Die Mayaforschung: Geschichte, Methoden, Ergebnisse 9783964562289

Un estudio fundamentado sobre el desarrollo de la investigación sobre los Maya, los distintos ramos de la investigación

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Die Mayaforschung: Geschichte, Methoden, Ergebnisse
 9783964562289

Table of contents :
Inhalt
Einführung
Erster Teil: Die Entwicklung der Mayaforschung
Zweiter Teil: Die Zweige der Mayaforschung
Dritter Teil: Theoretische Ansätze
Vierter Teil: Ergebnisse
English Summary
Anhang

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Westphal Die Mayaforschung

Editionen der Iberoamericana Reihe III Monographien und Aufsätze Herausgegeben von Walther L. Bernecker, Frauke Gewecke, Jürgen M. Meisel, Klaus Meyer-Minnemann Band 37

Wilfried Westphal

Die Mayaforschung Geschichte, Methoden, Ergebnisse

Vervuert Verlag • Frankfurt am Main 1991

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Westphal, Wilfried: Die Mayaforschung : Geschichte, Methoden, Ergebnisse / Wilfried Westphal (Editionen der Iberoamericana: Reihe 3, Monographien und Aufsätze ; Bd. 37) ISBN 3-89354-837-8 NE: Editionen der Iberoamericana / 03 © Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1991 Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany

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»One of the charms of Maya research is the rewarding continuity from pagan past to ambivalent present.« J. Eric S. Thompson

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Inhalt Einführung Zum Thema Zur Arbeit

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Erster Teil: Die Entwicklung der Mayaforschung 1. Autochthone Quellen 2. Die Spanier 3. Die Wiederentdeckung der Mayas 4. Eine neue Wissenschaft 5. Das Carnegie-Institut und die mexikanische Tradition 6. Die Diversifizierung der Mayaforschung

19 20 26 34 43 52 64

Zweiter Teil: Die Zweige der Mayaforschung 1. Archäologie 2. Paläographie 3. Ethnohistorie 4. Philologie 5. Physische Anthropologie 6. Ethnologie

77 81 97 110 125 139 148

Dritter Teil: Theoretische Ansätze 1. Die Diffusionstheorie 2. Der integrale Ansatz 3. Das Genetische Modell 4. Prozesse und Strukturen 5. Der Indigenismus 6. Die Dependenztheorie

167 169 177 184 192 207 214

Vierter Teil: Ergebnisse 1. Die Mayas 1.1. Geschichte 1.2. Kultur 2. Die Mayaforschung 2.1. Bewertung 2.2. Aufgaben für die Zukunft

221 221 221 235 240 240 246

English Summary

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Anhang Bibliographie Karten Archäologische Fundstätten im Mayagebiet Das heutige Siedlungsgebiet der Mayas Diagramme Der Aufbau der Mayaforschung Chronologische Zuordnung der Teilbereiche der Mayaforschung Synopse Personen- und Sachregister

257 257 282 282 283 284 284 285 286 301

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Einführung

Zum Thema Die Mayas, deren Erforschung das Thema dieser Arbeit ist, sind ein Volk indianischer Bauern, die noch heute in Mittelamerika leben. Sie sind Erben einer Kultur, die zu den großen Leistungen der Menschheit gehört. Dies wird unter anderem dadurch dokumentiert, daß die Hinterlassenschaften dieses Volkes, wie sie sich in den Ruinen von Tikal und Copän manifestieren, offiziell von der UNESCO als »Kulturerbe der Menschheit« anerkannt werden, das eine besondere Fürsorge verdient. Damit ist nicht nur etwas über die Mayas als kulturschaffendes Volk gesagt, sondern zugleich auch über den Wert der wissenschaftlichen Forschung, die sich ihnen widmet. Sie verdient es, an die Seite der Ägyptologie oder anderer klassischer Wissenschaftszweige gestellt zu werden, die die Erforschung der Antike zum Gegenstand haben. Sie ist jedoch im Gegensatz zu diesen keine rein archäologische oder kulturhistorische Wissenschaft, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Von ihrer Konzeption her, zumindest, wenn man den Forschungsgegenstand von all seinen Erscheinungsformen her berücksichtigt, ist die Mayaforschung eine umfassende, integrierende Wissenschaft, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart in ihre Untersuchungen mit einbezieht. In dieser Vielschichtigkeit des Forschungsgegenstandes liegt eine besondere Schwierigkeit und zugleich auch die Rechtfertigung für diese Arbeit. Seit den Anfängen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Mayas, also im Verlaufe von über hundert Jahren, hat sich die Wissenschaft, die sich diesem Volk widmet, so weit ausgeweitet, daß es heute einem einzelnen kaum mehr möglich ist, die vielfaltigen Zweige der Mayaforschung noch in ihrer Gesamtheit zu überschauen. Man ist entweder Archäologe, Epigraphiker, Ethnohistoriker oder Ethnologe. Und selbst hier, in einem einzelnen Zweig, ist es oft schwierig, auf dem Laufenden zu bleiben, ist das Feld der Mayaforschung - nicht anders als die Ägytologie - doch über eine Vielzahl von Forschungsinstituten verstreut, die praktisch den ganzen Erdball umspannen. Sind die Amerikaner auch führend in der Disziplin, in praktisch all ihren Zweigen, so reicht es dennoch nicht aus, nur die amerikanischen Veröffentlichungen zu berücksichtigen, was allein schon einen beträchtlichen Arbeitsaufwand voraussetzt. Man muß auch wissen, was andernorts erforscht und geschrieben wird. Etwa in Mexiko oder Spanien; aber auch in der Sowjetunion, welch letzteres nicht nur im Hinblick auf so traditionelle Zweige wie die Codicologie bedeutsam ist, sondern auch hinsichtlich so gravierender Fragen wie der gesellschaftlichen Stellung und politischen Bedeutung der heutigen Mayas. Es liegt auf der Hand, daß die Amerikaner

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diese Problematik unter einem anderen Gesichtspunkt sehen (wenn sie sie überhaupt sehen) als die Russen. Womit lediglich gesagt werden soll, daß auch die Mayaforschung wie jede andere Wissenschaft frei von ideologischen Zwängen sein sollte, das heißt, da man stets von gewissen Prämissen ausgeht, dies nur statthaft ist, wenn man auch die Gegenseite zu Wort kommen läßt. Bislang ist dies nicht geschehen, was sicher nicht ohne Auswirkungen auf die leidvollen Erfahrungen der Mayas in den letzten Jahren gewesen ist. Aber dies ist eine These, die es an anderer Stelle genauer zu untersuchen gilt. Die Mayas haben eine lange Geschichte hinter sich. Wann sie zum ersten Mal mit vollem Recht als Mayas zu bezeichnen gewesen wären, ist ungewiß. Mit Sicherheit reichen die Anfänge ihrer Tradition, sowohl was den archäologischen als auch den linguistischen Befund betrifft, in das dritte Jahrtausend v. Chr. zurück. Zu dieser Zeit siedelten sie bereits in jenem Gebiet, das auch heute noch ihre Heimat ist. Es handelt sich dabei im wesentlichen um die Halbinsel Yukatan und die angrenzenden Bergländer im Süden. Zu dieser geographischen Dichotomie, die noch durch einen schmalen Küstenstreifen am Pazifik sowie durch das Mündungsgebiet des Usumacinta am Golf von Campeche und die Flußtäler des Motagua und Ulúa am Golf von Honduras ergänzt wird, kommt heute eine politische Zersplitterung des Mayagebietes. Der nördliche und mittlere Teil Yukatans gehört zu Mexiko, ebenso wie der westliche beziehungsweise nördliche Ausläufer des Hochlandes, den der mexikanische Bundesstaat Chiapas einnimmt. Die Republik Guatemala umfaßt den Kern des Mayagebietes: im Norden, dem sogenannten Petén, der heute ein unwegsames Dschungel- und Savannengebiet ist, lag einst das Zentrum der klassischen Mayakultur; im Süden, der den mittleren Teil des Hochlandes (und einen wesentlichen Teil des Küstenabschnitts am Pazifik) einnimmt, lagen die Anfange wie auch in der Spätzeit ausgeprägte Lokaltraditionen der Mayakultur. Das Hochland in Guatemala ist noch heute das eigentliche Siedlungszentrum der Mayas. Im Osten, einen Teil der yukatekischen Halbinsel bildend, schließt sich Belize an, die einstige Kolonie Britisch-Honduras, sowie auf dem eigentlichen Isthmus, an Guatemala grenzend, Honduras und El Salvador, die jeweils jedoch nur mit einem westlichen Abschnitt zum Mayagebiet gehörten. Sowohl in Belize als auch in Honduras und El Salvador ist der Anteil der Mayas an der Gesamtbevölkerung auf einen verschwindend kleinen Rest zusammengeschrumpft, während die Mayas nicht nur in Guatemala, sondern auch in Mexiko noch einen beachtlichen Bevölkerungsanteil ausmachen. Man schätzt die Gesamtzahl der Mayas heute auf 5 bis 6 Millionen (vgl. dazu Early 1983; Mayer u. Masferrer 1979; Scheffler 1986: 165ff.), wovon etwa Dreiviertel auf Guatemala entfallen. In Guatemala bilden die Mayas rund 50 % der Bevölkerung, was eher eine konservative Schätzung ist. In jedem Fall sind sie ein bedeutender Bevölkerungsfaktor, was nicht unwesentlich für die Ausrichtung eines Wissenschaftszweiges ist, der sich ihrer

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beziehungsweise der Zeugen ihrer Kultur angenommen hat. Dennoch hält sich mit geradezu ritueller Beharrlichkeit eine Zahl, die schon vor zwanzig Jahren im Schwange (und veraltet) war: zwei Millionen (vgl. Vogt 1969a: 21; Hammond 1982: 4). Während Vogt, der immerhin Ethnologe ist, zwar zugibt, sich auf veraltetes Material zu stützen, sich aber nicht die Mühe macht, es zu aktualisieren, scheint Hammond aus der Sicht des Archäologen noch nicht einmal einen Gedanken an die heutigen Mayas verschwendet zu haben. Sonst würde er sie nicht auf weniger als die Hälfte ihrer wahren Zahl degradieren. Wir erwähnen dies als ein nicht unwesentliches Beispiel dafür, daß erstens die Mayaforschung so sehr spezialisiert ist, daß man nicht mehr über die Grenzen des eigenen Arbeitsbereiches schaut, und daß zweitens die Relevanz dieser Wissenschaft in Bezug auf die heutigen Mayas und ihre Existenzprobleme nicht oder doch nur recht oberflächlich gesehen wird. Dies ist nicht nur ein Versäumnis, sondern auch ein Handikap: in dem Sinne, daß es einmal die Nützlichkeit der Mayaforschung im Hinblick auf diejenigen, denen sie ihren Namen verdankt, in Frage stellt, und zum anderen, daß es auch die Entwicklung der Wissenschaft hemmt, die inzwischen an einem Punkt angelangt ist, wo ihr Forschungsgegenstand in zu kleine Einzelteile auseinanderzufallen droht, was eine sinngebende, auf die Gesamtheit einer Kultur oder eines Volkes bezogene Interpretation erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht. Hier muß im Interesse der Wissenschaft wie auch ihrer Wirkung ein Konszientisierungsprozeß einsetzen, an dessen Anfang eine Bestandsaufnahme steht, damit man sich ein objektives Bild machen kann, was bisher erreicht worden ist und welche Wege es in der Zukunft einzuschlagen gilt. Darin liegt die eigentliche Aufgabe dieser Arbeit: es gilt, Bilanz zu ziehen und zugleich neue Wege aufzuzeigen, die geeignet sind, das Mißverhältnis, das offensichtlich ist, zwischen vergangenheitsgerichteter und gegenwartsbezogener Forschung auszugleichen. Die Mayaforschung ist von Anfang an eine Wissenschaft gewesen, in der die Erforschung der Vergangenheit im Vordergrund stand. Die Archäologie im weitesten Sinne ist auch heute noch tonangebend. Dagegen spielt die Soziologie, die durchaus ein legitimes Arbeitsfeld der Mayaforschung ist, setzt sie sich doch mit gesellschaftlichen Phänomenen im Rahmen eines Nationalstaates auseinander, eine untergeordnete Rolle. Dazwischen liegt die Ethnohistorie, die die Geschichte der Mayas seit der Conquista behandelt, und die Ethnologie, die sich der rezenten Kultur der Mayas, soweit sie eine eigenständige Tradition bildet, widmet. Archäologie, Ethnohistorie und Ethnologie/Soziologie, das sind die drei Hauptsäulen der Mayaforschung. Damit ist dieser Wissenschaftszweig sowohl in den Kultur- beziehungsweise Geisteswissenschaften als auch in den Gesellschaftswissenschaften anzusiedeln. Woraus eine jeweils unterschiedliche Untersuchungsmethodik erwächst, die im einen Falle den mehr traditionellen Verfahren der Geschichte und Völkerkunde verhaftet ist, während sie im andern der empirischen Sozialforschung

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zuzuordnen ist. Hier, in der Vielfalt spezialisierter Untersuchungsmethoden, liegt die eigentliche Erklärung für die Aufspaltung der Mayaforschung, zu der sich freilich noch die Vielzahl der in den einzelnen Teildisziplinen akkumulierten Erkenntnisse gesellt. Dennoch, wiewohl niemand in der Lage ist, alle Zweige der Mayaforschung im gleichen Maße betreiben zu können, bedeutet dies nicht, daß man nicht bemüht sein sollte, einen integrierenden, kohärenten Ansatz zu verfolgen, was eine entsprechende Koordinierung der Einzeldisziplinen voraussetzt. Dies kann beziehungsweise könnte im Rahmen von speziellen Forschungseinrichtungen geschehen, die sich nicht nur schwerpunktmäßig bis ausschließlich den Mayas widmen, sondern auch alle Aspekte ihrer Kultur und gesellschaftlichen Entwicklung mit Hilfe der jeweiligen Einzeldisziplinen in einem ausgewogenen Maße angehen. Die Arbeit des Carnegie-Instituts, das einen solchen Ansatz pflegte, wäre ein konkretes Beispiel, von dessen Mängeln, aber auch Vorzügen man lernen könnte. Ahnlich ist das Centro de Estudios Mayas an der Nationaluniversität in Mexiko ausgerichtet, obwohl die Mittel, die diesem Institut zur Verfügung stehen, bei weitem nicht ausreichen, um auch nur annähernd einen solchen Akzent zu setzen, wie es seinerzeit das Carnegie-Institut in Washington tat. Eine andere Möglichkeit, zu einer gleichgewichteteren und koordinierten Mayaforschung zu gelangen, liegt in einer engeren Zusammenarbeit der einzelnen Forscher, Teildisziplinen und Institute. Dies ist ein weitaus schwierigeres Unterfangen, was allein schon durch die sprachlichen Barrieren bedingt ist. Wobei gar nicht einmal nur an die sowjetischen Forscher gedacht sei, deren Ergebnisse, wenn überhaupt, erst mit großer Verzögerung in Übersetzungen zugänglich sind (was auch für den umgekehrten Weg gilt). Die amerikanische Forschung, die in der Mayaforschung dominiert, geht unbekümmert über alle Forschungsergebnisse hinweg, die nicht in Englisch publiziert sind. Das trifft besonders für deutsche und französische Publikationen zu, während das Spanische, an dem man - allein schon durch den Forschungsaufenthalt - nicht gänzlich vorbei kann, gerade noch eben berücksichtigt wird. Aus all dem ergibt sich ein ziemlich chaotisches Bild der Mayaforschung. Niemand weiß so recht, was der andere treibt. Sei es, weil er in einer Nachbardisziplin tätig ist, sei es, weil er zwar im gleichen Zweig arbeitet, aber dies in einer Sprache tut, die man nicht versteht. So mag man zwar Ergebnisse in einem begrenzten Spezialgebiet erzielen (wiewohl die Unkenntnis, was ein anderer auf dem gleichen Gebiet treibt, der Arbeit nicht förderlich ist), bringt aber die Sache insgesamt nicht weiter. Um mit Tozzer (1934: 19) zu reden, der schon vor fünfzig Jahren schrieb: »The Vision must be large. A glimpse at one's own field is not enough to produce a coalescence of the various aspects of the problem of the Maya civilization.« Oder um J. Eric S. Thompson (1972: XX) zu zitieren, der es mit charakteristischer Ironie auf die Kurzformel brachte: »We can not permit archaeology, like some nineteenth Century prima donna at a recital, to be the sole performer.«

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Die Geschichte der Mayas, wir erwähnten es schon, umfaßt zwischen vier- und fünftausend Jahre. Davon entfällt zwar der weitaus größte Teil auf die vorspanische Zeit, so daß es gerechtfertigt erscheint, der Archäologie (und den anderen Disziplinen, die sich auf die Vergangenheit beziehen) den Vorzug zu geben. Doch erhebt sich die Frage, an der auch ein Wissenschaftler nicht vorbeigehen kann, welchen Bezug hat seine Forschung für die Gegenwart, für die Gesellschaft hier und heute. Man braucht es nicht so extrem formulieren, wie es einmal ein chinesischer Anthropologe tat, der, vom Geiste Maos inspiriert, verkündete: »The problems I wanted to solve, the questions I wanted to answer were not those that the peasants wanted solved and answered.« (Fei Hsiao-t'ung 1973: 481) Aber wenn man weiß, mit welchen Problemen die Mayas heute konfrontiert sind, stellt sich sehr wohl die Frage, inwieweit es nicht doch berechtigt ist, in der Mayaforschung einen neuen Akzent zu setzen. Wie es in einem kürzlichen Bericht heißt, den die amerikanische Anthropologin Susanne Jonas (1987) veröffentlichte: »From 1978 to 1985 alone, the human cost of the Guatemalan security forces' scorched-earth war included the buming of more than 440 villages and the killing or 'disappearing' of 150 000 civilians by some estimates, leading to international charges of genocide against its Indians, and making Guatemala among the worst human rights violators in the hemisphere.« Die koloniale Unterwerfung der Mayas hat »nur« 500 Jahre gedauert, was etwa einem Zehntel ihrer gesamten Geschichte entspricht: aber läßt sich daraus die Berechtigung ableiten, die sicher nicht bewußt, sondern unreflektiert geschieht, daß man auch mit einem entsprechend geringen Forschungsaufwand diese Periode berücksichtigt? Ein Blick auf die Naturwissenschaften (aber auch die Soziologie im weiteren Sinne) mag das Dilemma verdeutlichen: dort, wie beispielsweise in der Medizin (oder etwa der Betriebssoziologie), ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die Forschung sich an gesellschaftlichen Problemen orientiert, ja, darin ihre eigentliche Legitimation sieht. Eine solche Forderung auf die Mayaforschung anzuwenden, wäre sicher eine Verzerrung ihrer Aufgaben und Möglichkeiten. Doch ihr gänzlich aus dem Wege zu gehen, wie es bisher geschehen ist, rückt die Mayaforschung auf bedenkliche Weise in die Nähe einer esoterischen Wissenschaft, die nur sich selbst, aber niemand anderem verpflichtet ist. Sie mag dann zwar erklären können, wie es zur Entstehung der Mayakultur gekommen ist und was das Wesen dieser Kultur ausmachte. Damit mag sie einen bedeutsamen Beitrag zur Erklärung universaler Gesetzmäßigkeiten, die der Bildung einer Kultur zugrunde liegen, leisten. Doch am Niedergang der Mayas, der bis heute andauert, ändert das nichts. Er wird weder aufgehalten, wozu eine wissenschaftliche Analyse und daraus ableitbare, praktische Vorgaben die nötige Basis liefern könnten, noch auch nur erklärt. Man hat nur einen Teil der Geschichte und gesellschaftlichen Entwicklung der Mayas im Auge, und damit begnügt man sich. Dies aber kann nicht das Ziel einer konsequenten, umfassenden Mayaforschung sein. Zumindest dann nicht, wenn sie nicht nur Kultur als abstrakten, von ihren Trägem los-

