Die Syntax des Semikolons: Von links ein Punkt – nach rechts ein Komma [1. Aufl.] 9783476057358, 9783476057365

Dieses Buch schlägt eine Brücke zwischen syntaktischer Theorie und Interpunktionszeichen, indem syntaktische Bedeutungsa

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German Pages VIII, 350 [353] Year 2020

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Die Syntax des Semikolons: Von links ein Punkt – nach rechts ein Komma [1. Aufl.]
 9783476057358, 9783476057365

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-VIII
Einleitung (Niklas Heiner Schreiber)....Pages 1-9
Front Matter ....Pages 11-11
Oberflächensyntax (Niklas Heiner Schreiber)....Pages 13-70
Grammatik online (Niklas Heiner Schreiber)....Pages 71-123
Front Matter ....Pages 125-125
Semikolon (Niklas Heiner Schreiber)....Pages 127-326
Fazit und Ausblick (Niklas Heiner Schreiber)....Pages 327-330
Back Matter ....Pages 331-350

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Niklas Heiner Schreiber

Die Syntax des Semikolons Von links ein Punkt – nach rechts ein Komma

Die Syntax des Semikolons

Niklas Heiner Schreiber

Die Syntax des Semikolons Von links ein Punkt – nach rechts ein Komma

Niklas Heiner Schreiber Oldenburg, Deutschland Zugleich Diss. Univ. Oldenburg, 2018

ISBN 978-3-476-05735-8 ISBN 978-3-476-05736-5  (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­ bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informa­ tionen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. J.B. Metzler ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer-Verlag GmbH, DE und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany

Vorwort Zunächst ein Satz zum Titel: Diesen bitte ich mit einem Augenzwinkern zu lesen. Zum einen sagt er etwas Charakteristisches über das Semikolon. Was links davon steht, ist in der Regel auf eine Art abgeschlossen und vollständig. Rechts vom Semikolon ist die Variabilität größer, syntaktische Abgeschlossenheit überwiegt dort zwar, ist aber nicht zwingend. Zum anderen suggeriert der Titel zweierlei, nämlich man könne die Bedeutung des Semikolons mit einem schmissigen Wort zusammenfassen, was aber zumindest auf diese Weise sicherlich nicht geht. Und auch dass sich die Funktion des Zeichens quasi aus seiner Form ergibt, ist doch eher als Gedankenspiel zu verstehen, denn als taugliche Arbeitshypothese. Viele Menschen haben dazu beigetragen, dass dieses Buch entsteht. Da ist zu allererst Berndhard Meiswinkel, der, etwas gefürchtet und geschätzt, in der 6b des Carl-Jacob-Burckardt-Gymnasiums uns das Komma auf eine Weise lehrte, die mich dazu brachte, die ganze Sache verstehen zu wollen und verstehen zu können. Ich bin mir sicher, dass auch in den Köpfen meiner Klassenkameradïnnen noch der ein oder andere Satz von ihm wiederhallt. Ihm ist dieses Buch gewidmet. Mein besonderer Dank gilt Nanna Fuhrhop und Peter Eisenberg, die diese Arbeit betreut haben. Nanna Fuhrhop hat viel Anschub gegeben und ein Umfeld geschaffen, das diese Arbeit entstehen ließ. Sie konnte dann behutsam und bisweilen nachsichtig zuwarten, und war bei Problemen teils binnen Minuten da, um zu helfen. Peter Eisenberg gab mir nicht das Gefühl eines Prüflings, sondern interessierten und anerkennenden Austauschs. Im Oldenburger graphematischen Lesekreis unter Leitung von Nanna Fuhrhop saßen Niklas Reinken, Franziska Buchmann, Caroline Postler, Karsten Schmidt, Kristian Berg, Jonas Romstadt, Hanna Lüschow, Laura Deepen, Gerrit Helm, Rebecca Klingelhöfer und Aneta Wichers zusammen über auch mal weniger fertigen Versatzstücken dieser Arbeit und gaben Ratschläge. Vielen Dank dafür. Mein Dank gilt auch Hagen Hirschmann. Er hat immer wieder auch durchaus einfache Fragen in Sachen Korpus beantwortet. Kristian Berg verdanke ich ein ernsthaftes Interesse an dieser Arbeit von Anfang an, und viele Nachfragen sowie ermutigende Gespräche mit einer gelungenen Parallelführung von Linguistik und Süßigkeiten. Besonders danken möchte ich Karsten Schmidt für die Jahre der Freundschaft und voller reden, über Linguistik auch, vor allem aber, dass wir ein ums andere Mal auf späten Nachhausewegen noch eben die Welt besprechen konnten. Sabine, die Jahre waren nicht die einfachsten in unserem Leben, aber meine schönsten Momente liegen in ihnen. Danke.

Inhalt 1

Einleitung .............................................................................. 1 1.1

2

Inventarisierungen .............................................................................. 6

Oberflächensyntax .............................................................. 13 2.1 2.2 2.3 2.4

Das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat ......................... 15 Die sprachliche Form ....................................................................... 16 Grundformen .................................................................................... 18 (Form-)Mittel .................................................................................... 20

2.4.1 Intonation und Interpunktion ......................................................... 21 2.4.2 Reihenfolge, morph. Markierung und Markierungsstruktur ......... 27 2.5 2.6 2.7 2.8

Syntagmatische Relationen .............................................................. 29 Syntaktische Relationen ................................................................... 46 Konstituentenstruktur ....................................................................... 51 Koordination ..................................................................................... 62

2.8.1 Zur Koordination in der Interpunktionsliteratur ............................ 63 2.8.2 Funktional orientierter Koordinationsbegriff ................................ 66

3

Grammatik online............................................................... 71 3.1

Prinzipien des Parsings ..................................................................... 71

3.1.1 Serielle, verzögerte und parallele Verarbeitung ............................ 71 3.1.2 Die Garden-Path-Theorie .............................................................. 74 3.2 3.3

Auer .................................................................................................. 77 Bredel ............................................................................................... 83

3.3.1 Zwischen online und offline und Determination und Determiniertheit............................................................................. 93 3.3.2 Sprachverarbeitungstheoretische Modellierung des Kommas nach Bredel ............................................................ 100 3.4

Konstituentenstruktur online .......................................................... 110

Inhalt

VIII

4

Semikolon .......................................................................... 127 4.1 4.2 4.3 4.4

Emoticons ....................................................................................... 127 Tendenzen in der Normierungsgeschichte ..................................... 131 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte ..... 133 Funktionale Spezifik des Semikolons ............................................ 157

4.4.1 Strukturtyp II ............................................................................... 158 4.4.2 Strukturtyp I ................................................................................ 172 4.5 4.6

Frequenz ......................................................................................... 185 Syntaktische Restriktionen des Semikolons ................................... 189

4.6.1 Das Semikolon im Kontext von Nominalgruppen (Strukturtyp II) ......................................... 192 4.6.2 Das Semikolon innerhalb von Sätzen (Strukturtyp I) ................. 250 4.7

Koordination, Addition und Listenmodus ...................................... 299

4.7.1 4.7.2 4.7.3 4.7.4 4.8

Tilgung ........................................................................................ 300 Typographische Symmetrie ......................................................... 301 Paraphrase mit oder ..................................................................... 306 Semantische Symmetrie .............................................................. 308

Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten ........................ 310

4.8.1 Der Übergangsbereich zwischen Textmodus und Listenmodus . 317 4.8.2 Zusammenfassung ....................................................................... 320 4.8.3 Addition in der Oberflächensyntax ............................................. 322

5

Fazit und Ausblick ............................................................ 327

Abbildungsverzeichnis ............................................................... 331 Literaturverzeichnis................................................................... 335

1

Einleitung

In dieser Arbeit geht es um eine syntaktische Annäherung an das Semikolon. Sie ist dabei in eine interessante Situation der Interpunktionsforschung hineinentstanden, die ich einleitend skizzieren möchte. Da ist zum einen das Verhältnis von Syntax und Interpunktionsforschung. Die Syntax war lange die Bezugsdisziplin bei der Beschreibung von Interpunktionszeichen schlechthin. Ihr traute man eine große Erklärungsmächtigkeit zu – mit der Folge, dass solche Zeichen im Fokus standen, für die eine syntaktische Betrachtung ertragreich schien, allen voran das Komma. Trotzdem klafft hier eine Lücke, an der diese Arbeit ansetzt: Die Schnittstelle zwischen syntaktischer Theorie und Interpunktionszeichen ist erstaunlich schwach profiliert. Keine der etablierten Beschreibungen von Interpunktionszeichen nimmt auf eine spezifische syntaktische Theorie oder auf ein konsistentes Beschreibungsformat Bezug. In der Regel wird nicht mal die Möglichkeit erwogen (siehe aber Behrens 1989: 136–137). Man begnügte sich in weiten Teilen der Interpunktionsliteratur mit einem zum Teil vortheoretisch anmutenden, jedenfalls aber nicht mit einem genauer explizierten Zugang zu syntaktischen Konzepten – und dann auch noch zu solchen, die intuitiv zwar gut zugänglich sind, in der syntaktischen Analyse aber durchaus komplex und schwer zu handhaben, vor allem Koordination, Herausstellung und Satzgrenzen. Mitunter entsteht der Eindruck, dass an den sogenannten syntaktischen Interpunktionszeichen, die mit diesen Phänomenen häufig in Verbindung gebracht werden, weite Teile syntaktischer Forschung aufschwemmen. Auf der anderen Seite, und das mag mit dem eben Beschriebenen zu tun haben, vor allem aber damit, dass sich große Teile syntaktischer Forschung als modalitätsunspezifisch oder jedenfalls nicht schriftspezifisch begriffen haben, werden Interpunktionszeichen in der Syntax kaum systematisch berücksichtigt, ihre Bedeutung gar heruntergespielt. Dass Interpunktionszeichen als syntaktische Mittel Erwähnung finden, ist zwar nicht ungewöhnlich, aber daraus folgt keine systematische Einbeziehung, etwa in die Konstituentenstruktur. In einer einfachen Konstituentenstruktur wie Abb. 1 sieht sich das Komma konstituentenstrukturell verwaist. Auf der Ebene der Markierungsstruktur sähe es ähnlich aus.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5_1

2

1 Einleitung

Abb. 1: Konstituentenstruktur koordinierter Nominalgruppen ohne Anbindung des Kommas

So steht eine Interpunktionsliteratur, die die Möglichkeiten syntaxtheoretischer Fundierung nicht voll ausschöpft, einer syntaktischen Literatur gegenüber, die Interpunktionszeichen als spezifische Mittel der Schriftsprache allenfalls programmatisch berücksichtigt. Dabei scheint es durchaus möglich, dass man mit differenziertem und angemessen theoretisch fundiertem Beschreibungswerkzeug wie der in dieser Arbeit verwendeten Oberflächensyntax zu präziseren Aussagen über die syntaktische Funktion von Interpunktionszeichen kommen kann. Und ebenso würde, brächte man beides näher zueinander, die oberflächensyntaktische Beschreibung um ein Formmittel reicher. Hinzu kommt eine entscheidende Wende in der Interpunktionsforschung, die Ursula Bredel spätestens 2005 einleitete, der Paradigmenwechsel von einer Online- zu einer Offline-Betrachtung von Interpunktionszeichen (vgl. Bredel 2005). Interpunktionszeichen sollten fortan konsequent von ihrer lesersteuernden Funktion her Begriffen werden (‚online‘) und weniger von ihrer Bedingtheit durch sprachliche Konstruktionen (‚offline‘). Letzteres war im 20. Jahrhundert nicht nur gang und gäbe, sondern führte auch zu Beschreibungen von überbordender Komplexität (z. B. Gallmann 1985), zu Inkonsistenzen, mitunter gar zu Widersprüchen (vgl. Bredel 2008: 14–18); aber gleichzeitig bestand angesichts hoher Fehlerhäufigkeit (vgl. Nottbusch/Jonischkeit 2011) auch aus didaktischer Sicht durchaus Handlungsbedarf. Daraus folgt: Eine syntaktisch fundierte Beschreibung von Interpunktionszeichen ist im Online-Zeitalter idealerweise eine, die den Leseprozess angemessen

Einleitung

3

zu berücksichtigen in der Lage ist; sie bedarf einer ‚Online-Syntax‘ fürs Deutsche die, zumindest im Ansatz, eine lese- und sprachrezeptionspsychologische Basis hat. Im Fokus der Beschreibung steht das Semikolon. Ihm wurde über lange Zeit wenig Aufmerksamkeit zuteil.1 Einzeluntersuchungen tauchen erst in jüngerer Zeit auf (Lenartz 2015 / Mesch 2016 / Rothstein 2016 / Gillmann 2018). Das spiegelt sich auch in normierenden Texten wider: Die amtlichen Regelungen beinhalten nur einen einzigen Paragraphen (§ 80) zum Semikolon, zum Komma hingegen sind es neun (vgl. AR 2018). Besonders deutlich ist das Verhältnis im Duden Handbuch Zeichensetzung: Auf die 143 (!) Seiten zum Komma folgen gerade mal zwei zum Semikolon (siehe Duden 2014). Ein weiterer Grund für die Beschäftigung mit dem Semikolon sind Zweifel an jüngeren syntaktischen Beschreibungen, in denen es oft als Koordinationszeichen gesehen wird (dazu ausführlich in Abschnitt 4.4). (1)

Sie kann sich in der Öffentlichkeit nur auf das Gewicht der Argumente und nicht das ihrer Mitgliederzahl stützen; vergleichbar mit einem kritischen Essayisten in der gerade vergangenen Zeit der Schriftkultur. (TiGer: 120390)

Zahlreiche Korpusbelege wie (1) weisen aber keine Koordination auf und schon bei der Verbindung zweier selbständiger Sätze, dem Hauptvorkommen des Semikolons, ist zu fragen, inwiefern es sich dabei in einem syntaktischen Sinne um Koordination handelt. Ziel der Arbeit ist es also, das Semikolon im Rahmen der Oberflächensyntax zu erfassen unter Berücksichtigung seiner Funktion für den Leseprozess. Dafür ist einige Vorarbeit zu leisten. Vor allem soll das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat eingeführt und daraufhin geprüft werden, welchen Status Interpunktionszeichen hier einnehmen könnten. Außerdem ist zu fragen, inwiefern man sich die Oberflächensyntax als Online-Syntax vorstellen kann, und alternative syntaktische Online-Formate sind zu diskutieren und zu bewerten. Die Arbeit ist daher folgendermaßen aufgebaut. Abschnitt I führt ausführlich in die Oberflächengrammatik ein. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Schriftsprache. Es wird ein Verständnis von sprachlicher Form entwickelt; die Formmit-

1

Bemerkenswert ist die Arbeit von Nunberg 1990 zum Englischen, die doch vergleichsweise wenig in die Diskussion eingegangen ist.

4

1 Einleitung

tel werden vorgestellt und dabei ein Schwerpunkt auf Interpunktionszeichen gelegt in Hinblick auf die Frage, welcher Status ihnen in der oberflächensyntaktischen Beschreibung zukommen kann und wie die syntaktische Beschreibung Zugriff auf dieses Formmittel erlangt. Das geschieht mit der Markierungsstruktur und mit syntagmatischen Relationen. Zusammen mit den syntaktischen Relationen, die für die Argumentation dieser Arbeit eine besondere Rolle spielen, bilden diese dann die Grundlage für den Aufbau der Konstituentenstruktur. Dem widme ich mich ausführlich, weil er meiner Meinung nach in der oberflächensyntaktischen Literatur bisher noch zu wenig diskutiert wurde. Anschließend versuche ich, einen einfachen Begriff von Koordination für diese Arbeit zu finden, weil Koordination in Zusammenhang mit dem Semikolon in Hinblick auf die bisherige Literatur von besonderer Bedeutung ist. Sodann diskutiere ich in Abschnitt 3 in diesem Zuge in aller Kürze Prinzipien des Parsings. Dann geht es um die Vorstellung und Bewertung von grammatischen Ansätzen, die von einem inkrementellen Strukturaufbau ausgehen und dem Online-Paradigma bereits folgen. Bredel selbst hat ein System eigens für die Beschreibung von Interpunktionszeichen skizziert, das ich im Detail prüfe. Schließlich entwickle ich einen Vorschlag, wie man das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat prozessual verstehen kann, so dass es für die Beschreibung des Semikolons (aber auch anderer Interpunktionszeichen) anwendbar ist. Im zweiten Teil der Untersuchung geht es dann um die Beschreibung des Semikolons (Abschnitt 0). Ich versuche sowohl zu begründen, warum es kein Koordinationszeichen ist (und dennoch bei bestimmten Koordinationen und ähnlichen Verknüpfungsverfahren stehen kann), als auch wie es dazu gekommen ist, dass sich der Blick auf dieses Zeichen derart verengen konnte. Dazu nehme ich in Abschnitt 4.2 die Normierungsgeschichte in den Blick und zeige, wie die jüngere Interpunktionsliteratur auf dieser Normierungsgeschichte aufsattelt und gleichzeitig Korpusdaten zu wenig in ihre Analysen einfließen lässt. In Abschnitt 4.4 dann gehe ich der Frage nach, ob dem Semikolon eine ihm eigene, insbesondere vom Komma verschiedene Zeichenfunktion zukommt. In der Literatur wird oft der Anschein erweckt, das sei nicht so (z. B. Behrends 1989: 85), indem festgestellt wird, das Semikolon sei stets fakultativ. Die funktionale Spezifik, die Bredel für das Semikolon beschreibt, wird ausführlich diskutiert. Schließlich geht es in Abschnitt 4.6 darum, die syntaktischen Eigenschaften des Semikolons genau zu beschreiben, in diesem Zuge wird es auch, zusammen mit den anderen sogenannten „syntaktischen Interpunktionszeichen“ < . , : > (Esslinger 2014: 17 / vgl. Bredel 2011: 66), topologisch verortet, und seine Funktion

Einleitung

5

für die Organisation komplexer graphematischer Sätze wird herausgearbeitet und wie es dabei mit dem Doppelpunkt zusammenspielt. In 4.7 und 4.8 steht ein Vergleich von Semikolonreihungen mit Aufzählungen in Listen und es werden Konstruktionen mit Semikolon vorgestellt, die als Übergangsformen zwischen Textmodus und Listenmodus gewertet werden. Es stellt sich heraus, dass das Semikolon mit den Mitteln der Oberflächensyntax genauer als bisher und von unterschiedlichen Blickwinkeln her betrachtet werden kann, so dass schließlich ein mehrdimensionales Bild seiner Funktionalität entsteht: Was die Konstituentenstruktur angeht, gibt das Semikolon dem Leser2 Aufschluss über die Anbindungshöhe und über die syntaktische Funktion der folgenden Einheiten und trägt so zum Aufbau der Konstruktionsbedeutung bei, topologisch verweist es in charakteristischer Weise auf die Abgeschlossenheit der vorangehenden Struktur, und schließlich ist es beteiligt an der textuellen Organisation komplexer graphematischer Sätze, die erst in neueren Untersuchungen Gegenstand eingehender Analysen wurde. Spätestens mit der vielversprechenden textuellen bzw. textsemantischen Betrachtung, wie sie bei Rothstein 2016 und Gillmann 2018 vorgenommen wird, wird die Ebene der Syntax verlassen und schließlich muss man sich fragen: Ist das Semikolon überhaupt ein ‚syntaktisches Zeichen‘? – Diese Arbeit soll möglichst umfassend zusammentragen, was man syntaktisch über das Semikolon sagen kann, besonders aus Leserïnnensicht. Syntax ist damit eine Analysedisziplin, mit der ein Teil der Zeichenbedeutung des Semikolons erfasst werden kann, aber Syntax ist keine Eigenschaft des Zeichens selbst. Textsemantische Betrachtungen versuchen eine Explikation aus anderer Perspektive. Beides kann zusammenpassen und zusammengehören. Diese Arbeit ist im theoretischen Bereich angesiedelt. Das hier verwendete TiGer-Korpus3 wird herangezogen, um geeignete Sätze zu akquirieren und Tendenzen in der Häufigkeit bestimmter Strukturtypen auszumachen.

2 3

Bei der Verwendung der maskulinen Form und sind stets alle Geschlechter gemeint. TiGer Release 1 mit 712.273 Tokens und 40.470 Sätzen aus der Frankfurter Rundschau, zugänglich über die CQP Benutzeroberfläche der Humboldt-Universität Berlin, https://korpling.german.huberlin.de/cqpwi/query.php (Zugriff: 02.11.2017). Punktuell bemühe ich andere über denselben Link zugängliche Korpora.

1 Einleitung

6 1.1

Inventarisierungen

Zunächst geht es um die Frage, welche Zeichen zur Klasse der Interpunktionszeichen gezählt werden können und wie man diese Klasse ermitteln kann. Die Studien und Schriften zur Interpunktion bestimmen ihren Gegenstandsbereich nicht einheitlich. Unterschiede gibt es schon in Bezug auf die Frage, welchen Umfang die Klasse der in Rede stehenden Zeichen hat und wie man sie benennt, wenngleich sich klar eine Tendenz abzeichnet. Einen Überblick gibt folgende Tabelle.

1.1 Inventarisierungen Tab. 1: Interpunktionsinventare4

7

1 Einleitung

8

Spannender als die unterschiedlichen Inventare mag der Weg erscheinen, der zu ihnen führt. Grundsätzlich finden sich in den Arbeiten, die ein Gesamtsystem von Interpunktionszeichen thematisieren, zwei Möglichkeiten der Inventarisierung: kriterial und stipulativ. Überraschenderweise zählen fast alle Bestimmungen die Zeichen auf oder nennen eine einfache Funktion, die allen Zeichen gemeinsam sein soll. Die Verschiedenheit der Inventare ist also der Beliebigkeit des Verfahrens geschuldet, mit dem sie erhoben wurden. Einzig Bredel bildet eine Ausnahme und kommt zu einer kriterial geleiteten Bestimmung der Klasse (vgl. Bredel 2008: 21–24), die ich hier wiedergebe.

Abb. 2: kriteriale Darstellung der segmentalen Mittel der Schrift aus Bredel 2008: 23

Nach den Merkmalen, die Bredel anlegt, unterscheiden sich die Interpunktionszeichen von den Leerzeichen nur dadurch, dass sie darstellbar sind, also eigene graphische Substanz haben; von den Diakritika unterscheiden sie sich nur darin, dass sie nicht additiv sind (allenfalls klitisieren sie, aber dadurch nehmen sie keinen Einfluss auf das Zeichen, an das sie klitisieren. Sowohl von den Leerzeichen als auch von den Diakritika unterscheiden sich die Interpunktionszeichen und alle anderen Zeichen, dass sie konkatenierbar sind, das heißt, dass Zeichen dieser Zeichenklasse direkt hintereinanderstehen können – unabhängig davon, ob sie kombinieren oder nicht. Nimmt man Konkatenierbarkeit als Kriterium hinzu, unterscheiden sich die Interpunktionszeichen von allen anderen Zeichen in mindestens zwei Merkmalen, außer von den Sonderzeichen, von denen sie nur trennt, dass sie nicht verbalisierbar sind: Beim Vorlesen werden sie nicht mitgesprochen und wenn doch, dann nur mit ihrem Zeichennamen (zum Beispiel ‚Klammer auf‘). Das passt gut dazu, dass ausgerechnet für den Asterisk und den Schrägstrich als Sonderzeichen5 zu fragen ist, ob er zu den Interpunktionszeichen zu rechnen ist. 4

5

In der letzten Spalte sind mehrere Punkte untereinander gemeint, die die Auslassung von Text in Form mehrerer Zeilen kennzeichnen. Bei Gallmann ist der Schrägstrich ein Hilfszeichen (vgl. Gallmann 1985: 13), die Klasse der Hilfszeichen wird aber bei Bredel 2008 nicht extra geführt.

1.1 Inventarisierungen

9

Für Bredel genügt es, wenn es Kontexte gibt, in denen diese beiden Zeichen verbalisiert werden, um das Kriterium der Verbalisierbarkeit zu erfüllen (vgl. Bredel 2008: 24). Schrägstrich und Asterisk bleiben damit Sonderzeichen. Und so deckt sich Bredels Ergebnis mit den weitestgehend mit den anderen, nicht nach Kriterien ermittelten oder bloß aufgezählten Inventaren. Die Schnittmenge aller Inventare lässt sich als Kernbereich der Klasse der Interpunktionszeichen bestimmen, siehe Umrandung in Tab. 1. Dieses Inventar wird auch in neueren Veröffentlichungen zugrunde gelegt (zum Beispiel in Buchmann 2015: 92 und Esslinger 2014: 14–15).

I

Oberflächensyntax und Online-Grammatik

2

Oberflächensyntax

Die Oberflächengrammatik bildet den theoretischen Rahmen dieser Arbeit. Sie dient in erster Linie als Beschreibungswerkzeug für schriftsprachliche Strukturen unter Einbezug der Interpunktionszeichen. In diesem Abschnitt wird die Oberflächengrammatik in einem Umfang vorgestellt, der diese Verwendung möglich macht. Die für die Analyse notwendigen Begriffe werden beschrieben, aber nicht formal hergeleitet (dafür siehe z. B. Lieb 1977 / Lieb 1980 / Lieb 1983 / Lieb 1993). An einigen Stellen werden die Beschreibungsmittel der Oberflächensyntax behutsam erweitert, um den besonderen Herausforderungen dieser Arbeit gerecht werden zu können. Die Oberflächensyntax als Teil der Integrativen Sprachwissenschaft geht in großen Teilen zurück auf Arbeiten von Hans-Heinrich Lieb (z. B. Lieb 1975) sowie auf Peter Eisenberg, der sie früh für analysepraktische Zwecke gebrauchte und sie dementsprechend profilierte (Eisenberg et al. 1975 / Eisenberg 1976). Weit verbreitet in einer auf die analytische Praxis ausgerichteten Variante ist das oberflächensyntaktische Strukturformat durch den ‚Grundriss der deutschen Grammatik‘ (Eisenberg 2013). Die effiziente Handhabbarkeit und Übersichtlichkeit dieses Beschreibungsformats zeigt sich auch durch das ebenfalls in dieser Arbeit verwendetet TiGer-Korpus, bei dem 50.472 Sätzen mit insgesamt 888238 Tokens aus der Frankfurter Rundschau mit einem eng an die Oberflächensyntax angelehnten Strukturformat annotiert wurden.6 Die Oberflächensyntax kennt keine Tiefenstrukturen (vgl. Lieb 1980: 4–5). Für die Beschreibung von Interpunktionszeichen ist das ein entscheidender Vorteil; denn ob und in welcher Form es Interpunktionszeichen in – nicht beobachtbaren – Tiefenstrukturen gibt, ist fraglich, und wie das Verhältnis von Oberflächenstrukturen und Tiefenstrukturen in Bezug auf Interpunktionszeichen zu beschreiben ist, ist eine weitere Frage, von der ich nicht einmal sagen kann, ob sie überhaupt beantwortbar ist. Weil die Oberflächensyntax nur die sprachliche (in der vorliegenden Arbeit die schriftsprachliche) Oberfläche zum Ausgangspunkt der Beschreibung nimmt, ist es ihr ernst mit der Reihenfolge syntaktischer Grundformen. Auch

6

Das TiGer-Korpus ist erreichbar unter: https://korpling.german.hu-berlin.de/cqpwi/login.php. (letzter Zugriff: 08.06.2020). Dabei handelt es sich um die neuere Version TiGer Release2. Ein großer Teil der in dieser Arbeit verwendeten Beispielsätze entstammen aus technischen Gründen der kleineren Version Release1.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5_2

14

2 Oberflächensyntax

das wird sich bei der Beschreibung von Interpunktionszeichen als eine Notwendigkeit herausstellen. Ein Vorteil der Oberflächensyntax ist ihr Selbstverständnis, was das Verhältnis von Sprachen und Grammatik angeht. Die Oberflächensyntax umgeht ein entscheidendes Problem, das Eisenberg folgendermaßen in Bezug auf generative Grammatiken beschreibt: „[D]ie formalen Eigenschaften von Regeln, die Tiefenin Oberflächenstrukturen überführen, werden als Eigenschaften von Sprachen angesehen“ (Eisenberg 1976: 5). Weiter heißt es: „Die Identifizierung von Eigenschaften von grammatischen Regeln mit Eigenschaften von Sprachen rückt diese Spracheigenschaften in den Bereich des Nichtüberprüfbaren [...]“ (ebd.: 6). Dagegen versteht sich die Oberflächensyntax als ein theoretisches Hilfsmittel, um „Aussagen über Sprachen“ (ebd.) zu machen. Dieser Punkt scheint mir – besonders mit Blick auf Interpunktionszeichen – von Relevanz. Dem Verständnis dieser Arbeit nach ist der Untersuchungsgegenstand der Oberflächensyntax die schriftliche, verbale Kommunikation; alle sprachlichen Ausdrücke, die in dieser Arbeit analysiert werden, werden so interpretiert, dass sie kommunikativ relevant sein können. Die Aussagen, die mithilfe der Oberflächensyntax über diese Kommunikation gemacht werden, dienen dazu, deren Vielfalt zu begreifen, zum Beispiel indem Analogien beschrieben werden. Auf diese Weise können Strukturen sichtbar gemacht werden und es entsteht, was ich Verständnis für Sprache nenne: also eine strukturelle Beschreibung verbaler Kommunikation mittels einer adäquaten Anwendung des Analysewerkzeuges. Einzeläußerungen werden unter strukturellen Gesichtspunkten gebündelt. In der Rückführung von Einzeläußerungen auf sprachliche Strukturen liegt eine Reduktion auf Zugrundeliegendes, das zu begreifen einen Moment des Verstehens birgt. Schon mit einem Begriff wie ‚Akkusativ‘ ist man in der Lage, viele Wortformen zu kategorisieren, zu bündeln und damit strukturell handhabbar zu machen. Daraus folgt zweierlei: Zum einen sind sowohl die Begriffe, die zur Beschreibung verwendet werden, also im vorliegenden Fall die Begriffe des oberflächensyntaktischen Beschreibungsformats, mit großer Wahrscheinlichkeit abstrakt. Notwendigerweise ist aber die Beschreibung, also die Analogie, die zwischen Ausdrücken gezogen wird, zu einem gewissen Grad abstrahiert von dem, was sie beschreibt. Zum Beispiel ist eine Kategorie wie Kopulaverb abstrakt im Sinne von allgemein gegenüber der Menge an Verben, die diese Kategorie umfasst. Mit der Kategorie Kopulaverb wird eine Analogie zwischen den Elementen behauptet, die in diese Kategorie fallen (zum Beispiel, dass diese nicht die Form des Subjekts

2.1 Das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat

15

regieren). Die zweite Folge ist, dass die Beschreibung – eben wegen ihres abstrakten Begriffsinventars – niemals identifiziert sein kann mit dem, was sie beschreibt. Sie ist von einer anderen, grundsätzlicheren Art. Aus einer grammatischen Beschreibung ist damit immer eine Aussage über das Beschriebene, aber auch über die Beschaffenheit des Beschreibungswerkzeugs selbst abzuleiten. An das Werkzeug (das kann zum Beispiel ein Begriff sein) werden bestimmte Ansprüche formuliert und Kriterien angelegt. Es muss nachvollziehbar sein, widerspruchsfrei, möglichst eindeutig. Damit ist der Beschreibung auch eine Grenze gesetzt. Dass ein Begriff (im Sinne eines Werkzeugs) nicht alles umfasst, was man als intuitiver Sprachbenutzer zu einem bestimmten Phänomen dazuzählen würde, ist erwartbar und wohl nicht zu vermeiden: Die Sprachintuition beziehungsweise die Intuition über Kommunikation überschreitet die Grenzen artifizieller Beschreibungswerkzeuge, denn sie muss deren Kriterien nicht genügen. Das macht sie vom Wesen her unterschiedlich. Mit anderen Kriterien, die eine Syntax an einen Begriff anlegt, wäre eine andere Beschreibungsreichweite gegeben, zum Beispiel wenn man einen Kategoriennamen metaphorisch oder assoziativ zu verstehen hätte. Die Oberflächengrammatik macht mit ihren Aussagen über Sprachen die Kommunikation unserem Verstehen zugänglich – unter den Prämissen, die wir an unser Verstehen anlegen. Eine Sprache in ihrem Wesen erfassen kann sie nicht, und das schließt Interpunktionszeichen mit ein. Dass es also bei der grammatischen Sprachbeschreibung unscharfe Ränder, unerklärliche Restphänomene etc. gibt, ist in der Sache eine Folge aus dem hier skizzierten Verständnis von grammatischer Beschreibung. Der Begriff ‚Koordination‘ beispielsweise ist einer der Sprachbeschreibung. Mit ihm werden Strukturen erfasst, die in bestimmter Hinsicht Analogien aufweisen. In dieser Hinsicht existiert Koordination in der Sprache – als Datenbereich, der letztlich durch den genuin grammatiktheoretischen Begriff ‚Koordination‘ mehr oder weniger fest umrissen ist. 2.1

Das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat

Im Folgenden wird das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat vorgestellt. Mit diesem soll es möglich sein, Sätze mit grammatischen Strukturen zu beschreiben. Eisenberg schreibt: „Einen Satz grammatisch zu beschreiben heißt, ihm seine Struktur bzw. seine Strukturen zuzuschreiben, in der Syntax speziell seine syntaktischen Strukturen“ (Eisenberg 2013: 23). Die Formulierung „seine Strukturen zu-

2 Oberflächensyntax

16

zuschreiben“ (Unterstreichung N. S.) wirft die Frage nach dem ontologischen Status syntaktischer Strukturen auf. Sind sie Teil des Satzes selbst („seine Struktur“) oder sind sie Teil der Sprachbeschreibung („zuzuschreiben“)? Aus dem in Abschnitt I Gesagten folgt, dass für die vorliegende Arbeit Letzteres zutrifft. Zwar lässt sich davon sprechen, dass Sätze beziehungsweise verbal-kommunikative Ausdrücke strukturiert sind. Denn sie unterliegen einer sprachlichen Norm als Vereinbarung der Sprachbenutzer, wie zu kommunizieren ist, und diese Norm ist – nicht zuletzt aus Effizienzgründen – auch über zahlreiche Analogien organisiert (zum Beispiel die feste Verbstellung des Deutschen). Aber die syntaktische Struktur, die einem Ausdruck zugeschrieben wird, ist, wie im vorigen Abschnitt erläutert, ein Teil der Sprachbeschreibung, nicht der Sprache selbst. So ist zu erklären, dass die Form einer syntaktischen Struktur je nach syntaktischer Theorie und je nach Strukturformat variiert. Folglich ist der Vorgang des Zuschreibens einer syntaktischen Struktur zu einem sprachlichen Ausdruck eine Teilhandlung des Sprachbeschreibens. Jede Syntax muss also darlegen, wie die syntaktischen Strukturen beschaffen sein können, die sie zuschreibt, und wie der Vorgang des Zuschreibens geschehen soll. Beides ist das Ziel der folgenden Abschnitte in diesem Kapitel. 2.2

Die sprachliche Form

Der Begriff von sprachlicher Form, den ich in dieser Arbeit zugrunde legen möchte, entspricht in weiten Teilen dem von Eisenberg vertretenen Formbegriff (vgl. Eisenberg 2013: 23–26 / Eisenberg 1976 / Lieb 1993), der übrigens auch gut zu einer Untersuchung passt, die den Leser in den Blick nimmt. Eine notwendige Bedingung für jeden sprachlichen Formbegriff ist, dass die Form wahrnehmbar sein muss. Etwas nicht Wahrnehmbares könnte keine kommunikative Funktion haben und wäre damit auch nicht Sprache. Eisenberg setzt für die Beschreibung der sprachlichen Form also verständlicherweise beim Wahrnehmungsbegriff an (vgl. Eisenberg 2013: 23). Die vorliegende Darstellung fokussiert mehr auf den Leser, während die Darstellung in Eisenberg mehr auf den Hörer gerichtet ist (vgl. ebd.). Eng verknüpft mit dem Vorgang des Wahrnehmens ist der ebenfalls sprachnotwendige Vorgang des Erkennens. Das Erkennen ist gewissermaßen der intelligible Teil eines Rezeptionsvorgangs. Die schriftsprachliche Form ist nicht etwas, das bloß als Linien o. Ä. wahrgenommen und erkannt wird (enger Wahrnehmungsbegriff), sondern etwas, das auch schon als sprachliches Zeichen identifiziert

2.2 Die sprachliche Form

17

wird – bis hin zum ‚Verstehen‘ des kommunikativen Aktes im Sinne eines Assoziierens von Bedeutung. Die sprachliche Form, so könnte man salopp formulieren, liegt im Auge des Betrachters. Sie ist zwar auch notwendig optisch gegeben, aber dadurch nicht schon sprachliche Form – sondern sie wird erst sprachliche Form durch die sprachliche Wahrnehmung, also das sprachliche Erkennen. Wichtig dabei ist: Das Erkennen von Linien oder Schemen (optische, geometrisch Verarbeitung) ist von seinem ontologischen Status her nichts anderes als das Erkennen von Wörtern (sprachliche Verarbeitung); es handelt sich lediglich um verschiedene kognitive Vorgänge. Nach Eisenberg ließe sich gleichermaßen von visuellen wie von morphologischen und syntaktischen Wahrnehmungen sprechen (vgl. Eisenberg 2013: 23–24). Die Verlockung eines engen, bloß auf optische Aspekte reduzierten Wahrnehmungsbegriffes (wie er hier aber nicht angenommen wird) liegt auf der Hand. Man bleibt so keine Antwort schuldig, wie genau denn eine morphologische oder syntaktische Wahrnehmung beschaffen und wie sie zu beschreiben sei. Dieses Problem kann ich hier nicht lösen. Ich gehe aber davon aus, dass das, was syntaktischen Formen mittels der Oberflächensyntax an syntaktischer Bedeutung (also an potentiell kommunikativ Relevantem) zugeschrieben werden kann, in der Regel auch syntaktisch wahrnehmbar ist – in welcher Form auch immer. Eine gegebene syntaktische Form ist also einer syntaktischen Wahrnehmung sowie einer syntaktischen Beschreibung zugänglich. Daraus folgt, und das ist vor dem Hintergrund des bisher Gesagten nicht erstaunlich, dass das, was überhaupt als syntaktische Form gilt sowie deren spezifische Gestalt, nicht unabhängig von dem syntaktischen Beschreibungsapparat ist. Auf den ersten Blick mag es überraschend sein, dass wir neben der syntaktischen Beschreibung auch die syntaktische Wahrnehmung so stark machen; auf den zweiten Blick aber ist die syntaktische Wahrnehmung als primär anzusehen. Ohne eine syntaktische Wahrnehmung wäre ein Sprachbenutzer nicht in der Lage, in einer Reihe von Wörtern wie Das Mädchen sucht Regenwürmer mehr zu sehen als eine bloße Folge einzelner sprachlicher Zeichen,7 nämlich so etwas wie einen Satz, eine Proposition, eine Assertion oder eben ein Mädchen, das Regenwürmer sucht. Und ohne syntaktische Wahrnehmung wäre wohl niemand auf die auf die Idee gekommen, eine syntaktische

7

Und selbst die Folge einzelner sprachlicher Zeichen könnte ein Sprachbenutzer ohne eine syntaktische Wahrnehmung nur in Teilen erfassen, denn auch Einzelklassifikationen entspringen nicht selten dem Zusammenhang, man denke nur an den syntaktischen Wortartenbegriff. Aber auch Begriffe wie ‚Akkusativ‘ oder ‚Modalverb‘ könnten in ihrem gemeinen Verständnis ohne eine syntaktische Wahrnehmung so nicht existieren.

2 Oberflächensyntax

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Beschreibung zu entwickeln. Syntaktische Beschreibung und syntaktische Wahrnehmung sind also einander eng vermittelt. Eine syntaktische Beschreibung in dem hier verstandenen Sinne ist nicht nur die Folge des Erkennens syntaktischer Formen, sondern sie kann zu einem gewissen Grad als Explikation syntaktischen Verstehens angesehen werden, siehe auch Abschnitt 2.7.8 Die kleinsten und elementaren Einheiten, auf die mit der Oberflächensyntax bezuggenommen wird, heißen syntaktische Grundformen (vgl. Eisenberg 1980: 72). Um sie geht es in dem folgenden Abschnitt. Anschließend werden die syntaktisch relevanten Aspekte der Form, die syntaktischen (Form-)Mittel, erörtert. 2.3

Grundformen

Syntaktische Grundformen sind die basalen Einheiten, über die syntaktische Aussagen gemacht werden. Dazu zählen laut Eisenberg zweifelsfrei die Wortformen (Baum), die Verschmelzungen (im) und die Wortreste (Rosen- in Rosen- und Narzissenblüten) (vgl. Eisenberg 2013: 22 / Eisenberg 1976: 9)9. Interpunktions- und Sonderzeichen gehören nicht dazu. Ein Ausdruck wie (2) besteht dann aus fünf syntaktischen Grundformen, nämlich Hans, schreibt, ich, komme, morgen. (2)

Hans schreibt: Ich komme morgen.

Die Oberflächensyntax befasst sich mit (einfachen oder komplexen) syntaktischen Einheiten, und diese sind Folgen syntaktischer Grundformen. Mit dem Grundformbegriff wird also in der Oberflächensyntax auf den Analysegegenstand verwiesen. Damit, dass syntaktische Grundformen als syntaktische Einheiten interpretiert werden, ist bereits der erste Schritt der syntaktischen Beschreibung getan. Die fünf syntaktischen Grundformen in Hans schreibt: Ich komme morgen können folgendermaßen als einfache syntaktische Einheiten aufgefasst werden, siehe (3).

8

9

In einem gewissen Sinne werden syntaktische Begriffe damit auch zu kognitionstheoretischen. Das gilt insbesondere für sprachverarbeitungstheoretische Arbeiten und wird dort aber kaum reflektiert. Aus meiner Sicht besteht kein Widerspruch darin, sondern unumgänglich, Aspekte des Verstehens mit abstrakten Begriffen zu fassen. Den Subjektbegriff in einem Satz wie Helmuth näht kognitiv zu reinterpretieren heißt grundlegend nichts anderes als Helmuth als diejenige sprachlich genannte Entität zu verstehen, die die mit dem Verb assoziierte Handlung vollzieht, und sie gegebenenfalls von anderen Entitäten abzugrenzen. In früheren Konzeptionen zählten zu den syntaktischen Grundformen noch das leere Wort und Pseudowortformen (zum Beispiel Maus in sie spielen Katz und Maus, vgl. Eisenberg 1976: 9).

2.3 Grundformen (3)

19

{, , , , }

Mit der Beschreibung von syntaktischen Grundformen als syntaktische Einheiten wird deren Reihenfolge mitbedacht. So kann erfasst werden, wo eine syntaktische Einheit innerhalb einer komplexeren syntaktischen Einheit genau ihren Platz hat. Die umfassendste syntaktische Einheit des Ausdrucks in (2) ist in (4) widergegeben, es ist gewissermaßen der ganze Satz. (4)

{1,2,3,4,5,6}

Syntaktisch lässt sich aber über den Aufbau des Ausdrucks in (2) noch mehr sagen, als dass er aus fünf Grundformen besteht, die zusammengenommen wieder eine syntaktische Einheit ergeben. Ihm kann eine Struktur zugewiesen werden, die als hierarchische Gliederung dargestellt wird. Diese Struktur beinhaltet wiederum nur solche Elemente, über die syntaktische Aussagen gemacht werden können, das heißt syntaktische Einheiten – die aber weiter ausdifferenziert werden, nämlich in Konstituentenkategorien. Diese werden einfachen wie komplexen syntaktischen Einheiten zugeordnet. Dadurch wird die syntaktische Struktur, die einem Ausdruck zugeschrieben wird, angereichert mit syntaktischen Aussagen. Die sich ergebende hierarchische Anordnung wird syntaktische Konstituentenstruktur genannt (siehe Abschnitt 2.7). Jede Konstituente ist also auch eine syntaktische Einheit; umgekehrt gibt es syntaktische Einheiten, die keine Konstituenten sind. So ist zum Beispiel in dem Satz Sabine ruft an der Ausdruck an zwar eine syntaktische Einheit und auch eine syntaktische Grundform. Wesentliche, den Satz konstituierenden Eigenschaften (zum Beispiel Valenz) hat an als Verbpartikel aber nicht, sondern erst anrufen. Dementsprechend wird auch erst anrufen einer Konstituentenkategorie zugeordnet, an alleine ist eine syntaktische Einheit ohne Konstituentenstatus (vgl. Eisenberg 1980: 72). Es gibt auch Folgen syntaktischer Grundformen, die nichts Wesentliches zur syntaktischen Konstituentenstruktur beitragen und über die auch keine syntaktischen Aussagen gemacht werden. So ist die Folge {4,5} (komme morgen) keine syntaktische Einheit und erst recht keine Konstituente. Die Konstituentenstruktur des Ausdrucks (2), so viel sei bereits gesagt, hat in der Oberflächensyntax die folgende Gestalt.

2 Oberflächensyntax

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Abb. 3: Konstituentenstruktur von (2) in graphischer Darstellung

Diese Darstellung enthält bereits ein gewisses Maß an syntaktischer Information, sie ist eine syntaktische Interpretation der gegebenen Grundformen. Wie nun ist diese Interpretation zu rechtfertigen? – Sie ist das Ergebnis einer syntaktischen Analyse und Argumentation, die sowohl Formeigenschaften der syntaktischen Grundformen als auch ein ‚Verständnis‘ der Bedeutung des Satzes einschließt, also sie ist im besten Sinne ein Ergebnis des Grammatiktreibens. Einen quasi mathematischen Ableitungsmechanismus, der eine Konstituentenstruktur rein aus der graphischen Form bzw. aus den sprachlichen Zeichen heraus generiert, gibt es in der Oberflächensyntax nicht. Die syntaktische Konstituentenstruktur soll nach bestimmten Kriterien sowohl mit der Markierungsstruktur (Abschnitt 2.4.2) als auch mit den syntaktischen Relationen (Abschnitt 2.6) in Passung sein. Die genauen Zusammenhänge sind meines Erachtens in der Literatur bisher nicht deutlich genug expliziert worden, vielmehr wurde die Konstituentenstruktur als gegeben vorausgesetzt (vgl. zum Beispiel Eisenberg 1975: 21–22). Nicht zuletzt deswegen sollen die grundlegenden Zusammenhänge zwischen relationaler, Markierungsund Konstituentenstruktur im Folgenden herausgearbeitet werden. Im nächsten Abschnitt geht es um die genauere Beschreibung der Form syntaktischer Einheiten. Wesentliche Teile syntaktischer Argumentation greifen – mehr oder weniger direkt – auf sie zurück. 2.4

(Form-)Mittel

Was sind syntaktische Mittel bzw. syntaktische Formmittel in der Oberflächensyntax? In Abschnitt 2.2 habe ich bereits erläutert, dass die syntaktische Grundform an sich immer schon das Ergebnis syntaktischer Wahrnehmung bzw. syntaktischen Erkennens ist. Syntaktische Mittel sind Eigenschaften syntaktischer Grundformen, die „das Instrumentarium zur strukturierten Bildung komplexer

2.4 (Form-)Mittel

21

Ausdrücke“ (Eisenberg 2013: 25) bilden. Sie sind also das, worauf jemand, der die syntaktische Konstruktionsbedeutung eines Ausdruckes erfassen will, seinen Blick lenkt. Das mag ein Leser sein, der dies eher auf implizite Weise tut (ohne dass davon auszugehen ist, dass er die syntaktischen Formmittel in Gänze erfassen muss, um die Bedeutung eines Satzes zu erschließen), oder es mag ein Grammatiktreibender sein, der eine syntaktische Analyse darauf aufbauen oder der syntaktisch argumentieren möchte. In der Oberflächensyntax werden nur drei syntaktische Formmittel überhaupt angenommen: Reihenfolge, Intonation beziehungsweise Interpunktion, und morphologische Markierung (vgl. Eisenberg 2013: 25). Sie sind von ganz unterschiedlicher Art und Relevanz und sie gehen auf unterschiedliche Art in die syntaktische Beschreibung ein. Die syntaktischen Formmittel unterliegen unterschiedlichen Abstraktionsgraden syntaktischer Wahrnehmung. So ist die Reihenfolge der syntaktischen Grundformen im Schriftlichen schlicht die lineare Abfolge der Wörter, und damit auf einem niedrigen Abstraktionsgrad syntaktischer Wahrnehmung anzusiedeln. Sie ist unmittelbar zugänglich, bietet keinen Spielraum für Interpretationen und sie ist nicht spezifisch für Sprache oder für Kommunikation überhaupt. Schließlich stehen auch Häuser in einer Reihenfolge am Straßenrand. Hingegen setzt die morphologische Markierung in viel stärkerem Maße syntax-spezifische Interpretation voraus. Das Wort schreibt zum Beispiel kann interpretiert werden als 3. Ps, Sg, Präs, Ind, Akt. Möglich ist aber auch 2. Ps, Pl. Diese Formeigenschaften sind erst das Ergebnis einer dezidiert morphologisch-syntaktischen Analyse. Wie die Formmittel in der Oberflächensyntax repräsentiert werden, darauf gehe ich im folgenden Abschnitt 2.4.2 genauer ein. Zunächst zu den Formmitteln an sich. 2.4.1

Intonation und Interpunktion

In diesem Abschnitt geht es zunächst um Intonation, dann um die Interpunktion. Reihenfolge und morphologische Markierung werden durch die Markierungsstruktur beschrieben und daher in dem folgenden Abschnitt besprochen. In der Oberflächengrammatik ist der Intonation am wenigsten Aufmerksamkeit gewidmet. Sie wird nur sporadisch in die Argumentation einbezogen, in Eisenberg 2013 aber nicht systematisch annotiert. Eisenberg selbst hält das für ein „Manko, das vorerst nicht zu beheben ist“ (Eisenberg 2013: 25). Vor dem Hintergrund jüngerer Erkenntnisse zum Verhältnis von Intonation und Syntax scheint das aber durchaus angemessen sein. Peters zeigt, dass Syntax und Intonation in einem weit

22

2 Oberflächensyntax

weniger engen Verhältnis stehen, als das gemeinhin lange vermutet wurde (vgl. Peters 2014: 83–85). Dass das Ende von Intonationsphrasen häufig mit dem Ende syntaktischer Phrasen zusammenfällt, führt er darauf zurück, dass „beide Gestaltungsmittel [gemeint sind Intonation und syntaktische Struktur, N. S.] teilweise gleiche Aspekte der Informationsstruktur zum Ausdruck bringen“ (Peters 2014: 85). Auch für andere Teilaspekte der Intonation wie die Aktzentzuweisung und die Intonationskontur zeigt sich, dass sie in erster Linie aus informationsstruktureller bzw. abstrakt-semantischer Sicht zu interpretieren sind und nicht aus Sicht der syntaktischen Struktur. Weil es trotzdem Fälle gibt, bei denen allein die prosodische Phrasierung eine Konstruktion syntaktisch desambiguieren kann (vgl. ebd.: 84), erscheint ein bedarfs- und relevanzorientierter Einbezug der Intonation in die oberflächensyntaktische Analyse wie in Eisenberg 2013 vernünftig. Die Intonation ist also als syntaktisches Formmittel durchaus streitbar. Für die vorliegende Arbeit spielt die Intonation keine Rolle, weil es hier nur um geschriebene Sprache geht. Dagegen sind Interpunktionszeichen als modalitätsspezifisch schriftliches Phänomen der zentrale Bestandteil der Ausführungen dieser Arbeit. Dass sie zu den Formmitteln der geschriebenen Sprache gezählt werden, ist nicht ungewöhnlich, so auch in Behrens 1989 (S. 21), die feststellt, dass die in Admoni (1970: 214) beschriebene Funktion syntaktischer Formmittel auch auf Interpunktionszeichen zutrifft, nämlich: „Verbindungen zwischen einzelnen Komponenten der Rede her[zustellen] [...] [und] den verallgemeinerten Bedeutungsgehalt der betreffenden Beziehungen aus[zudrücken]“ (ebd.). Übersetzt in die Oberflächensyntax könnte das zum Beispiel auch bedeuten, dass auf Interpunktionszeichen mit syntagmatischen oder syntaktischen Relationen bezuggenommen werden kann. Allerdings ist die Frage nach dem genauen Status von Interpunktionszeichen innerhalb der Oberflächensyntax nie eingehend erörtert worden (meines Wissens auch nicht in anderen syntaktischen Theorien). Eisenbergs Erwähnung als Formmittel (vgl. Eisenberg 2013: 25) kann allenfalls als programmatisch gelten. Tatsächlich werden Interpunktionszeichen auch von ihm nirgendwo ausführlich besprochen. Die Frage, welchen theoretischen ontologischen Status Interpunktionszeichen haben, kann für die Oberflächensyntax de facto als nicht mal gestellt geschweige denn als beantwortet angesehen werden. Eine eindeutige Antwort werde ich auch in dieser Arbeit nicht finden. Ich möchte aber im Folgenden zumindest den argumentativen Rahmen abstecken, in dem sich so eine Antwort zu bewegen hätte. Was wären Interpunktionszeichen, wenn sie nicht zu den syntaktischen Formmitteln zu zählen wären? – Sie könnten den Grundformen zugerechnet werden. In

2.4 (Form-)Mittel

23

den mir bekannten Beschreibungen der Oberflächensyntax gibt es keine Definition von syntaktischen Grundformen, die das ausschließen würde. Interpunktionszeichen hätten dann den gleichen Status wie Wörter in einem allgemeinen Verständnis und könnten als Teil der Konstituentenstruktur beschrieben werden. Ist diese Einteilung sinnvoll? – Einiges spricht zunächst dagegen. Denn es gibt deutliche Unterschiede zum Beispiel zwischen einem Substantiv wie Lampe und einem Komma, das ich hier der Vereinfachung halber als stellvertretend für Interpunktionszeichen allgemein nenne: Das Komma flektiert nicht, hat keine lexikalische Bedeutung und es ist auch nicht in die Wortbildung eingebunden, zudem klitisiert es ausschließlich. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Unterschiede zwischen Interpunktionszeichen und Wörtern groß. Außerdem ist ein Komma nicht verbalisierbar (vgl. Bredel 2008). Letzteres ist jedoch ein vergleichsweise schwaches Argument, denkt man schriftspezifisch. Dass es zu einer anderen Zeichenklasse gehört als Buchstaben, die Wörter bilden, hat Bredel zwar klar gezeigt (vgl. ebd.), aber das ist nicht für die Syntax, sondern nur innerhalb der Graphematik ein gewichtiges Argument. Andererseits: Der Unterschied zwischen einem Funktionswort wie dass und einem Komma fällt deutlich geringer aus als bei Lampe. Lexikalisch-semantisch ist dass sicher nicht wesentlich gehaltvoller als ein Komma. Das ist durchaus ein Argument, das Komma als syntaktische Grundform zu erfassen. (Denkt man zum Beispiel an sogenannte modalisierende Anführungszeichen (vgl. Klockow 1980), scheint es sogar möglich, dass Interpunktionszeichen noch mehr lexikalisch-semantische Bedeutung tragen als dass.) Lexikalisch-syntaktisch gibt es wiederum schon einen Unterschied: dass leitet einen Satz ein und bedingt Verbletztstellung, beeinflusst also direkt andere Konstituenten und ist deshalb auch sinnvoll in die Konstituentenstruktur zu integrieren. Ähnlich steht es mit einer Präposition wie an in Hans denkt an Anna. Die Präposition ist semantisch leer, bildet aber eine Präpositionalgruppe und sollte damit als syntaktische Grundform auch in der Konstituentenstruktur erfasst werden. Ein Komma hingegen ist zwar auch auf Konstituenten beziehbar; wenn es zum Beispiel an einer Nebensatzgrenze steht, könnte es als Teil dieses Nebensatzes angesehen werden. Aber man kann nicht davon sprechen, dass es eine bestimmte Konstituente fordert oder vorhersehbar ihre Form prägt. In diesem Sinne ist es lexikalisch-syntaktisch schwächer als dass oder an, aber durchaus vergleichbar. Hinzu kommt: Man spricht bei semantisch leeren Präpositionen, die Präpositionalobjekte einleiten, auch vom „Präpositionalkasus. Die Präpositionen sind Funktionselemente, sie leisten letztlich dasselbe wie Kasusmorpheme [...]“ (Eisenberg

24

2 Oberflächensyntax

213: 301). Für dass lässt sich Vergleichbares sagen. Es zeigt eine funktionale Zugehörigkeit des von dass regierten Satzes an, eben jenes leistet der Kasus für Nominalgruppen. Anhand dieser beiden Beispiele sieht man, dass schon syntaktische Grundformen funktional gesehen Ähnlichkeiten mit Formmitteln aufweisen können. Vor diesem Hintergrund wundert umgekehrt nicht, dass die lediglich programmatisch zu den Formmitteln gerechneten Interpunktionszeichen Grundformverwandtschaft zeigen. Die Argumente haben bis hierher gezeigt, dass Interpunktionszeichen sowohl Unterschiede als auch Ähnlichkeiten zu Grundformen aufweisen; dass aber Grundformen auch mit der morphologischen Markierung (einem klassischen Formmittel) vergleichbar sind. Zusätzlich lässt sich feststellen, dass sich Interpunktionszeichen auch von anderen Formmitteln unterscheiden. Sie applizieren nicht auf Grundformen (Reihenfolge und morphologische Markierung sind ja von Grundformen nicht zu trennen), sondern sie folgen ihnen (zum Beispiel Komma oder Semikolon) oder sie können ihnen als graphisch selbständige Zeichen vorangehen – ob mit Spatium (z. B. Gedankenstrich) oder ohne (z. B. Klammern). Interpunktionszeichen haben also als einzige Formmittel eine diskrete graphematische Substanz. Dazu passt, und auch das unterscheidet sie von Reihenfolge und morphologischer Markierung, dass Interpunktionszeichen wie das Komma nicht oder notwendig funktional auf die Einheiten bezogen sind, die ihnen vorangehen oder folgen. Das sieht man wiederum an Satzgrenzen: Steht beispielsweise ein Komma an einer satzinternen Grenze wie in (5) nach stehen, ist es in erster Linie auf den vorangehenden oder folgenden Satz bezogen, weniger auf stehen oder weil oder auf einzelne Konstituenten. (5)

Ein Interpunktionszeichen muss in diesem Satz stehen, weil er eine interne Satzgrenze enthält.

Damit sind die wesentlichen Argumentationslinien der Frage danach, ob Interpunktionszeichen zu den Grundformen oder zu den syntaktischen Formmitteln zählen, nachgezeichnet – wenn auch ohne klare Antwort. Nun sei daran erinnert, dass sowohl Grundformen als auch syntaktische Mittel theoretische Konzepte der Syntax sind, erdacht, um syntaktische, verbal-sprachliche Ausdrücke zu beschreiben. Dass diese Konzepte ‚fransige Ränder‘ haben (wie hier am Beispiel von dass und an gezeigt), ist ganz und gar gewöhnlich und beispielsweise in der Prototypentheorie geradezu systematisch mitbedacht. Interpunktionszeichen wurden bei der Einteilung von Formmitteln und Grundformen zunächst gar nicht einbezogen,

2.4 (Form-)Mittel

25

wie frühere Beschreibungen der Oberflächengrammatik zeigen (vgl. Lieb 1977: 77 ff.). Dass sie sich mit diesen Konzepten ganz eindeutig fassen lassen, ist meines Erachtens gar nicht erwartbar. Für Interpunktionszeichen ist auch bisher keine ‚Interpunktionszeichenstruktur‘ (analog einer Markierungsstruktur für die morphologische Markierung) erdacht worden. Ich halte eine Entscheidung in dieser Frage letztlich gar nicht für notwendig. Was zählt ist, dass Interpunktionszeichen mit den Beschreibungsmitteln der Oberflächensyntax beschreibbar sind. In dieser Arbeit werde ich zeigen, dass das geht (siehe Abschnitt II). Interpunktionszeichen haben demnach also syntaktische Bedeutungsanteile10, über die Aussagen gemacht werden können, ohne dass dabei klar sein muss, was sie genau sind. Die einzige Entscheidung, die ich treffe, ist, Interpunktionszeichen nicht in die syntaktische Konstituentenstruktur mit aufzunehmen, und damit werden sie in der vorliegenden Analyse nicht wie Grundformen behandelt. Die beiden Hauptargumente hierfür möchte ich hier anführen. Interpunktionszeichen prägen, wie oben erwähnt, nicht an sich die Form anderer Konstituenten. Das Komma zum Beispiel nimmt zwar einen Einfluss auf Konstituenten, tut dies aber stets konstruktionsabhängig. Innerhalb des pränuklearen Bereichs einer Nominalgruppe ist der Einfluss des Kommas auf andere Konstituenten ein anderer als an einer Satzgrenze. Ein zweites, oben noch nicht genanntes Argument, das dagegenspricht, Interpunktionszeichen in die Konstituentenstruktur einzubinden, möchte ich hier noch anfügen: Interpunktionszeichen sind offensichtlich syntaktischen Relationen nicht direkt zugänglich, sie finden sich weder in ihrem Vor- noch in ihrem Nachbereich. Ein Semikolon ist weder Subjekt noch Objekt oder Prädikatsnomen, noch bildet es den Kopf oder den Kern einer komplexen Einheit.11 Syntaktische Grundformen hingegen, die als syntaktische Einheiten und schließlich als Konstituenten erfasst werden, sind in der Regel mit syntaktischen Relationen aufeinander beziehbar.

10

11

Das heißt bei weitem nicht, dass sie nicht auch andere Bedeutungsanteile haben können. Bredel nennt Komma, Punkt, Semikolon und Doppelpunkt syntaktische Zeichen. Ihre Analysen zeigen aber, dass Doppelpunkt, Punkt und Semikolon auch auf die Domäne Text bezogen sind (siehe für das Semikolon dazu Gillmann 2018 / Rothstein 2016). Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass andere Zeichen wie der Gedankenstrich auch syntaktische Funktionen erfüllen. Der Gedankenstrich zum Beispiel, der bei Bredel als nicht syntaktisch lizensiert gilt, kann zwischen selbständigen Sätzen stehen, außerdem kann er bei Herausstellungen und Parenthesen statt des Kommas (oder statt Klammern) gebraucht werden (vgl. Bredel 2008 / Schreiber 2009). Es gibt Fälle, bei denen zum Beispiel das Komma oder das Semikolon mit Köpfen verglichen werden können, nämlich wenn sie in der sogenannten asyndetischen Koordination anstelle einer koordinierenden Konjunktion stehen (groß, bunt, schön vs. groß und bunt und schön).

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2 Oberflächensyntax

In dieser Arbeit werden also Interpunktionszeichen nicht eingebunden in die syntaktische Konstituentenstruktur. Ob sie damit zu den syntaktischen Formmitteln zu zählen sind, lasse ich offen. Zu bedenken ist: Ein Vergleich mit Grundformen, wie ich ihn oben ausgeführt habe, ist deutlich unkomplizierter als ein Vergleich mit Formmitteln, denn letztere sind untereinander ihrem Wesen nach sehr unterschiedlich. Was haben Reihenfolge und morphologische Markierung schon gemeinsam? Syntaktische Mittel in der Konzeption der vorliegenden Ausführungen sind damit morphologische Markierung und Reihenfolge. Die Intonation schließe ich nicht grundsätzlich aus, berücksichtige sie aber auch nicht weiter systematisch – zum einen wegen ihrer offensichtlich marginalen Rolle (siehe oben), zum anderen weil es in dieser Arbeit ja wie gesagt nur um schriftsprachliche Strukturen geht. Interpunktionszeichen zähle ich nicht dezidiert zu den syntaktischen Mitteln, sie werden aber trotzdem in Bezug auf ihre Funktion für die Gestalt der syntaktischen Strukturen analysiert und beschrieben. Auch ihre Auswirkungen auf die syntaktischen Relationen werden eingehend diskutiert. Für die syntaktischen Mittel muss es eine Explikation geben, d. h. eine formalisierte Benennung. In früheren Konzeptionen wurden die Reihenfolge und die morphologische Markierung erfasst in der Markierungsstruktur und die Intonation in der Intonationsstruktur (Eisenberg 1980: 74–75), die Reihenfolge wurde auch miterfasst und benötigt für die Konstituentenstruktur (vgl. ebd. / Eisenberg 2013: 28). Die syntaktische Struktur eines Satzes bestand damit aus drei Teilstrukturen: der Markierungsstruktur, Konstituentenstruktur und der Intonationsstruktur (vgl. Eisenberg 1980: 75 / Eisenberg 2013: 28). Die vorliegende Arbeit weicht, allerdings nur sehr geringfügig, davon ab. Jegliche syntaktische Information, die direkt auf die syntaktischen Formmittel bezogen ist, fasse ich in der Markierungsstruktur zusammen. Die Interpunktionszeichen werden, soweit sie in die Markierungsstruktur eingreifen, dort ebenfalls mitbeschrieben. Die Markierungsstruktur wird in aller Regel unter einem Satz notiert. Ihr gegenüber stehen die Konstituentenstruktur und die syntaktischen Relationen. Letztere nenne ich die relationale Struktur. Die Konstituentenstruktur schließt als terminale Knoten alle syntaktischen Grundformen mit ein. Ihre Gestalt basiert aber auf Interpretationen sowohl der Markierungsstruktur als auch der syntaktischen Relationen (siehe 2.7).

2.4 (Form-)Mittel 2.4.2

27

Reihenfolge, morph. Markierung und Markierungsstruktur

In der Markierungsstruktur werden sowohl die Formeigenschaften der syntaktischen Einheiten erfasst (soweit sie mit syntaktischen Formmitteln und den Interpunktionszeichen erfassbar sind), als auch die Zusammenhänge dieser Formeigenschaften über syntagmatische Relationen deutlich gemacht. Dieser Abschnitt soll zeigen, wie die Markierungsstruktur genau aussieht und was sie im Einzelnen umfasst. Dazu nehme ich den obigen Satz aus (2), den ich hier der Übersichtlichkeit halber noch einmal wiederhole: (6)

Hans schreibt: Ich komme morgen.

Zu den Formeigenschaften gehört die Reihenfolge der syntaktischen Grundformen. Eine Formeigenschaft Reihenfolge anzunehmen und formal zu explizieren, scheint auf den ersten Blick überflüssig, weil die Reihenfolge der syntaktischen Einheiten schlicht über die bloße (graphische oder akustische) Linearstruktur der Sprache wahrnehmbar ist – und tatsächlich wird sie auch in fast allen Strukturbäumen in oberflächensyntaktischen Texten einfach ausgelassen. Allerdings: Will man die syntaktischen Unterschiede, die durch die Reihenfolge von syntaktischen Grundformen (bzw. von Konstituenten) ausgelöst werden, abbilden (zum Beispiel Topikalisierung), sollte das Strukturformat unbedingt mit einer Möglichkeit aufwarten, Abfolgen auch formal zu erfassen. Ohne so eine Möglichkeit wäre die Beschreibung (und damit die daran geknüpfte Theorie) blind für alle Reihenfolgephänome und für die Abfolge von syntaktischen Grundformen überhaupt – dazu gehört die gesamte Wortstellung. Für diese Arbeit ist die Reihenfolge in besonderem Maße wichtig, denn es wird sich zeigen, dass vor allem das Komma und das Semikolon oft Einfluss auf die Linearstruktur von Konstituenten nehmen bzw. durch sie erst erklärbar werden. Betroffen sind vor allem die Abstände zwischen Konstituenten. In einem V2-Satz beispielsweise schließt am Ende des Vorfeldes direkt die linke Satzklammer an. Nach einem potentiellen Vorfeldende darf der Leser also ein Finitum erwarten, kann es zumindest nicht ausschließen (dazu auch Schreiber 2011). Diese potentielle Erwartung ist in (7)–(8) grau gesetzt. (7) (8)

In der Küche [Vfinit] In der Küche, XXX [Vfinit]

Mit einem Komma nach Küche kann die linke Satzklammer nicht mehr direkt folgen. Was für eine Konstruktion vorliegt, ist mit dem Komma nicht festgelegt, zum

2 Oberflächensyntax

28

Beispiel könnte es sich um eine Linksherausstellung handeln (In der Küche, da liegt das Messer). Das Komma kann so interpretiert werden, dass es die Erwartungshaltung eines Lesers an die Abfolge syntaktischer Einheiten verändert. Um das beschreiben zu können, braucht es eine Formalisierung der Abfolge. In der Oberflächensyntax werden die Grundformen schlicht durchgezählt: Die Ziffern einfach unter den Grundformen zu notieren, ist wohl die einfachste Art, einem sprachlichen Ausdruck eine Struktur zuzuweisen (siehe Abb. 4 / vgl. Eisenberg 1976: 9–14).

Abb. 4: Satz (2) mit Annotation der Reihenfolge

Interpunktionszeichen beziehe ich nicht mit ein, ihre Position ist aber eindeutig bestimmbar. Auf den Doppelpunkt in Abb. 4 kann man sich in positionaler Sprechweise beziehen etwa mit einer Aussage wie ‚Der Doppelpunkt nach Position zwei zeigt ...‘. Der Annotation der ‚morphologischen Markierung‘ geht ganz deutlich eine grammatische Interpretation voran. Sie ist wohl einem umgangssprachlichen Formbegriff am weitesten entrückt. Mit der morphologischen Markierung werden den syntaktischen Einheiten sowohl ihre Wort- als auch ihre Einheitenkategorien zugewiesen.12 Bei den Verben gehört zum Beispiel auch dazu, wie viele und welche Stellen sie regieren beziehungsweise regieren können. Natürlich wäre im Einzelnen zu klären, was genau die Bedingungen dafür sind, entsprechende Wort- und Einheitenkategorien überhaupt anzunehmen und ihnen die entsprechenden syntaktischen Einheiten zuzuordnen. Hans zum Beispiel könnte Nominativ, Akkusativ oder Dativ sein, aber das sieht man ja der Form nicht an. Um den Nominativ morphosyntaktisch ‚erkennen‘ zu können, bedarf es eines komplexen paradigmatischen Wissensgefüges. Für die vorliegende Untersuchung ist ein hohes Abstraktionsniveau bei der Annotation der Struktur der morphologischen Markierung unproblematisch.

12

Wortkategorien sind nicht veränderbare Kategorien, die zu einem lexikalischen Wort gehören, wie das Genus bei einem Substantiv; dazu zählt auch die Wortart. Einheitenkategorien sind an einem lexikalischen Wort veränderbar. Genauer zu der Unterscheidung zwischen Einheiten- und Wortkategorien siehe Eisenberg (2013: 17–20).

2.5 Syntagmatische Relationen

29

Abb. 5: Satz (2) mit Annotation der Reihenfolge und der morphologischen Markierung13

Abb. 5 zeigt eine verkürzte Darstellung. Abgebildet sind nur diejenigen Wort- und Einheitenkategorien, die in dem gegebenen Satz auch wirklich zum Tragen kommen, das heißt, die sich syntaktisch aus der Konstruktion insgesamt ergeben, nicht aber die möglichen Alternativen. So könnte schreibt nicht nur 3. Pers, Sg sein, sondern auch 2. Pers, Pl (ihr schreibt). Dass es 3. Pers, Sg ist, erkennt man am Satzkontext: Man muss verstanden haben, dass Hans derjenige ist, der schreibt (dass Hans also Subjekt ist), und dass Hans Singular ist. 2.5

Syntagmatische Relationen

Für diese kontextuelle Beeinflussung der Formeigenschaften untereinander muss es ebenfalls eine Beschreibungsmöglichkeit geben. In der Oberflächensyntax sind das syntagmatische Relationen, die ich nun kurz vorstellen möchte. Meine Darstellung ist angelehnt an Eisenberg 2013: 30–35. Syntagmatische Relationen wurden erst 1986 von Eisenberg in das Beschreibungsformat integriert (vgl. Eisenberg 1986: 52–55). Er führt insgesamt vier syntagmatische Relationen ein: Rektion, Kongruenz, Identität und Positionsbezug.14 Die syntagmatischen Relationen lassen sich den Formmitteln zuordnen. Positionsbezug ist bezogen auf das Formmittel Reihenfolge; Rektion, Kongruenz, Identität sind bezogen auf morphologische Markierung. Abermals fällt auf, dass Interpunktion und Intonation eine geringere Rolle unter den Formmitteln spielen, denn es gibt keine syntagmatische Relation, die sich auf sie bezieht. Für das Komma und das Semikolon wird sich zeigen, dass sie mit allen vier Relationen beschrieben werden können. 13

14

Die Valenzangabe des Objekts von schreibt soll ausdrücken, dass eineValenzstelle zwar mit einem Satz besetzt ist, dieser allerdings aufgrund des Doppelpunktes in Bezug auf seine Form nicht regiert ist, wenngleich er durchaus in den Valenzrahmen von schreiben passt, siehe 4.6.2.6 und 4.6.2.7. Positionsbezug kommt erst 1999 mit der zweibändigen Ausgabe des ‚Grundriß’‘ hinzu, vorher sind es nur die drei syntagmatischen Relationen Rektion, Identität und Kongruenz (vgl. Eisenberg 1999: 32–37 und Eisenberg 1986: 52–55). Eine ausführliche Argumentation mithilfe des Rektionskonzepts findet sich schon in Eisenberg 1976: 51–60.

30

2 Oberflächensyntax

Eisenberg deutet an, dass syntagmatische Relationen eine entscheidende Rolle für die Konstituentenstruktur spielen: „Der Begriff, mit dem der Schritt von den syntaktischen Mitteln zu den syntaktischen Strukturen vollziehbar wird, ist der der syntagmatischen Beziehung“ (Eisenberg 2013: 30). Salopp könnte man formulieren, syntagmatische Relationen in der Syntax sind eine Art kategorialer Klebstoff für den Zusammenhalt komplexer Konstituenten – wenn auch nicht der einzige, wie sich in Abschnitt 2.7 zeigen wird. Im Folgenden werde ich die syntagmatischen Relationen, wie sie in der Oberflächensyntax angenommen werden, vorstellen, kritisch diskutieren und zum Teil erweitern. Ich beginne mit Positionsbezug, mit dem die Position sprachlicher Einheiten zueinander beschrieben werden können. Ich halte die Position sprachlicher Einheiten für die wichtigste und grundlegendste Verknüpfungsmethode, die in der Oberflächensyntax aber nur selten in die Analysen einbezogen, sondern meist stillschweigend vorausgesetzt wird. Positionsbezug fußt in der Linearität von Sprache. Diese ist neben der Arbitrarität der zweite wichtige (wenngleich seltener zitierte) Grundsatz, den Saussure für sprachliche Zeichen geltend macht (vgl. Saussure 2001 [1967]: 82). Zwar geht er dabei in seinem hinlänglich als phonozentristisch kritisierten Ansatz (Derrida 1974: 74–84) primär von der gesprochenen Sprache aus, für die zeitliche Linearität schon aufgrund der akustischen Modalität nicht infrage gestellt werden muss. Aber er sieht sie in der Schrift durch das Phänomen der graphischen Aneinanderreihung von geschriebenem Material vergegenwärtigt. Dabei kann für Buchstaben und graphematische Wörter von diskreten Elementen gesprochen werden. Lohnstein versucht mit seinem Sprachverarbeitungsmodell zu zeigen, „[…] daß gerade die lineare Anordnung der Teilausdrücke eine notwendige Bedingung für die Berechenbarkeit syntaktischer Strukturen darstellt“ (Lohnstein 1994: 60).15 Die lineare Ordnung trägt auch beim Verstehen von Sätzen eine besondere Bedeutung (vgl. Christmann / Groeben 2006: 153). Behaghel schreibt, „dass das geistig eng Zusammengehörige auch eng zusammengestellt wird“ (1932: 4). Für Eisenberg sind „syntaktische Einheiten […] Folgen von syntaktischen Grundformen […], wobei eine Folge als Relation aufgefasst wird“ (Eisenberg 1980: 70; kursiv i. O.). Oder anders: Über die Reihenfolge werden syntaktische Grundformen in Relation zueinander gesetzt und Zusammengehörigkeit wird hergestellt; die Position an sich wird erfasst über Positionsbezug, die Relation in ihrer Semantik wird hergestellt über syntaktische Relationen (siehe 2.6) 15

Das ist für Lohnstein deshalb von besonderer Bedeutung, weil die zu berechnende Struktur in der GB-Theorie von der Linearisierung der S-Struktur abweichen kann. Seine Beispiele allerdings zeigen diese expliziten Umordnungsprozesse nicht.

2.5 Syntagmatische Relationen

31

Eisenberg gibt folgende einfache Definition: „Eine Konstituente f1 ist positionsbezogen auf eine Konstituente f2, wenn die Position von f2 relativ zu f1 festliegt“ (Eisenberg 2013: 35). Für die vorliegende Arbeit wird Positionsbezug weiter ausdifferenziert als bei Eisenberg 2013. Wie oben angedeutet, ist Positionsbezug diejenige Relation, auf die die Beschreibung der Wortstellung in jeglicher Hinsicht zurückgreifen kann und muss. Ob es sich um eine symmetrische Relation handelt, ist vom Einzelfall abhängig (vgl. ebd.). So ist davon auszugehen, dass der Positionsbezug zwischen einer Präposition und dem folgenden Nominal von der Präposition ausgeht und damit gerichtet ist. Denn eine Präposition fordert, dass ihr ein Nominal folgt, aber nicht umgekehrt.

Abb. 6: Positionsbezug in der Präpositionalgruppe

Weniger eindeutig ist das Verhältnis zwischen einem Adjektiv und einem Substantiv innerhalb einer Nominalgruppe. Die Reihenfolge einer Nominalgruppe ist zwar derart festgelegt, dass das flektierte adjektivische Attribut dem Kernsubstantiv in der Regel vorangeht, aber hier ist es schwerer zu argumentieren, ob das am Adjektiv oder am Substantiv hängt, vielmehr erscheint es als ist eine konstruktionale Eigenschaft. Der Positionsbezug wäre dann ungerichtet.

2 Oberflächensyntax

32

Abb. 7: Positionsbezug zwischen adjektivischem Attribut und Substantiv

Die Ursache für Positionsbezug ist in Abb. 6 die Präposition, damit können die positionalen Verhältnisse an das Wort beziehungsweise an die Wortkategorie Präposition geknüpft werden. Es handelt sich damit um einen wortkategorialen Positionsbezug. Im Falle der Nominalgruppe ließe sich von einem konstruktionalen Positionsbezug sprechen, gebunden an eine komplexe Konstituentenkategorie. Ganz ähnlich liegt der Fall, wenn es um die Topologie des V2-Satzes geht. Finitum und Vorfeld sind positional zueinander festgelegt, und zwar so, dass vor dem Finitum für gewöhnlich genau ein ‚Satzglied‘ steht, das heißt eine Konstituente, die entweder dem Satz nebengeordnet ist, zum Beispiel als adverbiale Angabe, oder die dem Satz unmittelbar untergeordnet ist.16 Es kommt hier also in noch stärkerem Maße als innerhalb der Nominalgruppe auf die Abfolge syntaktischer Relationen an sich an. Also nicht nur Konstituenten an sich, sondern auch Konstituenten als Träger syntaktischer Relationen können positional aufeinander bezogen sein. Es soll deutlich werden, dass die Abfolge syntaktischer Relationen dort, wo es nötig ist, über Positionsbezug ebenfalls in die Argumentation einbezogen werden kann. Eine weitere Unterscheidung, die ich in Bezug auf Positionsbezug treffen möchte, ist die zwischen absolutem und relativen Positionsbezug. In Eisenbergs Definition (siehe oben) ist ausschließlich erwähnt, dass die Position zweier Konstituenten relativ zueinander festliegen muss. Das trifft zum Beispiel zu auf den Kopf (im Sinne des Artikels) und den Kern einer gewöhnlichen Nominalgruppe, zwei syntaktische Relationen innerhalb einer komplexen Konstituente. Wie viele syntaktische Einheiten zwischen Kopf und Kern stehen, ist nicht festgelegt. In (9) ist es keine; in (10) sind es drei.

16

Die Besonderheiten mehrfacher Vorfeldbesetzung oder Vorfeldbesetzungen von weniger als einer Satzkonstituente lasse ich hier außen vor.

2.5 Syntagmatische Relationen (9) (10)

33

der Präsident die für Frieden einstehenden Regierungschefs

Vom relativen lässt sich noch ein absoluter Positionsbezug unterscheiden. Dieser herrscht zum Beispiel in einer Nominalgruppe, wenn ein Adjektiv oder eine Adjektivgruppe sich als Attribut auf ein Substantiv bezieht. In (10) zum Beispiel ist für Frieden einstehenden Attribut zu Regierungschefs. In diesem Fall muss das Adjektiv einstehenden dem modifizierten Substantiv unmittelbar vorausgehen. Hier ist der Positionsbezug absolut. Absoluter Positionsbezug bezieht sich vor allem auf unmittelbare Adjazenzbeziehungen.

Abb. 8: einige Positionsbezüge in komplexer Nominalgruppe

Abb. 8 zeigt verschiedene Positionsbezüge. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei der Relation von für zu Frieden dann um einen relativen Positionsbezug handelt, wenn man Frieden als (potentiell erweiterbaren) nominalen Kern betrachtet, in Abb. 8 ist Frieden als nicht erweitertes Nominal analysiert und dementsprechend über absolut positional zur Präposition für festgelegt (siehe oben). Die Unterscheidung zwischen absolutem und relativen Positionsbezug ist aus zwei Gründen wichtig. Zum einen kann das Wissen darum, ob eine Konstituente in einem genauen Abstand auf eine andere folgt oder nicht, einem Leser bei der Antizipation des syntaktischen Fortgangs der Konstruktion helfen (siehe Abschnitt 4.6.1). Zum Beispiel kann ein Leser nach einer Präposition eine einfache oder

2 Oberflächensyntax

34

komplexe Konstituente erwarten, die als Kern der Präpositionalgruppe fungiert, wie in (11). (11)

Er geht auf ____

Hier könnte der Straße folgen. Das kann man ausdrücken mit einer Aussage wie: ‚Die nominale Kern der Präpositionalgruppe ist absolut positional festgelegt zu der Präposition. Er steht rechtsadjazent.‘ Der zweite Grund, warum es sinnvoll ist, zwischen absolutem und relativen Positionsbezug zu unterscheiden, besteht darin, dass Interpunktionszeichen auf die Art des Positionsbezuges Einfluss nehmen können. So kann in (12) nach dem Komma der Straße nicht mehr unmittelbar als Kern der Präpositionalgruppe folgen. (12)

Er geht auf, ____

Wenn es sich bei auf um eine Präposition handelt und nicht um eine Verbpartikel, folgt das Nominal in einem für den Leser nicht absehbaren Abstand, zum Beispiel in Er geht auf, neben und unter der Straße. Mit dem Komma ist also relativer und nicht mehr absoluter Positionsbezug gegeben. Beide Aspekte greifen aus lesetheoretischer Perspektive ineinander: Dass der Leser das Komma antizipatorisch in Bezug auf die Abfolge nutzen kann, kann in der Oberflächensyntax über die syntagmatische Relation Positionsbezug beschrieben werden. Die Beziehungen zwischen den Kategorien der morphologischen Markierung werden mit Rektion, Kongruenz und Identität ausgedrückt. Zunächst zur Rektion. Rektion ist ein Begriff, der viele einzelne Phänomene umfasst. Er ist daher abstrakt und eine Definition schwierig. Im Folgenden diskutiere ich die Definition von Eisenberg: „Eine Konstituente f1 regiert eine Konstituente f2, wenn ein Formmerkmal von f2 durch syntaktische Kategorien von f1 festgelegt ist“ (Eisenberg 2013: 31). Zu klären ist, was hier mit „Formmerkmal“ gemeint ist und was mit „syntaktische Kategorien“. Formmerkmal kann zunächst alles sein, was als morphologische Markierung zu syntaktischen Einheiten annotiert wird, also Wort- und Einheitenkategorien. So regiert die Präposition gegen Beispielsweise einen Akkusativ (Einheitenkategorie), ein Kopulaverb allerdings regiert ein Adjektiv (Wortkategorie). Als Formmerkmal gilt aber auch ein dass-Satz, ein zu-Infinitiv oder ein Nominal. Dabei handelt es sich weder um Wort- noch um Einheitenkategorien. DassSatz und zu-Infinitiv sind formale Bezeichnungen für komplexe Ausdrücke, die

2.5 Syntagmatische Relationen

35

ihrerseits erst das Ergebnis einer syntaktischen Analyse sind. Einmal mehr sieht man den weiten Formbegriff, von dem die Oberflächensyntax auszugehen hat. Mit dem Rektionsbegriff hebt man primär darauf ab, wie Konstituenten in formaler Hinsicht voneinander abhängen. Er steht aber in einem engen Zusammenhang mit syntaktischen Relationen. Grundsätzlich gilt: Wenn zwei Konstituenten syntagmatisch über Rektion verbunden sind, herrscht zwischen beiden in der Regel auch eine syntaktische Relation. Mit dem grammatischen Rektionskonzept wird einer der grundlegendsten sprachlichen Mechanismen überhaupt beschrieben. Wenn zwei Konstituenten in hierarchischer Weise zueinander geformt sind, so dass eine Konstituente eine andere in formaler Hinsicht restringiert, spricht man von Rektion. Rektion realisiert damit eine zentrale Bedingung der Möglichkeit zum Aufbau von Konstruktionsbedeutung. Der Leser erkennt die Form einer syntaktischen Einheit, die ihm helfen kann, auf die Funktion zu schließen. Besonders bei der Rektion wird deutlich, dass mit syntagmatischen Relationen die Formseite des Zusammenhangs syntaktischer Einheiten beschrieben wird und mit syntaktischen Relationen die Bedeutungsseite (siehe Abschnitt 2.6). So regieren zahlreiche Verben anstelle von Nominalen auch Sätze. In der Oberflächengrammatik wird dann so verfahren, dass dem entsprechenden Verb zwei Valenzmuster zugeordnet werden, wie in (13)–(14). (13) (14)

Hans versteht den Punkt nicht. Hans versteht nicht, dass sich alle für Serien interessieren.

Dem Verb verstehen können die beiden Valenzmuster NOM|AKK (13) und NOM|DASS (14) zugeordnet werden. In einem sinnvollen Zusammenhang steht diese formale Beobachtung, wenn man sie vor dem Hintergrund syntaktischer Relationen betrachtet: Das Verb verstehen schränkt die Position des direkten Objektes so ein, dass nominale Entitäten und Sachverhalte ausgedrückt werden können. Das Verb fordert seine Komplemente, das heißt Konstituenten mit einer bestimmten syntaktischen Funktion. Mit Rektion bezeichnet man denjenigen Mechanismus, der die Formmerkmale dieser Komplemente restringiert und in diesem Sinne festlegt, darauf zielt der Rektionsbegriff im Kern ab. Die formale Varianz des direkten Objekts in (13)–(14) ist also mit dem Rektionskonzept vereinbar. So gilt auch Nominalität als Formmerkmal: Präpositionen regieren kategorial eine Konstituente in Hinblick auf Nominalität. Es muss also nicht wie bei verstehen ein bestimmter Kasus sein; dieser wird bei Präpositionen allerdings ebenfalls

36

2 Oberflächensyntax

regiert, nämlich als lexikalische Rektion von jeder einzelnen Präposition (vgl. Eisenberg 2013: 31). Noch etwas abstrakter ist der Begriff Formmerkmal zu verstehen, wenn man sich das Subjekt von Kopulaverben anschaut: Es gilt als von der Kopula regiert, aber nur in der Hinsicht, dass es die Subjektstelle überhaupt geben muss, jede weitere konkrete formale Ausgestaltung hängt vom Prädikatsnomen ab (vgl. Eisenberg 2013: 80–81). Als Beispiel können die Sätze (15)–(16) gelten. (15) (16)

Dass sie es auch mal alleine versuchen, ist eine gute Idee. *Dass sie es auch mal alleine versuchen ist grün.

In (15) ist der dass-Satz von Idee regiert, was sich daran zeigt, dass ein anderes Prädikatsnomen wie grün keinen dass-Satz zulässt. Das Formmerkmal, das sein hier in Bezug auf die Subjektstelle festlegt, ist quasi die Existenz der Stelle an sich. Ähnlich verhält es sich mit adverbialen Ergänzungen wie in (17). (17)

Der Schlüssel befindet sich in/unter/neben der Truhe.

Das Verb sich befinden in (17) verlangt neben einem Subjekt im Nominativ ein zweites Argument, das einen Ort angibt. Die Form spielt dabei keine Rolle, solange sie die semantische Rolle ‚lokativ‘ erfüllen kann (vgl. Primus 2012: 4). Dem Verb nun so viele unterschiedliche Valenzmuster zuzuordnen, wie es mögliche Realisierungsvarianten für einen Lokativ gibt, wäre nicht nur ausufernd, sondern würde zwar der oben gegebenen Definition von Rektion gerecht, nicht aber dem zu beschreibenden Phänomen. Einfacher ist es zu sagen, regiert im Sinne von restringiert wird hier wiederum nur die Stelle an sich bzw. dass es sich um eine Präpositionalgruppe handelt. Festgelegt vom Verb wird vor allem die semantische Rolle. Ob sich der Begriff so weit dehnen lässt, hier immer noch von Rektion zu sprechen, das lasse ich an dieser Stelle offen, sondern will hier nur zeigen, dass das Rektionskonzept so weitreichend gebraucht wird, dass es mit der obigen Definition kaum noch zusammenzubringen ist. Denn regiert wird hier kein Formmerkmal im engeren Sinne. Weder die syntaktische Form im engeren Sinne noch eine semantische Rolle wird regiert, wenn adverbiale Angaben beispielsweise zu einem Satz hinzutreten. und als vom Satz als kategorial regiert gelten. Adverbiale Angaben sind formal enorm vielfältig. Es kommen mindestens Adjektive, Adverbien, Nominalgruppen, Präpositionalgruppen, Sätze und Infinitivgruppen infrage. Die Varianz ist so groß,

2.5 Syntagmatische Relationen

37

dass man einfacher davon sprechen kann, dass es hier nicht primär ein Formmerkmal ist, auf das sich die Rektion bezieht, sondern dass hier vielmehr eine Konstituente in einer bestimmten syntaktischen Relation ‚regiert‘ wird. Das ist aber mit der oben gegebenen Definition nicht mehr vereinbar, die Grenze des Rektionskonzeptes ist erreicht. So viel zum Nachbereich der Rektionsrelation.17 Auch der Vorbereich erweist sich bei genauerem Hinsehen als heterogen. Entsprechend allgemein fällt auch die oben zitierte Definition von Eisenberg aus. Rektion gehe von ‚syntaktischen Kategorien‘ aus. Klassischerweise sind damit Wortkategorien gemeint. Beispielsweise bestimmt die Wortkategorie {FEM} bei dem Substantiv Kälte das Genus des Artikels in einer Nominalgruppe wie die Kälte. Und die Wortkategorie {COM} regiert den Genitiv der Nominalgruppe des Regens in einem Ausdruck wie die Kälte des Regens. Besonders im letzteren Fall sieht man noch mal, was Eisenberg unter kategorialer Rektion versteht: Es ist nicht das Einzelwort Kälte, das den Genitiv regiert, sondern diese Eigenschaft ist beinahe allen Substantiven gemein, jedenfalls aber alle mit der Wortkategorie {COM}. Der Genitiv gilt entsprechend als kategorial regiert. Als syntaktische Kategorien im Vorbereich der Rektionsrelation sind aber auch Konstituentenkategorien zu verstehen. So stellt sich, wie oben schon erwähnt, die Frage, inwiefern auch Sätze ihre adverbialen Angaben regieren. In einigen Fällen muss aber auch davon ausgegangen werden, dass Rektion nicht an eine bestimmte Konstituentenkategorie, sondern an eine Konstruktion gebunden ist. Das möchte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher erläutern. Als ein Beispiel kann hier wieder die Kopulakonstruktion dienen. Eisenberg geht, wie oben beschrieben, davon aus, dass das Subjekt vom Prädikatsnomen regiert wird. Der Grund dafür ist, dass zu-Infinitive und dass-Sätze nicht mit jedem Prädikatsnomen verträglich sind.

17

Ähnlich wie Adverbiale sind Attribute zu beurteilen. Auch sie gelten als von ihrem Kernsubstantiv regiert. Ihre formale Varianz ist aber insgesamt in der Hinsicht geringer, dass sie auch durch die Syntax der Nominalgruppe eingeschränkt werden. Bei Substantiven lässt es sich noch eher sagen, regiert wird pränuklear ein Adjektiv und postnuklear beispielsweise Nominal im Genitiv oder eine Präpositionalgruppe.

2 Oberflächensyntax

38 (18) (19) (20) (21) (22)

Diese Konstruktion ist ein guter Tisch. Der Tipp war genau richtig. Dass wir früh angefangen haben, war genau richtig. *Früh mit der Arbeit zu beginnen ist ein guter Tisch. Früh mit der Arbeit zu beginnen ist ein guter Tipp.

Nominale im Nominativ sind mit jedem Prädikatsnomen verträglich. Sie gelten deshalb als strukturell bzw. kategorial regiert. Ob ein dass-Satz beziehungsweise ein zu-Infinitiv die Subjektstelle füllen kann, hängt hingegen von dem einzelnen Adjektiv bzw. Substantiv in Prädikatsnomenfunktion ab, daher gelten diese Formen als lexikalisch regiert. So regiert Tisch keinen zu-Infinitiv, wie (21) zeigt. In vielen Fällen ist es aber erst die Kopulakonstruktion an sich, die die lexikalische Rektion der Subjektstelle überhaupt ermöglicht. Zur Verdeutlichung möchte ich die beiden Sätze anführen. (23) (24) (25)

Seine Begeisterung für Schildkröten ist ihr unverständlich. Dass er sich für Schildkröten interessiert, ist ihr unverständlich. *Seine Begeisterung für Schildkröten war ihr genau richtig.

In (23) gilt sowohl ihr als auch Seine Begeisterung für Schildkröten als lexikalisch von unverständlich regiert, ebenso wie der dass-Satz und ihr in (24). Trotzdem sind sie nicht auf dieselbe Weise regiert. Dass nun aber Adjektive ein Nominal im Nominativ, einen dass-Satz oder einen zu-Infinitiv zu sich nehmen können, hängt ab davon, ob sie in einer Kopulakonstruktion als Prädikatsnomen vorkommen. Diese Rektionseigenschaften sind damit konstruktionell bedingt. Das wird deutlich, wenn man unverständlich als Attribut in einer Nominalgruppe verwendet. (26)

seine ihr unverständliche Begeisterung

In (26) ist der Dativ ihr ebenso wie in (23) und (24) von unverständliche bzw. von unverständlich regiert (lexikalische Rektion). Begeisterung aber ist nicht von unverständliche regiert.18 Ein Substantiv bzw. eine Nominalgruppe regiert unverständlich nur innerhalb einer Kopulakonstruktion. Ebenso ist der dass-Satz in (20) nicht als Ergänzung zu richtige in eine Nominalgruppe integrierbar, siehe (27). Auch er kann als konstruktionelle oder konstruktionsabhängige Rektion angesehen werden. 18

Sondern es ist genau umgekehrt: Begeisterung regiert unverständliche.

2.5 Syntagmatische Relationen (27)

39

*unsere, dass wir früh angefangen haben unverständliche Begeisterung

Bei Substantiven ist es etwas anders. Sie können einen dass-Satz oder einen zuInfinitiv aus der Kopulakonstruktion in die Nominalgruppe ‚mitnehmen‘ und umgekehrt, siehe (28)–(29). (28) (29) (30) (31)

Früh mit der Arbeit zu beginnen ist ein guter Tipp. der gute Tipp, früh mit der Arbeit zu beginnen Das Buch ist ein guter Tipp *der gute Tipp das Buch

Aber ein zweites Nominal im Nominativ, wie in der Kopulakonstruktion, regieren sie sonst nicht, wie (30)–(31) zeigen.19 Bei genauerem Hinsehen sind also in ihr und seine Begeisterung für Schildkröten in (23) nicht als auf gleiche Weise als regiert. Insgesamt ergibt sich also, dass die Rektion eines Nominativs sowie eines zu-Infinitivs oder eines dass-Satzes bei Adjektiven auf die Verwendung des Adjektivs als Prädikatsnomen beschränkt ist. Auch für Substantive wird gemeinhin nicht angenommen, dass sie einen Nominativ regieren (siehe aber den folgenden Absatz zu Appositionen und Fußnote 19). Einen zweiten Fall, bei dem man von konstruktioneller Rektion sprechen kann, ist die enge Apposition (vgl. Eisenberg 2013: 258). (32) (33)

Er schüttelt Bundespräsident Steinmeier die Hand Bundespräsident Steinmeiers fester Händedruck

In der Nominalgruppe Bundespräsident Steinmeier regiert, so lange kein Artikel hinzutritt, der Name den Kasus des Titels (Nominativ), der Name selbst flektiert je nach Umgebung (in (32) wäre ein Dativ anzusetzen, in (33) steht Steinmeiers im Genitiv). Einen Nominativ zu regieren, diese Eigenschaft kommt Substantiven beziehungsweise Eigennamen aber nicht generell zu, sondern nur in der entsprechenden Appositionskonstruktion. Dieses Verhältnis ist vergleichbar mit dem oben beschriebenen von Adjektiven und Nominalen in Kopulakonstruktionen. Man kann auch hier von konstruktioneller Rektion sprechen. Im Vorbereich der 19

Als einigermaßen vergleichbare Konstruktion käme allenfalls eine lockere Apposition infrage: dieses Buch, ein guter Tipp. Diese gilt aber als weniger integriert. Der Kasus der lockeren Apposition kann nicht als regiert angesehen werden, sondern wird über Kongruenz erfasst (vgl. Schindler 1990).

