Die Sterbe- und Ewigkeitslieder in deutschen lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts 9783666564024, 9783525564028, 9783647564029

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Die Sterbe- und Ewigkeitslieder in deutschen lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts
 9783666564024, 9783525564028, 9783647564029

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Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte Herausgegeben von Volker Henning Drecoll und Thomas Kaufmann

Band 104

Vandenhoeck & Ruprecht

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Lukas Lorbeer

Die Sterbe- und Ewigkeitslieder in deutschen lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts

Vandenhoeck & Ruprecht

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Für Karina und Birgit

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-525-56402-8 ISBN 978-3-647-56402-9 (E-Book)

© 2012, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/ Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A. www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. – Printed in Germany. Satz: PTP-Berlin, Protago TEX-Production GmbH (www.ptp-berlin.de) Druck und Bindung: A Hubert & Co, Göttingen Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

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Vorwort Die vorliegende Untersuchung wurde im April 2011 von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen als Dissertation angenommen. Sie wurde mit dem Promotionspreis der Fakultät ausgezeichnet. Für den Druck wurde sie geringfügig überarbeitet. Herzlich danken möchte ich zuallererst Herrn Prof. Dr. Volker Drecoll. Er hat die Entstehung der Arbeit mit großer Geduld und wachem Interesse gefördert. Meine Ideen hat er stets konstruktiv weiterentwickelt und bei der Erarbeitung des Konzepts entscheidende Impulse gegeben. Besonders möchte ich für die Freiräume danken, die ich zur eigenständigen Forschung erhielt: Während der Zeit als landeskirchlicher Assistent am Lehrstuhl hatte ich die Möglichkeit, das Thema genau zu entwickeln; als ich mich zur Ausarbeitung um ein Stipendium bemühte, wurde ich auch darin unterstützt. Herrn Prof. Dr. Volker Leppin danke ich für sein gehaltvolles Zweitgutachten, aus dem einige Anregungen Eingang in die Druckfassung gefunden haben. Das Evangelische Studienwerk Villigst hat die Entstehung der Arbeit durch ein Promotionsstipendium großzügig gefördert. Für finanzielle Förderung danke ich auch dem Land Baden-Württemberg. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands gewährten jeweils einen Druckkostenzuschuss, für den ich herzlich danke. Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke, und der Universitätsbibliothek Tübingen haben mich bei meiner Arbeit sehr unterstützt. Besonders danken möchte ich dem Team des Historischen Lesesaales in Tübingen, der mir über längere Zeit zu einer Art Lebensraum wurde. Stets anregend und weiterführend waren die Rückmeldungen in der ‚Werkstatt‘ des Doktorandenkolloquiums von Herrn Prof. Dr. Andreas Holzem. Frau Prof. Dr. Elke Axmacher hat mir zu Beginn der Arbeit umfangreiches Material zur Verfügung gestellt. Ihnen allen sei hier herzlich gedankt. Besonders um die Arbeit verdient gemacht hat sich Frau PD Dr. Anne Käfer. Sie hat nicht nur die Entstehung mit klugem Rat begleitet, sondern sich auch auf die Mühe eines überaus gründlichen, konzentrierten, feinsinnigen und verständigen Korrekturlesens eingelassen, dem ich zahlreiche wichtige Anregungen und Verbesserungen verdanke. Dafür gebührt ihr großer Dank. Herrn Prof. Drecoll und Herrn Prof. Dr. Thomas Kaufmann danke ich für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe „Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte“, Frau Silke Hartmann vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht für die sachkundige verlegerische Betreuung.

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Vorwort

Meine Mutter Katharina Lorbeer und mein Vater Dr. Hans Lorbeer haben mich auf vielfältige Weise unterstützt. Für diesen treuen und verlässlichen Rückhalt möchte ich ihnen hier von Herzen danken. Meiner Familie verdanke ich auch die Liebe zu den Liedern des Gesangbuchs, ohne die ich nie auf die Idee gekommen wäre, diese Arbeit zu schreiben. Anteil daran haben, je auf ihre Weise, auch meine Großmutter Ursel Werner und mein Patenonkel Jörg Werner, an die ich mich in Liebe und Dankbarkeit erinnere, sowie seine Frau Brigitte Werner, die meine Arbeit voll freundschaftlichem Interesse verfolgte. Ohne die Begleitung und Bestärkung durch viele andere hätte ich die lange Strecke kaum bewältigt. Herrn Reinhold Ott danke ich für unerschütterliche Geduld, Evi Schulze für eine erfreuliche Unterkunft, Silke Schöttle für täglichen Austausch und fachkundigen Rat, Marion Mattaurch und vielen anderen für ihren Beistand aus der Nähe oder Ferne. Karina Beck und Birgit Mattausch danke ich für ihre treue Freundschaft, für etliche Korrekturen (auch wenn ich aus pragmatischen Gründen auf die angemahnte inklusive Sprache verzichtet habe), für unzählige Stunden am Telefon, für wesentliche Verschönerung meines Daseins. Ihnen beiden möchte ich dieses Buch widmen. Balingen-Engstlatt, am Sonntag Kantate 2012

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Lukas Lorbeer

Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

15

I.

16

II.

III.

Die Auswahl der zu untersuchenden Liedtexte (Teil A) . . . . . . . . . . . . . . . 1. ‚Sterbe- und Ewigkeitslieder‘ als Inhalt bestimmter Gesangbuchrubriken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Fragestellung und Methode in Teil A . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Auswahl der als Quellen zugrunde gelegten Gesangbücher . . . . . . Fragehinsichten für die Untersuchung der Liedtexte (Teil B) . . . . . . . . . . 1. Die ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ als konstruiertes Ergebnis aus drei Fragestellungen an die Liedtexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Thematische Gliederung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Zur Untersuchung des Kontextes der Lieder anhand exemplarischer Quellen (Teil C) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

29

Zitierweise – Editionsrichtlinien – Textnachweise der Lieder . . . . . . . . . .

30

Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

33

I.

33 35

IV.

II.

Evangelische Gesangbücher bis 1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die ältesten reformatorischen Gesangbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Das Gesangbuch der Böhmischen Brüder von Michael Weisse (Jungbunzlau 1531) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Das Babstsche Gesangbuch (Leipzig 1545). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Das Eichornsche Gesangbuch (Frankfurt/O. 1558) . . . . . . . . . . . . . 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Württemberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Braunschweig-Lüneburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Das Lüneburger Gesangbuch von 1625 . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Lüneburger Bibeln mit Liedanhang (1633–1704) . . . . . . . . . . c) Hannoverisches Gesangbuch (1660) und Cellisches Gesangbuch (1661/1696/1706) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Das Lüneburgische Gesangbuch (1695/1702) . . . . . . . . . . . . . e) Überblick über die Liedauswahl der ausgewerteten Stern-Gesangbücher. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

3.

4.

5.

III.

Kurbrandenburg (am Beispiel Berlin) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Johann Crügers Newes vollkömliches Gesangbuch (1640) . . b) Die Praxis Pietatis Melica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Reformierte Gesangbücher aus dem Umkreis der Praxis Pietatis Melica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Peter Sohrens Musicalischer Vorschmack (Hamburg 1683) . Kursachsen (am Beispiel Leipzig und Dresden) . . . . . . . . . . . . . . . . a) Leipziger Gesangbücher aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Das Cantional von Johann Hermann Schein (1627), das Neu Leipziger Gesangbuch von Gottfried Vopelius (1682) und das Gothaer Cantionale Sacrum (1648) . . . . . . . . . . . . . . c) Gesangbücher aus dem Umkreis des Dresdner Hofes . . . . . . d) Überblick über die kursächsischen Gesangbücher . . . . . . . . . Nürnberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Geistliche Psalmen, Hymnen, Lieder und Gebet . . . . . . . . . . . b) Neue Lieder in den Gesangbüchern ab 1650 . . . . . . . . . . . . . .

Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch: Auswertung . . . . . . . . . . 1. Die Gesangbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Redaktion und Entstehungsbedingungen von Gesangbüchern im 17. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Typologie der Gesangbuchdrucke nach Initiativen . . . . . . . . . Tendenzen der Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Gesangbuchgebrauch im 17. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesangbücher im Gottesdienst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesangbücher in der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesangbücher in der Hausandacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Rubrizierung und Zusammensetzung der Liedauswahl . . . . . . . . . . a) Rubrizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sterbe- und Begräbnislieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Speziellere Rubriken von Jüngstem Tag, Auferstehung, Hölle, Himmel und ewigem Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Zusammensetzung der Liedauswahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgewertete Gesangbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehungszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die häufigsten Lieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

9

Teil B: Die Sprach- und Vorstellungswelt des Sterbe- und Ewigkeitsliedes . . . . 169 I.

Vergänglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Kürze des Lebens und Allgemeinheit des Todesschicksals. . . b) Was ist doch des Menschen Leben? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Bilder der Vergänglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Contemptus mundi: Verachtung und Verabschiedung der Welt . . a) Welt versus Wahrheit: Frau Welt als „Ertz=Betriegerin[n]“. . b) Die Welt ein Haus: „Du, o schönes Weltgebäude“ . . . . . . . . . . c) Leid als Grunderfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Die verkehrte Haltung der Weltkinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . e) Die Absage an die Welt: „O Welt, ich mus dich lassen“ . . . . . . 3. Die Nichtigkeit irdischer Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) „Die Welt vergeht mit ihrer Lust“ (1Joh 2,17) . . . . . . . . . . . . . b) Schönheit, Jugend, Stärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Reichtum, Besitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Wertschätzung durch die Mitmenschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . e) Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . f) Kunst und Weisheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . g) Vergänglichkeit der gesamten Schöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Vergänglichkeit und Sterblichkeit aus theologischer Sicht . . . . . . . . a) Die Ursachen der Vergänglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Schlangengift und Adams Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Gottes Zorn (Ps 90,7f) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

169 170 171 173 174 180 181 182 184 186 188 191 192 194 195 198 200 201 202 203 203 204 206 209

II.

Der Weg des Lebens als Pilgerreise und als ritterlicher Kampf . . . . . . . . . 1. Peregrinatio . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Geleit auf dem Weg in das Vaterland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat . . . . . . . . . . . . . c) Ausspannen vom Joch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Meerfahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . e) Der letzte Abschnitt der Pilgerreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Militia Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Vor dem Kampf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Nach dem Kampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

210 211 213 214 217 218 220 223 224 227 230

III.

Memento mori: Die Todesmahnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Memento: Das ‚Denken an‘ den Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen (Ps 90,12) . . . b) Memento: O Mensch, bedenke stets dein End . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

2.

Die Rede von der Todesstunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Ungewissheit und potentielle Nähe der Todesstunde . . . . . . . b) Lob und Gegenwart der Todesstunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Tod als Person . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Der Tote als Repräsentant des Todes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Totentanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Der Tod als Verfolger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Der Tod als schreckliches Bild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . e) Vom Tod als besiegtem Feind zum Tod als Freund . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

239 240 243 245 245 248 250 252 255 258

IV.

Die Bereitung zum Sterben und die Bitte um ein seliges Ende . . . . . . . . . 1. Bereitung zum Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Ars moriendi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Die Bitte um ein seliges Ende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das selige Ende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

259 259 263 266 267 272

V.

Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes . . . . . . 1. Die Todesnot als Sprechsituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anrufung Gottes in der letzten Not . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Der körperliche Anteil der Todesnot: Krankheit, Schmerz und Schwäche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . EXKURS: Pestlieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Krankheitslieder, ihr ‚doppelter Ausgang‘ und ihre Deutung der Krankheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Körperliches Erleben der Krankheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Soziale Isolation in Krankheit und Sterben . . . . . . . . . . . . . . . d) Das Versagen der körperlichen und geistigen Funktionen. . . 3. Der seelische Anteil der Todesnot: Angst und Anfechtung . . . . . . a) Angst vor dem Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Anfechtung durch Teufel und Hölle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Anfechtung durch die Sünde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zum Sündenverständnis in der Todesnot . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wirkung der Sünde auf das Gewissen . . . . . . . . . . . . . . . . d) Trost in der Anfechtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Ergebung in Gottes Willen und Commendatio animae . . . . . . . . . . a) Ergebung in Gottes Willen: Kontexte und Liedbestand . . . . . b) Ausdrucksformen der Ergebung in Gottes Willen . . . . . . . . . c) Providenz: Von der Güte des göttlichen Wollens und Tuns . . d) Commendatio animae (Ps 31,6; Lk 23,46) . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Freudiges Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3.

4.

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Inhalt

6.

11

Sterbesehnsucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Die Bitte um Erfüllung der Sterbesehnsucht . . . . . . . . . . . . . . b) Weitere Äußerungen der Sterbesehnsucht . . . . . . . . . . . . . . . . c) Die Sterbesehnsucht nach Ps 42 und Phil 1,23 . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

338 340 345 347 350

VI. Christus der ist mein Leben: Christologische Aspekte des Sterbetrostes 1. Christus der Leidende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Trost als Wirkung der Betrachtung des Leidens Christi . . . . . b) Heil als Wirkung des stellvertretenden Sühnetodes Christi . . Die Heilswirkung des Blutes Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Heilswirkung der Sakramente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Die Wunden Jesu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Christus der machtvolle Überwinder des Todes . . . . . . . . . . . . . . . . a) Christi Kampf mit dem Tod: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ (1Kor 15,54) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Befreiung aus der Gefangenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Ausdrucksformen der persönlichen Christusbeziehung . . . . . . . . . a) Die Christusbeziehung als räumlich-körperliche Nähe . . . . . b) Die Christusbeziehung als einseitiges oder gegenseitiges Eigentumsverhältnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Die Christusbeziehung als Liebesbeziehung . . . . . . . . . . . . . . Verlangen nach dem Bräutigam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exemplarische Motive der Brautmetaphorik . . . . . . . . . . . . . . Die Liebesbeziehung zum Bräutigam als Gegenwart des Himmels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

353 355 357 364 368 371 373 379

VII. Abschied und Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Das Ich des Toten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Abschied – Segen – Anbefehlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Die Angehörigen und ihre Beziehung zu den Verstorbenen . . . . . . a) Die Anrede der Angehörigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Zum Tod von Ehepartnern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Gottes Fürsorge für Witwen und Waisen . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Zum Tod von Kindern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Trauer und Klage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Das Lob des Verstorbenen und seines Lebens . . . . . . . . . . . . . b) Trauer als Ringen des Ich mit Gott und mit sich selbst . . . . . 5. Die Aufforderung, nicht zu trauern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Biblische Bezugstexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Die Aufforderung zur Ergebung und das Vorbild Hiobs . . . .

414 416 421 423 423 425 430 433 437 439 441 447 448 452

7.

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379 384 388 389 393 398 398 402 408 412

12

Inhalt

6.

7.

Trost in der Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Trost aus dem fürsorglichen Handeln Gottes . . . . . . . . . . . . . . b) Trost aus dem postmortalen Ergehen der Verstorbenen . . . . Kontrastierung des postmortalen Ergehens mit dem leidvollen Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Positive Schilderung des postmortalen Ergehens . . . . . . . . . . c) Trost aus der Hoffnung auf die Fortdauer der Beziehung mit den Verstorbenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

VIII. Leib und Seele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Der Weg der Seele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Der Leib im Grab . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Der Leib als Behausung der Seele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Die Ruhe des Leibes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Zerfall, Verwandlung und Bewahrung des Leibes . . . . . . . . . . Zerfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verwandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bewahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Auferstehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25) . . . . . . . . . . . b) Weitere Vorstellungen von der Zusammensetzung des Auferstehungsleibes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Verklärung des Leibes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

456 457 463 464 468 473 480 482 483 493 493 497 501 502 505 509 512 515 521 527 532

Teil C: Der Sitz im Leben des Sterbe- und Ewigkeitsliedes . . . . . . . . . . . . . . . . . 535 I.

Vorausgreifendes Sterbegedenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Lieder zum Sterbegedenken im Kirchenjahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Perikopenordnung und Detempore-Lied . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Das Festregister als hymnologische Quelle für das sonntägliche Proprium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Lieder aus Evangelien- und Epistelliedzyklen . . . . . . . . . . . . . 2. Lieder zum Sterbegedenken in der privaten Frömmigkeitsübung a) Sterbelieder als Zeugnisse des Sterbegedenkens der Verfasser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die private Sterbeandacht der Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt . . . . . . . . . . . b) Sterbelieder als Anleitung zum Sterbegedenken in der privaten Gesangspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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535 536 536 537 541 544 545 546 550

Inhalt

3. II.

III.

13

Johann Rist, Himlische Lieder (1641/42), Neue Himlische Lieder (1651) u. a. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 550 Heinrich Albert, Arien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 556 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 560

Am Sterbebett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Vorgaben für die pastorale Praxis der Sterbeseelsorge . . . . . . . . . . . a) Kirchenordnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Anleitungen für die pastorale Praxis: Entwicklungsstationen und ein Beispiel (1603) . . . . . . . . . . . . 2. Der Sterbebericht in der Leichenpredigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Das Sündenbekenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Fragen an den Sterbenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Abschied von den Angehörigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d) Bibelverse und Gebete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Lieder am Sterbebett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Lieddichtung und -gesang in tödlicher Krankheit. . . . . . . . . . b) Lieder am Sterbebett als pastorale Praxis und als literarische Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Beispiele für Auswahl und Verwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Liedauswahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beispiele für die Verwendung von Liedern und Liedtexten beim Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

561 561 562

Das Begräbnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Das Verständnis des Begräbnisses im Luthertum . . . . . . . . . . . . . . . a) Polemik gegen die Vorstellung des Dienstes an den Toten . . . b) Das Begräbnis als dreifacher Dienst an den Lebenden . . . . . . 2. Der äußere Rahmen des Begräbnisses. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Die Leichenpredigt und das Lied in der Leichenpredigt . . . . . . . . . a) Zur Textwahl der Leichenpredigten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Liedtexte in der Leichenpredigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Der Gesang beim Begräbnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . a) Begräbnisgesänge in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b) Personalisierte Gelegenheitswerke im 17. Jahrhundert . . . . . Entstehung und Aufführung der personalisierten Gelegenheitswerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bezüge zu Namen, Lebens- und besonderen Todesumständen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

596 597 597 600 606 611 613 617 621

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564 569 569 571 574 576 583 583 584 587 587 588 595

622 626 628 630 635

14

Inhalt

Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 637 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647 I.

Abkürzungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647

II.

Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 649

III.

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 676

IV.

Nachweise der Liedtexte in tabellarischer Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683

V

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Register der Liedanfänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Bibelstellenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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694 694 702 717 734

Einleitung Sterben und Singen gehören zusammen. In vielen Kulturen hat die Auseinandersetzung mit dem Ende des menschlichen Lebens gesungene Ausdrucksformen gefunden, die den Stellenwert und die Deutung des Todes innerhalb der jeweiligen Gesellschaft widerspiegeln. Das gilt auch für das Luthertum im deutschsprachigen Raum bis 1700. Die Beschäftigung mit dem Sterben überhaupt und insbesondere mit dem eigenen Ende bildet in dieser Zeit einen zentralen Gegenstand der Frömmigkeit. Als Medium dieser Frömmigkeit entsteht eine große Zahl von Sterbegesängen in deutscher Sprache, deren Texte in der vorliegenden Arbeit einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Grundlage der Untersuchung sind Gesangbücher des 17. Jahrhunderts. Gesangbücher sind eine Quellengattung, die durch ihre permanente praktische Verwendung eine besondere Prägekraft für die Frömmigkeit besitzt. Der gewählte Zeitabschnitt stellt dabei keinesfalls eine geschlossene Größe dar: Die Auswahl reicht von 1591 bis 1706, also von der Zeit nach der Konkordienbildung bis in die Zeit des Pietismus hinein. In doppelter Weise wird auch die dem eigentlichen Untersuchungszeitraum vorangehende Zeit berücksichtigt: Zum einen werden die Anfänge des lutherischen Gesangbuchs in der Reformationszeit anhand einiger bedeutender Beispiele wahrgenommen; zum anderen erweisen sich die Sterbelieder dieser Zeit als Kernbestand der Gesangbücher im 17. Jahrhundert und sind insofern ebenfalls ein wesentlicher Gegenstand der Untersuchung. Aufgrund der Liedtexte, die in den Gesangbüchern zu finden sind, fragt die Untersuchung nach den prägenden Vorstellungen von Sterben, Tod und ewigem Leben, nach der sprachlichen und literarischen Umsetzung der Beschäftigung mit dem Tod und nach dem allmählichen Wandel im Verlauf des Untersuchungszeitraums. Da die Gesangbuchlieder ihrem Wesen nach nicht nur zum leisen Lesen, sondern zu einer gesprochenen oder gesungenen Performanz bestimmt sind, wird schließlich auch die Frage nach ihrem ‚Sitz im Leben‘ gestellt. Dabei gilt: Nicht nur das Trauern, sondern auch das Sterben selbst gehören zum ‚Leben‘ dazu. In einem ersten Schritt wird eine umfangreiche Auswahl von Liedtexten aus den Sterbeliedrubriken zeitgenössischer Gesangbücher getroffen und begründet, die zugleich über die Entstehung und Verwendung von Gesangbüchern im 17. Jahrhundert Aufschluss gibt (Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch). Der zweite Schritt – zugleich der Hauptteil der Untersuchung – widmet sich in acht thematischen Einzelabschnitten den Vorstellungen von Sterben, Tod und ewigem Leben, die in den Liedtexten zum Ausdruck kommen, und der Funktionsweise, mit der sie durch textinterne, vorgeprägte literarisch-rhetorische Konventionen auf die Frömmigkeit der Rezipienten wirken (Teil B: Die Sprach- und Vorstellungswelt des

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Einleitung

Sterbe- und Ewigkeitsliedes). In einem dritten Schritt wird über die Ebene des Textes hinaus nach dem Kontext oder dem Sitz im Leben gefragt, in dem die Lieder zur Zeit ihrer Entstehung verwendet wurden (Teil C: Der Sitz im Leben des Sterbe- und Ewigkeitsliedes).

I. Die Auswahl der zu untersuchenden Liedtexte (Teil A) 1. ‚Sterbe- und Ewigkeitslieder‘ als Inhalt bestimmter Gesangbuchrubriken

Bei der Auswahl der zu untersuchenden Liedtexte wird eine Kombination von inhaltlichen und funktionalen Kriterien angewandt: Untersucht werden sollen solche Texte, in denen Sterben, Tod und ewiges Leben die zentralen Themen bilden und die ihren Sitz im Leben am Sterbebett oder beim Begräbnis haben. Dieselbe Kombination von inhaltlichen und funktionalen Faktoren liegt auch der Rubrizierung der Gesangbücher zugrunde; an ihr kann sich die Auswahl deshalb orientieren. Die Gesangbuchrubrizierung hat sich im 16. Jahrhundert herausgebildet und kennt zwar eine gewisse Variationsbreite; aber insgesamt kehren die typischen Kategorien immer wieder. Sie sind zu einem guten Teil funktional bestimmt: Rubriken wie ‚Vom Tod und Sterben‘ oder ‚Vom Begräbnis‘ spiegeln den entsprechenden Sitz im Leben wider; die Rubrizierung (formale Zuordnung) korrespondiert mit dem intendierten Buchgebrauch (funktionale Zuordnung). Offenbar nicht funktional, sondern inhaltlich bestimmt sind Rubriken wie ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘, ‚Von der Ewigkeit‘ oder ‚Von der Hölle‘. Ihnen ist noch nicht per definitionem ein bestimmter Sitz im Leben zugeordnet. Die in den genannten Rubriken enthaltenen Lieder werden im Folgenden mit dem Terminus ‚Sterbe- und Ewigkeitslieder‘ bezeichnet. Bei dieser Gruppe handelt es sich freilich nicht um einen geschlossenen Bestand, weder im Sinne einer grundsätzlichen Begrenztheit noch im Sinne einer Exklusivität gegenüber anderen Rubriken. Die Geschlossenheit in diesem letzteren Sinne ist bei unterschiedlichen Rubriken unterschiedlich ausgeprägt: Relativ geschlossen ist etwa die Gruppe der Weihnachtslieder. Umgekehrt verhält es sich mit Abteilungen wie ‚Bet-Lieder‘, ‚Trost-Lieder‘, ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ usw. Die in ihnen enthaltenen Lieder können in verschiedenen Gesangbüchern unter ganz unterschiedlichen Überschriften auftauchen. Häufig sind auch Sammelrubriken wie „Allerhand schöne Lehr= Bett= Trost= Lob= und Danck=Gesänge. Wie auch Himmlische Liebes=Lieder“1, die von der Verlegenheit der Redaktoren zeugen, solche offenen Gruppen voneinander abzugrenzen. Die Gruppe der Sterbe- und Ewigkeitslieder ist zwar nicht ganz geschlossen, aber doch so weit, dass sinnvollerweise von einer Gruppe gesprochen und diese der Untersuchung zugrunde gelegt werden kann. Manche Lieder wie Freu dich sehr, o meine Seele sind fast ausschließlich hier zu finden, andere – etwa Was mein Gott will, 1

S-1704, 315.

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I. Die Auswahl der Liedtexte

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das gscheh allzeit – auch in (mehr oder weniger) verwandten oder benachbarten Abteilungen. Es gibt also eine Art Kern von Liedern, der hinsichtlich der Rubrizierung (nicht des Bestandes) weitgehend invariant ist. Um diesen Kern lagert sich eine nach außen lockerer werdende Peripherie von immer weniger eindeutig zugeordneten Liedern. Insofern ist es sinnvoll, von einer ‚offenen‘ Gruppe zu sprechen. Das Sterben (‚Todesnot‘) und das Begräbnis sind einerseits Situationen von einer hohen äußeren, u.U. auch liturgischen Signifikanz, die der Gruppe eine gewisse Geschlossenheit gibt. Doch andererseits ist der ‚Sitz im Leben‘ dieser Gruppe nicht nur hier zu suchen, sondern auch in anderen, weniger anlassbezogenen Zusammenhängen: Die Betrachtung des Todes und der Ewigkeit ist ganz allgemein ein Grundzug der lutherischen Frömmigkeit des 16. und 17. Jahrhunderts, sei es als Meditation, als Bußübung oder als quasi ‚prophylaktische‘ Vorbereitung auf die eigene Sterbestunde. Der Tod ist in dieser Zeit durch hohe Sterblichkeit, Krieg, Seuchen und Hungersnöte allgegenwärtig; und doch lässt sich die Todesbetrachtung nicht ausschließlich an solche äußeren Situationen knüpfen. Der Sitz im Leben ist also in gewisser Weise ebenso ‚offen‘ strukturiert wie die Gruppe der Sterbe- und Ewigkeitslieder selbst: Wie diese besitzt er einen fest umrissenen Kern (Todesnot und Begräbnis) und eine schwieriger abgrenzbare Peripherie (Todesbetrachtung). In dieser letztlich wohl nie ganz auszuräumenden Unschärfe liegen die Grenzen des funktionalen Kriteriums. Obwohl sich Abteilungen wie ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘, ‚Vom ewigen Leben‘ usw. funktional nicht eindeutig zuordnen ließen, sollen auch diese Rubriken und die in ihnen enthaltenen Lieder bei der Auswertung der Gesangbücher berücksichtigt werden. Von Interesse sind diese Lieder weniger für den Zusammenhang des Sitzes im Leben,2 sondern für die thematische Untersuchung. Insgesamt werden thematische und funktionale Kriterien also miteinander kombiniert, wie auch die Gesangbucheinteilung teils eher dem einen, teils eher dem anderen Prinzip folgt. Zusammenfassend ist festzuhalten: Sterbe- und Ewigkeitslieder sind diejenige offene Gruppe von Gesangbuchliedern, deren Sitz im Leben im Umkreis des Todes zu finden ist und die deshalb Eingang in die entsprechenden Rubriken der Gesangbücher gefunden haben. Neben den in diesem Sinne funktionalen Rubriken ‚Vom Tod und Sterben‘ und ‚Vom Begräbnis‘ sollen auch die inhaltlich bestimmten vom Jüngsten Tag und vom Jenseits ausgewertet werden. Beide Aspekte kommen in dem Sammelbegriff ‚Sterbe- und Ewigkeitslieder‘ zum Ausdruck: Handelt es sich beim ‚Sterben‘ um die Performanzsituation – also den Sitz im Leben – der Lieder, so bezeichnet ‚Ewigkeit‘ den jenseitigen, mithin außerhalb des Lebens liegenden und allein in einer inhaltlichen Vorstellung bestehenden Aspekt des Gegenstandes.

2

Einen festen Sitz im Leben hat die Rubrik ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ freilich an bestimmten Sonntagen im Kirchenjahr, vgl. S. 537–544.

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Einleitung

2. Fragestellung und Methode in Teil A Der erste Teil der Arbeit konkretisiert diese Vorüberlegungen mit Hilfe einer ausführlichen Quellenuntersuchung, die zeigt, welche Lieder in den Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts unter den Rubriken ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘ und ‚Vom Jüngsten Tag‘ vorkommen und wann und wo sie verbreitet sind. Zugrunde liegt dieser Untersuchung eine repräsentative Auswahl von Gesangbüchern (vgl. S. 20). Der erste der beiden Fragenkomplexe, die in Teil A bearbeitet werden sollen, betrifft die Gesangbücher als den Kontext, in dem die Sterbe- und Ewigkeitslieder betrachtet werden; der andere bezieht sich auf die Lieder selbst – mit dem Ziel, für die weitere Untersuchung eine Textauswahl zu treffen. 1. Zunächst sollen aufgrund der einzelnen Gesangbücher differenzierte Aussagen über Geschichte, Status und Gebrauch der lutherischen Gesangbücher im 17. Jahrhundert gemacht werden. Die nächstliegenden Quellen hierfür sind die Titel und Vorreden der Gesangbücher selbst, ihre Ausstattung und ihr Zustand (Gebrauchsspuren). Aus ihnen können zweierlei Informationen über die Gesangbücher gewonnen werden: zum einen über ihren Entstehungskontext, zum anderen über ihre Verwendung. Was die Entstehung betrifft: Es macht einen Unterschied, ob ein Verleger, ein Autor oder ein Landesherr die Herausgabe eines Gesangbuches veranlasst hat – der Verleger wird stärker wirtschaftlichen, der Autor stärker geistlich-religiösen und der Landesherr stärker politischen Interessen verpflichtet sein. Dabei ist jeder Komplexitätsgrad von gemischten Interessen und Kooperation verschiedener Personen denkbar. Schwierigkeiten bereitet immer wieder die Einschätzung der Frage, ob es sich bei einem Buch um ein ‚offizielles‘ Gesangbuch handelt.3 Damit gemeint sind Gesangbücher, die von einem offiziellen Kirchenvertreter redigiert und im Auftrag der Obrigkeit zum öffentlichen Gebrauch in Schulen und Kirchen des jeweiligen Herrschaftsbereiches herausgegeben wurden; als ältestes Gesangbuch dieser Art gilt das von Pfalz-Zweibrücken 1557,4 Württemberg folgt 1583 (vgl. S. 42). Noch im 17. Jahrhundert sind offizielle Gesangbücher die Ausnahme. Auch wenn der Name der Stadt oder des Landes im Titel genannt wird (Nürnbergisches Gesangbuch), bedeutet das meist nicht, dass es sich um ein offizielles Gesangbuch handelt. Unabhängig davon ist die häufig anzutreffende Ausstattung eines Gesangbuchs mit einem fürstlichen Privileg, einer staatlichen Protektion, die einem Verleger im Herrschaftsgebiet den Absatz eines bestimmten Buches sicherte und es vor Nachdrucken schützte. – Schließlich verrät die Zahl und die Abfolge der Vorstufen und Auflagen, der Konkurrenten, Nachdrucke und Nachfolger eines Gesangbuchs manches über seinen Absatz und damit über seine Wirkung. Neben dem Entstehungskontext der Gesangbücher ist auch der Kontext ihrer Verwendung von Interesse. Es geht hier noch nicht um den Sitz im Leben der Sterbe3

4

Die Schwierigkeit dieser Einschätzung spiegelt sich in der Literatur in diffusen Formulierungen (vgl. z. B. S. 109 Anm. 245). Faksimileausgabe hg. von Klaus Bümlein, Heidelberg u.a. 2007.

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I. Die Auswahl der Liedtexte

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und Ewigkeitslieder (dazu vgl. Teil C), sondern um den der Gesangbücher, in denen die Lieder enthalten sind. Aus den Titeln und Vorreden der Bücher selbst lässt sich meist ansatzweise rekonstruieren, an welchen Gebrauch die Herausgeber eines Werkes gedacht haben. Dabei handelt es sich freilich stets um eine fiktive, konstruierte Nutzung. Inwieweit die tatsächliche Nutzung damit übereinstimmt, ist letztlich nur aus externen Quellen oder aus eindeutigen Gebrauchsspuren zu erheben, die nicht überall vorhanden sind. Grundsätzlich zu unterscheiden sind privater und gottesdienstlicher Gebrauch. Offenbar ist der private Gebrauch der unspezifischere; der liturgische Gebrauch umfasst zunächst einen viel kleineren Liedbestand. Im Zusammenhang mit dem Gottesdienst stellt sich die Frage, ob vom Chor oder von der Gemeinde gesungen wurde. 2. Zum anderen geht es darum, eine Textauswahl zu treffen. Das geschieht mit Hilfe der Ebene zwischen dem gesamten Gesangbuch und dem einzelnen Lied, also mit Hilfe der Rubrizierung. Ausgewählt werden diejenigen Lieder, die unter einer der genannten Rubriken verzeichnet sind. Dabei werden jene Rubriken berücksichtigt, in deren Titel ‚Sterben‘, ‚Tod‘, ‚Begräbnis‘, ‚Auferstehung der Toten‘, ‚Jüngstes Gericht‘, ‚Himmel‘, ‚Hölle‘ oder ‚Ewiges Leben‘ genannt werden. Ausgeklammert werden zum einen die Lieder ‚Von der Eitelkeit‘ oder ‚Vom menschlichen Elend‘: Sie sind den eigentlichen Sterbe- und Ewigkeitsliedern zwar inhaltlich verwandt und überschneiden sich z. T. mit ihnen (manche Lieder tauchen regelmäßig bald in der einen, bald in der anderen Rubrik auf); aber sie sind als Gruppe weniger geschlossen und auch thematisch weniger scharf umrissen. Meist finden sie sich innerhalb der Gliederung des Gesangbuchs an einem anderen Ort als die Sterbe- und Ewigkeitslieder, etwa unter ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘. Umgekehrt liegt der Fall bei den Pestliedern (‚Von Pestilenz und Sterbensläufften‘), die ebenfalls nicht berücksichtigt werden: Ihr thematischer Fokus ist nicht weiter, sondern enger als der der übrigen Sterbe- und Ewigkeitslieder und überschneidet sich ebenfalls nur zum Teil mit ihm. In einem Exkurs soll in Teil B auf die Eigenarten dieser Liedgruppe eingegangen werden (vgl. S. 278–288). Die Auswertung der Rubriken betrifft vorwiegend die Auswahl der in ihnen enthaltenen Lieder, daneben aber auch quantifizierbare Faktoren: Wie viele Sterbe- und Ewigkeitslieder kommen unter welcher Überschrift vor und wie groß ist ihr Anteil an der gesamten Liedzahl des Buches? Bei der Klassifizierung der Lieder ist zunächst zwischen Liedern des 16. und solchen des 17. Jahrhunderts zu unterscheiden; die Zahl der neueren im Verhältnis zu den älteren Liedern ist aufschlussreich für die Kriterien der jeweiligen Gesangbuchredaktion. Außerdem können die Lieder – insbesondere die wachsende Produktion ab 1625 – nach Autoren und Herkunftsregionen zu Gruppen zusammengefasst werden. Angaben über Ort und Jahr der Entstehung oder Erstveröffentlichung finden sich häufig bereits in der älteren hymnologischen Forschung, sind aber in manchen Fällen zu korrigieren. In mehrfacher Hinsicht geht die Untersuchung über die Grenzen der älteren Forschung hinaus: Zum einen berücksichtigt sie (anders als Wackernagel und Fischer/ Tümpel) die Rubrizierung der Gesangbücher und macht sie – unter Konzentration auf

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Einleitung

die Sterbe- und Ewigkeitsrubriken – ausdrücklich zum Untersuchungsgegenstand. Zum anderen ermöglicht sie innerhalb der untersuchten Rubriken Aussagen über die Verbreitung jedes einzelnen der erfassten Lieder. Und zum dritten berücksichtigt sie zahlreiche Texte, die in der älteren Forschung nicht dokumentiert sind; als frühester Beleg gilt hier jeweils der älteste innerhalb des untersuchten Quellenbestandes. Die ursprüngliche Herkunft dieser Texte ließ sich nicht in allen Fällen ermitteln. Wo nicht, wird der Liedanfang durch * gekennzeichnet.

3. Auswahl der als Quellen zugrunde gelegten Gesangbücher Aufgrund der Territorialstruktur des Heiligen Römischen Reiches wird geradezu von einer „Zersplitterung des Gesangbuchwesens“5 gesprochen. Eine Berücksichtigung sämtlicher Gesangbücher des 17. Jahrhunderts ist angesichts ihrer großen Zahl kaum möglich.6 Abgesehen davon zeigt der Vergleich verschiedener Ausgaben bei aller Unterschiedlichkeit so viele Wiederholungen, dass eine Auswahl nicht nur vertretbar, sondern auch sinnvoll erscheint. Wie aber können Zeit und Raum so eingegrenzt werden, dass die Untersuchung dennoch aussagekräftige Ergebnisse liefert? Zunächst soll die Vorgeschichte der lutherischen Gesangbücher des 17. Jahrhunderts nicht übergangen werden. Sie wird anhand dreier prominenter und wirkmächtiger Beispiele aus dem 16. Jahrhundert untersucht. Dies sind zum einen das Gesangbuch der Böhmischen Brüder (Jungbunzlau 1531), zum anderen das Babstsche Gesangbuch (Leipzig 1545). Für das Eichornsche Gesangbuch (Frankfurt/O. 1558), das besonders für die Entwicklung der Rubrizierung bedeutsam ist, kann auf die Untersuchung von Walther Lipphardt zurückgegriffen werden.7 Der Untersuchungszeitraum selbst ist mit den Grenzen des 17. Jahrhunderts noch nicht ganz hinreichend bestimmt: Diese Grenzen markieren ja letztlich einen zufälligen Zeitabschnitt, keine abgeschlossene Epoche. Für das Luthertum bedeutsame Zäsuren sind die Konkordienformel 1577, der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 sowie das Erscheinen von Speners Pia desideria 1675, das klassischerweise als Beginn des Pietismus angesehen wird.8 Mit einer Auswahl von Gesangbüchern aus den Jahren 1591 bis 1706 setzt die Untersuchung ein ‚langes‘ 17. Jahrhundert an, in dem sich die Frömmigkeitsentwicklung der Epoche umfassend abbildet: Der Untersuchungszeitraum beginnt in der Zeit nach der Konkordienbildung und zeigt so einerseits Beispiele der frühen Orthodoxie. Andererseits überschreitet das Ende des Zeitraums bewusst die übliche Epochengrenze zum Pietismus. Damit wird ein Beitrag dazu geleistet, diese Phase nicht in Abgrenzung zur Orthodoxie, sondern aus ihr bzw. ihrer Frömmigkeit heraus zu verstehen und allzu rasche Etikettierungen zu vermeiden. Da einige der untersuchten Gesangbücher unmittelbar nach der Jahr5 6 7 8

Blankenburg, Einfluss, 74. Die Online-Datenbank der GBB ergibt für den Zeitraum zwischen 1600 und 1700 über 2400 Treffer. Lipphardt, Eichorn, in: JLH 13 (1968), 161–170. Zur Debatte um dieses Datum vgl. Anm. 13.

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I. Die Auswahl der Liedtexte

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hundertwende eine erweiterte Neuauflage erlebten, wird die Grenze nicht scharf im Jahr 1700 gezogen, sondern 1706. In räumlicher Hinsicht erscheint eine Konzentration auf bestimmte wichtige Territorien des lutherischen Raumes sinnvoll. Die ausgewählten Territorien sollten dabei eine gewisse Bandbreite abdecken: Regionen mit unterschiedlicher Stellung zur Konkordie, Bevölkerungsstruktur (Stadt/Land) und verschiedenen liturgischen Traditionen sollten ebenso darunter vertreten sein wie bedeutende Verlagsorte, Universitätsstädte, Zentren der Musikkultur und der Sprachgesellschaften. Ausgewählt wurden die Herzogtümer Württemberg und Braunschweig-Lüneburg, die Kurfürstentümer Sachsen und Brandenburg sowie die Reichsstadt Nürnberg. Während Kursachsen, Kurbrandenburg, Württemberg und Braunschweig-Lüneburg positiv zur Konkordie stehen und schon bei ihrer Entstehung eine wichtige Rolle spielten, gehört Nürnberg zu denjenigen Reichsständen, die ihr nicht beitraten. Kurbrandenburg stellt insofern einen Sonderfall dar, als der Kurfürst hier 1613 persönlich einen Wechsel zum reformierten Bekenntnis vollzog, während die Bevölkerung lutherisch blieb. Hinsichtlich der Liturgie beschreitet Württemberg mit der oberdeutschen Tradition einen eigenen Weg. Wichtige Verlagsorte sind Nürnberg und Leipzig, aber auch die Rolle des Verlagshauses Stern im Herzogtum BraunschweigLüneburg verdient besondere Beachtung. Als Universitätsstädte sind Leipzig und Tübingen im Blick, für eine hoch entwickelte städtische bzw. höfische Musikkultur Leipzig bzw. Dresden. Nürnberg ist seit 1644 Sitz einer wichtigen Sprachgesellschaft, des Pegnesischen Blumenordens. In den genannten Territorien lassen sich auch ganz unterschiedliche Formen der Gesangbuchpolitik beobachten: Während Württemberg schon 1583 ein Gesangbuch mit landesherrlicher Approbation einführt – erhalten ist ein Exemplar von 1591 –, entwickelt sich das Brandenburger Erfolgsmodell der Praxis Pietatis Melica erst viel später und auf ganz anderer Basis, nämlich ohne Beteiligung des Landesherrn. So besitzt jedes der Territorien auch in der Gesangbuchfrage seine Besonderheiten – im Verlauf der Untersuchung wird Gelegenheit sein, sich näher mit ihnen zu befassen. Welche Gesangbücher sollen nun aus jedem dieser Territorien ausgewertet werden? Was im 17. Jahrhundert unter den Begriff ‚Gesangbuch‘ gefasst werden kann, ist sehr vielfältig. Nach der Definition von Martin Rößler gehören zu einem Gesangbuch: Volkssprachigkeit; Lieder „in metrischer Form und strophischem Bau“; Verbindung von Poesie und Musik; Bestimmung zu geistlichem Gebrauch in Gottesdienst oder Privatandacht durch Gemeinden, Gruppen oder Einzelpersonen.9 All dies trifft immer noch auf zu viele und zu unterschiedliche Bücher zu, als dass sie in dieser Arbeit alle berücksichtigt werden könnten; die Auswahl muss weiter spezifiziert und eingegrenzt werden. Zunächst können jene Werke ausgeklammert werden, in denen ausschließlich der Psalter oder Teile davon in die Form von Strophenliedern gebracht sind, die sogenannten Liedpsalter, die meistens auf einen bestimmten Autor zurückgehen. Auch andere geschlossene Zyklen, etwa Evangelienlieder zu den 9

Vgl. Rößler, MGG-Art. Gesangbuch, 1289.

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wöchentlichen Perikopen durchs ganze Kirchenjahr, werden nicht berücksichtigt. Dasselbe gilt für Erbauungsbücher, in denen die Lieder mit anderen Texten wie Gebeten, Bibelversen, Reimstrophen oder Katechismusabschnitten kombiniert sind. Relevant sind all diese Gruppen in der Regel als Fundorte von Erstbelegen einzelner Lieder, die dann den Weg in Sammelwerke gefunden haben. Positiv gesprochen, soll die Auswahl vom Interesse an den Gesangbuchrubriken ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘ und ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ ausgehen. Um eine gewisse Vergleichbarkeit der untersuchten Gesangbücher zu gewährleisten, ist das Vorhandensein einer derartigen oder ähnlichen Rubrizierung Voraussetzung. Sie geht im wesentlichen auf die drei genannten Gesangbücher des 16. Jahrhunderts zurück und ermöglicht das Auffinden von Liedern „auff mancherley Fälle“, stellt also im Sinne des oben Gesagten funktionale Kategorien bereit, die mit einem bestimmten Sitz im Leben korrespondieren. Diese Lebensvollzüge sind zwar nicht nur kirchlicher, sondern auch privater Natur, aber ihre Standardisierung und Normierung durch die weitgehend ähnliche Gesangbucheinteilung in immer wieder dieselben Rubriken enthalten doch ein vergemeinschaftendes Moment. Die Gesamtstruktur dieser Einteilung ist formal an kirchlichen Abläufen wie dem Kirchenjahr und dem Katechismusunterricht orientiert. Selbst wenn solche Gesangbücher im Gottesdienst keine Rolle gespielt haben und ausschließlich in der Hausandacht benutzt worden sind, besitzen sie doch in ihrer Rubrizierung eine standardisierte, kirchennahe Struktur.10 Erkennbar sind solche ‚kirchennahen‘ Gesangbücher zu Beginn des 17. Jahrhunderts oft am Titel (typisch etwa: Geistliche Lieder, Psalmen und Kirchengesäng D. Martin Luthers o.ä.) zusammengesetzt sein kann. Im weiteren Verlauf des Untersuchungszeitraums kann sich der Titel von solchen kirchlichen Signalen entfernen und individueller werden: Musicalischer Vorschmack der Jauchtzenden Seelen im ewigen Leben (H-1683). Das zweite positive Kriterium für die Auswahl der Quellen lautet: Betrachtet werden sollen Sammelwerke, also solche Gesangbücher, deren Inhalt bereits eine redaktionelle Bearbeitung, ein Auslese- und Kompilationsverfahren durchlaufen hat. Die sich wiederholende Rubrizierung entspricht einer Schematisierung dieses Redaktionsvorgangs. Damit sind die zahlreichen Werke, die Lieder nur von einem Autor enthalten, ausgeschlossen. Wo ein Redaktionsprozess zwischen Primärquelle und Gesangbuch eingeschaltet ist, ändert sich der Status des einzelnen Liedes: In einem redaktionell bearbeiteten Gesangbuch werden die meisten Lieder aus anderen Quellen übernommen, also sekundär (bzw. tertiär usw.) rezipiert. Das ist deshalb interessant, weil dieser Vorgang nicht nur auf die Wirkung beim lesenden und singenden Publikum zielt, sondern selbst schon die erste Stufe einer solchen Wirkung darstellt. Nicht jedes Lied aus einem Autorengesangbuch findet Eingang in ein (ggf. für den breiteren Gebrauch bestimmtes) Sammelwerk. Die Aufnahme in ein solches Werk zeigt, dass ein Lied die Redaktion überzeugen konnte. Die quantitative Erhe10

Zur unterschiedlichen Rubrizierung von Kirchen- und Hausgesangbüchern vgl. Scheitler, Lied, 89. Die Rubrizierung nach Kirchenjahr und Katechismus weist demnach auf einen kirchlichen Kontext hin.

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II. Fragehinsichten für die Untersuchung

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bung der Verbreitung bestimmter Lieder in redaktionell bearbeiteten, ‚kirchennah‘ rubrizierten Gesangbuchdrucken kann damit zumindest Indizien für die Breite ihrer tatsächlichen Rezeption liefern. In diesem Sinne ist jeweils auch nach der Wirkung des ganzen Gesangbuches zu fragen. Auf einen Blick sind die 50 ausgewerteten Gesangbücher auf S. 160 zusammengestellt. Im Quellenverzeichnis (ab S. 649) sind sie anhand der vorangestellten Kürzel kenntlich gemacht.

II. Fragehinsichten für die Untersuchung der Liedtexte (Teil B) Für die Untersuchung der Liedtexte wurde ein Verfahren gewählt, das sich nicht an der exemplarischen Analyse von Einzeltexten orientiert, sondern an der vergleichenden Analyse aller Texte der in Teil A getroffenen Auswahl. Aufgrund dieser Analyse wurden acht Themen herausgearbeitet, anhand deren rekonstruiert werden soll, was als ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ der Liedtexte bezeichnet werden kann. Dieser Begriff wird hier zunächst expliziert, so dass die Fragestellungen transparent werden, die der thematischen Kategorisierung zugrunde liegen (a); anschließend werden die acht Themen benannt und ihre Auswahl begründet (b).

1. Die ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ als konstruiertes Ergebnis aus drei Fragestellungen an die Liedtexte Der Begriff ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ bezieht sich ausdrücklich nicht auf ein geschlossenes System. Ein solches Verständnis würde dem großen Reichtum an sprachlichen, bildlichen und gedanklichen Variationen nicht gerecht. Bei der dargestellten ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ der Lieder handelt es sich vielmehr um ein Konstrukt, das aus zahlreichen Einzelbeobachtungen zusammengetragen ist. Gleichwohl wird sich dieses Konstrukt frömmigkeitsgeschichtlich als höchst aufschlussreich erweisen: Es zeigt, welche Vorstellungen vom Leben, Sterben, von der Auferstehung und vom ewigen Leben in den Liedtexten transportiert werden – und mit Hilfe welcher textinternen Mittel sich diese Vorstellungen in der Frömmigkeit der Rezipienten performativ einprägen. Die beiden Komponenten ‚Sprache‘ und ‚Vorstellungen‘ entsprechen genau diesen beiden Fragestellungen. Aufgrund der besonderen performativen Zweckbestimmung und Funktionsweise der Liedtexte sind die beiden Ebenen eng miteinander verflochten; daher erscheint es berechtigt, sie begrifflich zusammenzufassen. Eine dritte Fragestellung – die der Diachronie – liegt schließlich quer zu den beiden ersten. Der bewusst offen gewählte Begriff ‚Vorstellungen‘ ist zunächst auf die in den Liedern angesprochene Sachebene bezogen. Er bezeichnet ganz unterschiedliche Konzepte, die auf intellektueller, aber auch auf emotionaler Ebene angesiedelt sein können: Bilder, Theologumena, Normen und Überzeugungen, aber auch Erwartun-

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gen, Befürchtungen und Gefühle, die dann einen bestimmten typischen Ausdruck finden. Der Begriff ‚Vorstellungen‘ ist deswegen von Vorteil, weil er die Subsumierung von Konzeptionen mit sehr unterschiedlichem Normativitäts-, Abstraktions- und Reflexionsgrad erlaubt. Darin wird er nicht nur der Heterogenität des Quellenmaterials gerecht, sondern auch dem frömmigkeitsgeschichtlichen Interesse der Untersuchung, das weniger der Verbindlichkeit orthodoxer Lehraussagen gilt als der gelebten Religion. Anhand bildlicher Vorstellungen, etwa vom Himmel, lässt sich die Eigenart der in den Liedern zum Ausdruck kommenden Vorstellungswelt in verschiedener Hinsicht deutlich machen: Zum einen zeigen die Bilder, dass die gedanklichen Konzepte der Vorstellungswelt auch einen geringeren Abstraktionsgrad besitzen können. In der Schwebe bleibt bei der Verwendung solcher Bilder zum anderen oft nicht nur die Verhältnisbestimmung zu abstrakteren Theologumena, sondern auch der Grad ihrer Reflexion. Die Rede von der Unvergleichlichkeit des Himmels (z. B. mit Hinweis auf 1Kor 2,9) verrät allerdings ein Wissen um die Vorläufigkeit und Gleichnishaftigkeit der Bilder. Und schließlich wird im Zusammenhang der bildlichen Vorstellungen besonders deutlich, wie eng außersprachliche Konzepte letztlich doch an die Ebene ihrer sprachlichen Vermittlung und damit an die andere Seite des Komplexes ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ gebunden sind. Bildliche Vorstellungen sind entscheidend durch metaphorische Redeweisen auf Ebene des Textes bestimmt, die ihrerseits in einer bestimmten literarischen Tradition stehen. Die wichtigste literarische Tradition, die in der Untersuchung daher besondere Berücksichtigung findet, ist die der Bibel. Oft haften bestimmte Vorstellungen am Wortlaut einer bestimmten Stelle, insbesondere der Lutherübersetzung; diese Zusammenhänge gilt es in der Untersuchung aufzuzeigen. Die biblischen Anspielungen beschränken sich freilich nicht auf den Bereich konkreter Vorstellungen; vielmehr erscheint überhaupt die Sprache vieler Lieder an der Sprache der Lutherbibel orientiert. Für die Diktion der geistlichen Lieddichtung typische Redeweisen sind insbesondere durch die Sprache des Psalters geprägt, etwa in Ichaussagen und Gebetsbitten. Damit ist eine weitere Eigenart der in den geistlichen Liedern verwendeten Sprache angedeutet, die bei der Untersuchung der ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ Gegenstand sein muss: Es handelt sich um eine geprägte Sprache, die sich gerade nicht durch Originalität, sondern durch die Wiederkehr ihrer Formulierungen auszeichnet. Diese Geprägtheit steht im Zentrum der Analyse: Gefragt wird nach biblischen Vorbildern, nach formelhaften und wiederkehrenden Elementen und nach deren Korrespondenz mit der Vorstellungswelt. Die Liedtexte legen sich dabei auf Wort-, Satz- und Textebene gegenseitig aus. Wortfeldanalysen – insbesondere bei den Verben – zeigen, welche Terminologie für einen bestimmten Vorgang üblich ist und wie er verstanden wird. In manchen Kontexten treten bestimmte Satztypen gehäuft auf, etwa imperativische Bitten oder rhetorische Fragen. Literarische Tradition und rhetorische Konvention reichen zudem über einzelne Formulierungen hinaus: Auch was als Ausdruck einer bestimmten inneren Haltung oder eines subjektiven Fühlens und Erlebens daherkommt, folgt in Wahrheit fast immer einem geprägten literari-

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II. Fragehinsichten für die Untersuchung

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schen Muster (das das Erleben dann seinerseits stark prägt; vgl. S. 272–353). In alledem ist die geprägte Sprache nicht etwa monoton, sondern ungeheuer vielseitig, wie die Untersuchung zeigen soll. Dieser Ansatz trägt nicht nur der Machart der Texte, sondern auch dem frömmigkeitsgeschichtlichen Interesse an ihrer Wirkungsweise Rechnung: Aufgrund des performativen Charakters der Liedgattung bzw. ihrer performativen Zweckbestimmung lassen sich einige der typischen Redeweisen geradezu als ‚Sprechakte‘ verstehen, die im lauten Singen oder Rezitieren des Liedtextes vollzogen werden. Freilich handelt es sich bei ihnen nicht um spontane, sondern eben um literarisch geprägte Äußerungen. Solche Sprechakte sind etwa die Lossagung von der Welt, die Verabschiedung von den Angehörigen oder das Gott-Anbefehlen der Seele. Letztlich lassen sich viele Texte überhaupt als Aneinanderreihung ähnlicher, wenn auch oft unspezifischerer Sprechakte lesen: Ermahnung und Bitte, Klage und Lob folgen einerseits einem jeweils viel gebrauchten rhetorischen Schema, können bei der performativen Umsetzung eines Textes aber dennoch zu einer aktuellen Äußerung des jeweiligen Rezipienten werden. Die performative Zweckbestimmung der Sterbe- und Ewigkeitslieder zeigt sich schon darin, dass die Texte selbst in vielen Fällen aufgrund interner Merkmale eine bestimmte Kommunikations- oder Sprechsituation nahe legen. Diese Situation ist jeweils gekennzeichnet durch die an ihr beteiligten Personen, durch Zeit- und gelegentlich durch Ortsangaben („HIe lieg ich“). Je konkreter diese textinternen Merkmale auf eine bestimmte Sprechsituation – etwa die der ‚Todesnot‘ oder des Begräbnisses – hindeuten, desto deutlicher scheint auch die Performanz des Liedes auf den entsprechenden Kontext festgelegt. Das allerdings kann sich als Trugschluss erweisen. Darum ist eine für das Verständnis der Liedtexte grundlegende Unterscheidung zu treffen: Die textinterne Sprechsituation kann in der Performanz mit der kontextuellen Sprechsituation zur Deckung kommen, ist aber nicht mit ihr identisch. Wie durch die Adjektive ‚textintern‘ und ‚kontextuell‘ angedeutet, ist die erste allein auf der Textebene verortet und damit Gegenstand von Teil B; die zweite gehört zum performativen Kontext oder Sitz im Leben und wird damit vorwiegend in Teil C behandelt. Anhand zweier Textmerkmale lässt sich die Frage nach der textinternen Sprechsituation gezielt untersuchen: anhand der beteiligten Personen und anhand der Angaben zum Zeitpunkt. Die zentrale personale Instanz in der Mehrzahl der Texte ist ein Ich; indem es seine Situation schildert, verweist es auf unterschiedliche zeitliche Phasen der Sterbebereitung, des Sterbens oder des Abschieds. Tempusformen und Zeitadverbien machen die je unterschiedliche zeitliche Nähe zum Tod deutlich; die Hinweise sind allerdings nicht immer eindeutig. Neben dem Ich taucht in vielen Texten eine weitere personale Instanz auf, ein ‚Du‘ oder ‚Ihr‘. Damit wird der Text zum Formular einer Kommunikation, die performativ tatsächlich realisiert werden kann. Welche textinternen Sprechsituationen aufgrund der beiden Merkmale im Arsenal der rhetorischen Konventionen der Liedtexte erkennbar sind, gehört zu den Fragestellungen von Teil B.

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Keiner näheren Erläuterung bedarf die dritte der genannten Fragestellungen, die quer zu den beiden anderen liegt: Sowohl die in den Liedern zum Ausdruck kommenden Vorstellungen als auch die geprägte Sprache und die typisierten Sprechsituationen sollen nebenbei unter dem Aspekt der Diachronie betrachtet werden, so dass deutlich wird, wo im Lauf des Untersuchungszeitraums Veränderungen eintreten und wo Kontinuität herrscht. Eine wertende Beurteilung der Entwicklung, etwa im Sinne eines Dekadenzmodells,11 wird dabei ausdrücklich vermieden. Zugunsten einer fein abgestimmten Wahrnehmung einzelner Phänomene soll auch auf die blockartige Zuordnung der gängigen Epocheneinteilung verzichtet werden. Eine schematisierende Zuordnung von Autoren zu den Bereichen ‚Orthodoxie‘ oder ‚Pietismus‘ birgt die Gefahr, den ungetrübten Blick auf die Texte zu verstellen, zumal die Abgrenzung der beiden Bereiche gerade in der Frömmigkeit keinesfalls trennscharf zu ziehen ist. Darauf verweist bereits die ältere Rede von der verinnerlichten ‚Reformorthodoxie‘, die längst vor Spener eine Intensivierung der lutherischen Praxis pietatis forciert habe.12 Auch die Kontroverse von Johannes Wallmann und Martin Brecht um die Frage nach dem Beginn des Pietismus, insbesondere um die Zuordnung von Johann Arndt, zeigt die Problematik der Grenzziehung.13 In der neueren Diskussion hat Thomas Kaufmann auf die Schwierigkeit schlagwortartiger Epochalisierungsbegriffe wie ‚Orthodoxie‘ und ‚Pietismus‘ hingewiesen. Sie vermögen nach Kaufmann die dynamische Entwicklung nicht abzubilden, die mit dem Dreißigjährigen Krieg verstärkt einsetzt: die Pluralisierung der lutherischen Konfessionskultur.14 Die vorliegende Studie möchte in diesem Sinne anhand eines zentralen Themas einen Beitrag leisten zur differenzierten Erschließung der Vielfalt, durch die die lutherische Konfessionskultur bereits im 17. Jahrhundert gekennzeichnet ist.

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Gerade in der älteren Kirchenliedforschung ist diese Deutung immer wieder anzutreffen, etwa in der Untersuchung von Röbbelen, Theologie und Frömmigkeit, die besonders in den Rubriken ‚Von der Buße‘, ‚Von der Rechtfertigung‘ und ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ „tiefgreifende Abweichungen von der ursprünglichen, reformatorischen Glaubenshaltung“ (ebd. 400) konstatiert. So könne die wachsende Bedeutung des Providenzgedankens im 17. Jahrhundert (vgl. dazu S. 326; S. 462) „nicht mehr als der Ausdruck einer reformatorischen Glaubensgewißheit gewertet werden“ (ebd. 403); „eigenmenschliche ‚Frömmigkeit‘“ ersetze kirchliche „Theologie“ (ebd. 426). Das Konzept geht letztlich zurück auf Hans Leube, Reformideen, der aber den Begriff ‚Reformorthodoxie‘ nicht verwendet; als Impulsgeber nennt er Johann Arndt (Leube, Reformideen, 36–45). Zeller, Protestantische Frömmigkeit, 107f bezeichnet eine Phase im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts als ‚Reformorthodoxie‘ und nennt Heinrich Müller und Christian Scriver als wichtige Vertreter. Zur Problematik des Begriffes ‚Reformorthodoxie‘ vgl. Wallmann, Pietismus-Studien, 9–12. Während Brecht sich dafür entscheidet, die Geschichte des Pietismus mit dem Autor des Wahren Christentums (1605–10) zu beginnen (vgl. Brecht, Pietismus, 6; Brecht, Konzeption, 226f), plädiert Wallmann für die Unterscheidung zwischen einem ‚weiteren‘ Pietismusbegriff, der Arndt einbezieht (Pietismus als Frömmigkeitsrichtung), und einem ‚engeren‘, spezifischen, der mit Spener einsetzt (Pietismus als sozial greifbare Bewegung); vgl. Wallmann, Pietismus und Orthodoxie, 372, aber auch schon Wallmann, Pietismus-Studien, 60–66. Zur Debatte vgl. auch Schuster, Aemilie Juliane, 166f. Vgl. Kaufmann, Dreißigjähriger Krieg, 140–150. So suggeriere die Rede von einer ‚Epoche‘ des Pietismus fälschlich die geistige Vorherrschaft einer Strömung, die nur eine von mehreren ist, ebd. 148.

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II. Fragehinsichten für die Untersuchung

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2. Thematische Gliederung Die thematische Gliederung der Untersuchung soll mit Hilfe der drei skizzierten Fragestellungen aus den Quellen heraus entwickelt werden. Die zugrunde liegenden Fragen sind so eng miteinander verflochten, dass ihre getrennte Behandlung weder möglich noch sinnvoll erscheint. Primär orientiert sich die Kategorienbildung an der Frage nach den ‚Vorstellungen‘. Die Frage nach der Wortwahl, biblischen Anspielungen und sonstigen typischen Formulierungen schließt aber jeweils unmittelbar an. Je nach Thema hat sie einen unterschiedlichen Stellenwert, da die Themen – ebenso wie die Konzeptionen, auf die sie sich beziehen – sich hinsichtlich ihres Abstraktionsgrades und hinsichtlich ihrer Gebundenheit an die konkrete Formulierung deutlich voneinander unterscheiden. Eine quellennahe Möglichkeit der thematischen Kategorisierung ergibt sich aus der Rubrikeinteilung der untersuchten Gesangbücher, die auch für die Auswahl der zu untersuchenden Liedtexte maßgeblich ist: Nacheinander wären demnach etwa die Themen ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘, ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘, ‚Von der Hölle‘ sowie ‚Vom Himmel und ewigen Leben‘ zu untersuchen. Wie ausgeführt, entsprechen besonders die ersten beiden Punkte dieser Gliederung – der Zahl der in ihnen enthaltenen Lieder nach sind sie wesentlich umfangreicher als die drei anderen – einem bestimmten Sitz im Leben und damit den funktionalen Anforderungen der Gesangbuchbenutzung. Außerdem folgt die Reihe von Tod, Auferstehung, Himmel und Hölle aber auch einem gängigen thematischen Schema: Sie spiegelt die typische Viererstruktur der ‚letzten Dinge‘ wider, von der nicht nur die Dogmatik, sondern auch das Erbauungsschrifttum geprägt ist. Mehrere Gründe sprechen allerdings dafür, die Kategorien der Rubrizierung nicht unmittelbar zu übernehmen, sondern aus den Liedtexten selbst Kategorien zu entwickeln. Zunächst soll nicht durch die Gliederung unterstellt werden, für ein bestimmtes Thema seien nur die in der entsprechenden Rubrik enthaltenen Lieder relevant; die Rubrizierung ist mit der Behandlung bestimmter Themen keinesfalls deckungsgleich. Die Rubrizierung ein und desselben Liedes variiert oft von Gesangbuch zu Gesangbuch. Ein Lied kann Aufschluss über ganz unterschiedliche Themen geben und darum auch für unterschiedliche Teile der Untersuchung von Interesse sein. Vor allem aber ist gerade die Kategorie ‚Vom Tod und Sterben‘ nicht präzise genug, um das in der entsprechenden Gesangbuchrubrik enthaltene weite thematische Spektrum zu erfassen. Die anderen Rubriken lassen sich sowohl im Liedbestand als auch thematisch klarer abgrenzen. Die Grundidee für eine präzisere Kategorisierung, die den Befund an Vorstellungen bereits aufnimmt, schließt an die oben getroffene Feststellung an, dass die Sprechsituation der Texte häufig auf die zeitliche Dimension des leiblichen Todes bezogen ist, also auf die Todesstunde oder den Moment, in dem Leib und Seele sich voneinander trennen. Dieser entscheidende, dem lebenden Menschen letztlich unbegreifliche Moment bildet den zeitlichen Bezugspunkt der Liedtexte, auf den voraus- oder zurückgeblickt oder der im Text als gegenwärtiges Ereignis in-

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szeniert wird. Anhand eines imaginären, aus den Texten abstrahierten zeitlichen Ablaufs lässt sich eine Struktur von acht Themen entwickeln (I.–VIII.), in denen sich ein Großteil der in den Liedern getroffenen Aussagen wiederfindet. Gewisse Überschneidungen sind dabei zwar ebenso unvermeidlich wie manche Lücken; ein annähernd zutreffendes Bild der Sprach- und Vorstellungswelt lässt sich mit ihrer Hilfe aber dennoch konstruieren. Der erste Abschnitt (I.) nähert sich dem Gegenstand ‚Von Tod und Sterben‘ gleichsam aus der Totale: Hier werden allgemeine Aussagen über die menschliche Vergänglichkeit und über deren theologische Begründung gebündelt. Der zweite Abschnitt (II.) ist zwei bildlichen Redeweisen gewidmet, die in den verschiedensten Kontexten immer wieder auftauchen und das gängige Verständnis des menschlichen Lebens und Sterbens illustrieren: der Weg des Lebens wird als ‚Pilgerreise‘ und als ritterlicher ‚Kampf ‘ gedeutet. Der dritte Abschnitt (III.) behandelt diejenigen Aussagen, die die allgemeine Vergänglichkeitsbetrachtung im Sinne eines Memento mori, einer Mahnung an das eigene Ende konkretisieren; untersucht werden dabei nicht nur explizite Aufforderungen zum Bedenken des eigenen Endes, sondern auch dessen Vergegenwärtigung in der Rede von der Todesstunde und die Mahnung durch den Tod als personifizierte Gestalt. Ein vierter Abschnitt (IV.) untersucht die Verhaltensmaßregeln, die sich als Konsequenz aus der Todesmahnung ergeben, also die Normen der Sterbebereitung, die typischerweise in Form von Bitten vorgetragen werden und auf das Ideal des ‚seligen Endes‘ ausgerichtet sind. Sie betreffen bestimmte Verhaltensweisen im Leben, aber auch in unmittelbarer Todesnähe. Damit ist der zeitliche Bezugspunkt der Todesstunde schon nahe herangerückt. Noch mehr gilt das für den fünften Abschnitt (V.), der danach fragt, welche Optionen der subjektiven Haltung zum eigenen Sterben in den Texten zu finden sind. Als literarische Muster sind verschiedene solcher Optionen vorgegeben; auf der Textebene sind sie zumeist in der Sprechsituation der unmittelbaren Todesnähe angesiedelt. Das Thema des sechsten Abschnitts (VI.) gehört ebenfalls in den Zusammenhang des eigentlichen Sterbeereignisses. Es fällt aus dem zeitlichen Schema des abstrahierten Sterbeprozesses aber insofern heraus, als in ihr nicht der sterbende Mensch im Zentrum steht, sondern Christus als derjenige, der dem Menschen Trost im Sterben sein soll. Mit dem Thema Abschied und Trauer (VII.) rücken nach der Gottesbeziehung die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Vordergrund; neben der Person des Sterbenden bzw. Verstorbenen treten hier besonders seine nächsten Angehörigen in den Blick. Der Todeszeitpunkt ist im Text bereits häufig überschritten. Der letzte Abschnitt (VIII.) untersucht anhand des Ergehens von Leib und Seele die Vorstellungen davon, was nach dem Tod mit dem Menschen geschieht. Ergebnisse werden jeweils am Ende eines Teilabschnitts in einer Zusammenfassung gebündelt; eine Zusammenschau der drei Fragestellungen unter Berücksichtigung der Ergebnisse von Teil C erfolgt zum Abschluss der Arbeit.

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III. Zur Untersuchung des Kontextes

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III. Zur Untersuchung des Kontextes der Lieder anhand exemplarischer Quellen (Teil C) War in Teil B die textinterne Sprechsituation der Sterbe- und Ewigkeitslieder Gegenstand der Untersuchung, so nimmt Teil C ihren Kontext oder Sitz im Leben in den Blick, also diejenigen Situationen, in denen sie tatsächlich gelesen, rezitiert oder gesungen wurden. Wie die textinterne Sprechsituation sind auch diese Situationen definiert durch die an ihnen beteiligten Personen, ihren Ort und ihren Zeitpunkt, der wiederum durch sein Verhältnis zum Zeitpunkt des Todes bestimmt ist – nur dass sich all dies nicht auf literarischer Ebene, sondern gleichsam in Echtzeit ereignet. Die drei Situationen, aus denen heraus vom Tod gesprochen werden kann – Todesbetrachtung im Leben, aktuelle Todesnot sowie Trauer als Reaktion auf den Verlust eines Angehörigen –, finden sich auf beiden Ebenen wieder, im Text wie im Kontext. Dennoch sind die beiden Ebenen voneinander unterschieden, nämlich schon durch ihren unterschiedlichen ‚Realitätsgehalt‘: Handelt es sich bei den Optionen für die textinterne Sprechsituation um typisierte rhetorische Konstrukte, richtet sich die Frage nach dem Sitz im Leben auf eine äußere historische Realität (deren Feststellung freilich mit Schwierigkeiten verbunden ist). Die Berücksichtigung der kontextuellen Ebene ist für das Verständnis der Liedtexte insofern wesentlich, als sie bei allen Unterschieden doch sämtlich – schon durch ihre Aufnahme in Gesangbücher – als Liedtexte ausgezeichnet, also zur Performanz bestimmt sind. Die Frage nach dem Sitz im Leben der Sterbelieder wird in Teil C konkretisiert, indem zum einen nach dem Entstehungskontext der Lieder gefragt wird (in dessen Nähe sie wohl häufig zum ersten Mal gesungen wurden), zum anderen nach ihrem Verwendungskontext. Stärker als in Teil A und Teil B muss sich die Untersuchung hier auf eine exemplarische Quellenauswahl stützen, an der sich freilich wichtige Tendenzen zeigen lassen. Umfassendere Studien müssen anderen Untersuchungen vorbehalten bleiben. Welche Quellen ermöglichen nun einen Zugriff auf die ‚äußere historische Realität‘, auf den Sitz im Leben der untersuchten Lieder? Erste Anhaltspunkte sind bereits durch die Auswahl der Quellen gegeben: Entscheidendes Kriterium war der Fundort der Lieder in bestimmten Gesangbuchrubriken. Auf einen bestimmten Sitz im Leben bezogen waren vor allem die Titel ‚Vom Tod und Sterben‘ und ‚Vom Begräbnis‘. Die Texte selbst enthalten neben den in Teil B herausgearbeiteten literarischen Stilisierungen der Sprechsituation nur selten konkrete Hinweise auf biographische, liturgische oder sonstige performative Umstände. Bei einigen Liedern lassen sich aber an ihrem ursprünglichen Fundort Hinweise auf den Sitz im Leben ausmachen; diese Hinweise, etwa im Titel zu den Erstdrucken, in Überschriften, Vorreden oder sonstigen Paratexten, sind nach den Liedtexten selbst die erste und nächstliegende Gruppe von Quellen. Zur Ergänzung solcher Angaben ist der umgekehrte Weg zu gehen: Nicht nur einzelne Lieder sind auf ihre Verwendung zu befragen, sondern auch die entspre-

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Einleitung

chenden Kontexte (Sterben und Begräbnis) auf die an ihnen verwendeten Lieder. Zwei Quellengattungen kommen hierfür vor allem in Betracht: Leichenpredigten und Kirchenordnungen. Die aus der Zeit zwischen 1550 und 1750 in riesiger Zahl erhaltenen gedruckten deutschen evangelischen Leichenpredigten enthalten im Anschluss an die Auslegung des Leichtextes regelmäßig einen sogenannten Personalia- oder Ehrengedächtnis-Teil, in dem das Leben des Verstorbenen dargestellt wird; der letzte Abschnitt ist dabei dem Sterben gewidmet. Zwar sind diese Sterbeberichte stark schematisiert und folgen der Tendenz, das berichtete Sterben dem Ideal des seligen Endes anzugleichen; aber trotz der Überformung ist in ihnen der individuelle Kasus noch erkennbar, anders als in den meisten Liedtexten. Häufig ist der Prediger identisch mit dem Sterbeseelsorger und kann daher aus erster Hand berichten, was sich am Sterbebett zugetragen hat, das heißt auch, ob – und wenn ja, was – gesungen wurde. Entsprechende Empfehlungen finden sich auch in Handreichungen für Seelsorger, dann freilich nicht narrativ, sondern präskriptiv. Was das Begräbnis betrifft, so machen Kirchenordnungen, Agenden u.ä. Angaben zu seinem jeweils vorgeschriebenen Ablauf. Dabei wird auch auf die Rolle des Gesangs, die Ausführenden und die Wahl der Lieder eingegangen. Greifbar sind mit dem ‚Sehling‘ vor allem die evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts; Stichproben zum 17. Jahrhundert ergänzen das Bild, wobei die alten Kirchenordnungen vielerorts noch Gültigkeit besitzen. Mindestens ebenso bedeutsam wie Todesnot und Begräbnis dürfte als Sitz im Leben der Sterbelieder die private Sterbemeditation sein. In Teil A wird deutlich, dass der Gesangbuchgebrauch sich im 17. Jahrhundert in neuer und stetig wachsender Weise besonders auf diesen privaten Bereich erstreckte. Für viele Lieder ist ein entsprechender Sitz im Leben anzunehmen. Als Quellen hierzu werden die Werke einiger Lieddichter exemplarisch herangezogen. Liturgische Vollzüge des Sterbegedenkens im Kirchenjahr sind in Agenden und Perikopenordnungen dokumentiert. Damit zeichnet sich bereits ab, was angesichts der großen Zahl der Lieder, ihrer unterschiedlichen Herkunft und auch den Unterschieden in der Verwendung der ausgewerteten Gesangbücher keineswegs verwundern kann: Die Bandbreite ihrer Verwendung ist beträchtlich – vor, im und nach dem Sterben, öffentlich und privat, liturgisch und nichtliturgisch. In Teil C werden die drei wichtigen Sitze im Leben anhand exemplarischer Quellen untersucht: das vorausgreifende Sterbegedenken (I.), das Sterben selbst (II.) und das Begräbnis (III.).

IV. Zitierweise – Editionsrichtlinien – Textnachweise der Lieder Auf die Lieder wird bei Zitat durch die Nennung von Autor und Liedanfang verwiesen. Ein diesem Liedanfang beigegebenes * verweist auf die ungeklärte Herkunft eines Textes (s. o.), ein ° auf ergänzendes Material (zusätzlich zu dem in Teil A gesammelten).

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IV. Zitierweise – Editionsrichtlinien – Textnachweise

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Diejenigen Liedtexte, die bereits bei Wackernagel (W) oder Fischer/Tümpel (FT) ediert sind, werden in der Regel nach der dortigen Textfassung zitiert. Die Großund Kleinschreibung ist in dieser Fassung gelegentlich angepasst, die Interpunktion durchweg modernisiert. Die Liedtextzitate aus den älteren Editionen sind daher auf den ersten Blick erkennbar (etwa am Komma statt der Virgel /). Liedtexte, die bisher nicht ediert sind und darum aus Original- oder Faksimiledrucken übernommen wurden, werden dagegen diplomatisch getreu wiedergegeben; das gilt auch für andere Zitate aus Originaldrucken. I und J werden allerdings – anders als in den meisten Originaldrucken – grundsätzlich unterschieden, Ligaturen nicht abgebildet. Auslassungen sind durch […], sonstige Eingriffe in den Text durch eckige Klammern gekennzeichnet; das gilt auch für die Auflösung von Abbreviaturen oder Verdopplungsstrichen. Die Strophenzählung ist einheitlich in alle Liedzitate eingetragen, ggf. also stillschweigend ergänzt. Die Druckgestalt der Strophen wurde ebenfalls vereinheitlicht, indem nach jedem Vers ein Zeilenumbruch eingefügt wurde (viele Originaldrucke geben die Strophen fortlaufend wieder). Im Anmerkungsapparat erscheinen die Liedtexte dann ohne Zeilenumbruch; hier sind die Einzelverse durch | getrennt, Strophen durch ||. Ansonsten wird durch den senkrechten Strich | ein Zeilenumbruch angezeigt, allerdings nur bei Werktiteln (im Quellenverzeichnis) oder Überschriften. Alle erwähnten bzw. zitierten Liedtexte sind im Anhang unter IV. mit Nachweis der gemachten Angaben verzeichnet. Dabei wird zwischen zwei Arten von Liedtexten unterschieden: Tabelle 1 (großformatige Beilage zum Buch) dokumentiert die Texte, die in mindestens einem der ausgewerteten Drucke unter einer der berücksichtigten Rubriken vorkommen. Ihr zu entnehmen sind Liedanfang, Autor, Hinweise auf Ort und Jahr der Entstehung bzw. des Erstdrucks sowie auf die Verbreitung und Rubrizierung (im Rahmen der untersuchten Rubriken). Jedem der ausgewerteten Gesangbücher entspricht eine Spalte. Damit enthält Tabelle 1 das zusammengefasste Ergebnis von Teil A. Ihr sind auch die Angaben darüber zu entnehmen, welche Fassung der bisher unedierten Texte zitiert wird: Für Texte mit bekannter Herkunft ist der angegebene Originaldruck maßgeblich (Spalte „Quelle“). Texte, deren Originaldruck nicht zugänglich war oder deren Herkunft nicht geklärt werden konnte, werden nach der in Tabelle 1 durch Fettdruck hervorgehobenen Textfassung zitiert. Weitere Erläuterungen zu Tabelle 1 vgl. auf S. 683. Tabelle 2 (S. 687) verzeichnet alle weiteren in der Untersuchung erwähnten bzw. zitierten Liedtexte, also diejenigen, die zusätzlich zu den in Teil A recherchierten herangezogen wurden. Sie sind im untersuchten Ausschnitt des Quellenmaterials nicht nachgewiesen. Um dies zu kennzeichnen, werden die Anfänge dieser Texte bei einer Erwähnung innerhalb der Untersuchung mit ° versehen (s. o.).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch Anhand der Gesangbuchrubrizierung soll in diesem Teil eine Auswahl von Liedtexten als Quellen für die weitere Untersuchung getroffen werden. Als Grundlage dienen einige evangelische Gesangbücher aus der Zeit von 1524 bis 1560 (I.) und vor allem zahlreiche lutherische Gesangbücher aus der Zeit von 1591 bis 1706 (II.) aus fünf bedeutenden Territorien (Württemberg, Braunschweig-Lüneburg, Kurbrandenburg, Kursachsen, Nürnberg). Bei der Auswertung der Gesangbücher wird neben der Liedauswahl auch nach der Entstehung und Verwendung von Gesangbüchern im 17. Jahrhundert gefragt. Die Ergebnisse werden ausführlich im Abschnitt III. dargelegt. Nähere Erläuterungen zu Fragestellung und Methodik von Teil A enthält die Einleitung (Abschnitt 1.).

I. Evangelische Gesangbücher bis 1560 Für die Reformation hatte die Musik von Anfang an einen hohen Stellenwert, sowohl zum Gotteslob als auch als Medium der Verkündigung.1 Luthers Weggefährte Johann Walter, von dem auch das Lied Herzlich tut mich erfreuen stammt, verstand sie als Gottesgabe, die der Theologie gleich zu achten sei: Sie ist mit der Theologj Zugleich von Gott gegeben hie / Gott hat die Music fein bedeckt In der Theologj versteckt / Er hat sie beid im fried geschmuckt Das kein der andern ehr verruckt / Sie sind jnn freundschafft nahe verwandt Das sie fur schwestern wern erkandt.2

Zahlreich sind auch die Zeugnisse von Melanchthons Wertschätzung der Musik; insbesondere rühmt der ‚Praeceptor Germaniae‘ ihre didaktische Wirkung, die darauf beruht, dass sie tiefer ins Herz dringt und sich besser einprägt als bloße Worte.3 Allen voran schätzte Martin Luther selbst die Musik besonders hoch – eine 1

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Insbesondere in Städten dienten die deutschen Lieder als ebenso spontan wie gezielt eingesetztes „Kampfmittel“ bei der Auseinandersetzung mit den Altgläubigen (vgl. Mager, Lied und Reformation, 27f.31f.36). Walter, Lob vnd preis, fol. B 2v. Blankenburg, Gedanken, 32–34 expliziert Walters Theologiebegriff als von dem Luthers geprägt: Auf die in der Theologie bzw. im Evangelium erfahrene Güte Gottes seien Lob und Dank in der Musik „die einzig mögliche Reaktion“. So Melanchthon in der Vorrede zu einem Wittenberger Musikdruck von 1545 (zit. nach Krummacher, Gryphius, 117): „Non dubium est praecipuam caussam [!] esse, cur Musicae initia humano generi diuinitus

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

persönliche Präferenz, die zugleich theologisch begründet war und die sich in der Folge sowohl auf die Art der Verbreitung der reformatorischen Theologie als auch auf die Prägung der protestantischen Frömmigkeit entscheidend auswirkte: Die Lieder Martin Luthers, in denen wie auch in den Liedern anderer protestantischer Dichter wesentliche theologische Inhalte bündig greifbar waren, verbreiteten sich rasch. Zu den ‚urlutherischen‘ Wittenberger Liedtraditionen kamen schon früh die oberdeutschen Traditionen aus dem Umkreis von Straßburg und die Traditionen der Böhmischen Brüder hinzu. So bestimmten Gesang und Gesangbuch von Anfang an das Leben in den evangelischen Kirchen, Schulen und Familien. „Weichen mus alles hertzeleid“4 – nämlich dort, wo gesungen wird –, das lässt Luther in der Gesangbuchvorrede Frau Musica selbst sagen. Über die ureigene Funktion des Gotteslobes und auch über die pädagogisch-didaktische Funktion der Belehrung hinaus, die im Unterricht ebenso wirksam wurde wie im Gottesdienst, wird hier eine weitere Dimension angesprochen: der Trost, den der Gesang in sich birgt, also seine affektive und seelsorgliche Qualität. Dank dieses Verständnisses einer dem Singen inhärenten tröstlichen Kraft sollten die ‚Kreuz- und Trost-Lieder‘ in der Geschichte des evangelischen Kirchenliedes zu einer der wichtigsten Rubriken werden.5 Diese Rubriken im Sinne von funktionalen Liedtypen, die auf bestimmte Lebenssituationen zugeschnitten waren, begannen sich freilich erst allmählich zu entwickeln. Von Anfang an waren jedoch eben diese Lebenssituationen, sowohl das „hertzeleid“ allgemein als auch Tod und Sterben im besonderen, als Orte des Liedgesangs im Blick. An drei Beispielen soll die Rolle von Sterbeliedern in reformatorischen Gesangbüchern gezeigt werden. Die Tradition der Böhmischen Brüder wird anhand des Gesangbuches von Michael Weisse (Jungbunzlau 1531) dargestellt, die Wittenberger Tradition anhand des Babstschen Gesangbuches (Leipzig 1545). Im dritten wichtigen Traditionsstrang, der oberdeutschen Tradition aus Straßburg und Konstanz, spielen die Rubriken von Tod und Sterben zunächst keine Rolle.6 Bedeutsam für die Entwicklung der Rubriken ist vielmehr das Eichornsche Gesangbuch (Frankfurt/O. 1558), auf das hier daher eingegangen werden soll.

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insita, & postea ars excitata sit, vt doctrina celestis inclusa Harmonijs & cantilenis latius propagaretur, & longiori posteritatis memoriae traderetur.“ Zu Melanchthons Wertschätzung der Musik insgesamt vgl. Krummacher, Gryphius, 116–122. Luther, Vorrhede auff alle gute Gesangbücher, in: Walter, Lob vnd preis, fol. A 2r. Zur Entwicklung dieser Rubrik von der Reformation bis ins 18. Jahrhundert vgl. Piper, Kreuz- und Trostlieder. Charakteristisch für diese Tradition sind vor allem die zahlreichen Psalmlieder, die später auch den Gemeindegesang im reformierten Bereich prägen sollten. Das große Straßburger Gesangbuch von 1541 (Faksimileausgabe Stuttgart 1953) ist dreifach gegliedert nach liturgischen Gesängen, Liedern zum Kirchenjahr und Psalmliedern. Neben Luthers Mit Fried und Freud ich fahr dahin enthält es eine weitere Liedfassung des Nunc dimittis: Johannes Englisch, Mit Frieden dein, o Herre mein; die ursprüngliche Fassung (Straßburg 1530) beginnt In Frieden dein, o Herre mein (vgl. W III 820.), sie wurde offenbar später an den Text des Lutherliedes angepasst. Das Lied hat im lutherischen Bereich kaum nachgewirkt.

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I. Evangelische Gesangbücher bis 1560

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1. Die ältesten reformatorischen Gesangbücher Ganz am Beginn der reformatorischen Gesangbuchgeschichte stehen die Drucke des Jahres 1524, zunächst das Nürnberger Achtliederbuch,7 dann das Erfurter Enchiridion8 und schließlich das Geistliche Gesangbüchlein Johann Walters, das erste reformatorische Chorgesangbuch, das wohl von Joseph Klug in Wittenberg gedruckt wurde.9 Bereits unter den 26 Gesängen des Erfurter Enchiridion befindet sich an vierter Stelle der „Lobsanck“ Mitten wir im Leben sind, eines der beiden Lutherlieder, die in der weiteren Entwicklung zu den am weitesten verbreiteten Sterbeliedern werden sollten; es geht zurück auf die mittelalterliche Antiphon Media vita in morte sumus.10 Das andere der beiden Lieder, Mit Fried und Freud ich fahr dahin, steht als Nr. 27 erstmals im Walterschen Gesangbüchlein, das bereits 24 der 36 heute bekannten Lutherlieder enthält.11 Den vier Strophen liegt der Simeonsgesang (Lk 2,29–32) zugrunde. Die beiden Lutherlieder gehören fortan zum Kernrepertoire des reformatorischen Liedes: Sie sind in vielen weiteren Drucken der zwanziger Jahre enthalten, etwa im Nürnberger Enchiridion bei Hans Hergot von 152512 oder im Zwickauer Enchiridion von 152813.

2. Das Gesangbuch der Böhmischen Brüder von Michael Weisse (Jungbunzlau 1531) J-1531. Das älteste deutschsprachige Zeugnis der Liedtradition der Böhmischen Brüder liegt mit dem New Geseng buchlen vor, das 1531 von Michael Weisse in Jungbunzlau (Böhmen) herausgegeben wurde.14 Es ist mit 157 Liedern wesentlich umfangreicher als die Gesangbücher zuvor. Als Quellen nennt Weisse in seiner Vorrede „ewer alt sampt d[er] behmischen brüd[er] Cancional“15, aus denen er die (ursprünglich lateinischen und tschechischen) Texte im Auftrag der Ältesten der deutschen Gemeinden zu Landskron und Fulnek übertragen habe. Weisse hat sich dabei offenbar vor allem sehr genau an den Melodien orientiert, während sich nur von 16 Texten direkte tschechische Vorlagen ausmachen lassen; zu ihnen gehört das Begräbnislied Nun lasst uns den Leib begraben.16 7 8

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Faksimileausgabe hg. von Konrad Ameln, in: JLH 2 (1956), 89ff. Das Enchiridion von 1524 liegt in zwei Ausgaben konkurrierender Drucker aus Erfurt vor, Johann Loersfelt (im Haus „zum Ferbefaß“, daher auch „Ferbefaß-Enchiridion“) und Mathes Maler. Nach Konrad Ameln kommt „dem Druck von J. Loersfelt die Priorität“ zu (Ameln, Geleitwort zur Faksimileausgabe, Kassel u.a. 1983, 6). Vgl. Blankenburg, Johann Walters Chorgesangbuch, 41f. Ein Faksimile des Zweitdruckes Worms 1525, hg. von Walter Blankenburg, erschien in Kassel u.a. 1979. Nach AHMA 49, 388 stammen die ältesten Textzeugnisse des Media vita aus dem 11./12. Jahrhundert. Vgl. Blankenburg, Johann Walters Chorgesangbuch, 50. Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 22. Faksimileausgabe Leipzig 1979. Faksimileausgabe hg. von Konrad Ameln, Kassel/Basel 1957. Weisse, Vorrede, in: J-1531, fol. A 2r. Gemeint sind damit offenbar ein lateinisches („alt“) Gesangbuch und das tschechische der böhmischen Brüder, vgl. Ameln, Geleitwort, in: Faksimile J-1531, 3. Vgl. Ameln, Geleitwort, in: Faksimile J-1531, 4.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Bei Weisses Gesangbuch handelt es sich, sicher auch wegen des gewachsenen Umfangs, um „das erste durchgängig nach seinem Inhalt gegliederte Gesangbuch“17. Es umfasst 18 Rubriken: Auf acht Rubriken zum Kirchenjahr,18 auf „Lob-“, „Beth-“ und „Leergeseng“, Tagzeiten-, Kinder- und Bußlieder folgen gegen Ende unter anderem auch zwei Überschriften zu den letzten Dingen: „Zum begrebnis d[er] todte[n]“ (5 Lieder) und „Vom jüngsten tag“ (3 Lieder).19 Am Ende stehen die Rubriken „Von den rechten heiligen“ und „Von dem Testament des herren“. Unter den Begräbnisliedern20 befindet sich Nun lasst uns den Leib begraben,21 das wie die beiden Lutherlieder zu den am weitesten verbreiteten Liedern in den untersuchten Rubriken gehört. Das Lied Preis sei dem allmächtigen Gott ist gegenüber den übrigen Begräbnisgesängen durch die Überschrift „Zum begrebnis der kinder“ ausgezeichnet; einige der anderen sind „Beym grabe“ überschrieben. Die sich anschließende Rubrik „Vom Jungsten tag“ enthält drei Lieder,22 von denen Es wird schier der letzte Tag herkommen die breiteste Nachwirkung entfaltet hat. Das deutsche Gesangbuch der Böhmischen Brüder, das 1544 seine zweite und später weitere Auflagen erlebte, wurde in den Dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts über den unmittelbaren Umkreis der Brüdergemeinde hinaus bekannt und rezipiert.23 Einige der Lieder Weisses fanden Eingang in den sich rasch weiter ausbreitenden reformatorischen Liederschatz.24

3. Das Babstsche Gesangbuch (Leipzig 1545) Auch aus der Wittenberger Tradition gingen allmählich umfangreichere Sammlungen hervor. Die Einteilung in Rubriken ist hier allerdings weniger klar und einheitlich als bei Weisse und den Böhmischen Brüdern; sie richtet sich hauptsächlich nach dem 17 18

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Ameln, Geleitwort, in: Faksimile J-1531, 3. „Von der Menschwerdung Christi“, „Von der Geburt“, „Von der Beschneidung“, „Von der Erscheinung“, „Vom Wandel vnd Leiden Christi“, „Von der Auferstendung“, „Von der Himmelfarth“, „Vom Heiligen geiste“. So die Titel im Register (J-1531, fol. A 3r); vgl. den ausführlicheren Titel der ersten Rubrik im Gesangbuch selbst: „Folgen sonderliche gesenge zum Begrebnis d[er] todten. Vnd zum ersten derer / die nach angeno[m]mener vn[d] getzeugter gnad jm[m] bund des gutten gewissens mit got / verscheide[n]“ (fol. M 2v). O Vater, Herre Gott, groß ist deine Genad (10 Str.); Nun loben wir mit Innigkeit Gott, den Vater der Gütigkeit (19 Str.); Nun lasst uns den Leib begraben (7 Str.); Preis sei dem allmächtigen Gott, der alle Ding geschaffen hat (15 Str.); So lasst uns den Leib behalten (4 Str.). J-1531, fol. M 5r. Die achte Strophe, mit der das Lied meist rezipiert wird, findet sich erst bei Babst 1545. O ihr Christen, wacht, denn der letzte Tag wird schier kommen (13 Str.); Es wird schier der letzte Tag herkommen (20 Str.); O ihr alle, die ihr euch dem Herrn vereiniget (8 Str.). Frühe Nachdrucke sind etwa aus Straßburg (veranlasst durch Katharina Zell) und Ulm belegt, vgl. Ameln, Geleitwort, in: Faksimile J-1531, 5. Konrad Ameln verzeichnet im Babstschen Gesangbuch 12 Übernahmen aus dem Brüdergesangbuch von 1531. Unter ihnen nimmt wiederum Nun lasst uns den Leib begraben eine prominente Rolle ein: Es taucht bei Babst als einziges der zwölf Lieder im 1. Teil auf, der inhaltlich mit dem Klugschen Gesangbuch von 1543 nahezu übereinstimmt und ansonsten eher die Wittenberger Tradition repräsentiert. Das Lied wird zudem von Luther in seiner Vorrede besonders hervorgehoben, vgl. Anm. 33.

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I. Evangelische Gesangbücher bis 1560

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Ursprung und (wenn überhaupt) erst in zweiter Linie nach Inhalt und Verwendung der Lieder. Das zeigen die beiden wichtigsten Werke dieser Familie, das Klugsche und das Babstsche Gesangbuch, in denen die Lieder des Reformators Luther jeweils gesondert zu Beginn abgedruckt sind. Die Rubrizierung spiegelt hier also anders als bei Weisse noch nicht den intendierten kirchlichen Gebrauch des Gesangbuchs, sondern die hohe Wertschätzung Luthers und seiner prominent gestellten Gesänge. Bis 1545 gilt das Klugsche Gesangbuch, von dem Wittenberger Buchdrucker Joseph Klug in vier Auflagen25 gedruckt, als wichtige Ausgabe. Es enthält keine Einteilung, in der Sterbe- oder Begräbnislieder eigens aufgeführt wären. In der ältesten erhaltenen Auflage von 1533 sind nun schon 28 Lieder Luthers enthalten, daneben 5 (teils lateinische) Gesänge der „Alten“, 17 Lieder zeitgenössischer Autoren neben Luther sowie 17 „lieder aus der heiligen schrifft“ in vierstimmigen Sätzen von Johann Walter, darunter das deutsche Nunc dimittis.26 Babst. Das Babstsche Gesangbuch von 1545 schließlich ist ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der lutherischen Gesangbücher.27 Prachtvoll in der Ausstattung mit Holzschnitten und Schmuckleisten, versammelt es insgesamt 129 Lieder (1. Teil: 89; 2. Teil: 40 Lieder). Nur der erste Teil, der aus dem Klugschen Gesangbuch von 1543 hervorgegangen ist, ist durchgängig gegliedert, freilich anders (und auch weniger übersichtlich) als bei Michael Weisse: Die 13 Lutherlieder zum Kirchenjahr am Anfang (darunter: Mit Fried und Freud zu Mariä Reinigung) machen nur einen geringen Teil des Umfangs aus; Rubriken für Luthers Katechismus-,28 Psalm- und sonstige Lieder29 schließen sich an. Ähnlich wie im Klugschen Gesangbuch und anders als in späteren Werken spielt die Autorschaft als Gliederungskriterium also auch hier eine Rolle. Nach den von Lutherliedern dominierten ersten Abschnitten folgen „andere der unsern lieder“30 (von Zeitgenossen), „geistliche Lieder / von fromen Christen gemacht / so vor vnser zeit gewesen sind“31 und „die heiligen Lieder / aus der heiligen schrifft / so die lieben Patriarchen und Prophete[n] vorzeiten gemacht vnd gesungen haben“32. 25

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1529 (verschollen), 1533 (Faksimileausgabe hg. von Konrad Ameln, Kassel u.a. 1983 [unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1954]), 1535 und 1543. Fol. 175v–176v. Zur Gliederung des Gesangbuchs vgl. Ameln, Geleitwort, in: Faksimile des Klugschen Gesangbuchs von 1533, 12f. Faksimileausgabe hg. von Konrad Ameln, Kassel u.a. 21966. Vgl. Babst, fol. E 2r: „NV folgen geistliche Gesenge […]“ usw., Nr. 14–21: Lieder zu den Geboten, zu Credo, Vaterunser, Taufe und Abendmahl. Nicht von Luther stammt nur einer der Texte (Nr. 19: dt. Bibeltext von Ps 111). Vgl. Babst, fol. G 6v: „Folgen nu […]“ usw., Nr. 22–39. Neben Luthers Psalmliedern (Nr. 22–28) stehen hier das ‚deutsche Sanctus‘ (°Jesaja dem Propheten das geschah), das deutsche Te deum, die deutsche und die lateinische Litanei, das Sterbelied Mitten wir im Leben sind u.a. Babst, fol. N 2r (Nr. 40–51). Babst, fol. Q 4v (Nr. 52–63). Babst, fol. S 3r (Nr. 64–79). Als Texte dienen biblische Gesänge in deutscher Sprache, meist von außerhalb des Psalters: Ex 15,1–19; Dtn 32,1–43 (Moselied); Ri 5,2–31 (Deboralied); 1Sam 2 (Lied der Hanna); Jes 12,1–6; Jes 26,1–21; Jes 38,10–20 (Lied des Hiskia); Jes 61,10f; Jes 63,7–64,11; Jon 2,3–10; Hab 3,2–19; Lk 1,46–55 (Magnificat); Lk 1,68–79 (Benedictus); Lk 2,29–32 (Nunc dimittis); Lk 2,14 (Gloria in excelsis); Ps 114.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Umso bemerkenswerter ist es angesichts der etwas unsystematischen Einteilung, dass gerade die Begräbnislieder dennoch eine eigene Abteilung bilden. Sie findet sich ganz am Ende des ersten Teils: Unter Nr. 80 steht zunächst Weisses Nun lasst uns den Leib begraben,33 erst dann folgt ganzseitig der Titel: „Nu folgen Christliche Geseng / Lateinisch vnd Deutsch / zum Begrebnis. D. Martinus Luther.“34 Der Inhalt stimmt mit dem Klugschen Begräbnisliederbuch von 1542 überein: Nach der Vorrede daraus sind unter den Nummern 81 bis 89 neun lateinische Begräbnisgesänge meist biblischen Ursprungs mit Choralnoten abgedruckt.35 Den Abschluss bilden vier kurze deutsche Dichtungen ohne Nummerierung und auch ohne komplexere Strophenform – die Melodie ist jeweils einem Verspaar zugewiesen –, denen ebenfalls Bibeltexte zugrunde liegen.36 Besonders aufschlussreich ist eine Liste von sechs Gesängen, „so bey dem begrebnis gesungen werde[n]“37: Martin Luther, Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Babst Nr. 28) Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Babst Nr. 35) Martin Luther, Wir glauben all an einen Gott (Babst Nr. 16) Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Babst Nr. 7) Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Babst Nr. 80) Martin Luther, Nun bitten wir den Heiligen Geist (Babst Nr. 12) Die Dominanz der Lutherlieder in dieser Reihe fällt auf; die einzige Ausnahme bildet Weisses Nun lasst uns den Leib begraben. Als einziges der sechs Lieder ist es in unmittelbarer Nachbarschaft zu den lateinischen Begräbnisgesängen abgedruckt; die anderen verteilen sich auf verschiedene Abschnitte: Unter den Liedern zum Kirchenjahr wird nicht nur Nun bitten wir den Heiligen Geist (Pfingsten), sondern auch Mit Fried und Freud (Mariä Reinigung) aufgeführt. Das Credo-Lied Wir glauben all an 33

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Betitelt ist es: „Ein fein Christlich Lied zu singen / zum begrebnis der verstorbenen / Durch D. Mart. Luth.“ (fol. Y 5r) Die fehlerhafte Autorangabe wird von Luther in seiner Vorrede richtiggestellt: „Ich mus aber das auch vermanen / das lied / so man zum grabe singet / Nu last vns den Leib begraben / füret meinen name[n] / aber es ist nicht mein / vn[d] sol mein name hinfurt da uon gethan sein / Nicht das | ichs verwerffe / denn es gefellet mir sehr wol / vnd hat ein guter Poet gemacht / genant Johannes Weis / on das er ein wenig geschwermet hat am Sacrament / Sondern ich wil niemand sein erbeit / mir zu eigen.“ (fol. A 4r|v) Die Autorangabe „Johannes Weis“ (statt Michael Weisse) findet sich im Gefolge Luthers auch in den meisten Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts. Babst, fol. Z 2v. Credo quod redemptor meus vivit, et in novissimo resurgam (Nr. 81, nach Hi 19,25; Ps 145 [146],1f); Ecce quomodo moritur iustus, et nemo percipit corde (Nr. 82, nach Jes 57,2f; Ps 16 [17],15); Cum venisset Jesus in domum principis et vidisset tibi cines (Nr. 83, nach Mt 9,23–25); Ecce mysterium magnum dico vobis, non omnes quidem dormiemus (Nr. 84, nach 1Kor 15,51f.54f); Stella enim differt a stella in claritate, sic et resurrectio mortuorum (Nr. 85, nach 1Kor 15,41–45); Nolumus autem vos fratres ignorare de dormientibus (Nr. 86, nach 1Thess 4,13f); Si credimus quod Jesus Christus mortuus est et resurrexit (Nr. 87, nach 1Thess 4,14.13; 1Kor 15,22); Prudentius, Iam moesta quiesce querela (Nr. 88, 10 Str.); Si enim credimus quod Jesus mortuus est et resurrexit (Nr. 89, nach 1Thess 4,14; 1Kor 15,22; Sir 44,14; Media vita; Ps 4,9; Röm 14,7f). Im Fried bin ich dahin gefahrn; Mit Fried und Freud in guter Ruh (beide nach Lk 2,29–32); Christ ist die Wahrheit und das Leben (nach Joh 11,25f); In meinm Elend war dies mein Trost (nach Hi 19,25). Babst, fol. b 2v.

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I. Evangelische Gesangbücher bis 1560

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einen Gott steht unter den Katechismusgesängen, das auf dem Bußpsalm 130 (De profundis) fußende Aus tiefer Not schrei ich zu dir unter den Psalmliedern Luthers und Mitten wir im Leben sind unter den übrigen Lutherliedern. – Abschließend folgt eine ähnliche Aufstellung von acht (lateinischen und deutschen) Gesängen, die gesungen werden können, „wenn man vom begrebnis heim gehen wil“38. Wenig geordnet präsentiert sich der zweite Teil des Babstschen Gesangbuchs: Überschriften, die ausdrückliche Rückschlüsse auf den Sitz im Leben der Lieder zuließen, fehlen hier. Ganz unterschiedliche Liedtraditionen sind berücksichtigt,39 darunter die der Böhmischen Brüder, aber auch solche, die ihrer Herkunft nach aus lutherischer Sicht nicht ganz unbedenklich sind, etwa weil sie von Täufern oder Schwenckfeldianern stammen.40 Zwei Lieder aus der Gesamtauswahl der Untersuchung tauchen im zweiten Teil ohne Rubrizierung auf: Weisses Es wird schier der Jüngste Tag herkommen (Nr. 36) und Es war einmal ein reicher Mann (Nr. 17) nach Lk 16.

4. Das Eichornsche Gesangbuch (Frankfurt/O. 1558) FfO-1558. Die Tradition des Eichornschen Gesangbuchs aus Frankfurt an der Oder – es wurde 1556 bei Johann Eichorn erstmals gedruckt und bis 1604 immer wieder aufgelegt – ist nicht zuletzt für die Frage der Rubrizierung bedeutsam. Das Werk umfasst anfangs 128, in späteren Ausgaben bis 179, 1604 sogar 190 Liedtexte sowie anfangs über 100, später ca. 60 Melodien.41 Die erste Ausgabe mit der neuartigen Rubrizierung in 25 Abteilungen ist nicht die von 1556,42 sondern erst die von 1558. Laut Titel sind die Lieder darin „auff alle Fest des gantzen Jars geordnet“; in späteren Ausgaben lautet die Angabe: „nach ordnung der Jarzeit / New zugericht“43.

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Babst, fol. b 7r: Von den deutschen Gesängen werden hier nochmals genannt Mit Fried und Freud ich fahr dahin; Wir glauben all an einen Gott; Nun bitten wir den Heiligen Geist; Nun lasst uns den Leib begraben. Daneben stehen vier lateinische Gesänge: Iam moesta quiesce querela; Si enim credimus; Corpora sanctorum; In pace sumus (vielleicht für: In pace simul dormiam et requiescam aus Ps 4,9?). Die drei letztgenannten Stücke sind alle in Nr. 89 des Babstschen Gesangbuchs enthalten (vgl. Anm. 35), das Iam moesta des Prudentius steht unter Nr. 88. Vgl. die detaillierte Aufstellung von Konrad Ameln in der Faksimileausgabe, 10–12. Z. B. das Lied °Nun höret zu, ihr Christenleut (Nr. 24) des Täufers Hans Witzstat von Wertheim, das einen Streit zwischen Leib und Seele bzw. (so die Überschrift) zwischen Fleisch und Geist im Blick auf den herannahenden Tod und das nachfolgende Gericht wiedergibt. Noch im 17. Jahrhundert wurde das Lied aufgrund seines Autors und seines Inhalts beargwöhnt. In L-1673 wurde es bewusst weggelassen, „weil der Verfasser den jenigen Streit / welcher sich in dieser Schwachheit bey denen Wiedergeborenen ereignet / nicht dem Fleisch und Geist nach der Lehre des Apostels [Rom VII.] sondern dem Leib und der Seele gantz irrig beygeleget“ (L-1673, Vorrede fol. d 2v). Vgl. Lipphardt, Eichorn, 170; Reckziegel, Cantional, 22–25. Die von Reckziegel, Cantional, 22 für 1556 angesetzte Ausgabe wird bei Lipphardt, Eichorn, 168 erst um 1560 datiert. Dafür hat Lipphardt im British Museum eine Ausgabe von 1556 nachgewiesen, die aber noch nicht die spätere Rubrizierung aufweist (vgl. Lipphardt, Eichorn, 161–164). So im Titel der in Anm. 42 genannten Ausgabe um 1560, zit. nach Lipphardt, Eichorn, 168 und Reckziegel, Cantional, 22.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

In seiner Vorrede weist Eichorn auf die Notwendigkeit der neuen Gliederung eigens hin: NAch dem die gemeinen Gesangbüchlein […] nunmehr durch offt verbessern oder mehrung gar in vnordnung hin vnd wider vermischet / Hab ich durch einen gelehrten Mann dieselbigen in eine richtige Ordnung / nach den Festen der Jahrzeit / lassen zusammen bringen / damit auff ein jedes Fest alle Lieder / darauff gehörig / mit den Gebeten / nach einander gefunden werden / vnd nicht hin vnnd wider von nöthen zu suchen.44

Der Grundgedanke ist die Anordnung der Lieder nach der „Jarzeit“. Lieder, die zur selben Kirchenjahreszeit, allgemeiner: zum selben Sitz im Leben gehören, sollen beieinander stehen, um den Gebrauch des Gesangbuchs zu erleichtern und unnötiges Blättern und Herumsuchen zu vermeiden. Das betrifft letztlich nicht nur die Lieder zum Kirchenjahr, sondern auch die Sterbe- und Ewigkeitslieder. Das Prinzip der Rubrizierung ist also letztlich ein funktionales: Die Handhabbarkeit des zum praktischen Gebrauch bestimmten Buches, seine Anwendungsfähigkeit soll verbessert werden; damit entsteht auch „ein deutlich abgrenzbares Repertoire für Totenmessen und Begräbnisse“45. Die Einteilung in 25 gleichberechtigte, nummerierte Rubriken unterscheidet sich deutlich vom 18-fachen Gliederungsvorschlag aus Michael Weisses Brüdergesangbuch. Am Anfang stehen sieben Titel zum Kirchenjahr46 und ebenso viele zu den Stücken des Katechismus47 (wenn die zu Babst ergänzten Themen Buße und Rechtfertigung mitgerechnet werden). Als vier weitere Bereiche folgen „Dancksagung“, „Vom Christlichen leben vnd wandel“, „Vom Creutz, verfolgung vnd anfechtung“ und „Von der Christlichen Kirchen“. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder umfassen die Rubriken XIX. bis XXI.: „Vom Todt vnd sterben“ (1 Lied), „Vom Begrebnis“ (4 Lieder) sowie „Vom Jünsten [!] Tag vnd aufferstehung“ (5 Lieder). Vier Rubriken Morgen-, Abend- und Tischlieder, also für den häuslichen Gebrauch geeignete Gesänge („Früe so man auffstehet“), und die deutsche Litanei – ohne nummerierten Rubriktitel – schließen den Aufbau ab.48 Der Liedbestand der Ausgabe von 1558, der ersten mit Rubrizierung nach der „Jarzeit“, setzt sich nach Lipphardt aus drei Komponenten zusammen: Neben dem 44

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Zit. nach dem Faksimile der Ausgabe von 1604 bei Reckziegel, Cantional, 60 (vgl. a. Lipphardt, Eichorn, 164). Um wen es sich bei dem erwähnten „gelehrten Mann“, dem Urheber des Eichornschen Rubrizierungssystems, handelt, ist umstritten. Möglicherweise ist es Andreas Musculus oder Sigismund Schwob (vgl. Reckziegel, Cantional, 55f). Reckziegel, Cantional, 57. „Von der Menschwerdung Christi“, „Von der geburt Jesu Christi“, „Vom leiden vnd sterben Jesu Christi“, „Von der aufferstehung Christi“, „Von der Himelfart Christi“, „Vom heiligen Geyst“, „Von der heiligen Dreyfaltigkeit“. Gegenüber Weisse (vgl. S. 36 Anm. 18) fehlen die Rubriken von der Beschneidung und von der Erscheinung Christi, neu ist die Trinitatis-Rubrik. Die Rubrik vom „Leiden“ Christi umfasst bei Weisse auch noch seinen „Wandel“. „Von zehen Gebotten“, „Vom Glauben“, „Vom Vater vnser“, „Von der Tauff “, „Von der Buß“, „Von der Rechtfertigung“, „Vom Abendmahl des Herrn“. Bei Weisse fehlt sowohl die Mehrzahl dieser Themen als auch deren katechismusartige Anordnung. Die einzigen Entsprechungen sind „Für die Gefallenenn“ (Buße) und „Von dem Testament des herren“ (Abendmahl). Hier zitiert nach Lipphardt, Eichorn, 165–167 (nach der Erstausgabe 1558).

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I. Evangelische Gesangbücher bis 1560

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Babstschen Gesangbuch und der Tradition der Böhmischen Brüder wird auch Sondergut aus der noch unrubrizierten Ausgabe von 1556 verwendet. Unter den zehn Sterbe- und Ewigkeitsliedern (6,2% von 16249 Liedern insgesamt) sind die zwei üblichen Lutherlieder sowie vier der Böhmischen Brüder – alle von Michael Weisse –, von denen zwei bereits bei Babst vorkommen und zwei neu hinzugesetzt wurden.50 Drei Lieder vom Jüngsten Tag stammen aus dem Sondergut der Ausgabe von 1556: Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) M. R. Müntzer, Ach Gott, tu dich erbarmen (Nürnberg 1550) Ganz weggefallen ist aus der Ausgabe von 1556 Caspar Löners Sterbelied O wie selig ist der Tod (Wittenberg 1538). Schon zehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen hat das Eichornsche Gesangbuch Filialdrucke in Nürnberg, ab 1580 auch in Leipzig hervorgebracht (eine Ausgabe von 1605 wird an späterer Stelle ausgewertet, vgl. S. 97). Mit dem Gesangbuch ist auch seine neue Rubrizierung vielfach rezipiert worden; sie wirkt – z. T. in erweiterter Form – bis weit ins nächste Jahrhundert hinein. Ergänzt wurden später vor allem Lieder ‚In mancherlei‘ bzw. ‚gemeiner Not‘, auch speziell für Krieg, Hungersnot, Teuerung, Unwetter oder Pest, sowie Reise- und gelegentlich Wiegenlieder.

5. Zusammenfassung Von den verschiedenen Strängen der reformatorischen Liedtradition haben sich besonders zwei als ergiebig für die Geschichte der Gesangbuchrubriken vom Sterben, vom Begräbnis und vom Jüngsten Tag erwiesen: die Wittenberger Tradition, vertreten durch das Babstsche Gesangbuch (Leipzig 1545), und die der Böhmischen Brüder, vertreten durch Weisses New Geseng buchlen (Jungbunzlau 1531). Aus der Wittenberger Tradition stammen besonders die Lutherlieder Mit Fried und Freud und Mitten wir im Leben sind, von Weisse das Begräbnislied Nun lasst uns den Leib begraben. Während das Babstsche Gesangbuch nur eine Rubrik vom Begräbnis kennt – in ihr sind überwiegend lateinische Gesänge mit biblischen Texten enthalten, daneben aber auch der Verweis auf sechs deutsche Lieder –, kommt im Gesangbuch der Böhmischen Brüder zusätzlich eine Rubrik vom Jüngsten Tag mit drei Liedern vor; Es wird schier der letzte Tag herkommen ist später das verbreitetste. Die dritte Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ schließlich geht auf das Eichornsche Gesangbuch zurück, das Wittenberger und böhmische Traditionen aufgreift und um weitere Lieder ergänzt, etwa zwei zum Jüngsten Tag von Erasmus Alber. Seine Rubrizierung „nach 49 50

Vgl. Lipphardt, Berichtigung, 204 (zuvor irrtümlich angegeben: 159 Lieder). Bereits bei Babst: Nun lasst uns den Leib begraben (B); Es wird schier der letzte Tag herkommen (JA). Neu bei Eichorn: So lasst uns den Leib behalten (B); O ihr Christen wacht, denn der letzte Tag wird schier kommen (JA).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

ordnung der Jarzeit“ mit den Titeln ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘ und ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ prägt die Struktur der Lieder von den letzten Dingen in lutherischen Gesangbüchern bis ins 17. Jahrhundert hinein.

II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts 1. Württemberg

T-1591. 1583 erschien bei Georg Gruppenbach in Tübingen das erste landeskirchliche Gesangbuch für das Herzogtum Württemberg. Erhalten ist eine Ausgabe von 1591 unter dem Titel Außerlesne / Reine / Geistliche Lieder vnnd Psalmen, die von Martin Rößler umfassend ausgewertet wurde. Das offizielle Gesangbuch für das Herzogtum erschien im Vergleich zu anderen Territorien sehr früh.1 Der Gemeindegesang, der im Herzogtum seit der Reformation einen hohen Stellenwert besaß, war zwar durch die Kirchenordnungen von 1536 und 1553/1559 geregelt;2 verwendet wurden zunächst aber unterschiedliche Gesangbücher von auswärts.3 Besonders einflussreich, auch für das Gesangbuch von 1583, waren die Straßburger Gesangbücher. Die meisten Parallelen zum Gesangbuch von 1583 konnte Rößler in einem bei Theodosius Riehel erschienenen Straßburger Gesangbuch von 1569 nachweisen, in dem fast alle Lieder des württembergischen Gesangbuchs (und viele weitere) enthalten sind.4 Das erste offizielle Württembergische Gesangbuch entstand im Zusammenhang mit einer Neufassung der Kirchenordnung von 1582 im Anschluss an die Vollendung des Konkordienwerks 1580.5 An seiner Erstellung war der Theologe Lucas Osiander maßgeblich beteiligt. Die Vorrede verfasste Herzog Ludwig; sie wurde ein

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Noch älter ist das landeskirchliche Gesangbuch von Pfalz-Zweibrücken (1557), vgl. S. 18. Vgl. Sehling XIV, 104f (1536). 265 (1553, so auch in der Großen Kirchenordnung 1559 und 1582; erste Erwähnung des Gesangbuchs: in der Großen Kirchenordnung von 1582). Der Kirchengesang soll danach in deutscher, für die Schüler auch in lateinischer Sprache gehalten werden; die Kirchendiener sollen das Volk zum Erlernen der Gesänge anhalten, weil jedermann „durch das gsang Gottes wort, so darin verfaßt, erinnert und darauß […] gebessert werde“. Vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 37–42. Vgl. Rößler, Württemberg, 27; Kolb, Geschichte, 49. Vgl. Reckziegel, Cantional, 26; Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 63. Übereinstimmung besteht auch in der Rubrizierung (vgl. Reckziegel, Cantional, 59; ähnlich die Rubrizierung in L-1616, vgl. S. 99). Von den sechs Teilen des Straßburger Gesangbuchs fehlt im Württemberger Gesangbuch nur der letzte (Morgen-, Abend- und Tischgesänge). Die Vorrede von Herzog Ludwig berichtet kurz und begründet dabei die Zugehörigkeit des Kirchengesangs zur Kirchenordnung: „Wann wir dann verschinen Jars vnser Kirchenordnung widerumb verbessern lassen: vn[d] aber Christliche Gesang / so bey der Predigt des Euangelij / vnd außspendung der H. Sacrament sollen gebraucht werden / zu den Kirchen Ceremonien gehörig / vnnd also ettlicher massen derselben anhengig: Haben wir die versehung gethon / daß die besten vnnd reinesten Geistliche Gesang (wie die vor diser zeit in Teutsche Sprach gesangsweiß gebracht / vnd / Gott lob / biß daher in vnserm Fürstenthumb in übung gewesen) zusamen getragen / vnnd wo die ettwa vor diser zeit / in mancherley Gesangbüchlin / im Truck ettwas | mangelhafftig außgangen / corrigiert vnd verbessert wurden / vnd also selbige für die Kirchen vnnd Schule[n] Vnsers Fürstenthumbs / zusamen trucken lassen“ (T-1591, Vorrede, 4|5). Vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 44.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Jahrhundert lang immer wieder unverändert abgedruckt. Seine Aufgabe als christlicher Fürst versteht der Herzog so, daß einer Christlichen Gottsförchtigen Obrigkeit nicht allein oblig / die Cantzel mit der reinen Lehr Göttlichs worts / neben dem rechten Gebrauch der heiligen Sacrament / wol zubestellen: sonder auch die versehung zuthun / daß der Allmächtig für seine so vil him[m]lische vnd jrrdische Gutthaten / mit reinen Geistlichen Liedern vnd Psalmen / gelobt und | gepreiset / vnnd durch solche gute Gesäng die Christliche Gemein gebessert vn[d] erbawen werde. Wie vns dann nicht zweiffelt / da die Christen solche gute Gesang lernen / und täglich gebrauchen / daß dardurch vil böser anfechtungen verhindert / vnd vilerley Sünden vermitten bleibe[n].6

Es ist also ein im besten Sinne des Wortes seelsorglicher Auftrag, den der Landesherr durch die Bereitstellung des Gesangbuchs wahrnimmt. ‚Seelsorge‘ verstanden als Sorge um das Seelenheil gewinnt im Kontext des Sterbens eine besondere Bedeutung. In der Vorrede heißt es weiter: Wie es auch die erfahrung gibt / daß sich offtermalen from[m]e Christen in jren todsnöte[n] nicht weniger auß den Teutschen Psalmen / so sie vor vilen Jaren gelernet / als auß den Predigten / so sie gehört / zutrösten wissen.7

Damit ist bereits ein Hinweis auf die Sterbekunst gegeben, die zu fördern der Landesherr durch sein neues Gesangbuch für richtig hält. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem gottesdienstlich eingebundenen Gesang „bey der Predigt des Euangelii / vnd außspendung der H. Sacrament“8. Vorbild sind Davids Psalmen, durch die „der Allmächtig in seiner Gemein bey den Gottesdiensten / vnnd sonsten gelobt vnd gepreiset wurde“9; eine außergottesdienstliche Verwendung ist mit „vnnd sonsten“ immerhin angedeutet. Zum offiziellen landesherrlichen Charakter der Sammlung paßt die kleine, konstante Liedauswahl: Sie umfasst nur 108 Lieder (gegenüber 227 in der Straßburger Vorlage) und blieb über 150 Jahre gleich – bis zum Pietistischen Gesangbuch von 1741. Offenbar ging es darum, den Liedbestand unter Rückgriff auf unverdächtiges und bewährtes Material zu normieren und dadurch die Entwicklung einer Frömmigkeit zu fördern, die der orthodoxen lutherischen Lehre möglichst konform war.10 Rößler bringt die Art der Auswahl auf den Begriff: „Die Entscheidung fiel für ein 6 7

8 9 10

T-1591, Vorrede, 2|3. T-1591, Vorrede, 3. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass „Psalmen“ hier gleichbedeutend ist mit ‚geistliche Lieder‘ (vgl. auch den Titel Außerlesne Reine Geistliche Lieder vnnd Psalmen): Die Christen sollen „solche gute Gesang lernen / vnd täglich gebrauchen“, um dadurch Sünde und Anfechtung zu vermeiden; Paulus habe deshalb „den Christe[n] sich in Geistlichen Liedern fleissig zuüben / mehrmalen befohlen“ (vgl. Eph 5,19; Kol 3,16). T-1591, Vorrede, 4. T-1591, Vorrede, 1|2. Die Intention der Gesangbuchplaner drückt sich bei der Überarbeitung der Kirchenordnung im Jahr 1582 so aus: „Damit auch nicht mit der zeit / ettliche Gsang / so nicht allerdings rein / bey vnsern Kirchen heimlich möchten einschleichen / seind wir bedacht / fürderlich / ettliche der bessern vnnd reinesten Teutschen Gsang zusammen trucken zulassen / derer sich bißher die Kirchendiener vnd Schulmeister /

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

‚Kerngesangbuch‘, nicht für ein ‚Sammelgesangbuch‘.“11 Entsprechend ergeht in der Vorrede der Befehl zum exklusiven Gebrauch dieses verbindlichen Liedkanons: Vnnd ist hierauff Vnser Beuelch / daß all Vnsere Superatte[n]denten / Pfarrer / Kirchendiener vnnd Schulmeister dise Gesang (nach gelegenheit vnd gewonheit einer jeden Kirchen) auch fürohin gebrauchen / vnd nicht eigens gefallens newe Lieder / vnnd vngewohnliche Compositiones (welche nit allwegen allerdings rein / oder bey der Gemein Gottes erbawlich) einführen.12

Das neue Gesangbuch wird als Instrument verstanden, die in der Konkordie fixierte reine Lehre dem Kirchenvolk einzuprägen und eine entsprechende Frömmigkeit einzuüben. Daher wird Pfarrern und Schulmeistern der Gebrauch des Buches „ernstlich aufferlegt“13. Die 108 Lieder (mit 92 Melodien) sind in fünf Abteilungen gegliedert: 29 Lieder auf die Fest- und Feiertage des Kirchenjahres,14 13 Katechismusgesänge, 38 Psalmlieder, 22 Lob-, Lehr- und Betgesänge und fünf „Christliche Gesang / zum Begrebnus“, gefolgt von der deutschen Litanei.15 Der hohe Anteil der Psalmlieder verweist auf das Erbe der Straßburger bzw. oberdeutschen Gesangbuchtradition. Eine eigene Abteilung für den Jüngsten Tag gibt es nicht. Ein Fehler bei der Abgrenzung der Rubrik wurde in allen Auflagen reproduziert – offenkundig gehören bereits die beiden letzten Lieder der vorausgehenden Rubrik eigentlich schon zu den Begräbnisliedern,16 insgesamt sind es also sieben (6,5%). Sie alle stammen aus der Zeit von 1524 bis 1563: (Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist, Wittenberg 1562) (Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott, Frankfurt/M. 1563) Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Erfurt 1524) Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Wittenberg 1524) Nicolaus Herman, Sankt Paulus die Korinthier (Kulmbach 1551) Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) Um den gottesdienstlichen Gemeindegesang weiter zu befördern, hatte Osiander die Idee, einen Auszug aus dem Gesangbuch von 1583 in eigenen, vierstimmig homophonen Sätzen mit Melodie in der Oberstimme herauszubringen, die zugleich für den Chor und für das Mitsingen der Gemeinde geeignet waren (Fünfftzig Geistliche

11 12 13 14

15 16

vnsers Fürstenthumbs / bey den Christlichen Gemeinen gebraucht / auch fürauß gebrauchen sollen.“ (handschriftlicher Zusatz, zit. nach Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 44). Vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 50. T-1591, Vorrede, 5. T-1591, Vorrede, 6. Zu „Lichtmeß“ (Mariä Reinigung) erscheint hier das Lied Im Frieden dein, o Herre mein, die alte Straßburger Fassung des Nunc dimittis von Johannes Englisch aus dem Jahr 1530 (W III 820.). Vgl. die genaue Aufstellung bei Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 51–62. Möglicherweise wurde aus der Liedüberschrift zu Mitten wir im Leben sind, wie sie in der Straßburger Vorlage von 1569 steht, in der Württemberger Ausgabe von 1583 versehentlich eine Kapitelüberschrift, die dadurch an die falsche Stelle rückte (vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 70).

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Lieder vnd Psalmen, 1586).17 Dieses Konzept sollte bald auch andernorts Schule machen; nach Scheins gleichnamigem Werk von 1627 ist dafür der Terminus ‚Kantional‘ gängig geworden (vgl. S. 103). Von den Begräbnisgesängen hat Osiander hier nur Mitten wir im Leben sind und Mit Fried und Freud aufgenommen.18 Alle obrigkeitlichen Bemühungen um Regulierung des Liedbestandes konnten nicht verhindern, dass schon bald der Wunsch nach der Aufnahme weiterer Lieder laut wurde.19 Anfangs wusste die Kirchenleitung die Bestrebungen wirksam zu verhindern: Als der Stuttgarter Drucker Johann Weyrich Rößlin sich 1606 anstelle des mittlerweile bankrott gegangenen Gruppenbach darum bemühte, das herzogliche Privileg zum Gesangbuchdruck zu erhalten, regte er an, den schmalen Bestand um solche Lieder zu erweitern, die es mittlerweile zu Popularität im Kirchenvolk gebracht hatten. Mit diesem Vorschlag, der dem strengen Konzept des Württembergischen Gesangbuchs zuwiderlief, hatte er keinen Erfolg – das Privileg wurde ihm verweigert.20 Langfristig ließ sich jedoch nicht verhindern, dass weitere Lieder aufgenommen wurden. Die konsistoriale Maßgabe war dabei aber, die 1583 approbierten Gesänge separat zu drucken, neu hinzukommende Lieder vorher theologisch begutachten zu lassen und sie in einem Anhang beizufügen.21 T-1631. Die älteste bekannte Ausgabe eines solchen „Anhang-Gesangbuchs“22 wurde 1631 in Tübingen bei Johann Conrad Geyßler gedruckt. In der Vorrede erläutert Geyßler die Unterscheidung zwischen den Liedern aus dem offiziellen Gesangbuch von 1583, die als Teil des Bekenntnisses aufzufassen seien („ein Stuck vnserer Christliche[n] Glaubens Bekandtnuß“), und sonstigen Liedern, die aber „nit ohne besondern Nutzen / zu Hauß vnd ausser der Kirchen / von Gottseeligen Leuten / gebraucht vnnd gesungen werden mögen“; der Unterschied zwischen beiden liegt also zum einen in ihrer theologischen Verbindlichkeit, zum anderen in ihrem Gebrauch (in der Kirche vs. zu Hause). Da die beiden Gruppen auch im Gesangbuch „richtig vnd gantz vnvermenget verbleiben“ müssten, habe er die Ergänzungen „nach den wolverordneten vnnd approbierten KirchenGesangen / Absönderlich / als einen Appendicem / hinnach setzen vnd anhencken wöllen“.23 Die 91 Lieder des Anhangs sind alphabetisch nach Liedanfängen, nicht nach Rubriken geordnet; insofern ist die Zuordnung der Sterbe- und Ewigkeitslieder nicht ganz eindeutig. Trotzdem wird deutlich, dass ihre Zahl im Anhang der „zu Hauß vnd ausser der Kirchen“ gesungenen, neu hinzugekommen Lieder ungleich höher ist als im Stammteil; die Auswahl zeigt, dass Sterbebereitung und Sterbekunst in der 17

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Vgl. Rößler, Württemberg, 27; Rößler, MGG-Art. Gesangbuch, 1302; Garbe, MGG-Art. Gemeindegesang, 1177f. Laut Titelblatt sind die Lieder hier „also gesetzt / das ein gantze Christliche Gemein durchauß mit singen kan“. Vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 75 Anm. 116. Etwa durch Johann Valentin Andreae 1619, vgl. Graff, Auflösung, 256; vgl. auch Kolb, Geschichte, 53. Vgl. Rößler, Württemberg, 28. Vgl. Kolb, Geschichte, 53. Rößler, Württemberg, 28. Die kleine Gesangbuch-Geschichte in Württemberg im Württembergischen EG nennt über 20 unterschiedliche Ausgaben (vgl. EG für Württemberg, 1632f) der Anhang-Gesangbücher. Zitate aus T-1631, Vorrede fol. A 4v–5v.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Privatfrömmigkeit bereits einen prominenteren Platz einnehmen als im Gottesdienst. Mindestens 28 Lieder (30% des Anhangs; einschließlich Stammteil bleibt immer noch ein Anteil von 17% Sterbe- und Ewigkeitsliedern) lassen sich teilweise oder ganz diesem Bereich zuordnen.24 Aufgenommen wurden etwa alle vier Lieder aus Nicolais FrewdenSpiegel des ewigen Lebens (Frankfurt/M. 1599), zahlreiche ältere Lieder wie Walters Fröhlich ich pfleg zu singen (Wittenberg 1552), O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555), O Herr Gott hilf, zu dir ich gilf (Zürich 1560), Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563) u.v.a., aber auch neuere: Aus dem Jahr 1613 stammen die Lieder Ich weiß ein ewigs Himmelreich und Ach wie soll mir geschehen; zwei Lieder lassen sich sonst nirgends belegen;25 der bei Wackernagel genannte älteste Beleg für das Lied Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (W V 1557: Nürnberg 1631) stammt aus demselben Jahr wie der Beleg in T-1631; und für Mein Herr und Gott, wann ich muss fort nennt Fischer/Tümpel nur einen deutlich jüngeren (FT II 143.: Altenburg 1648). Die Sammlung von T-1631 ist für ihre Zeit im Raum Württemberg also sehr offen für Neues. T-1665/1669. Zwei Drucke, deren Anhänge mit dem von T-1631 in der Liedauswahl verwandt sind und sich untereinander stark ähneln, zeigen ebenfalls ein besonderes Interesse an Sterbe- und Ewigkeitsliedern: das Würtembergische Kirchen=Gesangbuch (Tübingen 1665 bei Gregorius Kerner) und das Wirtembergische Kirchen= und Hauß=Gesang=Buch (Tübingen 1669 bei Johann Heinrich Reiß26). Der Titel verrät die beabsichtigte Nutzung: Während der Stammteil für die „Kirchen“, also den Gottesdienst bestimmt ist, haben die Lieder der Anhänge ihren Ort in der Hausandacht.27 Die Anhänge (119 bzw. 128 + 13 Lieder) sind hier bereits auf einen größeren Umfang angewachsen als der Stammteil (108 Lieder), enthalten aber anders als dieser keine Noten. Der gemeinsame Anhang der beiden Ausgaben besitzt eine Rubrizierung, darunter „Vom letzten End vnd Begräbnuß“ und „Vom Jüngsten Tag“ (T-1669 erweitert um: „Vom ewigen Leben“). Dazu kommt in T-1669 ein weiterer, 24 25

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Anstelle einer Auflistung aller dieser Lieder sei auf Tabelle 1 verwiesen (Beilage zum Buch). Ach Gott, dir tu ich’s klagen* (Nr. 1); Warum sollt ich mich fürchten sehr* (Nr. 86; „Trostlied in Todtsnöthen“). Das auf dem Titel des Anhangs angegebene Druckjahr ist 1670, nicht wie beim Stammteil 1669. Das Exemplar der WLB ist zusammengebunden mit einer Christlichen Evangelischen Kinder=Lehr (Tübingen 1675 bei Johann Heinrich Reiß), einem Württembergischen Katechismus (Tübingen 1669 bei Johann Heinrich Reiß), einem deutschen Psalter (Stuttgart 1664 bei Matthias Kautt), einem Biblischen Spruchbüchlein […] Für die Vlmische Teutsche Schulen (Ulm 1668 bei Christian Balthasar Kühn) und einem Kleinen Katechismus (Stuttgart 1663 bei Johann Weyrich Rößlin). Es weist Spuren eines intensiven privaten Gebrauchs auf; handschriftlich sind auf den ersten Seiten mehrere lange Gebete notiert: Gebet für die Obrigkeit; Der 20. Psalm; Ein sonderbahr Gebett; Ein anders. Offenbar handelt es sich bei der Benutzerin um eine Frau: Die beiden letzten Gebete sind die Bitten einer Schwangeren. Der Titel Würtembergisches Kirchen=Gesangbuch in T-1665 bezieht sich im näheren Sinne nur auf den Stammteil; der Anhang ist betitelt: Christliches Hauß=Gesangbuch […] Nach Ordnung der offentlichen Kirchen=Gesänge / auch in gewisse Classes gebracht / vnd zu rechtschaffener frommer Christen Hauß=Kirchen / auff diese letzte beschwerliche Zeiten gerichtet. T-1669 nennt Kirchen- und Hausandacht dann summarisch im Titel wie oben zitiert; der Titel des Anhangs wiederum erwähnt nur „Hauß=Gesänge“.

