulassung eines französischen Priesters gegenüber den Bedürfnissen der Schwägerin stieß die Bitte der Herzogin Marie-Charlotte abermals auf Ablehnung. Um die Herzogin „denn noch hierbeÿ nicht trostloß zu laßen [...] so ist ansgesamt dafür gehalten worden, daß es etwann uf ein paar Jahr folgender maßen nach zu geben, und zu vergönnen seÿn möchte, daß nehmlich eine solche Persohn, kein ordentl. Hofprediger seÿn, noch dieses Praedicat führen, sich in Jehna nicht continuirlich befinden, ordentl. Weiße keinen Gottesdienst in hochermeltes unsers freündtl. gel. Bruders Ld. Gemahlin Gemach halten, sondern nur bißweilen, und bevorab wenn Sie das Heÿl. Abendmahl zu empfehlen vorhabend, iedoch nur in franzöie. Sprache, predigen, welchen dennoch niemandt anders, alß Ihrer 71

Ebd., 403v. Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar an Herzog Adolph Wilhelm von Sachsen-Eisenach, 29. März 1667, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 427r. 73 Ebd., 427v. 74 Zur Bedeutung der Konfession für die Ernestiner siehe: WESTPHAL 2007, S.173–192. 72

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Ld. Bediente, keinesweges aber Studenten oder andere Persohnen beÿwohnen“75. Darüber hinaus wurde diesem Prediger in einer abschließenden Erklärung der Herzöge Johann Ernst II., Adolph Wilhelm und Johann Georg von Sachsen vom 22. Juli 1667 auferlegt, dass „er auch in Predigten die evangelische lutherische Religion im geringsten nicht antasten noch wiederlegen, mit andern Privatim nicht disputiren, oder sonsten Ärgernüs geben solte“76. Letztlich zeigen die Auseinandersetzungen um die Zulassung eines französischen, reformierten Hofpredigers, wie schwierig sich die Umsetzung der im Heiratskontrakt gewährten Glaubensfreiheit der Braut in der Realität gestaltete. Tatsächlich konnte es sehr schnell zu Einschränkungen dieser Glaubensfreiheit kommen, wenn sie den herrschaftlichen Gepflogenheiten – wie im vorliegenden Fall dem bedingungslosen Festhalten am lutherischen Glauben und damit auch dem Glaubensschutz – zuwiderliefen. An dieser Stelle verlor der Heiratskontrakt an Rechtsverbindlichkeit wie an Bedeutung. Dabei ist erstaunlich, dass sich im Fall der Herzogin Marie-Charlotte an ihrer reformierten Konfession ein derartiger Konflikt entzündete. Denn auch die Mutter Herzog Bernhards, Herzogin Eleonore Dorothea gehörte der reformierten Konfession an. Im Fall der Herzogin Eleonore Dorothea sind derartige Differenzen nicht überliefert, obwohl auch ihre Konfession für den Ehemann Herzog Wilhelm IV. und die ernestinischen Agnaten ein Politikum darstellte. Dies ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass Herzog Wilhelm IV. sowohl im Ehevertrag von 1625 als auch in seinem Testament seiner Frau die freie Religionsausübung bestätigte und damit mögliche Eingriffe durch die ernestinischen Agnaten zu unterbinden suchte.77 Demgegenüber war die Forderung der Herzogin MarieCharlotte nach einem französischen reformierten Hofprediger gemäß der Auffassung der Herzöge Johann Ernst II. und Adolph Wilhelm nicht mehr notwendiger Bestandteil einer freien Religionsausübung. Vielmehr verwies Herzog Johann Ernst II. darauf, dass es sich hier um eine Forderung handele, die „unserer in Gott ruhenden Fr. Mutter Gnd. nicht verstattet und zugelaßen worden“78. Dass der Wunsch nach Zulassung eines Hofpredigers im Fall der Herzogin Marie-Charlotte einen derartigen Konflikt nach sich zog, deutet zugleich auf eine veränderte machtpolitische Konstellation im Herzogtum Sachsen-Weimar wie auch auf ein problematisches Verhältnis der herzoglichen Brüder hin. Zugleich gibt der Predi75

Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar an Herzog Adolph Wilhelm von Sachsen-Eisenach, 29. März 1667, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 428r. 76 Erklärung der Herzöge Johann Ernst II., Adolph Wilhelm und Johann Georg von Sachsen (Abschrift), an Herzog Bernhard gerichtet, 22. Juli 1667, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 449r. 77 MENTZ 1936, S. 6. 78 Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar an Herzog Adolph Wilhelm von Sachsen-Eisenach, 29. März 1667, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 127, fol. 427v. Demgegenüber hält K LINGER fest, dass Herzogin Eleonore Dorothea ein Hofprediger zugestanden worden wäre. Siehe K LINGER 2002, S. 146. K LINGER bezieht sich dabei auf MENTZ, bei dem sich allerdings ein derartiger Hinweis nicht finden lässt.

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gerstreit Aufschluss über die Integration der Herzogin Marie-Charlotte am Jenaer Hof sowie über die damit verbundenen Probleme. Dass es Probleme gegeben hat, scheint aufgrund der mangelnden Sprachkompetenz der Herzogin und im Hinblick auf die Einschränkungen in der Glaubensausübung offensichtlich. Auch Auswirkungen auf das Eheleben des herzoglichen Paares erscheinen nahe liegend, obgleich Herzog Bernhard gegenüber seinen Brüdern immer wieder als Fürsprecher seiner Frau Marie-Charlotte in Erscheinung trat. Daneben dürfte die Tatsache, dass dem Paar ein das Kleinkindalter überlebender, männlicher Nachkomme verwehrt blieb, weitere Spannungen hervorgerufen haben.79 Die Herzogin hatte zwar am 24. Juli 1664 den Prinzen Wilhelm zur Welt gebracht, der aber noch vor Vollendung des zweiten Lebensjahres am 21. Juni 1666 verstorben war. Auch der am 9. November 1667 geborene Prinz Bernhard verstarb, nur wenige Monate nach seiner Geburt, im April 1668. Die mit einer erneuten Schwangerschaft der Herzogin verbundenen Hoffnungen auf einen Stammhalter blieben unerfüllt, stattdessen wurde am 20. Dezember 1669 die Prinzessin Charlotte Marie geboren.80 Die fehlende männliche Nachkommenschaft gefährdete den Fortbestand der Sachsen-Jenaer Linie. Ungeachtet dessen sind die genannten Problemlagen noch im üblichen Rahmen einer fürstlichen Ehe anzusiedeln. Es stellt sich daher die Frage, worin tatsächlich eine „Unordnung“ der Ehe des Herzogspaares begründet ist. Herzog Bernhard selbst verwies in einem am 20. Oktober 1672 verfassten Attest darauf, dass „[...] sowohl Anfangs nach unserer Fürstl. Vermählung, als nachgehender Zeit viel schwere Irrungen, Zwistigkeiten und Mißverstände sich ereignet [haben], wodurch die gegen einander tragende eheliche Liebe fast gäntzlich erloschen, bald Wir uns unserer Fürstlichen Gemahlin, bald Dieselbige sich uns zu entziehen bewogen worden“81 sei. Da Herzog Bernhard zu dieser Zeit aber schon eine Beziehung mit Maria Elisabeth von Kospoth, einer Hofdame seiner Ehefrau, eingegangen war und eine Scheidung von Herzogin Marie-Charlotte anstrebte, muss der Wahrheitsgehalt der Schilderungen Bernhards kritisch hinterfragt werden.82 Wie es tatsächlich 79

Die zentrale Bedeutung der Geburt eines Stammhalters für die adlige Ehe bringt Karl Eusebius von Liechtenstein (1611–1684) in seiner bekannten Fürsteninstruktion zum Ausdruck: „So du dir vor allen werdest angelegen seyn lassen, deine Vermählung, und Erhaltung deiner eigenen Descendenz und Linie per successionem Masculinam.“ Zitiert nach: BASTL 1996a, S. 287. Dass das Fehlen eines Stammhalters eine wichtige Rolle im Rahmen ehelicher Konflikte spielen konnte, zeigte jüngst Stephanie M ARRA am Beispiel der Ehe des Erbgrafen Johann Adolf von Bentheim-Tecklenburg mit Prinzessin Johanna Dorothea von Schaumburg-Lippe. Siehe: MARRA 2007, S. 137–156. 80 Geburten Hz. Bernhards zu S. Jehna Fürstl. Kinder (Aktentitel), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 10, fol. 26r, fol. 188r, fol. 258r. Daneben ist noch die Totgeburt einer Prinzessin am 7. April 1666 zu vermerken. Vgl. ebd., fol. 117r. Zur Person der Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena siehe Kap. 4.2 der vorliegenden Studie. 81 Attest Herzog Bernhards, 20. Oktober 1672, abgedruckt in: TÜMPLING 1864, S. 173. 82 Analog hierzu argumentierte Landgraf Philipp von Hessen 1539, als er für seine geplante Zweitehe mit Margarethe von der Saale die Erlaubnis Luthers und Melanchthons einholen wollte, dass er seine Ehefrau Christine nie attraktiv, sondern geradezu physisch abstoßend gefunden habe.

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um die Beziehung zwischen Herzog Bernhard und seiner Gemahlin Marie-Charlotte bestellt war, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich hat insbesondere die Tatsache, dass das Paar noch zu Beginn der 1670er Jahre keinen männlichen Erben vorzuweisen hatte, dazu geführt, dass sich die Ehepartner voneinander distanzierten. Hinzu kam ein in den Quellen nicht genauer benanntes körperliches Leiden der Herzogin83, welches sie vermutlich daran hinderte, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen. Zugleich bietet dieses Leiden einen Erklärungsansatz für die Bemühungen Herzog Bernhards um eine Alternative zur Herzogin.

4.1.4 Die Beziehung des Herzogs zu Maria Elisabeth von Kospoth – Eine bigamistische Eskapade Vielmehr war es Herzog Bernhard, der durch eine Beziehung und spätere Heirat mit dem Hoffräulein Maria Elisabeth von Kospoth aus der ehelichen Gemeinschaft ausbrach. Maria Elisabeth von Kospoth war die Tochter Georg Ernst von Kospoths, Herr von Torgelow, Klagsdorf und Dannenwalde, und dessen Frau Sophie.84 Maria Elisabeth entstammte somit einer alten mecklenburgischen Familie, die dem niederen Adel angehörte.85 Zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth entwickelte sich eine Liaison, deren Entstehungszeitpunkt in den Quellen nicht auszumachen ist. Einzig einem Brief Maria Elisabeth von Kospoths aus dem Jahr 1678 ist der Hinweis zu entnehmen, dass ihr Verhältnis zu Herzog Bernhard im Jahr 1671 begann.86 Die angebliche „Unattraktivität“ der Landgräfin Christine ist dabei in erster Linie als Argument für die Legitimierung der Zweitehe und weniger als Beschreibung der Realität zu bewerten. Für diese Annahme spricht, dass Landgraf Philipp auch nach der 1540 erfolgten Eheschließung mit Margarethe von der Saale sexuellen Kontakt zur Landgräfin Christine unterhielt und sowohl mit dieser als auch mit Margarethe mehrere Kinder zeugte. Siehe hierzu: BUCHHOLZ 2004, S. 64; NOLTE 2004, S. 81. 83 TÜMPLING 1864, S. 168. 84 HELLFELD 1828, S. 33. Vereinzelt werden in der Literatur Friedrich von Kospoth (1569–1632), der Hofgerichtspräsident und Amtshauptmann zu Jena war, und dessen Frau Catharina als Eltern Maria Elisabeth von Kospoths angegeben. Zur Diskussion um die Herkunft Maria Elisabeth von Kospoths siehe: TÜMPLING 1864, S. 187–193. 85 Dirk R ICHHARDT hat im Hinblick auf Landgraf Philipp von Hessen und dessen Zweitfrau Margarethe von der Saale die These aufgestellt, dass sich Philipp bewusst eine Frau aus dem niederen Adel gesucht hätte, da kein Fürst seine Tochter für eine bigamistische Ehe hergegeben hätte. Siehe: R ICHHARDT 2004, S. 187. Dies impliziert jedoch, dass Landgraf Philipp von Beginn an eine zweite, polygame Ehe angestrebt hätte. Im Fall Herzog Bernhards ist dies nicht nachweisbar. Darüber hinaus kann der These Richhardts entgegengehalten werden, dass es auch bigamistische Eheverhältnisse, an denen drei ebenbürtige Partner beteiligt waren, gab. Exemplarisch sei hier Karl von Lothringen und seine beiden Frauen, Nicole von Lothringen und Beatrix de Cusance, erwähnt. Siehe hierzu: BÖRNER 2006, S. 323–346. 86 Maria Elisabeth von Kospoth an den Hofmarschall Bernhard Pflug, 27. Mai 1678, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 24r. In besagtem Brief, den Maria Elisabeth wenige Wochen nach dem Tode Herzog Bernhards verfasste, heißt es: „so habe ich doch aufs ärgste nicht gedacht, daß

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Die Zuneigung des Herzogs zu dem Hoffräulein war groß, so dass Herzog Bernhard sogar eine Scheidung von seiner Gemahlin in Erwägung zog. Dies umso mehr, da Maria Elisabeth von Kospoth die Scheidung zur Bedingung für eine Beziehung mit Herzog Bernhard gemacht hatte. Den Äußerungen Herzog Bernhards zufolge soll sie sich regelrecht geweigert haben, sich dem Herzog vor erfolgter Ehescheidung hinzugeben. Sie habe „eine sonderbare Displicenz hierüber spühren laßen“87, attestierte ihr Herzog Bernhard im Oktober 1672. Ob sich das Hoffräulein den Avancen des Herzogs tatsächlich derart heftig widersetzte, wie es unter anderem bei Eckold behauptet wird88, ist zu hinterfragen. Zumal sich für die junge Hofdame durch eine enge, sexuelle Beziehung zum Herzog neue Handlungsspielräume, Chancen und Ressourcen am herzoglichen Hof eröffneten, auch wenn diese Spielräume aufgrund der räumlichen und finanziellen Situation des Jenaer Hofes begrenzt gewesen sein dürften. Indem Herzog Bernhard die Zurückhaltung seiner Geliebten betonte, zeichnete er das Bild einer tugendhaften Frau. Zugleich konnte er damit die moralische Qualität seiner Beziehung zu Maria Elisabeth von Kospoth erhöhen. Gemäß der zeitgenössischen Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses konnten Frauen ihr Begehren schlechter kontrollieren als Männer, die sich ihrer diesbezüglichen Verantwortung bewusst waren. Das vermeintliche passive Verlangen der Frauen verlieh ihnen gleichzeitig eine ständige sexuelle Bereitschaft und ließ sie zu ,Opfern‘ ihrer Natur werden. Aus dieser Sichtweise leitete sich schließlich der Topos der Verführbarkeit ab, der zum dominanten Deutungsmuster im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis in der Frühen Neuzeit wurde.89 Dem stellt Herzog Bernhard bewusst das Verhalten der Maria Elisabeth von Kospoth gegenüber und versucht damit auch das Ansehen der Geliebten zu bewahren. Ein vor diesem Hintergrund durch den Herzog bei der theologischen und juristischen Fakultät der Universität Jena beauftragtes Scheidungsgutachten war jedoch eindeutig: Beide Fakultäten lehnten eine Ehescheidung entschieden ab. Auch das Argument des Herzogs, dass sich die Herzogin der ehelichen Untreue

nach sieben Jahren Creutz der grausame Todt, das Ende machen solte.“ Da Maria Elisabeth im Jahr 1678 ihre Beziehung zu Bernhard als „sieben Jahre Creutz“ bezeichnet, erscheint der Rückschluss auf deren Beginn im Jahr 1671 folgerichtig. 87 Attest Herzog Bernhards, 20. Oktober 1672, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 174. 88 ECKOLD 1940, S. 19: „Der Herzog warf seiner Frau (wohl zu Unrecht) Untreue vor, er selbst verliebte sich in ein junges Hoffräulein, Maria Elisabeth von Kospoth, aus dem Hause Torgelow, die in den Diensten der Herzogin stand, und zwang sie, ihm zu Willen zu sein.“ Siehe auch: TÜMPLING 1864, S. 168: „Das Fräulein lehnte solches Anmuthen zwar anfänglich sehr entschieden ab, indem sie ihn vielmehr zur Aussöhnung mit der Herzogin zu bewegen versuchte, ergab sich aber seinem Willen, nachdem sie gesehen, daß er von einer Versöhnung nichts wissen wollte, im Gegenteil die Scheidung als gewiß in Aussicht stellte und ihr das feierliche Versprechen gegeben hatte, sie sodann zu seiner ehelichen Gemahlin zu erheben.“ Ebenso HELLFELD 1828, S. 33. HELLFELD schreibt sogar, dass die von Kospoth erst dann dem Herzog nachgab, nachdem dieser sie in ihrem Gemach überfallen hatte. 89 JARZEBOWSKI 2006, S. 91.

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schuldig gemacht habe90, fand offensichtlich kein Gehör. Vermutlich handelt es sich hier ohnehin um ein von Herzog Bernhard konstruiertes Argument, um die Scheidung zu rechtfertigen. In den Quellen lassen sich zumindest keine Hinweise auf einen Ehebruch der Herzogin finden. Vielmehr wurde dem Herzog nahe gelegt, die von Kospoth vom Hof zu entfernen.91 Herzog Bernhard wollte aber von seinen Plänen keineswegs abrücken, hatte er dem Hoffräulein doch schon das Versprechen gegeben, sie nach erfolgter Scheidung zu ehelichen. Die Beziehung zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth war allerdings nicht frei von Konflikten. Dies verdeutlichen folgende, sehr emotionale Äußerungen Maria Elisabeth von Kospoths: „ich will sie nicht mehr lieb haben, daß sie eß wißen, sie sind unbeständisch kald [...] und muhtwillich. Ich will schon einen anderen Galand finden der die Hörner beßer abgelaufen und damit sie nicht zweifeln sollen, daß eß wahr ist, so sollen sie seinen Brief sehen und meine Antwort, wie ich ihm Rendevous gehben und wo ja noch einich fürnehm Liebe in meinem Hertzen übrich ist so will ich eß verbergen vor dem losen Hertzog, der mich überrehden will. Ehr hatte so viel mit den Soldaten zu thun gehabt – ich weiß eß wohl beßer – sie sein villeicht ehr im Venuskriege mit mir [...].“92 Die Worte Maria Elisabeths legen nahe, dass die Beziehung zwischen ihr und Herzog Bernhard nicht nur von gegenseitigem Interesse geprägt war, sondern auch von einer hohen emotionalen Intensität. Offenbar war Herzog Bernhard sehr um Maria Elisabeth von Kospoth bemüht. Gleichermaßen wird aber auch ein umtriebiges (Sexual-)Leben Herzog Bernhards deutlich, das jedoch nicht untypisch für hochadelige Männer war.93 Problematischer erschien dagegen die Absicht Herzog Bernhards, Maria Elisabeth von Kospoth zu ehelichen, denn damit hätte er gegen rechtliche Normen verstoßen. Herzog Bernhard befand sich dabei in einer Zwangslage: Zum einen wurde ihm die Scheidung untersagt; zum anderen hatte er der von Kospoth ein Eheversprechen gegeben. Ohne Scheidung schien es jedoch aussichtslos, das Eheversprechen gegenüber Maria Elisabeth von Kospoth einzulösen. Würde er dennoch Maria Elisabeth von Kospoth ehelichen, wäre er ein Bigamist. Vor diesem Hintergrund kommt den Schilderungen Herzog Bernhards hinsichtlich der zurückhaltenden Reaktion der von Kospoth eine große Bedeutung zu. Sie stehen für die Bemühungen des Herzogs, das höfische Umfeld von seiner Favoritin und von deren „sonderbahren bekannten Qualitæten“94 zu überzeugen. Zugleich versuchte er damit, sein eigenes Handeln und den Wunsch nach einer Scheidung von Herzogin Marie-Charlotte zu legitimieren.

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TÜMPLING 1864, S. 168. HELLFELD 1828, S. 33. 92 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 14r. 93 M ARRA 2007, S. 123. 94 Attest Herzog Bernhards, 20. Oktober 1672, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 174. 91

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Auch wenn es sich hierbei unter moralischen Gesichtspunkten um ein schweres Vergehen handelte, schien Bigamie für Herzog Bernhard eine akzeptable Alternative zu sein. Dabei wurde Bigamie in weiten Teilen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als Straftat betrachtet und als solche juristisch geahndet.95 In der „Policey- und Landesordnung“ der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen aus dem Jahre 1589, die – wenn auch in leicht modifizierter Form – zu Zeiten Herzog Bernhards Bestand hatte, wird Bigamie als Straftatbestand zwar nicht erwähnt, jedoch werden Ehebruch und uneheliche Beiwohnung unter Strafe gestellt.96 Somit handelte es sich bei dem Verhältnis Herzog Bernhards zu Maria Elisabeth von Kospoth um eine Straftat, die auch hätte geahndet werden können. Das zu beurteilen lag in der Zuständigkeit des 1672 eingerichteten Jenaer Konsistoriums, das die gesamte Ehe- und Kirchengerichtsbarkeit im Herzogtum Sachsen-Jena ausübte.97 Im Fall Herzog Bernhards standen die Zugehörigkeit zur herzoglichen Familie wie auch sein landesherrlicher Status seit dem 25. Juli 1672 – er war Herzog des nunmehr eigenständigen Landes Sachsen-Jena – einer strafrechtlichen Verfolgung entgegen.98 Am Beispiel Herzog Bernhards spiegelte sich zugleich ein prinzipielles Verständnis der frühneuzeitlichen Jurisprudenz hinsichtlich des Ehebruchs wider, innerhalb dessen männliche und weibliche Untreue unterschiedlich bewertet und geahndet wurden.99 Insbesondere für den Hochadel in der Frühen Neuzeit war der geduldete Ehebruch zu einem Gewohnheitsrecht geworden, welches jedoch weitgehend den adeligen Männern vorbehalten blieb. Die Akzeptanz des Ehebruchs beruhte sehr stark auf dem individuellen gesellschaftlichen Umfeld und war oft nur dadurch bedingt, dass die illegitime Beziehung keinen beziehungsweise kaum Einfluss auf die Herrschafts- und Erbrechte hatte. Dies wird am Beispiel Herzog Bernhards und Maria Elisabeth von Kospoths noch zu zeigen sein. Dieser Prozess der „Legitimierung der Illegitimität“100 zog allerdings keinen Bedeutungsverlust der 95

Art. 121 der Constitutio Criminalis Carolina, abgedruckt in: Constitutio Criminalis Carolina. Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V., Augsburg 1533 (ND Osnabrück 1973), Bl. 26. Der Artikel beinhaltet allerdings kein Strafmaß. 96 Ein Ehemann, der ein Verhältnis mit einer ledigen Frau eingeht, sollte mit dem Tode bestraft und die „Dirne“ des Landes verwiesen werden. Siehe: Policey- und Landesordnung der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen, Weimar 1589, C, Kap. IV. Siehe auch Kap. 3.1 der vorliegenden Untersuchung. 97 Das mögliche Strafmaß des Konsistoriums bewegte sich zwischen Geldstrafen, Gefängnis, Bann oder Exkommunikation. Todesstrafen durfte das Konsistorium allerdings nicht aussprechen. Handelte es sich um ein besonders schweres Verbrechen, das mit Todesstrafe zu ahnden war, wurden die Akten an die Regierungsbehörde weitergegeben. Nur die Regierungsbehörde war berechtigt, den so genannten ‚Blutbann‘ auszusprechen. Siehe: ECKOLD 1940, S. 35. 98 Seit dem 25. Juli 1672 war Bernhard regierender Herzog des eigenständigen Landes SachsenJena. Daher war eine Strafverfolgung per se ausgeschlossen, da Bernhard als regierendem Herzog die Oberaufsicht über die hierfür zuständigen Gremien, die Regierung und das Konsistorium, oblag. 99 Siehe Kap. 4.1 dieser Publikation. 100 SOMBART 1983, S. 77–78.

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Institution Ehe nach sich. Vielmehr mündeten nicht wenige dieser freien Liebesverhältnisse in eine Ehe, so wie es auch bei Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth der Fall war. Trotz des ablehnenden Bescheides der Jenaer Fakultäten ließ sich Herzog Bernhard nicht davon abbringen, eine Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth einzugehen. Die Trauung fand schließlich 1673 auf dem Schloss zu Kapellendorf statt. Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Maria Elisabeth von Kospoth wurden dabei vom Assessor des Jenaer Konsistoriums (sic!), Doktor Andreas Wigand (1606–1674), getraut und eingesegnet. Der Trauung wohnten als Zeugen der Kanzler der sachsen-jenaischen Regierung und Konsistorialpräsident, Doktor Johannes Strauch (1612–1680), der Amtsschöffer und Obersteuereinnehmer Christian Hillgund sowie der Kammerpage Georg Ernst von Zehmen (1652–1728) bei.101 Durch die Anwesenheit dieser hohen Beamten erreichte die Eheschließung eine besondere Qualität: Die Zeremonie erhielt nicht nur öffentlichen Charakter, sondern entsprach insofern auch den kirchenrechtlichen Vorgaben, die eine Anwesenheit von Zeugen als maßgeblich für die Gültigkeit der Eheschließung erachteten.102 Die Tatsache, dass sich Herzog Bernhard nicht von einer Eheschließung abbringen ließ, ist zum einen als Indiz für die große Zuneigung des Herzogs zu Maria Elisabeth von Kospoth zu werten. Zum anderen spricht dieser Sachverhalt auch dafür, dass der Herzog mit der Eheschließung versuchte, seine außereheliche Beziehung unter moralischen Gesichtspunkten in die Legitimität zu überführen. Den Schritt zur Eheschließung begründete Herzog Bernhard schließlich damit, dass „nach dem aber obgedachte Ehescheidung nach vorgegangener Reconcilation, zwischen Unß, und unserer freundlich geliebten Gemahlin Lbd. unterblieben; Alß haben wir nach etlicher [...] Meinung, daß die Bigamie in göttlichen Rechten nicht außtrücklich verbothen dahin geschloßen, daß wir gedachte Dame d’Alstedt103 zu Legitimirung ihrer Person, nebst hochgedachter unserer freundlich geliebten Gemahlin Ld. Unß trauen laßen könten“104. Demzufolge ging Herzog Bernhard vollkommen bewusst den Schhritt in die Bigamie. Er nutzte hier seine exponierte 101

TÜMPLING 1864, S. 170. Siehe auch die diesbezüglichen Atteste der Trauzeugen vom 26. August 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 11–14. 102 DIETERICH 1970, S. 55. 103 Damit gemeint ist Maria Elisabeth von Kospoth. Herzog Bernhard gab ihr im Zuge der Eheschließung den Titel einer Dame von Allstädt. Nach ihrer Standeserhöhung durch Kaiser Leopold im Jahre 1676 führte sie offiziell den Titel einer Reichsgräfin von Allstädt (beziehungsweise Allstedt). Vgl. Kaiserliches Diplom über die Standeserhöhung der Maria Elisabeth von Kospoth und deren Deszendenz in den Reichsgrafenstand, Diplom vom 9. November 1676, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 180–183. Erwähnenswert ist zudem, dass im 18. Jahrhundert mehrere Mitglieder des sachsen-weimar-eisenachischen Herzogshauses für ihre inkognito durchgeführten Reisen den Titel „Graf/Gräfin von Allstedt“ benutzten, darunter insbesondere Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach. Anna Amalia gebrauchte den Titel „Gräfin von Allstedt“ sowohl 1788 für ihre Reise nach Italien, als auch 1803 für ihre Fahrt nach Dresden. Siehe hierzu: BERGER 2003, S. 535–536. 104 Urkunde Herzog Bernhards, 26. August 1674 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 9v.

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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gesellschaftliche Position und setzte sich über die bestehenden Rechtsnormen hinweg. Vielmehr versuchte er, sein Vorgehen noch mittelst eines Rückgriffs auf ‚göttliches Recht‘ zu legitimieren. Tatsächlich lassen sich weder im Alten noch im Neuen Testament ausdrückliche Verbote der Polygamie finden. Selbst wenn Christus das Prinzip der unauflösbaren Einehe als Teil des Evangeliums verkündet, so ist dies nicht als Vorgabe für ein weltliches Gesetz zu werten, vielmehr wird das Polygamieproblem damit zum Gewissensproblem erhoben. Handelt es sich aber um ein Gewissensproblem, das vom Theologen und Seelsorger zu beurteilen ist, so ergibt sich daraus ein größerer Freiraum für Einzelfallwertungen.105 Vor diesem Hintergrund war es aus theologischer Sicht möglich, einer Doppelehe den Vorzug vor einer Scheidung zu geben, sofern die ‚Gewissensnöte‘ der Betroffenen nachvollziehbar waren. Laut Luther war ein willkürlicher und leichtfertiger Bruch des heiligen Ehebandes letztlich schwer wiegender einzustufen als die ‚Notlösung‘ einer Doppelehe.106 Diese, bei den zeitgenössischen Theologen und Juristen nicht unumstrittene Argumentation lag auch dem so genannten „Wittenberger Ratschlag“ zu Grunde, den die Reformatoren um Luther dem hessischen Landgrafen Philipp erteilten, damit dieser 1540 die Nebenehe mit dem Hoffräulein Margarethe von der Saale eingehen konnte.107 Landgraf Philipp von Hessen hatte sich seinerzeit von Luther attestieren lassen, dass ihm „propter exuberantum seminis materiam una uxor ad restinguendas eius ustiones non suffecit“108, dass es also ‚Gewissensnöte‘ waren, die seine Doppelehe rechtfertigten. Herzog Bernhard konnte nunmehr die Polygamie des hessischen Landgrafen als Referenzquelle verwenden. Auf Philipps Zweitehe verweisend, begründete Herzog Bernhard seinen Entschluss zur Zweitehe damit, dass auch bei ihm – analog zu Philipp – gewisse „Umstände“ die Polygamie rechtfertigten.109 Schließlich konnte auch Bernhard von Sachsen-Jena ‚Gewissensnöte‘ vorbringen, die eine Zweitehe erforderlich machten, zumindest aber eine solche Ehe begünstigten: Er war durch das eheliche Band zur Herzogin Marie-Charlotte sowohl dieser, als auch – durch ein abgegebenes Eheversprechen – Maria Elisabeth von Kospoth verpflichtet. Doch sind in diesem Fall nicht 105

BUCHHOLZ 1987, S. 73. Dahingehend äußert sich auch LUTHER in seiner 1520 verfassten Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“: „Fürwahr, ich hasse die Scheidung gar sehr, [daß ich lieber eine Doppelehe denn eine Ehescheidung zulassen möchte;] ob sie aber zuzulassen, unterstehe ich mich nicht auszusprechen.“, in: LUTHER 1933, S. 101. 107 R ADY 1890, S. 24–37. Der so genannte „Wittenberger Ratschlag“ wurde ausdrücklich mit dem Hinweis versehen, dass Landgraf Philipp „wollen bedenken [...] das in alle weg zu verhuten, das dise Sach nicht in die Welt offentlich zu bringen als ein Gesetz dem meniglich also zu volgen macht habe, Zum andern dweil es khein Gesetz sein soll, sondern ein Dispensation, so wollen E. f. g. [= Euer fürstliche Gnaden] das Ergernus bedenken, nemlich das die Feind des Evangelii schreien werden, wir weren gleich den Widderteuffern, die zu gleich viel Weiber genomen“ (R ADY 1890, S. 28). 108 Luthers Gutachten „In casu bigamiae Philippi Landgravii Hassiae“ vom 10. Dezember 1539, zitiert in: BUCHHOLZ 1987, S. 73. 109 TÜMPLING 1864, S. 169. 106

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

nur religiöse Aspekte von Bedeutung. Vielmehr dienen diese als Vorwand für ganz pragmatische Gründe, die dem Handeln der Beteiligten zugrunde liegen. Bei Herzog Bernhard dürften nicht zuletzt emotionale und sexuelle Bedürfnisse Motivation für sein Handeln gewesen sein. Letztlich wurde Bernhards Handeln dadurch begünstigt, dass – abgesehen von den bestehenden rechtlichen Normen – im 17. Jahrhundert in der sozialen Praxis weder bei Juristen noch Theologen Einigkeit darüber herrschte, wie Fälle von Bigamie zu bewerten seien und wie mit ihnen zu verfahren sei.110 Zwar stellten bigamistische Ehen, mit Ausnahme von religiösen Gruppierungen wie den Täufern, kein Massenphänomen in der frühneuzeitlichen Gesellschaft dar, das der Regelung bedurft hätte, dennoch kam es seit Philipp von Hessens Ehe mit Margarethe von der Saale immer wieder zu bigamistischen ‚Vorfällen‘ innerhalb des Reichsadels.111 Bei Herzog Bernhard kam hinzu, dass die Familie von Kospoth und insbesondere der Vater Maria Elisabeth von Kospoths, Georg Ernst von Kospoth, auf die Einhaltung des herzoglichen Eheversprechens pochten. In einem Brief an Herzog Bernhard vom 13. Oktober 1672 schrieb Georg Ernst von Kospoth: „daß ein Reichsfürst aus gewißen ihn darzu bewegenden Ursachen, ohne Argernüß des gemeinen Volkes, noch eine Ehefrau sich anvertrauen undt dieselbe ohne Verletzung des Gewißen in Thalamum suum auff undt annehmen kan, weil dan landt- ia hat weldtkundig, daß E Dl. mit meine lieben Tochter, vors ehrst consensu, vors andre cocobitu, undt vors dritte pro creatione prolis undt zwar iurato ein verum matrimonium beschloßen, auch mit vielen Eÿdt schwüren daßelbige befestiget undt hierein Gott dem Allmechtigen undt dan auch Dero Hoffpredigern zur Zeügen geruffen [...] Alß sehe nicht ab, worumb E Dl. die Capulation des Priesters so propié nicht göttlich: sondern nur mennschlichen Rechtens ist, bißdato nicht belieben wollen? In sonderbahre Erwegung daß dieselbe nicht wieder daß Gewißen, noch wieder dero hoch fürstl. Reputation lauffet [...]“112. Georg Ernst von Kospoth verlangte vom Herzog nicht nur die Einhaltung des Eheversprechens, sondern er verlangte auch, dass die Eheschließung mittelst priesterlicher Einsegnung zu erfolgen habe. Schließlich sei die Ehe nur dann gültig, wenn sie auch den kirchlichen Vorgaben Folge leiste. Dass Herzog Bernhard jedoch durch eine Eheschließung mit Maria Elisabeth von Kospoth ebenso gegen kirchliche Vorgaben, nämlich das Gebot der Einehe, verstößt, ist nicht Gegenstand der väterlichen Bedenken. Somit bestand Georg Ernst von Kospoth einerseits auf der Einhaltung kirchlicher Vorgaben, andererseits forderte er geradezu einen Verstoß gegen die110

BUCHHOLZ 1987, S. 71–91. Siehe hierzu: BÖRNER 2006, S. 323–346; MÜLLER 2002, S. 369–394. Als prominentes Beispiel ist die 1658 geschlossene morganatische Ehe des Pfalzgrafen Karl Ludwig (1617–1680) mit Luise von Degenfeld zu nennen, wobei sich der Pfalzgraf 1657 eigenmächtig von seiner ersten Frau Charlotte von Hessen-Kassel (1627–1686) hatte scheiden lassen. Das Vorgehen des Pfalzgrafen führte dazu, dass in der Folgezeit die Wirksamkeit der Scheidung heftig umstritten war. Siehe: RUPPEL 2006a, S. 289. 112 Georg Ernst von Kospoth an Herzog Bernhard von Sachsen-Jena, 13. Oktober 1672, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 4. 111

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se Gesetze heraus oder nahm einen solchen Verstoß zumindest billigend in Kauf. Vielmehr stand bei Georg Ernst von Kospoth die Ehre und materielle Absicherung seiner Tochter und eventuell zu erwartender Enkel im Vordergrund. Diesbezüglich schrieb er an Herzog Bernhard: „Gott gebe E Dl. fürstl. Gedancken, daß sie selben alß Vater Ihren Kindern künfftig nicht nachtheilig sain mögen. Der Graf von Oldenburg Sehl: wirdt E Dl. ein memorable Exemplum darstellen, welcher sich [...] biß an sein Ende mit weinenden Augen hat müßen geräuen laßen, daß Er die priesterliche Capulation in den Windt geschlagen undt dadurch seinen Sohn Graffen Antoni a successione excludiret undt sein Landt dem König zur Dennenmarck undt Hertzog von Holstein hinterlaßen“113. Georg Ernst von Kospoth war offenbar sehr daran gelegen, seine Tochter abgesichert und versorgt zu wissen. Die kirchliche Kopulation war dabei ein wesentlicher Schritt, um die Liaison der Tochter mit Herzog Bernhard von Sachsen-Jena in ein legitimes Ehebündnis zu überführen. Nur so war auch die Versorgung Maria Elisabeths sowie ihrer aus der Beziehung mit Herzog Bernhard möglicherweise hervorgehenden Deszendenz rechtlich gewährleistet. Somit wird auch bei Georg Ernst von Kospoth deutlich, dass die emotionale Komponente – die väterliche Fürsorge im Hinblick auf die Zukunft der Tochter – in unmittelbaren Zusammenhang mit den materiellen Interessen steht. Die Bemühungen Georg Ernst von Kospoths sind dabei nur zu verständlich, wenn man sich das von ihm erwähnte Beispiel des Grafen Anton Günther von Oldenburg (1583–1667) vor Augen führt. Dieser war 1632 ein Verhältnis mit Elisabeth von Ungnad, die Hofdame bei einer der Schwestern Anton Günthers war, eingegangen. Graf Anton Günther weigerte sich jedoch, eine Ehe mit der nicht ebenbürtigen Elisabeth einzugehen. Somit blieb der 1633 unehelich geborene Sohn des Paares, der wie sein Vater den Namen Anton trug, ohne jegliche Rechte auf die Sukzession in der Grafschaft Oldenburg. Als Graf Anton Günther 1635 Sophie Katharina von Holstein-Sonderburg (1617–1696) heiratete, wurden Elisabeth von Ungnad und ihr Sohn Anton sogar vom Oldenburger Hof entfernt.114 Doch blieb die Ehe des Grafen kinderlos, so dass Anton Günther seinen unehelichen Sohn 1646 wieder an den Oldenburger Hof zurückholte und ihn als „Anton von Aldenburg“ vom Kaiser in den Adelsstand erheben ließ. 1651 wurde Anton sogar zum Freiherrn von Aldenburg und Edlen Herrn von Varel ernannt. Doch konnten die späten Bemühungen des Grafen Anton Günther um seinen Sohn nicht verhindern, dass die Grafschaft Oldenburg nach dem 1667 erfolgten Tode Anton Günthers schließlich unter den Agnaten geteilt wurde.115 Anton von Aldenburg hatte zwar keinen Anspruch auf die Erbfolge, war aber noch zu Lebzeiten seines Vaters von diesem großzügig ausgestattet worden.116

113 114 115 116

Ebd., fol. 4v–5r. BRAND 2004, S. 23. Ebd., S. 28. Ebd., S. 31.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Das entscheidende Hindernis für eine Eheschließung im Fall des Grafen Anton Günther und der Baroness Elisabeth von Ungnad war die nicht ebenbürtige Abstammung der Baroness. Auch Maria Elisabeth von Kospoth war gegenüber Herzog Bernhard von Sachsen-Jena nicht ebenbürtig. Umso mehr erstaunt es, dass diesem Sachverhalt – anders als im oldenburgischen Fall – anscheinend kaum Bedeutung beigemessen wurde. Zumindest wird er nicht explizit thematisiert. Dass die Unebenbürtigkeit jedoch gänzlich irrelevant war, dagegen spricht die Tatsache, dass es sich bei der Ehe Bernhards von Sachsen-Jena mit Maria Elisabeth von Kospoth um eine morganatische Ehe beziehungsweise Ehe zur linken Hand handelte. Eine derartige Ehe war zwar nicht zwangsläufig eine Ehe unebenbürtiger Gatten117, jedoch fand die Rechtsinstitution der morganatischen Ehe insbesondere dann Anwendung, wenn es um die eheliche Legitimierung unebenbürtiger Verbindungen ging. Mit der Eheschließung ging der Abschluss eines Vertrages zwischen den Eheleuten einher, der die Ehe für ungleich erklärte und die Ansprüche der Ehefrau gegenüber ihrem Ehemann regelte.118 In zunehmendem Maße wurde die Unebenbürtigkeit der Ehepartner daher zum Kennzeichen einer morganatischen Ehe. Auch die Eheschließung Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth wurde durch einen Vertrag besiegelt. Dieser beinhaltete, dass „beyde, respective fürstliche und hochherrliche Personen einander [versprechen] krafft des zwischen Ihnen ohnveränderlich ergangenen unauflöslichen ehelichen Bandes, auch darauf erfolgter priesterlicher Einseegnung, [sich] treulich zu lieben, zu ehren, respective zu schützen und zu versorgen. Krafft solcher Ehebindung soll auch der verhoffte Eheseegen und künftig erzeugte Kinder wie von Rechts wegen, also von männiglich wes Standes, Würden, oder Qualitæt der oder dieselben seyn mögen, vor rechtmäßige und aus reinem Ehebette erzeugte adeliche Kinder, biß so lange bey Kaiserlicher Maiestæt die verlangte Erhebung in höhern Stand ausgewürcket und zu Wege gebracht worden, erkennet, gehalten und respectiret werden.“119 Damit waren die väterlichen Bedenken Georg Ernst von Kospoths scheinbar ausgeräumt: Zum einen ging mit der Eheschließung eine priesterliche Einsegnung einher; somit war die Ehe aus kirchenrechtlicher Sicht gültig. Zum anderen sollten die Ehefrau und die künftigen Kinder versorgt und – was noch bedeutender war – als rechtmäßig und „adelich“ anerkannt werden. Des Weiteren regelte der Ehevertrag, dass die Braut eine Morgengabe von 20.000 Reichstalern erhalten sollte – eine nicht unerhebliche Summe, zumal sich das Herzogtum in finanziellen Schwierigkeiten befand. Das Geld sollte „jährlich

117

BOENICKE 1915, S. 61–71. Laut BOENICKE konnte eine morganatische Ehe auch zwischen ebenbürtigen Partnern geschlossen werden, um auf diesem Wege die ehelichen Nachkommen bewusst von der Erbfolge auszuschließen. 118 MOSER 1745, 19. Teil, S. 355. 119 Ehekontrakt zwischen Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Maria Elisabeth von Kospoth, undatiert, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 176–177.

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und zwar iedes auf gewiße Termine“120 gezahlt werden. Darüber hinaus wurde „Madame d`Allstedt“, wie Maria Elisabeth von Kospoth fortan genannt wurde, das Alte Schloss zu Dornburg als Residenz und Wohnung auf Lebenszeit zugewiesen. Damit hatten sich die materiellen Verhältnisse der Maria Elisabeth von Kospoth durch die Eheschließung erheblich verbessert. Im Hinblick auf ihr soziales Umfeld musste sie allerdings Einschnitte hinnehmen. Die im Ehevertrag festgeschriebene Forderung an Maria Elisabeth von Kospoth, sie solle „die zwischen Fürstliche Durchlaucht und Ihr vorgegangene eheliche Trauung bei Lebzeiten der Fürstlichen Gemahlin in Verschwiegenheit zu Ihrem selbst Besten und Verhütung allerhand Widerwärtigkeiten behalten“121, deutete bereits darauf hin, dass sie ein Leben im Verborgenen, in sozialer Isolation und nicht mehr am Hofe zu führen hatte. Dabei erscheint die Aufforderung zur Verschwiegenheit an Maria Elisabeth von Kospoth beinahe schon paradox, denn der Herzogin Marie-Charlotte konnte die Ehe zwischen ihrem Gemahl und ihrer Hofdame nicht entgangen sein, zumal an einem so kleinen Hof wie es der Jenaer war. Demgegenüber offenbart diese Formulierung, dass der Herzog sein Vorgehen nicht für unbedenklich hielt und Widerstand aus seinem sozialen Umfeld befürchtete. Es war zu erwarten, dass das Verhalten Herzog Bernhards weder bei seiner Ehefrau Marie-Charlotte, noch innerhalb der höfischen Gesellschaft auf Akzeptanz stoßen würde.

4.1.5 Reaktionen und Restriktionen: Das gesellschaftliche Umfeld Wie sehr Herzog Bernhard Restriktionen durch die hochadeligen Standesgenossen befürchtete, lässt sich anhand der im Ehekontrakt festgehaltenen Vereinbarung, „Insonderheit aber an den Königlichen Dennemärckischen, auch andere churfürstliche und hohe Höfe davon [= von der Eheschließung] nichts, weder in Schriften noch durch mündliche Zuentbiethung gelangen laßen.“122, ablesen. Es stellt sich hier die Frage, warum Herzog Bernhard großen Wert darauf legte, dass insbesondere der König von Dänemark keinerlei Kenntnis von der Zweitehe des Herzogs erlangte. Als nahe liegende Erklärung hierfür können die engen Beziehungen des Dänenkönigs sowohl zu den Wettinern als auch zum Haus Trémoïlle angesehen werden. Schließlich war die Schwester König Christians V. von Dänemark und Norwegen (1646–1699), Anna Sophia (1647–1717), seit 1666 mit Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen (1647–1691) verheiratet. Im Zuge dessen wurde 1668 Kurprinz Johann Georg IV. von Sachsen im Hinblick auf die dänische Erbfolge für sukzessionsfähig erklärt.123 Diese prestigeträchtige Ver120

TÜMPLING 1864, S. 177. Ehekontrakt zwischen Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Maria Elisabeth von Kospoth, undatiert, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 177. 122 TÜMPLING 1864, S. 178. 123 Diplom König Friedrichs III. von Dänemark und Norwegen vom 14. November 1668, kraft dessen er Kurprinz Johann Georg IV. für sukzessionsfähig erklärt, abgedruckt in: LÜNING 1712, 121

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

bindung zwischen den Wettinern und dem dänischen Königshaus wäre durch das Bekanntwerden der Eheschließung zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth beeinträchtigt worden. Neben den verwandtschaftlichen Beziehungen der Wettiner zur dänischen Krone dürfen aber auch die Beziehungen zwischen den Trémoïlles und dem dänischen Königshaus nicht außer Acht gelassen werden. König Christian V. war mit Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650–1714) verheiratet. Deren Tante väterlicherseits, Emilie von Hessen-Kassel, hatte den Bruder von Herzog Bernhards Ehefrau Marie-Charlotte, Henri-Charles de la Trémoïlle, geheiratet. Somit war die Frau des Dänenkönigs eine Nichte Henri-Charles de la Trémoïlles. Außerdem hielt sich seit 1672 die Prinzessin Charlotte Amélie als Hofdame am dänischen Königshof auf.124 Befürchtete Herzog Bernhard, dass seine Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth zu Restriktionen von Seiten der Familie de la Trémoïlle führen könnte? Diese Frage lässt sich anhand der Quellen nicht abschließend beantworten, es spricht aber vieles dafür, dass Herzog Bernhard die Beziehungen zu seiner französischen Verwandtschaft nicht gefährden wollte. Wenn auch keine ernsthaften Restriktionen zu befürchten waren, zumal Herzog Bernhards Schwager Henri-Charles de la Trémoïlle 1672 verstorben war, so musste Herzog Bernhard zumindest damit rechnen, dass seine Zweitehe sowohl von den Verwandten als auch den übrigen Standesgenossen als Affront gegenüber Herzogin Marie-Charlotte und gegenüber deren Familie angesehen wurde. Dies bedeutete wiederum einen Prestigeverlust für den Jenaer Herzog, der doch so entschieden auf sein soziales Kapital angewiesen war, da er kaum über andere Ressourcen verfügte. Allerdings musste Herzog Bernhard davon ausgehen, dass ein derartig skandalöser Sachverhalt, wie ihn seine Zweitehe darstellte, in der höfischen Gesellschaft nicht verborgen bleiben konnte. Vielmehr wurden die Ehe und die sich darum entspinnenden Vermutungen zum Gegenstand höfischer Konversation. Exemplarisch hierfür stehen die Zeilen der Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau125 (1631–1680), einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Dessau. Sie war nicht nur eine Cousine Herzog Bernhards mütterlicherseits126, sondern auch Patentante der Tochter Herzog Bernhards, der Prinzessin Charlotte Marie.127 „Ich beklage unterdeßen von Hertzen“, schrieb Herzogin Luise in einem Brief vom 4. Oktober 1674, „daß eine so liebe und löbliche Princehse als wie die Hertzogin von Jena, solche Mortification umb einer so nichtigen Creatur willen, außstehen soll, und

S. 593–594. KÖHN 2005, S. 48. 125 Sie war mit Herzog Christian von Liegnitz-Brieg-Wohlau (1618–1672) verheiratet. In den zitierten Quellen wird sie als „Herzogin von Brieg“ bezeichnet. 126 Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau war die Tochter des Fürsten Johann Kasimir von AnhaltDessau (1596–1660), dem Bruder von Herzog Bernhards Mutter, und seiner ersten Frau Agnes, einer geborenen Prinzessin von Hessen-Kassel. 127 Geburten Hz. Bernhards zu S. Jehna Fürstl. Kinder (Aktentitel), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 10, fol. 258v. 124

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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der Hertzogk dagegen so lange in seiner blind Verstockung bleiben“128. Die Äußerungen geben einen Einblick, wie das höfische Umfeld das Handeln und die Rolle Maria Elisabeth von Kospoths bewertete. Indem die Herzogin von LiegnitzBrieg-Wohlau Maria Elisabeth von Kospoth als die Schuldige für die ungeordneten ehelichen Verhältnisse ausmacht, solidarisiert sie sich mit Herzogin MarieCharlotte. Zugleich wird hier das ausgeprägte Verlangen der Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau nach sozialer Distinktion deutlich. Hierzu gehörte insbesondere die Ächtung von potentiellen Aufsteigerinnen in der sozialen Hierarchie, zu denen die Herzogin von Liegnitz-Brieg-Wohlau auch die niederadelige Maria Elisabeth von Kospoth zählte. Gleichermaßen gibt der Brief der Herzogin Luise Aufschluss über höfische Informations- und Kommunikationskreise.129 Zwar ist die Adressatin des Briefes nicht bekannt, jedoch sind den Zeilen der Herzogin Luise mehrere Namen hochadeliger Damen zu entnehmen: „Allerliebstes Gnädigstes Fräulein, Ich verlange wohlauf alle Weise E. Gnd. der Koßpotten betreffend eine solche Andwortt und Nachricht ertheilen zu können, womitt Sie so wohl als die Hert[z]ogin von Moritzburgk vergnügt werden mochten.“130 Weiter heißt es: „Die Frau Cathrin aber, welche Sie [= Maria Elisabeth von Kospoth] bis Deßau [= Dessau] begleitet, hatt alleweil contament gestanden, und auch nach dieser Stunde vor mir, meiner tochter, der Fürstin von Naßau [...] affirmiret, daß Sie die Koßpottin schwanger zu sein befunden“131. Bei der erwähnten „Herzogin von Moritzburg“132 handelt es sich um Dorothea Maria von Sachsen-Zeitz (1641–1675), eine geborene Prinzessin von Sachsen-Weimar. Sie war eine Schwester Herzog Bernhards und hatte als solche gewiss großes Interesse an den Vorgängen in Jena. Mit der erwähnten „Fürstin von Naßau“ dürfte Henriette Catharina von Anhalt-Dessau (1637–1708), eine geborene Prinzessin von Oranien-Nassau, gemeint sein.133 Henriette Catharina war mit Johann Georg II. von Anhalt-Dessau, dem Bruder Luises von Liegnitz-Brieg-Wohlau, verheiratet und somit eine Schwägerin der Herzogin Luise. Komplettiert wird die Aufzählung durch die Tochter der Herzogin Luise, Charlotte von Liegnitz-Brieg-Wohlau (1652–1707). Die Äußerungen der Herzogin Luise bringen nicht nur Missfallen über die Beziehung zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth zum Ausdruck, sondern verdeutlichen auch eine gewisse Doppelmoral innerhalb der hochadeligen Gesellschaft: Während Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau sich einerseits sehr kritisch über Maria Elisabeth von 128

Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau, 5. Oktober 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 8r–8v. 129 Zur höfischen Kommunikation und insbesondere zur diesbezüglichen Rolle von fürstlichen Geschwistern siehe: RUPPEL 2006a, S. 180–195. 130 Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau, 5. Oktober 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 6r. 131 Ebd., fol. 8r. 132 Die Bezeichnung „Herzogin von Moritzburg“ leitet sich von der Residenz der Herzöge von Sachsen-Zeitz, dem Schloss Moritzburg in Zeitz, ab. 133 Zu Henriette Catharina von Anhalt-Dessau siehe: DITTMER 2001.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Kospoth und die ungeordneten ehelichen Verhältnisse des Jenaer Herzogpaares äußert, und damit hohe Maßstäbe an das Verhalten der hochadeligen Standesgenossen anlegt, zeigt sie sich andererseits im Hinblick auf die ehelichen Verhältnisse in ihrer eigenen Familie generös. Denn auch in der Familie der Herzogin Luise waren „ungeordnete“ eheliche Verhältnisse anzutreffen: Ihre Tochter Charlotte war zwar seit 1672 mit Herzog Friedrich von Holstein-Sonderburg (1652– 1724) verheiratet. Die Ehe wurde aber zunächst geheim gehalten, da sich der junge Herzog gegen den Willen seiner Eltern, Herzog Philipp Ludwig (1620–1689) und Herzogin Anna Margaretha (1629–1686), vermählt hatte.134 Zugleich zeigen die Schilderungen der Herzogin Luise von Liegnitz-BriegWohlau, dass die Ereignisse in Jena bereits Ende des Jahres 1673 an mehreren Höfen des Reiches bekannt und zum Gegenstand von Mutmaßungen und Gerüchten135 geworden waren. Es erstaunt daher kaum, dass auch die Kurfürstin von Hannover die bigamistische Eskapade des Jenaer Herzogs thematisiert. Beispielsweise schrieb Sophie von Braunschweig-Lüneburg136 (1630–1714), die spätere Kurfürstin von Hannover, zu Beginn des Jahres 1674 an ihren Bruder, den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz (1617–1680): „Le Duc Bernard de Weimar (à ce qu`on dit) a espousé Mlle Kosbott; il y a longtems qu`il l`entretient publiquement et qu`il a des enfants avec elle; la Duchesse en est desespoir et auroit esclaté, si G[eorge] G[uillaume] ne l`en avoit dissuadé, comme elle estoit à Cell, où les affaires n`estoient pas si advancées, car la fille y estoit aussi.“137 Somit war es nicht nur über den Jenaer Hof hinaus publik geworden, dass Herzog Bernhard von Sachsen-Jena das Fräulein von Kospoth geheiratet hatte, sondern Standesgenossen wie Sophie von Braunschweig-Lüneburg verurteilten das Handeln des Herzogs auch auf das schärfste. Die Behauptung, dass aus der Beziehung Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth bereits mehrere Kinder hervorgegangen wären, muss jedoch entschieden zurück gewiesen werden, da das erste und einzige Kind des Paares, die Tochter Emilie Eleonore, erst im September 1674 zur Welt kam. Darüber hinaus geben die Äußerungen Sophies von Braunschweig-Lüneburg einen seltenen, da in den Quellen kaum dokumentierten Einblick in die Gemütslage der Herzogin Marie-Charlotte: Obwohl Herzog Bernhard 134

JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2003, Bd. 3, S. 136. Aufgrund großer Differenzen zwischen den Ehegatten wurde die Ehe 1680 wieder geschieden. 135 Der Begriff Gerücht bezeichnet hier eine Nachricht über einen unbestätigten Sachverhalt. Zur genaueren Begriffsbestimmung siehe: GESTRICH 1994, S. 136. 136 Sophie von Braunschweig-Lüneburg gehörte ebenfalls zu den Paten der Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena. Siehe: Geburten Hz. Bernhards zu S. Jehna Fürstl. Kinder (Aktentitel), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 10, fol. 258v. 137 Herzogin Sophie von Braunschweig-Lüneburg an ihren Bruder Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz, 3. Januar 1674, in: BODEMANN (Hg.) 1885, S. 171. Übersetzung: „Der Herzog Bernhard von Weimar hat (wie man sagt) Fräulein Kospoth geheiratet; seit langem unterhält er sie öffenlich und hat Kinder mit ihr; die Herzogin ist verzweifelt und hätte eine Szene gemacht, wenn Georg Wilhelm sie nicht davon abgebracht hätte, als sie in Celle war, als die Umstände noch nicht so weit fortgeschritten waren, denn das Mädchen war ebenfalls dort.“

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im Vorfeld der Eheschließung mit Maria Elisabeth von Kospoth davon schreibt, dass er mit seiner Gemahlin Marie-Charlotte „in ein gutes Vertrauen [...] gesetzet worden“138, so belegen die Aussagen Sophies von Braunschweig-Lüneburg, dass Herzogin Marie-Charlotte keineswegs erfreut darüber war, den fürstlichen Gemahl mit einer anderen Frau teilen zu müssen. Hierbei dürfte der Umstand, dass es sich bei Maria Elisabeth von Kospoth um eine rangniedere Person handelte, nicht unerheblich gewesen sein. Allerdings lässt es sich nur mutmaßen, ob und wie Herzogin Marie-Charlotte versucht hat, die Situation zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Ebenso bleibt die Rolle der Familie de la Trémoïlle im Rahmen des Ehekonflikts unklar.139 In vergleichbaren Ehekonflikten kam es zumindest nicht selten vor, dass die Herkunftsfamilie der Ehefrau Einfluss auf die Geschehnisse nahm.140 Es ist nahe liegend, dass auch das Haus Trémoïlle ein unmittelbares Interesse an der Beilegung des Ehekonfliktes zwischen Herzog Bernhard und seiner Gemahlin hatte, denn eine Eskalation des Konfliktes hätte die Reputation des Hauses Trémoïlle in Mitleidenschaft gezogen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sich Herzogin Marie-Charlotte nach der anfänglichen Bestürzung über das Verhältnis ihres Ehemanns mit Maria Elisabeth von Kospoth und den diesbezüglichen Auseinandersetzungen mit der Situation arrangierte.141 Schließlich hatte 138

Attest Herzog Bernhards, 20. Oktober 1672, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 174. Diesbezügliche Quellen, die über die Reaktion der Herzogin Marie-Charlotte Aufschluss geben, sind im Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar nicht vorhanden. Ebenso wenig konnten Quellen, die einen Einblick in die Reaktion der Familie de la Trémoïlle geben, ausfindig gemacht werden. In den Mémoiren der Nichte Marie-Charlottes, der Gräfin Charlotte Amelie von Aldenburg, finden sich keine Hinweise. 140 Exemplarisch sei hier auf den Ehekonflikt zwischen dem Erbschenken Philipp Albrecht von Limpurg-Gaildorf und seiner Frau Dorothea Maria, geborene Prinzessin von Hohenlohe-Waldenburg, verwiesen. Philipp Albrecht hatte sich 1667 mit seiner Cousine Dorothea Maria vermählt, war dann aber eine Beziehung mit der Tochter seines Hofpredigers Johann Wilhelm Gratianus, Maria Barbara, eingegangen. Dieser Maria Barbara hatte der Erbschenk 1676 ein heimliches Eheversprechen gegeben, das er nach erfolgter Scheidung von seiner Ehefrau einzulösen gedachte. Da dem Erbschenken von der juristischen wie auch theologischen Fakultät zu Straßburg – analog zum Fall Herzog Bernhards von Sachsen-Jena – die Scheidung untersagt wurde, versuchte er durch einen Konversionswechsel zum Katholizismus den Weg hin zu einer Scheidung zu ebnen. Philipp Albrecht erhoffte, dass die katholische Kirche seine Ehe mit Dorothea Maria aufgrund der nahen Blutsverwandtschaft der Ehegatten annullieren würde. Nach dem im September 1680 erfolgten Übertritt zum katholischen Glauben heiratete er mit Zustimmung der Bischöfe von Würzburg und Eichstätt seine Verlobte Maria Barbara. Dieser außerordentliche Vorgang rief allerdings die Verwandten, und insbesondere die der betrogenen Ehefrau Dorothea Maria, auf den Plan. Was folgte waren zahlreiche, auf juristischer und publizistischer Ebene ausgetragene Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die hohenlohische Verwandtschaft den Ausschluss Philipp Albrechts aus dem Fränkischen Grafenkolleg durchsetzen konnte. Ein Ende fanden die Streitigkeiten schließlich durch den plötzlichen Tod des Erbschenkens im Mai 1682. Siehe: MÜLLER 2002, S. 369–394. 141 Cordula NOLTE hat am Beispiel der Landgräfin Christine von Hessen, der Ehefrau Philipps von Hessen, die sich ebenso wie Herzogin Marie-Charlotte mit einer Zweitehe ihres Mannes konfrontiert sah, die These aufgestellt, dass die Zweitehe das Eheverhältnis zur ersten Gemahlin eher 139

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Herzog Bernhard durch seine morganatische Eheschließung mit Maria Elisabeth von Kospoth und dem damit einhergehenden Vertrag die gegenüber der Herzogin Marie-Charlotte nachgeordnete Position der von Kospoth bestätigt. Zudem hatte Herzog Bernhard seine Zweitfrau fern vom Jenaer Hof untergebracht. Darüber hinaus unterhielt der Herzog auch nach der Eheschließung mit Maria Elisabeth von Kospoth noch sexuelle Kontakte zu Herzogin Marie-Charlotte. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sich Herzogin Marie-Charlotte mit der Situation arrangierte. Zumal ein eventuelles Aufbegehren der Herzogin gegenüber dem nicht normenkonformen Verhalten ihres Ehemanns nicht zwangsläufig eine Veränderung der Situation zu ihren Gunsten mit sich gebracht hätte. Vielmehr konnte ein derartiger Protest als Fehlverhalten der Ehefrau, die damit die eheliche Hierarchie in Frage stellte, gedeutet werden und letztlich zu einer gesellschaftlichen Ausgrenzung der Ehefrau führen.142 Selbst wenn Herzogin Marie-Charlotte die Situation akzeptiert haben sollte, bleibt die Tatsache, dass die Ehe Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth ein nicht normenkonformes Verhalten darstellte und als ein solches von den Standesgenossen auch wahrgenommen wurde. Allerdings sind keinerlei Reaktionen des ernestinischen Familienverbandes im Hinblick auf die Ehe überliefert.143 Es ist davon auszugehen, dass auch die Brüder Herzog Bernhards Anstoß an der Polygamie nahmen. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass der Familienverband das Verhalten des Herzogs nicht unbedingt akzeptierte, zumindest aber tolerierte, da die morganatisch geschlossene Zweitehe Herzog Bernhards keine Konsequenzen für die Herrschaftsausübung wie auch für die Interessen und Herrschaftsrechte der ernestinischen Agnaten hatte. Andernfalls wäre es sicher zu Interventionen von Seiten des ernestinischen Familienverbandes gekommen, die dann auch in den archivalischen Quellen ihren Niederschlag gefunden hätten. So aber dokumentiert die Reaktion des ernestinischen Familienverbandes die Handlungsspielräume hochadeliger Ehemänner, die diese trotz scheinbar rigider Ehenormen in der ehelichen Praxis hatten. Doch stellte die Zweitehe Herzog Bernhards eine latente Gefahr für das Ansehen des Hauses Sachsen-Jena dar, zumal sie nachweislich schon zu Beginn des Jahres 1674 über den Jenaer Hof hinaus bekannt war. Vor diesem Hintergrund ent- als belastet habe. Als Indizien hierfür führt NOLTE unter anderem an, dass der Landgraf vertraglich festgehalten habe, dass seine Frau Christine die einzige und unangefochtene Landgräfin sei. Zudem habe der Landgraf seine Zweitfrau Margarethe von der Saale vom Hof ferngehalten. Damit habe das Prestige der Landgräfin Christine keinerlei Einbuße durch die Nebenbuhlerin erlitten. Siehe: NOLTE 2004b, S. 81–83. 142 Beispielhaft sei hier die Herzogin Johanna Elisabeth von Württemberg (1680–1757) genannt: Ihre wiederholten Versuche, das gesellschaftliche Umfeld gegen die Mätresse ihres Ehemannes, des Herzogs Eberhard Ludwig (1676–1733), zu mobilisieren, führten letztlich zu einer gesellschaftlichen Isolation der Herzogin. Siehe hierzu: OSSWALD -BARGENDE 1998a, S. 66. 143 In den Akten des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar konnten keine diesbezüglichen Quellen ermittelt werden. Auch die Tagebücher Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg beinhalten keine Informationen über die Zweitehe Herzog Bernhards.

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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musste sich Herzog Bernhard mit der Frage auseinandersetzen, wie er seine Reputation sowie die seines Hauses wahren konnte. Ebenso wichtig wie die Frage nach dem Erhalt des Ansehens dürfte für Herzog Bernhard der Wunsch nach einem männlichen Nachkommen gewesen sein, denn nur ein Stammhalter gewährleistete den Fortbestand der Linie Sachsen-Jena. Diesen Stammhalter konnte dem Herzog nur seine Frau Marie-Charlotte schenken, denn selbst wenn Herzog Bernhard mit Maria Elisabeth von Kospoth einen Sohn gezeugt hätte, wäre dieser gemäß dem Ehevertrag nicht erbberechtigt gewesen. Darüber hinaus hätte es Herzog Bernhard gegenüber den ernestinischen Agnaten kaum durchsetzen können, dass ein aus einer bigamistischen Ehe hervorgegangener Sohn legitimer Erbe des Herzogtums Sachsen-Jena wurde. Dennoch sagte sich Herzog Bernhard vorerst nicht von Maria Elisabeth von Kospoth los. Allerdings hatte das Verhältnis zwischen dem Herzog und dem vormaligen Hoffräulein zu dieser Zeit schon an Intensität verloren. Maria Elisabeth von Kospoth war mit dieser Situation keineswegs zufrieden, wie den Zeilen der jungen Frau zu entnehmen ist: „E Ld [= Euer Liebden] scheinen in gar lustigen Humeur zu sein, alßo können sie wohl Tendeleien schreiben, wehr aber so wenig Ursache darzu hat alß ich der unterlest eß wol. Unterdeßen ist mihr gar lieb daß E Ld. lustich sein, ich möchte wohl wißen waß der Doctor sagt den E Ld sagten vorgestern daß Ehr gewiße Antwort bringen würde wolte Gott daß ich nicht schwanger wehre so wolte ich E Ld. nicht viel Ungelegenheit machen. Eß ist wieder meinen Willen waß itzund geschiehet und aller Trost den mir E Ld. zusprechen der machet mich nur betrübter, weil ich wohl weiß daß mich die Zeit ein viel andreß lehren wird. E Ld. haben mich nihmalß geliebt, warumb solten sie itzund anfangen. Eß wehre unbillich wen ich Eß wünschte, wo E Ld von ernsthaften Sachen rehden wollen, können sie wo eß ihnen gefelt rauf kommen und glauben daß ich alle Zeit E Ld unterthänige gehorsame Dienerin sein werde.“144 Die Worte Maria Elisabeth von Kospoths verweisen auf eine zunehmende Distanz des Herzogs gegenüber seiner Zweitfrau. Eine Distanz, die bislang nur auf räumlicher Ebene ihren Niederschlag gefunden hatte. Schließlich musste Maria Elisabeth von Kospoth auf dem so genannten Alten Schloss zu Dornburg145 in vollkommener Abgeschiedenheit leben und auch die Besuche des Herzogs waren selten. Die räumliche Distanz zum Jenaer Hof hatte zugleich eine symbolische Dimension, wurde damit nicht zuletzt Maria Elisabeths Status als Zweitfrau zum Ausdruck gebracht. Maria Elisabeth von Kospoths Situation ähnelte dabei der Lage Margarethes von der Saale, der Zweitfrau des Landgrafen Philipp von Hessen: Landgraf Philipp hatte Margarethe von der Saale zunächst in seinem Wasserschloss Wolkersdorf, entfernt von der Residenzstadt Kassel, untergebracht. Dort musste die junge Frau die meiste Zeit ohne ihren Gemahl verbringen. Später be-

144

Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard von Sachsen-Jena, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 17r. 145 Zu den dortigen Wohnbedingungen siehe: LASS 2007, S. 63–67.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

zog Margarethe von der Saale ein Haus in Spangenberg. Doch auch hier stellten die Besuche des fürstlichen Gemahls eher die Ausnahme denn die Regel dar.146 Nun aber schien die Distanz zwischen Herzog Bernhard und seiner Zweitfrau auch auf emotionaler Ebene ihre Entsprechung zu finden. Selbst die Tatsache, dass sich zu Beginn des Jahres 1674 bei Maria Elisabeth von Kospoth die Anzeichen einer Schwangerschaft verdichteten, änderte daran nichts. Vielmehr distanzierte sich Herzog Bernhard in den folgenden Monaten noch stärker von Maria Elisabeth von Kospoth. Dies wird auch aus einem von ihm am 26. August 1674 verfassten Schreiben ersichtlich: „Wann Wir aber seit der Zeit neue Gewißensdifficultäten empfunden, auch daß solches alles nach deren allgemeinen Rechten nicht bestehen könne, von unserm Geist= und Weltlichen getreuen Räthen Uns genugsam beÿbringen laßen, wie auch die Dame d`Alstedt solches wohlbegriffen, und wir alß nebenst derselbigen schlüßig worden, dieser schwehren Sache eine Endschafft zu geben“147. Was sich hier als Eingeständnis des Herzogs, der sich scheinbar doch den Normen verpflichtet fühlt, liest, stellt nichts anderes als den Versuch dar, den durch die Bigamie hervorgerufenen Skandal und dessen Folgen auf eine möglichst einfache Weise zu beheben. Um seine Reputation sowie die des gesamten Hauses Sachsen-Weimar zu wahren, hatte Herzog Bernhard auch keine andere Möglichkeit, als die Beziehung mit Maria Elisabeth von Kospoth zu beenden. Zumal die Beziehung zu Maria Elisabeth von Kospoth durch deren Schwangerschaft eine neue Qualität erfuhr: Selbst wenn das Kind gemäß dem Ehevertrag keine herrschafts- und erbrechtlichen Ansprüche hatte, so war nicht auszuschließen, dass es derartige Rechte beanspruchen würde. Auch an dieser Stelle boten die Ehen des Landgrafen Philipp von Hessen und die daraus hervorgegangenen Nachkommen ein markantes Beispiel: Die „Zweitkinder“ des Landgrafen Philipp von Hessen aus der Ehe mit Margarethe von der Saale waren zwar erbrechtlich den Kindern aus erster Ehe nachgeordnet, doch führte ihre Existenz zu dynastischen Konflikten insbesondere mit der Herkunftsfamilie seiner ersten Frau, dem kurfürstlichen Haus Sachsen.148 Es ist denkbar, dass es auch im Fall des Kindes von Bernhard von Sachsen-Jena und Maria Elisabeth von Kospoth zu Konflikten und Auseinandersetzungen sowohl innerhalb des Hauses SachsenJena, als auch innerhalb des gesamten ernestinischen Familienverbandes gekommen wäre. Vor diesem Hintergrund könnte die Trennung Herzog Bernhards von Maria Elisabeth von Kospoth als Konfliktvermeidungsstrategie zu werten sein. Nicht zu verkennen ist an dieser Stelle der gesellschaftliche Druck, der auf Herzog Bernhard lastete. Auch wenn von den ernestinischen Verwandten selbst keine Äußerungen und Reaktionen überliefert sind, lässt sich der Standpunkt des adeligen Umfeldes exemplarisch anhand der Äußerungen Sophies von Braunschweig-Lüneburg ablesen: „Quant au Duc de Weimar je ne scay pas les raisons 146

KÖTTELWELSCH 2004, S. 21–23; R ADY 1890, S. 60. Herzog Bernhard von Sachsen-Jena, 26. August 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 9v–10r. 148 BUCHHOLZ 2004, S. 64. 147

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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qu’il a de se plaindre de sa femme; elle n’a estée qu’une foy à Cell et on n’a jamais chassé de page pour l’amour d’elle. Je n’ay pas ouy dire, que le Duc ait jamais esté jalou d’elle, mais elle l’a tousjours estée de luy.”149 Sophie von BraunschweigLüneburg benennt explizit Herzog Bernhard als Verantwortlichen für die diffuse Ehe- und Familiensituation. Bemerkenswert ist dabei, dass Sophie von Braunschweig-Lüneburg – im Gegensatz zur Herzogin von Liegnitz-Brieg-Wohlau – Maria Elisabeth von Kospoth keinerlei Verantwortung zuwies. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass Maria Elisabeth von Kospoth, die aus niederem Adel stammende vormalige Hofbedienstete, in den Augen der Herzogin Sophie keine ernsthafte Konkurrenz für Herzogin Marie-Charlotte von Sachsen-Jena darstellte und daher nicht als nennenswert erschien. Vielmehr ist das Verhalten Herzog Bernhards zentraler Gegenstand der Äußerungen Sophies. Zugleich versucht sie, dieses Verhalten zu erklären: „Il a eu cette bonté de luy demender à genoux, de permettre, qu’il couchoit avec la Cospott sans qu’elle en feux fachée, puisqu’il l’aimoit tant, qu’il ne pouvoit s’en empecher, sur quoi on dit, qu’elle est fort emportée au lieu de luy sçavoir bon gré de cette confidence et soumission, car on dit, qu’elle a fort peu d’esprit, mais je n’en ay pas ouy medire, depuis qu’elle est mariée. On ne l’accuse que d’indiscretion, quoiqu’elle en devroit avoir plus que son mari estant bien plus vieille [...]“150. Der Altersunterschied zwischen Herzogin Marie-Charlotte und Herzog Bernhard erscheint somit als weiterer Erklärungsansatz für die ehelichen Differenzen des Herzogspaares. Obgleich in der sozialen Praxis von den Ehegatten erwartet wurde, dass derartige Aspekte und die damit verbundenen persönlichen Empfindungen der Ehegatten gegenüber den am gesellschaftlichen Status eines Hauses orientierten Interessen zurücktraten.

4.1.6 Die Wiederherstellung der Ordnung? Letztlich waren es weniger rechtliche als vielmehr soziale Normen, die den Herzog zu einer Änderung seines Verhaltens bewogen. In diesem Kontext bemühte sich Herzog Bernhard, Maria Elisabeth von Kospoth von moralischen 149

Herzogin Sophie von Braunschweig-Lüneburg an Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz, 24. Januar 1674, in: BODEMANN (Hg.) 1885, S. 175. Übersetzung: „Betreffend den Herzog von Weimar, kenne ich nicht die Gründe, die er hat um sich über seine Frau zu beschweren; sie war nur einmal in Celle und man mußte niemals einen Pagen fortjagen weil sie sich in ihn verliebt hatte. Ich habe nie jemanden sagen hören, dass der Herzog jemals eifersüchtig auf seine Frau gewesen sei, aber sie war immer eifersüchtig auf ihn.“ 150 Ebd., Übersetzung: „Er hatte die Güte sie auf Knien anzuflehen, zu erlauben, dass er mit der Kospoth schläft, ohne dass sie [die Herzogin] darüber empört sei, denn er liebte sie [die Kospoth] so sehr, dass er sich davon nicht abhalten konnte, man sagt darüber, dass sie [die Herzogin] sehr wütend ist statt dankbar zu sein für dieses Vertrauen und die Unterwerfung, denn man sagt, dass sie wenig Geist hat, aber seit sie verheiratet ist habe ich niemanden darüber lästern gehört. Man klagt sie nur der Indiskretion an, obwohl sie mehr davon haben sollte als ihr Mann, da sie viel älter ist.“

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Vorwürfen frei zu sprechen um so eine weitere Rufschädigung Maria Elisabeths zu vermeiden. Dementsprechend erklärte der Herzog, „hierüber Instrumenta fertigen zu laßen, und hier durch daß, was ohne dem nicht beständig, iedoch der, Ihrer Verpflegung halber, Ihr vor dem gethanenen Versicherung, unschädlich, gutwillig zur iussiren und aufzuheben; haben aber hierbeÿ erwogen, daß vielleicht von denenjenigen, so in dieser Sache nicht zur genüge informiren, davon nachtheilig gesprochen, auch Ihr, der Dame d’Alstedt, einiger Vorwurf und Nachrede zugezogen werden könte, und dannenhero Unß entschloßen, denen Durchlauchtigen Fürsten, unserer freundlich geliebten Brüdere Lbd. Lbd. den gantzen Verlauf nicht allein mit Rechten freundbrüderl. zu eröffnen: sondern auch hiermit unter Unserer fürstl. Hand und Siegel zu attestiren, daß oftgedachte Dame d’Alstedt Uns nicht anders, alß erstlichen in der Hoffnung künftiger Trauung, und dann folgends in gewißer Darfürhaltung, daß Sie uns ehelich, rechtmäßig und beständig vermahlet wehre, beÿgewohnet.“151 Allerdings dürfte diese Erklärung der zu diesem Zeitpunkt hochschwangeren Maria Elisabeth von Kospoth wenig genützt haben. Zu schwer wiegend war die Tatsache, dass sie mit dem Herzog in einem ehelichen Verhältnis gelebt hatte, obwohl dieser noch verheiratet war. Ihre weibliche Ehre konnte durch das Bekenntnis des Herzogs nicht wieder hergestellt werden, denn die über den weiblichen Körper definierte Ehre152 wäre nur durch eine gültige Eheschließung unangetastet geblieben. Da die Ehe Maria Elisabeth von Kospoths mit Herzog Bernhard jedoch weder juristisch noch gesellschaftlich anerkannt wurde, war die Ehre der jungen Frau beschädigt. Letztlich stand nicht nur Maria Elisabeths Ehre zur Disposition, sondern auch die Hoffnungen auf ein Leben an der Seite des Herzogs und die damit verbundenen materiellen Ansprüche. Vor dem Hintergrund, dass ihre Ehe mit Herzog Bernhard vor dem weltlichen und kirchlichen Gesetz keinen Bestand hatte, wurde aber auch der Status ihres noch ungeborenen Kindes als ein legitimes, eheliches Kind in Frage gestellt. Diesen Fragen und Problemen stand Maria Elisabeth von Kospoth alleine gegenüber, zumal Herzog Bernhard mittlerweile wieder verstärkt die Nähe seiner ersten Frau Marie-Charlotte suchte. Der Weisung des Herzogs entsprechend hielt sich Maria Elisabeth von Kospoth nach wie vor in Dornburg auf.153 Es ist davon auszugehen, dass diese Maßnahme dazu diente, um die Schwangerschaft Maria Elisabeth von Kospoths geheim zu halten. Allein schon das Verhältnis zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth hatte negative Reaktionen des höfischen Umfeldes hervorgerufen; wie würden die Standesgenossen und nicht zuletzt die fürstlichen Verwandten erst 151

Herzog Bernhard von Sachsen-Jena, 26. August 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 10r–10v. 152 GLEIXNER 1994, S. 215; BURGHARTZ 1992, S. 175. Geschlechtsverkehr von Frauen mit Männern wurde nur unter ganz bestimmten Gründen als ehrbar betrachtet. Bei unverheirateten Frauen war entscheidend, dass eine Frau nur solche sexuellen Beziehungen unterhielt, die anschließend durch eine Ehe legitimiert werden konnten. 153 Der Aufenthalt Maria Elisabeth von Kospoths in Dornburg ist auch literarisch verarbeitet worden. Exemplarisch: HESEKIEL 1874, S. 199–217.

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reagieren, wenn aus dieser Beziehung ein Kind hervorginge? Es war nahe liegend, dass eine mögliche Deszendenz vom Familienverband nicht nur unter moralischen Aspekten als verwerflich, sondern auch unter machtpolitischen Gesichtspunkten als potentielle Konkurrenz angesehen würde. Trotz der Vorkehrungen Herzog Bernhards blieb die Schwangerschaft Maria Elisabeths dem überschaubaren Jenaer Hof nicht verborgen und wurde zum Gegenstand höfischer Kommunikation. Dies belegt ein Brief der Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau vom 5. Oktober 1674. Darin äußert sie über Maria Elisabeth von Kospoth: „Ihre gantze Conduite aber, wahr dermaßen irregullier, daß Sie drüber einen solchen bösen Nahmen hier im Lande bekommen, daß ich Sie sonder selbe [...] nicht länger protegiren kontte, und ihr dannenher selber anhand gebe laßen, Ihren Abschied zu nehmen, welches Sie auch gethan, untter dem Vorwand, daß weil Sie keine gesunde Stunde im Land mehr hätte, dan in dem Zustand wie Sie E Ld. gesehen, ist Sie hier über die anderthalb Jahr gewesen, dannenher weil der Zustand so lange verherte ich Sie vor unschuldig gehalten daß Sie schwanger wahr, der Doctor aber hatt allezeitt dafür gehalten [...] dan es wahr ein mahl eine lange Zeitt von etlichen Monden, daß Sie gantz nicht ohne von Ohnmachten befallen zu werden, auff sein kontte“154. Vermutlich nicht ganz unbeeinflusst von der Stimmung des höfischen Umfeldes fasste Herzog Bernhard schließlich den Entschluss, Maria Elisabeth von Kospoth aus den Jenaer Landen fortzuschicken und sie damit der höfischen Öffentlichkeit vollkommen zu entziehen. Die Motivation des Herzogs dürfte dabei nicht nur auf Fürsorge gegenüber Maria Elisabeth von Kospoth zurückzuführen, sondern auch auf den Bemühungen, sein eigenes Ansehen zu schützen, begründet sein. Nur eine größere räumliche Distanz zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth ermöglichte es dem Herzog, gegenüber dem Familienverband, den Standesgenossen und nicht zuletzt gegenüber seiner Frau, der Herzogin, das Ende der Beziehung zu Maria Elisabeth von Kospoth glaubhaft zu machen. Daher verständigte sich Herzog Bernhard mit Georg Ernst von Kospoth, dass „nemlich derselbige seine geliebte Tochter nach deren Niederkunft zu sich nehmen wolle“155. Bedingung hierfür war von Seiten des von Kospoth jedoch, dass Maria Elisabeths „Unterhalts helber gnugsame reale Vorsehung geschehe“156. Es verwundert nicht, dass Georg Ernst von Kospoth auf „reale Vorsehung“ hinsichtlich des Unterhaltes seiner Tochter insistierte; schließlich konnte er aus den vorangegangenen Zusagen des Herzogs – allen voran im Hinblick auf die in Aussicht gestellte Scheidung von der Herzogin – ersehen, wie wenig sich der Herzog um die Einhaltung seiner Versprechen bemühte. Demgegenüber erschien das Vorhaben des Herzogs, Maria Elisabeth vom Jenaer Hof fernzuhalten, realistisch. Es 154 Herzogin Luise von Liegnitz-Brieg-Wohlau, 5. Oktober 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 6v. 155 Anweisung Herzog Bernhards von Sachsen-Jena (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 18r. 156 Ebd.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

„scheinet, daß man ihr überdrüßich ist“157, mutmaßte Georg von Kospoth in einem Schreiben an den jenaischen Hofrat Schilter. Damit beschrieb er die Situation äußerst zutreffend. Maria Elisabeth von Kospoth schien die Hoffnung auf eine Zukunft an der Seite des Herzogs allerdings noch nicht aufgegeben zu haben. Für sie war es primär nicht Herzog Bernhard, der ihre Abreise aus dem Herzogtum plante. Vielmehr glaubte sie, den Urheber dieser Pläne im Umfeld des Herzogs ausgemacht zu haben: „Ich habe mich nuhn besonnen wer derjenige ist, der den anschlag giebet, daß ich renonciren soll, eß ist Hoffraht Schilter, den daß wahr schon sein begehren vor 2 Jahren“158, schrieb Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard. Weiter beklagte sie: „weil ich nuhn in Mecklenburg soll, so bin ich ja geschieden genuchsam, so habe ich mich ja auch noch nicht zu E Ld gedrungen. Ich laße eß beÿ dehm, daß E Ld sagen sie wollen eß machen wie eß vor Gott zu verantworten, daß man aber denckt, daß wen man mich übertölpelt könte wehre schon gut, warhafftich nein ich schreie nuhn in meiner Angst zu Gott und klahge ihm mein Elend, daß man mich im Winter und in der unsichern Zeit verstößet, mit Gefängniß drauet und mihr daßjenige, so mihr versprochen, nicht giebet“159. Die hier zitierte Passage steht stellvertretend für eine Vielzahl an Briefen, in denen sich Maria Elisabeth von Kospoth appellativ an Herzog Bernhard wandte und bei diesem um Gunst warb. Die rhetorische Strategie ist dabei immer dieselbe: Dem Klagen über die eigene Situation folgen Worte der Devotion.160 Den Briefen Maria Elisabeths an Herzog Bernhard ist auch zu entnehmen, dass neben der Absicht, sie zurück zu ihrem Vater zu schicken, die alternative Vorstellung existierte, sie anderweitig zu verheiraten: „meine Einsamkeit ist mihr gantz nicht verdrießlich und ich befinde, daß sie mihr honorabler ist alß E Ld ihr Vorschlag, ich habe ja E Ld schon vielfeltich geschrieben und auch selber gesaget, daß ich gantz nicht sehe wie daß ihrem vorigen Versprechen nachkömmet, also werden sie sich itzund nicht wundern können daß ich nihmermehr damit zufrieden sein werde, ob ich gleich keine Heirath vorhabe und wohl weiß daß es ein armsehliger Berenheüter sein müste, der mich ietzunden nehmen wollte, nachdem daß mich E Ld auf mein Lebetahge unglücksehlich gemachet“161, schrieb 157

Georg Ernst von Kospoth an den Hofrat Schilter, 9. November 1674, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 15r. 158 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 76r. 159 Ebd., 76r–76v. 160 Vgl. hierzu die Befunde von Cordula NOLTE hinsichtlich der Autographen innerhalb der Familienkorrespondenzen der Markgrafen von Brandenburg. Siehe: NOLTE 2000a, S. 197. NOLTE konstatiert, dass die meisten Bittbriefe von Frauen verfasst wurden, die dabei eine ähnliche rhetorische Strategie wie Maria Elisabeth von Kospoth verfolgten. Dem Klagen über die eigene Situation folgten in den von Nolte untersuchten Briefen jedoch innige Anreden und Beschwörungen der Verbundenheit. 161 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 78r–78v.

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Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard. Schließlich unterstellte sie dem Herzog sogar, an der Spitze ihrer Feinde, die sie verleumdeten und vom Hof entfernen wollten, zu stehen.162 Der Inhalt des Briefes legt nahe, dass sich Maria Elisabeth von Kospoth darüber im Klaren war, dass ihre Beziehung zu Herzog Bernhard keine Aussicht auf eine Fortsetzung hatte. Nun galt es für die junge Frau, weitere negative Konsequenzen wie Strafverfolgung oder Ausweisung aus dem Herzogtum möglichst zu vermeiden. Daher beteuerte Maria Elisabeth von Kospoth gegenüber Herzog Bernhard, dass „ich der Sachen nicht schuldig bin, die man mihr aufbürden will, damit E Ld. eß dero H Brüdern sagen können“163 – ein Indiz dafür, dass die Brüder die Zweitehe Herzog Bernhards, und insbesondere das Verhalten Maria Elisabeth von Kospoths verurteilten. Der Brief zeigt, dass die Beziehung zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth unter den fürstlichen Brüdern thematisiert wurde und sich gleichermaßen als familiäres wie dynastisches Konfliktfeld erwies. Das Vorhaben, Maria Elisabeth von Kospoth zu ihrem Vater zu schicken, wurde nicht in die Tat umgesetzt: Nachweislich kam sie am 20. September 1674 in Dornburg mit einer Tochter, Emilie Eleonore, nieder.164 Auch eine anderweitige Verheiratung wurde nicht realisiert. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass der Herzog seiner vormaligen Geliebten immer noch emotional verbunden war. Ein Brief Maria Elisabeth von Kospoths an Herzog Bernhard vom Oktober 1674, knappe drei Wochen nach der Geburt der Tochter, gibt Aufschluss über ihren emotionalen Zustand: „eß thut mir so gar leid, daß ich zu meinem Unglück, welches bereits groß genuch wahr, noch daß heßliche Wehsen bekommen, ich habe nihmals von E Ld [der Herzogin]165 gehört, daß sie Schmertzen daran hatte. Weil ich nuhn so ein elend Mensch bin, so hette ich Unrecht, wen ich begehrte daß E Ld meineß Unglückß sollten theilhafftich sein, ich schwehre [= schwöre] daß E Ld mihr viel zu lieb darzu sein, eß ist nicht nötich daß ich allein mit E Ld rehde, ich meinte wen E Ld nuhr auf einen Augenblick hehr koehmen [= kommen] und daß den die Leüte da stünden, so könnte ich E Ld nicht ein mahl die Hände küßen und daß wehre mihr nicht gelehgen. Ich werde mit Verlangen der Zeit erwarten, daß ich die Gnade haben soll E Ld zu sehen“166. Ihren Worten ist der Unmut darüber zu entnehmen, dass ihr der Herzog seine Gegenwart vorenthält, obgleich sie demgegenüber argumentiert, dass ein Besuch des Herzogs nicht nötig wäre. Dies erscheint jedoch vielmehr als Strategie Maria Elisabeth von Kospoths, einen solchen Besuch zu erwirken. Ihre schwierige Situation, ihre Einsamkeit sowie die durch die Geburt hervorgerufenen Schmerzen projeziert Maria Elisabeth auf

162

Ebd., fol. 76v. Ebd., fol. 77r. 164 TÜMPLING 1894, S. 268. 165 Im Original befindet sich an dieser Stelle ein Wort in codierter Schrift. 166 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert (im Text findet sich der Hinweis „eß sind aber nuhn schon mehr alß 3 Wochen, daß ich das Kind gehabt [= entbunden habe]“), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 390, fol. 60v. 163

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

ihre Tochter Emilie Eleonore. Sie bezeichnet das kleine Mädchen als „heßliches Wehsen“, und schreibt ihm die Verantwortung für ihre eigene Lage zu. Noch Monate später hatte sich an Maria Elisabeth von Kospoths Situation nichts geändert. Ihre Hoffnungen auf ein Zusammenleben mit dem Herzog erfüllten sich nicht. Dennoch hielt dieser nach wie vor Kontakt zu Maria Elisabeth von Kospoth. Die Enttäuschung Maria Elisabeths über ihre Situation brachte sie immer wieder in den Briefen an Herzog Bernhard zum Ausdruck. So schrieb sie in einem Brief vom Februar 1675: „Einmahl ist eß gewiß, daß ich eine von den unglücklichsten Creaturen bin so lehben mahg“167. Weiter heißt es in diesem Brief: „wo ist doch die edle Zeit da ich solche sorgen nicht bedurfte, und konte mich deß Abentß befriedigt niderlehgen, und deß Morgenß allen ehrlichen Leüten kühnlich unter Augen trehten, nuhn muß ich mich vor jedermann schämen, und werde mein Leben lang mit Verachtung angesehen werden, außer von denen die E Ld. zum Gehorsam mit mihr umbgehen, die laßen sich nicht mercken, wie süße wird mihr doch der Todt sein auf ein solcheß betrübteß Lehben“168. Die Zeilen dokumentieren, dass Maria Elisabeth von Kospoth Missachtung von Seiten ihres gesellschaftlichen Umfeldes erfuhr. Zugleich wird die Unzufriedenheit über die eigene Situation und eine gewisse Resignation zum Ausdruck gebracht. Aus der Perspektive Maria Elisabeth von Kospoths ist diese Unzufriedenheit nachvollziehbar, schließlich konnte sie darauf verweisen, Ehefrau des regierenden Herzogs von Sachsen-Jena zu sein, auch wenn die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe alles andere als unumstritten war. Herzog Bernhard persönlich war es, der aus „Gewissensscrupel“169 bei einigen vertrauten Juristen und Theologen seiner Residenz am 5. Dezember 1674 ein Gutachten in Auftrag gab, welches die Rechtmäßigkeit der Ehe zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth, deren eheliche Beiwohnung und – nicht zuletzt – den Bestand der im Zusammenhang mit der Eheschließung getätigten Versprechungen des Herzogs zu klären hatte.170 Das diesbezügliche Gutachten vom 15. Dezember 1674 besagte schließlich, dass die Ehe Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth „denen geist= und weltlichen Rechten, auch allgemeiner christlichen Kirche durchgehender Observanz zuwider läufft, und also dieses Vornehmen durch eidliche Betheurungen und erfolgter priesterliche Copulation eine Beständigkeit oder Würkung nicht erlangen können“171. Damit wurde die Ehe von Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth offiziell

167 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert (im Text findet sich der Hinweis: „man sihet an allen daß eß Fevrarÿ ist“), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 390, fol. 24r. 168 Ebd., fol. 24v. 169 Herzog Bernhard von Sachsen-Jena an namentlich nicht genannte Juristen und Theologen, 5. Dezember 1674, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 179. 170 Ebd. 171 Gutachten der herzoglichen Beamten Georg Adam Struve, Friedemann Rechmann, Johann Schilter, Johann Christoph Falckner, Johann Musäus und Theophil Cöler, 15. Dezember 1674, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 179.

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und juristisch als nicht existent betrachtet.172 Dies bedeutete zugleich, dass es sich bei Emilie Eleonore, der Tochter der beiden, um ein uneheliches, illegitimes Kind handelte. Die Tatsache, dass Herzog Bernhard diesem Gutachten nichts entgegensetzte, spricht dafür, dass die im Gutachten getroffene Feststellung in seinem Sinne war. Da die Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth für nichtig erklärt wurde, war auch der von den Brautleuten abgeschlossene Ehekontrakt gegenstandslos und die darin getätigten Zusagen, insbesondere im Hinblick auf die Versorgung Maria Elisabeths, hinfällig. Damit war Herzog Bernhard faktisch von den finanziellen Verpflichtungen gegenüber Maria Elisabeth von Kospoth entbunden. Bei Johann Jacob Moser finden sich Hinweise auf ein weiteres Gutachten, das eine Rechtmäßigkeit der Ehe Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth einräumt, dessen Auftraggeber sowie Verfasser allerdings unbekannt sind. Als Begründung für die Rechtmäßigkeit der Ehe wird angeführt, dass sich Herzogin Marie-Charlotte ihren ehelichen Pflichten entzogen und damit einen Grund für die Aufhebung ihrer Ehe mit Herzog Bernhard geliefert hätte. Herzog Bernhard wird explizit das Recht zugestanden, im Interesse der Fortpflanzung seines Stammes eine andere Ehe einzugehen.173 Offenkundig war aber Herzog Bernhards Interesse nicht auf eine Fortexistenz seiner Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth ausgerichtet, sondern dahingehend, diese Ehe annullieren zu lassen. Neben dem finanziellen Aspekt gab es dabei einen weiteren Grund, der Herzog Bernhards Interesse an einer Trennung von Maria Elisabeth von Kospoth und an der Schaffung „geordneter“ Verhältnisse wachsen ließ: Seine Frau Marie-Charlotte war zum Ende des Jahres 1674 abermals schwanger. Auch an dieser Stelle lassen sich Parallelen zu Landgraf Philipp von Hessen ziehen, der nach seiner Eheschließung mit Margarethe von der Saale sowohl mit dieser, als auch mit seiner ersten Frau Kinder zeugte.174 Zugleich spiegelt sich in dieser Tatsache ein gewisser Pragmatismus Herzog Bernhards wider: Letztlich waren seine Emotionen und Interessen entscheidend. Hierzu zählte die Befriedigung sexueller Bedürfnisse des Herzogs, seine Zuneigung zu beiden Frauen, aber auch die Wahrung des Rufes des Hauses Sachsen-Jena und die Sicherung der Nachkommenschaft. Vor diesem Hintergrund kam beiden Frauen eine untergeordnete Rolle zu: Die Herzogin Marie-Charlotte war zwar legitime Ehefrau und Landesmutter, doch Herzog Bernhard nahm eine Ehrverletzung der Herzogin in Kauf, um seine Interessen durchzusetzen. Auch die Ehre Maria Elisabeth von Kospoths war für den Herzog nur von sekundärer Bedeutung, vielmehr schaffte ihm die Beziehung zu Maria Elisabeth von Kospoth den Freiraum zur Befriedigung seiner persönlichen, sexuellen Bedürfnisse, denen er im Rahmen seiner ersten Ehe möglicherweise nicht nachgehen konnte. Vor die172

Demgegenüber erwähnt Anne-Simone K NÖFEL, leider ohne die Angabe von Quellen, dass Herzog Bernhard von Sachsen-Jena bis zu seinem Lebensende eine Doppelehe geführt hätte. Siehe: K NÖFEL 2009, S. 423. 173 MOSER 1745, 20. Teil, S. 379. 174 BUCHHOLZ 2004, S. 64–65.

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sem Hintergrund wäre für Herzog Bernhard eine Eheschließung mit Maria Elisabeth von Kospoth nicht zwingend notwendig gewesen. Dass es dennoch zu einer Eheschließung kam, spricht für die – zumindest anfänglich – starke emotionale Bindung zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth und ist zugleich als Konzession des Herzogs an Maria Elisabeth von Kospoth und ihre Familie zu betrachten. Aus Sicht Herzog Bernhards stellten rechtliche Normen kein Hindernis dar, um seine Ehevorstellungen durchzusetzen. Indem er auf die Tugendhaftigkeit Maria Elisabeth von Kospoths wie auch auf die Heiligkeit der Ehe rekurrierte, versuchte er die Relevanz rechtlicher Normen zu relativieren. Auch wenn die Polygamie seine Reputation gefährdete, erachtete er sie nicht als einschränkend für seine Handlungsspielräume als Angehöriger des Hochadels und als regierender Landesherr. Doch es war offensichtlich, dass Herzog Bernhard seine Möglichkeiten partiell überschätzte: Das durch die Bigamie verursachte Überschreiten rechtlicher Normen rief Kritik bei den Standesgenossen hervor. Diese Kritik dürfte auch dazu beigetragen haben, dass Herzog Bernhard die Ehe mit Maria Elisabeth von Kospoth revidieren ließ. Von den Folgen des Verhaltens Herzog Bernhards waren jedoch in erster Linie die beiden Frauen betroffen: Herzogin Marie-Charlotte, deren eheliche Position durch die Zweitfrau zumindest partiell gefährdet und deren Ehre durch den Ehebruch ihres Mannes verletzt wurde; und Maria Elisabeth von Kospoth, deren weibliche Ehre ebenfalls verletzt wurde und die nicht zuletzt ein Leben in sozialer Isolation verbringen musste. Im Frühjahr 1675 hatte es allerdings den Anschein, dass zumindest die eheliche Ordnung beim Jenaer Herzogspaar wiederhergestellt war: Herzogin MarieCharlotte brachte am 28. März 1675 mit dem Prinzen Johann Wilhelm den ersehnten Stammhalter zur Welt.175 Darüber hinaus war die Ehe Herzog Bernhards mit Maria Elisabeth von Kospoth für ungültig erklärt worden. Maria Elisabeth und ihre Tochter lebten entfernt vom Hof, obgleich der Herzog nach wie vor Kontakt zu Maria Elisabeth, wenn auch vor allem postalischer Art, hatte. Eine Tatsache, die von Maria Elisabeth mehrfach bedauert wurde. Dementsprechend äußert sie auch Vorwürfe gegenüber dem Herzog: „E Ld. haben mich verführet und sein immer in wohl leben, und ich muß alle Strafe leiden und nichteß als Hertzleid sehen, man predigt E Ld. wohl vom König Dawide und Bathseba, man thut aber nicht gegen mihr alß wie an der Bathseba. Ich habe gestern noch dießeß Capittel g[e]lesen aber nicht gefunden, daß sie verachtet und beschimpfet gewehsen, noch daß der Könich nicht alß verstohlnerweise sie gesehen, nach dehm sie sündiges gemachet. Alßo verdrieset eß mich nuhr, wen ich an diese Vergleichung gedencke.“176 Weiter reflektiert sie über die Ehe des Herzogs: „wie hoch daß man den ietzigen Friden gerühmet und sich über mich beschwehret, daß ich Uneinigkeit 175

Notifikationsschreiben Herzog Bernhards an die fürstliche Verwandtschaft betreffend die Geburt des Prinzen Johann Wilhelms, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 11, fol. 352r. 176 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 51r–51v.