40

2 Oberflächensyntax

Rektionsrelation steht also nicht bloß eine bestimmte Konstituentenkategorie, sondern diese muss in einer bestimmten Konstruktion ausgeprägt sein. Ein letztes Problem möchte ich abschließend noch ansprechen. Laut der Definition von Eisenberg stehen im Vorbereich der Rektionsrelation ‚syntaktische Kategorien‘. Dazu gehören streng genommen auch Einheitenkategorien. Das Problem dabei: Wenn Einheitenkategorien andere Einheitenkategorien bestimmten, spricht man in der Regel von Kongruenz (siehe unten) und nicht mehr von Rektion. Die Definition ist an dieser Stelle zu weit. Zusammenfassend soll noch mal die Heterogenität der grammatischen Phänomene betont werden, die unter Rektion subsumiert werden. Dass die hier diskutierte Definition von Eisenberg nicht alle Fälle, die als Rektion diskutiert werden, trennscharf umfasst, ist daher erwartbar. Zum einen gibt es Phänomene, die die Definition nicht umfasst, wie dass es in einigen Fällen einfacher (wenn auch nicht zwingend notwendig) ist, davon zu sprechen, dass auch bestimmte Relationen oder semantische Aspekte regiert werden können. Zum anderen ist die Definition zu umfassend, weil unter ihr auch Kongruenz erfasst werden kann. Im Nachbereich betroffen sind nahezu jedwede formalen Ausprägungsmöglichkeiten einfacher und komplexer syntaktischer Einheiten, teilweise unter Einbezug bestimmter semantischer oder formaler Aspekte. Im Vorbereich können einzelne Wörter stehen (lexikalische Rektion), aber auch syntaktische Klassen von Wörtern oder Konstituentenkategorien (kategoriale Rektion), und schließlich können auch Konstruktionen ausschlaggebend für bestimmte Rektionsphänomene sein. Kennzeichnend für Rektion ist insbesondere das hierarchische Verhältnis zwischen regierendem und regiertem Ausdruck sowie die formale Restriktion. Das ist auch der Grund, warum das regierende Element einer Konstruktion häufig als deren Kopf bestimmt wird. Aus lesetheoretischer Sicht kann Rektion als Lesehilfe gedeutet werden: Das Wissen darum, wie ein Ausdruck die Form eines anderen einschränkt, könnte als Teil der Antizipationskompetenz konzeptualisiert werden, mittels derer die Leserïn Formaspekte vorausahnen oder schneller erkennen könnte; einige grammatisch orientiert Parser sind so konfiguriert (vgl. Lohnstein 1993 / Auer 2005; siehe Abschnitt 3.2). Syntaktisch wirksame Interpunktionszeichen können so interpretiert werden, dass sie diese Antizipation mit steuern. Kennzeichnend für Kongruenz ist ein weniger ausgeprägtes Hierarchieverhältnis als bei der Rektion. Auch hier führe ich zunächst die Definition von Eisenberg an: „Eine Konstituente f1 kongruiert mit einer Konstituente f2, wenn f1 bezüglich mindestens einer Einheitenkategorie von einer Einheitenkategorie von f2 abhängt“ (Eisenberg 2013: 34).

2.5 Syntagmatische Relationen

41

Die Definition enthält einen Aspekt, in dem sie anderen gängigen Definitionen von Kongruenz gleicht, und einen, der sie unter anderen zu einer besonderen macht. Gleich ist, dass sich Kongruenz ausschließlich zwischen Einheitenkategorien abspielt (vgl. zum Beispiel Glück 2005: 336–337 / Bußmann 2002: 363–364 / Engel 1988: 812 / Duden 2005: 991). Unterschiedlich hingegen ist, dass Eisenberg nicht von ‚Übereinstimmung‘ der Kategorien ausgeht, sondern davon spricht, dass die Einheitenkategorien lediglich voneinander ‚abhängen‘. Das hat zwei entscheidende Vorteile. Der erste Vorteil, den auch Eisenberg hervorhebt, ist, dass damit nicht eine Gleichheit von Kategorien suggeriert wird, die in Wirklichkeit gar nicht besteht (vgl. Eisenberg 2013: 34). Dies wäre der Fall, wenn man von ‚Kategorienübereinstimmung‘ sprechen würde. (34)

die Bäume

In (34) kongruieren der und Baum in Bezug auf Numerus. Beiden wird die Einheitenkategorie Singular zugewiesen. Die Bezeichnung für die Einheitenkategorien beim Artikel und beim Substantiv ist zwar gleich, nicht aber was sich dahinter verbirgt. Das Pluralsystem ist beim Artikel ein ganz anderes als beim Substantiv, sowohl was die interne Organisation der Formen betrifft als auch die Formen an sich. In der Kongruenz kommt zum Ausdruck, dass die Kategorien regelhaft miteinander interagieren und sich aneinander ausrichten. Das ist der Grund für ihre Gleichbenennung. Gleichheit der Kategorien liegt gerade nicht vor. So gesehen verstellt die Gleichbenennung sogar den Blick auf das Wesentliche (vgl. ebd.). Der zweite Vorteil der Kongruenzdefinition von Eisenberg ist, dass Kongruenz zwischen Konstituenten auch dann noch angenommen werden kann, wenn diese abweichende Interaktionsmuster aufweisen. Das kommt vor zum Beispiel bei sogenannten lockeren Appositionen (vgl. Schindler 1990 / Schreiber 2009). Die lockere Apposition weist unter bestimmten Bedingungen Kasusvariation auf. Bei Abweichung wird, offenbar entlang der Kasushierarchie, der Dativ oder der Nominativ als Appositionskasus gewählt. (35) zeigt ein Beispiel, wo der Dativ sogar dann gewählt wurde, wenn der Bezugsausdruck im Akkusativ steht (35)

20

Dabei soll es sich laut „Focus Online“ um Issa R. handeln, dem Oberhaupt einer der mächtigsten Clans in Berlin.20

Beispiel aus: Der Tagesspiegel. https://www.tagesspiegel.de/berlin/muss-vor-gericht-du-legstdich-mit-dem-teufel-an-droht-ein-berliner-clan-chef/25507274.html (09.03.2020).

2 Oberflächensyntax

42 (36)

Der neue Lack verlieh der alten Gitarre, ein überraschender Fund vom Dachboden, eine sagenhafte Aura.

In (36) steht der alten Gitarre im Dativ, wohingegen ein überraschender Fund vom Dachboden im Nominativ erscheint. Versteht man unter Kongruenz nun vermeintliche Kategoriengleichheit, müssten man zu dem Schluss kommen, in (36) herrsche zwischen Bezugsausdruck und Apposition keine Kongruenz und damit wäre die Verbindung relational genau genommen nicht syntagmatisch erfassbar. Eine regelhafte Interaktion gibt es aber auch hier. Die Ausdrücke sind nicht unabhängig: Ein überraschender Fund könnte im Dativ und im Nominativ stehen, Genitiv und Akkusativ erscheinen hingegen dispräferiert. Es besteht also eine Abhängigkeit zwischen den Einheitenkategorien und mithin Kongruenz im Sinne der Eisenberg’schen Definition, die eben auch nur von Abhängigkeit der Kategorien und nicht von deren Gleichheit spricht. Im Gegensatz zur Kongruenz geht es bei der Identität wirklich um Übereinstimmung der Kategorien. Eisenberg definiert: „Eine Konstituente f1 steht in der Identitätsbeziehung zu einer Konstituente f2, wenn es bestimmte grammatische Kategorien gibt, denen beide Konstituenten zugeordnet sind“ (Eisenberg 2013: 33). Identität ist hauptsächlich relevant in Koordinationskontexten. Koordinierte nominale Einheiten beispielsweise müssen in der Regel in demselben Kasus stehen, damit ihre funktionale Gleichheit hinreichend angezeigt ist. (37) (38) (39)

Das Haus und der Hof sind ihm wichtig einem alten, verrosteten Fahrrad Wir betrachten Dich als den würdigsten.

(37) und (38) zeigen eindeutige Fälle von Identität: Sowohl das Haus als auch der Hof müssen im Nominativ stehen, um als koordiniert gelesen werden zu können. Ebenso kann es sich sowohl bei alten als auch bei verrosteten nur um Dative handeln. Anders sieht es aus in (39), denn in diesem Beispiel ist ein Personalpronomen koordiniert mit einer Nominalgruppe. Ähnlich wie bei (34) handelt es sich hier nicht wirklich um identische Kategorien, sind doch die Kasussysteme des Personalpronomens und der Elemente der Nominalgruppe verschieden. So könnte hier das gleiche Argument ins Feld geführt werden, warum man bei Kongruenz nicht von ‚Kategorienübereinstimmung‘ sprechen sollte. Meines Erachtens ist der Übergang zwischen Identität und Kongruenz an dieser Stelle – zumindest aus theoretischer Sicht – unklar.

2.5 Syntagmatische Relationen

43

Vergleicht man Koordination, (37), mit einer lockeren Apposition wie (40), wird noch mal klar, wie dicht Kongruenz und Identität beieinanderliegen können. (40)

Die Philosophie Kants, eines bedeutenden Denkers, ist schwierig. (Beispiel aus Schindler 1990: 29)

Bei der Koordination, bei der man von Identität ausgeht, kommt es darauf an, dass die Kategorien der koordinierten Ausdrücke eine funktionale Identität nach außen herstellen, das heißt, dass sowohl Das Haus als auch der Hof in (37) als Subjektentitäten zu verstehen sind. Bei Kongruenz hingegen geht es in der Regel um die Integrität der kongruierenden Einheiten bei funktionaler Verschiedenheit, wie zum Beispiel bei der sogenannten Subjekt-Verb-Kongruenz oder bei den Verhältnissen innerhalb der Nominalgruppe. Koordination und lockere Apposition sind sich durchaus ähnlich, der Unterschied ist das explikative Verhältnis zwischen Bezugsausdruck und Apposition bei der lockeren Apposition, das bei einer Koordination in der Regel nicht gegeben ist. In diesem Sinne ist der appositive Ausdruck gegenüber seinem Bezugsausdruck als hierarchisiert zu betrachten, und so erscheint Kasusvariation wie in (35) funktional, denn sie zeigt ja eine Hierarchisierung an. Die Kongruenz der lockeren Apposition ist beteiligt an der internen Organisation der Nominalgruppe. Bei Funktionsidentität nach außen wie bei der Koordination ist hingegen Kasusidentität funktional. Lässt man es zu, dass für die Entscheidung, ob es sich um Kongruenz oder Identität handelt, auch funktionale Gesichtspunkte eine Rolle spielen, so bleibt es sinnvoll, Kongruenz und Identität auch in Fällen wie (40) auseinanderzuhalten. Die Wichtigkeit syntaktischer Relationen tritt selbst bei der Beschreibung syntagmatischer Relationen zutage. Bei einer strengen Trennung von Form und Funktion allerdings könnte man in Fällen wie (39) nicht von Identität sprechen. In (39) sieht man noch mal, wie nahe sich Koordination und Apposition kommen können. Das syntaktische Verfahren wird gemeinhin als Koordination bezeichnet. Aber abgesehen davon, dass man streng genommen nicht von Identität sprechen kann, herrscht Referenzidentität der beiden Ausdrücke, eine Eigenschaft, die typischerweise für die lockere Apposition angenommen wird. Im Ergebnis ist die sich ergebende Lesart der appositiven nicht unähnlich. Zusammenfassend: Syntaktische Einheiten sind nicht einfach geformt, sondern sie sind zueinander geformt. Das Konzept der syntagmatischen Relationen zielt

44

2 Oberflächensyntax

darauf ab, die Art der formalen Bezugnahme syntaktischer Einheiten untereinander genauer zu beschreiben. Eine notwendige Bedingung für die Konstruktionsbedeutung komplexer syntaktischer Einheit ist, dass die einzelnen Konstituenten sich relational zueinander verhalten. In der Markierungsstruktur wird der Formseite syntaktischer Einheiten eine grammatische Struktur zugewiesen – und dazu gehört die Formseite dessen, was man an relationalen Aussagen über einen syntaktischen Ausdruck machen kann. Die Markierungsstruktur ist daher ein wichtiger Bestandteil der syntaktischen Beschreibung in der Oberflächensyntax. Die Abb. 9 zeigt den Beispielsatz aus (2) mit annotierter Markierungsstruktur.

Abb. 9: Satz (2) mit Reihenfolge und morphologischer Markierung mit syntagmatischen Relationen

In Abb. 9 sind nicht alle möglichen syntagmatischen Relationen eingetragen. Nicht vermerkt ist beispielsweise, dass schreibt den Satz Ich komme morgen regiert. Durch den Doppelpunkt entsteht hier ein besonderes Rektionsverhältnis. Die formale Restriktion der Objekt-Konstituente wird aufgehoben. Nach dem Doppelpunkt kann nahezu jeder beliebige syntaktische Ausdruck als direktes Objekt fungieren. Bredel spricht in diesem Zusammen von einer „autonomen Phrasenstruktur“ (Bredel 2008: 199), die durch den Doppelpunkt gerechtfertigt wird. Ohne Doppelpunkt hingegen wären nur ein Nominal im Akkusativ, ein dass-Satz und ein V2-Satz zugelassen. Obwohl nun kein Formmerkmal des direkten Objekts mehr durch schreibt festgelegt wird21 – das verlangt ja Eisenbergs Rektionsdefinition eigentlich – bleibt es meiner Meinung nach sinnvoll, weiterhin von Rektion zu sprechen. Gerade diese Besonderheit zeigt doch, wie man sich mithilfe des Rektionskonzeptes einem Verständnis des Doppelpunktes nähern kann. 21

Es ließe sich lediglich sagen, dass die Objektstelle ‚an sich‘ regiert wird, vergleichbar dem Subjekt bei Kopulaverben, siehe oben.

2.5 Syntagmatische Relationen

45

Abschließend möchte ich noch eine Bemerkung in Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Interpunktionszeichen und Markierungsstruktur machen. Die Formmittel stellen sich insgesamt als ‚Integrationsmittel‘ dar. Das heißt, sie zeigen in der Regel positiv Relationen beziehungsweise Zugehörigkeiten. Nur in bestimmten Fällen sind sie so deutbar, dass sie auf Nicht-Integration verweisen, zum Beispiel bei fehlender oder unerwarteter Kasus-Korrespondenz wie in (41). (41)

Er schreibt Kuno (übrigens sein bester Freund) einen Brief.

So wird der Nominativ sein bester Freund in (41) als Hinweis für Nicht-Integration von Konstituenten gewertet. Was aber nicht zu existieren scheint, ist eine Art morphologischer Marker der Nicht-Integration.22 Und das ist bemerkenswert angesichts der Häufigkeit und der beinahe überbordenden Vielfalt an Herausstellungskonstruktionen, Einschüben oder Zusätzen23, aus der nicht zuletzt hohe Anforderungen für die Systematisierung dieses Bereichs erwachsen (siehe Altmann 1981 / Schindler 1990 / Schindler 1995). Dagegen gibt es bei all dieser Heterogenität eine überraschende Gemeinsamkeit, die in der Literatur zwar einmütig festgestellt, aber dennoch insgesamt wenig beachtet wird: die graphematische „Einschaltmarkierung“ (Schindler 1990: 330 / vgl. Pittner 1995: 104 / Hoffmann 1998: 300)24. Die syntaktischen Interpunktionszeichen < . ; : , > und auch die nicht-syntaktischen, soweit sie syntaktisch interpretierbar eingesetzt sind, zeigen Nicht-Integrationskontexte positiv, wenn auch unspezifisch, und sind damit in gewisser Weise antagonistisch zu morphologischer Markierung und Reihenfolge. Denn neben Herausstellungskonstruktionen können auch Koordination und Satzgrenzen als zumindest lokal nicht-integrativ begriffen werden (vgl. Bredel 2008: 176/179). Im Verlauf der Argumentation dieser Arbeit wird sich ergeben, dass Komma und Semikolon den Integrationsfunktionen der morphologischen Markierung und der 22

23

24

Mehr als die morphologische Markierung könnte die Reihenfolge im Verdacht stehen, Nicht-Integrationskontexte anzuzeigen. So sind ja gerade die Satzränder typische Herausstellungsareale (vgl. Altmann 1981). Online betrachtet wendet sich das Blatt. Ein Komma am rechten Rande des linken Außenfeldes beispielsweise kann dem Leser ja gerade helfen, dieses Feld überhaupt erst zu konstituieren. Auch die Terminologie in diesem Bereich ist vielfältig. Der wahrscheinlich allgemeinste Begriff ist der der Herausstellung – ein per definitionem nicht vollständig syntaktisch integrierter Ausdruck. Die Formmittel morphologische Markierung, Reihenfolge und Intonation beschreibt Altmann aber auch Integrationsmerkmale (vgl. Altmann 1981: 46). Auch wenn Hoffmann die Interpunktion bei Charakterisierung von Herausstellung nicht allgemein heranzieht (vgl. Altmann 1981: 46–47), so geht doch aus seinen Beispielen hervor, dass es graphematisch nicht markierte Herausstellungen kaum zu geben scheint (siehe Altmann 1998: 48–72).

2 Oberflächensyntax

46

Reihenfolge entgegenwirken (besonders online betrachtet, denn hier wird die Verbindung ja oft erst antizipiert, bevor sie aufgebaut wird). Die Markierungsstruktur, wie sie in diesem Abschnitt beschrieben wurde, spielt eine entscheidende Rolle für die Gestalt der Konstituentenstruktur. Ich betrachte die Konstituentenstruktur als Interpretation relationaler Verhältnisse in Sätzen. Eine enge syntagmatische Verstrickung ist in der Regel ein Argument für die Nebenordnung entsprechender Konstituenten. Wenn zwei syntaktische Einheiten zum Beispiel über ein Rektionsverhältnis verbunden sind, ist dies in der Regel eine hinreichende Bedingung dafür, sie in der Konstituentenstruktur einem gemeinsamen Mutterknoten unmittelbar unter- (und damit einander neben-)zuordnen, (dazu genau siehe Abschnitt 2.7.). Neben den syntagmatischen Relationen sind die sogenannten syntaktischen Relationen, um die es in dem folgenden Abschnitt geht, ausschlaggebend für die Konstituentenstruktur. 2.6

Syntaktische Relationen

Syntaktische Relationen wie Subjekt, Objekt und Attribut sind ein solider Bestandteil syntaktischen Sprechens – und das, obwohl sie theoretisch seit langem umstritten, man könnte salopp formulieren ‚ungeliebt‘ sind. Als ein Hauptgrund dafür können Formalisierungs- und Definitionsprobleme gelten. Die meisten syntaktischen Theorien bzw. Strukturformate, die Stefan Müller in seinem Buch ‚Grammatiktheorie‘ vorstellt, entbehren syntaktische Relationen in ihrer formalen Beschreibung (Müller 2010). Nach einer Analyse der Grammatik von Friedrich Blatz aus dem 19. Jahrhundert kommt Eisenberg zu dem Schluss: Wenn man also relationale Begriffe ganz vermeiden kann und wenn Einigkeit darüber besteht, dass kategoriale und relationale nicht miteinander vermischt werden dürfen, wie sollte man in dieser Hinsicht verfahren? Wann ist die Verwendung relationaler Begriffe nützlich? (Eisenberg 2013: 40)

Primus schlägt ein System vor, das syntaktische Relationen ersetzen kann, besonders wenn es darum geht, allgemeine syntaktische Regeln für Einzelsprachen oder Klassen von Sprachen zu machen (vgl. Primus 1987 / Primus 1993b). Dem Zweifel an der theoretischen Notwendigkeit syntaktischer Relationen steht ihre allgemein weite Verbreitung in einer eigentümlichen Diskrepanz gegenüber. So schreibt auch Primus, „that there are hardly any grammars for individual languages and next to no attemps at universal grammar which do not use them [syntaktische Relationen, N. S.], either as basic or as derived concepts“ (Primus 1993b: 686). Ob-

2.6 Syntaktische Relationen

47

wohl, wie gesagt, nicht Bestandteil der meisten von Müller beschriebenen Strukturformate, werden doch „die Begriffe für die informelle Beschreibung von Phänomenen verwendet“ (Müller 2010: 25) und einführend vorgestellt und diskutiert. Eisenberg spricht davon, dass „sich relationale Begriffe neben den kategorialen [...] hartnäckig halten“ (Eisenberg 2013: 41). In der Oberflächensyntax sind syntaktische Relationen nicht wegzudenken und in dieser Arbeit verwende ich sie so, wie sie auch in der Oberflächensyntax gebraucht werden und sehe sie als grammatische Konzepte, mit deren Hilfe sich Aussagen über und Differenzierungen innerhalb Sprachen treffen lassen. Es wird sich zeigen, dass syntaktische Relationen für die Beschreibung des Kommas und des Semikolons überraschend nützlich und erhellend sind. An dieser Stelle möchte ich einige zentrale Aspekte syntaktischer Relationen, wie sie vor allem bei Eisenberg 2013 eingeführt werden, verdeutlichen und kritisch diskutieren. Syntaktische Relationen erlangen ihre Existenzberechtigung durch die elementare Unterscheidung zwischen Form und Funktion in der Syntax. (42) (43) (44)

die Folgen der Wende Sie gedenken der Wende infolge der Wende

In allen drei Ausdrücken in (42)–(44) kommt das Nominal im Genitiv der Wende vor. Formal lässt sich der Wende nicht weiter ausdifferenzieren. Funktional hingegen schon: In (42) handelt es sich um ein Attribut, in (43) um ein Objekt und in (44) um den Kern einer Präpositionalgruppe. Als Attribut beschreibt der Wende etwas nominal Genanntes genauer, als Objekt nicht, sondern hier ist es Bestandteil eines verbalen Szenarios. Mit syntaktischen Relationen kann also zum einen ausgedrückt werden, mit welcher Konstituente eine bestimmte Konstituente zusammenhängt, und sie sind in diesem Sinne stets zweistellig (vgl. auch Primus 1993b: 686), zum anderen wird damit etwas über die Art der Verbindung gesagt. Offenbar liegt die Praktikabilität syntaktischer Relationen genau darin, dass sie Formales und Semantisches verschmelzen, wie auch aus den folgenden Ausführungen zumindest im Ansatz deutlich werden soll.25 Die syntaktische Verbindung zweier Konstituenten an sich kann zu einem großen Teil auch mit syntagmatischen Rela-

25

Auch Primus’ Vorschlag, ohne syntaktische Relationen auszukommen, setzt damit an, formale und semantische Aspekte zu trennen und für beide getrennte Hierarchien zu formulieren, mit denen sich dann differenziert argumentieren lässt (vgl. Primus 1987).

48

2 Oberflächensyntax

tionen ausgedrückt werden. So besteht in (42) umgekehrt zur syntaktischen Relation zwischen Folgen und der Wende ein Rektionsverhältnis zwischen beiden Ausdrücken: der Wende ist von Folgen regiert. Mit dem Rektionsverhältnis kommt der formale Zusammenhang zwischen den Konstituenten zum Ausdruck, mit syntaktischen Relationen hingegen soll auf einen semantischen Aspekt verwiesen werden (vgl. Eisenberg 2013: 40–41). Syntaktische Relationen sind nicht vollständig aus syntagmatischen Zusammenhängen ableitbar. So ist nicht jeder verbregierte Nominativ ein Subjekt und nicht jeder regierte Akkusativ ist ein direktes Objekt. Ebenso ist es auch nicht der Fall, dass feste syntaktische Bedeutungsanteile mit syntaktischen Relationen assoziiert werden können. Ein Subjekt ist nicht notwendigerweise ein Agens. – Umgekehrt können Konstituenten verschiedener Form so interpretiert werden, dass sie vergleichbare syntaktische Bedeutungsanteile tragen: Dieselbe syntaktische Funktion kann also mit Ausdrücken unterschiedlicher Form realisiert werden. Ein Attribut beispielsweise kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Die Oberflächensyntax versucht, mit einer geringen Anzahl syntaktischer Relationen auszukommen, aber Eisenberg gibt keine vollständige Liste an. Das mag daran liegen, dass die syntaktischen Relationen hierarchisch geordnet sind und auf den unteren Hierarchie-Ebenen weiter ausdifferenziert werden können. Ich bin auch an dieser Stelle nicht um eine vollständige Darstellung bemüht, denn dies wäre eine eigenständige theoretische Arbeit. Ich möchte nur in Ansätzen die Organisationsprinzipien syntaktischer Relationen deutlich machen (siehe dazu auch Teuber 2005: 25–28). Relationen lassen sich danach ordnen, ob sie subklassenspezifisch sind oder nicht. So eigenen sich Verbargumente dazu, Verben in Subklassen einzuteilen. Sie sind damit subklassenspezifisch und werden zu der Relationsklasse der Komplemente oder auch Ergänzungen gerechnet. Attribute eignen sich in der Regel nicht dazu, Substantive oder Pronomen in Subklassen zu unterscheiden und gehören deshalb zu den Modifikatoren (vgl. Eisenberg 2013: 50). Potentiell problematisch ist es, der eben beschriebenen Trennung von Form und Funktion auch terminologisch gerecht zu werden. Bei den Attributen ist das so gelöst, dass es neben dem allgemeinen Terminus ‚Attribut‘, der für alle klassischen Attribute angewendet werden kann, auch noch formal erweiterte Ausdifferenzierungen gibt (wie Präpositionalattribut, Genitivattribut usw.), die aber auch nur im jeweiligen formal passenden Kontext zur Anwendung kommen. So wird der Terminus Präpositionalattribut angewendet, wenn im Vorbereich der Relation eine Präpositionalgruppe steht. Probleme treten so nicht auf. In einigen speziellen Fällen ist die Integration

2.6 Syntaktische Relationen

49

formaler Bezeichnungen in funktionale Termini unglücklich, zum Beispiel bei den Präpositionalobjekten, die auch als Korrelat realisiert werden können. (45) (46)

Sie erinnert sich an den Anfang. Sie erinnert sich daran, wie es angefangen hat.

An die Stelle des Präpositionalobjekts, das in (45) durch eine Präpositionalgruppe realisiert wird, tritt in (46) der Ausdruck daran, wie es angefangen hat. Kopf dieser Konstruktion ist das Pronominaladverb daran. Demzufolge handelt es sich formal um eine Adverbgruppe – die aber in der Funktion des Präpositionalobjekts steht. Derlei lässt sich entweder als unglücklicher terminologischer Konflikt bezeichnen – oder gerade als besonders augenfälliges Beispiel für die Trennung von Form und Funktion. Auch die Ergänzungen bzw. Komplemente lassen sich weiter ausdifferenzieren, zum Beispiel in Subjekte, Objekte, adverbiale oder verbale Ergänzungen; und auch hier werden, je nach Bedarf, formale Bezeichnungen in die Termini integriert (zum Beispiel ‚Genitivobjekt‘); oder dies wird gerade bewusst vermieden, wie beim ‚direkten Objekt‘, das formal besonders häufig variiert. Syntaktische Relationen lassen sich weiterhin danach ordnen, ob es sich um sogenannte Mutter-Tochter-Relationen oder um Schwesterrelationen handelt. Dabei geht es darum, wie die Konstituente im Vorbereich und die Konstituente im Nachbereich der Relation in der Konstituentenstruktur zueinander stehen. Schwesterrelationen haben einen gemeinsamen Mutterknoten.

Abb. 10: Mutter-Tochter-Relationen und Schwesterrelationen

In Abb. 10 haben die Konstituenten X und Y denselben Mutterknoten Z. Die Relation n ist deshalb eine Schwesterrelation. Hingegen wird die Konstituente X direkt dominiert von der Konstituente Z und deshalb ist hier von einer Tochter-Mutter-Relation bzw. ‚Mutter‘-Relation zu sprechen. Der Terminus Schwesterrelation geht zurück auf Teuber (2005). Die meisten – auch aus der schulischen Grammatik geläufigen – syntaktischen Relationen sind in der Oberflächengrammatik Schwesterrelationen. Mutterrelationen sind nur die Kopfrelation (hd), die Kernrelation

2 Oberflächensyntax

50

(nuk) und die Prädikatrelation (präd). Eine Verbform, die als Prädikat interpretiert wird, ist Prädikat zum Satz (oder zur Infinitivgruppe). Der Terminus ‚Prädikat‘ kann auch interpretiert werden als spezieller Ausdruck für die Kopffunktion von Sätzen. (Weiter zu den Kopf- und Kernrelationen in Abschnitt 2.7.) Bevor es um die Definition syntaktischer Relationen und um den Zusammenhang zwischen syntaktischen Relationen und Konstituentenstruktur geht (siehe Abschnitt 2.7), möchte ich auf die spannende Frage der Nützlichkeit syntaktischer Relationen zu sprechen kommen, ausgehend von der Prämisse, dass hier der Grund dafür zu finden ist, dass syntaktische Relationen trotz aller Kritik quasi theorieübergreifend überdauert haben. Oben habe ich bereits beschrieben, dass sich ein Konzept wie syntaktische Relationen gut für die Explikation der Trennung von Form und Funktion in der Syntax eignet. Mit ihnen kann etwas gesagt werden über die Art des Zusammenhangs von Konstituenten – ihre Konstruktionsbedeutung. Darin scheint ihr Mehrwert zu liegen. Mit syntaktischen Relationen lässt sich etwas über die Bedeutung von Sätzen sagen, das nicht aus den ‚Wörtern‘, genauer den terminalen Konstituenten selbst zu entnehmen ist. In diesem Sinne leisten sie einen Beitrag für die theoretische Erklärung syntaktischen Verstehens. Und das macht sie lesetheoretisch interessant. Auch syntagmatische Relationen machen die Art des Zusammenhangs von Konstituenten deutlich, dabei geht es aber ausschließlich um die Art des formalen Zusammenhangs. Das Besondere an syntaktischen Relationen ist die Bedeutungskomponente, die sie enthalten. Katz schreibt: The question of paramount importance [...] is what role grammatical relations play in determining what sentences tell us about the persons, places, events, things, etc., with which they are concerned. (Katz 1972: 110)

Mithilfe von syntaktischen Relationen lässt sich ausdrücken, wie einzelne Komponenten des Satzes so verbunden sind, dass in angemessener Weise etwas entsteht, was Eisenberg mit Serébrennikow auch ‚Sprachmodell‘ nennt (vgl. Eisenberg 2013: 52). Dabei geht es vor allem darum, Konstituenten in Bezug auf ihre Funktion voneinander zu unterscheiden. (47)

Hannes streichelt einen Hund.

Den Satz (47) mit seiner Konstruktionsbedeutung richtig verstanden hat, wer ihn so liest, dass ein Hund von Hannes gestreichelt wird und nicht etwa umgekehrt.

2.7 Konstituentenstruktur

51

Das wird mit syntaktischen Relationen ausgedrückt: „[...] the definitions of grammatical relations already have the function of providing the syntactic information needed for semantic interpretation“ (Katz 1972: 112). (48)

Die Verbrecher verfolgen die Polizisten.

Ist ein Satz syntaktisch ambig wie (48), sollten diese Unterschiede mithilfe syntaktischer Relationen deutlich gemacht werden können, die Polizisten können sowohl direktes Objekt als auch Subjekt zu verfolgen sein. Mit syntaktischen Relationen wird die syntaktische Bedeutungszuschreibung, also ein kognitiver Prozess aufseiten des Lesers, theoretisch erfassbar, ohne dass sie selbst rein semantische Begriffe sind, wie etwa thematische Rollen. 2.7

Konstituentenstruktur

„Die Konstituentenstruktur gibt den hierarchischen Aufbau syntaktischer Einheiten mithilfe der Konstituentenkategorien wieder“ (Eisenberg 2013: 26). Aber sie ist nicht selbstverständlich, sondern eine Zuschreibung im Rahmen einer grammatischen Analyse: „Sprachliche Ausdrücke [...] sind linear. Die Existenz einer hierarchischen Gliederung, einer ‚verborgenen‘ Ausdehnung in die zweite Dimension, ist alles andere als offensichtlich“ (ebd.: 30). In der Oberflächengrammatik ist meines Erachtens nicht umfassend dargelegt worden, wie genau der Aufbau einer Konstituentenstruktur eigentlich zu erfolgen hat, also welche Bedingungen im Einzelnen erfüllt sein müssen, damit eine bestimmte Konstituentenstruktur auf eine bestimmte Weise aufgebaut werden kann. Auch diese Arbeit kann das nicht bis ins Detail leisten. Programmatisch ist es die Markierungsstruktur samt den syntagmatischen Relationen, die eine bestimmte Konstituentenstruktur rechtfertigen (vgl. Eisenberg 2013: 30; siehe Abschnitt 2.5). Nach Teubers Interpretation ist die Konstituentenstruktur „allein zur Verdeutlichung kategorialer Eigenschaften geeignet“ (Teuber 2005: 25). Von dieser strengen Sichtweise weicht diese Arbeit ab. Zunächst geht es in diesem Abschnitt darum, den theoretischen Status der Konstituentenstruktur genauer zu bestimmen. Nach Eisenberg und Lieb spielt die Konstituentenstruktur eine besondere Rolle bei der Definition von syntaktischen Relationen (vgl. Eisenberg 1976: 14 / Eisenberg 2013: 36–38 / Lieb 1975). Mitunter lassen Eisenberg und Lieb den Eindruck entstehen, man könne aus einer gegebenen Konstituentenstruktur syntaktische Re-

2 Oberflächensyntax

52

lationen regelrecht ableiten. Um zu einem Verständnis von syntaktischer Konstituentenstruktur zu kommen, führe ich hier zunächst Eisenbergs Beispiel an. Er geht davon aus, man könne unterschiedliche syntaktische Relationen, die eine Präpositionalgruppe in Sätzen einnehmen kann, anhand der Konstituentenstruktur differenzieren. Das zeigt er mit den folgenden drei Beispielsätzen (49)–(51), die ich hier aus Eisenberg 2013, S. 36–37 übernehme. (49) (50) (51)

Sie besteht auf der Startbahn. Sie übernachten auf der Startbahn. Die Landung auf der Startbahn

In (49) ist auf der Startbahn Präpositionalobjekt zu besteht, in (50) adverbiale Angabe zu dem Satz Sie übernachten und in (51) Präpositionalattribut zu Landung. Dementsprechend unterscheiden sich die Ausdrücke in der Konstituentenstruktur, siehe Abb. 11 bis Abb. 13.

Abb. 11: Konstituentenstruktur Präpositionalobjekt

2.7 Konstituentenstruktur

53

Abb. 12: Konstituentenstruktur adverbiale Angabe

Abb. 13: Konstituentenstruktur Präpositionalattribut

Mithilfe struktureller Aussagen über die Konstituentenstruktur kommt Eisenberg, in Anlehnung an Ausführungen von Lieb (1977: 87–93), exemplarisch zu Definitionen der entsprechenden syntaktischen Relationen. Ich gebe hier nur die für das Präpositionalobjekt in Abb. 11 wieder: Wenn f ein Satz ist mit der Konstituentenstruktur k und wenn f1, f2 von f mit k sind, dann ist f1 Präpositionalobjekt zu f2, wenn gilt 1. f1 ist PrGr in f mit k 2. f2 ist V in f mit k 3. f1 und f2 sind f mit k unmittelbar untergeordnet (Eisenberg 2013: 37)

Dabei ist mit f offenbar einmal der Satz an sich gemeint, und unter Punkt 3 einmal der Knoten in der Konstituentenstruktur. Etwas vereinfacht ließe sich sagen: Im Vorbereich eines Präpositionalobjekts befindet sich eine Präpositionalgruppe, im Nachbereich eine Verbform. Beide sind demselben Satzknoten unmittelbar unterund damit einander nebengeordnet. In der Oberflächensyntax lassen sich auf diese

2 Oberflächensyntax

54

Weise syntaktische Relationen definieren und voneinander abgrenzen: „Relationale Begriffe definieren wir mithilfe von kategorialen und niemals umgekehrt“ (Eisenberg 2013: 38). Allerdings muss man sich vor Augen führen, dass mit dem kategorialen Gefüge keine analysepraktische Heuristik gegeben ist, mit der man entscheiden kann, wann eine Präpositionalgruppe die eine oder die andere Funktion erfüllt. Das liegt daran, dass die Konstituentenstruktur nicht rein kategorial aufgebaut werden kann, sondern dass hier, jedenfalls nach dem Verständnis in der vorliegenden Arbeit, funktionale Aspekte eine wesentliche Rolle spielen. Außerdem können kategoriale Definitionen, wie die oben von Eisenberg gegebene, oft nur als notwendige und nicht als hinreichende Bedingungen dafür gelten, ob eine syntaktische Relation vorliegt oder nicht. Das möchte ich mit den folgenden Beispielen verdeutlichen. (52) (53) (54)

Der Regisseur kann seinen Erfolg mit dem neuen Film fortsetzen. Der Regisseur kann seinen Erfolg mit dem altbewährten Team fortsetzen. Der Regisseur produziert den Film mit viel Elan.

Alle drei Sätze in (52)–(54) enthalten eine Präpositionalgruppe und jeder Präpositionalgruppe ist eine andere syntaktische Relation zuzuweisen. In (52) handelt es sich bei mit dem neuen Film um ein Präpositionalobjekt zum Verb fortsetzen, in (53) um eine adverbiale Angabe zum Satz Der Regisseur kann seinen Erfolg fortsetzen, und in (54) ist mit viel Elan als adverbiale Angabe zum Verb produzieren zu interpretieren.26 Aber die Konstituentenstruktur kann nicht helfen herauszufinden, welche syntaktische Relation der jeweiligen Präpositionalgruppe zugeordnet werden kann. Denn erst die syntaktische Interpretation und das heißt die Konstruktionsbedeutung kann Ausschlag darüber geben, worauf sich die jeweilige Präpositionalgruppe bezieht, welche syntaktische Relation infrage kommt und so schließlich, wie die Konstituentenstruktur konfiguriert werden muss.

26

Die Entscheidung, wann ein Präpositionalgruppe valenzgebunden ist und wann sie gar als Objekt zu gelten hat, ist bei nicht-obligatorischen Präpositionalgruppen notorisch schwer zu treffen, weil die Tests oftmals nicht hinreichend oder schwer zu entscheiden sind (für eine Übersicht siehe Eisenberg 2013: 299–304). In (52) ist ausschlaggebend, dass der Satz im allgemeinen so interpretiert werden kann, dass das Fortsetzen gerade in dem neuen Film besteht und der Film quasi Erkenntnisgrund für das Fortsetzen ist. Dementsprechend hat mit auch nicht die Bedeutung ‚zusammen mit‘ wie in (53) oder dass auf abstrakte Weise etwas hinzukommt wie in (54) und so verändert das verbale Gefüge seine Bedeutung, wenn man mit durch ohne ersetzt. Das unterscheidet (52) von (53)–(54).

2.7 Konstituentenstruktur

55

Die Oberflächensyntax stellt ansonsten kaum (konstituenten-)kategoriale Information darüber zur Verfügung, wie die jeweilige Präpositionalgruppe in die Konstituentenstruktur einzubinden ist und auch nicht, welche syntaktische Funktion ihr zuzuschreiben ist. Vorgängig einer verlässlichen Satzanalyse ist demnach stets eine adäquate, das heißt von einer Mehrheit geteilten Auffassung seiner Semantik seitens desjenigen, der die Analyse durchführt. Möglicherweise zeigt sich der Vorzug syntaktischer Relationen genau in dieser analysepraktischen Tatsache: Syntaktische Relationen setzen bei der Satzsemantik an, genauer an dem Teil der Satzsemantik, der der Syntax zugeschrieben wird, also an der syntaktischen Konstruktionsbedeutung27 (vgl. Eisenberg 2013: 41–42). Insofern ist der Satz „[r]elationale Begriffe definieren wir mithilfe von kategorialen und niemals umgekehrt“ (Eisenberg 2013: 38)28 vor allem dann interessant, wenn man die Satzanalyse prozessual denkt. Für eine syntaktische Relation ist eine bestimmte Konstituentenstruktur definiert. Kennt man die syntaktische Konstruktionsbedeutung und kann somit auch die syntaktischen Relationen bestimmen, muss die Konstituentenstruktur mit diesen Relationen zusammenstimmen. Wenn man Syntax so versteht, dass die Form sprachlicher Ausdrücke den Rezipienten dabei unterstützen soll, eine adäquate Bedeutungszuweisung vorzunehmen, und dass dementsprechend die syntaktische Form die syntaktische Bedeutungszuweisung indiziert, wird deutlich, wozu die Konstituentenstruktur als syntaktisches Analysewerkzeug dienlich ist: Mit ihr lässt sich auf einfache und graphisch übersichtliche Weise anzeigen, wie Konstituenten zusammenhängen – formal und semantosyntaktisch. Dies sind die beiden Ebenen, mit denen die Konstituentenstruktur in Passung gehalten wird. Die Konstituentenstruktur wird also konstruiert sowohl nach der Markierungsstruktur (formale Ebene) als auch nach dem syntaktischen Bedeutungsanteil eines Ausdrucks. Auf diesen wird maßgeblich mit syntaktischen Relationen bezuggenommen. Was aufeinander bezogen ist, soll in der Konstituentenstruktur als zusammengehörig gekennzeichnet werden. Die Konstituentenstruktur kennt überhaupt nur zwei Arten, Konstituenten miteinander zu verbinden: Über- bzw. Unterordnung (vertikale Ebene) und Nebenordnung (horizontale Ebene). 27

28

Zumindest programmatisch, eine detaillierte Beschreibung einzelner Konstruktionsbedeutungen oder eine geeignete Terminologie ist in der Oberflächensyntax meines Wissens noch nicht entwickelt. In Ansätzen ist aber durchaus zu verstehen, was gemeint ist. So besteht die Konstruktionsbedeutung in den Bezügen der einzelnen Konstituenten zueinander und in dem semantischen Gehalt dieser Bezüge. Mit ‚kategorial‘ ist in diesem Fall die Konstituentenstruktur gemeint. Eine andere Redeweise meint die Wort- und Einheitenkategorien, also stärker formbezogene Begriffe der Markierungsstruktur.

2 Oberflächensyntax

56

Abb. 14: abstrahierte Konstituentenstruktur

Abb. 14 zeigt eine Erweiterung der Struktur aus Abb. 10. Die einfachste Möglichkeit, auszudrücken, dass zwei Konstituenten miteinander verbunden sind, ist, sie einem gemeinsamen Mutterknoten direkt unterzuordnen.29 So sind X und Y dem gemeinsamen Mutterknoten Z untergeordnet und werden von ihm ‚direkt dominiert‘ (vgl. Eisenberg 2013: 27). Grund dafür kann die syntaktische Konstruktionsbedeutung sein – ausgedrückt durch eine syntaktische Relation. Das ist zum Beispiel so in einem Ausdruck wie gut gelaunt oder gestern morgen. Im ersten Fall kann man davon sprechen, dass gelaunt durch gut modifiziert wird; im zweiten Fall davon, dass gestern durch morgen modifiziert wird. Der Grund für die Nebenordnung kann aber auch auf der Ebene der Markierungsstruktur liegen, wenn also zwei Konstituenten formale Beziehungen unterhalten. Das ist der Fall in einer einfachen Nominalgruppe wie der Wagen, bei der zwischen der und Wagen keine syntaktische Relation angenommen wird, und trotzdem sind beide Ausdrücke über Kongruenz, Rektion und Positionsbezug aufeinander bezogen.30 In der Regel ist es aber, wie oben schon angedeutet, so, dass bei enger syntagmatischer Verzahnung auch eine Verbindung auf Ebene syntaktischer Relationen besteht. Festzuhalten bleibt, dass die Konstituentenstruktur nicht vollständig durch die Markierungsstruktur determiniert ist, ihr aber keinesfalls entgegenstehen darf. 29

30

Auch zwischen Konstituenten, die einander indirekt nebengeordnet sind, besteht ein Zusammenhang – allein dadurch, dass sie in einer komplexeren Konstituente enthalten sind. Dieser Zusammenhang wird aber in aller Regel nicht mit syntaktischen Relationen erfasst. In Abb. 14 ist der Zusammenhang zwischen X und Y stärker als zwischen X und W, das drückt sich im Baumdiagramm auch aus. Die strukturelle Entfernung im Baumdiagramm kann als graduelle Zusammengehörigkeit interpretiert werden. So ist beispielsweise die Entfernung von X zu W geringer als von X zu U. Im übrigen ergibt sich die Nebenordnung bei der Wagen auch strukturell dadurch, dass beide Konstituenten gleichermaßen eine Tochter-Mutter-Relation zur übergeordneten Nominalgruppe unterhalten.

2.7 Konstituentenstruktur

57

Ich komme nun noch einmal auf das Verhältnis zwischen Konstituentenstruktur und syntaktischen Relationen zu sprechen. Zunächst folgt die Oberflächensyntax dem Grundsatz, den Eisenberg so formuliert: „Was immer an syntaktischer Information für die Satzbedeutung relevant ist, muss mit Hilfe von relationalen Begriffen erfassbar sein“ (Eisenberg 2013: 42).31 Wenn Konstituenten allgemein die Eigenschaft haben, aus syntaktischer Sicht für die Satzbedeutung relevant zu sein, folgt daraus, was Teuber schreibt: „Jede Konstituente tritt im Vorbereich einer syntaktischen Relation auf“ (Teuber 2005: 27). Der Großteil der syntaktischen Relationen sind direkte Schwesternrelationen, das heißt, wenn sie bestehen, werden ihre Konstituenten in der Konstituentenstruktur einander nebengeordnet (siehe Relation n in Abb. 14).32 Indirekte Schwesternrelationen sind eine Ausnahme. Dazu gehört das sogenannte indirekte Subjekt. In einem Satz wie Anne glaubt, am schnellsten gewesen zu sein ist Anne indirektes Subjekt zu gewesen, bleibt aber in der Konstituentenstruktur nicht direkt, sondern nur indirekt nebengeordnet (vgl. Eisenberg 2013: 348–349). Zwischen zwei Konstituenten, die in einem Dominanzverhältnis zueinanderstehen, werden, wie bereits angedeutet, nur drei syntaktische Relationen angenommen: die Kopf-, die Kern- und die Prädikatsrelation. Dabei ist die Prädikatsrelation identisch mit der Kopfrelation bei Sätzen und Infinitivkonstruktionen. Bei allen handelt es sich um direkte Mutter-Tochter-Relationen. Die Kopf- und die Kernrelation dienen dazu, die grammatische Bedeutung eines Ausdrucks für eine komplexe Konstituente anzuzeigen. Dadurch werden die Bestandteile einer komplexen Konstituente gegeneinander hierarchisiert. Der Kern ist lexikalisch in besonderem Maße bedeutsam für die Gesamteinheit. Er kann zum Beispiel Träger lexikalischer Valenz sein oder als wichtigstes semantisches Element ausgemacht werden (vgl. Eisenberg 2013: 50). Der Informationswert dieser Relation kann folglich als ‚nach innen gerichtet‘ gelten. Der Kopf hingegen kann, in Übereinstimmung mit vielen syntaktischen Formaten, umschrieben werden als eine Art syntaktisches Zentrum eines komplexen Ausdrucks, das wichtige kategoriale Eigenschaften trägt und insgesamt auschlaggebend ist für „die Bestimmung der Kontexte, in denen eine 31

32

Gemeint sind hier nur die syntaktischen Relationen. Die syntagmatischen Relationen sind in einem weiteren, formalen Sinne relevant für die Satzbedeutung, aber sie verweisen selbst nicht auf etwas Semantisches. Zu betonen ist: Dass Konstituenten, die über Schwesternrelationen miteinander verbunden sind (also in der Regel asymmetrisch verknüpfte Konstituenten) nebengeordnet werden, und koordinierte Elemente ebenfalls einander nebengeordnet werden, bedeutet, dass die bloße Konstituentenstruktur in der Oberflächensyntax keinen Unterschied macht zwischen Koordination und dem, was gemeinhin unter ‚Subordination‘ verstanden wird, vergleiche dazu Abb. 18 und Abb. 19, S. 68.

58

2 Oberflächensyntax

Phrase verwendet werden kann“ (Müller 2010: 20–21). So bilden zum Beispiel Funktionswörter häufig den Kopf einer Konstituente (vgl. Eisenberg 2013: 48). Der Funktionswert der Kopfrelation ist demnach in der Tendenz ‚nach außen‘ gerichtet. Die Unterscheidung zwischen Köpfen und Kernen entspricht „annähernd der Unterscheidung von funktionalen und lexikalischen Köpfen in der generativen Grammatik“ (Teuber 2005: 29). Im Gegensatz zu den Schwesterrelationen ist das Bestehen einer Kopf- bzw. einer Kernrelation kein hinreichender Grund dafür, eine Konstituente zu bilden, sondern vielmehr helfen Köpfe und Kerne dabei, die Beschaffenheit einer komplexen Konstituente, die ja bereits an sich ein Analyseergebnis darstellt, zu erfassen. Die Begründung dafür, was als Kopf oder Kern einer jeweiligen Einheit gelten kann, liegt letztlich in den zugrundeliegenden Wort- und Einheitenkategorien. Nur ist die Kopfrelation eine Abstraktion darüber und nicht direkt darauf bezogen wie die syntagmatischen Relationen. (Daher gehört die Kopfbeziehung auch zu den syntaktischen und nicht zu den syntagmatischen Relationen.) Bei Eisenberg bestimmen Köpfe maßgeblich die Grammatik der Gesamteinheit, vererben aber nicht zwangsläufig ihre Kategorie an den Mutterknoten (vgl. Eisenberg 2013: 48–49). In diesem beschriebenen Sinne sind die Kopf- und Kernrelation ‚theorienäher‘ als die traditionellen relationalen Begriffe wie Subjekt oder Attribut. Dazu passt, dass Köpfe (und auch Kerne) „in der jeweiligen Konstruktion obligatorisch“ (Eisenberg 2013: 49) sind. Das heißt, „[j]ede komplexe Konstituente tritt im Nachbereich einer Kopf- und einer Kernrelation auf“ (Teuber 2005: 27). Hierbei handelt es sich also um eine strukturelle Festlegung. Köpfe werden im Zweifel aus der Asymmetrie innerhalb komplexer Konstituente herbeianalysiert. Der zweite Unterschied zwischen Mutter-Tochter- und Schwesternrelation ist, dass erstere sich denselben Vor- und Nachbereich teilen können, letztere nicht. Eine Konstituente kann nicht direktes Objekt und Subjekt gleichzeitig sein und auch nicht Attribut und Präpositionalobjekt, wohl aber Kopf und Kern, weil sich die Informationsgehalte beider Relationen nicht widersprechen. In dem Ausdruck Ute trinkt ist trinkt sowohl Kopf (Prädikat) als auch Kern des gesamten Satzes. Wenn es für jede komplexe Konstituente einen Kopf und einen Kern geben muss, so unterschiedlich diese komplexen Konstituenten auch sind, dann folgt daraus, dass diese Relationen für unterschiedliche Nachbereiche mit einer anderen Bedeutung verbunden

2.7 Konstituentenstruktur

59

sind. Der Kopf einer Präpositionalgruppe ist etwas anderes als der Kopf einer Nominalgruppe. So ist es verständlich, dass Köpfe und Kerne umso mehr das Ergebnis einer grammatischen Argumentation sind.33 Bis hierher ging es darum, den Zusammenhang zwischen der Konstituentenstruktur und den syntaktischen Relationen deutlich zu machen. Dabei wurde die Bedeutung syntaktischer Relationen als ein wichtiger Erkenntnisgrund für den Aufbau der Konstituentenstruktur besonders hervorgehoben. Die Konstituentenstruktur ist ein Instrument, mit dem die syntaktische Analyse visualisiert wird. Sie ist bei einem bestimmten sprachlichen Ausdruck nicht per se gegeben, wie es besonders frühere Veröffentlichungen zur Oberflächensyntax darstellen (vgl. zum Beispiel Eisenberg 2013: 27 und Lieb 1977: 64), sondern sie entsteht prinzipiengeleitet letztlich als ein Ergebnis einer – expliziten oder impliziten – grammatischen Diskussion. So ist es zu erklären, dass andere syntaktische Formate grundsätzlich zu anderen Konstituentenstrukturen kommen (weil sie andere Prinzipien zugrunde legen, siehe zum Beispiel Zifonun et al. 1997: 69–92), so ist es aber auch zu erklären, dass in einigen Fällen unterschiedliche Konstituentenstrukturen infrage kommen (wenn verschiedene Prinzipien infrage kommen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen; siehe zum Beispiel Eisenberg 2013: 84). Weil es in der Oberflächensyntax letztlich um eine „semantikfundierende“ (Lieb 1975: 4) Syntax geht, sollten syntaktische Ambiguitäten stets darstellbar sein, denn es handelt sich ja in diesem Fall um mehrere Konstruktionsbedeutungen eines Ausdrucks. Beispielsweise kann die Präpositionalgruppe in (55) (wiederholt (52)) nicht nur, wie oben erwähnt, als Präpositionalobjekt gedeutet werden, sondern auch als präpositionales Attribut. (55)

Der Regisseur kann seinen Erfolg mit dem neuen Film fortsetzen.

In diesem Fall wäre fortsetzen als einstellig zu interpretieren und es ist dann der Erfolg mit dem neuen Film, der fortgesetzt wird. Beide Lesarten unterscheiden sich sowohl auf der Ebene der Markierungsstruktur als auch auf Ebene der Konstituentenstruktur als auch auf der Ebene der syntaktischen Relationen, wie Abb. 15 zeigt. 33

Damit steht die Frage im Raum, ob die Kopf- und Kernrelationen weiter auszudifferenzieren wären. Dagegen spricht, dass es innerhalb einer Konstituente nicht mehrere Köpfe zu differenzieren gibt. Die Spezifik einer bestimmten Kopfrelation ergibt sich also schon durch seinen jeweiligen Nachbereich.

2 Oberflächensyntax

60

Abb. 15: Satz mit ambiger Präpositionalgruppe34

Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es unterschiedliche Konstituentenstrukturen braucht, um zwei Lesarten zu unterscheiden. Der Bedeutungsunterschied in Abb. 16 wird allein abgebildet über die syntaktischen Relationen (und die Markierungsstruktur, die die Abbildung nicht zeigt; weiter zu syntaktischen Ambiguitäten siehe Eisenberg 1976: 21).

34

In Abb. 15 werden die beiden Lesarten durch die Annotation oberhalb und unterhalb des Satzes unterschieden.

2.7 Konstituentenstruktur

61

Abb. 16: ambiger Ausdruck

Die Beispiele zeigen noch mal, dass die Form von Ausdrücken vielfach unterspezifiziert ist, dass ihrer Beschreibung selbst schon ein syntaktischer Verarbeitungsund Verstehensprozess vorausgeht, auf den die syntaktischen Relationen mit ihrem semantischen Charakter aufsatteln. Wird, wie in der vorliegenden Arbeit, die Oberflächensyntax für eine sprachverarbeitungstheoretische Perspektive genutzt, ist es der kognitive Aspekt der Theorie, der in den Vordergrund rückt. Die Oberflächensyntax versucht, die Konstruktionsbedeutung darstellbar zu machen und an die syntaktische Form zu binden. Für den Leser ist eben diese Konstruktionsbedeutung notwendig, um ein adäquates Verständnis eines Ausdrucks zu entwickeln. Das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat sagt nichts darüber aus, in welcher Form eine Konstruktionsbedeutung mental repräsentiert ist und auch nicht, wann sie im Leseprozess von einem Leser tatsächlich gebildet wird. Dennoch gehe ich in dieser Arbeit davon aus, dass die Konstruktionsbedeutungen, die durch die Beschreibungsmittel der Oberflächensyntax ausgedrückt werden, in einem gewissen Sinne isomorph sind zu mentalen Strukturen. Um den Satz aus Abb. 16 zu verstehen, muss ein Leser nicht wissen, welche Konstituente das Subjekt und welche das Objekt bildet. Aber er muss ein Situationsmodell im Kopf haben, in dem es Verfolger und Verfolgte gibt. Eben dies wird durch die syntaktischen Strukturen der Oberflächensyntax ausgedrückt. Wenn in der Oberflächensyntax syntaktische Relationen über die Markierungs-, vor allem aber über die Konstituentenstruktur definiert werden (vgl. Eisenberg 2013: 36–38 / Lieb 1975: 37–39), so kann dies zwar theorieinterne Gültigkeit beanspruchen, nicht aber in einem heuristischen oder prozessualen Sinne. Analysepraktisch wird aus einem passenden Satzverständnis der syntaktische Konstruktionsanteil mithilfe von syntaktischen Relationen ausgedrückt und die Konstituentenstruktur, nach den entsprechenden Definitionen, konstruiert.

2 Oberflächensyntax

62

Abschließend zeigt Abb. 17 den Ausgangssatz mit Konstituentenstruktur und relationaler Struktur.

Abb. 17: Satz (1) mit Konstituenten-, relationaler und Markierungsstruktur

2.8

Koordination

Womit die Interpunktionsliteratur umzugehen hat, sind nicht nur theoretisch heikle Gegenstände, sondern es sind vor allem heikle theoretische Gegenstände; Reißig bemerkt zu dem Problem der schweren Erfassbarkeit der Koordination, um die es in diesem Abschnitt geht: „Dies liegt vor allem daran, dass Koordination nicht per se vorliegt oder nicht, sondern das Ergebnis syntaktischer Theoriebildung ist“ (Reißig 2015: 129). Es ist nicht zu erwarten, dass die Interpunktionsliteratur diese Theoriebildung liefert, wohl aber, dass sie mit ihr in einem hinreichenden Maß an Genauigkeit umgeht. Im ersten Schritt möchte ich vorstellen, was in der einschlägigen Interpunktionsliteratur unter Koordination verstanden wird (2.8.1), um dann in einem zweiten

2.8 Koordination

63

Schritt Eigenschaften von Koordination bestimmen, die für die vorliegende Untersuchung relevant sind (2.8.2). 2.8.1

Zur Koordination in der Interpunktionsliteratur

Für Bredel 2008 besteht Koordination vor allem in einem mehrfachen Aufbau „identischen Phrasenstruktur“ (Bredel 2008: 181). Sie hebt also auf die Strukturidentität von Konjunkten ab – mit dem sprachverarbeitungstheoretischen Vorteil der Strukturökonomie. Das heißt, der Leser, der um die Koordination weiß, erwartet strukturelle Symmetrie. Diese Erwartung wiederum erleichtere ihm das Parsing (vgl. ebd.): „es steht das Komma, um diese Prozessierung zu induzieren“ (ebd.). Mit dieser Sichtweise ist das allgemeine Problem verbunden, dass Strukturidentität genauer zu definieren wäre. Unstrittig ist diese sicherlich für einen Ausdruck wie (56) (56)

das Brot und die Butter

Aber ab wann kann man beginnen, von asymmetrischer Koordination zu sprechen? – Auch wenn man bei Ausdrücken wie (57) oder (58) das gemeinhin noch nicht tut, ist fraglich, wie groß der Prozessierungsvorteil in Bezug auf die Struktur noch ist, wenn man nach dem und weiß, dass es sich um Koordination handelt. Trotzdem kann man bei (57) und (58) noch in dem Sinne von Strukturidentität sprechen, dass es sich bei den Konjunkten insgesamt um Nominalgruppen handelt, auch wenn sie vom Aufbau her unterschiedlich sind. (57) (58) (59)

das Brot und die leicht gesalzene Butter die Butter und das Brot vom Vortag Johanna arbeitet diszipliniert und mit großem Erfolg.35

Spätestens jedoch ab Sätzen wie (59) dürfte der Verarbeitungsvorteil in Bezug auf die syntaktische Struktur minimal sein. Die Beispiele und die Diskussion über die sogenannte asymmetrische Koordination sind weitreichend und nicht Gegenstand dieser Arbeit. In Bezug auf einen möglichen Sprachverarbeitungsvorteil möchte ich zweierlei festhalten: Erstens würde ein Verarbeitungsvorteil sinken, je stärker die Asymmetrie zwischen den Konjunkten ausgeprägt ist. Zweitens, und das mag 35

Beispiel aus Eisenberg 2013: 201.

64

2 Oberflächensyntax

noch schwerer wiegen, bedeutet ja schon die Möglichkeit, dass zwei Konjunkte mehr oder weniger stark identisch sind, eine große Unsicherheit für den Leser: Er kann eben nicht von Strukturgleichheit ausgehen. Wieviel strukturelle Ähnlichkeiten soll er in einem konkreten Falle überhaupt antizipieren, bzw. wie abstrakt ist der „Kopiervorgang“ (Bredel 2008: 181), von dem Bredel spricht? Die Interpunktionsliteratur stellt diese Frage nicht. Gegen einen handfesten Verarbeitungsvorteil sprechen aber nicht nur die mögliche Unterschiedlichkeit der Konjunkte und die Tatsache, dass es im Vorhinein keinen Hinweis auf diese Unterschiedlichkeit gibt, sondern auch, dass – streng online gedacht – dem Leser vor einem nicht-ersten Konjunkt vielfach nicht einmal bekannt sein kann, welche Struktur er überhaupt kopieren und in diesem Sinne antizipieren soll. Das zeigen die Beispiele (60)–(65). (60) (61) (62) (63) (64) (65)

Die Einbrecher bedrohten die Bankkunden mit einem Messer und [...] ... einer Pistole. ... mit einer Pistole. ... die Angestellten mit einem Messer. ... fesseln die Angestellten mit Kabelbindern. ... nachdem sie das Geld ergaunert hatten, brausten sie davon.

Was zu ‚kopieren‘ ist, darüber liefert erst die Struktur selbst die entscheidenden Hinweise, je weiter sie beim fortschreitenden Lesen bekannt wird. Es hängt von der jeweiligen Konstruktion ab, zu welchem Zeitpunkt sich genau welche Voraussagen ergeben. Was nun die Interpunktionszeichen angeht, vor allem das Komma, das unter allen bei Koordination das häufigste ist, kommt noch ein wesentlicher Punkt hinzu: Der Leser weiß in der Regel nicht einmal, dass es sich überhaupt um Koordination handelt. Anders als bei koordinierten Konjunktionen wie und, die sehr häufig Koordination anzeigen, kommen für das Komma noch Satzgrenzen und Herausstellungen infrage (vgl. Primus 1993). So sind die Antizipationsmöglichkeiten zu einem Zeitpunkt wie in (66)–(70) denkbar gering. (66) (67) (68) (69) (70)

Die Einbrecher bedrohten die Bankkunden mit einem Messer, [...] ... das sie plötzlich hervorzogen. ... so dass sich niemand traute sich zu bewegen. ... einem sehr großen. ... und zwar gestern vor einem Jahr.

2.8 Koordination

65

Ein Komma als Koordinationskomma zu erkennen, kann vielfach erst ein Ergebnis des Parsingprozesses sein (siehe Abschnitt 3.3.2). Selbst bei Gewissheit darüber, dass eine koordinierter Ausdruck folgt, lässt sich nicht vorbehaltlos von einem Kopiervorgang der Phrasenstruktur sprechen – schon aus sprachverarbeitungstheoretischer Sicht nicht.36 Das zweite Problem, das sich ergibt, wenn man wie Bredel Koordination als Kopiervorgang der Phrasenstruktur konzeptualisiert, sind sogenannte koordinierte selbständige Sätze. Denn hier ist der Grad potentieller Variation der Phrasenstruktur für den Leser unabschätzbar hoch. In Bredels gerne zitiertem Beispiel (71), mit dem Sie die Unterschiede zwischen den Interpunktionszeichen verdeutlicht, ist Strukturgleichheit der beiden Konnekte zwar offensichtlich. (71)

Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Aber schon Sätze mittlerer Länge, die mit Komma oder Semikolon getrennt sind, weisen sehr häufig vielfältige strukturelle Unterschiede auf – zumal wenn auch noch Nebensatzstrukturen beteiligt sind: (72)

Das einzige, was wir uns nicht leisten können, ist Zeitverlust; Zeitverlust geht auf Kosten der Menschen," unter anderem wegen der anhaltenden Abwanderung von Fachkräften in die Altländer. (TiGer1: 31641)

Als notwendige Bedingung für Strukturgleichheit gilt vielleicht noch, dass es sich überhaupt um (selbständige) Sätze handelt. Aber die vorangehende Phrasenstruktur mit dem Semikolon zu kopieren, damit wäre der Leser sicher allzu oft schlecht beraten.37 Dass es daneben kommatierte Sätze gibt, vor allem Nebensätze, die durchaus strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen, bleibt unbestritten, aber online ebensowenig antizipierbar. Trotz der zahlreichen Probleme, die sich mit Bredels Online-Konzeption von Koordination ergeben, ist es doch ihr Verdienst, ihren Koordinationsbegriff überhaupt zu präzisieren.

36

37

Allerdings ist die Idee des Kopiervorgangs bei Koordination mit Komma und Semikolon so attraktiv, dass sie Eingang in die Literatur gefunden hat (siehe z. B. Essliner 2014: 25). Zumal auch hier gilt: Stünde ein Komma nach Zeitverlust, wäre zumindest zum Zeitpunkt des Einlesens des Kommas weder absehbar, dass es sich überhaupt um so etwas wie Koordination handelt, noch dass diese sich auf die Größe ‚Satz‘ bezieht.

2 Oberflächensyntax

66 2.8.2

Funktional orientierter Koordinationsbegriff

Für die Prüfung, in welchem Rahmen sich das Semikolon für Koordinationskonstruktionen einsetzen lässt, möchte ich einen einfachen Begriff von syntaktischer Koordination zugrunde legen. Als Ausgangspunkt dient die funktionale Gleichheit syntaktischer Einheiten innerhalb einer Matrixstruktur: „Man kann Koordination als einheitliches Verfahren analysieren, mit dem funktional gleichartige Formelemente verknüpft werden können [...]“ (Zifonun et al. 1997: 2360). Übertragen auf die Oberflächensyntax heißt das, dass sich syntaktische Einheiten in Bezug auf die syntaktischen Relationen, die mit Ihnen in Verbindung stehen, identisch verhalten. Das verdeutlicht (73). (73)

Was bedeutet das nun im Hinblick auf Strategien – sollen die Rechtsextremen in den Parlamenten und in den Medien ignoriert werden? (TiGer2: s122)

Die beiden unterstrichenen Präpositionalgruppen sind in diesem Beispiel adverbiale Angaben zur Verbalgruppe. Entscheidend ist aber nicht bloß, dass die Konjunkte die gleiche syntaktische Funktion tragen, es geht vielmehr um die funktionale Einbindung in die Matrixstruktur insgesamt. Die koordinierten syntaktischen Einheiten können also sowohl den Vor- als auch den Nachbereich einer syntaktischen Relation bilden. (74) (75)

die schönen Melodien und Texte Sie wanderten und redeten den ganzen Tag

In (74) können die koordinierten Substantive je für sich sowohl den Nachbereich der Attributrelation als auch den Vorbereich der Kernrelation zur gesamten Nominalgruppe bilden. In (75) haben die koordinierten Verben jeweils das Potential für den Vorbereich der Kopf- und der Kernfunktion zum gesamten Satz als auch für den Nachbereich der Subjektrelation. Typisch für koordinierte Konstituenten ist, dass sie in Bezug auf bestimmte Formmerkmale identisch sind. So wird in (75) Melodien und Texte entweder die Einheitenkategorie Nominativ oder Akkusativ zugewiesen. Beide werden aber so analysiert, dass sie den gleichen Kasus tragen oder anders gesagt: Weil sie im Rahmen von Koordination als funktional gleich gelesen und verstanden werden, wird ihnen in der Analyse auch der gleiche Kasus zugewiesen. Syntagmatisch wird diese Übereinstimmung durch die Identitätsrelation ausgedrückt (vgl. Eisenberg 2013: 33; 2.8). Der Bezug auf die syntaktische

2.8 Koordination

67

Relation birgt den Vorteil, dass so auch ein großer Teil von Koordinationen erfasst werden kann, die nur wenige Symmetrieeigenschaften, sprich gemeinsame syntaktische Merkmale, aufweisen, siehe (76) und (59). (76)

Schnell und ohne zu zögern, verließen sie den Raum.

In (76) ist ein Adjektiv mit einer Infinitivgruppe koordiniert. Weder die Konstituentenkategorie noch sonstige formalen Eigenschaften sind identisch, beide können aber als adverbiale Angabe zum Verb fungieren. Eisenberg, der einige Fälle nicht-symmetrischer Koordination diskutiert (vgl. Eisenberg 2013: 200–205), spricht nicht direkt von gleicher syntaktischer Funktion der Konjunkte (siehe aber Eisenberg 2013: 201), sondern allgemeiner von Gleichberechtigung (vgl. ebd. 197); die IDS-Grammatik sieht – gerade in Bezug auf formal verschiedene Konjunkte – ein „‚sich überschneidendes Funktionspotential‘“ (Zifonun et al. 1997: 2362): schnell in (76) kann zum Beispiel im Gegensatz zu ohne zu zögern in einem anderen Satz auch Prädikatsnomen sein. Die beiden Funktionspotentiale sind also nicht identisch. Wichtig ist aber, dass im Falle einer Koordination eben dieser funktionale Überschneidungsbereich zum Zuge kommen muss, die Konjunkte also in der konkreten Konstruktion auch wirklich gleich analysiert werden können. Auf der Ebene der Konstituentenstruktur werden die Konjunkte in der Regel zu einer einzigen Konstituente zusammengefasst. Jedes einzelne Konjunkt hat dann das gleiche syntaktische Funktionspotential wie der jeweilige Mutterknoten (vgl. Zifonun et al. 1997: 2361 / Eisenberg 2013: 13 / Bredel 2008: 188). So kann ausgedrückt werden, dass sich in der Matrixstruktur weder in Bezug auf die Stellenanzahl noch in Bezug auf die Art der Besetzung etwas ändert (vgl. Zifonun et al. 1997: 2361). Unterschiede bestehen zum einen in dem Verständnis der Konstituentenstruktur: Diese Konstitution einer neuen Konstituente wird in der IDSGrammatik als einheitliches operatives Verfahren bezeichnet und der Koordination als Merkmal selbst zugeordnet (vgl. Zifonun et al. 2360–2362). Im Rahmen dieser Arbeit aber wird die Konstituentenstruktur als konventionalisierte Visualisierung von zentralen Aspekten der syntaktischen Analyse verstanden (siehe Abschnitt 2.7). Demnach werden Unterschiede in der Konstituentenstruktur so interpretiert, dass sie bestimmte Aspekte von Koordination zum Ausdruck bringen, nicht aber ein Merkmal von Koordination selbst sind. Zum anderen bestehen Unterschiede im Aufbau der Konstituente selbst. Es stehen sich eine flache und eine höhere Struktur gegenüber. Bei der flachen sind die Konjunkte symmetrisch angebunden und dem Konjunktor (sofern es einen gibt) jeweils nebengeordnet. Bei

68

2 Oberflächensyntax

der höheren Struktur bildet eines der Konjunkte zusammen mit dem Konjunktor eine eigene Konstituente, siehe Abb. 18 und Abb. 19.

Abb. 18: Koordination als nebenordnende Struktur (beispielhaft aus TiGer2: s117)

Abb. 19: Koordination als unterordnende Struktur (aus Zifonun et al. 1997: 2361)

Funktional also sind die einzelnen Konjunkte in den meisten Fällen gegeneinander austauschbar. Schließt man die koordinierten Einheiten zu einer einzigen Konstituente zusammen, ist dies entweder ein Ausdruck ihrer formalen, meist aber ihrer funktionalen Gleichheit. In der Schriftsprache ist jede Koordination obligatorisch markiert. Die zu Verfügung stehenden sprachlichen Mittel sind Interpunktionszeichen und Konjunktoren (vgl. Zifonun et al. 1998: 2362). Die einzelnen Konjunkte sind gegeneinander syntaktisch nicht hierarchisiert. Das heißt, die Formmerkmale eines Konjunktes werden nicht über Rektion oder Kongruenz durch ein anderes Konjunkt festgelegt, können aber positional aufeinander bezogen und dann in der Reihenfolge auch nicht austauschbar sein (vgl. Eisenberg 2013: 197). Werden referierende Ausdrücke koordiniert, sind diese in der Regel nicht referenzidentisch.

2.8 Koordination

69

Mit dieser Bestimmung ist die prototypische Koordination im nominalen Bereich von der lockeren Apposition abgrenzbar. (77) (78) (79)

Sie spielt in einem Team mit Sandra, ihrer Freundin, Anna und Sabine. Sie spielt in einem Team mit Sandra, ihrer Freundin und Anna und Sabine. Sie spielt in einem Team mit Sandra, ihrer Freundin, und Anna und Sabine.

In (77) kann ihrer Freundin appositiv zu Sandra oder koordinativ zu Sandra, Anna, und zu Sabine gelesen werden. Zwar dürften global ambigue Sätze dieser Art selten sein, trotzdem ist der Phänomenbereich der Koordination auch hier noch klar abgrenzbar. Als Test dient die Austauschbarkeit des Kommas nach Freundin: Ist es durch und ersetzbar wie in (78), handelt es sich um eine Koordination (siehe Abb. 20).

Abb. 20: koordinative Lesart von Sandra und ihrer Freundin ohne Komma

Ist es hingegen nicht austauschbar und lässt sich und nach dem Komma hinzufügen (79), ist ihrer Freundin appositiv zu lesen. Das Komma reguliert dann gewissermaßen die Anbindungshöhe zwischen Freundin und und, die bei appositiver Lesart höher ist als bei koordinativer. Sobald eine Leserïn nach dem Komma auf das und stößt, ist die NGr1 zu beenden, siehe Abb. 21.

2 Oberflächensyntax

70

Abb. 21: appositive Lesart mit Komma und und38

38

Für die Lerserïn sind zu diesem Zeitpunkt auch höhere Anbindungsebenen denkbar, bei anderem Fortgang als in (79). Und gänzlich ausgeschlossen ist auch Koordination nicht.

3

Grammatik online

Mit der systematischen Online-Beschreibung der Interpunktionszeichen (vgl. Bredel 2008) ging die Notwendigkeit einher, den Leseprozess für diese Zwecke zu beschreiben. Dieser Abschnitt wird zunächst einen Blick auf grundlegende Parsingprinzipien werfen, um dann einige Ideen zum Parsing aus grammatischer Perspektive zu vorzustellen und zu diskutieren. Die Arbeit von Bredel, die sich in ihrem Format schon explizit an die Oberflächengrammatik anlehnt ist direkt auf die Verarbeitung von Interpunktionszeichen gerichtet (Abschnitt 3.3). Am Ende des Kapitels soll ein Ansatz entwickelt werden, wie die Konstituentenstruktur der Oberflächensyntax für eine online-grammatische Darstellung genutzt werden kann (Abschnitt 3.4). 3.1

Prinzipien des Parsings

Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die wichtigsten Parsing-Annahmen, die für diese Arbeit relevant sind. Parsingprinzipien sind Richtlinien, nach denen ein Parser vorgeht, wenn er auf neues Material trifft. Wenn Parsing-Strategien einzelsprachlich überindividuell sind, sollte es nachweisbar sein, dass verschiedene Leser bei gleichen Konstruktionen reanalysieren müssen, bei anderen hingegen gerade nicht – und zwar unter Kontrolle des Kontextes. 3.1.1

Serielle, verzögerte und parallele Verarbeitung

(80)

Das ist die Frau, die die Kinder beim Spielen beobachtet haben.

Möglicherweise stolpert man beim ersten Lesen dieses Satzes (80). So ein ‚Stolpern‘ wird als ‚Garden-Path-Effekt‘ bezeichnet. Es wird interpretiert als der Reflex einer syntaktischen Reanalyse (vgl. van Gompel / Pickering 2007: 290). (81)

Das ist die Frau, die die Kinder beim Spielen beobachtet hat.

Insofern bei (81) keine Reanalyse notwendig ist, wäre folgender Erklärungsansatz denkbar. Sowohl das erste die des Relativsatzes als auch die NGr die Kinder sind – online betrachtet – in (80) ambig in Hinsicht auf die Unterscheidung von Nominativ und Akkusativ. Damit ist der Kasus beider Konstituenten bis einschließlich © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5_3

72

3 Grammatik online

beobachtet keine hinreichende Erkenntnisgrundlage dafür, welche der beiden Subjekt und welche Objekt ist. Erst der Numerus des Hilfsverbs desambiguiert die Struktur, denn es kongruiert in dieser Hinsicht nur mit dem Subjekt. Nimmt man an, dass der Strukturaufbau im Falle einer Ambiguität so lange hinausgezögert wird, bis sich diese auflöst, dürfte es in diesem Fall keine Reanalyse geben, weil auch nichts falsch verstanden wird. Wenn es jedoch vorkommt, dass schon vor der Desambiguierung durch die syntaktische Form eine Struktur stipuliert wird, ist eine Reanalyse genau dann notwendig, wenn die ursprünglich aufgebaute Struktur nicht zulässt, dass ein folgendes Element (in diesem Fall das finale Verb) eingebaut werden kann, solange andere Indizien dafür sprechen, dass der Aufbau noch nicht beendet werden darf. Für (80) und (81) wäre das schlicht das Vorkommen eines weiteren Wortes, ohne dass vorher ein Interpunktionszeichen interveniert. Wäre beobachtet als Partizip nicht homograph zur 3. Ps Sg, könnte es ebenfalls als Hinweis auf die Fortführung der Parsingaktivität gelten, denn die Partizipform ist als Verb ausschließlich Bestandteil periphrastischer Formen. In diesem Fall jedoch dürfte streng genommen das Spatium nach beobachtet den Hinweis geben, die Paarsingaktivität fortzuführen. Grundsätzlich werden also drei unterschiedliche Formen angenommen, wie der Parser mit Ambiguitäten umgehen kann. Neben dem schon erläuterten seriellen Parsing, das immer und unmittelbar eine Struktur berechnet, kann die verzögerte Verarbeitung Strukturen unverarbeitet zwischenspeichern und erst dann verarbeiten, wenn die entsprechenden Informationen bereitstehen. Eine parallele Verarbeitung würde von Beginn an alle Strukturen berechnen, von denen nur solche zum Zuge kommen, die sich aufgrund weiterer Evidenz im Fortschreiten durch den Satz ergeben (vgl. Rayner/Pollatsek 1989: 245 / Bader 1996: 35–36). Gegen eine parallele Verarbeitung sprechen vor allem die begrenzten Verarbeitungskapazitäten. Denn unter lokalen Ambiguitäten sind nicht nur solche wie in (80) zu verstehen, die erst recht spät aufgelöst werden, sondern auch solche, die unmittelbar determiniert werden. Ein bestimmter Artikel am Satzanfang kann theoretisch in eine sehr große Zahl unterschiedlicher Strukturen eingebettet sein, je nachdem, wie viele potentielle Elemente folgen. Der Verarbeitungsaufwand wäre enorm. Für globale Ambiguitäten müssten am Ende mindestens zwei Strukturen offenbleiben, zwischen denen dann zum Beispiel aufgrund semantischer Plausibilität entschieden würde. Häufig ergeben sich für Präpositionalgruppen verschiedene Anbindungsmöglichkeiten, die beim Lesen aber nicht bewusst wahrgenommen werden: (80) und (81) werden unabhängig davon, wer wen beobachtet, so verstanden, dass die Kinder es sind, die spielen, und nicht die Frau, obwohl dies auch eine

3.1 Prinzipien des Parsings

73

mögliche syntaktische Interpretation wäre. Beide Sätze sind lokal wie global ambig, aber nur die lokale Ambiguität führt potentiell zur Reanalyse. Der Parser ist tolerant gegenüber globalen Ambiguitäten, solange durch den Kontext eine aktuelle Analyse nicht infrage gestellt wird. Gleiches gilt für einen Satz wie Peter wirft Anne beim Kochen die Eier zu. Sowohl Peter als auch Anne könnten hier Agens sein. Für die verzögerte Verarbeitung wäre zu fragen, wie der Parser entscheidet, zu welchem Zeitpunkt die sprachliche Oberfläche genügend Informationen bereitstellt, um eine eindeutige Struktur aufzubauen (vgl. Rayner/Pollatsek 1989: 245). Diese Entscheidung setzt eigentlich schon einen Strukturaufbau voraus. Letztlich ist für die serielle Vorgehensweise zu klären, welche Informationen wie eingesetzt werden, um möglichst genaue Aussagen über eine unvollständige Struktur treffen zu können. Die kurze Analyse von (80)und (81) zeigt schon, dass implizites grammatisches Wissen aus ganz verschiedenen Bereichen genutzt werden kann, um eine syntaktische Struktur aufzubauen (hier zum Beispiel paradigmatisches Wissen über pronominale Ausdrücke und Nominalgruppen, sowie Verbflexion, topologisches Wissen, Wissen über die Rektions- und Kongruenzvergabe in Relativsätzen, lexikalisches Wissen über die Verbvalenz). Die syntaktische Form, zu der auch Interpunktionszeichen gehören, macht Angebote, dieses Wissen einzusetzen. Zumindest analytisch lässt sich trennen zwischen generellem syntaktischen Wissen und lexikalischem Wissen (vgl. Bader 1996: 51–53). Diese Unterscheidung liegt aber quer zu einigen relationalen syntaktischen Verzweigungen. Bader würde das Wissen um die Valenz eines Verbs beispielsweise der lexikalischen Seite zuschlagen, da es zum Lexikoneintrag gehört. Da allerdings jedes Verb im Deutschen einen Nominativ regieren kann, kann dieses Wissen an die Wortkategorie (die wiederum zum generellen syntaktischen Wissen gehört) und nicht an den speziellen Lexikoneintrag gebunden sein. Eisenberg stellt kategoriale und lexikalische Rektion gegenüber (vgl. 2013: 31–33). Bader zählt außerdem die XBar-Theorie zum allgemeinen sprachlichen Wissen (1996: 52). Das wird hier nicht angenommen, schon gar nicht für die Oberflächensyntax (siehe Abschnitt I), wohl aber, dass die linearen Strukturierungsmöglichkeiten von Konstituenten dazugehören wie Verbstellungsmöglichkeiten. Ob sich für die analytische Unterscheidung zwischen den beiden Wissensformen psycholinguistische Evidenz findet, bleibt an dieser Stelle offen. Wichtig ist, festzuhalten, dass parsingrelevante sprachliche Informationen auf unterschiedlichen Wissensebenen repräsentiert werden können.

3 Grammatik online

74

In dieser Arbeit ist die Annahme einer seriellen Vorgehensweise grundlegend. Sie ist empirisch gut abgesichert (vgl. Frazier 1979 / Frazier/Rayner 1982: 205). Für viele Untersuchungen bildet sie – wenn auch implizit – die Ausgangsbasis (vgl. z. B. Steinhauer/Friederici 2001: 268 fürs Komma im Deutschen). Die Ergebnisse von Bader weisen für das Deutsche ebenfalls in diese Richtung (vgl. Bader 1996: 170–175). Konkret ausgearbeitet ist serielles Parsing in der sogenannten GardenPath-Theorie, deren Grundannahmen im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. 3.1.2

Die Garden-Path-Theorie

Die Garden-Path-Theorie geht von dem oben beschriebenen seriellen Parsing aus: Weil ‚Holzwegsätze‘ verlässlich zu Reanalysen führen, arbeitet der menschliche Parser seriell (Frazier/Rayner 1982: 178). Verarbeitet wird sofort und es wird nur eine einzige Struktur gewissermaßen auf Risiko erzeugt (vgl. Bader 1996: 14). Der Holzweg, auf den sich der Parser führen lässt, verleiht der Theorie ihren Namen. Dazu passt, dass keine Verarbeitungsprobleme bei global ambigen Sätzen entstehen, solange kontextuell keine abweichenden Hinweise gegeben werden. Denkbar wäre allerdings auch, dass dann, wenn zwar der Kontext neutral ist, aber es auf ein sehr genaues Verstehen des fraglichen Verhältnis’ ankommt, eine höhere Sensibilität für globale Ambiguitäten eher zu einer Reanalyse führt. Zwei grundlegende Annahmen sind zwar genau genommen nicht notwendiger Bestandteil der Garden-Path-Theorie, aber sie sind eine Art Verbindungsglied zwischen ihr und den gängigen Forschungsdesigns. Die in der obigen Analyse implizierte „immediacy assumption“, die besagt, „[…] that a reader tries to interpret each content word of a text as it is encountered […]“ (Just/Carpenter 1980: 330)39. Eine weitere Annahme ist die „eye-mind assumption“: „there is no appreciable lag between what is being fixated and what is being processed (ebd.). Die Forschungen, die ihre Daten über die Erfassung bzw. Regulierung okularer Tätigkeiten gewinnen, finden in ihren Daten einige Evidenz, dass dies auch berechtigt ist (vgl. Frazier/Rayner 1982: 199). Dabei hat sich mit Einsatz von Eye-Tracking-Systemen eine entscheidende Wende in der Leseforschung ergeben, da die Probanden sich in einer natürlicheren Lesesituation befinden als in vorangehenden Experi-

39

Für einige grundlegende Annahmen wird auch in späteren Handbüchern auf frühe Quellen verwiesen (z. B. Strohner 2003: 524), was zeigt, wie robust sich frühe Annahmen auch in neueren Untersuchungen behaupten können.

3.1 Prinzipien des Parsings

75

menten. Außerdem können Eye-Tracking-Daten mit den beiden obigen Annahmen genauere Aussagen über den Leseprozess machen als frühere Untersuchungen. Die genaue Vorgehensweise des Parsers wird durch Prinzipien bestimmt. Die wichtigsten, ‚Late Closure‘ und ‚Minimal Attachment‘, zitiere ich aus Frazier (1979), die sie zuerst umfassend empirisch untersucht. Late Closure: When possible, attach incoming material into the clause currently being parsed. (Frazier 1979: 20) Minimal Attachment: Attach incoming material into the phrase-marker being constructed using the fewest nodes consistent with the well-formedness rules of the language under analysis. (Frazier 1979: 24) Als typisch gelten Sätze wie die (82)–(85) (82) (83) (84) (85)

The linguist knew the solution to the problem would not be easy. (NMA) Though Hilda finally agreed to sing the German Christmas carols she chosed turned out to be just awful. (EC) Though Hilda finally agreed to sing the German Christmas carols it turned out her voice was just awful. (LC) The linguist knew the solution to the problem. (MA)

Da knew in (82) sowohl eine Nominalgruppe als auch einen Satz regieren kann, entscheidet sich der Parser für die Nominalgruppe – und scheitert bei would. Er baut beim ersten the keinen neuen Satz auf und erfüllt damit das Minimal-Attachment-Kriterium.40 Zugrunde liegt, dass knew obligatorisch zweiwertig ist. Das bewirkt, dass sowohl ein Nebensatz als auch eine Nominalgruppe an das Verb angebunden werden. In (83) ist das anders. Der Satz stammt aus dem Testmaterial von Frazier/Rayner (1982: 206). Da sing nicht obligatorisch ein zweites Komplement

40

Generell sind die Voraussagen von Minimal Attachment abhängig von der syntaktischen Theorie. Frazier (1979: 25) und Frazier/Rayner (1982: 181) stellen ihre Sätze in einfachen Phrasenstrukturbäumen dar, Bader folgt der Prinzipien-und-Parameter-Theorie mit dem X-Bar-Schema (vgl. 1996: 17/52). Sie kommen in Bezug auf Minimal Attachment bis auf wenige Ausnahmen zu denselben Ergebnissen.

76

3 Grammatik online

fordert, könnte danach ein neuer Satz beginnen. Wenn der Parser bei turned erhöhte Verarbeitungszeiten zeigt oder eine Reanalyse beginnt, wäre er der LateClosure-Strategie gefolgt. (84) zeigt die Late-Closure-Variante von (83). Wie erwartet zeigten sich deutlich erhöhte Lesezeiten auf den desambiguierenden Wörtern der Early-Closure-Sätze (102 msec/L im Gegensatz zu 82 msec/L41, vgl. Frazier/Rayner 190)42. Die Lesezeiten waren auch insgesamt für Early-Closure-Sätze erhöht. Beim Minimal-Attachment ergab sich ein ähnliches Bild. Allerdings gab es für die Late-Closure-Sätze kein desambiguierendes Material, so dass die Lesezeiten hier nicht direkt verglichen werden konnten. Die Sätze endeten mit der Nominalgruppe wie in (85). Frazier und Rayner können nicht klären, welchen Einfluss die Rektion des Verbs in der Matrixstruktur bei Late-Closure spielt. Die Tatsache, dass die ambige Passage verbregiert ist, könnte eine Anbindung an den vorderen Satz deutlich forcieren. Auffällig ist außerdem, dass die Sätze ohne Kommas präsentiert wurden, die zwar aufgrund weniger strikten Kommaregeln im Englischen nicht stehen müssten, aber in der Regel dennoch gesetzt würden (vgl. Frazier/Rayner 1982: 185). Dem Komma wird aus Online-Sicht die Funktion zugeschrieben, ein Fehlparsing zu verhindern, gerade weil es den Leser dazu bringt, von seinen Standardroutinen, die ja gerade untersucht werden sollen, abzuweichen (vgl. Rayner 1989: 250). Bredel, die sich der Funktion von Interpunktionszeichen aus sprachverarbeitungstheoretischer Perspektive nähert (siehe Abschnitt 3.3.2), schreibt ihnen die gleichen lesespezifischen Funktionen zu: „Ich gehe davon aus, dass Interpunktionszeichen nur dann auftreten, wenn der Leser von Default-Strategien abweichen muss“ (Bredel 2009: 118 / vgl. Bredel 2011: 66–68 / Bredel/Primus 2007: 110 / Bredel 2008: 178). Das ist deshalb spannend, weil sich die Garden-Path-Theorie, die von unmittelbarem und wortkategorial gesteuertem Phrasenstrukturaufbau ausgeht, und Bredels Annahmen zum kopfgetriebenen Parsing in Anlehnung an Lohnstein zum Teil unterscheiden. Denn kopfgetriebenes Parsing geht bei kopffinalen Strukturen von verzögerter Prozessierung aus (siehe genauer Abschnitt 3.3). Trotzdem kann man sagen, dass sich in Bezug auf die Online-Forschung der In-

41

42

Frazier und Rayner geben die durchschnittliche Lesezeit in Millisekunden pro Buchstabe in einer Region an. Der Effekt war größer, wenn die ambige Passage länger war und damit den desambiguierenden Ausdruck nach hinten verschob.

3.2 Auer

77

terpunktionszeichen – vor allem der sogenannten syntaktischen Interpunktionszeichen – insgesamt die Auffassung einer seriellen und unmittelbaren Verarbeitung durchgesetzt (siehe auch Esslinger 2014 / Lindbüchl 2015: 83). Nur mit einer grundsätzlichen Vorstellung davon, wie gelesen wird, ist es überhaupt sinnvoll zu beschreiben, wie Interpunktionszeichen diesen Prozess steuern. Für die syntaktischen Zeichen ist ein syntaxorientiertes Lesemodell gefragt – ein Modell also, das die syntaktische Form so beschreibt, dass deutlich wird, welche Konstruktionsbedeutung ein Leser zu welchem Zeitpunkt aufbauen oder antizipieren kann. In so einem Modell ginge es nur um den syntaktischen Teil des Leseprozesses. Dass aber erstens für einen realen Leseprozess wohl nie ganz eindeutig ist, wie viel Syntax tatsächlich von einem Leser genutzt wird, und dass zweitens das syntaktische Moment allenfalls analytisch herausgelöst werden kann aus dem Leseprozess insgesamt, muss klar sein. Ein Lesemodell aus syntaktischer Sicht bleibt theoretisch und hochartifiziell. Es ist nicht lesepsychologisch und nicht mal notwendigerweise kognitionstheoretisch adäquat. Es ist weniger auf den Rezipienten gerichtet als auf Schriftsprache selbst. Ein sprachverarbeitungstheoretisches Vorgehen untersucht die Schriftsprache vor dem Hintergrund bestimmter, möglichst adäquater, Annahmen über die Sprachverarbeitung in Hinblick darauf, welche Strukturen der Schriftsprache für die Sprachverarbeitung relevant sein können – salopp formuliert: wie die Schriftsprache ihr eigenes Verstandenwerden abzusichern in der Lage ist. Im Folgenden sollen die Ansätze von Peter Auer zur ‚Online-Syntax‘ und von Bredel und Primus zur Subordination als ‚Defaultfall des Parsings‘ (vgl. auch Lindbüchl 2015) diskutiert werden. 3.2

Auer

Auer orientiert sich bei seiner Beschreibung an der sprachlichen Form. Er hält fest, „that an on-line approach to syntax does not permit right-to-left movement […]. […] late placement is possible (Auer 2005: 33). Im Gegensatz zu Lohnstein beschreibt Auer konzeptionell mündliche Beispiele, weil es ihm um einen Entwurf einer Syntax für die gesprochene Sprache geht. Aber auch er geht davon aus, dass die morphosyntaktische Information stets komplett vorhanden ist.43 Da einige

43

So lassen es zumindest die Transkriptionen vermuten (vgl. in Auer 2005/2007/2009).

78

3 Grammatik online

Grundannahmen nicht modalitätsspezifisch sind, sondern eher typisch für das Verstehen von Sätzen überhaupt, ist es sinnvoll, seine Theorie hier zu diskutieren.44 Auer knüpft eine adäquate grammatische Beschreibung der gesprochenen Sprache an drei Bedingungen. Sie muss inkrementell und dialogisch sein, und zudem der „Verfestigung häufig gebrauchter syntaktischer Muster […] Rechnung tragen“ (Auer 2007: 96). Für alle drei Eigenschaften ist die ‚Projektion‘ maßgeblich, die eine von drei wichtigen sogenannten ‚Operationen‘ darstellt. Operationen können als Verknüpfungsmodi beim Sprachverstehen gefasst werden, die mentale Relevanz haben.45 Projektionen gelten sowohl fürs Mündliche als auch fürs Schriftliche. Eine Projektion ist eine Erwartung in Bezug auf eine noch nicht eingelesene Struktur, die der Rezipient während einer Äußerung aufbaut (vgl. Auer 2009: 4). Ein Vorteil ist das Freiwerden von Verarbeitungskapazitäten, die es im Mündlichen erlauben, die Sprecheräußerung durch Ko-Konstruktion „ohne Verzögerung zu prozessieren“ (2007: 97). Außerdem können sie eine Rolle bei der Verteilung des Rederechts spielen, was hier aber nicht weiter erörtert wird. Es gibt drei Variablen, die Projektionen bestimmen: Projektionsanweisungen („projective procedures“, 2009: 4), Projektionsspanne und Projektionsstärke. Die Projektionsanweisung ist die auslösende Struktur; die Spanne ist die Reichweite der Projektion, die sich über mehrere Konstituenten erstrecken kann46 oder im Falle einer Adjazenzprojektion auch nur bis zum nächsten Wort reicht; bei kürzerer Projektionsspanne ist auch die Projektionsstärke größer als bei weiterer. Sie wird aber noch von anderen Determinanten bestimmt. Das Phänomen der Projektion grammatisch zu fassen ist nicht leicht, da unterschiedliche syntaktische Mechanismen wirken. Einige zeigt Abb. 22.

44

45

46

Auer selbst sieht das nicht so. Er kontrastiert mündliche mit schriftlicher Syntax (vgl. 2007). In seinen Ausführungen wird aber klar, dass mündliche Syntax vor allem auch als Online-Syntax verstanden werden kann. Dass es sich um mentale Prozesse handelt, schreibt Auer nicht direkt, sie werden aber im Grunde so behandelt. Bei der sogenannten „action projection“ kann die Projektionsspanne auch noch weiter sein. Sie beruht dann allerdings auf nicht-syntaktischem Wissen, z. B. über interaktionale Abläufe in bestimmten kommunikativen Settings (vgl. Auer 2005: 9–10/13).

3.2 Auer

79

Abb. 22: Projektionsstrukturen (Auer 2005: 15)

Der deutlichste bzw. stärkste Projektionsmechanismus ist Rektion.47 Es ist auch die einzige Relation syntaktischer Art, die Auer explizit erwähnt.48 Präpositionen regieren ein Nominal oder eine Nominalgruppe (zu à meiner Mutter)49. Auch dass meine in dem Beispiel eine Projektionswirkung auf Geschwister hat, ist gut nachvollziehbar, hier könnten zueinander passende Flexionskategorien in Anschlag (und als Relation Kongruenz bzw. ebenfalls Rektion) gebracht werden. Dagegen erscheinen andere Projektionen weniger zwingend. Es stellt sich die Frage, welchen kommunikativen Nutzen Projektionen haben, die so schwach sind, dass sie gleich eine ganze Fülle verschiedener Konstruktionen aufbauen. So projiziert meine Geschwister aus Abb. 22 nicht nur eine IP (inflected phrase, oberster Pfeil), sondern ein korreferentes Pronomen und damit sich selbst als Herausstellung nach links (vgl. Auer 2005: 15), so „[that] there are two competing projecetions in play, that are indicative for different constructions“ (ebd.). Allerdings erwähnt Auer hier nur diejenigen Projektionen, die auch tatsächlich eingelöst werden. Ein Maß für

47

48

49

Auer differenziert nicht zwischen der Rektion von fakultativen und obligatorischen Argumenten, für die jeweils von einer unterschiedlichen Projektionsstärke auszugehen ist. Andere, wie Kongruenz oder Positionsbezug lassen sich erschließen (vgl. Auer 2007: 98–101); für den pränuklearen Bereich führt Auer Beispielsweise die Serialisierungsrichtung (Modifikator vor Kopf) als projektionsauslösend an, was mit Positionsbezug bei Eisenberg zu vergleichen wäre (siehe Abschnitt 2.5). Auer benutzt den Pfeil, um auszudrücken, dass ein Element von einem vorangehenden projiziert wird.

3 Grammatik online

80

Projektionsstärke gibt es zwar nicht, aber nicht weniger stark als eine Herausstellung wäre sicherlich ein Relativsatz (meine Geschwister, die ich zu selten sehe ...), auch ein Präpositionalattribut ist bei weitem nicht ausgeschlossen (meine Geschwister aus Schleswig-Holstein ...). Außerdem wäre meine Geschwister auch in eine infinite Matrixstruktur integrierbar (meine Geschwister zu lieben, fällt mir bis heute schwer). Je geringer man die Schwelle ansetzt, ab der projiziert wird, desto mehr Projektionen müssen angenommen werden und desto näher kommt Auers Konzept einem unökonomischen wie unrealistischen parallelen Verarbeitungsmechanismus (siehe Abschnitt 3.1.1). Zudem darf eine inkrementelle Syntax, wie Auer sie ja fordert, zu keiner Zeit den Eindruck erwecken, dass eine Projektion sich erst aus einer gesamten Konstruktion ergibt, an deren Entstehen sie selbst beteiligt ist, sie brächte sich damit nämlich in die Nähe eines Offline-Paradigmas (siehe auch Abschnitt 3.3). Dieser Eindruck entsteht zuweilen, z. B. bei der Erörterung des projektiven Verhaltens von nur: „German nur is mostly used as […] part of a noun phrase. It then projects a following noun phrase“ (ebd: 17). Meines Erachtens unterschätzt Auer den Variantenreichtum von nur. Es lassen sich leicht Gegenbeispiele finden, die kaum ungewöhnlicher erscheinen als (86), bei dem nur als Teil der Nominalgruppe zwei Kugeln Eis zu analysieren ist, siehe (87)–(90): (86) (87) (88) (89) (90)

Sie will nur zwei Kugeln Eis. Er kommt nur langsam voran. Die Musiker wollen nur spielen. Du willst nur nicht verlieren. Das sagt er doch einfach nur so.

Eine ähnliche Problematik entsteht bei der Beschreibung von so. Auer legt in einem als konstruktionsgrammatisch verstandenem Ansatz sechs Verwendungsweisen von so fest, bei denen Sätze projiziert werden. Dabei werden aber von vornherein alle Konstruktionen aus der Betrachtung ausgeschlossen, die keine Sätze projizieren. Aber die projektionsauslösenden Konstruktionen überschneiden sich zum Teil. So wird bei der katadeiktisch korrelativen dass-Konstruktion ein dassSatz projiziert, siehe zum Beispiel Abb. 23.