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kleinerer Anhang (a2) ohne Rubrizierung, in dem aber fünf weitere Sterbe- und Ewigkeitslieder enthalten sind. Folgende 18 Lieder sind unter dem Titel „Vom letzten End vnd Begräbnuß“ verzeichnet: Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit (Nürnberg 1554) Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) Anon., Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563) Johann Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) Caspar Bienemann, Herr, wie du willt, so schick’s mit mir (Altenburg 1582) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Martin Moller, Ach Gott, wie manches Herzeleid (Görlitz 1587) Bartholomäus Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587) Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) Anon., Auf meinen lieben Gott (Lübeck 1603) Anon., Christus der ist mein Leben (Jena 1609) (T-1669: erst a2) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Nürnberg 1631) Ludwig von Hörnigk, Mein Wallfahrt ich vollendet hab (Frankfurt/M. 1633) Anon., Sag, was hilft alle Welt* (Gotha 1648) (T-1669: erst a2) Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) (T-1669: erst a2) Leonhard Sturm, Ich fahr dahin mit Freuden (Tübingen 1665)28 Dazu kommen ohne Rubrizierung: Christian Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (1658) (nur T-1669 a2) Greiff, Meine Kraft ist hin, dann ich elend bin*29 (nur T-1669 a2) „Vom Jüngsten Tag“ und „Vom ewigen Leben“ (T-1669) handeln folgende fünf Lieder: Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) Jeremias Nicolai, Herr Christ, tu mir verleihen (Frankfurt/M. 1599) Philipp Nicolai, Wachet auf, ruft uns die Stimme (Frankfurt/M. 1599) (nur T-1669) Anon., Ich weiß ein ewigs Himmelreich (1613) Die Zahl der neueren Lieder aus der Zeit nach 1600 (zwölf einschließlich des mit * gekennzeichneten) hat nun die der älteren (13) fast erreicht. Mit den Liedern Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) und Meinen Jesum lass ich nicht (1658) sind sogar zwei sehr junge Lieder vertreten; es folgen Sag, was hilft alle Welt* (Gotha 1648), Mein Wallfahrt ich vollendet hab (1633), Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (1631) und Freu dich sehr, o meine Seele (1620). Eine Öffnung zur Erneuerung ist 28

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T-1665 bietet einen älteren Beleg als FT V 226. (Nördlingen 1676), der dem Autor, dem Nördlinger Kantor Leonhard Sturm, allerdings räumlich näher ist. Das außerdem in S-1688, S-1691 und S-1704 belegte Lied wird in T-1669 Friedrich Greiff zugeschrieben: „Tröstliches Sterb=Gesang / Auffgesetzt von Friderich Greiffen“.

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also festzustellen, auch wenn die neueren und neuesten Lieder bei weitem nicht so zahlreich sind wie anderswo zu dieser Zeit. S-1664. Das Groß Kirchen=Gesang=Buch von 1664, gedruckt in Stuttgart bei Johann Weyrich Rößlin d. J., enthält einen bis hin zum Seitenumbruch getreuen Nachdruck der prächtigen Folioausgabe des Gesangbuchs von 1583, die 1596 unter demselben Titel bei Georg Gruppenbach in Tübingen erschienen war.30 Dazu kommt ein Anhang von 44 weiteren Liedern, allerdings wieder ohne Rubrizierung. Etwa ein Drittel dieser zusätzlichen Lieder gehört zu denjenigen, die andernorts fast immer als Sterbe- und Ewigkeitslieder rubriziert sind. Gegenüber T-1631 und T-1665/1669 sind Auswahl und Offenheit für Neues deutlich reduziert; hinzu kommt nur Herbergers Valet will ich dir geben (Leipzig 1614). Das jüngste der als Sterbelieder in Frage kommenden Lieder ist Ludwig von Hörnigks Mein Wallfahrt ich vollendet hab (Frankfurt/M. 1633); vielleicht handelt es sich bei S-1664 um den unveränderten Nachdruck eines älteren Anhang-Gesangbuchs. Jedenfalls macht die große Zahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder auch hier deutlich: Offenbar bestand gerade für sie ein besonderer Nachholbedarf, wurde die schmale Auswahl des herzoglichen Gesangbuchs gerade für das Sterben als besonders ungenügend empfunden. Parallel zum offiziellen Gesangbuch entstehen gegen Ende des 17. Jahrhunderts vermehrt Drucke ohne landesherrliche Approbation, um die Bedürfnisse einer gesteigerten Privatfrömmigkeit zu bedienen.31 Auch wenn viele dieser Werke sich im Titel als „württembergisch“ bezeichnen, ist der Stammteil von 1583 hier nicht geschlossen überliefert. Die alten Lieder stehen in anderer Anordnung, neben ihnen tauchen neue auf. Wo eine Rubrizierung existiert, erinnert sie aber häufig mit dem Dreischritt ‚Kirchenjahr – Katechismus – Psalmlieder‘ an die Einteilung des Stammteils von 1583. S-1688. Bisweilen kommt es zu chaotisch anmutenden, offenbar recht achtlos zusammengestellten Ausgaben wie im Falle des Neu-vermehrten Lob- und Dankopfers (Stuttgart 1688 bei Paul Treu).32 Melodieverweise sind hier nur spärlich vorhanden, Noten keine. Unter ca. 130 Liedern im Hauptteil stehen nur 10 Lieder „Sterb= und Begräbnuß=Gesänge“, eines „Vom Jüngsten Tag“ (Es ist gewisslich an der Zeit) und eines unter „Himmels=Gesänge“ (Wachet auf, ruft uns die Stimme). Die Auswahl dieser Lieder ist eher an den bisherigen Anhängen orientiert (Ach wie elend ist unser Zeit, Christus der ist mein Leben, Mein Wallfahrt ich vollendet hab u.a.) – allerdings gar nicht vollständig – als am Stammteil von 1583, aus dem zunächst nur Nun lasst uns den Leib begraben und Wenn mein Stündlein vorhanden ist abgedruckt sind. Gleich 30

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Vgl. Kolb, Geschichte, 51f. Vorbild für den mehrfach wieder aufgelegten Druck von 1596 war wohl das große Straßburger Gesangbuch von 1541 (Faksimile Stuttgart 1953), aus dem der Schülerchor gemeinsam singen konnte (vgl. Ameln, Gestalt, 342). Die Verwendung des württembergischen Folio-Gesangbuchs ist etwa für Göppingen 1601 belegt (vgl. Kolb, Geschichte, 59). Die kurze „Gesangbuch-Geschichte in Württemberg“ nennt diesen Abschnitt den des „Privat-Gesangbuchs“, vgl. EG für Württemberg, 1633–1636. Der vollständige Titel lautet: Neu-vermehrtes recht-glaubiger Christen Jubel-stimmendes Lob- und Dankopfer oder Würtembergisches Gesangbuch.

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das erste Sterbelied ist sogar ganz neu unter den verglichenen Württemberger Drucken: Alle Menschen müssen sterben von Johannes Rosenmüller (Leipzig 1652). Genau dasselbe Lied erscheint dann gleich noch einmal in einem der beiden Anhänge, die ansonsten viele der zunächst ausgelassenen Lieder doch noch aufnehmen – allerdings ohne Rubrizierung und im wesentlichen ohne erkennbare Ordnung. Doppelt aufgenommen ist auch Selneckers Allein nach dir, Herr Jesu Christ. Insgesamt bietet die Ausgabe fast alles, was bisher genannt wurde (wenn auch unstrukturiert), aber wenig Neues – erst im zweiten der beiden Anhänge. Hier finden sich Ewigkeits- und Höllenlieder von Johann Rist (O Ewigkeit, du Donnerwort, 1642; Kommt her, ihr Menschenkinder, 1651) und auch ganz junge Dichtungen wie Peter Sohrens Gute Nacht, du eitles Leben (Frankfurt/M. 1676) oder Christian Scrivers Jesu, meiner Seelen Leben (Hamburg 1684). S-1691. Drei Jahre jünger ist ein Buch mit ähnlichem Titel (Neu-vermehrtes Würtembergisches Gesangbuch, Stuttgart 1691 bei Melchior Gerhard Lorber), das bei ähnlicher Auswahl eine deutlich sinnvollere Struktur besitzt. Allerdings sind hier die zwei der neun Rubriken, die Sterbe- und Ewigkeitslieder enthalten (6. und 8.), durch den Abschnitt mit den Tischliedern getrennt. Die umfangreichere erste Rubrik (33 Lieder) trägt den Titel „Christliche Sterbens=Gedancken und Begräbnuß-Lieder“; die zweite Rubrik „Von den letzten Zeiten dieser Welt“ (9 Lieder) ist unterteilt in „Vom Jüngsten Gericht“, „Vom Himmel“ und „Von der Hölle“. Bei insgesamt 231 Liedern bilden die 42 enthaltenen Sterbe- und Ewigkeitslieder einen beachtlichen Anteil (18,2%). Fast alle Lieder sind mit Melodieangaben, einige wenige auch mit Noten versehen.33 Das betrifft zum einen alte Gesänge aus dem Gesangbuch von 1583, zum anderen neuere wie Rosenmüllers Alle Menschen müssen sterben oder Christian Keimanns Meinen Jesum lass ich nicht (hier irrtümlich Johann Rist zugeschrieben). Neu aufgenommen wurden an älteren Liedern Ach Gott, tu dich erbarmen (Nürnberg 1550) und Mein junges Leben hat ein End (Magdeburg o.J.), an jüngeren Johann Heermanns Zion klagt mit Angst und Schmerzen (Leipzig 1636, nur selten als Sterbelied rubriziert), Simon Dachs O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (Danzig 1635) und Johann Rists Höllenlied Ich will für allen Dingen (Lüneburg 1651). In der Vorrede von Daniel Speer wird auf Gottesdienst und Hausandacht als Sitz im Leben der Lieder verwiesen. Dabei legt der Autor Wert auf die in der Reformation begründete Muttersprachigkeit der Lieder und betont in diesem Zusammenhang besonders den außergottesdienstlichen Liedgebrauch: also daß anitzo die deutsche Nation auch in ihrer Muttersprach mit gutem Verstand und rechter Andacht nicht allein bey öffentlichem GOttesdienste mit singen / GOtt den HErrn loben und ehren / sondern auch zu Hause bey der Arbeit / sich selbsten in allen Nothfällen damit erquicken / un[d] […] zu ewigem Seelen=Heyl erbauen kan.34

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In der Vorrede heißt es, in der Sammlung seien „die eigentlichen bey der Kirch brauchbarsten Gesänger Melodeyen im Notensatz […] zu finden“ (fol. 4r). S-1691, Vorrede fol. 3v.

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Zugleich erkennt er in der mittlerweile allgemeinen gedruckten Verfügbarkeit von Liedern und Gesangbüchern einen Fortschritt für die Liedrezeption: Und zu mehrer Fördernuß dienet auch dieses / daß bey Vermehrung der Gesänger / so bey einigen hundert Jahren durch fromme Christen so Mann als Weibes=Personen geschehen / daß solche zusammen getragen uns in allerhand Form und Schrifften gedruckt worden / also daß anitzo ein ieder nach seinem Belieben umb ein geringes Gelt ein Gesangbuch haben kan.35

Handschriftliche Eintragungen (Lieder und Gebete) verraten, dass das benutzte Exemplar sich im Gebrauch der Klosterschule zu Bebenhausen befand.36 S-1704. Als letztes Beispiel sei die Würtembergische Hauß= und Kirchen=Andacht genannt (Stuttgart 1704 bei Bernhard Michael Müller); die Vorrede vom 20.8.1698 stammt aus der älteren zweiten Auflage.37 Titel und Vorrede verweisen programmatisch auf Kirche und Haus als die beiden Orte der Andacht: Einerseits wird das Anknüpfen der Sammlung an die schon bestehende Gesangspraxis „bey Fürstlicher Hof=Capell / wie auch in denen Stadtkirchen allhier / u. sonsten in Christlichen Haußhaltungen“38 betont; andererseits soll das Buch seine Benutzer ihrerseits dazu bringen, diese Praxis fortzusetzen und so | wohl öffentlich in der Kirchen / als auch sonderlich zu Hauß / wie nicht weniger zu Feld / auf Räisen / und über der Arbeit / ihrem GOtt zu dienen / und mithin ihre Seelen zu erbauen.39

Dass in Kirche und Haus ein „reiner gedoppelter Gottesdienst“ gehalten werden solle, gehe auch auf „die heilsame schriftmässige Verordnungen“ der evangelischen Kurfürsten und Stände in der Reformationszeit zurück; wesentlich für die Reform des Gemeindegesangs sei dabei zum einen dessen Schriftgemäßheit, zum anderen seine Muttersprachigkeit („nach der Richtschnur deß göttlichen Worts in jedermans bekannter Sprache“).40 Autorangaben und Noten sind hier keine, Melodieangaben nur wenige zu finden. Die Lieder „Vom Tod und Sterben und andern letzten Dingen“ stehen als siebte Rub35 36

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S-1691, Vorrede fol. 4r. „Studenten Gebett“: „Ich dancke deiner milden güthe, daß du mich nach deiner göttlichen Vorsehung zu den Studiis gewidmet und hieher zu dieser Closter=Sul befördert hast. […] Verleihe mir deinen H. Geist, […] daß ich die Zeit meiner Jugend wol anlege, meinen Lieben Eltern, Vorgesetzten und Praeceptoribus jederzeit gehorche“; „Kinder Gebett“; „Hymnus de pace D[omi]ni Hochstettetteri [sic] Praesulis Bebenhusani“. „Welches gute werck und schönen Gottesdienst dann auch an diesem Ort um | so mehr zu befördern / der Verleger und Drucker allhier / dieses neuen u. zum andern mal gedruckten Gesang= und Gebet=Buchs / sich keine Mühe noch Unkosten bedauren lassen“ (S-1704, Vorrede fol. A 6v|7r). S-1704, Vorrede fol. A 7r. Auf den höfischen Kontext – gleichsam anstelle einer fürstlichen Approbation – verweist auch der Titel: „Denen beygefüget die jenige neue Lieder und Gesänge / so in allhiesiger Fürstlicher Hof=Capell gesungen werden.“ S-1704, Vorrede fol. A 7r|v; „sonderlich“ meint im Gegensatz zu „öffentlich“: ‚abgesondert, einzeln, für sich‘; vgl. fol. A 6r: „so wol in öffentl. Kirchen=Versam[m]lungen / als auch sonderlich zu Hauß“. Zitate aus S-1704, Vorrede fol. A 6r.

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rik am Schluss. Sie sind unterteilt in 17 „Bet- und Trost-Gesänge / wider die Forcht deß Todes“ (Kolumnentitel: „Begräbnuß-Lieder“), 8 „Leich- und Grabgesänge“ (was mit dem Kolumnentitel der vorigen Rubrik letztlich eine Dopplung ergibt), je ein Lied von der menschlichen Eitelkeit und – etwas erratisch – von den heiligen Engeln sowie je zwei Lieder vom Jüngsten Tag und zwei von der Ewigen Himmelsfreude. Ein „Neuer Anhang“ enthält fünf Lieder, von denen drei sich mit Tod und Ewigkeit befassen,41 allerdings ohne Rubrizierung; werden sie dennoch mitgerechnet, kommt man auf 34 Sterbe- und Ewigkeitslieder. Bei insgesamt 276 Liedern sind sie mit 12,3% nicht so stark vertreten wie S-1691. Einige ältere wurden ausgeschieden: Erstmals fehlen zwei Lieder aus dem Stammteil, nämlich Hermans Sankt Paulus die Korinthier und Ihr lieben Christen, freut euch nun. Aus den Anhang-Gesangbüchern fehlen u.a. Gigas’ Ach wie elend ist unser Zeit und Selneckers Allein nach dir, Herr Jesu Christ. In die Rubrik der Trostlieder gewechselt sind Ich weiß ein ewigs Himmelreich, Sag, was hilft alle Welt* und Was mein Gott will, das gscheh allzeit. Neu hinzugekommen sind Es vergehen alle Zeiten* und Gleich wie ein Hirsch nach frischem Wasser schreit* (nach Ps 42) sowie Michael Walthers Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Frankfurt/O. 1658), dazu Ludwig Helmbolds Engelsgesang Es stehn vor Gottes Throne (1594). Welche Lieder ein einfaches Gemeindeglied in Württemberg singen konnte, ist schwer zu ermitteln. Die von Kolb gesammelten Belege zur Sangesfreude und -fähigkeit in Württemberger Gemeinden fallen „wenig günstig“ aus.42 Wie Rößler zeigte, kann auch die Kernsammlung von 1583 nicht als allgemeiner Grundstock vorausgesetzt werden; je nach Verwendung werden daraus noch einmal Lieder ausgewählt, meist etwa die Hälfte; einige wenige können je nach Ort auch von extern dazukommen.43 Mitten wir im Leben sind ist immer dabei, die anderen Begräbnislieder mehr oder weniger häufig. Eine Folioausgabe des württembergischen Gesangbuches von 1711,44 die bei der Gemeinde Salach in liturgischem Gebrauch war, enthält bei 14 Liedern Merkzeichen und Gebrauchsspuren, die sich als Hinweise auf häufigen liturgischen bzw. schulischen Gebrauch deuten lassen. Darunter sind fünf Sterbe- und Ewigkeitslieder, aber auffälligerweise keine aus dem ursprünglichen Stammteil:45 41

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Heinrich Albert, Einen guten Kampf hab ich (Königsberg 1638); Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1642); Johann Christoph Kohlhans, Ach wann werd ich dahin kommen (Gotha 1666). Vgl. Kolb, Geschichte, 58–67 (hier: 58–62). Demnach fehlte es oft schon an kompetenter Anleitung des Gemeindegesangs, wenn etwa auf dem Dorf der Schulmeister, in der Stadt der Lateinpräzeptor die Lieder zu hoch anstimmte, den Ton nicht halten konnte oder mit der Leitung des Knabenchors – der auch bei den Leichen sang –überfordert war. Andernorts (Hengen; Göppingen) wird der Gesang im Sommer nach dem Mittagsgottesdienst durch Pfarrer oder Schulmeister eingeübt; dort funktioniert er auch besser. Abträglich sind dem Gemeindegesang auch das zu späte Erscheinen und das zu frühe Verschwinden der Gottesdienstbesucher. Vgl. Rößler, Gesangbuch-Geschichte, 75f. Als Beispiele nennt Rößler die Auswahl des Lucas Osiander für seine Kantionalsätze (1586), die des Tübinger Professors Martin Crusius für seine Liedpredigten (1598) oder die von Pfarrer Johannes Dürr für den Gottesdienst in seiner Gemeinde Wain bei Ulm (1595/96). Nach Ameln ist hier auch der Stammteil in gewissen Rubriken signifikant erweitert; statt 5 sind 10 Sterbeund Begräbnislieder enthalten. Zu den 117 Liedern im Stammteil kommen 93 im Anhang (vgl. Ameln, Gestalt, 346.348). Vgl. Ameln, Gestalt, 350f.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) Philipp Nicolai, Wachet auf, ruft uns die Stimme (Frankfurt/M. 1599) („Von der Zukunft Christi“) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Johannes Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Leipzig 1652) Johann Christoph Arnschwanger, Zwei Ort, o Mensch, hast du für dir (Nürnberg 1659) („Lied von der Verdammnis“) Die Entwicklung in Württemberg zeigt, wie nachhaltig landesherrliche Steuerung im Sinne der lutherischen Orthodoxie die Liedrezeption im Territorium prägen konnte. Die Vorherrschaft des Gesangbuchs von 1583 bestimmt das Bild über das ganze 17. Jahrhundert hinweg. Neben der unveränderlichen herzoglich vorgegebenen Sammlung und ihren fünf bzw. sieben Begräbnisliedern entstehen im 17. Jahrhundert die Anhang-Gesangbücher und weitere Sammlungen zum häuslichen Gebrauch. Der Privatgebrauch wird von den Autoren der Vorreden oft besonders empfohlen und schlägt sich in persönlichen Gebeten nieder, die handschriftlich im Gesangbuch eingetragen werden. Zugleich wird häufig die kirchliche Einbindung und damit die theologische Rechtmäßigkeit der Gesangbücher hervorgehoben, indem die Kirchenneben der Hausandacht im Titel genannt oder auf die Herkunft der Gesänge aus der fürstlichen Hofkapelle verwiesen wird. Auch in den Klosterschulen wurden die Gesangbücher verwendet. Mit gut 70 Sterbe- und Ewigkeitsliedern ist die Württemberger Auswahl unter denen der untersuchten Territorien bei weitem am kleinsten.46 Sowohl die Anhänge an den Stammteil als auch neue Sammlungen reagierten weit weniger rasch auf Neuentwicklungen und nahmen weit weniger neue Lieder auf als in anderen Regionen. Etwa die Hälfte der gefundenen Lieder stammen aus dem 16. Jahrhundert, während neun zwischen 1600 und 1625 und immerhin gut 20 nach 1625 entstanden. Sterbelieder von den Berliner Dichtern um Paul Gerhardt oder den Nürnberger Pegnitzschäfern finden sich allerdings gar nicht, solche von den Königsbergern um Simon Dach, von Johann Heermann oder Johann Rist erst vereinzelt ab S-1688. In den Ergänzungen war jeweils ein gegenüber dem Stammteil deutlich verstärktes Interesse an den Themen Sterben, Tod und Ewigkeit erkennbar; der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder konnte statt 6,5% 1583 bis zu 18,2% betragen (S-1691). Die Zeugnisse seit 1631 zeigen außerdem die allmähliche Etablierung eines bescheidenen wiederkehrenden Liedbestandes außerhalb des Stammteils:47 Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) Caspar Bienemann, Herr, wie du willt, so schick’s mit mir (Altenburg 1582) 46

47

Das Rubrizierungskriterium ist im Falle der württembergischen Gesangbücher etwas unscharf, da manche der Anhänge keine Rubriken besitzen; zur Zählweise vgl. Anm. 47. Genannt sind die Lieder, die in den sieben ausgewerteten Drucken (T-1631, T-1665, T-1669, S-1664, S-1688, S-1691, S-1704) durchweg oder bis auf eine Ausnahme vorkommen. Berücksichtigt wurden bei der Auswertung der Anhänge entweder (falls vorhanden) die Rubriken der Sterbe- und Ewigkeitslieder oder (bei fehlender Rubrizierung des Anhangs) der gesamte Anhang.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) Jeremias Nicolai, Herr Christ, tu mir verleihen (Frankfurt/M. 1599) Anon., Christus der ist mein Leben (Jena 1609) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Ludwig von Hörnigk, Mein Wallfahrt ich vollendet hab (Frankfurt/M. 1633)48

2. Braunschweig-Lüneburg Die Geschichte der Gesangbücher im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg ist eng mit der des Hauses der Lüneburger Druckerfamilie Stern verbunden. Nach einem einleitenden Überblick über die Entwicklung des Verlags und die Gesangbuchgeschichte im Territorium sollen eine Reihe von wichtigen Drucken verglichen werden, die aus der Druckerei von Johann (1582–1656) und Heinrich Stern (1592–1665) und ihren Nachfolgern stammen. Mit dem gelehrten Herzog August von Braunschweig-Lüneburg standen die ‚Sterne‘ ebenso in enger Verbindung wie mit dem Lieddichter Johann Rist, von dem die meisten Werke im Sternverlag erschienen sind.49 Auf Betreiben von Herzog August wurden beide Brüder 1634 in den Adelsstand versetzt, von Ferdinand III. erhielten sie 1645 schließlich sogar einen kaiserlichen Adelsbrief.50 Auch nach dem Tod des jüngeren Bruders Heinrich 1665 blieb die Druckerei, die in Lüneburg eine Art Monopolstellung besaß, im Familienbesitz.51 1625 wurde den Gebrüdern Stern vom Herzog ein Druckerprivileg für die braunschweigischen Territorien verliehen; dazu kam 1627 ein Privileg des Kurfürsten von Sachsen und 1645 sogar ein Privileg des katholischen Kaisers Ferdinand III.52 In dieser Einbindung zeigt sich das politische und wirtschaftliche Geschick der Brüder, das ihrem Geschäft eine machtvolle Position auf dem norddeutschen Buchmarkt sicherte.53 Das Privileg für Buchdruckerfirmen oder bestimmte Einzel48

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Mit jeweils fünf Belegen sind außerdem drei von den neueren Liedern relativ häufig: Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620); Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652); Leonhard Sturm, Ich fahr dahin mit Freuden (Tübingen 1665). Vgl. Raabe, Herzog August, 157.160. Vgl. Raabe, Herzog August, 158; Dumrese, Sternverlag, 59.283. Zur Geschichte der Druckerei Stern vgl. Dumrese, Sternverlag; vgl. auch Grotefend, Buchdruckereien, fol. E 4r–E 6r; Reske, Buchdrucker, 571f. Wichtige Quellen für die Buchproduktion der „Sterne“ im 17. Jahrhundert sind die Kataloge von 1650 und 1677 sowie das Rechnungsbuch 1666–1676, vgl. Raabe, Herzog August, 160f. Vgl. Dumrese, Sternverlag, 58f; Oertel, Bibeln, 179. In der Widmungsvorrede an Herzog Rudolf August aus der Bibelausgabe von 1633 (datiert am 25.3.1633) verteidigen Hans und Heinrich Stern die wirtschaftliche Notwendigkeit ihrer Anbindung an das Haus Braunschweig-Lüneburg: „Wenn aber etliche Auffklauber Vrsach nemen wolten / vns zu tadeln / in dem wir uns bemühen / ein gnädige Herrschafft vnd Patrocinium vnserer Druckerey zuschaffen / muß mans geschehen lassen / Sollen aber wissen / daß kein florirend Druckerey ohn Patronen lang bestehen kan“ (fol. a 4v).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

werke sorgte für die Ausschaltung der Konkurrenz und ein Verbot von Nachdrucken innerhalb des jeweiligen Herrschaftsbereiches.54 Mit dieser Handhabe konnten die ‚Sterne‘ 1629 beim Nürnberger Rat Beschwerde gegen Nachdrucke ihres dortigen Konkurrenten Wolfgang Endter führen.55 Bedeutsam ist das Privileg auch für die Gesangbuchdrucke: Es zeigt, dass Drucker und Landesherr bzw. -kirche kooperieren. Ohne dass es sich um ein offizielles Gesangbuch handelt, genießt der privilegierte Druck fürstliche Billigung und Unterstützung. Ein offizielles Gesangbuch gab es in Braunschweig-Lüneburg nicht. 1611 erschien im Sternverlag ein erstes niederdeutsches Gesangbuch; ein erstes hochdeutsches, mit 850 Liedern sehr umfangreiches, aber nicht offizielles Lüneburger Gesangbuch erschien 1625 (Lü-1625, vgl. S. 55).56 Das Hannoverische Gesangbuch von 1646 wurde auch in Lüneburg verwendet und ab 1657 von den Sternen nachgedruckt57 (zur Ausgabe Lü-1660 vgl. ab S. 62). Auf der Grundlage dieses Werkes wurde dann für das Herzogtum Lüneburg das erste offizielle Gesangbuch entwickelt: Es entstand ursprünglich für den Hof in Celle, wird daher auch als Cellisches Gesangbuch bezeichnet und erschien 1661 (vgl. ab S. 62 und S. 66);58 eine 1665 erschienene verbesserte Auflage wurde 1667 im Herzogtum Lüneburg (außerhalb der Stadt Lüneburg) als Gesangbuch eingeführt. Die Auflage war gewaltig; sie lag im fünfstelligen Bereich.59 Zur Bekanntmachung der Liedtexte wurde die wöchentliche Verlesung eines Textes von der Kanzel und Auswendiglernen in der Schule dekretiert; die Me54

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Vgl. Golpon, LGB2-Art. Privileg, 109f. Grotefend, Buchdruckereien, fol. E 4r zitiert aus dem Privileg Herzog Christians vom 14.7.1625: „daß gedachte Gebrüdere die Stern, vnd deren Eheleibliche Nachkommen, in Vnsern Fürstenthumben, Graff= und Herrschafften, die Wir anjtzo haben, oder hernechst durch gnädigen göttlichen Segen ferner überkommen möchten, Es sey in Vnsern Städten Braunschweig, Lüneburg, Vltzen, Zell, oder sonsten, oder auff dem Lande, eine Buchdruckerey, aber keine mehr, anordenen, Auch an dem Orte, da Sie die haben, aller Bürgerlichen Vnpflicht, wie die Namen haben mögen, auch des Abschusses enthoben vnd benommen, vnd bemächtiget seyn sollen, Ihre von Ihnen gedruckte oder verlegte Bücher in= und ausserhalb der Märckte, jhrer guten Gelegenheit nach, für Sich, oder durch Andere öffentlich zu verkauffen, oder zu vertauschen“. Vgl. Reske, Buchdrucker, 571. Demselben Endter unterlagen die Sterne 1637 im Wettbewerb um einen prominenten Druckauftrag, nämlich für die Kurfürstenbibel Herzog Ernsts von Weimar (vgl. Dumrese, Sternverlag, 55). Vgl. Dumrese, Sternverlag, 19.29; FT VI, 184.; Stalmann, Gesangbücher, 185. Dumrese nennt noch weitere Sternsche Gesangbuchdrucke zwischen 1630 und 1650, allerdings ohne Nachweis: Ein Vollständiges Gesangbuch von 1637 und eines von 1648, außerdem Geistliche Lieder und Psalmen von 1644 sowie ein undatierter Lobwasser-Druck, der im lutherischen Lüneburg für Unmut sorgte (vgl. Dumrese, Sternverlag, 56f.87.283). Zwischen 1667 und 1674 wurden im Sternverlag 18000 Exemplare des Hannoverischen Gesangbuchs gedruckt (Dumrese, Sternverlag, 130; offenbar fehlerhaft ist die Angabe 1800, ebd. 94). Verantwortlich für die Redaktion waren der Hofprediger Nikolaus von der Horst (für die theologische Richtigkeit) und der Konrektor Ernst Sonnemann (für die literarische Qualität). Der Cellische Hoforganist Wolfgang Weßnitzer veröffentlichte dazu ein Choralbuch mit 100 Chorälen; in die Gemeindeausgabe wurden zu den neu aufgenommenen Liedern Melodien von Weßnitzer und anderen (zweistimmig) eingerückt, vgl. Röbbelen, Geschichte, 454. Laut dem Rechnungsbuch der Firma Stern, in dem die Lagerbestände des Hauses zum Zeitpunkt des Todes von Heinrich Stern im Jahre 1665 aufgelistet sind, sind zu diesem Zeitpunkt 7733 Exemplare des Cellischen Gesangbuches am Lager (vgl. Raabe, Herzog August, 161). Zwischen 1667 und 1674 wurde es 30500 Mal gedruckt (vgl. Dumrese, Sternverlag, 94.130), also noch öfter als das Hannoverische (vgl. Anm. 57). Aus der hohen Auflage kann auf die enorme Verbreitung des landeskirchlich approbierten Werkes im Herzogtum geschlossen werden.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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lodien sollten von den Kantoreien auf die Straßen getragen werden.60 Auch auswärts wurde das Cellische Gesangbuch verkauft und nachgedruckt.61 Ohne die Erstausgabe ganz zu ersetzen, erschien 1696 parallel eine veränderte und verbesserte Auflage (vgl. S. 66). Die Stadt Lüneburg selbst erhielt 1686 ein eigenes Gesangbuch, das von Johann Stern II. selbst zusammengestellte Lüneburgische Gesangbuch mit über 2000 Liedern (vgl. S. 67). Das Hannoverische, das Cellische und das Lüneburgische Gesangbuch wurden zur gleichen Zeit alle in der Druckerei Stern gedruckt und immer wieder neu aufgelegt. Gesangbücher, deren permanenter Absatz per definitionem nahezu garaniert war, waren für den Verlag „eine der besten und regelmäßigsten Einnahmequellen“62. Der Vergleich einiger Sternscher Gesangbuchdrucke zeigt, wie die Lieder immer wieder neu ausgewählt, gemischt und angeordnet, aussortiert und ergänzt wurden. Folgende Ausgaben lagen mir vor: (a) das Gesangbuch von 1625; (c) ein Exemplar des Hannoverischen Gesangbuches von 1660, drei des Cellischen Gesangbuches von 1661, 1696 und 1706; (d) zwei Exemplare des Lüneburgischen Gesangbuches von 1695 und 1702. Dazu kommen (b) zahlreiche Liedsammlungen, die sich im Anhang zu Lutherbibeln befinden. a) Das Lüneburger Gesangbuch von 1625 Das erste hochdeutsche Gesangbuch aus der Druckerei Stern versammelt in seinem ersten Teil laut Titel „Fünffhundert vnd sechtzig Geistliche Lieder vnnd KirchenGesänge / so in der Christlichen Gemeine vnd Versamblung / bey der Predigt des Göttlichen Worts / vnd Außtheilung der Hochwürdigen Sacrament oder sonsten gesungen werden“, proklamiert also gottesdienstliche Herkunft und Verwendung der in ihm enthaltenen Lieder.63 Ebenfalls im Titel findet sich die Angabe, der Inhalt sei „Aus vielen Gesangbüchern zusammen gezogen“ worden. Das Exemplar der Sammlung Wernigerode enthält einen handschriftlichen Vermerk noch aus dem Jahr des Druckes 1625, der das Buch in den Besitz der Markgräfin Sophie von Brandenburg verweist, einer geborenen Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg. In der herzoglichen Familie ist wohl auch jene „vornehme Person“ zu suchen, die das Buch nach den Angaben des Titels „zum Druck befodert“ hat. Das von der Markgräfin eingetragene Motto (Ps 90,12) macht deutlich, wie zentral die Sterbebetrachtung als Thema für ihre persönliche Frömmigkeit war. Unter den 560 Liedern des ersten Teiles sind 65 Sterbe- und Ewigkeitslieder (11,6% des ersten Teiles bzw. 7,6% des Gesamtbestandes von 850 Liedern); die Rubrizierung des ersten Teiles „nach Ordnung der Jahrzeit“ ist an Eichorn orientiert. 34 Lieder handeln vom Tod und Sterben, 13 vom Begräbnis und 18 vom Jüngsten Tag und 60 61

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Vgl. Röbbelen, Geschichte, 454. Dumrese, Sternverlag, 108 erwähnt den Verkauf von 1000 Exemplaren nach Hamburg und Nachdrucke in Goslar. Dumrese, Sternverlag, 106. Zum gesamten Abschnitt vgl. Stalmann, Gesangbücher, 185–194. Trotz dieser liturgischen Zweckbestimmung bezweifelt Stalmann „eine gottesdienstliche Benutzung oder gar kirchenamtliche Approbation“ dieses Werkes (Stalmann, Gesangbücher, 186).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Auferstehung; die letztere Rubrik ist damit relativ prominent. Die Auswahl der Lieder ist ungewöhnlich: Sie unterscheidet sich grundlegend von der in den späteren Stern-Gesangbüchern64 und ähnelt in manchem der der älteren Nürnberger Gesangbücher.65 Die beachtliche Zahl von 12 Liedern (sechs davon vom Jüngsten Tag [JA]) war sonst in gar keinem der untersuchten Gesangbücher zu finden66 – sie tauchen nur hier auf und verschwinden wieder vollständig; dem im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts steigenden literarischen Anspruch hätten einige dieser Texte auch kaum standgehalten. Neben der Offenheit für Neues67 – bemerkenswert im Vergleich mit Württemberg, aber auch mit den konservativen Liedanhängen in Lüneburger Bibeldrucken – bestimmen vor allem Lieder aus dem 16. Jahrhundert die drei ausgewerteten Rubriken (49 von 65 Liedern, davon 25 zwischen 1550 und 1575). Die meistgenannten Autoren sind Nicolaus Herman mit sieben68, Michael Weisse mit fünf69 und Nicolaus Selnecker mit vier70 Liedern. Auch von dieser Auswahl wird in späteren Lüneburger Gesangbüchern kaum etwas übernommen. Nicht ausgewertet wurde der 290 Lieder umfassende zweite Teil von Lü-1625, der keine der hier interessierenden Rubriken enthält (lediglich drei „Gesänge zur Zeit der Peste“).71

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So fehlen noch die in späteren Stern-Gesangbüchern (und auch sonst) besonders häufigen Lieder: Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott; Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht; Knoll, Herzlich tut mich verlangen. Lü-1625 enthält z. B. den einzigen Beleg des Liedes Es woll ihm Gott genädig sein von Georg Grünewald außerhalb Nürnbergs. Blarer, Es ist ein Freud dem gläubgen Mann (Nürnberg 1550) [JA]; Policarius, Kein Gotteswort ist nicht erhort (Dresden 1557) [JA]; Selnecker, Mein Gott und Heiland Jesu Christ (Nürnberg 1564); anon., Weil du für mich den bittern Tod (Hamburg 1592); Alardus, Wacht auf, betrübte Herzen (Hamburg 1607) [JA]; anon., Herr Jesu Christ, meins Lebens Licht, ich bitt (Hamburg 1612) [JA]; anon., Tut Buß, ihr Menschen alle (Hamburg 1612) [JA]; anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (1613); anon., Ach Jesu, du treuer Heiland mein (Coburg 1621); anon., Es geht jetzt gegen dem Ende (Lüneburg 1625) [JA]; anon., Herr Jesu Christ, der du hast*; anon., O Jesu Christ, wahrer Gottessohn*. Vgl. die Aufnahme von Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620), einen der ältesten mir bekannten Belege dieses beliebten Sterbeliedes, das in Lüneburg danach erst wieder 1686 auftaucht. Vgl. auch die neueren Lieder in Anm. 66. Lieder von Nicolaus Herman in Lü-1625: Sankt Paulus die Korinthier [JA]; Gleich wie ein Weizenkörnelein [B]; Der Mensch wird von einm Weib geborn; Weil in der argen bösen Welt [JA]; Wenn mein Stündlein vorhanden ist; O Mensch, mit Fleiß anschaue mich; Freut euch, ihr Christen, alle gleich [JA]. Lieder von Michael Weisse in Lü-1625: Wir waren in großem Leid [B]; Nun lasst uns den Leib begraben [B]; So lasst uns den Leib behalten [B]; O Jesu Christe, Gottes Sohn [BKi]; Es wird schier der letzte Tag herkommen [JA]. Ebenfalls aus dem Bereich der Böhmischen Brüder: Herbert, Lob sei dir, gütiger Gott (1566). Lieder von Nicolaus Selnecker in Lü-1625: Herr Jesu Christ, in deine Händ; Herr Jesu Christe, Gottes Sohn; Mein Gott und Heiland Jesu Christ; Allein nach dir, Herr Jesu Christ. Das Lied Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not wird ebenfalls Selnecker zugeschrieben, wurde aber wohl von Martin Moller (Görlitz 1593) nach einer Vorlage von Selnecker gestaltet. Der zweite Teil enthält „etzliche Geistliche Gesänge / so auff hohe vnd nieder Standespersonen / jhre Namen vnd Reimen / zum Theil von sich selbst auch durch andere gemacht worden“ sowie zahlreiche Psalmlieder, die sich als Politikum erwiesen: Die Brüder Stern wurden ihretwegen des Calvinismus verdächtigt (vgl. Stalmann, Gesangbücher, 185f). Psalmlieder hatten seit dem französischen Genfer und den deutschen Lobwasser-Psalter in den reformierten Kirchen einen besonderen Stellenwert.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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b) Lüneburger Bibeln mit Liedanhang (1633–1704) Die Zahl der Bibeldrucke aus der Sternschen Druckerei ist gewaltig. Auch wenn diese Tradition bis ins 19. Jahrhundert anhält, ist das Verdienst der Sterne um den Druck der Lutherbibel in Deutschland vor allem im 17. Jahrhundert bedeutsam.72 Widmungen an verschiedenste Fürsten und Reichsstädte zeigen das weit gespannte Netzwerk der Sterne.73 Der erste Sternsche Bibeldruck, eine niederdeutsche Bibel, die freilich bei Stern nur verlegt und noch bei Johann Vogt in Goslar gedruckt wurde, stammt aus dem Jahr 1614.74 Auch die bewegten Zeitumstände spiegeln sich im Bibeldruck wider.75 Dass bei den Bibeldrucken auch an eine gottesdienstliche Verwendung der Bibeln durch Gemeindeglieder gedacht war, verrät die Dedicatio der Sterne aus der Bibel von 1633: Haben […] wir durch göttliche Hülffe / die Gottesfurcht zu befordern / gegenwertige Bibel […] damit auch der gemeine deutsche Man[n] / gleich wie man in Franckreich / Engelland vn[d] Holland sihet / daß / wer nur lesen kan / seine Bibel mit zur Kirch tragen / vnd fleissig den citirten Sprüchen / damit er weißlich handeln lerne / nachschlage / abermal in so schwerer Zeit zu End gebracht / auch vmb vielerhand Vrsach willen / nicht vnterlassen mögen noch sollen.76

Dazu passt, dass zahlreichen Bibeln ab 1627 eine Zusammenstellung von Liedern (ohne Noten) angefügt ist.77 Meist lautet der Titel Geistliche Lieder vnd Psalmen / D. M. Luth. vnd anderer from[m]er Christen o.ä. Angesichts der Bedeutung und Verbreitung der Sternschen Bibeln ist – gleichsam als Nebenprodukt – auch mit einer überregionalen Wirkung dieser hymnologischen Anhänge zu rechnen. Fünfzehn Ausgaben wurden verglichen.78 Alle enthalten neben dem Gesangbuch weitere 72

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Vgl. Dumrese, Sternverlag, 16: Der Sternverlag „wurde und blieb für zwei Jahrhunderte in erster Linie Bibelverlag, womit sich dann die Pflege der religiösen […] Volksliteratur zwanglos verband“; vgl. auch Oertel, Bibeln, 171. So ist die sogenannte Osianderbibel von 1650 den Fürsten von Sachsen, Württemberg, Wolfenbüttel, Celle, Calenberg und Oldenburg sowie den Städten Lübeck und Hamburg gewidmet (vgl. Oertel, Bibeln, 178). Vgl. Oertel, Bibeln, 171f; Reinitzer, Biblia deutsch, 295.297f. Auf dem Titelblatt eines Druckes von 1633 heißt es: „Als man im Jahr dreyssig drey Deutschland thät verheern / Zu Lünburg druckten mich in gutem Fried die Stern.“ Die Widmungsvorrede schärft dem jungen Herzog Rudolf August im Anschluss an Jos 1,8 die Notwendigkeit der Besinnung auf Gottes Gesetz ein. Erst sie ermögliche jene Weisheit des politischen Handelns, die in den Kriegswirren in Deutschland so schmerzlich vermisst werde. Lü-1633, Dedicatio fol. a 4r. Vgl. Oertel, Bibeln, 175. Häufig erschien eine Bibelausgabe parallel in verschiedenen Formaten; die Gesangbücher wurden dann den handlichen Oktavausgaben beigegeben (vgl. Dumrese, Sternverlag, 55). Die Ausgaben stammen aus den Jahren 1633, 1640, 1646, 1654, 1659, 1683, 1685, 1689, 1690, 1691, 1696, 1697, 1699, 1701 und 1704. In zwölf der fünfzehn Exemplare ist ein Privileg vermerkt; in allen Fällen handelt es sich um ein kurfürstlich sächsisches, in zehn zusätzlich um ein landesfürstlich braunschweigischlüneburgisches, in fünf um ein kaiserliches und einmal zu der Zeit, als der sächsische Kurfürst zugleich König von Polen war, ein königlich polnisches Privileg (1704). Nur 14 bzw. 19 Lieder enthalten die Anhänge zu den Bänden von 1654, 1685 und 1699, die für den Gebrauch auf Reisen bestimmt sind; sie wurden daher nicht weiter berücksichtigt. In die dem Buch beigefügte großformatige Tabelle 1 wurden exemplarisch aufgenommen: Lü-1640; Lü-1659; Lü-1691.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Anhänge wie Gebetbücher u.a.,79 die den regen Gebrauch der Bibeln im täglichen Leben bezeugen. Eine Benutzung der Bibeln und damit auch der Gesangbuchanhänge im Gottesdienst ist nach dem oben Gesagten nicht nur denkbar, sondern offenbar gewollt.80 Freilich lässt sich daraus keine allgemeine Praxis folgern; vielmehr dürften Bibel und Gesangbuch einzelnen Gemeindegliedern zur persönlichen Erbauung und Lektüre während des Gottesdienstes gedient haben. Das 1659 gedruckte Exemplar zeigt auch, wozu die Bibel noch benutzt wurde: Der Diakonus von Stadtoldendorf hat hier zwischen 1673 und 1681 die Geburt von drei und den Tod von vier Kindern verzeichnet. Die Liedauswahl – die Zahl der Lieder schwankt zwischen 123 (1646) und 176 (1640) und liegt meist um 150 – bietet viel Althergebrachtes, wenig Neues. Bei einem Gesangbuch von kleinerem Umfang wurde zunächst eher auf die althergebrachten ‚Kernlieder‘ aus dem Reformationsjahrhundert zurückgegriffen. Was Rubrizierung, Auswahl und Abfolge der Sterbe- und Ewigkeitslieder in den Bibel-Gesangbüchern betrifft, lassen sich zwei Phasen unterscheiden. Dabei fällt das Ende der ersten Phase in etwa mit einem äußeren Einschnitt in der Verlagsgeschichte zusammen, nämlich mit dem Tod des jüngeren Bruders der Gründergeneration, Heinrich, im Jahr 1665. Nachdem zwischenzeitlich eine zerstrittene Erbengemeinschaft die Geschicke des Hauses gelenkt hatte, übernahm 1677 Johann Stern II. (1633–1712), der Sohn des älteren Bruders, das Geschäft.81 Aus der Zwischenphase sind weniger Drucke vorhanden; anschließend verändert sich die Gesangbuchredaktion, offensichtlich infolge der Einführung des Hannoverischen und dann des Cellischen Gesangbuchs ab 1661 (1667) als landeskirchliches Gesangbuch im Herzogtum. Wie sehen Einteilung und Inhalt der fraglichen Rubriken aus? Große Übereinstimmung besteht zwischen den Ausgaben der ersten Phase (Lü-1633, -1640, -1646 und -1659). Auch wenn der Liedbestand nie genau deckungsgleich ist, steht die Reihenfolge der Sterbe- und Ewigkeitslieder hier relativ fest. Die meisten Lieder zum Thema finden sich in der Sammlung von 1640 mit 22 Titeln, 1659 sind es 17, 1633 16 und 1646 14. Präsentiert werden die Lieder in den drei Eichornschen Rubriken: 79

80 81

Folgende Schriften sind enthalten: Bei den Gebetbüchern handelt es sich meist um Fassungen des Betbüchleins von Johann Habermann; vgl. dazu Koch, Betbüchlein. Vollständig wiedergegeben zu sein (mit allen acht Gebeten zu jedem Tag der Woche) scheint das Büchlein in den Bibeln von 1633 und 1640, später nicht mehr – in den Ausgaben von 1646, 1683 und 1685 sind nur noch die „Morgen= und Abendsegen/auff alle Tage in der Wochen“ enthalten. In der Bibel von 1689 sind sie um Gebete „anderer geistreichen Männer“ ergänzt. Das Gebetbuch in der Bibel von 1659 schließlich enthält ebenfalls „Morgen= und Abend=Gebet/ In gemein und auff alle Tage in der Wochen“ und einige weitere, die aber alle nicht von Habermann stammen. Daneben enthält die Ausgabe von 1633 15 Bußpsalmen von Cornelius Becker (Lieder zu Ps 1, 3, 6, 8, 20, 23, 33, 48, 62, 70, 76, 84, 91, 121 und 142), diejenige von 1640 Luthers kleinen Katechismus („Catechismus Lutheri“), die von 1689 (und später) unter anderem zwei kleine Werke Johann Gerhards, in denen er Bibelverse zu bestimmten Themen zusammengestellt hat – einmal zum Katechismus, im anderen Fall als „Trost=Büchlein“ zu verschiedenen Themen. In den Ausgaben von 1690 und einigen späteren kommt noch Gerhards Einteilung der Psalmen hinzu. – Vorreden zu den Bibeln verfassten u.a. prominente Theologen wie Johann Arndt (1620) – damals Generalsuperintendent in Celle –, Matthias Hoë von Hoënegg (1641), Johann Valentin Andreae (1654), Jakob Weller (1664) oder Abraham Calov (1683); vgl. Oertel, Bibeln 175.171. Vgl. auch Dumrese, Sternverlag, 55. Vgl. Reske, Buchdrucker, 572.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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‚Vom Tod und Sterben‘ (insgesamt 12 Lieder), ‚Vom Begräbnis‘ (6 Lieder), ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ (9 Lieder). Folgende Lieder sind unter ‚Vom Tod und Sterben‘ aufgeführt: Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) (fehlt Lü-1659) Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Frankfurt/M. 1563) Johann Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) (nur Lü-1640) Nicolaus Selnecker, Allein nach dir, Herr Jesu Christ, verlanget mich (Basel 1568) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587; nur 1659) Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) Anon., Ich stund an einem Morgen heimlich an einem Ort*82 (nur Lü-1640) Anon., Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not (Lübeck 1603) Anon., Christus der ist mein Leben (Jena 1609) (nur Lü-1659) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Vorangestellt (bis auf 1633) wird jeweils der lateinische Text des Nunc dimittis. ‚Vom Begräbnis‘ handeln folgende Lieder: Prudentius, Iam moesta quiesce querela (nur Lü-1640) Media vita in morte sumus (nur Lü-1640) Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Wittenberg 1524) Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Erfurt 1524) Anon., Hört auf mit Trauren und Klagen, ob dem Tod (Frankfurt/O. 1561) (nur Lü-1640) Auffällig ist bei dieser Rubrik die Nähe zu Babst (vgl. S. 38). Hinzu kommen in der Ausgabe von 1640 zwei lateinische Bibeltexte, die als gesungene liturgische Stücke (Responsorien) verwendet wurden: Credo quod redemptor meus vivit (Hi 19,25) und Si bona suscepimus (Hi 2,10).83 Die meisten Varianten im Liedbestand gibt es unter der Überschrift ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘:

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Zu diesem Lied vgl. S. 208. Gerade das Si bona suscepimus wird in Gesangbüchern immer wieder als Responsorium genannt, etwa in Erneuertes Frankfurter Gesangbuch (Frankfurt/M. 1664); Neues vollständiges Eisenachisches Gesangbuch (Eisenach 1673); L-1673 („Responsorium ex Jobo, c.2. ante funerum aedes“). Eine Fassung mit Noten von Credo quod redemptor meus vivit findet sich bei Babst unter Nr. 81. Zur Verwendung als Responsorien vgl. S. 624.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Michael Weisse, Es wird schier der letzte Tag herkommen (Jungbunzlau 1531) (nur Lü-1640) Anon., Wacht auf, ihr Christen alle, wacht auf mit ganzem Fleiß*84 (niederdt. Lübeck 1545) Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) (nur Lü1640) Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) (fehlt Lü-1659) M. R. Müntzer, Ach Gott, tu dich erbarmen (Nürnberg 1550) (nur Lü-1633 und -1640) Johann Walter, Herzlich tut mich erfreuen (Wittenberg 1552) (nur Lü-1633 und -1640) Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) (fehlt Lü-1659) Philipp Nicolai, Wie schön leuchtet der Morgenstern (Frankfurt/M. 1599) (nur Lü1659) Jeremias Nicolai, Herr Christ, tu mir verleihen (Frankfurt/M. 1599) (nur Lü-1659) Die beiden letztgenannten Gesänge – sie stammen aus Philipp Nicolais FrewdenSpiegel deß Ewigen Lebens (1599) – waren auch in den vorangegangenen Ausgaben enthalten, freilich jeweils in einer eigenen Abteilung. 1659 werden zwei von ihnen einmalig in die Abteilung ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ aufgenommen, deren Titel nun lautet: „Vom jüngsten Tage / aufferstehung und ewigen leben“. In der zweiten Phase der Bibel-Gesangbücher85 ab 1680 ändert sich nicht nur die zuvor feststehende Abfolge, sondern auch die Liedauswahl und die Rubrizierung. Die meisten Änderungen stammen wohl aus dem Hannoverischen bzw. dem daraus hervorgegangenen, mittlerweile im Herzogtum eingeführten Cellischen Gesangbuch: Die Lieder zum Kirchenjahr werden zu Neujahr um Lieder ‚Vom Namen Jesu‘ ergänzt – ein Indiz für die wachsende Jesus-Frömmigkeit.86 Neu sind auch Abteilungen wie ‚Um göttliche Regierung‘ oder ‚In gemeiner Not‘; aus ‚Vom Christlichen Leben und Wandel‘ wird ‚Vom heiligen Leben‘. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder werden nicht nur zahlenmäßig reduziert, mit der Überschrift ‚Vom Begräbnis‘ fällt auch eine ganze Rubrik weg. Zwei der darin enthaltenen Lieder – Mit Fried und Freud und Nun lasst uns den Leib begraben – werden nun mit unter ‚Vom Tod und Sterben‘ gefasst (1689/1690 „Vom zeitlichen Tode“), Mitten wir im Leben sind wandert unter die Bußgesänge (1683, 1691) oder fällt ganz weg (1697). Aus ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ wird ‚Vom Jüngsten Gericht‘. Diese Änderung lässt sich ebenso wie

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Dies ist das einzige der genannten Lieder, das auch unter den 14 (19) Gesängen der drei Reisebibeln von 1654, 1685 und 1699 enthalten ist, auch hier unter der Überschrift ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘. Zugrundegelegt werden die Ausgaben von 1683, 1689, 1690, 1691, 1696, 1697, 1701 und 1704. Lü-1683: J. Franck, Jesu, meine Freude (Berlin 1653); Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (1658); anon., °O Jesu süß, wer dein gedenkt (Magdeburg 1612); Lü-1689: Heermann, °Ach Jesu, dessen Treu im Himmel und auf Erden (Breslau/Leipzig 1630); J. Franck, Jesu, meine Freude.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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das Fehlen der Rubrik ‚Vom Begräbnis‘ aus dem Hannoverischen und dem Cellischen Gesangbuch herleiten.87 Insgesamt sind nur 14 von den 27 Sterbe- und Ewigkeitsliedern der ersten Phase übriggeblieben. Es fehlen genau diejenigen Lieder, die auch in den entsprechenden Rubriken des Hannoverischen und des Cellischen Gesangbuchs nicht enthalten sind.88 Nur zwei Lieder sind neu dazugekommen: zum einen Behms O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Wittenberg 1610); zum anderen rückt Nicolais ebenfalls aus dem FrewdenSpiegel stammendes Lied Wachet auf, ruft uns die Stimme in den Drucken von 1691 und 1696 in die Rubrik ‚Vom Jüngsten Gericht‘. Damit sind es in Phase 2 nur noch 16 Sterbe- und Ewigkeitslieder, zwölf ‚Vom Tod und Sterben‘ und vier ‚Vom Jüngsten Gericht‘. Hinsichtlich des Liedbestandes lassen sich in Phase 2 drei Varianten ausmachen: Variante A (1683) umfasst elf Lieder, Variante B (1689, 1690, 1701; 1697, 1704)89 fünf Lieder, von denen nur eines – Christus der ist mein Leben – in Variante A nicht vorkommt. Variante C (1691, 1696) kombiniert Auswahl und Abfolge der zwölf Lieder aus A und B und ergänzt sie um vier weitere Lieder. Zwei Befunde sind festzuhalten. Zum einen: Die Auswahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder in den Lüneburger Bibel-Gesangbuchanhängen des 17. Jahrhunderts berücksichtigt fast ausschließlich Lieder des 16. Jahrhunderts. Die Lieder ‚Vom Begräbnis‘ (nur in Phase 1) und ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ stammen sogar fast alle aus der ersten Jahrhunderthälfte. Die wenigen Lieder, die im 17. Jahrhundert erstmals nachgewiesen sind, sind schon 1633 nicht mehr ganz neu – und es kommen auch keine neuen mehr hinzu. Das jüngste Lied ist Christoph Knolls Herzlich tut mich verlangen (1611), gefolgt von O Jesu Christ, meins Lebens Licht (1610), Christus der ist mein Leben (1609) und Auf meinen lieben Gott (1603). Dann folgen die Lieder Philipp und Jeremias Nicolais (1599). Neuere Entwicklungen finden also kaum Eingang; statt dessen wurde das vorhandene Material offenbar einfach immer wieder in unterschiedlichen Kombinationen nachgedruckt. Das hat sicher nicht nur programmatische, sondern auch pragmatische Gründe. Das Gesangbuch war in diesen Drucken eben doch nicht die Haupt-, sondern die Nebensache. Dennoch ist der Verzicht auf Neuerungen auffällig, gerade in Phase 2, die mit dem Hannoverischen und Cellischen Gesangbuch sonst so viele Ähnlichkeiten aufweist. Doch die dort enthaltenen neuen Lieder fehlen in den Bibeldrucken. Zum anderen: Die Zahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder innerhalb der BibelGesangbücher nimmt ab; sie liegt in der ersten Phase fast doppelt so hoch wie in der zweiten. Besonders viele (22) sind es in der Ausgabe von 1640; vier der Lieder sind nur hier abgedruckt. In der Mehrzahl der Drucke der zweiten Phase (Gruppe B) sind dagegen nur noch fünf Sterbe- und Ewigkeitslieder enthalten; auch die anderen 87

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Dort gibt es auch noch die Rubriken ‚Vom Himmel‘ und ‚Von der Höllen‘, die aber nur neuere Lieder enthalten und daher in der für Neues weniger offenen Auswahl der Bibel-Gesangbücher automatisch wegfallen. Einige wurden in andere Rubriken verschoben (z. B. Mitten wir im Leben sind zu den Bußliedern, ebenso im Hannoverischen und Cellischen Gesangbuch), andere fehlen ganz. Innerhalb der Gruppe B sind nach Liedzahl noch einmal zwei Typen zu unterscheiden: Die Fassungen von 1689, 1690 und wohl auch 1701 (Expl. unvollst.) enthalten 150 (151) Lieder, die von 1697 und 1704 nur 142 und zudem eine sonst nicht enthaltene Bibelvorrede von Abraham Calov.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

haben die Auswahl deutlich reduziert. Das deutet darauf hin, dass für Phase 2 eine andere Vorlage benutzt wurde. Dabei dürfte es sich um das Hannoverische und das Cellische Gesangbuch handeln,90 aus denen die neuen Lieder einfach weggelassen wurden. Übrig blieben die älteren, verbreiteteren Lieder, die allerdings weniger zahlreich waren als die aus Phase 1. Ähnlichkeit mit dem Bestand der Bibel-Gesangbücher hat ein bisher nicht erwähnter Lüneburger Gesangbuchdruck ähnlichen Umfangs von 1671, der nicht ausführlich ausgewertet wurde und unter 170 Liedern 21 Sterbe- und Ewigkeitslieder enthält. Vier von ihnen kommen in den Bibel-Gesangbüchern allerdings nicht vor.91 Der Titel D. Martin. Luth. und anderer gottseliger Leute Geistreiche Lieder / Psalmen und Lob=Gesänge sowie Auswahl und Reihenfolge der Lieder – insbesondere das seltene °Es traur, was trauren soll von Urban Störner – verweisen auf die Sammlung D. Marth. Luthers vnd Anderer Gottseeliger Leuth GEistreiche Lieder / Psalmen vnd Lobgesänge (Danzig 1629), die als Vorlage gedient haben dürfte.

c) Hannoverisches Gesangbuch (1660) und Cellisches Gesangbuch (1661/1696/1706) Die Lüneburger Gesangbuchdrucke für Hannover und Celle bzw. das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg haben – wie eingangs skizziert – eine gemeinsame Geschichte: Das Cellische92 (Lüneburg 1661) ist eine Überarbeitung und Erweiterung des Hannoverischen Gesangbuches (Hannover 1646 bei Johann Friedrich Glaser; die mir vorliegende Stern-Ausgabe stammt aus Lüneburg 166093) für das Herzogtum Lüneburg. Beide enthalten vereinzelt zweistimmige Noten (nicht mehr in den Ausgaben des Cellischen Gesangbuchs 1696 und 1706). Im Aufbau fast identisch, ist das jüngere Cellische Gesangbuch allerdings deutlich umfangreicher (421 Lieder) als das Hannoverische (300 Lieder). Die Zahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder hat sich dabei von 22 auf 41 fast verdoppelt, ihr Anteil von 7,3% auf 9,7% erhöht. Zwei weitere Exemplare des Cellischen Gesangbuchs stammen von 1696 und 1706. Während die Ausgabe von 169694 etwa auf diesem Stand verharrt (40 Lieder von 428), kommen 1706 in einem Anhang nochmals einige Lieder hinzu: Von 451 Liedern 90

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Dabei weist Variante A (Lü-1683) eine besondere Verwandtschaft mit dem Hannoverischen Gesangbuch auf, Variante C (Lü-1691/96) mit dem Cellischen Gesangbuch. Dies sind: Weisse, Weltlich Ehr und zeitlich Gut (Jungbunzlau 1531); Ringwaldt, Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577); Moller, Ach Gott, wie manches Herzeleid (Görlitz 1587); Störner, °Es traur, was trauren soll (Danzig 1627). Die Erstausgabe trägt wie auch die zweite Ausgabe von 1665 noch nicht den Titel Cellisches Gesangbuch, sondern Voll=ständiges Gesangbuch. Da es sich letztlich um verschiedene Ausgaben desselben Gesangbuchs handelt, wird hier der Einfachheit halber durchweg vom Cellischen Gesangbuch gesprochen. Weitere Ausgaben: Braunschweig (Andreas Duncker)/Lüneburg (Martin Lamprecht) 1648, 1652, 1653; Lüneburg (Johann und Heinrich Stern) 1657, 1659, 1672; Göttingen (Joachim Heinrich Schmidt) 1676; vgl. FT VI, 453.–461. In der Ausgabe von 1646 sind nach Drömann, Das Hannoversche Gesangbuch, 169 unter 222 Nummern 16 ‚Von den letzten Dingen‘; 1648 unter 250 Nummern 18 Lieder; 1657 unter 300 Nummern 22 Lieder (jeweils 7%). Zur Neubearbeitung des Cellischen Gesangbuches von 1696 vgl. Röbbelen, Geschichte, 455. Im Titel der Ausgabe heißt es: „Jetzo nach schon längst gewesenem Abgang der ersten Exemplarien / auff vielfältiges Begehren und Verlangen von neuem wieder auffgeleget / an vielen Orten verbessert / geändert und vermehret“.

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sind 47 Sterbe- und Ewigkeitslieder (10,4%). Besonders hoch ist der Anteil in dem Anhang von 23 Liedern, der nach 1696 ergänzt wurde (7 Sterbe- und Ewigkeitslieder). Einerseits herrscht also Kontinuität, andererseits kommen permanent weitere Lieder hinzu. Am Thema der Sterbe- und Ewigkeitslieder besteht dabei offenbar ein verstärktes Interesse. Aufschlussreich ist jeweils die Angabe des Verwendungszwecks im Buchtitel: Beim Hannoverischen Gesangbuch ist in den Ausgaben ab 1648 „Zur Befoderung der PrivatAndacht“ angegeben; von 1657 an heißt es ausdrücklich „zur Befoderung der Privat- und öffentlichen Andacht“.95 Die Privatandacht ist hier also trotz des offiziellen Status der primäre Verwendungszweck; eines der Register am Ende des Buches teilt die Lieder sogar so ein, dass man sie „zu hause mit den Seinigen in seiner Hauß=Kirchen“96 alle sieben Wochen einmal durchsingen kann. Dass dem Herausgeber Justus Gesenius, Hofprediger in Hannover, die Förderung der Hausandacht am Herzen lag, geht auch aus seiner Praxis devotionis (1648) hervor.97 Die Aufgeschlossenheit für neuere und neueste Lieder, die zu den sehr traditionell bestückten Liedanhängen in Stern-Bibeln im Gegensatz steht (vgl. S. 58), hat wohl mit genau dieser Verortung des Gesangs in der Privatandacht zu tun. In der Vorrede erläutert Gesenius,98 er habe bei der Redaktion bewusst solche Lieder jüngerer Autoren berücksichtigt, mit denen diese „ihre eigene und anderer frommen Christen Privat=Andacht […] erwecken und befordern“ wollten.99 Gesenius nennt hier insbesondere Johann Heermann, dessen Trostlieder gerade im Krieg den Nerv der Zeit getroffen hatten und daher besonders beliebt, aber im darniederliegenden Handel kaum erhältlich waren. Mit dem Hannoverischen Gesangbuch sollten diese Lieder nicht nur zugänglich gemacht, sondern auch zum weiteren Gebrauch in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden.100 Ähnliches gilt im Gefolge auch für das Cellische Gesangbuch. Nach dem Titel der Erstausgabe sind darin „nicht allein di gewohnliche alte Kirchen=Lider / sondern auch vihl neue / nützliche Gesänge / auf mancherlei Fälle zu befinden“. Insbesondere für die neuen Lieder ist damit ein außerkirchlicher Kontext im Alltag angedeutet 95

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Vgl. FT VI 454.457. Graff, Auflösung, 243 paraphrasiert die Anweisungen der Praxis devotionis: „Man solle nicht nur alle andern Tage morgens und abends eine Zeit auf Gebet und Schriftlesung verwenden, sondern auch besonders Sonntags vor dem Gottesdienst zur Vorbereitung, und ebenfalls nachmittags nach dem Gottesdienst, z. B. von der Predigt reden, geistliche Lieder singen, ‚aus dem Katechismus fragen‘, Gottes Wort lesen u.a.“ Lü-1660, Vorrede fol. 6v. Vgl. Graff, Auflösung, 243. Zu Gesenius’ Autorschaft der Vorrede vgl. Röbbelen, Geschichte, 395; vgl. auch Stalmann, Gesangbücher, 187f. Lü-1660, Vorrede fol. 3r. Vgl. Lü-1660, Vorrede fol. 3r|v: „Weil man sie [Heermanns Lieder] aber wegen der leidigen Krieges=Zei=|ten nicht allezeit zu kauffe haben können / so ist von etlichen […] begehret worden / nicht allein dasselbe Buch wieder aufzulegen / sondern auch damit man die in unsern Kirchen bekandte lieder dabey hätte / und nicht von einem Gesangbuche zum andern lauffen dürffte / die gemeinste Kirchen=Gesänge / und was sich sonsten aus den öffentlichen Gesang=Büchern darzu schickte / zugleich mit drucken zu lassen / und alles zusammen / weil Heermanns Gesänge fast ohn einige Ordnung gesetzet seyn / unter die gebräuchliche Rubricken und Titul zu bringen.“

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

(„auf mancherlei Fälle“). Der Verweis auf den Gemeindegottesdienst wird auch hier erst nachträglich eingefügt; in der Ausgabe von 1696 heißt es ergänzend: „in öffentlicher Gemeine und sonsten in allerley Fällen zu gebrauchen“.101 Dass neue Lieder hinzukommen, wird 1696 und 1706 betont. Nicht nur über die private, sondern auch über die gottesdienstliche Gesangspraxis lässt sich aus der Vorrede zum Hannoverischen Gesangbuch einiges erfahren. Gesenius hebt zweierlei Funktionen des Gesangs hervor: eine didaktische und eine erbauliche, die Andacht steigernde.102 Um der Andacht willen empfiehlt er, die Lieder ganz und nicht nur auszugsweise zu singen.103 Das angefügte Gebetbuch soll auch während des Gottesdienstes zur Privatandacht benutzt werden, etwa während instrumental musiziert wird104 – eine Praxis, die Gesenius kritisiert, weil die Gemeinde daran nicht aktiv teilnehmen kann, was wiederum zu Laxheit beim Gottesdienstbesuch führte.105 Er rechnet jedenfalls damit, dass manche Gemeindeglieder – um „einfältige Leute“106 wird es sich dabei nicht gehandelt haben – ihr Gesangbuch in die Kirche mitbringen, allerdings nicht, um daraus zu singen, sondern um sich während des Gottesdienstes still zu erbauen. Die Rubrizierung des Hannoverischen und des Cellischen Gesangbuchs, an der sich auch die der späteren Bibel-Gesangbücher orientiert, weist einige Besonderheiten auf: Der Beginn mit den Lob- statt mit den Festgesängen stammt nach Gesenius aus einem Nürnberger Gesangbuch;107 die Einführung einer Rubrik für die Kriegszeit sei 101

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Noch deutlicher ist die kirchliche Orientierung im Titel der Ausgabe von 1706: Das Buch sei „zu besserem Gebrauch der Kirchen des Fürstenthumbs Lüneburg und dazu gehöriger Lande“ bestimmt. Lü-1660, Vorrede fol. 2v: „Denn es gibts die Vernunfft / und bezeugets die tägliche Erfahrung / daß einfältige Leute das jenige / was in deutliche Reimen und gewisse Mensur gefasset wird / leichtlich lernen und wol behalten / sonderlich wenn eine anmuhtige dienliche Melodey dabey ist. Und kann nicht allein die Mensur und Melodey / sondern auch der Gesang an sich selbst die Andacht darumb nicht wenig befördern / weil man fast nach einer jeglichen Zeile / in dem man stille hält / etwas Zeit und Gelegenheit hat / demselben / was man gesunge[n] hat / und fortsinge[n] wil / ein wenig nachzudencken / un[d] dadurch sein Hertz und Gemüte zu Gott im Himmel desto besser zu richten und auffzumuntern“. Mit der didaktischen Anmerkung zu den mnemotechnischen Vorzügen der geistlichen Lieder knüpft Gesenius an die reformatorische Tradition an, besonders an Melanchthon (vgl. S. 33); mit dem Plädoyer für die Ausrichtung des Herzens auf Gott vollzieht er eine für das 17. Jahrhundert typische Verinnerlichungsbewegung. Lü-1660, Vorrede fol. 5r: „Die meisten kan man dennoch gar wol auf einmal aussingen / und also die Andacht besser beysammen behalten / welche sich sonsten / wenn man sie theilet / oder dazwische[n] orgelt / leichtlich zu verlieren pfleget“. Lü-1660, Vorrede fol. 5v: Das Gebetbuch enthalte Gebete von Habermann, Arndt und Gerhard, „welche sonsten ins gemein zu hause und auff der Reise / oder auch in der Kirche / wenn etwa georgelt oder musiciret wird / nachdem einen jeglichen seine Privat=Andacht treibet / nit unbequemlich gebetet werden können.“ Lü-1660, Vorrede fol. 5v: „Es wäre wol zu wünschen  / daß beim sontäglichen und festtägigem Gottes=Dienst an manchem Orte nicht so viel orgelns und unverständlichen musicirens oder lateinischen singens geschehe; weil dadurch sonderlich in den stätten dieses verursachet wird / daß sich viel Leute deswegen […] gar spät zu dem Gottesdienst / ja wol erst gegen die Zeit / da man die Predigt anzufangen pfleget / einstellen / und nach Endigung derselbe[n] bald wieder davon gehen“. Keinesfalls dürfe man im Gottesdienst „müssig seyn oder mit frem[b]den Gedancken oder Geschwätze daselbst ümbgehen und die Zeit liederlich zubringen“ (fol. 6r). Vgl. Anm. 102. Vgl. Lü-1660, Vorrede fol. 4r.

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der leidvollen Erfahrung der vorangegangenen Jahrzehnte geschuldet.108 Besonders auffällig ist die Neueinteilung der Sterbe- und Ewigkeitslieder: Statt der Eichornschen Dreiteilung findet sich im Hannoverischen Gesangbuch neu die der menschlichen Vergänglichkeit gewidmete Überschrift ‚Vom menschlichen Elend‘, die quasi am Rande zu den Sterbe- und Ewigkeitsliedern gehört, bei der Auswertung aber nicht berücksichtigt wurde.109 Sie wird gefolgt von der in Gesangbüchern eher seltenen, aus der Dogmatik stammenden Einteilung ‚Von den vier letzten Dingen‘ (ähnlich L-1673, vgl. S. 119) mit Abschnitten zu Tod und Sterben [TS], Jüngstem Gericht [J], Himmel [H] und Hölle [Hö]. Das Cellische Gesangbuch ergänzt schließlich die Überschrift ‚Von der Ewigkeit‘ [Ew]; ‚Vom Begräbnis‘ fehlt.110 Das Hannoverische Gesangbuch von 1660 besitzt außerdem eine Art sekundäre Rubrizierung: Im Register werden nicht nur alle Rubriken und die in ihnen enthaltenen Lieder der Reihe nach aufgelistet, sondern zu jeder Rubrik gibt es auch kleingedruckte Verweise auf passende, quasi sekundär indizierte Lieder aus anderen Abschnitten.111 Wie bereits erläutert, weisen das Hannoverische und das Cellische Gesangbuch in Rubrizierung, Auswahl und Abfolge viele Ähnlichkeiten mit Phase 2 der Bibel-Gesangbuchanhänge auf (vgl. S. 60). Im Gegensatz zu den Bibeln enthalten die Gesangbücher jedoch nicht nur ältere, sondern auch zahlreiche neue Lieder. Im Hannoverischen Gesangbuch von 1660 sind es elf von 22 Liedern unter der Überschrift ‚Von den vier letzten Dingen‘.112 Mehr als die Hälfte von ihnen dürften von Justus Gesenius und David Denicke stammen, den Herausgebern des Hannoverischen Gesangbuchs: Martin Opitz, Das blinde Volk der Heiden (Leipzig 1628) [J] Johann Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Breslau/Leipzig 1630) [TS] Johann Heermann, Wach auf, o Mensch, o Mensch, wach auf (Breslau/Leipzig 1630) [Hö] Georg Werner, Mein Lauf, gottlob, ist bald vollbracht113 (Königsberg 1639) [TS] 108

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Lü-1660, Vorrede fol. 3v|4r: „Also hat ja der langwierige Kriegesjammer einen jeglichen / auch in seinem Privat=Beten und Singen / des | grossen Elends und so vieler bedrängter Leute zum öfftern zugedencken angereitzet : Und denn seinen GOtt und HErrn / auch deswegen insonderheit zu loben und zu preisen / wen[n] er noch etliche / es sey in grossen Städten oder sonsten an andern Orten / ein Jahr nach dem andern behütet hat.“ Diese Abteilung fehlt sowohl in den Bibelgesangbüchern als auch im Lüneburgischen Gesangbuch; das letztere Werk bringt die darin enthaltenen Gesänge unter der größeren Rubrik ‚Vom heiligen Leben und Christlichem Wandel‘, nun ganz außerhalb des Kontextes der Sterbe- und Ewigkeitslieder, was den nicht ganz eindeutigen Status der Abteilung deutlich macht. Auf die Parallelen der Rubrizierung zu Phase 2 der Bibel-Gesangbücher wurde bereits eingegangen (vgl. S. 60). Das Lied °O Jesu süß, wer dein gedenkt, eine anonyme Übersetzung (1612) des lateinischen Hymnus Jesu dulcis memoria von Bernhard von Clairvaux, taucht eigentlich in der Rubrik ‚Vom Namen Jesu‘ auf. Ein Verweis findet sich jedoch auch unter der Rubrik ‚Vom Himmel‘. Neueren Datums sind auch einige Lieder aus der Rubrik ‚Vom menschlichen Elend‘, z. B. Heermann, °Was bin ich, o Herr Zebaoth (1630; Verfasserschaft mit Fragezeichen nach Bode, Quellennachweis, 342 Nr. 743); Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Königsberg 1641); Gerhardt, °Mein Gott, ich habe mir gar fest gesetzet für (Berlin 1647); Gesenius/Denicke, °Hilf, Gott, wie hat die Eitelkeit uns Menschen so vernichtet (Lüneburg 1657). Die originale Textfassung (FT III 45.) beginnt: Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Valentin Thilo, Der große Tag des Herren Königsberg 1642) [J] Justus Gesenius/David Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Hannover 1646) [TS] Justus Gesenius/David Denicke, O Vater, Sohn und Heilger Geist (Hannover 1646)114 [TS] Justus Gesenius/David Denicke (?), Es sind die Zeichen nunmehr da (Hannover 1646)115 [J] Justus Gesenius/David Denicke, Ob ich einschlafe oder wach (Hannover 1646)116 [J] Justus Gesenius/David Denicke, O Gott, wer dieses Leben wohl (Hannover 1646) [H] Justus Gesenius/David Denicke, Wie lieblich sind daroben (Braunschweig/Lüneburg 1652) [H] Eine beträchtliche Erweiterung des Hannoverischen Gesangbuches von 1660 bietet das Cellische Gesangbuch von 1661. Neu unter den Liedern von den ‚Vier letzten Dingen‘ sind nicht nur fünf bisher unberücksichtigte ältere Lieder,117 sondern auch 14 jüngere: Christoph Wilkow, Wie ist der Mensch doch so betört (Königsberg 1640) [TS] Simon Dach, Du siehest, Mensch, wie fort und fort (Königsberg 1640) [J] Simon Dach, Ich steh in Angst und Pein (Königsberg 1641) [J] Heinrich Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Königsberg 1642) [TS] Johann Rist, Lasst ab von Sünden alle (Lüneburg 1651) [J] Johann Rist, O Gottes Stadt, o güldnes Licht118 (Lüneburg 1651) [H] Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1641) [Ew] Daniel Wülffer, O Ewigkeit, o Ewigkeit (Nürnberg 1648) [Ew] Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) [TS] Ernst Christoph Homburg, Ach was ist unser Leben (Jena 1659) [TS] Ernst Christoph Homburg, Herr Jesu Christ, mein Leben (Jena 1659) [TS] Anon., O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* [TS] Anon. (L. B.), O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* [TS] Anon., Es vergehen alle Zeiten* [Ew] Weitere Ergänzungen, allesamt neueren Datums, bringt die Ausgabe von 1696 und 1706, die erstmals Autorangaben enthält. Drei Lieder tragen die kaum noch ‚Kürzel‘ zu nennende Autorangabe „H. A. U. Z. B. U. L.“ für den ab 1704 regierenden Landesherrn Herzog Anton Ulrich zu Braunschweig und Lüneburg: 114 115 116 117

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Vgl. Bode, Quellennachweis, 371 (Nr. 895). Vgl. Bode, Quellennachweis, 381 (Nr. 938). Vgl. Bode, Quellennachweis, 385f (Nr. 959). Alber, Gott hat das Evangelium (1548) [J]; Walter, Herzlich tut mich erfreuen (Wittenberg 1552) [J]; anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) [TS]; Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) [TS]; Ph. Nicolai, Wachet auf, ruft uns die Stimme (Frankfurt/M. 1599) [J]. In der Originalfassung von Rist lautet der Textanfang: O Gottes Stadt, o himmlisch Licht (Rist, HL 3,10).

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Anton Ulrich, Ach Gott, wann werd ich sterben* [TS] Anton Ulrich, Es ist genug, mein matter Sinn (Nürnberg 1667) [TS] Anton Ulrich, °Nach dir, o Gott, verlanget mich (1665) [‚Vom menschlichen Elend‘] Neu sind 1696 auch zwei Lieder vom Jüngsten Tag: Christoph Runge, Herr Christ, der Jüngste Tag (Berlin 1672) [J] Heinrich Müller, Kommt herbei, ihr Menschenkinder119 (Rostock 1674) [J] Im angehängten Zusatz von 1706 finden sich drei sehr verbreitete ältere Lieder, die man im Hauptteil wohl vermisst hatte: Philipp Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Frankfurt/M. 1599) [TS] Valerius Herberger, Valet will ich dir geben (Leipzig 1614) [TS] Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) [TS] Dazu kommen noch zwei etwas jüngere Gesänge: Johann Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Leipzig 1652) [TS] Paul Gerhardt, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, das soll (Berlin 1667) [TS] Mit den Ausgaben von 1696 und 1706 ergibt sich insgesamt eine Zahl von 50 Sterbeund Ewigkeitsliedern (dazu kommen elf Lieder ‚Vom menschlichen Elend‘). Erwähnenswert ist das dem Cellischen Gesangbuch jeweils angebundene Gebetbuch, in dem Sterbegebete einen breiten Raum einnehmen. Das Exemplar von 1696 zeugt von regem Gebrauch: Mehr als die Hälfte der enthaltenen 31 „Kurtze[n] Stoß=Gebetlein / bey und von Sterbenden insonderheit zu gebrauchen“ sind ein- oder mehrfach mit Tinte angekreuzt. Das Gebetbuch gibt auch eine Liste von Liedern an, die mit den Sterbenden gesungen werden sollen.120 d) Das Lüneburgische Gesangbuch (1695/1702) Das Gesangbuch für die Stadt Lüneburg erschien 1686 mit fürstlich braunschweiglüneburgischem Privileg. Mit 2000 Liedern ist es eines der umfangreichsten, die aus dem 17. Jahrhundert erhalten sind. In seiner am 28.2.1686 datierten Vorrede macht der Lüneburger Superintendent Caspar Hermann Sandhagen den umfas119

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Der Text des Liedes von Müller beginnt nach FT V 543.: „KOmpt herbey, ihr MenschenKinder, / Kompt, mit Schrekken angethan, / Kompt, ihr rauhen, frechen Sünder, / Schauet diesen Jammer an“. Im Cellischen Gesangsbuch ist der Text leicht abgewandelt. Darunter sind einige Lutherlieder: °Vater unser im Himmelreich; °Gott der Vater wohn uns bei; Aus tiefer Not schrei ich zu dir; Nun bitten wir den Heiligen Geist; °Komm, Heiliger Geist, Herre Gott. Außerdem: Agricola, °Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (Erfurt 1531). Neben den häufigsten Sterbeliedern (Mit Fried und Freud; Mitten wir im Leben sind; Wenn mein Stündlein vorhanden ist; Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott; Herzlich lieb hab ich dich, o Herr) stehen auch einige alte Vertrauenslieder (Auf meinen lieben Gott; Was mein Gott will, das gscheh allzeit; °Von Gott will ich nicht lassen).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

senden Anspruch deutlich, der mit dieser umfangreichen Ausgabe verbunden ist: Zwar habe „fast eine jede vornehme Stadt“ ihr eigenes Gesangbuch, aber in jedem von ihnen fehle „eine ziemliche Anzahl geistlicher Lieder […] so bald hie bald da in der Evangelischen Kirche in Teutschland gebrauchet werden“. Der Drucker und Verleger Johann Stern II. hatte sich persönlich um Sammlung und Redaktion des gewaltigen Corpus gekümmert, was von Sandhagen gewürdigt und in die Tradition der Familie gestellt wird.121 Zu verwenden sei das Werk „so wol in der Christlichen Versammlung / als in ihren Häusern und auff Reisen“122. Weitere Auflagen erschienen 1694, 1695, 1702 und 1703;123 mir lagen ein Exemplar von 1695 und eines von 1702 vor, in denen die Zahl der Lieder auf 2055 bzw. 2101 angewachsen ist. Darunter sind 235 bzw. 240 Sterbe- und Ewigkeitslieder (jeweils 11,4%), unter denen wiederum die Lieder „Vom Tode und Begräbniß“ mit 190 bzw. 195 Titeln (9,2% bzw. 9,3%) und die „Gerichts= Himmels= und Höllen=Lieder“ mit je 45 Titeln (2,2% bzw. 2,1%) vertreten sind. Die Rubrizierung der Lieder ist insgesamt der im Hannoverischen Gesangbuch sehr ähnlich und ihr offenbar nachempfunden; durch die viel größere Zahl der Titel kommt es aber in vielen Abteilungen zu einer Binnendifferenzierung.124 Nicht so bei den Sterbe- und Ewigkeitsliedern: Die ihnen nahestehende Abteilung ‚Vom menschlichen Elend‘ samt den in ihr enthaltenen Liedern ist in der umfassenderen Rubrik „Vom heiligen Leben und christlichem Wandel“ aufgegangen; weitere Rubriken trennen nun diese von den Sterbe- und Ewigkeitsliedern. Dort wiederum wird nicht mehr nach den vier letzten Dingen unterschieden, sondern im Anschluss an die Gesänge „Vom Tode und Begräbniß“ [TB] werden die „Gerichts= Himmels= und Höllen=Lieder“ [GHHö] zu einer Kategorie zusammengefasst. Innerhalb jeder Abteilung sind die zahlreichen Lieder nun alphabetisch nach ihren Anfängen angeordnet (ähnlich auch: T-1631). Ein alphabetisches Gesamtregister erschließt den Gesamtbestand. Knappe Melodie- und Autorangaben sind beinahe zu jedem Lied vorhanden. Anstelle von Noten wird als Melodie meist ein bekanntes Lied angegeben: „Mel. Hertzlich thut mich verl[angen]“. Oft heißt es auch: „In eigener Melodey“ oder „In bekannter Melodey“, ohne dass diese abgedruckt wäre. Nur bei fünf Liedern sind tatsächlich Noten vorhanden, dann als zweistimmiger Satz mit Diskant und Bass.125 Von den Autoren sind oft nur Initialen angegeben; häufig ist die Zuschreibung feh-

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Nach Sandhagen hat Stern „nach der grossen Geneigtheit / so er hat / der Evangelischen Kirche zu dienen / und welche in dieser Familie von vielen Jahren her nicht fremd ist […] eine solche Anzahl geistlicher Lieder lassen zusammen bringen / als bißher in keinem Buche zu finden sind.“ Alle Zitate aus Sandhagens Vorrede von 1686 sind wiedergegeben nach Lü-1702, fol. 4v. Vgl. Stalmann, Gesangbücher, 193. Da das Lüneburgische Gesangbuch später nicht mehr aufgelegt wurde, wird vermutet, dass das Cellische Gesangbuch dann auch in der Stadt Lüneburg verwendet wurde (ebd.). So finden sich unter den Lobgesängen auch solche für Wochentage, Jahreszeiten und Geburtstag, bei den Liedern zum Kirchenjahr sind die Flucht nach Ägypten und andere sehr spezielle Anlässe berücksichtigt. Ach was ist doch unser Lebn; Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt; Mein Wallfahrt ich vollendet hab; Sag, was hilft alle Welt*; Es wird schier der letzte Tag herkommen.

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lerhaft. Wo die Verfasserschaft nicht zu klären war, finden sich die Kürzel „anon.“ oder „Inc[erti] Aut[oris]“. Nur wenige Sterbe- und Ewigkeitslieder aus den unter b) und c) beschriebenen Gesangbüchern fehlen im Lüneburgischen Gesangbuch.126 Die große Vielfalt der fast 200 neu aufgenommenen Sterbe- und Ewigkeitslieder zeigt, wie gründlich sich der Herausgeber Johann Stern mit den Gesangbüchern seiner Zeit beschäftigt hat; neben den genannten Werken lag ihm offenkundig u.a. eine Ausgabe der Praxis Pietatis Melica vor.127 Zu den älteren Gesängen der bisherigen Ausgaben kommen weitere: Ambrosius Blarer, Mag ich dem Tod nicht widerstahn (Nürnberg 1550) Valentin Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Breslau 1555) Anon., O Herr Gott hilf, zu dir ich ruf (Zürich 1560)128 Anon., Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563) Ludwig Helmbold, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt (1575) Von den vier Liedern Ringwaldts sind die beiden erstgenannten schon in den vorangegangenen Gesangbüchern vertreten, die beiden anderen sind neu: Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Ringwaldt, Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Frankfurt/O. 1587) Zwei Lieder stammen aus Mollers Manuale de praeparatione ad mortem (vgl. S. 584): Anon., O Jesu, Gottes Lämmelein (Görlitz 1593) Martin Moller (nach Nicolaus Selnecker), Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not (Görlitz 1593) Aus den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts sind folgende der hinzugekommenen Lieder belegt: Cornelius Becker, Lasset die Kindlein kommen (1605) Martin Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Wittenberg 1611) Martin Behm, Ich armer Erdenkloß (Wittenberg 1611) Sigismund Schwab, O Jesu, lieber Herre mein (Leipzig/Breslau 1611) 126

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Von den Bibeln mit Gesangbuchanhang bietet nur Lü-1640 einen minimalen Überschuss (Ich stund an einem Morgen*, Iam moesta quiesce querela und die anderen lateinischen biblischen Gesänge). Aus dem Hannoverischen und dem Cellischen Gesangbuch fehlt nur Heermanns O Mensch, bedenke stets dein End. Zur Praxis Pietatis Melica vgl. S. 80; zum Zusammenhang mit dem Lüneburgischen Gesangbuch vgl. S. 78 Anm. 146. Die Züricher Originalfassung liest „gilf “ statt „ruf “; dieses im Schwäbisch-Alemannischen bekanntere Wort war anscheinend in Norddeutschland nicht geläufig (vgl. DWB 7, 7503).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Anon., Christus wird mich nicht lassen (Hamburg 1612) Anon., Jesulein, du bist mein, weil ich lebe (Altenburg 1613) Die meisten Lieder stammen aus den Jahren 1620–1670. Um die große Zahl etwas zu strukturieren, sollen sie hier – unter schwerpunktmäßiger Berücksichtigung der zuvor noch nicht genannten Lieder – nach Herkunftsregionen präsentiert werden. Sächsischen oder Thüringer Ursprungs sind einige Lieder aus der Zeit des beginnenden Dreißigjährigen Krieges: Anon., Ach mein herzliebes Jesulein (Freiberg 1620) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Anon., Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir (Freiberg 1620)129 Anon., Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, lass mich (Freiberg 1620)130 Anon., Ich war ein kleines Kindlein geborn auf diese Welt (Freiberg 1620) Johann Hermann Schein, Ich will still und geduldig sein (1625) Johann Hermann Schein, Mein Gott und Herr, ach sei nicht ferr (Leipzig 1627) Johann Hermann Schein, Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt (Leipzig 1628) Michael Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Altenburg 1627) Johann Kempff († 1625), Wenn ich in Todesnöten bin (Gotha 1648; vgl. S. 107) Die fünf erstgenannten Lieder stammen aus dem Begräbnisliederbuch Threnodiae des Freiberger Kirchenmusikers Christoph Demantius,131 die drei Lieder Scheins aus dessen Cantional (Leipzig 1627/1645, vgl. ab S. 103). Das Lied von Michael Ziegenspeck steht erstmals in Clauders deutsch-lateinischer Psalmodia Nova, das von Johann Kempff im Gothaer Cantionale Sacrum (vgl. S. 111). Von den schlesischen Dichtern sind sowohl Opitz als auch Gryphius vertreten. Dazu kommen neun Lieder von Johann Heermann – unter ihnen vier ‚Gerichts-, Himmels- und Höllenlieder‘ – sowie eines von dem Görlitzer Diakonus Gregorius Richter aus der benachbarten Lausitz: Martin Opitz, Auf, auf, mein Herz, und du, mein ganzer Sinn (Breslau 1625) Martin Opitz, Das blinde Volk der Heiden (Leipzig 1628) Johann Heermann, Ach Gott, ich muss in Traurigkeit (Breslau/Leipzig 1630)

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In der Originalfassung Freiberg 1620 (FT I 574.): Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir mit ganz betrübter Seele. Dieses Lied wird hier wie auch sonst immer wieder Ringwaldt zugeschrieben, stammt aber wohl nicht von ihm. Der Beleg aus den Threnodiae (Freiberg 1620) steht bei Reckziegel, Cantional, 198. Der aus Reichenberg gebürtige Freiberger Kantor Christoph Demantius hatte die Threnodiae 1620 als Begräbnisgesangbuch herausgegeben, nachdem er bemerkt hatte, dass man beim Singen auf Begräbnissen „keinen Abwechsel habe für den Thüren, im gehen und auf dem Gottesacker, da man in allen kaum ein Lied achte oder neune gehabt, welche man mit verdruss oftmals zu zwey und dreymalen, sonderlich bei Chur- und Fürstlichen Leichbegängnissen repetiren und widerholen müssen“ (zit. nach Dibelius, Geschichte, 236). Zwei weitere Lieder aus Demantius’ Threnodiae sind: Anon., Fahr hin, du liebste Seele mein (D-1656); anon., Hie lieg ich in der Erden Schoß (D-1656; L-1682).

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Johann Heermann, Wach auf, o Mensch, o Mensch, wach auf (Breslau/Leipzig 1630) [GHHö] Johann Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (1632) Johann Heermann, Lasset ab, ihr meine Lieben (Breslau/Leipzig 1636) Johann Heermann, Höret, o ihr Kinder Gottes, höret (Breslau/Leipzig 1636) [GHHö] Johann Heermann, Wenn des Menschen Sohn wird wiederkommen (Leipzig 1636) [GHHö] Johann Heermann, Ach wie schnelle wird verkehret (Breslau/Leipzig 1644) Johann Heermann, Lasset Klag und Trauren fahren* Johann Heermann, Wollt ihr euch nun, o ihr fromme Christen* [GHHö] Andreas Gryphius, Ade, verfluchtes Tränental (Frankfurt/M. 1650) Andreas Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Frankfurt/M. 1650) Gregorius Richter († 1633), Lasset ab von euren Tränen (Leipzig 1658) Besonders auffällig ist die Dominanz der Königsberger Dichter. Die Blütezeit dieser Texte liegt etwa zwischen 1635 und 1650. 15 Lieder allein von Simon Dach enthalten die beiden einschlägigen Rubriken, wobei nur Ich steh in Angst und Pein zur Rubrik der Gerichtslieder gehört: Simon Dach, Ach lasst uns Gott doch einig leben (1638) Simon Dach, Du, o getreue Mutter Erde (1645) Simon Dach, Du siehest, Mensch, wie fort und fort (Königsberg 1640) Simon Dach, Es vergeht mir alle Lust (Königsberg 1639) Simon Dach, Gleichwohl hab ich überwunden (Königsberg 1639) Simon Dach, Gott herrschet und hält bei uns Haus (Königsberg 1641) Simon Dach, Herr, es mangelt nicht an dir (1640) Simon Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Königsberg 1648) Simon Dach, Ich steh in Angst und Pein (Königsberg 1641) [GHHö] Simon Dach, Lass sterben, was bald sterben kann (1641) Simon Dach, Mein Abschied aus der bösen Welt (Königsberg 1636) Simon Dach, O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (Danzig 1635) Simon Dach, Raffet auch der Tod die greisen Haare (Königsberg 1640) Simon Dach, So gänzlich ist auf nichts allhier zu bauen (1643) Simon Dach, Was hat ein frommer Christ doch Not (Königsberg 1639) Dazu kommen ebenso viele Lieder aus dem Königsberger Umkreis von Simon Dach: Anon., Christo hat mein Leben sich nun ganz ergeben (Königsberg 1643) Andreas Adersbach, O der trüben Trauertage (Königsberg 1645) Heinrich Albert, Einen guten Kampf hab ich (Königsberg 1638) Heinrich Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Königsberg 1642) Heinrich Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Königsberg 1645)

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Georg Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Königsberg 1639) Robert Roberthin, Dass alle Menschen sterben müssen (Königsberg 1640) Robert Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Danzig 1638) St. Sass (?), Wie frei und selig seid ihr doch*132 Georg Weissel, Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr (Königsberg 1634) Georg Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Berlin 1648) Georg Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt (Königsberg 1650) Georg Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich (Danzig 1636) Georg Werner, Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht (Königsberg 1639) Christoph Wilkow, Wie ist der Mensch doch so betört (Königsberg 1640) Nicht ganz so zahlreich und meist in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg zu datieren sind die Lieder Berliner Herkunft. Ihr wichtigster Vertreter ist Paul Gerhardt, der mit folgenden Liedern vertreten ist: Paul Gerhardt, Du bist zwar mein und bleibest mein (Berlin 1650) Paul Gerhardt, Mein herzer Vater, weint Ihr noch (Berlin 1650) Paul Gerhardt, Die Zeit ist nunmehr nah (Berlin 1653) (GHHö) Paul Gerhardt, Nun sei getrost und unbetrübt (Wittenberg 1664) Paul Gerhardt, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, das soll (Berlin 1667) Paul Gerhardt, O Tod, o Tod, du greulichs Bild (Berlin 1667) Paul Gerhardt, Was trauerst du, mein Angesicht (Berlin 1667) Von den acht weiteren Liedern Berliner Ursprungs stammen sechs von Christoph Runge, dem Verleger der Praxis Pietatis Melica (zu ihr vgl. ab S. 80): Christoph Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Berlin 1647) Christoph Runge, Nun will auch ich abscheiden (Berlin 1664) Christoph Runge, Herr Jesu, weil ich itzo soll (Berlin 1664) Christoph Runge, Dein Wort gib rein in unser Herz (Berlin 1666)133 Christoph Runge, Ich will gar gerne sterben (Berlin 1671) Christoph Runge, Herr Christ, der jüngste Tag (Berlin 1672) (GHHö) Michael Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Berlin 1647)134 Joachim Pauli, So hab ich nun vollendet (Berlin 1664)

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Das „St. Sass“ zugeschriebene Lied (möglicherweise Stephan Saß, vgl. FT III S. 40) findet sich erst in der Ausgabe von 1702. Nach Bachmann, Geschichte, 274f stammt das Lied von Runge. Zuerst abgedruckt ist es in der Berliner Praxis Pietatis Melica von 1666, steht dort aber nicht unter den Sterbe- und Ewigkeitsliedern, sondern als letztes Lied am Ende des Buches (Nr. 641) nach der Litanei. Schirmers Namenskürzel M. M. S. steht auch bei dem Lied Nun hör auf, alles Leid, Klag und Sehnen*, einer Übersetzung von Iam moesta aus der Berliner Praxis Pietatis Melica von 1666, die dort aber mit dem unaufgelösten Kürzel M. M. R. – offenbar ein Übertragungsfehler. Bachmann, Geschichte, 320f hat den Beleg 1666 übersehen, nach seinen Angaben taucht das Lied erstmals in der Praxis Pietatis Melica von 1672 (16. Berliner Auflage) auf.

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Aus der unmittelbaren räumlichen Nähe zum Lüneburger Sternverlag ist Johann Rist derjenige Autor, der im Lüneburger Gesangbuch mit den meisten Sterbe- und Ewigkeitsliedern hervortritt; seine Werke waren ebenfalls im Sternverlag erschienen, auch die Himlischen Lieder (Lüneburg 1641/42) und der Neüen Himlischen Lieder Sonderbahres Buch (Lüneburg 1651), aus denen die meisten der hier verwendeten Lieder stammen (vgl. zu beiden auch S. 550–556). Eine Besonderheit von Rists Beitrag besteht in der Verteilung auf die beiden Rubriken – es sind nur drei Lieder ‚Vom Tod und Begräbnis‘, dafür aber fünf ‚Gerichts-, Himmels- und Höllen-Lieder‘: Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1641) [GHHö] Johann Rist, O Vater aller Gnaden, reich von Barmherzigkeit (Lüneburg 1651) Johann Rist, Erschrecklich ist es, dass man nicht (Lüneburg 1651) [GHHö] Johann Rist, Es nahet sich der letzte Tag (Lüneburg 1651) Johann Rist, Ich will für allen Dingen (Lüneburg 1651) [GHHö] Johann Rist, Kommt her, ihr Menschenkinder (Lüneburg 1651) [GHHö] Johann Rist, Lasst ab von Sünden alle (Lüneburg 1651) [GHHö] Johann Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Lüneburg 1654) Neben den Liedern Rists stammen die sechs auf S. 66 genannten von Gesenius/ Denicke aus dem Hannoverischen Gesangbuch (1646), die zwei von Herzog Anton Ulrich135 (vgl. S. 67) sowie einige weitere aus der Region ‚mittleres Norddeutschland‘ (einschließlich Holstein): Anon., Allenthalben, wo ich gehe (Braunschweig 1661) Franz Joachim Burmeister, Es ist genug, so nimm, Herr, meinen Geist (Sondershausen/Mühlhausen 1662) Gottfried Wilhelm Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Stralsund 1665) Justus Georg Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Frankfurt/M. 1666) Christoph Gensch, Je länger hier, je später dort (Plön 1675) Christian von Stöcken (?), Ihr Seufzer, ach haltet doch innen*136 Die fränkischen Lieder des 17. Jahrhunderts stammen fast alle aus dem Nürnberger Raum und aus der Zeit ab Ende des Dreißigjährigen Krieges. Zeitlich ist Johann Sauberts Ach wie sehnlich wart ich der Zeit früher anzusetzen; räumliche Ausnahmen bilden Jerusalem, du hochgebaute Stadt aus Johann Matthäus Meyfarts Tuba Novissima (Coburg 1626) und zwei weitere Lieder: 135 136

Die Lieder von Anton Ulrich stehen aber erst in der Ausgabe von 1702. Burmeister (1633–1672), gebürtiger Lüneburger, war dort ab 1670 Pfarrer (vgl. FT IV S. 436). Sacer (1635–1699) wirkte ab 1670 als Advokat in Braunschweig und Wolfenbüttel (vgl. FT IV S. 485). Schottelius (1612–1676) war Mitglied der Nürnberger Pegnitzschäfer, zugleich aber seit 1642 Gerichtsbeamter in Wolfenbüttel (vgl. FT V S. 38). Christoph Gensch Edler von Breitenau (1638–1732) war 1675 Hofrat des Herzogs von Holstein-Plön (vgl. FT IV S. 534). Christian von Stöcken (1633–1684) war ab 1666 Hofprediger in Eutin, ab 1674 Dr. theol., ab 1677 Propst zu Rendsburg (vgl. ADB 36, 284f; FT IV S. 454). Die Autorangabe „Christ. v. Stôck. D.“ in Lü-1695 (Lü-1702: „C. v. St. D.“) dürfte wohl auf ihn verweisen.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Johann Saubert d. Ä., Ach wie sehnlich wart ich der Zeit (Nürnberg 1623) Johann Matthäus Meyfart, Jerusalem, du hochgebaute Stadt (Coburg 1626) [GHHö] Michael Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Coburg 1654) Anon., Welt, ade, ich bin dein müde (Bayreuth 1668) Von den späteren Nürnberger Autoren zählen Harsdörffer, Birken, Omeis und Klaj zum Pegnesischen Blumenorden (vgl. S. 132; ebenso der bereits oben erwähnte Justus Georg Schottelius): Georg Philipp Harsdörffer, Wer denket an der Höllen Glut (Nürnberg 1648) [GHHö] Georg Philipp Harsdörffer, O Sündenmensch, bedenk den Tod (Nürnberg 1649) [GHHö] Johann Klaj, Ich hab ein guten Kampf gekämpft (Nürnberg 1651)137 Sigmund von Birken, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, ich red zu dir wie Simeon (Nürnberg 1663) Sigmund von Birken, Was soll dies zage Klagen sein* Magnus Daniel Omeis, Ich hab Bescheid, zu scheiden von der Welt (Nürnberg 1673) Magnus Daniel Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Nürnberg 1673)138 Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von anderen Liedern von Nürnberger Autoren, unter denen der den Pegnitzschäfern nahe stehende Pfarrer Johann Michael Dilherr139 und der Jurist Erasmus Finx (alias Francisci) die meist genannten sind. Johann Michael Dilherr, Gehab dich wohl, du schnöde Welt (Nürnberg 1646) Johann Michael Dilherr, Wenn ich nicht würd damit getröst (Nürnberg 1646) Johann Michael Dilherr, Ach wie lang muss ich mich schlagen (Nürnberg 1653) Johann Michael Dilherr, Erschrecken ich ja billig sollt (Nürnberg 1653) Johann Michael Dilherr, Was ich begehr, das kann ich nicht (Nürnberg 1653) Johann Michael Dilherr, Warum sollt ich bekümmert sein (Nürnberg 1677) Johann Jakob Rude, Ach wann soll es denn geschehen (Nürnberg 1648) Daniel Wülffer, O Ewigkeit, o Ewigkeit (Nürnberg 1648) Johann Christoph Arnschwanger, Zwei Ort, o Mensch, hast du für dir (Nürnberg 1659) Christoph Titius, Was ist unser Leben (Nürnberg 1663) 137 138

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Vgl. dazu S. 136 Anm. 350. Erst Lü-1702; Textanfang dort: „NUn ist es auß mit meinem leben“. Die beiden Lieder von Omeis stammen aus Der Geistlichen Erquickstunden […] Poetischer Andacht=Klang (Nürnberg 1673), in dem Nürnberger Dichter die Betrachtungen aus Heinrich Müllers Geistlichen Erquickstunden poetisch verarbeiten. Von sechs im Lüneburgischen Gesangbuch belegten Texten Dilherrs sind bei FT nur die zwei ersten enthalten (FT V 188.; 192.); Dilherr ist dort überhaupt nur lückenhaft berücksichtigt. Die drei nächsten Belege (Nürnberg 1653) beziehen sich auf Dilherrs Engelfreude (vgl. S. 132), der letzte auf das Nürnbergische Gesangbuch (vgl. S. 133).

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Erasmus Finx, Mir vergeht zu leben länger alle Lust (Nürnberg 1668) Erasmus Finx, Wie selig ist ein frommer Christ (Nürnberg 1668) Erasmus Finx, Ein Tröpflein von den Reben (Nürnberg 1668) Johann Saubert d.J., Nun, ihr abgelebte Glieder (Nürnberg 1676) Anon., Zu dir erheb ich meine Sinnen (Nürnberg 1680) Auch aus den sächsischen Gebieten verzeichnet das Lüneburgische Gesangbuch zahlreiche Sterbe- und Ewigkeitslieder aus der Zeit nach Kriegsende: Georg Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben (Hamburg 1652) Johann Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Leipzig 1652) Justus Sieber, Welt, packe dich, ich sehne mich (Dresden 1658) Ernst Christoph Homburg, Ach was ist unser Leben? (Jena 1659) Ernst Christoph Homburg, Herr Jesu Christ, mein Leben (Jena 1659) Ernst Christoph Homburg, Nun, mein Gott, ich bin’s zufrieden* Johann Rosenthal, Ach was ist doch unser Lebn (Altenburg 1659) Benjamin Prätorius, Sei getreu bis an das Ende (Leipzig 1659) Johann Olearius, Lobe, mein Herz, deinen Gott (Leipzig 1661) Johann Olearius, Gottlob, die Welt ich lasse (Leipzig 1671) Johann Olearius, Herr Jesu, mein Trost, Hilf und Rat (Leipzig 1671) Johann Olearius, Mein Lauf ist nun vollendet (Leipzig 1671)140 Jakob Ritter, Ich fahr und weiß gottlob wohin (Leipzig 1666) Jakob Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Leipzig 1666) Johann Niedling, Von Herzen ich mich freue (Naumburg 1668) Die Jahrgänge ab 1670 schließlich, die der Publikation des Lüneburgischen Gesangbuchs 1686 unmittelbar vorausgehen, sind naturgemäß weniger stark vertreten als jene, deren Liedproduktion sich schon über einige Jahre länger hatte verbreiten können. Doch auch aus den Siebziger und Achtziger Jahren haben schon zahlreiche Sterbe- und Ewigkeitslieder Aufnahme gefunden. Das jüngste dieser Lieder – Wer weiß, wie nahe mir mein Ende – ist erst in der Auflage von 1702 berücksichtigt. Zu dieser Gruppe gehören neben den schon zuvor Genannten: Ahasverus Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden (Jena 1670) Georg Sigismund Vorberg, Ist meine Wallfahrt nun vollbracht (Frankfurt/M. 1676) Johann Quirsfeld, Ihr Eltern, gute Nacht (Leipzig 1679) Jeremias Gerlach, Treuer Gott, lass den Tod mich nicht fällen (Nürnberg 1680) Ludämilie Elisabeth von Schwarzburg-Rudolstadt, Ach wer schon im Himmel wäre (Rudolstadt 1685) [GHHö] Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, O du dreieinger Gott (1682)

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Die drei letztgenannten Lieder Olearius’ stammen aus dessen Geistlicher Singekunst (Leipzig 1671).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (1688) Philipp Jacob Spener (?), So ist’s an dem, dass ich mit Freuden* Für einen Gesamtüberblick über den Anteil von Liedern aus den verschiedenen Zeitabschnitten am Gesamtbestand wurden auch solche Lieder berücksichtigt, die im Lüneburgischen Gesangbuch zwar mit einer Autorangabe versehen sind, für die aber (noch) kein externer Beleg ermittelt werden konnte; sie sind gekennzeichnet mit *. Da die Autorangaben sich als nicht ganz zuverlässig erwiesen haben, können die folgenden Zahlen nur als ungefähre Werte verstanden werden, die von den Größenordnungen aber doch einen Eindruck vermitteln können: Demnach stammen 32 Lieder aus der Zeit vor 1600, 15 aus der Zeit bis 1624 und 144 aus der Zeit ab 1625, wobei die Zeit vor und die nach 1650 etwa gleich stark berücksichtigt sind. Nicht zugeordnet werden konnten 53 Lieder, die vermutlich ebenfalls überwiegend jüngeren Datums sind. Johann Sterns Lüneburgisches Gesangbuch erweist sich damit als riesiges Kompendium vor allem der zeitgenössischen Gesangbuchliteratur. Zugleich ist es ein erstes und besonders umfangreiches Beispiel für ein Phänomen, das gegen Ende des 17. Jahrhunderts um sich greift und für das im Folgenden auch noch weitere Beispiele begegnen werden – ein Beispiel für die Sammelwut, mit der Lieder in Gesangbüchern angehäuft wurden und die den Benutzern eine kaum überschaubare Fülle bot. Dass das Gesangbuch dennoch verwendet wurde, zeigen handschriftliche Markierungen im Exemplar von 1702.141 e) Überblick über die Liedauswahl der ausgewerteten Stern-Gesangbücher Insgesamt umfasst die Liedauswahl der ausgewerteten Gesangbücher 285 Sterbe- und Ewigkeitslieder. Davon sind 35 ausschließlich in Lü-1625 zu finden, 177 ausschließlich im Lüneburgischen Gesangbuch (Lü-1695/-1702). Der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder an den Liedern insgesamt liegt zwischen 7,3% (Hannoverisches Gesangbuch 1660) und 12,5% (Bibel 1640), ohne dass eine steigende oder fallende Tendenz erkennbar wäre. Der Hauptakzent in der Liedauswahl verlagert sich deutlich zugunsten der Rezeption neuer Erbauungslieder vornehmlich von Autoren wie Dach, Heermann, Rist, Gerhardt, Dilherr, Runge u.a., während viele der 1625 schwerpunktmäßig vertretenen Lieder des 16. Jahrhunderts (Weisse, Selnecker, Herman) weggefallen sind. Eine thematische Verschiebung lässt sich in Art und Umfang der spezielleren Rubriken neben ‚Vom Tod und Sterben‘ erkennen: Lag der Schwerpunkt in Lü-1625 auf der Betrachtung des universalen Endes (‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘), so richtet sich das Interesse seit dem Hannoverischen Gesangbuch auf das individuelle Ergehen im Jenseits (‚Himmel‘, ‚Hölle‘). Parallel vollzieht sich der 141

Angekreuzt sind: O Herr Gott hilf, zu dir ich ruf (Zürich 1560); Lucas Backmeister, O Herr, gedenk in Todespein nicht meiner schweren Sünden (Rostock 1617); Johann Hermann Schein, Mein Gott und Herr, ach sei nicht ferr (Leipzig 1627); anon., Mein Lebensend hat sich zu mir gewendet*; anon., Nun hat mich auch gewähret mein allerliebster Gott*; anon., O du Leben meiner Seele, Jesu, Jesu, liebstes Licht*.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Wandel des im Titel erklärten Gebrauchs: War 1625 eine liturgische Herkunft und Verwendung der Lieder behauptet worden, so kommt mit dem Hannoverischen und in der Folge auch dem Cellischen Gesangbuch eine privaterbauliche Zielsetzung ins Spiel (Hauskirche). Gerade den neuen Liedern scheint vornehmlich ein derartiger Sitz im Leben zuzukommen. Spätere Auflagen fügen die liturgische Verwendung dann – unter Beibehaltung der neuen Lieder – zusätzlich wieder ein. Durchweg oder fast durchweg vertreten sind in den ausgewerteten Lüneburger Drucken folgende Sterbelieder und folgende Lieder vom Jüngsten Tag [J]: Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Wittenberg 1524) Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Erfurt 1524)142 Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Frankfurt/M. 1563) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587) Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589)143 Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Anon., Wacht auf, ihr Christen alle, wacht auf mit ganzem Fleiß (niederdt. Lübeck 1545) [J] Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) [J] Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) [J] Dass die Auswahl der häufigsten Lieder ihren Schwerpunkt so deutlich im 16. Jahrhundert hat, zeigt, wie fest im kirchlichen Leben etabliert einige der alten Lieder waren und wie nachhaltig sie die Frömmigkeit prägten.

3. Kurbrandenburg (am Beispiel Berlin) Im Kurbrandenburg des 17. Jahrhunderts nimmt Johann Crügers Gesangbuch Praxis Pietatis Melica für den lutherischen Bereich eine Art Monopolstellung ein. Als Vorstufe erschien 1640 Johann Crügers Newes vollkömliches Gesangbuch (a), die Praxis Pietatis Melica selbst (b) ab 1647. Allein in Berlin kamen bis 1736 45 Auflagen heraus; doch Crügers Gesangbuch wirkte auch weit darüber hinaus: Seit 1656 wurde es in Frankfurt/M. immer wieder nachgedruckt und stark rezipiert; Nachdrucke existieren auch aus Stettin.144 Die Zahl der Auflagen und Nachdrucke verweist auf die Beliebtheit und die ungewöhnliche Verbreitung dieses neuartigen Gesangbuchs, das mit jeder Auflage weiter anwuchs. In Berlin wurde es erst allmählich vom pietistischen 142

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Das Lied findet sich allerdings in der Hälfte der untersuchten Lüneburger Drucke unter den Buß- statt unter den Sterbeliedern. Im Hannoverischen und Cellischen Gesangbuch steht das Lied in der Abteilung ‚Vom menschlichen Elend‘, nicht unter den ‚Vier letzten Dingen‘. Das DKL verzeichnet sechzehn Frankfurter und drei Stettiner Auflagen (vgl. Bunners, Frömmigkeit, 10).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Gesangbuch Johann Porsts abgelöst (Erstausgaben 1708 und 1713). Ausgewertet wurden zwei Berliner Ausgaben (B-1666 und B-1703) und eine Ausgabe aus Frankfurt/M. (F-1666). Ein offizielles Gesangbuch gab es in Berlin und Kurbrandenburg nicht: Neben der lutherischen Mehrheit existierte seit der Konversion von Kurfürst Johann Sigismund 1613 auch eine reformierte Minderheit, deren oberste Repräsentanten die Angehörigen der kurfürstlichen Familie waren.145 Gleichsam als reformiertes Pendant zur Praxis Pietatis Melica brachte Johann Crüger bei Christoph Runge 1657/58 die Psalmodia Sacra heraus, die ebenfalls mehrfach aufgelegt wurde und die hier als (wenn auch konfessionsfremdes) Mitglied der Gesangbuchfamilie kurz gestreift werden soll (c). Ein letzter Blick gilt Peter Sohrens Musicalischem Vorschmack (Hamburg 1683), einem umfangreichen Gesangbuch in der Tradition der Frankfurter Drucke der Praxis Pietatis Melica (d). Ein gutes Beispiel für den weit reichenden Einfluss von Crügers Gesangbuch ist auch das Lüneburgische Gesangbuch (vgl. ab S. 67): Hier wurden fast alle Sterbe- und Ewigkeitslieder der Praxis Pietatis Melica übernommen.146 a) Johann Crügers Newes vollkömliches Gesangbuch (1640) Die Berliner Gesangbuchgeschichte beginnt erst spät: 1640 erscheint bei „Georg Rungens Witwe“ ein vom Nikolaikantor Johann Crüger herausgegebenes Newes vollkömliches Gesangbuch Augspurgischer Confession.147 Welche Gesangbücher in Berlin zuvor verwendet worden sind, ist schwer zu sagen.148 Dass die Lieder der lutherischen Reformation, besonders die Wittenberger Tradition, den Gemeindegesang auch in Berlin geprägt haben, ist anzunehmen. Außerdem ist ein hymnologischer Einfluss aus dem nahe gelegenen Frankfurt/O. denkbar, wo nicht nur das Eichornsche Gesangbuch, sondern auch die Werke des produktiven Liederdichters Bartholomäus Ringwaldt (um 1530–1599) erschienen. An Crügers Gesangbuch von 1640 fällt dreierlei auf: Es ist zunächst laut Titel für den kirchlichen Gebrauch in Berlin-Brandenburg bestimmt („Auff die in der Chur= vnd Marck Brandenburg Christliche Kirchen, Fürnemlich beyder Residentz Städte Berlin vnd Cölln gerichtet“); es enthält sowohl alte wie neue Gesänge („nicht 145

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Zum historischen Kontext des kurfürstlichen Konfessionswechsels und der reformierten Konfessionalisierung in Brandenburg vgl. Rudersdorf/Schindling, Kurbrandenburg, 52–62. Nur eines von 74 Sterbe- und Ewigkeitsliedern aus der Praxis Pietatis Melica von 1666 fehlt im Lüneburgischen Gesangbuch (Johann Heermanns Der Tod klopft itzund bei mir an). Acht sind in andere Rubriken gewechselt, etwa zu den Osterliedern (Peter Hagen, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob schon viel Feind), „Vom Creutz und Unglück“ (Simon Dach, Was soll ein Christ sich fressen) und vor allem „Vom heiligen Leben und Christlichem Wandel“ (Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig; Simon Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit; Martin Schalling, Herzlich lieb hab ich dich, o Herr u.a.). Nur auf den ersten Blick fehlt Johann Siegfrieds Ich hab mich Gott ergeben, dessen vier Strophen sich als Str. 3–6 unter dem Lied Herr Christ, wenn ich bedenke verbergen. Hier dargestellt aufgrund von Bachmann, Geschichte, 20–29; Vorrede zit. nach Bunners, Paul Gerhardt, 294. Vor 1640 verzeichnet die GBB lediglich ein Gebet- und Liederbuch von Andreas Mauritius um 1611 (Kurtze andechtige Gebet und Christliche Gesenge … umb abwendung der wolverdienten Pestilentzischen Strafruthen) und eine Lobwasser-Ausgabe bei Martin Guth (1623).

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allein […] Lieder, so bißhero in Christl: Kirchen bräuchlich gewesen: sondern auch viel schöne newe Trostgesänge“), von denen die „des vornehmen Theol: vnd Poeten Herrn Johan Heermans“ schon im Titel besonders hervorgehoben werden; und es ist durch Crüger musikalisch besonders anspruchsvoll und aufwendig ausgestattet: 137 Melodien sind zweistimmig mit Noten abgedruckt (Diskant und Bass); Alt- und Tenorstimmen, in gesonderten Heften erhältlich, vervollständigen jeweils die vierstimmigen Sätze. Was lässt sich aus diesen Beobachtungen für den Gottesdienst an der Nikolaikirche und für den Gebrauch des Werkes folgern? Die Unterscheidung von alten und neuen Liedern ist deutlich an unterschiedliche Funktionsbestimmungen gebunden: Die alten sind „bißhero in Christl: Kirchen bräuchlich gewesen“, während die neuen „Trostgesänge“ offenbar eine ganz andere Kategorie bilden. In der fromm an Jesus Christus selbst gerichteten Dedikation gibt Crüger an, die musikalische Gestaltung sei dazu gedacht, „fromme Liebhaber deines Namens zu mehrer devotion und Andacht damit anzumahnen und aufzumuntern“149. Anders als im Titel wird in der Vorrede nicht mehr so eindeutig gesagt, wo diese Andacht stattfinden solle. Einerseits wird hier die Kirche als Braut Christi angesprochen und dabei aufgefordert, wie die Taube in Hld 2,14 ihre Stimme zu erheben; die Aufforderung zur Andacht hat aber auch einen individuellen, persönlichen Charakter. Ein Bezug zum Landesherrn fehlt; gewidmet ist das Werk keinem Fürsten, sondern Jesus Christus. Die 248 Lieder sind in 29 Rubriken aufgeteilt, von denen die letzten beiden „Vom Tod und Sterben“ (20 Lieder) und „Vom jüngsten Tage und Auferstehung der Todten“ (7 Lieder) handeln; der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder beträgt 10,9%. Darunter sind auch Bartholomäus Ringwaldts Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577) und Bartholomäus Frölichs Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587); etwas jüngeren Datums sind Auf meinen lieben Gott (Lübeck 1603) und Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611). Erst fünfzehn Jahre alt ist Ich will still und geduldig sein von Johann Hermann Schein (Leipzig 1625). Besonders zu nennen sind die drei enthaltenen Sterbelieder von Johann Heermann, der insgesamt mit 35 Liedern vertreten ist: Johann Heermann, Ach Gott, ich muss in Traurigkeit (Breslau/Leipzig 1630) Johann Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (1632) Johann Heermann, Lasset ab, ihr meine Lieben (Breslau/Leipzig 1636) Ohne auf die reformatorische Überlieferung zu verzichten oder sie zu beschneiden, setzt Crüger gerade mit der ausgiebigen Berücksichtigung Heermanns schon zu Beginn der Berliner Gesangbuchgeschichte neue Akzente. b) Die Praxis Pietatis Melica Das Gesangbuch von 1640 stellt eine wichtige Vorstufe zur Praxis Pietatis Melica dar, die 1647 bei Christoph Runge zum ersten Mal erschien. Der Titel verweist aus149

Zit. nach Bunners, Paul Gerhardt, 294.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

drücklich auf beide Verwendungskontexte: Das Buch ist „zu Befoderung des so wohl Kirchen= als Privat=Gottesdienstes“ bestimmt. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die von Christian Bunners gesammelten Hinweise darauf, dass auch die neueren Lieder Eingang in den lutherischen Gottesdienst gefunden haben – jedenfalls unter den Berliner Kirchenmusikern Crüger und Ebeling.150 Dabei wurden die Lieder durchaus nicht nur vom Chor,151 sondern auch von der Gemeinde gesungen,152 so dass Paul Gerhardts Lieder schon zur Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Großen Kurfürsten sehr bekannt waren. Für die überregionale Wirkung von Crügers Gesangbuch ist der Gebrauch im „Hauß=Gottesdienst“ wohl aber noch bedeutender. Dass Crüger sein Buch auch für diesen Sitz im Leben konzipiert hat, geht nicht nur aus dem Titel hervor, sondern auch aus der Rubrizierung, die neue Prioritäten setzt: Die ‚Festlieder‘ zum Kirchenjahr bilden hier erst den zweiten Abschnitt. Ihnen voraus gehen Rubriken, die weniger eindeutig liturgisch zuzuordnen sind – Morgen- und Abendlieder sowie Lieder zu Buße und Rechtfertigung. B-1666. Für die Frage, welche Sterbe- und Ewigkeitslieder in der Praxis Pietatis Melica enthalten waren, soll hier zunächst die 12. Berliner Auflage herausgegriffen werden, die 1666, drei Jahre nach dem Tod Crügers, bei Christoph Runge erschien. Runge hatte das Buch „von seinem Auctore [Crüger] erblich erkauffet“ und das Privileg des reformierten Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum Nachdruck erhalten.153 Dem Kurfürsten ist diese Auflage auch zugeeignet. Durch die Wahl des Quart- statt des Oktavformats und durche die große Schrift sollte der Gebrauch in Haus und Kirche erleichtert werden.154 Auf einem Exemplar dieser Ausgabe basiert die nachfolgende Aufstellung, die zudem auch Bachmanns Auswertung weiterer Auflagen berücksichtigt.155 Insgesamt 641 Lieder in fünf Rubriken enthält die Ausgabe von 1666; angehängt sind 65 Epistellieder Opitz’ in der Vertonung von Jacob Hintze sowie ein Habermannsches Gebetbuch. Der fünfte und letzte Abschnitt „Sterbegesänge. Item / Von der Auferstehung der Toten“ enthält 74 Lieder (11,5%), davon 63 Sterbelieder und 11 „Vom Jüngsten Tage und Auferstehung der Todten“ [JA].156 32 Lieder sind mit Noten (Diskant und Bass) 150 151

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Vgl. Bunners, Frömmigkeit, 16–18; Bunners, Lieder, 161–163; Bunners, Gebrauch, 274–277. Mehrstimmige Chorsätze zu liturgischem Gebrauch brachte Crüger schon 1649 heraus, vgl. Bunners, Lieder, 162. In der Vorrede zur Ausgabe von 1656 äußert sich Crüger darüber, wie „die Gemeine in der kirchen zugleich mitsingen kann“ (zit. nach Bunners, Frömmigkeit, 18). Nach der Zueignungsschrift umfasst das Privileg nicht nur ein Verbot von Nachdrucken innerhalb des Kurfürstentums, sondern auch ein Einfuhrverbot für „anderswo [also in Frankfurt] gedruckte Exemplaria“ (B-1666, fol. A 4r). Die Neuauflage geschieht „in einem sothanen Format / und mit solcher Schrifft / dergleichen vor nie heraus kommen / daß es so ein fügliches Kirchenbuch / oder auch für alte Leute / und bey dem Hauß=Gottesdienste hätte sein können“ (B-1666, fol. A 4r). Bachmann verwendet neben der Berliner Auflage von 1666 auch eine Frankfurter von 1656 sowie weitere Berliner Auflagen von 1661 (10. Aufl.), 1664 (11. Aufl.), 1672 (16. Aufl.) und 1712 (35. Aufl.). Lieder, die in der nachfolgenden Aufstellung nicht weiter gekennzeichnet sind, finden sich laut Bachmann in allen von ihm verwendeten Auflagen; wo nicht, ist dies im Folgenden durch einen Zusatz vermerkt (z. B. „PPM ab 1664“); die Angaben stammen aus dem Liedverzeichnis bei Bachmann, Geschichte, 262–351. Daneben sind auch im vierten Teil („Christliches Lebens und Wandels / Wie auch Gemeiner Noth Lieder“) Lieder enthalten, die sich mit der menschlichen Vergänglichkeit beschäftigen – etwa J. Francks Du,

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abgedruckt, 42 Mal wird auf eine bekannte Melodie verwiesen. Das Niveau und die Sorgfalt der musikalischen Gestaltung, für die Crügers Name steht, knüpfen an das Gesangbuch von 1640 an. Bei vielen Liedern sind Verfasser angegeben, manchmal allerdings fehlerhaft.157 Der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder aus dem 17. Jahrhundert ist mit 43 Liedern deutlich größer als der der Lieder aus dem 16. Jahrhundert, die mit 29 Liedern aber ebenfalls gut vertreten sind.158 Nur zwei Lieder waren nicht zu datieren.159 Besonders hoch ist der Anteil der älteren Lieder unter denen vom Jüngsten Tag. Mit sechs von elf Nummern bilden sie mehr als die Hälfte: Michael Weisse, Es wird schier der letzte Tag herkommen (Jungbunzlau 1531) [JA] Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) [JA] Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) [JA] M. R. Müntzer, Ach Gott, tu dich erbarmen (Nürnberg 1550) [JA] Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) [JA] Jeremias Nicolai, Herr Christ, tu mir verleihen (Frankfurt/M. 1599) [JA] Drei Dichtungen von Johann Heermann, eine von Johann Rist und eine von Paul Gerhardt (zu ihnen s. u.) machen die Gesänge zum Jüngsten Tag komplett. Im Gegensatz zu ihnen stammt von den ‚Sterbeliedern‘ nur ein gutes Drittel (22) aus dem 16. Jahrhundert: Martin Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Wittenberg 1524) Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Erfurt 1524) Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) Ambrosius Blarer, Mag ich dem Tod nicht widerstahn (Nürnberg 1550)

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o schönes Weltgebäude (Berlin 1653) und Gerhardts Herr Gott, ich habe mir gar fest gesetzet für (Berlin 1647). Eine eigene Unterabteilung des vierten Teils bringt schließlich sieben Lieder „In Pestzeiten“. In der Gesamtauswahl wurden diese Belege nicht berücksichtigt. Dies ist in der folgenden Aufstellung nur dort eigens vermerkt, wo es auch bei Grützner, Jenseitsvorstellungen, zu fehlerhaften Angaben geführt hat. Das von Grützner, Jenseitsvorstellungen, 106 aufgrund ungenauer Datierungen festgestellte Verhältnis von 1:2 zwischen den Liedern aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert ist also zugunsten der Lieder aus dem 16. Jahrhundert zu korrigieren: Es liegt etwa bei 2:3. Die nachfolgende Aufstellung ergibt außerdem, dass auch Grützners Angabe nicht stimmt, die Lieder aus der ersten Hälfte des 16. seien ebenso stark vertreten wie die aus der zweiten (Jenseitsvorstellungen, 106) – nur 6 von 29 sind vor 1550 entstanden. Grützners Vorgehen ist insofern nicht transparent, als sie für ihre Einteilung der Lieder zwar Datierungen benutzt, diese aber nicht benennt – wie sie auch die Quellen, aus denen sie ihre Angaben bezieht, nur pauschal angibt. In ihrem Liedverzeichnis (Jenseitsvorstellungen, 110f) landen letztlich nur diejenigen Lieder, die sie für Produkte des 17. Jahrhunderts hält, wobei sich hier sowohl Fehler als auch Lücken eingeschlichen haben, vgl. die folgenden Anmerkungen. Wie ein gejagtes Hirschelein (Nr. 594; nach Psalm 42; laut Bachmann, Geschichte, 347 bereits in der ihm vorliegenden Ausgabe von 1656 enthalten); Nun hör auf, alles Leid, Klag und Sehnen* (Nr. 619; mit der Autorangabe M.M.R. und der Überschrift „Der deutsche Prudentius“; nach dem lateinischen Iam moesta quiesce querela).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Valentin Triller, O Mensch, bedenk zu jeder Frist (Breslau 1555) (PPM ab 1661)160 Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) Anon., Hört auf mit Trauren und Klagen (Frankfurt/O. 1561) Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Frankfurt/M. 1563) Johann Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) Nicolaus Selnecker, Allein nach dir, Herr Jesu Christ, verlanget mich (Basel 1568) Martin Schalling, Herzlich lieb hab ich dich, o Herr (Nürnberg 1571)161 Ludwig Helmbold, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich schon (1575) Bartholomäus Ringwaldt, Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Frankfurt/O. 1586) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Frankfurt/O. 1588) Caspar Bienemann, Herr, wie du willt, so schick’s mit mir (Altenburg 1582) Bartholomäus Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587) Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589)162 Anon., Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen (Görlitz 1593) Anon., O Jesu, Gottes Lämmelein (Görlitz 1593)163 Nur wenige Jahre nach 1600 sind folgende Lieder entstanden: Anon., Auf meinen lieben Gott (Lübeck 1603)164 Martin Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Wittenberg 1610) Martin Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Wittenberg 1611) (PPM ab 1664) Martin Behm, Ich armer Erdenkloß (Wittenberg 1611) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Von den Dichtern des 17. Jahrhunderts sind auch hier wieder besonders die Königsberger um Simon Dach mit insgesamt 15 Sterbeliedern vertreten. Folgende Lieder stammen aus Dachs Feder: 160

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Bei Grützner, Jenseitsvorstellungen, 110 – wohl aufgrund der Initialen D.H. – dem Dichter David Elias Heidenreich (1638–1688) zugeschrieben (vgl. FT IV S. 361) und damit ca. ein Jahrhundert zu spät datiert (vgl. W IV 121.). Bei Grützner, Jenseitsvorstellungen, 110 fälschlich Johann Weißenborn zugeschrieben, wohl aufgrund der Autorangabe „Joh. Weiß“ im Gesangbuch; widersprüchlich sind Grützners doppelte Angaben zu Weißenborns Lebenszeit (einmal †1700 [S. 110], einmal 2. Hälfte 16. Jahrhundert [S. 111 Anm. 9]). Mit „Joh. Weiß“ ist aber wohl eher Michael Weisse gemeint, dessen Vorname schon in Luthers Vorrede zum Babstschen Gesangbuch falsch angegeben ist (vgl. S. 38 Anm. 33). Zur Autorschaft Martin Schallings vgl. W IV 1174. Von Grützner, Jenseitsvorstellungen, 111 Anm. 9 offenbar Johann Pappus zugeschrieben, ein in den barocken Gesangbüchern fast durchweg anzutreffender Irrtum; zur Autorschaft Leons vgl. W IV 712. Bei Bachmann, Geschichte, 329 irrtümlich Georg Weissel zugeschrieben. Das Gesangbuch gibt „Mart. Müller“ [Moller] als Autor an (übernommen bei Grützner, Jenseitsvorstellungen, 111 Anm. 9). In der Tat stammt das Lied aus Mollers Manuale de praeparatione ad mortem (Görlitz 1593), seine Autorschaft gilt Wackernagel jedoch nicht als gesichert (W V 458.). Von Grützner, Jenseitsvorstellungen, 111 Anm. 9 im Anschluss an Bachmann, Geschichte, 271 u.a. Sigismund Weingärtner zugeschrieben. Die Autorschaft gilt heute aber als nicht gesichert, vgl. EG 345.