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sol zwischen E Ld. und ihre Gemahlin gemacht haben, aber waß daß Ohr nicht hört thut dem Hertzen nicht weh“177. An dieser Stelle wird deutlich, dass sich Maria Elisabeth von Kospoth letztlich mit ihrer Situation arrangierte.

4.1.7 Die „Frucht der Infamie“: Emilie Eleonore Von einem „Verstoßen“ Maria Elisabeth von Kospoths, wie es mitunter in der Sekundärliteratur propagiert wird, kann daher nicht die Rede sein. Dagegen spricht die Tatsache, dass Herzog Bernhard sowohl die Mutter als auch das Kind versorgte und nicht zuletzt 1676 die Erhebung der beiden in den Reichsgrafenstand durchsetzte. Im diesbezüglichen Diplom Kaiser Leopolds I. (1640–1705) heißt es: „was gestallten Uns Unser lieber Oheim, des Hochgebohrnen Fürsten Bernhard Herzogens zu Sachßen, Jülich, Cleve und Berg, Landgrafens in Thüringen und Marggrafens zu Meißen, Unsers lieben Oheims und Fürstens Liebden, in Unter thänigkeit zu erkennen gegeben, wie daß Sie aus erheblichen Ursachen bewogen worden, Uns unterthänigst anzulangen und zu bitten, daß Wir gnädigst geruhen wollten, die aus Maria Elisabeth von Koßpoth außer der Ehe empfangene und gebohrene Aemiliam Eleonoram von Koßpoth samt erstgemeldeter Mutter selbsten in solchen Stand zu setzen, wodurch die von ihnen beyderseits ins künfftige ehelich erzielende Kinder Mann= und Weiblichen Geschlechtes desto mehrers würden angewiesen, durch rühmliche Tugenden und Wandel vor andern in der Welt sich kundbar zu zeigen und hervorzuthun“178. Die Tatsache, dass Herzog Bernhard trotz einer offiziell verlautbarten Trennung von Maria Elisabeth von Kospoth diese und die gemeinsame Tochter dennoch in den Grafenstand179 erheben ließ, spricht wiederum dafür, dass sich der Herzog den beiden verpflichtet fühlte. Demgegenüber wurde in vergleichbaren Fällen, wie dem bereits genannten Beispiel der Elisabeth von Ungnad, die Mutter oftmals vom Hof verstoßen, wenn nicht gar aus dem Lande verbannt.180 Anders als den Müttern schenkten adelige Väter den aus illegitimen Verhältnissen hervorgegangenen Kindern meist mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge. Dies trifft auch auf Herzog Bernhard und seine Tochter Emilie Eleonore zu. Bemerkenswert hieran ist, dass sich die väterliche Fürsorge auf eine Tochter erstreckte. In der Regel waren es die männlichen Nachkommen, die, auch wenn sie außerehelichen oder standesungleichen Beziehungen entstammten, für die Väter Relevanz besaßen: Auf sie konnte im Falle fehlender legitimer männlicher

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Ebd., fol. 51v. Kaiserliches Diplom über die Erhebung Maria Elisabeth von Kospoths und ihrer Tochter in den Grafenstand, 9. November 1676, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 180–183. 179 Zur Bedeutung des Reichsgrafenstandes in der Frühen Neuzeit siehe: A RNDT 2001, S. 105– 128. 180 BRAND 2004, S. 23. 178

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Deszendenz unter Umständen als Erben zurückgegriffen werden.181 Darüber hinaus wurden uneheliche Söhne zur Dokumentation von Macht und Virilität eines Landesherrn gelegentlich in den höfischen Kontext eingebunden.182 Illegitimen Töchtern wurde dagegen weniger Bedeutung beigemessen. Dies korrespondierte mit der zeitgenössischen Rechtsauffassung, nach der ein illegitim geborenes Kind – ganz gleich ob Junge oder Mädchen – weder zum Haus noch zur Familie des Vaters gehörte und mit diesem auch nicht verwandt war.183 Diese Tatsache entband einen Vater jedoch nicht vom Unterhaltsanspruch gegenüber seinem illegitimen Kind.184 Auch wenn Maria Elisabeth von Kospoth in einem Brief an Herzog Bernhard die Befürchtung äußerte, dass man Emilie Eleonore im Todesfall „wie einen hund nuhr einscharren“185 würde, so ist dies nicht bezeichnend für das Verhalten Herzog Bernhards gegenüber seiner Tochter: Er erkundigte sich regelmäßig nach Emilie Eleonore und machte so seine Anteilnahme an ihrem Leben deutlich. Neben diesbezüglichen Schriftstücken des Herzogs, die nur in geringer Zahl erhalten sind, lassen auch Briefe Maria Elisabeth von Kospoths an Herzog Bernhard entsprechende Rückschlüsse zu. Sie würdigte mit den Worten „E Ld. [= des Herzogs] Gnädiges Mittleiden mit der armen Kleinen [...] mit unterthänigem Danck [erkenne]“186 die offensichtlich besorgte Haltung des Herzogs. Dagegen gestaltete sich die Beziehung Maria Elisabeth von Kospoths zu ihrer Tochter Emilie Eleonore offenbar problematisch. Mehreren Briefen Maria Elisabeths ist zu entnehmen, dass sie Emilie Eleonore indirekt für ihre Situation verantwortlich macht. Durch die Existenz Emilie Eleonores war die Beziehung Maria Elisabeth von Kospoths zum Herzog über die reine Liebesbeziehung hinausgegangen und konnte von den Protagonisten kaum mehr verheimlicht werden. Das entscheidende aber war, dass die mit dieser Zäsur einhergehenden negativen Folgen einzig von Maria Elisabeth von Kospoth zu tragen waren. Sie war es, deren Ehre beschmutzt wenn nicht gar zerstört war; sie musste in sozialer Isolation leben und war im Hinblick auf ihre Existenzsicherung auf den Herzog angewiesen. In dieser Konstellation wurde Emilie Eleonore zum Kristallationspunkt all ihrer Enttäuschungen und der noch verbliebenen Hoffnungen. „man hat

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Exemplarisch seien an dieser Stelle die Söhne des Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach (1728–1811) aus dessen 1787 geschlossenen, morganatischen Ehe mit Luise Karoline Geyer von Geyersberg (1768–1820) genannt. Diese Söhne führten – wie auch ihre Mutter – zunächst den gräflichen Titel Hochberg. Nach dem 1817 erfolgten Tode des letzten männlichen Erben des Hauses Zähringen erhielten sie schließlich den Rang und Namen ihres Vaters und die Sukzessionsfähigkeit. Der älteste dieser Söhne, Leopold (1790–1852), trat schließlich die Erbfolge als Großherzog von Baden an. Siehe: DUNGERN 1905, S. 73–75; BORCHARDT-WENZEL 2001. 182 M ARRA 2007, S. 123. 183 LEINEWEBER 1978, S. 179. 184 Ebd., S. 185. 185 Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 51r. 186 Ebd.

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wohl Creutz mit den Kindern“187, schrieb Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Bernhard, „wohl dem, der auf nichteß alß sich selbst zu dencken hat; eß ist gut vor mich, daß ich keine mehr kriegen darf.“188 In diesem Kontext ist das distanzierte Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sicher auch durch die physischen, insbesondere durch die Geburt hervorgerufenen Schmerzen und Einschränkungen begründet. Als Bezugsgröße für Maria Elisabeth von Kospoth bei der Reflektion ihrer eigenen Situation diente die Herzogin Marie-Charlotte. So bemerkte Maria Elisabeth in einem ihrer Briefe: „die Kinder von E Ld Alten die seind hübsch, die nähren sich selber, und gefallen mihr auch beßer alß die kleinen schreihälße“189. Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch, wie despektierlich sich Maria Elisabeth von Kospoth über die Herzogin Marie-Charlotte äußerte, indem sie dies als „E Ld Alte“ bezeichnete. Einem undatierten Brief Herzog Bernhards an Maria Elisabeth von Kospoth ist zu entnehmen, dass „was sie [= Maria Elisabeth] mir aber von der Kleinen schreibet, das sie soll so heßlich sein, kann ich nicht glauben und wen es gleich wehre so würde Ich sie doch allezeit sehr wegen der Mutter halben lieben, würde auch nicht ermangeln so wohl Mutter und Dochter was mitt von der Meße zu Libzig [= Leipzig] bringen zu laßen“190. Offensichtlich hielt Herzog Bernhard regelmäßigen Kontakt zu Maria Elisabeth von Kospoth und hegte nach wie vor eine gewisse Zuneigung für sie. Der Brief zeigt aber auch, dass dieser Kontakt hauptsächlich postalisch war: Hätte der Herzog Maria Elisabeth und die gemeinsame Tochter regelmäßig besucht, hätte er sich selbst vom äußeren Erscheinungsbild seiner Tochter überzeugen können und wäre nicht auf die Schilderungen Maria Elisabeth von Kospoths angewiesen gewesen. Neben seinen Briefen übersandte der Herzog auch Medizin und Präsente an seine Tochter. Zu ihrem dritten Geburtstag am 20. September 1677 erhielt Emilie Eleonore von ihrem Vater sogar das Gut Nieder-Röblingen im Amt Allstädt. In der diesbezüglichen Urkunde wies Herzog Bernhard den Amtsschreiber zu Allstädt an, dass er „mehrberührten Zehenden, Zinßen und andere Gefälle auf die bestimmte Termine richtig, vollständig und ohne Verbleibung eines Restes einbringen und unserer Fräulein Tochter [sic!] gegen Quittung treulich in ihre Gewahrsam liefern“191 solle. Diese Schenkung verdeutlicht, dass sich Herzog Bernhard um die Versorgung seiner Tochter Emilie Eleonore bemühte. Das Verhalten Herzog Bernhards korrespondierte dabei mit der zeitgenössischen moralischen Auffassung, dass die grundsätzliche Verantwortlichkeit des Vaters für die von ihm außerehelich gezeugten Kinder außer Frage steht.192 Von weit größerer Bedeutung als die eigentliche Schenkung ist 187

Ebd. Ebd. 189 Ebd. 190 Herzog Bernhard an Maria Elisabeth von Kospoth, undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 54r–54v. 191 Urkunde über die Schenkung des Gutes Nieder-Röblingen an die Gräfin Emilie Eleonore von Allstedt, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 185–186. 192 KOCH 1991, S. 66. 188

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jedoch, dass die Übereignung des Gutes Nieder-Röblingen nicht nur aus „wohlbedachtem Rath“, sondern auch aus „väterlicher Vorsorge“ für das „Fräulein Tochter Aemilia Eleonora Gräfin zu Allstädt“ 193 erfolgte. Damit erkannte Herzog Bernhard seine Tochter Emilie Eleonore in einem offiziellen Dokument – der Schenkungsurkunde – explizit als seine Tochter an. Dem väterlichen Wohlwollen wurde jedoch mit dem Tod Herzog Bernhards von Sachsen-Jena am 3. Mai 1678 ein jähes Ende bereitet. Zu seinen Lebzeiten hatte Herzog Bernhard dafür gesorgt, dass es sowohl seiner Tochter Emilie Eleonore als auch deren Mutter Maria Elisabeth finanziell gut ging. Sie hatten ein für ihre Verhältnisse standesgemäßes Auskommen, obgleich es in den Quellen mehrere Belege dafür gibt, dass sich Maria Elisabeth von Kospoth beim Herzog und den herzoglichen Beamten über ihre Situation beklagte. In einem Brief an Herzog Bernhard vom 2. April 1675 berichtet der Kanzler Volkmar Happe, dass Maria Elisabeth ihm „sehr kleglich ihre Fortune vorgestellten, [...] und nicht ohne naße Augen ersuchet, E. F. dhl. unterthenigst vorzustellen, weil derselben Promession bisher ganz ohne Effect geblieben, und es das Ansehen gezieme, gleich ob Sie, über die Verachtung, darinn Sie bey der ganzen Welt gerathen, auf endlich ihr Leben mit Armuth zubringen solte“194. In ihren Bittgesuchen insistierte Maria Elisabeth von Kospoth nach wie vor auf das ihr im Ehevertrag zugesicherte Geld, das ihr der Herzog vor dem Hintergrund der für ungültig erklärten Eheschließung jedoch nicht in vollem Umfang auszahlte. Auch sah sich Maria Elisabeth von Kospoth immer noch als Frau des Herzogs, aber mindestens als Mutter seines Kindes, und strebte ein für diese Position sowie für ihren Status als Reichsgräfin standesgemäßes Leben an. Insofern waren die Bittgesuche Maria Elisabeth von Kospoths nachvollziehbar; von einer Vernachlässigung oder gar drohenden Armut kann aber keineswegs die Rede sein, da der Herzog für die – wenn auch bescheidene – Haushaltung Maria Elisabeths aufkam.

4.1.8 Ein toter Herzog, zwei Frauen und drei Kinder Doch wie gestaltete sich die Situation der beiden Frauen sowie der Kinder Herzog Bernhards nach dem Ableben des Herzogs? Im Hinblick auf die „Gräfin von Allstedt“ und ihre Tochter wäre der Tod Herzog Bernhards sowohl für die Herzogin-Witwe als auch für die fürstlichen Brüder eine gute Gelegenheit gewesen, das „Problem“, das die Gräfin darstellte, endgültig zu lösen. Mit Herzog Bernhard war der Protektor Maria Elisabeth von Kospoths und ihrer Tochter gestorben. Daher wäre es auch möglich gewesen, Maria Elisabeth von Kospoth und ihr Kind aus den Jenaer und Weimarer Landen zu entfernen. Dessen war sich offensicht193

Urkunde über die Schenkung des Gutes Nieder-Röblingen an die Gräfin Emilie Eleonore von Allstedt, zitiert nach: TÜMPLING 1864, S. 185. 194 Brief an Herzog Bernhard, vermutlich von seinem Kanzler Volkmar Happe, 2. April [1675], ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 19r–19v.

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lich auch Maria Elisabeth von Kospoth bewusst. In der Sorge um ihr zukünftiges Auskommen wandte sie sich an den Bruder Herzog Bernhards, Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar. Maria Elisabeth versäumte es dabei nicht, ihre Schuld an der ehelichen „Unordnung“ zu betonen, indem sie einräumte, „daß ich etliche Jahre hehr durch mein Verbrechen E Hoch Fürstl Dl und deß gantzen hohen fürstl. Hauseß Ungnade auf mich geladen, worüber ich allezeit sehr betrübt gewehsen und großen Mißfallen an mihr selbst gehabt.“195 Dieses Schuldbekenntnis dürfte hauptsächlich als argumentatives Mittel einzuordnen sein, um Herzog Johann Ernst II. gegenüber dem Anliegen Maria Elisabeth von Kospoths gewogen zu stimmen. In diesem Kontext ist auch der Appell Maria Elisabeths an die christliche Nächstenliebe des Herzogs zu betrachten: „weil eß nunmehr scheinet alß hette Gott und alle Menschen die Hand von mihr abgezogen [...] so befinde ich daß auf göttliche Seiten die Gnadenthüre nihmand verschloßen, alß dehnen die solche nicht suchen wollen. Indehm ich dieselbe hertzlich beÿ Gott suche unterstehe ich mich auch E Fürstl. Durchl. meine Noht vorzutragen und in Unterthänigkeit umb Gotteß Willen anzuflehen daß E fürstl. Durchl. sich über mich erbarmen wollen mihr und meiner Fehler gnädich vergeben und mihr alß einem armsehligen und vertendigen Weibeßbilt Gnade vor Recht wiederfahren zu laßen“196. Schließlich wurde Maria Elisabeth von Kospoth mit ihren Forderungen konkret: „Eß wird sonder Zweifel E hoh fürstl. Durchl. nicht verborgen sein, welcher Gestalt der in Gott ruhende Fürste [= Herzog Bernhard] sehr besorget gewehsen vor mich und mein Kind, weil sie nihmalß geläugnet daß sie mich durch wonderbahre starcke Persuasiones in dieseß unverwindliche Unglücke gestürtzet, auch meine Tochter recht väterlich gelibet, so seint doch diese schwehre Zeiten aber noch viel mehr der unverhoffte Tod, Ursache daß eß nicht werckstellich gemachet worden, auch 5000 Rthl so ich innerhalb 6 Jahren bekommen sollen, die den bereits verfloßen, noch nicht empfangen habe, dennoch lehbe ich der unterthänigen Zuversicht E hoch fürstl. Durchl. werden Meinen aufs eüßerste elenden Zustand sich zu mitleiden bewehgen laßen, wan auch E fürstl. Durchl. böße Nachrede von mirh vorgebracht würde, dehren ich nicht schuldig bin [...]“197. Die Tatsache, dass Maria Elisabeth von Kospoth ihre Versorgung durch Herzog Bernhard anders als in den Briefen an Herzog Bernhard selbst nunmehr äußerst positiv darstellt, spricht dafür, dass Maria Elisabeth von Kospoth keineswegs im Elend leben musste. Allerdings kann es sich hierbei auch um eine argumentative Strategie gegenüber den ernestinischen Agnaten handeln: Indem Maria Elisabeth von Kospoth die Großzügigkeit Herzog Bernhards hervorhebt, fordert sie implizit auch eine derart umfangreiche Ausstattung von den Erben des Herzogs. Maria Elisabeth von Kospoth versuchte, die ihr im Ehevertrag zugesicherten, aber von Herzog Bernhard nur teilweise gezahlten Gelder einzufordern. Damit 195

Maria Elisabeth von Kospoth an Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar, 25. Mai 1678, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 129, fol. 22r. 196 Ebd. 197 Ebd., fol. 22v.

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löste ihre Ehe mit Herzog Bernhard abermals Konflikte innerhalb des Hauses Sachsen-Weimar aus. Nunmehr sah sich Maria Elisabeth von Kospoth aber dem sie ablehnenden Fürstenhaus alleine ausgesetzt. Die fürstlichen Brüder wie auch die verwitwete Herzogin waren nicht dazu bereit, Maria Elisabeth von Kospoth die von ihr geforderten Gelder auszuzahlen. Vielmehr suchten die fürstlichen Erben nach Mitteln und Wegen, um den finanziellen Forderungen Maria Elisabeth von Kospoths Einhalt zu gebieten. Sie gaben ein diesbezügliches Gutachten bei Nikolaus Christoph von Lyncker (1643–1726), dem Hofgerichtsassessor und Professor für Jurisprudenz an der Jenaer Universität, in Auftrag. Dieses Gutachten198 besagte, dass Maria Elisabeth von Kospoth keinerlei Ansprüche auf die ihr im Ehevertrag zugesicherten Gelder habe, da der Herzog zum Zeitpunkt seiner zweiten Eheschließung noch mit seiner ersten Gemahlin verheiratet war. Die Ehe zwischen Herzog Bernhard und Maria Elisabeth von Kospoth sei demnach ungültig und die aus der Beziehung hervorgegangene Tochter Emilie Eleonore „im Ehebruch erzeuget“199. Zugleich votierte Lyncker: „Ob nun wohl ein Kind, so im Ehbruch erzeuget seye, von des Vaters Vermögen nichts zu fordern habe, sondern die Mutter zuforderst das Kind zu unterhalten verbunden seye; daferne doch solche von Mitteln entblößt seyn sollte, würde, nach eingeführter Observanz, dem Kind der nöthige Unterhalt, biß es zu seinen Jahren komme, aus der Hertzogs Vermögen nicht verweigert werden können.“200 Anders als von Lyncker vorgeschlagen, beließen die fürstlichen Brüder Maria Elisabeth von Kospoth die ihr als Morgengabe bisher ausgezahlten Reichstaler, ebenso wie Emilie Eleonore das vom Vater übereignete Gut Nieder-Röblingen behalten konnte.201 Ein bemerkenswertes Vorgehen, denn aus juristischer Sicht wäre die Rückforderung der Schenkungen üblich und legitim gewesen, insbesondere unter Berücksichtigung der prekären finanziellen Situation der fürstlichen Kammer. Von der ungeordneten Haushaltslage, die Herzog Bernhard hinterlassen hatte, waren nunmehr auch die fürstliche Witwe und ihre beiden Kinder betroffen. Schon bald nach dem Ableben Herzog Bernhards entstanden hinsichtlich des Witwenunterhalts und des Unterhalts für die herzoglichen Kinder Spannungen zwischen Herzogin Marie-Charlotte und Herzog Johann Ernst II. von SachsenWeimar, dem ältesten Bruder Herzog Bernhards und nunmehrigen Inhaber des Seniorats in der herzoglich-weimarischen Linie. Laut Ehevertrag sollte Herzogin Marie-Charlotte jährlich 3.200 Reichstaler erhalten. Dieser Betrag ergab sich aus dem im Ehevertrag festgelegten Heiratsgut und der Widerlage, die sich jeweils auf 16.000 Reichstaler beliefen. Die insgesamt 32.000 Reichstaler wurden zu zehn Prozent verzinst. Diese Zinsen stellten die jährliche Leibrente der fürstlichen Witwe dar. Das Geld wurde allerdings nicht in bar an die Witwe ausgezahlt, sondern der Witwe in Form eines Leibgedinges verschrieben, dessen Einnahmen 198 199 200 201

Auszüge des Gutachtens finden sich bei MOSER 1745, 20. Teil, S. 380–383. Lyncker, zitiert nach MOSER 1745, 20. Teil, S. 383. Ebd. TÜMPLING 1864, S. 172.

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den zu erwartenden Zinsen entsprachen. Im Fall Herzogin Marie-Charlottes war das Amt Jena als Leibgedinge vorgesehen.202 Hinzu kam ein Betrag in Höhe von 200 Reichstalern jährlich, der aus den Zinsen für die Morgengabs-Gelder resultierte.203 Doch Herzogin Marie- Charlotte wollte sich damit nicht zufrieden geben, zumal sie weitere Forderungen an die fürstliche Kammer geltend machen konnte: Da sie in den ersten Ehejahren bis 1672 keine Handgelder erhalten hatte, und darüber hinaus auch für die Besoldung ihrer Diener und die Ausstattung der Jenaer Residenz selbst aufkommen musste, forderte sie nunmehr die Rückerstattung dieser verauslagten Gelder. Insgesamt beliefen sich ihre Forderungen auf 30.000 Reichstaler. Vor diesem Hintergrund beanspruchte Herzogin Marie- Charlotte eine Aufbesserung der ihr zugesicherten jährlichen Leibrente in Höhe von 3.200 Reichstalern auf nunmehr 5.800 Reichstaler.204 Auch Herzog Bernhard hatte in seinem Testament eine Aufbesserung der Leibrente für die Herzogin angedacht. Demnach sollte das „ordentliche undt verschriebene Leibgedinge noch Jährlich mit tausend Thaler verbessert werden“205. Letztlich konnte Herzogin Marie- Charlotte eine Leibrente in Höhe von 4.800 Reichstalern aushandeln, die 1681 noch einmal auf 5.500 Reichstaler erhöht wurde.206 Hinzu kam ein jährlicher Betrag über 2.200 Reichstaler, der für die Kleidung und die Handgelder der beiden fürstlichen Kinder angedacht war207, obgleich Herzogin Marie- Charlotte auch diesbezüglich eine Summe von 3.000 Reichstalern gefordert hatte208. Gleichermaßen erfolgte die Festlegung der Modalitäten für die Erziehung der beiden Kinder: Die Herzogin Marie- Charlotte als Vormünderin ihrer beiden Kinder musste sich verpflichten, ihre Kinder in der christlichen Religion, nach augsburgischer Konfession zu erziehen.209 Dieses Zugeständnis der Herzogin an die ernestinischen

202 Ehevertrag zwischen Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Marie-Charlotte de la Trémoïlle (Abschrift), 9. Juni 1662, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus Nr. 190. Bei den erwähnten Beträgen handelt es sich um verbindliche Summen, wie sie im Fürst-Brüderlichen-Rezess von 1662 festgeschrieben wurden. Verglichen mit den in kursächsischen Eheverträgen genannten Summen, handelt es sich insbesondere bei den 3.200 Reichstalern Leibrente um einen durchaus üblichen Betrag. Vgl. hierzu: ESSEGERN 2003, S. 115–135. 203 Ehevertrag zwischen Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und Marie-Charlotte de la Trémoïlle (Abschrift), 9. Juni 1662, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus Nr. 190. 204 Erklärung des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar hinsichtlich der Vormundschaft über die unmündigen Kinder des verstorbenen Herzogs Bernhard von Sachsen-Jena sowie des Leibgedinges für die fürstliche Witwe (Abschrift), 30. Mai 1678, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus Nr. 190. 205 Testament Herzog Bernhards von Sachsen-Jena, 18. März 1678, abgedruckt in: HELLFELD 1828, S. 102. 206 Vergleich zwischen Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar und Marie-Charlotte von Sachsen-Jena (Abschrift), 17. März 1681, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus Nr. 190. 207 Ebd. 208 Memorial der Herzogin Marie-Charlotte von Sachsen-Jena, betreffend ihre Alimentation und die ihrer beiden Kinder, 21. Februar 1681, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 370, fol. 603v. 209 Erklärung der verwitweten Herzogin Marie-Charlotte von Sachsen-Jena (Abschrift), 4. Mai 1678, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus Nr. 190.

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Agnaten sollte gewährleisten, dass die fürstlichen Kinder sich im Sinne des Familienverbandes der lutherischen Konfession zuwandten und nicht der reformierten Konfession ihrer Mutter Marie- Charlotte. Die nach dem Tod Herzog Bernhards entstandenen Probleme und Differenzen konnten zumindest vorübergehend als geklärt angesehen werden. Herzogin MarieCharlotte und ihre beiden Kinder waren versorgt und die erbrechtlichen Verhältnisse geklärt, denn mit dem Prinzen Johann Wilhelm hatte Herzog Bernhard seinen potentiellen Nachfolger auf die Herrschaft im Herzogtum Sachsen-Jena bestimmt. Da Prinz Johann Wilhelm zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig war, wurde eine vormundschaftliche Regierung für das Herzogtum Sachsen-Jena eingerichtet. Zu neuerlichen Unstimmigkeiten sollte es jedoch schon bald kommen: In einer Denkschrift beschuldigte Herzogin Marie- Charlotte ihren Schwager Herzog Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar des Eingreifens in ihre Befugnisse. Sie lastete dem Weimarer Herzog an, dass die Gelder, die für den Prinzen bestimmt waren, zur Besoldung seiner Diener verwendet würden.210 Diese Vorgänge lassen darauf schließen, dass die Agnaten die Autorität Marie-Charlottes als Witwe und nicht zuletzt als Erzieherin ihrer Kinder zu untergraben suchten. 211 Für Maria Elisabeth von Kospoth, die Gräfin von Allstädt, gestaltete sich die Lage letztlich besser, als es nach dem Tode Herzog Bernhards zu erwarten war. Zwar lebte sie nach wie vor äußerst zurückgezogen, teils in Dornburg, teils auf dem Kammergut Heusdorf bei Apolda oder auch auf dem Gut ihrer Tochter Emilie Eleonore. Entgegen ihrer eigenen ursprünglichen Befürchtungen wurde sie weder verfolgt noch des Landes verwiesen.212 Nach der Vermählung ihrer Tochter Emilie Eleonore mit Otto Wilhelm von Tümpling213 im Jahr 1692 hielt sich die Gräfin von Allstädt zumeist bei ihrer Tochter und deren Familie auf. Während Emilie bereits am 18. Februar 1706 im Alter von 31 Jahren verstarb, überlebte Maria Elisabeth ihre Tochter um zehn Jahre und starb schließlich am 8. Februar 1716 in Merseburg.214 Es ist bemerkenswert, dass Emilie Eleonore, die faktisch illegitime Tochter Herzog Bernhards, ein im Hinblick auf ihre Versorgung wie auch ihren Status geruhsames Leben führen konnte. Zumal sie aus einer letztlich für unrecht mäßig erklärten und zudem standesungleichen Beziehung hervorgegangen war. In vergleichbaren Fällen war den Kindern aus illegitimen Beziehungen, besonders wenn es sich um Töchter handelte, ein sozial relativ isoliertes Leben beschieden. 210

ECKOLD 1940, S. 66. Dass derartige Momente der Einflussnahme und Fremdbestimmung allerdings zum Alltag fürstlicher Witwen in der Frühen Neuzeit gehörten, konnte in dem von Martina SCHATTKOWSKY herausgegebenen Sammelband zur Witwenschaft in der Frühen Neuzeit gezeigt werden. Siehe hierzu: SCHATTKOWSKY (Hg.) 2003. 212 TÜMPLING 1864, S. 172. 213 Otto Wilhelm von Tümpling war zunächst Kämmerer am Hofe Herzog Johann Georgs II. von Sachsen-Eisenach, dem Neffen Herzog Bernhards, und machte später Karriere in kursächsischen Diensten. Siehe: TÜMPLING 1894, S. 267–287. 214 TÜMPLING 1864, S. 173. 211

4.1 Im „Venuskriege“ – Herzog Bernhard von Sachsen-Jena und seine Ehefrauen

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Während den Söhnen aus illegitimen Beziehungen mitunter eine Militär- oder Beamtenkarriere offen stand und sie in dieser Hinsicht auch von ihren Vätern gefördert wurden 215, blieb für die Töchter – wenn überhaupt – einzig die Chance einer möglichst vorteilhaften Eheschließung. Handelte es sich aber zudem um Töchter aus standesungleichen Verbindungen, schmälerte der oftmals unklare gesellschaftliche Status die Heiratschancen erheblich. Auch die Heirat Emilie Eleonores mit Otto Wilhelm von Tümpling ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Zwar ist den Akten weder etwas über die Umstände des Kennenlernens noch über die Eheschließung selbst zu entnehmen, doch liegt die Vermutung nahe, dass diese Ehe das Ergebnis heiratspolitischer Bestrebungen war. Schließlich stand Otto Wilhelm von Tümpling seit 1689 als Kämmerer in den Diensten Herzog Johann Georgs II. von Sachsen-Eisenach, einem Neffen Herzog Bernhards von Sachsen-Jena.216 Nach dem Tode Herzog Bernhards und dem frühen Tode des Prinzen Johann Wilhelm waren die Ämter Jena und Allstädt an Herzog Johann Georg II. gefallen. Im Amt Allstädt befand sich wiederum das Gut NiederRöblingen, das Herzog Bernhard 1677 seiner Tochter Emilie Eleonore übereignet hatte. Damit gehörte Emilie Eleonore zu den Untertanen Herzog Johann Georgs II. von Sachsen-Eisenach. Es ist nicht nachweisbar, ob Herzog Johann Georg II. die Ehe zwischen seinem Kämmerer und Emilie Eleonore lanciert hat. Für eine bewusste Herbeiführung dieser Ehe bestand auch nicht zwingend ein Interesse des Herzogs. Zumindest aber musste er die Zustimmung zur 1692 erfolgten Eheschließung seines Bediensteten von Tümpling geben. Aus der Perspektive Emilie Eleonores handelte es sich zwar nicht um eine standesgleiche Verbindung, denn aufgrund ihrer Erhebung in den Reichsgrafenstand stand sie rangmäßig über ihrem Ehemann, doch im Hinblick auf die materiellen Lebensumstände und die Handlungsoptionen Emilies als einer illegitimen Tochter erwies sich ihre Eheschließung mit Otto Wilhelm von Tümpling als vorteilhaft. Demgegenüber kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich auch Otto Wilhelm von Tümpling Vorteile von dieser Eheschließung erhoffte, obgleich der Einfluss und Besitz Emilie Eleonores gering waren. Zumal deren Vater und Fürsprecher, Herzog Bernhard, schon verstorben war. Als de facto illegitime Tochter des Herzogs von SachsenJena konnte Emilie Eleonore zwar auf ihren reichsgräflichen Rang verweisen,

215 Ein herausragendes Beispiel ist hier Georg Heinrich von Be[h]renhorst, einer der illegitimen Söhne des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau (1676–1747) und der Bürgerlichen Sophie Eleonore Söldener (1710–1779). Im Alter von 15 Jahren begann Georg Heinrichs militärische Karriere, indem er in das Regiment seines Vaters eintrat. In den Jahren 1757 avancierte er zunächst zum Adjutanten des Prinzen Heinrich von Preußen, im Jahr 1759 sogar zum Adjutanten des preußischen Königs Friedrich II. Seine Militärlaufbahn beendete Georg Heinrich 1762 als Major. Anschließend lebte er am Hofe seines Neffen, des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817). Dort war er als Oberhofmeister und seit 1776 als Kammerpräsident und Hofmarschall tätig. Siehe: A LLERT 1996. Zu illegitimen Nachkommen der Adelsgeschlechter im Raum des heutigen Thüringens siehe exemplarisch: BEGER 1994, S. 47–67. 216 TÜMPLING 1894, S. 267.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

doch fehlten ihr die finanziellen Mittel, um ihren Rang auch zu repräsentieren.217 Während eine hochadelige Frau in der Regel damit rechnen musste, dass die Eheschließung mit einem niederrangigen Partner weit reichende ökonomische Folgen nach sich zog, war dies bei Emilie Eleonore nicht der Fall.218 Ihre ökonomischen Mittel waren ohnehin begrenzt, so dass es für sie keinen Einschnitt bedeutete, ihr Leben am niederen Rang ihres Ehemannes auszurichten. Dies betraf auch die aus der Ehe hervorgegangenen Kinder; diese folgten im Hinblick auf den Rang beziehungsweise Stand in der Regel ohnehin dem Vater.219 Anders verhielt es sich im Hochadel: Wenn ein hochadeliger Mann eine rangniedere Frau heiratete, so wie im Fall Herzog Bernhards und Maria Elisabeth von Kospoths, behielt die Frau zumeist ihren Rang.220 Darüber hinaus dokumentiert die Ehe Herzog Bernhards von Sachsen-Jena mit Maria Elisabeth von Kospoth den Facettenreichtum der hochadeligen Ehepraxis. Nachdem Herzog Bernhard vergeblich versucht hatte, eine Scheidung von seiner Frau Marie- Charlotte zu erwirken, setzte er sich aufgrund seiner Stellung als Landesherr über die bestehenden Rechtsnormen hinweg und ging eine bigamistische Ehe ein. Dabei überschätzte er offenbar seinen Spielraum und geriet unter hohen sozialen Druck. Um seine Reputation sowie die des Hauses Sachsen-Jena zu wahren, ließ er die bigamistische Ehe für ungültig erklären, ohne sich aber vollkommen von seiner Zweitfrau und der gemeinsamen Tochter loszusagen. Doch gelang es ihm auf diese Weise, einem grundlegenden Konflikt innerhalb des Familienverbandes vorzubeugen.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Die Ehe und Scheidung des Herzogs Wilhelm Ernst und der Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar Im Jahr 1683 ging Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar die Ehe mit seiner Cousine, der Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena ein. Diese innerernestinische Ehe war eindeutig auf dynastische Interessen zurückzuführen: Ziel war es, die beiden Häuser Sachsen-Weimar und Sachsen-Jena durch die Eheschließung enger aneinander zu binden. Dabei war das Interesse am Zustandekommen dieser Ehe insbesondere auf Seiten Sachsen-Weimars groß, das durch die Ehe versuchte, Herrschaftsansprüche auf das Herzogtum Sachsen-Jena durchzusetzen. Doch die dynastischen Planungen waren schnell zum Scheitern verur-

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Zum mitunter problematischen Verhältnis von sozialem Stand und ständischer Repräsentation siehe: A RNDT 2003, S. 84–85. 218 SIKORA 2007, S. 100. 219 Gemäß dem Römischem Recht erhielten Frauen bei der Hochzeit den Rang ihres Mannes und die aus der Ehe hervorgehenden Kinder den Rang ihres Vaters. Siehe: STOLLBERG-R ILINGER 2002, S. 48. 220 STOLLBERG-R ILINGER 2002, S. 48.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

doch fehlten ihr die finanziellen Mittel, um ihren Rang auch zu repräsentieren.217 Während eine hochadelige Frau in der Regel damit rechnen musste, dass die Eheschließung mit einem niederrangigen Partner weit reichende ökonomische Folgen nach sich zog, war dies bei Emilie Eleonore nicht der Fall.218 Ihre ökonomischen Mittel waren ohnehin begrenzt, so dass es für sie keinen Einschnitt bedeutete, ihr Leben am niederen Rang ihres Ehemannes auszurichten. Dies betraf auch die aus der Ehe hervorgegangenen Kinder; diese folgten im Hinblick auf den Rang beziehungsweise Stand in der Regel ohnehin dem Vater.219 Anders verhielt es sich im Hochadel: Wenn ein hochadeliger Mann eine rangniedere Frau heiratete, so wie im Fall Herzog Bernhards und Maria Elisabeth von Kospoths, behielt die Frau zumeist ihren Rang.220 Darüber hinaus dokumentiert die Ehe Herzog Bernhards von Sachsen-Jena mit Maria Elisabeth von Kospoth den Facettenreichtum der hochadeligen Ehepraxis. Nachdem Herzog Bernhard vergeblich versucht hatte, eine Scheidung von seiner Frau Marie- Charlotte zu erwirken, setzte er sich aufgrund seiner Stellung als Landesherr über die bestehenden Rechtsnormen hinweg und ging eine bigamistische Ehe ein. Dabei überschätzte er offenbar seinen Spielraum und geriet unter hohen sozialen Druck. Um seine Reputation sowie die des Hauses Sachsen-Jena zu wahren, ließ er die bigamistische Ehe für ungültig erklären, ohne sich aber vollkommen von seiner Zweitfrau und der gemeinsamen Tochter loszusagen. Doch gelang es ihm auf diese Weise, einem grundlegenden Konflikt innerhalb des Familienverbandes vorzubeugen.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Die Ehe und Scheidung des Herzogs Wilhelm Ernst und der Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar Im Jahr 1683 ging Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar die Ehe mit seiner Cousine, der Prinzessin Charlotte Marie von Sachsen-Jena ein. Diese innerernestinische Ehe war eindeutig auf dynastische Interessen zurückzuführen: Ziel war es, die beiden Häuser Sachsen-Weimar und Sachsen-Jena durch die Eheschließung enger aneinander zu binden. Dabei war das Interesse am Zustandekommen dieser Ehe insbesondere auf Seiten Sachsen-Weimars groß, das durch die Ehe versuchte, Herrschaftsansprüche auf das Herzogtum Sachsen-Jena durchzusetzen. Doch die dynastischen Planungen waren schnell zum Scheitern verur-

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Zum mitunter problematischen Verhältnis von sozialem Stand und ständischer Repräsentation siehe: A RNDT 2003, S. 84–85. 218 SIKORA 2007, S. 100. 219 Gemäß dem Römischem Recht erhielten Frauen bei der Hochzeit den Rang ihres Mannes und die aus der Ehe hervorgehenden Kinder den Rang ihres Vaters. Siehe: STOLLBERG-R ILINGER 2002, S. 48. 220 STOLLBERG-R ILINGER 2002, S. 48.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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teilt, da zwischen den beiden Ehegatten große Differenzen bestanden. Schließlich wurde die Ehe 1690 geschieden. Die Ehe wurde damit weder der ihr zugrunde liegenden machtpolitischen Intention noch den Erwartungen an eine Sicherung der Nachkommenschaft gerecht. Anhand des Verlaufs dieser konfliktreichen Ehe lässt sich nicht nur die Vielfalt der an die Ehe geknüpften Normen, Interessen und Emotionen nachzeichnen, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen des Aushandelns von Handlungsspielräumen innerhalb der Ehe.

4.2.1 Die Anbahnung der Ehe Mit dem Ziel, sowohl die Beziehungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes zu intensivieren als auch die herrschaftsrechtlichen Ansprüche auf das Herzogtum Sachsen-Jena zu verfestigen, wurde Anfang 1683 von Seiten des Hauses Sachsen-Weimars ein Heiratsbündnis zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Jena angeregt. Konkret war die Vermählung des zwanzigjährigen Herzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar mit seiner knapp vierzehnjährigen Cousine Charlotte Marie von Sachsen-Jena vorgesehen. Herzog Wilhelm Ernst war der älteste von zwei Söhnen des verstorbenen Herzogs Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar (1627–1683) und dessen Frau Christiane Elisabeth (1638–1679), einer geborenen Prinzessin von Holstein-Sonderburg. Bei Prinzessin Charlotte Marie handelte es sich um die – zu diesem Zeitpunkt bereits verwaiste – Tochter des Herzogs Bernhard von Sachsen-Jena und dessen Frau Marie- Charlotte de la Trémoïlle. Nach dem Tod des Jenaer Herzogpaares hatte Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach die Vormundschaft für Prinzessin Charlotte Marie und ihren jüngeren Bruder Johann Wilhelm übernommen und die beiden Kinder an seinen Hof nach Eisenach geholt.221 Somit stellten die Heiratsplanungen nicht nur für Sachsen-Weimar, sondern auch für das Haus Sachsen-Eisenach eine attraktive Handlungsoption dar: Eine Eheschließung zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Prinzessin Charlotte Marie hätte Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach (1634–1686) von den mit seiner Vormundschaft verbundenen finanziellen Versorgungspflichten gegenüber der Prinzessin entledigt. Vor dem Hintergrund der begrenzten ökonomischen Potenz des Hauses Sachsen-Eisenach war dies ein nicht zu unterschätzendes Faktum. Schon sehr bald nahmen die Heiratspläne konkrete Formen an. Bereits am 15. August 1683 fand die Verlobung statt.222 Dabei drängte insbesondere die Weimarer Seite auf ein zügiges Voranschreiten der Verhandlungen, wie dem Schreiben Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach vom 30. August 1683 zu entnehmen ist: „Nach dem es durch Gottes Gnade wo für ich seiner Güte billich zu dancken habe, es mit hochermel221

HELLFELD 1828, S. 51. Ehevertrag vom 26. Oktober 1683, Abschrift vom 12. November 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 66v. 222

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Abb. 5: Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Kupferstich, unbekannter Künstler)

ter Princessin Ld. und mir in den Standt verlobter Personen kommen, so zweifle nicht E. Gnd. werde so gütig seyn, und von selbst gerne sehen, daß unserer beyder Verlangen nach je ehe je beßer dießes Fürstl. Ehewerk in Gottes Nahmen volzogen und ohne Weitlauftigkeit auch unnöthiger Kosten, welche bey diesen ohne dem schweren Zeiten nicht unbillich, beÿ der gleichen Begebenheiten, zu schonen sind, seine gewünschte Endschafft erreiche.“223 Die Worte Herzog Wilhelm Ernsts unterstreichen die Zweckgerichtetheit des Heiratsbündnisses. Schließlich kamen am 26. Oktober 1683 Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach und sein Neffe Wilhelm Ernst in Eisenach zusammen, um nach verhandlungsintensiven Monaten den erfolgreichen Abschluss des Ehevertrages zu besiegeln. Aufgrund der nahen Verwandtschaft der Ehegatten und ihrer Zugehörigkeit zur gleichen Konfession entfielen im Hinblick auf den Ehevertrag Verhandlungspunkte wie beispielsweise die Religion betreffende Klauseln, die noch bei Prin223

Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach, 30. August 1683, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 236, fol. 11r.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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zessin Charlotte Maries Eltern eine zentrale Rolle gespielt hatten. Demgegenüber erforderte insbesondere die finanzielle Ausstattung der Braut erheblichen Diskussionsbedarf. Dabei ging es weniger um die Ausstattung als solches, denn diese war gemäß dem fürstbrüderlichen Rezess von 1662 festgeschrieben.224 Vielmehr stand zur Disposition, wer für die Ausstattung aufzukommen hatte, obgleich der Rezess von 1662 auch diesbezüglich Vorgaben enthielt: Sollte einer der Brüder ohne männliche Leibeserben versterben, aber weibliche Nachkommen hinterlassen, hatten die noch lebenden Brüder für diese Prinzessinnen zu sorgen und ihre Ausstattung sowie ihren Unterhalt zu gewährleisten.225 Zwar hatte Herzog Bernhard von Sachsen-Jena einen männlichen Erben, nämlich Prinz Johann Wilhelm, hinterlassen, dieser war aber noch minderjährig. Daher hatten für die Entrichtung der Ehegelder für Prinzessin Charlotte Marie alle Häusern der Weimarer Linie, nämlich Sachsen-Weimar, Sachsen-Eisenach und Sachsen-Jena, gemeinschaftlich und zu gleichen Anteilen Sorge zu tragen. Im Fall Charlotte Maries war Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach darauf bedacht, seine eigenen Aufwendungen und Unkosten möglichst gering zu halten. Vielmehr beabsichtigte er, die gesamte Landschaft sowie die fürstlichen Verwandten verstärkt in die Pflicht zu nehmen. Das schloss gleichermaßen die Inanspruchnahme der eigenen finanziellen Mittel der Prinzessin, die ihr von den Eltern hinterlassen worden waren, ein. Im Ehevertrag wurde schließlich festgehalten, dass Prinzessin Charlotte Marie 16.000 Reichstaler als Heiratsgut erhalten sollte. Hinzu kamen „fünffzehn Tausend Gülden Meißnischer Wehrung, die gesambte Landschafft zum längsten, binnen zweÿ Jahren, auff gewiße Fristen, wie man sich mit derselben dießfals vergleichen wird, beÿträget, das übrige aber, nemblich zweÿ Tausend, acht hundert, siebenzig, fünff Reichs Thaler, von hochgedachter Fürstl. Braut eigenen Mitteln, innerhalb Jahresfrist, erfüllet werden soll“226. Das Heiratsgut sollte zusammen mit der Widerlage auf das gemeinschaftliche Gut Roßla227 verschrieben werden. Darüber hinaus wurde das Gut Roßla auch zum Witwensitz Charlotte Maries bestimmt. Als Morgengabe sollte Charlotte Marie eine Verschreibung über 2.000 Reichstaler erhalten, die jährlich mit 200 Talern zu verzinsen sei. Üblicherweise sollten diese Zinsen quartalsweise ausgezahlt werden und der Braut „zu ihren selbst eigenen Gebrauch“228 zustehen. Demgegenüber hatte Charlotte Marie einen Erbverzicht zu leisten, der sich allerdings nur auf das väterliche Erbe erstreckte. Während der symbolische Akt des Erbverzichts im Regelfall durch das Ableisten eines Eides zu erfolgen hatte, war Herzog Johann Georg I. im Fall Charlotte Ma-

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Fürst=Brüderlicher Vertrag vom 20. September 1662, abgedruckt in: LÜNING 1712, S. 548. Ebd. 226 Ehevertrag vom 26. Oktober 1683, Abschrift vom 12. November 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 67r. 227 Roßla liegt auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Sachsen-Anhalt. 228 Ehevertrag vom 26. Oktober 1683, Abschrift vom 12. November 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 68r. 225

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ries und in Ansehung ihres Alters dazu bereit, auf die Ableistung eine Eides zu verzichten und sich mit einem Handschlag an Eides statt zufrieden zu geben.229 Durch den Erbverzicht sollte verhindert werden, dass ernestinischer Besitz im Zuge einer Heirat an andere Häuser fiel. Unter diesem Gesichtspunkt wäre der Erbverzicht im Fall Charlotte Maries nicht zwingend notwendig gewesen, da sie innerhalb des ernestinischen Familienverbandes heiratete. Durch den Erbverzicht konnten die Häuser Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar aber gewährleisten, dass für den Fall, dass Charlotte Maries Bruder Johann Wilhelm ohne Nachkommen versterben sollte, dessen Hinterlassenschaft nicht an Charlotte Marie, sondern direkt an die Herzöge von Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar als nächste Verwandte übergehen würde. Darüber hinaus gehörte ein Erbverzicht für die Prinzessinnen aller ernestinischen Speziallinien zu den mit einer Eheschließung einhergehenden Formalitäten, da mit dem Erbverzicht eine zusätzliche Verkomplizierung der ohnehin schwierigen Erbverhältnisse vermieden und – für den möglicherweise eintretenden Fall einer späteren Eheschließung Charlotte Maries – dem Besitzverlust vorgebeugt werden konnte. Der Ehevertrag enthielt somit alle wesentlichen Bestimmungen, die – zumindest theoretisch – den Unterhalt der fürstlichen Braut gewährleisteten. Einer Eheschließung stand damit nichts mehr im Wege, so dass diese am 1. November 1683 in Eisenach stattfinden konnte. Dem Protokoll des Gerichtssekretärs Röhn vom 4. November 1683 zufolge wurde die Ehe Wilhelm Ernsts und Charlotte Maries „nachdem zwischen Ihr fürstl. Durchl. zu Weimar und Ihr f. dhl. der Princessin zu Jena, nechsterschienen Freÿtages, durch Göttl. Gnade, die vorher abgehandelte Heÿrath, worzu der Höchste nochmals seinen Seegen und Gedeÿen geben und verleihen wollen, vollzogen“230. Wie den Annalen des Johann Sebastian Müller zu entnehmen ist, wurde der Braut „der sonst gewöhnliche cörperliche Eyd [...] aus besonderer Affection, und wegen dero annoch zarten Alters“231 erlassen. Während es in anderen Fürstenhäusern üblich war, dass mit einer Eheschließung auch umfangreiche und mehrtägige Feierlichkeiten einhergingen, fand die Eheschließung zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie in aller Stille statt. Nicht einmal die ernestinischen Verwandten aus der Weimarer Linie waren anwesend.232 Durch den Verzicht auf jegliche Feierlichkeiten war es den 229

Protokoll des Erbverzichts vom 4. November 1683 (Abschrift), protokolliert vom Lehn- und Gerichtssekretär Johann Caspar Röhn, ThHSTA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 98v–99v. Nach dem 1691 erfolgten Tode des Prinzen Johann Wilhelm von Sachsen-Jena, dem Bruder der Herzogin Charlotte Marie, ließ diese ihre Verzichtserklärung daher für nicht gültig erklären. Die Herzogin versuchte auf diesem Wege, ihre Erbansprüche auf die väterliche und brüderliche Hinterlassenschaft gegenüber den ernestinischen Agnaten zu wahren. Dies stieß jedoch bei den Agnaten, und allen voran bei ihrem Ehemann Wilhelm Ernst, auf Widerstand. 230 Protokoll vom 4. November 1683 (Abschrift), verfasst vom Lehens- und Gerichtssekretär Johann Caspar Röhn, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 97v. 231 MÜLLER 1701, S. 549. 232 Dem Tagebuch Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg ist zu entnehmen, dass dieser erst am 4. November 1683 nach Eisenach reiste, „weillen diesen Tag die junge Hertzogin

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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Herzögen Johann Georg I. und Wilhelm Ernst möglich, die hierfür erforderlichen Kosten zu sparen. Auch dies deutet darauf hin, dass die Ehe Herzog Wilhelm Ernsts und Herzogin Charlotte Maries ein reines Zweckbündnis war.

4.2.2 Der Vormundschaftsstreit Schon bald nach der Hochzeit kam es zu Spannungen zwischen den fürstlichen Eheleuten einerseits, sowie zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und SachsenEisenach andererseits, die nicht zuletzt auf die Bestimmungen des Ehevertrages zurückzuführen waren. Hierbei war die Nichteinhaltung von im Ehevertrag getroffenen Vereinbarungen durch Herzog Wilhelm Ernst von großer Bedeutung. Zum einen betraf dies die Auszahlung des Handgeldes an Charlotte Marie, die Wilhelm Ernst verweigerte.233 Zum anderen handelte es sich um die Morgengabsund Wittumsverschreibung für die Herzogin. Im Januar 1684 mahnte Herzog Johann Georg I. bei seinem Neffen Wilhelm Ernst daher an, „daß in hochgemelter Ihrer der Herzogin zu Weimar Nahmen Ihr die Überweisung des zum Wittumb verschriebenen Ambts Roßla, wie herkommens, und berührte Documenta ausweisen werden“234. Da Herzog Wilhelm Ernst den Forderungen Herzog Johann Georgs I. nicht nachkam und weder im Hinblick auf die Morgengabsverschreibung noch im Hinblick auf die Handgelder zu einem Einlenken bereit war, behielt es sich Herzog Johann Georg I. vor, die Vormundschaft über Charlotte Marie auch nach deren Eheschließung auszuüben. Dieses Vorgehen stellte einen massiven Einschnitt in Herzog Wilhelm Ernsts Rechte als Ehemann dar, denn mit der Eheschließung gingen die Pflichten und Rechte des Vormunds in der Regel auf den Ehemann über.235 Herzog Wilhelm Ernst ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er als Ehemann der rechtmäßige Vormund Charlotte Maries sei. Um seine Position gegenüber Herzog Johann Georg I. zu bekräftigen, war er sogar scheinbar zu Zugeständnissen gegenüber seiner Frau Charlotte Marie bereit. Im Oktober 1684 erging ein Erlass Herzog Wilhelm Ernsts der beinhaltete, dass er „in obhabender ehelicher Vormundschaft, Ihrer Ld. [= Charlotte Marie] Güther und Vermögen, uffs beste, und wie es deroselben am fürträglichsten, administriren mögen; So versprechen Wir hingegen, daß von solchen Ihrer Ld. Güthern und Vermögen, ohne dero Vorbewußt und Einwilligung nichts vereußert, sondern dieselben vielmehr verbeßert und vermehret [...] und hierüber Ihro Ld. zu dero Handgelt jährlich sechshundert Thaler uff die vier Quartale, damit Ihre Ld. davon sich mit

von Weymar muste Verzicht thun“ (JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2000, Bd. 2, S. 291). 233 Siehe unter anderem ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 237, fol. 21r, 30r, 35r, 64r. 234 Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 29. Januar 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 117r. 235 Zur Geschlechtsvormundschaft allgemein siehe: DILCHER 1997, S. 55–72, hier S. 62; BARTSCH 1903, S. 134–140.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Kleidung, weißen Geräthe und andern weiblichen Mobilien, sich versehen, auch Hochzeit, Pathen= und H. Christ=geschenk abtragen können, unfehlbar gezahlet und gereichet werden“236. Gemäß dem Erlass war Herzogin Charlotte Maries Handgeld gegenüber den Bestimmungen des Ehevertrages um 400 Reichstaler auf nunmehr 600 Reichstaler erhöht worden. Damit hatte sich ihre materielle Situation – zumindest auf dem Papier – verbessert. Über eine Garantie, dass ihr das Handgeld im Gegensatz zu den vorangegangenen Monaten wirklich ausgezahlt wurde, verfügte Herzogin Charlotte Marie nach wie vor nicht. Vielmehr ist dieses scheinbare Entgegenkommen Herzog Wilhelm Ernsts gegenüber seiner Frau als Strategie zu sehen, um die Verhandlungsposition gegenüber Herzog Johann Georg I. zu verbessern. Indem sich Herzog Wilhelm Ernst zumindest nach außen hin für die Belange seiner Frau einsetzte, versuchte er die Argumentation des Eisenacher Herzogs zu entkräften und nicht zuletzt Herzogin Charlotte Marie als Verbündete bei der Umsetzung seines Anliegens – die Herrschaftsübernahme über die Paraphernalgüter seiner Ehefrau – zu gewinnen. Die Strategie Herzog Wilhelm Ernsts schien – zumindest teilweise – aufzugehen. Am 23. Oktober 1684 schrieb Herzogin Charlotte Marie an Herzog Johann Georg I., „weil ich meines herzlich geliebten Herrn und Gemahls Ld. mir zutragenden fürstlichen Liebe und Affection, auch daß Sie mir künfftig in meinen vor fallenden Angelegenheiten mit dero wohlmeinenden Beyrathen nicht enstehen werden, genugsam versichert bin, so trage ich nicht unbillich Bedenken, Eu. Gnd. bey Ihro vorhin aufhabenden vielfachen und beschwehrlichen Regierungs= und Landes=Sorgen, ferner meinet halben zu bemühen“237. Die Botschaft der Herzogin Charlotte Marie an ihren Onkel war deutlich: Sie ersuchte ihn, die de facto ausgeübte Vormundschaft zu beenden. Es erscheint jedoch fraglich, inwieweit es wirklich die Absicht der Herzogin Charlotte Marie war, ihren Onkel von der Vormundschaft zu entbinden. Vielmehr ist es nahe liegend, dass sich die junge Herzogin der Tragweite der Auseinandersetzung gar nicht bewusst war und sich an dieser Stelle dem Druck und den Vorstellungen ihres Ehemannes Wilhelm Ernst beugte. Bemerkenswert ist an dieser Stelle der Gebrauch der Vokabel ,Liebe‘ durch Herzogin Charlotte Marie. Indem Liebe hier als „fürstliche Liebe“ deklariert und damit in unmittelbaren Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Status des Paares gebracht wird, kommt die zweckgebundene, nämlich auf den Erhalt des Status ausgerichtete Form der Verbundenheit zum Ausdruck. Doch Herzog Johann Georg I. war vorerst nicht bereit, auf die von ihm de facto ausgeübte Vormundschaft zu verzichten. Seine Antwort an Herzogin Charlotte Marie lautete daher: „Nun werde Eu. Ld. hierinnen gar gerne willfahren; Alldieweile aber ich auch sehen möchte, daß alles fein ordentl. beschehe, und solche Verfügung, indem ich mich außer Landes befinde, so gleich nicht thun lassen kan; 236

Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar vom 8. Oktober 1684 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 155. 237 Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Georg I. von SachsenEisenach (Abschrift), 23. Oktober 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 156.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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Als ersuche Eu. Ld. freündvetterlich, Sie wollen belieben, nur so lang in Gedult zustehen, biß ich mich wiederumb zu Eisenach befinde;“238. Damit hatte Herzog Johann Georg I. eine Entscheidung in der Vormundschaftsfrage hinausgezögert und sich einmal mehr den rechtlichen Bestimmungen entgegengestellt. Tatsächlich gelang es Herzog Johann Georg I., sich gegenüber Herzog Wilhelm Ernst zu behaupten und die Vormundschaft über Herzogin Charlotte Marie de facto noch Jahre nach der Hochzeit bis zu seinem Tod im Jahr 1686 auszuüben. Eine Begründung für das Vorgehen Herzog Johann Georgs I. mag die Tatsache sein, dass die Ehe zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie – entgegen der nach der Hochzeit erfolgten offiziellen Darstellung – nie vollzogen wurde. Die Ehe erlangte aber erst durch den ehelichen Beischlaf ihre volle Gültigkeit. Auch wenn dieser Grundsatz bei frühneuzeitlichen Juristen umstritten war239, so ergaben sich daraus zumindest Zweifel im Hinblick auf die Gültigkeit der Ehe des Weimarer Herzogspaares. Unter dem Gesichtspunkt der nicht vollzogenen Ehe hatte Herzog Wilhelm Ernst in der Tat keine Ansprüche auf die Vormundschaft. Allerdings gibt es in den Quellen keine Hinweise darauf, dass der Aspekt der nicht vollzogenen Ehe zum Zeitpunkt des Vormundschaftsstreits von den Beteiligten thematisiert wurde. Erst im Zusammenhang mit der späteren Scheidung wurde dieser Sachverhalt diskutiert. Es gab jedoch noch weitere Motive, die Herzog Johann Georgs I. Vorgehen bestimmten. Zum einen sei hier auf die tatsächliche Fürsorge gegenüber seinem Mündel Charlotte Marie verwiesen. Allein die Tatsache, dass ihr die Auszahlung der Handgelder verweigert wurde, musste Herzog Johann Georg I. als nahen Verwandten und Vormund auf den Plan rufen. Als solcher war es seine Pflicht, die Interessen seines Mündels zu vertreten. Zum anderen spielten bei der Vormundschaftsfrage auch eigene Machtinteressen Herzog Johann Georgs I. eine wichtige Rolle. Indem er nach der Hochzeit auf die Ausübung der Vormundschaft insistierte, konnte er – wenn auch stellvertretend für Herzogin Charlotte Marie – die Herrschaft über deren Paraphernalgüter ausüben. Dies bedeutete einen Machtzuwachs für den Herzog von Sachsen-Eisenach. Demgegenüber wollte auch Herzog Wilhelm Ernst nicht auf diesen Besitz- und Herrschaftszuwachs verzichten, obgleich die Herrschaft über die Paraphernalgüter ihm als Ehemann und ehelichem Vormund nicht ohne weiteres zugestanden hätte: Paraphernalgüter und -gelder waren rechtlich der Ehefrau vorbehalten. Dennoch war es in der Praxis oftmals der Fall, dass der Ehemann die Verwaltung und teilweise auch die Nutzung dieser Güter und Gelder übernahm. Zur Untermauerung seiner Position bemängelte Herzog Johann Georg I. im Hinblick auf den Ehevertrag die Nichteinhaltung entscheidender Formalia, ohne die der Vertrag nicht gültig sei. Hierzu zählte die Siegelung des Vertrages durch die daran beteiligten Parteien. „obwohl die Fürstl. Ehepacta an Seiten unser und E. Ld. gesiegelt und unterschrieben“, schrieb Herzog Johann Georg I. im Septem238 Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzogin Charlotte Marie von SachsenWeimar (Abschrift), 2. November 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 157r. 239 MOSER 1745, 19. Teil, S.463–468.

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ber 1684 an Herzog Wilhelm Ernst, „so mangeln iedoch E. Ld. Frau Gemahlin und dero Herrn Bruders, Herzog Johann Ernsts [III.] Ld. Ld. Siegelung annoch in beeden Exemplarien, welche doch üm mehrer Solennität und Bekräfftigung willen beÿ dergleichen wichtigen Documenten allerdings nöhdig sind“240. In der frühneuzeitlichen Jurisprudenz lassen sich jedoch unterschiedliche Ansichten finden, inwieweit die Unterschrift und Siegelung der am Ehevertrag beteiligten Parteien die Gültigkeit des Vertrages beeinflussen.241 Eine Rechtsnorm, welche die Unterschrift und Siegelung der Vertragsparteien als Bedingungen für die Gültigkeit eines Ehevertrages vorsah, existierte nicht. Demzufolge war auch die Argumentation Herzog Johann Georgs I. anfechtbar. Dabei darf aber nicht übersehen werden, welche symbolische Bedeutung und Funktion eine Siegelung hatte: Das Siegel diente dazu, dem Geschriebenen Autorität zu verleihen und es diente als Garantie für die Authentizität des Schriftstückes. Ebenso hatte das Siegel eine zentrale Funktion als Mittel der Repräsentation.242 Vor dem Hintergrund dieser immensen Bedeutung erstaunt es nicht, dass sich an der fehlenden Siegelung Konflikte entzündeten. Doch nicht nur Johann Georg I., sondern auch Herzog Wilhelm Ernst nahm den Ehevertrag und dessen Bestimmungen zum Anlass, um die eigenen Ansprüche durchzusetzen. So ermahnte der Weimarer Herzog seinen Onkel Johann Georg I. im Februar 1685, den noch ausstehenden Anteil an den Ehegeldern Charlotte Maries zu entrichten.243 Diese sich am Ehevertrag entzündenden Auseinandersetzungen zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach machen deutlich, dass die Absicht, durch eine innerdynastische Heirat das mit einer Eheschließung einhergehende Konfliktpotential möglichst gering zu halten, nunmehr kontraproduktive Formen angenommen hatte. Damit verfehlte das Ehebündnis die ihm zugrunde liegende Intention, den innerernestinischen Beziehungen zu Kontinuität und Stabilität zu verhelfen.

4.2.3 Die Suche nach einer geeigneten Hofmeisterin oder: Wie erzieht man eine junge Ehefrau? Die geschilderten, auf rechtlichen und formalen Aspekten begründeten Auseinandersetzungen dürften das Verhältnis der Eheleute stark beeinflusst haben. Zudem erscheint es nahe liegend, dass Herzogin Charlotte Marie aufgrund ihres geringen Alters mit den ihr zugedachten Aufgaben einer „Herrin des Hauses“244 240

Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 6. September 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 150. 241 MOSER 1745, 19. Teil, S. 389–392. 242 Zur Bedeutung von Siegeln siehe: SIGNORI 2007, S. 9–20, hier S. 9. Zur symbolischen Kommunikation allgemein siehe: STOLLBERG-R ILINGER 2004, S. 489–528. 243 Memorial des Herzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an seinen Kanzler Volkmar Happe (Abschrift), 14. Februar 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 175r. 244 BASTL 1998, S. 31.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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überfordert war. Zudem wurde Charlotte Maries Verhalten bereits in früheren Jahren als problematisch wahrgenommen. Einem Codizil der Herzogin MarieCharlotte von Sachsen-Jena, der Mutter Charlotte Maries, aus dem Jahr 1681 ist zu entnehmen: „daß hochgedachte unsere Tochter Ld. nach unserer beschehenen Beÿsetzung zu Gotha, beÿ unsers freündlich geliebten Herrn Vetters und Gevatters, Herrn Friedrich Herzogs Zu Sachsen Ld. sich so lang wesentlich aufhalte, biß sich mit derselben einige Änderung Zeigen möchte“245. Die Worte der Mutter deuten darauf hin, dass das Verhalten der Herzogin Charlotte Marie bereits damals nicht den an sie gerichteten Erwartungen entsprach.246 Im Hinblick auf ihr Temperament wurde Herzogin Charlotte Marie von Seiten der adeligen Standesgenossen und namentlich von Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen (1658–1729) attestiert, dass „der jungen Hertzogin von Weimar ihre Hümeur [...] sehr wunderlich sol sein“247. Die Tatsache, dass die Zeitgenossen das Verhalten der Herzogin auf ihren „Humeur“248 zurückführten, ist nicht ungewöhnlich. Dieser Topos taucht in den frühneuzeitlichen Quellen häufig auf, um deviantes Verhalten von Frauen zu erklären.249 Demgegenüber ist es im vorliegenden Fall äußerst bemerkenswert, dass Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen nicht nur Herzogin Charlotte Marie einen „wunderlicher Humeur“ attestierte, sondern auch festhielt, dass ebenfalls „des Hertzogs seiner sehr wunderlich sol sein.“250 Darüber hinaus galt Herzog Wilhelm Ernst als besonders 245

Codizil der Herzogin Marie-Charlotte von Sachsen-Jena (Abschrift), 27. Oktober 1681, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 623, fol. 27. 246 Die Tatsache, dass Charlotte Marie nach Gotha und nicht nach Weimar oder Eisenach geschickt werden sollte, ist sicherlich auf die Differenzen zwischen Herzogin Marie-Charlotte auf der einen Seite und den Herzögen von Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach auf der anderen Seite zurückzuführen. Ebenso erscheint es nahe liegend, dass sich Herzogin Marie-Charlotte am Gothaer Hof eine bessere Erziehung für ihre Tochter erhoffte. Schließlich wirkte dort Veit Ludwig von Seckendorff (1626–1692), der sich in seiner Schrift vom „Teutschen Fürstenstaat“ explizit für die Erziehung der hochadeligen Töchter einsetzte und im zeitgenössischen Erziehungsdiskurs progressive Forderungen vertrat. Seckendorff begründet die Notwendigkeit der hochadeligen Töchtererziehung damit, dass „[...] denen fürstlichen Princeßinen aber, zur Erweckung ihres Verstandes, und sonderbahrer Wohlanständigkeit und Nutzbarkeit, sonderlich, weil sichs zutragen kann, das eine fürstliche und gräfliche weibliche Person, wie anderswo gedacht in Vormundschafft ihrer Kinder zu einer Landesregierung gelangen kan oder auch gewissen Ämtern und Herrschaften, die ihnen zum Leibgedinge eingeräumet werden, vorstehen muß“ (SECKENDORFF 1737, S. 172–173). 247 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an ihre Mutter, die Herzogin Elisabeth Juliane von Braunschweig-Wolfenbüttel, 12. September 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 152. 248 Auch wenn der Begriff „Humeur“ auf die Säftelehre (lat. humor = Saft) verweist, so ist er im vorliegenden Zitat eher im übertragenen Sinn als Synonym für „Stimmung“ und „Laune“ zu verstehen. Dass der Begriff „Humeur“ bereits im 17. Jahrhundert generell als adäquate Bezeichnung für „Stimmung“ verwendet wurde, konnte bereits Michael Stolberg nachweisen. Siehe: STOLBERG 2003, S. 120. 249 Siehe hierzu: OSSWALD -BARGENDE 1998a, S. 65–88, hier S. 69. 250 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an ihre Mutter, die Herzogin Elisabeth Juliane von Braunschweig-Wolfenbüttel, 12. September 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

eigenwillig und streitbar.251 Dies legt die Vermutung nahe, dass nicht nur materiell motivierte Auseinandersetzungen das Verhältnis des Ehepaares belasteten, sondern auch die unterschiedlichen Charaktere der Eheleute. Um dennoch dafür zu sorgen, dass Herzogin Charlotte Marie den an sie gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen gerecht wurde, sollte sich eine erfahrene Hofmeisterin der jungen Herzogin annehmen. Die Suche nach einer geeigneten Hofmeisterin erwies sich jedoch als äußerst schwierige Aufgabe, mit der sich nicht nur das Haus Sachsen-Weimar, sondern zunehmend auch die ernestinischen Nachbarlinien beschäftigten. Den Quellen zufolge waren weibliche Verwandte damit betraut, eine geeignete Kandidatin für das Amt der Hofmeisterin zu finden. Dies erstaunt keineswegs, gehörte es doch zu den Aufgaben einer Fürstin, die Aufsicht über die Dienerschaft auszuüben. So konnte eine Fürstin auch am besten beurteilen, ob eine adelige Dame ihres Hofes als Hofmeisterin in Frage kam. Oder sie konnte sich mit ihren Standesgenossinnen austauschen und auf diesem Wege ermitteln, welche Dame den anspruchsvollen Anforderungen an den Posten einer Hofmeisterin gerecht wurde. Mit der Suche nach einer Hofmeisterin für Herzogin Charlotte Marie hatte Herzog Wilhelm Ernst die Herzogin Marie Elisabeth von Sachsen-Römhild (1656– 1715) betraut. Herzogin Marie Elisabeth empfahl Herzog Wilhelm Ernst eine Frau von Dernbach, die allerdings von der jungen Weimarer Herzogin abgelehnt wurde. Daraufhin wandte sich Herzog Wilhelm Ernst an Herzogin Johannetta von Sachsen-Eisenach (1626–1701) und bat diese um Mithilfe bei der Suche nach einer Hofmeisterin. „Dieweil aber Ihre Lb. biß Datum noch mit keine Hofmeisterin versehen“, schrieb Herzog Wilhelm Ernst an die Herzogin von Sachsen-Eisenach im Jahr 1684, „ohne welche [...] keine Enderung zu hoffen, dargegen Wir zu Gott das veste Vertrauen geschöpfet, daß durch gute Aufsicht, Anhaltung zur Gottesfurcht, und einem stillen Christfürstlichen Tugentwandel von Ihro Drl. Frau Gemahlin gn. gn. mit der Zeit alles in beßren Stande gerichten möchte, alß ließen Wir Unsers H. Vetters Gnd. und Dero Fr. Gemahlin zum höchsten ersuchen, Unßre große Libe und Affection zuerweisen, [...] Unser Gemahlin Lb. etwa auf ein Halbjahr gegen billiges Kostgeld beÿ sich unt unter ihrer Auffsicht zubehalten“252. Der Brief Herzog Wilhelm Ernsts lässt darauf schließen, dass das Verhältnis zwischen dem Weimarer Herzogspaar bereits zu diesem Zeitpunkt angespannt war. Zugleich wird deutlich, dass das Verhalten der jungen Herzogin nicht den Erwartungen ihres Ehemannes entsprach, der von seiner Frau Tugendhaftigkeit und Sittsamkeit verlangte. Was dabei erstaunt ist die Tatsache, dass Herzog Wilhelm Ernst die ehelichen Differenzen dadurch zu lösen versuchte, indem er seine junge Frau zu den Verwandten nach Eisenach schickte.

A 131, fol. 152. 251 TREFFTZ 1911, S. 383. 252 Memorial Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar (Konzept), 9. Juni 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 135r.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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Mit der geäußerten Absicht, seine Frau an den Hof Herzog Johann Georgs I. schicken zu wollen, bezog Herzog Wilhelm Ernst bereits zu einem frühen Zeitpunkt des Ehekonflikts den Familienverband in die Konfliktlösung ein. Im Juni 1684 erklärte sich Herzog Johann Georg I. schließlich bereit, die junge Herzogin für ein halbes Jahr an seinem Hof aufzunehmen.253 Herzogin Charlotte Marie begab sich daraufhin nach Eisenach, doch schon im Juli 1684 ersuchte sie ihren Ehemann, ihr die Rückkehr nach Weimar zu gestatten. „[Ich] hoffe nicht daß meine Gegenward Eu. Lbd. un angenehm seÿn wird bitte anoch Eu. Lbd. wollen sig kein Ungelegenheid machen“ 254, schrieb die Herzogin Charlotte Marie an ihren Ehemann. In der Zwischenzeit war die Suche nach einer Hofmeisterin unverändert weiter betrieben worden. Dabei trat insbesondere die bereits erwähnte Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen als federführend in Erscheinung. Zusammen mit ihrer Mutter, der Herzogin Elisabeth Juliane von Braunschweig-Wolfenbüttel (1634–1704), und der Gräfin Christine von Stolberg-Gedern (1663–1749) versuchte sie im September 1684, eine Frau von Buch als Hofmeisterin für Herzogin Charlotte Marie zu engagieren. Diese Bemühungen blieben aber erfolglos. Doch war es in diesem Fall die Auserwählte selbst, die ablehnte. In einem Brief an Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen gab Frau von Buch als Begründung für ihre Absage an: „weil unter beeden hohen Persohnen ein Mißverständnis ist, auch Ihre Dhl. der Herzogin Humeur was wunderlich seÿn soll, alß mus ich bekennen, daß mich dießes nicht wenig erschreckt hatt“255. Darüber hinaus sei „die Beßerung vielmehr zu wünschen alß zu hoffen, welches dann hoch zu beklagen; E. Dhlt. können selbst gnädig nachdenken, wo ein solcher Mißverstandt unter Eheleüthen, zu mahlen unter so hohen, wie könte alß dann ein Diener od Dienerin vergnügtes Gemüths seÿn, wann mann sein Gewißen darin betracht, und nicht anders alß hoher Herrschafft wohlergehen begehret“256. Die Absage Frau von Buchs war demnach nicht nur in der Person der Herzogin Charlotte Marie begründet. Offensichtlich stellten auch die ehelichen Differenzen zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie einen Hinderungsgrund dar. Dabei ist bemerkenswert, dass die Differenzen schon ein knappes Jahr nach der Eheschließung ein derartiges Ausmaß erreicht hatten, dass sie große Aufmerksamkeit des sozialen Umfeldes auf sich zogen. Darüber hinaus gab Gräfin Christine von Stolberg-Gedern zu bedenken, „daß keine verheürathete Princesse, sie mag so jung seÿn, wie sie will, sich von der Hoffmeisterin wird gouver niren laßen, und deswegen dieselbe suchen müste, ihr Herz zu gewinnen, umb sie alßdann durch einrathen, und Exempel andrer zu bezwingen, weiln mann aber von

253 Erlass der Herzöge Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach und Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 24. Juni 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 138. 254 Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar an Herzog Wilhelm Ernst, 14. Juli 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 140r. 255 Frau J. E. von Buch an Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen (Abschrift), 4. September 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 153. 256 Ebd.

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dießer Fürstin [= Herzogin Charlotte Marie] ihrem Gemüthe, daßelbe nicht hoffen darff, ist es alßo die Ursach warumb sie es nicht acceptiret“257. Auch in diesem Zitat wird die Kritik am Verhalten der Herzogin Charlotte Marie zum Ausdruck gebracht. Umso mehr schien es daher geboten, das Verhalten durch eine geeignete Hofmeisterin zu korrigieren. Schließlich gelang es Ende des Jahres 1684, mit Dorothea Catharina von Pflug258 (†1689) eine Hofmeisterin für Herzogin Charlotte Marie zu gewinnen. Die von Herzog Wilhelm Ernst im Januar 1685 erlassene Instruktion für die Hofmeisterin gibt Aufschluss darüber, mit welcher Strenge der Herzog seine junge Frau unterweisen und nicht zuletzt kontrollieren ließ. Es war Anliegen Wilhelm Ernsts, dass Charlotte Marie „zu einen Christfürstlichen stillen und sittsamen Leben und allen dergleichen Standes=Personen wohlanständigen Tugenden“259 ermahnt und angehalten wurde. Der fürstliche Gemahl gab auch vor, wie der Tagesablauf der Fürstin zu gestalten sei. Darüber hinaus hatte Frau von Pflug dafür Sorge zu tragen, dass niemand ohne Wissen des Herzogs Wilhelm Ernst zur Herzogin Charlotte Marie vorgelassen wurde. Die Hofmeisterin sollte die Herzogin auch „niehmals allein ausgehen oder fahren lassen“260. Ebenso verfügte Herzog Wilhelm Ernst, dass „die Hoffmeisterin Unser freundl. Geliebte Gemahlin Lbd. Handgelder zu sich nehmen, davon nichts unnützes ausgeben laßen, und Uns alle Quartal ein Verzeichniß der Ausgaben einhändigen“261. Für den Fall, dass Herzogin Charlotte Marie „nicht comporliren, [...] oder der Hoffmeisterin nicht pariren wollen, soll sie Uns solches bald zu fernerer Verordnung anzeigen“262. Der Maßnahmenkatalog des Herzogs zielte nicht zuletzt darauf ab, dass sich die junge Herzogin ihrem Ehemann vollkommen unterordnete. Dies entsprach dem zeitgenössischen Anforderungsprofil an eine Ehefrau.263 Der Handlungsspielraum der Herzogin war durch die Bestimmungen ihres Ehemannes Wilhelm Ernst äußerst begrenzt worden. Ihr durch das Zeremoniell ohnehin stark strukturierter Tagesablauf wurde durch die Anordnungen Herzog Wilhelm Ernsts zusätzlich determiniert. Aus Sicht Herzog Wilhelm Ernsts waren diese Maßnahmen jedoch nur konsequent und zugleich ein Eigenschutz, um die eigene Ehre zu schützen. Denn die Ehre eines Mannes wurde auch daran gemessen, ob er in der Lage war,

257

Gräfin Christine von Stolberg-Gedern an ihre Mutter, Herzogin Magdalene Sybille von Mecklenburg-Güstrow (Abschrift), 4. September 1684, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 153. 258 Dorothea Catharina von Pflug war die Witwe des Johann Christoph von Pflug (1621–1681). Dieser war seit 1650 am Hof des Herzogs von Sachsen-Altenburg tätig. Siehe: JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2003, Bd. 3, S. 178–179. Es ist daher nahe liegend, dass Frau von Pflug vom Altenburger Hof aus nach Weimar vermittelt wurde. 259 Instruktion für die Hofmeisterin Dorothea Catharina von Pflug (Abschrift), 12. Januar 1685, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abt. A. XXII. No. 443. 260 Ebd. 261 Ebd. 262 Ebd. 263 BASTL 1995, S. 12.

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seine Ehefrau zu keuschem, sittsamen, gehorsamen und demütigen Verhalten zu zwingen.264 Demgegenüber erstaunt es nicht, dass die Umsetzung der Instruktion durch die Hofmeisterin und die damit verbundene ständige Überwachung und Kontrolle der jungen Herzogin bei dieser Aversionen hervorriefen. Herzogin Charlotte Marie wollte sich keineswegs mit den ihr von Herzog Wilhelm Ernst auferlegten Einschränkungen abfinden. Dies wiederum führte zu weiteren Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen dem herzoglichen Paar, die das eheliche Verhältnis nachhaltig beeinträchtigten. Dabei war die Herzogin Charlotte Marie keineswegs die einzige, die sich der Kontrolle und Strenge des Herzogs ausgesetzt sah. Hiervon waren vor allem auch die herzoglichen Bediensteten betroffen. Darf man den Worten Carl Eduard von Vehses (1802–1870) aus dem 19. Jahrhundert Glauben schenken, so war der Weimarer Hof „so still, daß regelmäßig im Sommer neun, im Winter acht Uhr Abends Küche und Keller geschlossen und sämmtliche Dienerschaft entlassen wurde. Der Herzog überwachte alle seine Leute streng, hielt auf pünktliche Ordnung und war so aufmerksam, daß er jeden seiner Diener im Vorgemach an Gang und Auftritt von seinem Zimmer aus unterscheiden konnte.“265 Anhand der Beschreibungen von Vehses erscheint es nahe liegend, dass eine junges Mädchen wie Charlotte Marie Probleme hatte, sich an das höfische Leben in Weimar zu gewöhnen und der ihr zugeschriebenen Rolle als Fürstin und Landesmutter an der Seite Herzog Wilhelm Ernsts nachzukommen.

4.2.4 Die Trennung Im Frühjahr 1685 hatte sich die Lage am Weimarer Hof derart zugespitzt, dass Herzogin Charlotte Marie beabsichtigte, ihren Gemahl zu verlassen und sich an den Eisenacher Hof zu begeben. Von diesen Plänen setzte sie schließlich Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach in Kenntnis. Dieser schrieb daraufhin am 9. April 1685 an Herzogin Charlotte Marie: „Eu. Ld. wird verhoffentlich annoch in frischen Andenken ruhen, was Ich jüngsthin beÿ meiner Anwesenheit zu Weimar, Deroselben ganz treülich gerathen, in sich zugehen, und dero gefaste Intention, sich von dero Herrn EheGemahls Ld. zu absentiren, aus erheblichen, und damahls Eu. Ld. sattsam fürgestellten Ursachen, gänzlich fallen zulaßen; Ich muß aber ganz wiederig vernehmen, daß dieselbe beÿ vorgedachter gefasten Meinung, noch biß dato, verharren [...]“266. Herzog Johann Georg I. ermahnte seine Nichte eindringlich, von einer Abreise nach Eisenach Abstand zu nehmen und sich mit ihrem Gemahl zu versöhnen. Am 9. April 1685 erging ebenfalls ein Brief Herzog Johann Georgs I., in dem die Versöhnung des Herzogspaares thematisiert wurde, 264

ROGGE 2001, S. 509. VEHSE 1855, S. 36. 266 Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzogin Charlotte Marie von SachsenWeimar (Abschrift), 9. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 179r. 265

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an Herzog Wilhelm Ernst. In diesem Brief gab Herzog Johann Georg I. der Hoffnung Ausdruck, dass „Sie [= Herzog Wilhelm Ernst] werden sich hierin dergestalt faßen, daß dieselbe zuförderst alles, waß biß anhero etwa vorgangen seÿn mag, mit Gedult überwinden, und dann auch Ihres Orts, alle erspriesliche Mittel und Wege ergreiffen, dardurch dem Werck geholffen, und Ihrer beÿderseits Vergnügen befördert, [werde]“267. Herzog Johann Georg I. war bestrebt, dass „hingegen alle Extremitäten, dardurch Eu. Ld. und Unserm Gesamten Fürstl. Hauße, übele Nachrede und Disreputation entstehen können, vermieden werden mögen“268. Obgleich im Allgemeinen Verwandte nur ungern in häusliche Zwistigkeiten eingriffen, erachtete es Herzog Johann Georg I. doch als notwendig, durch Interventionen und Schlichtungsversuche die ehelichen Zwistigkeiten beizulegen um auf diesem Weg das Ansehen der ernestinischen Häuser zu wahren. Dabei lassen die Äußerungen Herzog Johann Georgs I. keinen Zweifel daran, dass das Ansehen des fürstlichen Hauses dem persönlichen Wohlergehen der Eheleute übergeordnet wurde. Vor diesem Hintergrund war es einer Frau wie Herzogin Charlotte Marie nicht ohne weiteres möglich, ihren Ehemann zu verlassen und zu ihrer Herkunftsfamilie beziehungsweise zu Verwandten zurückzukehren.269 Die eindringlichen Worte Herzog Johann Georgs I. erzielten allerdings weder bei Herzog Wilhelm Ernst noch bei Herzogin Charlotte Marie die gewünschte Wirkung. Vielmehr begab sich die Herzogin Mitte April 1685 an den Hof ihres Onkels Johann Georg I. nach Eisenach und entzog sich so der ehelichen Gewalt ihres Mannes. Dieses eigenmächtige Vorgehen der Herzogin musste für Herzog Wilhelm Ernst als Ehemann einen erheblichen Ehr- und Prestigeverlust darstellen.270 Das Vorgehen der Herzogin Charlotte Marie beschädigte jedoch nicht nur den Ruf Herzog Wilhelm Ernsts, sondern aufgrund der nahen Verwandtschaft auch den Ruf des gesamten fürstlichen Hauses Sachsen. Dies zum Ausgangspunkt nehmend wandte sich Herzog Johann Georg I. erneut an Herzog Wilhelm Ernst, um die Angelegenheit möglichst schnell zu bereinigen. Dabei kam auch zur Sprache, dass „hochgedacht Ihro Ld. [= Herzogin Charlotte Marie] gar sehr contestirten, daß Sie mein wohlgemeintes Ermahnungsschreiben, so unter offenen Siegel Eu. Ld. jüngst beÿgeschloßen, nicht bekomen, da doch versichert bin, daß solches etliche Tage für Ihrer Abreÿße, Eu. Ld. überliefert worden, und gewiß gehoffet, daß solches beÿ Ihro Ld. etwas fruchten“271. Demzufolge hatte Herzog Wilhelm Ernst seiner Frau Charlotte Marie den an sie gerichteten Brief ihres Onkels Johann Georgs I. vorenthalten. Die absichtliche Vorenthaltung des 267

Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 9. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 178 r–178v. 268 Ebd., fol. 178v. 269 Exemplarisch sei an dieser Stelle Charlotte von Hessen-Kassel (1627–1686) genannt, die nach der gescheiterten Ehe mit Kurfürst Karl I. Ludwig von der Pfalz (1617–1680) zu ihrer Herkunftsfamilie nach Kassel zurückkehrte. 270 ROGGE 2001, S. 502. 271 Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 18. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 184r.

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Briefes erscheint als Teil einer Strategie Herzog Wilhelm Ernsts, welche auf die Diskreditierung der Herzogin ausgerichtet war. Durch ihre Reise nach Eisenach hatte Herzogin Charlotte Marie die Ratschläge des Onkels scheinbar absichtlich ignoriert und damit Herzog Johann Georg I. brüskiert. Obwohl Herzog Wilhelm Ernst Kenntnis von den Reiseabsichten seiner Frau hatte, unternahm er nichts, um die Abreise der Herzogin zu verhindern. Vielmehr versuchte Herzog Wilhelm Ernst, das Vorgehen Charlotte Maries und damit verbunden eine Ansehensschädigung des Hauses Sachsen-Weimar in Kauf nehmend, seine eigene Position in den ehelichen Auseinandersetzungen zu stärken. Wie die Reaktion Herzog Johann Georgs I. zeigte, brachte diese Vorgehensweise Herzog Wilhelm Ernsts nicht den gewünschten Erfolg. Er müsse dafürhalten, schrieb Herzog Johann Georg I. an seinen Neffen Wilhelm Ernst, „daß Eu. Ld. [= Herzog Wilhelm Ernst] eine solche Intention hierunter führen, die auf Extremitäten hinauß laufen, und welche ohnzehlich viele Inconvenientien nach sich nur aber und meinem Hauße, wo nicht Schimpff, doch wenigst sehr viel Ungelegenheit zuziehen werden“272. Wenn Herzog Johann Georg I. auch „Ungelegenheiten“ befürchtete, so ahnte er zu diesem Zeitpunkt wohl kaum, wie folgenschwer diese „Ungelegenheiten“ tatsächlich noch werden und dass sie sich über mehrere Jahre erstrecken sollten. Aus Sicht Herzog Johann Georgs I. und des Hauses Sachsen-Eisenach war es ein dringliches Anliegen, die ehelichen Differenzen des Weimarer Herzogspaares zeitnah beizulegen. Zumindest aber sollte Herzogin Charlotte Marie zu ihrem Ehegatten nach Weimar zurückkehren. Zu diesem Zweck bat er Herzog Wilhelm Ernst, seine Frau wieder bei sich aufzunehmen. Doch dazu war dieser nicht bereit. Vielmehr schickte er seinen Kanzler, den Geheimen Rat Volkmar Happe († 1694), nach Eisenach, um dort seine Position darzulegen. Der diesbezüglichen Instruktion Herzog Wilhelm Ernsts vom 21. April 1685 an seinen Kanzler Happe ist zu entnehmen, dass der Herzog beabsichtigte, „Ihro Ld. nicht wieder zu Uns zu nehmen, sondern Uns von derselben durch Unser Consistorium uf vorgegangene Verhör zu Tische und Bette zum Wenigsten auf ein Jahr scheiden zu laßen“273. Auch wenn Herzog Wilhelm Ernst davon spricht, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, so ist damit noch keine formale und endgültige Scheidung gemeint, sondern vielmehr eine befristete Trennung. Eine Trennung von Tisch und Bett – seperatio temporaria – sollte in der ehegerichtlichen Praxis dazu dienen, den Ehekonflikt beizulegen und damit eine Scheidung letztlich zu verhindern. Eine seperatio temporaria ging einer formalen Scheidung voraus.274 Doch schon bei einer derartigen Trennung handelte es sich um einen folgenschweren und Prestige gefährdenden Sachverhalt, dokumentierte er doch die durch eheliche Differenzen hervorgerufene Störung des häuslichen Friedens. Gleichermaßen war die Sicherung der Existenz des Hauses, worin die Aufgabe und Bestimmung 272

Ebd., fol. 184 v–185r. Instruktion Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an den Kanzler Volkmar Happe (Abschrift), 21. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 195r. 274 BUCHHOLZ 1997, S. 110. 273

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des Herzogpaares bestand, in Frage gestellt. Als Grund für seinen schwer wiegenden Entschluss führte der Weimarer Herzog an, dass er „in [...] herzfreßender Wiederwärtigkeit und betrübten Zustande mit Unserer Gemahlin Ld. ohne einzige von Uns gegebene Uhrsache bißher gelebet“275. Somit wies Herzog Wilhelm Ernst jede Schuld an dem ehelichen Zerwürfnis von sich. Damit entsprach er dem allgemeinen frühneuzeitlichen Rollenverständnis der Geschlechter innerhalb der Ehe, das auf einer zumindest institutionell kaum eingeschränkten Machtstellung des Mannes beruhte. Demgegenüber hatte sich die Frau in der ehelichen Gemeinschaft dem Mann unterzuordnen. Kam es zu Differenzen innerhalb der Ehe, wurden diese häufig dem Verhalten der Ehefrau und ihrer mangelnden Bereitschaft zur Unterordnung angelastet.276 Weiter äußerte Herzog Wilhelm Ernst: „Ob Wir nun wohl gehoffet, es würde durch Gottes Gnade sich das Werk zur Beßerung geändert, Und Ihr Ld. sich als eine Christfürstliche tugendhafte Gemahlin gegen Uns erwiesen haben, so ist es dog leider! Von Tag zu Tag ärger worden sogar, daß sie nicht nur mit Werken, sondern auch mit dürren und deütlichen Worten gegen Unsere Cantzlar, Räthe und Consistoriales [...] öfters bezeiget, daß Sie Uns nicht lieb hätte noch iemahl geliebet oder lieben wolte. Sondern wäre gesonnen von hier weg, u. nimmer mehr, wenn ihr gleich der Kopf abgeschlagen werden solte, wiederkommen“277. Auch wenn die Äußerungen des Herzogs sicher rhetorisch zugespitzt sind, so ist davon auszugehen, dass das zwischenmenschliche Verhältnis des Herzogpaares äußerst gestört war. Dabei ist die von Herzog Wilhelm Ernst monierte fehlende ‚Liebe‘ auf Seiten der Herzogin weniger als fehlende emotionale Zuneigung, sondern vielmehr als fehlende Bereitschaft der Herzogin zur Unterordnung gegenüber ihrem Ehemann zu interpretieren. Indem nunmehr zu befürchten stand, dass auch Bedienstete in den Konflikt involviert wurden, sah der Herzog seine familiäre wie auch gesellschaftliche Position gefährdet. Des Weiteren behauptete Herzog Wilhelm Ernst, dass sich Herzogin Charlotte Marie „ohn Unser Erlaubniß u. wieder Unsern Willen, alles Ermahnens ungeachtet, weggereiset, das Ihrige eingepakket, und was Sie fort bringen können, mitgenommen, also ipso facto sich von Uns zu Tische und Bette separiret [habe]“278. Dies alles sei „zu Unserer höchsten Betrübniß und Unsers H. Haußes Beschimpfung [geschehen]“279. Trotz der Bekundungen des Herzogs legen es die Differenzen, welche der Abreise der Herzogin vorausgegangen waren, nahe, dass auch Herzog Wilhelm Ernsts Verhalten erheblich zu dem Zerwürfnis der Eheleute beitrug. Vielmehr nutzte er die Abreise der Herzogin Charlotte Marie und die damit entstandene Situation, um eine Trennung von der Herzogin

275

Instruktion Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an den Kanzler Volkmar Happe (Abschrift), 21. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 194r. 276 NOLDE 2003, S. 66–89. Siehe auch: FENDRICH 2004, S. 102. 277 Instruktion Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an den Kanzler Volkmar Happe (Abschrift), 21. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 194r–194v. 278 Ebd., fol. 194v. 279 Ebd., fol. 195r.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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durchzusetzen. Offenbar rechnete Herzog Wilhelm Ernst nicht mehr damit, dass Herzogin Charlotte Marie sich ohne weiteres in das ihr vorgegebene Normenkorsett einfügen und sich ihrem Ehemann vorbehaltlos unterwerfen würde. Um weiteren und langwierigen Auseinandersetzungen mit Herzogin Charlotte Marie und möglicherweise auch mit der ernestinischen Verwandtschaft vorzubeugen, erwog Herzog Wilhelm Ernst, sich von seiner Frau zu trennen. Es ist nicht auszuschließen, dass Wilhelm Ernst damit den Weg hin zu einer Scheidung ebnen wollte, um sich später anderweitig verheiraten zu können. Dafür spricht, dass Herzog Wilhelm Ernst in seiner Instruktion für den Kanzler Happe nicht nur die Gründe der Trennung reflektierte, sondern auch im Hinblick auf die künftige Versorgung der Herzogin Charlotte Marie Überlegungen angestellt hatte, die der Kanzler nun Herzog Johann Georg I. mitteilte. Konkret beinhaltete die Instruktion Herzog WilhelmErnsts zwei alternative Vorschläge: Der eine sah vor, dass der Unterhalt für Herzogin Charlotte Marie zu gleichen Teilen von Herzog Wilhelm Ernst und von Herzog Johann Georg I. zu erbringen sei. Damit verbunden war die Forderung Herzog Wilhelm Ernsts, dass ihm die völlige Nutzung der Paraphernalgüter seiner Frau übertragen würde. Neben dem Gut Porstendorf und dem Geleit zu Jena beanspruchte er auch Charlotte Maries Pension, die bei der Vormundschaftskammer zu Jena hinterlegt war, ebenso wie „dero [= Herzogin Charlotte Maries] Pretiosa und Silberwerk [...] daß Wir deßen versichert seyn könten, und nicht alles vollend zu Waßer gemacht würde“280. Mit diesem Vorschlag erhoffte sich Herzog Wilhelm Ernst neben einem finanziellen Zugewinn die Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches auf das Gut Porstendorf. Im Gegenzug war Herzog Wilhelm Ernst bereit, seiner Ehefrau jährlich 500 Reichstaler Kostgeld sowie ebenfalls 500 Reichstaler Handgeld zu reichen. Hinsichtlich des Kost- und Handgeldes für Herzogin Charlotte Marie überstieg das Angebot den üblichen Rahmen der Verpflichtungen des Ehemannes um 100 Reichstaler. Allerdings stand diese Summe in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Gewinn des Herzogs bei Annahme seines Vorschlages. Daher konnte Herzog Wilhelm Ernst nicht davon ausgehen, dass sein Vorschlag widerspruchslos durch Herzog Johann Georg I. angenommen wurde. Um dennoch eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeizuführen, ließ Herzog Wilhelm Ernst dem Eisenacher Herzog einen alternativen Vorschlag unterbreiten. Für den Fall, dass Herzog Johann Georg I. die Vormundschaft über Charlotte Marie und damit einhergehend die Nutzung über deren Paraphernalgüter weiter für sich beanspruchen würde, sollte er auch allein für den Unterhalt der Herzogin aufkommen. Um seinen beiden Vorschlägen Nachdruck zu verleihen, gab Herzog Wilhelm Ernst zu bedenken: „Solten aber Ihro Gn. u. Ld. keinen von diesen Unsern Vorschlägen belieben, soll Unser Abgeordneter ausdrücklich bedingen, daß Wir dennoch die Separationsklage vor Unserm Consistorio fortzusetzen und in contumaciam zu verfahren Uns genöhtiget befinden, wie Wir denn dieselbe weder in Unserer Residenz nog Landen zu dulten gemeinet, sondern vielmehr sie 280

Ebd., fol. 196r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

nirgend einzulaßen, schon aller Ohrten Anstalt gemachet“281. Herzog Wilhelm Ernsts Argumentation war einzig auf einen Macht- und Besitzgewinn ausgerichtet. Die Trennung von Herzogin Charlotte Marie und die in Aussicht gestellte Versorgung der Herzogin benutzte er dabei als Unterpfand in den Verhandlungen. Dabei war offensichtlich, dass die Durchsetzung seiner Interessen bei den fürstlichen Verwandten, und insbesondere bei Herzog Johann Georg I., auf Widerstand stoßen musste. Für Herzog Johann Georg I. stellten beide Vorschläge einen massiven Einschnitt in seine eigenen Interessen dar, doch mit einer vollkommenen Ablehnung der Vorschläge hätte Herzog Johann Georg I. implizit in eine Scheidung des Weimarer Herzogspaares eingewilligt – auch dies konnte nicht im Interesse des Herzogs von Sachsen-Eisenach sein. Es war nun Aufgabe des Kanzlers Volkmar Happe, die Einwände und Bedenken von Eisenacher Seite aus dem Weg zu räumen und eine Entscheidung zu Gunsten Herzog Wilhelm Ernsts zu forcieren. Der Kanzler Happe reiste schließlich am 23. April nach Eisenach. Am darauf folgenden Tag fand ein Gespräch mit Herzogin Charlotte Marie statt. Im Auftrag Herzog Wilhelm Ernsts teilte ihr der Kanzler Happe mit, dass der Herzog „die Hertzogin nicht wieder zu sich nehmen, sondern von derselben [sich] scheiden [zu] lassen [beabsichtige], welches auch also bey dem hiesigen Hertzog anzubringen befehlichet, worauf Sie aber nichts antwortete, sondern über die Hofmeisterin und Jungfer klagte, Sie könte u. wolte solche nicht behalten“282. Die Äußerungen Happes lassen darauf schließen, dass sich Herzogin Charlotte Marie nicht mit der Scheidung und den damit verbundenen Folgen auseinandersetzte. Dabei bedeutete eine Trennung oder gar Scheidung von Herzog Wilhelm Ernst für sie einen erheblichen Prestigeverlust und nicht zuletzt materielle Einschnitte, denn bei einer Scheidung hätte ihre ohnehin diffizile ökonomische Situation einer neuen Regelung bedurft. Hierbei konnte Herzogin Charlotte Marie keine rechtlichen Ansprüche geltend machen, sondern war auf das Wohlwollen ihrer fürstlichen Verwandten angewiesen. In der Tat konnte Herzogin Charlotte Marie weiter mit der Unterstützung Herzog Johann Georgs I. rechnen. So ist der Resolution Herzog Johann Georgs I. vom 26. April 1685 als Begründung für das Eingreifen von Eisenacher Seite zu entnehmen: „Damit nun alle vergebliche Weitlauffigkeit evitiret verbleibe, auch man der Welt nichts zu reden geben und das ges. fl. Hauß [= das gesamte Fürstliche Haus] hierdurch nicht in Schimpff gesetzt werde, maßen im Gegenfall I. D. [= Ihro Durchlaucht] allhier wegen obhabenden vormundschafftl. Pflichten, und alß Herrn Vaters Bruder, nicht anders thun können, alß der Fr. Gemahlin sich anzunehmen. So wolten sie dannenhero I. D. Zu S. W. [= Seine Wohlgeboren] nochmahls sehr freünd= und höflich gebethen haben, zu Weitlauffigkeiten keinen Anlaß zu geben, sondern zu geruhen, dero gefasten Eÿfer gegen dero Fr. Gemahlin fallen zu laßen, den angelegten Befehl, im Land die Fr. Gemahlin nicht 281

Ebd., fol. 196v. Bericht des geheimen Rats und Kanzlers Volkmar Happe an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 206v. 282

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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aufzunehmen, alß welcher allzuschimpfflich und zu hart, zu cassiren, und sie wiederumb zu sich zu nehmen.“283 Es war offensichtlich, dass die Bemühungen des Vormunds weniger auf den Interessen der Herzogin Charlotte Marie, als vielmehr auf dem drohenden Skandal für das fürstliche Haus Sachsen begründet waren. Herzog Johann Georg I. versuchte in erster Linie, die durch eine Trennung zu befürchtende Schädigung des Ansehens des Hauses Sachsen abzuwenden. Dabei beschäftigten sich nicht nur die männlichen Mitglieder des Familienverbandes – wie Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach – mit den ehelichen Differenzen des Weimarer Herzogpaares und wie diese beizulegen seien. Den Aufzeichnungen des Kanzlers Happe ist zu entnehmen, dass auch Herzogin Johanetta von Sachsen-Eisenach an den Diskussionen beteiligt war. Die Lösung dynastischer Konflikte, auch wenn diese wie im vorliegenden Fall hochpolitische Dimensionen erreichten, blieb somit nicht den männlichen Dynastiemitgliedern vorbehalten. Das Eisenacher Herzogspaar ließ schließlich Herzog Wilhelm Ernst mitteilen, dass die Scheidung „noch zur Zeit nicht statt haben könte, I. h. Dhl. zu Weimar hätten so wohl Schuld als die Gemahlin, Sie hätten ja dieselbe und ihren Humeur vor der Vermählung wohl gekennet, wären auch genugsam gewarnet worden, nunmehr [sei es] aber zu späte, dero Mores zu improbiren“284. Des Weiteren äußerte Herzog Johann Georg I. gegenüber dem Kanzler Happe: „Zu Jena und Kalten-Northeim wäre der Weimarischen Hertzogin ihrem Herrn beyzuwohnen parola gewesen, der Hertzog hätte aber solches selbst denegiret.“285 Dem entgegnete der Kanzler, dass Herzog Wilhelm Ernst vor dem Hintergrund, dass „die Hertzogin zu Jena und Kalten-Northeim sich gar zu wiedrig erzeiget, und mehr als sich gebühret, Wein zu sich genommen, unmöglich bey Ihr bleiben, noch dieses Unglück länger in statu praesenti ertragen könte“286. Auch wenn der Kanzler Happe darum bemüht war, die Argumente der Eisenacher Seite zu entkräften und die Position Herzog Wilhelm Ernsts zu stärken, war seine Mission nicht von Erfolg gekrönt. Herzog Johann Georg I. ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er einer Trennung ablehnend gegenüber stand. Der Kanzler Happe musste Herzog Wilhelm Ernst mitteilen, dass er es „dahin gestellet seyn lassen [sollte], [...] die Separation könte nicht statt haben, noch das Consistorium zu Weimar Judex seyn“287. Happe konnte resümierend nur festhalten: „Ob ich nun wohl ein und andere mündliche Gegenremonstration getahn, ist es doch weiter nicht zu bringen gewesen, habe mich also den 28. Apriliis [...] wieder auf die Rückreiße begeben.“288

283

Resolution Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 26. April 1685, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 237, fol. 64r–64v. 284 Bericht des geheimen Rats und Kanzlers Volkmar Happe an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 207r. 285 Ebd., fol. 207r. 286 Ebd., fol. 207v. 287 Ebd., fol. 207v. 288 Ebd., fol. 209r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Die ablehnende Haltung Herzog Johann Georgs I. gegenüber einem Trennungsansinnen wurde in der offiziellen „Antwort und Erklärung“ an Herzog Wilhelm Ernst untermauert. Darin hieß es: „Nichtweniger Ihrer Dhl. zu Eisenach nicht anderst bewust seÿe alß daß dergleichen Separation nur wegen Violation der ehelichen Treüe und dann der eine Ehegatte ohne Leib- und Lebensgefahr beÿ dem andern nicht seÿn und cohibitiren könnte, und nicht wegen aller im Ehestand vorlauffender Mißverstände und Verdruß pflegte erkant zu werden, derer Gott lob sich keine beÿ dieser Sach finde“289. Für Herzog Johann Georg I. bewegten sich die ehelichen Differenzen zwischen dem Weimarer Herzogspaar demnach im geordneten Rahmen einer fürstlichen Ehe. Demzufolge appellierte er an die Einsicht der beiden Ehegatten und mahnte eine Beilegung der Streitigkeiten an. Insbesondere Herzog Wilhelm Ernst wurde aufgefordert, „von dero weit auß sehenden und gefehrlichen Action“290 abzusehen, „zumahl sich erinnern werde wie Sr. Dhl. beÿ vorgegangener Verlobung mehrmahls versprochen, daß wann etwann dero Frau Gemahlin wegen Ihrer noch habenden jungen Jahren sich iederzeit nicht gebührend bezeigen solte, Sr. H. Dhl. mit deroselben dreÿ und mehr Jahr in Gedult stehen und nachsehen wolte, welche Zeit dann noch nicht verflossen seÿe“291. Obgleich sich in den Quellen keine Dokumente, die eine derartige Übereinkunft belegen, finden lassen, erscheint ein derartiges Abkommen zwischen sachseneisenacher und sachsen-weimarer Seite nicht abwegig. Schließlich dürften sich die Herzöge zum Zeitpunkt der Eheschließung sehr wohl darüber bewusst gewesen sein, dass die Braut aufgrund ihres jugendlichen Alters ihrer Position als Herzogin nicht in vollem Umfang gerecht werden konnte. Es erscheint nahe liegend, dass die Stifter der Eheschließung, Herzog Johann Georg I. und Herzog Wilhelm Ernst, diesen Fakt keineswegs als negativ empfanden, bot die Jugend der Braut doch auch die Möglichkeit, deren Auftreten und Verhalten nach eigenen Vorstellungen zu formen. Offenbar rechneten zum Zeitpunkt der Eheschließung weder Herzog Wilhelm Ernst noch Herzog Johann Georg I. damit, dass sich Charlotte Marie im Hinblick auf die an sie gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen als derart unbeugsam erweisen würde. Die Herzogin selbst versuchte, ihr Handeln zu rechtfertigen. So gestand sie ein, „daß es nicht ohne, daß sie in etwas bißweilen sich wiederig erzeiget, allein seÿe es dahero geschehen dieweil ihr darzu Ursache gegeben worden“292. Darüber hinaus führte sie an, „daß sie niemandes gehabt, mit dem sie reden können, sondern auch wann sie fast das geringste auß Küchen und Keller haben wollen, [...] erst vor dem Hofmeister und andern Zetteln außbringen sollen, ja nicht so viel Macht vor sich gehabt, daß sie nach belieben spaziren fahren dörffte, auch sogar daß die an sie abgegangene und ihre Antwortschreiben ihr hinterhalten und theils 289 Erklärung Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 213v. 290 Ebd., fol. 216r. 291 Ebd., fol. 216r. 292 Ebd., fol. 211v.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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erbrochen worden“293. Obgleich die Handlungsspielräume der Herzogin Charlotte Marie als Frau und Fürstin per se gegenüber denen eines Fürsten eingeschränkt waren 294, verdeutlichen die Äußerungen der Herzogin, dass sie aufgrund der ständigen Kontrolle durch den Herzog und die Hofbediensteten noch zusätzlich eingeschränkt wurde. Während andere Fürstinnen zumindest informell an der Herrschafts- und Machtausübung teilhaben konnten, war dies für Herzogin Charlotte Marie aufgrund des gespannten Verhältnisses zu ihrem Ehemann Wilhelm Ernst und wegen der systematischen Ausgrenzung von der Hofgesellschaft nicht möglich. So ist letztlich zu hinterfragen, welche Aufgaben Herzog Wilhelm Ernst seiner Frau Charlotte Marie in ihrer Funktion als Fürstin zudachte. Beispielsweise behauptete Herzog Wilhelm Ernst, dass Herzogin Charlotte Marie die „eheliche Beÿwohnung“295 verweigert hätte. Naheliegenderweise erwartete er von ihr, dass sie mit ihm den Fortbestand des Hauses sicherte. Aus Sicht der Herzogin stellte sich der Sachverhalt jedoch folgendermaßen dar: Sie „wüste sich nicht zuentsinnen, daß von dero fürstl. H. Gemahl die eheliche Beÿwohnung, eÿferig an sie begehret worden, und sie darvon gelauffen seÿ, sondern würde Ihr Dhl. alhier selbsten sich annoch erinnern, wie sie verschiedene mahl sich darzu bequemen wollen, allein von dero Herrn Gemahl die Occasion darzu zu evitiren gesucht und anhand genomen worden.“296 Die Argumentation der Herzogin erscheint nachvollziehbar, denn auch anhand der übrigen Quellen wird der Eindruck vermittelt, dass die Bemühungen und Interessen Herzog Wilhelm Ernsts in erster Linie darauf ausgerichtet waren, durch Herzogin Charlotte Marie und deren Besitzansprüche die eigene Macht zu vergrößern. Die Erfüllung der ehelichen Pflicht durch die Herzogin scheint im ehelichen Alltag nur von sekundärer Bedeutung für den Herzog gewesen zu sein. Dabei ist erstaunlich, dass Herzog Wilhelm Ernst offensichtlich nicht bestrebt war, die Erfüllung der ehelichen Pflicht von seiner Frau einzufordern und damit den Fortbestand des Hauses zu sichern. Seine Bemühungen konzentrierten sich darauf, Herzogin Charlotte Marie im Kontext materieller Besitz- und Herrschaftsansprüche zu instrumentalisieren.