3.2 Auer

81

Abb. 23: Beispiel für die Projektion von so (Auer 2007: 112)

Hier könnten ebenso gut auch nicht-satzwertige Vergleichskonstruktionen stehen (wie Taekwon-Do), was die Projektionsstärke insgesamt mindern sollte.50,51 Des weiteren wäre zu fragen, ob Auers Konstruktionen wirklich trennscharf voneinander in Bezug auf ihren projektiven Gehalt sind. So ist die Konsekutivkonstruktion (91) von der katadeiktisch korrelativen wie-Konstruktion (92) weniger anhand der Projektion unterscheidbar als vielmehr anhand der projizierten Struktur selbst, der Verarbeitungsvorteil scheint angesichts der Möglichkeiten, die so ermöglicht, verhältnismäßig gering. (91) (92)

er ist so dumm, à wie du ihn mir beschrieben hast ich bin so weit unten, à ich kann einfach gar nimmer weiter runter52

Die Frage ist dabei nicht, ob man verschiedene so-Gebrauchsmuster voneinander unterscheiden und entsprechende Konstruktionen annehmen kann, sondern ob während der Sprachverarbeitung von Teilen der Konstruktion tatsächlich auf andere in einem Maße geschlossen werden kann, dass es sich lohnte, Strukturen zu bilden oder strukturelle Erwartungen aufzubauen, die die Rezeption dann wirklich entscheidend erleichtern. Die Idee von Projektionen findet sich durchaus auch in anderen Parsing-Beschreibungen. Lohnstein geht davon aus, dass der Parser beim Einlesen einer subordinierenden Konstruktion wie dass eine CP-Struktur aufbaut, die eine noch nicht weiter bestimmte Agr-Projektion selegiert (vgl. Lohnstein 1994: 69). Frazier/Rayner diskutieren, dass mit dem Einlesen eines satzwertigen Subjektes ein gleichzeitig aufgebauter VP der Matrixstruktur zwischengespeichert werden muss, was den Arbeitsspeicher belastet (vgl. Frazier/Rayner 1987: 248–249). Für Bredel sind 50

51 52

Es bleibt aber nicht ausgeschlossen, dass der Kontext zusätzliche Hinweise eine bestimmte Konstruktion gibt. Auch ist nicht auszuschließen, dass Intonation und in der Schrift auch Interpunktion Satzwertigkeit erwarten lassen können. Dann wäre allerdings zu untersuchen, wie stark solche Faktoren die projektive Kraft von so-Konstruktionen beeinflussen. Grundsätzlich gilt aber, je mehr Möglichkeiten folgen können, desto schwächer ist die projektive Kraft eines einzelnen Ausdrucks – und desto höher der mentale Aufwand. Dieser Einwand kann für fast alle Beispiele geltend gemacht werden. Beispiele nach Auer (2007: 113/110).

3 Grammatik online

82

lediglich syntaktische Köpfe projizierend, das heißt, am Strukturaufbau beteiligt (vgl. Bredel 2011: 66–67, siehe folgenden Abschnitt 3.3). Entscheidend bei der Diskussion ist dabei stets Zweierlei: Auf der einen Seite ist zu berücksichtigen, welche Verarbeitungsmechanismen eine rezipierte Struktur evoziert; auf der anderen Seite, welche Vorhersagen die bereits rezipierte Struktur über den weiteren Verlauf macht. Elemente in einem Satz, die nicht vorausgesagt werden können (und selbst nicht projizieren), klassifiziert Auer ‚expansions‘ und ‚retractions‘ (vgl. 2009: 6–8). Erstere fügen syntaktische Strukturen hinzu, letztere nicht. Eine komplette on-line-syntaktische Analyse sieht dann folgendermaßen aus:

Abb. 24: ‚On-line‘-syntaktische Analyse (aus: Auer 2009: 8)

In Abb. 24 zeigen Pfeile (beidseitig) die Projektionen und Projektionserfüllungen an,53 nicht durch Pfeile verbundene Ausdrücke stehen in einem Expansions- und übereinander angeordnete in einem ‚Retraktionsverhältnis‘. Es ist anzumerken, dass syntaktische und syntagmatische Relationen hier nicht vorkommen, die Ana-

53

Eigentlich ist es so gedacht, dass einseitige Pfeile nicht eingelöste Projektionen ankündigen (hier: hanging topic), doppelseitige zeigen drücken realisierte Projektionen aus. Legt man den oben beschriebenen, relativ weiten Projektionsbegriff zugrunde, sind hier natürlich noch wesentlich mehr ‚leere‘ Projektionen denkbar.

3.3 Bredel

83

lyse sagt noch nichts über den funktionalen Aufbau der Äußerung, allerdings können Retraktionen offenbar keine syntaktischen Funktionen zugewiesen werden, die nicht auch schon frühere Konstituenten tragen (vgl. Auer 2009: 7). Expansionen können regiert sein (z. B. von Toronto), nicht aber obligatorisch. Auers Ansatz trägt dem inkrementellen Aufbau bei der Sprachrezeption vor allem Rechnung, indem er einbezieht, welche Elemente zu welchem Zeitpunkt im Prinzip erwartbar sein können. Offen bleibt die Frage, mit welchen Mitteln Projektionen genauer zu beschreiben sind. Gegensatz zu Bredel und Lohnstein ist Auers Projektionskonzept nicht rein syntaktisch und ist angesichts der Vielzahl möglicher Projektionen syntaktisch wenig ausdifferenziert; dadurch ist er in Bezug auf projizierten Konstruktionen aber auch weit weniger restriktiv. Das hat aber auch einen Nachteil: Wenn tatsächlich so viele Projektionen vorgenommen werden, wie es bei Auer möglich wäre, ist von einem hohen Verarbeitungsaufwand auszugehen bzw. möglicherweise lässt sich schon von einer Tendenz zu einer parallelen und damit einigermaßen unrealistischen Sprachverarbeitungskonzeption sprechen. Wie die Darstellung gezeigt hat, werden bei Auers konkreten Analysen trotzdem bisweilen spezifischere Projektionen vorgenommen, als die projektionsauslösende Struktur dies eigentlich zuließe. In diesen Fällen setzt sich Auers Ansatz unter Offline-Verdacht: Die adäquate Projektion erfolgt erst aus der Kenntnis der Gesamtkonstruktion heraus. Dadurch bekommt die Kritik an Auers Ansatz ein Gegensätzliches Moment: Auf der einen Seite ist die Schwelle für Projektion so niedrig, dass von vielen möglichen Projektionen auszugehen wäre; auf der anderen Seite ist nicht deutlich, warum in den konkreten Analysen dann doch weniger Projektionen vorkommen. Für das Online-Konzept in dieser Arbeit können der streng inkrementelle Aufbau, die Engmaschigkeit der Projektion sowie das Arbeiten mit syntagmatischen Relationen wie Rektion übernommen werden. 3.3

Bredel

Im ersten Teil dieses Abschnitts möchte ich kritisch diskutieren, wie der Leseprozess in Bezug auf die Erfassung der Funktion der Interpunktionszeichen beim Lesen konzeptualisiert wurde. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Syntax. Diesen Versuch unternommen hat bisher vor allem Ursula Bredel im Zuge des OnlineAnsatzes zur Erfassung der Interpunktionszeichen (vgl. Bredel 2005 / Bredel 2008 / Bredel/Primus 2007).

84

3 Grammatik online

Bredel verbindet psycholinguistische Ansätze (wie zum Beispiel das in der Interpunktionsliteratur mittlerweile vielzitierte ‚maximal chunk constraint‘ aus Frazier/Rayner 1988) mit den grammatischen Überlegungen aus Primus/Bredel (2007) und mit Parsing-Konzepten wie ‚Projektion‘ und ‚Linking‘ von Lohnstein. Letztere werden bei Lohnstein selbst allerdings nicht psycholinguistisch, sondern rein grammatisch, das heißt innerhalb der Government-and-Binding-Theorie entwickelt (vgl. Lohnstein 1993: 9–11). Mitunter sind alle diese Ansätze in ihren Grundannahmen allerdings recht verschieden. So geht Lohnstein von einer aus lesepsychologischer Sicht unplausiblen, für einen rein grammatischen Parser aber sicherlich angemessenen verzögerten Verarbeitung gesprochener Sprache54 aus, während Bredel eine weitgehend unmittelbare Verarbeitung annimmt und explizit die Schriftsprache und das Lesen in den Blick nimmt, wie ich in diesem Abschnitt zeigen werde. Für Bredel ist Subordination eine grundlegende, oberflächensyntaktische Verknüpfungsoperation, die bewirkt, dass adjazente Elemente standardmäßig (d. h. vor allem ohne dass Interpunktionszeichen intervenieren) als asymmetrisch verknüpft beschrieben werden können.55 ‚Subordination‘ als grammatischer Terminus wird so zu einem Begriff der theoretischen Lesepsychologie, der auch paraphrasiert wird mit ‚Unterordnung‘ (Bredel/Primus 2007: 90–112) oder ‚inkrementeller Aufkonstruktion syntaktischer Einheiten‘ (zum Beispiel Bredel 2005). Mitunter übernimmt Bredel auch die Termini ‚Projektion‘ und ‚Linking‘ von Lohnstein (vgl. Lohnstein 1993). Neben Subordination findet sich in der jüngeren Literatur sowohl bei Primus als auch bei Bredel der Ausdruck ‚syntaktische 54

55

Lohnstein konzipiert seinen Parser eigentlich für die gesprochene Sprache (vgl. 1993: 1). Allerdings sind alle Beispiele, die er diskutiert, schriftlich, was kein Problem darstellt, da er seine Theorie nicht empirisch überprüft. Mögliche universale Implikationen gesprochener Sprache, zu denen Koch und Oesterreicher zum Beispiel auch „Kongruenz‚schwächen‘“ (1985: 27) zählen, spielen dabei keine Rolle. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass alle Informationen, die schriftlich gegeben sind, stets auch gesprochensprachlich zur Verfügung stehen und auditiv wahrnehmbar sind (vgl. Lohnstein 1994: 54). Dazu gehören auch (ansonsten punktmarkierte) Satzgrenzen, nicht aber Kommas oder andere Interpunktionszeichen. Kommastrukturen werden bei der Erarbeitung vermieden. Die diskutierten Sätze weisen keine gesprochensprachlichen Merkmale auf. Im Ergebnis lässt sich Lohnsteins Verarbeitungsmodell als ‚schriftsprachlicher Parser‘ bezeichnen, in dem Interpunktionszeichen noch nicht berücksichtigt sind. Eine Ausweitung auf graphematischen Input ohne wesentliche Änderungen in der Verarbeitungstheorie, wie er sie später macht, ist auf diesem Hintergrund erwartungsgemäß (vgl. Lohnstein 1994: 57). Der Terminus ‚Subordination‘ ist zu unterscheiden von ‚direkter‘ oder ‚indirekten Dominanz‘. Die letzteren führt Eisenberg ausschließlich zur Beschreibung von syntaktischen Konstituentenstrukturen (vgl. Eisenberg 2006: 29–30), in diesem Zusammenhang ist bei dominierten Elementen ebenfalls von ‚Unterordnung‘ die Rede. Sie wird dann allerdings rein strukturell gefasst (siehe auch Abschnitt 2.7.).

3.3 Bredel

85

Integration‘ (ebenfalls Bredel/Primus 2007 / Primus 2008).56 Primus verwendet Integration und Subordination nebenher (vgl. Primus 2008: 4–6). Syntaktische Integration kann in einer Verwendungsart graduell verstanden werden und taucht häufig in Offline-Kontexten auf. Je stärker für einen einfachen oder komplexen Ausdruck syntaktische Restriktionen greifen, desto eindeutiger ist er in eine Matrixstruktur ‚integriert‘ und damit auch funktionalisiert (obligatorische Elemente gelten zum Beispiel als gut integriert). Daneben verwendet Bredel auch ‚integrative Lesart‘ zur Beschreibung von Nebensätzen, die eine syntaktische Relation in der Matrixstruktur erfüllen (im Gegensatz zu einer koordinierten Lesart; vgl. Bredel 2011). So gilt der Satz Gott lenkt in (93) als ‚integrativ‘ gelesen, wenn er als direktes Objekt zu denkt verstanden wird. (93)

Der Mensch denkt, Gott lenkt.57

Subordination hingegen meint – auch lesepsychologisch verstanden – die hierarchische Verknüpfung vor allem mittels Kopfelementen.58 Signalisiert wird dies durch „Kongruenz, Status oder Kasus“ (Primus / Bredel 2007: 110). Als problematisch daran kann gesehen werden, dass der subordinativ vorgehende Parser gebunden ist an das Ergebnis von mitunter in der Fachliteratur kontrovers diskutierten Analysen, wie die des Kopfes in der Nominalgruppe. Für einen grammatischen Parser, wie Lohnstein ihn entwirft, ist das unbedenklich, für psycholinguistisch motivierte Parser allerdings werden aus grammatischen Analysen folgenschwer psycholinguistische Implikationen abgeleitet. Die Ausführungen zum grammatischen Parsing bleiben stets skizzenhaft, wie Bredel auch selbst betont (vgl. Bredel 2011: 66) und konkrete Definitionen werden nicht gegeben, so dass sich daraus kein vollständiger Parser erschließt. Einmal mehr wirkt sich das Fehlen eines konzisen syntaktischen Beschreibungsrahmens nachteilig aus. Ein konkretes Beispiel dazu, wie das grammatische Parsing im Leseprozess nach Bredels Modell konkret abläuft, gibt sie erst 2011.

56

57 58

In Bredel 2015 und Bredel 2016 kommen noch die Begriffspaare ‚syntaktischer Abschluss‘ und ‚semantischer Abschluss‘ sowie ‚Weiterführung der Projektion‘ und ‚Weiterführung des Phrasenstrukturaufbaus‘ hinzu, dazu genauer in Abschnitt 3.3.2. Beispiel aus Bredel 2008: 175. Mitunter entsteht aber der Eindruck, dass beide Begriffe auch synonym verwendet werden, so wird ‚Koordination‘ bei Bredel auch mit ‚Integration‘ opponiert (vgl. Bredel 2005: 203–204), ansonsten wird vor allem mit ‚Subordination‘ zum Ausdruck gebracht, dass hierarchisch und nicht wie bei der Koordination quasi symmetrisch verknüpft wird.

86

3 Grammatik online

Die Ausrichtung auf Köpfe ist aber der Kernbestandteil – und darin ist es auch mit den Grundannahmen von Primus zum Komma vergleichbar (vgl. Primus 2007: 106–108). Das ist kein Zufall. Bredel skizziert das Parsing nicht zwecks einer umfassenden grammatischen Modellierung des Lesens, sondern um den Zugriff syntaktischer Interpunktionszeichen zu plausibilisieren. Beim Komma greift sie auf die frühe und (im Vergleich zu den damaligen Regelungen des Duden) außerordentlich kompakte und erklärungsmächtige Systematisierung von Primus zurück (vgl. Primus 1993: 246), die die beiden in eine Online-Version überführen (vgl. Bredel / Primus 2007: 112). Subordination ist online wie offline für den Zugriff von Interpunktionszeichen zentral. Ich möchte im Folgenden das Modell von Bredel bzw. Bredel und Primus kurz vorstellen und diskutieren. Die Ausführungen in Bredel/Primus 2007, Bredel 2008 und Bredel 2011 unterscheiden sich zwar zum Teil in der Terminologie, nicht aber in dem grundlegenden Konzept.59 Bredel legt für ihre sprachverarbeitungstheoretische Modellierung des Leseprozesses, wie eingangs bereits erwähnt, zwei grundlegende Prinzipien zugrunde, die an der Aufkonstruktion syntaktischer Strukturen und in diesem Sinne am syntaktischen Verstehen beteiligt sind. Das sind Projektion und Linking beziehungsweise Strukturaufbau und Strukturabgleich. Der entsprechende Sprachverarbeitungsmechanismus wird Subordination genannt (vgl. Bredel/Primus 2007: 110– 111; Bredel 2011: 66–67). Dieser Mechanismus funktioniert im Prinzip streng kopfgetrieben. Das gewählte Strukturformat ist angelehnt an die Oberflächengrammatik (vgl. Bredel 2011: 66). Ein als Kopf erkannter syntaktischer Ausdruck löst eine Projektion beziehungsweise einen Strukturaufbauprozess aus – eine Erwartungshaltung an einen oder mehrere weitere Konstituenten, die von diesem regiert werden, so gesehen ist der Projektionsbegriff auch vergleichbar mit dem von Auer (siehe Abschnitt 3.2). Wird ein entsprechendes Element eingelesen, erfolgt ein Strukturabgleichprozess (oder Linking), der dafür sorgt, dass die dem Kopf entsprechende Einheit mit ihm zusammen zu einer komplexen Einheit verbunden werden kann. Ich entscheide mich für den weiteren Verlauf für die Begriffe ‚Strukturaufbau‘ und ‚Strukturabgleich‘. Das einfachste Beispiel, das Bredel hierfür gibt ist (94).

59

Die Parsing-Idee, die der Darstellung in Bredel 2015 zugrundeliegt, lasse ich an dieser Stelle unberücksichtigt (siehe aber Abschnitt 3.3.2), vermutlich handelt es sich um eine didaktisch reduzierte Variante der Konzepte aus Bredel/Primus 2007, Bredel 2008 und Bredel 2011, denn die Systematisierung der syntaktischen Interpunktionszeichen ist 2015 im Prinzip identisch mit 2011 – allerdings mit anderen Begrifflichkeiten.

3.3 Bredel (94)

87

auf Vera

Die Präposition auf fordert als potentieller Kopf einer Präpositionalgruppe ein Nominal (Strukturaufbau). Wie auch bei Lohnstein lässt sich der Parsing-Prozess mithilfe grammatischer Teilstrukturen darstellen. Im Rahmen einer Online-Grammatik werden also nicht nur grammatische Begriffe wie ‚Subordination‘ oder ‚Kopf‘ sprachverarbeitungstheoretisch gewendet, sondern auch das entsprechende Strukturformat wird prozessual ausgelegt. Bis auf Abb. 25 gibt es in der bisherigen Interpunktionsliteratur noch keine Online-Darstellungen von Teil- oder Gesamtstrukturen (vor allem keine, die Interpunktionszeichen integrieren), sondern es bleibt bei einer Skizzierung der Parsingprinzipien.

Abb. 25: Online-Darstellung einer Teilstruktur (Bredel 2011: 67)

Abb. 25 zeigt also das Moment des Strukturaufbaus. Abb. 26 zeigt die vollständige Struktur, nachdem über den Strukturabgleich das passende Element Vera verbaut wurde. Das Prinzip ist vergleichbar mit einem Magneten (Kopf beziehungsweise Strukturaufbau), der ein magnetisches Element anzieht (Strukturabgleich), nur das es verschiedene Magneten für verschiedene Elemente gibt.

3 Grammatik online

88

Abb. 26: Online-Darstellung nach erfolgreichem Strukturabgleich (Bredel 2011: 67)

Führt man Bredels Konzeption für andere, komplexere Konstruktionen aus, wird deutlich, dass ein kopfgetriebener Parser eine verzögerte Verarbeitung bei rechtsköpfigen Strukturen bewirkt. Das möchte ich an dem Ausdruck (95) zeigen, der mehrere ineinander verschränkte Köpfe enthält. (95)

in das große Kino

Nach Bredels Konzeption enthält der Ausdruck in (95) drei Köpfe: in, das und Kino. Es resultiert der Strukturbaum in Abb. 27.60

Abb. 27: ausgebaute Präpositionalgruppe (vgl. Bredel 2011: 66)

Im nächsten Schritt möchte ich den inkrementellen Aufbau der Präpositionalgruppe darstellen und erörtern, wie sich der Parser unter Bredels Prämissen verhält. Abb. 28 zeigt – komprimiert in einer einzigen Darstellung – den gesamten 60

Die Konstituentenstruktur enthält einen entscheidenden Unterschied zur Oberflächengrammatik (welche für Bredels Darstellung ja Pate gestanden hat): Das Nominal das große Kino würde als eine einzige komplexe Nominalgruppe flach annotiert – mit dem Artikel als Kopf (vgl. Eisenberg 2013: 48–50). Der Vorteil eines zusätzlichen Kopfes für Bredels Konzeption liegt auf der Hand: So lässt sich ein engmaschiger Strukturaufbauprozess modellieren. Einmal mehr zeigt sich, wie die grammatische Analyse in diesen Modellen den Parsingprozess beeinflusst.

3.3 Bredel

89

Parsingprozess. Die Nummern unter den syntaktischen Einheiten sollen als Prozesszeitpunkte gelten.

Abb. 28: Präpositionalgruppe aus sprachverarbeitungstheoretischer Sicht nach Bredel 2011: 66–6761

Drei Dinge fallen dabei besonders auf: Erstens sistiert der Parser an Verarbeitungszeitpunkt 3 (gekennzeichnet durch die Linie mit Kugelenden). Denn große ist weder ein Kopf, der einen Strukturaufbau auslösen könnte, noch ist es ein Kern, dessen Kopf bereits eingelesen wäre und der schon im Rahmen eines Strukturabgleichs verbaut werden könnte. Der Parser führt hier also keinen Verarbeitungsschritt auf einer höheren Ebene durch. Auf der anderen Seite scheint es doch gerade hier – im sicheren Fahrwasser der Nominalgruppe – intuitiv keinen Grund zu geben, das Adjektiv nicht direkt zu verarbeiten. Es steht direkt nach dem Artikel, kongruiert mit diesem und ist zudem so flektiert, dass alsbald ein Kernsubstantiv zu erwarten ist. Das aber wird von Bredels Modell nicht erfasst.62 Problematisch ist dies aus sprachverarbeitungstheoretischer Perspektive deshalb, weil auch dann, wenn zum Beispiel ein Komma nach große intervenieren würde, das Modell davon 61

62

Die gestrichelte Linie nach rechts zeigt an, dass Kino Kopfelement zu weiteren Attributen sein kann, das hieße Strukturaufbau nach rechts. Bei Bredel/Primus scheint ein Rückgriff auf die kategoriale Ebene nicht gänzlich ausgeschlossen, geht aber nicht argumentativ in das Parsing-Konzept mit ein (vgl. Bredel/Primus 2007: 110).

3 Grammatik online

90

auszugehen hat, dass das Komma an dieser Stelle gar nicht verarbeitet wird. Das spricht aber gegen die Ergebnisse von Steinhauer & Friederici (vgl. 2001: 277– 278), die darauf schließen lassen, dass die Verarbeitung eines Kommas zusammen mit der Einheit geschieht, an die es klitisiert.63 Die zweite Auffälligkeit des Modells ist, dass der Strukturabgleich – und damit der Phrasenaufbau – erst zu Verarbeitungszeitpunkt 4 beginnt, also sehr spät und gewissermaßen von hinten. Denn: Erst wenn die Nominalgruppe vollständig ist, ist ein Element gegeben, das dem Artikel als Ergänzung dienen kann; und erst wenn die Determinierergruppe vollständig ist, kann der Strukturabgleich in Bezug auf die Präposition geschehen. Schließlich die dritte Auffälligkeit: Bei einer rechtsköpfigen Struktur wie der Nominalgruppe passieren Strukturaufbau und Strukturabgleich quasi gleichzeitig (siehe Verarbeitungszeitpunkt 4), so dass es wenig sinnvoll erscheint, diese beiden Teilprozesse überhaupt noch zu trennen. Dieser Umstand wird dann wichtig, wenn es darum geht, die Funktion von Interpunktionszeichen mithilfe von Strukturaufbau und Strukturabgleich zu modellieren (siehe Abschnitt 3.3.2). Zudem bleibt bei Bredel offen, auf welche Weise solche Elemente in die Struktur eingebaut werden, die entweder als gar nicht oder als nur schwach formal restringiert und daher auch als nicht oder als nur schwach kopfregiert eingestuft werden können, wie adverbiale Angaben.64 (96)

Sie werden morgen in das große Kino gehen.

So ist meines Erachtens nicht deutlich, wann und wie morgen aus (96) in die Konstituentenstruktur eingebunden wird. Weiterhin nicht klar ist, wie sich Sätze mit Verbalklammer in das Modell einfügen. Muss zunächst die gesamte Verbalklammer eingelesen sein (und der verbale Kopf damit vollständig), damit ein Strukturabgleich mit den verbregierten Komplementen geschehen kann? Oder könnte in (96) zum Beispiel das Subjekt Sie als strukturell regierter Nominativ und als über Kongruenz mit dem Verb der linken Verbalklammer liiertes Subjekt auch direkt mit diesem verrechnet werden, nicht aber andere, lexikalisch regierte, Objekte? Eine vergleichbare Frage stellt sich für Verbletztsätze; da der Kopf hinten steht,

63

64

Intuitiv deutet sich der unmittelbare Nutzen für den Leser nach große, an: Das Substantiv als Kopf der Nominalgruppe kann nicht folgen. Um das darzustellen, ist aber der kopfausgerichtete Parser von Bredel nicht geeignet, da die Erwartungshaltung beziehungsweise der Strukturaufbau nur von Köpfen ausgehen kann, in diesem Fall aber nicht von große. An dieser Stelle ist also – wie schon bei Auer – die Frage aufgeworfen, ob die Stärke einer Projektion graduierbar ist.

3.3 Bredel

91

müssten alle Phrasen zwischengespeichert werden und belasteten den Arbeitsspeicher (so ist es tatsächlich Vorlage von Lohnstein konzipiert, vgl. Lohnstein 1993). Aber ich möchte an dieser Stelle das Modell nicht weiterentwickeln, sondern nur Offenes benennen.

Abb. 29: Nominalgruppe online nach Bredel (2011: 66, links) und Auer (rechts)

Die Abb. 29 zeigt sehr einfach, dass die Konzeptualisierungen der Verknüpfungsoperationen von Bredel und Auer sich in ihren Voraussagen grundsätzlich unterscheiden. Da der Aufbau einer Verknüpfung bei Auer nicht an syntaktische Köpfe gebunden ist, lässt sein Modell eine nicht-verzögernde Verarbeitung der Nominalgruppe erwarten, die aus psycholinguistischer Sicht angemessen erscheint. Hingegen kann der Parser bei Bredel nette nicht verknüpfen, solange der rechtsstehende Kopf noch nicht eingelesen ist. Der Effekt der verzögernden Verarbeitung ist wie gesagt typisch für ‚kopfgetriebene‘ Parser. Mag die Differenz in einer kurzen Nominalgruppe unbedeutend erscheinen, tritt er umso deutlicher zutage, wenn man lange V-Letzt-Sätze oder eben solche mit Verbalklammer betrachtet (siehe 3.3.2). Das Problem bei Auers Version ist, dass sein Projektionskonzept zu unspezifisch in Hinblick auf die syntaktischen Prozesse bleibt, die diese bewirken beziehungsweise auslösen. Der Mechanismus, der den Artikel mit der Phrase aus Adjektiv und Substantiv verbindet, ist derselbe wie der zwischen Adjektiv und Substantiv oder zwischen anderen ganz verschiedenen oder auch gleichen Konstituenten, wenn man davon ausgeht, dass auch Koordinationsstrukturen im engeren Sinne projiziert werden können. Abschließend lässt sich feststellen, dass Bredels bloß kopforientierter Parser den Vorteil der Einfachheit mit sich bringt. Obwohl an der Oberflächensyntax orientiert (vgl. Bredel 2011: 66), nutzt er die zur Verfügung stehenden Beschreibungsmittel nur selektiv: Konstituentenstruktur und Kopfrelation. Das birgt aus lesetheoretischer Perspektive aber auch Nachteile. Die Diskussion der oberflächensyntaktischen Beschreibungsmittel in dieser Arbeit hat gezeigt, dass gerade

92

3 Grammatik online

die Kopfrelation und die Konstituentenstruktur einem hohen Abstraktionsgrad unterliegen – und zwar sowohl in formaler als auch in semantischer Hinsicht65: Syntaktische Köpfe sind das Ergebnis einer grammatischen Analyse des kategorialen Fundaments. Daher stehen sie in geringerem Maße mit dem semantischen Teil der Konstruktionsbedeutung in Verbindung als die weiter ausdifferenzierten traditionellen syntaktischen Relationen. Deswegen wurden sie gegenüber den anderen syntaktischen Relationen auch als ‚theorienäher‘ beschrieben (vgl. Seite 58). Ähnliches gilt für die Konstituentenstruktur, insbesondere für die komplexen Konstituenten. Die bloße Konstituentenstruktur zeigt ja positiv nur eine Art Zusammengehörigkeitsrelation an (siehe Abschnitt 2.7); Hinweise auf die traditionellen syntaktischen Relationen gibt die Konstituentenstruktur nur ex negativo: Nicht direkt nebengeordnete und einander nicht direkt dominierende Konstituenten unterhalten keine syntaktischen Relationen. Im Ergebnis zeigt sich also, dass zum einen dem reduzierten Bredel’schen Parsingdesign – unter Verzicht auf die traditionellen syntaktischen Relationen – im Vergleich zum vollausgestatten oberflächensyntaktischen Beschreibungsformat – in deutlich geringerem Maße die Darstellung der syntaktischen Konstruktionsbedeutung möglich ist. Zum anderen wird die kategoriale Basis, an der der Leseprozess ja ansetzt, nicht in die Beschreibung des Prozesses einbezogen. Ein letzter kritischer Punkt, der Bredels Parser von der Oberflächensyntax unterscheidet: Der entscheidende Schritt zum Aufbau einer Struktur in die zweite Dimension wird dort nicht über syntaktische Köpfe vollzogen, sondern – neben den syntaktischen Relationen – vor allem über die Markierungsstruktur mitsamt syntagmatischen Relationen. Köpfe (und Kerne) dienen hingegen der genaueren Beschreibung des inneren hierarchischen Aufbaus komplexer Konstituenten, sind aber selbst aus theoretischer Sicht nicht deren primärer Erkenntnisgrund. Köpfe lassen sich insofern als strukturkonstituierend interpretieren, als man die kategorialen Gegebenheiten sieht, die hinter ihnen stehen. Insofern sind sie eben abstrakt. Ein rein kopfausgerichteter Parser scheint also zu restriktiv, um ein serielles syntaktisches Parsing zu modellieren; hingegen hat das Projektionskonzept von Auer dieses Problem nicht, ist aber vage an der grammatischen Basis, weil zu unspezifisch in Bezug auf die zugrundeliegenden Formmittel.

65

Der hohe Abstraktionsgrad an sich würde kein Problem darstellen, wenn sich dadurch nicht auch Nachteile für die Beschreibung der Interpunktionszeichen beim Lesen ergeben würden (wie zum Beispiel die oben beschriebene verzögerte Verarbeitung). Tatsächlich ist das aber der Fall, wie ich im folgenden Abschnitt zeigen möchte.

3.3 Bredel

93

Aus dieser Diskussion sind die Ansprüche an einen oberflächengrammatischen Parser für die Ziele dieser Arbeit abzuleiten: Er sollte erstens auf einem basalen Level syntaktischen Erkennens ansetzen, das heißt bei der Markierungsstruktur als formbezogene Explikation (bottom-up-Aspekt). Zweitens sollte er einen streng inkrementellen, seriellen Strukturaufbau ermöglichen (Prozess-Aspekt). Und schließlich sollte er drittens gut ausgebaut sein in Hinblick auf die Darstellung der Konstruktionsbedeutung als Ziel syntaktischen Leseverstehens (top-down-Aspekt). Mit dem Abschnitt 3.4 wird dasselbe Ziel verfolgt, das Bredel und Primus mit ihren grammatischen Parsing-Ideen anvisiert haben: die syntaktische Sprachverarbeitung aus grammatischer Sicht soweit zu skizzieren, dass syntaktische Aussagen über Interpunktionszeichen, vor allem über Komma und Semikolon, möglich werden. Zunächst aber wird im Folgenden nachvollzogen, wie mit dem hier vorgestellten Parsing-Prinzip Interpunktionszeichen beschrieben worden sind und beschrieben werden können. 3.3.1

Zwischen online und offline und Determination und Determiniertheit

Der Wechsel zwischen Offline- und Online-Beschreibung der Interpunktion ist ein Meilenstein der neueren Forschungsgeschichte und ein Kennzeichen vieler einschlägiger Arbeiten zur Interpunktion und zur Interpunktionsdidaktik des 21. Jahrhunderts (Bredel / 2002 Bredel 2005 / Bredel/Primus 2007 / Bredel 2011 / Bredel/Müller 2015 / Bredel 2016 / Esslinger 2014/2016). In diesem Abschnitt möchte ich in einem ersten Schritt die Online- und die Offline-Annahme einander gegenüberstellen und die Problematik, die die Offline-Annahme mit sich bringt, kurz erläutern. Es folgt eine kritische Darstellung der Online-Modellierung des Kommas nach Bredel. Im Ergebnis wird sich zeigen, dass eine Diskrepanz zwischen Online-Programmatik und Offline-Realität bei der Beschreibung des Kommas besteht. Der Begriff „Offline“ wird in Bezug auf die Interpunktionsbeschreibung meines Wissens von Bredel eingeführt (vgl. Bredel 2005: 186). Mit der Offline-Auffassung wird „die Interpunktion als vom Leseprozess unabhängiges System von Konstruktionsmarkierungen“ (ebd.) rekonstruiert (vgl. Bredel 2008: 14).66 Kennt

66

Hingegen findet sich ‚online‘ mit Bezug auf die Analyse von Interpunktionszeichen aus Leserperspektive schon in Bredel 2002: 132.

94

3 Grammatik online

man die syntaktische Konstruktion, ist daraus ableitbar, welches Interpunktionszeichen an welcher Stelle zu setzen ist. Auch schon in Interpunktionskonzeptionen, die dem Offline-Paradigma des 20. Jahrhunderts verpflichtet sind, waren die Beteuerungen zahlreich, die Interpunktion diene grundsätzlich dem Leser (vgl. Baudusch 2007: 239 / Duden 2007: 38 / Duden 2006b: 119 / amtliche Regelungen 2006: 73). Eine verbreitete Begründung für diese Annahme ist die Tatsache, dass man schlicht mehr liest als schreibt (vgl. zum Beispiel Duden 2007/Duden 2014: Vorwort). Trotzdem blieb der Versuch aus, dies zum Ausgangspunkt einer Analyse oder Beschreibung der Interpunktion zu machen. Das geschah erst im 21. Jahrhundert, maßgeblich durch Bredel 2008 mit dem Versuch, eine Systematik für die gesamte Interpunktion aus Lesersicht zu entwerfen. Die zweite Unterscheidung, die sich bei der Beschreibung von Interpunktionszeichen treffen lässt, wird in der gegenwärtigen Literatur nicht explizit benannt. Sie betrifft die Stellung der Interpunktion im Schriftsystem und die Frage, inwiefern syntaktische Gegebenheiten an die Interpunktion als Formmittel gebunden werden. So kann man den syntaktischen Bedeutungsanteil eines Zeichens als von den syntaktischen Strukturen determiniert ansehen (dann wäre dieses Zeichen allerdings streng genommen nicht als ein konstitutives Formmittel zu betrachten, sondern tatsächlich ausschließlich als Lesehilfe), oder man kann ein Zeichen als strukturdeterminierend ansehen, vergleichbar zum Beispiel mit Wort- und Einheitenkategorien. Nun steht nach den gängigen Beschreibungen die Offline-Perspektive zwar dem Ansatz nahe, die Interpunktion als determiniert und nicht als determinierend anzusehen, bei genauerem Hinsehen lässt sich beides analytische aber voneinander trennen. So kann die eine Analyse zwar offline angelegt sein, dass heißt in erster Linie, die gesamte Konstruktion zum Ausgangspunkt nehmen, aber trotzdem kann sie davon ausgehen, dass ein Interpunktionszeichen ein konstitutiver Teil der analysierten Struktur darstellte. Umgekehrt kann eine Analyse online aufgebaut werden, also vor allem sukzessive im Sinne eines gedachten Leseprozesses, und gleichzeitig kann angenommen werden, die Interpunktionszeichen seien durch die syntaktische Struktur determiniert und verdeutlichen diese Struktur nur für den Leser.

3.3 Bredel

95

Abb. 30: Perspektiven der Interpunktionsbetrachtung

Abb. 30 zeigt, dass sich Modellierungen der Interpunktion in einem doppelten Spannungsfeld bewegen: zwischen online und offline einerseits und dazwischen, sie entweder als determinierte oder als determinierende Zeichen anzusehen, andererseits. Die übliche Offline-Perspektive des zwanzigsten Jahrhunderts ist die, dass die syntaktischen Zeichen hauptsächlich als von syntaktischen Konstruktionen determiniert angesehen werden, das zeigt Reihe 1 in Abb. 31.67 Mit der Beschreibung des Kommas von Primus (1993) ist das Komma determiniert durch relationale Verhältnisse, die es umgibt. Daraus folgt eine syntaktische Konstruktion (Reihe 2 in Abb. 31).68 Die Ökonomie von Primus’ Beschreibungen resultiert daraus, dass sie von den einzelnen Konstruktionen mit Komma abstrahiert und auf die relationalen Verhältnisse abhebt.

67

68

Diese Sichtweise findet sich zum Beispiel in Behrens 1989, Baudusch 1981/2007, Gallmann 1985 und in den AR 2006. Diese Sichtweise findet sich zum Beispiel in Primus 1993/1997/2010.

3 Grammatik online

96

Abb. 31: Sichtweisen auf die Interpunktion im Vergleich

Mit Bredels Online-Konzeption ist das Interpunktionszeichen determinierend für eine bestimmte Verknüpfungsoperation und daraus folgend für ein relationales Geschehen, das in die eine oder andere syntaktische Konstruktion mündet (Reihe 3 in Abb. 31) 69; bei Bredels Analysen steht im Vordergrund, dass die Interpunktion determinierend innerhalb des Leseprozesses ist. Und in dem Ansatz dieser Arbeit ist es ganz ähnlich: Interpunktionszeichen werden als prägend für syntaktische und syntagmatische Relationen angesehen, daraus folgt eine syntaktische Struktur, die als syntaktische Konstruktion gedeutet wird, wobei letztere Sichtweise offen ist sowohl für eine Online- als auch für eine Offline-Modellierung. Obwohl die Amtlichen Regelungen 2016 zur Interpunktion allgemein dem Offline-Paradigma zugeordnet werden, finden sich einige Einzelregeln, die vom Wortlaut her nahelegen, dass sie mit Blick auf den Leser beziehungsweise den Leseprozess konzipiert sind. Exemplarisch gebe ich hier § 67 und § 78 wieder. § 67: Mit dem Punkt kennzeichnet man den Schluss eines Ganzsatzes. § 78: Oft liegt es im Ermessen des Schreibenden, ob er etwas mit Komma als Zusatz oder Nachtrag kennzeichnen will oder nicht. (amtliche Regelungen 2018)

Beide hier zitierten Regeln weisen ihre scheinbare Leserorientierung durch das Verb ‚kennzeichnen‘ aus. Die Amtlichen Regelungen wählen diese Formulierung in Fällen, bei denen aus Lesersicht ausschließlich das Interpunktionszeichen die entsprechende Konstruktion anzeigt. Das ist besonders deutlich durch die Beispiele zu § 78:

69

Zum Beispiel in Bredel 2005/2008/2009/2011 und Bredel/Primus 2007.

3.3 Bredel (97)

97

Sie hatte(,) trotz aller guten Vorsätze(,) wieder zu rauchen angefangen.70

Wie ist es zu erklären, dass gerade in diesen Fällen das Komma in den Regeln als Lesehilfe etikettiert ist, wo ansonsten nur konstruktionsbezogen geregelt wird? – An Beispielen wie (97) ist es unumgehbar, die Kommas als konstruktionsdeterminierend für den Leser zu interpretieren. Denn sie sind der einzige Erkenntnisgrund für die Herausstellungslesart. Die Vorstellung, die durch die Regelformulierung in suggeriert wird, ist insofern schräg, dass die Interpunktion aus der syntaktischen Konstruktion folge, die ‚eigentlich schon da‘ sei. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass es für den Satz in (97) je nach Interpunktion zwei Lesarten gibt (die sich im Übrigen auch im Intonationsverlauf unterscheiden dürften, vgl. Fuhrhop/Peters 2013: 163–166 / Peters 2006). Stünde dem Autoren wirklich frei zu entscheiden, ob er eine Herausstellung wie in (97) kommatiert, würde das einen kompetenten Leser in ein Dilemma führen, dieser wäre nämlich öfter mit ambigen syntaktischen Strukturen konfrontiert, als ihm lieb sein kann. Denn viele adverbiale Angaben und Attribute in kanonischer Position sind herausstellbar. Aber weil ein Interpunktionszeichen eben die einzige Möglichkeit ist, dem Leser verstehen zu geben, dass es sich um eine Herausstellung handelt, ist das Interpunktionszeichen auch obligatorisch. Wäre dem nicht so, wären die Sätze (97)–(99) ohne stets global ambig. (98) (99)

Viele adverbiale Angaben(,) in kanonischer Position(,) sind herausstellbar. Viele adverbiale Angaben sind(,) in kanonischer Position(,) herausstellbar.

Davon ist aber nicht auszugehen. Was sich als konstruktionsdeterminierende Online-Regel geriert, entpuppt sich als verschleppte beziehungsweise übergeneralisierte Offline-Bestimmung – weiterhin konstruktionsmarkierend formuliert und nicht konstruktionsdeterminierend. Die Argumentation mag spitzfindig erscheinen, aber sie offenbart, mit welchem Selbstverständnis über Interpunktionszeichen, vor allem das Komma, nachgedacht wird. Anderen syntaktischen Mitteln würde man diese Funktion, konstruktionsdeterminierend zu wirken, nicht so

70

Beispiel aus den amtlichen Regelungen 2016: 88.

3 Grammatik online

98

schnell absprechen. So erscheint es unstrittig, dass mit dem Dativ in (101) die Lesart als adverbiale Angabe gegenüber der als adverbiale Ergänzung in (100)nicht bloß als solche gekennzeichnet wird, sondern dass sie mit dem Dativ erst hergestellt wird. (100) (101)

Eva sprintet auf den Berg. Eva sprintet auf dem Berg.

Nimmt man Interpunktionszeichen schriftanalytisch ernst, ist das Komma in Fällen wie (97) also nicht freigestellt, sondern der Autor hat die Wahl zwischen zwei syntaktischen Konstruktionen (vgl. Primus 1993). Trotz Online-Programmatik bleiben die Amtlichen Regelungen in ihrer Regelformulierung also dem Offline-Gedanken verpflichtet – selbst in Regelformulierungen wie in dem oben auf Seite 96 zitierten § 78, die auf den ersten Blick leserbezogen erscheinen. Diese Diskrepanz stellt auch Bredel für andere Systematisierungen der Interpunktionszeichen des 19. Jahrhunderts fest (vgl. Bredel 2008: 14/18). Bredel beschreibt mehrere Nachteile der Offline-Beschreibung der Interpunktion (vgl. Bredel 2008: 15–18), die ich im Folgenden wiedergeben möchte. Viele Interpunktionszeichen werden notwendigerweise als polyfunktional angesehen, weil sie vom Ergebnis des Leseprozesses her beschrieben werden – und dieses Ergebnis könne mehrere Konstruktionen umfassen. Der Bindestrich beispielsweise werde in Offline-Konzeptionen „als Bindestrich oder als Trennstrich“ (Bredel 2008: 15; Unterstrichen i. O.) gesehen. Aber es gebe nur einen Bindestrich mit einer einzigen sprachverarbeitungstheoretisch beschreibbaren Funktion, nämlich die Ausdrücke, die den Bindestrich säumen, syntaktisch als nicht-autonom zu interpretieren (vgl. ebd.). Die polyfunktionale Bestimmung resultiere aus dem Blickwinkel auf die verschiedenen Ergebnisse des Verarbeitungsprozesses, die auf den ersten Blick darüber hinwegtäuschen können, dass sie auf eine einzige sprachverarbeitungstheoretische Instruktion zurückgehen. Ich schließe mich dieser Kritik von Bredel grundsätzlich an, möchte aber zwei Anmerkungen machen. Erstens ist Polyfunktionalität zwar typisch für viele dem Offline-Paradigma verpflichteten Arbeiten, aber sie folgt nicht zwingend daraus, sondern aus dem offline-typischen konstruktionsfixierten Blickwinkel. Schon 1993 zeigt Primus in Bezug auf das Komma, dass auch mit einem Offline-Ansatz die Funktion des Kommas höchstkondensiert darstellbar ist (vgl. Primus 1993/1997). Sie erreicht dies dadurch, dass sie nicht direkt auf die Konstruktionen

3.3 Bredel

99

fokussiert, sondern darauf, wie das Komma die relationalen Verhältnisse um sich herum prägt. Erst aus diesen Verhältnissen ergeben sich dann die kommatypischen syntaktischen Konstruktionen. Umgekehrt heißt das, dass auch eine Online-Betrachtung nicht gefeit ist gegen Polyfunktionalität, wenn sie zu stark konstruktional argumentiert (siehe Abschnitt 3.3.2). Das Zweite ist, dass die Eleganz einer monofunktionalen Bestimmung erkauft ist durch die Heterogenität zentraler Begriffe (bei Bredel/Primus 2007 zum Beispiel der ‚Kopf‘ und ‚Subordination‘) und einen hohen Abstraktionsgrad der Bestimmung. Dies ermöglicht es, das Komma für ganz unterschiedliche syntaktischen Umgebungen einheitlich zu beschreiben. Eine Alternative wäre eine stärker an Konstruktionen rückgebundene Beschreibung, wie sie in dieser Arbeit auf Grundlage der Oberflächensyntax skizziert wird. Der zweite wichtige Kritikpunkt, den Bredel gegen das Offline-Paradigma weiter ausführt, ist Allosyngraphie: „Bei Kontextidentität, aber verschiedenen Satzzeichen muss ein Alloverhältnis dieser Satzzeichen angenommen werden“ (Bredel 2008: 15), zum Beispiel wenn Parenthesen beziehungsweise Herausstellungen sowohl durch Kommas als auch durch Klammern als auch durch Gedankenstriche ausgezeichnet werden können. (102) (103) (104)

Sie saßen (es war Winter geworden) in der Stube. Sie saßen – es war Winter geworden – in der Stube. Sie saßen, es war Winter geworden, in der Stube. (Beispiele aus Bredel 2008: 15)

Auch wenn die syntaktischen Konstruktionen vergleichbar erscheinen, so sind es der Leseprozess insgesamt und auch das Verständnis nicht. Gleich mag das syntaktische Ergebnis sein, nicht aber die Zeichenfunktionen, mit dem dieses Ergebnis hergestellt wird (vgl. Bredel 2008: 15–16). Führt man sich aber vor Augen, dass auch eine Herausstellung oder eine Koordination sich für den Leser erst syntaktisch erschließen muss – und zwar sukzessive –, wird klar: Für den Leser sieht eine Konstruktion bis zum Komma online stets gleich aus, unabhängig davon, was dem Komma folgt. Ohne Komma liegt – online – keine syntaktische Grenze vor, mit Komma schon. Das Komma ist damit online konstruktionsdeterminierend, auch wenn die Schrift offline mehrere Mittel bereitstellt, eine Konstruktion zu identifizieren. Darin unterscheidet sich das Komma aber nicht von anderen Mitteln, die den Konstruktionsaufbau steuern. Auch ein Nebensatz wird nicht nur durch ein Einleitewort gekennzeichnet. Auch ein von einer Präposition regiertes Nominal wird nicht nur durch seinen Kasus als solches erkennbar, sondern auch

3 Grammatik online

100

durch Wortstellung und Nominalität. Zusammenfassend: Wenn man einer Programmatik folgen will, die Interpunktionszeichen als Hilfszeichen für den Leser ansieht, kann dies nur eingelöst werden durch eine Beschreibung dessen, wie sie im Leseprozess am Relations- und schließlich am Konstruktionsaufbauprozess beteiligt sind, also als determinierend. Sie sind dann nicht mehr oder weniger ‚Lesezeichen‘ als andere sprachliche Mittel auch. Sie im Rahmen einer Offline-Analyse ebenfalls als determinierend anzusehen, ist von dieser Warte aus konsequent. 3.3.2

Sprachverarbeitungstheoretische Modellierung des Kommas nach Bredel

Im Folgenden wird der in 3.3 diskutierte Parser vor allem mit dem Komma konfrontiert. Dabei greife ich zurück auf die Darstellungen der syntaktischen Interpunktionszeichen in Bredel 2011 und Bredel 2008. Die Ausführungen aus Bredel 2008 sind eng angelehnt an Bredel/Primus 2007, aber umfangreicher. Das besondere Merkmal an Bredels Darstellungen ist, dass die Sprachverarbeitungsprozesse beziehungsweise Lesarten schon gleich zugeschnitten sind auf die Systematisierungen der Zeichen. Bemerkenswert ist, dass sich die verschiedenen Systematisierungen alle auf das gleiche Format bringen lassen, trotz zum Teil recht unterschiedlicher zugrunde gelegter Begriffe.71 Das sollen im Folgenden Tab. 2 bis Tab. 672 zeigen, zu vergleichen sind besonders die Vorspalten der Tabellen. Tab. 2: Sprachverarbeitungsprozesse der syntaktischen Zeichen nach Bredel 2008: 190

71

72

Von ‚Synonymität‘ der Begriffe kann natürlich nicht ausgegangen werden. Inwiefern die dahinterstehenden Konzepte tatsächlich vergleichbar sind, lasse ich an dieser Stelle offen. Da aber die Einführung eines neuen Begriffspaars nicht begründet wird, bleibt der vergleichende Leser bisweilen etwas ratlos zurück. Die Tabellen sind zum Teil Extrakte der Vorlagen. Die Architektur der Darstellung ist kann verändert sein, nicht aber die Merkmale beziehungsweise Eigenschaften der Interpunktionszeichen.

3.3 Bredel

101

Tab. 2 ist so zu verstehen, dass das Komma es auch zulassen kann, dass sowohl phrasale als auch lexikalische Informationen nicht weiterverarbeitet werden können (abhängig von der Konstruktion), während das Semikolon und der Doppelpunkt „jeweils nur einer der drei Kommadomänen ausfiltern“ (Bredel 2008: 179). Tab. 3: Resultierende Lesarten aus den Sprachverarbeitungsprozessen (siehe Tab. 2), nach Bredel 2008: 176

Die für Tab. 2 schon angedeutete Polyvalenz des Kommas bestätigt sich in Tab. 3, die die möglichen Lesarten, die die syntaktischen Zeichen zulassen, darstellt. Bredels vielzitierter Beispielsatz, um die Lesarten zu verdeutlichen, ist Der Mensch denkt, /; /: / . Gott lenkt (vgl. Bredel 2008: 175). Auch hier erscheint die Tabelle auf den ersten Blick irreführend, denn das Komma lässt sowohl so interpretieren, dass die koordinative Lesart nicht zum Zuge kommt, als auch so, dass die integrative Lesart nicht aktiviert wird, nämlich in dem Fall, wo Gott lenkt als Satzkoordination verstanden wird. Wie ich gleich zeigen möchte, birgt diese Grundidee, das Komma sei unter den syntaktischen Interpunktionszeichen ein Art Alleskönner (Esslinger nennt es dementsprechend „‚all-in-one-Zeichen‘“, Esslinger 2014: 22), die Gefahr eines konstruktionszentrierten Offline-Verständnisses. Tab. 4: Sprachverarbeitungsprozesse der syntaktischen Zeichen nach Bredel 2011: 89

Tab. 4 zeigt die Sprachverarbeitungseigenschaften der Zeichen mit den Begrifflichkeiten, wie sie auch in 3.3 zugrunde gelegt wurden. In der Tabelle sind nur die sogenannten irreversiblen Blockadeeigenschaften aufgelistet; da die Kommablockaden jedoch reversibel sind, ist hier zweimal ein Minus eingetragen, demzufolge sind die Werte der Tabelle komplementär zu Tab. 2, in ihrer Systematik aber –

102

3 Grammatik online

trotz unterschiedlicher Prozesse – letztlich identisch. Das Komma sei als einziges Zeichen in der Lage, reversible beziehungsweise temporäre Blockaden zu errichten – und zwar sowohl Aufbau- als auch Abgleichsblockaden, und sowohl beide gleichzeitig als auch je einzeln (vgl. Bredel 2011: 89). Je nach Konstruktion eben. Und hier deutet sich eine gewisse Konstruktionszentriertheit schon an, und zwar so, dass die resultierende Konstruktion letztlich das Blockadeverhalten bestimmt. Das Ergebnis bestimmte dann den Prozess. In einer online-Analyse sollte aber aus dem Blockadeverhalten eigentlich die Konstruktion folgen. Schauen wir weiter, ob sich diese Vermutung erhärtet. In Bredel 2015 und Bredel 2016 finden sich folgende Tabellen:

Abb. 32: Sprachverarbeitungsprozesse aus Bredel / Müller 2015, S. 9 (oben) und aus Bredel 2016, S. 29 (unten)

Die beiden Tabellen aus Abb. 32 lassen sich auf das Format der obigen Tabellen bringen.

3.3 Bredel

103

Tab. 5: Sprachverarbeitungsprozesse der syntaktischen Zeichen nach Bredel / Müller 2015, S. 9

Tab. 6: Sprachverarbeitungsprozesse der syntaktischen Interpunktionszeichen nach Bredel 2016: 29

Man sieht auch hier, dass die Verteilung der Merkmale – bei wechselnder Terminologie – sehr ähnlich, bisweilen sogar identisch ist. Besonders in der Darstellung von Tab. 6 wiederholt sich, was schon für Tab. 4 festgestellt wurde. Das Komma kann zu einer Weiterführung der Projektion und des Phrasenstrukturaufbaus führen oder auch den jeweiligen Prozess blockieren73. Auch hier erscheint die Leseinstruktion an die jeweilige Konstruktion gebunden. Dass der Parser aus diesen verschiedenen Leseinstruktionen (die ja aber eigentlich auf ein und denselben Mechanismus – Nichtsubordination – zurückgehen sollen, vgl. Bredel 2011: 68) tatsächlich erst nach dem Aufbau der entsprechenden Konstruktion überhaupt die Sprachverarbeitungsmechanismen anwählen kann, die ihn eigentlich erst zu der Konstruktion führen sollen, zeigt sich auch, wenn man den Bredel’schen Parser einmal ‚laufen lässt‘. Im Folgenden wird der Parsingprozess wie in Bredel 2011 dargestellt. Im Unterschied zu Abschnitt 3.3 nun mit Komma. Nehmen wir an, der Parser hat zu Beginn eines graphematischen Satzes eine einfache Nominalgruppe eingelesen, der ein Komma folgt; der dem Komma folgende Ausdruck ist noch nicht eingelesen, siehe Abb. 33.

73

Zu den Begrifflichkeiten: ‚Weiterführung der Projektion‘ in Tab. 6 beziehungsweise in Abb. 32 rechts entspricht der ‚Strukturabgleichblockade‘ in Tab. 4 und der Durchlässigkeit für lexikalische Information in Tab. 2.

104

3 Grammatik online

Abb. 33: Nominalgruppe mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011

Wie lässt sich die Funktion des Kommas nun online mit den Begriffen Strukturaufbau und Strukturabgleich beschreiben? – Noch gar nicht: Im Falle einer Koordination handelte es sich um eine Strukturaufbaublockade, im Falle einer Herausstellung um eine Strukturabgleichsblockade, im Falle einer Satzgrenze um beides. Das Komma instruiert den Leser zu keiner bestimmten Blockadekonstellation. Und das ändert sich auch nicht mit dem nächsten Verarbeitungsschritt.

Abb. 34: Konstruktion mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011

Ob Aufbau- oder Abgleichsblockade, das bleibt auch in Abb. 34 unklar. Auch nach einigen weiteren Ausdrücken wird die Blockadesituation nicht unbedingt deutlicher, wie Abb. 35 zeigt.

Abb. 35: Erweiterte Konstruktion mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011

Selbst vier Verarbeitungszeitpunkte später herrscht noch keine Klarheit, was hier laut Bredel blockiert wird und was nicht. Denn immernoch ist die Konstruktion nicht zu identifizieren. Folgende Fortgänge sind denkbar:

3.3 Bredel (105) (106) (107) (108)

105

Diese Bilder, die in den großen Kisten und die neben der Tür sollen alle noch verschickt werden. Diese Bilder, die in den großen Kisten, findet er nicht schön. Diese Bilder, die in den großen Kisten gelagert sind, sollen alle noch verschickt werden. Diese Bilder, die findet er schön.

In (105) liegt Koordination vor. Strukturaufbau wäre untersagt, Strukturabgleich zugelassen (vgl. Bredel 2011: 77) – aber nicht aufgrund einer Projektion (vgl. ebd: 69). Wie er das Komma lesen soll, würde der Leser erst sieben Verarbeitungsschritte später erschließen können (für andere Beispiele noch später), nämlich aus dem Verständnis der Gesamtkonstruktion. Strukturabgleich und Strukturaufbau beziehungsweise entsprechende Begriffe (siehe Tab. 2 – Tab. 6) enttarnen sich so als Offline-Termini – die aber online interpretiert werden. Es resultiert das ‚Koordinationskomma‘ (siehe Abb. 32), das Komma also, das den Leser zur Koordination instruiere. Koordination wird zur Kommafunktion (vgl. zum Beispiel auch Bredel 2016: 28). In Bezug auf den Ausdruck „ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon“ (ebd.) schreibt Bredel, die Projektion werde „(temporär) blockiert; die rechts und links vom Komma stehenden Einheiten74 werden nicht subordinativ, sondern koordinativ verrechnet, sind also strukturelle Kopien voneinander“ (ebd.). Dem Komma wird offenbar die Eigenschaft zugeschrieben, dem Leser anzuzeigen, er solle die Projektion blockieren. Diese Anweisung, kann aber, wie gezeigt, in der Regel erst unter Berücksichtigung der Gesamtkonstruktion – also offline – gegeben werden.

74

Der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff ‚Einheit‘ stimmt nicht überein mit dem Ausdruck ‚syntaktische Einheit‘, wie er in dieser Arbeit verwendet wird. Dahinter stecken nämlich gleich zwei nicht zu unterschätzende und meines Wissens nur von Primus in Ansätzen bearbeitete Probleme: Wie groß ist der Umfang der vom Komma betroffenen Ausdrücke? Primus spricht aus Offline-Perspektive allgemein von einfachen oder komplexen Ausdrücken (vgl. Primus 1993: 246 / Primus 2010: 35–36), Bredel übernimmt die Terminologie zunächst dort, wo sie sich direkt auf Primus’ Regel bezieht (vgl. Bredel/Primus 2008: 112 / Bredel 2008: 178), weicht aber später davon ab und spricht nur noch von ‚Einheit‘ (vgl. Bredel 2011: 68). Aus Online-Sicht ist die Frage noch drängender: Woher kann ein Leser wissen, wie groß der Skopus des Kommas ist, das heißt auf was sich die Subordinationsblockade eigentlich bezieht? Ein grundsätzliches systematisches Problem entsteht bei komplexen Konstituenten. Bei in das Auto herrscht zwischen in und das kein subordinatives Verhältnis, ein Komma darf trotzdem nicht stehen. Bei dem Satz Sie kauft ihr das Spielzeugauto herrscht zwischen ihr und das Spielzeugauto auch keine Subordination – und trotzdem darf kein Komma stehen. Primus bietet offline eine OTLösung im Rahmen der X-Bar-Theorie (vgl. Primus 2007: 106–107).

3 Grammatik online

106

Esslinger, die in ihrer Rezeptionsstudie der syntaktischen Interpunktionszeichen besonders auf die Online-Konzeption angewiesen ist, erbt das Problem: (109) (110)

Der Prinz will, die Prinzessin nicht. (aus Esslinger 2014: 26) Herr Rubel berät, Frau Taler nicht. (ebd.)

Mit Blick auf (109) und (110) schreibt sie: „Nur wer das Komma adäquat als syntaktische Kopieranweisung verrechnet, bricht seinen laufenden Strukturaufbau ab, verrechnet will und berät als einstellige, gesättigte Verben und baut nach dem Komma eine strukturell identische Phrase auf, die koordiniert wird“75 (Esslinger 2014: 26). Die „syntaktische Kopieranweisung“ beziehungsweise der Strukturaufbauabbruch wird als Kommainstruktion identifiziert, aus der Koordination folge. In diesem Sinne: „[...] die vom Leser zu leistende Nebenordnung und eindeutige Sinnzuschreibung [wird] ausschließlich durch das Komma gesteuert“ (ebd.: 25). (111)

Kaufe die Aktien heute, nicht erst morgen.

Und schließlich mit Bezug auf das Beispiel in (111): „Es [das Komma] instruiert den Leser, die Struktur der bis zum Komma eingelesenen Phrase zu kopieren und die nachfolgenden Daten unter Annahme phrasenstruktureller Formidentität abzugleichen“ (Esslinger 2014: 25).76

75

76

Nach der syntaktischen Auffassung, wie sie in dieser Arbeit vertreten wird, handelt es sich bei den Ausdrücken links und rechts vom Komma nicht um strukturell identische Phrasen, weil nur die linke ein finites Verb enthält. Esslinger meint tatsächlich, in diesem Beispiel (111) handele es sich um zwei „nebengeordnete, grammatisch subjektlose Imperativkonstruktionen“ (Esslinger 2014: 25). Das Verb kaufen müsse zweimal ausgewertet werden. Aus der hier vertretenen Syntaxauffassung heraus ist das nicht notwendig. Wozu sollte kaufen nach dem Komma ein zweites Mal ausgewertet werden? Jenseits des Kommas existiert ja nicht mal ein Komplement, mit dem das Verb verrechnet werden könnte. Auch nicht bezieht sich ja nicht auf das Verb, sondern auf morgen (schließlich soll ja gekauft werden). Meines Erachtens liegt eine Analyse näher, die heute und nicht erst morgen schlicht als koordinierte adverbiale Angaben ansieht. Und abgesehen davon ist die „phrasenstrukturelle Formidentität“ (ebd.), von der Esslinger schreibt, nicht nur nicht gegeben, sondern sie wäre auch nach gängiger Koordinationsauffassung nicht etwas, was ein Leser in erster Linie projizieren sollte, wenn er schon Koordination erwartet, sondern vielmehr funktionale Identität der Konjunkte. Bei der Annahme zweier koordinierter adverbialer Angaben wären funktionale Identität und im weiteren Sinne auch formale Identität gegeben, wenn man nicht erst morgen als Adverbphrase interpretiert.

3.3 Bredel

107

Auch didaktisch kann diese Sichtweise auf das Komma zum Problem werden: wenn nämlich die Kompetenz getestet wird, das Komma als Kopieranweisung in den Leseprozess einzubeziehen, es diese Kompetenz so aber aus systematischer Sicht gar nicht geben sollte beziehungsweise wohl nicht geben kann. Zwar schreibt Esslinger an anderer Stelle: „Ungeklärt ist allerdings, zu welchem Zeitpunkt der Leser das Komma als Marker einer Koordinationsstruktur interpretiert“ (ebd.: 71; Fett i. O.). Aber dieser Frage wird meines Erachtens nicht ausreichend Gewicht beigemessen. Die Antwort kann nur lauten: Sobald er meint, es mit einer Koordinationsstruktur zu tun zu haben. Just in dem Moment kann er aber der Anweisung streng genommen noch gar nicht gefolgt sein. An dieser Stelle steht aber eine kritische Betrachtung von Strukturaufbau- und Strukturabgleich bzw. deren Blockierung durch Interpunktionszeichen im Fokus. Und da ist zu (105) zu sagen, dass mit dem Komma nach Bilder linksseitig gar keine Projektion zur Verfügung steht, die es zu blockieren gelten könnte, um die Bilder als koordinierten Ausdruck zu betrachten.77 Da das Verb sollen beziehungsweise die Verbalgruppe sollen verschickt werden als Kopf rechts von Die Bilder steht, geschieht der Strukturaufbau – theoretisch zeitgleich mit dem Strukturabgleich – von rechts, also relativ spät. (Wenn in diesem Fall überhaupt ein Strukturaufbau angenommen werden muss, denn es ist ja vor sollen gar nicht von einer projektionstypischen Erwartungshaltung auszugehen.) Der Parser kann also erst bei sollen entscheiden, ob er einen für Koordination typischen Strukturabgleich ohne Strukturaufbau vornimmt, wie Bredel ihn für Koordination beschreibt (vgl. Bredel 2008: 68). Aber ob man so spät noch diesen Prozess als vom Komma ausgelöst anzusehen braucht, erscheint fragwürdig. Ein anderes Problem ergibt sich, wenn die Aufzählung rechts vom regierenden Verb steht. (112)

Die Gruppe wartet noch auf Hans, Max und Maria.

Die Frage stellt sich, welcher Strukturaufbau für die Koordination mit Komma hier konkret nach dem Einlesen von Hans unterbrochen werden sollte. Die Verbvalenz ist zu diesem Zeitpunkt schon gesättigt, die Präpositionalgruppe ist ebenfalls vollständig. Infrage käme nur ein Strukturaufbau über den nomialen Kopf Hans, der überhaupt unterbrochen werden könnte. Da aber Hans keine weiteren

77

Blockiert durch das Komma wird höchstens, dass Bilder selbst als Regens eines folgenden Attributs gelesen wird, aber hier ist ein Strukturaufbau gemeint, der Diese Bilder erfasst.

108

3 Grammatik online

Konstituenten obligatorisch regiert, kann der Strukturaufbau wenn überhaupt nur schwach ausgeprägt sein. Abschließend möchte ich noch einen Blick auf (106)–(108) werfen. Auffällig ist hier, dass in (106) und (107) für Die Bilder erstmal eine vergleichbare Situation vorliegt, in (108) jedoch eine andere. Denn nur in (108) ist Die Bilder eindeutig herausgestellt. Da es sich aber in (106) bei die in den großen Kisten um eine Herausstellung handelt, in (107) aber ein eingeschobener Relativsatz vorliegt, sind, trotz aller Vergleichbarkeit, unterschiedliche Aufbau- bzw. Abbauprozesse zu erwarten. In (107) (Satzgrenze) wären Strukturaufbau und Strukturabgleich gleichermaßen betroffen. Da von Die Bilder selbst kein kopfgesteuerter Strukturaufbau ausgeht, ist dieser hier, linksseitig des Kommas, gar nicht relevant (siehe aber Fußnote 77). Wichtig ist, dass der Ausdruck nicht Ziel des Strukturabgleichs des Relativsatzverbs wird. So entsteht ein etwas verwirrendes Bild: Eigentlich kommt es nur darauf an, dass Die Bilder nicht zum Subjekt von sind wird. Für eine korrekte Verarbeitung müssen, rechtsseitig des Kommas, gar nicht, wie Bredel es für eine Satzgrenze bestimmt, Strukturaufbau und Strukturabgleich betroffen sein, sondern vielmehr reicht eines von beiden – und welches, spielt keine Rolle.78 Hauptsache die Verknüpfung kommt nicht zustande. Wie oben bereits erwähnt, entsteht die Notwendigkeit der – wie auch immer gearteten – Blockadesituation erst zu einem späten Verarbeitungszeitpunkt, nämlich mit dem Einlesen von sind bzw. gelagert sind. In (106) handelt es sich mit einer Apposition um eine Konstruktion, die Herausstellungseigenschaften hat, die jedenfalls hinsichtlich der Kommadomänen am ehesten als Herausstellung zu werten ist.79 Demnach sollte nach Bredel eine „reine Strukturabgleichblockade“ (2011: 68) vorliegen beziehungsweise vorgenommen werden. Aber auch hier kommt es eigentlich nur darauf an, dass insgesamt keine engere syntaktische Verknüpfung entsteht. Nur dass in diesem Fall, im Gegensatz zu (107), kein Verb im Spiel ist. Insofern ist erstmal die Frage aufgeworfen, was eigentlich blockiert werden muss. Bei Bredel heißt es, es werde „ein formal nicht passendes Element beim Strukturaufbau [identifiziert] [...], also eine Einheit, die nicht zur syntaktischen Kernkonstruktion des Satzes gehört“ (Bredel 2011: 68). Vom Verb findet her betrachtet, ist Diese Bilder bezüglich der morphologischen Markierung nicht mehr 78

79

Zu bemerken ist, dass Bredels eigener mit Komma abgetrennter Beispielsatz ein nicht eingeschobener dass-Satz ist (vgl. Bredel 2011: 68). Hier lässt sich möglicherweise eher im Sinne Bredels argumentieren, aber im Grundsatz ist das hier Gesagte übertragbar. Umgekehrt wird bei Bredel die Frage aufgeworfen, ob die Position eines Nebensatzes eine Rolle spielen könnte. Auch von Primus wird die lockere Apposition in Bezug auf das Komma bei den Herausstellungen eingeordnet (vgl. Primus 1993: 254).

3.3 Bredel

109

oder weniger passend als die in den großen Kisten. Das trifft auch auf Bredels eigenes Beispiel zu („Den Hans, den habe ich noch nie gemocht“, ebd., fett und kursiv i. O.). Im Grunde sollte die Apposition nicht von dem Strukturabgleich betroffen sein80, aber das erste Komma kann dies gar nicht durch eine Abgleichblockade anzeigen. Denn links befindet sich mit Diese Bilder das Element, das vom Strukturabgleich betroffen sein soll, rechts beginnt das nicht-integrierte Element. Klar wird das meiner Meinung auch in diesem Beispiel erst bei findet – und nach dem zweiten Komma. Also klärt auch hier erst das resultierende Satzverständnis im Rückblick über die Blockadesituation auf. In (108) ist das in gewisser Weise umgekehrt. Obwohl es sich auch hier um ein „Herausstellungskomma“ handelt, ist es hier die links vom Komma stehende Nominalgruppe, die sich dem Strukturabgleich verschließt – was dem Leser ebenfalls erst mit dem Verb aufgehen kann. Auf den ersten Blick scheint es so, als wäre (108) besonders geeignet, um die von Bredel für Herausstellungen angenommene Abgleichblockade zu demonstrieren. Aber setzte man für dieses Komma eine Strukturaufbaublockade statt einer Abgleichblockade an (das heißt, ein passendes Element wird von findet nur diesseits des Kommas erwartet, darüber hinaus nicht mehr – wenn man wie gesagt Strukturaufbau nach links hier überhaupt annehmen will) an, das Ergebnis wäre identisch.81 Ähnliches lässt sich für das zweite Beispiel feststellen, das Bredel für Herausstellungen gibt („Franz steht auf, Vera“, „Den Hans, den habe ich noch nie gemocht“, Bredel 2011: 68, fett und kursiv i. O.). Es könnte sich hier um eine Abgleichblockade handeln, schließlich wird Vera nicht mit auf verrechnet. Aber wäre nicht auch eine Aufbaublockade denkbar? Das hieße, auf entfaltete mit dem Komma nicht sein projizierendes Potential. Die Beispiele zeigen, wie schwer mitunter die Grenze zu ziehen ist innerhalb dieses Begriffspaares. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass der eine mithilfe

80

81

Es sei denn, man fasst beide Ausdrücke unter einem Knoten zusammen, wie Eisenberg dies tun würde (vgl. Eisenberg 2013: 257). Aber auch dann wäre die Apposition nicht nur indirekt als appositiver Zusatz zum Kern vom Strukturabgleich mit erfasst. Gemeint ist hier eine Strukturaufbaublockade, wie sie Bredel auch für Satzgrenzen annimmt, nicht das für Koordination. Es ist ein meines Wissens bisher nicht beachtetes Problem, dass Bredel unter Strukturaufbaublockade bei Satzgrenzen einen geringfügig anderen Mechanismus versteht als bei Koordination: Bei Koordination besagt die Strukturaufbaublockade, dass „der Strukturabgleich nicht aufgrund einer Projektion erfolgen kann“ (Bredel 2011: 68). Aber erfolgen kann er insgesamt schon, nur wie genau führt Bredel nicht aus. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Entweder ist gemeint, dass der Strukturabgleich trotzdem passieren kann, denn auch koordinierte Elemente können ja Komplemente sein. Oder die Nebenordnung an sich wird als besondere Art des Strukturabgleichs verstanden. Beide Möglichkeiten unterscheiden sich aber von der Aufbaublockade bei Satzgrenzen, denn über die Satzgrenze hinweg entsteht überhaupt kein Strukturaufbau.

3 Grammatik online

110

des jeweils anderen beschrieben ist. Besagt die Strukturaufbaublockade, „dass der Strukturabgleich nicht auf Grundlage einer Projektion erfolgen kann“, so gilt für die Strukturabgleichblockade, dass „ein formal nicht passendes Element beim Strukturaufbau“ gefunden wird (ebd., Sperrung N. S.). Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass das Konzept von Strukturaufbau und Strukturabgleich offline-durchwirkt ist und einige Probleme birgt. Man benötigt konstruktionelle Hinweise auf die Blockadesituation, die Konstruktion zeitigt ihren eigenen Aufbauprozess. Zudem ist die genaue Blockadesituation für viele Fälle weniger eindeutig, als das in den Beispielen von Bredel suggeriert wird. Und mit den verschiedenen Blockadesituationen kratzt das Komma an der Grenze zur Polyfunktionalität, die, wie oben bereits angedeutet, dort lauert, wo man konstruktionszentriert argumentiert – ob online oder offline. 3.4

Konstituentenstruktur online

Wie könnte ein sprachverarbeitungstheoretischer inkrementeller Strukturaufbau im Rahmen des oberflächensyntaktischen Beschreibungsformats aussehen, der sich eignet, um Interpunktionszeichen syntaktisch zu beschreiben? Wie also lässt sich das syntaktische verstehen von Sätzen abbilden? Zunächst mal ist zu bemerken, dass die sprachverarbeitungstheoretische Darstellung dieser Arbeit dieselben Vereinfachungen eines Leseprozesses vornimmt, wie sie auch für die grammatischen Parser von Auer, Bredel und Lohnstein gelten (Lohnstein 1993/1994; Bredel 2008/2011; Auer 2007/2009): Besonderheiten der Worterkennung werden nicht berücksichtigt. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass erstens Wort für Wort nacheinander eingelesen wird, zweitens die mit dem Wort verknüpfte morphosyntaktische und lexikalisch-semantische Information der Verarbeitung direkt zur Verfügung steht, drittens kein Wort übersprungen wird und viertens klitisierende Interpunktionszeichen zusammen mit dem Wort verarbeitet werden, an das sie klitisieren. Auch diese Arbeit kann hier nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben, sondern nur eine Grundidee skizzieren. Ziel ist es, auf den bisherigen Erkenntnissen aus diesem Abschnitt aufzubauen und einen Schritt weiterzukommen. Mit syntaktischen Relationen würde eine und die wichtigste Funktion der Form von Sätzen, nämlich die Konstitution und Kodierung von Satzbedeutungen, besonders herausgehoben. (Eisenberg 2013: 41)

3.4 Konstituentenstruktur online

111

Nimmt man dieses Zitat von Eisenberg und die Diskussion des oberflächensyntaktischen Beschreibungsformats dieser Arbeit ernst (siehe Abschnitt I), ist die Integration von syntaktischen Relationen unumgänglich. Gleichzeitig soll die formale und kategoriale Basis mehr Gewicht bekommen als bisher, und dem prozessualen Charakter soll Rechnung getragen werden (siehe S. 93). Konstituentenstrukturell gesprochen könnte man sagen, das Ziel des Satzverstehens ist das ‚Verstehen‘ des obersten Satzknotens ‚S‘. Dieses Verstehen könnte umschrieben werden als das adäquate Erfassen aller relationalen Verhältnisse (vor allem der syntaktischen Relationen), die sich unter ‚S‘ versammeln. Durch die Konstituentenstruktur sind diese Relationen hierarchisch gestaffelt. In diesem Zuge möchte ich den Begriff der ‚Anbindungshöhe‘ einführen. Die Anbindungshöhe wird nicht gemessen in Metern oder irgendwelchen anderen Längeneinheiten, sondern es handelt sich um eine strukturelle Höhe, das heißt um die Differenz der Knoten zwischen den terminalen (also untersten) Knoten und dem obersten Knoten, in der Regel ein Satzknoten. Im einfachsten syntaktischen Satz ist die Anzahl 1, wie in Abb. 36.

Abb. 36: einfacher Satz mit einer strukturellen Anbindungshöhe von 1

Je ‚höher‘ die Struktur eines Satzes ist, desto komplexer ist er und desto tendenziell aufwändiger ist der Parsingprozess. Denn der Parser muss komplexe Konstituenten intern verrechnen und extern (das heißt nach oben) anbinden.

3 Grammatik online

112

Abb. 37: einfacher Satz mit einer Anbindungshöhe von 2

In Abb. 37 ist die Gesamthöhe um eine Ebene höher als in Abb. 36. Strukturell gesehen könnte man – im Vergleich zu Abb. 36 – von einer ‚Ausdifferenzierung nach unten’ sprechen, während sich auf der Satzebene nichts verändert – es bleibt ein einfacher Subjekt-Prädikat-Satz. Das liegt ganz einfach daran, dass ein Verb beziehungsweise eine Verbalgruppe per definitionem von einem Satzknoten direkt dominiert werden muss; und weil die Relationen der verbalen Argumente stets Schwesternrelationen sind, sind sie dem Prädikat nebengeordnet und ebenfalls direkt dominiert vom Satzknoten. Deswegen ist die Knotenstruktur direkt unterhalb des Satzknotens nicht besonders variantenreich, selbst bei sehr langen Sätzen häufig nicht. Direkt dominiert sind das Prädikat, seine Argumente und nicht-satzbezogene adverbiale Angaben – ebenfalls Schwesternrelationen (zum Beispiel laut in (113)). (113)

Der Mann hat laut gehustet.

Man kann die Ebene zwei in Abb. 36 und Abb. 37 auch Satzgliedebene nennen. Hier laufen buchstäblich die Fäden zusammen. Das Verständnis des grundsätzlichen verbalen Szenarios wird auf dieser Ebene hergestellt. Für einen Leser kann es also funktional sein, ein Wissen darüber zu haben, auf welcher Anbindungshöhe er sich befindet, wenn er die eingelesene Einheit funktional zu integrieren hat.82 Welche Hinweise gibt das Deutsche, insbesondere die deutsche Schriftsprache auf die Bezugsmöglichkeiten beziehungsweise auf die Bezugshöhe für eine syntaktische Einheit im Prozess? Das einfachste Mittel ist die Zusammenstellung von 82

In der Literatur etabliert ist der quasi entgegengesetzte Begriff ‚Einbettungstiefe‘ (vgl. z. B. Eisenberg 2013: 5). Allerdings wird mit ‚Einbettungstiefe‘ auf die syntaktische Komplexität bezuggenommen, wohingegen ‚Anbindungshöhe‘ sich besser für Kontexte eignet, in denen es um die Funktionalisierung von Konstituenten geht.

3.4 Konstituentenstruktur online

113

Konstituenten. Die bereits von Behagel angeführte Beobachtung, „dass das geistig eng Zusammengehörige auch eng zusammengestellt wird“ (Behaghel 1932: 4), lässt sich sprachverarbeitungstheoretisch reinterpretieren. Indem Phrasen und Teilsätze ihre Integrität durch ihre Position zueinander formal anzeigen, regulieren sie die Anbindungshöhe für den Leser und reduzieren so potentiell den Verarbeitungsaufwand. Das möchte ich zunächst kurz anhand von Nominal- und Präpositionalgruppen verdeutlichen. Eisenberg hebt hervor, dass die syntagmatischen Beziehungen im pränuklearen Bereich von Nominalgruppen besonders dicht sind (vgl. 2013: 387–388; siehe auch Eichinger/Plewnia 2003: 1049–1050). Infrage kommen Kongruenz, Rektion und Positionsbezug. Positionsbezug allerdings verzeichnet Eisenberg nicht explizit, weil die syntaktische Strukturierung bereits über die Flexionsmerkmale gegeben ist.83 Tatsächlich ist Positionsbezug aber eine zentrale Voraussetzung dafür, um überhaupt beschreiben zu können, dass der Kern rechts steht – und der Kopf eben links (siehe Abschnitt 2.5). Dazwischen ein oder mehrere Adjektive bzw. Adjektivgruppen oder andere Konstituenten. Das letzte Adjektiv ist in seiner Position zum Substantiv absolut festgelegt, die vorhergehenden sowie das Artikelwort sind relativ festgelegt (siehe (114) und (115)), da pränukleare Adjektivattribute rekursiv eingebettet werden können bzw. erweiterbar sind. (114) (115)

der verehrte Komponist der allseits verehrte Komponist

Angenommen, eine Nominalgruppe wie (115) steht zu Beginn eines graphematischen Satzes, kann davon ausgegangen werden, dass bis zum Einlesen von verehrte die nicht-gesättigte Rektionsbeziehung (Genusrektion des Substantivs) eine Lizensierung der Finitumsposition verhindert. Das heißt die Nominalgruppe muss zunächst kohärent mit dem Kern nach rechts geschlossen werden, vorher ist kein Verb zu erwarten. Was daraus für den Leser und für die Anbindungshöhe abzuleiten ist, ist augenfällig: Keine syntaktische Einheit innerhalb des pränuklearen Bereichs und auch nicht der Kern an sich können ‚höher‘ angebunden werden als die 83

Das zumindest ist aus Eisenbergs definitorischen Beschreibung zu erschließen, wo es heißt: „Ganz intuitiv spielt sie [gemeint ist die Positionsbezugrelation, N. S.] für die syntaktische Struktur eine umso größere Rolle, je weniger Flexionsmarkierungen vorhanden sind“ (Eisenberg 2013: 35). Eisenberg verweist hier vermutlich darauf, dass flektierende Einheiten weniger auf die Position angewiesen sind, um ihre Zugehörigkeit anzuzeigen, dadurch möglicherweise sogar mehr Stellungsfreiheit gewährt ist (vgl. Hawkins 2004: 147). Aus analytischer Sicht herrscht Positionsbezug bei linearer Festlegung syntaktischer Einheiten grundsätzlich.

3 Grammatik online

114

Nominalgruppe selbst. Die Struktur, die die Nominalgruppe umgibt, ist aus funktionaler Sicht für den Parser nicht relevant, solange er kein potentielles Ende einer Nominalgruppe erreicht hat, das die Nominalgruppe hinreichend komplettiert, so dass ihr insgesamt eine Funktion zugewiesen werden kann.84 Kurz gesagt: bis zum Kern ist eine interne, flache Verrechnung notwendig. Das ändert sich nicht, ganz gleich wie stark der pränukleare Bereich ausgebaut ist, ob er Koordinationen (117) (119), Herausstellungen (118) oder sogar über Partizipien einbettete verbale Szenarios (119) enthält. (116) (117) (118) (119)

Der junge Komponist... Der junge, interessierte Komponist... Dieser, übrigens leicht verwirrt wirkende Komponist... Der auf die Grammatik gerichtete Blick ...

Die gesamte Nominalgruppe wird in der höheren Struktur nur eine einzige syntaktische Relation erfüllen.85 Welche das ist, wird in der Regel über den Kasus schon zu Beginn der Nominalgruppe am stark flektierten Element angezeigt. Die für den vollständigen Aufbau der Konstruktionsbedeutung zentrale, lexikalische Entität, die in die Relation eingebunden ist, wird mit dem großgeschriebenen Element am rechten Rand der Nominalgruppe genannt. Lesetheoretisch kann der pränukleare Bereich der Nominalgruppe also in Hinblick auf die Regulation der Anbindungshöhe interpretiert werden. Das interne Parsing der Nominalgruppe lässt sich darstellen über die Markierungsstruktur und die syntagmatischen Relationen. Verdeutlichen möchte ich das an dem einfachen Beispiel (120), das zugleich zeigen soll, wie der inkrementelle Strukturaufbau im oberflächensyntaktischen Beschreibungsformat sprachverarbeitungstheoretisch darstellbar ist. (120)

84

85

das nette Mädchen niest

Eine Ausnahme hierzu bilden elliptische Nominalgruppen: Viele Generationen haben sich daran orientieren können. Den zukünftigen wird manches schwerer fallen. Dies gilt im Prinzip auch für komplexe Konstruktionen der Art Den einzelnen Identifikationsangeboten auf der Spur , stellt man jedoch schnell fest, dass ... . Aber auch bei mehrfacher Vorfeldbesetzung lässt sich der starke pränukleare syntagmatische Zusammenhalt als Lesehinweis interpretieren, dass bis zum Kern zunächst keine Konstituente höher angebunden werden muss, als die Nominalgruppe selbst.

3.4 Konstituentenstruktur online

115

Wenn der Parser das erste Wort das einliest, kann er aus daraus Flexionseigenschaften ableiten: entweder Nominativ oder Akkusativ; Neutrum; Singular. Der Kasus gibt Aufschluss über die Funktionalisierung in der umgebenden, höheren Struktur – egal ob es sich um das Demonstrativpronomen oder den Artikel handelt.

Abb. 38: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe, nur Artikel

Zwar ließe sich auch sagen, dass ein syntaktischer Kopf erkannt wird, wie in dem Modell von Bredel (siehe Abschnitt 3.3), aber dieses muss gar nicht das Hauptmerkmal beim Strukturaufbau angenommen werden. Denn die Flexionskategorien sind engmaschig relational zugänglich und zeigen sich im Gegensatz zur Kategorie ‚Kopf‘ direkt über Formmittel. Die Rolle des Kopfes ist also im Gegensatz zu Bredel in dieser Darstellung deutlich relativiert. Das hat den Vorteil, dass eine Kopfprojektion auch nicht widerrufen oder modifiziert werden muss, wenn es sich bei das um ein Pronomen handeln sollte. Wenn aber ein Kopf eindeutig erkannt ist, wenn z. B. klar ist, dass es sich bei das um einen Artikel handelt, steht damit auch hier fest, dass eine Nominalgruppe aufgebaut wird.86 Den Kopf beim Strukturaufbau zunächst außen vor zu lassen, hat den weiteren Vorteil, dass von einer kontinuierlichen Verarbeitung der Nominalgruppe ausgegangen werden kann.

86

Dass Köpfe innerhalb von Konstituenten obligatorisch sind (siehe Abschnitt 2.7), ist vor allem eine strukturelle Aussage. Zwar kommen Artikel als Köpfe nur in Nominalgruppen vor, das heißt aber nicht, dass jede Nominalgruppe einen Artikel enthält (vgl. Eisenberg 2013: 48–49; siehe aber Eisenberg 2013: 241).

116

3 Grammatik online

Abb. 39: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe, nur Artikel und Adjektiv

Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn wie in Abb. 39 ein flektiertes Adjektiv folgt. Das heißt: Auf kategorialer Ebene werden die vorhandenen Flexionskategorien ‚fortgeschrieben‘, bis sie ‚gesättigt‘ sind (dazu genauer weiter unten), auf relationaler Ebene wird von nun an intern verknüpft und die Anbindung der ganzen Nominalgruppe nach oben sistiert derweil. Bis hin zum Kernsubstantiv herrscht relativer Positionsbezug, das heißt die Anzahl der syntaktischen Einheiten bis hin zum Kern ist nicht festgelegt. Wird nun nette eingelesen, verspricht die schwache Flexionsendung Kontinuität und nette kann auf allen Ebenen in die Struktur integriert werden: kategorial, in Bezug auf die syntagmatischen Relationen, in Bezug auf die syntaktische Relation, und damit schließlich auch in die Konstituentenstruktur, wie Abb. 39 verdeutlicht. Anders als bei Bredel, wo mit der Anbindung des Adjektivs auf einen noch folgenden Kopf ‚gewartet‘ werden muss (siehe S. 89), erfolgt die Integration von nette in die Struktur unmittelbar. Anders als bei Auer kann der Vorgang grammatisch genauer mit der Markierungsstruktur und mit syntagmatischen Relationen beschrieben werden. Wird der Kern erreicht, kann die Konstituente in funktionaler Sicht geschlossen werden, da die nach außen zu funktionalisierende lexikalische Entität (in diesem Fall Mädchen) eingelesen ist. Die Nominalgruppe ist verarbeitungstheoretisch zu einem ersten potentiellen Ende gekommen, denn weitere Informationen, die für den Aufbau der Konstruktionsbedeutung der gesamten Gruppe für die höheren Ebenen gebraucht werden, können rechts des Kernes nicht mehr folgen. In Bezug auf die Funktionalisierung in der Matrixstruktur ist die Nominalgruppe komplett – auch wenn sie noch rechtsnuklear erweitert werden sollte, siehe Abb. 40.

3.4 Konstituentenstruktur online

117

Abb. 40: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe bis zum Kern87

Nicht in der Abbildung zu sehen sind Positionsbezug und weitere Rektionsbeziehungen (sowohl der Artikel als das attributive Adjektiv können als kategorial von Kernsubstantiv regiert angesehen werden). Die Numerus- und Kasuskongruenz sowie die Genusrektion sind mit dem Kern ‚gesättigt‘, das heißt vor und Nachbereich der Relation sind eingelesen (durch Fettdruck gekennzeichnet), die Rektionsquelle für Kasus muss extern zugewiesen werden (offene Pfeile nach rechts in Abb. 40). Wie geht es nun weiter? Grundsätzlich lässt sich davon sprechen, dass die Anbindungshöhe weiterer syntaktischer Einheiten ‚freigegeben‘ ist. Das heißt, sowohl flache als auch hohe Anbindungen sind möglich. Flache Anbindungen entstehen durch die Fortsetzung der Nominalgruppe mit Attributen, zum Beispiel in Form weiterer Nominalgruppen (Genitivattribut) und Präpositionalgruppen (Präpositionalattribut) bzw. von Sätzen (dann aber mit Interpunktionszeichen nach dem Kern), die dann zunächst ihrerseits intern verrechnet werden können, siehe (121)–(124). An der Anbindung der gesamten, übergeordneten Nominalgruppe ändert sich dadurch natürlich nichts mehr. Im postnuklearen Bereich kann sich also der in Abb. 38 bis Abb. 40 vorgestellte Verarbeitungsmechanismus eine Ebene tiefer wiederholen.

87

Die waagerechte gestrichelte Linie in der Konstituentenstruktur deutet an, dass die Nominalgruppe nach rechts fortgeführt werden kann.

3 Grammatik online

118 (121) (122) (123)

das nette Mädchen aus der Nachbarschaft das nette Mädchen, das einen Schnupfen hat Sie verscheuchen Katze aus dem Garten

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass das Prinzip, dass ein pränuklearer Bereich die Höhe der Funktionalisierung von Konstituenten auf niedrigem Niveau bindet, ganz grundsätzlich gilt. Auch bei ineinander eingebetteten Nominalgruppen wie in (124). (124)

das die Grammatik studierende Mädchen

Abb. 41: Eingebettete Nominalgruppe im pränuklearen Bereich

Kein Element der Nominalgruppe, die bei Verarbeitungsschritt 2 in Abb. 41 beginnt, kann höher angebunden werden als die aktuelle NGr2 selbst. Erst die gesamte Nominalgruppe muss wieder höher angebunden werden, und bildet als Ergänzung zusammen mit studierende eine Adjektivgruppe. Ähnliche Einbettungsstrukturen ergeben sich auch für (121) und (122). Auch hier werden die dem Kern Mädchen folgenden Ausdrücke erst intern verknüpft und dann als ganze in der umgebenden Struktur funktionalisiert und strukturell verankert. Der Unterschied ist, dass die Anbindungshöhe in (121) und (122) nach dem Kern

3.4 Konstituentenstruktur online

119

grundsätzlich freigegeben, das heißt variabel ist: Eine Präpositionalgruppe nach Mädchen könnte also grundsätzlich auf verschiedenen Ebenen angebunden werden, auch wenn das hier nicht der Fall ist. In Abb. 41 hingegen kann die Adjektivgruppe nur innerhalb des pränuklearen Bereichs angebunden werden. Grundsätzlich schraubt sich der Parser anhand der Markierungsstruktur sukzessive weiter vor. Verknüpft werden kann unmittelbar, wobei ich davon ausgehe, dass die Konstruktionsbedeutung erst dann komplett aufgebaut werden kann, wenn auch die entsprechende lexikalische/semantische Information eingelesen ist, das heißt im Falle der Nominalgruppe, wenn auch die im Kern kodierte lexikalische Entität der entsprechenden syntaktischen Relation gegeben ist. Eine höhere Anbindung wäre zum Beispiel eine auf Satzebene wie in (120), siehe oben: Ist die Nominalgruppe das nette Mädchen bis zum Kern geparst, sind die Genus- und die Numeruskategorien mit dem Kern gesättigt, aber die Kasusquelle ist noch nicht ausgemacht. Sie wird erst bei niest gefunden. Die Nominalgruppe ist damit Subjekt und der Nominativ setzt sich gegenüber dem rein formal ebenfalls möglichen Akkusativ durch (gekennzeichnet durch den schwarzen Balken in Abb. 42).

Abb. 42: Prozessuale Darstellung von (120)

Wann genau eine bestimmte Struktur tatsächlich verarbeitet wird, ist damit noch nicht gesagt. Es geht an dieser Stelle nur darum, zu welchem theoretischen Verarbeitungszeitpunkt wie viele und welche syntaktischen Informationen zur Verfügung stehen. Wie dann verarbeitet wird, kann auch von der Position der Nominalgruppe im Satz abhängen. So wird eine Präpositionalgruppe, die einer Nominalgruppe folgt, wahrscheinlich eher attributiv verstanden und flach angebunden, wenn der Leser sich am Beginn eines V2-Satzes wähnt, der in den meisten Fällen nur ein Satzglied vor der linken Verbalklammer nimmt, siehe (125). Im

120

3 Grammatik online

Mittelfeld hingegen wäre eine anschließende Nominalgruppe mit höherer Wahrscheinlichkeit ein eigenes Satzglied, beziehungsweise höher als im Rahmen einer Nominalgruppe funktionalisiert, siehe (126).88 (125) (126)

Xxxx. Der Bauer auf der Bank ... [sitzt] Xxxx. Gestern hat der Bauer auf der Bank ... [gesessen]

Der hier vorgestellte Parsingprozess ist weniger als der Bredel’sche Parser auf eine Trennung zwischen Strukturaufbau und Strukturabgleich angewiesen, die immer eine Hierarchisierung voraussetzt (Strukturaufbau durch grammatische Köpfe). So kann dort von einer Nominalgruppe wie das nette Mädchen, weil sie auf Satzebene keine Kopffunktion einnehmen kann, auch kein Strukturaufbau ausgehen. Der Parser hält inne, wo doch die Kasusvergabe und die für das Verständnis wichtige relationale Anbindung offen sind. In der Parsing-Auffassung dieser Arbeit kommt es hingegen weniger auf grammatische Hierarchien als vielmehr auf die kategoriale Passung an. Eine nicht sicher funktionalisierte Nominalgruppe, deren Kasusquelle noch offen ist, kann lesetheoretisch durchaus eine Art Erwartung wecken. Genauso wenig wie die Anbindungshöhe innerhalb des pränuklearen Bereichs von Nominalgruppen freigegeben ist, ist sie es innerhalb von Präpositionalgruppen. Das liegt ganz einfach daran, dass das von der Präposition regierte Nominal positional absolut auf Rechtsadjazenz festgelegt ist. Auch für Präpositionalgruppen gilt also: keine der Präposition folgenden syntaktischen Einheit ist höher anzubinden und zu funktionalisieren als die Präpositionalgruppe selbst. Ähnlich wie bei der bloßen Nominalgruppe wird die syntaktische Information, wie die Präpositionalgruppe zu funktionalisieren ist, am linken Rand gegeben (durch die Präposition selbst und – bei Kasusvarianz – durch den Kasus, der am stark flektierten Element der Nominalgruppe markiert werden kann).89

88

89

Sowohl in (125) als auch in (126) wird davon ausgegangen, dass das regierende Verb sitzen noch nicht eingelesen ist. Der topologische Druck auf das Vorfeld (nur eine Satzkonstituente) führt in (125) eher zu einer attributiven Anbindung der Präpositionalgruppe als in (126), wo eine Anbindung als adverbiale Ergänzung an das Verb eher in Betracht kommt. Allerdings kann gerade bei Präpositionalgruppen, die in Sätzen häufig strukturell ambig sind, die Semantik den entscheidenden Ausschlag geben für die passende Funktionalisierung.

3.4 Konstituentenstruktur online

121

Abb. 43: Prozessuale Teildarstellung einer Präpositionalgruppe bis zur Präposition

Ähnlich verhält es sich mit finiten Nebensätzen mit Einleitewort und Verbletztstellung. Sie zeigen ihre funktionale Integration in die höhere Struktur zu Beginn an, werden als ganze funktionalisiert und stehen kohärent. Keine einfache oder komplexe Konstituente innerhalb des Nebensatzes wird höher funktionalisiert als der gesamte Satz selbst. Der Zusammenhang zwischen Anbindungshöhe und der Topologie beziehungsweise Mikrotopologie einzelner Konstruktionen ist an dieser Stelle in den Vordergrund gerückt, weil das Komma und das Semikolon auch mit Bezug auf die Anbindungshöhe beschreibbar sind. Aus lesetheoretischer Sicht sind es also die Grenzen oder die potentiellen Grenzen von Nominal- und Präpositionalgruppen sowie an den Grenzen von Teilsätzen, die Hinsichtlich der Anbindungsmöglichkeiten die größte Offenheit aufweisen. Wenn hier davon die Rede ist, dass die Anbindungshöhe an diesen neuralgischen Punkten freigegeben ist, dann ist das mehr als eine strukturelle Aussage im Rahmen des oberflächengrammatischen Repräsentationsformats, weil die unterschiedlichen Anbindungshöhen mit unterschiedlichen Bezugsdomänen und damit mit unterschiedlichen Konstruktionsbedeutungen einhergehen. Das möchte ich mit einem letzten Beispiel aus einem V2Satz verdeutlichen.90

90

Zum V2-Satz aus sprachverarbeitungstheoretischer Perspektive siehe auch Schreiber 2011.