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O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (Danzig 1635) Mein Abschied aus der bösen Welt (Königsberg 1636) Was soll ein Christ sich fressen (Danzig 1639; PPM ab 1661) Gleichwohl hab ich überwunden (Königsberg 1639; PPM ab 1661) Du siehest, Mensch, wie fort und fort (Königsberg 1640) Du, Gott, bist außer aller Zeit (Königsberg 1641) Gott herrschet und hält bei uns Haus (Königsberg 1641) Acht weitere Sterbelieder kommen ebenfalls von Königsberger Verfassern: Georg Weissel, Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr (Königsberg 1634) Georg Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Berlin 1648) Georg Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich von hinnen (Danzig 1636) Georg Werner, Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht (Königsberg 1639) Robert Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Danzig 1638)165 Heinrich Albert, Einen guten Kampf hab ich (Königsberg 1638) Peter Hagen, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob schon (Königsberg 1643) (PPM ab 1661) Christoph Wilkow, Wie ist der Mensch doch so betört (Königsberg 1640) Wie Simon Dach ist auch der Schlesier Johann Heermann, dessen Bedeutung schon im Titel des Gesangbuchs von 1640 gerühmt wurde, mit sieben Sterbe- und Ewigkeitsliedern vertreten; drei von ihnen finden sich unter den Liedern vom Jüngsten Tag und der Auferstehung [JA]: Johann Heermann, Ach Gott, ich muss in Traurigkeit (Leipzig/Breslau 1630) Johann Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (1632) Johann Heermann, Höret, o ihr Kinder Gottes, höret (Leipzig/Breslau 1636) [JA] Johann Heermann, Lasset ab, ihr meine Lieben (Leipzig/Breslau 1636) Johann Heermann, Wenn des Menschen Sohn wird wiederkommen (Leipzig 1636) [JA] Johann Heermann, Der Tod klopft itzund bei mir an (Berlin 1661 = PPM ab 1661) Johann Heermann, Wollt ihr euch nun, o ihr fromme Christen* [JA] Dazu kommt als weiterer Schlesier wieder Martin Opitz mit Das blinde Volk der Heiden (Leipzig 1628), allerdings nur in den Ausgaben 1661–1672. Nur sechs Lieder sind dagegen von Berliner Autoren enthalten, darunter nur eines von Paul Gerhardt, der sonst in B-1666 gut vertreten ist; dieses eine ist kein Sterbelied, sondern eines vom Jüngsten Tag. Christoph Runge, der die Praxis Pietatis

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Bei Grützner, Jenseitsvorstellungen, 110 aufgrund der (falschen) Autorangabe im Gesangbuch irrtümlich Simon Dach zugeschrieben; vgl. aber FT III 54.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Melica auch gedruckt hat, hat dagegen immerhin drei Lieder beigesteuert, ohne sie allerdings namentlich zu kennzeichen. Michael Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Berlin 1647 = PPM ab 1647) Paul Gerhardt, Die Zeit ist nunmehr nah (Berlin 1653 = PPM ab 1653) [JA] Christoph Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Berlin 1647 = PPM ab 1647) Christoph Runge, Herr Jesu, weil ich itzo soll (Berlin 1664 = PPM ab 1664) Christoph Runge, Nun will auch ich abscheiden (Berlin 1664 = PPM ab 1664) Joachim Pauli, So hab ich nun vollendet (Berlin 1664 = PPM ab 1664) Ebenfalls nur sechs Lieder ab 1620 stammen aus Sachsen: Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Anon., Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, lass mich (Freiberg 1620)166 Johann Siegfried, Ich hab mich Gott ergeben (Altenburg 1625) Johann Hermann Schein, Ich will still und geduldig sein (1625) Johann Hermann Schein, Mein Gott und Herr, ach sei nicht ferr (Leipzig 1627) Anon., In Christi Wunden schlaf ich ein (Leipzig 1638) Dazu kommen schließlich vier weitere Lieder aus dem 16. Jahrhundert: Lucas Backmeister, O Herr, gedenk in Todespein167 (Rostock 1617) Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1641) [JA] Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) (PPM ab 1661) Johann Michael Dilherr, Was ich begehr, das kann ich nicht (Nürnberg 1653) (PPM ab 1664) Simon Dach und Johann Heermann sind in dieser Ausgabe also die meistberücksichtigten Dichter aus dem 17. Jahrhundert. F-1666. Im selben Jahr 1666 erschien auch in Frankfurt/M. bei Balthasar Christoph Wust eine Ausgabe von Crügers Gesangbuch, die dritte der in Frankfurt gedruckten, die nicht nur mit Crügers Sätzen, sondern auch mit 21 feinen Kupferstichen ausgestattet ist. Ausgehend von dem Psalmvers „Singet dem Herrn ein neues Lied“ hebt der Verleger Wust in seiner Dedikation an den Frankfurter Bürgermeister und Rat die Bedeutung gerade der neuen Lieder hervor – und zwar nicht nur in der Hausandacht, sondern auch in der Kirche: Also klingets auch in der Kirchen und zu haus sehr wol / wenn man neue / geistliche Lobgesänge Gott dem HErrn zur Dancksagung anstimmet / besonders / so wir eine neue wolthat von ihm erhalten haben.168

166 167 168

Zur irrtümlichen Zuschreibung dieses Liedes an Ringwaldt (auch in B-1666) vgl. S. 70 Anm. 130. Vgl. zu dieser Autorzuschreibung Koch III, 135. F-1666, Dedikation fol. † 3r.

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Die nachfolgende Vorrede ist am 5. September 1666 in Frankfurt datiert und mit „Sämtliche Evang. Prediger daselbst“ unterzeichnet. Sie gibt Aufschluss über die umfassende Bedeutung, die dem frommen Gesang in jeder Situation des täglichen Lebens beigemessen wurde. Mit der Veröffentlichung seines Gesangbuches habe Crüger Sorge getragen, dass den Christenmenschen in allen Ständen / hoch und niedrig / reich und arm / zu allen zeiten / an Fest=Sonn=Feyer=und Wercktägen / morgens / mittags und abends / an allen orten / in der Stadt / auff dem Lande / in der Studierstuben / in dem Gewölbe und Kram / in der Werckstatt / auff der Reise / auff dem Acker / in dem Garten / und wo eines jeden beruff hingehet / ja in allen fällen / zum lernen / beten / zur klag und trost / zum leben und sterben möge gedienet werden.169

Daneben verrät die Vorrede etwas über die theologische Aufsicht, der die Ausgabe unterlag: Wan[n] nu mit diesem Gesangbuch anders nichts / dann allein Gottes ehr und der Christl. Kirchen wolfahrt / gesucht wird / auch vorige beyde editiones wir vermercket nicht wenig nutzen geschafft zu haben; hingegen fleissigen Seelenwächtern obligt / ihre anbefohlene Pfarrkinder anzumahnen / daß sie nicht allein die hohe wolthaten Gottes im wort anhören / sondern auch in den geistlichen Psalmen und Liedern dieselbige rühmen und preisen: Als haben wir solches hiermit auch bey dieser dritten edition, zu welcher viele neue Gesänge über die vorige hinzu gethan worden / verrichten / und zugleich notificiren und andeuten wollen / daß wir in unserm Collegio, in durchsehung dieser Gesäng / Psalmen und Lieder / nichts anders befunden / als was dem H. wort Gottes / der ungeänderten und in Anno 1530. übergebenen Augspurg. Confession gemäß / auch zu anstellung eines gottseligen lebens und wandels sehr dienlich ist.170

Die Sammlung war vom Pfarrkollegium durchgesehen, auf Konfessionstreue und ‚Lebenstauglichkeit‘ geprüft und für gut befunden worden. Zudem sind die vorigen Auflagen anscheinend schon rege gebraucht worden. Mit 96 von 731 Liedern (13,1%, davon 80 ‚Sterbelieder‘ und 16 ‚Von der Auferstehung der Toten‘ [A]) liegen sowohl die Zahl als auch der Anteil der Sterbeund Ewigkeitslieder in F-1666 höher als in B-1666. Aus der Berliner fehlen in der Frankfurter Ausgabe nur zwei Lieder;171 dafür kommen 23 hinzu. Die Redaktion der Ergänzungen hat recht klare Schwerpunkte. Vor allem Lieder aus dem Nürnberger Bereich wurden hier verstärkt berücksichtigt (9 Lieder): Anon., Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563) Johann Saubert d. Ä., Ach wie sehnlich wart ich der Zeit (Nürnberg 1623) Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Nürnberg 1631) Johann Michael Dilherr, Gehab dich wohl, du schnöde Welt (Nürnberg 1646) 169 170 171

F-1666, Vorrede fol. † 8r. F-1666, Vorrede fol. † 8v. Anon., Nun hör auf, alles Leid, Klag und Sehnen*; Christoph Runge, Herr Jesu, weil ich itzo soll (Berlin 1664).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Johann Michael Dilherr, Wenn ich nicht würd damit getröst (Nürnberg 1646) Johann Michael Dilherr, Ach wie lang muss ich mich schlagen (Nürnberg 1653) Johann Michael Dilherr, Erschrecken ich ja billig sollt (Nürnberg 1653) Johann Jakob Rude, Ach wann soll es denn geschehen (Nürnberg 1648) Sigmund von Birken, Was soll dies zage Klagen sein* Daneben sind einige Lieder von Dichtern aus Norddeutschland dazugekommen, unter denen die drei Höllenlieder von Rist besonders hervorstechen: Johann Rist, Erschrecklich ist es, dass man nicht (Lüneburg 1651) [A] Johann Rist, Ich will für allen Dingen (Lüneburg 1651) [A] Johann Rist, Kommt her, ihr Menschenkinder (Lüneburg 1651) [A] Johann Rist, Nun, Welt, du musst zurücke stehn (Lüneburg 1651) Michael Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Frankfurt/O. 1658) Justus Georg Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Frankfurt/M. 1666) Schottelius, Prinzenerzieher und Verwaltungsbeamter in Wolfenbüttel, hat als Mitglied der Pegnitzschäfer ebenfalls Verbindung nach Nürnberg; von ihm wurden auch in der Rubrik der Pestlieder mehrere Gesänge ergänzt (vgl. den Exkurs S. 278–288). Die übrigen Ergänzungen in der Frankfurter Praxis Pietatis Melica von 1666 sind diese: Philipp Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Frankfurt/M. 1599) Philipp Nicolai, Wachet auf, ruft uns die Stimme (Frankfurt/M. 1599) (A) Anon., Hie lieg ich armes Würmelein und schlaf (Frankfurt/O. 1607) Anon., Christus der ist mein Leben (Jena 1609) Valerius Herberger, Valet will ich dir geben (Leipzig 1614) Ludwig von Hörnigk, Mein Wallfahrt ich vollendet hab (Frankfurt/M. 1633) Gottfried Finckelthauß, Wie lange soll es währen (Leipzig 1638) Gregorius Richter, Lasset ab von euren Tränen (Leipzig 1658) B-1703. Im Verlauf der weiteren Auflagen auch in Berlin wurden nur selten Lieder ausgeschieden; dafür kamen immer neue hinzu, so dass jede Auflage umfangreicher als die vorige. Mit der 23. Auflage 1688 überschritt der Umfang die Marke von 1000 Liedern. Dahinter stand auch ein wirtschaftliches Interesse: Wenn das Berliner Gesangbuch die Lieder auswärtiger Gesangbücher einfach übernahm, war damit die Konkurrenz von außerhalb ausgeschaltet.172 In ähnlicher Weise bedienten sich andere, z. B. das Lüneburgische Gesangbuch, bei der Praxis Pietatis Melica.173 Zunächst liefen die Ergänzungen noch nach Rubriken geordnet ab – wohl bis zur Ausgabe 1679, der letzten, die noch von Christoph Runge selber verantwortet und deren Vorrede in den späteren Auflagen immer wieder abgedruckt wurde. Danach 172 173

Vgl. Bachmann, Geschichte, 107. Vgl. S. 78 Anm. 146.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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wurden die hinzukommenden Lieder jeweils in einem unsortierten Anhang gesammelt, der mit jeder Ausgabe wuchs. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder lassen sich daher nicht mehr klar abgrenzen. In der 30. Berliner Auflage von 1703 kommen zu 98 Sterbe- und Ewigkeitsliedern in den entsprechenden Rubriken ca. zwölf weitere ohne Rubrik im Anhang (unten gekennzeichnet durch [a]). Bei 1194 Liedern insgesamt ist ihre Quote deutlich gesunken (9,2%). Paul Gerhardt ist mittlerweile besser vertreten; alle 120 Lieder der Geistlichen Andachten (Berlin 1667) wurden nach und nach in die Praxis Pietatis Melica aufgenommen, einige schon 1672, andere später. 1703 finden sich bei den Sterbeliedern: Paul Gerhardt, Du bist zwar mein und bleibest mein (Berlin 1650) Paul Gerhardt, Mein herzer Vater, weint Ihr noch (Berlin 1650) Paul Gerhardt, Nun sei getrost und unbetrübt (Wittenberg 1664) (PPM ab 1672) Paul Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Berlin 1667) (PPM ab 1672) Paul Gerhardt, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, das soll (Berlin 1667) Paul Gerhardt, O Tod, o Tod, du greulichs Bild (Berlin 1667) (PPM ab 1672) Dazu kommen Ergänzungen aus Thüringen und Sachsen, aus Königsberg, verschiedenen Regionen Norddeutschlands, aus Franken und zwei nicht zuzuordnende: Johann Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Leipzig 1652) Michael Hunold, Nichts betrübter ist auf Erden (Dresden 1652) [a] Ernst Christoph Homburg, Herr Jesu Christ, mein Leben (Jena 1659) Ahasverus Fritsch, Hast du denn, Jesu, dein Angesicht gänzlich verborgen (Jena 1668) [a] Ahasverus Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden (Jena 1670) Johann Olearius, Herr Jesu, mein Trost, Hilf und Rat (Leipzig 1671) Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (1688) [a] Simon Dach, Es vergeht mir alle Lust (Königsberg 1639) Simon Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Königsberg 1648) Georg Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Königsberg 1639) [a] Johann Rist, O Vater aller Gnaden, reich von Barmherzigkeit (Lüneburg 1651) Heinrich Müller, Ade, du süße Welt (Rostock 1659) Gottfried Wilhelm Sacer, So hab ich obgesieget (Stralsund 1665) [a] Georg Philipp Harsdörffer, O Sündenmensch, bedenk den Tod (Nürnberg 1649) [JA] Sigmund von Birken, Sag, was ist diese Welt? (Nürnberg 1656) [a] Anon., Welt, ade, ich bin dein müde (Bayreuth 1668) [a] Michael Franck, Kein Stündlein geht dahin (Schleusingen 1688) [a] Anon., Es ist gewiss ein große Gnad* [a] Anon., Auf, meine Seel, dein End ist hier* [a]174 174

Die beiden übrigen der mitgezählten zwölf Lieder aus dem Anhang sind: Ph. Nicolai, Wachet auf, ruft uns die Stimme; Ph. Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (beide Frankfurt/M. 1599).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Außerdem enthalten ist das auch im Lüneburgischen Gesangbuch überlieferte Sterbelied: Philipp Jacob Spener (?), So ist’s an dem, dass ich mit Freuden* c) Reformierte Gesangbücher aus dem Umkreis der Praxis Pietatis Melica Parallel zu Crügers lutherischen Gesangbüchern erschienen in Berlin auch reformierte, ebenfalls bei Christoph Runge: Die Geistlichen Lieder und Psalmen von 1653,175 der brandenburgischen Kurfürstin Luise Henriette gewidmet, enthielten unter 375 Nummern 48 Sterbe- und Ewigkeitslieder (12,8%). Die Sterbelieder aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts sind hier schon stark vertreten. Freu dich sehr, o meine Seele fehlt ebenso wenig wie Lieder von Schirmer und Gerhardt, von Opitz und Rist, von Dach, Albert und Wilkow. Das Gesangbuch besitzt eine ähnliche Struktur wie die Praxis Pietatis Melica (vgl. S. 79), beginnt also ebenfalls mit den Liedern zur Haus-, nicht zur Kirchenandacht und trägt damit dem Bedürfnis der frommen Fürstin Rechnung. B-1658. Als reformiertes Gesangbuch für Berlin fungierte dann die 1657/58 bei Runge erscheinende und mehrfach wieder aufgelegte Psalmodia Sacra, die wie die Praxis Pietatis Melica von Crüger herausgegeben und mit Vokal- und Instrumentalsätzen versehen war.176 Der Haupttitel datiert von 1658. Unerlässlich für ein reformiertes Gesangbuch ist als erster Teil der Lobwassersche Psalter; als zweiter Teil folgen D. M. Luthers wie auch anderer gottseligen und Christlichen Leute Geistliche Lieder und Psalmen, deren Zwischentitel mit 1657 datiert ist und die für die Untersuchung ausgewertet wurden. Sie enthalten 319 Lieder (hier in der kirchlich ausgerichteten Abfolge, beginnend mit den Festliedern), davon 47 Sterbe- und Ewigkeitslieder (14,7%), unter denen wiederum 35 „Sterbens Lieder“ und zwölf „Vom jüngsten Tage und Aufferstehung zum ewigen Leben“ zu finden sind. Der Heidelberger Katechismus schließt das Buch ab. Kaum eines der hier erscheinenden Sterbe- und Ewigkeitslieder findet sich nicht auch in der Praxis Pietatis Melica von 1666. Anders als in Crügers Gesangbuch von 1653 ist auch Heermann mit Sterbeliedern vertreten, die Königsberger Lieder sind seit 1653 um solche von Werner und Weissel ergänzt; Dach fehlt auffälligerweise. Das Lied Jesus, meine Zuversicht, erstmals im Gesangbuch von 1653 belegt, steht hier unter den Gesängen vom Jüngsten Tag. Dort steht auch ein altes Lied der Böhmischen Brüder, die insgesamt auffällig stark berücksichtigt sind, Johannes Geletzkys Ei nun seht, all ihr Christenleut (1566), für das unter den ausgewerteten lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts keine Belege zu finden waren. Insgesamt ist der Liedbestand der dem Buch beigefügten Tabelle 1 zu entnehmen.

175 176

Vgl. Bachmann, Geschichte, 30–45. Das einzige bekannte Exemplar ist laut GBB verloren. Vgl. Bachmann, Geschichte, 63–86. Weitere Auflagen demnach 1676, 1700, 1704.

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d) Peter Sohrens Musicalischer Vorschmack (Hamburg 1683) H-1683. Als letztes, wieder dezidiert lutherisches Beispiel für ein Gesangbuch aus dem Umkreis der Praxis Pietatis Melica sei hier Peter Sohrens Musicalischer Vorschmack Der Jauchtzenden Seelen im ewigen Leben genannt, der 1683 in Hamburg bei Hinrich Völcker erschien (gedruckt in Ratzeburg bei Niclas Nissen). Der sprechende Titel wird im Buch zwar nirgends expliziert, macht aber den eschatologischen Horizont von Sohrens Verständnis des geistlichen Gesangs deutlich: In Musik und Gesang erfährt die Seele einen „Vorschmack“ des ewigen Lebens. Letztlich handelt es sich um einen Abkömmling der Frankfurter Ausgaben der Praxis Pietatis Melica bei Balthasar Christoph Wust. Sohren, Kantor und Organist in den preußischen Städten Elbing und Dirschau,177 hatte eine dieser Ausgaben 1668 unter dem Titel Johann Crügers […] Neu zugerichtete Praxis Pietatis Melica herausgegeben und sie dabei grundlegend überarbeitet: Sie war nicht nur beträchtlich auf 888 Lieder erweitert, sondern enthielt unter 354 Melodien mit beziffertem Bass auch über 200 von Sohren selbst. Damit hatte er das Buch letztlich zu einem eigenen Werk gemacht. Dass Crügers Name zunächst trotzdem im Titel stehen blieb, sorgte für Missverständnisse und Kritik: Sohren – so der Vorwurf – habe sich als „eines andern Vermehrer seiner Arbeit“ betätigt und damit aus Crügers Arbeit Kapital geschlagen; dass auch sein eigener Name auf dem Titelblatt stand, wurde ihm ebenfalls vorgehalten, denn schließlich sei das Gesangbuch ja Crügers Werk.178 1683 zieht Sohren aus den Querelen die Konsequenz: Er bringt das nochmals stark erweiterte Werk in Hamburg heraus, also an anderem Ort,179 unter neuem Titel – und nur noch unter eigenem Namen.180 Er schließt die Vorrede mit einem trotzig-polemischen Gedicht „An den mißgünstigen Tadeler“. Der Gebrauch des Buches wird im Titel „Allen Christlichen Hertzen“ empfohlen, „in Freud und Traurigkeit / in der Kirchen und zu Hause / sich damit auffzurichten“. Dass Sohren tatsächlich auch an kirchlichen Gebrauch gedacht hat, zeigen die weni177

178

179

180

Im Titel der beiden Werke von 1668 und 1683 wird Elbing als Wirkungsort angegeben, im Titel des 1683 angehängten Gebetbuchs Dirschau; vgl. auch die Angaben bei FT III, S. 142 und bei Popinigis, MGG-Art. Sohren. Sohren verteidigt sich: „[…] denn ich mein Lebetag des Sinnes nicht gewesen / eines andern | Vermehrer seiner Arbeit zu seyn / zudem / da es zum andernmahl herauskommen / ungeachtet es vorigem gleich / mit meinem Nahmen im Titel=Blad unterleget / so nennet man es doch nicht meine / sondern Krügeri Arbeit […]“ (H-1683, Vorrede fol. a 6r|v). „Wolte mich aber jemand hierinnen einer unrechtmässigen That beschuldigen / daß ich dieses an einem anderen Orth und nicht wo voriges im Verlag gegeben / dem sey unverhalten / daß ich vielfältige Uhrsachen dazu habe“ (H-1683, Vorrede fol. a 6r). Wie es zu der Veröffentlichung gerade in Hamburg kommt, ist unklar; die Widmungsvorrede des Verlegers legt nahe, dass der Druck von der Hansestadt gefördert wurde. Die Hamburger Gesangbuchgeschichte des 17. Jahrhunderts ist aufgrund der vielen verlorenen Quellen besonders schwer bzw. nur lückenhaft zu rekonstruieren (vgl. Schade, Zu Gottes Lob, 103–106.152f). Sohrens Buch taucht bei Schade allerdings nicht auf. „Nun es mag jenes in GOttes Nahmen Krügers=Gesang=Buch bleiben / ich wil mich so fern dessen nicht mehr annehmen; Dieses aber soll Sohrens seyn“ (H-1683, Vorrede fol. a 6v). Vgl. auch Bachmann, Geschichte, 61f. Sohrens Name taucht freilich in den bei Balthasar Christoph Wust gedruckten Frankfurter Ausgaben der Praxis Pietatis Melica weiterhin auf, z. B. 1676, 1680, 1700 (vgl. Bachmann, Geschichte, 62f; FT III, S. 142).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

gen Seiten „Versicul und Collecten […] in der Christlichen Kirchen zu gebrauchen“; dagegen weisen die Liedauswahl, in der die neuen Lieder bei weitem überwiegen (s. u.), und das umfangreiche Gebetbuch, für das Sohren Texte vielerlei Ursprungs zusammengetragen hat,181 auf eine schwerpunktmäßige Rezeption in der häuslichen Andacht hin. Zur Meditation leiten Kupferstiche „mit 32. Schrifftmässigen Sinnen=Bildern“ an; mehrere Register (nach Gliederung, nach Sonntagen und nach Liedanfang) erschließen das umfangreiche Material. In der Vorrede weist Sohren darauf hin, dass er das Buch auch in musikalischer Hinsicht (die Lieder sind „mit Discant und Bass überzeichnet“) nochmals überarbeitet und deutlich verbessert hat, seien doch in der ersten Ausgabe „die Melodien so gar tunckel“182 gewesen. Das Werk enthält nun 1117 Lieder,183 davon die hohe Zahl von 170 zu Sterben, Tod und Ewigkeit (15,2%). Genauer sind es: XIV. Vom Tod und Sterben und Begräbniß 41. Vom Tod und Sterben [TS] 42. Vom Begräbniß [B] XV. Vom Jüngsten=Tag / Aufferstehung / Höllen= und Himmels=Lieder / Auch vom ewigen Freuden=Leben 43. Vom Jüngsten Tag und Auferstehung [JA] 44. Von der Höllen [Hö] 45. Von dem Himmel und der ewigen Freude [HE‘] Anhang (ohne Rubrik) [a]

125 Lieder 98 Lieder 27 Lieder 41 Lieder

11,2%

15 Lieder 9 Lieder 17 Lieder 4 Lieder

0,4%

insgesamt

170 Lieder

15,2%

3,7%

Mehr als ein Drittel der Lieder (66 von 170) ist mit Noten versehen. 26 dieser Sätze sind mit P.S. unterschrieben, stammen also von Sohren. 18 Sätze sind nicht namentlich gekennzeichnet; daneben gibt es zehn von Heinrich Scheidemann (bei Liedern von Johann Rist184), fünf von Nicolaus Hassenius (bei Liedern von Heinrich Müller), drei von Johann Schop und zwei von Heinrich Albert. Bei jeweils einem Satz sind 181

182 183

184

Unter den angegebenen Autoren der Gebete sind Johann Arndt, Georg Rost, D. G. Zaeman, Sigismund Schererz, J. Eichorn, J. Embdenius, B. Faber, Caspar Melissander [Bienemann], Augustinus, J. Minsinger, Martin Moller, Dionysius, P. Sohren („Tägliches Gebet eines Christlichen Schul=Lehrers“). H-1683, Vorrede fol. a 6r. Die Rubrizierung unterscheidet sich von der der Praxis Pietatis Melica in der Abfolge der Themen, aber auch in der Gesamtaufteilung: I. (1.–14.) „Fest- und Feyer=Lieder“; II. (15.–20.) „Catechißmuß=Lieder“; III. (21.–26.) „Vom Gebeth in aller Noth“; IV. (27.) „Lob und Danck=Lieder“; V. (28.) „Von der Schrifft“; VI. (29.) „Von dem Wort GOTTES und der Christlichen Kirchen“; VII. (30.) „Rechtfertigung“; VIII. (31.) „Vom Christlichen Leben und Wandel“; IX. (32.) „Vom Creutz, Verfolgung und Anfechtung“; X. (33.) „Trost frommer Christen“; XI. (34.) „Die Psalmen Davids“; XII. (35.–38.) „Morgen=Mittag=Abend=und Sonntags=Lieder“; XIII. (39.–40.) „Die Tisch=Lieder“; XIV. (41.–42.) „Vom Tod und Sterben und Begräbniß“; XV. (43.–45.) „Vom Jüngsten=Tag / Aufferstehung / Höllen- und Himmels-Lieder / Auch vom ewigen Freuden-Leben“; XVI. (46.) „Reise=Lieder“; Anhang. Der Hamburger Organist Heinrich Scheidemann (1595–1663) war mit Johann Rist befreundet und hat zu Rists Texten insgesamt 34 Melodien geschrieben, vgl. Dirksen, MGG-Art. Scheidemann. Zwei weitere Rist-Vertonungen in H-1683 stammen vom Hamburger Ratsmusiker Johann Schop, eine vom Breslauer Organisten Tobias Zeutschner.

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Johann Stobaeus,185 Tobias Zeutschner und „Waldenser“ als Ursprung angegeben. Johann Crüger fehlt – entsprechend Sohrens Vorrede – ganz, jedenfalls in den ausgewerteten Rubriken. Fast alle Sterbe- und Ewigkeitslieder aus der Berliner Praxis Pietatis Melica von 1666 stehen auch in Sohrens Werk.186 Freilich sind viele dazu gekommen; die Zahl hat sich mehr als verdoppelt. Die nachfolgende Übersicht verzeichnet die Zusätze gegenüber der Referenzausgabe B-1666. Einige wurden zwar bereits bei F-1666 und B-1703 genannt; insgesamt erweitert Sohren das Spektrum aber nochmals beträchtlich. Neu gegenüber B-1666 sind bei Sohren etwa folgende Lieder des 16. Jahrhunderts: Anon., Wacht auf, ihr Christen alle, wacht auf mit ganzem Fleiß (niederdt. Lübeck 1545) Johann Walter, Herzlich tut mich erfreuen (Wittenberg 1552) Nicolaus Herman, Mit Todesgdanken geh ich um (Wittenberg 1562) Nicolaus Selnecker, Was tun wir doch, wir arme Leut? (Nürnberg 1564) Nicolaus Selnecker, Herr Jesu Christ, in deine Händ (Leipzig 1578) Georg Berckenmayr, O Herr, bis du mein Zuversicht (Straßburg 1568)187 Auch einige wenige Lieder vom Anfang des 17. Jahrhunderts hat Sohren hinzugefügt: Anon., Hier lieg ich armes Würmelein und ruh (Hof 1608) Anon., Christus wird mich nicht lassen (Hamburg 1612) Johannes Timäus, Wenn mein Gesundheit leidet Not (Leipzig 1614) Signifikant sind vor allem die Zuwächse aus dem späteren 17. Jahrhundert. Sohren bringt Lieder bevorzugt aus seiner Heimat Preußen und aus dem westlicheren norddeutschen Raum, wo er sein Gesangbuch drucken lässt. Von Johann Rist etwa nimmt er unter die Sterbe- und Ewigkeitsliedern diese 13 Gesänge auf (in B-1666 war es nur einer – O Ewigkeit, du Donnerwort –, in F-1666 bereits vier weitere, vgl. S. 86): Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1642) [Hö] Johann Rist, O Gottes Stadt, o himmlisch Licht (Lüneburg 1642) [HE‘] 185

186

187

Wie sein Schüler Heinrich Albert war Stobaeus (1604–1651) Musiker in Königsberg; wie Albert war auch er mit dem Königsberger Dichter Simon Dach verbunden, dessen Werke beide vertonten. Sechs Sterbe- und Ewigkeitslieder sind in andere Rubriken gewandert (anon., Auf meinen lieben Gott; Schalling, Herzlich lieb hab ich dich, o Herr; Helmbold, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich; Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht; Dach, Was soll ein Christ sich fressen; Hagen, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob schon), sechs fehlen ganz. Die Berliner Ausgabe, auf die Sohrens Vorlage zurückgeht, dürfte vor 1664 erschienen sein: Unter den sechs sind drei Lieder, die 1664 zum ersten Mal in der Berliner Praxis Pietatis Melica auftauchen: Pauli, So hab ich nun vollendet; Runge, Herr Jesu, weil ich itzo soll; Runge, Nun will auch ich abscheiden. Die übrigen drei Vermissten sind: Schein, Mein Gott und Herr, ach sei nicht ferr; anon., Nun hör auf, alles Leid, Klag und Sehnen*; anon., Wie ein gejagtes Hirschelein. Ein weiteres Lied wurde durch eine stark abweichende Variante ersetzt: Statt Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, lass mich doch nicht verderben (vgl. S. 70 Anm. 130) heißt es nun Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, dein Zittern, Zagen, Angst und Not (Nr. 1016; eine Variante des Liedes von Leon, vgl. W IV 678.). In H-1683 wird dieses Lied Paul Eber zugeschrieben und beginnt Ach Herr (statt O Herr).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Johann Rist, Erschrecklich ist es, dass man nicht (Lüneburg 1651) [Hö] Johann Rist, Frischauf und lasst uns singen (Lüneburg 1651) [HE‘] Johann Rist, Ich will für allen Dingen (Lüneburg 1651) [Hö] Johann Rist, Kommt her, ihr Menschenkinder (Lüneburg 1651) [Hö] Johann Rist, Lasst ab von Sünden alle (Lüneburg 1651) [JA] Johann Rist, Nun, Welt, du musst zurücke stehn (Lüneburg 1651) [HE‘] Johann Rist, O Blindheit, bin ich denn der Welt (Lüneburg 1651) [HE‘] Johann Rist, Wie magst du dich so kränken (Lüneburg 1651) [HE‘] Johann Rist, Ach Gott, wann kommt die liebe Zeit (Lüneburg 1651) [HE‘] Johann Rist, Muss dir, o Mensch, die schnöde Welt (Lüneburg 1651) [Hö] Johann Rist, So sei nun wohl zufrieden (Lüneburg 1651) [HE‘] Alle Rist-Lieder sind mit einem Notendruck versehen.188 Bei der Rubrizierung fällt auf, dass sich kein einziges der Ristschen Lieder in der viel umfangreicheren Abteilung XIV. („Vom Tod und Sterben und Begräbniß“) findet, sondern alle in Abschnitt XV., der Auferstehung, Hölle sowie Himmel und ewige Freude behandelt. Dagegen stehen die sechs Lieder des ebenfalls aus Norddeutschland stammenden Gottfried Wilhelm Sacer sämtlich im Abschnitt XIV.: Gottfried Wilhelm Sacer, Bis hieher ist mein Lauf vollbracht (Stralsund 1665) Gottfried Wilhelm Sacer, Dich, mein Gott, will ich nun erhöhn (Stralsund 1665) Gottfried Wilhelm Sacer, Freunde, stellt das Weinen ein (Stralsund 1665) [B] Gottfried Wilhelm Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Stralsund 1665) Gottfried Wilhelm Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Stralsund 1665) Gottfried Wilhelm Sacer, So hab ich obgesieget (Stralsund 1665) [B] Auf das Hannoverische Gesangbuch (vgl. S. 66) gehen folgende Lieder zurück: Justus Gesenius/David Denicke (?), Es sind die Zeichen nunmehr da (Hannover 1646) Justus Gesenius/David Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Hannover 1646)189 Justus Gesenius/David Denicke, O Vater, Sohn und Heilger Geist (Hannover 1646) Justus Gesenius/David Denicke, Wie lieblich sind daroben (Braunschweig/Lüneburg 1652) Von den weiteren Autoren aus Norddeutschland ist der Rostocker Lucas Backmeister noch einer älteren Generation zuzurechnen.190 Mit Heinrich Müller – ebenfalls Rostock – hat aber auch ein jüngerer Vertreter Eingang gefunden hat, wobei die 188 189 190

Zu den Komponisten vgl. Anm. 184. Sohrens Autorangabe lautet: „L. B.“ (vgl. Anm. 190). Nach Koch III, 135 geht das Lied O Herr, gedenk in Todespein, bei Sohren mit „L. B.“ bezeichnet, auf den Rostocker Autor Backmeister zurück. Dieselbe Autorangabe setzt Sohren auch zu den Liedern O Gott,

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ihm zugeschriebenen Gesänge z. T. auch auf Johann Scheffler zurückgehen (s. u.). Müllers Lieder – drei davon stammen aus dessen Geistlicher SeelenMusik (Rostock 1659) – hat Sohren fast alle dem ‚Himmel und der ewigen Freude‘ zugeordnet und dazu Sätze von Nicolaus Hassenius abgedruckt.191 Lucas Backmeister, O Herr, gedenk in Todespein (Rostock 1617) Anon., Allenthalben, wo ich gehe (Braunschweig 1661) Heinrich Müller, Lebt jemand so wie ich (Frankfurt/[O.?] o.J.) [HE‘] Heinrich Müller, Ich lauf dir nach mit stetem Ach (Rostock 1659) [HE‘] Heinrich Müller, Ich wall auf Erden hin und her (Rostock 1659) Heinrich Müller, Jesu, wie süß ist deine Liebe (Rostock 1659) [HE‘] Wie schon im Lüneburgischen Gesangbuch, so ist auch in Sohrens Musikalischem Vorschmack der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder aus Königsberg bzw. Preußen besonders groß: Bei einer deutlich geringeren Gesamtzahl von Liedern enthält Sohrens Buch sogar noch mehr Sterbe- und Ewigkeitslieder aus seiner Heimatregion. Dabei unterscheidet sich die Auswahl deutlich von der des Lüneburgischen Gesangbuchs, gerade was die Lieder Dachs betrifft. Fast alle der Lieder kommen unter ‚Vom Tod und Sterben‘, wenige unter ‚Begräbnis‘ und eines unter ‚Hölle‘: Peter Hagen, Ich schlaf in meinem Kämmerlein (Königsberg 1617) [B] Peter Hagen, Mein Leben sich hie endet (Königsberg 1650) [B] Robert Roberthin, Wer sein Wesen überlegt (Königsberg 1637) Simon Dach, Wer weiß Bescheid, der Sterblichkeit (Danzig 1638) Simon Dach, Es vergeht mir alle Lust (Königsberg 1639) Simon Dach, O wer doch überwunden hätte (Königsberg 1639) Simon Dach, Was hat ein frommer Christ doch Not (Königsberg 1639) Simon Dach, Die große Nichtigkeit (Königsberg 1640) Simon Dach, Herr, du tust, was dir gefällt (Königsberg 1640) Simon Dach, Was willst du armes Leben (Königsberg 1640) Simon Dach, Ich steh in Angst und Pein (Königsberg 1641) Simon Dach, Nimm mich weg, Gott, für dem Jammer (Königsberg 1642) [B] Simon Dach, Was stehn und weinen wir zuhauf (Königsberg 1647) Simon Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Königsberg 1648) Simon Dach, Ich bin bei Gott in Gnaden (Königsberg 1651) Simon Dach, Wer wird nach diesem Leben (Königsberg 1652) Simon Dach, Entschlag dich aller Ding auf Erden (1665) Simon Dach, In dieser meiner letzten Not (1653) Simon Dach, O eitle Welt, o kurze Zeit (1657) [B]

191

wenn ich bei mir betracht (nach FT II 392. von Gesenius/Denicke, s. o.) und O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* (in Lüneburger Gesangbüchern ohne Autorangabe). Nicolaus Hasse oder Hassenius (1605–1670) war Organist an der Rostocker Marienkirche und steuerte zu Müllers Geistlicher SeelenMusik (Rostock 1659) zahlreiche Generalbasslieder bei, u.a. zu Texten von Heinrich Müller und Johann Scheffler. Vgl. Bellotti, MGG-Art. Hasse.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Simon Dach, Wenn Gott von allem Bösen in dieser Lebensnot (1675) Georg Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Königsberg 1639) Valentin Thilo, Herr, unser Gott, wenn ich betracht (Danzig 1639) Heinrich Albert, O wie mögen wir doch unser Leben (Königsberg 1640) Heinrich Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Königsberg 1645) Anon., Christo hat mein Leben sich nun ganz ergeben (Königsberg 1643) Georg Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt (Königsberg 1650) Georg Weissel (?), Wenn meiner Seelen bange wird*192 Wenn man dazu noch die aus der Praxis Pietatis Melica übernommenen Lieder rechnet, so ergibt sich die beträchtliche Anzahl von 41 Liedern aus Preußen – das entspricht etwa 25% der 166 Sterbe- und Ewigkeitslieder. Davon wiederum stammt mehr als die Hälfte von Dach (23 Lieder). Die Reihe der von Sohren neu aufgenommenen Lieder aus dem sächsisch-thüringischen Raum beginnt mit denen aus Clauders Psalmodia nova (Altenburg 1627/1631); dann folgen Lieder aus den fünfziger und sechziger Jahren: Michael Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Altenburg 1627) [B] Zachäus Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Altenburg 1627) Anon., Groß Freud in meinem Herzen (Altenburg 1631) [B] Johann Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Leipzig 1652) [a] Michael Hunold, Nichts betrübter ist auf Erden (Dresden 1652) [a] Johann Rosenthal, Ach was ist doch unser Lebn (Altenburg 1659) [B] Johann Olearius, Lobe, mein Herz, deinen Gott (Leipzig 1661) [HE’] Ahasverus Fritsch, Hast du denn, Jesu, dein Angesicht gänzlich verborgen [Jena 1668] Ernst Christoph Homburg, Nun, mein Gott, ich bin’s zufrieden* [A] Von Nürnberger Autoren hat Sohren sechs, von schlesischen fünf aufgenommen; darunter sind prominente Namen: aus Nürnberg Dilherr, Harsdörffer und Birken, aus Schlesien Heermann und nun auch Scheffler (Angelus Silesius). Johann Michael Dilherr, Wann ich nicht würd damit getröst (Nürnberg 1646) Johann Michael Dilherr, Ach wie lang muss ich mich schlagen (Nürnberg 1653) Johann Michael Dilherr, Erschrecken ich ja billig sollt (Nürnberg 1653) Georg Philipp Harsdörffer, Wer denket an der Höllen Glut (Nürnberg 1648) [Hö] Johann Jakob Rude (Rüde), Ach wann soll es denn geschehen (Nürnberg 1648) Sigmund von Birken, Was soll dies zage Klagen sein* [B] Johann Heermann, Wach auf, o Mensch, o Mensch, wach auf (Breslau/Leipzig 1630) [Hö] Johann Heermann, Lasset Klag und Trauren fahren* 192

Dass mit der Abkürzung „G. W.“ nicht Georg Werner, sondern Georg Weissel gemeint sein dürfte, ergibt sich aus den Angaben zu diesem Lied in anderen Gesangbüchern, z. B. L-1673.

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Johann Scheffler, Liebster Bräutgam, denkst du nicht (Breslau 1657)193 Johann Scheffler, Nun will ich mich scheiden von allen Dingen (Breslau 1657) [HE’] Heinrich Held, Hör, mein herzliebes Seelichen*194 Dazu kommen Gregorius Richter, Lasset ab von euren Tränen (Leipzig 1658) und das anonyme Welt, ade, ich bin dein müde (Bayreuth 1668). Von Sohren selbst stammen vier der von ihm hinzugefügten Sterbe- und Ewigkeitslieder: Peter Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben (Frankfurt/M. 1676)195 Peter Sohren, Auf, auf, mein Herz, zu Gott dich lenk Peter Sohren, Ich gehe, sitze, was ich tu, so ruft mir diese Stimme zu Peter Sohren, Nun ade, du Weltgetümmel, ich verlach all deine Freud Schließlich gibt es auch in diesem Gesangbuch eine größere Zahl (18) von nicht näher gekennzeichneten Liedern, zu denen sich keine weiteren Informationen ermitteln ließen. Der Anteil der Lieder aus dem 16. Jahrhundert ist von immerhin noch etwa 40% in B-1666 auf unter 20% in H-1683 gesunken. Es wird zwar kaum auf die älteren Stücke verzichtet, dafür kommen aber immer größere Mengen an neuem Material hinzu. Diese Tendenz lässt sich zusammenfassend auch für die anderen untersuchten Gesangbücher aus dem Umkreis der Praxis Pietatis Melica festhalten. Schon 1640 spielen die neueren Lieder eine wichtige Rolle, die von Crüger eigens hervorgehoben wird. Das betrifft zunächst Johann Heermann; nach und nach kommen viele weitere Autoren hinzu, unter denen Dach, Dilherr, Rist sowie bei Sohren Müller und Sacer die meistgenannten sind. Paul Gerhardts Sterbe- und Ewigkeitslieder tauchen ebenfalls auf, aber erst in den späteren Auflagen der Praxis Pietatis Melica. Mit der zweistimmigen Schreibweise in Diskant- und Bassstimme setzt Crüger auch musikalisch Maßstäbe und prägt so eine für die neueren Lieder typische musikalische Form. Was die Verwendung der Gesangbücher betrifft, so weisen Titel, Vorreden und z. T. auch Rubrizierung auf die häusliche Andacht hin. Besonders Crüger setzt sich aber – wie Bunners gezeigt hat – zugleich dafür ein, dass auch die zahlreich vertretenen neueren Lieder im Gottesdienst gesungen werden, und gibt entsprechend als Verwendung seines Gesangbuches die „Beförderung beydes des Kirchen= als Hauß=Gottesdienstes“ an. In der frühen liturgischen Einbindung der neuen Lieder nimmt Crügers Berliner Praxis eine Sonder- und Vorreiterrolle ein. Doch auch in der Frankfurter Ausgabe und bei Sohren gibt es Hinweise darauf, dass neben der privaten auch an eine kirchliche Verwendung gedacht ist.

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Die beiden Lieder Schefflers schreibt Sohren Heinrich Müller zu, ebenso ein weiteres Lied Schefflers in der Rubrik ‚Vom Christlichen Leben und Wandel‘: °Fahr hin, du schnöde Welt mit deinem Gut und Geld (Breslau 1657). Die Autorangabe stimmt mit L-1673 überein (vgl. S. 122). Der bei FT III 180. genannte Beleg stammt aus der Frankfurter Ausgabe der Praxis Pietatis Melica von 1676. Ein weiterer Beleg (ohne Rubrizierung) ist der Anhang von S-1688 (vgl. S. 49).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Insgesamt umfasst die Auswahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder in den untersuchten Ausgaben aus dem Umkreis der Berliner Praxis Pietatis Melica ca. 220 Lieder (ohne Pestlieder). Auf der Liste der in allen fünf untersuchten Gesangbüchern belegten Lieder aus dem 16. Jahrhundert stehen u.a. Mit Fried und Freud; Mitten wir im Leben sind; Nun lasst uns den Leib begraben; Wenn mein Stündlein vorhanden ist usw., sowie vom Jüngsten Tag: Es wird schier der letzte Tag; Ihr lieben Christen, freut euch nun; Gott hat das Evangelium; Es ist gewisslich an der Zeit usw. Dazu kommen Lieder von Frölich, Leon, Selnecker, Bienemann, drei von Ringwaldt u. a. Von den durchweg belegten Liedern aus dem 17. Jahrhundert sind die ältesten: Martin Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Wittenberg 1610) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Von den Liedern der Berliner Autoren sind am häufigsten: Michael Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Berlin 1647) Paul Gerhardt, Die Zeit ist nunmehr nah (Berlin 1653) [JA] Die Königsberger Dichter sind mit fünf Liedern in allen fünf Gesangbüchern vertreten: Georg Weissel, Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr (Königsberg 1634) Georg Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich (Danzig 1636) Georg Werner, Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht (Königsberg 1639) Heinrich Albert, Einen guten Kampf hab ich (Königsberg 1638) Robert Roberthin, Des Lebens kurze Zeit ist voller Herzeleid (Danzig 1638) Von Johann Rist findet sich durchgängig O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1642), von Martin Opitz Das blinde Volk der Heiden (Leipzig 1628). Johann Heermann schließlich kommt mit zwei Sterbeliedern und zwei Liedern vom Jüngsten Tag [JA] in allen fünf Werken vor: Johann Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (1632) Johann Heermann, Höret, o ihr Kinder Gottes, höret (Leipzig/Breslau 1636) [JA] Johann Heermann, Lasset ab, ihr meine Lieben (Leipzig/Breslau 1636) Johann Heermann, Wenn des Menschen Sohn wird wiederkommen (Leipzig 1636) [JA]

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4. Kursachsen (am Beispiel Leipzig und Dresden) Aus der kursächsischen Gesangbuchgeschichte sollen schwerpunktmäßig Drucke aus der Buch196- und Musikstadt Leipzig und ergänzend aus der Residenzstadt Dresden herangezogen werden. Zunächst (a) werden einige ältere Leipziger Gesangbücher (1605, 1616, 1627, 1638) gesichtet, anschließend (b) die Leipziger Kantionalien von Schein 1627/1645 sowie von Vopelius 1682; ein ergänzender Blick über Kursachsen hinaus gilt dem räumlich nahe gelegenen Cantionale Sacrum (Gotha 1648), in dem die Begräbnisgesänge eine besonders prominente Rolle spielen. Schließlich (c) folgen einige mit dem Dresdner Hof in Verbindung stehende Gesangbücher (1608, 1625, 1656, 1676/78 sowie ausführlich der Leipziger Vorrath von 1673). a) Leipziger Gesangbücher aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts Die Gesangbuch-Tradition der Druck- und Verlagsstadt Leipzig reicht bis in die Anfänge der Geschichte der lutherischen Gesangbücher zurück. 1539 waren hier zunächst die Geistlichen Lieder bei Valten Schumann erschienen, 1545 gefolgt vom Babstschen Gesangbuch (vgl. S. 36), das in Leipzig bis 1580 vorherrschte.197 Aus demselben Jahr stammt auch eine kurfürstliche Bestimmung, die ganz ähnlich wie zwei Jahre später das württembergische Gesangbuch eine klare lutherisch-orthodoxe Linie im gottesdienstlichen Liedgesang vorschreibt.198 Erst dann greift der Drucker Johann Beyer die Tradition des Eichornschen Gesangbuchs „nach ordnung der Jarzeit“ aus Frankfurt/O. auf (vgl. S. 39). Die ersten erhaltenen Leipziger Drucke stammen aus den Jahren 1580, 1582 und 1583. Die Ausgaben von 1580 und 1583 stimmen in der Zahl der Liedtexte recht genau mit den zehn Jahre älteren Frankfurter Ausgaben überein (167/ 169 Texte statt 172 bei Eichorn 1568); Beyer hat aber zahlreiche Melodien hinzugefügt (82 statt 63 Melodien bei Eichorn 1568). Die Ausgabe von 1582 sieht etwas anders aus: Sie enthält keine Melodien, dafür aber mit 228 deutlich mehr Liedtexte. 1593 wurde sie geringfügig erweitert (234 Liedtexte) und in dieser Fassung 1605 unverändert wieder aufgelegt.199 L-1605. Ein Exemplar dieser unter dem Titel Geistliche Lieder und Psalmen / Durch D. Martinum Lutherum bei Abraham Lamberg erschienenen Auflage lag mir vor. Es beginnt mit der auf S. 40 bereits zitierten Vorrede von Eichorn. Die Eichornsche Rubrizierung ist nicht nur am Ende um Wiegen- und Reiselieder ergänzt, sondern auch um eine spezielle Kategorie von Sterbeliedern: „Von Pestilentz vnnd Sterbens leufften“. Hier finden sich – neben vier teils längeren Gebeten – zwei Lieder: Sebald Heyden, Wer in dem Schutz des Höchsten ist (Nürnberg 1544) nach Ps 91 und Caspar 196 197 198

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Reske, Buchdrucker, 527–546 nennt allein für das 17. Jahrhundert über 60 Buchdrucker in Leipzig. Vgl. Reckziegel, Cantional, 64. Aus den sächsischen Generalartikeln vom 1. Januar 1580, zit. nach Dibelius, Geschichte, 241: „Damit das Volk im Singen nicht irre gemacht werde, sollen die Custodes keine andere denn D. Luthers Gesänge, und die er ihm gefallen lassen, in der Kirchen singen, damit sie dieselbigen wohl lernen und eins das andre desto leichter lehren könne.“ Nach Graff, Auflösung, 255 (vgl. Scheitler, Lied, 86) wurde noch 1624 durch ein Synodaldekret die Zahl der im Gottesdienst zu singenden Gemeindelieder auf 32 beschränkt. Vgl. Reckziegel, Cantional, 40; zu den vorangegangenen Angaben ebd. 22f, 35–37 und 64–67.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Stolzhagius, Ach treuer Gott, Herr Jesu Christ (Leipzig 1582).200 Dazu kommen drei in der Auswertung berücksichtigte Rubriken mit 23 Sterbe- und Ewigkeitsliedern (9,8% von 234 Liedern), deren Titel von Eichorn deutlich abweichen: acht Lieder „Vom Tode vnd Sterben“, neun „Vom Begräbnüß der verstorbenen / vnd von der Aufferstehung“ und sechs „Vom Jüngsten Gericht vnd ewigen Leben“. Gebete schließen die Abschnitte jeweils ab. Einige Lieder seien genannt: Das erzählende Ich stund an einem Morgen*, in dem ein junger Mann vom Tod aufgefordert wird mitzukommen, findet sich in Leipzig auch später noch oft unter den Sterbeliedern, während sich das Begräbnislied Gott schuf Adam aus Staub und Erd von Johann Mathesius (Nürnberg 1559) nicht mehr lange halten kann. Zum lateinischen Iam moesta quiesce querela des Prudentius sind gleich zwei Übersetzungen abgedruckt: Hört auf, alles Leid, Klag und Sehnen und Hört auf zu trauren und klagen. Zum Jüngsten Gericht ist u.a. das eher seltene Weil in der argen bösen Welt von Nicolaus Herman (Wittenberg 1560) enthalten. L-1616. Ein weiterer Druck vom Beginn des 17. Jahrhunderts trägt den Titel Geistliche Lieder vnd Psalmen / D. Martini Lutheri (1616 bei Henning Große d. Ä.). Der ausführliche Titel, aber auch der Inhalt zeigen, dass es sich um eine spätere Ausgabe der 1589 von Zacharias Berwaldt gedruckten und ebenfalls bei Henning Große erschienenen Geistlichen Lieder Doct. Martini Lutheri handelt, in denen die Eichornsche Tradition mit der Babstschen zusammengeführt wird.201 Weitere Auflagen dieses Gesangbuchs stammen aus den Jahren 1592, 1602 und 1607.202 Im Titel wird ausdrücklich auf den liturgischen Gebrauch Bezug genommen.203 Charakteristisch sind der Anhang der lateinischen Cantica sacra veteris ecclesiae selecta204 und die gegenüber Eichorn geänderte Aufteilung: Sie umfasst sechs große Abschnitte, von denen die Sterbe- und Ewigkeitslieder den letzten bilden.205 Voraus gehen Fest-, Katechismus-, Psalmlieder, im vierten Abschnitt Lieder zur christlichen Kirche, zur Buße und zum christlichen Leben, im fünften Morgen-, Abend- und Tischlieder. Der Ursprung dieser Sechser-Aufteilung liegt in Straßburg, genauer in jenem Gesangbuch, das 1569 unter dem Titel Psalmen / geystliche Lieder vnd Gesänge bei Theodosius Riehel erschienen war.206 Das Schema desselben Gesangbuchs liegt Rößler

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Neben dem Beleg aus den Geistlichen Liedern und Psalmen (Leipzig 1582) mit der Autorangabe Stolzhagius (vgl. W V 51.) nennt Wackernagel eine frühe, aber anonyme Fassung dieses Liedes (Magdeburg 1585; vgl. W III 1146.). Vgl. Reckziegel, Cantional, 38f.66. Vgl. Reckziegel, Cantional, 39f.67. Die Ausgabe von 1616 kennt Reckziegel offenbar nicht. „Wie die auff einen jeden Sontag / vnd fürnembste Fest / durchs gantze Jahr vber / in der Christlichen Kirchen ordentlich gebraucht werden“ (ebenso das bei Reckziegel, Cantional, 38f genannte Gesangbuch von Zacharias Berwaldt, Leipzig 1589). Darin enthalten sind biblische Gesänge (Psalmen), Symbola sowie Introiten und Responsorien, teilweise auch Antiphonen, Hymnen, Sequenzen usw. durch das gesamte Kirchenjahr hindurch, einschließlich der Heiligenfeste; es folgen lateinische Kollekten („Orationes ecclesiasticae“) für alle einzelnen Sonntage. L-1616, 237: „Der sechste Theil / darinnen die Klag vnd Trost Gesenge / Item / vom Todt / Sterben / Begräbniß vnnd Jüngsten Tage begrieffen.“ Vgl. Reckziegel, Cantional, 26.59.

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zufolge auch den fünf Abteilungen des Württembergischen Gesangbuchs von 1583 zugrunde (vgl. S. 42). Das Buch von 1616 ist nicht besonders sorgfältig gedruckt: Die Nummerierung der Lieder ist fehlerhaft, die feinere Rubrizierung innerhalb der sechs großen Abschnitte uneinheitlich (meist nur in den Kopfzeilen angegeben). Von den Liedern werden nur die Texte wiedergegeben. Das Buch enthält 28 Sterbe- und Ewigkeitslieder unter 216 Liedern insgesamt (12,9%), davon eines „Vom reichen Man und armen Lazaro“, 18 „Klag vnd Todtgesenge“, fünf207 „Vom Begrebniß“ und vier „Vom Jüngsten Tage“. Die Liedauswahl unterscheidet sich deutlich von L-1605. Auf die Babstsche Tradition verweist der biblische Erzählgesang zur Geschichte vom armen Lazarus (Es war einmal ein reicher Mann), der im 6. Teil prominent an erster Stelle steht. Aus Michael Weisses Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 stammt Aus tiefer Not lasst uns zu Gott (bei Weisse unter den Bußliedern). Etwas neuer sind: Joachim Magdeburg, Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut (Erfurt 1572)208 Anon., Zu dir, Herr Christe, setz ich all mein Vertrauen (Leipzig 1602) Cornelius Becker, Lasset die Kindlein kommen (1605) Anon., Wenn dich Unglück tut greifen an (Jena 1609) In der Begräbnis-Rubrik steht auch Ecce quomodo moritur iustus nach dem lateinischen Text von Jes 57,1 und Ps 75,3 (Vulgata-Zählung)209; einen etwas anderen Zuschnitt hat der Text desselben Gesanges bei Babst: Jes 57,1f und Ps 16,15 (Ps 17,15). L-1627a. 1627 erschienen die von Gregorius Ritzsch gedruckten Geistlichen Lieder / So von dem Hocherlauchten Manne […] Luthero, die sowohl in der Anlage (34 Rubriken) als auch im Liedbestand deutlich erweitert sind. Unter 407210 Liedern sind 43 Sterbe- und Ewigkeitslieder (10,6%), davon drei mit Melodie; dazu kommen noch 10 Pestlieder. Georg Weinrichs Vorrede vom 12.5.1606 verweist auf die Erstausgabe des Gesangbuchs 1606 bei Michael Lantzenberger.211 Weinrich mahnt, den äußeren Vollzug des Singens auch mit innerem Leben zu erfüllen: Es erfordert aber der heilige Geist von Christlichen Hertzen / daß jhre Geistliche Lieder vnd Psalmen nicht bloß sollen auff der Zungen wachsen / sondern aus | dem innerlichen

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Doppelt gezählt: die lateinische und die deutsche Fassung von Iam moesta, die hier strophenweise alternierend unter derselben Nummer abgedruckt sind Die in L-1616 abgedruckte dreistrophige Fassung ist sogar noch jünger: Sie findet sich nach W III 1214. erst in Seth Calvisius’ Kirchengesängen (Leipzig 1597, vgl. S. 104 Anm. 255). Im Wortlaut: „ECce, quomodo moritur justus, & nemo pericipit corde. Viri justi tolluntur, & nemo considerat. A facie iniquitatis sublatus est justus. Et erit in pace memoria ejus. In pace factus est locus ejus: & in Sion habitatio ejus.“ Deutsch: „DEr Gerechte kömbt vmb / vnd niemand ist / der es zu Hertzen neme: Vnd heilige Leute werden auffgerafft / vnd niemand achtet drauff. Denn die Gerechten werden weggerafft / für dem vnglück. Vnd die richtig für sich gewandelt haben / kommen zum friede / vnd ruhen in jhren Kammern.“ Zählung nach Register im Gesangbuch; Reckziegel, Cantional, 41 zählt nur 371 Texte. Davon laut GBB je ein Exemplar in der FLB Gotha (Cant.spir. 8° 00083) und in der HAB Wolfenbüttel (Tl 172).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Geiste herfliessen / vnd des Hertzens Grund vnd Boden rühren / vnd das auch Leben vnd Wandel mit dem jenigen sollen gleichstimmig seyn / was mit dem Munde gesungen wird.212

Als Orte des Singens (nicht der Gesangbuchbenutzung) nennt er dabei gleichermaßen Kirche, Haus und auch die berufliche Arbeit: Derowegen so offt wir in Christlicher Kirch vnd Gemein zusammen kommen / vnd mit einander Geistliche Lieder singe[n] / oder auch dergleichen zu Hause thun / bey Verrichtung vnserer Amptswerck vnd Gescheffte was einem jedern in seinem Beruff obliget vnd anbefohlen ist / sollen wir vns solchen | Gottesdienst mit eim rechten Ernst angelegen seyn lassen / damit nicht der blosse Mund singe / vnd das Hertz vnter dessen anderswo vmbher spatziere / oder mit jrrdischen vnd vergeblichen Sachen vmbgehe / denn solches ist ein Grewel vor Gott.213

Zum angestrebten Ziel der inneren Bewegung des Menschen ist die Musik nach Ansicht Weinrichs ein probates Mittel. Die unmittelbare Wirkung des Gesangs auf das menschliche Herz beschreibt er mit dem Bild des Magneten: Es gehet aber solch singen der Geistlichen Lieder ohne Nutz vnd Frucht nicht ab / sondern hat eine besondere Krafft / der Menschen Hertzen anzuzünden vnd zu bewegen / ja gleichsam | an sich zu ziehen / wie der Magnet Stahl vnd Eysen an sich zeucht.214

Die Auswahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder ist recht konservativ und wurde vermutlich nach der ersten Auflage von 1606 kaum verändert. Immerhin drei Lieder sind nach 1600 entstanden: Anon., Wenn dich Unglück tut greifen an (Jena 1609) Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) [JE] Valerius Herberger, Valet will ich dir geben (Leipzig 1614) Mit vier Liedern ist Nicolaus Herman der am besten vertretene Textdichter: Nicolaus Herman, Gleich wie ein Weizenkörnelein (Kulmbach 1551) [JE] Nicolaus Herman, Es war ein gottsfürchtiges und christlichs Jungfräulein (Wittenberg 1560) Nicolaus Herman, Mit Todesgdanken geh ich um (Wittenberg 1562) Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) Weisse ist mit drei, Alber, Ringwaldt, Selnecker und Philipp Nicolai sind mit je zwei Liedern vertreten. Nicolais Wachet auf, ruft uns die Stimme hat dabei die ungewöhn-

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L-1627a, Vorrede fol. 2v|3r. Weinrichs Forderung nach einer inneren Motivation äußerer Frömmigkeitsvollzüge und nach dem Einklang von Glaube und Leben erinnert an das zeitgleich entstandene Programm Johann Arndts. L-1627a, Vorrede fol. 3r|v. L-1627a, Vorrede fol. 3v|4r.

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liche Rubrizierung ‚Vom Tod und Sterben‘ (sonst: ‚Vom Jüngsten Tag‘ o.a.). Nicht unter den Sterbe-, sondern unter den Neujahrsgesängen steht Luthers Mit Fried und Freud. L-1638. Betont orthodox gibt sich ein New-Zugerichtetes Gesang Büchlein (Leipzig 1638), das vom Leipziger Nikolaipfarrer Jeremias Weber im Auftrag des Verlegers Gottfried Große herausgegeben wurde. Weber stellt dem Werk Luthers Gesangbuchvorreden voran und setzt dann eine eigene hinzu (datiert am 29.9.1638), in der er einen scharfen polemischen Ton gegen Papisten und Calvinisten anschlägt. Dabei pocht er wiederholt auf die „absonderung“ des rechtgläubigen Luthertums. Die sich allmählich durchsetzende Praxis, die Lieder namentlich zu kennzeichnen, ist für Weber ein Instrument zur Sicherstellung der Rechtgläubigkeit; daher habe er zur Feststellung der Autorschaft und der ursprünglichen Textgestalt vieler Lieder jahrelang recherchiert.215 Kirchengesang ist für Weber Bekenntnisakt, Losungswort im Kampf der ecclesia militans. Umso perfider ist es für ihn, dass die Papisten in den Text der lutherischen Lieder eingreifen, wie er am Beispiel eines der beliebtesten Sterbelieder zeigt: Sie vnterstehen sich aber auch wol gar in | vnser Gesangbuch zu rumpeln / vnd die bey vns breuchliche / theils alte / theils H. Lutheri Lieder zu ändern / vnd jhre abgöttische gesetze mit einzuflicken. […] | […] Es wird auch jhrem Gesangbuch einverleibt befunden / das schöne sterblied D. Pauli Eberi: HErr Jesu Christ wahr mensch vnd Gott / etc. (vielleicht wollen die Leute bey jhnen den durst vnd hunger nach göttlichem trost jhnen sonst nicht stillen lassen) aber verlestert / denn sie folgende wort gantz Gottsdiebischer weise auff die Jungfraw Mariam bringen: Wenn ich nun kom in sterbensnoth / Vnd ringen werde mit dem tod / etc. So kom Maria mir behend Zu hülff an meinem letzten end. Damit sie den Leuten das vorgestackte ziel / nemblich / die krafft des Leydens Christi / bößlich verrücken.216

Die Heilswirkung des Liedes zu einem seligen Sterben wird so nach Weber in geradezu heimtückischer Absicht („bößlich“) durchkreuzt. Webers Gesangbuch enthält 56 Sterbe- und Ewigkeitslieder (11,1% von 505 Liedern), genauer 36 vom Tod und Sterben, sieben vom Begräbnis, sieben vom Jüngsten Tag und Auferstehung, nochmals zwei von der Auferstehung sowie vier vom 215

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L-1638, Vorrede fol. b 2v: „Vn[d] deuchtet mich ein mittel / zu solcher absonderung wol dienend / zu seyn / wen[n] man vber die Lieder der rechten Autorum Namen setzet / vn[d] wer sie gewesen / was für ein zeugniß sie von der Kirchen haben.“ Als Beispiel nennt Weber das Lied °Nun höret zu, ihr Christenleut des angeblichen Wiedertäufers Hans Witzstat, das er theologisch habe begutachten lassen und darum „mit wissen vnd willen vbergangen“ habe (fol. b 2r; ob der missliebige Autor tatsächlich Wiedertäufer war, ist allerdings fraglich, vgl. ADB 43,677f). Jedenfalls „ist in gegenwertiger Edition von mir mit fleiß dahin gearbeitet worden / daß darinnen alle bräuchliche Lieder / vnd (so viel zuerfahren müglich) die Autores und Tichter namentlich  / auch wer sie jhres standes vnd orts nach gewesen / darüber gesetzet würden“ (fol. b 3r). Vgl. L-1638, fol. a 10r|10v|11r.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Ewigen Leben. Herman (5 bzw. 3 Lieder217), Ringwaldt (5 Lieder) und Selnecker (4 Lieder) sind die meistgenannten Autoren, von denen auch einige seltenere Lieder abgedruckt sind: Nicolaus Herman, O Mensch, mit Fleiß anschaue mich (Wittenberg 1562) Nicolaus Selnecker, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, der du sitzt (Nürnberg 1565) [E] Bartholomäus Ringwaldt, Ihr Christen, tut nicht zagen so höchlich in Gebärd (Frankfurt/O. 1587) Bartholomäus Ringwaldt, Ach lieben Christen jung und alt, ihr Armen (Frankfurt/O. 1588) [JA] Wie schon das Babstsche Gesangbuch und viele andere sächsische Gesangbücher enthält auch Webers Gesangbuch von 1638 unter den Sterbe- und Begräbnisliedern mehrere lateinische Gesänge, neben der Antiphon Media vita in morte sumus und dem Hymnus Iam moesta auch einige biblische Responsorien: Credo quod redemptor meus vivit Ecce dominus veniet et omnes sancti eius cum eo Ecce quomodo moritur iustus Si bona suscepimus de manu domini

(Hi 19,25) (Sach 14,5f)

„In regressu à funere.“

(Jes 57,1; Ps 75,3) (Hi 2,10; 1,21)

wie L-1616, vgl. S. 99 „ante funerum aedes.“

Nur elf der Lieder, etwa 20%, sind nach 1600 erstmals belegt, davon drei nach 1625: Paul Röber, O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Leipzig 1625) Anon., In Christi Wunden schlaf ich ein, die machen mich von Sünden rein (Leipzig 1638) Johann Schelius, O Herre Gott, aus tiefer Not schrei ich jetzund zu dir (Leipzig 1638) Das Lied von Röber, das im ausgewerteten Material sonst nur noch in L-1673 vorkommt, wurde später Vorbild für Paul Gerhardts O Tod, o Tod, du greulichs Bild (Berlin 1667). In sächsischen, Lüneburger, Berliner und Nürnberger Gesangbüchern verbreitet ist dagegen In Christi Wunden schlaf ich ein, das seit N-1677 (vgl. ab S. 133) Paul Eber zugeschrieben wurde. Für dieses Lied wie für das seltenere von Johann Schelius bietet L-1638 den ältesten Beleg.

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Die zweite Hälfte von Sankt Paulus die Korinthier und Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Gleich wie ein Weizenkörnelein bzw. Da nun Elias seinen Lauf) ist jeweils als eigenes Lied aufgeführt.

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b) Das Cantional von Johann Hermann Schein (1627), das Neu Leipziger Gesangbuch von Gottfried Vopelius (1682) und das Gothaer Cantionale Sacrum (1648) Eine besondere Gesangbuchgattung, nach der auch eine bestimmte Art des Satzes benannt ist, ist das Kantional (‚Kantionalsatz‘); es wird meist auf Lucas Osiander zurückgeführt (dazu s. u.). Der wohl berühmteste Vertreter ist das Cantional von Johann Hermann Schein (Leipzig 1627). 1682 folgte ihm das Neu Leipziger Gesangbuch von Gottfried Vopelius. Ergänzend neben den beiden Leipziger Kantionalien soll im folgenden Abschnitt auch das bedeutende Gothaer Cantionale Sacrum Beachtung finden. L-1627b/1645. Scheins Cantional erschien 1627, also im selben Jahr wie das oben genannte Gesangbuch von Ritzsch (L-1627a, vgl. S. 99). 1645, fünfzehn Jahre nach Scheins Tod 1630, erschien eine zweite, von Tobias Michael herausgegebene Auflage. Zusätzlich zu den 286 Liedern von 1627 enthält sie einen Anhang von weiteren 27 Liedern – ausschließlich Begräbnisgesänge („Christliche Grabelieder“). Schein hat das Cantional nach seinen Angaben auf mehrfaches Drängen hin veröffentlicht. Als Leipziger Thomaskantor und Generalmusikdirektor war Schein einer der prominentesten Kirchenmusiker seiner Zeit. Selbstbewusst listet er in der Dedicatio an Bürgermeister und Rat zu Leipzig vom 11.8.1627 die Stationen seines beruflichen Werdegangs auf, die ihn für ein Unternehmen wie das Cantional mehr als hinreichend qualifizieren.218 Zugleich polemisiert er gegen „Vnverständige Musicastellos vnd Componistellos ̝̰̯̫̠̥̠̘̦̯̫̰̭“, die er „wenig oder gar nichts“ achte. Anlass zu der Veröffentlichung hätten ihm nicht zuletzt die Mängel vorhandener Gesangbücher gegeben, die ebenso in „Defect vnnd Excess“ des Liedbestandes (dazu s. u.) wie in „eingerissenen Irrthümen“ vor allem bei Melodien bestünden; durch Einsichtnahme in die Quellen habe er sie zu korrigieren versucht.219 Bedeutsam ist das Cantional in dreierlei Hinsicht: musikalisch, liturgisch sowie besonders im Blick auf die Sterbe- und Ewigkeitslieder. 1. Seine musikalische Bedeutung liegt in den 228 meist vierstimmigen Sätzen, die fast alle von Schein selbst stammen.220 Schein stellt sich damit in die Tradition der mehrstimmigen Chorgesangbücher, die Johann Walter 1524 mit seinem Geist218

219 220

L-1645, Dedicatio fol. 2v–4r: „Dieweil ich dann nicht allein verruckter Zeit in ChurFürstl. Sächs. HoffCapellen zu Dreßden / in meiner Jugend für einen Discantisten 4. Jahr vnterthänigst; Seit dessen aber in Fürstl. Sächs. HoffCapellen zu | Weinmar für einen Capellmeister ins andere Jahr vnterthänig; Nunmehr ferner in beyden Kirchen allhier zu Leipzig für einen General=Directorn der Music ins eilffte Jahr vnterdienstlich auffgewartet vnd gedienet; vnnd mich ieder Zeit / vermittelst Göttlicher Assistentz / sonder Ruhms / eusserstes Fleisses dahin bemühet / wie voraus dem allmächtigen GOtt zu Lob vnnd Ehren / ich die liebe Music / so viel an mir / conserviren, perfectioniren vnnd auff vnsere liebe Posteritet propagiren helffen möchte […] Als habe ich mich vnter andern / auff vieler Cantoren freundliches Zuschreiben / vnd der Music fautorn, Liebhaber vnd Liebhaberin inständiges suchen auch über ein Christ=|liches Gesang=Buch Augspurgischer Confession machen […] | […] wollen.“ Zitate aus L-1645, Dedicatio fol. 3v und 4r. Vgl. Reckziegel, Cantional, 136–138. Als Komponisten der 13 nicht von Schein stammenden Sätze nennt Reckziegel u.a. die Thomaskantoren Seth Calvisius, Scheins Vorgänger und Herausgeber der Kirchengesänge (vgl. Anm. 225), sowie Tobias Michael, Scheins Nachfolger und Herausgeber des Cantionals von 1645.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

lichen Gesangbüchlein begründete (vgl. S. 35).221 Neuartig an den ‚Kantionalien‘222 ist die Verbindung mit dem Gemeindegesang. Derselbe Lucas Osiander, der auch beim Württembergischen Gesangbuch von 1583 federführend war, hatte als erster 1586 ein ähnliches Werk herausgebracht, in das er 50 Lieder aus dem Gesangbuch in eigenen Sätzen aufnahm (vgl. S. 44). Kennzeichnend für den ‚Kantionalsatz‘ ist eine schlichte, homophone Kompositionsweise (Contrapunctus simplex) mit Cantus firmus im Diskant (zuvor: im Tenor), die an die Sänger nicht zu hohe Ansprüche stellte und Männern wie Frauen das Mitsingen der Melodiestimme erlaubte, während der Chor den mehrstimmigen Satz intonierte.223 Dass Osianders Modell der Aufwertung und Stärkung des Gemeindegesangs durch die Zusammenlegung mit dem Chorgesang Erfolg hatte, zeigt die relativ große Zahl ähnlicher Werke, die ihm bald folgten.224 Direkter Vorläufer von Scheins Cantional sind die Kirchengesänge (Leipzig 1597) von Seth Calvisius,225 in deren Auswahl nach Scheins Ansicht allerdings wichtige Gesänge fehlen, ein Mangel, den er beheben will.226 Auch an die instrumentale Begleitung hat Schein gedacht: Erstmals ist die Bassstimme mit Ziffern für den Generalbass (z. B. Orgel) ausgestattet, was sich in späteren Gesangbüchern als Standard etablieren sollte.227 2. In seiner liturgischen Zweckbestimmung, die mit der musikalischen Form des kunstlosen Contrapunctus simplex verbunden ist, liegt die zweite Bedeutung von Scheins Cantional: Nach Scheins Vorrede ist es für den Gottesdienst in der Leipziger Thomas- und Nikolaikirche bestimmt,228 und dort kam es mit Sicherheit zum Einsatz. Der Gemeinde lag das Gesangbuch im Gottesdienst allerdings nicht vor, obwohl es für die Idee des Kantionals konstitutiv ist, dass sie den Cantus firmus mitsingen kann. 221

222 223 224 225

226

227

228

Ob Walter selbst als „Wegbereiter des späteren homophonen Kantionalsatzes mit Diskant-Cantus firmus“ zu bezeichnen ist, ist umstritten; Walter Blankenburg votiert dagegen (vgl. Blankenburg, Einleitung zur Faksimileausgabe des Walterschen Chorgesangbuches, 11f). Vgl. Rößler, MGG-Art. Gesangbuch, 1302–1304. Vgl. Messmer, MGG-Art. Kantionalsatz, bes. 1773.1778; Reckziegel, Cantional, 125f. Vgl. Blankenburg, Liedgesang, 600. Weitere Auflagen: 1598, 1605, 1612, 1622; vgl. Reckziegel, Cantional, 130. Vollständiger Titel der 3. Auflage (1605) nach VD17: Harmonia Cantionum Ecclesiasticarum. Kirchengesänge / und Geistliche Lieder / D. Lutheri und anderer frommen Christen. Welche in Christlichen Gemeinen dieser Landen auch sonsten zu singen gebreuchlich / sampt etlichen Hymnis, &c. Mit Vier Stimmen contrapuncts weise / richtig gesetzt / und in gute Ordnung zusammen gebracht / Durch Sethum Calvisium Cantorem zu S. Thomas in Leipzig. Scheins Ziel bei der Edition ist nach seinen Worten die „Auslassung vnnöthiger vnd vngebräuchlicher / vnnd Hineintragung andächtiger / nützlicher / gebräuchlicher des Herrn Lutheri vnnd anderer geistreichen Autorn, wie auch / auff sonderbares Anhalten / meiner eigenen / […] Lieder= vnd Psälmlein“ (L-1645, Dedicatio fol. 3v). L-1645, Dedicatio fol. 3v: „worbey auch sonderlich / mit darzu gehörigen Vberzeichnungen / für die Organisten / Instrumentalisten vnd Lautenisten etc. auff dem General-Baß gesehen worden“; vgl. Reckziegel, Cantional, 134. Die später standardisierte Form – Reckziegel nennt die Praxis Pietatis Melica – besteht freilich nur in einem zweistimmigen Notendruck mit Diskant und beziffertem Bass. L-1645, Dedicatio fol. 4r|v: „Vnd weil solches mein Cantional oder Gesangbüchlein vornemlich auff | beyde Kirchen vnd Gemeinen / als zu S. Thomas vn[d] zu S. Niclas / allhier in Leipzig / iedoch caeteris paribus, angsehen vnnd gemeynet / So habe ich auch solches billich denenselben […] consecriren vnnd zuwiedemen wollen vnd sollen […] zu Beförderung des Gottesdienstes in ietzt angeregten ihren beyden Kirchen“. Von der liturgischen Zweckbestimmung zeugen auch die zu Ende jeder Rubrik angefügten Versikel und Kollekten.

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Sie konnte vielmehr in bekannte Gesänge einstimmen und durchs Zuhören weitere erlernen. Aus dem Gesangbuch gesungen wurde vom Chor der Schüler; Schein hatte als Thomaskantor ja auch an der Thomanerschule zu unterrichten. Darauf verweisen auch die zehn „Gesänge für die Gregorianschüler“ am Ende der ersten Auflage. 3. Eine besondere Rolle kommt innerhalb des Cantionals den Rubriken der Sterbe- und Ewigkeitslieder zu. Zunächst fällt auf, dass hier einige fünfstimmige Sätze auftauchen, während in den übrigen Abteilungen ausschließlich vierstimmige vorkommen:229 Fünf fünfstimmige Sätze sind es in der Ausgabe von 1627, 21 weitere kommen im Anhang der zweiten Auflage 1645 hinzu.230 Es handelt sich um Gelegenheitswerke Scheins für Begräbnisse, zu denen er auch die Texte selbst verfasst hat. Der formalen Besonderheit der Stücke entspricht also eine Besonderheit ihres Ursprungs, die ihre Aufnahme in ein Kirchengesangbuch doppelt auffällig macht. Einige weitere ursprünglich fünfstimmige Begräbnislieder aus eigener Feder hat Schein für das Cantional vierstimmig umgeschrieben.231 Die fünf Lieder, die er 1627 bereits auf den Tod eigener Familienangehöriger gedichtet und komponiert hatte, beließ er aber in der fünfstimmigen Fassung und gab ihnen damit eine besonders herausgehobene Stellung. In dem 1645 postum herausgegebenen Anhang, der auch Stücke zum Tod von drei weiteren Kindern Scheins enthält, sind alle neu hinzugekommenen Stücke in der fünfstimmigen Fassung abgedruckt. Insgesamt stammen 38 der Texte zu den 75 Liedern des Cantionals ‚Vom Tod und Sterben‘ von Schein, 17 aus der ersten und 21232 aus dem Anhang zur zweiten Auflage. Nicht mitgerechnet sind dabei zwölf Stücke der Rubrik ‚Psalmen Davids‘, die ebenfalls für Trauerfeiern entstanden, und vier weitere, bei denen ein Namensakrostichon einen solchen Sitz im Leben sehr wahrscheinlich macht.233 Eine Verwendung aller dieser Lieder im Sonntagsgottesdienst ist wohl eher nicht zu erwarten. Zwar empfiehlt das Festregister des Cantionals, in dem für jedes Fest und jeden Sonntag passende Gesänge vorgeschlagen sind, am 16. Sonntag nach Trinitatis alle Lieder ‚Vom Tod und Sterben‘ zu singen.234 Angesichts der Tatsache, dass mit Abstand keine andere Gruppe so groß ist, ist gerade hier aber wohl kaum jedes einzelne Lied gemeint. 229

230 231

232

233

234

Ausnahmen bilden lediglich das sechsstimmige Osterlied Heut triumphieret Gottes Sohn mit Satz von Seth Calvisius sowie sieben zusätzliche fünfstimmige Choralmotetten zu Liedern, zu denen vorher auch ein einfacherer vierstimmiger Satz im Contrapunctus simplex abgedruckt ist (vgl. Reckziegel, Cantional, 137.138f). Vgl. Reckziegel, Cantional, 140.216–220. Reckziegel, Cantional, 141f gibt einen Überblick über diejenigen vierstimmigen Stücke zum Begräbnis, von denen eine fünfstimmige Erstfassung überliefert ist bzw. war. Für das Lied Christe Jesu, Gottes Sohn (Nr. 295) fehlt zwar ein Nachweis in Reckziegels Aufstellung der von Schein selbst stammenden Texte (Reckziegel, Cantional, 198–201); im Gesangbuch selbst ist es aber mit „Joh. Herm. Schein“ gekennzeichnet. Das entspricht der Kennzeichnung bei den 20 nachgewiesenen Stücken. Vgl. Reckziegel, Cantional, 199–202 (Verzeichnis der Texte Scheins) und 210–213 (Inhalt der PsalmliederRubrik). Zwölf Psalmlieder für Begräbnisse: Cantional Nr. 141; 143; 145; 149; 150; 153; 154; 165; 166; 171; 172; 178. Vier Psalmlieder mit Akrostichon: Cantional Nr. 168; 170; 182; 185. Explizit genannt sind im Festregister („Kirchen=Ordnung Dieser Christlichen Lieder etc. auff die Jahr=Fest vnd Sontage gerichtet“) der Auflage von 1645 nur zwei: Mitten wir im Leben sind und °Wenn wir in höchsten Nöten sein (Rubrik ‚Vom Kreuz, Verfolgung und Anfechtung‘); für die anderen ist summarisch auf die Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ verwiesen.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Viel wahrscheinlicher ist, dass Scheins Sterbe- und Ewigkeitsliedern eine andere Verwendung zugedacht ist, nämlich – wozu sie ursprünglich gemacht wurden – für den Chorgesang beim Begräbnis.235 Insgesamt gibt es 37 Rubriken, die Eichornsche Gliederung ist inzwischen vielfach erweitert und ergänzt.236 Quantitativ ist das Übergewicht der Sterbe- und Ewigkeitslieder beträchtlich: Schon unter den 286 Stücken der Ausgabe von 1627 machen die 48 Sterbelieder 16,8% aus; nur die 54 Psalmlieder bilden eine noch größere Gruppe. Die sieben Lieder vom Jüngsten Tag eingerechnet, sind es 19,2%. Mit den 27 zusätzlichen Stücken der 313 Lieder umfassenden Zweitauflage von 1645 wird gar ein Anteil von 24,0% erreicht (mit den Liedern vom Jüngsten Tag 26,2%), die höchste Quote unter den ausgewerteten Gesangbüchern. 17 der Sterbelieder Scheins stehen gesammelt am Ende der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ (Nr. 245–260 und 262), beginnend mit Sei fröhlich, meine Seele, dem Lied zum Tod von Scheins erster Frau Sidonia, und vier weiteren fünfstimmigen Sätzen zum Tod seiner Kinder. Unter den Stücken, die dem Gesangbuch 1645 unter dem Titel ‚Christliche Grabelieder‘ angehängt wurden, sind 21 weitere Texte Scheins (Nr. 287 und 289–308). Nachfolgend die Aufstellung sämtlicher 38 Sterbelieder Scheins aus dem Cantional:237 Liedanfang

Nr.

Stim.

Jahr

Widmungsträger/in

Ausg.

Sei fröhlich, meine Seele

245

5

1624

1627

So fahr ich hin mit Freuden

246

5

1619

Seligkeit, Fried, Freud und Ruh

247

5

1623

Ich will still und geduldig sein

248

5

1625

Ist denn fürn bittern Tod

249

5

1626

Freut euch, ihr lieben Kinderlein Ich hab mein Lauf vollendet Trau deinem lieben Gott

250 251 252

4 4 4

Scheins Gattin Sidonia Scheins Tochter Susanna Scheins Tochter Susanna Sidonia Scheins Tochter Johanna Judith Scheins Tochter Johanna Elisabeth „Fridricus“ Johannes Rothäupt Thomas Michael Schürer

235

236

237

1626 1626

1627 1627 1627 1627 1627 1627 1627

Nach dem Festregister sind folgende Lieder „Bey Begräbnissen“ zu singen: Psalmlied: In dich hab ich gehoffet, Herr; „Vom Kreuz, Verfolgung und Anfechtung“: Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut; °Wenn wir in höchsten Nöten sein; Wenn dich Unglück tut greifen an; Mag es denn je nicht anders sein; sowie die Lieder der Rubrik „Vom Todt vnd Sterben“. Als Psalmen sind genannt: Ps 6; 13; 15; 23; 25; 30; 31; 39; 42; 51; 84; 88; 90; 112; 116; 121; 126; 130; 142; 146. (Vielleicht ist diese Angabe auf die Psalmlieder bezogen: Zu allen der hier genannten 20 Psalmen enthält das Cantional Liedfassungen.) Im Kirchenjahr etwa um Lieder zu Neujahr, den Weisen aus dem Morgenland, Mariä Reinigung, dem Johannistag, Mariä Heimsuchung, Michaelis und Aposteltagen; dazu kommen Gesänge „Um schön Wetter“ und ganz am Ende „Die teutsche Meß“, ein Wiegen- und ein Kinderlied sowie die „Gesänge für die Gregorianschüler“. Jahres- und Namensangaben zur Entstehung nach Reckziegel, Cantional, 198–202.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts Die Zeit nunmehr vorhanden ist In Fried und Freud ich fahr dahin Nun scheid ich ab in Fröhlichkeit Mit Freuden fahr ich hin zu Gott Mein Herz ruht und ist stille Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, wenn ich Klagt mich nicht mehr, ihr lieben Leut Eva durch ihr begangne Schuld Mein Gott und Herr, ach sei nicht ferr Mein Zeit nunmehr vorhanden ist Lass dir, o mein Herr Jesu Christ In Sünden und in Gottes Zorn Klagen, Trauren, Weinen Stellt ein eur Klag und Weinen Meine Freund, nicht so weint Zwing dich, o liebe Seele mein Christe Jesu, Gottes Sohn (vgl. Anm. 232) Hin ist des Lebens Zeit Ihr lieben Trauerleut Klagt nicht so, geliebte Leut Als anfangs in dem Paradeis Mit Seufzen und mit Tränen Ich heul und wein in meiner großen Not In Seufzen tief, in Traurigkeit

253 254 255 256 257 258

4 4 4 4 4 4

259

1622 1620 1620

107

1624 1626

Dorothea Mosbach Jakob Griebel Nicolaus Selneccer Melchior Weinrich Maria Höpner Johannes Welsch

1627 1627 1627 1627 1627 1627

4

1620

Katharina Pose

1627

260 262

4 4

1621

Euphrosina Kramer „Margarita“

1627 1627

287 289 290 291 292 293 294 295

5 5 5 5 5 5 5 5

M. Andreas Schneider

1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645

296 297 298 299 300 301

5 5 5 5 5 5

302

5

1628

Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt Herr, Herr, wie lang, wie lang

303

5

1628

304

5

1630

Sei gnädig, Herr, sei gnädig, Herr Mit Lust ein Röselein Es kränkt ein Vatr- und Mutterherz Mit Trauren, Weinen, Klagen

305 306 307 308

5 5 5 5

1628 1628

Christoff Schultz Simon Ritz

1629

Zacharias Schürer

1629 1629

Hermann Hütte Johannes Elfeld

1628

Concordia Seidelin

1627

Scheins Tochter Johanna Susanna Scheins Sohn Johannes Zacharias Margarita Werner Scheins Sohn Hieronymus

1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645 1645

Nur wenige Texte anderer Autoren haben sich zwischen die Scheins gemischt. Im Cantional von 1627 sind dies:

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Bartholomäus Ringwaldt, Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577) (Nr. 261) Gregorius Ritzsch, Der frömmste Mensch, ja Gottes Sohn (Leipzig 1621) (Nr. 263) Dazu kommen im Anhang von 1645 sechs weitere: Maria Rothäupt, Ach Herr, erzeige Gnade mir (1625) (Nr. 288) Tobias Michael, O große Freud und Wonne (Leipzig 1645) (Nr. 309) Tobias Michael, Wo ist denn hin mein Leiden (Leipzig 1645) (Nr. 310) Tobias Michael, Ach wende dich doch, Herr, zu mir (Leipzig 1645) (Nr. 311) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) (Nr. 312) Martin Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Wittenberg 1610) (Nr. 313) Der Text von Maria Rothäupt wurde von Schein zu ihrem eigenen Begräbnis vertont, diejenigen von Tobias Michael sind wie einige Lieder Scheins eigenen Kindern gewidmet. Anders als Freu dich sehr, o meine Seele ist ein anderes Lied aus den Threnodiae von Demantius (Freiberg 1620), Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir, bereits 1627 im Cantional enthalten. Den einzigen Beleg in den ausgewerteten Rubriken enthält das Cantional für Ach Gott und Herr, wie groß und schwer (Jena 1613), das sonst meist unter den Bußliedern zu finden ist (z. B. N-1677). Dass es in der Sterbeseelsorge eine wichtige Rolle spielte, zeigt die Auswertung von Leichenpredigten (vgl. S. 587). L-1682. Das Cantional wurde offenbar über lange Zeit benutzt. Nach der Auflage von 1645 gibt es sogar Nachrichten über eine weitere im Jahre 1677, die aber möglicherweise nie gedruckt wurde.238 Laut der Dedikation zum Neu Leipziger Gesangbuch von 1682 ist das Cantional zu diesem Zeitpunkt vergriffen und bedarf daher eines Nachfolgers, der mit dem Neu Leipziger Gesangbuch vorliegt.239 Herausgeber war der Verleger Christoph Klinger, für den musikalischen Teil war der Nikolaikantor Gottfried Vopelius. Georg Moebius, Dekan der theologischen Fakultät zu Leipzig und Verfasser der Vorrede, hat die Texte überprüft, kommentiert und gab schließlich als Theologe sein Placet.240 Das Neu Leipziger Gesangbuch gehört ebenfalls zum Typ ‚Kantional‘, der dann aufgrund der zunehmenden instrumentalen Begleitung des Gemeindegesangs allmählich wieder verschwinden sollte.241 In den mehrstimmigen Sätzen242 für den gottesdienstlichen Chorgesang wird – etwa bei der 238 239

240

241

242

Vgl. Reckziegel, Cantional, 53. Vgl. Grimm, Vopelius, 15. Ein Exemplar des Neu Leipziger Gesangbuchs konnte leider nicht benutzt werden; die Untersuchung und Dokumentation von Grimm bietet aber eine hinreichende Grundlage für die notwendigen Angaben. Eine Vorstellung von der Arbeitsweise bei der Erstellung des Werks gibt ein Passus im Titel, wonach Moebius „auch nach der Vorrede viel nützliche Anmerckungen hinzu gethan / und darinnen gewiesen / wie in unterschiedlichen Liedern an gewissen Orten falsch und unrecht gesungen / und wie darneben viel dunckele und undeutliche Redensarten recht sollen verstanden werden“. Rößler, MGG-Art. Gesangbuch, 1309 nennt das Neu Leipziger Gesangbuch als einen der „letzten wichtigen Repräsentanten“ der Kantionalien. Trotz mehrfacher Neuauflagen (1693 und 1707; ohne Noten) konnte es langfristig keine herausragende Bedeutung mehr gewinnen (vgl. Grimm, Vopelius, 279). Das Gesangbuch enthält 261 mehrstimmige Sätze, davon 90 unverändert von Schein übernommen und einige weitere abgewandelt (vgl. Grimm, Vopelius, 113–116); dazu kommen 55 einstimmige Melodie-

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Bearbeitung aus anderen Quellen übernommener Sätze – ein „Streben nach einem vierstimmigen ‚Normalsatz‘“ und „nach möglichst einfachen Verhältnissen melodischer, harmonischer und rhythmischer Natur“243 erkennbar. Auch die lateinischen Gesänge244 und die Versikel und Kollekten, mit denen jede Rubrik – wie schon im Cantional – abgeschlossen wird, weisen auf die gottesdienstliche Verwendung hin. Inweweit angesichts einer Verlegerinitiative von einem „amtlichen Charakter“245 des Buches zu sprechen ist, erscheint allerdings offen. Eher dürfte dem Neu Leipziger Gesangbuch ein ganz ähnlicher Status zugedacht sein wie jenem Werk, in dessen Nachfolge es sich sieht: dem Cantional von Johann Hermann Schein. Wie dieses dürfte es auch nicht nur im Gottesdienst, sondern ebenso im Schulunterricht verwendet worden sein.246 Die Rubrizierung des Neu Leipziger Gesangbuchs ist mit der des Cantionals nahezu identisch.247 Unter insgesamt 429 Liedern sind 65248 Lieder ‚Vom Tod und Sterben‘ (15,2%; davon 43 mehrstimmig, 23 ohne Noten) und sieben Lieder „Vom Jüngsten Tage / Aufferstehung der Todten und ewigen Leben“ (1,6%; davon fünf mehrstimmig, zwei ohne Noten). Die Quote ist damit noch immer recht hoch, aber niedriger als im Cantional. Anders als im Cantional ist der Abschnitt „Vom Tod und Sterben“ 1682 mit Abstand zur umfangreichsten Rubrik geworden.249 Beim Vergleich mit dem Liedbestand des Cantionals fällt zuallererst auf, dass von den 38 Sterbeliedern Scheins nur noch eines übrig geblieben ist: So fahr ich hin mit Freuden – und dies ohne Noten.250 Damit erhärtet sich der Eindruck, dass diese Lieder tatsächlich auch im Cantional eine Sonderrolle einnehmen und in den Bestand nicht ganz integriert sind. Von 82 Sterbe- und Ewigkeitsliedern bei Schein übernimmt Vopelius nur 32; die Übereinstimmung mit dem zeitlich näher liegenden

243 244

245

246

247 248

249 250

noten, während 113 Lieder ohne Noten bleiben (vgl. Grimm, Vopelius, 100). Schein ist der mit Abstand am besten vertretene Komponist; ihm folgen Johann Crüger (9 Sätze), Andreas Hammerschmidt (7), Melchior Franck (3), Johann Schop (3), Gottfried Vopelius (3), Joachim à Burgk, Michael Prätorius, Erhard Bodenschatz (je 2) u.a. (vgl. Grimm, Vopelius, 277). Grimm, Vopelius, 279. Nach Klingers Zuschrift sind die lateinischen Gesänge vor allem in der Stadt üblich, zur Erziehung der Jugend wie zur Erbauung der lateinkundigen Gemeindeglieder (vgl. Grimm, Vopelius, 16). Grimm, Vopelius, 15. Schon etwas weniger überzeugt klingt denn auch die abschließende Formulierung, L-1682 sei „das erste halb-amtliche offiziöse Leipziger Stadt-Gesangbuch“ (Grimm, Vopelius, 275). Vgl. S. 105, darauf verweisen die zahlreichen lateinischen Stücke und die abschließende Rubrik „Gesänge für die Schüler am Schul=Fest=Tage Gregorii“. Als Nikolaikantor (seit 1676) hatte auch Vopelius, der schon seit 1671 Lehrer an der Nikolaischule war, sowohl liturgische wie pädagogische Aufgaben zu versehen. Eine kritische Einschätzung seiner pädagogischen Fähigkeiten durch den Rektor erfuhr er 1692 bei der Visitation: „Der Kantor informiere gut, wenn er wolle, habe aber oftmals andere Gedanken, könne bisweilen fleißiger sein, hege gegen die Knaben Groll, […] lasse sich bisweilen wenn es heiß sei, in die Schulstube eine Kanne Bier kommen […], sei importun und eigensinnig.“ (Zit. nach Grimm, Vopelius, 34). Bei Vopelius fehlt nur der Cantional-Abschnitt „Die deutsche Meß“. Im Druck sind es 66 Nummern, da das Lied Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott zwei Mal vorkommt; insgesamt enthält das Gesangbuch drei solcher Fälle (432 Nummern, aber nur 429 Lieder), vgl. Grimm, Vopelius, 99. Vgl. Grimm, Vopelius, 101. Es folgen die Psalmlieder mit 34 und die Weihnachtslieder mit 32 Nummern. In der zweiten und dritten Auflage des Neu Leipziger Gesangbuchs wird dann das Schein-Lied Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt wieder berücksichtigt (vgl. Grimm, Vopelius, 105).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Vorrath (L-1673, vgl. S. 118) ist größer. 21 Lieder schließlich sind in den ausgewerteten Rubriken nur bei Vopelius, nicht aber bei Schein und im Vorrath enthalten: Bartholomäus Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Frankfurt/O. 1571) Caspar Bienemann, Herr, wie du willt, so schick’s mit mir (Altenburg 1582) Anon., Hie lieg ich in der Erden Schoß (Freiberg 1620) Anon., Ich war ein kleines Kindlein (Freiberg 1620) Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1642) [JA] Johann Rist, O Gott, der du mit großer Macht (Lüneburg 1642) Johann Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Lüneburg 1654) Michael Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Berlin 1647) Anon., Mein Herr und Gott, wann ich muss fort (Altenburg 1648) Johann Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Berlin 1653) Johann Scheffler, O treuer Jesu, der du bist (Breslau 1657) Christian Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (1658) Johann Rosenthal, Ach was ist doch unser Lebn (Altenburg 1659) Johann Flittner, Ach was soll ich Sünder machen (Greifswald 1661) Franz Joachim Burmeister, Es ist genug, so nimm, Herr, meinen Geist (Mühlhausen 1662) Anon., Aus der Tiefen rufe ich (Nürnberg 1674) Anon., Jesu, dein will ich sein*251 Friedrich Rappolt, Mein Leben war ein Streit* Christoph Kirchenbitter, Jesum hab ich mir erwählet* Anon., Es ist doch in diesem Leben* Anon., Was ist doch der Menschen Leben* Unter den Liedern vom Jüngsten Tag wurde gegenüber dem Cantional lediglich das alte Sankt Paulus die Korinthier (einschließlich der Fortsetzung Gleich wie ein Weizenkörnelein) gegen neuere Lieder von Johann Rist ausgetauscht (Frischauf und lasst uns singen und O Ewigkeit, du Donnerwort). Die übrigen fünf Lieder – alle aus dem 16. Jahrhundert – bleiben gleich.252 Wieder einmal zeigt diese Rubrik nicht nur einen kleineren Umfang, sondern auch eine stärkere Kontinuität als die Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘. Diese erweist sich im Neu Leipziger Gesangbuch als besonders offen für Neues: Während andere Rubriken fast immer nur ein, höchstens drei Lieder aus der Zeit nach 1650 enthalten – Grimm spricht deshalb vom „konservativen Geist“253 des Repertoires –, sind es in der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ mindestens 14, Grimm zählt sogar 17.254 Für die vier Letztgenannten in der obigen Liste war neben L-1682 251

252

253 254

Das Lied ist im ausgewerteten Material erstmals in D-1656 zu finden, bildet aber wohl eine Textvariante zum älteren Jesulein, du bist mein (Altenburg 1613). Ach Gott, tu dich erbarmen; Es ist gewisslich an der Zeit; Es wird schier der letzte Tag herkommen; Gott hat das Evangelium; Herzlich tut mich erfreuen. Vgl. Grimm, Vopelius, 278. Vgl. Grimm, Vopelius, 104.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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kein weiterer Beleg zu finden; auch sie sind daher wohl den jüngeren Liedern zuzurechnen. Dazu kommen neun Lieder aus der Zeit zwischen 1625 und 1650 und zwölf aus der Zeit nach 1600. Immerhin 24 Texte stammen aus dem 16. Jahrhundert, das ältere Iam moesta quiesce querela nicht mitgerechnet Go-1648. Ein bedeutendes Kantional aus dem sächsischen Raum ist das Gothaer Cantionale Sacrum von 1648. Als besonderes Zeugnis der Frömmigkeitsgeschichte, in dem die Sterbe- und Ewigkeitslieder eine hervorgehobene Rolle spielen, wurde dieses Werk ergänzend zu den genannten kursächischen Gesangbüchern ausgewertet. Auf den spezifischen frömmigkeitsgeschichtlichen Kontext im Umkreis Ernsts des Frommen kann hier allerdings nicht näher eingegangen werden. Entstanden ist das Cantionale Sacrum im Zusammenhang mit der Schulreform Herzog Ernsts des Frommen im ernestinischen Fürstentum Sachsen-Gotha; es war „Für die Fürstliche Land- und andere Schulen im Fürstenthumb GOTHA“ (Titel), genauer: für die „Mittlere Classes hiesiger Fürstlichen Land-Schul“ (Vorrede) bestimmt.255 Die Sätze wurden von den Schülern im Unterricht, im Gottesdienst oder bei Begräbnissen gesungen. Beim Cantionale sacrum handelt sich insofern nicht um ein Kantional im engeren Sinn (vgl. S. 104), als es im Gottesdienst wohl nicht zum Gemeindegesang, sondern zum Figuralgesang des Chores verwendet wurde.256 Darauf weist auch die größere Bandbreite an musikalischen Formen hin: Neben den üblichen schlichten Kantionalsätzen, die auch hier vorherrschen, enthält das Werk einige aufwändigere Sätze bis hin zu kleineren Motetten; die Zahl der Stimmen, im Kantionalsatz vier oder fünf, kann hier in einigen Fällen auch bei drei, sechs oder acht liegen. Auch die Auswahl der Texte ist nicht am Gemeindegebrauch orientiert: Die ‚kanonischen‘ Detempore-Lieder der Reformationszeit fehlen großenteils257 (allerdings gilt dies weniger für die Begräbnisgesänge, s. u.); dagegen sind zahlreiche neuere Lieder aus der Zeit ab 1600 enthalten. Das Werk ist dreigeteilt: Der erste Teil enthält „Fest=Gesänge“ (123 Nummern), der zweite „Christliche Kirchen- und Schul-Gesäng / Nach der Ordnung des heiligen Catechißmi eingetheilet“ (138 Nummern) und der dritte Teil „Geistliche Gesänge […] Welche Bey Christlichen Leichbestattungen tröstlich können gebrauchet werden / auch guten theils allbereit im Brauch sind“ (62 Nummern). Diese wiederum sind aufgeteilt in 46 Nummern „Begräbnis-Gesäng“ [B], zehn Nummern „Bey Begräbnis der Kinder“ [BKi] und sechs „Bey anfallenden Seuchen“. Bei einer Gesamtzahl von 323 Nummern ergibt sich ein stattlicher Anteil von 19,2% Bestattungsgesängen. Dabei weicht die Zahl der Sätze und die der Texte etwas voneinander ab, da unter einer Nummer teils zwei Sätze zu ein und demselben Text, teils zwei Texte zu ein und demselben Satz abgedruckt sind.258 So verbergen sich je nach Zählung hinter den 62 Nummern bis zu 72 Texte. Während bei vielen Texten die Autorangabe fehlt, sind die Sätze fast alle mit den Namen der Komponisten versehen: Je dreizehn Mal werden Johann Hermann Schein und 255 256 257 258

Vgl. Blankenburg, Cantionale sacrum, 148f. Vgl. Blankenburg, Cantionale sacrum, 151. Vgl. ebd. Beispiele aus dem dritten Teil: Nr. 15 (Satz von Johann Hermann Schein; Texte: Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht und anon., In Christi Wunden schlaf ich ein); Nr. 16 (Satz von Melchior Vulpius; Texte: Prudentius, Iam moesta quiesce querela und die anonyme deutsche Fassung Hört auf mit Trauren und Klagen); Nr. 34 (Satz von Christoph Demantius; Texte: O Welt, ich muss dich lassen und Heermann, Es nahet sich zum Ende). Den umgekehrten Fall (zwei Sätze zum gleichen Text) hat Nr. 3 (Sag, was hilft alle Welt*, vgl. Anm. 263); vgl. Blankenburg, Cantionale sacrum, 147.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Melchior Vulpius genannt, zwölf Mal Melchior Franck, sechs Mal Christoph Demantius und je zwei Mal Michael Altenburg, Johann Dilliger und Bartholomäus Gesius. Weitere Namen sind Jacob Gallus, Joachim von Burck, Bartholomäus Helder, Gottfried Scheid und [Michael?] Sigillus. Bei den Texten überwiegen deutsche Liedtexte. Daneben stehen lateinische Dichtungen259 sowie Bibeltexte in lateinischer und deutscher Sprache.260 Unter den deutschen Liedtexten des dritten Teils spielen sowohl die alten als auch ganz neue Sterbelieder eine gleichermaßen bedeutsame Rolle. Anders als Blankenburg es für das gesamte Werk ermittelt hat (s. o.), stammen immerhin achtzehn Texte aus der frühen Phase bis 1575, darunter Mitten wir im Leben sind; Mit Fried und Freud ich fahr dahin; Nun lasst uns den Leib begraben; O Welt, ich muss dich lassen; Wenn mein Stündlein vorhanden ist; Herzlich lieb hab ich dich, o Herr. Zehn Texte – darunter drei von Martin Moller – stammen aus der Zeit bis 1600, fünfzehn aus der Zeit bis 1625. Die meisten der übrigen achtzehn deutschen Liedtexte dürften aus der jüngsten Zeit bis 1648 stammen; sieben von ihnen waren schon vor Go-1648 nachzuweisen. Einige Stücke lassen erkennen, auf welche jüngeren Quellen das Cantionale sacrum zurückgreift, etwa auf Demantius’ Threnodiae (Freiberg 1620) und auf Scheins Cantional (Leipzig 1627/1645): Nr. Rubr. Autor

259 260

261

38

B

33

B

37 39 49 5

B B BKi B

15

B

10 51

B BKi

53

BKi

54 34

BKi B

Textanfang

Bartholomäus Helder anon.

Ach Gott, wie schnöd und ganz vergänglich ist Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, lass mich anon. Ach mein herzliebes Jesulein anon. Fahr hin, du liebste Seele mein anon. Ich war ein kleines Kindlein Paul Röber Ach wie ein kleinen Augenblick anon. In Christi Wunden schlaf ich ein Joh. H. Schein Mit Trauren, Weinen, Klagen V. T. Marold Ach das quält Vater- und (nach Schein261) Mutterherz Joh. H. Schein Freut euch, ihr lieben Kinderlein Joh. H. Schein So fahr ich hin mit Freuden Joh. Heermann Es nahet sich zum Ende

Quelle Erfurt 1620

}

Christoph Demantius, Threnodiae, Freiberg 1620 Joseph Clauder, Psalmodia nova (Altenburg 1627) L-1638 (vgl. S. 102)

}

Johann Hermann Schein, Cantional, Leipzig 1627/1645 (vgl. S. 106) M. Martin Rinckarts Catechismus (Leipzig 1645)

Neben Iam moesta ein lateinisches Reimgedicht nach Ps 42,6 und Ps 25,1.7 (Tantis quid ergo curis). Lateinisch: Nr. 31 (Jes 57,1/Ps 75,3 [Vulgata-Zählung]; Text wie S. 99, Anm. 209); Nr. 46 (Hi 2,10/1,21). Deutsch: Nr. 1 (Joh 11,25f); Nr. 4 (Röm 14,7f); Nr. 25 (Apk 7,13–17); Nr. 43 (Jes 35,10); Nr. 45 (Hi 2,10/1,21); Nr. 48 (Jes 57,1). Der Text ist eine kunstvolle Nachdichtung zu Scheins Es kränkt ein Vatr- und Mutterherz, bei der das ursprüngliche Akrostichon „Euphrosina“ (5 Str.) durch „Anna Margreta“ (6 Str.) ersetzt wurde.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Von den in Go-1648 erstmals belegten Texten seien genannt: Nr. Rubr. Autor

Textanfang

Weitere Belege // Nachweis

2

B

Joh. Kempff 312

Wenn ich in Todesnöten bin

3

B

anon. (Meyfart?) 313

Sag, was hilft alle Welt*

8

B

anon.

L-1673; Lü-1695/1702 // FT I 36. T-1665/69; S-1688; S-1691; S-1704; N-1677/90; H-1683; Lü-1695/1702 // – –

9 17 52 55 56

Ach, ach du mein liebstes Jesulein* B anon. Betracht ich recht das Leben B anon. Mit Freuden will ich fahrn dahin BKi anon. Ach Gott, du liebster Vater mein* BKi anon. Jesu, du liebstes Herrlein mein* BKi Andreas Kesler Als Job, der fromme Gottesknecht

– // FT II 139. – // FT II 140. – – – // FT II 61.

Die Auswertung zeigt, dass das Gothaer Cantionale Sacrum einen bedeutenden Beitrag zu den Begräbnisgesängen des 17. Jahrhunderts geliefert hat: in musikalischer Hinsicht insofern, als es eine beachtliche Sammlung von Sätzen namhafter Komponisten enthält; in literarischer Hinsicht insofern, als darin auch viele jüngere, oft literarisch anspruchsvollere Texte gesammelt sind (Röber, Schein, Kempff ). Unter diesen Texten befindet sich einiges Sondergut, das z. T. in anderen Gesangbüchern weiter gewirkt hat.

c) Gesangbücher aus dem Umkreis des Dresdner Hofes Als Residenzstadt war Dresden seit 1580 zugleich Sitz der obersten Kirchenbehörde in Kursachsen (weitere Konsistorien existierten in Leipzig und Wittenberg). Unter den einflussreichen Dresdner Hofpredigern sind prominente Namen wie der auch als Liederdichter bedeutende Nicolaus Selnecker (1557–1565), Polykarp Leyser d. Ä. (1594–1610), Matthias Hoë von Hoënegg (1613–1645) oder Jakob Weller (1646–1664); sie besaßen eine theologisch und politisch prominente Position im

262

263

Der Autor Johann Kempff ist bereits 1625 verstorben; Go-1648 enthält zwar den ältesten bekannten Beleg, das Lied muss aber – wenn die Zuschreibung stimmt – über 20 Jahre älter sein. Das im ausgewerteten Material mit elf Mal recht häufig belegte Lied ist in den hymnologischen Quellenwerken nicht vertreten. Go-1648 enthält den ältesten mir bekannten Beleg (mit zwei unterschiedlichen Kantionalsätzen, einem vier- und einem fünfstimmigen), dabei die Angabe „1. à 4. Text. D. Meyfarti. 2. Mel à 5. Sigilli“. Demnach stammen der Text und der erste Satz von Meyfart (Johann Matthäus oder Heinrich?), der zweite von Sigillus (nach Koch, Geschichte III, 277 der Thumer Kantor Michael Siegel; vgl. ebenso ADB 34, 194). Auch in Lü-1702 steht der Name „Mich. Siegel“ bei dem Lied; die Melodie des zweiten Satzes aus Go-1648 (f g a b g a; bei Koch in anderer Tonart wiedergegeben: d e fis g e fis) wird hier – wie auch in N-1677 und H-1683 – variiert (a g a b g a).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Kurfürstentum, teils auch darüber hinaus.264 Auch die Dresdner Musikkultur265 war stark vom Hof geprägt; bedeutende Hofkapellmeister waren Johann Walter (1548–1554), Rogier Michael (1587–1611), Michael Prätorius (1613–1616), Heinrich Schütz (1615–1672) oder Christoph Bernhard (1680–1692). Neben der höfischen existierte die städtisch-bürgerliche Musikpflege mit Zentrum an der Kreuzkirche.266 Die Titel der Dresdner Gesangbücher zeigen, dass auch die Gesangbuchkultur höfisch geprägt war: Hier wird fast immer auf den Gottesdienst in der Schlosskirche verwiesen. Im 16. Jahrhundert war er zunächst durch das Babstsche Gesangbuch und Johann Walters Geistliches Gesangbüchlein (Wittenberg 1524, 51551) geprägt.267 Aus dem Jahr 1581 gibt es erste Aufstellungen über die allsonntäglich im Schlossgottesdienst gesungenen Lieder (‚Festregister‘, vgl. S. 537), die in erweiterter Form noch in den Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts zu finden sind.268 Ein erster Dresdner Gesangbuchdruck bei Hieronymus Schütz, geprägt vom Kryptocalvinismus unter Christian I., entstand 1589.269 Weitere Drucke aus Dresden 1593 und 1597 bemühen sich demgegenüber um eine ostentative Wende zur Leipziger bzw. lutherischen Liedtradition.270 Der Liedpsalter des suspendierten Leipziger Nikolaipfarrers Cornelius Becker (1602) wurde in der Vertonung von Heinrich Schütz (1619) am Dresdner Hof unter Johann Georg II. (1656–1680) verbindlich eingeführt271 und bekam in späteren Dresdner Gesangbuchdrucken einen herausgehobenen Rang.272 Ausgewertet wurden Dresdner Gesangbuchdrucke von 1608, 1625 und 1656 ([Dreßdenisch] Gesangbuch Christlicher Psalmen), von 1676/78 (Geistreiches Gesang=Buch) sowie der Leipziger Vorrath (1673) „zum Gebrauch der Churfl. Sächs. Hoff=Capell zu Dreßden“. D-1608. Die erste verwendete Ausgabe ist das Gesangbuch Christlicher Psalmen / vnd Kirchen Lieder (1608 bei Christian Berg). Die musikalische Ausstattung richtet sich laut dem Titel dieser und der beiden folgenden Ausgaben nach den Gepflogenheiten am Dresdner Hof: „Allesampt mit den Noten / vnd jhren rechten 264 265 266 267

268

269

270 271

272

Vgl. Hasse, Kirche, 515–523. Vgl. dazu Steude, Musikkultur; Steude, MGG-Art. Dresden, bes. 1522–1534. Vgl. Steude, Musikkultur, 581–584; Blaschke, Kreuzschule, 605. Das ergibt die Auswertung der Kompositionen der Dresdner Kapellmeister nach 1550 (vgl. Schmidt, Gottesdienst, 125–128). Vgl. Schmidt, Gottesdienst, 41–62; Dibelius, Geschichte, 223–229. Als Graduallieder gesungen wurden die beiden Lutherlieder Mit Fried und Freud und Mitten wir im Leben sind jeweils am 16. Sonntag nach Trinitatis, das erstere auch an Mariä Reinigung, das letztere auch am 24. Sonntag nach Trinitatis. Vom Jüngsten Tag sang man das böhmische Es wird schier der letzte Tag herkommen am 2. Advent und an den letzten Sonntagen des Kirchenjahres (25., 26., 27. nach Trinitatis). Vgl. Dibelius, Geschichte, 229–235; Reckziegel, Cantional, 34; Schmidt, Gottesdienst, 128–131. Der kryptocalvinistische Einfluss wird durch die Liedauswahl und die Dreiteilung (Festlieder – Katechismus – Psalm- und Loblieder) deutlich. Unter den letzteren sind 13 Lieder „Vom Tod und Sterben“, 8 „Vom Begräbnis und der Auferstehung“ und 5 „Vom Jüngsten Gericht und ewigen Leben“, eine ähnliche Rubrizierung wie in L-1605 (vgl. S. 97; vgl. Dibelius, Geschichte, 229f; Reckziegel, Cantional, 71f). Bei 326 Texten insgesamt entspricht das einem Anteil von 8,0%. Vgl. Reckziegel, Cantional, 34f.73; Schmidt, Gottesdienst, 131f. Einen festen Ort hatten die Becker-Schützschen Psalmlieder vor allem in Nebengottesdiensten wie werktäglichen Frühpredigten oder nachmittäglichen Betstunden, vgl. Schmidt, Gottesdienst, 78. In D-1676 steht er komplett an erster Stelle.

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Melodeyen / wie solche in der Churfürstlichen Sächsischen Schlosskirchen zu Dreßden gesungen werden.“ Davon zeigen auch die zahlreichen liturgischen Gesänge in deutscher und lateinischer Sprache und die Kollektengebete. Der Titel verweist aber auch auf die gemeinschaftliche Hausandacht in der Familie: „Allen Christlichen from[m]en Haußvätern vnd Hauszmüttern mit jhren Kinderlein / so wol in Heusern / als in Kirchen vnd Schulen / sehr Nützlich vnnd dienstlich“. Mit Schmuckleisten und Holzschnitten sind D-1608, D-1625 und D-1656 reich verziert. Neben Luthers Vorrede zum Babstschen Gesangbuch ist unmittelbar vor der Begräbnis-Rubrik auch seine Vorrede zu den Begräbnisgesängen abgedruckt (fehlt nur in D-1656). Die Ausgabe von 1608 enthält 23 Sterbe- und Ewigkeitslieder (8,9% von 259 Liedern in 35 Rubriken): fünf vom Tod und Sterben, zehn vom Begräbnis, neun vom Jüngsten Tag und ewigen Leben; nicht mitgerechnet sind sieben Pestlieder. Für die Dresdner Gesangbücher ist es charakteristisch, dass nicht wie sonst die Lieder vom Tod und Sterben, sondern die Begräbnislieder die größte Gruppe bilden. Acht von ihnen sind mit Noten versehen, ebenso drei vom Jüngsten Tag und vier vom Tod und Sterben. Fünf Begräbnisgesänge stehen in lateinischer Sprache, davon sind drei biblischen Ursprungs;273 dazu kommen Iam moesta und Media vita, zu denen jeweils auch deutsche Textfassungen enthalten sind. Selten unter den Liedern vom Tod und Sterben ist Caspar Löner, O wie selig ist der Tod dem, der verstirbt in Gott (Wittenberg 1538), eher selten unter denen vom Jüngsten Tag Nicolaus Herman, Weil in der argen bösen Welt (Wittenberg 1560). Vorherrschend ist die WittenbergLeipziger Tradition, Lieder der Böhmischen Brüder und aus Frankfurt/O. spielen aber ebenfalls eine Rolle (Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben; Weisse, So lasst uns den Leib behalten). D-1625. Die Ausgabe von 1625 (der genaue Nachdruck einer Ausgabe von 1622274) enthält dieselben 35 Rubriken, ist aber um 17 Lieder erweitert, davon 14 Begräbnisgesänge (vier mit Melodie) und ein Pestlied; ‚Vom Tod und Sterben‘ und ‚Vom Jüngsten Tag und ewigen Leben‘ sind im Bestand dagegen unverändert. Der Anteil der 37 Sterbe- und Ewigkeitslieder hat sich damit schlagartig auf 13,4% erhöht.275 Die neuen Lieder stammen aus der Zeit zwischen 1544 (Michael Weisse, O Jesu Christe, Gottes Sohn, Herr und König im höchsten Thron) und 1611 (Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen), das jüngste ist Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir (Freiberg 1620), das auch zwei Jahre später in Scheins Cantional auftaucht (vgl. S. 108). 273

274

275

Credo quod redemptor meus vivit (Hi 19,25 und Ps 145(146),1); Si enim credimus, quod Iesus mortuus est (1Thess 4,14 und 1Kor 15,22); Si bona suscepimus de manu domini (Hi 2,10 und Hi 1,21; nicht bei Babst). Vgl. Reckziegel, Cantional, 35. Das Exemplar stammt laut einer handschriftlichen Eintragung von „Martinus Friederich Custos zu St. Moriz“, muss also außerhalb von Dresden verwendet worden sein, wo es keine Moritzkirche gibt. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges in der Stadt grassierenden Pest. Den Höhepunkt erreichte die Pest in Dresden aber erst im Jahr 1632; ca. 6900 Menschen erlagen ihr in diesem Jahr, vgl. Blaschke, Dresden, 363.624. Zwischen 1626 und Kriegsende hat sich die Bevölkerung Dresdens von 17000 etwa halbiert, weniger durch direkte Kriegsopfer, sondern vor allem durch Pestepidemien (vgl. Groß, Dresden, 22).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

D-1656. Die nächste erhaltene Ausgabe wurde 1656 gedruckt. Sie enthält mehr als doppelt so viele Lieder (683), nun in 39 statt bisher 35 Rubriken. Keines der 37 Sterbe- und Ewigkeitslieder von 1625 wurde weggelassen, 55 kamen neu hinzu, davon 40 vom Begräbnis, neun vom Tod und Sterben und fünf vom Jüngsten Tag und ewigen Leben. Insgesamt sind das 92 Sterbe- und Ewigkeitslieder, davon 37 mit Noten; die umfangreichste Rubrik ist die vom Begräbnis (64 Lieder). Hier mag sich die Erfahrung des hohen Bevölkerungsverlustes durch die Pest im Dreißigjährigen Krieg276 niedergeschlagen haben. Zusätzlich sind 15 Pestlieder enthalten, sechs davon von Ringwaldt (vgl. S. 279). Bei den Sterbe- und Ewigkeitsliedern hat sich das Spektrum deutlich erweitert. Zwar hat sich auch die Zahl der älteren Lieder (vor 1600) stark vermehrt; unter den 18 neuen sind u.a. zwei von Philipp Nicolai und nochmals fünf von Ringwaldt: Bartholomäus Ringwaldt, Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen (Frankfurt/O. 1577) [B] Bartholomäus Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Frankfurt/O. 1586) [TS] Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Frankfurt/O. 1587) [B] Bartholomäus Ringwaldt, Ihr Christen, tut nicht zagen (Frankfurt/O. 1587) [JE] Bartholomäus Ringwaldt, Ach lieben Christen jung und alt (Frankfurt/O. 1588) [JE] Mindestens elf der neuen Lieder sind aber nach 1600, 20 sogar erst nach 1625 entstanden. Dabei wurden als Quellen viele der schon mehrfach genannten (vgl. z. B. Go-1648, S. 112) sächsischen Gesangbücher verwendet. Vier Lieder stammen aus Demantius’ Threnodiae277 (Freiberg 1620), drei aus Scheins Cantional, drei aus Altenburger Gesangbüchern (u.a. Joseph Clauders Psalmodia nova von 1627) und eines aus Jeremias Webers Leipziger Gesangbuch von 1638: Anon., Fahr hin, du liebste Seele mein (Freiberg 1620) [B] Anon., Hie lieg ich in der Erden Schoß (Freiberg 1620) [B] Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) [B] Anon., Ich war ein kleines Kindlein (Freiberg 1620) [BKi] Johann Hermann Schein, So fahr ich hin mit Freuden (1619) [B] Johann Hermann Schein, Seligkeit, Fried, Freud und Ruh (1623) [B] Johann Hermann Schein, Ich will still und geduldig sein (1625) [B] Johann Siegfried, Ich hab mich Gott ergeben (Altenburg 1625) [B] Christoph Adolph, Als ein Hirsch hat Verlangen (Altenburg 1627) [B] Paul Röber, Ach wie ein kleinen Augenblick (Altenburg 1627) [B] Anon., In Christi Wunden schlaf ich ein (Leipzig 1638) [B] 276 277

Vgl. Anm. 275. Weitere Lieder aus den Threnodiae (vgl. S. 70) stehen im Lüneburgischen Gesangbuch.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Dazu kommen Lieder aus Quellen anderer Regionen, die sich bereits in den vorigen Abschnitten als besonders ergiebig erwiesen haben – Werke von Heermann und Rist sind ebenso darunter wie solche von Königsberger Dichtern und aus der Berliner Praxis Pietatis Melica: Johann Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (1632) [B] Johann Heermann, Lasset ab, ihr meine Lieben (Breslau/Leipzig 1636) [B] Johann Heermann, Lasset Klag und Trauren fahren* [B] Johann Rist, O Ewigkeit, du Donnerwort (Lüneburg 1642) [JE] Johann Rist, Helft mir mit Freuden singen (Lüneburg 1651) [JE] Robert Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Danzig 1638) [B] Heinrich Albert, Einen guten Kampf hab ich (Königsberg 1638) [B] Simon Dach, Gleichwohl hab ich überwunden (Königsberg 1639) [B] Georg Werner, Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht (Königsberg 1639) [B] Peter Hagen, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob schon (Königsberg 1643) [TS] Georg Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Berlin 1648) [B] Christoph Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Berlin 1647) [B] Michael Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Berlin 1647) [B] Paul Gerhardt, Die Zeit ist nunmehr nah (Berlin 1653) [JE] D-1676/1678. Im Umfang und auch im Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder deutlich reduziert ist die Ausgabe von 1676, die unter dem Titel Geistreiches Gesang=Buch / An D. Cornelij Beckers Psalmen und Lutherischen Kirchen=Liedern erschien. Sie enthält zunächst den Becker-Psalter und im Anschluss daran 349 Lieder, davon 31 Sterbe- und Ewigkeitslieder (8,9%). Wieder übertrifft die Zahl der Begräbnislieder (22) die der Lieder vom Tod und Sterben (4) und vom Jüngsten Tag und ewigen Leben (5) bei weitem. Gewidmet ist das Buch den sächsischen Herzögen Johann Georg (später Kurfürst Johann Georg IV., 1668–1694) und Friedrich August (später Kurfürst Friedrich August I. der Starke, 1670–1733). Die Dedikation stammt von Christoph Bernhard, dem Musiklehrer („Informator“) der Prinzen und späteren Hofkapellmeister (1681–1692), der die Redaktion des Buches mit zu verantworten hat. Entstanden ist es in kurfürstlichem Auftrag für den Gebrauch bei Hofe („Auf Chur=Fürstl. Durchl. zu Sachsen etc Hertzog Johann Georgens des Anderen / gnädigste Verordnung und Kosten / für die Churfl. Häuser und Capellen aufgeleget und ausgegeben“). Ein prächtiges zweiseitiges Titelkupfer zeigt eine Gruppe von Sängern in der Dresdner Hofkapelle.278 Noten sind nun allen Liedern zweistimmig beigegeben. Eine weitere Ausgabe entstand 1678; sie ist kleiner im Format und enthält keine Noten. Von den insgesamt 29 hinzugekommenen Liedern steht nur eines in der Rubrik „Begräbnis“: Christian Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (1658); ansonsten ist der Bestand der Sterbe- und Ewigkeitslieder identisch mit D-1676. 278

Eine Deutung dieses Stiches als exemplarisch für das liturgische Raumverständnis der lutherischen Orthodoxie vgl. bei Blankenburg, Der Conradsche Stich von der Dresdner Hofkapelle.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Gegenüber D-1656 sind in beiden Ausgaben radikale Einschnitte vorgenommen: 66 der dortigen 92 Sterbe- und Ewigkeitslieder wurden gestrichen, bevorzugt die neueren; hinzu kommen nur fünf (D-1678 als sechstes Keimann). Die Gruppe der nach 1625 entstandenen Lieder ist den Streichungen fast vollständig (bis auf vier Ausnahmen279) zum Opfer gefallen; damit ist die Auswahl schlagartig wieder ganz konservativ. Zu seiner Reserviertheit gegenüber den neuen Liedern mit dem gehobenen literarischen Anspruch bekennt sich der Herausgeber Bernhard in der Dedicatio ganz offen: Zumahl ist die ungereimte Reimrichtigkeit mit so grossem Fleisse von mir gemieden / als sehr solche zeither von einigen gesuchet worden: Deren / wie sie meinen / verbässerte Poësia die Einstimmigkeit unserer Gemeinen nicht wenig zerrüttet / welches man zu ihrer Verantwortung gestellet seyn lässet. Wie die ältesten Exemplaria, in Worten und Weisen / mir vohr gegangen so habe ich ihnen treulich gefolget; Und das üm so viel desto mehr / weil solches dem Gnädigsten Befehl und Ruhmwürdigster Intention Seiner Chur-Fürstl. Durchl. E. E. Fürstl. Fürstl. Durchl. Durchl. Gnädigen Groß=Herrn Vaters / meines Gnädigsten Herrns / etc. gemäß ge=|schehen sollen.280

Bernhard fürchtet also die ‚zerrüttende‘ Wirkung der auf ‚Reimrichtigkeit‘ bedachten, nach Opitzschen Regeln gemachten neueren Lieder. In seiner Bevorzugung der „ältesten Exemplaria“ weiß er sich mit dem Vater der Prinzen einig, dem späteren Kurfürsten Johann Georg III. (1647–1691, Kurfürst ab 1680). L-1673. Das letzte in diesem Abschnitt zu behandelnde Gesangbuch gehört nicht in die Reihe der genannten fünf Dresdener Gesangbücher, ist aber laut Titel gleichfalls „zum Gebrauch der Churfl. Sächs. Hoff=Capell zu Dreßden“ bestimmt: Der Vorrath von alten und neuen Christl. Gesängen (Leipzig 1673), nur drei Jahre vor Bernhardis Geistreichem Gesang=Buch erschienen, hat bei der Liedauswahl eine diesem genau entgegengesetzte Tendenz. Statt auf neuere Lieder zu verzichten, wird hier eine besonders große Zahl von ihnen zusammengetragen; insgesamt enthält das Werk 1520 Lieder. Inwieweit dem Vorrath ein offizieller Status für das ganze Land zukommt, ist fraglich. Einerseits geht aus der Widmungszuschrift an Kurfürstin Magdalene Sibylle und Prinzessin Anne Sophie hervor, dass sich das Buch einer Initiative des Kurfürsten Johann Georg II. (1613–1680, Kurfürst ab 1656) verdankt.281 Es liegt nahe, diese 279

280 281

Davon neu in der Rubrik: Heermann, Zion klagt mit Angst und Schmerzen (Leipzig 1636); J. Franck, Jesu, meine Freude (Berlin 1653). D-1676, Dedicatio fol. 3v|4r. Vgl. L-1673, Zuschrift fol. b 2v: „Wann denn bey dem Hohen Churhause Sachsen […] iederzeit dergleichen rühmlicher Eifer umb Vermehrung göttlicher Ehre zu verspüren gewesen / auch noch neuligst bey ietzo=regierender Churfürstl. Durchl. unserm gnädigsten Herrn und Landesvater / ein absonderlich Verlangen nach einem beqvemen Gesangbuch sich herfürgethan / als haben wir Endesbenante nach erhaltenem Entwurf zusammen getragener Alten und Neuen Gesänge / (derer an der Zahl bey 1520. seyn mögen) samt beygefügten Kirchen Collecten und andern Fest=Andachten / solch Werck in Druck zu befördern uns unterfangen […] ein Werck / das ihrem Churfürstl. hohen Gemahl und Herrn Vater für geraumer Zeit beliebt hat“.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Information mit seiner Ankündigung vom September 1673 in Verbindung zu bringen, „ein gewisses von Unserm Ober-Consistorio oder einer Theologischen Fakultät dieser Lande censirtes Gesangbuch förderlichst herausgeben und in alle Kirchen zum Gebrauch schaffen zu lassen“282. Tatsächlich enthält das Werk eine Vorrede der theologischen Fakultät zu Leipzig; überdies rechnen die Verleger damit, dass künftig die „gantze Evangelische Kirche […] sich dieses Buches bedienen wird“283. Andererseits hatte sich der Kurfürst – zusammen mit der Ankündigung eines allgemeinen Gesangbuchs – weiterhin dagegen ausgesprochen, „andere Lieder, als die in Herrn Lutheri Gesangbüchlein stehen, zu führen“284. Seine Skepsis gegen die neueren Lieder scheint sich mit der konservativen Haltung Bernhards durchaus zu decken und steht im Widerspruch zu dem aufgeschlossenen Konzept des Buches, das sich ausdrücklich als Vorrath von „alten und neuen“ Liedern versteht.285 Sollte es sich tatsächlich um die Realisierung der kurfürstlichen Pläne für ein offizielles Gesangbuch handeln, so scheint es sich doch nicht für längere Zeit durchgesetzt haben, vielleicht schon aufgrund seines Umfangs.286 Spätere Auflagen sind jedenfalls nicht bekannt. Dass für den Vorrath auch eine liturgische Verwendung – jedenfalls in der Hofkapelle, vermutlich auch darüber hinaus – indentiert war, zeigt die Aufnahme zahlreicher lateinischer Gesänge.287 Allerdings wurden im Hofgottesdienst noch zur Zeit Johann Georgs II. fast ausschließlich dieselben Lieder gesungen wie 1581;288 für die vielen neuen Lieder des Vorraths dürfte also ein anderer Sitz im Leben vorgesehen sein – Nebengottesdienst, Hausandacht oder Privaterbauung. Hinsichtlich der Rubrizierung bietet der Vorrath eine neue Variante: Es besitzt nur zwei große Abschnitte, Fest- und Katechismuslieder. Alle nicht eindeutig einem Anlass im Kirchenjahr289 zuzuordnenden Lieder werden danach eingeteilt, mit welchem Gegenstand der christlichen Lehre sie in Verbindung zu bringen sind; vielleicht hängt das auch mit dem Einfluss der Leipziger theologischen Fakultät zusammen. Z. T. dienen dabei die klassischen Katechismus-Rubriken als ‚Aufhänger‘ für die 282 283 284 285

286

287

288 289

Zit. nach Dibelius (Geschichte, 242), der diese Ankündigung direkt auf den Vorrath bezieht. L-1673, Zuschrifft fol. b 2v. Zit. nach Dibelius, Geschichte, 241. Das Titelkupfer illustriert dieses Konzept: Gottes Hand schenkt vom Himmel Wein in einen Kelch, um den in zwei Reihen – so erläutert die Inschrift – ein „Vorrath“ von Fässern mit altem und neuem Wein lagert. Die Vorrede der theologischen Fakultät zu Leipzig hebt „der neuen Lehrer ihre Geistreiche Compositiones“ eigens hervor, von denen „etliche nunmehro auch unter uns / und anderst wo haben angefangen bekandt zu werden“. Mögliche Vorbehalte gegen die Neuerungen sollen durch die Versicherung zerstreut werden, „daß wissentlich keine verdächtige Arbeit darzu gebrauchet oder genommen worden“ (fol. d 2v). Vgl. Dibelius, Geschichte, 242: „So war denn nicht nur die solcher Zentralisation abgeneigte Zeitströmung, sondern auch die starke Zumutung, die einen Kodex mit 1520 Liedern jeder Gemeinde zum Gebrauch oktroyieren wollte, an dem Misslingen des Planes schuld.“ Nach Scheitler, Lied, 305 Anm. 94 können die Textfassungen der lateinischen Gesänge als „für die liturgische Praxis repräsentativ“ gelten; vgl. auch Schmidt, Gottesdienst, 137. Vgl. Schmidt, Gottesdienst, 85–88. Zwischen Weihnachts- und Osterfestkreis befindet sich hier eine Rubrik zu „Christi Leben und Wandel“ (ähnlich J-1531, vgl. S. 36 Anm. 18).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Unterbringung bestimmter weiterer Liedgruppen,290 z. T. werden über die gängigen Katechismusstücke hinaus neue Überschriften hinzugefügt, die dann eher an eine dogmatische Darstellung der christlichen Lehre erinnern.291 Die achte und letzte Abteilung der Katechismuslieder trägt in diesem dogmatisch-systematisierenden Sinne die Überschrift „Von letzten Dingen“292 und umfasst vier Unterabschnitte: „Vom Tod und Begräbniß“ (160 Lieder), „Von der Aufferstehung und Jüngsten Gericht“ (17 Lieder), „Von der Hölle“ (5 Lieder) und „Vom ewigen Leben“ (19 Lieder). Das systematische Interesse wird auch darin deutlich, dass der erstgenannte Abschnitt zusätzlich „Vom Beschluß des Lebens“ überschrieben ist, der zweite kontrastierend „Vom Beschluß der Welt“. Insgesamt machen die 201 Lieder 13,2% des Vorraths aus, die Tod- und Begräbnis-Lieder allein 10,5%. Nicht eingerechnet sind 22 Pestlieder (unter 3.: Vaterunser bzw. Gebet/Bitte) und zehn Lieder „Wider Eitelkeit“ (unter 5.: Buße – Beichte – Rechtfertigung). Aus dem 16. Jahrhundert stammen mindestens 49, also knapp 25% der Sterbeund Ewigkeitslieder des Vorraths, darunter drei von Michael Weisse; von Luther wurde aus dem Babstschen Gesangbuch auch das kurze In meinm Elend war dies mein Trost übernommen (nach Hi 19,25, vgl. S. 38 Anm. 36). Nicolaus Herman ist mit fünf Liedern vertreten – darunter O Mensch, mit Fleiß anschaue mich (Wittenberg 1562) –, Nicolaus Selnecker mit vier und Bartholomäus Ringwaldt mit sieben Liedern. Neben den gängigen Liedern von Erasmus Alber, Paul Eber, Johann Gigas, Martin Schalling, Johannes Leon, Bartholomäus Frölich, Jeremias und Philipp Nicolai fallen unter den älteren Liedern diese auf: Johann Gigas, Ich armer Mensch gar nichtes bin293 (Frankfurt/O. 1564) Georg Berckenmayr, O Herr, bis du mein Zuversicht (Straßburg 1568) Caspar Stolzhagius, Ach treuer Gott, Herr Jesu Christ (Leipzig 1582) Wolfgang Striccius, Ich weiß, dass mein Herr Jesus Christ (Nürnberg 1588) Anon., Herr Jesu Christ, du treuer Hort (Görlitz 1593) Christian Thalheimer, Gott sei gelobt, ich empfind wohl (Nürnberg 1605) Im weiteren Verlauf sind wieder die üblichen Lieder von Martin Behm, Christoph Knoll und Valerius Herberger sowie anonyme Dichtungen wie Auf meinen lieben Gott, Christus der ist mein Leben  und weitere enthalten. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder aus der Zeit ab 1620 sollen wieder nach Herkunftsregionen geordnet werden. Zahlreiche Lieder kommen etwa aus der sächsischen und thüringischen Nachbarschaft des Vorraths. Aus den Threnodiae (Freiberg 1620) ist nicht nur Freu dich sehr, o meine Seele vorhanden, sondern auch Ach mein herzliebes 290

291

292 293

Nicht nur Bitt- und Gebetslieder (auch: Lieder für bestimmte Nöte wie Pest, Teuerung usw.), sondern auch Morgen-, Abend-, Tisch- und Danklieder werden so dem Vaterunser zugeordnet. Z. B. „Von der Christlichen Kirche und deren drei Hauptständen“ mit den Unterabschnitten Lehrstand (Kirche/ Schule), Wehrstand (Obrigkeit), Nährstand (Untertanen: Eheleute, Witwen, Jünglinge/Jungfrauen, Handelsleute). Eine ähnliche Einteilung fand sich im Hannoverischen und im Cellischen Gesangbuch, vgl. S. 65. Hier wie in Mollers Manuale (Görlitz 1593) in der Textfassung: Ich armer Sünder gar nichts bin.