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gelösten Gegenstand ihrer Untersuchung betrachtet, sondern auch diese, die Gesellschaft, als einen gleichwertigen Forschungsinhalt anerkennt. Dies ist in der allgemeinen Völkerkunde beziehungsweise der Anthropologie (im amerikanischen Sinne), als deren regionalspezifischer Teilbereich die Mayaforschung anzusehen ist, so, und es ist nicht einzusehen, warum das nicht auch in der Mayaforschung so sein sollte. Zur Arbeit Aus dem Gesagten ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, einmal nicht die Mayas, sondern die Wissenschaft, die sich ihrer annimmt, zu untersuchen. Das ist zwar auch schon in der Vergangenheit geschehen, doch liegen die entsprechenden Untersuchungen bereits einige Zeit zurück und weisen im übrigen die gleiche Unausgewogenheit auf wie das Fach selbst. Nach einer ersten, eher bibliophilen Arbeit, die bereits Ende des vorigen Jahrhunderts erschien (Haebler 1895), kam es in den dreißiger Jahren zu einer ersten systematischen Bestandsaufnahme. Alfred Marston Tozzer (1934), der sich sowohl als Archäologe als auch als Linguist und Ethnologe im Mayagebiet betätigt hatte, gab einen ersten allgemeinen Überblick über einen Forschungszweig, der erst noch um seine Anerkennung ringen mußte. Bezeichnenderweise stellte er mehr Fragen, als er Antworten geben konnte: die Mayaforschung stand noch in jener Phase, wo sie erst einmal Material sammelte, ehe sie darangehen konnte, es zu interpretieren. Immerhin erkannte er auch schon damals die Notwendigkeit, über eine gebotene Spezialisierung hinaus nicht den Blick auf das Ganze zu verlieren. Wenig später erschien von deutscher Seite ein Pendant zu der Arbeit von Tozzer. Paul Schellhas (1938), ein Schüler Förstemanns, des Altmeisters der deutschen Mayaforschung, legte den Akzent seiner Arbeit auf die Hieroglyphenforschung, die seit Förstemann ein Schwerpunkt der deutschen Mayaforschung geblieben war. Sein Ausblick ist eher pessimistisch, glaubte er doch nicht, daß es jemals gelingen würde, einen ähnlichen Durchbruch in der Entzifferung der Mayaschrift zu erzielen, wie es einst Champollion gelungen war. Deutlicher noch bei Schellhas als bei Tozzer, der immerhin einen kurzen, gesonderten Abschnitt der ethnologischen Forschung widmet, ist die völlige Mißachtung der Notwendigkeit einer auf die rezenten Mayas gerichteten Forschung. Dies kommt besonders am Ende der Arbeit von Schellhas zum Ausdruck, wo er einen Ausblick auf die Zukunft gibt. Er schreibt (ebd.: 388f.): »Alles in allem ist der Ausblick in die Zukunft der Mayaforschung trotz der bedauerlichen Enttäuschung, die sie in dem einen wichtigen Punkt [der Hieroglyphenforschung] gebracht hat, und trotz der großen Schwierigkeiten mancher ihrer Probleme keineswegs entmutigend. Viele Fragen, die noch umstritten sind, werden zu lösen sein und harren ihrer Lösung. Vor allem das wichtige Problem der Korrelation der Zeitrechnungen. Ferner die Frage, welche Bedeutung die alten 'prähistorischen' Daten der Maya (13.0.0.0.0. in Mayaziffem = 3 373 vor Chr. als Anfang ihrer Zeitrechnung, und das mysteriöse, theoretisch angenommene Da-

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tum 0.0.0.0.0. = 8 498 vor Chr., als berechneter angeblich wahrer Anfang dieser Zeitrechnung, nach Spindenscher Korrelation) haben, Daten 'prähistorischer' Art, von denen auch einige auf den Tempelreliefs von Palenque erscheinen. Ferner ist die Weitererforschung der Hieroglyphenzeichen und ihrer Bedeutung zu betreiben, um den Sinn der langen Zeichenreihen in Handschriften und Inschriften zu erklären, eines der wichtigsten Probleme zum Verständnis der gesamten Handschriften und Inschriften, ein weites Feld der Betätigimg. Ich hoffe, daß alle diese Probleme in Zukunft gelöst werden, denn ich bin ein Optimist, und jeder Forscher auf einem ganz oder teilweise unerforschten Gebiet muß ein Optimist sein.« Obwohl er sich hier in gewisser Weise widerspricht, denn er sagt an anderer Stelle ganz deutlich, daß er nicht an eine Entzifferung der Mayahieroglyphen glaubt, da sie gar keine eigentlichen Schriftzeichen seien, denen eine gesprochene Sprache zugrunde liegt, sollte sich sein Optimismus dennoch, wie die weitere Mayaforschung gezeigt hat, als berechtigt erweisen. Dies aber war nicht eigentlich der Grund, weshalb wir Schellhas zitierten. Bei ihm kommt zum Ausdruck, was bis heute ein vorherrschendes Merkmal der Mayaforschung geblieben ist: eine völlige oder doch weitgehende Mißachtung der Belange der heutigen Mayas! Das ist auch bei einer weiteren Arbeit nicht anders, obwohl sie die bislang einzige Arbeit über die Mayaforschung geblieben ist, die einen umfassenden, detaillierten Ansatz anstrebt. Sie stammt gleichfalls aus der Feder eines Deutschen (Termer 1952), dessen Beschäftigung mit den Mayas jedoch weiter gefächert war als bei Schellhas, so daß seine Arbeit weniger die fachliche Spezialisierung eines einzelnen widerspiegelt als vielmehr die Begrenzung des Faches insgesamt: von insgesamt 59 Seiten, die den einzelnen Teilbereichen der Mayaforschung gewidmet sind, entfallen vier Seiten auf die Geographie des Mayagebietes, fünf Seiten auf den Komplex »Sprachforschung, Anthropologie und Stammeskunde«, 47 Seiten auf die archäologische Forschung und drei Seiten auf die Ethnographie. Eine Karte, die dem Werk beigegeben ist, behandelt wiederum ausschließlich die Archäologie. Seit der Arbeit von Termer ist kein weiterer Versuch unternommen worden, einen gesamten Überblick über die Mayaforschung zu geben. Zweifellos deshalb, weil man schon Mühe hat, nur das eigene Spezialgebiet angemessen zu überschauen. Sicher aber auch deshalb, weil man noch immer nicht die Notwendigkeit eines integrierten Ansatzes (und einer holistischen Sicht) einsieht, auch wenn dies zuweilen beklagt wird (Thompson 1972; Marcus 1983). Man begnügt sich, zuweilen einen Rückblick auf ein Teilgebiet zu werfen, wiewohl auch dies bezeichnenderweise nur in der vergangenheitsbezogenen Forschung geschieht: so legte Kelley 1962 (a) in einem Aufsatz einen Überblick über die Entzifferung der Mayaschrift vor, dem schließlich eine Monographie (1976) zum gleichen Thema folgte, während Adams 1969 eine Bestandsaufnahme der archäologischen Forschung, soweit es das vergangene Jahrzehnt

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betraf, vornahm. Die rezenten Mayas gehen auch in einem solchen Teilansatz leer aus. Wenn wir nun im folgenden den Versuch unternehmen, in der Tradition, die Tozzer begründete und die Termer fortsetzte, eine weitere Arbeit über die Mayaforschung zu schreiben, so geschieht dies nicht mit dem Anspruch, den sicher noch Tozzer und vielleicht auch noch Termer erheben konnte, nämlich alle Arbeiten, die die Mayas oder ihre Kultur betreffen, zu kennen, geschweige denn, gelesen zu haben. Dies ist heute wohl niemandem mehr möglich, und sei es nur deshalb, weil man einfach nicht Zugang zu allen Publikationen, seien es nun Monographien oder mehr noch Zeitschriften, die irgendwo auf der Welt erscheinen, hat. Ich bekenne also an dieser Stelle, daß ich nicht alle Arbeiten berücksichtigt habe, die tagtäglich zu den Mayas erscheinen, obwohl ich mich bemüht habe, die wichtigsten einschlägigen Publikationsreihen, die sowohl spezielle Artikel wie auch Hinweise auf monographische Neuerscheinungen enthalten, durchzusehen. Eine Garantie, daß ich dabei auf alle entscheidenden Arbeiten aufmerksam geworden bin, ist das freilich nicht. Aber es ist sicher nicht nötig, um die generellen Linien einer Wissenschaft herauszuarbeiten, nun auch tatsächlich jede Arbeit gelesen zu haben. Je mehr man sich ins Detail verliert, desto schwieriger ist es, die Gesamtheit im Auge zu behalten. Und das ist der Zweck - und zugleich die Entschuldigung - für diese Arbeit. Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden, wohl aber ist die Absicht zu bekunden, eine ausgewogenen Arbeit, die alle Teilbereiche der Mayaforschung im gleichen Maße berücksichtigt, zu erstellen. Dadurch gewinnt die Arbeit, so ist zu hoffen, einen eigenen Stellenwert im Vergleich zu der von Termer (und seinen Vorgängern), wobei das sprunghafte Anwachsen der Wissenschaft in den letzten Jahren, wodurch sich, wenn auch nicht die Summe der Erkenntnisse, sicher aber der Umfang der wissenschaftlichen »Produktion« gegenüber dem Stand zu Termers Zeit verdoppelt hat, als weiteres Argument hinzukommt. Schließlich geht es darum, was wir bereits angedeutet haben, auf der Basis einer systematischen Bestandsaufnahme Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, die der Mayaforschung neue Horizonte eröffnen. Wie Marcus (1983: 454) schreibt: »The Lowland Maya region has seen an enormous increase of new data over the last decade, but our progress is hampered by a tendency for cyclic return to previous theoretical positions. This results from several factors: too short a view of the discipline's history; a lack of familiarity with the rest of Mesoamerica; a lack of collaboration among archaelogists, ethnohistorians, and epigraphers; and a tendency to view alternative methodologies as competing rather than complementary.« Was hier für die Tieflandregion gesagt wird, hinter der sich die klassische Kultur der Mayas verbirgt, trifft sicher auch für die anderen Gebiete und Perioden zu. Der Wunsch, eine möglichst vollständige Übersicht über die Mayaforschung zu er-

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stellen, gibt dem, der diesen Wunsch äußert, sicher noch keine hinreichende Legitimation, ein solches ambitiöses Unternehmen anzugehen. Er sollte sich auch mit den verschiedenen Zweigen der Mayaforschung in eigener Erfahrung auseinandergesetzt haben, um auf Grund dieser persönlichen Kenntnis qualifizierte Aussagen machen zu können. Da dies im vorliegenden Falle, zumindest, was die Archäologie, die Ethnographie, die Kolonialgeschichte und die Gegenwartssituation der Mayas betrifft, in wie begrenztem Maße auch immer, zutrifft, mag es mir verziehen sein, daß ich ein solches Werk in Angriff nehme. Die Arbeit, die sich nicht nur an den etablierten Wissenschaftler, sondern auch an diejenigen richtet, die einen Einstieg in die Mayaforschung suchen, gliedert sich in vier Abschnitte. Im ersten Teil soll kurz die Geschichte der Mayaforschung skizziert werden, wobei die einzelnen Phasen herausgearbeitet werden sollen, die die Entwicklung der Mayaforschung insgesamt kennzeichneten. Im zweiten Teil werden dann vor diesem historischen Hintergrund die einzelnen Zweige der Mayaforschung genauer untersucht. Auch hier wählen wir eine chronologische Vorgehensweise, wobei der Schwerpunkt allerdings auf der neueren Zeit liegt. Der dritte Teil ist den Theorien gewidmet, die der Mayaforschung als Erklärungsmodell dienten. Dabei reicht der Bogen von der Diffusionstheorie, die am Anfang einer Deutung der Mayakultur stand, bis zur Dependenztheorie, die das Phänomen einer abhängigen Kultur oder Gesellschaft, zu der man auch die Mayas rechnen muß, in den Kontext der Entwicklungsproblematik stellt. Der vierte Teil schließlich faßt die Ergebnisse zusammen, wobei nicht nur eine abschließende Bewertung der Mayaforschung vorgenommen werden soll sowie eine Skizzierung der Aufgaben für die Zukunft, die sich aus dem vorliegenden Befund ergeben, sondern auch kurz die Erkenntnisse zusammengefaßt werden sollen, die die Mayaforschung bezüglich der Geschichte und Kultur der Mayas gewonnen hat. In einem Anhang finden sich neben der Bibliographie, die sich im wesentlichen auf die im Text genannten Arbeiten beschränkt, zwei Karten, die der Lokalisierung archäologischer Fundstätten und heutiger Siedlungszentren der Mayas dienen, sowie eine Synopse, die einen vergleichenden Überblick über die Mayaforschung ermöglicht. Gewidmet ist diese Arbeit den über 100 000 Waisen (Jonas 1987), die der Krieg in Guatemala hinterlassen hat. Sie sind in der Mehrzahl Indianer und werden vielleicht einmal fragen, woher sie gekommen sind. Wilfried Westphal

Bonn, im Frühjahr 1988*

* Das Datum bezieht sich auf den Stand der Recherchen. Fertiggestellt wurde die Arbeit im Frühjahr 1989.

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Erster Teil: Die Entwicklung der Mayaforschung Die Geschichte der Mayaforschung, zumindest, soweit es die neuere Forschung betrifft, hat auch über die Wissenschaft hinaus Aufsehen und Interesse erweckt. Seit den Veröffentlichungen des amerikanischen Forschungsreisenden Stephens Mitte des vorigen Jahrhunderts nimmt die Öffentlichkeit regen Anteil an den spektakuläreren Aspekten der Mayaforschung. Dies trifft nicht nur für die archäologische Forschung zu, die allerdings im Vordergrund des Interesses steht, sondern auch für die Inschriftenforschung beziehungsweise die Entzifferung der Codices. Der Grund für dieses Interesse liegt in dem Umstand, daß die Mayas in grauer Vorzeit eine Hochkultur hervorbrachten, die noch immer eine Vielzahl von Rätseln aufwirft. Der Phantasie der breiten Öffentlichkeit ist damit Tür und Tor geöffnet. Bezeichnend ist, daß dieses Interesse der Öffentlichkeit sich nicht auf die Mayas der heutigen Zeit richtet. Was zweifellos damit zusammenhängt, daß sie nur noch wenig von ihrer ursprünglichen Kultur bewahrt haben. Zumindest sind sie seit der Conquista der spektakuläreren Aspekte ihrer Kultur beraubt. Das Desinteresse einer breiten Öffentlichkeit an den heutigen Mayas ist sicher aber auch darauf zurückzuführen, daß es nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die populäre Literatur bisher versäumt hat, das Augenmerk von der Vergangenheit auch auf die Gegenwart zu richten. Dies kommt sowohl bei der Darstellung einer sogenannten Kulturgeschichte der Mayas, die sich allein auf die vorspanische Zeit beschränkt, zum Ausdruck, als auch in der Schilderung der Forschung, die sich dieser Kultur widmet. So gibt es aus neuerer Zeit eine ganze Reihe von Arbeiten populärwissenschaftlicher Art, die die Erforschung der »alten Mayas« zum Thema haben. An erster Stelle ist hier das Werk von Ceram, »Götter, Gräber und Gelehrte« (1952), zu erwähnen, das er selbst einen »Roman der Archäologie« nennt. Darin wird auch, im sogenannten »Buch der Treppen«, auf die versunkenen Kulturen des alten Mexiko eingegangen, wobei der Akzent auf der Wiederentdeckung der Mayas liegt. Speziell den Mayas gewidmet, sind zwei Arbeiten, die in englischer Sprache erschienen: sie schildern beide (Gallenkamp 1959; Adamson 1975) die Entdeckung der Mayas und ihre wissenschaftliche Erforschung, soweit es die Archäologie betrifft, seit dem Einfall der Spanier. In ähnlicher Weise an ein breiteres Publikum gerichtet, sind zwei Arbeiten, die der amerikanische Historiker Robert Brunhouse (1973, 1975) vorlegte. Sie beschränken sich auf die Zeit der eigentlichen archäologischen Forschung, die im Mayagebiet Ende des 18. Jahrhunderts beginnt. Dabei werden ein-

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zelne Mayaforscher in kurzen Lebensbildern vorgestellt. Eine Erweiterung fand dieser Ansatz in zwei Monographien, die Brunhouse (1971, 1976) zwei neueren Mayaforschern - Sylvanus G. Morley und Frans Blom - widmete. Was die Forscher selbst betrifft, so wenden sie sich nur selten an ein größeres Publikum. Neben den Arbeiten von Stephens sind hier eigentlich nur zwei Werke anzuführen, die Erwähnung verdienen: die sogenannte »Morleyana« (1950), eine Sammlung von Schriften von und über Morley, und eine Autobiographie des englischen Mayaforschers J. Eric S. Thompson (1963). Auszüge aus früheren Reiseberichten sowie eigentlichen wissenschaftlichen Arbeiten finden sich in einigen Anthologien, darunter einem Folgeband (1965) zu Cerams »Götter, Gräber und Gelehrte« sowie zwei amerikanischen Veröffentlichungen von Robert Wauchope (1965b), dem langjährigen Leiter des Middle American Research Institute an der Tulane University in New Orleans, das sich speziell der Mayaforschung widmet, und dem Historiker Deuel (1967). Auch diese Arbeiten beschränken sich auf die Archäologie beziehungsweise die Inschriftenforschung. Aus der Vielzahl der Veröffentlichungen über die archäologische Mayaforschung und dem Mangel an Arbeiten, die den anderen Zweigen gewidmet sind, ergibt sich die Schwierigkeit, ein ausbalanciertes Bild der Geschichte der Mayaforschung zu entwerfen. Wir wollen es dennoch versuchen, nicht zuletzt deshalb, damit wir uns das historische Umfeld vergegenwärtigen, das nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der Mayaforschung geblieben ist. Darüber hinaus gilt es aufzuzeigen, welches die entscheidenden Schritte waren, die die Mayaforschung von einer verstaubten Altertumskunde in eine systematische, etablierte Wissenschaft verwandelten. Dabei wird deutlich werden, daß bereits in der Vergangenheit Ansätze zur Anwendung gelangten, die man heute wieder befürwortet, obwohl sie zwischenzeitlich aus der Mode kamen. Das trifft insbesondere für den integrierten Ansatz des Carnegie-Instituts zu.