122

3 Grammatik online

Abb. 44: Prozessuale Teildarstellung eines V2-Satzes

Nach dem Verarbeitungszeitpunkt 4 in Abb. 44 ist das potentielle Ende der Nominalgruppe erreicht. Nichts steht dem entgegen, sie als Objekt auf das Verb zu beziehen, das heißt auf Satzebene anzubinden. Denn schließen regiert ein akkusativisches Nominal als direktes Objekt. Welche Anbindungsmöglichkeiten stehen für die nun folgenden Konstituenten zur Verfügung? Die Abbildung zeigt, dass hauptsächlich drei Möglichkeiten bestehen: Erstens könnte eine Nominalgruppe weitergeführt werden (unterste Ebene). Das wäre der Fall, wenn ein postnukleares Attribut angeschlossen würde (zum Beispiel ohne Kleingedrucktes). Zweitens könnte auf Satzebene angebunden werden. In diesem Fall wäre die Konstituente einer anderen vom Satz direkt dominierten Konstituente nebengeordnet (zum Beispiel mit der Regierung, aber auch eine adverbiale Angabe wäre hier denkbar). Schließlich könnte sich ein weiterführender syntaktischer Ausdruck auf den ganzen Satz beziehen (wie um 9 Uhr in Abb. 44 als adverbiale Angabe zum gesamten Satz). Würde nun tatsächlich ein Artikel oder eine Präposition folgen, kann der Parser, wie oben beschrieben, davon ausgehen, dass eine komplexe Konstituente folgt, für deren einzelne Elemente gilt, dass sie wiederum nur intern funktionalisiert werden müssen, nicht aber im Rahmen der drei in Abb. 44 abgebildeten, höheren Anbindungsmöglichkeiten. Bis hierher wurden nur die Grundzüge des dieser Arbeit zugrundeliegenden Parsingkonzepts erläutert. Weitere Ausdifferenzierungen ergeben sich aus den Beispielen der Abschnitte zu den Interpunktionszeichen (siehe 0). Hier zeigen sich bedeutende Unterschiede zwischen gruppeninterner Anbindung (vor allem bei Nominal- und Präpositionalgruppen) und gruppenexterner Anbindung beziehungsweise Anbindung auf Satzebene. Wenn man die potentielle syntaktische Funktion

3.4 Konstituentenstruktur online

123

von Interpunktionszeichen für den Leseprozess beschreiben will, ist zu erörtern, wie sie anteilnehmen am Aufbau der syntaktischen Konstruktionsbedeutung, und dabei ist zunächst die jeweilige Spezifik einer Konstruktion zu berücksichtigen. Es wird sich zeigen, dass das Komma und das Semikolon sensibel sind für die unterschiedlichen Anbindungshöhen beziehungsweise Konstruktionen. Die Konstruktionen mit Semikolons werden deshalb in dem Abschnitt 0 entsprechend geordnet nach Strukturgruppen behandelt. Ein sprachverarbeitungstheoretischer, syntaktischer Parser auf Grundlage des oberflächensyntaktischen Beschreibungsformats ist also gegenüber den bisher vorgestellten Parsingkonzepten für die Darstellung der Funktionalität von Interpunktionszeichen im Leseprozess in zwei Richtungen erweitert. Erstens setzt er an der direkt auf die syntaktische Form bezogenen Markierungsstruktur auf. Anhand der kategorialen Konfiguration der syntaktischen Einheiten zueinander wird der Aufbau der syntaktischen Struktur und der Konstruktionsbedeutung engmaschig (und streng inkrementell) vorangebracht, so dass hier der Anspruch an ein serielles Parsing als eingelöst betrachtet werden kann. Zweitens ist der Parser erweitert in Hinblick auf die Konstruktionsbedeutung als Ziel des syntaktischen Parsings durch den Konsequenten Einbezug von syntaktischen Relationen, die jeder Konstituente zugeordnet werden. Wie Bredel ist auch das hier vorgestellte Parsingkonzept eng angelehnt an die Oberflächensyntax, schöpft dabei aber deren vielfältigen Beschreibungsmöglichkeiten aus und ist weniger auf eine streng hierarchisierende Analyse angewiesen. So stehen auch viele Möglichkeiten zur Verfügung, den Aufbauprozess differenziert darzustellen. Die Antizipation von Strukturen kann syntaktisch spezifiziert werden.

II Semikolon: Tendenzen in der Normierungsgeschichte und syntaktische Beschreibung

4

Semikolon

Das Semikolon wird im allgemeinen als Koordinationszeichen angesehen. In der neuen Literatur sogar als dasjenige Interpunktionszeichen, das spezifischer als jedes andere auf die Koordinationsfunktion festgelegt ist (vgl. Bredel 2008: 186 / Bredel 2011: 82 / Esslinger 2014: 20). In diesem Abschnitt geht es um eine syntaktische Beschreibung des Semikolons. Weitgehend ausgeklammert bleibt es als Bestandteil von Emoticons, wo es häufig vorkommt (vgl. Rezabek/Cochenour 1998: 208). In Abschnitt 4.1 wird begründet, warum Emoticons insgesamt für die vorliegende Arbeit nicht weiter betrachtet werden müssen. Abschnitt 4.2 skizziert Tendenzen, die sich in der Normierungsgeschichte des Semikolons abzeichnen sowie die Bedeutung der Normierungsgeschichte für die bisherige linguistische Beschreibung des Semikolons. Dann werden zwei Strukturtypen bestimmt, die sich aus der Betrachtung der Normierungsgeschichte heraus ergeben. Nach diesen Strukturtypen wird sich auch die anschließende Analyse des Semikolons richten. 4.1

Emoticons

Die Verwendung von Emoticons oder auch Smileys ist je nach Schreibanlass, Textsorte und Medium recht häufig. Vor allem sind sie in der elektronischen schriftlichen Kommunikation verbreitet, z. B. in SMS und Chats. Dargestellt werden vor allem Gesichtsausdrücke und Gesten, aber auch prosodische Merkmale wie Lautstärke (vgl. Amaghlobeli 2012: 348). In der Regel wird das Semikolon als zwinkerndes Augenpaar gesehen, das auf der Seite liegt.91 Als Emoticon tritt es immer in Verbindung mit mindestens einem weiteren Zeichen auf, insgesamt besteht der größte Teil der Emoticons aus zwei bis vier Zeichen. Dabei muss es sich nicht um ein Interpunktionszeichen handeln. Verwendet werden auch Sonderzeichen, Buchstaben und Ziffern. Je nach Ausführung werden z. B. Mund, Nase, Bart oder Hut dargestellt. In den Darstellungen von Gesichtern kann das Semikolon als fester Bestandteil des Zeichens gelten, denn es ist als Augenpartie im Gegensatz zur Nase nicht reduzierbar. Als Reduktion von (127) erscheint (128) akzeptabler als (129).
 91

Die Leserichtung von Emoticons ist – wohl wegen ihrer Ikonizität – nicht so stark festgelegt wie bei konventionellem Text. Mehrheitlich sind die Bilder um 90 Grad nach links gekippt, manch mal auch um 90 Grad nach rechts, schließlich gibt es auch, in Anlehnung an die japanischen Emojis, senkrechte, nicht gekippte Emoticons, zum Beispiel ^_~ für ein Zwinkern.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5_4

4 Semikolon

128 (127) (128) (129) (130)

;–) ;) –) ;o]

Die Systematik und der Gebrauch von Emoticons werden in der grammatischen Literatur allenfalls am Rande erwähnt (z. B. in Mesch 2016)92, offensichtlich weil ihre systematische Betrachtung anderer als der gängigen theoretischen Grundlagen bedarf. Wohl aus dem gleichen Grund – und dennoch überraschend, wenn man ihre Häufigkeit bedenkt – bleiben Emoticons auch im amtlichen Regelwerk unerwähnt (vgl. AR 2018: § 80). Insgesamt lässt sich gut begründen, dass es sich bei Emoticons um eine kategorisch andere Verwendung von Interpunktionszeichen handelt als in konventionellem Gebrauch. Es ist zwar keine einheitliche, aber doch eine Mehrheitsmeinung (vgl. Amaghlobeli 2012: 350), dass die Bedeutungszuschreibung der einzelnen Zeichen als Bestandteil von Emoticons visuell geschieht (vgl. Amaghlobeli 2012: 350 / Rezabek/Cochenour 1998: 201) – zeichentheoretisch gesprochen handelt es sich also um Ikone. Das betrifft sowohl das Emoticon als ganzes Zeichen als auch seine Bestandteile. Sie alle sind nur dann sinnvoll zu verstehen, wenn man den gesamten Zeichenverbund als Ikone ansieht. Zu der Ikonizität passt, dass auch die Schriftart eine Rolle spielt – ein weiterer kategorischer Unterschied zum konventionellen Gebrauch von Interpunktionszeichen. Dass Emoticons von ihrer kommunikativen Funktion her vergleichbar sind mit nonverbalen, eventuell auch paraverbalen, Anteilen der Face-to-Face-Kommunikation, scheint ebenfalls eindeutig (vgl. Rezabek/Cochenour 1998: 202), nicht aber, wie sich die Funktion einzelner Zeichen genau beschreiben lässt. Amaghlobeli kommt in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass die einzelnen Zeichen von Emoticons, versteht man sie kontextabhängig, als lexikalische Morpheme gelten können, weil ihnen eine Bedeutung zugewiesen werden kann. Hinzu kommt die Beobachtung, dass bei Emoticons durch Reduplikation Nachdrücklichkeit erwirkt werden kann, was Amaghlobeli grammatisch als Superlativ interpretiert. So gelten (133)–(134) als nachdrückliche Variante bzw. Superlativ von (131)–(132) (vgl. Amaghlobeli 2012: 350).

92

Populäre oder populärwissenschaftliche Veröffentlichungen scheinen aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausreichend fundiert und brauchbar. Für einen kurzen Überblick – auch über die nicht-linguistische Literatur – siehe Amaghlobeli 2012.

4.1 Emoticons (131) (132) (133) (134)

129

:-D :-( :-DD :-((

Solche Analogisierungen mit grammatischen Kategorien wirken zum Teil ad hoc und nicht ausreichend motiviert. Denn abgesehen von der Bedeutungsintensivierung sind Emoticons wie in (133) weder morphologisch noch syntaktisch in das System der Adjektive integriert. Dass durch Iteration Intensivierung ausgelöst werden kann, ist wohl eher ein allgemeines kommunikatives Phänomen als dezidiert sprachlich oder gar adjektivisch. Festzuhalten bleibt dennoch, dass mit (133)–(134) die Ikonismus-Ebene erweitert wird: Die Grundbedeutung des Zeichens ist visuell-ikonisch, seine Verstärkung hingegen strukturell-ikonisch kodiert. Dass die beiden Kodierungsformen zusammen auftreten, ist deswegen beachtlich, weil die strukturelle Kodierung die rein visuelle erschwert bzw. stört. Bei einem Emoticon wie in (134) beispielsweise muss der Leser aus rein visuell-ikonischer Sicht ausblenden, dass im Prinzip zwei Münder geschrieben werden. Allenfalls das, was ein heruntergezogener Mundwinkel bedeutet, wird verstärkt. Lediglich (133) könnte im Sinne zweier geöffneter Münder im zeitlichen Nacheinander des periodisch sich vollziehenden Lachens gemeint verstanden werden, stellt damit aber eine Ausnahme dar. Jedenfalls muss der Betrachter die beiden Kodierebenen integrieren. Es bleibt dabei, dass Interpunktionszeichen innerhalb von Emoticons ihrer konventionellen Verwendung enthoben werden. Und auch wenn Emoticons am Ende von Sätzen häufig Interpunktionszeichen ersetzen und dies zeigt, dass sie – eingebettet in die Linearstruktur der Schrift – mit dem syntaktischen System und mit dem Interpunktionssystem interagieren, so wäre es ein allzu relativistischer Bruch in der Beschreibung des Interpunktionssystems, Emoticons als syntaktische Zeichen anzusehen. Eher handelt es sich um punktuelle Berührungen zweier Systeme. Auch beispielsweise Klammern gelten nicht als syntaktische Zeichen, nur weil sie (zum Beispiel bei Einschüben) die syntaktische Bedeutung von Kommas übernehmen können. Bei Emoticons ändert sich nicht nur die Zeichenkategorie der Interpunktionszeichen gegenüber der Verwendung in konventionellen Texten (Ikon anstatt Symbol), sondern auch die Graphotaktik. Sind P-Klitika normalerweise enklitisch (vgl. Bredel 2008: 84), spielt die Klitisierungsart bei Emoticons keine Rolle. Einem PKlitikum wie dem Semikolon gehen im konventionellen Gebrauch meistens Buch-

130

4 Semikolon

staben oder Ziffern voran und ihm folgt ein Leerzeichen; die typische graphotaktische Struktur ist < xxxx; > (vgl. ebd.). Als Emoticon hingegen steht bei der Verwendung in linearen Texten vor dem Semikolon entweder ein Spatium bzw. eine weiße Fläche oder ein anderes Zeichen. Rechts folgt unmittelbar das nächste Zeichen, das in der Regel eine Nasen- oder Mundpartie darstellt. Was die Konkatenation mit anderen Zeichen angeht, scheint es hier keine prinzipiellen Beschränkungen zu geben, die sich entlang von Zeichenklassen oder Ähnlichem bewegen. Das Emoticon (127) wäre als Zeichenfolge in einem konventionellen Text graphotaktisch ausgeschlossen, da dem Semikolon zum einen kein Spatium folgt, zum anderen auch der Gedankenstrich-Nase ein Spatium vorangehen müsste. Und als symmetrisches Zeichen wäre auch erwartbar, dass dem Gedankenstrich ein Spatium folgt (vgl. Bredel 2008: 27). Im Emoticon hingegen spielen diese Regeln keine Rolle. Die Klammer als beliebtes und nichtreduzierbares Element für die Darstellung der Mundpartie kann graphetisch als echt paariges Zeichen gelten, denn sie hat zwei formal unterscheidbare Elemente ausgebildet, die im konventionellen Gebrauch auch obligatorisch zusammen auftreten (vgl. Bredel 2008: 82– 83). Wie (127) zeigt, ist auch diese Regel bei der Verwendung innerhalb von Emoticons aufgehoben. Bemerkenswert ist, dass Irritationen beim Leser nicht aufkommen, wenn er in einem konventionellen Text auf Emoticons trifft. Die Verarbeitungsstrategie wird offenbar von symbolisch zu ikonisch gewechselt, obwohl kein anderes Zeichenmaterial verwendet wird. Würden Emoticons rezeptionsseitig nicht als Ikone anerkannt, müssten die Leser über eine, gemessen an der konventionellen Verwendung, verunglückte Graphotaktik stolpern. So aber gibt diese wahrscheinlich gerade einen bedeutenden Hinweis, anders zu verarbeiten. In diesem Sinne können die Zeichen als Bestandteile von Emoticons als gebunden gelten (vgl. Amaghlobeli 2012: 350). Erst in Kombination können sie zum ikonischen Zeichen werden und ihre abweichende Graphotaktik entfalten. Gegenüber dem konventionellen Gebrauch ist die Graphotaktik des Semikolons und der anderen Interpunktionszeichen in Emoticons freigegeben. Viele Emoticon-Abfolgen kommen in konventionellen Texten aber auch deshalb nicht vor, weil schlicht funktionale Gründe dagegensprechen. Das sieht man in (128). Eine Klammer könnte graphotaktisch einem P-Klitikum wie dem Semikolon durchaus folgen, zum Beispiel wenn ein ganzer Satz eingeklammert wird < xxx.) >. Und trotzdem wären Abfolgen von Interpunktionszeichen und Buchstaben wie in (130) oder (131) in der konventionellen Verwendung aus funktionaler Perspektive für den Leser nicht sinnvoll auswertbar.

4.2 Tendenzen in der Normierungsgeschichte

131

Zusammenfassend lässt sich sagen: Auch wenn Emoticons und ihre Bestandteile zum Teil analog zu Morphemen analysiert oder sogar als solche bezeichnet werden, so hat doch die kategorial andere, nämlich ikonische Verwendung von Interpunktionszeichen so weitreichende formale wie funktionale Folgen hat, dass sie bei der vorliegenden Analyse ausgeklammert bleiben können. 4.2

Tendenzen in der Normierungsgeschichte

Wie bereits in bemerkt, wird das Semikolon meist mit Koordination in Verbindung gebracht (vgl. Bredel/Primus 2007: 114–115 / Bredel 2008: 186 / Bredel 2011: 82 / Esslinger 2014: 20). Diese Sichtweise ist mit Blick auf die Amtlichen Regelungen 2006 augenfällig, interessanterweise aber nicht mit Blick auf die Historie der Regeltexte insgesamt. Ursula Bredel sieht in der systematischen Aufarbeitung der Regelgeschichte des Semikolons ein Desiderat (vgl. Bredel 2008: 186). Darum geht es in diesem Abschnitt. Ältere Regeltexte halten ein mitunter überraschend vielfältiges Bild bereit. Diese Vielfalt, so scheint es, wird erst im Laufe des 20. Jahrhunderts kanalisiert zu einer einzigen scheinbar einfachen Semikolonfunktion. Vor diesem Hintergrund sind – besonders die späteren – Normierungstexte (d. h. die Amtlichen Regelungen und die Dudenregeln) offensichtlich kein optimaler Ausgangspunkt für die systematische Aufarbeitung des Semikolons – und sie sind dennoch so verwendet worden (so bei Mentrup 1983 / Behrens 1989 / Gallmann 1985). Das bezieht sich nicht nur auf die Interpretation und Beschreibung der Regeltexte, sondern auch auf die dort angeführten sprachlichen Beispiele, die sich ebenfalls über die Jahrzehnte vereinfachen und verkürzen. Während die späte Literatur des 20. Jahrhunderts besonders intensiv die Regelungstexte im engeren Sinne diskutiert, rückt dieser Aspekt in jüngeren Analysen in den Hintergrund (z. B. bei Primus/Bredel 2007 / Bredel 2008). Aber auch hier dienen die Beispiele der Amtlichen Regelungen gewissermaßen als eine Art Korpus für die linguistische Rekonstruktion der Funktion des Semikolons. Damit allerdings ist der Blick von Beginn an in zweifacher Weise verengt: zum einen, was die Satzlänge und die syntaktische Komplexität von Sätzen mit Semikolon angeht – die ist nämlich erwartungsgemäß größer in Sätzen aus Zeitungstexten als in den späteren Regeln. Zum anderen in Bezug auf die Vielfalt der Konstruktionen, in denen Semikolons vorkommen. Tatsächlich ist das Verwendungsspektrum in

132

4 Semikolon

den hier gesichteten Texten größer. Möglicherweise hat der Aufstieg des Semikolons als ‚Koordinationszeichen‘ in diesem kanalisierten oder verengten Blick späterer Normierungstexte seinen Ursprung. Grob lassen sich zwei Entwicklungen feststellen, wenn man als Ausgangspunkt den „Versuch einer deutschen Interpunktionslehre“ von Konrad Duden (vgl. Duden 1876) nimmt und den Regeltext bis zur Neuregelung von 1996 verfolgt (vgl. Amtliche Regelung 1996); seit 1996 ist der Regeltext unverändert geblieben (siehe Liste unten).93 Als erste Tendenz lässt sich eine zunehmende Intoleranz gegenüber der Vagheit und Offenheit früherer Regeltexte ausmachen. In dem ‚Versuch einer deutschen Interpunktionslehre‘ heißt es, „daß der Gebrauch […] nicht für alle Fälle durch Regeln festgesetzt werden kann; er hängt oft von der Auffassung des Schreibenden ab“ (Duden 1876: 168). Der sogenannte Buchdruckerduden übernimmt diese Aussage leicht modifiziert und kennzeichnet die eigenen Ausführungen explizit sogar als eine bloße ‚Richtschnur‘ (vgl. Duden 1903: XXV). Spätestens ab 1973 fehlen diese beiden Hinweise. Dass der Regeltext einen offenen, beinahe deskriptiven Charakter hat, dieses Thema hat sich fortan erledigt. Warum, darüber lässt sich nur mutmaßen. Jedenfalls kann es nicht daran liegen, dass man so zu einem besseren bzw. eindeutigeren Regeltext gelangt wäre – oder zu einschlägigeren Beispielen. Denn das ist die zweite Tendenz: Die Beispielsätze werden über die Zeit von 120 Jahren umgeordnet, strukturell verändert, vereinfacht und/oder getilgt. Und zwar auf eine Weise, die auf den ersten Blick bizarr anmutet und einer Erläuterung bedarf. Eine vielgestaltige und durchaus einsichtsreiche Kasuistik bis 1903 wird zu einer einzigen Regel mit vergleichsweise kurzen und künstlichen Beispielsätzen geformt, wenn nicht gar ‚geschleift‘. Konrad Duden war in mehrfacher Weise prägend für die Entwicklung des Regelwerkes zum Semikolon bis heute. Wegweisend ist allein schon, dass er aus einer graphetischen Analyse die Funktion des Zeichens abzuleiten versucht: „Das Semikolon ist also ein Stellvertreter derjenigen beiden Satzzeichen, aus denen es zusammengesetzt ist, des Punktes und des Kommas“ (Duden 1876: 168). Über 125 Jahre später versucht Ursula Bredel, die diese Passage sehr würdigt (vgl. Bredel

93

In den K-Regeln des Duden ist der Regeltext zum Semikolon (K 158) seit der 22. Auflage von 2000 bis zur 25. Auflage gar nicht und danach nicht mehr inhaltlich verändert worden (dementsprechend auch die aktuellen D-Regeln im Internet, vgl. http://www.duden.de/sprachwissen/rechtschreibregeln/semikolon, 10.9.2017). Aus systematischer Sicht erscheint die Regelgenese des Semikolons in den letzten 20 Jahren nicht mehr relevant.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

133

2008: 186), in ihrer Beschreibung etwas ganz Ähnliches: Die Form und die Funktion aller Interpunktionszeichen werden aufeinander bezogen, und beim Semikolon wird die spezifische syntaktische Funktion für den Leser ebenfalls kompositionell aus den Bestandteilen des Zeichens gewonnen (Bredel/Primus 2007: 114– 115 / Bredel 2008: 188). Die Idee, das Semikolon stehe entweder statt des Kommas oder statt des Punktes, die Duden für die Strukturierung seiner Regeln nutzt, hat sich bis zum heute gültigen amtlichen Regeltext von 2018 gehalten in dem Satz, man drücke mit dem Semikolon einen höheren Abgrenzungsgrad aus als mit dem Komma und einen niedrigeren als mit dem Punkt (vgl. AR 2018: § 80). Einen vergleichbaren Beschreibungsansatz gibt es für kein anderes Interpunktionszeichen. Im nächsten Abschnitt möchte ich die hier beschriebenen Tendenzen anhand der Regeltexte aufzeigen. 4.3

Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

Die folgende Liste enthält diejenigen Regeltexte, die ich für den Überblick über die Normierungsgeschichte verwendet habe. Zwischen 1951 und 1991 gab es für Ost- und Westdeutschland redaktionell komplett getrennte Ausgaben.94 1984[1876] Duden, Konrad: Versuch einer deutschen Interpunktionslehre 1903

Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache. Bearbeitet von Konrad Duden

1929

Der große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 10. Auflage

1937[1934] Der Große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 11. Auflage 1941

Der Große Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 12. Auflage

1954

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 13. Auflage

94

Die vollständigen Angaben befinden sich im Literaturverzeichnis.

134

4 Semikolon

1957

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 14. Auflage, westdeutsche Ausgabe

1957

Der Große Duden. Wörterbuch u. Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 15. Auflage, ostdeutsche Ausgabe

1961

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 15. Auflage, westdeutsche Ausgabe

1967

Der Große Duden. Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 16. Auflage, westdeutsche Ausgabe

1971[1967] Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung 16. Auflage, ostdeutsche Ausgabe 1973

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 17. Auflage, westdeutsche Ausgabe

1980

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. 18. Auflage, westdeutsche Ausgabe

1980

Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 21. Auflage, ostdeutsche Ausgabe

1987

Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 18. Neubearbeitung, 3. ostdeutsche Ausgabe

1988

Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 18. Neubearbeitung, 4. Auflage, ostdeutsche Ausgabe

1990

Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 6. Auflage, ostdeutsche Ausgabe

1991

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 20. Auflage, 1. gesamtdeutsche Ausgabe nach der Wiedervereinigung

1996

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 21. Auflage, (R-Regeln)

1996–2018 Amtlichen Regelungen. Ministerium der deutschsprachigen Gemeinschaft / Rat für deutsche Rechtschreibung.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

135

2000

Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 22. Auflage, (K-Regeln95)

2004

Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 23. Auflage, (K-Regeln)

2006

Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 24. Auflage, (K-Regeln)

2009

Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 25. Auflage (K-Regeln)

Sowohl durch die Normierungsgeschichte als auch durch die Geschichte der sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Semikolon zieht sich die Beschäftigung mit zwei Strukturtypen von Konstruktionen, bei denen das Semikolon verwendet wird. Was sich ändert, ist die Einschätzung ihrer jeweiligen Wichtigkeit für die Systematik des Semikolons, auf welche Weise sie beschrieben werden und was an ihnen jeweils deutlich werden soll. Zum Strukturtyp I gehören satzwertige Einheiten, die durch das Semikolon getrennt werden.96 Dabei kann es sich um selbständige Sätze oder um Nebensätze handeln. Das erste von Konrad Duden 1876 angeführte Beispiel gibt (135) wieder. (135)

Und zum König bringt man die Wundermär; der fühlt ein menschliches Rühren.

Zwischen Sätzen könne – diese Einschätzung hat sich bis zu den Amtlichen Regelungen 2006 gehalten – das Semikolon sowohl anstelle eines Punktes als auch anstelle eines Kommas stehen; außerdem könne es sich um nebengeordnete bzw. koordinierte Sätze handeln oder nicht. Weil es für diesen Strukturtyp viele unterschiedliche Beispiele gibt, unterteile ich ihn unten noch mal in drei Subgruppen (siehe unten). Zum zweiten Strukturtyp lassen sich nominale oder präpositionale Einheiten zählen, die durch das Semikolon getrennt werden.97 In der Interpunktionslehre von

95

96

97

Zusätzlich zu den Amtlichen Regelungen habe ich die sogenannten ‚K-Regeln‘ des Duden ausgewertet. Ab der 21. Auflage (1996) druckt der Duden sowohl die Amtlichen Regelungen ab als auch das eigene Regelwerk. In der 21. Auflage sind das ‚R-Regeln‘ in alphabetischer Sortierung; von der 22. bis zur 24. Auflage sind es ‚K- Regeln‘, die für das Semikolon im Wortlaut über die verschiedenen Ausgaben hinweg nicht geändert werden. Der Duden druckt bis zur 24. Auflage beide Texte ab. Von der 25. Auflage (2009) an druckt der Duden ausschließlich die K-Regeln ab, die Amtlichen Regelugen entfallen. Eine einzige Ausnahme findet sich unter Subgruppe 2, siehe unten. Hier habe ich auch einen Satz aufgenommen, bei dem die Konstruktion rechts vom Semikolon nicht satzwertig ist. Zimmermann rechnet auch Aneinanderreihungen von zu-Infinitiven diesem Typus zu (vgl. Zimmermann 1969: 20).

4 Semikolon

136

1876 taucht dieser Typ noch nicht auf. Im Buchdruckerduden (1903: XXV– XXVI) wird (136) als Beispielsatz angeführt. (136)

Dieser fruchtbare Landstrich trägt Roggen, Gerste, Weizen, Spelt; Kirschen, Pflaumen, Äpfel, Birnen; Tabak, Leinsamen, Färberweis; ferner die verschiedenen Arten von Nutzhölzern.

Strukturtyp II Ich bleibe zunächst bei diesem Strukturtyp 2. Er erlangt in der linguistischen Literatur des 21. Jahrhunderts einige Wichtigkeit, denn Ursula Bredel wird versuchen, hieran die spezifische Funktion des Semikolons gegenüber anderen Zeichen zu zeigen. Außerdem wird sie die These, es handele sich beim Semikolon um ein koordinationsanzeigendes Zeichen, maßgeblich mit diesem Strukturtyp II zu plausibilisieren versuchen. Von 1903 bis heute fehlt dieser Strukturtyp in keinem von mir gesichteten Regeltext des Duden und der amtlichen Regelungen. Auffällig ist aber, dass es für ihn stets nur jeweils einen einzigen Beispielsatz gibt und dass der Ausgangssatz von 1903 oft übernommen und wenn überhaupt nur leicht abgewandelt wird. Aber auch, wenn der Satz ausgetauscht wird, bleibt seine Struktur fast gleich. Auf westdeutscher Seite wird er erst in der 18. Auflage von 1980 ersetzt (137) und ab da wortgetreu weitergetragen bis zu den amtlichen Regelungen von 1996. (137)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß.

Die Ähnlichkeiten sind offensichtlich. Die koordinierten Nominale sind in (136) direkt vom Verb regiert, in (137) hingegen zwar Bestandteil der Präpositionalgruppe von aus, aber die Präpositionalgruppe ist ihrerseits verbregiert. Beide Sätze enthalten keine Verbalklammer; die Aufzählung nominaler Glieder steht am Ende des Satzes. Angesichts der möglichen syntaktischen Vielfalt nominaler Aufzählungen ist die Varianz in den Beispielsätzen hier gering. Sogar das Thema Nutzpflanzen und Nahrungsmittel hält sich über mehr als 100 Jahre. Aber (136) enthält eine Besonderheit, die ab 1980 fehlt: Die Reihung nach dem letzten Semikolon ist mit ferner angebunden. Syntaktisch ist auf diese Weise die Koordination gelöst und damit wirkt das Letztglied weniger in die Aufzählung

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

137

integriert. Derlei Vereinfachung der Syntax der Beispielsätze sowie deren Kürzung sind typisch für die Normierungsgeschichte des Semikolons. Hinzu kommt eine sonderbare Veränderung des Satzes in den Leipziger Ausgaben des Duden von 1957, (138). (138)

Roggen, Weizen, Gerste; Butter, Fett, Pflanzenöle; Fleisch und Fisch; Obst, Gemüse und Kartoffeln sind lebenswichtige Bestandteile der Ernährung.

Offenbar handelt sich hier um eine bloße Abwandlung des Satzes (136), denn die Aufzählung beginnt mit den gleichen Getreidearten. Es gibt ebenso wie in (137) aus den Amtlichen Regelungen auch in diesem Satz keinen Herausstellungscharakter eines Koordinationsgliedes mehr; ferner – und das ist das eigentlich Erstaunliche – steht die komplexe Aufzählung nun sogar im Vorfeld, denn zwischen Kartoffeln und sind steht nur ein Spatium. Zimmermann erwähnt so etwas aus seinen Korpusdaten, die immerhin 437 Semikolonfälle umfassen, nicht (vgl. 1969: 17-21)98, in dem hier zugrunde gelegten Korpus gibt es ebenfalls keinen einzigen Satz mit einem Semikolon im Vorfeld oder im Mittelfeld, und auch nicht in den Beispielen der Regeltexte oder in der linguistischen Literatur. Dass die Stellung des Semikolons hier offenbar auch von den Autoren als ungewöhnlich, zumindest als abweichend, wahrgenommen wird, reflektiert der Regeltext durch den zusätzlichen Einschub gegenüber früheren Versionen, das Semikolon stehe „selbst innerhalb des Satzganzen“ (Duden 1957: 800). Die Besonderheit des Beispielsatzes wird damit durch den Regeltext legitimiert. Während sich das Semikolon im Vorfeld im Leipziger Duden bis zur Ausgabe von 1990 hält (vgl. Duden 1990, S. 678–679), bleibt es im Mannheimer Duden (und in allen anderen mir bekannten Beschreibungen) bei diesem Strukturtyp in der Position hinter dem finiten Verb (und stets ohne Verbalklammer) wie in (136)– (137). Es ist eine, wenn auch plausible Mutmaßung, dass der Leipziger Duden sich mit dieser Stellungsvariante bewusst gegenüber früheren Ausgaben und vor allem der ersten westdeutschen Ausgabe aus Mannheim von 1954 absetzen wollte. Auch an anderen Stellen der ostdeutschen Ausgabe ist jedenfalls auffällig, dass bei weitgehend identischem Regeltext lediglich die Beispiele ausgetauscht wurden, ohne

98

Zimmermann zitiert zwar ein vergleichbares Semikolon im Vorfeld, das aber wird von Klammern im Skopus gehalten und ist als Einschub der Topologie der Matrixstrukur ohnehin enthoben (vgl. Zimmermann 1969: 20).

138

4 Semikolon

dass dadurch ein Mehrwert in Bezug auf die Klärung der Semikolonfunktion entstünde. So wird ein in gereimten Versen zitierter Ausschnitt aus Karl Simrocks „Zabern im Elsaß“ der Ausgabe von 1937 ohne erkennbaren linguistischen Grund ersetzt durch die erste Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius in der Leipziger Ausgabe von 1957. Für alle Ausgaben bis 1996 kann aber gelten, dass als besondere Leistung gegenüber dem Komma für diesen Strukturtyp gar nicht explizit Koordination ausgewiesen wird, sondern die semantische Binnengliederung der komplexen Aufzählungskette. Das heißt, auch wenn das Semikolon bei Strukturtyp II natürlich bei Koordination steht, ist seine Spezifik nicht oder nicht nur syntaktisch gedacht worden. Erst ab 1996 geht aus der Regelformulierung hervor, dass es sich beim Semikolon um ein im Prinzip ausschließlich koordinationsanzeigendes Zeichen handelt; hingegen dass es auch nicht-syntaktische Bedeutungsaspekte dieses Zeichens geben könnte, ist nicht mehr explizit ausgedrückt (vgl. dazu auch Strukturtyp I). Ohne dass sich an dem Beispielsatz Wesentliches änderte, wandelt sich der Blick in den Regeltexten von einem semantisch-syntaktischen zu einem vorwiegend syntaktischen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Beispielsatz syntaktisch geglättet wird: zum einen wird er deutlich gekürzt (die Aufzählungskette um ein Drittel); zum anderen wird der Herausstellungscharakter der Aufzählungskette nach dem letzten Semikolon eliminiert. Ansonsten bleibt die syntaktische Struktur des Beispielsatzes über fast 100 Jahre erstaunlich konstant, von der oben beschriebenen temporären und ungewöhnlichen weil offenbar ungebräuchlichen Variation des Ost-Dudens einmal abgesehen. Das ist angesichts der Vielfalt der Sätze und Satztypen, die für Strukturtyp I angeführt werden, und der Vielfalt koordinativer Konstruktionen insgesamt ebenfalls erstaunlich. Im Regeltext selbst wird ein zumindest auch nicht-syntaktischer Blick auf das Semikolon zu einem rein syntaktischen – auf den die spätere Interpunktionsliteratur aufzusatteln scheint. Strukturtyp I Ich komme nun zu Strukturtyp I, den Sätzen. Hier lassen sich ähnliche Tendenzen beobachten wie bei Strukturtyp II. Die Vielfalt, vor allem aber die Anzahl an Beispielen in den Regeltexten ist grundsätzlich deutlich größer, wird aber im Laufe der Normierungsgeschichte mehr und mehr reduziert. Auch werden die verschiedenen Satztypen zum Teil umgeordnet, unterschiedlich bezeichnet und neu zusammengefasst. Dem vergleichenden Blick öffnet sich so ein unübersichtliches

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

139

Feld. Ich möchte zunächst drei Subgruppen von Sätzen aus den Regeltexten unterteilen. (139)

Die Stellung der Werbeabteilung im Organisationsplan ist in den einzelnen Unternehmen verschieden; sie richtet sich nach den Anforderungen, die an die Werbung gestellt werden. (Duden 1996: 58, R 119)

(140)

Wenn Du mich um Rath gefragt hättest; so würde ich dir einen bessern Rath gegeben haben. (aus Becker 1829: 416)

(141)

Wenn die Sonne untergeht und der Wind leis’, lispelnd weht; wenn der Wald gespenstisch dunkelt und manch Stern schon blinkt und funkelt; wenn des Tages Lärmen, Hasten, wenn die Mühen, wenn die Lasten nun dem Abendfrieden weichen; wenn die Vögel heimwärtsstreichen und aus Fenstern Licht auf Licht froh in schwarzes Dunkel bricht: dann kommt Frieden, armes Herz, auch in dich bei allem Schmerz. (Duden 1954: S. 61/62)

Unter Subgruppe 1 (140) fasse ich zunächst alle diejenigen Sätze zusammen, die syntaktisch derart selbständig sind, dass zwischen ihnen auch ein Punkt stehen könnte – unabhängig davon, ob die Regeltexte das Semikolon in diesen Fällen als Punkt- oder als Kommaersatz betrachten, und ebenfalls unabhängig davon, ob die Regeltexte hier von koordinierten Sätzen sprechen oder nicht. Subgruppe 2 (siehe (141)) ist eine kleine und heterogene Klasse, hier fasse ich weniger selbständige Ausdrücke, bei denen man aber auch nicht von Koordination sprechen kann (siehe auch (151), S. 151). Unter Subgruppe 3 (142) schließlich fallen koordinierte Nebensätze, für die es besonders naheliegt, von Koordination auszugehen. Die Abb. 45 gibt einen Überblick über die Einteilung der Sätze in den Regeltexten.

140

4 Semikolon

Abb. 45: Übersicht über die Einteilung der Regelsätze zum Semikolon

Ich möchte nun die typischen Satzkonstruktionen der einzelnen Subgruppen durchgehen und an ihnen die Tendenzen in der Normgeschichte verdeutlichen. Die Subgruppe 1 liegt quer zu der Einteilung in den Regeltexten vor 1996. Ich begründe zunächst, warum ich von der Einteilung abweiche. Bis 1996 folgt die Einteilung der Beispielsätze in den Regeltexten nämlich der Strukturierungsidee von Konrad Duden, mit der er schon die Beispielsätze in seiner Interpunktionslehre von 1876 ordnet (vgl. Duden 1984 [1876]: 168–169). Zum einen gilt das Semikolon dort als Punktersatz: Duden geht davon aus, dass „[zwei] aufeinander folgende grammatisch völlig selbständige Sätze [...] oft logisch miteinander verbunden [sind] [...] alsdann setzt man statt des Punktes ein Semikolon, um die logische Zusammengehörigkeit beider zu bezeichnen“ (Duden 1984 [1876]: 168).99 Zum anderen gilt das Semikolon als Komma-Ersatz, und zwar unter anderem sowohl bei nebengeordneten Nebensätzen als auch bei nebengeordneten Hauptsätzen. Problematisch ist nun, dass es keine klaren Kriterien gibt, wie die lediglich logisch miteinander verbundenen Hauptsätze abzugrenzen sind von den nebengeordneten Hauptsätzen. Möglicherweise haben die koordinierten Hauptsätze eine

99

Dabei folgt Konrad Duden ganz dem Offline-Gedanken: Die grammatische Struktur der Sätze (Selbständigkeit) sowie ihr inhaltlicher Bezug (‚logische‘ Verbindung) sind die Voraussetzung für das Setzen des Zeichens.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

141

vergleichbare syntaktische Struktur, aber auch das wird nicht klar. Die Einteilung von Duden erwächst also aus der Idee, die er von der Funktion des Semikolons gewonnen hatte, dass nämlich das Semikolon angeblich einmal anstelle des Punktes stehe und einmal anstelle des Kommas. Besieht man aber die entpsrechenden Beispielsätze, erscheint fraglich, ob diese sich überhaupt in solch zwei Gruppe scheiden lassen. In Satz (142) seien die beiden laut Duden koordiniert; das Semikolon ersetze also ein Komma. In (143) ist die faktisch von Duden vorgeschlagene alternative Variante mit Kommas widergegeben. Die gleiche Satzreihe mit Punkt ergibt (144). (142)

Des Wassers und des Feuers Kraft verbündet steht man hier; das Mühlrad von der Flut gerafft, umwälzt sich für und für; die Werke klappern Nacht und Tag u.s.w.100 (Duden 1984 [1876]: 168–169; Unterstreichung N. S.)

(143)

Des Wassers und des Feuers Kraft verbündet steht man hier, das Mühlrad von der Flut gerafft, umwälzt sich für und für, die Werke klappern Nacht und Tag u.s.w. (nach Duden 1984 [1876]: 168–169; Unterstreichung N. S.)

(144)

Des Wassers und des Feuers Kraft verbündet steht man hier. Das Mühlrad von der Flut gerafft, umwälzt sich für und für. Die Werke klappern Nacht und Tag u.s.w. (nach Duden 1984 [1876]: 168–169; Unterstreichung N. S.)

Zwar mag intuitiv deutlich werden, dass das Komma eine zu schwache Trennwirkung hat, zumal der zweite Satz intern durch ein bzw. zwei weitere Kommas strukturiert wird (siehe Fußnote 100). So wird, besonders mit dem Komma nach für, nicht auf den ersten Blick deutlich, dass hier eine neue Matrixstruktur beginnt. Insofern wird die Idee Dudens deutlich. Trotzdem heißt das ja nicht, dass das Semikolon in (142) nicht auch anstelle eines Punktes stehen könnte. Denn (144) scheint weder ungrammatisch noch unakzeptabel. Würde man aber Letzteres annehmen, müsste man davon ausgehen, dass die Sätze eben nicht nebengeordnet, sondern ‚logisch verknüpft‘ seien. Die geringe Trennschärfe der beiden von Konrad Duden eröffneten Gruppen wird noch deutlicher, wenn man im Kontrast dazu (145) als Beispielsatz aus Duden

100

In den späteren Versionen dieses Satzes steht vor von stets ein Komma.

142

4 Semikolon

1984 [1876] heranzieht, in dem das Semikolon als Ersatz für den Punkt stehe, hier liege also – im Gegensatz zu (142)–(144) – keine Koordination vor. (145)

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll; ein Fischer saß daran. (Duden 1984 [1876]: 168–169; Unterstreichung N. S.)

Sicherlich ließe sich auch hier, genau wie in (142)–(144), sagen, ein Komma trennt womöglich zu schwach. Dass aber ein Punkt zu stark trennen sollte (und darum geht es Duden ja eigentlich), das ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Die Sätze (142)–(145) erfüllen zudem die Minimalbedingungen der Nebenordnung im Sinne von Koordination, denn anstelle von Komma, Semikolon oder Punkt (oder zusätzlich dazu) könnte auch und stehen. Würden also die Sätze also gemeinsam in einer Gruppe geführt, es fiele wohl kaum auf. Die schwache Unterscheidbarkeit zwischen den nur logisch miteinander verbundenen Hauptsätzen und den nebengeordneten Hauptsätzen zeigt sich auch terminologisch: Die Gruppe der nebengeordneten Sätze wird von 1941 bis 1957 auch wieder „mehrfach zusammengesetzter Satz“, „Glieder- oder Großsatz“ und „Periode“ genannt.101 Besonders unter „mehrfach zusammengesetzter Satz“ ist Nebenordnung bzw. Koordination so schwach ausgedrückt, dass sicher auch (145) darunterfallen könnte. Damit ist die Kritik an der Einteilung der Beispielsätze zum Semikolon bei Duden gleichzeitig eine Kritik an dessen funktionaler Beschreibung. So attraktiv die Idee auch ist, das Semikolon ersetze – je nach Konstruktion – entweder den Punkt oder das Komma, so wenig lässt sie sich anhand der Beispiele plausibilisieren und es mangelt an Operationalisierbarkeit.102 Das ändert sich auch nicht in späteren Auflagen mit dem Austausch einiger Sätze. Dass sich diese Einteilung überhaupt so lange in den Regelungen halten konnte, ist auf den ersten Blick erstaunlich; und auf den zweiten kann man auch den Schluss ziehen, dass sie vielleicht kaum ernstlich wahrgenommen oder zumindest nicht kritisch hinterfragt wurde. Erst ab der 21. Auflage 1996 und auch in den amtlichen Regelungen ab 1996 ist sie gänzlich verschwunden; die beiden Subgruppen fallen zusammen. 101

102

Die Termini „mehrfach zusammengesetzter Satz“ und „Periode“ bleiben bis 1991 bestehen, allerdings werden die Beispielsätze ausgetauscht, so dass hier von den Konstruktionen her wieder auf Koordination geschlossen werden kann. Duden selbst nimmt die Operationalisierung über die Prosodie vor. Aber angesichts der zahlreichen Aussprachemöglichkeiten, die für seine Beispielsätze infrage kommen, erscheint das ein aussichtsloses Unterfangen, zumal es sich bei (142) und (145) auch noch um Ausschnitte aus einem lyrischen Texten inklusive Versmaß und Reim handelt.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

143

Fortan entsteht durch den Regeltext der Eindruck, es handele sich in allen Fällen um Koordination. Nun kann es um die Frage gehen, welche Tendenzen sich in der Normierungsgeschichte in Bezug auf den Strukturtyp I ausmachen lassen. Eine Tendenz zur Verkürzung und Vereinfachung der Beispielsätze sowie zu einer Vereindeutigung und Syntaktisierung der Semikolonfunktion, wie man sie bei Strukturtyp II beobachten kann, lässt sich auch hier feststellen. Das möchte ich nun anhand einiger Daten begründen und vergleiche dafür die Regeltexte bis zu den amtlichen Regelungen 1996 auf westdeutscher Seite. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über Anzahl der Beispielsätze, über die durchschnittliche Satzlänge und über die Anzahl der Kommas in diesen Sätzen Tab. 7: Beispielsätze zu Subgruppe 1

Jahr 1876 1903 1920 1929/1934 1941 1954 1973 1980/1986/1991 1996 (Duden) 1996 (AR) 2000 (K-Regeln)

Anzahl der Beispielsätze 5 3 3 5 7 5 3 3 1 5 1

durchschnittl. Satzlänge in Wörtern 17,6 21,7 21,7 23,4 20,9 21,2 15 15,67 23 14,2 17

durschnittl. Anzahl der Kommas pro Satz 0,6 2 2 2,4 1 0,6 0,33 0,33 1 0,4 0

1876 führt Konrad Duden fünf verschiedene Beispielsätze allein für diese Subgruppe an. Es bleiben über die Jahrzehnte mindestens 5, 1941 sind es sogar 7; nur der Buchdruckerduden von 1903 und der Duden von 1920 bilden eine Ausnahme, denn dort sind es nur 3. In der Mannheimer Duden-Ausgabe von 1973 sind es nur noch 3 Sätze und das bleibt so bis 1991. 1996 schließlich ist es nur noch einer, in den K-Regeln von 2000 ebenfalls nur einer. Zwar sind es in den amtlichen Regelungen ab 1996 wieder 5, aber dafür sind das dann auch schon überhaupt alle. (Die Subgruppen 2 und 3 des Strukturtyps I fallen nämlich komplett aus, siehe unten.)

144

4 Semikolon

Mit der durchschnittlichen Satzlänge sieht es ähnlich aus.103 Nie war sie so kurz wie in den amtlichen Regelungen ab 1996 mit 14,2 Wörter. 1903 liegt der Wert bei 21,7; in den von mir gesichteten Ausgaben zwischen 1929 und 1954 stetig über 20; zwischen 1973 und 1991 dann bei 15. Der längste Satz in den amtlichen Regelungen 1996 umfasst 20 Wörter, der zweitlängste 16 Wörter. In dem Versuch einer Interpunktionslehre von Konrad Duden von 1876 hingegen misst der längste Satz 27 Wörter und der zweitlängste 19. 1929 gibt es von fünf Sätzen überhaupt nur einen mit weniger als 20 Wörtern. Zwischen 1929 und 1954 gibt es immer mindestens drei Sätzen mit 20 oder mehr Wörtern. Sätze dieser Subgruppe 1, in denen zwei Semikolons vorkommen, existieren auch nur bis 1954. Und schließlich nimmt auch die Anzahl der Kommas in den Beispielsätzen ab. Im Schnitt gibt es bis 1941 mindestens ein Komma pro Beispielsatz, 1954 sind es nur noch 0,6 und ab da unter 0,5.104 Die Amtlichen Regelungen und die daraus abgeleiteten K-Regeln bilden dann schließlich den reduktionistischen Höhepunkt; die K-Regeln belassen es gar bei einem einzigen Beispielsatz zu Subgruppe 1 und bei einem einzigen Beispielsatz zu Strukturtyp I überhaupt. Und ab der 25. Auflage von 2009 druckt der Duden Rechtschreibung nur noch die K-Regeln ab, so dass davon auszugehen ist, dass diese insgesamt sogar breiter rezipiert werden als die amtlichen Regelungen selbst.105 Ich möchte hier jenseits einer ausufernden Statistik nur eine Tendenz aufzeigen. Dafür mag es genügen, wenn man die genannten Zahlen hier zusammengenommen betrachtet. Das Ergebnis dieser Tendenz der Vereinfachung und Verkürzung der Sätze sowie deren syntaktische Vereinfachung bzw. Verarmung106 sind die K-Regeln und die amtlichen Regelungen ab 1996. Letztere warten mit (146) ganz symptomatisch als erstem Beispielsatz auf, der sowohl ad hoc als auch mit Blick auf die Normgeschichte derart karg wirkt, dass er, auch wenn er sicher eine korrekte mögliche Semikolonposition benennt, an seiner Einschlägigkeit zweifeln 103

104

105

106

Die durchschnittliche Satzlänge errechnet sich einfach aus dem Mittelwert der Anzahl der graphematischen Wörter pro Satz. Theoretisch ein Ausreißer ist der Duden von 1954, der einen einzigen Beispielsatz mit einem Komma vorweist und so rechnerisch auf einen Durchschnitt von 1 kommt. Hier aber steht aufgrund der Satzanzahl außer Frage, dass maximal reduziert wurde. In der Tat entscheidet sich Berkigt in seiner Untersuchung zum Komma aus diesen Gründen dafür, die K-Regeln des Duden und nicht die Amtlichen Regelungen zur Grundlage seiner Arbeit zu machen, wenn es darum geht, das Interpunktionsverhalten kompetenter Schreiber zu untersuchen (vgl. Berkigt 2013). In dem vorliegenden Zusammenhang erscheint diese Vereinfachung tatsächlich nicht als eine fachlich adäquate Reduktion im Sinne einer ökonomischeren Handhabung. Vielmehr laufen die Regeltexte Gefahr, die syntaktischen Gefilde des Semikolons de facto zu verlassen.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

145

lässt, taucht er doch, verschieden interpungiert, ebenso bei den Regeln zum Punkt, zum Komma, zum Gedankenstrich und in den Anmerkungen zum Ganzsatz auf, ohne dass eine bestimmte Variante besonders zwingend oder günstig erscheint (vgl. AR 2018: S. 74, 75, 78, 79, 90, 92). (146)

Im Hausflur war es still./ ,/ ;/ – I/ich drückte erwartungsvoll auf die Klingel.

In Subgruppe 1 tritt unter den ‚koordinierten‘107 Sätzen 1903 ein besonderer ein Typus hinzu. Nämlich jener mit Konnektiven oder ‚Bindewörtern‘ zwischen zwei Sätzen, siehe (147). Ab 1941 hält sich dafür der schlichte Terminus „Satzverbindung“. Hier ist es besonders naheliegend, die Verbindung als Koordination zu bezeichnen, denn als Beispiele für Bindewörter werden bis 1943 mit denn, aber und doch koordinierende Konjunktionen genannt. Allerdings wird die Beispielliste später durch Adverbien erweitert. Für eine reine syntaktische Koordination gibt es dann kaum Anhaltspunkte, so dass man gegenüber den nur logisch eng miteinander verbundenen Hauptsätzen zu ähnlichen Abgrenzungsproblemen kommt wie oben für die koordinierten Hauptsätze ohne Konnektiv gezeigt wurde. (147)

Die Narren haben ihr Herz im Munde; aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen. (Duden 1941: 58/59)

Ob das Semikolon oft in Zusammenhang mit Bindewörtern gesetzt wird, ist nicht vollständig geklärt, die Ergebnisse von Gillmann sprechen aber klar dagegen (siehe Gillmann 2018: 94). Zimmermann zählt exemplarisch die Interpunktionszeichen vor denn. In nur 10,5 % der Fälle steht vor denn ein Semikolon. Zimmermann schließt, denn sei kein Kriterium für das Semikolon. Regelhörig deutet er das Ergebnis aber auch nicht als Indiz gegen die Unterregel zu den Bindewörtern, sondern für eine mögliche Entwicklung: Die Leistung des Semikolons werde dann

107

In den von mir gesichteten Regeltexten taucht das Wort ‚koordiniert‘ nur im Buchdruckerduden von 1903 auf und wird später durch ‚nebengeordnet‘, ‚beigeordnet‘ und in den amtlichen Regeln auch ‚gleichrangig‘ ersetzt – vermutlich um den grammatischen Begriff zu vermeiden, der im Buchdruckerduden, der ja für ein Fachpublikum geschrieben wurde, der Leserschaft noch zuzumuten war. Es ergeben sich aber keine Anhaltspunkte, dass das, was darunter verstanden wurde, sich grundsätzlich geändert hat. Als kleinsten gemeinsamen Nenner des sehr heterogenen Bestandes an komplexen Sätzen lässt sich vielleicht sagen, dass die mit Semikolon getrennten Sätze sich dadurch auszeichnen, dass sie syntaktisch nicht gegeneinander hierarchisierbar sind.

146

4 Semikolon

wohl von Punkt und Komma abgelöst (vgl. Zimmermann 1969: 19). Eine Datengrundlage dafür gibt es aber nicht; Mesch, die in ihrer Pilotstudie das Interpunktionsverhalten von Studierenden untersucht, erhält keine klaren Ergebnisse und regt zukünftige Studien an (vgl. Mesch 2016: 459–460).108 Masalon deutet ihre Ergebnisse so, dass der Semikolongebrauch entsprechend „satzsemantischer Parameter (kausale, konsekutive Subjunktionen/Konjunktionaladverbien wie denn, daher etc.) [...] nach Auswertung der Korpora als eher sekundär eingestuft werden müsste“ (vgl. Masalon 2014: 175). In Bezug auf die Normgeschichte ist vorerst nur relevant, dass über viele Jahre zumindest der Glaube daran existierte, dass es eine Semikolonpräferenz bei Bindewörtern gebe; sowie den Willen, den Regeltext mit diesem vermeintlichen Semikolon-spezikum auszustatten – und ihn so zumindest facettenreich zu gestalten. Aber im Duden 1996 und in den K-Regeln verschwinden sowohl ein entsprechender Regeltext als auch die Beispiele. In den amtlichen Regelungen ab 1996 werden die Konnektive ebenfalls nicht mehr erwähnt; alle bisher beschriebenen Sätze fallen in dem Begriff „gleichranginge (nebengeordnete) Teilsätze“ (AR 2006: § 80) zusammen. Trotzdem: Unter den insgesamt fünf Beispielen für alle satzwertigen Semikolonfälle sind drei mit einem Konnektiv enthalten. Daran anschließend möchte ich noch einen Blick auf die Regeltexte selbst werfen. Auch auf dieser Ebene ist sowohl eine Vereindeutigungs- als auch eine Syntaktisierungstendenz sichtbar. Die Tabelle gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Beschreibungen bzw. Benennungen von Strukturtyp I in den Regeltexten. Eine wirkliche Trennschärfe zwischen diesen Gruppen ist aber nicht zu erkennen.

108

Lenartz bemerkt, das Semikolon stehe häufig mit anadeiktischen ‚Hinweiswörtern‘, nennt aber keine genauen Zahlen (vgl. Lenartz 2015: 38–42). Eine umfassende, quantitativ empirische Untersuchung, die auch aus textsemantischer Sicht untersucht, ob Ausdrücke, die durch ein Semikolon verbunden sind, eine besondere Zusammengehörigkeit aufweisen, liefert Gillmann (2018), siehe in Ansätzen auch Zimmermann (1969). Bei Gillmann bestätigt sich ein „enger inhaltlicher Zusammenhang zwischen beiden Konnekten […] in allen Belegen“ (Gillmann 2018: 95). Allerdings macht Gillmann keine vergleichbaren Angaben dazu, mit welcher Frequenz ein inhaltlicher Zusammenhang bei Ausdrücken vorkommen, die durch andere Interpunktionszeichen verbunden sind. So bleibt die textsemantische Spezifik des Semikolons gegenüber anderen Zeichen doch im Dunkeln.

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

147

Tab. 8: Bezeichnung der Sätze der Strukturtyp I in den Regeltexten

1876 „Interpunktionslehre“

1903 Buchdruckerduden Leipzig, Wien

• • • • • •

1920 Duden, Leipzig, 9. Auflage



1934 Duden, Leipzig





• 1941 Duden, Leipzig

• • •

1954 Duden, Wiesbaden

1957 Duden, Mannheim, 15. Auflage 1957 Duden, Leipzig, 14. Auflage

• • • • • • • • •

nebengeordnete Hauptsätze nebengeordnete Nebensätze Vorder- und Nachsatz grammatisch vollständig selbstständige Sätze grammatisch völlig selbständige Sätze als dem Gedanken eng zusammengehörig koordinierte Sätze, besonders wenn sie von größerem Umfang oder von besonderer Bedeutung sind wenn zwei grammatisch völlig selbständige Sätze als dem Gedanken nach eng zusammengehörig um einander nebengeordnete Sätze, besonders wenn sie von größerem Umfang oder von besonderer Bedeutung sind der sprachlichen Form nach selbständige Sätze als dem Gedanken nach eng zusammengehörig um einander nebengeordnete Sätze, besonders wenn von größerem Umfang oder von besonderer Bedeutung der sprachlichen Form nach selbständige Sätze als dem Gedanken nach eng zusammengehörig beigeordneten Sätzen einer Satzverbindung mehrfach zusammengesetzten Sätzen verwendet, namentlich in dem Glieder- oder Großsatz (der Periode) wenn der sprachlichen Form nach selbständige Sätze beigeordneten Sätzen einer Satzverbindung mehrfach zusammengesetzte Sätze wenn Hauptsätze ihrem Inhalt nach eng zusammengehören. Satzverbindung Glieder- oder Großsatz (Periode) innerlich zusammenhängenden Hauptsätzen Gliedersatz, wenn die Glieder zusammengezogene oder zusammengesetzte Sätze Sätzen einer Satzverbindung

4 Semikolon

148 1973 Duden Mannheim, 16’7. Auflage 1980 Duden, Mannheim 18. Auflage 1991 Duden, Mannheim 1996 Duden, Mannheim 21. Auflage 2000, Duden, Mannheim 22. Auflage 1996 Amtliche Regelungen

• Hauptsätze ihrem Inhalt nach eng zusammengehören • Satzverbindungen • eng zusammengehörenden selbständigen Sätzen • nebengeordneten Sätzen einer Satzverbindung • eng zusammengehörenden selbständigen Sätzen • nebengeordneten Sätzen einer Satzverbindung • zwischen gleichrangigen Sätzen oder Wortgruppen stehen • zwischen gleichrangigen Sätzen • gleichrangige Teilsätze

Vielfach wird die Terminologie übernommen oder nur leicht abgeändert, sicher auch um Fachwörter zu vermeiden. So wird grammatisch 1934 ersetzt durch der sprachlichen Form nach. Auch koordiniert findet sich nur im Buchdruckerduden (siehe Fußnote 107). So ähnlich und austauschbar die Formulierungen auf den ersten Blick wirken, so unterschiedlich sind sie doch im Detail. Besonders eine Änderung ist bemerkenswert. Sie liegt in der Formulierung (148), die sich von 1903 bis 1954 findet. Der Unterschied kann geradezu mit Bredels Begriffen ‚online‘ und ‚offline‘ beschrieben werden. (148)

Der Strichpunkt steht statt des Punktes, wenn der sprachlichen Form nach selbständige Sätze als dem Gedanken nach eng zusammengehörig bezeichnet werden sollen.

Bereits ab 1903 also wird dem Semikolon zugestanden, die enge inhaltliche Zusammengehörigkeit selbst erst zu induzieren, d. h. nicht etwa zwei kohäsive Sätze zu markieren, sondern selbst der Träger von Kohäsion zu sein und in diesem Sinne eine Leseinstruktion zu geben. Das Semikolon wird damit eigentlich online beschrieben. Diese Abkehr vom strengen Offline-Gedanken wird ab 1957 sowohl in

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

149

der Mannheimer als auch in der Leipziger Version wieder fallengelassen (die Beispiele ändern sich im aber Wesentlichen nicht). Für die vorliegenden Zusammenhänge ist nun eines wichtig: dass es in der Normierungsgeschichte über 100 Jahre lang die auch explizit formulierte Idee gab, das Semikolon werde nicht oder nicht nur syntaktisch bei Nebenordnung oder Koordination gesetzt, sondern nach inhaltlichen Gesichtspunkten. Das sieht man an Formulierungen wie „eng zusammengehörenden selbständigen Sätzen“ (Duden 1980: 55) oder „innerlich zusammenhängenden Hauptsätzen“ (Duden 1957: 800). Die Grundidee, das Semikolon habe eine stärkere Trennwirkung als ein Komma und eine schwächere als ein Punkt, hat sich von 1876 bis 2006 gehalten. Aber dass es sich um eine inhaltliche Trennwirkung handelt, dieser Aspekt schwindet aus dem Regeltext; ab 1996 ist nur noch von einer nicht näher spezifizierten Trennstärke die Rede. Zu Beginn dieses Abschnitts habe ich erwähnt, dass auch die grammatische Literatur sich zunächst weitgehend auf die Beispiele in den Regelwerken bezieht und damit ein verengtes Korpus zugrunde legt. Die Interpretationen der Stärkehierarchie sind damit vorgeprägt. Die Idee einer inhaltlichen Stärkehierarchie von Komma, Semikolon und Punkt wurde vielfach und in unterschiedlichem Maß übernommen, aber nie weiter intensiv ausgeführt. Und mit der syntaktischen ist es ganz ähnlich (vgl. Bredel 2008: 186 / Bredel/Primus 2007: 108; siehe zum Beispiel Baudusch 2007: 248–249 / Mentrup 1983: 97–99 / Gallmann 1985: 74). Es ist auch hier immer offengeblieben, worin die Trennstärke genau besteht – bis Ursula Bredel „die stilistische Offline- durch die syntaktische Online-Analyse ersetzt“ (Bredel 2008: 187; vgl. Bredel 2008: 189–190). Mit dieser Formulierung sieht es so aus, als sei die Stärkehierarchie eigentlich und seit jeher syntaktisch und das sei vorher nur nicht erkannt worden. Nach Bredel 2008 sind dann alle SemikolonKonstruktionen, auch Fälle wie (144)–(147), letztlich koordinativ zu lesen. Ich möchte hier also zunächst festhalten, dass in Bezug auf Subgruppe 1 (die grammatisch selbständigen Sätze) die Idee, das Semikolon werde nach inhaltlichen Gesichtspunkten gesetzt, über die Zeit verschwindet und dass die moderne Interpunktionsliteratur hier aufsattelt. Darin besteht die Vereindeutigungstendenz. Je weiter die inhaltliche Beschreibung zurücktritt, desto mehr Raum ist offen für eine syntaktische Explikation des Semikolons. In dem Regeltext von Konrad Duden von 1876 sind nur zwei von vier Fallgruppen nebengeordnete Sätze. Nur hier also wird das Semikolon in Zusammenhang mit Koordination gebracht. In den amtlichen Regelungen von 1996 wird für jegliche Semikolonverwendung von Koordination ausgegangen. Insgesamt aber ist die Beleglage dafür, dass es sich in diesen Fällen

150

4 Semikolon

tatsächlich um Koordination handelt, eher gering. Vor diesem Hintergrund liegt die Bezeichnung „Satzschlusszeichen“ von Eisenberg nicht fern (vgl. Eisenberg 2013b: 89–90; vgl. auch Eichler 1978: 26), wenn das Semikolon zwischen zwei selbständigen Sätzen steht. In Bezug auf die bis hierher diskutierten Beispiele lässt sich sagen, dass sich das Verhältnis zwischen inhaltlicher und syntaktischer Semikolonbeschreibung zugunsten der syntaktischen leicht verschiebt, gemeint ist dann stets Koordination. Die zweite und die dritte Subgruppe des Strukturtyps I lassen sich schneller besprechen. Im Gegensatz zu Subgruppe 1 verschwinden sie im Laufe der Normgeschichte aus den Regeltexten, zeigen aber, welche Vielfalt dem Semikolon zugestanden wurde. Konrad Duden führt 1876 Satz (149) gesondert auf. (149)

Nachdem gewisse übel gesinnte Personen unter der Larve eines frommen Eifers, in der That aber nur aus Antrieb ihres Geizes und ihrer Herrschbegierde, den König verleitet haben, das verabscheuungswürdige Gericht der Inquisition in diesen Landschaften einzuführen; so haben wir Endesunterschriebenen uns verbunden, über die Sicherheit unserer Familien, unserer Güter und unserer eigenen Person zu wachen. (aus: Duden 1984 [1876]: 169)

Er sieht hier einen Fall, bei dem zwei durch Semikolon getrennte Sätze nicht nebengeordnet sind, sondern wo es sich um einen Vorder- und einen Nachsatz handelt. Grammatisch ist das deutlich an der Verbletztstellung des ersten Satzes zu erkennen. Der Nebensatz besetzt aber nicht das Vorfeld des Matrixsatzes. Duden zitiert einen weiteren, kürzeren, Satz, und zwar mit kausalem Verhältnis von Vorder- und Nachsatz, meint aber, das Semikolon sei hier insgesamt weniger zu empfehlen. Duden bezieht sich bei dieser Semikolonverwendung auf „Becker u. a.“ (Duden 1984 [1876]). Ich vermute, gemeint ist hier die „Sprachlehre“ von KarlFerdinand Becker (1829). In der Tat führt Becker hier kürzere Adverbialsätze an, bei denen er ein Semikolon für möglich hält, (150). (150)

Wenn Du mich um Rath gefragt hättest; so würde ich dir einen bessern Rath gegeben haben. (aus Becker 1829: 416)

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

151

Auffällig ist hier – und das betrifft alle Beispiele von Becker dieser Art –, dass der Adverbialsatz nicht das Vorfeld im Matrixsatz besetzt (weiter dazu 4.6). Einzigartig in der jüngeren Normgeschichte ist, dass sowohl Becker als auch Duden – gerade bei längeren Vordersätzen – sogar den Doppelpunkt als Alternative ins Spiel bringen (vgl. Duden 1876: 169 / Becker 1829: 419).109 Für kürzere Vordersätze empfehlen sie das Komma.110 Auch wenn das Semikolon zwischen Vorder- und Nachsatz nur bis 1941 in den mir vorliegenden Regeltexten auftaucht und schon bei Konrad Duden als nicht einschlägig gilt (in den späteren Regeltexten wird diese Gewichtung nicht mehr vorgenommen), so unterstreicht das doch, wie die Autoren der Regeltexte bereit waren, eine syntaktische und semantische Vielfalt anzuerkennen und darzustellen, die nicht ohne weiteres auf einen Nenner zu bringen ist. Die Idee des Semikolons als Stellvertreterzeichen von Komma und Punkt sowie die Stärkehierarchie bilden einen Rahmen für die Zeichenfunktion. Auf Monofunktionalität scheint es nicht anzukommen. Noch einen weiteren Satz möchte ich hier erwähnen, der in der Regelgeschichte in den von mir gesichteten Texten von 1941–1954 und 1976 (Leipziger Ausgabe) auftaucht. Ich fasse ihn unter Subgruppe 2. Ich gebe unter (151) die gesamte Unterregel von 1941–1954 wieder. (151)

109

110

Stellung des Strichpunktes, wenn der Erzählsatz in die wörtliche Rede eingeschaltet ist. Ist der Erzählsatz eingeschaltet, so tritt der Strichpunkt an das Ende des Erzählsatzes. Beispiel: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, wollen wir lieben“, sagt Fontane; „aber für alles Neue sollten recht eigentlich leben“. Aber ohne Erzählsatz: Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, wollen wir lieben; aber für alles Neue...

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive erwähnt Stenzel den Doppelpunkt als Alternative zum Semikolon in seiner Analyse von Kleists „Die Marquise von O...“ (vgl. Stenzel 1966: 68). Dabei geht es weder primär um die syntaktischen Eigenschaften von Semikolon, Doppelpunkt und Komma noch um deren Funktion bzgl. der inhaltlichen Kennzeichnung, sondern um die (imaginierte) Länge der Sprechpause (vgl. Becker 1829: 419 / Duden 1876: 168). In diesem Sinne wird das Semikolon als eine Art halber Doppelpunkt (Kolon) interpretiert (vgl. dazu auch Berger 1968: 36). Zur Ausdifferenzierung zwischen Semikolon und Doppelpunkt im 19. Jahrhundert siehe Masalon 2014: 155–158.

152

4 Semikolon

Im Kontrast zu den bisher vorgestellten Sätzen mag die Semikolonverwendung mit eingeschaltetem Satz zunächst ungewöhnlich wirken. Schließlich gehören die Ausdrücke unmittelbar links und rechts vom Semikolon unterschiedlichen syntaktischen Hierarchieebenen an. Ich interpretiere die Regel so, dass das Semikolon eigentlich im Rahmen der direkten Rede gewählt wird, aber direkt nach lieben nicht stehen soll, obwohl es auch nach Fontane an den eingeschalteten Satz grenzt, auf den es sich ja inhaltlich nicht bezieht. Die entstehende Asymmetrie ist damit noch etwas anders gelagert als andere nicht-symmetrische Semikolon-Verwendungen (siehe Abschnitt 4.4.2). In Hinblick auf spätere Analysen sei hier bereits hervorgehoben, dass ein Semikolon zwischen Vorfeld und linker Satzklammer ganz bewusst vermieden wird (immerhin eigens mit einer Unterregel). Offenbar wiegt die topologische Integrität der Verbzweitstruktur zu schwer, als dass ein Semikolon hier stehen könnte – bemerkenswerterweise obwohl das Semikolon durch den ‚Objektsatz‘ motoviert wird und sich gar nicht auf die Matrixstruktur bezieht. Das würde graphematisch sogar deutlich werden, indem das Semikolon innerhalb der Anführungszeichen stünde. Aber möglicherweise antizipieren Autoren und Regelmacher, dass ein Semikolon nach lieben sich auch auf die Interpretation der Matrixstruktur, also des eingeschalteten Satzes auswirken könnte. Im Ergebnis ist es auch hier so: Was links vom Semikolon steht, ist in Sätzen wie in (151) als syntaktisch vollständig. Und noch einen weiteren Satz möchte ich hier erwähnen, trotzdem er sich in den mir vorliegenden Regeltexten nur 1973 findet (152). (152)

Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen; das eine Mal infolge eines vom Tender eine Maschine während des Vorbeifahrens herabgefallenen Stückes Kohle, welches ihn getroffen und mit zerschmetterten Bein in den Bahngraben geschleudert; das andere Mal einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden Schnellzuge mitten auf seine Brust geflogen war (Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel). (aus Duden 1973: 31)

Dieses Beispiel erscheint unter der Unterregel 3 als „[m]ehrfach zusammengesetzter Satz (Periode)“ (Duden 1973: 31). Die Kategorie gibt es schon seit spätestens 1941, vorher aber wurden stets vollständige Sätze durch Semikolons abgetrennt, hier hingegen ist nur die links vom Semikolon stehende Konstruktion syntaktisch vollständig; rechts handelt es sich um Herausstellungskonstruktionen. Syntaktisch

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

153

sind sie eng an den Satz auf der linken Seite gebunden und ohne diesen nicht sinnvoll auszuwerten. Relational wird die adverbiale Angabe zweimal dupliziert, semantisch möchte ich das Verhältnis so beschreiben, dass sich die Herausstellung explanativ bzw. evaluativ auf zweimal bezieht – nicht zuletzt deswegen mag auch hier der Doppelpunkt als eine adäquate Alternative erscheinen. Das hat der Satz mit (150) gemeinsam. Diese Eigenschaft betrifft aber nur das erste Semikolon, das zweite hingegen steht eher im koordinativen Kontext. Die Regeln warten hier also mit einem durchaus interessanten Fall auf. Das besondere an den Sätzen der Subgruppe 2 gegenüber denen der Subgruppe 1 ist, dass sich die durch Semikolon getrennten Konstruktionen hierarchisch zueinander verhalten, und aus diesem Grund lässt sich nicht von Nebenordnung oder Koordination sprechen. Die im Rahmen dieser Untersuchung gesichteten Sätze mit Semikolon legen nahe, dass es sich zumindest bei Semikolonkonstrukionen mit Herausstellungscharakter, wie in (152), um keine völlig untypische Semikolonverwendung handelt.111 Aber unabhängig davon, als wie einschlägig man die Sätze aus Subgruppe 2 einschätzen mag: Weder passen sie zu der Sichtweise, es handele sich beim Semikolon um nebengeordnete bzw. koordinierte Einheiten, noch passen sie zu einer Normierungsprogrammatik, die Ein- statt Vieldeutigkeit propagiert. Alle Sätze aus Subgruppe 2 verschwinden aus den Regeltexten; zuletzt 1980 Satz (152). Dessen Unterregel (mehrfach zusammengesetzter Satz) aber bleibt und einfach mit einem anderen Satztyp aufgefüllt wird. Nämlich mit einem aus Subgruppe 3. Unter Subgruppe 3 fasse ich ausschließlich die nebengeordneten Nebensätze. Bereits 1876 nennt Konrad Duden unter Strukturtyp I eine Konstruktion, die bis 1996 Regelgeschichte schreibt – und zwar koordinierte (konditionale) Nebensätze, besonders im Vorvorfeld (153). (153)

111

Wenn hier auch nicht Rebengewinde, von Baum zu Baum sich schlingend, mit natürlichen Guirlanden die Straßen säumen; wenn in den Gärten nicht Orangen blühen und Pfirsiche ihre rothen Zweige über duftende Veilchenbeete ausbreiten; wenn nicht stolze Marmorbauten und Denkmäler ohne Zahl die Städte und ihre öffentlichen Plätze zieren – so

Das bestätigt sich aus diachroner Sicht. Im 18. Jahrhundert zählt Masalon 19 von 181 Semikolonkonstruktionenen, die nach dem Semikolon nur Lexemgruppen und kein Prädikat enthalten, also 10,5 %. Im 20. Jahrhundert sind es nur noch 6,5 % (vgl. Masalon 2014: 297–299), abzuziehen wären hier noch die, die eindeutig der Strukturgruppe II zuzuschlagen sind. Diese sind bei Masalon nicht extra aufgeführt.

154

4 Semikolon bietet doch die Heimat tausend Reize, welche alle jene Herrlichkeiten des Südens aufwiegen. (Duden 1984 [1876]: 169)

Durch die auffällige syntaktische Parallelführung sowie durch den gleichartigen relationalen Bezug aller Sätze auf den mit Gedankenstrich angeschlossenen Nachsatz ist es hier naheliegend, von Nebenordnung bzw. von Koordination auszugehen.112 Bis 1996 gibt es fünf verschiedene Sätze zu (153), stets aber mit vergleichbaren syntaktischen Strukturen. Sie werden ab 1941 unter „mehrfach zusammengesetzte Sätze“ aufgeführt (das allerdings ist eine Sammelkategorie, auch die ersten Verse von „Der Mond ist aufgegangen“ fallen darunter). Nur die Ausgaben von 1957 aus Leipzig und aus Mannheim führen diesen Typus nicht mit auf. Bredel greift ihn als „eigentliche Domäne des Semikolons“ auf (Bredel 2011: 83). Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten wundert nicht, was die Normgeschichte hindurch mit diesem Typus geschieht, der zwar gut geeignet ist, das Semikolon zwischen koordinierten Einheiten zur Schau zu stellen, aber eben doch seiner syntaktischen Individualität zum Opfer fällt. Die Regeltexte lassen ihn auf charakteristische Weise verschwinden: Aus der Version (154) von 1991 wird 1996 zunächst (155). (154)

(155)

Wer immer nur an sich selbst denkt; wer nur danach trachtet, andere zu übervorteilen; wer sich nicht in die Gemeinschaft einfügen kann: der kann von uns keine Hilfe erwarten. (Duden 1991: 55) Er denkt immer nur an sich selbst; er trachtet nur danach, andere zu übervorteilen; er kann sich nicht in die Gemeinschaft einfügen: Ein solcher Mensch kann von uns keine Hilfe erwarten. (Duden 1996: 58)

In (155) wird der Nebensatzcharakter eliminiert. Der Satz wird syntaktisch den anderen Beispielen ab 1996 gleichgemacht, wo das Semikolon nur noch zwischen einfachen oder komplexen selbständigen Sätzen steht, die ebenso gut ein Punkt trennen könnte. Gerade das ist aber in (154) nicht möglich. Tatsächlich tauchen koordinierte Nebensätze ab 1996 nicht mehr auf, weder in den amtlichen Regelungen noch in den K-Regeln. Die Tendenzen in der Normgeschichte bestehen also über die Subgruppen hinweg in der Verkürzung, Vereinfachung und Verringerung der Beispielsätze sowie 112

Ab 1903 ist der Nachsatz in einem anderen, aber syntaktisch parallel aufgebauten Satz mit Doppelpunkt angeschlossen (vgl. Duden 1903: XXVI).

4.3 Entwicklung der Strukturtypen in der Normierungsgeschichte

155

in einer Einschränkung des Spektrums an Satztypen. Subgruppen 2 und 3 verschwinden vollständig, Subgruppe 1 wird, wie oben dargelegt, ausgedünnt. Im Regeltext selbst wird die Semikolonfunktion auf Koordination zugespitzt, nichtsyntaktische Aspekte bei der Semikolonsetzung werden fallengelassen. Explizit ist von Koordination in den Amtlichen Regelungen zwar nicht die Rede; vergleicht man aber die Regelformulierung zum Semikolon mit der zum Komma bei koordinierten Einheiten, wird mehr als deutlich, dass es genau darum geht: Die amtlichen Regelungen gebrauchen mit „nebengeordnet“ und „gleichrangig“ (AR 2006: § 80) die gleichen Termini wie auch bei der Beschreibung der koordinativen Funktionen des Kommas. Überhaupt ist die gesamte Semikolonregel analog konstruiert (vgl. AR 2006: §§ 71–72, 80; siehe Abb. 46).113

Abb. 46: Semikolonregel und Regel zum Komma bei koordinierten Einheiten (aus den amtlichen Regelungen 2006)

Im Lichte dieser Darstellung erscheinen die amtlichen Regelungen seit 1996 unvollständig, was die Vielfalt der Semikolonverwendung angeht, geben sie doch, in 113

In einer strengen Offline-Sichtweise (die Konstruktion ist allein auslösend für ein bestimmtes Interpunktionszeichen) wäre es gar nicht möglich, das Semikolon sowohl als Koordinationszeichen als auch als Punktersatz zu betrachten. Wenn der Punkt nicht bei koordinierten Einheiten stehen kann und das Semikolon ausschließlich, könnte das Semikolon nicht anstatt eines Punktes stehen, wenn sich nicht gleichzeitig auch die syntaktische Konstruktion ändert. In früheren Regeltexten tauchte das Problem nicht auf, weil man nicht so sehr auf eine monofunktionale Bestimmung des Semikolons aus war. Das Semikolon zwischen Hauptsätzen musste nicht deren Koordination kennzeichnen, sondern ihre enge inhaltliche Zusammengehörigkeit – auch ohne Koordination (siehe oben). In der neueren grammatischen Literatur wird das Problem anders gelöst: Zwei selbständige Sätze mit Semikolon wären demnach – aus Lesersicht – genau deshalb koordiniert, weil das Semikolon die Koordinationslesart evoziert (siehe Bredel 2008: 175–176).

156

4 Semikolon

Bezug auf den ersten Strukturtyp, nur fünf vergleichbar kurze Sätze an, vier davon haben die Struktur [V2;V2] und einer die Struktur in Abb. 47.

Abb. 47: komplexeste Satzstruktur aus den Beispielsätzen für das Semikolon aus den amtlichen Regelungen 2006

Auch wenn mit dem Regeltext der amtlichen Regelungen und den Beispielen syntaktisch schließlich ein kleinster gemeinsamer Nenner gefunden ist. Vor dem Hintergrund der Normgeschichte ist doch noch nicht klar, wie spezifisch damit die Semikolonfunktion umschrieben ist und ob die Funktion des Semikolons tatsächlich so kondensiert benennbar ist. Auf jeden Fall wird die vermeintliche Eindeutigkeit teuer bezahlt mit dem Variantenreichtum und einer beinahe gelassenen Offenheit aus früheren Tagen der Normgeschichte. Die hier skizzierte Entwicklung hat eine weitere Folge, nämlich dass sich die Gewichtung der beiden Strukturtypen verschiebt: Vor 1996 standen stets mehrere Unterregeln zu Strukturtyp I einer einzigen Unterregel zu Strukturtyp II (nominale und präpositionale Einheiten) gegenüber, der auf diese Weise – besonders mit nur einem einzigen Beispielsatz – nachrangig erschien. In den amtlichen Regelungen ab 1996 und im Duden 1996 ist nun kaum noch eine Gewichtung der Strukturtypen auszumachen. Es gibt jeweils eine Unterregel pro Strukturgruppe. Bei Strukturgruppe I werden lediglich mehr Beispielsätze genannt. In den K-Regeln jedoch ist auch das nicht mehr der Fall. Hier gibt es für beide Strukturgruppen nur einen Beispielsatz (vgl. Duden 2009: K 158). Diese Gleichgewichtung der Gruppen ist in die jüngere Interpunktionsliteratur zum Teil übernommen worden (siehe unten). Wo die Entwicklung der Regelungsgeschichte aufhört, fängt die jüngere grammatische Literatur. Primus und Bredel schreiben mit Bezug auf das Semikolon: „Es bleibt Koordination mit strengen Restriktionen in Bezug auf die Koordinationsreduktion (Tilgung), die ja konstruktionsübergreifende Subordinationsreste erzwingen würde.“ (Bredel/Primus 2007: 115)

Dass das Semikolon im allgemeinen als Koordinationszeichen gilt, hat womöglich gerade in der hier gezeigten Entwicklung seinen Ursprung. Allerdings wird im Gegensatz zu den amtlichen Regelungen der funktionale Kontrast zum Komma

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

157

herausgearbeitet: Tilgung sei Semikolon im Unterschied zum Komma nicht möglich. Die grundsätzliche Sichtweise Bredels ist konstant geblieben (vgl. Bredel/Müller 2015: 8). Esslinger schreibt in Bezug auf die Online-Verarbeitung des Semikolons: „Es resultieren Koordinationsstrukturen“ (Esslinger 2014: 32). Gemeint ist hier allerdings nicht die Offline-Analyse einer sprachlichen Struktur, sondern dass aus der Funktion des Semikolons eine koordinative Lesart induziert wird. Esslinger bezieht sich dabei auf Bredel, die mit einer Funktionsbestimmung zu dem Ergebnis kommt: „Diese Gebots-/Verbotsstruktur [des Semikolons] führt automatisch zu Koordination“ (Bredel 2008: 188). Weiterhin geht Esslinger, ebenfalls mit Bredel (2008), davon aus, „dass seine funktionale Nähe zum Komma größer ist als die zum Punkt“ (ebd.). Auch in dieser Arbeit geht es um die syntaktische Beschreibung des Semikolons, was aber nicht heißen soll, dass damit überhaupt alles zum Semikolon gesagt ist, sondern, so hoffe ich, dass ein großer Teil der syntaktischen Bedeutung des Semikolons expliziert werden kann. 4.4

Funktionale Spezifik des Semikolons

Aus der Perspektive der Norm hat es eine lange Tradition, das Semikolon entweder als Ersatz für den Punkt oder für das Komma zu betrachten, obligatorisch sei es nirgendwo (vgl. AR 2006: § 80). Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme, das Semikolon besitze keine ihm eigene Zeichenfunktion. In diesem Abschnitt möchte ich – nach Strukturtypen getrennt – darstellen, welche spezifische Zeichenfunktionen dem Semikolon in der wissenschaftlichen Literatur zuerkannt werden und auf welche Weise diese beschrieben werden. Auch die linguistische Literatur ist sich weitgehend einig darin, dass es keinen syntaktischen Kontext gibt, in dem das Semikolon obligatorisch ist (vgl. Behrens 1989: 85 / Bredel 2015 / Eisenberg 2013: 89 / Esslinger 2014: 32). Daraus allerdings zu folgern, das Semikolon sei redundant, ist nicht angemessen (vgl. Mesch 2015: 447). Trotz offensichtlich fehlender Obligatorik wird dem Semikolon eine eigene Spezifik zugesprochen – auch jenseits der aus den Regeln bekannten Semikolon eigenen Trennstärke zwischen Punkt und Komma. Die Beispiele, mit denen diese Spezifik in der Literatur gezeigt wird, lassen sich wieder in die beiden Strukturtypen, die auch in den Regeltexten erkennbar waren (siehe 4.3), einteilen. Der Strukturtyp I betrifft das Semikolon zwischen sententialen Einheiten; und im Strukturtyp II werden nominale oder präpositionale Einheiten vom Semikolon abgegrenzt.

4 Semikolon

158 4.4.1

Strukturtyp II

Ich beginne mit dem Strukturtyp II, also den nominalen und präpositionalen Einheiten. In einem ersten Schritt geht es um die funktionale Besonderheit des Semikolons in Konstruktionen des Strukturtyps II, in einem zweiten Schritt um deren Einschätzung für eine adäquate Beschreibung des Semikolons insgesamt. Bredel (2008: 189) diskutiert folgendes Beispiel (156): (156)

Er hatte gesehen: alte Hunde, Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde.

Werden die nominalen Glieder wie in (156) mit Kommas getrennt, ergeben sich nach Bredel zwei mögliche Lesarten, was den Skopus von alte angeht. Im ersten Fall bezieht sich alte ausschließlich auf Hunde; im zweiten Fall hingegen zusätzlich auf Katzen und Mäuse. Das wird durch die Klammerschreibweise in (157)– (158) verdeutlicht (ebd.). (157) (158)

Er hatte gesehen: [alte Hunde, Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde]. Er hatte gesehen: [alte Hunde], [Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde].

Hinzu kommt möglicherweise eine dritte Lesart, die Bredel nicht in Erwägung zieht (159). Alte bezieht sich hier auf sämtliche nominalen Glieder dieser Kette. (159)

Er hatte gesehen: [alte Hunde, Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde].

Wo es mit Komma zwei bzw. drei mögliche Lesarten gibt, sind es mit dem Semikolon weniger. Ersetzt man das zweite Komma durch ein Semikolon, fällt die Lesart aus (159) weg, die Lesarten aus (157)–(158) bleiben: (160) (161)

Er hatte gesehen: [alte Hunde, Katzen und Mäuse]; [Kühe und Pferde]. Er hatte gesehen: [alte Hunde], [Katzen und Mäuse]; [Kühe und Pferde].

Ersetzt man hingegen das erste Komma durch ein Semikolon, fallen die Lesarten (157) und (159) weg und nur (158) bleibt: (162)

Er hatte gesehen: [alte Hunde]; [Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde].

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons (163) (164)

159

*Er hatte gesehen: [alte Hunde; Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde]. *Er hatte gesehen: [alte Hunde; Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde].

Wenn man beide Kommas durch Semikolons austauscht, bleibt dementsprechend ebenfalls nur noch Lesart (158) möglich, siehe (165): (165)

Er hatte gesehen: [alte Hunde]; [Katzen und Mäuse]; [Kühe und Pferde].

Bredel (2008) schreibt mit Bezug auf die Gegenüberstellung von (158) und (165): „Das Semikolon ist hier lesartdesambiguierend und in dieser Hinsicht nicht ‚fakultativ‘“ (2008: 189; ähnlich 2011: 82–83). Das ist nachvollziehbar, allerdings lässt sich dann in Bezug auf das Semikolon weder von fakultativ noch von obligatorisch sprechen. Klarer wird es womöglich, wenn man syntaktische Fakultativität in Bezug auf Interpunktionszeichen etwas differenzierter fasst: Ein Zeichen ist im strengen Sinn syntaktisch fakultativ, wenn es keine nur ihm vorbehaltene Lesart evozieren kann. In diesem Sinne ist das Semikolon in den gezeigten Beispielen fakultativ, denn alle Lesarten können auch mit dem Komma realisiert werden. Aber mit dem Semikolon können offensichtlich Lesarten unterbunden werden, die ausschließlich dem Komma vorbehalten sind. Damit kommt ihm eine eigene, vom Komma unterschiedene, syntaktische Zeichenbedeutung zu. Die syntaktisch funktionale Spezifik des Semikolons lässt sich mit diesen Beispielen durchaus begründen. Dafür ist übrigens keine Online-Analyse notwendig. Die in (156)–(165) durch Klammern unterschiedenen Varianten ergeben sich durch eine globale syntaktische Betrachtung und damit offline. Die Lesarten sind mit Hilfe der Oberflächensyntax darstellbar (siehe Abb. 48). Man kann also von unterschiedlichen syntaktischen Konstruktionsbedeutungen sprechen. Der mögliche Skopus eines adjektivischen Attributes wird eingeschränkt. Was in Bezug auf die syntaktische Beschreibung daraus folgt, darauf komme ich später zurück.

160

4 Semikolon



Abb. 48: verschiedene Möglichkeiten in der Lesart von Komma (oben) und Semikolon (unten)

Zu fragen ist nun, ob von dieser desambiguierenden Funktion des Semikolons (die Begrenzung des attributiven Skopus innerhalb von Nominalgruppen) überhaupt Gebrauch gemacht wird. Wenn es nur wenige Konstruktionen gibt, die diese Semikolonfunktion belasten, wäre zwar etwas über das Semikolon gesagt, aber eben noch nicht etwas über den verwendungsrelevanten Teil seiner Funktion.

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons 4.4.1.1

161

Gewichtung der Strukturtypen im Regelwerk und in der grammatischen Literatur

Sowohl in der jüngeren grammatischen Literatur zum Semikolon als auch in den amtlichen Regelungen von 2018 erhalten strukturell ähnliche Beispiele wie (156)– (165) ein starkes Gewicht (vgl. Bredel 2008/2011). Strukturtyp II scheint also bedeutsam. Die amtlichen Regelungen fassen diese Funktion als Semikolon zwischen „gleichrangige[n] (nebengeordnete[n]) Wortgruppen“ (AR 2006: § 80). Sie bildet einen von zwei Unterpunkten in den amtlichen Regelungen und steht so gesehen der Verwendung des Semikolons zwischen Sätzen in nichts nach. Allerdings ist dies das Ergebnis einer über Jahrzehnte lang reduktionistisch ausgerichteten Normierungspraxis, wie ich sie in Abschnitt 4.3 dargestellt habe. Das Ungleichgewicht zwischen den beiden Gruppen wurde normgeschichtlich immer weiter verringert. In den K-Regeln des Duden seit 2000 schließlich stehen sich je ein Satz aus jeder Strukturgruppe gegenüber und damit hat es den Anschein, dass beide Strukturgruppen gleichbedeutend sind (vgl. Duden 2000: 82). Und das Ergebnis ist ernst zu nehmen – denn ganz offensichtlich bilden die späteren Regeltexte ja einen wichtigen Bezugspunkt für die grammatische Beschreibung des Semikolons. In der grammatischen Literatur sieht es denn auch ganz ähnlich aus. Explizit wird zu der Frage kaum Stellung bezogen. Behrens zum Beispiel thematisiert das Semikolon zwischen Sätzen ausführlicher (vgl. 1989: 85–90), die Wichtigkeit des Strukturtyps I geht also in gewisser Weise aus dem Textumfang hervor. Die Beobachtung von Bredel hingegen, dass das Semikolon gerade zwischen Nominalgruppen seine spezifische Zeichenfunktion zu zeigen vermag, legt nahe, diese Verwendung als wichtig oder eben „recht typisch“ (Bredel 2008: 83) anzusehen (wiederum mit Verweis auf die amtlichen Regelungen). So macht sie den Strukturtyp II in besonderem Maße stark. Der Gedankengang lautet: Weil das Semikolon gerade zwischen Nominalgruppen nicht fakultativ im Sinne Bredels ist, gelten „[a]ls recht typische Domäne des Semikolons [...] komplexe Koordinationsstrukturen“ wie die in (165) (Bredel 2011: 83). Dieses Beispiel (165) bei Bredel entspricht nun jenem in der Semikolon-Literatur kanonisch gewordenen (und vermutlich konstruierten) Beispielsatz aus dem amtlichen Regelwerk (166). (166)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (Amtliche Regelungen 2006: § 80)

162

4 Semikolon

Bemerkenswert ist die strukturelle Ähnlichkeit zwischen (166) und (156)–(165). Genau diejenigen syntaktischen Merkmale, die auch die Normierungsgeschichte hindurch konstant bleiben, werden in dem Beispielsatz von Bredel übernommen. Die koordinierten Nominale sind verbregiert und sie stehen weder im Vor- noch im Mittelfeld des Satzes; außerdem folgt der Koordination keine weitere Konstituente mehr. Die geringe Varianz der Beispiele zu Strukturgruppe II, die sich normgeschichtlich feststellen ließ, setzt sich also in der grammatischen Literatur fort. Wenn das Semikolon beim Strukturtyp II wirklich so wichtig sein sollte, ist es verwunderlich, warum die Beispielsätze nicht mehr Realisierungsmöglichkeiten zeigen. Das spräche dann für die Einschlägigkeit von Strukturtyp II. Hier hingegen sieht es so aus, als wäre der Satz von Bredel analog zu dem Regelsatz gebildet. Es erscheint möglich, dass die relative Gleichgewichtung der Konstruktionen in der Semikolon-Literatur überhaupt erst den Regeltexten des Duden entspringt. Wie oben bereits erwähnt, nimmt die Literatur des 20. Jahrhunderts die Dudenregeln explizit zum Ausgangspunkt der linguistischen Betrachtung des Semikolons. Es sieht so aus, als wäre dieses Vorgehen zwar nicht in Bezug auf die Regeltexte an sich, aber doch in Bezug auf die analysierten Sätze beibehalten worden. Jedenfalls tauchen in der einschlägigen Interpunktionsliteratur keine strukturell anderen Beispiele auf als die, die schon in den Dudenregeln angeführt sind (siehe Gallmann 1985 / Baudusch: 2007 / Behrens 1989 / Maas 1992). Die Beobachtung, dass es mit dem Semikolon möglich ist, Nominalgruppen zu desambiguieren, ist aber erst von Bredel (2008) gemacht worden. Festzuhalten bleibt, dass es mit einem Blick in die amtlichen Regelungen und in die grammatische Literatur den Anschein hat, als seien die Strukturtypen I und II beinahe gleichgewichtig. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass Strukturtyp I normgeschichtlich marginalisiert wurde, dadurch eine beinahe Gleichgewichtung der Strukturtypen resultierte, und dieses Verhältnis offenbar von der linguistischen Literatur des späten 20. Jahrhunderts übernommen wurde. Ob die eingangs von Bredel erläuterte Semikolonfunktion auch wirklich einschlägig ist, ist damit zumindest zweifelhaft. Ich möchte in einem späteren Schritt argumentieren, dass diese – wenngleich spezifische – Funktion des Semikolons überschätzt ist; ebenso wie der Strukturtyp II überhaupt. Das lässt sich an den eigenen Korpusdaten zeigen (siehe Abschnitt 4.6.2.4, S. 266). Aber auch schon die Daten von Zimmermann weisen darauf hin (vgl. Zimmermann 1969), sind allerdings wenig rezipiert worden. Auch die Daten von Gillmann legen nahe, dass Strukturtyp II viel seltener zu finden ist als Strukturtyp I (siehe Gillmann 2018: 84–85).

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons 4.4.1.2

163

Verwendungsrelevanz in der Literatur und in den amtlichen Regelungen

In einem ersten Schritt mag ein Blick in die Dudenregeln und in die Literatur noch einige weitere spannende Anhaltspunkte dafür liefern, dass die von Bredel herausgearbeitete Funktion des Semikolons zwar spezifisch, aber für die Schreib- und Lesepraxis unwichtig erscheint. Der Satz (166) ist bereits seit 1980 ein Teil des Regelungstextes. Bredel zitiert ihn 2008 und 2011 – allerdings mit einem Semikolon mehr als in den Regeln (vgl. Bredel 2008: 188 / Bredel 2011: 82); dieser kleine Zitierfehler, mag er auch Zufall sein, ist für die vorliegenden Zusammenhänge von Interesse: Das von Bredel ganz offensichtlich versehentlich hinzugefügte Semikolon nimmt eben jene Desambiguierung vor, die sie zwar nicht an diesem, aber an einem strukturell ähnlichen Satz als DIE spezifische Semikolonfunktion identifiziert. In (167) zitiere ich den Satz aus Bredel 2008, in (168) noch mal das Original mit einem Semikolon weniger. (167)

(168)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch; Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (aus: Bredel 2008: 188; Unterstreichung: N. S.) Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (aus: AR 2006: § 80; Unterstreichung: N. S.)

Zunächst: Aus Sicht der Regelungen ist der Satz nahezu optimal. Das Semikolon kann bei Aufzählungen Gruppen gleichartiger Begriffe abgrenzen (vgl. Duden 1980: R 177, S. 55). Geht man, wie die Dudenregeln, von einer Offline-Auffassung über die Funktion der Interpunktionszeichen aus, sowie von der Fakultativität des Semikolons, und schließlich von einer Stärkehierarchie der Zeichen, die auf der inhaltlich-semantischen Ebene angesiedelt ist (dazu auch Zifonun et al. 1997: 287), so ist (168) geradezu prototypisch, um genau dies zu zeigen: Es sind Nominalgruppen, die koordiniert werden, und diese Nominalgruppen enthalten intern wiederum Koordinationen. Die internen Koordinationen werden in dem Beispiel (168) ganz unterschiedlich realisiert: mit Komma und und; mit dem Divis als Ergänzungsbindestrich und Rückwärtstilgung; und mit dem Komma. Durch diese formalen Unterschiede ist bereits eine Gliederung vorhanden. Rauchschinken und Milchpulver werden jeweils mit und angeschlossen. Damit ist das Letztglied der Koordination jeweils angekündigt, und so macht es den Eindruck, als würde das

164

4 Semikolon

Semikolon an klar nachweisbaren syntaktischen Zäsuren stehen und zudem inhaltlich unterschiedliche Gruppen voneinander trennen. Die Position der Semikolons ist also aus der Konstruktion ableitbar. Es erhält damit keine eigene syntaktische Funktion, sondern kann als Anzeiger interpretiert werden.114 Erfüllt sind damit die Belange der amtlichen Regelungen, ihre Auffassung über das Semikolon und über Interpunktionszeichen an einem Beispiel zu zeigen. Über 36 Jahre, in denen dieser Satz in den Dudenregeln bzw. in den amtlichen Regelungen steht, bleibt dazu ungesagt, womöglich sogar unentdeckt, dass er streng genommen syntaktisch ambig ist: Es ist syntaktisch nicht klar ausgedrückt, ob nur das Fleisch gedörrt ist oder auch der Speck und der Rauchschinken. Und das wäre in diesem Zusammenhang keine Erwähnung wert, wenn nicht genau diese syntaktische Ambiguität ausgerechnet durch ein Semikolon desambiguiert werden könnte – und zwar ausgerechnet über die oben festgestellte spezifische Funktion des Semikolons, den Skopus pränominaler Attribute zu begrenzen, (169). Aber das ist nie passiert, außer aus Versehen durch den Zitierfehler bei Bredel. (169)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch; Speck und Rauchschinken (...)

Und nicht nur, dass mit dem jahrelang nicht gesetzten Semikolon die Spezifik des Zeichens hätte verdeutlicht werden können – mit den anderen beiden, wirklich im Original gesetzten Semikolons ist genau das bezeichnenderweise nicht möglich, denn der Satz enthält keine weiteren Attribute, deren Skopus man begrenzen könnte. Dass das Komma nach Fleisch bis heute erhalten geblieben ist, werte ich als Indiz dafür, dass die beschriebene Semikolonfunktion (die Begrenzung des attributiven Skopus’) spezifisch, aber nicht einschlägig ist. Als der Satz Eingang in die Dudenregeln findet, wird der Mehrwert des Semikolons gegenüber dem Komma inhaltsbezogen und gar nicht primär syntaktisch expliziert (siehe Abschnitt 4.3 und Fußnote 114).

114

Aus den Dudenregeln ist abzuleiten, dass die Spezifik des Semikolons gegenüber dem Komma nicht-syntaktischer Natur zu sein scheint. Die syntaktischen Brüche, die aus der Konstruktion ableitbar sind, könnten auch eine Kommabedingung sein. Das Semikolon wird gesetzt, weil es sich um „Gruppen gleichartiger Begriffe“ handelt (Duden 1980: 55), aus nicht-syntaktischen Gesichtspunkten also. Dieser nicht-syntaktische Aspekt verschwindet 1996 (vgl. Duden 1996: 58).