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Jesulein; aus Go-1648 stammt Kempffs Wenn ich in Todesnöten bin (vgl. S. 113). Von den zahlreichen Liedern aus Scheins Cantional sind in L-1673 immerhin noch einige mehr übrig geblieben als in L-1682 (vgl. S. 109): Johann Hermann Schein, Ich will still und geduldig sein (1625) Johann Hermann Schein, Ist denn fürn bittern Tod (Leipzig 1626) Johann Hermann Schein, So fahr ich hin mit Freuden (1619) Tobias Michael, Wo ist denn hin mein Leiden (Leipzig 1645) Aus der Psalmodia nova von Joseph Clauder (Altenburg 1627/1631) stammen vier Lieder: Paul Röber, Ach wie ein kleinen Augenblick (Altenburg 1627) Michael Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Altenburg 1627) Zachäus Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Altenburg 1627)294 Anon., Groß Freud in meinem Herzen (Altenburg 1631) Röber ist zudem auch mit dem Lied O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Leipzig 1625) vertreten. Dazu kommen u.a. ein Lied von Johan Schelius aus L-1638, eines von Ahasverus Fritsch und eines ohne sonstigen Beleg, das dem sächsischen Pfarrer David Peck295 zugeschrieben wird. Johann Schelius, O Herre Gott, aus tiefer Not (Leipzig 1638, vgl. S. 102) Ahasverus Fritsch, Hast du denn, Jesu, dein Angesicht gänzlich verborgen (Jena 1668) David Peck, Wenn ich bei mir betrachte die große Himmelsfreud* Der am besten vertretene neuere Autor der Region ist Johann Olearius mit acht Liedern aus seiner Geistlichen Singekunst (Leipzig 1671), die jeweils mit „D. J. O.“ gekennzeichnet sind; ein anonymes Lied ist aus demselben Werk übernommen: Johann Olearius, Herr Jesu, mein Trost, Hilf und Rat (Leipzig 1671, Nr. 1374) Johann Olearius, Herr Jesu, deine Traurigkeit (Nr. 1376) Johann Olearius, Wollst du für dem Tod erschrecken (Nr. 1377) Johann Olearius, Gott gibt, Gott nimmt, was Gott genommen (Nr. 1379) Johann Olearius, Weil der Erstling Gott gebühret (Nr. 1380) Johann Olearius, Was Gott tut, das ist recht und gut (Nr. 1381)

294

295

Als eigenes Lied (Nr. 1360) taucht in L-1673 noch eine Textvariante von Str. 5 und 6 dieses Liedes (Nr. 1387) auf. Sie beginnt: Hilf mir, mein Gott, überwinden alle Furcht und Traurigkeit. Die Biogramme in FT I, S. 493 und im Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen stimmen zwar nicht in Pecks Geburtsdatum überein (1601–1666 bzw. 1610–1666; richtig dürfte die erstgenannte Angabe – FT – sein), aber in den Stationen seines Dienstes: ab 1626 Diakonus zu Mittweida, ab 1635 Pfarrer zu Pehritzsch.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Johann Olearius, Eins ist sehr schwer, zwei kränken mehr (Nr. 1382)296 Johann Olearius, Gottlob, mein Heil, die Freudenzeit (Nr. 1514) [E] Anon., Herr, lass mich deinen werten Geist bis an mein End regieren Folgende Lieder stammen von Coburger Autoren oder aus Coburger Gesangbüchern: Anon., Herr Jesu Christ, du treuer Gott (Coburg 1630) Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) Michael Franck, Freud über alle Freude (Coburg 1653) Peter Franck, In Christo will ich sterben (Coburg 1655) Johann Höfel, O süßes Wort, das Jesus spricht (Coburg 1655) Andreas Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Coburg 1655) Johann Christoph Kohlhans, Ach wann werd ich dahin kommen (Gotha 1666/Coburg 1667) Von Autoren aus Nürnberg kommen sieben der neueren Lieder, drei davon von Dilherr und je eines von Saubert d. Ä., Rude und Birken. Bisher nicht genannt wurde nur Ach Gott, erhör mein Seufzen und Wehklagen (Nürnberg 1648) von Jakob Peter Schechs. Kaum rezipiert sind die Berliner Dichter, nur Paul Gerhardt (Die Zeit ist nunmehr nah) und Christoph Runge (Was ist der Mensch auf dieser Welt297) sind mit je einem Lied vertreten. Unter den neun Liedern schlesischer Herkunft dominiert Johann Heermann mit acht Titeln. Dazu kommt Hör, mein herzliebes Seelichen*, das Heinrich Held zugeschrieben wird, einem aus Guhrau/Schlesien gebürtigen Juristen und Dichter.298 Von den norddeutschen Autoren ist zum einen Gottfried Wilhelm Sacer mit fünf Liedern in der Rubrik „Vom Tod und Begräbniß“ vertreten, die mit den sechs bei H-1683 genannten fast identisch sind (vgl. S. 92); nur Gott, du suchst mich mit Krankheit heim steht unter den Betliedern (speziell „Gebet in Kranckheit“, S. 709). Zum anderen ist Johann Rist zu nennen, der mit insgesamt 24 Liedern häufigste Autor in den untersuchten Rubriken des Vorraths: [TB] Herr, meinen Geist befehl ich dir (Lüneburg 1642)299 Herr Jesu, mein Trost, lass mich nicht (Lüneburg 1651)300 Weg mit der Welt, mit Gut und Geld (Lüneburg 1651)301 296

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298 299 300

301

Die Lieder aus der Geistlichen Singekunst Nr. 1379–1382 gehören zu Olearius’ siebenteiligem Zyklus „Absonderlicher Trost der Eltern“ (vgl. dazu die tabellarische Aufstellung S. 436). Dazu kommt als eigene Nummer die separierte Str. 4 von Runges Lied (Incipit: Wer täglich stirbt, eh er noch stirbt, Nr. 1362.; das ganze Lied steht an späterer Stelle unter der Nr. 1414.). Zu ihm vgl. FT I, S. 360; Koch, Geschichte I, 55; ADB 11, 680; DBE 4, 556. Str. 13–14 von Rist, O Gott, der du mit großer Macht (HL 3,9). Textvariante zu Str. 11 von Rist, Es nahet sich der letzte Tag (NHL 4,3): „Alßden Herr Jesu laß Mich nicht“ usw.; das vollständige Lied folgt später unter der Nr. 1450. Textvariante zu Str. 10 von Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (NHL 4,2): „Ade du Lasterreiche Welt / | Du Lusthauß aller Schande“ usw.

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Erleuchte mich, o treuer Gott (Lüneburg 1642)302 Wenn die Zeit ist vorhanden, dass ich abscheiden soll (Lüneburg 1651)303 Mein Gott und Vater, der du nicht (Lüneburg 1651) In deinen Willen geb ich mich (Lüneburg 1651)304 Es nahet sich der letzte Tag (Lüneburg 1651) Mein Seelichen, wenn willt du doch (Lüneburg 1651) Herr Jesu Christ, mein Trost und Licht (Lüneburg 1651) [AJ] Lasst ab von Sünden alle, lasst ab und zweifelt nicht (Lüneburg 1651) [Hö] Erschrecklich ist es, dass man nicht (Lüneburg 1651) Muss dir, o Mensch, die schnöde Welt (Lüneburg 1651) Kommt her, ihr Menschenkinder (Lüneburg 1651) Ich will für allen Dingen vergessen dieser Zeit (Lüneburg 1651) [E] O Gottes Stadt, o himmlisch Licht (Lüneburg 1642) O Gott, was ist das für ein Leben (Lüneburg 1642) Ach Gott, wann kommt die liebe Zeit (Lüneburg 1651) Frischauf und lasst uns singen, ihr Kinder Gottes allzumal (Lüneburg 1651) Helft mir mit Freuden singen, ihr Christen allzumal (Lüneburg 1651) Nun, Welt, du musst zurücke stehn (Lüneburg 1651) O Blindheit, bin ich denn der Welt (Lüneburg 1651) So sei nun wohl zufrieden, mein liebstes Seelichen (Lüneburg 1651) Wie magst du dich so kränken, mein Seelichen, sag an (Lüneburg 1651) Auffälligerweise fehlt hier das sonst beliebte Rist-Lied O Ewigkeit, du Donnerwort. Weiter bestätigt sich die Tendenz, dass Rists Sammlung Neüer Himlischer Lieder Sonderbahres Buch (Lüneburg 1651) die bevorzugte Quelle für die Rubriken von der Hölle und vom ewigen Leben bildet. Fast die Hälfte der Lieder in der letztgenannten Rubrik stammt von Rist, und die kleine Rubrik von der Hölle besteht fast ausschließlich aus seinen Texten (neben Heermanns Wach auf, o Mensch, o Mensch, wach auf, Leipzig/Breslau 1630). Bei den sieben erstgenannten der zehn Rist-Lieder vom Tod und Begräbnis (Nr. 1367–1373 des Vorraths) griffen die Herausgeber aus längeren Texten eine oder wenige Strophen heraus, meist unter Weglassung des eigentlichen Liedanfangs; die Reihe beginnt mit Herr, meinen Geist befehl ich dir unter der Überschrift „Joh. Rists Seuffzer“, die anderen folgen jeweils unter dem 302

303 304

Str. 14 von Rist, °So wünsch ich mir zuguterletzt (HL 5,10); das Incipit lautet in L-1673 fälschlich nur „ERleuchte mich / O GOtt“ (statt „o treuer Gott“ wie im Original der Himlischen Lieder). Textvariante zu Str. 10–12 von Rist, O Vater aller Gnaden (NHL 4,1): „Und wen die Zeit fürhanden“ usw. Str. 3 und 11–16 von Rist, Herr Jesu Christ, mein Trost und Licht (NHL 4,6); das vollständige Lied folgt später unter der Nr. 1452.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Titel „Noch aus J. Rists Andacht“. Zweimal kommt es dadurch zu Dopplungen mit später abgedruckten Liedern.305 Insgesamt bilden die 39 Lieder von Danziger und Königsberger Autoren die größte Gruppe. 21 davon stammen von Simon Dach, 4 von Georg Weissel, 3 von Peter Hagen, je 2 von Georg Werner und Robert Roberthin und je eines von Heinrich Albert, Georg Mylius, Christoph Wilkow, Fabian von Ostau und Michael Albinus; dazu kommen zwei anonyme Lieder. Genannt seien hier nur diejenigen Lieder, die bisher keine Erwähnung gefunden haben. Peter Hagen, Trauret nicht, ihr Christen gut (Königsberg 1639) Michael Albinus, Auf, du mein Geist, mein Sinnenlicht (Danzig 1641) [E] Anon., Der jüngste Tag ist vor der Tür (Königsberg 1643) [AJ] Fabian von Ostau, Ach Gott, wie kurz ist unser Zeit (Coburg 1655) Anders als Rists Lieder stehen fast alle Lieder aus Königsberg in der großen Rubrik „Vom Tod und Begräbniß“. Die beiden einzigen Ausnahmen sind in der Liste markiert [E, AJ]. Einige Lieder ließen sich räumlich und zeitlich nicht zuordnen.306 d) Überblick über die kursächsischen Gesangbücher Die Liedauswahl aus den dreizehn sehr unterschiedlichen ausgewerteten kursächsischen Gesangbuchausgaben307 umfasst ca. 330 Sterbe- und Ewigkeitslieder; der Bestand ist damit der umfangreichste aus den untersuchten Regionen. Der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder ist meist recht hoch, oft um 13% oder mehr (in Scheins Cantional liegt er bei 25%). In allen der berücksichtigten Drucke aus Kursachsen erscheinen diese sechs Lieder: Prudentius, Iam moesta quiesce querela [meist B] Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Erfurt 1524) [B/TS] Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) [meist B] Michael Weisse, Es wird schier der letzte Tag herkommen (Jungbunzlau 1531) [JA] Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) [JA] Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) [TS] Mit Fried und Freud steht fast durchweg unter den Liedern zu Neujahr oder Mariä Reinigung. Ein sächsisches Spezifikum ist die durchgängige Berücksichtigung von Iam moesta; der prudentianische Hymnus taucht auch bei Babst auf, sonst nur ver305

306

307

Die gedoppelten Lieder sind die mit Anm. 300 und 304 bezeichneten. Ein ähnliches Phänomen ist der Strophenauszug aus Fabers Herr, ich bin ein Gast auf Erden unter der Nr. 1360 (vgl. Anm. 294) und aus Runges Was ist der Mensch auf dieser Welt unter der Nr. 1100. Von einigen unter ihnen enthält L-1673 den einzigen gefundenen Beleg: Nun gottlob, es ist vollbracht aller Jammer, Angst und Schmerzen*; O Herre Gott, in meiner Not tu ich mich zu dir wenden* (nach Selnecker, O Herre Gott, in meiner Not ich ruf zu dir); O Welt, muss ich dich lassen, muss mein Gesicht erblassen*. L-1605; L-1616; L-1627a; L-1638; L-1627b; L-1645; L-1682; D-1608; D-1625; D-1656; D-1676; D-1678; L-1673.

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einzelt, während seine deutschen Übersetzungen sehr verbreitet sind. Auch die biblischen Responsorien in lateinischer Sprache sind in kursächsischen Gesangbüchern häufiger vertreten als andernorts. Sehr häufig in den Rubriken von Tod, Sterben und Begräbnis sind weiter diese Lieder: Martin Schalling, Herzlich lieb hab ich dich, o Herr (Nürnberg 1571) 12x, fehlt nur L-1605 Anon., Hört auf mit Trauren und Klagen (Frankfurt/O. 1561) 11x, fehlt nur D-1676/78 Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) 10x, fehlt in den ältesten Ausgaben Ludwig Helmbold, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich (1575) 10x Christoph Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) (B/TS) 10x, fehlt in den ältesten Ausgaben Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) 9x Aus den Rubriken vom Jüngsten Tag, von der Auferstehung und vom ewigen Leben sind in den sächsischen Gesangbüchern diese Lieder am häufigsten: Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) (JA) 12x, fehlt nur L-1605 Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) 10x Johann Walter, Herzlich tut mich erfreuen (Wittenberg 1552) 10x Nicolaus Herman, Sankt Paulus die Korinthier (Kulmbach 1551) 10x Einige Lieder,308 die in Leipzig (fast) immer unter ‚Vom Tod und Sterben‘ vertreten sind, tauchen in Dresden unter den Pestliedern auf und wurden daher in den Dresdner Gesangbüchern nicht als Belege mitgezählt. In den älteren Drucken L-1605, L-1616, L-1627a und L-1638 überwiegen Lieder aus dem 16. Jahrhundert; dasselbe gilt für D-1608 und D-1625. Am besten vertreten ist dabei jeweils der Zeitraum zwischen 1550 und 1575; die Lieder vor 1550 sind in den früheren, die zwischen 1575 und 1600 in den späteren Drucken besser repräsentiert. Größere Offenheit gegenüber Neuem besitzen die Ausgaben D-1656 und L-1682 (hier ist die Berücksichtigung neuer Lieder eine Besonderheit der Sterbelieder-Rubrik). In D-1676/1678 wird die Öffnung dagegen wieder zurückgenommen. Übermäßig viele neue Lieder enthalten schließlich Scheins Cantional von 1627/45 und der Vorrath von 1673. Im Falle des Cantionals sind dies fast ausschließlich Scheins eigene Gelegenheitswerke, während der Vorrath aus den unterschiedlichsten Quellen schöpft (Autoren: Dach, Rist, Heermann, Olearius, Sacer). Aus den Zeit-

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Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit; Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit; Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal muss sterben.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

abschnitten bis 1625 enthält der Vorrath je ca. 20 Lieder, zwischen 1625 und 1650 sowie zwischen 1650 und 1673 je ca. 60. Was den Gebrauch der Gesangbücher aus Kursachsen betrifft, so weisen viele von ihnen Merkmale auf, die auf eine liturgische Verwendung hindeuten: Kollektengebete, liturgische Gesänge und die zur Förderung des Gemeindegesangs bestimmten Kantionalsätze. Andererseits gibt es zahlreiche Belege für eine stark ausgeprägte Skepsis gegenüber neueren Liedern im Gottesdienst. So wünscht sich der Dresdner Hofprediger Polykarp Leyser in seiner Vorrede zum Beckerschen Liedpsalter von 1602, „das der Herr Lutherus mit seinen Gesengen, sonderlich in den Kirchen, den preiß und vorzug behalte“309, und noch 1676 klagt der kurfürstliche Informator Bernhard in scharfem Ton darüber, wie die „verbässerte Poësia [der neuen Lieder, L.L.] die Einstimmigkeit unserer Gemeinen nicht wenig zerrüttet“ (vgl. S. 118). Auch wenn der Dresdner Hofgottesdienst aufgrund seiner speziellen Situation sicher keinen repräsentativen Charakter besitzt, so ist doch bemerkenswert, dass die Zahl der hier gesungenen Lieder tatsächlich weit kleiner ist als die der im dazugehörigen Gesangbuch abgedruckten: Ihre Auswahl bleibt über ein Jahrhundert fast konstant.310 Auch in Leipzig lässt sich seit der Vollendung des Konkordienwerks eine entsprechende konservativ-orthodoxe Tendenz ausmachen. Der frühere Dresdner Hofprediger und Leipziger Superintendent Nicolaus Selnecker schreibt 1587 in der Vorrede zu seinen Kirchengesengen: IN vnsern Kirchen behalten wir D. Lutheri Gesenge / vnnd singen dieselben sampt den andern in seinem Gesangbüchlein / mit frewden mit einander / vnd lassen andere newe Gesenge anstehen / das wir (wie es sonst leichtlich geschicht) der alten Lehr / Trost / Danck / vnnd Lobgesenge nicht | vergessen / wie wir derwegen allhie zu Leipzig eine gewisse Christliche gute Ordnung haben / was man für Christliche Lieder alle Sontag vnd Fest / die zu eim jeden Sontags Euangelio auffs best sich schicken / mit der gemein zusingen pflegt / wie dieselbige Ordnung biß auf diese stund gehalten worden.311

Mit „Ordnung“ meint Selnecker die Zuordnung der deutschen Gesänge312 zu den Festen und Sonntagen des Kirchenjahres, die in Leipzig etwas anders aussieht als in Dresden 1581,313 aber in ihrer Verbindlichkeit vergleichbar ist. Für diejenigen Lieder und Gesänge, die nicht in dieser Ordnung enthalten sind, gibt es nach Selnecker 309 310 311 312

313

Zit. nach Schmidt, Gottesdienst, 136. Vgl. Schmidt, Gottesdienst, 88. Selnecker, Kirchengesenge, fol. :/: 1v|2r. Die lateinischen Gesänge des choralen und figuralen Chorgesangs im Nebengottesdienst (Vesper, Katechismusgottesdienst, Fastengottesdienst) nimmt Selnecker von seinen Überlegungen aus, betont allerdings auch hier die gute liturgische „Ordnung“, mit der der gottesdienstliche Gesang in Leipzig geregelt sei: „allein das ich dennoch rühmen mus / das besser ordnung mit den Gesengen nicht leichtlich kan gestifftet werden.“ (fol. :/: 3r) Vgl. S. 114 Anm. 267. Den letzten Sonntagen des Kirchenjahres sind bei Selnecker 1587 nicht wie in Dresden 1581 ausdrücklich Lieder vom Jüngsten Tag zugeordnet. Die Tage, an denen Sterbelieder gesungen werden, sind aber dieselben: Mariä Reinigung (Mit Fried und Freud), 16. So. n. Trin. (Mit Fried und Freud; Mitten wir im Leben sind), 24. So. n. Trin. (dasselbe und Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott). Vgl. zu Detempore und Festregister S. 536–544).

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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auch außerhalb des Gottesdienstes, nämlich sowohl zu Hause wie auf der Straße, ausreichend Verwendungsmöglichkeiten: Sonsten aber nemen wir in Heusern / zur arbeit / vnd sonderlich die Schüler auff der Gassen auch mit / andere Gesenge / welche Christlich / richtig vnd rein sind. Vnd sind vnsern Knaben numehr wol bekant des alten Nicolai Hermans Euangelia / die sie für den Thüren singen / Gott lob.314

Noch Jeremias Weber bezieht sich in seinem Leipziger Gesangbuch von 1638 (vgl. S. 101) auf Selneckers Lob der guten Leipziger „Ordnung“, in deren Tradition er seine eigene Arbeit sieht: Es ist sonderlich lobens werth / daß an diesem ort die Kirchenlieder in guter Ordnung gesungen vnd mit fleiß getrieben werden / welches Herr D. Selneccerus sel. weiland Superin=|tendens allhier / in der vorrede seines Gesangbuchs / von vnser Stadt besonders gerühmet: Zu dero weiterer fortstellung diese vnd dergleichen Arbeit gar dienlich seyn wird / darinnen alle Lieder / auch die / so wir in vnsern Belägerungen vnd Kriegsnöthen bißhero gebraucht / befunden werden.315

Einerseits geht Weber auf die aktuellen Bedrängnisse der Kriegszeit ein, aber zugleich betont er die Kontinuität des gottesdienstlichen Gesangs. Trotz der aufwändigen Musikpflege am Dresdner Hof und in den Leipziger Kirchen kam der Reichtum der dortigen Gesangbücher also im Gottesdienst nicht unbedingt zur Geltung, zumal für ein einfaches Gemeindeglied, das kein Gesangbuch vor sich hatte. Um wieviel weniger Lieder ein Gemeindeglied in einer sächsischen Landgemeinde noch im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts mitsingen konnte und durfte, belegt das Zeugnis des 1660 geborenen Christian Gerber. Gerber schreibt über die Gottesdienste in seiner Kinderzeit: Ich erinnere mich, daß ich in meiner Kindheit und Knaben=Alter, Sonntags Wechsel=weise nur die Lieder gehört habe: Vater Unser im Himmelreich. O HErre GOtt dein göttlich Wort. Ach GOtt vom Himmel sieh darein. Wo GOtt der HErr nicht bey uns hält. Es spricht der Unweisen Mund wol. Ich ruff zu dir HErr JEsu Christ. Von GOtt will ich nicht lassen. Erhalt uns HErr bey deinen Wort. An denen drey Haupt=Festen wurden nun die Fest=Lieder, so viel damals vorhanden, gesungen. Alle diese Lieder sind nun gut und erbaulich, zumal die Lutherus gemacht hat; Wenn sie aber nun stets gesungen werden, zumal ohne Buch, so geschicht es von vielen mit schlechter Andacht.316

Im Gottesdienst Kursachsens waren Gesangbücher den Funktionsträgern Pfarrer, Küster und Kantor und natürlich dem Chor vorbehalten; zumindest beim Gemeindegesang dürften die neueren Lieder im 17. Jahrhundert noch keine große Rolle gespielt haben. Auf dem Begräbnis erklangen offenbar häufig neue Lieder, etwa jene 314 315

316

Selnecker, Kirchengesenge, fol. :/: 3v. L-1638, fol. b 4r|v. Zur Verarbeitung des Krieges in den Liedern von L-1638 vgl. Veit, Musik und Frömmigkeit, 514—518. Gerber, Kirchen=Ceremonien, 256.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Gelegenheitswerke, die Schein zahlreich ins Cantional aufgenommen hat; gesungen wurden sie aber vom Chor.

5. Nürnberg Schon im Jahrhundert der Reformation war die Reichsstadt Nürnberg als Gesangbuchzentrum hervorgetreten. Bei Katharina Gerlach in Nürnberg gedruckt wurde 1586 das württembergische Chorgesangbuch des Lucas Osiander (vgl. S. 44); der Beginn der Nürnberger Gesangbuchgeschichte liegt freilich viel weiter zurück. Seine Bedeutung konnte Nürnberg auch im 17. Jahrhundert behaupten.317 Ähnlich wie in Leipzig liegt ein Grund dafür in der großen Zahl überregional bedeutender Druckereien und Verlage am Ort.318 Bedeutend für den Gesangbuchdruck ist neben anderen über viele Generationen hinweg die Druckerei Endter. Mit dem Achtliederbuch (vgl. S. 35), das 1523/24 bei Jobst Gutknecht erschien, stammt das überhaupt älteste reformatorische Liederbuch aus Nürnberg. 1525 erschien bei Hans Hergot das 38 Lieder umfassende Enchiridion oder handbüchleyn, der „Grundstock aller in späterer Zeit herausgegebenen großen Nürnberger Gesangbücher“319. Für die Jahre zwischen 1525 und 1570 hat Siegfried Braungart 293 Liederbücher und Einzeldrucke mit insgesamt 1020 Liedern gezählt.320 Fast immer handelt es sich um Drucker- und Verlegerinitiativen; ein amtliches Gesangbuch wurde in Nürnberg nicht gedruckt – die Gemeinde sang ihr schmales Repertoire auswendig.321 Von 77 Liedern hält Braungart eine liturgische Verwendung für wahrscheinlich, weil sie entweder vermehrt in vom Rat herausgegebenen Drucken oder in einem handschriftlichen Chorbuch aus der Nürnberger Frauenkirche auftauchen; auch in Nürnberg stützte sich der gottesdienstliche Gesang offenbar wesentlich auf den Chor. Unter den genannten 77 Liedern sind Mit Fried und Freud, Mitten wir im Leben sind, Nun lasst uns den Leib begraben und Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott.322 Mitten wir im Leben sind ist auch unter den vier in Nürnberg am häufigsten gedruckten Liedern (27 Mal) aus Braungarts Untersuchungszeitraum.323 Aus dem 16. Jahrhundert sind auch einige Nürnberger Liedflugschriften mit Begräbnisgesän317

318 319 320 321 322 323

Die nachfolgende Darstellung stützt sich weithin auf Dieter Wölfel, Nürnberger Gesangbuchgeschichte (1524–1791) von 1971, auch wenn diese einige Schwächen aufweist: Die Liste der in der Bibliographie erwähnten Drucke stimmt mit den im Text erwähnten nicht überein (so fehlt im Text das Nürnberger Gesangbuch von 1650); Text und Bibliographie ergeben noch nicht einmal zusammengenommen eine vollständige Aufstellung (vgl. Will, Bibliotheca Norica; Reckziegel, Cantional; GBB). Trotz einiger Hinweise (vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 83) ist die Typologie der Drucke nicht ganz deutlich (z. B. „Sammelausgaben“ vs. „reformatorische Gesangbücher“); eine systematische Untersuchung des Buchgebrauchs wäre hier ebenso angebracht wie klärend. Vgl. Reske, Buchdrucker, 654–748. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 22; darin auch Mit Fried und Freud und Mitten wir im Leben sind. Vgl. Braungart, Verbreitung, 9. Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 33; vgl. auch S. 138 Anm. 355. Vgl. Braungart, Verbreitung, 17–19. Die anderen sind: Aus tiefer Not schrei ich zu dir; Nun bitten wir den Heiligen Geist; Wir glauben all an einen Gott. Alle wurden nach Babst auch als Begräbnisgesänge verwendet (vgl. S. 38).

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gen erhalten, die im Liedbestand genau entweder am Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 oder an Babst 1545 orientiert sind.324 Stark rezipiert wurde in Nürnberg nicht nur das Babstsche Gesangbuch (Nachdrucke 1557–1579),325 sondern auch das Eichornsche Gesangbuch (Nachdrucke ab 1566).326 Ab 1584 tauchen darin Straßburger Einflüsse in Gestalt der Vorrede des schon mehrfach genannten Gesangbuches von Theodosius Riehel 1569 und zahlreicher Psalmlieder auf,327 ab 1597 wird die Eichornsche Rubrizierung umgebaut: Aus den 25 Rubriken bei Eichorn werden zunächst 28, dann werden die Psalmlieder als eigene Abteilung ausgegliedert; ab dem 524 Liedtexte umfassenden Gesangbuch von Alexander Dieterich 1599 etabliert sich eine ganz neue Vierergliederung mit Unterrubriken (Psalmlieder, Festlieder, Katechismuslieder, Tröstliche Gesänge) unter dem Titel Geistliche Lieder und Psalmen.328 Diese Auflage enthält auch erstmals ein „Festregister“ zum Detempore im Kirchenjahr. Dem Titel wird jeweils die Zahl der Lieder vorangestellt, die sich mit jeder der zahlreichen Neuauflagen (17 Auflagen bis 1639) steigert,329 vor allem durch Psalmlieder – etwa aus Straßburg und ab 1611 aus dem Becker-Psalter.330 a) Geistliche Psalmen, Hymnen, Lieder und Gebet N-1594, N-1599, N-1607, N-1617, N-1626, N-1637, N-1654. Für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden die sieben Drucke exemplarisch ausgewertet, die im vorangegangenen Abschnitt durch Fettdruck gekennzeichnet sind; weitere Ausgaben 324

325

326

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328 329

330

Vgl. Nehlsen, Liedflugschriften 1, 29–32. Zwei Drucke mit dem Titel Christliche Gesänge und Psalmen welche zu Nürnberg und in anderen christlichen Kirchen bei der Leiche und Begräbnis gesungen werden (1560 und 1563) enthalten die sechs bei Babst genannten deutschen Begräbnislieder (vgl. S. 38). Der Druck von 1563 enthält zusätzlich den Erstbeleg (vgl. W IV 296.) von Herr Gott, mein Jammer hat ein End; das Lied ist auch in allen untersuchten Nürnberger Gesangbüchern aus dem 17. Jahrhundert enthalten. Zwei weitere Drucke mit dem Titel Schöne christliche Gesänge zum Begräbnis der Toten (um 1535 und um 1570) enthalten die fünf Begräbnislieder aus Weisses New Geseng buchlen (Jungbunzlau 1531). Nachdrucke bei Gabriel Hain 1557 und 1558, bei Valentin Neuber 1567, 1570, 1579 (vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, Xf.34f). Laufend erweiterte Nachdrucke bei Nicolaus Knorr 1566 und 1568 (173 Liedtexte), bei Valentin Fuhrmann 1569 (210 Liedtexte; Nachdruck bei Katharina Gerlach 1580) und bei Dietrich Gerlatz 1571 (204 Liedtexte, Nachdruck bei Valentin Neuber 1580); vgl. Reckziegel, Cantional, 28f.64. Abweichende Angaben zu der Ausgabe von Fuhrmann 1569 bei Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 35f. Der Titel lautet jetzt Psalmen / Geistliche Lieder vnd Kirchengesenge. Drucke bei Valentin Neuber 1584 (269 Liedtexte); bei Valentin Fuhrmann 1585, 1594 und 1597 (zuletzt 330 Liedtexte; vgl. Reckziegel, Cantional, 29f.67f). Vgl. Reckziegel, Cantional, 30f.68f. Drucke bei Katharina Dieterich 1601 und 1604 (zuletzt im Titel angezeigt 576 Lieder); bei Valentin bzw. Leopold Fuhrmann 1603, 1607, 1611 und 1614 (zuletzt im Titel angezeigt 758 Lieder); bei Abraham Wagenmann 1605, 1609, 1611, 1614, 1622, 1625 und 1626 (zuletzt im Titel angezeigt 836 Lieder); bei Georg Endter 1617, 1618 und 1620 (zuletzt im Titel angezeigt 827 Lieder); bei Wolfgang Endter 1637 (im Titel angezeigt 864 Lieder) und 1654. Vgl. Reckziegel, Cantional, 32f; Wölfel, Gesangbuchgeschichte, XI.84; Will, Bibliotheca Norica 2, 168f; GBB. Fett gedruckt: ausgewertete Drucke. Vgl. Reckziegel, Cantional, 69–71. Auch einige Nürnberger Vertreter der aufkommenden neuen geistlichen Dichtung im 17. Jahrhundert bemühten sich besonders um die Psalmendichtung, etwa Ambrosius Metzger (Der Psalter David, 1630 bei Wolfgang Endter) und Johann Vogel (Psalmen Davids, 1638 bei Jeremias Dümler); vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, XIf.43–45; Will, Bibliotheca Norica 2, 169.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

aus derselben Zeit zeigen eine sehr ähnliche Liedauswahl. Der Titel lautet zunächst Geistliche Psalmen vnd Lieder, ab 1607 meist Geistliche Psalmen / Hymnen / Lieder vnd Gebet. Die Rubrizierung der Sterbe- und Ewigkeitslieder entspricht dem gängigen Schema von Eichorn: ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘, ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘; die erstgenannte Rubrik ist jeweils die größte. Der Anteil der Sterbe- und Ewigkeitslieder an der Gesamtzahl liegt zwischen 6,6% und 10,4% (Ausnahme: 1607 nur bei 4,2%), ihre Zahl zwischen 28 (1594) und 81 (1637). Wie immer ist der Stamm der ältesten Lieder (Luther, Weisse, Alber, Müntzer, Blarer, Walter usw.) sehr stabil. Dazu gehört in Nürnberg auch ein Lied von Johann Stigelius, O Mensch, willt du vor Gott bestahn (Nürnberg 1550), das aber nach 1650 wegfällt. Reduziert werden im Laufe der Zeit die Lieder der Böhmischen Brüder (Weisse, Herbert): Von acht Liedern 1599 sind in der Ausgabe von 1654 nur noch zwei übrig (Nun lasst uns den Leib begraben; Es wird schier der letzte Tag herkommen). Herman (7 Lieder), Selnecker (4) und Ringwaldt (6) sind wieder die meist vertretenen Dichter aus dem 16. Jahrhundert. Johann Gigas, Johann Mathesius und Johannes Leon sind mit je zwei Liedern vertreten. Unter den durchgängig belegten Liedern fehlen auch Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott und O Welt, ich muss dich lassen nicht. Dazu kommen die deutsche Fassung von Iam moesta und das anonyme Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563). Aus den Jahren unmittelbar nach 1600 findet sich in den Nürnberger Gesangbüchern neben Auf meinen lieben Gott und Hier lieg ich armes Würmelein einiges an regionalem Sondergut, etwa in N-1617: Georg Grünewald, Es woll ihm Gott genädig sein (Nürnberg 1599) Valentin Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Nürnberg 1611) Caspar Policarius, Du, Gottes Sohn, Herr Jesu Christ (Nürnberg 1611) Bis N-1626 werden vor allem ältere Lieder von Herman, Selnecker, Ringwaldt und Leon hinzugefügt. Ab N-1637, das mit 81 Titeln (9,4%) von den untersuchten Nürnberger Durcken die meisten Sterbe- und Ewigkeitslieder enthält, verändert sich die Liedauswahl deutlich. Laut Titel wurde die Sammlung „mit vielen Anmutigen newen Liedern auß newen Autoribus vermehrt“, und in der Vorrede des Nürnberger Predigers M. Cornelius Marci von 1631 (wohl dem Jahr des Erstdrucks dieser Ausgabe), werden die Neuerungen u.a. mit den bedrängten Zeitläuften begründet: Dieweil aber hierinn viel from[m]e Christen Hertzen H. Luthero auß Göttlichem Eifer nachgeahmet / bevorab zu diesen vnsern zeiten die schwere Verfolgungen / die langwierige Kriegspressuren vnd allerhand Trübsal vielen Creutzbrüdern tieffe Seufftzerlein außgetrieben / vnd geistreiche Lieder vnd Psalmen abgezwungen / deren theils in vnterschiedenen kleinen Gesangbüchern zu finden / theils aber noch nie gedruckt worden; Als hat der Achtbar vnd Vorneme Herr Wolffgang Endter jhm vorgenommen / nicht allein die Psalmen vnd Lieder D. Mart. Luth. vnd anderer / wie sie in dem hiebevorn gedruckte[n] Gesangbuch ordentlich zusam[m]en getragen worden / vffs new wider auffzulegen; Sondern auch mit

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etlichen Geistreichen Gesängen D. Philippi Nicolai, Bartholomaei Ringwalts / vnd anderer Gottliebenden Hertzen zu vermehren.331

Erst hier tauchen die Lieder Jeremias und Philipp Nicolais von 1599 auf (Herr Christ, tu mir verleihen; So wünsch ich nun ein gute Nacht; Wachet auf, ruft uns die Stimme), und auch die verbreiteten Lieder Christus der ist mein Leben (Jena 1609), O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Wittenberg 1610) und Herzlich tut mich verlangen (Görlitz 1611) werden erst jetzt hinzugefügt. Dazu kommen außerdem: Anon., Ach wie soll mir geschehen (Leipzig 1613) Anon., Jesulein, du bist mein, weil ich lebe (Altenburg 1613) Anon., Meinm lieben Gott allein (Magdeburg 1613) Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Freiberg 1620) Anon., Herr Jesu Christ, du treuer Gott (Coburg 1630) Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Nürnberg 1631)332, sowie eine ganze Reihe von Liedern, die nur hier auftauchen und später wieder verschwinden. Die Ausgabe N-1654333 hat sich noch weiter den neuen Liedern geöffnet, dabei aber die Zahl der älteren deutlich reduziert. Blarer, Herman, Ringwaldt, Selnecker, Böhmische Brüder (Weisse, Herbert) und andere sind hier mit weniger Liedern oder gar nicht mehr vertreten. Die Vorrede stammt von Johann Michael Dilherr, der im Jahr zuvor seine Engelfreude (N-1653; vgl. S. 132) veröffentlicht und darin die neue „Poeterey“ ausführlich hatte zu Wort kommen lassen; diese Auswahl hat sich auch auf N-1654 ausgewirkt. Laut Titel ist das Werk „mit vielen Liedern / so nach kunstgründiger Richtigkeit / der / heut zu Tage üblichen / Poeterey gesetzt sind / vermehrt“, laut Vorrede um „viel neüe / schöne und bewegliche [bewegende, rührende] Lieder“334 ergänzt. Den weltlichen „Mißbrauch der Music“335 nennt Dilherr eine der ‚schändlichen Töchter‘ der „Sicherheit“; seinen erbaulichen Anspruch macht er durch seine Ermahnung zum geistlichen Gebrauch des Gesanges deutlich, der allein dem Gotteslob als ursprünglicher Bestimmung der Musik entspreche. Unter den 63 Sterbe- und Ewigkeitsliedern (8,0%) repräsentieren vor allem die vielen neu hinzugekommenen Lieder von Johann Rist sowie zwei von Johann Heermann die neue „Poeterey“. Von Rist werden zehn Himmels- und Höllenlieder (meist Lüne331 332

333

334 335

N-1637, Vorrede fol. a 5v. Nach Wackernagel (W V 1557.) stammt dieses Lied aus dem katholischen Cornerischen Gesangbuch (Nürnberg 1631). In lutherischen Gesangbüchern sind allerdings drei Belege ähnlichen Alters zu finden: in der 2. Auflage von Joseph Clauders Psalmodia nova (Altenburg/Leipzig 1630), in T-1631 (vgl. S. 46) und eben in N-1637 (der Datierung der Vorrede nach dürfte es sich ja um den Nachdruck einer verschollenen Ausgabe von 1631 handeln, s. o.). Weitere Belege sind T-1665/69; F-1666; N-1677. Der Titel Bey 1000 Alte und Neue Geistliche Psalmen / Lieder und Gebete ist irreführend, die Sammlung enthält nur knapp 800 Lieder. Die Öffnung für ‚neue‘ Lieder wird aber im Titel schon signalisiert. Eine weitere Ausgabe unter demselben Titel erschien 1657. N-1654, Vorrede fol. ):( 4v. N-1654, Vorrede fol. )( 3v.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

burg 1651) aus der Engelfreude übernommen, dazu kommen sechs vom Tod und Sterben. Heermann ist unter ‚Tod und Sterben‘ mit Wohlauf, mein Herz, ermunter dich (Leipzig 1639) und O Mensch, bedenke stets dein End (Breslau/Leipzig 1630) vertreten. Die Rubrizierung hat sich im Anschluss an die Engelfreude ausdifferenziert und umfasst nicht mehr nur drei, sondern fünf Kategorien: Tod und Sterben (32 Lieder), Begräbnis (10), Jüngster Tag und Auferstehung (10), Hölle (4), Himmel und ewiges Leben (7). Voraus gehen sechs Lieder von der Krankheit (bei N-1654 nicht mitgezählt, in N-1637 aber alle noch unter ‚Vom Tod und Sterben‘). b) Neue Lieder in den Gesangbüchern ab 1650 Um 1650 war Nürnberg zum Sitz einer der bedeutenden deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts geworden, des 1644 begründeten Pegnesischen Blumenordens. Unter dem ‚Oberhirten‘ Georg Philipp Harsdörffer und nach dessen Tod unter Sigmund von Birken bemühten sich die ‚Pegnitzschäfer‘ im Dichterwettstreit um eine nach der Opitzschen Poeterey erneuerte Dichtung; Geistliches bildete dabei einen wichtigen Schwerpunkt. Bedeutende Vertreter neben Harsdörffer und Birken sind Johann Klaj und Justus Georg Schottelius, theologische Mentoren der Nürnberger Prediger Johann Michael Dilherr und der Rostocker Theologieprofessor Heinich Müller, aus dessen Geistlichen Erquickstunden die Blumengenossen 50 Prosaandachten in Liedform brachten und 1673 als Der Geistlichen Erquickstunden Poetischer AndachtKlang veröffentlichten.336 Die Impulse aus der literarischen Produktion der ‚Blumengenossen‘ erneuern und verändern auch die Nürnberger Gesangbücher: Zum einen entstehen Autorengesangbücher, in denen einzelne Dichter ihre eigenen geistlichen Dichtungen vorstellen, z. T. vertont von Nürnberger Musikern. 1649 und 1652 etwa erscheinen bei Wolfgang Endter Harsdörffers Hertzbewegliche Sonntagsandachten.337 Zahlreiche Werke ähnlicher Art gibt es auch von Autoren wie Johann Vogel oder Johann Christoph Arnschwanger, die dem Blumenorden nicht angehörten. N-1653. Daneben existieren Sammlungen mit neuen Liedern und Gedichten, die zugleich die reformatorischen und älteren Lieder weiter überliefern. Als Beispiel hierfür sei Johann Michael Dilherrs Der Irdischen Menschen / himmlische Engelfreude (1653 bei Wolfgang Endter) genannt.338 Das Titelkupfer illustriert die im Titel angedeutete Gegenüberstellung von Irdischem und Himmlischem: Links sind Menschen zu sehen, die in einer irdischen Landschaft gemeinsam aus einem großen Gesangbuch singen, rechts musizierende Putten im Himmel, in ihrer Mitte die Dreieinigkeit als Dreieck. Eine Legende zu bestimmten Details der Darstellung verweist auf entsprechende Bibelstellen (Harfen, Zimbeln usw.). Die Engelfreude enthält insgesamt 271 Lieder, und zwar „nicht allein die gewöhnliche alte Kirchenlieder der vorigen / sondern auch viel neue der itzigen Reinen Lehrer / und anderer Gottsgelehrten 336 337

338

Vgl. Wölfel, Erquickstunden, 371–373. Vgl. Jürgensen, Melos conspirant, 33. Auf Jürgensens ‚Repertorium bio-bibliographicum‘ zur Geschichte des Blumenordens sei zur Orientierung über den Kreis der Mitglieder und über ihr umfangreiches Schrifttum ausdrücklich verwiesen. Weitere Auflagen erschienen 1660 und 1671.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Männer“: Neben 29 Lutherliedern stehen zahlreiche von Dilherr, Harsdörffer, Klaj, Birken, Rist und anderen.339 Von den Sterbe- und Ewigkeitsliedern stammen 19 aus dem 16. und 27 aus dem 17. Jahrhundert, darunter elf von Rist und sechs von Dilherr; weitere Autoren sind Johann Saubert d. Ä., Josua Wegelin und Johann Jakob Rude. Von den älteren Liedern aus den zuvor besprochenen Gesangbüchern fällt ein Großteil weg (Lieder von Weisse, Herman, Selnecker, Ringwaldt). Die Lieder sind insgesamt in 18 „Classes“ eingeteilt, die sich von den Rubriken der Geistlichen Psalmen, Hymnen, Lieder und Gebet deutlich unterscheiden (außer in der von der Engelfreude beeinflussten Ausgabe 1654). Signifikant ist zum einen die Zusammenfassung der Sterbelieder mit denen zum Thema Krankheit (zusammen 28 „Krancke[n]= vn[d] Sterb=Lieder“), zum anderen die Ergänzung der Lieder vom Jüngsten Tag (5 Lieder) durch solche von der Hölle (4) sowie vom Himmel und ewigen Leben (7). Mit der Begräbnis-Rubrik (2) ergibt sich die Zahl von 46 Sterbe- und Ewigkeitsliedern in fünf Rubriken. Der Anteil liegt mit 17,0% ungleich höher als in den zuvor verglichenen Drucken. Dilherrs Engelfreude also hebt sich deutlich von den vorausgegangenen Veröffentlichungen ab – durch den poetischen Titel und die Rubrizierung, durch Liedauswahl und den hohen Anteil der Sterbeund Ewigkeitslieder. Die Sammlung verrät ein wachsendes Interesse an erbaulicher neuer Dichtung, in der sich ein gesteigerter literarischer Anspruch mit dem geistlichen Anliegen der Andacht verbindet. Wie auf dem Titelkupfer wird man den Ort dieser Andacht sicher in der Privatfrömmigkeit gebildeter Kreise zu suchen haben. N-1677. Das Nürnbergische Gesangbuch, das mir in einer Ausgabe von 1677 vorlag, war 1676 bei Christoph Gerhard und Sebastian Göbel erschienen.340 Trotz des offiziell klingenden Titels handelt es sich nicht um ein amtliches Gesangbuch, sondern verdankt sich einer Initiative des Verlegers Sebastian Göbel, der schon vorher Gesang- und Gebetbücher herausgebracht hatte.341 Der Titel Nürnbergisches Gesangbuch wird in der Vorrede von Johann Saubert vielmehr damit erklärt, dass vieler geistreicher Nürnbergischer Lehrer und anderer berühmten Leute / Bedienten und Unterthanen der Stadt Nürnberg / so theils noch im Leben / theils vor langer oder kurtzer Zeit in GOtt seelig entschlaffen / ihre | Seelenerbauliche Lieder / welche bißhero in andern Gesangbüchern entweder gar nicht / oder zerstreuet / […] zu finden gewesen / gegenwärtigem Buch so reichlich sind einverleibet worden. So haben gleichfals zu obenberührten Liedern / welche keine bekante Sangweisen gehabt / die fürnehmste Nürnbergische Musici die neuen Melodien zum künstlichsten 339 340

341

Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 58f. Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 76–80. Ausführlich lautet der Titel: „Nürnbergisches Gesang=Buch / Darinnen 1160. außerlesene / so wol alt als neue / Geist= Lehr= und Trostreiche Lieder / auf allerley Zeit= Freud= und Leid=Fälle der gantzen Christenheit gerichtet / und mit Voransetzung der Autorum Namen / auch theils vortreflich=schönen Melodien / Noten und Kupffern gezieret / zu finden. Deme beygefüget ein Christliches Gebet=Büchlein“ usw. N-1677, Vorrede fol. ):( 6r: „Denen [die Lieder sammeln und Gesangbücher herausgeben, ist] nunmehr abermal […] bejzuzählen Sebastian Göbel […] also hat er mehrmalen in Heraußgebung verscheidener [!] Gesang= und Gebetbücher ein feines Werck gethan und manches guts gestifftet“. Sebastian Göbel hatte schon bei den ersten Altdorfer Gesangbuchdrucken (ab 1663) als Verleger fungiert. Ab 1680 betrieb er eine Offizin in Schleusingen (vgl. Reske, Buchdrucker, 825; Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 110f).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

componiret und erfunden. Und ist also vollends das gantze Werk in Nürnberg worden gedruckt und außgefertiget durch Christof Gerhards […] Arbeit […] auch dann ungesparte Mitverlags=Kosten deß Autoris und Collectoris; welcher dann in so vielfältigem Respect der löblichen Stadt Nürnberg billich stracks auff dem Titelblat gedencken / und dieses das Nürnbergische Gesangbüchlein bejnamen wollen.342

Göbel hat nicht nur Autoren und Komponisten aus Nürnberg bevorzugt aufgenommen, sondern das Buch auch in Nürnberg drucken lassen; er widmet es Bürgermeister und Rat der Stadt. Sauberts Vorrede gibt nicht nur Aufschluss über die editorische Sorgfalt, auf die Göbel besonders hinsichtlich der Quellentreue der älteren Lieder Wert legte,343 sondern auch über den Kontext, für den er seine Sammlung zusammengestellt hat: Damit man auch neben alten Kirchengesängen auff hohe und gemeine Fest= und Feiertäge / und in allerlei sonderbaren Freud= und Leidfällen zu frischer und munterer Andacht eine angenehme Abwechselung möchte haben; als hat Er eine zimliche Anzahl außerlesener neuer Lieder auß vielen Geist= und Lehrreichen Büchern / theils auch noch unaußgegangenen Schrifften und Concepten reiner Evangelischer Lehrer und Christen wolbedächtiglich zusammen gezogen / selbige unter Kunstfündigen Titeln und Auffschrifften in gewiesse Classes abgetheilet.344

Die Berücksichtigung neuerer Lieder, die Saubert hier für das neue Gesangbuch als wesentlich hervorhebt, soll also die „alten Kirchengesänge“ um solche „zu frischer und munterer Andacht“ ergänzen. Als Anlässe der Andacht kommen sowohl „gemeine“ Kirchenfeste wie „sonderbare“, also einmalige oder individuell-lebensgeschichtliche Gelegenheiten in Frage (ähnlich im Titel: „allerley Zeit= Freud= und Leid=Fälle der gantzen Christenheit“). Die Rubrizierung in „Classes“ fällt bei Göbel mit 331 Unterabteilungen besonders diffizil aus. Das Gesangbuch umfasst 1160 Liedtexte, dazu 177 Melodien mit Generalbass, die z. T. eigens dafür komponiert wurden;345 eine zweite Auflage mit 1230 Liedtexten erschien 1690 bei Johann Michael Spörlin (N1690). Als Illustrationen sind feine Kupferstiche beigefügt; nach dem umfangreichen Liedteil folgt ein Gebetbuch unter dem Titel Himmelaufsteigende Herzensflamme „zu Beförderung frommer Christen Hauß= und Kirchen=Andachten“. 342 343

344 345

N-1677, Vorrede fol. ):( ):( 1r|v. N-1677, Vorrede fol. ):( 6r|v: „Welches alles Ihn [Göbel] dann schon vor geraumer Zeit auffgemuntert ein Neues / überauß reiches / außerlesenes und vollständiges Gesangbuch / mit reiffem Bedacht und eingeholtem bestmüglichsten Bejrathen / einzurichten / und / wie nun gegenwärtig zusehen / an das Liecht und in den Druck zugeben: Darinnen Er nebenst zierlicher und schicklicher Erfindung der Titel / darunter unterschiedliche Materien gehörig / zuförderst dahin gesehen / daß die alte / erbauliche und aller Orten in unser Evangelischen Gemeinden bekannte Kirchgesänge / wie | sie anfangs von ihren Meistern gedichtet / unverändert möchten allhier heraußgegeben werden. In welchem Absehen Er die erste und beste Editionen ungespartes Fleißes auffgeschlagen und collationiret“. N-1677, Vorrede fol. ):( 6v. N-1677, Vorrede fol. ):( ):( 1r: „Zu denen gantz neuen aber haben auff freundliches Ansinnen und Ersuchen unterschiedliche fürnehme und treffliche Musici günstig beliebet / außerlesene und gar schicklich klingende Melodien darzu zumachen / welche mit ihrer Ober= und Grundstimme gleichfals bejgesetzet worden.“

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Tatsächlich ist die Zahl der aufgenommenen neueren Lieder groß. Insgesamt 160 stammen nach Wölfel von Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens (am häufigsten: Harsdörffer und Birken). Das Buch als „das Gesangbuch des Pegnesischen Blumenordens schlechthin“346 zu bezeichnen, erscheint aber übertrieben: Der am besten vertretene Autor ist der Berliner Pfarrer Paul Gerhardt mit 76 Liedern.347 Unter den Autoren der Sterbe- und Ewigkeitslieder ist Johann Rist derjenige, der am häufigsten vorkommt. Jedes Lied ist namentlich gekennzeichnet; ein Autorenregister verzeichnet über 200 Namen. Neuartig ist die Aufteilung in 7 Teile mit langen Überschriften, in denen jeweils mehrere der Eichornschen Überschriften zusammengezogen sind. Auf die Lieder zu Festen und Jahreszeiten folgen zunächst Lob- und Danklieder, dann Lieder zu Katechismus, Wort Gottes und christlicher Kirche. Den vierten Abschnitt bilden die Lieder vom christlichen Leben, den fünften die Klagund Trostlieder von Kreuz und Verfolgung. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder stehen in den beiden letzten Teilen: „Von deß menschlichen Lebens Eitelkeit / Kranckheit / Sterben / Begräbniß / Asuferstehung der Toden und jüngstem Gericht“ (63 Lieder) und „Von der Himmels=Freud / Höllen=Leid und Ewigkeit“ (10 Lieder). Ein knapper Anhang (4 Lieder) schließt das Gesangbuch ab. Die Sterbe- und Ewigkeitslieder nehmen vergleichsweise wenig Raum ein: Es sind 73, mit drei Liedern ohne Rubrik aus dem Anhang [a] 76 (6,5%). Auffällig ist die feine, wenngleich nicht sehr systematische Untergliederung: Rubrik „6. Von deß menschlichen Lebens Eitelkeit / Kranckheit / Sterben / Begräbniß / Auferstehung der Toden und jüngstem Gericht.“ (Nr. 1084–1146) „Von der Mühseelig= und Eitelkeit menschlichen Lebens / auch Unvollkommenheit zeitlicher Dinge.“ „Von Absagung der Welt.“ „Todes=Erinnerungen.“ „Wider die Forcht deß Todes.“ „Testament eines Christen.“ „Krancken= Sterb= und Begräbniß=Lieder.“ „Bey Begräbnissen schöner junger Personen und kleiner Kinder.“ „Bey Begräbnissen insgemein.“ „Von der Aufferstehung der Toden und jüngstem Gericht.“398 „Von den Zeichen deß jüngsten Tages / auß dem 24. Cap. Matth.“ „Von dem Proceß deß jüngsten Gerichts.“ 346

347

348

Ldr. 63 4 3 5 2 1 35 8 1 3 1

Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 76 (Hervorhebung im Original gesperrt; Druckfehler korrigiert). Es bleibt unklar, ob mit dieser Formulierung die Initiative zum Gesangbuch, seine Zusammensetzung oder seine Verwendung (etwa bei Zusammenkünften der Gesellschaft) gemeint ist; keine dieser Möglichkeiten erweist sich jedoch als zutreffend. Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 76.79. Eine Nürnberger Ausgabe von Gerhardts Geistlichen Andachten erschien 1683 (vgl. auch S. 138 und S. 148). Unter dieser Überschrift wird lediglich auf Lieder aus anderen Rubriken verwiesen, nämlich auf: Otto von Schwerin, Jesus, meine Zuversicht (Berlin 1653); J. Franck, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, trotz Sünde,

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

„7. Von der Himmels=Freud / Höllen=Leid und Ewigkeit.“ (Nr. 1147–1156) „Von der Stimme zu Mitternacht / und den klugen Jungfrauen / etc. Auß Matth. 25.“ „Vom Himmel und ewigen Leben.“ „Von der Höll und ewigen Verdamniß.“ „Von der Ewigkeit.“

10 1 4 2 3 73

Nur noch ein Viertel der Lieder (19) sind vor 1600 entstanden. Von den neueren Liedern ab 1620 stammen neun aus Nürnberg; sie bilden damit die größte Gruppe: Johann Saubert d. Ä.,349 Ach wie sehnlich wart ich der Zeit (Nürnberg 1623) Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Nürnberg 1631) Johann Jakob Rude, Ach wann soll es denn geschehen (Nürnberg 1648) Daniel Wülffer, O Ewigkeit, o Ewigkeit (Nürnberg 1648) Johann Klaj, Ich hab ein guten Kampf gekämpft (Nürnberg 1651)350 Christoph Titius, Was ist unser Leben (Nürnberg 1663) Magnus Daniel Omeis, Ich hab Bescheid, zu scheiden (Nürnberg 1673) Johann Saubert d.J., Nun, ihr abgelebte Glieder (Nürnberg 1676) Johann Michael Dilherr, Warum sollt ich bekümmert sein (Nürnberg 1676) Aus Coburger Gesangbüchern stammen vier Lieder: Michael Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Coburg 1652) Michael Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Coburg 1654) Johann Höfel, O süßes Wort, das Jesus spricht (Coburg 1655) [a] Andreas Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Coburg 1655) Unter den sieben Liedern aus Thüringen und Sachsen sind die neueren: Christian Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (1658) Jakob Ritter, Ich fahr und weiß gottlob wohin (Leipzig 1666) Johann Olearius, Gottlob, die Welt ich lasse (Leipzig 1671)

349 350

Tod und Höllen*; „andere Oster=Lieder“; Helmbold, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich schon hie auf Erden (1575). Saubert d. Ä. zugeschrieben wird in N-1677 auch das anonyme Jesulein, du bist mein (Altenburg 1613). FT V 42. nennt das Nürnbergische Gesangbuch als ersten Beleg für dieses Lied. Einen deutlich älteren Beleg – einen Funeraldruck von 1651 mit sechsstimmiger Vertonung des Textes durch Johann Erasmus Kindermann – hat Wolfgang Reich nachgewiesen und ediert (vgl. Reich, Threnodiae sacrae, 45f.136 = Nr. 26).

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Etwas älter sind die vier Lieder aus Schlesien, drei von Johann Heermann und eines von Martin Opitz. Dazu kommen zwei Lieder des Görlitzer Diakonus Gregorius Richter: Gregorius Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Görlitz 1630) [a] Gregorius Richter, Lasset ab von euren Tränen (Leipzig 1658) Aus Berlin sind Michael Schirmer, Paul Gerhardt und Joachim Pauli mit je einem Lied vertreten. Unter den acht Liedern von Königsberger Autoren sind fünf von Simon Dach und wieder je eines von Heinrich Albert, Georg Mylius und Georg Werner. Von Johann Rist sind sechs Sterbe- und Ewigkeitslieder abgedruckt, unter denen wieder die Themen Himmel, Hölle und Ewigkeit dominieren. Von den übrigen neueren Liedern seien genannt: Michael Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Frankfurt/O. 1658) Johann Flittner, Menschenhilf ist nichtig (Greifswald 1661) [a] Joseph Beckh (?), Lass uns doch nicht begehren, o liebste Seel*351 N-1690. Die zweite Auflage von 1690 fügt einen Anhang von 70 Liedern hinzu. Sie sind in 15 Rubriken unterteilt, darunter „Flüchtigkeit Menschliche[n] Lebens“ [aEi’], Sterb- und Grablieder [aSB’], Gerichts-, Himmels- und Höllenlieder [aGHHö]. Folgende Lieder kommen dabei neu hinzu: Paul Martin Alberti, Ach freilich weiß der Mensch nicht seine Zeit* [aEi’] Philipp Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Frankfurt/M. 1599) [aSB’] Anon., Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir (Freiberg 1620) [aSB’] Christoph Titius, Heute werd ich sterben und den Himmel erben* [aSB’] Johann Christoph Arnschwanger, Zwei Ort, o Mensch, hast du für dir (Nürnberg 1659) [aGHHö] Aufmerksamkeit verdient schließlich die Vorrede zur zweiten Auflage von Conrad Feuerlein, Prediger an Sankt Sebald, vom 24.9.1690. Darin wird die geistliche Liedproduktion des 17. Jahrhunderts kritisch gesichtet. Feuerleins Beurteilungskriterium ist der Beitrag der Lieder zur „Andacht“ der Zeitgenossen. Er entdeckt dabei viel Licht, aber auch viel Schatten: Ist je eine Zeit gewesen / da man die Andacht / mit geist-reichen Liedern / zu befördern / sich bemühet hat; so ist es warlich diese unsre Zeit / da so manches schönes Lied / ja so manches Buch voll Lieder / öffentlich am Tage lieget. Zwar / ist auch nicht zu laugnen / daß nicht mancher Mißbrauch der Lieder und des Lieder-machens (zumal bey uns) mit unterlauffe. Manche unterstehen sichs / die weder Geist noch Geschick dazu haben; in Meinung / wenn sie ein paar Wörter wunderlich zusammen-knüpfen / und irgend was / 351

Beckhs Autorschaft kann nicht allein aufgrund der Zuschreibung an dieser Stelle als gesichert gelten. Unsicher ist auch, ob der hier Genannte mit dem Straßburger Juristen Johann Joseph Bekkh identisch ist, dem Autor der 1660 veröffentlichten Geistlichen Echo (vgl. FT IV, S. 413; FT VI 678.).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

mit Müh und Angst / zusammen flicken / sticken und reimen können (es klinge gleich so abgeschmack es wolle) so müsse man sie schon für einen teutschen Assaph, Heman und Jedithun gelten lassen / unerachtet weder Kraft noch Saft / weder Trost der Schrift / oder etwas / so zum Christlichen Leben und Wandel dienet / in ihrem verderbten Papier zu finden; sonderlich in denen eine Zeit-hero hiesiges Ortes eingerissenen / und allzugemein gemachten / vielmals liederlichen Leichen-Liedern / welche öfters nichts als Personalia, nicht aber eine Zeil / die zur Andacht dienete / in sich haben.352

Bei Gelegenheitswerken zum Kasus der Beerdigung vermisst Feuerlein die geforderte andächtige Wirkung besonders häufig. Der Hauptkritikpunkt besteht in der Tendenz, dass ähnlich wie in manchen Leichenpredigten auf die Person des Verstorbenen mehr Wert gelegt wird als auf den geistlichen Inhalt. Inbegriff der „Andacht“ sind für Feuerlein dagegen die Lieder Paul Gerhardts, deren Gesamtausgabe (Geistliche Andachten, Berlin 1667) in Nürnberg 1683 mit einer Vorrede Feuerleins nachgedruckt worden war. Alte und neue Lieder nimmt auch Feuerlein als zwei unterschiedliche Gruppen wahr. Ohne sie gegeneinander auszuspielen, betont er Skeptikern gegenüber besonders die Bedeutung der neueren Lieder, die er als zeitgenössischen Beitrag zur fortschreitenden Geschichte der geistlichen Lieddichtung sieht: Zu wün=|schen wäre nur / daß so manche gute / Christliche und geist-reiche Lieder (insonderheit des unvergleichlichen Paul Gerhardts seine) fleissiger gebraucht / und Gott sein schuldigs Lob=Opfer / sowol mit alt- als neuen / öfters gebracht würde! Die Alten sind wol zu behalte[n] / und haben nunmehr ihren Preiß: die Neuen aber sind deswegen gar nicht auszuschliessen / weil sie neu; sondern eben wol zu brauchen / wenn sie nur dem Glauben ähnlich und erbaulich sind: Mittlerzeit werden sie schon ebenmässig alt / und in ihrer lehr-reichen Kraft / gleich jenen / käntlich werden. Ein solches Buch / voll alt- und neuer Lieder / sonderlich voll Gerhardischer / ist auch dieses / nun zum zweyten-mal wieder aufgelegtes / so genantes Nürnbergisches Gesang-Buch.353

Das erste offizielle Kirchengesangbuch für den Nürnberger Gottesdienst sind schließlich die 1700 erschienenen Nürnbergischen / Alt= und Neuen / Kyrchen=Lieder.354 Mit 347 Liedtexten ist es für den Gemeindegebrauch gegenüber dem Nürnbergischen Gesangbuch im Umfang deutlich reduziert. Vieles spricht dafür, dass in Nürnberg erst ab der Einführung dieses offiziellen Gesangbuchs mit einer breiten gottesdienstlichen Rezeption der neuen Lieder zu rechnen ist.355

352 353 354

355

N-1690, Vorrede fol. ):( 6v. N-1690, Vorrede fol. ):( 6v|7r. Bereits 1698 kamen – quasi als Vorstufe – die Zusamm=getragene / Alt= und Neue / Kyrchen=Lieder heraus; zu beiden Werken vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 90–108. Im Zuge der Erarbeitung des neuen Gesangbuchs erklärte der St.-Jakobs-Prediger Georg Böhmer, „daß er im Gottesdienst eigentlich nur Lieder singen lasse, die bekannt seien und die man auswendig singen könne“; der Pfarrer an der Heiliggeistkirche, Johann Wülfer, mahnte an, im neuen Gesangbuch „die alten Lieder um des ‚gemeinen Mannes‘ willen beizubehalten“ (zit. nach Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 95–97). Beim ‚gemeinen Manne‘ bekannt war demnach sicher eher das schmale, orthodoxe Liedcorpus aus der Reformationszeit als die neuen Erbauungslieder. Zum Versuch der Etablierung neuer Lieder von Paul Gerhardt über den Schulunterricht vgl. S. 148.

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II. Lutherische Gesangbücher des 17. Jahrhunderts

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Zum Rückblick auf die Entwicklung in Nürnberg ist an die drei untersuchten Gesangbuchfamilien zu erinnern: Eine erste Phase bilden die zahlreichen Ausgaben der Geistlichen Psalmen, Hymnen, Lieder und Gebet, die – wie schon der Titel andeutet – eine recht traditionelle, ‚kirchliche‘ Liedauswahl bieten; 1654 finden aber auch Lieder von Rist Aufnahme. Eine grundlegende Erneuerung der Liedauswahl durch den Einfluss der Pegnitzschäfer verrät dann Dilherrs Engelfreude (1653), eine offenbar für die Privatandacht bestimmte Sammlung kleineren Umfangs, in der die Sterbe- und Ewigkeitslieder aber eine besonders wichtige Rolle spielen. Das Nürnbergische Gesangbuch (1676/1690) setzt die Erneuerungstendenz fort, indem es weitere ältere Lieder weglässt, viele neue hinzufügt und die Gesamtzahl der Lieder um ein Vielfaches vermehrt; die Sterbe- und Ewigkeitslieder bilden hier aber einen verhältnismäßig kleinen Anteil. Auch insgesamt enthält die Nürnberger Auswahl vergleichweise wenige, nämlich 180 Sterbe- und Ewigkeitslieder. In den zehn verglichenen Nürnberger Gesangbüchern kommen sechs Sterbeund Ewigkeitslieder durchweg vor (die Rubrikkürzel beziehen sich auf die älteren Drucke): Martin Luther, Mitten wir im Leben sind (Wittenberg 1524) [B] Michael Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Jungbunzlau 1531) [B] Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) [JA] Nicolaus Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Wittenberg 1562) [TS] Anon., Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Nürnberg 1563) [B] Johann Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) [TS] Sieben fehlen nur in einem der ausgewählten Drucke: Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) [JA] Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555) [TS] Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Frankfurt/M. 1563) [TS] Nicolaus Selnecker, Allein nach dir, Herr Jesu Christ, verlanget mich (Basel 1568) [TS] Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) [TS] Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) [JA] Johannes Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Nürnberg 1589) [TS] Das durchweg vertretene Herr Gott, mein Jammer hat ein End ist ein ausgesprochenes Nürnberger Spezifikum. Mit Fried und Freud fehlt nur in N-1677 und N-1690 in der Rubrik der Sterbelieder (statt dessen: ‚Mariä Reinigung‘). In jedem der Gesangbücher findet sich mindestens eine deutsche Fassung von Iam moesta. Die JüngstenTages-Lieder Es wird schier der letzte Tag herkommen, Ach Gott, tu dich erbarmen und Sankt Paulus die Korinthier fehlen sowohl in N-1653 als auch in N-1677/90; Herzlich tut mich erfreuen ist in N-1653 noch enthalten. Bartholomäus Frölichs

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Leipzig 1587) taucht erst ab N-1617 auf, wird dann aber beibehalten.

III. Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch: Auswertung Die Ergebnisse von Teil A werden – entsprechend den in der Einleitung aufgeworfenen Fragestellungen (vgl. S. 18) – in zwei Abschnitten zusammengefasst. Ein erster Abschnitt versucht diejenigen Fragen zu beantworten, die die Gesangbücher und damit den äußeren Rahmen betreffen, aus dem die Auswahl der Sterbe- und Ewigkeitslieder gewonnen wurde (1.): Wie und in welcher Absicht sind Gesangbücher im 17. Jahrhundert entstanden (a), und wie wurden sie benutzt (b)? Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der gewonnenen Auswahl und einer vorläufigen quantitativen Auswertung (2.): Wie ist der Themenkreis Sterben, Tod und Ewiges Leben strukturiert, wie entwickelt sich diese Struktur im Lauf des Untersuchungszeitraums und welche Lieder von welchen Autoren kommen darin besonders häufig vor?

1. Die Gesangbücher a) Redaktion und Entstehungsbedingungen von Gesangbüchern im 17. Jahrhundert Typologie der Gesangbuchdrucke nach Initiativen Die Initiative zu einem Gesangbuch kann von verschiedenen Personen ausgehen: von Fürsten, Verlegern, Kirchenmusikern, Autoren. Je nach Personenkreis unterscheidet sich die Motivation. Einen amtlichen oder offiziellen Status haben in der Regel diejenigen Gesangbücher, die auf eine fürstliche Initiative zurückgehen. Für Herzog Ludwig von Württemberg ging es 1583 darum, seinen Untertanen ein Gesangbuch zur Verfügung zu stellen, das sie in der lutherischen Lehre unterweisen und festigen sollte. In diesem Interesse blieb der Kernbestand trotz Erweiterungsbestrebungen bis ins 18. Jahrhundert unangetastet. Der Wunsch nach Normierung und Regulierung bewog auch die sächsischen Kurfürsten, das gottesdienstliche Liedrepertoire klein zu halten und auf Lieder aus der Reformationszeit zu beschränken. Ein offizielles Gesangbuch gab es hier im 17. Jahrhundert nicht. Geprägt wurde die Herausgabe landeskirchlicher Gesangbücher durch die Theologen des jeweiligen Konsistoriums, allen voran durch Hofprediger wie Lucas Osiander in Württemberg oder Justus Gesenius in Hannover. In größeren Städten wie Nürnberg wurde ein offizielles Gesangbuch durch einen kirchlichen Beauftragten wie Johann Conrad Feuerlein erarbeitet, der 1700 im Anschluss an seine Redaktionstätigkeit die Abstimmung sämtlicher Prediger am Ort zu koordinieren hatte.1 Ein 1

Vgl. Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 97f.104.

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III. Auswertung

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ähnliches Abstimmungsverfahren verrät auch die Vorrede zur Frankfurter Praxis Pietatis Melica von 1666 (vgl. S. 85). Die weitaus größere Zahl der im 17. Jahrhundert entstandenen Gesangbuchdrucke verdankt sich aber nicht fürstlichen oder kirchlichen, sondern privaten Initiativen. An erster Stelle sind dabei die Verleger zu nennen, deren Motivation ein geschäftliches Interesse war. Durch Verlegerinitiativen kamen so bedeutende Drucke wie das Eichornsche Gesangbuch zustande; freilich ließ auch Johann Eichorn die Gesänge „durch einen gelehrten Mann“ (vgl. S. 40), also vermutlich einen Theologen, in jene sinnvolle Reihenfolge bringen, die sich dann so nachhaltig auf viele spätere Gesangbücher auswirken sollte. Den Geschäftsinteressen der Drucker sind auch die Raubdrucke zu verdanken, die von vielen Gesangbüchern im Umlauf waren und gegen die mit fürstlichen Privilegien vorgegangen wurde. Wo sich wie in Nürnberg zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu viele Drucker Konkurrenz machten, die immer wieder dieselben oder ähnliche Gesangbücher nachdruckten, ging dies bisweilen auf Kosten der Qualität. Um Verlegerinitiativen, bei denen der Verleger auch als Sammler und Herausgeber fungierte, handelt es sich sowohl beim Nürnbergischen Gesangbuch von 1676 als auch beim Lüneburgischen Gesangbuch von 1686. Sebastian Göbel und Johann Stern haben sich beide intensiv in vielfältiges Material eingearbeitet und gewaltige Sammlungen angehäuft. Ähnliches gilt für die späteren Jahrgänge der Praxis Pietatis Melica nach dem Tod von Johann Crüger und Christoph Runge, in denen allerdings nach dem Prinzip ‚viel hilft viel‘ einfach immer weitere Lieder ohne inhaltliche Rücksichten hinten angehängt wurden. Durch die Massierung von Liedern sollten konkurrierende Drucke ausgeschaltet werden. Sehr viel sorgfältiger haben Göbel und Stern ihre Editionen strukturiert. Göbel hat sich sogar – wie vor ihm Schein – darum bemüht, im Verlauf der häufigen Nachdrucke „eingeschlichene“ Fehler durch Quellenstudium zu korrigieren. Beide Verleger konnten schließlich für die theologische Begutachtung ihrer Werke in der Vorrede berufene Gewährsleute gewinnen: Bei Göbel ist es Johann Saubert, bei Stern der Lüneburger Superintendent Caspar Hermann Sandhagen. Drucker und Verleger sind außerdem in manchen Gesangbüchern auch als Lieddichter vertreten wie Gregorius Ritzsch in Scheins Cantional und Christoph Runge in der Praxis Pietatis Melica. Die beiden letztgenannten Gesangbücher wiederum gehen auf die Initiative von Kirchenmusikern – Schein und Crüger – zurück; Ähnliches gilt für den Musicalischen Vorschmack (H-1683), zu dem der Kirchenmusiker Peter Sohren Crügers Gesangbuch aus- und umbaute. Alle drei haben ihre Sammlungen mit Melodien und Generalbass oder mit vier- bis fünfstimmigen Sätzen ausgestattet. Dabei sind die Intentionen durchaus unterschiedlich: Ging es Schein um die Verbesserung lückenund fehlerhafter älterer Kantionalien und damit um die Aufwertung des Chor- und Gemeindegesangs im Gottesdienst der Thomas- und der Nikolaikirche zu Leipzig, setzt Crüger mit seiner seit 1640 begonnenen Berücksichtigung von „vielen neuen Trostgesängen“ und der dazugehörigen Musik einen anderen Akzent: Durch den frommen Gesang will er die (private wie öffentliche) Andacht mehren. Eine ähnliche

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Intention, vielleicht noch stärker auf die Hausandacht ausgerichtet, steht wohl auch bei dem preußischen Kirchenmusiker Peter Sohren im Hintergrund, der Crügers Sammlung zahlreiche neue Lieder und viele eigene Kompositionen hinzufügt. Sohren und besonders Schein sind in ihren Gesangbüchern aber nicht nur als Herausgeber und Komponisten, sondern auch als Textdichter präsent. Gerade Scheins Cantional gewinnt damit abschnittsweise – und dies betrifft vor allem die Sterbe- und Ewigkeitslieder – nahezu den Charakter eines Autorengesangbuchs.2 Aus solchen Veröffentlichungen mit Werken nur eines Autors stammen ursprünglich viele der gesammelten Lieder (z. B. Heermann, Rist). Daneben gibt es private Liedsammlungen, in denen ein Herausgeber eigene Texte mit denen von anderen Autoren gemischt hat. Exemplarisch wurde Dilherrs Engelfreude (N-1653, vgl. S. 132) ausgewertet. Zwei weitere Beispiele, aus denen jeweils mehrere der gesammelten Texte stammen, sind Heinrich Müllers Geistliche SeelenMusik (Rostock 1659) und Johann Olearius’ Geistliche Singe=Kunst (Leipzig 1671). Angesichts der Fülle und der Vielfalt derartiger Werke sind sie nur schwer zu kategorisieren und oft kaum direkt zu vergleichen. Fast kurios mutet heute etwa die Idee an, die der Altenburger Schulrektor Joseph Clauder seiner Psalmodia nova (Altenburg 1627) zugrunde legte: 100 Liedern meist neueren Datums von unterschiedlichen Autoren stellte er jeweils eigene Übersetzungen in lateinischer Sprache gegenüber – in derselben Strophenund Reimform. Die Idee war so erfolgreich, dass schon 1630 eine zweite Auflage sowie 1631 und 1636 zwei Fortsetzungsbände gedruckt werden konnten. Auch aus diesem Werk sind einige Texte in der gesammelten Auswahl enthalten, freilich nur die deutschen Originaltexte, nicht Clauders Übesetzungen. In den Vorreden findet sich manchmal der Hinweis, dass die Sammlungen zum privaten Gebrauch „in allerley Nöhten“ angelegt und nur auf Drängen von Bekannten im Druck herausgegeben wurden. Der private Charakter von Clauders Psalmodia nova zeigt sich wiederum darin, dass explizit kirchlich konnotierte Rubriken wie Festlieder zum Kirchenjahr oder Katechismusgesänge fehlen; enthalten sind dagegen zur Privatandacht geeignete Rubriken wie Tageszeiten, Tischlieder, Reiselieder, ‚Kreuz und Verfolgung‘ sowie zahlreiche Sterbelieder. Tendenzen der Entwicklung Für die Entwicklung der Gesangbuchredaktion im 17. Jahrhundert lassen sich vier Tendenzen festhalten: 1. Die durchschnittliche Zahl der Lieder je Gesangbuch nimmt zu. Gesangbücher, die mehrfach aufgelegt wurden, wurden meist jedesmal etwas erweitert – auch wenn zugleich ältere Lieder weggelassen wurden. Das gilt für die Leipziger und Nürnberger Gesangbücher klassischen Zuschnitts vom Ende des 16. und dem Beginn des 17. Jahrhunderts ebenso wie für die innovativere Praxis Pietatis Melica in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ab 1650 wurden neue Gesangbuchunternehmungen wie der 2

Weil solchen Werken die redaktionelle Bearbeitung durch Dritte fehlt, waren sie von der Quellenauswahl zunächst ausgeschlossen worden (vgl. S. 22); wie sich zeigt, sind aber Mischformen möglich, die für den Untersuchungsbereich interessante Randerscheinungen bilden.

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III. Auswertung

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Leipziger Vorrath, das Nürnbergische und das Lüneburgische Gesangbuch oft schon in erster Auflage mit mehr als 1000 Liedern gedruckt. Selten ist eine gegenläufige Tendenz zu beobachten: In D-1676 wurde programmatisch auf viele der neueren Lieder aus D-1656 verzichtet, weil man deren ‚zerrüttende Wirkung‘ fürchtete; und in Nürnberg wurde 1700 ein allzusehr angeschwollenes Gesangbuch durch ein schmaleres ersetzt. 2. Bei der Ausstattung mit Noten etabliert sich neben oder anstelle der einstimmigen eine zweistimmige Notierung mit Diskant und Bass, häufig ergänzt durch Ziffern für die Begleitung mit Generalbass. Diese Notation kommt dem heimischen Musizieren entgegen und entspricht darin der Tendenz zum Singen der neueren Lieder in der häuslichen Andacht (vgl. S. 149). Andere Werke enthalten vierstimmige Chorsätze für den Gottesdienst (Kantionalien, z. B. Osiander 1586; Schein, L-1627b; Go-1648) oder erscheinen in getrennten Heften für die verschiedenen Stimmen (z. B. Crüger 1640). Keine Noten enthält dagegen der Leipziger Vorrath (L-1673). Der Usus, für ein Lied ohne abgedruckte Melodie den „Thon“ eines Liedes mit derselben Strophenform anzugeben, findet sich aber auch in Gesangbüchern, die sonst Noten enthalten. Durchgängig mit Noten versehen sind meist nur die Kantionalien. 3. Die Zahl der offiziellen, kirchenregimentlichen Gesangbücher nimmt nur sehr langsam zu. Der württembergische Herzog Ludwig hatte 1583 mit den Außerlesnen Reinen Geistlichen Liedern vnnd Psalmen als einer der ersten Fürsten den gottesdienstlichen Liedgebrauch durch ein Gesangbuch reguliert. Im Lauf des 17. Jahrhunderts folgten einige andere Fürsten und Städte nach. Das Hannoverische (1646) und in seinem Gefolge das Cellische Gesangbuch (1661) haben offiziellen Charakter, sind aber anders als das württembergische primär zur Privatandacht bestimmt, erst in zweiter Linie für den Gottesdienst. Das Cellische Gesangbuch war zunächst für den Hof in Celle gedacht und wurde erst einige Jahr später im ganzen Herzogtum Lüneburg eingeführt. In anderen Territorien dauerte es bis zur Durchsetzung eines einheitlichen Gesangbuches wesentlich länger: in Nürnberg und in Hamburg3 bis 1700; in Sachsen führten einzelne Gemeinden seit 1700 ihr jeweils eigenes offizielles Gesangbuch ein, ein landesweit einheitliches gab es nicht.4 Manchenorts kam es auch im 18. Jahrhundert gar nicht zur Herausgabe eines offiziellen Gesangbuchs; in Berlin etwa setzte sich neben und nach der Praxis Pietatis Melica das pietistisch geprägte Porstsche Gesangbuch durch, das bis ins 19. Jahrhundert im Gebrauch war.5 Der im 17. Jahrhundert vorherrschende Gesangbuchtyp ist trotz der z. T. offiziell klingenden Titel (Nürnbergisches Gesangbuch) privaten Ursprungs (siehe oben). Die weithin übliche Beschränkung des gottesdienstlichen Liedgesangs auf die ‚orthodoxen‘ Kernlieder der Reformationszeit ist also nicht die Folge der Regulierung durch ein offizielles Gesangbuch, sondern durch andere Instrumente (Kirchenordnungen), durch Gewohnheit und die Begrenztheit des auswendig gesungenen Liedrepertoires. 3 4

5

Vgl. Schade, Zu Gottes Lob, 159–177. In Dresden das Börnersche Gesangbuch ab 1700 (offiziell erst ab 1724); in Leipzig das Hofmannsche Gesangbuch ab 1734; das Chemnitzer Gesangbuch ab 1713 usw.; vgl. Dibelius, Geschichte, 243–248. Vgl. Bachmann, Geschichte, 164–186.231–260.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

4. Die Bereitschaft zur Aufnahme neuerer Lieder nimmt zu. Wenig verwunderlich erscheint die Reserve, die offizielle Gesangbücher gegenüber Neuerungen zeigen, etwa in Württemberg. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden zwar viele geistliche Lieder; bis auf bestimmte Ausnahmen wurden sie aber zunächst nur von wenigen Gesangbüchern berücksichtigt – maßgeblich blieben die Lieder aus der Reformationszeit. In Scheins Cantional sind die Sterbelieder diejenige Rubrik, über die neue Lieder massiv in das Gesangbuch eindringen. Ähnlich verhält es sich 1682 mit dem Nachfolger des Cantionals, dem ansonsten eher traditionellen Neu Leipziger Gesangbuch. Ab 1640 entsteht ein verstärktes Interesse an den „Trostgesängen“ von Johann Heermann u.a., etwa bei Johann Crüger und im Hannoverischen Gesangbuch. Ihren Sitz im Leben hatten diese Lieder zunächst eher in der Privatandacht als im Gottesdienst. b) Gesangbuchgebrauch im 17. Jahrhundert Die grundlegende Alternative für den Gesangbuchgebrauch im 17. Jahrhundert lautet: Gottesdienst oder Hausandacht? Beide Kontexte sind hier näher zu beleuchten. Gesangbücher im Gottesdienst Aus heutiger Sicht gehört das Gesangbuch untrennbar zum sonntäglichen Gottesdienst. Die liturgiegeschichtliche Forschung hat jedoch gezeigt, dass dieser Konnex für die frühe Neuzeit so noch nicht gegeben war. Seit der Reformation wurden zwar im evangelischen Gottesdienst deutsche Gemeindelieder gesungen, aber deswegen benutzte die singende Gemeinde noch lange keine Gesangbücher – sie sang vielmehr auswendig.6 Nach Gesenius profitieren besonders leseunkundige „einfältige Leute“ vom auswendigen Singen;7 es wurde aber überhaupt im Interesse der Andacht hoch geschätzt.8 Angeleitet wurde die Gemeinde dabei vom Kantor oder vom Chor; Orgel- und sonstige Instrumentalbegleitung war weithin unüblich.9

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7 8

9

Schon die Ausbreitung der deutschen Lieder in den ersten Jahren der Reformation geschah auf dem Wege des Auswendiglernens, die auch Analphabeten die Aneignung der reformatorischen Lehre erlaubte (vgl. Mager, Lied und Reformation, 27). Vgl. Graff, Auflösung, 255; Blankenburg, Liedgesang, 599.608; Scheitler, Lied, 86f; Korth/Blankenburg, MGG-Art. Gemeindegesang B I, 1165; Garbe/Blankenburg, MGG-Art. Gemeindegesang B III, 1175. Vgl. S. 64 Anm. 102. So schon bei Melanchthon, vgl. S. 33; auf Augustinus bezieht sich Georg Weinrich in seiner Gesangbuchvorrede von 1606 (zit. nach L-1627a, fol. 4v|5r): „So haben auch die Geistlichen Lieder diese Krafft / daß sie tieffer ins Hertz sincken / vnd leichter behalten werden / denn andere Text vnd Schrifften / so aus der Propheten vnd Apostel Bücher werden zusammen gefast / in massen solches die Erfahrung an den Kindern vnd anderen einfeltigen Leuten bezeuget. Dahero der alte Lehrer Augustinus spricht: Das viel Leute / so in der Kirchen zusammen kommen / weder der Propheten hohe Lehre / noch der Apostel Schrifften leichtlich lernen vnd verstehen können / oder wenn sie es gleich lernen / so können sie es doch im Gedechtnis nicht behalten. Die Psalmen | vnd Lieder aber / so in liebliche Melodeyen gefasset seyn / die können sie in öffentlicher Kirchsamlung vnd zu Hause daher singen / ohne alle Müh vnd Arbeit / vnd können sich domit selber vnterweisen / erfrewen vnd lustig machen.“ Eine Ausnahme bildet die im Melodeyen Gesangbuch von 1604 belegte Praxis in Hamburg, nach der bereits um 1600 der Chor von der Orgel abgelöst wurde; vgl. Schade, Zu Gottes Lob, 119f.

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Zu unterscheiden sind der sonntägliche Hauptgottesdienst und Nebengottesdienste (Früh-, Mittags- und Wochentagspredigt, Bußgottesdienste), Horen (Mette und Vesper) und Betstunden (öffentliche Morgen- und Abendandachten sowie Betstunden an bestimmten Bußtagen).10 Je nach Art des Gottesdienstes variierte nicht nur die Zusammensetzung der Gemeinde,11 sondern auch der Gesang. Im Hauptgottesdienst, der aus der lateinischen Messe hervorging, wurden Ordinariums- und Propriumsgesänge allmählich durch deutsche Gesänge ersetzt; im wöchentlichen Wechsel wurde anstelle des Graduale ein deutsches Gemeindelied gesungen (vgl. S. 536–537). Die Auswahl dieser Detemporelieder stammt überwiegend aus dem ältesten Bestand der Reformationszeit und ist sehr begrenzt. In Nebengottesdiensten und den sich allmählich entwickelnden Betstunden konnten dagegen mehr und neuere Gemeindelieder gesungen werden. Ein Gesangbuch hatten im Gottesdienst nur wenige Personen vor sich: Pfarrer, Kantor und Chorsänger (in Städten wie Leipzig meist die Lateinschüler). Auf einer Straßburger Abbildung von 1562 ist zu sehen, wie die Chorsänger ein großes aufgeschlagenes Gesangbuch umstehen;12 ähnlich wurde wohl die zweifarbig gedruckte, prächtig ausgestattete Folioausgabe des württembergischen Gesangbuchs verwendet, die 1596 unter dem Titel Groß Kirchengesangbuch erschien und bis ins 18. Jahrhundert nachgedruckt wurde (1664, 1686, 1711). Zwar rechneten die Herausgeber schon im 17. Jahrhundert vereinzelt damit, dass manche Gemeindeglieder eine Bibel oder ein Gesangbuch mit in den Gottesdienst brachten.13 Damit konnte auch die persönliche Andacht im Gottesdienst gesteigert werden, etwa durch das Lesen von Liedern und Gebeten während des Orgelspiels oder der Kommunion. Derartige Praktiken setzen aber nicht nur Lesefähigkeit voraus, sondern auch Buchbesitz und Teilhabe an der Lesekultur.14 Damit kann in den Gottesdienstgemeinden dieser Zeit noch nicht auf breiter Basis gerechnet werden.

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Vgl. Graff, Auflösung, 206–236. So war bei den täglichen Metten und Vespern der Lateinschüler in der Regel keine Gemeinde zugegen (vgl. Graff, Auflösung, 213f.217). Im Straßburger Gesangbuch von Thiebolt Berger von 1562, Abdruck mit Nachweis: Einführung zur Stuttgarter Faksimileausgabe (1953) des Straßburger Gesangbuchs von 1541; ohne Nachweis: Möller, Kirchenlied, 89. Vgl. die Beispiele aus Lüneburg (Bibel, S. 57) und Hannover (Gesangbuch, S. 64). Vgl. die Verordnung Herzog Ernsts des Frommen von Gotha für seine Kinder (1654): „Wann nun bey dem Gottesdienst die Choral=Gesänge gesungen, die Episteln und Evangelien verlesen und die gebräuchlichen Kirchengebete gesprochen werden, sollen Unsere geliebte Kinder, welche lesen können, jedesmahl den gedruckten Text vor sich haben, damit sie desto andächtiger mit singen und beten, auch auf die Worte desto besser aufmerken mögen: den Kleinern aber sollen jederzeit die Bedienten die Worte eines jeden Commatis vorsagen, damit sie auch den Gesang richtig mit singen lernen.“ (Gelbke, Herzog Ernst 3, 215). Für die frühe Neuzeit gilt allgemein: „Zwischen Lesefähigkeit und tatsächlicher regelmäßiger Lektüre besteht eine große Kluft, die nur in Ausnahmefällen geschlossen wird“ (Schön, Geschichte des Lesens, 37; zit. nach Gauger, Kulturen, 37). Noch im 18. Jahrhundert gilt für das Lesepublikum in Deutschland: „Viele potentielle Leser der Unterschichten konnten sich wegen der Buchpreise diesen Schritt [zu einer regen Lesetätigkeit] nicht leisten […]. Viele andere Angehörige derselben Schichten waren des Lesens und des Schreibens unkundig oder verfügten über so rudimentäre Kenntnisse, dass sie ohnehin nicht als Leser in Frage kamen“ (Goetsch, Einleitung, 4).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Zur Unterstützung des auswendigen Gemeindegesangs wurde noch im 16. Jahrhundert das ‚Kantional‘ entwickelt. Es wurde zuerst 1586 von dem württembergischen Theologen Lucas Osiander im Anschluss an die vierstimmigen Psalmengesänge der Reformierten konzipiert; das Prinzip des Kantionals überdauerte in vielen Regionen fast das gesamte 17. Jahrhundert, bis zur Einführung der Orgelbegleitung und des breiteren Gesangbuchgebrauchs. Das neuartige Prinzip bestand darin, die Gemeinde den in der Oberstimme (zuvor: im Tenor) geführten Cantus firmus mitsingen zu lassen, zu dem der Chor schlichte, vier- oder fünfstimmige Sätze sang (Contrapunctus simplex). Auch wenn das Kantional nur dem Chor vorlag, war der Gemeindegesang dadurch besser in den Gottesdienst eingebunden. Je nach Liedauswahl war die Möglichkeit der Gemeindebeteiligung unterschiedlich: Während das Osiander nur die bekannten Lieder aus dem landeskirchlichen Gesangbuch aufnahm, enthält Scheins Cantional gerade unter den Sterbeliedern auch zahlreiche neue Texte. Die besondere Bedeutung der Kantionalien bei der Beerdigung im mitteldeutschen Raum zeigen auch das Gothaer Cantionale sacrum von 1648 und das Eisenacher Begräbniskantional von 1653,15 die an die Tradition Scheins anknüpfen. Nur was vom Chor bei vielen Gelegenheiten wiederholt wurde, konnte sich allmählich einprägen. Die Liedform galt als didaktisch besonders wertvoll, da sich die metrisch gegliederten, gereimten Strophen gleichsam von selbst einprägten. So heißt es in der Vorrede zum Leipziger Vorrath, bezogen auf das Singen auch neuerer Lieder: Es hat sich auch in Warheit befunden / daß diese Art gantzen Gemeinen / absonderlich denen / die entweder auß Mangel der Mittel / oder gemeiniglich auß Nachlässigkeit nicht zur Schulen gangen / vorträgliche Sachen beyzubringen / sehr beqvem und geschickt sey / so wohl weil die Rede in Reime eingeschrencket leichter zu fassen / als auch wegen ofter Wiederholung in unverrucktem Gedächtniß zu behalten ist.16

Im Herzogtum Lüneburg wurde bei Einführung des Cellischen Gesangbuchs angeordnet, dass wöchentlich ein Lied von der Kanzel verlesen wurde, damit die Gemeinde die Texte kennenlernte; die Melodien sollten durch den Chor auch auf die Straßen getragen werden.17 Ob Maßnahmen wie das Vorsingen durch den Chor oder das Vorlesen von der Kanzel für das auswendige Singen immer fruchtbar waren, ist freilich zu bezweifeln. Ein einfaches Gemeindeglied verfügte sicher trotzdem nicht über ein allzu großes auswendiges Liedrepertoire.18 Oft wurde das Gesungene akustisch und inhaltlich gar nicht richtig verstanden. Die „eingeschlichene Irrthümer“, die viele Gesangbuchredaktoren durch ihr Quellenstudium auszuschalten versuchten, betreffen nicht

15 16 17 18

Vgl. Braun, Begräbniskantional, 273–282. L-1673, Vorrede fol. b 1v; „vorträgliche“: nützliche, zuträgliche. Vgl. Röbbelen, Geschichte, 454. Walter Blankenburg schätzt die Zahl der bekannten Lieder/Melodien auf etwa 60: Zu ca. acht allsonntäglich wiederholten Gesängen kommt im Schnitt jeden Sonntag ein Detempore-Lied; vgl. Blankenburg, Liedgesang, 608.

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III. Auswertung

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nur Fehler im Druck, sondern auch im gesungenen Text. So schreibt der Leipziger Nikolaipfarrer Jeremias Weber in der Vorrede zu seinem Gesangbuch von 1638: Dafern sonsten auch noch jemand nachricht haben wolte / wie die teutschen Lieder recht vnd vnverfelscht zu singen / sonderlich an denen orten / da sie von den gemeinen Leyen vnd vnverstendigen / offt aus lauter gewonheit / vnd daß sie die Lieder mehr von dem gehör / als aus den büchern erlernet / verstümmelt / verdrehet vnd verkehret werden […] So sol / wer darnach begierig ist / in dieses Gesangbüchlein verwiesen seyn.19

Aus dem Gesangbuch sollen die Lieder also nicht nur gesungen, sondern auch auswendig gelernt werden können, wie Weber „An die Christliche Leser vnd Herren Buchführer“ schreibt: Wollen sie / so viel möglich / sich vnd die jhrigen daran gewehnen / daß nicht von blossen hören sie die Lie=|der fassen / sondern sie aus diesem auffgeschlagenen Büchlein erlernen / so wird mancher jrrung vorgebeuget werden.20

Immer wieder wird in den Vorreden betont, wie bedeutsam die reformatorische Errungenschaft des volkssprachlichen Gesanges sei: Sie erst ermöglichte das Verstehen. Conrad Feuerlein schreibt 1690 in seiner Vorrede zur 2. Auflage des Nürnbergischen Gesangbuchs: Was kan und mag es sonst für Nutzen geben / wenn man in der Kirche singet / was nicht jederman verstehet? Wo bleibt die Andacht und Ermunterung / bey einem unvernemlichen Gesang und Gebet? was Paulus davon halte / wenn man Psalmen singet und segnet im Geist / das ist / mit Zungen / oder in einer fremden Sprache / auf welche der Laje nit Amen sagen könne / weil er nicht wisse / was der ander sage? mag ein jedes selber lesen / in der I. Cor. 14.14–16.21

Solche Erinnerungen lassen darauf schließen, wie sehr es am Verständnis der Gemeinde doch oft gemangelt haben muss. Die Klagen über verballhornte, im Unverstand gesungene Lieder geben ein Bild davon, welche Blüten die Praxis des Auswendigsingens oft hervorbrachte. 1661 beschwert sich Johann Balthasar Schuppius, Hamburger Hauptpastor an St. Jacobi: Ich vermercke / daß viel einfältige Leute / die gemeine Kirchen=Gesänge nicht verstehen […] Die Ohren thun mir weh / wann ich höre die Knaben bey der Leiche singen / Jam moesta quiesta querula.22

Der lateinische Gesang diente zur altsprachlichen Unterweisung der Lateinschüler und gehörte in Städten wie Hamburg, Nürnberg oder Leipzig fest zum Gottesdienst.

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L-1638, Vorrede fol. b 3v. L-1638, fol. b 5v|6r. N-1690, Vorrede fol. ):( 5r. Zit. nach Schauer, Johann Balthasar Schupp, 84.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Am Textverständnis mangelte es dabei offenbar nicht nur lateinunkundigen Gemeindegliedern, sondern manchmal auch den Schülern selbst. Erst ab 1700 begann sich die Praxis allgemein durchzusetzen, dass auch Gemeindeglieder ihr Gesangbuch in den Gottesdienst mitbrachten. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei: die steigende Alphabetisierung, die sich allmählich durchsetzende Einführung kirchenregimentlicher Gesangbücher, die erneuerte Frömmigkeit im Pietismus. Nun gab es auch Nummerntafeln für die Lieder. Doch Christian Gerber berichtet noch 1732 von einem Pfarrer, der einen Bauern mit Gesangbuch deshalb kritisiert, weil es nur dem Schulmeister und ihm selbst zukomme, ein solches zu benutzen. Ein Gesangbuch in den sonntäglichen Gottesdienst mitzubringen, galt nach Gerber noch zu dieser Zeit in vieler Augen als „Scheinheiligkeit“23. Gesangbücher in der Schule Der Ort der Liedvermittlung war also nicht nur der Gottesdienst, sondern auch die Schule, und zwar nicht nur die städtische Lateinschule, sondern auch die Landschulen. Hier wurden sowohl liturgische Gesänge als auch die auswendig zu singenden Kernlieder gelehrt; einen entsprechenden Befehl an Lehrer und Pfarrer enthält z. B. die Gesangbuchvorrede Herzog Ludwigs von Württemberg von 1583 (vgl. S. 44). Doch auch wo die Kirchen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen, sich neueren Gesängen zu öffnen – wie im Herzogtum Lüneburg mit dem Cellischen Gesangbuch –, war die Schule der Ort, an dem diese Lieder vermittelt werden sollten.24 Das ging freilich nicht immer so rasch vor sich wie von manchen gewünscht; zu groß waren die Vorbehalte gegen das Neue oder vielleicht auch nur die Trägheit, bei der etablierten Auswahl zu bleiben.25 Doch solange noch auswendig gesungen wurde, erschien die Schule Konservativen wie Erneuerern des Gemeindegesangs als der geeignete Ort, von dem aus Lieder in die Gemeinde hineingetragen werden sollten. Conrad Feuerlein stellt daher 1683 in seiner Vorrede zur Nürnberger Ausgabe von Paul Gerhardts Geistlichen Andachten fest: In der Kirche ist der Überfluß so groß noch nicht / daß nicht zu mancher Fest= und Jahrs=Zeit der Lieder mehr vonnöthen wären. Denn wie wenig haben wir der Passions=Lieder / die in öffentlicher Kirch=Gemein gesungen werden? Wie viel weniger der Himmelfahrts= und Pfingst=Lieder? mit einem / und aufs höchst mit zweyen / muß man sich wol mancher Orten meists behelffen: da doch der Mangel nicht so wol in Büchern / als in unserm eignen Willen ist / in dem wir nicht der guten Lieder mehrers einführen / und dieselbe / nach dem Vorgang unserer Vorfahren / zuerst in den Schulen / hernach auch in der Kirch=Versammlung / bekandt machen. Man hätte sich deshalb über keine Neuerung zu beschweren. Denn diese Lieder / die wir jetzt singen / und unsere Vätter in der Kirche eingeführet / sind zu ihren Zeiten auch neu gewesen / und doch bishero wol bekandt und 23

24 25

Vgl. Gerber, Kirchen=Ceremonien, 256: „Und ich habe es gehört und erfahren, daß wenn einer ein Gesang=Buch mit sich [in die Kirche] nahm, ihm solches von Unverständigen als eine Scheinheiligkeit ausgelegt ward.“ Vgl. Röbbelen, Geschichte, 454. Vgl. etwa S. 138 Anm. 355 zur Haltbarkeit der hergebrachten Liedauswahl im Nürnberger Gottesdienst noch um 1700.

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III. Auswertung

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gebrauchet worden. So könte manches gutes Lied / welches rein und unverdäch=|tig ist / noch ferner eingeführet werden / wenn man dieselbe erstlich in den Schulen denen Kindern / […] hernach durch solche Jugend auch wol den Ihrigen zu Hause (wie schon mehr geschehen) endlich aber auch der gantzen Kirch=Gemein (als bei hiesiger Communion und H. Abendmahls-Handlung / mit einem und dem anderen guten Lied / gar füglich practiciret worden) bekandt machen […] wollte.26

An Büchern, an neuen Liedern mangelt es – so Feuerlein – weniger als an Kenntnis und Andacht.27 Angesichts dessen ist für ihn der sinnvolle, für einige Abendmahlslieder auch bereits bewährte Weg der Liedvermittlung: von den Schulen in die Familien, von dort in die Kirchen. Feuerleins Sohn Johann Conrad verbindet schließlich die Forderung nach dem schulischen Lernen von Gesangbuchliedern mit der nach dem allgemeinen gottesdienstlichen Gesangbuchgebrauch. In der Vorrede zu dem von ihm redigierten ersten offiziellen Nürnberger Gesangbuch von 1700 fragt er, was Lieder und Gesangbücher nützen, wann man sie nicht lernen / und in den Schulen / zumal in teutschen / nicht üben / noch irgend einiges Gesang=Buch in die Kyrche mit sich nehmen / und darin gebrauchen mag? Sie sind ja zu solchem Ende da!28

Die Gesangbücher wirklich in der Schule und der Kirche benützen, wo sie hingehören – diese Praxis möchte Feuerlein befördern und dadurch endlich eine breitere Gesangbuchrezeption anregen. Offenbar erkennt er diesbezüglich einigen Nachholbedarf in der Praxis der Gesangbuchbenutzung seiner Zeit. Gesangbücher in der Hausandacht Dass der Gesang im 17. Jahrhundert neben Gebet und Lektüre als konstitutiver Bestandteil häuslicher Frömmigkeitspflege gilt, zeigt schon ein Blick in die Lebensbeschreibungen der Leichenpredigten.29 Oft folgt die Hausandacht einem liturgischen Formular, das dem der kirchlichen Morgen- und Abendbetstunden sehr ähnlich ist; die häufige Rede von der „Hauskirche“ hat also durchaus ihren Grund. Bekannt ist etwa die Verordnung Herzog Ernsts des Frommen von Sachsen-Gotha aus dem Jahr 1654, nach der für die tägliche Abendandacht in der herzoglichen Familie folgender Ablauf vorgesehen ist: Detempore-Lied, Lesung, Auslegung aus der Postille, Abfrage der Kinder, Schlusslied und Schlussgebet.30 Die Verantwortung für die Durchführung der Hausandachten übernahm der Landesherr im Sinne des Kirchenregiments; bei 26 27

28 29 30

PAULI GERHARDI Geistreiche Andachten (Nürnberg 1683), fol. )( 4v|5r. Vgl. PAULI GERHARDI Geistreiche Andachten, fol. )( 4r: „Unsere Gesang=Bücher haben sich bey unterschiedenen Jahren her / um ein merckliches vermehret / und sind gewiß mit vielen schönen Liedern gezieret; wenn nur auch die Andacht und Lust zu diesem schönen Gottesdienste / bey vielen wäre mit vermehret […] worden.“ Zit. nach Wölfel, Gesangbuchgeschichte, 105. Vgl. Veit, Private Frömmigkeit, 276. Vgl. Gelbke, Herzog Ernst 3, 210–213; Graff, Auflösung, 244; Scheitler, Lied, 91.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Hausvisitationen durch Geistliche wurde kontrolliert, ob die Andachten durchgeführt wurden.31 In Analogie zur kirchlichen Betstunde nahm der Hausvater die Position des Pfarrers ein; in der herzoglichen Familie zu Gotha konnten sie stellvertretend auch Bediente übernehmen, wenn der Herzog nicht zugegen war.32 Die Unterweisung der Kinder und des Gesindes war ein wichtiges Anliegen der Hausandacht wie vieler kirchlicher Nebengottesdienste.33 Ein wesentlicher Unterschied zur kirchlichen Andacht scheint im Gebrauch der Bücher zu liegen: Bei der Hausandacht kamen nicht nur die vielen Gebet- und Erbauungsbücher zum Einsatz,34 denen oft ebenfalls ein bestimmter liturgischer Ablauf entnommen werden kann, sondern auch die Gesangbücher. So bestimmt Ernst der Fromme 1654 für die Abendandacht in der Familie: Ehe zu singen angefangen wird, sollen Cammerdiener oder Pagen und dergleichen Bediente alle zum Singen gehörige Bücher herbeygeschafft haben, damit jedes von Unsern geliebten Kindern, auch die den Gesang können, aus selbigen singen mögen, zu welchem Ende dann das Lied, welches gesungen werden soll, vorher anzudeuten, damit entweder Unsere geliebten Kinder selbst, oder denen, die solches nicht können, die Bedienten es aufsuchen mögen.35

Gesungen werden sollte aber auch zu anderen Gelegenheiten, etwa „nach der Mahlzeit“ oder „Bey An= und Ablegung der Kleider“; da das Singen „nichts anders als eine Art des Gebets ist“, galten für die Kinder des Herzogs beim Singen dieselben strengen Vorschriften wie beim Gebet.36 Dabei ist der Gebrauch des Gesangbuchs für den Herzog erforderlich, um die Konzentration auf das Gesungene zu gewährleisten. Demnach Sollen diejenigen von Unsern geliebten Kindern, welche Lesen können zu desto besserer Aufmerkung allezeit […] den vorhabenden Gesang, ungeachtet ihnen derselbe sonst bekannt, in ihrem eigenen Gesangbuche, welches zu dem Ende ein jedes zur Hand haben soll, aufschlagen, und daraus singen.37

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Solche Visitationen wurden etwa 1637 von Sigismund Evenius gefordert, einem Mitarbeiter Herzog Ernsts des Frommen; 1651 erließ der Herzog ein entsprechendes Dekret. Auch in Oldenburg und reformierten Regionen war die Andacht Thema bei Hausvisitationen, vgl. Graff, Auflösung, 242.244. In der Verordnung Herzog Ernsts: „Darauf dann der Bediente, welcher von Uns hierzu gnädig verordnet, das Lied, wie es die Sonn= und Festtage, oder Jahrszeit erfordert, anfangen […] soll[…]. […] solle derjenige, der die Betstunde hält, eine Erforschung anstellen […]. […] soll derjenige Bediente, der die Betstunde hält, fein deutlich vorlesen […]“ (Gelbke, Herzog Ernst 3, 211). Vgl. Graff, Auflösung, 206. Genannt werden u.a. für die Morgenandacht „Hauskirchbüchlein, Arends [Arndts] Paradiesgärtlein, Habermann [Gebetbüchlein] oder Wasserquelle“ (Gelbke, Herzog Ernst 3, 209). Gelbke, Herzog Ernst 3, 211. Zitate: Gelbke, Herzog Ernst 3, 207f. Die Kinder sollen sich „feiner, sittsamer und demüthiger Gebehrden befleißigen, die Hände recht falten und aufheben, hergegen aller Ungebehrden, als Herumgaffens mit den Augen, Reibens und Kratzens des Haupts, unnöthigen Jähnens und Raufferns, bald nahe bald ferne vom Tisch zu treten, Händespielen oder Niedersinkens, Stossung eines andern, unfreundliches Ansehens, Achselhängens und dergleichen sich enthalten“ (Gelbke, Herzog Ernst 3, 206). Gelbke, Herzog Ernst 3, 207.

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III. Auswertung

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Sicher ist die Praxis am Hof in Gotha, dessen Herzog nicht von ungefähr den Beinamen „der Fromme“ trägt, nicht repräsentativ für jede bürgerliche Familie. Dass die Hausandacht der hauptsächliche Ort der Gesangbuchbenutzung war, geht aber auch aus vielen anderen Zeugnissen hervor38  – schon allein aus zahlreichen Gesangbuchtiteln (‚Hausgesangbuch‘). Dass das Liedrepertoire der Hausandachten wesentlich umfangreicher, flexibler und offener für Neues war als das im kirchlichen Gottesdienst, zeigen T-1665 und T-1669 aus der Zeit der Württemberger Anhang-Gesangbücher: Während der Stammteil von 1583 die „offentlichen Kirchen=Gesänge“ bereithält, sollen die Anhänge mit den neu hinzugekommenen Liedern „zu rechtschaffener frommer Christen Hauß=Kirchen“ verwendet werden.39 Das Hannoverische Gesangbuch besitzt eine Einteilung zum häuslichen Durchsingen aller enthaltenen Lieder innerhalb von 6 bzw. 7 Wochen. Manchmal erweitert sich der Zweck im Laufe von mehreren Ausgaben: Das Hannoverische Gesangbuch ist in der Ausgabe von 1648 „Zu Befoderung der Privatandacht“, ab 1657 „zur Befoderung der Privat- und öffentlichen Andacht“ bestimmt (vgl. S. 63); bezeichnend ist die Reihenfolge: erst Privatandacht, dann Gottesdienst. Dieselbe Tendenz zeigt das Cellische Gesangbuch: Hier findet sich erst 1706 der Titelzusatz „zu besserem Gebrauch der Kirchen des Fürstenthumbs Lüneburg und dazu gehöriger Lande“. Die Berliner Praxis Pietatis Melica ist dagegen laut Titel von Anfang an für beide Kontexte bestimmt. Eine besonders ausführliche Aufzählung von privaten Verwendungsmöglichkeiten enthält die Vorrede der Frankfurter Ausgabe von 1666 (vgl. S. 85). In der Hausandacht hatten auch viele der bei der Auswertung nicht berücksichtigten Autorengesangbücher ihren Platz, etwa mit Epistel- oder Evangelienliedzyklen für die sonntägliche Hausandacht (vgl. S. 541–544); entsprechende Werke gibt es von Herman, Heermann, Rist40 und anderen. Ein Nürnberger Autorengesangbuch, Johann Vogels Psalmen / Geistliche Lieder und Haus=gesänge (1653), weist eine klassische Rubrizierung nach Eichornschem Vorbild („Nach Art und Ordnung deß Evangelischen Gesangbuchs“) auf, wird jedoch in Dedikation und Vorrede ebenfalls der Hausandacht zugeordnet. Johann Michael Dilherr schreibt in der Vorrede, er lebe der guten Zuversicht; es werden Gottseelige Haus=vätter und Haus=mütter sich / neben ihren lieben Kin=|derlein / dieser wolgemeinten Arbeit wol zugebrauchen haben.41 38

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41

Vgl. das Titelkupfer von Rists Alltäglicher Hausmusik (1654): Eine Familie feiert Andacht; dabei singen mehrere Mitglieder aus Gesangbüchern. T-1665, Zwischentitel. Rist schreibt in der Zuschrift zu seiner Sabbahtischen Seelenlust (Lüneburg 1651), in der Lieder zu allen Sonntagsevangelien abgedruckt sind: „Ich halte Mich gäntzlich versichert / daß / dafern diese unsere Sabbahtische Lider / nicht eben der Würden sind / daß sie öffentlich in der Kirchen mügen gesungen oder gespielet werden (wiewol solches ins Werk stellen zu lassen / grosse Theologen Sich haben erbohten;) Sie doch zum weinigsten bei vielen Christlichen Haußvättern und Haußmüttern einen günstigen Platz finden“ (S. 16). Die liturgische Verwendung ist also eine Auszeichnung, die private eher ‚niederschwellig‘. Vogel, Psalmen, Vorrede von Dilherr fol. b 1r|v. Ursprünglich handle es sich um Gelegenheitsdichtung, die „zu unterschiednen Zeiten und Gelegenheiten gesungen“ worden sei (fol. a 9r) und nun auf verschiedentlichen Wunsch hin als Sammlung herausgebracht werde.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

In Vogels Dedikation kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt zum Ausdruck: die Verbindung von Hausandacht und Hausmusik. Die Rede von der „Hausmusik“ ist etwa seit den Jahren nach 1600 gängig.42 Die Zueignung an die Nürnberger Ratsmitglieder, so Vogel, geschehe in Ansehung / daß derselben wolbestelltes Haus=wesen und Christenthum aus sonderbarer Beliebung deß Gottesdienstes / welcher auch gutes theils in fleissiger Lesung deß Worts Gottes / und beliebicher Ubung der Hauß=music bestehet / männiglich bekan[n]t.43

„Ubung der Hauß=music“ ist also neben der Schriftlektüre konstitutiver Bestandteil des (Haus-) Gottesdienstes. Dieses häusliche Musizieren konnte durchaus nicht nur im Kreis der Familie, sondern auch im Freundes- und Bekanntenkreis stattfinden; die Teilhabe an einer derartigen privaten Musikkultur war freilich an einen gehobeneren Bildungsgrad gebunden. Neben der Andacht war auch die Geselligkeit ein wesentliches Ziel.44 Für solche Zusammenkünfte ist mit einer freieren Form der Andacht zu rechnen. Form und Schwierigkeitsgrad der Musik richteten sich jeweils nach Fähigkeit und Bedürfnissen der Teilnehmer.45 Die in Italien aufgekommene Form des monodischen Komponierens als der „begleiteten solistischen Vokalmusik“ ermöglichte eine freiere, stärker affektbetonte Textbehandlung als der bis dahin übliche Kontrapunkt.46 In einfacher Machart, die auch den Kindern das Mitsingen erlaubte, wurde das Sololied, die monodische Aria mit Generalbassbegleitung, zur vorherrschenden Form der neueren geistlichen Lieder für den Hausgebrauch.47 Daneben wurde auch im häuslichen Bereich mehrstimmig gesungen. So ist Heinrich Schütz’ vierstimmige Vertonung des Becker-Psalters von 1628 nach Angaben des Komponisten zunächst „für meine HaußMusic / vnd zu deren mir vntergebenen CapellKnaben frühe vnd AbendGebet“ bestimmt.48 Fazit Die Entwicklung des Gesangbuchgebrauchs im 17. Jahrhundert stellt sich also vereinfacht gesprochen wie folgt dar: Im Gottesdienst werden Gesangbücher anfangs nur vom Pfarrer, vom Schulmeister, vom Küster und vom Kantor sowie vom Chor benutzt; zur besseren Einbindung der auswendig singenden Gemeinde dient die Gesangbuchform des Kantionals. Insbesondere seit der Erneuerung der „Deutschen 42 43 44 45

46 47 48

Zunächst bei Bartholomäus Gesius und Samuel Besler, vgl. Busch-Salmen, MGG-Art. Hausmusik, 228. Vogel, Psalmen, Dedicatio fol. a 9r. Vgl. Scheitler, Lied, 94f.403f; Busch-Salmen, MGG-Art. Hausmusik, 230. Im Vorbericht zu seinen Neüen Musikalischen Fest=Andachten (Lüneburg 1655) erläutert Rist, warum er für seine Lieder sowohl alte als auch neue Weisen anbietet (Letztere eigens vom Hamburger Musiker Thomas Selle komponiert, der sich „sehr wol und gahr vernünftig nach dem Text und Wohrten hat gerichtet und geschikket“): „Die Alte sind in unseren Evangelischen Kirchen von vielen Jahren hero üblich / und biß auf gegenwärtige Stunde in täglichem Gebrauche; Dise nun / dienen so wol den Jenigen / welche der Singekunst unerfahren sind / als denen / welche die Musik aus ihrem Grunde verstehen. Die Neüen gehören eigentlich für die Gelehrte und Musikverständige“ (fol. B 4r). Vgl. Palisca, MGG-Art. Monodie, 466.468. Vgl. Graff, Auflösung, 243; Scheitler, Lied, 92f.410; Rößler, MGG-Art. Gesangbuch, 1304. Zit. nach Busch-Salmen, MGG-Art. Hausmusik, 229.

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III. Auswertung

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Poeterey“ durch Martin Opitz (1624) entstehen vermehrt geistliche Lieder neuen Typs, die zunächst in Gedichtbänden der Autoren und Privatsammlungen veröffentlicht werden und für den Hausgebrauch bestimmt sind. Ab etwa 1640 (Crüger, Gesenius) kommen Gesangbücher auf, die im Aufbau den bisherigen kirchlichen Gesangbüchern ähneln, in die aber die neuen Lieder zur Hausandacht vermehrt Eingang finden und die in der Regel zunächst auch selbst für den Hausgebrauch bestimmt sind (Hannoverisches Gesangbuch). Häusliche Frömmigkeit und Andacht sind also mehr als der Gemeindegesang der Motor der Erneuerung des geistlichen Singens im Barock: Hier wurden – im Vergleich mit dem Gemeindegesang – zuerst Gesangbücher benutzt; hier wurden zuerst die neuen Lieder gesungen.49 Die Trägergruppe dieser Frömmigkeit ist besonders unter gebildeten und wohlhabenden Bürgern und Adligen zu suchen, die Zugang zur Lese- und Musikkultur besaßen. Ob Scheitlers klärende Trennung von privatem ‚Geistlichem Lied‘ und gottesdienstlichem ‚Kirchenlied‘ sich in der Praxis so strikt und so lange durchhalten lässt, muss aufgrund des hier festgestellten Befundes hinterfragt werden: In den Gesangbuchtiteln finden sich „Kirchen- und Hausgesänge“ immer häufiger so nebeneinander, dass die Unterscheidung von Kirchen- und Hausgesangbuch sich in einigen Regionen schon lange vor 1700 zu nivellieren beginnt. Während im Nürnberger Gottesdienst noch Ende des 17. Jahrhunderts ein recht schmales, konservatives Repertoire vorzuherrschen scheint, bieten Crügers Berliner Gesangbücher ein prominentes Gegenbeispiel: Ihnen war von Anfang an eine Doppelfunktion „zu Befoderung des so wohl Kirchen= als Privat=Gottesdienstes“ zugedacht, die von Crüger und Ebeling auch in der liturgischen Praxis umgesetzt wurde.50 Kirchenund Hausgesänge beginnen sich also allmählich zu vermischen: Einerseits werden die alten Kirchengesänge auch in der Hausandacht verwendet; andererseits finden die neuen Hausgesänge allmählich Eingang in den Gottesdienst,51 wenn auch zunächst eher in die Neben- als in die Hauptgottesdienste. Diese Bewegung beschreibt die Vorrede von S-1704: Zu diesem Ende hat nicht allein gleich zu Anfang der Reformation […] | Doct. Martin Luther seel. wie auch andere geistreiche gottseel. Männer unterschiedlich viel geistliche Lieder u. Psalmen / wie auch Gebette auffgesetzet / und durch die Edle Buchdruckerey der Evangelischen Christenheit zum öffentlichen und sonderlichen Gebrauch mitgetheilet / sondern es sind bey wenig Jahren her / nachdem die Teutsche Poesie oder Tichterkunst in mehrere und zierlichere Ubung und Aufnahm gebracht worden / viel schöne geistliche Lieder und Psalmen dergestalt aufkommen / daß sie nit allein zu Hauß von gottseeligen 49

50 51

Vgl. Scheitler, Lied, 90: „Wie wir gesehen haben, finden die meisten der im 17. Jahrhundert entstandenen geistlichen Lieder ihren Sitz im Leben nicht im öffentlichen Gottesdienst, sondern in der privaten Frömmigkeitsübung.“ Vgl. Bunners, Frömmigkeit, 15–18. So im Falle der Lieder Paul Gerhardts vgl. Bunners, Gebrauch. Greifswalder Theologen warnen 1669, dass Gerhardts Lieder die alten Luthers verdrängen könnten, und mahnen, dass man „nicht die rechte sonderbare Geistliche Lieder des Mannes Gottes Lutheris verkleinern / oder auß der Kirchen allmählich außzumustern suchen möchte / wie leyder! an etlichen Orten fast wil erspüret werden“ (zit. nach Bunners, Gebrauch, 275).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Leuten / Gott zu Ehren / und zu Erbauung der Seelen / öffters gesungen / sondern auch in den öffentlichen Kirchen=Gebrauch gebracht worden.52

Das Zitat gibt die skizzierte Bewegungsrichtung vom Haus in die Kirche genau wieder: Die primäre Rezeption der neuen geistlichen Lieder in der Hausandacht kommt hier ebenso zum Ausdruck wie der sich daraus ergebende „Kirchen=Gebrauch“. Wie vollzog sich dieser Übergang vom Haus in die Kirche? Eine vermittelnde Rolle könnte die Schule sowie, sich damit teilweise überschneidend, die Chormusik gespielt haben, so dass neuere Lieder im Gottesdienst zunächst vom Chor gesungen und dadurch allmählich bekannt wurden.53 Die Chormusik war ja ihrerseits, wie das Modell des Kantionals zeigt, mit dem Gemeindegesang verknüpft. Dass dieser Zusammenhang auch für die neuen geistlichen Lieder greift, muss an dieser Stelle allerdings eine Vermutung bleiben. Dafür wird es in Teil C dieser Arbeit noch darum gehen, die beiden genannten Sitze im Leben, Gottesdienst und Hausandacht, speziell im Kontext von Sterben und Trauer darauf zu untersuchen, welche Lieder dort wann, wie und von wem gesungen wurden.

2. Rubrizierung und Zusammensetzung der Liedauswahl a) Rubrizierung Untersucht wurden unterschiedliche Gesangbücher mit vergleichbarer, ‚kirchennaher‘ Rubrizierung.54 Die Anordnung der Gesangbuchlieder in Rubriken, wie sie sich im 16. Jahrhundert entwickelt hat, ist für den praktischen Gebrauch des Buches eine wichtige Voraussetzung: Das erste Gesangbuch mit durchgehender, einheitlicher Rubrizierung ist das der Böhmischen Brüder von 1531. Im Babstschen Gesangbuch vermischen sich zwei Gliederungskriterien: Autor und Inhalt. Prototypisch erscheint dann die im Eichornschen Gesangbuch entwickelte, oft nachgeahmte und erweiterte Gliederung „nach ordnung der Jarzeit“ mit 25 gleichgeordneten Rubriken. In manchen späteren Gesangbüchern werden mehrere davon durch eine übergeordnete Einteilung zusammengefasst, zumal wenn es inzwischen mehr geworden sind. Zuallermeist, so auch bei Weisse, Babst und Eichorn, beginnt die Gliederung mit den Liedern zum Kirchenjahr. Gegenbeispiele wie die Praxis Pietatis Melica, die mit Morgen- und Abendliedern beginnt, bilden die Ausnahme. Üblich sind die Stationen von der Menschwerdung, der Geburt, vom Leiden und Sterben, von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi, vom Heiligen Geist und von der Dreifaltigkeit; daneben gibt es je nach Zeit und Region Rubriken zu Neujahr (schon bei Weisse: ‚Beschneidung Christi‘; ab etwa 1650, z. T. zusätzlich: ‚Vom Namen Jesu‘), zu 52 53

54

S-1704, Vorrede fol. A 6r|v. Vgl. schon Scheitler, Lied, 410: „Die Grenzen zwischen konzertanter kirchenmusikalischer Aufführung und häuslicher Liedpraxis sind, was das Geistliche Lied anbetrifft, weit durchlässiger als diejenigen zwischen Haus- und Gemeindegesang.“ So gebe es Belege, „daß Geistliche Lieder bisweilen auch während eines Gottesdienstes oder Kirchenkonzertes solistisch vorgetragen wurden“ (ebd. 94). Zu den Kriterien dieser Auswahl vgl. ab S. 20.

