Die russischen Lehnwörter der finnischen Schriftsprache 3447015292

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Die russischen Lehnwörter der finnischen Schriftsprache
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VERÖFFENTLICHUNGEN DER SOCIETAS URALO-ALTAICA

Herausgegeben von Gyula Décsy, Annemarie v. Gabain und W olfgang Veenker

Band 8

Die russischen Lehnwörter der finnischen Schriftsprache von

Angela Plöger

1973 In Kommission bei

OTTO HARRASSOWITZ WIESBADEN

Die russischen Lehnwörter der finnischen Schriftsprache von

Angela Plöger

1973 In Kommission bei

OTTO HARRASSOWITZ

WIESBADEN

Alle Rechte Vorbehalten © Societas Uralo-Altaica, Hamburg Gesamtherstellung: Oscar Brandstetter Druckerei KG., Wiesbaden

ISBN 3447015292

Meinem Lehrer Wolfgang Steinitz

VORWORT Die erste Anregung zu der vorliegenden Arbeit erhielt ich von Prof. W. Steinitz (vormals Berlin), unter dessen Anleitung ich 1965 meine Diplomarbeit mit dem Titel "Die neueren russischen Lehnwörter im Finnischen" angefertigt habe. Es war Prof. Stei­ nitz' Wunsch, daß ich diese Arbeit zu einer Dissertation aus­ baute. Während ich im Frühjahr 1967 in Finnland Material für die geplante Dissertation sammelte, wurde ich durch seinen un­ erwarteten Tod des gütigen Lehrers beraubt, der mir stets in reichem Maße Rat, Förderung und Verständnis hatte zuteilwer­ den lassen. Seiner gedenke ich an dieser Stelle in tiefer Dank­ barkeit und Verehrung. Zu großem Dank bin ich Herrn Prof. Gy. Décsy (Hamburg) verpflich­ tet, unter dessen wohlwollender Leitung ich die begonnene Ar­ beit in ihren wesentlichen Teilen mit veränderter Konzeption (s. Einleitung) ausführen und im Frühjahr 1973 abschließen konnte. Herrn Prof. V. Kiparsky (Helsinki) schulde ich Dank für sein re­ ges Interesse und die wertvollen Ratschläge, die er mir in meh­ reren Gesprächen und brieflich erteilt hat. Hinweise auf slavistische Literatur verdanke ich Herrn Prof. D. Gerhardt (Hamburg). Eine wesentliche Hilfe bei der MaterialSammlung bedeutete für mich der Zugang zu den Exzerptbestanden des Etymologischen Wör­ terbuchs der finnischen Sprache, der mir von Prof. E. Itkonen, Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften, freundlicher­ weise ermöglicht wurde. Ferner habe ich Literaturhinweise zur fennistischen Seite des Problems von den Professoren P. Virtaranta und A. Joki sowie von Mag. phil. E. Erämetsa (alle Helsinki) und Mag. phil. A.-L. Varri Haarmann (Hamburg) erhalten, denen ich, ebenso wie den Mitarbeitern der Wörterbuchstiftung (Sanakirjasäätiö) und der Redaktion des Wörterbuchs des alten Schrift­ finnischen (Helsinki), die mir die Archive zugänglich machten und mich jederzeit mit Rat und Tat unterstützten, auch an dieser Stelle danken möchte. Des weiteren danke ich Herrn Prof. W. Boe­ der (Oldenburg) für die Übersetzung einschlägiger litauischer Textstellen.

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Vorwort

Dankbar möchte ich auch die materielle Hilfe erwähnen, die mir seitens der Universität Hamburg in Form eines zweijährigen Dok­ torandenstipendiums und der Finanzierung eines vierwöchigen Aufenthaltes in Finnland sowie von seiten des filmischen Unter­ richtsministeriums in Form von Stipendien für zwei Forschungs­ aufenthalte von je vier Monaten Dauer gewahrt worden ist. Hamburg, April 1973

Angela Ploger

INHALTSÜBERSICHT Vorwort ............................................................ Inhaltsübersicht ...........................................

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1. Einleitung ...................................................... 1.1. Aufgabenstellung .......................................... 1 .2 . M e t h o d i k ..................................................

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2. Frühere Untersuchungen......................................... 10 5. Geschichte der Lehnbeziehungen ................................ 3.1. Alter der finnisch-russischen Kontakte .................. 3*2. Historischer Hintergrund der Lehnbeziehungen ............ 3.3. Wege der Lehnwörter indie fi. Schriftsprache ............

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4. Verzeichnis der Lehnwörter ................................... 42 4.1. Zur Methodik .............................................. 42 4.2. Wortartikel ......................................... 44 5. Wiedergabe der russ. Laute imFinnischen ....................... 238 5.0. Vorbemerkungen............................................ 238 5.1. Vokale ..................................................... 239 5.1.1. Ursprünglich kurze Vokale .......................... 240 5.1.1.1. Russ. o< urruss. *å (o.) < ieur. *£,*a. .240 5.1.1.2. Russ. — e< urruss. *e < ieur. *e — ę.. .*..... 242 — r 5.1.1.3. Russ. £ < urruss. *u (ъ) < ieur.*u und russ. £ < urruss. *£ (ь) < ieur. *i_..... 245 5.1.1.4. Wiedergabe der russ. Vollautformen....... 244 5.1.2. Ursprünglich lange Vokale ..........................248 5.1.2.1. Russ. a < urruss. *a < ieur. *a, * £ ..... 248 5.1.2.2. Russ. i < urruss. *ī < ieur. *ī, *£i ....251 5.1.2.3. Russ. u < urruss. *£ < ieur. *a£, *o£ ...253 5.1.2.4. Russ. £ < urruss. *£ < ieur. *£, *oi, *ai ....................................... 254 5.1.2.5. Russ. 2 = dünner Pfannkuchen aus Weizen- und BuchweizenmehI, der mit saurer Sahne, zerlassener Butter, Kaviar o.a. zur Fastnachtszeit gegessen wird < ruse. blin. Pl. bliný 'Pfannkuchen, Fladen aus Buchweizen-, Wei­ zen- oder Gerstenmehl'. Die altere Form ist m l i n , zu meljú, molótь 'mahlen' (Vasmer EW 1.93). Sillman 1917.134. - Das Wort ist vor allem in O-Finnland gebräuch­ lich, wo auch eine Variante lini auftritt.

Ruoppila 1958.18 UTS 3.503 12. bolsevikki, polsevi(i)kki salopp-umg. = Vertreter oder Anhänger des Bolschewismus in Rußland; Überh. Sowjetrusse; polsevi(i)kit = (russische)Soldatenstiefel < russ. bolьševík 'Bolschewik', zu bólьše 'mehr'. Ein Internationalismus, dessen zweiter Teil dem fi. Lautsystem an­ gepaßt wurde. Vgl. polsu (Nr. 165). ITS 2.145 Hamalainen 1963-172 13. bolsevismi Abl. bolsevistinen = revolutionär-sozialistische politische Richtung (in Rußland) < russ. bolьševízm 'Bolschewismus', s. zuv.

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14. briha dial., priha dial.

AFT 0. - 1787: prikosa Carel. förträffelig - egregius, rikosa idem ac prikosa, Carel: wacker, rijk, med randiga klader (Ganander 2. 406a, h85a)-, 1867: priha grannlåtsmenniska, spratt, snobb, prihottain adv. praligt, luxuriöst, rikosa prydlig, grann, vacker, sir­ lig, behaglig, angenäm, glad, munter (Lönnrot 2.250, 408); 1886: riha prydlig, bussig, redlig, frodig, ståtlig (Lonnr. lis. 14ṕ) = junger Bursche < russ. prigóžij 'hübsch, schon, gefällig', prigóžnik 'der Stutzer, Gefallsüchtige' Kalima 1932.74; für rikosa wurde die russ. Herkunft schon von Mechelin 1842 angenommen. - Ausgangsform der Entlehnung war offensicht­ lich die russ. Kurzform prigoz, deren j& auf fi. Seite als Kasusen­ dung interpretiert und im Nom.Sg. fortgelassen wurde (vgl. 6.2.7*)• Der Ersatz h für £ ist durch mehrere Beispiele belegbar (s. Kalima loc.cit.). Die semantischen Unterschiede zwischen dem fi. und dem russ. Wort werden durch die Lonnr. lis. angeführten adjektivischen Bedeutungen von riha und die der ostfi. und ingr. Dialektalformen riha 'geschniegelter, stolzer Mann, Stutzer' (Savitaipale), priha 'wunderbar, schon' (Ingermanland), riha 'junger, schöner Mann' (Juuka) überbrückt (zitiert nach Nirvi 1953.81). Entsprechungen des Wortes gibt es im Kar.-Ol., Lüd. und Weps. Nach SKES 3-619 sind briha, priha Karelismen in der fi. Schriftsprache. - Als in Salmi gebräuchliche Ausdrücke erwähnt von Knorring prihatschu, priha ’rask yngling'. - Fi. priha und riha sind wahrscheinlich früher entlehnt worden als prikosa und rikosa. Dem russ. Original am nächsten steht ol. prigožu 'schon, reizend, hübsch, sympathisch'. Nirvi 1960.148

1 5 . desjatiina AFT 0. - AFW 0 = russisches Flächenmaß Desjatine, etwa l ha < russ. deśatína 'ein Stück Land von 2400 Quadratfaden'. Diese Bed. hat sich aus der alteren 'der Zehnte vom Ernteertrag' entwickelt. Von dèśatь 'zehn' (Vasmer EW 1.346)

Verzeichnis der Lehnwörter

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OIT 2.404. - Mögl. ist das Wort auf schriftl. Wege ins Fi. gelangt; volkssprachl. Zuge trägt dagegen das bei von Knorring 1833.53 er­ wähnte desätin. das anscheinend auf den russ. Gen.Fl. weist. 16. droska heute selten, roska dial. AFT 0. - AFV 0 = Kutsche, Droschke; ursprünglich russischer offener Wagen

vierrädriger

< neuschwed. droska und z.T. direkt < russ. dróžki 'Droschke'. Russ. dróžki ist Demin. Pi. zu droga 'Wagenbaum, Verbindungsstange zwischen Vorder- und Hinterachse des Wagens' (Vasmer EW l.37l). SKe s 3.840. - Fi. droska wird heute selten, in den Dialekten oft pluralisch verwendet (roskat), was einerseits ein zusätzlicher Hin­ weis auf seine russ. Herkunft sein, andererseits auch durch Analo­ gi ewirkung gleichbedeutender fi. Wörter (rattaat, vsnkkurit, karryt. vaunut) erklärt werden kann (vgl. 5.3*7.). Karste-Liikkanen 1968.284 17. fortuška AFT 0. - AFV 0 • viereckige Lüftungsluke < russ. fórtočka 'Klappfenster (zum Lüften, daher auch) Luftfenster', < mhd. nhd. Pforte von lat. porta (Vasmer EW 3*217) Wessman 1909.38. - In den ostfi. Dialekten ist das Wort mit ani. v (vortuska) in derselben Bed. gebräuchlich. Karvinen 1910.121 Sillman 1917.133 18. halatti, halaatti AFT 0. - 1886: halatti en vid ofverrock, elafrock (Lonnr. lis. 16) = langer weiter (ärmelloser) Kaftan; weite Nachtjacke < russ. chalát 'Schlafrock (weit, ohne Taille, wie ihn die Morgen­ länder tragen)', < osman. ^ilat 'Kaftan' < Arab. (Vasmer EW 3.226) Mikkola 1894. 173 Karvinen 1910.119 Kukkonen SFU 1.190 Vuorela 1964.24

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19. hamutsa, hamutta AFT 0. - 1745: hamuhta. hammuhta stoppad ring på hasthalsen (Juslenius 87); 1867: hamutta, dial. hamotta, hamuhta, hamutsa, hamuhde, pl. hamuhteet, hamuke, pl. hamukkeet rankdyna, halsvalk för hästar, stoppad ring om hästhalsen till skydd für rankornas skafvande (Lonnrot 1.106, Lonnr. lis. 18) = Polsterung des Kumts < russ. chomút 'das Kummet (der hölzerne, gepolsterte ovale Ring, der den Pferden auf den Hals gezogen wird, um daran die Fimerstangen, das Krummholz zu befestigen)'. Nach Vasmer EW 3-259 ergeben sich Schwierigkeiten sowohl bei Herleitung des Wortes aus dem Alt­ germ. als auch bei Annahme von Urverwandtschaft mit germ. bzw. ind. Wortsippen. Auch Rasanens Deutung, wonach ’chomǫtъ aus tschuw. ohomet entlehnt ist, wird von Vasmer abgelehnt, weil hier der Nasal fehle. Vgl. zuletzt Rasanen 1969.154b, wo als Quelle osman. chamut hamut. turkm. hamyt u.a. angegeben wird. Dobrovský. - Das £ der ersten Silbe kann sowohl Anzeichen älterer Entlehnung als auch - wahrscheinlicher - Reflex des russ. Akanje sein. - Zum Bedeutungswandel s. 7-1.3Kalima 1956.65 Mägiste SprB 4:16.110 SKES 1.5h 20. hatka AFT 0 . - AFW 0 gew. Pl.: Saada, antaa hatkat = 'den Laufpaß bekommen, geben' wohl < russ. otstävka 'Abschied, Verabschiedung, Dimission, Ab­ dankung, Entlassung', von stavitь Oksala 1965. - Nach Oksala gehört das Wort dem jüngeren Wortschatz an, wird in der Umgangssprache, besonders von Arbeitern, gebraucht und muß etwa folgende Entwicklung genommen haben: Abfall der unbe­ tonten Vorsilbe (vgl. 6.2.5.), Beseitigung der nunmehr anlautenden Kons.-gruppe, Ersatz von v = [f] durch h (vgl. fi. lahka < russ. lávka) und Metathese von h und t (vgl. Lonnr. lis. 178 tihva : hitv a ). Bei diesem Prozeß kann auch der Einfluß des gleichbedeutenden fi. potkut eine Rolle gespielt haben (so Oksala), vgl. die Wendung saada potkut 'hinausgeworfen, entlassen werden1. Oksala vermutet,

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daß das Wort während der zaristischen Zeit von wurde*die ihren Militärdienst ableisteten oder Arbeiten beschäftigt waren. - Als verfehlt muß hatka aus russ. chòdka 'Ziehen der Frachtkähne 1909 .15 7 ) angesehen werden. - Hatka ist in den Dialekten weit verbreitet.

Finnen übernommen bei Straßenbau- u.ä. die Herleitung von am Seil* (so Wessman ost- und mittelfi.

21. hiimosti AFT 0, - 186?: hiimosti (dial.) nSgon sjuklig Skomma (som troddes härröra frSn begravningsplatser) (Lönnrot 1.158) ■

Zauberkraft, Gewalt, Ansteckung

< russ. *chlmostь. vgl. chlmostitь. chimistitь (nördl., Östl.) 'sti­ bitzen, stehlen, rauben', schimistitb 'zusammenschleppen, entwenden; wahrsagen, hexen, besprechen, be-, verhexen, es einem antun, zaubern; (Pskow) vergeuden, verschwenden?; (Tverь) lügen, albernes Zeug reden?* (Dal 4.548) Kalima hat sich in drei Aufsätzen mit der Etymologie des fi. Wortes befaßt. Zunächst (1913) nahm er folgende Entwicklung an: fi. hiimo­ sti < kar. hiimotti < russ. *chlmostь. vgl. die Verben chimostitь. chimistitь 'hexen, zaubern', deren Original er im Ostj. vermutete (xyn-aol 'Masern'). Später (1924) zog er diese Erklärung teilweise in Zweifel und betrachtete fi. hiimat 'die bösen Kräfte, die vom Kranken Besitz ergriffen haben1 als Quelle der genannten russ. Ver­ ben (auf diese Arbeit verweist Vasmer EU 5*241 unter chimostitb). Im dritten Artikel (1950b) stellte er seine früheren Theorien aber­ mals in Frage und erwog statt dessen die Möglichkeit autochthoner Bildung des Wortes mit einem fi. Ableitungssuffix -stl. - Unter neu­ em Aspekt wurde das Problem von Vahros 1965b aufgegriffen. Nach sei­ ner Ansicht sind die Hauptbedeutungen des fi. Wortes 1* 'Ansteckung; ein Nervenschaden, der durch Erschrecken verursacht wurde*, 2. 'Schrecken, Entsetzen, Angst', 5* 'ein starkes Verlangen, Neigung zu etwas (z.B. zum Stehlen)'. Bei der Klärung der Etymologie geht Vahros von ol. hiimoi 'der Böse' aus, das zumindest den Olonetzer Russen bekannt gewesen und von ihnen als subst.-isch gebrauchtes Adjektiv aufgefaßt worden sein dürfte (die Nordgroßrussen haben von den Ostseefinnen auch andere Bezeichnungen des Teufels entlehnt, z.B.

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lémboj. mardùj. vèrgoj). Von hiimoi läßt sich nach Vahros leicht ein russ. Subst. *chimostь ableiten, für das er aufgrund der o.g. Bedeutungen des Verbums die Bed. 'seelische Krankheit, die vom Teu­ fel (oder einem Zauberer) verursacht wurde' annimmt, und das seiner Ansicht nach ins Kar. und von dort weiter ins Fi. entlehnt wurde. I.Manninen FFC 45.15 22.

hospodi. -ti

AFT 0. - AFW 0 = Interj., von den Orthodoxen als Segen oder Ausruf gebraucht; subst.-isch: Mumista hospotia < russ. góspodi. Vok. von gospódь 'Gott, der Herr' Karvinen 1910.125. - Bas fi. h beruht auf der spirantischen Aus­ sprache des £ im Russ., die nach Vasmer EW 1.299 den ukr.-südruss.kirchensprachlichen Gepflogenheiten entspricht. Ojansuu 1907.72

25 . hotsia vulgär AFT 0. - AFW 0 Abl. hotsittaa = mögen, sich etwas daraus machen < ruse. chožú, l. Sg. von chotfetь (< urslav. *chъtěti) 'wollen' (Vasmer EW 3*267) Als Beispielsatz für den Gebrauch des Wortes wird im RS "En minä nyt hotsi l ä h teä"^ angeführt. Die Annahme einer Entlehnung wird durch Bed., Verwendung und Stilebene des Wortes im Fi. nahegelegt. Ausgangsform muß die l. Sg. chočń gewesen sein (vgl. 6.2.2.1.), deren palatales s. teilgenommen hat und das russ. Original frü­ her offenbar weiter verbreitet war als heute, weist auf frühe Ent­ lehnung. Der Ersatz von russ. £ durch fí. a ist dagegen kein ein­ deutiges Alterskriterium, vgl. 5 .1.1.1. Die unmittelbare Entlehnungs­ quelle muß eine nicht suffigierte russ. Form gewesen sein. Lonnrot 1867:1.498 Kalima 1956.152 SKES 1.160 40. karpio 1621: toisna paiwana piti yhden Carpion jywia maxaman yhden Sirkelin (Sorolainen Postilla I). - 1683: Carpionelicoi eine maß von acht Kannen/ ein Viertel/ Scheffel. Ein Maßlein/ it. ein Sohoff = Eimer (vor eine Person Ein bescheiden Theil Meel oder Korn) (Florinus 10 5 ) = altes (Getreide-) Hohlmaß variierender Kapazität, meist 10 Metzen entweder < Urruss., vgl. russ. korobьjà 'Packkorb, Koffer' oder mogl. < Balt., vgl. lit. karbija 'dichter, korbartiger Kasten', apreuß. carbio 'Mühlenkasten', wenn nicht das halt. Wort < Slav. (SKES 1.164) Thomson 1890.183 erwog bereits beide Möglichkeiten, hielt aber slav. Herkunft für wahrscheinlicher. Kalima wollte zunächst auch germ. Ur­ sprung nicht ausschließen (1929.157), bevorzugte aber spater (1956. 72) die Erklärung aus dem Slavischen, für die auch Toivonen SKES 1.164 und Mikkola 1938.60 plädierten. Letzterer legte dar, daß russ. korobьjá < *korbьja im alten Novgorod 'Schachtel, Getreide­ maß' bedeutet habe und somit in Porm und Bed. mit dem fi. Wort übereinstimme. Lonnrot 1867:1.508 Mikkola 1894.43, 126 Voionmaa 1936.71 Mikkola 1938.25, 44, 110 41. karsta APT fi. - 1787: karstas sot i spis. Aboice & Austr. karstanen sotig, oren (Ganander 1.343b); 1826: karsta fuligo camini, inde sordes, illuvies, coenum, rejectanea, Russ, Schmutz, Unflath (Renvall 1.165). Abi. karstaantua, karstainen, karstamainen, karstautua

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= l. verbrannter, noch festsitzender Teil eines Spanes, Dochtes o.a.; Stoff, der sich in eine Flache fest eingebrannt hat, oder anhaftender Ruß; lose, schwarze, verbrannte Stücke (grober als Asche); vgl. karsi 'Ruß'. 2. (sonstiger, an das Vorhergehende an­ knüpfender Gebrauch, u.a. mediz.: Märkivät näppylät peittyvät pian tummien karstojen alle. Karstoja ja haavoittumia huulissa ('Schorf, Ausschlag'). wohl < Urruss., vgl. russ. korósta 'Kratze; Mooshügel auf Sumpfbo­ den', urverw. mit balt. Wörtern (Vasmer EW 1.632) Europaeus 1782. - Mikkola 1894.43, 126 und Kalima 1956.72 wollten fi. karsta 'Kratze' und karsta 'Ruß', das sie mit karsi, karte’Ruß' verbanden, getrennt halten. Später (1938.85) betrachtete flikkola auch karsta 'Kratze' als einheimisch. Toivonen SKES 1.166 er­ wog neben slav. Herkunft auch Verwandtschaft des Wortes mit syrj. kars 'Ausschlag, Flechte, Kratze' sowie Verschmelzung mehrerer Wör­ ter. - Für die Entlehnung von karsta 'Kratze' aus dem Russ. spricht seine ausschließlich auf SO-Finnland beschrankte Verbreitung (Wör­ terbuchstiftung) . Lönnrot 1867:1.5ll T.E.Üotila MSFOu 65.359f. Kalima 1956.31, 72, 146 42. kasakka 1734: Cauhia Casacan joucko tohti mennä Torniohon (G.J.Calamnius, Hist. Asiak. 370-371)- - 1787: kasakka en cosak, idem ac päiwämjes (Ganander 1.347a); 1826: kasakka homo ex Cosackia, eques Russicus, Kosack, inde Sav. Carl. Caj. mercenarius l. operarius, cujus sortis erant quondam milites Russici in Finlandiam transfugae, Tagelöhner (Renvall 1.167); 1867: kasakka = kasakki. kosakka, kosakki (Lönnrot 1.519, 744) ON Kasakkakivi = männlicher Angehöriger vieler kriegerischer, in den Süd- und S0Teilen Rußlands ansässiger Volker, namentlich ein Reiter, der zu be­ sonderen Kosakentruppen gehörte, 2. (haupts. volksspr.) gelegentli­ cher Aushilfsarbeiter, Tagelöhner (Mann oder Frau) < russ. kazak 'Kosak, Gemeiner der Kasakenheere im Gegensatz zu den höheren Chargen (Koiransky l17); der auf das ganze Jahr gedungene

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Arbeiter', altruss. kozakъ 'Arbeiter, Mietsknecht' (seit 1595), < türk, kazak 'freier, unabhängiger Mensch, Abenteurer, Vagabund' (Vasmer EW l.502) Ganander loc. cit. - Nach Ahlqvist 1875.218 heißt in den Gegenden, wo der Tagelöhner kasakka genannt wird, der Kosak kasakki. Zu Ren­ valls Erläuterungen vgl. Mikkola 1894.117. Mikkola 1894.66, 74, 117 Kalima 1956.52, 73 SKES 1.167 Nissilä 1956.59 Ruoppila 1967.16 und Karte 8 45. kasaři 1788: Ehkä maa mansikoista suolan kansa tehty silmi wesi waski kasarisa, poompullille tipahutettu ja silmään pantu (Gan. Apt. 35). - 1745: easari aes rüde, koppar malm (Juslenius 56); 1787: kasari koppar malm, meßingskittel, ångskittel af koppar eller meßing, ka­ sari vaaki mörsare koppar, malm (Ganander 1.547a) = Kessel, Kochtopf (meist mit Stiel) < russ. *kazarь. das in der Form kazarka (kazarka-medь. medьju-kazarkoju) in Bylinen aus der Onega-Gegend als Parallelwort zu mědь 'Kupfer' verwendet wird (Kalima 1956.73). - Lönnrot 1867:1.519 und Mikkola 1894.117 stellten das fi. Wort zu russ. kazan 'ein großer, eingemauerter Kessel, bes. der Branntweinkessel (samt dem Helme)’, das aus turk. kazan 'Kessel' entlehnt ist (Vasmer EW 1.502). Kalima loc.cit. - Fi. kasari erscheint in der Bed. 'Messingkessel' erstmalig bei Ganander loc.cit. Kasari-vaski ist nach Ganander und Ahlqvist 1875.66 die fi. Bezeichnung des Kupfers, wörtlich 'Kessel­ kupfer' , für das auch der Ausdruck kattila-vaski gebräuchlich sei. Diese Benennungen bilden eine Parallele zum russ. kazarka-medь, das von Kalima zur Deutung des fi. Wortes herangezogen wurde. Lonnrot 1867:1.519 SKES 1.168 44. kasarmi AFT 0, erster handschr. Beleg 1829 bei Wikman, Svensk och Finsk Ordbok (s. Rapola 1956.93). - 1858: kasarmi kasern (Helenius 938). Abi. kasarmoida

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= Kaserne: l. Gebäude oder Gebäudegruppe zur ständigen Unterbrin­ gung von Truppen, 2. großes Wohnhaus für viele Familien KÖgl. < russ. kazarma 'Kaserne, Wohngebäude für Soldaten, (auch) für Arbeiter’, über poln. kazarma oder nhd. Kasarme < ital. caserma (Vaster EW 1.503) Kikkola 1894.117 nahm nur für kar.-ol. kasarmo russ. Herkunft an und betrachtete das fi. Wort als Entlehnung aus schwed. kasarm. Hach Chmann 1944 war im Fi. das schwed. Lehnwort kaserni gebräuch­ lich, bevor es durch kasarmi nach der Besetzung Finnlands durch die Bussen i.J. 1809 verdrängt wurde. Das Wort selbst kann nach Obmann auf verschiedene Weise erklärt werden: 1. als direktes Lehnwort aus russ. kazarma; 2. als Kontamination aus russ. kazárma + fi. kašemi, was das ausl. -i verständlich machen würde; 3. als Lehnwort aus schwed. kasarm, das die Erhaltung seines inl. m dem Einfluß des russ. Wortes verdankt (da im Schwed. kasern und kasarm zunächst nebeneinander existierten, sich dann aber die Form mit n durchsetzte hatte man nach Ohmann im Fi. eine ähnliche Entwicklung erwarten müssen). Lcnnrot 1867:l.519 Karvinen 1910.l17 Wessman SSL 178.349 SKES l. 168 Rapola 1960.37 4ṕ. kasku 1834 in Sanan Saattaja Viipurista (s. Rapola 1960.37). - l?8?: skasku en sage, fabula (Gamander 3.58a); 1867: kasku. kaasku (Lönn­ rot 1.520, 438) Abl. kaskuilla, kaskuta = meist scherzhafte kleine Geschichte, Anekdote über eine Person oder ein Ereignis; auch: Geschichte, deren Wahrheit nicht sicher ist, unwahres Gerede < russ. skäzka 'Märchen; Aussage, Erklärung; (va.) Nachricht, Kunde' < *sъkazъka, zu kazátь. Im Russ. nicht vor dem 17. Jh. belegt (Vasmer EW 2.630). Gamander loc.cit. - Dem fi. Wort liegt der russ. Akk.Sg. skazku zugrunde. Bei Lonnrot und in den Dialekten vor allem SO-Finnlands begegnen Varianten mit langem a (kaasku, kaaska) , die von Ruoppila

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mit Vokalwechsel erklärt werden (1938-211), doch kann auch parallele Entlehnung nicht ausgeschlossen werden. - Auf den Druckfehler SKES 1.168, der die Entlehnungsrichtung des fi. Wortes falsch angibt, hat schon Oinas Language 32.390 hingewiesen. Mikkola 1894.53, 162 Kalima 1956.35, 73 46. kassa haupts. dial. und gehob. Dichterspr. 1749: wihanen wenäjä kasakoinens kassapäiden (s. Hormia 1961.394). - 1745: caßapää cirratus, krushufwud (Juslenius 37); 1867: kassa yfvigt hår, hufwudhår; hårfläta; prakt (Lönnrot 1.521) = Frauenhaar, Zopf wohl < Urruss., vgl. russ. kosá1Flechte, Zopf, Haarzopf', gemeinslav. Wort mit Verwandten im Lit. u.a. (Vasmer EW 1.639) Ahlqvist 1857-92. - Wegen fi. a pro russ. o und kar. jś (kassa) ist das Wort wohl zu den alteren Entlehnungen zu rechnen. In den Dialek­ ten ist es spärlich vertreten; außer den auf der Karte Ruoppila 1964.23 angezeigten Vorkommen weist das Archiv der Worterbuchstiftung noch je eines für Raums und Savitaipale nach. Kassapaa ist bes. im Kalevala Metonymie für 'junges, unverheiratetes Mädchen', das in alter Zeit an dem langen und geschmückten Haar zu erkennen war, im Gegensatz zu den verheirateten Frauen, deren Haar abgeschnitten war. Mikkola 1894.36, 65, 128 Turunen 1949.84f. Kalima 1956.73 SKES 1.168

47 . kassara, Parallelform kassari 1692: Rauta on Colmen jaettu, Kaszari Kiutarille (SKVR VI, 1.3293); 1793s Moniaat owat kassaralla ennattäneet päiwäsä hakata 6. eli 10. kuormaa (Bohm < Carpelan 10). - 1745: caßara falx putatoria, qvistjärn; -skära (Juslenius 37); 1787: kassara. kassari (Ganander 1. 348a); 1867: kassara, -ri, kasuri (Lonnrot 1.521, 523) Abi. kassaroida

= messerähnliches Schlag- und Schneidegerat, das zum Auslichten von Baumen, zum Laubschneiden und Reisighacken verwendet wird, Laubsichel, Hackbeil < Urruss., vgl. russ. kosarь 'Hackmesser', dial. kosórь, kǫsúra 'großes Messer mit einwärts gekrümmtem und etwas verdicktem Ende

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das zum Entfernen dünner Zweige von gefällten Bäumen u.a. dient'. Kosarь wird von Miklosich zu kosá 'Sense' gestellt (S. 133, ebenso Berneker 1.581) Dobrovský. - In einer Urkunde ist kassara, das von Kalima 1956.25 zu den ältesten Entlehnungen gerechnet wird, aus dem Jahre 1556 belegt (s. Mikkola 1938.61). Anscheinend gehen die beiden fi. Va­ rianten auf verschiedene russ. Originale zurück: Die -ri-Formen setzen eine palatale Endung voraus (-rь) , kassara dagegen eine auf -a oder harten Kons. (vgl. 5.3-), die ich jedoch nicht nachweisen konnte. Mikkola 1894.128 Kalima 1956.52, 73 SKES 1.168f. Turunen 1949.85 48. kasukka 2. Hälfte des 18. Jhs.: Papit astu Altarille Kasukoissa kapsahtivat (H.Achrenius, vgl. Vir. 1916.123). - 1787: kasukka lång Päls, Råck, messu kasukka meß skiorta (Gamander 1.348b) = Meßgewand, zum Anzug des Geistlichen gehörendes, besticktes Klei­ dungsstück, das über das sog. Meßhemd zu ziehen ist und in der kathol. Kirche während der Messe, in der lutherischen gew. nur bei Festgottesdiensten getragen wird < nass, koźúch 'Pelz, Bauernpelz', gemeinslav. Wort, zu koza (Vasmer EW 1.589) Mechelin 1842. - Mikkola 1894.122 hat diese Etymologie zunächst mit Fragezeichen versehen, da nach seiner Ansicht die Verbindung messukasukka abendländischen Ursprung vermuten läßt. Spater, nachdem auch Setälä FUF 13.379 und Jacobsohn 1925.263 für slav. Ursprung plädiert hatten, gab er seine Bedenken auf (1938.59). Auf russ. Her­ kunft weist die noch von Gamander vermerkte Bed. 'langer Pelz', die in der heutigen fi. Schriftsprache nicht mehr bekannt ist. - Die Behandlung des Auslauts (fi. -kka fur russ. -ch) kann ebensogut als Lautsubstitution wie als Analogiebildung gedeutet werden (s. 5.2.5.1. und 6.2.1.1.). Die Lautgestalt des Wortes bietet im übri­ gen keine eindeutigen Anhaltspunkte zur Bestimmung des Entlehnungs­ alters. Lonnrot 1867:1.523 Setälä 1899-305 Kiparsky 1948-32 Kalima 1956.52,

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73f. SKES 1.169 49- katiska etwa 1548: Sana laki olkan tokeist, pidhöxist ia calan aidhoist eli katiskoist (Martti 84). - 1657: katitza/ kartiskan Rutenkorb, Eatzia (Schroderus 59); 1745: catisca, catitza structura capiendis piscibus, katska (Juslenius 38). ON Katitsalahti, -niemi in Finnland, Katiska und Gadiska, Gadiskaholmen, -sundet in Norwegen = Fischzaun, ein oben offenes Fischfanggerat, das aus Latten ange­ fertigt ist, die wie ein Leitzaun in den Grund geschlagen sind; heute meist eine Art Käfig aus Maschendraht mit demselben Fangprin­ zip, manchmal auch große Reuse < Urruss., vgl. altruss. kotьci. ksl. kotьcь, russ. kotcý 'Fisch­ wehr, -zaun, Gatterfang'; gemeinslav. Wort, urverw. mit avest. kata’Kammer, Keller' (Vasmer EW 1.644) Setala AslPh 18/1896.259- - Dem Original am nächsten steht die Form katitsa, wie sie in finnischen Toponyma erhalten ist (s.o.). Eine Affrikate im Inlaut weist auch ein urkundlicher Beleg von 1417 aus Uusikirkko auf: kattitzar (s. Mikkola 1938.61). Gemäß der unter­ schiedlichen Vertretung der Gruppe t£ in den einzelnen fi. Dialekten treten regional Varianten wie katitta. katihta, katissa sowie außer­ dem katiska, -£, katikka, kaartiska und katihkai auf. Inl. k dürfte auf Dissimilation im Interesse des Wohlklangs beruhen, denn -itea gab es auch in fi. Wörtern und kann nicht als schwer aussprechbar gelten. Dem analogischen Einfluß der fi. Substantive auf -itsa ist das ausl. -a pro —i zuzuschreiben (vgl. 5.3*7. und 6.2.1.1.). - Im Hinblick auf die Varianten mit inl. r berichtet Nieminen LingPosn 5.79, daß namentlich nicht ganz geläufige Wörter häufig mit r-Einschub Vorkommen, und nennt in diesem Zusammenhang Beispiele aus dem Lett., Fi. und Estn. - Ethnographische und verbreitungsgeographi­ sche Tatsachen legen die Vermutung nahe, daß Wort und Sache durch das Estn. nach Finnland vermittelt worden sind. Lonnrot 1867:1.527 Sirelius 1906.154, 372 Kalima 1928.109 Vilkuna 1935-52 Nissila 1939.191 Kalima 1956.25, 29, 74f. SKES 1.170 Iversen

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50. kauhtana, Parallelform kaftaani 1782: Putoisit wesi pisarat/ Läpi wiiden willa waipan/ Sarka kauhtanan kahexan (Leneqvist 37). - l?87: kauhtana bond-råck, en lång Carelsk råck med små tåta knappar uti (Ganander 1.356a); 1867: kauhta, kauhtana kaftan, kofta, koftan; långt fotsid rock, öfverrock, mantel (Lönnrot 1.535) = orientalischer langer und weiter Mantel; Mantel des Pfarrers; Kutte, Talar < mss. kaftán 'Kaftan, langschößiger Rock von verschiedener Form, bes. aus blauem Tuch', altruss. kavtanъ, kovtanъ. wohl < türk. kaftan < Pers. (Vasmer EW 1.542) Sjögren 1828 (s. Sjögren GS 211). - Neovius VK 12.33 zitiert ein Nachlaßverzeichnis von 1720 aus Hiitola: "en halfslijten Caufftan". In Hinblick auf kar. zauhtrokka < russ. dial. zavtrok vermutete Mikkola 1894.70, 115, daß die Lautgruppe -aft- schon in einer russ. Ma. so ausgesprochen wurde, daß sie auf fi. Seite -auht- ergeben hat, vgl. russ. dial. kaut an. Fremdes ĩ_ ist in vielen späten Lehnwörtern des Fi. im Silbenauslaut vor Kons, (außer s) durch h ersetzt worden, s. die Beispiele bei Hakulinen 1941.52 sowie 5.2.5.2. und 5.2.5.3. Zu Lönnrots Variante kauhta vgl. 6.2.7. - Kauhtana ist in allen fi. Dialekten bekannt außer in Värmland; es dürfte also erst Ende des 17. - Anfang des 18. Jhs. ins Fi. gelangt sein. Bei der Parallel­ form kaftaani handelt es sich wahrscheinlich um eine neuere Über­ nahme aus dem russ. Schrifttum, doch muß auch schwed. kaftan be­ rücksichtigt werden. Mikkola 1894.119 Kalima 1956.55 , 75 SKES 1.172 Vuorela 1964.64 51. kibitka, Parallelform kipikka AFT 0. - 1787: gipikka En aflång Rysk jut wagn i Lappeenranta, differt a Rospueka, currus rusticus (Ganander 1.85a); 1867: kipikka (Lönnrot 1.645); 1886: kipitka, kipitkareki (Lonnr. lis. 63) = Wagen oder Schlitten mit bogenförmigem Verdeck < russ. kibitka 'das bogenförmige Verdeck eines Wagens; Kibitka (oben verdecktes russisches Fuhrwerk); Reiseschlitten; Nomaden­ zelt’, zu kibita 'Bogenreif, Halbreif einer großen Fischreuse',

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< kazantat. kibit 'Laden, Bude' (Vasmer EW 1.553) Den Ursprung des Wortes hatte bereits Lönnrot im Russ. vermutet, ohne aber das Original anzugeben (loc.cit.). Wort und Sache sind erst spat ins Fi. gelangt; die kibitka loste den in alten Zeiten gebräuchlichen pulkkareki ab (Vilkuna 1935.218). Die Bed. 'ver­ deckter Wagen' ist auch im Fi. sekundär; ursprünglich bedeutete das Wort nur 'bogenförmiges Verdeck'. - Zu fi. kk für russ. tk vgl. 5.2.2. und 6.2.1.1. Sirelius TS 4.931 Rytkönen Vir. 1938.333 SKES 1.197

52 . kiipeli AFT 0. - 1867: kiipeli. kiipele. kiipale, kiiwe svårighet, trång­ mål (Lönnrot l.624); 1886: kipeli = kiipeli (Lönnr. lis. 63) = (im allgem. nur mit inneren Lokalkasus) schwierige Situation, Problem, Klemme, Dilemma < russ. gíbelь 'Untergang, Verderben, Unglück', zu gíbnutь (Vas­ mer EW 1.267) Lönnrot loc.cit. - An der Zusammenstellung ist formal und semantisch nichts auszusetzen; dennoch wurde sie weder von Mikkola noch von Kalírna berücksichtigt. Toivonen SKES 1.191 hat sie mit Fragezeichen versehen, mogl. weil kiipeli etymologisch zu kiive und dem auch Ssp. kiipale, vgl. NS kiipaleissa, olla kiipaleissa 'in Verlegen­ heit sein, Schwierigkeiten haben' gehören könnte. Der Umstand, daß das Wort außer im Liv. (kibil1 'Unannehmlichkeit, Schwierigkeit, Hindernis’, das aber anscheinend < Lett., vgl. Kettunen 1938.123) in den anderen osf. Sprachen keine Entsprechungen hat, spricht zu­ gunsten einer Entlehnung. Ojansuu 1904.111 Karvinen 1910.122 Hakulinen 1968.135 53. kiisseli, kiiseli AFT 0. - 1867: kiisseli, kiiseli kram, valling 1. kram af hafremjöl, sur valling; mustikan k. blåbarskram (Lönnrot 1.626) = süße, meist mit Kartoffelmehl angedickte Nachspeise aus Obst, Bee­ ren o.a.; auch von einigen volkstümlichen Mehlspeisen, die durch

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Säuern bereitet werden < Urruss., vgl. russ. kisèlь 'säuerlicher, gallertartiger Mehl­ brei', zu kíslyj 'sauer' (Vasmer EW 1.562). Nach M. Gavazzi ist das Wort gemeinslav. (*kyselь) und erstmalig in der Kiewer Chro­ nik unter dem Jahre 997 in der Form kiselь belegt (ZslFh 22.595ff.). Lonnrot loc.cit. - Der Ersatz von unbet. russ. durch fi. ^ ist Anzeichen für alte Entlehnung, ebenso, daß kiisseli allen Dialekten (außer dem Värmlandfi.) und der Gemeinsprache eigen ist. Karvinen 1910.119 Harkonen 1932.441 Kalima 1956.59, 75 SEES 1.192 Nirvi 1960.147 54. kolhoosi = sowjetrussische, kommunistische Gemeinschaftswirtschaft, die von mehreren Bauernfamilien gebildet wird, Kollektiv < russ. kolchóz, Abkürzung für kollektivnoe chozjajstvo '(land­ wirtschaftliche) Kollektivwirtschaft' (Bielfeldt) Kolchóz gehört dem nachrevolutionaren russ. Wortschatz an. Als in­ ternationaler Begriff hat es auch ins Finnische Eingang gefunden, wo es lautlich angepaßt wurde, vgl. ITS 6.1105 (1951) kolhos und OIT 10.987 (1961) kolhoosi. Im fi. Soldatenslang wurde kolhoosi in der Bed. 'Gemeinschaftsquartier' und 'Tisohgemeinschaft mehrerer Männer' gebraucht (S.Hamäläinen 1965.85). 55. kolpakko AFT 0. - 1787: kolpakko kopp, bränwins begare, idem ac kuppi, pullo, sarkka (Ganander 1.447a); 1867: kolpakko bagare, pokal, dryckes­ kärl, skål; klunk; 2. mössa (Lönnrot 1.717); 1886: kolpakko 5. ungshvalf; sitsen öfver källarnedgången i stugan (kolpitsa) (Lönnr. lis. 67) Abl. kolpakoida = 1. Becher, Humpen; (heute gew.) größeres Bierglas mit Henkel, Seidel; dieses voll Bier, 2. (dial.) kuppelartiger Abzug, Rauchfang Über der Feuerstelle < russ. kolpàk 'Nacht-, Schlafmütze; (va.) Helm; Destillierhelm;

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Kappe, Kuppel', kolpak nad očagòm 'Rauchkappe, Mantel über dem Herde'; lampovyj kolpàk 'Lampenkuppel, -kugel’; kolpak 'ein Lein­ wandsack der Weinkelterer', < türk, kalpak 'Art Mütze' (Vasmer EU 1.604). Nach Sreznevskij 1.1258 bezeichnete altruss. kolpakъ auch ein Hohlmaß. Mechelin 1842. - In Karelien wurde der Rauch- oder Funkenfang Über dem Herd zusammen mit seiner Benennung kolpakko erst Anfang des 19. Jhs. von den Russen übernommen (Sirelius bei Härkonen 1910:2.24). Für die fi. Bed. 'Humpen' bieten die russ. Wörterbücher keine ande­ re Entsprechung als das von Sreznevskij erwähnte Hohlmaß. Nach Mikkola 1938.101 ist das Wort über die ostfi. Dialekte, wo es etwa 'Po­ kal' bedeutete, in die Schriftsprache gelangt. Mikkola 1894.125 Sirelius Kaukomieli 4.42 Kalima 1956.75 SKES 2.212 Ruoppila 1958.18 56. kolpitsa AFT 0. - 1787: kolbitza /Carel./ kallare under boningsrum i portten, dijt in gången är under pörtugnen genom timringen (Ganander 1.445a) = kastenartige Bank neben dem Ofen in der kar. Stube < russ. golbèc (< *gъlbьcь) '(in Bauernwohnungen) der Verschlag neben dem Ofen, hinter welchem sich ein Eingang zu der unter dem Fußboden befindlichen Vorratskammer befindet', < anord. golf 'Fußboden, Ab­ teilung' (Vasmer EW l.285). Russ. dial. kólpica < Fi. Ausführlich über die Bed. des russ. Wortes s. Thornqvist 1948.44. von Knorring 1855.55. - Das Wort wurde spat entlehnt und war zunächst in SO-Finnland gebräuchlich. Die Endung -itsa reflektiert nicht altes sondern ist analog zu den fi. Substantiven auf -itsa gebildet worden (s. 6.2.1.1.). Über Realia und Verbreitung s. Valonen 1965. 516ff. mit Karte. Lönnrot 1867:l.717 Mikkola 1894.109 Sirelius Kaukomieli 4.42 und 19ll.38, 95 Kalima 1956.29, 50, 75 SKES l.212f. 57- komsomol = russische Abkürzung: Kommunistische Jugendorganisation der Sowjet-

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union; auch von seinen Mitgliedern < russ. komsomól. Abkürzung von kommnnistíčeskij sojuz molod'óži 'kommunistischer Jugendverband'. per Name ist seit 1926 gebräuchlich. UTS 11.35 OIT 4.1261 58. koni AFT f6. - 1745: coni gammal oduglig häst (Juslenius 50) = altes, schlechtes Pferd, Kracke, Schindmähre < russ. konь 'Pferd, Roß, Gaul', nach Vasmer EW 1.618 aus *konmь, älter *kobnь zu kobýla, komonь. Ganander 1787:1.450a. - Im Fi. hat sich die Bed. zum Pejorativen verschoben. Koni gehört zu den jüngeren Lehnwörtern und wird vor allem im Slang verwendet. Lonnrot 1867:1.723 Mikkola 1894.37, 77 Kalima 1956.26 SKES 2.215 59. kopeekka, kopeikka volksspr. AFT fi. - 1787: kopeekka vel kopeikka Carel. idem ac hopi äyri, en witen, en styfwer (Ganander 1.452b) ON Kopekkaniemi = russische, seinerzeit auch in Finnland gebräuchliche Münze, 1/100 Rubel < russ. kopfejka 'Kopeke', seit 1553 geprägte Silbermünze, deren eine Seite den Zaren zu Pferde mit einem Speer zeigte; daher ge­ hört kopfejka etymologisch zu russ. kopьjó 'Lanze, Spieß' (Vasmer EW 1.619). Ganander 1787:1.452b. - Eine ausführliche Darstellung der Geschichte des fi. Wortes, seiner Varianten und deren Vorkommen in den gedruck­ ten Quellen des 19. Jhs. gibt Karlsson 1964.66f. Danach kommt das Wort zum ersten Mal 1808 in der Form kopeicka vor (Pg. 1941). Lonnrot 1867:1.729 Ahlqvist 1875.191 Mikkola 1894.37, 125 NissilS 1939.124 Kalima 1956.26, 76 SKES 2.217

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60. kormano diel. AFT 0. - 1745: cormendo pera, böxsäck (Juslenius ṕ2); 1787: kormendo, korneto, kormeno (Ganander 1.458a); 1826: kormelo. kormeno, kormento (Renvall 1.215); 1867: karmano. kormana. kormanto, kormelo, kormeno . kormento. korwanto ficka (Lönnrot 1.507, 737, 743) = Kleidertasche < russ. dial. können für ssp. kannan 'Tasche', über dessen Herkunft keine Einigkeit besteht (Vasmer EU 1.554). Ganander loc.cit. - Der fi. Variante karmano lag russ. ssp. kann an zugrunde. Zum Wechsel m ~ v (kormanto~ korvranto) a. Hakulinen 1933. 213f., zur Endung -nto Mägiste EK 11.140 und Kalima 1956.72. nikkola 1894.53, 73, 119 Karvinen 1910.119 SKES 1.164 61. kosseli ethnol. 1854: kosseli. a. Budkavlen 17.60. - 1867: kosseli. kossuli ett slags plog, årder, kosuli (prov.) en sorts vändplog (Lönnrot l.746, 748) = Bodenbearbeitungsgerät aus alter Zeit, das sich aus dem Haken entwickelt hat und dem heutigen Pflug entspricht laut SKES 2.223 wahrscheinlich < neuschwed. dial. korsal (= korsårder) 'Hakenpflug' (oder kosuli, kossuli < russ. kosúl'a 'russi­ scher Hakenpflug'). Russ. kosúl'a ist Abi. von kos 'schief' (Berneker

1 .585) Die Zusammenstellung von kosseli mit kosúl'a entstammt der Feder Lönnrots, wurde aber 1938 von O.Ahlback angezweifelt, der aufgrund des einzigen damals bekannten fi. dial. Vorkommens schwed. Ursprung für wahrscheinlicher hielt (Budkavlen 17.60). Kogl, müssen einer­ seits kosseli, andererseits kosuli. kossuli etymologisch getrennt gehalten werden, denn die Formen mit u lassen sieh nur aus dem Russ. erklären; in dieselbe Richtung scheint auch die geographische Ver­ breitung zu weisen (s. Karte im Anhang). Aus rein lautlichen Erwä­ gungen ließe sich auch für kosseli russ. Herkunft annehmen, vgl. fi. dial. kosteli (neben kostoli. kostuli) cruss. kostól, koatolan (Kalima 1956.78).

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62. kosti dial. AFT 0. - 1867: kosti visit, besök, gast, gastande; meni kostiin gick på besök, kostia gasta, vara gast (Lönnrot 1.747) = Besuch, Visite < russ. Kostь 'der Gast, Fremde; Besucher eines Hotels, Wirtshau­ ses, einer Schenke', bytь v Rost1ach 'zu Gaste, zum Besuch sein', idtí v góati 'zum Besuch gehen', gemeinslav. Wort, urverw. mit lat. hostis (Vasmer EW l.500). Mechelin 1842. - Im Fi. ist Bedeutungsverschiebung eingetreten ('Gast'-> 'Besuch'); in einer Fabelübersetzung aus dem 18. Jh. körnt das Wort jedoch noch in seiner ursprünglichen Bed. vor (s. Ruoppila Vir. 1965.166). In diesem Zusammenhang umreißt Ruoppila die westl. Grenze der Verbreitung dieses südostfi. Dialektwortes i.J. 1930, die heute laut Worterbuchstiftung viel weiter ins Landesinnere hin­ einreicht. Kosti gehört zu den spat entlehnten Wörtern. Mikkola 1894.57, 109 Karvinen 1910.117 Kalima 1956.78f. SEES 2.223 63* kosto, kostuli ethnol. AFT 0. - 1745: costi cilicium, linteum vilissimum, sackwaf (Juslenius 54); 1826: kosti, kosto cilicium, linteum vilius max. es stupa cannabis, Sackleinwand bes. von Hanfheede (Renvall l.218); 1867: kosteli = kostoli. kosti fyrskaftigt hamptyg, blaggarn 1. blångarnsväf, säckväf af blårgarn, isynnerhet af hampa, säckväf, buldan, kosto = kosti; qvinnokjortel (Rk.), kostoli id., en kort liftröja af linne för qvinnor, Jaaskisqvinnors dragt; en ngt längre sommarrock af ylletyg (Lönnrot 1.747, 748) kosto = 1. vierschaftiges grobes Hedegewebe, 2. (dial.) langer, hemdartiger Rock mit breiten Schultern, der bei den Frauen in Russisch-Karelien gebräuchlich ist; kostuli = weißer Leinenmantel, im Sommer von den Kareliern, bes. den Frauen getragen < russ. kostól, kostolan (prov.)'der Kittel; ein Sarafan aus Lein­ wand' Kalima 1928.105f. - Zum etymologischen Zusammenhang der Wörter und dem Zustandekommen der zweisilbigen Formen s. Kalima loc.cit. und

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1956.78f. Einen Anhaltspunkt bei der Bestimmung des relativen Al­ ters der Entlehnung bietet kar. košto. das zwar schon £ fur russ. £ hat, an dem kar. Übergang £ > £ jedoch noch teilgenommen hat (zu diesem Wandel s. Posti 1950). Kosto/kostuli ist also früher ent­ lehnt worden als z.B. fi. kosti. kar. gost'a < russ. gostь. Mägiste 1953-32 SKES 2.225 Huoppila 1958.28 64. kulakki verachtl. AFT ii. - AFW 0 = (aus russischen Verhältnissen, bes. verachtl. im Sprachgebrauch der Bolschewiken:) Großgrundbesitzer, Magnat, Boß, Kapitalist < russ. kulak 'Faust; Aufkäufer, Geizhals; Kulak, ausbeuterischer Großbauer' (Bielfeldt), wohl < turkotat. kulak 'Faust' (Vasmer EU l.687) Meohelin 1842. - Lonnrot 1867:1.790 führt fi. kulakka knytnafve; small, stot, slag an, das ebenfalls aus russ. kulak, jedoch mit dessen ursprünglicher Bed. entlehnt ist und so in Kanteletar II.215 vorkommt. In der international bekannt gewordenen Bed. 'Großbauer' kann das Wort erst zu Beginn dieses Jhs. ins Fi. gelangt sein. Nissila 1956.62 SKES 2.255 65. kuli AFT 0. - 1787: kuli matto josa on 5 puutaa, en Rysk matta innehål­ lande 5 pond (Ganander 1.489a); 1867: kuli mjolmatta af bast, kulokka bastpåse (Lonnrot 1.790, 796) = (bes. aus der Zeit der russ. Herrschaft:) Mehl-, Getreidesack, Sack aus Bast; russ. Hohlmaß, 220-560 Pfund Getreide < russ. kulь 'Sack, Mattensack (als Maß gewöhnlich 10 Pud Roggen­ mehl enthaltend); mit Vorbehalt als Entlehnung aus lat. culleus 'lederner Sack, Schlauch1 anzusehen (Vasmer EW 1.689). von Knorring 1855.55. - In den mit kuli bezeichneten Sacken wurde im 19. Jh. Getreide aus Rußland nach Finnland importiert; auch die Vokalentsprechung (u für u) bestätigt, daß es sich um eine junge Entlehnung handelt. Kuli bezeichnete vor allem einen gefüllten

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80 Mehlsack.