1. Autochthone Quellen Wissenschaft im modernen Sinne gab es bei den Mayas sicher nicht. Nach allem, was wir wissen, waren Wissenschaft und Religion eng verflochten. Dies gilt zweifellos auch für das, was man Geschichtsschreibung nennen könnte: illustre Vorfahren wurden den Göttern gleichgesetzt, und historische Ereignisse wurden oft mit symbolischer Bedeutung überfrachtet, so daß es oft schwer ist, Tatsache und Mythos auseinanderzuhalten. Hinzu kommt, daß die Mayas, zumindest der klassischen Zeit, eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaftsordnung hatten, was bedeutet, daß die Quellen, die sie hinterlassen haben, mehr elitären Charakters sind, das heißt, die Welt aus der Sicht der herrschenden Klasse interpretieren. Zumindest, soweit es intentionelle Hinterlassenschaften betrifft, die - wie schriftliche Zeugnisse oder Kunstwerke - der Glorifizierung der Herrscherschicht dienten, so gewinnt man daraus nur Erkenntnisse

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über einen Teil der Mayakultur. Allerdings handelt es sich dabei um ein breites Spektrum von Lebensäußerungen, das beim einfacheren Volk sehr viel begrenzter war. So haben wir das Glück, Einblick in die sogenannten Höchstleistungen der Mayas zu gewinnen, also uns mit genau den Aspekten ihrer Kultur vertraut zu machen, die ihr das Epitaph »Hochkultur« verliehen haben, während wir andererseits über das Fundament dieser Kultur, das der einfache Bauer und Handwerker stellte, nur sehr wenig erfahren. Hier müssen andere Zeugnisse, die nicht absichtlich für die Nachwelt geschaffen wurden, herangezogen werden, um unser Bild der vergangenen Mayakultur auszugleichen. Anders liegt der Befund, was die heutigen Mayas betrifft. Hier haben wir Zugang zu allen Gesellschaftsschichten, wobei allerdings anzumerken ist, daß genau die Schicht, die einst die Herrscherklasse darstellte, im Zuge der Conquista beziehungsweise durch den Nivellierungsprozeß, der damit einsetzte, eliminiert wurde. Die Kultur der heutigen Mayas ist im wesentlichen egalitär; zumindest gibt es keine so ausgeprägten Unterschiede mehr, wie sie die indianische Gesellschaft in vorspanischer Zeit kennzeichnete. Es ist wichtig, diesen den Aussagewert der verfügbaren Zeugnisse bestimmenden Rahmen vor Augen zu haben, um die indianischen Quellen richtig einschätzen zu können. Wobei noch erschwerend hinzukommt, daß seit der Conquista eine reine indianische Tradition nicht mehr gegeben ist, also auch bei den Zeugnissen, die der Indianer hinterlassen hat, spanisches Gedankengut Eingang gefunden hat. Dies ist allerdings nur dann relevant, wenn man - wie es die Mayaforschung wiederholt versucht hat - Einblicke in die vorspanische Zeit mit Hilfe rezenter Kulturäußerungen gewinnen will. Für eine realistische Einschätzung der jeweiligen kulturellen Situation nach der Conquista ist diese synkretistische Sicht jedoch nicht mehr als ein Spiegel der wahren Zustände. Es ist ein Kennzeichen der traditionellen, das heißt vorspanischen, Mayakultur, daß sie das Stadium der Schrift erreicht hatte. Damit tritt sie an die Seite der anderen großen klassischen Hochkulturen. Wie diese Schrift im einzelnen beschaffen war, ist auch heute noch nicht restlos geklärt. Wir werden darauf im zweiten Teil der Arbeit zurückkommen. Als sicher gilt, daß es ein abstraktes Kommunikationsmittel war, das über das Stadium der Bilderschrift hinausgewachsen war. Mit dieser Schrift, deren Zeichen man in der Mayaforschung als »Glyphen« bezeichnet, hatten die Mayas die Möglichkeit, einen Ausschnitt ihres Lebens aufzuzeichnen. Sie taten dies im wesentlichen auf zweierlei Weise: einmal, indem sie auf Steinmonumenten, die in der Mehrzahl sogenannte Stelen sind, Inschriften anbrachten; zum andern, indem sie in Faltbüchern, die man heute Codices nennt, Texte in Kombination mit Bildern aufzeichneten, die an vergleichbare Dokumente aus dem zentralen Mexiko erinnern. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß die Tradition der Codices, die auch im Mayagebiet erst in der Spätzeit auftauchen, aus Mexiko über-

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nommen wurde, während andererseits die Inschriften, die aus früherer Zeit, der sogenannten Klassik, stammen, zweifellos eine autochthone Entwicklung der Mayas darstellen. Ihre Anfänge lassen sich bis in das erste Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen, wobei diese frühen Inschriften allerdings im Randgebiet der Mayas, in den südlichen Hochländern und Küstenregionen, auftauchen. Der Inhalt dieser Inschriften ist im wesentlichen historischer Art. Es finden sich einmal sehr genaue Kalenderangaben, zum andern dynastische Aufzeichnungen, die einen direkten Einblick in die gesellschaftliche und politische Struktur der Mayas gewähren. Die Deutung dieser Inschriften, die lange Zeit verkannt wurden, eröffnete ein neues Kapitel in der Mayaforschung (vgl. dazu Proskouriakoff 1960, 1961a, 1963/64). Für die Spätzeit, also die sogenannte Postklassik, fehlen dieser Art Inschriften völlig. An ihre Stelle treten die Codices, die jedoch nicht - zumindest, soweit sie erhalten geblieben sind - primär historischer Art sind. Ihr Inhalt bezieht sich eher auf astronomische Berechnungen und damit in Zusammenhang stehende horoskopische Aussagen. Darüber hinaus vermitteln sie ein recht anschauliches Bild der religiösen Vorstellungen, sind doch eine Vielzahl von Göttergestalten mit ihren jeweiligen Attributen in diesen Codices abgebildet. Wie bei den Inschriften, so macht auch die Lesung der Codices noch erhebliche Schwierigkeiten, obwohl hier in größerem Maße als bei den epigraphischen Zeugnissen eine Korrespondenz zwischen Text und bildlicher Darstellung gegeben ist (vgl. u.a. Knorozov 1967 u. 1982). Während die Anzahl der Inschriften unbegrenzt ist (man ist zur Zeit dabei, eine Gesamtübersicht zu erstellen; vgl. Graham 1975ff.), sind von den Codices nur vier erhalten geblieben. Die anderen wurden das Opfer spanischer Missionare, die in den Bilderhandschriften eine Quelle heidnischer Bräuche sahen und sie deshalb dem Feuer überantworteten. Drei dieser erhaltenen Codices sind seit längerem bekannt; sie werden heute in Europa, in drei Städten, nach denen sie benannt wurden, aufbewahrt: Dresden, Paris und Madrid. Der vierte Codex, dessen Echtheit allerdings nicht gesichert ist, tauchte 1971 in New York auf. Er ist unter dem Namen »Codex Grolier« bekannt. Alle vier Codices stammen aus Yukatan; doch nur einer läßt sich tatsächlich in die vorspanische Zeit datieren. Es ist der sogenannte Codex Dresdensis, der nicht zuletzt deshalb, aber auch wegen seines guten Erhaltungszustandes und der Fülle seines Inhalts als der bedeutendste der erhaltenen Bilderhandschriften gilt (s. dazu Thompson 1971). Die drei anderen Codices sind wahrscheinlich Kopien älterer Handschriften, die im 16. Jahrhundert angefertigt wurden. Neben den schriftlichen Dokumenten, die die Mayas der klassischen und postklassischen Zeit hinterließen, gibt es noch eine Reihe anderer Zeugnisse, die uns Aufschluß über die Kultur der Mayas in vorspanischer Zeit geben. Da wären zunächst

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einmal die Ruinenorte zu erwähnen, deren Zahl inzwischen auf tausend angewachsen ist. Hier sind es vor allem bauliche Reste, aber auch Siedlungsspuren, die von der Entwicklung und Ausdehnung der Mayakultur künden. Diese Zeugnisse lassen auch Rückschlüsse auf das Leben des einfachen Volkes zu, denn wenngleich es auch nicht in steinernen Tempeln und Palästen residierte, die die Zeit überdauerten, so hinterließ es doch Spuren seiner Behausungen, sogenannte House Mounds, die über das Leben auch des Bauern und Handwerkers Auskunft geben. Zwei weitere wichtige Quellen sind die Keramik und Malereien, die sich hier und da erhalten haben. Vor allem in den Gräbern, die man entdeckte, fanden sich polychrome Keramikgefäße, die sowohl mit figürlichen Darstellungen als auch hieroglyphischen Texten versehen waren. Sie geben ebenso wie Malereien im eigentlichen Sinne, die das Innere von Tempeln bedeckten, einen unmittelbaren Einblick in das ganze Spektrum der klassischen Mayakultur, soweit sie von der Elite geprägt war. Am bemerkenswertesten sind die Fresken von Bonampak (Ruppert et al. 1955; Miller 1986), die auf Grund ihres guten Erhaltungszustandes uns ein wahres Spiegelbild des Lebens in klassischer Zeit vor Augen führen. Kampfszenen, die einen wesentlichen Inhalt dieser Fresken ausmachen, lieferten zum ersten Mal den Beweis, daß die Mayas, die man bislang immer für ein friedfertiges, eher vergeistigtes Volk gehalten hatte, nicht minder militaristisch waren als ihre Nachbarn in Mexiko. Was die vorspanische Zeit angeht, so sind es also zwei Quellengruppen, die der Wissenschaft zur Verfügimg stehen: schriftliche Überlieferungen, die die Erforschung der klassischen und postklassischen Mayakultur zu einem Gegenstand der Geschichte machen, und materielle, nicht schriftlich fixierte Überreste, die in den Untersuchungsbereich der Archäologie gehören. Die Mayaforschung ist demnach, soweit es die vorspanische Zeit betrifft, nicht nur eine Domäne der Archäologie, sondern auch ein historischer Wissenschaftszweig, was in der Praxis zwar häufig übersehen wird, was die Forschungsmethoden (und -ergebnisse) anbetrifft, jedoch von entscheidender Bedeutung ist. Für die Kolonialzeit, die mit der Conquista einsetzt, sind wir, soweit es die indianischen Quellen betrifft, im wesentlichen nur noch mit schriftlichen Zeugnissen ausgestattet. Der archäologische Befund ist weitgehend negativ, da zumindest die Monumentalarchitektur, die ja nicht nur im Zeichen der Religion, sondern auch einer weltlichen Elite gestanden hatte, ausläuft. Sie wird zwar durch spanische Bauten ersetzt, findet aber in ihnen - abgesehen von einigen künstlerischen Attributen - keine indianische Entsprechung mehr. Lediglich an einem Ort im Peten, Tayasal, wo es einer Gruppe yukatekischer Mayas gelang, ihre Eigenständigkeit bis Ende des 17. Jahrhunderts zu bewahren, wurde die indianische Bautradition auch in der Kolonialzeit fortgesetzt. Sie hat aber, da der Ort von den Spaniern völlig zerstört wurde, kaum Spuren hinterlassen (vgl. dazu Chase 1976). Die schriftlichen Überlieferungen der Indianer, die aus der Kolonialzeit datieren,

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sind recht umfangreich, wobei die meisten Zeugnisse sich auf Yukatan konzentrieren, wo ja auch die Tradition der Codices verbreitet war. Ein zweites Zentrum schriftlicher Zeugnisse, die aus der Kolonialzeit stammen, ist das Hochland von Guatemala, wo es am Vorabend der Eroberung zur Bildung ausgeprägter Königreiche kam, die einen reichen Legendenschatz begründeten, der bis in die Kolonialzeit tradiert wurde. Unter den kolonialzeitlichen yukatekischen Quellen sind vor allem die sogenannten »Bücher des Chilam Balam« zu nennen, die man als eine Art Dorfchroniken bezeichnen könnte, denn sie wurden jeweils in bestimmten Orten aufbewahrt, nach denen sie auch unterschieden werden. Bislang hat man 14 dieser Chilam Balam-Bücher identifiziert, deren bedeutsamstes jenes ist, das man in der Ortschaft Chumayel fand (Roys 1933). Es stammt aus dem 18. Jahrhundert, stellt aber - wie das auch für die übrigen Chilam Balam-Bücher zutrifft - eine Abschrift beziehungsweise Zusammenfassung früherer Dokumente und Überlieferungen dar. Der Inhalt besteht aus einer Mischung ritueller, historischer, prophetischer und kosmologischer Texte, wobei es oft schwierig ist, tatsächliche Ereignisse von mythischen Vorstellungen zu trennen. Neben den Chilam Balam-Büchem, die ihre generische Bezeichnung von einem legendären Propheten, der sich »Chilam Balam« - »Jaguarpriester« - nannte, herleiten, gibt es noch eine Vielzahl anderer schriftlicher Zeugnisse der yukatekischen Mayas, die von medizinischen Handbüchern über Gesetzestexte, vor allem zu Landstreitigkeiten, bis zur Chronik einer Herrscherfamilie reichen. Letztere, die sogenannten Xiu-Papiere, berichten über das Herrscherhaus, das einst über die Provinz Mani regierte, und setzen die Geschichte dieser Familie bis ins 19. Jahrhundert fort (Xiu Chronicles 1919). Im wesentlichen geht es bei dieser Familienchronik darum, was auch für andere ehemalige indianische Fürstenhäuser zutrifft, den einstigen Hoheitsanspruch auch gegenüber den Spaniern durchzusetzen, um sich dadurch gesellschaftliche Privilegien zu sichern. Eine ähnliche Chronik (Scholes u. Roys 1948) stammt aus dem Gebiet der Chontal-Mayas in Tabasco beziehungsweise Campeche, wo sie zur Zeit der Conquista ein reiches Handelszentrum unterhielten. Hier wird über einen gewissen Don Pablo Paxbolon, einen Nachfahren des Herrscherhauses von Acalän, berichtet sowie über seinen Schwiegersohn, Francisco Maldonado, der den Vorteil einer Einheirat in den indianischen Adel, den auch die Spanier anerkannten, zu nutzen wußte. In Guatemala sind es vor allem die Quiche, die zur Zeit der Conquista der mächtigste Stamm der Hochlandmayas waren, die eine Anzahl bedeutender historischer Zeugnisse hinterlassen haben. An erster Stelle ist hier das sogenannte Popol Vuh, das »Buch des Rates«, zu erwähnen, das allgemein als das bedeutsamste Zeugnis indianischer Literatur gilt. Es stammt, in der überlieferten Fassung, aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, geht jedoch, wie im Buch ausdrücklich vermerkt wird, auf ältere Vorlagen zurück. Wie es in der Fassung von Recinos (1961: 21f.), der es aus dem Original, dem Quiche, übersetzte, heißt:

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»Esto lo escribiremos ya dentro de la ley de Dios, en el Cristianismo; lo sacaremos a luz porque ya no se ve el Popo Vuh, así llamado, donde se veía claramente la venida del otro lado del mar, la narración de nuestra oscuridad, y se veía claramente la vida. Existía el libro original, escrito antiguamente, pero su vista está oculta al investigador y al pensador. Grande era la descripción y el relato de cómo se acabó de formar todo el cielo y la tierra, cómo fue formado y repartido en cuatro partes, cómo fue señalado y el cielo fue medido y se trajo la cuerda de medir y fue extendida en el cielo y en la tierra, en los cuatro ángulos, en los cuatro rincones, cómo fue dicho por el Creador y el Formador, la madre y el padre de la vida, de todo lo creado, el que da la respiración y el pensamiento, la que da la luz a los hijos, el que vela por la felicidad de los pueblos, la felicidad del linaje humano, el sabio, el que medita en la bondad de todo lo que existe en el cielo, en la tierra, en los lagos y en el mar.« Das Popol Vuh ist mehr als eine Stammeschronik: es ist ein episches Werk, in dem sich Dichtung und Wahrheit vermischen zu einem Gesamtbild der Schöpfung und Geschichte, so wie sie sich dem Indianer darstellte. Man könnte es an die Seite der Bibel stellen, und dies ist sicher nicht der geringste Grund, weshalb man das Popol Vuh in eine Vielzahl von Sprachen, darunter Russisch und Japanisch, übersetzt hat. Die anderen schriftlichen Zeugnisse der Quiché sind mehr historischen Inhalts, was auch für eine Stammeschronik der Cakchiquel (Recinos 1950) zutrifft, die ähnlich wie die Quiché ein eigenes Königreich gegründet hatten, das jedoch nur begrenzte Bedeutung hatte. Noch geringer war der Einfluß der Tzutuhil, deren Herrschaft sich praktisch nur auf eine Enklave im Territorium der Quiché beschränkte. Auch sie hinterließen ein Zeugnis, das jedoch nur ein kurzer Bericht ist (Relación 1952). Aus Chiapas, wo sich gleichfalls Mayas niederließen, die jedoch - was das Hochland und die Spätzeit betrifft - keine politische Bedeutung erlangten, stammt lediglich eine kolonialzeitliche Quelle, die sogenannte Probanza de Votan, die eine legendäre Wanderung unter einem indianischen Führer, »Culebra« - »Schlange« -, schildert. Der Bericht ist nur indirekt, durch die Aufnahme in spanische Chroniken, erhalten. Was die neuere Zeit betrifft, also die Zeit seit der Unabhängigkeit, die freilich für die Mayas einen Fortbestand kolonialer Abhängigkeit bedeutete, so hat sich der Schwerpunkt autochthoner Quellen auf die mündliche Überlieferung verlagert, die somit zu einem Gegenstand ethnographischer Forschung geworden ist. Hier reicht die Skala der Zeugnisse von der Weltsicht des Indianers, die noch weitgehend durch traditionelle Vorstellungen geprägt ist (vgl. Guiteras-Holmes 1961; Gossen 1974; Ma'ax u. Ratsch 1984), bis hin zu autobiographischen Darstellungen (Pozas 1952a; Sexton 1981; Burgos 1983), die am Beispiel eines einzelnen Schicksals die oft prekäre Situation eines ganzen Volkes schildern. Bei all diesen neueren Aufzeichnungen handelt es sich aber nicht mehr um Selbst-

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Zeugnisse im eigentlichen Sinne; der Indianer kommt nur noch durch das Medium der Wissenschaft zu Wort, wo es nicht gar ein Journalist ist, der seine Geschichte aufgezeichnet hat. Damit verliert diese Art Zeugnis nicht an Wert, wohl aber an Authentizität.