4.2.5 Diskussionen und Diskurse Sämtliche Argumente Herzog Wilhelm Ernsts zur Begründung einer Trennung von seiner Frau wurden von Seiten der Herzogin Charlotte Marie und von Seiten Herzog Johann Georgs I. zurückgewiesen. Außerdem wies die Eisenacher Seite darauf hin, „daß die Controvers noch nicht ausgemacht seÿ, vor welchen Richter 293

Ebd., fol. 211v. SCHRAUT 1998, S. 14. 295 Erklärung Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 212r. 296 Ebd. 294

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

oder Gericht die zwischen denen evangelischen fürstl. Standes Personen strittige Ehesachen ventiliret werden solten, und viele des klagenden Herrn Consistorium pro judice competente nicht halten wolten.“297 Das hier angesprochene bestehende Rechtsvakuum bot aber evangelischen Landesherrn, die zugleich Kirchenoberhaupt ihres Landes waren, die Möglichkeit, die eigenen Interessen durchzusetzen. Auch Herzog Wilhelm Ernst wollte das Verfahren in seinem Sinne beeinflussen und eine möglichst schnelle Entscheidung herbeiführen. Daher beabsichtigte er, das Weimarer Konsistorium mit der Klärung der Trennungsmodalitäten zu beauftragen, eine Absicht, die von Herzog Johann Georg I. erkannt wurde. Die Eisenacher Seite nutzte die Gelegenheit, sich prinzipiell gegen ein Trennungsverfahren auszusprechen. Herzog Johann Georg I. argumentierte, es gelte „besorgliche Weitleüfftigkeit zu evitiren, damit Sie von anderer Judication und Censur befreÿet blieben“298. Den Forderungen Herzog Wilhelm Ernsts, die noch ausstehenden Ehegelder zu zahlen, entgegnete Herzog Johann Georg I.: „so viel die verlangte Zahlung des Überrests der Ehegelder betreffen thete, so würde Ih. Dhl. zu S. Weÿmar Ihro Dhl. zu Eisenach nicht übel außdeüten, daß Sie sowohl beÿ solchen entstandenen Mißverstande zwischen Ihrer Dhl. und dero Frau Gemahlin, alß auch daß biß dato von Ihro Dhl. zu Weÿmar der Wittumb der Frau Gemahlin noch nicht angewiesen, noch auch der Gebür nach die Morgengabsgelder außgezahlet worden, und da Sie die Frau Gemahlin sich erkläret wiederumb nacher Weÿmar zubegeben und gegen dero fürstl. Herrn Gemahl gebürend zubezeigen, selbige außzahlen zulaßen anstehen thäte, bevorab in diesem Fall, da wieder alles verhoffen dieses erbieten nicht angenommen und Sie nicht admittiret werden wolte, wie eüßerlich gesagt werde, daß Ihre Dhl. zu Weÿmar in dero Statt und Land gebotten Sie die Frau Gemahlin nicht einzulaßen oder auffzunehmen, welches gleichwol nicht vor eine geringe Beschimpfung zu halten, gar wohl befugt den Dotem [= das Dotalgeld; die Aussteuer] und alle Ihre Gütter zurückzuhalten, sondern auch die Alimentation zubegehren, dieweil die Culpa nicht beÿ Ihr der Frau Gemahlin, daß Sie nicht cohabitirte.“299 Indem Herzog Johann Georg I. für den Fall einer Trennung des Weimarer Herzogpaares verlangte, dass Herzog Wilhelm Ernst für den Unterhalt der Herzogin aufzukommen habe, versuchte er den Weimarer Herzog von einer Trennungsklage abzuhalten. Doch die Argumente Herzog Johann Georgs I. erzielten nicht die gewünschte Wirkung. Herzog Wilhelm Ernst beharrte darauf, dass Herzogin Charlotte Marie durch ihr ungebührliches Verhalten und insbesondere durch ihre Abreise nach Eisenach die alleinige Verantwortung für die ehelichen Differenzen trüge. Daher war er auch nicht bereit, von einer Trennungsklage Abstand zu nehmen. Vielmehr unterstellte er der Herzogin, dass ihre Abreise nach Eisenach „pro desertione“300 erfolgt 297

Ebd., fol. 214v. Ebd., fol. 214r. 299 Ebd., fol. 215r–215v. 300 Replik des fürstlich sächsisch-weimarischen Gesandten auf die fürstlich eisenachische Erklärung (Abschrift), 26. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 219r. 298

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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sei, zumindest aber als „spontanea separatione“301 zu bewerten wäre. Demnach unterstellte Herzog Wilhelm Ernst seiner Frau, dass sie ihn verlassen habe. Es ist nahe liegend, dass die Argumentation des Herzogs darauf ausgerichtet war, den Weg hin zu einer Scheidung zu ebnen. Für diese Annahme spricht, dass das ,böswillige Verlassen‘ neben dem Ehebruch der einzige Grund war, der sowohl von Theologen als auch von Juristen als echter Scheidungsgrund anerkannt wurde und – im Gegensatz zu Sävitien (Misshandlungen) und Insidien (Lebensnachstellungen) – unumstritten war.302 Der Auffassung Herzog Wilhelm Ernsts nach hatte er ausreichend Grund, um eine Separationsklage einzureichen und „sich auf ein Jahr, dergleichen separatio temporalis in allen Evangelischen Consistoriis eingeführt, auch vielfältig guten Effect getahn, scheiden lassen“303. Abschließend ließ Herzog Wilhelm Ernst gegenüber Herzog Johann Georg I. verlautbaren, dass „des Hertzogs zu Weimar H. Dhl. sich nimmermehr versehen, daß man Ihme die Dotem länger vorenthalten werde, die eventual Anweisung des Witthums zu tuhn sind sie erbötig, und gehört Ihro zumahl bei sonnenklahrer Unschuld der Dos auch stante seperatione nach bekandten Rechten unfehlbar“304. Anhand der Argumentation des Herzogs wurde einmal mehr deutlich, dass das Verhalten seiner Gemahlin Charlotte Marie lediglich einen Vorwand darstellte, um sich ihrer Gegenwart zu entledigen. Auf die finanziellen und herrschaftlichen Ansprüche und Vorteile, die Herzog Wilhelm Ernst aus der Verbindung mit Herzogin Charlotte Marie ziehen konnte, wollte er demgegenüber nicht verzichten. Dies ist auch der wesentliche Grund, weshalb Herzog Wilhelm Ernst zunächst nur eine befristete Trennung von Tisch und Bett, und keine Auflösung der Ehe anstrebte. Eine endgültige Scheidung hätte für Herzog Wilhelm Ernst einen Verzicht auf die Paraphernalgüter seiner Frau bedeutet. Im Gegensatz zu Herzog Wilhelm Ernst war für Herzog Johann Georg I. das Ansehen des ernestinischen Familienverbandes von großer Bedeutung. Den erneuten Forderungen Herzog Wilhelm Ernsts nach einer Separation entgegnete Herzog Johann Georg I., „daß durch diese vorhabende Separation Ihre Dhl. zu Weÿmar und dero Frau Gemahlin vielmehr in große Seelengefahr sich sezen würden, massen beÿde hochfürstli. Personen noch jung seÿn. Uberdieses davor gehalten werde, wann schon ein Eheweib mit ihrem Ehemann in großer Uneinigkeit gelebet, und sie sich von dem selbigen begeben, nachgehends aber sich erbiete und erkläre mit demselben friedlich zuleben und sich wiederumb zu ihm zubegeben, dieser aber sie nicht recipiren wolte, alsdann der Ehemann uff die Separation nicht klagen könne, sondern gehalten seÿ seinem Weib nicht allein ihre Dotem und übrige Gütter verabfolgen zulaßen, sondern auch ihr die Alimentation

301

Ebd. DIETERICH 1970, S. 234–245. 303 Replik des fürstlich sächsisch-weimarischen Gesandten auf die fürstlich eisenachische Erklärung (Abschrift), 26. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 219v – 220r. 304 Ebd., fol. 220v–221r. 302

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zuverschaffen.“305 Für den Fall, dass Herzog Wilhelm Ernst dennoch eine Trennungsklage bei seinem Konsistorium in Weimar einreichen würde, sei „solches alles vor nichts anderß als blose Nullitäten“306 zu erachten. Darüber hinaus gab Herzog Johann Georg I. seinem Neffen Wilhelm Ernst zu bedenken, dass „Ihre Dhl. zu S. Weÿmar ihren Zweck doch nicht erreichen würden, auch hierzu nicht genugsamb befugt, damit nun alle vergebliche Weitleüffigkeit evitiret verbleibe, auch man der Welt nichts zu reden gebe, und das gesambte Fürstl. Hauß hierdurch nicht in Schimpf gesezet werde; massen im Gegenfall Ihre H. Dhl. alhier wegen obhabender Vormundschafftl. Pflichten und als H. Vatters Bruder nicht anderß thun könnten, als der Frau Gemahlin sich anzunehmen.“307 Die Argumentation von Eisenacher Seite, die gegen eine Trennung gerichtet war, ist dabei nicht nur von der Sorge um das Ansehen des Hauses und um das Wohlergehen der Herzogin Charlotte Maries geprägt. Sondern auch hier stehen eindeutig ökonomische und machtpolische Interessen im Vordergrund. Indem sich Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach als Fürsprecher Charlotte Maries zeigte, versuchte er ebenso wie Herzog Wilhelm Ernst, auf das Vermögen und den Besitz der Herzogin Anspruch zu erheben. Zugleich mahnte Herzog Johann Georg I. an, dass Herzog Wilhelm Ernst für die Alimentation der Herzogin Charlotte Marie zuständig sei, um so eine zusätzliche finanzielle Belastung der Eisenacher Kammer zu vermeiden. Das Schicksal und die Interessen der Herzogin Charlotte Marie spielten dabei nur hintergründig eine Rolle. Noch in der Mitte des Jahres 1685 hatte sich an Herzogin Charlotte Maries Situation nichts geändert. Nach wie vor hielt sie sich am Hof ihres Onkels und Vormunds Johann Georg I. in Eisenach auf. Die Fronten zwischen Wilhelm Ernst auf der einen Seite und Herzogin Charlotte Marie sowie Herzog Johann Georg I. auf der anderen Seite hatten sich vielmehr verhärtet. Herzog Wilhelm Ernst insistierte weiterhin auf die noch ausstehende Entrichtung des Ehegeldes und auf die Verwaltung der Paraphernalgüter seiner Frau. Erst wenn Herzog Johann Georg I. bereit sei, Herzog Wilhelm Ernst in diesen Punkten zu entsprechen, wollte er seine Frau Charlotte Marie wieder nach Weimar zurückholen. Doch die eisenacher Seite zeigte sich von derartigen Forderungen unbeeindruckt. „So müßen wir doch, da es leider einen solchen Zustand gewinnet, und die Gemüther ie mehr und mehr, einander abgewendet werden wollen, der nahen Verwandnüs, auch Vormundschafft und Gewißens wegen, zu unserer Verwahrung, nicht unbillig anstehen, und können zu weiterer Außzahlung derer Ehegelder keinen Befehl ertheilen viel weniger die Administration derer Paraphernalien, Eu. Ld. noch zur Zeit überlaßen“308 ließ der Herzog seinem Neffen Wilhelm Ernst mitteilen. Dar305

Resolution Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 26. April 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 228v–229r. 306 Ebd., fol. 230r. 307 Ebd., fol. 230r. 308 Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 29. Juni 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 248v–249r.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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über hinaus äußerte Herzog Johann Georg I. Unverständnis über das Verhalten Herzog Wilhelm Ernsts, da es „Unß [= Herzog Johann Georg] etwas befrembdlich vorkommet, daß Eu. Ld. [= Herzog Wilhelm Ernst] noch weiter, wie Sie dero Frau Gemahlin, wegen obschwebender großen Leibes und Seelen Gefahr, biß zu erfolgter würckl. Beßerung, ohnmöglich umb und neben sich, nicht309 dulten können, außtrücklich von sich schreiben, im Schluß aber, wann Ihro die Administration übergeben würde, Sie selbige bloß wieder abholen zulaßen, und standmäßig zu unterhalten, sich anerklären“310. Auch für den Herzog von Sachsen-Eisenach erschien es offensichtlich, dass es Herzog Wilhelm Ernst primär nicht um die Wiederherstellung der ehelichen Ordnung, sondern um die Durchsetzung seiner rechtlich zweifelhaften Ansprüche auf die Paraphernalgüter seiner Frau ging. Herzog Johann Georg I. zweifelte außerdem an, dass eine von Herzog Wilhelm Ernst angesprochene „Leibes und Seelen Gefahr“ tatsächlich bestehen würde. Vielmehr ersuchte er Herzog Wilhelm Ernst, dass sich dieser mit seiner Frau Charlotte Marie versöhnen solle. „Im Fall aber, so wir doch nicht hoffen, Eu. Ld. sich hierzu nicht entschließen möchten, werden Eu. Ld. sich freündlich gefallen laßen, uff dero Unterhalt, Ihrem Fürstl. Stand gemäß, welcher nicht von den Ihrigen, sondern Eu. Ld. mitteln zuverschaffen, förderlich zugedenken, und der hierbeÿ mit unterlaufenden Kosten und Beschwerungen Unß zuentheben.“311 Doch Herzog Wilhelm Ernst war zu keinem Einlenken bereit. In der Folgezeit bekräftigte er seine Forderungen nach einer Trennung von Herzogin Charlotte Marie. Ein Ende des Konfliktes schien nicht in Aussicht. Die Diskussion um die Zulässigkeit einer Trennung von Tisch und Bett war längst zu einem Machtkampf zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach geworden. Auch der plötzliche Tod Herzog Johann Georgs I. von Sachsen-Eisenach, der am 19. September 1686 an den Folgen eines Jagdunfalls verstarb, änderte nichts an der verfahrenen Situation. Herzog Johann Georgs Position in den Verhandlungen übernahm dessen gleichnamiger Sohn, Herzog Johann Georg II. (1665–1698). Er behielt die Haltung seines Vaters bei und war nicht zu Zugeständnissen gegenüber seinem Vetter Wilhelm Ernst bereit, denn jedes Zugeständnis hätte einen Prestigeverlust für das eigene Haus bedeutet. Da auch Herzog Wilhelm Ernst nicht von seiner Position abwich, spitzte sich die Lage zwischen den Häusern Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar erheblich zu. Hinzu kam, dass Herzog Wilhelm Ernst nach dem Tode Herzog Johann Georgs I. als nunmehriger Senior des sachsen-weimarischen Gesamthauses die Vormundschaft über den Prinzen Johann Wilhelm von Sachsen-Jena und das Herzogtum Sachsen-Jena für sich allein beanspruchte. Daher hatte Herzog Wilhelm Ernst umgehend die sachsen-jenaischen Beamten in seine Pflicht genommen und

309

Im Original unterstrichen. Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 29. Juni 1685, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 249r. 311 Ebd., fol. 250v–251r. 310

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sich in Jena huldigen lassen. Dem widersetzte sich Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach, da er die Mitvormundschaft beanspruchte.312 Die wachsende Anspannung zwischen den am Konflikt beteiligten Parteien spiegelt sich deutlich in den Quellen wider. Während Herzog Johann Georgs I. Briefe an Herzog Wilhelm Ernst noch einen moderaten Impetus hatten, weisen die Briefe Herzog Johann Georgs II. an seinen Vetter Wilhelm Ernst eine gewisse Härte und Direktheit auf. So schrieb Johann Georg II. im Oktober 1686 an Herzog Wilhelm Ernst, „daß Euer Ldn. dero an mich abgelaßenen Schreiben nach deroselben freundl. geliebte Frau Gemahlin Ldn., von hier abholen laßen würden, habe die zeithero stündlich erwarttet. Nach dem [...] aber ein solches bis dato nicht geschehen auch darzu annoch keine Apparenz ist, und gleich wohl vermerke, daß dieselbe allhier mit dergrösten Impatience und Unmuth verharren, auch ins künfftige, die Retardirung des Abholens wir nicht zu zweiffeln mehr und mehrs vergrößern dürffte; alß habe dero Nothdurfft befunden, Euer Ldn. daran frd. vetterliche Nachricht zugeben, und dieselbe zu ersuchen, daß Sie sich gefallen laßen wollen, die Verfügung zu thun Ihro Ldn. alß dero Frau Gemahlin, ie ehe ie beßer von hier abholen zu laßen“313. Daran anknüpfend forderte Herzog Johann Georg II. von Herzog Wilhelm Ernst eine „Categorische Antwortt“314. Offen kundig hatte die Zeit der Diskussionen ein Ende gefunden. Zumindest war der Herzog von Sachsen-Eisenach nicht länger bereit, im Status quo zu verharren.

4.2.6 Die Wiederherstellung der Ordnung? Tatsächlich schien die Angelegenheit zwischen Sachsen-Weimar und SachsenEisenach Ende des Jahres 1686 eine Wendung zu nehmen, denn Herzog Wilhelm Ernst erklärte sich bereit, seine Frau Charlotte Marie wieder zu sich zu holen. Darüber hinaus sollte auch der Bruder Charlotte Maries, der noch unmündige Prinz Johann Wilhelm von Sachsen-Jena, zusammen mit seiner Schwester von Eisenach nach Weimar reisen. Indem Herzog Wilhelm Ernst beabsichtigte, seine Frau nach Weimar zurückzuholen, entsprach er den Forderungen der ernestinischen Agnaten. Diese nahmen das Ansinnen des Weimarer Herzogs dementsprechend 312

PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 274. Nachdem auch Vermittlungsversuche des Herzogs Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg gescheitert waren, brachte Herzog Johann Georg II. den Streit vor den Reichshofrat. Von Seiten Kaiser Leopold I. erging lediglich ein Reskript, indem er die Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Coburg mit Vergleichsverhandlungen beauftragte. Nachdem sich Herzog Wilhelm Ernst bereit erklärte, den im Februar 1683 zwischen seinem Vater Johann Ernst II. und Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach abgeschlossenen Vertrag über die Aufteilung des Jenaer Erbes für den Fall des Aussterbens des dortigen Herzogshauses anzuerkennen, verzichtete Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach schließlich 1688 auf die Mitvormundschaft. 313 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar, 10. Oktober 1686, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 316r–316v. 314 Ebd.

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positiv auf. Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach hegte jedoch Zweifel, ob sich Herzog Wilhelm Ernst in Zukunft tatsächlich um seine Gemahlin bemühen werde. Es schien dem Herzog von Sachsen-Eisenach zu offensichtlich, dass Herzog Wilhelm Ernst lediglich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Die Tatsache, dass Herzog Wilhelm Ernst beabsichtigte, nicht nur Herzogin Charlotte Marie, sondern auch deren Bruder zu sich zu nehmen, spricht für die Zweifel des Herzogs von Sachsen-Eisenach. Indem Herzog Wilhelm Ernst den Prinzen Johann Wilhelm zu sich holte, war es ihm möglich, den jungen Prinzen in seinem Sinne zu instrumentalisieren. Offenkundig waren die Bestrebungen Herzog Wilhelm Ernsts dahingehend ausgerichtet, sich durch Einflussnahme auf den jungen Prinzen zugleich die informelle Herrschaft über das Herzogtum SachsenJena zu sichern. Dies wiederum versuchte man von Sachsen-Eisenacher Seite zu verhindern. Herzog Johann Georg II. lehnte es daher ab, dass Prinz Johann Wilhelm zusammen mit seiner Schwester Charlotte Marie in die Obhut Herzog Wilhelm Ernst gelangte. Durch Fürsprache Herzog Friedrichs I. von Sachsen-GothaAltenburg gelang es schließlich, eine Einigung zu erzielen. Der Kompromiss sah vor, „gemelten Prinzten zu desto bequemeren Education nacher Jehna zuschicken, und demnach deßen mercklicher Nutzen hierunter walte“315. Doch behielt sich Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach vor, nach eigenem „Guthfinden den Printzen selbst nacher Jehna abzuschicken“316. Damit war die Situation bereinigt. Zugleich wurde einem neuerlichen Konflikt zwischen Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach vorgebeugt. Letztlich wird auch bei diesem Sachverhalt deutlich, dass bei der Lösung von Problemen und Konflikten der Familienverband als Ganzes involviert war. Im vorliegenden Fall waren nicht nur die unmittelbar vom Konflikt betroffenen Häuser der sachsen-weimarer Linie beteiligt, sondern auch das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg. Dies unterstreicht die engen Verflechtungen der einzelnen ernestinischen Teillinien und damit einhergehend auch die Notwendigkeit zur gemeinsamen Konfliktlösung, da insbesondere von den immateriellen Folgen einer innerernestinischen Auseinandersetzung nicht nur die unmittelbar beteiligten Häuser, sondern alle Teillinien betroffen waren. Obgleich sich Herzog Wilhelm Ernst bereit erklärt hatte, seine Frau Charlotte Marie wieder zu sich zu nehmen, kam es bei der Umsetzung dieses Vorhabens zu neuerlichen Komplikationen. Im Januar 1687 reiste der Hofrat Hülsemann im Auftrag des Weimarer Herzogs nach Eisenach, um Herzogin Charlotte Marie abzuholen. Die Herzogin ihrerseits machte ihre Abreise von einigen Bedingungen abhängig. Sie verlangte, ihre Lakaien und sechs Mädchen, die ihr in Eisenach zur Verfügung standen, mit nach Weimar zu nehmen.317 Dies ging weit über das von Herzog Wilhelm Ernst zugestandene Maß hinaus: Herzog Wilhelm Ernst hatte 315 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar, 24. Dezember 1686, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 327r. 316 Ebd., fol. 327v. 317 Aufzeichnungen über die Prinzessin Charlotte Maria von S. Jena 1683–1690, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 6r.

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sich bereit erklärt, seiner Frau neben einem adeligen Fräulein, einem Hofmeister, lediglich ein Mädchen, eine Waschmagd, einen Pagen und einen Lakaien zur Verfügung zu stellen.318 Die Forderungen der Herzogin erstreckten sich nicht nur auf ihre personelle Ausstattung, sondern sie verlangte auch die freie Administration über das Gut Porstendorf.319 Insbesondere dieses Ansinnen rief bei Herzog Wilhelm Ernst massiven Widerstand hervor, so dass die geplante Rückkehr der Herzogin nach Sachsen-Weimar abermals scheiterte. Herzog Wilhelm Ernst war nicht bereit, auf die Forderungen seiner Ehefrau einzugehen, obgleich es sich hier um Dinge handelte, die der Herzogin vertraglich zustanden. Ein Einlenken Herzog Wilhelm Ernsts wäre für diesen einer Preisgabe seiner ehelichen Macht und einem Infragestellen der innerehelichen Hierarchie gleich gekommen. Demgegenüber war die Herzogin nicht bereit, ihre Ansprüche zu Gunsten ihres Mannes aufzugeben. In der Folgezeit war es abermals Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der als Vermittler tätig wurde und dem es erneut gelang, einen Kompromiss zu initiieren. Dieser beinhaltete, dass Herzogin Charlotte Marie nicht nach Weimar zurückkehren, sondern nach Jena reisen sollte. Dort sollte sie zusammen mit ihrem Bruder im fürstlichen Schloss wohnen. Durch diese örtliche Trennung der Eheleute galt es, neuerliche Differenzen zu vermeiden. Zugleich war mit Jena ein Ort gewählt worden, der nah genug an Weimar lag, so dass Herzog Wilhelm Ernst seine Frau ohne große logistische Probleme beaufsichtigen und kontrollieren lassen konnte. Um darüber hinaus den fürstlichen Vetter in Weimar zu besänftigen, erklärte sich Herzog Friedrich I. bereit, Herzogin Charlotte Marie auf eigene Kosten in Eisenach abholen und in seine Residenz nach Gotha bringen zu lassen. Dort sollte sie dann von Herzog Wilhelm Ernst abgeholt werden. Schließlich wurde Herzogin Charlotte Marie im Juli 1687 nach Gotha gebracht, woraufhin Herzog Friedrich I. am 22. Juli 1687 Herzog Wilhelm Ernst berichten konnte: „Eu. Ld. gebe hiermit freund vetterlich zu vernehmen, wie dero Frau Gemahlin Ld. auf Unsere zur Abholung gemachte Verfüg: und Abschickung gestern nach Mittage allhier gesund und glücklich angelanget“320. Daneben versäumte es Herzog Friedrich I. nicht, auf das eigentliche Anliegen der Rückkehr Herzogin Charlotte Maries hinzuweisen. So teilte Herzog Friedrich I. seinem Vetter in Weimar mit, dass „auf die vertrauliche Anfrage, ob selbige beÿ und mit Eu. Ld. hinwiderumb in Fürstehelichem Wolvernehmen zu leben verlange, sich also gelaßen und willfährig erklähret, daß Ich darob eine besondere Vergnügung geschöpfet“321. Zugleich war Herzog Friedrich I. daran gelegen, dass Herzogin Charlotte Maries Aufenthalt in Gotha nur von kurzer Dauer sein sollte. Zur Begründung führte er an, dass „beÿ erwarthenden Zuspruch des Herrn Landgrafen Zu Caßel 318

Ebd. Ebd., fol. 6v. 320 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar, 22. Juli 1687, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 131, fol. 374r. 321 Ebd. 319

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sich irgend des Ranges wegen einig praejudicirliches Incident ereignen dürfte, [...] und dahero Eu. Ld. die dermalige schleunigere Abholung dero Frau Gemahlin durch Ihren Canzlar Herrn Happen vertraulich anheimb geben laßen“322. Es erscheint nahe liegend, dass Herzog Friedrich I. den bevorstehenden Besuch des Landgrafen von Hessen-Kassel als Vorwand benutzte, um die Abreise der Herzogin Charlotte Marie aus Gotha zu beschleunigen. Zwar ist das von Herzog Friedrich I. angeführte Argument, es könnte zu Rangproblemen kommen, nachvollziehbar, da die erbverbrüderten Häuser Hessen-Kassel und Sachsen-Weimar ranggleich waren. Doch ist auch nicht auszuschließen, dass Herzog Friedrich I. ein Aufeinandertreffen des Landgrafen mit der Weimarer Herzogin verhindern wollte, da deren „seltsamer Humeur“ und die ehelichen Differenzen auch über die ernestinischen Häuser hinaus bekannt waren. Möglicherweise wollte Herzog Friedrich I. einen Eklat vermeiden. Nachdem sich Herzogin Charlotte Marie einige Tage in Gotha aufgehalten hatte, reiste sie schließlich im August 1687 zu ihrem Bruder nach Jena. Mit der Rückkehr der Herzogin war die eheliche Ordnung, wie es Herzog Friedrich I. intendiert hatte, keineswegs wiederhergestellt. Einer Wiederherstellung der Ordnung stand dabei weniger die räumliche Trennung der Eheleute entgegen, als vielmehr die Tatsache, dass die Herzogin nicht bereit war, sich den ehelichen Normen und den sozialen Konventionen zu unterwerfen. In Jena sowie auf ihrem Gut zu Porstendorf führte sie ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und entgegen der Vorgaben ihres Ehemannes: Sie stellte eigenmächtig Mädchen in ihre Dienste ein, kaufte Waren nach eigenem Gutdünken und machte damit verbunden Schulden.323 Hinzu kam, dass Herzogin Charlotte Marie Umgang mit Jenaer Studenten pflegte. Herzog Wilhelm Ernst nahm insbesondere Anstoß an der Tatsache, dass sich der aus Braunschweig stammende Student Johann Otto Meurer oftmals allein bei der Herzogin auf deren Gut zu Porstendorf aufhielt.324 Der Herzog unterstellte seiner Frau sogar, Ehebruch zu begehen. Entsprechend ehelicher Normen und Machtverhältnisse, aber auch gemäß ständischer Konventionen, war ein derartiger Umgang einer Fürstin auf das Schärfste zu verurteilen. Herzog Wilhelm Ernst sah sich zu Reaktionen und Sanktionen gegenüber der Herzogin veranlasst, um so seinen Ruf und die Reputation seines Hauses zu wahren. Allerdings darf auch nicht übersehen werden, dass dieser Sachverhalt eine gute Gelegenheit für den Weimarer Herzog bot, um seine Frau zu diskreditieren und eine Scheidung zu forcieren. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass Herzog Wilhelm Ernst den Umgang der Herzogin mit dem Studenten Meurer

322

Ebd., fol. 374v. Aufzeichnungen über die Prinzessin Charlotte Maria von S. Jena 1683–1690, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 6v. 324 Ebd. 323

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benutzte, um mit dem vermeintlichen Ehebruch einen Scheidungsgrund zu konstruieren. Ein derartiges Vorgehen war im Hochadel nicht ungewöhnlich.325 Herzog Wilhelm Ernst wurde umgehend tätig. Im Dezember 1687 erging zunächst ein Erlass an die Kaufleute in Jena und Umgebung, der es den Kaufleuten untersagte, der Herzogin Gelder vorzustrecken. Zu Beginn des Jahres 1688 folgte dann eine Untersuchung betreffend den „unerlaubten Umgang der Herzogin mit einem Studioso“326, dem Studenten Johann Otto Meurer. Die im Rahmen der Untersuchung zusammengetragenen Unterlagen, darunter auch Briefe der Herzogin, belegen, dass Herzogin Charlotte Marie tatsächlich ein Liebesverhältnis zu dem Studenten Meurer unterhielt.327 Ob es sich hierbei um ein intimes Verhältnis gehandelt hat, ist allerdings nicht zweifelsfrei belegt, obgleich die von Herzog Wilhelm Ernst initiierte Untersuchungskommission bemüht war, diesen Eindruck zu vermitteln. Die vernommenen Zeugen äußerten sich alle dahingehend, dass die Herzogin ein intimes Verhältnis mit dem Studenten Meurer eingegangen wäre. Doch handelt es sich hierbei im Sinne Lyndal Ropers um „erzwungene Diskurse“328, da die Zeugenantworten durch die Fragen der Vernehmenden schon vorstrukturiert und vorgegeben wurden. Zudem thematisieren die Zeugenaussagen immer wieder dieselben Szenen: die Zusammenkünfte der Verdächtigen im Jenaer Schloss. Um den Realitätsgehalt der Zeugenaussagen zu untermauern, wurden Personen aus dem unmittelbaren Umfeld vernommen.329 Den Aussagen eines gewissen Stampkes, Informator [= Informant] des Prinzen Johann Wilhelm von Sachsen-Jena, zufolge besaß Meurer zwei Ringe, einen Diamantring und einen schwarz geätzten Ring, in denen sich in französischer Sprache die Inschrift „Ich libe dich, wie du mich bis in Todt“330 befand. Der Student Meurer hätte gegenüber Stampke zwar abgestritten, die beiden Ringe von der Herzogin erhalten zu haben. Vielmehr habe Meurer behauptet, dass er die Ringe von seinem Schwager, dem herzoglichen Leibmedikus Sörgel, geschenkt bekommen hätte. Doch auf Nachfrage habe Doktor Sörgel geäußert, Meurer keinen Ring geschenkt zu haben.331 Obgleich die von der herzoglichen Untersuchungskommission zusammen325

Vgl. den Fall der Gräfin Johanna Dorothea von Bentheim-Tecklenburg. Siehe: M ARRA 2007, S. 137–144. 326 Aufzeichnungen über die Prinzessin Charlotte Maria von S. Jena 1683–1690, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 6v. 327 „Acta die Ehescheidung zwischen Herzog Wilhelm Ernsten zu Sachsen und Dero Gemahlin p.p.p. 1688–1695“ (Abschrift), ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 1r–3v. 328 ROPER 1995, S. 53. 329 Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt auch Helga Meise am Beispiel des von Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt (1719–1790) gegenüber seiner Mätresse Marie Adelaide Cheirouze (1752–1785) initiierten Verfahrens. Der Landgraf war zuvor von seiner Mätresse betrogen worden. Siehe hierzu: MEISE 1998, S. 89–117. 330 „Acta die Ehescheidung zwischen Herzog Wilhelm Ernsten zu Sachsen und Dero Gemahlin p.p.p. 1688–1695“ (Abschrift), ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 3v. 331 Ebd.

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getragenen Indizien für ein intimes Verhältnis sprechen, zog der mutmaßliche Ehebruch vorerst weder für Charlotte Marie noch für den Studenten Meurer Konsequenzen nach sich. Im Fall des Studenten Meurer ist davon auszugehen, dass es zu einer Verurteilung gekommen wäre. Doch der junge Mann entging einem Urteil, denn er war im März 1688 – wohl in Erwartung einer Strafe – überstürzt aus Jena abgereist.332 Sein weiterer Verbleib ist ungeklärt. Im Fall der Herzogin verzichtete die herzogliche Jurisdiktion auf eine Strafverfolgung. Dabei wäre es anhand der Indizien ein einfaches Unterfangen gewesen, die Herzogin des Ehebruchs für schuldig zu sprechen. Doch kam es im Anschluss an die Untersuchung weder zu einem Verfahren noch wurde eine in derartigen Fällen übliche Untersuchung des weiblichen Körpers im Hinblick auf eine Defloration durchgeführt. Dieses Vorgehen im Fall der Herzogin Charlotte Marie kann auf mehrere Gründe zurückzuführen sein: Indem Herzog Wilhelm Ernst auf eine umfangreiche Untersuchung verzichtete, konnte weiteres Aufsehen und eine zusätzliche Rufschädigung des Hauses Sachsen-Weimar verhindert werden. Zudem konnte so möglichen Interventionen der Agnaten vorgebeugt werden, denn es war nicht auszuschließen, dass diese für Charlotte Marie als geborene Prinzessin von Sachsen-Jena Partei ergriffen. Des Weiteren spricht der Verzicht auf ein Verfahren dafür, dass es sich bei dem vermeintlichen Ehebruch tatsächlich nur um einen vom Herzog konstruierten Tatbestand handelte. Auch wenn Herzogin Charlotte Marie nicht juristisch belangt wurde, so hatte Herzog Wilhelm Ernst die Vorfälle in Jena genutzt, um seine Ausgangsposition im Hinblick auf eine Scheidung zu verbessern. Dabei war es nicht nur der vermeintliche Ehebruch der Herzogin, den Herzog Wilhelm Ernst zu seinen Gunsten zu instrumentalisieren gedachte. Herzog Wilhelm Ernst ließ zahlreiche Aussagen über das Verhalten der Herzogin zusammentragen, um auf diesem Weg belastendes Material zu erhalten, mit dem er seine Frau weiter diskreditieren und eine Scheidung rechtfertigen konnte. Den diesbezüglichen Akten ist ein Bericht des Geheimen Rats Lyncker zu entnehmen, gemäß dem Herzogin Charlotte Marie nach erfolgter Abreise des Otto Meurer schon wieder einen anderen Galan namens Lünnighausen gefunden hätte. Dies sei auch dem Hofmarschall Wurm bekannt. Darüber hinaus findet sich die Aussage einer namentlich nicht erwähnten vornehmen Frau, die über Herzogin Charlotte Marie berichtete, „die H. von W. ließe offt Jungfern aus der Stadt holen und besähe und begriffe sie hinden und vorn, daß es Schande wäre, deswegen auch niemand mehr hinauf wollte“333. Doch ist der Wahrheitsgehalt dieser Äußerungen zu hinterfragen, denn es ist nicht auszuschließen, dass Herzog Wilhelm Ernst diese Aussagen bewusst lancierte, um auf diesem Weg die Situation zu seinen Gunsten zu beeinflussen, seine Verhandlungsposition zu stärken und damit letztlich den Weg hin zu einer Scheidung zu ebnen. In einer Mitteilung an seine Räte gab Herzog Wilhelm Ernst bekannt: „Ob Wir wohl bisher mit großer Geduld der Zuversicht gelebet, es würden sich 332 333

Ebd., fol. 2v. Ebd., fol. 3v.

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dermahleinst unserer bisherigen Gemahlin, Frauen Charlotten Marien [...] Ld. begriffen, und gegen Uns sich dergestalt Bezeiget haben, wie einer Christfürstl. Gemahlin gebühret; so haben Wir doch mit höchstem Leidwesen erfahren müßen, daß sie sich vielmehr in ihrem Leben undt Wandel von Tag zu Tag verschlimmert, als, daß zu einiger Reconciliation und ehelichen Beywohnung sich ferner keine Hoffnung zumachen, sondern Wir vielmehr im Nahmen Gottes entschlossen, Uns von gemeldter Frauen Charlotten Marien, mit Aufgebung des Ehebandes gänzlich scheiden zulaßen, welches dieselbe auch selbst verlangen [...].“334 Offensichtlich war nicht mehr von einer Trennung von Tisch und Bett die Rede, sondern Herzog Wilhelm Ernst strebte jetzt die formale Scheidung von Herzogin Charlotte Marie an.

4.2.7 Die Scheidung Um das Scheidungsverfahren letztlich einleiten zu können, bedurfte es jedoch der Zustimmung der Herzogin Charlotte Marie. Da Herzog Wilhelm Ernst aufgrund der immer noch ungeklärten materiellen Ausstattung der Herzogin nicht damit rechnen konnte, dass diese in das Scheidungsverfahren einwilligte, versuchte er ihre Zustimmung gewaltsam zu erlangen. Unter dem Vorwand, dass er seine Frau wieder zu sich nehmen würde, bat Herzog Wilhelm Ernst die Herzogin in einem Brief vom 23. Oktober 1689, zu ihm nach Roßla zu kommen.335 Herzogin Charlotte Marie erklärte sich bereit, dem Wunsch ihres Ehemannes Folge zu leisten. In einem Brief an Herzog Wilhelm Ernst schrieb sie: „Danke Gott daß die lengst gewünschte Zeit undt Stunde ein mahl kommen ist da mich Eur. Ld. auß meinen ehlenden Zustand erleßen [= erlösen] wollen, ich bin vor großen Freiden fast confous undt kann sollge mir angenehme Botschafft nicht nach würden beandworden, doch meiner Schuldigkeit nach zu kommen, berichte Eur. Ld. daß ich bereit bin dero begeren zu wilfahren [...].“336 Die Äußerungen lassen ein ernsthaftes Interesse der Herzogin an einer Rückkehr zu ihrem Mann erkennen. Daraufhin ließ Herzog Wilhelm Ernst seiner Frau umgehend mitteilen, dass es ihm nicht möglich sei, nach Roßla zu kommen. Die Herzogin sollte daher nach Weimar reisen. Dem kam Herzogin Charlotte Marie auch nach und begab sich am 30. Oktober 1689 von Jena nach Weimar. Dort musste sie erleben, dass die Geschehnisse einen gänzlich anderen Verlauf nahmen, als es Charlotte Marie erwartet hatte. Anstatt im Schloss zu Weimar auf ihren Ehemann zu treffen, um mit 334

Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an seine Räte (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 119r. 335 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzogin Charlotte Marie (Abschrift), 23. Oktober 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 6r. 336 Herzogin Charlotte Marie von Sachsen-Weimar an Herzog Wilhelm Ernst (Abschrift), 26. Oktober 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 6v.

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diesem die Modalitäten für eine Versöhnung zu besprechen, wurde die Herzogin zusammen mit ihrem Gefolge in ihren Gemächern festgesetzt. Herzog Wilhelm Ernst hatte dem Wachtmeister befohlen, dass „sobald die Herzogin von Jena alhier im Schloß abgetreten, soll Er in aller Stille die beÿden Thore mit einer Wache aus der Corps de Garde besetzen, mit der Ordre, daß Sie niemanden von der Herzogin Leuthen aus oder einlaßen sollen, beÿ Leib und Lebensgefahr.“337 Des Weiteren besagte die Instruktion des Herzogs, dass „fleißig Wache [zu] halten [sei], daß weder die Herzogin, noch ihre Jungfer oder Mägdgen, nicht entkommen [...] würde auch über verhoffen die Herzogin sich underfangen, mit Gewalt, durch die Wache zudringen, und durch zugehen, sollen Sie Ihr anfangs [...] zureden, wo es aber nicht helfen will, dieselbe mit Gewalt jedoch [...] zurücktreiben und wieder ins Gemach bringen.“338 Herzog Wilhelm Ernst untersagte es auch, dass der Herzogin Tinte und Papier gebracht wurden. Damit blieb Herzogin Charlotte Marie die Kommunikation nach außen verwehrt. Indem Herzog Wilhelm Ernst seine Frau vollkommen von der Außenwelt isolierte, machte er nicht nur die Herzogin handlungsunfähig, sondern erschwerte auch das Eingreifen potentieller Fürsprecher der Herzogin, wie beispielsweise Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach oder Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Beide Herzöge hatten Herzogin Charlotte Marie in der Vergangenheit mehrfach unterstützt. Zudem hatten sie sich bislang auch entschieden gegen eine Scheidung des Weimarer Herzogspaares ausgesprochen. Da Herzog Wilhelm Ernst nicht mit einem Meinungsumschwung der Agnaten rechnen konnte, versuchte er nunmehr durch sein gewaltsames Vorgehen Tatsachen zu schaffen. Das vermeintliche Versöhnungsangebot an Herzogin Charlotte Marie war dabei nur ein Vorwand, um die Herzogin an den Weimarer Hof zu locken und um sie schließlich in Gewahrsam nehmen zu können. Dabei scheint sich Herzog Wilhelm Ernst bewusst gewesen zu sein, dass er sich damit auf einem schmalen Grat bewegte. Hierfür spricht nicht zuletzt die Tatsache, dass die an der Festsetzung der Herzogin beteiligten Soldaten sowie die darüber informierten Beamten sich eidlich zur Verschwiegenheit verpflichten mussten.339 Indem Herzog Wilhelm Ernst von seinen Untergebenen die Ableistung eines Eides und damit einhergehend bedingungslosen Gehorsam verlangte, versuchte er jeglichen Widerspruch und eine Infragestellung seines Handelns zu verhindern. Er stellte seinen herrschaftlichen Machtanspruch und die sich daraus ableitenden Befugnisse über die moralischen Bedenken, und über die Loyalität der Bediensteten gegenüber der Herzogin. Herzog Wilhelm Ernst gelang es auf diesem Weg, einen eventuellen Widerstand seiner Bediensteten zu unterbinden. Allerdings konnte er 337

Instruktion Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an den Wachtmeister Friedrich Wilhelm Jahn (Abschrift), 29. Oktober 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 8r. 338 Ebd., fol. 8v. 339 Urkunde über die Eidesableistung (Abschrift), 29. Oktober 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 7v.

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davon ausgehen, dass es im Hinblick auf die Standesgenossen und insbesondere die ernestinische Verwandtschaft nicht einfach werden würde, sein Vorgehen zu verbergen und zu rechtfertigen, ohne einen neuerlichen Konflikt zwischen den Agnaten hervorzurufen. Dabei war das von Herzog Wilhelm Ernst praktizierte Vorgehen nicht unüblich. Der von Julius Bernhard von Rohr verfassten „Einleitung zur CeremonielWissenschafft Der grossen Herren“ aus dem Jahr 1733 ist zu entnehmen: „Wann die Fürstlichen Gemahlinnen, wegen gepflogener unzuläßlichen Conversation, dem Fürsten einen gegründeten Verdacht gegeben, so enthalten sie sich von der Zeit an, da sie Nachricht hievon erlangt, ihrer Beywohnung, sie lassen sie in leidliche Verwahrung bringen, und durch ihre vertrauten Räthe und Ministres über gewisse Puncte befragen.“340 Dass eine Arrestierung zum gewöhnlichen Repertoire der Züchtigung von Frauen innerhalb der Ehe gehörte, bestätigt auch Jörg Rogge im Rahmen seiner Untersuchung zu Geschlechterkonflikten innerhalb des hohen Adels des Reiches im Spätmittelalter.341 Auch für die Frühe Neuzeit lassen sich zahlreiche Beispiele finden.342 Das wohl bekannteste Beispiel dürfte das der Kurprinzessin Sophie Dorothea von Hannover (1666–1726) sein, die – mit dem Kurprinzen Georg Ludwig von Hannover (1660–1727) verheiratet – eine Affäre mit dem Grafen Philipp Christoph von Königsmarck (1665–1694) einging. Nach der – vermutlich auf Veranlassung ihres Schwiegervaters, des Kurfürsten Ernst August (1629–1698) – durchgeführten Ermordung Königsmarcks im Jahr 1694 wurde das Kurprinzenpaar schließlich geschieden. Die vormalige Kurprinzessin Sophie Dorothea wurde bis zu ihrem Lebensende auf dem – wenn auch vergleichsweise komfortablen – Schloss zu Ahlden inhaftiert.343 Gegenüber dem Fall der Kurprinzessin von Hannover hatte sich die Herzogin Charlotte Marie keines derart Aufsehen erregenden Vergehens schuldig gemacht. In ihrem Fall genügte es schon, dass sie nicht bereit war, sich ihrem Ehemann vorbehaltlos unterzuordnen. Dennoch musste Herzog Wilhelm Ernst damit rechnen, dass die ernestinischen Agnaten die Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie keineswegs billigen würden. Da sowohl Herzog Wilhelm Ernst als auch Herzogin Charlotte Marie Mitglieder desselben Familienverbandes waren, stellte die Inhaftierung der Herzogin nicht nur eine Ehrverletzung für die Herzogin, sondern auch für den ernestinischen Familienverband dar. Zugleich zeugte die Inhaftierung 340

ROHR 1733, S. 165. ROGGE 2001, S. 496. 342 Darunter das der Gräfin Johanna Dorothea von Bentheim-Tecklenburg, deren Schicksal Parallelen zu dem der Herzogin Charlotte Marie aufweist. Johanna Dorothea von Bentheim-Tecklenburg wurde von ihrem Gemahl, dem Grafen Johann Adolf von Bentheim-Tecklenburg, im Jahr 1669 der vermeintlichen Untreue und des „unzüchtigen Lebenswandels“ beschuldigt, woraufhin dieser das Scheidungsverfahren einleiten ließ. Während des über sechs Jahre andauernden Verfahrens wurde die Gräfin als mutmaßliche Ehebrecherin von ihrem Schwiegervater auf Schloss Hohenlimburg festgehalten. Siehe: M ARRA 2007, S. 138–144. 343 Zum Fall der Kurprinzessin Sophie Dorothea nach wie vor maßgebend: SCHNATH 1979; Ders. 1968, S. 52–123. Für die neuere Forschung exemplarisch: BURSCHEL 2006, S. 465–476. 341

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davon, dass der Familienverband nicht in der Lage war, den ehelichen Konflikt auf gewaltfreie Weise zu klären. Eine Akzeptanz der Arrestierung hätte für die Agnaten einen erheblichen Prestigeverlust bedeutet. Herzog Wilhelm Ernst musste daher mit Widerstand rechnen. Angesichts der geographischen Lage und der höfischen Kommunikationswege war es zudem nur eine Frage der Zeit, bis die Höfe in Eisenach und Gotha von den Vorgängen am Weimarer Hof und schließlich von der Inhaftierung der Herzogin Kenntnis erlangen und tätig werden würden. Vor dem Hintergrund einer möglichen Intervention der Agnaten trieb Herzog Wilhelm Ernst seine Scheidungspläne zielstrebig voran. Noch am 31. Oktober 1689 reichte er bei der theologischen wie auch juristischen Fakultät der Universität Jena eine Scheidungsklage ein.344 Herzog Wilhelm Ernst gab an, dass er „im nahmen Gottes entschlossen [sei], [sich] von gemeldter Frauen Charlotten Marien, mit Aufgebung des Ehebandes, gänzlich scheiden zulaßen, welches dieselbe auch selbst verlange [sic!]“345. Zwar ist nicht auszuschließen, dass Herzogin Charlotte Marie nicht zuletzt angesichts ihrer Inhaftierung ebenso wie Herzog Wilhelm Ernst bestrebt war, sich scheiden zu lassen. Doch erscheint es nahe liegend, dass es sich bei der von Herzog Wilhelm Ernst erwähnten Einwilligung der Herzogin um eine fingierte Zustimmung handelt, um das Scheidungsverfahren einleiten zu können. Schließlich wurden die theologische und juristische Fakultät der Jenaer Universität von Herzog Wilhelm Ernst ermächtigt, ein Gremium zusammenzustellen, das die Scheidung verhandeln sollte.346 Gegenüber diesem Gremium rechtfertigte Herzog Wilhelm Ernst sein Scheidungsersuchen nicht nur damit, dass Herzogin Charlotte Marie „in der gegen Uns nun viele Jahre her verspührten Wiederspenstigkeit und Unwillen, sich [...] der Gestalt bestärket, daß, unserer gütigen Erweisungen und beschehenen vielen Vorstellungen unerachtet, keine Reconciliation und eheliche Beywohnung zuhoffen“347. Sondern die Herzogin habe auch „zeithero eine so übele Conduite geführet, daß Wir genöthiget worden, andere mittel zuergreifen, und auf eine gänzliche Separation und Ehescheidung zudenken“348. Die Vorwürfe des Herzogs bezogen sich somit hauptsächlich auf den „unzüchtigen“ Lebenswandel der Herzogin. Dabei handelte es sich um ein äußerst probates Argument, das auch in anderen adeligen Scheidungsprozessen von zentraler Bedeutung war.349 Es ist bemerkenswert, dass Herzog Wilhelm Ernst darauf verzichtete, den angeblichen Ehebruch seiner Frau mit dem Studenten Meurer zu thematisieren. Auch dies kann als Indiz dafür gewertet werden, 344

Konzept der Scheidungsklage Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar (Abschrift), 29. Oktober 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 10r–11r. 345 Ebd., fol. 10r. 346 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar (Abschrift), 4. November 1689, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 120r. 347 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an das Scheidungsgericht (Abschrift), 28. November 1689, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 146r. 348 Ebd. 349 M ARRA 2007, S. 138.

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dass es sich bei der vormaligen Untersuchung um eine vom Herzog beeinflusste Untersuchung zu einem fingierten Sachverhalt handelte. Außerdem hielt Herzog Wilhelm Ernst die Assessoren dazu an, dass bei der anstehenden Untersuchung „unsere Nohtdurfft dabey gebührend beobachtet werde“350. Die vermeintliche „Nohtdurfft“ dürfte sich zum einen darauf beziehen, dass sich Herzog Wilhelm Ernst als für die ehelichen Differenzen unverantwortlich und damit als „Opfer“ darstellen wollte. Zum anderen lässt sich die „Nohtdurfft“ auch dahingehend interpretieren, dass nur eine schnelle Scheidung eine baldige Wieder verheiratung und damit die Zeugung von legitimen Nachkommen ermöglichte. Die Intention Herzog Wilhelm Ernsts war letztlich offensichtlich: Er erwartete ein Ergebnis, das selbstverständlich zu seinen Gunsten ausfiel und sein Ansehen nicht schmälerte. Das bedeutete in erster Linie, dass die Scheidung ausgesprochen wurde. Darüber hinaus sollte die Scheidung weder in materieller noch in immaterieller Hinsicht negativen Konsequenzen für Herzog Wilhelm Ernst haben. So betonte der Herzog gegenüber der Untersuchungskommission, dass ihm „alß parti innocenti et laso [sic!], nach allgemeinen Keyserl. und auch Sächsischen Rechten, die Fürstl. Ehegelter, benebenst der Freyheit, Uns anderweit Christfürstl. zuverheyrathen, zuerkennet werden möge“351. Angesichts dessen spielten die Perspektive und die Interessen der Herzogin Charlotte Marie kaum eine Rolle. Den Handlungsspielräumen der Herzogin im bevorstehenden Scheidungsverfahren waren auch durch das Verfahren selbst enge Grenzen gesetzt. Als Frau bedurfte sie eines männlichen Vertreters vor Gericht.352 Trat eine Frau vor Gericht ohne rechtlichen Vertreter auf, so wurde dies als Verfahrensfehler bewertet und führte in der Regel zur Unwirksamkeit des Verfahrens.353 Den Agnaten blieb nicht verborgen, dass sich Herzogin Charlotte Marie in einer für sie ungünstigen Lage befand. Insbesondere Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg äußerte gegenüber Herzog Wilhelm Ernst Bedenken im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit des Verfahrens. „Nachdem aber die Sache von großer Wichtigkeit und also beschaffen, daß unsers Fürstl. Samthaußes, deßen ansehnliche Conmembra E. L. und dero Gemahlin sindt, Reputation undt Fürstl. Leumund unleugbar darunter versiret, so können wir nicht umbhin, aus freund vetterl. Wolmeÿnung hierdurch, nochmals desjenige zu wiederholen und zuerinnern, was wir der Reconcilation und des darzu dienenden Modi halber auch sonsten wegen der E. L. Gemahlin inputirten Beÿmeßungen [...] nicht ohne ungesundene Wirkung beweglich vorstellen laßen. Aller maßen wir uns nun versichern, daß E. L. von selbsten zuförderst Ihren Christl. Gewißen besten350

Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an das Scheidungsgericht (Abschrift), 28. November 1689, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 146v. 351 Ebd. 352 KOCH 1997, S. 85; KOCH 1991, S. 84. 353 Dieser Sachverhalt wurde gelegentlich von Frauen instrumentalisiert. So gab es Versuche von Frauen, vor Gericht glaubhaft zu machen, dass sie auf einen rechtlichen Vertreter verzichtet hätten. Damit wurde letztlich beabsichtigt, das gegen sie geführte Verfahren für ungültig erklären zu lassen. Vergleiche hierzu: ORTLIEB 2005, S. 183–217, hier S. 201.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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dig mit zurathen undt demselben wegen anderer etwan empfindlich scheinenden Beschwehrligkeiten keine Verletzung zuzuziehen geneigt sind [...] da mit es beÿ andern hohen Häusern und der erbarn Welt keine verkleinerliche Nachrede auch hiernechst nach Gelegenheit höhere und anderer Orthen keine Verantwortung und härtere Verdrüßligkeit (denn man der Menschlichen fälle nicht versichert) nach sich ziehen möge.“354 Auch wenn Herzog Friedrich I. die Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie nicht explizit erwähnte, so lassen seine Formulierungen dennoch vermuten, dass er über die Vorgänge im Weimarer Schloss informiert war und diese missbilligte. Indem er Herzog Wilhelm Ernst nachdrücklich darauf hinwies, nicht wider das Gewissen zu handeln, rekurriert Herzog Friedrich I. auf ein eigenmächtiges und mit Rechtsnormen und sozialen Konventionen nicht zu vereinbarendes Handeln des Weimarer Herzogs. Die Bedenken Herzog Friedrichs I. im Hinblick auf die Rechtmäßigkeit des Scheidungsverfahrens waren nicht unbegründet, denn Herzog Wilhelm Ernst ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um das Verfahren zu seinen Gunsten zu gestalten. Dies wurde auch bei der Bestimmung des Vormunds für Herzogin Charlotte Marie deutlich. Im Normalfall wäre die Vormundschaft über die Herzogin an ihren Bruder Johann Wilhelm als nächsten männlichen Verwandten übergegangen. Doch Prinz Johann Wilhelm war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht volljährig und unterstand selbst der Vormundschaft Herzog Wilhelm Ernsts. Herzog Wilhelm Ernst versuchte daher, einen Privatmann aus seinem Umfeld als Vormund der Herzogin zu installieren. Dadurch wollte er möglichen Forderungen der Herzogin vorbeugen, die sich für ihn als nachteilig hätten erweisen können. Doch stieß dieses Ansinnen Herzog Wilhelm Ernsts bei den ernestinischen Agnaten auf Widerstand. Einmal mehr war es Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg, der an dieser Stelle intervenierte. Der Herzog von Sachsen-GothaAltenburg bestand darauf, dass „von denen nechsten Fürstl. Agnaten (in dem mit einer von E. L. verfügenden eigenen Zuordnung eines privati vermuthlich vieler Considerationen halber nicht auß zulangen) ein verstendiger undt erfahrener Mann an statt eines Curatoris oder Assistenten zu zuordnen welcher derselben beÿ der in Causa der intendirten Separation selbst, als auch ratione bonorum und künfftigen Subsistenzmittel mit aller Bescheidenheit und Circumspection beÿstehe und so mit verhüten helffe, damit das intendirte gantze Werck der mahl einst nicht mit vieler Blame beleget undt der Nullität beschuldiget werde.“355 Die Äußerungen Herzog Friedrichs I. machen deutlich, dass auch den Handlungsspielräumen Herzog Wilhelm Ernsts Grenzen gesetzt waren. Zwar ermöglichte es die landesherrliche Souveränität, dass Herzog Wilhelm Ernst die rechtlichen Normen instrumentalisieren und das Scheidungsverfahren in seinem Sinn vorantreiben konnte. Doch spätestens dann, als Herzog Wilhelm Ernsts Vorgehen 354

Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 13. November 1689, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 11v–12r. 355 Ebd., fol. 12r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

die Interessen der ernestinischen Agnaten berührte oder gar gefährdete, wurden diese tätig. Die ernestinischen Agnaten fungierten somit als innerfamiliäre und innerdynastische, aber auch als innerständische Kontrollinstanz. Für Herzog Wilhelm Ernst war es gegenüber den Agnaten – anders als gegenüber seinen Bediensteten – ungleich schwieriger, sein eigenmächtiges Handeln zu legitimieren. „[...] denn Wir ja hoffen auch glauben“, schrieb er an Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg, „es werde sich im Werke selbst zeigen, daß Wir zu einen u. andern nicht ohne genugsamen Grund u. vergängig Versicherung auslänglichen Rahts biß her fürgeschritten sind.“356 Zwar versuchte Herzog Wilhelm Ernst sich gegenüber den Agnaten zu rechtfertigen, doch waren diese Versuche nur bedingt erfolgreich. Vielmehr nahmen die Agnaten eine kritische Haltung gegenüber dem Vetter aus Weimar und seinem eigenmächtigen Vorgehen ein. Dies wurde nicht zuletzt hinsichtlich der Gefangennahme der Herzogin Charlotte Marie deutlich, von der die Agnaten – trotz der von Herzog Wilhelm Ernst getroffenen Vorkehrungen – Kenntnis erlangten. Bereits im November 1689 war in Jena bekannt, unter welchen Bedingungen die Herzogin Charlotte Marie im Weimarer Schloss leben musste.357 Daher ist davon auszugehen, dass auch die ernestinische Verwandtschaft in Gotha und Eisenach zeitnah darüber informiert wurde. Einem Brief Herzog Friedrichs I. von Sachsen-GothaAltenburg vom 9. Januar 1690 zufolge hatten die Agnaten spätestens zu Beginn des Jahres 1690 Kenntnis über die Verhältnisse in Weimar. Herzog Friedrich I. schrieb diesbezüglich an Herzog Wilhelm Ernst: „So ist uns dennoch so bald mit vorkommen, wie der modus tractandi, mit welchem die Untersuchung undt Abhandlung dieser Fürst Ehelichen Differentien angegriffen worden, dem vorberührten Zweck entgegen stehen möchte, in dem unsers ohnmaßgeblichen dafür haltens etwa einander gelindere Expediens zuergreifen gewesen, der Herzogin Ld. bis zu Endigung und Außtrag der Sache gnugsamb vergewißert zu seyn, ohne daß mann zu deren würcklichen Verarrestir= und bewachung, alß einem beÿ dergleichen hohen Standes Personen besondern Extrema, welches vor männig-

356 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg (Abschrift), 16. November 1689, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 13v. 357 Namentlich geriet der Gürtler Nebelthau aus Jena unter Verdacht, Informationen bezüglich der Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie verbreitet zu haben. Am 13. November 1689 erging an die Regierung zu Jena ein Erlass Herzog Wilhelm Ernsts, mit der Verfügung, dass besagter Nebelthau zu vernehmen sei und dass man ihn „bedürfenden Falls [...] mit Gefängniß oder sonsten bestrafen [solle]“. (Konzept eines Erlass Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an die vormundschaftliche Regierung zu Jena (Abschrift), 13. November 1689, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 13r.). Der Trompeter Johann Wilhelm Quentin sagte aus, dass Nebelthau ihm erzählt habe, „daß Ihr Dhl. die Herzogin gar scharf verwachet und kein Mensch zu ihr gelaßen würde“. (Protokoll über die Vernehmung des Trompeters Johann Wilhelm Quentin, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 16r) Aus den Akten geht nicht eindeutig hervor, dass es der Gürtler Nebelthau war, der die Inhaftierung der Herzogin öffentlich machte.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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lich eine Criminalität arguirt, hette schreiten dürffen.“358 An die Stelle der zuvor moderaten Äußerungen Herzog Friedrichs I. gegenüber Herzog Wilhelm Ernst traten nunmehr klare Vorwürfe und Kritik. Mit der Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie, eines Mitgliedes des ernestinischen Familienverbandes, hatte die Toleranz der ernestinischen Agnaten im Hinblick auf das Verhalten Herzog Wilhelm Ernsts ihre Grenze erreicht. Herzog Friedrich I. verurteilte das Vorgehen seines Weimarer Vetters und ermahnte diesen, „von aller Inquisition zu abstrahiren undt den von E. L. suchenden Zweck durch andere mittel zuerreichen, mithin der Sache endlich einen solchen Schluß undt Außtrag zu geben, damit die Hertzogin ohne offentliche Beschimpffung vor der Welt undt zugleich E. Ld. undt unser gesamtes H. Hauß sonder ohnbeliebige Nachrede bleiben möchte“359. Dass die Kommunikation zwischen den ernestinischen Agnaten zunehmend an Schärfe gewann, dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass die Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie zunehmend an anderen Höfen bekannt wurde und damit eine Außenwirkung erreichte, deren weitere Konsequenzen nicht abzusehen waren. Die Inhaftierung entwickelte sich zu einem Skandal, an dem nunmehr auch die Verwandtschaft der Herzogin Charlotte Marie von mütterlicher Seite, das Haus Trémoïlle, Anstoß nahm. Schließlich stellte die Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie, deren Mutter eine geborene Prinzessin de la Trémoïlle war, auch eine potentielle Rufschädigung für das Haus de la Trémoïlle dar. Dem bereits zitierten Brief des Herzogs Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg vom 9. Januar 1690 ist zu entnehmen, dass sich die Prinzessin von Tarent360 an ihn gewandt habe, da „Sie das Werck empfindlich zu Gemüth nehme“361. Angesichts dieser Entwicklung wurde es für Herzog Friedrich I. eine unumgängliche Notwendigkeit, gegenüber Herzog Wilhelm Ernst tätig zu werden: Von Seiten der Ernestiner war es geboten, gegenüber dem Haus Trémoïlle und den Standesgenossen zu zeigen, dass man in der Lage war, den Konflikt innerhalb des Familienverbandes zu lösen. Andernfalls drohte für die Ernestiner nicht nur ein

358

Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 9. Januar 1690, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 17v. 359 Ebd. 360 Hierbei handelt es sich vermutlich um Emilie de la Trémoïlle (1626–1693), geborene Prinzessin von Hessen-Kassel. Sie war mit Henri-Charles de la Trémoïlle (1620–1672) verheiratet, dem Onkel der Herzogin Charlotte Marie. Zu besagter Zeit hielt sich Emilie de la Trémoïlle vorwiegend in Frankfurt am Main auf. Daher ist es nahe liegend, dass sie es war, die sich an Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg wandte. Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, dass mit „princesse Tarente“ die Gräfin Charlotte-Amélie von Aldenburg, die Tochter von HenriCharles de la Trémoïlle und dessen Frau Emilie, gemeint ist. Die Frage, auf wen sich die Bezeichnung tatsächlich bezieht, konnte im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht abschließend geklärt werden. 361 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 9. Januar 1690, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 18r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Prestigeverlust durch den Konflikt selbst, sondern auch durch die Unfähigkeit des Familienverbandes, diesen Konflikt beizulegen. Auch Herzog Wilhelm Ernst musste daran gelegen sein, den Konflikt zu beenden. Die Gründe hierfür waren vielfältig. Auf der einen Seite galt es für ihn, seinen Ruf zu wahren. Auf der anderen Seite musste er verhindern, dass eine Eskalation des Konfliktes und damit einhergehend ein weiteres Verhärten der Fronten das Scheidungsprojekt gefährdete. Schließlich stimmte Herzog Wilhelm Ernst dem Wunsch Herzog Friedrichs I. nach einem unabhängigen Kurator für Herzogin Charlotte Marie zu. Die Herzogin selbst hatte zuvor bereits den Wunsch geäußert, dass Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg die Position des Vormunds und Kurators einnehmen sollte.362 Doch Herzog Friedrich I. weigerte sich, die Vormundschaft über die Herzogin Charlotte Marie zu übernehmen und als Kurator vor dem Scheidungsgericht aufzutreten. Auch wenn er selbst keine Begründung für seine Haltung anführte, so erscheint es doch nahe liegend, dass es die nahe Verwandtschaft sowohl zu Herzogin Charlotte Marie als auch zu Herzog Wilhelm Ernst war, die seinen Entschluss bedingte. Hätte er die Funktion eines Kurators übernommen, wäre es kaum möglich gewesen, einerseits die Interessen der Herzogin zu vertreten ohne andererseits den Interessen Herzog Wilhelm Ernsts zuwider zu handeln. Dies wiederum hätte nicht nur das Verhältnis zwischen Herzog Friedrich I. und Herzog Wilhelm Ernst belastet, sondern auch negative Auswirkungen auf das Klima innerhalb des Familienverbandes gehabt. Trotz der Ablehnung Herzog Friedrichs I., formal als Kurator in Erscheinung zu treten, nahm er diese Funktion dennoch informell wahr und vertrat die Interessen der Herzogin Charlotte Marie gegenüber ihrem Ehemann. Zugleich insistierte Herzog Friedrich I. darauf, „daß die Hertzogin eine geschickte undt verständige friedliebende Person aus unserm hiesigen oder Altenburgischen Landen zu ihrem Defensore erwehlen, undt solchen ad Acta legitimiren möge“363. Schließlich wurde Christian Hieronymus Mühlpfort im August 1690 offizieller Kurator der Herzogin Charlotte Marie.364 Zu diesem Zeitpunkt standen die Scheidungsverhandlungen allerdings schon kurz vor ihrem Abschluss. Nachdem das Scheidungsgericht im November 1689 seine Arbeit aufgenommen hatte, waren die Verhandlungen zügig vorangeschritten. Insbesondere Herzog Wilhelm Ernst war darauf bedacht, dass die Scheidung möglichst schnell ausgesprochen wurde. Dabei ist den Scheidungsakten zu entnehmen, dass die von Herzog Wilhelm Ernst vor dem Scheidungsgericht vorgebrachten Argumente für eine Scheidung, nämlich insbesondere die „Wiederspenstigkeit“ und „übele Conduite“ der Herzogin, keineswegs die von Herzog Wilhelm Ernst gewünschte 362

Der Advokat Johann Friedrich Glizzen an die Mitglieder des Scheidungsgerichts (Abschrift), 14. Dezember 1689, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 155r. 363 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 23. Juli 1690, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 22r–22v. 364 Scheidungsakte (Abschrift), 8. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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Überzeugungskraft besaßen. Noch im April 1690 wurden auf Seiten des Scheidungsgerichts im Hinblick auf die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit einer formalen Scheidung Bedenken geäußert. „Ob aber genugsame Uhrsache zur völligen Scheidung schiene auch schwehr“365, notierte der Gerichtsassessor Bechmann in dem von ihm erstellten Protokoll der Scheidungsverhandlungen vom 2. April 1690. Um derartige Zweifel des Scheidungsgerichts zu zerstreuen und das Verfahren zu einem schnellen Ende zu bringen, ließ Herzog Wilhelm Ernst im Juli 1690 sieben Zeugen vernehmen. Unter den Zeugen befanden sich zwei vormalige Kammermädchen der Herzogin Charlotte Marie, ihre Waschmagd, der Hausverwalter der Herzogin zu Porstendorff, zwei Diener der Herzogin sowie ein Student. Mit den Zeugenaussagen sollte die Herzogin als Ehebrecherin überführt und damit das entscheidende Argument, das eine formale Scheidung des Herzogs von der Herzogin rechtfertigte, geliefert werden. Zentraler Gegenstand der Zeugenverhöre war erneut das Verhältnis der Herzogin Charlotte Marie zu dem Studenten Meurer aus Braunschweig. Zwar attestierten die Zeugen der Herzogin, dass sich diese während ihres Aufenthaltes in Jena „ihrem Fürstl. Stand nicht allezeit gemäß verhalten“366 und mit Studenten verkehrt hätte, doch eindeutige Beweise für einen Ehebruch der Herzogin konnten sie nicht liefern. Somit fehlte Herzog Wilhelm Ernst nach wie vor ein ausschlaggebendes Argument für eine Scheidung. Der Nachweis eines nicht standesgemäßen Verhaltens der Herzogin genügte aber immerhin, um deren Reputation zu schädigen und die Notwendigkeit einer Scheidung zu untermauern. Den Bemühungen Herzog Wilhelm Ernsts um eine rasche Scheidung kam entgegen, dass sich die Herzogin inzwischen selbst für eine Scheidung aussprach. Um jedoch zu einem Ende des Verfahrens zu gelangen, bedurften noch wesentliche Punkte der Klärung. Hierzu gehörte insbesondere die künftige Versorgung der Herzogin Charlotte Marie und nicht zuletzt die Beendigung ihrer Inhaftierung im Weimarer Schloss. Diesbezüglich wandte sich Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst: „zu Vermeidung vieler sonst mit einfließenden höchstbeschwehrlichen Umbstände [...] Eu. Ld. sich ad Acta erklären wolten, auf ihre der Hertzogin Muta undt sämmtliche Vermögen nichts zu praetendiren, vielmehr, wenn die dissolutis Matrimonÿ erkennet werde, ihr dasjenige, was ihre davon zukommen zu restituiren, undt endlich, daß nach der Ehescheidung wegen derselben Tractaments undt Subsistentz auf gepflogene Communication mit denen Fürstl. Anverwandten geziemende Entschließung erfolgen solle, also beruhet es dermahlen allein noch auf dem Punct der von mehr hochbesagter Hertzogin verlangten Erlaßung aus der bißherigen Custodie [= Bewachung] [...] daß Sie irgendwo an einem beÿderseits anständigen orthe, biß zur Endschafft der Sache subsistiren möchte, zu Beförderung des Hauptzwecks, dar365

Scheidungsakte (Abschrift), 2. April 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 182r. Zeugenaussagen von Agnes Elisabeth Bötticher und Christina Margarethe Obar (Abschrift), beide ehemalige Kammermädchen der Herzogin, 7. Juli 1690, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 29r. 366

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

an Eu. Ld. undt der Hertzogin gleich gelegen [...].“367 Auch Herzogin Charlotte Marie verlangte gegenüber dem Scheidungsgericht, dass Herzog Wilhelm Ernst die von ihm okkupierten Paraphernalgelder ersetzen sollte.368 Am 18. August 1690 erging schließlich von Seiten Herzog Wilhelm Ernsts ein Erlass, in dem er sich bereit erklärte, „der Herzogin alle Paraphernalien und Dotem, so viel sie davon empfangen, zu restituiren“369. Damit war Herzog Wilhelm Ernst der von Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg wie auch von Herzogin Charlotte Marie gestellten Forderung nach Restitution der Paraphernalgelder – zumindest pro forma – nachgekommen. Zugleich bekräftigte Herzog Wilhelm Ernst in seinem Erlass die Notwendigkeit einer Scheidung. Als Gründe für die Scheidung wurde nunmehr angeführt, dass sowohl Herzog Wilhelm Ernst als auch Herzogin Charlotte Marie bereits in der Kindheit eine starke Antipathie einander gegenüber empfunden hätten. Dennoch habe Herzog Wilhelm Ernst „durch scheinbare Vorstellung der großen Avantage, so Ihro und dero Fürstl. Hauße, durch diese Mariage mit der Herzogin, damahligen Princessin, zuwachsen könte“370, eine Ehe mit Charlotte Marie angestrebt. „da aber deroselben solches eröffnet, und Sie üm das Ja=Wort angesprochen worden, haben Sie wegen ihrer Jugend, und da Sie kaum das 14. Jahr erreichet, auch ohne das von Natur etwas stöckicht und hartsinnig, weder ja noch nein darzu gesagt.“371 Durch die angeblich nicht erfolgte Zustimmung der Herzogin Charlotte Marie zur Eheschließung wurde die Gültigkeit der Ehe nachträglich in Zweifel gezogen, da eine Ehe kirchenrechtlich nur dann anerkannt wurde, wenn sie auf freiwilliger Basis – also mit Zustimmung beider Ehepartner – erfolgte.372 Indem Herzog Wilhelm Ernst auf die „Stöckigkeit“ und „Hartsinnigkeit“ der Herzogin verwies, wurde zugleich eine Begründung für die spätere Entwicklung der Ehe geliefert: Das Wesen der Herzogin war es, das ein einvernehmliches Eheleben per se nicht zuließ. Damit suggerierte der Erlass, dass die Schuld für die ehelichen Differenzen eindeutig bei der Herzogin lag. Zur Illustration dessen wird in dem Erlass darauf hingewiesen, dass sich die Herzogin auch nach erfolgter Eheschließung „gegen den Herzog ganz feindseelig und wiederwärtig erwiesen, und 367 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 23. Juli 1690, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 22v–23r. 368 Scheidungsakte (Abschrift), 8. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132. 369 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 207r. 370 Ebd., fol. 198v. 371 Ebd., fol. 198v–199r. 372 OBERHAMMER 1990, S. 195. Auf die Bedeutung des Ja-Wortes im Rahmen der Vermählungszeremonie verweist auch Julius Bernhard von ROHR in seiner „Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der grossen Herren“ aus dem Jahr 1733: „die Princeßin Braut von dem Bischoff, der die Copulation verrichtet, befraget wird, ob sie den Hoch=Fürstlichen Herrn Bräutigam [...] zu ihren künfftigen Eh=Gemahl verlangen, und sie auch dieses mit einem deutlichen Ja bekräfftiget [...] das von beyden Verlobten wiederholte Ja=Wort wird von dem Bischoff befestiget.“ (ROHR 1733, S. 143).

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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eine solche Aversion spühren laßen, so daß Sie niemahl zu einiger Freundlichkeit beweget werden können, und ob sich wohl des Herzogs H. Dhl. mehrmahls üm Liebe, Affection und eheliche Beywohnung beworben [...] So ist doch bey hochgedachter Herzogin nichts zuerhalten gewesen, sondern Sie haben entweder, [...] kein Wortt geantwortet, oder doch mit großem eyfer contesdiret, daß Sie dem Herzog Spinnenfeind, selbigen niemahls geliebet, noch Ihn lieben weniger ehelich beywohnen wolten und könten“373. Erst aufgrund des ablehnenden Verhaltens der Herzogin habe sich auch auf Seiten des Herzogs „die Liebe gemindert“374. Die Argumentation Herzog Wilhelm Ernsts ist dabei nicht nur im Hinblick auf den Verlauf des Scheidungsverfahrens von Bedeutung, sondern auch, wenn man die Bedeutung von Liebe für die frühneuzeitliche Gesellschaft hinterfragt. Die Aufzählung von „Liebe, Affection und eheliche[r] Beywohnung“ macht einmal mehr deutlich, dass es sich bei Liebe weniger um emotionale Zuneigung handelte als vielmehr um einen Modus des ehelichen Zusammenlebens, der sich an den rechtlichen und sozialen Normen orientierte.375 Doch die Absicht Herzog Wilhelm Ernsts zielte nicht nur darauf ab, der Herzogin die alleinige Verantwortung an den ehelichen Differenzen zuzuschreiben. Auch die ernestinische Verwandtschaft wurde – zumindest implizit – von Herzog Wilhelm Ernst für die Situation verantwortlich gemacht. Dem Erlass ist zu entnehmen: „Und wiewohl des Herzogs H. Dhl. einstmahls, da die Herzogin Miné gemacht, alß ob Sie wieder zu dem Herzog verlangete, sich ganz willig erfinden laßen, dieselbe wieder zu sich zunehmen, auch zu solchem Ende eine kostbare Abschickung nacher Eisenach, zu dero Abholung, gethan, hatt Sie doch hernach, vermuthlich uff Verhezung [sic!], sich geändert, und der Anherokunfft, unter nichtigen Vorwandt, beständig geweigert [...].“376 Die Erwähnung, dass Herzogin Charlotte Marie „uff Verhezung“ gehandelt habe, richtet sich offensichtlich gegen den verstorbenen Herzog Johann Georg I. und das Haus Sachsen-Eisenach. Dies zeigt, dass das Verhältnis zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach nach wie vor angespannt war. Der Ehekonflikt des Weimarer Herzogspaares hatte auch innerhalb des Familienverbandes merklich Spuren hinterlassen. Schließlich gab Herzog Wilhelm Ernst an, dass die Ehe „nach ganzer sieben Jahr ausgestandener großen Wiederwärtigkeit, Beschimpfung, und Seelengefahr, zu Verhütung größern Unglücks und Ärgernißes [...] vor unbündig und nichtig [...] von beyden Theilen erkiesten [= gewählten] Judicio erkennen zulaßen“377. Als Begründung für die Unumgänglichkeit der Scheidung wurde angeführt, dass die

373

Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 199v–200r. 374 Ebd., fol. 200r. 375 Siehe auch: JARZEBOWSKI 2008a, Sp. 900. 376 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 200v. 377 Ebd., fol. 201v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Herzogin zum Zeitpunkt der Vermählung sehr jung gewesen sei und „nicht recht gewust und verstanden, was der Ehestand sey“378. Darüber hinaus machte Herzog Wilhelm Ernst deutlich, „daß die Herzogin den Herzog niemahls geliebet, noch lieben wollen oder können, sondern Ihro Fürstl. Dhl. vielmehr alle Feindseeligkeit, Verdruß und Wiederwillen erwiesen [habe]“379. Herzog Wilhelm Ernst betonte, dass eine Scheidung unausweichlich sei. Vielmehr noch rekurrierte Herzog Wilhelm Ernst darauf, „da doch Gott selbst seinen höchsten Schaz für des Menschen Seeligkeit hergegeben, wie solte denn nicht iedermann zu Conservirung so hoher theuer erkaufften Seelen helfen, und alles mit beytragen, mann geschweigt vor dieses mahl der öffentlichen Capitalfeindschaft, und uf Leib und Leben vielfältig ergangenen Bedrohungen“380. Außerdem sah der Herzog sein Scheidungsansinnen in der Tatsache begründet, dass die Herzogin ihn verlassen habe und das Paar inzwischen schon fünf Jahre voneinander getrennt lebe. Die „Desertion“ sei eine der „vornehmsten rationibus Divortÿ“381. In der Tat handelte es sich bei einer Desertion, und insbesondere bei der desertio malitiosa, dem böswilligen Verlassen, um einen der klassischen Scheidungsgründe. Noch bis in das späte 17. Jahrhundert hinein wurde eine Scheidung der Ehe mit Wiederverheiratungsmöglichkeit für den unschuldigen Teil nur bei Ehebruch und echter Desertion gestattet.382 Dies war sicher auch der Grund, weshalb Herzog Wilhelm Ernst die Desertion der Herzogin an dieser Stelle anführte. Auf diesem Wege versuchte er, sich die Option einer Wiederverheiratung offen zu halten. Von einem böswilligen Verlassen konnte aber im Fall der Herzogin Charlotte Marie schwerlich die Rede sein. Vielmehr hatte sie in Eisenach Zuflucht vor ihrem Ehemann gesucht. Auch die ernestinischen Verwandten bewerteten die Abreise der Herzogin Charlotte Marie aus Weimar nicht als böswilliges Verlassen. Hierfür sprachen nicht zuletzt die Reaktionen und Interventionen der Agnaten, mit deren Hilfe die Argumentation Herzog Wilhelm Ernst leicht zu widerlegen war. Angesichts dessen führte der Herzog zur Rechtfertigung einer Scheidung noch weitere Gründe an. Hierzu gehörte die Tatsache, dass die Ehe niemals vollzogen worden sei, da beide Ehegatten [sic!] aufgrund der gegenseitigen Aversionen den Beischlaf kontinuierlich verweigert hätten. „Worinnen alle Evangelische Theologi einig, [...] daß nächst dem Adulterio et desertione malitiosa, die dritte Ursach der Nullität des matrimonÿ vel divortÿ, sey constanter denegata cohabitatio“383, hieß es in dem Erlass Herzog Wilhelm Ernsts. Es ist erstaunlich, dass an dieser Stelle nicht mehr die Herzogin Charlotte Marie als alleinige Verantwortliche für die ehelichen Differenzen genannt wird. Zur Betonung der zentralen Bedeutung

378

Ebd., fol. 201v. Ebd., fol. 202r. 380 Ebd., fol. 202v. 381 Ebd., fol. 202v. 382 BUCHHOLZ 1997b, S. 110. 383 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 203r–203v. 379

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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des ehelichen Beischlafs insbesondere für eine fürstliche Ehe führte Herzog Wilhelm Ernst an, dass das Scheidungsgericht auch die Situation des hochfürstlichen Hauses zu bedenken habe. Schließlich sei „in dieser ganzen Fürstl. Weimarischen Haubtlinie nur ein einziger Prince vorhanden“384. Bei dem erwähnten einzig vorhandenen Prinzen handelte es sich um den Neffen Herzog Wilhelm Ernsts, den 1688 geborenen Prinzen Ernst August. Er war der Sohn von Herzog Johann Ernst III. (1664–1707), dem jüngeren Bruder Herzog Wilhelm Ernsts. Herzog Johann Ernst III. war allerdings der Trunksucht verfallen und konnte von Herzog Wilhelm Ernst aus den Herrschafts- und Regierungsgeschäften hinausgedrängt werden. So hatte Wilhelm Ernst de facto eine Primogenitur etabliert, auch wenn diese rechtlich nicht manifestiert war.385 Eine Kinderlosigkeit Herzog Wilhelm Ernsts hätte zur Folge gehabt, dass die Regierung des Landes an seinen jüngeren Bruder und dessen Nachkommen übergegangen wäre. Vor dem Hintergrund des schwierigen Verhältnisses der Brüder386 erschien Herzog Wilhelm Ernst diese Alternative ungeeignet. Damit waren es nicht zuletzt dynastische Gründe, die für eine Ehescheidung sprachen. Mit einer Scheidung war für Herzog Wilhelm Ernst schließlich die Option auf eine neue Heirat sowie auf legitime Nachkommen und damit auf die Wiederherstellung der dynastischen und ehelichen Ordnung gegeben. Um jeglichem Widerspruch von Seiten des Scheidungsgerichts die Grundlage zu entziehen und weiteren Versöhnungsbemühungen vorzubeugen, wies Herzog Wilhelm Ernst darauf hin, dass die vielfältigen Bemühungen der geist- und weltlichen Räte, das eheliche Zerwürfnis des Herzogspaares zu schlichten, vergeblich gewesen seien und vielmehr das Gegenteil bewirkt hätten. Resümierend hielt Herzog Wilhelm Ernst fest: „Und weill dergleichen hohe Fürstl. Persohnen in Matrimonialibus keinen Superiirem agnosciren, so hatt mann auch wieder dieselben mit keinen andern Zwangsmitteln wie bey gemeinen Leuthen, verfahren können, gleichwohl sind von geist= undt weltl. Räthen besorgsame göttl. Strafen aus Gottes Wortt zur Genüge vorgestellet worden.“387 Hier wird besonders deutlich, dass Herzog Wilhelm Ernst für sich als Landesherr eine besondere Behandlung durch die Räte einforderte. Zugleich zeigt sich, dass es sich bei dem Scheidungsverfahren des Herzogspaares nicht um eine individuell-private Angelegenheit der betroffenen Parteien handelte, sondern um ein gesellschaftliches und politisches Ereignis. Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie waren in erster Linie nicht Privatleute, sondern Landesvater und Landesmutter. Damit einher

384

Ebd., fol. 204r. Die rechtlich abgesicherte Primogenitur in Sachsen-Weimar wurde erst unter Herzog Ernst August eingeführt. Zum Prozess der Einführung siehe: MENTZ 1936, S. 31. Vgl. auch Kap. 4.3 der vorliegenden Publikation. 386 MENTZ 1936, S. 13. MENTZ schreibt über Herzog Wilhelm Ernst, dass sich dieser zuweilen „im Ton gegenüber dem Bruder und Neffen […] versah und allzu selbstherrlich auftrat.“ 387 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 205v–206r. 385

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

ging eine enorme Außenwirkung, die sich sowohl auf die Standesgenossen als auch auf die Untertanen erstreckte. Nach Auffassung des Herzogs ließen die von ihm angeführten Gründe nur eine Möglichkeit offen: Die Einwilligung des Gerichts in die Scheidung. Um eine Scheidung aussprechen zu können, verlangte das Gericht aber auch eine Erklärung der Herzogin. Nachdem Herzogin Charlotte Marie diesem Verlangen entsprochen und ihren Wunsch nach einer Scheidung von Herzog Wilhelm Ernst bekräftigt hatte, erging am 23. August 1690 schließlich die von der theologischen und juristischen Fakultät der Universität Jena beglaubigte Scheidungsurkunde. Darin wurde die Scheidung damit begründet, dass „dieweill aber nicht allein so bald von Anfang keine eheliche Beÿwohnung darauf erfolget, sondern auch hernach die viele Jahr here ein Theil dem andern solche Pflicht beharrlich verweigert, und zur Änderung der Gemüther, nach angewendeter vielfältigen Bemühung keine Hoffnung mehr übrig, [...] so ist dannenhero solche Ehe billich aufzuheben“388. Das Gericht sah den nicht vollzogenen Beischlaf als den für die Scheidung des Herzogspaares ausschlaggebenden Grund an. Damit spiegelt das Urteil die zentrale Bedeutung des ehelichen Beischlafs im frühneuzeitlichen Eheverständnis. Mit der Ausstellung der Scheidungsurkunde fanden die über sechs Jahre andauernden Bemühungen Herzog Wilhelm Ernsts um eine Scheidung ein Ende. Jedoch war es ihm nicht gelungen, sich gegenüber dem Scheidungsgericht glaubhaft als „parti innocenti“389 zu präsentieren. Vielmehr konstatierte das Gericht ein den Ehenormen zuwiderlaufendes Verhalten beider Ehepartner, da beide Ehegatten insbesondere den ehelichen Beischlaf verweigert hätten. Schließlich wurde sowohl Herzog Wilhelm Ernst als auch Herzogin Charlotte Marie gestattet, sich wieder zu verehelichen. Diese Festlegung ist bemerkenswert, da in vergleichbaren Fällen einzig dem Ehemann die Möglichkeit einer Wiederverheiratung eingeräumt wurde.390 Dies spricht dafür, dass das Scheidungskonzil beiden Ehegatten eine Mitverantwortung für die ehelichen Differenzen zuschrieb. Diese Festlegung dürfte nicht zuletzt aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass es sich hier um eine innerernestinische Ehe handelte. Mit der Option auf eine Wiederverheiratung der

388

Scheidungsurkunde (Abschrift), 23. August 1690, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 24r. 389 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 18. August 1690, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 207r. 390 Im Fall des Herzogs Johann Casimir von Sachsen-Coburg (1564–1633) und seiner Frau Anna (1567–1613), einer gebürtigen Prinzessin von Sachsen, wurde bei der 1593 erfolgten Scheidung festgelegt, dass sich der Herzog als unschuldiger Teil anderweitig verheiraten dürfe. Die Herzogin dagegen hatte den Rest ihres Lebens in Gefangenschaft zu verbringen. Grundlage des Scheidungsurteils war die Tatsache, dass die Herzogin der „unzuläßlichen Conversation“ halber überführt werden konnte. Siehe: MÜLLER 1701, S. 212–213. Ähnlich gestaltete sich die Situation im Scheidungsfall des Kurprinzenpaares von Hannover. Auch Sophie Dorothea von Hannover wurde – als mutmaßlich Alleinschuldige an der ehelichen Zerrüttung – arrestiert und eine Wiederverheiratung blieb ihr untersagt. Siehe: Sophie von Hannover an die Raugräfin Luise zu Pfalz, 13. Januar 1695, abgedruckt in: BODEMANN (Hg.) 1888, S. 125.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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Herzogin Charlotte Marie bewahrte sich der Familienverband heiratspolitischen Handlungsspielraum. Dies kommt auch in der Formulierung zum Ausdruck, dass eine Wiederverheiratung der Herzogin nur „auf vorgeschlagenen Raht und Genehmhaltung dero Fürstl. hohen Anverwandten [...] gestattet wird“391. Hinsichtlich der im Vorfeld der Scheidung diskutierten Rückerstattung der Paraphernalgüter der Herzogin durch Herzog Wilhelm Ernst legte das Gericht fest: „Im übrigen hatt es beÿ dem erbiethen Ihr Fürstl. Durchl. des Herzogs daß dieselbe der Herzogin H. Dhl. Paraphernalien und Heÿraths=Guht, so viel Sr. Dhl. darvon empfangen, zurückgeben wollen, sein Bewenden.“392 Im Fall der Restitution der Paraphernalgüter hatte das Gericht zu Gunsten Herzog Wilhelm Ernsts entschieden und sich damit über die Forderungen der ernestinischen Agnaten hinweggesetzt. Die im Vorfeld der Scheidung getätigte Zusage Herzog Wilhelm Ernsts, ohne die die Agnaten nicht in die Scheidung eingewilligt hätten, war hinfällig geworden. Gleichermaßen war auch die künftige Versorgung der Herzogin in Frage gestellt. Es war voraussehbar, dass diese Entscheidung des Gerichts zu neuerlichen Auseinandersetzungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes führen musste. Demgegenüber erschien der abschließende Passus der Scheidungsurkunde, dass „das jenige, was die ganze Zeit über zwischen beÿden hohen Persohnen wiedriges vorgangen, hirmit alß vergeßen und verziehen zu grund abgethan [sei]“393, beinahe schon paradox. Hierbei handelte es sich lediglich um eine standardisierte Formulierung, die zwar dem Wunsch der Beteiligten entsprochen, in der Realität aber keinen Wert gehabt haben dürfte.