Mikkola 1894.56, 131 Karvinen 1910.118 Kalima 1956.80 SEES 2.233 Buoppila 1958.33f. Vuorela 1964.88 66. kuoma Volksdichtg. und scherzh. APT 0. - 186?: kuoma kamrat, fadder; afven smekord (Lönnrot 1.810) ON Kuǫmala Abl. kuomakset. kuomanen = Kamerad, Fremd, Kumpan, (dial.) Pate, Gevatter < Urrus., vgl. russ. ku m , kuma 'der Gevatter, die Gevatterin (ii Verhältnis zueinander und zu den Eltern des Taufkindes, aber nicht zu dem Taufkind selbst). Über die Etymologie des russ. Wortes be­ steht keine Einmütigkeit, s. die Lit. zu den verschiedenen Theorien bei Vasmer EW l.69l. Ahlqvist 1895.90. - Die Finnen entlehnten das Wort zu einer Zeit, als das russ. u noch nicht seinen heutigen Lautwert besaß, wahr­ scheinlich zu Beginn der christlichen Epoche in Bußland, in der Fon •koma (vgl. 5.1.2.3 .). Mikkola 1894.132 Kiparsky 1934.285 Mikkola 1938.65 Kiparsky 1948.32 Kalima 1956.42 , 80 Nirvi Vir. 1954.36 Kiparsky 1956.78 SKES 2.240 Kiparsky 1958.132 Kylstra 1961.120 67. kuomina dial. AFT 0. - 1867: kuomina. kuomino. kuomen loge (Lönnrot 1.810) ON Kuominamaki = Tenne < Urruss.,vgl. altruss. ’gumьno, russ. gumnó 'Tenne, Dreschtenne'. Gemeinslav., autochthones Wort (Vasmer EW l.321) Mechelin 1842. - Zum Vokalismus der 1. Silbe vgl. 5.1.2.3. In An­ betracht dessen, daß kuomina wegen seines uo früh entlehnt worden sein muß, ist es wahrscheinlicher, daß das i_ der zweiten Silbe Re­ flex eines alten ь ist und nicht, wie von Kalima 1956.81 alternativ angenommen, Einschubvokal. - Das Wort ist hauptsächlich in den ostfi. Dialekten gebräuchlich.

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Mikkola 1894.55, 110 und 1938.56 Kiparsky 1948.52, 44 Kalima 1956.42, 81 SKES 2.240 Nissilä 1959.3l Kylstra 1961.120 Kiparsky 1963-77 68. kuontalo 1789: Neitsyt Maaria Emonen/ Wisko willoja wesillen/ Kapaloita kuondaloita/ Selwälle meren selälleen (Ganander Mythol. Fen. 64). - 1745: euondalo pensum, totta (Juslenius 64); 1826: kuontalo Botn. Wib. pensum lini, hapsus nendi, Flachsknocke (Henvall l.255) = lockeres Büschel aus Flachs o.a., das man auf einmal auf den Spinnrocken zum Verspinnen setzt < urruss. *kǫdelь, vgl. russ. kudfelь, kudfel'a 'der zum Spinnen vor­ bereitete Flachs', vgl. auch kudélьnik 'Kunkel, Uocken, Rocken'. Gemeinslav. Wort, wohl verwandt mit kudèrь 'Locke' (Vasmer EW 1.680) Mechelin 1842. - Das Wort gibt den hinteren urruss. Nasalvokal £ wieder; Näheres s. 5.1.2.6. Der zweite Teil des Wortes (-alo) läßt sich sowohl durch Anpassung an die Vokalharmonie als auch durch Ana­ logiewirkung der fi. Wörter auf -alo erklären (vgl. 6.2.1.1.); wahr­ scheinlich haben beide Faktoren eine Rolle gespielt (dazu Mikkola 1894.150, Kalima 1956.81, Hakulinen 1968.159). Bemerkenswert ist, daß kuontalo in den fi. Dialekten trotz der frühen Entlehnung nur bis an die Grenze zu den westfi. Maa. hin verbreitet ist (Ruoppila 1967 Karte 79 und Vallinheimo 1956.53). Es gehört heute der Gemein­ sprache an. Lönnrot 1867:1.810 Mikkola 1894.47, 48, 150 Kiparsky 1948.56, 45 Kalima 1950a.64ff. und 1956.45-46, 81, 125f., 146 Kiparsky 1954a. 454, 1956.75ff. und 1958.150ff. SKES 2.240 Mägiste 1962.16 Kiparsky 1965.80, 81 Ruoppila 1967-94 69- kuosali ethnol. AFT ȋó. - 1867: kuosali, kuoseli spinnredskap, bestående af: 1. kan­ ta 'sätet', 2. warsi 'skaftet', 5. lapa 'på. hvilken totten bindes', 4. wärttinä 'snurran, spolen, slanden', 5. kehrä 'ringen fästad i ändan på wärttinä for att med sin tyngd underhjelpa rullningen' (Lönnrot 1.812)

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= = Spinnrocken, ein Spinngerat mit rechtwinkligem Gestell, an dessen schaufelartigem Oberteil das Spinngut befestigt wurde und auf dessen Unterteil man beim Arbeiten saB < Urruss., vgl. russ. kúželь (prov.) '5-10 Fitzen, Strähnen Flachs oder Hanf', 2. 'der zum Spinnen vorbereitete Flachs'. Kalima gibt auch kúžalь als Original an; eine solche Form ließ sich jedoch in den mir zugänglichen russ. Wörterbüchern nicht nachweisen. Verwandte des russ. Wortes gibt es in allen drei slav. Sprachgruppen, doch ist sein Ursprung nicht klar. Mikkolas Erklärungen von 1894.131 und 1938.29 werden von Vasmer abgelehnt (EW 1.682). Thomsen 1890.192. - Kuosali (< *kosali) spiegelt das nach Entnasalierung des *£ im Urruss. zunächst entstandene jo wider, das später zu u wurde. Fi. kuosali und kuoseli kommen hauptsächlich in den ostfi. Dialekten vor und können dort sowohl den Spinnrocken allein als auch das ganze Gerät mit Sitzbrett, Hocken und Spindel bezeichnen. Diejenigen Maa., in denen kuosali das ganze Gerat bedeutet, haben nach Mikkola 1938.64 im Vergleich zu den russ. Dialekten, wo kùželь nur noch den Flachswickel bezeichnet, den alteren Zustand bewahrt. Mikkola 1894.47, 55, 1 5 1 Setala 19 16 .5 4 Kiparsky 1948.56 Kalima 1950a.65 und 1956.45 , 81 SKES 2.241 Kiparsky 1965.80 70. kupetsi dial. AFT Ů. - 1867: kupitsa handlande (Lonnrot 1.815) = Händler, Kaufmann < russ. kupèc ( < *kupьcь), Gen. kupca 'Kaufmann, -herr, Handels­ mann', zu kupítь 'kaufen' (Vasmer EW 1.695) Karvinen 1910.118. - Die Form kupetsi tritt in der Literatur und in den Dialekten nur spärlich auf. Das Archiv der Worterbuchstiftung enthält nur aus Parikkala einen Beleg: kupetsi 'Großkaufmann’, und aus Viipuri hat Karvinen es aufgezeichnet (loc.cit.). Mikkola, Ka­ lima und SKES 2.242 haben nur das von Lönnrot a.a.O. erwähnte ku­ pitsa behandelt. Sillman 1917.154 führt außerdem ostfi. kupsa 'id.' an, das ebenfalls auf russ. kupèc zurückgeht. Zur unterschiedlichen Behandlung der Endung -ec in diesen Wörtern s. 6.2.1.2. Mikkola 1894.152 Kalima 1956.84 Karste-Liikkanen 1968.282

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71. kurgaani AFT 0. - AFW 0 = Grabhügel oder größerer FriedhofshügeI, wie sie in der eurasischen Steppenzone allgemein sind < russ. kurKan 'Hügel, Grabhügel', wahrscheinlich < alttürk, kur^an (Vasmer EW 1.698) Im Finnischen ist das Wort eine schriftl. Entlehnung und gehört der Fachsprache der Archäologen an. ÜTS 11.654 72. kussakka Volksdicht. AFT 0. - 1787: pussakka Carel. idem ac wyo - gjordel (Ganander 2. 426a)i 1867: kussakka, pussakka, ussakka Lonnrot l.820, 2.284, 843) ON Kussakkoni emi = Gürtel aus Garn < russ. kušák 'Gurt, Leibbinde’, < osman. krimtat. kusák 'Gürtel' (Vasmer EW 1.709). Mechelin 1842. - Die Formen pussakka und ussakka beruhen auf Dis­ similation (s. 5.2.8.). Die Verwendung dieser Wörter in den Dia­ lekten ist auf das südostfi. Gebiet beschrankt, s. Ruoppila 1967 Karte 59. Neovius VK 12.33 Mikkola 1894.133 Sirelius bei Harkönen 1910:2.55 Kalima 1956.85 SKES 2.248 Ruoppila 1967.54 73. kutri haupts. gehob. Dichterspr. AFT jtf. - 1867: kutra. kutre, kutri hårlock (Lönnrot 1.822) Abi. kutrinen = Locke, (bes. Pl.:) (lockiges, welliges) Haar < russ. kúdri. Pl. von kudferь und kudŕá 'Locke, Haarlocke', gemeinslav. Wort, zu kudèlь (Vasmer EW 1.681) Lonnrot loc.cit. - Das Wort ist wahrscheinlich spät übernommen wor­ den und durch die Sprache der Russisch-Karelier ine Kalevala und von dort in die Dichtersprache gelangt.

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Th.S. Valvoja 1887.506 Mikkola 1894.150 und 1938-64 Kalima 1956.

85 SKES 2.249 Ruoppila 1964.25 74. kuuritsa AFT 0. - 1886: kuritsa puls- 1. vadnot (kierrenuotta) (dock väl ngt olik), kuurnitsa handnät (kädistelynuotta) (Lonnr. lis. 75 , 76) ON Kuuritsarannat = kleines, zugnetzartiges Fanggerat (Fischereiterminus) < russ. kúrica (Nordrußland) 'eine Hechtfalle' Name und Herkunft der Sache wurden erstmals von Sirelius 1906a. 3lf. erklärt, linguistisch aber erst von Mägiste 1955-15 näher unter­ sucht. Er betrachtete kuuritsa aufgrund seiner Verbreitung und we­ gen des ts in weps. kuŕitš als "ziemlich altes Lehnwort' , obgleich keine unmittelbaren chronologischen Kriterien vorhanden sind und das Wort "(nur vorläufig?) im Kar.-ol. und Wotischen nicht vorliegt". Auf jeden Fall vertritt kuuritsa eine jüngere Gruppe von Lehnwörtern als z.B. kuoma, und die Lange des u erklärt sich aus dem russ. Ak­ zent. Das offensichtlich höhere Alter des weps. Wortes spricht nicht gegen diese Annahme, und Mägiste selbst schließt die Möglichkeit paralleler Entlehnung zu verschiedenen Zeitpunkten nicht aus. Das Wort kommt haupts. in den sudkar. Dialekten vor. Nissila 1939.198 SKES 2.251 75. kvassi AFT 0. - 1867: vaassa qvas, svagdricka, spisöl (Lönnrot 2.859) = bierartiges russisches Getränk, Kwaß < russ. kvas 'Kwaß (säuerliches Getränk aus gesäuertem Schwarz­ brotteig oder aus Schwarzbrot mit Malz)', gemeinslav. Wort, urverw. mit lat. easeus 'Käse' (Vasmer EW 1.546) von Knorring 1855.54 (qwas). - Bei kvassi handelt es sich um eine ganz junge, schriftliche Entlehnung im Gegensatz zu dem von Lönn­ rot erwähnten, ebenfalls auf russ. kvas zuruckgehenden vaassa (Nr. 521), das in der Volkssprache lautlich angepaßt wurde. ITS 7-485

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76. käämi AFT 0. - 1745: kaämi rádius textoris, wäfspole (Juslenius 140); 1867: käämi, kääwi väfspole, spole (Lönnrot 1.861, 863) Abl. käämiintyä, käämija, käämistö. käämittää, käämitys. käämiä = Weberspule, Röhre aus Papier, Holz, Schilf oder Blech, die beim Weben in das Weberschiffchen eingesetzt und um die das Einschußgarn gewickelt wird < urruss. *kěv a , *kěvь, vgl. russ. dial. keva, altruss. cěvъka, russ. ssp. cévka 'Spule (im Weberschiff), Weberspule; Spille, Röh­ re; Schienbein des Pferdes u.a.'; gemeinslav. Wort (s. Vasmer EW 3.286) < balto-slav. *kōi-uā, *(s)kēi-uā, *(s)koi-ua (Pokorný 920) Posti 1959« - Einige Forscher hatten mit wenig Erfolg versucht, für fi. käämi Entsprechungen aus anderen fiugr. Sprachen zu finden (s. die Lit.-angaben bei Posti, op.cit.). Posti selbst betrachtete fi. kaämi als Lehnwort aus altruss. *cěvь. Zwar paßt das fi. S gut zu dem £ der angenommenen altruss. Form, und fi. m laßt sich durch Lautwechsel v — m erklären (die übrigen osf. Formen lauten kar. keami, ol. kiami, lüd. kiam, -mi, weps. kam, wot. tšavi, -ve, estn. kaav). doch überzeugt Posti nicht mit seiner Erklärung, die die Beziehung fi. k - russ. £ als Lautsubstitution deutet, denn russ. c_ ist im Fi. sonst immer durch ts wiedergegeben worden (vgl. 5.2.4.). Shevelov 1964.302 sah in estn. käav den Reflex eines noch nicht assibilierten slav. Velaren. Diese Auffassung wies Kiparsky 1969-432 zurück - m.E. zu Unrecht, denn wenn man die zweite Palatalisierung - wie Shevelov - für das 6.-7. Jh. und den Beginn der fi.-russ. Kon­ takte - wie Kiparsky - für eben dieselbe Zeit ansetzt, ist es doch durchaus möglich, daß noch eine Form mit unverändertem Velar vor ins Fi. gelangen konnte. Die beste Erklarungsmöglichkeit für das fi. anl. k- bietet die nordwestgroßruss. Dialektalform keva. die sich neben weiteren Beispielen mit russ. k vor S. < S-2 bis in die heutige Zeit erhalten hat (s. Gluskina 1966 und Stieber 1968, die zeigen, daß die zweite Palatali­ sierung der Velare in den russ. Dialekten stellenweise überhaupt nicht, stellenweise nur unvollkommen durchgeführt worden ist; vgl. auch Birnbaum 1970 .43 ). Die Entsprechung a < uo aber schon lange vor Beginn der fi.-russ. Kontakte abgeschlossen war. Deshalb hat Wiklund 1896.46 lit. Ursprung erwogen (vgl. lit. lóva). Gegen diese Annahme wiederum spricht, daß balt. ō im Urfi. regelmäßig mit ō (> uo) wiedergegeben wird (s. Kalima 1936.66). Im letztgenannten Werk S. 131 hat Kalima die Aspekte baltischer Herkunft von lava erörtert; 1956.87 reiht er das Wort ohne Fragezeichen unter die

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russ. Lehnwörter ein, da es sich lautlich am besten aus dieser Quelle erklären lasse. - Handschr. Belege des fi. Wortes aus Gerichtsbe­ richten des 17. Jhs. hat M.Jokipii in der Zeitschrift Satak. 17.44 zusammengestellt. Lonnrot 1867:1.903 Jacobsohn 1925.270 Mikkola 1938.65 Kalima 1956. 34, 87 SKES 2.283 83- lavitsa, lautsa gehob. Dichterspr., dial.

1738 : nijn myos speltin, klasit, pitkan poydan ja lawitzan (Forseen 153). - 1637: lavitza sedile, Stuel (Schroderus 36); 1678: laawitza (Florinus 28); Jusl. lis. 58: lawitza los bank med 4 fotter at hafwa wid bord, stol utan karm el. med brädkarm; 1787: laawitza, lawihta, lawitta (Ganander 2.4b, 37b); 1867: lautsa (Lönnrot 1.902); 1886: lautsi (Rk.) (Lonnr. lis. 85) = Sitz- oder Schlafbank < russ. lävica 'feste, unbewegliche Bank, Sitzbrett an der Wand; manchmal auch transportable Bank mit Beinen' (Dal' 2.251), zu láva (Nr. 82) Dobrovský. - Das frühe Auftreten in den Wörterbüchern konnte An­ zeichen alter Entlehnung sein, ebenso, daß es in den Dialekten heute weit verbreitet und in allen osf. Sprachen außer dem Wot. vorhanden ist. Zum kurzen a vor v s. 5.1.2.1. - In lautsa ist i durch Synkope ausgefallen und v daraufhin zu u geworden. »



Thomsen 1890.209 Mikkola 1894.51, 134 und 1938.65 Kalima 1956.88 SKES 2.284 84. leima AFT 0. - 1867: leima, leimo, leimu stämpel, sigill; stämpel 1. stamp, hvarmed ngt. stämplas, leimatu stampla, krona (mått, vigt o.dyl.) (Lönnrot 1.909) Abl. leimaa.ia. leimaamaton. leimallinen. 1 e imanant av a , leimasin, leimata. leimaus, leimautella, leimauttaa. leimautua, leimikko, leimoittaa 1. Stempel, Prägung, Zeichen, das auf einen Gegenstand geschlagen,

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gepreßt, gebrannt o. mit einem besonderen Stempel gedruckt wird, (selten) ein fertig auf Papier gedruckter Aufkleber, der Besitzer, Ursprung o. Tauglichkeit bezeichnet, 2. (Übertr.) a. wesentlicher, charakteristischer Eindruck, den jm e vermutet (1894.57). Die­ sem Gedanken ist erst Kalírna 195l.424ff. gefolgt. Ausgehend von der Annahme, daß allein fi. niekka kein Beweis für eine Lautent­ sprechung fi. ie_ < russ. i_ sein kann, betrachtete er die russ. dial. Form rodnekam (Instr. Pl. pro ssp. rodnikami, Bed. im Kon­ text 'Verwandte') aus Wjatka als Indiz für die Existenz eines russ. dial. Suffixes -nek bzw. -něk, das der Entlehnung hatte zu­ grundeliegen können. Der von Kiparsky später vorgebrachte Einwand, rodnik bedeute im ssp. Russischen 'Quelle' (1964.117), ist nicht stichhaltig. Da wir es mit einem Dialektwort zu tun haben, müssen wir auch mit der dial. Bedeutung arbeiten, die von Dal' 4.12 für rodnik aus Archangelsk und Wjatka (!) und von Pawlowsky mit "(prov.) 'Verwandter, Angehöriger'" angegeben wird. Es besteht also keine Notwendigkeit, wie Kiparsky anzunehmen, [rodnekam] stehe in dem von Kalima benutzten Wjatkatext für *rodńakám, das er aufgrund von ukr. ridnjak 'parent' postuliert. Weiterhin nahm Kalima an, daß das russ. Suffix in der Gestalt -nek auch weiter westlich von Wjatka vorgekommen sei und dort den Aus­ gangspunkt der fi. Entlehnung gebildet habe. Da das Suffix auf osf. Seite nur im 01. und Fi. inl. i£, in den anderen Sprachen dagegen i^ hat, hielt Kalima es für möglich, daß -niekka durch Vermittlung des 01. ins Fi. gelangt ist (loc.cit.). Für die Existenz eines dial. -nek sprechen mehrere Umstande. R. Peltola hat zur Unterstützung der -nek-Theorie einige Fälle von russ. dial. e_ für ssp. i zusammengestellt (Vir. 1955.220). Einen

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weiteren Anhaltspunkt scheint das alte Schriftfinnische zu bieten. In einem Hirtenbrief aus d.J. 1687 fordert J.Gezelius, 168I-1689 Superintendent in Narva, die finnischsprachigen Orthodoxen von In­ germanland auf, zum lutherischen Glauben überzutreten (Uscollinen Hanaus Nijlle cuin Suomenkielda puhuwat^.., Hist, asiak. 115ff.), und kritisiert in diesem Zusammenhang die schlechten Sitten der russ. Priester. Auf S. 117 heißt es: "... usein tayty teidan toimitta heille teidan Pijrackojan, ja taytta heidän Praszneckins Olu4/ ella ja pal an Wijnalla" ' . Dieses Wort, das heute im Fi. und Kar. praasniekka lautet und dem kirchlichen russ. Wortschatz entstammt (< prázdník 'Feiertag, Fest', Nr. 176), dürfte kaum als unkorrekte Schreibweise zu interpretieren sein, sondern die gesuchte russ. Dialektalform -nek in *[prazdnek ] zum Vorbild haben. In dieselbe Richtung weisen die drei südestn. Formen Moiseneck 'Edelmann', Kessineck 'Bürge' und Püsseneck 'Schütze' aus d.J. 1648 (Mägiste 1962.18, 28), die aus estn. Wörtern (im letzten Fall einem Lehn­ wort) und dem entlehnten russ. Suffix bestehen. Alle drei bezeichnen Vertreter einer bestimmten Menschengruppe. Wie können nun fi. -niekka und russ. dial. -nek lautlich miteinan­ der in Einklang gebracht werden? Eine Sichtung der Lehnwörter, die auf russ. Originale mit inl. £ und £ zurückgehen, zeigt, daß fi. i£ nur auf betontes russ. £, nicht aber auf £ zurückgehen kann. Kalírna 1956 nennt allerdings drei Beispiele mit osf. i£ für bet. russ. £: lüd. pietl1 < russ. pètl'a (S.27), ol. kadrieli < russ. dial. kadrèlь für ssp. kadrílь und ol. mund'ieri < russ. dial. mund'er für ssp. mundir (S. 40), vgl. estn. munder (Wiedemann). Am einfachsten wäre es, fi. -niekka mit Hilfe eines russ. -něk zu erklären, wie Kalima 1951.424ff. es zunächst versucht hat, denn auch im 01. und Lüd. ist gewöhnlich i£ die Entsprechung für russ. £. Eine solche Variante kann jedoch nicht angenommen werden, da der Vokal in russ. -nik auf älteres *£i weist und russ. £ nur aus ieur. *£, *ai und *oi entstehen konnte, vgl. Kiparsky op.cit., 117Ansatzpunkt der Überlegungen kann also nur russ. -nek sein. Daß russ. £ zuweilen ol. i£ ergeben konnte, zeigen die drei oben er­ wähnten Beispiele, in denen allerdings betontes russ. £ vorliegt. Das Suffix -nik tritt nun im Euss. mit und ohne Betonung auf. So

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bieten sich letztlich zwei Möglichkeiten der Erklärung, die beide durch sprachliche Tatsachen gerechtfertigt werden: Einerseits kann fi., ol. -niekka auf russ. dial. -nék zuriickgehen, und ande­ rerseits kann das russ. Suffix von den Olonetzer Kareliern, die es den Finnen weitergegeben haben dürften, als selbständiges Wort aufgefaßt worden sein, das als solches ja betont war. Als selbständiges Wort wird niekka bei seinem ersten Auftauchen in einem altfi. Wörterbuch (Ganander, s.o.) behandelt, und auch im NS wird es als Nomen aus Werken von Kivi und Kianto erwähnt. Die beiden ältesten Belege aus der Schriftsprache bieten je ein Beispiel für selbständigen und unselbständigen Gebrauch. Im übrigen stimmt der Verwendungsbereich des fi. Suffixes mit dem des russischen noch heute weitgehend überein. Das russ. Suffix ist relativ spat in die einzelnen osf. Sprachen entlehnt worden. Es lautet kar. N -niekka, sonst -ńikka, weps., estn. und lüd. -nik bzw. -ńik, liv. -nikka, wot. -nikka. In der Form mit inl. i_ geht es auf russ. ssp. -nik zurück und wurde auch in andere europäische Sprachen und ins amerikanische Englisch ent­ lehnt (s. Kiparsky op.cit.)Ahlqvist 1857-90 Lönnrot 1867:2.1? Mikkola 1894.57 und 1938.33 Kalima 1956.39f., 98f. Nirvi 1960.142 Mägiste 1968.11, 12, 13, 14,

15, 16, 17 118. nietu umg. AFT 0. - 1867: niettu brist (Lönnrot 2.18); 1886: nietu tvist, strid, kif, trata; tulí nietu (Lönnr. lis. lll). Unter beiden Stichwörtern wird ein Hinweis auf russ. nět gegeben. nietu hat ein unvollständiges Paradigma; die Bed. erhellt aus dem Beispiel "Se on nietua'1 'daraus wird nichts, das ist leeres Ge­ rede (o.a.)'. Nach SKES 2.377 ist es ein Verneinungswort aus dem dial. und saloppen Sprachgebrauch, das auch als negative Antwort auf eine Aufforderung hin gebraucht wird und in folgenden Wendun­ gen vorkommt: jopa tuli nietu '(Waren, Geld) sind alle, ausgegan­ gen', nietussa 'alle, zu Ende', ei nietuakaan 'nicht im gering­ sten, gar nicht(s)'. < russ. (volksspr.) nétu, altruss. nětu 'es gibt nicht, ist nicht

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da', aus älterem *ne je tu (Vasmer EW 2.215) Lönnrot loc.cit. - Zum Vokal der ersten Silbe s. 5.1.2.4. Ol. ńietu und weps. ńétu 'es gibt nicht, ist nicht da' zeigen noch die ursprüngliche Bedeutung. Ojansuu 1904.111 Wessman Folkmålstudier 17-18.85 Kanrinen 1910. 125 SKES 2.577

1 1 9 . nuusa dial. AFT Ů. - 1826: nuusa Mangel (Renvall 2.21) = Mangel < russ. dial. núža 'Dürftigkeit, Armut, äußerste Not, Bedrängnis, hartes Los; Bedürfnis', verwandt mit *nuda 'Zwang, Leiden' (Vasmer EW 2.250) Sjögren 1828, s. Sjögren GS 158. - Fi. u ist hier aus bet. russ. u entstanden. Das Wort ist vor allem in Kainuu bekannt und wurde ins NS aufgrund seines Vorkommens in Werken von I.Kianto aufgenommen. Lönnrot 1867:2.46 Mikkola 1894.146 Raisanen Vir. 1965.41 SKES 2.405 120. nuusniekka dial. AFT JÖ. - 1886: nuusniekka aftrade (Lonnr. lis. 114) = Abtritt, Toilette < russ. núžnik 'der Abtritt, das heimliche Gemach'; zu núža (Nr. 119) Lonnr. lis. loc.cit. - Das fi. Wort war besonders um die Jahrhun­ dertwende auf der Kar. Landenge gebräuchlich. Es ist vermutlich wahrend der sog. Villenperiode bei der fi. Bevölkerung bekannt ge­ worden und gehört somit zu den jüngsten Entlehnungen.. Karvinen 1910.121 Ruoppila 1958.19 SKES 2.406 121. nuutua AFT 0. - 1787: nuutua swin som går med trynet ned; nuutunut adj. inbiten af orenlighet (Ganander 2.276a); 1867: nuutaa afmatta; luta af matthet, luta nedåt; nuutua utmattas, förvissna, aftyna,

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förtvina, afmagra; sina; kala nuutuu liassa fisken får fadd smak i orenlighet; nuutunut kala säges om osaltad fisk då den blifvit gammal; lehma nuutuu kon sinar; 2. smutsas, suddas (Lönnrot 2.47) = l. (von Pflanzen:) vertrocknen, welken, 2. (iibertr. von Menschen und Tieren:) ermüden, verkümmern, siechen, ermatten. (Von der Ge­ mütsverfassung:) niedergeschlagen, gleichgültig werden, erlahmen Vahros 1968. - Das Wort ist in O-Finnland verbreitet und nach Vahros identisch mit kar. ńuuduo 'verwelken (von Pflanzen); ermüden, ermatten, hinsiechen (von Menschen und Tieren)'. Das kar. Verb ist von dem kar. Subst. ńuuda 'Krankheit, Gebrechen, Plage, Kümmerlich­ keit' abgeleitet, das Vahros als Entlehnung aus russ. nuda betrach­ tet. Russ. núdá bezeichnet physisches und psychisches Unwohlsein. Von den heutigen Bedeutungen des fi.-kar. Verbs muß also zumindest das 'Verwelken von Pflanzen' unabhängig vom Russischen entstanden sein. - Vahros' Darstellung laßt das Anlautproblem außer acht. Eine Entsprechung kar. ń für russ. hartes n ist ungewöhnlich und laßt die Zusammengehörigkeit der fi.-kar. Wörter mit dem russ. Wort zu­ mindest fraglich erscheinen. SKES 2.406 122. opotta volksspr. AFT 0. - 1787: obotta (Carel.) inhägnad, hage uti andras eller på Crono marek - agellus clausus - claustrum in fundo regio 1. alieno (Ganander 2.281a); 1867: obotta, opatto, opotta instängd täppa, gärde, hage, beteshage (Lönnrot 2.63, 95, 97) ON Opotta, Opotanmäki, -lahti, 1766 Hopotta = eingezäunter Platz für Pferde < russ. óbod (prov.) 'eingefriedigter, umzäunter Ort, Raum, Platz', von urslav. *obvodъ, zu ob- und vedú (Vasmer EW 2.242) von Knorring 1835.53. - Das Wort ist in Urkunden vom Ende des 17* Jhs. belegt und heute vor allem in Ostfinnland gebräuchlich. Auf der Kar. Landenge ist es Bestandteil zahlreicher Flurnamen (vgl. Nissila Kaukomieli 7.82). Die Vokalentsprechungen weisen auf spate Entlehnung. Mikkola 1894.38, 147 Nissila 1939-229 E.A.Virtanen 1949-72 Kalima

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1956.100 Nissilä 1956.55 SKES 2.434 123. orehka, orehti volksspr. va. AFT 0. - 1867: orehki hasselnöt (Lönnrot 2.100); 1886: orehka prenika (Lönnr. lis. 118) = Pfefferkuchen, die früher aus Rußland nach Finnland importiert wurden < russ. oréch (< orěch) 'die Nuß (Frucht und Baum)', gemeinslav. Wort mit Verwandten im Balt. (Vasmer EW 2.276) Lönnrot loc.cit. - Die abweichende Bed. des fi. Wortes kann nach Ansicht Wessmans 1909.58 durch falsche Deutung der Verbindung orechi i pŕaniki aufgekommen sein; Ruoppila 1958.19 scheint Bed.verschiebung mit einer Zwischenstufe 'Nußgebäck' enzunehmen. Dia­ lektal tritt stellenweise die Bed. 'Süßigkeit' auf, was auf stär­ kere Verallgemeinerung des Begriffs hindeutet. Ruoppila 1956.114 SKES 2.436 Karste-Liikkanen 1968.283 124. otva AFT 0. - 1886: otwa ledbom vid stockflötning 1. vid deras upp­ dragning på land, otwake = otwa, otwe afvisare, otwo (flötningsterm) träd med hal yta, som placeras till ledare i mynningen af en vik eller mot en skroflig strand (Lönnr. lis. 118) Abi. otvittaa = ein bes. bei der Bachflößerei gebrauchter Baum, der gew. mit einem Ende am Ufer der Floßrinne befestigt ist und die geflößten Stämme in der Strömung halten soll < russ. otvód 'Vorrichtung zur Verhütung einer Beschädigung, eines Unfalls u.a.1, zu otvodítь 'wegbringen, -führen, ablenken, ablei­ ten' * Rytkonen 1940.68. - In den fi. Dialekten existieren mehrere Ablei­ tungen, von denen otvotoija ein Grundwort *otvotta voraussetzt, das lautlich genau dem russ. Original entspricht. Demgegenüber sind otva und otvo aus dem als Nom.Pl. interpretierten [otvot ] abstrahierte Singularformen (zu dieser Erscheinung s. 6.2.7.).

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Otva bezeichnet in den Dialekten auch andere Leitvorrichtungen und ist trotz seiner spaten Entlehnung in Finnland weit verbrei­ tet (Worterbuchstiftung). Turunen 1959.102 Talve Satak. 17-264 125. pajari histor., Parallelform bojaari AFT 0. - 1 7 8 7 pajari Euthen. bajar l. vojaar - nobilis (Genander 2.509a) ON Pajarila, Pajarinkoski, PN Pajari 1558 = russischer Aristokrat < russ. bojárin, dial. bójar, bojar, Pl. bojare 'Bojar (ehedem Würdenträger des Reichs, vornehme Standesperson), der Große, Vor­ nehme; der Herr (als der gebietende), gnädiger Herr (als Anrede der Domestiken)'; die Etymologie ist unklar (Vasmer EW 1.114Í.). Ganander loc.cit. - Der Entlehnung kann sowohl eine der o.g. russ. Dialektalformen als auch die schriftsprachliche bojárin zugrunde­ gelegen haben. Im ersten Falle wäre auf fi. Seite i^ als Auslautvokal angefügt, im letzteren das russ. Wort als Genitivform auf­ gefaßt und der Nominativ durch Weglassen des -n rekonstruiert worder (vgl. 6.2.7.). - Fi. a für russ. o entspricht der Lautwieder­ gabe in älteren Lehnwörtern, kann aber ebensogut unbet. russ. o in einer jüngeren Entlehnung reflektieren. Fi. bojaari ist das Ergeb­ nis spater schriftlicher Entlehnung. Lönnrot 1867:1.131 Mikkola 1894.92 und 1938.52 Nissila 1939-382 Kalima 1956.101 Nissila 1956.63 SKES 2.465 Nissila Vir. 1964.580 126. pajattaa onom. volksspr. 1788: Te pajatatte ja leickitzette nijncuin lapset (Hist, asiak. 250). - 1867: paajia tala, prata, pajata tala oafbrutet, pajattaa åstadkomma ljud, ljuda, tala, slamra, sladdra, jemra sig, sjunga enformigt (ryska visor), sjunga (Lönnrot 2.114, 131); 1886: pajata sjunga (Lonnr. lis. 120) = von andauerndem, schnellem, eintönigen o.a. Sprechen: schwatzen, brabbeln; bes. vom Sprechen der Russen und Ostkarelier; (volks­

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118 dicht.) singen

< Urruss., vgl. russ. bájatь 'reden, sprechen', gemeinslav. Wort mit Verwandten im Griech. und Lat. (Vasmer EU 1.66) Ahlqvist 1856.142. - Wegen des anl. auch in den Übrigen osf. Sprachen, die in den jüngeren russ. Lehnwörtern b für russ. b setzen, ist das Verb als alte Entlehnung anzusehen. Dafür spricht auch der kurze Vokal der ersten Silbe vor (vgl. 5 .1.2 .1.). Da­ gegen dürfte fi. paajia (Lönnrot) spater übernommen worden sein. nikkola 1894.55, 85 und 1958.48 Kalima 1959-40.45 Siro 1949.llff. Kalima 1956.54, 101 SEES 2.465 127. pakana

1545 -44 : Ja caiki pacanat tundekan/ ette sine Jumala ölet (Agr. 1.164). - 1657: pakana der Heide (Schroderus 15) Abl. pakanallinen, pakanallistua, pakanasti, pakanoitua. pakanuus = der Heide, von Menschen, die den christl. Glauben nicht anerken­ nen und nicht zur christl. Kirche gehören (im engeren Sinne jedoch nicht von Juden und Mohammedanern); be s . von derartigen Naturvölkern; im alten Testament namentlich von Nicht-Juden; Götzendiener, Ungläu­ biger. - Spez. von Mitgliedern der christl. Gesellschaft o. (getauf­ ten) Personen, die nicht zur Kirche gehören und sich religiösen An­ gelegenheiten gegenüber gleichgültig verhalten; auch von ungetauften Kindern. Wird auch in übertr. Bed. und als mildes Kraftwort gebraucht. < Urruss., vgl. altruss. poganъ 'heidnisch', russ. pogányj 'unrein, unflätig, garstig, ekelhaft; heidnisch, nicht christlich', pógànь ■Garstigkeit, das Ekelhafte, Abscheuliche; (coll.) Ungeziefer', poKan 'Gewürm, Kröte, Schlange', poganin (va. und Vestrufiland) 'der Unreine; Heide', von lat. paganus 'ländlich, heidnisch, Landbewohner' (Vasmer EU 2.581). Zur Sinngeschichte s. Schröpfer 1964.482 , 485. Europaeus 1782. - Dem fi. Wort steht altruss. poganъ 'heidnisch' lautlich und bedeutungsmäBig am nächsten. Im Fi. ist - ähnlich wie im Slav., jedoch in weit geringerem Ma£e - eine Bed.-entwicklung zun Pejorativen hin zu beobachten. Fi. pakana gehört zur früh entlehnten christl. Terminologie.

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Lönnrot 186?:2.132 flikkola 1894.56, 73» 152 und 1938.21, A5, 72 Kalima 1956.25, 50, 60, lOl, 149 SKES 2.466 Ikola 1968.500 128. pakra volksspr. AFT 0. - 1867: pakra, pakrain båtshake, harpun, ljusterjern, po­ kora brandhake (Lönnrot 2.157, 254) = (Flöß-)Haken, Arbeitsgerät mit Zug- und Stoßhaken o. einer ent­ sprechend abgerundeten Stahlspitze am Ende einer langen Stange, das bei der Baumfloßerei u.a. verwendet wird < russ. bagór. Gen. bagra 'Boots-, Fischhaken (teils zum Heben großer Fische aus dem Fischkasten, teils zum Fangen), Stör-, Hau­ senhaken; Hakenstange'-, russ. dial. (Kulikovskij 2) bagró. Die Etymologie ist umstritten, s. Vasmer EW l.57. Mechelin 1842. - Lautliche Kriterien (fi. kurzes a für russ. a ) , spates Auftauchen in den Wörterbüchern und Verbreitung in den Dia­ lekten (s. Karte im Anhang) bezeugen spate Entlehnung. Das ssp. pakra geht auf einen Kasus obliquus, die südostfi. Variante pokora auf den Nom.Sg. einer hyperkorrekten nordgroßruss. Dialektalform (mit o anstelle von a in der ersten Silbe) zurück. - Fi. pakrain ist nach dem Muster der fi. Substantive auf -in, die häufig Werk­ zeuge bezeichnen, umgestaltet worden (vgl. 6.2.1.1.). Nirvi Vir. 1936.26 Kalima 1956.101 SKES 2.471 Vuorela 1964.IAO 129- palsta AFT 16. - 1745: palsta orbita rotae, hjul-loet (Juslenius 257); 1867: palsta afskuret stycke, långt och smalt stycke, skifva; hjullot, lot, skena; hyllbrade; skifte, andel af jordstycke, teg; spalt, kolumn (Lönnrot 2.146); 1886: palste = palsta (Lonnr. lis. 121 ) Abl. palstanne, palstoa, palstoittaa, palstoittain = l. begrenztes Land- o. Wald- (selten Wasser-)Gebiet (das besitzmäßig selbständig ist o. zu einer größeren Gesamtheit gehört), Parzelle, 2. Spalte in Zeitung o. Buch, 5. (selten allg.) Teile, aus denen etw. zusammengesetzt o. gebaut ist

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.20

Mechelin 1842. - Der Gedanke, fi. palsta komme von russ. polosa 'Streifen; Strich (Landes); Himmelsstrich, Zone' wurde von Ahlqvist 1857.95 und Weske 1890.202 vertreten, von Mikkola 1894.45, 154 und Kalírna 1956.107 aus lautlichen Gründen jedoch abgelehnt. Lönnrot loc.cit. und Wiklund Nord. Stud. 164 hielten russ. plast 'Schicht, Lage, Lager, Flöz; Scheibe, Stück' für das Original des fi. Wortes. Beim Vergleich mit diesem Wort treten aber neben laut­ lichen auch semantische Schwierigkeiten auf. Die russ. Herkunft von fi. palsta erscheint also zweifelhaft. Die heutige Bed. 'Ko­ lumne' ist wahrscheinlich auf den Einfluß von schwed. spalt 'id.' zurückzuführen (SKES 2.478f.). Mägiste 1955.llf. 130. palttina 1774: hienot Hollandin palttinat ... Erinomattain owat Hamppuiset palttinat paljoa terwellisemät ja lujemat Pellawaisia (Almanakka B 2a-b). - 1745: palttina linteum, lärfft: tweskafft lärfft, rent linne (Juslenius 257) Abi. palttinainen = Leinen, (gew. weißes) zweischäftiges Leinen-, Halbleinen- o. heutzutage bes. Baumwollgewebe; (in der Weberei) zweischäftiges Grundgewebe, in dem jeder Ketten- und Einschußfaden abwechselnd uber und unter dem jeweils zweiten Faden kreuzt < Urruss., vgl. altruss. pǫlotьno (< urslav. *poltьno) , russ. polotnó 'Leinwand; der Grund (vom farbigen Zeuge)', urverw. mit aind. und evtl. mhd. Wörtern, s. Vasmer EW 2.397Europaeus 1782. - Das Wort gehört zur alten Lehnwortschicht. Es ist auch im Värmland-Dialekt belegt, fehlt aber merkwürdigerweise in S-Karelien (Kar. Landenge). Ursprünglich ostfinnisch (s. Ruoppila 1967 Karte 34), ist es heute durch Vermittlung der Schrift­ sprache auch in Westfinnland bekannt. Zur Wiedergabe des Vollauts s. 5.1.1.4. Das fi. i^ ist die direkte Entsprechung des urruss. jь. Lönnrot 1867:2.147 Mikkola 1894.41, 43, 45, 63, 75» 154 Kalima 1929.154ff. Mikkola 1938.25, 36, 44, 73 Vasmer ZslPh 15.452 Kalima 1939-40.43 und 1956.29, 30, 31, 32, 59, 101 Posti 1954.7 Kiparsky

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1956.74 SKES 2.479 Ruoppila 1967.55f.

1 5 1 . paperossi AFT IÓ. - 1867: papirossi papyros (Lönnrot 2.154) = Zigarette(mit Pappröhrchen) < ruse. papirósa < poln. papieros (Vasmer EW 2.512) Laut SKES 5.488 wurde das Wort im Schriftfi. früher papyrossi geschrieben. Wohl weil das entsprechende Wort im Schwed. papyros(s), papiross lautet, nahmen die Autoren des SKES an, daß das Lehnwort teilweise durch schwed. Vermittlung ins Fi. gelangt sei. Das e des fi. Wortes, das auch in einigen fi. dialektalen, direkt auf das Russ. zuruckgehenden Varianten steht (paperoska, paperosku. poperosku, paperossu neben papirosku) . scheint indes auf eine russ. dial. Form paperósa hinzuweisen (vgl. Dal' 5.16 papára = papír). Im Soldatenslang bedeutet paperossi 'russischer Soldat'. ITS 9.1029 S.Hämalainen 1965.156 152. pappi 1545-44: Hyue Pappi luetta teste/ wisust Canssas ilman este (Agr. 1.92). - 1644: saoerdos, präst, pappi (Var. rer. voc. 58) ON Papinsaari. Papinlahti, Pappilanranta Abi. papiato. papitar, papiton, pappeus, pappila, pappilaiset, pappius = Pfarrer; Person, deren Aufgabe das Abhalten von Gottesdiensten u. anderen religiösen Zeremonien ist, (in Finnland also meist:) Pfarrer der Christi. Kirche, Person mit theologischer Ausbildung, die für das Pfarramt geweiht ist; (nicht als Titel) < Urruss., vgl. altruss. popъ, russ. pop 'Pfaffe, Priester', < ahd. pfaffo (Vasmer EV 2.405) Porthan/Lencqvist 1782 erklärten das Wort "vel a Russico Pop vel a Latinorum Papa"(s. Porthan OS 4.87)- - Die Vokalentsprechung fi. a für russ. £ ist Anzeichen alter Entlehnun g; für das Estn. ist pappi schon aus dem 15. Jh. belegt. Zum Auslaut s. 5.1.1.5. Lönnrot 1867:2.154 Mikkola 1894.51, 72, 154 und 1958.42 Nissila

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1939.425 Kiparsky 1939.277 Kalima 1956.49, 60, 102, 149 Nissilä 1956.59 SKES 5.489 Kiparsky 1965.77 Ikola 1968.501 155. papu

1549 -5 1 : Egres/ hernet/ Pawudh/ Naurit loi (Agr. 5.212); etwa 1548: Nijstä quin warastauat Laukoi, kaali, herneitä pauoia. naurijta, ia muita senkaldaisia (Martti 17l). - 1657: papu die Bone; dick (Schroderus 52, 64); 1745: papu pisum, ärt:böna (Juslenius 259) Abl. papumus, papunen, papurikko = l.a. Bohne, gemeinsame Bezeichnung einiger kultivierter Hülsen­ fruchtgewächse, die zur Gattung Phaseolus und Faha gehören, b. dial. Erbse (als Pflanze). 2. die Samen, a. Bohne, b. (volksspr.) Erbse, c. Kaffee-, Kakaobohne, d. Mistkügelchen < Urruss., vgl. russ. hob 'Bohne (sowohl die Schote als der Kern in der Schote); Muskatbohne1; Pl. bobý 'die Hulsenfrüchte'. Gemeinslav. Wort, urverw. mit apreuß. b abo, lat. faba (Vasmer EW 1.97). Europaeus 1782. - Papu gehört zu den frühesten Lehnwörtern; das -u spiegelt die Aussprache des ausl. ъ zu jener Zeit wider. - Mikkola hat in der zweiten Ausgabe seiner Dissertation in papu ein "expres­ sives Affektwort" sehen wollen (1958.90). Diese Auffassung wurde von niemandem geteilt; Vilkuna 1947-48.276 hat sie ausdrücklich abgelehnt. Lonnrot 1867:2.154 Mikkola 1894.56, 61, 74, 89 Kalima 1956.24, 49, 60, 102 SKES 5.489 Kiparsky 1965.98 154. parisniekka AFT 0. - 1867: parisniekka uppköpare, gårdfarihandlare, pradajare, ockrare, schackrare, prejare (Lönnrot 2.157) = (ostkarelischer) fliegender II ndler, Aufkäufer < russ. barýšnik 'Auf-, Vorkaufer; Wucherer' , lošadíjnyj b. 'Pfer­ dehändler, Roßtäuscher', zu barýš 'Gewinn' (Vasmer EW 1.58) Mechelin 1842. - SKES 5.495 gibt zahlreiche dial. Varianten an, von denen parsikka schon bei Renvall 1826:2.52 als karelisch be­ zeichnet ist. Parisniekka ist eine spate Entlehnung und vor allem

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auf dem Gebiet der ostfi. Dialekte gebräuchlich. Salenius 1871.105 Mikkola 1894.53» 81 Wessman 1909.38 Karvinen 1910.l18 Kalima 1956.102 Ruoppila 1958.34 135. paritsa volksspr. AFT IÓ. - 1867: paritsa. parihta dial., parissa dial. vinst af ocker; hvad som gives på köpet, tillökning (i mått, vigt m.m.) (Lönnrot 2 .156, 157) (meist Pl.) = Zugabe (beim Abschluß eines Handels) < russ. barýš 'Vorteil, Gewinn; der (unrechtmäßige) Profit; Zugabe zu etw., zu gekaufter Ware', entweder < osman. krimtat. baryš 'Friede, Versöhnung' oder tschuw. *par»š 'Geschenk' (Vasmer EW 1.58) von Knorring 1833«53* - Als ursprüngliche fi. Form darf wohl pa­ rissa angesehen werden, zu dem nach dem Muster metsa : messa : mehtä das ssp. paritsa und das savolaxische parihta analog gebil­ det wurden. Vgl. jedoch auch 6.2.1.1. und Mägiste EK 11.140. Mikkola 1894.53, 67, 81, 181 Kalima 1956.102 Ruoppila 1956.115 SKES 3.492 136. parta 1549-51: Nin mine kijnitartuin henen Parthahans (Agr. 3.44-7). 1637: Parta der Bart (Schroderus 11) Abi. parrakas, parrallinen. parraton, parteinen = 1. Bart, Haare um den Mund und an Kinn und Wangen des Mannes, 2. (Haar-) Gebilde mancher Tiere, die an einen Bart erinnern, 3(häufig übertr.) andere an einen Bart erinnernde Formationen, z.B. an Äxten entweder < germ. *barda- 'Bart' oder < Urruss., vgl. russ. boróda 'id.', oder < Balt., vgl. lit. barzda, lett. barda 'id.' (SKES 3.496f.). Schon Europaeus 1782 hat fi. parta mit "slawon." brada verglichen, aber das fi. Wort paßt lautlich ebensogut zu den germ. bzw. balt. Wörtern. Toivonen JSFOu 34:2.23 bevorzugt die Erklärung aus dem Germ., weil altskand. barda auch eine Art von Äxten bezeichnet und

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sich diese Bed., wenn auch etwas variiert (s.o.), im Fi. wieder­ findet . Lönnrot 1867:2.159 Thomson 1890.162 Mikkola 1894.92 Setala FUF 13. 423 Kalima 1936.146 und 1956.103 SKES 3.496f. Ikola 1968.501 137. naslikka AFT (>. - 1886: paslikka baschlyk (Lönnr. lis. 122) = Ohren und Nacken schützende (russische) Kapuze < russ. bašlýk 'Kappe, Kapuze', < türk, bašlyk (Vasmer EW 1.65) V.K. 1908.58. - Das Wort wurde wahrscheinlich im vorigen Jh. von russischem, in Finnland stationiertem Militär Übernommen, das diese Kopfbedeckung benutzte. Karvinen 1910.119 ITS 9.1110 SKES 3-500f. 138. pasma 1739: puolesa wihdis pita cahdexan Pasma ... oleman ... ja sata langa jocaitzesa Pasmasa (As. Pg. 616 A2a). - 1745: pasma fasciculus filorum, pasmen (Juslenius 261); 1867: pasma. paasma pasman, sträng af 60 trådar i garnhärfva, binda (Lönnrot 2.116, 161) Abi. pasmata, pasmoittaa, pasmoittain = (in der Weberei) 1. variierende Einheit eines GarnmaSes: Teil einer Strähne, die eine bestimmte Anzahl Windungen enthält, meist 60, und der durch den Strähnenfaden abgeteilt ist, Strähne, Strang, 2. 30 Zinken des Weberkamms als Maß < Urruss., vgl. russ. pasmo 'das Gebinde (Garn), Fitze, Strähne, urslav. *pasmo, urverw. mit lett. puosms, puosmis (Vasmer EW 2.320) Europaeus 1782. - Fi. pasma gehört zu der früh entlehnten Spinnerei und Webereiterminologie. Daß trotzdem fur russ. a kurzes fi. a steht, ist durch Einfluß des schwed. pasma 'Bündel, Büschel' er­ klärt worden (SKES 3.501); parallel existiert jedoch im Fi. auch paasma (s . Lönnrot loc.cit.). Setälä 189l.314 Mikkola 1894.149 Kiparsky 1948.30 Kalírna 1956.34, 100