2. Die Spanier Mit den Spaniern setzt eine neue Phase in der Geschichte der Mayas ein. Nicht nur erfahren sie, durch die Conquista und ihre Folgen, einen völligen Bruch in ihrer Lebensweise; sie rücken auch in das Blickfeld einer Welt, die sich ihrer bislang nicht bewußt gewesen war. Damit wird die Mayaforschung, die bislang höchstens eine subjektive Geschichtsschreibung gewesen war, zu einer spekulativen Wissenschaft, deren herausragendes Kennzeichen die Frage war: wer ist dieses Volk, und woher kommt es? Daß die Antwort, wenn nicht gar schon die Frage, häufig nicht minder subjektiv war wie die unkritische Sicht der Vergangenheit durch die Mayas selbst, ändert nichts an der Tatsache, daß man nun, im Zeichen des Humanismus, der eine Befreiung aus der christlich-dogmatischen Sicht des Mittelalters bedeutete, einen Schritt hin zur analytischen Wissenschaft tat, die nicht mehr einem starren, deterministischen Weltbild unterlag. Der Mensch blieb zwar weiterhin ein Geschöpf Gottes, aber er stand nun im Mittelpunkt der Welt: seinen Gedanken waren keine Grenzen gesetzt, und so war es nur natürlich, daß er auch den geographischen Horizont, der bislang auf Europa und das Mittelmeer beschränkt war, erweiterte. Er erkannte, daß die Welt nicht an den gewohnten Bezugspunkten endete, aber da er sich nun einmal, im Bild einer wiedererstandenen Antike, als Krönung der Schöpfung ansah, projizierte er diese privilegierte Stellung auch auf die übrige Welt, so daß sich ein ambivalentes Verhältnis zu den neuentdeckten Ländern und Völkern ergab: einerseits war er bereit und willens, durch sein erweitertes, mündiges Weltbild, alles Fremde und Unbekannte zu erfahren; andererseits hegte er nicht den geringsten Zweifel, daß das, was man auch immer entdeckte, dem Erbe der Antike (und der Kirche) unterlegen sei. Auswirkungen dieser paradoxen Geisteshaltung gipfelten in jenen Ordensgeistlichen, die es nicht nur in der Neuen Welt, sondern auch in Afrika und Asien gab, die sowohl die Kultur der »Heiden« verdammten (und ihre Zeugnisse, wenn nicht gar sie selbst, auf Scheiterhaufen verbrannten), als auch mit nicht minder großem Eifer bemüht waren, eben diese Kultur, die sie verteufelten, in allen ihren Einzelheiten zu ergründen. So wurde - soweit es die Wissenschaft von den nicht-europäischen Völkern betrifft - ebensoviel zerstört wie bewahrt. Die Wissenschaft aber, die man nicht nach Quantität, sondern Qualität bemißt, erlebte dennoch eine erste Blüte. Im Gebiet der Mayas, mit denen die Spanier zuerst - unter allen Hochkulturvölkern der Neuen Welt - in Berührung kamen, obwohl sie sie als letzte unterwarfen, lassen sich mehrere Phasen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihnen durch die

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Spanier unterscheiden. Sie reichen von den ersten Berichten der Entdecker und Eroberer, die freilich keine wissenschaftlichen Aufzeichnungen waren, bis zu den Chroniken der späteren Kolonialzeit, die bereits erste Ansätze einer nationalen Geschichtsschreibung erkennen lassen. Die Entdeckung der Mayas ist nicht unbedingt identisch mit der ihrer Heimat, und selbst die Spanier, die zuerst nach Yukatan gelangten, waren noch nicht die eigentlichen Entdecker. Das Problem wird noch kompliziert durch die Frage nach dem Ursprung des Namens »Maya«. Diego de Landa (1959: 6), der zu jenen Geistlichen gehört, die zugleich Inquisitor und Forscher waren, schreibt: »Que los primeros españoles que llegaron a Yucatán, según se dice, fueron Gerónimo de Aguilar, natural de Ecija, y sus compañeros, los cuales, el año de 1511, en el desbarato del Darien por las revueltas entre Diego de Nicuesa y Vasco Nuñez de Balboa, siguieron a Valdivia que venía en una carabela a Santo Domingo, a dar cuenta al Almirante y al Gobernador de lo que pasaba, y a traer 20 mil ducados del rey; y que esta carabela, llegando a Jamaica, dio en los bajos que llaman de Vívoras donde se perdió, no escapando sino 20 hombres que con Valdivia entraron en un batel sin velas y con unos ruines remos y sin mantenimiento alguno anduvieron trece días por el mar. Después de muertos de hambre casi la mitad, llegaron a la costa de Yucatán, a una provincia que llaman de la Maya, de la cual la lengua de Yucatán se llama mayathan, que quiere decir lengua de maya.« Nach dieser Aussage, die sich mit anderen frühen, kolonialzeitlichen Quellen deckt, bezeichnete das Wort »Maya« ursprünglich einen Teil Yukatans, und zwar den Osten, wo nicht nur die obenerwähnten Schiffbrüchigen landeten, sondern auch offenbar jener indianische Kauffahrer seinen Ursprung hatte, auf den 1502 Kolumbus während seiner vierten Reise traf und der angeblich aus einer Provinz namens »Maiam« stammte (vgl. dazu Tozzer 1941: 7f.; s.a. Lothrop 1927a und Brinton 1882: 9ff.). Wahrscheinlich geht der Name auf die letzte Metropole der Mayas, Mayapán, zurück, worauf ein Hinweis in den Relaciones de Yucatán (1898-1900: I, 156) hindeutet. Dann wäre auch der westliche Teil Yucatáns ursprünglich »Mayaland« gewesen und damit praktisch die gesamte Halbinsel. Es ist also durchaus ein eigenständiger, sinngemäßer Name, was man beispielsweise von den »Indianern« (oder »Amerika«) nicht behaupten kann. Kolumbus traf den yukatekischen Kauffahrer vor der Küste von Honduras, außerhalb der Grenzen des Mayagebietes, und diese Begegnung blieb denn auch ohne Folgen, sieht man von einer Erwähnung des Begriffes »Maiam« in einem Manuskript des Bruders von Kolumbus, Bartholomäus, das aus dem Jahre 1505 beziehungsweise 1506 datiert, einmal ab. Auch die Schiffbrüchigen, die fünf Jahre später an der Küste Yukatans landen und bis auf zwei, die Berühmtheit erlangten, zugrunde gehen, än-

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dem noch nichts an der Entrücktheit des Mayagebietes. Die Spanier werden sich dieses Teils der Neuen Welt erst bewußt, als 1513 Ponce de León, auf der Rückfahrt von Florida, wo er nach dem Brunnen der ewigen Jugend suchte, auf die Nordküste Yukatans stößt, was er freilich für eine Insel hielt (vgl. dazu Tio 1972). Immerhin trifft er mit Mayas zusammen, was in den Büchern des Chilam Balam belegt ist, und sein Lotse, Antón de Alaminos, der schon Kolumbus auf seiner zweiten Reise begleitete, wird schließlich zum Hauptnavigator der beiden Expeditionen, die Hernández de Córdoba und Juan de Grijalva in den Jahren 1517 und 1518 unternehmen. Mit ihnen beginnt die gezielte Erkundung des Mayagebietes. Zeuge dieser beiden ersten Erkundungsfahrten wurde Bernal Díaz del Castillo (ca. 1496-1584), der zum Chronisten der Conquista par excellence wurde. Er schrieb im Alter eine Geschichte, die er »Historia verdadera de la conquista de la Nueva España« (1969) nannte und die nicht nur die epochemachenden Ereignisse, deren Zeuge er wurde, festhielt, sondern auch einen bemerkenswerten Einblick in die fremden Kulturen, denen die Spanier begegneten, gewährt. Bernal Díaz war ein einfacher Söldner, der das Erlebte und Gesehene in Form eines erzählenden Berichts, der sich an der Ereignisgeschichte orientiert, niederlegte. Auch liegt das Hauptaugenmerk seiner Schilderung auf der Eroberung des Aztekenreiches, da er sich auch dem Zug des Cortés anschloß, der 1519 nach Mexiko aufbrach. Doch da der erste Schritt zur Unterwerfung des Aztekenreiches die Erkundung des Mayagebietes war, das auf dem Wege lag, und zur Sicherung des eroberten Mexiko auch die angrenzenden Länder erkundet werden mußten, bedeutet eine Geschichte der Eroberung Mexikos zugleich auch eine Schilderung der Ausweitung der spanischen Herrschaft auf das Mayagebiet. So finden wir nicht nur bei Bernal Díaz, sondern auch bei Cortés selbst Hinweise auf die Mayaländer, wobei sich allerdings die Angaben von Cortés auf einen einzigen Brief beschränken, den er anläßlich eines Eroberungszuges nach Honduras schrieb, während Bernal Díaz in seiner Geschichte sowohl die ersten Erkundungszüge in Yukatan als auch den Zug des Cortés durch den Petén nach Honduras und die Eroberung von Chiapas, zwei Ereignisse, an denen er gleichfalls beteiligt war, erwähnt. Cortés wählte in seinen Berichten die Form von Briefen, weil sie weniger erzählenden Charakter hatten, als vielmehr die Absicht verfolgten, vor dem König, an den die Briefe gerichtet waren, Rechenschaft abzulegen und sich seiner Gunst zu versichern, denn er hatte den Zug nach Mexiko zunächst unter Mißachtung offizieller Vorschriften unternommen. Dennoch geben auch seine Berichte, die leider nur zum Teil erhalten sind (Cortés 1960; Termer 1941), wertvolle Aufschlüsse über die Kultur der Indianer und ihre Auseinandersetzung mit den Spaniern. Abgesehen von dem Zug nach Honduras, der zu einer Berührung mit, nicht aber Unterwerfung der Enklave im Petén, Tayasal, führte, waren weder Cortés noch Bernal Díaz direkt an der Unterwerfung der Mayas in den Kernländern, Yukatan und

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Guatemala, beteiligt. Dies bewerkstelligten zwei andere Conquistadoren, Pedro de Alvarado (ca. 1486-1541) und Francisco de Montejo (ca. 1473-1553), die ursprünglich zum Gefolge von Cortés gehört hatten, sich dann aber selbständig machten, wobei der eine, Alvarado, 1524 Guatemala (und El Salvador) eroberte, während der andere, der sich dabei auch auf seinen Sohn, der gleichfalls Francisco hieß, stützte, in einem langen Kampf, der zwanzig Jahre - 1526 bis 1546 - währte, Yukatan unterwarf. Alvarado (1954; Termer 1948) hinterließ zwei Briefe, die er an Cortés schrieb, in dessen Auftrag er zunächst handelte, und in denen er über den Fortgang seines Eroberungszuges berichtet. Dabei erwähnt er auch einige Einzelheiten, die ihm bei seinem Zug durch die südlichen Mayaländer auffielen. Montejo (der Ältere) begnügte sich mit einer probanza, einer Rechtfertigungsschrift, wie sie damals zur Anerkennung der Verdienste von Conquistadoren üblich waren. Sie wurde 1938 unter dem Titel »Méritos y servicios del gobernador y capitán general D. Francisco de Montejo en la conquista de Yucatán, Chiapas, Honduras« veröffentlicht. Richteten die Entdecker und Eroberer ihr Augenmerk in erster Linie auf die Ereignisgeschichte, was ihre Zeugnisse zu historischen, politischen Dokumenten macht, so folgten auf ihren Spuren Männer, die es sich zur Aufgabe machten, die Indianer zum christlichen Glauben zu bekehren, was ja - neben der eigentlichen Unterwerfung - das erklärte Ziel der spanischen Könige war. Diese Männer waren in der Mehrzahl Ordensgeistliche, die sich - in der Auseinandersetzung mit dem weltlichen Klerus - häufig auf die Seite des Indianers stellten, für den sie deshalb eine Sympathie und ein besonderes Interesse entwickelten, das sie nicht nur zu Fürsprechern ihrer Schutzbefohlenen, sondern auch zu gelehrten Interpreten ihrer traditionellen Kultur werden ließ. Dabei gerieten nicht wenige in einen ideologischen Zwiespalt: auf der einen Seite die Forderung, die ihren eigentlichen Lebenszweck beinhaltete, die Indianer aus ihrem Heidentum zu befreien, auf der anderen die Erkenntnis, der sie sich nicht verschließen konnten, daß vieles dieser Kultur, die sie offiziell verdammten, erhaltungswürdig, zumindest der Aufzeichnung und Erinnerung wert war. In der Auseinandersetzung mit dem Indianer und seiner Kultur wurde so mancher dieser Ordensgeistlichen zu einem wissenschaftlichen Pionier der Indianerforschung. Das trifft auch hinsichtlich der Mayas zu. Allerdings entspricht der, der hier an erster Stelle zu nennen ist, jener Landa, den wir bereits erwähnten, nicht ganz der Norm. Diego de Landa (1524-1579), ein Franziskaner, der 1549 nach Yukatan kam, nahm sein Bekehrungswerk so ernst, daß er selbst vor einem Autodafé nicht zurückschreckte. 1562 ließ er in Maní, dem traditionellen Herrschersitz der Tutul Xiu, ein Exempel statuieren, das ihm den Ruf eines fanatischen Bilderstürmers einbrachte. Ob jedoch bei diesem Schauprozeß gegen das Ketzertum der Indianer auch jene Codices verbrannt wurden, in denen die Indianer ihre heidnischen Traditionen überlieferten und die den Ordensgeistlichen ein Dom im Augen waren, ist ungewiß. Immerhin gibt Landa selbst zu, an der Vernichtung der

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indianischen Bilderschriften maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. In einem »Bericht über die Dinge in Yukatan«, den er um 1566 in Spanien schrieb, um sich gegen den Vorwurf des Amtsmißbrauchs, den man gegen ihn erhoben hatte, zu rechtfertigen, erklärt er: »Usaba también esta gente de ciertos caracteres o letras con las cuales escribían en sus libros sus cosas antiguas y sus ciencias, y con estas figuras y algunas señales de las mismas, entendían sus cosas y las daban a entender y enseñaban. Hallárnosles gran número de libros de estas sus letras, y porque no tenían cosa en que no hubiese superstición y falsedades del demonio, se los quemamos todos, lo cual sintieron a maravilla y les dio mucha pena.« (Landa 1959: 104f.) Landa hat also buchstäblich das Wissen (und den Schlüssel dazu) zerstört, das er andererseits in geradezu paradoxer Weise bewahrt hat. Denn seine »Relación de las cosas de Yucatán«, so sehr sie auch als Streitschrift gedacht sein mag, ist dennoch das wichtigste Zeugnis, das wir zur Kultur der Mayas zum Zeitpunkt der Eroberung haben. Es beschränkt sich zwar nur auf Yukatan, doch nach dem Niedergang der klassischen Kultur hatte sich der Schwerpunkt der Mayatradition auf den nördlichen Teil der Halbinsel verlagert, so daß Landas Bericht, der alle Aspekte der indianischen Kultur umfaßt, von unschätzbarem Wert ist. Es ist eine Ethnographie der Mayakultur, die aus heutiger Sicht natürlich nur noch ethnohistorische Bedeutung hat. Zwei Aspekte, die auch Landa besonders hervorhebt, verdienen besondere Erwähnung. Es ist dies die Schrift (wie auch der Kalender), die Landa bemüht ist zu erläutern. Und es ist dies die Architektur, das heißt die archäologischen Zeugnisse, denen Landa auf Schritt und Tritt begegnete. Er sah durchaus, daß sie aus älterer Zeit stammten, war aber dennoch bereit, nicht nur ihren kulturellen Wert anzuerkennen, sondern sie auch - was keineswegs selbstverständlich war, bezweifelte man doch in weiten Kreisen die Vernunftsfähigkeit des Indianers - als Werke derer zu betrachten, die noch immer in ihrem Umkreis lebten. Wie er an anderer Stelle schreibt: »Que en Yucatán hay muchos edificios de gran hermosura que es la cosa más señalada que se ha descubierto en las Indias, todos de cantería muy bien labrada sin haber ningún género de metal en ella con que se pudiesen labrar. Que están estos edificios muy cerca unos de otros y que son templos, y que la razón de haber tantos es por mudarse las poblaciones muchas veces; y que en cada pueblo labraban un templo por el gran aparejo que hay de piedra y cal y cierta tierra blanca excelente para edificios. Que estos edificios no son hechos por otras naciones sino por indios, lo cual se vé por hombres de piedra desnudos y honestados de unos largos listones que llaman en su lengua ex y de otras divisas que los indios traen.« (Ebd.: 1 lf.) Bezeichnend und bedauerlich ist, daß das Werk Landas fast dreihundert Jahre in Vergessenheit geriet und erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als es ein französischer An-

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tiquar in Madrid, in der Bibliothek der Akademie für Geschichte, aufstöberte und kurz darauf veröffentlichte, der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurde. Landa, so widersprüchlich sein Wirken auch ist, war zwar der bedeutendste, doch keineswegs der einzige, der sich einer gezielten Erforschung der Mayas widmete. Allerdings richtete sich das Augenmerk der Ordensgeistlichen zunehmend auf die Sprache der Mayas, wobei sie nicht nur Wörterbücher, sondern auch Grammatiken anfertigten, die zwar dem primären Zweck dienten, die Verbreitung des christlichen Glaubens zu beschleunigen, die dennoch aber den Grundstein für eine systematische Erforschung der Mayasprache legten. In Yukatan war es vor allem das »Diccionario de Motul«, das dem Franziskaner Antonio de Ciudad Real (gest. 1617) zugeschrieben wird, das einen ersten Markstein in der Sprachforschung setzte. Eine ähnliche Bedeutung kommt einem ursprünglich dreibändigen Werk des Dominikaners Francisco Ximénez (1666-ca. 1729) zu, das der Sprache der Quiché, dem Hauptvolk der Mayas in Guatemala, gewidmet ist. Es umfaßt sowohl ein Wörterbuch als auch eine Grammatik; leider ist ein Teil des Werkes verschollen. Der Rest verteilt sich heute auf zwei amerikanische Bibliotheken und harrt noch einer Veröffentlichung, während das Motul-Wörterbuch in einer neueren Ausgabe (Martínez Hernández 1929) zugänglich ist. Neben diesen beiden Werken verdienen noch zwei weitere Erwähnung: ein Wörterbuch zum Cakchiquel, der zweiten wichtigen Sprache in Guatemala, das der Dominikaner Domingo de Vico (gest. 1555) zusammenstellte, und eine sogenannte »Arte en lengua cholti«, eine Grammatik mit Wortschatz zur Sprache der Chol-Mayas im Petén, die gleichfalls ein Dominikaner, Francisco Morán, Anfang des 17. Jahrhunderts anfertigte. Auch diese beiden Werke sind bisher noch nicht veröffentlicht, wenngleich auch eine Herausgabe des Cakchiquel-Wörterbuches in Vorbereitung ist (vgl. Grube 1988). Nach einer ersten Auseinandersetzung mit der fremden Kultur und ihrer Erschließung mit Hilfe der Sprache wandten sich die Ordensgeistlichen schließlich der Geschichte zu. Sie legten Rechenschaft über die Missionsarbeit ihrer Orden ab, steckten dabei aber das Ziel so weit, daß sie auch die übrige Entwicklung im Auge behielten, so daß die Chroniken der Ordensgeistlichen einen wichtigen Beitrag zur frühen Geschichtsschreibung in Amerika darstellen. Im Mayagebiet sind es drei Chronisten, die dieser Tradition entstammen: Diego López de Cogolludo (1610-1686), ein Fransziskaner, der eine Geschichte Yukatans schrieb, die im Stil eines Jahrbuches gehalten ist und die Schilderung, die Landa begonnen hatte, um ein Jahrhundert fortsetzt; Antonio de Remesal (1570-1639), ein Dominikaner, der ein umfangreiches Werk zur Geschichte von Chiapas und Guatemala verfaßte, in das er auch eine Vielzahl von Originaldokumenten aufnahm; und jener Francisco Ximénez, der die Quiché-Grammatik schrieb und mit einer historischen Arbeit das Werk von Remesal erweiterte, indem er sowohl auf die vorspanische Zeit zurückgriff als auch die Geschichte der südlichen

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Hochländer bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts fortsetzte. Alle drei Werke sind in neueren Ausgaben zugänglich (López de Cogolludo 1957; Remesal 1932; Ximénez 1929-31), wenngleich auch bei Ximénez wiederum ein Teil verschollen ist. Die Ordensgeistlichen haben den Löwenanteil an der frühen Mayaforschung. Auch wenn all ihre Arbeiten nicht eigentlich wissenschaftlichen Zwecken dienten, so verdanken wir ihnen doch die Bewahrung und Überlieferung von Traditionen und Ereignissen, die sonst verschüttet worden und wohl kaum zu rekonstruieren gewesen wären. Daß die einen, die Franziskaner, eher gegen die Indianer eingestellt waren, während die anderen, die Dominikaner, geneigt waren, Partei für sie zu ergreifen, tut dem Gesamtwerk der Ordensgeistlichen nur wenig Abbruch. Selbst die, die - wie Landa oder Las Casas, den man als seinen Gegenspieler bezeichnen könnte - extreme Positionen bezogen, waren bemüht, das, was sie gesehen oder gehört hatten, unverfälscht aufzuzeichnen. Nun waren es freilich nicht nur Ordensgeistliche, die ihre Aufmerksamkeit den Indianern widmeten. Nach den Conquistadoren kamen die Verwaltungsbeamten, die versuchten, Aufschluß über die Länder und Völker zu erlangen, die sie im Namen des Königs regierten. Sie verfaßten Berichte, führten Fragebogenaktionen durch und erhoben Zensusdaten, die alle dazu dienen sollten, die Regierung effizienter, wenn auch nicht gerechter zu machen. Auch diese Dokumente sind eine wichtige Quelle für die Mayaforschung, wobei der Blickwinkel jedoch immer mehr von den Indianern entrückt ist. Immerhin finden sich bemerkenswerte Beispiele dieser offiziellen Zeugnisse, die auch näher auf die indianische Kultur und Geschichte eingehen. So verfaßte beispielsweise der Lizentiat Diego García de Palacio (gest. 1595), der ein Mitglied der Audiencia von Guatemala war, einen ausführlichen Bericht über eine Reise, die er durch das östliche Grenzgebiet der Mayas machte. Dabei drang er auch bis Copán vor, deren Ruinen er besondere Aufmerksamkeit widmet. Auch er stellte Vermutungen darüber an, wer die Erbauer der Stadt gewesen sein könnten, und er kommt zu dem gleichen Schluß wie Landa, wobei er noch hinzufügt, daß die Ruinen eine Ähnlichkeit mit denen aufweisen, wie sie auch in anderen Teilen des Mayagebietes anzutreffen sind. Damit hatte er erstmals, wenn auch sicher unbewußt, den kulturellen Zusammenhang der einzelnen Mayaregionen erkannt. Der Bericht, der aus dem Jahre 1576 datiert, wurde erstmals im 19. Jahrhundert (Squier 1860) veröffentlicht. Gegen Ende des Jahrhunderts erschienen in Madrid die sogenannten Relaciones de Yucatán, die wir bereits erwähnten und die auf eine Fragebogenaktion aus dem Jahre 1577 zurückgehen, mit der der Indienrat, in Spanien, sich einen Überblick über die Verhältnisse in den Kolonien zu verschaffen suchte. Wenngleich auch die spanischen Siedler aufgefordert waren, die Fragen zu beantworten, so stützten sich viele doch auf die Hilfe indianischer Informanten, die mit den örtlichen Verhältnissen vertraut waren. In Yukatan war es vor allem ein gewisser