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

165

Während den Dudenregeln also die spezifisch syntaktische Semikolonfunktion verborgen bleibt, ist es Ulrike Behrens, die von der inhaltsbezogenen Semikolonbeschreibung („gleichartige Begriffe“, Duden 1980: 55) der amtlichen Regelungen abrückt und ihm zumindest implizit eine eigene syntaktische Funktion zuweist. Damit ebnet sie der Beobachtung von Bredel schon fast zwanzig Jahre zuvor den Weg. Behrens hält in Bezug auf dieses Beispiel (169) fest, dass die durch ein Semikolon getrennten Wortgruppen „bei einer Umstellprobe als ganze umgestellt werden würden“ (Behrens 1989: 90). Demzufolge ist gedörrtem Fleisch von Speck und Rauchschinken bei Umstellung nicht trennbar, wenn der Satz wie in (169) mit Semikolons interpungiert ist; mit Kommas anstatt Semikolons allerdings schon (siehe (170), zitiert nach Behrens 1989: 90). (170)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken, Ei- und Milchpulver, Reis, Nudeln und Grieß.

Da Behrens einen dezidiert syntaktischen Test einführt, um die Zusammengehörigkeit der durch Semikolon getrennten nominalen Glieder sichtbar zu machen, ist davon auszugehen, dass dieser Zusammenhalt auch syntaktisch und mithilfe der Oberflächensyntax beschreibbar ist. (Dazu weiter unten S. 211). Eine genauere syntaktische Beschreibung wird von Behrens nicht angeführt. Sie bleibt bei der Aussage, es handele sich syntaktisch um „nebengeordnete Wortgruppen“ (Behrens 1989: 90). Zu bemerken ist allerdings, dass diese Gliederungsfunktion abseits der Dudenregeln auch schon vorher in der Literatur festgestellt wurde, allerdings ohne Rückgriff auf die Syntax. Das Semikolon galt in Beispielen dieser Art gewissermaßen als ein Gliederungselement zweiter Ordnung (vgl. Berger 1969 / Zimmermann 1969 / Eichler 1978: 26). Gallmann immerhin bewertet die inhaltlich-semantische Komponente so, dass sie bei einer Erklärung der Funktion des Semikolons nicht weiter zu berücksichtigen ist (vgl. Gallmann 1985). Nach Behrens entwickelt erst Ursula Bredel die syntaktische Beschreibung weiter, indem sie die Begrenzung des attributiven Skopus als spezifische und in diesem Sinne wichtige Leistung des Zeichens einführt (vgl. Bredel 2008: 188– 189). Zwar nimmt sie dabei nicht auf Behrens Bezug, allerdings liegen beide de facto mit ihren Beobachtungen nahe beieinander. Denn dass die Glieder zwischen einem Semikolon bei der Umstellprobe erhalten bleiben müssen, ist die Grundbedingung dafür, dass sich der attributive Skopus innerhalb dieser Glieder ausbreiten kann. Umgekehrt würde eine Vertauschung der Glieder ein Abriss des attributiven

166

4 Semikolon

Skopus zur Folge haben. Behrens führt auch den Satz (168) mit vertauschten Gliedern an (12). (171)

Unser Proviant bestand aus Reis, gedörrtem Fleisch, Nudeln und Grieß, Ei- und Milchpulver, Speck und Rauchschinken. (zitiert nach Behrens 1989: 90)

Sie lässt allerdings (wie die Dudenregeln ja auch) unerwähnt, dass der Ausgangssatz überhaupt syntaktisch ambig ist und demzufolge erwähnt sie auch nicht, dass ihre Umstellung den Satz syntaktisch desambiguiert. Es geht ihr ausschließlich um die Beobachtung, dass die bloße Reihenfolge der nominalen Glieder zwischen den Semikolons in Beispielen wie (168) erhalten bleiben muss. Behrens argumentiert also auf Ebene des syntaktischen Mittels Reihenfolge (also auf der Formebene); Bredel hingegen auf der Ebene der syntaktischen Funktion (auf der Relationsebene). Der enge Zusammenhang wundert nicht. Gerade im Bereich der Nominalgruppe mit ihrer starken positionalen Strukturierung sind diese beiden Ebenen eng aufeinander bezogen: Nur aufgrund der Reihenfolge (und freilich wegen der morphologischen Markierung) kann gedörrtem seinen Skopus ausbreiten. Was Bredel auf der Ebene syntaktischer Konstruktionsbedeutung feststellt (attributiver Skopus), lässt sich mit der Umstellprobe testen und so an die Ebene syntaktischer Formmittel (Reihenfolge) rückbinden. Weder nimmt Behrens Bezug auf attributive Anbindung, noch nimmt Bredel Bezug auf die Umstellprobe, dennoch passen beide Beobachtungen zusammen und liefern einen Beitrag zur syntaktischen Beschreibung der Leistung des Semikolons. Die Zusammengehörigkeit der durch Semikolon abgetrennten nominalen Glieder betrifft nicht nur die Reihenfolge, sondern auch die syntaktischen Relationen und damit die Konstruktionsbedeutung. Die besondere Leistung von Behrens und Bredel ist, konkrete syntaktische Beobachtungen zu machen. So heben sie sich von der übrigen Interpunktionsliteratur ab, die sich der Syntax des Semikolons nur vergleichsweise vage nähern. Trotzdem bleibt festzuhalten: Was Bredel als die spezifische Leistung des Semikolons beschreibt, hätte schon über viele Jahrzehnte hinweg an dem Satz (168) aus den amtlichen Regelungen bzw. aus den Dudenregeln expliziert werden können. Es hätte ihn sogar desambiguiert. Der Satz wäre für Bredel eigentlich eine gute Vorlage gewesen. Doch diese nutzt sie nicht. In Bezug auf die Ausgangsfrage deute ich diesen Befund so, dass diese Leistung zwar spezifisch für das Semikolon ist, aber praktisch kaum Rolle zu spielen scheint.

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

167

Bredel konstruiert stattdessen zwei eigene, parallel gebaute Beispiele, die sich von dem Satz der amtlichen Regelungen vor allem darin unterscheiden, dass die Notwendigkeit, den attributiven Skopus via Semikolon zu begrenzen, aus semantischen Gründen viel stärker ersichtlich ist, (vergleiche (172)–(174)). Denn es ist leichter, blonde auch auf Frauen und Kinder zu beziehen (sowie alte auch auf Katzen und Mäuse), als von gedörrtem Speck und gedörrtem Rauchschinken auszugehen. (172)

(173) (174)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (AR 2018: § 80) Er hatte gesehen: alte Hunde; Katzen und Mäuse; Kühe und Pferde. (aus Bredel 2008: 189) Er hatte fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. (aus Bredel 2011: 82)

Eignet sich (172) zur Darstellung der Auffassung der amtlichen Regelungen (Offline-Paradigma, inhaltliche Gliederung), so eignen sich (173) und (174) für die Darstellung der Desambiguierungsleistung. Es ist davon auszugehen, dass die meisten syntaktisch ambiguen Sätze allein durch den Kontext und den semantischen Gehalt ausreichend klar sind, so dass diese spezifische Verwendung des Semikolons ungenutzt bleiben kann. In dem für diese Arbeit ausgewerteten TiGer-Korpus jedenfalls gibt es bei den Sätzen der Strukturgruppe II drei mit einer vergleichbaren syntaktischen Ambiguität,115 – übrigens ein weiteres Indiz für die geringe Relevanz dieser Semikolonfunktion. In Bezug auf die Frage der Einschlägigkeit dieser Beispiele kommt noch etwas hinzu, was bisher offensichtlich unberücksichtigt, und zwar die dafür notwendige Form der Nominalgruppen selbst. Um eine Ambiguität des attributiven Skopus überhaupt zu erreichen, muss das Adjektiv nicht nur semantisch zu allen Substantiven passen, sondern die nominalen Glieder müssen auch syntaktisch und morphologisch spezifisch konfiguriert sein. Nicht umsonst handelt es sich im Beispiel der Dudenregeln um Massnouns und in den Beispielen von Bredel um Substantive

115

In einem Fall allerdings handelt es sich nicht um einen attributiven Skopus, der unterbrochen wird, sondern um einen präpositionalen: „[…] als dritte Station folgt Geschichten des Auges , eine Art Kunstkapitel über den Blick, über Voyeurismus und Kastrationsangst; Anziehen und Abstoßen zeigt schließlich das Problem der Darstellung des Sexualaktes selbst […]“ (TiGer: 471301, 471311, 471357). Ich fasse diese Fälle zusammen (siehe dazu auch 4.6.1).

168

4 Semikolon

im Plural. Sie alle brauchen keinen Artikel und stehen in den Beispielen auch ohne Artikel. Ersetzt man die Massnouns aus (168) durch einfache Common Nouns, bricht die syntaktische Ambiguität zusammen und es wird ersichtlich, wie fragil und speziell die Möglichkeit der Mehrfachauswertung pränominaler Attribute eigentlich ist, (175). (175)

Seine Einrichtung bestand aus einem alten Stuhl, einem Schrank und einer Kommode; einem Bücher- und CD-Regal; einer wertvollen alten Wanduhr und mehreren gerahmten Bildern.

Eine Lesart, in der alten auf Schrank und Kommode bezogen ist, ist syntaktisch nicht möglich. Dementsprechend entfällt der Grund für die Desambiguierung und damit auch die Notwendigkeit, ein Semikolon aus diesen Gründen zu setzen. Gleiches gilt für die Sätze (173) und (174), wenn man die Substantive in den Singular setzt, wie (176) zeigt. (176)

Er hatte gesehen: einen alten Hund; eine Katze und eine Maus; eine Kuh und ein Pferd.

Und auch mit einem postnuklearen Attribut entfällt die Möglichkeit einer koordinativen Ellipse: In (177) kann sich gedörrten nicht mehr auf Speck beziehen. (177)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch von Aldi, Speck und Rauchschinken; ...

Um die von Bredel entdeckte spezifische Semikolonfunktion deutlich machen zu können, braucht man also Sätze, die sowohl inhaltlich als auch syntaktisch als auch morphologisch genau in Passung gebracht sind. Das werte ich als ein weiteres Indiz dafür, dass die Funktion des Semikolons, hier zu desambiguieren, nicht einschlägig ist. Es ist einfach zu selten möglich und nötig, von ihr Gebrauch zu machen. Weder ist in der Literatur zum Semikolon je bemerkt worden, dass es für den Strukturtyp II – überspitzt formuliert – nur einen einzigen Beispielsatz gibt, noch ist dies je zum Anlass genommen worden, um zu einer Deutung in Bezug auf die Funktion des Semikolons bzw. dessen syntaktische Eigenschaften zu kommen. Wenn man bedenkt, dass der Aufstieg des Semikolons als Koordinationszeichen

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

169

maßgeblich auch in diesem Strukturtyp seinen Ursprung hat, so wird doch einer Handvoll strukturell fast gleicher Sätze eine enorme Macht zugesprochen.116 Die relative Gleichgewichtung der beiden Strukturtypen in den späteren Regeltexten ist eine rein normgeschichtliche Entwicklung ohne Datengrundlage, das Verhältnis wurde von der grammatischen Literatur wohl übernommen; 36 Jahre wurde diese spezielle Funktion in dem einzigen Beispielsatz für Strukturtyp II in den Amtlichen Regelungen nicht genutzt (und sie wird es auch weiterhin nicht), obwohl dieser Satz die Möglichkeit geboten hätte. Stattdessen explizierte man den Unterschied zum Komma eher semantisch. Die einzigen beiden Sätze, bei denen eine derartige Ambiguität auch nur entfernt infrage kommen, sind (178) und (179). (178)

(179)

Auf der leeren Bochumer Bühne treiben wüste Potenzgesten die Poesie aus, die bevorzugten Requisiten stammen vom Gemüsemarkt: als Phalluszeichen eingesetzte Mohrrüben; und Kohlköpfe, die offenbar begründen sollen, Kohl bläht, warum Jupiter den Beinamen des "Donnerers" führt. (TiGer: 96847; Unterstreichung N. S.) Auch hier die Parallelen zu Oklahoma-City: Rechtsextreme Gruppen in fundamentalistisch orientiertem religiösem Dunstkreis; die völlige Verachtung demokratischer Regeln; Heilsbringer, die aus ihren Absichten keinen Hehl machten und doch so lange nicht ernst genommen wurden. (TiGer: 98934–98942; Unterstreichung N. S.)

Abgesehen einmal davon, dass Kohlköpfe als Phalluszeichen wohl kaum zu gebrauchen sind: Das Semikolon taucht hier zwar in seiner von Bredel festgestellten Funktion auf, aber dadurch, dass dem Semikolon ein und folgt, würde in diesem Fall ein Komma die Konstruktion in gleicher Weise desambiguieren. Das Semikolon ist hier also gar nicht spezifisch gegenüber einem Komma. Das wäre es nur dann, wenn es alternativ zu dem aufgrund der Koordination gesetzten Komma stünde. Im Satz (179) könnte es sein, dass das Semikolon temporär durchaus wirkungsvoll verhindert, dass demokratischer auf Heilsbringer bezogen wird, unabhängig von der Frage, ob es aus diesem Grund gesetzt wurde oder nicht.

116

Eine genauere syntaktische Analyse des Semikolons wird zeigen, warum die Varianz der Beispielsätze für Strukturtyp II so gering ist (siehe Abschnitt 4.6).

4 Semikolon

170 Strukturtyp II in den Korpusdaten

Quantitativ lassen sich die Beobachtungen, die bis hierher gemacht wurden, stützen. Die Verwendung des Semikolons zwischen koordinierten nominalen Gruppen ist zumindest sehr selten, was im Prinzip auch schon lange bekannt ist. Unter den 437 Semikolonbelegen, die Zimmermann heranzieht, entfallen auf diese Fallgruppe nur 23 Belege (ca. 5 %). In den für diese Arbeit untersuchten Daten aus dem TiGer-Korpus ist es noch eindeutiger. Insgesamt gab es unter den untersuchten 40.470 Sätzen 385 Sätze mit mindestens einem Semikolon117. Bemerkenswerterweise waren darunter nur 40 Sätze (10,4 %), die mehr als ein Semikolon enthielten. Schon aus diesen Gründen wäre der Satz aus den amtlichen Regelungen nicht kanonisch. Koordinierte nominale Glieder fanden sich im Korpus nur in 15 Sätzen, davon in nur dreien, die vergleichbar sind mit dem aus den amtlichen Regelungen, das heißt, wo die Koordinationsglieder ohne Doppelpunkt stehen und verbregiert118 sind, einer davon ist (180). (180)

Bei Ammann (und z.T. auch als Fischer-Taschenbücher) liegen seine Romane Aké, eine afrikanische Kindheit; Isarà, eine Reise um den Vater; Der Mann ist tot, ein Gefängnistagebuch) vor. (TiGer: 125184)

Das Semikolon ist in (180) sehr ungewöhnlich im Mittelfeld positioniert, womöglich handelt es sich hier um einen Flüchtigkeitsfehler, der aus einem Überarbeitungsprozesses stammt.119 Abgesehen davon ist Satz (180) noch aus einem anderen Grund interessant: Zwar werden nominale Glieder koordiniert, aber es handelt sich nicht um eine Mehrfachkoordination mit zwei Hierarchieebenen wie in den oben diskutierten Beispielen aus Bredel und den Amtlichen Regelungen, sondern um komplexe Titel. Es gibt also nur eine einzige Koordinationsebene. Entscheidend in Bezug auf

117

118

119

Hinzu kommen sechs weitere, die ich aus der Zählung herausgenommen habe, weil es sehr wahrscheinlich um eine Semikolonverwendung im Listenmodus handelt, erkennbar daran, dass den Semikolons jeweils ein Divis (wahrscheinlich als Aufzählungszeichen) folgt. Der Zeilenumbruch aus den Originaltexten ist im TiGer-Korpus nicht erhalten geblieben. Die Semikolonglieder in (180) sind als Appositive zu Romane nicht direkt verbregiert, können aber als der verbegierten Konstituente zugerechnet werden (vgl. Eisenberg 2013: 257). Es fehlt offensichtlich die öffnende Klammer zu der schließenden nach Gefängnistagebuch. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die erste Klammerkonstruktion nachträglich eingefügt wurde und dem Autor zwei Klammerkonstruktionen zu viel waren und er deswegen versuchte, die appositive Aufzählung der Romane ohne Klammern in den Satz zu integrieren. Aber das ist nur eine Mutmaßung.

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

171

den Nutzen des Semikolons ist also nicht, dass es sich um „Aufzählungen mit Untergruppen“ (Eichler 1978: 26) handelt, sondern um die Koordination in sich komplexer Glieder, dessen Ende anzuzeigen das Komma zu unspezifisch oder – um es hier mal der präsyntaktisch auszudrücken – zu schwach ist. Ganz ähnlich liegt der Fall in dem folgenden Einzelbeleg120 (181). Dies ist bis auf die beiden eindeutigen Belege aus dem TiGer-Korpus das einzige mir bekannte authentische strukturell ähnliche Beispiel zu dem Beispielsatz aus den amtlichen Regelungen. In (181) allerdings werden nicht Nominalgruppen, sondern Präpositionalgruppen koordiniert.121 (181)

Es geht viel um Zukunft und wenig um die Gegenwart, den Augenblick; um das Gefühl, das im Bauch entsteht, wenn man im Freibad vom Dreimeterturm springt; um das Gefühl, das entsteht, wenn man durch die Straßen zieht und niemand weiß, wo man ist. (aus Spiegel Nr. 41, 2015)

In (181) sieht man, wie die koordinierten Glieder zwar in sich komplex (und mit Kommas intern strukturiert) sind, nicht aber im Sinne einer zweiten Koordinationsebene hierarchisiert, vergleichbar also mit (180). Zudem sind die letzten beiden Koordinationsglieder zwar strukturell ähnlich aufgebaut und wirken dadurch wie prototypische Koordinationen. Allerdings schließen sie recht untypisch dort an, wo man eine koordinierte Präpositionalgruppe im Satz schon nicht mehr erwarten würde: nach einer Herausstellung (den Augenblick122). Intuitiv scheint das Semikolon hier eine gute Wahl. Eine spätere Analyse im Rahmen der Oberflächensyntax wird zu klären haben, ob es dafür Gründe gibt, die in den syntaktischen Eigenschaften des Semikolons liegen. Trotzdem: Eine semikolon-spezifische Begrenzung des attributiven Skopus findet sich in (181) nicht. 120 121

122

Hier handelt es sich um einen Spontanfund außerhalb des TiGer-Korpus’. Der Beispielsatz (168) aus den amtlichen Regelungen ist nach Bredel so zu lesen, dass es sich um koordinierte Nominalgruppen handelt. Die alternative Lesart, dass es sich um koordinierte, elliptische Präpositionalgruppen handelt, ist nicht mit Bredels Bestimmung vereinbar, es handele sich bei den Semikolongliedern um maximale Projektionen (vgl. hierzu Bredel 2008: 188–189). In der in dieser Arbeit vorgenommenen Systematisierung des Semikolons ist weniger relevant, von welcher Lesart man ausgeht. Es kommt vielmehr auf die Vollständigkeit der Präpositionalgruppe v o r dem Semikolon sowie auf den charakteristischen Satzabschluss an (siehe unten). den Augenblick werte ich hier als Herausstellung nach rechts, weil eine Koordination aus semantischen Gründen ausgeschlossen erscheint. Das Komma vor den lässt sich nicht durch und ersetzen: Es geht nicht um die Gegenwart und den Augenblick, sondern die Gegenwart besteht in dem Augenblick. Der Begriff Gegenwart wird präzisiert.

4 Semikolon

172

Zusammenfassend lässt sich sagen: Sowohl vor dem Hintergrund der Indizien aus der Literatur und aus den Regeltexten als auch der geringen Frequenz in den Sätzen aus dem TiGer-Korpus und in den Daten von Zimmermann 1969 erscheint die Verwendung des Semikolons bei Strukturtyp II im Textmodus marginal. Die spezifische Leistung des Semikolons, die Bredel herausstellt, ist im Lichte der hier angeführten Argumente wohl nicht verwendungsrelevant und eher als Epiphänomen zu bezeichnen123 – und dennoch (in Verbindung mit Behrens 1989) eine dezidiert syntaktische Beobachtung zum Semikolon. Außerdem stellt sich heraus, dass die Bestimmung, das Semikolon würde Aufzählungen mit Untergruppen gegeneinander abgrenzen, das Eigentliche wohl nicht trifft, auch wenn sie auf den Satz (168) aus den amtlichen Regelungen angewendet werden kann. Vor dem Hintergrund der hier angeführten Sätze zeigt sich, dass es allgemeiner auf die Komplexität der Semikolonglieder im Sinne einer weiteren internen Kommatierung ankommt. 4.4.2

Strukturtyp I

Im Folgenden geht es um die funktionale Spezifik des Semikolons zwischen sententialen Einheiten. In diesem Zuge diskutiere ich auch die Online-Analysen von Bredel (2008/2011) und Bredel/Primus (2007). Die Online-Bestimmung des Semikolons bezieht sich zwar auf beide Strukturtypen, allerdings ist sie für die Darstellung der funktionalen Spezifik bei Strukturgruppe II nicht notwendig gewesen. Auch für den Strukturtyp I lassen sich aus der Online-Bestimmung offline-syntaktische Schlussfolgerungen ziehen. Ich zitiere hier zunächst Bredels Online-Beschreibung von 2008, denn hier beschreibt sie das Semikolon am ausführlichsten. (A) Das Semikolon fordert satzinterne grammatische Verknüpfung [...] (Kommabestandteil). (B) Es verbietet unmittelbare Subordination [...] (Kommabestandteil). (C) Zusätzlich verbietet es die Auswertung/Weiterverarbeitung lexikalischer Information (Punktbestandteil als Modifikator des Kommabestandteils). (Bredel 2008: 188; vgl. Bredel/Primus 2007: 114 / Bredel 2011: 81–82)

Bei (B) kommt noch hinzu, dass es sich um ein globales Subordinationsverbot handelt und nicht nur um ein unmittelbares wie beim Komma (vgl. Bredel 2008:

123

Dazu passen auch die Ergebnisse einer Pilotstudie von Mesch, in der Studierende syntaktische Zeichen in Sätze einsetzen sollten. Das Semikolon wurde bei Strukturtyp II insgesamt kaum verwendet. Auch in dem Satz, in dem Desambiguierung durch das Semikolon im Sinne Bredels möglich war, stieg die Frequenz nicht an (vgl. Mesch 2016: 457–458).

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

173

207). Die Online-Bestimmung unterscheidet sich damit von der aller anderen Interpunktionszeichen. Selbst wenn also das Semikolon bei keiner Konstruktion obligatorisch steht, so ist doch im Leseprozess der Aufbau dieser Konstruktion grundsätzlich semikolonspezifisch. Die Spezifik des Semikolons wird hier auf ganz andere Weise herausgestellt als noch bei Strukturtyp II. Was ist nun aus dieser Bestimmung allgemein syntaktisch und offline-syntaktisch zu folgern? Das Semikolon ist beiderseitig undurchlässig für lexikalische Information; phrasal aber müssen rechts und links strukturidentische und „vollständig gesättigte Phrasen, also maximale Projektionen“ stehen (Bredel 2008: 188; siehe auch Esslinger 2014: 32–33 / Primus/Bredel 2007: 115).124 Und das „führt automatisch zu Koordination“ (Bredel 2008: 188). Ungeklärt bleibt allerdings, was im Einzelnen unter lexikalischer Information zu verstehen ist. Dem möchte ich im Folgenden etwas näher kommen. Es liegt nahe anzunehmen, dass es auf jeden Fall um lexikalische Valenz geht. Das bedeutet dreierlei: 1. Wenn ein Semikolon steht, handelt es sich immer um Koordination. 2. Die Koordination ist immer symmetrisch in dem Sinne, dass die koordinierten Glieder eine identische Phrasenstruktur aufweisen. 3. Koordinationsreduktion ist ausgeschlossen (vgl. Bredel 2008: 187; siehe auch Bredel 2011: 81–83 / Bredel 2015). Das Verdienst von Primus/Bredel 2007 sowie von Bredel 2008 ist hier sicherlich, überhaupt Koordinationsreduktion als syntaktisches Kriterium in die Diskussion mit einzubeziehen. Das ist auch eine Folge davon, dass sie das Semikolon als Koordinationszeichen besonders stark machen. Kaum wurde vorher dezidiert syntaktisch von Koordination gesprochen, obwohl dieser Terminus nicht gänzlich unpassend erscheint. Selbst Behrens 1989, die ja zum Ziel hat, die syntaktischen Konstruktionen, die mit Interpunktionszeichen markiert werden, zu fokussieren, erwähnt Koordination mit keinem Wort. In Bezug auf die angeblich nicht mögliche Koordinationsreduktion nun gibt es ein Problem: Was die Grammatikalität der einschlägigen Konstruktionen angeht steht gewissermaßen Aussage gegen Aussage. Bredels Beispiel für die Unmöglichkeit von Koordinationsreduktion ist (182).

124

Zwar sagt die zitierte Bestimmung des Semikolons gar nichts über die Phrasenstruktur aus und man könnte schlussfolgern, die Phrasenstruktur könne einfach beliebig fortgesetzt werden. Gemeint ist aber, dass die Phrasen links und rechts vom Semikolon die gleiche Struktur haben (vgl. Bredel 2011: 83).

174 (182)

4 Semikolon *Der Zaunkönig ist ein Singvogel; lebt von Wespen und nistet in Baumkronen. (aus Bredel 2008: 188; auch in Esslinger 2014: 33)

Der Satz (182) verstößt gegen Teil (C) aus Bredels Semikolonbestimmung, weil das Subjekt zu lebt vor dem Semikolon steht. Zählt man die Subjektrektion zu den lexikalischen Worteigenschaften von leben, muss der Leser also lexikalische Eigenschaften über die Semikolongrenze hinaus verarbeiten. Und das sei eben ausgeschlossen. Eisenberg hingegen, der das Semikolon nur überblicksartig mit zwei kurzen Beispielsätzen vorstellt, verwendet einen strukturell ganz ähnlichen Satz (183) und zieht nicht mal in Erwägung, dass dieser nicht zum Kernbereich der Semikolonverwendung bei Koordination zählen könnte (vgl. Eisenberg 2013b: 89–90). (183)

Der betrunkene Hauptmann schien besonders zufrieden; rieb sich die Hände; lachte dröhnend und zwinkerte seinem Genossen zu. (aus Eisenberg 2013: 89)

Der betrunkene Hauptmann fungiert hier als Subjekt der Verben rieb, lachte und zwinkerte und ist durch Semikolons von diesen getrennt – genau wie in (182). Satz (183) ist zwar länger, unterscheidet sich aber in Bezug auf die Bredel’sche Regel nicht. Ganz ähnlich die IDS-Grammatik: Sie erläutert das Semikolon mit vier Sprachbeispielen (vgl. Zifonun et al 1997: 287–288). Zwei entsprechen der oben zitierten Bestimmung von Bredel, zwei nicht, siehe (184)–(185). (184)

(185)

Und „Vorlage“ nenne ich den Text, welchen er liest, (sic!) oder abschreibt; das Diktat, nach welchem er schreibt; die Partitur, die er spielt; etc. etc. (aus Zifonun et al. 1997: 288; dort zitiert aus: Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen 162.: 104) Daß es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit beschieden sein sollte, Licht in ein oder das andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich; aber freilich nicht wahrscheinlich. (aus Zifonun et al. 1997: 288; dort zitiert aus: Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (Vorwort): 10)

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

175

Hier sind die beiden Konstruktionen sogar lexikalisch noch enger über die Semikolongrenze hinweg verwoben als im Beispielsatz von Eisenberg. Denn in (184)– (185) muss sogar das Verb nach der Semikolongrenze ein zweites Mal ausgewertet werden. Mag man auch die beiden Beispiele für möglicherweise nicht einschlägig halten, so ist für die vorliegende Argumentation dennoch ausschlaggebend, dass die IDS-Grammatik die Funktion des Semikolons mit diesen Beispielsätzen durchaus adäquat darzustellen meint. An dieser Stelle kommt es noch nicht auf eine genaue syntaktische Analyse dieser Sätze an, sondern vielmehr darauf, dass die durch ein Semikolon begrenzten Ausdrücke nicht vollständig sind. Die Verbargumente (Der betrunkene Hauptmann in (183); das Diktat, die Partitur in (184); wahrscheinlich, in (185)) sind durch Semikolons abgetrennt. Online gesprochen, mit Bredel/Primus 2007, würden hier also sehr wohl konstruktionsübergreifende Subordinationsreste erzwungen (vgl. Bredel/Primus 2007: 115); mit Bredel 2008 müsste es heißen, dass eben doch eine Einheit aus der Vorgängerkonstruktion zur Sättigung des Mutterknotens zur Verfügung steht (vgl. Bredel 2008: 188); oder mit Bredel 2011, dass aus dem mit Semikolon begrenzten Ausdruck eben doch sowohl heraus- als auch hineinprojiziert werden kann (vgl. Bredel 2011: 81–82). Auch wenn in den verschiedenen Publikationen zur Online-Funktion des Semikolons verschiedene Begriffe verwendet werden, so geht es doch im Kern um vergleichbare Aussagen. Die Konstruktionen rechts vom Semikolon sind elliptisch zu verstehen und man kann von Koordinationsreduktion oder Tilgung sprechen; und diesbezüglich sind die Restriktionen offenbar weniger streng als von Bredel und Primus angenommen (vgl. Bredel/Primus 2015: 115). In den Worten der Oberflächensyntax ausgedrückt: Vor- und Nachbereich der syntaktischen Relation eines finiten Verbes können durch ein Semikolon getrennt sein. Links vom Semikolon ist die Valenzstruktur gesättigt. Konstruktionen wie in (183)–(185) nenne ich asymmetrisch, weil die Ausdrücke rechts und links vom Semikolon keine Strukturidentität aufweisen. Sind solche asymmetrischen Konstruktionen nun in der linguistischen Literatur zum Semikolon durchaus anzutreffen, sparen die Regelungstexte sie aus. Immerhin: Eine einzige Ausnahme findet sich in den von mir gesichteten Regeltexten im westdeutschen Duden von 1973 (vgl. Duden 1973: 31; siehe Beispiel (152)), ist dann aber spätestens 1980 wieder verschwunden. Genau wie bei der spezifischen Funktion des Semikolons bei Strukturtyp II ist auch hier nach der Einschlägigkeit solcher asymmetrischen Semikolonkonstruktionen zu fragen. Dabei ergibt sich ein anderes Bild als bei der oben diskutierten

176

4 Semikolon

Funktion, den attributiven Skopus zu begrenzen – allein schon, weil sie in grammatischen Beschreibungen als Beispielsätze überhaupt auftauchen. In der Tat sucht man nach Sätzen dieser Art nicht lange. (186) gibt die erste Semikolonverwendung in „Die Verwandlung“ von Franz Kafka wieder. (186)

Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.

Strukturell ist der Satz vergleichbar mit (183). Und gleich die erste Semikolonverwendung in Mesch 2016, einem der aktuellsten Texte zur Systematik und zum Gebrauch des Semikolons, zeigt, dass potentiell unvollständige Konstruktionen möglich sind (187). (187)

Die „zunehmende Unsicherheit“ (Klein, Grund 1997, S. 42 f.) der Zeichenbenutzer im Gebrauch sei dafür [dass das Semikolon vom Aussterben bedroht ist] ursächlich; verantwortlich die amtliche ‚Kann’-Regel, die die Ungewissheit verstärke (ebd.): Das Semikolon „kann“, müsse aber nicht dort stehen, wo Punkt oder Komma stehen können [...]. (Mesch 2016: 447)

Mesch selbst folgt in ihrer systematischen Beschreibung des Semikolons Bredels Beschreibung, und so müsste sie hier ihre eigene Verwendung des Semikolons für nicht systemgerecht halten (vgl. Mesch 2016: 451–455). (187) ist vergleichbar mit (185). Der Ausdruck nach dem Semikolon enthält keine Kopula, wohl aber Subjekt und Prädikatsnomen. Auch hier kann man also nicht von einer maximalen Projektion sprechen. Im Unterschied zu (183) und (186) steht das Verb, das die Konjunkte regiert, links vom Semikolon. Mesch geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: In ihrer Pilotstudie fordert sie 74 Studierende auf, Interpunktionszeichen in vorgegebene Sätze einzufügen. Dafür benutzt sie Sätze aus Kleists „Die Marquise von O...“. Von zehn Möglichkeiten, ein Semikolon zu setzen, entfallen sechs (!) auf asymmetrische Konstruktionen (vgl. Mesch 2016: 462; ebenfalls strukturell mit (186) vergleich-

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

177

bar). Ausgerechnet diese – vermeintlich nicht systemgerechten – Semikolonpositionen erzielen das zweit-, dritt- und vierthöchste Semikolonergebnis bei den Studierenden (das zweithöchste mit einem Semikolonanteil von 10,1%, vgl. Mesch 2016: 462).125 Und ausgerechnet an zweien dieser Sätze macht Mesch schließlich das besondere Zeichenpotential des Semikolons fest (vgl. Mesch 2016: 462). Dass der Semikolongebrauch von Kleist in diesen Sätzen aber, genau wie ihr eigener in dem oben zitierten Beispiel (187), gegen die von Mesch selbst angeführte linguistische Online-Bestimmung des Semikolons verstößt, scheint sie zu übersehen. Und damit liefert sie ein Beispiel für die automatisiert-intuitive Verwendung dieses Zeichens, für seine Vielfalt und dafür, dass diese Konstruktion, ist sie doch nicht häufig, in eine gebrauchsadäquate Beschreibung des Semikolons durchaus mit einbezogen werden kann. Dass es bei der Auslegung der Online-Bestimmungen von Interpunktionszeichen Unsicherheiten gibt, lässt sich einerseits darauf zurückführen, dass es bisher verschiedene Konzepte mit unterschiedlicher Terminologie gibt, die aber systematisch noch nicht aufeinander bezogen wurden (siehe Abschnitt 3.3.2). Eine Weiterentwicklung bzw. Modifikation der Bredel’schen Systematisierung des Semikolons von 2011 scheint dennoch möglich und vielversprechend. An dieser Stelle möchte ich jedoch nur darstellen, dass asymmetrische Konstruktionen bei Bredel offensichtlich nicht bedacht, auf jeden Fall aber nicht diskutiert werden. Neuere wie ältere Beschreibungen des Semikolons kommen also bei Sätzen mit asymmetrischen Semikolonkonstruktionen an ihre Grenzen. Eingehend diskutiert werden diese Fälle bisher nicht. Vorkommen tun sie durchaus – auch textsortenübergreifend. In dem für diese Arbeit herangezogen TiGer-Korpus, das ausschließlich aus Zeitungstexten besteht, finden sich strukturell vergleichbare Sätze, wie (188). (188)

125

Die Mafa rüstete früher den ganzen Ostblock mit Anlagen zur Zuckerfabrikation aus; war aber von der Treuhand als nicht sanierungsfähig eingestuft worden. (TiGer1: 34065)

Alle zu interpungierenden Leerstellen waren in Kleists Original mit Semikolons versehen. Die Studierenden setzten hingegen insgesamt nur wenige Semikolons. Die am häufigsten mit einem Semikolon bedachte Position bringt es bei den Studierenden auf 10 von 74 Semikolonsetzungen (13,5%); im Durchschnitt sind es 5,2 % (vgl. Mesch 2016: 461–463).

178

4 Semikolon

Zu den asymmetrischen Konstruktionen mit Semikolon zählen aber nicht nur solche mit Koordinationsreduktion, sondern auch herausstellungsartige Konstruktionen wie in (189). Diese sollten nach Bredels Bestimmung ausgeschlossen sein (vgl. Bredel/Primus 2007: 115). (189)

Gewiß wurde da auf einer DIN A 4 -Seite "Mitgefühl mit den Familien von Ken Saro-Wiwa und seinen Mitangeklagten" ausgedrückt; sowie "Sympathien mit den Beschwerden der Gemeinden in den erdölfördernden Regionen des Niger Deltas". (TiGer1: 454550)

Auch in (189) kann von Strukturidentität links und rechts vom Semikolon keine Rede sein. Das besondere an (189) ist, dass hier nicht, wie bei Herausstellungen häufig, ein korreferenter Ausdruck im Satz vorhanden ist, sondern ein koordiniertes Element ins rechte Außenfeld rückt. Dieses hätte zwar auch im Mittelfeld Platz, würde dieses aber enorm verlängern.126 Der herausgestellte Ausdruck fungiert funktional als Objekt zu ausdrücken.127 Deswegen und wegen der koordinativen Struktur ist eine relationale Bindung über die Semikolongrenze hinweg vorhanden. Diese Fälle können mit der Semikolonregel von Bredel ebenfalls nicht erfasst werden. Auf die gesamte Gruppe der asymmetrischen Konstruktionen gehe ich später noch genauer ein. Für eine Systematisierung des Semikolons sind sie, nach der Argumentation bis hierher, keinesfalls zu vernachlässigen. Und dennoch: Das Hauptvorkommen bilden sie nicht. In den weitaus meisten Fällen steht in einem Satz genau ein Semikolon zwischen zwei selbständigen Sätzen (vgl. Zimmermann 1969 / Gillmann 2018). Man kann aus der Online-Bestimmung von Bredel folgern, dass ein Leser bei der Verarbeitung eines Semikolons einen strukturidentischen Ausdruck antizipieren kann.128 Vor dem Hintergrund der hier vorgestellten asymmetrischen Konstruktionen sieht man aber: Er würde dann oft stolpern.

126

127

128

Herausstellung und Koordination liegen eng beieinander. Altmann ist der Meinung, dass man Herausstellungen auch als stark elliptische Konstruktionen sehen kann. Die Ellipse wird dann beinahe vom gesamten Matrixsatz aufgefüllt (vgl. Altmann 1981: 46). Allerdings zu beachten ist die fehlende Kongruenz zwischen Sympathien und wurde, was sich meines Erachtens als Indiz für den Herausstellungscharakter deuten lässt. So schreibt Bredel: „wenn der Leser auf ein Semikolon trifft, dann erhält er Hinweise darauf, wie die Phrasenstruktur der Folgekonstruktion aufgebaut ist“ (Bredel 2008: 176). Und Esslinger: „Das

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

179

Auch bei selbständigen Sätzen mit Semikolon ergibt sich mit Bredels Bestimmung ein Problem: Aus sprachverarbeitungstheoretischer Sicht ist es in diesen Fällen nämlich recht aussagearm, von ‚Strukturidentität‘ zu sprechen. Die Daten zeigen klar, dass keine Verlässlichkeit dahingehend besteht, dass satzwertige Semikolonkonnekte eine vergleichbare Struktur aufweisen (wenngleich das auch nicht ausgeschlossen ist). Gleich an zwei Sätzen, die mit Semikolon verbunden sind, ist oft nur, dass es einen obersten Satzknoten gibt. Es gibt also kaum etwas zu antizipieren. Bei Nominalgruppen hingegen mit ihrer engen syntaktischen Strukturierung wäre das Semikolon womöglich hilfreich und könnte dem Leser einen formalen wie relationalen Rahmen für die folgenden Ausdrücke zur Verfügung stellen. Aber das Semikolon steht, wie gezeigt, nur in seltenen Fällen bei Strukturtyp II. Doch selbst wenn es dort öfter stehen würde: Der Leser weiß zum Zeitpunkt des Einlesens des Semikolons nicht unbedingt, ob ein Satz oder eine Nominalgruppe oder eine Präpositionalgruppe folgt. Er müsste also auch dann stets mehrere Strukturen bereithalten. Bis hierher möchte ich wie folgt zusammenfassen: Aus der jüngeren Literatur zum Semikolon lässt sich auf zwei Arten und Weisen eine funktionale Spezifik des Semikolons herausarbeiten, deren Probleme ganz unterschiedlich liegen. Erstens kann in Strukturtyp II, wie Bredel gezeigt hat, das Semikolon den attributiven Skopus beschränken und damit syntaktisch desambiguierend wirken. Diese Funktion ist offline-syntaktisch beschreibbar (und gleichzeitig in Einklang mit der sprachverarbeitungstheoretischen Bestimmung von Bredel). Aber sie ist nicht einschlägig, was den Gebrauch des Semikolons angeht. Zweitens hat Bredel durch die sprachverarbeitungstheoretische Bestimmung eine funktionale Spezifik in Bezug auf die syntaktische Verarbeitung des Semikolons beim Leseprozess herausgearbeitet, also online. Daraus folgt aber, dass das Semikolon immer koordinierte Ausdrücke miteinander verbindet und keine Koordinationsellipsen zulässt. An den asymmetrischen Semikolonkonstruktionen konnte aber gezeigt werden, dass Koordinationsellipsen durchaus für grammatisch gehalten werden sowie dass sich nicht nur Koordinationen, sondern durchaus auch herausstellungsartige Konstruktionen finden, damit lässt sich ein Teil der Daten mit dieser Regel nicht erfassen. Semikolon [...] erzwingt eine syntaktische Kopie der Vorgängerkonstruktion [...]“ (Esslinger 2014: 20); siehe auch weiter unten S. 214.

4 Semikolon

180

Selbständige Sätze, die mit Semikolon verbunden sind, sind oftmals so strukturell so unterschiedlich, dass ein Leser gut daran tut, nicht antizipierend von Strukturidentität auszugehen. 4.4.2.1

Semikolon als Anzeiger für Einbettungstiefe

Nun gibt es noch einen dritten Ansatz, der zu beschreiben versucht, was die spezifische Zeichenfunktion des Semikolons ist. Er findet sich bei Schreiber 2015 / Fuhrhop/Schreiber 2016 / Mesch 2016. Auch hier wird dem Semikolon eine sprachverarbeitungstheoretische Besonderheit zuerkannt, aber nicht in Bezug auf eine phrasale oder lexikalische Verarbeitung, sondern in Bezug auf die Funktion, den Leser bei der Verarbeitung sententialer Hierarchieebenen zu orientieren. Diese Konzeption schließt also an die Vorgehensweise dieser Arbeit an, mithilfe von syntaktischen Hierarchieebenen den potentiellen Nutzen von Interpunktionszeichen für den Leser deutlich zu machen. Um diese Idee zu veranschaulichen, möchte ich hier die Analysen von Fuhrhop/Schreiber 2016 und Mesch 2016 fortführen und präzisieren. Dies ist eine Vorarbeit zu der detaillierten Analyse des Semikolons im Rahmen der Oberflächensyntax. Um es vorwegzunehmen: So interessant die These zur besonderen Funktion des Semikolons von Mesch 2016 ist – ob die 74 Studiereden in dieser Weise von dem Zeichen Gebrauch machen, können die Daten der Pilotstudie nicht geeigneter Weise zeigen. Da diese Stellen aber in den verwendeten Ausgaben mit Semikolon stehen, ist eine Analyse dennoch lohnenswert.129 Die Probanden sollten in dem entsprechenden Subtest 10 Semikolonstellen aus Kleists „Die Marquise von O...“ nachinterpungieren (zur Auswahl stehen ihnen aber nur < ; , . : >). Die zweit- und dritthäufigste Semikolonsetzung gab es bei den Positionen d) und h) in den folgenden beiden Sätzen (190)–(191).130 (190)

129

130

Er stieß noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren Schlanken Leib umfasst hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, daß er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zurücktaumelte _d_ bot dann der

Abgeglichen ist die Interpunktion in diesen Sätzen mit der Reclam-Ausgabe von 2013 (vgl. Kleist 2013 [1808]). Ebenso: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. (vgl. Sembner [Hg.] 1970); mit Heinrich von Kleist: Sämtliche Erzählungen, Anekdoten, Gedichte, Schriften. (vgl. Müller-Salget [Hg.] 1990); mit dem Gutenberg-Projekt: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-marquise-von-o-1-580/1 (aufgerufen 06.06.2016). Die Buchstaben in den Zitaten bezeichnen die Semikolonstellen und sind so aus Mesch 2016 übernommen.

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

(191)

181

Dame, unter einer verbindlichen, französischen Anrede den Arm, und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewusstlos niedersank. Sie machte sich die lebhaftesten Vorwürfe, daß sie ihn, bei seiner, vielleicht aus Bescheidenheit, wie sie meinte, herrührenden Weigerung, im Schlosse zu erscheinen, nicht selbst aufgesucht habe _h_ bedauerte die Unglückliche, ihre Namensschwester, an die er noch im Tode gedacht hatte; bemühte sich vergebens, ihren Aufenthalt zu erforschen, um sie von diesem unglücklichen rührenden Vorfall zu unterrichten _i_ und mehrere Monden vergingen, ehe sie selbst ihn vergessen konnte. (27–28 aus Mesch 2016: 462; fett N. S.)

Zu den Sätzen zitiere ich direkt Mesch: „Hier mag die Einbettungstiefe auslösend sein: Werden beide Grenzen eines Teilsatzes (TS) kommatiert, kennzeichnet das Semikolon eine zum Kommasatz kontrastierende Neben- beziehungsweise Unterordnungstiefe beziehungsweise die Rückkehr zu einer ‚Ausgangstiefe‘ nach folgendem Muster [...]:“ (Mesch 2016: 462–463)

Abb. 49: Fiktives Beispiel für das Semikolon in der Funktion, die sententiale Einbettungstiefe anzuzeigen (aus Mesch 2016: 463)131

Das Semikolon könnte dem Leser also einen Hinweis darauf geben, an welche Hierarchieebene er den folgenden Teilsatz anbinden muss, beziehungsweise an welche Ebenen er anzubinden unmöglich ist. Meschs Graphik veranschaulicht das allgemein, aber nicht in Bezug auf die von ihr verwendeten Sätze. Eine genauere Auswertung der Strukturen zu (190)–(191) geben Abb. 50 und Abb. 51 wieder. 131

‚TS‘ steht hier für Teilsatz. ‚TS1‘ auf der rechten Seite der Abbildung ist verschoben – ein graphischer Fehler im Original ohne Bedeutung.

182

4 Semikolon

Abb. 50: verkürzte Satzanalyse zu (190)132

Abb. 51: verkürzte Satzanalyse zu (191)

Zunächst ist zu bemerken, dass die beiden Sätze syntaktisch sehr ähnlich aufgebaut sind. Auf der obersten Hierarchieebene werden Teilsätze koordiniert, das Subjekt wird nur im ersten Satz genannt und muss vom Leser über die Semikolongrenze hinweg mehrfach ausgewertet werden. In diesem Fall lässt sich aufgrund der Koordinationsellipse auch klar von Koordination sprechen. Das Semikolon wird tatsächlich nur für die Gliederung der oberen Hierarchieebene gebraucht. 132

Sätze, oberhalb mit Strichen verbunden sind, gehören syntaktisch zusammen. Eingeklammerte Sätze sind syntaktisch nicht vollständig. Tiefer gesetzte Konstituenten erfüllen eine syntaktische Funktion in der vorigen und/oder in der folgenden höhergestuften Konstituente. Die Pfeile benennen die Tilgungsrichtung: Das Subjekt aus S1 ist auch das Subjekt in S2 und S3. Nach der Koordination innerhalb von S2 wäre ein Komma regulär, dies fehlt aber in den gängigen Ausgaben der hier überprüften Ausgaben (siehe auch http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-marquise-von-o-1580/1 [aufgerufen 05.09.2016]).

4.4 Funktionale Spezifik des Semikolons

183

Könnte man annehmen, dass Leser über eine derartige Regularität ein implizites Wissen aufbauen, wäre damit eine funktionale Spezifik des Semikolons herausgearbeitet. Welche syntaktischen Eigenschaften im Detail der Leser sich hier zunutze machen kann, ist damit noch nicht gesagt. Betrachtet man die übrigen Sätze, die Mesch für diesen Subtest verwendet und zusätzlich den Satz aus Kafkas ‚Die Verwandlung‘, den Fuhrhop und Schreiber (2016: 142) anführen, um diese Semikolonfunktion zu verdeutlichen, zeigt sich, dass das Semikolon hier ausschließlich verwendet wird, um die oberste sententiale Hierarchieeben zu gliedern bzw., dass es in diesem Sinne interpretiert werden kann.133 Damit ist zunächst nur etwas über die Semikolonsetzung von Kleist und Kafka in diesen Sätzen gesagt. Das ist zu betonen, weil viele der Sätze doch eine auffallend ähnliche Struktur haben. Nicht auszuschließen ist also, dass es sich hier um einen für die Autoren beliebten Satztypus handelt. Gillmann stellt überdies berechtigterweise infrage, inwieweit man die Literatursprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als repräsentativ für den aktuellen Sprachgebrauch ansehen könne (vgl. Gillmann 2018: 72). Auch mit der Datenlage aus Meschs Pilotstudie (Mesch 2016) lässt sich nicht belegen, dass die Einbettungstiefe auslösend für die Semikolonsetzung ihrer Probenden ist.134 In Bezug auf die Frage der Fakultativität des Semikolons möchte ich nun noch die hier beschriebene Funktion der Leserlenkung bei der sententialen Einbettungstiefe vergleichen mit der eingangs beschriebenen Funktion, den Skopus pränuklearer Attribute zu begrenzen. Letztere Funktion konnte offline gezeigt werden: Ein Ausdruck, der mit Komma syntaktisch ambig war, konnte mit Semikolon desambiguiert werden. Ich habe das Semikolon als syntaktisch fakultativ eingeordnet (keine ihm vorbehaltene Lesart), bei gleichzeitiger funktionaler Spezifik (eine von zwei Lesarten mit Komma wird ausgeschlossen), siehe Beispiele (156)–(165) in Abschnitt 4.4.1. Bezüglich der Beispiele für Strukturtyp I in diesem Abschnitt

133

134

Diese Funktion stellt Lenartz in ganz ähnlicher Weise für das Semikolon heraus (vgl. Lenartz 2015: 35–36). Denn dann wäre zu erwarten, dass die Semikolonstellen b) und i), wo die Einbettungstiefen noch größer sind als in den exemplarisch von ihr angeführten Stellen d) und h), ebenfalls höhere Werte für das Semikolon aufweisen (möglicherweise auch a)) (vgl. Mesch 2016: 461–462). Das ist aber nicht der Fall. Auf der anderen Seite erzielt c) die höchste Anzahl an Semikolons bei den Studierenden; gerade mit diesem Ergebnis hätte Mesch die These von der Kennzeichnung der Einbettungstiefe untermauern können. Bei c) aber weist sie nur auf den Adverbkonnektor doch als semikolonauslösend hin (vgl. ebd.: 462).

184

4 Semikolon

wird deutlich, dass – offline betrachtet – keine Lesartdesambiguierung im Gegensatz zum Komma festzustellen ist. Denn für die oben angeführten Sätze eröffnen Kommas anstatt Semikolons keine andere Lesart. Der potentielle Zeichenwert des Semikolons zeigt sich hier ausschließlich online. Damit habe ich die Möglichkeiten der funktionalen Spezifik des Semikolons, die in der grammatischen Literatur diskutiert werden (oder die sich daraus ableiten lassen) nach Strukturgruppen getrennt vorgestellt. An der Begrenzung des Skopus’ pränuklearer Attribute zeigt sich eine spezifische syntaktische Semikolonfunktion. Sowohl aus den normativen Texten als auch aus der grammatischen Literatur zum Semikolon als auch aus den Korpusdaten ergibt sich aber, dass das Semikolon in dieser Funktion nicht einschlägig ist. Sogar in den Dudenregeln bzw. später in den Amtlichen Regelungen ab 1996 ist das Semikolon in dieser Funktion nicht verwendet worden, obwohl der einzige Beispielsatz zu dieser Strukturgruppe II diese Möglichkeit ab 1980 geboten hätte. Dass diese Funktion des Semikolons so lange unbeschrieben blieb, ist also kaum verwunderlich. Für die Strukturgruppe I leitet Bredel semikolonspezifische Funktion für die Lesersteuerung ab, die sie mit unterschiedlichen Termini beschreibt. Asymmetrische Semikolonverwendungen lassen sich damit nicht abdecken und sie werden von ihr auch nicht diskutiert; wie aber die Korpusdaten und ein Blick in die Beispielsätze der grammatischen Literatur zeigt, können sie bei einer adäquaten Beschreibung des Semikolons nicht außen vor gelassen werden. Mit der Kennzeichnung der sententialen Einbettungstiefe schließlich wäre ein syntaktisches Spezifikum des Semikolons bestimmt, das online seine Exklusivität gewinnt. Koordinationsellipsen sind bei dieser Funktion kein Problem. Die bisher diskutierten Beispielsätze hierzu sind allerdings nur auf Kleists Marquise von O... und Kafkas Verwandlung beschränkt, zudem sind sich einige strukturell sehr ähnlich. Eine umfassende syntaktische Analyse der Eigenschaften des Semikolons sollte aber sowohl diese Funktion als auch die zahlreichen asymmetrischen Semikolonkonstruktionen syntaktisch adäquat erfassen können. Darum geht es im Folgenden. In der syntaktischen Analyse des Semikolons im Rahmen der Oberflächensyntax werden auch Online-Aspekte einbezogen.

4.5 Frequenz 4.5

185

Frequenz

Grundlage für die syntaktische Analyse des Semikolons ist unter anderem das sogenannte TiGer-Korpus, das Zeitungstexte aus der Frankfurter Rundschau enthält, insgesamt 712.273 Tokens in 40.470 Sätzen.135 Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die Häufigkeit des Semikolons im TiGer-Korpus sowie über die Gestalt der Sätze, in denen Semikolons vorkommen. Von den sogenannten syntaktischen Zeichen < . : , ; > ist das Semikolon dasjenige mit der geringsten Frequenz im Korpus. Es kommt insgesamt 456 Mal vor und hat damit einen Anteil an den syntaktischen Zeichen insgesamt von gerade einmal 0,64 %. Schon der Doppelpunkt als zweithäufigstes Zeichen ist mit einem Anteil von 3,44 % mehr als fünfmal so häufig. Das häufigste Zeichen ist mit einer absoluten Anzahl von 35.483 das Komma (entspricht einem Anteil von 50 % aller syntaktischen Zeichen). Im Schnitt würde das bedeuten, dass man 77 Kommas lesen muss, um auf ein einziges Semikolon zu stoßen (siehe Tab. 9). Tab. 9: Häufigkeit der syntaktischen Zeichen im TiGer-Korpus (Release 1)

;

:

,

.

Absolut

456

2437

35.483

32.541

Prozent

0,64

3,44

50,00

45,89

:/;

,/;

5,34

77,76

Zum Vergleich habe ich größere Korpora herangezogen. Im Archiv W des IDS (ca. 4 Mrd. Textwörter) hat das Semikolon mit 0,97 % einen um mehr als 50 % höheren Anteil als im TiGer-Korpus; ähnlich sieht es beim Doppelpunkt aus (7,53 % im Gegensatz zu 3,44 % im TiGer-Korpus). Nimmt man noch die erste Partition des deutschen DeWac-Korpus hinzu sowie das Korpus des C’t-Magazins136, erscheint das Semikolon noch häufiger: In beiden macht es etwas mehr als 1,5 % an den syntaktischen Zeichen insgesamt aus, ist damit aber immer noch das seltenste Zeichen, wenngleich fast zweieinhalb Mal häufiger als im TiGer-Korpus. Obwohl das TiGer-Korpus hier mit deutlichem Abstand den geringsten Umfang besitzt, so liefert es anscheinend doch die genauesten Zahlen, wenn es auf das Semikolon im Textmodus ankommt. Denn in das TiGer-Korpus wurden, da es 135

136

Erreichbar mit entsprechenden Zugangsdaten unter: https://korpling.german.hu-berlin.de/cqpwi/login.php (aufgerufen 10.09.2019). Beide ebenfalls erreichbar mit entsprechenden Zugangsdaten unter https://korpling.german.hu-berlin.de/cqpwi/login.php (aufgerufen 10.09.2019).

4 Semikolon

186

um eine genaue syntaktische Annotation ging, hauptsächlich einzelne Sätze eingespeist. Hinzu kommen nur sehr vereinzelt Konstruktionen, bei denen es sich offensichtlich um Überschriften oder Bildunterschriften handelt. Diese schließe ich zunächst von der Analyse aus. Fälle, in denen das Semikolon offenbar im Listenmodus auftaucht, sind in Tab. 10 gesondert aufgeführt (siehe unten). Die höhere Frequenz in den Vergleichskorpora rührt daher, dass sich dort deutlich mehr Semikolons außerhalb von Textkörpern finden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Bildunterschriften oder freie Aufzählungen. Dazu kommen Semikolons, die bei der elektronischen Aufbereitung der Korpora schlicht übrig geblieben zu sein scheinen, das betrifft vor allem auch das aus Internet-Quellen gespeiste DeWac1-Korpus. Dass die Korpora nicht mit dem Ziel aufbereitet wurden, die Häufigkeiten von Interpunktionszeichen verlässlich widerzuspiegeln, verwundert nicht. Von den absoluten Zahlen komme ich nun zu den Sätzen mit einem oder mehreren Semikolons. Tab. 10 zeigt die Häufigkeit der Semikolon-Sätze – geordnet nach der Anzahl an Semikolons, die sie enthalten. Tab. 10: Anzahl der Sätze mit einem oder mehreren Semikolons im TiGer-Korpus (Release 1)

137

Semikolons pro Satz

Sätze

Anteil in Prozent

1+

385 (+11)137

100 (100)

1

344 (+6)

89,4 (88,3)

2

34 (+2)

8,8 (9,1)

3

6

1,6

4

1 (+3)

0,26 (1,0)

Die Zahlen in Klammern geben Vorkommen an, bei denen nicht eindeutig entscheidbar ist, ob es sich hier um Semikolons im Listenmodus gehandelt haben könnte (Zeilenumbrüche sind im Korpus getilgt). In den meisten Fällen folgt dann dem Semikolon ein Divis, was auf einen ursprünglichen Strich als Aufzählungszeichen verweisen könnte, der in der Folgezeile gestanden haben mag. Zur Liste passt, dass der Divis bei den Konstruktionen mit vier Semikolons anteilig besonders häufig ist.

4.5 Frequenz

187

Mit einer Gesamtzahl von 40470 Sätzen im TiGer-Korpus ergibt sich ein Anteil von 0,95 % (bzw. mit Zweifelsfällen von 0,98 %) von Sätzen mit Semikolon gegenüber allen Sätzen. Als Leser stößt man also durchschnittlich alle 103–105 Sätze auf ein Semikolon. Die einzigen mir bekannten vergleichbaren Untersuchungen hat Harald Zimmermann 1969 durchgeführt (vgl. Zimmermann 1969). Seiner Zählung liegen 11259 Sätze (mit 200652 Wörtern) zugrunde. Allerdings ist das Korpus sowohl aus populärwissenschaftlicher Prosa aus ‚rowohlts deutscher enzyklopädie‘ sowie aus Zeitungstexten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zusammengestellt.138 Zimmermann findet 437 Sätze mit einem oder mehreren Semikolons (vgl. Zimmermann 1969: 19). Das entspricht einem Anteil von ca. 3,9 % an der Gesamtzahl der Sätze. Somit ist das Semikolon in Zimmermanns Korpus ca. viermal häufiger als in dem hier vorliegenden. Eine Erklärung für diese Diskrepanz habe ich nicht. Aus Zimmermanns Aussagen lässt sich zum einen schließen, dass die weitaus meisten Sätze genau ein Semikolon enthalten, und zum anderen, dass das Semikolon bei Strukturtyp I deutlich überwiegt (mindestens 94 % der Fälle). So auch in den Daten des TiGer-Korpus’: Beinahe 90 % aller Sätze mit Semikolon enthalten genau eines. Davon gehören nur 1 % dem Strukturtyp II an. Schon zwei Semikolons in einem Satz sind mit 8,8 (bzw. 9,1) der Fälle deutlich abgeschlagen. Und Sätze mit drei und mehr Semikolons sind beinahe schon als Einzelbelege erfassbar. Ähnlich sieht es in einer Auswahl literarischer Texte aus. Ausgewertet wurden alle Texte aus der Anthologie ‚Die besten deutschen Erzählungen – ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki‘ (2015). Die 45 Geschichten umfassen insgesamt 5424 Sätze mit insgesamt 107.266 Wörtern, ältester Autor ist Johann Wolfgang von Goethe (1749–1827), jüngster ist Christoph Ransmayr (*1954). Im Gegensatz zu den anderen beiden Korpora ist diese Textsammlung also deutlich kleiner. Sie enthält 366 Sätze mit Semikolons. Das ergibt einen Anteil von beachtlichen 6,7 %. Der Unterschied ist hier also abermals enorm. Man liest in den ausgewählten deutschen Erzählungen also durchschnittlich schon in jedem 14,8’ten Satz ein Semikolon. Tab. 11 zeigt wieder die Häufigkeiten der Sätze dieser Textsammlung geordnet danach, wie viele Semikolons sie enthalten.

138

Die genaue Zusammensetzung des zimmermann’schen Korpus ist der Veröffentlichung nicht zu entnehmen. Von jeweils 50 Autoren aus beiden Bereichen wurden aus den ersten 1000 Sätzen diejenigen für die Untersuchung ausgewählt, die 4, 8, 16 oder 32 Wörter enthielten (vgl. Zimmermann 1969: 49). Aus den Ergebnissen kann man vorsichtig schlussfolgern, dass mehr Texte aus der populärwissenschaftlichen Prosa Eingang in das Korpus gefunden haben.

4 Semikolon

188

Tab. 11: Sätze mit einem oder mehreren Semikolons in ‚Die besten deutschen Erzählungen – ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki‘ (2015)

Semikolons pro Satz

Sätze

Anteil in Prozent

1+

366

100

1

305

83,3

2

40

10,9

3

10

2,7

4

7

1,9

5

2

0,5

6

1

0,3

11

1

0,3

Natürlich lassen sich Zahlen der Anthologie nur sehr bedingt verallgemeinern und vergleichen. In der Tendenz kann man aber sagen, dass sich hier vergleichbare Verteilungstendenzen abzeichnen wie bei den Zeitungstexten aus dem TiGer-Korpus. Die weitaus meisten Sätze (deutlich mehr als 80 Prozent) beinhalten genau ein Semikolon. Schon Sätze mit drei Semikolons kommen kaum noch vor. Dass es gerade in literarischen Texten auch einzelne Ausreißer nach oben gibt sowie etwas mehr Sätze mit mehr als einem Semikolon und mehr Semikolons insgesamt, ist nicht überraschend, müsste aber anhand eines sorgsam zusammengestellten größeren Textkorpus überprüft werden. Dass das Semikolon insgesamt „vom Aussterben bedroht ist“ (Waechter 2008), steht indes angesichts dieser Zahlen nicht zu befürchten. Im TiGer-Korpus gibt es nur 15 Belege, die eindeutig der Strukturgruppe II zuzurechnen sind. Einen Beleg, wo Nominal- oder Präpositionalgruppen mit Semikolon ohne weitere Interpunktionszeichen, wie Klammern oder Doppelpunkt, in einen Satz integriert werden, findet sich gar nur zweimal.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

189

In 4.4.1 habe ich zu zeigen versucht, dass bei der Analyse des Semikolons als syntaktisches Koordinationszeichen Strukturtyp II überbewertet wurde. Bei den Beispielen, die zu diesem Typ in den Regelungstexten auftauchen, handelt es sich aber überwiegend um Koordination oder koordinationsähnliche Strukturen (siehe aber die Abschnitte 4.7 und 4.8), das unterscheidet von vielen Konstruktionen des Strukturtyps I. Asymmetrische Belege kommen mit einem Anteil von gut 10 % vor, und zwar ausschließlich bei Strukturtyp I. Das sind solche, bei denen rechts und links von einem Semikolon keine im weiteren Sinne strukturidentischen Ausdrücke stehen, zum Beispiel links ein vollständiger und selbständiger Satz und rechts eine Nominal- bzw. Präpositionalgruppe, die nicht selbstständig ist. Man kann dann nicht davon ausgehen, dass es sich bei den durch Semikolon getrennten Einheiten um ‚maximale Projektionen‘ handelt. Es herrschen dann derart enge Verknüpfungen über die Semikolongrenze hinweg, dass diese von den Semikolonregeln von Bredel nicht erfassbar sind; darauf komme ich weiter unten noch zu sprechen. Allgemein lässt sich für die Daten des TiGer-Korpus sagen, ein Semikolonsatz enthält typischerweise genau ein Semikolon und steht hier zwischen selbständigen Sätzen oder Satzgefügen. Er enthält außerdem 1,9 Kommas und hat eine durchschnittliche Länge von 29,9 Wörtern139. 4.6

Syntaktische Restriktionen des Semikolons

Die syntaktische Beschreibung des Semikolons, die mit Behrens (1989) ihren Anfang nahm und maßgeblich mit Primus und Bredel weitergeführt wurde, möchte ich hier zum einen mithilfe der Oberflächensyntax rekonstruieren, zum anderen einen Schritt weiterentwickeln. Dabei kommen sowohl Aspekte der Online-Analyse als auch der Offline-Analyse zum Tragen. Semantische und textgrammatische Funktionsbestimmungen klammere ich dabei zunächst bewusst aus (vgl. Zifonun et al. 1997: 287 / Nunberg 1990: 96–103 / Rothstein 2016 / Gillmann 2018). Ich möchte zeigen, dass keine Notwendigkeit besteht, das Semikolon als eine Art Proto-Koordinator unter den Interpunktionszeichen zu sehen. Schließlich steht der Großteil koordinativer Konstruktionen ohne Semikolon; aus dessen syntaktischen Restriktionen geht hervor, dass dies auch so sein muss. Die meisten Verwendungen des Semikolons haben mit dem, was unter syntaktischer Koordination

139

Dieser Wert liegt vermutlich noch etwas höher, das Korpus scheint noch einige abgeschnittene Sätze zu enthalten, die sich nicht rekonstruieren lassen.

4 Semikolon

190

hier verstanden wird, nur wenig zu tun. Weiterhin möchte ich zeigen, dass – trotzdem eine Folgemajuskel ausgeschlossen ist – die funktionale Nähe zum Komma überschätzt wurde (zum Beispiel in Bredel 2011: 81 / Esslinger 2014: 32), die Nähe zum Punkt hingegen ist größer als angenommen. Im ersten Schritt lässt sich festhalten, und das geht auch aus der funktionalen Bestimmung von Bredel/Primus 2007 (S. 114–115) hervor, dass eindeutig subordinierte Ausdrücke nicht mit Semikolon abgetrennt werden können. Die Interpunktionsliteratur verfügt über keinen allgemeinen syntaxtheoretisch reflektierten Subordinationsbegriff; besonders, wo der Grenzbereich beginnt, wird nicht expliziert. In der Oberflächensyntax wird der Begriff selten verwendet; die Hierarchisierung von Kategorien kann aber mithilfe von syntaktischen und syntagmatischen Relationen differenziert ausgedrückt werden (siehe Abschnitte 2.5 und 2.6). Für den Kernbereich scheint es unstrittig, dass solche Ausdrücke als subordiniert gelten können, die erstmalig im Satz eine lexikalische oder strukturelle Valenzstelle in der Matrixstruktur sättigen. Dazu zählen auch lexikalisch regierte Infinitivgruppen und Sätze (vgl. Eisenberg 2013: 380–381), siehe (192)–(194). (192) (193) (194) (195)

*Sie überlässt es lieber den anderen; die Wäsche zu waschen. *Das Gericht hat erreicht; dass die Piloten vorerst wieder fliegen. *Er glaubt; er bekommt in Aurich einen Platz. *Er gab ihnen den Tipp; sich früh anzumelden.

An (192)–(195) kann man den Unterschied zum Komma darstellen. Ist das Semikolon ausgeschlossen, so ist ein Komma in all diesen Fällen obligatorisch. Auch der Doppelpunkt dürfte als, allerdings weniger präferierte, Variante gelten (vgl. Bredel 2011: 85–86). Ausgeschlossen sind ferner Vergleichskonstruktionen mit als (196). Die mit als angeschlossene Vergleichsgröße werte ich als strukturelle Rektion des Komparativs größer. Auch von rechts nach links über die Semikolongrenze besteht eine Verbindung, denn der als-Satz ist syntaktisch unvollständig: In (196) fehlt das Objekt zu erwarten, es muss semantisch aus dem Satz mit Komparativ rekonstruiert werden.140 (196)

140

*Sie war schon größer; als er erwartet hatte.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass hier mitunter sogar das Komma weggelassen wird (vgl. Eisenberg 2013: 208).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

191

Die zweite unstrittige Restriktion des Semikolons – sie geht schon aus dem Regeltext hervor (vgl. AR 2006: § 80) – ist, dass einzelne Wörter nicht abgegrenzt werden können. Sowohl in der Literatur über das Semikolon als auch im hier untersuchten Korpus finden sich keine mit Semikolon abgetrennten Einzelwörter.141 Damit ist nicht gesagt, dass die mit Semikolon abgetrennten Ausdrücke nicht sehr kurz sein können. Auch ist der Längenunterschied zu den vorangehenden und den folgenden Konstruktionen zum Teil beträchtlich. Belege mit wenigen Wörtern finden sich durchaus, wie die erste Semikolonverwendung in Dostojewskis Schuld und Sühne, siehe (197). (197)

Nicht als ob Schüchternheit und Feigheit in seinem Charakter gelegen hätten; ganz im Gegenteil; aber er befand sich seit einiger Zeit in einem Gemütszustand, der große Ähnlichkeit mit Hypochondrie hatte. (Dostojewski 1912 [1866]: 5)142

Bei der Prüfung der syntaktischen Eigenschaften des Semikolons wird die Frage im Vordergrund stehen, inwiefern man hier bei den durch ein Semikolon getrennten Ausdrücken von syntaktisch koordinierten Einheiten sprechen kann. Dabei wird der Koordinationsbegriff aus Abschnitt 2.8 zugrunde gelegt. Die Argumentation lässt sich anhand des Satzes (197) exemplarisch darstellen. Obwohl der Ausdruck ganz im Gegenteil nicht syntaktisch hierarchisiert gegenüber der Vorgängerkonstruktion erscheint und in diesem Sinne nebengeordnet bzw. gleichgeordnet ist, so gibt es doch auch kaum Ausgangspunkte, hier von Koordination auszugehen: Funktional ist der initiale VLETZT-Satz ebenso wenig in eine Matrixstruktur eingebunden wie ganz im Gegenteil. Formal scheint es nahezu unmöglich, ganz im Gegenteil zu einem VLETZT-Satz zu vervollständigen und so zumindest zugrundeliegend von einer formalen Analogie bzw. einer identischen Phrasenstruktur (vgl. Bredel 2011: 82–83) der beiden Ausdrücke auszugehen. Die Ausdrücke lassen sich auch nicht durch eine koordinierende Konjunktion wie und verbinden. Vertauschbar sind sie auch nicht. Als alternative Interpunktion kommen Komma und Punkt infrage. Ohne entscheiden zu müssen, ob die durch Semikolon getrennten Ausdrücke hier in einer syntaktischen Relation zueinander stehen, lässt sich Koordination, wie sie in dieser Arbeit verstanden wird, ausschließen. Ansonsten lässt sich bis 141

142

Vereinzelte Belege finden sich nur in großen Textkorpora, wie dem deutschen WaCky-Korpus, das auch nichtstandardisierte Sprache beinhaltet. In der Übersetzung ins Deutsche von Hermann Röhl, 1912.

192

4 Semikolon

hierhin festhalten, dass eindeutig subordinierte Ausdrücke mit Semikolon ausgeschlossen sind, ebenso kommen keine Ausdrücke vor, die nur ein Wort umfassen. 4.6.1

Das Semikolon im Kontext von Nominalgruppen (Strukturtyp II)

Im Gegensatz zu der gängigen Interpunktionsliteratur soll das Semikolon domänenspezifisch analysiert werden: einmal innerhalb und einmal außerhalb von Nominalgruppen (gemeint ist in erster Linie der pränominale Bereich). In beiden Arealen kommt auch das Komma vor. Ein kompetenter Leser kann daraus Vorteile ziehen: Wenn er weiß, dass er sich in seinem syntaktischen Strukturaufbau im pränominalen Bereich befindet, kann ihm dieses Wissen helfen, dem Komma sein konstruktionsspezifisches Funktionspotential zuzuweisen, siehe Abschnitt 3.4. Ebenso wie für das Komma ist diese konstruktionsspezifische Betrachtung auch für das Semikolon eine Besonderheit der hier vorliegenden oberflächensyntaktischen Analyse. Sie erhält dadurch ihre Rechtfertigung, dass davon auszugehen ist, dass auch während des Leseprozesses Wissen über das aktuelle syntaktische Umfeld zur Verarbeitung herangezogen wird. So, wie das Semikolon eine syntaktische Information über die umgebende Konstruktion zu liefern vermag, liefert die Konstruktion Information darüber, wie das Semikolon zu deuten ist. Unberührt bleibt hier die Frage, wie und wann diese Information vom Leser genutzt wird. Für das Semikolon möchte ich zunächst festhalten und im folgenden Teil begründen: Es kommt im pränominalen Bereich nicht vor. Deswegen scheidet es auch für alle Koordinationen in diesem durchaus koordinationsfreudigen Gefilde aus – und ist als Proto-Koordinator unter den Interpunktionszeichen eigentlich schon disqualifiziert. Vielleicht liegt es daran, dass Interpunktionsbeschreibungen so sehr mit syntaktischen Strukturformaten fremdeln, dass diese einfache Beobachtung bisher nicht schon festgehalten wurde. Sie ist aber in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum ersten teilt das Semikolon diese Stellungsrestriktion mit seinem graphetischen Verwandten, dem Doppelpunkt (198) – womöglich nicht zufällig. Beide beinhalten als einzige Zeichen einen schwebenden Punkt. Die fettgedruckten Wörter markieren jeweils Anfang und Ende der komplexen Nominalgruppen.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (198)

193

*Achten Sie auf den nun unmittelbar folgenden: komplexen Ausdruck.143

Zum zweiten ergibt sich daraus eine direkte Ableitung für eine syntaktische Begründung der Stärkehierarchie der Zeichen. Das Semikolon ist gegenüber dem Komma das stärkere Zeichen, weil es im pränominalen Bereich nicht vorkommt. Für eine derartige Einbettungstiefe ist es zu stark. Allerdings bleibt ‚Stärke‘ auch so eine sehr abstrakte Größe und man muss sich fragen, ob nicht ihre suggestive Kraft den praktischen und theoretischen Nutzen überstrahlt. Schließlich: Ein Leser, der um diese topologische Restriktion des Semikolons weiß, kann ihm die Information entnehmen, dass er sich spätestens dahinter nicht weiter in einem pränominalen Bereich befindet. In (199)–(201) soll nun gezeigt werden, dass das Semikolon im pränominalen Bereich nicht vorkommen kann. Analog zu den Beispielsätzen zu Strukturtyp II (siehe 4.4.1) zeigen die Sätze Mehrfachkoordination. (199) (200) (201)

*Hans mag die roten; die orangen und gelben; und die blauen Gummibärchen. *Heißt es der bzw. ein; die bzw. eine; oder das Ketchup? *Hans mag die roten; orangen und gelben; und blauen Gummibärchen.

(199)–(201) sind allerdings mit Komma ohne weiteres möglich. Die Bestimmung, das Semikolon komme nicht innerhalb des pränuklearen Bereichs von Nominalgruppen vor, ist zum einen sehr einfach, zum anderen ist sie domänenspezifisch. Daher geht es in dem nun folgenden Abschnitt um die Frage, in welchem Verhältnis sie zu den bereits bestehenden, konkurrierenden Funktionsbestimmungen des Semikolons steht. In 1)–3) werden drei Erklärungsalternativen (alle von Ursula Bredel) genannt, die es in diesem Zusammenhang zu besprechen gilt: 1) Das Semikolon steht nur bei maximalen Projektionen (vgl. Bredel 2008: 187–189).

143

Ob ein Doppelpunkt unmittelbar vor einem einfachen Kern einer Nominalgruppe möglich ist (??Achten Sie auf den nun unmittelbar folgenden: Ausdruck), halte ich für nicht gänzlich ausgeschlossen, aber zumindest hochmarkiert.

194

4 Semikolon 2) Über die Semikolongrenze kann keine lexikalische Information verarbeitet werden. (vgl. ebd.). 3) Das Semikolon verbietet nur den Strukturaufbau, nicht aber den Strukturabgleich (vgl. Bredel 2011: 81–83).

Zu 1.: Bredel bezieht sich hier auf die Vollständigkeit der Semikolonglieder in der Hinsicht, dass Phrasen bzw. Gruppen intern nicht durch Semikolons getrennt werden können. Mit dieser Bestimmung lassen sich die Beispiele (199)–(201) ebenfalls gut erklären: Bei Koordination ist davon auszugehen, dass die einzelnen Glieder nicht vollständig sind, weil das Kern-Substantiv144 fehlt und erst am Ende der Koordination genannt wird. Bredels allgemeine Bestimmung in 1) lässt sich also auf Nominalgruppen beziehen. Dann folgt, dass das Semikolon in (199)–(201) ausgeschlossen ist, weil einzelne Gruppenfragmente koordiniert werden und nicht vollständige Gruppen. Aus oberflächensyntaktischer Perspektive lässt sich das stützen (siehe folgenden Abschnitt 4.6.1.1, Seite 203). Auf den ersten Blick scheint es unökonomisch und damit aus theoretischer Sicht nicht geboten, eine domänenspezifische Regel für das Semikolon zu formulieren (‚ausgeschlossen im pränuklearen Bereich‘), wenn sie für Nominalgruppen nicht aussagekräftiger ist als die allgemeine Regel von Bredel. Das ist bei genauerem Hinsehen aber nicht der Fall. Denn die Regel 1) ist nicht allgemein: Auf Satzebene gilt sie nicht, wie ich im Rahmen dieser Arbeit gezeigt habe. Im TiGerKorpus sind über 10 % als asymmetrisch einzustufen und damit sind die Semikolonglieder nicht oder nicht in gleicher Weise vollständig. Dieser Anteil ist zu groß, um sämtliche Fälle als Ausnahmen betrachten zu können. Weil also Bredels Regel in 1) auf Satzebene nicht gilt, ist sie de facto ebenfalls spezifisch für Nominalgruppen und Präpositionalgruppen, auch wenn sie im Gewand eines globalen syntaktischen Prinzips daherkommt. Eine explizit domänenspezifische Regel, wie in der vorliegenden Arbeit, steht ihr nicht nach. Die Vollständigkeitsregel ist noch aus einer anderen Perspektive problematisch. Denn dass es sich bei den Semikolonausdrücken um „maximale Projektionen“ handeln muss, ist nicht einfach gesetzt, sondern wird gefolgert aus der Irreversibilität der Strukturaufbaublockade (vgl. Bredel 2011: 81–82). Die Idee: Weil der Strukturaufbau irreversibel blockiert sei, müsse die Folgekonstruktion einen

144

In Bredels Analyse ist das Substantiv bzw. der rechte Rand der Nominalgruppe der Kopf (vgl. Bredel 2011: 66).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

195

neuerlichen, quasi autonomen (und damit vollständigen) Strukturaufbau beinhalten. Aber das erscheint fraglich. Blicken wir noch mal auf den Satz (202), den Eisenberg zur Beschreibung des Semikolons anführt: (202)

Der betrunkene Hauptmann schien besonders zufrieden; rieb sich die Hände; lachte dröhnend und zwinkerte seinem Genossen zu. (aus Eisenberg 2013: 89; wiederholt Beispiel (183))

Der Ausdruck rechts vom Semikolon ist unvollständig, denn das Subjekt Der betrunkene Hauptmann fehlt. Aus Bredels Beschreibung, das Semikolon blockiere den Strukturaufbau, ergibt sich nun ein verwirrendes Bild. Mit Bredel müsste man zunächst annehmen, es finde hier über die Semikolongrenze kein Strukturaufbau von rechts nach links über die Semikolongrenze statt. Aus sprachverarbeitungstheoretischer Perspektive könnte es sinnvoll sein, Strukturaufbau als mentale grammatische Antizipationsleistung zu denken, die es dann schriftmedial betrachtet nur von links nach rechts geben kann, aber nicht umgekehrt. Dann aber ist klar, dass eine Blockade des Strukturaufbaus vereinbar ist mit unvollständigen Semikolonkonnekten, wie (202) zeigt. Vollständigkeit kann nicht aus der Strukturaufbaublockade gefolgert werden. Die Regel ließe bei dieser Auslegung dann aber auch Konstruktionen wie (203) zu. (203)

??

Auf die Semesterferien; darauf, über die eigene Zeit frei zu verfügen; auf die Möglichkeit, lange Reisen zu unternehmen, warten die Studierenden schon lange.

Warum (203) offenbar nicht möglich ist (bzw. sich in den hier herangezogenen Daten nicht finden), lässt sich auf Satzebene unter Einbezug topologischer Gesichtspunkte sowie von Vollständigkeitsgesichtspunkten verstehen (siehe Abschnitt 4.6.2). Zu 2.: Dass vom Leser über eine Semikolongrenze hinweg keine lexikalische Information verarbeitet werden kann, ist eine Beschreibung, zu der Bredel keine allgemeine Erläuterung gibt, sondern lediglich Beispiele diskutiert. Ich führe diese Beispiele hier an und versuche zu klären, was unter ‚lexikalischer Information‘ genau zu verstehen sein könnte, um eine adäquate oberflächensyntaktische Übersetzung zu finden. (204)

*Karl druckt; Anna kauft und Hans liest die Zeitung.

196 (205)

(206)

4 Semikolon *[[Unser Proviant]NGr [bestand]V [[ausPr [gedörrtem Fleisch]]PrGr; [...Pr [Speck und Rauchschinken]]PrGr; [...Pr [Ei- und Milchpulver]]PrGr; [...Pr [Reis, Nudeln und Grieß]]PrGr]KoGr]S (aus Bredel 2008: 189; im Original fehlende Klammer vor aus hinzugefügt von N. S.) *Er hatte gesehen: [alte Hunde; Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde]. (aus Bredel 2008: 189)

Der Satz (204) zeigt die Anbindung eines Objekts an das Verb. Der Satz ist als ungrammatisch für diejenige Lesart markiert, in der die Zeitung direktes Objekt zu druckt ist. (205) zeigt die Anbindung eines Nominals an eine Präposition. Ungrammatisch sei (205), weil nach Bredels Analyse „die Präposition als vorwärtstilgend interpretiert wird, [...] also eine Mehrfachauswertung eines lexikalischen Ausdrucks erfolgt“ (Bredel 2008: 189); (206) zeigt, dass auch die Attributrelation an der Semikolongrenze gestoppt wird: Als ungrammatisch wird hier diejenige Lesart verstanden, bei der alte als Attribut zu Katzen und Mäuse interpretiert wird. Eines Kommentars bedürfen (205) und (206). Beide Fälle werden von Bredel analogisiert: So wie in (205) der lexikalische Ausdruck aus nicht über die Semikolongrenze ausgewertet werden könne, könne in (206) auch alte keinen mehrfachen Bezug haben. Der Unterschied zwischen beiden sei, dass es für (205) eine alternative Lesart gibt, die mit dem Semikolon vereinbar ist, nämlich die mit koordinierten Nominalgruppen und ohne elliptische Lesart der Präposition, dargestellt in (207). Hingegen geben es für (206) keine Alternative. (207)

[[Unser Proviant]NGr [bestand]V [ausPr [[gedörrtem Fleisch]; [Speck und Rauchschinken]; [Ei- und Milchpulver]; [Reis, Nudeln und Grieß]]KoGr]PrGr]S (aus Bredel 2008: 188)

Aus Bredels Darstellung geht nicht genau hervor, wie sie die Nominalgruppen in (206) intern analysiert. In Analogie zu (205) wäre die interne Struktur in (208) schlüssig, die wiederum mit Kommas regulär wäre (209). (208) (209)

*[Er hatte gesehen: [alteAdj HundeN]NGr; [...Adj KatzenN undK MäuseN]NGr; [KüheN undK PferdeN]NGr]S [Er hatte gesehen: [alteAdj HundeN]NGr, [...Adj KatzenN undK MäuseN]NGr, [KüheN undK PferdeN]NGr]S

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

197

Allerdings ist, nebenbei bemerkt, zu fragen, ob nicht auch eine Struktur wie in (210)–(211) infrage kommt, die von koordinierten Kernen ausgeht und ohne Mehrfachauswertung auskommt. Die Analyse in (211) ist dementsprechend analog zu (207). Das Semikolon würde dann – trotz des weiten Attributskopus – unglücklicherweise nicht mehr gegen die Regel 2) sprechen, weil sich alte auf die ganze Gruppe bezöge.145 (210) (211)

[Er hatte gesehen: [alteAdj [HundeN, KatzenN undK MäuseN]KoGr]NGr, [KüheN undK PferdeN]NGr]S *[Er hatte gesehen: [alteAdj [HundeN; KatzenN undK MäuseN]KoGr]NGr, [KüheN undK PferdeN]NGr]S

Wie lässt sich auf dem Hintergrund der Beispiele (204)–(207) ‚lexikalische Information‘ verstehen? – Insgesamt geht daraus hervor, dass es vor allem relationale Verknüpfungen sind, die über die Semikolongrenze unmöglich sind. ‚Lexikalische Information‘ ließe sich nun als lexikalische Rektionsbeziehung fassen, die über eine Semikolongrenze vom Leser nicht verarbeitet werden kann. Diesen Schritt gehe ich aber nicht, denn die lexikalische Rektion liegt in den Beispielen in sehr unterschiedlichem Maße vor: Bei Verben ist die lexikalische Rektion stärker ausgeprägt als bei Präpositionen (ganz einfach weil die Varianz an Rektionskategorien größer ist); und beim adjektivischen Attribut handelt es sich nicht mehr um lexikalische und obligatorische, sondern um kategoriale und fakultative Rektion – und zwar ausgehend vom Substantiv und nicht vom Adjektiv146; auf der Ebene der

145

146

Das Semikolon wäre in (211) aber ausgeschlossen, wenn man annimmt, Hunde alleine wäre keine maximale Projektion. Da mir auch das nicht ganz zwingend erscheint, wäre (211) noch ausgeschlossen, weil es sich bei Hunde um einen Einwortausdruck handelt, der als solcher mit dem Semikolon nicht abgetrennt werden darf (Bredel selbst schließt das aber nicht explizit aus). Ich habe kein Problem damit, Beispiele wie (210)–(211) als Spielerei abzutun. Aber in einer Hinsicht sind sie auch symptomatisch: Syntaktische Bestimmungen von Interpunktionszeichen sind nicht nur dann heikel, wenn man die zugrundeliegenden Begriffe nicht exakt bestimmt, sondern auch, wenn – und das ist gerade bei Koordinationen und Herausstellungen der Fall – die syntaktische Analyse selbst problematisch ist. Lexikalisch regiert wird hier das attributive Adjektiv vom Substantiv nur in Hinblick auf Genus. Aber das betrachte ich in dem vorliegenden Zusammenhang als nachrangig. Die Beispiele (199)– (201) wären dann ungrammatisch, weil das Semikolon die Genusrektion des Substantivs unterbreche würde. Allerdings scheint die Nominalgruppe durch das Semikolon in fundamentaler Weise unterbrochen bzw. beendet zu werden a. und nicht in Hinblick auf eine einzelne syntagmatische Relation unter mehreren. a. Alle lieben Gummibärchen. Hans mag die roten; die gelben lässt er für Helga übrig.

198

4 Semikolon

syntagmatischen Relationen betrachtet, wird nicht das Adjektiv mehrfach ausgewertet, sondern das Substantiv. Von dieser Warte aus sind (205) und (206) nur sehr bedingt vergleichbar. Sowohl die Richtung als auch die Art der Rektion unterscheiden sich erheblich.147 Mit der Auslegung der Bredel’schen Bestimmung gehe ich an dieser Stelle schon sehr weit. Möglicherweise fasst sie lexikalische Weiterverarbeitung auch in einem allgemeineren Sinne, dass nämlich einfach das Adjektiv bedeutungsmäßig nicht auf folgende Einheiten bezogen werden kann. Das Semikolon blockiert dann nicht den lexikalischen Anteil der Rektionsbeziehungen, sondern offenbar das Herstellen syntaktischer Relationen überhaupt. So gesehen könnte eine passende oberflächensyntaktische Umformulierung der Regel 2 aufgrund der Beispiele, die Bredel gibt, lauten: Syntaktische Schwesterrelationen können nicht über die Semikolongrenze angebunden werden. Geht man mit dieser Auslegung nun an (199)–(201), ist festzustellen, dass damit einfach erklärt werden kann, warum die Beispiele (199) und (201) ungrammatisch sind: Die attributive Anbindung des Adjektivs wird durch die Semikolons unterbunden. Nur für (200) kann das nicht gelten, denn Artikel und Substantiv sind nicht durch Schwesterrelationen verbunden. Das analysiert auch Bredel so (vgl. Bredel 2011: 66). Doch selbst wenn mit dieser Neuauslegung der Regel 2 zumindest ein Teil der Koordinationen im pränuklearen Bereich ausgeschlossen werden kann, so lässt sich doch die gleiche Kritik üben wie in Bezug auf Regel 1: Viele der asymmetrischen Konstruktionen des Strukturtyps I zeigen, dass gerade Schwesterrelationen über die Semikolongrenze bestehen können – und zwar auf ganz unterschiedlichen syntaktischen Hierarchieebenen – nur eben nicht im pränuklearen Bereich. (212)–(215) zeigen Beispiele aus dem TiGer-Korpus. (212)

147

Er sagt den Protestierenden lediglich: "Premnitz muß ein Industriestandort bleiben"; über das Werk selbst: "Die Beteiligten müssen sich zusammensetzen", also Treuhand, Eigentümer, Landesregierung und Belegschaft, möglichst noch im Juli. (TiGer: 32074)

Eine Analyse der asymmetrischen Beispiele zeigt, dass das Semikolon auch nicht sensibel für eine bestimmte Art der Rektion ist. Über die Semikolongrenze können sowohl stark regierte Elemente (wie Subjekte) als auch schwach regierte (adverbiale Angaben, lockere Appositionen sowie Herausstellungen) angeschlossen werden.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (213)

(214)

(215)

199

Die Mafa rüstete früher den ganzen Ostblock mit Anlagen zur Zuckerfabrikation aus; war aber von der Treuhand als nicht sanierungsfähig eingestuft worden. (TiGer: 34065) Gleichzeitig folgte Shell International aber der nigerianischen Regierung darin, Saro-Wiwa und seine Mosop-Bewegung "gewalttätiger Aktivitäten" zu bezichtigen; wegen der "Gewalt, die unsere Beschäftigten dort unten erfahren mußten," wie es ein Shell-Sprecher der FR erklärte. (TiGer: 276266) Doch kürzlich gab es einen Eklat, als der französische Ölmulti Total sich aus einer 1,2-Milliarden-Dollar-Raffinerie zurückzog; dem derzeit größten Projekt im Lande. (TiGer: 458157)

In (212) werden ein Präpositionalobjekt und ein direktes Objekt (in Form der direkten Rede) über die Semikolongrenze angebunden; das Verb steht links. In (213) steht es rechts und muss sein Subjekt von der linken Seite her beziehen. In (214) handelt es sich um eine Herausstellung nach rechts, die funktional als adverbiale Angabe eingestuft werden kann, dem Satz nebengeordnet. Und in (215) um eine Appositionsstruktur in Distanzstellung, die sich auf 1,2-Milliarden-Dollar-Raffinerie bezieht, in einer Konstituentenstruktur also flach angebunden würde. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass sich der Begriff ‚lexikalische Information‘ syntaktisch nicht so präzisieren lässt, dass damit alle möglichen und nicht möglichen Semikolonkonstruktionen erfasst werden könnten. Die Regel 2) wurde dann mit Hilfe der Beispiele von Bredel so ausgelegt, dass das Semikolon syntaktische Schwesterrelationen unterbricht. Korpusdaten (und die asymmetrischen literarischen Beispiele aus Abschnitt 4.4.2) zeigen, dass das nur für Nominalgruppen und Präpositionalgruppen zu stimmen scheint, nicht aber auf Satzebene. Damit ist diese Bestimmung de facto konstruktionsspezifisch und nicht allgemein. Mit der Unterbrechung von Schwesterrelationen allein lässt sich das Semikolon nicht beschreiben.148 Zu 3.: Auf die Prinzipien von Strukturaufbau und Strukturabgleich bin ich detailliert in 3.3 und 3.3.2 eingegangen und wiederhole das Grundprinzip hier in aller 148

Man sieht hier besonders, dass syntaktische Beschreibungen von Interpunktionszeichen, die ein syntaktisches Format samt differenzierter Terminologie entbehren, einen gewissen Grad an Vagheit riskieren. Denn sie bringen leicht Definitionen mit unscharfen Rändern hervor, die einiger Auslegung bedürfen – im vorliegenden Fall entpuppt sich Vagheit gar als Inkonsistenz.

200

4 Semikolon

Kürze. Bredel beschreibt damit, wie man sich syntaktisches Parsing vorstellen kann. Der Strukturaufbau geschieht bei Bredel kopfgesteuert (vgl. Bredel/Primus 2007: 110 / Bredel 2008 / Bredel 2011: 66–67). Die Kopfstruktur einer Nominalgruppe analysiert Bredel wie in Abb. 52.149

Abb. 52: Konstituentenstruktur der Nominalgruppe nach Bredel 2011: 66

Daraus wäre Folgendes abzuleiten: Der Strukturaufbau beginnt mit dem Einlesen des Artikels, das heißt, der Leser erwartet ein vom Kopf regiertes Element, das er verknüpfen kann. Beim Einlesen eines pränominalen Attributs wie heißen hingegen würde kein Strukturabgleich geschehen, denn heißen ist nicht vom Artikel, sondern von Blechdach regiert. Erst wenn Blechdach eingelesen wird, kann die Gruppe vollständig verarbeitet werden: heißen wird mit Blechdach verknüpft und die Nominalgruppe dann schließlich mit dem Artikel zur Determinierergruppe verbunden. Lässt sich mit diesem Prinzip des syntaktischen Parsing nun erklären, warum (199)–(201) ungrammatisch sind? Wie greift das Semikolon in diesen Prozess ein? Steht nach dem Artikel ein Semikolon, wird dieses den Strukturaufbau unterbrechen. Das hat zur Folge, dass die Nominalgruppe nicht mehr erwartet und in letzter Konsequenz auch nicht mehr angebunden werden kann.150 Auch mit dieser Regel 3 lassen sich nun die Sätze (199)–(201) (S. 193) analysieren und auch damit lässt sich erklären, warum sie ungrammatisch sind. Das Semikolon ist dann deshalb ausgeschlossen, weil der Strukturaufbau des Artikels 149

150

Die Darstellung ist angelehnt an die Oberflächengrammatik (vgl. Eisenberg 2013), nicht aber ausgerechnet die Konzeption der Determinierergruppe. Oberflächensyntaktisch wird von einer ‚flachen‘ Anbindung an die Nominalgruppe ausgegangen, die Nominalgruppe erstreckt sich bis über den Artikel, einer Determiniergruppe gibt es nicht. Der Artikel bildet den Kopf der gesamten Gruppe (vgl. ebd.: 48). Was man hier sieht, ist, dass mit der Blockade des Strukturaufbaus gleichermaßen der Strukturabgleich ausgeschlossen wird. Streng online auf die Sprachverarbeitung bezogen liegen die beiden Begriffe sehr nahe beieinander (vgl. 3.3.2).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

201

blockiert wäre und dieser nicht mehr mit der Nominalgruppe verrechnet werden könnte. Aber auch die Regel 3 von Bredel beinhaltet Inkonsistenzen: Aus Abb. 52151 geht hervor, dass zwischen dem Adjektiv und dem Substantiv kein Strukturaufbau, sondern (wenn überhaupt) allenfalls Strukturabgleich geschieht, denn das Substantiv und nicht das Adjektiv hat die Kopffunktion inne. Da das Semikolon aber nur den Strukturaufbau blockiert, den Strukturabgleich jedoch zulässt, sollte zwischen Adjektiv und Substantiv ein Semikolon möglich sein. Das folgende Beispiel (216), in dem die Nominalgruppe wegen des Plurals keinen Artikel braucht, wäre folglich grammatisch. Das ist aber nicht der Fall. (216)

*Hans mag rote und orange; große und kleine; und auch saure und süße Gummibärchen.

Vielmehr scheint das Semikolon, genau wie in (199)–(201) auch, schlicht und einfach dem pränuklearen Parsing ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Das spricht gegen die Regel 3) – allerdings nur, wenn die Analyse der Nominalgruppe so ausfällt wie bei Bredel selbst. Die Güte der Regel 3 in einer Konstruktion wie (216) hängt also von der Kopfstruktur in der Nominalgruppe ab. In einer Analyse, in der das Adjektiv anstatt des Substantivs die Kopffunktion übernimmt, wäre Strukturaufbau vom Adjektiv hin zum Substantiv gegeben. Dieser könnte dann wiederum von einem Semikolon untersagt werden, und die Regel 3 würde dann tatsächlich auch die Ungrammatikalität von (216) erklären. Obwohl ich nicht ausschließen möchte, dass eine Analyse von (216) mit dem Adjektiv als Kopf der Nominalgruppe möglich ist, so wird sie doch weder von Bredel (die diese Möglichkeit auch nicht erwägt) noch von Eisenberg vorgenommen. Mit diesen Argumenten bleibt es dabei: Dass Konstruktionen wie (216) ungrammatisch sind, ist mit der Regel 3 von Bredel nicht zu begründen, denn sowohl in ihrer Konzeption der Nominalgruppe als auch aus Sicht der Oberflächensyntax liegt die Kopffunktion nicht beim Substantiv. Es herrscht vom Adjektiv zum Substantiv bestenfalls Strukturabgleich. Dieser wird durch das Semikolon laut Regel 3

151

Genauer zeigt dies Abb. 28 in Abschnitt 3.3.