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III. Auswertung

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Epiphanias, Mariä Reinigung, Verkündigung oder Heimsuchung, zum Johannis- und Michaelistag (‚Von den heiligen Engeln‘). Den ‚Festliedern‘ folgen meist Lieder zu den Themen des Katechismus: Gebote, Credo, Vaterunser, Sakramente; auch der Komplex Buße/Beichte/Rechtfertigung taucht manchmal bereits hier auf. Psalmlieder, weder bei Weisse noch bei Eichorn enthalten, bilden in Straßburger, Württemberger und Nürnberger Gesangbüchern eine gewichtige eigene Rubrik. Allgemeinere Rubriken schließen sich an: Lob und Dank; ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ (darunter häufig: ‚Von Eitelkeit‘); ‚Von der christlichen Kirchen‘ (oft auch: ‚Vom Wort Gottes und der christlichen Kirchen‘); ‚Von Kreuz, Verfolgung und Anfechtung‘ (oder: ‚Vom Kreuz und Unglück‘); Trostgesänge; Betgesänge (Bittlieder), bisweilen separat: ‚In gemeiner Not‘ (mit Abteilungen für Bittlieder in Hunger, Teuerung, Krieg, Türkengefahr, Unwetter, Dürre, Pestzeiten u.a.). Eine weitere Gruppe bilden die Rubriken zu Tagzeiten (Morgen und Abend) und zum Essen (‚Vor/nach dem Essen‘), manchmal gefolgt von Reise- und selten von Wiegenliedern. Nach den Sterbe- und Ewigkeitsliedern folgt am Schluss häufig Luthers deutsche Litanei. So unterschiedlich die Glieder dieser Aufzählung sein mögen, so unterschiedlich die Gesangbücher, denen sie entnommen sind: Sie dienen nicht dazu, einen gegebenen Gesamtinhalt wie ein Lehrbuch sachgemäß, schlüssig und logisch zu gliedern,55 sondern vielmehr dazu, Lieder für eine bestimmte Situation auffindbar zu machen. Sie sind also oft nicht primär vom Inhalt, sondern von Situation und Funktion her bestimmt; sie orientieren sich nicht an Loci, sondern an Kasus. Zuallererst sind hier die liturgischen Vollzüge zu nennen (Kirchenjahr, Litanei, Gotteslob), dann aber auch der Unterricht (Katechismus) sowie äußere Vorgänge des Alltags (Morgen, Abend, Tisch, Reise, Arbeit) und der ‚gemeinen Not‘ (Krieg, Seuchen, Verfolgung, Kreuz und Unglück). Die Rubrizierung differenziert sich dabei immer weiter aus und dringt in immer mehr Lebensbereiche vor. Eine Kategorie wie die der Psalmlieder, die zunächst nicht funktional, sondern durch ihre Quellentexte bestimmt ist, wird in Nürnberger Gesangbüchern durch eine Untergliederung in Buß-, Trost-, Bet-, Dank- und Lehrpsalmen aufgeschlüsselt. Am wenigsten deutlich auf einen bestimmten äußeren oder inneren Lebenskontext bezogen sind lehrhafte Überschriften wie ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ oder ‚Von der christlichen Kirchen‘. Sie verweisen eher auf Inhalte, bleiben darin aber etwas diffus. Die Rubriken sind also dazu da, die Lieder des Gesangbuchs ‚auf mancherlei Fälle‘ zu erschließen, wie es bisweilen im Titel heißt. Die Lebenskontexte die Sterbe- und 55

Gesangbücher, die wie eine Dogmatik gegliedert sind, bilden die Ausnahme. Eine solche ist etwa die Dortmunder Psalmodia sacra von 1666. Das Schriftprinzip der lutherisch-orthodoxen Dogmatik setzt sie um, indem sie wie diese mit dem Abschnitt „Vom Wort Gottes“ beginnt. Die Gliederung des Liedbestandes wird soweit als möglich den dogmatischen Loci angepaßt. Es folgen Gotteslehre („Von dem ewigen und unendlichen Gott“), Schöpfungslehre („Von der Erschaffung und Erhaltung aller Creaturn“), Anthropologie und Hamartiologie („Vom Zustand des Menschen vor und nach dem Fall“), Christologie („Von CHRISTO“, hier die Festlieder zu den Hauptfesten des Kirchenjahres bis Christi Himmelfahrt), Pneumatologie („Von der Sendung des H. Geistes“, hier die Pfingstlieder), Rechtfertigungslehre und Ethik („Vom Zustand des Menschen in der Bekehrung“), Ekklesiologie und Sakramentenlehre („Von der christlichen Kirchen, derselben Sakramenten und dreien Ständen“), „Vom Kreuz und Strafen Gottes“ (Bitt- und Trostlieder), Eschatologie („Von den vier letzten dingen“), „Morgen- und Abendgesänge“.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Ewigkeitslieder werden in Teil C noch untersucht. An dieser Stelle wird zunächst der Befund aus den untersuchten Gesangbüchern zusammengefasst. Grundsätzlich sind zwei Typen von Rubriken zu unterscheiden. Der eine Typ enthält Lieder zum Ende des individuellen Lebens (Sterbe- und Begräbnislieder) und ist damit stärker funktional ausgerichtet. Diese Rubriken sind inhaltlich allgemeiner, sie umfassen eine größere thematische Bandbreite und sind außerdem meist umfangreicher als die des anderen Typs. Der zweite Typ ist stärker auf bestimmte Einzelthemen fokussiert, die dem individuellen Tod zeitlich nachgeordnet sind: Jüngster Tag und Auferstehung sowie später Hölle, Himmel und ewiges Leben (daher: ‚Ewigkeitslieder‘). Diese Rubriken sind also weniger funktional als vielmehr thematisch begründet und dank ihres spezifischen Themas meist weniger umfangreich als die des ersten Typs. Sterbe- und Begräbnislieder Die Lieder zum Ende des individuellen Lebens sind im Anschluss an die Rubrizierung bei Eichorn typischerweise in eine etwas größere Abteilung ‚Vom Tod und Sterben‘ und eine etwas kleinere ‚Vom Begräbnis‘ gegliedert. Nicht überall findet sich freilich diese Unterscheidung: Bei Weisse und Babst, im württembergischen Gesangbuch von 1583 und in Go-1648 gibt es nur eine Begräbnislieder-Rubrik. Prominent ist diese Rubrik auch in Dresdner Gesangbüchern, wo sie deutlich umfangreicher ist als ‚Vom Tod und Sterben‘. Ein eigener Hinweis auf Kinderbegräbnisse steht manchmal bei einzelnen Liedern (Bartholomäus Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein) oder gelegentlich in einer gesonderten Unterabteilung.56 In anderen Gesangbüchern fällt wiederum gerade der Hinweis aufs Begräbnis weg, so in der Praxis Pietatis Melica („Sterbelieder“) oder in Scheins Cantional von 1627 („Vom Tod und Sterben“; der Anhang von 1645 ist dann mit „Christliche Grabelieder“ überschrieben). Beide Aspekte unter einer Überschrift (‚Vom Tod und Begräbnis‘) finden sich im Leipziger Vorrath und im Lüneburgischen Gesangbuch. Obwohl zwischen Sterbe- und Begräbnisliedern nicht immer unterschieden wird und sich der Inhalt der beiden Rubriken in weiten Teilen überschneidet, ist der Bestand doch keinesfalls ganz austauschbar. Das dürfte mit den unterschiedlichen funktionalen Bestimmungen bzw. Sitzen im Leben zusammenhängen, auf die die Überschriften verweisen. Die Begräbnisrubrik ist wohl deshalb die etwas ältere, weil sie sich auf einen Sitz im Leben von konkreter liturgischer Signifikanz bezieht. Aufgrund der Rubrizierung sind Weisses Nun lasst uns dem Leib begraben, aber auch der prudentianische Hymnus Iam moesta quiesce querela eindeutig den Begräbnisund nicht den Sterbeliedern zugeordnet. Zwei andere der häufigsten Lieder tauchen dagegen erst auf, als die Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ schon existiert, und sind auch meist hier aufgeführt: Hermans Wenn mein Stündlein vorhanden ist (1562) und Ebers Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (1563). 56

Z. B. N.1677: „Bey Begräbnissen schöner junger Personen und kleiner Kinder“. Ein Liedzyklus aus Johann Olearius’ Geistlicher Singe=Kunst (Leipzig 1671) unterscheidet sieben besondere Todesfälle von Kindern (vgl. S. 436).

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III. Auswertung

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Offener und darum schwerer abzugrenzen als die Gruppe der Begräbnislieder ist die der Sterbelieder. In der Offenheit dieser Gruppe drückt sich die geringere äußere Signifikanz ihres Sitzes im Leben aus, der ja nicht nur die Sterbestunde umfasst, sondern auch das unspezifischere Sterbegedenken mitten im Leben (vgl. S. 535–561). Schwierig ist insbesondere die Abgrenzung von zwei bzw. drei Rubriken, die in der Regel nicht berücksichtigt werden konnten: Zum einen sind dies Lieder von der Eitelkeit oder vom menschlichen Elend, zum anderen solche in Pestzeiten oder in Krankheit. In den meisten Gesangbüchern – von Ausnahmen abgesehen – haben sie einen anderen Ort als die Sterbe- und Ewigkeitslieder; deshalb und aufgrund ihrer thematischen Unterschiedenheit erschien es gerechtfertigt, sie bei der Auswertung nicht zu berücksichtigen. Das Thema ‚Eitelkeit‘ taucht ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts gelegentlich als Unterabteilung der Rubrik ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ auf, so in L-1673. Teils finden sich die darin enthaltenen Lieder in anderen Gesangbüchern auch unter den Sterbeliedern (Ach wie flüchtig, ach wie nichtig), teils ganz unspezifiziert unter ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘. Manche dieser Lieder besitzen auch nur einen vagen Bezug zum Thema der menschlichen Vergänglichkeit. Anscheinend handelt es sich um eine Art Übergangsrubrik, die in Bestand und Funktion zwischen der geschlosseneren Rubrik der Sterbelieder (mit der sie sich vielfach überschneidet) und der sehr viel offeneren, allgemeineren Rubrik ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ steht. Zum Sitz im Leben der Sterbelieder – das zeigt die Übergangsrubrik – gehören auch Betrachtung, Belehrung und Mahnung ohne unmittelbare Nähe zu Tod (memento mori). – Ausgewertet wurde die Rubrik ‚Eitelkeit‘ dort, wo sie mit den Sterbe- und Ewigkeitsliedern in einer gemeinsamen Abteilung zusammengefasst ist.57 Eine Variante ist der Titel ‚Vom menschlichen Elend‘ im Hannoverischen und im Cellischen Gesangbuch, der im Lüneburgischen Gesangbuch wieder in der Rubrik ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ aufgeht. Trotz Nachbarschaft zu den Sterbeliedern wurde sie nicht ausgewertet; die Sterbe- und Ewigkeitslieder sind durch den Titel ‚Von den vier letzten Dingen‘ deutlich abgegrenzt.58 Anders liegt der Fall bei den Pest- und bei den Krankheitsliedern. Taucht eine Überschrift mit dem Stichwort ‚Krankheit‘ auf, so meist im engsten Umfeld der Sterbelieder, oft sogar in derselben Unterrubrik;59 entsprechend wurden die Lieder auch berücksichtigt. Hier scheint ein anderer, der ‚Todesnot‘ verwandterer Kasus vor 57

58

59

Z. B. N-1677, Teil 6: „Von deß menschlichen Lebens Eitelkeit / Kranckheit / Sterben / Begräbniß / Auferstehung der Toden und jüngstem Gericht“; S-1704, Teil 7: „Vom Tod und Sterben und andern letzten Dingen“, darunter: „Von der Menschl. Eitelkeit“). Eine ähnliche Aufteilung wie N-1677 hat das Neue vollständige Eisenachische Gesangbuch (Eisenach 1673), wo im 5. Teil „SterbLieder“ als eine von vier Rubriken auch „Eitelkeitlieder“ enthalten sind. Die Nähe zu den Sterbeliedern kommt allerdings wiederum darin zum Ausdruck, dass im Register für die gesamte Rubrik ‚Vom menschlichen Elend‘ alternativ auf ‚Vom Tod und Sterben‘ verwiesen wird. So in N-1653 („Krancke[n]= vn[d] Sterb=Lieder“) und N-1677 („Krancken= Sterb= und Begräbniß=Lieder“ unter Teil 6, „Von deß menschlichen Lebens Eitelkeit / Kranckheit / Sterben / Begräbniß / Auferstehung der Toden und jüngstem Gericht“). Vgl. wiederum Neues vollständiges Eisenaches Gesangbuch von 1673 („Krankheitlieder“ neben „Eitelkeitlieder“, „Begräbnißlieder“, „Gerichtslieder“ unter Teil 5 „SterbLieder“).

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Augen zu stehen60 als im Falle der wesentlich häufiger auftretenden Rubrik ‚In Pestilentz und Sterbensläufften‘. Diese geht gelegentlich der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ unmittelbar voraus;61 ihr üblicher Kontext sind aber die Bittlieder ‚in mancherlei Not‘ wie Krieg, Hungersnot, Teuerung usw.62 Überschneidungen mit der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ gibt es aber auch hier. Das betrifft meist ältere Lieder wie: Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit (Nürnberg 1554) Johann Gigas, Ach lieben Christen, seid getrost (Frankfurt/O. 1561) Johann Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566) Nicolaus Herman, O Mensch, mit Fleiß anschaue mich (Wittenberg 1562) Caspar Stolzhagius, Ach treuer Gott, Herr Jesu Christ (Leipzig 1582) Bartholomäus Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Frankfurt/O. 1586) In den älteren Nürnberger Gesangbüchern fehlt die Rubrik der Pestlieder; sie finden sich hier unter den Sterbeliedern. Der Vergleich mit anderen Regionen zeigt aber recht deutlich, um welche Lieder es sich handelt;63 trotz Verwandtschaft und Überschneidungen sind die Pestlieder demnach eine relativ deutlich umgrenzte Gruppe. Mit sechs Liedern ist Ringwaldt unter ihnen der meistgenannte Dichter. Die Frankfurter Praxis Pietatis Melica von 1666 enthält auch mehrere neue Pestlieder – darunter sieben von Justus Georg Schottelius –, die in der Berliner Ausgabe vom selben Jahr nicht enthalten sind. Zu den Pestliedern vgl. auch S. 278–288. Speziellere Rubriken von Jüngstem Tag, Auferstehung, Hölle, Himmel und ewigem Leben Die Rubriken, die sich speziell mit den Dingen nach dem individuellen Tod befassen, enthalten ebenfalls eine kleinere, besser umgrenzte Liedmenge als die Sterbelieder. Diese Geschlossenheit verdankt sich weniger einem eindeutig zuzuordnenden Sitz im Leben, sondern den klar umgrenzten Themen. Bei Babst oder im Württemberger Gesangbuch von 1583 ist eine solche Rubrik noch nicht enthalten. Überschrieben sind die Rubriken klassischerweise mit ‚Vom Jüngsten Tag‘ (Weisse) oder ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ (Eichorn). In Gesangbüchern der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts erweitert sich das Spektrum entscheidend um einige kleinere Abteilungen. Zunächst taucht immer wieder eine Gesamtgliederung der Sterbeund Ewigkeitslieder auf, die sich nun doch an die Loci-Ordnung der Dogmatik 60

61 62

63

Vgl. die 21. Rubrik im altgläubigen Leisentritschen Gesangbuch (Bautzen 1567): „In Todes nöthen / kranckheiten vnd dergleichen“. Z. B. in L-1605, L-1627a oder in den Dresdner Gesangbüchern. Vgl. Lü-1625; Lü-1660; Lü-1661/1696/1706; Lü-1695/1702; B-1666; F-1666; L-1673; H-1683. Vgl. ähnlich: D. Martin Luthers […] geistreiche Lieder, Psalmen und Lobgesänge (Danzig 1629); Erneuertes Frankfurter Gesangbuch (Frankfurt/M. 1664); Psalmodia sacra (Dortmund 1666); Neues vollständiges Eisenachisches Gesangbuch (Eisenach 1673). Heyden, Wer in dem Schutz des Höchsten ist (Nürnberg 1544); Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott aller, die auf dich hoffen; ders., Nicht trauret übrig, lieben Leut, wegen der Pestilenze; ders., Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (alle Frankfurt/O. 1577); Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Nürnberg 1611).

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III. Auswertung

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anlehnt: ‚Von den vier letzten Dingen‘64. Neben ‚Tod und Sterben‘ und ‚Jüngstem Tag und Auferstehung‘ weitet sich der Blick nun auch über die Endzeit hinaus, und es kommen auf das Jenseits bezogene Rubriken hinzu: ‚Himmel und ewiges Leben‘ sowie ‚Hölle‘. Da es sich um kleine Rubriken mit wenig Liedern handelt, werden die Rubriken manchmal wieder in einer zusammengefasst (‚Gerichts-, Himmels- und Höllen-Lieder‘).65 Als letzte Zutat kommt schließlich in manchen Gesangbüchern66 die Rubrik ‚Von der Ewigkeit‘ hinzu, in der nicht etwa das ewige Leben besungen wird, sondern die Schrecken der unendlichen Dauer nach zeitlichem Tod und Gericht. Den Kern dieser Rubrik bildet Johann Rists Lied O Ewigkeit, du Donnerwort, das ansonsten auch unter ‚Jüngster Tag‘ oder ‚Hölle‘ auftauchen kann und oft unter einer eigenen Überschrift („Betrachtung der Ewigkeit“) steht. Der Liedbestand der Rubrik ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ ist auch in den umfangreicheren Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts deutlich weniger hypertrophem Wachstum ausgesetzt als der der Sterbelieder. Gleichsam zur Grundausstattung gehören einige alte, verbreitete Lieder: Michael Weisse, Es wird schier der letzte Tag herkommen (Jungbunzlau 1531) Erasmus Alber, Ihr lieben Christen, freut euch nun (Wittenberg 1546) Erasmus Alber, Gott hat das Evangelium (1548) M. R. Müntzer, Ach Gott, tu dich erbarmen (Nürnberg 1550) Nicolaus Herman, Sankt Paulus die Korinthier (Kulmbach 1551) Johann Walter, Herzlich tut mich erfreuen (Wittenberg 1552) Bartholomäus Ringwaldt, Es ist gewisslich an der Zeit (Frankfurt/O. 1586) Vor allem zwei Autoren sind von zentraler Bedeutung für die Erweiterung des Liedbestandes zum Thema Endzeit und Jenseits im 17. Jahrhundert: Philipp Nicolai und Johann Rist. Die vier Lieder aus Philipp Nicolais FrewdenSpiegel deß ewigen Lebens (1599) sind allerdings so vielschichtig, dass sie sich dem schematisierten Zugriff der Gesangbuch-Rubrizierung entziehen.67 Am eindeutigsten ist noch Herr Christ, tu mir verleihen dem ‚Jüngsten Tag‘, dem ‚Himmel‘ oder dem ‚Ewigen Leben‘ zuzuordnen. Wachet auf, ruft uns die Stimme findet sich dagegen gelegentlich auch unter ‚Tod und Sterben‘; für So wünsch ich mir ein gute Nacht gilt das überwiegend. Ganz 64

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Explizit unter dieser Überschrift stehen die Sterbe- und Ewigkeitslieder in diesen Gesangbüchern: Lü-1660; Lü-1661/1696/1706; Erneuertes Frankfurter Gesangbuch (Frankfurt/M. 1664); Psalmodia sacra (Dortmund 1666); L-1673. Die Einteilung nach den ‚vier letzten Dingen‘ findet sich in vielen Gesangbüchern auch ohne explizite Bezeichnung, etwa in: N-1653; Rechtschaffener Christen erwünschte Seelen=Lust (Tübingen 1676); H-1683). Die Vierzahl wird z. T. wohl deshalb nicht genannt, weil sich mit den Begräbnisliedern eine fünfte Rubrik dazwischenschiebt. So in Heinrich Müllers Geistlicher SeelenMusik (Rostock 1659); Der Kinder GOTTes Jubel Schall (Nürnberg 1686); Lü-1695/1702. Geistliche SeelenMusik (Rostock 1659) unter „Lehrlieder“; Lü-1661/1696/1706; N-1677. Das letztere fasst wiederum die drei im 17. Jahrhundert neu hinzugekommenen Rubriken (Himmel, Hölle, Ewigkeit) zu einem gemeinsamen Abschnitt zusammen (Teil 7: „Von der Himmels=Freud / Höllen=Leid und Ewigkeit“), ebenso wie die vorausgegangenen Themen von der Eitelkeit bis zum Gericht (Teil 6). In einigen der Gesangbuch-Anhänge zu Lüneburger Bibeln tauchen sie sogar in einer eigenen NicolaiRubrik auf.

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

vereinzelt findet sich sogar das berühmte Wie schön leuchtet der Morgenstern unter der Rubrik vom Jüngsten Tag.68 In den neuen Rubriken zu Himmel, besonders aber zu Hölle und Ewigkeit kommt vor allen anderen Autoren Johann Rist mit seinen Neüen Himlischen Liedern (Lüneburg 1651) zu Wort69 (z. B. von der Hölle: Erschrecklich ist es, dass man nicht; Muss dir, o Mensch, die schnöde Welt; Kommt her, ihr Menschenkinder; Ich will für allen Dingen). Seine Sterbelieder haben dagegen viel weniger Verbreitung gefunden. Neben Rist spielt unter den neuern Liedern vom Jüngsten Tag auch Heermann eine Rolle (Wach auf, o Mensch, o Mensch, wach auf; Höret, o ihr Kinder Gottes, höret; Wenn des Menschen Sohn wird wiederkommen). Dazu kommen das Jüngsten-Tages-Lied Die Zeit ist nunmehr nah (Paul Gerhardt), das Himmelslied Wie lieblich sind daroben (Gesenius/Denicke) und weitere je nach Region. Die Gesangbuchrubriken definieren also keine völlig geschlossenen Liedgruppen; Varianten finden sich sowohl in ihren Bezeichnungen wie in ihrer Zusammensetzung. Zwischen den ausgewerteten Rubriken (‚Sterbe- und Ewigkeitslieder‘) und den anderen findet ein reger Austausch statt. Querverweise innerhalb der Gesangbücher zeigen, dass die Rubriken flexibel gehandhabt und einzelne Lieder ganz unterschiedlich verwendet wurden. Das Babstsche Gesangbuch verweist unter den deutschen Begräbnisliedern auch auf das Pfingstlied Nun bitten wir den Heiligen Geist und auf das Psalmlied Aus tiefer Not. Mit Fried und Freud hatte im Kirchenjahr seinen Ort zu Mariä Reinigung und wird immer wieder hier aufgeführt. Nicolaus Hermans Erzähllied von der heiligen Dorothea (Es war ein gottsfürchtiges und christlichs Jungfräulein) kann als Sterbe- oder als Wiegenlied gesungen werden,70 Cornelius Beckers Lasset die Kindlein kommen als Tauf- oder als Begräbnislied für Kinder.71 b) Zusammensetzung der Liedauswahl Ausgewertete Gesangbücher Folgende 50 Ausgaben wurden bei der Auswertung der Rubriken und in der dieser Arbeit beiliegenden Tabelle 1 berücksichtigt: Frühphase der evang. Gesangbücher: Ein New Geseng buchlen (Weisse/Böhmische Brüder, Jungbunzlau 1531); Babstsches Gesangbuch (Leipzig 1545); Eichornsches Gesangbuch (Frankfurt/O. 1558). Württemberg: Gesangbuchdrucke aus Tübingen (1591, 1631, 1665, 1669) und Stuttgart (1664, 1688, 1691, 1704). 68

69 70

71

In Lü-1659 steht das Lied unter der Rubrik ‚Vom Jüngsten Tag, Auferstehung und ewigen Leben‘, ansonsten häufig unter ‚Vom Wort Gottes und der christlichen Kirchen‘ (Lü-1625; L-27b/38/82; N-1637/54; D-1656), Lob- und Dank-Liedern (N-1653; Lü-1691), Trostliedern (L-1627a) oder der neu entstehenden Rubrik der ‚Himmlischen Liebes- und Freudenlieder‘ o.ä. (N-1677/90). V.a. N-1653; N-1654; N-1677/90; L-1673; H-1683; Lü-1695/1702; weniger in der Praxis Pietatis Melica. Als Sterbelied z. B. in L-1627a, als Wiegenlied in D-1676. In Daniel Scheurmans Geistlichen Psalmen / Hymnen vnd Gebet (Rothenburg ob der Tauber 1630) ist das Lied der Rubrik vom Jüngsten Tag zugeordnet. Als Begräbnislied z. B. in L-1616, L-1627b und L-1682, als Tauflied in D-1676.

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III. Auswertung

161

Braunschweig-Lüneburg und Hannover: Lüneburg 1625; Liedanhänge zu SternBibeln (Lüneburg 1640, 1659 und 1691); Hannoverisches Gesangbuch (Lüneburg 1660); Cellisches Gesangbuch (Lüneburg 1661, 1696 und 1706); Lüneburgisches Gesangbuch (Lüneburg 1695 und 1702). Kurbrandenburg: Reformierte Psalmodia Sacra (Berlin 1658); Praxis Pietatis Melica (Berlin 1666 und 1703). Ergänzend für die überregionale Wirkung der Praxis Pietatis Melica: Praxis Pietatis Melica (Frankfurt/M. 1666); Musicalischer Vorschmack (Hamburg 1683). Kursachsen: Gesangbuchdrucke aus Dresden (1608, 1625, 1656, 1676, 1678) und Leipzig (1605, 1616, 1627a, 1638) sowie besonders Scheins Cantional (Leipzig 1627b und 1645), der Vorrath von alten und neuen Christl. Gesängen (Leipzig 1673) und das Neu Leipziger Gesangbuch (Leipzig 1682). Ergänzend für das ernestinische Sachsen: Cantionale sacrum (Gotha 1648). Nürnberg: Gesangbuchdrucke von 1594, 1599, 1607, 1617, 1626, 1637 und 1654; Dilherrs Der Irdischen Menschen himmlische Engelfreude (Nürnberg 1653); Nürnbergisches Gesangbuch (1677 und 1690). Im Verlauf der Auswertung hat sich eine Liste von knapp 600 Textanfängen ergeben. Gemäß der Eingangsdefinition fallen alle Texte weg, die sich nur unter allgemeineren Rubriken wie ‚Vom menschlichen Elend‘, ‚Von Eitelkeit‘ oder unter spezielleren wie ‚Von Pestilenz und Sterbensläuften‘ fanden; berücksichtigt werden solche Titel nur dann, wenn sie (wie in N-1677) mit den übrigen Sterbe- und Ewigkeitsliedern unter einer übergeordneten Rubrik zusammengefasst sind. Damit sind 577 Texte übrig (Tabelle 1), darunter 16 lateinische und deutsche Bibeltexte. Außerdem sind einige Dopplungen enthalten: Nicht immer ist es leicht zu entscheiden, ob ein Text als Variante eines anderen oder als eigenständig gewertet werden soll; und manche Lieder erweisen sich als Strophenauszüge aus anderen. Entstehungszeit Wie sind diese Texte ihrem Alter nach einzuordnen? Eine Schwierigkeit besteht zunächst darin, dass von gut 90 Texten (etwa 16% der Gesamtauswahl) kein gesonderter Erstnachweis gefunden werden konnte. In einigen Fällen sind die Autorangaben bei den gefundenen Belegen glaubwürdig genug, um den Textbeleg als authentisch gelten zu lassen (z. B. bei den Liedern Dilherrs aus der von ihm herausgegebenen Engelfreude, N-1653, oder bei denen Sohrens aus H-1683). Bei den mit * gekennzeichneten Liedern sind die Autorangaben – wenn vorhanden – dagegen ungesichert; in fragwürdigen Fällen wurden sie eingeklammert. Als vorläufiges Datum wurde hier jeweils das des ältesten gefundenen Belegs angesetzt. Der größere Teil dieser Lieder stammt aus der späteren Phase des Untersuchungszeitraums, insbesondere aus den drei umfangreichsten der untersuchten Gesangbücher: L-1673, H-1683 und Lü-1695/1702.

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162

Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Auch insgesamt ergibt sich ein deutliches Übergewicht der Lieder aus dem 17. Jahrhundert: Fast vier Mal so viele (76%) stammen aus dieser Zeit wie aus dem 16. Jahrhundert (21%). Etwas genauer sieht die zeitliche Verteilung wie folgt aus: Zeitraum ältere Texte (v.a. Bibel) 1524–1550 1551–1575 1576–1600 1601–1625 1626–1650 1651–1675 1676–1704

Zahl der Texte 18 32 47 40 61 153 154 68

Anteil 3% 5,5% 8% 7% 10,5% 27% 27% 12%

Im 16. Jahrhundert ist der Anfangszeitraum am schwächsten vertreten; darunter sind aber mit Nun lasst uns den Leib begraben, Mitten wir im Leben sind und Gott hat das Evangelium drei der fünf häufigsten Lieder überhaupt. Am produktivsten ist der Zeitraum zwischen 1551 und 1575 (u.a. Lieder von Nicolaus Herman und Nicolaus Selnecker), das Jahrhundertende etwas weniger (Bartholomäus Ringwaldt, Philipp Nicolai). Besonders aufschlussreich ist die Verteilung im 17. Jahrhundert: Im ersten Viertel setzt sich die Liedproduktion zunächst in etwa fort wie bisher, ab 1620 ist bereits eine deutliche Steigerung erkennbar (neben den Liedern Scheins sieben Texte aus Demantius’ Threnodiae, Freiberg 1620). Dann folgt ein signifikanter Sprung: Aus dem Zeitraum bis 1650 stammen ca. 27% (nochmals Schein, außerdem Heermann, Dach, die weiteren Königsberger Dichter), aus dem Folgezeitraum wieder rund 27% der gesammelten Texte (Rist, Paul Gerhardt, Olearius). Unter den Liedern des letzten Zeitabschnitts überwiegen – wie gesagt – die nicht edierten aus H-1683 und Lü-1695/1702. Autoren Entsprechend diesem Befund stammen auch die Autoren, die in der Auswahl am häufigsten vertreten sind, aus dem 17. Jahrhundert: Es sind Johann Hermann Schein (1586–1630) mit 38 Liedern (nur sieben sind auch außerhalb des Cantionals belegt), Simon Dach (1605–1659) mit 30 und Johann Rist (1607–1667) mit 2672 Texten. Mit größerem Abstand folgen Johann Heermann (1585–1647), von dem 14 Lieder enthalten sind, und Johann Olearius (1611–1684) mit zwölf Liedern, davon sechs nur in L-1673. Die übrigen mehrfach genannten Autoren sind:

72

In der Übersicht erscheinen zwar 31 Titel von Rist; sechs von ihnen sind aber lediglich Auszüge aus anderen Liedern, die in L-1673 als eigene Nummern gezählt werden (vgl. S. 122f. Anm. 299–304).

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III. Auswertung

11 Tx.

Michael Weisse (1488–1534) Nicolaus Herman (1500–1560) Bartholomäus Ringwaldt (1530–1599)

8 Tx.

Paul Gerhardt73 (1607–1676)

7 Tx.

Nicolaus Selnecker74 (1530–1592) Johann Michael Dilherr (1604–1669)

6 Tx.

Christoph Runge (1619–1681) Heinrich Müller (1631–1675) Gottfried Wilhelm Sacer (1635–1699)

5 Tx.

Martin Luther (1483–1546)

4 Tx.

Johannes Leon († 1597) Peter Hagen (1569–1620) Georg Weissel (1590–1635) Robert Roberthin (1600–1648) Justus Gesenius (1601–1673) / David Denicke (1603–1680) Heinrich Albert (1604–1651) Michael Franck (1609–1667) Johann Scheffler (1624–1677) Peter Sohren († 1692)

3 Tx.

Ambrosius Blarer (1492–1564) Johannes Mathesius (1504–1565) Johann Gigas (1514–1581) Petrus Herbert (1530–1571) Philipp Nicolai (1556–1608) Martin Behm (1557–1622) Georg Werner (1589–1643) Tobias Michael (1592–1657) Andreas Kesler (1595–1643) Ernst Christoph Homburg (1605–1681) Johann Franck (1618–1677) Sigmund von Birken (1626–1681) Erasmus Finx (1627–1694)

73

74

163

Das verbreitetste Lied Gerhardts ist das Jüngsten-Tages-Lied Die Zeit ist nunmehr nah, sechs Sterbelieder tauchen erst sehr spät in den ausgewerteten Gesangbüchern auf (Lü-1695, B-1703). Selnecker zugeschrieben wird außerdem oft Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not (Görlitz 1593), wohl von Martin Moller nach Selneckers °Hilf, Herr, mein Gott (Leipzig 1587; vgl. W IV 344./345.). Eine erweiterte Variante zu Selneckers O Herre Gott, in meiner Not ich ruf zu dir ist O Herre Gott, in meiner Not tu ich mich zu dir wenden* (nur L-1673).

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164

2 Tx.

Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Erasmus Alber (1500–1553) Ludwig Helmbold (1532–1598) Martin Moller75 (1547–1606) Christoph Knoll (1563–1650) Paul Röber (1587–1651) Johann Saubert d. Ä. (1592–1646) Martin Opitz (1597–1639) Gregorius Richter (1598–1630) Josua Wegelin (1604–1640) Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) Valentin Thilo d. J. (1607–1662) Andreas Gryphius (1616–1650) Johann Flittner (1618–1678) Jakob Ritter (1627–1669) Ahasverus Fritsch (1629–1701) Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633–1714) Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt (1637–1706) Christoph Titius (1641–1703) Magnus Daniel Omeis (1646–1708)

Die übrigen Autoren sind mit je einem Lied vertreten. Die häufigsten Lieder Bisher hat die Auswertung jeweils ein deutliches Übergewicht der Lieder bzw. der Autoren aus dem 17. Jahrhundert gezeigt. In einer entscheidenden Hinsicht ist es jedoch genau umgekehrt: Die Lieder, die am häufigsten in den Gesangbuchrubriken ‚Vom Tod und Sterben‘, ‚Vom Begräbnis‘ und ‚Vom Jüngsten Tag und Auferstehung‘ vorkommen, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Der ‚Vorsprung‘, den die reformatorischen, kirchlich eingeführten und von orthodoxen Theologen und Landesherren befürworteten Kernlieder besitzen, ist durch die neuen geistlichen Lieder nicht aufzuholen. Hier seien die 35 Lieder aufgeführt, die in den ausgewerteten Rubriken am häufigsten belegt sind. Neben der Zahl der Belege ist dabei auch die häufigste Rubrizierung mit angegeben (in eckigen Klammern eine abweichende Rubrizierung, die nicht gezählt wurde):

75

Mollers Autorschaft an den ihm zugeschriebenen Liedern, etwa Ach Gott, wie manches Herzeleid (vgl. aber S. 405 Anm. 259) oder den Gesängen aus dem von ihm herausgegebenen Manuale de praeparatione ad mortem (vgl. S. 584), gilt in einigen Fällen als ungesichert bzw. umstritten.

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III. Auswertung Liedanfang Nun lasst uns den Leib begraben Wenn mein Stündlein vorhanden ist Mitten wir im Leben sind Gott hat das Evangelium Es ist gewisslich an der Zeit Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott O Welt, ich muss dich lassen Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl Ein Würmlein bin ich, arm und klein Ich hab mein Sach Gott heimgestellt Ihr lieben Christen, freut euch nun Ach wie elend ist unser Zeit Herzlich tut mich verlangen Mit Fried und Freud ich fahr dahin Es wird schier der letzte Tag herkommen Allein nach dir, Herr Jesu Christ Hört auf mit Trauren und Klagen, ob dem Tod Christus der ist mein Leben Freu dich sehr, o meine Seele Sankt Paulus die Korinthier

165

Autor Weisse, Michael Herman, Nicolaus Luther, Martin Alber, Erasmus Ringwaldt, Barth. Eber, Paul

Ort Jungbunzlau

Jahr 1531

Belege 50

Rubrik B

Wittenberg

1562

47

TS

Erfurt Frankfurt/O.

1524 1548 1586

44 43 43

B, [Buß] JA JA

Frankfurt/M.

1563

41

TS

Anon. Ringwaldt, Barth. Frölich, Bartholomäus Leon, Johannes Alber, Erasmus

Nürnberg Frankfurt/O.

1555 1586

37 37

TS, B TS, [P]

Leipzig

1587

37

TS, B, BKi

Nürnberg

1589

37

TS, [El]

Wittenberg

1546

36

JA

Gigas, Johann Nürnberg Knoll, Görlitz Christoph Luther, Martin Wittenberg

1566 1611

36 36

TS, [P] TS, B

1524

34

B, TS, [MarR]

Weisse, Michael Selnecker, Nicolaus

Jungbunzlau

1531

31

JA

Basel

1568

29

TS

Frankfurt/O.

1561

27

B

Jena Freiberg Kulmbach

1609 1620 1551

27 26 24

TS, B TS, B JA

1571

24

TS

1550 1552 1603 1550

23 23 23 22

JA JA TS TS

1599

22

JA, H, E

Herman, Nicolaus Herzlich lieb hab ich dich, Schalling, Nürnberg o Herr Martin Ach Gott, tu dich erbarmen Müntzer, M. R. Nürnberg Herzlich tut mich erfreuen Walter, Johann Wittenberg Auf meinen lieben Gott Lübeck Mag ich dem Tod nicht Blarer, Nürnberg widerstahn Ambrosius Herr Christ, tu mir Nicolai, Frankfurt/M. verleihen Jeremias

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166

Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

Liedanfang

Autor

Herr Gott, mein Jammer hat ein End O Jesu Christ, meins Lebens Licht Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich Wachet auf, ruft uns die Stimme Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen Valet will ich dir geben

Ort

Jahr

Belege

Rubrik

Nürnberg

1563

21

B

Behm, Martin Wittenberg

1610

21

TS, B

Helmbold, Ludwig Nicolai, Philipp

1575

20

1599

20

JA, E

1604

18

TS

1614

18

TS

1642

17 16 16

B TS JA, Ew, Hö

Herberger, Valerius Iam moesta quiesce querela Prudentius Ich stund an einem Morgen* O Ewigkeit, du Donnerwort Rist, Johann

Frankfurt/M.

Leipzig

Lüneburg

Ausnahmslos in jedem der untersuchten Gesangbücher ist Nun lasst uns den Leib begraben enthalten, das Begräbnislied schlechthin. Wenn mein Stündlein vorhanden ist fehlt nur in den drei Büchern, die älter sind als das Lied selbst (Weisse, Babst, Eichorn). Die beiden Lutherlieder sind ebenfalls durchgängig belegt; sie sind nur deshalb etwas weiter hinten plaziert, weil sie gelegentlich abweichend rubriziert werden (v.a. Mit Fried und Freud unter ‚Mariä Reinigung‘). Einige interessante Aspekte ergeben sich auch, wenn die Liste der häufigsten Lieder nach dem Alter sortiert wird: Sechs Lieder sind älter als 1550, je zwei von Luther, Weisse und Alber. Auffällig ist, dass sich unter den zehn ältesten Liedern überproportional viele vom Jüngsten Tag befinden. Diese Beobachtung verweist erneut auf die ganz andere Zusammensetzung der Rubrik vom Jüngsten Tag: Sie enthält weniger Lieder und variiert in ihrem Bestand längst nicht so stark wie die vom Tod und Sterben. – Das häufigste der Lieder aus dem 17. Jahrhundert ist Herzlich tut mich verlangen, dann folgt Freu dich sehr, o meine Seele im Ranking noch vor den Nicolai-Liedern, deren Beliebtheit sich in der Liste freilich nicht spiegelt, weil sie oft in andere Rubriken einsortiert wurden. Das bei weitem jüngste Lied in dieser Liste, Rists O Ewigkeit, du Donnerwort, nimmt zwar den letzten Platz ein, was aber unter den neueren der untersuchten Gesangbücher immer noch eine enorme Verbreitung bedeutet. Fazit Die quantitative Auswertung der Sterbe- und Ewigkeits-Rubriken war in zwei Richtungen signifikant: Besonders verbreitet sind die alten, besonders zahlreich die neueren Lieder. Auf breiter Ebene geprägt ist die kirchliche Landschaft sicher eher von den ersteren; die letzteren spiegeln dafür die Vitalität und die Vielfalt der geistlichen

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III. Auswertung

167

Erneuerung, mit der sich die lutherische Frömmigkeit im 17. Jahrhundert entwickelt hat. Beides wird die Untersuchung im weiteren Verlauf zu berücksichtigen haben. Für den quantitativen Sprung im Zeitraum ab 1625 gibt es unterschiedliche Erklärungsmöglichkeiten. Zum einen verändern sich – wie gezeigt – Funktion und Charakter der Gesangbücher: Neben der liturgischen Verwendung durch Pfarrer, Kantor, Chor und Küster rückt die Privatandacht zunehmend ins Zentrum. Die u.a. von Johann Arndt geforderte verinnerlichte Frömmigkeit bringt nicht nur ein neues Verständnis der Andacht, sondern auch neue Lieder hervor. Kirchenjahresunabhängige, auf die individuelle Lebensdeutung bezogene Themen wie die Sterbebetrachtung kommen hier verstärkt zum Tragen. Innerhalb der Hausandacht – und entsprechend in den dazugehörigen Gesangbüchern – kann das Liedrepertoire rascher geändert und erneuert werden als im Gottesdienst, wo infolge der landesherrlich-orthodoxen Regulierung zunächst noch ein konservativerer Geist herrscht. Bei alledem handelt es sich freilich eher um sukzessive Entwicklungen, die sich nicht an einem signifikanten Einschnitt festmachen lassen. Für die Veränderung der literarischen Produktion besitzt dagegen das Erscheinen von Opitz’ Buch von der Teutschen Poeterey (1624) Signalcharakter. Die Opitzsche Dichtungsreform mit ihren neuen poetologischen Qualitätsmaßstäben wirkt sich unmittelbar auf die geistliche Dichtung und mittelfristig auch auf die Gesangbücher aus. Ein Effekt dieser Veränderung ist die Aufwertung oder vielfach überhaupt erst die Präsenz einer wichtigen literarischen Kategorie innerhalb der Gesangbücher: der Kategorie der Autorschaft. Während sie in vielen älteren Gesangbüchern nicht interessierte und nicht verzeichnet wurde (mit Ausnahme der Lieder Luthers), gewinnt sie mit der Steigerung des literarischen Anspruchs einen hohen Stellenwert. Das hat nicht nur zur Folge, dass die Textdichter (und oft auch die Komponisten) in den neueren Gesangbüchern vermerkt werden, sondern auch, dass größere Mengen von Texten eines Autors – ggf. direkt aus einem seiner gedruckten Werke – auf einmal in ein Gesangbuch übernommen werden können. Für die sprunghafte Vermehrung vor allem der Sterbelieder ab 1625 sind derartige Vorgänge zu einem guten Teil mit verantwortlich. Eine weitere Beobachtung betrifft einen Teil dieser Sterbelieder: Hier fällt auf, dass die Texte von zwei der am häufigsten vertretenen Autoren, Schein und Dach, ursprünglich fast alle für die Trauerfeier bestimmter Verstorbener aus dem persönlichen Bekanntenkreis bestimmt waren und erst dann aufgrund ihrer allgemeinen Aussagekraft auch in Gesangbücher aufgenommen wurden. Dasselbe gilt auch für viele andere der Lieder aus Königsberg, das geradezu als Hochburg der Sterbelieder bezeichnet werden muss. Die Häufung von Gelegenheitswerken zeichnet sich allerdings erst im Lauf des Untersuchungszeitraums ab; auf die wachsende Tendenz zur Personalisierung wird im weiteren Verlauf noch eingegangen (vgl. S. 415; S. 626–635). Auffällig ist schließlich die Koinzidenz des sprunghaften Anwachsens der Entstehung von Sterbe- und Ewigkeitsliedern mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Allerdings steigen die Anteile der Sterbe- und Ewigkeitslieder innerhalb

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Teil A: Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch

der Gesangbücher nicht im selben Maße wie die Liedproduktion; sie liegen liegen gleichbleibend zwischen 9% und 13% der Gesamtliedzahl (mit einzelnen, z. T. sehr markanten Abweichungen nach oben und unten). Das Thema des Todes ist bereits vor dem Krieg ein prominenter Gegenstand der Frömmigkeit, und das bleibt es auch nach dessen Ende. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Krieg sich nicht auf die Sichtweise und das Erleben von Sterben und Tod und auf die entsprechenden Lieder ausgewirkt hat; dass die Kriegserfahrung noch Jahrzehnte nachwirkt, ist zudem mehr als wahrscheinlich. Quantitativ lässt sich dieser Effekt anhand der Gesangbuchrubriken aber nicht nachweisen. Immerhin zeigte sich in einigen Fällen, dass in die Rubrik der Sterbelieder bevorzugt neue Gesänge aufgenommen werden (L-1627b, L-1682), oder dass die landeskirchlich vorgegebene Zahl von Sterbeliedern im Vergleich zu anderen Rubriken in besonderem Maße als ungenügend empfunden wird (Württemberg). Um solche Beobachtungen verallgemeinern zu können, müsste allerdings der Liedbestand jedes berücksichtigten Gesangbuchs insgesamt auf seine Zusammensetzung untersucht werden, was im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. Interessanter erscheint es, die Eigenart und den Wandel der Sterbefrömmigkeit im 17. Jahrhundert anhand des Sitzes im Leben der Lieder (Teil C), vor allem aber anhand der Liedtexte selbst (Teil B) herauszuarbeiten.

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Teil B: Die Sprach- und Vorstellungswelt des Sterbe- und Ewigkeitsliedes Die in Teil A gesammelten Liedtexte sollen nun genauer untersucht werden. Anhand von acht Themen wird in einer Zusammenschau ihre ‚Sprach- und Vorstellungswelt‘ rekonstruiert. Drei Fragehinsichten sind dabei entscheidend: Zum einen wird nach den Vorstellungen von Tod und Sterben, Auferstehung und ewigem Leben gefragt, also nach den gedanklichen Konzeptionen, Theologumena, Normen, Überzeugungen, Bildern, Erwartungen und Gefühlen, die in den Liedern einen Ausdruck finden. Diese Vorstellungen sind oft an bestimmte Bibeltexte und sonstige fest stehende Formulierungen gebunden. Daher soll zum anderen die geprägte Sprache der Sterbe- und Ewigkeitslieder untersucht werden, sofern sie nämlich diese Vorstellungen betrifft – und sofern sie die performative Zweckbestimmung der Lieder widerspiegelt, etwa durch eine bestimmte textinterne Sprechsituation. Zum dritten sollen beide Seiten der Sprach- und Vorstellungswelt auch unter einem diachronen Aspekt betrachtet werden. Die Abfolge der Themen – von ‚Vergänglichkeit‘ (I.) bis ‚Leib und Seele‘ (VIII.) – folgt dem abstrahierten Ablauf eines Sterbens, der sich zeitlich am Bezugspunkt der Todesstunde orientiert. Nähere Erläuterungen zur Vorgehensweise von Teil B enthält die Einleitung in Abschnitt 2.

I. Vergänglichkeit Vergänglichkeit und Sterblichkeit gehören zur menschlichen Grundverfassung: Sie bilden eine anthropologische Konstante, die in vielen der untersuchten Lieder bedacht und im Licht des christlichen Gottesglaubens gedeutet wird. Die Betrachtung der Vergänglichkeit alles Irdischen, der barocke Gedanke der Vanitas oder Eitelkeit, ist – trotz fließender Übergänge – vom Memento mori im engeren Sinne zu unterscheiden: Während sich das Memento mori explizit an den Einzelnen richtet und ihn zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ende auffordert, sind die Aussagen der Vergänglichkeitsbetrachtung allgemeiner gefasst. Zwei Gegenstände sind es vor allem, deren Nichtigkeit und Vergänglichkeit hier betrachtet wird: zum einen der Mensch und das menschliche Leben (1.), zum anderen die Welt als Komplex seiner menschlichen wie nichtmenschlichen Umgebung (2.). Sie wird als Inbegriff des Falschen und Verlogenen charakterisiert; daher vollziehen viele Lieder eine rhetorisch konventionalisierte Abkehr von ihr (contemptus mundi): ‚Ade, Welt!‘ Beide Bereiche, Leben und Welt, können expliziert und konkretisiert werden in einer stereotypen Reihe von Gütern, anhand deren die Eitelkeit alles Irdischen

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

exemplarisch verdeutlicht wird (3.). Im Anschluss an diese drei Themenbereiche zeigt ein letzter Abschnitt dieses Teilkapitels theologische Konzepte, die die Tatsache der Vergänglichkeit begründen sollen (4.). In einigen der untersuchten Gesangbücher wird der umrissene Themenbereich durch eine eigene Rubrik vertreten, meist: ‚Von der Eitelkeit‘.1 Dieser Abschnitt steht teils bei den Sterbe- und Ewigkeitsrubriken (N-1677/90, S-1704), teils separat, etwa unter ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ (L-1673).

1. Die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens „Ach wie flüchtig, | Ach wie nichtig | Ist der Menschen Leben!“ Im Ton der Klage und im Affekt der Trauer umkreist Michael Francks berühmtes und schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verbreitetes Lied das Thema der Flüchtigkeit des Lebens.2 Die Emphase des „Ach“ wird durch die Verdopplung und den Reim „flüchtig“ – „nichtig“ ebenso unterstrichen wie durch den exklamativen Charakter des in jeder Strophe neu variierten Satzes. Der Grundtenor von Klage und Trauer kennzeichnet auch viele andere, weniger bekannte und literarisch weniger ausgereifte Lieder zum Grundthema der Eitelkeit; aber auch das heute wohl berühmteste Vanitas-Gedicht des 17. Jahrhunderts – Gryphius’ Die Herrlichkeit der Erden3 mit dem Motto „Vanitas! Vanitatum Vanitas!“ (vgl. Koh 1,2) – ist unter den gefundenen Texten. Belegt ist es freilich erst im Lüneburgischen Gesangbuch (Lü-1695/1702), interessanterweise mit zwei unterschiedlichen Melodieangaben, Nun ruhen alle Wälder und O Welt, ich muss dich lassen. Meist aus der zweiten Jahrhunderthälfte stammen diejenigen Lieder, in denen die ‚Eitelkeit‘ als prominentes Thema gesetzt wird, von O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* (ab Lü-1661) bis hin zum anonymen Es sind doch nur Eitelkeiten* (nur Lü-1695/1702), wo das Wort ‚eitel‘ in 32 Versen sinnigerweise bis zum Überdruss – nämlich 22 Mal – wiederholt wird.4 Eine häufige Antwort auf die Frage nach dem Wesen des menschlichen Lebens ist die Eitelkeit (vgl. S. 173).5

1

2

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Vgl. S. 157. Das Äquivalent dazu im Hannoverischen und im Cellischen Gesangbuch ist der Titel „Vom menschlichen Elend“. Vgl. EG 528; FT IV 254. Die ältesten gefundenen Belege sind Lü-1661, T-1665, B-1666 und F-1666. Die Zuordnung zu den Sterbe- und Ewigkeitsrubriken schwankt: Neben der allgemeinen Rubrizierung unter ‚Vom Tod und Sterben‘ o. ä. findet sich das Lied auch in der unterschiedlich verorteten Rubrik ‚Von der Eitelkeit‘ (L-1673, N-1677/90, S-1704). T-1669 und S-1688 steht das Lied unrubriziert im Anhang, H-1683 und Lü-1702 unter dem allgemeinen Titel ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘. Die Beliebtheit des Franckschen Liedes zeigt sich auch darin, dass es von anderen Autoren gerne aufgegriffen und auch parodiert wird, vgl. Titius, Was ist unser Leben (Str. 2,1–3): „Ach wie ist so flüchtig, | Ach wie ist so nichtig | Unser Lebens=Zeit!“ Parodie: Arnschwanger, °O wie fröhlich, o wie selig ist das Himmel-Leben. Frankfurt/M. 1650; vgl. EG 527. Anon., Es sind doch nur Eitelkeiten* (Str. 1): „ES sind doch nur eitelkeiten / | Die das eitele begleiten / | Eitel ist des menschen leben / | Eitel / die sich dem ergeben.“ Vgl. z. B. Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Frankfurt/M. 1666); Titius, Was ist unser Leben (Nürnberg 1663). Ein etwas älteres Beispiel für dieses Schema findet sich bei Josua Stegmann: °Was ist doch unser Lebenszeit als lauter Müh und Eitelkeit (Rinteln 1627, vgl. FT II 469.).

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I. Vergänglichkeit

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a) Kürze des Lebens und Allgemeinheit des Todesschicksals Die Rede von der ‚Flüchtigkeit‘ des menschlichen Lebens bezieht sich zuallererst auf die Begrenztheit seiner Dauer. Mehrere Lieder von Königsberger Dichtern setzen denn auch die Tatsache der ‚Vita brevis‘ an die Spitze ihrer Betrachtungen.6 In dieselbe Reihe gehört Paul Röbers etwas älteres Ach wie ein kleinen Augenblick währt doch des Menschen Leben (Altenburg 1627), das freilich durch eine theologisch wie literarisch besonders originelle Gestaltung besticht (vgl. S. 194). Zugemessen ist dem Menschen seine kurze Zeit von Gott selbst.7 Das Verrinnen dieser Zeit beklagt Michael Franck: 2. Ach wie nichtig, Ach wie flüchtig Sind der Menschen Tage! Wie ein Strohm beginnt zu rinnen Und mit lauffen nicht helt innen, So fährt unsre Zeit von hinnen!8

Den „Strohm“ hat Franck aus dem 5. Vers von Ps 90 entlehnt, einem der klassischen biblischen Bezugstexte der Sterbe- und Ewigkeitslieder, in dem das ‚Dahinfahren‘ und ‚Davonfliegen‘ des Lebens Thema ist (Ps 90,10). Auf Ps 90,9 spielt Jakob Ritter an, wenn er die kurze Lebenszeit als „Geschwätz“ bezeichnet.9 Paul Röber kombiniert den Strom aus Ps 90,5 und die Nachtwache aus Ps 90,4 mit Ps 39,6, einem weiteren Locus classicus für die Kürze des Lebens: 1. […] Einr Hand breit vnsre Tage sind, Ja wie gar nichts zu achten, Verfliessen wie ein strom geschwind Vnd wie des Nachts die wachten.10

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Vgl. Weissel, Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr (Königsberg 1634); Roberthin, Des Lebens kurze Zeit ist voller Herzeleid (Danzig 1638); Dach, Die große Nichtigkeit der kurzen Lebenszeit (Königsberg 1640); Ostau, Ach Gott, wie kurz ist unser Zeit (Coburg 1655). Vgl. anon., Herr, es ist mir nicht verborgen* (Str. 5): „Lehre mich daß du dem Leben / | schon von aller Ewigkeit / | weißlich habest zu gegeben / | sein bestim[m]tes Ziel und Zeit / | dem kein Menschen=Kind vermag | zuzusetzen einen Tag“ (nach Ps 90,12; vgl. Mt 6,27: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte?“). M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 2). Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Str. 3,1–3): „Die Zeit ist kurtz, sie ist ein Schaum: | Wir bringen zu diß Leben | Als ein Geschwätz und einen Traum.“ Auf die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes bezieht sich auch Johann Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 3,1–4): „Wie Rauch und Dampf verschwindet | In einem Augenblikk’ / | Auch man kein Wöhrtlein findet / | Das wieder komt zurükk’“. Vgl. ähnlich Rist, °Wie bin ich doch so gar betrübet (Str. 2,7f): „Ein Rauch / den man kaum findet / | Ein Wort / das schnell verschwindet.“ Vgl. Röber, Ach wie ein kleinen Augenblick (Str. 1,5–8). Bei Paul Gerhardt lautet die entsprechende Stelle (°Mein Gott, ich habe mir, Str. 4): „Die Tage meiner Zeit | Sind einer Hande breit / | Und wenn man diß mein bleiben | Sol recht und wol beschreiben / | So ists ein Nichts: und bleibet / | Ein Stäublein das zerstäubet.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Ps 39 und insbesondere Ps 9011 gehören aufgrund ihrer Thematik zum bevorzugten Textreservoir der Sterbe- und Ewigkeitslieder. An Liedfassungen zu beiden Psalmen fehlt es schon deshalb nicht, weil Psalmlieder als biblische Gesänge seit dem Beginn der Reformationszeit zum festen Bestand der Gesangbücher zählten und der gesamte Psalter immer wieder Gegenstand von Liedbearbeitungen war, vom Genfer Psalter und dem Lobwasser-Psalter über den lutherischen Liedpsalter von Cornelius Becker (1602) bis zu den Liedpsaltern der Barockdichter wie Martin Opitz und vielen anderen. In vielen Gesangbüchern stehen die Psalmlieder in einer eigenen Rubrik; einige Fassungen von Ps 90 tauchen aber auch unter den hier untersuchten Rubriken auf.12 Für Paul Gerhardts Liedfassungen von Ps 39 und Ps 90 fanden sich in den ausgewerteten Gesangbuchrubriken keine Belege; sie sind aber in den Geistlichen Andachten (Berlin 1667) direkt hintereinander unter dem Kolumnentitel „Vom Tod und Sterben“ abgedruckt.13 Aussagen über die Allgemeinheit des Todesschicksals stehen in vielen Liedern an erster Stelle: Alle Menschen müssen sterben.14 Zu diesem Themenkreis gehört auch das Totentanz-Motiv (vgl. S. 248), das die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod hervorhebt. Die Rede davon, dass ‚alles Fleisch‘, also alles Geschaffene der Sterblichkeit unterworfen sei, stammt aus dem Hebräischen (rf'B'h;-lK', vgl. Jes 40,6): „Alles Fleisch vergehet“; „alles Fleisch verdirbet“; „Alles Fleisch ist gleich wie Heu“.15 Bei Schein ist gelegentlich davon die Rede, der Tod ‚klebe‘ an allen Menschen.16 Für die Unentrinnbarkeit des allgemeinen Todesschicksals steht die sprichwörtliche Erkenntnis, dass „Fürn tod kein kraut gewachsen ist“17, die sich, beginnend mit Johannes Leon, in vielen Texten findet; das ‚Kraut‘ steht für all diejenigen Dinge, die gegen den Tod 11

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Weitere wichtige Themen von Ps 90, auf die die Liedautoren Bezug nehmen, werden im Folgenden noch behandelt: die Ewigkeit Gottes im Gegensatz zur Sterblichkeit des Menschen (Ps 90,2); die Sünde als Ursache der Sterblichkeit (Ps 90,7.9); die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit durch die ‚Lehre‘ und das ‚Bedenken‘ (Ps 90,12). Gefundene Liedfassungen von Ps 90: Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit (Nürnberg 1566); Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Frankfurt/O. 1586); Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Königsberg 1641). Vgl. Gerhardt, Geistliche Andachten, 158–161. Das Lied °Mein Gott, ich habe mir (nach Ps 39; erstmals Berlin 1647) ist in einigen der untersuchten Gesangbüchern unter anderen Rubriken vertreten: so in T-1669 unter den Psalmliedern; in Lü-1660/61 unter den Liedern vom menschlichen Elend; in B-1666, F-1666, N-1677, H-1683 und Lü-1702 unter ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘. Gerhardts Liedfassung von Ps 90 (Herr Gott, du bist ja für und für, Berlin 1667) taucht im Anhang von B-1703 ohne Rubrizierung auf. Johannes Rosenmüller (in den meisten Gesangbüchern Johann Georg Albinus zugeschrieben, vgl. FT IV 311.; Leipzig 1652); vgl. anon., Wir müssen alle sterben, o Mensch, das recht bedenk* (Nürnberg 1599); Roberthin, Dass alle Menschen sterben müssen (Königsberg 1640); Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Königsberg 1642); anon., Wir müssen alle sterben, der Tod ist uns gewiss* (Stuttgart 1691). Schein, Klagen, Trauren, Weinen (Str. 1,5); Gesenius/Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Str. 1,2); Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Str. 1,2). Vgl. Schein, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, wenn ich gleich itzt (Str. 1,3): „d[er] tod vns alln anklebt“; Eva durch ihr begangne Schuld (Str. 7,5): „Den[n] solcher an vns allen klebt“. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 5,3). Zitiert wird der Vers auch in der Leichenpredigt für eine Apothekersfrau aus Giengen (LP Sabina Bachmeierin 1674, 33): „iedannoch war in ihrer gantzen Apotheck kein Kräutlein / keine Artzney / weder zubereitete noch einfache zu finden / welche diese unheylsame Kranckheit heylen konte. Contra vim mortis non crescit gramen in hortis [folgt Zitat des Liedes von Leon, Str. 5,3–5]“.

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nicht helfen, darunter auch „der Weisen Stein“18 und der Reichtum als irdisches Gut schlechthin.19 Schein wendet die nüchterne Feststellung des fehlenden Heilmittels gegen den Tod in einem seiner Begräbnislieder in eine flehende, an Gott gerichtete Frage, die ohne Antwort bleibt: 1. Ist denn fürn bittern Todt kein einig Kräutelein? O lieber HErre GOtt / Laß dirs geklaget seyn / Ist denn auff Erd kein Artzeney / Die für den Todt recht kräfftig sey?20

b) Was ist doch des Menschen Leben? Eine der häufigsten Formeln, mit denen die Nichtigkeit des menschlichen Lebens ausgedrückt wird, ist die rhetorische Frage nach seinem Wesen und seiner Beschaffenheit (vgl. Jak 4,14): „ACh! Was ist unser Leben?“ „WAs ist doch unser lebenszeit?“ „O Was ist doch das menschlich leben?“ „MEnsch / sag an / was ist dein leben?“21 Manche Autoren wie Weissel, Runge oder Michael Walther stellen auch die Frage nach der Welt oder nach dem Menschen: „Denn was ist doch die schnöde Welt“, „SAg / was hilfft alle welt“, „WAs ist der Mensch auf dieser Welt“ oder auch „Was ist die Welt? Was ist ihr Ruhm? | Was ist der Mensch darinnen?“22 Die Antwort auf all diese rhetorischen Fragen steht längst fest und ist jedem Rezipienten bekannt, der auch nur annähernd mit den rhetorischen Gepflogenheiten seiner Zeit vertraut ist. Es ist trotz vieler Varianten letztlich stets dieselbe: ein Nichts, ein Traum, eitel Eitelkeit. Diese Antwort muss gar nicht explizit gegeben werden – manche Lieder wie das anonyme O was ist doch das menschlich Leben* reihen Strophe um Strophe rhetorische Fragen aneinander und kommen dabei ganz ohne die auf der Hand liegende Antwort aus. Andere geben sie in allgemeiner Form, indem sie das Leben charakterisieren als „Ein nichtig nichts, das nicht gefält“, „Ein eyteles beginnen“, als „eine phantasie der zeit“ usw.,23 wieder andere, indem sie die 18

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Von dem Werder, °Es ist gesetzt, es ist gesagt (Str. 4,4–6): „Die Kräuter seynd ohne alle Krafft und Safft, | Auch hilfft selbst nicht der Weisen Stein; | Der Spruch steht da: Es muß gestorben seyn.“ Vgl. auch anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 11,1–4): „Da hilfft kein weinen / | kein Medicinen / | kein Kraut / kein Steine / | fürn bittern Todt“. Vgl. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 5); Homburg, °Ach höret auf zu weinen (Str. 5,5–8): „Es wird kein Kraut gefunden, | So heilet in der Welt | Die tieffen Todes=Wunden, | Es hilft kein Gold noch Geld.“ Schein, Ist denn fürn bittern Tod (Str. 1). Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 1,1); Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Str. 1,1); anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 1,1); anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 1,1). Die Liste ließe sich beliebig erweitern, etwa um Beispiele von Josua Stegmann, Johann Rist, Andreas Gryphius, Joachim Pauli, Gottfried Wilhelm Sacer, Johann Michael Dilherr, Johann Rosenthal, Christoph Titius und vielen anderen. Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 2,1); anon., Sag was hilft alle Welt* (Str. 1,1); Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Str. 1,1); Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Str. 2,1f). Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 2,1); Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Str. 2,4); Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 2,6).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Eitelkeit durch bestimmte Bilder („Ein Schatten, Schaum und Wiesenblum“24 usw.) oder durch eine ihrerseits schon topische längere Aneinanderreihung solcher Bilder illustrieren (vgl. u.). Eine weitere Gruppe versucht, die äußere und innere Befindlichkeit des Menschen in der Welt etwas konkreter anzugeben und das ‚Nichts‘ der Eitelkeit im Sinne eines ‚Nichts als‘ zu qualifizieren; das Leben gilt als „Nichts dann nur Angst und Noht“, „Nichts als lauter Eitelkeit / | Sorge / Kummer / Hertzele[i]d“, „Nichts als Gefahr | Und immerdahr | In tausend Sorgen schweben“ usw.25 Im Anschluss an Ps 90,10 lautet die Antwort manchmal auch: „Wenn es gut gewesen ist, | Ist es Müh zu jeder Frist“26. Als ‚Unruhe‘ wird die Lebensbefindlichkeit des Menschen nach Ps 39,7 und Hi 14,1 charakterisiert.27 Immer wieder begegnet auch die scharfe Paradoxie, wonach das irdische Leben mit dem Tod identifiziert wird: „ACh! Was ist unser Leben? […] Ein angeseelter Tod.“28 Auch wenn es für kurze Zeit ‚angeseelt‘, mit einem Lebenshauch versehen ist, bleibt das menschliche Leben in seinem Wesen doch nichtig, vergänglich, dem Tod zugehörig. c) Bilder der Vergänglichkeit Die meisten der vielfältigen und doch immer wiederkehrenden Bilder für die Hinfälligkeit des Menschen29 stammen aus der Bibel, vielfach aus den weisheitlichen Teilen des AT. Einige der bildhaften Vergänglichkeitsaussagen beziehen sich im poetischen oder prophetischen Kontext des AT zunächst nur auf die Feinde oder

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Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Str. 2,3). Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 1,2); anon., Nun gottlob, es ist vollbracht* (Str. 2,5f); anon., O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* (Str. 1,3–5). Rosenthal, Ach was ist doch unser Lebn (Str. 1,3f); vgl. ähnlich Pauli, So hab ich nun vollendet (Str. 3,1–4). Vgl. Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 3): „Gleich wie zum Flug erkohren | Der wilden Vögel Schaar, | So ist der Mensch gebohren | Zur Arbeit gantz und gar.“ Herman, Der Mensch wird von einm Weib geborn (Str. 3,1f): „Sein leben ist nichts denn vnrhu, | welchs er mit angst vnd not brengt zu“; vgl. Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 2,1f): „Weistu denn, wohin du rennest, | Warumb du dir Vnruh machst?“ Der „Vnruh“ wird in diesem Lied aktiv die Aufforderung zum ‚Stillestehen‘ (Str. 1,1) und zu „des Gemüttes Ruh“ entgegengesetzt (Str. 10,1–4): „Achte dich nicht so geringe, | Du bist viel zu gutt dazu, | Daß dir solten solche [irdischen, vergänglichen] dinge | Nehmen des Gemüttes Ruh.“ Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 1,1.4); vgl. Dilherr, Ach wie lang muss ich mich schlagen (Str. 3,7; ohne Frage): „Mir ein tod ist dieses leben“. Eine zeitgenössische Zusammenstellung mit biblischen Belegen findet sich z. B. in der umfangreichen Sammlung von Leichenpredigttexten bei Bidembach, Manuale, 510–514 (vgl. S. 565–568): „1. Homo nihil. [Ps 39,6; 144,4; Jes 40,15–17] 2. Comparatur autem vita hominis: & ipse etiam homo Vmbrae. [Hi 8,9; 14,2; Ps 102,12; 109,23; 144,4; Koh 6,12; 1Chr 29,15] 3. Vento. [Hi 7,7; Ps 78,39] 4. Cadaueri putrescenti. 5. Vesti consumptae à tineis. [Hi 13,28] 6. Nauiculae textoris. [Hi 7,6] 7. Cursori. 8. Nauibus transeuntibus. 9. Aquilae volanti. [Hi 9,25f] 10. Torrenti decurrenti. 11. Somnio. 12. Gramini arescenti. 13. Fabulae, siue Colloquio. [Ps 90,5f.9] 14. Fumo. [Ps 102,4] 15. Vapori. [Jak 4,14] 16. Gramini. 17. Floribus. 18. Foeno. [Ps 103,15f; 102,12; Jes 40,6–8] 19. Pulueri. 20. Cineri [Ps 103,14; Gen 18,27; Sir 10 (Stellenangabe falsch, Text –„Was erhebt sich die arme Erde vnnd Asche?“ – nicht zuzuordnen)] 21. Filo textentis rupto. 22. Tuguriolo destructo. [Jes 38,12] 23. Nubeculae. 24. Nebulae. [Weish 2,4]“

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Gottlosen, nicht auf die conditio humana schlechthin; in den Liedern werden sie aber in diesem Sinne aufgegriffen.30 Der Mensch ist ein „erdenkloß“31, aus Erde geschaffen, und muss wieder zu Erde werden (Gen 3,19); er ist Staub und muss wieder zum Staub zurückkehren (vgl. a. Hi 10,9; Ps 103,14; 104,29; Koh 3,20; Sir 17,31). Damit rückt er in die Nähe von Dreck, Kot und Mist. Selnecker zählt auf: 2. Ein schatten sind wir, staub vnd kot, Mist, Leim vnd Schleim, Läth, Sand, Vnflat.32

Noch drastischer und konkreter erinnert Bartholomäus Ringwaldt an die erdgebundene Verfasstheit des Menschen, indem er die einzelnen Körperteile mit „koth“ in Verbindung bringt.33 Für Johann Heermann drückt sich die unentrinnbare Erdverhaftung des Menschen in vierfacher Weise aus: Er besteht aus Erde, geht auf der Erde umher, ernährt sich von den Erträgen der Erde und wird nach seinem Tod wieder zu Erde (vgl. S. 502).34 Dass die Tage des Menschen und der Mensch selbst dahinfahren wie ein Schatten, ist ebenfalls ein verbreiteter Topos im AT (vgl. 1Chr 29,15; Hi 14,2; Ps 39,7; 102,12; 109,23; 144,3f; Koh 6,12; Weish 2,5). Der Vergleichspunkt zwischen dem Leben des Menschen und dem Schatten ist die Unbeständigkeit – zum einen im Sinne fehlender gegenständlicher Fassbarkeit, zum anderen im Sinne fehlender zeitlicher Dauer (Ps 102,12: die Tage fahren dahin „wie ein Schatten“). Dieser Vergleichspunkt ist auch für viele der untersuchten Lieder maßgebend: Bei Schein gleicht das Leben „Eim Schatten / der bald weicht“35; der kurze Zusatz genügt, um die Analogie anzudeuten. Breiter und differenzierter führt Rist in zwei unterschiedlichen Beispielen das Bild aus: „11. Der David nennt dich [Mensch] einen Schatten / Dem ja der Leib nicht wil gestatten / Daß er sich jhm vergleichen sol / Dieweil der Schatt’ ist unbeständig / 30

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Vgl. z. B. das Bild der ‚Spreu, die der Wind zerstreut‘ in Hi 21,18; Ps 1,4; Jes 17,13 usw. mit Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 1,6); oder das Bild vom Rauch (vgl. S. 177), den der Wind verweht (Weish 5,15). Vgl. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 4,1): „Was ist der mensch? ein erdenkloß“; anon., Hört auf mit Trauren und Klagen (Str. 7,1); Behm, Ich armer Erdenkloß (Str. 1,1); Heermann, °Was willt du armer Erdenkloß. Selnecker, Was tun wir doch, wir arme Leut (Str. 2,1f); „Läth“ = Lett = Lehmerde. Ringwaldt, °Mein lieber Christ, steh doch was still (Str. 7–8): „Behüte Gott, wie gehstu rein! | koth solt wol nicht dein Vater sein, | Aus welchem du doch bist geborn | vnd hast jhn teglich hindern Ohrn! || Ja in den Ohren, in der Nas, | im Magen, Mundt vnd in der Blas, | Darzu an andern orten mehr, | noch prangstu, armer stümpffer, sehr!“ Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 7,3–6): „Du bist Erd, | Trittst Erd vnd wirst von Erd genehrt; | Zur Erden wirst du nach dem Todt | Auch werden, gleich wie Mott vnd Koth.“ In der anonymen Bearbeitung O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* (z. B. Lü-1661) findet sich der Vierschritt in Str. 9,1f. Schein, Ich heul und wein in meiner großen Not (Str. 7,6).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Der Nacht Gesell’ / auch schwartz un[d] wendig. Und wie der Mond bald klein / bald voll; So ist O Mensch in dieser Zeit Auch all dein’ Ehr und Herrligkeit.“36 „2. Unser Leben gleicht dem Schatten / der uns zwar zu folgen pflegt / wann man aus den grünen Matten sich bey heisser Sonne regt / ist doch häßlich anzusehen / kan auch nimmer fäst bestehen / wird gar plötzlich abgelegt.“37

Im ersten Beispiel klingt der menschliche Widerstand gegen den entehrenden Vergleich an; denn ergänzend zur fehlenden Dauer tritt bei Rist die Dimension der Dunkelheit, die den Menschen auch moralisch ins Zwielicht rückt: „schwartz“ ist der Schatten und „der Nacht Gesell’“. Der Sphäre der Nacht wiederum ist auch der unbeständige Mond zugehörig, der dem Schatten hier als Vergleichsbild zur Seite tritt. Das zweite Beispiel fügt als weiteren Vergleichspunkt die Hässlichkeit des Schattens hinzu und expliziert seine zeitliche Unbeständigkeit auch als Uneigenständigkeit, als mindere ontologische Qualität, ist der Schatten doch stets an einen Gegenstand gebunden, der auch dann fortbesteht, wenn er den Schatten „abgelegt“ hat. Verbreitet sind Bilder aus dem Pflanzenreich, Gras, Blumen und Blüten, an denen das rasche Dahinwelken des zerbrechlichen Geschöpfs sinnfällig wird: Nur einen Tag, vom Morgen bis zum Abend, währt nach Ps 90,5f die kurze Lebensdauer des Grases.38 Weitere Belegstellen sind Hi 14,239 (Blume, #yci) sowie Ps 103,15 und Jes 40,6(–8), wo beide, das Gras (rycix') und die Blume des Feldes (hd,F'h; #yci), Äquivalente innerhalb des hebräischen Parallelismus membrorum bilden. Für die Blumen des Feldes aus den alttestamentlichen Texten können im Liedtext auch die Lilien der Bergpredigt (Mt 6,28) eintreten;40 diese werden in Mt 6,30 ihrerseits als „Gras“ bezeichnet, „das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird“. Statt des verdorrenden Grases ist manchmal auch gleich vom Heu die Rede: „Alles Fleisch ist gleich wie Heu“41 (vgl. Jes 40,6). Nicht biblischen Ursprungs, in den Liedern als Exempel der Vergänglichkeit aber gleichwohl sehr beliebt sind Rosen.42 In Scheins Begräbnisliedern steht das

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Rist, °O Sicherheit, du Pest der Seelen (Str. 11). Rist, Ach was ist doch unser Leben* (Str. 2). Vgl. Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 8); Gerhardt, Herr Gott, du bist ja für und für (Str. 4). Nach dieser Stelle ist das Lied von Herman, Der Mensch wird von einm Weib geborn gedichtet (vgl. Str. 2). Rist, °O Sicherheit, du Pest der Seelen (Str. 9,1–6): „Was ist wol schöner anzusehen | Als Lilien die im Felde stehen | Viel prächtiger als Salomon? | Wie plötzlich aber kan ein Regen | Und rauher Wind sie niederlegen | Ihr’ Herrligkeit fährt bald davon“. Rosenmüller, Alle Menschen müssen sterben (Str. 1,2); vgl. Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 1,5). Vgl. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 6,3); Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 8); Rist, °O Sicherheit, du Pest der Seelen (Str. 9,7f); anon., Hie lieg ich in der Erden Schoß (Str. 3,1).

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„Röselein“ immer für ein verstorbenes Kind,43 wie die welkende Blüte überhaupt oft auf einen Tod in jugendlichem Alter verweist. Während es nach Jes 40,7 der „Odem JHWHs“ (hw'hy> x:Wr) ist, der Gras und Blume welken lässt, nennt Ps 103,16 nur den „Wind“ (x:Wr), der sie fast unmerklich zum Verschwinden bringt.44 Auch die meisten Lieder machen das Wirken Gottes an dieser Stelle nicht explizit; wenn der Wind – gerne in barock-poetischer Verstärkung zum ‚Sturm‘ o. ä. – ausdrücklich gedeutet wird, so wird er eher allgemein mit dem Tod identifiziert: „des todes sturm“45 ist es bei Gryphius, und Schottelius deutet „deß windes kälte“, der die „zarte blum | Auff grün=gesätem felde“ zu Fall bringt, als „tod und unglückswetter“46. Das Lied Mit Lust ein Röselein führt den „Todt“ dagegen als „die heisse Sonn“ ein, die die Pflanze rasch welken lässt.47 Außerhalb des biblischen Vorstellungskreises liegt das Bild vom Sensenmann oder ‚Schnitter Tod‘, wie es im populären Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg geprägt wurde.48 Bilder für die Flüchtigkeit des Lebens sind häufig auch materiell flüchtige Substanzen: Luft, Windhauch, Rauch, Dampf, Nebel. Der letzte lädt immer wieder zu Wortspielen mit dem Anagramm bzw. Palindrom ‚Leben‘ – ‚Nebel‘ ein.49 Im hebräischen Original zur „Vanitas vanitatum“ (Koh 1,2) steht der Ausdruck lb,h, (~ylib'h] lbeh)] , Windhauch; der Prediger kombiniert ihn immer wieder mit der Erkenntnis, dass alles Tun unter der Sonne ein „Haschen nach Wind“ sei, wobei hier für ‚Wind‘ x:Wr eintritt (x:Wr tW[r>W lb,h,, vgl. Koh 1,14.17; 2,11.17.26; 4,4.6.16). Die Verwandtschaft der flüchtigen x:Wr mit dem menschlichen Lebensatem (Gen 2,7: ~yYIx; tm;v.n;I vgl. Gen 7,22: ~yYIx; x:Wr-tm;v.n)I ist unübersehbar.50 So kann Gottfried Wilhelm Sacer mit dem Ausatmen die Vorstellung vom allmählichen Verfliegen des menschlichen Lebens verbinden: „So oft du athmest, muß ein Theil | Des Lebens von dir wehen“51. Zugleich ist der Wind eine Kraft, die – obwohl nur schwach – ausreicht, flüchtige Phänomene wie Rauch und Dampf einfach davonzuwehen: „Das Lebn verschwind | wie rauch im Wind“52 (vgl. Ps 102,4; Weish 5,15; Jak 4,14 usw.). 43 44

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Durchgängig verwendet er das Bild etwa in dem Lied Mit Lust ein Röselein im Sommer man ansiehet. Paul Gerhardt greift den in Ps 103,15 genannten Aspekt des Verschwindens der Pflanze von ihrer „Stätte“ auf: „Wir sind ein Kraut / das bald verdort / | Ein Graß / daß itzt auffgehet / | Wird aber schnel von seinem Ort | Entführet und verwehet“ (Gerhardt, Herr Gott, du bist ja für und für, Str. 4,1–4). Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 9,6). Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Str. 2). Vgl. Schein, Mit Lust ein Röselein (Str. 2; 4, besonders 4,3f). Vgl. Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Str. 1,3): „Schnitter“; anon., Was ist doch der Menschen Leben* (Str. 2,3): „Meder“ [= Mähder]; anon., Hie lieg ich in der Erden Schoß (Str. 3,3): „mit der Sense kam der Tod“. M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 1,4–6): „Wie ein NEBEL bald entstehet | Und auch wieder bald vergehet, | So ist unser LEBEN, sehet!“ Flittner, Ach was soll ich Sünder machen (Str. 4,1f): „Ich weiß wol, daß unser Leben | Nichts alß nur ein Nebel ist“. An anderen Stellen (Gen 1,2 usw.) ist die x:Wr dagegen identisch mit dem Geist Gottes. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 5,1f). Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 1,5f); vgl. anon., Sag, was hilft alle Welt* (Str. 1); Rist, °O Sicherheit, du Pest der Seelen (Str. 13): „O Mensch / wie darffstu dich erheben / | Ist doch nur Rauch dein kurtzes Leben / | Ein Rauch / der so vergänglich ist? | Zwar / wenn ich offt den Dampff ansehe | So steigt er zierlich in die Höhe / | Verschwindet doch in schneller frist / | Er kan nicht vor dem Winde stehn; | So muß dein Leben auch vergehn.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Die genannten Bilder verbinden sich mit vielen weiteren in zahlreichen Liedtexten zu langen Reihen und Aufzählungen: Das ‚Gras‘ wird gereimt mit dem brüchigen ‚Glas‘ oder der rasch zerplatzenden ‚Wasserblas‘, die andernorts zum ‚Schaum‘ wird und sich wieder auf den ‚Traum‘ reimt (vgl. ‚Schlaf ‘, Ps 90,5). Der Flug des Vogels hinterlässt wie der Mensch keine bleibende Spur,53 ebenso der Pfeil, der schnell dahinschießt54 und in anderem Zusammenhang auch die Waffe des Todes sein kann (vgl. S. 252). Der (Lebens-)Faden reißt ebenso wie das Spinnennetz oder das alte Kleid; Schnee, Eis und Tau vergehen in der Sonne; Morgenröte, Blitz und Regenbogen sind kurzlebige Himmelserscheinungen, Saitenschall und Echo55 rasch verklungen. Die Kumulation dieser Bilder verweist auf die Omnipräsenz der Vergänglichkeit, die letztlich an jeder beliebigen Anschauung erwiesen werden kann. So leitet Heinrich Albert eine Reihe von Bildern ein: 4. […] Sein [des Todes] Bildnüß stelt Gott stündlich dir An allen Creaturen für Wo du dich hin magst wenden.56

Einzeln sind viele der Motive auch in älteren Liedern zu finden; ihre opulent-kumulative Aneinanderreihung ist typisch erst für das 17. Jahrhundert. Ein frühes Beispiel von Bartholomäus Ringwaldt (1587) bringt die Reihe noch in zwei Versen unter: „O Wasserblas, Venedisch glas, | staub, schatten, asch vnd grünes gras!“57 Bei späteren Autoren ist die Kette der Bilder zum einen oft um einige Glieder länger: 7. Dein Leben ist ein Rauch, ein Schaum, Ein Wachs, ein Schnee, ein Schatten, Ein Thau, ein Laub, ein lehrer Traum, EIn Graß auf dürren Matten.58

Zum anderen sind die Bilder oft durch erläuternde Kommentare ausführlicher gestaltet und zugleich formal streng parallelisiert, was ihre Austauschbarkeit (‚alles ist eitel‘) noch unterstreicht. Eines der ältesten gefundenen Beispiele stammt von Gregorius Richter: 5. Wem vergleicht sich dieses Leben? Einem übergüldten Glaß, Einer zarten Spinnenweben, 53 54

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Vgl. Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 2); Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 5,4–6). Vgl. Herbert, °Lasst uns ansehn die Sterblichkeit (V. 5f): „Denn vnser end | kümpt vns wie ein pfeil sehr schnell vnd behend“; Krentzheim, °Mein Leben in der Eil (Str. 1,1f): „MEin leben in der eyl | Fleucht dahin wie ein pfeil“; Rist, Ach was ist doch unser Leben* (Str. 5): „Unser Leben gleicht den Pfeilen / | die deß Schützen schnelle Hand | von den Bogen lässet eilen / | hinzufliegen / übers Land / | dessen Weg doch nicht zu finden; | so muß auch der Mensch verschwinden: | Hier ist gäntzlich kein Bestand!“ Vgl. Stegmann, °Was ist doch unser Lebenszeit (V. 17): „Ein Wiederschall der Stimm in Eyl“; Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Str. 5,6): „Ein Echo in den krüfften“. Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 4,4–6, die Bildreihe folgt in Str. 5–6). Ringwaldt, °Mein lieber Christ, steh doch was still (Str. 9,1f). Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 7,1–4).

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I. Vergänglichkeit

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Einer dünnen Wasserblas, Einem nichtswürdigen schaum, Einem anmuthigen Traum, Einem Gräßlein auff der Heyde, Einem langgebrauchten Kleide, 6. Einem Faden schwach gesponnen, Einem Bau, der knackt und bricht, Einem Stäublein in der Sonnen, Einem ausgehenden Liecht, Einem kurtzen Seitenschall, Einem schnellen Wasserfall, Einer Lufft, so nicht zu haschen, Einem Füncklein in der Aschen.59

In Fabian von Ostaus Lied Ach Gott, wie kurz ist unser Zeit sind jedem Bild zwei (bzw. drei) Verse gewidmet (Str. 2–3,4), in Johann Rists Ach was ist doch unser Leben* eine ganze Strophe. Andere Beispiele, in denen Vergänglichkeitsbilder aufgezählt werden, verfahren formal weniger streng.60 Nur selten rücken die Bilder der Vergänglichkeit aus dem Kontext der Ermahnung oder der allgemeinen Klage über das menschliche Schicksal heraus und werden wie im Psalter (Klage des Einzelnen) auf die aktuelle Notsituation eines Ich angewandt. Dies kann die Situation der Krankheit sein wie im folgenden Beispiel bei Sacer (vgl. Hi 7,6; Ps 102,4.12) oder die unmittelbare Todesnähe wie im zweiten Beispiel (Omeis), das den Bestand der Bilder stärker variiert: „3. Ich wad’ jetzt in dem Todten=Pfuel, Die Tage sind verflogen Gleich einer leichten Weberspuel; Sie sind dahin gezogen Als wie ein Rauch, als wie ein Schaum, Als wie ein Schatten oder Traum: Ich bin wie Graß verdorret.“61 „1. Es ist nun aus mit meinem Leben; GOtt nimt es hin, der es gegeben: Kein Tröpflein mehr ist in dem Faß. Es will kein Fünklein mehr verfangen, Das Lebens=Liecht ist ausgegangen, Kein Körnlein lauft mehr in dem Glaß. 59

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Richter, Lasset ab von euren Tränen (Str. 5–6). Der Erstbeleg stammt zwar erst aus dem Jahr 1658 (Leipzig, vgl. FT I 309.), aber sofern die dort und in zahlreichen Drucken (F-1666; L-1673; N-1677; H-1683; Lü-1695) enthaltene Zuschreibung an Gregorius Richter zutrifft, liegt sein terminus ad quem in dessen Todesjahr 1633. Noch etwas älter ist eine Bildreihe bei Josua Stegmann, °Was ist doch unser Lebenszeit (Rinteln 1627, FT II 469.). Vgl. Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 3, in Erweiterung von Ps 90,5); Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Str. 3–6). Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 3). Zum Kontext der Strophe vgl. S. 294.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Es ist nun aus! Es ist vollbracht! Welt, gute Nacht!“62

2. Contemptus mundi: Verachtung und Verabschiedung der Welt „Welt, gute Nacht!“ Diese Abschiedsworte, die sich nicht erst bei Magnus Daniel Omeis, sondern schon bei vielen Autoren vor ihm finden, kennzeichnen eine Grundhaltung der barocken Sterbe- und Ewigkeitslieder. Der Abschied an die Welt ist zugleich eine Absage, die aus einer zutiefst kritischen, ablehnenden Haltung gegenüber der Welt resultiert. Nicht überall ist diese Ablehnung gleich stark ausgeprägt, aber sie ist rhetorisch-literarisch typischerweise an die Form des Abschiedsliedes mit direkter Anrede eines Ich an die Welt geknüpft. Durch die Ich-Perspektive und die Aussagen über den unmittelbar bevorstehenden Abschied ist hier das eigene Ende des Menschen viel deutlicher im Blick als in den unter 1. genannten Texten und Textpassagen. Zwei Beispiele für einen solchen Abschied stehen auch auf der Liste der 35 am häufigsten gefundenen Sterbe- und Ewigkeitslieder: O Welt, ich muss dich lassen und Valet will ich dir geben. Was wird in den Liedern unter ‚Welt‘ verstanden? Nicht in erster Linie die Schöpfung an sich; die Welt ist vielmehr immer insofern ‚Welt‘, als sie auf den Menschen bezogen ist. Sie ist sein vorübergehender Aufenthaltsort, innerhalb dessen er während seiner Lebenszeit starken widrigen Einwirkungen ausgesetzt ist. Diese Einflüsse werden einerseits auf einer Erfahrungsebene, andererseits auf einer theologischen Deutungsebene beschrieben und beklagt. Die Ebene der Erfahrung umfasst nicht nur das persönliche, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld; diese lebensweltliche Perspektive wird gelegentlich mit dem Begriff der jeweils gerade zu erlebenden ‚Zeit‘ ausgedrückt,63 die immer von Streit, Krieg und Krankheit gekennzeichnet ist (vgl. auch die ‚Läufte‘ wie ‚Kriegsläufte‘, ‚Sterbensläufte‘ = Pest usw.).64 Auf theologischer Ebene gehört die ‚Welt‘ mit Teufel, Sünde, Hölle, Tod in eine Reihe. Erfahrungen von Leid und Verfolgung, wie sie die ‚Zeit‘ mit sich bringen mag, werden theologisch als Nachstellen durch den „Teuffel vnd die Welt“ gedeutet.65 Mit der Welt als personaler, allegorischer Größe können auch die ‚Kinder dieser Welt‘ gemeint sein, 62

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Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 1); in der untersuchten Auswahl nur in Lü-1702, dort mit der geänderten Anfangszeile Nun ist es aus mit meinem Leben. Textvorlage ist die 254. Betrachtung aus Heinrich Müllers Geistlichen Erquickstunden (S. 731: „Von der Lust zu sterben. Welt / Gute Nacht“): „COnsummatum est [vgl. Joh 19,30], Gott lob! es ist auß. Es ist auß mit meinem Leben. Kein Körnlein mehr ist im Glaß / kein Tröpflein im Faß / kein Füncklein unter den Am[m]ern. Das Liechtlein ist auß und verloschen.“ Vgl. DWB s.v. ‚Ammer‘: Funke bzw. Glut unter der Asche; hier wohl eher für die Kohlen oder die Asche selbst. So v.a. in zahlreichen Beispielen aus dem 16. Jahrhundert: Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit; Moller, Ach Gott, wie manches Herzeleid (Str. 1,1f): „ACh Gott, wie manches hertzeleydt | begegnet mir zu dieser zeit!“ Entsprechend zur ‚Welt‘: anon., Welt, ade, ich bin dein müde (Str. 1,5): „Welt, bey dir ist Krieg und Streit“. Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Str. 1,5–8): „Weil mir im gantzen leben | der Teuffel vnd die welt, | mein fleisch vnd blut darneben, | gantz grimmiglich nachstellt.“

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I. Vergänglichkeit

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also all diejenigen Menschen, die statt an Gott verkehrterweise an der Welt orientiert und auf sie ausgerichtet sind (vgl. Joh 1,10; 17,25 usw.). In alledem bildet die Welt das antithetische Gegenstück zum Himmel als Ort Gottes und damit zu Gott selbst. Vor allem die Abschiedsrufe an die Welt gehen zwar über die Vergänglichkeitsbetrachtung oft deutlich hinaus und gehören zur direkten Sterbebereitung in unmittelbarer Todesnähe eines Ich; da in ihnen die Welt als Sphäre der Vergänglichkeit oft sehr prägnant charakterisiert wird, sollen sie trotzdem in diesem Teilkapitel berücksichtigt werden. a) Welt versus Wahrheit: Frau Welt als „Ertz=Betriegerin[n]“ Ihrem Wesen nach ist die Welt eine „Ertz=Betriegerin[n]“, eine „Triegerinne“66. Die Klage darüber, dass Betrug, Heuchelei und Unwahrhaftigkeit das menschliche Verhalten und Zusammenleben bestimmen, ist literarisch nicht auf die Anklage der Welt als einer angeredeten Person beschränkt; sie findet sich auch in Form allgemeinerer Klagen67 – insbesondere im Zusammenhang mit den Vorzeichen des Jüngsten Tages, zu denen die Verleugnung der Wahrheit wesentlich hinzugehört (vgl. die falschen Propheten Mt 24,24 usw.). Gedeutet wird dies besonders im 16. Jahrhundert als Unterdrückung des wahren Evangeliums – auch streng konfessionell verstanden. Ähnliches gilt im engeren Sinn von der Behandlung der Welt als allegorischer Person. Hier ist viel von ihrem „falschen Wesen“68 die Rede; die Falschheit ist ihr wesenhaft zu eigen, kein bloßes Attribut. Sie äußert sich in der Unbeständigkeit und Unberechenbarkeit, mit der sie die Menschen behandelt.69 Dabei ist die Welt, ‚Frau Welt‘, weiblich: Sie ist die Verführerin, die dem Menschen „mit geschmünkten Wangen“70 „an allen Enden […] [d]er Wollust falschen Schein“71 vorgaukelt, bis er erkennt: „Du hälst nicht Stich“72 – ihre Versprechungen sind falsch und hohl, von den erhofften und in Aussicht gestellten Gütern (vgl. S. 191) bleibt ihm letztlich nichts. Gregorius Richter verwendet dafür das Bild eines Anglers, der dem Fisch den Köder, mit dem er ihn gefangen hat, schließlich doch vorenthält: 6. Wie ein Fischer in den Fliessen, Der mit Angeln Fische fängt, Wann er dem den Wurm entrissen, 66 67

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Anon., Die Welt, die Erzbetrügerin* (Str. 1,1); Sieber, Welt, packe dich (Str. 2,3). Dach, Nimm mich weg, Gott, für dem Jammer (Str. 2,3–8): „Mündlich lieben, Hertzlich hassen, | Wird für grosse Kunst geschätzt; | Glaube findet nirgends statt, | Trew vnd Liebe sind erfroren, | Daß Betrug die Herrschafft hat | Vnd für Tugend wird erkohren.“ M. Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Str. 1,1–3): „Welt, gute Nacht | Mit deiner Pracht | Und deinem falschen Wesen!“ Anon., Die Welt, die Erzbetrügerin* (Str. 1,1–3): „DIe Welt  / die Ertz=Betriegerin[n] / | bezaubert vielmahl unsern Sinn / | mit ihrem falschen Wesen“. Anon., Die Welt, die Erzbetrügerin* (Str. 2): „Bald reitzt sie an / bald wieder ab / | sie gibt und nim[m]t bald / was sie gab / | erfreut / und schrecket wieder: | Itzt hält sie an / itzt stösst sie hin / | itzt bringt sie Mangel / bald Gewinn / | ihr Rad läufft auff und nieder.“ Scheffler, °Fahr hin, du schnöde Welt (Str. 1,4); vgl. Runge, Was ist der Mensch auf dieser Welt (Str. 5,3): „In dieser nur geschminckten Zeit“. Dach, Was willst du armes Leben (Str. 3,1–3). Sieber, Welt, packe dich (Str. 2,2).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Ihn für einen andern senckt Vnd doch keinen lest verschlingen: So gehts auch mit solchen Dingen. 7. Dir wirds heute fürgestrewet, Biß du dich gefressen todt; Bald ein ander daran kewet, Biß er komm in gleiche Noth. Viel diß Aaß ins Netze treibet Vnd doch entlich keinem bleibet.73

Arglistig wie ein Henker74 hat es die Welt letztlich auf den Tod des Menschen abgesehen; denn durch ihren Betrug wird er – so schon O Welt, ich muss dich lassen – „vonn Gott abzogen“75 und damit um die ewigen Heilsgüter gebracht, allen voran um das ewige Leben. b) Die Welt ein Haus: „Du, o schönes Weltgebäude“ Viele der Bilder, die zur Charakterisierung der Welt verwendet werden, entstammen dem Bereich der Architektur: die Welt als Haus. Die vermeintliche Schönheit des Weltgebäudes76 wird bei Johann Franck zugunsten des „schönsten Jesulein“ zurückgewiesen.77 Nach dem anonymen Wie, Seelchen, magst du länger kleben* verstellt die Welt als „schwaches Bau=Gerüste“ (Str. 10,1) den Blick auf den Himmel als das wahre und eigentliche „Hauß“ (Str. 10,1f).78 Was der Mensch im ‚Haus‘ der Welt zu gewärtigen hat, zeigen Komposita wie „Angst= vnd Marter=hauß“ und „vnglücks Hauß“79, aber auch „Laster=Haus“ und „Lusthauß aller Schande“80. Die soziale Dimension (̫Ѩ̦̫̭) des Lebens in der Welt kommt in Bezeichnungen wie „rechte Mörder=gruben“ und „Stall voll böser Buben“81 zum Ausdruck, in der die Mitbewohner im Haus der Welt als schlechte Gesellschaft entlarvt werden. Ähnlich wie das ‚Gebilde‘ des Leibes, für das architektonische Bilder ebenso geläufig sind, kann die Welt auch als „Kercker“, als Haus der Gefangenschaft, bezeichnet werden.82 Im selben Sinne

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Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 6–7). Vgl. S. 184 Anm. 92. Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Str. 3,1–3): „Ob mich gleych hat betrogen | die welt, vonn Gott abzogen | durch schand vnd büberey“. Vgl. Fritsch, Hast du denn, Jesu, dein Angesicht gänzlich verborgen (Str. 11,1; Zitat S. 189 Anm. 124). Vgl. J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 1): „DV, o schönes weltgebäude, | Magst gefallen, wem du wilt; | Deine scheinbarliche freude | Ist mit lauter angst um[b]hüllt. | Denen, die den himmel hassen, | Wil ich jhre weltlust lassen: | Mich verlangt nach dir allein, | Allerschönstes Jesulein.“ Vgl. anon. (J. C. F.), Wie, Seelchen, magst du länger kleben* (Str. 2): „Wie ein Gerüst’ hier steht gerichtet / | vor einem auffgeführten Bau / | der erst / wenn jenes ist zernichtet / | sich herrlich zeiget: Also / schau: | Steht uns die grosse Welt im Licht / | daß wir den Himmel kennen nicht.“ Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 2,6); Gryphius, Ade, verfluchtes Tränental (Str. 1,3). Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 3,3); Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (Str. 10,2). Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 2,5.7). Vgl. Dach, O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (Str. 1,3–2,1). Zum Leib als Haus bzw. Kerker vgl. S. 496.

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werden bei Magnus Daniel Omeis auch Ägypten und Babel als biblische Orte der Gefangenschaft Israels genannt, daneben Sodom: 3. GOtt Lob! iezt kan ich recht genesen. Mein Sodom bist du mir gewesen, O Sünden=Welt, du Laster=Haus! Der Tod soll mir ein Engel heißen, Der mir wie Loth den Weg kan weißen. Ich folg mit Freuden: Nur hinaus! Hinaus! eh GOttes Donner kracht! Welt, gute Nacht! 4. Du warest mir auch mein Egypten, Da mich viel Creuzes=Henker wippten Bos auf die Threnen und das Blut. Der Tod will aus den Dienstbarkeiten Mit Israel mich ausbegleiten. Wie komst du, Freyheit! mir so gut! Nach dir hab ich schon lang getracht: Welt, gute Nacht! 5. Wie gerne will ich von dir scheiden, Von dir und deinem Jammer=Leiden. O Welt! mein Babel warest du, Die manchen Handel mir verwirret, Daß ich wie eine Taub gegirret Durch Weinen, Seufzen immerzu. Nun ist es aus! Es ist vollbracht! Welt, gute Nacht!83

Sodom als Ort der Sünde, Ägypten als Ort der Sklaverei („Dienstbarkeiten“), Babel als Ort der verzehrenden Sehnsucht nach der Heimat im Exil (vgl. Ps 137)84 – so wird die Welt hier angesprochen. Auch Babel kann für die Sündhaftigkeit der Welt stehen,85 dann eher im Anschluss an die Apokalypse; Babel wie Sodom fungieren

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Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 3–5). Str. 4,2: ‚wippen‘ meint die Folter mit dem Wippgalgen (vgl. DWB s.v. ‚wippen‘ 3b). Vgl. die Textvorlage in Heinrich Müllers Geistlichen Erquickstunden (254. Betrachtung, S. 732|733): „Mein Sodom bist du gewesen / und hast mit deinen ungerechten Wercken meine arme Seele offt biß auff den Tod geängstiget; […] Mein Egypten bist du gewesen / hast mit deinen Drangsalen mir manch Seuffzerlein auß dem Hertzen / manch Thränlein auß den Augen gedrun=|gen; […] Mein Babel bist du Welt gewesen / wie manchen verwornen Handel hast du wider mich angesponnen / wie manchen Thränenfluß mir zugerichtet.“ Ausführlich gestaltet hat dieses Motiv etwa Quirinus Moscherosch im Lied °Die Fröhlichkeit der Erden, vgl. S. 216. Vgl. etwa den Bußruf im anonymen Was hilfet doch in Sterbensnot* (Str. 9,5–7): „Geh auß von Babel / leide dich / | Thu busse / streite ritterlich / | Und bleib in Gottes schrancken.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

als Antipoden des himmlischen Jerusalem.86 Aus dem ‚Haus‘ der Welt wird dabei jeweils eine ganze Stadt, ein ganzes Gemeinwesen. Besondere Häuser, mit denen die Welt verglichen wird, sind z. B. das Theater, das Spital und das Gasthaus. Auf dem Welttheater hat der Mensch die Rolle auszufüllen, für die Gott ihn vorgesehen hat („Dein Amt und dein Beruff “); dabei soll sein „Trauerspiel“ nicht der Welt, sondern Gott zum Gefallen dienen.87 Im Bild des Spitals88 erscheint die Welt als Ort des Leidens und der Qualen, durch die der Mensch für seine Sünden büßt.89 Die Vorläufigkeit des Aufenthalts in der Welt zeigt das Bild vom Wirtshaus, das in den Umkreis der Pilgerschafts-Metaphorik gehört (vgl. S. 211). Das Lied °Was ist die Welt mit all ihr’ Macht hebt die Statusunterschiede der einquartierten Gäste hervor, die doch aber alle weiterreisen müssen.90 Zugleich ist die Herberge ein ‚böser‘ Ort,91 an dem der Mensch leicht übervorteilt wird; dabei ist sie falsch und zeigt erst zum Ende ihr wahres Gesicht. In einer Liedstrophe wird dies anhand zweier Personifikationen verdeutlicht (ähnlich dem ‚Angler‘ Gregorius Richters), in denen sich die Welt nicht nur als Wirt, sondern noch bedrohlicher auch als Henker zeigt: 4. Sie ist ein Hencker / der dich führet / durch eine Wiese / zu dem Grab; und wann er mit dir gnug spatzieret / dir schlägt zuletzt den Schädel ab. Ein Wirth / der mit dir spielt und lacht / biß er zuletzt die Zeche macht.92

c) Leid als Grunderfahrung Die meistgenannte Bezeichnung für die Welt macht deutlich, was das Leben in der Welt nach dem Verständnis der Autoren bedeutet: „Jammerthal“ (vgl. Ps 84,7: Tränental; vgl. auch Ps 23,4), häufig antithetisch mit dem Reimwort ‚Freudensaal‘ 86

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Sodom (als Hölle) z. B. bei Meyfart, Sodoma; Babel z. B. bei Moscherosch, °Die Fröhlichkeit der Erden (Str. 8–9). Vgl. Birken, Sag, was ist diese Welt? Ein Schau- und Spielgezelt (Str. 2,2; 12,1); berücksichtigt wurde dieses Lied (Nürnberg 1656, vgl. FT V 78.) aufgrund eines unrubrizierten Belegs im Anhang zu B-1703. Ein Gedicht Birkens aus dem Jahr 1667 mit gleichem Anfang und gleicher Strophenform steht in seinen Todten-Andenken (Nr. 205; Neuedition Tübingen 2009 S. 270–272; Kommentar S. 809). Hier wird die Welt als „Narrenhaus“ beschrieben: „Sag, was ist diese Welt? | ein grosses NarrenZelt: | ihr Thun ist Lapperey; | ihr Dichten, Fantasey.“ Selnecker, °Die Welt ist nichts zu unser Zeit (Str. 1,1f): „DIe Welt ist nichts zu vnser zeit | denn ein Spital voll armer Leut“; Timäus, Wenn mein Gesundheit leidet Not (Str. 7,1–4): „Wo solte mir nu besser seyn: | In diesem Hospitale, | Da ein jeders [!] beklagt das seyn, | Oder ins Himmels Saale?“ Rist, Ach Gott, wann kommt die liebe Zeit (Str. 2,1f): „Dis Leben ist ein Siechen Hauß / | Darin wir stets uns quählen“. Vgl. Wilkow, Wie ist der Mensch doch so betört (Str. 2,5–8): „Die Welt ist nur ein Hospital, | Darin wir krancken müssen | An Leibes vnd der Seelen Quahl | Vnd vnsre Sünden büssen“. Vgl. anon., °Was ist die Welt mit all ihr’ Macht (Str. 2–3). Vgl. Gerhardt, °Ich bin ein Gast auf Erden (Str. 11,1). Anon. (J. C. F.), Wie, Seelchen, magst du länger kleben* (Str. 4). Ins Innere des Menschen, nämlich ins Herz, verlegt Simon Dach das todbringende Wirken der Welt als „Hencker“, vgl. Dach, Ach lasst uns Gott doch einig leben (Str. 2,1–4): „Der argen Welt verkehrtes Schertzen | Vnd was durch Tücke mancher=hand | Vns bringt vmb Vrtheil vnd Verstand | Vnd offt zum Hencker wird im Hertzen.“

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oder ‚Himmelssaal‘ verbunden. Welche Erfahrung welcher Sphäre vorbehalten ist, ist in dieser geradezu inflationär und oft nur kurz und formelhaft93 gebrauchten Gegenüberstellung klar zugeordnet. Johann Hermann Schein gibt eine typische Explikation des ‚Jammertals‘ als Ort des Leidens: 3. Hier ist doch nur ein Jam[m]erthal / Voll Seufftzen / Trawren / Threnen / :/: Creutz / Marter / Angst / Noth überal / Wer wolt sich denn nicht sehnen.94

Groß ist die Zahl der Begriffe, mit denen äußere und innere Leiderfahrung in der Welt umschrieben werden kann: Trübsal, Traurigkeit, Kummer, Sorge, Mühe, Angst,95 Plage, Qual, Schmerz, Gefahr, Kreuz, Jammer, Elend, Not, Leid, Herzeleid, Herzensfressen96 usw.; wie die Vergänglichkeitsbilder treten auch diese Begriffe oft gehäuft auf und erscheinen bisweilen austauschbar. Biblischen Ursprungs ist die Rede vom Tränenbrot (vgl. Ps 42,4; 80,6; 102,10), mit der die Leiderfahrung in der Welt oft umschrieben wird: „Vnser Threnen sind das Brot, | So wir essen früh vnd spot“; „Quaal, Jammer, Noth | Ist unser Brod, | Dessen wir stets geniessen.“97 Der Tod erscheint deshalb begehrenswert, weil er das Ende des unentrinnbaren Leides in der Welt verheißt.98 Der Mensch bewegt sich auf seinem Weg in einer manchmal nahezu räumlich vorgestellten Sphäre von Trübsal und Traurigkeit: „Der schmale Weg ist Trübsal voll | den ich zum Himel wandeln soll.“ „Meine gröste Lebenszeit | Leufft dahin in Traurigkeit.“ „Weil ich hie bin vmbfangen | mit Trübsal vnd Elend.“99 Und wieder antithetisch: „Aus Trübsal vnd grossem Leid | Soltu fahren in die Frewd“100. Entsprechend ist auch die Musik in der Welt auf Klage gestimmt: 3. Dieses Lebens kurtze Freuden / Sind vermischt mit Klag und Leid /

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Z. B. Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Str. 10,4–7): „Ein seligs End beschere | Vnd führ vns auß dem Jammerthal | Zu dir in deinen Frewdensaal | Durch Jesum Christum, Amen.“ Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 3,1–4). Vgl. Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 5,4–6): „Angst ist, was vns zur Welt gebiert, | Angst, was vns leitet, trägt vnd führt, | Angst, was vns heisset scheiden.“ Anon., Auf, meine Seel, dein End ist hier* (Str. 6,3): „unser Leid und Hertzensfressen“; vgl. Dach, Was soll ein Christ sich fressen. Vgl. DWB s.v. ‚fressen‘ 11: sich plagen, sich quälen. Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 5,5f); Ostau, Ach Gott, wie kurz ist unser Zeit (Str. 1,5–7). Vgl. auch: Rist, °So wünsch ich mir zuguterletzt (Str. 11,5–8); Müller, Lebt jemand so wie ich (Str. 2); Homburg, Nun, mein Gott, ich bin’s zufrieden* (Str. 3,5–8); Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben (Str. 3): „Ich verschmachte fast für Sorgen; | Meine milde Thränenfluth | Und des Kreutzes heiße Gluht | Sind mein Frühstük alle Morgen. | Furcht, Betrübnüs, Angst und Noht | Sind mein täglichs Speisebrodt.“ Anon., Ach Seele, nimm doch wohl in acht* (Str. 6,5–8): „Denn ist ein leiden dieser zeit / | So wirds nicht lange können währen / | Sollts gleich im leben nicht auffhören / | Der tod dich doch davon befreyt.“ Moller, Ach Gott, wie manches Herzeleid (Str. 1,3f); Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben (Str. 1,5f); Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Str. 1,3f). Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 1,5f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Unser Music / Klang und Seiten / ist ein Thon der Traurigkeit.101

Das Beispiel aus L-1682, dem ein Kantionalsatz zum vierstimmigen Chorgesang beigefügt ist, deutet zugleich knapp das Selbstverständnis barocker Trauermusik an. Ein Synonym für das Leid mit christologischer Implikation ist das ‚Kreuz‘: „Weil mich stets viel Creutz betroffen […] Lauter Creutz sind vnser Tag“102; „Das Kreutz sich alle Stunden | Verjüngt nach Adlers Art: […] Wir sind nie Kreutzes leer.“103 Auch wenn der christologische Bezug meist nicht weiter ausgeführt wird, wurde er von den Zeitgenossen mitgehört. Indem das Leben in der Welt durchweg vom Leiden gezeichnet ist, wird es zur Kreuzesnachfolge und damit zur imitatio Christi.104 In diesem Sinne ist auch die Klage eines Ich zu verstehen, das sein Leiden an der Welt als Gallentrank (vgl. Mt 27,34) begreift.105 Viele Gesangbücher enthalten eigene Rubriken zur Bewältigung des Leides als einer Grunderfahrung der Welt; klassisch ist die schon auf Eichorn zurückgehende Rubrik ‚Vom Kreuz, Verfolgung und Anfechtung‘.106 Diese Rubriken enthalten jeweils ebenfalls ein riesiges Arsenal von Gesängen; gerade die ‚Kreuz- und Trostlieder‘ entwickelten sich im 17. Jahrhundert zu einer prominenten Gruppe, nicht zuletzt durch Paul Gerhardt. Leidens- und Leiderfahrungen im Umkreis von Tod und Sterben sollen im weiteren Verlauf noch genauer untersucht werden: zum einen die angstvolle Erfahrung von Verzweiflung und Anfechtung angesichts des eigenen Todes (vgl. ab S. 300); zum anderen die Trauer um eine verstorbene Person (vgl. ab S. 437). Zunächst jedoch zu den ‚Weltkindern‘ und dazu, was sie in ihrer inneren Haltung auszeichnet. d) Die verkehrte Haltung der Weltkinder Solange der Mensch innerlich auf die Welt ausgerichtet ist, ist er ein Kind dieser Welt (vgl. Lk 16,8).107 Insbesondere Johann Heermanns Lied O Mensch, bedenke stets dein End macht diesen Status ausführlich zum Thema.108 Den nichtigen welt101

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Anon., Es ist doch in diesem Leben* (Str. 3). Das Lied steht nur in L-1682 (mit vierstimmigem Kantionalsatz). Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 2,3; 4,6). Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 2,1f; 4,4). In Luthers Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi folgt diese Deutung als letzte Konsequenz aus der Passionsbetrachtung (WA 2, 141): „Wan alßo deyn hertz in Christo bestetiget ist unnd nu den sunden feynd worden bist auß liebe, nit auß furcht der peyn, ßo soll hynfurter das leyden Christi auch eyn exempel seyn deynes gantzen lebens“. Vgl. z. B. Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 1,5–8; an die Welt gerichtet): „Hast mich auch wol gekräncket, | Mir manch vntrew erweisst, | Mit Gallen mich geträncket, | Mit Wermut mich gespeisst.“ Vgl. Lipphardt, Eichorn, 167. Vgl. auch N-1677: „Klag= und Trost=Lieder / von Creutz und Anfechtung“ usw. Auch bei Petrus Herbert (Wer in guter Hoffnung will, Str. 4,1) wird der unbußfertige, sorglose Sünder als „weltkind“ bezeichnet; zu diesem Lied vgl. ausführlich ab S. 307. Das Lied stammt aus Heermanns Devoti musica cordis (Leipzig/Breslau 1630, vgl. FT I 320.). Vorlage ist ein bernhardinischer Text in der deutschen Fassung von Martin Mollers Meditationes Sanctorum Patrum I. I. III., 4r–5v. In einigen der untersuchten Gesangbücher steht es unter der Rubrik ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ (B-1658/1666, H-1683), in anderen unter ‚Vom Tod und Sterben‘ (N-1654, Lü-

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lichen Gütern (vgl. S. 191) sind die „Kinder dieser Welt“ in „Wollust“, „Vppigkeit“ und „Vbermuth“ zugetan.109 Gekennzeichnet sind sie durch „jhr stoltz vnd freches Hertz“ und auch durch ihren „stoltzen Leib“, mit dem sie umher-„stoltzier[en]“.110 Ihre verkehrte Ausrichtung auf die Welt ist eine verblendete „Welt=Lieb“111, von der Dach abqualifizierend zu sagen weiß, sie hätten „sich an der Welt vergafft“112. Das ‚Kleben‘ an der Welt113 zeigt die fehlende Bereitschaft, die Welt zu ‚lassen‘, sich von ihr abzuwenden, ihr abzusagen – und damit eine grundsätzliche Unbußfertigkeit, die die Kinder dieser Welt nach Heermann in die Hölle führen muss: 5. Dann weil sie [Leib und Seele] hier mit Vppigkeit Gedient dem Satan haben beyd, An jhre Busse nie gedacht Vnd an die finstre TodesNacht, So ists auch recht, daß sie zugleich Dort leiden Qual ins Teuffels Reich.114

Schon im frühen Lied O Welt, ich muss dich lassen ergeht daher an die Welt der Ruf zu Buße und Umkehr115 (‚Welt‘ ist hier synonym mit den Mitmenschen, den ‚Weltkindern‘). Das Schicksal derjenigen Weltkinder, die aufgrund ihrer verkehrten Haltung zur Hölle gefahren sind, wird von Heermann als warnendes Beispiel hervorgehoben.

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1660/1661/1696/1706, L-1673). Eine anonyme bearbeitete Fassung in geänderter Strophenform beginnt O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* und findet sich in zahlreichen Stern-Gesangbüchern (Lü-1661/1696/1706/1695/1702). Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 2,1; 3,5; 5,1; 6,2). Vgl. Mollers Vorlage (Meditationes Sanctorum Patrum I, 4r): „Sie assen vnd truncken / sie waren guter dinge / vnd brachten jhre Zeit zu in Wollüsten / Aber in einem Augenblick / sind sie zur Hellen gefahren.“ Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 2,3f; 6,4; 10,1); vgl. O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* (Str. 3). Vgl. auch Selnecker, Was tun wir doch, wir arme Leut (Str. 1,2): „warumb stoltziren wir doch heut?“; anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 1,1–4): „WO kompt es here / | daß zeitlich Ehre / | so hoch stoltziret / | in dieser Welt“. Z. Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Str. 5,3). Str. 5–6 dieses Liedes stehen in L-1673 auch als eigenes Lied anonym unter Hilf mir, mein Gott, überwinden. Dach, Herr, es mangelt nicht an dir (Str. 4,5); vgl. ebenfalls in abwertendem Sinne „in die Welt verliebt“: Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben (Str. 4,2); vgl. Dach, Es vergeht mir alle Lust (Str. 2,1f). Dach kann das Verblendete dieser Haltung auch direkt als ‚Blindheit‘ bezeichnen, vgl. Dach, Die große Nichtigkeit (Str. 2,1–6): „Vnd dennoch, dennoch sind | Wir tolles Volck so blind | Vnd geben nichts darauff: | Wir bawen in die Welt, | Alß wer vns hie bestellt | Der Ewigheiten Lauff “. Vgl. Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 1,3–6): „Dencke doch, wo dich dein Wille, | Der so gar im Eyteln ist, | Der so gar klebt an der Erde, | Entlich hinverleyten werde“; Dach, Es vergeht mir alle Lust (Str. 1,3f): „An der Erden Koht vnd Wust | Mag ich nicht mehr kleben“; Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 13,1f): „So last uns nicht so kleben | An dieser Sünden=Welt“; anon. (J. C. F.), Wie, Seelchen, magst du länger kleben an dieser schnöden Eitelkeit*. Das Pendant besteht in der entgegengesetzten Bitte, im Leben wie im Sterben an Christus zu ‚kleben‘, vgl. S. 392 Anm. 52.53. Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 5); Mollers Vorlage (Meditationes Sanctorum Patrum I, 4v) lautet: „Denn / weil beyde Leib vnd Seele gesündiget haben / vnd in Sünden gestorben sind / müssen sie auch beyde die ewige Straffe leyden.“ Das von Heermann eingeführte Motiv des Teufelsdienstes findet sich auch in Str. 11,2. Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Str. 8,2–5): „o welt, thu dich besin[n]en, | wan[n] du must auch hernach. | Thu dich zu Gott bekeren | vnd von im Gnad begeren […]“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

e) Die Absage an die Welt: „O Welt, ich mus dich lassen“ In einer großen Zahl von Sterbe- und Ewigkeitsliedern bildet die emphatische Absage an die Welt (und in ähnlicher Funktion auch an das ‚Leben‘116) mit direkter Anrede in der zweiten Person einen wesentlichen Textbestandteil, der als Anfangszeile117 einem ganzen Lied sein Gepräge geben kann; durch die wiederholte Verwendung am Strophenbeginn118 oder als Kehrreim119 wirkt er strukturbildend. Bei diesem sprachlichen Akt, der einen deutlich performativen Charakter besitzt, handelt es sich zunächst um eine Verabschiedung von der Welt („Ade“, „Gute nacht“, „zu tausend guter Nacht“, „Valet“, „Gehab dich wohl“, „Gesegene dich Gott“120), zugleich aber – und darin besteht der entscheidende Unterschied zur Verabschiedung von den Angehörigen, die sich derselben Formeln bedient (vgl. S. 421) – um eine Lossagung. Variabel ist dabei zum einen der Grad der Abwertung, mit der die Welt bedacht wird – was wiederum Konsequenzen für das Verständnis des sprachlichen Aktes nach sich zieht –, zum anderen die Verortung zwischen allgemeiner Vergänglichkeitsbetrachtung und konkreter eigener Sterbebereitung. 1. Zum ersten Punkt, der unterschiedlichen Bewertung der Welt: Durch die Abschiedsformeln an die Welt wird performativ genau jener entscheidende Schritt vollzogen, den die Kinder dieser Welt nicht gegangen sind – die Unterbrechung des ‚Klebens‘ an der Welt und die Überwindung der „Welt=Lieb“, der inneren Ausrichtung auf ihre Güter. Dieser Akt kann einen eher schmerzlichen, einen abgeklärten oder einen triumphierenden Charakter haben; analog dazu variiert die Bewertung der Welt. Schmerzliche Töne, in denen die Schönheit der Schöpfung zum Abschied gepriesen wird, sind auffallend selten.121 Der schmerzliche Abschied von den schö116

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Vgl. Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben (Frankfurt/M. 1676); anon., Gute Nacht, du falsches Leben* (folgt in H-1683 [einziger Beleg] unmittelbar auf das Lied von Sohren). Vgl. auch Joh. Franck, Jesu, meine Freude (Str. 5,9f). Die meisten Beispiele stammen aus der Zeit ab 1650. Zu nennen sind anon., O Welt, ich muss dich lassen (Nürnberg 1555 als Kontrafaktur zu der auch sonst bei geistlichen Liedern beliebten Melodie Innsbruck, ich muss dich lassen, vgl. Ameln, Kirchenliedmelodien, 63f.70f); Ph. Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Frankfurt/M. 1599); Herberger, Valet will ich dir geben (Leipzig 1614); Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Altenburg 1627); Stegmann, °So wünsch ich nun ein gute Nacht (Lüneburg 1630); Dilherr, Gehab dich wohl, du schnöde Welt (Nürnberg 1646); Gryphius, Ade, verfluchtes Tränental (Frankfurt/M. 1650); Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt (Königsberg 1650); Rist, Nun, Welt, du musst zurücke stehn (Lüneburg 1651); J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Berlin 1653); M. Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Coburg 1654); Sieber, Welt, packe dich (Dresden 1658); anon., Welt, ade, ich bin dein müde (Bayreuth 1668); anon., O Welt, muss ich dich lassen* (Leipzig 1673); Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben, gute Nacht, du schnöde Welt (Frankfurt/M. 1676); Müller, Ade, du süße Welt (Rostock 1659); Sohren, Nun ade, du Weltgetümmel (Hamburg 1683). Vgl. z. B. Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben („Gute nacht“ am Beginn des 1., 2. und 5. Verses jeder Strophe). Vgl. z. B. Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben („Welt, gute Nacht!“ am Ende jeder Strophe). Vgl. Anm. 117; „Welt / zu tausend guter Nacht“: anon., Nun gottlob, es ist vollbracht* (Str. 1,3); „Gesegene dich Gott, du schnöde Welt“: anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (Str. 7,1). – Eine Umschreibung des Abschiednehmens ist ‚der Welt Urlaub geben‘, vgl. Rist, Es nahet sich der letzte Tag (Str. 12,1f): „Inmittelst hilf / daß Ich der Welt | Bei Zeiten uhrlaub gebe“. Vgl. ein früheres anonymes Beispiel (Straßburg 1569): °O Welt, du sollt Urlaub han (Titel: „Vrlaub der Welt“). Zu dieser Bedeutung vgl. DWB s.v. ‚Urlaub‘ B 3c. Z. B. °O Sonnen schön, edler Planet, vier Strophen, die im katholischen Cornerischen Gesangbuch (1631) dem Lied Der grimmig Tod mit seinem Pfeil in derselben komplexen Strophenform vorgeschaltet, aber

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nen Weltdingen wird vielmehr durch „das ewig Jubel=jahr“ überboten.122 Solcher Gegenüberstellung mit dem ‚Himmel‘ kann die Welt mit all ihren Reizen nicht standhalten.123 Bei positiven Attribuierungen wie in Ade, du süße Welt (Heinrich Müller) oder Du, o schönes Weltgebäude (Johann Franck) schwingt meist die Erkenntnis mit, dass die Süßigkeit der Welt ohnehin nicht von Dauer ist. Ahasverus Fritsch relativiert die positive Bewertung gleichsam im selben Atemzug: Ade! ô Erde, du schönes, doch schnödes Gebäude, Ade! ô Wollust, du süsse, doch zeitliche Freude!124

Johann Olearius macht aus dem Lied O Welt, ich muss dich lassen ein freudiges Gottlob, die Welt ich lasse (vgl. S. 326); die direkte Anrede an die Welt fehlt, eine Lossagung von ihr, der längst überwundenen, ist gar nicht mehr nötig.125 Wie es also scheint, verstärkt sich die ablehnende Haltung gegenüber der Welt in den Liedern des 17. Jahrhunderts. Zum Ausdruck kommt sie etwa in Epitheta: „Du arge, falsche Welt“ oder „Du schnöde, böse Welt“126. Negative Affekte gegenüber der Welt sind Hass, Gram und Verachtung: „Dich, O Welt, ich hasse“; „Der Welt ich werde gram“; „O Welt! Was acht ich dein?“127 Die erwünschte Haltung des contemptus mundi wird freilich auch als Werk Gottes verstanden, die der gefallene und weltverhaftete Mensch nicht von sich aus erlangen kann. Bei Heermann heißt es: 13. Verleyh, daß ich aus aller Macht Die Welt mit jhrer Lust veracht.128

Im direkten Bezug auf das Lebensende wird die entsprechende Haltung zur Welt dann als ‚satt‘ und ‚müde‘ beschrieben, so in den Anfangsversen einiger Lieder.129 Satt und

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wohl kaum gleichen Ursprungs sind (vgl. S. 197 Anm. 178). Das Ich verabschiedet sich angesichts seines nahen Todes von den Dingen der nichtmenschlichen Schöpfung wie Gestirnen, Elementen, Gärten und Blumen mit den Worten „ade, ich muß euch lassen“ (Str. 1,4). Der Begriff ‚Welt‘ fällt in diesem positiv konnotierten Zusammenhang bezeichnenderweise nicht. – Vgl. anon., Mein junges Leben hat ein End (Str. 9,1–4): „Gesegne dich Gott Stern, Sonn vnd Mond, | deßgleichen Laub vnd Graß | Vnd alles auff der Erden Grund | vnd was der Him[m]el beschloß“. Vgl. anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 12,1–4): „Ade / ade / du helle sonne / | Ade / ihr wolcken=lichter schar / | Ade all zeitlich freud und wonne / | Ich halt das ewig Jubel=jahr“. Vgl. Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Str. 5): „Ob mich die Welt auch reitzet | lenger zu leben hier, | Vn[d] mir auch jmmer zeiget | Ehr, Geld, Gutt, al jr Zier, | Doch ich das gar nicht achte, | es wehrt ein kleine zeit: | das Himlisch ich betrachte | das bleibt in ewigkeit.“ Fritsch, Hast du denn, Jesu, dein Angesicht gänzlich verborgen (Str. 11,1f). Vgl. Str. 1,1. Aus der Mahnung an die Welt in den Schlussstrophen (Str. 8–10; z. B. „o welt, thu dich besinnen“, „Thu dich zu Gott bekeren“) wird bei Olearius eine freudige Perspektive auf den Himmel (Str. 8–10, z. B. „Gott Lob / ich seh das Leben / | das mir mein Gott wird geben“). Herberger, Valet will ich dir geben (Str. 1,2); Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 1,2). Titius, Was ist unser Leben (Str. 4,1); Knoll, Im Leben und im Sterben (Str. 9,2); Siegfried, Ich hab mich Gott ergeben (Str. 2,2). Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 13,1f). Vgl. Rists Überschrift zu °Wie bin ich doch so gar betrübet: „Andächtiges Gebet zu Gott / Umb Verschmähung der Welt und aller deroselben Eitelkeiten.“ Vgl. Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt; anon., Welt, ade, ich bin dein müde. Vgl. Ph. Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Str. 10,1): „Darumb bin ich der Welt so müd“; Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 1,5–7): „Der Welt und Lebens bin ich satt, | Für Angst der Seelen müd und

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müde macht ebenso das (irdische) ‚Leben‘130 (vgl. Gen 25,8). Auf die Spitze getrieben wird die Weltverachtung angesichts des Todes in den Aussagen des Überdrusses und der Lebensunlust: „Drum / welt / laß mich zu frieden / | Ich hab dein überdruß“131. Der Abbruch der inneren Verbindung zur Welt vollzieht sich im sprachlichen Akt der Lossagung, der durch die rhetorische Konvention vorgegeben ist und in den der Textrezipient einstimmt. Als Ausdruck einer inneren Abkehr von der Welt besitzt dieser Akt wesentlich einen büßerischen Grundzug. 2. Zum zweiten Punkt, also zur Frage der Verortung der Lossagung zwischen Vergänglichkeitsbetrachtung und Sterbebereitung, ist damit schon einiges gesagt. Die radikale innere Abkehr von der Welt ist ein Grundzug der Barockfrömmigkeit, der nicht auf den Kontext des Sterbens beschränkt ist. Durch die genannten Abschiedsformeln wird dann ein rein geistliches, büßerisches Abschiednehmen vollzogen, mit dem das Ich sich auf die Nichtigkeit irdischer Werte besinnt und sich innerlich auf den Himmel als das ewige Gut ausrichtet. In Martin Opitz’ Selbstaufforderung zur Weltabkehr („Wirff alles das, was Welt ist, von dir hin“132) ist keine Abschiedsformel enthalten, es handelt sich um eine Meditationsanleitung, einen „Gesang zur Andacht“. Die abschließende Verheißung „So wird Gott dich vnd du wirst Gott erlangen“ ist nicht ausdrücklich aufs Dies- oder Jenseits bezogen. Im Angesicht des Todes gewinnt der Akt des Abschiednehmens demgegenüber nochmals eine besondere Brisanz und Aktualität. Einerseits wird der Mensch in der barocken Frömmigkeit typischerweise permanent daran erinnert, dass er sich jederzeit in unmittelbarer Todesnähe befinden kann. Andererseits ist er durch die Vollzüge dieser Frömmigkeit darauf vorbereitet, sich in unmittelbarer Todesbedrohung mit Hilfe der gewohnten Abschiedsformeln zum Sterben zu schicken. Eines der ältesten und verbreitetsten der gefundenen Lieder, in denen der Abschied von der Welt formuliert wird, ist Valerius Herbergers Valet will ich dir geben. Einem frühen Druck zufolge ist es in einer Situation der unmittelbaren Todesbedrohung entstanden. Es ist überschrieben: VALET VALERII HERBERGERI, Das er der Welt gegeben, Anno 1613. im Herbst, da er alle stunden den Tod für augen gesehen, aber dennoch gnediglich, vnd ja so wünderlich als die drey Männer im Babylonischen Fewrofen erhalten worden.133

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matt, | Daß ich begehr zu sterben.“ Vgl. auch im Zusammenhang mit dem Bild von der Pilgerschaft S. 214. Vgl. anon., Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen (Str. 1,6): „meins Lebens bin ich müd vnd satt“; Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben; Müller, Lebt jemand so wie ich (Str. 10,1f): „Ich bin deß Lebens satt, | Von vielem Creutze matt“; anon., In Gottes Namen fahr ich hin* (Str. 1,2): „Weil ich deß lebens müde bin“; ebenso anon., Nun fähret mein Geist mit Freuden dahin* (Str. 6,2). Anon., Nun hat mich auch gewähret* (Str. 3,1f). Opitz, Auf, auf, mein Herz, und du, mein ganzer Sinn (Str. 1,2); gefundene Belege: N-1677/90 unter ‚Eitelkeit‘, Lü-1695/1702 unter ‚Tod und Sterben‘. Herberger, Der Dritte Theil Der Geistlichen Trawrbinden (Leipzig 1614), fol. l 4, zit. nach FT I, S. 98.

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In diesem Fall ist eindeutig, dass der sprachliche Akt des Abschiednehmens von der Welt seinen Ort nicht nur in einer büßerischen Meditationsübung, sondern in unmittelbarer Todesnähe hatte.

3. Die Nichtigkeit irdischer Güter Anhand einer relativ fest stehenden Reihe von Elementen wird in vielen Liedern die Nichtigkeit irdischer Güter besungen. Diese Reihe dokumentiert die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens (1.) und den trügerischen Charakter der Welt (2.) gleichermaßen. Die in ihr enthaltenen Elemente sind die Güter Lust (Freude), Schönheit, Stärke, Macht, Ehre, Reichtum und Weisheit, von denen jeweils gilt: Der Mensch kann sie maximal für die Dauer seines irdischen Lebens genießen; sie sind zeitlich begrenzt und daher letztlich nichtig – keine verlässlichen Größen, auf die der Mensch dauerhaft vertrauen könnte. Die Reihe der nichtigen irdischen Güter kann summarisch zusammengefasst sein wie bei Schein: 1. […] Der Welt Macht / Ehr / Gut / Schönheit / Kunst / Was ists? Ein Rauch / Wind / Schatten / Dunst.134

Oft werden einzelne Elemente näher ausgeführt oder die Reihe insgesamt gibt einem ganzen Lied Strophe für Strophe die Struktur, indem die nichtigen Güter eines nach dem anderen betrachtet werden. Das bekannteste Beispiel für ein solches Lied ist wohl Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, das ausgehend vom Begriff des ‚Lebens‘ eine ganze Reihe von konkreten Begriffen durchbuchstabiert. Ihm treten weitere Beispiele zur Seite: Anon. (Meyfart?) Michael Franck Johann Rosenthal Heinrich Müller Anon. Anon.

Sag, was hilft alle Welt* (Str. 1–8) Welt, gute Nacht mit deiner Pracht Ach was ist doch unser Lebn? (Str. 1–7) Ade, du süße Welt (Str. 2–6) Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 1–6) O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 1–9)

(Gotha 1648)134 (Coburg 1654) (Altenburg 1659) (Rostock 1659) (Lüneburg 1695) (Lüneburg 1695)

Der parallele Strophenbau von Ach wie flüchtig, ach wie nichtig und verwandter Lieder unterstreicht die Allgemeingültigkeit der Aussagen über die irdischen Güter, deren sprachliche Position im Vers stets dieselbe bleibt, auch wenn die Besetzung in jeder Strophe variiert.

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Schein, Zwing dich, o liebe Seele mein (Str. 1,7f). Zur Verwandtschaft der ‚Kunst‘ mit der ‚Weisheit‘ vgl. S. 201. Vgl. zu diesem Lied S. 113 Anm. 263.

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a) „Die Welt vergeht mit ihrer Lust“ (1Joh 2,17) Eines der meistgenannten Elemente aus der Reihe der nichtigen Güter ist die ‚Lust‘ oder die Freude, sofern sie nach 1Joh 2,17 der Welt zugeordnet und daher als trügerisch zu entlarven ist. Anders als die ihr entgegengesetzte ‚Lust abzuscheiden‘ (Phil 1,23, vgl. S. 347) und die Lust nach dem Himmel besitzt die „weltlust“136 eine verkehrte Ausrichtung und ist nicht von Dauer. Sie kann sowohl die Lust nach der Welt insgesamt als auch diejenigen Lüste bezeichnen, die die Welt für den Menschen bereit hält. Im Anschluss an 1Joh 2,16 ist auch näher von „Augenlust“137 oder von „Fleisches / Welt und Augenlust“138 die Rede. Die Ausrichtung auf die weltliche Lust, die oft durch das Verb ‚streben nach‘ ausgedrückt wird,139 wird in den Texten als fehlgeleiteter Impuls erkennbar; die Lust nach der Welt ist statt dessen vielmehr zu „verachten“140. Das gilt zunächst deshalb, weil die weltlichen Freuden kaum von Dauer sind: 10. Kein Lust, wie lieblich sie auch dünckt, Ist hie, die nicht noch endlich stinckt. Die Freüd der Erden und ihr Glück Währt offt kaum einen Augenblick.141

Entsprechend werden Lust und Freude gerne als ‚kurz‘142 oder wie in Ach wie flüchtig, ach wie nichtig als wechselhaft und unbeständig143 charakterisiert. Vom ‚Glück‘, dessen Unbeständigkeit mit den Mondphasen oder einem rollenden Rad verglichen wird, ist etwas seltener die Rede.144 Der eigentlich trügerische Charakter, das falsche Versprechen der weltlichen Freuden – daher auch „Schein=Lust“145 – liegt aber nicht in ihrer Unbeständigkeit, sondern darin, dass sie letztlich das genaue Gegenteil von 136

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J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 1,5–8): „Denen, die den himmel hassen, | Wil ich jhre weltlust lassen: | Mich verlangt nach dir allein, | Allerschönstes Jesulein.“ Ringwaldt, °Mein lieber Christ, steh doch was still (Str. 10); Schein, Mein Zeit nunmehr vorhanden ist (Str. 7,2); Müller, Lebt jemand so wie ich (Str. 3). Rist, O Blindheit, bin ich denn der Welt (Str. 3,1). Vgl. anon., Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, was widerstrebt (Str. 6,6) u. a. Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 5,3f): „Die lust der Welt geht gar zu grundt, | die sollen wir verachten“. M. Franck, Freud über alle Freude (Str. 10,5–8). Vgl. anon., Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, was widerstrebt (Str. 6,9); Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt (Str. 2,2); Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 6,1); anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 12,1f). M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 3): „Ach wie flüchtig, | Ach wie nichtig | Ist der Menschen Freü de! | Wie sich wechseln Stund und zeiten, | Licht und Dunckel, Fried und streiten, | So sind unsre Fröligkeiten!“ Vgl. aber anon., Entreißt euch, meine Sinnen* (Str. 2–3), wo beide an die Carmina burana gemahnenden Bilder erwähnt werden. Das Auf und Ab des Rades als Bild für den unberechenbaren Lauf der Welt nennt anon., Die Welt, die Erzbetrügerin* (Str. 2,6; vgl. S. 181 Anm. 69); Johann Rist verwendet das Zu- und Abnehmen des Mondes für die Unbeständigkeit menschlicher Ehre und Herrlichkeit (°O Sicherheit, du Pest der Seelen, Str. 11,6–8; vgl. S. 176 Anm. 36). – Das Glück als Element in der Reihe der irdischen Güter findet sich noch bei M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 6); anon., Wir leben wie ein Wandersmann (Str. 2,1). Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Str. 1,5).