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Gaspar Antonio Chi (ca. 1531-1610), der dem Fürstenhaus derTutul Xiu entstammte, der in diesem Zusammenhang zu erwähnen ist. Er hatte schon Landa als Informant gedient, und da er sich als loyaler Anhänger der Spanier erwies, der sogar die Kinder der Eroberer in spanischer Sprache und lateinischer Grammatik unterwies, wurde er auch wiederholt für die Ausfüllung des Fragebogens herangezogen. Einen füllte er sogar selbst aus. Nicht nur in Yukatan, auch in Guatemala wurde die Fragebogenaktion durchgeführt. Doch ist hier die Zahl der »Relaciones«, die darauf zurückgehen, geringer. Während aus Yukatan über 50 Berichte bekannt geworden sind, sind es in Guatemala nur zwei, die aus dieser ersten Erhebung (es folgten später weitere, die jedoch nicht mehr die Bedeutung der früheren erlangten) datieren. Dafür haben wir für den südlichen Teil des Mayagebietes noch drei Quellen, die das Bild auch in dieser Gegend abrunden. Da ist einmal ein Werk, das aus der Feder eines Nachfahren von Bernal Díaz, des Chronisten der Conquista, der sich in späteren Jahren in Guatemala niederließ, stammt: Francisco Antonio de Fuentes y Guzmán (ca. 1643-1700). Er verfaßte eine Geschichte Guatemalas, die im Gegensatz zu den beiden anderen, die wir erwähnten, aus der Sicht eines Mannes geschrieben ist, der sich weniger als Spanier, denn als Guatemalteke fühlt. Womit nicht gesagt sei, daß er eine Solidarität mit den Indianern bekundet; aber immerhin schenkt er ihnen, besonders den archäologischen Zeugnissen, die - soweit es das Hochland betrifft - man bisher übersehen hatte, besondere Aufmerksamkeit. Sein zweibändiges Werk, das den etwas irreführenden Titel »Recordación florida« - »Blumige Erinnerungen« - führt, wurde erstmals in einer vollständigen Ausgabe in den Jahren 1932/33 veröffentlicht. Etwa zur gleichen Zeit, da Fuentes y Guzmán sein Nationalepos abschloß, verfaßte Juan de Villagutierre Soto-Mayor (um 1700), seines Zeichens Berichterstatter des Indienrates, eine »Geschichte der Eroberung der Provinz Itzá«, womit er sich auf ein Ereignis bezog, das erst kürzlich zum Abschluß gekommen war: die Unterwerfung jenes Refugiums yukatekischer Mayas, das im Herzen des Petén, in Tayasal, bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ausharrte. Villagutierre konnte sich bei seiner Arbeit auf eine Vielzahl offizieller Dokumente stützen, und so kommt seinem Werk, das erstmals 1701 in Madrid erschien, über die schicksalhafte Bedeutung dessen, worüber er berichtete, hinaus auch eine besondere wissenschaftliche Bedeutung zu. Ähnliches gilt für einen Bericht, der gänzlich aus dem Rahmen fällt und gerade deshalb besonders geeignet ist, das Bild, das die Spanier (und Indianer) entwerfen, zu relativieren. Es ist dies das Zeugnis eines Engländers, Thomas Gage (1603-1656), dem es gelang - als katholischer Priester - Einlaß in die spanischen Kolonien zu erlangen und sich dort zwölf Jahre lang umzusehen. Gage reiste von Mexiko bis nach Panama, doch hielt er sich die meiste Zeit in Guatemala auf, wo er in engen Kontakt mit den Indianern kam, über deren Lebensweise er in dem Bericht, den er über seine Reise schrieb, recht ausführlich berichtet. Da er den Spaniern (wie letztlich auch der

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Kirche) eher kritisch gegenüberstand, gewinnt sein Bericht, der erstmals 1648 erschien, einen besonderen Wert, schildert er doch die Situation in den Kolonien (und die Lage der Indianer) mit den Augen eines neutralen Beobachters, auch wenn die Objektivität zuweilen durch allzu große Geschwätzigkeit und die Voreingenommenheit, die er den Spaniern entgegenbringt, beeinträchtigt wird. Nach dem Pamphlet von Las Casas (1552), das über die »Zerstörung der indianischen Länder« berichtete und die sogenannte »Schwarze Legende« begründete, war »A New Survey of the WestIndia's«, wie Gage seinen Bericht nannte, die erste Kunde, die man über die Grenzen Spaniens hinaus über einen Teil der Welt erhielt, der bislang völlig verschlossen gewesen war. Dennoch sollten noch rund zweihundert Jahre vergehen, ehe man wirklich auf die Kultur und das Volk der Mayas aufmerksam wurde.

3. Die Wiederentdeckung der Mayas Nach den vielversprechenden Anfängen der Mayaforschung, die freilich nicht einen Eigenzweck verfolgte, geriet sie, je weiter die spanische Herrschaft voranschritt, allmählich in Vergessenheit. Es war die Politik der Krone, alles, was an die einstige Größe der Indianer erinnern konnte, zu unterdrücken, damit man möglichen Aufständen, die dadurch geschürt werden könnten, vorbeugte. Nur wenig von dem, was die Ordensgeistlichen über die Indianer aufgezeichnet hatten, erblickte das Licht der Öffentlichkeit: das meiste verschwand in den Archiven und liegt dort zum Teil noch heute. Im 18. Jahrhundert war die Erinnerung an die Mayas so verblaßt, daß es kaum noch jemand gab (außer den Chronisten, die Anfang des Jahrhunderts schrieben), der sich ihrer entsann. Es gab zwar Indianer, »Indios«, denen man überall in den Kolonien begegnete, auch im Mayagebiet, aber sie waren anonym. Niemand brachte sie mehr in Verbindung mit den Zeugnissen ihrer einstigen Kultur. Sie waren Wilde, »Barbaren«, die Nachfahren der Mayas ebenso wie die Eingeborenen am Amazonas, die niemals eine höhere Kulturstufe erlangt hatten. Man kann also nicht sagen, daß es eine durchgängige Tradition der Mayaforschung gegeben hätte; etwa in dem Sinne, daß die neuere auf der älteren aufbaute, sich aus ihr entwickelte. Im 18. Jahrhundert stand man wieder bei Null; es war, als ob sich die Entdeckung noch einmal wiederholte. Allerdings hatte man diesmal bessere Voraussetzungen als beim ersten Mal. Zwar hatte auch die Renaissance beziehungsweise der Geist des Humanismus sich förderlich auf die Erforschung der Indianerkulturen ausgewirkt; doch war es letztlich doch die Kirche, die bei der Unterwerfung der Indianer eine besondere Rolle spielte, die den Sieg davongetragen hatte. Eine weltliche Sicht des Indianers gab es nicht. Er war letztlich immer als Objekt der Mission angesehen worden. Das sollte sich nun wesentlich ändern, denn mittlerweile war ein neues Zeitalter angebrochen, das im Zeichen der Aufklärung und, in Reaktion dazu, der Romantik

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stand. Dies hatte nicht nur auf die Sicht des Menschen, seiner Kultur und Geschichte, entscheidende Auswirkungen; die neue Geisteshaltung, die man als eine Fortführung und Vervollkommnung der Ideale des Humanismus bezeichnen könnte, wirkte sich auch politisch aus. Die Aufklärung, die - wie Kant es formulierte - »die Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit« beinhaltete, war die Wegbereiterin der Französischen Revolution, und diese wiederum inspirierte die Befreiungsbewegungen in Amerika. Die USA hatten bereits ihre Bande zum »Mutterland« durchtrennt; Lateinamerika folgte zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Für die Mayas - das kann nicht genügend betont werden, weil insbesondere auch die Wissenschaft sich bislang mit dieser Frage nicht auseinandergesetzt hat - änderte sich durch die angebliche Befreiung der Kolonien nichts: sie blieben weiter in Abhängigkeit (und sanken in ihrem sozialen Status sogar noch tiefer). Die Mayaforschung jedoch erlebte einen ungeahnten Aufschwung: denn nicht nur hatten Aufklärung und Romantik, mehr noch als einst Renaissance und Humanismus, den Boden für eine Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Völkern, die man nur zu gerne als einen Idealzustand des Menschen darstellte, geebnet; es waren nun, da die restriktive Politik der spanischen Krone aufgehoben war, auch Türen und Tore geöffnet, auf daß jedermann Zugang habe zu den einstigen Kolonien. Standen dahinter auch primär wirtschaftliche Erwägungen, so war doch eine wesentliche Begleiterscheinung dieser Öffnung die wissenschaftliche Erschließung, die erstmals um ihrer selbst willen geschah, dieser neuen Staaten. Nicht den geringsten Anteil daran hatte die Mayaforschung. Nun soll freilich nicht verschwiegen werden, daß gerade, was die Mayaforschung betrifft, der Ruhm, die Kultur der Mayas wiederentdeckt zu haben, noch den spanischen Königen gebührt. Wenigstens waren sie es, insbesondere Karl III., der in den Jahren 1759-88 regierte und ein Vertreter des aufgeklärten Absolutismus war, die den ersten Anstoß gaben, sich der Mayas erneut bewußt zu werden. Karl III., der zugleich König von Neapel war, hatte wesentlichen Anteil an den Ausgrabungen von Pompeji und Herkulaneum, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts großes Aufsehen erregten. Zur gleichen Zeit erschien ein Werk, das ein Deutscher, Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), verfaßt hatte und das den Titel »Geschichte der Kunst des Altertums« trug. Es war ein Markstein in der Geschichte der Altertumswissenschaft: fortan bezeichnete man sie als »Archäologie« und war bemüht, sie mit streng wissenschaftlichen Kriterien anzugehen. Freilich war der Maßstab die Antike, und es bedurfte erst des Eroberungszuges Napoleons nach Ägypten (1798-1802), der zwar nicht den gewünschten militärischen Erfolg brachte, dafür aber, da Napoleon mit einem ganzen Troß von Wissenschaftlern reiste, zu einer Entdeckung des alten Ägypten führte, daß die Archäologie auch auf außereuropäische Kulturen ausgeweitet wurde. Dies führte zu einer Relativierung in der Betrachtung fremder Kulturen, auch wenn es die indianischen Völker, das heißt

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ihre Zeugnisse, schwer hatten, sich gegenüber den Zivilisationen der Alten Welt, die den Europäern (und Amerikanern) vertrauter waren, durchzusetzen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß nun tatsächlich die Archäologie in den Vordergrund trat (und es seitdem, was die Mayas betrifft, geblieben ist). Das hängt mit dem Umstand zusammen, daß die Einheit, die Landa noch ausmachen konnte, nämlich der Zusammenhang zwischen den noch lebenden Indianern und den verlassenen Ruinenstädten, inzwischen gänzlich verschüttet war. Auf der einen Seite gab es »Primitive«, so sehr Rousseau sie auch »edle Wilde« nennen mochte; auf der anderen monumentale Zeugnisse, die man durchaus an die Seite der altweltlichen Kulturen stellen konnte, auch wenn man ihnen nicht die gleiche künstlerische Reife wie diesen zubilligte. Es ging, im Zeichen der Aufklärung, also weniger darum, fremde Völker zu erkunden (dafür bot sich eigentlich nur die Südsee an, wo man auf Tahiti ein Paradies auf Erden gefunden zu haben meinte), sondern um die Entdeckung versunkener Kulturen, die - neben dem inquisitiven Geist der Aufklärung - auch dem vergangenheitsgerichteten Blick der Romantiker entgegenkamen. An dieser (einseitigen) Ausrichtung der Wissenschaft krankt die Mayaforschung noch heute. Was nun die Wiederentdeckung der Mayas betrifft, so ist hier ein Ort zu nennen, der bislang keinerlei Aufmerksamkeit erweckt hatte: Palenque (vgl. dazu Griffin 1974). Die Spanier waren in Yukatan mit einer Vielzahl von Ruinen in Berührung gekommen; aber auch Copän, wie wir gehört haben, hatte bereits ihr Interesse erregt. Selbst Tikal, die wohl größte aller Mayastädte, die mitten im Petén liegt, war bereits im Zuge der Unterwerfung der Itzä entdeckt worden (Avendano y Loyola 1917: 167). Nur Palenque, die dritte der großen Mayametropolen der klassischen Zeit, die ähnlich wie Copän am Rande des eigentlichen Mayagebietes liegt, war den Spaniern bislang entgangen. Sie rückte nun, gegen Ende der Kolonialzeit, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Anlaß dazu war die Versetzung eines Priesters, Antonio de Solis mit Namen, der die Pfarrei von Tumbalä erhielt, eines kleinen Ortes in der Nähe der Ruinen. Er brachte einen Großteil seiner Verwandtschaft mit, und einer davon, der auf die Schule in Ciudad Real, dem heutigen San Cristóbal de las Casas, geschickt wurde, berichtete einem seiner Mitschüler, Ramon Ordohez y Aguilar, daß man im Dschungel »Häuser aus Stein« gefunden hätte. Ordonez y Aguilar behielt diesen Bericht in Erinnerung, und als er schließlich selbst zum Priester geweiht worden war, schickte er eine kleine Expedition aus, die die Häuser im Dschungel suchen sollte. Man schrieb das Jahr 1773. Der Bericht über diese Expedition wurde an José de Estacheria, den Gouverneur von Guatemala, zu dessen Amtsbereich Ciudad Real und die Ruinen gehörten, weitergeleitet, und dieser fühlte sich bemüßigt, weitere Erkundungen einzuholen, die ihn aber nicht befriedigten, so daß er schließlich selbst eine Expedition aussandte, die

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unter der Leitung eines Architekten, Antonio Bernasconi, stand. Der Bericht, den dieser über seine Entdeckungen anfertigte, wurde nach Spanien gesandt, wo er Karl HI. dazu bewog, weitere Untersuchungen anzuordnen. Diesmal fiel die Wahl auf einen Militär, Hauptmann Antonio del Río, dem man vielleicht nicht den nötigen Sachverstand, wohl aber die erforderliche Ausdauer zutraute, den geheimnisvollen Ruinenort so lange zu durchstöbern, bis man die Frage nach »dem Ursprung und der Geschichte der alten Amerikaner«, wie es ein Berater des Königs, der Historiker Juan Bautista Múñoz, formulierte, gelöst habe. Getreu seiner Order ging del Río zu Werke. Wie er selbst schreibt: »Ultimately there remained neither a window ñor a doorway blocked up; a partition that was not thrown down, nor a room, corridor, court, tower, nor subterranean passage in which excavations were not effected from two to three yards in depth, for such was the object of my mission.« (del Río 1822: 3) Es war die erste archäologische Grabung im Mayagebiet, auch wenn die Methoden, die dabei zur Anwendung gelangten, eher soldatischem Draufgängertum als wissenschaftlicher Akribie entsprachen. Dennoch war der Bericht, den del Río über seine Untersuchungen anfertigte, so bemerkenswert, daß er die Aufmerksamkeit eines Engländers erregte, der ihn mit nach London nahm, wo er schließlich 1822 - als erstes Buch über die Mayas - veröffentlicht wurde. Inzwischen hatte Mexiko (und damit auch Guatemala, das von Mexiko aus regiert worden war) seine Unabhängigkeit erlangt. Doch noch bevor sich Neuspanien vom Mutterland löste, hatte Karl IV., der 1788 auf den spanischen Thron folgte und die Begeisterung seines Vorgängers für die Archäologie teilte, eine weitere Initiative ergriffen und den ehemals österreichischen Kavallerieoffizier Guillaume Dupaix (17501819) mit einer Mission betraut, die darin bestand, eine Bestandsaufnahme der vorspanischen Ruinen in Mexiko vorzunehmen. Dupaix, dem sich ein Maler, José Luciano Castañeda, beigesellte, unternahm in den Jahren 1805-08 drei Expeditionen, die ihn auch in das Mayagebiet führten, wo er allerdings nur Palenque besuchte. Doch war sein Bericht über diese Ruinenstadt ausführlicher, zumal er nicht nur mit Illustrationen, wie sie auch schon del Río hatte anfertigen lassen, versehen war, sondern auch mit Karten. Allerdings war seinem Bericht das gleiche Schicksal beschieden wie schon den Aufzeichnungen del Ríos: das Ergebnis seiner Forschungen in Mexiko wurde erst 1831 veröffentlicht, und zwar in einem Werk, das mehr noch als die Arbeiten Dupaix' einen Markstein in der mexikanischen Altertumskunde setzen sollte. Es war dies das neunbändige Oeuvre eines exzentrischen irischen Adligen, Edward King, Viscount Kingsborough (1795-1837), der sein gesamtes Vermögen in die Sammlung und Veröffentlichung archäologischer Dokumente und Berichte, die das vorspanische Mexiko betrafen, steckte. Das Werk, in dem er ganze Codices reproduzieren ließ, verschlang so viel Geld, daß er wiederholt ins Schuldengefängnis geworfen wurde, wo er - noch ehe sein Werk vollendet

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war - schließlich an Typhus starb. Das monumentale Opus, das Kingsborough (1831-48) anregte, erschien zum Teil erst nach seinem Tode. Was das Mayagebiet betrifft, so ist neben dem Bericht Dupaix' über Palenque ein anderes Zeugnis erwähnenswert, das gewissermaßen auch an der Wiege der neueren Mayaforschung stand: es ist der sogenannte Dresden-Codex, eine der vier erhaltenen Bilderhandschriften der Mayas, die ursprünglich nach Wien gelangte, wo sie 1739 für die Königliche Bibliothek in Dresden erworben wurde. Nachdem darüber erstmals ein kurzer Kommentar 1743 (Götze 1743/44: I, 1-5) erschienen war, veröffentlichte Humboldt (1810) fünf Seiten des Codex, ehe schließlich eine vollständige Kopie, die Kingsborough anfertigen ließ und die er dann in sein Werk aufnahm, folgte. Alexander von Humboldt (1769-1859) war kurz, bevor Dupaix seine Untersuchungen aufnahm, in Mexiko. Er befand sich auf dem Rückweg seiner großen Forschungsreise zu den »Äquinoktialgegenden der Neuen Welt«, und obwohl er sich bei seinem Aufenthalt in Mexiko nur im zentralen Hochland aufhielt und seine Aufmerksamkeit nicht eigentlich der Archäologie galt, brachte er doch in einem Teilband seines umfangreichen Werkes, das er über die Ergebnisse seiner Reise schrieb, eine Zusammenstellung indianischer Zeugnisse, denen er bei seinen Forschungen, die er in Europa fortsetzte, begegnet war. So stellte er nicht nur einige Seiten des Codex Dresdensis vor, sondern reproduzierte auch eine Illustration zu Palenque, die er allerdings fälschlicherweise als ein Fundstück aus Oaxaca bezeichnete. Es war das erste bildliche Zeugnis der Mayakultur, das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Humboldt verdient aber auch noch aus einem anderen Grund Erwähnung: in einem Aufsatz, der den politischen Veränderungen in Zentralamerika gewidmet ist, schreibt er (1826: 158f.): »Unter allen Ueberbleibseln der Kunst und früheren Kultur amerikanischer Kulturvölker verdienen ohne Zweifel die von Guatemala und dem nahe gelegenen mexikanischen Staate von Merida den Vorzug. Sie haben einen eigenen Karakter, der sie von allem, was ich von der aztekischen Bildhauerei bekanntgemacht habe, im Styl und richtigen Verhältniß der menschlichen Gestalt, wesentlich unterscheidet.« Der Begriff »Maya« für die Zeugnisse der indianischen Kultur in Yukatan und Guatemala hatte sich noch nicht eingebürgert und sollte auch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftauchen, als man die vergessenen Manuskripte der spanischen Ordensgeistlichen wiederentdeckte, doch bereits Humboldt erkannte die Besonderheit dieser Kultur, deren ästhetische Weitung freilich ein subjektives Urteil war, da die Kunstwerke der Mayas, zumal in der Art, wie sie von den frühen Zeichnern interpretiert wurden, am ehesten dem gewohnten, altweltlichen Kanon entsprachen. Das Reisewerk Humboldts und die Berichte Dupaix', die nicht nur in England,