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159. patukka AFT 0. - 1787: patukka karbas, flagellum, patukoida flagello (Ganander 2.556a) Abl. patukoida = l. Knute, 2. (in weiterem Sinne) a» kurze Haarflechte, b. pojan 'kleiner untersetzter Junge'

p a tu k k a

< russ. batóg 'dicke Hute, Stock', verwandt mit russ. bat 'Knüttel' (Vasmer EW l.62) Mechelin und Butkov 1842. - Patukka ist ein relativ spat übernomme­ nes Wort, dessen Schlußteil den fi. Substantiven auf -(u)kka analog nachgebildet worden ist (vgl. 6.2.1.1.). Zur alten Lehnwortschicht gehören dagegen paattaa, paattua und paattoo, die in der ersten Silbe erwartungsgemäß ā haben, und deren lautliche Entwicklung eben­ so wie die von saapas, Gen. saappaan (< *saapagan) < sapogъ verlau­ fen ist (vgl. 5.2.5.2.) Lönnrot 1867:2.164 Mikkola 1894.58, 55, 61, 73, 82 und 1958.55, 48 Kalírna 1956.100 SKES 5.506 140. patyaska ethnol. AFT 0. - 1867: patwaska, patwasko brudanförare som under bröllopet bevarar brudparet för alla illvilligas stämplingar; talman, patwosa, patwotta forman, förare (Lönnrot 2.164) = Anführer von Hochzeitszügen in Russisch-Karelien, Brautwerber, Wahrsager, der vor bösen Gewalten schützt < Russ., vgl. podvójskij 'Gerichtsbote, Exekutor', pǫdvózčik 'Zug­ führer (mit einem Wagen)' Mit dem letztgenannten Terminus hat Lönnrot a.a.O. fi. patvaska verglichen, doch treten dabei semantische und lautliche Schwierig­ keiten auf. Größere Übereinstimmung hinsichtlich der Bedeutungen besteht zwischen patvaska und russ. podvójskij 'unterer Befehls­ haber, Gerichts- und Verwaltungsbeauftragter', das in Texten aus Pskov vom 11.-15. Jh. auch in der Gestalt podvoskoj auftritt. Die­ se Form, so vermutet Vahros 1966a, sei das Original von fi. patvaska gewesen. Als Parallelfall zur Bedeutungsentwicklung dieses Ausdrucks

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schildert Vahros ein ähnliches Beispiel, bei dem die Bezeichnung eines administrativen Amtes nach dessen Abschaffung nicht verlo­ renging, sondern in der Bed. 'Anführer de* Begleiter des Bräuti­ gams' fortlebte. - Die Lautverhältnisse und damit das Alter der Entlehnung sind nicht eindeutig zu klären. Da das Wort im Russ. erst nach dem 13« Jh. die Bed. erlangt haben kann, in der es ins Fi. gelangte, erwartet man zumindest in der 2. Silbe fi. £. Zu urruss. Zeit wiederum, als £ regelmäßig durch fi. a wiedergegeben wurde, kann patvaska aus den erwähnten semantischen Gründen noch nicht übernommen worden sein. - Wahrscheinlich ist das Wort über das Kar. ins Fi. gelangt, vgl. die Karte Ruoppila 1964.25« Kalima Vir. 1935-44f. Kiparsky 1954a.432 SKES 3-506 Ruoppila 1964. 29 141. pekuna AFT 0. - 1Q67: pekuna häst (?) (Lönnrot 2.169); 1886: pekuna gödt kreatur; stolt, liflig o. qvick varelse (isynnerhet häst), trafvare, prisbelönt häst; skjutspengar (Lönnr. lis. 123) ■ wildes und schwer zu beherrschendes Pferd; auch unbeherrschter, heftiger Mensch < russ. begrün (< běgùn) 1(von Pferden) Läufer, Renner, Traber', zu bëgatь 'laufen' Ahlqvist 1857.95- - Das Wort ist vor allem ostfinnisch und vertritt die junge Lehnwortschicht; russ. e < ist hier, da unbetont, durch fi. £ wiedergegeben (vgl. 5-1-2.4.). Karvinen 1910.121 Kalima 1956.36 Ruoppila 1956.115 und 1956.34 SKES 3-513 142. perevaara AFT 0. - AFW 0 * Unterabteilung des pogosta im russischen Karelien des Mittelal­ ters, mehrere Dörfer umfassendes Steuergebiet < russ. perevära 'das Umkochen; über die nötige Quantität gebrau­ tes Getränk (Bier, Met); (Bierbrauerei) zweiter Aufguß auf die

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Maische; (va.) Bauernbier; Brautsteuer; ein Bezirk von Fischer­ dörfern' , zu perevarítь Das Problem der perevaara wurde sachlich und etymologisch zuerst von Voionmaa 1912.47f., spater ausführlicher von A.Korhonen 1925. 209 und K.Vilkuna Vir. 1951.266 und 1964.35 behandelt. Danach ist perevaara ein Gebiet, dessen Häuser im Mittelalter für das Steuer­ gelage eine bestimmte Menge Bier und die dazugehörigen Speisen usw. aufbringen mußten. Die perevaara wurden spater als die pogosta (vgl. Nr. 160), nämlich etwa im 14. Jh. eingeführt. Vilkuna 1954.1 143. peřina volkaspr.. Volksdicht. AFT /Ö. - 1867: perinä fjäderbolster (Lonnrot 2.177); 1886: perenä bolster (Lonnr. lis. 124) = Federbett < russ. perína 'Pfühl, Bettpfühl, Federbett', zu peró 'Feder' (Vasmer EW 2.542) Ahlqvist Mehiläinen 1861.132. - Das russ. Auslaut-a wurde im Fi. der Vokalharmonie unterworfen (vgl. 5.1.5.). Das Wort ist spat übernommen worden und kommt, wie aus der Verbreitungskarte von Huoppila (1967 Karte 93) hevorgeht, nur östlich der jetzigen fi. Grenze vor. SEES 3-523 Huoppila 1964.29 und 1967.105 144. pertuska histor. AFT 0. - 1787: partuska hillebård, halfmåne (i Ryska Careln); pertuska idem ac tappara, halfmåne, hillebård (Ganander 2.533a, 562a); 1826: pertuska, partuska bipennis 1. securis militaris (Renvall 2.52, 58) = Stich- und Schlagwaffe in der Art der Hellebarde, deren Spitze von symmetrischer Form war < russ. bérdýš, bardýs '(ehedem) Hellebarde, Streitaxt, Partisane', < poln. bardysz, berdysz < mlat. barducium (Vasmer EW 1.76)

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Ahlqvist 1857.95. - Fi. pertuska ist durch seine Vokalentsprechung als jüngeres Lehnwort ausgewiesen. Das ausl. -ka ist offenbar auf fi. Seite als das häufigste russ. Suffix in einer Art Hyperkorrekt­ heit angefügt worden. Mägiste 1953-3l halt es für möglich, daß es sich bei -ka um ein fi. Suffix handelt. Lönnrot 1867:2.180 Mikkola 1894.85 Kalima 1956.104 SEES 3.526 145. petla volksspr. ATT 0. - 1867: petla, petli snara, knut, klämma, svårighet, äfventyr (Lönnrot 2.186); 1886: petla ögla (Lönnr. lis. 125) = Schlinge, Öse, Masche < russ. pótl'a 'Schlinge (zum Zuziehen, Fangen, Zuknöpfen, Ein­ haken), Knoten, Schleife; Masche (beim Stricken); Knopfloch; Öhr, Öse; die Angel, Hange; Scharnier u.a.'. Entsprechungen gibt es in fast allen slav. Sprachen; wohl entlehnt aus altgerm. *fetil-, anord. fetill. ahd. f e ^ i l 'Fessel' (Vasmer EU 2.349). Lönnrot loc.cit. - Die Variante petle, Gen. petleen (Viipuri) spiegelt mogl. eine reduzierte Aussprache des russ. Auslautvokals wider. Petla gehört zur jüngeren Lehnwortschicht. Karvinen 1910.122 Huoppila 1955.76 und 1956.116 SKES 3.532 Turunen 1959.105 146. piessa volksspr. AFT 0. - 1787: piessa. piessahainen olycka - diefwül (Ganander 2. 368b); 1826: piessa, piessahainen, pieasainen genius malus, cacodaemon, ifortunium, Unglücksgeist (Renvall 2.63) ON und FN Piessa, ON Piesala, Piesalanlahti = der Böse, Teufel; (oft als mildes Kraftwort) < russ. bes (< běs) 'Teufel, Satan, böser Geist, Unhold usw.', urverw. mit lit. baisa und lat. foedus (Vasmer EW l.8l) Butkov 1842. - Nach Mikkola 1894.192 ist piessa nur ein ostfi. Dia­ lektwort. Daß es spat entlehnt worden ist, wird von der Vokalent­ sprechung (fi. ie für russ. e < iy̑ bezeugt (vgl. 5.1.2.4.).

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Lönnrot 1867:2-192 Mikkola 1894.93 Nissilä Vir. 1948.232 und 1956. 65 Kalima 1956.104 Ruoppila KV 34.152 SKES 3.540 147. piirakka. piiras 1686: usein täyty teidän toimitta heille teidän Pijrackojan (J.Gezelius, Hist, asiak. l17). - 1867: piirakainen. piirakas. piirakka. piiras pirog, pastej med gryn uti, bakelse (Lönnrot 2.198) ON Piirakkaluoto Abl. piirakainen, piirakas, piiranen piirakka = Kuchen, plattenförmiges, mit Grieß, Eingemachtem o.a. gefülltes Gebäck aus Butter- oder Hefeteig, das in der Ofenpfanne gebacken wird und in Stücke zu schneiden ist; oft = piiras piiras = Pirogge, kleineres, im Ofen oder in Koohfett gegartes, mit Grieß-, Kartoffelbrei o.a. gefülltes Gebäck < Urruss., vgl. russ. piróg '(je nach Gegend) besseres, weißes Rog­ genbrot; Gerstenbrot; Weizenbrot; die Piroge (eine Art Pastete)', nach Vasmer EW 2.359 mit -og zu pir gebildet; daneben werden auch andere Theorien zur Herkunft des Wortes erwähnt. von Knorring 1833-53- - Der lange Vokal in fi. piirakka, piiras spiegelt die alte Lange des russ. i. wider (piróg ist heute in allen obliquen Kasus endbetont); die Wörter gehören also zu den frühen Entlehnungen. Piiras dürfte einen obliquen russ. Kasus voraussetzen, dessen -g- im Fi. zu Beginn der dritten Silbe zunächst zu wurde und dann ausfiel (*pĩraga- > *pĩraya- > pĩraa- ) , so daß eine An­ gleichung an die s-Stämme erfolgte und schließlich auch der Nom. Sg. analog zu diesen gebildet wurde (ebenso saapas. s. 5.2.3-2.). Im Wot. ist das g auch im Nom.Sg. erhalten geblieben: pĩraga. - Dem­ gegenüber scheint piirakka auf dem russ. Nom.Sg. mit bereits verdumpftem -g zu fußen, so daß es wie ein Nomen auf -k behandelt wur­ de (vgl. simpukka und 5.2.3-2.). Mikkola 1894.62 erklärte die En­ dung durch spateren russ. Einfluß; denkbar wäre aber auch Einfluß seitens der fi. Substantive auf -kka. - Piirakka gehört heute der Gemeinsprache an. Mikkola 1894.57, 62, 15l Setala 1899-62 Mikkola 1938-33, 72 Nissilä 1939-126 Kiparsky 1948.3l, 44 Kalima 1956-39, 50, 104 Kiparsky a

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1956.77 SEES 3.550 Kiparsky 1963-77 148. piirut volksspr. AFT (>. - 1867: piiru pastej med gryn uti, pirog, bakelse; plur. piirut kalas, gästabud; pitaa piiruja hålla l. anställa gästabud (Lönnrot 2.199) Fl. = Gastmahl, Festessen < russ. pir 'Gastmahl, Schmaus', zu pitь 'trinken' (Vasmer EW 2.359) Ahlqvist 1857*95. - Bei der Interpretation der Vokalentsprechungen in diesem Wort trifft man auf folgende Schwierigkeiten: Wegen des u in der zweiten Silbe ist man geneigt, piirut aus dem russ. Lok. Sg. v pirú herzuleiten (vgl. fi. hotu < (na) chodú) , doch dann bleibt die Länge des im Fi. unverständlich, da es auf unbet. nies. Ì zurückgeht. Andererseits kann piirut kaum so früh entlehnt worden sein, daß es die ursprüngliche Länge des urruss. *Jl wiedergeben konnte. Gegen Annahme früher Entlehnung spricht sowohl die auf Ost­ finnland beschrankte Verbreitung des Wortes als auch die spate erste Wörterbuchfixierung. - Der pluralische Gebrauch ist wahrscheinlich analog zu gleichbedeutenden fi. Appellativa (z.B. pidot 'Fest, Schmaus') aufgekommen. - Die Bed. 'Pirogge' der S r .-Form piiru (Lonnrot) beruht nach Mikkola 1894.151 und Ealima 1956.105 auf einer Vermischung mit den dial. Bezeichnungen piiro, piiroo 'Pastete'. Haavio Vir. 1937-430 SEES 3-552 149- piissari volksspr. AFT 0. - 1867: piisari, piissari skrifvare (Lonnrot 2.199, 200) = (russischer) Schreiber < russ. písarь 'Schreiber, Abschreiber, Eopist'. Erste schriftl. Erwähnung 1359; Geschichte und Semantik des Wortes behandelt N.V. Curmaeva Russk. ist. leks. 1968.228-233Lonnrot loc.cit. - Das Wort ist ostfi. und erst spat entlehnt wor­ den; in den Dialekten sind aber schon Ableitungen gebildet worden, die nur von fi. piissari bzw. pissari ausgegangen sein können (piissaroida, pissaroijja, pissaroittaa; Wörterbuchstiftimg). Vgl. im

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Gegensatz dazu fi. pissata, das direkt auf russ. pisatь zurück­ geht (s. Karte im Anhang). Ruoppila 1956.116 SKES 5.554

15 0 . pikommi volksspr. AFT 9Í>. - AFW Ó = (aus den milit. Verhältnissen während der russischen Herrschaft:) (Straf-) Lauf < russ. begóm (< běgóm) 'im vollen Laufe; schnell laufen' (Koiransky 29) Wessman 1909.38. - Pikommi ist zweifellos eine der spätesten Ent­ lehnungen. Das i der ersten Silbe spiegelt die reduzierte Ausspra­ che des russ. e_ in erster vortoniger Silbe wider, vgl. fi. dial. (Viipuri) pikii < russ. begí (Karvinen 1910.125). - Daneben gibt es auch eine Variante pekommi. Im dialektalen Gebrauch überwiegt die Bed. 'schnell, in schnellem Lauf', im Soldatenslang die Bed. 'Straflauf'. Bei der Einbürgerung von pikommi kann Assoziation mit fi. pika- 'Schnell-, Eil-' eine Rolle gespielt haben. SKES 5.515 S.Hamalainen 1965.165

1 5 1 . pilkki (Parallelform pliki) AFT í>. - 1886: pilkki (Kar.) skomakarestift (Lonnr. lis. 127) Abi. pilkitä = (in der Lederverarbeitung:) kleiner, eckiger Holznagel < russ. špílьka 'Haarnadel-, Stift, Drahtstift, Heftnagel; Zwecke (namentl. Schuhmacherei), Heftzwecke, Schuhnagel; Schuh-, Schuster­ zwecke' , über poln. szpilka 'Haarnadel, Nadel' aus spätmhd. frühndd. spille 'Nadel' bzw. mnd. spile 'Spieß, spitzer Stab' (Vasmer EV 5.456) Zwar ist pilkki bes. in den ostfi. Dialekten gebräuchlich, doch hat Saxén Vir. 1898.8f. das Wort aus schwed. pligg hergeleitet, das in die westfi. Dialekte als pliki 'Holznagel' entlehnt worden ist. Auf das Russische weist aber die neben 'Holznagel' in den ostfi. Maa. auftretende Bed. 'Haarnadel'; auch entspricht fi. pilkki lautlich

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genau dem russ. Nom.Pl. špílьki (vgl. 5.2.1. und 5.3.7.). Warum das o.g. pliki lautlich auf pilkki eingewirkt haben soll, wie SKES 3.561 angegeben, ist nicht einsichtig. 152. pirkka APT 0. - 1867: pirkka liten lista, pollett, karfstock (Lönnrot 2. 212); 1886: pirkka biljett, intradeskort, qvitto, verifikation, betyg (Lonnr. lis. 128) = gew. ein zweiteiliger Holzstab, dessen (im Besitz der Vertrags­ partner befindliche) Teile man gegeneinanderdrücken konnte, um ein übereinstimmendes Zeichen anzubringen; früher als Notizgerat, Quit­ tung, Schuldbuch u.a. gebraucht < russ. bírka 'Kerbstock; Holzklotzchen an den Proviantsacken mit Angabe des Gewichts, Hölzchen an Waren mit einer Nummer und Gewichts­ angabe'. Uber die Etymologie bestehen verschiedene Auffassungen, s. Vasmer EW 1.87. Mechelin 1842. - Aspelin hat in einer ethnologischen Untersuchung dargelegt, daß die unterschiedlichen Verwendungsweisen des fi. pirk­ ka genau mit denen des russ. bírka Übereinstimmen (JSFOu 3.128ff.). Aus einer Karte im Archiv der Wörterbuchstiftung geht hervor, daß pirkka von Osten her nach Finnland eingewandert sein muß. Nach Aspe­ lin war der Begriff in Karelien, Savo und Häme allgemein gebräuch­ lich, während in W-Finnland tyopulkka gesagt wurde. Mikkola 1894.87f. und 1938.49f. Kalima 1956.48, 105 SKES 3.574 Nirvi 1962.367 Prusevskaja ScSl 8.215 153. pirssi salopp-umg. AFT 0 . - 1886: pirssa trafve, stapel, pirsi brädstapel (Lonnr. lis. 128) ON Kursanpirsa. Pirsamaa = Halteplatz für Taxis oder Mietdroschken < russ. bírša 'die Börse; das Gebäude und der Platz vor dem Veiv sammlungshaus der Kaufleute; die Versammlung der Kaufleute', izvózčičьja bírža 'Standort der Fuhrleute, der Mietkutschen', wohl

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aus ndl. beurs oder nhd. Börse (Vasmer EW 1.86). Der erste Hinweis auf den russ. Ursprung des Wortes kommt von V. K. 1908.58, wo er in einer Liste russischer Lehnwörter aus Viipuri schreibt: "pirsi 'ajurin seisomakohta, lautatarha' < bírža". Die Bed. 'Holzhof' ist auch an anderen Orten bekannt, daneben bedeut?t pirssi dial. 'Platz, wo Schiffsfrachten gelöscht und verkauft wer­ den' . Das Wort ist vermutlich im vorigen Jh. übernommen worden. Nissila 1955.115 Mikkola 1938.102 Kalima 1956.105 SKES 3-575 Nirvi 1962.367 Hakulinen 1968.290 154. pirta AFT 0. - 1787: pirta, pirto wafsked, pecten textorium, pirpa Saw. idem ac kaidet, wafsked (Ganander 2.382a, b) = Weberkamm, Vorrichtung aus dünnen Zahnen am Webstuhl, mit der die Dichte der Kettenfäden reguliert und der Webfaden an den Stoff angedrückt wird < urruss. *bьrdo, vgl. russ. b 1órdo ( dëpzǫ ) 'der Kamm, das Blatt, Kammblatt, Weberkamm, Weberblatt', gemeinslav. Wort, urverw. mit lett. birde 'Webergestell' (Vasmer EW 1.75) Mechelin 1842. - Das Wort spiegelt die urruss. Lautgestalt mit dem vorderen Halbvokal ъ wider und gehört somit zu den alten Entlehnun­ gen. E s ist auch im Dialekt der Varmlandfinnen vorhanden. Trotz seines hohen Entlehnungsalters ist die geographische Verbreitung klar zu den westfi. Dialekten hin abgegrenzt (s. Ruoppila 1967 Karte 37). Lönnrot 1867:2.214 Mikkola 1894.42, 8h und 1938.24, 35, A4, 49 Kalima 1956.30, 105 SKES 3.575 Nirvi 1962.374 Ruoppila 1967.36 155. pirtti 1677: Maria maata paljastaapi ... Pirtin sijrsi pihalle (Agr.-Jut. 400). - 1644: balneum, badstufwa. sauna/pirtti/sawuhuone (Var. rer. voc. 41); 1745: pirtti hypoeaustum fennicum, vaporarium (Juslenius 278); 1867: pirtti porte, folkstuga; rökstuga, badstuga (Lönnrot 2.214)

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ON Pirttijärvi, Pirtinranta, Metsäpirtti Abl. pirtillinen. pirttinen = l. im Bauernhaus a. gemeinsamer (meist großer) Aufenthalts- und Arbeitsraum der Familie und des Gesindes, Stube, b. Aufenthalts-, Arbeits- und Schlafraum des Gesindes, bes. des männlichen Gesin­ des (volksspr. ohne Backofen, manchmal im Hauptgebäude des Hofes gelegen), Gesindestube, c. (volksspr.) großes Gästezimmer, Saal, 2. Wohnhaus aus Balken mit nur éiner Stube, Hütte, Bungalow, 3. Sauna < urruss. *pьrtь, vgl. russ. pertь 'karelisches Bauernhaus', urverw. mit lit. pirtís, lett. pírts 'Badstube' (Vasmer EW 2.344Í.) Nieminen 1940. - Auf Ahlqvist 1875.107 und Thomsen 1890.208 geht die Auffassung zurück, fi. pirtti sei ein Lehnwort aus dem Balt. (vgl. lit. pirtís, lett. pirts). Mit den Einwänden gegen diese Theorie setzte sich Kalima Vir. 1932.396f. auseinander und verwarf dabei Tunkelos mündlich geäußerten Gedanken, kar.-ol. pert't'i aus russ. pertь und fi. pirtti aus dessen früherer Form *pьrtь zu er­ klären. In seinem "Beitrag zu der ostslavischen und ostseefinnischen Badeterminologie" hat Nieminen 1953 Tunkelos Vermutung durch ethno­ logisches und sprachhistorisches Material erhärtet. Fi. pirtti läßt sich lautlich mühelos aus *pьrtь herleiten, während die Bedeutungen des fi. und des russ. Wortes einander nicht genau entsprechen. Pirt­ ti ist heute in der Bed. 'Badestube' im Eigentlichen Finnland, in S0Hame und in Mittelösterbottnien bekannt, in den Übrigen Gegenden Finnlands bezeichnet es die Stube im Bauernhaus. Die Ethnologen ver­ treten hinsichtlich des Alters und der früheren Verbreitung des Be­ griffs unterschiedliche Auffassungen, vgl. dazu am ausführlichsten Valonen 1963 mit zahlreichen Karten, außerdem Vilkuna Vir. 1932. 254ff. und Ojajarvi Vir. 1938.168ff. Die heutige Bed. des russ. Wortes 'karelisches Bauernhaus' ist nach Nieminen op.cit. eine Rückentlehnung aus dem Karelischen. Nieminen nimmt für pertь < pьrtь eine Bed.-entwicklung 'primitiver Baderaum' -> 'hölzerne Ba­ destube' -> 'jede heizbare und unheizbare Stube' an. An die ur­ sprüngliche Bed. im Russ. erinnert heute noch die Ablleitung prlperetok 'Vorraum der Badestube'. Die Entsprechungen mit ę in den ostl. osf. Sprachen (pertti, pert't 'i u.a. 'Stube, Wohnstube') sind

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nach ihm entweder zu einer späteren Zeit entlehnt oder durch russ. pertь beeinflußt worden. - Diese Deutung wurde auch von Vahros 1966b akzeptiert, nachdem er sie zunächst abgelehnt hatte (1963a.158ff.). - Aus dem Russ. stammt auch tscher. port 'Haus, Stube'. Nissilä 1939*277 Nieminen 1940.584 Räsanen FUF 26.154 Peltola Vir. 1954.81f. Räsanen NphM 5050 Mägiste UAJb 51.170 SEES 5.576 Nirvi 1962.574 Posti EP 1964.104 Lönnqvist FM 71.102 156. pirtu salopp-umg. 1870: pirtu väkiviina (Salenius 127). - AFW 0 = Spiritus, Alkohol < russ. spirt 'Spiritus, Geist', vínnyj spirt 'Weingeist', suchój, čisty,i spirt 'Alkohol', über engl, spirit von lat. spiritus. Seit Peter d. Gr. (Vasmer EW 2.708). Bis zum Erscheinen des SKES 5 galt pirtu als Entlehnung aus schwed. sprit (s. Karsten 1940.15, Airila 1946.61). Die Autoren des SKES nehmen alternativ, zumindest für die Ostdialekte, russ. Ursprung au (3.576). Am überzeugendsten erscheint Hakulinens Deutung, nach der nur fi. sprii aus schwed. sprit (< franz. 1'esprit) , pirtu je­ doch aus dem o.g. russ. Wort herzuleiten ist. Das ausl. -u dürfte auf den russ. Gen.Part, zurückweisen (vgl. 6.2.6.), zum Anlaut s. 5.2.1. - Daß das Wort erst so spät in einer gedruckten Quelle auftaucht, in den AFW fehlt und ohne Stufenwechsel flektiert wird, läßt auf späte Entlehnung schließen. Zur Verbreitung s. Karte im Anhang. Nirvi 1962.567 Hakulinen Vir. 1968.251f. 157. pisma volksspr. 1754: Joc' ol' kirjat kirjoittanut, pahat pismat pijrtänynnä (G. Calamnius, Hist, asiak. 572); 1754: Tämän pijsman Pijrtäjälle (Agr.-Jut. 514). - 1787: piisma skrift, scriptura, pisma skrift, skrifwit, scriptio forte mutuatum a Ruthenis sed in Bothnia Sept. in usu (Ganander 2.574b, 585b); 1867: piisma skrift, handling, do­ kument, pisma. pismo bref, skrifvelse (Lönnrot 2.200, 215)

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135 = Akte, Urkunde

< russ. pisьmó 'Brief, Schreiben; Schrift (Schriftzeichen); Hand­ schrift', zu pisátь 'schreiben' (Vasmer EW 2.561) Ganander hat das Kuss, als Ausgangssprache, aber erst Lönnrot das russ. Original angegeben (loc.cit.). Bei dem langen i der fi. Va­ riante piisma handelt es sich um den Reflex des stammbetonten Vo­ kals im miss. Nom.Pl. písьma, denn aus semantischen Gründen kann es sich nur um ein relativ spät entlehntes Wort handeln. Karvinen 1910.121 SKES 5.555 158. pjatina histor. AFT IZS. - AFW Ü = Verwaltungsbezirk der Novgoroder Republik, Fünftel . - 1787: populi Carel. inhysinge (Ganander 2.396s) = Kätner, Häusler, Einlieger im früheren Lehen Käkisalmi < russ. bobýlь 'Bauer ohne Land, (Ostseeprov.) Lostreiber; Prole­ tarier; Tagarbeiter, Frohner'; die Etymologie ist unklar (Vasmer EW 1.97) von Knorring 1833.54. - Fi. populi ist spätestens seit Anfang des V?. Jhs. in Karelien bekannt gewesen (Pirinen Kotis. 1963.118). Die Lautentsprechungen sind regelmäßig und deuten auf junge Ent­ lehnung (vgl. 5.1.1.1. und 5.1.2.5.). Lönnrot 1867:2.240 Mikkola 1894.37, 77, 85, 90 und 1938.52 SKES 3.602 170. porkkana 1765: Safferotsgräs. Athamanta, Libanotis. Porkana (Haartmsnn, Lääkärikirja Bb8b); 1776: Porkanat. jotka Ruotzinkielen kutzutan Morot, owat ruskiat ja pitulaiset (STS). - 1743* porckana staphylinus, mo­ rot (Juslenius 283) = Daucus carota, Mohrrübe, Wurzelgewächs vom Stamm der DoldenblÜt­

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ler; dessen mürbe, wohlschmeckende Hauptwurzel < russ. borkán 'Daucus carota, Mohre, Mohrrübe', < Balt., vgl. lett. bur̃kañs 'id.' (Illič-Svityč EIRJ 1.17, anders Vasmer EV 1.108) Thomsen 1890.12. - Die Vokalentsprechung fi. o für russ. o ist An­ zeichen spater Entlehnung. Dem russ. Original am nächsten steht ol. borkan. Lönnrot 1867:2.241 Mikkola 1894.9l 'Tunkelo 1913-5l Kalima .1956.48, 107 SEES 5.604 171. porukka AFT 0 . - AFV 0 Abl. porukoida = Schar, Gruppe, Bande. Tehda jtak (jkn kansaa) porukassa 'gemein­ sam, in Zusammenarbeit etwas tun' Kalima 1956.107, 153- - Nach SKES 5.607 geht das Wort anscheinend auf eine Vermengung mehrerer russ. Nomina zurück, nämlich porúka 'Bürgschaft, Kaution: Bürge, Gewährsmann', pókrut, pokrúta, pokrútka (Archangelsk) 'das Mieten von Leuten zur Fischerei und zum Meerestierfang; der Anteil aus dieser Beute für den gemieteten Tierfänger' (Dal1 5.246), podŕad 'das Dingen (der Arbeiter); Verdingungsvertrag, Akkord'. Auf russ. porúka 'Bürgschaft' weist z.B. die Wendung "suo rittaa kustennukset porukassa, porukalla" , auf die drei übrigen Aus­ drücke ostfi. (Pielisjärvi) p a m k k a 'ein Zusammenschluß mehrerer Leute, die gemeinsam eine Sache durchführen wollen' . Russ. podŕàd, das im Fi. mundartlich potraata ergeben hat (s. SKES 5.615), beeinflußte das in Frage stehende fi. Wort dahingehend, daß ein Subst. potrukka und dial. Verben potrukoida, potruvoida entstanden (SKES 5.60?f.). Fi. porukka gehört heute der Gemeinsprache an. Kalima Uusi Suomi 1952:49.7 Rytkönen Jyvaskylan Sanomat 15.12.1961 S.Hämälainen 1965.176 172. posadnikka histor. AFT 0 . - AFW 0 = Regierungsbeamter im mittelalterlichen Novgorod

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< russ. posádnik '(im alten Nowgorod und Pekov) der Possadnik, das Stadtoberhaupt, der Vorsitzende bei der Volksversammlung', von posadítь '(ein)setzen' Das russ. Wort wird urkundlich schon im 10. Jh. erwähnt. Im Fi. gehört es der histor. Fachsprache an und wird nur im Zusammenhang mit dem erwähnten Geschichtsabschnitt verwendet. ITS 10.596 175. possakka volksspr. AFT 0. - 1826: possakka Carl, opus diurnum, Tagewerk (Renvall 2.78) = Tagesfronarbeit des Hörigen < russ. posócha 'die zur Frohne, zum Dienst berufenen Leute; (WRußland) die bei der Wegeverbesserung zu leistende Frohne' Lönnrot 1867:2.244. - Mikkola hat Lönnrots etymologischen Hinweis nicht aufgegriffen. Tatsächlich sind die Lautentsprechungen nicht vollkommmen: Zu den ältesten Lehnwörtern kann possakka wegen des o der ersten Silbe nicht gehören; bei einem jüngeren befremdet je­ doch fi. a für bet. russ. o (ebenso fi. urakka < urók). Da die weit­ gehende Übereinstimmving der Bedeutungen keinen Zweifel an der Ent­ lehnungstheorie aufkommen laßt, wird das Problem am besten dadurch gelost, daß man analogischen Einfluß der fi. Wörter auf -akka an­ nimmt (s. 6.2.1.1.). Kattunen 1958.506 Kalima 1956.107f. SKES 5.609 Vuorela 1964.161 174. potra AFT 0. - 1867: potra grann, präktig; rask, lustig, munter, glad (Lönnrot 2.246) = flott, tüchtig, stolz, stattlich < russ. bódryj 'wachsam; herzhaft, mutig; rüstig, frisch', bódro stojatь! 'gerade stehen! gerade Haltung!', urverw. mit lit. budrus 'wachsam' (Vasmer EW 1.100) Mechelin 1842. - Wahrscheinlich geht das vor allem in Ostfinnland gebräuchliche Adjektiv auf die russ. Adverbform bódro zurück.

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Salenius 1870.12? Mikkola 1894.90 Karvinen 1910.122 Rytkönen Vir. 1937.102 Kalima 1956.108 SKES 3.615 175. potuusit volksspr. APT 0. - Jusl. lis. 12: potušit loramenta resistentia ne traha calces equi attingat; hindertyg i Norra österb.; l?87: potuusit (Ganander 2.599b); 1826: potus - potukset al. potuusi - potuusit (Renvall 2.79); 1867: potus, potusa, potuusi (Lonnrot 2.246); 1886: potuin, Pl. potuimet (Lonnr. lis. 152) = Pl. Hinterzeug (im Pferdegeschirr) < russ. podúzá 'Halfter (va.)' i

SKES 5.614. - Nach Vilkuna SM 46.44 ist das Wort in W-Finnland erst nach dem Krieg von 1808-1809 bekanntgeworden. Aufgrund der fi. Laut gestalt kann als unmittelbare Ausgangsform russ. poduzy angenommen werden (vgl. 5.5.7-). Vuorela 1964.161 176. praasnikka volksspr., Parallelform praaeniekka 1686: Usein tayty teidan toimitta heille teidan Pijrakkojan, ja taytta heidän Praszneckins Oluella (J.Gezelius d.J., Hist, asiak. l17). - 1787: prasnik stör lefwa, slöserie - gästabud (Ganander 2. 405a); 1867: praasnikka högtid (Lönnrot 2.249); 1886: praisninki = praasnikka (Lonnr. lis. 152) = (bes. in Karelien) Tag gew. des örtlichen Schutzheiligen, der oft als allgemeines Dorffest begangen wird; kirchlicher Feiertag; (auch allgemeiner:) Pest < ruse. prázdník 'Feiertag, Fest' , von prázdnyj 'müßig' (Vasmer EW 2.424). Das Wort wird ohne d artikuliert, vgl. Avanesov 1968.161; eine Form praznik tritt schon bei A w a k u m auf, s. Černých 1927.35. Lönnrot loc.cit. - Das lange a der ersten Silbe resultiert aus der Betontheit des russ. a. Die Palatalitat des russ. ń war offensicht­ lich stellenweise von so starker regressiver Wirkung, daß noch die Artikulation des a beeinflußt und auf fi. Seite prais- gehört wurde Fi. praisninki (Lönnr. lis., s.o.) hat das Suffix -inki analog zu

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anderen fremden (schwed.) Wörtern mit gleichlautender Endung (z.B. meininki) erhalten. Mit diesem Suffix sind auch endogene fi. Wörter abgeleitet worden (juominki, vaillinki u.a.). Karvinen 1910.ll? SEES 3-617 177. prenikka AFT 0. - 1787: praätnikka Ryska peppar kakor, honings brod (Ganander 2.405b); 1886: prenikka rysk pepparkaka (Lonnr. lis. 132) = l. (va.) ein pumpernickelartiges Gebäck, 2. (salopp-umg.) Ehren­ zeichen, Medaille < russ. pŕánik 'Honig-, Pfeffer-, Lebkuchen', von pŕanyj 'würzig', zu *pьpьrь 'Pfeffer' (Vasmer EW 2.456) Lonnr. lis. loe.oit. - Dialektal ist in der ersten Silbe ä weit verbreitet. Das e von prenikka geht auf das Russische zurück: in der nordl. Gruppe des nordgroBruss. Dialekts wird a zwischen pala­ talen Konsonanten als [e] artikuliert (Kuznecov 1954.119)- - In den fi. Dialekten kommt außerdem rännikka, raanikka, im Soldaten­ slang auch prinikka vor. Wessman 1909.38 Karvinen 1910.l19 (Keräilija) Vir. 1917.36 SKES 3.619 S.Hamälainen 1963-178 Karste-Liikkanen 1968.284 178. prikaasi AFT 0. - AFW 0 = (aus der Zeit der russ. Herrschaft:) Befehl, Erlaß, Verfügung < russ. příkaz 'Befehl, Tagesbefehl, Order', aus pri- + Wurzel -kaz-, Prikaasi ist wahrscheinlich auf schriftl. Wege ins Pi. gelangt, wahrend das in Viipuri von Karvinen 1910.12l aufgezeichnete prikassi eher Züge mündlicher Entlehnung aufweist. 179- prissakka dial. AFT 0. - 1886: prisanski en slags dans (Lonnr. lis. 132) ripaska (Nr. 208), ein russischer Tanz

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< russ. priéádka '(beim russ. Nationaltanz) das Hinhocken und Vonsichschnellen der Beine1, aus pri- + Wurzel Śad-, vgl. sestь, sádu (Vasmer EV 3*63) Trotz der Angabe "dial." im NS enthalt das Archiv der Worterbuch­ stiftung keinen Beleg des Wortes. Die russ. Endung ist auf fi. Seite zu -kka assimiliert worden (vgl. kipikka, nassakka und 6.2.1.1.), wahrend das Kar. auch eine Variante mit inl. -t- bewahrt hat: priŚatku neben prissakku(Ojansuu 1918.87)• 180. prostoi vulgär AFT 0 . - 1867: prostoi dålig, simpel (Lönnrot 2.252) = (oft indekl.) schlecht, grob (gemacht) < russ. prostój 'einfach, schlicht, simpel, gemein, ordinär, ge­ wöhnlich' , gemeinslav. Wort (Vasmer EW 2.444) Lönnrot loc.cit. - Fi. prostoi, das dialektal rosto(i) lautet, geht auf die Langform des russ. Adjektivs zurück. Mikkola 1894.155 Karvinen 1910.122 Kalírna 1956.108 SKES 3.621 181. pulittaa vulgär AFT 0 . - AFW 0 = (von Geld) geben, aushändigen, bezahlen < russ. púlitь (Geheimsprache) 'kaufen, abwiegen' , propúlitь 'ver­ kaufen', spúlitь 'abwiegen, (schlechte Ware) an den Mann bringen' (Smirnov 1902.103) Kiparsky 1933h- - Entgegen Kiparskys damaligen Angaben ist das Wort in den fi. Dialekten heute gut belegbar (s. Karte im Anhang). SKES 3.632 182. pulkka volksspr. selten AFT ei. - AFW 0 = Semmel, Weizengeback < russ. búlka 'Semmel, Franzbrot; (in Südrußland) jedes Weißbrot;

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ein Laib Brot aus irgendwelchem Mehl'; die Etymologie ist um­ stritten (Vasmer EW 1.142). Karvinen 1910.l18. - Bedingt durch den Handel mit Petersburg wurde pulkka wahrscheinlich im vorigen Jh. übernommen und war dann vor allem auf der Kar. Landenge gebräuchlich. Ruoppila Kotis. 1952.128 und 1958.20 SKES 5.654 185. pumaaka vulgär AFT 0. - 1867: pumaka, pumaska papper (Lonnrot 2.268) = Urkunde, Schriftstück < russ. bumäga 'Papier; eine Schrift, ein Schreiben', wahrschein­ lich < Ital. (Vasmer EW 1.14h) Lonnrot loc.cit. - Die Variante pumaska geht auf das russ. Demin. bumážka zurück. Karvinen 1910.121 SKES 5.659 184. purakka volksspr. AFT 0. - 1745: puracko lagena corticea, lagel eller burek af barck (Juslenius 291); 1787: purakas, purakko (Aboice) (Ganander 2.421a); 1826: purakas. purakko, purakka lagena, ampulla ex cortice 1. ligno, hölzerne Flasche (Renvall 2.88) = Gefäß o. Lagel für (Sauer-) Milch o. Bier (das tonnenförmig und meist oben schmaler ist) < russ. burák 'länglich rundes Gefäß von Birkenrinde mit hölzernem Boden und Deckel'; ohne sichere Etymologie (Vasmer EW 1.146) Mechelin 1842. - Die Lautaquivalente sind regelmäßig und entspre­ chen denjenigen in jüngeren Lehnwörtern. Lonnrot 1867:2.279 Mikkola 1894.92 und 1938.55 Kalima 1956.108 SKES 5.650 185. purlakka volksspr. AFT 0. - 1867: purlakka. purlakko inhysing, dräng; los person, kringstrykare, vräkling, lätting, dålig karl, lurk, lymmel (Lonnrot

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2.282 ON Purlakanvalkama, Purlakkamäki. Purlakkojenherranpelto = Landstreicher, Vagabund, Bursche; junger Mann < russ. burlak 'Bauer, welcher zum Erwerb in die Fremde zieht, bes. der Arbeiter (auf den Flußfahrzeugen der Wolga), Barkenknecht; (vulg.) grober Kerl; lediger Vagabund'. Über die Etymologie herr­ schen verschiedene Auffassungen, s. Vasmer EW 1.1A8 und Šanskij

1 :2 .233. Lönnrot loc.cit. - Nach Ojansuu 1916.174 ist das Wort über das Estn. ins Fi. gelangt. Gegen diese Annahme dürfte indessen die Ver­ breitung des Wortes sprechen, die nach einer Karte im Archiv der Wörterbuchstiftung auf SO-Finnland und Ladogakarelien beschränkt ist. Mikkola 1894.93 Nissilä 1939-293 und 1956.60 Kalima 1956.108 SKES 3.654 186. putka bes. umg. AFT t>. - 1867: putka vaktkur; kurra, arrest (Lönnrot 2.285) = 1. Arrestraum auf der Polizei, im Gefängnis, Polizeigefängnis; Arrestraum einer Truppenabteilung o.a.', 2. Zelle, Bude < russ. budka 'Wächterhäuschen, Schilderhaus, Bahnwärterhaus, Wachthauschen u.a.', von búda < poln. bud a , tschech. bouda < mhd. boude, nhd. bude 'Hütte' (Vasmer EW l.136) Lonnrot loc.cit. - Heute ist putka in allen fi. Dialekten und in der Gemeinsprache bekannt. Karvinen 1910.l18 Mikkola 1938.102 Kalima 1956.109 SKES 3.661 187. puuhka 1801: Kosk' on herja herjennynnä/ Naras kissa naukumasta/ Niin nyljen nahattomaxi/ Siitäpä tulisitt siewät/ Türkin puuhkatt pulskiammat (Agr.-Jut.420). - 1787: puuhka bräm kringpäls, puuhka M a n suuhun bräm i ärm mynningen (Ganander 2.428a) = l. Pelzrand der Kopfbedeckung, 2. länglicher Pelz, der um Hals

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oder Schultern getragen wird, Boa, 3. Muff Laut SEES 3.664 teils < russ. puch 'Daunen, Flaum, Flaumfedern; feines, wolliges Haar an Tieren; Milchhaar, Flaumbart; das Wolli­ ge, der Flaum (auf manchen Früchten, z.B. an Pfirsichen)' (russ. Ursprung hat erstmalig Mechelin 1842 angenommen), teils liegt viell. Einfluß des deskr. Adjektivs puuhke(v)a, puuhe(v)a 'dicht, bauschig' vor. Das russ. Wort gehört zu púchnutь 'schwellen' (Vasmer EW 2.470). Lönnrot 1867:2.287 Mikkola 1894.155 Ealima 1956.109 188. puuta AFT 0. - 1787: puuta ett lißpund 16 mkg (Ganander 2.429a); 1867: puuta pud (Lönnrot 2 .29O) = russisches Gewichtsmaß: 40 russische Pfund = 16,58 kg Mechelin 1842. - Eine Entlehnung aus jüngerer Zeit, der wahrschein­ lich der russ. Gen.Sg. púda zugrundeliegt, vgl. 6.2.6. Mikkola 1894.56, 155 Ealima 1956.42 SEES 5.667 189. päistär. päistäre 1737: Ja cosca ne /hamput/ owat kyllä cuiwat, pita ne louculla ŕicki loucutettaman etta ne suuret päistaret pois putowat (As. Pg. 600 A4a). - 1745: päistärä schidia lini, skäfwä (Juslenius 264); 1787: päistän, päistär, päistärä, päistäres (.Ganander 2.544a) Abi. päistäreeton, päistäreinen, päistäreton, paistärikko. päiatärinen = (gew. Pl.) 1. Acheln, Holzteile, die sich beim Reinigen von den Flachsfasern losen, 2. (selten) weiße o. graue Haare, die sich im Haar, im Bart o. in der Haardecke von Tieren unter den andersfar­ bigen Haaren zeigen < Urruss., vgl. russ. pazderьe 'schlechter, auf dem Felde zurückge­ lassener Hanf, der erst nach der Ernte des guten Hanfs eingesammelt wird'(Dal' 5.8), russ.-ksl. pazderъ und pázderie 'Halme, Stengel, Stroh; Schaben (vom Flachs, Hanf)', pazderà, pazdira (prov.) 'Borke, Bastrinde1, aus urslav. *paz-der- bzw. *poz-der- zu derú. dratь

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Mechelin 1842. - Die Geschichte dieses Wortes wurde mehrfach von Kalima behandelt (1916, 1920.14, MSFOu 67.153). Au der letztgenann­ ten Stelle findet sich ein Ansatz zur Erklärung des fi. äi für niss. a, nach der dieser Diphthong aufgrund der vor palatalem Konsonanten nach v o m verlagerten Artikulation des russ. a^ entstanden ist. Auf diese phonetische Erscheinung hat Stipa in seiner Rezension von Kalimas Hauptwerk (1956) besonders hingewiesen (UAJb 25.508). - Fi. päistar gehört zu der früh entlehnten Spinn- und Webterminologie; das hohe Alter der Entlehnung wird außerdem durch fi. a für russ. ę in der zweiten Silbe und den Konsonantismus der übrigen osf. Entspre­ chungen bezeugt (vgl. Kalírna 1956.52). Lonnrot 1867:2.505 Kalima 1956.27, 54, 46, 60, 109f. SKES 5.679Í. 190. pätinakunta volksspr. AFT jt. - AFW 0 = große Familie < russ. ṕatína 'fünf an der Zahl, fünf Stück; (ehedem in Novgorod) einer der 5 Stadtteile', zu ṕatь 'fünf' Kettunen 1950:2.157. - Das Wort ist in den mittel- und nordfi. Dia­ lekten verbreitet, wo es 'Familie, große Kinderschar, Sippe' bedeu­ tet. Nirvi 1955-54 vermutete, daß die heutige Bed. in affektiver Rede aus dem normalen gesellschaftlichen Terminus entstanden ist, der ursprünglich einen Verwaltungsbezirk bezeichnet hatte (vgl. Nr. 158). - Das unbet. a zwischen palatalen Konsonanten wurde im Russ. so weit vorn artikuliert, daß es von den Finnen als vordervokalisch perzipiert wurde. - Mägistes Annahme, pätinäk. könne evtl, zu pätistä 'schwellen, strotzen' gehören, dürfte kaum stichhaltig sein (Vir. 1953.154). Rytkönen KV 14.194 SKES 5.686f. 191. pätsi 1545-44: Jumalattomat wimein soo. kijrastulj/ ja heluetin oo. Joijlle walmjstan Cwma Petzj. (Agr. 1.94); 1549-51: Ninquin yxi Patzi/ ionga

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Leipoia lämmitte (Agr. 5.617). - 1657: petzi Vstrina, Schmelz­ hütte (Schroderus 55); 1644: formax, pädzi/ugni (Var. rer. voc. 41); 1685: pätzi Uuni, Ofen (Florinus 41) ON Pättimäki = (bes. biblisch) Ofen, Feuerstätte < Urruss., vgl. russ. pečь 'Ofen', gemeinslav. Wort, zu pekú 'backe (Vasmer EW 2.552) Europaeus 1782. - Fi. pätsi gehört zu den alteren Entlehnungen. Mehrere Verbreitungskarten bietet Valonen 1963- Erst in jüngerer Zeit wurden fi. dial. petska und petsku. die auf russ. Demin. pec­ ka, Akk.Sg. páčku zurückgehen, übernommen (Karvinen 1910.121). Lönnrot 1867:2.510 Mikkola 1894.59, 150 und 1938.22, 72 Vilkuna KV 25-26.250ff. Peltola Vir. 1946.285 Kalírna 1956.27, llO Kiparsky 1965.77 SKES 5.687 192. pätäkkä volksspr. AFT IÓ. - 1867: pätäkkä fem kopeks kopparslant (Lönnrot 2.510) = Fünfkopekenstück aus Kupfer < russ. ṕatàk 'Fünfkopekenstück (bes. Kupfermünze)', zu ṕatь 'fünf' Mechelin 1842. - Über die Lautentsprechungen s. 5.1.5. - Die Bed. 'plattes Ende des Schweinerüssels', die stellenweise in den fi. Dialekten vorkommt, ist auch im Russ. vorhanden. - Ein spätes Lehn­ wort. Karvinen 1910.116 SKES 5.687 Rytkönen Keskisuomen Iltalehti 1966 Nr. 124 195. raamattu 1545-44: Aua pyhein Ramattudhen salaudhet (Agr. 1.545); ninquin Ramatto sanopi (Agr. 1.852). - 1644: liber, book, kirja/raamattu (Var. rer. voc. 69); 1678: Pyhä Raamattu Sacra Soriptura (Florinus 55); 1745: raamattu Codex, liber, skrífft, bok (Juslenius 298) Abi. raamatullinen = I. (Grundbedeutung) 1. (gew. Raamattu) Bibel, Sammlung der heili­

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gen Bücher, die von der Christi. Kirche als Norm ihrer Lehre und ihres Lebens anerkannt wird, Bibel, Altes und Neues Testament, Hei­ lige Schrift, Buch der Bücher, "Das Wort", a. Inhalt und Lehre der Bibel, b. die Bibel als Druckerzeugnis, 2. (Fl.) die Bücher des Al­ ten und Neuen Testaments. II. (in weiterem und ubertr. Sinne:) 1. Koraani on muhamettilaisten raamattu. 2. (scherzh.) Neljän kuninkaan raamattu 'Kartenspiel' < Ürruss., vgl. altruss. gramsta, gramota, russ. gramota 'das Lesen und Schreiben; Urkunde, offizielles Schriftstück oder Schreiben; das Handschreiben eines Herrschers', < griech. grammata Pl. (Vasmer FW 1.505). Porthan,s. OS 1.29* - Porthan hielt es für sicher, daß das Wort durch Vermittlung des Russischen aus dem Griech. ins Fi. gelangt sei. Heute gilt es als wahrscheinlich, daß es aus dem Russ. über das Estn. (estn. raamat 'Schriftstück, Buch, Brief') eingedrungen ist, weil es in den anderen osf. Sprachen kein Pendant hat (vgl. Ojansuu 1916.1?6 und Mikkola 1938.18 , 45 , 55). - Die Bed. 'Bibel' ist sekundär (vgl. estn. piibliraamat 'Bibel'); noch im alten Schriftfi. wird raamattu häufig im Sinne von 'Buch, Schrift' ver­ wendet. Zur Bed.-entwicklung s. Rapola Suomi 101.145ff. - Das ausl. -u dürfte den russ. Akk.Sg. reflektieren (vgl. 5.5.1.). Lönnrot 1867:2.572 Mikkola 1894.51, 51, 75, 109 Kalima 1956.54, 4?, 111, 149 SKES 5.705

194 . raaskia selten, raatsia. raahtia dial., raskia salopp-umg., raskita salopp-umg. 1545-44: sine ioca mos olet sen ylimeijsen Isen ijancaikinen wisaus/ raskitze yleswalghaijsta minun tyhme ymmerdhyxen (Agr. 1. 654); 1642: Mutta cosca rickalle miehelle tuli wieras, ei raskinnut hän otta omista lambaistans (Biblia 171 » 2 Sam. 12:4); 1759: cuinga aiwan harwat ne owat, jotca wähätkin ratziwat maallisista tawaroistans taincaltaisijn tarpeihin lahjoittaa (Jumalisuuden harjoitue 2a). - 1745: raBkitzen. -ita. raskin. -ita non impedior miseratione, nännes, raadin. -tia sustineo, nännes (Juslenius 505, 298); 1826: raatsia. rahtia. raskia. raskita der Sparsamkeit ungeachtet etwas

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zu tun vermögen, über das Herz bringen können (Renvall 2.114) •

= es übers Herz bringen, es über sich bringen, über sich gewinnen (oft in formal oder gedanklich negativem Zusammenhang), l. unge­ achtet der Sparsamkeit oder des Geizes etwas zu tun vermögen, 2. aus Mitleid, Feingefühl (nicht) übers Herz bringen < russ. dial. (W-Rußland) račítь 'seinen Eifer für etw. an den Tag legen, um etw. Sorge tragen, Fleiß an etw. anwenden', (Kulikovskij:) ráčítь 'den Wunsch haben, etw. zu tun; gewogen, geneigt, bereit sein zu ernähren, zu warmen, freundlich zu behandeln'. Vasmer EW 2.498 vermutet Ablaut zu reku, rok. Die i.Fr. stehende Etymologie wurde 1894 von Mikkola eingefuhrt (S. 51, 68, 156) und hat noch heute, ungeachtet seines spateren Widerrrufs (1938.93), Gültigkeit. P.Tervo hat Vir. 1957.402-408 Laut- und Bed.-entwicklung, dialektgeographische Verbreitung und Entsprechungen des Wortes in den anderen osf. Sprachen untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß das russ. Verb sehr früh über­ nommen worden sein und eine Lautentwicklung raatsi/a (-/ta) > raaski/ta > raski/a (-ta) durohgemacht haben muß. Die Entstehung der -sk-Formen erklärt er überzeugend als Bestreben der Sprache, solche schwer aussprechbaren Formen wie raatsitsen zu vermeiden. Den ein­ zigen aufgrund der Lautentwicklung ts > sk vergleichbaren Fall stellt fi. katitsa. katiska < kotьci (Nr. 49) dar. Lönnrot 1867:2.332, 368 Tunkelo 1946.746 Mägiste 1962.20 SEES 3.7lO 195. raja 1543-44: Ölen raijat sijrttenyt (Agr. 1.770); etwa 1548: Nytt ei taidha Raia eli märä olla eli aita (Martti 80). - 1678: limes raja. fines rajat (Florinus 83) ON 1659 Raijalachti: Raj ajohde. Rajakallio Abl. rajaantua. rajainen, rajakkain, rajakkainen, rajalainen, rajallinen, rajata, rajaton, rajatusten. rajaus, rajautua, rajoitella, rajoitin. rajoittaa. rajoittaja. rajoittamaton, rajoittautua, rajoittua. rajoitus = Grenze A. (konkret) 1. Linie, die Land- o. Wassergebiete teilt, 2. (allg.) Strich, Linie o. Fläche als Verbindungspunkt zwischen

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zwei unterschiedlichen Gesamtheiten, Omrißlinie, Rand, Kante, 3Ausgangs-, Anfangs-, Endpunkt einer Linie, Strecke o.a.; B. (ab­ strakt und iihertr.) l. etw., was verschiedene Abstraktionen vonein­ ander scheidet o. etw. in Teile teilt, Übergangs-, Anknüpfungs­ punkt, 2. der am weitesten außen gelegene, letzte Teil von etw., kritischer Punkt, Schwelle, Endpunkt: Maximum, das nicht Überschrit­ ten, bzw. Minimun, das nicht unterschritten werden kann < Urruss., vgl. ruse. kraj 'Rand (eines Gefäßes), Saum (des Klei­ des), Kante (eines Brettes), Bande (des Billards); das Äußerste, Ende; Land, Gegend’;gemeinslav. Wort, Ablaut zu kroítь, krojú (Vasmer EV l.654) Mechelin und Butkov 1842. - Die weite Verbreitung des Wortes in den osf. Sprachen und das Vorkommen bei Agricola sprechen für älteste Entlehnung. Daß der Vokal der ersten Silbe dennoch kurz ist, wurde auf das Fehlen langer Vokale vor j_ und v im Urfi. zurückgeführt (Mikkola 1894.5lf., Kalima 1956.34). - Mikkola 1938.92 hat versucht zu zeigen, daß das fi. und das russ. Wort nichts miteinander zu tun haben. Seine Darlegungen wurden von Kalima 1956.112 als unbegründet zurückgewiesen. Lönnrot 1867 2.349 Mikkola 1894.59 , 60 , 75, 129 Nissila 1939.259 Kalima 1956.47, 112 SKES 3.721 196. ravita 15A3-44: Autuat ouat ne/ iotca isouat/ ia ianouat wanhurskautta/ sille he rauitetan (Agr. 1.88). - 1678: rawindo elätys, hengen elo. victus, alimentům, edulium, esca (Florinus 14); 1745: rawitzen, -ita alo, satio (Juslenius 305 ) Abl. ravinne. ravinnokas. ravinnollinen, -ravinteinen, ravinto, ravintola, ravitsematon, ravitsemus, ravitsevaisuus = nähren, den Nahrungsbedarf befriedigen, füttern wohl < Urruss., vgl. russ. travítь, stravítь 'verfüttern, zum Füt­ tern verbrauchen' (Dal' 4.425), vgl. auch russ. strava (S- und WRußland) 'Essen, Speise, Gericht' , gemeinslav. Wort mit Urverwand­ ten im Griech. (Vasmer EW l.13l) Weske 1890.187. - Für hohes Entlehnungsalter spricht das Auftreten

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in Agricolas Texten, die große Zahl der Ableitungen und die Zuge­ hörigkeit des Wortes zur fi. Gemeinsprache. Da Entsprechungen zu ravita in den östl. osf. Sprachen fehlen, vermutete Ojansuu, daß das Wort durch Vermittlung des Estn. ins Fi. gelangt sei (1916. l15ff.). - Zur Vokalentsprechung in der ersten Silbe s. 5 .1.2 .1. Lonnrot 1867:2.379 Mikkola 1894.51, 165 Kalima 1956.34, 112 Magiste 1957.8f. SEES 3-753 197. remeli volksspr. AFT . - 186?: reteli galler, hack; hack l. stege öfver hastkrubban; hack på kärra, retuli sädeskärra (Lönnrot 2.390, 39l) gew. Pl. = Heu-, Ernte-, Futterwagen, (scherzh.) auch von anderen Fahrzeugen < russ. redelí (< rědelí) 'Krippe (Pskow; Dal' 4.120), Raufe', < ndd. redde1 'Raufe über der Krippe, Futterraufe, Leiter' (Vasmer EW 2.503 sub rèdili). SKES 3.772. - In den Dialekten sind noch weitere Bedeutungen von reteli(t) bekannt als auf der Karte im Anhang angegeben, z.B. 'Arbeitszubehor' (Lapua), 'Schiffsladung Baumstämme' (Kemijärvi), 'verzierter Gegenstand, z.B. Silberkette' (Iitti). Zum Vokalismus der ersten Silbe s. 5.1.2.4. 203. retukka volksdicht. AFT (Ö. - 1886: retukka hasttacke, som utbredes mellan fimmelstangerna, for att hästen skall kunna ata hafra från det (Lonnr. lis. 145) = Schlittenkorb, großer Korb- o. Flechtschlitten < russ. reptúk. reptúch 'Hafersack für Pferde', chreptug. chrebtuK, chrebtúch. chrebt'úk 'Sack, grobe Leinwand, die die Fuhrleu­ te an die aufgehobene Gabeldeichsel binden, um davon die Pferde mit Hafer zu füttern' (Dal' 4.565); diese Bezeichnung ist als dt. Lehnwort angesehen worden (Vasmer EW 2.51h).