4.2.8 Die „unseelige“ Prinzessin Die Scheidung des Weimarer Herzogspaares sollte den Weg für einen Neubeginn und nicht zuletzt für den Fortbestand und die Sicherung des Hauses Sachsen-Weimar freimachen. Hatte sich die Wiederherstellung der ehelichen Ordnung als aussichtloses Unterfangen erwiesen, so sollte zumindest die dynastische Ordnung gewahrt werden. Oberstes Ziel war das Wohlergehen und die Wahrung des Ansehens des ernestinischen Familienverbandes. Doch die Herzogin, die sich nicht dem strengen Reglement ihres Ehemannes unterworfen und damit den gesellschaftlichen Normen zuwider gehandelt hatte, war auch nach ihrer Scheidung nicht bereit, sich den Konventionen ihres adeligen Umfeldes anzupassen. Nach erfolgter Scheidung hielt sich die Herzogin zunächst bei ihrem Bruder, Herzog Johann Wilhelm, in Jena auf. Allerdings verstarb Herzog Johann Wilhelm nur wenige Monate nach der Scheidung am 4. November 1690, woraufhin neue Differenzen zwischen Herzogin Charlotte Marie auf der 391

Scheidungsurkunde (Abschrift), 23. August 1690, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abthl. A. XXII. No. 443, fol. 24r–24v. 392 Ebd., fol. 24v. 393 Ebd., fol. 24v.

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einen und den Agnaten der Weimarer Linie auf der anderen Seite aufbrachen. Im Mittelpunkt stand die Allodialverlassenschaft des verstorbenen jungen Herzogs, auf die sowohl Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach als auch Herzogin Charlotte Marie Ansprüche erhoben. Die beiden Herzöge versuchten, Herzogin Charlotte Marie die Wohnung im fürstlichen Schloss zu Jena streitig zu machen, worauf sich diese nach Gotha, an den Hof Herzog Friedrichs I. begab und diesen erneut um Rat und Schutz ersuchte.394 Herzog Friedrich I. nahm sich der Herzogin an und beauftragte abermals seinen Hofadvokat Christian Hieronymus Mühlpfort, die Herzogin in ihren Angelegenheiten zu unterstützen und ihre Interessen gegenüber den Herzögen von Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach zu vertreten. Somit bildete die nunmehr geschiedene Ehe zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie erneut den Ausgangspunkt innerernestinischer Auseinandersetzungen. Die Herzogin beanspruchte teils aus dem Vermächtnis ihrer Eltern, teils aus der Hinterlassenschaft ihres Bruders verschiedene Mobilien und Inventarien, sowie ihre eigenen Möbel, die sie im Schloss zu Jena zurücklassen musste.395 Daneben forderte Herzogin Charlotte Marie insbesondere von Herzog Wilhelm Ernst eine beträchtliche Summe an noch ausstehenden Geldern, darunter 16.000 Reichstaler Ehegeld, 1.400 Reichstaler Morgengabsgelder für die Jahre 1683 bis 1690, weitere 7.000 Reichstaler für Dienerbesoldung, Kleider- und Handgelder und 715 Reichstaler Paraphernalgelder.396 Auch gegenüber dem Haus Sachsen-Eisenach erhob die Herzogin umfangreiche Forderungen. Sie verlangte die Rückgabe von 10.000 Reichstalern, die der verstorbene Herzog Johann Georg I. als ihr damaliger Vormund für den Brautschmuck Charlotte Maries veranschlagt und von der fürstbrüderlichen Gesamtkammer eingezogen hatte. Da sich nach Ansicht der Herzogin Charlotte Marie der Wert des Schmucks auf lediglich 3.000 Reichstaler belief, forderte die Herzogin die 10.000 Reichstaler zurück. Im Gegenzug wollte sie den Schmuck dem Haus Sachsen-Eisenach überlassen.397 Die Herzöge von Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach zeigten jedoch keine Bereitschaft, auf die Forderungen der Herzogin Charlotte Marie einzugehen. Hatte es im Rahmen der Scheidung noch Spannungen zwischen beiden Häusern gegeben, setzte man sich nun gemeinschaftlich gegen die Herzogin zur Wehr. Hier zeigte sich einmal mehr die Flexibilität der ernestinischen Häuser in ihrer Koalitionsbildung, die sich hauptsächlich an den Interessenlagen des jeweiligen Hauses orientierte. Vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Agierens der Häuser Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach sah sich Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg zu einer erneuten Intervention genötigt. In einem Brief an Herzog Wilhelm Ernst vom 9. März 1691 mahnte er an: „Ob Wir nun wohl in Hoffnung 394 395 396 397

HELLFELD 1828, S. 77. Ebd., S. 80. Ebd., S. 81. Ebd., S. 82.

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gestanden, es würde Ihrer Lbd. einsten die Billigkeit widerfahren, inzwischen auch die nöthige Subsistenz-Mittel verschaffet worden seyn; so vernehmen wir jedoch, daß weder eins noch das andere erfolget, und Ihre Lbdn. zu nicht geringen Despect des Fürstl. Hauses ohne eignen Unterhalt gelassen werde, daher Wir als Ihrer Lbd. Assisstent nicht umhin gekonnt, Eu. Lbd, hiermit ferner zu ersuchen, sich wegen Ihrer Lbd. Paetensorum dereinsten [...] dergestalt zu erklären, alß es die Billigkeit erfordert. Zumahlen aber ohne weitern Anstandt zu verfügen, damit Ihrer Lbd. mit obberührten dero habenden besondern unstrittigen Forderungen an die Handt gegangen werde, damit Sie davon Ihre Fürstl. Subsistentation nehme, und nicht allen hohen Anverwandten zum Despect wegen Mangels behöriger Verpflegung, sich von einem Ort zum andern begeben müsse.“398 Den Zeilen Herzog Friedrichs I. ist zu entnehmen, dass sich Herzogin Charlotte Marie in einer finanziell desolaten Situation befand, die eine Gefahr für das Ansehen der ernestinischen Häuser darstellte. Zugleich dokumentiert das Vorgehen des Gothaer Herzogs, dass Emotionen und Interessen als handlungsleitende Komponenten untrennbar miteinander verbunden waren. Herzog Friedrich I. fühlte sich als Kurator für Herzogin Charlotte Marie verantwortlich, zugleich galt es aber auch den Ruf des Gesamthauses und damit einhergehend die eigene Reputation zu wahren. Daneben ist es nahe liegend, dass Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg auch auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. In dem er die Herzogin nicht nur logistisch unterstützte, sondern ihr auch finanzielle Mittel zur Verfügung stellte, schuf Herzog Friedrich I. ein Abhängigkeitsverhältnis. Als mögliche und lukrative Gegenleistung für die Unterstützung von Gothaer Seite kam eine Teilhabe an den Forderungen der Herzogin in Frage, sofern diese Forderungen erfüllt wurden. Mit dieser Aussicht ließe sich auch die Intensität, mit der Herzog Friedrich I. gegenüber den Agnaten für Herzogin Charlotte Marie eintrat, begründen. Noch bevor es jedoch zu einer Einigung zwischen Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach auf der einen sowie Sachsen-Gotha-Altenburg auf der anderen Seite kommen konnte, verstarb Herzog Friedrich I. am 2. August 1691 im Alter von fünfundvierzig Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.399 Der Tod Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg veränderte die Situation gänzlich. Konnte Herzogin Charlotte Marie bis dato noch hoffen, Dank der Fürsprache des Gothaer Herzogs ihre Forderungen durchzusetzen, war sie nun auf sich allein gestellt: Herzog Friedrichs I. Nachfolger, sein Sohn Friedrich II. (1676–1732), war beim Tode seines Vaters erst 16 Jahre alt und konnte als minderjähriger Herzog nicht eigenständig agieren. Neuer Kurator der Herzogin Charlotte Marie wurde daher Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen (1649–1706). Dies mag erstaunen, da es sich auch bei Herzog Bernhard nicht um 398 Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar, 9. März 1691, zitiert nach: HELLFELD 1828, S. 78–79. 399 Der plötzliche Tod des Herzogs gab in der Folgezeit mehrfach Anlass zu Spekulationen, die als Todesursache nicht den Schlaganfall, sondern eine Vergiftung durch eine Priese Tabak benannten. Siehe: VEHSE 1854, S. 16.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

ein Mitglied der Weimarer Linie, sondern ebenso wie im Fall Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg um ein Mitglied der Gothaer Linie handelte. Dennoch war die Ernennung Herzog Bernhards zum Vormund der Herzogin juristisch korrekt: Die Mutter der Herzogin Charlotte Marie, die verstorbene Herzogin Marie- Charlotte von Sachsen-Jena, hatte in ihrem Testament bestimmt, dass nicht das Haus Sachsen-Weimar, sondern das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg die Vormundschaft für ihre beiden Kinder antreten sollte.400 Im Gegensatz zu Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg handelte es sich bei Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen allerdings um ein Mitglied des Familienverbandes, zu dem die Herzogin Charlotte Marie bislang kaum Kontakt hatte. Offenbar bezweifelte Herzogin Charlotte Marie noch zu Lebzeiten Herzog Friedrichs I., dass sich die Situation zu ihren Gunsten ändern würde und verließ daher das ernestinische Gebiet. Ein Grund für die Abreise könnte auch in der Angst vor einem erneuten Zugriff ihres vormaligen Ehemannes zu sehen sein. Aber gerade durch ihre Abreise bot Herzogin Charlotte Marie ihrem vormaligen Ehemann Anlass, eine erneute Arrestierung zu erwägen. „Es ziehet die Prinzeßin Charlotte Marie, gebohrne Herzogin zu Sachßen-Jehna, in verdächtiger Gesellschafft etliche Zeit hero nicht alleine hin und wieder im Lande gleichsahm in der Irre herumb, wobeÿ Sie Ihro meistes Vermögen liederlich durch gebracht, auch über dem noch viel Schulden gemachet, sondern fast aller Orthen, fürnehmlich aber zu Hamburgk und Leipzigk ein unfürstliches Leben und sehr böse Conduite geführet“401, ließ Herzog Wilhelm Ernst dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg IV. (1668–1694) mitteilen. Die Tatsache, dass nun auch der sächsische Kurfürst unmittelbar in die Geschehnisse involviert wurde, macht zugleich deutlich, dass der Konflikt um die Herzogin Charlotte Marie ein sich weit über den ernestinischen Familienverband erstreckendes Ausmaß angenommen hatte und das gesamte Haus Sachsen umfasste. Mehr noch: Herzog Wilhelm Ernst versuchte, über die ernestinischen und albertinischen Häuser hinaus Verbündete zu gewinnen. So entsandte er seinen Informanten Krippendorff an den Hof des Fürsten Johann Georg II. von AnhaltDessau (1627–1693), in dessen Herrschaftsgebiet sich die Herzogin nachweislich aufgehalten hatte. Der Informant Krippendorff sollte Fürst Johann Georg II. um Unterstützung bei der Suche nach der Herzogin bitten, um diese anschließend in Gewahrsam zu nehmen. Besagter Krippendorff musste Herzog Wilhelm Ernst allerdings mitteilen, dass er „nicht [habe] erfahren können, wo die Princessin sich hin gewendet“402. Ebenso musste Krippendorff seinem Dienstherrn die Nachricht unterbreiten, dass Fürst Johann Georg II. offensichtlich nicht beabsichtigte, Her400

Extract eines Codizils der Herzogin Marie-Charlotte von Sachsen-Jena (Abschrift), undatiert, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 233r. 401 Der sachsen-weimarische Kanzler Volkmar Happe an Kurfürst Johann Georg IV. von Sachsen (Abschrift), 16. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 228r. 402 Der Informant J. Krippendorff an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar, 30. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 256r.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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zog Wilhelm Ernst bei der Suche nach Herzogin Charlotte Marie zu unterstützen und damit aktiv in den Konflikt einzugreifen. „Eß scheinet aber wohl daß hiesige hochfürstl. Herschafft sich nicht in diese Sache einmischen will“403, schrieb Krippendorff diesbezüglich an Herzog Wilhelm Ernst. Das Verhalten Johann Georgs II. von Anhalt-Dessau ist durchaus nachvollziehbar: Das Nichteingreifen in die Angelegenheiten eines anderen Familienverbandes signalisierte, dass man umgekehrt auch nicht die Einmischung eines anderen Familienverbandes in die eigenen Angelegenheiten wünschte. Während dessen war Herzogin Charlotte Marie bemüht, einen neuen Fürsprecher zu gewinnen. Die Wahl fiel dabei auf Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1624–1705).404 Aus den Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich Herzogin Charlotte Marie ausgerechnet um die Gunst des in Celle residierenden Herzogs bemühte. Es erscheint aber nahe liegend, dass der Grund hierfür in den zu dieser Zeit existierenden machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Herzog Georg Wilhelm und Herzog Wilhelm Ernst zu suchen ist.405 Denkbar ist auch, dass hierbei die Verbindungen der Ehefrau Herzog Georg Wilhelms von Braunschweig-Lüneburg, Eleonore Desmier d’Olbreuse (1639–1722), zum Haus Trémoïlle eine Rolle gespielt haben.406 Die Tatsache, dass Herzogin Charlotte Marie bewusst einen Kontrahenten Herzog Wilhelm Ernsts um Beistand ersuchte, musste für Herzog Wilhelm Ernst eine offenkundige Pro403

Ebd., fol. 256r. Der Oberhofmeister der Herzogin Charlotte Marie, Christian von Uechteritz, an die Herzogin, 21. Mai 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 195v. 405 Gemeint sind hier die Auseinandersetzungen um die lauenburgische Erbfolge. Nach dem Tode des Herzogs Julius Franz von Sachsen-Lauenburg im September 1689 erhoben die Wettiner Ansprüche auf das Herzogtum. Die Ansprüche beruhten auf der Eventualbelehnung beider Wettiner Linien mit Lauenburg, die durch Kaiser Maximilian I. (1459–1519) 1507 vollzogen und von Kaiser Leopold I. (1640–1705) zweimal bestätigt wurde. Diese Ansprüche blieben aber theoretisch gegenüber der tatsächlichen Besetzung des Landes durch Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, dessen Schwiegersohn und Erbe, Kurfürst Georg I. von Hannover, im Jahr 1716 schließlich die kaiserliche Belehnung über das Herzogtum erhielt. Alle Versuche, ernestinische Erbansprüche durchzusetzen, blieben erfolglos. Herzog Friedrich I. von Sachsen-GothaAltenburg beanspruchte als Senior des ernestinischen Hauses den Vorrang in der Verhandlungsführung mit den am Erbstreit Beteiligten und nahm ohne Wissen der Herzöge Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach Verhandlungen mit Ernst August von Hannover auf. Dem widersetzte sich Herzog Wilhelm Ernst, weil er hoffte, die ernestinischen Ansprüche mit kursächsischer Hilfe durchsetzen zu können. Doch Kurfürst Friedrich August I. verzichtete 1697 auf alle Ansprüche seines Hauses am lauenburgischen Erbe gegen eine beträchtliche Abfindungszahlung. Für die Wettiner brachte der Streit schließlich den Titel „Herzöge von Engern und Westfalen“ ein, damit mussten sich auch die Ernestiner zufrieden geben. Siehe: PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 270–271. 406 Bei Eleonore Desmier d`Olbreuse handelte es sich um eine Angehörige des französischen Landadels. Zunächst Hofdame von Marie de la Trémoïlle, wurde sie von dieser an Emilie von Hessen-Kassel weiterempfohlen. Durch Emilie von Hessen-Kassel kam Eleonore Desmier d’Olbreuse mit dem deutschen Hochadel in Kontakt und lernte vermutlich auf diesem Wege ihren späteren Ehemann Georg Wilhelm kennen. Siehe: SIKORA 2010, S. 23. 404

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vokation darstellen. Zugleich wurde hier einmal mehr die politische Dimension des Konfliktes zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzogin Charlotte Marie deutlich. Die Bemühungen der Herzogin blieben Herzog Wilhelm Ernst indes nicht verborgen. Der Informant Krippendorff teilte Herzog Wilhelm Ernst in einem Brief vom 30. November 1691 mit: „so viel Ich weitläuffig noch von einigen Personen verstanden habe, solle Sie jemanden außgeschickt haben, beÿ einem großen Potentaten Schutz zu suchen, es ist aber alles so still schweigend zu gegangen [...]“407. Letztlich gelang es der Herzogin Charlotte Marie aber nicht, den gewünschten Schutz am Celler Hof zu finden. Dadurch verschlechterte sich die Lage der Herzogin weiter und sie sah sich verstärkt ihren Kontrahenten und insbesondere ihrem vormaligen Ehemann, Herzog Wilhelm Ernst, ausgeliefert. Herzog Wilhelm Ernst versuchte, die durch den Tod Herzog Friedrichs I. von Sachsen-Gotha-Altenburg entstandene Situation zu seinen Gunsten zu nutzen. Er intensivierte seine Bemühungen, die Herzogin „wegen Ihrer üblen und unfürstlichen Conduite in sichere Verwahrung bringen zu laßen“408. Nunmehr war es also der „unfürstliche“ Lebenswandel der Herzogin Charlotte Marie, der die fürstliche Verwandtschaft auf den Plan rief. Zur Rechtfertigung seines Vorgehens konnte Herzog Wilhelm Ernst dabei auch seine Stellung als Senior des ernestinischen Gesamthauses anführen. Zudem fand er Unterstützung bei Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach. Dieser schrieb an Herzog Wilhelm Ernst: „Wir haben [...] aus Eu. Lbd. unterm 25ten dieses an Uns erlaßenem freündl. Schreiben [...] mit Befrembden vernommen, in was vor ein ärgerlich, unsern F. Hause zum höchsten Schimpf gereichendes Leben, die Princesse Charlotte Maria seither einiger Zeit verfallen [...] die von Eu. Lbd. beÿ dieser Sache gefaßete Resolutiones Wir unsers Orts allerdings approbiren“409. Die Parteinahme Johann Georgs II. von Sachsen-Eisenach erstaunt nicht. Schließlich hätte eine Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie ihm den Vorteil gebracht, den finanziellen Forderungen der Herzogin an das Haus Sachsen-Eisenach nicht nachkommen zu müssen. Doch nicht alle ernestinischen Agnaten waren mit dem rigiden Vorgehen Herzog Wilhelm Ernsts und damit einhergehend mit einer Arrestierung der Herzogin Charlotte Marie einverstanden. So äußerte Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen, der Kurator der Herzogin Charlotte Marie, Bedenken. „Nun können Wir aber E. Lbd. auch darneben nicht bergen“, schrieb Herzog Bernhard an Herzog Wilhelm Ernst, „daß Wir aus einer Unß von Gotha communicirten Abschrifft Ihrer [= der Herzogin Charlotte Maries] Frau Mutter Testaments wahrgenommen, wie Wir besagter Princeßin Lbd. zum Vormund verordnet worden, krafft 407

Der Informant J. Krippendorff an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar, 30. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 256v. 408 Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 10. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 211r. 409 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 28. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 252r.

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deßen sowohl, alß der nahen Anverwantniß halber, Unß obligen will, dahin zu trachten, wie Sie [= die Herzogin Charlotte Marie] von solchem üppigen Wesen abgezogen und auf beßern Sinn gebracht werden möge“410. Demnach wurde das Verhalten der Herzogin Charlotte Marie zwar am Hof zu Meiningen missbilligt, aber gleichzeitig insistierte Herzog Bernhard gegenüber Herzog Wilhelm Ernst darauf, dass er – als Vormund – und nicht Herzog Wilhelm Ernst für die Klärung des Sachverhaltes zuständig sei. Vermutlich ist es auf die Beharrlichkeit Herzog Bernhards zurückzuführen, dass die Herzogin Charlotte Marie – zumindest vorerst – einer erneuten Inhaftierung entging. Vielmehr wurde ihr das Schloss zu Tonna als Residenz zugewiesen. Das bedeutete zwar, dass eine Rückkehr nach Sachsen-Weimar unumgänglich war, angesichts der desolaten finanziellen Lage der Herzogin erschien dies aber als akzeptable Lösung.411 Auch im Hinblick auf den Unterhalt der Herzogin Charlotte Marie kam es zu neuen Verhandlungen zwischen der Herzogin beziehungsweise ihren Bevollmächtigten auf der einen Seite und den Herzögen von Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach auf der anderen Seite. Eine Einigung konnte jedoch nicht erzielt werden. Da Herzogin Charlotte Marie ihren Unterhalt nach wie vor lediglich von der sachsen-gothaischen Kammerkasse erhielt und von dieser Seite auch schon beträchtliche Vorschüsse geleistet worden waren, setzte Herzogin Charlotte Marie im Oktober 1692 sowohl ihr Erblehngut Porstendorf als auch die 16.000 Reichstaler Ehegelder, die Herzogin Charlotte Marie von Herzog Wilhelm Ernst forderte, als Unterpfand gegenüber Sachsen-Gotha-Altenburg ein.412 Vor dem Hintergrund ihres nach wie vor ungeklärten Unterhaltes verkaufte Herzogin Charlotte Marie letztlich das Gut Porstendorf 1694 an den sachsen-eisenachischen Geheimen Rat Georg Ludwig von Wurmb. Die enormen finanziellen Probleme der Herzogin konnte der Verkaufserlös jedoch nicht lösen. Von den knapp 28.000 Reichstalern, die Herzogin Charlotte Marie für das Gut erhielt, musste sie allein schon 6.128 Reichstaler als Abschlag an die sachsen-gothaische Kammerkasse entrichten. Außerdem galt es weitere Schulden und die daraus entstandenen Zinsen in einer Höhe von 22.017 Reichstalern abzutragen.413 Damit war der Verkaufserlös schon wieder aufgebraucht. In ihrer bedrängten Situation versetzte Herzogin Charlotte Marie auch einen Großteil ihrer Kleider und Schmuckstücke, was letztlich aber nur vorübergehend ihre finanzielle Situation entspannte. Dauerhaft konnte der Herzogin nur eine Einigung zwischen den ernestinischen Agnaten helfen, doch diese kam nicht zustande. Zumindest aber konnte Herzogin Charlotte Marie 1693 einen Alimentationsvertrag mit dem Haus Sachsen-Gotha-

410 Herzog Bernhard I. von Sachsen-Meiningen an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 22. November 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 232r. 411 Aufzeichnungen des Jenaer Stadtkirchners Christian Spangenberg aus dem Jahr 1822 (?), die Prinzessin Charlotte Maria von S. Jena 1683–1690 betreffend, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 8r. 412 HELLFELD 1828, S. 83. 413 Ebd., S. 86.

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Altenburg schließen, in dem der Herzogin 3.000 Reichstaler jährlich zum Unterhalt zugesichert wurden. Im Gegenzug musste Herzogin Charlotte Marie alle ihre Forderungen, die sie gegenüber Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach hatte, an das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg abtreten.414 Damit war zwar das Auskommen der Herzogin gesichert, doch begab sie sich dafür in eine vollkommene Abhängigkeit von Sachsen-Gotha-Altenburg. Bei der Sorge für Herzogin Charlotte Marie handelte es sich somit nicht um einen rein solidarischen Akt Herzog Friedrichs II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Für ihn und das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg eröffnete sich durch den Alimentationsvertrag neben einer lukrativen finanziellen Perspektive auch die Möglichkeit, die begründeten Ansprüche der Herzogin Charlotte Marie für die eigene Behauptung im Konkurrenzkampf zwischen den ernestinischen Linien zu nutzen. Die Herzogin Charlotte Marie erwies sich einmal mehr als Spielball im machtpolitischen Kalkül der ernestinischen Agnaten. Herzogin Charlotte Marie zog sich zunächst nach Tonna zurück, doch im Frühjahr 1695 begab sie sich von dort nach Erfurt. „Eu. Lbd. mögen Wir in freündvetterl. Vertauen nicht bergen, was maßen Unß zuverläßige Nachricht zukommen, daß die Jenaische Prinzeßin auß bißheriger verwahrlicher Enthaltung zu Tonna sich nach Erffurth begeben und daselbst in ein gemeines Haus aufhalte“415, schrieb Herzog Johann Georg II. am 11. März 1695 an Herzog Wilhelm Ernst. Somit hatte Herzogin Charlotte Marie abermals das ernestinische Gebiet verlassen. Nach Ansicht Herzog Johann Georgs II. stellte das Verhalten der Herzogin einen erneuten Affront gegenüber den Häusern Sachsen-Weimar und SachsenEisenach dar. Als ebenso anstößig wie ihre Abreise wurde die Tatsache erachtet, dass sich die Herzogin in Erfurt in einem „gemeinen Haus“ aufhielt. Daher kam Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach zu dem Schluss: „Wann dann zubefürchten daß Dieselbe Ihr voriges Leben Unserm Fürstl. Hauße zu mehrerm Despect ferner fortführen werden. [...] wie Wir vor gut ansehen dahin zutrachten, daß mann sich Ihrer Person bemächtigen und in gute Gewahrsam bringen könne.“416 Die Umsetzung dieses Vorhabens erwies sich jedoch als schwierig, denn Herzogin Charlotte Marie war es gelungen, vom Mainzer Erzbischof und Kurfürsten, Anselm Franz (1622–1695), zu dessen Herrschaftsbereich die Stadt Erfurt gehörte, einen Schutzbrief zu erhalten. „Nun were freÿlich der Prinzeßin am besten gerathen“, schrieb Herzog Wilhelm Ernst in seinem Antwortschreiben an Herzog Johann Georg II., „wenn ümb mehrere Blame zu vermeiden, sie an einen solchen Ort, und unter solcher Aufsicht were, daß sie der bisher zu unsers Fürstl. Samthaußes, vornehmlich aber zu ihrer selbst eigenen großen Despect genoßenen Freÿheit sich nicht mehr alßo unbeschrenkt gebrauchen könne. Nachdem wir aber versichert worden, daß sie von dem nunmehr verstorbenen Churfürsten zu Mäintz ein Protectorium in Händen habe, [...] so befinden Wir nicht practicabel, dieselbe 414

Ebd., S. 85–86. Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 11. März 1695, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 478r. 416 Ebd., fol. 478r. 415

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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aus dem Erfurtischen Gebiet unter unsere Gewalt bringen zu können“417. Auch wenn sich Herzog Wilhelm Ernst prinzipiell für eine Inhaftierung der Herzogin aussprach, hielt er sich mit der Umsetzung dennoch zurück, um so unnötiges Aufsehen zu verhindern. Zugleich gab Herzog Wilhelm Ernst zu bedenken, dass eine Gefangennahme der Herzogin nicht ohne Blutvergießen von statten gehen könnte „und das Unglück die Prinzeßin wohl selbst betreffen, dadurch aber des Angebers Gewißen beschwehret werden dürffte“418. Doch noch ein weiterer Grund ließ Herzog Wilhelm Ernst davon Abstand nehmen, eine Arrestierung der Herzogin Charlotte Marie unter seiner Ägide durchführen zu lassen: „auch aus vielen in Rechten gegründeten Ursachen nicht wohl zuglauben, daß, wenn gleich dieselbe in Unsern Händen seÿn solte, Wir wegen der vor ihr an Eu. Lbd. und Uns gemachten Praetensionen einige mehrere Avantage, als die das Recht Uns giebet, zugewarten haben solten“419. Die Äußerungen Herzog Wilhelm Ernsts lassen darauf schließen, dass es die Absicht Herzog Johann Georgs II. war, sich der Herzogin zu bemächtigen, um damit die Herzogin an der Durchsetzung ihrer Forderungen im Hinblick auf ihren Unterhalt und ihre erbrechtlichen Ansprüche zu hindern. Diese Planungen des Herzogs von Sachsen-Eisenach erschienen Herzog Wilhelm Ernst unter den gegebenen Umständen nicht zweckmäßig. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass einem willkürlichen Vorgehen gegenüber der Herzogin Charlotte Marie durchaus Grenzen gesetzt waren. Diese Grenzen wurden sichtbar durch Interventionen von Angehörigen des eigenen Familienverbandes, aber auch durch das Einschreiten von Standesgenossen außerhalb des Familienverbandes. Um die Verwahrung der Herzogin Charlotte Marie letztlich zu legitimieren, bedurfte es einer Argumentation, die auch potentielle Kritiker überzeugte. Herzog Wilhelm Ernst begründete die Notwendigkeit einer Festsetzung der Herzogin daher mit deren eigenem Schutz, wie die abschließende Bemerkung Herzog Wilhelm Ernsts deutlich werden lässt: „die Sache Gott [zu] befehlen, und diejenigen, so Eu. Ld. und Uns an Unserer jederzeit geführten guten Intention gehindert haben, die Verantwortung, nicht weniger das aus der bisher von der Prinzeßin geführten bösen Conduite erfolgende Wohl oder Wehe Ihr selbst anheim zu stellen“420. Obgleich Herzog Wilhelm Ernst eine Gefangennahme der Herzogin für notwendig hielt, nahm er von der Durchführung vorerst Abstand. Zu hoch erschienen die mit einer gewaltsamen Arrestierung verbundenen Risiken, insbesondere ein möglicher Konflikt mit Kurmainz, sollte die Herzogin auf kurmainzischem Gebiet festgesetzt werden. Obwohl eine Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie vorerst nicht möglich war, erging am 8. Dezember 1695 zumindest ein Erlass des Weimarer Herzogs, in dem er „als Senior und Director Unsers Fürstl. Hauses Weimar“ seine Vorstellungen, wie mit der Herzogin zu verfahren sei, offen legte. 417

Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 28. März 1695, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 132, fol. 479v–480r. 418 Ebd., fol. 480r. 419 Ebd., fol. 480r–480v. 420 Ebd., fol. 480v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Herzog Wilhelm Ernst bekräftigte seine Absicht, „zu Verhütung mehrerer Beschimpfung [...] Unsere Muhme, Princesin Charlotta Maria von Sachsen, wegen Ihrer üblen und unfürstlichen Conduite in sichere Verwahrung bringen zu laßen“421. Auffällig ist, dass Herzog Wilhelm Ernst seine vormalige Frau Charlotte Marie lediglich als „Muhme“ und „Princesin“ bezeichnet. Damit distanzierte er sich bewusst von den zuvor existierenden Ehebanden. Vielmehr wird an dieser Stelle deutlich, dass Herzog Wilhelm Ernst seine Position als Senior der Weimarer Linie benutzte, um seine eigenen Interessen als Interessen der gesamten Linie zu deklarieren. Dennoch gelang es ihm erst im September 1697, seinen Plan von der Gefangennahme der Herzogin Charlotte Marie in die Tat umzusetzen. Die Herzogin Charlotte Marie hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Frauenroda, also nicht mehr auf kurmainzischem, sondern wieder auf ernestinischem Gebiet, auf. Dadurch bot sich den ernestinischen Agnaten die Möglichkeit, nahezu ungehindert gegen die Herzogin vorzugehen. Am 8. September 1697 wurde die „secreti Materie“422 schließlich verwirklicht. Dem Bericht des sachsen-eisenachischen Hofmarschalls von Harstall ist zu entnehmen, dass die Herzogin „in der Früh um 4 Uhr [...] noch im Bette liegend“423 in ihrer Unterkunft in Frauenroda festgesetzt wurde. Daraufhin habe Herzogin Charlotte Marie „Ihren [...] Advocaten [...] verlanget, ist Ihr aber mit höflicher Remonstration abgeschlagen worden Ihre anderen in Frauenroda arrestierte Leute seynd, nach Bewerkstelligung alles, wiederfrei gelaßen worden“424. Unmittelbar darauf ließ Herzog Wilhelm Ernst in einem Erlass verlautbaren, dass bei dem weiteren Vorgehen „alle Mittel, die nur practicabel seynd, angewendet werden [sollen]“425. Aus Sicht Herzog Wilhelm Ernsts galt es unbedingt zu verhindern, dass Herzogin Charlotte Marie wieder ihre Freiheit erlangte. In einer Erklärung vom 14. September 1697 bekräftigte Herzog Wilhelm Ernst daher sein Ansinnen, „sich der Princehsin Charlotten Persohn zuversichern“426. Die Durchführung sollte jedoch Sachsen-Eisenach überlassen werden. Schließlich wurde die Herzogin Charlotte Marie unter dem Vorwand der von 421

Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar, 8. Dezember 1691, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 133, fol. 269r. 422 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 11. September 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 77r. 423 Bericht des sachsen-eisenachischen Hofmarschalls von Harstall an den sachsen-weimarischen Hofmarschall von Schwarzenfels (Abschrift), 14. September 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 77v. 424 Ebd., fol. 78r. 425 Konzept für einen Erlass Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an die Hofmarschälle von Harstall und von Schwarzenfels, sowie an den Hof- und Kammerrat Hofmann (Abschrift), 11. September 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 72r. 426 Erklärung Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Abschrift), 14. September 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 73v.

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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ihr ausgehenden „Gefährlichkeit“427 auf der Wartburg bei Eisenach arrestiert.428 Damit wurde die Prinzessin auf äußerst drastische Weise dafür bestraft, dass sie einmal mehr nicht bereit war, sich dem Willen Herzog Wilhelm Ernsts und Herzog Johann Georgs II. zu unterwerfen. Zugleich versuchten die Herzöge von Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar auf diesem Wege, den an sie gerichteten finanziellen Forderungen der Herzogin zu entgehen. Da es aber inzwischen nicht nur die Herzogin war, die Forderungen an die beiden Herzöge stellte, sondern auch das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg, stand dem ernestinischen Familienverband ein neuer Höhepunkt des sich schon über vierzehn Jahre hinziehenden Konfliktes bevor. Die Reaktion Sachsen-GothaAltenburgs auf die Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie ließ daher nicht lange auf sich warten. Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der sich in der Nachfolge seines Vaters als Schutzbevollmächtigter der Herzogin sah, protestierte massiv gegen das Vorgehen seiner Verwandten aus der Weimarer Linie und plante die Befreiung der Herzogin. In einem Brief vom 28. September 1697 teilte Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach seinem Vetter Herzog Wilhelm Ernst mit, dass „Wir nun auch euserlich vernehmen, als ob man Sachßen Gothaischer Seits auff Befreÿung obgedach. Hertzogin bedacht seye, alß wollen Wir mit eu. Ld. verhoffenden Genehmhaltung und fernere nötigen Beÿtrag an guter Auffsicht und Anstalt dißfals nichts ermangeln laßen“429. Doch die Vorkehrungen und Bemühungen von sachsen-eisenacher Seite brachten nicht den gewünschten Erfolg: Am 9. Oktober 1697 musste Herzog Johann Georg II. seinem Vetter in Weimar mitteilen, dass Herzogin Charlotte Marie zusammen mit vier Soldaten „durch ein erbrochenes Schießloch, vermittelst böser Künste“430 von der Wartburg geflohen sei. Um das Unvermögen der eigenen Leute bei der Beaufsichtigung der Herzogin zu kaschieren und um eventuellen Vorwürfen Herzog Wilhelm Ernsts vorzubeugen, führte Herzog Johann Georg II. den Fluchterfolg auf die Anwendung „böser Künste“ zurück. Auch wenn Zaubertechniken 427

„Acta die Keyßerl. Commission so Sachßen-Zeitz wegen der Herzogin zu Jena contra Sachßen-Weimar und Eisenach, auffgetragen gewesen, betr. 1697–98.“ (Aktentitel), SHStA Dresden, Geheimer Rat (geheimes Archiv), 10024, Locat 10562/10, fol. 3. 428 In den archivalischen Quellen wird der Ort der Arrestierung auch als „Schloß Wartenburg“ (ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 443, fol. 73v) bezeichnet. Dies hat in der Forschungsliteratur zu der Annahme geführt, dass es sich hier nicht um die Wartburg bei Eisenach handelt. Siehe jüngst: K NÖFEL 2009, S. 424, wo von der „Veste Wartenburg“ die Rede ist. Doch nicht zuletzt der spätere Fluchtweg der Herzogin Charlotte Marie vom Ort ihrer Arrestierung nach Gotha belegt, dass es sich bei der „Wartenburg“ einzig um die Wartburg bei Eisenach handeln kann: Die Flucht erfolgte über die Orte Kälberfeld, Schönau und Mechterstedt, die in unmittelbarer Nähe der Stadt Eisenach liegen. 429 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 28. September 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 78v–79r. 430 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Wilhelm Ernst von SachsenWeimar (Abschrift), 8. Oktober 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 83v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

zu den gebräuchlichen Formen der Lebensbewältigung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gehörten431, diente der Rekurs auf „böse Künste“ durch Herzog Johann Georg II. der eigenen Rechtfertigung, um die Versäumnisse bei der Überwachung der Herzogin zu kaschieren. Zudem handelte es sich hier um einen geläufigen Vorwurf, der verstärkt gegenüber Frauen, die durch deviantes Verhalten in Erscheinung getreten waren, erhoben wurde.432 Dabei war offensichtlich, dass keineswegs „böse Künste“ der Herzogin Charlotte Marie zur Flucht verholfen hatten. Da der Weg der Herzogin sogleich in das sachsen-gothaische Gebiet führte und auch die mit ihr geflohenen Soldaten dort Zuflucht fanden, war aus Sicht der Herzöge Johann Georg II. und Wilhelm Ernst der Verantwortliche für die Flucht schnell ausgemacht: Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Am 8. November 1697 schrieb Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach daher an den Herzog von Sachsen- Gotha-Altenburg: „Wir stellen außer Zweifel, es werden alle diejenigen, denen der leidige Zustand, in welchen die Jenaische Prinzeß[i]n Charlotte Marie die Jahr hero gerathen, bekand ist, wie denn solcher durch gantz Teutschland und noch weiter sich verbreitet hat, für gut u. wohl gethan, zuseÿn erachtet haben, daß man Unß dieselbe, beÿ ereigneter Gelegenheit, in Unsere Herzog Joh. Georgens Landen, angenommen und in gehörige Verwahrung gebracht worden; angesehen dieses das einzige Mittel seÿn können, ihre Seele noch endlich zu retten, und diejenige Schande, womitt dieße unseelige Prinzeßin, in ihrer unersättlichen u. unmenschlichen Leichtfertigkeit ihren Stand und gantzes Leben so garstig befleckt, ein Ziel zu sterken; dahingegen Sie beÿ ihrer wegen ungezämeten Freÿheit nicht allein sich selbst in Verderbniß Leibs und der Seele, des Verlustes ihres sonst noch gehabten Vermögens nicht zu gedenken, gestürzt; sondern auch ins gemein in unbeschreibliche Ärgerniß und Unserm Fürstlichen Samthauß einen unauslöschlichen Schimpf und übele Nachrede zugezogen hat.“433 Die Anschuldigungen Herzog Johann Georgs II. von Sachsen-Eisenach gegenüber Charlotte Marie waren schwer wiegend, insbesondere die Tatsache, dass er der Herzogin „Leichtfertigkeit“ unterstellte. Der Begriff „Leichtfertigkeit“ wurde im frühneuzeitlichen Sprachgebrauch als Bezeichnung für vorehelichen Geschlechtsverkehr gebraucht.434 Dabei wurde der Vorwurf der „Leichtfertigkeit“ ebenso wie der Vorwurf der Verschwendungssucht oftmals nur instrumentalisiert, um ein nicht normenkonformes Verhalten von Frauen zu diskreditieren.435 Es erstaunt daher kaum, dass Herzog Johann Georg II. derartige Vorwürfe im Hinblick auf Herzogin Charlotte Marie äußerte. Doch Herzog Jo431

ROGGE 2001, S. 506. ORTLIEB 2005, S. 197. 433 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Friedrich II. von Sachsen-GothaAltenburg (Abschrift), 8. November 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 93. 434 SCHWERHOFF 1999, S. 159–160; BREIT 1991. 435 ORTLIEB 2005, S. 198. Ortlieb erwähnt neben dem Fall der Herzogin Jakobe von Jülich-KleveBerg (1558–1597), geborene Prinzessin von Baden-Baden, auch das Beispiel der Landgräfin Maria von Hessen-Kassel (1722–1772), geborene Prinzessin von Hannover. 432

4.2 „der Welt nichts zu reden geben“ – Ehe und Scheidung

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hann Georg II. beließ es nicht dabei, gegenüber dem Verwandten aus Gotha die vermeintliche Notwendigkeit der Gefangennahme der Herzogin Charlotte Marie zu rechtfertigen. Vielmehr verurteilte er die Haltung Sachsen-Gotha-Altenburgs, das sich auch auf mehrfaches Insistieren von sachsen-eisenacher Seite weigerte, die an der Flucht beteiligten Soldaten an Sachsen-Eisenach auszuliefern. Der Konflikt um die Herzogin Charlotte Marie drohte einmal mehr zu eskalieren und sogar in eine militärische Auseinandersetzung zu münden.436 Den Protesten von Eisenacher Seite konnte Herzog Friedrich II. von SachsenGotha-Altenburg das von den Herzögen von Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar gegenüber Herzogin Charlotte Marie begangene Unrecht erfolgreich entgegen halten. Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach musste schließlich resignierend festhalten: „Wir können auch nicht hindern, das Eu. Ld. dieselbe, nebst ihren Gehülffen, in dero Residenz aufgenommen, sondern laßen es alles dahin gestellt seÿn, alß die Wir Uns dadurch vor Gott und der Welt aller Verantwortung gänzlich entnomen befinden.“437 Was die Forderungen von Gothaer Seite bezüglich des Unterhalts der Herzogin betraf, so argumentierte Herzog Johann Georg II., er werde „zur Ersetzung des jenigen Aufwands, so die Jahr hero auf Ihre Person geschehen, im Fall und so weit ihre noch übrige Mittel nicht hinreichend gewesen seÿn solten, [...] Wir so schlechter dinge Unß nicht verbunden achten, also werden Wir viel weniger auf Ihre künftige Verpflegung etwas zuverwenden, oder E. Ld. dazu herzugeben Ursache haben“438. Demzufolge war eine Einigung zwischen den Parteien nach wie vor nicht zu erhoffen. Die Verhandlungen, insbesondere um den Unterhalt der Herzogin Charlotte Marie, zogen sich noch über Jahre hin. Es ging dabei längst nicht mehr um die Person der Herzogin, sondern einzig um deren Besitzansprüche. Herzogin Charlotte Marie ihrerseits wandte sich Ende 1697 an den Kaiser und bat diesen um Unterstützung. Offenbar erschien es ihr unmöglich, dass ihre Angelegenheiten ausschließlich innerhalb des ernestinischen Familienverbandes geregelt werden könnten. So setzte sich Herzogin Charlotte Marie auch mit Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz (1664–1718) in Verbindung und bat ihn schließlich um die Übernahme der kaiserlichen Kommission.439 Die Vorgehensweise der Herzogin zeigte einmal mehr, dass sie keineswegs widerstandslos den Forderungen und Interessen der ernestinischen Agnaten nachgab. Vielmehr nutzte sie alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. In diesem Kontext schloss Herzogin Charlotte Marie im 436 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Friedrich II. von Sachsen-GothaAltenburg (Abschrift), 2. November 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 90v. 437 Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach an Herzog Friedrich II. von Sachsen-GothaAltenburg (Abschrift), 8. November 1697, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 93v–94r. 438 Ebd., fol. 94r. 439 Herzogin Charlotte Marie an Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz, 10. Januar 1698, SHStA Dresden, Geheimer Rat (geheimes Archiv), 10024, Locat 10562/10, fol. 8.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

März 1698 einen weiteren Alimentationsvergleich mit dem Hause Sachsen-Gotha-Altenburg ab.440 In welch desolater ökonomischer Situation sich die Herzogin zu dieser Zeit befand, wurde allein schon daran deutlich, dass im Alimentationsvertrag auch die grundlegende Ausstattung der Herzogin geregelt werden musste. Die Tatsache, dass die Anschaffung eines Service sowie der „zum benöthigten Service zwölf Silberne Löffel u. soviel Meßer u. Gabeln“441 vermerkt wurde, lässt darauf schließen, dass Herzogin Charlotte Marie nicht einmal über diese Mindestausstattung verfügte. Auf der Grundlage des Alimentationsvertrages sah sich Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg zudem ermächtigt, die Forderungen gegenüber Sachsen-Eisenach und Sachsen-Weimar vor dem Reichshofrat in Wien zu vertreten. Die Einbeziehung einer Reichsinstitution verdeutlicht, dass der ernestinische Familienverband tatsächlich nicht in der Lage war, den Konflikt zu beenden. Der sachsen-eisenachische Hofmarschall Johann Friedrich von Harstall, nunmehr als Agent für das Haus Sachsen-Eisenach in Wien tätig, berichtete seinem Landesherrn, Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach, „Wie hinterlistig, wan ich es so nennen darf, S. Gotha mit Eu. Durchl. Fr. Hause umbgehet, da es beÿ der offerirten gütlich Abthuung in sonderheit versichert und schriftlich contestiret hat, daß es sich in dieser Sache pur pasive hielte und der Prinzeßin ihre eigene Leute hier hielte, wie aber der gute H. von Stein hier in schlechter Estime stehet [...] so kömet Eu. Durchl. noch dieses beÿ itzigen Coniuncturen zu güte, daß das Reich selbst Unter sich Uneins ist“442. Von Harstall kritisierte die Tatsache, dass entgegen der getroffenen Zusagen das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg durch eigene Bevollmächtigte die Interessen der Herzogin Charlotte Marie vertreten ließ und damit eindeutig aktiv zu Gunsten der Herzogin in Erscheinung trat. Dem Bericht von Harstalls zufolge hatte der vormalige Hofmeister der Herzogin Charlotte Marie, von Uechteritz, auf die Inhaftierung der Herzogin Bezug nehmend in ihrem Auftrag eine Schadensersatzklage am Reichshofrat eingereicht. Mit der Untersuchung dieser Klage wurde nun das Haus Sachsen-Zeitz beauftragt. Damit hatte man von kaiserlicher Seite dem Wunsch der Herzogin entsprochen, die Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz um die Übernahme der Kommission gebeten hatte. Zugleich ist die kaiserliche Entscheidung als Indiz dafür zu sehen, dass von Seiten des Kaisers ein Interesse bestand, die Konfliktlösung innerhalb des Hauses Sachsen zu belassen.443 Doch allein die Tatsache, dass nunmehr auch die albertinische Linie, zumindest das hierzu gehörige Haus Sachsen-Zeitz, unmittelbar involviert war, stellte 440

Alimentationsvergleich zwischen Herzogin Charlotte Marie und Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (Abschrift), 18. März 1698, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 1247, fol. 2r. 441 Ebd., fol. 5r. 442 Bericht des sachsen-eisenachischen Agenten von Harstall an Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 18. April 1698, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 104. 443 Ebd., fol. 105r.

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eine Brüskierung für die ernestinischen Häuser dar. Hinzu kam, dass offenbar neben Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz auch dessen Bruder Christian August (1666–1725) direkt in den Konflikt verwickelt war. So erhielt Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach durch seinen Agenten von Harstall Kenntnis über vermeintliche Bestrebungen exponierter katholischer Würdenträger, gegen hohe Zahlungen einen Religionswechsel der Herzogin zu forcieren.444 Zu diesen Würdenträgern gehörte mutmaßlich auch Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz. Gemäß den Informationen des Agenten von Harstalls war auch die in Frankreich lebende Verwandtschaft der Herzogin Charlotte Marie, also das Haus Trémoïlle, in diese Unternehmung involviert.445 Inwieweit es derartige Bestrebungen tatsächlich gegeben hat, ist fraglich und kann anhand der Quellen nicht abschließend beantwortet werden. Es ist zumindest denkbar, dass Herzogin Charlotte Marie den genannten katholischen Geistlichen einen Religionswechsel in Aussicht gestellt hat, damit diese die Herzogin bei ihren rechtlichen Auseinandersetzungen vor dem Reichshofrat unterstützten.446 Fest steht allerdings, dass Herzogin Charlotte Marie letztlich nicht zum katholischen Glauben übertrat. Der Konflikt um den Unterhalt der Herzogin Charlotte Marie konnte nicht beigelegt werden. Keine der beteiligten Parteien war bereit, von der eigenen Position abzuweichen. Vor dem Hintergrund dieser rechtlichen Unsicherheit im Hinblick auf ihren Unterhalt zog sich Herzogin Charlotte Marie auf den ihr zugeteilten ,Ruhesitz‘ nach Tonna zurück. Dort verstarb die Herzogin am 6. Januar 1703. Ein Blick auf die Hinterlassenschaft der Herzogin macht ihre fatale materielle Situation in ihren letzten Lebensjahren deutlich: Einem aus den Akten des Amts444

Namentlich wurden der „Kardinal Colonie“ sowie der „Bischof von Rabe“ genannt, die gegen eine jährliche Pension in Höhe von 10.000 Reichstalern die Herzogin zu einem Übertritt zum katholischen Glauben bewegen wollten. – Bei dem „Bischof von Rabe“ handelt es sich um Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz, der seit 1696 Bischof von Raab (deutscher Name für die ungarische Stadt Gyõr) war. Die Person, die sich hinter der Bezeichnung „Kardinal Colonie“ verbirgt, konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Vermutlich handelt es sich hier um den Grafen Leopold Karl von Kol[l]onitsch (1631–1707). Kollonitsch war in den Jahren 1686–1690 Bischof von Raab, und somit unmittelbarer Vorgänger Herzog Christian Augusts von Sachsen-Zeitz. Damit wäre auch eine Verbindung zwischen den beiden katholischen Würdenträgern gegeben. Von 1690–1695 war Kollonitsch Erzbischof von Kalocsa und Administrator von Raab. 1692 hatte er zudem die Oberdirektion der Hofkammer in Wien übernommen, zwei Jahre später trat er an die Spitze des kaiserlichen geheimen Rates. Im Jahr 1695 wurde er schließlich Erzbischof von Gran, hielt sich aber vorwiegend am kaiserlichen Hof in Wien auf, wo er zu den einflussreichsten Persönlichkeiten zählte. Siehe: KOLASKA 1990, S. 234–236; MENGES 1980, S. 467–469. Allerdings könnte es sich bei dem besagten „Kardinal Colonie“ auch um den Kölner Erzbischof Joseph Clemens Kajetan von Bayern (1671–1723, seit 1688 Erzbischof von Köln) handeln, abgeleitet von der lateinischen Bezeichnung für das Erzbistum Köln („ecclesia Coloniensis“). 445 Bericht des sachsen-eisenachischen Agenten von Harstall an Herzog Johann Georg II. von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 18. April 1698, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 443, fol. 105r. 446 Aufzeichnungen des Jenaer Stadtkirchners Christian Spangenberg aus dem Jahr 1822 (?), die Prinzessin Charlotte Maria von S. Jena 1683–1690 betreffend, ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 9v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

archivs Tonna zusammengestellten Extrakt aus dem Jahre 1809 ist zu entnehmen, dass sich das Barvermögen der Herzogin bei ihrem Ableben auf lediglich 441 Reichstaler und 21 Gulden belief. Davon wurden noch 378 Reichstaler und 10 Gulden für das Tilgen von Schulden und das Einlösen von verpfändeten Stücken verwand. „Ihre Verlassenschaft an Kleidungs=Stücken, war in der That sehr ärmlich“447, notierte der Jenaer Stadtkirchner Spangenberg in seinen Unterlagen. Unter den Kleidungsstücken „man nicht einmal einen ganzen448 Damen=Anzug findet; größtentheils einige, sehr dürftige, Hauskleider“449. Weiter heißt es: „Das Weiß Zeug ist auch sehr kärglich angegeben, desgleichen die Betten. Unter den Büchern sind die meisten franzöße. Romane. Das wenige Silberzeug war versetzt, und an Kupfer, Zinn, Eisen pp. war wenig vorhanden; im Keller waren 7 leer Fässer.“450 Allein von den 150 Gemälden, die sich laut einem Inventar aus dem Jahr 1683 – also dem Jahr ihrer Hochzeit – im Besitz der Herzogin Charlotte Marie befanden, waren nur 10 Portraits übrig geblieben.451 Inwieweit die materielle Situation der Herzogin Charlotte Marie nicht nur auf äußere Einflüsse, sondern auch auf ein offensichtliches Unvermögen der Herzogin, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und insbesondere ihren Finanzen umzugehen, zurückzuführen ist, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden. Dem Schreiben eines namentlich nicht bekannten, jedoch im höfischen Umfeld einzuordnenden Verfassers vom 2. November 1701 ist zu entnehmen: „Der Herr G. H. Rath sind endlich zufrieden [...] und werde der Effect darüber zu erwarten sein, Gelder vor die Herzogin mit zu nehmen oder bei dem Amts=Voigt zu erheben, und der Herzogin über die nöthigen Alimente zu geben, würde fast unnöthig und undienlich seyn, weilen doch selbige sofort würden verschenkt und unrecht angewendet werden [...].“452 Die Äußerungen legen nahe, dass die Herzogin nicht mit ihrem Geld haushalten konnte. Doch ist nicht auszuschließen, dass ihnen der Topos der weiblichen Verschwendungssucht zu Grunde liegt. Letztlich unterstreichen auch diese Äußerungen das tragische Schicksal der Herzogin Charlotte Marie. Anhand der konfliktreichen Ehe Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar mit seiner Cousine Charlotte Marie von Sachsen-Jena werden die Möglichkeiten und Grenzen des Aushandelns von Handlungsspielräumen innerhalb der Ehe besonders deutlich. Hier überlagerten sich mehrere Konflikte, so dass diese innerdynastische Ehe das Ziel, die Beziehungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes zu festigen, letzten Endes verfehlte. Spannungen zwischen 447

„Extract, die Herzogin Charlote Maria betreffend“; Extract aus den Originalunterlagen des Amtsarchiv Tonna, vom 22. Februar 1809 (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 10r. 448 Im Original unterstrichen. 449 „Extract, die Herzogin Charlotte Maria betreffend“; Extract aus den Originalunterlagen des Amtsarchiv Tonna, vom 22. Februar 1809 (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzogl. Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII Carl Friedrich. No 444, fol. 10v. 450 Ebd., fol. 10v. 451 Ebd., fol. 24v–25v. 452 Schreiben vom 2. November 1701 (o. V.), abgedruckt in: HELLFELD 1828, S. 88.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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den Eheleuten, bei denen es in erster Linie um die Ehehierarchie ging, verbanden sich mit Auseinandersetzungen zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach, vertreten durch Herzog Johann Georg I., dem Vormund Charlotte Maries. Bei diesem zweiten Konfliktstrang mischten sich ökonomische Interessen der einzelnen Häuser mit der Sorge um die Reputation des Gesamthauses. Die ehelichen Differenzen des Herzogspaares weiteten sich zu einem drohenden Skandal für den ernestinischen Familienverband insgesamt aus, so dass in die Konfliktlösung zunehmend weitere Dynastiemitglieder involviert waren. Die Diskussion um die Zulässigkeit einer Trennung oder gar Scheidung, wie Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar sie anstrebte, wurde so zum Machtkampf zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach. Herzogin Charlotte Marie ergriff ihrerseits ebenfalls die Initiative und kämpfte um ihre Handlungsspielräume. Demgegenüber stießen die Handlungsspielräume Herzog Wilhelm Ernsts auf Grenzen, sobald die Interessen des Familienverbandes berührt waren. Dies zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie. Auch der Umstand, dass bei der schließlich ausgesprochenen Scheidung kein eindeutiger Schuldspruch erfolgte, sondern beiden Ehegatten eine Wiederverheiratung zugestanden wurde, verweist darauf, dass sich der Familienverband heiratspolitischen Spielraum bewahren wollte. Doch auch über die Scheidung hinaus gingen die Auseinandersetzungen um Reputation, ökonomische Interessen und Machtpositionen weiter und zogen Kreise, die sich auf das gesamte Haus Sachsen erstreckten, weitere Fürsten involvierten und bis zur kaiserlichen Intervention reichten. Deutlicher als an diesem Beispiel könnte nicht werden, in welchem Ausmaß das persönliche Verhältnis der Eheleute zueinander und ihre jeweiligen Handlungsspielräume innerhalb der Ehe mit Interessen des Familienverbandes und darüber hinaus mit denen weiterer hochadeliger Kreise verflochten waren.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“ – Die Ehen und außerehelichen Beziehungen des Herzogs Ernst August von Sachsen-Weimar Am Beispiel der gescheiterten Ehe Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar mit Charlotte Marie von Sachsen-Jena wurde deutlich, wie groß das Konfliktpotential im Rahmen einer standesgleichen Ehe sein konnte und wie unterschiedlich innerhalb des ernestinischen Familienverbandes mit ehelichen Konflikten umgegangen wurde. Die folgenden Fallbeispiele, die Ehen Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, dokumentieren ebenfalls, wie standesgleiche Ehen zum Ausgangspunkt von Konflikten wurden. Doch entzündeten sich die dargestellten Konflikte weniger innerhalb der Ehen beziehungsweise zwischen den Ehepartnern, sondern vielmehr an der Bedeutung und Funktion, die der Ehe im frühneuzeitlichen Hochadel zugeschrieben wurde.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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den Eheleuten, bei denen es in erster Linie um die Ehehierarchie ging, verbanden sich mit Auseinandersetzungen zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach, vertreten durch Herzog Johann Georg I., dem Vormund Charlotte Maries. Bei diesem zweiten Konfliktstrang mischten sich ökonomische Interessen der einzelnen Häuser mit der Sorge um die Reputation des Gesamthauses. Die ehelichen Differenzen des Herzogspaares weiteten sich zu einem drohenden Skandal für den ernestinischen Familienverband insgesamt aus, so dass in die Konfliktlösung zunehmend weitere Dynastiemitglieder involviert waren. Die Diskussion um die Zulässigkeit einer Trennung oder gar Scheidung, wie Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar sie anstrebte, wurde so zum Machtkampf zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach. Herzogin Charlotte Marie ergriff ihrerseits ebenfalls die Initiative und kämpfte um ihre Handlungsspielräume. Demgegenüber stießen die Handlungsspielräume Herzog Wilhelm Ernsts auf Grenzen, sobald die Interessen des Familienverbandes berührt waren. Dies zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Inhaftierung der Herzogin Charlotte Marie. Auch der Umstand, dass bei der schließlich ausgesprochenen Scheidung kein eindeutiger Schuldspruch erfolgte, sondern beiden Ehegatten eine Wiederverheiratung zugestanden wurde, verweist darauf, dass sich der Familienverband heiratspolitischen Spielraum bewahren wollte. Doch auch über die Scheidung hinaus gingen die Auseinandersetzungen um Reputation, ökonomische Interessen und Machtpositionen weiter und zogen Kreise, die sich auf das gesamte Haus Sachsen erstreckten, weitere Fürsten involvierten und bis zur kaiserlichen Intervention reichten. Deutlicher als an diesem Beispiel könnte nicht werden, in welchem Ausmaß das persönliche Verhältnis der Eheleute zueinander und ihre jeweiligen Handlungsspielräume innerhalb der Ehe mit Interessen des Familienverbandes und darüber hinaus mit denen weiterer hochadeliger Kreise verflochten waren.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“ – Die Ehen und außerehelichen Beziehungen des Herzogs Ernst August von Sachsen-Weimar Am Beispiel der gescheiterten Ehe Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar mit Charlotte Marie von Sachsen-Jena wurde deutlich, wie groß das Konfliktpotential im Rahmen einer standesgleichen Ehe sein konnte und wie unterschiedlich innerhalb des ernestinischen Familienverbandes mit ehelichen Konflikten umgegangen wurde. Die folgenden Fallbeispiele, die Ehen Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, dokumentieren ebenfalls, wie standesgleiche Ehen zum Ausgangspunkt von Konflikten wurden. Doch entzündeten sich die dargestellten Konflikte weniger innerhalb der Ehen beziehungsweise zwischen den Ehepartnern, sondern vielmehr an der Bedeutung und Funktion, die der Ehe im frühneuzeitlichen Hochadel zugeschrieben wurde.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

4.3.1 „kleine Amours“ und ihre Folgen – Von der Notwendigkeit der Eheschließung Prinz Ernst August war der zweite Sohn des Herzogs Johann Ernst III. von Sachsen-Weimar (1664–1707) und dessen Frau Sophie Auguste (1663–1694), einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Da der erstgeborene Sohn des Paares, Prinz Johann Wilhelm, wenige Monate nach seiner Geburt 1686 verstorben war, wurde Ernst August die Rolle des Erstgeborenen in der geschwisterlichen Hierarchie zuteil. Damit nahm Prinz Ernst August auch eine zentrale Position in der Erbfolge im Herzogtum Sachsen-Weimar ein. Dieses wurde zu diesem Zeitpunkt formal zwar gemeinschaftlich von Ernst Augusts Vater, Herzog Johann Ernst III., und dessen älterem Bruder, Herzog Wilhelm Ernst, regiert; aufgrund der zahlreichen Differenzen zwischen den beiden Brüdern und nicht zuletzt aufgrund der Trinksucht Herzog Johann Ernsts III.453 hatte Herzog Wilhelm Ernst de facto eine Alleinregierung etabliert. Da dieser im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder jedoch keine Nachkommen hatte, war offensichtlich, dass im Falle seines Todes die Regierung an Herzog Johann Ernst III. und dessen Söhne übergehen würde. Nach dem Tode seines Vaters wurde daher Prinz Ernst August formal zum Mitregenten im Herzogtum bestimmt, doch die tatsächliche Herrschaft führte nach wie vor Herzog Wilhelm Ernst aus. Dieser versuchte, seinen Neffen aus den Regierungsgeschäften herauszuhalten, so wie er es zuvor auch mit Herzog Johann Ernst III. getan hatte. Doch während sich Herzog Johann Ernst III. nach mehreren Auseinandersetzungen dem Machtanspruch seines Bruders Wilhelm Ernst gebeugt und von den Regierungsgeschäften zurückgezogen hatte, war Prinz Ernst August hierzu nicht bereit. Prinz Ernst August, seit der Vollendung seines 21. Lebensjahres im Jahr 1709 nunmehr Herzog von Sachsen-Weimar, zeichnete sich nicht nur durch Unnachgiebigkeit gegenüber seinem Onkel Wilhelm Ernst aus, sondern auch durch ein ungebührliches Verhalten, das nicht den Erwartungen des höfischen Umfeldes entsprach und daher Kritik hervorrief. Exemplarisch für diese Kritik können die Äußerungen des sachsen-weimarischen Sekretärs Müller herangezogen werden. Dieser gab in einem Schreiben vom 14. November 1711 an den Hofmarschall Marschall454 der Hoffnung Ausdruck, „daß Ihre Hh [= Hohe] Dhl [= Durchlaucht] 453

Die Stiefmutter Ernst Augusts, Herzogin Charlotte Dorothea Sophie (1672–1738), eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg, berichtet Ernst August immer wieder von den Alkoholexzessen seines Vaters: „Wir leben noch a L’ordinaÿre wie Eu [= Euer] Ld [= Liebden] bekant ist, außer daß Eu h [= Herr] Papa in 4 Dagen nicht auß dem Bette kommen ist, der Apetit ist auch gar schlecht welches alles die starcken Brandwein, Seck undt Tabac verursachen, mir ist alß recht Angst darbeÿ und sorge, daß wan er so continuiret es endlich ein übel Ende nehmen muß, es hilft kein abraten und da in [= ihn] doch sihet wie übel er sich darauf findet.“ (Herzogin Charlotte Dorothea Sophie von Sachsen-Weimar an Prinz Ernst August von Sachsen-Weimar, undatiert, vermutlich vom Frühjahr 1706, ThHStA Weimar, Bestand Fürstenhaus A 64/1, fol. 273r–273v). 454 Im Jahr 1711 wurde Friedrich Gotthilf von Marschall (1675–1740), genannt Greiff, Leiter des Hofstaats bei Herzog Wilhelm Ernst, 1719 wurde er zum Abgesandten des Herzogtums Sachsen-

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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sich ungemein zu ihrer Avantage endern“455. Damit das Verhalten Herzog Ernst Augusts eine Änderung erfuhr, sollte sich dieser gemäß Müller „ein und andere nötige Errinnerungen Raht und Warnung von Mir [...] annehmen, und wie Sie angefangen, und biß hirher continuiren, sich vor dem Trunck hüten gegen niemanden Considenz machen, von niemand medisant [= boshaft, sarkastisch] sprechen, jedermann höfflich begegnen [...].“456 Diese Ermahnungen wären sicherlich obsolet gewesen, wenn sich der Herzog den Vorstellungen seines Sekretärs gemäß verhalten hätte. Besondere Aufmerksamkeit verdient allerdings die weitere Forderung Müllers, dass sich der Herzog „mehr zum Haupt als zum Schwanz halten und so genau, als immer möglich, sich behelffen, Ordnung in allen thun annehmen und halten und iedes zu seiner Zeit tractiren werden“457. Hinter dieser Äußerung verbarg sich eine massive Kritik am Lebenswandel des Herzogs Ernst August, der sich mehr den Frauen und der Jagd als den Regierungsgeschäften widmete.458 Da für den Adel und allen voran für die adeligen Männer ein umtriebiges Sexualleben nicht unüblich war und eine große Zahl an Geliebten sogar als Ausdruck von Virilität eines Fürsten galt, lässt sich Müllers Kritik an eben diesem ausschweifendem Sexualleben in den Bereich der bürgerlichen Adelskritik einordnen. Offenbar ging Herzog Ernst August seinen sexuellen Neigungen in einem Maß nach, das für Müller weder moralisch noch unter pragmatisch-politischen Aspekten vertretbar erschien. Die von Müller geäußerte Kritik kann aber auch dahingehend interpretiert werden, dass er damit Bedenken im Hinblick auf die Zukunft des Herzogtums zum Ausdruck brachte. Aus der Sicht frühneuzeitlicher Mediziner konnte übermäßiger Geschlechtsverkehr sowohl den Körper als auch den Geist eines Mannes beeinträchtigen.459 Im Fall eines regierenden Fürsten waren daher Einschränkungen in der Herrschaftsausübung, und – sofern der Fürst wie im Fall Ernst Augusts unvermählt war und über keine legitimen Nachkommen verfügte – ein Aussterben der Herrscherlinie zu befürchten. Demgegenüber erachtete es Herzog Ernst August weder für dringlich, sich zu vermählen, noch seine sexuellen Ausschweifungen einzuschränken. Wohl auch deshalb, weil die Ehe als Institution zwar den Ausgangspunkt für den legitimen Weimar beim Kurfürsten von Sachsen ernannt. Siehe: H AUSMANN (Hg.) 1950, S. 357. Zur Genealogie der Freiherren von Marschall, genannt Greiff, siehe: K NESCHKE (Hg.) 1865, S. 148–149; KOCH 1940, S. 156–161, hier S. 159. 455 Aufzeichnungen des Sekretärs Müller, 14. November 1711, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1970, fol. 76r–76v. 456 Ebd. 457 Ebd. 458 Lebensbeschreibung Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 2. 459 Im Rahmen des frühneuzeitlichen Diskurses über den männlichen Samen vertraten zahlreiche Mediziner die Auffassung, dass übermäßiger Geschlechtsverkehr zu einer deutlichen Störung des psychophysischen Wohlbefindens des Mannes führe. Seit dem 17. Jahrhundert gewannen solche Ängste in der Bevölkerung verbreitet an Gewicht und führten auch dazu, dass vermehrt frequenzorientierte Normen für den Geschlechtsverkehr formuliert wurden. Siehe: STOLBERG 2003, S. 207– 208; WERNZ 1993, S. 98–100.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Geschlechtsverkehr bildete, aber die soziale Praxis des Hochadels hier ausgedehnte Handlungsspielräume zuließ. Umso mehr erstaunt die Tatsache, dass mit dem Sekretär Müller ein Hofbediensteter nicht nur das Sexualleben des Herzogs reflektierte, sondern die Kritik auch relativ offen und direkt äußerte. Dies spricht dafür, dass Müller eine exponierte Stellung am Weimarer Hof innehatte. Anderenfalls wäre es ihm kaum möglich gewesen, die Kritik an Herzog Ernst August in dieser Form zu äußern. Es deutet aber auch darauf hin, dass zwischen Müller und dem Herzog unterschiedliche Auffassungen von einem fürstlichen Lebenswandel und ein unterschiedliches Normenverständnis existierten. Der Sekretär Müller war aber keineswegs der einzige, der den Lebenswandel des Herzogs kritisierte. Dessen umtriebiges Sexualleben nahm auch der Hofmarschall Marschall zum Anlass für Kritik am Herzog. Zwar ist im Januar 1712 in den Briefen Marschalls zunächst nur von einigen „kleinen Amours“460 des Herzogs die Rede, doch bereits im März 1713 schrieb Marschall, dass „Ser. E. A. Zustand [...] deplorable [sei]“461. Marschall fügte dem hinzu, dass dieser Zustand auch über den Weimarer Hof hinaus bekannt sei und letztlich „dadurch auch das Heyraths glück gemindert [würde]“462. Somit wurden nicht nur die Ausschweifungen des Herzogs, sondern auch deren Konsequenzen explizit angesprochen. Zudem wird deutlich, dass dynastische Angelegenheiten nicht ausschließlich im Interessenbereich des fürstlichen Hauses, sondern des gesamten Hofstaats lagen. Dem Hofmarschall Marschall darf an dieser Stelle ein gewisser Pragmatismus unterstellt werden, denn ihm musste an der Erhaltung des Hauses Sachsen-Weimar und damit einhergehend am Erhalt des Herzogtums gelegen sein, um auf diesem Weg seine eigene wirtschaftliche Existenzgrundlage und seine Stellung am Hofe zu sichern. Bei der Kritik des Hofmarschalls Marschall sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass dieser seit 1711 in Diensten Herzog Wilhelm Ernsts stand. Zuvor war er für Herzog Ernst August tätig gewesen. Da das Verhältnis der beiden Herzöge äußerst angespannt war, hatte sich Marschall mit dem Übertritt in die Dienste Herzog Wilhelm Ernsts die Ungnade seines vormaligen Dienstherren zugezogen.463 Es ist daher nahe liegend, dass die Kritik an Herzog Ernst August auch Ausdruck des zerrütteten Verhältnisses zwischen dem Herzog und dem Hofmarschall war. Dennoch interessiert an dieser Stelle die Frage, was den Hofmarschall Marschall dazu veranlasste, von einem „deplorablen“ und weit über die Grenzen des Herzogtums hinaus bekannten Zustand Herzog Ernst Augusts zu sprechen. Den Anlass für die Reaktion des Hofmarschalls gab vermutlich die Beziehung Herzog Ernst Augusts zu der Bürgerlichen Anna Maria Helffer, der Tochter eines Wei460

Friedrich Gotthilf Marschall an seinen Bruder, 30. Januar 1712, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1971, fol. 126v. 461 Friedrich Gotthilf Marschall an den Sekretär Müller, 4. März 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1970, fol. 158v. 462 Ebd., fol. 159r. 463 PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 267.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Abb. 6: Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar (Kupferstich von Johann Christoph Sysang, 1742)

marer Gastwirts464. Der Beginn dieser standesungleichen Beziehung lässt sich auf das Jahr 1711 datieren. In den Quellen ist hinsichtlich des Beginns der Beziehung vermerkt, dass sich Anna Maria Helffer „geraume Zeit und bis in das Jahr 1713 immer fort beständig geweigert [habe], ohne daß jedoch des Hochfürstl. Herrn Herzogs Hochfürstl. Durchl. davon wollen ablassen“465. Vor dem Hintergrund, 464

„Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 30r. Das Geburts- und Todesdatum Anna Maria Helffers ist den Akten leider nicht zu entnehmen. Pei PATZE/SCHLESINGER findet sich der Hinweis, dass Anna Maria Helffer zehn Jahre jünger als Herzog Ernst August gewesen sei (PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 293; leider ohne Quellenangabe). Dies würde jedoch bedeuten, dass Anna Maria Helffer bereits als Dreizehnjährige ein Verhältnis mit Herzog Ernst August einging. Das erscheint mir unrealistisch. 465 „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 30v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

dass diese Schilderung erst 1758 und im Auftrag des aus der Beziehung Anna Maria Helffers zu Herzog Ernst August hervorgegangenen Sohnes verfasst wurde, ist es fragwürdig, ob sich die junge Frau den Avancen Herzog Ernst Augusts tatsächlich über zwei Jahre hinweg widersetzte. Vermutlich war das Verhältnis zwischen Anna Maria Helffer und Herzog Ernst August keineswegs nur platonisch, sondern von intimer Natur. Demgegenüber ist es nachvollziehbar, dass der Sohn das Verhalten seiner Mutter positiv darstellte, um das Ansehen seiner Mutter und damit auch seinen eigenen Ruf nicht zu gefährden. Den frühneuzeitlichen Rechtsnormen entsprechend war das Verhältnis Herzog Ernst Augusts zu Anna Maria Helffer allerdings als Unzucht zu bewerten. Der Tatbestand der Unzucht sollte gemäß der sachsen-weimarischen Gesetze „hertiglich und wie sichs gebürt, unnachlessig, und mit Ernst“466 bestraft werden. Da es sich bei Herzog Ernst August jedoch um einen Landesfürsten handelte, schützten sein besonderer Rechtsstatus und sein soziales Ansehen ihn wie auch seine Geliebte vor juristischen Sanktionen. Dieser Sachverhalt änderte aber nichts an der Tatsache, dass derartige uneheliche Beziehungen und vor allem die daran beteiligten Frauen einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Missachtung ausgesetzt waren.467 Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass der Sohn Anna Maria Helffers den Herzog als Initiator des Verhältnisses benannte, um die Ehre der Mutter nicht in Frage zu stellen. Zugleich kommt hier die zeitgenössische Auffassung eines asymmetrischen Geschlechterverhältnisses und der damit einhergehende Topos der weiblichen Verführbarkeit zum Ausdruck.468 Obgleich es sich bei dem Verhältnis Herzog Ernst Augusts mit Anna Maria Helffer um eine standesungleiche Beziehung handelte, hätte diese Tatsache für sich allein genommen den Hofmarschall Marschall kaum dazu bewogen, sich derart kritisch gegenüber dem Herzog zu äußern. Was hat daher die Reaktion des Hofmarschalls verursacht? Eine nahe liegende Antwort auf diese Frage findet sich in den Quellen über Ernst Wilhelm Vaterweis, der letztlich aus der Beziehung Herzog Ernst Augusts mit Anna Maria Helffer hervorging. Dem bereits zitierten Pro Memoria aus dem Jahr 1758 ist zu entnehmen, dass Herzog Ernst August im Jahr 1713 seiner bürgerlichen Geliebten ein Eheversprechen gab.469 In den Quellen lassen sich zwar keine weiteren Belege für die Existenz dieses Eheversprechens finden, denn alle Briefe und Unterlagen, die das Verhältnis betrafen, waren auf Verlangen des Herzogs Ernst August kassiert und vernichtet worden. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es ein derartiges Eheversprechen gegeben hat. Ernst Wilhelm Vaterweis seinerseits bemühte sich, anhand von Indizien seine Behauptung glaubhaft zu machen. Vaterweis führte an, dass Herzog Ernst 466

Policey- und Landesordnung der Herzöge Friedrich Wilhelm und Johann von Sachsen, Weimar 1589, Kap. IV. 467 OSSWALD -BARGENDE 2000, S. 94. 468 JARZEBOWSKI 2006, S. 91. 469 „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 31v.

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August zur Zeit der Abgabe des Eheversprechens noch unverheiratet gewesen sei und daher die Abgabe eines Eheversprechens nicht unrechtmäßig gewesen wäre.470 Daneben hätte es einen umfangreichen Briefwechsel zwischen Herzog Ernst August und Anna Maria Helffer gegeben, der für die große Intensität der Beziehung zwischen dem Herzog und Anna Maria Helffer sprechen würde.471 Abschließend gab Vaterweis zu bedenken, dass „[...] die aller vornehmste und stärckeste Vermuthung pro promisso matrimonio, saltim ad morganaticam, constituiret, wann der hochseelige Herr Herzog diese Person [= Anna Maria Helffer] als eine bloße Concubine haben wollen und gehabt hätte; wozu wäre in solchem Fall nötig geweßen, daß man dieselbe 3.) kurz vor des Hochseeligen Herrn Herzogs ersten Vermählung eÿdlich renunciren laßen: noch ferner einen Anspruch an Ihn zu machen p472. Was kann aber quaeso! Eine Concubine oder auch eine beschwängerte Weibs-Person nebst oder über ihre lebenslängliche zugesicherte Versorgung auch übernommene Erziehung des mit ihr gezeugten Kindes an einen Beschwängerer und deßen Person noch weiter vor Ansprüche machen, denen sie sich eÿdlich untersagen müßen, wann es keine promissio matrimonii saltim ad morganaticam gewesen wäre“473. Während die beiden ersten Argumente schon im Jahr 1758 nicht mehr nachprüfbar waren, ist in den Quellen bis heute der Nachweis erhalten geblieben, dass Anna Maria Helffer am 12. Oktober 1717 eine Verzichtserklärung gegenüber Herzog Ernst August leisten musste.474 Unter juristischen Gesichtspunkten war eine solche Erklärung jedoch nur bei Existenz eines Eheversprechens erforderlich, da ein Eheversprechen als Vertrag zwischen Bräutigam und Braut angesehen wurde und allein schon aus diesem Vertrag rechtliche Bindungswirkungen folgten, selbst wenn es nicht zur Eheschließung kam.475 Vor dem Hintergrund eines von Herzog Ernst August gegenüber Anna Maria Helffer abgegebenen Eheversprechens und der Existenz eines gemeinsamen Sohnes erscheint auch die Reaktion des Hofmarschalls Marschall plausibel. Insbesondere die Bedenken des Hofmarschalls, dass auch andere Höfe Kenntnis vom „Zustand des Herzogs“ erlangen könnten, sind im Zusammenhang mit der Existenz eines Eheversprechens und eines Sohnes nachvollziehbar: Eine möglicherweise erfolgende standesungleiche Eheschließung hätte den Ruf des Hauses Sachsen-Weimar beschädigt; ebenso stand zu befürchten, dass ein legitimer Sohn herrschaftsrechtliche Ansprüche geltend machte. Allerdings gibt es auch ein Anzeichen, das die Existenz eines solchen Eheversprechens anzweifeln lässt, oder zumindest die ernsthafte Absicht des Herzogs, dieses Versprechen zu realisieren. Hierbei handelt es sich um die Tatsache, dass Herzog Ernst August bereits 1712 470

Ebd., fol. 31v. Ebd., fol. 32r. 472 Im Original unterstrichen. 473 „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 32. 474 Beilage des Pro Memoria, „Num: 2. Copia Renunciationis, Actum Capullendorff den 12. Oktober 1717“ (Aktentitel), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 41v–42r. 475 DUNCKER 2003, S. 999. 471

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mögliche standesgleiche Heiratskandidatinnen sondieren ließ.476 Doch umgekehrt betrachtet schließt allein die Sondierung von standesgleichen Heiratskandidatinnen die Abgabe eines anderweitigen Eheversprechens nicht aus. Ein mögliches Eheversprechen des Herzogs Ernst August an eine Bürgerliche, ein aus dieser Beziehung hervorgegangener Sohn, ein ausschweifendes Sexualleben gepaart mit der Tatsache, dass Herzog Ernst August noch nicht standesgemäß verheiratet war, gefährdete das Ansehen und die Existenz des Hauses Sachsen-Weimar und stellte damit peripher auch eine Gefahr für die dynastische Ordnung der Ernestiner insgesamt dar. Neben der Tatsache, dass Herzog Ernst August durch sein Verhalten potentielle Heiratskandidatinnen abschreckte, galt es dabei auch unter medizinischen Gesichtspunkten die Konsequenzen des Verhaltens des Herzogs zu bedenken. Bei allen sexuellen Freiheiten, die sich innerhalb des Adels genommen wurden, waren diese natürlich auch mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Es kam nicht selten vor, dass sich ein Fürst eine (Geschlechts-) Krankheit zuzog und damit eine Destabilisierung der Herrschaftsverhältnisse begünstigte.477 Allein schon die möglicherweise durch eine Geschlechtskrankheit hervorgerufene Unfruchtbarkeit hätte weit reichende Konsequenzen sowohl für die Herrschaftsausübung als auch die Erbfolge im Herzogtum Sachsen-Weimar gehabt, da Herzog Ernst August noch unverheiratet war und demzufolge keine legitimen Nachkommen vorweisen konnte. Seine Machtposition wäre dadurch entschieden geschwächt worden. Die Körperqualitäten und das Wohlergehen eines Fürsten waren keine Privatangelegenheit, sondern sie waren von höchstem Interesse für die politische Öffentlichkeit. Insofern kam ihnen eine hochpolitische Bedeutung zu.478 Neben der Kritik an Herzog Ernst Augusts Sexualleben und den Bedenken im Hinblick auf die Herrschaftssicherung scheute sich der Hofmarschall Friedrich Gotthilf Marschall auch nicht, seinen Unmut über die Unfähigkeit des Herzogs Ernst August im Umgang mit seinen Finanzen zu bekunden. Marschall schrieb am 14. Januar 1713 von Wien aus an den Weimarer Sekretär Müller: „Ach was hör ich doch auch für betrübte Zeitung von Ser. E. A. Aufführung und gar zu schlechten Menage, wo will dieses endlich naus das giebt gwiß einen Banqueroute oder Sequestration!“479 Die Hoffnung des Hofmarschalls, den Herzog zu einem anderen Lebenswandel bewegen zu können, blieb unerfüllt. Herzog Ernst August ging nach wie vor und ohne Einschränkung seinen Interessen nach. Dabei zog er es vor, sich außerhalb Weimars, und zwar vorwiegend auf seinem Jagdschloss zu München in der Nähe der Stadt Berka, aufzuhalten. Dies mag zum einen darauf

476

BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 40. NOLTE 2000c, S. 1–36. NOLTE setzt sich am Beispiel des Landgrafen Wilhelm II. von Hessen mit den durch eine Syphilis-Erkrankung des Landgrafen hervorgerufenen Konsequenzen für dessen Herrschaftsausübung auseinander. Siehe auch: MIDELFORT 1996. 478 Siehe hierzu auch: NOLTE 2004a, S. 45–92, hier S. 51. 479 Friedrich Gotthilf Marschall an den Sekretär Müller, 14. Januar 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1970, fol. 132r. 477

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zurückzuführen sein, dass Herzog Ernst August seinen Lebenswandel vor den Augen des Weimarer Hofes zu verbergen suchte. Zum anderen dürfte der Grund für den Aufenthalt außerhalb Weimars auch darin zu suchen sein, dass Herzog Ernst August sowohl zu seinem Onkel Herzog Wilhelm Ernst als auch zu seiner Stiefmutter, der Herzogin Charlotte Dorothea Sophie, ein äußerst schwieriges Verhältnis hatte. So bemerkenswert die Kritik am Herzog auch sein mag letztlich verfügten weder der Sekretär Müller noch der Hofmarschall Marschall über die nötigen Mittel und Möglichkeiten, um das Verhalten Herzog Ernst Augusts zu verändern oder gar zu sanktionieren. Eine Sanktionierung wäre einzig durch Herzog Wilhelm Ernst oder durch andere Standesgenossen möglich gewesen. An dieser Stelle ist es fraglich, inwieweit das Verhalten Herzog Ernst Augusts von Herzog Wilhelm Ernst und den übrigen ernestinischen Agnaten wie auch Standesgenossen tatsächlich als anstößig empfunden wurde oder deren Interessen tangierte und damit ein Eingreifen bedingt hätte. Insbesondere für Herzog Wilhelm Ernst dürften die Beziehungen seines Neffen Ernst August zum weiblichen Geschlecht von ambivalenter Bedeutung gewesen sein. Einerseits bestand die Gefahr, dass die Beziehungen eine standesgemäße Heirat und damit einhergehend den Fortbestand des Hauses gefährdeten. Andererseits wurde Herzog Ernst August durch seinen Lebenswandel und seine sexuellen Eskapaden von einer aktiven Beteiligung an den Regierungsgeschäften abgehalten. Damit war es Herzog Wilhelm Ernst möglich, die Herrschaft im Herzogtum Sachsen-Weimar nahezu allein auszuüben. Doch langfristig musste ihm daran gelegen sein, dass sich sein Neffe verheiratete, um den Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar zu gewährleisten.

4.3.2 Das gescheiterte Eheprojekt zwischen Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar und Prinzessin Charlotte Christine von Hanau-Lichtenberg Letztlich brachte es sowohl die Herrschaftssituation im Herzogtum SachsenWeimar als auch der Lebenswandel Herzog Ernst Augusts mit sich, dass die Planungen für eine standesgemäße Eheschließung des Herzogs konkretisiert wurden. Herzog Ernst August selbst hatte sich bereits 1712 mit potentiellen Heiratskandidatinnen beschäftigt. Aus einem Brief des Herzogs vom 26. Januar 1712 geht hervor, dass Prinzessinnen aus den Häusern Sachsen-Zeitz, Anhalt-Köthen, Sachsen-Saalfeld sowie eine Comtesse von Hanau in die engere Wahl gezogen wurden.480 Den Zeilen des Herzogs ist auch zu entnehmen, dass seine Heiratspläne primär nicht durch dynastische Interessen, sondern durch eigennützige Motive begründet waren. In dem bereits erwähnten Brief vom Januar 1712 heißt es: „So habe mir vorgenommen [...] auch dahin zu sorgen, wie mit und vor der 480

Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an seine Räte, 26. Januar 1712, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1971, fol. 131r. Siehe auch: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 40.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Zeid ehe mein Bruder durch eine vortheilhaffte Heirath mir vor kan undt Ich mich vermehlen könte.“481 Demnach waren die eigene materielle Ausstattung und eine mögliche Benachteiligung durch seinen Bruder zentrale Anliegen, welche die Überlegungen des Herzogs im Hinblick auf seine Eheschließung bestimmten. Vor dem Hintergrund, dass sein Lebenswandel äußerst kostspielig war, war Herzog Ernst Augusts Interesse dahingehend ausgerichtet, durch eine Heirat die eigene ökonomische Basis zu verbessern. Von Seiten seines Onkels Wilhelm Ernst, der demgegenüber für eine sparsame Haushaltsführung eintrat, konnte Herzog Ernst August nicht auf eine Aufstockung der eigenen Gelder hoffen, zumal einem derartigen Ansinnen auch die begrenzten Ressourcen der herzoglichen Kammer entgegenstanden. Mehrfache Ersuchen Herzog Ernst Augusts um Aufstockung seiner Apanage waren von seinem Onkel abgelehnt worden. Die herzoglichen Räte mussten Herzog Ernst August mitteilen, dass „Es [...] nicht ohne [sei], daß aniezo die Einkünffte gering, und sehr eingeschrenckt“, auch sei „auf die Kammer, welche erschöpft, kein Staat Zu machen“482. Die monetären Forderungen Herzog Ernst Augusts konnten daher nur durch eine vorteilhafte Heirat bedient werden. Doch auch eine Eheschließung und die daraus resultierende eigene Hofhaltung waren mit massiven Kosten verbunden, die durch die Brautausstattung auszugleichen waren. Zugleich musste Herzog Ernst August darauf achten, seinem jüngeren Bruder mit einer Eheschließung zuvor zu kommen, denn eine Eheschließung des jüngeren Bruders hätte möglicherweise bedeutet, dass Herzog Ernst August eine Eheschließung aus Kostengründen verwehrt geblieben wäre. Zugleich wäre damit die herrschaftliche Position des Bruders gestärkt worden, denn schließlich wären es die potentiellen Nachkommen des Bruders gewesen, die den Bestand der Sachsen-Weimarer Linie garantiert hätten. Um aus dem Kreis der genannten Kandidatinnen die unter materiellen wie auch dynastischen Gesichtspunkten vorteilhafteste Partie herauszufiltern, beauftragte Herzog Ernst August mehrere herzogliche Räte, diesbezügliche Gutachten zu erstellen. Zu diesen Räten gehörten die beiden Brüder von Marschall, der Kammerrat Alberti und der Geheime Sekretär Müller. Dem Gutachten der Räte vom 26. Januar 1712 ist neben einer grundsätzlichen Befürwortung einer Eheschließung auch zu entnehmen, dass Herzog Ernst August „sehr behutsam in der Choisirung der Person zu verfahren [habe]“483. Darüber hinaus sei zu bedenken, ob er sich „vor jetzo und durch was vor Beystand sonsten im Stande fänden eine Heyrath aus= und fortzuführen.“484 Die Bedenken der Räte sind nur zu verständlich, gingen doch einer Eheschließung im Hochadel üblicherweise umfangreiche Vermittlungs- und Verhandlungsprozesse voraus, die Herzog Ernst August alleine kaum bewältigen konnte. Zugleich bezogen sich die Bedenken der Räte auch auf die mit einer Heirat verbundenen monetären Aspekte, wie beispielsweise 481 482 483 484

Ebd. Gutachten der Räte, 23. Oktober 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 33r. Gutachten der Räte, 26. Januar 1712, zitiert nach: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 43. Ebd.