202

4 Semikolon

aber nicht blockiert. Der Satz wäre in Bezug auf das Blockadeverhalten des Semikolons regulär. Aus Sicht von Regel 3 wäre übrigens auch Beispiel (206) regulär, das ich in (217) noch mal widergebe (siehe auch S. 195). (217)

*Er hatte gesehen: [alte Hunde; Katzen und Mäuse], [Kühe und Pferde]. (aus Bredel 2008: 189)

An diesem Beispiel möchte ich die Probleme der Regeln 1–3 noch mal zusammenfassend verdeutlichen: Wenn man wie Bredel davon ausgeht, dass das Semikolon eine irreversible Strukturaufbaublockade errichtet (vgl. Bredel 2011: 81– 82), dann ist dem entgegenzuhalten, dass in (217) nur Strukturabgleich, aber kein Strukturaufbau geschieht (Regel 3) und dass aus der Irreversibilität einer Strukturaufbaublockade dann auch nicht zwingend folgt, dass die Ausdrücke rechts und links vom Semikolon vollständig und strukturidentisch sein müssen (Regel 1). Wenn man dem Semikolon die Eigenschaft zuschreibt, syntaktische Schwesterrelationen zu begrenzen, gilt das nur auf der Ebene der Nominalgruppe bzw. der Präpositionalgruppe und ist keine allgemeine Regel (Regel 2). Dass die Frage, ob das Blockadeverhalten des Semikolons regulär ist, von der grammatischen Analyse abhängig gemacht wird, ist in einigen Fällen sicher unumgänglich, allerdings gerade bei einem notorischen Zweifelsfall wie der Kopfbestimmung in Nominalgruppen (Beispiele (206) und (216)) unglücklich. Die Eindeutigkeit der Beleglage in den Korpora (für Semikolons im pränuklearen Bereich finden sich keine Belege) sowie der offensichtlichen Ungrammatikalität der Sätze (199)–(201) zeigen, dass es sich zumindest in der Intuition der Sprachbenutzer nicht um einen Zweifelsfall handelt. Das Semikolon scheint vielmehr ganz unabhängig von der grammatischen Analyse und unabhängig von der Gestalt der Nominalgruppe im pränuklearen und nuklearen Bereich ungrammatisch zu sein. Meines Erachtens erwachsen die Probleme der Bestimmungen aus 1–3 aus dem hohen Abstraktionsgrad der Definition, die versucht, alle Vorkommen des Semikolons gleichermaßen zu erfassen und Konstruktionsspezifik unnötigerweise außen vor lässt, und aus der Unklarheit von Begriffen wie ‚lexikalische Information‘ oder ‚Strukturaufbau‘ und ‚Strukturabgleich‘ in dem jeweiligen Verwendungskontext. Ich habe in diesem Abschnitt eine konstruktionsspezifische Teilaussage über das Semikolon getroffen und verglichen mit allgemeineren Funktionsbestimmungen von Bredel. Dabei stellte sich heraus, dass die allgemeineren Bestimmungen entweder de facto ebenfalls konstruktionsspezifisch sind wie in Regel 1 und 2,

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

203

oder dass nicht alle Fälle von Semikolons im pränuklearen Bereich ausgeschlossen werden können, wie in Regel 3. Die hier getroffene Bestimmung behält nach dieser Prüfung ihre Berechtigung. 4.6.1.1

Kein Semikolon im pränuklearen Bereich – oberflächengrammatische Darstellung

In dem folgenden Abschnitt komme ich genauer zur oberflächensyntaktischen Beschreibung des Semikolons. In Bezug auf die Teilbestimmung, dass es im pränuklearen Bereich ausgeschlossen ist, ist zunächst ganz grundsätzlich zu fragen: Ist es im Rahmen einer oberflächensyntaktischen Analyse zu rechtfertigen, bei Konstruktionen wie (199)–(201) (S. 193) von einem einzigen pränominalen Bereich zu sprechen, innerhalb dessen Koordination stattfindet? (Nur dann wäre die hier getroffene Bestimmung ausreichend syntaktisch untermauert.) Oder handelt es sich um mehrere unvollständige pränominale Bereiche, die koordiniert sind? Im letzteren Fall würde das Semikolon in den Beispielen nicht innerhalb, sondern zwischen Nominalgruppen stehen und wäre – mit Bredel – nur aufgrund der Unvollständigkeit der koordinierten Glieder ausgeschlossen, nicht aber, weil es in einem pränominalen Bereich stünde. Um diese Frage zu beantworten, ist die Online-Perspektive hilfreich. Der entscheidende Vorteil für den Leser beim Einlesen des pränuklearen Bereichs besteht darin, dass bis zum Kern kein Element syntaktisch in der Matrixstruktur höher funktionalisiert werden kann als der Kern selbst. Anders gesagt: Ein Leser, der sich im pränuklearen Bereich weiß, kann die umgebene Struktur, und sei sie auch noch so komplex, für die Anbindung der Elemente ausblenden (ausführlich in Abschnitt 3.4). Entscheidend für die Integrität der Nominalgruppe ist, dass sich sowohl die syntagmatischen als auch die syntaktischen Relationen, die bereits vom ersten Artikel ausgehen, durchziehen und dass sie ‚gesättigt‘ werden müssen, was hauptsächlich spätestens mit der Verarbeitung des Kerns geschieht. Das ändert sich auch mit einer Koordination in diesem Bereich nicht, denn die koordinierten Elemente sind formal und funktional Doubletten zu den Elementen der einfachen Nominalgruppe. Unabhängig von der Konstituentenstruktur ergibt sich für die Verteilung der Markierungskategorien und für die syntagmatischen Relationen kein grundlegender Unterschied durch die Koordination (siehe Abb. 53 ; vgl. Abb. 39, S. 116).

204

4 Semikolon

Abb. 53: Auszug aus Beispiel (199) (S. 193), annotiert mit syntagmatischen Relationen152

Es ist naheliegend, die Systematisierung so vorzunehmen, dass die syntaktischen Funktionen, die durch die Koordination mehrfach besetzt werden (hier die Kopffunktion des Artikels und die Attributfunktion der Adjektive), auch in jeweils gleicher Weise syntagmatisch eingebunden werden. Für den Leser handelt es sich so gesehen also eher um eine syntagmatische Verlängerung der Nominalgruppe durch Koordination. Oberflächensyntaktisch kann das über Positionsbezug ausgedrückt werden: Das Komma und und (als geeignete Elemente, um Koordination anzuzeigen), erzwingen, dass das Kernsubstantiv nicht adjazent zum Adjektiv stehen (und dort auch nicht vom Leser erwartet werden) kann, sondern nach rechts rückt. Dabei unterscheiden sich Komma und und: Das Komma ist nicht auf Koordination festgelegt. Nach roten muss es nicht mit einer Koordination weitergehen. Möglich wäre hier, von einer elliptischen Nominalgruppe die roten auszugehen, der eine Herausstellung oder ein Satz folgt (zum Beispiel die roten, die er übriggelassen hat …). Die durchgezogenen Pfeile sollen andeuten, dass die Koordinationslesart nach dem Komma stärker von rechts hergestellt wird, während sie bei und in höherem Maße antizipiert werden könnte (gestrichpunktete Doppelpfeile, siehe Fußnote 152). Wenn aber die Koordinationslesart gewählt wird, so ist eine flache Anbindung in der Konstituentenstruktur im Rahmen einer einzigen Nominalgruppe einfachste Lösung (minimal attachment, siehe S. 89). Ginge man hingegen von mehreren defektiven Nominalgruppen aus, müssten potentiell auch mehrere unterschiedliche Entitäten (mehrere Kerne) ins Spiel kommen, auf die referiert werden könnte. Das ist hier aber nicht der Fall. Referiert wird nur auf unterschiedliche Subgruppen von Gummibärchen; durch die Wiederholung des Artikels wird die referentielle Kraft gesteigert, aber letztlich bleibt nur

152

Gepunktete Pfeile zeigen die vom Leser rechts erwartete Kongruenz bzw. Rektionssättigung. Durchgezogene Pfeile signalisieren, dass Identität der Kategorien von rechts nach links erschlossen werden kann, aber online durch das Komma nicht indiziert wird (implizit). Gestrichpunktete Pfeile zeigen: Identität der Kategorien wird durch den Koordinator explizit angezeigt.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

205

ein einziger Kern, der rechts steht und für alle Artikel und Adjektive gleichermaßen zur Kongruenzsättigung erwartet wird. So ist es dann auch sinnvoll, der gesamten Nominalgruppe eine einzige syntaktische Relation zuzuschreiben. Mit den gleichen Argumenten wären (200)–(201) mit Kommas analog zu (199) zu annotieren; auch hier ist es sinnvoll und systematisch gerechtfertigt, von einem einzigen, wenn auch verlängerten pränuklearen Bereich und somit von einer einzigen Nominalgruppe auszugehen. Folgt man dieser Argumentation, könnte man die Ungrammatikalität von Sätzen wie (199)–(201) (S. 193) damit begründen, dass, wie gesagt, das Semikolon innerhalb des pränominalen Bereichs von Nominalgruppen ausgeschlossen ist. Der nukleare Bereich Ich komme nun vom pränuklearen Bereich zur Koordination im nuklearen Bereich und damit zu Beispielsätzen wie (218)–(219). Es gilt zu begründen, warum blonde in (218) nicht auf Frauen und Kinder bezogen werden kann. (218) (219)

Er hatte fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. (aus Bredel 2011: 82) Er hatte fotografiert: blonde Männer, Frauen und Kinder. (aus Bredel 2011: 82)

Aus den obigen Erläuterungen der Regeln 1–3 (S. 193) sind schon einige Nachteile der Bredel’schen Erklärungsansätze deutlich geworden: Nach Bredels Analyse der Nominalgruppe findet von blonde zu Männer kein Strukturaufbau, sondern wenn überhaupt Strukturabgleich statt – und damit auch von blonde zu Frauen und Kinder. Wenn das Semikolon nun aber nur den Strukturaufbau verböte, so drehte die Regel frei; das Semikolon wäre nicht ge-, aber auch nicht verboten. Folglich erschiene ein weiter Skopus von blonde in (218) trotz Semikolon sogar möglich. Die Bestimmung in dieser Arbeit ist eng angelehnt an Regel 1 (siehe Seite 193) von Bredel, das Semikolon trenne nur maximale Projektionen und das heißt in diesem Fall vollständige Nominalgruppen. In Bezug auf (199)–(201) habe ich festgestellt, dass Regel 1 von Bredel in Bezug auf Nominalgruppen (und nur dort) gilt. Dass aber ihre Herleitung nicht stichhaltig ist, sieht man wiederum an (218) selbst: Eine irreversible Strukturaufbaublockade ist mit einem weiten Skopus von blonde durchaus vereinbar, weil nur Strukturabgleich stattfindet. Nach Bredel ergibt sich also daraus nicht zwingend, dass es sich um zwei Nominalgruppen handelt.

4 Semikolon

206

Im Rahmen dieser Arbeit unterliegt das Semikolon ganz allgemein topologischen Restriktionen auf sententialer Mikroebene: Es ist im pränuklearen und im nuklearen Bereich von Nominalgruppen ausgeschlossen, außerdem innerhalb von Präpositionalgruppen. Die relationalen Verhältnisse sind im pränuklearen Bereich zu eng, als dass das Semikolon intervenieren könnte. Die Analyse wird so einfacher, eindeutiger und weniger fixiert auf eine bestimmte Theorie. Zunächst ist auch in Fällen wie (218)–(219) zu fragen, ob es sich um eine oder um mehrere Nominalgruppen handelt. Im Gegensatz zu Sätzen wie (199)–(201) haben wir es nun nicht mehr mit koordinierten Elementen im pränuklearen Bereich zu tun, sondern mit koordinierten Kernen. Das wirkt sich aus. Die Nominalgruppe ist ganz unabhängig vom Semikolon sehr fragil, wie in Abschnitt 4.4.1 (S. 167) gezeigt. Bei der kleinsten Veränderung auf Formenebene zerbricht das komplexe syntaktische Gebilde und damit auch die Möglichkeit der speziellen Lesart des ausgeweiteten attributiven Skopus; zum Beispiel schon dann, wenn ein Artikel hinzutritt, (220). (220)

#

Er hatte gesehen: einen alten Hund, Vogel und Tiger.

Eine Lesart, bei der alten auf Vogel und Tiger beziehbar ist, ist in (220) ausgeschlossen. Dass sich in (220) mehrere nukleare Bereiche andeuten, sieht man auch daran, dass der Satz weniger auffällig erscheint, wenn Vogel und Tiger eigene Artikel bekommen, (221). (221)

Er hatte gesehen: einen alten Hund, einen Vogel und einen Tiger.

Dass die Koordination im nuklearen Bereich so instabil ist, spricht aber aus meiner Sicht nicht dagegen, im Rahmen der Oberflächensyntax eine Analyse vorzunehmen, die alte Hunde, Katzen und Mäuse in (222) als eine einzige Nominalgruppe konzipiert. (222)

Er hatte gesehen: alte Hunde, Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde. (nach Bredel 2008: 189)

Das Hauptargument ist schon die Möglichkeit der Ausweitung des attributiven Skopus an sich. Wenn alten sich in (222) auf Katzen und Mäuse bezieht, dann

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

207

sollten diese Konstituenten Schwestern sein, also am selben Mutterknoten angebunden. Eine semantikfundierende Syntax kann eine Konstituentenstruktur auch aus dem allgemeinen Verständnis heraus begründen (und muss es mitunter sogar). Auf der Ebene der syntagmatischen Relationen lässt sich die Analyse stützen. Ich möchte versuchen zu begründen, dass zwischen den koordinierten Kernen kategoriale Gleichheit bzw. eine enge Abgestimmtheit auf der Ebene der Flexionsformen herrschen: Was Kasus angeht, ist davon auszugehen, dass die koordinierten Kerne kategorial in Passung sind, es sich also bei (222) um einen Akkusativ handelt. Das ist die Voraussetzung dafür, der gesamten Nominalgruppe überhaupt eine einzige syntaktische Relation, nämlich die des direkten Objekts zuzuweisen. (223) zeigt, dass der weite Skopus des Adjektivs entfällt, wenn die Endungen der Substantive unterschiedliche Kasus anzeigen: Frauen ist als Dativ interpretierbar, Männer und Kinder sind es nicht. Als Leser müsste man eine Koordinationslesart ausschließen, das Komma als Satzgrenze interpretieren und eine Fortführung des Satzes erwarten. (223)

Franz schenkt seine Bücher: interessierten Frauen, Männer und Kinder [...]

Identität im Kasus ist ein Indiz und eine notwendige Bedingung für die Koordination nominaler Kerne. Allerdings: Auch im Falle koordinierter Nominalgruppen müsste zwischen den einzelnen Gruppen Identität im Kasus herrschen, um sie syntaktisch einheitlich in der Matrixstruktur zu funktionalisieren. In Bezug auf Numerus ist anzunehmen, dass Gleichheit der Kategorien die weite Lesart des Attributs zumindest forciert (224)–(226)153. (224) (225) (226)

Zum Mittag gab es: heiße Suppe, Kartoffeln und Bratäpfel. Zum Mittag gab es: heiße Suppen, Pizza und Milch. Zum Mittag gab es: heiße Suppen, Bratäpfel und Getränke.

In (224) steht das erste Substantiv (Suppe) im Singular, die folgenden im Plural; in (225) ist es umgekehrt. Zu fragen ist, ob heiße gleichermaßen einen weiten 153

Alle Sätze sind so konstruiert, dass das Adjektiv heiße formal zu allen Substantiven passt. Im anderen Falle bricht die Konstruktion unweigerlich: heiße Milch, Wasser und Bier; heiße Milch und Suppe vs. heiße Milch und Wasser. Zur formalen Übereinstimmung in Koordinationskontexten siehe Eisenberg 1973.

4 Semikolon

208

Skopus entfalten kann wie in (226), wo alle Substantive im Plural stehen. Meines Erachtens ist das nicht der Fall. Die Ambiguität der Konstruktion scheint in (226) am deutlichsten. Natürlich handelt es sich hier um konstruierte, kontextlose Beispiele, plausibel ist aber: Je größer die kategoriale Übereinstimmung desto stärker der syntagmatische Schulterschluss nach rechts über das erste Kernsubstantiv hinaus – und desto eher ist es gerechtfertigt, von einer einzigen Nominalgruppe zu sprechen. Was Genus angeht, kommt es hier nicht auf die kategoriale, sondern auf die formale Passung an. Es reicht, wenn die Flexion des Adjektivs formal auf die koordinierten Kerne abgestimmt ist, auch wenn diese sich im Genus unterscheiden (227)–(228). (227) (228)

#

Unser Proviant bestand aus: gedörrtem Fleisch, Speck und Frucht. Unser Proviant bestand aus: gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken.

In (227) haben Fleisch und Speck ein verschiedenes Genus, das aber jeweils eine identische Form des Adjektivs regiert. Nicht so Frucht, hier müsste es gedörrter heißen. Der weite attributive Skopus bis Frucht wird damit unterbunden; auf Speck könnte sich gedörrtem noch beziehen – je nach Lesart. In (228) kann der weite Skopus bestehen bleiben, obwohl das Genus verschieden ist. Was den Positionsbezug angeht, lässt sich im pränuklearen Bereich zeigen, dass sich durch koordinationsanzeigende Elemente der Kern gewissermaßen nach rechts verschiebt (siehe oben): Ein Komma nach dem Adjektiv in einer einfachen Nominalgruppe erzwingt eine nicht-adjazente Sättigung syntagmatischer Relationen. Das stellt Abb. 54 dar (vgl. auch Abb. 53, S. 204). Weil nach langhaarige ein Komma steht, kann der Kern (noch!) nicht folgen. Der absolute Positionsbezug zwischen pränuklearem attributivem Adjektiv lockert sich also. Der Leser erhält auf der Ebene der syntaktischen Relationen damit die Möglichkeit der Distanzanbindung der Attributrelation. Nach blonde hingegen muss der Kern direkt folgen.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

209

Abb. 54: Positionsbezug bei Komma nach Attribut154

Bei der nuklearen Koordination nun zeigt sich Vergleichbares (Abb. 55 und Abb. 56): Das Komma (bzw. ein und) nach dem Kern erlaubt das Fortschreiben der syntagmatischen Relationen des Kerns nach rechts – wiederum als notwendige Bedingung für die Koordinationslesart.

Abb. 55: Positionsbezug bei Komma nach dem Kern

Die Nominalgruppe wird über den Kern hinaus nach rechts geöffnet. Was den Positionsbezug angeht, sind so gesehen die pränukleare und die nukleare Koordination vergleichbar: So wie das Komma nach einem Adjektiv eine Distanzanbindung der Attributrelation lizensiert (von Position 1 zu Position 3 in Abb. 54), so erlaubt 154

Die gestrichelte Linie zeigt an, dass der relative Positionsbezug von langhaarige zu Männer an das Komma geknüpft ist.

210

4 Semikolon

auch das Komma nach einem Kern die Distanzstellung zwischen Vor- und Nachbereich der Attributrelation (von Position 2 zu 4 in Abb. 55). Der Unterschied ist lediglich, dass bei der pränuklearen Koordination ein Adjektiv und bei der nuklearen ein Substantiv übersprungen wird. Es ist in dieser Arbeit nicht möglich, alle Fälle von Koordination plausibel in das oberflächensyntaktische Strukturformat zu integrieren. Die Argumente bis hierher sollen nur begründen, dass man in Fällen wie (218) und (228), die einen erweiterten attributiven Skopus zulassen, von einer einzigen Nominalgruppe ausgehen kann – eine Grundvoraussetzung dafür, anzunehmen, dass das Semikolon hier eine Nominalgruppe abteilt.

Abb. 56: Struktur bei weitem attributiven Skopus und nuklearer Koordination mit Komma und und

Abb. 56 zeigt auf der Ebene der Markierungsstruktur, dass mit dem Komma auch die koordinierten Kerne nicht nur in Bezug auf ihre Markierungskategorien auf Spur gehalten werden, sondern dass sie wiederum positional zueinander festgelegt sind. Denn die Kerne müssen aufeinander folgen. Es ergeben sich zwei Positionsbezüge: Die koordinierten Kerne stehen in der Position fest zueinander, und ebenso das Adjektiv gedörrtem zu den jeweiligen Kernen (tiefer liegende Pfeile in

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

211

Abb. 56). Sprachverarbeitungstheoretisch geht diese Lesart mit einer flachen Anbindung einher. Nach dem minimal attachment (S. 75) wäre ein geringerer Verarbeitungsaufwand eher zu erwarten als ein hoher. Das Beschreibungsinventar der Oberflächensyntax ist geeignet, das auszudrücken. Das Komma lässt nun zwei Lesarten zu. Die Konstruktion ist also syntaktisch ambig. Semantisch ist wohl die in Abb. 57 mit engem attributiven Skopus die naheliegende.

Abb. 57: Struktur bei Nominalgruppenkoordination mit Komma und engem attributiven Skopus

Im Vergleich zu Abb. 55 und Abb. 56 kann man feststellen, dass die Koordination innerhalb der Nominalgruppe strukturell ähnlich ist zu der Koordination der gesamten Nominalgruppen: Bei weitem Skopus wird die Nominalgruppe über das Komma oder eine Konjunktion nach rechts erweitert, wie in Abb. 55 und Abb. 56; sie erhält einen zweiten Kern, mit Distanzposition zum pränominalen Attribut. Wird nun durch und, Komma oder Semikolon nach der ersten Nominalgruppe eine zweite, komplette koordinierte Nominalgruppe angeschlossen, so ist es die Präpositionalgruppe, für die ein zweiter und weiter rechts stehender Kern erlaubt wird.

212

4 Semikolon

Und auch hier wird durch die Koordination eine relationale Distanzposition geschaffen, nämlich von der Präposition zur zweiten Nominalgruppe, die nicht wie die erste adjazent zur Präposition steht. Im Vergleich von Abb. 56 zu Abb. 57 sieht man bei den syntaktischen und den syntagmatischen Relationen, wie die Koordination quasi eine Hierarchieebene nach oben verlagert wird. Bisher habe ich einige wichtige Eigenschaften von Koordination im nominalen Bereich mit oberflächensyntaktischen Mitteln erörtert. Koordinationsanzeiger waren entweder und oder ein Komma. Wie greift aber nun das Semikolon ein? – Wenn sich nukleare Koordination beschreiben lässt als Erweiterung der Nominalgruppe nach rechts, wie in Abb. 56; und wenn das Semikolon innerhalb von Nominalgruppen nicht stehen kann, dann ist nukleare Koordination mit dem Semikolon nicht möglich, sondern nur die Koordination gesamter Nominalgruppen – weil das Semikolon die Nominalgruppe beendet. Das zeigt Abb. 58. Es ist dann unerheblich, welche Relationen im Einzelnen gekappt werden, so dass die Konstruktion mit Semikolon in zwei Nominalgruppen zerfällt.

Abb. 58: Nominalgruppenkoordination mit Semikolon

So lässt sich oberflächengrammatisch abbilden, wie der weite attributive Skopus ausgeschlossen ist. Notwendige Bedingung für den weiten attributiven Skopus des pränuklearen Attributs ist, dass sich Vor- und Nachbereich der Relation in ein und derselben Nominalgruppe befinden.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

213

Online gewendet: Interveniert ein Semikolon vor dem potentiellen Ende einer Nominalgruppe, ist diese automatisch beendet. Vollständigkeit des abgetrennten Ausdrucks ist dabei nicht ausschlaggebend. Das ist der potentielle Nutzen für einen kompetenten Leser. Das Fortschreiben syntagmatischer Relationen ist ebenso wenig möglich wie die Erweiterung des attributiven Skopus, also der syntaktischen Relationen – im Unterschied zum Komma. Man kann an dieser Konstruktion zeigen, wie sich Offline- und Online-Analyse unterscheiden. Die Offline-Analyse nimmt den gesamten sprachlichen Ausdruck als Ausgangspunkt. Im Gegensatz zum Komma, das zwei Lesarten zulässt von Abb. 56 und Abb. 57), desambiguiert das Semikolon die Konstruktion. Die Analyse ist dann eindeutig. Die Online-Analyse arbeitet hingegen nur mit Teilkonstruktionen. Wird nach einer Nominalgruppe ein Semikolon eingelesen, ist zwar, im Gegensatz zum Komma, der innerphrasale Fortgang blockiert, aber auf eine bestimmte Anbindungshöhe ist das Semikolon ebenfalls nicht festgelegt. Aus Lesersicht herrscht sowohl mit dem Einlesen des Semikolons als auch des Kommas weiterhin eine Offenheit in Bezug auf die Anbindungshöhe. Beide lassen die Koordination der gesamten Präpositionalgruppe zu (Abb. 59).

Abb. 59: Koordination von Präpositionalgruppen mit Semikolon

Und wieder sieht man strukturelle Ähnlichkeiten zur Koordination auf den niedrigeren Hierarchieebenen. Sowohl das Semikolon als auch das Komma lizensieren eine zweite Präpositionalgruppe in der Funktion eines Präpositionalobjekts. Zwar ist die erste Präpositionalgruppe nun nicht mehr positional auf ihr Regens bestand

214

4 Semikolon

festgelegt, aber die zweite, koordinierte steht im Normalfall rechtsadjazent zum Semikolon beziehungsweise zum Komma. Führt man sich vor Augen, dass nach dem Semikolon stets auch ein ganzer Satz folgen kann, die dem Semikolon folgenden Ausdrücke also gar nicht nach links, sondern nach rechts angebunden werden, wird deutlich, wie gering die antizipative Kraft ist, aus der der Leser schöpfen könnte – und zwar unabhängig davon, ob man es als Koordinationszeichen ansieht oder nicht. Nur wenn man als Leser sicher wüsste, dass nach dem Semikolon eine Koordination von Nominal- oder Präpositionalgruppen folgt, könnte es in einer Weise als Lesehilfe interpretiert werden, wie Bredel dies tut: „Mit dem Semikolon wird demnach eine ‚echte‘ Koordinationsanweisung gegeben; wenn der Leser auf ein Semikolon trifft, dann erhält er Hinweise darauf, wie die Phrasenstruktur der Folgeeinheit aufgebaut ist“ (Bredel 2008: 175–176). An anderer Stelle spricht Bredel von Strukturidentität der Semikolonglieder (vgl. Bredel 2011: 82–83). Esslinger verschärft die Formulierung: „Das Semikolon [...] erzwingt eine syntaktische Kopie der Vorgängerkonstruktion [...]“ (Esslinger 2014: 20). Tatsächlich aber ist die Koordination von Nominalgruppen (und auch Präpositionalgruppen) eine seltene, wenn doch systematisch verankerte Funktionsüberlappung von Komma und Semikolon: Mit dem Semikolon kommt sie im TiGerKorpus nur 15 Mal vor. Das entspricht einem Anteil von gerade mal 3,9 % an allen Semikolonkonstruktionen und reicht kaum hin, um daraus eine verlässliche, ökonomische Leseranweisung abzuleiten. (229)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei und Milchpulver hatten wir vergessen.

Vor diesem Hintergrund sieht man an Beispiel (229), dass eine weitere Nominalgruppe nach Rauchschinken nicht nur nicht zu erwarten ist, sondern dass selbst wenn sie kommt, es sich nicht mal um Nominalgruppenkoordination handeln muss. Was wirklich folgt, ist stets ungewiss. Die Möglichkeiten sind vielfältig. In (229) wird erst mit hatten die Ambiguität aufgelöst. Einmal mehr möchte ich betonen, dass der Aussagewert des Semikolons über den ihm folgenden Ausdruck gering ist. Die Erörterungen zum Semikolon bei Nominalgruppen haben gezeigt, dass es im pränuklearen und nuklearen Bereich nicht stehen kann, durchaus aber zwischen Nominalgruppen. Damit wurde eine Teilsystematik des Semikolons konstrukti-

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

215

onsspezifisch und – gerade mit Blick auf die diskutierten alternativen Beschreibungen – angemessen erfasst und durch die oberflächensyntaktische Darstellung plausibilisiert. Am Ende dieses Abschnitts möchte ich einige Beispiele aus dem Korpus vorstellen. Wie gesagt, Strukturtyp II ist selten. Im TiGer-Korpus finden sich nur 15 Sätze dieses Typs. Eine mögliche Begrenzung des attributiven Skopus kommt nur zweimal vor und erscheint somit als Epiphänomen dieser mikrotopologischen Restriktion des Semikolons. (230)–(231) zeigen beide Beispiele. (230)

(231)

Auch hier die Parallelen zu Oklahoma-City: Rechtsextreme Gruppen in fundamentalistisch orientiertem religiösem Dunstkreis; die völlige Verachtung demokratischer Regeln; Heilsbringer, die aus ihren Absichten keinen Hehl machten und doch so lange nicht ernst genommen wurden. (TiGer: 98934–98942; Unterstreichung N. S.) Auf der leeren Bochumer Bühne treiben wüste Potenzgesten die Poesie aus, die bevorzugten Requisiten stammen vom Gemüsemarkt: als Phalluszeichen eingesetzte Mohrrüben; und Kohlköpfe, die offenbar begründen sollen, Kohl bläht, warum Jupiter den Beinamen des "Donnerers" führt. (TiGer: 96847; Unterstreichung N. S.)

In (230) ist das Semikolon gegenüber dem Komma tatsächlich funktional. Temporär könnte die Konstruktion mit Komma so verstanden werden, dass es sich um demokratische Heilsbringer handelt. Offen muss an dieser Stelle bleiben, ob die Wahl aus diesem Grund auf das Semikolon und nicht auf das Komma gefallen ist. Das Beispiel zeigt aber, dass die von Bredel festgestellte Desambiguierungsfunktion online. Offline erscheint (230) hingegen nicht wie Bredels Beispiel (219) ambig, bzw. es handelt sich nicht um eine globale Ambiguität. Das Besondere an (231) ist auf den ersten Blick, dass durch die direkte Abfolge von Semikolon und und die Skopusbegrenzungsfunktion des Semikolons regelrecht herausgekehrt wird: und alleine würde die – hier ungewollte – Möglichkeit der Skopuserweiterung zulassen würde.155 Nur um diese Lesart zu vereiteln, braucht es ein weiteres Zeichen: in diesem Fall das Semikolon. Bemerkenswert ist, dass durch die Kombination mit und die Desambiguierungsfunktion gegenüber dem Komma neutralisiert ist, wie (232) zeigt. 155

Man könnte es temporär so verstehen, dass auch die Kohlköpfe als Phalluszeichen eingesetzt sind (siehe S. 169).

216 (232)

4 Semikolon [...] als Phalluszeichen eingesetzte Mohrrüben, und Kohlköpfe, die offenbar begründen sollen, [...]

Das Semikolon entfaltet hier zwar seine Funktion, den attributiven Skopus zu beenden, aber das Komma tut es ihm gleich, und so schmilzt der Unterschied zwischen Komma und Semikolon hier auf ein Minimum. Ein Grund mehr, anzunehmen, dass diese spezielle Funktion des Semikolons hier schreiberseitig keine Relevanz für die Semikolonsetzung hatte. Bleibt man bei der Lesersicht, ist noch zu fragen, wie das Komma in (232) nun in der Lage ist, den attributiven Skopus zu begrenzen und wie ist diese Konstruktion zu analysieren und zu bewerten ist? – Weder das Komma allein noch und allein geben Aufschluss über die Topologie eines Satzes in der Zone höherer Syntaktizität (zum Begriff Abschnitt 4.6.2.5). (233)–(236) zeigen, dass die rechte Satzklammer stets folgen kann.156 (233) (234) (235) (236)

Die Regisseurin baut Mohrrüben und [...] Die Regisseurin baut Mohrrüben, [...] Die Regisseurin baut Mohrrüben und Kohlköpfe an. Die Regisseurin baut Mohrrüben, Kohlköpfe und Radieschen an.

In Kombination von Komma und und ändert sich das. Die rechte Satzklammer kann nicht mehr folgen, so gesehen ist der Kernsatz beendet, die Topologie unterbrochen, wie (237)–(239) zeigen. (Für das Semikolon allein lässt sich Ähnliches beobachten, siehe unten.) (237) (238) (239)

Die Regisseurin baut Mohrrüben, und [...] *Die Regisseurin baut Mohrrüben, und Kohlköpfe an. Die Bühnenbildnerin baut aus Holz riesige Mohrrüben, und Kohlköpfe befinden sich noch im Theaterfundus.

Was rechts von < , und > steht, ist also topologisch ausgegrenzt. Bis zur rechten Satzklammer – also innerhalb der Zone höherer Syntaktizität – hat das Folgen für den syntaktischen Zusammenhalt des Kernsatzes, wie eben gezeigt. Nach der rech-

156

Aber die rechte Satzklammer muss natürlich nicht folgen. Ein einfaches und oder ein Komma reicht hin, um eine Satzgrenze ausreichend zu markieren und einen selbständigen Satz anzuschließen.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

217

ten Satzklammer hingegen sind die Wirkungen von < , und > eher auf informationsstruktureller Ebene zu suchen.157 Annäherungsweise ist der Unterschied vielleicht zu fassen mit Altmanns Unterscheidung zwischen Ausklammerung und Nachtrag (vgl. Altmann 1981: 67–72): Adverbiale Angaben können nach der rechten Satzklammer sowohl als Ausklammerung (Feldbesetzung nach der rechten Satzklammer) als auch als Nachtrag (Herausstellungskonstruktion, keine Feldbesetzung) gewertet werden. Hauptunterscheidungskriterium ist bei Altmann (der die Interpunktion nicht systematisch berücksichtigt) die Intonation. Der stärker integrierten Ausklammerung gehe weder eine Pause voraus, noch besitze sie ein eigenes Tonmuster (vgl. ebd.). (240) (241)

Er ist pünktlich am Treffpunkt gewesen um genau 12 Uhr. Er ist pünktlich am Treffpunkt gewesen, um genau 12 Uhr.

Graphematisch scheint das Komma ebenfalls Desintegration zu bewirken. Dementsprechend handelte es sich in (241) nicht mehr um eine Ausklammerung.158 Gleichermaßen betroffen könnten Koordinationsteile nach der rechten Satzklammer sein.159 (242)

Vollkommen unberechtigt wurde ihnen die Abfassung eines anonymen Briefes [...] in die Schuhe geschoben, und ihre Entlassung damit begründet. (Bonner Zeitungskorpus: 2520; gekürzt von N. S.)

Kommas wie das letzte in (242) kommen vor. Sie sind nach der rechten Satzklammer fakultativ, bewirken möglicherweise eine Art Herausstellung der Koordination. Vor der rechten Satzklammer sind sie vor dem Hintergrund der Beispiele (233)–(239) wegen der topologischen Gegebenheiten gar nicht zulässig, siehe (238).

157

158

159

Natürlich kann auch hier jederzeit ein neuer, syntaktisch vollständiger Satz anschließen wie in (239). Was dem informationsstrukturell bzw. semantisch genau entspricht, muss auch ich hier offenlassen. Hier allerdings können die Ausführungen nicht mehr explizit mit Altmann untermauert werden, denn er schließt (leider ohne Begründung) nachgestellte koordinative Glieder schon bei den Ausklammerungen grundsätzlich aus (vgl. Altmann 1981: 69), und erwähnt sie auch bei den Nachträgen nicht weiter.

218

4 Semikolon

Nun zurück zu (232): Und steht normalerweise rechtsadjazent zu einem Koordinationsglied bei innersententieller Koordination oder bei Satzteilkoordination, sein Skopus geht dabei sogar hinunter bis unter die Wortebene (auf- und abgebaut). Das Komma in Kombination mit und bewirkt im Prinzip nichts anderes als bei anderen Ausdrücken auch. Es verbietet das jeweils anliegende Standard-Verknüpfungsverfahren (vgl. Primus/Bredel 2007: 110). Das ist bei und die Koordination.160 Es folgt eine syntaktische und/oder informationsstrukturelle Satzgrenze. Für den Leser, der nicht weiß, ob eine Herausstellung, die funktional noch nach links angebunden werden muss, folgt, oder ein selbstständiger Satz, ist das möglicherweise auch nicht von zentraler Bedeutung. Skopusunterbrechung und Herausstellungswirkung kommen dann so zustande: Das Komma verbietet nach links die hierarchieniedrige Koordination des und und die Kombination zwischen beiden bewirkt eine Satzgrenze vergleichbar mit (241) und (242), weil sich der Ausdruck in der Doppelpunktexpansion befindet. Die Herausstellungswirkung rührt daher, dass ein überraschend integrierter Ausdruck (ein weiteres Nominal) ohne Not mit einem Verfahren angeschlossen wird, das bei weniger integrierten Elementen obligatorisch ist; die ‚Koordination‘ erhält mit < , und > ein Einschaltmuster, das sonst syntaktisch wenig integrierten Herausstellungen (wie eindeutigen Nachträge mit Einleitewörtern wie nämlich oder und zwar) oder gar selbständigen Sätzen genügt, und wirkt daher angefügt. Ich kann das Problem an dieser Stelle nicht bis ins letzte Detail klären, möchte aber möchte aber zumindest einen Erklärungsversuch liefern, dass ein Komma wie in (232) oder (242) durchaus informativ sein kann. Das Semikolon unterbricht die Nominalgruppe und den attributiven Skopus per se und unmittelbar; das Komma hingegen erst in Kombination mit und, also eine Positionseinheit später. Das Herausstellungspotential von Komma und und ergibt sich erst kombinatorisch. Folgt man hingegen der Argumentation bis hierher, dass das Semikolon unspezifisch in Bezug auf den Fortgang der Konstruktion, insbesondere in Hinblick auf Koordination, ist, so sichert und die Koordination explizit. Dass das Semikolon dem Komma in Herausstellungsfunktion offenbar ähnlicher ist als dem Komma in Koordinationsfunktion, mag als weiteres Indiz dafür gelten, dass es als Koordinationszeichen schlicht überschätzt ist. Warum sollte in (231) weniger eine Herausstellungslesart evoziert werden als in (232)?

160

Koordination adjazenter Einheiten ist das Standard-Verknüpfungsmuster von und, das mit dem Komma unterbrochen wird, genau wie das Komma zwischen anderen Einheiten die unmittelbare asymmetrische Verknüpfung unterbindet.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

219

Postnuklearer Bereich Vom pränuklearen und nuklearen Bereich der Nominalgruppe komme ich nun zum postnuklearen. Dieser ist in der Interpunktionsliteratur bisher vernachlässigt worden. Dabei kann aus Lesersicht das Semikolon gerade hier seine Stärke ausspielen. Nach dem Kern beginnt in der Nominalgruppe das Gebiet, wo weitere komplexe Gruppen eingebettet werden können (vgl. Eisenberg 2013: 249ff. / Eichinger/Plewnia 2003). Weil dazu auch Nominalgruppen selbst gehören, kann man von dem postnuklearen Bereich auch als dem rekursiven Bereich der Nominalgruppe sprechen (Eisenberg 2013: 250). Rekursivität geht mit Komplexität syntaktischer Hierarchie-Ebenen einher und wird in dieser Arbeit deshalb als besondere Herausforderung für den Leseprozess angesehen. Die syntagmatische Bindung nimmt nach dem nominalen Kern mit zunehmender Distanz ab. Der Großteil postnuklearer Attribute wird vom Kern kategorial regiert. Das genitivische Attribut ist festgelegt in Hinblick auf seine Position (im Normalfall direkt nach dem Kern) und es ist regiert in Hinblick auf Kasus. Das präpositionale Attribut, das in einer kanonischen Abfolge dem genitivischen folgt, besitzt syntagmatisch die meisten Freiheitsgrade. Das enthaltene Nominal ist ja von der Präposition regiert und unzugänglich für sämtliche syntagmatische Relationen von außerhalb.161 In Bezug auf seine Position ist das präpositionale Attribut freier als das Genitivattribut, Adjazenz zum Kern ist fakultativ. Mit Blick auf die Konstituentenstruktur findet sich im postnuklearen Bereich neben der unmittelbaren Unterordnung weiterer nominaler und präpositionaler Gruppen in besonderem Maße auch mittelbare Unterordnung bzw. Einbettung – und so kann in diesem Bereich eine beträchtliche Ausdehnung erreicht werden. Unmittelbar untergeordnet werden eindeutig subordinierte Ausdrücke, das heißt solche, die erstmalig eine syntaktische Funktion erfüllen, zum Beispiel das präpositionales Attribut PrGr2 in Abb. 60.

161

Eine Ausnahme bildet allenfalls die Wahl des Kasus bei Präpositionalobjekten durch das Verb, wenn eine Präposition mehrere Kasus regieren kann: So wählt an den Akkusativ (und keinesfalls den Dativ) bei dem Verb denken, wenn dieses ein Präpositionalobjekt bildet. Der Akkusativ kann dann zumindest mittelbar als verbregiert gelten.

220

4 Semikolon

Abb. 60: Nominalgruppe mit rekursiv eingebettetem Attribut

Die PrGr2 wird einem Element aus NGr3 nebengeordnet, d. h. heterarchisch integriert in dem Sinne, dass an NGr3 eine neue Kante entsteht. Im gleichen Verhältnis stehen PrGr1 und NGr2. Sowohl NGr2 als auch PrGr1 als auch NGr1 werden ebenfalls in die NGr3 integriert, allerdings entsteht dafür keine neue Kante am Knoten NGr3, sondern nur auf darunter liegenden Ebenen. Das heißt, die NGr2 wird der PrGr2 unmittelbar, der NGr3 hingegen mittelbar untergeordnet. In diesem Sinne wird NGr2 in NGr3 hierarchisch integriert, das heißt also, dass eine neue, tiefer liegende Hierarchie-Ebene in der NGr3 entsteht, nicht aber eine neue Kante.162 Die Einbettung von PrGr1 ist dann in dem Sinne funktional rekursiv, als ein Attribut sich selbst einbettet. Was in der Offline-Analyse eindeutig erscheint, muss online erst einen konstruktionellen Prozess mit temporären syntaktischen Ambiguitäten durchlaufen. Weil präpositionale Attribute in Distanzstellung möglich sind, ist nach mit die Konstruktion temporär ambig, das heißt die Anbindungshöhe noch nicht festgelegt. Neben Spielplatz ist auch Kinder ein möglicher Nachbereich für die Attributrelation der PrGr1 (zum Beispiel in die Kinder auf dem Spielplatz mit den roten Mützen, siehe Abb. 61).

162

Auf den ersten Blick sieht es möglicherweise so aus, als würde auch schon mit der PrGr2 eine neue Hierarchie-Ebene entstehen. Das ist aber nicht der Fall. Die PrGr2 ist in Abb. 60 zwar optisch höher notiert als die und Kinder, steht aber strukturell auf der gleichen Stufe; neue Ebenen entstehen, weil die PrGr2 eine komplexe Konstituente mit mehreren eigenen Kanten ist.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

221

Abb. 61: Nominalgruppe postnuklearer temporärer Ambiguität163

Der Skopus der PrGr1 ist aber nicht auf ein Element innerhalb der Nominalgruppe beschränkt; verbbezogene (und auch satzbezogene) Lesarten in kommen ebenfalls infrage, siehe (243)–(244). (243) (244)

... dass die Kinder auf dem Spielplatz mit dem Ball spielen ... dass die Kinder auf dem Spielplatz mit viel Elan spielen

Vergleichbares gilt auch, wenn nach Rutschen ein potentieller Relativsatz anhebt. Je nach Passung des Relativpronomens ergeben sich auch hier unterschiedliche Nachbereiche. Das zeigt Abb. 62. Und auch hier wäre natürlich eine Anbindung oberhalb der NGr3 denkbar, etwa wenn es sich gar nicht um einen Relativsatz, sondern um einen weiteren – zum Beispiel – koordinierten Satz handelte.

163

Die angedeutete Ambiguität der Präpositionalgruppe in Abb. 61 ist in der Konstruktion in Abb. 60 nicht aufgehoben, sondern besteht auch hier als globale Ambiguität. Anbindungsambiguitäten sind typisch für Präpositionalgruppen. In Abb. 60 ist nur eine, nämlich die naheliegende Lesart abgebildet: Eher sind die Spielplätze mit fünf Rutschen ausgestattet als die Kinder.

4 Semikolon

222

Abb. 62: Nominalgruppe mit ambiger Relativsatzanbindung

Mit Blick auf den Leser ist also zu beachten, dass er sich gewissermaßen in mehreren postnuklearen Bereichen gleichzeitig befinden kann. Die Voraussetzungen dafür sind die Möglichkeit der rekursiven Einbettung sowie die der Distanzstellung. So spreche ich im Folgenden von einem unmittelbaren postnuklearen Bereich sowie einem oder mehreren möglichen mittelbaren postnuklearen Bereichen. Ein Leser an Position 10 in Abb. 62 befindet sich, rein topologisch, im unmittelbaren postnuklearen Bereich der NGr1 und im mittelbaren Bereich der NGr2 und der NGr3. Je mehr potentielle Ebenen entstehen, desto drängender stellt sich die Frage, welche Hilfen in der Schriftsprache für die Ebenen-Navigation zur Verfügung stehen. Das Semikolon kann als eine solche Hilfe interpretiert werden. Das erste Beispiel, das ich in diesem Zusammenhang anführen möchte, zeigt, dass das Semikolon zwar natürlich postnuklear steht, aber nicht Bezug nimmt auf den unmittelbaren postnuklearen Bereich. In (245) handelt es sich um Nominalgruppenkoordination. Anders als in Beispiel (230) (S. 215) ist zwar kein attributiver Skopus vom Semikolon betroffen; aber dennoch ist das Semikolon – auch gegenüber dem Komma – funktional. (245) zeigt einen von nur zwei Sätzen aus dem Korpus, der strukturell vergleichbar ist mit dem Beispiel für Strukturtyp II aus den amtlichen Regeln: die mit Semikolon koordinierten Nominalgruppen stehen frei am Satzende und folgen nicht nach einem Doppelpunkt. (245)

Angeklagt sind der 58jährige Egon Krenz, 1989 Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär für ganze sechs Wochen; der 85jährige Erich Mückenberger, 41 Jahre im Politbüro und lange Jahre Chef der

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

223

Parteikontrollkommission; der 83jährige Kurt Hager, als Chefideologe 32 Jahre lang für die reine Lehre der Partei zuständig; der 70jährige Horst Dohlus (Parteiorganisation) und der 66jährige Günter Schabowski (Ost-Berliner Parteichef) sowie der 64jährige DDR-Wirtschaftsfachmann Günter Kleiber. (TiGer: 372823, 372841, 372857; Unterstreichungen N. S.) Eine Herausforderung dieses Satzes für den Autor bestand darin, mögliche temporäre Ambiguitäten beim Leser zu vermeiden. Aufgezählt werden insgesamt sechs Angeklagte, auf die sämtlich über maskuline Formen referiert wird – mit dem Artikel der. Jede Person wird sprachlich über eine eigene Nominalgruppe realisiert. Der pränukleare Bereich aller Gruppen ist analog gebaut: Dem Artikel folgt ein Attribut, das das Alter angibt, dann der Name als Kern. Postnuklear folgt bei den ersten drei eine lockere Apposition, eingeleitet durch Komma und beendet mit einem Semikolon; bei Herrn Dohlus und Herrn Schabowski folgt dem Namen ein Einschub in Klammern. Nur die Beschreibung von Herrn Kleiber am Ende erfolgt in Form einer stärker integrierten engen Apposition (DDR-Wirtschaftsfachmann Günter Kleiber). Mit Kommas anstatt Semikolons bestünde die Gefahr für den Leser darin, die in (245) doppelt unterstrichenen Artikel anaphorisch zu interpretieren, nämlich als Relativpronomen oder im Rahmen einer weiteren, koordinierten Apposition. Mit den Semikolons bannt der Autor diese Gefahr. Der postnukleare Bereich wird beendet, die subordinierende Relativsatzlesart ausgeschlossen. Nicht zu vernachlässigen ist auch die Länge der Appositionen. Je mehr syntaktische Einheiten der postnuklearen Apposition eingelesen werden und je mehr weitere nukleare Bereiche in diesem Zuge aufgebaut werden, desto weniger erscheint es dem Leser möglicherweise erwartbar, noch mal an die oberste Nominalgruppen-Ebene koordinativ anknüpfen ‚zu müssen‘. Mit dem Semikolon wird diese Möglichkeit deutlicher, denn wie Abb. 63 zeigt, erscheinen tiefere Anbindungsmöglichkeiten ausgeschlossen.

224

Abb. 63: Temporäre Desambiguierung mit Semikolon

4 Semikolon

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

225

Das Semikolon trägt also gegenüber dem Komma zur Desambiguierung bei, indem es den postnuklearen Bereich der NGr1 beendet. Die Folge für die Konstituentenstruktur ist, dass die Anbindung oberhalb von NGr1 geschehen muss. Ein weiterer möglicher Vorteil des Semikolons: Unabhängig von der Form des Konomens der, das an Position 15 folgt, schließt das Semikolon die postnuklearen Bereiche aller vorigen, auch tiefer eingebetteten Nominalgruppen, selbst wenn real gar keine oder wenig Anbindungsmöglichkeiten bestehen. Die gestrichelten Pfeile in Abb. 63 zeigen, welche Nominalgruppen an Position ganz grundsätzlich fortgeführt werden könnten. Man sieht deutlich: Ein Komma ist hier nicht weniger stark als das Semikolon, denn beide Zeichen können auf oberster Ebene intervenieren; vielmehr ist das Semikolon ‚weniger schwach‘. Für beide Zeichen gilt: Sie schränken die Fortführung möglicher postnuklearer Bereiche gegenüber dem Spatium ein. So verhindert auch das Komma, dass an NGr6 mit einem Genitivattribut angeschlossen werden kann. Abb. 64 zeigt die Wirkweise des zweiten Semikolons. Auch hier beendet es sämtliche postnuklearen Bereiche. Allerdings gäbe es – mit Komma oder Leerzeichen nach Parteikontrollkommission – auch tatsächlich noch andere Anbindungsmöglichkeiten.

226

Abb. 64: Temporäre Desambiguierung mit Semikolon164

4 Semikolon

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

227

Mit einem Relativsatz zu Parteikontrollkommission würde NGr9 fortgeschrieben (relattr1); mit einem Relativsatz zu Chef die NGr8 (relattr2); mit einem Relativsatz zu Mückenberger die NGr1 (relattr3). Es bleiben für das Semikolon Koordination zur NGr1 sowie höhere Anbindungsmöglichkeiten (die die Abbildung allerdings unberücksichtigt lässt). In (245) sind die letzten beiden Personen, auf den ersten Blick überraschend, nicht mehr mit einem Semikolon angefügt. Auf den zweiten Blick aber besteht dazu auch kein Grund, denn die anaphorische Lesart der Artikel wird ausgeschlossen durch koordinierende Konjunktionen (und und sowie). So zeigt Abb. 65, wie die NGr1 mit und an Position 6 geschlossen wird (visualisiert über den schwarzen Balken nach dem mittleren gestrichelten Pfeil). Damit schließt der unmittelbare postnukleare Bereich ab und lässt keine Relativsatzanbindung zu.

Abb. 65: Skopus mit und als Abbruchsignal für den unmittelbaren postnuklearen Bereich

Die Funktionsbezeichnung steht nun in Klammern steht und die schließende Klammer verhindert alle internen postnuklearen Bereiche.165 Damit ist denn auch

164

165

Für die interne Analyse der NGr2 bieten sich mehrere Lösungen an. Möglicherweise handelt es sich nicht um eine kanonische Attributkonstruktion wie in Sie spielen einen Tag im Herbst Fußball. Hier wäre das akkusativische Temporal eindeutig als durch im Herbst attribuiert analysierbar (einen Tag zeigt den Akkusativ, der bei 41 Jahre nicht gekennzeichnet ist). Im vorliegenden Fall allerdings ist 41 Jahre weglassbar, im Politbüro nicht – so dass es sich nicht um ein Präpositionalattribut handeln kann. NGr6 entspricht nicht der klassischen Topologie der Nominalgruppe; hier ist lange Jahre weglassbar. In einem verbal ausgebauten Satz zerfielen sowohl NGr3 als auch NGr6 in der Regel in jeweils zwei getrennte Gruppen mit unabhängiger Einbindung in die Matrixstruktur Erich Mückenberger war lange Jahre Chef der Parteikontrollkommission. Darum sind sie hier als zwei sich modifizierende Gruppen analysiert. Die verschiedenen Alternativen berühren die Aussagen zum Semikolon aber nicht. En passant wird damit deutlich, dass auch die vermeintlich nicht syntaktisch lizensierte Klammer den Leser mit syntaktischen Informationen versorgen kann. Offline erfüllt sie syntaktisch Komma-

228

4 Semikolon

der linke Skopus von und und sowie (ebenfalls noch einer schließenden Klammer siehe (245), S. 222) eindeutig. Auf den Klammerinhalt können die Konjunktionen von außerhalb nicht zugreifen. Eingefasst als erstes Koordinationsglied wird also jeweils die gesamte vorangehende NGr1 (der 70jährige Horst Dohlus [Parteiorganisation]; der 66jährige Günter Schabowski [Ost-Berliner Parteichef], siehe S. 222). Andere Möglichkeiten werden dem Leser nicht gelassen. Das verdeutlicht Abb. 65 (höhere Anbindungsmöglichkeiten mit und werden nicht abgebildet). Wieder überrascht also die Online-Analyse, die in der Regel mehr Ambiguitäten zulässt als eine Offline-Analyse (sämtliche temporären Ambiguitäten sind ja nur online zu beschreiben). Die vorteilbringende Funktion des Semikolons in einem Satz wie (245) besteht darin, diese erweiterten Nominalgruppen zu beenden und subordinierende Parsingrouten (zum Beispiel satzartige Attribute) zu unterbinden. Kommas wären zwar auch möglich, aber in dieser Hinsicht weniger eindeutig. Bezieht man die letzten beiden Konjunkte ohne Semikolon mit ein, wird klar: Interpunktionszeichen und koordinierende Konjunktionen sind in diesem Satz bestens aufeinander abgestimmt. Das Semikolon steht, wo es funktional ist. Schlussfolgernd: Es ist nicht in erster Linie Koordination mit mehreren Hierarchieebenen,166 die dem Semikolon eine Bühne bietet, sondern vielmehr die Koordination und Kombination komplexer Glieder ganz allgemein mit ihren potentiell vielschichtigen Anbindungsmöglichkeiten während des Leseprozesses. Die Strukturgleichheit der Semikolonglieder (vgl. AR 2006: § 80) ist so gesehen nachrangig gegenüber ihrer Strukturkomplexität. Man würde sich auch beinahe wundern, stünde das Semikolon zwischen den bloßgelegten Kernen der Nominalgruppen von (245), siehe (246). Hier ist es ganz und gar funktionslos.167

166

167

funktion, denn auch Kommas könnten diesen Einschub hinreichend kennzeichnen. Online hingegen sind die Klammern sogar stärker als Kommas, weil sie den gesamten postnuklearen Bereich insgesamt beenden bzw. gar nicht erst zulassen. Und auch geht es in (245) nicht darum, semantische Subgruppen abzuteilen (dazu weiter am Ende dieses Abschnittes). Einigkeit herrscht darüber in der Literatur allerdings nicht. So sind für Reißig, der das Semikolon mit Bredel als Koordinationszeichen ansieht, Sätze wie (I.) unauffällig. I. Ich kaufe Brot; Eier; Milch; Butter. (Reißig 2015: 134) Vergleichbare Korpusbelege habe ich jedoch nicht gefunden und auch aus funktionaler Sicht ergibt sich weder eine Notwendigkeit noch ein Vorteil des Semikolons für solche nicht-komplexen Konnekte gegenüber dem Komma.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (246)

229

Angeklagt sind Egon Krenz; Erich Mückenberger; Kurt Hager; Horst Dohlus und Günter Schabowski sowie Günter Kleiber.

An (246) sieht man, was gerne ungesagt bleibt, wenn von der Austauschbarkeit von Komma und Semikolon die Rede ist. Zwar sind Semikolons bei der nominalen bzw. präpositionalen Koordination durch Kommas austauschbar, umgekehrt gilt das nicht: Für den Koordinationskontext in (246) ist das Semikolon zu stark. Gegenüber dem Spatium, also im unteren Bereich der Abgrenzungsstärke, liegen Komma und Semikolon im Blockadeverhalten übrigens gleichauf. Nicht-sentenzielle subordinierende Lesarten wie mit dem Spatium werden mit beiden unmöglich. Das wäre in Abb. 64 (S. 226) an Position 15 (der) aber nur das unmittelbare postnukleare Genitivattribut (... Chef der Parteikontrollkommission der SED ...). Denn ohne ein zweites Komma oder eben das Semikolon weiß sich der Leser noch innerhalb der lockeren Apposition, das heißt innerhalb eines Einschubs. Höhere Anbindungsmöglichkeiten, zum Beispiel an NGr1 oder noch höher, sind dann nicht zugelassen.168 Ohne Einschub allerdings wären nach Mückenberger neben dem Genitivattribut, (247), auch höhere Anbindungen mit Spatium möglich, (248). (247) (248)

... der 85jährige Erich Mückenberger der alten Schule ... ... sagte der 85jährige Erich Mückenberger der Journalistin ...

Insgesamt lässt sich sagen: Das Semikolon ist stärker als das Komma, denn es erweitert dessen Blockadespektrum. Gleichzeitig gilt: Spatiumlesarten werden durch beide Zeichen verhindert, und auch in der maximalen Abgrenzungsstärke (syntaktisch vollständige Sätze) sind sie gleichauf. Die spezifische Leistung des Semikolons in (245) ist übrigens durchaus vergleichbar mit den vorher diskutierten Beispielen der weiten Attributlesart des adjektivischen Attributs, zum Beispiel in (230). Verhindert das Semikolon in (230) die linksseitige attributive Annäherung einer syntaktischen Einheit an einen Kern, so zeigt (245), dass der Kern auch nach rechts mit einem Semikolon gegen attributive Anbindungen abgeschirmt werden kann. 168

Von daher wird ein Vorteil der Idee des paarigen Kommas deutlich: Nach dem zweiten Appositionskomma ist ein hoher subordinierter Anschluss möglich (zum Beispiel als Verbkomplement); stünde die Apposition nicht, wäre dieser Anschluss nach einem Komma nicht möglich. Das zweite Komma signalisiert also nur einen syntaktischen Bruch in Bezug auf die Apposition und nicht in Bezug auf den umgebenden Satz. Es könnte damit als der Apposition zugehörig verstanden werden.

4 Semikolon

230

Der Unterschied zu Konstruktionen wie (229) (und auch zu den Beispielen von Bredel, wie (218), S. 205) besteht aber darin, dass in (229) (S. 214) eine globale Ambiguität (mit Semikolon anstatt Komma) aufgelöst wird, wohingegen es sich in (245) nur um eine lokale Ambiguität handelt – hier braucht es den Online-Blick, um den Vorteil des Semikolons sehen zu können. Schon (230) als reales Beispiel für (229) und (218) zeigt, dass die Funktion des Semikolons online klarer zutage tritt. Semikolon bei postnuklearer Koordination Durch die Analyse von (245) ist nun schon klar geworden: Die nicht-satzwertigen Attribute im unmittelbaren postnuklearen Bereich gelten im Sinne dieser Untersuchung als subordiniert und natürlich sind sie dann weder mit Semikolon noch mit Komma abtrennbar (249)–(250). (249) (250)

*die Kinder; auf dem Spielplatz mit den fünf Rutschen *die Kinder; der reichen Eltern

Auch im mittelbaren postnuklearen Bereich können Attribute zumindest nicht mit dem Semikolon stehen. Als Interpretation für einen Leser folgte daraus: Er kann die Nominalgruppe in Hinblick auf Subordination abschließen. Wie ist es nun mit der Koordination im postnuklearen Bereich? – Da Nominalgruppen außerhalb postnuklearer Bereiche mit Semikolon koordiniert werden können (zum Beispiel solche, die einem Satz untergeordnet sind, wie in dem Beispielsatz aus den AR 2018, siehe S. 167), ist aus systematischer Sicht zu erwarten, dass auch postnuklear weitere genitivische oder präpositionale Attribute untereinander mit Semikolon koordinierbar sind. Wenn man nicht nur in Bezug auf die syntaktischen Konstruktionen (vgl. Eisenberg 2013: 250), sondern auch in Bezug auf die Schrift von echter Rekursion im postnuklearen Bereich sprechen möchte, müssten auch Interpunktionszeichen mehrfach postnuklear eingebettet werden können. In (251), als abgewandelte Variante von (245) erscheinen die koordinierten Nominalgruppen in der Funktion eines Genitivattributs zu Anklage. (251)

?

Der Staatsanwalt verlas die Anklage des 58jährigen Egon Krenz, 1989 Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär für ganze sechs Wochen; des 85jährigen Erich Mückenberger, 41 Jahre im Politbüro und

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

231

lange Jahre Chef der Parteikontrollkommission; des 83jährige Kurt Hager, als Chefideologe 32 Jahre lang für die reine Lehre der Partei zuständig; des 70jährigen Horst Dohlus (Parteiorganisation) und des 66jährigen Günter Schabowski (Ost-Berliner Parteichef) sowie des 64jährigen DDR-Wirtschaftsfachmannes Günter Kleiber. (nach (245)) Auch wenn diese Konstruktion auf den ersten Blick nicht ungrammatisch erscheint: In dem von mir untersuchten TiGer-Korpus findet sich kein vergleichbarer Satz. Allerdings ist die Anzahl an Sätzen des Strukturtyps II gering. Eine größere Untersuchung müsste zeigen, ob derlei Konstruktionen tatsächlich vorkommen. Wenn nicht, wäre das ein weiteres Indiz für eine Dispräferenz des Semikolons im postnuklearen Bereich. Es steht weiterhin zu erwarten, dass dass-Sätze und zu-Infinitive im postnuklearen Bereich ebenfalls mit Semikolon koordiniert werden können. Auch hier finden sich jedoch im Korpus keine Belege. (252) zeigt einen konstruierten Satz. (252)

Er gab ihr den Tipp, rechtzeitig und regelmäßig zu ihrer Hausärztin zu gehen, um ganz sicher zu sein; die Ernährung umzustellen, zumindest sich bei Süßigkeiten etwas einzuschränken; sowie endlich wieder mit dem Laufen anzufangen.

Ob eine Interpunktion wie in (252) möglich ist, muss hier offenbleiben, gänzlich ausgeschlossen scheint das nicht. Überhaupt auffindbar im postnuklearen Bereich war das Semikolon einzig in dem folgenden Satz (253).169 (253)

169

Die Superlative, die Endzeitrhetorik, die angebliche Unvergleichlichkeit der Verhandlungen gingen mit den vielfach beklagten Analogien zum Nationalsozialismus einher: Der Aufruf, deutsche Produkte zu boykottieren, findet seine Entsprechung im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933; einer Aktion, die naturgemäß im Ausland, nicht aber in Deutschland präsent ist. (Zeit, Nr. 30, 23.7.2015, S. 39)

Der Satz (253) ist ein externer Einzelbeleg und entstammt nicht dem TiGer-Korpus.

232

4 Semikolon

In (253) ist der mit Semikolon angeschlossene Ausdruck interpretierbar als lockere Apposition zu Boykottaufruf. Nach Eisenberg grenzt die lockere Apposition aus systematischer Sicht an das Attribut auf der einen und an Parenthesen auf der anderen Seite (vgl. Eisenberg 2013: 257 / vgl. Hoffmann 1998: 309–311). Ich schließe mich dieser Sichtweise an und betrachte die lockere Apposition als Einschub in die postnukleare Linearstruktur der Nominalgruppe, die sowohl Tendenzen zur Integration als auch Tendenzen zur Desintegration aufweist.170 Integriert ist sie über ihre Stellung (postnuklear; in der Regel nach dem Präpositionalattribut) und darüber, dass der Nachbereich dieser Relation stets ein nominaler Kern ist, der über den ebenfalls nominal besetzten Vorbereich genauer beschrieben wird. Desintegrationsmerkmale sind Nicht-Restriktivität und Kasusvariation. Die lockere Apposition stimmt häufig, aber bei weitem nicht immer im Kasus mit ihrem Bezugsnominal überein (siehe S. 41). Die Möglichkeit der Kasusvariation unterscheidet die lockere Apposition von der Koordination, mit der sie ansonsten ebenfalls formal verwandt ist. Der Hauptunterschied zur Koordination ist, dass die lockere Apposition für gewöhnlich referenzidentisch mit dem Kern ist. Als Ausdruck der Nicht-Integration kann auch die häufige Kennzeichnung dieser Konstruktion mit Interpunktionszeichen gesehen werden. Das Semikolon allerdings zählt nicht zu den Appositionszeichen. Dass es in (253) funktional ist, hat – und das ist nach den bisherigen Erörterungen kaum verwunderlich – wiederum topologische Gründe. Zu klären ist, inwiefern die Semikolonverwendung mit der Analyse von (245), S. 222 vereinbar ist. Dazu werfe ich noch mal einen Blick auf eine Form der engen Apposition: ein Titel mit Eigennamen. In ihrer kanonischen Stellung ist der Name fakultativ mit Kommas herausstellbar (254)–(255). In Distanzposition sind Interpunktionszeichen hingegen obligatorisch, (256)–(257). (254) (255) (256) (257)

170

die Bundeskanzlerin Angela Merkel [...] die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, [...] die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, [...] *die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland Angela Merkel [...]

Als attributähnliche Konstruktion wird die lockere Apposition in die übergeordnete Nominalgruppe integriert und dieser nicht wie bei der Koordination nebengeordnet (vgl. Eisenberg 2013: S. 257); siehe zum Vergleich von Apposition und Koordination auch S. 39ff.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

233

Nicht die funktionale Desintegration ist hier also ausschlaggebend für das Komma, sondern die positionale. In (256) kann dem Komma eine ganz ähnliche Funktion zugewiesen werden wie oben bei der pränuklearen und der nuklearen Koordination (vgl. Abb. 54 und Abb. 55): Es annulliert den Standard-Positionsbezug für die enge Apposition (angezeigt ist hier normalerweise unmittelbare Adjazenz zum regierenden Kern) und erlaubt eine Distanzanbindung. Das Komma ist hier vergleichbar mit dem Semikolon in (245), S. 222. Es unterbricht die nichtsentenzielle Subordination des postnuklearen Bereichs und hebt die Anbindungshöhe auf ein Mindestniveau, siehe Abb. 66.

Abb. 66: Komma bei enger Apposition in markierter Position

Im Gegensatz zu (256) wird deutlich, warum das Komma besonders im postnuklearen Bereich funktional ist. Lässt der pränukleare Bereich nur vergleichsweise wenige Variation in der Anbindungshöhe zu, so sind es im postnuklearen, wie in Analyse von (245) gezeigt hat, umso mehr, je mehr Nominalgruppen dort eingebettet sind. Mit jeder weiteren eingebetteten Nominalgruppe entsteht ein potentieller postnuklearer Bereich mit weiteren Anbindungsmöglichkeiten. Der ‚Untersuchungsausschuss‘ kann in Abb. 66 im Gegensatz zu der Version ohne Komma (siehe Abb. 67) nicht nach Clemens Binninger benannt sein. In Abb. 66 stellt die Integration von NGr3 in die NGr1 die flachste Anbindungsmöglichkeit für den Leser dar (Appositionslesart, unterer gestrichelter Pfeil). Weitere sind möglich, zum Beispiel könnte NGr3 zu der NGr1 koordiniert sein (oberster gestrichelter Pfeil); dann ist von zwei Personen die Rede. Noch andere, höhere Möglichkeiten stellt die Abbildung nicht dar.

4 Semikolon

234

Abb. 67: enge Apposition in Adjazenzstellung

Abb. 67 zeigt nun, dass ohne Komma die Anbindungsmöglichkeiten für NGr3 geradezu komplementär stehen zu der Version in Abb. 66. Wenn man die unteren Anbindungsebenen betrachtet, kommt nur noch eine flache, appositive Lesart infrage, bei der die NGr3 in den unmittelbaren postnuklearen Bereich integriert werden muss. Dabei ist stets zu bedenken, dass höhere subordinierte Anbindungen ebenfalls möglich sind (... sagte der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses Clemens Binninger – hier ist Clemens Binninger direktes Objekt zum Verb). Mit dem Komma werden die vielfältigen Anbindungsmöglichkeiten in der Nominalgruppe für den Leser verwaltet. Was die Beispiele (254)–(257) zeigen, möchte ich auf die lockere Apposition aus Satz (253) übertragen. Diese ist im Normalfall auch schon in Adjazenzposition mit Kommas markiert, (260). In (258) würde einer Aktion als Genitiv fehlinterpretiert, die Ungrammatikalität bezieht sich nur auf diese Lesart. (259) zeigt, dass das Semikolon in Adjazenzposition zumindest dispräferiert erscheint. (258) (259) (260)

[...] *im Boykottaufruf einer Aktion, die im Ausland präsent ist. [...] ??im Boykottaufruf; einer Aktion, die im Ausland präsent ist. [...] im Boykottaufruf, einer Aktion, die im Ausland präsent ist.

Im Gegensatz zur engen Apposition in (256) taugt das Komma in diesem Fall also nicht als Anzeiger für eine lineare Entrückung.171 Diese ist in (253) aber

171

In (253) stehen zwischen Boykottaufruf und dem Semikolon zwar 15 Wörter, aber alle zusammen erfüllen die Funktion des Genitivatttributs. Die lockere Apposition ‚wirkt‘ damit gewissermaßen

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

235

durchaus vorhanden, denn dort liegen zwischen der lockeren Apposition am Satzende und ihrem Nachbereich immerhin 15 Positionseinheiten und vier weitere Nominalgruppen sowie zwei Koordinationen mit und. Für den Leser kommt die Apposition damit gewissermaßen recht ‚spät‘. Hier wie in den übrigen besprochenen Einzelfällen gilt zwar, dass das Semikolon dem Leser kaum valide Informationen über den genauen Fortgang der Konstruktion zur Verfügung stellt. Aber die Möglichkeiten einer flachen Anbindung ihm folgender Konstituenten wird jäh unterbunden, der Leser herauskatapultiert aus dem postnuklearen Bereich mit seinen zahlreichen Anbindungsmöglichkeiten. Das möchte ich im Folgenden erläutern. Abb. 68 zeigt den Ausschnitt einer möglichen Konstituentenstruktur aus (253), 1933 ist analysiert als Attribut zu Boykottaufruf.

linear herausgestellt, steht aber funktional betrachtet in ihrer kanonischen Position nach dem Genitivattribut und könnte sogar noch weiter rechts, nämlich nach einem Präpositionalattribut stehen. Altmann diskutiert die lockere Apposition im Kontext von Herausstellungen (siehe Altmann 1981: 57–63).

236

4 Semikolon

Abb. 68: Semikolon im postnuklearen Bereich

Inwiefern nun zeigt sich das Semikolon aus Lesersicht vorteilhaft gegenüber dem Komma und gegenüber gar keinem Interpunktionszeichen? Dazu möchte ich wie-

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

237

derum verdeutlichen, welche Anbindungsmöglichkeiten am Ende von NGr3 bestehen, wenn kein Zeichen interveniert. Dabei spielt 1933 eine Sonderrolle, ich lasse es für einen Moment unberücksichtigt. Der Leser sieht sich am Ende eines nominalen Kerns wie Großbritannien (Position 16) normalerweise vor der Entscheidung, die folgende Konstituente entweder als Teil der vorangehenden Gruppe zu verstehen, also die aktuell eingelesene Nominalgruppe postnuklear, flach (und das heißt im weitesten Sinne attributiv) weiterzuführen, zum Beispiel Großbritannien mit seiner Königin. Oder er funktionalisiert die folgende Konstituente höher – im Rahmen der Matrixstruktur, zum Beispiel indem er sie als Objekt an ein regierendes Verb bindet.

238

4 Semikolon

Abb. 69: Anbindungsmöglichkeiten ohne IP-Zeichen

In diesem speziellen Fall von (253) sind postnukleare Attribute zu Großbritannien allerdings aus zwei Gründen ausgeschlossen: zum einen weil in Großbritannien

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

239

der Definitheitsmarker fehlt (*in Großbritannien der 90er Jahre vs. im Großbritannien der 90er Jahre); zum anderen weil 1933 die direkte postnukleare Subordination verhindert.172 Das genitivische Attribut würde ohnehin eine Distanzanbindung über 1933 hinweg scheuen. So ist also der unmittelbare postnukleare Bereich nach 1933 für den Leser geschlossen und nicht mehr zugänglich für attributive Anbindungen. Das verdeutlicht der untere gestrichelte Pfeil in Abb. 69. Denkbar hingegen wäre eine attributive Fortschreibung der PrGr2 ((261); attr1 in Abb. 69),173 oder ein Attribut zu Organisationen ((262); attr2 in Abb. 69). Ein koordinativer Anschluss ist zwar ebenfalls möglich, aber wiederum wegen 1933 nicht unmittelbar an die PrGr1 und PrGr2, sondern nur an NGr1, (263). Aber auch dort wirkt das Koordinationsglied aus zwei Gründen deplatziert: zum einen ist ja schon NGr1 ein gutes Koordinationsletztglied, weil es mit und (Pos. 8) angeschlossen ist und so nicht unbedingt ein weiteres Glied erwarten lässt, zum anderen wirkt ein weiteres Glied nach 1933 ebenfalls nachgeschoben.174 Auch das zeigt Abb. 69. (261) (262) (263)

[...] anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933 mit ihren ländertypischen Schwerpunkten [...] anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933 mit Rückendeckung weiterer staatlicher Organisationen [...] anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933 sowie weiterer loser Gruppierungen in ganz Europa

Syntaktische Anbindungsmöglichkeiten (und deren Blockade) ergeben sich also aus ganz verschiedenen sprachlichen Faktoren und können, gerade im ausgebauten postnuklearen Bereich, durchaus vielfältig sein – bedenkt man, dass in vielen Fällen auch noch höhere Anbindungen in Frage kommen können. Jede einzelne Anbindungsmöglichkeit steuert eine eigene syntaktische Konstruktionsbedeutung an. Welche potentiell leserlenkende Funktion haben nun das Komma und das Semikolon?

172

173

174

Wenn allerdings 1933 gelesen wird als Attribut zu Großbritannien, sind weitere postnukleare Attribute möglich: im Großbritannien 2013 mit seinen 64 Millionen Einwohnern. Hier ein Attribut zu einer Präpositionalgruppe anzunehmen, die noch dazu eine Koordination enthält, ist freilich ad hoc und eine pragmatische Lösung. Der Nachbereich der Relation wird gebildet – und das ist die Besonderheit – durch beide in der PrGr2 enthaltenen nominalen Kerne. Eine Möglichkeit wäre, in (266) das letzte Koordinationsglied mit einem Komma nach 1933 anzuschließen und so als Herausstellung zu kennzeichnen.

240 (264)

(265)

(266)

(267)

4 Semikolon [...] im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933, die beide ihre jeweiligen Organisationen von staatlicher Seite her unterstützen [...] im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933, die von staatlicher Seite her unterstützt worden sind im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933, der in Deutschland aber kaum wahrgenommen wurde *[...] im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933, das die Aufrufe von staatlicher Seite sehr unterstützt hat

Ein Komma nach 1933 nun würde nicht-satzwertige Attribute ausschließen, aber einen Relativsatz ermöglichen, der wiederum sowohl der PrGr2, (264), als auch Organisationen, (265), als auch Boykottaufruf nebengeordnet sein könnte, (266). Letzteres zeigt, dass der Relativsatz eine größere Distanz nach links überwinden kann als das präpositionale Attribut. (267) zeigt noch mal, dass auch ein Relativsatz als Attribut wegen 1933 ausgeschlossen ist (siehe oben).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

241

Abb. 70: Anschlussmöglichkeiten mit Komma und Semikolon

Das Komma ermöglicht aber auch eine Koordination zur PrGr3, (268), den Anschluss weiterer satzwertiger Konstituenten (wie Adverbialsätze) und Herausstellungen sowie natürlich die tatsächlich im Satz realisierte appositive Fortführung

242

4 Semikolon

(app3 in Abb. 70) sowie weitere möglicherweise appositive Anschlüsse auf niedrigeren Hierarchie-Ebenen.175 (268)

[...] im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933, in Forderungen nach [...]

Das Semikolon nun ist spezifischer als das Komma, weil es den Anschluss subordinierter Sätze – hier also attributiver Sätze – verunmöglicht, nicht aber den Anschluss von Sätzen generell. Weiterhin möglich bleibt Koordination zur PrGr3. Außerdem mit Semikolon möglich bleiben bestimmte, syntaktisch wenig integrierte Herausstellungen und schließlich – sowohl der Herausstellung als auch der Koordination nah verwandt – die lockere Apposition in Distanz- und Endposition (dazu weiter unten). Mit der lockeren Apposition ist zwar ein verhältnismäßig stark integrierter (weil den Attributen nahestehender) Ausdruck nach dem Semikolon zugelassen, es sei aber daran erinnert, dass gerade die Distanzstellung hier die Desintegration ausmacht. Einmal mehr zeigt sich, dass online und offline zwei Seiten derselben Medaille darstellen: Offline ergibt sich das Semikolon aus der globalen (die ganze Konstruktion betreffenden) Analyse eines desintegrierten Ausdrucks. Semikolon und Komma sind austauschbar. Online lässt das Semikolon integrierte Lesarten nicht zu – und trägt erst zur Synthese eines lokal (ab der Semikolonposition) desintegrierten Ausdrucks bei. Semikolon und Komma sind dabei nicht austauschbar, weil das Komma den Leser weniger über die Desintegration informiert als das Semikolon. Mögliche temporäre Ambiguitäten werden durch das Semikolon verhindert. Ob statt des Semikolons in (253) auch ein Punkt infrage kommt, müsste eine weitergehende Untersuchung zeigen. Ausgeschlossen scheint er zumindest nicht.176

175

176

Möglicherweise wären app1 und app2 in Abb. 70 ebenfalls mit Semikolon möglich. Hauptverantwortlich für die Desintegrationswirkung ist sicherlich 1933. Allerdings finden sich im Korpus generell keine Semikolons, deren nachfolgende Konstituente innerhalb eines postnuklearen Bereichs funktionalisiert sind (siehe oben). Deshalb sind diese Lesarten in Abb. 70 nicht mit aufgenommen. Auf jeden Fall – und das wird an anderer Stelle zu erörtern sein – konkurriert das Semikolon mit dem Gedankenstrich (269), eventuell auch mit dem Doppelpunkt (270), die beide im Unterschied zum Semikolon auch noch Koordinationslesarten abwenden.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

(269)

(270)

243

[...] Der Aufruf, deutsche Produkte zu boykottieren, findet seine Entsprechung im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933 – einer Aktion, die naturgemäß im Ausland, nicht aber in Deutschland präsent ist. [...] Der Aufruf, deutsche Produkte zu boykottieren, findet seine Entsprechung im Boykottaufruf der amerikanischen Jewish War Veterans und anderer Organisationen in den USA und in Großbritannien 1933: Einer Aktion, die naturgemäß im Ausland, nicht aber in Deutschland präsent ist.

Die Analyse hat gezeigt, das Semikolon liegt zwar im postnuklearen Bereich einer Nominalgruppe, aber aus Lesersicht gewissermaßen sehr ‚spät‘: Es bezieht sich nicht auf den unmittelbaren, sondern auf den mittelbarsten von mehreren (auch potentiellen) postnuklearen Bereichen: Die folgende Apposition gehört in keine der postnuklear eingebetteten Nominalgruppen, sondern orientiert den Leser einige Ebenen nach oben. Wie das Komma in (256) eignet sich das Semikolon so offenbar als Zeichen bei Distanzposition von Apposition und Kern. Auch sind sich Koordination und Apposition ähnlich (siehe Abb. 70): In beiden Fällen wird der Leser mit dem Kern der obersten Nominalgruppe konfrontiert. Das eine Mal koordinativ, hier wird dem Kern der obersten Nominalgruppe eine weitere lexikalische Entität zur Seite gestellt. Das andere Mal appositiv, hier wird dem Kern ebenfalls eine weitere lexikalische Entität zur Seite gestellt, aber referenzidentisch. Vor diesem Hintergrund weist der hier analysierte Satz (253), S. 231, durchaus Ähnlichkeiten auf zu dem hier schon viel zitierten Rauchschinken-Satz aus den amtlichen Regelungen (172), S. 167. Auch in (253) gilt: Die Funktion des Semikolons ist nicht, Koordination anzuzeigen (trotz aller Ähnlichkeit zwischen der lockeren Apposition und Koordination), sondern Anbindungsmöglichkeiten, wie sie mit dem Komma möglich wären, zu unterdrücken, und die rechtsherausgestellte Apposition adäquat zu kennzeichnen. Dass sie überhaupt mit Semikolon herausstellbar ist, unterstreicht ihren funktional parenthetischen Charakter. Erstmalig im Satz erscheinende Attribute sind ansonsten nicht mit Semikolon abtrennbar. Steht die lockere Apposition hingegen nicht in Distanzposition, wirkt das Semikolon, und das mag vor dem Hintergrund der Analyse überraschen, deutlich

244

4 Semikolon

weniger ungewöhnlich als die Gegenprobe mit Koordination, vgl. (271) (=(246)) und (272). (271) (272)

Angeklagt sind Egon Krenz; Erich Mückenberger; Kurt Hager; Horst Dohlus und Günter Schabowski sowie Günter Kleiber. [...] Der Aufruf, deutsche Produkte zu boykottieren, findet seine Entsprechung im Boykottaufruf; einer Aktion, die naturgemäß im Ausland, nicht aber in Deutschland präsent ist.

Im Gegensatz zu (272) wirkt das Semikolon in (271) gänzlich deplaziert – beinahe, als würde man mit (Semikolon-)Kanonen auf (einfache nominale) Spatzen schießen. Der Grund mag schlicht darin liegen, dass das Semikolon bei herausstellungsartigen Konstruktionen wie der Apposition einigermaßen geläufig ist; hingegen bei einfachen Koordinationen oder Koordinationen mit nicht-erweiterten Gliedern wie in (271) nicht. Der online-Vorteil für den Leser ist aber in (272) gering. Gegenüber dem Komma nach Boykottaufruf kann hier nur die Attributsatz-Lesart der dem Komma folgenden Konstituente ausgeschlossen werden. An den beiden konstruierten Sätzen sieht man aber noch mal: Stünde bei dem Semikolon wirklich die Koordinationsfunktion im Vordergrund, wäre zu erwarten, dass der Fall umgekehrt liegt und (271) eher unauffällig erscheint. Tatsächlich scheint in (272) und in (253) eine eher semikolonspezifische Grenze vorzuliegen. In den nächsten Abschnitten soll diese Spezifik in Bezug auf Sätze genauer herausgearbeitet werden. Für den postnuklearen Bereich lässt sich also festhalten, dass das Semikolon hier in einem bestimmten Sinne auftritt: und zwar kann es ihm folgende Konstituenten auf einen mittelbaren nuklearen Bereich beziehen. Weil es nicht als strukturierendes Element in Bezug auf den unmittelbaren oder nahen postnuklearen Bereich zu lesen ist, hat es damit gegenüber dem Komma gewissermaßen einen weiten Skopus. Die Beleglage lässt vermuten, dass ein unmittelbarer postnuklearer Bereich mit einem Semikolon für den Leser immer beendet wird und die nichtsubordinierende Anbindung stets auf dem Niveau der höchsten Nominalgruppe (oder höher) anzusiedeln ist. Das Semikolon spielt seinen Vorteil gerade bei komplexen Kombinationen von Nominalgruppen aus, wo es den Leser online aus dem Dickicht zahlreicher Anbindungsmöglichkeiten enthebt, das durch Koordination oder Mehrfacheinbettung postnuklear gewachsen ist. Vergleicht man nun die Analysen im Kontext von Strukturtyp II, sind Gemeinsamkeiten festzustellen: Gerade weil es pränuklear, nuklear und im unmittelbaren postnuklearen Bereich gar nicht

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

245

vorkommt, kann es dem Leser signalisieren, dass eben diese Bereiche beendet sind und er sich anders orientieren muss. In Bezug auf Strukturtyp II lässt sich zum Semikolon im postnuklearen Bereich zusammenfassend festhalten: Das Semikolon schließt tiefere Rekursionsebenen und öffnet höhere – für Koordination oder Herausstellung.177 Es ist funktional, denn es schließt sowohl subordinierende Lesarten aus, die mit Komma möglich wären, als auch solche ohne Interpunktionszeichen. Dass es gerade komplexe nominale Strukturen sind, die das Semikolon in den Vorteil setzen, wird in der Interpunktionsliteratur bisher noch wenig gewürdigt. Aus dem Beispielsatz der amtlichen Regelungen, der ja zumindest strukturell für eine Systematik des Semikolons schon mehrfach Pate gestanden hat, ist dies auch nicht zu entnehmen, weil die koordinierten Nominalgruppen dort gar nicht postnuklear ausgebaut sind, siehe (273). (273)

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (AR 2018: § 80)

Entsprechend sind auch sämtliche Beispielsätze, die Bredel für Strukturtyp II diskutiert, postnuklear unbesetzt. Beispielhaft führe ich noch mal einen Satz von Bredel an, (274). (274)

Er hatte gesehen: alte Hunde; Katzen und Mäuse; Kühe und Pferde. (aus Bredel 2008: 189)

Das hier Besprochene ließe sich an diesen Sätzen gar nicht zeigen, weil temporäre Ambiguitäten im postnuklearen Bereich nicht entstehen können. Auf der anderen Seite kann man – in aller Vorsicht – die Analyseergebnisse in Bezug auf den postnuklearen Bereich bis hierher auf diese Sätze übertragen.

177

Primus stellt mit Blick auf das Komma fest: „Die Affinit zwischen Herausstellung und Koordination wurde meines Wissens bisher nicht eingehend und systematisch untersucht. Sehr viele einleitende Floskeln für Herausstellungen, wie und zwar für Nachträge und appositive Parenthesen, dokumentieren jedoch diese Affinität recht deutlich“ (Primus 1993: 247). Primus gruppierte dementsprechend Herausstellung und Koordination als eine Kommafunktion zusammen (vgl. Primus 1993: 246).

4 Semikolon

246 Einteilung nominaler Gruppen

Möglicherweise hängt die verbreitete Idee, es werden semantische Wortgruppen mit dem Semikolon voneinander getrennt (vgl. für einen Überblick Mentrup 1983: 99–100), mit dem hier Erörterten zusammen: Im postnuklearen Kontext konnte ich feststellen, dass das Semikolon mehrere nominale Bereiche im Skopus hatte. Es orientiert den Leser über mehrere Gruppen hinweg (siehe Abb. 63, S. 224; Abb. 64, S. 226; Abb. 70, S. 241) und bewirkt parsingmäßig einen Neustart auf höherer Ebene. Vielleicht geht die Gruppenbildung in (273)–(274) auf einen ähnlichen Effekt zurück. Dafür ist es nötig, die verschiedenen Mittel, um Koordination anzuzeigen, online zu betrachten. Bei einem klassischen koordinativen Dreischritt kündigt und das Letztglied an, oder es steht „vor dem zweiten und allen anderen Konjunkten“ (Zifonun et al. 1997: 2441). Demnach ist (276) gegenüber (275) markiert, wenn man alle drei Tiere als gleichberechtigt koordiniert ansehen möchte. (275) (276)

Katzen, Mäuse und Kühe Katzen und Mäuse, Kühe

In (277) nun sind zwei unterschiedliche Gruppenbildungen möglich. Zum einen könnte die Konstruktion in zwei Subgruppen zerfallen, die das Komma trennt. Dann wäre Mäuse Letztglied, ohne dass weitere Konjunkte in dieser Subgruppe folgen, ebenso wie Pferde (vgl. die Darstellung in Abb. 71a). (277)

Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde

Die zweite Möglichkeit ist, dass nach Mäuse noch weitere, an Mäuse angeschlossene Konjunkte folgen. In diesem Fall käme es entweder zu gar keiner Subgruppenbildung wie in Abb. 71c) oder, und das ist wahrscheinlicher gegenüber der Lesart c), zu einer Subgruppenbildung, bei der Mäuse, Kühe und Pferde als komplexes Letztglied begriffen wird (siehe Abb. 71b). Die Abbildungen verdeutlichen die beiden Lesarten.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

247

Abb. 71: Bildung möglicher koordinativer Subgruppen

Gruppenbildungen wie in Abb. 71b sind nicht ungewöhnlich. Sie lassen sich durch semantische Anpassung der Ausdrücke, (278), und durch Artikelwörter, (279), bzw. sowie, (280), oder nicht ... sondern, (281), forcieren. (278) (279) (280) (281)

Katzen und Kühe, Schafe und Pferde unsere Katzen und eure Kühe, Schafe und Pferde Katzen sowie Kühe, Schafe und Pferde nicht Katzen, sondern Kühe, Schafe und Pferde

Die Frage, ob es sich bei den Subgruppen jeweils um eigene Nominalgruppen im syntaktischen Sinne handelt, werde ich für diesen Moment nicht ausführlich erläutern. Dafür aber, dass die Gruppenbildung zumindest auch syntaktischer Art ist, spricht, dass die Gruppen sensibel sind für den Skopus angeschlossener Genitivattribute: Der Skopus kann genau entlang derjenigen Bruchstellen verändert werden, die Zweit- und Letztlieder oder nur Letztglieder abtrennen. Ich demonstriere das beispielhaft an Satz (280) in (282)–(285). Die einfache Unterstreichung kennzeichnet den Vorbereich der Attributrelation, die doppelte Unterstreichung kennzeichnet den Nachbereich. (282) (283) (284) (285) (286) (287)

Katzen sowie Kühe, Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs Katzen sowie Kühe, Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs Katzen sowie Kühe, Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs ?? Katzen sowie Kühe, Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs Katzen sowie Kühe; Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs *Katzen sowie Kühe; Schafe und Pferde eines ökologischen Bauernhofs

248

4 Semikolon

In (282) bildet Pferde das Letztglied der zweiten Subgruppe. In (283) ist Kühe, Schafe und Pferde das Zweit- und Letztglied der übergeordneten Koordination und steht somit Katzen gegenüber. (284) und (285) zeigen, dass die gesamte Gruppe, nicht aber einzelne Glieder in den Skopus genommen werden können. Die Lesart (285) schließlich ist nur möglich bei einer Partitionierung wie in Abb. 71a). Mit dem Komma scheint sie nahezu ausgeschlossen. Mit dem Semikolon hingegen ist sie die einzig mögliche. Der Unterschied der beiden Zeichen bei der koordinativen Gruppenbildung wird hier deutlich. Entgegen sonstiger Evidenz zur Gruppenbildung (hier: sowie) wird die Partitionierung von Abb. 71a) erzwungen. In einem Satz wie (274) nun erscheint die Passage Katzen und Mäuse; Kühe und Pferde auch mit Kommas kaum syntaktisch ambig im Sinne der hier vorgestellten Gruppenbildung (Katzen und Mäuse, Kühe und Pferde) – weswegen ja das Semikolon offensichtlich auch nicht zwingend notwendig bzw. ‚austauschbar‘ ist. Mit dem Online-Blick allerdings schält sich nicht nur ein potentieller Leser-Vorteil heraus, sondern die semikolontypische Gruppenbildung wird – über prinzipiell denselben Mechanismus wie bei der postnuklearen Koordination – plausibilisiert. Das verdeutlicht Abb. 72.

Abb. 72: Komma und Semikolon bei nuklearer Koordination im Vergleich178

Das Komma als syntaktisch indifferentes Interpunktionszeichen verrät dem Leser an der Position 3 in Abb. 72 noch nichts über eine mögliche Gruppenbildung (linke 178

Abb. 72 stellt die verschiedenen Koordinationsebenen mithilfe syntaktischer Strukturbäume dar. Das oberflächensyntaktische Strukturformat wird hier lediglich aus darstellungstechnischen Gründen entlehnt. Obwohl sich durchaus Argumente dafür finden lassen, die koordinativen Gruppen als syntaktische Gruppen anzusehen (siehe (282)–(287)), ist mit der Darstellung nicht impliziert, dass es sich bei den koordinativen Gruppen um syntaktische Konstituenten handelt. Dargestellt wird lediglich eine in Teilen syntaktisch motivierbare Gruppenbildung.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

249

Darstellung). Zu den einzelnen Pfeilen: a) zeigt, dass mit dem Konjunktor, genauer gesagt mit der vollzogenen Koordination, die Fortführung des postnuklearen Bereichs von Katzen blockiert wird. Mit b) könnte zum einen der Ausbau des unmittelbaren postnuklearen Bereichs zu Mäuse beginnen. Dieser ist mit dem Komma nur sentenziell (z. B. als Relativsatz) möglich; zum anderen wäre unmittelbare nukleare Koordination unter N1 denkbar, wie sie weiter oben schon diskutiert wurde (siehe S. 205ff.; Abb. 55, S. 209 und Abb. 56, S. 210), sie entspricht der oben angesprochenen Subgruppenbildung in (283) bzw. Abb. 71b). c) schreibt die nukleare Koordination von N2 weiter, entspricht also (284) (bzw. Abb. 71c). d) schließlich beendet die N2. Wenn jetzt noch ein koordinatives Element angeschlossen werden soll, muss es N2 nebengeordnet werden und mit N2 eine gemeinsame Einordnungsinstanz bilden (vgl. Lang 1977). – Und nur diese Lesart lässt das Semikolon zu. Auch wenn diese Lesart d) offline augenfällig erscheint, das Semikolon vereindeutigt schon früh die koordinative Gruppenbildung, weil es dem Leser zeigt, wo es strukturell nicht langgeht; das Komma nicht. Selbst bei diesem höchstseltenen Satztyp kann dem Semikolon gegenüber dem Komma also noch ein potentieller Vorteil für den Leser abgerungen werden. Ob damit die spezifische Kommalesart und die entsprechende Semikolonlesart in d) (Abb. 72) generell und umfassend identisch sind, ist damit noch nicht gesagt. Vielleicht gibt es einen weiteren, möglicherweise semantischen Partitionierungseffekt des Semikolons, der mit diesen bescheidenen und bloß syntaktischen Mitteln nicht erfasst werden kann. Klar ist jedenfalls vor diesem Hintergrund, warum man in einem Satz wie (273) die einzelnen Konjunkte nicht über die Semikolongrenze vertauschen kann, wie Behrens bemerkt (vgl. Behrens 1989: 90). Man würde die durch die Semikolons geschaffenen Konjunkte an sich verändern. Abb. 72 verdeutlicht, dass sich das Semikolon bei der nuklearen Koordination gewissermaßen ähnlich verhält wie im postnuklearen Bereich, wenn man die attributiven Einbettungsebenen zu den koordinativen Einbettungsebenen analog betrachtet. Es ist daher kein Zufall, dass sich Abb. 72 und beispielsweise Abb. 62 (S. 222) strukturell sehr ähnlich sind. Das Semikolon verbietet jedwede tiefere Einbettungsstruktur. Sowohl der Aufbau eines unmittelbaren postnuklearen Bereichs als auch die Bildung einer koordinativen Subgruppe können als eine solche tiefere Struktur begriffen werden. Festzuhalten bleibt: Auch wenn die gegenwärtige Interpunktionsliteratur durch die Wahl der Beispielsätze ohne postnuklearen Bereich sich einen gewinnbringenden Blick auf das Semikolon selbst verstellt – die postnukleare Wirkweise des Semikolons lässt sich bei der komplexen nuklearen Koordination wiederfinden.

4 Semikolon

250

Dabei kommen wesentliche Unterschiede zwischen Komma und Semikolon erst bei der Online-Analyse zum Tragen: Komplexe nominale Strukturen können mit dem Komma zum Teil recht vielfältig erweitert werden, mit dem Semikolon jedoch müssen sie abgeschlossen werden, zahlreiche Anbindungsmöglichkeiten bleiben dem Leser frühzeitig erspart. Vor diesem Hintergrund lässt sich, was für den pränuklearen Bereich gilt, auf den postnuklearen übertragen. Mit dem Semikolon ist die, aus Lesersicht, aktuell eingelesene Nominalgruppe beendet. Gibt es eine Anbindung der folgenden Konstituente nach links, findet diese auf einer höheren Ebene statt, in der Regel ist wenigstens der Kern der am höchsten im Satz funktionalisierten Nominal- bzw. Präpositionalgruppe betroffen, oder aber die entsprechende Nominal-/ bzw. Präpositionalgruppe selbst oder noch höhere Konstituenten. 4.6.2

Das Semikolon innerhalb von Sätzen (Strukturtyp I)

Bisher ist das Semikolon in Zusammenhang mit der Syntax der Nominalgruppe bzw. der Präpositionalgruppe betrachtet worden. Im folgenden Abschnitt behandle ich zum einen Semikolons, die als Bezugsgröße offline einen oder mehrere Sätze haben. Im TiGer-Korpus habe ich 376 Sätze (89 %) diesem Typus zugeordnet. Angesichts dieser großen Zahl steht also für den Leser eher zu erwarten, dass die einem Semikolon folgende Konstituente nicht koordinativ oder appositiv nach links angebunden wird, was den Schwerpunkt des letzten Kapitels bildete, sondern dass sie viel mehr im Rahmen eines anderen, nächsten Satzes funktionalisiert ist. Dennoch ist es, daran sei noch mal erinnert, aus Lesersicht nicht eindeutig, ob einem Semikolon ein eigener Satz folgt oder nicht. Zum zweiten betrachte ich in diesem Abschnitt auch die Sätze und Konstruktionen des Strukturtyps II, allerdings mit Blick auf die Satzebene. In Sätzen wie (172), S. 167, wie ich sie im vorigen Abschnitt ausführlich diskutiert habe, geht es um eine Folge von Nominalgruppen. Die Hierarchieebene, auf der sich die einzelnen Nominalgruppen koordinativ begegnen, ist im Gegensatz zum Komma mit dem Semikolon einen Schritt nach oben verlagert, in diesem Sinne konnte es als das stärkere Zeichen interpretiert werden. Auf der Ebene der Nominalgruppe bzw. der Präpositionalgruppe war also das Verhältnis zwischen Komma und Semikolon bedeutend. Es kam sowohl auf ihr Zusammenspiel als auch auf den Kontrast zwischen den beiden Zeichen an. Auf der Ebene des Satzes

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

251

rücken nun zwei weitere Zeichen ins Blickfeld – und zwar sowohl als konkurrierende Interpunktion als auch als in ihrer Interaktion mit dem Semikolon: der Punkt und der Doppelpunkt. Die Position des Semikolons innerhalb des graphematischen Satzes In Bezug auf die Nominalgruppe war bereits die Rede davon, dass das Semikolon topologischen Restriktionen unterliegt und – daraus resultierend – dem Leser topologisch verwertbare Informationen liefert; und zwar indem es im pränuklearen und nuklearen Bereich nicht steht und somit das Ende dieser Bereiche anzeigt – sowie eben auch das Ende eines oder mehrerer postnuklearer Bereiche. Schaut man nun auf Sätze, ist das Semikolon ebenfalls topologisch auffällig. Auch wenn es trivial erscheint, bleibt doch in der einschlägigen Semikolonliteratur unerwähnt, dass das Semikolon erst ‚spät‘ in einem Satz stehen kann (und nebenbei: Allein das macht es als Koordinationszeichen in vielen Fällen unbrauchbar). Was das genau heißt, darauf möchte ich im Folgenden eingehen. Ich beginne mit dem Vorfeld. Hier kann das Semikolon nicht vorkommen, wie das (konstruierte) Beispiel (288) zeigt. Im TiGer-Korpus finden sich auch keine Belege. (288)

*Getrocknete Früchte und Beeren; Knoblauch und Zwiebeln isst Merle nicht so gerne.

Interessant in diesem Zusammenhang sind Sätze wie (289), die, zwar vereinzelt, aber durchaus vorkommen und die auch in den Dudenregeln mehrfach erwähnt werden. (289)

Wenn der CDU-Politiker den inneren Frieden in diesem Land schon deswegen als bedroht bezeichnet, weil die Richter einige der Asyl-Bestimmungen für verfassungswidrig erklären könnten; wenn der Minister jede kleine Korrektur an den Gesetzen quasi mit ihrer Zerschlagung gleichsetzt; wenn der Christdemokrat selbst die drastisch gesunkenen Flüchtlingszahlen noch immer als riesiges Problem darstellt; und wenn Kanther im Hinblick auf die Anhörung des Gerichts eine dramatisierende Formulierung an die andere reiht: Dann kann man das wohl […] (TiGer1: 350519–350560)

4 Semikolon

252

Die gereihten Nebensätze in (289) stehen zwar als Antezedens vor der Konsequenz, besetzen aber nicht das Vorfeld, das nach dem Doppelpunkt mit Dann als Anzeiger der Konsequenz neu bestückt wird. Das ist in den entsprechenden Beispielsätzen von Bredel und den Dudenregeln auch so (vgl. Bredel 2011: 83 / (Duden 1984 [1876]: 169).179 Meiner Meinung nach kann man in (289) von einer Besetzung des Vorvorfeldes bzw. des linken Außenfeldes sprechen (Zifonun et al. 1997: 1577–1582). Ungewöhnlich ist dann dabei auf den ersten Blick der vergleichsweise hohe Integrationsgrad der Nebensätze im linken Außenfeld durch die einleitende Konjunktion bzw. durch die Verb-Letzt-Stellung. Eindeutig ist jedenfalls, dass die wenn-Sätze in (289) nicht zum Vorfeld gehören und inhaltlich nach rechts orientiert sind.180 Auch im Mittelfeld sind Semikolons ausgeschlossen. Das zeigen die Sätze (290)–(291). (290) (291)

??