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sondern auch - in einer ersten vollständigen Ausgabe (1834) - in Frankreich erschienen, erregten nicht wenig Aufsehen in Europa. Man wurde sich zum ersten Mal - außerhalb Spaniens - bewußt, daß es in der Neuen Welt offenbar ähnliche Zivilisationen gegeben hatte, wie man sie kürzlich im Nahen Osten entdeckt hatte, und es tauchte die Frage auf, wenn dies tatsächlich so war, wer denn die Erbauer gewesen sein könnten. Die meisten tippten auf die Ägypter; einige auch auf die Römer oder Griechen. Worüber sich alle - auch und gerade diejenigen, die die Ruinen selbst besucht hatten - einig waren, war die Ansicht, daß es unmöglich die gewesen sein könnten, die heute noch - als angeblich minderwertige Rasse - in der Nähe der Ruinen wohnten, womit man auch ihre Vorfahren meinte, denen man gleichfalls keine höheren Leistungen zutraute. Um diese vorherrschende Meinung, die selbst noch die Existenz von Zeugnissen einer höheren Kultur in Frage stellte, endgültig zu widerlegen, bedurfte es eines weiteren Anlaufes, der diesmal von einer ganz anderen Richtung her kam. Erstmals traten die USA auf den Plan! Nicht, daß sie damals schon mit der gleichen Autorität auftreten konnten, wie sie es heute - zumal in der Mayaforschung - tun. Aber der Mann, der als der eigentliche Pionier der Mayaforschung gilt, denn er verhalf ihr endgültig zum Durchbruch, ging mit jenem gesunden, pragmatischen Menschenverstand an die Sache heran, wie es der Natur seines Volkes entsprach und wie es nicht unwesentlich zum Aufschwung seines Landes - auch in der Wissenschaft - beitrug. Dieser Mann war John Lloyd Stephens (1805-1852), ein Rechtsanwalt aus New York, der zugleich ein passionierter Reisender und erfolgreicher Schriftsteller war (vgl. dazu Hagen 1947). Er hatte bereits Ägypten und das Heilige Land bereist, ehe er in London mit einem bekannten Zeichner, Frederick Catherwood (1799-1854) zusammentraf, der gleichfalls einen Hang zum Reisen und auf Grund seines Berufes - er war eigentlich Architekt - ein noch ausgeprägteres Interesse für die Archäologie hatte, als es der Amerikaner aufwies (vgl. Hagen 1950). Catherwood machte Stephens auf den Bericht del Ríos aufmerksam, der ja vor einiger Zeit - als erstes und bislang einziges Buch, das den Mayas gewidmet war - in London erschienen war. Und von diesem Augenblick an war der Amerikaner von dem Geheimnis, das die Mayas beziehungsweise ihre Kultur umgab, gefesselt, und nachdem er nach New York zurückgekehrt war, begann er, alle erreichbaren Berichte über dieses Volk zu studieren, und beschloß schließlich, selbst nach Mittelamerika zu gehen, um sich an Ort und Stelle umzusehen. Ihm kam der Umstand zugute, daß der Präsident der Vereinigten Staaten ihn mit einer offiziellen Mission betraute, so daß er die günstigsten Voraussetzungen hatte, seine Absicht in die Tat umzusetzen. Mit Catherwood, der inzwischen nach New York übergesiedelt war, als Begleiter, brach er im Herbst 1839 zu seiner ersten großen Reise ins Mayagebiet auf. Zwei Jahre später folgte eine zweite Reise, an der gleichfalls Catherwood teilnahm, und als sie schließlich auch die Ergebnisse dieser Reise veröffentlichten (Stephens

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1843; der Bericht über die erste Reise war bereits 1841 erschienen), gab es niemanden mehr, der an der Existenz einer höheren, vorspanischen Kultur in Mittelamerika zweifeln konnte. Stephens und Catherwood besuchten insgesamt rund 50 Ruinenstädte der Mayas, darunter - während der ersten Reise, die vornehmlich Guatemala, Honduras und Chiapas galt - Copän, Iximche, Toninä und Palenque sowie - während der zweiten Reise, die ausschließlich Yukatan gewidmet war - Mayapän, Uxmal, Glichen Itzä und Tulum. Von den Erkundungen, die sie in diesen Ruinenstädten anstellten, fertigten sie genaue Beschreibungen, Pläne und Abbildungen an, die zum ersten Mal in Wort und Bild die architektonischen und künstlerischen Zeugnisse der Mayas in einer Weise darstellten, wie sie sich tatsächlich (und nicht in Form einer vorgefaßten Meinung oder falschen Interpretation) dem Betrachter präsentierten. Tempel und Paläste, Stelen und Altäre wurden nicht in klassizistischem Stil oder romantischer Verklärung wiedergegeben, sondern so, daß sie ihre kulturelle Individualität erkennen ließen. Darin liegt der besondere Wert der Arbeiten von Stephens und Catherwood (vgl. dazu auch Catherwood 1844). Ein weiteres Verdienst ist die Erkenntnis, die hier zum ersten Mal - seit den frühen Spaniern - geäußert wird, daß es nicht nur Zeugnisse von hohem kulturellen Wert, die aus vorspanischer Zeit stammen, in Mittelamerika gibt, sondern daß sie auch bodenständig, das heißt ohne Einflüsse von außen, entstanden sind. Wie Stephens (1969:1, 102) in der Rückschau über ihre erste Begegnung mit einer Stele in Copän schreibt: »The sight of this unexpected monument put at rest at once and forever, in our minds, all uncertainty in regard to the character of American antiquities, and gave us the assurance that the objects we were in search of were interesting, not only as the remains of an unknown people, but as works of art, proving, like newlydiscovered historical records, that the people who once occupied the Continent of America were not savages.« Womit freilich noch nichts über die Erbauer und ihre Herkunft gesagt ist. Dazu nimmt Stephens jedoch in seinem Resümee über die erste Reise Stellung, wo es heißt: »There is, then, no resemblance in these remains to those of the Egyptians; and, failing here, we look elsewhere in vain. They are different from the works of any other known people, of a new order, and entirely and absolutely anomalous: they stand alone. I invite to this subject the special attention of those familiar with the arts of other countries; for, unless I am wrong, we have a conclusion far more interesting and wonderful than that of connecting the builders of these cities with the Egyptians or any other people. It is the spectacle of a people skilled in architecture, sculpture, and drawing, and, beyound doubt, other more perishable arts, and possessing the cultivation and refinement attendant upon these, not derived from the

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Old World, but originating and growing up here, without models or masters, having a distinct, seperate, independent existence; like the plants and fruits of the soil, indigenous.« (Ebd.: II, 442f.) Stephens geht aber noch einen wesentlichen Schritt weiter und wagt sich damit ohne daß es freilich erkannt wurde, am wenigsten von der Wissenschaft - auf politisches Terrain, wenn er am Ende seines Berichtes über die zweite Reise (1963: II, 309f.) und damit als Schlußfolgerung seiner Forschungen insgesamt schreibt: »The Indians who inhabit that country [Yucatan] now are not more changed than their Spanish masters. Whether debased, and but little above the grade of brutes, as it was the policy of the Spaniards to represent them, or not, we know that at the time of the conquest they were at least proud, fierce, and warlike, and poured out their blood like water to save their inheritance from the grasp of strangers. Crushed, humbled, and bowed down as they are now by generations of bitter servitude, even yet they are not more changed than the descendants of those terrible Spaniards who invaded and conquered their country. In both, all traces of the daring and warlike character of their ancestors are entirely gone. The change is radical, in feeling and instincts, inborn and transmitted, in a measure, with the blood; and in contemplating this change in the Indian, the loss of mere mechanical skill and art seems comparatively nothing; in fact, these perish of themselves, when, as in the case of the Indians, the school for their exercise is entirely broken up. Degraded as the Indians are now, they are not lower in the scale of intellect than the serfs of Russia, while it is a well-known fact that the greatest architect in that country, the builder of the Cazan Church at St. Petersburgh, was taken from that abject class, and by education became what he is. In my opinion, teaching might again lift up the Indian, might impart to him the skill to sculpture stone and carve wood; and if restored to freedom, and the unshackled exercise of his powers of mind, there might again appear a capacity to originate and construct, equal to that exhibited in the ruined monuments of his ancestors.« Nicht nur, daß Stephens die heutigen Mayas als die Nachfahren derer erkannte, die einst die versunkenen Ruinen erbauten: er stellte auch die Forderung auf, die zu seiner Zeit nicht minder visionär war wie heute, daß man den Indianer zur alten Größe zurückführen könnte, wenn man ihm nur die Freiheit wiedergäbe. Stephens stützte seine Einsicht auf die Erfahrungen, die er auf seinen Reisen gemacht hatte und die er keineswegs verschwieg: er weist, an Hand konkreter Beispiele wie etwa des Hacienda-Systems, auf die erbärmliche Lebenssituation des Indianers hin und wird somit - neben seiner Funktion als Wegbereiter der Archäologie zugleich auch zu einem Vorläufer der Ethnologie. Doch während seine archäologische Pionierleistung überall anerkannt wurde, zumindest in dem Maße, daß sie nun die Aufmerksamkeit der Wissenschaft gezielt auf die versunkene Welt der Mayas lenkte, blieben seine Beobachtungen zu den gegenwärtigen Mayas völlig unbeachtet.

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Das entsprach nicht dem vorherrschenden positivistischen Denken, das allmählich die Verklärung der Romantik ablöste. Und so wartet denn der Indianer auf seine Wiederentdeckung (im Gegensatz zu der seiner Ahnen) bis auf den heutigen Tag. Zumindest, soweit es die Sicherung seiner Existenz betrifft. Allerdings sollte nicht übersehen werden, daß auch schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein anderer Zweig der Mayaforschung einsetzte: die Philologie. Auch sie war ein Erbe der Romantik, die sich ja nicht nur mit archäologischen, sondern auch literarischen Zeugnissen fremder Völker befaßte. Hier ist vor allem ein Franzose zu erwähnen, Charles Etienne Brasseur (1814-1874), nach seinem Geburtsort »de Bourbourg« genannt. Er war in gewisser Weise ein Gegenspieler Stephens, obwohl er dessen Arbeiten in geradezu genialer Weise ergänzte. Tozzer (1921: 146), der Altmeister der amerikanischen Mayaforschung, charakterisierte den Franzosen einmal mit dem Satz: »He should be remembered not for what he wrote himself but for the manuscripts which he published.« Was seine Bestätigung in dem Ausspruch findet, den Brasseur (1871: XLVII) sozusagen am Ende seines Wirkens tat: »A l'aide de la science mexicaine, j'ai levé le voile bleu du sanctuaire d'Isis...« Er war ein Anhänger des Diffusionismus, wobei das in seinem Fall durchaus doppeldeutig gemeint sein kann, denn wenn Stephens sich durch einen klaren Gedankengang und eine sorgsame Beobachtung auszeichnete, gewann bei Brasseur zumeist eine ungezügelte Phantasie die Oberhand. Aber, wie gesagt, man sollte ihn nicht nach dem beurteilen, was er schrieb, sondern danach, was er fand. Und das war in der Tat beträchtlich. Brasseur war von Beruf Geistlicher, was er zweifellos nur deshalb geworden war, weil er sich dadurch Zugang zu den Quellen seiner eigentlichen Passion erhoffte: der Erforschung Altamerikas. In dieser Hoffnung wurde er nicht enttäuscht, denn nicht nur gelang es ihm, insgesamt viermal die Neue Welt zu bereisen und dabei den gesamten nordamerikanischen Kontinent zu durchstreifen, er hatte auch Gelegenheit, Rom, Paris und Madrid zu besuchen, wo ein Großteil der Zeugnisse, die er suchte, lagerte. Diese Zeugnisse, schriftliche Dokumente, die Auskunft über die Kultur der Indianer gaben, waren es, die es ihm angetan hatten. Mit unermüdlichem Eifer durchstöberte er Bibliotheken, Archive und Trödlermärkte und brachte so eine stattliche Anzahl von Dokumenten zusammen, die einen unschätzbaren Wert erlangten. Am bedeutendsten waren die Funde Brasseurs im Mayagebiet, wo er in Mexiko das Wörterbuch von Motul wiederentdeckte und in Guatemala auf eine Abschrift des Popol Vuh stieß, die Ximénez, der Chronist des 18. Jahrhunderts, angefertigt hatte (das Original, das Ximénez in Chichicastenango gefunden hatte, ging verloren), sowie auf die Annalen der Cakchiquel, das Pendant zum Popol Vuh. Damit noch nicht genug, entdeckte Brasseur in Spanien eine Kopie des Landa-Manuskriptes (dessen Original gleichfalls verschollen ist) sowie einen Teil des Madrider Codex, das sogenannte Troano-Fragment. Damit war mit einem Schlag das literarische Erbe der Ma-

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yas sowie ein wesentlicher Schlüssel zu ihrer Kultur wieder zum Vorschein gekommen, und wenngleich die Übersetzungen, die Brasseur von einem Teil seiner Entdeckungen (darunter dem Popol Vuh und der Landa-Relación [Brasseur 1861, 1864]) anfertigte, fehlerhaft und unvollständig waren, so trug er doch wesentlich dazu bei, daß sich das Bild, das Stephens entworfen hatte und das sich ja nur auf stumme Zeugen stützte, mit Leben füllte. Daß man dabei der Phantasie nur allzuoft freien Lauf ließ (vgl. dazu Brasseur 1857-59), ändert nichts an der Tatsache, daß nun der Wissenschaft - zusätzlich zu den Ruinen - auch ein Korpus von Quellen zur Verfügung stand, der eine objektive und komplementäre Auswertung ermöglichte. Die Grundlagen beziehungsweise die Voraussetzungen für eine systematische Wissenschaft waren gelegt.

4. Eine neue Wissenschaft Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die allmähliche Ablösung der dilettantischen Mayaforschung durch die etablierte Wissenschaft. Bislang waren alle, die sich der Erforschung der Mayas und ihrer Kultur gewidmet hatten, Laien gewesen; niemand, weder die Spanier noch die Pioniere der neueren Forschung, war nach den Kriterien einer geordneten Wissenschaft vorgegangen. Mochte dieser oder jener auch um eine objektive Darstellung bemüht gewesen sein, es fehlten einfach die Voraussetzungen für eine gezielte wissenschaftliche Arbeit. Sei es, daß der Erkenntnisgewinn nicht die eigentliche Absicht der Arbeit war (wie bei Landa), sei es, daß Techniken und Methoden der Forschung, so rudimentär sie auch waren, nicht genügend berücksichtigt wurden (wie bei Stephens), sei es, daß die Theorie nicht als ein Hilfsmittel der Wissenschaft anerkannt, sondern zum Selbstzweck erhoben wurde (wie bei Brasseur). Nicht nur die Erfahrung und Fertigkeit fehlte, auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer systematischen Wissenschaft. Dies ist freilich nicht nur ein Versäumnis der frühen Mayaforscher. Es gab keine wissenschaftliche Tradition, in die sie sich einordnen konnten, die ihrer Arbeit Richtung, Kontinuität und Bestand gab. Landa schrieb seine »Relación«, um sich selbst ein Unschuldszeugnis auszustellen; Stephens war Reiseschriftsteller, der nicht für die Wissenschaft, sondern für das breite Publikum schrieb; und Brasseur war zwar Mitglied einer wissenschaftlichen Kommission, die sich die Erforschung Mexikos zum Ziel setzte, doch sie wurde erst 1864 eingerichtet, zu einer Zeit, da Brasseur nicht mehr in der Lage war, sich auf die Disziplin streng wissenschaftlicher Forschung einzustellen. Wissenschaftliches Arbeiten setzt ein entsprechendes geistiges Umfeld voraus sowie die nötige materielle Basis, damit die Arbeit nicht nur frei von Sachzwängen bleibt, sondern auch die nötige Förderung erfahrt. Dies war um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht gegeben und tauchte - was das Mayagebiet betrifft - auch erst gegen Ende des Jahrhunderts auf. Wissenschaftliche Institutionen entstanden, die es

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sich zur Aufgabe machten, Forschung um ihrer selbst willen zu fördern, und so wurde langsam eine Generation von Wissenschaftlern herangebildet, die man mit Recht als »Mayanisten« bezeichnen kann. Wie die neue Disziplin, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich abzeichnet, zu nennen ist, ist bis heute nicht eindeutig geklärt: bei den Amerikanern hat sich die Bezeichnung »Mayanistik« beziehungsweise »Mayanisten« (»Mayanists«; vgl. Marcus 1983) eingebürgert, während in Deutschland von »Mayaistik« (Stegmann 1987) und in Mexiko gar von »Mayistik« beziehungsweise »Mayisten« (»mayistas« [de la Garza 1987]) gesprochen wird. Termer (1952: 99) erwähnt - neben Mayistik - noch zwei weitere Varianten: »Mayologie« und »Mayie«. Letzteres grenzt wohl schon eher an Exotik, aber auch Mayaistik und Mayistik sind eigentlich nicht gerechtfertigt: ebenso wie die Begriffe »Mexikanistik«, »Amerikanistik« oder auch »Afrikanistik« allgemein anerkannt sind (zumindest im deutschsprachigen Raum), bietet sich auch für die Mayaforschung Mayanistik an, zumal auch die Amerikaner, die ohnehin den Ton in dieser Wissenschaft angeben, den gleichen Begriff beziehungsweise seine Personifizierung verwenden. Daß die Amerikaner heute führend in der Mayaforschung sind, ist eine Tatsache, die nicht zu übersehen ist. Ihr Einfluß geht auf jene Zeit zurück, da die Mayaforschung sich zu einer selbständigen Wissenschaft zu formen begann. Besonders das Peabody-Museum, das 1866 gegründet wurde und der Harvard-Universität angeschlossen ist, setzte einen ersten Markstein. Es rüstete nicht nur eine Reihe wissenschaftlicher Expeditionen aus, die sich bis in die Gegenwart fortsetzen sollten; im Verein mit der Harvard-Universität wurde hier auch ein Stamm von Wissenschaftlern ausgebildet, der bis heute in der Mayaforschung tonangebend geblieben ist. Dagegen erlangte Europa, wo insbesondere in Frankreich und später in Deutschland eine gewisse Blüte der Mayaforschung zu verzeichnen war, nie die Bedeutung, die den Amerikanern beschieden war. Die Gründe hierfür sind vielfältig und werden im Laufe der Arbeit noch im einzelnen zu untersuchen sein. Zwei Faktoren spielen eine besondere Rolle: einmal die vergleichsweise größeren Mittel, die in den USA für die Mayaforschung zur Verfügung gestellt wurden. Zum anderen die geographische Nähe, die sich auch in entsprechendem politischen und wirtschaftlichen Einfluß niederschlug, der den Amerikanern den nötigen Freiraum gab, sich auch wissenschaftlich in großem Stil zu engagieren. Waren diese beiden Faktoren günstige Rahmenbedingungen, die die Mayaforschung förderten, so sollte aber auch ein anderer Aspekt nicht übersehen werden: die Bereitschaft der Amerikaner, im Team zu arbeiten, was der europäischen Wissenschaftstradition, zumal der deutschen, die mehr auf individuelle Arbeit und noch dazu in elitärer Abgeschiedenheit setzt, abgeht. Die Amerikaner arbeiten nicht nur innerhalb eines Teilgebietes zusammen, sie konzipieren auch die Mayaforschung - wie jede anthropologische Wissenschaft - in einer integrierten Gesamtschau, was gleich-