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die Entrichtung der Widerlage und der Morgengabe sowie die Bereitstellung der Handgelder für die Ehefrau. Hinzu kamen die Kosten für die Ausstattung der Hochzeit und nicht zuletzt für die Haushaltung des Paares.485 Im Hinblick darauf, welche Kandidatin die meisten Vorteile für Herzog Ernst August und das Haus Sachsen-Weimar mit sich brachte, sind dem Gutachten der Räte folgende Überlegungen zu entnehmen: „Die Zeitzische Parthie486 fände man zwar, dem vorgegebenen Reichthumb nach, sehr avantageus, weil aber Ihre Durchlaucht selbst schon viele Bedenklichkeiten, so vor wichtig und erheblich zu halten, darbey fanden, so wollte man davon abstrahiren. Bei Köthen weren die Avantagen, daß die Prinzessin487 wohl erzogen, und auch die Aussteuer wie auch das, was sonst zu hoffen, wichtig, allein der Stand der Prinzessin Frau Mutter dürffte im Wege stehen. Die Salfeldische488 ist wohlerzogen, die übrigen Avantagen aber sind schlecht. Bey der Comtesse d`Hanau489 sey nichts auszusetzen. Es käme auch noch die Printzessin Herzog Augusti zu Zörbig490 in Consideration, wobey die Avantage daß sie eine eintzige Tochter, von der Frau Mutter wohlerzogen, der Herr Vater und die Frau Mutter haußhaltig und die sich durch Geld in guten Stand gesetzet; es sey auch bey dieser Partie noch eine besondere Erbschaft zu erwarten, zu geschweige der Allianz mit der Crohne Dennemarck. Bey allen diesen Partien aber sey erforderlich, daß ihro Durchlaucht die Prinzessinnen sehen, jedoch vor der Zeit der Intention an keinem Orte sich merken ließen.“491 Anhand des Gutachtens werden die äußerst pragmatischen Kriterien ersichtlich, die bei der Auswahl einer geeigneten Heiratskandidatin zu Grunde gelegt wurden: Primär waren dies die ökonomische Potenz und die Herrschaftsansprüche der Herkunftsfamilie, daneben spielten aber auch die Erziehung der Braut und die Standesgemäßheit eine wichtige Rolle. Nicht zu vernachlässigen war auch das äußere Erscheinungsbild der zukünftigen Gattin, andernfalls wäre die Empfehlung der Räte an Herzog Ernst August, die Prinzessinnen persönlich in Augenschein zu nehmen, obsolet gewesen. Zugleich kommt auch die Notwendigkeit eines behutsamen Vorgehens bei der Eheanbahnung zum Ausdruck. Die Planungen für eine Eheschließung des jungen Herzogs gerieten jedoch ins Stocken. Ob dies auf finanzielle Aspekte zurückzuführen war oder auf ein be485

Ebd. Prinzessin Dorothea Marie von Sachsen-Zeitz (1691–1743), spätere Frau des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel (1682–1760). 487 Prinzessin Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen (1696– 1726). Sie heiratete 1714 Herzog Friedrich Erdmann von Sachsen-Merseburg (1691–1714), wurde jedoch schon nach dreimonatiger Ehe Witwe. 488 Prinzessin Sophie Wilhelmine von Sachsen-Saalfeld (1690–1727), spätere Frau des Fürsten Friedrich Anton von Schwarzburg-Rudolstadt (1692–1744). 489 Gräfin Charlotte Christine von Hanau-Lichtenberg (1700–1726), spätere Frau des Erbprinzen Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt (1691–1768). 490 Prinzessin Caroline Auguste von Sachsen-Zörbig (1691–1747). Sachsen-Zörbig war eine Seitenlinie des Hauses Sachsen-Merseburg. 491 BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 43–45. 486

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

wusstes Hinauszögern von Seiten Herzog Ernst Augusts, kann anhand der Quellen nicht abschließend geklärt werden. Zumindest aber unternahm der Herzog nichts, um die Heiratspläne zu forcieren. Vielmehr war es Herzog Wilhelm Ernst, der – trotz aller Differenzen im Hinblick auf die gemeinsame Herrschaftsausübung im Herzogtum – seinen Neffen Ernst August dazu anhielt, eine Ehe einzugehen. Herzog Wilhelm Ernst wies Herzog Ernst August eindringlich auf dessen dynastische Pflichten hin, an deren oberster Stelle der Erhalt des Hauses Sachsen-Weimar stand. Doch die Reaktion Herzog Ernst Augusts war verhalten. In einem Brief vom 13. März 1713 teilte er seinem Onkel Wilhelm Ernst mit: „Eu. Gnd. haben aus treu vetter- und vaterl. Vorsorge, wovor noch mahlen Ich allen schuldigen Dank abstatte schon vor dem Jahr Mich zu vermählen Mir angerathen, und die Comtesse von Hanau [...] zugleich mit vor geschlagen [...] immittelst in den Zustand im Wege stehen, worinnen Mich einige Jahre befunden, und noch befinde, wenig profitiret vielmehr an Meiner Gesundheit beÿ allerhand gehabten Verdruß Mir geschadet und Mich corfumiret, gleich wohl beÿ sobenandten Umständen noch kein ander thunliches moÿen Mich daraus zu sezen“492. Statt sich zu verheiraten, beabsichtigte Herzog Ernst August vielmehr, sich „annoch wehrenden Krieges beÿ einer Armée als Voluntair solange auf[zu]halte[n], bis eine gute Gelegen heit mit Respect und zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn in würcklichen Kriegs Diensten ein zulaßen sich ereignet“493. Darüber hinaus begründete Herzog Ernst August sein zurückhaltendes Verhalten im Hinblick auf eine Eheschließung damit, dass „alle Collision in Unsern Fürstl. Gesamthauße vermieden und nicht vor der Zeit ein Mißtrauen zwischen Mir und Meines Bruders Lbd., welches an einen und andern Umständen zu mahlen wenn Er, wie verlauten will, des ehesten sollten ins Land kommen, zu Lestereye stehet, entstehen“494. Angesichts der Tatsache, dass Herzog Ernst August noch im Frühjahr 1712 sehr darauf bedacht war, sich vor seinem jüngeren Bruder zu vermählen, erscheinen die nun vorgebrachten Bedenken zweifelhaft. Nicht von der Hand zu weisen war jedoch ein weiteres Argument Herzog Ernst Augusts, dass seines „gleichen und andere gepriesene495 Personen zu freyen, [...] meine Revenuen solches auszuführen nicht hinlangen“496. Daher beabsichtigte er, dieses „beÿ vorstehenden Ausschuß Tage, damit von Seiten der Landschafft mit einen erkleckl. adjuto [hier: finanzielle Unterstützung] mit unter die Arme gegriffen werden mögte, [...] mit in Proposition bringen auch mit Nachdruck secundiren laßen wolte“497. An dieser Stelle wird einmal mehr deutlich, wie wichtig die ökonomische Potenz eines Hauses bei der Umsetzung heiratspolitischer Pläne war. Schließlich galt es 492

Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Briefkonzept), 13. März 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 4r. 493 Ebd. 494 Ebd. 495 Im Original unterstrichen. 496 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (Briefkonzept), 13. März 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 4v–5r. 497 Ebd., fol. 5r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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nicht nur die Hochzeit und die damit einhergehenden Aufwendungen zu finanzieren, sondern auch den künftigen Unterhalt des Paares mit dem dazugehörigen Hofstaat. So positiv eine umfangreiche finanzielle Ausstattung der potentiellen Braut in diesem Zusammenhang erscheinen mochte, so schwer wiegend waren die damit verbundenen finanziellen Konsequenzen für die Herkunftsfamilie des Bräutigams, denn ein hoher Ausstattungsbetrag auf Seiten der Braut hätte auch einen Anstieg der finanziellen Verpflichtungen auf Seiten des Bräutigams bedeutet. Daher musste bei der Wahl einer Heiratskandidatin darauf geachtet werden, dass die finanzielle Ausstattung der Braut in einem ausgewogenen Verhältnis zu den ökonomischen Möglichkeiten der Herkunftsfamilie des Bräutigams stand. Im Fall Sachsen-Weimars galt dies um so mehr, da es um die ökonomische Potenz des Hauses Sachsen-Weimar – trotz aller Sparmaßnahmen von Seiten Herzog Wilhelm Ernsts – nicht zum Besten bestellt war. Doch war die ökonomische Verfassung des Hauses Sachsen-Weimar bei weitem auch nicht so desolat, wie sie von Herzog Ernst August dargestellt wurde. Seine Äußerung, den Militärdienst einer Eheschließung vorzuziehen, um auf diesem Wege ein einträgliches, vor allem aber gesichertes Auskommen zu erlangen, ist vielmehr als argumentative Strategie zu bewerten. Auf diesem Wege versuchte Herzog Ernst August, Herzog Wilhelm Ernst zu einer Aufstockung seiner Apanage zu bewegen. Die Strategie des jungen Herzogs erwies sich dabei partiell als erfolgreich, denn seine Apanage wurde in der Folgezeit tatsächlich erhöht. Im Gegenzug wurden auf Seiten Herzog Ernst Augusts die Planungen im Hinblick auf eine Eheschließung intensiviert. Im Juni 1713 beauftragte Herzog Ernst August schließlich den Kammerrat Alberti, die Gebrüder Marschall, sowie den Juristen Professor von Hofmann, in der Heiratsangelegenheit tätig zu werden.498 Die neuerlichen Bemühungen des Herzogs im Hinblick auf eine Heirat wurden von seinem Onkel Wilhelm Ernst ausdrücklich begrüßt. In einem Brief vom 4. Juli 1713 schrieb Herzog Wilhelm Ernst an seinen Neffen Ernst August: „wünsche von Herzen, daß Sie in der bewusten Affaire mit Vergnügen reussiren mögen.“499 Ebenso äußerte sich Herzog Wilhelm Ernst gegenüber dem Geheimen Rat von Marschall: „Was sonst bewuste Heÿraths=affaire concerniret, hat Mir des Herrn Geheimen Rahts dabeÿ gefasete und jüngst berichtete Conduite zu sonderbahren Gefallen gereichet.“500 Die Heiratspläne konzentrierten sich dabei auf die erst zwölfjährige Comtesse Charlotte Christine von Hanau-Lichtenberg. Bemerkenswert ist, dass die Comtesse noch sehr jung und zudem von rang niederer Herkunft war, da sie lediglich einem gräflichen und nicht einem fürstlichen Hause entstammte. Dennoch erschien das angestrebte Heiratsbündnis mit dem Hau498

Sekretär Müller an Friedrich Gotthilf von Marschall, 29. Juni 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 7r. 499 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 4. Juli 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 8r. 500 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Friedrich Gotthilf von Marschall, 11. Juli 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 13v–14r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

se Hanau-Lichtenberg für die Weimarer Seite insbesondere unter ökonomischen Aspekten Erfolg versprechend, denn die finanziellen Verhältnisse des Hauses Hanau-Lichtenberg waren geordnet. Dies nährte am Weimarer Hof die Hoffnung auf eine erträgliche Mitgift der Braut. Zudem war davon auszugehen, dass auch das Haus Hanau-Lichtenberg an einer Allianz mit dem Haus Sachsen-Weimar interessiert war, bedeutete die Einheirat in ein fürstliches Haus doch einen nicht zu unterschätzenden Prestigegewinn. Offenbar war aber dem Haus Hanau-Lichtenberg mehr an einer „gute[n] Oeconomie“501 des Hauses Sachsen-Weimar als an dessen fürstlichem Rang gelegen. Letztlich wird auch bei diesem Heiratsprojekt deutlich, dass dem Zustandekommen eines Ehebündnisses diffizile Aushandlungsprozesse und ein gegenseitiges Geben und Nehmen der daran beteiligten Häuser zugrunde lagen. Im Zuge der Eheanbahnung erstellten die damit beauftragten Räte im Oktober 1713 ein Gutachten über die potentielle Braut und das Haus Hanau-Lichtenberg. Dabei wurde sowohl die Comtesse als Person, als auch die möglicherweise mit einer Eheschließung verbundenen Schwierigkeiten sowie die Vorteile dieses Ehebündnisses thematisiert. Was die Person und das Äußere der Comtesse anbelangte, kamen die Räte zu dem Schluss, dass es „nicht ohne, daß die Comtessin beÿ ihrer noch zieml. Jugend keine extraordinaire Beauté zeiget, auch der Umbgang noch nicht so freÿ und animiret, als Ihre Dhl., nach Dero Naturell es wohl verlangeten“502. Damit deutete sich an, dass die Comtesse in physischer und psychischer Hinsicht nicht den Vorstellungen der Räte, die diese von einer zukünftigen Ehefrau Herzog Ernst Augusts hatten, entsprach. Dabei diente ihnen Herzog Ernst August selbst als Maßstab bei der Beurteilung der potentiellen Braut. Die Tatsache, dass die Räte die fehlende „Freÿheit“ im Umgang der Comtesse monierten und dies in Bezug zum Naturell des Herzogs Ernst August setzten, spricht jedenfalls für ein ungezwungenes, lebhaftes Auftreten des Herzogs. Die Räte gaben aber der Hoffnung Ausdruck, dass bei der Comtesse „mit dem völligen Wachsthumb eine mehrere Schönheit sich äußern, und auch durch fernere Conversation und Auferziehung der Umbgang lebhaffter und ansehnlicher fallen werde“503. Im Hinblick auf die Schwierigkeiten und Vorteile, die mit einer Allianz mit dem Hause Hanau-Lichtenberg verbunden waren, vermerkten die Räte: „Allein [...] beÿ Erfolg einer solchen Heÿrath und Absterben des Grafen ohne Söhne, man eine jährliche Revenue wenigstens von 25 000 Rthl. bis 30 000 Rthl. an Land und Leuten zuerwarten, zugeschweigen deßen, was nicht ohne prohabilitirt deroselben aus den obigen Landen gleichfals zukommen muß, [...] die Aquisite von der Frau Mutter considerabel, Geschmack und dasjenige, was zu Einrichtung eines recht fürstl. Etats und Haußhalts nötig, überflüßig vorhanden“504. Vor dem 501

Ebd., fol. 14r. Gutachten der Räte Herzog Ernst Augusts über die Comtesse von Hanau-Lichtenberg, 23. Oktober 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 31v. 503 Ebd. 504 Ebd., fol. 32r. 502

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Hintergrund dieser äußerst günstigen ökonomischen Ausgangslage des Hauses Hanau-Lichtenberg hielten die Räte fest, dass „man gar keinen Hazard absehen [kann], als welcher darinnen nicht bestehen kann, wann man dasjenige nicht erhält, was man auch sonst nirgends findet, [...] beÿ dieser Mariage eine [...] Partie zu machen, dergleichen weder im Röm. Reiche noch andern nahgelegenen Königreichen zuerwarten; Worauf das hiesige Hauß, welches Zeit einem Secule durch viele Theilungen sich ziemlich zergliedert, desto mehr zusehen, als solches durch neuen Erwerb anderer Leute allen Lockungen frembder Religion abgehalten in fernere Splendeur conserviret werden kan“505. Doch war den Weimarer Räten klar, dass diese vorteilhafte Partie auch an anderen Höfen das Interesse geweckt hatte und es demzufolge kein einfaches Unterfangen werden würde, das angestrebte Ehebündnis zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. „der Hoffnung stehet freÿlich entgegen“, bemerkten daher die Räte in ihrem Gutachten, „1. die große Menge der Competenzen [= Mitbewerber], 2. die Entfernung und Entlegenheit, 3. die gar zu große Sorgfalt des Grafl. Haußes, die Comtessin wohl zu versorgen, und die Grafl. Lander unter einer krafftigen christlichen Regierung beysammenzuhalten.“506 Dennoch erachteten die Räte die Aussichten für Herzog Ernst August und damit auch für das Haus Sachsen-Weimar als gut. Zur Begründung hierfür führten die Räte an, dass „unter denen Competenzen sich noch keiner von solchem alten und ansehnlichen Hauße gefunden“507. Demgegenüber äußerten sich die Räte jedoch kritisch gegenüber Herzog Ernst August und vermerkten, dass „einigen auch, [...] ihr bißher gefuhrter Lebenswandel Hinderrung giebt“508. Aber von Seiten der Räte zeigte man sich optimistisch, dass „ein guter Ruf von einem wahren Christenthum, fürstl. Aufführung, kluglich eingerichteter Oeconomie, moderaten Sinn, wohlangelegten Verstand, und löbliche Bezeigung gegengleiche und andere obige große Besorgniß hinlegen kann: So ist, wann die Sache ferner klüglich tractiret wird, an glücklichen Erfolg nicht zuzweifeln; man allerdings, nachobhabenden Pflichten und Devotion, diese Heÿrath ferner [...] anzurathen kein Bedenken hat“509. Vergegenwärtigt man sich jedoch die Situation Herzog Ernst Augusts und die (finanzielle) Lage des Hauses Sachsen-Weimar, so musste offensichtlich sein, dass das angestrebte Ehebündnis nur schwer in die Tat umzusetzen war. Den unsicheren Erfolgsaussichten der Bemühungen um die Comtesse von Hanau war es sicher auch geschuldet, dass nur ein sehr kleiner Personenkreis über die Heiratsverhandlungen in Kenntnis gesetzt wurde, um für den Fall des Scheiterns der Verhandlungen einen Prestigeverlust für das Haus Sachsen-Weimar zu vermeiden. Nicht einmal die Schwester Herzog Ernst Augusts, Prinzessin Johanna Charlotte (1693–1751), war darüber informiert. Einem Brief der Prinzessin vom 505 506 507 508 509

Ebd., fol. 32r–32v. Ebd., fol. 32v. Ebd. Ebd. Ebd., fol. 32v–33r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

3. August 1713 ist zu entnehmen: „so berichte Mon chers frer daß man hir hatt vor gewies sagen wollen Sie weren nach Hanau und wolten die Grefen [= Gräfin] dort heiraden; welche ich den Ihnen von Herzen gerne hätte wünschen wollen den es gewis eine recht admirabel Bardin [= Gefährtin] ist; ich habe auch den geheimde Rat des wegen gefragt, welcher aber nichts davon gestähen wil, wann es aber noch nicht ist, so wünsche, daß es war werden mach;“510. Demnach war Prinzessin Johanna Charlotte nicht von Herzog Ernst August selbst über dessen Pläne informiert worden. Diese Tatsache ist bemerkenswert, da die Geschwister einen regen Briefwechsel unterhielten und offenbar ein enges Verhältnis zueinander hatten. Johanna Charlotte war die einzige von fünf Schwestern Herzog Ernst Augusts, die das Kleinkindalter überlebt hatte. In ihren Briefen an Herzog Ernst August bezeichnete sie diesen als „Engels Bruder“511, was für eine Verbundenheit der Geschwister und für eine gewisse Vertraulichkeit im Umgang miteinander spricht.512 Dass Herzog Ernst August seine Schwester dennoch nicht in seine Pläne einweihte, könnte auf die machtpolitische Bedeutung der Ehe hindeuten, aber auch darauf, dass er bereits im August 1713 nicht mehr von einem Erfolg des Heiratsprojektes ausging. Dennoch versuchte Herzog Ernst August, die Heiratsbemühungen zu einem positiven Ende zu bringen. Daher wandte er sich an den Baron Valentin Voit von Salzburg (1664–1722), den Ersten Minister des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Der Baron hatte zuvor bereits die ersten Kontakte zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Hanau-Lichtenberg geknüpft. Dabei dürfte die Tatsache, dass es sich bei der Mutter der potentiellen Braut, Gräfin Dorothea Friederike von Hanau-Lichtenberg (1676–1731), um eine geborene Prinzessin von Brandenburg-Ansbach handelte, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Der Halbbruder Dorothea Friederikes, Markgraf Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach (1686–1723), hatte offenkundig Interesse an einer Verbindung zwischen seiner Nichte, Comtesse Charlotte Christine, und Herzog Ernst August. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass auch zwischen den Häusern Brandenburg-Ansbach und Sachsen-Weimar verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, denn bei der Mutter des Markgrafen handelte es sich um Eleonore Erdmuthe Luise von Sachsen-Eisenach (1662–1696). Markgraf Wilhelm Friedrich unterstützte nunmehr die Bemühungen von Weimarer Seite um die Comtesse von Hanau-Lichtenberg, indem er seinen Ersten Minister als Vermittler zur Verfügung stellte. Anhand des Briefwechsels des Barons mit Herzog Ernst August sowie anhand von Quittungen ist ersichtlich, dass der Baron Voit von 510

Herzogin Johanna Charlotte von Sachsen-Weimar an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 3. August 1713, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 286, fol. 56r–56v. 511 Ebd., fol. 55r. 512 Anhand des Briefwechsels der Schwestern Emilie und Charlotte von Hessen-Kassel mit ihrem Bruder Wilhelm VI. (1629–1663) hat Sophie RUPPEL aufgezeigt, dass Bezeichnungen wie „Engelsbruder“ eine Ausnahme in der sonst üblichen Anredepraxis hochadeliger Geschwister darstellen und als Ausdruck einer starken emotionalen Bindung gewertet werden können. Siehe: RUPPEL 2006a, S. 296–297.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Salzburg in der zweiten Jahreshälfte 1713 mehrfach nach Hanau reiste und dort Fürsprache für den Herzog von Sachsen-Weimar hielt.513 Doch die Bemühungen des Barons brachten nicht den gewünschten Erfolg. Die Gründe für das Scheitern der Verhandlungen sind anhand der Quellenlage allerdings nicht auszumachen. Es ist aber nahe liegend, dass die ökonomischen wie auch herrschaftsrechtlichen Verhältnisse des Hauses Sachsen-Weimar ebenso wie der Lebenswandel Herzog Ernst Augusts den Vorstellungen von Hanauer Seite, die auf eine gute Versorgung der Comtesse abzielten, nicht entsprachen.

4.3.3 Die Anbahnung der Ehe Herzog Ernst Augusts mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen Nachdem die Pläne für das Ehebündnis mit dem Hause Hanau-Lichtenberg gescheitert waren, zeigte Herzog Ernst August wenig Interesse, eine anderweitige Eheschließung zu forcieren. Anstatt sich mit weiteren Heiratsplänen zu befassen, widmete sich Herzog Ernst August vermehrt höfischen Divertissements. Dies umso mehr, da er von seinem Onkel Wilhelm Ernst aus den Regierungsgeschäften weitgehend herausgehalten wurde, was allerdings zu regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Herzögen führte. Dabei rief auch die Abkehr Herzog Ernst Augusts von etwaigen Heiratsplänen bei seinem Onkel Wilhelm Ernst Missfallen hervor. Obgleich persönliche Kontakte zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzog Ernst August längst auf ein Minimum reduziert waren, unterließ es der Onkel nicht, in mehreren Briefen an seinen Neffen seine Bedenken und Sorgen im Hinblick auf die Zukunft Herzog Ernst Augusts kund zu tun.514 Am 23. November 1714 schrieb Herzog Wilhelm Ernst an Herzog Ernst August: „Nachdem aus väterlicher, wohlmeynender Vorsorge mich heute Eu. Liebden Zustandes erkundigen lassen, habe ich erfahren müssen, wie sich Selbige anitzo nicht einheimisch [also nicht in Weimar] sondern auf dem Lande befänden. Eu. Liebden kann ich hierbey nicht bergen, daß mich darüber hertzlich betrübet, weil mir bewußt und ich gewiß versichert worden, daß deroselben Gesundheit noch nicht völlig hergestellet und diese nebliche Witterung, wie Eu. Liebden selbst vernünfftig ermeßen werden, denenselben äuserst zuwieder. Ersuche diesemnach dieselben freundvetter= und väterlich, in Erwegung, daß sonsten sowohl Dero Seele als auch das fürstliche Hauß bey bekanntlich sich findenden Umbständen in Gefahr gesetzet werden könnte, je eher je besser auf völlige Herstellung Dero Gesundheit zu denken und die bisher vorgeschlagenen Mittel mit erforderter nöthigen und beständigen Diaet zu gebrauchen und anzuwenden.“515 Dies zeigt, welche Bedeutung der Person Herzog Ernst Augusts innerhalb des dynastischen Gefüges beigemessen wurde. Auch wenn Herzog Wilhelm Ernst in seinem Brief 513 514 515

Siehe unter anderem ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 38 und 47. BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 47. Ebd.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

die Sorge um die Gesundheit Herzog Ernst Augusts vorgibt, so beinhalten seine Äußerungen unzweifelhaft Kritik am Lebenswandel des Neffen, der sich auf seinem Jagdschloss zu München aufhielt. Die Kritik des Onkels gewann umso mehr an Bedeutung, als die Heiratsangelegenheit Herzog Ernst Augusts im Sommer 1715 tatsächlich eine existentielle Bedeutung für das Haus Sachsen-Weimar erfuhr: Am 1. August 1715 war der jüngere Halbbruder Ernst Augusts, Herzog Johann Ernst IV., in Frankfurt am Main verstorben.516 Nunmehr war Herzog Ernst August neben Herzog Wilhelm Ernst der einzige männliche Nachkomme des Hauses Sachsen-Weimar. Darüber hinaus hatte er schon das 27. Lebensjahr vollendet, so dass eine Heirat nicht nur im Hinblick auf die Situation des Hauses Sachsen-Weimar, sondern auch im Hinblick auf die persönliche Situation des Herzogs als erstrebenswert erschien. Dabei stellte sich erneut die Frage, welche Kandidatin als Ehefrau für Ernst August in Frage kam. Doch hatten die Erfahrungen mit der Comtesse von Hanau gezeigt, dass man von Weimarer Seite im Hinblick auf die Wahl einer geeigneten Braut keine zu hohen Ansprüche stellen durfte. Vor diesem Hintergrund fiel die Wahl auf Herzogin Eleonore Wilhelmine von Sachsen-Merseburg, eine geborene Prinzessin von Anhalt-Köthen und mittlerweile Witwe des Herzogs Friedrich Erdmann von Sachsen-Merseburg (1691–1714). Bereits im Jahr 1712 gehörte die damals noch unvermählte Eleonore Wilhelmine zum engeren Kreis möglicher Heiratskandidatinnen für Herzog Ernst August. Doch die Weimarer Räte nahmen die niederadelige und damit unebenbürtige Herkunft der potentiellen Brautmutter Gisela Agnes (1669–1740)517 zum Anlass, um Prinzessin Eleonore Wilhelmine aus dem Kandidatinnenkreis auszuschließen. Die Prinzessin vermählte sich daraufhin am 6. März 1714 mit Herzog Friedrich Erdmann von Sachsen-Merseburg. Die Ehe fand jedoch nach drei Monaten durch den Tod des Herzogs am 2. Juni 1714 ein schnelles Ende.518 Zu diesem Zeitpunkt war Eleonore Wilhelmine erst achtzehn Jahre alt und daher prädestiniert für eine erneute Heirat. Die Tatsache, dass Eleonore Wilhelmine wieder in den Kreis der Heiratskandidatinnen aufgenommen wurde, zeigt, wie flexibel und pragmatisch die Kriterien der Gattenwahl letztlich von der Weima516

K RONFELD 1878, Bd. 1, S. 385. Gisela Agnes von Anhalt-Köthen war die Tochter des Ritters Balthasar Wilhelm von Rath und der Magdalene Dorothea von Wuthenau. Siehe: HEINE 1909, S. 10. Die dem niederen Adel entstammende Gisela Agnes von Anhalt-Köthen hatte am 13. September 1662 den Fürsten Emanuel Leberecht von Anhalt-Köthen (1671–1704) geheiratet. Aufgrund der unebenbürtigen Herkunft der Braut musste die Eheschließung im Verborgenen stattfinden und rief bei den regierenden Fürsten von Anhalt erhebliche Kritik hervor. Erst nachdem Gisela Agnes am 23. Juli 1694 durch den Kaiser zur Reichsgräfin von Nienburg erhoben worden war, kam es zu einem Ausgleich mit den anhaltischen Verwandten. Im Zuge dessen wurden auch die sechs Kinder, die mittlerweile aus der Ehe hervorgegangen waren, als rechtmäßige Nachkommen des Fürsten Emanuel Leberecht und damit als erbberechtigt anerkannt. Siehe: R AWERT 2007, S. 49–77, hier S. 52. 518 „Genealogica Ernestus Augustus“ (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 40. 517

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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rer Seite gehandhabt wurden. Zugleich wird deutlich, dass Ebenbürtigkeit kein unumstößliches Dogma war. Es war geplant, dass Herzog Ernst August im Herbst 1715 seine Aufwartung in Köthen machen sollte, da sich die junge Witwe zu dieser Zeit bei ihrer Mutter Gisela Agnes aufhielt. Doch Herzog Ernst August zögerte. Dabei ist unklar, ob sein Zögern auf eine Abneigung gegen eine Eheschließung mit Eleonore Wilhelmine oder eine prinzipielle Abneigung gegen eine Ehe zurückzuführen war. Es ist auch denkbar, dass Herzog Ernst August die Situation des Hauses Sachsen-Weimar für weniger Besorgnis erregend erachtete, als es Herzog Wilhelm Ernst tat. Allerdings war es nicht nur Herzog Wilhelm Ernst, der auf eine baldige Vermählung Herzog Ernst Augusts drängte. Ein Brief der verwitweten Anna Maria von Schwarzenfels († 1723)519 vom 5. Oktober 1715 an Herzog Ernst August belegt, dass auch das höfische Umfeld Interesse an einer Eheschließung des Herzogs hatte und sich sogar an der Auswahl der Kandidatin beteiligte. In dem genannten Brief heißt es: „Durchlauchtigster Hertzog, gnädigster Fürst und Herr! Eu. fürstl. Dhl. haben gantz nit nedig [= nötig] mith derro gantz ergebensten Dienerin Extisen zu machen; ich danke vir den gnadigen Brieff und erkihne mich nach derro gnadigsten Erlaubniß zu sagen, das ich sehr bedribt erfahren das mein gnedigster Herrtzog die gwiße und ihnen höchst nedige [= nötige] Afehre so auf die lange Banke schiben. Engels Hertzog auf was warden sie, erstlich findet so etwas gudes andere Liebhaber, und zum andern dirfte die so schene Gelegenheit so balde sich nit wider zeichen, da zumal Dhl. die Hertzochin zu Merseborch auch hin kömbt. Wann nun unmaßgeblich Eu. Dhl. ampassang nach Leibzich oder nor dorch gingen nach Köden [= Köthen], ein bar dag ehe als Dhl. die Hertzochin von Merseborch, da könden sie ihre Augen zu Rathe nehmen und sich wihles [= vieles] erkundigen laßen aparth was das Zeitliche bedrift. Und wie etwan die Hertzochin zu Merseborch gesint sey; man predentihret von Eu. Dhl. keine Eihl sondern das sie alles wohl überlegen, und nor eine Visit heiße.“520 Ob es nun die mahnenden Worte der Frau von Schwarzenfels waren, das Zuraten des Herzogs Wilhelm Ernst oder die Einsicht Herzog Ernst Augusts: Letztlich fuhr Herzog Ernst August nach Köthen. Offenbar wurden sich die Häuser Sachsen-Weimar und Anhalt-Köthen verhältnismäßig schnell einig über die Heiratsmodalitäten, denn schon am 24. Januar 1716 fand auf dem Schloss zu Nienburg, dem Witwensitz der Brautmutter, die

519

Bei Anna Maria von Schwarzenfels, geborene von Schönberg, handelt es sich um die Witwe des vormaligen Geheimen Rat Anton Günther von Schwarzenfels (1642–1701). Dieser war der Sohn eines illegitimen Nachkommen des Grafen Anton Heinrich von Schwarzburg-Sondershausen. Spätestens seit 1685 war Anton Günther von Schwarzenfels als Geheimer Rat am Weimarer Hof tätig. Siehe: PATZE/SCHLESINGER (Hg.) 1982, S. 262; JACOBSEN/BRANDSCH (Hg.) 2003, Bd. 3, S. 205. 520 Anna Maria von Schwarzenfels an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 5. Oktober 1715, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 49r–50r. Siehe auch: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 49.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Eheschließung Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Eleonore Wilhelmine statt.521 Die Hochzeit wurde ohne jede Weitläufigkeit abgehalten.522 Das zügige Voranschreiten der Heiratsverhandlungen dürfte dabei nicht nur auf das große Interesse der Weimarer Seite an einer Eheschließung zurückzuführen sein, sondern auch auf die Absichten des Hauses Anhalt-Köthen, die junge Witwe versorgt zu wissen, um damit den eigenen Familienverband zu entlasten.523 Somit erwies sich die Eheschließung für beide Häuser als vorteilhaft. Katrin Rawert bewertet die Verbindung des Hauses Anhalt-Köthen mit dem Haus Sachsen-Weimar sogar als äußerst erfolgreich, da diese Ehe – im Gegensatz zur vor maligen Eheverbindung der Herzogin Eleonore Wilhelmine mit dem Haus Sachsen-Merseburg – eine Standeserhöhung für Herzogin Eleonore Wilhelmine bedeutet habe.524 Diese Überbewertung der Eheschließung zwischen Herzog Ernst August und Herzogin Eleonore Wilhelmine ist jedoch nicht gerechtfertigt, denn das 1657 im Zuge der Sekundogenitur in der albertinischen Linie der Wettiner entstandene Herzogtum Sachsen-Merseburg ist unter ständischen und machtpolitischen Gesichtspunkten als dem Haus Sachsen-Weimar gleichwertig zu betrachten, wenn nicht sogar höher einzustufen. Zwar konnte das Haus Sachsen-Weimar auf mehr Anciennität gegenüber dem mit ihm erbverbrüderten Haus Sachsen-Merseburg verweisen, doch im Hinblick auf die Rangordnung genoss Sachsen-Merseburg als kursächsische Nebenlinie gegenüber der nur herzoglichen Linie Sachsen-Weimar den Vorzug.525

4.3.4 Ehe und Herrschaft Erfreut über das Zustandekommen der Ehe, schrieb Herzog Wilhelm Ernst am 1. Februar 1716 an Herzog Ernst August: „Eu. Liebden kann ich gewiß versichern, daß ich niemahls die Feder mit größerer Freude angesetzt, als anitzo, da ich aus dero freundvetterlichen Schreiben ersehen, wie ihre Mariage zum gewünschten Schluß und Vollziehung gediehn. Ich gratulire dazu von Grunde meines Hertzens, und wird mein höchster Wunsch im Zeitlichen allzeit dieser seyn, daß durch Eu. Liebden unser fürstliches Haus wiederumb erbauet werden möge, und solches umb so mehr, da dasselbe in dem Gesamten Chur= und fürstlichen Hause

521

Notifikationsschreiben zur Eheschließung, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 75v. Lebensbeschreibung Herzog Ernst Augusts, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 5. 523 R AWERT 2007, S. 64. 524 Ebd. 525 Die Rangfolge der einzelnen wettinischen Linien wurde unter anderem beim Akt der Reichsbelehnung durch den Kaiser deutlich. Siehe hierzu: K ELLER 2005b, S. 165–178, hier S. 168. Siehe auch MÜLLER 1701, S. 567–570 sowie S. 628–633. Hier finden sich mehrere Schemata, in welcher Anordnung die Vertreter der wettinischen Linien bei Belehnungen vor dem Kaiser zu knien hatten. 522

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

209

das älteste ist.“526 Den Worten Herzog Wilhelm Ernsts ist einmal mehr die große dynastische Bedeutung einer Eheschließung Herzog Ernst Augusts zu entnehmen. Nachdem sich das Brautpaar noch einige Tage in Nienburg aufgehalten hatte, erfolgte am 28. Februar die Heimführung der Herzogin Eleonore Wilhelmine nach Weimar. Die Heimführung sollte am Abend mit einer Tafel enden, was die mit der Planung betrauten Hofangehörigen vor erhebliche Probleme stellte. Die gemeinsame Tafel diente schließlich dazu, die verschiedenen Positionen und den Rang der Mitglieder des Hauses zu bestätigen und zu perpetuieren.527 Dies betraf insbesondere die junge Herzogin, die als neues Mitglied des Familienverbandes eingeführt wurde und deren innerhäusliche Position daher verstärkt der Festigung bedurfte. Vor dem Hintergrund der ohnehin gespannten familiären Situation innerhalb des Hauses Sachsen-Weimar, die zum einen von den Differenzen zwischen Herzog Wilhelm Ernst und Herzog Ernst August, sowie zum anderen von den Differenzen Herzog Ernst Augusts mit seiner Stiefmutter geprägt war, galt es, zusätzliche Ehr- und Standeskonflikte zu vermeiden. Diese konnten aber nur allzu schnell entstehen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Platzierung der fürstlichen Personen an der Tafel.528 Um einen Konflikt zu vermeiden, musste das mit der Heimführung einhergehende Zeremoniell sorgfältig ausgearbeitet werden. Schließlich galt es, sowohl dem Brautpaar als auch den übrigen fürstlichen Personen und insbesondere Herzog Wilhelm Ernst die gebührende Ehre zukommen zu lassen. Es war daher vorgesehen, dass „Smo W. E. kurz vor der Tafel die Visite [geben] und beneventiren die Herzogin worzu Smo E. A. nach halb- oder viertelstündiger Zeit kommen“529. Doch galt es nicht nur die Ehransprüche Herzog Wilhelm Ernsts zu berücksichtigen. Auch auf Prinzessin Johanna Charlotte, die Schwester Herzog Ernst Augusts, die bislang den Rang der ersten Dame an der herzoglichen Tafel bekleidete, musste Rücksicht genommen werden. Daher war im Hinblick auf die anlässlich der Heimführung veranstaltete Tafel geplant, „wenn die Prinzeßin den Abend noch beÿ dero Ankunfft der Herzogin selbsten werden die Visite geben, stehet zu überlegen, ob selbige beÿ Tafel zu behalten, und ob sie mit denen beÿden fürstl. Personen alleine speisten [...] wobeÿ zu observiren, daß Smo E. A. der Prinzeßin auch gar beÿ dero eigenen Tafel den Rang nicht mehr geben können, nach dem alten Herkommen, sizen Smo der Herzogin auch alle Zeit zur Rechten“530. Im Hinblick auf das höfische Zeremoniell wurde deutlich, dass nunmehr Herzogin Eleonore Wilhelmine die erste Frau am Weimarer Hofe war.

526 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 1. Februar 1716, zitiert nach: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 50. 527 JACOBSEN 2005, S. 169–184, hier S. 176; OTTOMEYER 2002, S. 4–9, hier S. 4. 528 STOLLBERG-R ILINGER 2006, S. 103–122; FREYER 2007, S. 111–124, hier S. 123. 529 Konzept betreffend die Heimführung der Herzogin (undatiert), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 84r. 530 Ebd., fol. 85r.

210

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Die exponierte Stellung der Herzogin kam jedoch nicht nur im Rahmen des höfischen Zeremoniells zum Ausdruck, sondern Herzogin Eleonore Wilhelmine erfuhr auch durch die Vereinbarungen des Ehevertrages eine besondere Wertschätzung. Die Inhalte des Vertrages waren am 24. Januar 1716 verabredet und beschlossen worden.531 Auffallend in diesem Vertrag ist die im Vergleich zu den bisher im Rahmen der Untersuchung betrachteten Eheverträgen explizite Formulierung, dass der Gemahl seiner Ehefrau „wehrens Unßers Ehestandes mit aufrichtiger ehelicher Treü und Liebe stets beÿzuwohnen und zubegegnen, wie einem Christl. Gemahl gebühret, es herzlich mit Ihr zu meÿnen, Freüd und Leid mit ihr zu theilen, Sie zu beschützen, zu verpflegen und zu versorgen, auch biß der Todt |: welchen Gott noch lange in Gnaden verhüten wolle :| Unß dermahleinst trennen wird Sie nicht [zu] verlaßen [habe]“532. Unverkennbar handelt es sich hier um eine Formulierung, die der Traufrage, die während einer (protestantischen) Trauung an das Brautpaar gerichtet wird, gleicht. Damit spiegelt diese Formulierung den starken religiösen Impetus des Ehevertrages und die hohe Wertschätzung der fürstlichen Gemahlin. Zudem wird durch diese Formulierung zum Ausdruck gebracht, was das Wesen der christlichen Ehe kennzeichnete: Zum einen die eheliche Beiwohnung als Ausgangspunkt für die Zeugung von Nachkommen, zum anderen die gegenseitige Achtung als Basis eines erfüllten Ehelebens. Im Fall Herzog Ernst Augusts und Herzogin Eleonore Wilhelmines deutet vieles darauf hin, dass es sich hier nicht nur um Liebe im Sinn eines respektvollen Umgangs miteinander, sondern auch um eine starke emotionale Zuneigung handelte. Dies wird auch an der materiellen Ausstattung der Herzogin, die sie von Seiten ihres Mannes erhielt, deutlich. Gemäß dem Ehevertrag sollte Herzogin Eleonore Wilhelmine eine Morgengabe in Höhe von 2.000 Reichstalern erhalten, verzinst zu zehn Prozent, die der Herzogin jährlich ausgezahlt werden sollten.533 Bemerkenswert ist dabei, dass Herzog Ernst August seiner Frau die Morgengabsgelder zur freien Disposition überließ.534 Dies war in der eherechtlichen Praxis der Fürstenhäuser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation keineswegs üblich. Dem „Teutschen Staats=Recht“ von Moser ist diesbezüglich zu entnehmen: „Fast allezeit gibt man der Gemahlin bloß die Verschreibung der Morgengab in die Hände, das Capital selbsten aber behält der Gemahl und verintereßiert es“535. Als Begründung für diese Vorgehensweise gibt Moser an, dass dies „ohne Zweifel auch mit um diser Ursach willen [geschehe], damit nicht die Gemahlin, wann sie etwa vorhin nicht vil Geld unter die Hände bekommen hat, oder doch nicht damit umzugehen weißt, das Capital vertändele und unnütz anwende, hernach aber, wann sie weder Capital noch Interesse mehr hat, dem Gemahl von neuem zur Last 531

Ehevertrag, 24. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 55r–64v. Ebd., fol. 56r. 533 Ebd., fol. 56r. 534 Versicherung Herzog Ernst Augusts betreffend die Morgengabsgelder für Herzogin Eleonore Wilhelmine (Konzept), 25. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 69r. 535 MOSER 1745, 20. Teil, S. 291. 532

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

211

falle, oder das Leben sauer mache“536. Offenbar hatte Herzog Ernst August an dieser Stelle ein besonderes Vertrauen zu seiner Ehefrau, zumindest aber hielt er sie für erfahren genug, um mit dem ihr zur Verfügung gestellten Geld umzugehen. Dem entspricht auch die in einem Zusatz zum Ehevertrag festgehaltene Versicherung Herzog Ernst Augusts, seiner Frau künftig die 3.000 Reichstaler umfassende Leibrente, die Herzogin Eleonore Wilhelmine von der merseburgischen Kammerkasse bezog, zur freien Verfügung zu überlassen.537 Ebenso überließ Herzog Ernst August seiner Frau „aus besonderer Zuneigung und Tendresse gegen hochbesagte Unsere Fr. Gem. [= Gemahlin] Ld.“538 die Nutzungsrechte an ihren Paraphernalgütern für das erste Jahr der Ehe. Diese Regelungen zeugen von einem vertrauensvollen Umgang der Eheleute miteinander. Vergleichbares gilt für die Regelungen, die das Handgeld und das Wittum der Herzogin betrafen. Das Handgeld war im Ehevertrag auf 200 Reichstaler vierteljährlich festgelegt worden, hinzu kamen zusätzliche Gelder für die Kleidung und Ausstattung der Herzogin.539 Als Wittum wurde das Amt Kappellendorf sowie die Vogtei Magdala bestimmt, der Wittumsertrag sollte sich auf 3.200 Reichstaler belaufen.540 Er wurde im Juli 1717 sogar noch auf 5.000 Reichstaler angehoben.541 Damit nahm Herzogin Eleonore Wilhelmine im Vergleich zu den Ehefrauen anderer ernestinischen Herzöge auf ökonomischem Gebiet eine exponierte Stellung ein. Dies lässt einerseits darauf schließen, dass zwischen den Ehegatten ein von Zuneigung geprägtes Verhältnis existierte. Andererseits ist auch nicht auszuschließen, dass die großzügige Versorgung der Herzogin eine Konzession an das Haus AnhaltKöthen und den starken Familienverband der Herzogin, der immer wieder auf die tatsächliche Auszahlung der zugesagten Mittel pochte, darstellte. Im Hinblick auf den Ehevertrag gab es jedoch noch eine weitere Neuerung, der eine besondere Bedeutung beizumessen ist: Das Ansinnen der Herzogin, die Primogenitur im Herzogtum Sachsen-Weimar einzuführen. Dem Ehevertrag ist diesbezüglich zu entnehmen: „weil wir Hertzogin Eleonore Wilhelmine in Erwägung gezogen, was denen fürstlichen Häusern aus denen vielfältigen Vertheil= und Zergliederungen Ihrer Fürstenthümer und Landen, obschon solche nur respectu der Intraden [= Einkünfte] geschehen, vor Nachtheil und Zerrüttung pflegen zuwachsen, hingegen wie durch Aufrichtung des Primogenitur Rechts der Splendeur und Autorität einer Familie conserviret werden kann, so haben Wir gegen Unßers frl. gel. Herrn Gemahls Lbd. wohlmeÿnend angetragen, [...] angeregtes Recht der Ersten=Geburth in dero Fürstl. Linie und beÿ Fürstl. Prosperität einzuführen.“542 Dabei fällt auch auf, dass nicht mehr ausschließlich vom 536

Ebd. Zusatz zum Ehevertrag, 24. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 65r. 538 Schenkungsbrief (Kopie), 20. Oktober 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 100r. 539 Ehevertrag, 24. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 62r–62v. 540 Ebd., fol. 56v–57r. 541 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar betreffend die Erhöhung des Wittums der Herzogin Eleonore Wilhelmine (Abschrift), 19. Juli 1717, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 98r. 542 Ehevertrag, 24. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 63r. 537

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

„fürstlichen Haus“ die Rede ist, sondern von der „Familie“. Die Benutzung des Begriffs Familie sowie die angestrebte Einführung des Primogeniturrechts lassen vermuten, dass die Interessen des Hauses als Gemeinschaft gegenüber den familiären Interessen zunehmend in den Hintergrund traten. Durch die Einführung des Erstgeburtsrechts wurde der Schwerpunkt in der Herrschaftsausübung und -folge auf die Kernfamilie des regierenden Herzogs gelegt, während bei der bisherigen gemeinschaftlichen Regierungsform Brüder und Onkel, sowie Neffen und Cousins gleichermaßen involviert waren. Die Forderung der Herzogin nach Einführung des Primogeniturrechts war somit eine hochpolitische Forderung, wobei hier nicht nur die Herzogin als alleinige Initiatorin der Forderung gesehen werden kann, sondern auch ihre Herkunftsfamilie und allen voran ihr Bruder Leopold von Anhalt-Köthen eine entscheidende Rolle gespielt haben dürften. Es ist denkbar, dass die Auseinandersetzung der Brüder der Herzogin, Leopold (1694–1728) und August Ludwig (1697–1755), um die Herrschaftsausübung in Anhalt-Köthen die Herzogin Eleonore Wilhelmine in ihrem Wunsch nach Einführung des Primogeniturrechts in Sachsen-Weimar bestärkten. Hinzu kam die zunehmende politische Bedeutungslosigkeit der anhaltischen Fürstentümer, die nicht zuletzt durch zahlreiche Teilungen gefördert und begünstigt wurde. Vergleichbares konnte auch für die ernestinischen Herzogtümer konstatiert werden. Es erstaunt daher nicht, dass sich die Herzogin wie auch Herzog Ernst August für die Einführung des Erstgeburtsrechts aussprach. Insbesondere die eigenen Erfahrungen Herzog Ernst Augusts als Mit regent seines Onkels und die damit verbundenen Auseinandersetzungen um Macht und Herrschaft dürften das Verlangen des Herzogs nach Einführung der Primogenitur gefördert haben.543 So habe Herzog Ernst August „ohne dieß vorlängst gleiche Gedancken gehabt und [sei] gemeÿnet gewesen, allen denjenigen waß die Macht und Splendor Unßers Fürstl. Haußes vermindern kan, entgegen zugehen“544. Es ist auch nicht auszuschließen, dass Herzog Ernst August seine Frau bei der Einführung der Primogenitur als Vorwand benutzte, um seine eigene Position zu untermauern und die Durchsetzung seiner Interessen zu forcieren. Wenig erstaunlich ist die Tatsache, dass das im Ehevertrag festgehaltene Ansinnen einer Einführung des Primogeniturrechts zu Missstimmigkeiten mit dem Haus Sachsen-Eisenach führte. Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach (1666–1729) sah durch die Einführung des Primogeniturrechts seine eigenen Interessen verletzt. Mit der Einführung der Primogenitur im Haus Sachsen-Weimar wären die Chancen des Hauses Sachsen-Eisenach auf Partizipation an der Herrschaft im Herzogtum Sachsen-Weimar nachhaltig geschmälert worden. In Konsequenz dessen verweigerte Herzog Johann Wilhelm daher seine Zustimmung zum Ehevertrag. Ohne die Zustimmung von Eisenacher Seite könnte der Ehevertrag jedoch keine Gültigkeit erlangen. Allerdings bedingte nicht nur die angestrebte Primogenitur die ablehnende Haltung Herzog Johann Wilhelms von 543 544

BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 89. Ehevertrag, 24. Januar 1716, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 63r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

213

Sachsen-Eisenach. Ebenso kritisierte er das Fehlen einer Religionsklausel im Ehevertrag. Diese war aus Sicht des Herzogs von Sachsen-Eisenach aber dringend erforderlich, da es sich bei der Ehe Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Eleonore Wilhelmine um eine konfessionsverschiedene Ehe handelte: Herzog Ernst August war Lutheraner, Herzogin Eleonore Wilhelmine gehörte der reformierten Kirche an. Diese Konstellation war zwar keineswegs neu im Familienverband der Ernestiner, so hatte beispielsweise auch Herzog Bernhard von Sachsen-Jena mit Marie- Charlotte de la Trémoïlle eine Frau, die der reformierten Konfession angehörte, geheiratet. Doch bei Bernhard und Marie- Charlotte von Sachsen-Jena fand die Konfessionsverschiedenheit der Ehepartner durch eine Religionsklausel ihren Niederschlag im Ehevertrag.545 Mit der Religionsklausel konnte letztlich gewährleistet werden, dass die Konfessionsverschiedenheit des Herzogspaares keine Gefahr für den in den ernestinischen Ländern praktizierten evangelischlutherischen Glauben darstellte. Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach machte die Aufnahme einer solchen Religionsklausel nun auch bei Herzogin Eleonore Wilhelmine zur Bedingung für seine Zustimmung zum Ehevertrag, „weilen zuförderst zunehmen gewesen, daß in ermeldten Ehepactis wegen Beÿbehaltung und Fortpflantzung der Evangelisch=Lutherischen Religion nach ungeänderten Augspurge. Confession verabredet worden, welcher wichtige Punct iedoch dem Herkommen nach denen Eheabredungen mit inseriret zuwerden pfleget; So stelle Eu. Lbd. und Dero Frau Gemahlin Liebd. freundl. anheim, ob dieselbe, in Erwegung gegenwärtiger gefährlicher Zeiten, da leider! Von Änderung der reinen Evangelischen Religion verschiedene betrübte und nimmermehr verunthreute Begebenheiten vor Augen liegen, dieses Puncts halber zum beß[t]en der Prosperität annoch besondere Vorsehung zuthun sich entschlüßen wollen.“546 Die Bedenken von Sachsen-Eisenacher Seite lassen folgende Rückschlüsse zu: Zum einen wurde einmal mehr deutlich, dass eine fürstliche Eheschließung und der damit einhergehende Ehevertrag keineswegs nur eine Angelegenheit der Ehepartner war, vielmehr galt es hier die Interessen der daran beteiligten Familienverbände als Ganzes zu berücksichtigen. Zum anderen wird deutlich, welch große Bedeutung der Konfessionszugehörigkeit der Braut eines Ernestiners und damit der Religion bei den Ernestinern insgesamt beigemessen wurde. Demgegenüber ist es erstaunlich, dass Herzog Ernst August selbst keinen Anstoß an der Konfessionszugehörigkeit seiner Frau nahm und es auch nicht für notwendig erachtete, diesbezügliche Festlegungen im Ehevertrag zu treffen. Daher kam er den Forderungen der Eisenacher Seite nicht nach. Diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass Herzog Ernst August auch den „Makel“ der Konfessionsverschiedenheit ebenso wie die standesungleiche Herkunft der Brautmutter in Kauf nahm, um das für das Haus Sachsen-Weimar existentiell notwendige Heiratsbündnis nicht zu gefährden. Dieser Umstand spricht ebenfalls dafür, dass die Beziehung zwischen 545

Siehe Kap. 4.1 dieser Publikation. Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 18. Juli 1717, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 101v–102r. 546

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Herzog Ernst August und Herzogin Eleonore Wilhelmine von Zuneigung geprägt war. Um letztlich die Beziehungen zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach zu entspannen und zu stärken, griff Herzog Ernst August auf ein probates Mittel zurück: Er bat Herzog Johann Wilhelm, die Patenschaft für den am 4. Juli 1717 geborenen Prinzen Wilhelm Ernst zu übernehmen. Diesem Ansinnen konnte sich Herzog Johann Wilhelm nicht entziehen, andernfalls hätte er die Ehre des Weimarer Herzogspaares und des gesamten Hauses SachsenWeimar verletzt und einen neuen Konflikt heraufbeschworen. Daher erklärte sich Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach bereit, die Patenschaft für den Weimarer Prinzen zu übernehmen.547 Ebenso erteilte er am 3. August 1717 seinen Konsens in den Ehevertrag.548 Nicht nur auf Seiten der ernestinischen Agnaten wurde darauf geachtet, dass die Interessen des eigenen Hauses gewahrt blieben. So war Leopold von Anhalt-Köthen, der Bruder der Herzogin Eleonore Wilhelmine, darauf bedacht, dass die Wittumshuldigung möglichst schnell vollzogen und damit die im Ehevertrag getätigte Wittumsverschreibung verbindlich wurde. Im Jahr 1717 wandte er sich diesbezüglich an Herzog Ernst August, doch noch im Jahr 1719 war die Wittumshuldigung nicht erfolgt. Dies war jedoch weniger auf ein Verschulden Herzog Ernst Augusts zurückzuführen, sondern vielmehr auf das Verhalten Herzog Wilhelm Ernsts, der vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen mit Ernst August um die Herrschaftsausübung im Herzogtum die Überweisung des Wittums hinauszögerte. Auch zahlreiche Beschwerdeschriften sowohl von Seiten Herzog Ernst Augusts als auch von Seiten der Herzogin Eleonore Wilhelmine änderten nichts an der Haltung Herzog Wilhelm Ernsts.549 Vielmehr machte dieser die Überweisung des Wittums davon abhängig, dass Leopold von Anhalt-Köthen auf seine Ansprüche an den Wittumsgütern seiner Schwester verzichtete. Dem hielt der Fürst von Anhalt-Köthen entgegen, dass die Ausstattung der Herzogin Eleonore Wilhelmine durch die Köthener Kammerkasse finanziert worden sei und demzufolge das Haus Anhalt-Köthen auch Ansprüche auf die Wittumsgüter geltend machen könne. Dabei ging es insbesondere um die Ansprüche auf das Amt Kapellendorf, das im Ehevertrag als Sicherheit für die von Herzogin Eleonore Wilhelmine in die Ehe eingebrachten Gelder bestimmt worden war. Erst nach zahlreichen Verhandlungen, die durch einen umfangreichen Schriftwechsel begleitet wurden, kam es 1720 zwischen den Herzögen Ernst August und Wilhelm Ernst sowie Leopold von Anhalt-Köthen zu einer Einigung. Am 23. Oktober 1720 erfolgte schließlich die Wittumshuldigung.550 Anhand der Auseinanderset-

547 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach (Briefkonzept), 22. Juli 1717, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 105. 548 Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 3. August 1717, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 108r–109r. 549 Beschwerdeschrift Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, 24. November 1719, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 232–236. 550 Akte über die Wittumshuldigung, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 135, fol. 270r–286r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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zungen zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach einerseits, sowie zwischen den Häusern Sachsen-Weimar und Anhalt-Köthen andererseits wird deutlich, dass ein Ehevertrag und die darin getroffenen Festlegungen sehr wohl verbindlichen Charakter erlangen konnten. Hat das Beispiel des Herzogs Bernhard von Sachsen-Jena und der Herzogin Marie- Charlotte gezeigt, dass die Vereinbarungen des Ehevertrages letztlich nicht verbindlich waren, so steht das Beispiel des Ehevertrages von Herzog Ernst August und Herzogin Eleonore Wilhelmine für eine gegenteilige Entwicklung. Dies ist aber nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass im Fall der Herzogin Eleonore Wilhelmine ihre Herkunftsfamilie, und allen voran ihr Bruder Leopold, auf die Einhaltung der Vereinbarungen des Ehevertrages pochte. Die Ehe Herzog Ernst Augusts und Herzogin Eleonore Wilhelmines wurde von den Differenzen mit den verwandten Häusern und nicht zuletzt den Konflikten innerhalb des Hauses Sachsen-Weimar begleitet. Dennoch ist den archivalischen Quellen nicht zu entnehmen, dass das Verhältnis des Ehepaares hierdurch nachhaltig beeinflusst wurde. Ebenso enthalten die Quellen – im Gegensatz zu den Quellen für die Jahre vor der Eheschließung – keine expliziten Hinweise auf sexuelle Ausschweifungen des Herzogs. Diese Tatsache schließt allerdings nicht aus, dass es derartige Ausschweifungen gab. So lassen sich in den Quellen zumindest Hinweise auf außereheliche Beziehungen des Herzogs Ernst August finden. Hierzu gehört ein Brief von Eva Catharina Rückert, geborene Böttiger, aus dem Jahr 1797. Diesem Brief ist zu entnehmen: „Ich bin der äusersten Armuth, und kann, da ich schon das 74ste Jahr zurückgelegt habe und elend bin, nichts mehr verdienen. [...] In meinem hohen Alter leide ich die bitterste Noth, und diese zwingt mich ganz gegen meine Denkungsart das Geständnis zu thun, das ich eine natürliche Tochter vom höchstredl. Durchlauchtigsten Herzog Ernst August von Sachsen Weimar bin. [...] Ich bekam auf Befehl des Durchl. Herzogs den Nahmen Böttiger.“551 Demnach handelte es sich bei Eva Catharina Rückert um eine uneheliche Tochter des Herzogs Ernst August.552 Gemäß ihrer Altersangabe lässt sich ihre Geburt auf das Jahr 1723, also die Zeit der Ehe Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Eleonore Wilhelmine, datieren. Auch wenn die Motive der Frau, ihre Herkunft publik zu machen, Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Aussage aufkommen lassen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich tatsächlich um eine Tochter des Herzogs handelte. Außereheliche Verhältnisse, auch wenn sie in den Quellen oftmals nicht erwähnt werden, gehörten zum Alltag hochadeliger Paare. Erwähnung fanden die außerehelichen Beziehungen zumeist nur dann, wenn sie das Ansehen des fürstlichen Hauses und die dynastische Ordnung ernsthaft gefährdeten. Dies war bei den außerehelichen Beziehungen Herzog Ernst Augusts nicht der Fall, denn hier handelte es sich in der Regel um kurze Affären. Die dar551

Eva Catharina Rückert an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (Abschrift), 6. September 1797, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 146r–146v. 552 Siehe hierzu Kap. 4.3.8 der vorliegenden Untersuchung.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

an beteiligten Frauen, deren Namen heute weitgehend unbekannt sind, erlangten keine herrschaftsrechtliche Bedeutung. Und auch die aus diesen Beziehungen hervorgegangenen Kinder blieben in der höfischen Gesellschaft wie auch im dynastischen Gefüge des ernestinischen Familienverbandes außen vor. Nicht nur die dynastische Ordnung, sondern auch die eheliche Ordnung schien bei Herzog Ernst August und Herzogin Eleonore Wilhelmine gefestigt, zumal aus der Ehe des Herzogspaares in den Jahren 1717–1725 acht Kinder, darunter drei Prinzen, hervorgingen. Obgleich vier der Kinder das Kleinkindalter nicht überlebten, so spricht die große Nachkommenschaft zumindest dafür, dass das Verhältnis zwischen den Eheleuten einvernehmlich war. In den Quellen ist sogar die Rede davon, dass es der Herzogin Eleonore Wilhelmine gelungen sei, „ihren Gemahl auf die artigste Weise zu adouciren“553. Somit war auch die eheliche Ordnung gefestigt. Die Situation änderte sich jedoch, als Herzogin Eleonore Wilhelmine am 30. August 1726 verstarb.

4.3.5 Divertissements eines fürstlichen Witwers Der Tod der Herzogin sowie die Tatsache, dass Herzog Ernst August nach wie vor nur als Mitregent an der Seite seines Onkels an den Regierungsgeschäften beteiligt wurde, förderten den Entschluss des Herzogs, eine mehrmonatige Reise an den kaiserlichen Hof nach Wien zu unternehmen. In Wien beabsichtigte Ernst August, mit Kaiser Karl VI. und Prinz Eugen von Savoyen in Verbindung zu treten, um ein von Weimarer Seite schon seit Jahren angestrebtes militärisches Kommando in kaiserlichen Diensten zu erhalten. Herzog Ernst August begab sich schließlich im Juli 1727 nach Wien554. Sein Vorsprechen bei Kaiser Karl VI. war jedoch erfolglos. Zwar ist dem „Hamburger Relations Courier“ vom 11. September 1727 zu entnehmen, dass Herzog Ernst August „der Opera mit beygewohnet, und [...] bey beydertens Kayserl. Majest. in der Retirade und dem Spiegel=Zimmer Audienz gehabt“555. Darüber hinaus sei Herzog Ernst August „wegen der gnädigen Bezeugungen über die Massen vergnügt“556. Doch schließlich musste der Herzog wieder nach Weimar zurückkehren, ohne das gewünschte Kommando erhalten zu haben. Im Jahr 1729 wurde Herzog Ernst August von Kaiser Karl VI. zwar zum Generalfeldmarschall-Leutnant ernannt, doch ein Kommando wurde ihm nicht übertragen.557 Zumindest aber konnte der Herzog – nunmehr vierzigjährig – Ende August 1728 die Alleinherrschaft im Herzogtum Sachsen-Weimar

553

BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 51. „Kurtze Vorstellung Die Anwesenheit Ihrer Hochfrstl. Durchlt. des Herrn Hertzog Ernst August zu Sachsen Weÿmar am kaÿserlichen Hofe betreffend.“ (Aktentitel), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 64/1, fol. 500r–507r, siehe auch: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 96–108. 555 Hamburger Relations Courier vom 11. September 1727, Nr. 142. 556 Ebd. 557 K RONFELD 1878, S. 387. 554

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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antreten, da am 26. August 1728 Herzog Wilhelm Ernst verstarb.558 Die neu gewonnene Macht als allein regierender Herzog und die damit verbundenen finanziellen Freiheiten nutzte Herzog Ernst August, um nun verstärkt seinen Interessen nachzugehen. In den aus dieser Zeit überlieferten Quellen tritt neben der Jagd, dem Militär und der höfischen Prachtentfaltung559 auch Herzog Ernst Augusts Vorliebe für das weibliche Geschlecht wieder verstärkt in Erscheinung. Hinweise auf den damaligen Lebenswandel Herzog Ernst Augusts geben exemplarisch die Aufzeichnungen des Freiherrn Carl Ludwig von Pöllnitz (1692– 1775), die im Jahr 1738 veröffentlicht wurden und mitunter anekdotenhafte Züge annehmen.560 Dennoch handelt es sich um eine zeitgenössische Quelle, die für die vorliegende Untersuchung von Relevanz ist. Schließlich geben die Briefe Aufschluss über die Wahrnehmung Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar und des Weimarer Hofes. Den Aufzeichnungen des Freiherrn von Pöllnitz ist zu entnehmen, dass „der Herzog von Weimar wenig in seiner Residenz [ist], massen er grösten Theils auf einem Lust=Hauß, so er eine Meile von der Stadt erbauen lassen, sich aufhält, und führet selbiges den Namen Belle-vue [...] Der Herzog hat zu Belle-vue, ordentlich niemanden bey sich, als zwey adeliche Dames, welche er seine Hof=Dames nennet, und drey Burgers Töchter, welchen er den Titul seiner Cammer=Jungfern beyleget; So dann einen Major von seinen Völkern, und einen Officirer von der Leibwache, welcher entweder Lieutnant oder Fähnrich ist. Doch hätte ich bald den Baron von Brühl, Stallmeister und Günstling des Herzogs vergessen. Mit ermeldten Personen bringet dieser Herr seine Zeit zu. Des Morgens ist derselbe bald munter, stehet aber spät auf, trinket seinen Thée am Bette, und spielet auch wohl an demselben auf dem Violon. Unterweilen lässet er seine Baumeister und Gärtner zu sich kommen, und vertreibt die Zeit mit Zeichnen. Auch finden sich seine Ministri des Morgens ein, von wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu reden; eigentlich aber stehet er vor Mittag nicht auf. [...] Nachhero gehet oder fähret er spatzieren, um 2. oder 3. Uhr setzet er sich an die Tafel. Die 2. Hof=Dames, der Stallmeister, der Major, der Officirer von der Wacht, und was sonsten noch von Fremden da ist, speiset mit ihm. Die Mittags=Tafel dauret lange, und bringet man zuweilen 3., 4. biß 5. Stunden daran zu. Es wird stark dabey getrunken, und redet der Hertzog auch viel, doch läuft das Gespräch mehrentheils auf unangenehme Sachen hinaus. Nach der Tafel trinket man Caffé, und entfernet sich hierauf der Hertzog ein wenig, kommt aber bald wieder, und spielet mit sei-

558

BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 109. Kein Bauherr hat in der Frühen Neuzeit auf dem Gebiet des heutigen Freistaats Thüringen so zahlreich wie Herzog Ernst August Jagd- und Lustschlösser errichten oder grundlegend umbauen lassen. Mindestens 23 Projekte können nachgewiesen werden. Siehe: LASS 2006, S. 246–259; Ders. 2004, S. 404–411. 560 Bei den im Folgenden zitierten Briefen des Freiherrn handelt es sich um Reiseberichte, welche – literarisch und stilistisch ausgeschmückt – die Reiseerinnerungen früherer Jahre ebenso wie die durch Dritte erhaltenen Informationen wiedergeben. Dementsprechend liegen hier, um Johann Gustav DROYSEN zu zitieren, „Reisebriefe ohne Reise“ vor (DROYSEN 1870, S. 106). 559

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

nen beyden Dames, und dem Major Quadrille.“561 Auch wenn die Schilderungen des Freiherrn von Pöllnitz von der literarischen Kreativität des Verfassers zeugen und insbesondere im Hinblick auf die chronologische Einordnung berechtigte Zweifel hervorrufen, so ist es dennoch nahe liegend, dass die Schilderungen nicht gänzlich der Realität entbehren.562 Für diese Annahme spricht, dass sich Pöllnitz selbst eine Zeit lang am Weimarer Hof aufhielt.563 Für die realen Bezüge der Aufzeichnungen des Freiherrn zum Lebenswandel des Herzogs Ernst August spricht nicht zuletzt auch die Reaktion des Herzogs auf die Veröffentlichung der Pöllnitzschen Briefe. Insbesondere über den von Pöllnitz geschilderten Umgang des Herzogs mit gewissen „Dames“ zeigte sich Herzog Ernst August empört. In den Akten ist bezüglich der Reaktion des Herzogs vermerkt: „Inzwischen mogte der Herzog doch nicht vertragen, dass davon öffentlich geredet würde und deshalb verbot er den Verkauf der Briefe des Herrn von Pöllnitz in seinen Landen. So viel muß man von diesen Aventuries überhaupt merken, dass er [= der Freiherr von Pöllnitz] als ein Schmarotzer schreibt, und da am besten lebt, wo er sich eine zeitlang mit guter Kost für seine Kehle hat aufhalten können. Von den Sächsischen Höfen hat er überhaupt sehr [...] raisonnirt, und also durffte der Weimarische auch nicht verschont bleiben.“564 Es ist nachvollziehbar, dass die Ausführungen des Freiherrn von Pöllnitz Kritik und Missfallen auf Seiten Herzog Ernst Augusts hervorriefen und dass der Herzog diese Briefe daher verbieten ließ, schließlich diskreditierten ihn die Äußerungen des Herrn von Pöllnitz erheblich. Einer glaubhaften Gegendarstellung zu den von Pöllnitz geschilderten Ereignissen kam die Reaktion Herzog Ernst Augusts allerdings nicht gleich. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass Herzog Ernst August durch das Verbot der Pöllnitzschen Briefe versuchte, ein Publikwerden seines Lebenswandels vor einer breiten Öffentlichkeit zu verhindern. Die Glaubwürdigkeit des Freiherrn von Pöllnitz versuchten auch die Nachfahren Herzog Ernst Augusts zu untergraben. In den Aufzeichnungen des Großherzogs Carl Friedrich565 (1783–1853) findet sich die Äußerung: „Pölnitz war übrigens gar nicht der Mann, den er sich von sich einbildete. Er war ein Poltron und Raisonneur, der mehrentheils alle diejenigen Fehler, die er an andern ausschalt, an sich auszulesen hatte.“566 Dabei war es keineswegs nur der Freiherr von Pöllnitz, der sich – wenn auch auf literarische Weise – kritisch mit dem Lebenswandel des Herzogs Ernst August auseinandersetzte. Im Nachlass des Großherzogs Carl Friedrich lassen sich ebenso Hinweise auf die Schrift eines gewissen Herr von Ilten finden, „welche den 561

Freiherr von Pöllnitz an den Herrn L. C. D. S., 5. September 1729, zitiert nach: PÖLLNITZ 1738, S. 203–207. 562 Zur quellenkritischen Auseinandersetzung mit den Briefen des Freiherrn von Pöllnitz siehe: DROYSEN 1870, S. 97–128. 563 DROYSEN 1870, S. 104–105. 564 „Character des Herzogs“ (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 100. 565 Er war ein Urenkel Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar. 566 Ebd., S. 100–101.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Titel hat: die Pagen, oder lustige Begebenheiten und Streiche am Hof und auf Reisen, zwei Theile in 8. vo. Hierinnen werden verschiedene kleine Streiche, die an Herzog Ernst Augusts Hofe vorgefallen, erzählt“567. Im Hinblick auf diese Schrift wurde in den Akten allerdings festgehalten, dass „manche Historien aber sind gar nicht wahr, als dass der Herzog mit einer Fräulein von Volgstädt habe vermählen wollen u. s. w. Der Verfasser soll ein Herr von Ilten seÿn. Findeisen in Coburg hat diese Schrift gedruckt und verlegt.“568 Im Gegensatz zu den Pöllnitzschen Briefen erschien diese Schrift über Herzog Ernst August erst 1766/67, und damit Jahre nach dem Tod des Herzogs. Demzufolge war sie nicht mehr den unmittelbaren Restriktionen durch Herzog Ernst August selbst ausgesetzt. Doch auch dessen Nachkommen waren darauf bedacht, dass die Ehre und der Ruf des Herzogs nicht beschädigt wurden und äußerten sich dementsprechend kritisch über diese Schrift.569 Neben den Schriften der Herren von Pöllnitz und von Ilten sind im Nachlass des Großherzogs Carl Friedrich mehrere Mitteilungen und Anekdoten ähnlichen Inhalts, unter anderem von einem Feldwebel namens Wachtel aus Jena, enthalten. Die Existenz dieser Schriften und das gezielte Zusammentragen durch Herzog Ernst Augusts Nachkommen spricht dafür, dass es sich bei den Briefen des Freiherrn von Pöllnitz keineswegs nur um eine Erfindung des Verfassers oder um einen Ausnahmefall handelte, sondern vielmehr um besonders exponierte Schilderungen, die in ein breites Spektrum an biographischen Darstellungen über Herzog Ernst August einzuordnen sind. Dass die Äußerungen des Freiherrn von Pöllnitz zumindest annähernd den Lebenswandel des Herzog Ernst Augusts korrekt wiedergeben, wird nicht zuletzt an den archivalischen Quellen über die unehelichen Kinder Herzog Ernst Augusts deutlich. Diesen Quellen ist zu entnehmen, dass Herzog Ernst August in den Jahren nach dem Tod der Herzogin Eleonore Wilhelmine Vater mehrerer unehelicher Kinder wurde. Hierzu gehörten „die sogenannte[n] Münchenthalische[n] Kindern, davon der Juncker, Ernst Friedrich von Brenn von der damals noch Fräulein gewesenen, nachhero aber verehelichten und gebohrnen von Marschall, post obitum Serenissima Ducissa, zur Welt gebracht worden; ingleichen die Fräulein, Ernestina Wilhelmina von Brenn, so sich dermalen in Klein Cromsdorf aufhält, und welche eine Persona soluta, Nahmens: Christianin, in Ihrer hochfürstl. Durchl. Wittwen-Stande gezeuget, von Kindesbeinen an vor liberos naturales erkannt und adelich erziehen laßen“570. Die erwähnte Ernestine Wilhelmine von Brenn kam 1730, ihr Halbbruder Ernst August Friedrich kam 1731 zur Welt. Auch wenn es sich hierbei um uneheliche Kinder des Herzogs Ernst August handelte, so erkannte Herzog Ernst August sie als seine leiblichen Kinder an. Darüber hinaus kommt 567

„Character des Herzogs“ (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 108. 568 Ebd., S. 108–109. 569 Ebd. 570 Gustav Witsch an Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha, 24. Januar 1750, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 98r.

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das Abstammungsverhältnis der Kinder zu Herzog Ernst August bezeichnenderweise auch durch deren Vornamen, Ernst und Ernestine, zum Ausdruck.571 Vergleicht man Herzog Ernst Augusts Lebenswandel als Witwer mit seinem Lebenswandel vor der Eheschließung, so treten unübersehbar Parallelen zu Tage. Hierzu zählen sowohl die zahlreichen Verhältnisse zu Frauen, als auch die damit einhergehende Existenz unehelicher Kinder. Eine weitere Parallele besteht darin, dass das Verhalten Herzog Ernst Augusts als Witwer ebenso wie sein Lebenswandel als Junggeselle von den Standesgenossen kritisiert wurde. Waren es in den Jahren 1710–1717 fürstliche Räte und damit Angehörige des Hofes, die explizit Kritik am Herzog und seinen sexuellen Ausschweifungen übten, so war es nunmehr mit Herrn von Pöllnitz eine auswärtige Person, die sich damit befasste. Durch die Publikation der Pöllnitzschen Briefe konnte nun eine breite Öffentlichkeit Eindrücke vom (Liebes-)Leben des Weimarer Herzogs gewinnen, was auch das Verbot der Briefe des Freiherrn in Sachsen-Weimar erklärt. In beiden Fällen handelte es sich jedoch um rangniedere Personen, die das Verhalten des Herzogs kritisierten. Demgegenüber ist bemerkenswert, dass keine Belege für eine Kritik aus dem unmittelbaren Umfeld des Herzogs existieren. Eine Erklärung hierfür mag in dem Umstand zu sehen sein, dass Herzog Wilhelm Ernst verstorben war und somit als potentieller Kritiker wegfiel. Für die übrigen ernestinischen Verwandten war der Lebenswandel Herzog Ernst Augusts nicht von Belang, beziehungsweise nur dann, wenn ihre eigenen Interessen betroffen waren. Da Herzog Ernst Augusts Beziehungen zu Frauen aber keine Auswirkungen auf die Herrschaftsverhältnisse im Herzogtum hatten, war kein zwingender Handlungsbedarf von Seiten des Familienverbandes und des höfischen Umfeldes gegeben. Während es an anderen Fürstenhöfen dazu kam, dass sich fürstliche Geliebte als Mätressen langfristig am Hof etablieren und auch Einfluss gewinnen konnten, war dies bei Herzog Ernst August und seinen Frauen nicht der Fall. Äußerst aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Äußerung des Herzogs aus dem Jahr 1738. In einem Erlass vom 24. November 1738, der an die herzogliche Regierung gerichtet war, schreibt Herzog Ernst August: „Wir Uns von keinen Minister, Rath oder Dames maitrësiren laßen, [...] noch daß die Frauenzimmer=Seuche nach Unserem Tode einwurzele, welches Wir einer getreuen Landschaft ernstlich verbieten, aller maaßen bekannt ist, daß die meisten Höfe durch die Reif Röck die größten und geheimsten Affairen den Fürsten zum Schaden und zum Verderb Land und Leute zu dirigiren gesuchet, wenn zumahl die Diener von deren Befehl dependiren.“572 Anhand dieser Äußerung wird nicht nur das absolutistische Selbstverständnis des Herzogs deutlich, sondern auch die Tatsache, dass Frauen

571

Zur Bedeutung der Patrilinearität bei der Namensgebung siehe: K LAPISCH-ZUBER 1995, S. 27–

34. 572 Erlass Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar an die herzogliche Regierung (Abschrift), 24. November 1738, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No: 445 a, fol. 117r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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bei Herzog Ernst August lediglich eine passive Rolle bei der Verfolgung seiner eigenen (sexuellen) Interessen innehatten.

4.3.6 Die Eheschließung Herzog Ernst Augusts mit Prinzessin Sophie Charlotte Albertine von Brandenburg-Bayreuth Ende der 1720er Jahre kam es zu einschneidenden Veränderungen in der personellen Konstellation innerhalb des Hauses Sachsen-Weimar: Im Sommer 1729 starb Prinz Emmanuel Friedrich dreijährig. Somit waren nur noch ein Prinz und drei Prinzessinnen am Leben. Angesichts der hohen Kindersterblichkeit war der Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar wieder ernsthaft gefährdet. Hinzu kam, dass der Gesundheitszustand des Erbprinzen Johann Wilhelm (1719–1732) Anlass zur Sorge bot. Den Aufzeichnungen des Freiherrn von Pöllnitz für das Jahr 1729 ist diesbezüglich zu entnehmen: „Der junge Prinz ist zehen Jahr alt, kan aber noch biß diese Stunde weder recht hören noch vernehmlich reden, und ist auch sonst überhaupt von gar hinfälliger Gesundheit. Die Aerzte sagen zwar, daß es nichts zu bedeuten habe, und die Sprache ihm mit der Zeit schon noch kommen werde, allein ich zweifle daran, und glaube vielmehr, daß diese Schüler des Æsculapii ihn bald in die andere Welt schicken werden.“573 Offenbar war der psychische wie auch physische Zustand des Prinzen äußerst prekär und ließ kaum hoffen, dass der Prinz seinem Vater in der Regierung des Herzogtums nachfolgen werde. Vor diesem Hintergrund wurden nun auch im höfischen Umfeld kritische Stimmen am Lebenswandel des Herzogs und Forderungen nach einer erneuten Eheschließung laut. Forderungen nach einer Wiederverheiratung Herzog Ernst Augusts werden auch in den Briefen des Freiherrn von Pöllnitz thematisiert. „Die Unterthanen des Herzogs von Weimar halten zwar inständig bey ihm an, daß er sich wiederum vermählen möchte, allein es scheinet nicht, daß er ihnen hierinne zu Willen seyn werde; vielmehr hat er sich oft in meinem Beyseyn vernehmen lassen, wann man ihn völlig zum Feinde haben wolte, dürfte man ihm nur von Heurathen etwas sagen.“574 Da in den archivalischen Quellen keine diesbezüglichen Aussagen von Herzog Ernst August überliefert sind, ist einmal mehr der Wahrheitsgehalt der Pöllnitzschen Äußerungen zu hinterfragen. Doch selbst wenn sich Herzog Ernst August von etwaigen Forderungen nach einer erneuten Eheschließung unbeeindruckt zeigte, spätestens Ende des Jahres 1732 musste sich der Herzog mit einer erneuten Eheschließung auseinandersetzen: Da im Dezember 1732 Erbprinz Johann Wilhelm gestorben war, fehlte Herzog Ernst August nunmehr ein männlicher Nachkomme, der die Erbfolge im Herzogtum Sachsen-Weimar antreten konnte. Das Herzogtum Sachsen-Weimar drohte daher an die ernestinischen 573

Freiherr von Pöllnitz an den Herrn L. C. D. S., 5. September 1729, zitiert nach: PÖLLNITZ 1738, S. 204. 574 Ebd., S. 205.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Agnaten, und namentlich – da auch der Herzog von Sachsen-Eisenach über keine männlichen Nachkommen verfügte – an Herzog Friedrich III. und das Haus Sachsen-Gotha zu fallen. Vor diesem Hintergrund war eine erneute Vermählung des Herzogs Ernst August von existentieller Bedeutung für das Herzogtum und das Haus Sachsen-Weimar, denn nur im Zuge einer neuen Ehe konnte eine legitime männliche Nachkommenschaft erzielt und damit der Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar wie auch der gesamten Weimarer Linie gesichert werden. Knapp vierzehn Monate nach dem Tod des Erbprinzen heiratete Herzog Ernst August am 7. April 1734 in Bayreuth die Prinzessin Sophie Charlotte Albertine von Brandenburg-Bayreuth (1713–1747). Sie war die zweite Tochter des Markgrafen Georg Friedrich Karl von Brandenburg-Bayreuth (1688–1735) und dessen Frau Dorothea (1685–1761), einer geborenen Prinzessin von Holstein-Beck. Über die Planungen, die der Eheschließung vorausgingen, ist den Quellen nur wenig zu entnehmen. Zumindest aber wird in den Aufzeichnungen des Herzogs Ernst August die Rolle des Prinzen Eugen von Savoyen als Mittler im Vorfeld der Eheschließung deutlich. Vermutlich begünstigte auch Herzog Ernst Augusts Bekanntschaft mit dem Markgrafen Georg Friedrich Karl von Brandenburg-Bayreuth die Auswahl der Prinzessin Sophie Charlotte Albertine als künftige Frau des Herzogs. Die beiden Männer kannten sich seit dem Jahr 1705, denn Herzog Ernst August hatte einen Teil seiner Kavalierstour in Begleitung des gleichaltrigen Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth absolviert.575 Im Gegensatz zur Anbahnung der Ehe existieren über die Eheschließung in Bayreuth detaillierte Angaben, die vor allem aus der Feder der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth576 (1709–1758) stammen. Die Hochzeit Herzog Ernst Augusts mit der Prinzessin Sophie Charlotte Albertine wird von der Markgräfin in ihren Memoiren sogar sehr ausführlich beschrieben. Den Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass Herzog Ernst August nicht der einzige Bewerber um die Hand der Prinzessin Sophie Charlotte Albertine war. Neben Herzog Ernst August strebten auch Herzog Johann Adolf II. von Sachsen-Weißenfels577 (1685–1746) und Prinz Karl von Nassau-Usingen578 (1712–1775) eine Ehe mit der Prinzessin und damit ein Bündnis mit dem Hause Brandenburg-Bayreuth an.579 Über die Prinzessin selbst hielt Markgräfin Wilhelmine fest: „Sie war so verrückt, daß sie hätte müssen eingesperrt werden. Es befielen sie finstere Vapeurs [= Dämpfe, Wallungen], die sie manchmal wüthend machten. Der Markgraf war genöthigt, sie alsdann zu schlagen, da außerdem mit ihr Niemand auskommen konnte. Die Aerzte behaupteten, dieser Wahnsinn komme aus zu verliebtem Temperamente und das einzige Mittel, sie zu heilen, sei, 575

BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 157. Wilhelmine Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth, geborene Prinzessin von Preußen, war die Frau des Erbprinzen und späteren Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth (1711–1763). 577 Er heiratete 1734 in zweiter Ehe Prinzessin Friederike von Sachsen-Gotha-Altenburg (1715– 1775). 578 Er heiratete 1734 Prinzessin Christiane Wilhelmine von Sachsen-Eisenach (1711–1740). 579 KOLB (Hg.) 1923, S. 61. 576

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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sie zu verheirathen.“580 Da sich in den Quellen keine weiteren Hinweise auf eine psychische Erkrankung der Prinzessin Sophie Charlotte Albertine finden lassen, muss bezweifelt werden, ob der psychische Zustand der Prinzessin tatsächlich derart krankhaft war. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier um eine überspitzte Darstellung durch die Markgräfin Wilhelmine handelt. Derartige Überzeichnungen sind kennzeichnend für die Memoiren der Markgräfin. Die sehr negativen Äußerungen über die Prinzessin Sophie Charlotte Albertine wie auch über andere Mitglieder und Verwandte des Hauses Brandenburg-Bayreuth resultieren vermutlich aus der Tatsache, dass die Markgräfin, eine gebürtige Prinzessin aus dem preußischen Königshaus, ihr Dasein an der Seite des Erbprinzen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth (1711–1763) und insbesondere die Verhältnisse am Bayreuther Hof als unbefriedigend empfand.581 Auch die Beschreibung Herzog Ernst Augusts und seines Aufenthaltes in Bayreuth fällt wenig vorteilhaft für den Herzog aus, obgleich auch hier eine stilistisch-rhetorische Überzeichnung durch die Markgräfin zu vermuten ist: „Der von Weimar ist klein und mager wie ein Klepper. Er sagte mir ein sehr gut gestelltes Compliment, und ich fand am ersten Tage durchaus nichts Lächerliches an ihm. [...] Am folgenden Tage fing der Herzog an sich nach und nach gehen zu lassen. Er unterhielt mich zwei Stunden lang mit lauter so groben Lügen, daß es ihm unmöglich gewesen wäre so zu lügen, wäre er nicht dem Teufel aus der Schule entlaufen. [...] Mein Herzog gerieth bald in seinen Anfall von Tollheit. Er gab diese im vollsten Maaße kund, so daß man ihn für besessen hätte halten können. Er sprang vom Tische auf, schlug selbst die Pauken, kreischte auf der Violine, hüpfte und tanzte und trieb alle nur möglichen Thorheiten.“582 Neben der Beschreibung des Erscheinungsbildes des Herzogs Ernst August findet sich in den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine auch eine Anspielung auf das umtriebige Liebesleben des Herzogs. Die Markgräfin Wilhelmine zitierte Herzog Ernst August mit den Worten: „was eine Frau betrifft, so kann ich deren hundert für eine haben. Es gibt drei Prinzessinnen und zwei Comtessen in Hof, die dort auf mich warten, aber sie sind nicht nach meinem Geschmacke und ich werde sie zurückschicken.“583 Es ist allerdings fraglich, ob diese Äußerung tatsächlich von Herzog Ernst August stammt oder ob sie ihm vielmehr von der Markgräfin in den Mund gelegt wurde.584 Dennoch erstaunt die Tatsache, dass die Markgräfin das Sexualleben Herzog Ernst Augusts thematisiert. Die Bemerkung in den Memoiren der Markgräfin deutet darauf hin, dass Herzog Ernst Augusts Beziehungen zum weiblichen Geschlecht ein allgemeines Gesprächsthema innerhalb der höfischen 580

KOLB (Hg.) 1923, S. 129. BISCHOFF 2000, S. 154–167, hier S. 156. Zur Quellenkritik an den Memoiren der Markgräfin siehe: DROYSEN 1870, S. 33–96, hier S. 55, obgleich DROYSEN nicht frei von Vorurteilen gegenüber den Memoiren der Markgräfin ist. Siehe auch: JARZEBOWSKI 2008b, S. 188–199. 582 KOLB (Hg.) 1923, S. 130–132. 583 Ebd., S. 132–133. 584 In den Memoiren der Markgräfin wurden mehrfach Gespräche und Szenen wiedergegeben, an denen sie nicht teilgenommen hat. Siehe: JARZEBOWSKI 2008b, S. 199. 581

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Gesellschaft waren, andernfalls wären sie von der Markgräfin nicht oder weniger exponiert erwähnt worden. Bezüglich der Heiratsabsichten Herzog Ernst Augusts hielt die Markgräfin Wilhelmine fest: „Seit langer Zeit hatte der Herzog von Weimar Absichten auf sie [= die Prinzessin Sophie Charlotte Albertine]. Dieser ist einer der angesehensten Fürsten des Hauses Sachsen, der aber dafür galt, eben so verrückt in seiner Art zu sein, als die Prinzessin in der ihren, so daß es eine sehr passende Vermählung gewesen wäre. Er wendete sich an Herrn Dobeneck, um das Porträt meiner Schwägerin zu erhalten. Ob es gleich für die Prinzessin sehr unvorteilhaft gemalt, so war er doch darüber entzückt. Er ließ beim Markgrafen in aller Form um sie werben, unter der Bedingung jedoch, daß man seine Ansprüche nicht veröffentlichte, bis er selbst nach Baireuth würde gekommen sein. Der Markgraf ging sogleich darauf ein, wie man sich leicht denken kann, und fing unter der Hand an alle Hochzeitsvorbereitungen zu machen.“585 Die von der Markgräfin Wilhelmine geschilderte Vorgehensweise des Herzogs Ernst August entsprach dabei den üblichen Schritten bei der Anbahnung einer adeligen Ehe. Weniger üblich war es dagegen, dass die Hochzeit selbst umgehend und ad hoc stattfand. Noch am 2. März 1734 hatte Herzog Ernst August an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen geschrieben, dass er beabsichtige, nach Bayreuth zu reisen, um am dortigen Hof lediglich „die dasige noch einzige unvermählte Princessin [zu] beaugen.“586 Dementsprechend fuhr Herzog Ernst August Anfang April 1734 zusammen mit Herzog Christian Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1683–1745), der als Brautwerber des Herzogs Ernst August fungierte, nach Bayreuth. Am 3. April 1734 kamen die beiden Herzöge in Bayreuth an.587 Doch bereits am 5. April erfolgten die Eheabredung und die Trauung.588 Darüber hinaus konnte der „Herzog [...] kaum bewogen werden, das Beÿlager noch einen Tag aufzuschieben. Es geschahe also am obgedachten 7. April. Der Staat des Hochfürstlichen Braut=Paares und ihrer hohen Anverwandten war sehr prächtig [...] Am 13. April erfolgte die Heimführung nach Weimar.“589 Die Tatsache, dass die Eheschließung ungewöhnlich schnell vollzogen wurde, fand auch in den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine ihren Niederschlag. Dort hielt die Markgräfin fest, dass Herzog Ernst August „wie Nikodemus in der Nacht“590 nach Bayreuth gekommen sei. Den Aufzeichnungen 585

KOLB (Hg.) 1923, S. 130. Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, 7. März 1734, zitiert nach: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 158. 587 Lebensbeschreibung Herzog Ernst Augusts, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 22. 588 Ebd. 589 Ebd., S. 23. 590 KOLB (Hg.) 1923, S. 130. Bei Nikodemus handelt es sich um eine Person aus dem Johannesevangelium im Neuen Testament der Bibel. Nach Joh. 3,1 gehört Nikodemus zur jüdischen Gruppe der Pharisäer. Während eines nächtlichen Besuchs bei Jesus weist dieser ihn darauf hin, dass der Eintritt in das Reich Gottes eine geistige Wiedergeburt voraussetzt. Die nächtliche Gesprächssituation zwischen Jesus und Nikodemus wird mitunter dahingehend interpretiert, dass Nikode586

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der Markgräfin ist darüber hinaus zu entnehmen, dass zwar ein formales Beilager stattfand, dass sich die junge Herzogin dem Beischlaf jedoch entzogen habe. Daher „beklagte sich [der Herzog] über seine Gemahlin, daß sie die Ehe nicht vollziehen wollen. Das ging während der ganzen Zeit, wo er in Baireuth blieb, so fort. [...] Der Markgraf und Erbprinz waren genöthigt, die Sache in Ordnung zu bringen.“591 Somit wurde die Ehe zwar in Bayreuth geschlossen, dort aber nicht vollzogen. Gemäß der frühneuzeitlichen Jurisprudenz genügte jedoch das symbolische Beilager, damit die Ehe rechtliche Gültigkeit erlangte. Bei Moser findet sich demgegenüber der Hinweis, dass die Gültigkeit der Ehe an den Beischlaf geknüpft ist, unter Beischlaf sei aber „nicht præcise cohabitatio carnalis verstanden, sondern die Beschreitung des Ehe=Betts“592. Demnach war eine Ehe dann rechtlich verbindlich, wenn das Beilager nur formal und symbolisch abgehalten wurde. Dennoch erscheint die Verweigerung des ehelichen Beischlafs durch Prinzessin Sophie Charlotte Albertine keineswegs ungewöhnlich. Vielmehr ist es nachvollziehbar, dass es eine Ehefrau Überwindung kostete, sich dem Ehemann schon nach so kurzer Zeit des Kennenlernens körperlich hinzugeben. Dies umso mehr, da es adeligen Frauen im Gegensatz zu ihren männlichen Standesgenossen untersagt war, im Vorfeld der Ehe sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Aus Sicht der Zeitgenossen gewährleistete die Jungfräulichkeit einer adeligen Braut die Reinheit des aus der Ehe hervorgehenden Familienzweiges.593 Hinzu kam, dass Herzog Ernst August fünfundzwanzig Jahre älter als die junge Herzogin war, ein Sachverhalt, der das Verhalten der Herzogin ebenfalls beeinflusst haben dürfte. Dennoch entsprach es den gesellschaftlichen Erwartungen, dass die Herzogin den Beischlaf vollzog und Nachkommen das Leben schenkte. Doch die Eile, mit der die Eheschließung durchgeführt wurde, hat schon bei frühneuzeitlichen Zeitgenossen Anlass zu Spekulationen gegeben. War sie tatsächlich auf eine Laune des Herzogs Ernst August zurückzuführen, wie es die Markgräfin Wilhelmine in ihren Memoiren suggeriert? Vielmehr erscheint es nahe liegend, dass es materiell ausgerichtete Interessen waren, die den Ausschlag für das zielstrebige Vorgehen des Herzogs gaben. Einem Pro Memoria Herzog Ernst Augusts vom April 1734 ist zu entnehmen, dass dem Kaiser in dem die Eheschließung betreffenden Notifikationsschreiben mitgeteilt werden sollte, „daß mann sich auf allerhöchste Anrath so durch den Prinz Eugene anhero gemeldet worden ganz schleunig verheÿrathet, mann erhoffte dannenhero daß nunmehro ohne ferners Anstand des Herzogs versprechener maßen gedachte daß ihm ein Commando es möge seyn wars wole

mus nur im Geheimen, ohne Kenntnis der anderen Pharisäer zu Jesus zu kommen wagte. Siehe: WENGST 2000, S. 119. 591 KOLB (Hg.) 1923, S. 136. 592 MOSER 1745, 19. Teil, S. 467. 593 M ARRA 2007, S. 121.

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aufgetragen würde“594. Auch in einem Brief an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen schreibt Herzog Ernst August davon, dass „sowohl meine gnädigste Kaÿserin und Kaÿserl. Majestät in höchsten gnädigsten Terminis abermahl durch Prinz Eugenius Erinnerung thun lassen, daß Sie mich nicht eher zum Commando kommen laßen, wolten, bis ich mich schleünigst wiederum verheÿrathet, und meines Hauses Untergang nicht wißen wolten“595. Demnach war Herzog Ernst Augusts Verhalten und die plötzliche Durchführung der Eheschließung durch sein Streben nach einem Kommando in kaiserlichen Diensten bedingt. Für dieses Kommando war Herzog Ernst August nach eigener Aussage auch dazu bereit, „die erste beste Comtesse auf teutschen Boden weg [zu] caperen“596, sollte es nicht zu einer Eheschließung mit der Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth kommen. Im Hinblick auf die Motive für die Eheschließung ist letztlich eine Gemengelage der Interessen zu konstatieren: Dabei ist erstaunlich, dass es Herzog Ernst August in erster Linie um einen Eintritt in militärische Dienste und den damit einhergehenden Gewinn von Ehre und Prestige ging. Die Rolle des Kaiserpaares und des Prinzen Eugen von Savoyen bleibt in diesem Zusammenhang unklar, denn es liegen keine von Seiten des Kaiserpaares oder des Prinzen Eugen verfassten Quellen vor, die eine Eheschließung als Vorbedingung eines Kommandos thematisieren. Auch in den Glückwunschschreiben des Kaisers und des Prinzen Eugens zur Hochzeit wird auf das Anliegen des Herzogs Ernst August nicht eingegangen.597 Sollte es dennoch eine derartige Zusage von Seiten des Kaiserhofes gegeben haben, so erfolgte dies möglicherweise aus strategischen Gründen, um Herzog Ernst August zu einer neuen Heirat zu bewegen, um so den Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar zu sichern. Umgekehrt könnte es aber auch der Fall sein, dass der Kaiserhof davon ausging, dass sich Herzog Ernst August nicht wieder vermählte. Damit wäre auch die Vergabe eines Kommandos obsolet gewesen. Darüber hinaus dürfte für Herzog Ernst August der Erhalt des Hauses SachsenWeimar ausschlaggebend für die erneute Heirat gewesen sein. Dieser Punkt wird vom Herzog selbst allerdings nicht thematisiert.

4.3.7 Die Ehe Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Sophie Charlotte Albertine als Ausgangspunkt für neue Auseinandersetzungen Mit seiner erneuten Eheschließung hatte Herzog Ernst August die gesellschaftlichen Erwartungen insofern erfüllt, dass nunmehr die Hoffnung auf den Fortbe-

594

Pro Memoria Herzog Ernst Augusts, April 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 38r. 595 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, 2. März 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 45r. 596 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, 7. März 1734, zitiert nach: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 158. 597 BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 133.