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Kalírna 1940.llO. - Wahrend die in Lönnr. lis. angegebene Bed. ge­ nau mit der des russ. Wortes übereinstimmt, scheint die oben nach NS zitierte nicht hierher zu gehören. Nach Kalima liegt hier Bed.übertragung vor, deren sachliche Hintergründe er im op.cit. be­ leuchtet. - Die Verbreitung dieses spat entlehnten Wortes und wei­ tere Bedeutungen gehen aus der Karte im Anhang hervor. Zur Endung -kka s. 5.2.5.1. und 6.2.1.1. Rytkonen Savotar 5.25 SKES 3.773f. Kalima 1956.113 204. reuhka AFT 0. - l?45: reuhca pilei genur frigori et ventis arcendis, karpus (Juslenius 307); 1867: reuhka. treuhka, teuhka, leuhka luden mossa med bredt bram, karpus (Lonnrot 2.392, 724, 689, l.920) Abl. reuhkana deskr. = l. Pelzmütze, bes. solche, die einen über die Ohren zu ziehenden, hinten offenen Pelzrand hat (Koivistoer, Klappmütze), 2. von einer alten, zerschlissenen Kopfbedeckung, manchmal auch von anderen Kleidungsstücken, 3- (verachtl. von Menschen:) schlam­ pige, verlotterte Person < russ. treúch 'Klappmütze, eine Wintermütze mit zwei Ohrenklappen und einer KLappe im Nacken, wie sie Bauern, selten Weiber, tragen', zu tre- und úcho 'Ohr, Klappe' (Vasmer EW 3.137). Kalima 1909b.140. - Die Bed. 'zerschlissene Kopfbedeckung' ist auch auf russ. Seite bekannt, s. Kulikovskij 121. Die reuhka-Mütze war in Finnland bes. Ende des 18. bis Anfang des 19> Jhs. gebräuch­ lich. Zur Behandlung des ausl. russ. -ch s. 5.2.5.1. Sirelius 1916.7 I Kalima 1956.54 SKES 3-774

205 . revohka AFT (3. - AFW 0 = 1. (salopp-umg.) Trubel, Lärm, Durcheinander, 2. (bes. im Sol­ datenslang:) der Trupp, die Meute < russ. trevóKa (< *trьvoga) 'Beunruhigung, Aufregung, Unruhe, Wirrwarr, Tumult, Lärm, (milit. oft) Alarm, Alarmierung'. Von der

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Etymologie gibt es verschiedene Auffassungen (Vasmer EU 3.134). Leskinen 1936.339f. - Ein Ersatz fi. -hk- für russ. £ kommt zwar nicht unter den hier behandelten Wörtern, aber in fi. dial. ronohka 'Teil des Schleppnetzes' < russ. pronóga 'Querleiste, Sprei­ ze' vor, s. SEES 3*835 und 5.2.3.2. In kar. trevooka, ol. trevoogu ist das anl. russ. t erhalten geblieben. Anscheinend ist das Wort erst sehr spat ins Fi. gelangt. Ruoppila 1956.120 SEES 3-775 S.Hämalainen 1963*198f. 206. riesa AFT 0. - 1867: riesa bråk, bekymmer, förtret (Lönnrot 2.398); 1886: riesa smitta, olycka (Lonnr. lis. 145) = l. Arger, Eummer, Verdruß, Plage, 2. (volksspr.) Fluch, Verder­ ben, das durch bose Erafte verursacht wurde; Unreinheit Nach Ealima 1956.114 ? < russ. dial. gŕáza 'aufdringlicher, fader Mensch' (Eulikovskij 17), das wahrscheinlich zu grèzitь 'toben, lärmen, ausgelassen sein, Unfug oder Faxen treiben, verderben' (Podvysockij 35, Dal’ 1.392) gehört. Von fi. riesa gibt es dial. Ableitungen wie riesaut(u)a, riesaantua 'in die Gewalt des Bösen geraten; verderben; gereizt werden (Wunde)', riesiä 'nässen (Wundde)', riesoa 'in Schwierigkeiten hexen', kar.-ol. riesa, -£-, kries a , gŕieza, griezu, -ŕ- 'Arger, Eummer, Widrigkeit' u.a. Das anl. kr- und gr- der letztgenannten Wörter könnte zwar einerseits für russ. Herkunft sprechen, andererseits aber auf Hyperkorrektheit be­ ruhen, vgl. die fi. deskr. Verben riesua, riesistya 'gereizt wer­ den, sich verbreitern (Wunden)' u.a. Nach SEES 3-778 kann teilweise Vermischung mit diesen deskr. Verben vorliegen, auf deren Einfluß die sonst schwer erklärbare Vokalentsprechung der ersten Silbe des fi. Wortes zurückzuführen wäre. 207. riisi

1765: Risen, eller Barna-Trånsjukar, der namn af Risen förstår Gemene Man Fullwuxna, til ex. Borsten, Mag-Flen etc. (Haartman, Lääkärikirja 194). -

Atrophia Infantum, Rijsi. Un­ flere Sjukor, så hos Barn som eller Mjeltsjukan, Rachitis 1745: rijsi morbus intestina

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consumens; pläga som frater inelfworna, rijs (Juslenius 510) = (bes. mediz.) l. englische Krankheit, Rachitis; (volksspr.) fast alle Kinderkrankheiten, 2. (bei A.Kivi wahrscheinlich:) Bär­ lapp (Lycopodium selago, als Drogenpflanze verwendet) . - 1886: (flotningst.) fridag (Lönnr. lis. 148) = meist gelegentliches und kurzes, notgedrungenes oder eigenmäch­ tiges Fernbleiben von der Arbeit < russ. progúl 'mutwillige Versäumung, das Ausbleiben (bei der Ar­ beit), Nichterscheinen (im Amte)’, zu progúlivatь. progul'átь V.K. 19O8 .59 . - Mogl. ist das Wort durch die Sprache der Flößer im Fi. verbreitet worden; heute ist es in allen Dialekten bekannt außer im Varmlandfi., so daß man das 17. Jh. als terminus post quem für die Entlehnung annehmen kann. Eine russ. Form auf -ь (wie von SKES 5.829 als Quelle des fi. Wortes angegeben) war nicht zu belegen; vgl. zur Behandlung des Auslauts 5.3.3.

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Karvinen 1910.122 Vir. 19ll.45 Talve Satak. 17.274 214. ropotti volksspr. AFT 0 . - 1787: robottaa (vox Ruthen, fennis in usu) arbeta, robotus arbetande, labor (Ganander 2.489b); 1867: ropotella, ropottaa arbeta; göra ngt groft 1. plumpt, fuska, ropotti arbete (Lönn­ rot 2.4-50Í.) ON Ropottitie, Ropottinotko = Arbeit; bes. Tagesarbeit des Hörigen (auf dem Donationsland); ropottimies (volksspr.) bes. von den Hörigen auf den Donations­ gütern < russ. dial. robóta, ssp. rabóta 'Arbeit, Mühe, Leistung', gemeinslav. Wort, Abi. von idg. *orbhos (Vasmer EW 2.’r80) Ganander loc.cit. - Da der Terminus eng mit dem Donationssystem verknüpft ist (s. 3.2.), kann als Entlehnungszeitpunkt der Beginn des 18. Jhs. angenommen werden. Dem fi. Wort liegt vermutlich der Nom.Pl. robóty zugrunde. Karvinen 1910.112 Sillman 1917*132 Rytkonen Vir. 1937.100 Nissilä 1958.271 Ruoppila 1958.40 SKES 5.859

2 15 . rosolli AFT 0 . - 1867: rosolli. rossoli sillsalad (Lönnrot 2.452); 1886: rosseli = rossoli (Lönnr. lis. 149) = Heringssalat < russ. dial. rossól. ssp. rassól 'Lake, Salzlake, Brühe, Sauce’, (Podvy3ockij 145:) razsól 'eine Art Brei aus gebrühten, zerstoße­ nen Rüben', zu solь 'Salz', vgl. auch Kulikovskij 101 rosól 'Ge­ tränk aus Rübenaufguß'. Mikkola 1894.156. - Da die Bedeutungen nicht genügend kongruieren, wird vom SKES 4.841 semantische Beeinflussung seitens fldschwed. rosoll 'Heringssalat' (< Russ.) angenommen Außer im westfi. Kü­ stenstreifen kommt das Wort in fast allen fi. Dialekten vor. Vokal­ entsprechungen und erste Worterbuchfixierung sprechen jedoch für jüngere Entlehnung.

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Karvinen 1910.119 Kalima 1956.115 216. rospuutto volksspr. 1759: cosca ei caicki taicka rospuutan ajalla ... kirckoon pääse (Jumalisuuden harjoitus 4); 1808: kuin vuoden aika ja rospuutos Meitä pidättää andamasta ... apua (Kustaa IV Adolf, Hist, asiak. 288). - 1745: roßpuutos vecturae incommoditas, menföre (Juslenius 315); 1787: rosspuutto. rosspuutos, rosspuutta (Ganander 2.h9ha) = schlechter Zustand der Wege bes. im Frühjahr und Herbst < russ. dial., mit ros- beginnenden Varianten von raspúta (N-Rußland), raspútьe. ssp. raspútica 'Zeit der schlechten Wege; schlech­ ter Weg', zu putь 'Weg' Europaeus 1782. - Fi. u entspricht hier dem betonten russ. u, und das £ der ersten Silbe bezeugt späte Entlehnung. Die auf -puute, -puutos, -puutto endenden fi. Varianten sind volksetymologisch mit puute, puutos 'Mangel', puuttua 'fehlen' verknüpft worden (vgl. 6.2.11). Das Wort ist vor allem in Ostfinnland gebräuchlich. von Knorring 1855.55„Lonnrot 1867:2.452 Setälä 1891.154 Mikkola 1894.45, 159 Setälä 1921.167 Mikkola 1938.27 Kalima 1956.116 Ruoppila 1958.55 Kiparsky 1965.142 SKES 4.842 217. rosvo. dial. rosmo 1808: pois-ajaa tata julma ja rosvohtivaista vihollista eteläpuolelda Suomenmaasta (M.Klingspori, Hist, asiak. 524). - 1787: roswo röfware, förrymmare, latro, fugitivus (Ganander 2.494a); 1867: raspoiniekka. rospoinikka (ohne Bed.-angabe), roswo röfvare, snapphane, bandit, rofgirig mska; rymmare (Lönnrot 2.452) ON Rosvokorpi Abi. rosvoilla, rosvopja. olla rosvosilla, rosvota, rosvous = Räuber, (außerhalb der Gesellschaft lebendes) Mitglied einer Räuberbande; (seltener allg.) Räuber, Dieb, Einbrecher < russ. dial. rozbój, ssp. razbój 'Raub, Einbruch, Raubmord, Räu­ berei1;(in Liedern) statt razbójnik 'Räuber, Raubmörder, Straßenrauber; Raufbold', zu boj 'Kampf'

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Mechelin und Butkov 1842. - Andere Beispiele mit fi. y für russ. b kommen zwar nicht vor, aber kar.-ol. rosvoija, kar. rozboi, rozvoińiekka u.a. dokumuntieren die Zusammengehörigkeit der osf. Wörter. Russ. dial. rozbój steht dem fi. Wort am nächsten. Nach Ansicht Kettunens 1940.252, der von russ. razbójnik ausgeht, ha­ ben bei der Kürzung des Wortes euphemistische Gründe eine Rolle gespielt-, vgl. aber auch porno < pomòščnik (Nr. 167). - Fi. dial. rosmo, rosmu ist von fi. rohmu 'Hamsterer' beeinflußt (RaekallioTeppo Vir. 1967.373). Ahlqvist 1875.230 Mikkola 1894.45, 156 Sillman 1917.135 Mägiste EK II.134 Mikkola 1938 .2 7 , 102 Kettunen 1940 Karte 140 Kalima 1956.116 SKES 4.845f. 218. rotinat volksspr. AFT t. - 1826: rotina, rotinat Wib. Geschenke an Wöchnerinnen (Renvall 2.132) = (Pl.) Geschenke für eine Wöchnerin < russ. rodiny 'Entbindung, Niederkunft und die Feier derselben', zu rodítь, rožu 'zeugen, gebären' Mechelin 1842. - Das Wort und die damit verbundene Sitte, einer Wöchnerin einen Besuch zu machen und Geschenke mitzubringen, ist in Ostfinnland bis zum Kymijoki verbreitet (Worterbuchstiftung). Rotinat in der Bed. 'Geburt' wurde noch 1917.136 von Sillman aufgezeichnet. Zum Auslaut s. 5.3-7. Lönnrot 1867:2.433 Mikkola 1894.157 Karvinen 1910.117 Harva KV 20-21.29 Ikola 1968.505 SKES 4.117

219 . rotsia volksspr., rotia volksspr. 1787: En oo täällä syntynynnä/ tällä rannalla rotinut, ej 00 Isäni ikinä/ talie rann alle rotinut (Agr.-Jut. 372). - 1826: rotia gigno, progigno, pário, gebären (Renvall 2.132) = gut gehen, erfolgreich sein (z.B. kaupat rotsivat hyvin) < russ. rodítь 'gebären, zur Welt bringen, zeugen, erzeugen, her-

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Vorbringen; verursachen', gemeinslav. Wort, Abl. von rod (Vasmer EU 2.528) Lonnrot, der 1867:2.453 die erste Angabe bezügl. der Herkunft des Wortes macht, kennt nur die Bedeutungen 'gebären, hervorbringen'. Die Bed.-entwicklung im Pi. wird anhand des Kar.-01. verständlich, wo rodie, rod1ie 'geboren werden, zu etw. werden, bekommen, ge­ schehen, fortschreiten, glücken, gut geraten, genügen' bedeutet. Das £ in rotsia kann als Äquivalent der Palatalitat des russ. d aufgefaßt werden; ein weiterer Fall dieser Art kommt unter den hier behandelten Wörtern allerdings nicht vor. Mikkola 1894.157 Ikola 1968.504f. SEES 4.844 220. rotu 1618: ia andacaan hänelle jällensä rodhollisen työtä tehdäxensä (Koll. Kaupl. 517). - 1787: rotu, roto kön, sexus, rotus slagt, stirps (Ganander 2.494b); 1826: rotu, roto mannl. o. weibl. Ge­ schlecht, rotus Geschlecht, Stamm (Renvall 2.152); 1867: rotu slagt, slag, art, ras; härkomst, födelse; kön; (gram.) species verbi (Lönnrot 2.454) Abl. rodullinen, roduton, rotuinen = Rasse, l. (biol.) große Gruppe einander ähnlicher Einzelwesen, die ihrer Abstammung nach gleichartig sind und gleichartige Nach­ kommen haben (Menschen und Tiere), 2. (zu vor.) a. von ererbten guten Eigenschaften; von der Prägung einer guten Herkunft, b. (allg.) Art, Gattung < russ. rod 'Geburt; Geschlecht, Familie, Generation; Sippe, Gat­ tung (der Tiere); Sorte(Waren); (Gramm.) Geschlecht, Genus; Art, Weise; Verwandtschaft, die Verwandten', gemeinslav. Wort mit halt. Urverwandten, z.B. lett. rads 'Verwandter, Geschlecht' (Vasmer EW 2.527). Sjögren 1828, s. Sjögren GS 158. - Fi. rotu geht wahrscheinlich auf den russ. Gen.Part, zurück (e. 6.2.6.). Die ssp. Spezialbe­ deutung 'Rasse' hat das Wort in ganz Finnland bekannt gemacht. Nach dem Datum des ersten schriftl. Belegs zu urteilen, wurde es wohl in spataltruss. Zeit entlehnt.

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Mikkola 1894 .38 , 73, 157 und 1938.42 Kalima 1956.26 , 60, 116 SKES 4.846 221. rupla 1808: yxi Riksd. Riksg. rahasa teke puolen toista rubblaa (Hist, asiak. 340-341). - 1787: rupla Thalerus imperialis Russicus (Ganander 2.508b); 1867: rupla, rupila (Lönnrot 2.454) = Rubel, Geldeinheit der Sowjetunion (Rußlands) < russ. rublь 'Rubel', seit 1316 anstelle der grívna, zu rubítь ■hauen' (Vasmer EW 2.542) G an ander loc.cit. - Ausgangspunkt der Entlehnung war vermutlich der russ. Gen.Sg. rubl'á (vgl. 6.2.6.). Mikkola 1894.159 und 1938.40 Kalima 1956.58 Karlsson 1964.67 SKES 4.878 222. rusakko AFT iS. - 1867: rusakkojänis tyska haren (Lönnrot 2.454) = Lepus europaeus, allgemein in S- u. Mittelfinnland, Hase, der etwas größer als der gewöhnliche ist, Feldhase, deutscher Hase < russ. rusák 'der graue Hase'. Nach Sreznevskij 3-197 seit 1579 belegt; über die Herkunft sagen die etymologischen Wörterbücher nichts aus. Kiparsky 1939.278. - Die mit rusakka bezeichneten Hasen wurden Ende des 19. Jhs. in Finnland angesiedelt. Auf fi. Seite assozi­ ierte man den Namen mit fi. rusakka 'bräunlich' (SKES 4.879). Kiparsky 1949.63 Kalima 1956.117 223. russakka AFT 0. - 1826: rusakka, russakka blattae species minor quam toralcka, Schabenart (Renvall 2.138) = Phyllodromia germanica, in den Wohnungen der Menschen als Schma­ rotzer lebende braune, kleine Schabe

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< russ. prusak 'Blatts germanica, deutsche Schabe; (Wologda) Periplaneta orientalis, Küchenschabe'; wohl von prusak 'Preuße' (Vasmer EW 2.451) Mechelin 1842. - Russakka ist Vertreter der jüngeren Lehnwort­ schicht und in den Dialekten außer Eigtl. Finnland und Värmland weit verbreitet. Mikkola 1894.155 und 1938.102 Kalima 1956.47, 1 1 7 S.Hamalainen 1963.205 SKES 4.882 224. rätsinä ethnol. AFT IÓ. - 1867: rätsi, rätsinä skjorta, lintyg, särk (Lönnrot 2.482) = langärmliges, oft am Saum besticktes, zweiteiliges Frauenhemd Kalima 1956.117. - Toivonen Vir. 1938.181f. legte dar, daß rätsinä von fi. rätti 'Lappen' abgeleitet sein kann, dessen Bed. sich im Laufe der Zeit zum Pejorativen hin verschoben hat und das früher wahrscheinlich die neutrale Benennung eines hausgemachten Gewebes war. - Demgegenüber muß aber berücksichtigt werden, daß russ. rědčína 'grobe Leinwand, Sack-, Packleinwand' lautlich gut zu fi. ratsina paßt, das nur im Kar. wirklich beheimatet und ins Fi. wahr­ scheinlich dank der Vermittlung des Kalevala gelangt ist. Nirvi Vir. 1937-48 und 1960.149 Ruoppila 1964.3l SKES 4.917f. 225. raahka AFT - 1787: raahka, reähkä synd, peccatum, facinus, Oloniec, Carel. derivatur a Ruthen, grech (Gamander 2.462a); 1867: raahka allt ondt, orent och afskyvärdt, otyg; brott, last, synd; smitta (Lönnrot 2.484) = 1. (volksspr.) a. von bösen Kräften verursachte Krankheit, Lei­ den, Verunreinigung, b. Widerwärtigkeit, Ungemach, Kummer, Arger, o. Sünde, 2. (Schimpf- o. Fluchwort:) unreines, elendes Wesen, Ha­ lunke, Lump, Schurke, Flegel, 3. (adj., volksspr.) abscheulich, böse, nichtsnutzig, unverschämt < Uruss., vgl. abg. grěchъ, russ. grech 'Sünde, Fehlen gegen die göttlichen Gebote; Schuld, Versehen, Fehler; Unglück, Mißgeschick,

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Unfall', gemeinslav. Wort mit unsicherer etymol. Anknüpfung (Vasmer EW 1.307) Ganander loc.cit. - Aus der Verbreitung des Wortes in den ostfi. Dialekten und in Värmland schließt Ruoppila 1954.163ff., daß die Übernahme im 13. Jh., vor dem Schlüsselburger Frieden erfolgte. Eine Karte über die Verbreitung des Wortes und seine verschiedenen Bedeutungen gibt A.Vilkuna FFC 164.195. - Die Wiedergabe des russ. j[ entspricht der in den alten Lehnwörtern, vgl. 5.1.2.4. Mikkola 1894.54 , 68, llO und 1938.56 Kiparsky 1946.78 Kalírna 1956. 37 , 54 , 60, 118 A.Vilkuna FFC 164.194ff. SKES 4.920 226. raaty volksspr. AFT i. - 1867: raaty (Hk.) rad, grad, rääty II Iängref (?) (Lönn­ rot 2.486) = Reihe, Schlange; (spez.) Netzreihe < russ. ŕad 'Reihe, Reihenfolge', gemeinslav. Wort, urverw. mit lit. rinda 'Reihe, Linie' u.a. (Vasmer EW 2.561) Lönnrot loc.cit. - Die Bed. 'Reihe' findet sich in allen östl. osf. Sprachen sowie im Wot. und Estn.; dagegen bedeutet nur weps. ŕad auch 'Netzreihe'. In Anbetracht dessen dürfte es wahrscheinlicher sein, daß das Wort von Osten her nach Finnland gelangt ist und nicht aus dem Estn., wie Ojansuu 1916.18l angenommen, Posti 1954. 13 jedoch bezweifelt hatte. Der Einfluß des palatalen ŕ auf die Artikulation des russ. a bewirkte, daß das Wort im Fi. vordervokalisch wurde (vgl. 5.1.5.). Sillman 1917.136 Kalima NphM 49.56 und 1956.113 Ruoppila 1958.56 SKES 4.924 227. saani ethnol., sani dial. AFT i. - 1787: saani, aoaani Saw. karmsläde, kappsläde, kyrksläde, en mindre og nättare an Korja; saani Olonice stor släde med höga karmar (Ganander 3.1h, 59a); 1867: saani en egen sorts släde; släde (med korg); grann-, statsläde, sani släde med utåt böjda sidor (Lönnrot 2.493, 508)

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saani = Fahrschlitten, sani = saani; (in Lappland namentlich) Ren­ tierschlitten mit hohen, schrägen Streben < Urruss., vgl. russ. sáni 'Schlitten'; gemeinslav. Wort, dessen echt slav. Herkunft nach Vasmer EW 2.577 wahrscheinlicher ist als Entlehnung. Ganander loc.cit. - Kalima WS 1910.183ff. hatte zunächst umgekehr­ te Entlehnungsrichtung angenommen; heute jedoch gilt saani allge­ mein als Entlehnung aus dem Russischen (Lit. s.u.). - Da das Wort gemeinosf. ist, muß es sehr früh übernommen worden sein. Mikkola 1894.160 Kalima 1956.118 Kiparsky 1956.73f. SKES 4.936 228. saapas 1680: yhdella parilla Hywästa Wahwasta ja Woidellusta Nahaasta Saappailla (As. Pg. 205 Alb). - 1637: saapas Stiefel (Schroderus 28) 0N Sabbanso. Saapaskivenlahti Abi. saapastaa, saapastella, saapikas = Stiefel, Schuhwerk mit langem geschlossenen Schaft ohne besonde­ re Teile zur Befestigung am Fuß, (verachtl.) unbeholfener, harm­ loser, gutmütiger Mensch < Urruss., vgl. altruss. sapógъ, russ. sapóg, Gen.Sg. sapoga 'Stie­ fel'. Hierzu hat zuletzt Vahros 1959.168 eine von Vasmers (EW 2.578) abweichende Etymologie geliefert, die als Ausgangspunkt des russ. Wortes alttürk. *sapay-, *sapuy- 'Fußbekleidung mit Stiefelschaft' bzw. urbulg. *saBaG-, *saBuG- postuliert. Diese Erklärung ist nach Kiparsky Vir. 1961.529 der alten vorzuziehen, da sapóg in den westslav. Sprachen fehlt und zudem einen schwankenden Konsonantismus hat (sabóg, zapóg. zabóg). Europaeus 1782. - Die lautliche Entwicklung des Wortes im Fi. gleicht der von piiras (Nr. 147): Nach dem Ausfall von *£ (< g) schloß es sich den auf —s endenden Nomina an (sa&ppaa- < *saappaya- < *aaappaga-; vgl. 5.2.3.2. und 6.2.1.1.). Im Wot ist das £ zu Beginn der dritten Silbe erhalten geblieben (säppaga). - Das a der ersten Sil­ be spiegelt die alte Lange des russ. a wider, das in allen Fallen unbetont ist. So gehört saapas zu den ältesten Lehnwörtern.

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Lönnrot 1867:2.493 Setälä 1899-61 Mikkola 1894.36, 5l, 63, 160 und 1938.21, 32, 74 Kiparsky 1948.39 Kalima 1956.24, 34 , 50 , l19 Iversen 1958.260 Vahros 1960.7 Kiparsky 1963-17 SKIS 4.936 229. saappani AFT í>. - AFW $ = Barriere aus mehreren parallelen Baumen < russ. dial. zapanь 'Kette aus Balken, die quer über den Fluß zum Aufhalten der geflößten Stämme gezogen wird' (Kulikovskij 27), aus *za-padnь (Vasmer EW 1.442) SKES 4.936. - Entsprechungen des Wortes gibt es nur im Kar.-Ol., wo es mit z- anlautet: zaap(p)ańi, zoapańi u.a.; die Entlehnung ins Fi. kann durch Vermittlung dieser Idiome erfolgt sein. Saap­ pani gehört zu den jüngsten Lehnwörtern. Sein a reflektiert das bet. russ. a (s. auch Karte im Anhang).

230. saiju volksspr. (Parallelform saju, tsa(i)ju). saikka salopp-umg., milit. AFT Ů. - 1867: saaju (Rk.), saiju (Rk.), tsaaju té (Lönnrot 2.493, 498 , 726)-, 1886: säijy (Lonnr. lis. 171) < russ. čaj, Gen.Part, čáju 'Tee' , < türk, und mong. Sai < nordchines. čhã (Vasmer EW 3-299) Mechelin 1842. - Die Sitte des Teetrinkens und damit der Gebrauch des Wortes breitete sich von Petersburg über die Kar. Landenge bis nach SO-Finnland aus (Karste-Liikkanen 1968.214 Karte). Das Auslaut-u erklärt sich aus dem russ. Gen.Part, čaju (vgl. 6.2.6.), während die Variante saikka wohl auf das Deminutivum čajók bzw. dessen oblique Kasus zurückgeht. Salenius 1870 .12 7 Wessman 1909.58 Karvinen 1910.119 Ruoppila Vir. 1944 .7 , 1955.21 und 1958.21 SKES 4.945 231. saikka

AFT 0. - 1867: saikka hvetebrod, semla, saika korsformigt hvetebröd (Lönnrot 2.498)

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= Semmel, Brötchen, Weizenbrot < russ. sajka 'Semmel aus dick eingerührtem Teig'. Wird aus estn. sai, Gen. saia 'Weißbrot, Semmel' durch Umbildung nach dem Vor­ bild russischer Substantive auf -ka erklärt (Kalima 1919-212, Vasmer EW 2.569, Cyganenko 408). Kiparsky 1936.68 nimmt umgekehrte Entlehnungsrichtung an, indem er von russ. *saja , sájka ausgeht. Mechelin 1842. - Das fi. Wort hat nur im Weps. und Syrj. Entspre­ chungen (s. SKES 4.945). Für seine russ. Herkunft spricht außerdem, daß es nur im südostl. Teil des fi. Sprachgebiets verbreitet ist. Ahlqvist 1857.96 Sillman 1917.154 Ruoppila Kotis. 52.128 und 1956. 123 232. sakuska bes. volksspr., sapuska salopp-umg. AFT (Ö. - 1867: sakuska tilltug (Lönnrot 2.500) sakuska = Bissen zum Aperitif, sapuska = Essen, Kost, Proviant < russ. zakuska 'Imbiß, Gabelfrühstück; Zukost, Zugemüse, Beies­ sen; Nachessen, Dessert, Nachtisch’, zu kus 'Bissen* (Vasmer EW 1.44-0) Lönnrot loc.cit. gibt für fi. sakuska das Original an; die Form sapuska ist erst spater durch Dissimilation entstanden (vgl. 5.2.8.), in den Dialekten heute aber weiter verbreitet als die k-Form. Sakuska/sapuska dürfte zu den im vorigen Jh. Übernommenen Lehnwörtern gehören. Karvinen 1910.119 Ruoppila 1956.123 Pruševskaja ScSl 8.215 SKES 4.952f. 233. samovaari AFT 0. - 1867: samowaara, Samowars tëkok (Lönnrot 2.507) = Samowar, bes. in Rußland gebräuchlicher hoher, kelchformiger, geschlossener Teekocher aus Messing oder Kupfer, der mit Holz­ kohle beheizt wird < russ. samovar 'Teemaschine', zu sam 'selbst' und varítь 'kochen' (Vasmer EW 2.574)

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Lönnrot loc.cit. - Fi. a in der dritten Silbe reflektiert beton­ tes russ. a. Begriff und Sache kamen in Finnland wahrend der russ. Herrschaft in Gebrauch. Die Materialien der Wörterbuchstiftung weisen das Wort hauptsächlich aus Ostfinnland nach. Karvinen 1910.120 Sillman 1917.133 Haltsonen Suomi 5:16.145 SEES 4.963 23h-, sapiska salopp-umg. AFT i. - 1867: sapiska (01.) biljett, qvitto (Lönnrot 2.509); 1886: sapiska gralor, bannor, sai aika sapiskan fick sig dugtigt påskrifvet (Lönnr. lis. 157) = 1. (heftige) Vorwurfe, Schelte, Standpauke, Moralpredigt, 2. (selten) Rede, Vortrag, Aufsatz < russ. zapíská 'Aufschreiben, Notieren, Eintragen; Zettelchen, Briefchen, Aufzeichnungen, Notizen', zu pisatь 'schreiben' Lonnrot loc.cit. - Nach Ojansuu 1904.111 bedeutet sapiska im Fi. auch 'Schmahbrief' und scheint volksetymologisch mit sappi 'Galle' verknüpft worden zu sein. Auffällig ist andererseits auch die syn­ taktisch und wurzelsemantisch gleichartige Konstruktion von fi. saada sapiska und schwed. umg. få påskrivet, beide in der Bed. 'einen Rüffel bekommen'. Wessman 1909.58 Karvinen 1910.121 SEES 4.970 235. sarai volksspr., sarain volksspr., saraj volksspr. AFT IÓ. - 1867: sarain, saraja lider, skulle (Lonnrot 2.510) ON Saraikoski, Sarraipelto = Dachbodenraum, der in ostkarelischen Bauernhöfen das Heu u.a. beherbergt; Schuppen, Scheune < russ. saraj 'Schuppen, Wagenschuppen, Schauer, Remise', < türk. sarai < pers. sarai, Sara (Vasmer EW 2.579) von Knorring 1833.54. - Wahrend sarai den russ. Nom.Sg. zur Aus­ gangsform hat, gibt saraja mogl. einen obliquen Kasus wieder (vgl. jedoch 5.3.5.). Das Wort ist erst in jüngerer Zeit entlehnt worden und vor allem in Ostfinnland gebräuchlich. Laut Worterbuchstiftung

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ist die häufigste Variante sarain. Mikkola 1894.160 Karvinen 1910.12l Sillman 1917.133 Kalima 1956. 56, l19f. Nissila 1956.55f. SKES 4.972 256. sarkka bes. gehob. Stil AFT St). - 1787: sarkka Bothn. idem ac wijnapikari, -pullo, en suup branwijn (Ganander 5.17b); 1826: sarkka Bothn. Caj. poculum vini uno haustu evacuandum, ein Mundvoll (Renvall 2.160); 186?: sarkka supglas, sup; jungfrumått, en sup, klunk; bägare; sarikka dial. id. (Lonnrot 2.511, 510) = Krug, Kanne, Humpen < russ. čárka 'Schnapsglas', Demin. von čára 'Bierglas, Schnaps­ glas', das im Russ. seit 1151 belegt ist, über dessen Herkunft aber verschiedene Auffassungen bestehen (Vasmer EW 5-305) Mechelin 1842. - Nach seinem ersten Vorkommen zu schließen, muß sarkka spätestens im 18. Jh. entlehnt worden sein. Heute wird es bes. in der Dichtersprache verwendet. Mikkola 1894.176 und 1958.102 Kalima 1956.120 SKES 4.976 257- sašeni

*

AFT Ó. - 1867: sasen rysk famn (omkr. 7 fot) (Lonnrot 2.512) = ein russ. Längenmaß: 5 Arschin = etwa 2,1 m < russ. sažènь 'Faden, Klafter', schon 1068, gemeinslav. Wort, urslav. *sggъ, *sęženь, zu śagatь 'den Arm ausstrecken' (Vasmer EW 2.568) von Knorring 1855-55- - Das Wort ist wahrscheinlich erst nach 1809, wahrend der russ. Herrschaft in Finnland, in Gebrauch gekommen. Die Schreibweise mit £ zeigt den Fremdwortstatus an. Mikkola 1894.48, 160 SKES 4.978 258. sassiin salopp-umg. AFT 0. - AFW d = (Adv.) schnell, sofort, bald

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< russ. aejčás 'sogleich, sofort, augenblicklich'. Das Wort wird in der Umgangssprache einsilbig, mit langem weichem £ im Anlaut artikuliert. Rvv.R A.978. - Sassiin ist in allen fi. Dialekten bekannt. Zur morphologischen Anpassung s. 6.2.4. 239- s a t k a V o lk s spr. AFT IÓ. - 1867: satka fisksump (Lönnrot 2.513); 1886: satka af stockar och stenar gjordt stängsel i sjobottnet for fiskfånget (Lonnr. lis. 157) ON SatkaIahti = Fischkasten < russ. sadók 'jede Vorrichtung zum Aufziehen, -füttern o. Masten der Tiere; Maststall; Fischhalter, -behälter, -kästen, -boot', Demin. von sad 'Garten' Lönnrot loc.cit. - Dem fi. Wort liegt ein russ. obliquer Kasus mit flüchtigem o zugrunde. Es wurde wahrscheinlich im 19. Jh. ent­ lehnt und gehört heute vor allem zum Wortschatz der Ostfinnen. Nissilä 1939.209 Ruoppila Kotis. 1952.126 und 1956.123 SKES 4.981 Karste-Liikkanen 1968.284 240. saverikko AFT 1d. - 1745: sawiricko vimen quo temones vehiculo alligantur (Juslenius 33l); 1787: sawerikko Saw. Carel., vel sawirikko (Ganander 3.20b); 1867: sawerikko. aawerkko, sawirikko. sowerikko länk vid slädfjettran för att fästa fimmerstången, fimmerstångskrok l. -vidja (Lönnrot 2.515, 516, 579) = früher ein Rutenring, mit dem die Deichsel an der vorderen Stre­ be des Schlittens befestigt wurde; heute gewundener Haken o. Klin­ ke, die an der Schlittenkufe befestigt ist und in die Schlaufe am Ende der Deichsel eingepaßt wird < russ. zavórtką. dial. zavórka (Kulikǫvskij 24) 'Verband der Femerstange (an einem Schlitten); Strick zur Befestigung des Vorstecknagels an den Hinterrädern1, von zaýórtyvatь 'einwickeln, um­ hüllen’

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Mechelin 1842. - Zwar gehört saverikko nicht zu den jüngsten Lehn­ wörtern, kann aber auch kaum aus der Zeit vor dem Wandel £ > im Buss, datieren, der nach Kiparsky 1963*153 in N-Rußland um 1150 erfolgte. In Anbetracht dessen ist es unverständlich, warum russ. 'o im Pi. ohne Reflex geblieben ist; vgl. 5.1.1.2. Zur Endung -kko s. 5.2.2. Mikkola 1894.66, 115 Rytkonen Savotar 3.19 Mikkola 1938.37 Kalírna 1956.120, 153 SKES 4.985 241. savotta volksspr. AFT i6. - 1867: sawotta faktori, fabrik, bruk (Lönnrot 2.516) ON Savotanaho Abi. aavottalainen = größere Abholzungs-, Transport- und Floßarbeiten von Holzwaren­ gesellschaften < russ. zavód 'Fabrik, Werkhaus, Manufaktur, (Bergwerk) Hütte', zu zavodítь 'einrichten, anlegen u.a.' Ahlqvist 1857.96. - Das Wort wurde wohl wahrend der Donationszeit übernommen und ist, ausgenommen SW-Finnland, in den meisten fi. Dialekten bekannt. Salenius 1871.105 Karvinen 1910.116 Nissila 1935*114 Ruoppila 1956.123 SKES A.986 242. selja 1765: Flader, Sambucus nigra. Heisi- eli Seljapuu (Haartman, Laakarikirja Bb5b). - 1787: seljapuu, heisipuu, flader, Sambucus nig­ ra (Ganander 3.35b); 1867: selja fläder; läkemedel, medikament, seljapuu fladertrad, flader (Lönnrot 2.521) = Sambucus, zu den Geißblattgewachsen gehörige Straucher o. Baume mit unpaarigen Blattern und kleinen, dichten Trugdoldenblüten, Ho­ lunder < russ. zélьe 'Pflanze, Kraut; Giftkraut, -gewachs, Gift; Unkraut, Arznei, Heilmittel', gemeinslav. Wort, zu zel'ónyj 'grün' (Vasmer EW 1.452)

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Me che 1in 1842. - Fi. selja als Baumbenennung ist nach SKES 4.994 eine elliptische Verkürzung aus seljapuu 'Gift-, Arzneibaum'. Dem fi. Wort liegt wahrscheinlich der Nom.Pl. zélьja zugrunde. Dia­ lektal tritt das Wort nur sporadisch, vor allem in SO-Finnland auf. Wiklund 1896.172 Rytkönen 1946.90 243. seljanka AFT 0 . - AFW f!) = ursprünglich russische, stark gewürzte Suppe aus Fleisch und Fisch < russ. sei'anka 'ein mehr oder weniger dünnes Gericht aus verschie­ denartigstem Fleisch, mit Kohl, Zwiebeln und Gurken' , entweder als 'Bauernspeise' zu sei'anin 'Landmann' oder als s o ! 1anka (= sei* an­ ka) von solь 'Salz' (Vasmer EW 2.607) Auf der Kar. Landenge wurde das Wort in der Form selantka gebraucht (Wörterbuchstiftung). 244. selti AFT 0. - 1867: selti seid (platessa dvinensis) (Lönnrot 2.523) im Weißen Meer lebender kleiner Hering < russ. selьdь (< *sьlьdь) 'gemeiner Hering, Clupea harengus', < anord. sild, sild, altschwed. sild 'Hering' (Vasmer EW 2.607) Wessman 1909.38. - Dem russ. Original steht weps. śel'd' lautlich am nächsten. Fi. selti ist nur östlich der Dialektgrenze zwischen Ost- und Westfi. bekannt und fehlt im Varmlandfinnischen. Karvinen 1910.119 Sillman 1917.134 Ruoppila 1956.124 SKES 4.997 245. semstvo histor. AFT 0 . - AFW 0 = die Abgeordnetenversammlung der Gouvernements oder Kreise, die 1864-191? in Rußland in den meisten Gouvernements tätig waren: Provinzständetag < russ. zèmstvo 'Landschaft, Landstand, Vertretung der Landschaft;

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coll. die Landschaftsabgeordneten', zu zeml'a 'Erde, Gebiet' ITS 11.1270 246. sepeli AFT 0. - 1886: sepeli, sepelitie macadamiserad vag, Chaussee (Lonnr. lis. 159) Abi. sepellys, sepeloida = Steinschotter, der mit besonderen Kahlmaschinen meist aus Granit hergestellt und als Straßendecke und zur Betonbereitung verwendet wird, Kakadam < russ. Ščébenь, ščěbelь 'Steinschutt, kleingehackte Steine zur Füllung des Fundaments, nam. zum Beschütten der Chaussee, Füllsteine fürs Straßenpflaster; (auch) grober Grand', wohl zu skoblítь 'scha­ ben, kratzen' (Vasmer EU 3.444) Hakulinen 1941.140. - Fi. dial. sepeni, sepena weisen auf russ. Ščèbenь. Diese Form kaum auch die Quelle für sepeli gewesen sein, dessen Endung -li dann durch Dissimilation zu erklären wäre. Diese Erscheinung ist im Fi. nicht selten, vgl. Hakulinen 1968.155 und hier 5.2.8. - Fi. dial. seponkka (Lavansaari) geht auf russ. ščeb 'ónka. Demin. von ščébenь zurück. Die Wörter wurden wahrschein­ lich im vorigen Jh. entlehnt. SKES 4.998 247. serpa volksspr. AFT IÓ. - 1867: serpa soppa, kalaserpa fisksoppa (Lönnrot 2.525); 1886: serpa = serpa (Lonnr. lis. 159) = Suppe, Brühe < russ. ščerbá (prov.) 'Fischsuppe', dial. šerba (Dal* 4.629) 'id.', < Turkotat. (Vasmer EW 5.449f.) Kechelin 1842. - Serpa ist vor allem in Savo und S-Karelien ge­ bräuchlich. Ein jüngeres Lehnwort, vielleicht aus dem vorigen Jh. Ruoppila 1956.124 Vuorela 1964.194 SKES 4.1002

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Verzeichnis der Lehnwörter 248. sesta Volksspr.