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I. Vergänglichkeit

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Freude hervorbringen: „Eckel“146, „hohn vnd schmach“147, „Angst“148, „Angst vnd Quahl“149, „Angst vnnd Noth“150, „ewiges leid“151, „ewig Unlust“152 sind ihr Ergebnis. Das kann sich entweder auf den innerweltlichen Bereich beziehen, innerhalb dessen die Lust nicht andauert, oder auf die ewige Strafe im Jenseits. Die endgültige Scheidung von Gott wird ausdrücklich auch auf die Hingabe an weltliche Freuden zurückgeführt.153 Indem das Trachten nach weltlicher Freude im Lied als fehlgeleiteter und trügerischer, ja verderblicher Impuls erkannt wird, wird zugleich häufig ein umgekehrter Impuls gesetzt, ein ‚Suchen‘ oder ein ‚Warten‘, das wahre und andauernde Freude verspricht: „2. Wer an der Welt sich hat vergafft, Sehr kurtze Lust vnd Frewd sich schafft Vnd wird dort ewig müssen Die Lust mit Angst verbüssen. Wer aber sucht mit Innigkeit Allein in Christo Lust und Frewd, Der hat Gewinn am Sterben, Muß ewigs Heil ererben.“154 „3. Gute nacht, ihr eitlen freuden, Gute nacht mit eurem tand: Ihr seyds, die von Gott zu scheiden Mich offt habet angemahnt. Gute nacht: ich wart der freud, Welche bleibt in ewigkeit.“155

Dem fälschlich auf weltliche Dinge gerichteten Affekt der Lust wird durch das Lied eine entgegengesetzte Orientierung verpasst, die seine dauerhafte Erhaltung und unvergleichliche qualitative Steigerung erst ermöglicht: die „ewige Freude“ (Jes 35,10) des Himmels. Damit liegt das erste Beispiel für ein wesentliches Strukturmoment der Sterbe- und Ewigkeitslieder vor: die Kontrastierung von Welt und Himmel, die mit einer affektiven Wirkungsabsicht verbunden ist. Nachdem die Abkehr der Lust von der Welt hier nur angedeutet werden konnte, soll an späterer Stelle die im Lied 146

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M. Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Str. 7): „Die höchste Freüd | Bringt Reü und Leid, | Die, wie man Sie auch wendet, | Offt mehr betrübt | Als Lachen gibt | Und sich mit Eckel endet.“ Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 6,6). Weissel, Ich bin dein satt, du schnöde Welt (Str. 2,4). Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Str. 1,5f): „Vnd wo wir Schein=Lust finden, | Ist Angst vnd Quahl dahinden.“ Anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 12,4). Anon., Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, was widerstrebt (Str. 6,10). Anon. (J. C. F.), Wie, Seelchen, magst du länger kleben* (Str. 5,5f): „[…] biß ihre Lust dich dorthin führt / | wo ewig Unlust wird gespührt.“ Anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 12,5–8): „weltliche Frewden / | thun vns verleiten / | vnd gantz abscheiden / | vom ewign Gut.“ Vgl. auch Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben (Str. 3,1–4). Weissel, Ich bin dein satt, o schnöde Welt (Str. 2,1–8). Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben (Str. 3).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

angestrebte entgegengesetzte, also positive Ausrichtung der Affekte Lust und Freude auf Gott, auf das Sterben und auf den Himmel dargestellt werden. b) Schönheit, Jugend, Stärke Die vergängliche Schönheit fehlt ebenfalls in kaum einer strophischen Aufzählung der hinfälligen Güter des Menschen.156 Sie wird häufig anhand des menschlichen Antlitzes mit seinen glänzenden Augen, dem rotem Mund und den roten Wangen gerühmt und beklagt.157 Paul Röbers Lied Ach wie ein kleinen Augenblick158 konzentriert sich sogar ganz auf die Klage um die Schönheit und beschränkt sich dabei nicht auf das Antlitz (auch hier: Augen, Mund und Wangen), sondern nennt auch „Fleisch vnd Beine“ sowie die Gliedmaßen. Das Attribut der Schönheit taucht hier immer wieder auf, für jeden der genannten Körperteile wird ein vergleichendes Bild (Sterne, Edelstein, Purpurkleid, Schiff, Palmbaum [vgl. Hld 7,8]) gefunden, das die Schönheit und Kostbarkeit unterstreicht, und schließlich immer wieder die Frage gestellt: Warum muss diese von Gott gegebene und in der Gottebenbildlichkeit begründete Schönheit vergehen? Die Antwort gibt Str. 7: „O Sünd, O Sünd, du Schlangengifft, | Du, du tilgst vnsre Schöne“. Im letzten Abschnitt wird die Schönheit des Menschen im Himmel restituiert, zunächst an der Seele, dann auch am Leib; die zuvor ausgeführten irdischen Bilder werden dabei überboten.159 Wo nicht die Schönheit des Menschen, sondern die der Welt im Fokus der Betrachtung steht, erfährt sie eine stärkere Abwertung: Hier werden ihre bloße Äußerlichkeit und ihr Scheincharakter hervorgehoben.160 Verwandt und daher in den Liedern oft benachbart zur Betrachtung der menschlichen Schönheit sind Jugend, Stärke, Gesundheit – alles Begriffe, die sich wie der der Schönheit auf die körperliche Integrität des Menschen beziehen. Die Jugend ist das Lebensalter der körperlichen Stärke und Frische, die sich wiederum im Rot der Wangen161 und im Bild der Blüte162 ausdrückt. Die Hinfälligkeit dieser Blüte, die Bedrohung der körperlichen Integrität durch den Tod steht den Autoren drastisch vor Augen – auch die Jugend ist vor dem 156

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Vgl. z. B. M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 4); M. Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Str. 6); anon., Sag, was hilft alle Welt* (Str. 3); anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 5); anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 5–6) usw. Vgl. anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 5,1–4): „O was ist doch all pracht und prangen? | Was ist der schönsten äuglein glantz? | Was rohter mund? was lieblich wangen? | Sie sind doch wie ein rosen=krantz“. Altenburg 1627, vgl. FT I 537. Vertreten in Go-1648, D-1656, L-1673, N-1677/90. Zit. u. S. 492 (Str. 9–10) und S. 526 (Str. 11–12). M. Franck, Welt, gute Nacht mit deiner Pracht (Str. 6): „Dein schöner Schein | Trifft gar nicht ein | Dem eüsserlichen gläntzen, | Der offt schmiltzt eh’, | Als leichter Schnee | Zerschmiltzet in dem Lentzen.“ Gerhardt, °Mein Gott, ich habe mir (Str. 11,1–4; nach Ps 39,12): „Der schönen Jugend Krantz / | Der rothen Wangen Glantz | Wird wie ein Kleid verzehret | So hier die Motten nehret.“ Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 6,3f): „Heut blühen wir wie Rosen rot, | bald kranck vnd tod“; M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 4,4–6): „Wie ein Blümlein bald vergehet, | Wenn ein rauhes Lüfftlein wehet, | So ist unsre Schöne, sehet!“; anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 6,1–4): „Was ist jugend / frische jahre / | In der besten blühte stehn? | Junger muht und graue hare | Müssen mit dem tode gehn“. Die Rosenblüte ist bei Schein ein häufig verwendetes Bild in Begräbnisliedern für Kinder, vgl. S. 177.

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Tode nicht gefeit, und schon ein kleines Pestgeschwür reicht aus, um einen starken Mann zu Fall zu bringen: 5. Ach wie flüchtig, Ach wie nichtig Ist der Menschen Stärcke! Der sich wie ein Löw erwiesen, Überworffen mit den Riesen, Den wirfft eine kleine Drüsen!163

Der hinfälligen Stärke des Menschen, die keinen Halt besitzt, stellt Gryphius kontrastierend den Halt durch Gott als „die stärcke selbst“, als Ursprung und Inbegriff alles menschlichen Vermögens gegenüber: 11. Weil vns die lust ergetzet Vnd stärcke freye schätzet, Vnd jugendt sicher macht, Hat vns der todt gefangen Vnd jugendt, stärck vnd prangen Vnd standt vnd kunst vnd gunst verlacht. […] 15. Wol dem, der auff jhn trawet! Er hat recht fest gebawet; Vnd ob er hier gleich fält, Wirdt er doch dort bestehen Vnd nimmermehr vergehen, Weil jhn die stärcke selbst erhält.164

c) Reichtum, Besitz Am Besitzdenken lässt sich in vielen Liedern die Vergeblichkeit irdischen Mühens besonders deutlich plausibel machen. Im Hintergrund steht dabei die synoptische Tradition, etwa Jesu Kritik an der Herrschaft des Mammon. Der reiche Mann aus Lk 16, das Gegenüber des Lazarus, ist eine immer wieder genannte biblische Bezugsfigur.165 Dass das Hängen am irdischen Besitz den Menschen überhaupt an der Erde haften lässt, erhellt nach Auffassung vieler Texte aus der Natur der Schätze: Geld und Gold seien ihrer Herkunft nach letztlich nichts als Kot und Erde.166 In 163 164 165

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M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 5). Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 11; 15). Vgl. Eyring, °O Mensch, gedenk der letzten Stund (Augsburg 1611; Str. 2,1–6): „Der Reiche Mann all tag wol aß, | Darbey vergaß | Vor seiner Thir der Armen; | Er ward getragen in die Höll, | Drinn leidt Er quell, | Im fewr mußt Er erwarmen.“ Ähnlich Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 11); anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 8–9). Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 3,2): „Gold ist nichts denn rote Erd“; anon., Sag, was hilft alle Welt* (Str. 5,3f): „Gold ist nur rothe Erd / | die Erd ist nicht viel werth“; Sohren, Gute Nacht, du eitles Leben (Str. 2,1f): „Gute nacht, ihr eitlen schätze, | Gute nacht, du güldner koth“; anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 4): „Was ist reichthum? was sind schätze / | Nur ein gläntzend gelber koht.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Gregorius Richters Lied Steh doch, Seele, steh doch stille erscheinen sie als einer der Faktoren, die die Seele im wahrsten Sinne des Wortes so beschweren, dass sie an der Erde ‚kleben‘ bleibt, erdverhaftet, anstatt sich gen Himmel aufzuschwingen.167 Aussagen wie die von Rist, das Geld trenne von Gott,168 lassen an Jesu Mahnung denken, niemand könne zwei Herren dienen (Mt 6,24); die Analogie zur ‚Weltlust‘, die ebenfalls von Gott trennt, ist deutlich. An die Stelle von Gold und Geld kann bei der Zurückweisung des nichtigen Reichtums, die auch eine sozialkritische Komponente hat, die gesamte irdische Prachtentfaltung (‚Prangen‘) treten: Zierat, Edelsteine,169 reiche Kleidung.170 Samt, Seide und Purpur können nicht dauern; im Falle der Königsfarbe Purpur wird die Sozialkritik implizit durch Herrschaftskritik ergänzt.171 Purpur und Seide, Produkte von Schnecken und ‚Würmern‘ (Raupen), verweisen zudem wieder auf die Zugehörigkeit der materiellen Güter zur Erde und auf Zerfall und Verwesung. Wenn dieser Zusammenhang in dem verbreiteten Lied Sag, was hilft alle Welt* betont wird, so mag darin auch der Appell an den Ekel der Rezipienten enthalten sein, der seinerseits ein Element des erwünschten Weltüberdrusses darstellt: 6. Was ist das roth Gewand / das Purpur wird genant? Von Schnecken aus dem Meer / kom[m]t aller Purpur her. 7. Was ist die Seiden=Pracht? Wer hat den Pracht gemacht? Es haben Würm gemacht / den gantzen Seiden=Pracht. 8. Was seynd dann solche Ding / die wir schätzn nicht gering?

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Vgl. Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille: Str. 1,3f: „dein Wille, […] Der so gar klebt an der Erde“; Str. 4,5f: „Schwing dich, Seele, von der Erden, | Soll dir doch der Himmel werden.“ Str. 10,5f: „Wilstu auff der Erden liegen? | Kanstu doch in Himmel fliegen!“ Str. 11,1f: „Wilstu dich in Kott so sencken, | So du bist zum Reich erkorn?“ Str. 13,1: „Wirff doch hin, was dich beschweret!“ Rist, O Gott, der du mit großer Macht (Str. 8,3f): „Was sol mir das verfluchte Geld | Als mich von Gott zu trennen?“ Anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 9,1–4): „O was ists doch mit edelsteinen? | Was ist smaragd / was hyacinth? | Der welt sie wol gar köstlich scheinen / | Doch von dem tod nicht köstlich sind?“ Ringwaldt, °Mein lieber Christ, steh doch was still (Str. 10,3f): [Untergehen musst du] „Sampt allen deinen Kleiderlein, | die nichts als haderlumpen sein“. Der Tod wird als Strafe nicht für die prächtige Kleidung („Federn“) verstanden, sondern für die hoffärtige Haltung, die sich darin ausdrückt (Str. 11): „Vnd zwar dein Federn straff ich nicht, | sondern die Hoffart die dich sticht, | Vor welcher du nicht weist gar ebn, | wie hoch du solt die Nase hebn.“ M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 12): „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig | Ist der Menschen Pran gen! | Der im Purpur hoch vermessen | Ist als wie ein Gott gesessen, | Dessen wird im Todt vergessen!“

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Erd / Würm / Koth / Schnecken=Blut / ist / das uns zieren thut.172

Die Unbeständigkeit des irdischen Besitzes erweist sich nicht erst angesichts des Todes: Schon vorher kann er durch Unfälle und Unwägbarkeiten, durch „Gluht und Fluth“, verloren gehen.173 Erst recht gilt das angesichts des Todes: Der Reichtum bietet keinen Schutz vor dem Tod;174 er ist hier, so der häufig begegnende Gedanke, gar nichts mehr nütze.175 Besitz kann der Mensch zwar anhäufen, aber nicht in den Tod mitnehmen176 – er muss ihn auf Erden zurücklassen.177 ‚Davontragen‘ lassen sich allenfalls immaterielle Güter, nämlich die guten Werke: „Hast viel guts thon, | so trags darvon, | sonst wird man dir nichts lassen.“178 Exemplarisch ist der Topos des ‚letzten Hemdes‘, Leichenkleides oder Leichentuches, des einzigen Besitzes, dessen der Mensch im Tod nicht beraubt wird. So spricht der Tote zum Lebenden: 6. Von all deim Reichthumb gibt man dir nicht gern ein altes Leylach schier, Dann ist dein Pracht vnd Ziert dahin vnd wirst gestalt wie ich jetzt bin.179

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Anon., Sag, was hilft alle Welt* (Str. 6–8). M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 10): „Ach wie nichtig, | Ach wie flüchtig | Sind der Menschen S chätze! | Es kan Gluht und Fluth entstehen, | Dadurch, eh wir uns versehen, | Alles muß zu trümmern gehen!“ Vgl. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 5): „Es hilfft kein Reichthumb, gelt noch gut | kein kunst noch gunst, auch stoltzer mut: | Fürn tod kein kraut gewachsen ist, | mein from[m]er Christ, | alles was lebet sterblich ist.“ Dach, Raffet auch der Tod die greisen Haare (Str. 3,1f): „Trotzt jhr Reichen nur auff ewre Schätze; | Könnt jhr auch entgehn des Todes Netze?“ Vgl. Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 5): „Dis alles wirdt zerrinnen, | Was müh vnd fleis gewinnen | Vnd sawrer schweis erwirbt. | Was Menschen hier besitzen, | Kan für dem todt nicht nützen; | Dis alles stirbt vns, wenn man stirbt.“ Gerhardt, °Mein Gott, ich habe mir (Str. 6,1–4 nach Ps 39,7): „Sie gehen in der Welt | Und suchen Gut und Geld | Der Schatten einen Schemen: | Und können nichts mit nehmen“. Vgl. z. B. anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 10,3): „Alles must du andern lassen“; Gesenius/ Denicke, Wie lieblich sind daroben (Str. 6,7): „Ich muß es alles lassen“; anon., °O Mensch, bedenk jetzunder mich (Str. 5,3f): „Das alles must du lassen hie, | als wann du hie werst gwesen nie.“ Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 2,8–10). Die Bedeutung, die den ‚Werken‘ in diesem Zitat zukommt, wirft die Frage nach dem konfessionellen Ursprung des Liedes auf. Wackernagel (W V 1557.) entnimmt es dem katholischen Cornerischen Gesangbuch (1631), wobei die Autorangabe Petrus Franciscus unsicher und die Textfassung um vier vorgeschaltete Strophen erweitert ist (vgl. S. 188 Anm. 121). Drei von mir gefundene Belege ähnlichen Alters stammen allerdings aus dem lutherischen Bereich, nämlich aus der 2. Auflage von Joseph Clauders Psalmodia nova (Altenburg/Leipzig 1630), aus T-1631 und N-1637 (laut Vorrede dem Nachdruck einer verschollenen Ausgabe von 1631). Die vier im Cornerischen Gesangbuch vorgeschalteten Strophen sind hier nirgends enthalten. Anon., °O Mensch, bedenk jetzunder mich (Str. 6); „Leylach“ = Leintuch. In anderen Liedern ist es „nur ein Schweißtuch“ (Grünewald, Es woll ihm Gott genädig sein, Str. 6,6), „ein tuch ins grab“ (Gesenius/ Denicke, Wie lieblich sind daroben, Str. 6,8), eine „leynen wath“ [Tuch] (anon., Wir müssen alle sterben, o Mensch*, Str. 6,4), die der Mensch stellvertretend für seinen gesamten Besitz mit ins Grab bekommt – „vnd hett ers Keysers gut“ (Wir müssen alle sterben, o Mensch*, Str. 6,7).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

An anderer Stelle kann nicht einmal mehr dieses letzte Besitztum gehalten werden, so dass der Mensch ebenso nackt in die Grube fährt, wie er vom Mutterleibe kam (vgl. Hi 1,21): „Alles must du andern lassen / | Nackt zur grube kriechen ein“180. d) Wertschätzung durch die Mitmenschen Ein weiterer Bereich von irdischen Gütern, deren Nichtigkeit der Tod erweist, betrifft Ruhm und Ehre, also all das, was der Mensch in der Öffentlichkeit aufgrund seiner Stellung oder seiner Taten bei den Mitmenschen gilt. Dazu kommen zwischenmenschliche Beziehungen wie Gunst, Freundschaft und Liebe. Die Flüchtigkeit des Ruhmes, dessen großer Feind das Vergessen ist,181 betonen schon die Liedautoren des 16. Jahrhunderts (Triller, Leon): aus den Augen, aus dem Sinn.182 Sobald der Mensch gestorben ist, erlischt auch das Interesse der Mitmenschen an seinen vormals gerühmten Taten.183 Indem sie ihn mit Füßen treten, entlarven sie die ihm zuvor erwiesene Ehre als Heuchelei,184 die Liebe als falsch.185 Verlässlicher und dauerhafter als die öffentliche Wertschätzung durch Ruhm und Ehre seien auch ihre privateren Formen wie Freundschaft und Liebe nicht. Der Begriff der ‚Gunst‘, der in diesem Zusammenhang häufiger auftaucht, ist im Sinne der Vorteilsvergabe durch einen Überlegenen zu verstehen, gelegentlich aber auch im Sinne von gleichberechtigtem freundschaftlichem Wohlwollen oder Zuneigung:186 6. Ach was ist doch Menschen Gunst? Nur ein blauer Nebel=Dunst. Lieber, trau dem Freunde nicht, Auch der Bruder Glauben bricht.187

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Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 10,3f). Vgl. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 4): „Was ist der mensch? ein erdenkloß, | vom muterleib kom[m]t er nackt vnd bloß, | Bringt nichts mit jm auf dise welt, | kein gut noch gelt, | nimmt nichts mit jm, wenn er hinfellt.“ Zu Hi 1,21 vgl. unten S. 454. Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 1,1f; 2,7): „O Mensch, bedenck zu dieser frist, | was dein rhum ist auff Erden […] sein thun wird bald vergessen.“ Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 7): „Man tregt eins nach dem andern hin, | wol auß den augen vnd den Sin, | Die Welt vergisset vnser bald, | sey jung oder alt, | auch vnser ehren manigfalt.“ Dieselbe Wendung auch in Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 13,3), s. u. Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 3): „Der ruhm, nach dem wir trachten, | Den wir vnsterblich achten, | Ist nur ein falscher wahn. | Sobald der Geist gewichen | Vnd dieser mundt erblichen, | Fragt keiner, was man hier gethan.“ M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 5): „Ach wie flüchtig, | Ach wie nichtig | Ist der Menschen E h re ! | Über den, dem man hat müssen | Heüt die Hände höflich küssen, | Geht man morgen gar mit Füssen!“ Müller, Ade, du süße Welt (Str. 6): „Fahr hin mit deiner Gunst / | falsch lieben ist die Kunst / | dadurch man wird betrogen / | bist du mir nicht gewogen? | Was frag ich nach den Lieben / | das endlich muß betrüben?“ Vgl. DWB s.v. ‚Gunst‘ B 1; pejorativ B 5. Rosenthal, Ach was ist doch unser Lebn? (Str. 6); vgl. anon., O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* (Str. 4): „Was Menschen=Gunst? | Nuhr Schatten / Dunst“.

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Auf die ‚Gunst‘ der Mitmenschen ist so wenig Verlass wie auf das „Aprillen=Wetter“188. Auch die nächsten Angehörigen, so zeigt sich im Tod, sind in ihrer Zuneigung eigennützig; ihre Trauer ist rasch vergessen, wenn es an die Verteilung der hinterlassenen Besitztümer geht: 6. Bald nach dem Todt mit deinem Leib wird man dem Grab zueylen, Der letzte Trost von Kind vnd Weib ist weynen vnd groß heulen. Ein halben Tag wert dann jhr Klag, biß Morgen werdens lachen, Man wirfft dich nein, es muß nur seyn, man thuts keim anders machen. […] 8. Dein Freundschafft wird ein kleine zeit vmb deinen Tod sich klagen, Ein mantel vnd ein schwartzes Kleyd ein halbes Jährlein tragen, Dann spricht die Rott ‚genad jm Gott‘, deinr hat sie schier vergessen, Theilen dein Haab, so du im Grab von Würmen wirst gefressen. […] 13. Wann dann du bist genommen hin kein Mensch wird nach dir fragen: ‚Was aus den Augen auß dem Sinn‘ thut das gmein Sprichwort sagen. All Lieb vnd trew wird man ohn Schew mit dir ins Grab nein scharren: Weh, wem die Welt so sehr gefellt! jhr Freund seynd lauter Narren.189

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Anon., O Flüchtigkeit, o Eitelkeit* (Str. 4): „Was Menschen=Gunst? | Nuhr Schatten / Dunst / | Und wi di Rosen=Blätter: | Si ändert sich Oft wochentlich | Wi das Aprillen=Wetter.“ Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 6; 8; 13). Vergleichbare Schilderungen finden sich etwa in anonymen Liedern aus Nürnberger Gesangbüchern: Wir müssen alle sterben, o Mensch* (Nürnberg 1599 u.ö., Str. 7,5–7): „Die freundt theilen das Gut behend / | offt mit greinen vnd zancken / | dardurch Gott wirdt geschendt.“ Ich weiß nicht, wann ich sterben muss* (Nürnberg 1637, Str. 5,3–6,4): „[…] vnd wen[n] die Glock verleurt jhren Thon | so haben die Freund meiner vergessen schon. || Ehe daß verfault mein Leib vnd Blut / | ehe jhn ein Würmlein angreiffen thut / | so theiln die Freund mein Gut mit zanck / | vnd sagn mir doch nicht einmal Danck.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Die didaktisch motivierte Ausmalung der Treulosigkeit der Freunde im Vorfeld des Todes steht freilich im Gegensatz zu der literarischen Tradition des Lobes, mit dem Verstorbene in Begräbnisliedern bedacht werden (vgl. S. 439); nach dem Tod ist positives Erinnern also durchaus möglich. e) Macht Der herrschaftskritische Einschlag der Vergänglichkeitsbetrachtung ist bereits angeklungen und wird auch in der Totentanzthematik nochmals Erwähnung finden; in der Reihe der nichtigen irdischen Güter sind weltliche Macht und militärischer Erfolg190 ebenfalls ein klassisches Element. Thronen, Kronen und Szeptern als den Insignien der Macht wird ebenso wie anderen Besitztümern die Fähigkeit abgesprochen, Schutz vor dem Tod zu bieten.191 Der König liegt nach seinem Tod in einem engen Sarg statt im weiten Königssaal, sein Palast wird niedergerissen, die Herrschaft übernimmt ein anderer.192 Indem der Tod auch den Mächtigsten und Höchstgestellten zur Erde erniedrigt, kehrt er die weltlichen Verhältnisse um (vgl. Lk 1,52).193 Der vergänglichen, dem Tode verfallenen weltlichen Macht, die vor dem Tod nicht schützt, wird bei Gryphius wieder die ewige Königsherrschaft Gottes gegenübergestellt und dem Menschen als Zuflucht empfohlen: 7. Du must vom ehren Throne, Weil keine macht noch krone Kan vnvergänglich seyn. Es mag vom Todten reyen Kein zepter dich befreyen, Kein Purpur, Gold noch Edler stein. […] 14. Verlache welt vnd ehre, Furcht, hoffen, gunst vnd lehre Vnd fleuch den HERREN an, Der jmmer König bleibet, Den keine zeit vertreibet, Der einig ewig machen kan.194

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Vgl. anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 2–3) mit Alexander dem Großen als Beispielfigur. Vgl. z. B. anon., Sag, was hilft alle Welt* (Str. 2): „Was hilfft der hohe Thron / | das Scepter und die Kron?“ Vgl. anon., Entreißt euch, meine Sinnen* (Str. 5,5–8): „Der scepter und die krone / | Deß königs purpurkleid / | Kriegt doch den tod zum lohne / | Und ist nur eitelkeit“; anon., Es sind doch nur Eitelkeiten* (Str. 2,1f): „Eitel ist des scepters würde / | Eitel ist der kronen bürde“; Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 7, s. u.). Vgl. anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 11–12). Vgl. M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 11,4–6): „Der durch Macht ist hoch gestiegen, | Muß zu letzt aus unvermügen | In dem Grab erniedrigt ligen!“ Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 7; 14). Zum „Todten reyen“ vgl. S. 248.

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I. Vergänglichkeit

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f) Kunst und Weisheit Ein letztes Element unter jenen Gütern, die regelmäßig als nichtig eingestuft werden, ist die ‚Weisheit‘. Damit kann eine langjährige Lebenserfahrung gemeint sein: Angesichts des Todes „Hilfft nicht alle Weißheit vieler Jahre“, so Dach.195 Biblischer Patron der Weisheit ist Salomo, den der Tod ebenso ereilt hat wie alle anderen Menschen auch.196 Im Zusammenhang mit der Weisheit fällt häufig der Begriff der ‚Kunst‘: Während „hochgelahrte kunst“197 den Konnex zur wissenden Gelehrsamkeit ausdrückt, betont die Verbindung „kunst und geschicklichkeit“198 den Aspekt des ‚Könnens‘, des Beherrschens bestimmter Fertigkeiten. Das kann die Fähigkeit sein, gewandt zu reden,199 sich schöpferisch zu betätigen200 oder spekulativ und abstrakt zu denken – so buchstabiert ein anonymes Lied „weise seyn“ aus als „tieff speculieren“ und „subtil philosophiren“201. Ein anderes exemplifiziert die gelehrten Fertigkeiten etwas unbeholfen an berühmten Beispielen aus der Antike: 6. Wo ist Virgilius / auch Aristoteles / Plato / Empedocles / mit jhrer Kunst / jhr hoch studiren / jhr speculiren / jhr trefflich lehren / ist alls vmbsonst. 7. Von Cicerone / hab ich vernom[m]en / daß er hab können / wol reden fein / jhn halff kein reden / kein Klag noch beten / kondt sich nicht retten / von Todtes Pein.202

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Dach, Raffet auch der Tod die greisen Haare (Str. 1,2). Vgl. Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 4,1): „Es hilfft kein weises wissen“; anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 3,6): „Nichts hilfft klug und weise seyn.“ Dach, Raffet auch der Tod die greisen Haare (Str. 2,1f): „Wo ist Salomon der weyse blieben? | Ist er durch den Tod nicht auffgerieben?“ Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 3,2). Anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 4,4). M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 8): „Ach wie nichtig, | Ach wie flüchtig | Ist der Menschen Wiss en! | Der das Wort kunt prächtig führen | Und vernünfftig discurriren, | Muß bald alle Witz verlieren!“ M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 9): „Ach wie flüchtig, | Ach wie nichtig | Ist der Menschen Ti ch te n ! | Der, so Kunst hat lieb gewonnen | Und manch schönes Werck ersonnen, | Wird zu letzt vom Todt erronnen!“ Anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 4,1–3). Anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 6–7).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Beim Tod stößt die Weisheit der Welt auch insofern an ihre Grenze, als sie über den Verbleib der Seele nach dem Tod keine Auskunft zu geben vermag; die Antwort („Bey Christo“) ist nur aufgrund von Gottes Wort möglich.203 Eine besondere ‚Kunst‘ freilich zielt auf den Erwerb einer Fertigkeit, die sich gerade auf diesen menschlichem Wissen entzogenen Bereich erstreckt: die Ars moriendi oder Sterbekunst (vgl. S. 263). g) Vergänglichkeit der gesamten Schöpfung Alle Elemente aus der Reihe der nichtigen irdischen Güter explizieren letztlich entweder die Rede von der Nichtigkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens oder die von der Eitelkeit der Welt. Dabei kann entweder die Klage über den Verlust der Güter oder die Abwertung der irdischen Verhältnisse (contemptus mundi) stärker im Vordergrund stehen, je nachdem, ob die Güter eher dem Menschen selbst als mit dem Leben verbundener Besitz zugeordnet sind oder eher der ohnehin von vorneherein als ‚falsch‘ apostrophierten Welt. So macht es einen Unterschied, ob etwa ,deine‘, ‚unsere‘ oder ‚der Menschen‘ Schönheit bedacht wird oder die Schönheit der Welt, die nicht am Leben eines Einzelmenschen haftet und nicht direkt auf den Menschen bezogen ist. Dass die Vergänglichkeit nicht nur den Menschen, sondern auch ausnahmslos seine nichtmenschliche Umgebung und damit den gesamten geschaffenen Kosmos bis zum geschaffenen Himmel und seinen Gestirnen204 betrifft, hat die lutherisch-orthodoxe Dogmatik in der Lehre von der radikalen ‚annihilatio mundi‘ besonders hervorgehoben.205 Entsprechendes findet sich auch in vielen Liedern, die von der Eitelkeit handeln: Gryphius’ Formulierung „DIe Herrlichkeit der Erden | Mus rauch vnd aschen werden“206, in der ein finaler Weltbrand angedeutet wird, ist nur das berühmteste Beispiel; auch bei Michael Franck heißt es: „Alles, alles, was wir sehen, | Das muß fallen und vergehen“ – ergänzt um den hoffnungsvoll gestimmten, paränetischen Schlussvers des ganzen Liedes: „Wer GOtt fürcht, wird ewig stehen“207.

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Störner, °Es traur, was trauren soll (Str. 2; 3,13). Das Lied Urban Störners (nach FT I 220. Danzig 1627; nach Kessler, Gesangbücher, 108 bereits Danzig 1626) ist nicht nur in zeitnahen Folgeauflagen des Erstbelegs nachzuweisen (z. B. D. Marth. Luthers […] geistreiche Lieder, Psalmen und Lobgesänge, Danzig 1629), sondern auch in einem Lüneburger Stern-Druck von 1671 mit ähnlichem Titel, der von der Danziger Gesangbuchtradition offensichtlich abhängig ist, wie die Auswahl und Abfolge der Lieder und Rubriken zeigt. Vgl. anon., O was ist doch das menschlich Leben* (Str. 7,1–4): „O was ist doch die blaue decken | Der welt / was ist das güldne rad / | So uns thut fort den tag erwecken / | Wenn der bey uns geschlaffen hat?“ Vgl. Stock, Annihilatio mundi. Vgl. Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 1). M. Franck, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (Str. 13,4–6). Vgl. anon., Es ist doch in diesem Leben* (Str. 6): „Muß nicht selbst einmahl verschwinden / | Diese Welt so weit und breit / | Ja zum Grabe muß sich finden | Auch die Schönheit dieser Zeit“; anon., Entreißt euch, meine Sinnen* (Str. 1,7f): „Zu nichts muß alles werden / | Und sterben mit der zeit.“

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I. Vergänglichkeit

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4. Vergänglichkeit und Sterblichkeit aus theologischer Sicht Zur zeitlich begrenzten Dauer des Menschen und der Welt bildet Gottes Ewigkeit einen fundamentalen Kontrast, der in den Präexistenz- und Ewigkeitsaussagen von Ps 90 deutlich zur Geltung kommt: Gott ist von Ewigkeit her, noch ehe die Welt geschaffen wurde (Ps 90,2). Paul Gerhardts Liedfassung von Ps 90 rühmt ihn als den „Anfang aller Dinge“208, und die Fassung von Simon Dach ergänzt zur Ewigkeit Gottes im Anfang diejenige am Ende, „wenn alles nichts mehr ist“; die menschliche Vergänglichkeit wird ihr direkt gegenübergestellt („Hergegen, ach! wir Menschen sind“ usw.).209 Bartholomäus Ringwaldt dehnt in seiner Fassung die Ewigkeitsaussage über Gott von Ps 90,2 insofern auch auf die Menschen aus, als er sie im Sinne der Providenz umzudeuten weiß: Von Ewigkeit her hat Gott nicht nur existiert, sondern auch die Seinen ausersehen, gewusst und gekannt.210 Eine andere Bezugsstelle für den Kontrast von Vergänglichkeit und Ewigkeit, freilich nicht in Bezug auf Gott selbst, sondern auf sein Wort, ist Jes 40,6.8 (vgl. 1Petr 1,24f): Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit. Etwa Harsdörffer spielt darauf an und stellt dem Wort des Herrn wiederum die Vergänglichkeit der Welt gegenüber.211 a) Die Ursachen der Vergänglichkeit In den vorangegangenen Abschnitten wurde untersucht, wie die Flüchtigkeit des Lebens, der Welt und der irdischen Güter in den Liedtexten dargestellt wird. Tatsächlich steht oft die Klage über die Vergänglichkeit im Vordergrund, ohne dass über ihre Ursachen ausdrücklich reflektiert würde. Die bisher behandelten Texte und Textpassagen bieten dabei keine reine Beschreibung der Phänomene der Vergänglichkeit, keine bloße Phänomenologie. Ihr theologischer Deutungsgehalt ist vielmehr in der negativen Beurteilung dieser Phänomene zu sehen, wie sie sprachlich im Gestus der Klage zum Ausdruck kommt: Die Welt als das „Jammerthal“ ist die Gott grundsätzlich entgegengesetzte Sphäre, die durch ihre nichtigen Güter die Menschen von Gott trennt, sie um seine Wahrheit betrügt und dem Tode anheimgibt. Zuweilen wird jedoch auch die Frage nach der Ursache der Vergänglichkeit gestellt; damit wird eine weitere, tiefere theologische Dimension berührt. Die Frage kann rein von Gott her oder auch vom Menschen her beantwortet werden: Als Ursachen der Vergänglichkeit werden einerseits der souveräne und dem Menschen bisweilen undurchdringliche Wille Gottes, andererseits – und dies vor allem – die Sünde des Menschen genannt. Was den souveränen Willen Gottes betrifft, so bezieht sich etwa Simon Dach gelegentlich darauf – etwa in dem Lied Herr, du tust, was dir gefällt 208

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Gerhardt, Herr Gott, du bist ja für und für (Str. 1,3–7): „Du bist gewesen eh allhie[r] | Gelegt der Grund zur Erden: | Vnd da noch kein Berg war bereit | Da warst du in der Ewigkeit | O Anfang aller Dinge!“ Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 1–2). Vgl. Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 1): „O Gott, der du die menschenkind | so deinen Son bekennen | Ehe denn die berg geschaffen sind | hast wissen fein zu nennen, | Vnd sie gesehn im Gnadenbund | ehe denn da ist der erden grund | durchs Wort geleget worden“. Vgl. Harsdörffer, °Jerusalem, du Friedensstadt (Str. 6,7–10): „Die Welt muß bald vergehen | Mit jhrem überstoltzen Pracht, | Mit jhrer Frevelvollen Macht; | Mein Hort, dein Wort bestehet!“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

oder in Was stehn und weinen wir zuhauf212. Die getroste Zuversicht in die Güte des Gotteswillens, wie sie sich etwa in Dachs Was soll ein Christ sich fressen ausdrückt, fehlt vor allem in dem zuerst genannten Lied; umso nachdrücklicher wird hier auf seiner Souveränität beharrt. Im Zusammenhang mit den Begräbnisliedern wird noch Gelegenheit sein, diese Problematik zu vertiefen (vgl. ab S. 452). Im Folgenden sollen dagegen einige Aspekte der menschlichen Sünde als Ursache der Sterblichkeit untersucht werden. b) Schlangengift und Adams Fall Besonders eindringlich wird die Frage nach der Ursache der Sterblichkeit in Paul Röbers Lied Ach wie ein kleinen Augenblick gestellt: Sie drängt – in Form der Frage nach dem Grund für die Vergänglichkeit menschlicher Schönheit – über viele Strophen hin bis zur Auflösung: „O Sünd, O Sünd, du Schlangengifft, | Du, du tilgst vnsre Schöne“ (vgl. S. 194). Indem zunächst die Schönheit in die Nähe der Gottebenbildlichkeit gerückt (vgl. Gen 1,27) und anschließend die Schlange erwähnt wird, ist der Locus classicus für die Begründung der Sterblichkeit präsent: die Erzählung vom Sündenfall und der vorausgegangenen Warnung, vom Baum der Erkenntnis zu essen (Gen 2,17). Daneben sind die paulinische Aussage vom Tod als „der Sünde Sold“ (Röm 6,23) und die des Psalters von Gottes Zorn zu nennen, der die Menschen sterben lässt (Ps 90,7f; vgl. S. 206).213 Damit zunächst zu „Adams Fall“, wie er im Lied schlechthin zu diesem Thema genannt wird, in Lazarus Spenglers °Durch Adams Fall ist ganz verderbt (Wittenberg 1524). Ringwaldt greift in seiner Liedfassung von Ps 90 auf das Incipit des reformatorischen Liedes zurück und appliziert damit die Sündenfallerzählung quasi in den Psalm: 2. Sih doch, wie wir durch Adams fall so schendlich sind verderbet, Der todt der folgt vns vberall vnd ist vns angeerbet, Er steckt in vnserm fleisch vnd bein vnd nagt die menschen, gros vnd klein, biß das er sie vertreibet.214

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Vgl. Dach, Was stehn und weinen wir zuhauf (Str. 2): „Der Mensch, sein schönes Meisterrecht, | Sein Wunsch, sein Nachbild, sein Geschlecht, | Der nicht ohn Ihn kan werben | Dies Tageliecht, | Solt’ er auch nicht | Nach seinem Willen sterben?“ Ein frühes Beispiel aus dem 16. Jahrhundert (Nürnberg o.J.) ist das anonyme Herr Gott, dein Gwalt (Str. 1,10f): „Vnd ob das leben mit vergeet, | so gschichts nach deynem willen.“ Vgl. Hutter, Comp. 29,2: „Quae est causa Mortis? Causa primaria est peccatum, Genes. 2,17. […] Rom. 6,23. […] Rom. 5,12. Per unum hominem peccatum in mundum intravit, & per peccatum mors.“ Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 2). Die Strophe bildet den Kontrast zu Str. 1, in der Gottes ewiger Heilswille geschildert wird (vgl. Anm. 210).

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Weitere Bezugnahmen auf Adams Fall als Ursache der Sterblichkeit gibt es bei Schein, Werner und Albert.215 Eine originelle Variante des Motivs bietet Rist, der den Sündenfall als ‚Bund‘ des Menschen mit dem Tod interpretiert: 7. Wir wissen / waß für einen Bund Der Tod mit uns getroffen / Er meldet weder Zeit noch Stund / Umsonst ist alles Hoffen / Wir haben selbst den Bund gemacht Alß Adams Fall uns hat gebracht Das wolverdiente Sterben.216

Während Ringwaldt die Sterblichkeit als ererbte Folge von Adams Fall darstellt, betont Rist in dieser Strophe die verantwortliche Beteiligung jedes einzelnen Menschen, die damit auch die Liedrezipienten inkludiert: „Wir haben selbst den Bund gemacht“. Ganz narrativ behandelt Schein den Stoff vom Sündenfall, aber diesmal nicht auf Adam, sondern aus gegebenem Anlass auf Eva bezogen: Das Lied Eva durch ihr begangne Schuld ist von ihm auf den Tod der Sechswöchnerin (Kindbetterin) Euphrosina Kramer gedichtet und komponiert worden. Nach der Schilderung des Sündenfalls und der Strafen für Schlange, Eva und Adam (Str. 1–4) folgt die applicatio in die Gegenwart: 1. EVa durch ihr begangne schuld / zwar von der Schlang betrogen / Verschertzet hatte Gottes huld / Sein zorn auf sich gezogen / Indem sie wider sein Verbot / Des Apffels thet geniessen / Daher vns noch Creutz / Jam[m]r vn[d] Not Zur straff d[er] sünd thut fliessen. […] 5. Rührt vns nun itzt dergleichen Noth / Darffs vns nicht wundern eben / :/: Als vngerecht wer vnser Gott / Straff vnverschuldt thet geben: Denn weil wir all sind Evae Kind / So müssn wir vns bescheiden / Daß wir ererbet han die Sünd / Darumb wir müssen leiden.217

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Schein, Mit Trauren, Weinen, Klagen (Str. 3,1f): „Rührt alles von der Sünde / Vnd Adams ersten Fall“; Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Str. 1); Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 1,1–3): „DAß alle Menschen sterblich seyn, | Das macht die Sünde nur allein, | Die Adam hat begangen.“ Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (Str. 7,1–7). Schein, Eva durch ihr begangne Schuld (Str. 1; 5).

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Ähnlich wie Ringwaldt verweist Schein auf den ererbten Charakter der Sünde; dabei tritt er ausdrücklich dem Vorwurf entgegen, diese von Gott verhängte Strafe sei „vngerecht“, da sie Menschen „vnverschuldt“ treffe. Offenbar hielt er die dargebotene Lehre nicht aus sich heraus für so plausibel, dass sie keiner derartigen Erläuterung bedurfte. Der paulinischen Rede vom Tod als „der Sünde Sold“ ist die Vorstellung inhärent, Sünde und Tod bildeten zueinander eine Art wirtschaftlichen Gegenwert: Mit dem Tod bezahlt der Mensch für die Sünde, er erwirbt den Tod durch die Sünde, Gott lohnt ihm die Sünde mit dem Tod; an all dies erinnert er sich in der Todesstunde, um nun den Preis für seine Sünde bereitwillig zu zahlen.218 Ein verwandtes Bild ist das des Zolls, der im Tod zu entrichten sei, entweder an den Tod selbst oder an Gott.219 Dieser Gedanke steht nicht ausdrücklich mit der Sünde in Verbindung, sondern gehört eher in den Vorstellungsbereich der Peregrinatio und des Übergangs – den Ausgang aus dem irdischen Leben muss der Mensch mit eben diesem Leben bezahlen. c) Gottes Zorn (Ps 90,7f) Dass die Sünde letztlich den Tod nach sich zieht, wird auch mit dem Zorn Gottes begründet, den sie auslöst. An vielen Stellen ist davon die Rede, dass Gott über die Sünde zürnt; auch das lateinische Media vita fleht zum Herrn als demjenigen, „qui pro peccatis nostris iuste irasceris“220. In Ps 90,7f wird dieser Gedanke ausdrücklich in einen Zusammenhang mit der Sterblichkeit des Menschen gebracht, den zahlreiche Lieder aufgreifen. Zu unterscheiden ist bei der Rede vom Zorn Gottes allerdings, ob er in der Welt, im (zeitlichen) Tod oder in der Ewigkeit wirksam wird. Üblicherweise wird auch die typische Reihe von innerweltlichen Plagen mit dem Zorn Gottes über die menschlichen Sünden erklärt: Krieg, Pest, Teuerung, Hunger, Dürre, Überschwemmung und ähnliche Heimsuchungen werden als Schläge mit Gottes ‚Zornesrut‘ empfunden. In diesem Sinne ist der Zorn nicht ursächlich für die Sterblichkeit,221 denn die Sünde wird ja noch in der Welt verbüßt. Daher taucht eine ganz bestimmte Bitte in einer Vielzahl von Texten auf. Sie hat die Grundstruktur ‚Strafe hier, schone dort‘: Es ist besser, wenn Gottes Zorn den Menschen in diesem Leben trifft als in der Ewigkeit; daher wird für die Gegenwart gerade nicht um Verschonung, sondern nur um „Geduld im Creutze“222 gebeten – vielleicht wird 218

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Vgl. Vorberg, Ist meine Wallfahrt nun vollbracht (Str. 2,1–4): „Legt euch nun hin, mein fleisch und bein: | Der zoll und sold der sünden | Muß doch einmal erleget seyn, | Der tod wird ihn wol finden.“ Weissel, Kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahr (Str. 2): „GOTT lesset zwar die Menschen=Kind | Absterben wegen jhrer Sünd; | Die Sünde also lohnet. | Die Sünd den Tod | Geworben hat, | Der keines nicht verschonet.“ Vgl. Dach, Wer weiß Bescheid, der Sterblichkeit (Str. 3,1–3): „Wenn ich nun soll | Des Lebens Zoll | Durch meinen Todt dir reichen“; Schottelius, Was ist doch unser Lebenszeit (Str. 7,1–4): „Wol dem, der dieses recht betracht | Und so bestellt sein leben, | Daß er sich stündlich fertig macht, | Dem tod den zoll zu geben“. Media vita in morte sumus (V. 4f); vgl. Luther, Mitten wir im Leben sind (Str. 1,6f): „uns rewet unser missethat, | die dich Herr erzurnet hat.“ So z. B. in Ph. Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Str. 9,1f; nach Ps 42,5): „Ich sehe / daß dein Zorn / wie ein Flut | Dem gantzen Land begegnet“. Homburg, Nun, mein Gott, ich bin’s zufrieden* (Str. 6,8).

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sein Zorn, so die Logik des Gedankens, durch die büßerische Haltung besänftigt. Einige Beispiele: „4. Sols ja so seyn, Daß Straff vnd Pein Auff Sünde folgen müssen, So fahr hier fort Vnd schone dort Vnd lass mich ja wol büssen.“223 „3. […] Ach HErr züchtige meinen Leib / In dieser Zeit / Spare mirs nicht auff mein Seele“224. „6. Nun / Herr / hie seng / brenn immer fort / Vmb vnser Sünden willen / :/: Schon aber nur an jenem Ort / Laß deinen Zoren stillen: Daß er nicht brenn in Ewigkeit […]“225 „9. Darüm laß die Straf ’ ergehen, Schlage zu und steupe fort, Liebster Gott, und schone dort. Doch damit Ichs auß=kan=stehen, So verleihe Mir Geduld Nach verborgner Vaterhuld.“226 „21. Gieb meinem Jammer keine Ruh, Ich schliesse meinen Mund dir zu. Wil nichts dawieder sagen. Fahr jmmer fort! Nur laß mich dort, O Vater, vngeschlagen.“227 „17. O Ewigkeit, O Ewigkeit, wie lang bist du, o Ewigkeit! Als dich Sanct Augustin betracht, ‚hie brenn, hie schneid’ zu Gott er sprach, ‚Straff hie nach der Gerechtigkeit, verschon allein in Ewigkeit‘.“228 223 224 225

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Rutilius, Ach Gott und Herr, wie groß und schwer (Str. 4). Anon., O Jesu Christ, wahrer Gottessohn* (Str. 3,4–6). Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 6,1–5); vgl. auch Schein, Mein Herz ruht und ist stille (Str. 3,5f; 1624): „Drumb brenn vnnd seng hier immer fort / Schon nur / O Herr / an jenem Ort.“ Neumark, Ich bin müde, mehr zu leben (Str. 9). Dach, °Wie lang soll deine Zornflut sich (Str. 21). Anon., °O Ewigkeit, o Ewigkeit (Str. 17). Das Lied stammt ursprünglich aus einem Kölner Gesangbuch von 1625 (vgl. W V 1509., so hier zitiert) und wird in der Ewigkeits-Rubrik lutherischer Gesangbücher (z. B. N-1677) in einer veränderten Fassung von Daniel Wülffer verwendet (Nürnberg 1648, vgl. FT III

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Einen Konnex zwischen innerweltlicher Strafe und zeitlichem Tod stellt dagegen das anonyme Lied Ich stund an einem Morgen* her.229 Für „ewr sündlichs Leben / | vnnd Boßheit mancherley“ hat Gott manche zeitliche Heimsuchung geschickt: Franzosenplage, Teuerung und Streit. Damit will er die Menschen noch rechtzeitig, also vor dem leiblichen Tod, zu Buße und Umkehr bewegen. Doch Hoffart, Wucher und Unkeuschheit dauern an; darum kommt der Tod nun selbst und droht: „ich wil nicht lenger warten / | denn kommen ist der Tag […] Daß ich euch selbst wil würgen“. Zum Schluss wird dann noch einmal zur Buße aufgerufen, denn „So wird Gottes zoren minder“. In dem Lied Ich stund an einem Morgen* wird der Zorn Gottes also durch konkrete Verfehlungen ausgelöst, für die die angeredeten Menschen mit dem Tod büßen müssen, wenn sie nicht schon vorher ausreichend Buße getan haben. Anderen Texten zufolge bezieht sich der für den Tod ursächliche Zorn auf die Erbsünde und damit auf das ganze Menschengeschlecht nach dem Fall. Der Reim ‚Zorn‘ – ‚[in Sünd] geborn‘ taucht dabei häufiger auf. Ist der Mensch in Sünde geboren, so ist er auch im Zorn geboren; und da das nach dem Fall für alle gilt, sind auch alle sterblich, denn es ist – so Schein mit Ps 90,7 – der Zorn, der den Menschen dahinfahren lässt.230 Ringwaldt sieht den gerechten Zorn Gottes, der die Menschen sterben lässt, konkret in der Übertretung der Gebote begründet, die aber ihrerseits aus der Erbsünde resultiert.231 Darüberhinaus ist die Furcht vor dem Zorn Gottes ein wesentlicher Bestandteil der Anfechtung durch die Sünde, die angesichts des Todes in besonderer Weise virulent werden kann (vgl. S. 307). In der Bedrängnis dieser Anfechtung hat die Erinnerung an Christus, der den Zorn stellvertretend erlitten und damit den Tod überwunden hat, ihren eigentlichen Ort (vgl. ab S. 353).232

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276.; dort fehlt der Hinweis auf Augustinus, vgl. Str. 15,3f: „Wer dich besinnt, zu Gott so spricht: | Hier brenn! hier schneid! hier straff und richt!“). Der narrative Einstieg Ich stund an einem Morgen heimlich an einem Ort, bei dem das Ich heimlich ein Gespräch belauscht, stammt aus einem weltlichen Lied, zu dem es zahlreiche geistliche Kontrafakturen gibt (vgl. W III 792., 1255., 1258., 1259., 1260.; W IV 444., 1173.; W V 1008., 1133.; Gespräche zwischen Gott und Christ, Adam und Eva, Satan, gesundem und kranken Menschen usw.). Die im 17. Jahrhundert am weitesten verbreitete Fassung ist jedoch bei W und FT nicht enthalten. Sie findet sich 16 Mal im ausgewerteten Material, vorwiegend in den älteren Nürnberger und in den Leipziger Gesangbüchern (ältester Beleg: N-1594; vermutlich gibt es noch ältere). Schein, Lass dir, o mein Herr Jesu Christ (Str. 3,8–10): „Kein Mensch kan ihm [dem Tod] entgehen / | Das macht die Erbsünd vnnd dein Zorn / | Darinn wir alle sind geborn.“ Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 3,5–7): „Das macht, HErr, dein gerechter zorn, | dieweil wir seind in sünd geborn | vnd dein gebot nicht halten.“ Schein, In Sünden und in Gottes Zorn (Str. 1): „IN Sünden vnd in GOttes Zorn | Sind wir geborn / | Vnd weren all verdorben / | Wen[n] Jesus Christus Gottes Sohn | vons Himmels Thron | Nicht wer für vns gestorben / | Aus grosser Lieb / | Die ihn so trieb / | Den Zorn gestillt / | Das Gsetz erfüllt / | Vnd vns das Heyl erworben.“

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5. Zusammenfassung Die Kürze und Vergänglichkeit des Lebens und das allgemeine Todesschicksal gelten als Teil der conditio humana, der durch Adams Fall bedingt ist, und werden in einer Vielzahl von Liedern betrachtet. Der Begriff der ‚Eitelkeit‘ (vanitas, vgl. Koh 1,2), der in einigen Gesangbüchern einen eigenen Rubriktitel bildet, hat sich dafür ab 1650 verstärkt etabliert. Eingeleitet werden entsprechende Betrachtungen sehr häufig von einer Form der rhetorisch zu verstehenden Frage: „Was ist doch des Menschen Leben?“ Bilder, die wie Erde, Schatten, Gras, Blumen und viele andere die Vergänglichkeit dieses Lebens illustrieren, werden in den Liedern des 17. Jahrhunderts oft kumulativ aneinandergereiht. Sie wirken dadurch austauschbar, was den Gedanken der allgemeinen Nichtigkeit unterstreicht: Letztlich ist alles Sichtbare nur ein Ausdruck und Spiegel der Vergänglichkeit. Theologisch wird die Sterblichkeit des Menschen einerseits mit Gottes Souveränität (vgl. Ringwaldt: Providenz), andererseits mit seinem Zorn über die Sünde begründet (Ps 90,7f). Der menschlichen Vergänglichkeit steht die Ewigkeit Gottes gegenüber (Ps 90,2). Die Welt als Ort des menschlichen Lebens ist die Gott entgegengesetzte Sphäre, die ihrem Wesen nach falsch und verlogen ist und der als solcher Verachtung (contemptus) und Abwertung entgegengebracht wird. Sie umfasst den Bereich der nichtmenschlichen, vor allem aber der menschlichen Schöpfung. Im Verlauf des Untersuchungszeitraums zeichnet sich eine Steigerung der Abwertung und zugleich der positiven Bewertung des Abschieds von der Welt ab. Einerseits ist das Leben im ‚Jammertal‘ der Welt durchweg von der Erfahrung des Leides bestimmt und erfordert vom Christen insofern schon per se die Kreuzesnachfolge. Andererseits weiß sich die Welt ihrem Bewohner durch eine Vielzahl in Wahrheit nichtiger Güter wie Lust, Schönheit, Macht, Ehre, Reichtum und Weisheit attraktiv zu machen: ‚Kinder dieser Welt‘ sind die Menschen, die diesen Attraktionen noch in Verblendung erlegen sind. Im Lied wird wie in anderen Frömmigkeitsübungen die ablehnende Haltung gegenüber der Welt und die Buße im Sinne einer Ablösung von ihrer Anziehung eingeübt. Zum einen geschieht dies – häufig in der Form einer strophischen Aufzählung – in der Belehrung über das Wesen der irdischen Güter, die darin Inbegriff der Welt sind, dass das Trachten nach ihnen von Gott trennt. Ihre Nichtigkeit erweist sich schon während des Lebens, spätestens aber im Tod. Alle Güter werden im Himmel unvergleichlich überboten: die irdische durch himmlische Lust, die irdische durch himmlische Schönheit usw. Der Loslösung von der Welt dient zum anderen die verbreitete Abschiedsrhetorik, bei der das Ich die Abkehr von der Welt performativ vollzieht. Die gedankliche Nähe zum eigenen Tod wird dabei stärker explizit als bei der allgemeinen Vergänglichkeitsbetrachtung; ihren Sitz im Leben dürfte die Abschiedsrhetorik nicht nur in der büßerischen Weltabkehr haben, sondern auch in unmittelbarer Todesnähe. Das Ich wendet sich direkt an die Welt als Person, deren Wesen es als grundlegend falsch und wahrheitsfeindlich durchschaut hat. Auch in anderen Liedern wird die Welt mit Personen verglichen (Henker, Fischer, Wirt); die zentrale Metapher ist allerdings das

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Haus (auch Gefängnis, Theater, Gasthaus usw.). Dass Weltabkehr und Buße nicht als Werk des Menschen, sondern als Gabe Gottes verstanden werden, zeigen die Bitten um eine entsprechende Haltung.

II. Der Weg des Lebens als Pilgerreise und als ritterlicher Kampf Christlicher Wandel in einer Welt, die den Menschen durch ihre trügerischen Verlockungen von Gott zu trennen sucht, kann ohne göttliche Hilfe nicht gelingen und stellt an den Menschen zugleich einen hohen Anspruch: Leidensbereitschaft in der Nachfolge Christi, Buße als Abwendung und innere Ablösung von der als trügerisch erkannten Welt sowie die daraus resultierende äußere Heiligung des Lebens, das so als gottgeweiht und nicht mehr weltverhaftet erkennbar wird. Die Aufforderung zur Buße1 und die Warnung vor dem ‚Sparen‘ oder ‚Verziehen‘ der Buße2 gehören ebenso wie die Bitte um eine reuige, büßerische Haltung3 und um das Gelingen eines guten Lebens4 zum Programm vieler Liedtexte. Die Gesangbuchrubriken, in denen diese Themen im Zentrum stehen, sind zum einen ‚Von der Buße‘, zum anderen ‚Vom christlichen Leben und Wandel‘ (oder auch wie N-1677 „Lehr=Psalmen und Tugend=Lieder / vom heiligen Leben und Christlichen Wandel“ usw.). In den Liedern der Rubriken vom Tod und Sterben spielen Bekehrung, christlicher Wandel und heiliges Leben freilich ebenfalls eine zentrale Rolle, gehören sie doch – gleichsam als erste Schritte einer Ars moriendi – wesentlich zur Vorbereitung des seligen Sterbens: „In dem du lebest, lebe so, | Daß du kanst selig sterben.“5 Zwei zentrale Bildmotive, die nicht nur das Verständnis, sondern auch den Zusammenhang von Leben und 1

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Vgl. anon., Ich stund an einem Morgen* (Str. 13,1–4): „Darumb jr Menschen Kinder / | last ab von ewer Sünd: | So wird Gottes zoren minder / | rüfft an Marien Kind“; Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 1,3f): „Gehorche Gott vnd dich bekehr, | Mit Sünden nicht dein Hertz beschwer“; anon., Wir müssen alle sterben, o Mensch* (Str. 3,1–3): „Dein sünd solt du ablegen / | durch ein hertzliche rew :/: | Vnd rechte buß darneben“ usw. Vgl. anon., O Mensch, bedenke wohl* (Str. 12): „Leg’ alle Hoffahrt ab Und las di Sünde fahren / | Denn wo du / liber Mensch / Wirst deine Buhsse sparen / | So ist Gott so gerecht / Das er dort nach Gebühr | Di Menschen strahffet ab / Wi er si findet hihr.“ Vgl. Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Str. 5,1f): „Wer seine Busse spart auffs End, | Muß in Gefahre leben“; Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Str. 3,4); anon., Wir müssen alle sterben, o Mensch* (Str. 4,1f). Vgl. Herbert, Wer in guter Hoffnung will (Str. 16): „O Jhesu Christ, Gottes Son, | frist mir noch mein leben, | Das ich rechte buss mög thun | vnd mich dir ergeben“; Schramm, °Das weiß ich, dass ich sterben muss (Str. 1,3f); anscheinend nach diesem Vorbild: anon., Ich weiß wohl, dass ich sterben muss (Str. 1,3–5): „Drumb hilff, O GOtt, daß ich mit Buß | Mich kehr zu deinem Bunde, | Daß meine Sünd ich stets bewein’“; Niedling, Von Herzen ich mich freue (Str. 1,3f): „Ach GOtt, gib Buß und Reue, | Eh die Zeit kömpt herein“ usw. Vgl. Bienemann, Herr, wie du willt, so schick’s mit mir (Str. 2): „Zucht, Ehr vnd Trew verleih mir, Herr, | vnd lieb zu deinem Worte. | Behüt mich, HErr, vor falscher Lehr, vnd gib mir hier vnd dorte | Was mir dienet zur Seligkeit, | wend ab all vngerechtigkeit | in meinem gantzen leben.“ Anon., O Jesu Christ, wahrer Gottessohn* (Str. 4,1–4): „Deinen heiligen Geist / theil mit HErr / | Der mich thut lehren / | Vnd halten deinen Sitt / | Daß ich mag halten deine Gebot“; Flittner, Menschenhilf ist nichtig (Str. 2,1–6): „Daß ich die Welt hasse | Vnd die Lüste lasse | Vnd mein Fleisch bezwing, | Gäb mir Gott die Stärcke, | Daß ich Glaubens Wercke | Williglich vollbring“ usw. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 8,1f).

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II. Der Weg des Lebens

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Sterben deutlich machen, sind das der Pilgerschaft und das des ritterlichen Kampfes. Ihre Verwendung in den Liedtexten soll in diesem Abschnitt untersucht werden.

1. Peregrinatio Das Leben als Pilgerreise (peregrinatio), die sich auf einem wechselvollen Weg von der Unbehaustheit in der ‚Fremde‘ der Welt auf das Ziel des Himmels als ‚Vaterland‘ zubewegt: dieses Bild, an das auch allgemeine Redeweisen wie die vom ‚christlichen Wandel‘ usw. anknüpfen, hat in vielen Liedern eine breite Ausgestaltung erfahren. Ebenso reichhaltig wie die Verwendung des Bildes sind seine Wurzeln in der biblischen Tradition; ein zentraler Bezugspunkt ist der Abschnitt vom wandernden Gottesvolk in Hebr 11. Grundlegend für diese Vorstellung ist wieder die Dichotomie von Himmel und Erde: Während die Erde nur der Ort eines unsteten, vorläufigen und vorübergehenden Aufenthalts ist, eben einer Reise, gilt für die himmlische ‚Heimat‘ das Gegenteil. Eine berühmte zeitgenössische Adaption der Vorstellung von der Erdenpilgerschaft ist in England John Bunyans weit verbreitetes Erbauungsbuch The Pilgrim’s Progress (1678). Je nach Verwendungskontext besitzt das Peregrinatio-Motiv eine unterschiedliche Funktion: Während die Mahnung, auf dem rechten Weg zu bleiben, eine ethische Stoßrichtung enthält, kann die Betrachtung der Mühsal des irdischen Weges eine ähnliche Funktion haben wie die ausdrückliche Absage an die Welt, nämlich die büßerische Lösung von ihrer Attraktion und die tröstliche innere Ausrichtung auf den ‚Himmel‘. Die unstete irdische Existenz des Menschen gleicht der eines Wanderers, der sich nirgends niederlassen kann, denn in der Welt, in der er sich bewegt, hat kein Ding Bestand: 1. WIr leben wie ein Wandersmann, der alle tag stets muß fortgahn, Den[n] alle ding nemen ein end, was die Welt hat vergeht behend.6

Gleichbedeutend ist die Selbstbezeichnung des Menschen als „Pilgrim“, der durch die Trübsal wandert7 und der um rechten Wandel in der Welt8 und göttliches Geleit9 auf dem Weg ins Vaterland bittet. So wie die Welt eine böse Herberge (vgl. S. 184) ist, 6

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Anon., Wir leben wie ein Wandersmann (Str. 1); vgl. Z. Herberger, °Ein Wandersmann bin ich allhier; Alardus, °Warum sollt ich betrübet sein (Str. 9,1f): „Wir lebn hie wie ein Wandersman, | Weil wir auff Erdn kein bleiben han.“ Vgl. anon., O Wonn, o Freud, o Herrlichkeit* (Str. 10,1f): „Ich bin ein pilgrim hier im land / | Mein trübsal ist dir wol bekannt“. Vgl. Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden (Str. 7,1–4): „Nun, Herr Jesu, gib, ach!, Gnade, | Daß ich als ein Pilgrim hir | Wandle auf dem rechten Pfade; | Laß mich kleben stets an dir.“ Vgl. anon., Ich weiß ein ewiges Himmelreich (Str. 3): „Ein armer Bilgram bin ich genandt, | muß wandern meine Strassen | In das ewige Vaterlandt: | bitt, wolst mich nicht verlassen.“

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so besitzt der Mensch darin lediglich Gaststatus.10 „Gäste und Fremdlinge“ sind die Menschen nach 1Chr 29,15, Ps 39,13, Eph 2,19 und Hebr 11,13; in Ps 119,19 heißt es: „Ich bin ein Gast auf Erden“. Paul Gerhardts Lied gleichen Anfangs, eine weit ausgreifende Meditation über den Psalmvers, ist bestimmt von der Spannung, die mit der Vorläufigkeit des Gaststatus am Anfang gesetzt wird. In der letzten Strophe wird sie durch das ‚Wohnen‘ im Himmel aufgelöst: 1. ICh bin ein Gast auff Erden / Und hab’ hier keinen Stand: Der Himmel soll mir werden / Da ist mein Vaterland. […] 14. Da wil ich immer wohnen / Und nicht nur als ein Gast / Bey denen / die mit Kronen Du außgeschmücket hast.11

Zachäus Fabers Lied verbindet Ps 119,19 mit Hebr 13,14: „HErr, ich bin ein Gast auff Erden, | hab allhier kein bleibend stadt.“12 Dass der Mensch auf Erden ‚nicht bleiben‘ kann, ist ein häufiger Gemeinplatz.13 Der Weg oder die „strassen“, die er auf seiner Pilgerschaft zu bewältigen hat, wird als lang und beschwerlich geschildert: „ach daß ich doch bin behafft | mit so langer Pilgrimschafft!“14 Es ist ein Weg voller Dornen,15 „Blitz / Donner / Wind und Regen“16, voll Leid und Gefahr. Was über das Leid als Grunderfahrung des Lebens gesagt wurde (vgl. S. 184), über die räumlich vorgestellte Sphäre der Trübsal und Traurigkeit, in der sich der Mensch in der Welt bewegt, wird auch im Bild des beschwerlichen Lebensweges ausgedrückt. Eine wesentliche Gefahr, die wiederum der Falschheit der Welt geschuldet ist, besteht darin, vom rechten Weg abzukommen, in die Irre zu gehen, wie bei Michael

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Vgl. schon in älteren Liedern: Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 3,1): „Gedenck, du bist nur hie ein gast“; Selnecker, °Die Welt ist nichts zu unser Zeit (Str. 2,1f): „Was zeihstu dich denn, als ein Gast, | weil du kein bleibend wesen hast“; Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Str. 1,3): „Auff erden bin ich nur ein Gast“ etc. Gerhardt, °Ich bin ein Gast auf Erden (Str. 1,1–4; 14,1–4). Vgl. Axmacher, Ein Lied gegen den Tod, 179: „Die Zukünftigkeit des Ruhens ‚in meinem Erbtheil‘, die Perspektive des Wandernden also, bleibt bestimmend, aber in der meditativen Vergegenwärtigung ist der Gegensatz zwischen Heimat und Fremde bereits überwunden.“ Z. Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Str. 1,1f); vgl. Hebr 13,14 auch bei Schein, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, wenn ich gleich itzt (Str. 3,1f): „Hie ist doch keine bleibende Statt / Die künfftige wir suchen“. Vgl. Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 3,2): „[…] vnd kanst nicht lange bleiben“; Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Str. 2,4): „Kein bleyben ist auff erden“; Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 1,5): „Hier bleibstu nicht, du must davon“ usw. Müller, Ich wall auf Erden hin und her (Str. 2,7f). Vgl. anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 3,1–4): „Dann gleich wie die Rosen stehen | Vnter Dornen spitzig gar, | Also auch die Christen gehen | In lauter Angst vnd gefahr.“ Sacer, Freunde, stellt das Weinen ein (Str. 4,1–3): „Sagt, Was dieses Leben sey?  | Ist es nicht ein Weg zu nennen, | Der von Dörnern niemals frey?“ Gerhardt, °Ich bin ein Gast auf Erden (Str. 3,3).

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II. Der Weg des Lebens

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Ziegenspeck geschildert.17 Hier erhält die Wegmetapher einen deutlich ethischen Einschlag, ähnlich wie im Bild vom schmalen Weg und der engen Pforte, die zum Leben führen (Mt 7,13f). Auch auf dieses Bild greifen viele Sterbe- und Ewigkeitslieder zurück, indem sie mahnend an den schmalen Weg erinnern,18 indem sie um Gottes Geleit auf dem rechten Weg und Bewahrung vor der breiten „sünden=bahn“ bitten19 oder dieses Geleit dankbar zur Kenntnis nehmen.20 a) Geleit auf dem Weg in das Vaterland Schon Luthers Nun bitten wir den Heiligen Geist, nicht nur Pfingst-, sondern auch häufig verwendetes Begräbnislied, erinnert an den „trewen Heyland, | der uns bracht hat zum rechten vaterland“21. Durch das Christusgeschehen ist das Vaterland für die Christen demnach bereits präsentische Realität. In vielen Sterbeliedern wird der Weg dorthin dagegen als erst noch bevorstehend beschrieben, wobei Christus als „beleyter“22 oder „Gleitzman“23 fungiert. Er „Recket mir seine hand“24 und „Führet mich die rechte strassen“25, schon in der Welt und dann auf der letzten Reise. Eine besondere Variante enthält das Lied Sag, meine Seele, recht*: Hier ist der Begleiter nicht Christus, sondern der Tod, der als Gottes „knecht“ die Seele „von der welt abholen“ (Str. 1,4) und ins Vaterland (Str. 4,3) führen soll. Im Kehrreim zu jeder Strophe bekräftigt das Ich auf die Frage, ob es mit dem Tod ziehen wolle und sich nicht fürchte: „Ja / ja / ich will mit ihm.“26 17

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Vgl. Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 3,1–4; an die Welt gerichtet): „Lang bin ich vmbgezogen | Recht in der jrr bey dir: | Offt hastu mich betrogen, | Vor Frewd Leid geben mir. | Jetzt bin ich auff dem Wege, | Der mich zum Leben tregt, | Auff rechtem Himmels=stege; | Drümb sich all trawren legt.“ Vgl. auch Rist, O Blindheit, bin ich denn der Welt (Str. 10,1f): „Waß irr’ Ich hier im Jammerthal’ | In disem fremden Lande […]?“ Vgl. Geletzky, Ei nun seht, all ihr Christenleut (Str. 2,1–4): „Der weg, die pfort, so euch einfürt, | ist eng vnd schmal | im jamerthal, | so viel müh gebiert“; Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (Str. 10): „Hofft auff den HErrn, jr lieben Leut, | halt fest an seinem worte, | Vnnd fürcht jn Kindlich allezeit, | dringt nach der engen pforte“; Rist, °Ist etwas in der großen Welt (Str. 11,1–4): „Ach gehet durch die enge Pfort | Den schmalen Weg zum Leben / | Weit ist die Thür und breit der Ort | Wo grosse scharen schweben.“ Rothäupt, Ach Herr, erzeige Gnade mir (Str. 2,3f): „[…] Vn[d] führ mich auff den schmalen Steg | Mit deinen frommen allen“; Gesenius/Denicke, Wie lieblich sind daroben (Str. 15,1f): „Gib auch, daß mich nicht ziehe | Auff breite sünden=bahn“ usw. Ritzsch, °Nun geh ich hin zum Vater mein (Str. 2,5–7): „Er weiset mir in seinem Wort | Den schmalen Weg zur engen Pfort | In die Himlische Freude“; Olearius, Mein Lauf ist nun vollendet (Str. 2): „GOtt Lob / der mich geführet / | durch seinen Geist regieret / | daß ich gerade zu / | zur rechten Himmels Strassen / | den breiten Weg verlassen / | bin kommen itzt in diesem nu.“ Luther, Nun bitten wir den Heiligen Geist (Str. 2,3f). Anon., Herr Gott, mein Jammer hat ein End (Str. 5,6). Sachse, °Mein liebe Seel, was fürchstu dich? (V. 10); Friccius, °Hör, Mensch, du seist groß oder klein (Str. 5,1); Weissel (?), Wenn meiner Seelen bange wird* (Str. 5,5) usw. Helmbold, °Von Gott will ich nicht lassen (Str. 1,5). Anon., Christus wird mich nicht lassen (Str. 1,1–4): „CHristus wird mich nicht lassen, | wann ich von hinnen scheidt, | Führet mich die rechte strassen, | gibt mir sicher geleit.“ Vgl. Helmbold, °Von Gott will ich nicht lassen (Str. 1,3f): „Führt mich durch alle strassen, | da ich sonst jret sehr“; Ziegenspeck, Ade, ich muss dich lassen (Str. 6,7f): „Führ mich die rechte Strassen, | Führ mich zum Leben ein.“ Das Lied Sag, meine Seele, recht* ist im untersuchten Material nur in Lü-1695/1702 belegt, außerdem aber auch in Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadts Sammlung Täglicher Umgang mit Gott, 190 (für die

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Die Bitte um das Geleit Christi in der letzten Stunde – auch im Sinne von Beistand und Hilfe – gehört zum Standardrepertoire der zahlreichen Gebetslieder um ein seliges Ende, wie hier in einem der ältesten und verbreitetsten: 1. WEnn mein Stündlein furhanden ist vnd sol hinfarn mein strasse, So gleit du mich, HErr Jhesu Christ, mit hülff mich nicht verlasse […].27

Zugleich ist Christus nach Joh 14,6 selbst der Weg, der zum Vater führt,28 oder nach Joh 8,12 das Licht, das dem in der Dunkelheit Umherirrenden den Weg weist. In diesem Sinne kann aber auch sein Wort als „Geleitesmann“29 dem Verfehlen des rechten Weges entgegenwirken: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ (Ps 119,105).30 Das Ignorieren dieses Lichtes kann – so die Warnung mancher paränetischer Lieder – dauerhaft nur in die Irre und in die Dunkelheit führen.31 b) Die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat Die Rede vom Himmel als dem besseren Vaterland stammt aus Hebr 11,16. Dieses Vaterland wird in vielen Liedern als Ziel der Lebensreise angegeben.32 Schon im Hebräerbrief ist dieses Ziel mit einem positiven emotionalen Wert besetzt: Es ist Gegenstand der Sehnsucht des wandernden Gottesvolkes. Innerhalb des weit ausgreifenden Bildbereiches der Pilgerschaft vertritt sie den Wunsch nach dem Lebensende und die Sehnsucht nach dem Himmel, die auch an anderer Stelle und in anderer Form begegnet (vgl. S. 338). Im Bild der Reise ausgedrückt, sind es die Müdigkeit

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Andacht am Samstagabend, unter der Überschrift: „Von der Willigkeit zu sterben“). Eine Autorschaft der Gräfin ist denkbar, aufgrund der fehlenden Autorangaben in der Sammlung aber nicht nachzuweisen. Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Str. 1,1–4). Vgl. anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 6,7f; 8,5f): „Ach sey du mein Liecht vnd Strasse, | Mich mit Beystand nicht verlasse. […] Bistu doch mein Liecht, mein Wort, | Das Leben, der Weg, die Pfort“; Werner, Ich hab gottlob das Mein’ vollbracht (Str. 2,2f): „Er ist die Bahn, | Die Wahrheit vnd das Leben.“ Vgl. Z. Herberger, °Ein Wandersmann bin ich allhier (Str. 5,1–4): „Leit mich, O HErr, auff rechter bahn, | Vnd laß mich ja nicht jrren; | Dein Wort sey mein Geleitesman, | Der mich zu Christo führe“. Vgl. Heermann, Wollt ihr euch nun, o ihr fromme Christen* (Str. 3); anon., O du Leben meiner Seele* (Str. 2,7f): „Warlich / dieser irret nicht / | Der zur leuchte hat dein licht.“ Anon., Wacht auf, ihr Christen alle, wacht fleißig* (Str. 5): „O wer der nicht geboren / | der Gottes Wort veracht / | Das Liecht hat er verloren | vnd wandert inn der Nacht / | Er fehlt der rechten strassen / | muß jmmer jrre gehn / | Denn Gott hat jhn verlassen / | Wie kan er denn bestehn?“ Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 3,5); anon., O Welt, ich muss dich lassen (Str. 1,1–3): „O Welt, ich mus dich lassen, | ich far dahin mein strassen | ins Ewig Vatterland“; Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Str. 2,3): „Da ist mein rechtes Vaterland“; anon., Ich weiß ein ewigs Himmelreich (Str. 3,3): „In das ewige Vaterlandt“; Meyfart, Jerusalem, du hochgebaute Stadt (Str. 2,7f; über die Seele): „Daß Sie mit Heyl anlende | Bey jenem Vaterland!“ Heermann, Der Tod klopft itzund bei mir an (Str. 16,5–10): „Hie bin ich nur ein Wandersmann, | Der nichts erbeignes haben kan; | Dort aber werd ich haben | Das vaterland | Mir zugewandt | Mit allen seinen gaben.“

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II. Der Weg des Lebens

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und Erschöpfung des mit schwerem Gepäck beladenen Wanderers, die ihn nach einer Rast und nach der Ruhe des Himmels verlangen lassen:33 „2. […] Wie sich sehnt ein Wandersman, Das sein Weg mög Ende han, So hab ich gewüntzschet eben, Daß sich enden mög mein Leben.“34 „4. […] Es ist doch nur Unbestand; Ach heim, heim ins Vaterland, Heim aus diesem Welt=Getümmel Zu der Ruhe in dem Himmel.“35 „6. Im Himmel ist mein Vaterland, Hier bin ich in dem Pilger=Stand; Der Wander=bündel dieser Erd Mich hart beschwert. Ach! meine Seel nach Haus begehrt!“36 „4. Wie offt hab ich geklaget Gleich wie ein wandersmann: Ach hätt ich rast! – gefraget: Wann komm ich himmelan? Werd ich noch lange gehen Auf eitler erden tand? Ach werd ich nicht bald sehen Das rechte vaterland?“37 „8. […] Ich wandre meine Strassen Die zu der Heymat führt / Da mich ohn alle massen Mein Vater trösten wird. 9. Mein Heymat ist dort droben / Da aller Engel Schaar Den grossen Herrscher loben / 33

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Ein anderes Bild für das Verlangen nach Ruhe ist das der Arbeiter, die sich nach einen heißen und mühsamen Tag auf die Erquickung der abendlichen Ruhe freuen (vgl. Hi 7,2f), z. B. bei J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 2): „Mühde, die der arbeit menge | Vnd der heisse strahl beschwert, | Wündschen, daß des tages länge | Werde durch die nacht verzehrt, | Daß sie nach so vielen lasten | Können sanft und süsse rasten: | Ich wündsch jtzt bey dir zu seyn, | Allerschönstes Jesulein.“ Vgl. Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (Str. 4); Birken, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn (Str. 5); Anton Ulrich, Es ist genug, mein matter Sinn (Str. 1–2). Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 2,5–8). Ludämilie Elisabeth von Schwarzburg-Rudolstadt, Ach wer schon im Himmel wäre (Str. 4,5–8). Birken, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn (Str. 6). Pauli, So hab ich nun vollendet (Str. 4); vgl. ähnlich Pauli, °So geb ich mich zufrieden (Str. 2): „Wie offt hab’ ich geklaget | In dieser Welt, gefraget: | Wo ist denn meine Rast? | In allen meinen Stunden | Hab’ ich noch Müh gefunden, | Ich Pilger, müder Erdengast.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Der alles gantz und gar In seinen Händen träget / Und für und für erhält / Auch alles hebt und leget / Nach dems ihm wolgefällt. 10. Zu dem steht mein Verlangen / Da wolt ich gerne hin: Die Welt bin ich durchgangen / Daß ichs fast müde bin“38.

Während die meisten Beispiele mit Begriffen wie „nach Haus“ oder „heim, heim ins Vaterland“ das menschliche Verlangen nach Gott als dem Ursprung eher indirekt zum Ausdruck bringen, wird im letzten Beispiel von Paul Gerhardt der tröstende Vater selbst als Ziel der Wanderung genannt. Der Hinweis auf Gottes umfassendes erhaltendes Handeln lässt den Weg zudem weniger leidvoll erscheinen. Biblisch vorgebildet ist die Sehnsucht nach dem Vaterland auch durch das Weinen des Volkes Israel im babylonischen Exil (Ps 137); Quirinus Moscheroschs Lied °Die Fröhlichkeit der Erden versteht sich als dichterisch-musikalischer Ausdruck einer entsprechenden Klage.39 Im Bild des Auszuges aus Ägypten tritt weniger das Moment der Sehnsucht hervor, dafür das der Wanderung, des Überganges („Der Tod der ist mein rohtes Meer“40) und des von Jesus als dem „rechte[n] Josua“41 angeführten Einzuges im „gelobten Lande / | Da Milch und Wein Stets fleust herein“42. Statt vom gelobten Land wird auch vom ‚Lande der Lebendigen‘ (Ps 27,13; 116,9 u. a.) gesprochen, etwa in Zacharias Herbergers °Ein Wandersmann bin ich allhier, das ganz von diesem Gedanken her konzipiert ist. Christus wird als „Landes HErr“ (Str. 3,9; Str. 6,1) angesprochen, das Ich versteht sich als „Bürger“ (Str. 3,8), als „Landes Mann | Vnd Vnterthan“ (Str. 1,5f). In Eph 2,19 wird der Gaststatus der Christen durch den Status als „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ abgelöst; in Phil 3,10 wird ihr Bürgerrecht im Himmel proklamiert – ein Gedanke, der in vielen Liedern auftaucht.43

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Gerhardt, °Ich bin ein Gast auf Erden (Str. 8,5–10,4). Vgl. Moscherosch, °Die Fröhlichkeit der Erden (Str. 2–3); vgl. auch S. 183: die Welt als Babel bei Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 5). Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 17,1). Rist, °Wach auf, wach auf, du sichre Welt (Str. 9,5), hier auf den gemeinsamen Einzug in das „gelobte Vatterland“ am Ende der Zeiten bezogen. Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 17,4f). Vgl. P. Franck, In Christo will ich sterben (Str. 3,1f). Vgl. Finx, Mir vergeht zu leben (Str. 4,1–4): „Was solt’ ich entfernen | Länger meinen Sinn | Von dem Reich der Sternen, | Da ich Bürger bin?“ Anon., O Welt, muss ich dich lassen, muss mein* (Str. 3,4–6): „Was könte mich mehr trösten / | als daß bey den Erlösten | im Himmel ist mein Bürgerrecht.“ Triller, O Mensch, bedenk zu dieser Frist (Str. 3,5); Dach, Die große Nichtigkeit (Str. 3,4–6); Gerhardt, °Mein Gott, ich habe mir (Str. 14); anon., O Wonn, o Freud, o Herrlichkeit* (Str. 15,2) usw.

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II. Der Weg des Lebens

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c) Ausspannen vom Joch Nicht direkt in dem Bereich des Pilgerschaftsmotivs gehört das Bild vom Ausspannen des Jochs. Beide sind sich aber darin verwandt, dass von einer beschwerlichen Last die Rede ist, die der Mensch zu tragen hat, die ihn ermüdet und endlich nach Ruhe verlangen lässt. Neben der Rede von der durch Gott auferlegten Lebenslast als ‚Joch‘ begegnet gelegentlich auch die vom zu ziehenden ‚Karren‘ oder ‚Pflug‘.44 Im AT steht das Joch häufig für die Knechtschaft, etwa in Ägypten (Lev 26,13) oder Babel (Jer 27,8.11f usw.) – was sich wieder in die Einschätzung der Welt als Ort der Gefangenschaft einfügt. Als allen Menschen zugemutete schwere Last taucht der Begriff in Sir 40,1 auf, während Christi Joch als „sanft“ und seine Last als leicht gilt (Mt 11,29f). In der Nachfolge Christi wird dieses Joch aber dennoch wieder zum Kreuz, das auf sich zu nehmen der Christ nach Mt 16,24par gehalten ist.45 So wird in den alten Begräbnisliedern Michael Weisses rechtes Glauben und rechtes Leben als Tragen von „christi joch“ oder „gotes joch“ verstanden, das nicht leicht, sondern beschwerlich ist („arbeit, trübsal vnd elend“); „gros lohn“ und Erleichterung warten erst nach dem Tod.46 Das Leben an sich kann als beschwerliches Joch erscheinen,47 insbesondere aber der Leib als Joch für die Seele.48 Daneben werden auch die Sünden, in anderen Liedern als drückende ‚Last‘ beschrieben,49 zum schweren „Sünden=Joch“.50 Das Verlangen nach ‚Entbindung‘, ‚Befreiung‘ oder ‚Erlösung‘ (vgl. S. 343) vom unterschiedlich verstandenen Joch des Lebens kehrt in vielen Texten geradezu stereotyp in Form der drängenden Bitte nach dem ‚Ausspannen‘ wieder: „SPann aus, spann aus, ach frommer GOtt, | Spann mich aus meinem Karren“51. 44

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Vgl. Ph. Nicolai, So wünsch ich nun ein gute Nacht (Str. 4,1–4): „Mein Seel hat noht / vnd leidet Qual / | Daß ich so lang muß harren / | Gespannet auff dem Jammerthal / | Als zög ich schwere Karren.“ Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 1,2): „Spann mich aus meinem Karren“; Anton Ulrich, Es ist genug, mein matter Sinn (Str. 2,4): „Erlös mich, HErr, spann aus den Pflug“. Zur emblematischen Verknüpfung von Kreuz und Joch in Bachs Kreuzstabkantate (BWV 56) vgl. R. Steiger, Gnadengegenwart, 113f. Vgl. Weisse, O Vater, Herre Gott, groß ist deine Genad (Str. 7,7f): „Denn wer recht glaubt, tragt christi joch, | der stirbt vnd lebet dennost noch.“ Nun lasst uns den Leib begraben (Str. 4): „Sein arbeit, trübsal vnd elend | jst kommen zu eim gutten ennd, | Er hat getragenn christi joch, | jst gestorben vnd lebet noch.“ Preis sei dem allmächtigen Gott (Str. 14): „Wol dem menschen, der gotes joch | auf sich nimpt vnd tregts christo nach, | Feht an bald jnn seiner kintheit, | denn ein gros lohn jst jhm bereit.“ Ebenso O Jesu Christe, Gottes Sohn (Str. 11). Vgl. Rude, Ach wann soll es denn geschehen (Str. 3,6): „Hilff mir von deß Lebens Joch“; Müller, Lebt jemand so wie ich (Str. 9,1–3): „Diß quälet mich annoch, | Daß ich vom Lebens=Joch | Nicht kan erlöset werden.“ Vgl. Rist, Mein Seelichen, wenn willt du doch (Str. 1,1f): „MEin Seelichen / wen wilt du doch | Entreissen dich des Leibes Joch“; vgl. auch Finx, Wie selig ist ein frommer Christ (Str. 3,1–3): „Wir andre müssen krümmen noch | Uns unter einem harten Joch | Im Kercker unsres Leibs“. Vgl. Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Str. 1,3f): „Auff erden bin ich nur ein Gast | vnd drückt mich sehr der Sünden last“. Homburg, °Ach wie sehnlich wart ich doch (Str. 1,1–4; 7,5f): „ACh! wie sehnlich wart’ ich doch, | Jesu, grosser Lebens=Fürst, | Wann du von dem Sünden=Joch | Mich einmal entbinden wirst.“ „Jesu, komm, ich warte noch, | Löse mich vom Sünden=Joch!“ Vgl. Anton Ulrich, °Nach dir, o Gott, verlanget mich (Str. 4,1f). Michael Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 1,1f). Vgl. Schein, Mein Herz ruht und ist stille (Str. 3,1–4): „Ruh wirst du mir bescheren | Nach meinem Elend groß / | Annehmen mich mit Ehren / | Vom Joch gespannet loß“; Dach, Entschlag dich aller Ding auf Erden (Str. 7,2): „Herr Jesu,

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

d) Meerfahrt Eine Variante des Motives der Pilgerschaft oder doch zumindest eine verwandte Vorstellung ist die Darstellung der Lebensreise als Schifffahrt auf dem Meer.52 Die beiden Pole der Dichotomie zwischen Welt und Himmel, zwischen Gefährdung und Sicherheit sind hier nicht Fremde und Vaterland, sondern Sturm und Wellen einerseits, der sichere ‚Port‘ oder Hafen andererseits. Dem Meer als dem Element der Bedrohung werden dabei – ähnlich wie dem ‚Joch‘ im vorigen Abschnitt – ganz unterschiedliche Deutungen zugeschrieben: Es steht nicht nur für das Leben des Menschen oder für die Erde, es heißt auch das „bleiche Sorgenmeer“, ein „Meer voll Plagen“, „Auff den Wassern der Trübsal“, „der Sünden See“ oder „Zorn= und Sünden=Meer“.53 Diesem Element ist „Des schwachen Schiffes Bau“54 schutzlos ausgeliefert – auch hier taucht das Motiv der Irrfahrt auf: Es wird ziellos „Bald her, bald dorthin geführt“55 und droht an Felsen zu zerschellen. Bisweilen werden die Wellen ausdrücklich ins Innere des Menschen verlagert: 3. […] Ach, Ach wie gar manch Angst=Welle Schlägt auff mich vnd meine Seele!56

In einem Kinderbegräbnislied, das sich ebenfalls des Bildes vom Schiff im Sturm bedient, stehen „Die Welln in meinem Hertzen“ für die Trauer der Mutter, die mehrere Kinder verloren hat.57 Die zuversichtliche Aussage des Ich auf „der Sünden See“, „Daß mir Christ die rettungsZeichen | Wird in ängsten reichen“58, ist ein Akt der Selbstvergewisserung. – Eine andere Konsequenz des Sturms neben der der äußeren oder inneren Erschütterung nennt Rist: Der Sturm bläht die Segel und sorgt dafür, dass das Leben buchstäblich in Windeseile vorüberzieht.59

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komm und spann mich auß“; Dach, O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (Str. 6,1): „Komm, o Christe, komm vns außzuspannen, | Löß vns auff, vnd führ vns bald von dannen“; offenbar nach dem Vorbild des letzten Beispiels: Behme, °O wie selig seid ihr doch (Str. 7,1–4); Homburg, Nun, mein Gott, ich bin’s zufrieden* (Str. 1,1f): „NUn / mein GOtt / ich bins zu frieden / | spanne mich nur einmahl aus“; Finx, Wie selig ist ein frommer Christ (Str. 9,1f): „Komm, Christe! komm und spann uns aus! | Führ uns in dein Saphirnes Haus“; Burmeister, Es ist genug, so nimm, Herr, meinen Geist (Str. 5,2): „So spanne mich doch aus!“; anon., °Ach wie selig sind die allein (Str. 12,1). Vgl. dazu R. Steiger, Gnadengegenwart, 95–101, die Texte zum Schifffahrtsmotiv von Heinrich Müller und Martin Luther für das Verständnis von Bachs Kreuzstabkantate fruchtbar macht. A. F. Werner, °Wer will dem Unheil wehren (Str. 2,2); M. Franck, °Wer unserm armen Leben (Str. 1,5); anon., °Wie ein Hirsch nach frischem Wasser (Str. 3,6); anon., Christo hat mein Leben (Str. 4,3); Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden (Str. 2,2). A. F. Werner, °Wer will dem Unheil wehren (Str. 2,5–8): „Bald wil der Mastbaum beben, | Bald reist das Anckertau; | Indessen muß doch schweben | Des schwachen Schiffes Bau.“ ‚Schweben‘: auf dem Wasser treiben, vgl. °Wie ein Hirsch nach frischem Wasser (Str. 3,5f): „Also schweb ich auch gleichfals | Auff den Wassern der Trübsal“. Anon., °Wie ein Hirsch nach frischem Wasser (Str. 3,2). Anon., °Wie ein Hirsch nach frischem Wasser (Str. 3,7f). Schererz, °Soll denn so klein das Schifflein mein (Str. 5,3). Anon., Christo hat mein Leben (Str. 4,9f). Vgl. Rist, Ach was ist doch unser Leben* (Str. 4): „Unser Leben gleicht den Schiffen / | die so schnell die Fluth durchgehn / | wann ein Sturm sie hat ergriffen / | und die Segel schwülstig stehn. | Ehe man sich recht besinnet / | ja zu Leben kaum beginnet / | ist es schon mit uns geschehn.“

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II. Der Weg des Lebens

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Das Ziel der Schiffsreise ist der ‚Port‘ des Himmels. Wie dem Vaterland auf der Pilgerschaft gilt auch ihm nicht nur die Hoffnung,60 sondern die Sehnsucht der Reisenden:61 6. Komm, o tod, du schlafesbruder, Komm und führe mich nur fort, Löse meines schiffleins ruder, Bringe mich in sichern port.62

Nicht nur Erleichterung über die gebannte Gefahr, sondern Freude über die Ankunft am „himmlischen Gestat“63 wird dort empfunden, wo der Port am Lebensende in Sichtweite gerät: 4. Die Freude, die sich reget Bey einem Wanders=mann, Wenn er die Reyse leget Und kömmet glücklich an; Die Freude, die empfindet Ein Schiffer, wenn sich schier Ein sicher Hafen findet, Die spür ich itzt bey mir.64

In der rückblickenden Bilanz vom Standpunkt der endlich gewonnenen Ruhe aus kann der Mensch die überstandene Reise insofern als ‚glücklich‘ bezeichnen,65 als er nun „der Quaal entnommen | Und alles Jammers frey“66 ist. Eine eindrucksvolle Gestaltung des gesamten Meerfahrt-Motivs, deren Protagonist ähnliche Fährnisse zu bewältigen hat wie Odysseus, bietet Ahasverus Fritsch: 2. Werd ich doch herumb getrieben Auf dem Zorn= und Sünden=Meer Und von Creutz= und Unglücks=Hieben Immer fort verletzet sehr. Wie sein Schiff, so Seegel=loß, Hir und dort krigt einen Stoß,

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Vgl. Dach, Was willst du armes Leben (Str. 7,4–6): „Vnd [ich werde] mit der Schaar der Frommen | Auß Sturm vnd Wellen kommen | Zu dem gewünschten Port.“ Vgl. Müller, Ich wall auf Erden hin und her (Str. 1): „ICh wall auff Erden hin und her / | gleich wie ein Schiff im Meer: | mich verlanget einzulauffen | in den sichren Seelen-port: | da man Friede findt mit haufen / | u. sich fürcht für keinem Mord; | mich verlangt mit grosser Pein | JEsu Christ bey dir zu sein.“ Vgl. auch Michael Walther, Spann aus, spann aus, ach frommer Gott (Str. 3). J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 6,1–4). M. Franck, °Wer unserm armen Leben (Str. 4,3). Sacer, So hab ich obgesieget (Str. 4). Vgl. Kaldenbach, °Mein letztes Hoffen wird erfüllt (Str. 3,7–12): „Wie wann ein Schiff durch strengen Nord | In seine Sicherheit vnd Port | Itzt glücklich ist getrieben, | So bin ich auff der wüsten See | Der Welt entgangen allem Weh | Vnd ruhe nach belieben.“ Zur Autorschaft dieses Textes vgl. S. 471 Anm. 280. M. Franck, °Wer unserm armen Leben (Str. 7,2f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt So werd ich herumb gejaget Und mit Angst und Noht geplaget. 3. Hir sind Klippen, hir Sirenen, Hir ein Strudel und Abgrund: Diese können sich beschönen, Daß man nicht der List wird kund. Hört, wie süß die Wollust sing’t, Biß sie uns zum Netze bring’t Und zur Klipp’ und Wirbel drehen, Denn so ist es gar geschehen. 4. O wohl dem, der schon gelanget An den sichern Ruhe=Port Und in stoltzer Freude pranget Dort bey Jesu, seinem Hort. Der ist ausser der Gefahr, Darff nicht sorgen immerdar: Jetzo wird ein Sturm entstehen Und das Schiff zu scheitern gehen.67

e) Der letzte Abschnitt der Pilgerreise Schon im Leben kennt die Pilgerreise nur ein Ziel, auf das sie ausgerichtet und durch das sie definiert ist: das himmlische Vaterland. Ist mit dem Ende des Lebens auch das Ende dieser Wallfahrt oder erst das letzte Zwischenziel erreicht? Beide Varianten kommen vor: einerseits das Sterben als Aufbruch zur „letzten reis“68, andererseits der Tod als Vollendung der Lebenswallfahrt. Die letztere Vorstellung begegnet in Liedern wie Mein Wallfahrt ich vollendet hab oder Ist meine Wallfahrt nun vollbracht; das Ende der Wallfahrt ist – wie die Erwähnung der Beerdigung verrät69 – retrospektiv auf das Sterben bezogen. Vereinzelt kommen präsentische oder futurische Aussagen über den Tod als bevorstehendes Ende der Wanderschaft vor: „Ich werd weggerafft / | meine Wanderschafft / | hat ihr End erlangt.“70 Der anderen Vorstellung zufolge bedeutet das Sterben nicht das Ende der Reise, sondern seinerseits einen letzten Aufbruch. Als ‚Dahinfahren‘ wird es etwa nach Luthers Übersetzung des Nunc dimittis bezeichnet: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“ (Lk 2,29), in Luthers Lied: Mit Fried und Freud ich fahr dahin. In der Vorstellung vom Sterben als Trennung von Leib und Seele (vgl. S. 482) ist es die Seele, die ‚dahinfährt‘. Die explizite Verknüpfung mit der Wegmetapher 67 68 69

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Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden (Str. 2–4). Gerhardt, °Geh aus, mein Herz (Str. 15,2). Vgl. Hörnigk, Mein Wallfahrt ich vollendet hab (Str. 1,3): „Jetzund legt man mich in das Grab“; Vorberg, Ist meine Wallfahrt nun vollbracht (nach der Melodie Mein Wallfahrt ich vollendet hab; Str. 1,3): „Mein sarck und grab ist außgemacht“. Anon., Meine Kraft ist hin, dann ich elend bin* (Str. 3,1–3); vgl. Rist, °Wach auf, wach auf, du sichre Welt (Str. 10,5f): „Geduldet Eüch / bald wird sich enden | Des Lebens schwehre Pilgrimschaft“.

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II. Der Weg des Lebens

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lautet: „ich far dahin mein strassen“71. Für diesen Aufbruch muss der Mensch sich „wegfertig“ machen,72 sich „geben drein | zu reysen frembde strassen“73, denn in der Todesstunde ergeht die Aufforderung: „auff ! du must wandern.“74 Zwar haben Aufbruch und Abschied durchaus einen freudigen Charakter, denn „Es ist der zeitlich Todt | Ein Gang zum ewign Leben“75, „Der Richtsteig zu den frewden“76, aber gerade dieser letzte Abschnitt erscheint vorausblickend doch besonders mühevoll und beschwerlich. Eines der häufigsten Sterbelieder, Martin Behms O Jesu Christ, meins Lebens Licht, versteht sich als „Gebet vmb eine selige heimreise“ und blickt furchtsam auf den Abschied: 2. Ich hab für mir ein schwere reiß zu dir ins Himmels Paradeiß, Da ist mein rechtes Vaterland, darauff du hast dein Blut gewandt. 3. Zur Reiß ist mir mein Hertz sehr matt, der Leib gar wenig kräfften hat, Allein mein Seele schreyt in mir ‚HErr, hol mich heim, nim mich zu dir!‘77

Die christologischen Bezüge spielen gerade in diesem letzten Reiseabschnitt eine wichtige Rolle, gilt doch die christologische Betrachtung als Inbegriff des Sterbetrostes (vgl. S. 353). Behms „Gebet“ ist daher „gerichtet auff Christi Leiden“, mit dem das schwache Ich gestärkt werden soll. Immer wieder werden konkrete Elemente aus der Passionsbetrachtung herausgegriffen und dem Sterbenden auf die letzte Reise mitgegeben: „9. Dein Creutz laß sein mein wanderstab, mein Ruh vnd Rast dein heiligs Grab, […] 10. […] Durch deine auffgespaltne Seit mein arme Seele heim geleit.“78 „8. Fahr endlich ab, du müde Seel, Aus deines Leibes Marter=höl! Dein Wanderstab sey CHristi Blut, 71

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Anon., O Welt, ich muss dich lassen (Str. 1,2). Zur „strassen“ innerhalb und jenseits des Lebens vgl. Anm. 25. Vgl. Siegfried, Ich hab mich Gott ergeben (Str. 2,3–6): „Der Himmel ist mir lieber, | Da muß ich trachten ein, | Mich nicht zu sehr beladen, | Weil ich wegfertig bin“. Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 6,6f). Leon, Dein Leib wollen wir nun begraben (Str. 2,3f): „Wenn eins jeden stündlein verhanden, | so heist es […]“. Schein, Hin ist des Lebens Zeit (Str. 2,1f). Dach, Mein Abschied aus der bösen Welt (Str. 3,6). Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Str. 2–3). Behm, O Jesu Christ, meins Lebens Licht (Str. 9,1f; 10,3f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Dein Pilger=Hut. Der liebe Todt macht alles gut.“79 „7. In dein Seyte wil ich fliehen An meim bittern Todes gang, Durch dein Wunden wil ich ziehen Ins Himlische Vaterland. In das schöne Paradeyß, Drein der Schächer thet sein Reiß, Wirstu mich, HErr Christ, einführen, Mit ewiger Klarheit zieren.“80

Kreuz und Blut Christi dienen dem Menschen als „Wanderstab“ auf einem Weg, der wiederum durch die Seitenwunde des Heilandes hindurchführt – gerade durch sein Leiden erweist sich Christus mithin als der Weg (Joh 14,6), über den bzw. die Tür (Joh 10,7.9), durch die der Mensch zum Vater gelangt.81 Das mystische Bild der geöffneten Seitenwunde changiert zwischen zwei Deutungen der Heilswirkung des Todes Jesu: Einerseits hat dieses Leiden stellvertretend für alle den Weg zum Vater frei gemacht, so dass sie nun durch die Wunde ins Vaterland einziehen können; andererseits ist dieser Weg ein Leidensweg in der Nachfolge Christi. Am Ende des Weges steht das ‚Durchdringen‘ ans Ziel, das Passieren eines letzten Übergangs. „Drumb / so geh hindurch mit Freuden“82, heißt es bei Olearius, und das Ich bei Paul Gerhardt resümiert in retrospektiver Richtung: „Nun bin ich durch.“83 Nach Joh 5,24 ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen, wer Jesu Wort hört und dem glaubt, der ihn gesandt hat – Leonhart Hutter leitet daraus den Trost vor den Schrecken des Todes schlechthin ab: Der Tod ist demnach kein Tod, sondern eine Tür zum Leben;84 Dilherr greift eben dies in einem Lied auf.85 Die geöffnete Tür als letzter Übergang zur Ankunft im Himmel begegnet auch bei anderen Autoren.86

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Birken, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn (Str. 8). Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 7). Vgl. anon., O du Leben meiner Seele* (Str. 7,5–8): „Ach! so zieh an deine seite / | JEsu! durch dieselbe leite | Meinen armen schwachen geist / | Wenn er / JEsu! zu dir reist.“ Zur vielschichtigen Symbolik der Wunden vgl. S. 373, zur Seitenwunde als „LebensThür“ (Olearius) S. 376. Olearius, Wollst du für dem Tod erschrecken (Str. 3,1). Vgl. Schein, Zwing dich, o liebe Seele mein (Str. 2,7f): „Hindurch / hindurch / O Seele mein / | Zu GOtt dem Herrn vnd Vater dein.“ Vgl. zum ‚ritterlichen Durchdringen‘ auch S. 226 Anm. 101. Gerhardt, Mein herzer Vater, weint Ihr noch (Str. 3,1). Vgl. Hutter, Comp. 29,5: „Cùm Mors malorum omnium sit terribilissimum: quod quaeso, solatium ipsius terroribus pii opponere possunt? Pii sive credentes in Christum, sciunt, Mortem sibi non esse mortem: sed januam sive transitum ad vitam.“ [Folgt das Zitat von Joh 5,24.] Vgl. Dilherr, O Seel, du Leibseinwohnerin (Str. 23,4f): „Er ist kein Tod / dieweil er nur | zum rechten Leben: ist ein Thor“; vgl. anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 15,1f): „Und wenn ich so nuhn sterb’ alhihr / | Ist mihr der Tod di Lebens=Tühr“. Vgl. Gryphius, Ade, verfluchtes Tränental (Str. 10,1f): „Das reiche Schloß der Ewigkeit | Geht auff. Ich bin ankommen“; J. Gerlach, Treuer Gott, lass den Tod (Str. 6): „Da ist mir | Schon die Thür | Aufgeschlossen | Zu der rechten Himmels=Freud, | Die du, HErr, mir hast bereit, | Mir als deinem Reichsgenossen.“

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II. Der Weg des Lebens

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2. Militia Christi Ähnlich umfassend wie im Bild der Pilgerschaft lassen sich sowohl das menschliche Leben als auch das Sterben im Bild des Kriegsdienstes (militia) beschreiben. Krieg und Kampf bilden dabei die bipolare und antithetische Grundstruktur der Beziehung von Gott und Welt ab, wie sie in den vorangegangenen Abschnitten herausgearbeitet wurde, indem sie sie auf eine radikale Konfrontation zuspitzen. Innerhalb dieses Widerstreits der Mächte nimmt der Mensch die Position eines miles Christianus oder christlichen Ritters ein. Dabei kann er auch selbst zum Schauplatz des Kampfes werden, etwa zwischen Fleisch und Geist (vgl. Gal 5,17), und muss täglich gegen sein Fleisch ankämpfen.87 In diesem Sinne wollte auch das alte Lied °Nun höret zu, ihr Christenleut („Von dem streyte des fleysches wider den geyst“) von Hans Witzstat verstanden werden.88 An die Stelle von ‚Fleisch‘ und ‚Geist‘ traten im Text jedoch ‚Leib‘ und ‚Seele‘, die strophenweise im Wechsel ein Streitgespräch miteinander führen. Die Gegenüberstellung auch dieser beiden Instanzen wird in zahlreichen Texten wiederholt.89 Die Hauptgegner des christlichen Ritters, sofern sie denn als Mächte außerhalb seiner selbst dingfest gemacht werden, sind der Tod und der Teufel (vgl. Dürers Stich „Ritter, Tod und Teufel“). Zusammen mit ‚Sünd‘ und Hölle‘ sind diese Mächte auch die wesentlichen Urheber der im Leben wie im Sterben auftretenden Anfechtung (vgl. S. 304), deren Bezeichnung ja selbst ein kriegerisches Moment enthält. Im ritterlichen Kampf des Menschen gegen das Fleisch, gegen Tod und Teufel wird also nicht zuletzt der Kampf mit Anfechtungen verbildlicht. Vorbild für den Kampf des christlichen Ritters ist der Kampf Christi, der über die Mächte der Anfechtung und insbesondere über den Tod seinen triumphalen österlichen Sieg errungen hat (vgl. S. 379). Einer der zentralen biblischen Bezugstexte für die Kampfmetapher ist Eph 6,11–17, eine Aufforderung an die Christen, sich gegen die Anschläge des Teufels und der finsteren Mächte mit der „Waffenrüstung Gottes“ zu wappnen, so mit dem Panzer der Gerechtigkeit, dem Schild des Glaubens, dem Helm des Heils und dem Schwert des Geistes, nämlich dem Wort Gottes.90 Noch wesentlich häufiger finden sich in den Liedtexten Verarbeitungen von 2Tim 4,6–8: 87

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Vgl. Saubert, Ach wie sehnlich wart ich der Zeit (Str. 5,1–4): „Hie bin ich mit der Sünd befleckt, | Muß streitn mit fleisch vn[d] blut, | Dort wird es alls seyn weggelegt | Bey dir, du höchstes Gut.“ M. Franck, Freud über alle Freude (Str. 2,1f; 3,1f): „Hier muß ich täglich streiten | Mit meinem Fleisch und Blut […] Dort hat der Kampff ein Ende | Der fleischlichen Begierd“. Zum Ende des Kampfes im Himmel vgl. Gesenius/Denicke, Wie lieblich sind daroben (Str. 3,1f): „Dort wird nicht mehr entpfunden | Des fleisch= und geistes krieg; | Dann hab ich überwunden | Durch Christi tod und sieg.“ Enthalten auch bei Babst; zur Diskussion um die Unbedenklichkeit des Liedes vgl. S. 39 Anm. 40. Vgl. anon., Herr Jesu Christ, meins Lebens Licht, ich bitt (Str. 2,1f): „Es ist doch hie ein schwere zeit, | der Leib ist mit der Seel im streit“; Sacer, Freunde, stellt das Weinen ein (Str. 2): „Da mein Leib danieder fiel, | Fiel auch mit mein Feind danieder. | Meiner Seelen höchstem Ziel | Wäre ja mein Fleisch zuwieder. | Weil mein Leib nun weggerafft, | Ist mir süsse Ruh geschafft.“ Eine lateinisch-deutsche Versfassung dieses Textes (Qui Christianus vult vocari/°Wer will ein Christ genennet sein) von Nicolaus Selnecker erschien im Andern Buch des Psalters Davids (Nürnberg 1564, vgl. W IV 321.).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Denn ich werde schon geopffert / vnd die zeit meines abscheidens ist furhanden. Jch hab einen guten Kampff gekempffet / Jch hab den Laufft volendet / ich hab glauben gehalten. Hinfurt ist mir beygelegt die Kron der gerechtigkeit / welche mir der HErr an jenem tage / der gerechte Richter / geben wird / Nicht mir aber allein / sondern auch allen die seine Erscheinung lieb haben. (Luthertext 1545)

Vom ‚guten Kampf ‘ des Glaubens spricht auch der 1. Timotheusbrief (1Tim 1,18; 6,12). Anders als Eph 6 betont der Text aus 2Tim 4 weniger den kriegerischen (½̷̧̡̨̫̭) als den sportlichen Aspekt des Kampfbegriffs (к̴̟̩): Der Kampf ist ein Wettkampf, ein Wettlauf,91 der schließlich vom Kampfrichter mit der Siegerkrone belohnt wird (vgl. auch 1Kor 9,24f; Hebr 12,1). Wie der Pilgerweg wird auch der Kampf gleichermaßen im Leben wie im Sterben verortet: Der Kampf des christlichen Ritters gegen Tod und Teufel findet jederzeit statt. Aufs Lebensende hin ergibt sich jedoch eine entscheidende und dramatische Zuspitzung, indem der Ritter gegen den Tod als letzten Feind antritt: Ungeachtet der Tatsache, dass dieser durch Christus bereits vernichtet ist (1Kor 15,26), wird das Sterben als letzte Bewährungsprobe des christlichen Ritters gedeutet. Ähnlich wie bei der Pilgerschaft können zwei verschiedene Haltungen im Blick auf den Kampf eingenommen werden, eine pro- und eine retrospektive. Vor dem Kampf stehen Elemente mit performativer Wirkung wie Aufforderung und Ermutigung sowie die Bitte um göttlichen Beistand im Mittelpunkt, letztere der Bitte um göttliches Geleit entsprechend. Die rückblickende Perspektive auf den Kampf (oft 2Tim 4,7f) hat dagegen eher berichtenden Charakter. a) Vor dem Kampf In seinem Lied Lebt doch ein jeder Mensch im Streit stellt Johann Rist den Kampf mit dem Teufel als Grundgegebenheit des menschlichen Lebens vor, der sich jeder zu stellen hat: 1. LEbt doch ein jeder Mensch im Streit’ / Es gilt zu Felde ligen / Vom Kampf ist niemand hie befreit / Man muß im Fried auch kriegen / Der Feind’ ist eine grosse Schaar: Der Satan pflegt uns immerdar Erschreklich zu zusetzen / Der Welt Hass / Neid und frecher Muht / Auch unser eignes Fleisch und Bluht Die wollen uns verletzen. 2. Auf lieber Christ / und wehre dich / Ergreiffe bald die Waffen / Damit der Höllen wühterich 91

Das Bild des Laufs oder Wettlaufs wird allerdings sehr viel seltener als das des Kampfes ausgeführt. Vgl. Spener (?), So ist’s an dem, dass ich mit Freuden* (Str. 3,1–4): „Hie galt es schwitzen / galt es schnauffen / | Die lang und rauhe renne=bahn | Mit ehren endlich durchzulauffen / | Wie ich nun seliglich gethan.“

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II. Der Weg des Lebens

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An Dir nichts müge schaffen / Auf / auf du must gerüstet sein / Da nim des Glaubens Schild allein Den starken Schutz zu handen / Gührt’ an das Geist geschärfte Schwehrt / Des Herren Wohrt / das wol bewehrt Die Feinde macht zuschanden.92

Neben dem Satan und der Welt wird hier „Auch unser eignes Fleisch und Bluht“ als Gegner genannt. Der Mensch hat seinen Kampf also mit außerhalb liegenden Mächten auszufechten und kämpft zugleich gegen sich selbst – die äußeren Mächte wirken auch in ihm. Die Aufforderung zur Wehrhaftigkeit in der zweiten Strophe bedient sich der genannten Requisiten aus Eph 6. Das Lied steht zwar bereits im Originaldruck unter den ‚Sterbensliedern‘, das Kampfmotiv ist hier aber ganz aufs diesseitige Leben, weniger auf Anfechtung im Todeskampf bezogen. Stärker auf den Tod gerichtet ist die Perspektive von Benjamin Prätorius’ Sei getreu bis an das Ende (nach Apk 2,10). Gegner sind auch hier ebenso die „Teuffel“ wie „das Sünden=Fleisch“; die Ermutigung zum Durchhalten „in Todes=kämpffen“ erstreckt sich bis auf den „letzten Ruck“.93 Der Kampf mit dem Tod selber, von dem ein besonderer Schrecken ausgeht, kann in älteren Liedern als Kampf des Lebens mit dem Tode geschildert werden: „Vor Angst mein Hertz im Leib zerspringt, | mein Leben mit dem Tode ringt“94. Vorbild hierfür ist Luthers Osterlied °Christ lag in Todesbanden, das allerdings gerade keinen individuellen Todeskampf, sondern einen endgültigen Kampf zwischen Tod und Leben als überpersonalen Mächten beschreibt, der schon in der Vergangenheit vom Leben gewonnen wurde.95 Diese mythische Vorstellung wird nun individualisiert und wieder in die Gegenwart verlegt. Seinen Schrecken verliert der bevorstehende Kampf mit dem Tod jedoch in dem Moment, in dem der Sterbende sich nach Eph 6 mit den Waffen des Glaubens rüstet (also auch mit der Erinnerung an den österlichen Sieg Christi): „4. O was für grosse Herrligkeit Ist vns bereit / Die wir im Herrn entschlaffen / :/: Wenn wir vns rüstn auffs allerbest / 92

93

94 95

Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (Str. 1–2). Str. 1,10 „Hass /“: emendiert aus „Hass /’“. Das Lied stammt aus den Neuen Himlischen Liedern (Lüneburg 1651), 4. Teil (Sterbenslieder), 2. Lied, und trägt dort die Überschrift: „Betrachtung der Nichtigkeit / Flüchtigkeit / Trübsahls und Elendes des gantzen Menschlichen Lebens“. In den ausgewerteten Gesangbuchrubriken ist es nur einmal vertreten (N-1654 unter ‚Vom Tod und Sterben‘). Prätorius, Sei getreu bis an das Ende (Str. 1; 9). Jede Strophe beginnt: „Sey getreu“, das Kampfmotiv umrahmt mit den beiden genannten Strophen den Text, der im untersuchten Material nur in Lü-1695/1702 vertreten ist. Anon., Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen (Str. 1,3f). Vgl. Luther, °Christ lag in Todesbanden (Str. 4,1–4): „Es war eyn wunderlich krieg, | da todt vnd leben rungen: | Das leben behielt den sieg, | es hat den tod verschlungen“.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Ergreiffen fest Im Geist des Glaubens Waffen: Trotz sey fortan Dem schwartzen Mann / Daß er vns zwar Nur krümm ein Haar / Gar nichts er mehr kan schaffen.“96 „6. Im Fried laß mich sanfft einschlaffen, Leg mir an des Glaubens Schild, Helm des Heils vnd Geistlich waffen, Das mich schreck kein Todesbild.“97 „5. Drum deiner Sünden grosser Schein Dir itzt nicht mehr kan schädlich seyn / Weil in des Glaubens hellen Waffen Du sanfft und selig ein=kanst=schlaffen.“98

In der Zuversicht „Mein Kampff wird glücklich lauffen ab“99 offenbart sich dann die wahre kämpferische Tugend des christlichen Ritters, seine Tapferkeit und Unerschrockenheit: eben Ritterlichkeit gegenüber dem Tod, die ihn sich „frey Ritterlich | mit jm in Kampff begeben“100 lässt und ihn dazu bringt, – so eine häufige Redeweise – „zu letzt auch durch den Todt | Ritterlich zu dringen“101. Solche Glaubensstärke kann er freilich nicht aus eigener Kraft aufbringen, sie muss erbeten sein. Die Bitte um Stärkung zum Kampf und göttlichen Beistand im ritterlichen Ringen gehört denn auch zum notorischen Vorrat der Sterbegebete: „10. O heilger Geist, mit deiner krafft die sterben sollen stercke, Das man des glaubens Ritterschafft an jhrem endt vormercke“102. „II. […] DEin TodesKampff / dein Schweiß / dein Blut giebt mir im Tode Krafft und Muth / hilff Jesu / hilff mir jetzt auch ringen / durch Tod und Leben zu dir dringen.“103 96 97 98 99 100 101

102 103

Schein, In Sünden und in Gottes Zorn (Str. 4). Z. Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Str. 6,1–4). Anon., Auf, meine Seel, dein End ist hier* (Str. 5). Timäus, Wenn mein Gesundheit leidet Not (Str. 9,5). Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 17,6f). Roberthin, Wer sein Wesen überlegt (Str. 5,7f). Vgl. die folgenden Beispiele im Text sowie Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 10,3–5): „So reiß mich aus den Banden | Des Todes / daß Ich wol | Und ritterlich durchdringe“; Luther, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (Str. 3,7f): „Das wyr hye ritterlich ringen, | durch tod und leben zu dyr dringen.“ Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 10,1–4). Olearius, Herr Jesu, deine Traurigkeit („II. Auß dem Todes=kampf und blutigen Schweiß JEsu Christi“). Die Strophe ist einer von 34 meist einstrophigen Texten aus der Geistlichen Singekunst, in denen unter

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II. Der Weg des Lebens

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„11. Hilff, das ich gar nicht wancke von dir, HErr Jesu Christ, Den schwachen Glauben stercke in mir zu aller frist. Hilff mir ritterlich ringen, dein Hand mich halte fest, das ich mag frölich singen das consummatum est.“104

Theologisch aufschlussreich ist insbesondere der von Johann Olearius im zweiten Beispiel hergestellte Zusammenhang: Es ist Jesu Todeskampf, der letztlich die Stärkung des Menschen in seinem eigenen Ringen mit dem Tod wirkt. Im Kampf gegen das feindliche Heer wird das Blut Jesu zur Fahne, auf die der Christ bereits in der Taufe „geschworen“ hat, hinter der sich Jesu „Ritters=Leute“ versammeln und in die sie sich sogar schützend einwickeln.105 Die Taufe auf Jesu Tod (Röm 6,3) kommt dem Menschen demnach weniger als Teilhabe an dessen stellvertretender Überwindung des Todes zugute, sondern vielmehr als apotropäischer Schutz im eigenen Todeskampf, dessen er trotz des österlichen Triumphes Christi nicht enthoben ist. b) Nach dem Kampf Für den Rückblick auf den schon überstandenen Kampf des Lebens und Sterbens sind die zitierten Verse aus 2Tim 4,7f der klassische Bibeltext. Ein spektakuläres Zeugnis für die große Bedeutung dieses Textes in der Sterbefrömmigkeit des 17. Jahrhunderts bietet die so genannte Nürtinger Blutbibel: Die Blutspur, die ihr Besitzer im Moment seiner Ermordung durch spanische Truppen im Dreißigjährigen Krieg im Buch hinterlassen hat, verweist genau auf diese Stelle.106 Die im untersuchten Material am häufigsten belegte Fassung stammt von Heinrich Albert: 1. EInen guten Kampff hab’ ich Auff der Welt gekämpffet, Denn GOtt hat genädiglich All mein Leid gedempffet, Daß ich meines Lebens Lauff

104

105

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der Überschrift „D. J. O. Hertzerqvickender Trost in Todesnoth“ einzelne Elemente aus der Passionsbetrachtung herausgegriffen und mit Blick auf das eigene Ende meditiert werden (als Lied mit 40 Str. enthalten in L-1673). Die Melodieangabe O Jesu Christ, meins Lebens Licht verweist auf ein älteres Lied, das ähnlich verfährt, wenn auch bei weitem nicht so ausführlich (vgl. S. 221). Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Str. 11, Schluss der Fassung Görlitz 1611). Vgl. Homburg, Herr Jesu Christ, mein Leben (Str. 2,3f): „Wann Noht und Tod herdringen, | Hilff ritterlich mir ringen.“ Dach, In dieser meiner letzten Not (Str. 2,7f): „Komm steh auff meiner Seiten | Vnd hilff mir sieghafft streiten.“ Z. Herberger, °Ein Wandersmann bin ich allhier (Str. 6,7): „Hilff mir ritterlich kämpffen“ usw. Vgl. anon., °Wie ein Hirsch nach frischem Wasser (Str. 10–11, hier Str. 11): „Ja, HErr, wie die Ritters=Leute | Allzeit auff den Fendrich sehn, | Also wil ich gleichfals heute | Auch nicht ferne von dir stehn. | Ich wil alß ein Ritters=Mann | Mich wickeln in deine Fahn. | Ach, Ach laß mich frey drinn streiten | Vnd mich wehrn zu allen seyten.“ Dokumentiert bei Ernst, Verwüstet, 56f; vgl. Krusenstjern, Seliges Sterben, 481. Eine Abbildung ist auf der Homepage der WLB unter www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibeln/bestand/kostbarkeiten/nuertblutbibel/ zu finden.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Seeliglich vollendet Vnd die Seel im Himmel nauff GOtt dem HErrn gesendet. 2. Forthin ist mir beygelegt Der Gerechten Crone, Die mir wahre Frewd erregt In des Himmels Throne. Forthin meines Lebens Licht, Dem ich hie vertrawet, Nemlich Gottes Angesicht, Meine Seele schawet.107

Das Lied ist 1632 für einen verstorbenen Freund Alberts geschrieben, und auch weitere Belege zeigen:108 Der Bibeltext ist geeignet, in Beerdigungsliedern an die Stelle eines Berichtes über das Leben des Verstorbenen zu treten – ohne das Rühmen konkreter Taten, das in den weitschweifigen Abdankungsreden zum Programm gehörte und manchen Zeitgenossen als Unsitte galt, und ohne individuelle Bezüge, die der gattungsüblichen Forderung nach überpersönlicher Gültigkeit widersprächen. Dem Verstorbenen die apostolische Rede aus 2Tim 4 in den Mund zu legen, bedeutete eine unverdächtige und dennoch ehrende Stilisierung seiner Person nach dem Ideal des christlichen Ritters, dem nachzueifern ohnehin jedem Christen aufgetragen war. Viele weitere Liedanfänge109 und Einzelstrophen belegen Verbreitung und Beliebtheit des Textes. Eine Fassung von Simon Dach verarbeitet auch den seltener berücksichtigten Vers 6b („Die Zeit meines Hinscheidens ist gekommen“). Damit nimmt das Ich auf der Textebene eine Position ein, von es zwar auf das Leben zurückblickt, in der ihm das Sterben aber scheinbar noch bevorsteht: 1. MEin Abschied auß der bösen Welt Vnd auß den schweren Banden Ist nun einmal vorhanden, Ich bin dem Tode vorgestellt, Vnd muß das Reich zu erben 107

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Albert, Einen guten Kampf hab ich (Str. 1–2). Das Lied stammt aus dem ersten Teil von Alberts Arien (Königsberg 1638), ist aber schon 1632 zum Tod von Alberts Freund Johann Ernst Adersbach entstanden. Das lateinische Motto verweist ebenfalls auf die Tapferkeit des Kämpfers, der sich seine Krone verdient hat: „Non qui certamina segnes [träge, untätig] Aspiciunt, sed qui pugnant, meruere coronas“. Eine bearbeitete Fassung ist bei Bonifatius Stölzlin (Ulm 1676) erhalten: °Einen guten Kampf hab ich (FT III 362.). Schein, Hin ist des Lebens Zeit (Str. 3–4): „Recht wol hab ich allhie | Ein guten Kampff gekämpffet“ usw. (1629 zum Tod von Hermann Hütte); Schein, Mein Zeit nunmehr vorhanden ist (z. B. Str. 2,5–8): „Den guten Kampff ich in der Welt | gekämpffet hab mit Fleiß / | Gantz Ritterlich / gleich als ein Held / | Daß mir ausdrang der Schweiß“ (zum Tod von M. Andreas Schneider). Vgl. z. B. Schein, Ich hab mein Lauf vollendet; Sturm, °Einen guten Kampf gekämpft ich hab; Olearius, Mein Lauf ist nun vollendet; anon., Vollzogen hab ich meinen Lauf*; Pauli, So hab ich nun vollendet den schweren Lebenslauf; Klaj, Ich hab ein guten Kampf gekämpft; Sacer, So hab ich obgesieget, mein Lauf ist nun vollbracht (Lü-1695/1702 anon. mit der Textvariante Nun hab ich obgesieget usw. und nur 10 statt 13 Str.).

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II. Der Weg des Lebens

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Gleich wie ein Opffer sterben. Ich habe ritterlich gekämpfft Vnd meinen Lauff vollendet, Der Feinde wütten ist gedempfft, Vnd alle Noht geendet. 2. In diesem Lauff vnd harten Streit Hat mir der Feind den Glauben Dennoch nicht können rauben. Die Krone der Gerechtigkeit, Die jenes Leben heget, Ist mir schon beygeleget, Got, der im letzten Welt=Gericht Das Richter=Ampt wird führen, Wird selbst mich in dem wahren Liecht Mit solcher Krone zieren.110

Auch dieses Lied ist aber erst für die Beerdigung entstanden;111 der Moment des Todes, der auf der Textebene noch in unmittelbarer Zukunft zu liegen scheint, ist in der Realität schon vergangen. Das zeigt, dass der vom Text implizierte Zeitpunkt nicht mit dem der Performanz übereinstimmen muss, ja dass beide Größen klar zu unterscheiden sind. Das Sterben im Text hängt dem realen Todeszeitpunkt häufig etwas hinterher; der im ersten Vers erwähnte „Abschied“ bekommt bei Verwendung des Textes auf der Trauerfeier eine andere Bedeutung, nämlich nicht im Sinne des leiblichen Todeszeitpunktes, sondern des kirchlichen Verabschiedungsrituals. Im Rückblick wird der ‚Sieg‘ über Tod und Teufel konstatiert, etwa mit einem einfachen Siegesruf112 oder einer Rekapitulation des turbulenten Kampfgeschehens113. Friedrich Rappolts „Triumphs=Lied“ Mein Leben war ein Streit*, das 2Tim 4 nicht wörtlich aufgreift, hebt im Kehrreim gegenüber Kampf und Streit besonders den im Tod erlangten „Frieden“ hervor: 1. Mein Leben war ein Streit mit Sünd / Welt Todt und Hölle / Ich bin des Streites qvit und hab Ruh an die Stelle / [Kehrreim:] Ich habe nun Frieden durch JEsum erlanget durch JEsum in Friede die Seele nu pranget. […] 4. Der gröste Streit war der / ich solt des Todes sterben / Es war durch kein Verdienst das Leben zu erwerben […]. 110 111

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Dach, Mein Abschied aus der bösen Welt (Str. 1–2). Nachgewiesen in SDG III, S. 462: „auff das Leichenbegängnis des Hn. Hanß Truchseß von Wetzhausen“ (Königsberg 1636). Vgl. Finx, Wie selig ist ein frommer Christ (Str. 2,4f): „Er hat vollendet seinen Krieg! | Er hat den lang=gewünschten Sieg!“ Anon., Zum Frieden und zur Ruh* (Str. 9,1–4): „9. Zu frieden und vergnügt! | Wird alsdenn ruffen mein gemühte: | Nun hat den tod besiegt | Die arme seel auß Gottes güte“. Vgl. Dach, Gleichwohl hab ich überwunden (Str. 1,1): „GLeichwol hab’ ich vberwunden, | Gleichwol seelig obgesiegt! | Aber weh den Hellen=Hunden, | Die so feindlich mich bekriegt! | Des erwürgten Lammes Blut | Hat verlescht der Pfeile Glut, | Welche von des Sathans Scharen | In mein Hertz geschossen waren.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt 5. Der Höllen Rachen stund mich zu verschlingen offen / Es hatte mich daher Furcht / Schrecken / Angst getroffen […]. 6. Der Glaube war der Sieg / der alles überwunde In JEsu nun allein ich Ruh und Frieden funde […].114

Entscheidend für den Ausgang des Kampfes war nach 1Joh 5,4 der Glaube, so Rappolt im Anschluss an die reformatorische Tradition, nicht etwa das Verdienst der Werke. Im Glauben, dem ‚Schild‘ von Eph 6, sind die feindlichen Mächte überwunden, ist dauerhafter Friede gewonnen.

3. Zusammenfassung Zwei Bilder – oder vielmehr ganze Bildbereiche – veranschaulichen das in den untersuchten Liedtexten vorherrschende Verständnis des Lebens und Sterbens: das Bild der Pilgerschaft (peregrinatio) und das des Kriegsdienstes (militia) oder ritterlichen Kampfes. Gemeinsam ist beiden Bildern ihre biblische Verankerung, ihre skeptische, kritische Sicht der Lebensumstände des Menschen in der Welt, ihre teleologische Ausrichtung (‚Ankunft‘ bzw. ‚Überwindung‘) und ihre Vielseitigkeit. Damit ist zunächst allgemein die Offenheit für die Verwendung in unterschiedlichen Kontexten und die Anschlussfähigkeit für immer detailliertere Ausgestaltungen gemeint; im Besonderen erweist sich diese Offenheit in der Anwendung nicht nur auf das Leben, sondern auch auf das Sterben. Diese doppelte Anwendung illustriert zugleich die Zusammengehörigkeit von Leben und Sterben im Verständnis der Lieddichter: Beide lassen sich mit denselben Bildern beschreiben. Indem der Rezipient sich selbst lesend und singend in die Rolle des Pilgers oder des christlichen Ritters begibt, leisten beide Bilder einen wichtigen Beitrag zur Sterbebereitung, zur Lösung von der Welt und zur Ausrichtung auf den Himmel. Ein grundlegender Bibeltext für den Bildbereich der Peregrinatio ist der Abschnitt vom wandernden Gottesvolk in Hebr 11, in dem die Vorläufigkeit der Erdenexistenz zum Ausdruck kommt. Daneben spielt auch die weisheitlich geprägte Rede vom ‚Wandel‘ eine gewisse Rolle (vgl. die Gesangbuchrubrik ‚Vom heiligen Leben und christlichen Wandel‘): Gutes und geheiligtes Leben gilt vielen Autoren schon als Bereitung zum seligen Sterben. Nach der Peregrinatio-Vorstellung ist die menschliche Erdenexistenz durch eine Reihe von Bildmotiven gekennzeichnet: Das Leben entspricht einem Aufenthalt in der Unbehaustheit der Fremde, im Exil; der Mensch ist nur „Gast auf Erden“ (Ps 119,19). Eine häufige Variante beschreibt das Leben als Schiffsreise, die durch den Sturm auf den rettenden ‚Port‘ zusteuert. Der Weg (oder die ‚Straße‘) der Erdenreise ist – darin zeigt sich wieder die unter I. konstatierte negative Bewertung der Welt – leidvoll, gefahrvoll und beschwerlich; der Pilger ist daher im Leben und insbesondere im Ster114

Rappolt, Mein Leben war ein Streit* (Str. 1; 4–6); einziger Beleg für dieses Lied ist L-1682.