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stand des Hauses Sachsen-Weimar genährt wurde. Doch um diesen Fortbestand zu gewährleisten, mussten aus der Ehe des Herzogspaares männliche Nachkommen hervorgehen. Dieses Ziel in die Praxis umzusetzen erwies sich als äußerst schwierig, da die Herzogin noch Monate nach der Hochzeit den ehelichen Beischlaf verwehrte598 und sich damit den sozialen Normen und gesellschaftlichen Erwartungen widersetzte. Über die Motive der Herzogin Sophie Charlotte Albertine im Hinblick auf ihre „Abneigung von ehelichen Beÿschlaf“599 ist den Quellen nicht zu entnehmen. Doch geben die Quellen Aufschluss darüber, dass die beharrliche Verweigerung der Herzogin gegenüber Herzog Ernst August bei diesem den Entschluss reifen ließ, sich nach nicht einmal einjähriger Ehe von der Herzogin scheiden zu lassen. Diese Absicht des Herzogs Ernst August macht deutlich, dass der gesellschaftliche Druck auf den Herzog, die Existenz des Hauses Sachsen-Weimar zu sichern, sehr groß war. Andernfalls hätte Herzog Ernst August wohl kaum einen so schwer wiegenden Entschluss wie eine Scheidung, und dies nach nur wenigen Monaten Ehe, gefasst. Um das weitere Vorgehen in dieser Sache festzulegen, bat Herzog Ernst August den Reichsgrafen von Seckendorff um Rat. Daraufhin teilte der Reichsgraf Herzog Ernst August am 21. August 1734 mit: „Ehe nun aber zu einer Ehescheidung kan kommen, muß beÿ hohen und Niedern den Rechten nach eine gewissenhaffte eheliche Untersuchung geschehen: Um aber mit selbiger fortzukommen so glaube E. L. D. solle erst des H. Margrafen von Bayreuth Durchl. darüber zu Theil und deß eigen Abschickung die wahre Beschaffenheit und umständ vorstell laßen um zusehen, ob vielleicht [...] mit beÿderseits Bewilligung die Ehe vor null und ungethan erklährte E. L. D. aber die Freyheit überliße, sich anderwertigst zu vermählen.“600 Anhand der Äußerungen des Reichsgrafen von Seckendorff wird deutlich, wie schwierig sich die Umsetzung einer Scheidung gestalten würde. An dieser Stelle musste Herzog Ernst August die Scheidung Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar von Herzogin Charlotte Marie als anschauliches Beispiel für die Komplexität eines solchen Verfahrens sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten dienen. Dabei galt es, insbesondere den mit einer Scheidung einhergehenden Prestigeverlust für das Haus und den Familienverband zu bedenken. In diesem Sinne merkte auch der Reichsgraf an: „Insuma die Sache ist sehr delicat, maßen ohnmöglich alle dergleichen Untersuchung so heimlich kün veranstaltet werden.“601 Letztlich erwiesen sich die Bedenken des Reichsgrafen als überflüssig, denn noch bevor es zu einer eingehenden Untersuchung kam, war der Anlass für die Scheidung – der verweigerte Beischlaf – hinfällig geworden: Herzogin Sophie Charlotte Albertine kam schließlich ihren ehelichen Pflichten nach. Als sichtbarer Ausdruck dessen kam am 1. Oktober 1735 Prinz Carl August Eugen (1735–1736) zur Welt. Nun598

MENTZ 1936, S. 27. Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorff an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 21. August 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 419, fol. 35r. 600 Ebd., fol. 35v. 601 Ebd., fol. 36r. 599

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mehr konnte das Haus Sachsen-Weimar wieder einen Stammhalter vorweisen. Und Prinz Carl August Eugen blieb nicht das einzige Kind des Herzogspaares: Ihm folgten 1737 Prinz Ernst August II. Constantin (1737–1758), sowie 1740 die Prinzessin Ernestine Auguste Sophie (1740–1786) und schließlich 1741 Prinz Ernst Adolph Felix (1741–1743).602 Neben den Differenzen zwischen den Ehegatten, die beinahe eine Scheidung nach sich gezogen hätten, war es einmal mehr der Ehevertrag, an dem sich weitere Konflikte entzündeten. Daran beteiligt war neben dem Haus Sachsen-Weimar erneut das Haus Sachsen-Eisenach. Gegenstand der Auseinandersetzung war die Wittumsverschreibung für die Herzogin. Die Eheabredung vom 4. April 1734 sah vor, dass Herzogin Sophie Charlotte Albertine für den Fall der Witwenschaft „inclusive der Interesse von denen Ehe= und Widerlags=Geldern, zu ihrer WittumbsVersorgung jährlich 8.000 Rthlr. an Geldt nebst dem freÿen Wittumbs-Schloß“603 erhalten sollte. Das Heiratsgut wie auch die Widerlage beliefen sich auf jeweils 16.666 Reichstaler.604 Als Sicherheit für die Gelder wurde – wie schon bei Ernst Augusts erster Frau – das Amt Kapellendorf sowie die Vogtei Magdala angewiesen.605 Dies rief erneut den Widerstand Herzog Wilhelm Heinrichs von SachsenEisenach hervor, der erneut seine Herrschaftsansprüche auf das Amt Kapellendorf bekräftigte. Herzog Wilhelm Heinrich wollte den erforderlichen agnatischen Konsens für die Wittumsverschreibung daher nur dann erteilen, wenn Herzog Ernst August ein anderes Gut als Sicherheit einsetzen würde.606 Schließlich einigten sich Herzog Ernst August und Herzog Wilhelm Heinrich darauf, dass „die 16.666 Rthlr. 16 ge [= Groschen] Ehegelder zum Nutzen des S. Weimarischen Fürstenthums angewandt werden.“607 Vor dem Hintergrund dieser Vereinbarung gab Herzog Wilhelm Heinrich letztlich sein Einverständnis zur Eheabredung. Doch nicht nur innerhalb des ernestinischen Familienverbandes kam es zu Differenzen im Hinblick auf den Ehevertrag, sondern auch zwischen Herzog Ernst August und dem Vater der Braut, dem Markgrafen Georg Friedrich Karl von Brandenburg-Bayreuth. Dieser schrieb am 13. April 1734, also noch am Tag der Heimführung der Herzogin Sophie Charlotte Albertine, an seinen Schwiegersohn Ernst August: „Gleichwie Eu. Lbd. gefällig gewesen mit Dero Frauen Gemahlin als Unserer geliebtesten Prinzeßin Tochter Lbd. sich von hier wiederum weg und nach Dero fürstlichen Residenz Weÿmar zu erheben. Deroselben aber nicht unbekandt, wie wegen Enge der Zeit die zwar an und vor sich denen concertirten Puncten nach wohl richtig gestellet, iedoch in forma noch nicht außge602 Genealogica Ernestus Augustus (Aktentitel), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XXII. Carl Friedrich. No. 445 c, S. 41–42. 603 Eheabredung (Abschrift), 4. April 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 10v. 604 Ebd., fol. 5v, 10r. 605 Ebd., fol. 10v. 606 Herzog Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach an Herzog Ernst August von SachsenWeimar, 4. Dezember 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 156r. 607 Urkunde Herzog Wilhelm Heinrichs von Sachsen-Eisenach (Abschrift), 4. Dezember 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 165v.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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wechselte fürstliche Ehe-Pacta imajonstiret geblieben.“608 Doch es war nicht nur der formale Aspekt der Auswechslung des Ehevertrages zwischen den Häusern Brandenburg-Bayreuth und Sachsen-Weimar, der von Seiten des Markgrafen moniert wurde. Vielmehr forderte Markgraf Georg Friedrich Karl in der Folgezeit Nachbesserungen im Hinblick auf die Versorgung seiner Tochter. Insbesondere die in der Eheabredung vereinbarten 2.500 Reichstaler an Hand- und Kleidergeld für die Herzogin609 erachtete der Markgraf für nicht ausreichend. Die neuerlichen Verhandlungen zwischen dem Markgrafen und Herzog Ernst August zogen sich bis Juni 1734 hin. Am 18. Juni 1734 erging schließlich ein Brief des Markgrafen Georg Friedrich Karl an Herzog Ernst August, in dem vom Abschluss der Verhandlungen die Rede ist: „errichtete Fürstl. Ehe-Pacten und andere darin schlagende Piecen, Zu einen solchen Stande gediehen, daß diese an ihn iz gehörigen formis überschicket werden, und es anjezo lediglich auf Euer Lbd. beliebige Vollziehung dabeÿ annoch ankommen.“610 Doch entgegen den Forderungen des Markgrafen kam Herzog Ernst August den im Ehevertrag getroffenen Vereinbarungen zunächst nicht nach. Daher sah sich Markgraf Georg Friedrich Karl veranlasst, die Zahlung der Ehegelder auszusetzen. Die vollständige Zahlung der Ehegelder erfolgte erst im September 1735.611 Damit wurde auch im Fall der Herzogin Sophie Charlotte Albertine – ebenso wie im Fall der Herzogin Eleonore Wilhelmine – deutlich, dass ein Ehevertrag eine große Bedeutung erlangen und die Beziehungen zwischen der Herkunftsfamilie der Braut und ihres neuen Familienverbandes stark beeinflussen konnte. Die Verbindlichkeit des Ehevertrages beruhte letztlich auf der Macht und Durchsetzungskraft der Familienverbände bei der Umsetzung der im Ehevertrag getroffenen Vereinbarungen. Neben diesen machtpolitisch und ökonomisch motivierten Auseinandersetzungen führte die Eheschließung Herzog Ernst Augusts mit Herzogin Sophie Charlotte Albertine auch zu Differenzen mit Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, der Mutter der ersten Frau des Herzogs. Die Differenzen zwischen Herzog Ernst August und Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, Reichsgräfin von Nienburg, waren allerdings nicht materiellen, sondern immateriellen Ursprungs. Herzog Ernst August unterhielt nach dem Tode seiner ersten Frau, der Herzogin Eleonore Wilhelmine, weiterhin postalischen Kontakt mit seiner Schwiegermutter Gisela Agnes. Offenbar bestand sogar ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Herzog Ernst August und der Reichsgräfin von Nienburg. Herzog Ernst August hatte Gisela Agnes auch über seine Absicht, die Prinzessin Sophie Charlotte Albertine von Brandenburg-Bayreuth zu heiraten, informiert. Nachdem am 18. April das

608 Markgraf Georg Friedrich Karl von Brandenburg-Bayreuth an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar (Abschrift), 13. April 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 39r. 609 Eheabredung (Abschrift), 4. April 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 8v. 610 Markgraf Georg Friedrich Karl von Brandenburg-Bayreuth an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 18. Juni 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 145r. 611 Beurkundete Quittung Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar über die Auszahlung der Ehegelder, 20. September 1735, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 179r–180r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

offizielle Notifikationsschreiben für die Hochzeit an Gisela Agnes von AnhaltKöthen ergangen war, schrieb diese am 29. April 1734 an Herzog Ernst August: „habe ich mit Verlangen diese gute Nachricht erwartet, weil Eu. Lbd. mir schon den 2. Martii in Vertrauen gemeldet, daß deren Intention wäre nach Baÿreüth zu gehen, und diese Princess zu heÿrathen, welches Sie aber wie ich aus deren jezigen Schreiben (darinne Sie erwehnen als wen Sie ohngefehr hingekommen) schließe als ein Verliebter vergeßen haben [...]“612. Die vormalige Schwiegermutter monierte, nicht rechtzeitig über die Eheschließung des Herzogs informiert worden zu sein. Doch die Vorwürfe der Gisela Agnes von Anhalt-Köthen erstreckten sich nicht nur auf die aus ihrer Sicht verspätete Bekanntgabe der Eheschließung, sondern auch auf den Lebenswandel des Herzogs Ernst August nach dem Tode der Herzogin Eleonore Wilhelmine. „Ich gönne Ihnen deren neüe Gemahlin und wünsche nochmals daß Sie vergnügt zusammen leben“, schrieb Gisela Agnes von Anhalt-Köthen an Herzog Ernst August, „meiner in Gott seeligen Tochter aber gönne ich auch von Hertzen die Ruhe, und habe jederzeit und auch noch Gott gepreiset, daß er selbige ehe aus der Welt abgefordert als Ihro Liebden Hertzog Wilhelm Ernesten, denn ihre Schultern würden seyn zu schwach gewesen das zu ertragen, was seit dem Tode dieses in Gott seeligen Hertzogs geschehen.“613 Auch diese Äußerungen der Reichsgräfin sprechen dafür, dass Herzog Ernst August nach dem Tod seiner ersten Frau seinen Lebenswandel nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechend gestaltete. Aber Gisela Agnes von Anhalt-Köthen ging mit ihren Vorwürfen noch weiter: „Das einzige was mir von Eu. Lbd. will ausgebeten haben, soll dieses seÿn, daß Sie mich und alle deren in Gott seeligen Frau Gemahlin Lbd. Angehörige, nicht ferner mit verächtlichen Reden erwehnen, als bishero geschehen ist. Ich [...] mußte von wahrhafften Personen erfahren, daß dieselben sehr falsch hinter uns her wären, und will ich nur eins von dem was Eu. Lbd. von mir gegen viele gesagt erwehnen, daß Sie mich die Mutter=Beschwehrung pflegen zu nennen. Ich kann nicht leugnen, daß mich dieser Titel sehr fremde vor kam, da nur dergleichen von Eu. Lbd. nicht vermuthet, denn mich nicht besinnen kann Ihnen zur Beschwehr gewest zu seÿn, weil nur einmahl mir die Ehre gegeben in deren Hauß zu kommen. Gott hat mich vielleicht auch darum so lange leben, daß ich Eu. Lbd. Falschheit erst habe erfahren, denn es vor mich beständig cachirt worden [...] aber endlich haben sich doch gute Leüte gefunden, die mir gesagt, wie ich mich in meiner Opinion von Eu. Lbd. irrete, deswegen auch deren letztes Schreiben nicht beantwortet habe.“614 Auch wenn sich die Vorwürfe der Reichsgräfin Gisela Agnes explizit gegen die Person des Herzogs Ernst August, und nicht gegen dessen erneute Eheschließung und die Person der Herzogin Sophie Charlotte Albertine richteten, so ist nicht zuletzt aufgrund des Zeitpunktes, an dem die Äußerungen erfolgten, zu vermuten, dass 612

Gisela Agnes von Anhalt-Köthen an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar (Abschrift), 29. April 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 43r–43v. 613 Ebd., fol. 43r. 614 Ebd., fol. 43v–44r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Gisela Agnes von Anhalt-Köthen in der Eheschließung Herzog Ernst Augusts eine Beschädigung des Andenkens an ihre verstorbene Tochter sah. Schließlich war Sophie Charlotte Albertine von Brandenburg-Bayreuth an die Stelle der Herzogin Eleonore Wilhelmine getreten. Die Reaktion der Reichsgräfin dürfte letztlich darauf zurückzuführen sein, dass es sich bei dem Verhältnis zwischen Gisela Agnes von Anhalt-Köthen und ihrer Tochter Eleonore Wilhelmine um eine sehr enge und emotionale Mutter-Tochter-Beziehung handelte, was sich insbesondere an der Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter ablesen lässt.615 Ebenso erscheint es nahe liegend, dass Gisela Agnes von Anhalt-Köthen durch die erneute Heirat Herzog Ernst Augusts ihre eigene Position als Vertraute des Herzogs als gefährdet ansah. Die Reaktion Gisela Agnes` von Anhalt-Köthen wird umso mehr verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich die Reichsgräfin zur gleichen Zeit in mannigfaltigen machtpolitischen Auseinandersetzungen mit ihrem Sohn August Ludwig befand.616 Ebenso wie Gisela Agnes versuchte, in den Machtbereich ihres Sohnes vorzudringen, so versuchte sie auch Einfluss auf ihren Schwiegersohn zu nehmen. Doch ihr machtbewusstes Vorgehen rief Widerstand hervor. Die Unzufriedenheit darüber brachte die Reichsgräfin auch in einem eigenhändigen Post Scriptum, das sie dem bereits zitierten Brief vom 29. April 1734 beifügte, zum Ausdruck: „Es heist verlast Euch nicht auff Firsten, Gott allein soll meine Zuflucht seyn“617. Zugleich ist das Zitat ein eindrucksvoller Beleg für die Bemühungen der Reichsgräfin, sich als vom Herzog ungerecht behandelt zu präsentieren. Vor diesem Hintergrund war Herzog Ernst August bemüht, die Situation zu klären. Er rechtfertigte sich gegenüber Gisela Agnes von Anhalt-Köthen damit, „daß kein honeter Mensch wird sagen können daß ich iemahl anderst alß mit aller behörigen Ehrerbietigkeit und Respect von Eu. Gnaden gesprochen und wird es auch künfftighin, es mögen dieselben von mir denken und glauben was Sie wollen, [...] wann ich ja diese Expression von Mutter Plage etwan einmal im Schertze gesagt hätte, so ist es doch wie Eu. Gnaden leichtlich ermessen können von Niemanden als von meiner Frau Stieff Mutter zu verstehen gewesen welcher ich doch gleichwohl im Hertzen alles Gute wünsche.“618 Allerdings ist den Quellen nicht zu entnehmen, wie Gisela Agnes auf diese Rechtfertigungsversuche Herzog Ernst Augusts reagierte. Zumindest aber erging am 1. Juni 1734 das offizielle Gratulationsschreiben von Gisela Agnes von Anhalt-Köthen an das Weimarer Herzogspaar.619 Dies spricht dafür, dass die im Zuge der Eheschließung entstandenen Differenzen zwischen Gisela Agnes von Anhalt-Köthen

615

R AWERT 2007, S. 67–68. Ebd., S. 71. 617 Eigenhändiges Post Scriptum von Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, zitiert nach: BEAULIEUM ARCONNAY 1872, S. 161. 618 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Gisela Agnes von Anhalt-Köthen, zitiert nach: BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 160. 619 Gisela Agnes von Anhalt-Köthen an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 1. Juni 1734, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 136, fol. 116. 616

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

und Herzog Ernst August zumindest symbolisch ein Ende nahmen, indem die Reichsgräfin die Eheschließung des Herzogs offiziell anerkannte. Die zweite Ehe des Herzogs Ernst August dauerte 13 Jahre und fand am 2. März 1747 mit dem Tod der Herzogin ein Ende. Über die ehelichen Verhältnisse des Herzogspaares ist wenig bekannt. Auffällig ist jedoch, dass der Herzog vorwiegend Abstand zu seiner Frau und seinen Kindern suchte. Seit 1741 hielt sich Herzog Ernst August hauptsächlich in Eisenach auf620 und kehrte bis zu seinem Tod im Jahr 1748 nur selten in die Residenz nach Weimar zurück.621 Diese Tatsache spricht dafür, dass die Beziehung zwischen den Eheleuten einem Zweckbündnis glich und nicht von großer Zuneigung geprägt war. Zugleich unterscheidet sich die zweite Ehe des Herzogs damit deutlich von seiner ersten Ehe mit Herzogin Eleonore Wilhelmine. Über die Gründe hierfür lässt sich nur mutmaßen. So könnte der große Altersunterschied zwischen Herzog Ernst August und Herzogin Sophie Charlotte Albertine ein Grund für die fehlende Zuneigung des Paares gewesen sein. Auch die Differenzen zu Beginn der Ehe dürften sich wenig vorteilhaft auf das weitere Eheleben ausgewirkt haben. Zudem hatte Herzogin Sophie Charlotte Albertine mit der Geburt eines Prinzen ihre wichtigste Funktion als Ehefrau und Fürstin erfüllt. Eine intime Beziehung Herzog Ernst Augusts zur Herzogin war nicht mehr erforderlich. Aus der Sicht Herzog Ernst Augusts erscheint es daher nur konsequent, dass er seine sexuellen Bedürfnisse anderweitig zu befriedigen suchte. Vor diesem Hintergrund kam es zu mehreren Eskapaden des Herzogs, wie sie exemplarisch im Zusammenhang mit dem Prozess um den Leibmedikus Doktor Weidler überliefert sind. Johann Christfried Weidler war von Herzog Ernst August zu verschiedenen Diensten, die keineswegs den üblichen Aufgaben eines Leibarztes entsprachen, herangezogen worden. Dazu gehörte, dass Weidler im Sommer 1740 von Herzog Ernst August während dessen Aufenthaltes in Nürnberg mit der „Bestellung verdächtiger Weibespersonen“622 beauftragt wurde. Nachdem sich Weidler den Anforderungen des Herzogs mehrfach widersetzt und schließlich um seinen Abschied gebeten hatte, ließ Herzog Ernst August 1741 einen Prozess gegen Weidler eröffnen. Als Anklagepunkte wurden dem Leibarzt neben der Einmischung in Angelegenheiten des Herzogs und der „Verrätherey“623 gegenüber dem Herzog schließlich auch die Betreibung der Prostitution zur Last gelegt. Dass es sich hierbei um nicht gerechtfertigte Vorwürfe Herzog Ernst Augusts gegenüber seinem Leibarzt Weidler handelte, wird anhand von Zeugenaussagen deutlich. Ein Soldat nahmens Johann Wilhelm Leyer, der sich mit Herzog Ernst August und

620

Nachdem Herzog Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach am 26. Juli 1741 kinderlos verstorben war, fiel das Herzogtum Sachsen-Eisenach an das Haus Sachsen-Weimar, das sich fortan Sachsen-Weimar-Eisenach nannte. 621 BEAULIEU-M ARCONNAY 1872, S. 168. 622 Johann Christfried Weidler an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 31. Mai 1741, ThHStA Weimar, Rechtspflege B 2660, fol. 53v. 623 Ebd., fol. 51r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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dem Leibarzt in Nürnberg aufgehalten hatte, schilderte die dortigen Vorgänge folgendermaßen: „Ihro Durchl. hätten ihm, als Sie beÿ dem Herrn von Ebner in Nürnberg einsmahl zu Gaste gehen wollen, befohlen, Ihnen Frauen=Zimmer zu schaffen, welches er aber zu thun sich ein Gewißen gemachet. Besonders habe er, auf des Patricii Tilherrns Töchter, und die 3. Freilein von Balhorn in Schmausens Garten bringen sollen, auch habe er des Patricii Töchtern versprechen sollen, daß Sie dieselben zu Hoff=Dames annehmen wolten, es wären aber selbige verdächtige Frauenzimmer, so sich nicht gescheuet, mit denen Kauffmannes Dienern in Gesellschafft zugehen p.p.“624. Doch diese und weitere Zeugenaussagen zu Gunsten Weidlers änderten nichts daran, dass Herzog Ernst August den Leibarzt verurteilen und inhaftieren ließ.625 Am Fall Weidler wird einmal mehr deutlich, dass Herzog Ernst August für sich jegliche Freiheiten in Anspruch nahm. Demgegenüber zeigte er sich im Hinblick auf das Liebes- und Eheleben seiner Untertanen ungleich moralistischer, um nicht zu sagen despotisch. Bei seinen Untertanen war Herzog Ernst August sehr darauf bedacht, dass religiöse wie auch weltliche Normen eingehalten wurden. Beispielsweise erteilte er dem Oberkonsistorium am 11. November 1739 den Befehl, dass der Kammerjunker von Göchhausen mit der Tochter des Apothekers Jacobi zu vermählen sei, da der Kammerjunker die Apothekerstochter verführt habe.626 In einem anderen Fall sorgte Herzog Ernst August dafür, dass der Musiker Pfeiffer seine Braut, die Witwe des Leutnants Greiner, nicht heiraten durfte. Der Grund hierfür war, dass Herzog Ernst August die Witwe als Frau für einen seiner Offiziere vorgesehen hatte.627 Zur Begründung seines Vorgehens führte Herzog Ernst August an, dass nicht der Stand, sondern die „Conduite“ den Mann mache – angesichts des eigenen Verhaltens des Herzogs erscheinen diese Äußerungen paradox, doch spiegeln sie das Selbstverständnis des Herzogs: Während er als Fürst und Landesherr die Gesetze als nicht verbindlich für sich ansah, sich letztlich in absolutistischer Manier über die rechtlichen Normen hinwegsetzte und sexuelle Freizügigkeit für sich beanspruchte, versuchte er umgekehrt seine Untertanen in dieser Hinsicht zu disziplinieren. Besonders deutlich wird diese Absicht bei einem von Herzog Ernst August 1731 erlassenen Mandat bezüglich der „Schwängerungs=Fälle der Hof-Bedienten“628. In diesem Mandat bestimmt Herzog Ernst August, dass „jede ledige Dame, die sich von einem der Hof=Bedienten schwängern lässet, [...] ohne Ansehen der Person, des Standes [sic!] und Familie, auch des Vermögens mit vierteljährigem Gefängniß bestrafet, darinnen mit Was624

Aussage des Johann Wilhelm Leyer von der Leibkompanie (Abschrift), 1741, ThHStA Weimar, Rechtspflege B 2660, fol. 68v–69r. 625 Prozessakten, ThHStA Weimar, Rechtspflege B 2660, fol. 58r. Weidler gelang allerdings die Flucht aus der Gefangenschaft. Letztlich trat er in die Dienste des Fürsten Leopold von AnhaltDessau ein. 626 MENTZ 1936, S. 28. 627 Ebd. 628 Mandat Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, 20. April 1731, zitiert nach: SCHMIDT 1801, Bd. 2, S. 182.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

ser und Brot gespeiset, pro dotatione und defloratione nichts erhalten, noch den Stuprator [= Schänder] zur Ehe bekommen, das Kind auch selbst ernähren und hierbey ganz und gar keine Vorbitte gelten [soll]“629. Der Schwängerer hingegen sei „nach vorgängiger summarischer Untersuchung, gleichfalls mit Gefängniß und Einziehung einer vierteljährlichen Besoldung, welches Geld zu frommen Gebrauch zu verwenden, [zu bestrafen]“630. Mit diesen Bestimmungen trat Herzog Ernst August im Hinblick auf die außerehelichen Beziehungen seiner Untertanen als besonders restriktiv in Erscheinung. Vor allem die (geschwängerten) Frauen gerieten zunehmend in das Blickfeld seiner landesherrlichen Gesetzgebung. Damit erwies sich der außereheliche Geschlechtsverkehr für Frauen als besonders folgenschwer: Sie hatten neben der möglicherweise eintretenden Schwangerschaft und der damit einhergehenden Schande auch verstärkt die strafrechtlichen Konsequenzen zu tragen. Durch die zunehmende Einbindung der Frau in den Strafkatalog erscheint die Frau nicht mehr nur als ein passives ,Opfer‘ des männlichen Sexualverhaltens, sondern vielmehr als ,(Mit-)Täterin‘. Damit erfährt die in der Frühen Neuzeit gebräuchliche Unterscheidung zwischen einem passiven weiblichen und einem aktiven männlichen Sexualverhalten im Rahmen der Gesetzgebung Herzog Ernst Augusts eine grundlegende Umdeutung.631 Dies ist äußerst bemerkenswert, zumal in der historischen Forschung bislang mehrheitlich die These vertreten wurde, dass sich die geschlechtsspezifische Unterscheidung des Sexualverhaltens in passiv-weiblich und aktiv-männlich noch im 18. Jahrhundert – trotz der beginnenden Aufklärung – als besonders resistent erwiesen habe. Dieser These entspricht der vorliegende Befund nicht. Allerdings würde es zu weit gehen, aus der bei Herzog Ernst Augusts Gesetzgebung deutlich werdenden Umdeutung des geschlechtsspezifischen Sexualverhaltens eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses abzuleiten.

4.3.8 Die unehelichen Beziehungen Herzog Ernst Augusts und die daraus hervorgegangenen Kinder Aus den zahlreichen außerehelichen Beziehungen Herzog Ernst Augusts gingen mehrere Kinder hervor. Eine konkrete Zahl dieser Kinder konnte im Rahmen der vorliegenden Untersuchung jedoch nicht ermittelt werden. Es ist davon auszugehen, dass selbst Herzog Ernst August hierüber keine genaue Kenntnis hatte. Dies umso mehr, da einige der Kinder erst nach dem Tode des Herzogs in Erscheinung traten und zwar zumeist dann, wenn es sich um Versorgungsfragen handelte. Als Beispiel hierfür kann Johann Christian Willweber herangezogen werden. Dieser wandte sich im Jahr 1759, also elf Jahre nach dem Tod Herzog Ernst Augusts, mit der Bitte um finanzielle Unterstützung an Herzog Karl I. von 629 630 631

Ebd. Ebd. JARZEBOWSKI 2006, S. 90–92.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

235

Braunschweig-Lüneburg (1713–1780).632 Herzog Karl von Braunschweig-Lüneburg übte zu dieser Zeit die vormundschaftliche Regierung für Prinz Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828), den Enkel Herzog Ernst Augusts, aus.633 Herzog Karl I. zog nun Erkundigungen über die Herkunft Johann Christian Willwebers ein. Daraufhin teilte der Geheime Rat und Kanzler Georg Septimus Andreas von Praun (1701–1786) dem Herzog mit, dass Willweber „ein mit seiner Mutter im ledigen Stande von H. Ernst August erzeugter Sohn [sei], ohne daß er selbst seine eigentliche Herkunft recht weiß.“634 Offensichtlich handelte es sich bei Willweber um einen unehelichen Sohn Herzog Ernst Augusts, der nach Auskunft Prauns 1759 das 18. Lebensjahr erreicht hatte. Demnach wurde Willweber im Jahr 1741 geboren, zu der Zeit, als Herzog Ernst August mit Herzogin Sophie Charlotte Albertine verheiratet war. Die Mutter Willwebers arbeitete zu dieser Zeit als Waschmagd im fürstlichen Residenzschloss in Weimar. Die Geschwängerte heiratete später einen Mann namens Willweber, der auf dem fürstlichen Schloss als Hausknecht tätig war.635 Bei Johann Christian Willweber handelte es sich keineswegs um einen Einzelfall. Nach dem Tod Herzog Ernst Augusts meldeten sich weitere vermeintliche Kinder des Herzogs, die jedoch – im Gegensatz zu Willweber – nicht immer über Fürsprecher und Zeugen verfügten, um ihre Abstammung glaubhaft machen zu können. Es ist nicht auszuschließen, dass sich unter den vermeintlichen Kindern auch Personen befanden, bei denen es sich keineswegs um natürliche Kinder Herzog Ernst Augusts handelte, die aber versuchten, aus der vermeintlichen adeligen Abstammung materielle Vorteile zu ziehen. Demgegenüber lässt sich die Abstammung einzelner Kinder von Herzog Ernst August schon am Namen der Kinder ablesen. So trug der Sohn Ernst Augusts aus dessen Verbindung mit der Gastwirtstochter Anna Maria Helffer den Namen Ernst Wilhelm. Die bereits erwähnte Tochter, deren Mutter in den Quellen nicht mit vollständigem Namen genannt ist, hieß Ernestine Wilhelmine. Auch der Sohn Herzog Ernst Augusts aus der Beziehung mit Friederike von Marschall wurde nach seinem Vater benannt und trug den Namen Ernst August Friedrich. Es mag erstaunen, dass die Kinder Vornamen trugen, die unmittelbar auf die Vaterschaft des Herzogs hinweisen. Vermutlich war es sogar Herzog Ernst August selbst, der die Namen für seine 632

Johann Christian Willweber an Herzog Karl von Braunschweig-Lüneburg, 6. April 1759, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 85. 633 Die Herrschaft über das Herzogtum war an Prinz Carl August übergegangen, da dessen Vater Ernst August II. Constantin bereits 1758 verstorben war. Zwar hatte Herzog Ernst August II. Constantin in seinem Testament seiner Frau Anna Amalia (1739–1807), geborene Prinzessin von Braunschweig-Lüneburg, die vormundschaftliche Regierung übertragen; da aber Anna Amalia zum Todeszeitpunkt ihres Mannes selbst noch minderjährig war, übernahm ihr Vater Herzog Karl I. von Braunschweig-Lüneburg die vormundschaftliche Regierung in Sachsen-Weimar-Eisenach. Siehe: K RONFELD 1878, S. 400. 634 Georg Septimus Andreas von Praun an Herzog Karl von Braunschweig-Lüneburg, 12. April 1759, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 84r. 635 Ebd.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Kinder auswählte. Zumindest im Fall der Ernestine Wilhelmine von Brenn ist diese Annahme berechtigt, da ihre Mutter bei der Geburt verstarb und das kleine Mädchen von Anfang an der Fürsorge ihres fürstlichen Vaters oblag. Vor dem Hintergrund, dass durch die Namensgebung in der Regel die Zugehörigkeit zum Familienverband demonstriert wurde636, erscheint die Namenswahl für die unehelichen Kinder besonders bedeutsam. Die Tatsache, dass nicht alle der unehelichen Kinder Herzog Ernst Augusts den Vornamen ihres Vaters trugen, könnte ein Indiz dafür sein, dass sich der Herzog denjenigen Kindern, die seinen Namen trugen, aber auch deren Müttern besonders verbunden fühlte. Zudem war es in der Frühen Neuzeit wie schon im Mittelalter gebräuchlich, dass ein nichteheliches Kind den Familiennamen seines Erzeugers trug.637 Aber für den Adel galt dies nicht zwingend. Hier trugen die unehelichen Kinder entweder den Namen des Vaters, nicht aber seinen Titel, oftmals trugen sie aber auch den Familiennamen ihrer Pflegeeltern oder Pseudonyme.638 Selbst wenn der Voroder Familienname einen Bezug zum Vater symbolisierte, genügte das nicht, um von einer Zugehörigkeit zum fürstlichen Familienverband zu sprechen. Vielmehr gehörten diese Kinder per se nicht zum Familienverband, da sie als unehelich Geborene im Rechtssinn keinen Vater hatten.639 Bei den unehelichen Kindern Herzog Ernst Augusts fällt darüber hinaus auf, dass es hier nicht nur im Hinblick auf die Namensgebung Unterschiede gab. Die unehelichen Kinder des Herzogs unterschieden sich sowohl bezüglich ihres Vornamens als auch bezüglich ihrer Versorgung: Die Versorgung derjenigen Kinder, die den Vornamen des Herzogs trugen, fiel umfangreicher aus als die der übrigen unehelich geborenen Halbgeschwister. Unter juristischen Gesichtspunkten hätten alle Kinder Herzog Ernst Augusts, auch wenn dieser sie nicht als seine „liberii naturales“ anerkannt hätte, einen Unterhaltsanspruch gehabt, da im Rechtssinn zwischen Erzeugerschaft und Vaterschaft unterschieden wurde.640 Allerdings darf bezweifelt werden, dass die unehelichen Kinder Herzog Ernst Augusts einen derartigen Rechtsanspruch auf Unterhalt gegenüber dem Herzog als ihrem Erzeuger hätten durchsetzen können. Im Hinblick auf die Herkunft der Mütter der in den Quellen verzeichneten unehelichen Kinder des Herzogs ließ sich feststellen, dass hier Frauen aller gesellschaftlichen Schichten, aber insbesondere bürgerliche Frauen vertreten sind. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass der Weimarer Hof verhältnismäßig klein war. Die soziale Herkunft der Geliebten des Herzogs spiegelt die soziale 636

K LAPISCH-ZUBER 1995, S. 24–51, insb. S. 27. Ebd., S. 180. 638 AUGE 2005, S. 43. Neben den unehelichen Kindern Herzog Ernst Augusts sind an dieser Stelle exemplarisch auch die zahlreichen unehelichen Nachkommen Herzog Karl Eugens von Württemberg (1728–1793) – ein Zeitgenosse Herzog Ernst Augusts – zu nennen. Herzog Karl Eugen erkannte insgesamt 77 natürliche Söhne an, die zumeist nach ihrem Vater Karl oder Eugen genannt wurden. Ein Großteil der unehelichen Kinder – Söhne wie Töchter – trug den Adelsnamen Franquemont. Siehe: WAGNER 2001, S. 46–47. 639 LEINEWEBER 1978, S. 140. 640 Ebd., S. 185. 637

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Struktur der Residenzstadt Weimar. Dabei hielt sich Herzog Ernst August nur selten direkt am herzoglichen Hof in Weimar, sondern vielmehr auf seinen zahlreichen Jagd- und Lustschlössern auf, wo er nur von einem kleinen Hofstaat umgeben war.641 Hier war es ihm möglich, nahezu unbemerkt von der höfischen Öffentlichkeit den Kontakt zu Frauen zu suchen. Aus Sicht der Frauen schien ein Verhältnis zu Herzog Ernst August durchaus vorteilhaft, da hiermit, wenn auch in den meisten Fällen nur vorübergehend, eine Verbesserung der materiellen Verhältnisse verbunden war. Demgegenüber bestand allerdings die Gefahr, durch eine möglicherweise eintretende Schwangerschaft die weibliche Ehre zu gefährden und sich als ledige Mutter zugleich strafbar zu machen.642 Zumeist nahmen die Geliebten des Herzogs eine Schwangerschaft und den damit verbundenen Ehrverlust in Kauf, zumal der Verlust an Ehre und Ansehen und die damit verbundene Einschränkung in den künftigen Handlungsoptionen der Frauen von Herzog Ernst August in den meisten Fällen materiell kompensiert wurden.643 Die Versorgung der vormaligen Geliebten durch Herzog Ernst August kann durchaus als Äquivalent zu den in der Frühen Neuzeit üblichen Alimentations- und Deflorationsgeldern betrachtet werden. Diese Gelder waren an die geschwängerte Frau zu entrichten, wenn ihr Verführer sie nicht heiraten konnte oder wollte. Auf diesem Weg sollte eine spätere Heirat der Frauen ermöglicht und damit letztlich die Ehre der Frau gewahrt werden.644 Jedoch darf an dieser Stelle nicht außer Acht gelassen werden, dass es den von Herzog Ernst August geschwängerten Frauen kaum möglich gewesen wäre, den Rechtsanspruch auf Alimentations- und Deflorationsgeldern gegenüber Herzog Ernst August durchzusetzen. Dem stand sein Status als regierender Herzog und Reichsfürst entgegen. Die Frauen konnten nur auf die freiwillige Zahlung des Herzogs hoffen. Dass Herzog Ernst August seine Geliebten dennoch materiell versorgte, spricht zugleich für ein patriarchalisches Herrschafts- und Selbstverständnis des Herzogs: Die Versorgung der Frauen ist in erster Linie nicht als Fürsorge, sondern als Demonstration der herrschaftlichen Macht zu interpretieren.645 Dies konnte auch soweit gehen, dass Herzog Ernst 641

Freiherr von Pöllnitz an den Herrn L. C. D. S., 5. September 1729, in: PÖLLNITZ 1738, S. 205. Ein Patent für das Herzogtum Sachsen-Eisenach vom 25. September 1741 sah vor, dass „eine jede ledige Weibs=Person, welche ein uneheliches Kind gebieret, [...] der getriebenen Hurerey halber 6 Rthl. dem Fisco und 2 Rthl. in das Waysenhaus Strafe geben [soll], anbey Kirchen=Buße thun und den wahren Vater des Kindes anzeigen, dahingegen der Stuprator nach Proportion seines Characters, Standes und Vermögens, mit Strafe angesehen werden, und wenn er ein Fürstl. Diener ist, den 4ten Theil seiner jährlichen Besoldung Strafe geben, wer aber das Verbrechen angiebt, er sey ein Fremder oder Einheimischer, den 6ten Theil der Strafe bekommen soll“ (SCHMIDT 1801, Bd. 2, S. 173). Siehe auch: KÖNIG 2007, S. 59–78. 643 Exemplarisch hierfür: Erlass Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar (Abschrift), 24. Mai 1735, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 4r. 644 HULL 1997, S. 231. 645 Analog hierzu ist das Fallbeispiel des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg und seiner Mätresse Christina Wilhelmina von Grävenitz zu nennen. Siehe hierzu: OSSWALD -BARGENDE 2000, S. 153. Herzog Eberhard Ludwig begründete die Versorgung seiner vormaligen Mätresse mit sein642

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

August für seine vormaligen Geliebten einen Ehemann bestimmte. Ein derartiges Vorgehen ist beispielsweise einem Brief der Eva Catharina Rückert, ebenfalls eine außereheliche Tochter Herzog Ernst Augusts, aus dem Jahr 1797 zu entnehmen. Diese schrieb an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828): „Meine aus Kranichfeld gebürtige Mutter kam nach München bey Berka, und dort in das Verhältnis mit dem Durchl. Herzog. Höchstgedachter Durchl. Herzog gab nachher meiner Mutter einen Maurer, nahmens Romstedt, zum Mann, welcher zum Schloßbau nach Eisenach berufen wurde, und hier starb.“646 Dieses Vorgehen Herzog Ernst Augusts war möglich, da er hierbei auf seinen Status und seine Befugnisse als regierender Herzog und Landesherr zurückgreifen konnte. Allerdings war die Vorgehensweise des Herzogs Ernst August nicht immer erfolgreich: Einem gewissen J. S. Dorschel, der 1745 von Herzog Ernst August zum Pfarrer in Beutnitz bestimmt wurde, hatte Herzog Ernst August zugleich auferlegt, die zweite Tochter des Kommissionsrates Crohn zu heiraten. Grund hierfür war, dass Herzog Ernst August die junge Frau – eine mutmaßliche Geliebte des Herzogs – versorgt wissen wollte. Dorschel lehnte das Ansinnen des Herzogs jedoch entschieden ab, nachdem er sich über das Vorleben der Frau erkundigt hatte.647 Grundvoraussetzung für die Versorgung der Frauen war jedoch, dass sich diese zu absolutem Stillschweigen über ihr Verhältnis zu Herzog Ernst August verpflichteten. So musste Anna Maria Helffer, Geliebte des Herzogs und Mutter des gemeinsamen Sohnes Ernst Wilhelm, gegenüber den herzoglichen Bevollmächtigten einen Eid leisten, „daß ich denjenigen, welchen ich bisher vor Vater zu denjenigen Kind, welches ich in Sundhausen taufen laßen angegeben, nun und nimmer mehr nennen, noch ferner einen Anspruch an Ihn oder den Seinigen unter was vor einem Schein es auch nur immer geschehen möchte, oder könnte machen [...] auch alle dieser Schwängerung halber an mich abgelaßenen Briefe und Versicherung iezo bereits zurückgeben und ausgeliefert, und nicht das geringste zurück behalten, auch mich des übrigen, so desfalls abgeredet und versprochen worden, gemäß bezeigen will“648. Es war sicher kein Zufall, dass diese Eidesableistung kurz vor der ersten Vermählung Herzog Ernst Augusts erfolgte. Vielmehr war Herzog Ernst August darauf bedacht, die Eheschließung mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen nicht zu gefährden und daher im Vorfeld der Eheschließung geordnete Verhältnisse zu schaffen. Dass ein Fürst bereits vor der Ehe Beziehungen unterhielt war nicht unüblich, doch eine öffentliche Demonser „Ehr und Reputation alß ein regierender Reichsfürst“ (Schreiben des Herzogs Eberhard Ludwig vom 18. Juni 1708, HHStAW, Württembergica, Kart. 28, zitiert nach: OSSWALD -BARGENDE 2000, S. 400). 646 Eva Catharina Rückert an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (Abschrift), 6. September 1797, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 146v. 647 MENTZ, Weimarische Staats= und Regentengeschichte, S. 28. 648 Copia Renunciationis, Actum Capellendorff den 12. Oktober 1717 (Abschrift), in: „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 42r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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tration dieser Beziehungen musste für die künftige Fürstin eine Ehrverletzung darstellen. Dies galt umso mehr, wenn es sich bei der Beziehung nicht um eine kurze Affäre, sondern, wie im Fall der Anna Maria Helffer, um eine mehrjährige Beziehung handelte, aus der bereits ein Sohn hervorgegangen war. Demgegenüber zeugte es von Respekt gegenüber Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen, dass sich Herzog Ernst August zu ihr bekannte und die Geliebte aus seinem Umfeld entfernen ließ. Um nicht nur eine örtliche, sondern auch symbolische Distanz herzustellen, musste Anna Maria Helffer einen Eid ableisten. Damit waren zumindest formal geordnete Verhältnisse hergestellt. Gleichzeitig bedeutete dies für Anna Maria Helffer, dass ihr ein bescheidenes Auskommen sicher war. Ihre weibliche Ehre und ihr Ruf waren jedoch beschädigt. Als ledige Mutter war sie der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt. Ähnlich erging es Friederike von Marschall, der Tochter des Kammerjunkers von Marschall. Auch sie wurde nach dem Ende ihrer Beziehung zu Herzog Ernst August materiell versorgt, denn sie erhielt im Jahr 1735 „zu ihrer Dotation auf ihren und ihres einzigen Sohnes Ernst August Friedrichs beßeren Unterhalte das alhier auf der Tiede gelegene und an Uns gebrachte sogenannte Harraßisch:Hauß, nebst einem gantzen Braukoofe, auch Hoff, Scheüne und Ställe, samt den darzu erkaufften, und in der Rheinerts-Gaße vorm Frauenthore gelegenen Richteriz: Garten, [...] geschenket und erb= und eigenthümlich nach der am Ende [...] bemerckten Specification übergeben haben, [...] daß sie vorherbenannte Immobilia als ein wohl aquirirtes Eigenthum nutzen und gebrauchen“649. Doch kam es in der Folge zu Differenzen zwischen Friederike von Marschall und Herzog Ernst August, woraufhin sich dieser 1744 veranlasst sah, „Daß der von Marschall ihre bißher aus Fürstl. Ober-Kammer alljährlich genossene Pension gäntzlich eingezogen werden, iedoch dabey derselben erlaubet seyn solle, das besitzende Hauß, Garten und Acker, die Wiesen ausgenommen, so zurück zu nehmen, binnen vier Wochen zu verkauffen und sich nachhero aus dem Lande zu begeben“650. Der aus der Beziehung zwischen Herzog Ernst August und Friederike von Marschall hervorgegangene Sohn Ernst August Friedrich wurde in die Obhut eines Vormundes gegeben. Damit stellte Ernst August Friedrich keinen Einzelfall dar. Die unehelichen Kinder – zumindest diejenigen, die in den Quellen verzeichnet sind – wurden fast ausnahmslos von ihren Müttern getrennt und in die Obhut eines Vormundes gegeben. Die Erziehung der unehelichen Kinder fernab vom Weimarer Hof bedeutete aber nicht, dass die Kinder keinerlei Kontakte zum Hof oder dem höfischen Umfeld hatten. Dennoch versuchte Herzog Ernst August, die Existenz der Kinder zu verschleiern und geheim zu halten. Doch allein schon die Tatsache, dass den Kindern finanzielle Unterstützung von Seiten des Herzogs gewährt wurde und ihre Unterbringung wie auch Erziehung einen gewissen logis649

Erlass Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar (Abschrift), 24. Mai 1735, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 4r. 650 Pro Memoria der Fürstlichen Oberkammer (Konzept), 16. November 1744, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 12r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

tischen Aufwand erforderten, führte dazu, dass herzogliche Bedienstete und Räte in diese Vorgänge involviert waren und somit auch Kenntnis von der Existenz der Kinder hatten. Exemplarisch hierfür stehen die Schilderungen eines herzoglichen Sekretärs, der in einem Brief an den Amtsschreiber Eisfelder zu Ilmenau schrieb: „Auf Serenissimi gnädigsten Befehl gebe Ich mir die Ehre Eu. Hochedl. etwas en Confidence zu schreiben. Es wird Ihnen vermutlich wohl wissend seÿn, wasmaßen eine gewiße Mademoiselle die Ihnen gar wohl bekandt gewesen zu Nordhausen in den Wehen gestorben, aber doch ein junges Fräulein am Leben zurückgelaßen [...] Nachdem nun S. M. in Regard der Verstorbenen das Kind in ihren Landen und absonderlich bey Eu. Hochedl. (weil Sie wissen daß das Kind da wohl aufgehoben ißt) aufzuziehen, und von Nordhausen durch die Madame Christianin abhohlen und nach Ilmenau bringen laßen wollen, alß habe Eu. Hochedl. hiervon Part geben sollen daß eine Stube und Cammer nebst Zubehör bey Ihnen möge zurecht gemacht werden. [...] Und damit die Carte nicht verrathen wird, so dürfen Eu. Hochedl. der Amme und übrigen Leuten nur wißend machen, als wann jemand von dero Freundschaft verstorben, und das Kind hinterlaßen.“651 Bei dem erwähnten Kind handelt es sich um Ernestine Wilhelmine Münchenthal von Brenn, die 1730 geboren wurde. Der genaue Name ihrer Mutter ist den Quellen nicht zu entnehmen, jedoch findet sich der Hinweis, dass diese „niemahls adelich gewesen“652 sei. Den Äußerungen des Sekretärs zufolge waren sowohl die Beziehung Herzog Ernst Augusts zu dieser „gewißen Mademoiselle“ als auch ihre Schwangerschaft und letztlich ihr Tod am Hofe bekannt. Dennoch erachtete es der Sekretär für notwendig, den Amtsschreiber Eisfelder zur Verschwiegenheit anzuhalten. Zugleich wird deutlich, dass Herzog Ernst August vertrauensvolle Personen aus seinem näheren Umfeld mit der Vormundschaft und Erziehung für seine unehelichen Kinder beauftragte. Der Amtsschreiber Eisfelder erfüllte diese Voraussetzungen offensichtlich, denn in seine Obhut wurde nicht nur Ernestine Wilhelmine von Brenn gegeben, sondern mit Ernst August Friedrich von Brenn ein weiteres uneheliches Kind des Herzogs. Der Sohn Ernst August Friedrich entstammte der Beziehung Herzog Ernst Augusts mit Friederike von Marschall, er trug jedoch in der Folgezeit ebenso wie seine Halbschwester Ernestine Wilhelmine den Namen Münchenthal von Brenn. Mit der Unterbringung der Kinder in der kleinen Stadt Ilmenau waren eine gewisse Anonymität und die nötige Distanz zum Weimarer Hof wie auch zur herzoglichen Familie gewährleistet. Dieses Vorgehen des Herzogs im Hinblick auf seine unehelichen Kinder war keineswegs ungewöhnlich, zumindest wenn man ähnliche Fälle aus anderen (hoch-)adeligen Familien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zum Vergleich heranzieht.653 651 Herzoglicher Sekretär an den Amtsschreiber Eisfelder zu Ilmenau, 15. Februar 1731, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 1r–2r. 652 Pro Memoria des Vormundes Gustav Witsch (Abschrift), 14. Februar 1748, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 38v. 653 HURWICH 2003, S. 726.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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Insbesondere das Schicksal der beiden so genannten Münchenthalischen Kinder ist in den Quellen gut dokumentiert. Abgeschieden vom Weimarer Hof lebten sie in Ilmenau, zunächst in der Familie des Amtsschreibers Eisfelder, seit 1744 in der Vormundschaft des Sekretärs Gustav Witsch. Im Hinblick auf den Unterhalt der Kinder hatte Herzog Ernst August festgelegt, dass „überhaupt der Aufwand auf iedes Kind über 100 rth. Jährlich nicht zu stehen kommen solle“654. Neben dieser bescheidenen finanziellen Ausstattung erhielten die Kinder auch „Jahrmarckts= und heilige Christ=Geschenke“655. Die Zuwendung derartiger Geschenke ist abermals ein Indiz dafür, dass sich Herzog Ernst August den Kindern gegenüber verbunden fühlte. In diesem Kontext lässt sich auch die Maßnahme Herzog Ernst Augusts einordnen, die Münchenthalischen Kinder in „allen galanten Studiis“656 zu unterweisen. Eine derartige Ausbildung wurde in der Regel nur adeligen Kindern zuteil, was ebenfalls dafür spricht, dass die Münchenthalischen Kinder eine Ausnahmestellung innerhalb der unehelichen Kinder Herzog Ernst Augusts einnahmen. Doch die Forderung nach einer standesgemäßen Ausbildung ist das eine, die Bereitstellung der hierfür notwendigen finanziellen Mittel das andere. So mahnte der Vormund der beiden Kinder an: „Serenissimus Dominus Regens gnädigst wollen, daß sothane Kinder zu allen galanten Studiis sollen angehalten werden, worzu es denn jetzo, da selbige immer größer werden und starck heran wachsen, die höchste Zeit ist, so siehet man darzu nicht das wenigste übrig [...] so werden doch verschiedene Bücher und mathematische Instrumenta, [...] angeschaffet werden müßen, welches alles Dinge sind, die stärcker ins Geld laufen [...] der Juncker und die Freulen [= Fräulein], wie es denn in Wahrheit die höchste Zeit, im Tantzen unterrichtet werden, damit sie eine beßere Leibes=stellung bekämen, als sie jetzo an sich haben, so würde der Maitre fragen, woher er bezahlet werde?“657 An dieser Stelle zeigte sich, dass auch bei Herzog Ernst August Anspruch und Wirklichkeit divergierten. Daher erscheint es fragwürdig, ob der Herzog tatsächlich die Absicht hatte, die Münchenthalischen Kinder dem adeligen Stand gemäß erziehen zu lassen. Hierfür hätte es mehr als der hundert Reichstaler, die Herzog Ernst August jährlich für jedes der Kinder zahlte, bedurft. Gegen die Absicht, die Kinder ,adelig‘ erziehen zu lassen, spricht auch die Tatsache, dass die Kinder zum Zeitpunkt der Unterrichtung bereits fünfzehn beziehungsweise vierzehn Jahre alt waren. Damit hatten sie ein Alter erreicht, in dem adelige Kinder die Ausbildung schon weitgehend abgeschlossen hatten. Somit waren die beiden Münchenthalischen Kinder im Vergleich zu adeligen Kindern und nicht zuletzt im Vergleich zu den von Herzog Ernst August ehelich

654 Pro Memoria der Fürstlichen Oberkammer (Konzept), 16. November 1744, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 12v. 655 Ebd., fol. 13r. 656 Pro Memoria des Vormundes Gustav Witsch an die Fürstliche Oberkammer (Abschrift), 9. Oktober 1745, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 18r. 657 Ebd., fol. 18v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

gezeugten Kindern benachteiligt. Immerhin wäre es auch denkbar gewesen, dass er den Münchenthalischen Kindern eine ähnliche Ausbildung hätte zukommen oder sie gemeinsam mit den ehelich gezeugten Kindern hätte unterrichten lassen. Demgegenüber findet sich in den Quellen ein Hinweis, dass die Münchenthalischen Kinder zumindest mit einer weiteren unehelichen Tochter Herzog Ernst Augusts unterrichtet wurden. So schreibt Eva Catharina Rückert davon, dass sie „mit dem Junker und Fräulein von Bron in die Schule geschickt [wurde]“658. Diese Aussage erscheint jedoch zweifelhaft, denn Eva Catharina Rückert wurde nach eigenen Angaben im Jahr 1723 geboren. Damit war sie sieben Jahre älter als Ernestine Wilhelmine Münchenthal von Brenn und sogar acht Jahre älter als Ernst August Friedrich Münchenthal von Brenn. Sollten die drei Kinder tatsächlich gemeinsam unterrichtet worden sein, so kann es sich hierbei nur um einen sehr kurzen Zeitraum gehandelt haben. Letztlich ragen die beiden Münchenthalischen Kinder mit ihrer Ausstattung und Ausbildung im Vergleich zu den übrigen unehelichen Kindern Herzog Ernst Augusts heraus. Beispielsweise wurde der 1714 geborene Ernst Wilhelm Vaterweis in den ersten zwölf Lebensjahren einzig von seinen Großeltern unterstützt. Erst anschließend wurde er im Auftrag Herzog Ernst Augusts in das Waisenhaus von Langendorf bei Weißenfels geschickt. Immerhin besuchte Vaterweis das Gymnasium in Weimar.659 Demgegenüber erhielten die Münchenthalischen Kinder von Beginn an Unterhalt von Herzog Ernst August. Darüber hinaus wurden sie nachweislich in Mathematik und Geometrie und in der Französischen Sprache unterrichtet und erhielten somit eine umfangreiche Ausbildung.660 Offensichtlich wurden bei der Erziehung der Kinder auch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gemacht, obgleich im Rahmen des zeitgenössischen Erziehungsdiskurses eine derartige Unterscheidung diskutiert und befürwortet wurde, da sich auch die künftige Lebensart der Geschlechter unterscheide.661 Ansatzweise stimmte die Erziehung der außerehelichen Kinder sogar mit der Erziehung ehelicher hochadeliger Kinder überein. So wurde Ernst August Friedrich Münchenthal von Brenn sogar gestattet, „nebst andern ritterlichen Exercitiis, auch das Reiten erlernen zu laßen.“662 Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Ausbildung der Münchenthalischen Kinder bei weitem nicht so intensiv war, um mit der Ausbildung gleich658

Eva Catharina Rückert an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (Abschrift), 6. September 1797), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 146v. 659 Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 33v. 660 Ernst August Friedrich Münchenthal von Brenn an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 29. Dezember 1747, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 36. 661 WOLFF 1997, S. 276. 662 Gustav Witsch an Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha (Abschrift), 6. September 1748, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 53r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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altriger hochadeliger Kinder konkurrieren zu können. Die besondere Zuneigung Herzog Ernst Augusts zu den beiden Münchenthalischen Kindern äußerte sich auch in dem Entschluss des Herzogs, den Kindern die Ritterlehngüter Beulbar und Ilmsdorf zu überschreiben. Hierbei wurde allerdings Ernst August Friedrich gegenüber seiner Halbschwester Ernestine Wilhelmine bevorzugt, da er zwei Drittel, seine Schwester ein Drittel des Gutes erhielt.663 An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Geschlechtszugehörigkeit zumindest im Hinblick auf die materielle Versorgung der unehelichen Kinder eine nicht zu vernachlässigende Größe darstellte. Bei aller Fürsorge, die Herzog Ernst August gegenüber den Münchenthalischen Kindern zeigte, persönlichen Umgang mit ihnen pflegte er offensichtlich nicht. Darauf lässt ein Schreiben Ernestine Wilhelmines von Brenn aus dem Jahr 1746 an Herzog Ernst August schließen. Darin heißt es: „Es ist ja nunmehr so lange Zeit, daß ich diese Glückseeligkeit entrathen müßen, und Eu. Hochfürstl. Durchl. als meinen und meines Bruders so gar gnädigen Versorger und Erhalter meine unterthänigste Danck Begierde persönlich nicht an den Tag legen können.“664 Sie bittet daher ihren Vater um ein gemeinsames Treffen, verbunden mit der Hoffnung, „daß Eu. Hochfürstl. Durchlaucht mir diese meine unterthänige Bitte nicht in Ungnaden vermercken werden“665. Der Brief der Tochter deutet darauf hin, dass ein persönlicher Umgang zwischen Herzog Ernst August und seinen Kindern nicht die Regel war. Vielmehr beschränkte sich der Kontakt auf postalischen Verkehr. Dennoch gab es auch Aufeinandertreffen Herzog Ernst Augusts mit seinen unehelichen Kindern. Ein derartiges Vorkommnis zwischen Herzog Ernst Augusts und seinem Sohn Ernst Wilhelm Vaterweis ist von dem Major und Amtshauptmann Johann August von Busch überliefert: „Da ich zurück kam, waren dieselben [= Herzog Ernst August] erzürnet, und befohlen mir, den Vaterweis eine derbe Reproche [= Tadel] zu geben, daß er betrunken geschienen, und um Erlaubniß zu heÿrathen angehalten.“666 Mehr noch als die Tatsache, dass Herzog Ernst August mit seinem Sohn Ernst Wilhelm Vaterweis aufeinander traf, erscheint der Anlass des Treffens aufschlussreich: Die Heiratsabsichten des Sohnes. Ebenso wie Herzog Ernst August über die Erziehung seiner unehelichen Kinder entschied, so bestimmte er auch deren familiäre Zukunft. Im Fall des Ernst Wilhelm Vaterweis bedeutete dies, dass ihm eine Eheschließung untersagt wurde. Vielmehr sollte „er [= Ernst Wilhelm Vaterweis] sich das Heÿrathen vergehen laßen, oder Sie [= Herzog Ernst August] wollten ihre Hand von ihm abziehen, der 663

Urkunde Herzog Ernst Augusts von Sachsen-Weimar, 1. Juli 1747, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 30r–30v. 664 Ernestine Wilhelmine Münchenthal von Brenn an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, 3. November 1746, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 24v. 665 Ebd. 666 Attest des Johann August von Busch, 28. April 1751, in: „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 49v.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

alte Teichmeÿer sollte sich schämen, daß er den Vaterweis seine Tochter aufhangen wolle, indem er doch wüste, wer der Vaterweis seÿ.“667 Somit waren es nicht nur die Prinzen und Prinzessinnen, die einer von dynastischen Interessen geleiteten Heiratspolitik ausgesetzt waren, sondern heiratspolitische Bestrebungen erstreckten sich auch auf die unehelichen Kinder. Obgleich diese offiziell und formal nicht dem Fürstenstand angehörten, so waren sie doch adeliger Abstammung und nahmen damit eine Sonderstellung ein, die gegenüber dem einfachen Volk privilegiert war. Daher galt es aus Sicht Herzog Ernst Augusts zu verhindern, dass diese Privilegien durch eine Eheschließung auf einen erweiterten Personenkreis ausgedehnt wurden. Dementsprechend sprach sich Herzog Ernst August gegen eine Eheschließung seines Sohnes, zumal mit einer Person von niederem Stand, aus. Doch auch durch eine ,standesgemäße‘, adelige Partie hätte sich die Situation nicht wesentlich verändert. Zu schwer wiegend war die Tatsache, dass es sich bei Vaterweis um einen unehelichen Sohn des Herzogs Ernst August handelte, der zudem noch aus einer standesungleichen Beziehung hervorgegangen war. Dabei ist äußerst fraglich, ob sich überhaupt eine adelige Braut für Vaterweis gefunden hätte. Letztlich schrieb Herzog Ernst August an seinen Sohn: „Aus deßen Schreiben habe Ich ersehen, daß es aus der gesuchten Heÿrath dem Ansehen nach nichts werden will, und mag also darbeÿ sein Bewenden haben. Jedoch will ich expresse haben, daß derselbe in dergleichen Sachen auch anderwärts ohne Mein Vorwißen nichts thun“668. Somit konnte Ernst Wilhelm Vaterweis aus seiner Abstammung von Herzog Ernst August nicht nur Vorteile ziehen: Den materiellen wie auch ideellen Zuwendungen standen die Verfügungen des Vaters gegenüber, denen sich Vaterweis bedingungslos unterzuordnen hatte, wollte er nicht das väterliche Wohlwollen und die damit einhergehende finanzielle Unterstützung verlieren. Damit einhergehend stellte Herzog Ernst August strikte Verhaltensregeln für seinen Sohn auf. So sollte sich Vaterweis „im Schreiben aber sowol als in Führung der Processe und beÿ Inquisition sich der Kürze bedienen, und aller Weitlauftigkeit [...] enthalten“669. Demgegenüber rief die Tatsache, dass Ernst Wilhelm Vaterweis von Herzog Ernst August protegiert wurde, auch Neider und Feinde im unmittelbaren sozialen Umfeld des Sohnes wie auch am Hofe hervor. Diesbezüglichen Klagen Ernst Wilhelm Vaterweis` entgegnete der Herzog jedoch: „Was die Klagen wegen der Verfolgung und Feinde anlanget, so ist selbige unnü[t]ze, in dem Mir hiervon nichts bekannt ist, und hat sich Niemand, der das seinige treu redlich und nach Meinen Willen thut, etwas übles zu besorgen, welches ihr dann der Gebühr nach auch zu thun, eures Amts zu warten, und um weiteres nichts zu bekümmern habet.“670 Die Worte des Herzogs Ernst August 667

Ebd., fol. 49v–50r. Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Ernst Wilhelm Vaterweis, 21. November 1741, in: „Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 48r. 669 Ebd., fol. 48v. 670 Ebd. 668

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

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sind nicht nur Ausdruck für Spannungen, die zwischen Herzog Ernst August und seinem unehelichen Sohn Ernst Wilhelm Vaterweis existierten, sondern sie sind auch beispielhaft für den herrschaftlichen und patriarchalischen Anspruch des Herzogs gegenüber seinen Kindern. Am Beispiel des Ernst Wilhelm Vaterweis wird zudem deutlich, dass den unehelichen Kindern – ebenso wie ihren Müttern – der Schutz und das Wohlwollen Herzog Ernst Augusts nur so lange sicher waren, wie sie sich den Bestimmungen des Herzogs unterordneten. Versuchten sie jedoch, sich vom Herzog zu emanzipieren und eigene Entscheidungen zu treffen, kam es sehr schnell zu Konflikten. Somit unterlag das Leben der unehelichen Kinder einer Ambivalenz: Auf der einen Seite waren sie als Kinder des Herzogs privilegiert, was sich in ihrer materiellen Ausstattung und in ihrer Erziehung niederschlug. Auf der anderen Seite waren sie durch die Abhängigkeit von Herzog Ernst August in ihren Handlungsspielräumen eingeschränkt. Diese Ambivalenz prägte das Leben der unehelichen Kinder und deren Selbstverständnis: Sie waren weder zu den gemeinen Untertanen, noch zum fürstlichen Haus zu rechnen. Ihre Lebensbedingungen entsprachen nicht denen des Vaters und der fürstlichen Verwandten, auch wenn ihnen von Seiten des Vaters vorgegeben wurde, sich ihrer väterlichen Abstammung gemäß ,adelig‘ zu verhalten. Letztlich führten die unehelichen Kinder ein Dasein zwischen den Ständen. Die damit verbundene Unsicherheit über den eigenen gesellschaftlichen Status äußerte sich auch im Verhalten der Kinder. An dieser Stelle kann abermals das Beispiel des Ernst Wilhelm Vaterweis herangezogen werden: Sein Anspruch, ein ,standesgemäßes‘ und adeligen Ansprüchen genügendes Leben als Sohn eines Herzogs zu führen, brachte ihn nicht nur an den Rand des finanziellen Ruins, sondern führte auch dazu, dass er weder von adeligen noch von bürgerlichen Standesgenossen anerkannt wurde. In Konsequenz dessen musste er immer wieder seinen Vater um Unterstützung in Form finanzieller Beihilfen und herrschaftlicher Protektion bitten. Offenbar war es nicht nur der fürstliche Vater, der seine Kinder protegierte. Einem Pro Memoria des Ernst Wilhelm Vaterweis aus dem Jahr 1758 ist zu entnehmen, dass sich auch die beiden Prinzessinnen Johanna Charlotte, Schwester Herzog Ernst Augusts und damit Tante des Ernst Wilhelm Vaterweis, und Ernestine Albertine (1722–1769), Tochter Herzog Ernst Augusts aus dessen erster Ehe und damit Halbschwester des Ernst Wilhelm Vaterweis, für ihn eingesetzt hätten. Der Aussage Vaterweis’ zu Folge hätten sich die beiden Prinzessinnen gegenüber Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg um eine Standeserhöhung für Vaterweis bemüht.671 Es darf jedoch bezweifelt werden, ob Mitglieder des fürstlichen Hauses tatsächlich eine Standeserhöhung anstrebten, zumal sich in den Quellen keine Belege hierfür finden lassen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Existenz eines solchen Ansinnens den Widerstand der fürstlichen Verwandten hervorgerufen hätte. Den Verwandten musste eine Standeserhöhung des 671

Pro Memoria des Ernst Wilhelm Vaterweis, 6. Dezember 1758, ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 20r.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

unehelichen Sohnes widerstreben, denn eine Standeserhöhung hätte weitere materielle und herrschaftsrechtliche Ansprüche nach sich gezogen. Doch wie gestaltete sich die Situation der unehelichen Kinder nach dem plötzlichen Tod des Herzogs Ernst August am 19. Januar 1748? Es ist davon auszugehen, dass der Tod des Vaters einen Einschnitt bedeutete, sowohl auf emotionaler Ebene, als auch – und dies wohl noch stärker – auf materieller Ebene. Durch den Tod des Vaters war die Versorgung der außerehelichen Kinder in Frage gestellt. Daher galt es für die Kinder, die eigene Position gegenüber den Erben Herzog Ernst Augusts stark zu machen und die eigenen Interessen durchzusetzen. So war Ernst Wilhelm Vaterweis bemüht, von Herzog Ernst August II. Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach eine finanzielle Abfindung zu erwirken.672 Schließlich erhielt er 14.000 Reichstaler aus der fürstlichen Kammerkasse. Darüber hinaus versuchte er, durch einen Prozess vor dem Reichshofrat noch eine zusätzliche Pension zu erlangen. Diese Forderung konnte Vaterweis allerdings nicht durchsetzen.673 Dennoch bleibt festzuhalten, dass mit dem Tod Herzog Ernst Augusts die Protektion und Unterstützung der unehelichen Kinder nicht endete. Dies wird auch am Beispiel der beiden Münchenthalischen Kinder deutlich. Diese hatten bereits zu Lebzeiten Herzog Ernst Augusts eine besondere Stellung im Vergleich zu den anderen unehelichen Kindern des Herzogs inne. Diese Sonderstellung behielten sie auch nach dem Tod Herzog Ernst Augusts bei. So erhielt der Junker Ernst August Friedrich von Brenn im September 1748 von Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, als Vormund des noch minderjährigen Ernst August II. Constantin, die Erlaubnis, das Reiten zu erlernen. Auch die hierfür notwendigen finanziellen Mittel und die fürstliche Reitbahn wurden zur Verfügung gestellt.674 Somit wurde Ernst August Friedrich von Brenn ein besonderes Privileg zuteil, denn Reitunterricht, zumal noch auf der fürstlichen Reitbahn, war ausschließlich dem Adel vorbehalten. Darüber hinaus wurde nach dem Tod Herzog Ernst Augusts auch der Unterhalt für Ernst August Friedrich von Brenn aufgebessert. Er erhielt jetzt 250 Reichstaler pro Jahr, anstatt der vormaligen 100 Reichstaler.675 Trotz dieser Ausgangsbedingungen war Ernst August Friedrich von Brenn nicht dazu bereit, sein weiteres Leben vom Wohlwollen des Hauses Sachsen-WeimarEisenach und den damit verbundenen Unsicherheiten abhängig zu machen. Er entfernte sich im November 1749, ohne dass der Weimarer Hof Kenntnis davon hatte, aus Weimar und begab sich auf das Territorium des Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau. Dort war es Ernst August Friedrich von Brenn möglich, „mit dem

672

„Pro Memoria in Sachen Vaterweis gg. den Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach“ (Aktentitel) von 1758 (Abschrift), ThHStA Weimar, Fürstenhaus A 1925/23, fol. 34v. 673 MENTZ 1936, S. 27–28. 674 Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha an Gustav Witsch, 9. September 1748, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 54r. 675 Gustav Witsch an Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha, 10. Dezember 1749, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 82r.

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

247

Fürsten von Dessau persönlich zu reden, und er hat die Gnade vor mir gehabt mir beÿ dem hiesigen Regiment unter dem H. Hauptmann von Kelner eine Fahnjunckers Stelle zu geben“676. Wie für zahlreiche andere uneheliche Fürstensöhne stellte das Einschlagen einer militärischen Laufbahn auch für Ernst August Friedrich von Brenn die einzige Möglichkeit dar, um gesellschaftliche Anerkennung und eine materielle Unabhängigkeit vom fürstlichen Vater bzw. dessen Nachfolgern zu erlangen. Die Fürsorge des Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach gegenüber den unehelichen Kindern Herzog Ernst Augusts erstreckte sich jedoch nicht nur auf die unehelichen Söhne. Auch Ernestine Wilhelmine von Brenn erhielt nach dem Tode ihres Vaters finanzielle Unterstützung, obgleich diese nicht so umfangreich wie die Unterstützung für den Halbbruder Ernst August Friedrich war. Ernestine Wilhelmine bekam wie schon zu Lebzeiten ihres Vaters pro Jahr 100 Reichstaler von der fürstlichen Kammerkasse ausgehändigt. Da sich der Finanzbedarf von Ernestine Wilhelmine von Brenn aufgrund ihres Alters erhöht hatte, konnte dieser durch die 100 Reichstaler keineswegs abgedeckt werden. Daher sah sich die junge Frau genötigt, „sich beÿ der verwittibten Hauptmännin von Knobeloch zu Klein=Cromsdorff, gegen 60 Rthl. jährlicher Kost= und Quartier=Gelder, damit sie die übrigen 40 Rthl., zu Bestreitung einiger nothdürfftiger Hauß=Kleidungs=Stücke, emploÿren könnte, in Pension [zu] begeben“677. Außerdem ersuchte Ernestine Wilhelmine von Brenn in der Folgezeit mehrfach Herzog Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1697–1764), dem die Verwaltung des Fürstentums Sachsen-Weimar treuhänderisch für den noch minderjährigen Prinzen Ernst August II. Constantin oblag678, um die Aufstockung ihres Unterhaltes. Herzog Franz Josias war jedoch nicht bereit, ohne weiteres auf die Forderungen von Ernestine Wilhelmine von Brenn einzugehen. Vielmehr beauftragte er am 22. Januar 1752 die weimarischen Räte, „Ihr wollet gedachter von Brenn zugleich bekannt machen laßen, daß dieses ein vor allemahl von Uns verwilliget worden, Sie sich auch alles fernere Nachsuchens ohngeachtet, einer weiteren Bewilligung nicht zu versehen, und damit ihre Einrichtung dergestalt, damit sie mit denen ihr gesezten 100. Rthl. auskommen möge, fürs künfftige zumachen habe“679. Obgleich die Wortwahl des Herzogs Franz Josias deutlich ausfiel und zum Ausdruck brachte, dass er der Unterstützung der unehelichen Kinder des Herzogs Ernst Augusts ablehnend gegenüber stand, war der Herzog in der Folgezeit dennoch zu Zugeständnissen bereit. Er willigte ein, dass die weimarische Kammerkasse in 676 Ernst August Friedrich von Brenn an Gustav Witsch (Abschrift), vom Ende des Jahres 1749 (ohne Monatsangabe), ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 83v. 677 Gustav Witsch an Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha, 24. Januar 1750, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 99r. 678 K RONFELD 1878, S. 398. 679 Erlass des Herzogs Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld an die weimarischen Räte (Abschrift), 22. Januar 1752, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 116r.

248

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

den Jahren 1753 und 1754 einen Teil der Kurkosten, welche die gesundheitlich angeschlagene Ernestine Wilhelmine von Brenn benötigte, übernahm.680 Auch wenn Herzog Franz Josias die finanzielle Unterstützung für Ernestine Wilhelmine von Brenn als „eine Gnaden Gabe“681 bezeichnete, dürfte es sich hierbei nicht um einen Akt der Nächstenliebe gehandelt haben. Vielmehr liegt es nahe, dass die finanzielle Hilfe für die uneheliche Tochter Herzog Ernst Augusts einen Akt fürstbrüderlicher Solidarität gegenüber dem verstorbenen Herzog Ernst August darstellte: Herzog Franz Josias fühlte sich weniger gegenüber Ernestine Wilhelmine von Brenn als vielmehr gegenüber seinem Verwandten und Standesgenossen Herzog Ernst August verpflichtet. Herzog Franz Josias ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die Gesuche der Ernestine Wilhelmine von Brenn missbilligte. So wies er die weimarischen Räte am 9. April 1754 im Zusammenhang mit der Bewilligung der Kurkosten an: „Gleichwie Wir aber solches zum lezten mahl zu verwilligen und besagte von Brenn dessen bedeuten, auch daß sie sich durch ehrliche Arbeit einen erlaubten Erwerb und Zugang verschaffen möge, anweisen zu laßen gemeÿnet sind, also begehren Wir auch cum remissione actorum in Obervormundschafft und Landesadministration Unsers freündlich geliebten Vetters, Herrn Ernst August Constantins [...], Ihr wollet hiernach die weitere Expedition veranstalten.“682 Auch wenn es der Wunsch des Herzogs Franz Josias war, dass Ernestine Wilhelmine von Brenn durch „ehrliche Arbeit“ ihren Unterhalt verdienen sollte, so musste dem Herzog bewusst sein, dass sie als eine von Herzog Ernst August anerkannte Tochter dieser Forderung nicht nachkommen konnte. Denn damit hätte sie eindeutig den sozialen Normen des Adels, die eine derartige Erwerbstätigkeit untersagten, zuwider gehandelt. Demzufolge musste sich auch Ernestine Wilhelmine den durch ihre Herkunft bedingten ambivalenten Lebensverhältnissen stellen. Wie unbefriedigend diese Situation für Ernestine Wilhelmine von Brenn war, ist exemplarisch einem ihrer Briefe an Herzog Franz Josias zu entnehmen: „Eu Hochfürstl. Durchl. statte zwar hiermit den verbindlichsten demüthigsten Dank vor die zu einigen mahlen gnädigst mir accordirten Adjouto=Gelder ab, kan aber dabeÿ in tiefster Erniedrigung nicht verhalten, daß nachdem es gantz unmöglich ist, demjenigen Stande gemäß, worinnen nach Serenissimi Ernesti Augusti p. m. gnädigsten Befehl leben muß, mit dem Ordinario von 100. Rthl. jährlich auszukommen [...]“683. An dieser Stelle wird deutlich, wie 680 Erlasse des Herzogs Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld an die weimarische Kammer vom 6. Dezember 1753 sowie an die weimarischen Räte (Abschrift) vom 9. April 1754, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 128r, 131r. 681 Erlass des Herzogs Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld an die weimarische Kammer (Konzept), 6. Dezember 1753, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 128r. 682 Erlass des Herzogs Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld an die weimarischen Räte (Abschrift), 9. April 1754, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 131r. 683 Ernestine Wilhelmine von Brenn an Herzog Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld, 28. August 1755, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst Au-

4.3 „zu Unsers gesamten Fürstl. Hauses Wohlseÿn“

249

schwierig es für die unehelichen Kinder war, ihren Status als legitime Kinder des Herzogs Ernst August in der sozialen Praxis umzusetzen. Allein der Verweis auf ihre Abstammung genügte nicht. Die Durchsetzung von Ansprüchen ging vielmehr mit umfangreichen Aushandlungsprozessen einher. Das hierbei existierende Ungleichgewicht zwischen den Ansprüchen als Kind eines Fürsten einerseits und der gesellschaftlichen Realität, in der diese Ansprüche nicht oder nur partiell akzeptiert wurden, andererseits, führte nicht selten zu einer Aufgabe dieser Ansprüche. So hatte Ernst August Friedrich von Brenn seine eingeschränkten Lebensbedingungen und die Abhängigkeit vom Weimarer Hof hinter sich gelassen, indem er das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach verließ und in anhaltische Militärdienste eintrat. Des Weiteren heiratete er 1773 die Bürgerliche Beate Helene Bormann, mit der er sieben684 Kinder zeugte. Durch das Verlassen des Herzogtums war es Ernst August Friedrich von Brenn zumindest möglich, eine Familie zu gründen und in dieser Hinsicht ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Auf seinem Weg war er sogar äußerst erfolgreich: Neben seinem Aufstieg zum Major wurde er 1804 sogar in den Reichsfreiherrenstand erhoben.685 Auch Ernestine Wilhelmine von Brenn ging letztlich ihren Weg: Sie heiratete den Kapitänleutnant von Voß und verließ mit diesem das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Bemerkenswert ist dabei, dass das Vorgehen von Ernestine Wilhelmine von Brenn vom Haus Sachsen-Weimar-Eisenach nicht sanktioniert wurde. An dieser Stelle mag die Vermutung nahe liegen, dass die Eheschließung von Ernestine Wilhelmine von Brenn für das Haus Sachsen-Weimar-Eisenach eine willkommene Gelegenheit bot, um die finanzielle Unterstützung für die außereheliche Tochter Herzog Ernst Augusts endgültig einzustellen. Dies trifft aber keineswegs zu, denn den Akten ist zu entnehmen, dass Ernestine Wilhelmine von Voß Zeit ihres Lebens finanzielle Unterstützung von der herzoglichen Familie in Weimar erhielt. Nachweislich war es Herzogin Anna Amalia, die Witwe des Herzogs Ernst August II. Constantin, die in der Zeit ihrer vormundschaftlichen Regierung für den Prinzen Carl August die Familie von Voß unterstützte.686 An dieser Stelle muss betont werden, dass die Versorgung eines unehelichen Kindes eines Fürsten durch die Verwandten des Vaters, zumal wenn dies noch Jahre nach dem Tod des Vaters der Fall war, keine Selbstverständlichkeit darstellte. Im vorliegenden Fall der Münchenthalischen Kinder sah sich das Haus Sachsen-Weimar offensichtlich verpflichtet, ihnen auch nach dem Tod des Herzogs Ernst August Unterstützung zukommen zu lassen. Wohl auch deshalb, weil die Kinder keine Gefahr für die dynastische Ordnung darstellten. Dies trifft auch für die zahlreichen un- und außerehelichen Beziehungen des Herzogs Ernst August insgesamt zu. Sie stellten

gust. Nr. 25, fol. 135r. 684 THIELE 1993, S. 215. 685 Ebd. 686 Johann Georg Meusel an Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, 7. Januar 1773, ThHStA Weimar, Grossherzoglich Sächs. Hausarchiv, Abth. A. XIV. Ernst August. Nr. 25, fol. 141.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

zwar einen Verstoß gegen rechtliche Normen dar, hatten aber keine herrschaftsrechtliche Tragweite. Vielmehr stehen sie für die ausgedehnten Handlungsspielräume hochadeliger Männer und bezeugen das herrschaftlich-patriarchalische Selbstverständnis Herzog Ernst Augusts. Der Herzog und sein Verhalten gerieten dann in die Kritik, wenn der Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar aufgrund der fehlenden legitimen Nachkommenschaft gefährdet war. Auch wenn Ernst Augusts außereheliche Beziehungen ein Ausmaß erreichten, das Kritik hervorrief, so waren es doch die beiden standesgleichen Ehen, an denen sich ernsthafte Konflikte innerhalb des Familienverbands entzündeten. Dabei lag das Konfliktpotential einmal mehr auf den besitz- und herrschaftsrechtlichen Aspekten, die mit den Ehen und Eheverträgen einhergingen, begründet. Bei der ersten Ehe des Herzogs mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen war es insbesondere die im Ehevertrag festgeschriebene Einführung der Primogenitur sowie die Ausstattung der Herzogin, die nicht zuletzt zu Auseinandersetzungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes führten. Anhand der beiden Ehen Ernst Augusts wird zudem deutlich, wie sehr die Verbindlichkeit des Ehevertrages auf der Macht und Durchsetzungskraft der Herkunftsfamilie der Ehefrau beruhte.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen – Die standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit Philippine Elisabeth Cäsar Bei dem abschließenden Fallbeispiel handelt es sich nicht um eine Ehe zwischen standesgleichen Partnern, sondern um eine standesungleiche Ehe zwischen einem nachgeborenen Fürsten und einer Bürgerlichen. Damit dokumentiert die Ehe einerseits einen Bruch mit den am gesellschaftlichen Status orientierten Heiratsregeln eines Hauses, andererseits aber auch den Bruch mit tradiertem Rollenverhalten innerhalb des adeligen Hauses. Zudem blieb die 1713 geschlossene standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar und der sich daran entzündende Konflikt nicht auf das Haus Sachsen-Meiningen und den ernestinischen Familienverband beschränkt. Vielmehr entwickelte sich diese Ehe zu einem Konfliktfall von reichsweiter Bedeutung. Im Folgenden wird den Ursachen für diesen besonderen Konfliktverlauf nachgegangen, und insbesondere der Interaktion des Familienverbandes.

4.4.1 Das familiäre Umfeld Anton Ulrich wurde 1687 als viertes Kind des Herzogs Bernhard von SachsenMeiningen (1649–1706) und dessen Frau Elisabeth Eleonore von Mecklenburg-

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

zwar einen Verstoß gegen rechtliche Normen dar, hatten aber keine herrschaftsrechtliche Tragweite. Vielmehr stehen sie für die ausgedehnten Handlungsspielräume hochadeliger Männer und bezeugen das herrschaftlich-patriarchalische Selbstverständnis Herzog Ernst Augusts. Der Herzog und sein Verhalten gerieten dann in die Kritik, wenn der Fortbestand des Hauses Sachsen-Weimar aufgrund der fehlenden legitimen Nachkommenschaft gefährdet war. Auch wenn Ernst Augusts außereheliche Beziehungen ein Ausmaß erreichten, das Kritik hervorrief, so waren es doch die beiden standesgleichen Ehen, an denen sich ernsthafte Konflikte innerhalb des Familienverbands entzündeten. Dabei lag das Konfliktpotential einmal mehr auf den besitz- und herrschaftsrechtlichen Aspekten, die mit den Ehen und Eheverträgen einhergingen, begründet. Bei der ersten Ehe des Herzogs mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen war es insbesondere die im Ehevertrag festgeschriebene Einführung der Primogenitur sowie die Ausstattung der Herzogin, die nicht zuletzt zu Auseinandersetzungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes führten. Anhand der beiden Ehen Ernst Augusts wird zudem deutlich, wie sehr die Verbindlichkeit des Ehevertrages auf der Macht und Durchsetzungskraft der Herkunftsfamilie der Ehefrau beruhte.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen – Die standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit Philippine Elisabeth Cäsar Bei dem abschließenden Fallbeispiel handelt es sich nicht um eine Ehe zwischen standesgleichen Partnern, sondern um eine standesungleiche Ehe zwischen einem nachgeborenen Fürsten und einer Bürgerlichen. Damit dokumentiert die Ehe einerseits einen Bruch mit den am gesellschaftlichen Status orientierten Heiratsregeln eines Hauses, andererseits aber auch den Bruch mit tradiertem Rollenverhalten innerhalb des adeligen Hauses. Zudem blieb die 1713 geschlossene standesungleiche Ehe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth Cäsar und der sich daran entzündende Konflikt nicht auf das Haus Sachsen-Meiningen und den ernestinischen Familienverband beschränkt. Vielmehr entwickelte sich diese Ehe zu einem Konfliktfall von reichsweiter Bedeutung. Im Folgenden wird den Ursachen für diesen besonderen Konfliktverlauf nachgegangen, und insbesondere der Interaktion des Familienverbandes.

4.4.1 Das familiäre Umfeld Anton Ulrich wurde 1687 als viertes Kind des Herzogs Bernhard von SachsenMeiningen (1649–1706) und dessen Frau Elisabeth Eleonore von Mecklenburg-

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Schwerin (1658–1729), einer gebürtigen Prinzessin aus dem Hause BraunschweigWolfenbüttel, geboren. Für beide Elternteile war es die zweite Eheschließung. Aus Herzog Bernhards erster Ehe waren bereits sieben Kinder hervorgegangen, von denen zum Zeitpunkt der Geburt Anton Ulrichs nur noch vier Prinzen687 am Leben waren. In der zweiten Ehe wurden neben Anton Ulrich noch drei Prinzessinnen und ein Prinz geboren.688 Prinz Anton Ulrich schlug die für einen nachgeborenen Sohn übliche Laufbahn ein: Nachdem er seine Kavalierstour absolviert hatte689, trat er 1708 in pfalzneuburgische Kriegsdienste ein.690 Bereits 1706 hatte der Prinz formal die Nachfolge seines ältesten Bruders Ernst Ludwig als Befehlshaber eines kurpfälzischen Regimentes angetreten. Obgleich Prinz Anton Ulrich die militärische Laufbahn beschritt, hatte er aufgrund des nicht vorhandenen Primogeniturrechts in Sachsen-Meiningen auch Ansprüche auf die Teilhabe an der Herrschaftsausübung im Herzogtum. Zwar hatte sein Vater Bernhard testamentarisch verfügt, dass der Älteste seiner Söhne – also der 1672 geborene Ernst Ludwig I. – nach dem Tode des Vaters das Regiment führen und das an sich schon kleine Herzogtum nicht weiter geteilt werden dürfe. Doch hatte die Herrschaftsausübung gemeinschaftlich mit seinen Brüdern – sofern diese volljährig waren – zu erfolgen.691 Besagter Ernst Ludwig I. versuchte nach dem Tode des Vaters 1706 wiederholt, einen Alleinvertretungsanspruch gegenüber seinen beiden noch lebenden Brüdern Friedrich Wilhelm und Anton Ulrich durchzusetzen. Die Abwesenheit Anton Ulrichs ausnutzend gelang es Ernst Ludwig I. auch, im Jahre 1706 einen entsprechenden Rezess mit seinem Bruder Friedrich Wilhelm abzuschließen.692 Gemäß diesem Rezess, der am 3. Dezember 1707 noch einmal bekräftigt wurde, trat Herzog Friedrich Wilhelm seine Regierungsansprüche an seinen älteren Bruder ab, so „daß letzt höchst besagte Ihro Hochfürstl.n Durchlt und dero Fürstl.n männliche Descendenten solche Regierung [...] als alleinig regierender Landesherr unter solcher Titulatur ohne Ihro Herrn Friedrich Wilhelms Hochfürstl.n Herrn und dero Fürstl.n Descendenten ein oder ohne Widerrede [...] führen“693. Allein in Reichs-, Kreis- und Lehenssachen sowie bei Versetzungen und Verpfändungen

687

Dabei handelte es sich um die Prinzen Ernst Ludwig I. (1672–1724), Bernhard (1673–1694), Friedrich Wilhelm (1679–1746) und Georg Ernst (1680–1699). 688 Die Prinzessinnen Elisabeth Ernestine Antonie (1681–1766), Eleonore Friederike (1683–1739) und Wilhelmine Luise (1686–1753) sowie der Prinz Anton August (1684–1684). 689 Siehe hierzu: „Instruktion für den Kammerrat, Kammerjunker und Hofmeister des Prinzen Anton Ulrich, Johann Anton Kroll von Freÿen. 1705“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 2. 690 HERTEL 1903, S. 218. 691 Testament Herzog Bernhards I. von Sachsen-Meiningen, 12. November 1688, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 1477, fol. 30r. 692 Rezess der Herzöge Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen, 1. Mai 1706, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV F 24. 693 Rezess der Herzöge Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen, 3. Dezember 1707, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV F 24.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

der Landesanteile und Kammergüter behielt sich Herzog Friedrich Wilhelm ein Mitspracherecht vor. Im Hinblick auf den zu diesem Zeitpunkt noch unmündigen Herzog Anton Ulrich und dessen Herrschaftsansprüche wurde in dem Rezess festgelegt, dass Anton Ulrich „nach Herrn Hertzog Ernst Ludwigs Hochfürstl.n Durchl.t der Höchste gebe sehr späten Ableben und Exspirirung dero FürstMännl.n Descendenz, [...] zur völligen und gleichen Concurrenz beÿ der Landes Regierung und allen übrigen hinweder gelangen werden und sollen, da zumahlen nach cessirender Abdication Herrn Friedrich Wilhelms Hochfürstl.n Durchl. hierzu ein freÿer, und von Herrn Hertzog Anton Ulrichs Hochfürstl.n Durchl. nicht zu verlegender Weg geöffnet ist.“694 Damit hatten die beiden älteren Brüder Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm ihren jüngeren Bruder Anton Ulrich de facto aus den Herrschaftsgeschäften verdrängt. Zugleich gelang Herzog Ernst Ludwig I. mit diesem Rezess ein wichtiger Schritt hin zu der von ihm anvisierten Primogenitur. Infolge seiner Abwesenheit aus Sachsen-Meiningen und aufgrund seiner Unmündigkeit war es Herzog Anton Ulrich nicht möglich, zeitnah auf die Beschlüsse seiner Brüder zu reagieren. Erst mit Eintritt der Volljährigkeit 1708 konnte Herzog Anton Ulrich gegen die Entscheidungen seiner beiden älteren Brüder vorgehen. Indem er seine Zustimmung zu dem Rezess verweigerte, dokumentierte Anton Ulrich, dass er den Alleinvertretungsanspruch seines Bruders Ernst Ludwig I. und dessen Primogeniturpläne nicht akzeptierte. Dies wiederum führte zu massiven Spannungen und einer Lagerbildung zwischen den Brüdern: Auf der einen Seite standen die Herzöge Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm, auf der anderen Seite stand Herzog Anton Ulrich. Vor dem Hintergrund dieser äußerst gespannten familiären Situation versuchte Herzog Anton Ulrich vergeblich, sich gegenüber seinem ältesten Bruder durchzusetzen. Dieser war nämlich keineswegs bereit, seinen jüngsten Bruder an den Regierungsgeschäften zu beteiligen. Doch Herzog Anton Ulrich wollte sich nicht mit der ihm zugedachten Rolle eines macht- und einflusslosen nachgeborenen Sohnes, der lediglich in militärischen Diensten Befehlsgewalt ausüben konnte, abfinden. Unterstützung bei seinen Bestrebungen erhielt Herzog Anton Ulrich dabei insbesondere von seiner ältesten Schwester, der Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie. Die Prinzessin unterstützte ihren Bruder nicht nur bei dessen Bemühungen um Herrschaftsteilhabe, sondern sie war auch eine enge Vertraute Herzog Anton Ulrichs. Dies zeigte sich nicht zuletzt daran, dass Elisabeth Ernestine Antonie das Verhältnis ihres Bruders mit ihrem Kammermädchen Philippine Elisabeth Cäsar deckte. Über die Anfänge dieser ungleichen Beziehung zwischen dem Herzog und dem Kammermädchen ist den Quellen nichts zu entnehmen. In einem Brief Herzog Anton Ulrichs an seinen Bruder Ernst Ludwig I. aus dem Jahr 1717 findet sich allerdings der Hinweis, dass das Paar gemeinsam aufgewachsen sei und dass Herzog Anton Ulrich seine spätere Frau „als Kind schon herzlich geliebt

694

Ebd.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

253

[habe]“695. Der Realitätsgehalt dieser Aussage des Herzog ist anzuzweifeln, da es sich hierbei um ein nachträglich verfasstes Schreiben handelt, mit dem der Herzog die später erfolgte Eheschließung zu rechtfertigen versuchte. Philippine Elisabeth selbst wurde im Jahr 1686 geboren696 und war die zweite Tochter des hessischen Hauptmanns David Cäsar (1652–1688) und dessen Frau Dorothea Sophie († 1713).697 Im Zusammenhang mit den späteren Auseinandersetzungen um ihre Ehe wurde Philippine Elisabeth von Seiten der adeligen Verwandtschaft unterstellt, sie entstamme einer „Scharfrichters Familie“698. Dies trifft aber keineswegs zu, denn nicht nur ihr Vater David Cäsar, sondern auch ihr Onkel Gerhart Philipp Cäsar (1657–1715) sowie ihr Großvater hatten als Beamte in Diensten der Landgrafen von Hessen-Kassel gestanden. Bei den Anschuldigungen handelte es sich offenkundig um Verleumdungen von Seiten der ernestinischen Agnaten, die sich nicht mit der standesungleichen Eheschließung Herzog Anton Ulrichs abfinden wollten und daher versuchten, Philippine Elisabeth zu diskreditieren. Da Philippine Elisabeths Vater bereits zwei Jahre nach ihrer Geburt starb, war ihre Mutter mit den beiden Töchtern nahezu auf sich allein gestellt. Unterstützung erfuhr die Familie dabei vom Bruder des verstorbenen Vaters, Gerhart Philipp Cäsar. Philippine Elisabeth schrieb im Jahr 1715, dass der Onkel „uns [= Philippine Elisabeth und ihre Schwester Sophie Charlotte] an Kindes statt angenommen [hatte]“699. Schließlich ging die Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Meiningen und fand dort eine Anstellung am herzoglichen Hof. Auch die ältere Schwester Philippine Elisabeth Cäsars, Sophie Charlotte, trat in herzogliche Dienste ein. Die Schwester heiratete allerdings 1706 den herzoglichen Kapellmeister Georg Caspar Schürmann (1673–1751) und zog kurz darauf mit diesem und der Mutter nach Wolfenbüttel.700 Philippine selbst blieb in Meiningen zurück und diente sich am dortigen Hof von der Waschküche über die Nähstube zum Kammermädchen der Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie empor.701 Die Tatsache, dass Philippine Elisabeth 1706 nicht mit ihrer Familie nach Wolfenbüttel zog, deutet auf ein zu dieser Zeit bereits bestehendes Verhältnis mit Herzog Anton Ulrich hin. Zudem erscheint es nahe liegend, dass Philippine Elisabeth ihre Anstellung am Meinin-

695

Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen, 20. August 1717, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 696 Bei POSSE wird – mit Verweis auf das Kasseler Garnisonskirchenbuch – als Geburtsdatum der 6. März 1686 angegeben. Siehe: POSSE 1994, S. 78 (Tafel 16). 697 EELKING 1869, S. 175–204, hier S. 176; BRÜCKNER 1875, S. 493–496, hier S. 494. 698 Georg Caspar Schürmann an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 20. April 1747, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 65. 699 Philippine Elisabeth Cäsar an Elisabeth Cäsar, 30. April 1715, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 700 EMMRICH 1834, S. 209–242, hier S. 212. Schürmann stand in Diensten des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. In den Jahren 1702–1706 gastierte er als Kapellmeister am Hof Herzog Bernhards von Sachsen-Meiningen, ab 1707 war er offiziell Kapellmeister am Wolfenbütteler Hof. Siehe: EITNER 1891, Bd. 33, S. 94. 701 EMMRICH 1834, S. 212.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

ger Hof und das damit verbundene – wenn auch bescheidene – Einkommen nicht zugunsten einer unsicheren Zukunft in Wolfenbüttel aufgeben wollte. Konkrete Hinweise auf die Beziehung zwischen dem Herzog und dem Kammermädchen sind erst für das Jahr 1711 greifbar. Als im Dezember 1711 Karl VI. in Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt wurde, reisten sowohl Herzog Anton Ulrich als auch seine Schwester Elisabeth Ernestine Antonie nach Frankfurt.702 Auf expliziten Wunsch Herzog Anton Ulrichs hin wurde Elisabeth Ernestine Antonie von ihrer Kammermagd Philippine Elisabeth begleitet.703 Aus Frankfurt zurück kehrte zunächst einzig Elisabeth Ernestine Antonie, was im Hause Sachsen-Meiningen und am Meininger Hof gewiss für Erstaunen gesorgt haben wird. Über die tatsächliche Reaktion der herzoglichen Familie, als Elisabeth Ernestine Antonie ohne ihr Kammermädchen Philippine Elisabeth aus Frankfurt zurückkehrte – und infolgedessen ein neues Kammermädchen engagiert werden musste – ist den Quellen allerdings nichts zu entnehmen. Ebenso wenig ist über die Reaktion der herzoglichen Familie bekannt, als Herzog Anton Ulrich nach seiner 1712 erfolgten Rückkehr nach Meiningen704 den dortigen Hof wenig später wieder verließ und im Frühjahr 1713 ein Quartier in Amsterdam bezog705. Es kann davon ausgegangen werden, dass die herzogliche Familie, der das Verhältnis zwischen Anton Ulrich und Philippine Elisabeth nicht entgangen sein konnte, schon wusste, weshalb man Philippine Elisabeth noch Jahre lang – so in den Büchern angegeben – für Dienste besoldete, die sie nicht mehr verrichtete. Noch bis Trinitatis 1713706 (sic!) wurde Philippine Elisabeth als „Kammer Mädgen“707 der Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie in den Kammerrechnungen geführt und erhielt als solches jährlich fünfzehn Reichstaler aus der herzoglichen Kasse.708 Zu dieser Zeit hielt sich Philippine Elisabeth aber längst nicht mehr am Meininger Hof, sondern in Amsterdam auf, und sie hatte bereits am 1. August 1712 in Herzberg709 eine Tochter namens Philippine Antoinette zur Welt gebracht.710

702

EMMRICH 1834, S. 135–156, hier S. 137–138. Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 11. Oktober 1711, BayStA Bamberg, G 35 II, Nr. 313, FA 0185–06. 704 Herzog Anton Ulrich hielt sich im Mai 1712 nachweislich in Meiningen auf, denn einem Brief Herzog Friedrich Wilhelms von Sachsen-Meiningen vom 3. Mai 1712 an den Bruder Ernst Ludwig I. ist zu entnehmen: „Bruder Anton Ulrich und ich haben zweÿ mahl auf den Alten [= Altenstein?] gegeßen, er komt alle Mittag aber abends nicht, bin auch mit Ihm und den Schwestern zu Henneberg geweßen, aller Oertens eine schöne Gegend angetroffen [...].“ (ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV O 6) 705 Philippine Elisabeth Cäsar an Gerhart Philipp Cäsar, 31. Mai 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 706 Trinitatis, also der erste Sonntag nach dem Pfingstfest, fiel im Jahr 1713 auf den 11. Juni. 707 ThStA Meiningen, Altes Rechnungsarchiv, Abt. I, Kammerrechnungen 1713, fol. 65v. 708 Ebd. 709 Hierbei dürfte es sich um die Stadt Herzberg am Harz, auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Niedersachsen, handeln. 710 „Notizen der Philippine Cäsar“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV AA 1. 703

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Aufgrund der Tatsache, dass das erste Kind von Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar im August 1712 geboren wurde, mutmaßte im 19. Jahrhundert der Meininger Hofrat und Chronist Georg Brückner (1800–1881), dass die Eheschließung Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar im Jahr 1711 erfolgt sei.711 In Anlehnung an Brückner taucht diese Jahresangabe bis heute mehrfach in der Sekundärliteratur auf 712, doch handelt es sich hierbei um eine Falschangabe. In den archivalischen Quellen selbst werden verschiedene Jahresangaben genannt. In den „Notizen der Philippine Cäsar“, die als Abschrift ihrer Tochter Philippine Elisabeth aus dem Jahr 1765 überliefert sind, wird das Jahr der Eheschließung mit 1709 angegeben.713 Auch in einem Entwurf für ein Pro Memoria Herzog Anton Ulrichs vom 20. November 1717 ist davon die Rede, dass die Vermählung „schon vor 8 Jahren [demnach im Jahr 1709] würcklich vollzogen [wurde]“714. Ebenso äußerte Herzog Anton Ulrich in einem Schreiben an Kaiser Karl VI. vom 31. März 1718, dass die Eheschließung „vor ungefehr 9 Jahren“715 – also ebenfalls im Jahr 1709 – stattgefunden habe. Im Gegensatz dazu schrieb Philippine Elisabeth Cäsar am 31. Mai 1714 – und damit relativ zeitnah – an ihren Onkel Gerhart Philipp Cäsar: „So hat mein Herr [...] sich entschlossen [...] sich mit mir hirher zu retiriren, und in der Stille trauen zu lassen; welches letzterer auch gleich nach unserer Anherkunfft, d. 15 May 1713, würcklich geschehen ist.“716 Auch Georg Caspar Schürmann, der Schwager Philippine Elisabeth Cäsars, hält im Hinblick auf das Datum der Eheschließung das Jahr 1713 fest. Auf eine im Jahr 1747 erfolgte Anfrage von Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, die sich bei Schürmann nach dem Hochzeitsdatum erkundigte, antwortete dieser: „Daß sie anno 1713 copuliret weiß ich, habe aber ohngeacht ich alle meine Briefe durchgesucht nicht finden können an welchem Orte sie copuliret worden ich vermuthe aber zu Hildesheim oder nicht weit davon auf der Reise nach Holland.“717 Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Trauung des Paares tatsächlich am 15. Mai 1713 erfolgte. Eine serielle Quelle, die das genaue Datum der Eheschließung belegt, war allerdings nicht auffindbar. Da das Jahr 1709 ebenfalls mehrfach als Jahr der Eheschließung in den Quellen genannt wird, ist

711

„Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. Brückner arbeitete an einer Biographie über den Herzog Anton Ulrich, die jedoch nicht publiziert wurde. Siehe hierzu: GERMANN 1903, Bd. 47, S. 282. 712 So bei EELKING 1869, S. 175; LOENING 1899, S. 20; KÜHN 1968, S. 16. 713 Notizen der Philippine Cäsar, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV AA 1. 714 Pro Memoria Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen (Konzept), 20. November 1717, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 715 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Kaiser Karl VI., 31. März 1718, zitiert nach: SIKORA 2004, S. 47. 716 Philippine Elisabeth Cäsar an Gerhart Philipp Cäsar, 31. Mai 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 717 Georg Caspar Schürmann an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 20. April 1747, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 65.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

es denkbar, dass in diesem Jahr ein heimliches Eheversprechen, nicht aber die priesterliche Trauung erfolgte. Für diese Annahme spricht eine Äußerung Herzog Anton Ulrichs aus dem Jahr 1717, mit der er darauf hinweist, dass bereits das gegenseitige Einverständnis der Ehepartner die Ehe begründe und die priesterliche Kopulation dieses Einverständnis nur bekräftigen würde.718 Mit dieser Auffassung entsprach Herzog Anton Ulrich zugleich einem sich im 18. Jahrhundert zunehmend durchsetzenden Eheverständnis, bei dem die priesterliche Trauung an Bedeutung verlor.719 Die priesterliche Trauung im Fall Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars erfolgte offensichtlich nicht im Jahr 1709, sondern erst im Mai des Jahres 1713. Bei allen Unsicherheiten im Hinblick auf die Datierung der Eheschließung kann zumindest als gesichert gelten, dass die Eheschließung außerhalb des Herzogtums Sachsen-Meiningen und ohne Kenntnis der herzoglichen Familie stattfand. Am Meininger Hof wurde noch zu Beginn des Jahres 1713 davon ausgegangen, dass Herzog Anton Ulrich unvermählt war. Offenbar hielt es die Meininger Verwandtschaft für unwahrscheinlich, dass sich Herzog Anton Ulrich über die bestehenden Normen hinwegsetzen und ohne Einwilligung der Mutter heiraten würde, zumal es sich bei der potentiellen Braut um eine Bürgerliche handelte. Diese Annahme fand in der Realität aber keine Bestätigung, da Herzog Anton Ulrich bereits geheiratet und damit letztlich sowohl gegen religiöse Normen, welche die Zustimmung der Eltern zur Eheschließung bedingten720, als auch gegen die häuslichen Normen, gemäß denen ungleiche Ehen untersagt wurden, verstoßen hatte.