AFT 0. - 1886: sesta lång stång l. stor, hvarmed båten stakas framåt, båtshake (Lonnr. lis. 159) Abl. sestoa = Stange, Staken < russ. šest 'Stange' (< urslav. *šьstъ) , urverw. mit lit. šíekštas 'entwurzelter Baumstamm, Block für Gefangene' (Vasmer EU 3-394) Karvinen 1910.120. - Eine junge Entlehnung, die in den südwestfi. Dialekten unbekannt ist. SKES 4.1003 249. setolkka, Parallelform sitolkks AFT i>. - 1867: setolkka seldyna (Lonnrot 2.525) = Teil des Pferdegeschirrs, den zwei längliche, meist gepolsterte Holzplatten und ein verbindender Stahl- oder Holzbogen bilden, den man mit dem Bauchriemen am Rucken des Pferdes befestigt und der mittels der Riemen das Geschirr und die Deichsel tragt < russ. sed'ólka (< sěd' ólka) 'kleiner Sattel beim Feme ranspann', Denin. von sedló 'Sattel' Lonnrot loc.cit. - Die mit se-, sitolkka bezeichnete Vorrichtung war nach Vilkuna SM 46.A4 bereits 1808 in Gebrauch. Das Wort ist heute dialektal allgemein verständlich. Sillman 1917.135 Vilkuna Vir. 1936.302 Kalima 1956.120 SKES 4.1004 250. seuna ethnol. AFT 6. - 1745: seuna trabs ardens volutata in agro sylvestri, svidie waltstock (Juslenius 340); 1787: seena. seuna Saw., sienna, sjena (Ganander 3.31b, 38a, 40b); 1867: seuna, siena brinnande flyttbar stock for svedjning (Lonnrot 2.525, 528); 1886: seunu = seuna (Lonnr. lis. 159) = beim Schwenden von anderswo herbeigebrachter Baum (-stamm), der an baumlosen Stellen benötigt wurde, Stubben

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? < russ. *žegno oder ’žegun von žigatь 'brennen, verbrennen', vgl. podpustítь zegunka 'ein Feuer anlegen', *žžéna : žžëníca 'verbrann­ te Stelle am Körper' Rasanen 1955 begründet diese Etymologie mit dem Hinweis auf den dial. Wechsel seula ~ siekla und vermutet, daß seuna in der o.g. Bed. eine elliptische Verkürzung aus seunapölkky 'Schwendeklotz' sein konnte. SKES 4.1006 25l. siisti 1704: Taall' on aijsti (Kelander Suom. Tilap. 81). - 1787: sijsti sn78S» prydd, mundus (Ganander 3.45a); 1867: siisteä, siistiä, siis­ ti snygg, städad, fin, anständig, hygglig, belefvad, hoflig (Lönnrot 2.532) Abl. siiateys. siistiintyä, siistijä, aiistimätön, eiistitä, siistiytyä, siistiä = l. äußerlich sauber, rein, fleckenlos, gut gesäubert o. gereinigt; gut und sorgfältig gepflegt o. gemacht, kultiviert, ordentlich, ein­ wandfrei, in Ordnung, 2. reinlichkeitsliebend, für Ordnung und Sau­ berkeit sorgend, 5. (weiter und übertr.) (moralisch) untadelig, un­ bescholten; brav, anständig; tüchtig, ordentlich < russ. čístyj '(fast in allen Fallen gleich dem deutschen) rein (ohne Flecken, ohne Beimischung, sowohl sachlich, als geistig; zur Bezeichnung des Sinnes für Ordnung u. Sauberkeit, für diese an Din­ gen sichtbaren Eigenschaften).reinlich'; gemeinslav. Wort, urslav. *čistъ (Vasmer EW 5.542) Kechelin 1842. - Die lautlichen Kriterien lassen keine eindeutige Altersbestimmung zu. So hat Mikkola das Wort zunächst zu den alten, in der Neuauflage seines Werks zu den spaten Lehnwörtern gerechnet, da es in Juslenius' Wörterbuch fehlt. Dieser Auffassung hat sich Kalima angeschlossen. Als Original kann sowohl die russ. Langform des Adjektivs als auch die Kurzform čist gedient haben (vgl. 5.5.5.). Das fi. Verb siistiä kann auf russ. čístitь zurückgehen, ebensogut aber auch fi. Derivat von siisti sein. Mikkola 1894.57, 73, 117 und 1938.55, 85 Kalima 1956.40, 120 SKES

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252. siivatta volksspr. AFT 0. - 1867: siiwatta husdjur, hornboskap (Lönnrot 2.533); 1886: Siwakki, Siwatti konamn (Lönnr. lis. 163) = Tier (bes. Bind) < Urruss., vgl. altruss. živótъ 'Tier; Eigentum, Hab und Gut' (Sreznevskij 1.867f.), 'Haustiere, Vieh' (Dal' 1.540), gemeinslav. Wort, urverw. mit lit. gyvata 'Bauerngut, Leben' (Vasmer EW 1.422) Lonnrot lic.cit. - Der Ersatz von unbet. russ. i durch fi. ī spricht für hohes Entlehnungsalter, ebenso der Umstand, daß das Wort aus dem Kar. oder Fi. ins Lp. weiterentlehnt wurde (Sibet, šivet). Für ein Indiz spater Entlehnung hat Ruoppila 1945.142 ange­ sehen, daß das Wort im Estn. und Liv. keine Entsprechungen hat und im fi. Sprachraum auf die östl. Dialekte beschrankt ist. Bei Annahme spater Entlehnung bleibt aber das fi. ī^ ohne Erklärung, und da es auch andere, nichtgemeinosf. Lehnwörter gibt, deren Lautgestalt die Kriterien früher Entlehung aufweisen und nur in den ostfi. Maa. Vor­ kommen (z.B. laavä, kaatiot, palttina, pirta, sukkula) , erscheint frühe Übernahme wahrscheinlicher. Hikkola 1894.56, 115 Setälä 1899-305 Hikkola 1938.58 Kalima 1956.39. 53, 121 Raisanen Vir. 1965.44 SKES 4.1020 253. simpsukka va., simpukka 1731: Cuningallisen May:tin Wastutinen Saanto Parly eli Simsucka pydoistätäsä Waldacunnasa (As. Pg. 522); 1736: ettei yxikän ... pida t&stalähin ... Coskeista, Järwistä, Joijsta ja Oista ... josa Siapucoita löytän, uscaldaman ylösotta Simpucoita (As. Pg. 590 A2b). 1745: simsucka ostrea, concha, mußla, ostra (Juslenius 345); Jusl. lis. 108: simpukka mussla där pärlor ligga; 1867: simpsukka perlxussla, ostra, snacka (Lönnrot 2.543) = Kuschel, Schnecke, 1. Lamellibranchiata o. Acephala, im Wasser le­ bende Mollusken ohne klar zu unterscheidenden Kopf, deren Körper von einer zweiteiligen Kalkschale geschützt wird, die Schale der

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£., in der verschiedene Speisen (gewärmt und) aufgetragen werden, 2. (anat.) Teil des Innenohrs, spiralförmig gewundene, geschlossene Rohre, in der das Endorgan des Gehörsinns liegt < russ. žfemčúg. dial. žimčug, zémčug, altruss. žьnčugъ, häufig coll. 'die echten Perlen; eine seltene und sehr kostbare Sache', ostslav. Wort < alttürk, jãnčũ < Chines. (Vasmer EW 1.418) Sjögren 1828, s. Sjögren GS l.192f. - Allgemein herrscht die Auffas­ sung, daß das £ der fi. Wörter nicht auf altruss. ь_, sondern auf nordruss. i_ (žimčug) zurückgeht. Die Entwicklung der ^-Formen dürf­ te folgendermaßen verlaufen sein: simsukka > simpsukka > simpukka. Die letztgenannte Form ist heute in den fi. Dialekten die allgemeine Bezeichnung für See- und Flußmuscheln (Ruoppila 1967.82). Die Endling -kka beruht wahrscheinlich auf dem verdumpften -£ des russ. Nom.Sg., das im Fi. wie ausl. russ. -k behandelt wurde (vgl. 5.3.3. und 6.2. l.1.). - Perlmuschelfang wurde an einigen Orten der Kar. Landenge noch im vorigen Jh. betrieben (von Knorring 1833-95f.). Mikkola 1894.67, 73, l14 und 1938.38, 57 Kalima 1956.121 Mägiste SprB 3:12.55 SKES 4.1050 254. sinelli va. AFT Ů. - AFW t> = Soldatenmantel < russ. šinélь 'Mantel', < frz. Chenille (Vasmer EW 5-399) V.K. 1908.59. - Das Wort ist wohl durch die in Fld. stationierten russ. Militareinheiten bekanntgeworden; nur so ist zu erklären, daß es sowohl in ost- als auch in westfi. Dialekten vorkommt. Das Fehlen in den Wörterbüchern spricht für sehr spate Entlehnung. Karvinen 1910.117 SKES 4.1051 255. sintsi. sintso ethnol. AFT 16. - 1867: sintsa, sintsi. sintso (dim.) förstuga, farstuga (Lönnrot 2.546) = Vorraum der Wohnstube in Gebäuden des Novgoroder o. karelischen Stils

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< russ. sency (< sěncy), dial. sincy 'Vorhaus', zu senь 'Schat­ ten', altruss. sěni 'Vǫrhaus, Freitreppe' (Vasmer EW 2.610) Ahlqvist 1859.104. - Fi. i_ geht hier auf russ. dial. i zurück. Eine junge Entlehnung, zu deren Verbreitung das Kalevala entschei­ dend beigetragen hat. nikkola 1894.167 Th.S. Valvoja 1887.506 Kalima 1956.53, 121 Euopila 1964.53 SKES 4.1034 256. sirppi 1548: Mutta coska hedhelme edhestulepi/ cochta hen airpin Lehette (Agr. 2.121). - 1637: sirppi Sichel (Schroderus 42) ON Sirppilahti Abi. sirppimäinen = Sichel, vor allem früher zum Getreideschneiden verwendetes Werk­ zeug mit gebogener Schneide und kurzem Griff < Urruss., vgl. altruss. sьrpъ, russ. serp 'Sichel', gemeinslav. Wort, urslav. *sьrpъ urverw. mit lett. sirpis ’id.' (Vasmer EW 2.616). Europaeus 1782. - Nach Vilkuna wurde sirppi als neuer Sicheltyp um 1100 von den Bussen übernommen (SMYA 40.228); um 1150 etwa wer die Vollvokalisierung der Halbvokale in N-Rußland abgeschlossen, so daß das inl. fi. i noch als Entsprechung des altruss. zu wer­ ten ist. Zum Auslaut-i s. 5.1.1.3. Lonnrot 1867:2.550 Mikkola 1894.42, 64, 72 und 1938.24, 83 Kalima 1956.30, 49, 60, 121f. Nissilä 1958.4 SKES 4.1041 257» sissi AFT í>. - 1787: sissi Rivicaan, en sisse, röfware, en recognoseerare - Wenäjän aikana - ison sodan aikana oli sissia mettisa ja tjeen warsilla (Ganander 3.54b); 1826: sissi excursor militaris in silvis, inde latro, praedo silvestris, Parteigänger, Räuber (Renvall 2.177); 1867: sissi partigängare, fribytare, snapphane; stråtröfvare; 2. småtjuf, snattare; 3. tullsnok (Lonnrot 2.551) Abi. sissia

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= l. (milit.) Kämpfer, Partisan, der (fern) im Rucken des Feindes o. auf dem Gebiet, das in dessen Gewalt ist, Störaktionen und oft Zerstörungs- und Raubzüge unternimmt, Spähtruppman, 2. (volksspr.) Waldrauber; Schnüffler, Spion < russ. šiš 'Herumtreiber, Vagabund, Spitzbube, Strolch', Herkunft unklar (Vasmer EW 3-405), nach Oinas aus dem mythol. Bereich (KV 45.260). Kiparsky 1953®. - Das Wort muß spätestens zu Beginn des 17. Jhs. entlehnt worden sein, denn es ist auch den Värmlandfinnen in der Bed. 'kleiner Dieb' mit der Abi. sissiä 'stibitzen' bekannt. Dia­ lektal bedeutet es auch 'Pionier, (Zoll-)Schnüffler, Spion', was sich durch semantische Beeinflussung durch fi. sissikka ’id.' < russ. sýščik 'Hascher; Geheimpolizist' erklärt. Kalima 1956.122 SKES 4.1044 258. sivaan volksspr. AFT Ů. - AFW 0 = (Adv.) schnell < russ. zívo 'rasch, geschwind, behende', Adv. von živój 'l. leben­ dig, lebend, 2. lebhaft, munter, rührig, rasch, flink' Zur morphologischen Anpassung s. 6.2.4., zur Verbreitung Karte im Anhang. 259- skoptsi AFT jö. - AFV S6 ekoptsit = die Skopzen, russische Sekte, deren männliche Mitglieder sieh kastrieren < russ. skopcý '(Sekte der ) Skopzen, Schneidlinge (in Rußland)', zu skopítь 'verschneiden' (Vasmer EW 2.645) Die fi. Bezeichnung spiegelt den russ. Nom.Pl. wider (vgl. 5.5.7.). Die Sekte trat in Rußland gegen Ende des 18. Jhs. auf. ITS 12.541

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260. smetana AFT 0. - AFV 0 = Sahne < russ. smetána 'dicker Milchrahm, dicke Sahne, saurer Schmant', gemeinslav. Wort mit ungeklärter Etymologie (Vamser EW 2.672) Sillman 1917.134 Karste-Liikkanen 1968.285 261. smirnaa umg., bes. va. AFT 0. - AFV 0 = (milit.) Kommando, Habt-Acht- oder eine andere Stellung einzu­ nehmen, z.B.: Seisoa smirnaassa kuin paraatisotilas 'In Habt-AchtStellung stehen wie ein Paradesoldat'. < russ. s m í m o 'Achtung!' (Koiransky 550) V.K. 1908.59. - Fi. smirnaa wurde spat, wahrscheinlich von den im vorigen Jh. in Finnland stationierten russ. Truppen übernommen und war bes. im fi. Soldatenslang gebräuchlich. Sie Länge des ausl. Vo­ kals, der auf unbet. russ. Vokal zurückgeht, beruht auf dem expres­ siven Charkater des Wortes. Karvinen 1910.117 S.Hämäläinen 1965.227 262. sopuli AFT 0. - 1867: sopuli, supuli lemmel, fjällmus; tunturisopuli fjälllemmel; metsäsopuli skogslemmel (Lonnrot 2.570, 605) = kleines Nagetier, das zum Stamm der Wühlmäuse gehört; bes. der Lemming < russ. sóbolь 'Mustela zibellina, Zobel', nicht in allen Slavinen vorhanden, Urverwandte wohl im Altind., s. Vasmer EW 2.685. Streng 1915.212. - Das russ. Wort wurde schon früh in die skand. und einige westeurop. Sprachen entlehnt. Ins Fi. gelangte es, nach der ersten Worterbuchfixierung zu schließen, erst spät. Heute ist es in allen fi. Dialekten außer dem von Värmland bekannt, teilwei­ se durch Einfluß der Schriftsprache. Nach SKES 4.1076 hat sich so­ puli mögl. mit einigen ähnlich lautenden lp. Wörtern mit der Bed.

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'Maus' vermischt. Bielfeldt 1965.50ff. SKES 4.1076 265. sorokka ethnol. AFT 0. - 1867: sorokka hufva, qvinnomössa (Lönnrot 2.573)i 1886: Sorokki namn på ko med hvitt hufvud (Lönnr. lis. 165) = in Ostkarelien eine Kopfbedeckung der griech.-kathol. Ehefrauen, die russischen Ursprungs ist, 'harakka' (= 'id.') < russ. soróka 'Elster; eine Art Frauenkopfputz, mit buntem Garn oder Zwirn durchnäht, mit Perlenschnuren oder sogar mit Edelsteinen besetzt', gemeinslav. Wort, vgl. lit. Šarka 'Elster' (Vasmer EW 2.699). Eine Beschreibung der russ. soróka gibt Dal' 4.275. Lönnrot loc. cit. - Das Wort wurde vermutlich im 19. Jh. mit der Sache zusammen Übernommen; nach Ahlqvist, der wot. sorokka mit dem entsprechenden russ. Wort verglich (1856.151), war die sorokka ge­ rade zu jener Zeit in Mode. Mikkola 1894.164 Sirelius 1916.46 (Realia), Kiparsky 1948.41 SKES 4.1080 264. soromnoo salopp-umg. AFT fi. - AFW ft) = (Interj.) gleichgültig, egal < russ. vśo ravno (dial. rovno) '(es ist) egal, gleichgültig' (Fraz. slovarь 85) SKES 4.1080. - Wahrend die Sammlungen der Wörterbuchstiftung nur vier Belege des Wortes (aus Raums, Pyhajarvi Ul., Kauhajoki und Lestijarvi) enthalten, liegen im Archiv des NS zahlreiche Zitate aus der fi. Literatur der 20er und 50er Jahre vor, darunter von Canth, Alkio, Seppanen und Kilpi. - Zum Ersatz von russ. v durch fi. m s. 5.2.5.5. 265. sotnia AFT fi. - AFW fi

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= Bezeichnung einer Eskadron bei den Kosakentruppen < russ. sótńa (< *sъtьnja) 'die Szotnje (Eskadron der Kosaken und irregulären Truppenteile)' (Koiransky 537), zu sto 'hundert' (Vasmer EW 2.703) ITS 12.614 266. sovhoosi = Sowchos, in der Sowjetunion direkt in staatlichem Besitz befind­ liches Gut < russ. sovchóz, Abk. von sovfeckoe chožàjstvo 'Sowjetgut' Der zweite Teil des Wortes ist der fi. Aussprache angepaßt worden, vgl. kolhoosi (Nr. 54). 267. sputnik = Sputnik, Bezeichnung der künstlichen sowjetischen Erdsatelliten < russ. spútnik 'fieisegefährte; Trabant (eines Planeten), Sputnik', von putь 'Weg' Das Wort ist in den 50er Jahren als Internationalismus unverändert auch ins Pi. übernommen worden. 268. staarosta APT JčS. - 1787: taarastit Pl. Hyska upbördsmän (Ganander 5.105b); 1826: taarasti, taarakainen Wib. Carl, senior villae, praefectus pagi, Dorfältester, Schulze) (Renvall 2.210); 1867: taarosta byfog­ de, byålderman (Lönnrot 2.645) ON Taarastinpelto = Dorfältester (in Rußland) < russ. starosta 'der Älteste', sèlьskij starosta 'Dorfschulze, Bauernaltester', zu starostь 'Alter' (Vasmer EW 3-5) von Knorring 1833.54 (starost). - Die Bezeichnung staarosta, taa­ rasti usw. muß zu Beginn des 18. Jhs. ins Pi. gelangt sein, denn sie knüpft sieh an das System der Dorfverwaltung wahrend der Donationszeit (s. 3.2.). Das kurze a der zweiten Silbe in taarasti

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steht für das russ. nachtonige o. Salenius 187l.105 Karvinen 1910.117 Sillman 1917.132 Nissila 1935.l13 Kalima 1956.83 SEES 4.1087 269* streltsi histor. AFT 16. - AFW 0 Streltsit = die Strelitzen, von Iwan dem Schrecklichen im 16. Jh. gegründete Leibgarde, die von Peter I. 1698 abgeschafft wurde < russ. strelьcý (< strělьcý), Pl. von střelec 'der Strelitz, ein Soldat der früheren russ. Leibwache', von strel'átь 'schießen'. Die fi. Form spiegelt den russ. Nom.Pl. wider (vgl. 5.3.7.). ITS 12.780 270. subrovka (-fka) AFT 0. - AFW ft) = ursprünglich russischer, mit Glanzgras gewürzter Branntwein < russ. zubróvka 'Hierochloe borealis, Marien-, Frauen-, Honig­ gras; daraus hergestelltes alkoholisches Getränk, Art Wodka' (Bielfeldt), zu zubr (Vasmer EW 1.464) 271. sukkula. sukkulainen 1732: werratahan meidän Elämän Pyhäsa Raamatusa Ruohohon, ... Syostawahan eli Suckulaisehen (Dent, Arthur 54). - 1745: suckula panus, skottspole, wafspole (Juslenius 354) Abl. sukkulamainen = l. Weberschiffchen, 2. Teil der Nahmaschine, der die Spule mit dem Unterfaden bewegt, Schiffchen ? < Urruss., vgl. russ. skalьja (< *sъkalьja) . akalьno 'Vorrichtung zum Aufwiekeln des Fadens auf die Spule'; skalka (< *sъkalo; Vasmer EW 2.632)) 'Mangel-, Rollholz (für Wasche etc.), hölzerne Walze, Teigrolle', ukr. sukalo. ksl. soukalъ, neben dem nach Ansicht von Ojansuu 1905 vielleicht *sъkalъ exisitert haben kann. Ojansuu op.cit. 98. - Lautliche Schwierigkeiten beeinträchtigen den

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Wert der Zusammenstellung (russ. a - fi. u in der zweiten Silbe); dagegen dürften die von Mikkola 1938.95 hervorgehobenen semanti­ schen Unterschiede nicht unüberbrückbar sein, da eine Vorrichtung zum Fadenaufspulen sachlich eng mit dem Weberschiffchen, das eine Fadenspule enthalt, verknüpft ist. Sukkula wäre unter die alteren Lehnwörter einzureihen, seine Verbreitung macht jedoch vor der Gren­ ze zu den W-Dialekten halt (s. fiuoppila 1967 Karte 52). Lonnrot 1867:2.589 Kalima 1956.124 Ruoppila 1967.48 SKES 4.1098 272. sulkku Volksdicht. AFT 0. - Jusl. lis. 111: sulku, sulkku sericum filatim dissolutum; sericum. spritt silke; deinde in gen. silke. Saw.; 178?: sulkku hjenot, hywat, lujat pellawat, fijnaste lijn (Gamander 5.79h); 1826: sulkku Sav. feiner gebürsteter Flachs, Baumwolle, Seide (Benvall 2. 19l) = Seide < russ. dial. šulk, ssp. solk (mej» ) 'Seide', aus anord. silki (Vasmer EW 5.587) Ahlqvist 1857-97. - Nach Buoppila ist das Wort vor allem in Karelien und Ingermanland beheimatet; von dort muß es ins Kalevala und weiter nach Westen gewandert sein. Kögl, hat sulkku im Laufe der Zeit zugunsten des gemeimfi. silkki 'Seide' an Boden verloren. Das Auslaut-u kann auf einen russ. Gen.Part, zurückgehen (s. 6.2.6.). Lonnrot 1867:2.593 Valvoja 1887.506 Hikkola 1894.177 Kalima 1956. 124 Buoppila 1964.55 SKES 4.1105 273- sultšina volksspr. AFT 0. - 1867: sultsina (Ek.) tunn sammanviken 1. hoplagd bakelse med grotfyllning (Lonnrot 2.594) = Gebäck, ähnlich der karelischen Pirogge, dessen dünne Teighülle auf dem Herd gebacken, mit Brei aus Gerste- oder Hirsegraupen ge­ füllt und von den gegenüberliegenden Bändern her zweimal zur Mitte hin eingeschlagen wird < Buss., vgl. posúlьščina 'das Versprochene', suléniki 'erster Sonn­

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abend nach dem St. Demėtriusfeste (am 26. Oktober); zu diesem Tag gebackene Brote', von sulítь 'bitten, versprechen' Vahros 1967- - Vahros bezieht sieh bei der Erklärung dieses Wortes auf den Brauch, am Sonnabend nach dem St. Demetriusfest der Toten mit (vorher versprochenen) Opfergaben (posúlьščina) zu gedenken, deren wichtigste anscheinend die Pirogge war. Russ. posúlьščina muß sich dann zur Bezeichnung der Opferpirogge spezialisiert haben und so von den Kareliern entlehnt worden sein. Zum Abfall der unbet. Vorsilbe s. 6.2.5. SKES 4.1104 274. suntia, suntias dial., suntio AFT 0. - 1745: sundia excitator in templo, kyrckiowäckare, spögubbe, pyhasundia inspector morum paganus, opsyningzman i bylag (Juslenius 356, 294); 1787: sontio Carel. spögubbe (Ganander 3-65a); 1826: sun­ tia custos 1. vigil templi, cujus quondam erat auditores somno obrutos suscitare, ope baculi longioris, Kirchenknecht (Renvall 2.192); 1867: suntia kyrkovaktare, spögubbe; suntia v. vara kyrkovaktare, hålla ordning under gudstjensten, uppväcka dem som insomnat, tukta, näpsa, straffa, förebrå, skymfa, utskämma; suntija kyrkovaktare, tuktare (Lönnrot 2.595); 1886: sontio, suntias = suntia (Lonnr. lis. 164, 167) ON Suntionsuo. Sontiorinne, Suntiala = Kirchendiener, Küster < urruss. *sǫdija, vgl. abg. sǫdi. russ. sudьjá 'Richter', zu *sǫdъ 'Gericht' (Vasmer EW 3-40) Y.Koskinen hat in einem Artikel uber die Bed.-entwicklung von suntio auch auf die slav. Entsprechungen hingewiesen, ohne allerdings eine direkte etymologische Verbindung herzustellen (Kirj. Kuukl. 1868. 167f.). Nach seiner Darstellung hat das Wort früher ein höheres Amt bezeichnet als jetzt, nach Voionmaa 1912.244 den Altesten oder Richter eines größeren Gebiets. Zum Lautlichen s. 5.1.2.6. - La we­ der das Subst. suntio noch das Verb suntia (dial.) 'als Kirchendie­ ner fungieren, bestrafen, zwingen' im Kar. und Weps. Entsprechungen hat, betrachtete Ojansuu 1916.186 diese Wörter als Entlehnungen aus

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dem Estn., vgl. estn. sundija 'Richter', sundida 'zwingen, trei­ ben, verurteilen u.a.'. - Eine viel jüngere Entlehnungsschicht vertritt fi. dial. suutia 'urteilen, bestimmen' < russ. sudítь. Mikkola 1894.4?, 4-8, 166 und 1938.19, 29, 76ff. Kiparsky 1948.56, 45 Kalima 1956.45f., 124f. Nissilä 1956.60 Kiparsky 1956.76, 1958. 151 und 1965.80 SKES 4.1109 275. sutka (selten) AFT ft). - 1867: sutka Adj. slug, spetsfundig, qvick, behändig, puts­ lustig, sutkaus puts, spratt (Lönnrot 2.609) Abi. sutkailla, sutkaus, sutkautella, sutkauttaa = sutkaus, sutkailu, Scherz, pfiffige, scherzhafte, gew. kurze Äußerung im Gespräch oder aus der Situation heraus, Wortspiel; Witz < russ. sútka 'Spaß, Scherz', zur Etymologie s. Vasmer EW 5.440. Mikkola 1894.178 fuhrt nur kar. Šutka 'Spaß, Scherz; Spaßmacher' < russ. sútka und ol. š u ť ť i a 'spaßen' < russ. šutítь an. Es liegt nahe, für fi. sutka, sutkaus denselben Ursprung anzunehmen. Im SKES 4.1151 wird auch fi. sutki 'launischer, pfiffiger, "glatter" Mann' auf russ. šútka zurückgeführt, gleichzeitig aber darauf hin­ gewiesen, daß zahlreiche zu dieser Sippe gehörigen Wörter in den fi. Dialekten eigene, z.T. deskriptive Elemente enthalten, z.B. sutkata 'tauschen, prellen'. Ojansuu 1918.157 Kalima 1956.128 Kiparsky 1965.77 276. svaboda AFT Ú

- AFW Ů

= (gew. iron., bes. wenn von der Revolution 1917 in Rußland die Rede ist:) Freiheit (im bolschewistischen Sinne), Krawall < russ. svobóda 'Freiheit', gemeinslav. Wort (Vasmer EW 2.596) Aus dem a der ersten Silbe des fi. Wortes geht hervor, daß es sieh um eine mündliche Entlehnung handelt, die die Aussprache des russ. £ in erster vortoniger Silbe widerspiegelt.

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277- säppi AFT 0. - 1787: säppi lås märla eller förhake i dörrpåsten, en asp i låset eller den märla, som slås i dörr gåtan, hwari låset fattar (Ganander 5.28a) Abi. säpittää = Vorrichtung zum Verschließen o. Offenhalten von Tür, Fenster, Deckel o.a.i Metallhaken, der an einem Ende beweglich an einer festen Metallöse o. -niete angebracht ist und in eine zweite fe­ ste Öse o. Niete eingehängt wird; auch von andersartigen Hakenvor­ richtungen < čepь (kel. und prov. fur russ. ssp. cepь < eěpь) 'Kette'; wird von Berneker 1.126 zu čepatь 'greifen, fassen, anhangen' gestellt, kann nach Vasmer EW 5.517 im Nordgroßruss. histor. identisch mit cěpь sein. Lonnrot 1867:2.655. - Lönnrot und Hakulinen (Vir. 1956.245) haben als Quelle des fi. Wortes russ. ssp. cepь angenommen. Bei alter Entlehnung würde man dann jedoch für e_ < £ fi. a, bei jüngerer fi. ie erwarten (vgl. 5 .1.2.4.), wahrend nach Kalima 1956.127 von nord­ großruss. čepь in beiden Fallen ausgegangen werden kann; vgl. zur Wiedergabe von russ. e_5.1.1.2. - Angaben uber dial. Verbreitung und Bed.-entwicklungen*des fi. Wortes s. Hakulinen op.cit. Eine spatere Entlehnung ist südostfi. sieppi 'säppi' < russ. cepь (SKES 4.1009; zu säppi s. SKES 4.1169). 278. sapsä ethnol. AFT IÓ. - 1867: sapsä, sämpsä, sämsä, säpsy hufva. negligé, hufvudbonad för qvinnorna i Rk. (Lönnrot 2.654ff.) = Kopfbedeckung der karelischen Frau, die aus einem runden Scheitelstück und dem dieses umgebenden parallelogrammförmigen Rand ge­ bildet wurde < russ. čepfec (< altruss. čepьcь) 'Haube', gemeinslav. Wort (Vasmer EW 5.516) Ahlqvist, der sieh als erster Über die Etymologie dieses Wortes Ge­ danken machte, stellte es 1857.97 zu čepčik. dem Deminutiv des

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eigentlichen Originals. - Entlehnungsgrundlage war ein russ. Kasus obliquus mit dem Stamm čepe- , vgl. 6.2.6. Es handelt sieh um ein jüngeres Lehnwort (und nicht, wie von Kiparsky 1963-77 angenommen, um ein urrussisches), denn die sapsa kam in Finnland erst nach der sorokka 'eine Kopfbedeckung für Frauen' (Nr.256), die samt ihrer Bezeichnung ebenfalls erst spat aus dem Huss. entlehnt wurde, in Mode. Die sapsa-Hauben waren nach Sirelj-us 1916.47 in Salmi, Kurkijoki, Ilomantsi und Hiitola gebräuchlich. - Auf das russ. Deminutiv čepčik gehen ostfi. sipsikka, sepsikka zurück (Karvinen 1910.l19). Mikkola 1894.176 TS 7.1074 Kalima 1956.27 SKES 4.1169 279- saali Etwa 1548: ne tule kuningan ia nimitos miesten salia (Martti 17). 1787: saalia Saw, Bothn. Sept. hafwa medlidande, commiserari, saäli Ömhet, medömkan, nännande (Ganander 3*25a) Abl. saalimatön, saalitella, saalittaa, saalitön, saaliväinen, aääliä = Mitleid, Mitgefühl, Anteilnahme gegenüber dem Kummer, Leiden oder Unglück eines anderen Menschen, ferner gegenüber von Lebewesen, Ge­ wächsen und Gegenständen < russ. zalь (unpersönlicher Ausdruck, als Subst.:) 'das Mitleiden, Bedauern', gemeinslav. Wort, urverw. mit lit. gélà 'Qual' (Vasmer EV 1.410, Shevelov 1964.259). Europaeus 1782. - Mikkola 1894.113 vertrat die Ansicht, daß die Qua­ lität des nach Zischlauten aus *e_ entstandenen a zu gemeinslav. Zeit eine andere, mehr nach [a] tendierende gewesen sein muß als die der alten a-Laute (russ. žalь < *žělь), und daß fi. säali gerade diesen Vokal reflektiert. Plausibler erscheint demgegenüber die von Wiklund 1896.1^9, Stipa UAJb 25.309 und Birnbaum 1965.410 vertretene Auffas­ sung, nach der der fi. Vordervokal ā auf die Beeinflussung des russ. a durch die benachbarten palatalen Konsonanten zurückzuführen sei. Nach Gananders Angaben war das fi. Wort zunächst auf das ostfi. Sprachgebiet beschränkt, ist also keine gemeinwestfi. Entlehnung (eine Entsprechung fehlt auch im Estn.). Zu Unrecht ist daher das fi. ā als direkte Entsprechung des in *žělь angesehen worden (Nie­ minen 1957a.501f. und 1958.104, Kiparsky 1963.115); der Übergang

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*ě. > a war bereits erfolgt, als zwischen Slaven und Pinnen noch keine Lehnbeziehungen bestanden (vgl. Shevelov 1964.261). Lonnrot 1867:2.641 Mikkola 1894.77, 78 und 1938.57 Kalima 1956.35, 127 Nirvi 1964.10ff. SKES 4.1179 280.

taiga

AFT ft. - AFW Ů = sibirische Waldzone, die sich in wechselnder Breite vom Ural bis zum Stillen Ozean erstreckt < russ. tajga (Sibirien) 'dichter, undurchdringlicher (oft sumpfi­ ger) Wald; unbewohnte, vor den Tundren des nördlichen Küstenstrichs von Sibirien gelegene Landstrecke', < Alt. (Vasmer EW 3.69) 281. talkkuna 1782: quod Savones ex farina avenae (1. hordei), coctai primum ac salitae, deinde vero tostae, Talkuna, praeparant (Lencqvist 60). 1745: talckuna farinae avenae sale mista; mola, hafvremjöl med sallaka (Juslenius 368); 1787: talkkuna jauhot 1. talkkunuxet kokade korn torckade och malade til gröt miöl, groft gröt mjöl (Ganander 3.114a) ON Talkkunarant a Abi. talkkunainen, talkkunakset = 1. volkstümliche Speisen aus geräuchertem Mehl: in Savo und Karelien Herbst- und Winterspeise, eine dicke, ziemlich trockene Mi­ schung aus geräuchertem Mehl und heißem Wasser, die mit Butter o. Bratenfett gegessen wird; in Harne und Mittelfinnland eine als Som­ merspeise verwendete Mischung aus geräuchertem Mehl und Sauermilch, die breiartig ist und gelöffelt wird, 2. (Pl.) geräuchertes Mehl < urruss. *tolkъno, vgl. russ. toloknó 'durch Stoßen im Mörser be­ reitetes Mehl, bes. dgl. Hafermehl; der Brei daraus', zu tolóčь. tolkatь 'stoßen, zerstampfen' (Vasmer EW 5.116) Mechelin 1842. - Talkkuna gehört zur alten Lehnwortschicht, sein u ist die Entsprechung des alten ъ. Zum Vollaut s. 5.1.1.4. Lonnrot 1867:2.657 Mikkola 1894.45, 170 und 1938.25, 80 Nissila

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1939.89 Kalima 1939-40.43 und 1956.50, 51, 129, 146 Kiparsky 1965.85, 105 SKES 4.1211 282. taltta ATT 0. - 178?: taltta idem ac purasin, hugg bår Carel. 01. (Ganan­ der 5.l16b) Abl. taltata, talttamainen, talttaus = Meißel, Stemmeisen, Werkzeug, das an einem Ende zu einer Schnei­ dekante (ein- oder beidseitig) schräg zugeschnitten, latten- oder keilförmig und gew. aus Stahl und mit einem Holzgriff versehen ist, mit dem Holz, Metall, Stein u.a. bearbeitet wird (indem man mit einem Hammer auf den Stiel schlagt); (auch) Spitze der Stemmaschine < urruss. M o l t o , vgl. russ. dolotó 'Meißel, Blockmeißel, Stemm­ eisen' , zu dolbítь 'meißeln' (Vasmer EW 1.560) Mechelin 1842. - Aufgrund der Wiedergabe der russ. Vollautgruppe (vgl. 5.1.1.4.) ist das Wort zu den alten Entlehnungen zu rechnen. Pi. a für ausl. russ. o ist regelmäßig, s. 5.5.4. - Ebenfalls aus russ. dolotó, aber viel spater ist ostfi. (Lavansaari, Lappee, Tytarsaari) tolotta entlehnt worden (s. auch 5.1.5.). Lonnrot 1867:2.660 Mikkola 1894.45, 75, 112 und 1938.56 Kalima 1939-40.45 und 1956.51, 129, 146 Kiparsky 1965.105 285. tankki ethnol. APT #. - 1826: tankki rigidum quid, frustum longum et rigidum, lan­ ges steifes Stuck, Wib. id. ac takki (Henvall 2.218); 1867: tankki kort jacka med ärmar, rock, lifrock; 2. styfhet, stelhet, det som är styft (Lönnrot 2.665) = Weste mit oder ohne Ärmel, die bes. in SO-Finnlaad zur Volkstracht gehörte < russ. stanók, Gen.Sg. stanka (prov.) 'Leib des Hemdes', vgl. stan 'Rumpf, Statur, Taille; Leib am Hemde, Oberteil' , gemeinslav. Wort (Vasmer EW 5.5) Posti 1966a. - Entlehnungsbasis war ein obliquer Kasus des russ. Wortes; i kommt auch sonst als Auslautvokal jüngerer Lehnwörter vor,

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deren russ. Original auf harten Konsonanten endet (s. 5.5.5. und

6 .2 .6 .). SKES 4.1225 284. tappara histor. 18. Jh.: otak kulta kirfwehensi, håpeinen tapparansi olaltansi oikialta (SKVR VI, 2:4656). - 1787: tappara yxa, securis Saw., Paldamo; II. idem ac pertuuska eli mjekka (Ganander 5.125a) = Axt (mit breiter Klinge), die als Kampfwaffe verwendet wurde, Streitaxt < Ürruss., vgl. russ.-ksl. topórъ 'Beil, Axt, Streitaxt’, gemeinslav. Wort (Vasmer EW 5.121) Ganander loo.eit. - Ein Lehnwort aus der alteren Periode, in der russ. £ unabhängig von den Betonungsverhaltnissen generell durch fi. a wiedergegeben wurde (vgl. 5.1.1.5.). Lönnrot 1867:2.665 Mikkola 1894.56, 73, 170 und 1958.21, 80 Kalima 1956.24, 49, 60, 129 285. tarakka salopp-umg., volksspr. 1784: (Aasi), joka hiljaxeen ja niekkalleen kaweli tieta myoen raskan tarakan alla (Ganander, Üud. satuja 9-10). - 1745: taracka locus pone ephippium, hastbak; baksadelen (Juslenius 572); 1826: tarakka Ul. sarcina pone ephippium equi portanda, hippopera, hin­ ter dem Sattel gebundener Mantelsack, inde istun tarakalla 1. tarakassa in loco pone ephippium sedeo (Benvall 2.221) = 1. (Trag-) Last, Bürde, 2. Gepäckträger am Fahrrad < russ. (tórok) toroka Pl. 'Pack-, Sattelriemen1, gerneinslav. Wort, urslav. *torkъ. das urverw. ist mit apreuß. tarkue 'Riemen am Pferdegeschirr' (Vasmer EW 5.125) Mechelin 1842. - Bas Wort kommt nur im Fi. und Kar. vor, scheint aber aufgrund der Vokalentsprechung fi. a : russ. £ zu den alten Lehnwörtern zu gehören. In dieser Gruppe bildet es das einzige Bei­ spiel mit inl. fi. ara für russ. Vollauf (die Entsprechungen lauten

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sonst -al- bzw. -ar-, -är-, s. s. 5.1.1.4. Lonnrot 1867:2.666 Mikkola 1894.44, 171 Kalima ZslPh 6.158 Mikkola 1938.26, 80 Kalima 1956.51, 129 Ruoppila 1958.56 SKES 4.1252 286. tarina 1789: on nijllä jotakin tällä ackoin tarinaasa sanomista (J.Stenius, Hist. Asiak. 262). - Jusl. lis.116: tarina traditio, sägen; 1787: tarina prat, glamm, sermocinatio, pakina, tarinoida glamma (Ganander 5.124a); 1867: tarina berättelse, historia, fabel, anek­ dot, tarinaruno episkt poem (Lönnrot 2.667) Abl. tarinasto, tarinoida, tarinoija, tarinoitsija, tarinoittaa = l.a. Erzählung, Schilderung, Geschichte, Histörchen, (Volksdicht.) Erzählung (in Prosa), die im Munde des Volkes lebt oder aufge­ zeichnet wurde und volkstümliche Glaubensvorstellungen enthält und ein wahres oder als wahr angenommenes Ereignis darstellt, das sich an einen bestimmten Ort o. an eine bestimmte Person und Zeit knüpft, b. Produkt der Phantasie, Lüge, 2. (iibertr.) a. Leben, Schicksal eines Gegenstandes ǫ. einer Person, b. Sache, Angelegenheit, 5. Plaudern, Schwatzen, Gespräch, Unterhaltung Das Wort wurde zuerst von Ahlqvist 1859.106, später auch von Genetz Suomi 2:8.273 und 2:14.145 mit russ. stariná zusammengestellt, das nach Pawlowsky 'die alten Zeiten, das Altertum; (Pskow) alte Lek­ tion' bedeutet. Diese Erklärung ist wegen der mangelnden Überein­ stimmung der Bedeutungen wiederholt kritisiert bzw. als unsicher betrachtet worden (vgl. Thomsen 1890.228, Mikkola 1894.165 und Ka­ lima 1956.129f•, die unter Hinweis auf fi. taru 'Sage, Legende' und tarista 'erzählen' in tarina eine eigenständige Ableitung sahen). Daß die Lautgestalt der anderen osf. Entsprechungen (kar.-ol. starina, staŕina, štarina, lüd. starán, starin) deutlich auf das Huss. hinweist, wurde von Kalima als russ. Einfluß auf die autochthone Wortsippe interpretiert, Obwohl ihm bekannt war, daß russ. stariná (Bielfeldt starina) auch 'Bylině' bedeutet (Kalima loc.cit.). An­ scheinend bezeichnet das russ. Wort eine nicht nur in Versform ab­ gefaßte literarische Gattung, vgl. die folgende Angabe in Kulikovskijs Wörterbuch (S. 112, Übersetzung von mir, A.P.): starínka (Petrozavódsk, Onega, Pl. staríny o. staríńki, Sg. starina - von K.

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nicht gehört) 'Bylině, Erzählungen Über die alte Zeit, aber keine Märchen'. - Die zuletzt erwähnte Bed. 'Erzählungen' ("razskazy") bildet das genaue Pendant der fi. Hauptbedeutung (s.o.). Nach SKES 4.1254 kann sowohl fi. tarina als auch die o.g. kar.-ol. Wortsippe teilweise russischen Ursprungs sein, daneben aber auch durch die Wortfamilie tarista beeinflußt sein. Dem ist entgegenzu­ halten, daß tarina in den Wörterbüchern bedeutend früher auftritt (s.o.) als tarista (zuerst Eurén 1860.405) und taru (Lönnrot 186?: 2 .670) und daß tarista, ein seltenes und ungebräuchliches Verb, im NS fehlt. Hakulinen schlägt 1941.193 Fußn. die Analogiegleichung taru aus tarina wie kohu aus kohina vor. L .1.Hasanen, die 1956.17 fi. tarina, tarista und taru etymologisch untersucht, kommt zu dem Ergebnis, daß die Annahme slavischer Her­ kunft im Vergleich zu anderen Theorien am einleuchtendsten ist. Ih­ rer Ansicht nach kann miss, starina, auch als Bezeichnung einer Versdichtung, Original des fi., eine Prosaerzählung bezeichnenden Wortes gewesen sein, da die fi. Volksdichtung mit ihrer alten Tra­ dition bereits über eine ausgeprägte Terminologie verfügte und keiner Lehnwörter bedurfte (ib., 18). 287. tauhka volksspr. AFT fi. - AFW 0 = Sachen, Plunder Kram, Gerumpel ? < russ. stavka 'das Stellen, Setzen, Aufstellen, die Aufstellung; (Kartenspiel) Satz, Einsatz, Kartensatz; Preis (beim Wettrennen)', zu stàvitь 'stellen, setzen', vgl. auch die verschiedenen prafigierten Formen von stavka, u.B. zastávka 'Flick zum Ausbessern'. SKES 4.1246. - Das Wort gehört etymologisch zu kar. stauhka 'das Anzubietende; Plunder', ol. stauhku 'Bedarfsartikel, Schießbedarf' u.a. (SKES loc.cit.). Bezüglich der Lautentsprechungen vgl. 5.2.5.3. und fi. dial. (Lavansaari u.a.) (pos)tauhkat 'Personen, die zusätz­ lich an einer Netzschaft (12 Personen) am Fischzug teilnehmen, wenn beim gleichen Fischzug zwei Netze gezogen werden' < russ. postàvka. Die semantischen Verhältnisse bleiben unklar.

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288. taulikka volksspr. AFT 0. - 1867: taulikka (?) (Lönnrot 2.674); 1886: taulikka liten ask l. dosa (Lönnr. lis. 175) = kleine Schachtel, Dose < russ. tavlínka 'Tabaksdose von Holz o. Birkenrinde', etymologi­ sche Anknüpfung unsicher (Vasmer EW 5.67) SEES 4.1246. - Dem russ. Original stehen fi. dial. taulink(k)a, taulintka lautlich naher als die ssp. fi. Form; Ausfall des n aus der russ. Verbindung -nk- kommt aber auch sonst vor, z.B. narikka neben narinkka (Verz. Nr. 114). Die Entstehung derartiger Parallel­ formen (mit bzw. ohne n) im Fi. dürfte dadurch zu erklären sein, daß in der russ. Verbindung -nk- das n nicht - wie im Fi. - den Lautwert , sondern n hat, und daß diese fremde Lautgruppe die Entstehung von Alternanten ermöglicht. - Auch das inl. russ. -vlist im Fi. ungewöhnlich und wurde daher durch -ul- ersetzt (vgl. 5.2.5.5.); allerdings kommt schon im Russ. regional die Aussprache -ul- vor (Kuznecov 1954.65). 289. tavara 1545-44: anna meiden tulla mos taijualisest tawarasta osalisexi (Agr. 1.419). - 1657: tavara possessio, håfwa/ egha, das Gütlein (Schroderus 24); 1678: opes, divitiae, pl. rijkedomar, tawara/ rickaus (Florinus 74); 1745: tawara thesaurus, skatt (Juslenius 574); 1826: tawara Ware, Güter, Eigentum (Renvall 2.224) Abi. tavarasto (gew. Eoll. o. Pl.) = bewegliche und meist unbelebte Gegenstände und Materialien, die einem Menschen gehören o. die er zu seinem Gebrauch benötigt; materielle (Konsum-) Güter (außer Geld und Wert­ papieren). 1. Ware, Waren als Besitzgegenstande, 2. (bes. ökon.) Ware und Waren als Gegenstand von Handel o.a. Erwerb wohl < Urruss., vgl. altruss. tovarъ, russ. továr 'Ware; (ehedem) Habe, Eigentum; (S-Rußland) das unterwegs befindliche (getriebene) Vieh; (va.) Heergepäck, Troß, Train', wohl < uigur. tavar 'Habe, Güter, Vieh' und Verwandten (Vasmer EW 5.112).

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Europaeus 1782. - Anhand der Lautentsprechungen ist nicht zwei­ felsfrei bestimmbar, ob das Wort wahrend der alteren oder der jüngeren Lehnperiode übernommen wurde (vgl. 5.1.1.1.). Für alte Entlehnung spricht aber das frühe Auftreten in den AFT sowie die Tatsache, daß in allen osf. Sprachen - außer dem Liv. - Entspre­ chungen vorhanden sind. Lönnrot 1867:2.675 Mikkola 1894.56, 73, 169 und 1938.21, 44, 79 Kalima 19 56 .13O Kiparsky 1965.77, 79

290 . telega AFT 0. - 1867: teleska fyrhjulig bondvagn, skottkärra (Lönnrot 2.680) = offener, vierrädriger Wagen ohne Sitze (der von Pferden gezogen wird) < russ. teléga und telěga 'Bauernwagen, Karren'; die Etymologie ist nicht eindeutig (Vasmer EW 5.89f.). Das von Lönnrot angeführte teleska geht auf das russ. Deminutivum telèžka zurück. Vilkuna FUF 24 Anz 27 erwähnt als Bezeichnung einer Wagenart in S-Karelien und Ingermanland telekat. dessen Pl. eine analoge Bildung zu fi. Wagenbezeichnungen ist (z.B. rattaat, karryt, venkkurit). Sillman 1 9 1 7 .13 5 Karste-Liikkanen 1968.285

2 9 1 . telikka ethnol. AFT IÓ. - 1867: telikka. telikkä kärra, fyrhjulig bondvagn; mede för att vid stocksläppning uppbära smaländen af stocken (Lönnrot 2.680); 1886: telekkä (01.) = telikkä (Lönnr. lis. 176) = eine Art Schlittenkufe, mit der z.B. der Wasserzuber im Winter fortbewegt wird, gew. durch Schieben an den Henkeln wohl < russ. teléga, telěga (s. Nr. 290) Lonnrot loc.cit. - Der Auslaut ist im Fi. gemäß der Vokalharmonie (vgl. 5.1.5.) und analog zu den fi. Substantiven auf -kka/-kka (s. 6.2.1.1.) umgestaltet worden; neben telikkä kommt jedoch auch te­ likka vor (Karvinen 1910.120). Zum i der zweiten Silbe s. 5.1.2.4.

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292. tenka v a . , volksspr. 1690: Jätti ter.rat Teapelihin (Salamnius, Ilo-laulu 39). - 1637: lenga russische Kiintz (Schroderus 26); 1745: tenga numus; orula, penning; öre (Juslenius 378); 1787: tenga pening, öre; idem ac wero, aantahl, oretal (Carel.) (Ganander 3-140b); 1826: tenka Carl, numus minor, inde tributum solvendum, Künze, Geld, Steuer (Renvall 2.228); 186?: tenka halfkopek, penning; rantepenning (Lönnrot 2.683) HI Tenkanen = l. Geldstück im Wert einer halben Kopeke, 2. altes Flächenmaß oder Steuerwertzahl in H-Karelien, 1/32 alte Hufe < russ. dénьgá 'die Denga, eine Kupfermünze, einen halben Kopeken wert; (ehedem) ein Ackermaß, wie es den Bauern verteilt wurde', < Türk., vgl. z.B. kasantat. tä^kä ’Silbermünze' (Vasmer EV 1.339) Ganander loc.cit. - Die denьga-Kũnzen wurden in Rußland im 14. Jh. eingeführt; fi. tenka ist also ein relativ spates Lehnwort, dessen beide Bedeutungen aus dem Russ. übernommen worden sind. Kikkola 1894.111 und 1938.56 Turunen 1949-294 Kalina 1956.130 Nissila 1956.66 Karlsson 1964.65 Ruoppila 1967.84 293. tensikka volksspr. va. AFT 0. - 1787: tensikka dreng v. sälli. Carel. i Kides Socken, drengpoicke (Ganander 3-14la); 1826: tensikka Carl, famulus, max. junior, Bedienter, it. Botn. catulus (Renvall 2.228); 1867: tensik­ ka militarbetjent (Lönnrot 2.685) = Offiziersbursche < russ. denьščík (< *dьn~) 'Offiziersbursche, -diener’, zu denь 'Tag' (Vasmer EW 1.340) Ganander loc.cit. - Tensikka ist nach Kikkola ein ostfi. Yort. Aus Kuopio und Viipuri ist die Form tentsikka belegt. Die Entlehnung konnte aus der Zeit der Besetzung Finnlands durch russ. Truppen Anfang des 18. Jhs. datieren. Kikkola 1894.111 Wessman 1909-157 Karvinen 1910.117 Kalírna 1956-30, 130

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294. tiakka volksspr. AFT 0. - 1787: tiakka, diakka klockare (Ganander 3.145b) 0N TiflVnnniemi, Tiakkavaara = Kirchendiener in der griech.-kathol. Kirche < russ. dьjak 'Küster, Kirchendiener'(Dal' 1.439), wohl < Mgriech. (Vasmer EW 1.306) Ganander loc.cit. - Tiakka ist ein relativ spät übernommenes ostfi. Dialektwort. In der Form Diac wird das Wort in alten Steuer­ büchern aus d.J. 1656 erwähnt (Kuujo 1959.75). Lonnrot 1867:2.690 Mikkola 1894.113 Kalima 1956.13l 295. tihkuri volksspr., tuhkuri Etwa 1548: Cosca mies mahta mennä oraua metzän Näätäin eli Tuhkurein ia kärppäin iälken, Ennein pyhä miesten päiuä (Martti 56). 1637= tuhkuri Furuneulus. Hiller/Hilhing. Iltis (Schroderus 56); 1678: meles, grafling/mänck, tuhcuri (Florinus 99); 1826: tihkuri lutra minor, viverra lutreola, Sumpfotter (tuhkuri) (Renvall 2.232) = Sumpfotter, Nerz < Urruss., vgl. russ.-ksl. dъchorь, russ. chorь, choŕók 'Iltis', von urslav. *dъchorь, zu duch, dochnútь (Vasmer EW 3.267) Diese Wörter sind, wenn auch mit Fragezeichen, von Mikkola 1894. 40, 68, 175 zusammengestellt worden; gleichzeitig erwog er echt fi. Herkunft (von tuhka 'Asche'). Die letztgenannte Erklärung wur­ de später von ihm bevorzugt (1938.94), von Kiparsky 1949 aber ab­ gelehnt, da weder Nerz- noch Iltisfell aschfarben, sondern dunkel­ braun bis schwarz bzw. milchkaffeebraun ist. Kiparsky hat die slav. Etymologie überzeugend motiviert (1949.58ff.). Für fi. tihkuri po­ stuliert er ein altruss. *dьchorь, das in Anbetracht der Schwan­ kungen bei den Jers seiner Ansicht nach als Parallelform neben dъchorь existiert haben kann. Auf fi. Seite wurde die Bezeichnung für Iltis, die in dieser Bed. noch Schroderus kennt, im 18. Jh. auf den Nerz übertragen, da der Iltis infolge Klimaverschlechterung zu dieser Zeit ausstarb. Kiparskys Erklärung wurde von Kalima 1956. 54, 132 akzeptiert. - Daß statt der zu erwartenden Endung -ari im

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Fi. -uri steht, beruht auf Analogie (vgl. fi. pippuri < altschwed. pjpar, sowie 6.2.1.1.). Lönnrot 1867:2.693* 728 Sachmatov 1911.811 296. tisuri salopp-umg. AFT 0. - AFW JÖ ■ Dienst, z.B. olla apteekissa tisurissa wohl < Russ., vgl. dežùrnyj 'diensttuend, -habend; Subst. der Diensthabende', dežùritь 'Dienst haben; wachen', dezurstvo 'Wach­ dienst' (Bielfeldt), seit Peter d.Gr., < frz. de jour, ètre de jour (Vasmer EW 1.336). Die Wörter stimmen semantisch und morphologisch nicht ganz überein. Auf russ. Herkunft scheint aber das fi. i, der ersten Silbe zu deu­ ten, das Ikanje reflektieren könnte, vgl. südestn. tesurna, tisurna < russ. dežùrny.j (Must 195^*12). Anders liegen die Verhältnisse bei fi. (NS) desuuri 'Dienst; Diensthabender', bei dem die lautlichen Kriterien allein noch keinen Schluß auf die lehngebende Sprache zu­ lassen (vgl. auch Airila 1945.8, 48 desuuri 'päivystys, päivystajä1) das aber wohl Lehnwort aus dem Schwed. ist, vgl. schwed. dejourera 'Wache haben' (Milanova 136). - Zur Endung s. 6.2.1.1. 297. tolkku AFT 0. - 1826: tolkku Wib. vis mentis comprehendendi et intelligendi, Begriffsvermögen, Einsicht, it. Caj. Vertrag (Renvall 2.240); 186?: tolkku begrepp, reda, fattningsgSfva, insigt (Lönnrot 2.714) Abi. tolkullinen, tolkuta, tolkuton, tolkuttaa - 1. Fassungsgabe, Verstand, Denkfähigkeit, 2. vernünftiges Denken, Verständigkeit, Verstand, Sinn, 3. (in manchen Redewendungen:) Klar­ heit, klar, z.B. päästä tolkulle .iostakin u.a. < russ. tolk (< tъlkъ) 'Sinn, Begriff; Meinung, Deutung; (bes. im Pl.) Gerede, Gerücht; Nutzen, Vorteil; Lehre, Glaubens-, Sittenlehre zur Etymologie s. Vasmer EW 3.115 Mechelin und Butkov 1842. - Tolkku wurde wahrscheinlich im 18. o. 19. Jh. übernommen und gelangte durch Vermittlung der Ostdialekte

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ins Gemeinfi. Die Endung -u beruht darauf, daß das russ. Wort überwiegend in negierten Sätzen mit dem Gen.Sg. tolku auftritt (vgl. 5.3-3. und 6.2.6.). Mikkola 1894.41, 64, 169 und 1938.23, 42, 43, 103 Kalírna 1956.29, 60, 131 298. tolvana salopp-umg. 1762: Ei ole maan paalla nijn matala mato, ei nijn tolwana toucka (Pazelius 2). - 1787: tolwana lymmel, obelefwad, stålle, plump, grof, fånig, galen (Ganander 3.162a); 1867: tolwana. tolwanen fåne, dummerjöns, dumhufvud, luns; jfr. tollero. tollo, tollakka. tollukka (Lönnrot 2.716) IN Tolvanen = (bes. als Schimpfwort:) einfacher, dummer Mensch, Dummkopf, Töl­ pel, Tolpatsch, Idiot, (selten adj.:) tolvana mies wohl < russ. bolván (< *bъlvánъ oder *bal(ъ)vanъ) 'Dummkopf, Töl­ pel, Klotz u.a.', wahrscheinlich < Turkotat. (Vasmer EW l.lOlf.). Ahrens 1853.169. - Die Bedeutungen des fi. und des russ. Wortes stimmen überein, was für eine Entlehnung spricht. Der fi. jt-Anlaut kann durch Dissimilation (vgl. 5.2.8.) oder Anlehnung an eines der einheimischen Deskriptivwörter erklärt werden, vgl. oben Lönnrots Beispiele. - Ojansuu 1916.191 nahm Entlehnung aus estn. tolvakas, tolvan. tÖlvand an, die ihrerseits aus dem Russ. stammen dürften, vgl. Mägiste 1962.54. Kalima 1956.131 Ariste 1953.301 299- topra volksspr. AFT 0 . - AFW IN Topra

0

= gut, prima < russ. dóbryj 'gut, von guter Eigenschaft, stattlich, ansehnlich; (von Menschen) anstellig, tüchtig, brauchbar, erfahren, verständig, pünktlich; wohltätig, gütig, wohlwollend, weichmütig, barmherzig', Adv. dobró 'gut! wohlan!'; gemeinslav. Wort, urverw. mit lat. faber

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'Handwerker, Künstler', armen, darbin 'Schmied' (Vasmer EU 1.356). Sillman 19l?.136. - Da das Wort in den AFT und AFV fehlt, handelt es sich offenbar um ein ganz junges Lehnwort; dennoch ist es in den Dialekten (außer Värmland) weit verbreitet (Worterbuchstiftung),

500. torakka AFT 0. - 1745: toracka insecti infesti genus, torckaan (Juslenius 586); 1787= torakka torack, torckaan, Blatta molendinaria lucifuga, insecti genus (Gamander 5.164a) = Blattariae, platte, langbeinige und geradflügelige Insekten, von denen einige als Schmarotzer in den Wohnungen leben, Schaben < russ. dial. torokan (so schon Domostroj), ssp. tarakán 'Blatte0. Periplaneta orientalis, Schabe, Brot-, Küchenschabe', viell. < kazantat. tarakan 'Schabe' (Vasmer EW 5.77) Kechelin 1842. - Fi. torakka ist im Värmlanddialekt unbekannt, also wohl erst im 17./18. Jh. entlehnt worden. Zum Verlust des -n vgl. 6.2.7*; in ol. torokoanu dagegen ist das n erhalten geblieben. Kikkola 1894.168 und 1958.105 Kalima 1956.151

501 . toveri, tavaritsi scherzh., oft verächtl. 1728: Taman äckeis Taitawa Toimen/ Cans Taidon Toweritz1 joka nurkasa nurisi nurmen (Agr.-Jut. 280); 178?: Wanha tuttawa towero (Agr.-Jut. 555); 1787: Ei oo mulla ensingänä Tuttawoa toweria (Agr. -Jut. 572). - 1745: toweri, toweritza comes itineris, följeslag, resekamrat (Juslenius 588); Jusl. lis. 120: toweri. cfr. towarus slavon. et tart.-ungarice: socius, towerus alter comitum 1. sociomm; 1867: towarissa, toweri, toweris, toweritsa, towerus (Lönnrot 2.725) Abi. toverillinen. toveritar. toveriton, toverukset, toverustna, toveruus toveri = Kamerad, Genosse. Person in ihrer Beziehung zu einer (neireren) anderen, mit der (denen) sie zusammen ist oder arbeitet (meist in ziemlich gleichartiger Stellung o. relativ nah), Kuapel, Begleiter, Kamerad. (Spez.) 1. Ehegatte, 2. Bezeichnung der Mit-

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glieder von Linksparteien tavaritsi =(scherzh., oft verachtl.) Genosse (bes. von russischen Kommunisten) < russ. tovarišč 'Gefährte, Genosse, Kamerad, Kollege, Gesellschaf­ ter; Gehilfe', heute: 'Genosse, Mitglied eines Kollektivs, z.B. der Kommunistischen Partei, des Sowjetvolkes; Genosse, Genossin (als Anrede)' (Bielfeldt), gemeinslav. Wort < Turkotat. (Vasmer EW 5.115) Jusl. lis. loc.cit. - Fi. toveri ist über die ostfi. Dialekte in die Schriftsprache gewandert. Die Endung der zu erwartenden Form tovarissa (die bei Lönnrot vorkommt), wurde wahrscheinlich als Ka­ sus inessivus aufgefaßt und bei der "Rekonstruktion" des Nom.Sg. fortgelassen (vgl. Kalima 1956.131 und hier 6.2.7.). - Fi. tavari­ tsi dürfte im Zusammenhang mit den russ. Oktoberereignissen aufgenommen worden sein; das a der ersten Silbe weist auf die Aussprache des russ. £ als a in erster vortoniger Silbe hin und zeigt an, daß es sich um mündl. Entlehnung handelt (s. auch 5.1.1.1.). Salenius 1870.127 Mikkola 1894.58, 169 und 1938.21, 105 Kalima 1956. 26, 65, 151 Kiparsky 1965.77 S.Hämaläinen 1965.245 502. trastukamraati salopp-umg. AFT 0. - AFW IÓ = guter Kumpel, Freund < russ. zdravstvuj ‘(Grußwort) guten Tag! guten Morgen! usw.' + kamrát. von Russen Ausländern gegenüber verwendete freundschaft­ liche Anrede. - Vgl. ing. (Soikkola) trastuvoittaa 'begrüßen, grü­ ßen' (Sovijärvi Suomi 105:2.59). 505. troikka

AFT $. - 1867: troikka trespann (Lönnrot 2.725) = russisches Dreigespann < russ. tró.jka 'Troika, nationalrussisches Gespann, Dreigespann', von tri 'drei'. Lönnrot a.a.O. - Möglicherweise gehört auch dial. roikka, troikka 'Arbeitsgruppe, Schar, lange Schlange' hierher (SKES 5.825). -

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Troikka 'Dreigespann1 wird heute im Fi. auch in übertragener Bed. verwendet. Karvinen 1910.122 Sillman 1917.132 Talve Satak. 17-277 304. tsaari histor. 1700: ajatteli hän myös Zaren sijnä joucos cohtawans (Hist, asiak. 144). - 1867: tsaari tsar (Lönnrot 2.726) Abi. tsaarillinen. tsaaritar; tsarismi, tsaristinen =Zar, Ehrentitel des männlichen Herrschers in manchen slavischen Monarchien; der Herrscher, der diesen Titel trägt < russ. carь 'Zar (wie die russischen Herrscher seit Ivan IV., von 1547 an genannt wurden)’, < *cěsarь über got. Käisar < lat. Caesar (Vasmer EU 3.283). Lönnrot loc.cit. - Das russ. Wort muß schon im 17- Jh. in Finnland bekannt gewesen sein.