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falls nur in enger Abstimmung der einzelnen Teilbereiche beziehungsweise der Wissenschaftler, die sie vertreten, möglich ist. Auch wenn dies auch in den USA inzwischen nicht mehr so konsequent verfolgt wird, wie es einmal war, so wird doch der Zusammenhang beziehungsweise das breite Spektrum der Wissenschaft immer noch gesehen, und dies ist nicht der geringste Grund, weshalb die Amerikaner in der Mayaforschung überragende Erfolge erzielt haben. In der Phase der Etablierung der Wissenschaft, die bis etwa zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs reicht, entsandte das Peabody-Museum zwölf Expeditionen in das Mayagebiet. Dazu kamen längerfristige Forschungen, die das Peabody-Museum in Yukatan förderte, sowie eine Expedition, die unter der Ägide des Archaeological Institute of America stand, das zwar vorrangig im Bereich der altweltlichen Vorgeschichte arbeitete, jedoch ein erstes systematisches Grabungsprojekt in Quiriguâ durchführte, das zugleich auch als spezielles Trainingsfeld diente, dem namhafte Archäologen im Mayagebiet ihre berufliche Qualifikation verdankten. So bedeutsam und zukunftsweisend diese institutionelle Förderung war, sie trug ihre eigentlichen Früchte erst in diesem Jahrhundert. Am Beginn standen auch hier Autodidakten, die sich jedoch von Stephens und seinen Vorgängern dadurch unterschieden, daß sie nicht nur - zumindest zum Teil - von offizieller Seite gefördert wurden, sie hatten auch die Ausdauer und Fähigkeit, sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren, so daß sie allmählich selbst ihre Leistungen verbesserten und am Ende kaum minder qualifiziert waren als jene, die - in ihrer Nachfolge - ihr Handwerk von der Pike auf erlernten. Allerdings galt es zunächst immer noch, das Terrain, das Stephens aufgetan hatte, weiter zu sichten, also Rekognoszierungen durchzuführen und alle Funde sorgsam zu dokumentieren. Erst dann konnte man darangehen, das Material zu analysieren und sich damit der Ebene des Explikativen zu nähern. Vier Namen sind mit dieser wichtigen Phase der Mayaforschung verbunden, wobei einschränkend gesagt sei, daß dies nur für die Archäologie im eigentlichen Sinne (und die Ethnographie) gilt. Die Philologie, der wir uns weiter unten zuwenden werden, hatte diesen Schritt der Dokumentenaufnahme schon zu einem großen Teil getan; sie begann bereits in dieser Phase mit ersten bedeutsamen analytischen Arbeiten. Die Reihe der Archäologen, die am Anfang ihrer Wissenschaft stehen, beginnt mit Désiré Charnay (1829-1909), einem Franzosen, der - neben Brasseur - die bedeutendste Kraft war, die hinter jener Kommission stand, die Napoleon III. zur Erforschung Mexikos gegründet hatte. In mehreren Reisen, die sich auf die Jahre 185786 verteilen, durchstreifte er Chiapas, den Petén, Yukatan und Tabasco, wobei er eine Vielzahl von Ruinen besuchte, darunter Yaxchilân, Tikal und Comalcalco. Tikal, die dritte der drei großen Metropolen der klassischen Zeit, war 1848 im Zusammenhang mit der Erschließung des Petén wiederentdeckt worden, nachdem es ja bereits den Spaniern im Zuge der Eroberung Tayasals bekannt geworden war. Charnay führte zum ersten Mal das Verfahren der Photographie in die Mayafor-

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schung ein, was einen wesentlichen Fortschritt in der Dokumentation der Funde bedeutete. Auch wandte er erstmals die Technik der Abgüsse an, wodurch sich getreue Nachbildungen von Inschriften und Reliefs anfertigen ließen. Schließlich war er der erste (Chamay 1904), der, da er sowohl in Zentralmexiko als auch im Mayagebiet geforscht hatte, auf die Gemeinsamkeit der mesoamerikanischen Kultur hinwies, auch wenn dieser Begriff erst 40 Jahre später geprägt werden sollte. Das Ergebnis seiner Arbeiten faßte Charnay 1885 in dem Werk »Die alten Städte der Neuen Welt« zusammen. Die Tradition Charnays setzten der Engländer Maudslay und der Deutsch-Österreicher Maler fort. Alfred Percival Maudslay (1850-1931) war zunächst im Kolonialdienst tätig, ehe er sich der Mayaforschung zuwandte. Seine Arbeiten, die er anfangs unabhängig durchführte, ehe er vom Britischen Museum, das bereits 1753 gegründet worden war, und schließlich vom Peabody-Museum gefördert wurde, stellen einen ersten Höhepunkt in der Mayaforschung dar. Auch er wandte die neuen Techniken der Photographie und des Abklatsches an, setzte damit aber, da er mit der Systematik und der Genauigkeit des Wissenschaftlers zu Werke ging, neue Maßstäbe. Er unternahm insgesamt sieben Reisen ins Mayagebiet, die in die Jahre 1881-94 fielen, und konzentrierte sich dabei vor allem auf die Ruinenstädte Copän und Quiriguä. Seine Veröffentlichungen, die in einem fünfbändigen Beitrag zu einem Sammelwerk über Zentralamerika gipfelten (Maudslay 1889-1902), zeichnen sich durch eine nüchterne, sachliche Darstellungsweise aus, die frei von jeder Spekulation ist, und die hervorragende Wiedergabe seiner photographischen Aufnahmen. Ähnliches läßt sich über die Arbeit Teobert Malers (1842-1917) sagen, obwohl er von seiner Persönlichkeit her durchaus nicht mit Maudslay zu vergleichen war, der durch den typischen Gleichmut des Engländers, der nicht unwesentlich zu seinem Erfolg beitrug, geprägt war. Maler war ein Einzelgänger, der in zähem Ringen von seiner Arbeit besessen war. Aber es war nicht gut mit ihm auszukommen, was ein Streit dokumentiert, den er schließlich mit dem Peabody-Museum hatte, das einen Großteil seiner Forschungen finanziert hatte. Maler, der im Gefolge Maximilians, des kurzlebigen »Kaisers von Mexiko«, in diesen Teil der Welt gelangt war, ließ sich nach dem Debakel der Franzosen in Yukatan nieder, um sich fortan der Mayaforschung zu widmen. Er unternahm noch einmal, in den Jahren 1898-1905, drei große Reisen in das zentrale Mayagebiet, wo er am Lauf des Usumacinta zwei bedeutende Ruinenstädte, Altar de Sacrificios und Piedras Negras, entdeckte. Auch unternahm er einen Vorstoß zu den Lakandonen, einem in völliger Isolation lebenden Mayastamm, der noch die Tradition, die Tempel in den Ruinenstädten als Sitz der Götter zu verehren, aufrechterhielt und mit dem bereits Maudslay zusammengetroffen war, der insbesondere auf ihre physische Ähnlichkeit mit den Darstellungen auf den Bildwerken der Mayas hinwies (Maudslay u. Maudslay 1899: 236ff.).

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Die Forschungen, die Maler im Auftrag des Peabody-Museums durchführte, fanden ihren Niederschlag in einer Reihe von Veröffentlichungen, die das Museum in einer speziellen Reihe, die der Mayaforschung gewidmet war, herausbrachte (Maler 1901-03, 1908, 1908-10, 1911). Weitere Arbeiten, die speziell die Forschungen Malers in Yukatan betrafen, erschienen in der in Deutschland herausgegebenen Zeitschrift »Globus«. Ein Großteil seines Werkes, vor allem was die photographischen Dokumente betrifft, die in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung denen Maudslays kaum nachstehen, wurde jedoch nie veröffentlicht; erst in neuerer Zeit hat man den Wert dieses Nachlasses erkannt, und es wird von deutscher Seite daran gearbeitet (Henderson 1987: 868). Zur gleichen Zeit wie Maler arbeitete auch der Amerikaner Edward Herbert Thompson (1860-1935) in Yukatan. Er wurde zunächst von der American Antiquarian Society, die bereits 1812 gegründet worden war, und dann vom Peabody-Museum gefördert. Seine Arbeiten, obwohl sie nicht den streng wissenschaftlichen Charakter hatten, wie wir ihn speziell bei Maudslay finden, verdienen dennoch Erwähnung, weil Thompson die ersten größeren Entdeckungen der Maya-Archäologie gelangen. Thompson, der eigentlich als offizieller Vertreter seines Landes in Yukatan fungierte, aber ähnlich wie Stephens mehr der Forschung als der Diplomatie zugetan war, konzentrierte sich bei seinen Arbeiten, die ein volles Vierteljahrhundert währten, vor allem auf die Ruinenstadt Chichen Itzä, wo ihm schließlich auch zwei aufsehenerregende Entdeckungen gelangen. Sie betrafen einmal das sogenannte Grab des Hohepriesters, das er in einer Pyramide der Spätzeit freilegte, und den Opferbrunnen, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Hier stützte sich Thompson auf Berichte der Spanier, die von Menschenopfern sprachen, die man an diesem Ort darbrachte, und um den Wahrheitsgehalt dieser Berichte zu beweisen, ließ er den Grund des Brunnens untersuchen. Es war der erste Einsatz der Unterwasserarchäologie im Mayagebiet, die auch in Zukunft - und zwar nicht nur, was die Cenotes in Yukatan, sondern auch die Seen in Guatemala und Chiapas betrifft - eine nicht unbedeutende Rolle spielen sollte. Was den heiligen Cenote von Chichen Itzä betrifft, so bestätigte sich Thompsons Theorie: es wurden nicht nur Skelette zutage gefördert, sondern zum Teil auch sehr wertvolle Opfergaben aus Gold und Jade, die Anlaß zu einer erbitterten Kontroverse gaben, die erst in den fünfziger Jahren beigelegt wurde, als das Peabody-Museum sich bereit erklärte, einen Teil des »Schatzes«, den man aus dem Opferbrunnen geborgen und heimlich außer Landes gebracht hatte, der mexikanischen Regierung zu übergeben. Thompson selbst veröffentlichte nur wenig, und auch das Peabody-Museum ließ sich ein halbes Jahrhundert Zeit, ehe endlich eine Auswertung seiner Funde erschien (Tozzer 1957). Eine populärwissenschaftliche Arbeit zu den Forschungen Thompsons in Chichen Itzä war allerdings schon früher (Willard 1926) veröffentlicht worden.

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Mit Thompson lief die Tradition der Einzelforscher, die für das 19. Jahrhundert charakteristisch gewesen war, aus. Man könnte zwar noch den Engländer Thomas Gann (1867-1938) nennen, der seine Forschungen auf Britisch-Honduras konzentrierte, wo er die Ruinen von Lubaantún entdeckte, sich aber auch der Erforschung der rezenten Mayas widmete (Gann 1918), aber seine Arbeiten wurden bereits überschattet von den ersten größeren Projekten, die im Namen einer fördernden Institution und mit einem Stab von Wissenschaftlern durchgeführt wurden. Zwar taten sich auch im 20. Jahrhundert noch einzelne Persönlichkeiten in der Mayaforschung hervor, insgesamt aber tritt das Wirken einzelner hinter der Leistung der Gesamtheit zurück. Dies trifft auch für die Philologie zu, wiewohl hier vielleicht noch am ehesten die Bedeutung einzelner für die Forschung zum Tragen kommt. Brasseur war der letzte, den wir erwähnten, und es waren in der Tat die Franzosen, die hier zunächst den Ton angaben. Nicht nur in der Philologie, auch insgesamt waren sie bemüht, der noch jungen Wissenschaft vom präkolumbischen Amerika einen angemessenen Rahmen zu geben. So waren sie es, auf die die Einberufung des ersten sogenannten Internationalen Amerikanistenkongresses zurückging, der 1875 in Nancy tagte und eine Tradition begründete, die bis heute andauert. Bereits 1863 war in Paris eine Société Américaine de France gegründet worden, die es sich zum Ziel setzte, die Völker, Sprachen und Kulturen der Neuen Welt zu erforschen. Die Gesellschaft wurde 1895 durch die Société des Américanistes abgelöst, die bis heute die treibende Kraft der amerikanischen Forschung in Frankreich geblieben ist und eine Zeitschrift, das Journal, herausgibt, das zu den angesehensten Publikationsorganen der Amerikanistik gehört. Darüber hinaus gebürt den Franzosen das Verdienst, daß sie nicht nur in Frankreich selbst die Wissenschaft auch im universitären Bereich einführten, sondern auch für die Errichtung von Lehrstühlen im Ausland sorgten, namentlich in Deutschland, wo auf diese Weise in Berlin die Tradition der amerikanistischen Forschung auf eine solide Grundlage gestellt wurde. Hauptförderer all dieser Initiativen war der Herzog von Loubat, der im Stil eines Mäzens ein Großteil seines Vermögens für die Amerikanistik zur Verfügung stellte. So sehr die Franzosen sich um eine Etablierung der Amerikanistik verdient machten, so wenig trugen sie andererseits durch eigene Forschungen zu einer Erweiterung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei. Was speziell die Mayaforschung betrifft, so ist neben Charnay und Brasseur - für das 19. Jahrhundert nur noch León de Rosny (18371914) zu erwähnen, der sich um die Entzifferung der Codices bemühte. Ihm wird die Entdeckung des sogenannten Codex Peresianus zugeschrieben, den er 1859 in der Bibliothèque Nationale aufstöberte und der mit einem Zettel versehen war, auf dem der Name »Pérez« stand, woher sich die Bezeichnung des Codex herleitet (vgl. dazu Rosny 1875). Bemerkenswert ist weiterhin seine Beobachtung, daß das TroanoFragment der Madrider Handschrift, das Brasseur entdeckt hatte, mit dem sogenannten Cortesiano-Fragment, das gleichfalls in Spanien auftauchte, eine Einheit bildet

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(Rosny 1881). Die Interpretationen, die Rosny auf Grund dieser Entdeckungen anstellte, brachten die Wissenschaft jedoch nicht weiter (s. Rosny 1876 u. 1904). Der erste Durchbruch in der codicologischen Forschung gelang erst dem Deutschen Ernst Förstemann (1822-1906), der in seiner Eigenschaft als Leiter der Königlichen Bibliothek in Dresden besonderen Zugang zum bedeutendsten der erhaltenen Maya-Codices, der sogenannten Dresdener Handschrift, hatte. Förstemann war der erste Deutsche, der sich speziell der Mayaforschung zuwandte, und obwohl die Tradition, die er begründete, bis heute fortbesteht, ist er zugleich der bedeutendste der deutschen Mayaforscher geblieben. Sein besonderes Verdienst war die inhaltliche Deutung der drei damals bekannten Maya-Codices, wobei er sich nicht zu vagen Theorien verleiten ließ, wie es seine Kollegen in Frankreich taten, sondern exakte, überprüfbare Aussagen machte, die auf sorgfältigen Vorarbeiten beruhten. Seine »Kommentare«, wie er seine Untersuchungen zu den Mayahandschriften nannte, erschienen in den Jahren 1901-03. Förstemann wie auch sein Schüler Paul Schellhas (1859-1945), der die Arbeiten seines Mentors fortsetzte (vgl. Schellhas 1904), betrieben die Mayaforschung sozusagen als Hobby. Wie Schellhas (1938: 366) in seiner Rückschau auf die Mayaforschung schrieb: »Ich ging nach Dresden, sah dort in der Königlichen Bibliothek die berühmte Mayahandschrift und wurde bekannt mit dem Direktor (sein damaliger Amtstitel war Oberbibliothekar) dieser Bibliothek Professor Emst Förstemann, dem angesehenen Bibliothekar und Germanisten, eine Bekanntschaft, die viele Jahre dauerte und erst mit dem Tode dieses bedeutenden Gelehrten im Jahre 1906 endete. Es war für mich der Anfang der Mayaforschung; außer Förstemann war damals kaum noch jemand in Deutschland, der sich mit dieser Forschung beschäftigte, und auch für Förstemann war sie nur ein Seitenzweig seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, zu dessen Pflege er durch seine Eigenschaft als Hüter der Dresdener Mayahandschrift sich verpflichtet fühlte. Er war erfreut in mir einen neuen Jünger dieser Forschung anzutreffen, die er im Scherz die 'Mayie' zu nennen pflegte. Mein Entschluß beim Anblick der Dresdener Mayahandschrift war in jugendlichem Enthusiasmus alsbald gefaßt: ich mußte der Champollion-Figeac der Mayahieroglyphen werden! Allerdings gab es da ein kleines Hindernis. Ich war weder Archäologe noch Ethnologe, sondern Jurist und wurde im Laufe der Jahre Richter an einem der großen Berliner Landgerichte. Indessen gab es ja kein besonderes Fach, in welches diese neue Wissenschaft einzureihen war; sie war sozusagen obdachlos und blieb zunächst eine Art Nebenbeschäftigung, deren Jünger im Hauptberuf anderen Disziplinen angehörten, wie ja auch Förstemann und ursprünglich Seier. Immerhin blieb die Mayaforschung für mich die dauernde wissenschaftliche Tätigkeit meiner Mußestunden auch in den Jahren angestrengtester Arbeit im juristischen Hauptberuf.«

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Es bleibt Spekulation, wieviel mehr dieser, aber auch andere Pioniere der Mayaforschung hätten leisten können, wäre es ihnen vergönnt gewesen, ihre ganze Zeit und Kraft diesem Forschungszweig zu widmen. In Deutschland war es eigentlich erst Eduard Seier (1849-1922), der das Glück hatte, ganz der Wissenschaft zu leben. Obwohl auch er aus einem anderen Beruf kam (er war zunächst Gymnasiallehrer gewesen), gelang es ihm doch 1884, zur Völkerkunde überzuwechseln, indem er eine Stelle am neuen völkerkundlichen Museum in Berlin annahm, dessen Direktor, Adolf Bastian (1826-1905), sich insbesondere auch mit der Erforschung des indianischen Amerika beschäftigte. Unter seinem Einfluß wandte Seier sich der Mexikanistik zu, wobei er sich zunächst auf die Mayaforschung spezialisierte, sich später aber der Erforschung des zentralen Mexiko zuwandte, das er für einen Vorläufer und Ausgangspunkt der Mayakultur hielt. Seier unternahm mehrere Reisen nach Amerika, die ihn auch in das Mayagebiet führten. Dabei richtete er sein Augenmerk im wesentlichen auf die archäologischen Zeugnisse, während er ethnographischen Fragen nur flüchtige Aufmerksamkeit schenkt. Diese einseitige Forschungsausrichtung sollte für die deutsche Mayaforschung typisch bleiben, auch wenn es vereinzelte Ansätze gegeben hat, die Gegenwart in die Forschung miteinzubeziehen. Der Schwerpunkt der deutschen Mayaforschung ist seit Seier beziehungsweise Förstemann die philologische Forschung geblieben, wobei - neben Schellhas - vor allem Leonhard Schultze Jena (1872-1955), der eine Übersetzung des Popol Vuh (Schultze Jena 1944) vorlegte, und Günter Zimmermann (1914-1972), der das Studium der Maya-Handschriften (Zimmermann 1956) fortsetzte, zu erwähnen sind. Seier war es, dem es gelang, die amerikanistische Forschung in Deutschland zu einem festen Bestandteil der Wissenschaft zu machen. Die Voraussetzung dazu war freilich nicht nur seine überragende wissenschaftliche Leistung, sondern auch die Förderung, die er durch den Herzog von Loubat, den französischen Mäzen, erfuhr. Ihm verdankte er einen Lehrstuhl für Amerikanistik, der 1899 geschaffen wurde und der Ausgangspunkt für die weitere wissenschaftliche Forschung in Deutschland geworden ist (vgl. dazu Riese 1987: 160). Obwohl Seier sich in den späteren Jahren mehr und mehr der eigentlichen Mexikanistik zuwandte, verdienen doch auch seine Arbeiten zur Mayaforschung Beachtung. Sie finden sich in dem Sammelwerk, das in den Jahren 1902-23 erschien und die wichtigsten seiner Arbeiten umfaßt. Neben der philologischen Forschung, die freilich im Vordergrund stand, widmeten sich die Deutschen aber auch schon früh der geographischen Erforschung des Mayagebietes. Hier ist vor allem Karl Theodor Sapper (1866-1945) zu erwähnen, der eine Kaffeepflanzung seines Bruders in Guatemala nutzte, sich mit Land und Leuten vertraut zu machen und so zu einer länderkundlichen Forschung gelangte, in der sich Geographie und Völkerkunde miteinander verbanden.