4.4.2 Von der „lieson secrete“ zum Konfliktfall Im Frühjahr 1713 drangen zunehmend Gerüchte nach Meiningen vor, in denen von einer Eheschließung Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar die Rede war. Die herzogliche Familie versuchte daher, sich Klarheit über die Lebensverhältnisse Herzog Anton Ulrichs zu verschaffen. Unterstützung hierbei erhofften sich der älteste Bruder Ernst Ludwig I. sowie die Mutter Elisabeth Eleonore von Elisabeth Ernestine Antonie. Mit den Nachfragen des Bruders und der Mutter konfrontiert schrieb Elisabeth Ernestine Antonie am 21. Mai 1713 an ihren Bruder Anton Ulrich: „Je ne sais plus que repondre Mr Le duc mon frere, ma fait venir plussieurs fois et meme encore mardi passe pour me parler sur votre sujet, [...] mais je sais bien que je suis ruinée pour jamais dans L’esprit de mama que j’ai tant de raison de menager si elle apprend que j’ai [...] conaissance de

718

Beschwerdeschrift Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen, vermutlich aus dem Jahr 1717, zitiert nach: SIKORA 2004, S. 47. 719 DIETERICH 1970, S. 188–189. 720 Ebd., S. 193–201.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

257

vos secrets“721. Demnach zeigten sich die Mitglieder des Hauses Sachsen-Meiningen, und insbesondere die Mutter Anton Ulrichs, zunehmend besorgt über die Vorgänge in Amsterdam. Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie berichtete diesbezüglich ihrem Bruder Anton Ulrich im Juni 1713, dass „S. A. M. [= Son Altesse Madame] notre mere en est devenue un peu plus transquille bien qu’elle ne parle d’autres choses que de votre reputation qui pourroit suffrir“722. Offensichtlich fürchtete die Mutter Konsequenzen einer Heirat Herzog Anton Ulrichs mit der vormaligen Hofbediensteten Philippine Elisabeth, da eine standesungleiche Ehe aus Sicht der Mutter die Reputation Herzog Anton Ulrichs und damit auch den Ruf des Hauses Sachsen-Meiningen gefährdete. Die Mutter forderte daher die unverzügliche Rückkehr ihres Sohnes Anton Ulrich nach Meiningen. Dieser schrieb daraufhin seiner Mutter: „Nunmehro aber da aus Euer Gnaden sehr scharfen Schreiben, zwahr in tiefster Ergebenheit, dannoch nicht sonder grosse Bestürzung, und innerster Bewegung wahrnehme, dass Euer Gnaden, ungeacht dero beharrlichen Wohlwollens vor mich, meine in diese Lande gethane Reisse mir dannoch zum ungnädigsten aufnehmen, solche einer ungleichen Ursache zuschreiben, und mir beÿ Dero Ungnaden befehlen wollen eiligste zurückzukehren, wie folglich ich, beÿ Unterlassung Euer Gnaden höchst gepriesene Huld, von mir abgewand zu seÿn besorgen muß.“723 Dennoch war Herzog Anton Ulrich nicht dazu bereit, dem Wunsch seiner Mutter zu entsprechen und nach Meiningen zurückzukehren. Auch behielt er es sich vor, seine Mutter sowie seine Brüder über seine Lebensverhältnisse im Unklaren zu belassen. Lediglich die Schwester und Vertraute des Herzogs, Elisabeth Ernestine Antonie, war eingehender über die Umstände des Aufenthaltes ihres Bruders in Amsterdam informiert. Auch wenn Herzog Anton Ulrich um Geheimhaltung bemüht war, so musste ihm bewusst sein, dass er seine Lebensverhältnisse nicht dauerhaft verbergen konnte. Zu viele Gerüchte über seine Eheschließung mit Philippine Elisabeth Cäsar waren bereits nach Meiningen vorgedrungen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass im Juni 1713 schließlich die Besoldung für Philippine Eli-

721

Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 21. Mai 1713, ThStA Meiningen, GA Meiningen XV T 14. Übersetzung: „Ich weiß nicht mehr was ich dem Herrn Herzog meinem Bruder antworten soll, er hat mich mehrere Male kommen lassen und sogar noch letzten Dienstag um mit mir über eure Angelegenheit zu sprechen [...] aber ich weiß wohl, dass ich in den Augen der Mutter für immer ruiniert sein werde, dass ich vielen Grund habe wegzuziehen, wenn sie erfährt, dass ich Kenntnis von euren Geheimnisse habe.“ Offensichtlich hatte Elisabeth Ernestine Antonie einen Kenntnisstand, der den der übrigen Familie übertraf; ob sie auch über Anton Ulrichs Eheschließung informiert war, lässt sich anhand der Quellen nicht eindeutig nachweisen. 722 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 6. Juni 1713, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 14. Übersetzung: „Seine Hoheit unsere Mutter hat sich ein wenig beruhigt, obwohl sie über nichts anderes redet als euren Ruf, der Schaden nehmen könnte.“ 723 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzogin Elisabeth Eleonore von SachsenMeiningen (Briefkonzept), 21. Juni 1713, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

sabeth Cäsar als Kammermädchen eingestellt wurde.724 Dieses Vorgehen könnte ein Indiz dafür sein, dass Herzog Ernst Ludwig I. als regierender Herzog zu dieser Zeit Kenntnis von der Eheschließung seines jüngsten Bruders erlangte. Zugleich würde es verdeutlichen, dass Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar mit ihrer Eheschließung die Grenzen des Akzeptablen überschritten hatten. Herzog Ernst Ludwig I. als regierender Herzog und Oberhaupt des Hauses tolerierte zwar ein Verhältnis zwischen Herzog Anton Ulrich und der Bürgerlichen Philippine Elisabeth, nicht aber eine ungleiche Ehe. Augenscheinlich erfuhr das Verhältnis Herzog Ernst Ludwigs I. zu seinem jüngsten Bruder Mitte des Jahres 1713 eine neue Qualität: Von Meininger Seite wurde nun massiv versucht, Herzog Anton Ulrich zu einer Rückkehr nach Meiningen zu bewegen, um die entstandenen Unstimmigkeiten zu klären. Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie schrieb im Juli 1713 an ihren Bruder Anton Ulrich: „J’ai eté tellement etourdie et alarmée de votre lettre par on vous me marqués le peu d’envie que vous avez de suivre les conseils solutaires que L’on vous a donné de tenir votre lieson secrete, et de revenir au moins en quelques semaines au logis pour satisfaire notre mere que vous mettres par toutes ces demarches au tombeau, et pour fermer la bouche au gens;“725. Da im Brief Elisabeth Ernestine Antonies nach wie vor lediglich von einer „lieson secrete“ die Rede ist, bestand am Meininger Hof demnach noch Unsicherheit über den tatsächlichen Status der Beziehung zwischen Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar. Zudem klingt in dem Brief bereits an, dass Herzog Anton Ulrich sich nicht nur unter moralischen und normativen Aspekten mit seiner Verwandtschaft in Meiningen auseinandersetzen musste. Vielmehr waren es ökonomische Aspekte, die Herzog Anton Ulrich dazu zwangen, gegenüber der Verwandtschaft in Meiningen Klarheit über seine Lebensverhältnisse zu schaffen. Schließlich reichte die Herzog Anton Ulrich zugestandene Apanage kaum aus, um für sich und seine Familie zu sorgen. Herzog Anton Ulrich schrieb daher an seine Schwester Elisabeth Ernestine Antonie: „il ne M’auroit étè possible de surmonter les Chagrine qu’on me fait, d’eviter les Pieges qu’on ma d raisse de vivre en Famille, avec si peu d’Argent dans un Paix fort cher [...]“726. Die finanzielle Lage Herzog Anton Ulrichs verschärfte sich noch zusätzlich, da seine Frau Philippine Elisabeth 1713 erneut schwanger war und somit der Unterhaltsbedarf 724

ThStA Meiningen, Altes Rechnungsarchiv, Abt. I, Kammerrechnungen 1713, fol. 65v. Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 2. Juli 1713, GA Mein XV T 14. Übersetzung: „Ich war dermaßen verwirrt und alarmiert durch euren Brief, mit dem ihr mir das geringe Verlangen zu verstehen gegeben habt, den heilsamen Ratschlägen zu folgen, die man euch gegeben hat, eure Liaison geheim zu halten, und wenigstens ein paar Wochen nach Hause zurückzukehren, um unsere Mutter zu beruhigen, die ihr durch diese Vorgänge ins Grab bringen werdet, und um den Leuten den Mund zu stopfen.“ 726 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Elisabeth Ernestine Antonie von SachsenMeiningen (Briefkonzept), 13. August 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. Übersetzung: „Es wäre mir unmöglich gewesen, den Kummer zu überwinden, den man mir bereitet, die Hindernisse zu umgehen, die man mir aufgestellt hat, als Familie zusammen zu leben, mit so wenig Geld in einem so teuren Land.“ 725

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

259

weiter anstieg.727 Vor diesem Hintergrund sah sich Herzog Anton Ulrich offenbar genötigt, den Spekulationen um seine Ehe ein Ende zu bereiten und seine Verwandtschaft in Meiningen zu informieren. Nachweislich wusste man am Meininger Hof seit Herbst 1713 über die Eheschließung Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar Bescheid. In einem Brief an seinen ältesten Bruder Ernst Ludwig I. vom 19. Oktober 1713 schrieb Herzog Anton Ulrich, „dass meine S. [= Schwester] und sonst niemand weis, dass meine Gemahlin von Wolfenbüttel abgelanget“728 Die Tatsache, dass Herzog Anton Ulrich in diesem Brief von seiner „Gemahlin“ spricht, zeigt, dass Herzog Ernst Ludwig I. zu diesem Zeitpunkt über die Eheschließung informiert war. Offenbar versuchte Herzog Anton Ulrich seinem Bruder zu verdeutlichen, dass nur wenige Personen über die Vorgänge in Amsterdam Kenntnis hatten und demzufolge das Ansehen des Hauses Sachsen-Meiningen nicht gefährdet war. Doch entgegen der Bekundungen Herzog Anton Ulrichs wurde nicht nur dessen Eheschließung mit Philippine Elisabeth Cäsar sehr schnell publik, sondern auch die Lebensumstände der beiden in Amsterdam. Dies verdeutlicht eine Äußerung Philippine Elisabeths vom 31. Mai 1714, als sie in einem Brief an ihren Onkel Gerhart Philipp Cäsar diesen über die Umstände ihrer Eheschließung informierte und ihm „in aller Kürze dasjenige [mitteilte], was demselben disfalls schon zu Augen und Ohren kommen“729. Da es sich bei Gerhart Philipp Cäsar um einen Geheimsekretär des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel (1654–1730) handelte, ist zu vermuten, dass der Informationsfluss nicht nur über die innerfamiliären Kanäle der Familie Cäsar stattfand, sondern auch im Rahmen der höfischen Kommunikation. Philippine Elisabeth schilderte ihrem Onkel die Vorgänge folgendermaßen: „Seitdem wir unsere Zeit immer in Furcht und Hoffnung zubracht=wassen meines Herrn Anverwante, und sonderlich dessen Frau Mutter erstlich zu prepariren waren, und da solche nunmehr den ganzen Handel erfahren, gegen meines Herrn Intention und Christen=Pflicht, unser Ehe=Verbundnis vor jedermann cachiren, und weil dieses bereits ziemlich ruchbahr worden, die Copulation gerne vor ungültig erkennen wollten;“730 Die Argumentation zielt auf die Legitimität der ungleichen Ehe ab. Zugleich wird das Verhalten der hochadeligen Verwandtschaft kritisiert, denn nunmehr war es nicht Herzog Anton Ulrich, der die Ehe vor der Verwandtschaft geheim hielt, sondern die hochadelige Verwandtschaft versuchte die ungleiche Ehe vor den Standesgenossen zu verbergen. Dieses Verhalten des hochadeligen Hauses dokumentiert wiederum den hohen Legitimationsdruck, unter dem es – wie auch der Hochadel insgesamt – stand. Während sich die hochadelige Verwandtschaft in Meiningen noch damit arrangieren konnte, dass 727

Am 10. September 1713 wurde die Tochter Philippine Elisabeth geboren. Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen (Briefkonzept), 19. Oktober 1713, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 729 Philippine Elisabeth Cäsar an Gerhart Philipp Cäsar, 31. Mai 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 730 Ebd. 728

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Herzog Anton Ulrich eine „lieson secrete“ mit Philippine Elisabeth Cäsar unterhielt, stellte die ungleiche Ehe nunmehr einen entscheidenden Verstoß gegen die ernestinischen Hausgesetze dar. Es stand zu befürchten, dass eine Bürgerliche an der fürstlichen Ehre, dem Namen und den damit verbundenen Herrschafts- und Erbrechten partizipieren könnte. Ebenso schwer wiegend war die Tatsache, dass sich Herzog Anton Ulrich ohne elterliches Einverständnis vermählt hatte. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, warum Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar überhaupt geheiratet haben. Für frühneuzeitliche Zeitgenossen wie Bernhard von Hellfeld erschien es offensichtlich, dass der Herzog „durch die Heftigkeit seiner Leidenschaft irre geführt [wurde]“731 und deshalb die „Grenzen der Klugheit“732 überschritt. Es ist durchaus nahe liegend, dass emotionale Aspekte eine gewichtige Rolle bei der Eheschließung gespielt haben. Die Heirat jedoch einzig auf Attribute wie Leidenschaft und körperliche Zuneigung zu reduzieren, greift eindeutig zu kurz. Zu offensichtlich sind die rechtlichen und materiellen Aspekte, die im Kontext der Eheschließung eine Rolle spielten. Herzog Anton Ulrich strebte mit der Eheschließung nicht nur eine rechtliche Fixierung seiner ungleichen Beziehung an, sondern auch eine Verbesserung seiner materiellen Lebensumstände. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Ehe für ihn ein wesentliches Argument darstellte, um eine Erhöhung seiner Apanage zu fordern. Es darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass Herzog Anton Ulrich als nachgeborener und jüngster Sohn des Hauses Sachsen-Meiningen höchstwahrscheinlich unvermählt geblieben wäre. Die Beschaffenheit des Landes und die desolate Situation der meiningischen Kammerkasse ließen es nicht zu, dass alle Söhne standesgemäß heirateten und damit verbunden einen eigenen Hofstaat unterhielten. Noch weniger war daran zu denken, dass jeder Sohn über ein eigenes Herrschaftsgebiet verfügen konnte. So gab es für Anton Ulrich als jüngsten Sohn des Hauses keine heiratspolitischen Bestrebungen, vielmehr wurde von ihm erwartet, dass er sein Auskommen in militärischen Diensten suchte. Die Eheschließung war daher eine bewusste Provokation gegenüber dem Oberhaupt des Hauses Sachsen-Meiningen, dem älteren Bruder Ernst Ludwig I., da weder eine dynastische Notwendigkeit für eine Ehe Herzog Anton Ulrichs bestand, noch die ökonomischen Voraussetzungen hierfür gegeben waren. Allein schon aus diesem Grund musste Herzog Anton Ulrich damit rechnen, dass seine Ehe den Widerstand der adeligen Familie hervorrufen würde. Dessen ungeachtet hatte er sich heimlich mit Philippine Elisabeth Cäsar vermählt und damit sowohl rechtliche Normen als auch soziale Konventionen überschritten. Dabei hatte sich der Herzog bewusst für eine vollgültige Eheschließung und gegen alternative Formen des Zusammenlebens der Geschlechter, wie ein Konkubinat oder eine morganatische Ehe, entschieden. Hinzu kam noch die bürgerliche Herkunft seiner Braut, die letztlich dazu führte, dass der sich an der Ehe entzündende Konflikt nicht nur zu einem Machtkonflikt innerhalb des ernestinischen Familienverbandes entwickel731 732

HELLFELD 1790, Bd. 3, S. 240. Ebd.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

261

te, sondern auch zu einem Konflikt, der weit über das Haus Sachsen-Meiningen hinausreichte. Auch wenn der Entschluss des Herzogs einen Bruch mit den hochadeligen Heiratsregeln darstellte, war es kein Bruch mit dem adeligen Normensystem insgesamt. Mit der Eheschließung erhob Herzog Anton Ulrich den Anspruch, Philippine Elisabeth Cäsar an seinem privilegierten Status teilhaben zu lassen.733 Dies brachte der Herzog auch in seinem am 15. Mai 1714 verfassten Testament zum Ausdruck. Hier betonte er explizit, dass „die Familie dem Gatten in Würde und Rechten folgt, den durch s. rechtmäßige Vermählung sei seine Ehe eine legitime (u keine morganatische) und seine bereits erzeugten Töchter seien legitime Kinder“734. Außerdem bestimmte er in seinem Testament, dass seine beiden Töchter die im herzoglichen Hause festgelegte Mitgift in Höhe von 12.000 Reichstalern erhalten sollten. Die Vormundschaftsfrage regelte Anton Ulrich dahingehend, dass er neben seiner Frau Philippine Elisabeth „die Landgrafen von Hessen 3) die Staaten von Holland u Westfriesland 4) die Landstände von Meiningen“735 als Obervormünder einsetzte. Es war in der Frühen Neuzeit nicht ungewöhnlich, dass mit der Obervormundschaft nicht nur Personen, sondern auch Institutionen betraut wurden.736 Die Tatsache, dass Herzog Anton Ulrich die Landgrafen von Hessen als Obervormünder seiner Kinder benannte, deutet zum einen darauf hin, dass der Konflikt um die ungleiche Ehe zu diesem Zeitpunkt noch auf das Haus Sachsen-Meiningen und die verwandten ernestinischen Häuser begrenzt war. Zum anderen wird auch an dieser Stelle deutlich, dass sich Herzog Anton Ulrich mit seiner Ehe keineswegs von seinen Standesgenossen abgrenzen wollte. Vielmehr erscheint es für ihn selbstverständlich, dass auch seine aus standesungleicher Ehe hervorgegangenen Kinder am hochadeligen Status partizipieren. Die Absichten Herzog Anton Ulrichs, für seine Familie Rechtssicherheit und damit zugleich eine Versorgungsgrundlage zu schaffen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Herzog Ernst Ludwig I. als regierender Herzog war nicht bereit, die Apanage Herzog Anton Ulrichs aufzubessern. An dieser Stelle konnte auch die Schwester Elisabeth Ernestine Antonie ihrem Bruder und dessen Familie nur bedingt helfen, da sie – obgleich dem Bruder wohl gesonnen – sich seit November 1713 in Gandersheim aufhielt. Daher konnte sie nur indirekt an den Vorgängen in Meiningen teilhaben und kaum Einfluss auf den ältesten Bruder Ernst Ludwig I. nehmen. Ebenso scheiterten die Bemühungen Herzog Anton Ulrichs, durch die 733

SIKORA 2003, S. 248–265, hier S. 251. „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 735 Ebd. 736 Vergleichbares gilt für die Übernahme von Patenschaften. Exemplarisch sei an dieser Stelle auf Prinzessin Luise Hollandine von der Pfalz (1622–1709) verwiesen, zu deren Paten die holländischen Generalstaaten zählten. Die Patenschaft fand im Zweitnamen der Prinzessin („Hollandine“) ihren Niederschlag. Gleiches trifft auf Charles Belgique Hollande de la Trémoïlle (1655–1709), den Sohn des Herzogs Henri-Charles de la Trémoïlle und dessen Frau Emilie, einer geborenen Prinzessin von Hessen-Kassel, zu. 734

262

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Vermittlung des Meininger Hofpredigers Johann Adam Krebs737 (1663–1726) den Bruder und die Mutter zu einem Einlenken zu bewegen. Philippine Elisabeth Cäsar hielt in einem Schreiben an ihren Onkel Gerhart Philipp Cäsar fest: „Er [= Herzog Anton Ulrich] [hat] gleichfalls dem Hoffprediger befohlen, seiner Frau Mutter und Seinem Herrn Bruder in das Gewissen zu reden, der Meinung wann dieses nichts fruchten sollte, auf eine andere Art unseren Zustand gewiß aller Weld bekannt zu machen;“738 Demzufolge versuchte Herzog Anton Ulrich seine Angehörigen in Meiningen zu einem Meinungsumschwung zu bewegen, indem er mit einer Bekanntmachung seiner Lebensumstände in der höfischen Öffentlichkeit drohte. In diesem Fall wäre ein Prestigeverlust für das Haus SachsenMeiningen nicht nur durch die ungleiche Ehe hervorgerufen worden, sondern auch durch die Tatsache, dass Herzog Anton Ulrich in Amsterdam – unter Mitwissen seiner Angehörigen – ein Leben jenseits ständischer Konventionen führte. Doch auf eine derartige Erpressung ließ sich Herzog Ernst Ludwig I. nicht ein. An dieser Stelle bahnte sich der schon seit dem Tod des Vaters latent existierende Herrschaftskonflikt zwischen den beiden Brüdern erneut seinen Weg und drohte nunmehr zu eskalieren. Neben dem Konflikt zwischen den Brüdern Ernst Ludwig I. und Anton Ulrich kam es nun auch verstärkt zu einem Konflikt zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner Mutter, der verwitweten Herzogin Elisabeth Eleonore. Diese teilte ihrem Sohn im Mai 1714 mit, dass „sie [...] sich nicht mehr in seine Händel mischen [werde]“739. Die Ehe ihres Sohnes mit der Bürgerlichen Philippine Elisabeth bezeichnete sie als „Unglück“740. Ihr einziger Trost sei die Unterstützung von Seiten ihres Bruders August Wilhelm.741 Die Tatsache, dass nunmehr auch Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1662–1731) erwähnt wird, lässt darauf schließen, dass die ungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs nicht nur innerhalb des ernestinischen Familienverbandes sondern auch in der Herkunftsfamilie von Anton Ulrichs Mutter Eleonore Elisabeth zunehmend thematisiert wurde. Damit wurde die Absicht der Meininger Verwandtschaft, die Ehe geheim zu halten, letztlich ad absurdum geführt. Da von Seiten des regierenden Herzogs Ernst Ludwig I. und von Seiten der Herzogin Elisabeth Eleonore keinerlei Zugeständnisse gemacht wurden, waren 737

Johann Adam Krebs war seit 1684 als Erzieher der Prinzen Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm am Meininger Hof tätig. Im Jahr 1706 wurde er Hofprediger, 1722 sogar Oberhofprediger. Siehe: SCHENK 1862, S. 88. 738 Philippine Elisabeth Cäsar an Gerhart Philipp Cäsar, 31. Mai 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 739 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 3. Mai 1714, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 740 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 20. Mai 1714, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 741 Ebd.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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David Cäsar (1652–1688)

Gerhart Philipp Cäsar (1657–1715)

Dorothea Sophie († 1713)

Elisabeth

Sophie Charlotte 1706 Georg Caspar Schürmann (1672/73–1751)

Philippine Elisabeth (1686–1744) 1713 Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (1687–1763)

Abb. 7: Familie Cäsar/Schürmann

Herzog Anton Ulrich und seine Frau Philippine Elisabeth verstärkt auf die Unterstützung von Anton Ulrichs Schwester Elisabeth Ernestine Antonie und auf Hilfe von Seiten der Verwandtschaft Philippine Ernestines angewiesen. So wandte sich Philippine Elisabeth im Oktober 1714 an ihren Onkel Gerhart Philipp Cäsar und dankte diesem dafür, dass er „allezeit gute Gedancken vor mich geheget, und gerne alles nach Möglichkeit zu meinem Wohlseÿn beÿtragen wollen“.742 Zudem bedankte sich Philippine Elisabeth für „die grosse Mühe, so derselbe, um eine gute Amme und Magd auszumachen, wie wohl vergeblich angewand“743. Daher bat sie ihren Onkel, „weilen es doch mit der Amme und Magd jetzt nicht angehet, das jenige Mägdgen, so beÿ meiner Schwester anderthalb Jahr gewesen, dahin zu bereden, damit sie sich entschliessen zu kommendes Kirch-Jahr, da wan es Gott gefällt, das Kind entwehnen will, mit einen meines Herrn Leüthe herein zu reissen [...] anbeÿ aber denselben höchlich um Vergebung bitten muß, daß noch mehr Ungelegenheit ver ursache“744. Der Brief gibt somit Aufschluss über die materielle und immaterielle Hilfe, die Herzog Anton Ulrich und seine Frau Philippine Elisabeth durch die Familie Cäsar erfuhren. Dieser Brief erscheint aber auch unter weiteren Gesichtspunkten äußerst aufschlussreich: So wird nicht zuletzt ein Einblick in das familiäre Netzwerk der Familie Cäsar/Schürmann und die Bedeutung dieses Netzwerkes für Herzog Anton Ulrich und dessen Frau 742

Philippine Elisabeth Cäsar an Gerhart Philipp Cäsar, 21. Oktober 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 743 Ebd. 744 Ebd.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Philippine Elisabeth gegeben. Dabei wird insbesondere die zentrale Rolle des Gerhart Philipp Cäsar deutlich: Er war die Schnittstelle zwischen den beiden Cäsar-Schwestern und trug einen großen Anteil bei der Unterstützung seiner Nichte Philippine Elisabeth in Amsterdam. Dies mag nicht nur auf ein enges, von Zuneigung geprägtes Verhältnis zwischen Onkel und Nichte zurückzuführen sein, sondern auch darauf, dass Gerhart Philipp Cäsar als Geheimen Sekretär am Hof des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel die – wenn auch verhältnismäßig bescheidenen – logistischen und finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung standen, um eine derartige Hilfeleistung zu erbringen. Zudem wird anhand dieses Briefes deutlich, dass die Ehe zwischen Herzog und Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar für die Familie der Ehefrau – im Gegensatz zum Familienverband des Ehemannes – keinen Konfliktfall darstellte. Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass die Eheschließung insbesondere im Hinblick auf die Reputation ungleich stärkere Auswirkungen auf einen hochadeligen als auf einen bürgerlichen Familienverband hatte. Daran anknüpfend ermöglichen die Äußerungen Philippine Elisabeths Rückschlüsse auf die Interdependenzen zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppierungen, dem hochadeligen Haus auf der einen und dem bürgerlichen Haus auf der anderen Seite. Es stellt sich die Frage, wo die Familie Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars zu verorten ist. Im Hinblick auf die Lebensverhältnisse sowie die Interaktion mit dem bürgerlichen Familienverband der Cäsars fällt es schwer, die Familie Anton Ulrichs und Philippine Elisabeths von einer ‚bürgerlichen‘ Familie zu unterscheiden. Nicht zuletzt die materiellen Lebensumstände von Herzog Anton Ulrich und seiner Familie führten dazu, dass nicht Distinktion, sondern pragmatische Kooperation das Verhältnis zur Familie seiner Frau kennzeichnete. Demgegenüber stehen die Bemühungen des Herzogs um die Anerkennung seiner Frau und seiner Kinder als Mitglieder des hochadeligen Hauses. Herzog Anton Ulrich war keineswegs bereit, auf seinen adeligen Status zu verzichten. Das vermeintlich bürgerliche Leben des Herzogs und seiner Familie in Amsterdam war den materiellen Umständen geschuldet und dokumentierte keine Abkehr von der sozialen Hierarchie. Vielmehr steht Herzog Anton Ulrich exemplarisch für die Vielfalt adeliger Lebenspraxis der Vormoderne zum Ausdruck. Doch ist der Brief Philippine Elisabeths an ihren Onkel noch im Hinblick auf einen weiteren Aspekt interessant: Dem Aspekt der innerehelichen Geschlechterverhältnisse. Dabei spiegelt die von Philippine Elisabeth gebrauchte Bezeichnung „mein Herr“ für ihren Ehemann Anton Ulrich weniger das für die Frühe Neuzeit typische asymmetrische Machtverhältnis der Geschlechter, als vielmehr die unterschiedliche soziale Herkunft der Ehegatten. Philippine Elisabeth sieht sich nicht nur als Ehefrau der eheherrlichen Gewalt ihres Mannes unterstellt, sondern auch in ihrer Position als vormalige herzogliche Bedienstete ihrem Mann Anton Ulrich in seiner Position als Dienst- und Landesherr. Im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Herzog Anton Ulrichs Familie und der Familie Cäsar gestaltete sich das Verhältnis zu den Verwandten in Meiningen zunehmend schwieriger und Konflikt beladener. Daran änderten auch die Rechtfer-

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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tigungsversuche Herzog Anton Ulrichs nichts. Dieser schrieb im Oktober 1714 an seine Mutter Elisabeth Eleonore: „dass nehmlich mein Wandel [...] allein Gottes Ehre, Wahrheit, und der armen Meinigen gerechte Sache zum Grunde hat auch daher mit irgendeinen weldlichen Praejuditio oder Absehen übereinstimmen kann, Euer Gnaden keinesweges beleidigen, noch von Deroselben und anderen vor unrecht erkant, viel weniger begehret worden mögen, dass gegen göttliche und natürliche Rechte die meinigen jedermanns Discretion überlassen, sie wie unehrlich tractiren [...] und wieder besseres wissen eine Sache vor der Weld cachiren sollte, die vor Gott billig, vor anderen gut geheissen und bereits allerorten ruchbahr ist [...] beÿ einer längeren Verhehlung, mehr Ärgerniß, Unglück, Verdruß, und der meinigen völligen Ruin nach sich ziehen dörffte.“745 Herzog Anton Ulrich versuchte, dem ihn angelasteten Normenverstoß unter Bezugnahme auf göttliches Recht zu legitimieren. Noch deutlicher sind die Worte Herzog Anton Ulrichs in einem Brief vom 25. Dezember 1714. Darin äußerte er sich dahingehend, „dass die Stände, nicht ungleiche Heyrathen zu vermeiden, sondern der geist- und weldlichen Regiments halber von Gott eingesetzt sind“746. Damit wird explizit ein Sachverhalt benannt, der doch für die frühneuzeitliche Gesellschaft von zentraler Bedeutung war: Die ständische Zugehörigkeit entschied über die individuellen Handlungsmöglichkeiten. Insbesondere für den Hochadel bedeutete dies, dass eine Eheschließung eben keine individuell-private, sondern eine öffentliche Angelegenheit war und demzufolge auch am gesellschaftlichen Status orientierten, sozialen Konventionen unterlag. Doch gerade gegen diese Konventionen wandte sich Herzog Anton Ulrich und forderte Souveränität für sein Handeln ein. Auch ließ er nichts unversucht, um sich gegenüber seiner Mutter wie auch seinem ältesten Bruder, die wiederum auf diesen Normen beharrten, durchzusetzen. Hier baute Herzog Anton Ulrich auf die Unterstützung seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie. Dabei griff er auch ihr gegenüber auf pathetische Formulierungen zurück, um sein Handeln zu rechtfertigen. Exemplarisch hierfür steht der folgende, allerdings undatierte Brief des Herzogs, in dem er darauf verweist, dass er „weder den Kaÿser noch Groß Herrn Vatter noch andere Bekrahmungen scheue und lieber Ehre und Leben, Gut, und Bluth in die Schanze schlagen will, als meine nunmehro mir angetraute liebste Gemahlin, mit ein kaum entwehnten Kinde, krank, grob schwanger, sonder bekante, ja sonder einen einzigen tüchtigen Mentschen, ohne gnugsame Mittel in der Fremde, in einen teurem Lande, und unter recht boßhaftigen Leuthen allein hülfloß zu lassen, vornemlich da nicht ohne gute Ursach besorgen muß, dass weil zu Hausse man schon hinter das meiste gekommen, ich wan dismahl mich überzeugen lasse, wohl ins künftige auf allzeit werde meiner liebsten Gemahlin, und armen Kinder Gegenwart entbehren, auch 745

Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzogin Elisabeth Eleonore von SachsenMeiningen (Briefkonzept), 23. Oktober 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 746 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzogin Elisabeth Eleonore von SachsenMeiningen (Briefkonzept), 25. Dezember 1714, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

sie der Meinigen harten Discretion unterwerffen schon müssen zu geschweigen meiner Gemahlin, meiner Kinder, ja meiner eigenen Wohlfahrt, und guter Leymunth darvon beruhet, dass einmahl jederman Kund werde, dass keine Metraisse, und Pastarden, sondern eine rechtmässige Gemahlin, und legitime Kinder in der Welt gehabt“747. Indem Herzog Anton Ulrich auf diese pathetischen Formulierungen zurückgriff und seine Situation wie auch die seiner Familie derart überzeichnete, versuchte er mögliche Vorwürfe seiner Schwester bereits im Vorfeld zu entkräften. Zugleich deutet die plakative und emotionale Argumentation des Herzogs darauf hin, dass er der Unterstützung seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie dringend bedurfte. Auffallend ist dabei, dass Herzog Anton Ulrich ausschließlich seine Schwester Elisabeth Ernestine Antonie, nicht aber seine beiden anderen Schwestern, Eleonore Friederike und Wilhelmine Luise, um Unterstützung bat. Sicher war die Äbtissin aufgrund ihrer sozialen Stellung die geeignetste und einflussreichste Ansprechpartnerin unter den drei Schwestern. Doch dürfte hier auch die Verbundenheit zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner ältesten Schwester eine wesentliche Rolle gespielt haben. Die enge Beziehung des Herzogs zu seiner Schwester lässt sich sowohl anhand der Dichte als auch anhand des Inhalts des umfangreichen Briefwechsels zwischen den beiden Geschwistern belegen. Für die intensive und emotionale geschwisterliche Bindung spricht darüber hinaus die Tatsache, dass es sich bei den von Elisabeth Ernestine Antonie an ihren Bruder übersandten Präsenten um sehr persönliche und individuelle Dinge handelte.748 So schickte sie Herzog Anton Ulrich beispielsweise „ethliche frische Mettwürste [...] weil ich weiß, dass Sie [= Anton Ulrich] dieselben gerne essen mögen, und kann ich von Ihrer Güte repondiren, weil sie in meiner Küche selbst gemacht worden“749. Im Gegensatz zu dem engen Verhältnis zwischen Elisabeth Ernestine Antonie und Anton Ulrich war das Verhältnis und der Kontakt Herzog Anton Ulrichs zu sei747

Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Elisabeth Ernestine Antonie von SachsenMeiningen (Briefkonzept), undatiert, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 748 Zur Bedeutung des Gabentausches im Allgemeinen siehe: A LGAZI 2003, S. 9–28. Ebenso ist auf Ebba SEVERIDT zu verweisen, die zwischen Gaben und Geschenken unterscheidet. Gaben ordnet sie dem Bereich der loseren Verwandtschaftsbeziehungen zu und führt dies auf eine repräsentative Funktion zurück, die zugleich auf Gegenseitigkeit beruhte. Demgegenüber sieht SEVERIDT Geschenke als Ausdruck eines intimeren Verhältnisses, dass von Einseitigkeit und Zweckfreiheit geprägt ist. Siehe: SEVERIDT 1998, S. 148–149. Diese Unterscheidung ist im Hinblick auf die von mir untersuchten Fallbeispiele nicht gerechtfertigt, da auch innerhalb der engeren Verwandtschaft mit dem Schenken ein Austausch initiiert und intendiert wird, obgleich sich dieser Austausch nicht nur auf die materielle Ebene bezieht. 749 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 15. Februar 1754, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 11, fol. 174. Analog zu der hier deutlich werdenden Emotionalität im Rahmen des Schwester-Bruder-Verhältnisses kann der Befund von Anke HUFSCHMIDT zu den Geschwistern von Saldern herangezogen werden. So bewahrte Ilse von Saldern (1539–1607) in ihrem Wohnsitz zwei Oberbetten ihres jüngsten Bruders Hildebrand auf, die in einem Inventar mit der Bemerkung versehen wurden: „darauf Hildebrand von Saldern pflegte zu liegen“ (HUFSCHMIDT 2004b, S. 139).

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Abb. 8: Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (Kupferstich von Johann Martin Bernigeroth, 1760)

nen beiden anderen Schwestern weniger intensiv. Bei Eleonore Friederike dürfte neben der Tatsache, dass sie bereits 1708 als Kanonissin im Stift Gandersheim untergebracht wurde, ihre psychische Indisposition eine Rolle gespielt haben.750 Bei Wilhelmine Luise war es vermutlich die geographische Entfernung, denn die 750

Dem Testament der Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen vom 8. Februar 1729 ist bezüglich des psychischen Zustandes ihrer Tochter Eleonore Friederike zu entnehmen: „Unserer Prinzeßin Tochter Eleonoren Friedericen Zustand dergestalt annoch beschaffen, daß sie ihr selbsten nicht wohl vorzustehen vermag, weshalber Wir auch bewogen worden, ihre Jubelen, Silberwerck, Pretiosa und andere Sachen, zu verkauffen, ingleichen Deroselben Handgelder, und diejenigen dreissig Thaler, welche Sie als Chanoinesse erhält, selbsten in Unserer Verwahrung zu nehmen, und zu administrieren [...]“ (ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV R 1). Als Bevollmächtigte für die Tochter setzte die Herzogin Elisabeth Eleonore ihre beiden Brüder, die Herzöge August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel und Rudolf von Braunschweig-Blankenburg, ein.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Prinzessin ging siebzehnjährig die Ehe mit Herzog Karl von Württemberg-Bernstadt (1682–1745) ein und zog mit diesem nach Schlesien. Die Kommunikation zwischen Herzog Anton Ulrich und Wilhelmine Luise erfolgte ausnahmslos auf postalischem Weg, während Herzog Anton Ulrich seine Schwestern in Gandersheim auch persönlich kontaktierte. Zudem ermöglichte es die Stellung Elisabeth Ernestine Antonies als Äbtissin und Reichsfürstin, dass sie weitgehend eigenständig von der übrigen Familie agieren konnte und über die notwendige materielle Basis verfügte, um ihren Bruder unterstützen zu können.751 Die geschwisterliche Solidarität zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie ist jedoch nicht nur auf emotionale Motive zurückzuführen, sondern auch durch beiderseitige materielle Interessen bedingt. Bei Herzog Anton Ulrich waren es seine Ansprüche auf Herrschaftsteilhabe, die er insbesondere gegenüber dem regierenden Herzog Ernst Ludwig I. geltend zu machen versuchte. Und dies umso mehr, da Herzog Ernst Ludwig I. am 18. Juni 1715 in einem Erlass die Einführung der Primogenitur im Herzogtum SachsenMeiningen bestimmte.752 Aber auch Elisabeth Ernestine Antonie versuchte, Ansprüche gegenüber dem ältesten Bruder durchzusetzen. In ihrem Fall ging es um die Beibehaltung ihrer Handgeldzahlungen, die von Herzog Ernst Ludwig I. eingestellt wurden, nachdem Elisabeth Ernestine Antonie 1713 das Amt der Äbtissin von Gandersheim übernommen hatte.753 Vor diesem Hintergrund bildeten Herzog Anton Ulrich und Elisabeth Ernestine Antonie eine Interessengemeinschaft, und versuchten sich gegenseitig bei der Durchsetzung ihrer Forderungen zu unterstützen. So berichtete die Äbtissin an ihren Bruder Anton Ulrich im September 1716, dass „ihr ältester Bruder der Herzog berücksichtige sehr wenig ihr Interesse, ihr Kummer darüber habe sie krank gemacht“754. Wenige Wochen später schrieb sie erneut an Anton Ulrich, dass „Ihr ältester Bruder [...] ihr Kummer [mache], [...] nur er sei ihr Trost“755. Im Gegenzug war Elisabeth Ernestine Antonie bemüht, die Lage ihres Bruders Anton Ulrich und dessen Familie zu verbessern. In diesem Zusammenhang beabsichtigte sie, ein Gut für den Bruder zu kaufen und ihm dasselbe „aus Liebe für ihn“756 zu übertragen. Auch an dieser Stelle tritt die 751 Zu den Handlungsspielräumen von Äbtissinnen als Reichsfürstinnen siehe: KÜPPERS-BRAUN 2002, S. 221–238. Siehe auch: SCHMITT 2004, S. 187–202. 752 Erlass Herzog Ernst Ludwigs I. von Sachsen-Meiningen vom 18. Juni 1725 (Abschrift), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 4. 753 Zum Verlauf des Konfliktes um die Auszahlung der Handgelder siehe: „Tagebuch Herzog Anton Ulrich zu Sachsen Meiningen 1722“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 54, S. 13–15. 754 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 19. September 1716, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 755 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 24. November 1716, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 756 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, Oktober 1715, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (ins-

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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hohe emotionale Intensität des Geschwisterverhältnisses zu Tage, wobei die von Elisabeth Ernestine Antonie angesprochene „Liebe“ als Ausdruck einer starken emotionalen Zuneigung zu verstehen ist, die aber rein platonischer Natur war. Entgegen der Haltung der Äbtissin war die Mutter Elisabeth Eleonore keineswegs dazu bereit, sich mit der ungleichen Ehe ihres Sohnes Anton Ulrich abzufinden. Vielmehr schrieb sie Herzog Anton Ulrich in einem Brief vom 3. August 1715, dass er die „Creatur“, womit sie Philippine Elisabeth meinte, „niemals als Madame bezeichnen soll“757. Ebenso seien seine Kinder nicht als Fräulein zu betiteln. Zum Aufenthalt der „Creatur und ihrer Brut“758 beabsichtigte Herzogin Elisabeth Eleonore, ihr Gut Sinnershausen an Anton Ulrich abzutreten, doch den jährlichen Zinsabwurf des Gutes wollte die Herzogin für sich verbrauchen.759 Damit waren verbal und materiell die Grenzen abgesteckt. Es erstaunt kaum, dass sich Herzog Anton Ulrich mit diesen Konditionen nicht zufrieden gab. Er lehnte diesen wie auch den alternativen Vorschlag der Mutter, ein Gut in Schlesien zu erwerben, entschieden ab. Als Begründung führte Herzog Anton Ulrich gegenüber seiner Mutter an, dass „der Auffendhalt in Schlesigen auch, woselbst die Herzogin von Bernstad [= Wilhelmine Luise von Sachsen-Meiningen], vermuthlich Noth leidet, vieler Ursachen halber, unmöglich scheinet“760. Die Entscheidung Herzog Anton Ulrichs dürfte nicht allein der Tatsache, dass die Lebensbedingungen in Schlesien äußerst schlecht waren, geschuldet sein. Vielmehr war es nach wie vor Anton Ulrichs Absicht, Philippine Elisabeth als rechtmäßige Ehefrau und die gemeinsamen Kinder als rechtmäßige Nachkommen anerkennen zu lassen. Dies wird auch in mehreren Schreiben an den Hofprediger Krebs deutlich. In einem dieser Briefe äußerte Herzog Anton Ulrich, dass „man noch immer mich mit guter Manier nach Teutschland zu ziehen [versucht], und dahin zu vermögen, dass meine Gemahlin und Kinder aller Remonstrationibus ohngeacht, an einen bequemen Ort in Teutschland bringen und meinen Zustand geheim halten soll. Weil aber hirzu mit gutem Gewissen mich nimmer verstehen kann: Als muß [...] Geduld haben und die Sache Gott befehlen“761. Tatsächlich aber versuchte Herzog Anton Ulrich, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten auszuschöpfen, um sein Ziel zu erreichen. Hierzu zählte auch, dass sich der Herzog bei den Bemühungen um die Anerkennung seiner Ehe und auf der Suche nach Unterstützung keineswegs nur auf Verwandte beschränkte. Ebenso wie er den Hofprediger Johann Adam Krebs für seine Zwecke einspannte, bes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 3. August 1715, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 758 Ebd. 759 Ebd. 760 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzogin Elisabeth Eleonore von SachsenMeiningen (Briefkonzept), 27. März 1716, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 761 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an den Hofprediger Krebs, 25. November [1715], ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 757

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

versuchte er auch den Baron Johann Christoph von Wolzogen (1676–1734)762, der Präsident sämtlicher Landeskollegien des Herzogtums Sachsen-Meiningen und seit 1702 auch kaiserlicher Reichshofrat war, für sich zu gewinnen.763 Nicht zuletzt von der Intervention des Barons von Wolzogen am Meininger Hof versprach sich Herzog Anton Ulrich eine Verbesserung seiner Situation, da von Wolzogen sowohl ein enges Verhältnis zu Anton Ulrich als auch zum regierenden Herzog Ernst Ludwig I. hatte. Der Baron sollte Herzog Anton Ulrich helfen, den vormals von ihm ausgeübten Posten des Befehlshabers über das kurpfälzische Regiment, das dem Hause Sachsen-Meiningen zugeteilt war, zurückzuerlangen. Es erscheint ausgeschlossen, dass Herzog Anton Ulrich tatsächlich beabsichtigte, in aktive militärische Dienste zurückzukehren. Vielmehr stellte dieser Posten ein Statussymbol und zugleich eine Einnahmequelle dar, die Herzog Anton Ulrich für sich zu beanspruchen suchte. Was auch immer die Absicht des Herzogs war: Die Bemühungen um den Regimentsposten führten unausweichlich zu weiteren Differenzen innerhalb des Hauses, da der Posten nach Herzog Anton Ulrichs Ausscheiden aus dem militärischen Dienst formell an den ältesten Sohn Herzog Ernst Ludwigs I., Prinz Joseph Bernhard (1706–1724), übergegangen war. Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen um Herrschaft und Prestige war der Konflikt um die ungleiche Ehe als solches von untergeordneter Bedeutung, was allerdings nicht bedeutete, dass dieser Konflikt an Intensität verlor. Indem Herzog Anton Ulrich mit dem Baron von Wolzogen und dem Hofprediger Krebs herzogliche Bedienstete in seine Angelegenheiten einbezog, deutete sich nämlich an, was sich in späteren Jahren noch potenzieren sollte: Die ungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar war keineswegs nur ein familiärer Konfliktfall, sondern erreichte Dimensionen, die weit über das herzogliche Haus Sachsen-Meiningen und den Meininger Hof hinausreichten. Zugleich wurde auch deutlich, dass die Ehe und die sich daran entzündenden Differenzen untrennbar mit herrschaftsrechtlichen Auseinandersetzungen verwoben waren.

4.4.3 Mehr als eine „brüderliche Deference“ Es dürften verschiedene Gründe gewesen sein, die Herzog Anton Ulrich um 1716 bewogen haben, gegenüber den Meininger Verwandten und insbesondere gegenüber Herzog Ernst Ludwig I. in die Offensive zu gehen und seine Forderungen nach Anerkennung seiner Ehe sowie nach Herrschaftsteilhabe zu bekräftigen: Die Gerüchte über die ungleiche Ehe und die Lebensverhältnisse Anton Ulrichs in Amsterdam waren in Meiningen und darüber hinaus nicht mehr einzudämmen. Zudem befand sich Herzog Anton Ulrich finanziell am Rande des Ruins. Aber auch die Tatsache, dass am 14. Dezember 1716 mit Bernhard Ernst 762

Zur Person von Wolzogens siehe: SCHENK 1862, S. 182–183. Diesbezügliche Schreiben Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen finden sich unter anderem im Aktenbestand ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21.

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4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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der erste Sohn Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeths geboren wurde, dürfte hierbei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Mit Bernhard Ernst existierte nunmehr ein potentieller Herzog, der aus Sicht Herzog Anton Ulrichs Ansprüche auf die Herrschaftsbeteiligung und die Erbfolge hatte. Dies zum Ausgangspunkt nehmend, intensivierte Herzog Anton Ulrich seine Bemühungen um Anerkennung seiner Ehe. Im Jahr 1717 hatten sich die Fronten zwischen den beiden Brüdern Ernst Ludwig I. und Anton Ulrich allerdings derart verhärtet, dass eine Lösung des brüderlichen Interessenkonfliktes in weite Ferne gerückt war. Vor diesem Hintergrund nahm Herzogin Elisabeth Eleonore nunmehr eine ambivalente Rolle ein: Einerseits verurteilte sie nach wie vor die standesungleiche Ehe ihres Sohnes Anton Ulrich und stimmte hierbei auch mit ihrem Stiefsohn Ernst Ludwig I. überein. Andererseits versuchte Herzogin Elisabeth Eleonore, ihren leiblichen Sohn Anton Ulrich zumindest materiell zu unterstützen. Dabei sollte nicht unterschätzt werden, dass das Handeln der Herzogin auch von einem starken Abhängigkeitsverhältnis gegenüber ihrem Stiefsohn Ernst Ludwig I. geprägt wurde: Als ältester Sohn und de facto allein regierender Herzog war er es, der die materielle Versorgung der Herzogin-Witwe, ihren Witwensitz und Unterhalt, garantierte. Zwar waren diese Aspekte durch den Ehevertrag der Herzogin mit dem verstorbenen Herzog Bernhard geregelt, allerdings bedeutete dies nicht, dass diesen Regelungen in der Realität auch entsprochen werden musste. Unter diesem Gesichtspunkt war Herzogin Elisabeth Eleonore auf Herzog Ernst Ludwig I. angewiesen. Ein Sachverhalt, der – gepaart mit Standesdenken und Distinktion – einem Einlenken der Herzogin gegenüber ihrem leiblichen Sohn Anton Ulrich und dessen Familie entgegen stand. Dennoch war die Herzogin bemüht, die Situation ihres Sohnes zu verbessern. So wandte sich Herzogin Elisabeth Eleonore an Kurfürst Karl III. Philipp von der Pfalz (1661–1742), damit dieser ihrem Sohn Anton Ulrich ein Regiment beschaffen oder ein Gouvernement übertragen solle.764 Dabei war sich auch Herzogin Elisabeth Eleonore der Tatsache bewusst, dass es schwierig sein würde, derartige Absichten in die Realität umzusetzen, zumal auf dem europäischen Kontinent gerade Frieden herrschte und die militärischen Dienste Herzog Anton Ulrichs nicht benötigt wurden. Die Herzogin musste jedoch zur Kenntnis nehmen, dass Kurfürst Karl III. Philipp nicht bereit war, Herzogin Elisabeth Eleonore und damit auch Herzog Anton Ulrich einen Gefallen zu leisten. „Der Kurfürst v. d. Pfalz will nichts von den alten Schulden wissen“765, teilte die Herzogin daraufhin ihrem Sohn Anton Ulrich mit.

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Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 8. Februar 1717, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 765 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 6. März 1717, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Auf den ersten Blick erscheint es widersprüchlich, dass sich Herzogin Elisabeth Eleonore einerseits entschieden gegen ihren Sohn wandte, anderseits diesen und damit auch dessen Familie unterstützte. Dabei dürfte es keineswegs ,Mutterliebe‘ gewesen sein, die dieses ambivalente Verhalten bedingte; vielmehr ist das Verhalten der Herzogin den Standeskonventionen geschuldet. Diese Normen geboten es, gegen den unstandesgemäßen Lebenswandel eines Standesmitgliedes vorzugehen. Und nichts anderes hatten die Bemühungen der Herzogin zum Ziel: Indem sie Herzog Anton Ulrich unterstützte, wollte sie verhindern, dass er weiterhin ein unkonventionelles Dasein in Amsterdam führte. Vor diesem Hintergrund zeigte sich Herzogin Elisabeth Eleonore kompromissbereit gegenüber den Forderungen ihres Sohnes. Demgegenüber erwies sich der regierende Herzog Ernst Ludwig I. als unnachgiebig. Ebenso wie Herzog Anton Ulrich für seine und die Interessen seiner Familie eintrat, setzte sich Herzog Ernst Ludwig I. für seine Familie und insbesondere seine drei Söhne Joseph Bernhard (1706–1724), Ernst Ludwig II. (1709–1729) und Carl Friedrich (1712–1743), ein. Während Herzog Anton Ulrich um Herrschaftsteilhabe und die Anerkennung seiner Ehe kämpfte, versuchte Herzog Ernst Ludwig I., seinen Alleinvertretungsanspruch gegenüber Herzog Anton Ulrich und die Primogenitur im Herzogtum Sachsen-Meiningen durchzusetzen. Von einem gemeinsamen Ziel oder gar einem dynastischen Interesse, dem sich beide Brüder verpflichtet fühlten, konnte hier nicht die Rede sein. Durch ihr Vorgehen verstießen letztlich beide Brüder gegen häusliche Normen und nicht zuletzt gegen das Testament ihres Vaters, doch zeigt dies einmal mehr die Vielfalt an Erwartungen und Interessen innerhalb eines Hauses. Der Konflikt um die standesungleiche Ehe wurde dabei zum Katalysator für den Machtkampf zwischen den beiden Brüdern. Die ungleiche Ehe seines Bruders Anton Ulrich zum Ausgangspunkt nehmend, gelang es Herzog Ernst Ludwig I. nahezu alle ernestinischen Häuser und weitere Standesgenossen gegen ungleiche Eheschließungen und damit letztlich gegen seinen Bruder Anton Ulrich zu mobilisieren. Damit wurde der Konflikt nicht mehr nur innerhalb des Hauses Sachsen-Meiningen, sondern auch außerhalb ausgetragen.766 Den Bestrebungen Herzog Ernst Ludwigs I. kam dabei zu Gute, dass es bereits im Jahr 1702 von Seiten des fürstlichen Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel Pläne für ein gegen standesungleiche Ehen gerichtetes Bündnis gab, die damals jedoch nicht realisiert wurden.767 Nun konnte aber auf diese Pläne zurückgegrif766

Eine andere Auffassung hierzu vertritt K NÖFEL, 2009, S. 365. K NÖFEL kommt im Rahmen ihrer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das Haus Sachsen-Meiningen das „Mesalliance-Problem“ intern ausgetragen hätte. Erst vor der zweiten Eheschließung Herzog Anton Ulrichs hätte sich Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg veranlasst gesehen, einzugreifen. 767 Auf Initiative des Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel wurde bereits 1702 ein Pakt altfürstlicher Häuser gegen standesungleiche Ehen angestrebt. Siehe entsprechende Korrespondenzen im HStA Marburg, Aktenbestand B.1.1.4 a, Nr. 56/50. Im Jahr 1708 kamen die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel, Sachsen-Eisenach, Sachsen-Gotha-Altenburg, der Markgraf von Brandenburg-Ansbach sowie der Landgraf von Hessen-Kassel in Braunschweig überein, „gesammter Hand mit guter Art kaiserlicher Majestät zu erkennen zu geben, was durch Erhebung zur

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fen werden. Im Sommer 1717 kamen zunächst die Herzöge Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen mit Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg und Herzog Ernst Friedrich I. von Sachsen-Hildburghausen zusammen, um einen Pakt gegen so genannte ‚Missheiraten‘ abzuschließen. In der Folgezeit traten dem Pakt mit den Landgrafen von Hessen-Kassel und HessenDarmstadt sowie den Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth und BrandenburgAnsbach auch Fürsten aus den mit den Ernestinern erbverbrüderten Häusern bei. Zudem beteiligten sich mit Victor Amadeus von Anhalt-Bernburg (1634–1718) und Karl Wilhelm von Anhalt-Zerbst (1652–1718) anhaltische Fürsten. Die Beteiligung der Anhalter Fürsten war nicht nur auf deren enge Beziehungen zu den Ernestinern zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass Erbprinz Karl Friedrich von Anhalt-Bernburg (1668–1721) im Jahr 1715 ebenfalls eine Bürgerliche, nämlich Wilhelmine Charlotte Nüssler (1683–1740), geheiratet hatte.768 Da sich neben ernestinischen und albertinischen auch anhaltische und weitere Fürsten an dem Pakt beteiligten, erfuhr der Zusammenschluss eine weit über den mitteldeutschen Raum hinausreichende Bedeutung. Zugleich ist der Pakt Ausdruck des Kampfes um den Erhalt ständischer Exklusivität und Privilegien, den die daran beteiligten Häuser zum einen gegen aufstrebende niederrangige Häuser, aber auch gegen den Kaiser und dessen Standeserhöhungstraktes führten. Erklärte Absicht des Paktes war, „den üblen Folgen weiterer Mißheirathen vorzubeugen“769. Dies kommt bereits in der den Pakt begleitenden Eingangserklärung zum Ausdruck: „Es sey zu nicht geringem Mißvergnügen vieler considerablen Reichsfürsten bisher wahrzunehmen gewesen, daß durch die täglich mehr gemein werdende Vermählung fürstlicher Herren mit Personen, die von ihrer hohen Gebuhrt allzuweit entfernt, nur adelichen oder bürgerlichen Standes seyen, und durch die aus solchen Mißheirathen öfters folgenden Legitimationen der auch ausser Ehe erzeugten Kinder, auch Standeserhöhungen der sich also in die ältesten und ansehnlichsten reichsfürstlichen Familien durch unzulässige und schimpfliche Wege einschleichenden geringen Leute, nicht nur solcher fürstlicher Häuser, nebst des ganzen Reichsfürstenstandes, hohes Lustre und Ansehen [...] merklich verdunkelt und verringert, sondern auch zu vielen Sünden, Schanden und Lastern Anlaß gegeben werde.“770 Bedingt durch die beiden standesungleichen Eheschließungen in den Häusern Sachsen-Meiningen und Anhalt-Bernburg hatten „Mißheirathen“ an Aktualität gewonnen; diesen Sachverhalt aber als „täglich mehr werdendes“ Problem zu betrachten, erscheint zweifelsohne übertrieben. So gab es auch unter den frühneuzeitlichen Zeitgenossen durchaus

fürstlichen Würde ein und anderer Mesalliancen und sonst sich vor Praejudicia in den Häusern, die es betroffen, ereignet, und noch künftig vor schädliche Consequenzen und Collisionen daher zu besorgen seyen.“ (PÜTTER 1796, S. 233) 768 Siehe hierzu: DOLLER 2007, S. 17–48. 769 PÜTTER 1796, S. 236. 770 Convention von 1717, auszugsweise abgedruckt in: PÜTTER 1796, S. 236–237. Siehe auch: MOSER 1745, 19. Teil, S. 236.

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kritische Stimmen gegenüber dem Pakt. Der am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel tätige Kanzlist Ferdinand Albrecht schrieb an den wolfenbüttelschen Geheimen Rat und Kanzler Lüdecke: „[...] so halte zwar vor ohnstrittig, daß die Verhütung derer Mesalliancen zur Conservation des Lustre der alten Fürstl. Häuser ein gar großes contribuiren, und die Nachkommen biß ins 10te und 20te Glied offtmahls noch becklagen müßen, wenn einem von ihren Vorfahren sich desfals Vergangen; wenn hingegen [...] ein abgetheilter, und von der Regierung zu der Zeit noch weit endtferneter Herr aus großer Noht mit einer nicht ebenbürtigen jedoch sehr weisen Person sich vermählet, deßen gantze Prosperität deshalber auf ewig von der Succession ausgeschloßen seÿn solte, so wünschte woll [...] zu wißen, was eigentlich vor eine Mesalliance solle gehalten werden, und was vor Schrancken desfals beliebet werden.“771 Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der zitierte Kommentar aus der Feder eines Bürgerlichen stammte, dessen Wahrnehmung sicher eine andere als die eines Angehörigen des Hochadels war. So spiegelt der Wortlaut des Paktes – wie der Pakt insgesamt – das im Adel und insbesondere im Hochadel latent existierende Gefühl einer Bedrohung durch niedere Stände wider, das ein erhöhtes Bedürfnis nach Distinktion hervorrief. Daher beinhaltete der Pakt, dass die daran teilnehmenden Fürsten „samt und sonders in Zukunft in ihren Testamenten und Pactis Domus aufs nachdrücklichste verbieten, daß ihre Printzen mit nicht geringern, als Reichs=Gräflichen Standes=Personen, sich vermählen“772. Für Fälle, in denen es bereits zu einer Mesalliance gekommen war, galt, dass diese Mesalliance als morganatische Ehe zu betrachteten sei. Außerdem seien die eingeheirateten Frauen geringeren Standes „keines Weges vor Fürstinnen [zu] tractiren und [zu] halten“773. Diese Formulierung richtete sich unmissverständlich gegen die Ambitionen Anton Ulrichs, Philippine Elisabeth und die gemeinsamen Kinder im Fürstenstand zu etablieren. Damit hatten sich die am Pakt beteiligten Fürsten, darunter die Herzöge Ernst Ludwig I. und Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen, eindeutig positioniert. Doch war der Pakt bei weitem nicht nur Ausdruck eines gesteigerten Bedürfnisses nach Distanz gegenüber niederen Ständen. Mehr noch als der bei einer ungleichen Ehe zu Tage tretende Standesunterschied der Ehepartner gewannen die aus der Ehe resultierenden materiellen und rechtlichen Aspekte an Bedeutung. Insbesondere im Fall Herzog Ernst Ludwigs I. dürfte es primär nicht die vermeintliche Bedrohung des eigenen Status durch eine niederrangige Person gewesen sein, die sein Handeln motivierte. Vielmehr dürfte hier die brüderliche Rivalität zwischen Herzog Ernst Ludwig I. und Herzog Anton Ulrich eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Indem Herzog Ernst Ludwig I. gegen ungleiche Eheschließungen vorging und diese eindeutig als unstandesgemäß deklarierte, versuchte er zugleich jegliche Herrschaftsansprüche seines jüngeren Bruders und 771

Ferdinand Albrecht an Urban Dietrich von Lüdecke, 26. November 1717, NStA Wolfenbüttel, 2 Alt Nr. 538, fol. 17. 772 MOSER 1745, 19. Teil, S. 236. 773 Ebd.

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dessen Nachkommen zu nivellieren. Unter dem Vorwand, dass der Pakt und die darin getroffenen Bestimmungen dem Anliegen des gesamten Hauses SachsenMeiningen entsprächen, wandte sich Herzog Ernst Ludwig I. am 1. August 1717 auch an seinen Bruder Anton Ulrich, „nicht zweifelnd dieselbe werden das solchergestalt verabhandelte für nöthig und nützlich erachten“774. Daran anknüpfend offerierte Herzog Ernst Ludwig I. seinem jüngeren Bruder, dass er „nichts destoweniger Eu. Lbd. aus dieser ungleichen Ehe erfolgenden Descendenz, so sie dergleichen erhalten, [...] so wohl als dero Angetrauten einen billigen und hinlänglichen Unterhalt und Abfindung auszusetzen keine Difficultät machen werde“775 – wohl wissend, dass dies keineswegs dem entsprach, was sich Herzog Anton Ulrich für sich und seine Familie erhoffte. Es erstaunt daher kaum, dass Herzog Anton Ulrich nicht auf das Angebot seines ältesten Bruders einging, sondern seinerseits die Bemühungen um Anerkennung seiner Ehe und seiner Nachkommen als rechtmäßige und gleichberechtigte Angehörige des fürstlichen Hauses Sachsen-Meiningen intensivierte. In diesem Zusammenhang verfasste Herzog Anton Ulrich mehrere Protestbriefe an die am Pakt beteiligten Fürsten sowie Pro Memorien, in denen er seine Haltung zum Ausdruck brachte.776 In Folge dessen kam es zu weiteren Auseinandersetzungen insbesondere zwischen Herzog Anton Ulrich und Herzog Ernst Ludwig I., die nun verstärkt auch auf juristischer Ebene ausgetragen wurden und sich über mehrere Jahrzehnte hinzogen. Durch den Pakt von 1717 gewann die Auseinandersetzung mit dem Problem der so genannten Missheiraten letztlich eine neue Qualität, da Missheiraten nicht mehr nur als individuelles Problem eines Hauses oder eines Familienverbandes betrachtet und verhandelt, sondern von den am Pakt beteiligten Fürsten zum Problem des gesamten Fürstenstandes erhoben wurden. Im Hinblick auf Herzog Anton Ulrich und dessen ungleiche Ehe mit Phlippine Elisabeth Cäsar wurde durch den Pakt zugleich deutlich, dass Herzog Anton Ulrich bei den ernestinischen Agnaten nicht auf Unterstützung hoffen konnte, denn diese – allen voran die Häuser Sachsen-Gotha-Altenburg und Sachsen-Hildburghausen – hatten sich unmittelbar am Pakt beteiligt. Einzig Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach trat dem Pakt zunächst nicht bei, wobei den Quellen keine Begründung für seine Haltung zu entnehmen ist. In einem Brief vom 10. Januar 1718 an Herzog Anton Ulrich teilte Herzog Johann Wilhelm diesem lediglich mit, dass er dem Pakt nicht beigetreten sei, da er mit Sachsen-Weimar und anderen fürstlichen Häusern noch kommunizieren wolle.777 Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar gab Herzog Anton Ulrich zu verstehen, dass er „Bedenken getragen, bei zu treten, obschon 774

Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (Abschrift), 1. August 1717, HStA Marburg, B.1.1.4 a, Nr. 56/50. 775 Ebd. 776 Gravamina Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen gegen den vorgelegten Pakt, undatiert, zitiert nach: HELLFELD 1790, Bd. 3, S. 292–295. 777 Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 10. Januar 1718, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64.

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er gerne sähe, daß ungleiche Ehen nicht vollzogen würden“778. Doch wird gerade am Beispiel Herzog Ernst Augusts eine gewisse Ambivalenz adeligen Selbstverständnisses und Verhaltens deutlich: Herzog Ernst August selbst hatte 1713 einer Bürgerlichen, der Gastwirtstochter Anna Maria Helffer, ein Eheversprechen gegeben und sich erst kurz vor seiner Eheschließung mit Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen im Jahr 1717 von der Geliebten losgesagt.779 Darüber hinaus entstammte auch besagte Eleonore Wilhelmine von Anhalt-Köthen einer ungleichen Ehe eines Fürsten mit einer niederrangigen Frau. An dieser Stelle zeigte sich einmal mehr das pragmatische Vorgehen innerhalb des Hochadels, das auch beinhaltete, die Normen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Interessen flexibel zu handhaben oder auch zu instrumentalisieren. Das gemeinsame Vorgehen gegen standesungleiche Ehen wurde von den ernestinischen Agnaten als Pflicht angesehen, um den eigenen Rang und die damit verbundene Exklusivität vor dem vermeintlich schädlichen Einfluss niederrangiger Personen zu schützen und damit letztlich den eigenen Status zu bewahren. Dass nicht nur moralische Aspekte, sondern vor allem auch materielle Interessen beim Zusammenschluss der Fürsten eine Rolle spielten, unterstreichen die Worte Herzog Johann Ernsts von Sachsen-Saalfeld. Dieser schrieb an Kaiser Karl VI.: „[...] bey vielen, besonders aber appanagirten Printzen, wann ihnen unter gemeinen Volck die Fertilitaet schlechter Dirnen vorher zu axperimentiren frey stünde und dann die erzielende Parties in numerum principum et successorum evetiret werden solten, kein Casus tabilis jemahls zu vermuthen stünde, daß eine Succession von einem Hauß auf das andere mehr fallen könnte.“780 Obgleich diese Äußerungen nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Fürstenpakt von 1717 stehen, lassen sie doch keinen Zweifel daran, was einer der Hauptgründe für den Zusammenschluss der Fürsten war: Es ging um die Wahrung und Sicherung der eigenen Herrschaftsrechte und -interessen. Vor diesem Hintergrund diente nicht nur der Inhalt des Paktes der Demonstration von Herrschaft, sondern auch die Tatsache, dass ein solcher Pakt erlassen wurde. Da sich nicht alle ernestinischen Fürsten vorbehaltlos am Pakt beteiligten, ist davon auszugehen, dass es auch innerhalb der ernestinischen Häuser divergierende Vorstellungen sowohl im Hinblick auf ungleiche Ehen als auch im Hinblick auf das Selbstverständnis als Angehörige des Fürstenstandes gab. Dies änderte aber nichts daran, dass sich die ernestinischen Agnaten nahezu geschlossen gegen Herzog Anton Ulrich stellten. Damit versuchten sie einen Konkurrenten um Macht und Herrschaft innerhalb des ernestinischen Familienverbandes auszuschalten und die eigenen Ansprüche durchzusetzen. 778

Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar an Herzog Anton Ulrich, 27. September 1717, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 779 Siehe hierzu Kapitel 4.3 dieser Publikation. 780 Herzog Johann Ernst von Sachsen-Saalfeld an Kaiser Karl VI., 26. Januar 1728, zitiert nach: SIKORA 2004, S. 154.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Herzog Anton Ulrich seinerseits bemühte sich zum einen bei seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie sowie der Mutter Elisabeth Eleonore, zum anderen bei Standesgenossen außerhalb des ernestinischen Familienverbandes um Unterstützung. Hierzu gehörte Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel, der ein Onkel Herzog Anton Ulrichs mütterlicherseits war, sowie Landgraf Karl von Hessen-Kassel. Letzterem schrieb Herzog Anton Ulrich: „Es hat mein ältester H. Bruder Lbd. mir d. 1. August [1717] notificiret: Was massen Sr. Lbd. auf Veranlassung einiger Fürsten, theils aus unserm, teils aus dem Anhaltischen Hauß, eine Verein |: oder wie es Deroselbe nennet :| ein Pactum mit Sachßen Gotha und Hildburghausen getroffen [...] In Meinung [...] Ich würde meine Vermählung ebenfals ad morganaticam zu halten begehren, auf die Erbfolge meiner Descendenz nie reflectiren, die Abfindung meiner Famille gontiren [...] alldieweilen aber sothane Verfahren, Zweifels ohne, expressé mir zum Nachtheil meiner [...] mit einer zwahr bürgerlichen, jedoch tugendhafften, ja Eu. Lbd. selbst [...] nicht unbekanten Person, längst vollzogene gültige Heÿrath, ohne mein Vorwissen geschehen: Den Eigen=Nutz klar anzeiget“781. Für Herzog Anton Ulrich schien es offensichtlich, dass das Vorgehen seines ältesten Bruders einzig in dessen eigenen Interessen begründet war. Umgekehrt war aber auch Herzog Anton Ulrich nicht bereit, von seinen Interessen abzurücken. Vielmehr wandten sich beide Parteien zu Beginn des Jahres 1718 in dieser Sache erstmals an den Kaiser.782 Herzog Ernst Ludwig I. und sein Bruder Friedrich Wilhelm bemühten sich darum, dass der Pakt gegen ungleiche Heiraten durch den Kaiser bestätigt wurde. Herzog Anton Ulrich seinerseits intervenierte gegen eine mögliche kaiserliche Bestätigung des Paktes. In der Tat bestätigte der kaiserliche Hof die Konvention gegen Missheiraten nicht.783 Dies dürfte aber weniger auf die Bemühungen Herzog Anton Ulrichs zurückzuführen sein als vielmehr auf die Tatsache, dass die Konvention auch den kaiserlichen Interessen zuwiderlief. Indem das Vertragswerk standesungleiche Ehen als „notorische Missheiraten“ deklarierte, richtete es sich zugleich gegen die nachträglichen Standeserhöhungen der rangniederen Frauen durch den Kaiser. Durch das Infragestellen der kaiserlichen Standeserhöhungen war aus Sicht des Kaisers nicht nur eine für ihn ertragreiche Einnahmequelle gefährdet, sondern auch eine der wichtigsten Säulen des kaiserlichen Machtapparates und damit einhergehend die kaiserliche Souveränität. Der Pakt erlangte letztlich zwar keinen rechtsverbindlichen Charakter, löste aber eine prinzipielle Diskussion innerhalb des Hochadels um standesungleiche Ehen und um den kaiserlichen Einfluss in Standesfragen aus. An der gespannten Situation im Hause Sachsen-Meiningen und an der materiellen Lage Herzog Anton Ulrichs und seiner Familie änderte sich indes nichts. Herzog Anton Ulrich fühlte sich aber zumindest bestärkt, die Bemühungen um Anerkennung seiner 781

Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Landgraf Karl von Hessen-Kassel (Briefkonzept), 20. August 1717, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 21. 782 SIKORA 2002, S. 319–339, hier S. 328. 783 PÜTTER 1796, S. 240.

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Ehe und seiner Familie zu forcieren. Unterstützung fand der Herzog einmal mehr bei seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie. Diese versuchte, den gemeinsamen Onkel August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel als Verbündeten zu gewinnen.784 Herzog August Wilhelm gab gegenüber Herzog Anton Ulrich hinsichtlich der Bemühungen um eine Standeserhöhung allerdings zu bedenken, „ob aber Eu. Lbd. und Dero Familie dadurch in beßere Condition gerathen und glücklich seÿn werden, überlaße ich Dero nähere und reifere Überlegung. Dero Ehegemahlin, wenn sie gleich dergestalt von Kaÿserl Maj. begnadiget werden solte, wird mit fürstl. Dames doch in keine Conversation komen können, sondern beÿ allen Vorfallenheiten chagriniret werden.“785 Damit benannte er ein grundlegendes Problem: Selbst eine formale Anerkennung der Ehe und eine Standeserhöhung für Philippine Elisabeth bedeutete keineswegs, dass Philippine Elisabeth in der sozialen Praxis auch als ‚dazugehörig‘ wahrgenommen und anerkannt wurde. Gleichermaßen skeptisch äußerte sich Herzog August Wilhelm im Hinblick auf die Zukunft der Kinder Herzog Anton Ulrichs: „Und da, wie ich vernommen, Eu. Lbd. bereits verschiedene Kinder in der Ehe von Gott erhalten, so wollen sie vernünftig bedenken, was dieselbe und insonderheit die Töchter, wenn sie als Princessin declariret würden, für Figure und Glück in der Welt machen werden. Ich bin also der ohnmaßgeblichen Meynung Eu. Lbd. würden sich und Dero Descendenz beßer rathen, wenn sie beÿ der durch anfangs erwehntes Pactum Ihre gegebenen Gelegenheit mit Dero Herrn Bruder sich dahin vergleichen, daß [...] denen Söhnen gewiße austrückliche Güther assigniret und den Töchtern gewiße Alimenta auch beÿ der Verheÿrathung anständige Aussteüer gegeben werden.“786 Doch zeigte Herzog Anton Ulrich wenig Begeisterung für den Vorschlag seines Onkels. Vielmehr bemühte sich Herzog Anton Ulrich nach wie vor um die volle Anerkennung seiner Familie. Noch im Mai 1719 musste Elisabeth Ernestine Antonie ihrem Bruder A nton Ulrich aber mitteilen, dass der Herzog von Wolfenbüttel zwar helfen kann, „aber nicht recht anbeißen [will]“787. Offensichtlich änderte sich dies in den Folgemonaten, denn am 24. November 1719 schrieb Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel an seine Schwester, Herzogin Elisabeth Eleonore: „Je suis obligé par devoir et obeïssance; que je dois de soutenir ce que notre tres honnoré Pere a fait; C’est pour celà, que j’avis tirai Monsieur le Duc Antoine Ulric dans sa juste cause à la cour imperiale. Au reste, je vous prie ma tres aimable Soeur, de ne vous point inquietes, et d’aimer toûjour un

784

Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, undatiert (Eingangsdatum ist der 14. April 1719), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 14. 785 Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (Abschrift), September 1717, HStA Marburg, B.1.1.4 a, Nr. 56/50. 786 Ebd. 787 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 13. Mai 1719, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 14.

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Fils, qu’ il le merite, et qiu a l’approbation de tout le monde.“788 Anders als Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel wandte sich Herzogin Elisabeth Eleonore entschieden gegen die Absicht ihres Sohnes, dessen Frau Philippine Elisabeth und die gemeinsamen Kinder in den Adelstand erheben zu lassen. Ihr Ziel war es, eine Standeserhöhung zu verhindern. Ihrem Bruder August Wilhelm teilte Herzogin Elisabeth Eleonore daher mit, dass sie ihren Sohn Anton Ulrich nicht unterstützen werde. Herzogin Elisabeth Eleonore war vielmehr bestrebt, die Bemühungen ihres Sohnes Anton Ulrich zu konterkarieren. Daher äußerte sie gegenüber ihrem Bruder August Wilhelm: „A. U. [= Anton Ulrich] m’a prié, comme il étoit la derniere fois ici, de ne m’a pas meller, et comme il est hors de la tutele, il n’a pas besoin de l’aisstence de Monsieur mon tres cher Frere“789. An ihren Sohn schrieb die Herzogin, dass sie „in die Standeserhöhung nicht helfen kan noch wil“790. Dessen ungeachtet äußerte Herzog Anton Ulrich 1720 erstmals offiziell gegenüber dem Kaiser die Bitte, den Standesunterschied zwischen ihm und seiner Gemahlin durch kaiserliche Standeserhebung auszugleichen.791 Ermutigt wurde Herzog Anton Ulrich in seinem Vorgehen möglicherweise auch dadurch, dass im Dezember 1719 Wilhelmine Charlotte Nüssler, die standesungleiche Ehefrau des Fürsten Karl Friedrich von Anhalt-Bernburg, vom Kaiser in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. Sie führte fortan den Titel einer Reichsgräfin von Ballenstedt.792 Demgegenüber bekräftigte Herzogin Elisabeth Eleonore ihre Haltung gegen eine Standeserhöhung. An die Oberhofmeisterin von Rantzau schrieb sie am 25. Dezember 1719, dass „sein [= Herzog Anton Ulrich] Suchen zu befördern, die wider sein wahres Interesse seÿn, wäre von mir nicht recht gethan“793. Es ist bemerkenswert, dass Herzogin Elisabeth Eleonore nicht nur ihre Unterstützung verweigerte, sondern auch behauptete, dass Herzog Anton Ulrichs gegen sein eigenes, „wahres“ Interesse handele. Demnach war es für Herzogin Elisabeth Eleonore unverständlich, dass ihr Sohn bewusst gegen die Heiratsnormen der 788

Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel an Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen (Abschrift), 24. November 1719, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV D 7. Übersetzung: „Ich bin verpflichtet aus Schuld und Gehorsam; dass ich ihn so unterstützen muss wie es unser sehr geehrter Vater getan hat; deswegen habe ich Herrn Herzog Anton Ulrich in seiner gerechten Sache an den kaiserlichen Hof gezogen. Ansonsten bitte ich meine sehr liebenswerte Schwester, dass sie sich bloß nicht aufregen, und immer einen Sohn lieben, der es verdient, und der von allen Seiten Anerkennung erfährt.“ 789 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel, 5. Dezember 1719, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV D 7. Übersetzung: „Anton Ulrich hat mich gebeten, als er das letzte Mal hier war, mich nicht einzumischen, und da er keinen Vormund mehr hat, benötigt er auch nicht den Beistand meines geschätzten Bruders.“ 790 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 5. Dezember 1719, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV D 7. 791 SIKORA 2002, S. 328. 792 SIKORA 2003, S. 255. 793 Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an die Oberhofmeisterin von Rantzau (Abschrift), 25. Dezember 1719, ThHStA Weimar, EA Fürstliches Haus, Nr. 1528, Lit. Q.

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Abb. 9: Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen (Kupferstich von Jacob von Sandrart)

Ernestiner und damit auch gegen ständische Konventionen verstieß. Dennoch äußerte sie, dass sie keinen Hass auf Anton Ulrich, „noch die Seinigen [habe], sonst hätte ich Ihm nicht offerirt schon vor etlichen Jahren mein Guth abzutreten“794. Vielmehr sei es „christlich, daß mein Sohn seinen Fehler und faux pas erkennet und bereuet, dafür ich ihm auch alles vergeben [will]“795. Offensichtlich sah sich Herzogin Elisabeth Eleonore nicht veranlasst, an der gespannten Situation im Haus Sachsen-Meiningen etwas zu ändern. Die Verantwortung für diese Situation lag aus ihrer Sicht einzig bei ihrem Sohn Anton Ulrich. Auch im Hinblick auf die Familie Herzog Anton Ulrichs positionierte sich die Herzogin unmissverständlich: „Die Kinder zum Hand=Kuß kommen zu lassen, wäre wieder den Eyd,

794 795

Ebd. Ebd.

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welchen ich getahn sie nimmermehr zu sehen.“796 Damit war klar, dass Herzogin Elisabeth Eleonore weder die Frau ihres Sohnes, noch die Kinder als Zugehörige des Hauses Sachsen-Meiningen akzeptierte. Vielmehr distanzierte sie sich von ihnen. Noch deutlicher wurde Herzogin Elisabeth Eleonore in einem Brief an ihre jüngere Schwester Auguste Dorothea (1666–1751), die mit Fürst Anton Günther II. von Schwarzburg-Sondershausen (1653–1716) verheiratet war. An ihre Schwester schrieb Herzogin Elisabeth Eleonore: „solte [ich] daß Mensch mit den Kindern vor mir laßen kommen so mögte darauß solcher Unglück endstehn, daß es mein Sohn bereühen köntte. Genug ist es, waß ich habe offeriret, daß er sie auff mein Guht setzen solte und daß ich keinen Haß weitter auff sie habe. Ich bitte Gott, daß er ihr vergäben möge, waß sie an mir gedahn“797. Die Äußerungen der Herzogin untermauern ihre ablehnende Haltung im Hinblick auf die Standeserhöhung und geben zugleich einen Einblick in das Selbstverständnis der Herzogin: Sie ist über jeden Zweifel an ihrem Handeln erhaben und sieht sich auch nicht in der Pflicht gegenüber ihrer Schwiegertochter. Aus Sicht der Herzogin ist es „das Mensch“ Philippine Elisabeth, diesich durch ihr Fehlverhalten schuldig gemacht hat. Die Missbilligung der Herzogin wird dabei nicht zuletzt semantisch durch die Bezeichnung „das Mensch“ zum Ausdruck gebracht. Hierbei handelt es sich um eine Begrifflichkeit, die bezeichnenderweise in frühneuzeitlichen Unzuchtsverfahren für die darin involvierten Frauen benutzt wurde.798 Daran anknüpfend liegt es nahe, dass Herzogin Elisabeth Eleonore die standesungleiche Ehe ihres Sohnes Anton Ulrich als ebenso verwerflich wie den Sachverhalt der Unzucht ansah. Mit Befremden reagierte die Herzogin auch darauf, dass sich ihre Tochter, die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie, für Herzog Anton Ulrich und dessen Ehefrau einsetzte. In dem bereits zitierten Brief an die Fürstin Auguste Dorothea bemerkte Herzogin Elisabeth Eleonore daher: „Mögte nur wünschen einmahl so glücklich noch für meinem Ende zu sein, recht zu erfahren, worin ich meinen Sohn tort dhuen, weil die Ebtissin an chere soeur schreibet, daß Sie mögten ihres Bruders [= Herzog Anton Ulrich] bey mir in besten Gedencken, wan Sie nur hette Grund, worin [...] es darin ist, daß ich zu die Standeserhöhung sol halten so habe ich mich herüber schon öfters gnug expliciret. Mein Consens würde mich wenig darzu dhun, wan ich schon solchen nur wehre [...] denn der Keisser und daß gantze Saxsche Hauß würden niemand wegen ihre Meinung nicht enderen, ist es aber dießes daß ich wil ihnen auch gutes thun wor ich kan, also frage ich ma soeur

796

Ebd. Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Fürstin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Sondershausen, 22. Juni 1720, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3. 798 GLEIXNER 1994. Die Begrifflichkeit „das Mensch“ findet sich ebenfalls als Bezeichnung für Wilhelmine von Grävenitz (1686–1744), die standesungleiche Zweitfrau Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg (1676–1733). Auch hier hat die Bezeichnung einen starken moralischen Impetus. Siehe: OSSWALD -BARGENDE 1998a, S. 73. 797

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waß ich weiter dhun soll, die ich lebe und sterbe la vôtre E.“799 Als Briefzusatz fügte die Herzogin Elisabeth Eleonore an: „ma soeur schicken dießes nur an der Ebtissin. Ich bin ohnedem eine geplagtes Mensch, wan man mich nur wolte hierin verschonen, so waß auffzubürden“800 – auch dies ein bemerkenswertes Indiz für die komplizierte und konfliktbeladene familiäre Situation, mit der die Herzogin Elisabeth Eleonore konfrontiert und offensichtlich überfordert war. Ebenso wird deutlich, dass sich die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie intensiv für ihren Bruder Anton Ulrich einsetzte. Auch wenn Herzog Anton Ulrich offenkundig gegen soziale Konventionen verstoßen hatte, sah sie dennoch die Möglichkeit auf eine einvernehmliche Lösung für alle Parteien. Dabei fällt auf, dass sie sich in erster Linie an die Geschwister ihrer Mutter Elisabeth Eleonore und nicht an die ernestinischen Agnaten wandte. Dieses Vorgehen der Äbtissin erscheint dabei nur konsequent, denn eine Intervention gegenüber den ernestinischen Agnaten zu Gunsten Anton Ulrichs wäre vermutlich wenig Erfolg versprechend gewesen, da sich nahezu alle ernestinischen Herzöge am Pakt gegen „Missheiraten“ beteiligt hatten. Demgegenüber boten sich der Äbtissin in Bezug auf das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel mehr Handlungsoptionen: Zwar war es auch Anliegen des Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel, gegen standesungleiche Ehen vorzugehen, doch zog die Ehe Anton Ulrichs weniger Konsequenzen für die herrschaftsrechtlichen Interessen des Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel nach sich, als dies bei den ernestinischen Häusern der Fall war. Aber auch Mitglieder des ernestinischen Familienverbandes waren – jenseits der Auseinandersetzungen um die standesungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs – um eine Aussöhnung zwischen diesem und dessen Bruder, dem regierenden Herzog Ernst Ludwig I., bemüht. Hier tat sich insbesondere Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg hervor. Er schrieb an die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie: „Nachdem nun seit dem zu Wien in dieser Differenz verschiedene Kayserl. Conclusa erfolget, als will hoffen es werde durch amicable Tractaten mehr, denn durch Processe auszurichten sein [...] des Herzogs zu Meiningen Liebden nehmen an der Gesundheit und Leibeskräften sehr ab, daher eine brüderliche Versöhnung umbsomehr nöthig [...] seyn wird.“801 Dabei dürfte es nicht nur der schlechte Gesundheitszustand Herzog Ernst Ludwigs I. gewesen sein, der Herzog Friedrichs III. Wunsch nach einer Aussöhnung der Brüder bedingte. Vielmehr spielte an dieser Stelle die Außenwirkung der Auseinandersetzungen eine entscheidende Rolle, demonstrierten die nach wie vor anhaltenden Querelen doch, dass der ernestinische Familienverband nicht in der Lage war, innerdynastische Konflikte zu lösen. Die Auseinandersetzungen zwischen den Herzögen Ernst Ludwig I. und Anton Ulrich gefährdeten nicht nur das Ansehen des Hauses Sach799

Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen an Fürstin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Sondershausen, 22. Juni 1720, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3. 800 Ebd. 801 Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 1. März 1721, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3.

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sen-Meiningen, sondern auch des gesamten ernestinischen Familienverbandes. Hinzu kamen die immensen finanziellen Aufwendungen, die mit den Prozessen verbunden waren und die ohnehin schlechte Finanzsituation des Herzogtums Sachsen-Meiningen zusätzlich beeinträchtigten. Es stand zu befürchten, dass die desolate Finanzsituation zu einer Destabilisierung der Herrschaftsverhältnisse führte. Instabile Verhältnisse im Herzogtum Sachsen-Meiningen konnten nicht im Interesse der ernestinische Agnaten sein, da dies auch Auswirkungen auf die eigene Herrschaftsausübung haben würde. Zu einer Annäherung der beiden Brüder kam es jedoch nicht, vielmehr gewann der Konflikt an Intensität. Selbst die in Schlesien lebende Schwester Wilhelmine Luise war nunmehr involviert. Auch sie versuchte, ihrem Bruder Anton Ulrich zu helfen. Dabei stand sie kaum in direktem Kontakt zu ihrem Bruder, ließ diesem aber über die gemeinsame Schwester Elisabeth Ernestine Antonie Unterstützung zukommen. Den beiden Schwestern kam somit eine zentrale Bedeutung im Rahmen des Konfliktes zu. Dies spricht zugleich dafür, dass das Verhältnis der Schwestern einvernehmlich war, denn andernfalls hätte kaum darauf zurückgegriffen werden können. Doch die Handlungsspielräume der Herzogin Wilhelmine Luise waren gegenüber denen ihrer Schwester Elisabeth Ernestine Antonie begrenzt: Als Frau eines nachgeborenen Fürstensohnes und Herzogin eines eher unbedeutenden Landes war ihre gesellschaftliche Stellung nicht derart exponiert wie die der Äbtissin. Zudem verfügte sie im Gegensatz zu ihrer Schwester auch nicht über umfangreiche materielle Mittel. Dies ist sicher ein Grund dafür, dass ihre Unterstützung für den Bruder vornehmlich immaterieller Art war. So ließ sie beispielsweise während ihres Meiningenaufenthaltes im Jahr 1721 ihrem Bruder Anton Ulrich die Information zukommen, dass Herzog Ernst Ludwig I. beabsichtige, das Gut Sinnershausen zu verpachten. „Ich ersuche also Unsern lieben Brudern, anstallt zu machen das Er es selbst in Pacht nehme, denn es scheinen auch Ihro Gnad. Unsere Frau Mutter über der langsamen Trennirung nicht wohl zu sprechen und solten sie die Gelder in Händen bekommen stehet zu befürchten, das Mein lieber Bruder ums Gut und um das Capital kähme“802, schrieb Herzogin Wilhelmine Luise ihrer Schwester in Gandersheim, damit diese die Infor mation an den in Amsterdam weilenden Bruder weiterleiten konnte. Auch wenn sich Herzogin Wilhelmine Luise nicht derart offen auf der Seite ihres Bruders positionierte, wie es die Äbtissin tat, so unterstützte sie ihren Bruder Anton Ulrich dennoch im Rahmen ihrer – im Vergleich zur Äbtissin beschränkten – Möglichkeiten. Doch bedeutete dies nicht, dass sie das Vorgehen ihres Bruders vorbehaltlos billigte. Insbesondere im Hinblick auf die von Herzog Anton Ulrich angestrebte Standeserhöhung für seine Frau Philippine Elisabeth und die gemeinsamen Kinder äußerte sich Herzogin Wilhelmine Luise kritisch: „es wäre anbeÿ auch zu wünschen das gedachter unser lieber Bruder, sichs gefallen ließe einstweilen seine Frau und Kinder in den Gravenstandt setzen zu laßen, [...] in deßen so mach ich 802

Herzogin Wilhelmine Luise von Württemberg-Bernstadt an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 18. März 1721, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3.

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doch, um mich nicht odieur zu machen, ein solches ihm nicht selbst melden, [...] weil er ja besser um Lebens und Sterbens willen ist, das die Gemahlin und Kinder totes sindt alß gar nichts, dem ohngeacht, so will es doch nicht geschrieben haben, und bitte also ma tres chere soeur gantz inständig mich nicht zu nennen.“803 Die Worte der Herzogin von Bernstadt sind zudem ein Indiz dafür, dass Herzog Anton Ulrichs bedingungslos an der Standeserhöhung festhielt.

4.4.4 Die Durchsetzung der Standeserhöhung Um die Standeserhöhung voranzutreiben, reiste Herzog Anton Ulrich in den Jahren 1721 bis 1723 mehrfach an den kaiserlichen Hof nach Wien, sowie nach Prag und Karlsbad, wo sich das Kaiserpaar zur Sommerfrische aufhielt. Allerdings brachten die Bemühungen Herzog Anton Ulrichs am kaiserlichen Hof zunächst nicht den gewünschten Erfolg. Dennoch hielt er an der Stamdeserhöhung fest, da er sich im Recht gegenüber seinen Kontrahenten fühlte. Sein Selbstverständnis war das eines souveränen Fürsten, und dies prägte auch sein Handeln. Das wurde bei einem Besuch in Meiningen im Jahr 1722 besonders deutlich. Nach langer Abwesenheit aus Meiningen nutzte Herzog Anton Ulrich diesen Aufenthalt, um vor Ort mit seinem Bruder Ernst Ludwig I. über die gemeinsamen Differenzen zu verhandeln. In diesem Zusammenhang kritisierte Herzog Anton Ulrich das von seinem Bruder Ernst Ludwig I. eingeführte Wachreglement. Dieses Reglement sah nämlich vor, „daß allein vor die Frau Mutter sie und den Herzog in der Wache das Spiel gerühret, vor uns jüngere Brüder aber nur 3. Wirbel und vor die fürstl. Kinder 2. geschlagen werden solten, welches auch lezt geschehen wäre, als Ich beÿ dem Obermarschall gewesen, da die Herrschaft zum Fenster hinaus gesehen, und darüber gelacht hätten“804. Einmal mehr fühlte sich Herzog Anton Ulrich von seinem Bruder Ernst Ludwig I. benachteiligt, demonstrierte Herzog Ernst Ludwig I. mit dem neuen Wachreglement doch eindeutig eine gegenüber den jüngeren Brüdern gehobene Position. Die symbolisch zum Ausdruck gebrachte Hierarchie der Brüder widerstrebte Herzog Anton Ulrich, der sich gegenüber dem regierenden Herzog als gleichberechtigt sah. Vor diesem Hintergrund wurde das geänderte Wachreglement von Herzog Anton Ulrich als Kränkung und Verletzung seiner adeligen Ehre empfunden. Da mit Herzog Ernst Ludwig I. keine Übereinkunft zu erzielen war, brachte Herzog Anton Ulrich auch diesbezüglich eine Klage am Reichshofrat ein. Es mag verwundern, dass selbst derartige Kränkungen zu juristischen Auseinandersetzungen führten.805 Doch wird hier nicht nur die große Bedeutung 803

Ebd. „Tagebuch Herzogs Anton Ulrich zu Sachsen Meiningen 1722“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 54, p. 11. 805 Siegrid WESTPHAL konstatiert im Rahmen ihrer Untersuchungen zur kaiserlichen Rechtsprechung im Zeitraum von 1648 bis 1806 für die Jahre 1720 bis 1735 einen rapiden Anstieg bei den 804

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symbolischer Manifestationen von Herrschaft für das adelige Selbstverständnis deutlich, sondern insbesondere auch der hohe Stellenwert von Herrschaftskonflikten innerhalb des Familienverbandes. Dabei scheute weder Herzog Anton Ulrich noch seine Brüder den enormen finanziellen Aufwand, den die Prozesse vor den kaiserlichen Gerichten mit sich brachten. Vielmehr wurde der ökonomische Ruin in Kauf genommen, galt es doch Prestige und Ehre zu verteidigen und auszubauen. In den zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern, die vorwiegend Herrschaftsrechte und Geldfragen zum Gegenstand hatten, wurde die ungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs wiederholt thematisiert und instrumentalisiert. Für Herzog Ernst Ludwig I. diente die Ehe zur Demonstration der Unfähigkeit des Bruders, Herrschaft zu übernehmen, wie auch dessen bewusster Missachtung ständischer Normen und Rechte. In einem Gravamina an Kaiser Karl VI. von 1722 ließ Ernst Ludwig I. verlautbaren, dass Herzog Anton Ulrich „gegen aller Menschen dencken und vermuthen so wohl, als gegen die ausdrückliche prohibitiones avitus paternasque dahin sich bringen laßen, daß sie einen gantz gemeinen bürgerlichen Weibesbild, Philippina Caesarin genannt, außer Landes nachgefolget, sich daselbst dem Vernehmen nach mit ihr trauen laßen, [...] Denn da vor dieser Zeit, und fatalen Betrübnüß zwischen allerseits fürstl. Herrn Gebrüdern je und allezeit ein recht aufrichtiges [...] und brüderliches Wohlvernehmen, und vollkommenes gutes Vertrauen, cultiviret worden; so hätten hingegen ermelter jüngste Herzog Anthon Ulrich so balden angefangen, ein gantz alienirtes und unfreundliches Gemüth gegen beede dero ältere Herrn Brüder zu äußern“806. Aus diesem Grund hätte „der regierenden Herrn Herzog Ernst Ludwigs Durchl. und übrige fürstl Herren Agnaten, [...] nicht umhin gekonnt, über ermelte im fürstl. Hauße Sachsen nicht erlebte Mißheurath dero gerechtes Mißfallen zu bezeugen, und insonderheit der Absicht sich zu opponiren, da mehr gedacht dero jüngster Herr Bruder sich einfallen laßen dörffen, durch vergeblich gesuchte Erhöhung der angetrauten schlecht bürgerlichen Weibspersohn in dem Graffen=Standt, die mit derselben bißher erziehlte Kinder dem Chur= und fürstl. Hauße Sachßen als Prinzen und Prinzeßinnen und mithin als successionsfähig auffzutringen“807. An den Äußerungen wird deutlich, dass es letztlich nicht die standesungleiche Ehe als solches war, gegen die sich die Argumentation und die Bestrebungen der ernestinischen Agnaten richteten. Vielmehr wurden die daraus hervorgehenden Kinder und deren Ansprüche auf Sukzession als das schwerwiegendere Übel betrachtet, gegen das es vorzugehen galt. Demgegenüber hob Herzog Anton Ulrich in den Auseinandersetzungen die „machiavellische und

von thüringischen Dynastien geführten Prozessen, deren Streitgegenstand der Familienverband war. Das Haus Sachsen-Meiningen nimmt dabei die Führungsrolle ein. Siehe: WESTPHAL 2002, S. 49–50. 806 Gravamina Herzog Ernst Ludwigs I. von Sachsen-Meiningen an Kaiser Karl VI. von 1722, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 4. 807 Ebd.

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despotische Arth“808 seines Bruders Ernst Ludwig I. sowie dessen „unersättliche Haabsucht, Embition und Mißgunst“809 hervor. Einen ersten wesentlichen Erfolg in den Auseinandersetzungen konnte zunächst Herzog Ernst Ludwig I. für sich verbuchen: Am 9. März 1723 erging ein Erlass des Reichshofrates, gemäß dem es Herzog Anton Ulrich untersagt wurde, „seine aus unanständiger Ehe erzeugte Kinder in die Meiningische Lande zu bringen / entweder abzustehen / oder doch des Fürstl. Tituls und Benennung für dieselbe und ihre Mutter / in keine Weise daselbst sich zu gebrauchen [...] mithin in dieser Sache sich also zu bezeigen / wie es sein Alt Reichs=Fürstlicher Stand / und seines Hauses Ehre und Reputation erfordere“810. Sich auf diesen Erlass des Reichshofrates beziehend verbot Herzog Ernst Ludwig I. den sachsen-meiningischen Bedienten und Untertanen unter Strafe, „besagten Personen“, womit die Familie Herzog Anton Ulrichs gemeint war, „den Fürstl. Titul zu geben“811. Darüber hinaus wurden von Meiningen aus Artikel in deutschsprachige, aber auch niederländische Zeitungen lanciert, um die Absichten Herzog Anton Ulrichs in Bezug auf die Standeserhebung öffentlich zu machen.812 Herzog Ernst Ludwig I. versuchte auf diesem Wege, das Vorgehen seines jüngsten Bruders zu konterkarieren. Dabei kam Herzog Ernst Ludwig I. der Beschluss des Reichshofrates zu Gute, aber auch die Tatsache, dass zur gleichen Zeit die anhaltischen Häuser eine Neuauflage des Paktes von 1717 initiierten. Da der damalige Pakt nicht die kaiserliche Konfirmation erhalten hatte, sollte dieser Makel im Zuge eine Neuauflage des Paktes behoben werden. Hierfür ersuchten die anhaltischen Häuser die Ernestiner sowie weitere Fürsten, darunter das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel, um Beistand. Während sich Herzog Ernst Ludwig I. sehr interessiert an einem neuerlichen Bündnis zeigte, waren andere Standesgenossen zurückhaltender. Einem Schreiben des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Lüneburg an Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach ist zu entnehmen, „daß man ratione modi tractandi, und wie alles zu Erreichung des gemeinnützigen Sachzwecks zu befordern theils differenter Meynung sey“813. Letztlich verliefen die Bemühungen um einen neuen Pakt im Sande. Die Uneinigkeit innerhalb des Fürstenstandes bestärkte wiederum Herzog Anton Ulrich in seinem Vorgehen. So ließ er beispielsweise in der „Wöchentlichen Post-Zeitung / Mit königl. Preuss= auch Hoch=Gräfl. Lipp. Allergnäd= und Gnäd. Freyheit“ am 3. August 1724 einen Artikel veröffentlichen, der die Rechtmäßigkeit seines An808 Pro Memoria Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen, 8. April 1719, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 3. 809 Ebd. 810 Reichshofratsbeschluss (gedrucktes Exemplar), 9. März 1723, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 2. 811 Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen an die fürstliche Regierung zu Meiningen, 17. März 1723, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 2. 812 Diesbezügliche Artikel aus dem „Amsterdamer Donderdaegse Courant“ vom 13. Juli und 3. August 1724 finden sich unter: ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 1. 813 Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel an Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach, NStA Wolfenbüttel, 2 Alt Nr. 538, fol. 104v.

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liegens betonte: „Wien: [...] Nachdem von einigen übelgesinnten pargiret worden / als ob der Herzog von Sachsen Meynungen sich allhier sehr bemühete / seinen natürlichen Kindern den Fürsten= Stand zu wege und solchergestalt den Weeg zur Succession zu bahnen / welchem sich aber der Herzog von Sachsen Sahlfeld opponirete: So ist aber solches ungegründet / weil hochgedachter Hertzog von Meynungen keine natürlichen Kinder / wohl aber ehelich erzeugte Printzen hat / auch mit dem Hn. Hertzog von Sahlfeld in einer vollkommenen Harmonie lebet.“814 Herzog Anton Ulrich machte deutlich, dass für ihn die Standeserhöhung nicht dazu diente, seiner Familie zu einem neuen Status zu verhelfen, sondern vielmehr den ohnehin vorhandenen, durch die Geburt gegebenen Status zu bekräftigen. Der von Herzog Anton Ulrich postulierte Status seiner Kinder als Prinzen war aber alles andere als unumstritten. Doch mit dem Tod Herzog Ernst Ludwigs I. am 24. November 1724 verbesserten sich zumindest die Erfolgsaussichten für eine Standeserhöhung. Nunmehr übernahm Herzog Anton Ulrich gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Wilhelm und dem ältesten Sohn Herzog Ernst Ludwigs I., dem Herzog Carl Friedrich, die Regierung über das Herzogtum SachsenMeiningen. Jedoch bedeutete dies weder eine Stabilisierung der Verhältnisse im Herzogtum, noch eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Agnaten, denn auch die neue Herrschaftskonstellation brachte Konflikte mit sich. Dennoch erging am 21. Februar 1727 schließlich das kaiserliche Standeserhöhungsdiplom. Philippine Elisabeth und ihre Kinder waren nunmehr Reichsfürstinnen und -fürsten, mit allen damit verbundenen Würden und Rechten. Zugleich war das Standeserhöhungsdiplom mit dem Hinweis versehen, dass gemäß derer sich die Kinder Herzog A nton Ulrichs vor Missheiraten hüten sollten, andernfalls würden sie die kaiserliche Gnade verlieren.815 Dies war ein Zeichen dafür, dass sich auch der Kaiser prinzipiell gegen ungleiche Ehen aussprach. Es stellt sich die Frage, ob es letztlich den langjährigen Bemühungen Herzog Anton Ulrichs in Wien zu verdanken war, dass die Standeserhöhung erlassen wurde.816 Dies umso mehr, da Herzog Anton Ulrich seine zahlreichen und mehrmonatigen Wienaufenthalte bei weitem nicht nur dazu nutzte, um die Standeserhöhung seiner Familie voranzutreiben. Vielmehr ging er während seines Wienaufenthaltes seinem fürstlichen Rang gemäßen Divertissements nach. Den gewissenhaft geführten, aber nicht mehr vollständig überlieferten Journalen Herzog Anton Ulrichs ist zu entnehmen, wie sich sein Tagesablauf in Wien gestaltete.817 Offenbar war Herzog Anton Ulrich ständig bemüht, in das nähere Umfeld 814 „Wöchentlichen Post-Zeitung / Mit königl. Preuss= auch Hoch=Gräfl. Lipp. Allergnäd= und Gnäd. Freyheit“ (= „Wochentliche Postzeitungen“, erschienen in Lippstadt seit 1717, ab 1738 unter dem Titel „Ordinari Lippstädtische Postzeitungen“) vom 3. August 1724, Nr. 63, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 1. 815 Standeserhöhungsdiplom vom 21. Februar 1727, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 65. 816 Zu den Bemühungen Herzog Anton Ulrichs und den damit einhergehenden schriftlichen Gesuchen siehe: SIKORA 2004, S. 50–54. 817 Journale Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen aus den Jahren 1722, 1726 und 1727/28 befinden sich in: ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 54.