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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ben auf den ‚Geleitsmann‘ Christus angewiesen, der ihm den Weg mit seinem Wort erleuchtet. Als positiv konnotiertes Ziel der Lebensreise, das der irdischen Mühsal entgegengesetzt ist, und als eigentlicher Bestimmungsort des Menschen steht ihm das himmlische Vaterland (Hebr 11,16) vor Augen, das ‚Land der Lebendigen‘. Die innere Ausrichtung auf dieses Vaterland wird manifest als Äußerung der Sehnsucht oder des Verlangens, die der Sehnsucht nach dem Sterben entspricht (vgl. S. 338). Erhofft wird darin zum einen die Befreiung vom ‚Joch‘ der irdischen Beschwernis, zum anderen die Aufhebung des Fremdlingsstatus durch die Gottesgemeinschaft. Mit der Todesstunde hat der ‚Pilgrim‘ den letzten Abschnitt seiner Reise erreicht. Dabei kann der Tod als Moment der Ankunft, aber auch als Moment des letzten Aufbruchs, der „letzten reis“ gedeutet werden (zum postmortalen Weg der Seele vgl. S. 483). Insbesondere auf diesem Abschnitt bedarf der Mensch des Geleites Christi. Am Ende des Weges stehen das ‚Durchdringen‘ oder der letzte Übergang, der häufig durch eine Tür markiert ist. Im Bild des christlichen Ritters werden Leben und Sterben des Menschen nicht als Weg, sondern als Kampf gedeutet. In der Frontstellung zwischen Gott und Welt kämpft der miles Christianus auf Seiten Christi manchmal gegen sich selbst, vor allem aber gegen die Mächte der Sünde, des Todes, des Teufels und der Hölle, von denen er im Leben wie im Sterben angefochten ist (vgl. S. 300). Christus als der Auferstandene hat sich seinerseits im Kampf gegen diese Mächte als siegreich erwiesen (vgl. S. 379). Seinem Gefolgsmann ist die Teilhabe an diesem Sieg verheißen, etwa kraft der Taufe; des Kampfes ist er gleichwohl nicht enthoben. Leben und Sterben können sowohl im Vorgriff als auch im Rückblick als Kampf gedeutet werden. Vorausblickend geschieht dies z. B. in Form einer Ermutigung zu Unerschrockenheit, Zuversicht und zur Zurüstung mit geistlichen Waffen (vgl. Eph 6,11–17). Für den retrospektiven Blick auf den geistlichen Lebens- und Todeskampf ist 2Tim 4,6–8 ein wichtiger Bezugstext. Häufig ist sein Sitz im Leben in Leichenpredigten oder Begräbnisliedern zu finden, dessen Ich dem Toten in den Mund gelegt wird (vgl. S. 416). Der Tote wird damit nach dem Ideal des christlichen Ritters stilisiert. Als wesentlich für den Ausgang des Kampfes gilt in jedem Fall der Glaube an Christus als den Überwinder des Todes (vgl. Eph 6,16; 2Tim 4,7; 1Joh 5,4).

III. Memento mori: Die Todesmahnung Die besondere Erinnerung an den eigenen Tod greift über die allgemeine Vergänglichkeitsbetrachtung hinaus: „ALle Menschen müssen sterben“ hat einen anderen, weniger scharfen Fokus als „O Mensch, bedencke stets dein End“. Im einen Fall steht die Klage, im anderen die Ermahnung im Vordergrund; im einen Fall ist keine direkte Anrede enthalten, im anderen ist sie konstitutiv: „Mensch! du mußt sterben auch“1. Freilich wohnt der allgemeinen Vergänglichkeitsbetrachtung immer 1

Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, O du dreieinger Gott (Str. 2,7).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

auch ein implizites Memento mori inne. Zudem begegnen viele Aussagen und Bilder zur Vergänglichkeit in beiden Formen, weshalb bei der Untersuchung dieser Bilder in Abschnitt I. auch beiderlei Beispiele berücksichtigt wurden. Eine Todesmahnung ist im Verständnis von Simon Dach jedes Begräbnislied,2 ob es die Rezipienten nun direkt anspricht oder nicht. Die direkte Todesmahnung bildet dennoch eine eigene, feste literarische Tradition. Zunächst sollen in diesem Abschnitt ihre Erscheinungsformen untersucht werden (1.): In welchen Formen begegnet die Mahnung? Welches Vokabular wird verwendet, und welche Konsequenzen für das Leben und Sterben im Sinne einer Ars moriendi sind bereits impliziert? Im Anschluss an das Memento mori im engeren Sinne werden zwei weitere literarische Traditionen untersucht, deren Verwendung ebenfalls die Funktion einer Todesmahnung übernehmen kann: Eine besondere Rolle bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod spielen einerseits die Rede von der Todesstunde (2.), andererseits die Vorstellung des Todes als Person (3.), gleichsam ein bildliches Memento mori im Sinne einer persönlichen Konfrontation.

1. Memento: Das ‚Denken an‘ den Tod a) Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen (Ps 90,12) Das Bedenken des eigenen Endes begegnet in den Liedtexten nicht nur in Form des imperativischen ‚Memento‘, sondern auch in Form einer an Gott gerichteten Bitte: der Bitte, Gott möge den Menschen das Bedenken des eigenen Endes lehren, wie sie in Ps 90,12 oder in Ps 39,5 vorgebildet ist. „Ach lehr’ uns Herr bedenken“, so oder ähnlich lautet die Bitte in vielen Liedern; Simon Dach intensiviert sie in seiner freien Umsetzung von Ps 90 zu der deutlicheren Formulierung: „Schrey vnserm Ohr’ vnd Hertzen ein“3. Die Notwendigkeit der Belehrung ergibt sich aus der Scheu oder Unfähigkeit der ‚Kinder dieser Welt‘, sich mit den letzten Dingen und insbesondere mit ihrem Tod auseinanderzusetzen; in der erbetenen Belehrung stiftet Gott die zum Gelingen eines seligen Endes notwendige Erkenntnis. Dem Text des Psalters nach ist der Inhalt der Belehrung nach Ps 39,5 die Faktizität der eigenen Sterblichkeit, nach Ps 90,12 ihre Reflexion, die auch die Betrachtung ihrer Folgen und eine Akzeptanzforderung einschließt. In den Liedadaptionen vermischen sich beide Ebenen; die Reflexionsebene („bedencken“, vgl. S. 234) wird in den meisten Fällen ausdrücklich genannt.4 Zugleich zeigen die einschlägigen Liedstrophen5, dass in der göttlichen 2 3

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Dach, Herr, es mangelt nicht an dir (Str. 3), zit. S. 605. Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 6): „Schrey vnserm Ohr’ vnd Hertzen ein | Des eiteln Lebens Flucht vnd Pein, | Daß wir die Boßheit fliehen, | Rath suchen bloß bey deinem Sohn, | Vnd Lebens=satt, wie Simeon, | Zu dir von hinnen ziehen.“ Vgl. z. B. Gerhardt, °Mein Gott, ich habe mir (nach Ps 39,5: Str. 3,1–4): „Herr lehre mich doch wol | Bedencken / daß ich sol | Einmal von dieser Erden | Hinweg geraffet werden“. Z. B. Leon, Ich hab mein Sach Gott heimgestellt (Str. 8); Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str.  7); Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 4); Schein, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ob ich gleich itzt (Str. 4); Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 6); Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 4–5); Rist,

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Belehrung über das Dass der Sterblichkeit eine ganze Reihe von Konsequenzen enthalten ist, die eine Gestaltung des Sterbens als gutes Sterben ermöglichen. Nach Ps 90,12 ist eine erste Folge der göttlichen Belehrung und der Reflexion über die menschliche Sterblichkeit, „dass wir klug werden“, oder in den Worten der Lieder: dass wir „klugheit werden vol“, „uns zur Klugheit lencken“, „Weislich und mit klugem sinn | Dencken stets ans ende hin“.6 Solche Klug- und Weisheit unterscheidet sich selbstredend von der nichtigen Klugheit der Welt (vgl. S. 201), denn sie führt den Menschen gerade über die Erkenntnis der Sterblichkeit hinaus und zur Teilhabe am Ewigen. Das wird zum einen durch rechtzeitige Buße, zum anderen durch die Bereitung zum Sterben ermöglicht. Buße als erste Konsequenz wird nicht nur im allgemeinen Sinne gefordert – „daß wir hie noch büssen“7, „Daß wir uns bey zeit bekehren“8 –, sondern auch dahingehend expliziert, „daß wir uns bey Zeiten lencken | hin zu Dir“9, „Daß wir die Boßheit fliehen“10 oder „Daß wir mit allen Sinnen | Den Himmel lieb gewinnen“11. Die andere Konsequenz der durch Gottes Belehrung vermittelten Klugheit ist die Sterbebereitung im engeren Sinne: dass wir „vns zum todt bereiten fein“12 und „schicken uns zum selign End“13, „Daß wir auch alle Sachen | Bereit und fertig machen“14. So kann es gelingen, dass die Christen „entgehn der seelen=noht“15 (und zwar sowohl derjenigen im als auch derjenigen nach dem Tode), und dass sie „eingehen zu den Freuden […] | der ewign Seeligkeit“16. Im Zusammenhang können die Strophen zum „Lehre uns bedenken“ etwa lauten: „7. O HErr, lehr vns bedencken wol das wir absterben müssen, Auff das wir klugheit werden vol, in zeit der gnaden büssen, Vnd vns zum todt bereiten fein, damit wir selig schlaffen ein auff Christum vnsern HErren.“17

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Ach was ist doch unser Leben* (Str. 8); anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 12); anon., Wir müssen alle sterben, der Tod ist uns gewiss* (Str. 4); anon., Es ist gewiss ein große Gnad* (Str. 6) u. a. Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 7,3); anon., Es ist gewiss ein große Gnad* (Str. 6,4); anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 12,5). Vgl. Gerhardt, Herr Gott, du bist ja für und für (Str. 9,1–4): „Lehr uns bedencken / frommer GOtt | Das Elend dieser Erden: | Auf daß wir / wenn wir an den Tod | Gedencken / Klüger werden.“ Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 4,4); vgl. Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 7,4): „in zeit der gnaden büssen“. Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 12,3). Rist, Ach was ist doch unser Leben* (Str. 8,3f). Dach, Du, Gott, bist außer aller Zeit (Str. 6,3). Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 4,5f). Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 7,5). Anon., Es ist gewiss ein große Gnad* (Str. 6,5). Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 5,5f). Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 12,4). Anon., Wir müssen alle sterben, der Tod ist uns gewiss* (Str. 4,6f); vgl. Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 4,6). Ringwaldt, O Gott, der du die Menschenkind (Str. 7).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt „4. Ach Herr lehr vns bedencken wol / Daß wir all sterben müssen / :/: Der Leib zur Erden werden sol / Hilff / daß wir hie noch büssen: Zu sterben wir geboren seyn / Vnnd gehn dardurch ins Leben ein / Solchs laß vns doch recht wissen.“18 „12. Ach! HErr Jesu! wollst uns lehren / Wie / woher / wen[n] kömmt der tod / Daß wir uns bey zeit bekehren / Und entgehn der seelen=noht: Weislich und mit klugem sinn Dencken stets ans ende hin.“19

Die beiden ersten Beispiele – von Ringwaldt und Schein – sind sich auffallend ähnlich. Das dritte Beispiel bringt eine Variation: Erbeten wird nicht eine Belehrung über die Sterblichkeit, sondern über die näheren Umstände des Todes; die rechtzeitige Buße gewinnt in diesem Kontext noch eine größere Konkretion. In wieder anderen Fällen fehlt das Dass der Sterblichkeit gleich ganz in der erbetenen Belehrung; sie soll vielmehr im Sinne der Anweisung zur Ars moriendi gleich über das Wie des seligen Sterbens Auskunft geben („Wie ich zuletzt recht sterben soll“20). Näheres dazu wird im Kapitel über die Bereitung zum Sterben zu sagen sein (vgl. S. 259). b) Memento: O Mensch, bedenke stets dein End Ein literarisch ebenso fester Topos wie das „Lehre uns bedenken“ und noch häufiger als dieser ist die Mahnung des eigentlich imperativischen ‚Memento‘: „O Mensch, bedencke stets dein End“. Der Mensch erbittet hier nicht die heilsame Reflexion über das Sterben, sondern wird direkt zu ihr aufgefordert. In Sir 7,40 heißt es entsprechend: „Was du auch tust, so bedenke dein Ende, dann wirst du nie etwas Böses tun.“ Die Pointe des Bibelverses ist eine moralische. Zwar ist das ‚Ende‘ schon hier eschatologisch zu verstehen: Gemeint ist das individuelle Lebensende des Menschen, nicht nur die unmittelbaren Folgen seiner Handlung (̨̨̥̩ӫ̮̦̫̰ ̯Қ ъ̮̲̝̯қ ̮̫̰); aber das Bedenken dieses Endes steht im Dienste des guten Lebens, auf dem der eigentliche Akzent liegt – die Mahnung will das Leben im Diesseits verbessern. Das barocke Memento mori setzt die Pointe dagegen umgekehrt: Hier steht das gute Leben im Dienste des seligen Endes. Alle ethischen Forderungen, die sich aus der Reflexion über das eigene Ende ergeben, dienen letztlich der Verwirklichung dieses allein ausschlaggebenden Ziels. Der Weg dorthin führt freilich über das „Bedencken“, über eine Form der inneren Auseinandersetzung, die von Gott ihren Ausgang nimmt („Lehre uns bedenken“), 18 19 20

Schein, Ich will still und geduldig sein (Str. 4). Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 12). Zeißold, °Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, tu meine Bitt (Str. 1,7).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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die den Menschen dann zur Buße führt und schließlich ein seliges Ende nach sich zieht. Entscheidend in diesem Prozess zwischen göttlicher Initiative und tätiger Anwendung ist der innere Akt der aneignenden Reflexion, in der der Mensch seine eigene Sterblichkeit und damit die Notwendigkeit der Vorsorge für ein gutes Ende erkennt. Dieses ‚Klugwerden‘, Aneignung und Erkenntnis, kann zwar letztlich nur von Gott gewirkt sein; aber der Mensch ist doch gehalten, ihm durch die Praxis der Sterbebetrachtung Raum zu geben, etwa im Lesen und Singen von Liedern. Durch diese Praxis wird die Möglichkeit der Erkenntnis wesentlich befördert – einfach dadurch, dass Leser, Sänger und Hörer mit dem Thema des eigenen Todes konfrontiert werden, und insbesondere dadurch, dass sie zur inneren Auseinandersetzung ausdrücklich ermahnt und aufgefordert werden. Solche Ermahnung oder „erinnerung“21 setzt meist mit einer direkten Anrede ein: „O Mensch!“22 lautet sie häufig oder „O frommer Christ!“; durch die Anrede der eigenen Seele erhält der Text den Charakter eines Selbstgesprächs. Auf die Anrede folgt ein Imperativ. Die Art der Auseinandersetzung kann dabei ebenso variieren wie ihr Inhalt. Zunächst zu den unterschiedlichen Arten der inneren Auseinandersetzung, wie sie sich im Gebrauch unterschiedlicher Verben widerspiegelt (auch über die rein imperativische Verwendung hinaus). Damit der Prozess der inneren Auseinandersetzung beim in der Welt befangenen Menschen in Gang kommen kann, bedarf es zunächst des Innehaltens: „STeh doch, Seele, steh doch stille | Vnd besinn dich, wo du bist.“23 Im geforderten ‚Sich-Besinnen‘ schwingt ein Zur-Besinnung-Kommen mit, eine Art Erwachen oder Bewusstwerden über die eigene Situation als sterblicher Mensch, deren Wahrnehmung innerhalb des atemlosen Laufs in der Welt verstellt ist. Aufmerksame Wahrnehmung impliziert das ‚In-Acht-Nehmen‘, ein wahrhaftes Ernstnehmen der Sterblichkeit, das sich aufs Leben konkret auswirkt: 1. ACh! seele / nimm doch wol in acht / Wie so vergänglich sey diß leben / Damit / wenn du nun gute nacht Dem leibe durch den tod must geben / Du so gelebet jederzeit / Daß / da du must von hinnen gehen / Den tod du nicht dort mögest sehen / Den mit sich bringt die ewigkeit.24

Auch das ‚Erwägen‘ der eigenen Sterblichkeit muss zu dem Ergebnis führen, Buße zu tun und sich zum Sterben „fertig“ zu machen.25 Mit dem etwa von Selnecker 21

22

23 24 25

Z. B. Stigelius, O Mensch, willt du für Gott bestahn (Überschrift): „Ein Christliche erinnerung an Jung vnd Alt.“ Vgl. auch anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben*: „Menschen töchter / menschen söhne / | Lasst euch diß gesaget seyn“ (Str. 7,1f); „Menschen=kind / nimm diß zu hertzen“ (Str. 9,1). Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 1,1f). Anon., Ach Seele, nimm doch wohl in acht* (Str. 1). Vgl. anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 11): „Wer diß klüglich wird erwegen / | Der wird als ein rechter Christ | Falsch= und bosheit von sich legen / | Dencken auch zu jeder frist | Wie er möge

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

geforderten ‚Sich-Erkennen‘ ist natürlich ebenfalls die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit gemeint.26 Stärker meditativen Charakter haben Verben wie ‚betrachten‘ oder ‚sich versenken‘, von denen vor allem das erstere sehr verbreitet ist. Die ‚Betrachtung‘ findet sich häufig in den Liedüberschriften Johann Rists;27 als ihr Gegenstand kommen Tod, Sterblichkeit, Hölle oder die Eitelkeit der Welt in Frage.28 In Liedern wie Komm, Sterblicher, betrachte mich (vgl. S. 247) von Gottfried Wilhelm Sacer wird ‚Betrachtung‘ ganz wörtlich als bildliche Anschauung des Todes- oder Totenbildes verstanden. Die ‚Versenkung‘ gilt dagegen in der Regel heilsamen Inhalten, etwa der Gnade oder ganz bildlich den Wunden Jesu.29 Hier ist die meditative Bedeutung am deutlichsten greifbar. Am häufigsten finden sich jedoch die Imperative „denck“, „bedenck“ und „gedenck“, deren letzterer dem lateinischen ‚Memento‘ genau entspricht und die dem Menschen sein Ende dergestalt in Erinnerung rufen wollen, dass es ihm innerlich in jedem Moment präsent ist; entsprechende Liedanfänge sind zahlreich.30 Falsche Gedanken werden durch verneinte Imperative zurückgewiesen: „Gedencke nicht in deinem Sinn, | Daß du nicht dörffest sterben […] Ach! denke nicht, es hat nicht Noht, | Ich wil mich schon bekehren“31. Wie bei der Buße darauf zu achten war, dass sie „bey Zeiten“ stattfindet, so wird der Christ aufgefordert, mit dem Gedanken an seinen Tod umzugehen, „Weil du noch gsund am Leben bist“32. Die letzte Lebenszeit, auf die der Gedanke gerichtet ist, wird von Johann Rist plastisch ausgemalt, um das Gedenken zu befördern: 10. Gedenk O Hertz an jene Zeit / Wen Krankheit dich einst plaget / Wen dein Gemüht empfindet Streit /

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fertig seyn / | Wenn sein letzter tag bricht ein.“ Den alten Imperativ ‚erwig!‘ hat Eyring, °O Mensch, gedenck der letzten Stund (Kehrreim): „Das wol erwig: | Lang nit ewig, | Ewig ist lang, | Die Buß anfang | Vnd thu das Böse meiden.“ Vgl. Selnecker, Herr Jesu Christ, in deine Händ (Str. 6): „O selig ist, der sich erkennt | vnd tracht stets nach eim guten end, | Furchtsam, ohn falsch vnd heucheley, | demütig vnd getrost dabey.“ Vgl. die Aufstellung aus den Himlischen Liedern und den Neüen Himlischen Liedern, S. 554f. Vgl. z. B. Gesenius/Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht, dass alles Fleisch verdirbet; Gesenius/ Denicke, O Gott, wer dieses Leben wohl betrachtet, der wird finden usw. Selnecker, Herr Jesu Christ, in deine Händ (Str. 4,1f): „HERR, schaff, das ich stets solchs bedenck | vnd mich in deine gnade senck“; Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Str. 3): „Herr, lehr mich stets mein End bedencken | Und, wenn ich einsten sterben muß, | Die Seel in Jesu Wunden sencken […]“ Vgl. anon., Wir müssen alle sterben, o Mensch, das recht bedenk* (Nürnberg 1599); anon., O Mensch, bedenk mit Fleiß all Stund* (Leipzig 1616); Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Breslau/Leipzig 1630; davon abgeleitet: anon., O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben*, Lüneburg 1661); Harsdörffer, O Sündenmensch, bedenk den Tod (Nürnberg 1649; vgl. ders., Wer denket an der Höllen Glut, Str. 7,1: „O Sünden=Mensch, bedenck die Höll“); Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Coburg 1655). Vgl. Eyring, °O Mensch, gedenk der letzten Stund (Augsburg 1611); Arnold, °Bedenk allzeit dein letztes End (Altenburg 1631) usw. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 1,6f; 10,1f). Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Str. 1,1f): „AN Tod gedenck, O frommer Christ, | Weil du noch gsund am Leben bist“; „weil“: derweil, solange. Vgl. schon Eyring, °O Mensch, gedenk der letzten Stund (Str. 1,1–3): „O Mensch, gedenck der letzten stund, | WEYL DV BIST gsunt | Vnd lebst in allen freiden“.

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Wen Satan dich verklaget / Wen dir Gesicht und Witz vergeht Gehör und Sprache nicht besteht / Wenn dein Gewissen zaget.33

Das letzte Stündlein (vgl. dazu S. 239) ist also bevorzugter Gegenstand des ‚Gedenkens‘. Es ist von körperlichem Verfall, Anfechtung und Gewissenskonflikten bestimmt, auf die sich das „Hertz“ schon zu einem Zeitpunkt einstellen sollte, zu dem sie noch nicht eingetreten sind. Das Memento mori kann auch darin bestehen, dass nicht imperativisch zum Todesgedenken aufgerufen, sondern direkt indikativisch an den Tod erinnert wird, und zwar ebenfalls in der zweiten Person, so dass der Adressat auf seine eigene Betroffenheit direkt angesprochen wird: „Heute bist du herr im haus / | Morgen trägt man dich hinauß.“34 Besonders ausführlich geschieht dies in dem Lied Der grimmig Tod mit seinem Pfeil, in dem über viele Strophen hinweg das Sterben, die Verwesung und das Vergessenwerden futurisch in der zweiten Person geschildert werden und schließlich die Erinnerung erfolgt: „Vielleicht ist diß der letzte Tag | den du noch hast zu leben“35. Zuguterletzt tritt der anonyme Autor selbst in Erscheinung, und zwar als Toter: 19. Der dieses Liedlein hat gemacht, von newen hat gesungen, Der hat gar offt den Todt betracht vnd letzlich mit jhm gerungen, Ligt im hol, es thut jhms wol, tieff in der Erd verborgen: Sich auff dein sach, du must hernach, es sey heut oder Morgen.36

Das Lied ist damit zum einen als Vollzug der Todesbetrachtung seines Autors stilisiert; daraus wird wiederum die Ermunterung an den Leser, Sänger usw. abgeleitet, sie ebenfalls zu vollziehen. Ähnlich kann in einem Beerdigungslied von Schein die Mahnung direkt dem Verstorbenen in den Mund gelegt werden.37 Einen Schritt weiter gehen die Texte, in denen an den Tod nicht im Sinne eines ‚Memento‘ erinnert werden muss, weil das Ich (in das der Adressat schließlich einstimmen kann) die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und das To33

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Rist, Es nahet sich der letzte Tag (Str. 10); ähnlich formuliert (‚jene Zeit‘) bei Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit. Anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 10,5f). Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (16,1f). Vgl. zu diesem Lied S. 197 Anm. 178. Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 19). Schein, Mein Zeit nunmehr vorhanden ist (Str. 7,7f; 9,5–8): „Drumb frommer Christ dich wol bedenck / | Nicht laß verführen dich. […] | Das hab ich all erfahren nun / | Bin dessen wol ergetzt / | Drumb magst du wol dergleichen thun / | Das laß ich dir zuletzt.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

desgedenken selbst vollzieht. Diese Texte befinden sich meist bereits im fließenden Übergang zum Bereich der Sterbebereitung und des Sterbegebets. Allerdings lassen sich in der textimmanenten, also von den Texten implizierten Sprechsituation unterschiedliche Grade der Todesnähe unterscheiden. Das Todesgedenken „WEYL DV BIST gsunt“ ist gerade noch kein Sterbegebet mit Abschiedscharakter. Ein sehr häufiges Beispiel ist Bartholomäus Ringwaldts Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal muss sterben (Frankfurt/O. 1586).38 Das ‚meminisse‘ selbst klingt noch an in Titeln wie Herman, Mit Todesgdanken geh ich um (Wittenberg 1562); Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Wittenberg 1611); Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Königsberg 1639). Dass der letztgenannte Autor – wie empfohlen – sein „Christliches Sterb=Lied […] bey gesunden Tagen, Anno 1639 […] verfertiget“ hat, geht aus dem Titel des bei FT nachgewiesenen Drucks hervor.39 In einer Strophe von Sohren lässt sich der Augenblick der Aneignung des Todesgedenkens vom externen ‚Memento‘ zur eigenen Beschäftigung mit der Todesmahnung beispielhaft ausmachen: 1. ICh gehe / sitze / was ich thu / so rufft mir diese Stimme zu / Mensch dencke an dein Sterben / drümb meine Seele sey bereit / und schick dich zur Bußfertigkeit / wilt du den Himmel erben  / schaustu gleich itzt des Tages=Licht / wer weiß / stirbst du vor Abend nicht.40

Zunächst wird das ‚Memento‘ von einer nicht näher klassifizierten, aber omnipräsenten und dadurch außerordentlich dringlichen „Stimme“ von außen an das Ich herangetragen. Kennzeichnend für diese Konstellation ist hier wie in anderen Liedern die Anrede ‚[O] Mensch‘. Dann folgt eine Art Internalisierung: Als Reaktion auf die gehörte „Stimme“ – die realiter auch mit Totengeläut oder gesungenen Begräbnisliedern identisch sein könnte, wie Simon Dach in Herr, es mangelt nicht an dir vorschlägt (vgl. S. 605) – kommt es zu der Selbstaufforderung, sich auf das eigene Ende vorzubereiten. Dem entspricht die interne Anrede an die eigene „Seele“. Das Memento mori, so lässt sich zusammenfassend festhalten, ist die explizite oder implizite Aufforderung zum Todesgedenken, zur (heils-) notwendigen inneren Reflexion oder Meditation der eigenen Sterblichkeit. Der Liedtext hat dabei nicht bloß Aufforderungscharakter, sondern ist selbst Medium des Gedenkens. Mit Ps 90,12 wird die Bereitschaft zum heilsamen Todesgedenken von Gott erbeten. In Form von Imperativen, aber auch indikativischen Schilderungen in der zweiten Person, sowie der Anrede „O Mensch“ ergeht die Aufforderung durch eine externe Instanz. Eine Art Internalisierung wird durch die Anrede an die eigene Seele oder durch die Ichform 38 39 40

Vgl. anon., Herr, es ist mir nicht verborgen, dass ich endlich sterben soll* usw. Zit. nach FT III, S. 22. Weitere Angaben zu diesem Lied vgl. S. 545. Sohren, Ich gehe, sitze, was ich tu (Str. 1).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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angezeigt. Es ist ein typischer Grundzug der geistlichen Barocklieder, dass sie auf ein ‚meminisse‘ aus sind, auf ein inneres Gewahrwerden und meditatives Ventilieren bestimmter Themen wie Sünde, Himmel und Hölle. Im Falle der Todesbetrachtung sind praktische Konsequenzen dabei immer mit intendiert: christliches, gutes Leben, eine büßerische Haltung und die Vorbereitung auf das eigene Sterben.

2. Die Rede von der Todesstunde Die Erinnerung an die allgemeine Vergänglichkeit und an die eigene Sterblichkeit (Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal muss sterben) hat also die Funktion, christlichen Wandel, Buße und Sterbebereitung „anzureitzen“ und so letztlich ein seliges Ende zu ermöglichen. In der Rede von der Todesstunde, die schon in den Liedern des 16. Jahrhunderts prominent auftritt, wird dieser Impuls intensiviert, indem der Gedanke an den eigenen Tod konkretisiert wird: Nicht mehr von der Sterblichkeit an sich ist hier die Rede, sondern vom konkreten Todeszeitpunkt. Die Rede von der letzten Stunde dient stärker als die bloße Sterblichkeitserinnerung der tatsächlichen Vergegenwärtigung des eigenen Todes. Indem der Mensch seinen letzten Tag und sein letztes Stündlein vor Augen hat, trifft ihn das Memento mori – nun in der Form: „O Mensch, gedenck der letzten Stund“41 – mit noch größerer Wucht. „Die letzte stund fürcht iederman“42, ist sie doch derjenige Zeitpunkt, an dem sich entscheidet, ob das selige Ende und damit ein Ende zur Seligkeit gelingt: Sie wird dem Menschen persönlich zum Jüngsten Tag.43 Ein „seliges Stündelein“ oder „seliges Valetstündlein“ ist Gegenstand der Bitten etwa bei Nicolaus Selnecker, wo es auch heißt: „verlaß mich nicht zur letzten stund“44. Die Vergegenwärtigung der letzten Stunde erfolgt über das „Dencken“45, angestoßen durch den Liedtext, dessen Lesen oder Singen den Menschen sich in sein letztes Stündlein hineinversetzen lässt: „Wann dir das letzte Stündlein kompt“46 oder „WEnn mein Stündlein furhanden ist“47. Aber auch in der Gegenwart kann jeder Moment der verrinnenden Zeit zur Mahnung an das letzte Stündlein werden: „So offt der Seiger schlagen thut, | Die letzte stund nim zu gemüth.“48 Das Lied O Mensch, bedenk 41 42 43

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Eyring, °O Mensch, gedenk der letzten Stund (Str. 1,1). Anon., °Die letzte Stund fürcht jedermann (Str. 1,1; in Johann Walters Gesangbüchlein 1551). Vgl. Suevus, °Herr Christ, gib, dass im Wandel mein (Str. 5,4–6): „Dieses Stündlein, da ich abscheid, | Mein Jüngster Tag ist, drauff Bescheid | Wird folgn, Hilff Gott! ohn Leiden.“ Selnecker, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, der du sitzt (Str. 1,4). Das Lied ist überschrieben: „Ein Lied vnd Gebett, vmb ein seliges Stündelein“, Selneckers Lied Herr Jesu Christ, in deine Händ: „Ein Lied vmb ein seliges Valetstündlein aus diesem Jammerthal.“ Vgl. Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Str. 1,1–4): „HERR, ich denck’ an jene Zeit, | Wan ich diesem kurtzen Leben | Wegen meiner Sterbligkeit | Gute Nacht sol geben“; zum Lied vgl. S. 238. Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 2,1). Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Str. 1,1); der Vers findet sich gleichlautend drei Jahre später bei Selnecker, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, der du sitzt (Str. 2,1). Vgl. Rist, O Vater aller Gnaden (Str. 10,1f): „Und wen die Zeit fürhanden | Daß Ich abscheiden sol […]“ Friccius, °Hör, Mensch, du seist groß oder klein (Str. 4,3f). Das Wort „Stündlein“ kommt in jeder der 9 Strophen einmal vor; das Lied ist überwiegend (Str. 1–7) als Memento-mori-Ermahnung in der 2. Ps. Sg.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

mit Fleiß all Stund* erweitert das Prinzip ähnlich dem Nachtwächterlied Hört ihr Herrn und lasst euch sagen: Hier steht jeder einzelne Stundenschlag für ein anderes Meditationsthema, an das imperativisch erinnert wird („gedenck“, „bedenck“, „vergiß auch nicht“), darunter die Eins für die Todesstunde,49 die Drei für die Dreieinigkeit, die Vier für die Schrift (vier Evangelisten), die Zehn für die Gebote usw. Neben den wesentlichen Heilstatsachen wird zuallererst die entscheidende Bedeutung der Todesstunde mit Hilfe der zahlensymbolisch-emblematischen Meditationstechnik jederzeit präsent gehalten – so wie der Tod jederzeit eintreten kann. a) Ungewissheit und potentielle Nähe der Todesstunde Mors certa, hora incerta – so gewiss der Tod jedem einzelnen Menschen ist, so ungewiss die Stunde, da er eintritt. Die sprichwörtliche Antithese von Wissen und Nichtwissen wird in vielen Liedern aufgegriffen und dient ebenfalls dazu, die dringliche Notwendigkeit der Todesbetrachtung und der sich aus ihr ergebenden Forderungen (christlicher Wandel, Buße, Sterbebereitung) herauszustellen. Hilfe zur Buße wird etwa in folgenden Strophen erbeten, deren auffällige Ähnlichkeit für eine Verwandtschaft sprechen könnte (die Strophenform ist identisch, freilich gängig; auch sind unterschiedliche Melodien angegeben): „2. Ich weis wol, daß ich sterben mus, Doch nicht, zu welcher stunden. Drum hilff, daß ich in wahrer Buß Werd jedesmahl erfunden, Auff daß ich jetzt vnd allezeit Zu meiner Heimfart sey bereit, So bald du mich abforderst.“50 „1. DAs weiß Ich, daß ich sterben muß, Weiß aber nicht die Stunde. Drumb hilff, mein GOtt, daß Ich ohn Buß Niemalen werd erfunden. Wo Busse ist, da hats nicht noth; Man lebet Gott, Drumb muß der Tod Zum sanfften Schlaffe werden.“51 „1. ICh weiß wol, daß ich sterben muß, Weiß aber nicht die Stunde;

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gefasst. Ähnlich Bellinckhausen, °Ein Stündlein ist verlaufen: Anlass, sich der Stunde der Bekehrung und der Todesstunde zu erinnern, ist das Verstreichen einer Zeitstunde (Titel: „Eine kurtze geistliche betrachtung der Stunde“). Anon., O Mensch, bedenk mit Fleiß all Stund* (Str. 2,1f): „Wenns Eins schlegt so gedenck daran / | wie du einmahl must sterben“. Einziger gefundener Beleg: L-1616 unter der Rubrik „Klag vnd Todtengesenge“. Gesenius/Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Str. 2), Hannover 1646 (Melodieangabe dort: Ach Gott, vom Himmel sieh darein). Gefundene Belege: Lü-1660 bis 1706, H-1683. Schramm, °Das weiß ich, dass ich sterben muss (Str. 1), Lissa 1655 (Melodieangabe: Ach lieben Christen, seid getrost).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Drumb hilff, O GOtt, daß ich mit Buß Mich kehr zu deinem Bunde, Daß meine Sünd ich stets bewein’, Jedoch auch deiner TodesPein Mich tröst aus HertzensGrunde!“52

Die Aussagen über die Ungewissheit der Todesstunde werden häufig auf die anderen Todesumstände ausgedehnt, nämlich auf Ort und Art des Todes. Heermanns „Wann, wie und wo“ zeigt die mögliche Allgegenwart und die Unentrinnbarkeit des Todes, Andreas Kesler stellt das Nichtwissen der Todesart heraus. Beide betonen das „sey bereit“ als Konsequenz des Nichtwissens: „9. Gewiß ists, daß du sterben must; Wann, wie vnd wo, ist vnbewust. An allem Ort, all Augenblick Wirfft aus der Tod sein Netz vnd Strick. Bistu nu klug, so sey bereit Vnd warte sein zu jederzeit.“53 „2. Nun ist sehr ungewiß die Zeit, Drümb mach dich alle Stund bereit: Im Augenblick muß mancher dran Und kein Aufschub haben kan. 3. Die Art und Weiß auch du nicht weist, Wie du aufgibest deinen Geist: Der Tod hat Mittel mancherley, Daß er dem Menschen komme bey.“54

Wer die Ungewissheit des Todeszeitpunkts recht bedenkt, für den ergibt sich rasch die Folgerung, dass der Tod ihm zumindest potentiell immer nahe ist: „WEr weis, wie nahe mir mein Ende?“55 Im Bewusstsein des Menschen sollte das Ende daher jederzeit ganz nahe sein, damit der Tod ihn nicht unvorbereitet treffen kann. Von dieser Erkenntnis sind viele der Texte gerade des 17. Jahrhunderts durchdrungen: „Es kan vor Nachts leicht anders werden, | Als es am frühen Morgen war“56; „Wir leben heut / und morgen sind wir todt“57. Ob der nächste Abend oder der nächste

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Anon., Ich weiß wohl, dass ich sterben muss (Str. 1), Schleusingen 1672 (Melodieangabe: Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl). Gefundene Belege: nur Lü-1695/1702. Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 9); vgl. die anonyme Fassung O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* (Str. 11) und Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 8,1–4): „In dem du lebest, lebe so, | Dass du kanst selig sterben. | Du weist nicht, wann, wie oder wo | Der Todt umb dich wird werben.“ Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Str. 2–3). Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Str. 1,1). Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Str. 2,1f). Alberti, Ach freilich weiß der Mensch nicht seine Zeit* (Str. 4,1).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Morgen noch erlebt werden, ist jedesmal offen; und wenn das eine Ziel erreicht ist, gilt für das nächste wieder dieselbe Ungewissheit: 2. Bist du doch fast in keinem nu Noch augenblick vom tod befreyet / Legst du dich gleich gesund zur ruh / Vielleicht der schlaff dir so gedeyet / Daß / eh noch geht die nacht vorbey / Der tod dich schon dahin gerissen / Da du wirst ewig bleiben müssen / Und es mit dir geschehen sey. 3. Erlebst du aber gleich den tag / Stehst frisch am morgen auß dem bette / Weisst du auch gleich von keiner plag Die dich die nacht getroffen hätte / Vielleicht / eh du noch gehst zur ruh / Und eh die sonne weggewichen / Da kömmt der tod herein geschlichen / Und drücket dir die augen zu.58

Im „Vielleicht“ ist die Todesstunde potentiell nah. Performativ sind alle Aussagen immer auf denjenigen Augenblick bezogen, in dem der Text gelesen oder gesungen wird: „Vielleicht ist diß der letzte Tag, | den du noch hast zu leben“?59 „Vielleicht möcht es noch heute seyn“?60 Vielleicht kommt der Tod „in der nechsten Stund“, „noch diese Stund“ oder „gahr itzund“?61 Ungewiss ist die Todesstunde freilich nur dem Menschen: Gott kennt sie, denn er ist es, der sie bestimmt hat. Wie er dem Menschen seine Zeit zugemessen hat, so hat er ihm die Sterbestunde gesetzt – auch dem früh verstorbenen Kind.62 Insofern bleibt dem Menschen nichts, als sich mit dem Eingeständnis des Nichtwissens zugleich der göttlichen Fügung anzuvertrauen, wie es Bartholomäus Ringwaldt oder Jakob Ritter tun: „1. HErr Jesu Christ, ich weis gar wol, das ich einmal mus sterben: Wenn aber das geschehen sol vnnd wie ich werd verderben 58

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Anon., Ach Seele, nimm doch wohl in acht* (Str. 2–3; Str. 3,3 „Weisst“: emendiert aus „Weissst“). Vgl. anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 14,5–8): „kurtz ist dein Leben / | du weist nit eben / | ob du solt leben / | die Morgenstund“; Sohren, Ich gehe, sitze, was ich tu (Str. 1,7f): „schaustu gleich itzt des Tages=Licht / | wer weiß / stirbst du vor Abend nicht“. Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 15,1f). Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 8,4). Arnschwanger, °Ein Tag geht nach dem andern hin (Str. 6,1); Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 8,6); anon., O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* (Str. 10,4). Vgl. anon., Ich war ein kleines Kindlein (Str. 1,1–4): „Ich war ein kleines Kindlein | Geborn auff diese Welt; | Aber mein Sterbestündlein | Hat mir Gott bald gestelt.“ Zur zugemessenen Lebenszeit vgl. S. 171 Anm. 7.

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Dem Leibe nach, das weis ich nicht es steht allein in deim Gericht, du sichst mein letztes ende.“63 „2. Der Tod ist uns zwar wol gewiß Und daß wir sterben alle; Wenn aber soll geschehen diß Und wie es Gott gefalle, Das weiß kein Mensch auff dieser Welt: GOtt unser Ziel Ihm vorbehält, Das Er uns hat bestimmet.“64

b) Lob und Gegenwart der Todesstunde Die Rede von der Todesstunde ist allerdings nicht auf den mahnenden Kontext des Memento mori und verwandter Aussagen beschränkt, wo sie dazu dient, die Notwendigkeit der Sterbebereitung und -bereitschaft zu unterstreichen. Gerade in jüngeren Belegen kann ihr Kommen ganz im Gegenteil auch in Fragen und Aufforderungen ungeduldig herbeigesehnt werden (vgl. S. 346):65 „O schöner Tag v. noch viel schönste Stund, | Wenn wirstu kommen schier“66, fragt das Ich bei Meyfart; bei Rist bittet es: „Kom liebstes Stündlein / daß Mich mag | Zum HimmelsFürsten weihen“67 und bekennt: „O lieblichs / seligs Stündelein | Wie trag’ ich doch so groß Verlangen | Nach dir allein / bey Gott zu seyn“68. Anders als in den zuvor zitierten Texten steht hier bereits fest, dass es sich in der Todesstunde nur um ein ‚seliges Ende‘ handeln kann – eben weil die Bereitschaft zu sterben durch das Verlangen danach andauernd gegeben, weil die Todesstunde erwartet und erwünscht ist. Statt eines Jüngsten Gerichts, das erst über die Seligkeit entscheidet, bedeutet die Todesstunde hier den unmittelbaren Eingang in den Himmel. Ihr Näherrücken und ihre Gegenwart werden denn auch nicht nur konstatiert,69 sondern oft auch freudig kommentiert, mit Lobpreis und Willkommen bedacht. Schon in einem Begräbnislied von Michael Weisse heißt es: „O ein lieblicher tag, |

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Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal (Str. 1). Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Str. 2). Zur musikalischen Darstellung dieser Ungeduld in der Arie Ach schlage doch bald, sel’ge Stunde, den allerletzten Glockenschlag aus der Kantate Christus, der ist mein Leben (BWV 95) vgl. R. Steiger, Idiomatik, 38–40: Die gezupfte Streicherbegleitung kann als Ticken des Uhrwerks, als Glockenschlag und Schlag des Herzens gedeutet werden. Meyfart, Jerusalem, du hochgebaute Stadt (Str. 2,1f); vgl. Keulisch, Ach wann kommet doch die Stunde; Fritsch, Ach wann kommen doch die Stunden; anon., O Jesu, wie lässt du so lang* (Str. 4,1f.7): „O übermachter Freuden=Tag / | O Tag / wann wirst du kommen […] Ach! möcht er heut einbrechen.“ Rist, Nun, Welt, du musst zurücke stehn (Str. 14,3f); ‚Komm‘ vgl. bei Finx, Mir vergeht zu leben (Str. 7,5– 8): „Komm, gewünschtes Stündlein“; Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 2,1–3): „Komm, Todes=Tag, du Lebens=Sonne! | Du bringest mir mehr Lust und Wonne | Als mein Geburts=Tag bringen kan“. Rist, °So wünsch ich mir zuguterletzt (Str. 3,1–3). Vgl. etwa die Liedanfänge: Heermann, Es nahet sich zum Ende; Rist, Es nahet sich der letzte Tag.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

den man wol loben mag“70, und die jüngeren Lieder verstärken diesen Tenor: „Gebenedeyt sey ewig dieser tag“71, „Drauf sey willkomm / du letzter Tag“72, „GOtt lob, die Stund ist kommen“73, „GOtt sey globt, ich empfinde wol, | Mein Stündlein ist vorhanden“74. Die Ungewissheit der Todesstunde ist in dem Moment vorüber, in dem sie eintritt. In einigen Liedern rückt die Zeit des Liedtextes immer enger mit ihr zusammen („Nun fehlen etwa wenig stunden / | So bin ich in der ewigkeit“75), bis beide in einem ‚heute‘, einem ‚jetzt‘ oder ‚zu dieser Stund‘ fast zur Deckung kommen. Noch futurisch blickt das Ich in einem Lied von Christoph Titius auf den unmittelbar bevorstehenden Moment des Todes voraus, der noch vor dem nächsten Glockenschlag eintreten wird: 1. HEute werd’ ich sterben / und den Himmel erben / heute seh’ ich GOtt: Eh die Uhr wird schlagen / soll man von mir sagen / N. N. ist todt. Er ist hin / begrabet ihn / deckt den Leib mit kühler Erden / Erde soll er werden.76

Noch einen Schritt weiter geht Johann Rist, dessen Lied Mein Gott und Vater, der du nicht den Sterbeprozess in der Todesstunde genau nachbildet. Überschrieben ist es als das Lied „Eines Christen / welcher mit Todesängsten hefftig wird gedrükket“; und das Ich gibt schon in der ersten Strophe der physisch empfundenen Todesnähe präsentischen Ausdruck: „mein Hertz das bricht / | Ich fühle schon an Mir den Tod“77. Nach zahlreichen Strophen einer insgesamt trinitarisch strukturierten Anrufung aus „Todesnöthen“ (Str. 8) steuert es ganz zuletzt auf den durch mehrfaches „itz“ gekennzeichneten Todeszeitpunkt zu, bis es ihn – und damit das Sein bei Gott – ganz am Ende erreicht hat: 12. Du Heilige Dreifaltigkeit / Gedenk’ an deinen Gnadenbund / Ich scheid’ auß diser kurtzen Zeit / Ach hilff / ach hilff zu diser Stund’ / 70

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Weisse, O Vater, Herre Gott, groß ist deine Genad (Str. 6,1f); weiter: „Wenn du zum menschen kömpst | vnd seine sele nimpst | Mit dir jns himmelreich, | wo sie den engeln gleich | Mit freuden wirt ohn vnterlas | anschawen deine klarheit blos!“ Anon., Die Zeit geht an, die Jesus hat bestimmt* (Str. 3,1). Anon., Mein junges Leben hat ein End (Fassung N-1677, Str. 8,1). Heermann, Gottlob, die Stund ist kommen (Str. 1,1). Thalhaimer, Gott sei globt, ich empfinde wohl (Str. 1,1f). Spener (?), So ist’s an dem, dass ich mit Freuden* (Str. 4,1f). Titius, Heute werd ich sterben* (Str. 1); das Lied ist nur in N-1690 belegt. In einigen Strophen klingt gegenüber dem Futur in Str. 1 bereits eine präsentische himmlische Existenz an (Str. 3,4: „Ich bin wo ich solte“; Str. 5,1: „Ich bin wol ankom[m]en“). Vgl. zum Verständnis dieser Zeitstruktur S. 420. Rist, Mein Gott und Vater, der du nicht (Str. 1,3f).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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In deine Händ’ ergeb’ Ich Mich / Itz schlaff ’ Ich sanft und selig ein / Mein Augen schliess’ Ich säuberlich / Mein GOtt / itz werd Ich bei Dir sein.78

Hier ist der Moment des Todes im Text gegenwärtig; die Funktion dieses Kunstgriffes scheint es zu sein, dem Rezipienten eine geprägte Form für den Moment seines eigenen Todes zu liefern. Zeitgenössische Sterbeberichte zeigen, welch hoher Stellenwert geprägten Texten beim Sterben auch faktisch als Sprechhilfe zukam (vgl. S. 576). In einer anderen Art von Vergegenwärtigung der Todesstunde, nämlich in ihrer prospektiven Ausmalung durch die ‚Bitte um ein seliges Ende‘ (vgl. S. 266), kommen reale Zeit und Zeit des Textes dagegen nicht zur Deckung. Ihre Funktion ist auch eine andere: Im Gespräch mit Gott wird hier die Bereitschaft zu sterben evoziert. Von der Todesnot als literarischer Sprechsituation wird ebenfalls noch die Rede sein (vgl. S. 273)

3. Der Tod als Person Die Betrachtung des Todes als Person, die dem Menschen gegenübertritt und ihn an sein eigenes Sterben erinnert, dient ebenfalls als Memento mori. Vor allem in älteren Liedern kann der Tod durch einen (anonymen) Toten repräsentiert werden, der den lebenden Betrachter anspricht und zum „Gedencken“ aufruft. Im Totentanzmotiv tritt der Betrachter nicht selbst in Kontakt mit dem Tod, sondern beobachtet ihn lediglich in seinem Wirken, das auf Stand und Herkunft keine Rücksicht nimmt. Der Tod schleicht umher, stellt dem Menschen mit verschiedensten Waffen nach und klopft schließlich an seiner Tür. Sein Anblick ist schrecklich – doch dieser Anblick kann als bloßes ‚Bild‘, der Tod als überwunden entlarvt werden. Schließlich – und hierbei wird das mahnende Memento mori wieder transzendiert – wird der Tod sogar als Freund angesprochen und herbeigesehnt. Zur Figur des Todes als mythischer Größe im Kampf mit Christus vgl. S. 379. a) Der Tote als Repräsentant des Todes Das verbreitetste Lied des Typs, bei dem ein Toter als Repräsentant des Todes dem Lebenden das Memento mori zuruft, ist Nicolaus Hermans O Mensch, mit Fleiß anschaue mich.79 Die Überschrift „AD IMAGINEM MORTIS. Das Todtenbild spricht“, die sich nicht nur im Originaldruck von 1562, sondern noch in L-1673 findet, kennzeichnet die Sprechsituation des Textes genau: Der Rezipient des Textes wird zum Betrachter eines Bildes, des Bildnisses eines Toten, das zugleich imago mortis ist, 78 79

Rist, Mein Gott und Vater, der du nicht (Str. 12). Das Lied O Mensch, mit Fleiß anschaue mich (Wittenberg 1562) ist vor allem in älteren Gesangbüchern belegt, so in Lü-1625, in sechs Ausgaben aus Nürnberg (1607/17/26/37/54), in Leipzig noch etwas später (1627a/38/73). Verschiedene Textvarianten (Wolfenbüttel 1596; Nürnberg 1604; Nürnberg 1618) sind unter W III 1449.–1451. mit abgedruckt.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

also des Todes selbst.80 Wie dieses Bild aussieht, verrät die Überschrift in einem Nürnberger Gesangbuch: „Vom Todtenkopff.“81 Während der Betrachter bei diesem Bild („AD IMAGINEM“) steht, spricht es zu ihm: 1. O Mensch, mit vleis anschawe mich! wie du jtzt bist, gleich so war ich, Jung, schön vnd starck, vffs hübscht geziert, gleich wie ein Bild artig formirt. 2. Itzund bin ich nur asch vnd staub, mein fleisch die würm han zu eim raub, Adel, Kunst, ehr, gelt, gut vnd pracht der Tod hat alls zu nicht gemacht. 3. Wer ist, der mich jtzt kennen kan, ob ich sey gwest ein Edelman, Ein Fürst, ein Graff, Herr oder Knecht, ein Bürger oder Bawer schlecht? 4. Nach dem tod werden arm vnd reich, Fürsten vnd Bawern alle gleich, Man kent ein fur dem andern nicht, denn da ist gar kein vnterschied. […] 6. Bistu heut frisch, gsund, stoltz vnd reich, morgen bistu ein arme Leich; Helt man dich heut schön, lieb vnd werd, morgen legt man dich in die erd. 7. So ist dein pracht vnd zier denn hin vnd wirst gestalt wie ich jtzt bin: Drumb weil du noch jung vnd starck bist bedenck das end vnd traw auff Christ. […]82

Unversehens wird der Textrezipient zum Protagonisten einer Gegenüberstellung, deren anderer Teil ihm als Bild des Totenkopfs aus dem Text gleichsam entgegengrinst. 80

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Allerdings ist die Gestalt des Leichnams als eines Repräsentanten des Todes, der den Betrachter an die eigene Sterblichkeit erinnert, entwicklungsgeschichtlich ursprünglicher als die Personifikation des Todes selbst. In der Personifikation des Todes, etwa seit Johann von Tepls Ackermann aus Böhmen und den spätmittelalterlichen Totentanzdarstellungen, begegnet der Mensch jeweils dem eigenen Tod, dessen „Individualisierung im Zusammenhang mit einer stärker subjektiven Todeserfahrung gesehen werden muss“ (vgl. Grasmück, Schaubühne, 51). Nürnberger Gesangbuch von 1618, gedruckt von Johann Lauern, zit. nach W III 1451. Eine ähnliche Konstellation gibt es bei Ringwaldt, °Mein lieber Christ, steh doch was still (Frankfurt/O. 1588) unter der Überschrift: „APOSTROPHE, | Oder gewandte Rede, eines abgemahlten [!] Todtenkopffs, Zu einem jedern Menschen, seine Sterbligkeit zuerkennen.“ Auch im Text wird auf den Bild- oder „gemahlten“ Charakter des Totenkopfs angespielt (Str. 18): „Sih, solches wird in kurtzen Jahrn | dir auch, mein Bruder, widerfahrn, | das du wirst kriegen mein gestalt | wie du mich jetzt siehst abgemahlt.“ Herman, O Mensch, mit Fleiß anschaue mich (Str. 1–4; 6–7).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Die Gegenüberstellung lebt von der Spannung zwischen totaler Unähnlichkeit und Schicksalsidentität der Beteiligten. Einerseits könnte der Kontrast zwischen ihnen kaum größer sein: hier das Bild des Lebenden, „Jung, schön vnd starck“ (und zwar ‚bildschön‘, „gleich wie ein Bild“), dort das „Todtenbild“, „nur asch vnd staub“ und von Würmern zerfressen. Andererseits verhalten sich diese Bilder wie Spiegelbilder zueinander: Der Tote erkennt sich in dem lebenden Betrachter, der damit selbst zum Betrachteten wird, wieder („wie du jtzt bist, gleich so war ich“); er fordert ihn auf, vice versa dasselbe zu tun, indem er ihn schließlich daran erinnert, dass ihn das gleiche Schicksal erwartet: „wirst gestalt wie ich jtzt bin“. Unterstützt wird die Relativierung der Unähnlichkeit zusätzlich durch den Umstand, dass der Tod die Person unkenntlich macht: Es ist ein anonymer Toter, der hier die Todesmahnung ausspricht. Ähnlich wie im Totentanzmotiv ist letztlich aber nicht das Verwischen der individuellen, sondern die Nivellierung der Standesunterschiede entscheidend: Aufgrund des skelettierten Leichnams ist nicht mehr erkennbar, welcher gesellschaftlichen Gruppe der Verstorbene angehört hat. Der Appell zum Todesgedenken ist deshalb auch hier verbunden mit der Empfehlung, nichtigen weltlichen Gütern wie „Adel, Kunst, ehr, gelt, gut vnd pracht“ kein Vertrauen zu schenken. Trost in der erschreckenden Anschauung des Totenbildes verspricht vielmehr die Ermutigung „traw auff Christ“.83 Das rund 100 Jahre jüngere Lied Komm, Sterblicher, betrachte mich von Gottfried Wilhelm Sacer ist ebenfalls einem Verstorbenen in den Mund gelegt, allerdings nicht dem gemalten Bildnis eines Totenkopfs, sondern einem „abgelebten Menschen“84. Die spiegelbildliche Gegenüberstellung ist hier auf die erste Strophe beschränkt: „Was du jtzt bist, das war auch ich, | Was ich bin, wirst du werden.“ Weiter als in dieser zeitlichen Hinsicht wird der Kontrast nicht ausgeführt, weder die Verwesung noch die Gleichheit der Stände im Tod spielt eine Rolle, und das Ich des Verstorbenen tritt ganz zurück. Im Vordergrund steht das Du, die imperativische Mahnung zur Todes- und Vergänglichkeitsbetrachtung: „Gedencke“, „Bereite dich“, „mache dich geschickt“, „lerne sterben“ usw. Nur an einer Stelle taucht das Ich des Verstorbenen noch auf: „Es ist die Reye heut an mir; | Wer weiß, vielleicht gilts morgen dir“. Das könnte – zusammen mit der Überschrift „Betrachtung eines Todten“ – ein Indiz dafür sein, dass es ein konkreter Verstorbener ist, dem diese Worte in den Mund gelegt werden (zur literarischen Praxis, den Toten in Beerdigungsliedern selbst zu Wort kommen zu lassen, vgl. S. 416). Auch das Motiv ‚Betrachtung der Leiche‘ taucht in Beerdigungsliedern des 17. Jahrhunderts auf.85 Gegen die Zuordnung des Textes zu einem konkreten Toten sprechen freilich nicht nur die Dominanz der 83

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Vgl. die hier nicht abgedruckten Schlussstrophen 8–9; der Rahmen zu Str. 1,1 wird in Str. 9,1 geschlossen: „Des tröst dich, wenn du anschawst mich“. Überschrieben ist das Lied in L-1673: „Anredung eines abgelebten Menschen / an die sichere und noch lang zu leben hoffende Welt=Hertzen“. Die Überschrift im Erstdruck, einem Stralsunder Gesangbuch von 1665, lautet nach FT IV 609.: „Betrachtung eines Todten.“ Gefundene Belege: L-1673, H-1683, Lü-1695/1702. Vgl. Schein, Klagt nicht so, geliebte Leut (Str. 1,5–9): „Ob ihr zwar ansehet / | Wie vor euch da stehet / | Eine toden Leich / | Starrend / kalt vnd bleich / | Gottes Will ergehet.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Du-Form und das weitgehende Zurücktreten des Ich, sondern auch der Verzicht auf Trostargumente und der mahnende Grundton. Auch Sacers Text ist also vor allem als Memento mori zu lesen. b) Totentanz Die Allgemeinheit des Todesschicksals und die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod finden einen populären Ausdruck im Bild des Totentanzes, in dem der Tod ebenfalls als Person auftritt – in der Bildtradition dargestellt als Knochenmann, der die Menschen ungeachtet ihrer Standeszugehörigkeit in seinen Tanz zwingt. Nicht nur in der Kunst des 17. Jahrhunderts bleibt diese mittelalterliche Bildtradition lebendig,86 sondern auch in den untersuchten Liedtexten wird über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg darauf angespielt: „Niemand ist hie außgenommen / | an den Todten=Tantz zu kommen.“87 Im weiteren Sinne gehören dazu auch all diejenigen Belege, in denen der ‚Reihen‘ des Todes nicht ausdrücklich Erwähnung findet, wohl aber die mit einer personalen Todesvorstellung verbundene Tatsache, dass er zwischen den Menschen keine Unterschiede macht: Er holt Frau und Mann, Jung und Alt, Arm und Reich, wobei das letztere Gegensatzpaar bevorzugt mit dem Reim versehen wird, der Tod sei „allen gleich“, ihm gelte „alles gleich“ o. ä., so bei Herman und bei Schein: „4. Derselbige kömpt vns allen gleich, wir sind jung, alt, arm oder reich, Den[n] vber vns das recht er hat durch Adams schuld vnd missethat.“88 „1. MIt Trawren / Weinen / Klagen / Fürwar man nichts ausricht: Der Todt nichts nach thut fragen / Er schont keins Menschen nicht / Thut eins nachm andern holen / Vnd Gott es wieder giebt / Jedoch wenn ers befohlen / Vn[d] ihms also beliebt. 2. Also hat ers getrieben Von Anfang her der Welt / :/: Kein Mensch ist sicher blieben / Er hat sie all gefellt / Er nimmt an keinen Bürgen / Es sey Arm oder Reich /

86 87 88

Vgl. Knauer, Bedenke das Ende, 93–104. Anon., Herr, es ist mir nicht verborgen* (Str. 1,7f). Herman, Der Mensch wird von einm Weib geborn (Str. 4).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Er thut sie sämptlich würgen / Es gilt ihm alles gleich.“89

Die Nichtigkeit irdischer Güter wie Jugend und Reichtum (vgl. ab S. 191) wird anhand der entsprechenden Personengruppen formelhaft exemplifiziert, etwas ausführlicher in dem Lied Ich stund an einem Morgen*, in dem der Tod „einem jungen stoltzen Man[n]“ mit seinem Tanz droht: 2. Wol auff / wol auff mit eyle: sprach der todt grimmiglich: Ich schieß dir viel der pfeile / biß ich dir das Leben triff. Du must mit mir an meinen Tantz / daran gehörn manch tausend / biß das der Reyen wird gantz.90

Alles Rechten des jungen Mannes in den folgenden Strophen, das Argumentieren mit seiner Jugend ändert nichts an dem, was der Tod hier zu verstehen gibt. Die von ihm genannte Zahl der Tänzer („manch tausend“) wirkt noch geradezu untertrieben; letztlich ist es ja eine unabsehbare Menge von Menschen, die den Reigen erst vollständig macht. Typisch im Sinne des Totentanzes ist – wie gesagt – insbesondere die Irrelevanz der Standesunterschiede angesichts des Todes, eine gesellschaftskritische Sicht, die in der Gleichheit aller Menschen vor dem Jüngsten Gericht91 ein Äquivalent besitzt. Am häufigsten genannt wird der Unterschied zwischen Fürst (Kaiser, König, auch der Papst92) und Untertan (Ackermann, Bettler): „Der Todt den Keyser greiffet an | So bald als einen Ackersmann.“93 Für die Personen können wieder Amts- und Berufsrequisiten eintreten, Szepter und Krone für die Herrschenden (vgl. S. 200), Karst (Hacke) und Pflug für die Bauern: „10. […] Er nimbt mit Gwalt hin Jung vnd alt, thut sich vor niemand schewen, Des Königs Stab bricht er bald ab vnd führt jhn an den Reyen.“94 89 90 91

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93 94

Schein, Mit Trauren, Weinen, Klagen (Str. 1–2). Anon., Ich stund an einem Morgen* (Str. 2); vgl. zu diesem Lied S. 208 Anm. 229. Vgl. Heermann, Wenn des Menschen Sohn wird wiederkommen (Str. 2): „Dann wird alle welt für ihm erscheinen / | Reich und arme / grosse mit den kleine[n] / | Da wird niemand sicherlich | Können bergen sich.“ Anon., Was hilfet doch in Sterbensnot* (Str. 3,1–4): „Da müssen köng und fürsten bloß | Von purpur / gold / und leinen / | Als wie ein armer erdenkloß / | Sammt groß und klein erscheinen“. Vgl. anon., Wo kommt es here, dass zeitlich Ehre* (Str. 10,1–4): „Der Pabst andächtig / | der Keyser mächtig / | der König prächtig / | gehn all daher“; einziger gefundener Beleg: N-1637. Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl (Str. 3,5f). Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 10,5–10); vgl. zur Einreihung der Szepterträger in den Totentanz Gryphius, Die Herrlichkeit der Erden (Str. 7,4–6), zitiert auf S. 200.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt „3. Scepter / und die güldne Kron / mögen nicht dem Tod entlauffen! Kriegen eben solchen Lohn / wie der arme Bettlers Hauffen / Klein und Groß hat seine Noth / Jung und Alt erwischt der Tod / Kömmet die Stunde / gehen zu Grunde / alle zugleiche / Arme und Reiche.“95 „10. Bey ihm ist kein Verschonen, Es muß dran Arm und Reich; Es gilt ihm Karst und Krohnen, Pflug, Scepter, alles gleich.“96

Bei Schein wird darüberhinaus eigens genannt der „Krieges=Held | Mit Kraut vnd Loth“, d.i. mit Pulver (Zündkraut) und Blei, zugleich Sinnbild des christlichen Ritters, der trotz größter Tapferkeit schließlich vom Tod geholt wird.97 Und nicht nur die Vertreter der politischen bzw. militärischen Macht, sondern – entsprechend den Erkenntnissen über die Nichtigkeit der irdischen Güter  – auch die der Gelehrsamkeit werden dem Todesreigen einverleibt: „Doctor vnd Schuler alle gleich | müssen an Todes reyen“98. Es gibt keinerlei materiellen oder geistigen Besitz, keine gesellschaftliche Position, die einem Menschen den Totentanz ersparen könnten. c) Der Tod als Verfolger In der personifizierten Gestalt des Todes wird die Bedrohung des menschlichen Lebens noch auf andere Weise anschaulich gemacht. Er erscheint als Verfolger, der dem Menschen vom ersten Augenblick seines Lebens an nachstellt: „Gebohren sein bringt dises mit / | Daß dir der Tod folgt auf den Schrit“99. Wie ein Schatten ist er omnipräsent und haftet dem Menschen unweigerlich an: „Der Tod sich deine[m] Schatten gleicht, | Der niemals Haar=breit von dir weicht | Vnd folgt dir aller Enden“100. Die Heimlichkeit der Bedrohung kommt im ‚Schleichen‘ des Todes zur Geltung: „Es schleicht der Tod uns auf der Socken nach / | zu bringen an den letzten 95 96 97

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Anon., Nun gottlob, es ist vollbracht* (Str. 3); das Lied ist nur in L-1673 belegt. Homburg, Ach was ist unser Leben (Str. 10). Schein, Lass dir, o mein Herr Jesu Christ (Str. 4,5–10): „Trotzt noch so sehr ein Krieges=Held | Mit Kraut vnd Loth  / | Was achts der Todt? | Er thut gerad zu dreschen / | Es sey ein Fürst oder Edel=Mann / | Gar keinen Stand er sihet an.“ Anon., °Des Herren unsers Gottes Wort (Str. 3,1f); weiter: „Der arme Man vnd auch der reich, | gelerte sampt den Leyen.“ Der „Doctor“ am Strophenbeginn bildet zugleich einen Bestandteil des Akrostichons, das dem Lied (Nürnberg 1569) seinen Titel gibt: „Des Herrn Doctor Justus Jonas Seliger Abschied“. Voraus geht eine Art positiver Totentanz, in dem allen, die Gottes Namen anrufen, zugesagt wird, dass ihnen der Tod „ein lautter schlaff “ werden soll. Das gilt für „Herrn vnd auch knecht, frawen und man, | alt, Jung, groß vnd auch kleine“ (Str. 2,1f). Rist, Mein Seelichen, wenn willt du doch (Str. 6,1f). Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 4,1–3).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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Würge=Schlag.“101 Sobald die Lebenszeit abgelaufen ist, kommt er plötzlich näher102 und klopft schließlich beim Menschen an die Tür: 2. […] Er nimbt des Segers eben war: wenn er ist ausgeloffen gar, 3. Denn wird er mir lassen kein frist, ich sey wol oder vbl gerüst: Bald er begint zu klopffen an, ist jhm die Thür schon auffgethan.103

Besonders dieses finale ‚Anklopfen‘ des Todes ist ein verbreitetes Motiv.104 Mit welchen Waffen der Verfolger den Menschen zur Strecke bringt, ist unterschiedlich. Selten ist von der ‚Rute‘ des Todes die Rede;105 dieses Bild ist eher der allen Zeitgenossen nur zu gut bekannten ‚apokalyptischen Trias‘ von Krieg, Teuerung und Pest (vgl. S. 280f) vorbehalten. Wie ein heimlicher Fallensteller verhält sich der Tod, wo er „Netz vnd Strick“106 auswirft. Fallstricke und Schlingen gehören zu den Mitteln, mit denen die Feinde dem Ich im Psalter nachstellen (vgl. z. B. Ps 10,9; 35,7; 57,7; 140,6), oder die Gottlosen verfangen sich selbst darin (Ps 9,16; 57,7; 141,10). Von den „Stricken des Todes“ ist im AT ebenfalls die Rede (2Sam 22,6; Ps 18,6; 116,3; Prov 13,14). Auch das Bild vom Garn, in dem Vögel gefangen werden, ist in Koh 9,12 auf den Tod des Menschen und seinen unabsehbaren Zeitpunkt bezogen: „Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht“ usw. Dieser Vers liegt dem Lied Ach freilich weiß der Mensch nicht seine Zeit* zugrunde, in dem es heißt: „Und wie das Garn der Vögel=Schaar bestrickt / | So werden wir auch plötzlich hingerückt.“107 Die Blitzartigkeit, mit der der Vogelfänger sein Netz fallen lässt, entspricht der Plötzlichkeit des Todes. 101

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Alberti, Ach freilich weiß der Mensch nicht seine Zeit* (Str. 3,1f). Vgl. Arnschwanger, °Ein Tag geht nach dem andern hin (Str. 1,2–4): „Je länger Ich je näher bin | Dem Tode, den Ich leiden muß | Und der mir nachschleicht auf dem Fuß.“ Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 14,1f): „Der Todt vrplötzlich als ein Dieb | thut gähling einherschleichen“; Schein, Lass mir, o mein Herr Jesu Christ (Str. 3,5): „Alsbald geschlichen kommt der Todt“. Herman, Mit Todesgdanken geh ich um (Str. 2,3–3,4). „Segers“: Zeigers. Vgl. Richter, Lasset ab von euren Tränen (Str. 9,1f): „Denn wer selig dahin fähret, | Da kein Todt mehr klopffet an“; Heermann, Der Tod klopft itzund bei mir an (Str. 1,1); Dach, Ich steh in Angst und Pein (Str. 6,4–6): „Der Tod ist vor der Thür, | Vnd klopffet an bey mir, | Mich schon dorthin zu laden.“ Vgl. anon., Mensch, sag an, was ist dein Leben* (Str. 8,5f); anon., O Mensch, bedenke wohl, dass du einmal musst sterben* (Str. 15); Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Str. 5). Vgl. aber anon., Ich weiß wohl, dass ich sterben muss (Str. 8,5–7): „Und wenn vorhanden ist mein Ziel, | So hilff, daß ich nicht lange fühl’ | Des strengen Todtes Ruthe!“ Heermann, O Mensch, bedenke stets dein End (Str. 9,3f): „An allem Ort, all Augenblick | Wirfft aus der Tod sein Netz vnd Strick.“ Alberti, Ach freilich weiß der Mensch nicht seine Zeit* (Str. 2,1f). Vgl. Röber, Ach wie ein kleinen Augenblick (Str. 1,3f): „Stets sind wir mit des Todeß Strick | Wie Vögelein vmbgeben“. Auch das bei Alberti begegnende Bild vom Fischfang stammt aus Koh 9,12 (Str. 1,3f: „wie man siht die Fische fangen / | die Wind=geschwind am Fischer=Hamen [ein Haken] hangen“). – Das Bild von der plötzlich zuschnappenden Vogelfalle kann auch auf das Eintreten der Parusie bezogen werden; im anonymen O Mensch, bedenk mit Fleiß all Stund* heißt es von der Wiederkunft des Herrn (Str. 14,5–7): „Er wil kommen im Augenblick / | wie vbern Vogel der Fallstrick / | drumb ist die stund verborgen.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Tritt der Tod als ‚Schnitter‘ auf, ist seine Waffe die Sense.108 Der ‚Stachel‘ des Todes (1Kor 15,55) wird zumeist im Zusammenhang mit dem Triumph über den Tod erwähnt, wie es dem biblischen Vorbild entspricht.109 Daneben kann auch einmal ein ‚Speer‘ oder ‚Spieß‘ Erwähnung finden: „Wenn der tod mit seinem spiesse | Auff das krancke hertze sticht“110, ein Gedanke, der entweder Zittern und Zagen auslöst oder mit ritterlicher Unerschrockenheit ins Auge gefasst wird.111 Die meistgenannten Waffen sind Pfeil und Bogen, die der Tod auf das Leben gerichtet hält: „DEr grimmig Todt mit seinem Pfeil | thut nach dem Leben zielen“112, beginnt ein schon mehrfach zitiertes Lied. Im Bild von Pfeil und Bogen wird wieder die mögliche Plötzlichkeit des jederzeit zu gewärtigenden Angriffs sinnfällig: „Den Bogen hat er schon gespant | vnd hat den Pfeil in seiner Handt“113, heißt es mahnend bei Nicolaus Herman. In dem Lied Ich stund an einem Morgen* wird dieselbe Vorstellung dahingehend gesteigert, dass der Tod seine Pfeile andauernd abschießt und nur die Lebenden noch nicht getroffen hat: „Ich schieß dir viel der pfeile / | biß ich dir das Leben triff “, droht er dem jungen Mann.114 Paul Röber und in seinem Gefolge Paul Gerhardt spotten dagegen nur mehr über die durch Christus „verbrochnen Pfeile“ des Todes.115 In alledem wird der Tod als Verfolger dargestellt, dessen der Christ jederzeit eingedenk sein muss, um sich ihm nach dem Ideal des christlichen Ritters im Kampf zu stellen. d) Der Tod als schreckliches Bild Das „Bildnüß“ des Todes, so Heinrich Albert, steht dem Menschen in „allen Creaturen“ und ihrer tagtäglich zu beobachtenden Vergänglichkeit vor Augen und mahnt

108 109

110 111

112

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114 115

Vgl. S. 177 Anm. 48. 1Kor 15,55 ist enthalten bei Babst Nr. 84 (Ecce mysterium magnum dico vobis). Vgl. anon., Zu dir erheb ich meine Sinnen (Str. 6,5): „Was kan mir hie dein Stachel schaden?“ Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 3,1–4): „Ja Herr / du tratst ihm an das Hertz / | Brachst seines Stachels Spitzen: | Numehr ist er ein lauter Schertz / | Und kan uns gar nicht ritzen“; Rist, °Getrost ist mir, o Gott, mein Herz in Nöten (Str. 4,7f): „Todt was darff ich deiner Gnaden | Deinen Stachel fürcht ich nicht.“ Vgl. Thalhaimer, Gott sei globt, ich empfinde wohl (Str. 18,1f). Anon., O du Leben meiner Seele* (Str. 7,1f). Vgl. Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Str. 4,1–4): „Drumb wenn ich werde zittern | als denn vnd zagen sehr, | Weil sich bey mir wird wittern | der Todt mit seinem speer“; Adolph, Als ein Hirsch hat Verlangen (Str. 4,1–4): „Laß den Todt jmmer kommen | Zu mir mit seinem Speer: | Sein Macht ist Ihm genommen [vgl. 2Tim 1,10], | Kan mir nicht schaden sehr.“ Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 1,1f). Die Fortsetzung lautet: „Sein Bogen scheust er ab mit eyl | vnd läst mit sich nit spielen“; vgl. auch Str. 14,5–7: „Sein Pfeil ist Gifft, | wann er dich trifft | so must dich bald auffmachen“. – Die Strophe mit der Bitte „Mein Gott vnd Schöpffer, zu mir eyl, | Wenn mein hertz trifft des Todtespfeil“ stammt aus Georg Werners Lied Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich von hinnen scheiden soll (Str. 5,1f). Sie taucht in Lü-1695/1702 auch als eigenständiges Lied auf. Herman, Mit Todesgdanken geh ich um (Str. 2,1f). Ähnlich Richter, Steh doch, Seele, steh doch stille (Str. 8,1–4): „Ah, der Todt hat seine pfeile | Auff dich längest außgewetzt. | Eile, dich zu schicken, eile, | Ehe er grimmig an dich setzt“; Arnschwanger, °Ein Tag geht nach dem andern hin (Str. 3): „So ist doch keine Stund auch nicht, | Darinn er nicht auf mich gericht | Das Eisen, das vom Bogen fährt | Und mir des Lebens Krafft verzehrt.“ Anon., Ich stund an einem Morgen* (Str. 2,3f). Röber, O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Str. 1,7); Gerhardt, O Tod, o Tod, du greulichs Bild (Str. 1,7).

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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ihn so an sein eigenes Ende.116 Auch die Betrachtung eines anonymen Toten, eines Totenkopfes oder wiederum eines Bildnisses davon konnte, so wurde am Lied O Mensch, mit Fleiß anschaue mich gezeigt, als Memento mori wirken, als Erinnerung des Rezipienten daran, dass er selbst einmal so aussehen wird wie der dargestellte Tote. Der personifizierte Tod kann nun ebenfalls als ‚Bild‘ vor Augen geführt werden, das ans Ende mahnt und zu Bereitschaft und Wachsamkeit aufruft.117 Oft jedoch ist mit der Anschauung des Todesbildes mehr verbunden als bloß eine Ermahnung – oft sind es Schrecken und Entsetzen.118 Das Aussehen dieses Schreckensbildes wird im Lied nur selten beschrieben. Rist spricht einmal vom „Knochernmann | Fleisch= Haut= und Zähnloß / der doch kan | Die gantze Welt bezwingen“119, einmal vom „starke[n] Menschenfresser“120; Krentzheim nennt ihn ein „grewlichs thier“121, das den Menschen verschlingt. Sein Ausdruck wird als „grimm“ oder „grimmiglich“ beschrieben.122 Wesentlich ist weniger das genaue Aussehen der Todesgestalt, das ikonographisch durchaus variieren mag, als die Wirkung des Schreckens, die sich bei seiner Betrachtung insbesondere im Sterben entfaltet. Mag sie im Leben noch die heilsame Wirkung des Memento mori haben, so wird sie im Sterben zur gefährlichen Anfechtung. Die Bitte, Gott möge gerade in diesem entscheidenden Moment dem Schrecken wehren, findet sich daher in mehreren Liedern: „5. […] im Leben mein Geleitsmann bleib / im Sterben Todts=Gestalt abtreib / daß mich betreff kein Schmertze.“123 „6. Im Fried laß mich sanfft einschlaffen, Leg mir an des Glaubens Schild, Helm des Heils vnd Geistlich waffen, Das mich schreck kein Todesbild.“124 „14. Wolan so laß Mich das Gesicht Des Menschenwürgers Schrekken nicht / Wen mein Gesicht verschwindet / Laß sehend sein

116 117

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119 120 121 122

123 124

Vgl. Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 4,4–6), zitiert S. 178. Vgl. Dach, Raffet auch der Tod die greisen Haare (Str. 5): „Darumb lasst vns all’ in allen fällen | Stets des Todes Bild vor Augen stellen! | Auch stehn vnd wachen, | Vns in Christo von der Welt zu machen.“ Vgl. Dilherr, O Seel, du Leibseinwohnerin (Str. 1): „O Seel! du Leibs Einwohnerin / | warum verwirstu so mein Sin[n] / | wenn ich den Tod betracht? | stelts [stelst] mir für so ein greulich Bild / | Damit du mich erschrecken wilt.“ Rist, Es nahet sich der letzte Tag (Str. 8,5–7). Rist, Lebt doch ein jeder Mensch im Streit (Str. 8,2). Krentzheim, °Mein Leben in der Eil (Str. 3,1). Vgl. Spaiser, °O Tod mit deiner Gstalte (Str. 1,1f): „O Todt mit deiner G’stalte, | Wie bist du nur so gar grimm!“ Weissel (?), Wenn meiner Seelen bange wird* (Str. 5,5–7). Z. Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Str. 6,1–4).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Mein Hertz allein Daß Dich im Glauben findet.“125

Mit ‚Gestalt‘, ‚Bild‘ und ‚Gesicht‘ ist jeweils genau jene Schreckensvision des Todes gemeint, die dem Sterbenden bildlich vor Augen steht. Besonders kunstvoll spielt im dritten Beispiel Johann Rist mit den unterschiedlichen Dimensionen des Gesichtssinns: Während die physische Funktion des Sehens bereits schwindet, kann sich der Sterbende entweder durch das „Gesicht | Des Menschenwürgers“ schrecken lassen oder mit dem sehenden Herzen des Glaubens nach Gott und damit nach seinem Heil suchen. Als heilsames Gegenmittel dient insbesondere die Betrachtung des Bildes Christi (vgl. S. 363f). Der Schrecken, der vom Betrachten des Todesbildes ausgeht, kann auch genau dabei wieder überwunden werden. Die Grundidee besteht darin, das Bild als Bild zu entlarven, also als bloßes Schreckgespenst und Phantasma, dem aufgrund des Christusgeschehens keine Wirkmacht und damit letztlich keine Wirklichkeit, keine Realität mehr zukommt: 4. […] Wer wolt sich fürchten vor dem Todt, weil er kein macht mehr an vns hat? 5. Es ist kein Todt, sondern ein Bild, welchs, ob es gleich sicht sawr vnnd wild, Muß es vns doch zufriden lan, das macht alls Gottes warer Son.126

Paul Röbers Lied O Tod, o Tod, schreckliches Bild bietet insgesamt eine solche ‚Entlarvung‘ des Todes, der denn auch als „ungehewre Larve“ angesprochen wird. Sprachlich vollzogen wird sie – so auch der Titel des Liedes – als „Verspottung“ des Todes wie in 1Kor 15,55 und in einer literarischen Tradition, die sich quer durch die Sterbelieder zieht.127 Nicht „meyn schlaff “ wie in Luthers Mit Fried und Freud, sondern „Ein Spott“ ist bei Röber aus dem Tod geworden.128 „Hier ist ein Hertz, das dich nichts acht | Vnd spottet deiner schnöden Macht“, kann der Sänger dem entmachteten ‚Menschenfresser‘ entgegenschleudern; und die Aufforderung „Kom nur mit deinem Bogen bald | Vnd auff mein Leben ziele“ geschieht ebenfalls in der Gewissheit, dass 125 126 127

128

Rist, Herr Jesu Christ, mein Trost und Licht (Str. 14). Anon., Wir leben wie ein Wandersmann (Str. 4,3–5,4). Bei Herman, Der Mensch wird von einm Weib geborn (Str. 9) am Jüngsten Tag: „Was hilfft sein würgen den[n] den todt? | er wird doch jederman ein spott | Sein an dem selben grossen tag, | keim Christen er nit schaden mag.“ Schein legt den Spott einer Verstorbenen in den Mund, vgl. Klagt mich nicht mehr, ihr lieben Leut (Str. 3,1–6): „Todt / Teuffel / Höll vnd alle Feind / | Was gilt nun ewer Trutz / :/: | Damit ihr mich so böß gemeynt? | Was bringt er euch für Nutz? | Ja wol in Spott seyd ihr gebracht / | Daß ihr nun werd von mir verlacht“. Zum österlichen Verlachen des Todes vgl. Rist, O Gott, der du mit großer Macht (Str. 14,1f): „Gib meiner Seelen Stärck’ und Krafft | Daß ich den Todt verlache“; Otto von Schwerin, Jesus, meine Zuversicht (Str. 9,1–4): „Lacht der finstern erden kluft, | Lacht des todes un[d] der höllen, | Denn ihr solt euch durch die luft | Eurem heyland zugesellen.“ Röber, O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Str. 3,7): „Ein Spott auß dir ist worden“.

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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die Pfeile des Todes ihm nichts mehr anhaben können.129 Nicht nur die Pfeile, auch die Schlösser und Riegel des Todes sind zerbrochen; sein Haus ist das eines Königs, ein Palast, aber er ist der Gefangenen beraubt, die von Christus hinausgeführt wurden.130 Eine Strophe von Paul Gerhardt demonstriert die Entlarvung des Todesbildes ebenfalls ganz wörtlich. Im Bild der sich häutenden Schlange sind dabei auch zwei andere überwundene Feinde – Sünde und Teufel – präsent: 2. Vors erste / zeuch die Larven ab Der alten rothen Schlangen: Sih’ an / daß sie kein Gifft mehr hab’ / Es ist ihr abgefangen Durch Jesum Christ / Der vor uns ist Ins Grab und Tod gegangen.131

e) Vom Tod als besiegtem Feind zum Tod als Freund Unter den Liedern, in denen der Tod als Person direkt angesprochen wird, gibt es freilich auch eine entgegengesetzte Deutung, die noch häufiger anzutreffen ist: Der Tod ist nicht mehr der besiegte Feind, sondern der Freund. So wird in dem Moment, in dem der Schrecken des Todes überwunden ist, aus dem greulichen ein tröstlicher Anblick wie hier bei Rist: 6. O vielbegehrter lieber Todt Du bist zwar greulich anzusehen / Mir aber nicht / weil du in Noth Mich länger nicht wirst lassen stehen / Ich weis / die Reichen fürchten dich / Die Könige der Welt erschrecken / Ich nicht also du tröstest mich / Weil du mich friedlich wilt bedecken.132

War der Tod zuvor noch als „schreckliches Bild“ angeredet worden, ist er nun ein „vielbegehrter lieber Todt“, der die „Noth“ des Lebens beendet. Immerhin eine Erinnerung daran, dass andere ihn fürchten – es sind die Reichen und die Könige, die durch ihn ihr Gut verlieren –, ist bei Johann Rist noch vorhanden. Ähnlich heißt es bei Johann Franck: „Es mag, wer da wil, dich scheuen, | Du kanst mich vielmehr erfreuen“. Die Begründung dafür ist bei Franck nicht rückblickend auf das Ende des 129

130 131 132

Vgl. Röber, O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Str. 1,2.5f; 2,1f). Das Lied, für das zwei Belege gefunden wurden (L-1638; L-1673), wurde von Röbers Schüler Paul Gerhardt bearbeitet, seine Fassung beginnt: O Tod, o Tod, du greulichs Bild. Sie taucht um 1700 in den Gesangbüchern auf (Lü-1695/1702; B-1703). Entsprechenden Spott über den abgebrochenen ‚Stachel‘ des Todes (vgl. 1Kor 15,55) gibt es bei Gerhardt auch in Was traurest du, mein Angesicht (Str. 3,1–4): „Ja Herr / du tratst ihm an das Hertz / | Brachst seines Stachels Spitzen: | Numehr ist er ein lauter Schertz / | Und kan uns gar nicht ritzen“. Vgl. Röber, O Tod, o Tod, schreckliches Bild (Str. 3–5), zit. S. 385. Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 2). Rist, °So wünsch ich mir zuguterletzt (Str. 6).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Leides, sondern nach vorne auf den Eingang zum ewigen Leben gerichtet, den der Tod eröffnet: „Denn durch dich komm ich herein | Zu dem schönsten Jesulein.“133 Aufschlussreich ist das Bedeutungsspektrum der an den Tod gerichteten Aufforderung, bald zu kommen. Wo der Tod zum Freund geworden ist, der zum schönsten Jesulein in den Himmel führt, wird diese Aufforderung zur sehnlichen und flehentlichen Bitte, wie bei Johann Franck („Komm, o tod, du schlafesbruder, | Komm und führe mich nur fort“134) oder bei Herzog Anton Ulrich: „Ach! eile / liebster tod“; „Verweil / o tod / nicht länger / | Komm bald / mein liebster gast! | […] Drum komm / ach tod / zu mir.“135 Bei Röber war die Aufforderung zu kommen dagegen noch Herausforderung und Triumph: „Kom nur mit deinem Bogen bald“. Hier ist der Tod der überwundene Feind, der durch seinen Machtverlust der Lächerlichkeit preisgegeben ist. In Versen aus dem Lied Zu dir erheb ich meine Sinnen ist einerseits noch etwas mehr kämpferisches ‚Trutz, Tod‘ enthalten, andererseits erscheint der überwundene Tod bereits als ein wenn auch widerwilliger Wegweiser zum Himmel, eine Rolle, die bei Röber noch Christus zukommt: 5. […] Komm, Tod, ich scheu mich nicht, komm an, Du must mir doch mein Leben enden. 6. Du must mich doch zum Himmel führen, Wo mein geliebter Heyland ist, Wo stetes Wolseyn ist zu spüren Und du, o grimmer Tod, nicht bist. Was kan mir hie dein Stachel schaden? Werd ich von deiner Hand ermord, So sterb ich hie und lebe dort Bey meinem liebsten Gott in Gnaden.136

Der Tod kann den Zugang zu Gott nicht nur nicht hindern, sondern er fördert ihn geradezu, ganz gegen seine eigentliche Intention. Regelrechtes Mitleid mit dem Tod, dem seine Beute entgangen ist, begegnet bei Tobias Michael: „O Todt O armer Todt!“137 Weitere Belege zeigen den Tod als Freund gerade darin, dass er den Menschen nun nicht mehr widerwillig, sondern im Auftrag Gottes das letzte Stück seiner Pilgerreise zum Himmel führt. Das Lied Sag, meine Seele, recht*, das bereits im Zusammenhang mit dem Peregrinatio-Motiv genannt wurde, erweist den Tod in dieser Funktion geradezu als „knecht“ Gottes (vgl. S. 213). Er wird deshalb ersehnt, weil er den Weg zum himmlischen Geliebten frei macht: „O tod / ach komm und zeige 133 134 135

136 137

J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 6,5–8). J. Franck, Du, o schönes Weltgebäude (Str. 6,1f). Anton Ulrich, Ach Gott, wann werd ich sterben* (Str. 1,2; 2,1f.8). Weitere Beispiele: Keulisch, Ach wann kommet doch die Stunde (Str. 3,6): „Ach komm doch, du süsser Todt“; Pauli, So hab ich nun vollendet (Str. 1,5–8): „Sehr matt bin ich von thränen, | Mein hertz ist schwach von noth, | Von seufftzen un[d] von stehnen: | Drumb komm, o lieber tod.“ Anon., Zu dir erheb ich meine Sinnen (Str. 5,7–6,8); gefundene Belege: nur in Lü-1695/1702. Michael, Wo ist denn hin mein Leiden (Str. 5,5–8): „Was hast du denn erworben / | O Todt O armer Todt! | Bin ich doch nicht gestorben / | Ich ruh vnd leb in Gott.“

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III. Memento mori: Die Todesmahnung

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mir | Den meine seele liebet“138. Ganz ausnahmsweise kann der Tod sogar selbst zum Geliebten werden: 4. […] Tod! Dich wil ich mir erlesen / dem sich trauen sol mein Geist. Du solst mir / ich wieder / dein außerwehlter Buhle seyn.139

Als Gottes Abgesandter ist der Tod ein Engel: „Der Tod soll mir ein Engel heißen, | Der mir wie Loth den Weg kan weißen“140 – nämlich, so Omeis, hinaus aus dem Sodom der Welt. Aber ist der Tod dann noch der Tod? Schon dem entmachteten, entlarvten Todesbild war die Todeswirklichkeit abgesprochen worden („Es ist kein Todt, sondern ein Bild“141). Für den Tod als Freund oder als Engel gilt das nach Ansicht vieler Autoren erst recht. Sigmund von Birken stellt fest: „Dein Engel ists und nicht der Tod, | Der mich hinführt aus aller Noht“142. Bei Gryphius wird der Tod als „süsser lebens Bott“ emphatisch begrüßt – sofern ihm die Bezeichnung ‚Tod‘ überhaupt noch zukommt: „Wilkommen, offt gewündschter Todt, | Wo du ein Todt zu nennen!“143 Bei Dilherr wird dem Tod, der zum Leben führt, sein Tod-Sein rundweg abgesprochen; vielmehr sei er eine ‚Lebenstür‘ (vgl. S. 222). Ob der Tod dem Menschen als Feind oder als Freund begegnet, hängt wesentlich von der Frage der Sterbebereitung ab. Wer sich nicht vom Memento mori hat mahnen lassen, dem Tod also „vngerüst“ gegenübertritt, wird ihn anders erleben als der zum Sterben Bereite. In einem Lied von 1609 stellt David Spaiser die Optionen gegenüber: 2. O Todt, wie gar bitter bist Dem, der jetzund sterben mueß Vnd ist auch noch vngerüst, Daß er nit gethan hat Bueß […] 3. O Todt, wie lieblich du bist Dem, der Armm vnd stettigs Kranck, Welcher sich auff dich gerüst! Der empfecht dich jetzt mit danck.144

Spaiser formuliert damit eine Art positives Memento mori, das mit seinem guten Ausgang einen positiven Anreiz zur Sterbebereitung setzt, darin aber noch einen mahnenden Unterton enthält. Wo der Tod als Freund dargestellt wird, ist ein solcher Unterton meist nicht mehr festzustellen. Die Sichtweise scheint sich über das 17. Jahr138 139 140 141 142

143 144

Anon., Wie ein gejagtes Hirschelein (Str. 2,1f). Anon., Gute Nacht, du falsches Leben* (Str. 4,3–6). Das Lied ist nur in H-1683 belegt. Omeis, Es ist nun aus mit meinem Leben (Str. 3,4f). Anon., Wir leben wie ein Wandersmann (Str. 5,1). Birken, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, ich red zu dir (Str. 4,1f). Vgl. zum Geleit der Engel (Lk 16,22) S. 485. Gryphius, Ade, verfluchtes Tränental (Str. 2,1–3). Spaiser, °O Tod mit deiner Gstalte (Str. 2,1–4; 3,1–4).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

hundert hinweg zu verändern: Einerseits bleibt das Memento mori als wichtige Funktion der Sterbelieder erhalten, bei manchen Autoren wird es gar zu drastischen Aussagen über den „Knochernmann“ (Rist) gesteigert. Andererseits entwickelt sich eine positive Sicht der Todesgestalt, ausgehend von der Überwindung durch Christus. Der Tod wird begrüßt als derjenige, der dem Leid ein Ende setzt, vor allem aber als der Führer und Begleiter zum Himmel. Durch die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden ewigen Lebens ist die Anfechtungserfahrung in manchen Liedern einfach aufgehoben.

4. Zusammenfassung Direkter als in der allgemeinen Betrachtung der Vergänglichkeit wird der Mensch im Memento mori auf sein eigenes Ende angesprochen, wird er darin seines eigenen Todes erinnert. Untersucht wurden drei Spielarten der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit im Medium des Liedes: Die Rede vom ‚Denken an‘ das eigene Ende, die Rede von der Todesstunde und die Rede vom Tod als Person. Das ‚Bedenken‘ des eigenen Endes ist in Ps 90,12 und Sir 7,40 vorgeprägt. Die Bitte des Psalms, Gott möge das Bedenken des eigenen Endes ‚lehren‘, verweist darauf, dass der Mensch in seiner Torheit die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben scheut und daher der Anleitung dazu bedarf; diese wird ihm von Seiten Gottes zuteil und lässt ihn „klug werden“. In Sir 7,40 wird der Mensch zum Todesgedenken direkt aufgefordert. Als Konsequenz des Gedenkens nennt der Text ein gutes Leben; in den Liedern lassen sich im Wesentlichen drei Früchte des Todesgedenkens ausmachen: ein christlicher Wandel, eine büßerische Haltung und die aktive Bereitung zum Sterben. Der rechte Vollzug des Todesgedenkens wird als Zusammenspiel von göttlicher Initiative einerseits sowie Aneignung und Verinnerlichung durch die menschliche Erkenntnis andererseits vorgestellt. Die drei genannten Früchte des Memento mori können nur aufgrund dieses Zusammenspiels erbracht werden; das Lied fungiert dabei in seiner Performanz als Medium der Aneignung. Die Komplexität des Aneignungsvorgangs zwischen externem Erkenntnisimpuls und eigener meditativer Einübung spiegelt sich in der Vielfalt der Sprachformen: Neben der Bitte um Belehrung und imperativischen Aufforderungen begegnen auch indikativische Feststellungen (vgl. Jes 38,1: „Du musst sterben“) sowie Vollzüge des Sterbegedenkens in Ichform. Noch konkreter wird das Sterbegedenken in der Rede von der Todesstunde, die – gerade in der Performanz – der tatsächlichen Vergegenwärtigung des eigenen Todes dient. Daraus ergibt sich, ebenso wie aus der oft wiederholten Tatsache der Ungewissheit des Todeszeitpunkts, die Einübung in jenes Bewusstsein der andauernden potentiellen Todesnähe, das für das barocke Lebensgefühl so bestimmend ist. An die Seite der Mahnung im Sinne des Memento mori tritt im Verlauf des Untersuchungszeitraumes vermehrt eine Variante der Rede von der Todesstunde, die diese Todesnähe bejaht und den Todeszeitpunkt herbeisehnt; er kann sogar innerhalb des Textes präsentisch als seliges Ende inszeniert werden.

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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Ein ähnlicher Bedeutungswandel ist auch in der Rede vom Tod als Person festzustellen: Zunächst dient die personifizierte Todesgestalt als literarisch-ikonographischer Protagonist der Todesmahnung. Ein anonymer Toter konfrontiert den Menschen als Repräsentant des Todes mit dem Bild des Zerfalls, das er selbst einmal abgeben wird. Das Totentanzmotiv zeigt ihm die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod, der die Standesunterschiede nivelliert. Jedem Einzelnen folgt der Tod auf dem Fuß, bis er schließlich bei ihm anklopft oder ihn mit Strick, Pfeil, Speer, Spieß, Sense oder Stachel zu Fall bringt. Auf dem Sterbebett steigert sich die Mahnung zur gefährlichen Anfechtung durch das ‚Bild‘ des personifizierten Todes, das dem Sterbenden als Schreckensvision vor Augen steht. Wo dieses Bild wiederum als Bild entlarvt wird, dem dank der Überwindung des Todes durch Christus keine Wirkmacht mehr zukommt, kann die Gestalt des Todes verspottet werden (vgl. 1Kor 15,54f). Schließlich verliert die Todesgestalt allen Schrecken: Aus dem schrecklichen „Knochernmann“ wird ein Engel, ein Abgesandter Gottes, der den Sterbenden abholt und auf dem Weg zum Himmel begleitet. Damit wird die ältere Sicht des Todes freilich nicht vollständig abgelöst; vielmehr bleibt die Bewertung der Todesgestalt kontextabhängig.

IV. Die Bereitung zum Sterben und die Bitte um ein seliges Ende Aus dem Memento mori – der Ermahnung, das Ende zu „bedencken“ –, ergibt sich eine weitere Ermahnung: sich zum Tod bereit zu machen. Diese innere Bereitung zum Sterben bildet zusammen mit dem christlichen Wandel und der Buße die Voraussetzung für ein seliges Ende: „Bereite dich, auf daß dein Todt | Beschliesse deine Pein und Noht.“1 Ein wesentliches Medium der Sterbebereitung ist die bittende Vergegenwärtigung der Sterbestunde, die die zahlreichen Texte des Typs ‚Bitte um ein seliges Ende‘ prägt. Bevor darauf eingegangen werden kann (3.), sollen jedoch die Terminologie der Sterbebereitung (1.) und ihr Verhältnis zum Begriff der ‚Sterbekunst‘ erläutert werden (2.).

1. Bereitung zum Sterben Oft ist in einem Atemzug vom Memento mori und der Bereitung zum Sterben die Rede, z. T. scheinen die beiden Ausdrücke nahezu synonym zu sein: den Tod bedenken – sich zum Tod bereiten.2 Sie lassen sich aber durchaus unterscheiden. Während das ‚Bedenken‘, ganz wörtlich verstanden, eine innere Beschäftigung mit der Tatsache der eigenen Sterblichkeit meint – mit allen ausgeführten Implikationen –, geht die ‚Bereitung‘, die sich daraus ergibt, einen Schritt weiter: Sie zieht Konsequenzen aus dem Todesgedanken und richtet sich konkret auf den Tod aus. Sie rechnet nicht 1 2

Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 13,5f). Vgl. z. B. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 2,1f): „Bereite dich, stirb ab der Welt, | Denck auf die letzten Stunden“.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

nur mit dem Ende, sondern trifft Vorkehrungen, um es zu einem guten Sterben, zu einem seligen Ende zu machen. Auch dieser Schritt wird von Liedtexten in unterschiedlicher Form aufgegriffen: Er wird zumeist einem Du mahnend empfohlen, gelegentlich aber auch durch ein Ich entweder von Gott erbeten3 oder als Absicht deklariert wie bei Georg Weissel: 1. GAr wol mein Hertz entschlossen ist, Mit Ernst sich zu bewerben, Bey meinem Heyland Jesu Christ Zu leben und zu sterben.4

Ein ‚Memento‘, eine Erinnerung an die Tatsache des Todes ist hier nicht mehr nötig, sie wird selbstverständlich vorausgesetzt. Entscheidend ist die daraus gezogene Konsequenz, der Entschluss, bei Christus zu bleiben, der sich sowohl auf das Leben wie auf das Sterben bezieht. Häufig verwendet werden die Verben ‚sich bereiten‘ oder ‚bereit sein‘, ‚sich rüsten‘ oder ‚gerüstet sein‘, ‚sich fertig machen‘ oder ‚fertig sein‘, ‚sich schicken‘, ‚sich geschickt machen‘ oder ‚geschickt sein‘. Wozu und woraufhin genau soll der Mensch sich nun ‚schicken‘ und ‚bereiten‘? Zunächst zum Tod als dem Ende seines Lebens: „Drumb lebe so, daß du allzeit | Zum Tod seyst fertig vnd bereit“5. Entscheidend ist, ob der Tod den Menschen im Status der Bereitschaft vorfindet, wenn er bei dem ‚anklopft‘, dessen Zeit gekommen ist. Nach Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt ist durch Gottes Willen festgelegt, wie rechte Sterbebereitschaft aussehen soll: 3. […] Weck mich nur stetig auf, Daß ich bereitet sey, Wie du mich haben wilt, Wenn mein End komt herbey.6

Der Mensch, den der Tod in diesem Status antrifft, ist selig zu preisen: „Wol dem, der alle Stunden | Wird in Bereitschafft funden“7; „Wol wird dir seyn in Ewigkeit, | So dich der Todt findet bereit“8 oder ausführlicher bei Jakob Ritter: 1. WIe seelig ist der Mensche doch, Der sich bey Zeiten schicket Zum Sterben, weil er sündigt noch, Und allzeit unverrücket 3

4

5 6 7 8

Vgl. z. B. Backmeister, O Herr, gedenk in Todespein (Str. 3,4–7): „Und daß ich guten samen | Der früchte trage / für und für / | Zum tod bereit sey / hilff du mir / | Ach Gott / durch Jesum / Amen“. Weissel, Gar wohl mein Herz entschlossen ist (Str. 1,1–4). Vgl. Schein, Hin ist des Lebens Zeit (Str. 1,5–7): „Bereit ich bin | Zu fahren hin / | Bey mir ist gar kein Zagen“; anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (Str. 6,1f): „Kan es denn jetzt nicht anders sein, | so wil ich mich bereiten“ u. a. Albert, Dass alle Menschen sterblich sein (Str. 7,1f). Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, O du dreieinger Gott (Str. 3,5–8). Heermann, Es nahet sich zum Ende (Str. 1,4f). Friccius, °Hör, Mensch, du seist groß oder klein (Str. 7,1f); vgl. Str. 6,1f: „Weh wird dir seyn in ewigkeit, | So dich der Todt trifft vnbereit“. Vgl. ähnlich Spaiser, °O Tod mit deiner Gstalte (Str. 2–3), vgl. S. 257.

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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Gedenckt an seines Lebens Ziel; Es komme nun gleich, wenn Gott will, So ist er wol bereitet.9

Dieser Seligpreisung entspricht die Mahnung, sich „zu einem seligen Abscheide“10 bereiten. Der positive Ausblick auf ein ‚seliges‘ Ende als Begegnung mit Christus führt zu der frohen Bereitschaft, ihn „freudig zu empfangen“11 und „Zu sterbn in Christo seliglich“12. Der Blick über die Grenze des Todes hinaus schließlich lässt die Bereitung zum Sterben als Vorbereitung einer Reise erscheinen, nämlich des letzten Abschnitts der irdischen Pilgerreise (vgl. S. 220): „6. Kan es denn jetzt nicht anders sein, so wil ich mich bereiten Zu wandern nach des Himmels Thron in die ewige frewde“13. „11. Drumb lasst uns die Threnen sparen Vnd uns schicken auch mit Fleiß, Daß wir selig mögen fahren Die gewündschte Himmelsreis Vnd des Lebens kurtze Zeit Geben ümb die Ewigkeit.“14 „7. Lasst ihn derwegen schlaffen / Nach ihn nicht mehr thut gaffen / Stellt euch nicht vngebertig / Macht euch dergleichen fertig / Vnd schickt euch auff die Reiß / Zu wandern gleicher weiß.“15

Im zweiten und im dritten Beispiel ist auch der konkrete Anlass der Bereitung zur letzten Reise erkennbar: Sie ergibt sich hier aus dem Memento mori eines Begräbnisses, im einen Fall ablesbar an der Aufforderung zur Mäßigung der Trauer, im anderen an der Aufforderung, den Toten schlafen zu lassen. Die Erfahrung des Sterbens im unmittelbaren Umfeld erweist sich einmal mehr als der lebensweltliche Haftpunkt der eigenen Sterbebereitung. Für den richtigen Zeitpunkt der Sterbebereitung gilt 9 10

11

12 13 14 15

Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Str. 1). Titel von Rists Mein Seelichen, wenn willt du doch: „Eines Gott ergebenen Christen. Treühertzige Ermahnung an seine Seele / daß sie sich nunmehr freüdig zu einem seligen Abscheide solle schikken und bereit machen.“ Vgl. den Titel von Rist, O Vater aller Gnaden: „Christliche Betrachtung und Vorbereitung zum Seligen Abscheide aus disem / in das andere und ewige Leben“. Runge, Nun will auch ich abscheiden (Str. 7,1–4): „Nu komm, o mein verlangen, | Denn itzt ich bin bereit | Dich freudig zu empfangen; | Itzt laß ich alles leid“. Kesler, An Tod gedenk, o frommer Christ (Str. 5,1f): „Drumb, weil du lebst, so rüste dich, | Zu sterbn […]“ Anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (Str. 6,1–4). Richter, Lasset ab von euren Tränen (Str. 11,1–6). Schein, Stellt ein eur Klag und Weinen (Str. 7). Vgl. ähnlich Weisse, Nun lasst uns den Leib begraben (Str. 7,3f): „Nu […] schicken [wir] vns auch mit allem fleiß, | denn der todt kömpt vns gleicher weiß.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

auch sonst dasselbe wie für den des Memento mori: Da die Todesstunde ungewiss ist, muss die Bereitung „allzeit“ stattfinden, also schon „weil du lebst“.16 Ist der Tod dann tatsächlich in absehbare Nähe gerückt, so sind rechtzeitig auch noch die äußeren, zeitlichen Dinge zu ordnen,17 ‚das Haus zu beschicken‘ oder zu ‚bestellen‘ (vgl. Jes 38,1 u.ö.): „1. WEnn mein Gesundheit leidet Noth Vnd Kranckheit mich thut drücken, So gib mir zeit, O frommer Gott, daß ich mein Hauß beschicke“18. „4. Laß mich bey zeit mein Hauß bestellen, Daß ich bereit sey für und für Und sage frisch in allen Fällen: Herr, wie du wilt, so schicks mit mir.“19

Der letzte Vers des zweiten Beispiels ist seinerseits der Anfang eines verbreiteten, ca. hundert Jahre älteren Sterbeliedes von Caspar Bienemann. Er bringt in einer Bitte zum Ausdruck, worin die Bereitschaft (als Ergebnis der Bereitung) zum Sterben nach theologischem Verständnis besteht: in der Ergebung in Gottes Willen. Dieser wichtige Punkt, der in einer großen Zahl von Sterbeliedern eine entscheidende Rolle spielt, wird im Zusammenhang verschiedener Optionen der inneren Einstellung zum eigenen Sterben noch behandelt werden (vgl. S. 317). Und noch ein weiterer Punkt greift über den hier zu verhandelnden Kontext hinaus. Die Aufforderung ‚Bereite dich‘ kommt noch in anderem Zusammenhang vor: Nicht nur der Tod als individuelles, sondern auch der Jüngste Tag als universales Ende kann jederzeit eintreten. Die Aufforderung zur Bereitschaft gilt hier deshalb genauso,20 sowohl im Sinne des inneren Gewärtigseins und der Buße wie auch im ethischen Sinne als Aufforderung zu einem christlichen Leben. Anders als bei der Bereitung zum Sterben ist hier aber häufiger von ‚Wachsamkeit‘ die Rede; der Appell richtet sich außerdem bevorzugt nicht an eine Einzelperson, sondern an eine Mehrzahl – entsprechend der Unterscheidung von individuellem und universalem Ende.

16 17

18 19 20

Vgl. Anm. 5.12. Vgl. Luther, Sermon von der Bereitung zum Sterben (WA 2, 685): „Die weyl der todt eyn abschid ist von dißer welt und allen yhrer hendellen, ist not, das der mensch seyn zceytlich gut ordenlich vorschaffe, wie es soll oder er gedenckt zu ordenen, das nit bleybe nach seynem todt ursach zanck, hadderß oder sonst eyns yrthumbs unter seynen nachgelaßen freunden, und diß ist eyn leyplicher oder eußerlicher abschied von dißer welt“. Zum ‚Zank‘ der Freunde vgl. S. 199 Anm. 189. Timäus, Wenn mein Gesundheit leidet Not (Str. 1,1–4). Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Str. 4,1–4). Vgl. anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 4,3f): „So mus ich sein / wenn kommt di Zeit / | Zum Tod’ und zum Gericht bereit.“

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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2. Ars moriendi Die Literaturgattung der Ars moriendi nach dem Vorbild des Pariser Theologen Johannes Gerson und dem dritten Teil seines Opus tripartitum (1408) war ursprünglich direkt für die Seelsorge an Sterbenden bestimmt. Sie diente als Handreichung zunächst für Priester und dann auch für Laien, um den Sterbenden in der Stunde seines Todes durch katechetische Fragen, wie sie schon in der Anselm von Canterbury zugeschriebenen Admonitio morienti enthalten sind, sowie durch Ermahnungen und Gebete zu unterstützen (vgl. S. 564). Erst allmählich verlagerte sich das Verständnis der Ars moriendi auf den Kontext der langfristigen und eigenverantwortlichen Bereitung zum Sterben: Sterben wird demnach verstanden als eine ‚Kunst‘, eine Praxis, die erlernt werden kann und muss, und zwar bereits im Leben, damit der Sterbende sie im Ernstfall, in der Todesstunde, zu seinem eigenen Heil einsetzen kann. Zwischen dieser Kunst und den Künsten der Welt, deren Nutzen niemals von Dauer sein kann, besteht ein grundsätzlicher Unterschied: „3. Was hilfft alle Weißheit wissen / wann ich nicht zu sterben weiß? Künste / mit der Witz verflissen; Eine Kunst nur hält den Preiß / die mich von der Welt abkehrt / die mich lebend sterben lehrt / ja / die mir nach diesem Leben / kan das wahre Leben geben.“21 „5. Der Künste solt erfinden Mit Klugheit und Verstand Und alles wolt ergründen, Was wircket Gottes Hand, Erkaltet und erblasset In seiner LebensBrunst, Da er noch nicht gefasset Die kleine SterbeKunst.“22

Ars moriendi, die Kunst, die „lebend sterben lehrt“ – eine vieldeutige Bestimmung: Zum einen ist sie die Kunst, die den Menschen lehrt, metaphorisch schon im Leben zu sterben, also zu sterben, ehe er stirbt. Zum anderen ist sie die Kunst, die den Menschen schon im Leben darüber belehrt, wie er einst recht sterben soll; und zum dritten ist sie die Kunst, so zu sterben, dass er schließlich das „wahre Leben“ erhält.

21 22

Anon., Gute Nacht, du falsches Leben* (Str. 3). Maukisch, °Ach Herr, lehr uns bedenken (Str. 5). Das Lied, gedichtet „Bey dem seligen Hintrit Der […] Fr. CORDULAE geb. von der Linde“, gestorben 26.11.1655, bestattet 1.12.1655 (Danzig 1657, vgl. FT III 157.), enthält auch viele Anspielungen auf Ps 90 und seine ‚Belehrung‘ über die Sterblichkeit (vgl. Str. 1,1).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Zunächst zum ersten, zur metaphorischen Rede vom ‚Sterben, eh man stirbt‘.23 Damit gemeint ist ein Vorgang, der sich – wie die Angabe ‚eh man stirbt‘ verrät – schon aufs Leben bezieht, und zwar auf die Lebensführung. Es ist eine büßerische Lebensführung, „die mich von der Welt abkehrt“, wie es in der oben zitierten Liedstrophe heißt, die sich also schon im Leben von der Welt verabschiedet (vgl. S. 188) und ‚der Welt abstirbt‘.24 Das bedeutet auch, dass der Mensch ‚der Sünde abstirbt‘ (vgl. Röm 6,2.11) und darin zu seiner Taufe zurückkehrt. Der gesamte Vorgang dieses Absterbens kann entweder als allmählicher Prozess verstanden werden oder als solcher, der täglich wiederholt werden muss: Während der Mensch nach Jakob Ritter „in der Sterbligkeit | Bey Zeit anfahn zu sterben“25 soll, damit er bis zum Lebensende die Verabschiedung der Welt hinreichend eingeübt hat, beginnt ein anderes Lied: „WEr täglich stirbt / eh er noch stirbt / | Wird nimmermehr verderben“26, und in einem wieder anderen ergeht die Bitte: 5. O Hilff / JEsu! mein Erlöser! Daß ich ab den Sünden sterb: Doch in from[m] seyn werde grösser / täglich sterb / und nicht verderb!27

Freilich ergibt auch das tägliche Sterben letztlich einen kontinuierlichen Prozess, wie die parallele Aussage über das Wachsen in der Frömmigkeit zeigt. Ein ‚seliges Ende‘ kann dann erfolgen, wenn dieser Prozess der Sterbebereitung – das Erlernen der Ars moriendi – abgeschlossen, der Mensch also der Welt bereits abgestorben ist. In diesem Sinne ist die Liedstrophe Christoph Runges zu verstehen, die Aufschub bis zum endgültigen ‚Absterben‘ erbittet: 1. NUn wil auch ich abscheiden, Doch laß mich sterben nicht, Bis daß ich allen freuden Der welt, o frommes licht, Bin gäntzlich abgestorben.

23

24 25 26

27

Vgl. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 11,5): „Drumb lerne sterben, eh du stirbst“; Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, O du dreieinger Gott (Str. 2,3–8): „Ach! lehre du mich stets | Gedencken an mein Ende, | Auch sterben, eh ich sterb, | Und hören alle Stund: | Mensch! du mußt sterben auch, | Es ist der alte Bund.“ Beide Beispiele sind insofern wieder doppeldeutig, als sie nicht nur das ‚Sterben, eh man stirbt‘, sondern auch das ‚Sterbenlernen, eh man stirbt‘ beinhalten. Vgl. Sacer, Komm, Sterblicher, betrachte mich (Str. 2,1): „Bereite dich, stirb ab der Welt“ usw. Ritter, Wie selig ist der Mensche doch (Str. 6,6f). Anon., Wer täglich stirbt, eh er noch stirbt (Str. 1,1f). Einziger gefundener Beleg ist L-1673; das Lied wurde offenbar zusammen mit einigen anderen aus Olearius’ Geistlicher Singekunst (Leipzig 1671, dort Nr. 1100, S. 1401f) entnommen. Es besitzt – neben einer doxologischen Schlussstrophe – nur eine Textstrophe, die eindeutig der 4. Strophe von Christoph Runges Lied Was ist der Mensch auf dieser Welt nachgebildet ist. Im Unterschied zu der späteren Variante ist im Text von Runge ist freilich noch nicht vom täglichen Sterben die Rede; der Beginn der Strophe lautet hier: „Vnd wer auch stirbet, eh er stirbt, | Wird nimmermehr verderben“. Anon., Gute Nacht, du falsches Leben* (Str. 5,1–4).

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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Laß mich nicht seyn verdorben Noch kommen ins Gericht.28

Das Lied Nun will auch ich abscheiden gibt dem Sterbenden die letzten Schritte dieses Absterbens vor: Auf die erste Strophe folgen ein Sündenbekenntnis, die Bitte um Vergebung und der Ausdruck des Vertrauens, bevor der Prozess der Bereitung mit den folgenden Worten für abgeschlossen erklärt werden kann: „Nu komm, o mein verlangen, | Denn itzt ich bin bereit“29. Damit zum zweiten Punkt: Die Ars moriendi enthält nicht nur die Lehre zu ‚sterben, eh man stirbt‘, sondern auch, „Wie ich zuletzt recht sterben soll, | Daß ich fein sanfft einschlaff vnd scheide wol“30 – und sie tut das bereits mitten im Leben. Das tut sie nicht zuletzt deshalb, weil sie schon das Leben betrifft: Zur Ars moriendi gehört die Ars bene vivendi untrennbar hinzu. Ludämilie Elisabeth von Schwarzburg-Rudolstadt bittet in einem Atemzug um Belehrung in beiderlei Hinsicht: „Weiß mir, wie ich leben soll, | Wie ich sterbe sanfft und wohl“31. Analog ist David Behmes Lied °In dem Leben hier auf Erden mit den Worten überschrieben: „Kurtzer Unterricht, Christlich zu Leben, und selig zu Sterben“; es schärft ein: „Laß auß deinem Hertzen nicht | Diesen trewen Unterricht.“32 Der Unterricht besteht in Ermahnungen zu gutem Handeln, Weltabkehr, „Lust am HErren“ und Passionsgedenken. Eng zusammen gehört das Erlernen der Sterbekunst auch mit dem festen oder reinen Glauben, wie schon Ambrosius Blarer im alten Lied Mag ich dem Tod nicht widerstahn erklärt; Johann Arnold fügt noch das reine Gewissen und damit ein Plädoyer für gutes Handeln hinzu: „2. […] recht sterben will ich lernen, Vnd schicken mich mit glouben vest vffs allerbest vnd ganz zu Christo keren.“33 „2. […] Wer Glauben vnd Gewissen rein Bewahrt, der wird wol seelig seyn: Die Sterbenskunst nur lerne.“34

Zusammenfassend: Die Sterbekunst ist die schon im Leben vermittelte Lehre von alledem, was ein gutes Sterben ermöglicht – nicht nur die Lehre davon, dass wir sterben müssen (Ps 90,12, vgl. S. 232), sondern von allem, was sich an Empfehlungen 28 29 30

31 32

33 34

Runge, Nun will auch ich abscheiden (Str. 1). Runge, Nun will auch ich abscheiden (Str. 7,1f). Zeißold, °Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, tu meine Bitt (Str. 1,7f). Vermittler der ‚Lehre‘ ist hier der Heilige Geist. Ludämilie Elisabeth von Schwarzburg-Rudolstadt, Ach wer schon im Himmel wäre (Str. 9,5f). Behme, °In dem Leben hier auf Erden (Str. 2,5f). Das Lied (FT I 403.) steht in den Frankfurter Ausgaben der PPM (F-1666; nach FT I, S. 357 schon in der Ausgabe von 1656), aber nicht unter den Sterbeliedern, sondern unter der Rubrik ‚Vom Christlichen Leben und Wandel‘. Blarer, Mag ich dem Tod nicht widerstahn (Str. 2,3–6). Arnold, °Bedenk allzeit dein letztes End (Str. 2,4–6).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

und Ermahnungen daraus ergibt. Dazu gehören christliches Leben, Glaube, Buße und Sterbebereitung. Das Sterbelied stellt ein wesentliches Medium dar, diese Kunst einzuüben und sie sich anzueignen.

3. Die Bitte um ein seliges Ende Alle Ermahnungen zum Memento mori, zur Sterbebereitung und zum Erlernen der Sterbekunst zielen letztlich auf ein seliges Ende: Indem der Mensch ihnen nachkommt, schafft er wichtige Voraussetzungen dafür, dass ein solches Ende gelingen kann. Das Gelingen selbst kann nur Gott gewähren. Diese schlichte, aber zentrale Glaubenstatsache bildet die theologische Grundlage eines der wichtigsten und häufigsten Typen von Sterbeliedern: der Bitte um ein seliges Ende. Zu den ältesten und verbreitetsten Beispielen zählen Nicolaus Hermans Wenn mein Stündlein vorhanden ist, Paul Ebers Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott und Ringwaldts Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl. Johann Rist schließt mit der Bitte um ein seliges Ende seine erste Liedsammlung ab, die Himlischen Lieder von 1641/42. Das letzte Lied trägt die Überschrift „Beschluß=Lied zu Gott / Umb ein seliges Sterb=Stündelein“; die letzte Strophe lautet: 14. Erleuchte mich O treuer Gott / Daß ich in meiner letzten Stunde Bey dir ja werde nicht zu Spott Auch mich der Satan nicht verwunde / Reiß du mich aus des Todes Pein / Nimb meine Seel’ in deine Hände / Mein letzter Wundsch sol dieser seyn HErr gib mir doch ein seligs ENDE.35

Auch die Bitte um ein seliges Ende ist ein Gedenken an die Todesstunde, ein ‚meminisse‘, ein Meditieren des eigenen Todes und damit auch Sterbebereitung, aber in einer theologisch besonders qualifizierten, da ausdrücklich an Gott gerichteten Sprachform. Sie wendet sich einerseits an den, in dessen Hand die Todesstunde und ihr Ausgang liegen, andererseits dient sie dem Menschen dazu, sich auf die Todesstunde einzustellen, indem er sich die bedrängenden Zustände der ‚Todesnot‘ prospektiv ins Bewusstsein ruft: körperliche Schwäche und seelische Anfechtung. Im nächsten Teilkapitel (V.) wird auf diese Zustände ausführlich eingegangen. Oft sind es dieselben oder ähnliche Bitten, die in der Bereitung zum Sterben und im Sterben selbst an Gott gerichtet werden – unmittelbar vor dem Tod erscheint die Notwendigkeit des seligen Endes besonders dringlich –, so dass viele Texte zu 35

Rist, °So wünsch ich mir zuguterletzt (Str. 14). Während für die vollständige Fassung des Liedes kein Beleg gefunden wurde, taucht die zitierte letzte Strophe in L-1673 als selbständiges Lied auf. Ähnliche Überschriften gibt Rist etwa den Liedern O Vater aller Gnaden und O Gott, der du mit großer Macht (vgl. S. 554f).

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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beiden Zeiten geeignet erscheinen. Bei aller Varianz enthalten die Texte eine große Zahl von wiederkehrenden, häufig formelhaften Elementen. Einige wurden schon genannt: die Bitte um das Geleit auf der letzten Reise, die Bitte um Beistand im Kampf; dazu kommen etwa die Bitte um Verschonung vor einem schnellen Ende und um Verkürzung des Leidens (vgl. S. 268), die Bitte um Bewahrung bei Versagen der körperlichen und geistigen Funktionen (vgl. S. 296) und in der Anfechtung durch Sünde, Teufel und Hölle (vgl. S. 307). Eine erschöpfende Typologie der vielfältigen und sich doch vielfach ähnelnden Bitten ist kaum möglich und auch nicht notwendig. Sinnvoller erscheint eine Berücksichtigung der wichtigsten Bitten in ihrem jeweiligen thematischen Zusammenhang. Einen Sonderfall bildet die Commendatio animae, bei der die Seele in der Sterbestunde nach Ps 31,6 in Gottes Hand befohlen wird. Dieser Vorgang selbst (vgl. S. 331) ist nicht nur eine Bitte, sondern vielmehr ein performativer Akt. Er wird aber oft bereits im Zusammenhang mit der Bitte um ein seliges Ende erwähnt und kann dann selbst den Charakter einer Bitte annehmen: „1. […] Mein Seel an meinem letzten end befehl ich dir in deine Hend, du wolst sie mir bewahren.“36 „5. Gib mir doch ein selig ende / Und nimm meine arme seel Auff in deine gnaden=hände / Dahin ich sie dir befehl“37.

Auf den Gegenstand der einzelnen Bitten – vor allem Trost und Beistand in Anfechtung – wird im Abschnitt V. noch ausführlich eingegangen. An dieser Stelle soll noch untersucht werden, was genau unter einem ‚seligen Ende‘ verstanden wird. Das selige Ende Mit dem ‚seligen Ende‘ wird dem Sterben eine Art Ideal vorgegeben. Was aber ist damit gemeint, wenn bekannte Sterbelieder die Bitte formulieren: „Laß mich selig abscheiden“38, „ein seliges Ende mir bescher“39 oder „Gieb mir ein seligs ende“40? Welche Vorstellung vom guten Ende steckt hinter Scheins Version von ‚Ende gut, alles gut‘ („Ist alles gut / wenn gut das End“41) oder hinter der Bitte „Machs nur mit meinem Ende gut“42 von Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt? Paul Gerhardt und Christoph Runge halten bündig fest, dass seliges Sterben gleichbedeutend ist

36 37 38 39 40 41 42

Herman, Wenn mein Stündlein vorhanden ist (Str. 1,5–7). Anon., Komm, o Jesu, wie so lange* (Str. 5,1–4). Herberger, Valet will ich dir geben (Str. 2,7). Anon., O Jesu, Gottes Lämmelein (Str. 5,4). Knoll, Herzlich tut mich verlangen (Str. 10,3). Schein, Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt (Str. 1,6). Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, Wer weiß, wie nahe mir mein Ende (Kehrreim). Vgl. dieselbe, O du dreieinger Gott (Str. 10,7f): „Ich weiß, GOtt macht es schon | Mit meinem Ende gut.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

mit der Überwindung, ja der Verneinung des Todes: „Wer selig stirbt, stirbt nicht“43. Das Adjektiv ‚selig‘ bezieht sich nicht erst auf die Seligkeit als gewünschtes Ergebnis der Todesstunde, sondern schon auf das Sterben selbst. Darum ist die Frage zu präzisieren: Welchen Verlauf muss die Sterbestunde idealerweise nehmen, damit von einem seligen oder guten Ende gesprochen werden kann? Zunächst kann es nach allem, was bereits über die Sterbebereitung festgestellt wurde, nicht verwundern, dass sie die erste Voraussetzung für ein seliges Ende darstellt. Erbeten wird demgemäß nicht nur – wie schon erwähnt – die rechtzeitige Bereitung, sondern auch die Verschonung vor einem plötzlichen Eintreten des Todes, das diese Bereitung gefährden könnte: „Laß mich nicht plötzlich sterben | In unerkanter Sünd“44. Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass auch für einen plötzlichen Tod Vorsorge zu tragen ist: Es besteht, so Ringwaldt, immer die Möglichkeit, „inn dem Feld, | durch Raub auff frembder grentze, | In wassers noth, hitz oder kält, | oder durch Pestilentze“45 hinweggerafft zu werden. Ist entgegen dem Ideal ein Todesfall plötzlich eingetreten, so muss das bisweilen ausdrücklich hervorgehoben, die Vereinbarkeit von schnellem und gutem Tod nachträglich versichert werden. Strophen wie die folgenden von Dach und Gerhardt dienen einer derartigen Vergewisserung: „4. Selig [!] ist, der sich von hier Kan bey zeiten zu Dir wenden, Vnd nimbt seinen Tod von Dir Wie mit außgestreckten Händen, Nicht sich an der Welt vergafft, Vnd wird plötzlich weggerafft!“46 „6. Wer plötzlich stirbt und stirbt nur wol, Der nimbt ein Ende, das man soll Gewündscht und selig [!] preysen: Ists Hertze gut und Glaubens voll, Was schadt das schnelle Reisen?“47

Doch nicht nur der schnelle Tod widerspricht dem Ideal des seligen Endes, sondern auch ein Sterben, das sich durch allzu langes Siechtum unerträglich hinzieht. Hier droht insbesondere die Gefahr, dass der Sterbende, durch anhaltendes Leiden zer43

44 45 46

47

Der Vers bildet den Anfang eines Trostgedichtes von Paul Gerhardt zum Tod von Johann Adam Preunel (1668) und wurde von Runge 1671 wohl dorther übernommen (Runge, Ich will gar gerne sterben, Str. 1,2). Niedling, Von Herzen ich mich freue (Str. 1,5f). Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal (Str. 5,1–4). Dach, Herr, es mangelt nicht an dir (Str. 4); „Todesgedanken bey seligem Hintrit Hn. Wilhelm Perssen“ (1640), vgl. SDG III, S. 466. Gerhardt, °Erhebe dich, betrübtes Herz (Str. 6); „Trost-Gesang Vber den unversehenen [!] Todesfall Des Wollseligen Herrn Johannis Bercovii“ (1651); Text im Anhang zur Faksimileausgabe von Gerhardt, Geistliche Andachten, 17. Die ausdrückliche Umdeutung eines plötzlichen Todesfalles als seliges Ende ist auch in Leichenpredigten gang und gäbe, vgl. Lenz, Leichenpredigt und Epitaph, 115–123; LP Ferdinand Crafft 1714, 43f (zit. S. 592).

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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mürbt, schließlich der Anfechtung erliegt. Die Bitte „verkürtz mir fein deß Todes Pein“48 gehört deshalb ebenso wie die Bitte um Verschonung vor einem zu schnellen Tod zum Standardrepertoire. In Bittliedern von Ringwaldt und Gesenius/Denicke werden die beiden Extreme direkt nebeneinandergestellt: „9. So las mich ja nicht lange liegn wider den letzten Feindt zu kriegn, Das ich möchte in Fleisch geberdn die leng was vngedüldig werdn. 10. Doch nim mich auch nicht all zu schnell von hinnen durch ein vngefell, In welchem ich den gnaden Bundt von hertzen nicht betrachten kundt.“49 „3. […] Auß lauter vnverdienter Güt Für vielen Schmertzen mich behüt Vnd langwirigem Lager. 4. Doch aber auch bewahre mich Für schnellem, bösen Ende.“50

Vor allem jedoch gilt für das gute Sterben zweierlei: Es soll ‚sanft und still‘ und es soll ‚vernünftig‘ sein. Schon Luther formuliert in seinem Nunc-dimittis-Lied Mit Fried und Freud ich fahr dahin das Ideal des ‚sanften‘ Todes, der dem Schlaf gleicht: 1. Myt frid und freud ich far do hin ynn Gotts wille. Getrost ist myr meyn hertz und syn sanfft und stille. Wie Gott myr verheyssen hat, der tod ist meyn schlaff worden.“51

Das sanfte Einschlafen ist auch Gegenstand der Bitte um ein seliges Ende: „Als denn fein sanfft vnd stille, | Herr, laß mich schlaffen ein“52. Als Ideal gilt das sanfte und stille 48

49 50 51 52

Anon., Mein Herz mit Lieb verwundet ist* (Str. 3,10). Vgl. Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Str. 3,6): „verkürtz mir auch des Todes qual“; Backmeister, O Herr, gedenk in Todespein (Str. 3,3): „Verkürtze mir die todespein“; Herberger, Valet will ich dir geben (Str. 2,5): „Verkürtz mir alles Leiden“; anon., Herr, lass mich deinen werten Geist (Str. 2,5): „verkürtz mir alle Angst und Pein“ usw. Ringwaldt, °Hilf mir, Herr Jesu, weil ich leb (Str. 9–10). Gesenius/Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Str. 3,5–7; 4,1f). Luther, Mit Fried und Freud ich fahr dahin (Str. 1). Anon., Christus der ist mein Leben (Str. 6,1f). Vgl. auch anon., Herr Jesu Christ, mein Herr und Gott, lass mich (Str. 3,5–7): „Schlaff also ein | Im namen dein | Sanfft / selig und fein stille“. Das häufig belegte Lied wird mehrfach Ringwaldt zugeschrieben (z. B. B-1666; Lü-1702). Nach Reckziegel, Cantional, 198 ist die Primärquelle des Textes in den Threnodiae des Christoph Demantius (Freiberg 1620) zu finden; weitere Belege sind D-1625/56; L-1627b; Go-1648; B-1658; F-1666; B-1703.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Sterben deshalb, weil in ihm die Freiheit von körperlichem und seelischem Leiden zum Ausdruck kommt, einerseits die Befreiung von Schmerz und Krankheit, andererseits die Erlösung von Angst und Anfechtung. Ringwaldt formuliert die Hoffnung, „das ich ohne vbrig weh | im rechten Glauben sanfft vorgeh“53, und zeigt dabei die Antithese des erhofften sanften Vergehens zum übermäßigen, unnötigen körperlichen Schmerz, dem „vbrig weh“. Einem anonymen Autor gilt das sanfte Sterben als Überwindung der Angst als seelischer Pein. Die Bitte lautet hier: „Das durch ein sanft vernünftig End’ | All’ Angst mit mihr sich selig wend’.“54 Wer „sanfft und stille“ stirbt, hat im äußeren wie im inneren Todeskampf bereits als ‚christlicher Ritter‘ gesiegt. Nach demselben Ideal sind auch viele der Sterbeberichte in den Leichenpredigten des 17. Jahrhunderts gestaltet (vgl. S. 569–583). Das sanfte, stille Sterben ‚ohn einiges Rucken und Zucken‘ lässt nach Auffassung der Zeitgenossen darauf schließen, dass Kampf und Anfechtung bereits überwunden sind, der Sterbende also friedlich zu seinem Herrn eingegangen ist. Entsprach das Sterben nicht diesem Ideal, wurde dies oft im Sterbebericht vermerkt, verbunden mit dem erklärenden Hinweis, warum es sich dennoch um ein seliges Ende gehandelt habe. Damit zum zweiten Punkt, der Bitte um ein vernünftiges Ende. Mit ihr verbindet etwa Ringwaldt im ersten Beispiel die Bitte um ein sanftes Ende; im zweiten Beispiel gibt ein anonymer Autor eine Art Definition des seligen Endes, in der er ebenfalls beide Merkmale nennt: „4. Kans sein, so gib durch deine hand mir ein vernünfftig ende, Das ich mein Seel fein mit verstand befehl in deine hende, Vnd so im glauben sanfft vnd fro auff meinem bettlein oder stroh aus diesem elend fahre.“55 „1. ES ist gewiß ein grosse Gnad / wenn Gott einm Menschen gewähret / daß er ein sanfft Sterb=Stündlein hat / und wie im Schlaf hinfähret / daß er sich an seinm letzten End vernünfftig zu seinm Heyland wend / solchs GOtt allein dem giebet / der Ihn recht hat geliebet.“56

53

54 55 56

Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Str. 11,1f). Vgl. die Parallelstelle beim selben Autor, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal (Str. 7,3–6): „Vnd hilff, das mir das hertze mein | fein sanfft gebrochen werde | Vnd wie ein liecht ohn vbrig weh | auff dein vnschüldig blut vergeh“. Anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 1,3f). Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal (Str. 4). Anon., Es ist gewiss ein große Gnad* (Str. 1). Inhalt und Rubrizierung des nur zwei bzw. drei Mal belegten Liedes legen nahe, dass hier ursprünglich das selige Ende eines gerade Verstorbenen besungen wurde.