305 . tsasouna, säässynä dial. AFT 0. - 178?: säässynä g8rd, fattigt hýble - tugurium; item et Bönahuus, Synagoga apud Carelios gräcä religioni addictos, et slags litet Capell, Sacellum. sllässy kyffe, pieni huone (Ganander 3*23b); 1867: sässynä. säässy. säässynä, säässänä Lönnrot 2.638, 642) ON Tsäsoffni (1618), Sässönäpelto, Sässynämäki, ĩšasounapeldo - griech.-kathol. Dorfkapelle, Bethaus < russ. časòvńa 'Kapelle (kleines Bethaus, kleine Kirche ohne Al­ tar, in der nur Gebete abgehalten werden können, nicht die Liturgie ein einzelnes kleines Gebäude mit Heiligenbildern und Lampe)' von Knorring 1833*53 (tsasouna), Mechelin 1842 (säässynä). - Wäh­ rend es sich bei tsasouna um eine gelehrte, ans russ. Original an­ gelehnte schriftl. Entlehnung handelt (für die die Sprachkommission der Fi. Akademie jetzt die Schreibweise tsasouna empfiehlt, s. Kielikello 2.5)» wurde säässynä offenbar schon viel früher in die ostfi. Volkssprache übernommen. Daß das Wort im Fi. vordervokalisch wurde, beruht auf dem Einfluß des russ. palatalen c auf das folgen­ de a, das als Vokal der 1. Silbe für die Lautgestalt des ganzen Wor

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tes maßgeblich wurde (vgl. 5.1.5.). Nicht erkennbar ist, warum im Fi. in erster Silbe langer Vokal für unbet. russ. a steht. Ruoppila 1954.155ff. mit Karte, Nissilä 1956.57 und 1969-117 SKES 4.1181 506. tseka = Geheimpolizei in Rußland in den Jahren 1918-22 < russ. čeká, Č K , Abk. für Črezvyčàjnaja Kommissija, Bezeichnung der 1918 gegründeten organisierten staatlichen Geheimpolizei zum Kampf gegen Konterrevolution, Sabotage und Spekulation (Bielfeldt) Die Position des Wortes in der fi. Hochsprache ist die eines auf die russ. Geschichte bezogenen Internationalismus. Im Soldaten­ slang wurde es in der Bed. 'toimitusjoukkue' (= 'Versorgungstrupp') verwendet. ITS 14.28 S.Hämäläinen 1965.252 507. tsinovnikka meist verächtl. AFT 0. - 1867: tsinonikka en som har rang, tjensteman (Lönnrot 2.726) = unterer Beamter im zaristischen Rußland < russ. činóvnik 'der im Staatsdienst und in einer Rangklasse stehende Beamte', zu čin 'Rang, Würde' (Vasmer EW 5.559) Lönnrot loc.cit. - Im Gegensatz zu der von Lönnrot angeführten, offensichtlich volkssprachlichen Form ist tsinovnikka eine schriftl. Entlehnung, für die die Sprachkommission der fi. Akademie jetzt die Schreibweise tsinovnikka empfiehlt (Kielikello 2.5). 508. tšuudi AFT 0. - AFW 0 Abi. tšuudilainen gew. Pl. = die Tschuden, Bezeichnung, die von den Slaven für frem­ de, bes. von den Russen für finnische Völker gebraucht wird. < russ. Čudь 'Bezeichnung der finnischen Bevölkerung der Gouverne-

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ments Pskow, Novgorod, Archangelsk, Olonetz' (Vasmer EW 3.352). Zu den verschiedenen Herkunftstheorien des russ. Namens s. Magiste 1950 und Vasmer loc.cit.

309. tulkka AFT 0. - 1787: tulkka (Austr.) drifjärn (Ganander 3.182); 1826: tulkka Ul. cuneus ferreus, quo quid intruditur e.c. muscus in rimas parietis, Treibkeil, Wib. Pfropfen (Renvall 2.249); 186?: tulk­ ka mutter (i hjul o. skrufvar); hjulbössa (Lönnrot 2.738) = gew. metallenes, röhrenartiges Füllstück (in Brillenbuchsen, Augenlagern, Wagenrädern u.ä.), durch dessen Erneuerung man die Erneuerung des ganzen Maschinenteils vermeidet < russ. vtúlka 'Spund; Schraubenmutter; (Artill.) Kanonenpfropfen; (Wagenbau) Buchse der Nabe, Nabenring, Hülse, Einführungshülse' Mechelin 1842. - Fi. ssp. tulkka 'Buchse' und dial. tulkka 'Keil' sind verschiedenen Ursprungs. Das erstgenannte, das im NS angeführt ist, geht auf das Russische, das zweite auf schwed. dial. tulk, tolk 'Keil, Hobelkeil' zurück (vgl. Karsten Folkmålst. 4.112 und Li­ den FUF 1 2 .94 , der die beiden Wörter ebenfalls etymologisch getrennt hält). Die geographische Verbreitung der Wörter läßt keine Zweitei­ lung erkennen; beide kommen vorwiegend in SO-Finnland vor (s. Karte im Anhang). Sillman 1917-135 Rapola 1956.148 Ruoppila 1967.170

310 . turku bes. gehob. Stil, Dichtersprache 1548: naki hen mwita seisouan turulla ioutilassa (Agr. 2.77); 1601: olutta ia leipä nin quin ne mydhen lähimmäises caupungis oikealla turulla eli markina päiuanä (Ljungo Maanl. 27). - 1678: Sbo Turcu (Florinus 110); 1745: Turcu Sbo, turkulainen aboensis, turcu forui (Juslenius 395) 0N Turku, EN Turkulainen, Turkunen,?Turunen = Markt, Marktplatz (nur schwachstufige Formen; Nom.Sg. nicht als Appellativum) < Urruss., vgl. altruss. tъrgъ, russ. torg 'Handeln, Feilschen; der

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Handel, Marktplatz, Kaufhof'•,Pl. torgi 'Öffentlicher Ausbot, Ver­ steigerung, Auktion'. Gemeinslav. Wort, urslav. *tъrgъ urverw. mit lit. turgus 'Markt' (Vasmer EW 5.125). - Türk. Herkunft wurde von Eamstedt (NphM 50.99ff.) und Räsänen (NphM 52.195Í.) erwogen. Butkov 1842. - Mit turku wurde im Fi. zunächst ein Handelsplatz bezeichnet, der sich im Falle Turku = Sbo später zum Namen einer Ansiedlung entwickelte. Nach Ansicht Ojansuus (1916.115, 192) ge­ langte das Wort durch Vermittlung des Estn. ins Fi., da es nur im Estn., Liv. und (früher) in W-Finnland vorkam. Im Widerspruch dazu steht die Auffassung Vilkunas, nach der turku 'Marktplatz' nur in südöstlichen Dialekten auftritt (1947-48.276). Im Gegenwartsfinni­ schen ist das Wort als Appellativum nur in feststehenden Redewen­ dungen in obliquen Kasus gebräuchlich (z.B. maailman turuilla). Fi. u der ersten Silbe entspricht dem altruss. ъ, wogegen das ausl. -u sowohl auf das ъ des Nom.Sg. als auch auf den Lck.Sg. (na) torgú zunickgehen kann (vgl. 5.1.1.5.). - Spatere Entlehnungen sind südostfi. (Lavansaari, Seiskari, Uusikirkko) torku < russ. torg und torkuvoida < torgovatь (Worterbuchstiftung). Lonnrot 1867:2.752 Mikkola 1894.41, 72, 170 Voionmaa Hist. Aitta 1.22 Mikkola 1938.19, 22, 45, 80 Kalima 1956.29, 60, 155 Nissila 1956.52 Ikola 1968.511 511. tuska 1545-44: Etteij ollut Mailman alghust swremat tuskat/ quin ouat lopust (Agr. 1.90). - 1657: tuska aerumna, Plägha/ Nodh, Mühselig­ keit; labor, Arbeit (Schroderus 17, 25); 1644: ut vix egre, nepligh, tuskin (Var. rer. voc. 117); 1745: tusca anxietas, afflictio, ån­ gest: wedermöda (Juslenius 5 % ) Abi. tuskaannuttaa, tuskaantua, tuskailla, tuskainen, tuskaisa, tuskallinen. tuskalloinen, tuskastella, tuskastua, tuskaton, tuskautua, tuskin = Qual, Pein, 1. körperlicher Schmerz, Wehe, 2. seelisches Leid, Not Bedrängnis, Qual, Pein, 5. (bes. in manchen Sprichwörtern:) Kummer, Arger, Leid, Unglück wohl < Urruss., vgl. altruss. tъska, russ. toskà 'Harm, Gram, Kum-

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mer, Unruhe des Herzens, Bekümmernis, Beklemmung, Langeweile', urslav. *tъska; aus den jungen poln. Formen mit £ (tęskny) darf nach Vasmer EW 5.128 kein Nasalvokal erschlossen werden, wie Mikkola 1894.171 es tut. Mechelin und Butkov 1842. - Mikkola hat diese - 1894.40 ohne Ein­ schränkungen aufgenommene - Etymologie in seiner späteren Arbeit (1938.95) mit der Begründung verworfen, die Bedeutungen des fi. und des russ. Wortes paßten nicht zusammen, da russ. toska nicht wie fi. tuska zur Bezeichnung auch körperlicher Pein und Mühe die­ ne. Diese Einwände hat Kalima 1956-133f. zurückgewiesen. Als wei­ teres Argument führte Mikkola gegen die Entlehnungstheorie an, daß bei dem Adverb tuskin 'kaum', das im Fi. weit verbreitet ist und daher alt sein muß, von einer Bed. 'Mühe' auszugehen ist, die auf slav. Seite nicht vorhanden war. Vgl. jedoch dazu die Bed.-entwicklung des slav. mǫka 'cruciatus, tormentum, punitio, supplicium, do­ lor' im daraus entlehnten ung. munka 'Arbeit'. Ferner muß die Über­ nahme von tъska spätestens Anfang des 12. Jhs. erfolgt sein, was die weite Verbreitung genügend erklärt. - Als slavisch ist fi. tus­ ka auch von Ahlqvist 1857.97, Lönnrot 1867:2.756 und Mägiste 1%2. 12, 24 angesehen worden. Kalima 1956.28, 52, 59 312. tuuhku volksspr. AFT t>. - 1867: tuhku nosning; lukt; duggregn, susning, vindpust, tuhu duggregn; susning, vindpust, tuohku yrande stoft, doft, ånga, lukt, tuuhku, tuuhu fläkt; utandning, utdunstning, transpiration, dunst, lukt (Lönnrot 2.728, 729, 744, 759) = Geruch, Duft < russ. duch 'Geist; Hauch, Atem; Geruch, Duft u .a.', gemeinslav. Wort, urverw. mit lit. dausos 'Luft' (Vasmer EW 1.383) Lönnrot 1867:2.759. - Das ausl. -u dürfte auf dem russ. Gen.Part, beruhen. Tuuhku ist ostfi. Dialektwort (s. Karte im Anhang) und wohl erst im vorigen Jh. entlehnt worden. Die Variante tuohku ist lautlich wahrscheinlich von tuoksu 'Duft' beeinflußt worden. Mikkola 1894.112 Kalima 1956.42, 54, 134 Ruoppila 1964.34

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315. tuuma 1777: Kusta tuli täma Tuuma? (Frosterus, Agr.-Jut. 377). - 17A5: tuumata meditor, täncker (Juslenius 397); 1787: tuuma råd, betänckande, beslut, resolution, consilium, deliberatio (Gamander 3.200b) Abi. tuumailla, -tuumainen, tuumata, tuumia, tuuminki, tuumiskella, tuumitella, tuumivainen = Absicht, Vorhaben, Plan-, Gedanke, Betrachtung < russ. dúma 'Gedanke; Sorge; Rat (als Versammlung mehrerer Per­ sonen)' , < Germ.: got. doms 'Urteil' (Vasmer EW 1.380) Sjögren 1828, s. Sjögren GS 158. - Fi. tuuma gehört aufgrund seiner Vokalvertretung zur jüngeren Lehnwortschicht und ist nach Mikkolas zuletzt vertretener Ansicht aus dem Kar. durch Vermittlung des Ka­ levala in die fi. Schriftsprache gelangt. Fi. tuumata ist wohl di­ rekt aus russ. dúmatь entlehnt. Lönnrot 1867:2.761 Mikkola 1894.56, 76, 78, 112 und 1938.31, 57, 103 Kalima 1956.42, 134 Kiparsky 1963.77 314. tyrmä bes. gehob. Stil AFT $. - 1867: tyrmä torn, blockhus, hakte, arrest (Lönnrot 2.770) = Kerkerzelle, Gefängnis < russ. t 'urьmá 'Gefängnis, Kerker, Turm', < poln. turma (16.-17Jh.) < mhd. turm < afrz. *torn < lat. turrim Akk.Sg. (Vasmer EW 3.164). Türk. Herkunft nimmt Räsänen am (zuletzt 1969-506b). Mechelin und Butkov 1842. - Dam fi. y ist Ausdruck der nach pala­ talem russ. tj_ veränderten Aussprache des folgenden u , durch die das ganze Wort seinen vordervokalischen Charakter erhalten hat (vgl. 5 .1.5 .). Tyrmä ist ein spätes, uber die Ostdialekte einge­ wandertes Lehnwort. Mikkola 1894 . 1 7 1 und 1938.103 Kalima 1956.28, 46, 135 Rapola Vir. 1960.202 315. täsmä1767: joka osotais itzekungin maakunnan sanan- ja puheenparret

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kuinga ne täsmällänsa lateleman pitä (J.IIelsingberg, Hist, asiak. 585). - 178?: täsmä ordning, skick, i godt stånd (Ganander 3.134); 1826: täsmä id. ac tärmä = Kraft, Wohlbefinden, asia on täsmällänsa res est bene disposita 1. ordinata (Renvall 2.265); 1867: tesmä ordning, skick, noggranhet, bestämdhet, mått, tehda tesmälleen göra noga, till punkt och pricka, jfr. R. tesma; tisma, tisme, tismo, tismu = tihma, en tiedä tismallehen jag vet ej rätt noga; tähmä, täsmä ordning, noggranhet, kraft; täsmälleen, täsmällä, täsmältä jemnt upp, på pricken, just så (Lönnrot 2.784) Abl. täsmennellä, täsmentymätön, täsmentyä, täsmentämätön, täsmentää, täsmäinen, täsmälleen. täsmällinen. täsmällisentyä, täsmällisentää, täsmällistyttää, täsmällistyä, täsmällistäjä, täsmällistää, täsmätä = Genauigkeits-, Präzisions-, (bes. techn.) als erster Bestandteil von Komposita, täsmälleen = pünktlich, rechtzeitig, gerade; genau, klipp und klar; präzis; sorgfältig, peinlich, akkurat < russ. tesrnà, tesьmá 'Zwirn-, Wollenband, Borte', altrass. t1asma (1442), < türk, tasma 'Band, Riemen' (Vasmer EW 5.100) Nirvi 1964. - Nach Nirvi ist das Wort in W-Finnland neu, in den ostl. Dialekten dagegen altbekannt. Die Zugehörigkeit von fi. täs­ mä- zu dem russ. Wort erklärt Nirvi so: Da Bätjder in der altertüm­ lichen Kleidung eine wichtige Rolle spielten, konnte t. als Bezeich­ nung eines neuartigen Bandes oder als Name dessen Musters aufgefaßt werden. Die Bed. 'genau, ordentlich' habe sich dann aus der Verbin­ dung 'das Band genau, ordentlich nach dem täsma-Muster weben' ent­ wickelt. Nirvi datiert die Entlehnung ins 16. Jh. (ein terminus an­ te quem ergibt sich aus värmlandfi. täsmiä 'zuhauen'). Für die un­ mittelbare Ausgangsform halt er altruss. t 1asma. Die fi. Varianten mit £ und i_ erklärt er mit späterem russ. Einfluß. - Südostfi. (Kivennapa) tisomkka 'Band' < russ. teśómka 'schmales Zwirnband'. - A. Alhoniemi hat sich Sananjalka 7.193 zustimmend zu dieser Erklärung geäußert. Als Original des fi. Wortes kommt auch die riss. Form tesьmà in Frage, vgl. fi. säpsä < russ. čepéc, Gen.Sg. čepeá.

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516. tokötti AFT ft. - 1867: tökötti ryssolja, näfverolja (Lönnrot 2.787); 1886: tokti, tötki = tökötti (Lönnr. lis.. 188, 189) ■ 1. Birken(rinden)teer, 2. (salopp-umg.) in weiterem Sinne von dickem und dunklem, meist undefinierbarem Fett, einer Flüssigkeit

o.a. < russ. d'ógotь ( jgroTb ) 'Birkenteer, Birkenöl', wird teils als urverw. mit lit. deppitas 'Birkenteer', teils als balt. Lehnwort im Slav. angesehen (Vasmer EW 1.535) Mechelin 1842. - Fi. tökötti setzt den russ. Nom.Sg. voraus, wäh­ rend tokti auf einen obliquen Kasus mit flüchtigem £ hinweist (in tötki mit Metathese). Mikkolas Ansicht von 1894, wonach tokötti ein sehr altes Lehnwort sein soll, wird durch nichts gerechtfer­ tigt; in seinem spateren Werk (1938.22, 56) vertrat er denn auch eine andere Auffassung. - Zu den Vokalentsprechungen vgl. 5.1.5. Das Wort war ursprünglich nur in den Ostdialekten bekannt. Mikkola 1894.40, 77, H l Kalima 1956.28, 46, 58, 155 Ruoppila 1958.

22 517. ukaasi 1749: hän tule Hänen Keisarill. Majest. Ukasin jälken ilman armotta rangaistuxi (Hist, asiak. 196). - AFW ÍÓ = Erlaß, Bestimmung des Kaisers o. Senats in Rußland oder Finnland wahrend der Kaiserzeit; (heute scherzh. allg.) Bestimmung, Erlaß, Befehl < russ. ukaz 'Ukas, (ein schriftlicher vom Kaiser erteilter) Be­ fehl, Erlaß (od. eine in seinem Namen von einer höheren Behörde erlassene) Vorschrift (welche entweder anstelle schon bestehender Gesetze tritt od. zur Erläuterung dieser dient)’, zu -kazátь (Vas­ mer EW 1.505) von Knorring 1855.54. - Das Wort ist in zahlreiche europäische Spra­ chen entlehnt worden und kann als Internationalismus gelten (L.Kiss Nyr 87.474); im Fi. wurde es dem einheimischen Lautsystem angegli­ chen. In SO-Finnland ist die Variante ukassi gebräuchlich (Wörter­

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buchstiftung, Karvinen 1910.121). 518. urakka AFT 0. - 1745: Uracka palcka totius operis merces (Juslenius 404); 1787: urakka (Tiltieringi) palkka, wiß lön för hela arbetet (Ganander 5.224b); 1867: urakka beting, entreprenad, partihandel, köp sununevis (Lönnrot 2.853); 1886: urakka andel hvad en tillkommer 1. kan få (Lönnr. lis. 191) Abl. urakkalainen. urakoida, urakoitsija = 1. Arbeit, deren Lohn nicht (in erster Linie) von der dazu benö­ tigten Zeit abhangt, a. eine (Extra-) Arbeit, die der Arbeitende gegen eine vereinbarte Entschädigung verrichtet; der Vertrag über eine solche Arbeit, b. Akkordarbeit, die (von einem für Zeitlohn Arbeitenden) in einer bestimmten Frist verrichtet werden muß; auch die Arbeit, die jmd. in einer bestimmten Frist ausführen will, c. Arbeit, die aufgrund eines Arbeitsmaßes (z.B. der Stückzahl) be­ zahlt wird, 2. (in weiterem Sinne:) schwere, langdauernde Arbeit < russ. urók '(das einem Schüler Aufgegebene) die Aufgabe, Lektion; Termin, Frist; Tagewerk', rabóta na urók 'Terminarbeit'. - Vgl. auch sverchuróčnyje 'Lohn, Bezahlung für Überstunden' (Bielfeldt). Zu u und reku, rok (Vasmer EW 5-189). Ahlqvist 1857.98. - Die Erklärung der Lautverhältnisse in fi. urak­ ka bietet insofern Schwierigkeiten, als man in einem jüngeren Lehn­ wort fi. o für bet. russ. £ erwartet (vgl. 5.1.1.1.). Mikkola 1894. 58 hat mit Recht vermutet, daß sieh das Wort im Fi. an einheimische Bildungen auf -akka angelehnt hat (vgl. possakka = Nr. 175 sowie

6 .2 .1 .1 .). Mikkola 1894.56, 172f. und 1938.31, 81 Kalima 1956.25, 42, 155f. 519. utala volksspr. AFT 0. - 1867: utala rask, flink, behändig, hurtig, begifven på 1. bojd för ngt, utawa = utala (Lönnrot 2.844) = flink, tüchtig, schlau < russ. udalój 'tapfer, kühn, (gew.) tollkühn, verwegen, waghalsig',

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mal da udál 'ein durchtriebener Junge'. - Udalój (Peterbg.) 'gut' (Kulikovskij 123). Zur Etymologie s. Vasmer EU 3.173. Lönnrot loc.cit. - Das Wort war ursprünglich nur ostfi., wurde aber durch das Kalevala auch anderswo bekannt. Entlehungsgrundlage bildete wahrscheinlich die russ. Adverbform událo (s. 6.2.3.). Mikkole 1894.56, 172 Karvinen 1910.122 Huoppila 1956.129 320. uula volksspr. AFT - 1787: uula koosa, sijtä uulaa hän menee i.e. sinne päin - dijt åt (Ganander 3.228b); 1867: väg, stråt (ura); 2. sed, satt, vana, bruk (Lönnrot 2.846, 847) = Fahrwasser, Weg, Bahn ? < urruss. *ula, vgl. ruse. úlica 'Straße', Grundbedeutung 'enger Gang, Engpaß'. Weißruss. bezul'nyj = bezpútnyj, vgl. die Etymolo­ gien unter úlej und úlica bei Vasmer LW 3.181, 182. Mikkola 1894.172. - Kalima 1956.136f. baute den Gedanken der ety­ mologischen Zusammengehörigkeit der Wörter durch Vergleich mit lat. alveus 'Höhlung; Flußbett, Bienenstock' aus, das Verwandte in an­ deren ieur. Sprachen hat und insofern eine semantische Parallele zu *ula bildet, als zu dieser slav. Wurzel auch russ. úlej, poln. ul 'Bienenstock' gehört. - Falls uula wirklich aus dem Russ. ent­ lehnt sein sollte, müßte das sehr früh geschehen sein, da ein selb­ ständiges russ. Stammwort *ula nicht erhalten ist. Daß das Wort im Fi. dennoch nicht mit dem zu erwartenden uo < anlautet, liegt nach Kalima daran, daß ein solcher Anlaut zur Zeit der Entlehnung nicht geduldet wurde. - Kiparsky 1954a.h33 und Mägiste 1960.7 er­ wähnen die Wortzusammenstellung ohne eigene Stellungnahme. Im osf. Bereich hat das fi. Wort nur in lp. N oalle 'alveus primarius' eine Entsprechung (T.Itkonen JSFOu 32:3-27). Rozwadowski 1948.221

3 2 1 . vaassa volksspr. AFT IÓ. - 1867: waassa, wassa qvas, svagdricka, spisöl (Lönnrot 2. 859, 909)

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= Bier, hausgemachtes Bier < russ. kvas ‘Kwaß (säuerliches Getränk aus gesäuertem Schwarz­ brotteig o. aus Schwarzbrot mit Malz') ,gemeinslav. Wort, urverw. mit lat. cäseus 'Käse' (Vasmer EU 1.546). Mechelin und Butkov 1842. - Vaassa ist ein ostfi. Dialektwort, das stellenweise auch - wie im Kuss, der Pl. kvasý - ein Ledergerbemittel bezeichnet (Worterbuchstiftung). Es gelangte wahrscheinlich im 19. Jh. in die Volkssprache, ist heute aber größtenteils von dem gleichbedeutenden sahti (< schwed. Saft, s. SKES 4.944) ver­ drängt worden (Nirvi Vir. 1936.26). - Aus demselben russ. Wort ist fi. kvassi (Nr. 75) entlehnt worden. Mikkola 1894.52, 65, 119 Kalima 1956.69

522 . valmuska AFT 0. - AFW 0 = Tricholoma, ein größerer oder mittelgroßer essbarer Lamellenpilz < ruse. volnúška '(Bot. Agaricus torminosus) der wilde, giftige Hirschling, der Perde- oder Kuhreizker' , auch volnúška krasnaja i belaja genannt; volnùcha und volnúška gehören zu volná 'Welle’, we­ gen der buschigen Kappe (Vasmer EW 1.219). Die Kenntnis des russ. Originals verdanke ich einer mündl. Mittei­ lung von Prof. V.Kiparsky (Helsinki). Seiner Ansicht nach braucht das inl. fi. m keine fi. Lautentwicklung zu sein, da es auch in russ. Varianten des Namens auftritt (vólmenka, vólmejka, vólmenec, vólmeni, vólmenca, vólmínka, vólmovik, volmážnik, volmak, vólfcánka, SKNG 5.42f.). Da das Wort weder in AFT noch in AFW vorkommt, muß es spät entlehnt worden sein und das fi. a der ersten Silbe demnach auf akaisierender russ. Aussprache beruhen.

323 . vanja scherzh. verachtl. AFT ÍŘ. - AFW IÓ = von den Russen: 'der Iwan' < russ. Vańa, Demin. des PN Ivän. Im SoldatensIang bedeutet vanja auch 'russischer Soldat' (S.Hämäläinen Vir. 1956.215f. und 1963.266).

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324. vanna salopp-umg. AFT - 1867: wanna vanna (pohdin) (Lönnrot 2.892) Abl. vannata = Badewanne wohl < russ. vánna 'Wanne, Badewanne', < nhd. Wanne oder frz. vunna (Vasmer EW 1.168) Fi. vanna wird vor allem in den ostfi. Dialekten in der Bed. 'Bade­ wanne' gebraucht (s. Karte im Anhang). Ob vanna als technischer Be­ griff auf dieselbe Quelle zuruckgeht, ist unklar.

525 . vapaa 1545-44: ette hen wapaxi tulis henen weliestens Esauin kasist (Agr. 1.154); 1548: se tule wapadhexi (Agr. 2.90); 1548: ioca on cutzuttu Wapadexi (Agr. 2. 472); 1548: se on HErran Wapach (Agr. 2.472); 1548: ole wapah sinun taudhistas (Agr. 2.208); 1548: Lapset ouat wapahat/ Waicka Christus wapa oli (Agr. 2.72). - 1657: wapaha liber, vapaus nobilitas, Adel (Schroderue 65, 14); 1678: liber, frij, vapa (Florinus 60); 1685: waapa liber (Florinus 87) Abi. vapaantua, vapahdus, vapahtaa. vapahtaja. vapahtua, vapaudeton. vapaus, vapauttaa, vapauttaja. vapauttamaton. vapautua, vapautumaton, vapautus = frei < Urruss., vgl. altruss. svobodъ und svobodь, russ. svobódnyj 'frei, unbeengt, unbehindert, ungezwungen, unbeschäftigt; geläufig', gemeinslav. Wort (Vasmer EW 2.596) Lehrberg 1816.118 vergleicht fi. Wapaus und russ. Swoboda. - Fi. va­ paa gehört zu den frühen Lehnwörtern, in denen russ. o generell durch fi. a wiedergegeben ist. Die Lautentwicklung ist Über eine Form *vapaje- verlaufen, deren Spuren noch in alten Texten verfolgt werden können (s.o. die verschiedenen Schreibweisen bei Agricola, wo dh und d mögl. noch den Lautwert [3] hat, das sonst nach der zweiten unbet. Silbe im 16. Jh. schon ausgefallen ist (Eapola 1928. 72ff. und 1933-170; vgl. auch 5.2.5.2.). Da Entsprechungen nur im Estn. und Liv. vorhanden sind, ist vermutet worden, daß das Wort Über das Estn. ins Fi. gelangte (Ojansuu 1916.115, 196f., Mikkola

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1938.47). Lönnrot 1867:2.894 Setälä 1899.66 Mikkę́la 1894.56, 63, 161 Ojansuu 1909.48 Mikkola 1938.18, 21, 83 Kalima 1956.24, 25, 50, 138 Ikola 1960.512

326. vari volksspr. 1770 : ota sulles pari, kylla tule wari (Agr.-Jut. 339)* - 1678 : fervidus, cuuma/wari (Florinus 136 ) , 1745: wari aqua fervida (Juslenius 417) Abl. varistaa, varistua = l. (Adj.) heiß, 2. (Subst.) Hitze < russ. var 'siedendes Wasser; Pech, Schusterpech, Teer; (ksl.) Sonnenhitze, -glut u.a.', dazu varítь 'kochen', gemeinslav. Wort, uiyerw. mit lit. vérdu. virti 'sprudeln, wallen, kochen' (Vasmer EW 1.169) Europaeus 1782. - Fi. vari muß spätestens zu Beginn des 18. Jhs. Übernommen worden sein und ist heute im ganzen Lande gebräuchlich (Worterbuchstiftung). Lonnrot 1867:2.899 Setälä 189l.135 Mikkola 1894.4, 24, 73 Kalima 1956.35 327- varpunen, varpuinen v a . , varpu gehob. Dichtersprache 1548> te oletta paramat/ quin monda warwuista (Agr. 2.49); 15495 1 : niin ettei yxiken warpuinen ... lange maan pale (Agr. 3 .50-51 ) - 1637: warpuinen Sperling (Schroderus 59); 1787: warpuinen, warpunen (Ganander 3.270b); 1826: warpulainen. warpuinen (Renvall 2. 296); 1867: warpu. warpunen, warwunen (Lonnrot 2.903, 906) = Spatz, Sperling, gew. Passer domesticus, zur Familie der Finken gehöriger Vogel < Ürruss., vgl. altruss. vorobьjь, russ. vorobëj 'Sperling, Spatz (Fringilla domestica)' , gemeinslav. Wort mit Verwandten im Griech. und Balt. (Vasmer EW 1.228) Europaeus 1782. - Die Tatsache, daß das Fi. die russ. Endung -fej

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nicht widerspiegelt, wird von Mikkola 1894.104 durch volksetymologische Anlehnung an varpu 'blätterloser Baumzweig' erklärt. Dage­ gen verteidigt Kalima 1956.138 überzeugend die von Mikkola abge­ lehnte Deutung, nach der aus varpu. varpunen 'Sperling' eine nicht belegte urruss. Form *vorobъ (bzw. *vorbъ) erschlossen werden kann. Zur Wiedergabe des russ. Vollauts s. 5.1.1.4. Mikkola 1894.43, 104 Kalima 1939-40.43 Kiparsky 1948.40 Kalima 1956. 31, 146 Kiparsky 1963.83

328 . vasta 1783: Kyynnara karwasta, piwo paljast? Wast. Kylpywasta (Ganander Arwotuxet 8 ). - 1787: wasta qwast, badqwast Saw, Both. Sept. sed austr. wihta (Ganander 3>274b) Abi. wastas, vastoa = Badequast, besenartig aus Birkenzweigen (oder gelegentlich ande­ ren) zu einem Büschel zusammengebundenes Badezubehor < Urruss., vgl. altruss. chvostъ 'Schwanz, Schweif', russ. chvostatь '(in der russ. Badhtube) jmd. mit dem Badequast quasten'. Die Herkunft dieses gemeinslav. Wortes ist unklar (Vasmer EW 3« 237f.). Nieminen 1953- - Vor dem Erscheinen von Nieminens Aufsatz galt fi. vasta als Lehnwort aus dem Schwed. bzw. Germ. (Thomson 1869-59, Vilkuna Vir. 1932.254). Aus dem schon in altruss. Chroniken beleg­ ten chvostatiéa 'sich (in der Dampfbadestube) mit dem Badequast schlagen' und solchen Entsprechungen aus anderen slav. Sprachen, die auch 'Quast' oder 'Besen' bedeuten (tschech. chvost, alttschech. chvostisče. poląb. kost 'Backofenwisch' u.a.), folgerte Nieminen, daß auch urruss. *chvostъ den Badequast bezeichnet haben muß. Die Annahme russischer Herkunft paßt ausgezeichnet zu der geographi­ schen Verbreitung des Wortes, die mit der der ostfi. Dialekte Über­ einstimmt. Im übrigen Finnland wird statt vasta das gleichbedeuten­ de vihta gebraucht (s. Ruoppila 1967 Karte 65). Die Lautentsprechun­ gen sind einwandfrei: vasta gehört zu den alteren Lehnwörtern, in denen fi. a für russ. £ steht (im Kar. hat das Wort die Entwicklung £ > £ mitgemacht und lautet vasta), und die anl. Konsonantenhaufung

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wurde wie in läävä < chlěvъ beseitigt. Zum Auslaut s. 5.5.3. Vasta gehört auch zum Wortschatz der Varmlandfinnen. Lönnrot 186?:2.909 Peltola Vir. 1954.82 Hakulinen 1954.11 Räsänen Vir. 1954.379 und NphM 56.50 Nirvi KV 41.116f. und 1960.148 Posti SitzBer Fi.Ak. 64.85 Ruoppila 1967*58 529- velho 1545-44: Mutta enämin ölen wscaltanut itzeni pälle/ ... Noijtain/ welhoin/ Taijkusten/ epeiumaludhen/ pyhein/ patronein (Agr. 1.786). - 1685: welho Weissagerin, Zigeunerin (Florinus 81); 1745: welho magus, veneficus, trollkarl (Juslenius 426); 1867: welho, wilho trollkarl, hexmäst are, svartkonstnär, besvärjare; hexa, trollkona, trollpacka (Lönnrot 2.922, 981) Abi. velhoilla, velhota, velhotar, velhous = 1. meist böser und mächtiger Zauberer, (übertr. bewundernd) ge­ wandter und bezaubernder Mensch, 2 . (adj. und subst. volksspr.) schlau, schalkhaft, lustig; Schelm wohl < Urruss., vgl. altruss. vъlchvъ, Sreznevskij 1.582 auch vlъchvъ, vъlъchvъ. volъchvъ, vъlchovъ, volchvъ, rues. volchv 'der Weise, Sterndeuter, Zauberer, Hexenmeister, Wahrsager, Schwarz­ künstler', zu abg. vlъsnǫti 'balbutire' (Vasmer EW 1.225) Dobrovský. - Setala war der Meinung, uber das fi. Wort könne mit Sicherheit nur gesagt werden, daß es urfi. sei; die Zusammenstel­ lung mit altruss. Wortformen dagegen sei ganz unsicher (Sanastsja 1 7 .5 ). - Die Schwierigkeit liegt bei der Vokalentsprechung der er­ sten Silbe. Geht man von einem Original mit -ьl- aus (Beispiele aus dem Ksl. s. Mikkola 1894.105), hieße die regelrechte fi. Ent­ sprechung t*) vilho. Eine solche Form ist zwar bei Lonnrot (s.o.) angeführt; da sie aber für das Fi. nur an dieser Stelle belegt ist und in anderen osf. Sprachen nicht vorkommt, hat sie kaum Beweis­ kraft. Die Entsprechung eines altruss. vъl- hatte *vulho lauten müssen; urfi. Wörter mit vu-Anlaut hat es jedoch nicht gegeben. Hier führt auch Mikkolas Annahme, fi. velho spiegele eine Über­ gangsstufe il, > ьl wider, nicht weiter, denn beim Übergang eines vorderen engen Vokals in einen hinteren engen kann kaum ein nicht-

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enger (ey̑ das Zwischenglied gebildet haben (die Funktion eines solchen Zwischengliedes hatte nur von einem engen Vokal mittlerer Reihe erfüllt werden können, wie er z.B. unter den russ. Vokalen durch das 2. vertreten ist). Die estn. Entsprechungen Volhu, volu, v5hl gehen nicht auf älteres £ zurück, sondern fi., kar. velho zeigen, daß von einem u r f i . £ ausgegangen werden muß, das im Estn. positionsbedingter Velarisie­ rung unterlag (zu dieser Erscheinung s. E.Itkonen Vir. 1945.169ff.). Im vorliegenden Fall ist mit altruss. vъlchvъ als Ausgangsform zu rechnen. Da es im Fi., wie erwähnt, ursprüngliche Wörter mit vuim Anlaut nicht gab, würde man als nachstliegendes Äquivalent voerwarten. Aber auch diese Lautkombination scheint dem Urfi. im An­ laut fremd gewesen zu sein; den größten Teil der wenigen vo-Wörter im heutigen Fi. machen Fremdwörter aus, der Rest ist onomato-poetischen Charakters. Zwar gab es zahlreiche Falle von anlautendem ur­ fi. *vo-, doch kam Ersatz eines kurzen Vokals durch einen langen in dieser Sprache, deren phonologisches System auf der Unterschei­ dung langer und kurzer Laute basierte, nicht in Frage. Kalima 1956. 30 schreibt, daß vel- vielleicht die Vermeidung des unbekannten vuAnlauts sei. In Anbetracht der dargelegten Gesichtspunkte scheint es mehr zu sein: die einzige zur Wiedergabe eines altruss. vъ- ge­ eignete Lautgruppe des fi. Lautsystems überhaupt. Auch historisch gesehen besteht durchaus die Möglichkeit, daß die Finnen von den Russen ein Wort in der Bed. 'velho' gelernt haben, denn schon in den ältesten russ. Quellen wird berichtet, daß die Finnen im Ruf kundiger Zauberer standen, deren Dienste häufig von den Russen in Anspruch genommen wurden (vgl. Kiparsky 1945.19 und Kirkinen 1965 Abb. 1 ). Mikkola 1958.96 (bestreitet russ. Herkunft), Mägiste 1962.27

550 . veräjä etwa 1548: nijn pita pois edhesta nijtettaman tiexi, ia matka eli tia wereiast (Martti 56). - 1745: weraja porta clathrata, grind (Juslenius 427); 1867: weraja, weraa, weraja grind, spolgrind, port, led (i gard) (Lönnrot 2.955, 1040); 1886: werawa (dial.) = weraja (Lönnr. lis. 198)

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ON Veräjäpelto, 1513 Waerienkorffwa, heute Verajankorva m Durchgangsöffnung im Zaun und die Vorrichtung, die diese ver­ schließt, entweder in Form von Stangen,die in Richtung zum Zaun verschoben werden, oder in der Art einer Tür mit Drehpunkt < Urruss., vgl. altruss. vereja, russ. vereja 'Pfosten (an Türen, Pforten)', zu veratь 'schließen' (Vasmer EW 1.188) Europaeus 1782. - Fi. veraja ist ein gemeinosf. Lehnwort, das in den einzelnen Sprachen und Dialekten stark voneinander abweichen­ de Varianten aufweist (vgl. Kalima 1956.159 und Kettunen 1940.244f. sowie Karte 154 seines Dialektatlasses). Aus diesen* Grunde gab es unterschiedliche Vorstellungen von der osf. Ausgangsform (Ojansuu VK 49.A2, Rapola Vir. 1922.59ff-)i und Kettunen vermutete, daß das miss. Wort in verschiedenen Varianten in die osf. Sprachen gelangt sei. - In der zweiten Ausgabe seiner Dissertation lehnte Mikkola die Zusammenstellung aus semantischen Gründen ab (1958.96). Der Bedeutungsunterschied ist indessen nicht so groß, daß er den Wert der Zusammenstellung beeinträchtigen konnte. - Das zweite £ in fi. dial. vereja kann nach Kettunen auf dem Einfluß des folgenden ^b e ­ ruhen; denkbar wäre aber auch eine sekundäre Beeinflussung durch die heutige Form des russ. Wortes. Fi. dial. väräjä dürfte die alt­ russ. Aussprache adäquat wiedergeben. Mikkola 1894.58, 97 Ojansuu Suomi 5:19:1.90 Kalima 1936.25 E.A.Virtanen 1938.96 Kalima 1956.27, 124, 159 Kiparsky 1965.455

5 5 1 . vesseli, dial. vessela AFT Ů. - 1867: wesseli putslustig menniska, lustigkurre, putsmakare; lurifax, kanalje, wesselä lustig, treflig, rolig, munter (Lönn­ rot 2.959) = 1. (deskr.) a. von Kindern, bes. von Jungen: Schlingel, b. von Spaß machenden, komischen Menschen, 2. (adj., bes. Schülersprache) komisch, ulkig < russ. vësel, Kurzform von veéólyj 'froh, fröhlich, lustig, ver­ gnügt, heiter, aufgeräumt;erheiternd, belustigend; angeheitert, be­ trunken', gemeinslav. Wort, urverw. mit lett. vęsęls 'gesund, heil,

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unversehrt' (Vasmer EW 1.191). Mechelin 1842. - Nach seinem ersten Vorkommen zu urteilen, wurde vesseli wahrscheinlich im vergangenen Jh., u.z. aus der Pradikativform des Adjektivs (vesel) entlehnt (vgl. 6.2.5.). Der Ausdruck ist in den fi. Dialekten fast durchgängig bekannt. Mikkola 1894.65 Karvinen 1910.122 Kiparsky 1965.77

552 . viehka selten AFT vèrba mit seinen Bedeutungen 'Palmweide, Osterpalme' er­ scheint als Quelle des fi. Wortes wahrscheinlicher, da den lit. bzw. lett. Wörtern der religiöse Bezug fehlt. - Aufgrund des fi. -ir-, das auf altes -ьr- weist, ist virpa zu den ältesten Entleh­ nungen zu rechnen. - Mikkolas Erklärung des Wortes als Parallel­ form zu varpa, varpu 'Rute, Reis’ (s. 1938.54f.) ist nicht über­ zeugend. Mikkola 1894.42, 95 Kalima 1956.5, 30, 140 Nirvi 1960.152 und MSFOu 125.374 Mägiste 1962.26 338. virpi AFT ff. - 1867: wirpi becktråd (Lönnrot 2.1001) = Pechdraht < russ. dial. yirьba, weitere nordgroßruss. Dialektalformen verba,

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vervà, vérvi oder vervína. vérьba, verьbína (Kulikovskij 9 ) für russ. ssp. verva '(Schuhmacherei) Pech- oder Schuhdraht'; mit vervь 'Strick' zusammenhängende Wörter (Vasmer EW 1.185). Mechelin 1842 stellte das fi. Wort zu russ. vervь 'Strick'. Wenn man von russ. dial. virьba ausgeht, ist es unnötig, zur Er­ klärung des fi. -ir- wie Mikkola und Ealima auf altruss. *vьrvь zurückzugreifen und das fi. £ als Anlehnung an virpi 'Zweig, Rute' zu deuten. Das spate Auftreten des Wortes in den fi. Lexika recht­ fertigt die Annahme so früher Entlehnung nicht; Entsprechungen gibt es nur in den ostl. osf. Sprachen, so daß man mit Fug und Recht spates Eindringen des Wortes von Osten her annehmen darf (s. Karte im Anhang). - Die Erklärung von virpi aus vervь 'Strick' muß auch der ni^ht zusammenpassenden Bedeutungen wegen abgelehnt werden. Zum Auslaut s. 5.5.1. Mikkola 1894.42, 95 Ealima 1936.180 und 1956.50, 140 559. virsta 1689: Hamenlinnast nijn Wijburin Luettan Cusi Colmattakymmenda peniculma ja Colme wirsta (Martinius Finnicus F5a). - 1745: wirsta quadrans milliaris suecani. item: milliare russicum (Juslenius 440) 1867: wersta (dial.), wirsta verst; fjerdingsvag (Lonnrot 2.1002) Abi. virstainen, virstoittain = Werst, altes Entfernungs- und Streckenmaß, bes. die sog. finni­ sche virsta, 1069 m < Urruss., vgl. altruss. vьrsta, russ. verstá 'die Werst (Wegmaß, gleich 500 íaden oder ungefähr l/6 deutscher Meile)', zu vertfetь 'wenden' (Vasmer EW 1.189) Dobrovský. - Fi. virsta mit der Entsprechung -ir- für -ьr- vertritt die Gruppe der frühesten Entlehnungen, während das von Lönnrot an­ geführte versta die russ. Lautentwicklung ь_ > £ reflektiert. - Das Wort wurde in den einzelnen histor. Phasen mit verschiedenen Zu­ sätzen versehen (Ruotsin, Venäjän, Suomen virsta) und bezeichnete dann unterschiedliche Längenmaße. Sjögren Bhp 2/1845.106 Mikkola 1894.42, 98 und 1938.24, 85 Ealima 1956.50, 52, 140

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1728: veda Veickoni wirsuja wäljäll (Agr.-Wut. 280). - 1745 : yirsu. wirsucka calceus corticeus, näfwerskc (Jualenius 440) CM Tirsnsay-rj = flaches, aus Streifen (bes. Birkenrindestreifen) geflochtenes Schuhwerk ohne zusätzliche Sohlen oder Absätze < ? Irruss., vgl. russ. verzni 'Bastschuhe*, kaver*nt *id.’, káverza 'Intrige', zu verzat». vërzitь« altruss. vъrzati 'binden' Vasmer S* 1.188, 498) Tbonsen 1890.244. - Kikkola 1894.42, 97 stellte wie ĩhossen fi. Ti rau zu russ. verzni. aber erst Kalina 195^-40.4g?f. hat der Theo­ rie durch Untersuchung des russ. Wortfeldes Sachdruck verliehen, nachdem Kikkola 1938-98 seinen ursprünglichen Standpunkt verworfen und umgekehrte Sitlehnungsrichtung a n g e n o m m e n hatte. Sach Kaliaa komat dem fi. Wort russ. -verza in káverza 'Intrige* lautlich an nächsten, das als Simplex aber nicht belegt ist. Später vermutete er in *vьrza das unmittelbare Vorbild des fi. wertes (1946.141). Die Sxistenz einer solchen altruss. Form hält Vahros durch "kavьrzą and *vьrzьnь für erwiesen (1959-81), wahrend er das fi. ausl. -u als spätere Anpassung an die denominalen fi. Substantive auf -u erklärt (1960.6-7). - Einen anderen tfeg beschreibet Kägiste 195512ff. und 1960.11, indem er fi. virsu als Derivat eines nicht be­ legten fi. Verbs *virsata < altruss. vьrzati (Vesser SW 1.118 verzatь) interpretiert. Diese Deutung hat Vahros abgelehnt (1959-80). - Als einheimisch wurde das Wort von Sieminen angesehen (Üusi Suoii 13. 12. 1959). - Aus der Sicht des Volkskundlers widmet Valonen 1952 den Bastschuh seine Aufmerksamkeit, wobei er auch die Ansich­ ten verschiedener Linguisten zur Herkunft des Wortes erwähnt (ib., 242ff.); dabei ist ihm jedoch Kaliaas Aufsatz 1939-40 entgangen. lönnrot 1867:2.1002 Kalina 1956.30, 14l Sirvi 1962.374 34l. vitsa

1545 —44 : Sinuc rangastus olcon »i ,rar< päleni. ia sinun witzas/ ioca ainnn opettacoö (Agr. 1.528). - 1637: witza Buthe (Schroderus 41); 1787: vitsa, witta, wihta. witza rijs, widia, telning (Garender

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3.344a) Abl. vitsainen. vitsaksinen, vitsas, vitsastaa. vitsata, vitsaus = l. loser, dünner, biegsamer Zweig o. Rute von (Laub-) Baum oder Busch, gew. ohne Blatter und Nebenzweige, 2. (spez.) a. = vitsas, biegsam gemachte Rute o. schlanke Gerte, wie sie zu vielen Zwecken verwendet werden kann (zum Binden, als Zaunrute, zum Zusammenstel­ len von Flößen u.a.), b. vom Züchtigen mit der Rute ? < Urruss., vgl. russ. vica 'Rute, Gerte, Zweig; Winde, das aus dünnen Zweigen gedrehte o. geflochtene Band; Fitze', zu vitь 'win­ den' (Vasmer EW 1.207). Ahlqvist 1857-98. - Für das Wortpaar sind beide Entlehnungsrichtun­ gen angenommen worden (so schon Ahlqvist loc.cit.). Mikkola hat vitsa zunächst als russ. Lehnwort angesehen (1894.101), später aber die umgekehrte Entlehnungsrichtung angenommen (1938.99). Dabei hielt er russ. vica für ein Lehnwort aus dem Osf., russ. dial. vi č , víčьe, víča und viča aber für Ableitungen von vitь, was von Kalima 1956.142 mit Recht kritisiert wurde. Aufgrund des nordgroßruss. Wechsels c:č rechnet Kalima auch vica zu diesen Ableitungen und halt es für wahrscheinlicher, daß das fi. Wort aus dem Russ. stammt (obwohl es nur in den nördl. und östl. Teilen des russ. Sprachge­ biets und außerhalb davon nur im Bulg. vorkommt). Allerdings räumte er ein, daß im Falle früher Entlehnung, die von der Verbreitung des Wortes in allen osf. Sprachen nahegelegt wird, im Fi. ī^ zu erwarten wäre. Mikkola 1894.101 hatte diese "Kürzung" seinerzeit auf den Ein­ fluß von fi. vitja 'Kette, Koppel' zurückgeführt. - Hakulinen 1968. 254 rechnet fi. vitsa zum alten fi. Wortbestand und beruft sich da­ bei auf Mikkola 1938.98 und Kiparsky 1939-276, der Mikkolas Auffas­ sung teilt. Lonnrot 1867:2.1008 Mikkola 1894.57, 68 , lOl 542. vodka, Parallelform votka AFT 0. - 1787: wotka oklaradt branwijn (Ganander 3.350b); 1867: wotka. wotikka brannvin (Lönnrot 2.1018) = aus Getreide o. Kartoffeln bereiteter russischer Branntwein, in den bei der Kohlefiltrierung etwas Pottasche geraten ist

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< russ. vódka 'Branntwein, Schnaps', zu vǫdà 'Wasser' Lönnrot loc.cit. - Das Wort gehört wahrscheinlich zu den Lehn­ wörtern des 18. Jhs. und ist heute in Finnland allgemein gebräuch­ lich. Mit Rücksicht auf die Artikulation wird heute die Schreib­ weise mit t_ empfohlen. Karvinen 1910.119, Vir. 1961.427 545. voilokki AFT 0. - 1867: woiluke, woilukka halsdyna under rankor (Lonnrot

2.1015) = dicker, filzartiger Wollstoff, aus dem Pferdedecken gemacht wer­ den; dicker wattierter Filz, der zur Polsterung und Isolierung ver­ wendet wird, z.B. unter dem Sattel < russ. vójlok 'Filz', < turkotat. oilyk 'was zur Bedeckung dient' (Vasmer EW 1.215) Mikkola 1894.102 hat die Formen woiluke, woilukka aus Lönnrots Wörterbuch mit dem Russ. verbunden. Im Altruss. ist seit Ende des 15. Jhs. neben voilokъ auch voilukъ belegt (Vasmer loc.cit.), das in jüngerer Zeit auch in den nordgroßruss. Dialekten aufgezeichnet wurde (Grandilevskij 1907.20) und das Original der fi. u-Varianten war. In den fi. Dialekten treten daneben noch voilokka und voiloska auf; zur Verbreitung s. Karte im Anhang. Alle Formen gehören zur jüngeren Lehnwortschicht. Sillman 1917.155 Kalima 1956.152 Peltola Vir. 1953-221 Rapola 1956. 126 544. volna AFT 0. - AFW 0 = l.(volksspr. milit.:) Rührteuch, Rührteuchstellung, 2. pitää volnaa (salopp-umg.) frei haben, blau machen < ru%s. vólьno! 'Rührt euch! Ruht!' (Koiransky 45), vólьnyj 'frei (nicht leibeigen), unabhängig, ungebunden; berechtigt zu tun; eigen­ mächtig, ungezügelt'(Pawlowsky)

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Karvinen 1910.123 545. volosti histor. AFT 0. - AFW 0 = Verwaltungsbezirk im früheren Rußland, der mehrere Dorfgemein­ den umfaßte < russ. vólostь 'Amtsbezirk, Gebietsbezirk (mehrere Dörfer eines Gutsbezirks, die unter gemeinsamer Gerichtsbarkeit und Verwaltung stehen)', vgl. lett. valsts 'Reich, Staat', lit. valščius 'Amts­ bezirk', weiter zu volodètь (Vasmer EW l.222). von Knorring 1833-54. - Die russ. Bezeichnung wurde im 18. Jh. auch in SO-Finnland in den Gebieten eingeführt, die nach den Frie­ densvertragen von Uusikaupunki 1721 und Turku 1743 an Rußland afcrgetreten werden mußten. 346. voro salopp-umg., oft scherzh. 1648: Soimatahan miehelle woro cautta, eli muuta ricosta (Koll. Kaupl. 381). - Jusl. lis. 135: woro latro; 1826: wora Caj. malignus, fallax e.c. homo, Betrüger, woro latro, praedo, max. in silvis 1. ad vias (Renvall 2.330) ON Vorokangas

= Dieb < russ. vor 'Dieb-, (ehedem) Bosewicht, Räuber; Schlaukopf, Betrü­ ger, Spitzbube, Tagedieb', belegt seit dem 16. Jh., wohl zu v r u , vratь 'lügen' (Vasmer EW 1.226). Sjögren 1821.50. - Wegen der Vokalentsprechung o:o_ eine spate Ent­ lehnung; zum Auslaut s. 5.5-3Lonnrot 1867:2.1018 Mikkola 1894.5, 37, 104 Karvinen 1910.l18 Mikkola 1938.103 Kalima 1956.26, 58, 143 Nissila 1958.4 347. vorotta volksspr. AFT 0. - 1867: worotta vindspel (Lönnrot 2.1018) Netzwinde

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< russ. vórot 'Dreh-, Eisenbaum, Winde', mit Ablaut zu vertètь 'drehen, wenden' (Vasmer EW 1.229). Lönnrot loc.cit. - Das Wort tritt vor allem in SO-Finnland auf, wo es auch vorota und vorotti lautet. Es wurde erst in jüngerer Zeit, vielleicht im vorigen Jh. übernommen. Ob fi. vorokki 'Win­ de' hierhergehort, ist unklar. Saxen Svenska landsmål ll:5.241 Ealima 1956.57 Ruoppila 1956.152 Talve Satak. l?.2?l 548. vot volksspr. AFT 0. - 1867: wot interj. si! (Lonnrot 2.1018) = sieh mal, sieh da, (na) gut < russ. vot 'da, hier, siehe da'; zur Etymologie s. Vasmer EW l.