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des Kaiserpaares zu gelangen. Bei seinen Bemühungen bediente er sich nicht zuletzt dem höfischen Gabentausch als Kommunikationsmittel.818 Es gelang Herzog Anton Ulrich gelegentlich, zur Kammermusik oder zur höfischen Tafel eingeladen zu werden, oder einen der begehrten Plätze auf der Audienzliste des Kaisers zu erlangen.819 Doch weitaus häufiger wurde ihm mitgeteilt, dass sich der Kaiser zur Jagd aufhielt und dass die Kaiserin sich zurückgezogen hätte.820 Das Kaiserpaar vermied offensichtlich gezielt den Kontakt mit Herzog Anton Ulrich. So geriet es auch nicht zwischen die dynastischen Fronten innerhalb des ernestinischen Familienverbandes. Bemerkenswert ist, dass sich Herzog Anton Ulrich in seinen Journalen wenig enttäuscht über derartige Entwicklungen zeigte.821 Diese Reaktion ist einerseits erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel Energie und Ressourcen Herzog Anton Ulrich investierte, um die Standeserhöhung seiner Frau und seiner Kinder durchzusetzen. Andererseits ist die Reaktion verständlich, wenn man den mit den Bemühungen um die Standeserhebung einhergehenden Aufwand nicht als lästige Begleiterscheinung versteht, sondern als Möglichkeit zur Repräsentation und als willkommene Abwechslung vom Alltag in Amsterdam oder in der Meininger Residenz. In Wien bot sich Herzog Anton Ulrich eine Vielfalt an höfischen, wenn auch sehr kostspieligen Divertissements.822 Zugleich bedurfte es dieser materiellen Aufwendungen, um die eigene Standeszugehörigkeit zu dokumentieren. Ebenso standesspezifisch war das Unterhalten von Beziehungen zum weiblichen Geschlecht. Nachweislich hatte Herzog Anton Ulrich in Wien mindestens eine Geliebte, nämlich im Jahr 1726 die Comtesse F. Comarrin.823 Die Tatsache, dass Herzog Anton Ulrich Beziehungen zu weiteren Frauen neben Philippine Elisabeth unterhielt, lässt auch interessante Rückschlüsse auf das Eheleben von Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth zu, das an späterer Stelle noch thematisiert wird. Bei der Frage, welche Faktoren die Standeserhöhung ermöglicht haben, dürften die Bemühungen von Anton Ulrichs Schwester Elisabeth Ernestine Antonie eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Auch sie stand mehrfach mit dem kaiserlichen Hof in Kontakt. So bemühte sie sich, ihren Bruder in kaiserlichen Diensten unterzubringen und ihm auf diesem Weg ein gewisses Einkommen zu sichern. Einem Brief Elisabeth Ernestine Antonies an Anton Ulrich vom 1. Oktober 1723 ist diesbezüglich zu entnehmen: „que L’Empereur a recompensé de Leur merites a Son iour de naissance, en leur donnant des plus hauts emplois, ie crois que si vous aviès cherché un Regiment et avec cela le titre de general ou au

818

HIRSCHBIEGEL 1997, S. 44–55, hier S. 51. Zur Audienzpraxis am Kaiserhof siehe auch: PONS 2005, S. 167. 820 Journal der 1723 erfolgten Wiener Reise Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 35. 821 Ebd. 822 Zum Wiener (Hof-)Leben siehe: PONS 2005, S. 179–180. 823 Die Briefe des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen und der Comtesse F. Comarrin finden sich in: ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV CC 6. 819

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moins une pension que Sa Maj. te ne vous L’auroit pas refusés“824. Um diese Ziele zu verwirklichen, griff Elisabeth Ernestine Antonie insbesondere auf die enge verwandtschaftliche Beziehung zur Kaiserin Elisabeth Christine, einer geborenen Prinzessin aus dem Haus Braunschweig-Wolfenbüttel, zurück.825 Dabei fällt auf, dass sich die Kaiserin gegenüber ihrer Cousine Elisabeth Ernestine Antonie offenbar aufgeschlossener als gegenüber ihrem Cousin Anton Ulrich zeigte. An dieser Stelle wird auch einmal mehr deutlich, dass nicht nur die verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb des ernestinischen Familienverbandes eine entscheidende Rolle im Rahmen des Ehekonfliktes spielten, sondern auch das von Herzog Anton Ulrichs Mutter herrührende verwandtschaftliche Netzwerk des Hauses Braunschweig-Wolfenbüttel. Im Fall der Kaiserin Elisabeth Christine bedeutet dies, dass sie für Herzog Anton Ulrich wie für Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie sowohl aufgrund ihrer Position als Kaiserin eine wichtige Adressatin war, als auch durch ihre familiäre Position als Cousine. Dabei kann die ständische und die familiäre Position nicht getrennt voneinander betrachtet werden, vielmehr sind sie miteinander verwoben. Die tatsächliche Rolle der Kaiserin hinsichtlich der Standeserhöhung Philippine Elisabeth Cäsars ist anhand der Quellen nur schwer nachzuzeichnen, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Standeserhöhung nicht unwesentlich auf den Einfluss der Kaiserin Elisabeth Christine zurückzuführen war.826 Dabei lehnte die Kaiserin eine Standeserhöhung zunächst ab. Sie sympathisierte, wie auch ihr Vater Herzog Ludwig Rudolf, mit Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen.827 Selbst Herzog Anton Ulrich sah in der nahen Verwandtschaft zur Kaiserin eher ein Hindernis bei der Standeserhöhung als einen Vorteil. Auch wenn hierzu keine ausführlichen Stellungnahmen des Herzogs überliefert sind, so ist davon auszugehen, dass mit der exponierten Stellung der Kaiserin ein verstärkter Bedarf nach ständischer Distinktion einherging, der zu einer kritischen und ablehnenden Haltung gegenüber ungleichen Eheschließungen – insbesondere in der eigenen Verwandtschaft – führte. Dass die Standeserhöhung Philippine Elisabeth Cäsars dennoch unter maßgeblicher Mitwirkung der Kaiserin erfolgte, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass im Jahr 1727 mit Herzog Ernst Ludwig I. der größte Opponent gegen die Standeserhöhung verstorben war. In der Forschungsliteratur wird darüber hinaus auf ein Interesse der Kaiserin an ‚geordneten‘ Verhältnissen und einem einvernehmlichen Miteinander innerhalb des Hauses Sachsen-Meiningen verwiesen828, was angesichts jahrelanger Auseinandersetzungen als Motiv für das Handeln der Kaiserin nachvollziehbar erscheint. 824

Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 1. Oktober 1723, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 14. 825 Elisabeth Christine war die Tochter Herzog Ludwig Rudolfs von Braunschweig-Wolfenbüttel (1671–1735), dem jüngsten Bruder der Herzogin Elisabeth Eleonore von Sachsen-Meiningen. Zur Person der Kaiserin Elisabeth Christine und ihrer Rolle am Kaiserhof siehe: HUSS 2008, S. 85–89. 826 SIKORA 2004, S. 313. 827 Ebd., S. 314. 828 Ebd., S. 315.

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Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Durchsetzung der Standeserhöhung dürfte auch der Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim (1674–1746) gehabt haben. Immerhin gelang es Herzog Anton Ulrich, den Reichsvizekanzler für sich zu gewinnen. Damit hatte der Herzog einen einflussreichen Fürsprecher am kaiserlichen Hof auf seiner Seite.829 Auf die maßgebliche Beteiligung des Reichsvizekanzlers an der Durchsetzung der Standeserhöhung deuten auch Worte Herzog Anton Ulrichs aus dem Jahr 1729 hin, indem er Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim als den „einzigen Promotor der Standeserhöhung seiner Familie“830 bezeichnete. In den Quellen wie auch in der Sekundärliteratur lassen sich darüber hinaus Hinweise auf das Mitwirken des „spanischen Ministers de Perlas“831 finden. Letztlich dürfte es aber nicht viele Fürsprecher der Standeserhöhung gegeben haben, wie die unmittelbar auf die Standeserhöhung einsetzende Protestwelle deutlich werden ließ. Noch im Herbst 1727 wandten sich die ernestinischen Häuser, aber auch die Albertiner in Gestalt des sächsischen Kurfürsten, die Landgrafen von Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel, die Regentin von Brandenburg-Ansbach und der Markgraf von Brandenburg-Bayreuth, der Fürst von Anhalt-Zerbst, der König von Preußen sowie der König von Schweden an den Kaiser.832 Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar schrieb an Kaiser Karl VI., dass sich Philippine Elisabeth „mit dem Praedicat Madame, mit der adelichenoder Barons-Qualitaet [...] begnügen [solle]“833. Damit zeigte sich Herzog Wilhelm Ernst schon um einiges kompromissbereiter als das Gros der ernestinischen Agnaten, die eine Standeserhöhung prinzipiell ablehnten. Demgegenüber gab es aber auch Fürsten, die Herzog Anton Ulrich zur erfolgten Standeserhöhung seiner Frau beglückwünschten. Hierzu gehörten die Bischöfe von Lübeck, Lüttich und Konstanz, aber auch der Markgraf von Baden-Baden.834 Besonders bemer829 Zu Person und Wirken Friedrich Karls von Schönborn siehe: DAHM 1995, Sp. 627–633; LAFAGE 2008, Bd. 2; SCHRAUT 2005, insb. S. 225. 830 Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an den Hofrat Schrader, 10. Juni 1729, zitiert nach: „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 831 HELLFELD 1790, Bd. 3, S. 246. Hierbei handelt es sich vermutlich um Don Ramón de Vilana Perlas Marqués de Rialp (1663–1741). Rialp kam 1713 nach Wien und wurde dort zum alleinigen Staatssekretär für die spanischen Königreiche, Staaten und Herrschaften ernannt. Zudem wurde er in den ebenfalls 1713 geschaffenen Höchsten Spanischen Rat berufen, der zur Drehscheibe des gesamten kaiserlichen Schriftverkehrs avancierte. Das Spanische Staatssekretariat wickelte nicht nur die Geschäfte mit den ehemals spanischen Nebenländern ab, sondern Rialp wurde von Kaiser Karl VI. auch als Mittler für die gesamte diplomatische Korrespondenz bestimmt. Als solches stand er dem Kaiser ständig zur Verfügung, begleitete diesen auf Reisen und war in den jeweiligen Residenzen anwesend. Siehe: ZEDINGER 2000, S. 24–25. 832 „Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 833 Herzog Wilhelm Ernsts von Sachsen-Weimar an Kaiser Karl VI., 22. September 1727, zitiert nach: SIKORA 2004, S. 170. 834 Ebd.

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kenswert ist, dass sich mit Markgraf Ludwig Georg Simpert von Baden-Baden (1702–1761) ein weltlicher Fürst für die Standeserhöhung aussprach.835 Die unterschiedlichen Haltungen innerhalb des Fürstenstandes verdeutlichen, dass die standesungleiche Ehe Herzog Anton Ulrichs weniger ein Problem des gesamten Fürstenstandes darstellte als vielmehr ein Problem vereinzelter Fürsten‚ für die der Normenkonflikt Bestandteil eines Konfliktes um Herrschafts- und Erbrechte war. Entgegen der Vorstellungen Herzog Anton Ulrichs, mit der Standeserhöhung zu einem Ende der Auseinandersetzungen um die ungleiche Ehe zu gelangen, zeigte sich, dass sie stattdessen neue Auseinandersetzungen nach sich zog. Die Dimension dieser Auseinandersetzungen reichte weit über den ernestinischen Familienverband hinaus. Neben Mitgliedern aus dem Haus Wettin und der erbverbrüderten Häuser Brandenburg und Hessen waren zahlreiche weitere Reichsfürsten beteiligt, darunter insbesondere das Haus Braunschweig. Dabei wurde die Standeserhöhung keineswegs nur unter den männlichen Angehörigen der genannten Häuser eifrig diskutiert, sondern auch weibliche Angehörige des Hochadels verfolgten aufmerksam das Geschehen. Beispielsweise ließ sich Herzogin Christine Luise von Braunschweig-Lüneburg (1671–1747) von dem kaiserlichen Gesandten Friedrich Heinrich von Seckendorff über die neuesten Entwicklungen informieren. Anfang Dezember 1728 berichtete von Seckendorff aus Berlin: „La Succession des Enfants des A. le duc Anton Ulrich trouvera encor bien de contradiction, dar die Erbverbrüderten und Erbvereinigten de la maison de Saxe s`y opposeront Surement, aussi pour Sauver l`autorité des M. Imp. il faut songer aus expedient [...], avant gre les protestations arrivent a la cour [...]“836. Dieses Zitat dokumentiert zum einen, dass die Auseinandersetzungen gut ein Jahr nach der Standeserhöhung keineswegs an Intensität verloren hatten. Das Gegenteil war vielmehr der Fall. Zum anderen wird deutlich, dass der Konflikt auch außerhalb des ernestinischen Familienverbandes thematisiert und dass Lösungen diskutiert wurden. Trotz der angespannten Lage entschloss sich Herzog Anton Ulrich, seinen Wohnsitz in Amsterdam aufzugeben und mit seiner Familie nach Meiningen zu gehen. Eine nicht unbedeutende Rolle hierbei dürfte die Tatsache gespielt haben, 835 Bereits der Vater des Markgrafen, Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), nahm offenbar eine moderate Haltung gegenüber standesungleichen Ehen ein. Dies geht aus einem am 22. April 1701 verfassten Brief des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel bezüglich der Pläne für einen Pakt gegen Mesalliancen hervor. Darin heißt es, dass es „nicht gerathen seyn [dürfte]“ Prinz Ludwig von Baden über die Pläne zu informieren. Siehe: Landgraf Karl von Hessen-Kassel an Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, 22. April 1701, HStA Marburg, Aktenbestand B.1.1.4 a, Nr. 56/50. 836 Graf Friedrich Heinrich von Seckendorff-Gudent an Herzogin Christine Luise von Braunschweig-Lüneburg, 7. Dezember 1728, NStA Wolfenbüttel, 1 Alt 23 Nr. 389, fol. 37. Übersetzung: „Die Erbfolge der Kinder des Herzogs Anton Ulrich wird noch auf zahlreichen Widerspruch stoßen, dar die Erbverbrüderten und Erbvereinigten des Hauses Sachsen sicherlich dagegen opponieren werden, auch um die Autorität der kaiserlichen Herrschaften zu bewahren, sollte man über einen Ausweg nachdenken [...], bevor die Proteste den Hof erreichen.“

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dass es nach dem Tod des Herzogs Ernst Ludwig I. zu einer Annäherung zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner Mutter Elisabeth Eleonore gekommen war. Offenbar hatte die Mutter auch die 1727 erfolgte Standeserhöhung – entgegen ihrer vorherigen Haltung – wohlwollend begrüßt. Einem Brief Herzog Anton Ulrichs vom 14. Januar 1728 zufolge habe sich Herzogin Elisabeth Eleonore erfreut über die Standeserhöhung gezeigt. So schrieb Herzog Anton Ulrich, dass seine Mutter „Vergnügen und Zufriedenheit, über die, meiner Frau Gemahlin und Kindern, angediehene allerhöchste Kayserliche Gnade bezeiget, und die gnädige Versicherung Dero beharrlichen Huld und Protection, angefüget haben“837. Er selbst sei „dadurch in eine mit Worten nicht auszudrückende Freude gesetzt worden“838. In einem weiteren Brief vom 17. März 1728 bedankte sich Herzog Anton Ulrich bei seiner Mutter „vor die nach Holland gesanten schöne Sachen, so wohl vor mich, als in Nahmen meiner Frau Gemahlin und Kinder“839. Auch dies ein Beleg dafür, dass sich das Verhältnis zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner Familie auf der einen und Herzogin Elisabeth Eleonore auf der anderen Seite gebessert hatte. Die bisherige strikte Ablehnung Philippine Elisabeths und der Kinder durch die Herzogin wich zumindest sichtbarem Respekt. Es stellt sich jedoch die Frage nach den Gründen für diese veränderte Haltung der Herzogin. Ein möglicher Erklärungsansatz scheint auch hier mit dem Tod Herzog Ernst Ludwigs I., dem maßgeblichen Kontrahenten Herzog Anton Ulrichs, gegeben. Möglicherweise war die greise Herzogin auch der ständigen, beinahe schon zwei Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzungen überdrüssig geworden und daher zu einem Einlenken gegenüber ihrem Sohn und dessen Familie bereit. Zu einer Begegnung zwischen Herzogin Elisabeth Eleonore und Philippine Elisabeth sowie den Kindern kam es allerdings nicht mehr: Herzogin Elisabeth Eleonore verstarb am 15. März 1729, kurz bevor Herzog Anton Ulrich mit seiner Familie nach Meiningen übersiedelte. Philippine Elisabeth schrieb hierzu am 25. März 1729 von Amsterdam aus an den schon in Meiningen weilenden Anton Ulrich: „unsere Kinder becklagens aug sehr, und sind mid ErSchrecken, und betröbed, und hätten, gerne nog, vohrhehr, die Freüde gehabd, die Gnädige Frau, Grohs Mama zu sehn, doch Mus man so zufrieden seyn“840. Doch dürfte es sich hierbei um eine formale Mitleidsbekundung gegenüber Herzog Anton Ulrich gehandelt haben. Eine starke affektive Bindung zwischen Philippine Elisabeth und Herzogin Elisabeth Eleonore scheint angesichts der vorangegangenen Auseinandersetzungen ausgeschlossen, zumal die Beziehung zwischen den beiden Frauen von den durch die unterschiedliche Herkunft bedingten hierarchischen Strukturen überlagert wurde.

837

Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen an Herzogin Elisabeth Eleonore von SachsenMeiningen, 14. Januar 1728, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV D 7. 838 Ebd. 839 Ebd. 840 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 25. März 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17.

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4.4.5 Verheiratet und doch getrennt: Einblicke in den Alltag einer standesungleichen Ehefrau Mit dem Umzug des Herzogs Anton Ulrich und seiner Familie nach Meiningen setzte sich der Herzog erneut über die Vorstellungen seiner Verwandten, die diesen Umzug entschieden ablehnten, hinweg. Es erstaunt daher kaum, dass das Vorgehen Herzog Anton Ulrichs neuerlichen Widerstand hervorrief. Insbesondere die Herzöge Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich, der jüngste Sohn des Herzogs Ernst Ludwig I., setzten sich gegen die Pläne Herzog Anton Ulrichs zu Wehr. Sie waren die nunmehr einzigen männlichen Agnaten innerhalb des Hauses Sachsen-Meiningen, denn bereits wenige Wochen vor dem Tod der Herzogin Elisabeth Eleonore war auch Herzog Ernst Ludwig II., der zweitgeborene Sohn Ernst Ludwigs I., gestorben. Da die Herzöge Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich den Umzug Anton Ulrichs und seiner Familie nicht verhindern konnten, verließ Herzog Friedrich Wilhelm das Schloss Elisabethenburg und zog in das nahe Meiningen gelegene Schloss Dreißigacker. Für Philippine Elisabeth und die gemeinsamen Kinder stellte der Umzug nach Meiningen eine Zäsur dar, denn der Umzug bedeutete die Aufgabe des Amsterdamer Exildaseins. Darüber hinaus war ein derartiger Einzug einer standesungleichen – wenn auch inzwischen gefürsteten – Ehefrau in die Residenz keineswegs selbstverständlich. In den meisten Fällen standesungleicher Eheschließungen mussten die Ehefrauen ein Dasein fern vom Hofe, im Verborgenen führen. Selbst wenn ein Einzug in die herzogliche Residenz erfolgte, bedeutete dies keineswegs die gesellschaftliche Anerkennung durch die fürstliche Verwandtschaft.841 Im Fall Philippine Elisabeths waren es allen voran Herzog Friedrich Wilhelm sowie Herzog Carl Friedrich, die gegen die neuen Verhältnisse intervenierten. Ihnen gelang es auch, die psychisch labile Eleonore Friederike, die zuvor als Kanonissin in Gandersheim residiert hatte, nunmehr aber wieder im Meininger Schloss lebte, für sich zu gewinnen. Zu Gute kam den beiden Herzögen dabei, dass nur wenige Wochen nach der Übersiedlung Philippine Elisabeths und ihrer Kinder nach Meiningen ein Streit zwischen Eleonore Friederike und ihrem Bruder Anton Ulrich um die Nutzung von Zimmern auf der oberen Galerie des Schlosses Elisabethenburg ausbrach. Um in den knapp bemessenen Räumlichkeiten des Schlosses Platz für seine Familie zu schaffen, hatte Herzog Anton Ulrich veranlasst, dass Eleonore Friederike sich die ihr zugestandenen Räume mit ihrer Hofdame von Bronsart842 teile. Dem widersetzte sich die Schwester und bezeichnete das Ansinnen ihres Bruders als „zudringliches Unternehmen und Unfug“843. Da es zu keiner Einigung kam, wurde auch der ,Zimmerstreit‘ vor dem Reichshofrat aus-

841

Siehe hierzu: SIKORA 2004, S. 263. Hierbei handelt es sich vermutlich um Christiane Friederike von Bronsart († 1748). 843 Arnold Heinrich von Glandorff an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 22. November 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV R 1. 842

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getragen.844 Im Zuge dessen kam es zu einer Solidarisierung zwischen Eleonore Friederike und den Herzögen Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich.845. Mit den innerhäuslichen Konflikten und den Auseinandersetzungen zwischen ihren Brüdern überfordert, bat Eleonore Friederike schließlich ihre ältere Schwester Elisabeth Ernestine Antonie um die Erlaubnis zur Rückkehr in das Stift Gandersheim: „So kan ich keinen beßren Resolousion faßen als das ich mich einzig und allein an ma chere soeur halte. Wann Sie mich in mein Stifft nehmen wolten [...] ich gleich anfangs darum gebeten, wie meines Bruders Gemahlin ins Landt kommen ist, welche einzig und allein die Ursach ist, das ich meinen Bruder quitiret habe, sonsten würde ich ihn die Zeit meines Lebens nicht verlaßen haben“846. Auch wenn Eleonore Friederike ihre Schwägerin Philippine Elisabeth als Verantwortliche für die Differenzen benennt, wird im weiteren Verlauf des Briefes deutlich, dass dies nicht der einzige Grund dafür war, dass Eleonore Friederike nach Gandersheim zurückkehren wollte. „Solte ich nun wieder umwenden“ schrieb sie der Äbtissin, so „müste ich fürchten, wie mirs als dann darnach ginge, sätzte mich wohl zwischen zweyen Schtülen hier hernach“847. Diese Äußerungen sprechen dafür, dass die labile Eleonore Friederike durch die Herzöge Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich unter Druck gesetzt wurde, sich gegen ihren Bruder Anton Ulrich und dessen Familie zu positionieren. Insbesondere Herzog Carl Friedrich, der im Gegensatz zu Herzog Friedrich Wilhelm mit Philippine Elisabeth unter einem Dach wohnte, versuchte diese wie auch die Kinder im Alltag möglichst einzuschränken. Dies betraf sowohl die Räumlichkeiten, als auch die Nutzung des Personals. Dabei hatten Philippine Elisabeth und ihre Kinder ohnehin nur wenig komfortable Zimmer im Dachgeschoss des Meininger Schlosses erhalten. Die dortigen Wohnverhältnisse, die in der Folgezeit zu ständigen Erkrankungen bei Philippine Elisabeth führten, beschrieb der Leibarzt Doktor Koch mit den Worten: „gestalten deroselben [= Philippine Elisabeths] Schlafgemach, da sie sich fast beständig aufhalten, ein gegen West und Süden gelegenes Eilgemach, dahierin 844 Als Agent für Eleonore Friederike vor Ort in Wien war Johann Heinrich von Middelburg tätig. Siehe: Arnold Heinrich von Glandorff an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 22. November 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV R 1. Von Middelburg arbeitete in den Jahren 1734 bis 1743 nachweislich auch als Anwalt für Herzog Carl Friedrich von Sachsen-Meiningen sowie 1742 für das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg bei dessen Rechtsstreitigkeiten gegen Herzog Anton Ulrich. Siehe: SCHENK 1862, S. 103; H AUSMANN 1950, S. 347. Auch die Inanspruchnahme des Agenten von Middelburg einerseits durch Eleonore Friederike, andererseits durch Herzog Carl Friedrich und das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg spricht für ein gemeinsames Interesse der Genannten, gegen Herzog Anton Ulrich vorzugehen. 845 Herzog Friedrich Wilhelm nahm seine Halbschwester Eleonore Friederike sogar vorübergehend auf seinem Wohnsitz in Dreißigacker auf. Ende 1729 kehrte sie aber in das Schloss Elisabethenburg zurück, da am 22. November ein kaiserliches Dekret erging, gemäß dem die Hofdame von Bronsart die Räume der Prinzessin Eleonore Friederike wieder zu räumen hatte. Siehe: Kaiserliches Dekret vom 22. November 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV R 1. 846 Prinzessin Eleonore Friederike von Sachsen-Meiningen an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 22. Oktober 1732, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3. 847 Ebd.

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Abb. 10: Philippine Elisabeth Cäsar (Gemälde von Jan Maurits Quinkhard, 18. Jh.)

von Ost und Norden zweÿ Eingänge, und weil es in der dritten Etage, des ohne dieß hohen Schloßes dem Windzug ungemein exponieret, auch beständig mehr kalt als warm ist, so daß dieselben öfters sich beÿ Kohlen zu erwärmen genöthiget gesehen.“848 Während Philippine Elisabeth und ihre Kinder in den Zimmern des Dachgeschosses ihr Dasein fristeten, beanspruchte Herzog Carl Friedrich die Belletage für sich. Damit demonstrierte er auch auf symbolischer Ebene deutlich seine Haltung und die damit einhergehenden Exklusionsbestrebungen gegenüber Philippine Elisabeth. Philippine Elisabeth musste nicht nur mit der sie ablehnenden Verwandtschaft unter einem Dach wohnen, sondern sie war auch zumeist auf sich allein gestellt, während ihr Mann Anton Ulrich in Wien und später in Frankfurt am Main um 848

Bericht des Leibarztes Koch, 13. Februar 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 5.

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ihren nach wie vor umstrittenen Status prozessierte. Den Gegenstand der juristischen Auseinandersetzung bildete die Standeserhöhung als solche, aber auch der Einzug Philippine Elisabeths und ihrer Kinder in die Meininger Residenz. Bereits im Juni 1729, nur wenige Wochen nach Philippine Elisabeths Einzug in das Schloss Elisabethenburg, hatte sich Herzog Friedrich Wilhelm „wegen [...] behöriger Protestation gegen die von Herrn Herzog Anton Ulrichs Lbd. geschehene Introduction und Producirung dero Familie wieder das Kaÿl. Conclusum de 9. Mart. 1723 in hiesige fürstl. Gesamt-Lande“849 an den Meininger Hofrat Doktor Purgold850 gewandt. Um seine eigene Position zu stärken, versuchte Herzog Friedrich Wilhelm auch die übrigen ernestinischen Häuser, den sächsischen Kurfürsten und den König in Preußen gegen Herzog Anton Ulrich zu mobilisieren. Die ablehnende Haltung Herzog Friedrich Wilhelms gegenüber Philippine Elisabeth und ihren Kindern entsprach dem Empfinden der meisten fürstlichen Häuser, welche die bürgerliche Frau Herzog Anton Ulrichs ebenso als Fremdkörper innerhalb des ernestinischen Gesamthauses empfanden und als Makel betrachteten. So sicherte beispielsweise Herzog Johann Ernst von Sachsen-Saalfeld (1658–1729) seinem Neffen Friedrich Wilhelm Unterstützung zu: „Wie nun Eu. Lbd. die principia, so Wir in dieser Sache führen gnugsam bekannt, und Wir der Standes Erhöhung des Herrn Hertzoges Anton Ulrichs Famille und was derselben anhängig, gleich anfänglich wiedersprochen, und Ihro Kaÿserl. Met [...] daß besagte Standes Erhöhung wiederum cassiret werden möchte, allerunterthänigst nachgesuchet, also werden Wir auch dieser Meÿnung beständig inhariren.“851 Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, der als August II. zugleich König von Polen war, schrieb in seiner Funktion als Oberhaupt des Hauses Sachsen im März 1729 an den Kaiser, dass „dem gantzen fürstliche Hauße zu Sachsen solches über die Masen verkleinerl. und insonderheit dieses sehr nachthteilig wäre, daß denen aus sothaner, mit einer Person von gar geringen und schlechten Herkommen getroffenen Mißheÿrathen erlangen und noch zu erzeügenden Kindern die Successionsfähigkeit zugleich beÿgeleget worden wollet“852. Dahingehend äußerte sich auch König Friedrich Wilhelm in Preußen (1688–1740) in einem Brief an Kaiser Karl VI. vom September 1730. „Als wollen Euer K. M. erlauben“, schrieb der preußische König, „daß ich deßhalb hierdurch freund-vetterliche Erinnerung zu thun, die Freÿheit nehme, in der zuversichtlich guten Hoffnung Euer kaÿserl. Maÿe. werden nicht länger anstehen, die beÿ der Sache intereshirten Königl. Chur und fürstl. Häußer mit der so sehnlich erwarttenden Kaÿserl. Resolution 849 Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen an den Hofrat Doktor Purgold (Abschrift), 30. Juni 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 2. 850 Doktor Georg Purgold war zunächst Rat, dann Hofrat und Oberkommissar bei den Landeskollegien in Diensten des Herzogs Friedrich Wilhelm. Nach dem Tod des Herzogs trat er in sachsengothaische Dienste ein. 851 Herzog Johann Ernst von Sachsen-Saalfeld an Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen-Meiningen, 26. August 1729, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV O 8. 852 Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen an Kaiser Karl VI. (Abschrift), 20. März 1728, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 1.

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zu erfreüen“853. Die beträchtliche Zahl der gegen die Standeserhöhung Protestierenden untermauerte den äußerst umstrittenen Status Philippine Elisabeths und ihrer Kinder. Da die aus der Standeserhöhung erwachsenden Konflikte ein sich weit über das Haus Sachsen-Meiningen erstreckendes Ausmaß erreichten, war zu erwarten, dass sich die Auseinandersetzungen um die Standeserhöhung hinziehen würden. Äußerst bemerkenswert ist in diesen Zusammenhang, dass es im weiteren Konfliktverlauf zwar nicht zu einer Annäherung der Konfliktparteien hinsichtlich der Standeserhöhung kam, aber dennoch zu gemeinsamen Aktionen. Beispielsweise gingen 1734 die beiden Hauptkontrahenten in der Standeserhöhung, Herzog Friedrich Wilhelm und Herzog Anton Ulrich, gemeinsam gegen ihren Neffen Carl Friedrich vor, als dieser auf der Primogeniturordnung seines Vaters Ernst Ludwig I. beharrte und einen Alleinvertretungsanspruch gegenüber seinen beiden Onkeln beim Kaiser durchzusetzen versuchte. Diese Verletzung des brüderlichen Rezesses von 1706 führte nunmehr zu einem Interessenkonflikt mit den Herzögen Friedrich Wilhelm und Anton Ulrich und letztlich zu einem gemeinsamen Vorgehen der beiden Brüder gegen ihren Neffen Carl Friedrich.854 Und dies, obwohl man sich zur gleichen Zeit untereinander in juristischen Auseinandersetzungen befand. Die innerhäuslichen Koalitionen waren demnach kein starres Gebilde, sondern wurden je nach Interessenlage flexibel gestaltet. Vor dem Hintergrund der juristischen Auseinandersetzung um den Status Philippine Elisabeths und ihrer Kinder stellt sich natürlich die Frage nach dem alltäglichen (Familien-)Leben. Offenkundig brachten adelige Verwandtschaft und höfische Gesellschaft der Familie Herzog Anton Ulrichs kaum Respekt entgegen. Es wäre aber falsch, die bürgerliche Ehefrau und die adelige Verwandtschaft als Pole einander gegenüber zu stellen, zumal sich Philippine Elisabeth Cäsar keineswegs der Ablehnung der gesamten adeligen Verwandtschaft ausgesetzt sah. Eine Ausnahme hierbei stellten die beiden Schwestern Herzog Anton Ulrichs, Herzogin Wilhelmine Luise und insbesondere die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie, dar. Die beiden Schwestern unterstützten sowohl ihren Bruder Anton Ulrich, als auch dessen Frau Philippine Elisabeth und die Kinder der beiden. Dies verdeutlichen auch die Worte Philippine Elisabeths. So schrieb sie an Herzog Anton Ulrich, sie könne „nichd genuch rühmen, wie gnädich H. Abadissin sich gegen uns bezeigen, und hahben sie denen Kindern nemlich, unsern PrinCessin Döchdern oblisdrand, geschriben und Ihrer Gnade versicherd, aug wiederrum Preshend getahn nag denen Sie, Ihnen aufgewarded“855. Dessen ungeachtet führte die ungleiche Herkunft des Paares zur Stigmatisierung Philippine Elisabeths und schließlich zu ihrem Ausschluss von der adeligen Gesellschaft. Vor allem Missachtung und Gering853

König Friedrich Wilhelm I. in Preußen an Kaiser Karl VI., 26. September 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 1. 854 Gemeinsames Schreiben der Herzöge Friedrich Wilhelm und Anton Ulrich von Sachen-Meiningen, 4. September 1734, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 2. 855 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 25. November 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17.

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schätzung durch die adelige Umgebung prägten den Alltag Philippine Elisabeths, doch war dies bezeichnend für den Alltag ungleicher Ehefrauen. Nachdem Philippine Elisabeth in die Residenz in Meiningen mit eingezogen war, wurde es beispielsweise den dortigen Bediensteten durch Herzog Carl Friedrich untersagt, die Familie Anton Ulrichs zu bedienen. Auf derartige Weise diskriminiert schrieb Philippine Elisabeth 1730 an ihren Ehemann: „können Sie, leichd schlißen wie wihr, auch leiden müßen, und andere davon ich doch nog nichd bedencken will, und bitte, unterdänich Sie wollen die Gnade hahben, und solches kachiren weihl sonsten die Verbitterung, und der Haß nog größer sein wörde, denn sie suchen, so Mir und denen Kindern daß Leben schwehr zu machen, wie aug denen wenigen, soh uns wohl wollen, und waß daß Übelste, soh laßen Sie zahlreich, Ihren Zorn bey Taffel aus, daß man mid Giffte rein Eßen mog, und die Kinder sich mid mir öffters übel befinden, da wihr Ihnen doch nichdg zu leide duhn.“856 Die Auseinandersetzungen mit der adeligen Verwandtschaft fanden demnach nicht nur in juristischer sondern ebenso in verbaler Form statt. Den Hinweisen in den Quellen zufolge kam es sogar vereinzelt zu tätlichen Übergriffen.857 Vor diesem Hintergrund sah sich Herzog Anton Ulrich abermals veranlasst, seinen Bruder Friedrich Wilhelm wie auch seinen Neffen Carl Friedrich vor dem Reichshofrat zu verklagen. Um die Ordnung im Haus und Herzogtum Sachsen-Meiningen wieder herzustellen erging schließlich am 7. März 1730 ein kaiserlicher Erlass, gemäß dem Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen ein „Conservatorium und Protectorium“ für das Herzogtum Sachsen-Meiningen übertragen wurde. Zur Begründung hieß es, dass „bemeldete Uneinigkeiten und Mißverständnissen sich täglich unter so nahen Fürstlichen Anverwandten dergestalt vermehreten, daß selbige nunmehro zu schweren That=Handlungen an Seiten des Hertzogen Anton Ulrich zu Sachsen-Meiningen Liebden ausgebrochen, mithin grosse Gefährlichkeiten und unheilsame Folgen daher zu besorgen steheten“858. Ob die Herzöge Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich dabei tatsächlich soweit gingen, die ihnen missfallende Verwandtschaft zu vergiften, wie es von Philippine Elisabeth in ihrem Brief an Herzog Anton Ulrich angedeutet wurde, ist fraglich. Vielmehr ist nahe liegend, dass es sich hier um eine argumentative Überzeichnung Philippine Elisabeths handelte, um ihren in Wien weilenden Ehemann Anton Ulrich zur Rückkehr nach Meiningen zu bewegen. Derartige Argumentationsstrategien lassen sich immer wieder in den Briefen Philippine Elisabeths finden. Der Wunsch Philippine Elisabeths nach der Anwesenheit ihres Ehemannes ist nachvollziehbar, zumal sich Herzog Anton Ulrich in Wien keineswegs nur um seine juristischen Belange kümmerte, sondern vielmehr anderen Aktivitäten wie

856

Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 22. Oktober 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17. 857 EELKING 1869, S. 183. 858 Erlass Kaiser Karls VI. vom 7. März 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV P 2.

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dem „Erwerb von literarischen Schätzen“859 sowie „balistischen Arbeiten über das Heerwesen“860 nachging, während sich seine Ehefrau in Meiningen tagtäglich Diskriminierungen durch ihre Gegner ausgesetzt sah. Allein dass Herzog Anton Ulrich den Wunsch seiner Frau nach seiner baldigen Rückkehr aus Wien ignorierte, spricht dafür, dass die emotionale Bindung zwischen den Ehegatten zu dieser Zeit deutlich an Intensität verloren hatte. Zudem lässt dies darauf schließen, dass Herzog Anton Ulrichs Bemühungen um den Status seiner Familie primär nicht auf der emotionalen Zuneigung zu seiner Familie beruhten; vielmehr ging es um ihn selbst, und um sein Verlangen, sich gegenüber den ernestinischen Verwandten durchzusetzen. Herzog Anton Ulrich tritt an dieser Stelle einmal mehr als Fürst in Erscheinung, der um seinen sozialen Status innerhalb des Adels und sein Prestige kämpfte. Demgegenüber war der Alltag Philippine Elisabeths nicht nur von Anfeindungen der Verwandtschaft, sondern auch von materiellen Schwierigkeiten geprägt. So hatte sie das keineswegs gesicherte Auskommen der Familie zu gewährleisten. Hierzu gehörten so grundlegende Dinge wie die Beschaffung von Kleidungsstücken, was letztlich gar nicht so einfach war. Aufgrund der äußerst prekären Finanzsituation der Familie und fehlender Eigenmittel musste Philippine Elisabeth den abwesenden Herzog Anton Ulrich immer wieder um Unterstützung bitten. Hieran wird deutlich, dass standesungleiche Heiraten einerseits zwar einen sozialen Aufstieg der daran beteiligten Frauen bedeuteten, andererseits aber auch Abhängigkeitsverhältnisse gegenüber dem Ehemann mit sich brachten. Philippine Elisabeth schrieb 1737 an Herzog Anton Ulrich: „Hoffe aug Sie werden ferner, Ihre Gnade uns conserviren, [...] und Befehl geben, daß doch mein notörfftiges Einkommen einmahl erlange, weihl Sie die gnadige Versprechung geben, so bald ins Land könne davohr zu sorgen.“861 Weiter heißt es in dem Brief: „Ga anderre so glücklich, ihr Widum [= Wittum], und Versorgung zu bekommen, die doch fremd sind und nichd, so nötich braugen, aug keine Kinder hahben, die sie blagen, wie mirs gehd, und, gebe alles von Leib, waß ich kan, und habe so viehl gesorgd als mihr möglich gewesen, und ihnen Kleider und weis Zeüg geben, hahbe aug Schulten machen müßen, um ihnen zu helfen, in Hoffnung, es werden Eüre Libden wieder ins Land kommen.“862 Mit ihren Äußerungen brachte Philippine Elisabeth nicht nur ihre Unzufriedenheit hinsichtlich der finanziellen Situation ihrer Familie zum Ausdruck, sondern auch im Hinblick auf ihren Status. Als Referenz diente ihr die Witwe Herzog Ernst Ludwigs I., Herzogin Elisabeth Sophie (1674–1748). Deren ökonomische Ausstattung war im Gegensatz zu der Philippine Elisabeths ungleich größer und vor allem: sie war geregelt. So stand Herzogin Elisabeth Sophie als Witwe eines regierenden Herzogs 859

„Biographische Notizen des Geh. Hofraths Brückner (insbes. über Herzog Anton Ulrich)“ (Aktentitel), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 64. 860 Ebd. 861 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 21. September 1737, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17. 862 Ebd.

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ein Wittum zur Verfügung und außerdem in Römhild eine eigene Residenz. Von derartigen Verhältnissen war Philippine Elisabeth Cäsar weit entfernt. Sowohl Philippine Elisabeth Cäsars finanzielle wie auch physische Situation verschlechterte sich zunehmend. Im August 1738 schrieb sie an Herzog Anton Ulrich: „und ist unser Haus itzd [= jetzt] so schlechd, daß wihr aug fast nichds zu leben hahben, und wünsch daß nog, in Holland währe, so müße doch von so vihler Ärgerniß und Kummer befreyed bleiben [...]“863. Damit betonte sie einmal mehr ihre schwierigen Lebensbedingungen. Doch dürfte sich dies nicht nur auf die ökonomischen Verhältnisse beziehen, sondern auch auf die Beziehung der Eheleute. Tatsache war, dass Philippine Elisabeth und Anton Ulrich dauerhaft getrennt lebten, und dass die Besuche Herzog Anton Ulrichs in Meiningen zunehmend seltener wurden. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Philippine Elisabeth die Zeiten in Amsterdam – zumindest im Hinblick auf das Eheleben des Paares – idealisierte. Herzog Anton Ulrich seinerseits schien nicht daran interessiert, an den gegebenen Umständen etwas zu ändern. Er führte sein Leben in Wien, in das er seine Ehefrau nur sporadisch durch Briefe oder Präsente einbezog. Eine Einflussnahme auf das Handeln Herzog Anton Ulrichs oder gar eine Beteiligung an den Herrschaftsgeschäften war Philippine Elisabeth Cäsar nicht möglich. Herzog Anton Ulrich trat als Patriarch in Erscheinung, der seine Entscheidungen, auch wenn sie die Familie als Ganzes betrafen, eigenmächtig und alleine fällte. Dies zeigte sich auch in der Absicht Herzog Anton Ulrichs, seine Söhne zu sich nach Wien zu holen. Philippine Elisabeth wurde hierüber durch Dritte informiert. Ihre Verstimmung über diese Vorgehensweise teilte sie Herzog Anton Ulrich mit: „und wollen nichd ungnädich nehmen, daß edliche Postage ausgesetzd, Ihnen underdännich auffzuwarden, weihlen vohr Kummer und Chagrim nichd weis, anzufangen und solger immer gröhser wird, und nichd mehr weis voran, ich bin, und mus, von anderen neües Erfahren, welges doch vohr mir, so geheim gehalden wird, und also nichd dencken kann, daß dieses wahr sey, oder Eüer Libden werdens vohr mir, nichd geheim halden [...] nemlich daßie [= dass Sie] unsere Söhne, gerne folgend aus dem Lande hahben wollen, damid unsere Feinde, und andere allein darinnen herrschen können.“864 Den Worten Philippine Elisabeth Cäsars ist unverkennbar der Unmut über das Verhalten ihres Mannes zu entnehmen. Doch mehr als Kritik an ihrem Mann zu üben konnte Philippine Elisabeth nicht. Ihr fehlten die Einflussmöglichkeiten, um Herzog Anton Ulrich zu einer Änderung seines Verhaltens zu bewegen. Philippine Elisabeth Cäsar musste sich mit den Entscheidungen ihres Mannes abfinden. Die bei den Eheleuten zu Tage tretende Diskrepanz der Lebensentwürfe dürfte dabei sowohl auf geschlechtsspezifische Aspekte als auch auf die unterschiedliche soziale Herkunft der Ehepartner zurückzuführen sein. Aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft war 863

Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 5. August 1738, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17. 864 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 22. Oktober 1730, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17.

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es für Philippine Elisabeth kaum möglich, innerhalb ihres höfischen Umfeldes Verbündete zu gewinnen, die gegenüber Herzog Anton Ulrich zu ihren Gunsten Position hätten ergreifen können. Letztlich war der Alltag Philippine Elisabeth Cäsars einerseits durch eine Ausweitung von Lebensperspektiven sowie andererseits durch die Unsicherheit über den eigenen Status geprägt. Diese Ambivalenz kommt auch in ihrem Brief vom 23. September 1741 zum Ausdruck. Darin äußert Philippine Elisabeth Cäsar gegenüber Herzog Anton Ulrich: „Ich bin aber zufriden, mitt der Ehre, und Fürstlichen Stand, darin mich Gott und Eüre Libde gesetzd, und wenn nor, darinnen leben kann, den die Ehre, hilfft nichd viehl, und hatt keinen Bestand, doch hätt solge, manger gerne gehabt.“865 Ihre Resignation hinsichtlich ihrer Situation und ihres Status’ spiegelt sich auch in einem ihrer letzten Briefe an Herzog Anton Ulrich: „Waß werden Eüer Libde doch von mir gedencken, daß so lange verweiled, Ihnen auffzuwarden, [...] welges aber meiner Augen schuld und, nog schwag sind und bin fast nichd im Stande gewesen solge nog Ihr gnadiges schreiben zu lesen, weihl daß Tageslichd nicht mehr sehen können, doch nun, durch Gottes Gnade wieder, Mich beßer befinde, und hoffe Ihnen nog aufzuwarden und wieder Ihrer gnädigen Gegenward zu genisen, und währe solge höchst nötich, weihl Herzoch Friderich schon so gud als tod, doch seynen Geburtstag zum Schein gehalden.“866 Obwohl sie mit ihrer Situation unzufrieden war, kritisierte Philippine Elisabeth ihren Mann nicht. Vielmehr entschuldigte sie sich mit einem Verweis auf ihren desolaten Gesundheitszustand bei Herzog Anton Ulrich. Auch wenn dies als rhetorisch-argumentatives Mittel erscheinen mag, so war Philippine Elisabeth zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schwer erkrankt. Umso bemerkenswerter ist daher die Tatsache, dass sie Herzog Anton Ulrich auf den vermeintlich bevorstehenden Tod seines Bruders Friedrich Wilhelm hinwies. Offensichtlich ging Philippine Elisabeth davon aus, dass Herzog Anton Ulrich einzig wegen ihr nicht nach Meiningen zurückkehren würde. Daher versuchte sie unter Bezugnahme auf den Zustand des Herzogs Friedrich Wilhelm, Herzog Anton Ulrich zu einer Rückkehr nach Meiningen zu bewegen. Dieser Sachverhalt lässt erneut Rückschlüsse auf die emotionale Bindung zwischen den Ehegatten zu: Diese war – zumindest auf Seiten Herzog Anton Ulrichs – kaum mehr vorhanden. Aber auch die Nachricht vom vermeintlich bevorstehenden Tod des Bruders veranlasste Herzog Anton Ulrich nicht, sich nach Meiningen zu begeben. Vermutlich wurde er durch andere Quellen darüber informiert, dass nicht der Tod Herzog Friedrich Wilhelms erwartet wurde, sondern der von Philippine Elisabeth. Der letzte noch erhaltene Brief Philippine Elisabeth Cäsars an Herzog Anton Ulrich weist ebenfalls darauf hin, dass sich der Herzog offensichtlich gegen ein Leben an der Seite seiner Frau entschieden hatte. „Wann, nor einmahl wieder, die Freüde, und Gnade wohl solde 865

Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 23. September 1741, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17. 866 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 3. März 1744, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17.

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einige, gnädige Nagrichd zu erhalden, weihl ich nichd mehr weis wie Eüer Libden sich befinden, und ob sie meiner gar vergeßen, welges doch nichd verdined, mit meiner Geduld, und Treüe, so vihle Jahre, und hoffe, aug dieses nichd, und versehe mir, weid beßers [...]“867, ließ Philippine Elisabeth ihren Ehemann wissen. Schließlich starb Philippine Elisabeth Cäsar am 14. August 1744 – zu der Zeit, als am Reichshofrat die Rücknahme des Standeserhöhungsdiploms verhandelt wurde.

4.4.6 Die standesungleiche Ehe als reichsweiter Präzedenzfall Die Ehe Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar hatte mit dem Tod der Ehefrau ein Ende gefunden, die Auseinandersetzungen um diese Ehe hielten allerdings weiter an. Der Schwerpunkt des Konfliktes lag nunmehr auf dem Status der aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder. Zum Zeitpunkt des Todes Philippine Elisabeths waren von ihren zehn Kindern mit Philippine Antoinette, Philippine Elisabeth und Philippine Luise noch drei Töchter sowie mit Bernhard Ernst und Anton August noch zwei Söhne am Leben. Insbesondere die Tatsache, dass aus der Ehe zwei Söhne hervorgegangen waren, die bei einer Anerkennung als Angehörige des Fürstenstandes auch Herrschafts- und Erbansprüche geltend machen konnten, wurde von den ernestinischen Agnaten zum Anlass für Interventionen genommen. Indem die Agnaten die Sukzessionsfähigkeit dieser Söhne negierten, versuchten sie zugleich ihre eigenen Ansprüche zu stärken. Für den Fall, dass Herzog Anton Ulrich verstorben wäre und keine sukzessionsfähigen Erben hinterlassen hätte, wären dessen Herrschaftsrechte an die ernestinischen Agnaten übergegangen. Vor diesem Hintergrund stellte die standesungleiche Herkunft Philippine Elisabeths für die ernestinischen Agnaten ein wichtiges Argument dar, um die eigene Position im Kampf um die Herrschaftsnachfolge im Herzogtum Sachsen-Meiningen zu verbessern. Schon zu Lebzeiten Philippine Elisabeths zielte die Argumentation der Agnaten darauf ab, dass der Kaiser zwar den Fürstenrang verleihen konnte, nicht aber Namen, Würde und Rechte des sächsischen Hauses. So wurde argumentativ eine Trennlinie zwischen dem fürstlichen Rang und dem sächsischen Namen gezogen, was letztlich bedeutete, dass mit dem Namen auch die sächsische Erbfolge bestritten wurde.868 Zugleich eröffnete sich den ernestinischen Agnaten damit die Möglichkeit, gegen die Konsequenzen der Standeserhöhung zu opponieren, ohne dabei das kaiserlicher Reservatrecht auf Standeserhöhungen und damit den Kaiser selbst anzugreifen. Allerdings blieben die Bemühungen der Agnaten, an deren Spitze Herzog Friedrich Wilhelm und – bis zu seinem Tod 1743 – Herzog Carl Friedrich stand, vorerst ohne die gewünschte Wirkung. 867 Philippine Elisabeth Cäsar an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 23. Mai 1744, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 17. 868 SIKORA 2004, S. 328.

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Der Tod Kaiser Karl VI. im Jahr 1740 und die damit einhergehende Krise des Hauses Habsburg schufen neue Perspektiven für die ernestinischen Agnaten. Die Tatsache, dass mit dem Wittelsbacher Karl Albrecht ein neuer Kaiser mit schwacher Hausmacht gewählt wurde, bot den ernestinischen Agnaten die Gelegenheit, ihre Forderungen erneut vorzubringen. Die tragende Rolle fiel dabei Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen (1696–1763) zu, der mit den übrigen Kurfürsten in Frankfurt am Main über die Ausarbeitung der Wahlkapitulation beriet. Es erstaunt nicht, dass nunmehr auch das Thema der Standeserhöhungen auf die Agenda der zu verhandelnden Themen gelangte. Kurfürst Friedrich August II. verlangte, dass dem Artikel zwölf der kaiserlichen Wahlkapitulation, der allgemein die Rechte Dritter gegenüber den kaiserlichen Standeserhöhungen schützte, ein weiterer Paragraph hinzugefügt werden sollte. Dieser Paragraph sollte beinhalten, dass „denen aus ungleicher Ehe oder Miß=Heurath erzeugten Kindern eines Standes des Reichs, oder aus solchem Hause entsprossenen Herrns, zu Verkleinerung des Hauses, die väterliche Titul, Ehren und Würde beylegen, vilweniger dieselben zum Nachtheil derer wahren Erbfolgere und ohne deren besondere Einwilligung vor ebenbürtig und Successions=fähig erklären, auch, wo dergleichen vorhin bereits geschehen, solches für null und nichtig ansehen und achten.“869 Die Forderung Kursachsens, die sich eindeutig gegen Herzog Anton Ulrich und dessen ungleiche Ehe mit Philippine Elisabeth Cäsar richtete, fand schließlich als Paragraph vier des Artikels zwölf Eingang in die kaiserliche Wahlkapitulation von 1742.870 Um diese Bestimmung im Fall des Herzogs Anton Ulrich auch in die Praxis umzusetzen, bedurfte es einer Untersuchung des Reichshofrates. Ein diesbezügliches Gutachten wurde von Kaiser Karl VII. im März 1744 beim Reichshofrat in Auftrag gegeben. Am 25. September 1744 erging schließlich der Beschluss des Reichshofrates, wonach das 1727 ergangene kaiserliche Standeserhöhungsdiplom für Philippine Elisabeth Cäsar und ihre Kinder im Hinblick auf die herzoglich-sächsische Würde und die Sukzessionsfähigkeit für unwirksam erklärt wurde.871 Im Jahr 1747 bestätigte auch der Reichstag diesen Beschluss, trotz wiederholter Interventionen von Seiten Herzog Anton Ulrichs. Mit der Wahlkapitulation Kaiser Karls VII. von 1742 war die Ehe Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar zu einem reichsweiten Präzedenzfall geworden. Die von dieser Ehe ausgehenden Auseinandersetzungen waren längst nicht mehr nur eine Angelegenheit des Hauses Sachsen-Meiningen, der ernestinischen wie auch erbverbrüderten Häuser, sondern auch des Reichsoberhauptes, tangierten sie doch die Rechte des Kaisers und insbesondere das kaiserliche Re869

Auszug aus den Wahltagsakten von 1741, zitiert nach: MOSER 1745, 19. Teil, S. 238. Paragraph 4, Artikel XXII der Wahlkapitulation Kaiser Karls VII. von 1742, zitiert nach: MOSER 1745, 19. Teil, S. 241. 871 Reichshofratsbeschluss vom 25. September 1744, abgedruckt in: „Des Gesamten Fürstlichen Hauses Sachsen gründlicher Bericht, Was wegen Des Herrn Herzogs Anton Ulrichs zu Sachsen=Meiningen, Vor Seine mit Philippinen Elisabeth Zeserin erzeugte Kinder, ausgebrachten Legitimations= und Standes=Erhebungs=Diplomatis vorgegangen [...]“, o. O. 1745, Anlage XXXVI, S. 47–48. 870

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servatsrecht auf Standeserhöhungen. Als reichsweiter Präzedenzfall hatte die ungleiche Eheschließung im Haus Sachsen-Meiningen auch Auswirkungen auf andere Fälle ungleicher Ehen im Reichsadel. An dieser Stelle sei insbesondere auf die Ehe des Fürsten Karl Friedrich von Anhalt-Bernburg mit Wilhelmine Charlotte Nüssler verwiesen. Diese Ehe weist zahlreiche Parallelen zur Ehe Herzog Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar auf, jedoch ist im Fall Anhalt-Bernburg/Nüssler bemerkenswert, dass hier noch nach 1742 massive Anstrengungen um eine Standeserhöhung unternommen wurden.872 Den beiden aus dieser Ehe hervorgegangenen Söhnen gelang es schließlich, im Jahr 1743 ein kaiserliches Dekret zu erwirken, welches den beiden Brüdern erlaubte, die Titulatur AnhaltBernburg zu führen. Die Sukzessionsfrage blieb allerdings unerwähnt.873 Demgegenüber schien sich im Fall Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars mit der Wahlkapitulation und dem Widerruf der Sukzessionsfähigkeit endgültig eine Entwicklung zugunsten der ernestinischen Agnaten abzuzeichnen. Insbesondere für Herzog Friedrich Wilhelm eröffnete sich nun die Möglichkeit, auf der Grundlage der kaiserlichen Beschlüsse offensiver und entschiedener als zuvor gegenüber seinem Bruder und Mitregenten Anton Ulrich aufzutreten. So ordnete Herzog Friedrich Wilhelm nach dem Tod Philippine Elisabeths am 14. August 1744 an, dass die beiden Meininger Stadtkirchen das sonst für ein Mitglied der herzoglichen Familie übliche Trauergeläut zu unterlassen hätten.874 Ebenso verweigerte er die Beisetzung seiner Schwägerin in der fürstlichen Gruft in Meiningen.875 Stattdessen ließ er den Sarg Philippine Elisabeths in das Gewölbe des Meininger Schlosses bringen und dort mit Sand überschütten.876 Dieses Vorgehen stellte einen erneuten Affront gegenüber Herzog Anton Ulrich und eine Verletzung seiner Ehre dar. Doch konnte Herzog Anton Ulrich per Reichshofratsbeschluss vom 1. September 1744 sowohl die Genehmigung, seine Frau Philippine Elisabeth in der fürstlichen Gruft beisetzen zu lassen, als auch die Genehmigung für die Durchführung des Trauergeläutes erwirken.877 Offensichtlich verfügte Herzog Anton Ulrich im Umfeld des Reichshofrates noch über genügend Einflussmöglichkeiten, um seine Interessen durchzusetzen. Zugleich darf nicht übersehen werden, dass die Differenzen im Zusammenhang mit der Beisetzung Philippine Elisabeth Cäsars aus Sicht des Reichshofrates weniger folgenschwer als die Sukzessionsfrage erschienen und die dortigen Entscheidungsbevollmächtigten daher eher zu einem Einlenken zugunsten Herzog Anton Ulrichs bereit waren. Trotz des positiven Bescheides des Reichshofrates kam es zunächst nicht zu der Beisetzung Philippine Elisabeth Cäsars in der fürstlichen Gruft, denn Her-

872

SIKORA 2004, S. 333–336. Ebd., S. 336. 874 Actum Meiningen vom 15. August 1744, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 5. 875 Actum Meiningen vom 19. August 1744, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 5. 876 EMMRICH 1834, S. 218. 877 Reichshofratsbeschluss vom 1. September 1744 (Abschrift), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 5. 873

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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zog Friedrich Wilhelm verweigerte die Umsetzung des Reichshofratskonklusum. Selbst nach dem Tod Herzog Friedrich Wilhelms am 9. März 1746 veränderte sich nichts an der Situation. Nun war es aber Herzog Anton Ulrich, der sich gegenüber seinem Bruder Friedrich Wilhelm für die von ihm begangenen Unannehmlichkeiten revanchierte. Herzog Anton Ulrich ließ den Sarg seines Bruders neben dem der Philippine Elisabeth Cäsar aufstellen und gleichfalls mit Sand überschütten.878 Erst nach neuerlichen rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen Herzog Anton Ulrich und den verwandten ernestinischen Häusern wurden schließlich beide Särge am 7. Juli 1747 in der fürstlichen Gruft in Meiningen beigesetzt.879

4.4.7 Die Wiederherstellung der Ordnung? Mit dem Tod Herzog Friedrich Wilhelms hatte die Opposition gegen Herzog Anton Ulrich ihren letzten Vertreter innerhalb des Hauses Sachsen-Meiningen verloren. Dennoch kam es nicht zur Beilegung der Streitigkeiten, die sich ursprünglich an der standesungleichen Ehe entzündet hatten. Zunehmend standen die herrschaftsrechtlichen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit zur Disposition. Für die ernestinischen Häuser schien angesichts des zu erwartenden Aussterbens des Hauses Sachsen-Meiningen die Zeit gekommen, um konkrete Pläne im Hinblick auf eine Herrschaftsübernahme im Herzogtum Sachsen-Meiningen zu schmieden. In dieser für den Fortbestand des sachsen-meiningischen Hauses äußerst kritischen Situation war es insbesondere Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie, die die Notwendigkeit zum Handeln erkannte. Als besonders problematisch erachtete sie die Tatsache, dass im Hinblick auf die Erb- und Nachfolge im Herzogtum Sachsen-Meiningen nur Kinder aus einer standesgemäßen Ehe vor den Verwandten aus den ernestinischen Nachbarlinien bestehen konnten. Daher riet sie ihrem Bruder dringend, sich wieder zu vermählen, und zwar diesmal standesgemäß. „[...] ergreiffet derselbe nicht das vorgeschlagene Mittel“, schrieb die Äbtissin am 25. September 1744 an den Hof- und Kanzleirat Schrader, „so sehe ich nicht wie S.er Lbd. und Ihren Kindern, ja dem gantzen Lande kan geholffen werden, daß es nicht nach S.r Lbd. Tode in andere Hände falle“880. Gegenüber ihrem Bruder Anton Ulrich äußerte Elisabeth Ernestine Antonie in einem Brief vom April 1746: „auch habe mon cher Frere zu verfüchen, dass wenn sie einiger Maaßen sich eingerichtet, zu Ihr und der Ihrigen, und zu mein und meiner Frau Schwester von Bernstadt besten, [...] sich wieder vermählten, mit einer Prinzeß, oder Reichs Gräfin, da die Printzeßinnen von Darmstadt, von Hessen Cassel, von Philipsthal, und von Würtenberg Ölls, welche einmahl Erbin dreÿer Fürstenthümer, [...] zur Wahl 878

EMMRICH 1834, S. 218. August Wilhelm Thilo an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 8. Juli 1747, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Y 5. 880 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Christoph Friedrich Schrader, 25. September 1744, NStA Wolfenbüttel, 11 Alt Gan FB 1, III 53. 879

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

gegeben würden“881. Als langjährige Vertraute Herzog Anton Ulrichs versuchte seine Schwester Elisabeth Ernestine Antonie einmal mehr, ihren Einfluss auf den Bruder geltend zu machen. Das Engagement der Äbtissin hinsichtlich einer Wiederverheiratung Herzog Anton Ulrichs ist dabei keineswegs nur als Fürsorge für ihren Bruder und dessen Kinder zu interpretieren, vielmehr kommen hier erneut Elisabeth Ernestine Antonies eigene materielle Interessen zum Ausdruck. Denn nur bei einem Erhalt des Hauses Sachsen-Meiningen war die Abgeltung noch ausstehender finanzieller Ansprüche der Äbtissin gewährleistet. Dem bereits zitierten Brief Elisabeth Ernestine Antonies an Anton Ulrich vom April 1746 ist diesbezüglich zu entnehmen: „da es nun von Ihnen alleine dependiret, einmahl wegen der noch starcken Forderung, von unserer seeligen Frau Mutter Dotal, Wiederleges [= Widerlage], und Morgengabs Gelder, uns zu satisfaciren, [...] welches ja auch Ihren Kindern noch kann zum besten gereichen [...] verspreche [ich] vor meiner Person, dass wie nach meinem Todt ohne dem Euch dieses Capital anheim fält, ich auch wann ich sollte überleben, solches per Testamentum dero fürstl. Kinder vermachen, und meiner Frau Schwester ein gleiches zu thun disponieren will“882. Um ihre eigenen Forderungen durchzusetzen, argumentierte Elisabeth Ernestine Antonie mit dem Wohl Herzog Anton Ulrichs und damit einhergehend mit dem Wohl ihrer Neffen und Nichten. An dieser Stelle instrumentalisierte Elisabeth Ernestine Antonie ihre Position als Schwester und Tante für die Argumentation. Da Anton Ulrich zu dieser Zeit noch immer in Frankfurt weilte und auch keineswegs beabsichtigte, in die Meininger Residenz zurückzukehren, wurden Elisabeth Ernestine Antonies Briefe zunehmend ungehaltener: „il y a des choses à remedier de votre part qui me tiennent encore beaucoup plus à cœur que celle-ci, c’est votre absence de Meinungue, et vos dêtes qui font tant de bruit et qui vous causent tant de prostitution publiques, qui me rongent le cœur, et qui me font prier dieu nuit et iours, qu’il change votre cœur.“883 Die Äbtissin nahm dabei insbesondere an der schlechten Haushaltung des Herzogs Anstoß. So äußerte sie gegenüber dem Geheimen Rat von Pfau, dass „es bloß auff Ihn [= Herzog Anton Ulrich] selbst und seine Menage ankommen“884. Dass Herzog Anton Ulrich und die Seinen mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld nicht auskämen, sei darauf zurückzuführen, dass der Herzog „an 3. und vier Orthen 881

Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, undatiert (Eingangsdatum ist der 27. April 1746), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 16. 882 Ebd. 883 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, undatiert, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 16. Übersetzung: „Es gibt von eurer Seite noch Dinge zu klären, die mich noch stärker als diese belasten, es ist eure Abwesenheit von Meiningen, und eure Schulden die soviel Aufsehen erregen und die euch soviel öffentliche Zurschaustellung verursachen, die an meinem Herzen zehren, und die mich Tag und Nacht zu Gott beten lassen, dass er euer Herz ändere.“ 884 Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Heinrich Karl von Pfau, 21. August 1750, NStA Wolfenbüttel, 11 Alt Gan FB 1, III 54.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

307

Abb. 11: Prinzessin Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, Äbtissin von Gandersheim (Kupferstich von Anton August Beck)

Menage führet“885. Gegen entsprechende Kritik der Äbstissin zeigte sich Herzog Anton Ulrich zunächst resistent. Dies hielt die Äbtissin aber nicht davon ab, ihren Bruder unablässig zu einer Wiedervermählung anzuhalten. „Surtout, que vous puissiés mettre les princes vos fils en Sureté que La Succession ne leur Soit pas disputée, où qu’au pist aller ils Soient ne leur Soit pourvüs de tout Ce dont ils pourront avoir besoin, de vivre avec honeur, Come princes de Saxe; si pour arriver a ce but, un Mariage de votre propre part, [...] peûtetre trouverois on Moien pour Cela.“886 Doch auch Herzog Anton Ulrich schien die Vorteile einer baldigen Wiederheirat erkannt zu haben, denn bereits Ende des Jahres 1744 bewarb er sich bei Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676–1747) um die Hand von dessen Tochter Henriette Amalie (1720–1793).887 Die Verhandlungen verliefen jedoch schleppend. 885

Ebd. Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Herzog Anton Ulrich von SachsenMeiningen, 31. März 1749, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 16. Übersetzung: „Vor allem, dass ihr die Prinzen eure Söhne in Sicherheit bringen könnt, dass ihnen die Nachfolge nicht strittig gemacht werde, oder dass es schlimmstenfalls so sei, dass sie nicht mit allem ausgestattet seien, das sie benötigen werden, mit Ehre zu leben, als Prinzen von Sachsen; um dieses Ziel zu erreichen, wäre eine Ehe von euch [...] vielleicht zweckmäßig.“ 887 Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau war das zehnte Kind aus der Ehe Leopolds von Anhalt-Dessau mit der Apothekerstochter Anna Luise Föhse (1677–1745), spätere Reichsfürstin von Anhalt-Dessau. Henriette Amalie entstammte jedoch nicht nur einer ungleichen Ehe, 886

308

4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Als Fürst Leopold von Anhalt-Dessau Ende des Jahres 1747 schließlich eine kategorische Entscheidung von Herzog Anton Ulrich forderte, kam es sogar zum endgültigen Abbruch der Verhandlungen.888 Über die Gründe für Herzog Anton Ulrichs Zurückhaltung gegenüber einer Eheschließung mit Henriette Amalie von Anhalt-Dessau ist den Quellen nichts zu entnehmen. Allerdings unterhielt Herzog Anton Ulrich bereits seit 1746 eine rege Korrespondenz mit Landgraf Karl von Hessen-Philippsthal (1682–1770), die eine Eheschließung zwischen der Tochter des Landgrafen, Prinzessin Charlotte Amalie (1730–1801), und Herzog Anton Ulrich zum Gegenstand hatte.889 Die Option auf ein Bündnis mit dem Haus Hessen-Philippsthal könnte ein Motiv dafür sein, das Herzog Anton Ulrich letztlich von den Heiratsplänen mit Henriette Amalie von Anhalt-Dessau Abstand nahm. Schließlich ging Herzog Anton Ulrich am 25. September 1750 in Homburg vor der Höhe die Ehe mit der erst zwanzigjährige Prinzessin Charlotte Amalie von Hessen-Philippsthal ein.890 Die Frage, ob und inwieweit die ständigen Ermahnungen seiner Schwester hierbei eine Rolle gespielt haben, lässt sich anhand der Quellen nicht abschließend beantworten. Mit seiner zweiten Eheschließung vereitelte Herzog Anton Ulrich die Pläne der ernestinischen Verwandten im Hinblick auf eine baldige Regierungsübernahme im Herzogtum Sachsen-Meiningen. Da Charlotte Amalie von Hessen-Philippsthal nicht nur eine ebenbürtige Partie, sondern auch sehr jung war, hatte sich Herzog Anton Ulrich zudem die Möglichkeit auf eigene Nachkommen offen gehalten. Offenbar ging der Herzog auch davon aus, dass die Eheschließung Missfallen innerhalb der ernestinischen Verwandtschaft hervorrufen würde. Den im Zuge der Verhandlungen um den Ehevertrag angefertigten Akten ist die Bemerkung zu entnehmen, dass „die widrig gesinnten Agnaten zur Hintertreibung der vorseyenden Vermählung unter allerhand Protest sich einmischen [würden]“891. Weiter heißt es dort: „Daran solle man sich nicht kehren [...] sondern [...] in aller Stille, und je eher, je lieber, die Ehepacta, das Versprechen und die Vermählung selber in Gottes Namen vollziehen“892. Damit das Herzogtum Sachsen-Meiningen nicht an die ernestinischen Verwandten fiel, musste Herzog Anton Ulrich allerdings einen legitimen und sukzessionsfähigen Sohn vorweisen. Die Chancen hierauf waren aufgrund des großen Altersunterschiedes zwischen Herzog Anton Ulrich, der bei seiner zweiten Eheschließung immerhin schon das zweiundsechzigste sondern unterhielt selbst eine ungleiche Beziehung zu Wilhelm Gustav Werner, dem Sohn des hochfürstlichen Hofjägers Johann Georg Werner. Aus dieser Beziehung ging 1742 schließlich ein Sohn hervor. Daraufhin wurde Prinzessin Henriette Amalie als Kanonissin im freiweltlichen Damenstift Herford untergebracht. Siehe: DETTMAR /MICHELS 2003, S. 11–19, hier S. 13. 888 DETTMAR /MICHELS 2003, S. 13. 889 Siehe: ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 23. Landgraf Karl von Hessen-Philippsthal war mit Katharine Christine von Sachsen-Eisenach (1699–1743) verheiratet. 890 POSSE 1994, S. 78 (Tafel 16). 891 Akten betreffend die Verhandlungen um den Ehevertrag vom 9. September 1750, zitiert nach: SCHNEIDER 1996, S. 107–129, hier S. 109. 892 SCHNEIDER 1996, S. 110.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Lebensjahr vollendet hatte, nicht gerade groß. Dennoch kamen in den Jahren 1751 bis 1762 acht Prinzen und Prinzessinnen zur Welt. Mit den Prinzen Carl (1754–1782) und Georg (1761–1803) hatte Herzog Anton Ulrich schließlich zwei das Kleinkindalter überlebende, sukzessionsfähige Nachkommen. Somit war die Herrschafts- und Erbfolge im Herzogtum Sachsen-Meiningen gesichert, die Teilungspläne der Agnaten waren zum Scheitern verurteilt. Die Agnaten und insbesondere das Haus Sachsen-Gotha-Altenburg ließen aber nicht davon ab, den eigenen Interessen weiterhin energisch nachzugehen. Ende 1762 erkrankte der immer noch in Frankfurt lebende Herzog Anton Ulrich schwer. Mit dem baldigen Tod des Herzogs rechnend, planten die ernestinischen Agnaten, sich der Herrschaft über das Herzogtum Sachsen-Meiningen zu bemächtigen. Bereits 1761 waren die ernestinischen Agnaten auf einer Konferenz zusammen gekommen, um ihr Vorgehen im Fall des Todes Herzog Anton Ulrichs zu besprechen.893 Im Dezember 1762 schrieb Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg an den Geheimen Rat und Konsistorialpräsidenten zu Altenburg, Baron Friedrich von Wolzogen, „daß zwar die gefährlichen Umstände des Herrn Hertzog Anton Ulrichs Liebden noch continuieren, die besorgte Veränderung aber noch nicht erfolget ist. Ihr werdet also Eure Mesures hiernach nehmen und überall mit gehöriger Vorsichtigkeit zu Wercke gehen, damit alle unnöthige Ombrage vermieden verbleibe.“894 Zudem hatte Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg mit Hofrat Johann Daniel Reinhard von Herzogenstein einen Korrespondenten in Frankfurt, der Herzog Anton Ulrich überwachen und den Inhalt des herzoglichen Testaments in Erfahrung bringen sollte. Von Gothaer Seite wurde befürchtet, dass sich Herzog Anton Ulrich über die kaiserlichen Beschlüsse hinwegsetzen und seine nicht sukzessionsfähigen Söhne aus der ungleichen Ehe mit Philippine Elisabeth Cäsar zu Miterben einsetzen würde. Der Hofrat Reinhard von Herzogenstein konnte Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg aber lediglich mitteilen, dass er „den Inhalt des Testaments [...] noch nicht erfahren können, weilen in dem im herzogl. Hauß herrschende Disturbio mit niemand leichtlich jetzo zu sprechen ist, doch meÿnet man, es wurde die Fr. Herzogin Durchl. zur Haupt Tutrix über ihre Kinder ernannt seÿn“895. In der Tat hatte Herzog Anton Ulrich in seinem Testament vom 5. Januar 1763 seine vier Söhne, die aus erster Ehe stammenden Söhne Bernhard Ernst und Anton August sowie die aus zweiter Ehe stammenden Söhne Carl und Georg, zu gleichberechtigten Mitregenten bestimmt. Da aber eine neuerliche Bestätigung der Sukzessionsfähigkeit der beiden älteren Söhne nach wie vor ausstand und die beiden jüngeren Söhne noch unmündig waren, setzte Herzog Anton Ulrich seine Frau Charlotte Amalie zur Obervormünde893

Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg an den Baron von Wolzogen, 28. Januar 1763, ThStA Meiningen, GA Meiningen XV Z 4. 894 Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg an den Baron von Wolzogen, 13. Dezember 1762, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Z 3. 895 Hofrat Johann Daniel Reinhard von Herzogenstein an Herzog Friedrich III. von SachsenGotha-Altenburg, undatiert, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Z 4.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Abb. 12: Herzogin Charlotte Amalie von Sachsen-Meiningen (Gemälde, unbekannter Künstler, 18. Jh.)

rin über alle vier Söhne ein.896 Indem er die Söhne erster Ehe zumindest vorerst aus den Regierungsgeschäften heraushielt, hatte sich Herzog Anton Ulrich den Normen gebeugt. Zugleich beharrte er aber auf der Erbberechtigung seiner ältesten Söhne und damit auch auf der Rechtmäßigkeit seiner ersten Ehe. Die Festlegung Herzog Anton Ulrichs, dass die aus ungleicher Ehe hervorgegangenen Söhne im Hinblick auf das Erbe ebenso gleichberechtigt wie die Söhne aus zweiter Ehe seien, rief erneut den Widerstand der Agnaten hervor.897 Der Protest der ernestinischen Agnaten war aber nicht nur gegen die Beteiligung der Söhne aus erster Ehe gerichtet, sondern auch gegen die Tatsache, dass mit Herzogin Charlotte Amalie eine Frau die Obervormundschaft und insbesondere die Regentschaft übernehmen sollte. Bärbel Raschke interpretierte diese Entschei896 Testament Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen vom 5. Januar 1763, ThStA Meiningen, GA Meiningen XV T 55, fol. 47. 897 Siehe insb.: SIKORA 2002, S. 319–339.

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dung Herzog Anton Ulrichs als ein Bekenntnis zu den politischen Qualitäten der Herzogin.898 Doch vielmehr noch dürfte die Entscheidung Herzog Anton Ulrichs hinsichtlich der Bestimmung Charlotte Amalies zur Regentin auf eine Verhinderung einer Herrschaftsausübung durch die ernestinischen Agnaten zurückzuführen sein. Gleichwohl die Ausübung der Regentschaft durch eine Frau kein Novum innerhalb des ernestinischen Familienverbandes darstellte, hatte sich Herzog Anton Ulrich damit über ernestinische Hausverträge, wonach die Agnaten die vormundschaftliche Regierung übernahmen, hinweggesetzt. Es erstaunt daher nicht, dass nach dem Tode Herzog Anton Ulrichs am 27. Januar 1763 und der Veröffentlichung des Testaments die Empörung auf Seiten der Agnaten groß war. Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg wandte sich umgehend an das Reichskammergericht und erwirkte dort ein Mandat, das ihm das Vormundschaftsrecht zusicherte und den beiden Söhnen aus erster Ehe jeden Widerstand dagegen untersagte.899 Darüber hinaus schreckten die ernestinischen Agnaten auch nicht davor zurück, mit Waffengewalt ihre Forderungen durchzusetzen. Am 6. Februar 1763 zogen mehrere hundert Soldaten, die von den Herzögen von Sachsen- Gotha-Altenburg, Sachsen- Coburg-Saalfeld und Sachsen-Hildburghausen gemeinschaftlich entsandt wurden, vor die Tore der Meininger Residenz. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die bis Mitte März anhielten und einige Todesopfer forderten.900 Zumindest die bewaffneten Auseinandersetzungen fanden am 18. März 1763 ein Ende, da an diesem Tag ein kaiserliches Patent eintraf, das Herzogin Charlotte Amalie als alleinige Landesregentin und Obervormünderin – allerdings nur für die Prinzen Carl und Georg, also die Söhne Herzog Anton Ulrichs aus zweiter Ehe – bestätigte.901 Die Söhne Herzog Anton Ulrichs aus dessen ungleicher Ehe mit Philippine Elisabeth Cäsar wurden dagegen unter Bezugnahme auf die kaiserlichen Beschlüsse von 1744 und 1747 „als der LandesFolge unfähig [erklärt], zugleich ergriffener Possession und was derselben anhängig, hiermit cassirt und aufgehoben“902. Damit hatten die ernestinischen Agnaten zumindest einen Teilerfolg erzielt, der jahrzehntelange Kampf der Agnaten gegen die rechtliche Anerkennung der ungleichen Ehe Herzog Anton Ulrichs und gegen die Sukzessionsfähigkeit der aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder hatte ein Ende gefunden. Der kaiserliche Beschluss erklärte die Kinder Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars endgültig für sukzessionsunfähig. Damit waren sie für die Herrschaftssicherung wie auch die Erbfolge im Hause SachsenMeiningen bedeutungslos. Eventuelle Hoffnungen der ernestinischen Herzöge, durch eine Anfechtung des Testaments Herzog Anton Ulrichs letztlich selbst auf

898

R ASCHKE 1998, S. 69–103, hier S. 77. Flugblatt, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 55, fol. 126. 900 HERTEL 1903, S. 235–238; SCHNEIDER 1996, S. 113–114. 901 Reichshofratsgutachten vom 25. Februar 1763 (Abschrift), ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Z 3. 902 Ebd. 899

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

das Meininger Herzogtum zugreifen zu können, wurden allerdings enttäuscht.903 Vielmehr wurden die Herzöge von Sachsen-Gotha, Sachsen-Coburg und Sachsen-Hildburghausen per Reichshofratsbeschluss vom 25. März 1763 aufgefordert, unverzüglich ihre Soldaten aus dem Herzogtum Sachsen-Meiningen abzuziehen und das „Land=Friedbrüchige-Verfahren“ einzustellen.904 Mit diesem Beschluss wurde Herzogin Charlotte Amalie vom Reichshofrat als legitime Herrscherin in Sachsen-Meiningen bestätigt.

4.4.8 Die Kinder Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars Die Tatsache, dass die testamentarischen Verfügungen Herzog Anton Ulrichs im Hinblick auf seine beiden Söhne aus erster Ehe, Bernhard Ernst und Anton August, letztlich in der Realität gegenstandslos blieben, ist bezeichnend für das gesamte Leben der Kinder erster Ehe. Wenn auch das Testament Herzog Anton Ulrichs den Eindruck einer faktischen Gleichbehandlung aller seiner Kinder vermittelt, so täuscht dies darüber hinweg, dass der unklare Status der Kinder erster Ehe nicht nur deren Lebenschancen beeinflusste, sondern auch das Verhältnis zu ihrem Vater Anton Ulrich. Insbesondere für die Söhne Bernhard Ernst und Anton August stellte sich die Situation schwierig dar, da sie sich selbst als „Söhne und Prinzen eines Regierenden Herzogs von Sachsen“905 und damit als Teil des fürstlichen Hauses verstanden. Aber gerade die Zugehörigkeit zum fürstlichen Haus und die damit verbundenen Rechte bildeten den Streitpunkt zwischen Herzog Anton Ulrich und der ernestinischen Verwandtschaft. Der Konflikt wurde nicht nur juristisch in Form zahlreicher Prozesse vor dem Reichshofrat ausgetragen, sondern auch verbal und symbolisch. Hinzu kam, dass die Kinder Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars im Unterschied zu ihrem Vater, der sich kaum in Meiningen aufhielt, ständig mit der sie ablehnenden Verwandtschaft in Meiningen konfrontiert waren. Auseinandersetzungen zwischen den Kindern und den fürstlichen Verwandten gehörten folglich zum Alltag. So beklagte sich Bernhard Ernst gegenüber seinem Vater Anton Ulrich mehrfach, dass er und sein Bruder Anton August „in der Hirsch-Brunfft- und Auer-Hahn-Palz-Zeiten dem so genandten Ober=Land ratione der Jagd von denen anderen Fürstlichen Persohnen allhier allzu sehr eingeschränkt oder gehindert, und von denen angestellten großen Jagden schlechterdings ausgeschlossen [wurden]“906. Indem Bernhard

903

SIKORA 2004, S. 66. Siehe: Intelligenz= und Zeitungs=Blat von Hessen vom 23. März 1763, Nr. 2, S. 16. 905 Bernhard Ernst an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 9. Juni 1739, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 18. 906 Exemplarisch hierfür: Bernhard Ernst an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 25. März 1738, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 18. 904

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Abb. 13: Bernhard Ernst und Anton August (Kupferstich von Bach, 1760/1762)

Ernst von Herzog Anton Ulrich die Ausübung „Dero Fürstlichen Iura“907 einforderte, ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, dass auch er sich als Mitglied des fürstlichen Hauses ansah. Bis zum Jahr 1744 kam den Forderungen der beiden Söhne dabei zu Gute, dass sie ihre Ansprüche auch auf dem kaiserlichen Standeserhöhungsdiplom – so umstritten es auch war – begründen konnten. Die Kinder Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars erfuhren durch die adelige Verwandtschaft allerdings nicht nur Ablehnung, sondern auch Zuwendung. Es waren die beiden Schwestern Herzog Anton Ulrichs, die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie sowie die Herzogin Wilhelmine Luise von Württemberg-Bernstadt, die ihre Neffen und Nichten maßgeblich unterstützten. Insbesondere die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie unterhielt einen regen Schriftwechsel mit ihren Nichten und Neffen, allen voran mit dem ältesten Sohn Anton Ulrichs, Bernhard Ernst. Darüber hinaus war Elisabeth Ernestine Antonie auch Patin von Philippine Antoinette, der ältesten Tochter des Herzogs. Der Übernahme der Patenschaft908 für das älteste Kind Anton Ulrichs kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, hatte Elisabeth Ernestine Antonie damit doch eine Funktion inne, die über eine rein verwandtschaftliche Beziehung hinausging. Im Hinblick auf die Übernahme der Patenschaft durch Verwandte konstatiert Guido Alfani, dass „das enge Band der Blutsverwandtschaft [...] übermächtig [sei] und jenes der Patenschaft so vollständig [verdrängt habe]“909. Daran anknüpfend stellt Alfani fest, dass die Übernahme der Patenschaft durch Verwandte dazu geführt hat, dass die Patenschaft nicht mehr als besonders enge und vertraute Beziehung empfunden wurde. Diese Feststellung ist in Bezug auf Elisabeth Ernestine Antonie und ihr Verhalten gegenüber ihrem Patenkind Philippine Antoinette allerdings zu widerlegen, da die Äbtissin zu ihrem Patenkind – im Gegensatz zu den 907 908 909

Ebd. Zur Bedeutung der Patenschaft siehe: A LFANI 2007, S. 25–54; DÜLMEN 1999, S. 85–87. A LFANI 2007, S. 46.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

übrigen Töchtern Herzog Anton Ulrichs – eine besonders enge Beziehung hatte. Hierfür spricht nicht nur der umfangreiche Schriftwechsel zwischen den beiden Frauen910, sondern auch die Tatsache, dass Philippine Antoinette bei der Übersendung von Präsenten von der Äbtissin bevorzugt behandelt wurde. In einem Brief der Äbtissin an ihren Neffen Bernhard Ernst bestimmte Elisabeth Ernestine Antonie, dass sie für „Dero älteste Schwester als meiner Pathe, eine Coifure und Engagenten Palatine [= Halspelz] und 1. Paar Leüchter“911 geschickt hat. Die zweite Schwester erhielt eine „Coifure Engagenten und Palatine“912, die dritte Schwester „einen Jupon und Palatine“913. Indem die Äbtissin hervorhob, dass es sich bei Philippine Antoinette um ihr Patenkind handelte und indem sie ihr Patenkind zugleich gegenüber den Geschwistern bevorzugte, kommt der Patenschaft eine größere Bedeutung als der rein verwandtschaftlichen Tanten-Nichten-Beziehung zu. Die Übernahme der Patenschaft ist zugleich ein weiteres Indiz für ein außergewöhnlich enges Verhältnis zwischen Elisabeth Ernestine Antonie und ihrem Bruder Anton Ulrich. Im 18. Jahrhundert war es zwar in adeligen Familien keineswegs unüblich, dass nahe Verwandte oder Geschwister zu Paten bestimmt wurden;914 da es sich bei den Kindern Herzog Anton Ulrichs aber um Kinder aus einer standesungleichen Beziehung handelte, ist die Übernahme einer Patenschaft durch ein Mitglied der adeligen Verwandtschaft besonders bedeutsam. Und dies umso mehr, als dass das Patenkind Philippine Antoinette bereits 1712 geboren wurde, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Ehe zwischen Herzog Anton Ulrich und Philippine Elisabeth Cäsar vermutlich noch nicht einmal geschlossen und der Status sowohl der ungleichen Partnerin als auch des Kindes alles andere als geklärt war. Elisabeth Ernestine Antonies Patenschaft war dabei nicht nur symbolischer Natur, sondern fand auch im Alltag – insbesondere durch materielle Zuwendungen – ihre Entsprechung. Doch auch gegenüber den anderen Kindern zeigte sich die Äbtissin großzügig. Ihr Neffe Anton August bescheinigte ihr sogar, dass sie „mehr als väterlich“915 für ihn sorge. Selbst wenn es sich bei dieser Äußerung um eine rhetorische Überzeichnung handelt, kann sie vor dem Hintergrund, dass Herzog Anton Ulrich oftmals nur sporadisch und auf mehrfaches Bitten hin für seine Frau und die Kinder sorgte, als implizite Kritik am Verhalten Anton Ulrichs gewertet werden. Elisabeth Ernestine Antonie betrachtete die aus der ungleichen Ehe ihres Bruders hervorgegangenen Kinder auch formal als dem fürstlichen Hause zugehörig. Dies wird nicht zuletzt anhand der Briefe deutlich, welche die Äbtissin an ihre Nichten und Neffen schrieb. Die Briefe waren stets an die „Prinzessinnen“ und „Prinzen“ des Hauses Sachsen-Meiningen adressiert. 910

Enthalten im Aktenbestand ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV AA 2. Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen an Bernhard Ernst, 23. Mai 1742, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV AA 2. 912 Ebd. 913 Ebd. 914 Zu den Kriterien der Patenwahl siehe: A LFANI 2007, S. 39–52. 915 Anton August an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 7. April 1742, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3. 911

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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Die bürgerliche Herkunft von Philippine Elisabeth Cäsar stellte für die Äbtissin kein Kriterium dar, um die Kinder ihres Bruders aus dem fürstlichen Haus auszuschließen. Zudem vermachte Elisabeth Ernestine Antonie den Söhnen Anton Ulrichs aus erster Ehe, Bernhard Ernst und Anton August, 10.000 Reichstaler; die drei Töchter Philippine Antoinette, Philippine Elisabeth und Philippine Luise sollten einen Betrag von 4.500 Reichstalern erhalten, dazu kamen überaus beträchtliche und wertvolle Güter wie Brillantschmuck, Porzellan, Kleider sowie Zobel- und Hermelinpelze.916 In der Forschung wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass testamentarische Verfügungen dazu dienten, um verwandtschaftliche Bindungen zu bewahren und zu stärken.917 Im vorliegenden Fall haben die testamentarischen Bestimmungen der Äbtissin eine weitere Bedeutung: Elisabeth Ernestine Antonie erkannte ihre aus standesungleicher Verbindung hervorgegangenen Neffen und Nichten explizit als Zugehörige des Hauses Sachsen-Meiningen an.918 Mit dieser Haltung nahm sie innerhalb des ernestinischen Familienverbandes eine Ausnahmestellung ein. Das Phänomen der ‚versorgenden Tante‘ ist allerdings auch in anderen hochadeligen Familienverbänden anzutreffen. So lassen sich – wenn auch nur bedingt – Parallelen zu einer weiteren Tanten-Nichten/Neffen-Beziehung ziehen, nämlich zu Sophie von Hannover und den Töchtern und Söhnen ihres Bruder Karl Ludwig von der Pfalz (1617–1680) aus dessen standesungleicher Ehe mit Luise von Degenfeld (1634–1677). Auch Sophie von Hannover hielt Kontakt zu den aus dieser Ehe hervorgegangenen Kindern, als ‚versorgende Tante‘ trat sie aber vornehmlich erst nach dem Tod ihres Bruders in Erscheinung.919 Vor diesem Hintergrund ist das Verhalten der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie besonders bemerkenswert, da sie von Beginn der ungleichen Ehe ihres Bruders an für die Schwägerin sowie die Nichten und Neffen sorgte. Der Unterstützung und faktischen Anerkennung durch adelige Verwandte wie auch der Selbstwahrnehmung der Kinder standen seit 1744 die rechtlichen Rahmenbedingungen gegenüber. Nach der Rücknahme der Sukzessionsfähigkeit durch die kaiserlichen Beschlüsse von 1744 und 1747 fehlte den Kindern Herzog Anton Ulrichs und Philippine Elisabeth Cäsars die normativ-rechtliche Basis, um auf ihrer Zugehörigkeit zum fürstlichen Haus beharren zu können. Dennoch rekurrierten die Söhne Bernhard Ernst und Anton August auf ihre fürstliche Ab916

Testament der Äbtissin von 1757. Neben den Kindern aus erster Ehe werden auch Herzog Anton Ulrich selbst, sowie seine zweite Frau, Charlotte Amalie, und die Kinder zweiter Ehe bedacht. Des Weiteren werden verschiedene Bedienstete der Äbtissin, sowie das Stift Gandersheim als Erben aufgeführt. EMMRICH 1834, S. 147–148. 917 HUFSCHMIDT 2004b, S. 155. 918 Zum Verhältnis der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie zu ihren Nichten und Neffen siehe auch: WALTHER 2007, S. 35–36. 919 Siehe hierzu: HOHKAMP 2007, S. 161–167. Bei der Ehe Karl Ludwigs von der Pfalz mit Luise von Degenfeld handelte es sich – im Gegensatz zur Ehe Anton Ulrichs mit Philippine Elisabeth Cäsar – um eine im Hochadel nicht unübliche morganatische Zweitehe, die in der Regel keinen Einfluss auf Herrschaftsrechte und Erbfolge hatte. Darüber hinaus entstammte Luise von Degenfeld dem niederen Adel und nicht wie Philippine Elisabeth Cäsar dem Bürgertum.

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

stammung, auf ihre „fürstliche Dignität und Würde“920 wie auch „die nach Recht und Billigkeit uns zukommende Erb-Folge“921. Dementsprechend forderten beide Söhne Herrschaftsrechte und eine standesgemäße materielle Ausstattung ein. Dies führte mehrfach zu Differenzen, sowohl mit denjenigen Verwandten, die den Kindern ohnehin ablehnend gegenüberstanden, als auch mit Herzog Anton Ulrich und seiner zweiten Frau Charlotte Amalie wie auch mit der Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie. Insbesondere die Tatsache, dass Bernhard Ernst nach 1744 eigenmächtig in Bezug auf eine neuerliche Standeserhöhung tätig wurde922, führte zu Missstimmungen mit seinem Vater Anton Ulrich und mit seiner Tante Elisabeth Ernestine Antonie. Das eigenmächtige Vorgehen Bernhard Ernsts stellte nicht nur die väterliche Autorität in Frage, sondern es war auch für Herzog Anton Ulrich sowie für die Äbtissin offenkundig, dass ein derartiges Agieren Bernhard Ernsts neuerliche Konflikte mit den ernestinischen Agnaten hervorrufen würde. Vor diesem Hintergrund ermahnte Herzog Anton Ulrich noch kurz vor seinem Tod im Januar 1763 seinen Sohn „daß Sie es in allem beÿ Meiner mit gutem Vorbedacht abgefaßten väterlichen Disposition völlig bewenden, und sich durch niemand verleiten lassen mögen, derselben zu contraveniren, noch sich durch einen voreÿlichen Schritt etwas selbsten zu schaden; sondern ruhig abzuwarten, wie alles nach Meiner Vorschrifft werde vollzogen werden.“923 Herzog Anton Ulrich hatte zwar in seinem Testament bestimmt, dass seine beiden Söhne erster Ehe gemeinschaftlich mit seinen Söhnen zweiter Ehe die Regierung führen sollten, doch erst, wenn die Sukzessionsfähigkeit der Söhne erster Ehe durch den Kaiser bestätigt würde. Da das Verhalten des Herzogs gegenüber seinen Söhnen erster Ehe sowohl im Hinblick auf deren gesellschaftlichen Status als auch im Hinblick auf Herrschaftsund Erbrechte äußerst ambivalent war, ergeben sich berechtigte Zweifel, ob Herzog Anton Ulrich nach 1744 noch eine derartige kaiserliche Bestätigung und damit die Herrschaftsausübung seiner Söhne erster Ehe für realistisch hielt. Diese Zweifel sind auch deshalb berechtigt, weil die Söhne Bernhard Ernst und Anton August nur unzureichend auf eine mögliche Mitregentschaft vorbereitet wurden. Zwar hatte Bernhard Ernst als Erstgeborener de facto die Rolle eines Stellvertreters seines Vaters in Meiningen inne; Bedienstete wie auch Untertanen wandten sich mit Petitionen an Bernhard Ernst, was für eine gewisse Anerkennung seiner Person durch das höfische Umfeld spricht.924 Doch abgesehen von derartigen Vorgängen oblagen wichtige Entscheidungen den regierenden Herzögen und nach 920 Bernhard Ernst an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen, 7. Oktober 1744, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV T 18. 921 Ebd. 922 Bernhard Ernst an Elisabeth Ernestine Antonie von Sachsen-Meiningen, 15. Oktober 1750, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Q 3. 923 Herzog Anton Ulrichs von Sachsen-Meiningen an Bernhard Ernst, 8. Januar 1763, ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV Z 4. 924 Entsprechende Schriftstücke finden sich im Aktenbestand BayStA Bamberg, G 35 II, Nr. 313, FA 0185–06.

4.4 Ein „faux pas“ im Hause Sachsen-Meiningen

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dem Tod Herzog Friedrich Wilhelms 1746 einzig Herzog Anton Ulrich. Die Tatsache, dass den Söhnen keine fundierte und systematische Ausbildung zuteil wurde, deutet ebenfalls darauf hin, dass sie durch Herzog Anton Ulrich nicht als seine rechtmäßigen Nachfolger in Betracht gezogen wurden. Während der Unterricht für ernestinische Prinzen an den Höfen von Gotha und Weimar neben Lesen, Schreiben, Geschichte, Philosophie, Mathematik, Deutsch, Latein und Französisch, sowie Schönschrift und Instrumentalunterricht umfasste, sind derartige Unterweisungen für die Söhne Herzog Anton Ulrichs aus erster Ehe nicht überliefert.925 Es finden sich lediglich Hinweise, dass Bernhard Ernst und Anton August in der französischen Sprache unterrichtet wurden, dies allerdings erst im Alter von knapp 30 Jahren [sic!].926 Es ist fraglich und wird aus den Quellen auch nicht ersichtlich, ob die Kinder Herzog Anton Ulrichs zuvor regelmäßig Unterrichtet erhielten. Lediglich für die Söhne Bernhard Ernst und Anton August finden sich fragmentarische Hinweise, so beispielsweise ein Brief Bernhard Ernsts an seinen Vater Anton Ulrich aus dem Jahr 1737, in dem von Geographie- und Genealogieunterweisungen die Rede ist.927 Es ist davon auszugehen, dass Herzog Anton Ulrich beiden Söhnen aus erster Ehe eine angemessene Ausbildung hätte zukommen lassen, wenn er sie als seine potentiellen Nachfolger angesehen hätte. Dennoch bemühte sich Herzog Anton Ulrich um die Standeserhöhung für seine Frau Philippine Elisabeth wie auch die gemeinsamen Kinder. Dies wiederum spricht für seine Absicht, die Söhne als Nachfolger zu installieren. Dabei sind die Bemühungen des Herzogs um die Standeserhebung nicht unbedingt als Fürsorge Herzog Anton Ulrichs für die eigene Familie zu interpretieren. Ebenso können sie als Ausdruck des Bestrebens Herzog Anton Ulrichs, sich gegenüber den Agnaten durchzusetzen, bewertet werden. Hinsichtlich der emotionalen Bindung zwischen Herzog Anton Ulrich und seinen Kindern erster Ehe fällt auf, dass sich hier im Lauf der Jahre ein Wandel vollzog. Während die Korrespondenz des Herzogs mit seiner Schwester Elisabeth Ernestine Antonie aus der Zeit, in der Herzog Anton Ulrich mit seiner Familie in Amsterdam lebte, auf eine starke emotionale Bindung zu seinen Kindern hindeutet, ist dies für die Zeit nach 1729 nicht mehr der Fall. So berichtet Herzog Anton Ulrich seiner Schwester in den Amsterdamer Zeiten detailliert über seine Kinder und insbesondere über deren Gesundheitszustand. Letzteres spricht laut Cordula Nolte nicht nur für eine persönliche Verbundenheit der kommunizierenden Personen, sondern auch für eine Verbundenheit mit den Personen, über die geschrieben wird.928 In den späteren Briefen zwischen Herzog Anton Ulrich und seiner

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Zur Prinzenerziehung bei den Ernestinern siehe: BERGER 2005, S. 201–226, hier S. 207. Entsprechende Aktenbelege finden sich im Bestand ThStA Meiningen, GA Meiningen, XV AA 1. Zur Bedeutung des Sprachunterrichts für den Adel siehe: HEISS 1990, S. 391–409, hier S. 395. 927 Bernhard Ernst an Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen (Abschrift), 23. Juli 1737, BayStA Bamberg, G 35 II, Nr. 313, FA 0185-06. 928 NOLTE 2004a, S. 85. 926

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4. Die (Un-)Ordnung der Ehe bei den Ernestinern

Schwester Elisabeth Ernestine Antonie werden die Kinder aus erster Ehe dagegen kaum noch erwähnt – ein Indiz für nachlassende Intensität der Zuneigung des Vaters zu seinen Kindern. Dieser Befund ist sicher darauf zurückzuführen, dass Vater und Kinder über lange Zeit räumlich getrennt waren. Aber mitunter auch auf die Tatsache, dass durch die rechtlichen Festlegungen und die Rücknahme der Sukzessionsfähigkeit die Kinder unter machtpolitischen Gesichtspunkten für den Vater an Bedeutung verloren. Vor dem Hintergrund, dass der Vater die meiste Zeit fern von seinen Kindern zunächst in Wien, und später in Frankfurt am Main lebte, ist eine enge emotionale Bindung zwischen Herzog Anton Ulrich und seinen Kindern unwahrscheinlich. Die Bezugsperson für die Kinder war in erster Linie die Mutter Philippine Elisabeth, obgleich sich dies mit dem Umzug nach Meiningen 1729 geändert haben dürfte. Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes Philippine Elisabeth Cäsars ist es nahe liegend, dass sie als zentrale Bezugsperson für ihre Kinder nur noch eingeschränkt zur Verfügung stand. An die Stelle der Mutter trat zumindest partiell die Tante, die Äbtissin Elisabeth Ernestine Antonie. Das Verhältnis zum Vater ist im Wesentlichen durch einen zwar umfangreichen, aber sehr formal gestalteten Briefwechsel dokumentiert. Darüber hinaus ist den Briefen zu entnehmen, dass der Vater seine