Er liest kurze Romane und Dramen; Gedichte und Novellen vor. Bei Ammann (und z.T. auch als Fischer-Taschenbücher) liegen seine Romane Aké, eine afrikanische Kindheit; Isarà, eine Reise um den Vater; Der Mann ist tot, ein Gefängnistagebuch) vor. (TiGer1: 125184) ?

Bei (290) handelt es sich um ein konstruiertes Beispiel, in (291) – als einziges Beispiel aus dem Korpus – liegt offenbar ein Fehler vor. Möglich ist, dass in einer vorhergehenden Überarbeitungsstufe die Romane eingeklammert waren und nicht der Verlag. Darauf deutet die verwaiste schließende Klammer nach Gefängnistagebuch hin. Eingeklammert und als Parenthese verstanden wären die Semikolons in (291) regulär (siehe S. 170).

179

180

Allerdings variiert die Form der Nahtstelle zwischen Antezedens und Konsequenz. Bei Bredel geht es nach dem Doppelpunkt kleingeschrieben weiter (vgl. Bredel 2011: 83), im Duden steht statt des Doppelpunktes ein Gedankenstrich (Duden 1984 [1876]: 169). Ein Punkt scheint überraschenderweise nicht möglich zu sein. Sowohl das linke als auch das rechte Außenfeld sind in der IDS-Grammatik unter anderem dadurch charakterisiert, dass sie syntaktisch nicht integrierte Einheiten enthalten (vgl. Zifonun et al. 1997: 1577/1646), ohne dass im Einzelnen dargelegt wird, worin die syntaktische Integration besteht. Rein formal wären sie aber Linksversetzungen in den Trägersatz integrierbar: I. (...) der Dichter, der kann mit der Sprache praktisch machen, was er will. (Zifonun et al. 1997: 1579; fett i. O.) Man kann also in diesem Fall nicht sagen, das Außenfeld ist ein Feld für syntaktisch nicht integrierte Ausdrücke, sondern die Position und Interpunktion des Thematisierungsausdrucks zeigt seine syntaktische Nicht-Integration.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

253

Das Semikolon kommt ebenfalls nicht innerhalb der linken Satzklammer vor, das zeigt (292). (292)

*Hans wollte; konnte; ließ das Auto nicht verkaufen.

Das mag nicht nur daran liegen, dass es generell, wie in dieser Untersuchung angenommen, topologisch eingeschränkt ist auf Satzabschlusspositionen, sondern auch daran, dass die linke Satzklammer keine phrasalen, d. h. erweiterbaren Ausdrücke enthält (vgl. Wöllstein 2010: 33), so dass hier in der Regel nur einfache Konnekte entstehen – für die das Semikolon ausgeschlossen oder zumindest stark dispräferiert erscheint. Ob das Semikolon innerhalb der rechten Satzklammer ausgeschlossen ist, möchte ich an dieser Stelle offenlassen, ein konstruiertes Beispiel zeigt (293). (293)

??

Paul wollte das neue Auto letztes Jahr schon abbezahlt haben; zur Inspektion gebracht haben; wieder verkauft haben.

Belege finden sich – in dem hier genutzten, vergleichsweise kleinen Korpus – nicht. Strukturell vergleichbar ist (293) aber mit Fällen wie (298) (siehe unten), das heißt, dass die Semikolons hier durchaus an satzstrukturellen Abschlussposition stehen und, zumindest aus systematischer Perspektive, nicht grundsätzlich ausgeschlossen erscheinen. Schließlich findet sich das Semikolon auch nicht zwischen den Stellungsfeldern. Insbesondere das Vorfeld wird von der rechten Satzklammer nicht abgetrennt – nicht wenn es sich um ein satzwertiges Vorfeld handelt und auch nicht etwa bei einem längeren nicht-satzwertigen Vorfeld; es gibt also offenbar kein ‚Vorfeldsemikolon‘ als Äquivalent zum sogenannten Vorfeldkomma (vgl. Hochstadt / Olsen 2016; Berg et al. 2020). In der Zusammenschau ergibt sich, dass das Semikolon topologisch betrachtet in dem Bereich vom Vorfeld bis zu rechten Satzklammer nicht steht. Es ist damit in zweifacher Weise eingeschränkter als das Komma: Erstens ist es in Bezug auf die lineare Struktur des Satzes auf die Randbereiche, besonders auf den rechten Randbereich festgelegt; zweitens ist es in Bezug auf die Konstituentenstruktur des Satzes weitestgehend ausgeschlossen von nominalen und präpositionalen Gruppen, wie im vorigen Abschnitt 4.6.1 gezeigt.

4 Semikolon

254

Abb. 73: Topologie des Semikolons und des Kommas181

Steht ein Semikolon nach einer rechten Satzklammer, befindet sich links davon in aller Regel ein syntaktisch vollständiger, zumindest aber ein beendeter Satz. Denn obligatorische Konstituenten oder sonstige subordinierte Elemente folgen dem Semikolon nicht mehr. Ausnahmen scheint es hier praktisch nicht zu geben. Insofern ist das Semikolon ein Satzschlusszeichen (vgl. Eisenberg 2013b: 89 / Eisenberg 2017: 96). Es schafft für den Leser syntaktische Konturen am rechten Rand. Weiter unten versuche ich zu zeigen, dass sich das Semikolon im linken Außenfeld durchaus analog verhält: Es schafft auch hier ‚Satzgrenzen‘ bzw. ‚-abschlüsse‘ in Bezug auf die aktuell eingelesene Struktur. Diese topologischen Restriktionen des Semikolons haben bisher keinen Eingang in die gängige Interpunktionsliteratur gefunden. Syntaktisch unvollständige Sätze finden sich nur vereinzelt links vom Semikolon. Solche Sätze werden aber nie mit Konstituenten nach dem Semikolon komplettiert. Sie kommen in einem Maße vor, in dem auch sonst graphematische Sätze syntaktisch unvollständig sein können. Es fehlt in diesen Fällen in den Sätzen des TiGer-Korpus’ und des Literatur-Korpus’ dann immer das Verb. Einige Beispiele182 zeigen (294)–(297). (294)

(295)

181

182

Ein sezierter, segmentierter, seines Schwungs und Raffinements beraubter Chopin: selbstverständlich ein entleibter Tonpoet, aufgezeigt als Skelett auf einer anatomischen Schautafel; ein grusliger, aber auch "magischer" Anblick, Irritation und Nachdenklichkeit hervorrufend statt des üblichen kathartischen Behagens. (TiGer1: 575371) Ganz richtig; nur abwechselnd halte ich mich hier auf. (184; 6.45)

Zur Topologie des Doppelpunktes und des Kommas aus didaktischer Perspektive siehe auch Bredel 2015. Dass in zeigen (294) und (297) auch die Ausdrücke n a c h dem Semikolon syntaktisch unvollständig sind, ist für die Argumentation hier nicht relevant.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (296) (297)

255

[…] »Nu, nu; man stirbt auch nicht dort. [...] (35; 11.176) Immer dasselbe; gedankenlos und freudlos, wie das Weberschiffchen, das gleichmäßig hin und her durch die grauen Wollenfäden schießt. (37; 11.208)

Die Beispiele (295)–(297) stammen aus dem Literatur-Korpus. Hier sind etwas mehr Belege mit syntaktisch unvollständigen Sätzen links vom Semikolon (ca. 1 %) zu finden. Aber es gilt ebenfalls: Auch wenn es unvollständige Sätze links von einem Semikolon gibt, so sind diese doch mit dem Semikolon beendet und bleiben im weiteren Verlauf unvollständig. Die Beispiele (294) und (297) sind nicht nur links, sondern auch rechts unvollständig. Aber wie in Abschnitt 4.4.2 gezeigt, ist letzteres für Semikolonkonstruktionen keine Besonderheit. Gerade an (294) sieht man, dass sich rechtes und linkes Semikolon-Konnekt so zueinander verhalten, wie bei einer syntaktisch vollständigen Struktur auf der linken Seite auch, nämlich funktional hierarchisiert, wenn auch schwer klassifizierbar: Ist der Ausdruck ein grusliger, aber auch "magischer" [...] formal einer Apposition ähnlich, so ist er funktional nicht auf ein Nominal bezogen, sondern vielmehr modifiziert er nachtragsartig den ganzen Ausdruck nach dem Doppelpunkt.183 Für den Leser wird mit dem Semikolon die aktuell aufgebaute Struktur mit dem Semikolon rechts davon syntaktisch als komplett gekennzeichnet; nicht in Bezug auf einen voll ausgebauten Satz, vielmehr kann der Ausdruck im Rahmen des aktuellen Textabschnittes als maximal ausgebaut verstanden werden, selbst dann, wenn er syntaktisch unvollständig ist. 4.6.2.1

Das Semikolon als Satzschlusszeichen bei nominaler Koordination

Nun scheinen gerade die in dem vorigen Kapitel 4.6.1 ausführlich diskutierten Koordinationen von nominalen und präpositionalen Gliedern gegen das Semikolon als Satzschlusszeichen zu sprechen. Sätze wie (298) wirken ja nach dem ersten Semikolon nicht wirklich abgeschlossen. Außerdem könnten die Koordinationsglieder das Mittelfeld besetzen, was auf den ersten Blick gegen die soeben gegebene Beschreibung der Stellungseigenschaften des Semikolons spricht.

183

Dagegen gibt es auch Ausdrücke mit Semikolons, die unvollständig und heterarchisch sind. Hier handelt es sich meist um Reihungen, die entweder nicht im Textmodus (zum Beispiel in Bildunterschriften) vorkommen oder als gereihte Ausdrücke in Klammern.

256 (298)

4 Semikolon Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß. (AR 2013: § 80)

Ich möchte argumentieren, dass auch Sätze wie (298) in das hier gezeichnete Bild vom Semikolon als Satzschlusszeichen passen. Abgeschlossenheit und die Unfähigkeit des Semikolons, im Mittelfeld zu stehen, hängen dabei eng zusammen. Ausschlaggebend für die Grammatikalität von (298) ist, dass der Satz mit einer Aufzählung abgeschlossen ist. Abgeschlossenheit ist also in dem Sinne erreicht, dass nach dem Semikolon ausschließlich koordinative oder herausgestellte Glieder angeschlossen werden, subordinierte aber nicht. Die Syntax ist mit dem ersten Semikolon also auch in Sätzen wie (298) bereits zum Erliegen gekommen, d. h. auf der Anbindungshöhe Satz de facto beendet. Ob die Semikolonglieder (298) das Mittelfeld besetzen, ist an diesem Satz nicht eindeutig zu entscheiden. Sobald aber die rechte Satzklammer besetzt ist, und damit das Mittelfeld besonders ausgezeichnet, kann das Semikolon dort nicht mehr stehen, siehe (299). (299)

*Unser Proviant hat aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß bestanden.

Aus (298) und (299) kann man schlussfolgern, dass die Unfähigkeit des Semikolons, im Mittelfeld stehen zu können, offenbar aus dem Abgeschlossenheitskriterium folgt: Ist das Mittelfeld eindeutig markiert, folgt ihm notwendigerweise die rechte Satzklammer, und damit ist der Satz im Mittelfeld nicht abgeschlossen – folglich das Semikolon ausgeschlossen. Das Abgeschlossenheitskriterium erscheint als das zentrale. Die hier beschriebene Abgeschlossenheit bleibt im weiteren Verlauf des Satzes erhalten und ist dahingehend ein gewissermaßen lineares Phänomen. Subordinierte Elemente sind dauerhaft ausgeschlossen. Bredel beobachtet Vergleichbares: „Vom Punkt erbt das Semikolon die Irreversibilität“ (Bredel 2011: 81). Sie folgert daraus, dass es sich bei dem angeschlossenen Ausdruck um eine „maximale Projektion“ (Bredel 2011: 81–82; fett i. O.), das heißt um eine vollständige Konstituente handeln muss. Wie in 4.4.2 gezeigt, muss das aber nicht der Fall sein. Dass der Satz nach der Koordination auch nicht mit anderen Elementen als der rechten Satzklammer wieder aufgenommen werden kann, zeigen (300) und (302).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (300)

(301)

(302)

(303)

257

*Weil im Trainingslager viel und hart gearbeitet wird, kaufen wir gedörrtes Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß für die ganze Mannschaft. Weil im Trainingslager viel und hart gearbeitet wird, kaufen wir gedörrtes Fleisch, Speck und Rauchschinken, Ei- und Milchpulver sowie Reis, Nudeln und Grieß für die ganze Mannschaft. *Unser Proviant besteht aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß für volle zwei Wochen. Unser Proviant hat bestanden aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken sowie Ei- und Milchpulver für volle zwei Wochen.

Satz (300) ist ungrammatisch, wenn man für die ganze Mannschaft als Präpositionalobjekt bzw. präpositionale Ergänzung zu kaufen liest, möglich ist nur die attributive Lesart; für die ganze Mannschaft ist dann Attribut zu Reis, Nudeln und Grieß. In (301) kann nach einer lediglich kommatierten Aufzählung für die ganze Mannschaft als Objekt angeschlossen werden. Genauso kann sich in (302) wiederum für volle zwei Wochen nur attributiv auf die Teilkoordination nach dem letzten Semikolon beziehen, nicht aber adverbial zum Satz gelesen werden; ganz im Gegensatz zu (303). Systematisch ist (298) also durchaus mit der Auffassung des Semikolons als Satzschlusszeichen vereinbar.184 Zwar kann der Satz weitergeführt werden, aber auf der Anbindungsebene Satz ist die Konstruktion abgeschlossen. Auch für den Leser ist und bleibt das Semikolon ein Abschlusszeichen. Auch wenn wie in (298) Koordination möglich ist, kann er nicht fest davon ausgehen. Schon das erste Semikolon in einem Satz errichtet eine potentielle Satzgrenze zu einem neuen, syntaktisch vollständigen und unabhängigen Satz, vgl. (304). Und strukturell sind diese Semikolonanschlüsse mit ca. 80 %, daran sei noch mal erinnert, weitaus am häufigsten.

184

Bredel fasst dies im Prinzip, indem sie in Bezug auf die Struktur nach dem Semikolon ein „Verbot der Auswertung lexikalischer Informationen“ (Bredel 2008: 188) aus vorangehenden Einheiten annimmt (vgl. Abschnitt 4.4.2). Auch hier zeigt sich aber, dass es nicht auf die lexikalische Information ankommt, sondern auf die Fortführung des Satzes mit mehr oder weniger syntaktisch integrierten Elementen als solchen.

4 Semikolon

258 (304)

4.6.2.2

Unser Proviant bestand aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei und Milchpulver hatten wir vergessen. (wiederholt Bsp. (229), S. 214) Dem Semikolon folgt nur eine einzige funktionale Einheit

Ich möchte nun die spezifische Abgeschlossenheit, die das Semikolon schafft, noch genauer betrachten. Nicht nur dass sie einen qualitativen Aspekt hat, nämlich dass die eindeutig subordinierte Fortführung des Satzes ausgeschlossen ist; sie hat auch einen quantitativen: Was dem Semikolon folgt, kann höchstens als ein einziges wenn auch möglicherweise unvollständiges funktionales Element an die Vorgängerkonstruktion angefügt werden – wenn es denn überhaupt angefügt wird. Weil der kompetente Leser darum weiß, wird er den dem Semikolon folgenden Ausdruck genau so interpretieren wollen. Deswegen kommt für (300) und (302) jeweils nur die attributive Lesart infrage. Denn bei dieser wird das gesamte Material nach dem jeweils letzten Semikolon schließlich zu einer funktionalen Einheit (in diesem Fall ein Koordinationsglied) verrechnet. Bei der Lesart als Präpositionalobjekt bzw. als Adverbial hingegen müssten zwei verschiedene syntaktische Relationen auf die Vorgängerkonstruktion bezogen werden. Die Korpusdaten bestätigen diese Annahme, wobei es im Einzelfall auf die syntaktische Analyse ankommt, die in dieser Arbeit funktional und rezeptionsbezogen geschieht. Ich führe hier exemplarisch einen beispielhaften Satz aus dem Korpus an. (305)

Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten; wie man vermutet, mit Subventionen aus Paris. (TiGer1: 88810)

In (305) folgt dem Semikolon zunächst ein eingeschobener Satz, dann eine Präpositionalgruppe. Für derlei Konstruktionen gibt es in der Oberflächensyntax keine Standardlösungen. Die naheliegende Lesart ist, dass eben vermutet wird, dass das Anbieten mit Subventionen aus Paris geschieht. Das heißt, im Falle von (305) kann der fokussierte Ausdruck nur rechts vom Schaltsatz liegen. In diesem Sinne, dass fokussierender und fokussierter Ausdruck zusammengehören, betrachte ich sie als eine einzige funktionale Einheit in Bezug auf die Vorgängerkonstruktion. An der

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

259

Lenkung des Fokus’ von vermutet ist das Semikolon mit beteiligt. Das möchte ich mit den folgenden Sätzen zeigen. (306)

Französische Firmen könnten, wie man vermutet, etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten, mit Subventionen aus Paris.

Satz (306) zeigt, dass der Schaltsatz sowohl linke als auch rechte Einheiten fokussieren kann, nämlich entweder könnten (bzw. könnten anbieten) oder etwa Generatoren für Gasturbinen. (307)

(308)

Französische Firmen könnten etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten, wie man vermutet, um sich wichtige Marktanteile zu sichern. Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten, wie man vermutet, mit Subventionen aus Paris.

Satz (307) zeigt, dass sich diese Möglichkeit auch am Satzende ergibt. Mag es für (306) und (307) auch präferierte Lesarten geben, die Sätze bleiben ambig. (309)

Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen mit Subventionen aus Paris anbieten; wie man vermutet.

Auch mit Semikolon kann wie man vermutet seine Linksorientierung erhalten, wie (309) zeigt. Es bezieht sich dann auf die gesamte Konstruktion. (310)

Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten mit Subventionen aus Paris; wie man vermutet.

Rückt man nun mit Subventionen aus Paris ins enge Nachfeld (310), kann sich vermutet nicht ausschließlich darauf beziehen, sondern weiterhin nur auf den ganzen vorherigen Satz. In (311) steht nun mit Subventionen aus Paris nach dem Semikolon. Hier gilt Vergleichbares.

4 Semikolon

260 (311)

Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten, wie man vermutet; mit Subventionen aus Paris.

Rücken nun beide Ausdrücke hinter das Semikolon, werden sie zusammen verstanden (312) und (313). Andere Möglichkeiten wie in (307) und (308) scheint es nicht zu geben. (312)

(313)

Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten; wie man vermutet, mit Subventionen aus Paris. Französische Firmen könnten dagegen etwa Generatoren für Gasturbinen zu Dumpingpreisen anbieten; mit Subventionen aus Paris, wie man vermutet.

Weil nun die Ausdrücke nach dem Semikolon als eine einzige Einheit verstanden werden, liegt der Skopus auf mit Subventionen aus Paris fest. Da sich wie man vermutet meines Erachtens ähnlich einer Fokuspartikel verhält, sollte diese Konstituente mit Subventionen aus Paris nebengeordnet werden und beides schließlich als eine funktionale Einheit verstanden werden; als syntaktische Relation für diese Einheit kommt nur die adverbiale Angabe infrage. 4.6.2.3

Semikolon und und

Weitere Evidenz für die charakteristische Abgeschlossenheit des Satzes mit dem Semikolon zeigt sich am Verhalten von und nach einem Semikolon. Darum geht es im folgenden Abschnitt. Es wird sich zeigen, dass und sich nach einem Semikolon ähnlich verhält wie nach einem Satzgrenzenkomma, obwohl die verbundenen Glieder lediglich koordiniert erscheinen. Das spricht ebenfalls für die besondere Grenzwirkung des Semikolons und dafür, dass es eher als ein Abschlusszeichen denn als ein Koordinationszeichen zu betrachten ist. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist (314). (314)

Unser Proviant besteht aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken, aus Ei- und Milchpulver sowie aus Reis, Nudeln und Grieß; und reicht für volle zwei Wochen.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

261

Hier wird der initiale Satz nach der nominalen Koordination mit einem koordinierten elliptischen Satz fortgeführt. Solche Sätze sind, wie in Abschnitt 4.4.2 gezeigt, dann problemlos mit Semikolon abgrenzbar, wenn dieses unmittelbar vor und das Satzende des vorigen Satzes anzeigt. Die Sättigung einer elliptischen Struktur kann dabei nur von rechts nach links über die Semikolongrenze geschehen und niemals umgekehrt. Insofern ist das Semikolon ein potentiell asymmetrisches Zeichen. Das und nach dem Semikolon muss den ganzen Satz vor dem Semikolon im Skopus haben, denn das tilgende Element ist das Subjekt Unser Proviant. Satz (315) zeigt nun die Merkwürdigkeit (jedenfalls wenn man von nominaler Koordination ausgeht), dass ein elliptischer Satz nicht mehr anschlussfähig ist, wenn er dem Semikolon nicht mehr unmittelbar folgt. Die Tilgung des Subjekts Unser Proviant ist nun nicht mehr möglich. (315)

*Unser Proviant besteht aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß und reicht für volle zwei Wochen.

Mit Kommas anstatt des Semikolons wäre der Satz wiederum grammatisch, wenn auch in Bezug auf die Koordination der nominalen Einheiten weniger profiliert, das zeigt (316). (316)

Unser Proviant besteht aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken, Ei- und Milchpulver, Reis, Nudeln und Grieß und reicht für volle zwei Wochen.

Dass nun (315) ausgeschlossen ist, (314) und (316) dies aber nicht sind, ist ebenso leicht intuitiv nachzuvollziehen wie theoretisch kniffelig zu begründen. Dabei kommt wohl Mehreres zusammen und ich versuche im Folgenden zwei verschiedene Begründungsansätze liefern, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Das erste Semikolon nach Rauchschinken in (315) errichtet eine Grenze. Diese hat zwei analytisch trennbare Momente. Das erste ist der oben schon diskutierte Abschlussaspekt: Das Semikolon beendet an Ort und Stelle und obligatorisch die

262

4 Semikolon

aktuelle Nominalgruppe sowie die koordinative Subgruppe185 (siehe S. 246ff.) und lässt einen unmittelbaren postnuklearen Bereich nicht mehr zu (siehe Abschnitt 4.6.1). Gleichzeitig beendet es in spezifischer Weise auch den Satz. Das heißt, wie oben gezeigt, für eindeutig subordinierte Elemente bleibt der dem Semikolon folgende Bereich gesperrt. Fortgeführt werden kann er nur im flachen Fahrwasser der Nominalgruppe; so entsteht der Effekt des ‚koordinativen Ausstotterns‘, indem weitere nominale Elemente angefügt werden. Eine erste Begründung, warum (315) nicht möglich ist, ist oben schon geliefert: Der Ausdruck und reicht für volle zwei Wochen ist zwar nicht subordinativ und von daher ist er als Semikolon-Konnekt grundsätzlich zugelassen, allerdings ist er, funktional gesehen, das nicht-erste Element und von daher ausgeschlossen. Das zweite Moment der Semikolongrenze folgt direkt aus dem ersten und geht mit ihm Hand in Hand: der punktuelle Naht- oder auch Bruchstelleneffekt. Damit ist gemeint, dass der spezifische, nicht-subordinative und ein-elementige Anschluss direkt nach dem Semikolon – und nur dort – beginnt. (317)

Gefordert wird in dem Kirchenvolksbegehren der Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, in der das Kirchenvolk bei Bischofsernennungen mitentscheidet; Gleichberechtigung [...] (TiGer1: 368744, 368757, 368765, 368769)

Alle Ausdrücke, die Gleichberechtigung in (317) folgen – ob einfach oder komplex –, müssen syntaktisch in Bezug auf die Konstituenten nach dem Semikolon funktionalisiert werden, weil sie ja zusammen ein einziges funktionales Element ergeben müssen. Weder kann hier eine Nominalgruppe noch ein Satz an den vorigen Satzteil anschließen. Wenn überhaupt, müsste dafür eine weitere Nahtstelle geschaffen werden, in diesem Fall: Ein weiteres Semikolon oder ein Punkt müsste stehen. Also: (315) ist ausgeschlossen, weil es nicht möglich ist, und reicht für volle zwei Wochen als ein zweites funktionales Element auf die Konstruktion links vom Semikolon zu beziehen. Jedes neue funktionale Element braucht eine eigene Nahtstelle. Fehlt diese, müssen alle Elemente nach dem Semikolon syntaktisch miteinander ‚verrechnet‘ werden.

185

Die Subgruppe besteht, je nach Lesart, aus entweder einer oder zwei Nominalgruppen; wie oben gezeigt, k a n n die erste Nominalgruppe mit dem Komma nach Fleisch als abgeschlossen betrachtet werden.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

263

Das Verhalten von und zeigt nun, dass dieses beschriebene Grenzprofil in Bezug auf (315) dem eines Satzabschlusses gleicht. Schließt das und nach Grieß an, wie in (315), entsteht ein Ebenenkonflikt. Die Abgeschlossenheit des vorigen Satzes durch das Semikolon bleibt erhalten, die zweite Nahtstelle fehlt. Der koordinative Skopus von und in (315) reicht von links bis maximal an das Semikolon heran, schließt aber nicht das Semikolon und was links davon liegt, selbst mit ein. Es hat nicht die nötige ‚Kraft‘, um eine eigene Nahtstelle zu etablieren die vergleichbar mit dem Semikolon wäre. Zwar kann und als linkes Konjunkt durchaus einen ganzen Satz nehmen, von den Interpunktionszeichen her gesehen muss dieser aber plan verlaufen, d. h. er darf von den syntaktischen Interpunktionszeichen nur das Komma enthalten, wie (316) und (318)–(320) zeigen. (318) (319) (320)

Unsere Strategie bestand in gehörigem Fleiß, Druck und Biertrinken und funktionierte wunderbar. Sie verkauften das Haus, in dem sie groß geworden waren, schweren Herzens und spendeten das gesamte Geld. Sie verkauften auch das Sofa, den Stubentisch und die Lampe an die Nachmieter, die Küche und ...

Die Sätze (316) und (318) zeigen die Selbstverständlichkeit, dass und das Komma in Koordinationsfunktion im Skopus hält; in (319) beinhaltet das linke Konjunkt einen abgeschlossenen Nebensatz, also auch Satzgrenzenkommas. Beispiel (320) nun ist vergleichbar mit (315), S. 261: Der Skopus von und kann sich in genau dem Fall nach links nicht weiter als bis zu die Küche ausdehnen, in dem das Komma nach Nachmieter als Satzgrenze in Bezug auf die Matrixstruktur interpretiert wird. Mit die Küche entsteht in dieser Lesart ein neuer, unabgeschlossener Satz, dessen Aufbau von und nicht unterbrochen werden kann. Ein Satz wie (321) ist deswegen ausgeschlossen. (321)

*Unsere Strategie bestand in einer guten Planung, die wir immer rechtzeitig den Umständen anpassten und funktionierte wunderbar.

In (321) entsteht ein Ebenenkonflikt, vergleichbar mit dem in (315), mit dem Unterschied, dass es sich in (321) mit dem Komma nach Planung klar um eine Satzgrenze handelt, in (315) mit dem Semikolon jedoch scheinbar um Koordination.

4 Semikolon

264

In dem zu (320) vergleichbaren Satz (322) kann das Komma nach Paare eher als Koordinationskomma verstanden werden als das Komma in (320) nach Nachmieter. Die Folge ist, dass an die Familien nicht als Beginn eines neuen Satzes interpretiert wird. Demzufolge kann es eine Lesart geben, bei der und wieder die gesamte Konstruktion in den Skopus nimmt und eine eigene Satzgrenze etabliert.186 (322)

Der Bäcker verkaufte sonntags seine Brötchen an die glücklichen Paare, an die Familien und [...]

Bis hierher lässt sich zusammenfassend zweierlei sagen. Erstens: und ist grundsätzlich in der Lage, Kommas im Skopus zu halten. Dazu gehört in jedem Fall das Komma in koordinierender Funktion innerhalb von Sätzen; im Falle von eingeschobenen und bereits abgeschlossenen Sätzen kann ein und auch Satzgrenzenkommas überwinden. Aber und ist grundsätzlich nicht in der Lage, ein Semikolon im Skopus zu halten. So gesehen ist das Semikolon ‚stärker‘ als das Komma. Zweitens: Wenn es sich in (315) um eine bloße Koordination handelte, wäre zu erwarten, dass und den gesamten Satz in den Skopus nehmen könnte. Stattdessen verhält sich und wie nach einem satzwechsel-induzierenden Komma. Die Unfähigkeit von und, das Semikolon zu ‚überspringen‘, ist vor diesem Hintergrund als Indiz dafür zu werten, dass das Semikolon seine Funktion, den Satz abzuschließen, auch in Konstruktionen wie (315) erhält. Oder anders gesagt: Weil das Semikolon eine Satzgrenze bzw. einen Satzabschluss anzeigt, verhält sich und immer wie nach einem satzgrenzen-anzeigenden Komma – und hält das Semikolon und die Einheiten links davon nicht im Skopus. Weil und das nicht tut, ist das Semikolon das ‚stärkere‘ Zeichen als das Komma. Die Stärke des Semikolons wäre also letztlich zurückzuführen auf sein spezifisches Satzabschlussprofil, das mit seiner topologischen Restriktion einhergeht. Bemerkenswert finde ich dies im Zusammenhang mit Sätzen wie (298), S. 256: Wo das Komma in der jüngeren Interpunktionsliteratur entweder auf die Satzgrenzen- oder auf die Koordinationsfunktion reduziert werden konnte (vgl. Primus 1993/2010), integriert das Semikolon offenbar beides: Es ist – überspitzt formuliert – Koordination und Satzgrenze bzw. Satzabschluss gleichermaßen. Sogar in dem marginalisierten Vorkommen bei nominalen Koordinationen ohne Doppelpunkt am Satzende wie (298) lässt sich die Zeichenform kompositional deuten:

186

Aber das Komma nach Paare kann ebenfalls als Satzgrenze interpretiert werden.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

265

Der Punkt verweist auf den charakteristischen Satzabschluss, das Komma auf die Möglichkeit des koordinativen Anschlusses.187 Die Grenzwirkung des Semikolons schlägt also durch bis zur Satzgrenze, erlaubt aber dennoch eine koordinative bzw. additive (siehe Abschnitt 4.7) Anbindung auf Nominalgruppenebene, wenn der Satz ansonsten beendet ist. Das ‚koordinative Ausstottern‘ am rechten Rand mit Semikolon wie in (298) ist selten (siehe unten); das subordinative Ende des Satzes folgt aus struktureller Sicht nach dem Semikolon unmittelbar. Das ist der Unterschied zum Komma, das zwar ebenfalls Satzgrenzen ermöglicht, aber für den Leser kein Satzende der Konstruktion vor dem Komma absehbar macht. Stellungsfeldwirksame Interpunktionszeichen wie das Semikolon (und der Doppelpunkt, siehe unten) schaffen eine topologische Unebenheit, vergleichbar einer Satzgrenze oder zumindest eines Satzabschlusses, die und nicht zu überspringen in der Lage ist. Die Eigenschaften von und als prototypischem Koordinator, der nicht auf eine Hierarchieebene festgelegt ist, d. h. dessen Grenzwirkung schwach ist und eher ein Epiphänomen der Koordinationsfunktion, steht im Kontrast zu den Eigenschaften des Semikolons (und auch des Kommas), die primär als Grenzzeichen fungieren und bei denen die Koordinationsfunktion nicht unmittelbar erkennbar ist. Inwiefern und auch eine Grenze etabliert, muss vom Leser aus dem umgebenden Sprachmaterial abgeleitet werden – und ebenso muss sich der Leser beim Semikolon und beim Komma die Koordinationsfunktion erschließen. Für eine Analyse, die streng online vorgeht, ist es von besonderer Bedeutung zu unterscheiden, welche Struktureigenschaften aus dem Interpunktionszeichen erschlossen werden können und welche sich erst aus Parsing der übrigen syntaktischen Einheiten ergeben (siehe Abschnitt 3.3.2). 4.6.2.4

Semikolon und Doppelpunkt am Satzende

Dass ein Satz wie (298) sowohl von einer langen normativen Tradition begleitet wird als auch in der Folge von der linguistischen Literatur (wahrscheinlich sogar zu) große Aufmerksamkeit genoss, macht es grundsätzlich notwendig, diese wenn auch spezielle grammatische Konstruktion in einer adäquaten Beschreibung des Semikolons auch zu berücksichtigen. Dennoch, und das möchte ich an dieser

187

Ich möchte diese Deutung eher als eine amüsante Zufälligkeit verstanden wissen. Keinesfalls bin ich der Meinung, dass Interpunktionszeichen in diesem Sinne funktional-kompositorisch analysiert werden können.

4 Semikolon

266

Stelle noch mal wiederholend betonen, ist sie in dieser speziellen Form äußerst selten. Nicht nur, dass Strukturtyp II ohnehin marginal ist (3,6 % aller Belege). Von den 14 diesem Typus zuschreibbaren Konstruktionen im TiGer-Korpus ist in 12 Fällen die nominale oder präpositionale Koordination mit einem Doppelpunkt abgetrennt, siehe Beispiel (323). Es scheint regelrecht eine Musterbildung zu geben. Wie ist das vor dem Hintergrund der Stellungseigenschaften des Semikolons zu erklären? (323)

Über 50 Gesetze gibt es im indischen Bundesstaat, die die Stellung der Frau betreffen: Gegen ihre Benachteiligung im Beruf, für ihre Gleichstellung; gegen sogenannte Mitgift-Heiraten und Kinderehen, für gerechte Erbschaftsaufteilung. (TiGer1: 29436)

Im Gegensatz zu (298), S. 256 ist in (323) durch den Doppelpunkt bereits vor dem ersten Konjunkt klar, dass der strukturelle Aufbauprozess der Matrixstruktur weitgehend beendet ist. Der Doppelpunkt geriert sich somit als idealer Begleiter für eine Koordination mit Semikolon. Exkurs: Die Stellung des Doppelpunktes im graphematischen Satz Im Gegensatz zum Semikolon ist für den Doppelpunkt eine Beschränkung auf die Stellungsfelder schon in Erwägung gezogen worden (vgl. Karhiaho 2003 / Bredel 2008: 200–201 / Bredel 2011: 86–87; siehe aber Bredel 2016). Um das Zusammenspiel von Doppelpunkt und Semikolon genauer beschreiben zu können, möchte ich im Folgenden zunächst kurz auf die Topologie des Doppelpunktes eingehen. Dieser schlägt eine topologische Kerbe in den Satz, in den sich das Semikolon ideal einfügt; gleichzeitig schafft er auch eine Bruchstelle in Bezug auf den Strukturaufbau. Was heißt das im Einzelnen? Nach Bredel kann der Doppelpunkt keine Ausdrücke ankündigen, die sich im Mittelfeld befinden (vgl. Bredel 2008: 201), das zeigt (324). So steht der Doppelpunkt, nach Bredel, wenn überhaupt nur am äußersten Ende des Mittelfeldes, wie in (325). (324)

*Für den Weihnachtsbraten müssen wir: Zimtstangen, Pfeffer, Kräuter und Rotwein einkaufen.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (325)

267

Ich wollte nur noch: schlafen. (aus Bredel 2008: 199)

Ich gehe davon aus, dass (325) ein seltener Fall ist und vielleicht sogar als eine spielerische Verwendung des Doppelpunktes aufzufassen. Laut Bredel ergibt sich keine weitere Evidenz für ein Doppelpunktvorkommen im Mittelfeld. Karhiaho ist bei einer eindeutigen topologischen Zuordnung zögerlicher, vermeidet sie letztlich sogar. Sie schreibt, dass der Doppelpunkt bei Zusätzen mit sogenanntem Funktionslexem „immer gebraucht werden [kann], unabhängig von der Position des Zusatzes im Satz“ (Karhiaho 2003: 127). Ich möchte daher einen Blick auf die Beispiele werfen, die sie anführt. (326)

Und am Ende werden die Discjockeys dieser Welt den Papst sampeln (zu deutsch: verhackstücken), und in den Tanztempeln werden junge Leute herumzucken zu „Do, Do, Do, Dominus vobiscum“. (Der Spiegel vom 22.3.1999: 20; zitiert nach: Karhiaho 2003: 145)

Für das Beispiel (326) schließt Karhiaho aus, dass der Zusatz (und damit der Doppelpunkt) am Satzende steht (vgl. Karhiaho 2003: 146); vielmehr diene die rechte Satzklammer als „Bezugseinheit des Zusatzes“ (ebd.). Allerdings berücksichtigt sie hier nicht, dass der gesamte Zusatz in Klammern steht und diese ohnehin den Doppelpunkt und das Semikolon im Skopus halten können. In Klammern können Semikolon und Doppelpunkt, wenn der semantische Kontext angemessen ist, relativ frei im Satz vorkommen, man denke nur an Literaturangaben im Zuge des wissenschaftlichen Zitierens mit Doppelpunkt, wie (vgl. Halfwassen 2014: 51). Ausdrücke in Klammern sind nicht an die topologischen Regularitäten im Satz gebunden. Meines Erachtens sagen Beispiele wie (326) mehr über die Verwendungsmöglichkeiten der Klammern aus als über die des Doppelpunktes. Die Frage nach der topologischen Verortung des Doppelpunktes braucht man nicht stellen, wenn dieser in Klammern steht. Die weiteren Beispiele von Karhiaho zeigen darüber hinaus, dass es tatsächlich eine, wenn auch eingeschränkte Verwendungsmöglichkeit für den Doppelpunkt innerhalb des Kernsatzes, also vom Vorfeld bis zur linken Satzklammer, zu geben scheint, nämlich bei „wiederholenden Zusätzen“ (Karhiaho 2003: 146). In Karhiaho finden sich dafür insgesamt zwei aus einem literarischen Text stammende Belege:

268 (327)

(328)

4 Semikolon Als das ZWEITE SCHIFF endlich zurückkehrte, selbstverständlich - so sagte auf einmal jedermann! - ohne die Königsschwester, aber auch ohne Kalchas den Seher; als das Volk sich enttäuscht, ich fand: beinah feindselig am Hafen versammelte, murrend (der Spartaner, erfuhr man, habe über der Troer Forderung gelacht); als der düstere Schatten auf meines Vaters Stirn erschien - da habe ich zum letztenmal öffentlich geweint. (Wolf 1983: 40; zitiert nach: Karhiaho 2003: 145) Anchises war, nein: ist ein freier Mensch. (Wolf 1983: 104; zitiert nach: Karhiaho 2003: 110)

Dass der Doppelpunkt in (327) im Mittelfeld bzw. in (328) in der linken Satzklammer auftreten und vom Leser verarbeitet werden kann, liegt meiner Meinung nach an der sehr speziellen Verwendung: Nach einem zu präzisierenden bzw. wiederholenden Ausdruck folgt (nach einem Komma) ein „Funktionslexem“188 (Karhiaho 2003: 126), dann der Doppelpunkt und dann direkt die Wiederholung bzw. Präzisierung. Die gesamte Sequenz ist kurz und kohärent (solche Zusätze weisen stets Kontaktstellung auf) und ich vermute deshalb trotz der starken Zäsur durch den Doppelpunkt gut rezipierbar. In der Schriftsprache ist es ungewöhnlich und bedarf, im Gegensatz zur gesprochenen Sprache, einer funktionalen bzw. stilistischen Legitimierung, den Leser an sprachlichen Korrekturprozessen zu beteiligen (wie in Christa Wolfs Roman „Kassandra“, wo es sich um eine Ich-Erzählerin handelt). Auch für einen Zusatz ist zudem diese Konstruktion markiert, denn ihr rechter Rand ist graphematisch nicht gekennzeichnet. Insgesamt werte ich die Beispiele (327)–(328) als Ausnahmen, die an eine sehr spezielle Verwendung geknüpft sind; die formale Vielfalt sonstiger Doppelpunktverwendungen ist hier, direkt im Satz, gerade nicht möglich, und es zeigt sich auch nicht die typische Eigenschaft des Doppelpunktes, gerade längere Konstruktionen einzubeziehen. Das Zweite, was Karhiaho daran hindert, den Doppelpunkt eindeutig topologisch auf das Satzende zu verorten, ist, dass in vielen Fällen ohne rechte Satzklammer seine Mittelfeldposition nicht eindeutig ausgeschlossen werden kann. Wie für das 188

Funktionslexeme dienen bei Karhiaho als Unterscheidungsmerkmal bei Zusätzen (vgl. Karhiaho 2003: 118–119 / 126–129). Sie werden nicht syntaktisch, sondern semantisch-funktional definiert als sprachliche Elemente „mit der Funktion, ‚die inhaltliche Beziehung zwischen Zusatz und Basis‘ [sic!] anzuzeigen“ (Karhiaho 2003: 118), ein Ausdruck wie „nein“ in (328) gehört auch dazu. Den Schluss allerdings, dass Zusätze (und damit der Doppelpunkt) dann nicht mehr am Satzende vorkommen müssen, wenn sie von Funktionslexemen begleitet sind (vgl. ebd.: 146), halte ich für unzulässig. Die Optionen für den Doppelpunkt im Kernsatz scheinen auf die oben genannten speziellen Verwendungskontexte eingeschränkt.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

269

Semikolon auch, lässt sich aber für den Doppelpunkt zeigen, dass er im vermeintlichen Mittelfeld nur dann stehen kann, wenn der Satz nach rechts offen ist (329), sonst nicht (330), was Karhiaho aber meint, nicht erklären zu können (vgl. Karhiaho 2003: 115). (329)

(330)

Wir haben also das, was westdeutsche Studenten immer noch predigen: Basisdemokratie. (Süddeutsche Zeitung 24./25.10.1998: 19; zitiert nach: Karhiaho 2003: 109) *Wir haben als das, was westdeutsche Studenten immer noch predigen: Basisdemokratie gehabt.

Hier gehe ich davon aus, dass für den Doppelpunkt (wie für das Semikolon auch) die Position am subordinativen Satzende entscheidend ist, d. h. die rechte Satzklammer darf dem Doppelpunkt nicht mehr folgen. Die Frage nach dem Mittelfeld ist also, jedenfalls in Bezug auf den Doppelpunkt, ohne rechte Satzklammer nicht relevant. Vor diesem Hintergrund halte ich Karhiahos Bedenken, die gegen eine feste Verortung des Doppelpunktes im Satz sprechen, zwar nicht für unbegründet, aber sie lassen sich so weit entkräften, dass ich hier zu einem anderen Ergebnis kommen kann. Insgesamt ist davon auszugehen, dass der Doppelpunkt topologisch ähnlich aufgestellt ist wie das Semikolon: nach der rechten Satzklammer, wenn es eine gibt, sonst auch früher. Sowohl Karhiaho als auch Bredel gehen außerdem davon aus, dass der Doppelpunkt auch am Ende des rechten Außenfeldes stehen kann (darauf komme ich im Folgenden zurück). Abb. 73, S. 254 ließe sich also um den Doppelpunkt entsprechend erweitern:

Abb. 74: Topologie des Doppelpunkts im Vergleich zum Semikolon Komma

4 Semikolon

270 Die Doppelpunktexpansion entspricht nicht dem rechten Außenfeld

Was dem Doppelpunkt folgt, nennt Bredel unter Bezugnahme auf Nunberg (1990) Doppelpunktexpansion (vgl. Bredel 2008: 197). Sie bringt den Doppelpunkt mit dem Feldermodell zusammen und verortet jede Doppelpunktexpansion auf das rechte Außenfeld. Dagegen möchte ich hier verschiedene Einwände anführen. Bei genauerem Hinsehen stellt sich nämlich heraus, dass diese Annahme einen adäquaten Blick auf den Doppelpunkt verstellt. Ob es sich wirklich um eine Außenfeldbesetzung im selben Sinne handelt, wie es zum Beispiel bei Zifonun et al. (1997: 1646) beschrieben wird, das möchte ich bezweifeln. Die Eigenschaften der Doppelpunktexpansion weichen stark von denen des rechten Außenfeldes ab, wie ich im Folgenden zeigen möchte. Zum einen ist das rechte Außenfeld eher funktional als positional definiert. Im Außenfeld stehen syntaktisch nicht integrierte Ausdrücke (vgl. Wöllstein 2010: 73). Diese müssen allerdings nicht rechts außen im Satz stehen, sondern sie können auch inmitten des Nachfeldes vorkommen, wenn es sich um ein erweitertes Nachfeld mit zwei Nachfeldeinheiten handelt, wie in (331), siehe Abb. 75. Auch eine Position gänzlich vor dem Nachfeld erscheint nicht ausgeschlossen (332), siehe Abb. 76. (331)

Ich habe sie gefragt gestern, die Monika, ob das stimmt.



rechte Satzklammer

enges Nachfeld

rechtes Außenfeld

weites Nachfeld

[...]

gefragt

gestern,

die Monika,

ob das stimmt.

Abb. 75: Satz und Abbildung zitiert nach Zifonun et al. 1997: 1650

(332)

Das kannst Du mir glauben, Sabine, dass das stimmt.



rechte Satzklammer

rechtes Außenfeld

weites Nachfeld

[...]

glauben,

Sabine,

dass das stimmt.

Abb. 76: rechtes Außenfeld vor dem Nachfeld

Im Gegensatz dazu kann aber eine Doppelpunktexpansion nicht vor dem weiten Nachfeld stehen. In dieser Eigenschaft also ist das Außenfeld stärker integriert als

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

271

die Doppelpunktexpansion. Hinzu kommt, dass im weiten Nachfeld ein Satzkomplement stehen kann, einer Doppelpunktexpansion hingegen kann kein Satzkomplement mehr folgen. Das sollen die folgenden Beispielsätze (333)–(337) verdeutlichen. (333) (334) (335) (336) (337)

Das können sie mir alle glauben: dass das wirklich stimmt. Das können sie mir alle glauben: Es ist wirklich schon lange her. Das können sie mir alle glauben: die Sabine, der Stefan und die Monika. *Das können sie mir alle glauben: die Sabine, der Stefan und die Monika, dass das stimmt. *Das können sie mir alle glauben: die Sabine, der Stefan und die Monika, es ist wirklich schon lange her.

Satz (333) zeigt, dass der Doppelpunkt vor einem Komplementsatz nach der rechten Satzklammer stehen kann. Dieser kann, wie (334) zeigt, mit dem Doppelpunkt formal variieren. In (333) ist ein Komma möglich, in (334) hingegen nicht. Beispiel (335) zeigt nun, dass der Doppelpunkt auch vor Ausdrücken stehen kann, die als sogenannte Rechtsversetzung gelten (vgl. Altmann 1981: 54). Die Rechtsversetzung wird klassischerweise dem rechten Außenfeld zugeschlagen (vgl. Wöllstein 2010: 73), der dass-Satz als Komplementsatz hingegen dem weiten Nachfeld. Die Sätze (336) und (337) zeigen, dass die Doppelpunktexpansion nicht vor dem weiten Nachfeld stehen kann bzw. dass beide Funktionen zusammen nach dem Doppelpunkt nicht mehr realisierbar sind. Zweitens ist ja gerade das Besondere am Doppelpunkt, dass die nachfolgenden Einheiten auch Valenzstellen aus Elementen der Doppelkonstruktion besetzen können – wenn auch häufig formal abweichend realisiert (vgl. Bredel 2008: 199). Schon die Tatsache, dass die Doppelpunktexpansion mit einem Komplementsatz einen klassischen Nachfeldausdruck beinhalten kann, wie in (333), ist ein Argument, ihr nicht das rechte Außenfeld zuzuweisen. Denn derartige Formen der Integration werden für das rechte Außenfeld ausgeschlossen: Per definitionem stehen hier ausschließlich syntaktisch nicht-integrierte Elemente.189 Auch in (339) und (341) sieht es so aus, als könne der Doppelpunkt vor klassischen Ausdrücken

189

Die Frage, welche Konstruktionen als syntaktisch integriert gelten und welche Kriterien dafür anzulegen sind, ist durchaus kontrovers (vgl. dazu Zifonun 2015). Allerdings gehören Verbkomplemente wie in (338) eindeutig nicht dazu.

4 Semikolon

272

des Nachfeldes stehen. Diese können meiner Meinung aber nicht dem rechten Außenfeld zugeschlagen werden, bloß weil davor ein Doppelpunkt steht – selbst dann nicht, wenn sie formal abweichen. (338) (339) (340) (341)

Wir haben uns geschworen zum Abschied, dass wir immer Freunde bleiben werden.190 Wir haben uns geschworen zum Abschied: dass wir immer Freunde bleiben werden. Wir haben uns geschworen zum Abschied, wir werden immer Freunde bleiben. Wir haben uns geschworen zum Abschied: Wir werden immer Freunde bleiben.

Schließlich können sogar kasustragende Verbkomplemente in der Doppelpunktexpansion platziert werden, wie Satz (342) zeigt. (342)

Er hatte fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. (Beispiel aus Bredel 2011: 82)

Kaum etwas läge ferner, als diese sowohl in formaler als auch in funktionaler Hinsicht als hochintegriert geltenden Konstituenten ausgerechnet dem rechten Außenfeld zuzuschlagen. Aus dieser funktionalen Perspektive wiederum weist das Außenfeld eine Eigenschaft auf, die es als weniger stark integriert erscheinen lässt als die Doppelpunktexpansion. Drittens schließlich sind viele der typischen rechten Außenfeldbesetzungen mit Doppelpunkt gar nicht oder nur schwer denkbar. Dazu zählen interaktive Einheiten (343) und Zusätze (344), wie sie in der IDS-Grammatik verstanden werden (vgl. Zifonun et al. 1997: 1647), nicht aber unbedingt Thematisierungsausdrücke.191

190

191

In diesem Fall ist dass wir immer Freunde bleiben werden gerade nicht dem rechten Außenfeld zuzuschreiben, sondern, wegen der Anbindung an ein verbales Regens, dem sogenannten weiten Nachfeld (vgl. Zifonun et al. 1997: 1650). Die in der IDS-Grammatik so genannten Thematisierungsausdrücke sind meines Erachtens identisch mit dem, was Altmann unter Rechtsversetzung versteht (vgl. Altmann 1981: 54–55). Diese ist zwar durchaus mit Doppelpunkt abgrenzbar (siehe Beispiel (335)), aber wegen ihres vergleichsweise hohen syntaktischen Integrationsgrades (zum Beispiel Kasuskongruenz) sowie Abgrenzungsproblemen zur extraponierten Apposition (diese wird dem Nachfeld zugeordnet) sind gerade bei den Thematisierungsausdrücken aus meiner Sicht berechtigte Zweifel angebracht, ob eine

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (343) (344)

273

*Ich führe jetzt schon sechzehn Jahre diese Töpfe vor: nich? (zit. nach Zifonun et al. 1996: 1646; dort mit Komma; fett i. O.) *Mit den Mini-Röcken fing es an, und mit Blümchen auf dem Bein hört es auf: jedenfalls vorläufig. (zit. nach Zifonun et al. 1996: 1647; dort mit Gedankenstrich; fett i. O.)

Es lässt sich also zusammenfassend sagen: Die Doppelpunktexpansion ist stellungsmäßig weniger integriert als das rechte Außenfeld, von seiner syntaktischen Anbindung her ist es gleichzeitig stärker integriert und schließlich typischerweise schlicht mit einer anderen Art von Ausdrücken gefüllt – es gibt also auch Unterschiede semantischer Art. Das sind Gründe dafür, Doppelpunktexpansion und rechtes Außenfeld zu trennen.192 Im weiteren Verlauf wird sich zeigen: Was dem Doppelpunkt folgen kann, ist enorm heterogen und funktional wie formal wohl nicht auf einen Nenner zu bringen. Deswegen kann die Doppelpunktexpansion weder mit dem Außenfeld noch mit Herausstellungskonstruktionen im Allgemeinen identifiziert werden, für die jeweils funktionale, formale und topologische Eigenschaften ins Feld geführt werden. Allenfalls gibt es mehr oder weniger große Schnittmengen. 4.6.2.5

Die Zone verminderter Syntaktizität

Hinzu kommt noch, dass die Annahme eines rechten Außenfeldes grundsätzlich infrage gestellt worden ist – und zwar aufgrund fehlender syntaktischer Homoge-

192

strikte Aufteilung dieser beiden Konstruktionen auf zwei verschiede Felder (Thematisierungsausdrücke: rechtes Außenfeld; extraponierte Appositionen: Nachfeld) überhaupt syntaktisch hinreichend zu begründen ist. Anders gesagt: Gerade Thematisierungsausdrücke scheinen keine guten Kandidaten für das rechte Außenfeld zu sein. Eine Feldaufteilung für diese Ausdrücke ist vielleicht nicht zu halten (vgl. dazu Zifonun 2015: 30–46). Auch Kahrhiaho meint in Bezug auf ‚Zusätze‘ (Appositionen gelten bei ihr als Teilklasse der Zusätze, ihr Zusatz-Begriff weicht von dem der IDSGrammatik ab): „Eine Stellungsfeldzugehörigkeit des Zusatzes bleibt häufig unklar“ (Kahrhiaho 2003: 112). Was die Doppelpunktexpansion mit dem rechten Außenfeld gemeinsam zu haben scheint, ist intonatorische Desintegration, allerdings möchte Zifonun die Intonation nicht als syntaktisches Mittel werten (vgl. Zifonun 2015: 44, siehe auch Peters 2014: 83–85; dem schließe ich mich an). Trotzdem bleibt die Doppelpunktexpansion im Gegensatz zum rechten Außenfeld ein modalitätsspezifisch schriftsprachliches Konzept, weil es an den Doppelpunkt geknüpft ist. Schon deshalb werte ich die Intonation nicht als starkes Indiz dafür, dass die Doppelpunktexpansion stets das rechte Außenfeld besetzt – zumal auch nicht zuletzt Nachfelder intonatorisch desintegriert sein können (vgl. Zifonun et al. 1997: 1649).

274

4 Semikolon

nität und Abgrenzbarkeit zum Nachfeld (vgl. Zifonun 2015 und Fußnote 191). Darauf möchte ich nun kurz eingehen, um dann Zifonuns Konzept von der Zone verminderter Syntaktizität zu skizzieren. Die Probleme bei der syntaktischen Beschreibung des rechten Außenfeldes rühren auch daher, dass schon das Nachfeld im Gegensatz zu vorangehenden Stellungsfeldern syntaktisch weniger belastet ist: Nicht nur dass kasustragende und damit vor allem verbal regierte nominale Elemente dort eindeutig disfavorisiert sind, sondern im Vergleich zum Mittelfeld gibt es nach der rechten Satzklammer weniger Möglichkeiten, syntaktische Relationen über ihre Linearisierung zu differenzieren (vgl. Zifonun 2015). Das Nachfeld erscheint auch deutlich weniger syntaktisch strukturiert und funktionalisiert als das Mittelfeld und das Vorfeld. In der IDS-Grammatik wurde das rechte Außenfeld in Analogie zum linken Außenfeld eingeführt (vgl. Zifonun et al. 1997: 1646 / 1577–1580). Aber die Abgrenzung des rechten Außenfeldes vom übrigen Satz ist problematischer als die des linken Außenfeldes: Der Unterschied des syntaktischen Integrationsgrades zwischen Vorfeld und linkem Außenfeld ist größer, weil das Vorfeld – nicht zuletzt als ein notwendiges Stellungsfeld im V2-Satz – syntaktisch wesentlich stärker integriert ist in das, was auch ‚Kernsatz‘ genannt wird als das Nachfeld (und damit ist eine Abgrenzung des Vorfeldes vom linken Außenfeld hier auch leichter); der Unterschied im syntaktischen Integrationsgrad zwischen Nachfeld und rechtem Außenfeld ist dagegen wesentlich geringer (die Abgrenzung dort also schwerer), eine Analogisierung von Vorfeld und Nachfeld ist vor diesem Hintergrund fragwürdig (vgl. Zifonun 2015). Es zeigt sich also, dass es einige Gefahren birgt, die Doppelpunktexpansion mit dem rechten Außenfeld zu identifizieren. Dadurch verwässern die Differenzen zwischen beiden, und so auch die Spezifik der Doppelpunktexpansion. Vielmehr scheint es angebracht, die Doppelpunktexpansion nicht als eine spezifische Realisierung des rechten Außenfeldes anzusehen, sondern als eigens durch den Doppelpunkt eröffnetes topologisches Gefilde am rechten Satzrand mit einer eigenen Eigenschaftskonstellation – die eben zum Semikolon gut zu passen scheint.193 Zifonun, die Alternativen zu einer Ausdifferenzierung verschiedener Felder am rechten Satzrand erwägt, sieht diesen Bereich insgesamt als ‚Zone verminderter Syntaktizität‘ an. Die Begründung liegt unter anderem genau in der Schwierigkeit, 193

Auch Altmann sieht offenbar die Möglichkeit, zwischen Nachfeldbesetzung (ein Außenfeld im Sinne der IDS-Grammatik teilt er nicht ab) und Doppelpunktexpansionen (mit Koordination) zu unterscheiden – und rechnet letztere nicht zum Nachfeld (vgl. Altmann 1981: 69, siehe auch S. 318, aber S. 266); aber er diskutiert die Frage nicht explizit.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

275

das rechte Außenfeld abzugrenzen. Sie stellt diese Zone verminderter Syntaktizität dem übrigen Satz vom Vorfeld bis zur rechten Satzklammer gegenüber (vgl. Zifonun 2015). Mit dieser Sichtweise sind Sätze in Bezug auf ihre syntaktische Strukturierung asymmetrisch. Die Stellungsfelder weisen nicht nur eine spezifische syntaktische Strukturierung auf, sondern einen verschieden starken Grad an Syntaktizität überhaupt: Sätze (bis zur rechten Klammer gerechnet) sind in dieser Perspektive syntaktische Verdichtungsräume. Zwischen syntaktischen Verdichtungsräumen können sich Zonen verminderter Syntaktizität befinden. [...] Ihre syntaktische Struktur ist unterspezifiziert und erlaubt die Anbindung an den Vorgängersatz, aber auch gegebenenfalls die Interpretation als eigene Text-KM [= Kommunikative Minimaleinheit des Textes]. (Zifonun 2015: 49)

Zählt man zu den Zonen verminderter Syntaktizität nicht nur den Bereich nach der rechten Satzklammer, sondern auch den Bereich vor dem Vorfeld194 (ohne freilich den beiden Zonen analoge Funktionen zuweisen zu wollen), ergibt sich für den Textfluss das Bild eines potentiell periodischen Verlaufs syntaktischer Dichte – diese nimmt mit dem Ende der rechten Satzklammer ab und steigt (nach der graphematischen Satzgrenze) nach dem potentiellen linken Außenfeld mit dem Vorfeld wieder an (siehe Abb. 77).

Abb. 77: Topologie der syntaktischen Interpunktionszeichen bei voll ausgebauter Feldstruktur in Zusammenhang mit syntaktischer Dichte

Abb. 77 bringt die Zonen höherer und geringerer Syntaktizität zusammen mit den topologischen Eigenschaften von Komma, Semikolon und Doppelpunkt aus Abb. 74, ergänzt um den Punkt, der in dieser Arbeit nicht eingehend besprochen wird.

194

Auch das sogenannte Vorvorfeld oder linke Außenfeld gilt ja als Bereich für syntaktisch weniger integrierte Elemente und ist wie oben erwähnt gut vom Vorfeld abgegrenzt (vgl. Zifonun et al. 1997: 1577–1580).

4 Semikolon

276

Der graphematische Satz reicht vom linken Außenfeld bis zu einem Satzschlusszeichen. Der Punkt steht in der Abbildung stellvertretend auch für die anderen beiden potentiellen Satzschlusszeichen, das Fragezeichen und das Ausrufezeichen. Der graphematische Satz ist die größte im Rahmen dieser Arbeit betrachtete Einheit. Dabei gehe ich davon aus, dass es sich bei dem graphematischen Satz in erster Linie um eine Textsequenz handelt (vgl. Ágel 2017: 66). Den Begriff ‚Kernsatz‘ benutze ich für die Zone höherer Syntaktizität, rechts erweitert um Konstituenten, die keine Herausstellungsstrukturen darstellen (wie zum Beispiel Verbkomplemente) und die nicht mit Doppelpunkt oder Semikolon abgetrennt sind. Insofern handelt es sich bei (345) um einen Kernsatz, bei dem das Nachfeld besetzt ist (Ausklammerung im Sinne Altmanns 1981). (345)

Sie hat lange gewartet auf dich.

Besonderes Augenmerk möchte ich zunächst auf den Bereich bis zum Nachfeld legen. Die Abbildung legt natürlich einen Satz zugrunde, der in allen Stellungsfeldern ausgebaut ist. Die grundsätzliche Position der Zeichen sollte auch erhalten bleiben, wenn Felder nicht vorhanden sind. Das möchte ich im Folgenden kommentieren. Dabei gehe ich zuerst auf die Zeichen am rechten Satzrand ein. Alle drei Zeichen (Punkt, Doppelpunkt und Semikolon) schaffen je ihr eigenes Abschlussprofil in Bezug auf die Topologie. Der Punkt beispielsweise steht im feldmäßig voll ausgebauten Satz am Ende der letzten Nachfeldeinheit, in Beispiel (346) nach kaufen. Jedenfalls vor dem linken Außenfeld bzw. dem Vorfeld eines neuen Satzes. (346) (347) (348)

Wir haben den Tipp bekommen, das Aktienpaket zu kaufen. Die Kurse werden steigen. Vorgestern ist das gewesen. 150 Meter über dem Boden. (aus Mohl 2011: 15) Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. (aus Borchert 2015: 247)

Beispiele (347)–(348) zeigen, dass das auch dann gilt, wenn einzelne, nicht satzwertige Ausdrücke mit einem Punkten abgeschlossen wurden. Der Punkt ist in diesem Sinne wiederholbar. Ein Ausdruck wie in (348) verorte ich deshalb auf die Nachfeldposition, weil er kommunikativ nicht selbständig ist und nur sinnvoll zusammen mit den vorangehenden Einheiten interpretiert werden

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

277

kann.195 Das unterscheidet (347)–(348) von (346). Der Ausdruck bildet in der vorliegenden Analyse eine neue und eigene Texteinheit. Die Ausdrücke und sind zwar graphematisch selbständige Sätze, dennoch werden sie als der Nachfeldposition zugehörig interpretiert. Aufschluss für den Leser gibt darüber nur die Analyse der Sprachstruktur. Der Punkt ist in diesem Sinne also unbestimmt. Er zeigt den Beginn eines graphematischen Satzes an. Dieser geht meistens, aber nicht grundsätzlich mit einer neuen Zone höherer Syntaktizität einher. Gibt es in einem Satz kein Nachfeld oder keine rechte Satzklammer, steht der Punkt nach dem letzten Element und vor dem potentiellen nächsten linken Außenfeld. In einem nicht voll ausgebauten Satz muss man sich die Abbildung also um die entsprechenden Felder gekürzt oder zusammengezogen vorstellen, wie in (349). (349)

Wir haben den Tipp bekommen. Die Kurse werden steigen.

Abb. 78: Feldzuordnung bei nicht voll ausgebautem Beispielsatz

Freilich kann auch die Zone höherer Syntaktizität noch kürzer ausfallen (Wir haben einen Tipp.). Aber topologisch rückt der Punkt dann eben nicht nach links, denn er wird nicht in ein voriges Stellungsfeld einrücken können oder zwischen zwei Stellungsfeldern stehen, siehe zum Beispiel (350). (350)

195

*Wir haben den Tipp. Bekommen. Die Kurse werden steigen.

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich in diesen Fällen nicht von Nachfeldbesetzung mit den entsprechenden funktionalen Implikationen spreche. Gemeint ist hier lediglich die Nachfeldp o s i t i o n nach der linken Satzklammer.

4 Semikolon

278

Daraus wiederum ergibt sich, dass wenn der Punkt hinter einem Mittelfeldelement steht (wie in (351) nach Tipp), der Leser daraus ableiten kann, dass keine rechte Satzklammer mehr folgt. Bredel spricht in diesem Zusammenhang von potentiellen Satzgrenzen (vgl. Bredel 2008: 192–193 / Bredel 2004).196 (351)

Wir haben einen Tipp. Die Kurse werden steigen.

Der jeweils letzte Punkt markiert, was man auch vortheoretisch unter dem Begriff ‚Satzgrenze‘ versteht. In Bezug auf Abb. 77 bedeutet das, es folgt ein neues Vorfeld oder ein linkes Außenfeld. Der Punkt sagt also nichts darüber aus, ob die Zone geringerer Syntaktizität abgeschlossen ist, denn folgt ein linkes Außenfeld, ist sie es nicht. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass (347)–(348) markierte Fälle darstellen, kann man aus dem Punkt die Funktion für den Leser ableiten, dass die ihm folgende funktionale Einheit (ob nun linkes Außenfeld oder Vorfeld) nach rechts orientiert ist (siehe Fußnote 196). Folgt ein kommunikativ unselbständiger Ausdruck, wie in (347)–(348), ist dieser in der Regel im Rahmen der vorangehenden Struktur, also nach links, zu funktionalisieren. Ich komme zum Doppelpunkt: Dieser steht frühestens am Ende der rechten Satzklammer, (352), nur in Ausnahmefällen direkt davor oder innerhalb des Kernsatzes (vergleiche Beispiele (325), S. 267 und (328), S. 268). Er kann aber auch noch nach den einzelnen Elementen des Nachfeldes stehen: nach dem engen Nachfeld, (353), nach dem sogenannten Außenfeld, (354), und nach dem weiten Nachfeld197, (355). So gesehen erstrecken sich seine Vorkommensmöglichkeiten über das gesamte Nachfeld. Beim Doppelpunkt lässt sich viel eher davon sprechen, dass er das Nachfeld strukturieren kann, als beim Punkt. (352) (353)

196

197

Wir haben einen Tipp bekommen: Die Kurse steigen. Wir haben einen Tipp bekommen von Johannes: Die Kurse steigen.

Eine genauere Untersuchung müsste ergeben, inwieweit der Punkt auch nach Einheiten des linken Außenfeldes stehen kann. Zumindest vereinzelt scheint das möglich zu sein. Nach einer Zählung von Schiffer weisen 3% aller syntaktisch unvollständigen Sätze einen Rechtsbezug auf (vgl. Schiffer 2015: 40) und könnten daher mit Abb. 78 als dem linken Außenfeld zugehörig gezählt werden, (I.) zeigt ein Beispiel. I. Der Wohnwagen. Ich schaute aus dem Rückfenster, wo man sehen konnte, wie er hinter uns herwackelte. (Baisch 2010: 11) Ich beziehe mich hier auf die Feldeinteilung der IDS-Grammatik (vgl. Zifonun et al. 1997: 1655ff.).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (354) (355)

279

Wir haben einen Tipp bekommen von Johannes, einen guten: Die Kurse steigen. Wir haben einen Tipp bekommen, um Gewinne zu machen: Die Kurse steigen.

Gleiches gilt für das Semikolon. Die Beispiele (356)–(359) zeigen im Vergleich zu (352)–(355), dass Doppelpunkt und Semikolon rein von der Position her am rechten Satzrand austauschbar sind, natürlich ergeben sich aber Lesartunterschiede.198 (356) (357) (358) (359)

Wir haben einen Tipp bekommen; die Kurse steigen. Wir haben einen Tipp bekommen von Johannes; die Kurse steigen. Wir haben einen Tipp bekommen von Johannes, einen guten; die Kurse steigen. Wir haben einen Tipp bekommen, um Gewinne zu machen; die Kurse steigen.

Was dem Doppelpunkt folgt, ist per definitionem eine Doppelpunktexpansion, und diese ist, bis auf vereinzelte, stark stilistisch markierte Fälle, obligatorisch. Topologisch verorte ich diese auf die Nachfeldposition (siehe aber Fußnote 195). Diese wird erst mit einem Punkt zuverlässig beendet.199 Ganz analog dazu betrachte ich das Semikolon. Auch was dem Semikolon folgt, rechne ich der Nachfeldposition der Matrixstruktur zu. Bei syntaktisch unvollständigen Ausdrücken nach dem Semikolon, wie (360), scheint das eindeutig. (360)

Die nächsten Kandidaten für den fragwürdigen Kronzeugen-Gang waren – neben anderen – Werner Lotze, Susanne Albrecht und Monika Helbing; also in der DDR ausgestiegene Ex-Terroristen, bei denen in Karlsruhe die Rechnung ohne die Richter gemacht wurde. (TiGer1: 52264)

Aber selbst dann, wenn es sich um einen vollständigen Satz nach dem Semikolon handelt, betrachte ich diesen als Teil des Nachfeldes des vorherigen, das heißt, 198

199

Zur Ausdifferenzierung von Doppelpunkt und Semikolon aus historischer Perspektive siehe Masalon 2014. In wenigen Einzelbelegen außerhalb des Korpus’ wird die Doppelpunktexpansion auch nach dem Punkt noch weitergeführt. Für das Semikolon hingegen gibt es nur wenige Belege, die eine Analyse zulassen, nach der die Doppelpunktexpansion mit dem Semikolon beendet wird.

4 Semikolon

280

gewissermaßen als eingebettet – auch, wenn sich weder in Bezug auf die syntagmatischen, noch auf sie syntaktischen Relationen eine Verbindung zum Kernsatz zeigt. Die Begründung ist, dass, wie beim Doppelpunkt auch, ganze Sätze inhaltlich bezogen sind auf die unmittelbar vorangehende Matrixstruktur, bzw. auf einzelne Elemente daraus. Sowohl, was dem Semikolon als auch was dem Doppelpunkt folgt, bildet mit der vorangehenden Struktur, und nur mit dieser, eine Einheit. Damit ist auch der Intuition der amtlichen Regelungen200 (und vieler Schreiber) rechnung getragen, die sagen, sie setzen ein Semikolon zwischen Sätzen, wenn sie meinen, diese beiden gehören in einer Weise ‚enger zusammen‘ bzw. die betreffenden Sätze seien mit einem Semikolon schwächer abgegrenzt als mit einem Punkt. Abb. 79 soll das Gesagte verdeutlichen.201 Sie macht nur eine Aussage über den Satz C, der sich präferiert auf B bezieht, nicht auf A und nicht vorausweisend auf D.

Abb. 79: Einbettungsstruktur durch das Semikolon

Die folgenden Beispiele können eine Möglichkeit sein, die textuelle Einbettungsstruktur des Semikolons zu verdeutlichen.202 (361) (362) (363)

200

201 202

Gestern war Oma Inge bei uns angekommen. Heute schien die Sonne; morgen ist sie wieder verschwunden. Gestern war Oma Inge bei uns angekommen; heute schien die Sonne. Morgen ist sie wieder verschwunden. Gestern war Oma Inge bei uns angekommen. Heute schien die Sonne. Morgen ist sie wieder verschwunden.

Ulrike Behrens argumentiert ähnlich. Für sie sind mit einem Semikolon getrennte Sätze „verbunden“; Sätze, zwischen denen ein Punkt steht, nennt sie „unverbunden“ (Behrens 1989: 87). Bredel erfasst die engere Zusammengehörigkeit zweier selbständiger, durch Semikolon getrennter Sätze mit Koordination, wohingegen zwei mit Punkt getrennte Sätze bloß gereiht seien (vgl. Bredel 2008: 175–176). Die Buchstaben stehen für syntaktisch selbständige Sätze. Damit soll nicht gesagt sein, dass das Semikolon primär der Steuerung pronominaler Referenz dient.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

281

Während in (361) beinahe ausgeschlossen scheint, dass Oma Inge schon am Folgetag wieder abreist, ist diese Möglichkeit in (362) eher gegeben, wenn auch nicht zwingend. In (363) ist mit dem Punkt keine Hierarchisierung vorgegeben, wohl aber durch die bloße lineare Abfolge nahegelegt, dass sich sie auf die Sonne bezieht. Dass es sich bei zwei selbständigen Sätzen, die durch Komma oder durch Semikolon verbunden sind, um eine textuelle Einbettungsstruktur handelt, dem ist meines Erachtens in der Interpunktionsliteratur zu wenig systematisch nachgegangen worden, obwohl Primus fürs Deutsche schon früh – und wie selbstverständlich – entscheidende Hinweise liefert: Die Bedingung für Koordination zweier selbständiger Sätze ist textfunktional. Die engere semantische Beziehung zwischen den Sätzen, die der DUDEN in diesem Zusammenhang erwähnt, ist nur einer von mehreren Faktoren, die die Verknüpfung zweier selbständiger Sätze zu einem komplexen Satz rechtfertigen. (Primus 1993: 248)

Stattdessen wurde die Reihung selbständiger Sätze analogisiert zur Koordination nichtsatzwertiger Einheiten – und in diesem Zuge selbst als Koordination bezeichnet, obwohl es syntaktisch dafür in den meisten Fällen kaum Indizien gibt. Vor allem sind die selbständigen, satzwertigen ‚Konjunkte‘ nicht in irgendeiner Weise im Rahmen einer Matrixstruktur gleich syntaktisch funktionalisiert (denn sie sind überhaupt nicht funktionalisiert). Die syntaktische Grenze zwischen zwei selbständigen Sätzen ist die Grenze zweier Matrixstrukturen und daher von einer grundsätzlicheren Art. Formal wird das gewürdigt durch die nach der alten Rechtschreibung obligatorischen, seit der Reform fakultativen Kombination von Komma und und als Grenzmarkierung, die bei reiner Koordination zweier Nebensätze nicht möglich ist. Anstatt dieser Tatsache mit einer angemessenen graphematischen wie syntaktischen Beschreibung zu begegnen, wurde sie als systemwidrige (und dadurch fehlerverursachende) Laune der Norm diskriminiert (z. B. Primus 1993/1997 / Berkigt: 2013). Das führt dazu, dass weite Teile der Interpunktionsliteratur in Sätzen wie (364)–(365) eine Koordination sehen wollen, wo sie syntaktisch kaum zu begründen ist. (364) (365)

Im Hausflur war es still, ich drückte erwartungsvoll auf die Klingel. (nach AR 2006: 78) Im Hausflur war es still; ich drückte erwartungsvoll auf die Klingel. (nach AR 2006: 89)

282

4 Semikolon

Zwar hat das Semikolon (wie die anderen sprachlichen Möglichkeiten, diese Konstruktion zu realisieren auch) in (364) für den Leser auch seine spezifische syntaktische Funktion, damit ist aber der gesamten Prozedur noch nicht rechnung getragen. Die Zusammengehörigkeit der beiden Sätze ist viel klarer zu sehen, wenn man nicht wie der Duden oder die amtlichen Regelungen versucht, sie nur in der Beziehung der beiden Sätze untereinander zu sehen, sondern in der Beziehung der Sätze zu den umgebenden graphematischen Sätzen. An der Hauptverwendung des Semikolons zeigt sich, dass es sowohl eine satzsyntaktische als auch eine textfunktionale Seite hat. Letztere wurde erst mit der Untersuchung eingehend empirisch untersucht (siehe Gillmann 2018); und es wäre sicher sinnvoll, neben den semantischen Beziehungen zwischen den Semikolonkonnekten untereinander auch die Verhältnisse zu den Sätzen zu untersuchen, die das Semikolon umgeben. So wäre es möglich, Angaben darüber zu machen zu können, wie spezifisch die Verhältnisse zwischen den Semikolonkonnekten sind. In Bezug auf Abb. 73 (S. 270) zeigt sich also, dass Interpunktionszeichen und sprachstrukturelle Aspekte interagieren: Dass ein Ausdruck zur Nachfeldposition eines vorangehenden Satzes gezählt wird, kann ausschließlich durch die Sprachstruktur bedingt sein (syntaktische und kommunikative Nichtselbständigkeit, Beispiele (347)–(348), S. 276), oder aber ausschließlich durch die graphematische Einbettung (nämlich mit Semikolon sowie Doppelpunkt, Beispiele (356)–(359), S. 279; (352)–(355), S. 278). Schließlich können beide Faktoren zusammenkommen wie in (360). Das Besondere an der Feldstruktur in Abb. 73 ist also, dass das Nachfeld nicht nur die klassischen, meist funktional bestimmten Nachfeldbesetzungen (vgl. Wöllstein 2010 / Zifonun et al. 1644 ff.) umfasst, sondern auch die Doppelpunktexpansion und Semikolonkonstruktionen, also alles bis zum Punkt. Tatsächlich ist das nur eine behutsame Erweiterung des klassischen Nachfeldverständnisses. Satzwertige und allgemein längere Konstituenten sind in Nachfeldposition ja ohnehin typisch. Dass im Rahmen syntaktischer Nachfeldbeschreibungen gemeinhin stärker integrierte Sätze beschrieben werden, ist erwartbar; die Interpunktionszeichen spielen bei der Diskussion um den rechten Rand eine marginale Rolle (siehe z. B. Vinckel-Roisin: 2015). In Abb. 73 werden alle mit Komma, Doppelpunkt oder Semikolon angeschlossenen Ausdrücke als Teil des Nachfeldes erfasst und so in eine Relation, wenn auch nicht zwingend in eine syntaktische, zu dem vorangehenden Kernsatz gesetzt. Komma, Doppelpunkt und Semikolon erscheinen so als Elemente, die dem

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

283

Leser komplexe Einbettungsstrukturen bzw. Hierarchien innerhalb des graphematischen Satzes eröffnen, dabei kann es sich sowohl um syntaktische als auch um textuelle Einbettungsstrukturen handeln. Doppelpunkt und Semikolon haben also die Möglichkeit, im Gegensatz zum Punkt, syntaktisch voll- und selbstständige Sätze zu hierarchisieren. Diese beiden Zeichen operieren – wie auch der Punkt – syntaktisch und textuell.203 Abb. 77 erweitert das klassische Nachfeldverständnis also nicht nur durch die Integration von Punkt, Komma und Doppelpunkt, sondern – damit einhergehend – um eine Textebene, soweit sie mit diesen Zeichen strukturiert werden kann. Mit dieser Sichtweise lassen sich gerade längere graphematische Sätze als hierarchisierte Textabschnitte verstehen, wie sich mit den folgenden Beispiel zeigen lässt. Trotzdem muss aber klar sein: Für den Standardfall, bei dem das Semikolon zwischen zwei unabhängigen Sätzen steht, wird es nur wenig weiterhelfen, den zweiten Satz als Nachfeldbesetzung des ersten zu begreifen, sondern hier geht es um den textuellen Zusammenhang zwischen beiden – und besonders in der Abgrenzung zum weiteren textuellen Umfeld. Zur Verdeutlichung topologischen Verteilung der von Interpunktionszeichen, sowie der damit einhergehenden Satz- bzw. Textgliederung, möchte ich einen kurzen Textabschnitt anführen (366). (366)

In einer Debatte über Steuern ist es im Grunde so wie in jeder anderen Debatte auch: Sie wird nicht nur durch die dem Thema zugrunde liegenden Fakten gelenkt; vielleicht dies sogar nur zum geringeren Teil. Viel stärker wird sie gelenkt durch die Betrachtung dieser Fakten – und die wiederum durch die Begriffe, die sich jeweils durchgesetzt haben. (Süddeutsche Zeitung vom 13./14.04.2017 S. 4)

Es handelt sich um den gesamten ersten Absatz eines Zeitungsartikels. Er besteht nur aus zwei graphematischen Sätzen. Betrachten wir den ersten Satz. Die Matrixstruktur reicht bis auch. Strukturell handelt es sich dabei um einen einfachen Kopulasatz. Der Bereich höherer ist Syntaktizität quantitativ dem übrigen unterlegen204 und und er enthält intern nur Kommas bzw. allgemein wenige Interpunktionszeichen. Die Hierarchisierung geschieht in diesem Abschnitt über die Form der 203

204

Auch bei Bredel ist zumindest der Doppelpunkt nicht ausschließlich ein syntaktisches, sondern gleichsam ein textuelles Zeichen (vgl. Bredel 2008: 195 / 2011: 84). In diesem Satz sind die Bereiche höherer und geringerer Syntaktizität gemessen an der Anzahl syntaktischer Wörter nahezu gleich groß (16 gegenüber 18 Wörtern). Deutlicher ist der Unterschied

284

4 Semikolon

Konstituenten sowie ihre Reihenfolgen und Feldpositionen. Der mit dem Doppelpunkt angeschlossene Satz ist syntaktisch nicht mit dem Kernsatz verbunden. Die Matrixstruktur ist damit also funktional abgeschlossen. Semantisch wird das Prädikativ genauer evaluiert (so wie in jeder anderen Debatte auch). Die mit dem Doppelpunkt eingebettete Zone höherer Syntaktizität endet nach der rechten Satzklammer mit gelenkt. Nach dem Semikolon wird die Doppelpunktexpansion fortgeführt, angeschlossen wird ein syntaktisch schwach integrierter Nachtrag (vgl. Altmann 1981: 70), den man als adverbiale Angabe auf die Struktur links vom Semikolon beziehen kann, integrierbar in den Satz ist er nicht.205 Im Rahmen des graphematischen Satzes wird also zweimal in der Zone geringerer Syntaktizität ein weiterer Ausdruck angefügt, zuerst mit dem Doppelpunkt, dann mit dem Semikolon. Sowohl aus Sicht formalsyntaktischer Integration als auch aus Sicht syntaktischer Relationen ist sind die Bruchstellen dort, wo die Zone geringerer Syntaktizität entsteht. Es ergibt sich folgende Struktur:

Abb. 80: Hierarchische Struktur in Beispiel (366)

Abb. 80 zeigt die textuelle Hierarchisierung durch Doppelpunkt und Semikolon innerhalb eines graphematischen Satzes. Nach dem Doppelpunkt bleibt ein inhaltlicher Bezug auf die Matrixstruktur erhalten; auf der Ebene syntaktischer Relationen hingegen wird der Satz nicht mehr fortgeführt. Abschließend möchte ich noch einen längeren Satz aus dem Korpus zitieren, der deutlich macht, dass längere graphematische Sätze mitunter wie kleine Absätze organisiert sein können. Die graphematische Struktur gibt auch hier Hinweise auf die Einbettungsstruktur sententialer Einheiten.

205

in Sätzen wie zum Beispiel (383) (S. 293) zu ungunsten des Bereichs höherer Syntaktizität; ein entsprechendes quantitatives Ungelichgewicht scheint zumindest nicht unüblich. Altmann sieht die syntaktische Integration von Nachträgen in ihrer zum Teil sehr stark elliptischen Struktur (vgl. Altmann 1981: 70). Aus meiner Sicht handelt es sich nicht um syntaktische Integration, sondern durch die starke syntaktische wie semantische Unselbständigkeit des Nachtrags entsteht für den Rezipienten ein Druck, sie in Rahmen einer anderen Struktur zu interpretieren, so dass erst insgesamt ein sinnvoller Ausdruck entstehen kann.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (367)

285

Aus Telefonaten, die Gefangene mit Rundfunksendern führten, ergibt sich ein Bild völliger Anarchie: Rivalisierende Banden gehen mit Messern und Eisenstangen aufeinander los; Häftlinge werden von Mitgefangenen brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt; nachdem die Meuterer die Gefängnisapotheke plünderten, stehen viele Gefangene unter Medikamenteneinfluß, einige befinden sich im Koma, andere torkeln offenbar völlig betrunken herum. (TiGer1: 607061–607071)

Die gesamte Doppelpunktexpansion ist eine inhaltliche Fortführung des „Bildes völliger Anarchie“ aus der Doppelpunktkonstruktion. Wie ist nun der Grad der syntaktischen Integration zu beurteilen? Bredel, die den Doppelpunkt als primär syntaktisches Zeichen ansieht, zeigt, dass satzwertige Doppelpunktexpansionen substantivische Valenzstellen aus der Doppelpunktkonstruktion besetzen können (vgl. Bredel 2008: 2013). Oberflächensyntaktisch ist das für (367) kaum zu begründen. Formalsyntaktisch zeigt die Doppelpunktexpansion keinerlei Integrationsmerkmale, vor allem ist sie nicht eingebunden in die Topologie der Nominalgruppe, was für Attribute typisch ist. Was die syntaktische Relation angeht, leistet die Doppelpunktexpansion hier sicher etwas mit einem Attributsatz Vergleichbares – auch wenn der Nachbereich nicht ganz eindeutig ist: Möglich wäre Bild oder ein Bild völliger Anarchie. Letzteres ist meines Erachtens semantisch plausibler, nicht aber syntaktisch, denn Attribute zu Nominalgruppen sind ungewöhnlich. Insgesamt ergibt sich zu wenig Evidenz, um von einem syntaktischen Anschluss an die Doppelpunktkonstruktion zu sprechen. Folgt man dieser Argumentation, zeigt sich auch für (367), dass die syntaktischen Bruchstellen genau dort sind, wo die Zonen geringerer Syntaktizität beginnen, und zwar nach dem Doppelpunkt und nach den Semikolons. Die Zeichen zeigen hier weniger syntaktische als vielmehr thematische Integrationsverhältnisse bzw. Abhängigkeiten an. Sie organisieren Text. Im Gegensatz dazu sind die beiden Sätze, die innerhalb der Zone höherer Syntaktizität mit Kommas eingebettet sind (die Gefangene ... und nachdem die ...), unbestritten syntaktisch gut beschreibbare und eindeutig subordinierte Nebensätze.

4 Semikolon

286 4.6.2.6

Semikolon und Doppelpunkt bei Kasuskomplementen in Nachfeldposition

Doppelpunkt und Semikolon kommen bei sehr unterschiedlichen syntaktischen Konstruktionen am Satzende vor. In den Beispielen (366)–(367) aus dem vorigen Abschnitt war der syntaktische Anschluss über die Doppelpunktgrenze hinaus allenfalls als lose zu beschreiben. Die Hierarchisierungsfunktion des Doppelpunktes und des Semikolons reichte bis in die Textebene. Ganz anders sah das Zusammenspiel dieser beiden Zeichen bei Kasuskomplementen in Nachfeldposition aus. Das möchte ich konkret anhand einiger Sätze ausführen. Die Frage lautet: Warum stehen Fügungen nominaler/präpositionaler Ausdrücke mit Semikolon in den meisten Fällen mit Semikolon? Der Übersicht halber wiederhole ich zuerst den oben schon zitierten Beispielsatz, den Bredel anführt. In Bezug auf nominale Koordination mit dem Semikolon diskutiert sie neben dem bekannten Rauchschinken-Satz aus den amtlichen Regelungen (298) ausschließlich solche mit Doppelpunkt und folgenden, mit Semikolon verbundenen verbalen Argumenten, wie (368)206, kommentiert aber nicht, dass bei der großen Mehrheit ihrer Beispiele nicht-sententialer Koordination diese beiden Zeichen interessanterweise stets zusammen auftauchen. (368)

Er hatte fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. (Beispiel aus Bredel 2011: 82)

Ein Vorteil der Kookkurrenz von Doppelpunkt und Semikolon sind die Nachteile vergleichbarer Ausdrucksmöglichkeiten. Es scheint, als gäbe es für einen Satz wie (368) kaum eine adäquate alternative Form in Bezug auf Interpunktion und Stellung der Konstituenten. In (369)–(372) führe ich einige an, die ich diskutieren möchte. (369) (370) (371) 206

*Er hatte blonde Männer; Frauen und Kinder fotografiert. Er fotografierte blonde Männer; Frauen und Kinder. ?? Er hatte fotografiert blonde Männer; Frauen und Kinder.

Im TiGer-Korpus kommen strukturell vergleichbare Sätze übrigens überhaupt nicht vor. Zwar werden, wie oben beschrieben, von den 15 Belegen mit nominaler bzw. präpositionaler SemikolonKonnexion 13 mit einem Doppelpunkt ‚angekündigt‘. Ausgerechnet die einzigen beiden Belege, bei denen die nominalen Konstituenten verbregiert sind, stehen aber ohne Doppelpunkt und mit einem infiniten Prädikatsteil im Vorfeld wie in (372). Beide Belege sind zudem als Passive interpretierbar.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons (372)

287

Fotografiert hatte er blonde Männer; Frauen und Kinder.

Wie oben gezeigt, ist das Semikolon im eindeutig ausgezeichneten Mittelfeld nicht möglich, weil es dann keinen subordinativen Abschluss bilden kann, das zeigt (369). Ohne rechte Satzklammer wiederum wäre der Satz grammatisch (370), allerdings auf nicht klammerbildende Prädikate eingeschränkt; Modalverbkonstruktionen mit regiertem Infinitiv und analytische Verbformen sind dann nicht mehr realisierbar, (370) kommt als Alternative für den Ausgangssatz im Plusquamperfekt also nicht infrage. Die einzige Alternative scheint (372), die auch tatsächlich vorkommt. Ich diskutiere sie weiter unten und komme zunächst zu (371). Hier geschieht nun, was am nächsten liegt: Der Doppelpunkt wird schlicht ausgelassen. Die Komplemente stehen nun nicht mehr in der Doppelpunktexpansion, die sich in der Nachfeldposition befindet, sondern sie stehen direkt und ‚ungeschützt‘ im Nachfeld. Allein, dass ein deutlicher Unterschied ohne den Doppelpunkt festzustellen ist, zeigt, dass der Doppelpunkt nicht das Nachfeld im allgemeinen Verständnis markiert (in dem Fall sollte es keinen Unterschied geben), sondern die Doppelpunktexpansion selbst die Nachfeldposition einnimmt. Ohne Doppelpunkt wird unumwunden klar, wie nachfeldfeindlich kasustragende Verbkomplemente sind (vgl. Zifonun et al. 1997: 1660)207. Die Nachfeldstellung kasustragender Elemente ist in den Beispielen der IDS-Grammatik hauptsächlich motiviert durch „mangelnde Planung der Satzstruktur, Reparatur oder den Versuch, das Rederecht länger zu behaupten“ (Zifonun et al. 1997: 1660). All das spielt für das konzeptionell Schriftsprachliche kaum eine Rolle und deswegen sind Ausdrücke wie (371) auch nur sehr selten zu erwarten. Welche diskurspragmatische oder informationsstrukturelle Funktion der Nachfeldbesetzung im Schriftsprachlichen (371) auch immer zukommen mag: Mit dem Doppelpunkt ist sie nicht in gleicher Weise realisiert. Die Konstruktion (368) wirkt weniger ungewöhnlich, und kasustragende Komplemente – und das mag überraschen – wirken eher integriert gegenüber (371). Die IDS-Grammatik vermutet „[...] Kasusmerkmale allein sind offenbar zu schwach, um [...] ein strukturell notwendiges Komplement [...] auf einer fakultativen Satzposition wie dem Nachfeld einbinden zu können“ (Zifonun et al. 1997: 1660). Dass eine Einbindung mit 207

Zwar findet sich laut IDS-Grammatik Nachfeldstellung „am ehesten dann, wenn es sich um stark erweiterte, insbesondere koordinierte Phrasen (‚Aufzählungen‘) handelt“ (Zifonun et al. 1997: 1659), und insofern scheint (371) durchaus möglich, ungewöhnlich bleibt die Konstruktion meines Erachtens dennoch. Außerdem ist auffällig, dass die IDS-Grammatik gerade bei diesem Beispiel entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheiten nicht auf einen real geäußerten Satz zurückgreifen, sondern auf ein konstruiertes Beispiel aus der Syntax von Engel (vgl. ebd.).

288

4 Semikolon

Doppelpunkt aber gelingt, spricht dafür, dass die Doppelpunktexpansion ein eigenes funktionales Areal absteckt, das von der ‚klassischen Nachfeldbesetzung‘ klar zu unterscheiden ist.208 Offenbar legitimiert der Doppelpunkt die Nachfeldstellung der kasustragenden Komplemente, bei gleichzeitigem Erhalt der Möglichkeit mehrteiliger Prädikate. Unabhängig von dem Zusammenspiel mit dem Semikolon scheint die ‚Integrationswirkung‘ des Doppelpunktes in den Beispielen des Strukturtyps II ein ausschlaggebendes Kriterium für die Verwendungsmöglichkeit des Semikolons zu sein. Bredel bestimmt den Doppelpunkt so, dass die Doppelpunktexpansion „syntaktische Autonomie“ (Bredel 2008: 196) aufweist. Aus ihren Beispielen geht hervor, dass damit vor allem eine „autonome Phrasenstruktur“ (ebd.: 199) gemeint ist, aber auch eine funktionale Autonomie. Beides trifft auf Beispiele wie (368) gerade nicht zu. Hier ist die Doppelpunktexpansion sowohl von der Phrasenstruktur als auch von der Funktion her bestens integriert, nicht aber topologisch. Der Doppelpunkt, so könnte man überspitzt formulieren, verhindert äußerst markierte Nachfeldbesetzung am Rande der Grammatikalität; Kasuskomplemente können so überhaupt erst unauffällig nach der rechten Satzklammer positioniert werden. Wie man also an (371) sieht legitimiert der Doppelpunkt Kasuskomplemente an einer für sie untypischen Position – die aber wiederum eine notwendige Voraussetzung für die Verwendung des Semikolons ist, denn es ist ja gerade auf die Nachfeldposition angewiesen. Um mit einem Semikolon gereiht zu werden, müssen Ausdrücke in Nachfeldposition stehen. Für Kasuskomplemente braucht es dafür den Doppelpunkt. Spannend, wenn auch ernüchternd, dabei ist, dass die gut beschreibbare Integration verbal regierter Nominalgruppen mit dem Doppelpunkt, wie in (368), gerade nicht mit Korpusdaten des hier verwendeten belegbar ist.209 Es gibt mit Beispiel (372) noch eine weitere Alternative zur Doppelpunktsetzung, auf die ich nun zu sprechen kommen möchte. Einzig Satz (372), bei dem der Inhalt der rechten Satzklammer ins Vorfeld rückt, bietet einerseits die Möglichkeit analytischer Prädikate und ist andererseits von der Semantik und der Grammatikalität her vergleichbar zu (368). Da das nach rechts hin nicht abgesteckte ‚Mittelfeld‘ gleichzeitig das topologische Ende des Satzes bildet, ist zum einen die 208

Schon gar nicht akzeptabel sind kasustragende Nominalphrasen im rechten Außenfeld (Er hatte fotografiert am Tag der Katastrophe blonde Männer; Frauen und Kinder). Das zeigt, dass sich auch das Außenfeld von der Doppelpunktexpansion unterscheidet.

209

Koordinierte verbale Komplemente werden vielmehr in zwei Fällen ohne Doppelpunkt und ohne rechte Satzklammer realisiert, siehe (373).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

289

Bedingung für die unmarkierte Stellung von Nominalgruppen in Komplementfunktion ist erfüllt sowie die Bedingung für Semikolonkonnekte, am Satzende zu stehen. Daten aus dem TiGer-Korpus zeigen, dass vom Typus (372) mit Semikolon – im Gegensatz zu (368) – auch tatsächlich Gebrauch gemacht wird: Strukturtyp II kommt mit verbalen Kasuskomplementen überhaupt nur zweimal ohne Doppelpunkt und gleichzeitig eingebunden in die Feldstruktur des Satzes vor. Ein Beispiel zeigt (373). (373)

Gefordert wird in dem Kirchenvolksbegehren der Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, in der das Kirchenvolk bei Bischofsernennungen mitentscheidet; Gleichberechtigung der Frauen einschließlich Zulassung zum Priesteramt; Abschaffung des Zwangszölibats; positive Bewertung der Sexualität; mehr Ermutigung und Solidarität statt angstmachender Normen und unbarmherziger Strenge. (TiGer1: 246409, 246422, 246435, 246445; Unterstreichung N. S.)

In beiden Fällen rückt der finite Prädikatsteil ins Vorfeld auf. Und nur in diesen Fällen im Korpus trennt das Semikolon verbregierte und damit kasustragende Nominalgruppenkomplemente.210 In den anderen Fällen mit Doppelpunkt sind die mit Semikolon verbundenen Nominalgruppen erwartungsgemäß syntaktisch schwächer integriert. Zu diesen Sätzen komm ich weiter unten. Das Zusammenspiel zwischen Doppelpunkt und Semikolon in Sätzen wie (368) ist nun deutlich geworden; die Funktion des Doppelpunktes ist dabei, gerade vor dem Hintergrund der Bredel’schen Konzeptualisierung, überraschend. Im Falle von (368) integriert er nicht etwa formal und funktional, sondern vielmehr positional Unpassendes. Mit dem Doppelpunkt können Kasuskomplemente – ohne Gefahr für die Grammatikalität des Satzes – in die Position hinter der rechten Verbklammer gebracht und dort mit dem Semikolon gereiht werden. Inwiefern nun lässt sich nachvollziehen, dass es auch in Sätzen wie (373) Zonen verminderter Syntaktizität gibt? – Der Satz lässt sich eindeutig aufteilen in einen subordinativen und einen nicht-subordinativen Bereich. Letzterer beginnt mit dem ersten Semikolon und hat mit 24 Wörtern (gegenüber 18 Wörtern vor dem ersten Semikolon) eine beträchtliche Länge. Wird von Beginn des Satzes der 210

Es scheint, als sei für diese Fälle (Semikolon koordiniert verbregierte und damit kasustragende Nominale) die Struktur (372) gegenüber (368) die präferierte. Um das allerdings zu zeigen, ist eine größere Datenbasis vonnöten.

4 Semikolon

290

Rahmen der kanonischen Feldstruktur mit Ausdrücken verschiedener syntaktischer Relationen bestückt, so werden nach dem Semikolon allenfalls mehr oder weniger stark erweiterte Nominalgruppen angefügt, die zu dem Subjekt des Satzes funktionsgleich und in diesem Sinne koordiniert sind. Diese Nominalgruppen sind natürlich intern syntaktisch nicht weniger strukturiert als andere Nominalgruppen auch; in Bezug auf die Matrixstruktur aber, also auf den Kernsatz links vom Semikolon, tragen sie funktional nichts mehr bei. Das Subjekt der Aufbau einer geschwisterlichen [...] ist der letzte Ausdruck, der in Bezug auf die Matrixstruktur vom Leser subordinativ integriert werden kann. Die Abnahme an Syntaktizität zeigt sich in (373) aber nicht nur funktional, sondern auch formal. Denn mindestens zwei der vier mit Semikolon abgetrennten Glieder stehen dort überraschend ohne Artikel: Abschaffung des Zwangszölibats und positive Bewertung der Sexualität. Das wäre in der Zone hoher syntaktischer Dichte nicht (374) oder nur schwer (375) möglich. (374) (375)

*Gefordert wird in dem Kirchenvolksbegehren Abschaffung des Zwangszölibats. ?? Gefordert wird in dem Kirchenvolksbegehren positive Bewertung der Sexualität.