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IV. Die Bereitung zum Sterben

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Wie der Kontext und viele weitere Beispiele57 zeigen, bezieht sich das Adjektiv „vernünfftig“ auch bei attributiver Zuordnung zum „ende“ nicht auf den Vorgang des Sterbens, auch nicht auf eine bestimmte ‚vernünftige‘ Gestaltung des Endes, die der Mensch selbst bestimmen könnte, sondern vielmehr auf den unverfügbaren Geisteszustand des Menschen bei seinem Tod. „[V]ernünfftig von der Welt zu scheidn“58 bedeutet, bis zum letzten Augenblick geistige Klarheit zu besitzen, ein Wunsch, den der Mensch sich offenkundig nicht selbst erfüllen, sondern nur von Gott erbitten kann: „Kans sein, so gib durch deine hand“. Wo der Verstand gewichen ist, kann der Mensch nicht mehr gezielt das Leiden Jesu oder die himmlische Herrlichkeit betrachten, wie es ihm zur Überwindung der Anfechtung empfohlen ist; er hat dann auch den vorher durchaus gegebenen Eigenanteil der Kontrolle über die ihm vor Augen stehenden ‚Bilder‘ verloren. Schreckliche Truggebilde wie der grausige Knochenmann oder die Hölle könnten sich vor sein geistiges Auge drängen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Gesenius/Denicke um die Abwendung von ‚Wahnwitz‘ bitten: „Wahnwitz vnd Jammer gnädiglich, | O trewer Gott, abwende.“59 Die erbetene Bewahrung des Verstandes ist die Voraussetzung dafür, die im Leben erlernten Übungen der Sterbekunst einzusetzen und mit ihrer Hilfe den Kampf gegen die Anfechtung bestehen zu können: 9. Erhalte mir auch die vernunfft / Verstand / sprach und gedancken / Das ich auff meiner feind ankunfft Im glauben nicht darff wancken: Daß ich mag streiten ritterlich Mit beten / und erlangn den sieg / Die kron deß ewgen lebens.60

Die „feind“ sind im Kontext dieses Liedes „meine sünd“ und „die höll mit ihrem heer“ (Str. 8), denen der „glauben“ in unerschütterlichem Kampfesmut (vgl. wieder 2Tim 4,7f) entgegengehalten wird. Neben „vernunfft“, „Verstand“ und „gedancken“ wird in diesem Beispiel auch die Erhaltung der „sprach“ erbeten. Damit wird deutlich, dass es sich nicht nur um innere Vorgänge handelt, die in der Sterbekunst eingeübt wurden, sondern auch um Äußerungen und Ausdrucksformen, um die Performanz bestimmter Bitten und Gebete, von denen eine positive Wirkung für das selige Ende erhofft wird. Freilich muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Sprache und Verstand noch vor dem Eintreten des leiblichen Todes verloren gehen, selbst wenn dies nicht dem Idealbild entspricht. Diese Möglichkeit kommt in vielen Liedern im Zusammenhang mit der detaillierten Darstellung des Verfalls geistiger und körperlicher Funktionen zur Sprache. Für den Fall des Verlustes dieser Funktionen wird 57

58 59 60

Z. B. vgl. Schreiber, °Ein selig End aus Liebe (Str. 3,3f): „Ach ein vernünfftig Ende | Auß Gnaden mir bereit.“ Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Str. 10,2). Gesenius/Denicke, O Gott, wenn ich bei mir betracht (Str. 4,3f). Anon., Wie ein gejagtes Hirschelein (Str. 9). Vgl. Schreiber, °Ein selig End aus Liebe (Str. 3,5–7): „In tödtlicher Gefahre | Mir mein Verstandt bewahre | Zur Seelen Seligkeit.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Gottes besonderer Beistand erbeten. Zugleich dient die vorausgreifende Darstellung einer solchen Entwicklung in der Todesstunde der meditativen Vergegenwärtigung der Todesnot und damit letztlich der Bereitung zum Sterben. Sie wird im folgenden Teilkapitel noch ausführlicher behandelt (vgl. S. 296).

4. Zusammenfassung Die Bereitung zum Sterben markiert den Schritt, der aus dem ‚Bedenken‘ des eigenen Endes die Konsequenzen zieht, mit dem Ende also nicht nur rechnet, sondern auch entsprechende Vorkehrungen trifft: Der Tod, der jederzeit eintreten kann, muss den Menschen ‚bereit‘ antreffen, damit das Ideal des ‚seligen Endes‘ zu verwirklichen ist. Ein plötzlicher Tod widerspricht diesem Ideal deshalb, weil er zur Sterbebereitung zu wenig Zeit lässt. Zeit für die Sterbebereitung ist aber nicht erst auf dem Sterbebett – auch wenn sie dort nochmals gefordert ist –, sondern schon im Leben, eben damit der Tod niemals zu einem Zeitpunkt fehlender Bereitschaft eintreten kann; der Mensch hat sich daher jederzeit zu ‚rüsten‘ und ‚sein Haus zu bestellen‘ (Jes 38,1), also seine weltlichen Angelegenheiten zu ordnen. Zur Sterbebereitung gehört auch das rechtzeitige – also schon im Leben zu verortende – Erlernen der Ars moriendi, die den Menschen „lebend sterben lehrt“. Sie ist zum einen Ars bene vivendi: Gutes Leben ist ein wesentliches Stück Sterbebereitung. Zum anderen lehrt sie den Menschen, schon vor seinem Ende zu ‚sterben‘, indem er sich in Buße von der Welt abkehrt. Zum dritten erlernt der Mensch in ihr konkrete Handlungsanweisungen für die Todesstunde, die ihm ein seliges Ende ermöglichen soll, etwa durch bestimmte Gebete oder durch die Betrachtung der Passion. Letztlich ist das ‚selige Ende‘ jedoch unverfügbar, auch wenn der Mensch rechtzeitig ‚sein Haus bestellt‘ und sich um das Erlernen der Sterbekunst bemüht hat. Ideal verläuft die Todesstunde erst dann, wenn neben der gründlichen Sterbebereitung zwei weitere Bedingungen gegeben sind: ein Zustand geistiger Klarheit, der die ‚vernünftige‘ Anwendung der erlernten Sterbekunst auch ermöglicht, und die Freiheit von Schmerz und Anfechtung, die den Menschen ‚sanft und still‘ einschlafen lässt. Da der Mensch auf diese Bedingungen keinen Einfluss hat, muss er sie von Gott erbitten. Dazu sind ihm im Gesangbuch zahlreiche ‚Bitten um ein seliges Ende‘ vorgegeben, die viele formelhaft wiederkehrende Elemente enthalten. Diese Lieder sind insofern ihrerseits ein Beitrag zur Sterbebereitung, als sie dem Leser oder Sänger den Verlauf der Todesstunde schon vorab vor Augen führen.

V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes Die Themen des vorangegangenen Abschnitts – Sterbebereitung, Ars moriendi und die Bitte um ein seliges Ende – sind häufig in einer Sprechsituation angesiedelt, die dem Tod vorausgreift: Das Ich rüstet sich, ohne dass er bereits konkret absehbar

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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wäre. Thema des folgenden Abschnitts ist dagegen die Todesnot, also die Situation in unmittelbarer Nähe des Todes. Die eigentliche Not besteht dabei im subjektiven Erleben dieser Situation. Doch mag das Erleben auch individuell verschieden sein, so folgt die Ausdrucksform in Lied- und Gebetstexten dennoch bestimmten vorgegebenen Mustern. Gemein ist ihnen in der Regel eine subjektive Sicht auf das eigene Ende, die aber mit Hilfe feststehender rhetorischer, literarischer und theologischer Topoi gestaltet ist. Bei der Untersuchung sind mehrere Fragen zu unterscheiden, von denen sich nur die erste ausschließlich auf jene Texte bezieht, die aus der Situation der Todesnot heraus zu sprechen scheinen. Antworten auf die beiden anderen Fragen lassen sich aus allen Texten gewinnen, die diese Situation zum Thema haben. Zum einen also: Welche Merkmale besitzen die Texte, deren Sprechsituation in der Todesnot angesiedelt ist? Zum anderen: Worin besteht die Todesnot? Und zum dritten: Durch welchen Trost wird sie überwunden? Zur ersten Frage wurden im Zusammenhang mit der näherrückenden Todesstunde schon einige Hinweise gegeben, die die Zeitstruktur der Lieder betreffen (vgl. S. 244), dort allerdings in positiver Wertung der Todesstunde. Im Zusammenhang mit dem Erleben der Todesnot müssen hier einige Aspekte ergänzt werden (1.). Insbesondere die Anrede an Gott gewinnt dabei den dringlichen Charakter einer flehentlichen Anrufung. – Die Antwort auf die zweite Frage, worin die Todesnot besteht, wurde ebenfalls schon angedeutet: Sie besitzt eine Komponente körperlichen und eine Komponente seelischen Erlebens. Krankheit, Schmerz und Schwäche bilden den körperlichen Anteil der Todesnot (2.), Angst und Anfechtung den seelischen Teil (3.). – Auf die dritte Frage nach dem Trost und der Überwindung der Todesnot werden die inhaltlich entscheidenden Antworten im nächsten Teilkapitel (VI.) gegeben: Christus ist die Zentralfigur, an die sich der Sterbende in seiner Not wenden und auf die er sich in unterschiedlicher Weise beziehen kann. Im vorliegenden Teilkapitel soll es zunächst um die subjektiven Haltungen gehen, mit denen auf die Todesnot reagiert werden kann. Von ihnen ist die Ergebung in Gottes Willen (4.) die traditionell empfohlene und theologisch grundlegende. Die Ergebung in Gottes Willen, zunächst gekennzeichnet durch das Hintanstellen des eigenen Willens, wird im Lauf des 17. Jahrhunderts mit immer stärkeren positiven menschlichen Eigenaffekten besetzt, so dass die Freude auf und über das Sterben (5.) sowie die Sehnsucht und der Wunsch nach dem Sterben (6.) immer deutlicher als Haltung hervortreten.

1. Die Todesnot als Sprechsituation Die erste der eingangs gestellten Fragen lautete: Welche Merkmale tragen diejenigen Texte, die unmittelbar aus der Situation der Todesnot heraus zu sprechen scheinen? Wieder ist zu betonen, dass es sich dabei um eine rein textimmanente, literarische Sprechsituation handelt; möglicherweise schlüpft ein Rezipient in anderem Kontext – etwa zur Andacht, zur eigenen Sterbebereitung oder bei der Totenwache – performa-

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

tiv in die Rolle eines Sterbenden. Gleichwohl ist diese Rolle auf literarischer Ebene an die Situation der Todesnot gebunden, bei der es sich naturgemäß um eine der typischen Sprechsituationen für Sterbelieder handelt und handeln muss. Literarisch kennzeichnend sind auf formaler Ebene zwei Merkmale: die Verwendung der Ichform – meist im Gegenüber zum Du Gottes oder Christi – sowie die Verwendung des Präsens1 für Todesnot und Sterben; dies im Unterschied zur ‚Bitte um ein seliges Ende‘, bei der sie noch in der Zukunft liegen. Allerdings sind beide Gruppen von Liedern nicht strikt voneinander abzugrenzen, etwa weil die Sprechsituation eines Textes bei imperativischen Bitten zeitlich nicht eindeutig ist; und daraus lässt sich wohl doch schließen, dass nicht nur die Texte, sondern auch die beiden zugehörigen Verwendungskontexte Sterbebereitung und Todesnot eng verwandt sind. Gelegentlich können Verben wie ‚fühlen‘ und ‚empfinden‘ den subjektiven Charakter der erlebten Todesnähe zum Ausdruck bringen. Ein Lied von Bartholomäus Ringwaldt macht dies konkret am körperlichen Empfinden fest: „HErr Jesu Christ, weil ich entpfindt | das mir all leibes krafft verschwindt“2. Ein Empfinden für die Gegenwart der Todesstunde hat das Ich bei Christian Thalhaimer: „GOtt sey globt, ich empfinde wol, | Mein Stündlein ist vorhanden“3, während es bei Rist den Tod an sich fühlt: 1. MEin GOtt und Vatter / der du nicht Dein arme Kindlein in der Noht Verlassen wilt / mein Hertz das bricht / Ich fühle schon an Mir den Tod.4

Von der Gegenwart der Todesstunde im Sterbelied war bereits die Rede. Die genannten Beispiele bildeten aber insofern nicht das ganze Spektrum ab, als sie das Herannahen der Todesstunde entweder neutral konstatierten oder sogar begrüßten, so wie das eben zitierte Beispiel von Thalhaimer („GOtt sey globt“, vgl. S. 244). Wo der Todesstunde ein Willkommen entgegenklingt, ist die eigentliche Not schon überwunden. Die Gegenwart der Todesnot erregt andere Töne: die flehentliche Anrufung Gottes.

1

2 3 4

Vgl. z. B. Liedanfänge bei Schein: Die Zeit nunmehr vorhanden ist, dass ich von hinn soll scheiden; Mein Zeit nunmehr vorhanden ist, dass ich soll scheiden hin. Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Str. 1,1f). Thalhaimer, Gott sei globt, ich empfinde wohl (Str. 1,1f). Rist, Mein Gott und Vater, der du nicht (Str. 1,1–4). Vgl. in der Vorausschau der ‚Bitte um ein seliges Ende‘ anon., Ich weiß wohl, dass ich sterben muss (Str. 8,5–7): „Und wenn vorhanden ist mein Ziel, | So hilff, daß ich nicht lange fühl’ | Des strengen Todtes Ruthe!“

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Die Anrufung Gottes in der letzten Not Charakteristisch für die Todesnot als Sprechsituation ist die nachdrückliche Sprechweise des Rufens oder Schreiens: Aus tiefer Not schrei ich zu dir; O Herr, Gott, hilf, zu dir ich gilf; Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir usw. So wird beim Singen aus der sprachlich und musikalisch vorgeformten Lautgestalt des Gesangs ein existenzieller Ruf. Manchmal bringt ein Text diesen Ruf allerdings nicht als emphatisch lauteres, sondern als ein durch die Todesnot bereits geschwächtes Singen zum Ausdruck: „für das Singen ich nur stehne“5. Wo kein Singen mehr möglich ist, wird es zum ersterbenden ‚Stehnen‘. Die Aufnahme in den himmlischen Chor, die in der letzten Strophe wieder in Form eines Rufes erbeten wird, bildet dazu einen hoffnungsvollen Kontrast.6 Der Sprachgestus der Anrufung Gottes in der Not stammt aus dem Psalter. Der Notleidende hofft oder ihm wird verheißen, dass Gott seine Ohren zu ihm neigt (hjn hif.), ihn erhört (hn[), ihm hilft ([vy), ihn herausreißt und errettet (#lx, lcn), wenn er ihn in der Not (hr'c', rc;) anruft (arq).7 Dabei findet die Anrufung teils im Text selbst statt, teils wird rückblickend von ihrer Erhörung berichtet. In Ps 116,3f wird die Not, aus der heraus der Psalmbeter Gott anruft, ausdrücklich mit den Stricken des Todes und den Schrecken des Totenreiches lAav. identifiziert. „Auß dem 116. Psalm genommen“ ist auch Nicolaus Selneckers Lied „O HErre Gott, in meiner not | ruff ich zu dir, du hilffest mir“, das in vielen Gesangbüchern als Sterbelied aufgeführt wird.8 Wie einige andere Lieder des Typs ‚Anrufung in der letzten Not‘ besitzt dieses Sterbegebet eine trinitarische Struktur: Dem Vater wird in der Commendatio animae die Seele anbefohlen, dann wird an das Sterben Christi „mir zu gut“ erinnert und schließlich der Heilige Geist um Trost und Beistand in der Anfechtung gebeten.9 Ein weiteres Lied nach einer Vorlage von Selnecker zeigt den Ruf aus der Not als Hilferuf: Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not.10 In der letzten Not ist die göttliche Hilfe 5 6

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9

10

Anon., Rufst du nicht, o Heiland, mich* (Str. 1,4). Vgl. anon., Rufst du nicht, o Heiland, mich* (Str. 6): „Darümb ruff [!] ich noch wie vor: | Kom[m] mein JEsu mich zusetzen / | von hier in den Himmels=Chor / | da ich ewig mich ergetzen / | und mit Freuden dir allein / | mit Lob werd ergeben seyn.“ Vgl. z. B. Ps 50,15; 81,8; 86,7; 91,15; 102,3; 107,6.13.19; 116,3f; 120,1. Der im Liedtitel zitierte Mottovers Ps 116,9 (Selnecker, Psalter in kurzen Summarien, Leipzig 1578, zit. nach W IV 397. [nach Reckziegel, Cantional, 192 bereits 1572]) wird im Liedtext nicht nochmals aufgegriffen. Das Lied ist vor allem in den Leipziger sowie in einigen früheren Nürnberger Gesangbüchern als Sterbe- und Begräbnislied vertreten. In L-1673 ist auch eine überarbeitete Fassung enthalten, in der nach jedem Vers des Ausgangsliedes ein zusätzlicher Vers eingeschoben ist, vgl. Str. 1: „O HErre GOtt / in meiner Noth | thu ich mich zu dir wenden / | ruffe zu dir / du hilffest mir | an allem Ort und Enden.“ Aus den 3×6 Versen des Originals (ohne Melodieangabe) werden in der überarbeiteten Fassung 9×4 Verse (Melodie: Ach Gott und Herr, wie groß und schwer). Vgl. Selnecker, O Herre Gott, in meiner Not (Str. 1–3). Schelius, O Herre Gott, aus tiefer Not (Str. 1: Vater; Str. 2: Jesus Christus; Str. 3: Heiliger Geist; Str. 4: Dreifaltigkeit); Henrici, °O starker Gott, in letzter Not (Str. 1–3); Rist, Mein Gott und Vater, der du nicht (Str. 1–4: Vater; Str. 5–10: Sohn; Str. 11: Heiliger Geist; Str. 12: Dreifaltigkeit). Die Vorlage °Hilf, Herr, mein Gott, dieser Not stammt aus Selneckers Christlichen Psalmen, Liedern und Kirchengesängen (Leipzig 1587). Das Lied selbst ist in Martin Mollers Manuale de praeparatione ad mortem (Görlitz 1593) sowie in zahlreichen der untersuchten Gesangbücher enthalten, in denen immer wieder Moller als Autor angegeben ist (z. B. L-1638/82 [vgl. Grimm, Vopelius, 86]; Go-1648; Lü-1695/1702); so

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

ein wesentlicher Gegenstand des menschlichen Flehens. Johann Rist schreibt in seinem „Sterbeliedelein Eines Todkranken Menschen“: 1. O Schöpffer aller Dinge / Du Väterliches Hertz / Merk auf wie hart Ich ringe / Was für ein schwehrer Schmertz Mich Armen hat ümfangen In dieser letsten Noht / Wo sol Ich Hülff ’ erlangen? Sehr nah’ ist Mir der Tod!11

Todeskampf und Todesnähe werden hier im Präsens geschildert. In der flehentlichen Frage „Wo sol ich Hülff ’ erlangen?“ klingen nicht nur Psalmverse an (Ps 121,1b: „Woher kommt mir Hilfe?“), sondern auch die Frage des lateinischen Media vita in morte sumus: „Quem quaerimus adiutorem nisi te Domine“, die in Luthers Verdeutschung auch zur Frage nach der Gnade wird: „Wen suchen wyr der hulffe thu, | das wyr gnad erlangen?“12 Die Hilfe wird immer von Gott als demjenigen erhofft, der Not und Anfechtung selbst verhängt hat.13 Bereits in den ältesten Liedern der Reformationszeit ist die Anrufung Gottes aus der Not häufig anzutreffen. Gleichsam das Urbild einer solchen Anrufung ist ein Lied, das in den meisten Gesangbüchern unter der Rubrik ‚Von der Buß‘ zu finden ist, das aber auch als Sterbe- und Begräbnislied verwendet wurde:14 Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Luthers Liedfassung des De profundis (Ps 130). Den Begriff der „not“ hat Luther nach dem Vorbild anderer Psalmen zur Explikation der ‚Tiefe‘ in den Text eingefügt. Der Begriff wird – an der Vorlage des Bußpsalms orientiert – seinerseits gedeutet als Anfechtung des Gewissens durch die Sünde: 1. Aus tieffer not schrey ich zu dyr, Herr Gott erhor meyn ruffen. Deyn gnedig oren ker zu myr und meyner bitt sie offen. Denn so du willt das sehen an, was sund und unrecht ist gethan, wer kan Herr fur dyr bleyben?

11 12

13

14

auch EKG 287. Einen ähnlichen Ruf artikuliert im Kontext einer ‚Bitte um ein seliges Ende‘ das ältere O Herr, Gott, hilf, zu dir ich gilf (Zürich 1560; Beleg: L-1605). Rist, O Schöpfer aller Dinge (Str. 1). Luther, Mitten wir im Leben sind (Str. 1,3f). Vgl. Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Str. 2): „Wen hab’ ich nun als dich allein, | Der mir in meiner letzten Pein | Mit Trost und Raht weiß zu zu springen? | Wer nimmt sich meiner Seelen an […] Thust du es GOTT, mein Heiland, nicht?“ Vgl. anon., Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir (Str. 1,3f; 9,5–7): „Dein Allmacht laß erscheinen mir | Vnd mich nicht also quele.“ „Wenn es dir denn nu je gefelt, | Das ich also sol seyn gequelt, | So gieb mir Krafft vnd Stärcke.“ Vgl. Babst (fol. b 2v); vgl. S. 619; S. 623.

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Solche Anfechtung stellt jederzeit eine Gefährdung des menschlichen Heils dar. Rechtzeitige Buße war schon in der Sterbevorbereitung ein dringliches Ziel; in der Todesnot gewinnt sie durch die Kürze der verbleibenden Zeit besondere Brisanz. Die gesungene Überwindung der Anfechtung nimmt in Luthers Lied denn auch einen viel breiteren Raum ein als die Schilderung der Not: „Bey dyr gillt nichts den gnad und gonst“; „Darumb auf Gott will hoffen ich“; „Doch sol meyn hertz an Gottes macht | verzweyfeln nicht noch sorgen.“15 Von der ‚allgemeinen Not‘ ist die Todesnot qualitativ nicht unterschieden; diese wird in ihr nur radikal zugespitzt. Ein altes Lied von Justus Jonas, das in einigen älteren der ausgewerteten Gesangbücher noch enthalten ist, ist überschrieben: „ein gebet, in allerley not auch am letzten ende zubeten“, beginnt dann aber doch eindeutig mit den Versen: „HERR Jhesu Christ, O warer Gott, | hie sichstu mich in letzter not“16. In den Sterbeliedern ist mit dem Ruf aus der letzten Not häufig ausdrücklich die auf die Sünde bezogene Gewissensnot gemeint.17 Umgekehrt tauchen allgemeine Buß- und Anfechtungslieder, in denen Gott aus der Not heraus angerufen wird, häufig in den Sterbelied-Rubriken auf – auch dann, wenn der Text selbst nur marginale oder gar keine Hinweise auf das Sterben enthält. Nicht nur die Verwendung von Luthers Aus tiefer Not zeigt die Todesnot als besonderen, zugespitzten Fall der allgemeinen Gewissensnot. Ein weiteres frühes Beispiel ist Michael Weisses Fassung von Ps 130 (Aus tiefer Not lasst uns zu Gott), das in J-1531 und vielen anderen Gesangbüchern unter den Bußliedern, in L-1616 aber unter den Sterbeliedern zu finden ist.18 Das anonyme Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir stammt zwar ursprünglich aus einem Sterbeliederbuch und fand sich in den untersuchten Gesangbuchrubriken mehrfach, bezieht sich aber im Text nicht ausdrücklich auf die Todesnot.19 Hier ist die erfahrene Not nicht einmal theologisch als Anfechtung des Gewissens qualifiziert; sie scheint vielmehr allein im Affekt der Angst und Traurigkeit zu bestehen. In dem Lied Herr Jesu Christ, du treuer Gott (Coburg 1630) ist die Not, aus der heraus das Ich Gott anruft, dagegen ausdrücklich als Gewissensnot gekennzeichnet; das Sündenbekenntnis steht zentral, die Bitte um ein seliges Ende erst in der Schlussstrophe.20 Trotz der Unterschiede im Verständnis der ‚Not‘ zeigen diese Beispiele, dass die Todesnot von anderen Noterfahrungen nicht grundsätzlich unterschieden ist, sondern nur durch ihren Zeitpunkt eine besondere, geradezu ultimative Dringlichkeit besitzt. 15 16

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Luther, Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Str. 2,1; 3,1; 4,3f). Jonas, Herr Jesu Christ, o wahrer Gott (Str. 1,1f; die Überschrift stammt aus einem undatierten Druck, zit. nach W III 65.). Gefundene Belege: N-1594, N-1599, Lü-1625. Anon., Auf, meine Seel, dein End ist hier* (Str. 10): „Dir ruff ich in der letzten Noth / | Befreye mich vom ewgen Tod / | Und allen meinen schweren Sünden: | Ach laß mich ewge Gnade finden.“ Ebenfalls an Ps 130 angelehnt sind Schelius, O Herre Gott, aus tiefer Not (Leipzig 1638); Schwämlein (?), Aus der Tiefen rufe ich (Halberstadt 1673). Die ursprüngliche Quelle ist nach FT I 574. (vgl. Reckziegel, Cantional, 198) die Sammlung Threnodiae von Christoph Demantius (Freiberg 1620). Belege für das Lied unter den Rubriken ‚Vom Tod und Sterben‘ sowie ‚Vom Begräbnis‘ sind D-1625/56/76/78, L-1627b/45/82, N-1690, Lü-1695/1702. Das Lied ist enthalten in N-1637 und L-1673, außerdem in N-1654 unter den Krankheits-Liedern.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

2. Der körperliche Anteil der Todesnot: Krankheit, Schmerz und Schwäche Was den Menschen auf dem Sterbebett subjektive ‚Not‘ erleben lässt, sind aber nicht nur die Sünde und das Gewissen (vgl. 3.), sondern auch die körperlichen Empfindungen von Krankheit, Schmerz und Schwäche. Bei diesem Thema ist die Gruppe der Sterbelieder z. T. offen in Richtung der Gruppe Krankenlieder. In der Schilderung des Krankheitserlebens stimmen beide Gruppen überein; in der Perspektive unterscheiden sie sich: Für die Krankenlieder ist das Sterben nur eine von zwei Optionen, für die Sterbelieder die einzige. Trotzdem tauchen einige Lieder der erstgenannten Gruppe in der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ auf. Eine weitere Gruppe unterscheidet sich etwas deutlicher: die Pestlieder, meist in der Rubrik ‚Von Pestilenz und Sterbensläuften‘, die bei der Textauswahl nicht berücksichtigt wurde. Ein Exkurs soll diese Gruppe und ihre Unterschiede zu den Sterbeliedern beleuchten. EXKURS: Pestlieder 1. Liedbestand: Legt man die Rubrizierung zugrunde – ‚Vom Tod und Sterben‘ einerseits, ‚Von Pestilenz und Sterbensläuften‘ andererseits –, so gibt es zwischen Pest- und Sterbeliedern im Liedbestand der untersuchten Gesangbücher nur wenige Überschneidungen. In der einen Richtung fällt auf: Die untersuchten Dresdner Gesangbücher bringen einige Lieder, die ansonsten unter ‚Vom Tod und Sterben‘ zu finden sind, unter der Überschrift ‚Von Pestilenz und Sterbensläuften‘.21 In der anderen Richtung sticht die Gruppe der älteren Nürnberger Gesangbücher (1594–1637) hervor: Hier sind einige typische Pestlieder unter ‚Vom Tod und Sterben‘ verzeichnet.22 Die Überschneidung kommt dadurch zustande, dass diese Nürnberger Gesangbücher gar keine eigene Pest-Rubrik besitzen. Relativ gemischt ist nur die Rubrizierung von Johann Gigas’ Lied Ach lieben Christen, seid getrost.23 Lieder, die nur unter „Pest“ zu finden waren, wurden nicht in die Liste der Sterbelieder aufgenommen (sie sind gekennzeichnet mit °). Obwohl die Pest auch im 17. Jahrhundert immer wieder im Reich grassierte, sind die meisten der gefundenen Pestlieder älteren Datums, stammen also noch aus dem 16. oder vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Zwei Gruppen treten unter ihnen besonders hervor. Der einen Gruppe liegt als Bibeltext Ps 91 zugrunde; die andere Gruppe stammt aus einer oft rezipierten Sammlung von Pestliedern Bartholomäus Ringwaldts (Frankfurt/O. 1577). 21

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Dies sind etwa die Lieder: Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit; Gigas, Ach wie elend ist unser Zeit; Ringwaldt, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich einmal. Eine weitere Gruppe von Pestliedern in den Dresdner Gesangbüchern ist ansonsten unter nochmals anderen Rubriken zu finden, z. B. anon., °Wie mir’s Gott schickt, so nehm ich’s an; anon., °Ich hab mein Sach zu Gott gestellt; Helmbold, °Von Gott will ich nicht lassen. Z. B. Heyden, Wer in dem Schutz des Höchsten ist; Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott; Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut; Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund; Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort. Unter ‚Pest‘ steht das Lied in D-1656; B-1666; F-1666; N-1677; H-1683; unter ‚Krankheit‘ N-1654; unter ‚Tod und Sterben‘ L-1616; L-1627b/45; L-1682; N-1617/26/37; D-1676/78.

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Auf Ps 91 gehen diese Lieder zurück (mit Belegangaben zu den untersuchten Gesangbüchern): Sebald Heyden

Wer in dem Schutz des Höchsten ist (Nürnberg 1544)

Ambr. Lobwasser

°Wer in des Allerhöchsten Hut (Leipzig 1576) °Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt (Frankfurt/O. 1577) °Ach lieber Herr im höchsten Thron (Hamburg 1598) °Wer sich des Höchsten Schirm vertraut (Leipzig 1602) °Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt (Berlin 1653)

Barth. Ringwaldt Lucas Backmeister Cornelius Becker Paul Gerhardt

N-1594; N-1677; L-1605; D-1608–1678; B-1666; F-1666 L-1627a (keine Belege) D-1656 L-1627a; F-1666 B-1666; F-1666; N-1677

Durch die Zusage von Gottes Schutz gegen die „Pfeile“ der „verderblichen Pest“, „die im Finstern schleicht“ (Ps 91,3.5f) wird Ps 91 zum einschlägigen Text für die Zeit der Bedrohung durch die Pest; auch viele der anderen Pestlieder enthalten Motive aus Ps 91.24 Das Beispiel von Paul Gerhardt zeigt, dass diese Zuordnung bis ins 17. Jahrhundert gültig war. – Nur das erstgenannte Lied ist in einem Fall den Sterbeliedern zugeordnet (N-1594). Aus dem Becker-Psalter begegnet neben Ps 91 auch noch die Liedfassung von Ps 121 als Pestlied.25 Folgende Pestlieder stammen aus Bartholomäus Ringwaldts Sammlung Der 91. Psalm neben Sieben andern schönen Liedern, vnd etlichen Gebetlein, in Sterbensleufften zu gebrauchen (Frankfurt/O. 1577):26 °Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt Ach lieben Christen, trauret nicht O frommer und getreuer Gott Nicht trauret übrig, lieben Leut °O Herr, dein Ohren neig zu mir Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund °Freut euch, all die ihr Leide tragt Geliebten Freund, was tut ihr so verzagen

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(keine Belege) L-1627a; L-1682; D-1656; B-1666; F-1666; H-1683 N-1599/17/26/37/54; L-1627a; D-1656; B-1666; F-1666 N-1599/17/26/37; L-1627a; D-1656 B-1666 N-1599/17/26/37; L-1627a; D-1656 (keine Belege) L-1627b/45; L-1673; L-1682; Go-1648; D-1656; B-1658; B-1666/1703; F-1666; H-1683; Lü1695/1702

Z. B. die Erwähnung der „Pfeile“ (Ps 91,5) bei Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 2; 8); „Wenn auch zehntausend fallen zu deiner Rechten“ usw. (Ps 91,7) bei Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 9). Becker, °Ich heb mein Augen sehnlich auf (Leipzig 1602), belegt in L-1627a. Angaben nach W IV 1339.–1346.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Eine Ausnahme bildet das letztgenannte, verbreitetste Lied der Gruppe, ein Begräbnislied, das nirgends in der Rubrik der Pest-, sondern stets in der der Begräbnislieder auftaucht. Bei den übrigen überwiegt die Berücksichtigung unter den Pestliedern, sofern diese Kategorie vorhanden ist. Bartholomäus Ringwaldt zugeschrieben wird auch das Lied °Ach Gott, in Gnaden von uns wend, das mehrfach in den Pest-Rubriken auftaucht.27 Aus den Nürnberger Gesangbüchern stammt das Lied Ach Gott, du höchster starker Hort von Valentin Episcopus, das auch in die Dresdner Gesangbücher Eingang gefunden hat.28 In der Frankfurter Praxis Pietatis Melica von 1666 ist schließlich eine ganze Reihe Pestlieder von Justus Georg Schottelius enthalten,29 die wie das Beispiel Paul Gerhardts die Aktualität des Themas auch im 17. Jahrhundert unterstreichen. Da die Rubrik der Pestlieder offensichtlich von der der Sterbelieder unterschieden ist, wurde sie nicht in allen Gesangbüchern vollständig ausgewertet. Worin ihre Eigenart und damit auch die Unterscheidung von den Sterbeliedern besteht, soll nun exemplarisch herausgearbeitet werden. 2. Zur Eigenart der Pestlieder: Neben Krieg und Teuerung zählen die ‚Sterbensläufte‘ oder Pestzeiten zur ‚apokalyptischen Trias‘, also zu den Anlässen der so genannten ‚gemeinen Not‘, in denen das Gemeinwesen als ganzes durch Gottes Strafgericht bedroht ist. Das zeigt auch die häufige Nachbarschaft der Pestlieder zu den Liedern für Kriegs-, Hunger- und sonstige Notzeiten. Auch das Bußlied Ach Gott und Herr, wie groß und schwer von Martin Rutilius, das nur in Scheins Cantional unter ‚Vom Tod und Sterben‘ zu finden ist, wurde in ‚gemeiner Not‘ gesungen: Ein früher Druck (Jena 1613) findet sich in einer gedruckten Predigt Johann Majors „Von dem grawsamen Gewitter, vnd schräcklichem Gewässer, darmit Thüringen [am 29. Mai 1613] heimgesuchet worden“30. Besondere Bußgottesdienste, in denen die Gemeinde Gottes Gnade erflehte, waren die kirchliche Antwort auf die Not.31 Vermutlich hatten manche Pestlieder in solchen Gottesdiensten ihren Ort. Dass das große Sterben, das mit der Pest einherging, auch Anlass persönlicher Sterbebetrachtung und -bereitung war, ist dessen unbeschadet: Philipp Nicolais Freudenspiegel des ewigen Lebens ver-

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Als Pestlied in D-1656; B-1666; F-1666; Go-1648 Nr. 61 in der Variante Ach Gott Vater, mit Gnaden wend. Bachmann, Geschichte, 262f gibt (ohne Beleg) Ringwaldt als Autor und vor 1582 als Entstehungszeit an; die Autorangabe konnte nicht verifiziert werden. Erstmals ist es belegt Nürnberg 1611 (vgl. FT I 180.); gefundene Belege: N-1617/26/37 und D-1625/56. Folgende der Pestlieder stammen nach Angabe von F-1666 von Schottelius: °Ist, Jesu, es dein Wille; °Vater, der du dich vernehmen; °Alles hat für uns ein Grauen; °O großer Gott von Ewigkeit; °Gott Lob und Dank, dass ich nicht krank; °Weil ich nun ganz verlassen bin; °Gott, der uns diesen Tag bewacht. In einigen Fällen wurden die Lieder von Schottelius auch in andere Gesangbücher übernommen, z. B. N-1677; H-1683. Zit. nach FT I, S. 39. Zur Autorangabe vgl. EG 233. Betstunden und Bußgottesdienste wurden regelmäßig abgehalten – je nach Zeit und Ort an bestimmten Wochentagen, einmal monatlich oder zu bestimmten Zeiten im Kirchenjahr –, aber aus Anlass plötzlich hereinbrechender Ereignisse konnten zusätzlich weitere („extraordinariae“, „repentinae“) angeordnet werden, etwa in Seuchen-, Kriegs- und Hungersnot, vgl. Graff, Auflösung, 221–236, bes. 223. 226.

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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dankt sich bekanntermaßen einer Pestepidemie in Unna 1597/98;32 Johann Niedling nahm 1633 die Pest in Altenburg zum Anlass, sich selbst ein Grablied zu schreiben.33 Der Zusammenhang mit den anderen Gliedern der apokalyptischen Trias wird auch in den Pestliedern selbst hergestellt: Bartholomäus Ringwaldt erinnert in einem Pestlied daran, dass neben der Pest „noch viel scherpffer Ruthen sind | die vnser Gott kündt brauchen“34, nämlich Hunger und Krieg. Schon in den Unheilsprophetien des Jeremia- und Ezechielbuches wird Bestrafung des ungehorsamen Volkes durch die Trias von „Schwert, Hunger und Pest“ angekündigt (rb,D,b;W b['r'b'W br,x,B;; vgl. Jer 14,12; 21,7.9; Ez 5,12.17 u. a.); bei den Synoptikern wird sie in apokalyptischem Kontext wieder aufgegriffen (vgl. Lk 21,9f; Mt 24,6f). Auch die Johannesoffenbarung nimmt im Zusammenhang mit drei Pferden der apokalyptischen Reiter auf die drei Plagen Bezug (Apk 6,3–8). Demnach steht das rote Pferd für den Krieg, das schwarze für die Teuerung und das fahle für die Pest. Für die Zeitgenossen des 16. und 17. Jahrhunderts wird diese Trias zu einem gebräuchlichen Interpretament, um die alltäglich real erfahrenen Bedrohungen mit Hilfe des biblischen Zeugnisses als apokalyptisches Geschehen einzuordnen.35 Die äußeren Bedrohungen der ‚gemeinen Not‘ werden also als Strafe des zürnenden Gottes verstanden. Diese Vorstellung soll im Folgenden etwas ausführlicher entfaltet werden. Die Pest stellt ein apokalyptisches ‚Gericht‘36 innerhalb der Welt oder eine ‚Heimsuchung‘37 dar, der mit dem Aufruf zur Buße begegnet wird. In der Sterblichkeit des Menschen findet Gottes Zorn über die menschliche Sünde ganz allgemein seinen Ausdruck (Ps 90,7, vgl. S. 206), in der Pest und anderen Heimsuchungen wird er konkret und aktuell, richtet er sich gegen ein ganz bestimmtes Gemeinwesen und dessen Sünden.38 Philipp Nicolai deutet in einem Wortspiel die 32

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Vgl. Ph. Nicolai, FrewdenSpiegel, fol. a 4r: „In solchem Jammer vnd Elend (als es hie zu Vnna in allen Gassen rumorte / vnd offtmals etliche Tage an einander / vber die zwantzig […] vnd biß in die dreissig Todten / nicht weit von meiner Wohnung / auff dem Kirchhoffe / vnter die Erden verscharret worden) hab ich mit Todtes Gedancken mich jmmer schlagen müssen“; fol. b 1r: „Da war mir nicht süssers / nichts liebers / vn[d] nichts angenemmers als die Betrachtung deß edlen hohe[n] Artickels vom ewigen Leben […] Ließ denselben Tags vn[d] Nachts in meinem Hertzen wallen / vnd durchforschete die Schrifft […] auch deß alten Lehrers Sanct Augustini liebliche Tractätlein […] Brachte darnach meine meditationes, von Tage zu Tage in die Feder […] vnd nam für / denselbe[n] verfasseten Frewdenspiegel (da mich Gott von dieser Welt abfordern würde) als ein Zeugnuß meines friedlichen / frölichen vnd Christseligen Abschieds zu hinderlassen / oder aber (da er mich gesundt sparete) anderen nohtleidenden Christen […] damit zu dienen / vnd gleich als mit gegenwärtigem Trost beyzuwohnen.“ Vgl. Niedling, °Nun fahr ich hin mit Freuden in Niedlings Manuale Meditationum (Zwickau 1635): „Des Autoris Nunc Dimittis oder fröliche Hinfahrt, so er Anno 1633 in wärender Pest zu Altenburg […] jhm selber zu seinem Grablied gemacht hat“ (zit. nach FT II 80.). Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 2,6f). Dies hat Volker Leppin anhand von Flugschriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert gezeigt; vgl. Leppin, Antichrist, 96–101.151–159. Vgl. Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 2,1); Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 5,4). Vgl. Gigas, Ach lieben Christen, seid getrost (Str. 1,3); Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 4,5–7): „So mus Gott vnser sicherheit | wegen seiner gerechtigkeit | mit schwerer hand heimsuchen.“ Vgl. Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 1,5–7): „Dein zorn der druckt vns mit gewalt | vnd wirfft die Menschen jung vnd alt | mit Pestilentz darnider.“ Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Str. 2): „Das macht allein dein Zorn vnnd Grimm | Von wegen vnser Sünden. | Niemand gehorchet

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Pest (hebr. rb,D,) als göttliche Bußpredigt, nämlich als (Predigt-) „Wort“ (hebr. rb'D').39 Von Ringwaldt bis Schottelius werden immer wieder die ägyptischen Plagen als biblischer Deutungshintergrund verwendet. Insbesondere begegnen Anspielungen auf den Würgeengel oder „Verderber“ (Ex 12,23), der an den Türen vorübergeht und vor dessen Zugriff die Bewohner nach Schottelius durch das Blut Christi als des Passalammes geschützt sein sollen. „3. Wie über gantz Egyptenland Erfolgen solche Straffen, So mächtig starck ist deine Hand, Der niemand kan entlauffen. Du hast aber Befehl gethan, Dich inn der Noht zu ruffen an, So wöllest du erretten.“40 „8. O Jesu Christe, vnser heil, thu alles vbel wenden! Nim doch den bogen vnd die pfeil aus deines Vaters henden! Heis den vorderber hören auff, das er nicht so geschwinde lauff, zu würgen deine Brüder.“41 „8. Breite deine gnadenflügel Uber unser hauß und gut Und bestreiche thor und riegel Mit des lämbleins Jesu blut, Auff daß es der würger seh Und bey uns vorüber geh.“42

Auch wo vom „vorderber“ die Rede ist, ist doch immer klar, dass das Strafhandeln von Gott selbst ausgeht. Unterschiedlich fallen dagegen die Angaben darüber aus, woher Hilfe und Beistand zu erwarten sind. Im ersten Beispiel (Episcopus) ist die Hilfe desselben Ursprungs wie die Strafe: Nur der, der sie verhängt hat, kann sie auch lockern. Nach dem Vorbild des Psalters wird daher die Anrufung Gottes in der Not empfohlen (vgl. S. 275). Auch im dritten Beispiel (Schottelius) wird die

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deiner Stimm | Vnnd wil sich zu dir finden. | Darumb dein Wort vns drohen thut: | Schwulst, Fieber, Pestilentz vnd Blut | Soll vnter euch vmbgehen.“ Vgl. Ph. Nicolai, FrewdenSpiegel, fol. a 3v: „Die Ebreer heissen [die Pest] in jhrer Sprache Deber / welchs so viel ist / als ein Wort oder Predigt / sintemal vns Gott hiedurch von seinem gerechten Zorn / vnd vber der Welt Boßheit angestecktem vnd brennendem Grimm vnnd Eyffer / öffentlich predigt / vnd zur Busse vermahnet“. Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Str. 3). Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 8). Schottelius, °Vater, der du dich vernehmen (Str. 8). Ähnlich heißt es in einem Pestlied aus Johann Rists Neuen himlischen Liedern (Lüneburg 1651), das u. a. in die Pestrubrik von F-1666 und N-1677 aufgenommen wurde (°Wie tröstlich hat dein treuer Mund, Str. 13,1–4): „Nun, HERR, bezeichne Tohr und Thür | Mit Christi Bluht und Sterben, | Daß, wen der Würger geht herfür, | Wir nicht durch ihn verderben.“

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Rettung gleich der Strafe von Gott erhofft; allerdings gewinnt hier das Blut Christi entscheidende heilswirksame Bedeutung. Im zweiten Beispiel (Ringwaldt) erscheint das Wirken Christi schließlich als dem Wirken Gottes, das mit dem des ‚Verderbers‘ identifiziert wird, entgegengesetzt. Die Pestpfeile kommen unmittelbar „aus deines Vaters henden“ – hier schießt nicht der Tod, hier schießt Gott selbst,43 der das „Vater angesicht“ von seinen Kindern abgewendet hat.44 Die Gerechtigkeit der Bestrafung wird dabei nicht in Frage gestellt, sondern hervorgehoben; doch dass er am Liedanfang als „Frommer vnd getrewer Gott“ angeredet wird, geschieht wohl vor allem „vmb deines Sones wille[n]“45, der dem Vater die Pfeile entwinden soll. Während die „Pfeile“ auch zu den oben genannten Waffen des Todes gehören (vgl. S. 251), wird die Pest gleich den übrigen Heimsuchungen der gemeinen Not zudem häufig mit einem anderen Instrument der Bestrafung verglichen: mit der Rute.46 So heißt es bei Ringwaldt: 1. Ach, lieben Christen, trauret nicht, thut euch nicht so entsetzen, Darumb das vns der Vater richt vnd etwas thut verletzen Mit seiner Veterlichen Ruth, die hin vnd wider schleichen thut, genandt die Pestilentze.47

Im Unterschied zu den Waffen des Todes wirkt die Rute nicht tödlich;48 sie soll dem Gotteskind vielmehr zum Besten, nämlich zu Besserung und Umkehr dienen,49 und zwar beizeiten, also noch in diesem Leben. (Der leibliche Tod kann insoweit als strafende ‚Rute‘ bezeichnet werden, als sein williges Erdulden vor dem ewigen Tod bewahrt.) Die Züchtigung ist daher letztlich ein Ausdruck väterlicher Liebe (vgl.

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Vgl. im selben Lied: Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 2,5–7): „Ja vnser grosse missethat | dich so gar wol bewogen hat | dein Pfeil in vns zu schiessen.“ Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 3,3f): „Kher doch das Vater angesicht | zu deinem lieben Kinde!“ Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 1,1; 3,7). Zugespitzt lässt sich die theologische Problematik eines solchen Verständnisses vom strafenden und zürnenden Gott auf eine Formel bringen, die HansGeorg Kemper für Liedtexte des 17. Jahrhunderts geprägt hat: „damit drohte sich das dogmatische Kernstück der Rechtfertigungs- und Erlösungslehre aus seiner historischen Verankerung im ‚ephapax‘ des Kreuzesopfers zu lösen und in ein mythisch-agonales Geschehen zwischen ‚Vater‘ und ‚Sohn‘ zurückzuverwandeln“ (vgl. Kemper, Krisen-Zeit, 100); ungeachtet dessen war die Deutung Gemeingut auch unter lutherisch-orthodoxen Theologen. Lat.: ‚flagellum‘, vgl. °Aufer immensam, Deus, aufer iram (Str. 1,2): „et cruentatum cohibe flagellum“. Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 1). Vgl. Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 6,1f): „Laß ab von vns mit deiner Ruth, | nim sie von vnsern rücken!“ Schottelius, °Vater, der du dich vernehmen (Str. 2,1–4): „Schau nun, über deine Schaafe, | Die ohn hirten sind und hut, | Kommet solch verdiente straffe, | Solche eingebeitzte ruth“ usw. Vgl. Prov 23,13f: „Lass nicht ab, den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute schlägst, so wird er sein Leben behalten; du schlägst ihn mit der Rute, aber du errettest ihn vom Tode.“ Vgl. Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 7,6f): „dadurch er vns von böser that | zur bessrung wil bewegen.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Prov 13,24; Sir 30,150) und als solcher Anlass zur Dankbarkeit, wie insbesondere Ringwaldt betont: „6. Vnd weil denn Gott den Kindern sein zu nutz vnnd jrem frommen Sein Veterliches Rütelein lest auff die bane kommen, So nempt es an mit danckbarkeit vnnd ja nicht vngeduldig seidt vber der straff des HErren.“51 „6. Ich danck dir auch, das du mich hast als dein Kind auffgenommen Vnnd auff mich deiner ruten last genedig lassen komen, Dadurch ich dich so wol auch mich hab lernen recht erkennen: Nuhn kan mein mund von hertzen grund dich alzeit Vater nenne[n].“52

Während das erste Beispiel noch aus der Pestzeit selbst heraus gesprochen ist, erkennt das zweite, eine rückblickende „dancksagung vor die so bewaret oder errettet“53, im Nachhinein die heilsame Wirkung der göttlichen ‚Rute‘, nämlich die Wiederherstellung der Gotteskindschaft. Zur Buße gehört auch die Erkenntnis, dass die Strafe eine verdiente ist: „Die straff wir wol verdienet han“, heißt es bei Gigas.54 Auch die ins Leiden ergebene Haltung des ‚Strafe hier, schone dort‘ (vgl. S. 206f) taucht auf: Ein noch so schweres Leiden kann ertragen werden, wenn es nur zeitlich befristet ist und nicht in die ewige Qual mündet. Damit sind die wichtigsten Aspekte des Strafgedankens benannt. Neben ihm taucht gelegentlich die Deutung auf, dass es sich bei Heimsuchungen wie der „Pestilentze“ auch um eine Glaubensprüfung handle, um eine Bewährungsprobe der Christen wie des Goldes im Feuer.55 50

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Vgl. Ringwaldt, Freut euch, die ihr all Leide tragt (Str. 2,1–4): „Der HErr hat an sich einen brauch, | thut jhn offt widerholen: | Wen er lieb hat, denn strafft er auch | vnd zeucht jn durch die kolen“. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 6). Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (Str. 6). Zit. nach W IV, S. 911. Gigas, Ach lieben Christen, seid getrost (Str. 1,5). Vgl. Förster, °Ach treuer Gott, Herr Jesu Christ („Ein Christlich Lied. Vor Gottselige Haußväter vnd Haußmütter mit jhren Kinden vnnd Gesinde, in den gefährlichen Sterbensleufften täglich zu singen“; Str. 2,5–8): „Wir […] hetten freylich wol verdient | Mit vnsern grossen Sünden, | Das sich nun jtzt die Straffe find | Bey vns vnd vnsern Kinden“; Schottelius, °Vater, der du dich vernehmen (Str. 5): „Zwar wir haben diese plage, | Diese ruth und bösen gifft, | Diese grosse niederlage, | So uns leider jetzo trifft, | Wol verdient und sind nicht werth, | Daß wir gehen auff der erd“. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 9,4–7): „[…] denn er wil euch probieren | Ob jhr auch wolt | wie reines golt | im fewr bestendig bleiben“; Ringwaldt, Freut euch, die ihr all Leide tragt (Str. 3,7–10):

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Dass hinter der Bestrafung oder Glaubensprüfung letztlich eine gute Absicht und ein dem Menschen heilsamer Wille Gottes verborgen ist, wird etwa in Ringwaldts Pestliedern als Trost und Hoffnung herausgestellt. Die Schläge mit der väterlichen Rute sind demnach nicht ernst gemeint, sondern bloßes „schertzen“. Sie sind nur scheinbar Ausdruck des ewigen göttlichen Zorns; in Wahrheit verweisen sie auf Gottes verborgenen guten Ratschluss, seinen als gut vorauszusetzenden Willen, sein vorsorgendes und erhaltendes Handeln zugunsten der Seinen. Einige Textausschnitte verdeutlichen dies: „3. Aber, jhr Christen, mercket frey, es geht jm nicht von hertzen, Sein gantzer ernst ist nicht darbey, er thut nur mit euch schertzen, Sich nur so stelt, sein hertz vorhelt, wil euch ein wenig vben […]“56 „7. Darumb, jhr Christen, zaget nicht, halt Gott dem Vater stille, Vnd wist, was vns jetzund geschicht, sey sein verborgner wille Vnd sein beschlossner weiser Rath, dadurch er vns von böser that zur bessrung wil bewegen.“57 „8. Ohn seinen willen nicht ein har die Pestilentz euch schwechen thar, vnd wer sie noch so böse.“58 „10. Kein Sperling auff die Erden felt, das es Gott nicht solt wissen: Wie gar viel mehr der HErr erhelt die auff jn seind geflissen, Vnd vor sie sorget tag vnd nacht, das jhnen nichts werd bey gebracht ohn seinen guten willen.“59 „1. […] Der HErr wil damit wecken auff die Christen von der Sünden lauff darin sie sein versuncken.“60

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„[Er] wil euch ein wenig vben | Vnnd mit der zucht | als vnuersucht, | in euch den Glauben prüfen.“ Es folgen einige biblische Beispiele, u. a. die Glaubensprüfung Abrahams. Ringwaldt, Freut euch, die ihr all Leide tragt (Str. 3,1–6). Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 7). Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 8,5–7). Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 10). Vgl. Mt 10,29. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 1,5–7).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt „11. Was nuh mein Schöpffer hat ersehn, dismal an mir zu vben, Das wirdt mir auch gewis geschehn: solt ich mich denn be[t]rüben?“61

Die zahlreichen Varianten dieser Denkfigur erlauben eine Überbrückung des Hiats zwischen einer negativen, nämlich leidvollen Erfahrung einerseits und einer positiven, nämlich vertrauensvollen Deutung andererseits. Dieses Vertrauen gilt insbesondere der göttlichen Providenz – auch wenn damit impliziert wird, dass Gott etwas tut, was „jm nicht von hertzen“ geht und sein wahrer Wille ein „verborgner“, jedenfalls nicht aus seinem aktuellen Handeln zu erschließender ist. 3. Sprechhaltungen: Die Klage, die Ermahnung und die Bitte sind auch in diesem Liedtyp die vorherrschenden Sprechhaltungen. Die Klage bringt Affekte wie Angst und Trauer zum Ausdruck, schildert also die Wirkung, die durch die Bedrohung der „Pestilentz“ ausgelöst wird: 1. Sie ist was schröcklich, das ist war, vnd thut vns forchtig machen, Das vnser Fleisch erzittert gar als vor des todes rachen.62

Auch das Sündenbekenntnis gehört in den Bereich der Klage.63 Neben der pluralischen Wir-Klage, in der die kollektive Bedrohung durch die ‚gemeine‘ Not formal aufgenommen wird,64 kommt auch die Einzelklage des betrübten Ich vor.65 Die ermahnenden oder ermutigenden Appelle sind häufig mit einer kollektiven Anrede verbunden: Ach lieben Christen, seid getrost; Ach lieben Christen, trauret nicht; Nicht trauret übrig, lieben Leut usw. Aufgefordert werden die Christen etwa zur Überwindung von Angst und Trauer, zur Ergebung in Gottes Willen,66 zur Geduld67, zum Vertrauen68 und zum Gebet69. 61 62 63

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Ringwaldt, °O Herr, dein Ohren neig zu mir (Str. 11,1–4). „t“ emendiert, wohl Druckfehler bei W IV 1343. Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 2,1–4). Vgl. Episcopus, Ach Gott, du höchster starker Hort (Str. 4,1–4): „Auff solche Zusag kommen wir | Mit gantz betrübtem Hertzen, | Erkennen vnser Sünd vor dir | vnd fühlen grosse schmertzen.“ Vgl. Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 4,1–4): „Sih, HErr, wie wir betrübet gehn, | krafftlos, mit furcht vmbgeben, | In angst vnd grossen sorgen stehn | vnd in viel kummer schweben“ (zu V. 1 vgl. Ps 42,10; 43,2). Vgl. Ringwaldt, °O Herr, dein Ohren neig zu mir (Str. 2,1–4): „Mein arme Seel vol jammer ist, | der Geist ist mir vorschmachtet, | Mein hertz im leib sich nagt vnd frist, | viel sinnet vnd betrachtet“. Vgl. Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht: „Halt Gott dem Vater stille“ (Str. 7,2); „thut euch jhm ergeben“ (Str. 8,2); „Darumb so gebt euch willig drein“ (Str. 14,1); „Thut bus vnd schickt euch zu dem todt“ (Str. 15,1). Vgl. Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (Str. 10,7); Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 7,6). Vgl. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 8, nach Ps 37,5: „Befiehl dem Herrn deine Wege“ usw.); Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 14,1). Vgl. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 9,5); Ringwaldt, Ach lieben Christen, trauret nicht (Str. 15,2); Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (Str. 10,5).

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Trotz der Appelle zum Erdulden der verdienten Strafe steht unter den Bitten der Pestlieder (ebenso wie in anderen Bußliedern in ‚gemeiner Not‘) eine im Vordergrund: die Bitte um Vergebung, um Aufhebung des Zorns – der als Erklärung für die Heimsuchung durch die Pest eine bedeutende Rolle spielt – und um Abwendung der Strafe: „O HErr, vergib vnd straff vns nicht | im zorn so gar geschwinde!“70 °Aufer immensam, Deus, aufer iram beginnt ein beliebter lateinischer Hymnus aus dem 16. Jahrhundert, der zunächst auf die Türkengefahr bezogen ist, später aber auch für andere ‚Geißeln‘ wie die Pest verwendet wird; der Text liegt auch in verschiedenen deutschen Bearbeitungen vor.71 Auch wenn die genannten Bitten wie viele Sterbelieder als ‚Anrufung in der Not‘ (vgl. S. 275) zu verstehen sind, unterscheiden sie sich darin von ihnen, dass sie sich zunächst auf das Diesseits beziehen. Von Ringwaldt wird den gesungenen Bitten eine direkte Wirkung auf den göttlichen Zorn zugesprochen: 7. […] [Du] bist ein Gott von warheit fest, der seinen zorn leicht faren lest wenn man dich hertzlich bittet.72

Dass Gottes Ohr die Bitten hört und erhört, wird ebenfalls erbeten: „O HERR, dein Ohren neig zu mir“73. Andere Bitten betreffen Trost, Beistand, Errettung vom Tode und – hier ganz analog den Liedern zur Sterbebereitung – ein seliges Ende. 4. Zusammenfassender Vergleich mit den Sterbeliedern: Gemeinsam ist den Pestliedern mit vielen Sterbeliedern die bittende Anrufung um Hilfe aus der Not. Dabei ist allerdings sowohl eine andere Art der Not als auch eine andere Art der Hilfe im Blick. Die Not ist hier eine ‚gemeine‘ Not, die – ähnlich Hunger und Krieg – das ganze Gemeinwesen bedroht. Typisch ist die Deutung dieser Not als äußere Heimsuchung durch Gottes Zorn und Strafe für die Sünden. Auch die Rede vom ‚Gericht‘ ist in den Pestliedern auf ein konkretes äußeres Geschehen in der gesellschaftlichen Gegenwart bezogen, nicht auf innere Vorgänge (Gewissen) oder auf das künftige Endgericht. Im Begräbnislied kann seit dem 17. Jahrhundert (Schein) der Verlust eines nahen 70

71

72 73

Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 3,1f). Vgl. Ringwaldt, Nicht trauret übrig, lieben Leut (Str. 10). Der lateinische Text ist zuerst belegt in einem Druck belegt mit dem Titel Vermanung an gantze Deudsche Nation, widder den Türckischen Tyrannen (Wittenberg 1541) und wird in einer Hymnensammlung von Georg Thymus (1552) diesem zugeschrieben (vgl. W I 460., vgl. W I, S. 415.438). Vgl. die deutschen Fassungen: anon., °Wend ab deinen Zorn, lieber Herr, mit Gnaden (Berlin 1583); Moller, °Nimm von uns, Herr, du treuer Gott (Görlitz 1584); anon., °Wende von uns ab deinen Zorn, o Herre (Eisleben 1598); Vetter, °Lass, Herr, vom Zürnen (1606); anon., °Herr, von uns nimm dein Zorn und Grimm (Hamburg 1612); alle Angaben nach Wackernagel. In Lü-1660 wird das Lied °Nimm von uns, Herr, du treuer Gott mit der Angabe „Aufer immensam, auff andere Art“ unter der Rubrik „In gemeiner Noht“ aufgeführt, in einem beigegebenen Liedverzeichnis aber auch alternativ der Rubrik „Von der Höllen“ zugewiesen; die Unterscheidung von diesseitiger und jenseitiger Strafe wird damit relativiert. Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 7,5–7). Vgl. Ringwaldt, °O Herr, dein Ohren neig zu mir (Str. 1,1); entsprechend gilt nach Ringwaldt, Lobt Gott den Herrn aus Herzensgrund (Str. 4,1–4) die Zusage: „Der HErr ist from, getrew vnd gut, | helt seine ohren offen | Denen so mit geengstem mut | ohn wancken auff jn hoffen“.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Angehörigen als individuelle Bestrafung und Glaubensprüfung verstanden werden; das entspricht einer Individualisierung des Gedankens der ‚Heimsuchung‘, ohne dass dessen rein diesseitiges Verständnis transzendiert würde, denn der von der Heimsuchung Betroffene lebt ja weiter. Auffällig ist auch, dass das Pestlied vor allem die soziale, weniger die körperliche Dimension der Pest thematisiert; Letzteres bleibt dem individuellen Krankheitslied (vgl. u.) vorbehalten. In der ‚gemeinen‘ Not ist die ganze Gemeinde zur Buße aufgerufen. Sie kommt dieser Notwendigkeit im öffentlichen Bußgottesdienst nach. Dessen unbeschadet muss der Einzelne – wie stets, nur jetzt in verstärkter Weise – eines möglichen Endes gewärtig sein. Die erhoffte Hilfe besteht nicht wie im Sterbelied in Gottes Beistand und Geleit während des Sterbens und durch den Tod hindurch, sondern in einer Begnadigung und Aufhebung des Zornes noch im Diesseits, konkret in Abwendung der als Strafe verstandenen Pest. Anschaulich wird dies am Bild der ‚Rute‘, die kein Werkzeug zum Töten, sondern lediglich zur Züchtigung darstellt. (Ende des Exkurses „Pestlieder“) a) Krankheitslieder, ihr ‚doppelter Ausgang‘ und ihre Deutung der Krankheit Die Krankheitslieder besitzen eine größere Nähe zu den Sterbeliedern als die Pestlieder: Pestepidemien werden als apokalyptische Geißel verstanden und betreffen das ganze Gemeinwesen; entsprechend zeichnen die Pestlieder ein Szenario kollektiver Bedrohung. Die körperliche Schwächung durch eine Krankheit betrifft dagegen den Einzelnen; sie geht fast jedem natürlichen Tod voraus, auch beim ‚seligen Sterben‘. Die Lage des Kranken und die des Sterbenden gleichen sich, auch wenn der Kranke später wieder gesund wird: Beide liegen geschwächt und unter Schmerzen im Bett. Diese Lage haben die Krankheits- wie die Sterbelieder im Blick. Für Pestlieder gibt es fast in allen Gesangbüchern eine eigene Rubrik (meist im Zusammenhang der ‚gemeinen Not‘), für Krankheitslieder nur selten. Die Verwandtschaft zu den Sterbeliedern äußert sich auch darin, dass die Krankheit manchmal mit in die Überschrift der Sterbelieder-Rubrik aufgenommen wird (N-1653; N-1677). In einigen der gefundenen Lieder ist das Thema der Krankheit so zentral, dass sich aus ihnen innerhalb der Gruppe der Sterbelieder eine Gruppe von Krankheitsliedern bilden lässt. Bis auf Martin Behms Ich armer Erdenkloß sind sie im untersuchten Material alle nur wenige Male belegt: Martin Behm Ich armer Erdenkloß (Wittenberg 1611)

Johann Rist Johann Rist

D-1656; L-1673; F-1666; B-1666/1703; H-1683; Lü-1695/1702 B-1658; L-1682 L-1682; Lü-1695/1702

O Gott, der du mit großer Macht (Lüneburg 1642) Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Lüneburg 1654) Josua Wegelin Ach Gott, lass dein Heil kommen her* N-1653 (Nürnberg 1653) Josua Wegelin Erheb dich, Seel, zu deinem Gott* (Nürnberg 1653) N-1653

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes Gottfried W. Sacer Gottfried W. Sacer Anon.

Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Stralsund 1665) Dich, mein Gott, will ich nun erhöhn (Stralsund 1665) Mein Gott, du schickst mir Krankheit zu (Plön 1675)

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H-1683 L-1673; H-1683 Lü-1695/1702

Das letztgenannte Lied ist insofern nicht ganz eigenständig, als es lediglich sechs der zehn Strophen des ersten Liedes von Sacer (Gott, du suchst mich) herausgreift und variiert. Jeweils ein Paar bilden die beiden Lieder von Wegelin und von Sacer: Während jeweils im ersten Lied Gesundheit erbeten wird, spricht das jeweils zweite als „Danck=Psälmlein nach erlangter Gesundheit“ (Wegelin) oder „Dancklied nach weggenommener Kranckheit“ (Sacer) Dank für die Genesung aus; als Pendant zum ersten bleibt es jeweils in der Rubrik der Sterbelieder stehen. Auffällig ist, dass die Lieder bis auf das erste eher jüngeren Datums sind. Die Krankheit scheint sich im Zuge der Privatisierung der Frömmigkeit als eigener Anlass und eigenes Thema des geistlichen Liedes allmählich gegenüber dem Sterbelied zu verselbständigen, wo sie von jeher Thema war – eben als körperliche Komponente der Todesnot. An einigen Liedüberschriften lässt sich der Prozess im Kleinen ablesen: Martin Behms Lied ist überschrieben als „Täglich Gebet vmb ein seliges Ende“ ohne Bezug zur Krankheit (der im Text gleichwohl vorhanden ist); das ältere der beiden Lieder von Rist – O Gott, der du mit großer Macht – ist noch primär als Sterbe- oder Sterbebereitungslied (Bitte um ein seliges Ende) deklariert, sekundär bereits als Lied für Schwerkranke;74 das jüngere Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier ist dann wie auch Wegelins Ach Gott, lass dein Heil kommen her* als reines Krankheitslied ausgezeichnet.75 Drei wesentliche Charakteristika der Krankheitslieder sind ihr ‚doppelter Ausgang‘ zum Leben oder Sterben, der von ihnen beschriebene Zusammenhang von Krankheit und Sünde sowie die Kontrastierung von irdischer Krankheit und himmlischer Gesundheit. Während der erste Punkt ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Sterbeliedern darstellt, sind die beiden anderen exemplarisch auch für andere Texte zu verstehen. Zum ersten: Die in den Krankheitsliedern formulierten Bitten besitzen eine Art ‚doppelten Ausgang‘. Er besteht in der Verknüpfung der Bitte um Genesung mit der alternativen um ein seliges Ende. So heißt es bereits im Lied von Martin Behm: 5. Du hilffst in Nöten gern, drumb sey von mir nicht fern. Zu dir thu ich mich kehren, 74

75

„Andächtige Hertzen=Seufftzer zu Gott / umb ein seliges Ende. Dieses Lied kan auch in sehr schweren Kranckheiten gesungen oder gebetet werden.“ Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier: „Andächtiges Lied Eines Kranken, In welchem GOTT hertzlich wird angeruffen, daß Er nach seinem gnädigen Willen die verlohrne Gesundheit wolle wieder geben“; Wegelin, Ach Gott, lass dein Heil kommen her*: „Bet=Gesänglein eines Krancken.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt du wolst dem vbel wehren, Mir meine Sünd verzeihen, von kranckheit mich befreyen. 6. Doch wo die kranckheit groß mir geb ans Hertz einn stoß, Der mir mein Hertz abrennet, das Leib vnd Seel sich trennet, So wollst mir beystand leisten, das hilfft am allermeisten.76

Beide Optionen für den Ausgang der Krankheit, Leben und Sterben, bedürfen gleichermaßen des göttlichen Beistandes. Die Bereitschaft, aus Gottes Hand beides anzunehmen, konkretisiert die in vielen Sterbeliedern artikulierte Ergebung in Gottes Willen (z. B. Herr, wie du willt, so schick’s mit mir; vgl. S. 317). Rist und Sacer verbinden die beiden Perspektiven daher mit Formeln der Ergebung: „6. HErr, wenn du wilt, so kanst du leicht Mich dergestalt erquikken, Daß alle Krankheit von Mir weicht Und Mich hinfohrt nicht drükken Die Schmertzen, die Mir Mark und Bein Schon auffgezehrt; du kanst allein Mir Hülff ’ und Lindrung schicken. 7. Doch wil Ich auch die letste Noht, O treüer GOtt, nicht scheüen, Demnach ein selig=sanffter Tod Uns ewig kan erfreüen, Als welches Tag zur jeden frist Viel besser als des Lebens ist, Drin wir so kläglich schreien.“77 „9. Wilst du, HErr, daß ich von der Welt Itzt noch nicht ab sol scheiden, Mein GOtt, es sey dir heim gestellt. Hilff mir aus meinem Leyden […]. 10. […] Sols aber itzt gestorben seyn, Ich gebe meinen Willen drein: GOtt sey mir Sünder gnädig.“78

76 77 78

Behm, Ich armer Erdenkloß (Str. 5–6). Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Str. 6–7). Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 9,1–4; 10,5–7); ähnlich anon., Mein Gott, du schickst mir Krankheit zu (Str. 5,1–4; 6,5–7).

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Entscheidend ist der Wille Gottes („HErr, wenn du wilt“; „Wilst du, HErr“) – ihm wird der eigene Wille ‚dreingegeben‘, der Ausgang der Krankheit „heim gestellt“. Hinter solcher Ergebenheit verbirgt sich wieder das Vertrauen in die Güte des göttlichen Ratschlusses. Zum zweiten: Krankheit und Sünde stehen in einem Zusammenhang. Er reicht über die vielfach anzutreffende metaphorische Rede für die Gewissensnot hinaus, nach der die Sünde den Menschen ‚kränkt‘. Der Zusammenhang besteht einerseits in einer Parallelität, andererseits in einer Kausalität. Parallel sind Sünde und Krankheit insofern, als die Krankheit den Leib angreift, so wie es die Sünde mit dem Gewissen bzw. der Seele tut; analog dazu sind Krankheit und Anfechtung als körperliche und seelische Komponente der Todesnot zu verstehen. Konsequent lässt Martin Behm die Parallele aufscheinen – in der Klage „Mein Sünd das Hertze naget, | den Leib die Kranckheit plaget“ oder in der Bitte, Gott wolle „Mir meine Sünd verzeihen, | von kranckheit mich befreyen“.79 Die Anrede Christi als „Artzt“ (vgl. Ex 15,26; Mt 9,12par) wird entweder wörtlich in Bezug auf die Krankheit oder metaphorisch in Bezug auf die Sünde verstanden.80 Der Gedanke einer Kausalität zwischen Sünde und Krankheit entspricht einer Individualisierung der in den Pestliedern ausgedrückten kollektiven Vorstellung. Wie die Seuche für das Gemeinwesen, so stellt die Krankheit für das Individuum eine ‚Heimsuchung‘ dar: „GOTT, du suchst mich mit Kranckheit heim“, beginnt das Lied von Sacer; allein durch dieses Verb wird ein ursächlicher Zusammenhang mit menschlichem Fehlverhalten angedeutet. Ausdrücklich konstatiert das Ich den Zusammenhang bei Johann Rist: „Dem Artz’, HERR, bin Ich in die Hand | Durch Meine Sünden kommen“, um danach zu bitten: „Wirff Meine Fehler hinter dich | Und hindre das Verderben“81. Der äußeren Situation des krank im Bett liegenden Ich korrespondiert ein im ‚Herzen‘ angesiedeltes, quälendes ‚Fühlen‘ des verfehlten Seins, das wohl mit dem Bewusstsein der Sünde im Gewissen identifiziert werden darf: 1. MEin Gott, erbärmlich lig’ Ich hier, Mit Krankheit schwehr beladen. Mein Hertz, das bebet für und für, Es fühlet hart den Schaden, Der Mich im Bette hält so fest, 79

80

81

Behm, Ich armer Erdenkloß (Str. 3,3f; 5,5f); vgl. Str. 1,3–6: „Mein Leib, durch Sünd verderbet, | viel schwacheit hat geerbet, | Manch Kranckheit mus ich leiden, | eh ich hier kan abscheiden.“ Vgl. Rist, O Gott, der du mit großer Macht (Str. 2,1–4): „Dich ruff ’ ich an mein Auffenthalt | Der du mir hilffst von Sünden | Und heilest meine Schwacheit bald | Daß sie nicht mehr zu finden“. Vgl. Behm, Ich armer Erdenkloß (Str. 4,1f): „Kein Artzt bewehrter ist | als du, HErr Jesu Christ“; Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Str. 5,5–7): „Mein Artz und Meister sei bereit, | Du bist ja, der zur rechten Zeit | Uns retten kan vom Sterben“; Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 7,5–7): „Ist hoch die Noht, so weiß ich doch, | GOtt, mein Artzt, ist viel höher noch | Als alle Noht auf Erden.“ Vgl. anon., Ach Jesu, du treuer Heiland mein (Str. 3,1f): „Herr Jesu Christ, die Wunden dein | Meiner Sünd heilsam Pflaster sein“; Anton Ulrich, Ach Gott, wann werd ich sterben* (Str. 7,1–4): „Ach GOtt! der welt gesinde | Hat mich geschlagen wund / | Mein freund / mich bald verbinde / | Komm bald / mach mich gesund.“ Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Str. 3,1f; 5,1f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Ja weder Macht noch Ruhe läst. Wenn wirst du Mich begnaden?

Ausführlich geht auch Wegelins Lied Ach Gott, lass dein Heil kommen her* auf den Zusammenhang von Sünde und Krankheit ein und greift dabei explizit auf Kategorien wie Gotteszorn und Bestrafung zurück.82 Für den Fall der Genesung gelobt das Ich Besserung seines Lebens, getreu der Ermahnung Jesu, hinfort nicht mehr zu sündigen.83 Insgesamt taucht die Deutung der Krankheit als individuelle Sündenstrafe aber weniger häufig und weniger massiv auf als die entsprechende Kollektivvorstellung in den Pestliedern. Zum dritten: Die Krankheit des irdischen Leibes wird in Krankheits- und Sterbeliedern kontrastiert mit der Gesundheit des unverweslichen, verklärten Auferstehungsleibes im Himmel.84 Diese typisch barocke Antithese wird an späterer Stelle noch einmal aufgegriffen (vgl. S. 530). Als Fazit für die Krankheitslieder und ihre Verwandtschaft mit Pest- und Sterbeliedern bleibt festzuhalten: Die Krankheitslieder sind als verselbständigte Abspaltung der Sterbelieder anzusehen, in der ein glimpflicher Ausgang des Leidens als primäre Option erbeten wird. Als theologisches Deutungsmuster für die Krankheit wird das büßerische Schema der Pestlieder – meist in etwas abgemilderter, differenzierterer Form – aufs Individuum übertragen. b) Körperliches Erleben der Krankheit Schmerz und zunehmende Schwäche kennzeichnen das körperliche Erleben der Krankheit und der Todesnot: „MEine Krafft ist hin / | dann ich elend bin“, beginnt ein nur in Württemberg belegtes Sterbelied. Dass beide, Schmerz und Schwäche (oft: ‚Blödigkeit‘), eine ähnliche Gefährdung darstellen können wie die seelische Anfechtung, thematisiert ein altes Nürnberger Lied: Dort wird darum gebeten, „Das leiblich schmertz noch blödigkeit | vns von dir nit abiagen.“85 Für das körperliche Erleben der Krankheit werden vielfach dieselben Bilder herangezogen wie in der allgemeinen Sterblichkeitsbetrachtung (vgl. S. 174). Die Sprechsituation ist aber eine andere: Hier spricht ein Ich über seine eigene, aktuelle und individuelle Not. War bei der Vergänglichkeitsbetrachtung davon die Rede, dass das menschliche Leben dem Wind oder Windhauch (lb,h,, x:Wr; vgl. S. 177), dem welken Blatt oder dem Staub gleicht, und heißt es in Jes 40,7 „Das Gras verdorrt, die Blume 82

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Vgl. Wegelin, Ach Gott, lass dein Heil kommen her* (Str. 2): „Ich bitte dich / gedencke nicht / | Wie ich zubracht mein Leben :/: | Da ich mich nit hab selbst gericht / | Noch allein dir ergeben / | Sondern / mit meiner Missethat / | Erweckt dein Zorn und Ungenad / | Daß du mich müssest straffen.“ Vgl. Wegelin, Ach Gott, lass dein Heil kommen her* (Str. 7,1f; 8,1–5): „Deß tröst ich mich / und versprich dir | Gehorsam / neues Leben :/: […] 8. Und nit vergeß deß Herren Wort / | Das er sagte zum Krancken :/: | Geh hin und sündig nit hinfort / | denn also sollst mir dancken / | Für die erlangte Gesundheit“ (vgl. Joh 5,14). Vgl. Wegelin, Ach Gott, lass dein Heil kommen her* (Str. 10); vgl. M. Franck, Freud über alle Freude (Str. 4,1–4; 5,1–4): „Hier muß mein Leib sich tragen | Mit mancher Kranckheit Pein, | Die Seel hat größ’re Plagen, | Davon der Muth wird klein […] || Dort kan kein Schmertzen wüten | Noch meine Glieder mir | Durch stets Quaal ermüden, | Wie mir geschieht alhier.“ Anon., Herr Gott, dein Gwalt (Str. 2,10f).

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein“, so werden diese Aussagen nun vom Ich auf sein Erleben der eigenen Gegenwart angewandt. Bei Rist kann das so aussehen: 3. Ach Herr ich bin jetzt hefftig kranck Die Stärck’ ist mir verschwunden / Es hilfft mir weder Kraut noch Tranck Die Zung ist mir gebunden / Mein Fleisch verwelcket wie ein Laub Ich bin vertrocknet wie der Staub Der Fewr und Hitz’ empfunden. 4. Gleich wie der Wind von hinnen fährt So muß auch ich vergehen / Dein Odem hat mich gantz verzehrt Ich kan ja nicht mehr stehen / Du gibst mir einen harten Blick / Ach Herr’ ich kan ja nicht zurück’ Es ist umb mich geschehen.86

Als ‚verzehrender Odem‘ und ‚harter Blick‘ Gottes ist die Krankheit wieder Ausdruck des göttlichen Zornes. Ein weiterer zentraler und vielschichtiger, bis jetzt aber noch nicht erwähnter Bezugstext klingt im zweiten, vierten und sechsten Vers der zitierten dritten Strophe des Rist-Liedes an: Ps 22, der Leidenspsalm Christi (in diesem Fall der 16. Vers), in dem die Bilder körperlicher Destruktion – die vertrockneten Kräfte, die am Gaumen klebende Zunge, das Liegen im Todesstaub – zugleich Ausdruck der Gottverlassenheit und damit des existenziellen Kerns der Todesnot sind. Das körperliche Leiden verweist mit der Deutungshilfe des 22. Psalms sowohl auf die innere Not als auch in besonderer Weise auf das beispielhafte Leiden des Gottessohns, aus dem heraus die Not letztlich zu überwinden ist. Bei jeder Anspielung auf Ps 22 sind diese Subtexte mit zu hören, ob bei Böhmischen Brüdern des 16. Jahrhunderts wie Petrus Herbert („wenn […] mein krafft wie wachs zerfleusst | in den letzten zügen“87) oder ambitionierten geistlichen Dichtern des 17. Jahrhunderts wie Rist („Mir ligen fast die Knochen bloß“88). In Sacers Lied Gott, du suchst mich mit Krankheit heim wird die desolate körperliche Verfassung des Kranken in drei Strophen auf unterschiedliche Weise beschrieben: zunächst mit Hilfe einer drastischen Schilderung der körperlichen Auflösung, die sich eher frei an Ps 22 orientiert, in der zweiten mit Bezügen zu Ps 22,15f, in der dritten (Zitat vgl. S. 179) mit Hilfe einer typischen Vergänglichkeits-Bildreihe. 1. GOTT, du suchst mich mit Kranckheit heim, Ich liege hart darnieder. Ich bin nichts mehr als Koht und Schleim, 86 87 88

Rist, O Gott, der du mit großer Macht (Str. 3–4). Herbert, Lob sei dir, gütiger Gott (Str. 4,3f), vgl. Ps 22,15. Rist, Mein Gott, erbärmlich lieg ich hier (Str. 2,6), vgl. Ps 22,15.18.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt Es kräncken alle Glieder. Das Marck in Beinen ist dahin, Weil ich so gar zuschlagen bin; Es scheut mich, wer mich sihet. 2. Ich bin wie Wasser ausgeleert, Getrennt sind die Gebeine, Mein Hertz im Leib ist abgezehrt, Es kränckt fast einem Steine. Ich bebe wie ein Espenlaub, Du legst mich in des Todtes Staub, Mir eckelt für mir selber.89

Auch eine weitere häufige Redeweise bietet einen Anklang an Ps 22: Der Mensch, so ist in vielen Liedern zu hören, liegt auf dem Sterbebett „wie ein armes Würmelein“.90 Wehrlosigkeit, Armseligkeit und ein Verlust an vollwertiger Körperlichkeit und Menschlichkeit werden in diesem Bild ausgedrückt: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch“ (Ps 22,7). Besonders prominent, da in kaum einem Gesangbuch fehlend, ist das Lied Ein Würmlein bin ich, arm und klein von Bartholomäus Frölich (Leipzig 1587), in dem die christologische Dimension des Bildes nicht nur zur Sprache kommt, sondern auch als besonders tröstlich gewürdigt wird: 1. EIn Würmlein bin ich arm vnd klein, mit todes noth vmbgeben; Kein trost weis ich in Marck vnd Bein im sterben vnd im leben, Denn das du selbst, HErr Jesu Christ, ein armes Würmlein worden bist: ach Gott, erhör mein Klagen!91

Das Lied Hie lieg ich armes Würmelein, das in mehreren Varianten und zahlreichen Belegen vorliegt, stammt ursprünglich aus Martin Mollers Manuale de praeparatione ad mortem (Görlitz 1593); eine strophische Fassung ist nach Wackernagel erstmals 1604 belegt. Während die innere Sprechsituation dieser Fassungen die Todesnot ist, bei der das Ich auf dem Kranken- oder Sterbebett liegt („HIe lige ich armes Würmelein, | kan regen weder Handt noch Bein“), verschiebt sich die Bedeutung bald 89 90

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Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 1–2). Vgl. anon., Wir leben wie ein Wandersmann (Str. 6,3f): „Ein armes Würmlein bin ich, Herr, | den Athem ich kaum hole mehr“; Werner, Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl, dass ich von hinnen (Str. 5,3f): „Ach laß mich armes Würmelein | In Jesu Namen schlaffen ein“; Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 7,1): „Ich liege wie ein armer Wurm“, ähnlich anon., Mein Gott, du schickst mir Krankheit zu (Str. 3,1). Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Str. 1). In der Passionsbetrachtung bearbeitet Johann Heermann die christologische Bedeutung des Bildes ausführlich in dem Lied °O Mensch, merk auf, was ich dir sag („JESVS CHRISTVS, Das Purpurrote BlutWürmlein“, Breslau/Leipzig 1630). Der Wurm des Psalms wird in dieser Meditation mit dem ‚Purpurwurm‘ überblendet, der sein Blut gibt, um dem Menschen den Königsmantel zu färben. Daneben werden auch der „HertzensWurm“ der Anfechtung sowie die Würmer genannt, denen der Leib im Grab zur Speise dient.

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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weiter zum Liegen (und ‚Schlafen‘) des Toten im Grab (vgl. S. 497): „HIe lieg ich armes Würmelein | vnd schlaff in meim Ruhbettelein“ (Frankfurt/O. 1607).92 Dass mit dem ‚Würmlein‘ insbesondere auf die Hilflosigkeit eines Kindes angespielt sein kann (vgl. S. 435), zeigt die Rubrizierung unter den Kinderbegräbnisliedern (D-1625). c) Soziale Isolation in Krankheit und Sterben Das Erleben der Krankheit hat neben der körperlichen auch eine soziale Dimension, die bereits im Psalter geschildert wird: Die Nächsten, Angehörigen und Freunde sind vom körperlichen Zerfall – vielleicht gar Gestank (vgl. Ps 38,6) – des Kranken abgestoßen und fürchten sich vor Ansteckung, scheuen daher seine Nähe und wenden sich von ihm ab (vgl. Ps 38,12; 88,9; Hi 19,19). Die Folge ist eine soziale Isolation in der äußersten Not, in der der Beistand der Angehörigen gerade notwendig wäre und der Beistand Jesu darum umso sehnlicher erfleht wird.93 Prospektiv mahnend malt das Lied Der grimmig Tod mit seinem Pfeil diese Isolation aus: 4. Dem du zuvor warst lieb vnd werth, dem bringst jetzund ein grausen, Der vor bey dir all Tag einkehrt, der bleibt jetzund wol draussen, Schleicht heimlich für bey deiner Thür, kein Gsell will dich mehr kennen, Du ligst im Beth vnnd seufftzest stät, das Gwissen thut dich brennen. 5. Das Fleisch wird stincken wie ein Aaß, kein Mensch mag bey dir bleiben, Mann wird verstopffen Mund vnd Naß, dich auß der Gmein vertreiben: Nur bald hinauß mit dir zum Hauß, die Leut an dir erschrecken, Man deckt dich zu, du schläffst mit Ruh, niemand wird dich auffwecken.94

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In einer ebenfalls verbreiteten Variante: „HIe lieg ich armes Würmelein | vnd ruh in meim Schlaffkämmerlein“ (Hof 1608); vgl. auch: Helmbold, °Hie lieg ich armes Würmelein, Herr Christe seh mich an (eigene Grabschrift Helmbolds, Mühlhausen 1599, W IV 1008.); Hagen, Ich schlaf in meinem Kämmerlein (Str. 1,1f): „ICH schlaff in meinem Kemmerlein | Gleich wie ein armes Würmelein“; Schirmer, Nun lieg ich armes Würmelein (Str. 1,1f): „NV lieg ich armes Würmelein | Vn[d] ruh in meinem Kämmerlein“. Vgl. Schottelius, °Ist, Jesu, es dein Wille (Str. 2): „Wann meine blutesfreunde | Sind meiner kranckheit feinde | Und ihnen ich ein scheu, | Wan sich da findet keiner, | Der sich erbarmet meiner: | So steh mir, Jesu, bey.“ Anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 4–5); vgl. Str. 2,3f: „All Freund verlassen dich zur stund, | niemand will mit dir komme[n]“.

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

Deutlicher ist die Abscheu der Mitmenschen wohl kaum auszudrücken. Ringwaldt beschreibt eine ähnliche Wirkung der Krankheit in seinen Pestliedern – präsentisch und in der ersten Person: 4. Ich bin den lieben Nachparn mein in meinem schweren orden Vnd den bekandten gros vnd klein ein schmach vnd scheussel worden: Wer mich von fernen gehn ersicht, fleucht vnd verhült sein angesicht, als ob ich heßlick stüncke.95

Besonders deutlich werden die krankheitsbedingte Isolation und Verlassenheit in den oben zitierten Strophen von Sacer (vgl. S. 294), wo die Abwehrreaktion auf den Verfall des Körpers schließlich von der Umwelt auf das Ich selbst überspringt. Heißt es am Ende der ersten Strophe „Es scheut mich, wer mich sihet“, so folgt in der zweiten die Aussage: „Mir eckelt für mir selber.“96 Darin erscheint die menschliche Angewiesenheit auf göttliche Zuwendung nochmals zugespitzt. d) Das Versagen der körperlichen und geistigen Funktionen Ein literarischer Topos, der im Zusammenhang mit der körperlichen Seite der Todesnot häufig begegnet, ist schließlich die aufzählende Beschreibung des Versagens unterschiedlicher körperlicher und geistiger Funktionen. Sie ist meist nicht in denjenigen Texten zu finden, die unmittelbar aus der Todesnot heraus gesprochen sind, sondern in solchen, die sich aus einer vorausschauenden Perspektive damit beschäftigen – insbesondere in Texten des Typs ‚Bitte um ein seliges Ende‘. In einer Art Simulation der eigenen Sterbestunde wird das Nachlassen des Gesichts- und Gehörsinns, der Atmung, des Sprach- und Denkvermögens vor weggenommen, dazu kommt als seelische Komponente das geängstete Herz. Es bleibt nicht beim allgemeinen „Wenn mein Stündlein vorhanden ist“, die Sterbemeditation wird vielmehr konkretisiert: Im Lied vergegenwärtigt sich der Beter, welche körperlichen Prozesse in der Sterbestunde tatsächlich ablaufen werden.97 Diese Konkretisierung dient der Ars moriendi, der Einübung ins Sterben: Wenn die Sterbestunde dann tatsächlich gekommen ist, soll der Beter bereits in allen Einzelheiten mit der Situation vertraut sein, so dass ihm ein ‚seliges Ende‘ leichter gelingen kann. Insbesondere hat er bereits Vorsorge für den Fall getroffen, dass er aufgrund des fortschreitenden körperlichen 95

96 97

Ringwaldt, °O Herr, dein Ohren neig zu mir (Str. 4). Vgl. auch Dach, °Wie lang soll deine Zornflut sich (Str. 12): „Der Artzt verzweiffelt gantz an mir, | Die Freunde sind bißweilen hier, | Zu sehen, wie es stehe; | Doch auff der Flucht, | Ein jeder sucht | Nur wie er von mir gehe“; im Plural: Ringwaldt, O frommer und getreuer Gott (Str. 4,5–7): „Die Nachbarschafft sich vor vns scheucht, | ein jeder vor vns leufft vnd fleucht | als weren wir verbannet.“ Sacer, Gott, du suchst mich mit Krankheit heim (Str. 1,7; 2,7). Vgl. Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Str. 4): „Meine Füsse werden Eiß,  | Bey den harten Hertzens=Schlägen | Laß ich kalten Todes=Schweiß, | Alles wil sich legen. | Meiner welcken Zungen Bandt | Ist gespannt | Vnd kan sich nicht regen.“

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und geistigen Verfalls nicht mehr Herr seiner selbst, dass er zu schwach oder gar nicht mehr bei Bewusstsein sein könnte. Sinneswahrnehmungen, Bitten, Worte und Lieder, die zu einem ‚seligen Ende‘ gehören, hat er daher schon im Voraus von Gott erbeten oder an Gott gerichtet. Beispiele für den beschriebenen Topos lassen sich in reicher Zahl aus dem gefundenen Material durch den gesamten Untersuchungszeitraum hindurch zusammentragen. Zu den ältesten Belegen, nämlich aus den 1560er Jahren, zählen die Texte von Eber, Selnecker und Berckenmayr: „2. Wann ich nuh komm in sterbens noth vnnd ringen werden mit dem Tod, Wann mir vergeht all mein Gesicht vnd mein Ohren hören nicht, Wann meine Zunge nichts mehr spricht vnd mir vor angst mein Hertz zerbricht, 3. Wann mein verstand sich nicht versinnt vnd mir all Menschlich hilff zerrint: So komm, HERR Christe, mir behend zu hilff an meinem letzten end Vnd führ mich auß dem jammerthal, verkürtz mir auch des Todes qual!“98 „2. Wenn mein stündlein fürhanden ist, mein Seel vom Leib wil scheiden jetzt, Mein Hertz zubricht, mein Gsicht vergeht, auß meinem Mund kein Odem fehrt, 3. Mein Gliedmaß fallen gar dahin, verfallen sind auch all mein sinn, Vernunfft ist weg, der leib stirbt ab vnd muß hinunter in das Grab: 4. So gleit mich, HErr, auß dieser Welt, für mich in dein Himlisch Gezelt Vnd in das ewig Vaterland, nim meinen Geist in deine Hand.“99 „O Herr, biß du mein zuuersicht, so auch mein mund kein wort mehr spricht, Ja so die ohren nicht mehr hören, durch deinen geist thu du mich lehren.“100

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Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Str. 2–3,4). Selnecker, Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, der du sitzt (Str. 2–4). Berckenmayr, O Herr, bis du mein Zuversicht (V. 1–4).

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Die detaillierte Ausmalung des körperlichen Verfalls begegnet hier noch in einer knappen, formelhaften Gestaltung; in späteren Liedern wird sie breiter ausgeführt. Die Texte zeigen beispielhaft, wie die Schilderung in die Bitte um ein seliges Ende eingebunden ist.101 Im ersten Beispiel (Eber) ist sie mit einer allgemeinen Bitte um Beistand verknüpft,102 im zweiten (Selnecker) mit der Bitte um Geleit und der Commendatio animae. Im dritten Beispiel (Berckenmayr) ist die kurze Aufzählung mit der spezielleren Bitte verbunden, Gott möge sich mit seinem heilsamen Wort beim Sterbenden kraft seines Geistes auch dann noch inneres Gehör verschaffen, wenn die organische Funktion des Gehörs bereits versagt hat.103 Auch das Gehör kann nämlich Einfallstor der Anfechtung sein, etwa „Wenn die sünde summt und brummt“104. Dass für das Auge dasselbe gilt, dass auch ihm ein schädliches ‚Bild‘ vorschweben kann, wurde bereits im Zusammenhang mit dem ‚Todesbild‘ erwähnt (vgl. S. 252). Dem soll die Bitte vorbeugen, dass das Herz durch das Licht des Glaubens sehend werden soll (vgl. Eph 1,18), wenn das Augenlicht verloren geht.105 Ein weiteres Gegenstück zum Versagen des Gehörs ist das der ‚Zunge‘ oder des Sprachvermögens. Für den Moment, in dem die Zunge den Dienst versagt, wird von Gott das Annehmen unartikulierter Laute oder gar unhörbarer, rein innerlicher Seufzer als Gebet erhofft: „6. […] Vnnd wenn ich nicht mehr reden kan, so nim den letzten seuffzer an durch Jesum Christum, Amen.“106 „4. Und wenn ich nicht mehr sprechen kan Noch meinen Mund bewegen,

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Anders anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 3): Hier fehlt die Bitte; die Ausmalung der körperlichen Vorgänge in der Todesstunde dient als vorausgreifendes Memento mori. Rist führt das Thema in mehreren Strophen seines Liedes Es nahet sich der letzte Tag durch. Es trägt den Titel „Ernstliche Betrachtung des Elenden Zustandes Menschlichen Leibes im Tode und Absterben / auch wen Er in die Erde ist verscharret“ und dient der Vertiefung des Gedankens, „Wie grausahmlich der Würger kan | Uns alle Sinnen binden“ bzw. wie „alle Macht | Uhrplötzlich wird verschwinden“ (Str. 2); nacheinander wird der Verfall von Augen, Zunge, Verstand, Angesicht, Gliedern, Ohren, Händen und Füßen geschildert (Str. 3–5). Die Bitte um Beistand folgt erst in den Schlussstrophen (Str. 11–12). Vgl. Homburg, Herr Jesu Christ, mein Leben (Str. 3–5). Vgl. anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 8): „Wenn mich di Krankheit schwächt so sehr / | Das mihr vergehet mein Gehör / | So las mich innerlich das Wort | Des Lebens hören fort und fort.“ Anon., O du Leben meiner Seele* (Str. 6): „Wenn der mund nicht mehr kan ruffen / | Und die zunge mir verstummt: | Wenn mir wird das hertze puffen / | Wenn die sünde summt und brummt | Für den fast verschlossnen ohren / | Und will machen mich verlohren / | Ach! so ruffe du mir zu / | JEsu! bringe mich zur ruh.“ Vgl. J. Franck, Jesu, meine Freude (Str. 3,9f): „Erd und abgrund muß verstummen, | Ob sie noch so brummen.“ Vgl. anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 7): „Wenn mihr wird dunkel das Gesicht | Und meine Augen sehen nicht / | So zünd’ in mir den Glauben an / | Das dich mein Herz erkennen kan.“ Frölich, Ein Würmlein bin ich, arm und klein (Str. 6,5–7). Vgl. anon., Christus der ist mein Leben (Str. 4): „Wenn meine Kräffte brechen, | mein Athem geht schwer auß, | Vnd kann kein Wort mehr sprechen, | Herr, nim mein Seufftzen auff.“ Anon., O Vater, Sohn und Heilger Geist* (Str. 9): „Wenn sich di Zunge nicht mehr regt / | Und sich di Sprache gänzlich legt / | So las mein Seufzen führ dihr stehn | Und mich zu deiner Ruh’ eingehn.“

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So nihm die schwachen Seuffzer an, Die sich im Hertzen regen“107.

Daraus lässt sich auf den Sitz im Leben ein vielleicht nicht überraschender, dafür aber umso eindeutigerer Rückschluss ziehen: Der Normal- oder Idealfall eines guten Sterbens sah ein lautes Beten, ein artikuliertes Sprechen mit Gott vor – und vielleicht auch ein Singen. Genau für den Fall, dass der Kranke sich selber nicht mehr äußern kann, ist im Lüneburgischen Gesangbuch Vorsorge getroffen: Das Lied Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott existiert hier in einer Fassung „Für die Krancken zu beten oder zu singen“, die anstelle des Kranken stellvertretend von den Angehörigen gesungen werden soll (vgl. S. 588). Idealerweise sollten Hören und Sprechen also möglichst bis ganz zuletzt erhalten bleiben; das ist deshalb wichtig, damit die Verbindung zu Gott nicht abreißen kann. Allerdings ist auch ein Fall denkbar, in dem dies trotz Erhalt des Sprachvermögens nicht gegeben ist, nämlich wenn Verstand und Bewusstsein verloren gehen. Für diesen Fall bittet Ringwaldt: 8. Vor allem aber bit ich dich, wenn ich nu in dem letzten stich Werd sollen meinen Mundt beschlissn vnd wenig von mir selber wissen, 9. So las mir ja nichts fallen ein das grewlich möcht zu hören sein, Als mancher mit dem Todt belegt bißweilen was zu albern pflegt.108

Im Idealfall mündet der Bewusstseinsverlust in ein sanftes Einschlafen;109 nicht so hier. Bei Ringwaldt weiß das Ich nichts mehr von sich, bei Michael Franck geht der Zerfall noch einen Schritt weiter. „Wenn Sprach, Verstand und Sinn | Auf einmal fällt dahin“, bedeutet dies nicht nur einen Verlust des Bewusstseins, sondern auch der Identität und der Persönlichkeit – es bedeutet, dass „ich nicht mehr bin, der ich bin“. Das Ich wird durch den Tod hindurch allein mit Hilfe der von Gott selbst aufrechterhaltenen Gottesbeziehung bewahrt, die sich wieder in der Kommunikation, im Zurufen ereignet: „Wer schreyt mir zu, | Wenn mir der Schmertz lässt keine Ruh?“ Die Hoffnung besagt: Gott tut es.110 Hoffnung und Vertrauen, dass die Gottesbeziehung das Versagen aller körperlichen und geistigen Funktionen überdauert, äußern sich bisweilen so zuversichtlich, dass gar nicht mehr darum gebeten werden muss. Die erwartete Kontinuität in der

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Scheffler, O treuer Jesu, der du bist (Str. 4,1–4). Ringwaldt, Herr Jesu Christ, weil ich empfind (Str. 8–9). Vgl. anon., Christus der ist mein Leben (Str. 5); Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Str. 4–5; 8). M. Franck, Kein Stündlein geht dahin (Str. 7); auf die zitierte Frage antwortet der Kehrreim: „Ach GOTT, wenn alles mich verlässt, | So thue du bey mir das Best.“

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Beziehung liegt dabei teils auf Seiten Gottes (erstes Beispiel), teils aber auch auf Seiten des Menschen (zweites Beispiel): „8. Ob mir schon die Augen brechen, Das Gehöre gar verschwind Vnd mein Zung nicht mehr kan sprechen, Mein Verstand sich nichts versint, Bistu doch mein Liecht, mein Wort, Das Leben, der Weg, die Pfort“111. „3. Laß vergehen das Gesicht, Hören, schmekken, fühlen weichen, Laß das letzte Tages=licht Mich auf dieser Welt erreichen; Wenn der Lebens=faden bricht: Meinen Jesum laß ich nicht.“112

Während sich das Vertrauen im ersten Beispiel (Freu dich sehr, o meine Seele) darauf stützt, dass Gott dem Ich auch über den Verlust des Verstandes hinaus derselbe bleibt, proklamiert das zweite Beispiel (Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht) einen eigenen Vorsatz des Menschen: Was auch geschehen mag – „Meinen Jesum laß ich nicht“ (vgl. S. 390). Mit einem Selbstverlust wie bei Michael Franck angedeutet scheint dieses Ich nicht zu rechnen: Im Festhalten an der Jesusbeziehung kann es zur vollständigen Auflösung der Persönlichkeit gar nicht kommen.

3. Der seelische Anteil der Todesnot: Angst und Anfechtung Schon bei der Untersuchung der Krankheit als körperlicher Komponente der Todesnot haben Verweise und Parallelen gezeigt, dass beide Bereiche, Körper und Seele, im Erleben der Todesnot zusammengehören, dass sie darin aufeinander bezogen und miteinander verwandt sind. Wie der Körper von Krankheit und Schwäche angegriffen ist, so die Seele von Angst und Anfechtung. Zu einem ‚seligen Ende‘ bedarf es in solcher Todesnot der göttlichen Hilfe und des Trostes. Was das Gewissen in Bedrängnis bringt, was Angst und Anfechtung in ihm auslöst, wird unterschiedlich benannt: Tod, Teufel, Hölle, Sünde – und Erwählung. Dabei erweist sich die Sünde als der tiefere Grund der Todesnot, gehen Tod und Hölle doch letztlich auf sie zurück. Ohne die Sünde wäre die Angst vor dem Tod gegenstandslos; denn der eigentliche Gegenstand der Angst ist nicht der leibliche, sondern der ewige Tod, die Hölle, die den Menschen dauerhaft von Gott trennt und die in der verfehlten, sündigen Weltexistenz wurzelt. In Luthers Sterbesermon ist – ebenso wie in seinem Lied Mitten wir im Leben sind – die Trias der Anfechtungen von Tod, Hölle und 111 112

Anon., Freu dich sehr, o meine Seele (Str. 8,1–6). Keimann, Meinen Jesum lass ich nicht (Str. 3).

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Sünde strukturbildend. Entsprechend soll hier in drei Schritten nach dem Umgang mit der Anfechtung in den gesammelten Liedtexten gefragt werden, zunächst nach der Angst vor dem Tod, dann nach der Anfechtung durch Hölle und Teufel und schließlich ausführlich nach der durch die Sünde. Ausgehend von Petrus Herberts Lied Wer in guter Hoffnung will wird die Frage nach dem Verständnis der Sünde speziell in der Todesnot gestellt und anschließend ihre Wirkung auf das Gewissen untersucht. Ein letzter Blick soll dem ‚Trost‘ als Gegenbegriff zur Anfechtung gelten. Nicht ausführlich eingegangen werden kann auf eine Art der Anfechtung, die nur in wenigen Liedern eine Rolle spielt und sich von der durch die Sünde nochmals grundlegend unterscheidet: auf den Erwählungszweifel. In ihm wird dem Menschen das Bestehenkönnen vor Gott nicht aufgrund der Sünde fraglich, sondern aufgrund der göttlichen Gnadenwahl. Einschlägig sind vor allem zwei Lieder: Dilherrs Ach wie lang muss ich mich schlagen113 und – besonders lebhaft und gründlich – Sacers Bis hieher ist mein Lauf vollbracht („Sterbe=Lied, in welchem die bekümmerte Seele wegen der ewigen Gnaden=Wahl aufgerichtet wird“114). a) Angst vor dem Tod So sehr auch in vielen Sterbeliedern die Betrachtung der Sterblichkeit und des eigenen Endes mahnend eingefordert wird, so sehr wird doch zugleich gegen die Angst vor dem Tod vorgegangen. Sie wird als menschliche Reaktion auf den Todesgedanken beschrieben und auch im Lied selbst ausgedrückt; aber die Perspektive des Sterbeliedes liegt in der Überwindung der Angst, und zwar im Leben wie im Sterben. Wo die Angst vor dem Tod artikuliert wird, ist sie – auch wenn das selten ausdrücklich zur Sprache kommt – nicht in erster Linie als Angst vor dem leiblichen, sondern vor dem ewigen Tod zu verstehen. Neben der Angst gehören auch Schrecken und Trauer zum Spektrum der negativen Affekte, die vom Gedanken an den Tod ausgelöst werden. Der Schrecken ist eine Wirkung etwa des personifizierten Todesbildes, solange es noch nicht als ‚Larve‘ enttarnt ist (vgl. S. 252); dahinter steckt freilich auch der Schrecken über das durch

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Das Lied ist bei FT nicht, im untersuchten Material mehrfach belegt: N-1653; F-1666; L-1673; H-1683; Lü-1695/ 1702. Möglicherweise handelt es sich bei der von Dilherr herausgegebenen Engelfreude (N-1653) um den ersten gedruckten Beleg. In der ersten Strophe scheint es dem Ich, „als ob ich wär erkohren / | Zu seyn ewiglich verlohren.“ Nach weiteren Klagen über „angst und schmertz“ erinnert es sich in der vierten und letzten Strophe an die Erwählungszusage, die auch darin zum Ausdruck kommt, dass es bereits in der Gegenwart im Himmel doppelt repräsentiert ist: Zum einen ist ihm „fürlängsten worden | Zugesagt ein räumelein“, zum anderen ist sein Name dort „wol bekant / | Mit dem blut deß HErrn geschrieben“. Daher kann es getrost fordern: „Thut euch auff / ihr himmelspforten / | Lasst mich ungehindert ein“. Zit. nach FT IV 608.; gefundene Belege: L-1673; H-1683. „Die zweiffels volle Lehre plagt“ (Str. 1,5) das Ich an seinem Ende (Str. 2): „Es fallen mir Gedancken ein, | Ob ich auch werde selig seyn? | Ob ich auch sey erwehlet? | Ob dann des HErren JEsus Blut | Auch mir vergossen sey zu gut? | Ach! diß ist, so mich qvälet.“ Fraglich wird ihm dies aufgrund von Mt 22,14 („Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“). Die Wende zur Erinnerung an die Heilszusage erfolgt in Str. 8: „Halt inne, Hertz, und sprich so nicht; | Was dir der Höheste verspricht, | Das hält er: Du solst leben“, und zuletzt ähnlich wie bei Dilherr: „Mein Seelichen, sey unverzagt: | Der Himmel ist dir zugesagt“ (Str. 19,4f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

die Sünde verdiente Todesschicksal.115 Trauer und Traurigkeit beziehen sich dagegen meist auf die Welt und rühren daher, dass der Mensch in seiner „Welt=Lieb“ noch nicht erkannt hat, dass er für den Verlust der weltlichen Güter durch ungleich größere himmlische entschädigt wird: 5. Hilff mir kräfftig vberwinden Alle Furcht vnd Trawrigkeit. Alle Welt=Lieb laß verschwinden; Hilff durch dein Barmhertzigkeit, Daß ich ja nicht fürcht den Todt, Der durch deine Gnad, mein Gott, Allen meinen Jammer endet Vnd mir nur dein Reich zu wendet.116

Körperlich wirkt sich die Todesangst im ‚Erzittern‘ oder ‚Beben‘ aus,117 seelisch im ‚Sich-Kränken‘.118 Besonders in der Todesnot ist es das Herz, das von Angst bedrängt wird: „Vor Angst mein Hertz im Leib zerspringt, | mein Leben mit dem Tode ringt“119. Einige Lieder aus dem 17. Jahrhundert nehmen dagegen eine distanziertere Haltung zur Todesangst ein. Nicht aus der Todesnot heraus, sondern im Stil einer grundsätzlichen Betrachtung, die eher an den Duktus der Begräbnislieder erinnert, wird die negative Reaktion vieler Menschen auf das Sterbenmüssen hinterfragt. Dies geschieht in einem Gestus der Verwunderung über die menschliche Torheit, die im Tod nicht das Gut erkennt, sondern ihn scheut und fürchtet. „1. WIe ist der Mensch doch so bethört, Daß er das Sterben schewet, Vnd wenn er von dem Leben hört, So inniglich sich frewet! Er liebet, was man hassen soll, Er fürchtet Fried, sucht Leiden, 115

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Dilherr, Erschrecken ich ja billig sollt (Str. 1): „ERschrecken ich ja billich solt / | So mich der tod wegreissen wolt: | Dieweil ich als ein böses kind | Hab nichts gethan / als eitel sünd.“ Z. Faber, Herr, ich bin ein Gast auf Erden (Str. 5; in L-1673 ist die Strophe als eigenes Lied Hilf mir, mein Gott, überwinden aufgenommen). Vgl. anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (Str. 2,2f): „nun trawr ich hefftig sehre, | Wann ich die Welt verlassen sol“; vgl. Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 16), zit. s. u. In dem Lied Ich muss jetzt allzeit trauren* (Str. 1; 12) ist die Traurigkeit in der Todesnot dagegen weniger deutlich spezifiziert, sie bietet lediglich eine Explikation von „Angst vnd Noth“ angesichts des Todes. Vgl. Dilherr, Erschrecken ich ja billig sollt (Str. 3): „Solt ich dann nun erzittern nicht? | Wenn ich den tod / das jüngst gericht / | Und auch der höllen=pein / betracht. | Ach / hätt zuvor ichs stets bedacht.“ Vgl. Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Str. 5,4); zit. s. u. Vgl. anon., Ach wie soll mir geschehen (Str. 3): „Wenn ich daran gedencke | Manch Augenblick vnd stund, | Thut es mein Hertze krencken, | Das in der Erden grund | Mein Leib begraben werd, | Von Würmern soll werden verzehrt, | Die Haut, Fleisch vnd all Adern mein | Sollen werden zu Staub vnd Erd.“ Vgl. Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Str. 5,2); zit. s. u. Anon., Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen (Str. 1,3f). Vgl. Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Str. 2,6): „Wann […] mir vor angst mein Hertz zerbricht“; anon., Der grimmig Tod mit seinem Pfeil (Str. 3,1.3): „Dein Angesicht wird fallen ein, […] Das Hertz in schweren ängsten sein“ usw.

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Vn[d] was jhn drückt, gefellt jhm wol, Wil von der Welt nicht scheiden.“120 „4. Wie daß ihr Menschen dieser Zeit / ob eurem Tod so furchtsam seyd? Ihr seht ihn so gar bitter an / daß euch nichts mehr erschrecken kan. 5. So offt man seines Nahmens denckt / wird euer Hertz und Sinn gekränckt; und klopfft er nur an eure Thür / der gantze Leib euch bebt dafür.“121 „1. WAs traurest du mein Angesicht / Wann du den Tod hörst nennen? Sey ohne Furcht; er schadt dir nicht: Lern ihn nur recht erkennen. Kennst du den Tod / So hats nicht Noht / All’ Angst wird sich zertrennen. […] 16. Ach GOtt mein Herr / was wil ich doch Mich vor dem Tode scheuen? Er ists ja / der mich von dem Joch Des Elends wil befreyen; Er nimmt mich auß Dem Marter=Hauß: Das kan mich nicht gereuen.“122

Nicht nur das Sterben selbst, sondern schon seine sprachliche Repräsentation löst, wenn sie laut ausgesprochen wird, beim Menschen Trauer und ‚Kränkung‘ aus, so das zweite und dritte Beispiel; die Nennung des Lebens stimmt ihn dagegen – dem ersten Beispiel zufolge – freudig. Diese aus Sicht der Autoren grundverkehrte Einschätzung wird durch die Lieder hinterfragt und die Perspektive auf den Tod umgekehrt. In einem „Trost=Gesang. Daß der Tod nicht zu fürchten sey“ erklärt Jakob Ritter, wie Jesus durch seinen eigenen Tod „die Furcht verjagt“ und damit auch für das Ich unwirksam gemacht hat, sofern es ihn „in dem Hertzen hält“: 1. ICh fahr, un[d] weiß Gott Lob wohin, Nach diesem Jammer=Leben; Ich bleibe GOtt ergeben, Darumb ich auch nicht traurig bin. Es kan des Todes Scheiden Mir keine Angst verleiden; 120

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Wilkow, Wie ist der Mensch doch so betört (Str. 1). Typisch für ein Begräbnislied ist auch die Anspielung auf 1Thess 4,13 (Str. 2,1f): „Ein solcher Wahn ist Heyden=tand, | Die keinen Himmel gläuben“; vgl. S. 449. Albert, Zum Sterben ich bereitet bin (Str. 4–5). Gerhardt, Was traurest du, mein Angesicht (Str. 1).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt MEin JEsus hat die Furcht verjagt, Da Er für mich gestorben: Drumb leb und sterb ich unverzagt Vnd scheide unverdorben. 2. Groß ist die Furcht der schnöden Welt, Die für dem Tod erschüttert Vnd fährt dahin erzittert. Wer aber in dem Hertzen hält JEsum, das Heyl der Sünder, Des Todes Uberwinder, Der wird vom Tode nicht erschreckt; Er wendet seine Sinnen Zu jener grossen Seeligkeit, Darein er fährt von hinnen.123

b) Anfechtung durch Teufel und Hölle Die größte Gefahr, die dem Menschen in der Todesstunde droht, ist die der Anfechtung seines Glaubens, der wachsende Zweifel, Gott könne ihm aufgrund seiner Sünden nicht gnädig gestimmt sein – ein Zweifel, der schlimmstenfalls zum „verzagen“124, zur Verzweiflung anwachsen kann. Dabei steht mehr auf dem Spiel als nur der innere Frieden in der Sterbestunde; die Gewissensqual auf dem Sterbebett findet ja spätestens mit dem Eintreten des leiblichen Todes ihr Ende. Ob der Mensch der Anfechtung erliegt und an seinem Heil verzweifelt, entscheidet nämlich auch über sein postmortales Ergehen. Insofern hängen am ‚seligen‘ Ende, am inneren Frieden auf dem Sterbebett, auch die ewige Seligkeit und der ewige Frieden – Grund genug, von Gott ein solches Ende nachdrücklich zu erbitten. Der Schauplatz der Anfechtung ist im Inneren des Menschen zu suchen, nämlich im Gewissen.125 Dennoch geht sie einer verbreiteten Vorstellung zufolge von einer Instanz aus, die außerhalb seiner selbst liegt, von bösen Mächten, vor allem vom Teufel. Die räumliche Anwesenheit dieser Mächte der Anfechtung im Sterbezimmer wurde in der mittelalterlichen Bilderars bildlich umgesetzt. Welche Reflexe sich darauf in den untersuchten Sterbeliedern finden, soll im Folgenden beleuchtet werden. Im Anschluss daran (c) wird es um Darstellung und Funktion der inneren Anfechtungsquellen und damit um die Sünde als Kern der Anfechtungsproblematik gehen.

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Ritter, Ich fahr und weiß gottlob wohin (Str. 1–2). Vgl. Luther, Mitten wir im Leben sind (Str. 2,12): „las uns nicht verzagen fur der tieffen hellen glut.“ Vgl. Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit (Str. 4,4), zit. Anm. 126. Nicht näher expliziert ist die Unterscheidung zwischen innerlichen und äußerlichen Anfechtungen in der Überschrift zu Caspar Stolzhagius’ Lied Ach treuer Gott, Herr Jesu Christ: „Ein Gebet eines Krancken, in geschwinden Sterbensleufften: Wider jnnerliche vnd eusserliche anfechtungen. Welchs ein gesunder singen kan“ (in: Geistliche Lieder vnd Psalmen, Leipzig 1582, zit. nach W V 51.).

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Damit zur Anfechtung durch böse Mächte, durch den Teufel oder „böse[n] Geist“126, der keinesfalls als bloßes Bild für menschliche Seelenkräfte, sondern als äußere Realität verstanden wird. Selnecker nennt die Anfechtung durch den Teufel zusammen mit derjenigen durch die schreckliche „Todes gstalt“.127 Häufig tritt der ‚Rachen‘ der Hölle als Bedrohung auf; schon in Luthers Mitten wir im Leben sind heißt es: „Mitten ynn dem tod anficht | uns der Hellen rachen“128; Johann Francks Jesu, meine Freude gibt sich kämpferisch: „Trotz dem alten drachen, | Trotz dem todesrachen, | Trotz der furcht dazu!“129 Was ängstigt und in Anfechtung setzt, wird auch als ‚Gebrüll‘ aus diesem Rachen bezeichnet (vgl. 1Petr 5,8).130 In anderem Zusammenhang, etwa bei Heermann, wird der Zugriff des Teufels durch seine Hand oder „Klaw“ gefürchtet; die Commendatio animae, bei der die Seele im Gegensatz dazu in die Hand Gottes befohlen wird (vgl. Ps 31,6), bietet ein Gegenmittel.131 Die tiefe Angst, die als zentrales Moment der Anfechtung auftritt, ist „Angst der Höllen“132. Das Wirken des Feindes besteht in den „bösen Gedancken“, die er dem Menschen schickt und durch die er seinen Glauben ins Wanken bringen will:133 Er versetzt ihn in Schrecken und weckt sein Gewissen, indem er ihn an seine Sünde erinnert und ihm damit „Gottes Zorn verkündt“.134 Für diesen Vorgang 126

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Vgl. Albrecht von Preußen, Was mein Gott will, das gscheh allzeit (Fassung Nürnberg 1554, Str. 4,3f): „Wenn mich der böse Geist anficht, | laß mich, Herr, nicht, verzagen!“ Vgl. Paul Eber, Herr Jesu Christ, wahr Mensch und Gott (Str. 4,1): „Die bösen Geyster von mir treib“. Selnecker, O Herre Gott, in meiner Not (Str. 3,3f): „Verlas mich nicht, wenn mich anficht | des Teuffels gwalt vnnd Todes gstalt.“ Zur „Todes gstalt“ vgl. die Ausführungen über das ‚schreckliche Bild‘ des Todes, S. 252. Luther, Mitten wir im Leben sind (Str. 2,1f). Vgl. Berckenmayr, O Herr, bis du mein Zuversicht (V. 14): „o Herr, reiß mich auß seinem rachen“; Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Str. 10,1–4): „HErr, treib auch ab den Trachen | vnd die hellische schaar, | Die mich mit jhrem Rachen | wollen verschlingen gar“; Rist, Es nahet sich der letzte Tag (Str. 8,1f): „Die Hölle schnappet grausahmlich | Ihn geitzig zu verschlingen“; Rappolt, Mein Leben war ein Streit* (Str. 5,1f): „Der Höllen Rachen stund mich zu verschlingen offen / | Es hatte mich daher Furcht / Schrecken / Angst getroffen“; Kohlhans, Ach wann werd ich dahin kommen (Str. 7): „Klafft mich an der Höllen=Rachen, | Ohne Schaden geh ich ein. | Wenig kan die Sünde machen, | Weil ich CHRISTI eigen bin.“ J. Franck, Jesu, meine Freude (Str. 3,1–3). Vgl. anon., Hie lieg ich armes Würmelein, kann regen (Str. 2): „Darümb, HERR JEsu, zu mir eil, | vertreib des Teufels Fewrig Pfeil, | Der vmb mich jetzt thut brüllen her | gleich wie ein Löw vnd grewlich Beer, | Das mich von deiner Lieb nicht scheid | sein Anfechtung, mein Angst vnd Leid.“ Vgl. Heermann, Es nahet sich zum Ende (Str. 3,4–6): „Wil mich der Satan schrecken | Vnd sein Klaw ausstrecken, | Schleuß meine Seel in deine Hand.“ Vgl. J. Gerlach, Treuer Gott, lass den Tod (Str. 1): „TReuer GOtt, | Laß den Tod | Mich nicht fällen, | Wenn an meinem letzten End | Sich nun Leib und Seele trennt, | Wenn mich quält die Angst der Höllen.“ Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Str. 2,1–4): „Was für Hellen=Angst vnd Quahl, | Was für Furcht vnd grosses Schrecken, | Leid vnd Trawren ohne zahl | Wird sich da erwecken!“ Ein Beispiel für die Koinzidenz von Höllenangst, -anfechtung und Hölle ist Mein junges Leben hat ein End (Str. 6). Vgl. anon., Mein Gott und Herr, steh du mir bei (Str. 2,4–8): „durch deinen Geist mich lehre, | Das ich dem Sathan widerstreb | vnd meinen bösen Gedancken | damit der Feind setzet an mich, | hilff, Herr, das ich nicht wancke.“ Vgl. Behm, Herr Christ, wenn ich bedenke (Str. 6,1–4): „Auch wenn mich wil erschrecken | der Teuffel mit der Sünd, | Das gwissen auff thut wecken, | mir Gottes Zorn verkündt“; Mylius, Herr, ich denk an jene Zeit (Str. 2): „Sathan, du wirst jmmer zu | Ohne Ruh’ | Meine Sünd auffdecken.“ Dach, In dieser meiner letzten Not (Str. 1,5–8): „Die Sünde lässt mir keine Ruh, | Auch Sathan setzt mir grausam zu | Vnd drewt in seinem Fewer | Mir tausend Vngehewer.“

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

ist auch eine forensische Metaphorik verbreitet, der zufolge Teufel und Hölle den Menschen mit einer Anklage wegen seiner Sünde konfrontieren.135 In Verbindung mit dieser Metaphorik gewinnt die Seelennot der Anfechtung in der Todesstunde bereits die Qualität eines individuellen Jüngsten Gerichts wie in einem Lied von Simon Dach. Der Machtanspruch des Teufels wird in einer Art Selbstexorzismus zurückgewiesen, indem das Ich sich ganz dem göttlichen Machtbereich unterstellt, wie sowohl der Liedanfang (Ich bin ja, Herr, in deiner Macht) als auch der Anfang der sechsten Strophe zeigen. 3. Mich dünckt, da lieg’ ich schon vor mir In grosser Hitz ohn Krafft, ohn Zier Mit höchster Hertzens=Angst befallen, Gehör und Rede nehmen ab, Die Augen werden mir ein Grab, Doch kränckt die Sünde mich fur allen: Des Sathans Anklag’ hat nicht Rhu, Setzt mir auch mit Versuchung zu. 4. Ich höre der Posaunen Thon Vnd seh’ auch den Gerichts=Tag schon, Der mir auch wird ein Vrtheil fällen, Hier weiset mein Gewissens=Buch Da aber des Gesetzes Fluch Mich Sünden=Kind hinab zur Hellen, Da wo man ewig, ewig: Leid! Mord! Jammer! Angst! vnd Zetter schreyt! […] 6. Der Teuffel hat nicht Macht an mir, Ich habe bloß gesündigt dir, Dir, der du Missethat vergiebest, Was masst sich Sathan dessen an Der kein Gesetz mir geben kan, Nichts hat an dem, was du, HERR, liebest, Er nehme das, was sein ist, hin, Ich weis daß ich des Herren bin.136

„Des Sathans Anklag’“ fällt hier in einer visionären (bzw. auditiven) Vorwegnahme des Jüngsten Tages zusammen mit der des Gewissens und der des Gesetzes;137 das Ge-

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Vgl. Schein, Ihr lieben Trauerleut (Str. 2,5f): „Der Teuffel in der Welt mich plagte / Für Gottes Richter=Stul anklagte.“ Roberthin, Des Lebens kurze Zeit (Str. 7,3f): „Wenn vns im letzten Zagen | Die Helle wil verklagen“ usw. Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Str. 3–4; 6). Ganz ähnlich, wenn auch ohne Posaunen des Jüngsten Tages, M. Franck, Kein Stündlein geht dahin (Str. 6): „Wenn mein Gewissens=Buch, | Wenn des Gesetzes Fluch, | Wenn Sünd und Satan zum Versuch | Tritt wider mich, | Wer ist, der mein erbarmet sich? | Ach GOtt, wenn alles mich verlässt, | So thue du bey mir das Best.“

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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wissen wird zugleich zu jenem Buch, nach dem beim Jüngsten Gericht alle Menschen beurteilt werden, ein Motiv, das bei den Liedern vom Jüngsten Tag sehr verbreitet ist. Seinen Trost findet das Ich schließlich darin, dass nicht die Anklage des Satans Gültigkeit besitzt, sondern die Vergebung dessen, der auch das Gesetz gegeben hat. In dem Schritt zur Überwindung der Anfechtung fehlt fast nie der Verweis auf Christi Blut, das den Menschen von der Sünde freigekauft hat und im Schrecken des Todes den Grund getroster Gewissheit bildet (vgl. S. 368).138 In der zweiten Strophe von Jesu, meine Freude setzt Johann Franck die Anfechtung mit zerstörerischen „stürmen“ gleich und erklärt, dass Jesus selbst mit seinem Leib den Menschen vor den Schrecken von Hölle und Teufel abschirmt: „Jesus will mich decken“139; bei Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt: „Er laß sein Blut mich decken“140; oder in einem anonymen Lied: „Jesus ist dafür“, stellt sich also zwischen das Ich und die bösen Mächte der Anfechtung, so dass der Mensch „im tode sicher“ ist.141 c) Anfechtung durch die Sünde „Mitten ynn der Hellen angst | unser sund uns treyben“142, heißt es bei Luther: Grund der Höllenangst wie überhaupt der Anfechtung ist die Sünde des Menschen, die ihm sein Heil fraglich macht. Beispielhaft wird die Anfechtung durch die Sünde auf dem Sterbebett in einem alten Lied von Petrus Herbert dargestellt, das zum ersten Mal im Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1566 unter der Rubrik ‚Vom Tod und Sterben‘ und im untersuchten Material noch zwei Mal in älteren Nürnberger Gesangbüchern belegt ist. Das Lied Wer in guter Hoffnung will mahnt im Sinne einer Ars moriendi als Ars bene vivendi zu rechtzeitiger Buße und betrachtet dann exemplarisch das Ergehen eines ‚Weltkindes‘, das demgegenüber nur kurzsichtig danach trachtet, „wie jm wolgeschicht | hie auff dieser erden“143. Erst als der Tod herannaht, ändert sich seine Perspektive: 8. Ob er gleich sein lust hie hat in sündlichem leben, Mus er doch zu letzt dem Tod sich selbs vber geben. 138

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Vgl. Dach, Ich bin ja, Herr, in deiner Macht (Str. 7,1–3): „HERR JEsu, ich dein thewres Gut | Bezeug’ es mit selbs deinem Blut, | Daß ich der Sünden nicht gehöre“; vgl. anon., Fahr hin, du liebste Seele mein (Str. 2–3): „Dich [Seele] hat erlöst HErr Jesus Christ, | Der vnser Heyl vnd Mitler ist. | Mit seinem Blut erkaufft du bist | Von Hell, vom Tod, vons Teuffels List. || Darumb soltu nicht fürchten dich, | Für Hell, für Tod, fürs Teuffels schlich, | Sondern auff Gottes Gnad vnd Huld | Setzen dein Hoffnung vnd Gedult.“ J. Franck, Jesu, meine Freude (Str. 2): „Unter deinen Schirmen | Bin ich für dem stürmen | Aller feinde frey. | Laß den Satan wittern, | Laß den feind erbittern: | Mir steht Jesus bey. | Ob es jtzt | Gleich kracht und blitzt, | Ob gleich sünd und hölle schrecken: | Jesus wil mich decken.“ Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt, O du dreieinger Gott (Str. 7,1–4): „Vor Sünden, Höll und Tod | Und vor des Satans Schrecken | Mein Jesus stelle sich, | Er laß sein Blut mich decken“. Anon., Nun fähret mein Geist mit Freuden dahin* (Str. 4): „Nun fähret mein geist mit freuden dahin / | Weil ich im tode sicher bin: | Tod / höll und teuffel können mir | Nicht schaden / Jesus ist dafür“. Luther, Mitten wir im Leben sind (Str. 3,1f). Dass die Sünde und die von ihr verursachte subjektiv empfundene Not überhaupt ein zentrales anthropologisches Moment in Luthers Liedschaffen darstellen, hat Patrice Veit herausgearbeitet (vgl. Veit, Gottes Bild, 19). Herbert, Wer in guter Hoffnung will (Str. 4,3f).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt 9. Wen[n] nu der sein boten schickt, schmertzen vnd wehtagen, Bald sein sündlich hertz erschrickt vnd begin[n]t zuklagen: 10. Ah meins leids, wie thu ich nu? mich verdampt mein gwissen. Fur der sünd hab ich kein rhu, Gott hat dran verdriessen. 11. Hellenangst sie mir gebiert, drinn ich bin verloren, Dieweil niemand selig wird, den[n] der newgeboren. 12. Ah, ich hab leider veracht die heilsame warheit, Mein leben böslich zubracht in sünd vnd in bosheit. 13. Mein vngleubig hertz allein vnd weltlich gehetze Lies mich nicht gehorsam sein Göttlichem gesetze. 14. Erst erken[n] ich mein jrthum vnd mein grosse thorheit: Guts wissen, darnach nicht thun, ist ein schmach der warheit. 15. O du vnsterblicher Gott, sih doch an mich armen! Wilt je nicht des sünders tod, drumb thu dich erbarmen. 16. O Jhesu Christ, Gottes Son, frist mir noch mein leben, Das ich rechte buss mög thun vnd mich dir ergeben. 17. Tröst mich, o heiliger Geist, jtzt in meim betrübnis: Christi heiligkeit mir leist, hilff mir vom verdamnis. 18. Verley ein frölich gemüt, wenn ich werd verscheiden,

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V. Literarische Muster für das subjektive Erleben des eigenen Todes

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Vnd hilff mir durch deine güt zur himlischen freuden.144

Herberts Darstellung der Sündenanfechtung in der Todesnot besitzt exemplarische Qualität. Beispielhafte Elemente sind etwa die Erkenntnis der Sünde angesichts des Todes als ‚Erschrecken‘ (Str. 9); die Verurteilung durch das Gewissen (Str. 10); die Höllenangst (Str. 11); das Sündenbekenntnis (Str. 12–14); die – hier trinitarische – Anrufung aus der letzten (?) Not mit der Bitte um Gnade und um ein seliges Ende (Str. 15–18). Aufgrund weiterer Lieder ist allerdings zu ergänzen: Der Anfechtung ist nicht nur – wie hier – das „weltkind“ (Str. 4,1) ausgesetzt, das sich nicht durch Buße auf den Tod vorbereitet hat; sie kann vielmehr auch den Gläubigen betreffen, und das nicht erst im Sterben, sondern schon im Leben. Glaube ist vor Anfechtung nicht gefeit; ja die Anfechtung erscheint als unweigerliche Begleiterscheinung des Glaubens. Genau in der Mitte des Liedes, nach der neunten der achtzehn Strophen, wird ein Sprecherwechsel vollzogen: Vom lehrhaften Ton des Erzählers geht die Rede auf das Ich des reuigen Weltkindes über. Damit ändert auch der Liedsänger beim Singen oder Lesen seine Rolle: Er wechselt von der Außen- in die Innenperspektive, wird vom Beobachter zum Betroffenen, der er als Mensch ohnehin ist. Durch die Struktur des Liedes lenkt Petrus Herbert seine Aufmerksamkeit auf genau diesen Umstand.145 Unweigerlich wird der Rezipient in die Sterbebereitung eines Todverfallenen hineingeführt. Auf der Erzählebene bleibt ein wichtiger Punkt freilich offen: Ob das „weltkind“, von dem im Text die Rede ist, seine Sünde „zu spat gerewet“, weil es sich nicht rechtzeitig – so die einleitende Ermahnung – „zu Gott bekeren“ wollte „Vnd bessern das leben sein“146, oder ob die Reue noch rechtzeitig kommt, wenn sie nur vor dem leiblichen Tode eintritt, wird nicht ausdrücklich gesagt. Es wird allerdings angedeutet: Der Abschluss des Textes mit der „himlischen freuden“ hat zwar die Form einer Bitte, aber doch einen tröstlichen Klang. Von Herberts Text ausgehend, soll im Folgenden untersucht werden, in welcher Weise die Sünde im Gewissen während der Todesnot präsent ist und welche Wirkung ihre Präsenz auf das Gewissen hat. Ein letzter Teilabschnitt (d) beschäftigt sich mit der Frage, welcher Trost der Sündenanfechtung entgegengesetzt werden kann. Zum Sündenverständnis in der Todesnot Die Anfechtung des Menschen durch die Sünde in seiner Todesnot ergibt sich daraus, dass er sich an die tatsächliche Sünde in seinem Leben erinnert, sie als Sünde erkennt und darüber, so Herbert, gerade angesichts des nahen Todes „erschrickt“. Von einer übergeordneten Perspektive aus, wie sie in den ersten Strophen von Herberts Lied eingenommen wird, ist auch der im Wesen des Menschen liegende tiefere Grund 144 145

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Herbert, Wer in guter Hoffnung will (Str. 8–18). Die von Wackernagel eingefügte, von mir bereinigte Interpunktion – Str. 10–14 sind von ihm in Anführungszeichen gesetzt – verkennt diese Struktur und ist damit auch sinnentstellend. Zwischen Str. 14 und 15 einen Sprecherwechsel anzunehmen, ist durch nichts gerechtfertigt; die innere Folgerichtigkeit der Abfolge von Klage und Bitte geht ganz verloren. Herbert, Wer in guter Hoffnung will (Str. 2–3).

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Teil B: Sprach- und Vorstellungswelt

der tatsächlichen Sünde erkennbar. Wie von einem Erzähler wird hier die verkehrte Grundausrichtung des exemplarischen Protagonisten beschrieben, die in seinem Herzen als dem Innersten seiner Person angesiedelt ist: 6. Das sündlich fleisch lesst jm nicht rechte buss verbringen, Sein hertz, zu sünden gericht, kan er nicht bezwingen.147

Die Sünde wird hier als unverfügbare und unbezwingbare Verstrickung des Herzens verstanden, die mit der fleischlichen Verfassung des Menschen gegeben und gegen die nicht anzukommen ist. In späteren Strophen werden das „sündlich hertz“ (Str. 9,3) und das „vngleubig hertz“ (Str. 13,1) genannt, alles Erinnerungen daran, dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens von Grund auf böse (vgl. Gen 6,5; 8,21), die Sünde also ein über die konkrete Verfehlung hinausreichendes menschliches Gr