252 Lonnrot loc.cit. - Die Interjektion ist hauptsächlich in SO-Finn­ land gebräuchlich, kommt aber nach Angaben der Worterbuchstiftung auf dem gesamten Gebiet der Ostdialekte und stellenweise auch in westfi. Maa. vor. Hannikainen VE 5.44 Jannes 1890.155 Earvinen 1910.125 Sillman 1917.137 549. vuitti volksspr. AFT 0. - 1787: wuitti Carel. lott, sors (Ganander 3-350b); 1826: wuitti Carl, sors 1. pars cuique propria, Los,Teil (Renvall 2.331) = Anteil < russ. vytь '(ehedem) Teil, Anteil; eine Zahl von Steuerpflich­ tigen (Bauern), von Arbeitern (beim Frohndienst); Flächenmaß von fast 20 Dessatinen; (prov.) Essen, Portion; Essenszeit, Mahl; Ar­ beitszeit vom Mahl zum Mahl; Appetit'. Das Wort erschien erst im 15. Jh. in der Schriftsprache. Über die verschiedenen Auffassungen zu seiner Herkunft s. Vasmer EW l.242f.). Filin 1965 äußerte die Vermutung, es sei durch Vermittlung finnischer Stämme aus dem Skand. (altskand. *yti) ins Russ. gelangt.

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Mechelin 1842. - Fi. vuitti ist ein ostfi. Dialektwort, und schon aus diesem Grunde scheint es nicht gerechtfertigt, wie Kiparsky 1963.77 ein hohes Entlehnungsalter anzunehmen. Außerdem ist zu be­ rücksichtigen, daß es im Urfi. keine Wörter mit anl. vu- gegeben hat. Nach Kalírna 1956.41 ist es fraglich, "ob (russ.) ^ auch nur in einem einzigen Lehnwort alteren Datums vorkommt". Der Ersatz dieses Vokals durch fi . ui dürfte vielmehr ein Versuch sein, den fremden Laut möglichst adäquat wiederzugeben; die Vertretung in den osf. Sprachen und auch in fi. Dialekt;, örtern ist bekanntlich vielfältig, Vgl. Kalima loc.cit. und 5.1.2.5. Lönnrot 1867:2.1019 Mikkola 1894.107, 181 Kalima 1956.41, 49, 143 Stipa UAJb 1953.309 350. vunukka volksspr. AFT fi. - 1867: wunukka, wonukka (dial.) son- 1. dotterson, barnabSLrn; barnunge, snyffel, unukka barnabarn (Lönnrot 2.1019, 1017, 829) ON Vunukkala. FN Vunukka, Yunukainen = Enkel; kleines Kind, Säugling < russ. vnuk, dial. unúk 'Enkel, Großsohn', unsichere Anknüpfung, s. Vasmer EW 1.211. Ahlqvist 1856.157. - Wegen des spaten Auftauchens in den AFW kann die Entlehnung nicht so alt sein, daß das erste u als Pendant des ъ in altruss. vъnuk angesehen werden konnte; vielmehr handelt es sich um einen Einschubvokal. Fi. vunukka ist vor allem in den Ostteilen des Landes gebräuchlich. Mikkola 1894.60, 102 Sillman 1917-136 Kalima 1956.135 Nissilä 1956. 63 Ruoppila 1958

3 5 1 . värttinä, dial. värttänä 1789: Äitin wärttänän pitussa (Ganander Mythol. Fen. 91). - 1745: wärttänä rádius rotae, fusus (Juslenius 423); 1787: wärttäna (wärtänä Olon., Carel.; kehräwarsi Bothn.) slända, hjul äckra (Ganan­ der 3.290a); 1867: wärttina. wärttäna, warkkina (dial.) slanda, ten; spole, ekra, hjulekra (Lönnrot 2.1040, 1039)

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236 Abl. värttinäinen

= l. Spindel, primitives Spinngerat: etwa 50 cm langer, runder Pflock, der zumindest am oberen Ende schmaler wird, und daran gew. als Schwungrad eine schwere Scheibe, 2. der sich drehende Teil am Spinnrad, der den Faden formt; der entsprechende Teil der Spinnmaschine, Spindel < Urruss., vgl. russ. ssp. veretenó (< *vertьno) . dial. (Pǫdvysockij 16) veretnó 'Spindel (zum Spinnen), Flachsspindel; Achse des Waagebalkens, des Mühlsteins, des Rades am Schubkarren'; gemeinslav. Wort (Vasmer EW 1.187). Dobrovský. - Obwohl fi. varttina zu den alteren Lehnwörtern gehört (Ì steht für urruss. ь^; Entsprechungen gibt es in allen osf. Spra­ chen außer im Liv.), ist es innerhalb Finnlands nur im östl. Dia­ lektgebiet verbreitet, während in W-Finnland das Synonym kehrävarsi gebraucht wird (s. Ruoppila 1967-65 und Karte 72). Nach Kalima 1956.143 setzt värttinä ein russ. veretьno, värttänä ein veretenö voraus, so daß wir es mit Entlehnungen verschiedenen Alters zu tun hätten. - Die Hypothese Agrells, nach der die in Frage stehenden fi. Wörter auf russ. dial. vertenó zurückgingen, erscheint in An­ betracht der übrigen Vollautfalle nicht gerechtfertigt (LÄ 1:11: 4.87). Zur Behandlung des Vollauts s. 5.1.1.4. Mikkola 1894.43, 63, 96 Kalima 1929-157 Mikkola 1938.25, 55 Kiparsky 1948.40f. Kalima 1956.29, 30, 31ff., 59, 143 Posti 1954.7 Kiparsky 1956.74 Vallinheimo 1956.163-165 Ruoppila 1958.37 Kiparsky 1963.83, 103

352 . ärmäkkä volksspr. selten AFT JÚ. - 1867: ärmäkkä vid vadmalsrock, kaftan, jarmakka grå vad­ malsrock, bred mössa (Lönnrot 2.1077, 1-357) = weiter Mantel, Kaftan < russ. jarfnak, armåk 'Armäck, kamelhaarener langer, breiter Bauernrock' , < kaz antat. ärmäk 'Rock aus Kamelgarn' (Vasmer EW 1.25). Sjögren 1821.49. - Das palatale russ. m und die dadurch bedingte vordere Artikulation des folgenden a haben bewirkt, daß das Wort

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237

im Fi. vordervokalisch wurde (vgl. 5.1.5.). Armäkkä ist ein Lehn­ wort jüngeren Datums, das nur auf begrenztem Gebiet in Ostfinn­ land vorkommt. Kalima 1956.37, 47 kennt das Wort nur aus dem 01. - Die Variante jarmakka (Lonnrot) geht auf russ. dial. jarmak zu­ rück. Mikkola 1894.59, 179 Sirelius bei Härkonen 1910:2.55

5. Wiedergabe der russ. Laute im Finnischen 5.0. Vorbemerkungen Die Problematik der Lautwiedergabe in den Lehnwörtern ergibt sich aus der Tatsache, daß zwischen dem fi. und dem russ. Lautsystem eine Reihe wesentlicher Unterschiede besteht. So unterscheidet sieh das Finnische heute durch größeren Vokalreichtum, Vokalharmonie und Quantitatskorrelation der Vokale und Konsonanten vom Russischen. Dagegen fehlen dem Fi. einige der dem Russ. eigenen Konsonantenpho­ neme, die Palatalitatskorrelation der Konsonanten und die Stimmtonkorrelation der Klusile (außer t/d) und Spiranten. Zu vorhisto­ rischer Zeit gab es eine - wenn auch nicht gleich stark ausgepräg­ te - Quantitätskorrelation der Vokale in beiden Sprachen. Deshalb spiegeln die aus dem Urruss. übernommenen fi. Wörter getreu die aus dem Ieur. ererbten Längen und Kürzen der urruss. Vokale wider. Diese und andere Tatsachen erlauben es, die russ. Lehnwörter des Fi. in zwei verschieden alte Schichten zu unterteilen. Die zweite, jüngere Schicht der Lehnwörter gibt den Lautstand des heutigen Rus­ sischen wieder und bedarf keiner besondern Vorbemerkungen. Im fol­ genden werden kurz die Charakteristika der alteren Schicht darge­ stellt. Diese Schicht, zu der etwa 80 Wörter gehören (vgl. 5.5.), spiegelt einen Sprachzustand wider, wie er im Ostslav. vor den Veränderungen im Bereich der Vokale (Verlust der ursprünglichen Vokallangen, Entnasalierung der Nasalvokale, Entstehung des Vollauts) geherrscht hatte. Diese Prozesse waren etwa bis zum Jahre 1000, also kurz vor Beginn des russ. Schrifttums in Rußland, abgeschlossen. Inhaltlich, wenn auch nicht zeitlich, gehören in diesen Zusammenhang auch der Schwund bzw. die Vollvokalisierung der sog. Halbvokale oder Redu­ zierten ъ und ь_, eine Entwicklung, die etwa Mitte des 10. Jhs. einsetzte und sich bis ins 1 2 . oder 1 5 . Jh. erstreckte. Aus methodi­ schen Gründen wird sie hier zu den urruss. Prozessen gerechnet, ob­ wohl sie schon in die altruss. Periode (Beginn des Schrifttums bis 1700; Periodisierung nach Kiparsky 1963-73f.) fallt (zur Begründung vgl. 4.1.). Ein derartiges Vorgehen wird ferner dadurch gerechtfer­ tigt, daß die meisten Lehnwörter, die den alteren Lautstand wieder­ geben, tatsächlich auf die u r r u s s . Zeit zurückweisen.

Lautwiedergabe

239

Das Urruss., gesehen durch das Prisma der urruss. Lehnwörter im Osf., hat anscheinend folgende Vokale gehabt (in Anlehnung an Kiparsky 1965.82, der in sein System keine Nasalvokale einbezogen hat und a anstelle von å schreibt): ɨ, u o a, å

1, i a, ä

(ę), (?)

Diese Vokale konnten in allen Silben auftreten. Die Quantitatskorrelation war nicht vollständig; das Vokalsystem enthielt weder lan­ ges u noch kurzes o oder i. Fraglich ist, ob zum urruss. Vokalsys­ tem echte Nasalvokale gehörten und ob die Quantitatskorrelation sich auch auf sie erstreckte; s. dazu 5.1.2.6. Im Spaturfi. traten folgende Vokale und Diphthonge auf (nach Ruoppila 1965.2): ĩ, i ē, e a, a

u, Ü o, o

u, u o,o a, a

Üi öl

ui ei oi ai ai

iü iu eii eu aü

ou au

Die langen Vokale, kurzes 'ò sowie die auf -u und -u endenden Diph­ thonge konnten nur in der haupttonigen ersten Silbe stehen. Die größere Anzahl der Vokalphoneme bedingte eine Oberdifferenzie­ rung der russ. Vokale, die geringere Anzahl der Konsonantenphoneme eine Unterdifferenzierung der russ. Konsonanten durch die Finnen (dasselbe wurde für die Beziehungen zwischen dem Russ. und den Öst­ lichen osf. Sprachen von Oinas 1958.277 konstatiert). Das gilt für die gesamte Zeit der fi.-russ. Lehnbeziehungen. Anders als die Vokale bieten die Konsonanten keine Anhaltspunkte für die Bestimmung des Entlehnungsalters eines Wortes; nähere Ein­ zelheiten s. 5.2. 5.1. Vokale In diesem Kapitel werden im allgemeinen nur die Vokale in nichtauslautender Position untersucht; eine Ausnahme bilden die sog. Halbvokale ъ und ь_, s. 5.1.1.5. Zum Auslaut s. 5.5.

240

Lautwiedergabe

5.1.1. Ursprünglich kurze Vokale 5.1.1.1. Russ. o < urruss. *i (£) < ieur. *o, *a Die Schreibweise å soll andeuten, daß in der strittigen Frage nach dem Verlauf der Entwicklung der kurzen ieur. *a, *£ im Slav. hier nicht Stellung genommen wird, und daß der fragliche Laut im Urruss. "ein Zwischenlaut (zwischen a und £ bzw. als eines von beiden realisierbar)" war (Birnbaum 1970.51). In den alteren Lehn­ wörtern erscheint er immer als fi. a: ahrain, akkuna, apea, aprakka, kassara, katiska, pappi, papu, piirakka, raamattu, siivatta, vapaa, vasta. Zu dieser Gruppe gehören wahrscheinlich auch kassa, tappara (dessen ruse. Original heute in allen Kasus endbetont ist und das deshalb auch als spätes Lehnwort aus einem obliquen Kasus mit Akanje erklärt werden konnte) und tavara (zu tavara vgl. weiter unten), deren a auf unbet. russ. o zurückgeht und daher vom lautli­ chen Standpunkt nicht ebenso beweiskräftig ist wie das der anderen Wörter, deren hohes Entlehnungsalter meist noch zusätzlich durch an­ dere lautliche oder historische Kriterien bezeugt wird (vgl. auch die ersten Vorkommen im Verz.). Ambivalent hinsichtlich der Altersbestimmung anhand lautlicher Merk­ male sind massi(na) und pajari (s. Verz.). Fi. a für urruss. *å ha­ ben auch die Wörter, die auf eine russ. Vollautform zurückgehen, s. 5.1.1.4. Der Übergang von å zu £ bzw. die Reduzierung des Öffnungsgrades bei diesem Vokal im Slav. wird für das 8.-9« Jh. angenommen (Brauer 1961.87, Birnbaum 1970.49). Der neue Laut wurde in den meisten spä­ ten Lehnwörtern unabhängig von seiner Stellung im Wort, der Silben­ struktur und den Betonungsverhaltnissen durch kurzes fi. o wieder­ gegeben. Der größte Teil der Wörter stammt aus nordgroßrusss. okaisierenden Dialekten, ein anderer Teil ist schriftlich entlehnt und verdankt sein £ dem russ. Schriftbild: bolševikki, b£lševismi, dr£ska, f£rtuska, hiim£sti, h£sp£di, hotu, ik£ni, isv£sikka, k£lhoosi, k£lpakko, k£ms£m£l, k£ni, k£peekka, kormano, ?k£sseli, k£sti, k£sto, l£tja, mah£rkka, m£lia, m£l£kaani, m£nasteri, £p£tta, £rehka, £tva, b£jaari (Nr. 125), paper£ssi, pik£mmi, platf£rmu, P£g£sta, p£gr£mi, p£hatta, p£hmelo, p£la, p£lsu, P£miloida, p£m£, p£puli, p£rkkana, p£rukka, p£sadnikka, p£tra, po-

Lautwiedergabe

24I

tuusit, prostoi, remontti, revohka, rokuli, ropotti, rosolli, rospuutto, rosvo, rotsia, r£tu, samovaari, sav£tta, skoptsi, sopuli, sorokka, soroinnoo, savhoosi, staar£sta, subroyka, svaboda, topra, t£rakka, toyeri, tr£ikka, tšasouna, tšinoynikka, vintofka, vodka, v o i l o k k i , V£lna, V £ l £ S t i , V £ r o , V £ r £ t t a . In drei Fallen entspricht betontem russ. £ im Fi. langer Vokal: kolhoosi. soromnoo, sovhoosi. Eine kleine Gruppe fi. Wörter weist Reflexe des russ. hochsprachli­ chen Akanje auf. Die betreffenden Beispiele enthalten fi. £ für russ. vortoniges £: hamutsa, kapusta, kasukka, svaboda, torakka, tavaritsi (Nr. 30l), V£lmuska. Im Russ. tritt die Aussprache a für £ vereinzelt in sonst okaisierenden Dialekten auf, u.z. dann, wenn die Folgesilbe bet. a enthalt. Diese Erscheinung ist in Sprachdenk­ mälern z.T. schon früh nachweisbar-, černých 1927.12 nennt sie "in­ tersilbische Vokalassimilation". Von den Beispielen, die er erwähnt, sind im Hinblick auf das vorliegende Uortmaterial die folgenden von Interesse: tavar (vgl. fi. tavara), tavarišč (vgl. fi. tavaritsi neben toyeri) und manastyrь (vgl. fi. manasteri neben monasteri) (Öernyoh op.cit., S. 10-ll). Problematisch sind patvaska. possakka und urakka. Ihr inl. a ver­ tritt betontes russ. £, wie es für die Lehnwörter der frühen Perio­ de kennzeichnend ist, wahrend die Behandlung der ersten Silbe der in den jüngeren Lehnwörtern entspricht. Aus diesem Grunde hat Mikkola 1894.38 angenommen, daß auf urakka die fi. Nomina mit der En­ dung -akka analogisch eingewirkt haben, was auch für possakka zu­ treffen kann. Im Falle patvaska sprechen semantische Gründe für spate Entlehnung (s. Verz.), die Lautverhaltnisse dagegen bleiben unklar. Eine Sonderstellung nimmt fi. smirnaa ein, dessen -aa auf nachto­ niges russ. —£ zurückgeht. Die Lange des Vokals erklärt sich hier aus dem expressiven Charakter des Wortes, eines Terminus der mili­ tärischen Kommandosprache. Mit Analogiewirkung gewisser Nominalendungen, nicht aber mit Laut­ ersatz haben wir es auch bei patukka < batóg und vihuri < víchǫrь zu tun. Zu fi. tökotti < russ. d'ógotь s. 5.1.1.2. und 5.1.5.

242

Lautwiedergabe

5.1.1.2. Russ. e < urruss. *e < ieur. *e In den ältesten Lehnwörtern wird e durch fi. ä ersetzt: päistär, pätsi, täsmä-, veräjä/väräjä. Dieselbe Lautvertretung zeigen lasia und sappi, die aber kaum ebenso alt sein können wie die zuvor genannten Wörter, sowie säpsä, das aus kulturhistorischen Gründen erst spät entlehnt worden sein kann (s. Verz.). Für eine Chronologisierung der Übernahme dieser Wörter bieten die ersten Vorkommen gewisse Anhaltspunkte, vgl. die Angaben im Verz. Fi. a erscheint als Entsprechung von e_ auch in dem einzigen Bei­ spiel mit der russ. Liquidaverbindung -er(e)-: varttina. Die Endung -alo ist in erster Linie auf den Systemzwang der Vokal­ harmonie, daneben auch auf den Einfluß der fi. Substantive auf -alo zurückzuführen. In kuoseli < *kōželь kann aus Gründen der Vokalhar­ monie kein ä, sondern nur das neutrale e stehen. Das a der Parallel­ form kuosali ist mögl. ebenfalls auf den Einfluß der Vokalharmonie zunickzuführen und nicht auf ein russ. kúžalь, wie Kalima 1956.81 vermutete (s. auch die Bemerkungen im Verz.). Bei den spat entlehnten Wörtern mit russ. e_ ist kurzes fi. e die regelmäßige Entsprechung: renská, resla, selja, semstvo, sepeli, tenka, vesseli \ desjatiina, jefreitteri, ?meteli, perevaara, peři­ na, pertuska, petla, remeli, remontti, repsikka, retukka, reuhka, S£ljanka, serpa, ?seuna, smetana, telega, telikkä, tšeka; artteli, jefreitteri, kopeekka. Vmetali, pohmelo, remeli, sašeni, sinelli, telega; bolsevikki, bols£vismi, kiipeli, menševikki, paperossi, perevaara, reteli, sepeli, vesseli• Einige Male tritt anstelle von russ. e fí* i. auf, das auf russ. dial. ė (simpsukka), auf Analogie zu anderen fi. Wörtern (ritila) bzw. auf dem russ. Ikanje (ripaska) beruhen kann. Eine regelrechte Entsprechung L~e liegt also nicht vor. Hur zwei Lehnwörter enthalten den Reflex eines russ. £ < é nach pa­ latalem vor hartem Konsonanten (russ. Graphem 'é) : setolkka und tökötti (zu tokotti s. 5.1.5.). In einem dritten Fall bleibt das Er­ gebnis des genannten russ. Lautwandels im Fi. unberücksichtigt: saverikko < zavórtka. Ein Grund für die unterschiedliche Vertretung des ë íat nicht ersichtlich, und auch die entsprechenden Beispiele

Lautwiedergabe

243

aus der lokalen Mundart von Viipuri (entnommen dem Archivmaterial für den Sammelbezirk IX der Worterbuchstiftung) geben keinen Auf­ schluß darüber. Das russ. postkonsonantische £ ist (außer nach Zischlauten) in diesen Dialektwörtern teils durch fi. £, teils durch e_ vertreten: kasontka 'staatl. Alkoholhandlung' < russ. kažónka 'Wirtschaft­ kajüte auf dem Schiff' (Podvysockij); kul1ohka 'Sack von der Menge eines halben, mit kuli bezeichneten Sacks' < russ. kul'ók 'Mattensackchen'; leposka 'Klumpen, Gebäck aus Mehl, Kartoffeln und Kie­ fernrinde' < russ. leṕóška 'flacher Fladen, Pfannkuchen'; mutrennoi 'erfinderisch, klug' < russ. mudŕónnyj 'id.'; peremat(t)a 'An­ gelhaken' < russ. pereińót 'bestimmte Fischnetzart in N-Rußland'; noloteeŕ 'Fußbodenbohner' < russ. polot*ór 'id.'; poverikka 'Bie­ gung (im Weg)' < russ. poýórtka 'id.' 5.1.1.3. Russ. £ < urruss. *u (ъ) < ieur. *u lind russ. e < urruss. •i. < ieur. *£ # Die sog. slav. "Halbvokale" ъ und £ wurden von ca. 600-1100 n.Chr. "... im Raum des Nordrussischen ... und in vorwiegend westslav.südslav. Idiomen des Karpatenbeckens 1. entweder als kurzes u und £ gesprochen 2. oder aber als Laute mit einer Klangfarbe, die von den Finnen und Ungarn bei der Übernahme als u und £ empfunden wur­ den" (Décsy 1958.387). So findet man in den alteren Lehnwörtern fi. u pro ъ: akkuna, hurtta, lusikka, ?sukkula, talkkuna, tuhkuri (Nr. 295), turku, tuska. Positionsbedingt wurde urruss. £ in velho < vъlchvъ anders wiedergegeben (s. Verz.). Entsprechend wurde £ durch £ ersetzt: ?karpio, kat£tsa/kat£ska, kuomina, lusikka, evtl, massigna), palttina, p£rta, p£rtt£, risti, s £ rp p i,

t i h k u r i , V £ rp a , V i r s t a , V £ rsu , v a r t t i n a .

Diese Regelmäßigkeit trifft nicht für den Auslaut zu. Zwar wird ausl. £ stets durch fi. £, ausl. £ jedoch teils durch fi. u, teils durch £ wiedergegeben: sirppi_ < sьrp£, pappi. < popъ, risti. < krьst£, aber papu < bob£, turku < tъrg£, laatu < lad£. Diese Erscheinung wurde von Isačenko in einem wenig bekannten Artikel folgendermaßen erklärt (1941.7-11): Ale im Altruss. die schwachen ausl. Jers zu schwinden begannen, behielt £ seine Sonorität nach sth. Konsonanten noch, als £ nach stimmlosen schon verstummt war. Nach sth. Konsonan-

244

Lautwiedergabe

ten wurde ausl . ъ von den Finnen wie inlautendes behandelt, d.h. durch u ersetzt, während an die anderen Wörter, die jetzt auf stl. Kons, endeten, nach den morphologischen Gesetzen des Fi. der häufigste fi. Auslautvokal, i_, gehängt wurde. Dazu wäre allerdings zu bemerken, daß das ausl. -u zumindest von laatu \ind turku auch die Endung des russ. Lok.Sg. reflektieren kann, vgl. 6.2.6. Die Jers verschwanden in Nordrußland (Novgorod) etwa im 12.-13. Jh. (Shevelov 1964.459). In spater entlehnten Wörtern wurden russ. o < ъ und e < ь im Fi. genauso wiedergegeben wie £ und £ anderer Pro­ venienz, also als £ bzw. e_: hotsia, k£lpitsa, mögl. laap£tti, sotnia, t£lkku, mögl. t£Ivana; s£lti, s£sta, m£nševikki, revohka, tensikka, kup£tsi, kaatteri. Fi. kolpitsa < goIbéc < *gъlbьcь verdankt sein i dem Einfluß des fi. Substantivtyps auf -itsa. 5.1.1.4. Wiedergabe der russ. VolIautformen Die Zeit, zu der sich die Liquidaverbindungen tort, tert, tolt, telt im Ostslav. zur sog. VolIautform entwickelt haben, ist heute ziemlich genau bekannt. Die relative Chronologie dieser Lauterscheinung kann anhand dessen bestimmt werden, daß die aus dem Germ, und Fi. ins Buss, entlehnten Wörter diese Entwicklung mitgemacht haben, d.h. vor ihrem Beginn übernommen worden sind, unu andererseits etliche russ. Lehnwörter im Fi. die ursprüngliche Lautung (tort usw.) be­ wahrt haben. Ferner zeigt fi. dial. vartsi 'Sack' < urruss. *verča, daß die Assibilierung der Gruppe *tj früher erfolgte als die Ent­ wicklung zum Vollaut (Kiparsky 1954). Wahrend für die genaue Datierung der Liquidametathese der Name Earls des Großen, der in allen Slavinen nach der spezifischen Behandlung der Liquidagruppen umgestaltet worden ist, keine chronologische Be­ weiskraft besitzt (vgl. Lehr-SpXawiński 1927, Lunt 1966), liefern die in germ., ital. und griech. Denkmälern aufgezeichneten slav. PN und ON, der Stein von Tmutorokan sowie solche slav. Lautentwick­ lungen Anhaltspunkte, deren absolute Chronologie bekannt ist (z.B. *u > *ī; vgl. Shevelov 1964.580f., 414ff.). Aufgrund dieser Angaben setzt Shevelov die Eliminierung der Liquidaverbindungen im Slav. für die Mitte des 9. Jhs., speziell im Ostslav. für die Zeit nach 860 an (ib., 416).

Lautwiьdergabe

245

Angesichts dieser Datierung erscheint die Auffassung, nach der die fi. Wörter mit Reflex nicht vollgelauteter Liquidagruppen nur aus dem Urslav. übernommen worden sein können, als ungerechtfertigt (sie wurde von Sachmatov 1911.808, Setälä 1916 und Vilkuna 1947-48 vertreten). Gegen sie wandte sich schon 1929 Kalima, der die be­ treffenden Lehnwörter untersucht und unter Zuhilfenahme der Wahr­ scheinlichkeitsrechnung die Zweifelhaftigkeit der Hypothese darge­ legt hat. Unter den Übrigen Forschern, die nicht von urslav. Lehnwörtern im Fi. ausgingen, herrschten Meinungsverschiedenheiten darüber, aus welchen Gründen der zweite Vokal der russ. Vollautgruppe im Fi. ohne Entsprechung ist. Die fraglichen Wörter und ihre heutigen russ. Entsprechungen sind: kalkkara : kólokol, ?kalsu : kolósa, palttina : polotnó, talkkuna : toloknó. taltta : dolotó, ?karpio : korobьjá. ?karsta : koròsta. ?parta : borodä, varpunen : vorobej, värttinä : veretenó; tarakka : toroka. Mikkola nahm zunächst an, die Wörter entstammten einem "krivičischen" Dialekt, der langer als andere die vollautlosen Formen be­ wahrt hatte (1894.45f.). Spater setzte er voraus, daß zwar der Voll­ laut im Russ. zur Zeit der ältesten Lehnbeziehungen schon vorhanden gewesen wäre, die im Fi. zu erwartenden Formen *talakkuna, *varattina usw. aber keinen Anhalt an einheimischen Vorbildern gefunden hatten (außer in einigen ostfi. Dialekten), so daß der zweite Vokal im Interesse der Angleichung ausgestoßen wurde. Eine Ausnahme habe nur tarnkka gebildet, für das ein Reimwort - harakka - vorhanden war (1938.25f.). Nach einer anderen, der heute vorherrschenden Auffassung, bildeten "altrussische" Formen mit Svarabhaktivokal, also *dolk a . Seiner Ansicht nach haben nun die Zirkumflexwörter in beiden Phasen (d.h. als zwi­ schen Liquida und Konsonant kein Vokal bzw. ein Sproßvokal stand) im Fi. nur -ar-, -al-Formen ergeben können, wahrend das bei den Akutwörtern nur in der ersten Phase möglich war. In der zweiten war nach seiner Ansicht der zweite Vokal schon so kräftig, daß er im Fi. nicht ohne Entsprechung bleiben konnte. Den letztgenannten Fall illustriert er allerdings nur durch zwei Beispiele, von denen das eine (wot. parähma) unsicher ist, da es wahrscheinlich zu den spaten Lehnwörtern gehört. Das andere ist fi. tarakka, das er auf weißruss. taróki zurückführt. Da die Theorie sieh somit nur auf ein Beispiel stützen kann, er­ scheint sie unsicher, und das umso mehr, als der Autor sie ohne Motivation auf einer w e i ß russischen Form aufgebaut hat, die sowohl lautlich als auch in der Betonung von der großrussischen ab­ weicht. Aber selbst wenn wir für das Urruss. eine solche Variante (•taróki) postulieren, weist der Auslaut des fi. tarakka klar auf ein Original mit ausl. -ъ oder -a, wie es in russ. tórokъ bzw. toroka vorliegt (vgl. 5.3»); enthalt doch das vorliegende Wortmate­ rial nur ein einziges Beispiel mit fi. -a für russ. -i_, u.z. in einer Endung, die dem Muster einer fi. Endung nachgebildet wurde (katitsa < kotьci). In allen anderen Fallen entspricht dem russ. Pl.-i^ entweder fi. -i_ oder das fi. Pl.-Suffix -1; (s. 5.3»7*)- Ek­ bloms Hypothese überzeugt also nicht, wenn sie auch zunächst ver­ lockend erscheinen mag.

248

Lautwiedergabe

5.1.2. Ursprünglich lange Vokale 5.1.2 . 1 . Buss, a < urruss. *a < ieur. *a, *£ In den Lehnwörtern der alteren Schicht wird russ. a der ersten Silbe unabhängig von der Betonung durch fi. ā wiedergegeben: ?jaara (Nr. 3l), laatia. laatu, naatti, paasma (Nr. 158, pasma wahr­ scheinlich durch schwed. Einfluß), raamattu, raatsia. saapas. Die Gültigkeit dieser Hegel wird eingeschränkt durch die Palle, in denen a vor v oder steht: ?lava, lavitsa, pajattaa, raja, ravita. Als Grund für die Kürze des a in dieser Position hatte Hikkola ver­ mutet, daß es vor» den erwähnten (von Posti 1966.51 "Halbvokale" ge­ nannten) Konsonanten im Urfi. keine langen Vokale gab (1894.51-52). Kalima ist spater dieser Behauptung unter Hinweis auf fi. haava, raavas und kaavi entgegengetreten, räumte aber gleichzeitig ein, daß die Kürze des a in raja usw. "jedenfalls irgendwie durch den folgenden Laut bedingt sein" müsse (1939-40.45). Die Farallelfomen von pajattaa, paajia. und von lavitsa, laavitsa, haben ihr aa viel­ leicht durch spateren, nochmaligen Einfluß seitens des russ. Akzents erhalten. Da im Urfi. lange Vokale nur in der ersten Silbe auftraten, steht für urruss. *a in nichterster Silbe fi. a: pakana, tavara. In den j ü n g e r e n , mehrsilbigen Lehnwörtern ist die Wieder­ gabe des bet. russ. a in erster Silbe abhängig von der Struktur der Silbe. Ist sie offen, erscheint im Fi. aa (I), ist sie geschlossen, lautet die Entsprechung a (2): (1) kaatiot. kaatteri, laapotti, laappa, maammo, maania, maatuska, saani. saappani, staarosta; (2) hatka, kasku, lafka, nartta, sarkka, trastukamraati, vanja, vanna. Ausnahme: praasniekka. Betontes russ. £ in nichterster Silbe ist nicht so einheitlich be­ handelt worden. So stehen im Falle betonter geschlossener letzter Silbe (-CVC), die auf anderen Konsonanten als Klusif endet, Bei­ spiele mit fi. langem aa (atamaani, bojaari. kaftaani, kurgaani, molokaani. perevaara, samovaari, ukaasi) etwa ebenso vielen mit kurzem a gegenüber (iivana, kasari, kauhtana, kormano, pajari, porkkana, tolvana). Lauten aber Silben mit derselben Struktur und Posi­ tion (-CVC) auf Klusil aus, entspricht dem russ. a kurzer fi. Vokal (wobei vermutlich der Länge des Folgekonsonanten eine gewisse Be­

Lautwiedergabe

249

deutung zukommt): kapakka, kasakka, kolpakko, kulakki, kuasakka, majakka, maklakka, pohatta, purakka, purlakka, rusakko, russakka; Ausnahme halaatti neben regelmäßigem halatti). Auch die wenigen Beispiele mit betontem russ. a in nichtletzter offener Silbe bieten kein einheitliches Bild: pumaaka, aber kanava, smetana. Immer als kurzer Vokal erscheint dagegen im Fi. das bet. russ. ii nichtletzter geschlossener Silben (-CVC-): kasarmi, nassakka, posadnikka, prissakka, seljanka. Bas a einsilbiger russ. Wörter wird teils durch langes, teils durch kurzes fi. a wiedergegeben, ohne daß sich eine Regelmäßigkeit feststeilen ließe: ?jaala, tsaari, vaassa, aber kvassi, tiakka, vari. Als Bestandteil finnischer Diphthonge, dessen zweite Komponente auf russ. oder v zurückgeht, kann das a nur kurz sein: saiju, saikka, ?tauhka, balalaikka, nagaikka, sarai. Die folgende Tabelle soll die Wiedergabe des betonten russ. a in jüngeren Lehnwörtern zusammenfassend darstellen.

Lautwiedergabe

250

Buss, á in

offener Silbe fi. ā

erster Silbe

fi. a

kaatiot kaatteri laapotti laappa ?maamino maania maatuska saani saappani sTaarosta

pufflaaka

kanava smetana

geschlossener Silbe fi. ā

fi. a

praasniekka

hatka kasku lafka nartta sarkka trastukafflraati vañja van na

?jaala tsaari vaassa

kvassi tiakka vari

atamaani bojaari kaftaani kurgaani molokaani perevaara samovaari

iivana kasari kauEt ana kormano pajari porkkana tolvana

UkaaSl-

halaatti

nichterster Silbe

halatti kapakka kasakka kolpakko kulakki kus¥akka majaSka makTakka pohatta purakka purTakka rusaEko russakka kasarmi nassakka posactnikka prissakka seljanka

Unbetontes russ. a erscheint in den jüngern Lehnwörtern durchweg als kurzes fi. a: arbuusi, arsina, artteli, atamaani, balalaikka, halatti, kallita, kanava, kapakka, kasakka, kasari, kasami, ma-

Lautwiedergabe

251

horkka, majakka, matlakka, maniska, monasteri, nagaikka, narinkka, nassakka, pajattaa, pakra, paperossi, parisniekka, paritsa, paslikka, patukka, piissari, pjatina, ripaska, saappani, sakuska, samovaari, sapiska, sarai, saraja, satka, saverikko, savotta, tarina, taulikka, trastukamraati, tšasouna, utala. Zu patinäkunta, patakka, saali, saassyna und armakka, deren a rus­ sisches a in der Nachbarschaft palataler Konsonanten wiedergibt , s. 5.1.5. 5.1.2.2. Rusa. i < urruss. *ī < ieur. *£, *ei In den Lehnwörtern der alteren Schicht wird russ. :L der ersten Sil­ be unabhängig von der Betonung durch fi. ī wiedergegeben. Es gibt allerdings nur drei Beispiele dafür: kiis(s)eli, piirakka/piiras, siivatta. Kalima 1956.59 rechnet auch viitta hierzu. Das Wort ist zwar schon seit 1690 belegt; da aber das i des russ. Originals be­ tont ist (svítá), konnte die fi. Länge auch wie bei den spateren Lehnwörtern als Ergebnis dieser Betontheit interpretiert werden (ebenso siisti. s. Verz.). In den s p a t e r e n Lehnwörtern ist die Art der Wiedergabe des russ. i abhängig von Betontheit, Position im Wort und Silben­ struktur. Bet. russ. £ in erster Silbe ergibt fi. j[, wenn diese Silbe im Russ. offen ist, und kurzes fi. £, wenn sie geschlossen ist. Auch in nichterster Silbe wird bet. russ. i durch kurzen fi. Vokal wiedergegeben. Beispiele und Ausnahmen (für jeden geschilder­ ten Fall eine) sind in der nachstehenden Tabelle zusammengestellt. Zu fi. vitsa ? < russ. víca ist zu bemerken, daß die erste Silbe des russ. Originals zwar offen, nach fi. Auffassung aber geschlos­ sen ist, da im Fi. t£ biphonematisch gewertet wird und die Silben­ grenze stets zwischen 1t und £ verläuft.

Lautwiedergabe

252

Wiedergabe des betonten russ. i_ in jüngeren Lehnwörtern

B u ss. i_ i n

o f f e n e r S ilb e fi. ī

fi.

i

h iim o s ti k T T p e li p iia s a ri

v ih u ri

d e s ja tiin a

p e rin ä p ja tin a p o m iT o id a p ä tT n ä k . r o tT n a t ? r ä V s in ä

e rs te r S ilb e

n ic h te rs te r S ilb e

g e s c h l o s s e n e r S ilb e ------------ M---f i . i^ fi. ĩ litk a t pT lkki pTrkka p T rs s i p T rtu s T n ts i sm irnaa ?vT tsa p o l s e v i ( i ) k k : b o lse v ik k i bolševTsmi k ib itk a kipTkka manTska mensevikki repsikE a s a p ilk a tauT ikka tensTkka

____ *_________ Für u n b e t o n t e s russ. i^ steht immer kurzes fi. i^: blinii/linni, briha, ikoni, issikka/Lsvosikka, kibitka, pisma, prikaasi, prissakka, simpsukka, sinelli, tšinovnikka, vintolka, yirpi; kuuritsa, lavitsa, posadnikka, praasnikka, prenikka, sput­ nik, tarina, tavaritsi, tšinovnikka. Zur Endung -niekka in parisniekka, nuusniekka s. Verz. Nr. 117. Eine Ausnahme bildet iivana < Ivan, wo unbet. russ. L durch fi. ī ersetzt worden ist. Die unregelmäßige Behandlung des i_ ist hier durch den affektiven Charakter des Wortes bedingt, dessen i zudem im Anlaut steht (vgl. in derselben Bed. dt. der Iwan). Eine eigene Gruppe bilden die entlehnten Verben, die in der Ausganssprache nach der i-Konjugation teils mit Stamm-, teils mit Endbetonung flektiert werden. Für das jeweilige Lehnwort hat bald der Infinitiv, bald die 5.Sg. die Ausgangsform geliefert, aber un­ abhängig davon steht im Fi. vor der Verbalendung immer kurzes i, da langes i_ in dieser Position nicht vorkommt: kalliṕa, laatia, lusia, maania/maanitella/maanittaa, ?miettiä, molia, pulrttaa, raas-

Lautwiedergabe

255

kis/raatsia/raskŕta, raviṕa, rotsi_a/rotia. 5.1.2.5. Buss. u < urruss. *ō < ieur. < *au, *ou In den a l t e r e n Lehnwörtern, deren heutige russ. Entspre­ chung u enthalt, steht an seiner Stelle fi. uo (< *o): kuoma. kuomina. Daraus wird deutlich, daß der urruss. Vorläufer des russ. u ein erheblich offenerer Vokal als späturfi. *u, *u gewesen sein muß; jedenfalls unterschied er sich von diesen so weitgehend, daß es durch urfi. *o am adäquatesten wiedergegeben wurde. Urfi. *u hat sich für keinen slav. Laut als Ersatz geeignet. Die s p a t e n Lehnwörter zeigen, daß das neuruss. u enger ist als sein urruss. Vorläufer es war, denn es wird heute im Fi. durch u und u wiedergegeben. Der lange Vokal tritt nur als Ent­ sprechung von bet. russ. u auf. Diese Beziehung ist aber nicht um­ kehrbar (split), denn dem bet. russ. u kann auch kurzes fi. u ent­ sprechen. Anders als bei a und i ist hier aber keine Regelmäßigkeit zu erkennen, die sich aus Silbenposition oder -struktur ergäbe. Eine Tabelle veranschaulicht das:

Russ. ú in

offener Silbe fi. Ü

fi. u

fi. u

fi. u

kuuritsa nuusa

pulittaa

nuusniekka puuhka tsuudi tuuEku

kuli pulkka putka sulkku sultšina sutka tulkka vunukka

(porukka)

arbuusi

hamutsa kasukka pekuna retiBcka reuEka robili ?seuna tisuri valmuska

erster Silbe

potuusit nichterster Silbe

geschlossener Silbe

Lautwiedergabe

254

Zu kosseli (? < kosúl'a) s. Verz. U n b e t o n t e s russ. u hat - wie auch a und £ - regelmäßig kurzen fi. Vokal ergeben: kulakki, kupetsi, kurgaani, kussakka, lusia, maatuska, murju, musikka, pumaaka, purakka, purlakka, rupla, rusakko, russakka, subrovka, trastukamraati, ukaasi, urakka, utala. Bei pomiloida < pomiluj handelt es sich nicht um Lautersatz, son­ dern \im Anfügung eines fi. Verbalbildungssuffixes. Zu tyrma < mss. t 'urьma s. 5.1.5. 5.1.2.4. Russ. £ < urruss. *£ < ieur *£, *oi, *ai Urruss. *£ wurde im Fi. durch das sehr offene a ersetzt: kaämi, läävä, maarä, räähkä. Nach Samilov 1964.128 muß der Lautwert des Phonems Jatь (š) im spä­ ten Gemeinslav. ein Diphthong [ea] o.ä. gewesen sein. Da das Urfi. weder einen *ea- noch einen *eä-Diphthong kannte (selbst im heuti­ gen Fi. kommt als Diphthong nur ea, u.z. nur dialektal vor, s. Ruoppila/Vierikko 1967.71, Kettunen 1940:A. 154 und Rapola 1966.358), war ā offenbar der adäquateste Laut für die Wiedergabe des iL So steht das Zeugnis der alten russ. Lehnwörter des Fi. nicht im Gegensatz zu Samilovs Ergebnissen, läßt andererseits aber auch keinen unmit­ telbaren Rückschluß auf die Qualität des ur- bzw. altruss. ě zu, wie zuweilen angenommen worden war. Für den Übergang des russ. jś vom weiten zum engen Laut nimmt Kiparsky aufgrund der älteren Vertretung des jí in Lehnwörtern aus dem Bereich der Christi. Terminologie das Jahr 1000 n.Chr. als terminus post quem an (1946.86). Die nach diesem Zeitpunkt übernommenen, also zur j ü n g e r e n Lehnwortschicht gehörenden Wörter zeigen teils ie, teils e für je: betontes russ. £ < £ erste Silbe

fi.ie

fi. £

miero miettiä nietu piessa viesti viehka

< < < < <
nd vor Konsonanten Auch die Ausspra­ che des in Frage stehenden Lautes hangt von seiner Umgebung ab: teils wird er als [j], teils als [j] gesprochen ([j] unterschei­ det sich von [j] nur durch etwas niedrigere Zungenstellung und da­ durch bedingte geringere Gerausohbildung). Uber die Bedingungen, unter denen die jeweilige Artikulationsvariante auftritt, s. Ava­ nce ov 1968.89f. Im Fi. sind zwei Arten der Wiedergabe feststellbar: vor Vokalen und i vor Konsonanten und am Wortauslaut. Beispiele: ?jaala, jefreitteri, ?jaara, lotj_a, maiakka, murju, pajattaa, raja, saij u , selja, veräjä, saraja; balalaikka, jefreitteri, kopeikka, leima,

Lautwiedergabe

281

nagaikka, prostoi, saikka, sarai, taijga, troikka, voilokki. Von der ersten Gruppe gibt es drei Ausnahmen, in denen gemäß dem fi. Bestreben, Konsonantenhäufungen zu vermeiden, i_ statt steht: ?karpio, suntia, tiakka. In drei anderen Beispielen tritt anstelle der regelhaften ^-Vertretung Nullentsprechung am Silben­ ende auf: patvaska, rosvo. trastukamraati. 5.2.8. Dissimilation Bei den in den Lehnwörtern auftretenden Dissimilationserscheinun­ gen handelt es sich durchweg um Ferndissimilation, die teils re­ gressiv, teils progressiv ist. Betroffen sind sowohl Wörter mit zwei gleichen als auch mit zwei ähnlichen (in diesem Falle in Ar­ tikulationsstelle und Sonoritat übereinstimmenden) Konsonanten. In den Beispielen mit regressiver Dissimilation wurden ersetzt: k durch £: pussakka (Parallelform zu kussakka < kušák (neben sakuska) < zaküska (vgl. Ruoppila 1938.206); k durch £: matlakka < makläk; b durch t: toIvana < bolván. In den Wörtern mit progressiver Dissimilation wurden ersetzt: 1_ durch r und n: kalkkara, kalkkana (daneben auch kalkkala) < kólokol (vgl. Ruoppila op.cit. 209); n durch l_: remel.i < reménь, mögl. sepeli < Ščébenь (vgl. Ruoppila op.cit. 201, Hakulinen 1968.155); £ durch k: katiska < kotьci (£ = [ts]; außerdem ist hier Metathese eingetreten). 5.2.9* Gemination Nur einem Teil der russ. Konsonanten entsprechen im Fi. neben kur­ zen Konsonanten auch Geminaten, und zwar den stl. Klusilen £, £, k, den Nasalen n und m, den Sibilanten £, £ und z_ sowie dem £. Eine gewisse Regelmäßigkeit besteht nur bei den stl. Klusilen, die fast immer dann geminiert erscheinen, wenn sie im Fi. zu Be­ ginn einer offenen Silbe stehen und ihnen Vokal, Liquida oder Na­ sal vorangeht (Beispiele s. 5.2.2.). Von den Sibilanten £ und jl erscheint in intervokalisoher Position £ immer, £ meistens als geminiertes £ (Beispiele s. 5.2.4.2.; bezüglich der Geminierung von

282

Lautwiedergabe

Klusilen und Sibilanten vgl. auch die einleitenden Bemerkungen zum Kapitel 5.). Buss, m, n, l und Ž. werden nur sporadisch durch fi. Geminaten wiedergegeben: ?maammo, pikommi, linni (Nr. ll), vanna (dessen russ. Original ebenfalls -nn- hat), pirssi. 5.5. Behandlung des Auslauts Die Behandlung des Wortauslauts verlangt deshalb besondere Beach­ tung, weil - in Einklang mit den lautlichen Gesetzmäßigkeiten der fi. Sprache - der Auslaut nicht in jedem Fall die genaue Entspre­ chung des zugrundeliegenden Originals sein kann. Andererseits ist nicht immer feststellbar, von welcher russ. Form die Entlehnung ausgegangen ist. Zwar hindert uns nichts, den Nom. Sg. vorauszu­ setzen, wenn ein russ. a-Stamm auch im Fi. auf -a endet (vodka < vódka), doch kann die große Masse der maskulinen Substantive mit hartem Auslautkonsonanten, die im Fi. überwiegend die Endung -a erhalten haben, in ihrer Gesamtheit kaum auf den russ. Gen.Sg. zunickgehen. Kalírna verwies in diesem Zusammenhang auf die neuschwed. Lehnwörter des Fi., die in der Ausgangssprache auf Konsonanten, im Fi. aber auf -i enden (1956.57). Da das -i_ nicht aus der lehnge­ benden Sprache erklärt werden kann, muß es als generalisierter Auslautvokal aufgefaßt werden, der das fremde Wort den fi. Aus­ lautverhältnissen angleicht. Mit einem solchen muß auch beim russ. Lehngut gerechnet werden. Dieser Vokal bleibt selbst dann ohne Beziehung zur Ausgangssprache, wenn das entlehnte Wort ganz offensichtlich nicht auf den Nominativstamm zurückgeht (der sich z.B. bei den Substantiven mit flüchtigem o/e von dem der obliquen Kasus unterscheidet). Einige Beispiele lassen deutlich einen be­ stimmten russ. Kasus als Quelle der Entlehnung erkennen, aber die­ se Falle bilden eine geringe Minderheit (s. 6.2.6.). Die folgende Zusammenstellung der Wörter, gruppiert nach ihrem Auslaut, soll die Haupttendenzen in der Behandlung der Endsilben veranschaulichen. Bekanntlich überwiegen im Fi. zahlenmäßig die vokalisch auslauten­ den Wörter - ohnehin können von den Konsonanten nur Dentale im Aus­ laut stehen (nach ihrer Häufigkeit n, £, s^, r, l^ vgl. Hakulinen 1968.19), und dieses Prinzip macht sich auch bei den Lehnwörtern geltend. Das Wortmaterial enthalt nur sieben Beispiele, die im Fi.