Syntaktische Abkopplungsphänomene vergleichbarer Natur tauchen in listenmodalen Texten bei Reißig auf (vgl. Reißig 2015: 138), die ebenfalls durch eine freiere bzw. andere Syntax gekennzeichnet sind. Inwiefern Reihungen des Strukturtyps II mit Semikolon Eigenschaften von Listen aufweisen, darauf gehe ich später, in Abschnitt 4.7 ein (siehe unten). 4.6.2.7

Ist der Doppelpunkt ein Herausstellungszeichen?

Ich habe schon gezeigt, dass die Doppelpunktexpansion weder das rechte Außenfeld besetzt noch dass man von einer Markierung des Nachfelds mit klassischer Nachfeldbesetzung sprechen sollte; so entstünde der Eindruck, der Doppelpunkt würde lediglich eine Feldposition im Satz markieren. Das ist aber nicht der Fall, solange die positionalen, funktionalen, formalen und informationsstrukturellen Implikationen dieser Positionen mit vorangehendem Doppelpunkt nicht erhalten bleiben. Zum Schluss möchte ich nun noch der Frage nachgehen, inwiefern der Doppelpunkt als Herausstellungszeichen gelten kann. Auch dafür gibt es Gegenargumente.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

291

Zunächst mal ist für Bredel die syntaktische bzw. phrasenstrukturelle Autonomie der Doppelpunktexpansion das zentrale Merkmal und liegt in der Leserinstruktion des Doppelpunktes begründet, „die phrasenstrukturelle Verknüpfung abzuschließen“ (Bredel 2008: 200) – ihre Beispiele zeigen entsprechend in Hinsicht auf die vom Regens vorgegebene Form abweichende Ausdrücke innerhalb der Doppelpunktexpansion (vgl. Bredel 2008: 198–199). Die syntaktische Freiheit ist denn auch das ausschlaggebende Argument, die Ausdrücke der Doppelpunktexpansion als Herausstellungen zu bezeichnen und sie sogar in das rechte Außenfeld zu verorten (vgl. Bredel 2011: 86–87 / Bredel 2008: 200–201). Andererseits: Die kasustragenden Verbkomplemente in (368) sind syntaktisch in jeder Hinsicht integriert, wie oben gezeigt. Der Gegensatz ergibt sich aber erst dann, wenn man versucht, die Doppelpunktexpansion mit anderen Konzepten gleichzusetzen. ‚Syntaktische Autonomie‘ kann ja durchaus bedeuten, dass die Doppelpunktexpansion sowohl integrierte als auch nicht-integrierte Elemente enthalten kann. Damit aber hat sie ein eigenes syntaktisches Profil. Das zentrale Kennzeichen von Herausstellungen ist nicht ihre phrasenstrukturelle Autonomie; Herausstellungen sind unter rein formalsyntaktischem Blick mal mehr, mal weniger integriert (so ist Kasuskongruenz bei links- und rechtsversetzten Ausdrücken regelmäßig und selbst beim sogenannten freien Thema häufig gegeben, vgl. Altmann 1981: 46/55). Die syntaktische Nicht-Integration, die für Herausstellungen kennzeichnend ist, äußert sich – gerade bei formal integrierten Konstituenten – vielmehr durch ihre funktionale Abgeschlagenheit, also letztlich auf Ebene der syntaktischen Relationen: „Herausstellungsstrukturen erfüllen im zugeordneten Satz keine syntaktische Funktion“ (Altmann 1981: 46). Kasustragende Herausstellungen sind demnach nur dann solche, wenn sie funktionale (und meist referenzidentische [vgl. Altmann 1981: 48] bzw. prädikative [vgl. Zifonun 2015: 33]) Doppelgänger sind, für die ein stellungsmäßiges Original in der Zone syntaktischer Dichte vorliegt; einen Prototyp zeigt (376). (376)

Wir werden es schon schaffen, du und ich. (Altmann 1981: S. 48; fett N. S.)

Aber in Sätzen wie (368) gibt es eben gerade keine funktionalen Doppelgänger. Die mit Semikolon verbundenen Nominalgruppen sind weder Elemente des rechten Außenfeldes, noch sind es herausgestellte Einheiten im gängigen Verständnis überhaupt; und sie werden auch nicht durch den Doppelpunkt zu solchen gemacht.

292

4 Semikolon

Das zeigt sich, es mutet beinahe zirkulär an, an der Interpunktion selbst. Wären die Komplemente in (368) herausgestellt, so wäre auch zu erwarten, dass in einem Satz wie (377) vor blonde ein Komma, als prototypisches syntaktisches Zeichen zur Kennzeichnung von Herausstellungen, möglich ist – ist es aber nicht, wie (378) zeigt. Mit pronominaler Kopie aber schon, siehe (379). Denn hier muss der Ausdruck als eindeutige Herausstellung verstanden werden. (377) (378) (379) (380) (381) (382)

Er hatte schon fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. *Er hatte schon fotografiert, blonde Männer; Frauen und Kinder. ? Er hatte schon viele fotografiert, blonde Männer; Frauen und Kinder. Er hatte schon viele fotografiert: blonde Männer; Frauen und Kinder. ? Blonde Männer; Frauen und Kinder, er hatte schon viele fotografiert. Blonde Männer; Frauen und Kinder: er hatte schon viele fotografiert.

Satz (380) zeigt, dass der Doppelpunkt durchaus auch Herausstellungsstrukturen erlaubt – auch nach links herausgestellt, wie (382) zeigt. Im Vergleich von (379) und (380) sowie von (381) und (382) sieht es so aus, als sei bei den Herausstellungssätzen der Doppelpunkt präferiert, wenn auch nicht obligatorisch. Die Begründung für den Doppelpunkt in (380) und (382) ist eine andere als in (377), die hier vorgebracht wurde. Inwiefern das, was nach dem Doppelpunkt folgt, im Einzelnen der Syntax von Herausstellungen folgen muss, darauf gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ein und es wäre Gegenstand einer systematischen Betrachtung.211 Aber bis hierher sollte ausreichend gezeigt sein, dass die Syntax der Doppelpunktexpansion anders sein kann als die des rechten Außenfeldes und anders als die von Herausstellungen. Die Autonomie der Doppelpunktexpansion, von der Bredel spricht (vgl. Bredel 2008: 196), geht so weit, dass hier nicht etwa nur formalsyntaktisch abweichende, sondern auch voll integrierte Ausdrücke stehen können, und zwar so, dass sie von der Linearstruktur her kaum auffällig erscheinen, auch wenn sie es rein positional durchaus sind. In diesem Sinne wird die Syntax des rechten Randes (bzw. der Zone verminderter Syntaktizität) mit dem Doppelpunkt freigegeben für eine kaum zu

211

Zahlreiche Formen von Herausstellungen können mit Doppelpunkt auftreten. Karhiaho stellt für einige Bereiche detaillierte Analysen vor (vgl. dazu Karhiaho 2003: 75ff. / 109 ff. / 150ff.). Unscharf bleibt häufig, in welchen Fällen der Doppelpunkt genau ausgeschlossen ist und warum (vgl. Karhiaho 2003: 148).

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

293

überschauende Vielfalt mehr oder weniger integrierter Ausdrücke, sowohl in formaler als auch in funktionaler Hinsicht. Die Ausführungen hier haben gezeigt, dass man bei der Diskussion über den rechten Satzrand formalsyntaktische Aspekte, funktionale Aspekte und positionale Aspekte zu trennen hat. Die Doppelpunktexpansion befindet sich positional in der Zone verminderter Syntaktizität – eben dort, wo auch das Semikolon nur stehen kann. Aber sie ist nicht unbedingt mit Herausstellungen in einem gängigen Verständnis gefüllt. Der Doppelpunkt in (368) ist funktional, gerade weil es sich nicht um eine Herausstellung, aber dennoch um ein (um des Semikolons Willen) entrücktes Komplement handelt. 4.6.2.8

Semikolon und Doppelpunkt bei nicht-kasustragenden Komplementen

Ich habe zu zeigen versucht, dass dem Semikolon maximal ein funktionales Element in Bezug auf vorangehende Matrixkonstruktion folgt. Für den Doppelpunkt scheint nun das gleiche zu gelten.212 Auch ihm folgt nur ein funktionales Element. Für den Leser kann dies ein echter Vorteil bei der Gliederung des Matrixsatzes sein: Dessen Ende tritt aus funktionaler Perspektive nach dem Doppelpunkt alsbald ein. Das ist es wohl, das dem zugrunde liegt, was Bredel schreibt: „dass in den Fällen, in denen die Einheiten innerhalb der Doppelpunktexpansion keine interpretierbare Verknüpfung zulassen, der Doppelpunkt nicht stehen kann [...]“ (Bredel 2008: 198). Weil die Einheiten der Doppelpunktexpansion eine einzige Funktion ergeben müssen, müssen sie auch miteinander verknüpft werden können. Möglicherweise ist es genau diese Eigenschaft, die bei dem folgenden Satztyp eine entscheidende Rolle spielt, den ich in diesem Abschnitt diskutieren möchte. (383)

212

Um diese Eckwerte zu erreichen, sollen sich die Teilnehmer an der 3. Stufe verpflichten: bei ihren finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen, besonders bei der Aufstellung ihrer Etats und der Finanzplanung, die Erfordernisse der Stabilität in Europa zu beachten; die Wachstumsraten der Staatsausgaben mittelfristig möglichst unter dem Zuwachs des nominalen Bruttosozialprodukts zu halten; beim Defizit

Ausnahmen sind auch hier Doppelpunkte bei wiederholenden bzw. korrigierenden Zusätzen, wie in dem Beispiel (328) (S. 268), eben weil dies Doppelpunktverwendung topologisch freier ist: I. Anchises war, nein: ist ein freier Mensch. (Wolf 1983: 104; zitiert nach: Karhiaho 2003: 110)

294

4 Semikolon die Drei-Prozent-Grenze von Maastricht – "auch in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten" – nicht zu überschreiten. (TiGer1: 341260, 341286)

Die Besonderheit des Doppelpunktes nach verpflichten ist, dass keine seiner ‚Integrationsfunktionen‘, die bisher angesprochen wurden, hier greift. Was in der Doppelpunktexpansion steht, ist formal wie funktional integriert, denn es handelt sich um eine verbregierte Infinitivgruppe mit zu. Im Gegensatz zu den kasustragenden Komplementen (vgl. (368)) ist die Infinitivgruppe kanonisch im Nachfeld positioniert, und damit auch positional integriert. Das Argument, das ich für (368) angeführt habe, dass also der Doppelpunkt ein von der Position her markiertes Verbkomplement integriert, scheidet für (383) aus. Im Gegensatz zu (368) ist ein Komma anstatt des Doppelpunktes nach verpflichten möglich. Was ist nun der Vorteil des Semikolons bei dieser Art von Ausdrücken? Hier könnten zwei wesentliche Eigenschaften des Doppelpunktes eine Rolle spielen. Erstens: Der Doppelpunkt grenzt nun die verhältnismäßig sehr lange Zone verminderter Syntaktizität vom Matrixsatz ab und schafft für den Leser eine gewisse Sicherheit in Bezug auf die funktionale Strukturierung der Matrixstruktur. Sobald der Leser versteht, dass es sich bei der Funktion, die dem Doppelpunkt folgt, um das Objekt zu verpflichten handelt, braucht er auch dann nicht mit einem neuen Funktionselement zu rechnen, wenn die Infinitivgruppe vollständig ist, also nach beachten. Zwar könnte nach dem ersten Semikolon auch ein syntaktisch gänzlich unabhängiger Satz angeschlossen werden. Aber Sätze, bei denen ein Semikolon die Doppelpunktexansion beendet, sind selten. Hat der Leser den Satzbauplan nach dem Semikolon verstanden, weiß er sich weiterhin in der Doppelpunktexpansion, und auf der obersten Hierarchie-Ebene der Matrixstruktur wird er hier keine andere syntaktische Relation als das Objekt anbinden müssen. Diese Funktionsidentität der mit Semikolon gereihten Ausdrücke ist es, die das Hauptargument liefert, hier von Koordination zu sprechen. Vor allem aber wird deutlich, wieso das Semikolon in Beispielen dieser Art anmutet wie ein Koordinationszeichen. Bei diesem Eindruck spielt der Doppelpunkt eine entscheidende Rolle: Folgt nach dem Doppelpunkt ein Semikolon, gibt es nur zwei Möglichkeiten der Bezugnahme für das, was dem Semikolon folgt, siehe Abb. 81.

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

295

Abb. 81: Doppelpunkt und Semikolon in Kombination; schematische Darstellung

Erfüllt Ausdruck B in A eine syntaktische Relation213 und ist Ausdruck C ebenfalls auf A bezogen,214 muss er mit B funktionsgleich sein (Funktion ‚x‘; linker Teil von Abb. 81). Andernfalls ist die Restriktion verletzt, dass nach dem Semikolon nur ein einziges funktionales Element folgen kann. Koordination im Sinne funktionaler Gleichheit wird also von den Eigenschaften des Doppelpunktes in diesem Fall erzwungen. Die andere Möglichkeit ist, dass C auf B bezogen ist. Beide müssen dann zusammen als eine Einheit auf A bezogen werden. Die gleiche Regularität gilt auch für das Semikolon (das allerdings im Gegensatz zum Doppelpunkt wiederholbar ist), das veranschaulicht Abb. 82.

Abb. 82: Doppelpunkt und mehrere Semikolons; schematische Darstellung

Auch was dem Semikolon nach C folgt, ist in Bezug auf B funktionsgleich mit C (Funktion y in der Abb. 82). Theoretisch könnte sich Ausdruck D auch auf C beziehen (rechter Teil von Abb. 82). Dafür allerdings habe ich keine Belege gefunden. Aus diesem Blickwinkel erklärt sich auch, warum es sich – unabhängig vom Doppelpunkt – um eine zumindest koordinationsartige Konstruktion handeln muss, sobald zwei Semikolons den rechten Satzrand strukturieren. Der Effekt, dass nach dem ersten Semikolon nur noch eine Funktion in Bezug auf die Matrixstruktur realisiert werden kann, bleibt in der Regel bestehen, auch wenn weitere 213

214

‚Syntaktische Relation‘ ist hier in einem weiten Verständnis gefasst. Es kann sich auch um ein im weitesten Sinne funktional deutbaren Ausdruck handeln, wie in (367), S. 285. Diese hier genannte Konstellation ist typisch für Sätze, in denen Doppelpunkt und Semikolon am Satzende vorkommen. Ein Gegenbeispiel zeigt (366), S. 283.

296

4 Semikolon

Semikolons folgen. So muss nach dem zweiten Semikolon ein in Bezug auf die Matrixstruktur funktionsgleiches Element folgen und in diesem Sinne entsteht ein Koordinationseffekt. Auch hier zeigt sich, wie fruchtbar es ist, mit syntaktischen Relationen zu argumentieren. Weil sowohl dem Semikolon als auch dem Doppelpunkt nur eine funktionale Einheit folgen kann, kommt für mehrere Einheiten nur Funktionsgleichheit und das heißt Koordination infrage. Bei einem entsprechenden Wissen des Lesers über die Zeichen könnten diese bei der funktionalen Strukturierung des Satzes helfen. Welches Funktionsgefüge genau zum Tragen kommt, entscheidet die sprachliche Struktur des jeweiligen Ausdrucks. Das Semikolon und der Doppelpunkt schränken die Möglichkeiten, vor allem im Vergleich mit dem Komma erheblich ein. Außerdem lassen sie so dem Komma die interne Strukturierung der einzelnen Semikolon-Konnekte. Ich komme nun zum zweiten Argument, warum der Doppelpunkt in Konstruktionen wie (383) von Vorteil sein mag. Ein weiterer Effekt, den der Doppelpunkt hat, ist, dass er eine gewisse Symmetrie herstellt zwischen den ihm folgenden Semikolon-Konnekten. Für den Leser ist damit klar markiert, dass diese sich alle gleichermaßen in der Zone verminderter Syntaktizität befinden. Der Doppelpunkt markiert die Grenze. Um diese Art von Symmetrie zu verdeutlichen, ziehe ich mit (373) zunächst einen Satz mit nominalen Semikolon-Konnekten heran, der in (384) der besseren Übersicht halber noch einmal wiedergegeben ist. (384)

Gefordert wird in dem Kirchenvolksbegehren der Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, in der das Kirchenvolk bei Bischofsernennungen mitentscheidet; Gleichberechtigung der Frauen einschließlich Zulassung zum Priesteramt; Abschaffung des Zwangszölibats; positive Bewertung der Sexualität; mehr Ermutigung und Solidarität statt angstmachender Normen und unbarmherziger Strenge. (TiGer1: 246409, 246422, 246435, 246445)

In Satz (384), der keinen Doppelpunkt enthält, kann das erste Konnekt (der Aufbau [...]) als subordinativ dem Mittelfeld zugehörig gelesen werden. Nach dem ersten Semikolon (nach mitentschiedet) werden die folgenden Ausdrücke dann – aus der Zone verminderter Syntaktizität – angefügt. In (384) ist also das erste Semikolon auf die Topologie der Matrixstruktur bezogen und markiert die Grenze zur Zone geringerer Syntaktizität. Die Konnekte sind damit topologisch gespalten, obwohl

4.6 Syntaktische Restriktionen des Semikolons

297

funktionsgleich und in diesem Sinne koordiniert, siehe Abb. 83. Mit dem Doppelpunkt nach wird ist die topologische Grenze vorverlagert, siehe.

Abb. 83: ‚Asymmetrie‘ gereihter Semikolon-Konnekte ohne Doppelpunkt



Abb. 84: ‚Symmetrie‘ gereihter Semikolon-Konnekte mit Doppelpunkt

Der Satzgrenzeneffekt des ersten Semikolons in Bezug auf die Matrixstruktur ist aufgehoben. Alle mit dem Semikolon verbundenen Ausdrücke stehen hinter dem Doppelpunkt in der Zone verminderter Syntaktizität und das heißt am funktionalen Satzende, und sind in diesem Sinne nicht nur funktional, sondern auch topologisch gleichberechtigt. Wurde in Kapitel 4.6.2 herausgearbeitet, dass das Semikolon in der Lage ist, eine Art Koordinationsfunktion mit der Satzgrenzen- bzw. -abschlussfunktion zu verbinden, so ist es in einem Satz wie in Abb. 84 so, dass der Abschluss des Kernsatzes auf den Doppelpunkt ausgelagert wird. Die Semikolons nach dem Doppelpunkt unterteilen noch die Doppelpunktexpansion, beziehen sich aber nicht mehr auf die Matrixstruktur, denn diese ist ja funktional schon mit dem Doppelpunkt ‚am Ende‘. Möglicherweise ist es so, dass die topologische Funktion des Semikolons in Fällen von Koordination sogar störend wirkt und deshalb der Doppelpunkt präferiert gesetzt wird (wie gesagt in 13 von 15 Fällen). Er hebt den den topologischen Bruchstelleneffekt des Semikolons auf. Dafür spricht, dass Koordination, wenn sie allein mit Komma geschieht, in der Regel feldintern bleibt. Zwar kann auch ein Komma grundsätzlich an topologischen Grenzen im Satz stehen (zum Beispiel zwischen linkem Außenfeld und Vor-

298

4 Semikolon

feld oder nach der rechten Satzklammer, mitunter auch als sogenanntes ‚Vorfeldkomma‘ zwischen Vorfeld und linker Satzklammer), aber es steht dann nicht zwischen koordinierten Gliedern. Das sogenannte Satzgrenzenkomma (Primus 2010: 36) grenzt Nebensätze ab. Koordinationen mit Komma überschreiten aber keine Feldgrenzen.215 Welche Rolle spielt nun dieser Aspekt der ‚Symmetrierung‘ in Bezug auf den Ausgangssatz (383) dieses Abschnitts, siehe S. 293? Hier ließe sich argumentieren, dass die Konnekte als zu-Infinitive ohnehin allesamt im Nachfeld positioniert sind. Der topologische Bruchstelleneffekt des Semikolons ist also erwartbar geringer als in einem Satz wie (384), wo das erste Konnekt als dem Mittelfeld zugehörig gelesen werden kann. Trotzdem kann man auch hier die kanonische Nachfeldbesetzung mit Komma von der mit Semikolon unterscheiden: Ein mit Komma angeschlossener zu-Infinitiv im Nachfeld befindet sich zwar in der Zone geringerer Syntaktizität, ihm können aber weitere – funktionsverschiedene – Ausdrücke folgen: (385)

Sie sollen sich verpflichten, die Erfordernisse der Stabilität in Europa zu beachten, die Wachstumsraten zu halten und die Drei-ProzentGrenze nicht zu überschreiten, um diese Eckwerte zu erreichen.

Satz (385) ist eine sehr verkürzte Form von (383). Man sieht, dass der finale zuInfinitiv mit um problemlos im Nachfeld nach dem regierten zu-Infinitiven platziert werden kann und er kann auf die Matrixstruktur bezogen bleiben,216 so wie in (383) auch – wo er im Vorfeld steht. Man kann bei (383) von einer kanonischen und gut beschriebenen Nachfeldbesetzung sprechen. (386)

Sie sollen sich verpflichten, die Erfordernisse der Stabilität in Europa zu beachten; die Wachstumsraten zu halten; und die Drei-ProzentGrenze nicht zu überschreiten, um diese Eckwerte zu erreichen.

Mit Semikolons nun, das zeigt (386), ist dies erwartungsgemäß viel schlechter möglich. Wie oben begründet, werden die beiden zu-Infinitive nach dem letzten Semikolon präferiert als eine einzige funktionale Einheit gelesen. Der finale zu215

216

Koordinationsglieder können zwar mit Komma in Nachfeldposition als Herausstellungen angeschlossen werden, dann müssen sie allerdings mit einer Konjunktion kombinieren: Die Graphik bildet weitere Beteiligte und noch mehr Pfeile ab, und viele Zahlen. Die Konstituente um diese Eckwerte zu erreichen ist in diesem Fall dem gesamten übrigen Satz als avderbiale Angabe nebengeordnet.

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus

299

Infinitiv kann sich nun kaum mehr, wie in (383), auf die gesamte übrige Konstruktion beziehen. Der Grund dafür sind die Semikolons nach beachten. Das Nachfeld ist also auch in (386) in zwei Subgruppen unterteilbar. Das erste Konjunkt, vor dem ersten Semikolon, gehört dem kanonischen Nachfeld an, der Bereich nach dem ersten Semikolon ist restriktiver. Die Asymmetrie der Konjunkte vor und nach dem ersten Semikolon, die für (384) gilt, lässt sich also auch in (386) zeigen, auch hier errichtet das Semikolon eine topologische Grenze in der Matrixstrukur. Und auch hier ist deswegen mit einem Doppelpunkt nach verpflichten für topologische Symmetrie gesorgt, wie (387) zeigt. (387)

Sie sollen sich verpflichten: die Erfordernisse der Stabilität in Europa zu beachten; die Wachstumsraten zu halten; und die Drei-ProzentGrenze nicht zu überschreiten, um diese Eckwerte zu erreichen.

In diesem Abschnitt stand die Frage im Vordergrund, ob es eine Motivation gibt, nicht kasustragende Komplemente, die mit Semikolon verbunden sind, allesamt eigens in Doppelpunktexpansion zu plazieren. – Die gibt es. Zum einen verdeutlicht der Doppelpunkt den Satzbauplan. Dadurch, dass auch nach Doppelpunkt nur eine einzige funktionale Einheit folgen kann, sind die ihm folgenden, mit Semikolon gereihten Ausdrücke mit größerer Sicherheit funktionsidentisch und in diesem Sinne koordiniert. Zum zweiten grenzt der Doppelpunkt die Zone geringerer Syntaktizität eindeutig vom Kernsatz ab. Damit durchzieht kein kontraintuitives syntaktisches Gefälle mehr die funktionsgleichen Semikolonkonnekte. Der Integrationsgrad aller Semikolonkonnekte auf Satzebene ist mit dem Doppelpunkt identisch. Die beiden Varianten, mit und ohne Doppelpunkt, werden hier also aus grammatischer Perspektive unterschiedlich beschrieben. Ob und inwiefern damit eine unterschiedliche Lesart im Sinne einer Bedeutungsvariante einhergeht, kann hier nicht beantwortet werden. 4.7

Koordination, Addition und Listenmodus

In den vorigen Kapiteln hat sich gezeigt, dass es grundsätzlich unangemessen erscheint, vom Semikolon als einem Koordinationszeichen zu sprechen. Denn in dem häufigsten Fall, in dem zwei syntaktisch selbständige Sätze mit einem Semikolon verbunden sind, lässt sich auf syntaktischer Ebene allenfalls von ‚Satzkoordination‘ sprechen. Die Sätze mögen dann auf textgrammatischer Ebene einen

4 Semikolon

300

stärkeren Zusammenhalt haben (siehe Gillmann 2018 / Rothstein 2016) und graphematisch aneinandergefügt sein, von einer syntaktischen Koordination im engeren Sinne allerdings lässt sich nicht sprechen. Hauptmerkmal für Koordination in dieser Arbeit ist die funktionale Gleichheit zweier Konnekte. Auch eine vergleichbare Wortstellung oder sonstige identitätsanzeigende Eigenschaften sind für zwei selbständige Sätze nicht erkennbar (anders hingegen bei mit Semikolon gereihten Nebensätzen, siehe 4.6.2). In diesem Abschnitt konzentriere ich mich auf Ausdrücke gleicher syntaktischer Relation, das heißt solche, für die das wesentliche Definitionskriterium für Koordination schon zutrifft. Es steht die Frage im Vordergrund, inwiefern man bei solchen Ausdrücken, wenn sie durch ein Semikolon verbunden sind, von koordinierten Ausdrücken sprechen kann. Es wird sich zeigen, dass die entsprechenden Semikolonkonnekte zwar funktionsgleich sind, dennoch aber wesentliche Eigenschaften von syndetischer Koordination und von Koordination mit Komma nicht aufweisen, so dass zu diskutieren ist, ob bei funktionsgleichen Verbindungen mit Semikolon in Anlehnung an Reißig (2015) von ‚Addition‘ anstatt von ‚Koordination‘ gesprochen werden kann. Damit stünden Verbindungen funktionsgleicher Ausdrücke mit Semikolon Listenkomplementen nahe. Ein Vergleich mit Listen steht am Schluss dieses Abschnitts, gefolgt von einem Versuch, Addition im Rahmen des oberflächensyntaktischen Beschreibungsformates zu erfassen. 4.7.1

Tilgung

Typisch für Koordination ist Tilgung (vgl. Eisenberg 2013: 201). Bei Reihungen mit Semikolon ist Tilgung stark eingeschränkt: In 4.6.1 habe ich gezeigt, dass das Semikolon nicht innerhalb von Nominalgruppen steht bzw. für den Leser das Ende von Nominalgruppen anzeigt. Tilgung innerhalb von Nominalgruppen ist mit dem Semikolon folglich ausgeschlossen, wie (388)–(389) zeigen. (388) (389)

*Er kauft eine Sport-; Freizeittasche. *Jan kauft eine Reise-; Freizeit- und Sporttasche.

Möglich ist sie hingegen mit Komma (allerdings sehr eingeschränkt), einer Konjunktion oder beidem, siehe (390)–(392). (390) (391)

Er kauft eine Sport-, Freizeittasche. Er kauft eine Sport- und Freizeittasche.

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus (392)

301

Jan kauft eine Reise-, Freizeit- und Sporttasche.

Auch der in Abschnitt 4.4.1 diskutierte weite attributive Skopus eines pränuklearen Attributs kann als Tilgung interpretiert werden (vgl. Bredel 2008: 189). Mit dem Semikolon ist dieser ebenfalls nicht möglich: Im Gegensatz zu (393) können die Katzen und die Pferde in (394) nicht alt sein (Beispiele in Anlehnung an Bredel 2008: 189). (393) (394)

alte Hunde, Katzen und Pferde alte Hunde; Katzen und Pferde

Für Primus und Bredel (vgl. Bredel/Primus 2007: 114–115) ist Tilgung bei Semikolon-Konstruktionen grundsätzlich ausgeschlossen. Die Ausführungen dieser Arbeit haben aber gezeigt, dass zumindest auf Satzebene unvollständig sein kann, was rechts vom Semikolon steht, das heißt, dass syntaktische Relationen (vor allem die Subjektrelation) einseitig, von links nach rechts (nicht andersherum) über die Semikolongrenze mehrfachausgewertet werden können, und in diesem Sinne lässt sich schon von Tilgung sprechen. Beispiel (395) wiederholt (188) von Seite 177. (395)

Die Mafa rüstete früher den ganzen Ostblock mit Anlagen zur Zuckerfabrikation aus; war aber von der Treuhand als nicht sanierungsfähig eingestuft worden. (TiGer1: 34065)

Insgesamt aber ist damit die Bandbreite an Tilgungsmöglichkeiten über Semikolongrenzen hinweg erheblich eingeschränkt. Ähnliches beobachtet Reißig für Listenkomplemente (vgl. Reißig 2015: 134–135). 4.7.2

Typographische Symmetrie

Ich möchte nun Reihungen mit Semikolon und Listenkomplemente in Bezug auf ihre ‚typographische Symmetrie‘ vergleichen. Reißig versteht darunter in Anlehnung an Eisenberg (2013), dass „die Konjunktion oder ein koordinierendes Interpunktionszeichen zwischen den Konjunkten steht“ (Reißig 2015: 132). ‚Typographische Symmetrie‘ ist ein Terminus von Reißig selbst (vgl. Reißig 2015: 141).

302

4 Semikolon

Ich werde hier dafür argumentieren, dass sowohl in mengenbildenden Listen als auch in Reihungen mit Semikolon von typographischer Symmetrie gesprochen werden kann – und zwar sobald es sich um die Verknüpfung von mehr als zwei Ausdrücken handelt. Das unterscheidet beide von dem Regelfall der Koordination mit Komma. Nach Reißigs Ansicht liegt typographische Symmetrie in mengenbildenden Listen zunächst nicht vor, da es in Listen keine graphischen bzw. sprachlichen Mittel gibt, die mit Konjunktionen bzw. Interpunktionszeichen im Textmodus vergleichbar sind (vgl. Reißig 2015: 141). Aufzählungszeichen verhalten sich nach Reißig nicht wie Konjunktionen im Textmodus, weil sie zum einen nicht für alle Listen obligatorisch seien und zum anderen nicht zwischen den Konjunkten stehen, sondern davor. Würde man also Aufzählungszeichen wie koordinierende Konjunktionen interpretieren, bedeutete dies, dass der kartographische Kopf einer Liste mit dem ersten Listenkomplement koordiniert sei.

Abb. 85: mengenbildende Liste nach Reißig (2015: 144)

In Abb. 85 wäre demnach Brot mit kaufe koordiniert, so Reißig (vgl. Reißig 2015: 141). Ich stimme Reißigs Beobachtung zu, dass sich Aufzählungszeichen nicht analog zu koordinierenden Konjunktionen verhalten; trotzdem kann meiner Meinung nach von typographischer Symmetrie gesprochen werden, wenn man diese etwas weiter fasst. Eine alternative Definition (die für die vorliegende Arbeit gelten soll) ist, dass typographische Symmetrie dann gegeben ist, wenn eine typographische Kennzeichnung für alle koordinierten Glieder gleichermaßen gilt.217 In mengenbildenden Listen mit Aufzählungszeichen sind alle Listenkomplemente typographisch symmetrisch, weil vor jedem Listenkomplement ein Aufzählungszählungszeichen steht, das i. d. R. typographisch auch nicht variiert wird. Typographische Symmetrie ist dann auch gegeben in sogenannten Entscheidungslisten 217

Damit weicht die Definition von typographischer Symmetrie in dieser Arbeit von der Definition in Reißig 2015 ab. Reißig selbst würde die oben gegebene Definition als ‚typographische Identität‘ fassen (Telefonat vom 8.5.2017).

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus

303

(vgl. Reißig 2015: 138). Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass das letzte Listenkomplement mit einer Konjunktion angeschlossen wird. Oder ist selbst nicht koordiniert und darf deswegen auch nicht mit einem Aufzählungszeichen stehen.

Abb. 86: Entscheidungsliste nach Reißig (2015: 138)

An der Liste in Abb. 86 sieht man, dass auch bei einer Entscheidungsliste vor dem letzten Listenkomplement ein Aufzählungszeichen stehen muss. Die Konjunktion oder hat darauf keinen Einfluss, und es ist auch nicht nötig, oder koordinierende Funktion zuzuweisen. Man sieht auch, dass der Zeilenumbruch als Kriterium für typgraphische Symmetrie ungeeignet ist, der dieser steht in Abb. 86 auch vor dem selbst nicht koordinierten Element oder. Wie sieht es nun im Textmodus aus? Reißigs Definition (eine Konjunktion oder ein koordinierendes Interpunktionszeichen steht symmetrisch zwischen den Konjunkten) trifft zu, wenn es sich um lediglich zwei Konjunkte handelt, siehe (396).218 (396) (397) (398)

Bier und Wein Bier und Wein und Sekt Bier, Wein, Sekt

Bei drei und mehr Konjunkten trifft sie zweifelsfrei dann zu, wenn sie die Gestalt annehmen wie in (397) und (398). Problematisch wird es in Fällen wie (399). Und das dürften die häufigsten sein (vgl. Reißig 2015: 141).219

218

219

In dem Fall, wo und genau zwei Ausdrücke koordiniert, erscheint mir die Feststellung typographischer Symmetrie kaum relevant; sie wäre nur dann nicht gegeben, wenn und vor oder hinter beiden koordinierten Ausdrücken steht. Bei sowohl ... als auch sowie bei entweder ... oder hingegen liegt keine typographische Symmetrie vor – weder nach der Definition von Reißig noch nach der Definition der vorliegenden Arbeit. Für den Textmodus ist die Struktur (398) bei Reißig sogar als ungrammatisch gekennzeichnet (vgl. Reißig 2015: 141), weil das letzte Konjunkt nicht mit einer koordinierenden Konjunktion angeschlossen ist, anders hingegen Eisenberg 2013: 198. Offenbar sind für die Grammatikalität solcher Strukturen der syntaktische Kontext und die Art der koordinierten Einheiten mit ausschlaggebend.

4 Semikolon

304 (399)

Bier, Wein und Sekt

Weil sich und und Komma neben ihren funktionalen Unterschieden auch typographisch in nichts ähneln, lässt sich wohl auch mit Reißig hier nicht von typographischer Symmetrie handelt sprechen.220 Diese dürfte für den Standardfall der Koordination von mehr als zwei Ausdrücken im Textmodus wie in (399) nicht gelten. Für Listen kommt Reißig zu dem Schluss, dass hier ebenfalls keine typographische Symmetrie vorherrscht. Mit der Definition von typographischer Symmetrie für die vorliegende Arbeit (gleiche typographische Eigenschaft für alle Koordinationsglieder, siehe oben) kommt man für Listen mit Aufzählungszeichen hingegen zu dem Ergebnis, dass hier typographische Symmetrie grundsätzlich gegeben ist. Für Koordination im Textmodus mit Komma bzw. mit koordinierenden Konjunktionen wäre nach der Symmetrie-Definition dieser Arbeit zu sagen: Jedes Konjunkt einer Koordination grenzt an mindestens ein weiteres Konjunkt. Typographische Symmetrie ist dann gegeben, wenn an jeder Konjunkt-Grenze typographisch das gleiche Mittel zur Verbindung verwendet wird. Die Konjunkte sind dann dahingehend symmetrisch, dass sie an all ihren Grenzen zu anderen Konjunkten typographisch gleich markiert sind. Das ist in (396)–(398) der Fall. Nicht aber in (399), weil Komma und und sich typographisch unterscheiden. Was den Textmodus angeht, laufen beide Definitionen also auf das gleiche Ergebnis hinaus: Typographische Symmetrie scheint hier der markierte Fall zu sein. Nun zum Semikolon: Was typographische Symmetrie angeht, ist es Listen näher als kontinuierlichen Texten. Denn es ist auffällig, dass es keine Reihungen mit Semikolon geben kann, bei denen das Semikolon vor dem Letztglied mit einer Konjunktion alterniert. Ein vergleichbarer Fall zu (399) scheint mit dem Semikolon gerade nicht möglich. Verdeutlichen lässt sich das mit einem konstruierten Beispiel: (400) (401)

220

Bienen summen; Vögel zwitschern und Schmetterlinge flattern herum. Bienen summen, Vögel zwitschern und Schmetterlinge flattern herum.

Dies trifft zu, wenn man in Reißigs Definition von typographischer Symmetrie das ‚oder‘ als ‚entweder...oder‘ liest (‚Konjunktion oder koordinierendes Interpunktionszeichen zwischen den Konjunkten‘). Anders liegt der Fall, wenn man es als inklusives Oder versteht. Dann könnten verschiedene typographische Mittel in einer typographisch symmetrischen Koordination vorkommen.

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus

305

In (400) stehen die letzten beiden Konjunkte als eine koordinative Subgruppe dem Ausdruck vor dem Semikolon gegenüber, siehe Abb. 87. Demensprechend ist keine Lesart möglich, bei der die Bienen herumsummen.

Abb. 87: koordinative Subgruppe für (400), vereinfachte Darstellung

Bei der Koordination mit Komma und und (Beispiel (401)) ist dagegen eine Tilgungslesart über die Kommagrenze hinweg möglich. Hier muss also im Gegensatz zu (400) keine Subgruppenbildung stattfinden, siehe Abb. 88.

Abb. 88: mögliche Gruppenbildung für (115) mit Komma II

(402) (403)

Bienen summen, Vögel zwitschern, Schmetterlinge flattern herum. Bienen summen; Vögel zwitschern; Schmetterlinge flattern herum.

(402) zeigt, dass die Koordination ausschließlich mit Kommas (Alternativ mit Konjunktoren) gegenüber dem Semikolon unmarkiert ist, denn Kommas erzwingen keine Gruppierung und damit die Möglichkeit der Tilgung, sondern sie lassen mehrere Lesarten zu. Mit dem Semikolon aber sind Gruppenbildungen und Tilgung gänzlich ausgeschlossen. Dementsprechend kann es in (403) zu keiner Subgruppenbildung und so auch zu keiner Tilgungslesart kommen. Abb. 89 zeigt die Lesart, die das Semikolon hervorruft, die es aber auch bei (401) möglich ist.

4 Semikolon

306

Abb. 89: mögliche Gruppenbildung für (115) mit Komma I

Das Semikolon kann also mit einer Konjunktion wie und nicht alternieren, aber durchaus kombinieren, wie auch (404) zeigt. (404)

Auf der leeren Bochumer Bühne treiben wüste Potenzgesten die Poesie aus, die bevorzugten Requisiten stammen vom Gemüsemarkt: als Phalluszeichen eingesetzte Mohrrüben; und Kohlköpfe, die offenbar begründen sollen, Kohl bläht, warum Jupiter den Beinamen des "Donnerers" führt. (TiGer: 96847; Fett N. S.)

Was die typographische Symmetrie angeht, steht das Semikolon demnach Listen nahe, weil es ausschließlich in typographisch symmetrischen Kontexten stehen kann. Es hat auch eine wichtige Eigenschaft des Textmodus’: Mit vielen koordinierenden Konjunktionen und mit dem Komma in Koordinationsfunktion teilt es die Eigenschaft, zwischen den Ausdrücken zu stehen und nicht wie Aufzählungszeichen im Listenmodus davor. 4.7.3

Paraphrase mit oder

Weil das Semikolon das Komma und Konjunktoren in seinem Skopus hält und nicht mit ihnen alterniert, ist es nicht überraschend, dass es auch deren Eigenschaften nicht in vollem Umfang teilt – Eigenschaften, die klassischerweise mit Koordination in Verbindung gebracht werden. Dazu gehört, dass das Semikolon in Kombination mit einem Konjunktor nicht in der Lage ist, dessen semantische Leistung zu adaptieren. Das unterscheidet es vom Komma. (405)

Er macht einen Scherz, er ist verrückt oder er merkt es einfach nicht.

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus

307

In (405) sind hauptsächlich zwei Lesarten denkbar. Bei der ersten lässt sich die Verknüpfung des ersten und zweiten Teilsatzes als ‚oder‘ verstehen; die drei Propositionen stehen dann weitgehend gleichberechtigt nebeneinander, siehe Abb. 90.

Abb. 90: ‚oder‘-Lesart des Kommas von Satz (405)

Gemäß der Einheit des koordinativen Dreischritts kann der Koordinator die erste Verknüpfung semantisch beeinflussen. – Bei einer zweiten Lesart lässt sich das Komma näherungsweise mit und paraphrasieren; es entsteht eine Gruppenbildung wie in Abb. 91.

Abb. 91: mit und näherungsweise vergleichbare Lesart des Kommas von Satz (405)

Die Bedeutung in Abb. 91 lässt sich in etwa wiedergeben mit: ‚Er macht einen Scherz. Entweder ist er damit verrückt oder er merkt es einfach nicht‘. Dass das Komma mit der Bedeutung von und paraphrasierbar ist, bedeutet nicht, dass es auch tatsächlich durch und ersetzbar wäre. Denn mit und entstünde eine andere präferierte Gruppenbildung. (406)

Er macht einen Scherz; er ist verrückt oder er merkt es einfach nicht.

Wie stehen die Verhältnisse nun mit einem Semikolon anstatt eines Kommas nach Scherz, (406)? Hier ist nur eine Lesart möglich, und die ist vergleichbar mit der in Abb. 91. Eine oder-Lesart wie in Abb. 90 kann das Semikolon nicht annehmen, es ist hier also spezifischer als das Komma. Salopp könnte man auch hier formulieren: „Füge, was nach dem Semikolon kommt, als insgesamt eine Einheit an die vorangehende Struktur an.“ Genau das ist mit der Lesart aus Abb. 91 der Fall. Bei

4 Semikolon

308

der oder-Lesart wird das Verhalten einer Person auf drei verschiedene Weisen eingeschätzt. Es handelt sich entweder um einen gewollten Scherz oder um eine Verrücktheit oder es herrscht einfach völlige Gedankenlosigkeit vor. Im Falle der Semikolon-Lesart jedoch passiert der Scherz auf jeden Fall. Und aufgrund dieses Ereignisses wird die scherzende Person entweder als verrückt oder als gedankenlos eingeschätzt. Es gibt also nicht mehr drei Alternativen, sondern ein Ereignis (vor dem Semikolon) und eine Einschätzung dazu, die aus zwei Alternativen besteht (eine funktionale Einheit nach dem Semikolon). Die oder-Lesart mit drei gleichberechtigten Alternativen ist mit Semikolon nicht möglich, weil das erste Semikolon nicht als oder verstanden werden kann. Als näherungsweise Paraphrase für das Semikolon kommt also lediglich und infrage. Auch das ist eine Eigenschaft, die Reißig für Listen feststellt (vgl. Reißig 2015: 138). 4.7.4

Semantische Symmetrie

Nun möchte ich Semikolonkonstruktionen noch in Hinblick auf ihre semantische Symmetrie mit Listen einerseits und mit Koordination im Textmodus andererseits vergleichen. Von semantischer Symmetrie kann dann gesprochen werden, wenn „semantisch neutrale Kommutierbarkeit der Konjunkte“ (Reißig 2015: 139) gegeben ist. Reißig kann zeigen, dass für Listenkomplemente semantische Symmetrie auch dann gilt, wenn die einzelnen Glieder Prädikatstrukturen enthalten. Ganz im Gegensatz zum Textmodus, wo die Textstruktur eine zeitliche Abfolge implizieren kann, siehe (407), (408). (407) (408)

Folgendes habe ich mir für dieses Wochenende vorgenommen: Ich wasche das Auto, fahre zu Peter und kaufe für nächste Woche ein. Folgendes habe ich mir für dieses Wochenende vorgenommen: Ich fahre zu Peter, wasche das Auto, und kaufe für nächste Woche ein.

Die gängige Lesart ist, dass die Ereignisse, die dem Doppelpunkt folgen, in derjenigen zeitlichen Abfolge geschehen, die der Reihenfolge in der Linearstruktur der Schrift entspricht. Also wird in (408) zuerst zu Peter gefahren und zum Schluss wird eingekauft (vgl. Reißig 2015: 139–140); weil ein Vertauschen der Glieder in der Textstruktur die zeitliche Abfolge ändert, kann man in (407) und (408) nicht

4.7 Koordination, Addition und Listenmodus

309

von semantisch neutraler Kommutierbarkeit sprechen.221 – Nicht so in Listen. In beiden Listen aus Abb. 92 kann das Auto zuerst gewaschen oder auch zuerst für das Wochenende eingekauft werden (vgl. Reißig 2015: 139–140). 

Abb. 92: mengenbildende Liste mit verbalen Anteilen (nach Reißig 2015: 140)

Reißigs Darstellung erscheint plausibel. Wer eine To-Do-Liste schreibt, muss dabei nicht planen, in welcher Reihenfolge er/sie oder jemand anderes diese abarbeitet. Und so dürfte auch ein chronologisches Abhaken für viele kein Zwang sein. Wie sieht es mit dem Semikolon aus? (409) (410)

Folgendes habe ich mir für dieses Wochenende vorgenommen: Ich wasche das Auto; ich fahre zu Peter; und ich kaufe für nächste Woche ein. Folgendes habe ich mir für dieses Wochenende vorgenommen: Ich fahre zu Peter; ich wasche das Auto; und ich kaufe für nächste Woche ein.

Dass in (409) und (410) die geplante Reihenfolge der Abfolge in der Textstruktur entspricht, liegt meines Erachtens zwar nahe, aber weniger stark als in (407) und (408). Eine klare Kommutierbarkeit, wie in Listen, ist sicherlich nicht gegeben. Zudem sind Strukturen mit Subjektlücke (wie in Reißigs Ausgangsbeispiel (vgl. Reißig 2015: 139) und wie in (407) und (408)) mit dem Semikolon grundsätzlich möglich, wenngleich offenbar eher bei längeren Teilsätzen üblich; siehe (411), wo eine zeitliche Reihenfolge analog zur Textstruktur meiner Meinung nach eher gegeben ist als in (409) und (410), allerdings ist die Aussagekraft solcher doch artifiziell wirkender Sätze sicher begrenzt.

221

Allerdings ist zu bedenken, dass in (407) und (408) die zweiten und dritten Teilsätze jeweils mit Subjektlücke angeschlossen sind. Eisenberg argumentiert, dass sie es ist (und dementsprechend nicht der Textmodus), durch die ein Verständnis der zeitlichen Abfolge evoziert wird (vgl. Eisenberg 2013: 202–203).

4 Semikolon

310 (411)

Folgendes habe ich mir für dieses Wochenende vorgenommen: Ich wasche das Auto; fahre zu Peter; und kaufe für nächste Woche ein.

Jedenfalls: Wenn die Subjektlücke bei der Interpretation hier tatsächlich eine Rolle spielt, sollte sie grundsätzlich (auch schon bei Reißig) bei einem Vergleich mitbedacht werden. Wie groß der Lesartenunterschied zwischen (407), (409) und (411) tatsächlich ist, möchte ich an dieser Stelle nicht entscheiden. Genaue Ergebnisse könnte nur eine Rezeptionsstudie liefern. Eine Tendenz der Semikolonkonstruktion in Richtung Liste lässt sich in Hinblick auf die semantische Symmetrie allenfalls in Ansätzen erkennen. Abgesehen davon dürfte wohl nur ein kleiner Teil von Reihungen mit Semikolon (und von Reihungen mit Listenkomplementen) Prädikatstrukturen enthalten, bei denen es auf eine zeitliche Reihenfolge wirklich ankommt. Als Zwischenfazit lässt sich sagen, dass sich Reihungen mit dem Semikolon in wesentlichen Punkten von Koordinationen unterscheiden, die mit einem Komma beziehungsweise mit koordinierenden Konjunktionen realisiert werden. Das Semikolon besitzt nur sehr eingeschränkt die Flexibilität, Koordinationsellipsen zuzulassen, es steht typographisch symmetrisch und kann nur (zumindest näherungsweise) mit und paraphrasiert werden. In allen diesen Eigenschaften gleicht es Listen (vgl. Reißig 2015: 133ff.). Zudem kann das Semikolon nicht in der Bedeutung einer koordinierenden Koordination wie oder gelesen werden (im Unterschied zum Komma). 4.8

Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

Reißig spricht bei Listenkomplementen nicht von Koordination, sondern von ‚Addition‘: „Die Aneinanderreihung der LKs [=Listenkomplemente, N. S.] wird in Anlehnung an die semantische Leistung von und als additiv verstanden“ (Reißig 2015: 146; kursiv und fett i. O.). Dieser Terminus erscheint mir für die hier in Rede stehenden Konstruktionen mit Semikolon ebenfalls angemessen. Das Semikolon ist sogar noch stärker auf die semantische Leistung von und festgelegt als Listenkomplemente, weil letztere in Entscheidungslisten auch als Alternativen zueinander verstanden werden können, wenn das letzte Komplement mit oder angeschlossen ist – ähnlich wie beim Komma im Textmodus (siehe Abb. 86, S. 303 sowie Abb. 90, S. 307). Ein weiteres Merkmal von Addition in Listen ist, dass „kein sprachlicher Ausdruck mit einer Konjunktion angebunden sein [muss] (ebd.; fett

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

311

i. O.). Auch dies trifft für das Semikolon zu. Eine Konjunktion kann mit dem Semikolon nur kombinieren, also zusätzlich hinzutreten, aber nicht selbst einen sprachlichen Ausdruck anbinden, siehe zum Beispiel (409), S. 309 oder (289), S. 251. Das letzte Merkmal für Addition, die semantische Symmetrie, ist mit dem Semikolon in kontinuierlichen Texten nicht oder nur sehr eingeschränkt gegeben, in Listen sind die Verhältnisse klarer. Aber für Listen scheint die Untersuchung ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Dazu wurde die Rolle der Subjektlücke noch nicht ausreichend mit einbezogen. Dass Reihungen bzw. Additionen mit dem Semikolon Listen nahestehen, wirkt sich aus. Übergänge zwischen kontinuierlichen Texten und Listen finden sich durchaus. Ich betrachte exemplarisch zunächst zwei Texte, die kartographisch dem Textmodus ähneln.  Abb. 93: Notenstufenskala eines Prüfungsdokumentes der Universität Oldenburg

Abb. 93 zeigt eine Notenskala, abgedruckt in der Fußzeile eines Dokuments der Universität Oldenburg. Der Textabschnitt ist nicht eingebettet in einen kontinuierlichen Text, oberhalb und unterhalb befindet sich jeweils ein Weißraum. Er wird auch nicht mit einem Punkt beendet. Die Doppelpunktkonstruktion bildet mit nur einem Wort keine Zone höherer Syntaktizität.222 Auf der anderen Seite handelt es sich auch nicht um eine Liste, denn es gibt keinen Zeilenumbruch, der für die syntaktische Textstruktur funktionalisiert ist wie in einer Liste (vgl. Reißig 2015: 76). Dennoch steht dieser Textabschnitt einer Liste nahe: Notenstufen: ist graphisch vergleichbar mit einem kartographischen Kopf, erkennbar durch den – allerdings nicht obligatorischen – Fettdruck, aber auch dadurch, dass die Doppelpunktexpansion eingerückt ist. Außerdem sind die einzelnen Semikolonkonnekte streng genommen semantisch symmetrisch gereiht. Sie folgen zwar einer Ordnung (aufsteigende Zahlenreihe), wären aber dennoch ohne Folgen für die Gesamtbedeutung kommutiertbar. Der Additionsgedanke, den Reißig für Listen starkmacht, wird in diesem Beispiel also besonders deutlich – trotz fehlenden Zeilenumbruchs und nicht vorhandenen Aufzählungszeichen. Gleichzeitig ist der geringe Grad an Syntaktizität wiederzuerkennen, wie er auch in für Semikolonkonstruktionen typischen kontinuierlichen Texten festzustellen war. So bietet die Konstruktion in 222

Wobei das durchaus auch im Textmodus denkbar ist – für Listen ist es aber typisch.

312

4 Semikolon

Abb. 93 dem Semikolon einen beinahe idealen Nährboden. Die Umwandlung in eine Liste scheint ohne weiteres möglich. Der Zeilenumbruch geschieht dann immer nach den Semikolons, die hinter der ausgeschriebenen Note stehen.223 Anstatt des Semikolons bieten sich noch andere Zeichen an, die ich in dieser Arbeit nicht eingehend untersuche: der Schrägstrich und der Gedankenstrich.224 Und weder der Gedankenstrich noch der Schrägstrich können am Ende von Listenkomplementen stehen. Das Semikolon scheint über die Textmodi hinweg funktional stabil zu sein. Es steht nicht zwingend in Texten wie Abb. 93, sein Vorkommen dort ist aber im Einklang mit seiner allgemeinen Funktion. Ein ähnliches Beispiel zeigt.

Abb. 94: Autorvorstellung aus Eisenberg 2013 (Klappentext)

Abb. 94 zeigt eine stichwortartige Vorstellung des Autors Peter Eisenberg. Kartographisch mutet dieser Text wie ein kontinuierlicher Text an (wie in Abb. 93 gibt es weder Aufzählungszeichen noch einen funktionalisierten Zeilenumbruch), von seiner Textstruktur her hingegen nicht. Er enthält keine Zone höherer Syntaktizität, auf die die Semikolonkonnekte zu beziehen wären. Sie beziehen sich auf die Überschrift (die in Listenform einem kartographischen Kopf entsprechen würde). 223

224

Das Besondere an der Reihung in Abb. 93 ist, dass Semikolons einerseits eingesetzt werden, um die ausgeschriebenen Notenbezeichnungen von der folgenden, nicht mehr dazugehörigen Ziffer zu trennen, und andererseits um die Ziffern (die intern Kommas enthalten) untereinander zu trennen. Mit dem Semikolon werden so zwei Hierarchiestufen in der Reihung erzeugt. Der Gedankenstrich ist als Aufzählungszeichen möglich in Texten, die ebenfalls mit Listen vergleichbar sind, nämlich in Inhaltsübersichten, wenn sie als kontinuierliche Texte gestaltet sind. Gallmann gibt in Anlehnung die Dudenregel R55 (Duden 1980) folgendes Beispiel, nennt es aber einen Spezialfall: I. Inhalt: Grundregeln – Eröffnung – Kombinationsspiel – Endspiel – Meisterpartien – Problemschach (aus Gallmann 1985: 158) Allerdings kommt der Gedankenstrich in vergleichbarer Funktion innerhalb laufender Absätze in konventionellen Fließtexten (wie Zeitungsartikeln) wohl nicht vor.

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

313

Was die semantische Symmetrie angeht, verhält es sich hier unterschiedlich zu dem Text in Abb. 93. Die einzelnen Glieder folgen zu Beginn offensichtlich einer chronologischen Ordnung. Geht der Leser davon aus, dass diese grundsätzlich besteht, sind die Glieder nicht semantisch neutral kommutierbar. Auffällig und listenähnlich ist in Abb. 94 die Artikellosigkeit. Reißig stellt fest, dass „[l]istenmodale Texte [...] sich darüber aus[zeichnen], dass sie häufig artikellose Formen aufweisen“ (Reißig 2015: 151). Artikel werden in Listen vor allem als Kasusanzeiger gebraucht, und zwar dann, wenn es einen verbalen Listenkopf gibt, der einen obliquen Kasus regiert (vgl. Reißig 2015: 157–164). Das ist in dem Text in Abb. 94 nicht der Fall, vergleichbar einer Liste stehen die Konnekte ohne Artikel (siehe auch Beispiel (373), S. 289; hier wurde ebenfalls Artikellosigkeit bei Semikolonkonnekten beobachtet, sogar in einem kontinuierlichen Text, der satzsyntaktische Struktur aufweist). Die Möglichkeit der Artikellosigkeit ist aber in Listen offenbar weiter verbreitet als in kontinuierlichen Texten.

Abb. 95: Liste mit verbalem kartographischen Kopf und artikellosen Listenkomplementen

Bei verbalen, regierenden kartographischen Köpfen kann der Artikel im Nominativ und im Akkusativ fehlen. Bei entsprechenden Strukturen im Textmodus anscheinend nicht. (412)

(413)

??

Wir suchen für unseren Betrieb: Maschinenschlosser mit Meisterprüfung; Koch, auch ungelernt; Reinigungskraft mit Erfahrung in Arztpraxen, Krankenhäusern o. Ä. Wir suchen für unseren Betrieb: einen Maschinenschlosser mit Meisterprüfung; einen Koch, auch ungelernt; eine Reinigungskraft mit Erfahrung in Arztpraxen, Krankenhäusern o. Ä.

Das Semikolon bedingt offensichtlich nicht in demselben Maße die Möglichkeit zur Artikellosigkeit wie das Listendispositiv. Aber es wird in entsprechenden listenartigen Texten gebraucht. Der Text in Abb. 94 ist wegen seiner syntaktischen Gestaltung listennah, Artikellosigkeit ist angemessen. Das Semikolon scheint für diese Textform durchaus ein funktional adäquates Zeichen zu sein. Seine Satz-

4 Semikolon

314

grenzenfunktion spielt keine Rolle, weil die Einheit ‚syntaktischer Satz‘ keine relevante Gliederungsgröße für diesen Text darstellt.225 Stattdessen schafft das Semikolon ein listenähnliches Additionsverhältnis zwischen nominalen Gliedern in kontinuierlicher Textanordnung. Der letzte Typus, den ich in diesem Zusammenhang betrachten möchte, sind Texte mit einem ‚Listenanteil‘, das heißt kontinuierliche Texte, in die listenmodale Elemente integriert sind. Diese sind nicht zuletzt auch in der grammatischen Literatur häufig. Ein Beispiel zeigt (414). (414)

Je nach verknüpften Propositionen kann aber auch Nähe zu einem Erklärungszusammenhang bestehen: (7) (7’)

Die Lampe brennt nicht, der Strom ist nämlich ausgefallen. Die Lampe brennt nicht, weil der Strom ausgefallen ist. (aus: Zifonun et al. 1997: 2436)

Die Nähe zur Liste ist durch die Aufzählungszeichen unverkennbar. Die Doppelpunktkonstruktion hat Ähnlichkeiten mit einem kartographischen Kopf. (414) mutet also beinahe wie eine Liste an. Gleichzeitig ist es interpretierbar aus dem Blickwinkel kontinuierlicher Texte. Die Matrixstruktur des Textabschnittes reicht bis zum Doppelpunkt – und hier endet auch die Zone höherer Syntaktizität. Mit dem Listenmodus beginnt die Zone geringerer Syntaktizität. Diese und ähnliche Konstruktionen, die zwischen Text- und Listenmodus oszillieren, bieten ebenso einem Interpunktionszeichen Raum, das zentrale Eigenschaften listenmodaler Verknüpfung mitbringt, das gleichzeitig aber dem Textmodus verschrieben ist: dem Semikolon. Und auch hier findet man es. Ein Beispiel zeigt (415). Dem zitierten Satz gehen mehrere Sätze im Textmodus voran.

225

Die Einheit ‚graphematischer Satz‘ allerdings ist schon relevant, wie die beiden internen Punkte mit anschließender Großschreibung verraten. Offenbar gliedern die Punkte hier Textabschnitte.

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten (415)

315

[KONT. TEXT] Dabei werde ich mich auf zwei Teilthemen beschränken: – –

die Abgrenzung von Nachfeld und rechtem Außenfeld (und gegenüber dem Kontext); die Zugehörigkeit herausgestellter Appositionen und verwandter Phänomene (zu Nachfeld oder rechtem Außenfeld oder gar zu weder noch).

[KONT. TEXT]226 In (415) wird der Textmodus durch die Zeilenumbrüche, die Einrückungen sowie durch die Aufzählungszeichen verlassen. Nicht aber, was die Interpunktion angeht. Für den Doppelpunkt vor der Liste wurde in Abschnitt 4.6.2 argumentiert, er stelle eine topologische Symmetrie in Hinblick auf die Semikolon-Konnekte her, weil sich alle Glieder eindeutig in der Zone geringerer Syntaktizität und in der Nachfeldposition befinden. In (415) nun kann er ähnlich interpretiert werden. Der Doppelpunkt steht an einer klaren Grenze, nämlich vor dem ersten SemikolonKonnekt, am Ende der Zone höherer Syntaktizität, vor dem Listenmodus. Nicht denkbar wäre (416), wo das erste Semikolon-Konnekt noch im Textmodus steht und nur das zweite (und gegebenenfalls weitere) eingerückt und mit einem Aufzählungszeichen angeschlossen ist. (416)

*Dabei beschränke ich mich auf die Abgrenzung von Nachfeld und rechtem Außenfeld (und gegenüber dem Kontext); –

die Zugehörigkeit herausgestellter Appositionen und verwandter Phänome (zu Nachfeld oder rechtem Außenfeld oder gar zu weder noch).

Stellt also der Doppelpunkt in Sätzen wie (383) (S. 293) aus Abschnitt 4.6.2 eine topologische Symmetrie her, so sichert er in (415) die für den Listenmodus obligatorische typographische Symmetrie zwischen den Listenkomplementen. Sicherlich ist in Fällen wie (415) statt des Semikolons auch ein Komma möglich. Das verdeutlicht der folgende Einzelbeleg: Der Artikel 3 der Grundrechtecharta der EU enthält in der englischen wie in der deutschen Version einen 226

Textauszug aus Zifonun 2015: 26.

316

4 Semikolon

Übergang vom Textmodus in einen mit Listen vergleichbaren Modus. Nach dem Doppelpunkt werden die gereihten Ausdrücke mit Hilfe von Zeilenumbruch und Aufzählungszeichen gegliedert. Trotzdem schließt die Konstruktion nach beings mit einem Punkt ab und ist intern mit Semikolons gegliedert. Texteigenschaften und Listeneigenschaften fließen ineinander. Die deutsche Übersetzung enthält Kommas, die Gliederung aber ist identisch.

Abb. 96: Ausschnitt aus der Grundrechtecharta der EU; englische Version227

227

http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/HTML/?uri=OJ:C:2007:303:FULL&from=DE (Zugriff: 10.04.2020).

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

317

Abb. 97: Ausschnitt aus der Grundrechtecharta der EU; deutsche Version228

Das Besondere am Semikolon ist, dass es in den hier vorgestellten Texten zum einen funktional stabil ist, und zum zweiten (im Gegensatz zum Komma) spezifisch auf Reihungs- bzw. Additionskontexte zugeschnitten. 4.8.1

Der Übergangsbereich zwischen Textmodus und Listenmodus

Das Semikolon ist ein passendes Zeichen, wenn es um die typographische und um die syntaktische Integration von Listen und kontinuierlichen Texten geht: Es ermöglicht kontinuierlichen Texten syntaktisch eine Additionsrelation, die der von Listen fast gleicht; der Liste ermöglicht es, kartographisch innerhalb von kontinuierlichen Texten zu stehen – auch wenn es dafür nicht obligatorisch des Semikolons bedarf, wie Abb. 97 und (414) (S. 314) zeigen. Anders gesagt bietet sich das Semikolon sowohl an für listenartige kontinuierliche Texte als auch für Listen im Textmodus. Hingegen stehen sowohl die prototypische Liste als auch die prototypische Koordination im Textmodus ohne Semikolon. Zwischen diesen Prototypen lassen sich die Texte mit Semikolon nach ihrer ‚Listenartigkeit‘ ordnen, wie ich im Folgenden zeigen möchte.

228

http://www.europarl.de/resource/static/files/europa_grundrechtecharta/_30.03.2010.pdf (Zugriff: 12.05.2017)

318 (417)

4 Semikolon Für die letzte Reise bestand unser Proviant aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken, Ei- und Milchpulver sowie Reis, Nudeln und Grieß. (nach AR 2006: § 80)

(417) zeigt zunächst den Prototypen einer Koordination im Textmodus mit Komma. Das heißt, die Konjunkte sind flexibel in Bezug auf die Stellungsfelder, können beispielsweise ins Vorfeld gerückt werden. Es besteht die Möglichkeit, analytische Verbformen zu bilden sowie die Möglichkeit, nur einzelne Konjunkte im Nachfeld zu plazieren, wie (418) zeigt. (418)

Für die letzte Reise hat unser Proviant aus gedörrtem Fleisch, Speck und Rauchschinken und aus Ei- und Milchpulver bestanden, sowie aus Reis, Nudeln und Grieß.

Möglich sind Koordinationsellipsen und das Komma kann die Semantik von und verschiedener Konjunktoren annehmen. Letzteres zeigt (419), wo das Komma mit oder paraphrasiert werden kann. (419)

Unser Proviant wird vermutlich bestehen aus gedörrtem Fleisch, Speck oder Rauchschinken.

(417) weist damit die zentralen syntaktischen Eigenschaften auf, die sich für Koordination erwarten lassen; eine Zone geringerer Syntaktizität nehme ich für (417) nicht an. Der Satz (420) zeigt nun die Integration listenartiger Addition in den Textmodus durch das Semikolon. (420)

Für die letzte Reise bestand unser Proviant aus gedörrtem Fleisch; Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; sowie Reis, Nudeln und Grieß.

Die Reihung ist auf das Satzende bzw. auf die Nachfeldposition festgelegt. Somit entfällt auch die Möglichkeit, die Konjunkte auf das Mittelfeld und das Nachfeld zu verteilen, wie dies in (418) mit dem Komma möglich war. Analytische Verbformen kann es noch mit Voranstellung des finiten Prädikatsteils geben wie in (372), S. 287. Koordinationsellipsen sind, da es sich um Nominalgruppen handelt, nicht über Semikolongrenzen hinweg möglich und das Semikolon kann auch nicht

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

319

die Semantik beispielsweise von oder übernehmen. In Bezug auf die Stellungsfelder steht die Reihe in (420) asymmetrisch, denn das erste Konnekt (gedörrtem Fleisch) kann (besonders aus Lesersicht) dem Mittelfeld zugerechnet werden, die Zone geringerer Syntaktizität beginnt für den Leser erst nach dem ersten Konjunkt. Syntaktisch unterscheidet sich (420) also erheblich von (417). (421)

Für die letzte Reise bestand unser Proviant aus: gedörrtem Fleisch; Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; sowie Reis, Nudeln und Grieß.

In (421) nun befinden sich durch den Doppelpunkt nach aus eindeutig alle Konnekte in der Zone geringerer Syntaktizität bzw. in Nachfeldposition. Sie stehen somit topologisch symmetrisch. Der Bereich, in dem bloß gereiht wird, ist gegenüber dem übrigen Teil des Satzes klar graphematisch markiert. Und diese Markierung ist nun noch deutlicher in (422), wo der Zeilenumbruch hinzutritt, der die Doppelpunktkonstruktion quasi zu einer Art kartographischem Kopf werden lässt, und wo die einzelnen Konnekte ebenfalls durch Aufzählungszeichen ausgezeichnet sind. Ansonsten bleibt die Interpunktion aus (421) erhalten. (422)

[KONT. TEXT]. Für die letzte Reise bestand unser Proviant aus: – – – –

gedörrtem Fleisch; Speck und Rauchschinken; Ei- und Milchpulver; Reis, Nudeln und Grieß.

[KONT. TEXT] Die nun mit dem kartographischen Kopf vergleichbare Doppelpunktkonstruktion bleibt aber anschlussfähig an kontinuierliche Texte. Der Übergang zwischen Textund Listenmodus ist in (422) besonders dadurch gekennzeichnet, dass die oben beschriebene typographische Symmetrie sowohl in der Listenausprägung gegeben ist (vor jedem Komplement steht ein Aufzählungszeichen) als auch in der Textausprägung (zwischen jedem Komplement steht ein koordinierendes Element, hier das Semikolon). Nicht mehr ohne weiteres anschlussfähig an einen kontinuierlichen Textteil ist die Konstruktion in Abb. 98 (und deswegen auch ohne Satzschlusszeichen), trotzdem ohne Zeilenumbruch und Aufzählungszeichen:

4 Semikolon

320

Abb. 98: kontinuierlicher Text mit Listeneigenschaften, in Anlehnung an Abb. 93

Es gibt einen karthographischen Kopf, der gegenüber den obigen Beispielen reduziert ist, so dass sich nun nicht mehr von einer Zone höherer Syntaktizität sprechen lässt; die Konnekte stehen im Nominativ. Dass das Semikolon zwischen Text- und Listenmodus steht, wird mit den letzten drei Beispielen besonders deutlich: In Abb. 98 und in (421) zeigt es Addition an, und damit eine typische Listeneigenschaft im Textmodus. In (422) verweist es aber die Zugehörigkeit des Listenabschnitts zum Textmodus, die Additionsrelation hingegen ist nur redundant mit dem Semikolon und primär durch den Zeilenumbruch gekennzeichnet. In (423) handelt es sich nun um eine Liste, die nicht mehr integrierbar ist in den Textmodus. Interpunktionszeichen sind nicht notwendig. Ob es dennoch möglich ist, Interpunktionszeichen am Ende der einzelnen Listenkomplemente zu setzen, lasse ich offen. (423)

Proviant - gedörrtes Fleisch - Speck und Rauchschinken - Ei- und Milchpulver - Reis, Nudeln und Grieß

4.8.2

Zusammenfassung

In diesem Abschnitt wurden Reihungen funktionsgleicher Glieder mit Semikolon auf ihre koordinativen Eigenschaften hin analysiert. Im Ergebnis lässt sich sagen, dass wesentliche Eigenschaften, die gemeinhin für Koordination angenommen werden, diesen Konstruktionen nicht angehören. Das Semikolon ist syntaktisch unflexibler als das Komma, weil es Tilgung nur eingeschränkt zulässt. Typographisch steht es symmetrisch. Dementsprechend gibt es keine Alternation mit einer koordinierenden Konjunktion, und entsprechend auch keine Paraphrase mit oder – denn dafür wäre eine Alternation mit oder Voraussetzung. Das Semikolon scheint grundsätzlich nur mit und paraphrasierbar. In Bezug auf semantische Symmetrie waren die Ergebnisse weniger deutlich. Hier steht das Semikolon der Ko-

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

321

ordination kontinuierlicher Texte nahe. Insgesamt aber rückt die Reihung funktionsgleicher Glieder mit Semikolon in kontinuierlichen Texten in die Nähe von Listen. Dazu passt auch die (allerdings eingeschränkte) Möglichkeit der Artikellosigkeit in einigen Fällen nominaler Reihungen. Es hat sich gezeigt, dass es gerechtfertigt ist, in Anlehnung an Reißig 2015 bei funktionsgleichen Semikolonkonnekten, wie sie hier diskutiert wurden, von Addition zu sprechen. Mit dem Semikolon kann es in kontinuierlichen Texten ein listenartiges, nämlich additives Verknüpfungsverhältnis geben; relational gesehen ist das Semikolon damit das Einfallstor für Listen in den Textmodus. Werden Listen auch typo- bzw. kartographisch in kontinuierliche Texte integriert (wie in (422), S. 319, kann das Semikolon (und auch das Komma) am Ende von Listenkomplementen stehen und so anzeigen, dass der Textmodus nicht gänzlich verlassen wurde, sondern vielmehr auch die Liste im Textmodus noch als graphematischer Satz gekennzeichnet ist. Das Semikolon eignet sich weder für die prototypische mengenbildende Liste noch für die prototypische Koordination im Textmodus, aber für einige hier exemplarisch vorgestellte Texte, die zwischen diesen beiden Eckpunkten angesiedelt werden können. Abschließend sei noch erwähnt, dass sich das Konzept der Zonen höherer und geringerer Syntaktizität, das sich für die Beschreibung von Semikolonkonstruktionen als sinnvoll erwiesen hat, in einfacher Weise auch auf Listen anwenden lässt. Wenn man bei Listen von Zonen höherer Syntaktizität sprechen kann, dann in dem Fall von syntaktisch komplex organisierten, besonders mit einem verbalen Element ausgestatteten kartographischen Köpfen. Sämtliche von Reißig (2015) angeführten Listen mit entsprechenden Köpfen lassen sich so interpretieren, dass die Zone höherer Syntaktizität genau mit dem kartographischen Kopf zusammenfällt. Die Grenze zwischen den beiden Zonen wird markiert mit dem ersten Zeilenumbruch. Im Textmodus entspräche das einem Doppelpunkt, der, je nach syntaktischer Konstruktion, stehen muss oder kann. In der Liste ist der Doppelpunkt ebenfalls möglich, aber fakultativ, der Zeilenumbruch ist hingegen obligatorisch. Die folgende Liste aus Abb. 99 soll das verdeutlichen.

4 Semikolon

322

Abb. 99: Liste mit verbalem kartographischem Kopf; aus Reißig 2015: 160

In satzsyntaktisch strukturierten Listen hingegen, die keinen verbalen kartographischen Kopf aufweisen, deckt sich der Kopf nicht mit der Zone höherer Syntaktizität, siehe Abb. 100.

Abb. 100: Liste mit nicht-verbalem kartographischen Kopf; aus Reißig 2015: 163

4.8.3

Addition in der Oberflächensyntax

Die spezielle Verknüpfungsstruktur von Semikolongliedern, die besonders mengenbildenden Listen gleicht, wurde hier in Abgrenzung zu ‚Koordination‘ nach Reißig 2015 mit ‚Addition‘ bezeichnet. Wie lässt sich Addition theoretisch in der Oberflächensyntax verorten? In diesem Abschnitt wird versucht, eine Lösung zu finden. Addition kann eindeutig von einem Semikolon ausgelöst werden. Möglich ist, dass auch andere Interpunktionszeichen eine additive Verknüpfungsrelation schaffen können; Konjunktionen und andere sprachliche Ausdrücke scheiden hingegen für Addition per defintionem aus (vgl. Reißig 2015: 146). Oberflächensyntaktisch gesprochen wäre also das Semikolon ein syntaktisches Formmittel für Addition in kontinuierlichen Texten. Von dem sprachlichen Formmittel Semikolon geht eine doppelte, unspezifizierte Rektionsrelation aus; Semikolon-Konnekte sind demnach Ergänzungen. Außerdem herrscht Positionsbezug, denn die beiden Ergänzungen müssen jeweils rechts und links stehen. Bisweilen herrscht Identität zwischen den Konnekten, notwendig ist das aber nicht. In diesen Eigenschaften

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

323

gleicht Addition Koordination und das Semikolon gleicht koordinierenden Konjunktion wie und (vgl. Eisenberg 2013: 197f.), siehe.

Abb. 101: Markierungsstruktur des Semikolons allgemein

In diesem Abschnitt geht zwar es lediglich darum, die Additionsrelation in die Oberflächensyntax zu integrieren, nicht das Semikolon allgemein. Trotzdem kann Abb. 101 als allgemeine, wenn auch relativ unspezifische Beschreiung des Semikolons gelten. Die Additionsrelation ist nun spezifischer und baut darauf auf. Bei Addition stehen die Konnekte in der Regel adjazent zum Semikolon (absoluter Positionsbezug). Werden mehr als zwei addiert, ergibt sich die Besonderheit, dass alle mittleren Konnekte von beiden Semikolons regiert werden. Daher ergibt sich, dass die Menge der Konnekte bestimmbar ist durch die Menge der Semikolons plus eins. Dieses Verhältnis ist die Folge aus der oben bestimmten typographischen Symmetrie (an jeder Grenze zu einem anderen Konjunkt steht ein Semikolon), siehe Abb. 102.

Abb. 102: Reihung von drei Semikolonkonnekten mit Markierungsstruktur

Durch die enge syntagmatische Verknüpfung der Konnekte mit dem Semikolon scheint es gerechtfertigt, diese in der Konstituentenstruktur einander nebenzuordnen, siehe Abb. 103.

324

4 Semikolon

Abb. 103: Drei Semikolonkonnekte mit Konstituentenstruktur229

Zusammen ergeben sie eine Konstituente, die in der Matrixstruktur eine einzige syntaktische Funktion erfüllt. Das heißt, nach außen hin verhält sich eine Konstituente, die eine Addition unter sich versammelt, nicht anders als eine ohne diese Eigenschaft, siehe.

Abb. 104: Additionsstruktur (rechts) im Vergleich mit einer nicht-additiven Struktur (links)

In Abb. 104 rechts ist der Fall dargestellt, dass der oberste YGr-Knoten als syntaktische Relation auf die Konstituente W bezogen ist. Beispielswiese könnte es sich bei YGr um eine Ergänzung zu einer Präposition W handeln, wie in dem Rauchschinken-Satz (siehe (417), S. 318). Gerade wenn die Addition nach einem Doppelpunkt steht, kann es sich auch um eine losere funktionale Verknüpfung handeln, wie beispielsweise in (409), S. 309. Die Alternative, dass alle Konnekte jeweils eine syntaktische Funktion erfüllen, ist in dargestellt.

229

Ob die übergeordnete Konstituente dieselbe Bezeichnung tragen muss wie die untergeordneten Konnekte, wie es die Darstellung zeigt, bleibt hier offen. Bei Identität der Kategorien der Konnkete liegt das nahe, ähnlich wie zum Beispiel bei der Koordination von Nominalgruppen, die man teilweise zu einer Nominalgruppe zusammenfasst, siehe Abb. 18, S. 68.

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

325

Abb. 105: Anbindung von Semikolonkonnekte; alternative Anbindung zu Abb. 104 rechts

Die Struktur in Abb. 105 hat zwei Vorteile gegenüber der Struktur in Abb. 104 rechts: Zum einen kommt die funktionale Identität der einzelnen Konnekte heraus, zum anderen ist jedes einzelne Konnekt funktional eingebunden. Mit Letzterem ist dem Ziel der Oberflächensyntax rechnung getragen, „alle Konstituenten einer komplexen Einheit mit relationalen Begriffen zugänglich zu machen“ (Eisenberg 2013: 48). Aber die Struktur in Abb. 105 birgt ein Problem: Bezieht man die Markierungsstruktur mit ein, zeigt sich, dass das sie die tatsächlichen syntagmatischen Verhältnisse verunklaren kann, siehe Abb. 106.

Abb. 106: Anbindung von Semikolonkonnekte erweitert um die Markierungsstruktur

Würde jedes Konnekt einer Addition einzeln mit einer syntaktischen Relation auf ein Regens bezogen, würde eine singuläre syntagmatische Rektionsforderung auf Seiten der Markierungsstruktur (unten in Abb. 106) mit mehreren, wenn auch gleichen syntaktischen Relationen auf Seiten der Konstituentenstruktur beantwortet. Addition an sich kann aber niemals von einem umgebenden Element, beispielsweise von einer Präposition, regiert werden, sondern ist eine autonome phraseninterne Prozedur, um eine einzige funktionale Entität zu vervielfältigen.

326

4 Semikolon

Eine adäquate Lösung ist damit die Struktur in Abb. 107, die auf Abb. 104 rechts aufbaut. Addition ist auf Seiten der Konstituentenstruktur als syntaktische Relation konzeptualisiert. Ähnlich wie bei der Koordination (vgl. Abschnitt 2.8) erscheint eine funktionale Erfassung des Phänomens umfassender als eine formale. Einer einzigen Rektionsbeziehung steht genau eine syntaktische Relation gegenüber.

Abb. 107: Addition mit Semikolon in mit Markierungs- und Konstituentenstruktur

5

Fazit und Ausblick

Die Oberflächengrammatik bezieht Interpunktionszeichen zwar bisher programmatisch als syntaktische Formmittel mit ein, besitzt aber keine eindeutige formale Repräsentation. Diese Arbeit hat ihren Status hinterfragt und die Diskussion hat ergeben: Interpunktionszeichen teilen Eigenschaften von Wortformen, aber auch von syntaktischen Mitteln. Da sie aber nicht wie syntaktische Grundformen am Aufbau der Konstituentenstruktur beteiligt sind, wurde darauf verzichtet, ihnen Konstituentenstatus zuzuweisen. Das syntaktische Wirken des Semikolons wie auch des Kommas und des Doppelpunktes kann mit der Oberflächensyntax aber differenziert dargestellt werden. Das oberflächensyntaktische Beschreibungsformat wurde dafür zunächst ausführlich vorgestellt, diskutiert und in entscheidenden Punkten zu profiliert; sein sein deskriptiver Charakter wurde hervorgehoben. Auf syntaktische Interpunktionszeichen kann im Rahmen der Markierungsstruktur, aber auch mithilfe von syntaktischen Relationen und der Konstituentenstruktur Bezug genommen werden. Es stellte sich heraus, dass besonders die syntagmatischen Relation Positionsbezug und die syntaktischen Relationen für die Analyse des Semikolons nützlich waren. Abschnitt 3 hat in aller Kürze dargestellt, dass ein sprachverarbeitungstheoretischer Ansatz zur Analyse der Interpunktionszeichen einfache, psycholinguistisch fundierte Parsing-Prinzipien in Grundzügen zu berücksichtigen hat – letztlich aber doch die syntaktischen Aspekte des Leseprozesses analytisch herauslöst und damit dem tatsächlichen Leseprozess unrealistisch reduziert. Der Schwerpunkt dieser Arbeit bleibt ein schriftanalytischer, und die psycholinguistische Seite wurde nur insoweit einbezogen, als diese eine vertretbare Online-Analyse ermöglicht. Welche psycholinguistischen Implikationen bei Online-Analysen weiterhin sinnvollerweise zu berücksichtigen wären, bleibt eine offene Frage. Trotzdem konnte in Abschnitt 3.4 gezeigt werden, dass sich die Oberflächensyntax für eine OnlineAnalyse eignet und dass sie ihre genauen Beschreibungsmöglichkeiten zum Beispiel mit teilvollständigen Konstituenten auch prozessual gut entfalten kann. Auers System stellte sich als in Teilen unspezifisch heraus, und Bredels Begrifflichkeiten von Strukturaufbau und Strukturabgleich sind bei genauerer Betrachtung mit Problemen verbunden: Durch die starke Kopforientierung muss zum Teil von einer verzögerten Verarbeitung ausgegangen werden; abhängig von der jeweiligen Konstruktion ist nicht immer klar, welche Verarbeitungsprozesse jeweils stattfinden und welche blockiert werden; schließlich ist mit diesem Konzept keine strenge © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5_5

328

5 Fazit und Ausblick

Online-Analyse machbar, weil die jeweiligen Sprachverarbeitungsprozesse konstruktional determiniert sind. Die Analyse des Semikolons beginnt mit einem ausführlichen Blick in die Normgeschichte, ausgehend von einer aus der empirischen Datenbasis genährten Skepsis, ob es sich bei dem Semikolon wirklich um ein Koordinationszeichen handelt. Es ergibt sich, dass die Semikolonfunktion normgeschichtlich vereindeutigt wurde. Die Beispielsätze in den Dudenregeln nahmen sowohl anzahlmäßig als auch von der Länge her ab. Zudem erweckten sie den Anschein, die beiden Strukturtypen seien beinahe gleichwertig. So interessant das Semikolon zwischen nominalen Gruppen auch ist, so selten kommt es hier im Textmodus vor. Die jüngere, syntaktisch argumentierende Interpunktionsliteratur scheint sich bei der ohnehin etwas stiefmütterlichen Betrachtung des Semikolons an die Dudenregeln bzw. an die amtlichen Regelungen anzulehnen und zeichnet das Bild vom Semikolon als Koordinationszeichen mit. Die funktionale Spezifik, die Bredel für das Semikolon herausarbeitet, stellt sich sowohl aus theoretischer Sicht als auch vor dem Hintergrund der Datenbasis nach ausführlicher Analyse als nicht verwendungsrelevant heraus. (Die Dudenregeln und die amtlichen Regelungen ließen dann auch die Möglichkeit verstreichen, ein entsprechendes Semikolon in ihrem RauchschinkenSatz zu setzen.) Zudem bröckelt die Idee des prototypischen Koordinators, der stets symmetrische und syntaktisch vollständige Konjunkte erfordert, unter der Last der asymmetrischen Konstruktionen aus dem Korpus, die auch oftmals als Herausstellungen analysiert werden können, sowie unter der Tatsache, dass die sogenannte Satzkoordination zweier selbständiger Sätze mit Semikolon syntaktisch unterschieden werden muss von Koordination innerhalb von Sätzen oder von Satzteilkoordination.230 Auch das semantische Verhältnis der Semikolonkonnekte ist schon früh als potentiell asymmetrisch beschrieben worden (vgl. Nunberg 1990: 99–100 / Gillmann 2018: 95–98). Eine genaue syntaktische Analyse fördert zahlreiche interessante Eigenschaften des Semikolons zutage: Es wurde mithilfe der Oberflächensyntax ausführlich begründet, dass das Semikolon im pränuklearen und nuklearen Bereich der Nominalgruppe nicht stehen kann, und im postnuklearen strengen Restriktionen unterliegt. Diese topologische Eigenschaft ist so einfach wie erklärungsmächtig. Online entsteht daraus der Nutzen, das Ende nominaler Gruppen zu indizieren, sowie koordinative Subgruppenbildung zu bewirken. Dass das Semikolon nicht in der Zone 230

Schon weil das Semikolon offenbar nur auf Satzebene Ellipsen zulässt, kann man skeptisch werden, ob es sich um Koordination handelt.

4.8 Addition in Listen und in kontinuierlichen Texten

329

höherer Syntaktizität stehen kann, macht es zu einem charakteristischen Satzabschlusszeichen. In dieser Eigenschaft ist es dem Doppelpunkt ähnlich, für den festgehalten werden konnte, dass es missverständlich sein kann, ihn als Herausstellungszeichen zu analysieren, jedenfalls handelt es sich bei zahlreichen Doppelpunktexpansionen nicht um klassische Nach- oder Außenfeldbesetzungen. Durch einzelne Analysen konnte vorgeführt werden, wie der Doppelpunkt und das Semikolon den rechten Rand komplexer graphematischer Sätze (nicht zuletzt auch textuell) gliedern. Ihre Stärke spielen sie bei langen graphematischen Sätzen aus, die bisherige syntaktische Analysen so nicht berücksichtigt hatten. Im Zuge einer strengen Online-Betrachtung erweist sich das Semikolon aufgrund seiner syntaktischen Einschränkungen spezifischer als das Komma – auch wenn die Zeichen aus Offline-Sicht nahezu immer austauschbar sind. Das Semikolon ist damit ein Zeichen eigenen Rechts. Kennzeichnend ist seine Asymmetrie: Es zeigt nach links in charakteristischer Weise einen syntaktischen Satzabschluss an (damit ähnelt es dem Punkt), ermöglicht aber von links aus koordinative bzw. additive und herausstellungsmäßige Anschlüsse (damit ähnelt es dem Komma). Schließlich konnte gezeigt werden, dass reihende Konstruktionen mit Semikolon Listen nahestehen, und es wurde der Vorschlag gemacht, hier in Anlehnung an Reißig (2015) von Addition zu sprechen (die sogar in der Oberflächensyntax repräsentierbar wäre). Für Übergangskonstruktionen, die zwischen Text- und Listenmodus stehen, ist das Semikolon geeignet und wird hier, wie gezeigt, auch verwendet. Addition steht in Zusammenhang mit der Mehrfachverwendung des Semikolons. Mit den hier vorgestellten Ansätzen ließe sich im Anschluss das Komma analysieren, das hier ebenso wie der Doppelpunkt nur am Rande zur Sprache kam. Aber auch für die anderen Interpunktionszeichen, sofern sie neben ihren sonstigen Funktionen in der Lage sind, syntaktische Bruchstellen zu initiieren, stehen noch Untersuchungen aus. In diesem Zuge wäre (gerade angesichts der Wichtigkeit der Zone verminderter Syntaktizität in diesen Zusammenhängen), auch danach zu fragen, welchen Begriff von Herausstellung eine Online-Analyse der Interpunktionszeichen braucht. Abschließend noch ein Wort zur viel diskutierten ‚Stärke‘ der Interpunktionszeichen. Die Analysen dieser Arbeit deuten an, dass Stärke sich nicht an der maximalen syntaktischen Abgrenzung eines Zeichens bemisst, sondern vielmehr am unteren Rand der Abgrenzungsskala entschieden wird: Das Semikolon ist ein ‚stärkeres‘ Zeichen als das Komma, weil es innerhalb von Nominalgruppen nicht stehen kann und darüber hinaus auch satztopologisch festgelegt ist, ebenso der

330

5 Fazit und Ausblick

Doppelpunkt. Eine Grenze zwischen selbständigen Sätzen hingegen kann beinahe jedes Interpunktionszeichen konstituieren.

Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Konstituentenstruktur koordinierter Nominalgruppen ohne Anbindung des Kommas .............................................................. 2 Abb. 2: kriteriale Darstellung der segmentalen Mittel der Schrift aus Bredel 2008: 23 .............................................................................. 8 Abb. 3: Konstituentenstruktur von (2) in graphischer Darstellung ..................... 20 Abb. 4: Satz (2) mit Annotation der Reihenfolge ................................................ 28 Abb. 5: Satz (2) mit Annotation der Reihenfolge und der morphologischen Markierung................................................ 29 Abb. 6: Positionsbezug in der Präpositionalgruppe............................................. 31 Abb. 7: Positionsbezug zwischen adjektivischem Attribut und Substantiv ........ 32 Abb. 8: einige Positionsbezüge in komplexer Nominalgruppe ........................... 33 Abb. 9: Satz (2) mit Reihenfolge und morphologischer Markierung mit syntagmatischen Relationen ............................................................... 44 Abb. 10: Mutter-Tochter-Relationen und Schwesterrelationen........................... 49 Abb. 11: Konstituentenstruktur Präpositionalobjekt ........................................... 52 Abb. 12: Konstituentenstruktur adverbiale Angabe ............................................ 53 Abb. 13: Konstituentenstruktur Präpositionalattribut .......................................... 53 Abb. 14: abstrahierte Konstituentenstruktur ........................................................ 56 Abb. 15: Satz mit ambiger Präpositionalgruppe .................................................. 60 Abb. 16: ambiger Ausdruck................................................................................. 61 Abb. 17: Satz (1) mit Konstituenten-, relationaler und Markierungsstruktur...... 62 Abb. 18: Koordination als nebenordnende Struktur (beispielhaft aus TiGer2: s117) .......................................................... 68 Abb. 19: Koordination als unterordnende Struktur (aus Zifonun et al. 1997: 2361)........................................................... 68 Abb. 20: koordinative Lesart von Sandra und ihrer Freundin ohne Komma ..... 69 Abb. 21: appositive Lesart mit Komma und und................................................. 70 Abb. 22: Projektionsstrukturen (Auer 2005: 15) ................................................. 79 Abb. 23: Beispiel für die Projektion von so (Auer 2007: 112)............................ 81 Abb. 24: ‚On-line‘-syntaktische Analyse (aus: Auer 2009: 8) ............................ 82 Abb. 25: Online-Darstellung einer Teilstruktur (Bredel 2011: 67) ..................... 87 Abb. 26: Online-Darstellung nach erfolgreichem Strukturabgleich (Bredel 2011: 67) ................................................................................ 88 Abb. 27: ausgebaute Präpositionalgruppe (vgl. Bredel 2011: 66) ....................... 88 Abb. 28: Präpositionalgruppe aus sprachverarbeitungstheoretischer Sicht nach Bredel 2011: 66–67 .................................................................... 89 © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 N. H. Schreiber, Die Syntax des Semikolons, https://doi.org/10.1007/978-3-476-05736-5

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Abb. 29: Nominalgruppe online nach Bredel (2011: 66, links) und Auer (rechts) ................................................................................ 91 Abb. 30: Perspektiven der Interpunktionsbetrachtung ........................................ 95 Abb. 31: Sichtweisen auf die Interpunktion im Vergleich .................................. 96 Abb. 32: Sprachverarbeitungsprozesse aus Bredel / Müller 2015, S. 9 (oben) und aus Bredel 2016, S. 29 (unten) ................................................... 102 Abb. 33: Nominalgruppe mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011 .............................................................................. 104 Abb. 34: Konstruktion mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011 . 104 Abb. 35: Erweiterte Konstruktion mit Komma in der Online-Analyse nach Bredel 2011 .............................................................................. 104 Abb. 36: einfacher Satz mit einer strukturellen Anbindungshöhe von 1 ........... 111 Abb. 37: einfacher Satz mit einer Anbindungshöhe von 2 ................................ 112 Abb. 38: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe, nur Artikel ......... 115 Abb. 39: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe, nur Artikel und Adjektiv................................................................... 116 Abb. 40: Prozessuale Teildarstellung einer Nominalgruppe bis zum Kern....... 117 Abb. 41: Eingebettete Nominalgruppe im pränuklearen Bereich...................... 118 Abb. 42: Prozessuale Darstellung von (120) ..................................................... 119 Abb. 43: Prozessuale Teildarstellung einer Präpositionalgruppe bis zur Präposition ............................................................................ 121 Abb. 44: Prozessuale Teildarstellung eines V2-Satzes...................................... 122 Abb. 45: Übersicht über die Einteilung der Regelsätze zum Semikolon .......... 140 Abb. 46: Semikolonregel und Regel zum Komma bei koordinierten Einheiten (aus den amtlichen Regelungen 2006).............................................. 155 Abb. 47: komplexeste Satzstruktur aus den Beispielsätzen für das Semikolon aus den amtlichen Regelungen 2006 ................................................ 156 Abb. 48: verschiedene Möglichkeiten in der Lesart von Komma (oben) und Semikolon (unten) ..................................................................... 160 Abb. 49: Fiktives Beispiel für das Semikolon in der Funktion, die sententiale Einbettungstiefe anzuzeigen (aus Mesch 2016: 463) ....................... 181 Abb. 50: verkürzte Satzanalyse zu (190) ........................................................... 182 Abb. 51: verkürzte Satzanalyse zu (191) ........................................................... 182 Abb. 52: Konstituentenstruktur der Nominalgruppe nach Bredel 2011: 66 ...... 200 Abb. 53: Auszug aus Beispiel (199) (S. 193), annotiert mit syntagmatischen Relationen ............................................................. 204 Abb. 54: Positionsbezug bei Komma nach Attribut .......................................... 209 Abb. 55: Positionsbezug bei Komma nach dem Kern ....................................... 209 Abb. 56: Struktur bei weitem attributiven Skopus und nuklearer Koordination mit Komma und und ................................................... 210

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Abb. 57: Struktur bei Nominalgruppenkoordination mit Komma und engem attributiven Skopus ........................................................................... 211 Abb. 58: Nominalgruppenkoordination mit Semikolon .................................... 212 Abb. 59: Koordination von Präpositionalgruppen mit Semikolon .................... 213 Abb. 60: Nominalgruppe mit rekursiv eingebettetem Attribut.......................... 220 Abb. 61: Nominalgruppe postnuklearer temporärer Ambiguität ....................... 221 Abb. 62: Nominalgruppe mit ambiger Relativsatzanbindung ........................... 222 Abb. 63: Temporäre Desambiguierung mit Semikolon..................................... 224 Abb. 64: Temporäre Desambiguierung mit Semikolon..................................... 226 Abb. 65: Skopus mit und als Abbruchsignal für den unmittelbaren postnuklearen Bereich ...................................................................... 227 Abb. 66: Komma bei enger Apposition in markierter Position ......................... 233 Abb. 67: enge Apposition in Adjazenzstellung ................................................. 234 Abb. 68: Semikolon im postnuklearen Bereich ................................................. 236 Abb. 69: Anbindungsmöglichkeiten ohne IP-Zeichen ...................................... 238 Abb. 70: Anschlussmöglichkeiten mit Komma und Semikolon ....................... 241 Abb. 71: Bildung möglicher koordinativer Subgruppen ................................... 247 Abb. 72: Komma und Semikolon bei nuklearer Koordination im Vergleich .... 248 Abb. 73: Topologie des Semikolons und des Kommas ..................................... 254 Abb. 74: Topologie des Doppelpunkts im Vergleich zum Semikolon Komma 269 Abb. 75: Satz und Abbildung zitiert nach Zifonun et al. 1997: 1650................ 270 Abb. 76: rechtes Außenfeld vor dem Nachfeld ................................................. 270 Abb. 77: Topologie der syntaktischen Interpunktionszeichen bei voll ausgebauter Feldstruktur in Zusammenhang mit syntaktischer Dichte................................................................................................ 275 Abb. 78: Feldzuordnung bei nicht voll ausgebautem Beispielsatz .................... 277 Abb. 79: Einbettungsstruktur durch das Semikolon .......................................... 280 Abb. 80: Hierarchische Struktur in Beispiel (366) ............................................ 284 Abb. 81: Doppelpunkt und Semikolon in Kombination; schematische Darstellung ................................................................. 295 Abb. 82: Doppelpunkt und mehrere Semikolons; schematische Darstellung ... 295 Abb. 83: ‚Asymmetrie‘ gereihter Semikolon-Konnekte ohne Doppelpunkt ..... 297 Abb. 84: ‚Symmetrie‘ gereihter Semikolon-Konnekte mit Doppelpunkt ......... 297 Abb. 85: mengenbildende Liste nach Reißig (2015: 144) ................................. 302 Abb. 86: Entscheidungsliste nach Reißig (2015: 138) ...................................... 303 Abb. 87: koordinative Subgruppe für (400), vereinfachte Darstellung ............. 305 Abb. 88: mögliche Gruppenbildung für (115) mit Komma II ........................... 305 Abb. 89: mögliche Gruppenbildung für (115) mit Komma I ............................ 306 Abb. 90: ‚oder‘-Lesart des Kommas von Satz (405) ......................................... 307

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Abb. 91: mit und näherungsweise vergleichbare Lesart des Kommas von Satz (405) ................................................................................... 307 Abb. 92: mengenbildende Liste mit verbalen Anteilen (nach Reißig 2015: 140) ................................................................... 309 Abb. 93: Notenstufenskala eines Prüfungsdokumentes der Universität Oldenburg ................................................................ 311 Abb. 94: Autorvorstellung aus Eisenberg 2013 (Klappentext) ......................... 312 Abb. 95: Liste mit verbalem kartographischen Kopf und artikellosen Listenkomplementen .............................................. 313 Abb. 96: Ausschnitt aus der Grundrechtecharta der EU; englische Version..... 316 Abb. 97: Ausschnitt aus der Grundrechtecharta der EU; deutsche Version ...... 317 Abb. 98: kontinuierlicher Text mit Listeneigenschaften, in Anlehnung an Abb. 93 .................................................................. 320 Abb. 99: Liste mit verbalem kartographischem Kopf; aus Reißig 2015: 160 ... 322 Abb. 100: Liste mit nicht-verbalem kartographischen Kopf; aus Reißig 2015: 163 ........................................................................ 322 Abb. 101: Markierungsstruktur des Semikolons allgemein .............................. 323 Abb. 102: Reihung von drei Semikolonkonnekten mit Markierungsstruktur ... 323 Abb. 103: Drei Semikolonkonnekte mit Konstituentenstruktur ........................ 324 Abb. 104: Additionsstruktur (rechts) im Vergleich mit einer nicht-additiven Struktur (links)......................................................... 324 Abb. 105: Anbindung von Semikolonkonnekte; alternative Anbindung zu Abb. 104 rechts ............................................................................ 325 Abb. 106: Anbindung von Semikolonkonnekte erweitert um die Markierungsstruktur ............................................................. 325 Abb. 107: Addition mit Semikolon in mit Markierungsund Konstituentenstruktur ................................................................ 326

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