Lautwiedergabe

283

auf Konsonanten enden; drei davon haben vokalisch auslautende Pa­ rallelformen: ahrain, piiras (piirakka). paistar (päistare) . saapas. sarain (sarai, saraja); komsomol. sputnik. Die ausl. Konso­ nanten gehen nur in drei Fällen auf das Russ. zurück (paistar, kom­ somol, sputnik); bei den übrigen handelt es sich um fi. Nominalsuf­ fixe, die erst nach der Übernahme analogisch an die Wörter getre­ ten sind (s. 6.2.1.1.). Im allgemeinen ist der Auslaut in alteren und jüngeren Lehnwörtern in gleicher Weise behandelt worden, abgesehen von einigen Substan­ tiven der alteren Entlehnungsperiode mit ъ-Auslaut, von denen schon 5.1.1.3* die Hede war. Die übrigen Nomina werden daher im Folgenden ohne Rücksicht auf das Alter ihrer Entlehnung gemeinsam besprochen. 5.3.1. Russ. Nomina auf -a Die gewöhnlichste fi. Entsprechung ist -a: apea, balalaikka, desjatiina, droska, fortuška, hatka, kanava, kapusta, ?karsta, kassa, kibitka, kopeekka, kuuritsa, laappa, lafka, ?lava, lavitsa, lotja, luokkei, lusikka, maatuska, mahorkka, maniskjł, muokka, nagaikka, nartta, nassakka, nuusa, ?palsta, parta, perevaara, petla, pirkka, pjatina, porukka, possakka, prissakka, pulkka, pumaaka, putka, revohka, ?riesa, riuna, saikka, sakuska, sapiska, sarkka, seljanka., serpa, setolkka, smetana, sorokka, sotnia, staarostji, subrovka, ?sukkula, sultsina, suntia, sutka, svaboda, taiga, tarina, ?tauhka, taulikka, telega, tenka, troikka, tsasouna, tšeka, tulkka, tuska, tuuma, ?uula, valmuska, vanjji, vanna, viehka, viitta, vintofka, virpa, virsta, ?vitsa, vodka. Zu dieser Gruppe sind auch die Wörter zu rechnen, die zwar auch den russ. Nom.Sg. wiedergeben, im Fi. jedoch vordervokalisch ge­ worden sind und deshalb auf -ä auslauten: määrä, perinä, pätinä(kunta), ?rätsinä, telikkä, säässynä, tyrmä, täsmä-, veräjä. In einigen Fallen ist an die Stelle des russ. -a getreten, das zwar manchmal - wie z.B. bei pilkki - auf den russ. Nom.Pl. zu­ rückgehen dürfte, im übrigen aber wohl besser als verallgemeiner­ ter Auslautvokal interpretiert wird: ikoni, kasarná, ?kosseli_, luokki^, pilkki^, pirssi, ropotti^ virpi. Die auf -u endenden fi. Entsprechungen russischer a-Stamme spie­ geln wohl den russ. Akk.Sg. wider: ?kalsu, kasku, murju, platfor-

284

Lautwiedergabe

mu, raamattu, virsu. Fur die Wahl von fi. -o als Auslautentsprechung russischer a-Stämme sind Grunde nicht ersichtlich; zudem sind zwei der fünf Bei­ spiele unsichere Entlehnungen: ?karpio, ?maammo, rospuutt£, saverikko, sunti£ (neben suntia). Zum Auslaut von ahrain < ostroga und massi < mošьna oder mošná s. Verz. 5.3.2. Russ. Nomina auf -ь_ Die Wörter dieses Typs sind sehr einheitlich behandelt worden. Un­ abhängig von ihrem Genus lauten sie im Fi. fast durchweg auf -£ aus. Die Ursache dafür dürfte in der phonetischen Qualität der russ. palatalen Konsonanten liegen, sofern es sich nicht, wie bei den wenigen Vertretern der frühen Lehnwortschicht, um Wiedergabe des -£ mit dem Lautwert eines kurzen i handelt: arttel£, hiimosti, kaatter£, kasaři, kassari, kiipeli_, kiisseli., koni, kost£, ku­ li, kuosali., kaami, ?metel£, monasteri, naatti, piissar£, pirtti, populi., patsi, remeli_, riisi_, saappani, sasen£, selti, sepel£, si­ ne 11i_, sopuli_, sappi., sääli, tihkuri., tsaar-i, tsuud£, tokotti, viesti, vihur£, volosti, vuitti. Den zahlreichen Beispielen mit regelmäßiger Entsprechung stehen nur drei abweichende gegenüber: kuontalo (das wahrscheinlich ana­ log zu den fi. Substantiven auf -alo gebildet ist), ritilä und rupla (das den russ. Gen.Sg. wiedergeben dürfte, s. Verz.). 5.3.3. Russ. Nomina auf harten Konsonanten (außer j_) und Sibilanten Die fi. Entsprechungen dieser Gruppe enden sowohl vokalisch - in der Mehrzahl der Falle - als auch konsonantisch. Als Endvokale kommen a/ä, i_, u/2. unȏ. 2. vor. An häufigsten wird an den russ. Nom.Stamm, seltener an den Stamm eines obliquen Kasus a bzw. ä gefügt; der letztgenannte Fall ist nur bei den russ. Substantiven mit flüchtigem o/e sicher zu erkennen: aprakka, arsina, hamutsa, hurtta, iivana, isvosikka, ?jaala, kalkkara, kapakka, kasakka, kasukka, kauhtana, kolpitsa, kuoma, kussakka, luokka, majakka, maklakka, musikka, narinkka, niekka, nuusniekka, opotta, orehka, pakana, pakra, parisniekka, paritsa, paslikka, patukka, pekuna, piessa, piirakka,

Lautwiedergabe

285

pogosta, pohatta, pola, pomosniekka, poppa, porkkana, posadnikka, praasnikka, prenikka, purakka, purlakka, ?puuhka, puuta, repsikka, retukka, reuhka, ripaska, riusa, russakka, saikk£, satka, savotta, sesta, ?seuna, siivatta, simpsukka, tappara, tavara, tensikka, tiakka, tolvana, tšinovnikka, urakka, vaassa, vasta, vorotta, vunukka; ?jäärä, läävä, pätäkkä, räähkä, säpsä, ärmäkkä. Der Häufigkeit seines Vorkommens nach steht -á an zweiter Stelle, der nach Airila 1945.12 gewöhnlich an ausgangssprachlich konsonan­ tisch auslautende fremde Wörter tretende Vokal. Es fallt auf, daß zu dieser Gruppe besonders viele Entlehnungen aus jüngster Zeit ge­ hören (gleichwohl sind auch vier altere darunter: luokk£, pappig, risti, sirppi_, vgl. 5.1.1.3.): kaftaani,, kolhoosi, kulakki, kupetsi., kurgaani, kvassi, menševikki, molokaani, orehti_, pajari_, pogromi, prikaasi, remontti, rokuli, rosolli., samovaari_, siss£, sovhoosi, tankki, tavaritsi (Nr. 301), trastukamraati, ukaasi^ vari_, vesseli, voilokki^. Fi. ausl. -u deutet in dieser Gruppe auf gewisse russ. Kasus obliqui, nämlich auf Gen.Part, und Lok.Sg., hin (vgl. 6.2.6.): pirtu, rotu, sulkku, tolkku, tuuhku, hotu; räät£. Evtl, gehören hierher auch turku und laatu, die aber ebenso wie papu das alte -£ der Nominativform reflektieren können (vgl. 5.1.1.5.). Fi. nietu geht auf russ. volksspr. nétu (ssp. net) zurück. In folgenden Fallen wurde der russ. konsonantische Auslaut

durch

Anfügen von -£ erweitert: kolpakk£, kormano, mier£, rusakk£, velh£, Vor£ (vgl. 6.2.1.1.).

Unverändert konsonantisch lauten fi. komsomol und sputnik aus. Be­ züglich piiras < pirogъ und saapas < sapogъ s. die einleitenden Be­ merkungen zu 5.5. Folgende Substantive gehen auf ein russ. Original mit hartem Aus­ lautkonsonanten zurück, sind jedoch im Fi. unterschiedlich behan­ delt worden: kosto/kostuli, otva, pertuska, piirut, torekka, toveri; s. dazu die Bemerkungen unter den einzelnen Stichwörtern im Verz. sowie 6.2.7. 5.3*4. Buss. Nomina auf -£ Fi. —£ taucht nur in einem Beispiel schriftlicher Entlehnung als Entsprechung auf (semstv£), in allen übrigen Fällen steht -a/-ä:

286

Lautwiedergabe

akkuna, kuomina, leima, palttina, pasma, pirta, pisma, resla, talkkuna, taltta; varttina. Zumindest bei den alteren Lehnwörtern kann davon ausgegangen werden, daß es sich dabei um Lautwiedergabe handelt, denn diese Wörter sind zu der Zeit übernommen worden, als russ. £ generell durch fi. a wiedergegeben wurde. Das Aus1aut-a der übrigen Wörter kann theoretisch auf einem anderen Kasus als dem Nom.Sg. (z.B. Gen.Sg. oder Nom.Pl.) fußen, wahrscheinlich aber handelt es sich hier um den gleichen generalisierten Auslautvokal, von dem in den einleitenden Bemerkungen zu diesem Kapitel die Rede war. 5.3.5. Russ. Nomina auf -j_ Die hierher gehörenden Beispiele sind auf unterschiedliche Weise ins Pi. integriert worden: raja und saraja haben wie die meisten konsonantisch auslautenden Nomina -a erhalten. Neben saraja gibt es im Fi. eine der russ. Lautung am nächsten stehende Form aarai und eine mit fi. Suffix versehene Variante aarain (alle drei < russ. sarai). - Der russ. Gen.Part, bildete die Ausgangsform für fi. saiju (saju, tsa(i)ju). Zu rosvo < rozboj s. Verz. 5.3.6. Russ. Nomina auf -£ Fi. päistär (< russ. pázderъ, pázderie, pàzderьe) ist von Kalima 1956.60 als früh entlehntes Wort interpretiert worden, dessen aus­ lautendes ъ (pazderъ) zur Zeit der Übernahme schon verstummt war. Da es neben päistär aber auch päistäre gibt, ist nicht ausgeschlos­ sen, daß dessen -e auf eine der russ. Formen mit -e zurückgeht und die konsonantisch auslautende Variante spater analog zu solchen fi. Wortpaaren wie askar:askare, manner:mantere gebildet worden ist. Da päistär( e) zu der früh übernommenen Spinn- und Webterminologie gehört, hat die Annahme, das Wort sei erst nach dem Schwund der auslautenden ъ, ь_, also erst um 950, entlehnt worden, kaum ihre Berechtigung. - Auf russ. Wörter mit ausl. -e gehen ferner fi. pohmelo und selja zurück (s . Verz.). 5.3.7. Russ. Nomina im Plural (Endung -i_, -£, -a) Die russ. Pl.-Endungen erscheinen im Fi. teils als lautliche (1),

Lautwiedergabe

287

teils als morphologische Entsprechungen (2) mit fi. Pl.-Suffix:

(1) blinii, kutr£, paperossi, reteli, saani_, skoptsi^, streltsi., sintsi; selj£; (2) kaatiǫt^, litkat, roskat (Nr. 16), rotinat. Eine Kombination aus beiden liegt anscheinend in potuusit vor. Zu katiska/katitsa < *kotьci s. Verz. 5.5.8. Russ. Nomina mit Adjektivendung Die entlehnten Adjektive haben im Fi. größtenteils die Endung -a erhalten: metka, patvaska, pohatta, potra, renska, topra, utala, volna. Daraus kann nicht geschlossen werden, daß sie durchweg auf der russ. Kurzform oder dem jeweiligen Adverb basieren, denn nicht alle russ. Adjektive haben eine Kurzform (z.B. udalój). Das -a die­ ser Wörter muß wohl - außer bei volna und smirnaa, die auf russ. Adverbformen mit unbet. -£ zuriickgehen (vólьno bzw. smírno, s. Verz.) - ebenso als generalisierter Auslautvokal gedeutet werden wie bei den Nomina unter 5.5.5. Die Langform des Adjektivs ist in fi. prostoj, vielleicht auch in tisur£ wiederzuerkennen. Dagegen können fi. siisti und vesseli ebensogut aus der russ. Langform auf -yj wie aus der Kurzform auf Konsonanten, an die im Fi. -i_ getreten wäre, erklärt werden. Kalí­ rna 1956.61 nimmt für beide die Kurzform als Quelle an, und zwar für vesseli (bzw. kar. vesselä) unter Hinweis auf das £ der zweiten Silbe (die russ. Langform enthalt bekanntlich £: veśólyj. Dieses £ (Graphem £) ist jedoch auch in fi. saverikko < russ. zay̑ṕrtka durch fi. £ wiedergegeben worden und bildet daher kein zuverlässiges Kri­ terium. 5.5.9. Distribution und Frequenz der auslautenden fi. Vokale und Konsonanten Eine Tabelle soll die Distribution der fi. ausl. Vokale und Konso­ nanten verdeutlichen und die Ergebnisse der vorhergehenden Ab­ schnitte numerisch zusammenfassen. Unberücksichtigt bleiben darin die Verben sowie einige Wörter, deren Wortende im Fi. z.T. erheb­ lich umgestaltet wurde; s. darüber 6.2.7. Auf eine Spalte für ausl. -ъ wurde verzichtet, weil es für diesen Fall nur ein "sicheres" (papu) und zwei mögliche Beispiele (laatu, turku) gibt; da die bei­

288

Lautwiedergabe

den letzteren auch den russ. Lok.Sg. vertreten können, sind sie wie die anderen derartigen Falle in die Rubrik 'harter Kons.' aufgenommen worden.

Die Prozentzahlen beziehen sich auf die Gesamtzahl der in der Ta­ belle erfaßten Wörter. Es ergibt sich, daß a und i^ unter den Lehn­ wörtern die häufigsten Auslautvokale sind. Daß nur knapp die Hälfte der Beispiele mit ausl. -a auf ein russ. Original mit -a zuriickgeht, scheint die Theorie von dem verallgemeinerten Auslautvokal zu bestätigen (vgl. z.B. das von Ahlqvist 1875.249 angeführte ostkar. tserkva 'Kirche' < russ. cèrkovь; das russ. Wort wird nach der Deklination flektiert und hat keinen Kasus auf -a ) . In dieselbe Richtung weisen die von Hakulinen 1968.19 erwähnten Forschungen, wonach a mit einem Anteil von 23 % die zweite Stelle in der Liste der häufigsten fi. Wortendlaute einnimmt (da die Liste von -n ange­ führt wird, muß diese Berechnung - anders als hier - auf der Basis fortlaufender Texte vorgenommen worden sein und zwangsläufig ein an­ deres Bild ergeben als unser Material). Es sei noch erwähnt, daß in Übereinstimmung mit Hakulinens Angaben und -a die Häufigkeitsreihe fortsetzen. 5.4. Dialektales Die Lautgestalt einiger Lehnwörter laßt erkennen, daß sie auf einer

Lautwiedergabe

289

von der schriftsprachlichen Norm abweichenden russ. Dialektform fußen. Der größte Teil der spat entlehnten Wörter gelangte ins Fi. aus dem Nordgroßruss., dessen wichtigstes lautliches Merkmal das Okanje ist. Tatsächlich entspricht betontem und unbetontem russ. £ in der großen Mehrzahl der Falle fi. £, wahrend das ssp. Akanje nur sporadisch zur Geltung kommt (s. 5 .1.l .1.). An dieser Stelle sei nur auf zwei Falle von Hyperkorrektheit hingewiesen, wo das im Nordgroßruss. anstelle von hochsprachlichem a unrich­ tigerweise artikulierte £ auch im Fi. auftaucht: karmano < k£rman pro karmán, torakka < t£rokàn pro tarakän. Etwas anders ver­ halt es sich mit dem Präfix raz-, das in der russ. Hochsprache nur in bet. Position, im Nordgroßruss. dagegen immer roz- lautet und in dieser Form auch in den Lehnwörtern auftritt: r£solli, r£spuutto, r£svo• In dem russ. Wortpaar ssp. rabóta : dial. robótą (so schon im Altruss.), das im Fi. ropotti ergeben hat, vertritt robóta die ursprüngliche, im Nordgroßruss. bewahrte Form. Man kann also in diesem Falle nicht von Hyperkorrektheit sprechen. ' Russ. dial. i für ssp. £ (< £, e) spiegeln die folgenden Wörter wider: simpsukka, sintsi, telikka, vielleicht auch rvtila. Die übrigen dialektbedingten Abweichungen treten nur vereinzelt auf: miero < mer (< měr) für ssp. mir, niekka < -nek für ssp. -nik, nuusa < núža für ssp. núždá, prenikka < prènik für ssp. pŕánik, saverikko < mögl. zaýórka für ssp. zaýórtka. sulkku < sulk für ssp. Šolk. eappi < čepь für ssp. cepь (< cěpь) , unukka (Nr. 350) < unúk für ssp. vnuk, virpi < virьba für ssp. verva. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die meisten Lehnwörter auf russ. standardsprachliche Wortformen zurückgehen und dialektale Besonderheiten in der Lautgestalt nur weniger Wörter zum Ausdruck kommen. 5.5. Chronologisches Nur 81 Wörter, also knapp ein Viertel des gesamten Lehnguts, wurden während der alteren Entlehnungsperiode, d.h. bis etwa zum Jahre 1000 n.Chr., Übernommen. Die Zugehörigkeit zu dieser Lehnwort­ schicht wird aus den Vokalentsprechungen ersichtlich (s. 5.1.1.5.1.4.). Die Eonsonanten bieten keine Anhaltspunkte für die Be-

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Lautwiedergabe

Stimmung des Entlehnungsalters. In der nachfolgenden Liste sind die alteren Lehnwörter nach ihren ersten schriftlichen Belegen gruppiert, die allerdings Über die Zeit der Übernahme wenig aussagen, da die ältesten fi.-sprachigen Schriftdenkmäler erst aus der Mitte des 16. Jhs. stammen und das fi. Sprachmaterial aus schwed. und lat. Urkunden des 16. Jhs. nicht in Worterbuchform erfaßt ist. 16. Jh._________ akkuna ?jaara kalkkara kassara katiska maara pakana pappi papu ?parta patsi raamattu raaskia raja ravita risti sirppi säali tavara tuhkuri turku tuska vapaa varpunen velho veräjä ?vitsa

17. Jh.________ 18. Jh.__________ 19. Jh. aprakka apea ahrain kaatiot hurtta kiisseli ?kalsu kuoma ?karpio kapusta ?karsta laatu kuomina kassa ?lava kuontalo kuosali kaämi lavitsa leime laatia läävä siivatta luokki massi virpa lusikka muokka piirakka naatti pajattaa pirtti ?palsta palttina saapas pasma viitta pirta virsta päistär (riisi) räähkä saani ?sukkula suntia talkkuna taltta tappara tarakka täsmä?uula vasta virsu värttinä

Eine Tabelle soll auch den Zusammenhang zwischen Entlehnungsalter und erster Fixierung der alteren Lehnwörter gegenüber den jüngeren verdeutlichen, der ungeachtet des spaten Beginns des fi. Schrift­ tums evident ist. Er äußert sich z.B. dergestalt, daß die Anzahl der ersten Belege bei den jüngeren Lehnwörtern im Verlauf der Zeit ständig zugenommen und im 19. Jh. den höchsten Wert erreicht hat.

Lautwiedergabe

29l

Ein anderer beachtenswerter Gesichtspunkt ergibt sich, wenn man die Anzahl der ersten Belege von älteren Lehnwörtern im 16. Jh. mit der von jüngeren vergleicht. Der Zahlenwert in der Spalte "20. Jh." bezieht sich auf solche Wörter, die in den altfinnischen Texten und Wörterbüchern nicht Vorkommen, also mit großer Wahrscheinlichkeit erst um die Wende zum 20. Jh. und spater Übernommen und schriftlich fixiert wurden Ältere Lw. 16. Jh. 17. Jh. 18. Jh. 19. Jh. 20. Jh.

27 13 33 8 -

Jüngere Lw. 1 7 74 118 71

insgesamt 28 20 107 127 71

Die jüngeren Lehnwörter tauchen in den schriftlichen Quellen wie folgt auf: 16. Jh.: ?meteli; 17. Jh.: pohmelo, praasniekka, rotu, tenka, tiakka, vari, voro; 18. Jh■: briha, hamutsa, kallita, kapakka, kasakka, kasari, kasku, kasukka, kauhtana, kibitka, kolpakko, kolpitsa, koni, kopeekka, kormano, kosto, kuli, kussakka, lotja, lasia, miero, ?miettia, molia, musikka, niekka, ?nuutua, opotta, pajari, patukka, pertuska, piessa, pisma, pogosta, pohatta, pomiloida, poppa, populi, porkkana, prenikka, purakka, ?puuhka, puuta, remeli, reuhka, riuna, riusa, ropotti, rospuutto, rosvo, rotsia, rupla, sarkka, saverikko, selja, ?seuna, siisti, simpukka, sissi, staarosta, sappi, tarina, tensikka, tolvana, torakka, toveri, tsaari, tšasouna, tulkka, tuuma, ukaasi, urakka, vihuri, vodka, vuitti; 19. Jh.: a, arsina, artteli, halatti, hiimosti, hotu, ikoni, isvosikka, ?jaala, kaatteri, kanava, kasarmi, kiipeli,?kosseli, kos­ ti, kupetsi, kutri, kuuritsa, kvassi, laapotti, laappa, litkat, lusia, ?maammo, maania, maatuska, mahorkka, majakka, maklattaa, metka, monasteri, murju, nassakka, nietu, nuusa, nuusniekka, orehka, otva, pakra, paperossi, parisniekka, paritsa, paslikka, patvaska, pekuna, perina, petla, piirut, piissari, pilkki, pirkka, pirssi, pola, possakka, potra, potuusit, prissakka, prostoi, pumaaka, pur-

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Lautwiedergabe

lakka, putka, patäkka, renska, rusakko, russakka, ?ratsina, raaty, saiju, saikka, sakuska, samovaari, sapiska, sarai, sašeni, šatka, savotta, selti, sepeli, serpa, sesta, setolkka, sintsi, sopuli, sorokka, sulkku, sultšina, sutka, säpsä, tankki, taulikka, telega, telikkä, tolkku, troikka, tsinovnikka, tuuhku, tyrma, tokotti, utala, vaassa, vanna, vesseli, viehka, viesti, virpi, voilokki, vorotta, vot, vunukka, ärmäkkä* 20. Jh.: arbuusi, atamaani, balalaikka, blinii, bǫlševikki, bǫlševismi, desjatiina, droska, fortuška, ?hatka, hǫspodi, hotsia, iivana, jefreitterí, kolhoosi, komsomol, kulakki, kurgaani, lafka, ma­ niska, menševikki, molokaani, nagaikka, narinkka, nartta, perevaara, pikommi, pirtu, pjatina, platformu, pogromi, polsu, pomo(sniekka), porukka, posadnikka, prikaasi, pulittaa, pulkka, patinakunta, remontti, repsikka, revohka, ripaska, saappani, sassiin, seljanka, semstvo, sinelli, sivaan, skoptsi, smetana, smirnaa, soromnoo, sotnia, sovhoosi, sputnik, streltsi, subrovka, svaboda, taiga, ?tauhka, tisuri, topra, trastukamraati, tšeka, tšuudi, valmuska, vanja, vintofka, volna, volosti.

6. Morphologie 6.1. Wortarten Im russ. Lehngut sind die einzelnen Wortarten wie folgt vertre­ ten: 314 Substantive, 16 Verben, 9 Adjektive, 6 Adjektiv und Sub­ stantiv, 3 Interjektionen, 2 Adverbien, l Suffix und Substantiv, l Interjektion und Substantiv. Die Wortarten sind in Ausgangs- und Zielsprache nicht immer iden­ tisch. Die bei der Entlehnung erfolgten Übergänge lassen sich ta­ bellarisch so darstellen: russisch < Subst. (auf die Aufzahlung der Beispiele kann verzichtet werden) ■, Verben < Verb (hotsia. kallita. laatia. lusia. läsiä. maania. ?miettiä. molia. oajattaa. nomiloida. nulittaa. raaskia, ravita. rotsia); < Subst. (maklattaa. ?nuutua); Verben < Adj./Adv. (briha. ?jaarä. oakana. oatvaska. Substantive reneka. smirnaa. tisuri); < unpersonl. Ausdruck in prädikativer Bed. Substantive (nietu, saali); < Wortverbindung Prapos. + Subst. (narinkka); Substantiv < Wortverbindung Verb + Subst. (trastukamraati) Substantiv < Adj./Adv. (metka, potra, topra. utala); Adjektive < Adj. (prostoi, siisti, vapaa); Adjektive < Subst. (matlakka, tasma-); Adjektive < Subst. (apea, raähka, tolvana, vari); Adj. und Subst. < Adj. (pohatta, vesseli); Adj. und Subst. < Partikel und Interj. (a); Interjektion < Wortverbindung Pron. + Adj. (soromnoo); Interjektion < Partikel (vot); Interjektion < Adv. (sassiin, sivaan); Adverbien Suffix u. Subst. < Suffix (niekka); Interj. u. Subst. < Subst. als Interj. (hospodi).

finnisch 307 Substantive 14

2 7 2 1 1 4 3 2 4 2 1 1 1 2 1 1

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6.2. Suffixlehre 6.2.1. Substantive 6.2.1.1. Suffigierung der Substantive Die Endung der meisten entlehnten Substantive ist im Pi. nur ge­ ringfügig, und zwar fast immer so verändert worden, daß sich vokalischer Auslaut ergab. So sind die meisten russ. Nominalsuffixe im Fi. mühelos wiederzuerkennen. Nur selten sind Wörter mit fi. Nominalsuffixen versehen oder russ. Endungen analog zu finnischen umgebildet worden. Folgende fi. Suffixe wurden angefügt: .- l. ^s, ~(h)~ (naher beschrieben bei Hakulinen 1968.llhf.): piiras, Stamm piiraa- (< *pìraga- < *pĩraga-); saapas. Stamm saappaa(< *sappajja- < *sappaga-); suntias, Stamm suntiaa-; - 2. ~(i)n, -(i)me- (Hakulinen 1968.lll): ahrain/atrain. Stamm ahraime-; sarain, Stamm saraime-; - 3« -(i)nen, -(i)se- (Hakulinen 1968.105): varpu(i)nen. Stamm varpu(i)se-. In mehreren Wörtern sind die Endungen analog zu fi. Nominalsuffixen umgebildet worden. Folgende Suffixe bildeten das Modell für die Umgestaltung: - 1. -ri (-ari, -äri, -eri, -uri, -yri; s. Hakulinen 1968.145): kaatteri. monasteri, tihkuri, tisu r i , toveri und mogl. jefreitteri (falls < efrśjtor). Die Endungen von kasari, kassari, pajari und piissari dagegen bilden regelrechte Lautentsprechungen ihrer russischen Originale. - 2. -kka (Hakulinen 1968.108): kasukka, kipikka, narinkka, nassakk a , patukka. possakka, prissak k a , mogl. retukka (falls < reptúch). simpsukka. taulikka, telikka, urakka. Nach Hakulinen loc. cit. werden vorangehendes u und i als zum Suffix gehörend aufge­ faßt; etymologisch sind sie Endvokale des Substantivstamms. - 3. -(i)tsa (Hakulinen ib., 118): katitsa (neben katiska), kolpitsa, dial. kupitsa (neben ssp. kupetsi) , paritsa (vgl. aber

6 .2.1.2. ). - 4. -lo/-lo (Hakulinen ib., 139): kuontalo, pohrnelo. Einige Substantive enden im Fi. - vom Russischen abweichend - auf -o (kolpakk£, korman£, rospuutto, russakk£, suntio, saverikko); ob dieses -£ identisch ist mit dem fi. Nominalsuffix -£, das nach

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Hakulinen ib., 145 nicht näher bestimmte Substantive bildet, muß dahingestellt bleiben. Die Lautgestalt der unter 1.-4. erwähnten Wortendungen kann teil­ weise auch anders erklärt werden, s. die Bemerkungen im Vers. Die fi. Nomina mit ausl. -i behalten diesen Vokal im Genitiv Sg. unverändert bei; Wechsel mit e_, wie es für die halt. Lehnwörter auf -i typisch ist (z.B. hanhi, Gen.Sg. hanhen), kommt unter den russ. Lehnwörtern nicht vor. 6.2.1.2. Behandlung der russ. Nominalsuffixe Die russ. Suffixe sind im Fi. zumeist den Lautentsprechungen ge­ mäß behandelt worden; da sie aber z.T. durch Vokalharmonie und morphol. Analogie umgestaltet worden sind, sollen sie übersicht­ artig zusammengestellt werden. - l. -ka. Bis auf eine Ausnahme (kasku) sind Wörter mit diesem Suffix offensichtlich immer im Nom.Sg. entlehnt worden: balalaikk a , kopeekka, luok k a , lusikk a . mahorkka, muokka, nagaikka. pirkka, pulkka, saik k a , sarkka, setolkk a , sorokka, tarakka, taulikka, troikk a , tulk k a ; droska, fortuška, hatka, kibitka. lafka, maatuska, maniska, putka, sakuska, sapiska, seljanka, subrovka. sutka, ?tauhk a . tuska, valmuska« vintofka, vodka. Zu kipikka, nassakka. prissakka und saverikko s. 5.2.5.2. und 6.2.1.1. Als das häufigste russ. Suffix ist -ka auch an ein Lehnwort ange­ fügt worden, dessen russ. Original die Endung nicht aufweist (pertuska < berdýš). Diese Einzelerscheinung dürfte als eine Art Hyper­ korrektheit zu deuten sein. - 2. -ik (-n i k , -scik). Nomina mit diesen Suffixen enden im Fi. gewöhnlich auf -kka (isvo3ikka, musikka, posadnikka, praasnikka, prenikka, repsikka, tensikka, tšinovnikka; niekka, nuusniekka, parisniekka. pomosniekka) , in zwei Fallen auf -kki (bolševikki, menševikki). In einem international bekannt gewordenen Wort ist das Suffix -nik unverändert geblieben (sputnik). Gründe für die unter­ schiedliche Vokalvertretung in den Übrigen Wörtern mit dem Suffix -nik (> -niekka, -nikka) sind nicht ersichtlich; vgl. die Bemer­ kungen unter -niekka im Verz. Fi. -niekka ist das einzige Suffix russischer Provenienz, das im Finnischen produktiv geworden ist

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und sowohl Adjektive als auch Substantive bildet. Huss. -nik ist in zahlreiche andere, darunter auch solche Sprachen entlehnt wor­ den, die dem Russ. nicht benachbart sind, vgl. Kiparsky 1964. - 3. -elь. Die gewöhnliche Entsprechung ist fi. -eli: (artteli, kiipeli, kiisseli, kuoseli, ?meteli, sepeli). Anders lautet die Endung in kuontalo (< ’kǫdelь) und kuosali (< *kōželь), wo wir es mit Einfluß der Vokalharmonie oder morphol. Analogie zu tun haben. Abweichend sind auch sinelli, ritilä (s. Verz.) und rupla gebil­ det; das letztgenannte geht auf den russ. Gen.Sg. zurück. - 4. -ina. Das Suffix tritt im Pi. in vorder- und hintervokalischer Form auf (pjatina, rotinat, sultšina, tarina; perina, patinakunta, ?ratsina). In einem Pall wurde das bet. russ. -i_- durch langen fi. Vokal ersetzt (desjatiina). - 5. -ec. Dem Suffix entsprechen im Fi. vier Varianten, je nachdem, welcher Kasus der Entlehnung zugrundegelegen hat (vgl. 5.3.3.). Auf den Nom.Sg. weist -etsi (kupetsi) . auf den Nom.Pl. -tsi (streit­ et, skoptsi). \ind auf einen obliquen Kasus im Sg. -sa/-sä (dial. kupsa < kupéc, säpsä). Die Wörter auf -itsa können einerseits auf den Nom.Sg. zurückgehen und per analogiam umgebildet worden sein (s. 6.2.1.1.), andererseits kann -itsa aus einem obliquen Kasus mit eingeschobenem i entstanden sein (so jedoch nicht bei katitsa, des­ sen i < ь). - 6. -ok. Ein Beispiel, das auf den Nom.Sg. zurückginge, bei dem also das (im R u s s . flüchtige) £ bewahrt geblieben wäre, kommt nicht ,vor; die Wörter setzen sämtlich einen obliquen Kasus voraus (ripask a , šatka, narinkka; tankki). - 7* -an. In dem einzigen Beispielwort (molokaani) reflektiert der lange Vokal den russ. Akzent. Die übrigen russ. Suffixe sind im Fi. lautentsprechungsmaßig behan­ delt worden und bedürfen keines besonderen Kommentars: - 8. -ostь (hiimosti, volosti). - 9» -ica (kuuritsa, lavitsa, ?vitsa). - 10. -arь (kasari, kassari, piissari). 6.2.2. Verben Die entlehnten Verben können nach Endung und Konjugationstyp in

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folgende Gruppen eingeteilt werden: - 1. -i/a, -i/n: hotsia, laatia, lusia, läsia. maania, Tmiettiä, molia. raaskia, rotsia. Außer hotsia gehen diese Verben auf russ. Verben der ^-Konjugation zurück. Als Quelle der Entlehnung hat man alternativ den russ. Inf. und die 3- Sg.Pras. angesehen (Kalima 1956.61). Die jeweilige Ausgangsform kann nicht immer, bis­ weilen aber anhand der unterschiedlichen Betonung von Inf. und 5. Sg. im Russ. bestimmt werden. So muß fi. maania, ein spates Lehn­ wort, sein a aus einer stammbetonten russ. Form, z.B. der 3. Sg. Präs, manit, erhalten haben, während der Inf. endbetont ist. Dem­ gegenüber kann die Ausgangsform von laatia nicht mit Hilfe der russ. Akzentverhaltnisse bestimmt werden, denn sowohl Inf. als auch 5. Sg. sind stammbetont; hier beruht die Vokallange wahrschein­ lich (ebenso wie bei raaskia) auf der betonungsunabhängigen ur­ sprünglichen Länge des russ. a, die zur Zeit der Übernahme dieser Wörter noch vorhanden war. Die Bedeutung des russ. Akzents für die Lautgestalt der späten Lehnwörter kommt besonders deutlich in einer parallelen Entlehnung von Inf. und 3- Sg. zum Ausdruck, die einer­ seits zu fi. lusia (< služítь), andererseits zu fi. dial. luusia (< slúžit) geführt hat. Fi. läsia scheint die 3* Sg. ležít voraus­ zusetzen, denn der Inf. enthält kein i_ (ležátь). Vielleicht ist aber das -i- der Verben dieser Gruppe nicht -in jedem Falle auf das Russ. Zurückzufuhren; es konnte auch in Analogie zu dem fi. Verb­ typ auf -ia eingefügt worden sein. Für diese Annahme spricht hot­ sia, das wegen seines ts nur die russ. l. Sg. chočú voraussetzen kann, und dessen i_ nicht aus dem russ. Inf. (chotétь) und wohl auch kaum aus der 1. und 2. Pl. zu erklären ist. - Die Verben die­ ser Gruppe zeigen, daß weder die Endung des Inf. (-tь) noch die der 3. Sg.(-t) aus dem Russ. übernommen wurde; das gleiche kann also auch für die übrigen Gruppen angenommen werden. - 2. -i/ta, -i/tsen: kallita, maanita, raskita, ravita. - 3- -tta/a, -ta/n: maanittaa, maklattaa, pajattaa, pomiloittaa, pulittaa. Die Beispiele beider Gruppen gehen - außer maklattaa, pomiloittaa und pajattaa - ebenfalls auf russ. Verben der ^-Konjugation zurück. Aus dem Wortmaterial ist nicht ersichtlich, aus welchen Gründen die eine oder andere fi. Infinitivendung verwendet worden ist. Weder

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die Semantik der Wörter noch die russ. Akzentverhältnisse schei­ nen dabei eine Rolle gespielt zu haben, wie die Wortpaare maania : maanita und raaskia : raskita zeigen. Vom russ. Infinitiv ist offensichtlich fi. pajattaa ausgegangen, denn das Paradigma von bájatь enthält kein a vor der Endung (baju. baešь). - 4. -/da, -/n: pomiloida. Das Wort geht auf den russ. Imperativ Sg. (pomiluj) zuruck. - 5. -u/a, -u/n: ?nuutua. Das als denominal angesehene ?nuutua ist mit Hilfe des "reflexiv-translativen und passivischen" Verbalbildungsinfixes -u- deriviert worden, das besonders bei intransi­ tiven, Naturerscheinungen bezeichnenden Verben auftritt (Hakulinen 1968.259). 6.2.5. Adjektive Im Fi., wo zwischen Substantiven und Adjektiven formal nicht un­ terschieden wird, bestand keine Notwendigkeit, die entlehnten Ad­ jektive durch besondere Suffixe als solche zu kennzeichnen. Ihr Auslaut wurde ebenso behandelt wie der der Substantive (5.3-). Die russ. Adjektivendungen sind im Fi. nur teilweise wiederzuer­ kennen. Die Langform des Adjektivs wird von prostoi und renska (im Fi. Subst.), mogl. auch von siisti, vesseli und tisuri (im Fi. Subst.) widergespiegelt. Kalima 1956.61 setzt die Langform als Entlehnungsbasis auch bei utala voraus, weil dieses Wort kei­ ne Kurzform hat. Hier erscheint es vom logisch-semantischen so­ wie vom lautlichen Standpunkt aus einleuchtender, ebenso wie bei metka, potra und topra als Ausgangspunkt der Entlehnung das russ. Adverb auf —o anzunehmen. Fi. pohatta dürfte dagegen aus der russ. Fradikativform bpgat zu erklären sein. Zu vapaa < svobodъ s. Verz. Eine Aufzahlung der übrigen entlehnten Adjektive bzw. Adj. und Subst. s. unter 6 .1. Sie werden hier nicht nochmals erwähnt, da sie aus russ. Substantiven entlehnt worden sind. 6.2.h. Adverbien Insgesamt sind nur zwei Adverbien entlehnt worden, die auch im

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Fi. ausschließlich adverbial gebraucht werden: sassiin und sivaan. In beiden Fallen sind die Wörter nach dem Muster solcher fi. Ad­ verbien wie turhaan, tarkkaan usw. durch ein Illativformans als Adverbien charakterisiert worden. Während bei sivaan von einer Grundform *siva- auszugehen ist, durfte die Endung -iin in sassiin ähnlich zustandegekommen sein wie in den aus dem Schwed. entlehn­ ten Adverbien vissiin (Adj. vissi < viss) , alvariin (Adj. alvari < schwed. allvar) u.a. Zur adverbialen Funktion des Illativs von Adjektiven und Substantiven im Fi. s. Jännes 1890.56. Einige russ. Adverbien werden im Fi. als Adjektive (s. 6.1.), ein weiteres als Subst. verwendet (smirnaa), doch hat sich aus dem Wechsel der Wortklasse keine morphologische Besonderheit ergeben. 6.2.5. Behandlung der russischen Präfixe Gewöhnlich wurden die Präfixe als Wortbestandteile aufgefaßt und ins Fi. übernommen. Dabei sind anlautende Konsonantenhäufungen zuweilen lautgesetzmäßig durch Eliminierung des ersten Konsonanten beseitigt worden (vg. 5.2.1.). In den Lehnwörtern treten folgende Präfixe auf: pp- (pogromi. pogosta, pohrnelo, pomo(sniekka), porukka, posadnikka, possakka, potuusit; pomiloida), za- (saappani, sakuska, sapiska, saverikko, savotta). pri- (briha/priha, prikaasi. prissakka; riusa), s- (smirnaa, sputnik; kasku, viitta /Nullentsprechung/), roz-/ros-, dial. zu ssp. raz-/ras- (rosolli, rospuutto, rosvo ) , u- (ukaasi, urakka, utala), ob- (aprakka, opotta), iz- (isvosikka), na- (nassakka), ot- (otva), pere- (perevaara), pod- (patvaska) und pro- (rokuli). In einigen Fällen sind unbetonte Präfixe ohne Entsprechung geblie­ ben (vgl. dazu Cannelin Vir. 1897.85): hatka < otstävka, vossikka (neben isvosikka) < izvózčik, sultsina < posúlьščina und wohl auch rinkka, rintka (neben narinkka) < na rýnke, falls die kürzeren Va­ rianten nicht auf einem anderen Kasus obliquus fußen. Fast alle Präfixe treten in Verbindung mit Nomina auf; unter den Beispielen ist nur ein Verb (pomiloida). Bei manchen Verben, z.B. Tmiettia und ravita, läßt sich nicht feststellen, ob sie auf das nichtpräfigierte Verb zurückgehen, oder ob das Präfix s_- zur Er­ leichterung der Aussprache eliminiert worden ist.

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6.2.6. Behandlung russischer Kasus obliqui Wie bereits unter 5.3. erwähnt, gehen nicht alle entlehnten Sub­ stantive auf den russ. Nom.Sg. zurück. Einige Male sind flektier­ te Formen übernommen und als Nominative ins Fi. integriert wor­ den. Ihre Anzahl ist jedoch im Vergleich zur Gesamtzahl der ent­ lehnten Nomina gering. Die betreffenden Wörter lassen fünf verschiedene Ausgangssituatio­ nen erkennen. Entlehnungsbasis konnte sein: - l. ein Nom./Akk.Pl., dessen Endung im Fi. teils lautentsprechungsgemaß mit ausl. -i wiedergegeben, teils durch das fi. Pl.-Suffix -t ersetzt wurde: blinii, kutri, paperossi, reteli_, saanl, skoptsi, streltsi, sintsi^ gegenüber kaatiot, litkat, retelit, roskat (Nr. 16), rotinat. Beide Möglichkeiten sind in potuusit vereint. - 2. ein nicht genau zu bestimmender obliquer Kasus, an den im Fi. ein Auslautvokal (a oder i) angefügt wurde (zu erkennen nur bei Substantiven mit flüchtigem o/e): pakra (vgl. dagegen das ebenfalls aus russ. bagór, Gen. bagra entlehnte fi. dial. pokora), satka, säpsä, tankki. - 3. ein genau zu bestimmender Kasus obliquus: Vokativ (hospodi), Präpositiv (narinkka), Instrumental (pikommi). Gen.Sg. (rupla, evtl, puuta). - 4. alternativ entweder Gen.Part, oder Lok.Sg. auf -u einsilbiger russischer Maskulina, die im Fi. diese Endung beibehalten haben. Welcher von beiden Kasus jeweils vorliegt, kann nur aufgrund der Bedeutung vermutet werden. Auf den Gen.Part, weisen wahrscheinlich pirtu, rotu, sulkku, tolkku und tuuhku, auf den Lok.Sg. hotu und räätjr (unklar bei laatu, vgl. 5.1.1.3.). - 5. der Akk.Sg. russischer a-Stämme, wie aus dem ausl. fi. -u solcher Substantive zu schließen ist: ?kalsu, kasku, murju, plat­ formu, raamattu, virsu. 6.2.7. Interpretation russischer Wortformen als fi. Kasus obliqui Einige Wörter treten - im Vergleich zu dem russ. Original - stark verkürzt auf. Eine den Lautentsprechungen gemäße Umsetzung dieser Substantive hätte im Fi. Lautbilder ergeben, die formal mit fi. Kasus recti übereingestimmt hätten. Deshalb wurden aus diesen "Ka-

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sus obliqui" im Fi. "Kasus recti" rekonstruiert. Zuweilen existie­ ren volle und verkürzte Formen nebeneinander oder sind zumindest in der Literatur belegt. Abstrahiert wurden aus lautlichen Ent­ sprechungen - l. zum Inessiv (Endung -ssa. dial. -sa): briha/priha (belegt auch prikosa) < přilož— ; toveri (belegt auch towarissa) < továrišč; - 2. zum Essiv (Endung -na): massi (belegt auch massina) < *mošьna oder mošna; - 3- zum Nom.Pl. (Endung -t.): otva/otvo < otvód; - A. zum Gen. oder Essiv (Endung -n resp. -na): kauhta (Hauptform kauhtana) < kaftan; pajari < bojarin; torakka (vgl. ol. torokoanu) < torokán. Der eine oder andere Kasus ist vorauszusetzen, je nach­ dem, ob man direkt vom russ. Original auf -n oder von der zu po­ stulierenden fi. Entsprechung mit Auslaut-a (kauhtana, *pajarina, *torakkana) ausgeht. Bei der Entstehung von fi. kosto < russ. kostoKan) haben wahr­ scheinlich Assoziationen zum kar. Pl.-suffix lo-/lo- eine Bolle ge­ spielt, s. Kalima 1956.78. 6.2.8. Russische Wortverbindungen als finnische Simplicia Bei dieser Art der Entlehnung wurden aus der lehngebenden Sprache Syntagmen aus zwei und mehr Komponenten in nicht analysierter Form übernommen und als Simplicia integriert. Beispiele aus anderen Sprachen führt Weinreich 1968.47 an. Unter dem russ. LehnwortSchatz der fi. Schriftsprache finden sich drei derartige Beispiele: narinkka < na rynke, soromnoo < vśo rovnó. trastukamraati < zdrávstvuj kamrád. Drei weitere sind aus ostfi. Dialekten aufge­ zeichnet worden: kakkunassi 'russischer Tanz' < Kak u našich (u vorót) (= Beginn eines Tanzliedes; Worterbuchstiftung), nasipratti 'Busse, Kamerad' < naš brat (Lönnrot 1867:2.8), natsaiju 'Trink­ geld' < na čaj (Karvinen 1910.117); vgl. ung. vigéc 'Handlungsrei­ sender, Agent' < dt. wie geht's? (Kobilarov-Gotze 1972.46A). 6.2.9. Suffixentlehnung Aus dem Russischen ist nur ein einziges Suffix Übernommen worden:

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-niekka < russ. dial. -nek (= ssp. -nik). Es ist im Fi. produk­ tiv und bildet l. deklinable und indeklinable Adjektiva posses­ sionis und 2. solche Personen bezeichnende Substantive, die auf dem vom ersten Teil des Wortes genannten Gebiet tätig oder kom­ petent sind. Die Verwendung als Adjektivderivans ist eine fin­ nische Neuerung und dem Russ. unbekannt. Als Nominalsuffix bil­ det -nik im Russ. Substantive, die Personen männlichen Geschlechts bezeichnen, allerdings mit größerer semantischer Palette (vgl. Poticha 1970.175f.) als die im Fi. mit -niekka gebildeten. Diese wiederum können (anders als die russ. -nik-Wörter) auch weiblische Personen bezeichnen. Zur Lautwiedergabe in niekka s. Verz. Nr. 117. Russ. -ka, das häufigste der an den Lehnwörtern auftretenden Suf­ fixe, ist von den Finnen offenbar als solches erkannt und in einem Fall an ein entlehntes Wort angefügt worden, wo es in der Ausgangs­ sprache nicht vorhanden war: pertuska (< bèrdýš). Es ist jedoch im Fi. nicht produktiv und kann nicht als Lehnsuffix betrachtet werden. 6.2.10. Ableitungsproduktivitat Von den 352 Stichwörtern bilden 89 (= 25,2 %) Ableitungen, 30 Wör­ ter (= 8,5 %) allerdings nur eine. Ein deutlicher Zusammenhang be­ steht zwischen Ableitungsproduktivitat und Entlehnungsalter: Die produktivsten Wörter mit 10 und mehr Ableitungen (10 Beispiele = 2,8 %) gehören sämtlich der älteren Lehnwortschicht an. Es sind leima (12 Abi.), luokki (18), ?miettiä (11), muokka (11), määrä (21), raja (19), risti (24), tuska (12), täsmä- (16) und vapaa (13). 6.2.11. Volksetymologie Einige Lehnwörter sind im Volksmund in Anlehnung an geläufige ein­ heimische Begriffe umgestaltet worden: kohmelo (neben pohmelo) aus russ. pnchmélьe und fi. kohme 'Steifheit, Starrheit', ritilä wahr­ scheinlich aus russ. redeli und fi. ripiläs 'Leiter, Gitter, auf das Heu gepackt wird1, rosmo, rosmu (neben rosvo) aus russ. rozbój und fi. rohmu 'Hamsterer', rospuutto aus russ. dial. rospúta, rospútьe rospútica und fi. puutos, puute 'Mangel'.

7. Semantik Uber die Hälfte der Lehnwörter hat ihre ursprüngliche Bedeutung unverändert beibehalten. Die übrigen lassen sich, ihrer semanti­ schen Entwicklung nach, in die drei Gruppen Bedeutungsverengung, -erweiterung und -Verschiebung einteilen. Auf Angabe der Bed. bei den Beispielen unter 7.1.1. und 7*2.1. wird verzichtet, da sich bei diesen Wörtern die Bedeutungen nur quantitativ geändert haben. 7.1. Bedeutungsverengung 7.1.1. Wörter, die nur einen Teil der im Russ. bekannten Bedeutun­ gen bewahrt haben: kaatiot, kiipeli, kolpakko. laappa, laatu, ma­ niska. murju, nuusa, pakana, petla, pilkki. pirkka, pirssi, plat­ formu, pogromi, possakka, pulkka, pumaaka, putka, rotu, sarkka, ?seuna, subrovka. topra, trastukamraati. tulkka, tuuhku, tuuma, vari, ?vitsa, volna, voro, vuitti, värttinä. 7.1.2. Bedeutungsspezialisierung: kalsu 1strumpfartige Frauenga­ masche'