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Sapper erkundete in mehreren Reisen das Hochland von Guatemala, den Petén und Yukatan und legte als Ergebnis seiner Forschung erstmals eine Gesamtschau der geographischen Umwelt der Mayas vor (vgl. Sapper 1894, 1899, 1901). In dieser Tradition wirkte sein Schüler Franz Termer (1894-1968) fort, der zwei größere Arbeiten zur Geographie Guatemalas und Yukatans (Termer 1936-41, 1954) verfaßte. Sowohl Termer als auch Sapper richteten ihr Augenmerk zugleich auch auf die Ethnographie des Mayagebietes, wobei sie jedoch beide keine systematischen Feldstudien durchführten (vgl. Sapper 1904, 1905; Termer 1930). Auch der Schweizer Otto Stoll (1849-1932), der 1877 nach Guatemala kam und sich der Erforschung der rezenten Mayas widmete, wobei sein Interesse besonders den Sprachen galt (Stoll 1884, 188896), wandte noch keine modernen Methoden der Feldforschung an. Ihm aber gebührt das Verdienst, als erster auf die koloniale Situation der Indianer (Stoll 1886) aufmerksam gemacht zu haben, sieht man von den kurzen Ausführungen Stephens einmal ab. Daß man diese Schilderungen auch zu seiner Zeit nicht aufgriff und zum Gegenstand der Forschung machte, hing nicht zuletzt auch mit der positivistischen Grundeinstellung zusammen, auf die wir bereits hinwiesen und die um die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt erlangte. Es war - und ist - diese fehlende Sensibilität für die Gegenwartsprobleme des Indianers aber auch bedingt durch persönliche Beziehungen, die seitens der Forscher zu den herrschenden Kreisen - seien es nun Kaffeepflanzer, Militärs oder Geschäftsleute - bestanden und bestehen: diese Beziehungen beziehungsweise Interessenidentifikation hat bisher verhindert, daß man der Erforschung des Indianers, soweit es seinen gesellschaftlichen oder politischen Status betrifft, auch nur Beachtung schenkt. Von einer gezielten Förderung einer solchen Forschung ganz zu schweigen. Wir werden darauf zurückkommen. Ein systematische ethnographische Feldforschung hat erstmals der Amerikaner Alfred Marston Tozzer (1877-1954) durchgeführt. Sein Verdienst ist es darüber hinaus, mehr noch als Seier, da dieser nicht eigentlich ein Mayaforscher war, als Wegbereiter der Wissenschaft, soweit es die Mayas betrifft, in den USA gedient zu haben. Sein Wirkungsfeld war die Harvard-Universität, die mit dem Peabody-Museum eng verknüpft ist. Hier lehrte er, nachdem er zwei längere Forschungsaufenthalte im Mayagebiet durchgeführt hatte. Der eine, der die Jahre 1902-05 währte, war einer vergleichenden Studie zu den yukatekischen Mayas und den Lakandonen, die mit den Yukateken sprachverwandt sind, doch im Gegensatz zu diesen ihre traditionelle Kultur weitgehend bewahrt haben, gewidmet. Das Ergebnis dieser Studie erschien 1907 als erste ethnographische Monographie des Mayagebietes. Der zweite Feldaufenthalt Tozzers, der in das Jahr 1910 fiel, war eine der Expeditionen des Peabody-Museums, die der archäologischen Erforschung des Mayagebietes dienten. Sie führte in den Petén, wo Tozzer und sein Begleiter Raymond E. Merwin eine Anzahl kleinerer Ruinenorte entdeckten (Tozzer 1911, 1913). Tozzer betätigte sich jedoch nicht nur als Archäologe und Ethnograph, seine Aufmerksamkeit

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galt auch der Sprachforschung (Tozzer 1921) und nicht zuletzt der Ethnohistorie, wo er sich besonders durch eine kommentierte Übersetzung der Landa-Relaciön (Tozzer 1941) hervortat. Er war somit mit vielen Bereichen der Mayaforschung vertraut, doch es zeigte sich, je mehr das Jahrhundert voranschritt und je umfangreicher das Material wurde, das man zusammentrug, daß ein einzelner nicht mehr in der Lage war, das gesamte Forschungsgebiet zu überschauen. Fortan spaltete sich die neue Wissenschaft in einzelne Zweige auf, die jedoch zunächst immer noch eine Einheit bildeten.

5. Das Carnegie-Institut und die mexikanische Tradition Daß diese Einheit der Mayaforschung, just in dem Augenblick, wo sie auseinanderzubrechen drohte, gewahrt wurde, ist das Verdienst des Carnegie-Instituts in Washington. Diese Institution, die 1902 gegründet wurde und auf den Industriellen Andrew Carnegie (1835-1919) zurückgeht, der die Ansicht vertrat, daß ein Mann, der es zu Wohlstand gebracht hat, den Überschuß zum Wohle der Allgemeinheit verwenden sollte, war ein Forschungsinstitut, das sich zum Ziel gesetzt hatte: »to encourage, in the broadest and most liberal manner, investigation, research, and discovery, and the application of knowledge to the improvement of mankind« (CIW 1930: X). Zwar lag der Schwerpunkt der Arbeit auf den Naturwissenschaften, doch wurde von Anfang an auch eine Sektion für »Anthropologie« eingerichtet, worunter die amerikanische Bedeutung des Wortes zu verstehen ist. Es handelte sich also um den Bereich der Physischen Anthropologie, der Archäologie und der Ethnologie. Die Aufnahme dieses umfassenden Wissenschaftszweiges in das Forschungsprogramm des Carnegie-Instituts ist im wesentlichen Franz Boas (1858-1942) zu verdanken, einem Pionier der amerikanischen Anthropologie, der ein besonderes Gewicht auf die sogenannte kulturhistorische Schule legte. Diesem historischen Ansatz, der in der amerikanischen Anthropologie bis heute bestimmend geblieben ist, verdankt das Carnegie-Institut seinen überragenden Erfolg in der Mayaforschung. Boas gehörte einem Ausschuß an, der ein erstes Programm für die anthropologischen Forschungen des Carnegie-Instituts entwarf. Man empfahl, die Forschungen auf das Gebiet der USA zu beschränken, unter anderem, weil - soweit es die Archäologie Mittel- und Südamerikas betraf - »your committee has only been able to find, and that at the last moment, one person properiy qualified for this branch of research« (CIW 1958: 435). Damit war mehr über den Stand der Wissenschaft gesagt, als über die Einsicht derer, die eine solche Empfehlung äußerten. Sie sahen durchaus die Notwendigkeit, die anthropologische Forschung auch auf andere Regionen auszudehnen, und in der Tat hat auch das Carnegie-Institut von Anfang an anthropologische Forschungsprojekte in anderen Teilen der Welt gefördert, doch das Mayagebiet wurde erst 1914 zu einem Gegenstand der Forschungstätigkeit des Carnegie-Instituts. Doch von diesem Zeitpunkt an stand es im Mittelpunkt der anthropologischen Forschungen des Instituts.

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Es ist dies eine bemerkenswerte Entwicklung, wenn man bedenkt, daß dem Carnegie-Institut praktisch die ganze Welt offenstand. Warum gerade die Mayas und nicht die Römer oder die Griechen oder die Ägypter? Die geographische Nähe und die Einsicht, sich erst einmal auf den eigenen, amerikanischen Kontinent zu beschränken, spielte sicher eine Rolle. Doch entscheidend war, daß die Mayaforschung inzwischen erste wissenschaftliche Früchte getragen hatte und ein Mann zur Verfügung stand, den man mit Fug und Recht als Archäologe, der sich auf das Mayagebiet spezialisiert hatte, bezeichnen konnte. Dies war Sylvanus Griswold Morley (1883-1948), der zunächst Ingenieurwissenschaften studiert hatte, ehe er sich - unter dem Einfluß von Tozzer - der Mayaforschung zuwandte und erste Erfolge bei den Grabungen, die das Archaeological Institute of America in Quiriguâ durchführte, erzielen konnte. Obwohl Morley sich auf Grund seines praktischen Berufes besonders bei der Restaurierung von Ruinen, einem Teilbereich der Archäologie, der bei dem Projekt in Quiriguâ zum ersten Mal in die Mayaforschung eingeführt wurde, auszeichnete, galt sein besonderes Interesse doch der Inschriftenforschung. Sie blieb Zeit seines Lebens sein Steckenpferd, und hier erzielte er auch seine größten Triumphe (vgl. Morley 1920, 1937/38). Doch sollte man Morley nicht nur nach seinen Arbeiten auf dem Gebiet der MayaEpigraphik beurteilen. Bedeutender noch - für die Mayaforschung insgesamt wie aber auch hinsichtlich der Publizität der Mayas - war sein Wirken im Rahmen des Carnegie-Instituts sowie in der Öffentlichkeit (vgl. dazu Roys u. Harrison 1949; Brunhouse 1971). 1913 schlug er zum ersten Mal ein Engagement des Carnegie-Instituts im Mayagebiet vor, und obwohl er dabei zunächst an ein Grabungsprojekt in Chichén Itzâ dachte, beschränkte man sich zunächst darauf, ihn mit der systematischen Erforschung von Inschriften zu betrauen, was wiederholte Reisen ins Mayagebiet voraussetzte. Bei diesen Expeditionen, die im Auftrage des Carnegie-Instituts durchgeführt wurden, entdeckte Morley eine Anzahl neuer Ruinenstädte, darunter auch Uaxactün, das fortan eine besondere Bedeutung im Forschungsprogramm des CarnegieInstituts erlangen sollte. Diese erste Phase der Arbeit des Carnegie-Instituts im Mayagebiet, die genau zehn Jahre währte, war also noch einmal der Rekognoszierung, diesmal aber speziell im Hinblick auf die Inschriftenforschung, gewidmet. Erst 1924 konnte das Projekt, das Morley vorgeschlagen hatte, in Angriff genommen werden. Daß dies erst jetzt geschah, hatte - neben finanziellen Überlegungen im Carnegie-Institut - auch einen anderen Grund, der nicht minder entscheidend war: es war dies die Mexikanische Revolution, die 1910 ausgebrochen war und erst 1924 in eine Phase eintrat, die politische Stabilität brachte und damit die Realisierung eines größeren Projektes ermöglichte. Für die Mayaforschung war die Mexikanische Revolution ein nicht unbedeutender Faktor. Sie brachte nicht nur eine neue Ordnung, diese Ordnung stand auch unter einem neuen Vorzeichen: dem Nationalismus, der im Falle Mexikos noch eine

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besondere Ausprägung erfuhr. Erstmals besann sich das Land auf seine indianische Vergangenheit, und aus dieser Besinnung auf die eigene Tradition, die ganz im Gegensatz zur fremdgerichteten Politik der voraufgegangenen Ära, unter dem Diktator Porfirio Diaz (r. 1876-1911), stand, resultierte eine recht eigenwillige Form des Nationalismus: der Indigenismus. Diese neue Ideologie, die den Indianer verherrlichte (und das spanische Erbe negierte), gab Mexiko eine eigene Identität, woraus - im Verein mit dem revolutionären Elan - ein neues Selbstbewußtsein entstand. Dies wirkte sich auch und gerade in den Beziehungen zu den USA aus, denen man seit dem Krieg von 1846-48, im Verlauf dessen Mexiko einen Großteil seines Staatsgebietes verloren hatte, mißtraute. Was speziell die Mayaforschung betraf, so schwelte noch immer der Streit, den die heimliche Ausfuhr der Funde aus dem Cenote in Chichen Itzä hervorgerufen hatte. Die Zeiten des archäologischen Raubrittertums, wo man selbst ganze Städte kaufen konnte, wie es Stephens mit Copän getan hatte, waren vorbei: es bedurfte eines neuen Verhaltenscodex, um in Ländern arbeiten zu können, die man bislang eher als Halbkolonien, jedenfalls nicht als volle souveräne Staaten angesehen hatte. Und auch hier setzte das Carnegie-Institut einen neuen Maßstab. Bereits 1913, als Morley sein Programm für die Mayaforschung vorlegte, wies er auf die Notwendigkeit hin, den Regierungen der Gastländer entgegenzukommen, und zwar einmal, indem man die Fundstücke im Lande beließ, und zum andern, indem man Ruinen nicht nur freilegte, sondern sie zugleich auch restaurierte. Wie Kidder (1930: 96), der spätere Leiter des Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts im Mayagebiet, schrieb: »The Chichen Itza project has differed from most archaeological undertakings in the New World in that from its inception Dr. Morley has striven for three definite objectives over and above the usual single one of recovering specimens and information. These may be stated as follows: to conduct the work in a manner calculated to create a feeling of confidence by the Mexican government and people in the good faith of foreign scientific agencies; to handle the site in such a way as to make it a permanent record of the artistic achievement of the Maya; and to develop Chichen Itzä as a focal point for correlated researches.« Was den dritten Punkt betrifft, der letztlich aus der amerikanischen Konzeption des Begriffes »Völkerkunde« beziehungsweise »Anthropologie« entspringt, so hatte 1924 der Leiter des Carnegie-Instituts den Gedanken von Boas noch einmal aufgegriffen und für das Forschungsprogramm im Mayagebiet, das nun im großen Stil begann, folgendes Ziel definiert: »The plan of study of Chichen Itza concerns the broader problem of early American history as it can be interpreted through the Maya civilization. Along with specifically archaeological investigations touching the history of engineering, ar-

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chitecture, art, and the stratigraphic sequence of cultures, the researches will include a study of the physical characters of the race and of the environment in which it developed. In order to understand these people as they lived and to secure information concerning their industries and their agriculture, it is necessary to know the limitations imposed by geological, climatological, and other physical conditions determining the development of the plants and animals upon which the inhabitants were dependent. The studies proposed will naturally require the assistance of a considerable group of specialists and it is hoped that through cooperation of other agencies and institutions interested in this work a thouroughly fundamental investigation may be carried out.« (CIW 1924: lOf.) Diese Absichtserklärung wurde in die Tat umgesetzt, als 1929 Alfred Vincent Kidder (1885-1963) zum Leiter der neugeschaffenen Abteilung für Historische Forschung (»Division of Historical Research«) ernannt wurde. Kidder war ein Schüler Tozzers, doch was speziell seine archäologische Ausbildung betraf, so war er besonders dem amerikanischen Ägyptologen George A. Reisner verpflichtet, der ihn mit neueren Methoden der Archäologie, insbesondere der Stratigraphie, vertraut gemacht hatte. Nach anfänglichen Forschungen im Südwesten der USA begann Kidder 1926, mit dem Carnegie-Institut zusammenzuarbeiten, und wurde schon bald, da seine Interessen breiter gefächert waren als die Morleys und dieser das Pilotprojekt in Chichen Itzä leitete, mit der Durchführung des gesamten kulturgeschichtlichen Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts, das sich schwerpunktartig auf das Mayagebiet konzentrierte, betraut. Unter der Ägide Kidders, der - unter dem Eindruck des kürzlich mit großem Pomp entdeckten Grabes von Tut-ench-Amun - die Ansicht vertrat, »that, in the public mind at least, the whole anthropological dog has come more and more to be wagged by its relatively unimportant archaeological tail« (Kidder 1937: 160), woraus sich auch eine entsprechende Ausrichtung der Wissenschaft ergäbe, nahm das Forschungsprogramm des Carnegie-Instituts eine konsequente Richtungsänderung vor, indem es das von Boas skizzierte, doch bislang nicht praktizierte Ziel eines multi- beziehungsweise interdisziplinären Ansatzes konkret in die Tat umsetzte. In der Form, wie sich das Programm der Mayaforschung, das der Kembereich der kulturhistorischen Forschung des Carnegie-Instituts blieb, schließlich gestaltete, umfaßte es das ganze Spektrum der (amerikanischen) Anthropologie: also von der Physischen Anthropologie über die eigentliche Archäologie bis hin zur Soziologie. Miteingeschlossen waren linguistische Studien, kolonialgeschichtliche und ethnohistorische Forschungen, Untersuchungen zur geographischen Umwelt und ethnographische Forschungen im mehr traditionellen Sinne. Zwar dienten alle diese Studien, die mit einem großen Mitarbeiterstab realisiert wurden, einem zentralen Thema: der Aufdeckung der historischen Entwicklung der Mayas, was man als einen Modellfall im Hinblick auf die gesamte Entwicklung der Menschheit ansah, doch tendierten die einzelnen Teilbereiche dazu, sich zu ver-

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selbständigen, und nahmen eine Eigendynamik an, so daß die Forschung nicht nur vergangenheitsgerichtet, sondern auch gegenwartsbezogen war. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Arbeiten von Robert Redfield (1897-1958), der sich dem Problem des Kulturwandels in Yukatan widmete (Redfield 1941, 1950), und Sol Tax (geb. 1907), der sich den rezenten Mayas in Guatemala zuwandte (Tax 1937, 1953), zu erwähnen. Auch der mexikanische Anthropologe Alfonso Villa Rojas (geb. 1897) ging aus der Schule, die das Carnegie-Institut begründete, hervor. Wie er in einer Rückschau auf 50 Jahre Forschungstätigkeit im Mayagebiet schreibt: »My first meeting with Redfield occurred in Chichén Itzá, where he arrived in 1930, when I was barely 33 years old. At that time he was surveying Yucatán looking for appropriate sites at which to carry out research on his model of the folk-urban continuum. It was Morley who introduced me to Redfield and who suggested that I collaborate with him. Satisfactory arrangements were made, and I found myself associated with one of the most extraordinary men whom North American Anthropology has produced, both with respect to creative talent and character.« (Villa Rojas 1979: 47) Wenngleich auch praktisch alle Bereiche der Mayaforschung durch das Programm des Carnegie-Instituts abgedeckt wurden, so stand die Archäologie doch im Mittelpunkt. Sie verschlang die weitaus größten Aufwendungen und erbrachte die spektakulärsten Ergebnisse. Nicht der geringste dieser Erfolge war die allmähliche Herausarbeitung eines chronologischen Gerüsts, das nicht nur alle Zeitphasen der Mayageschichte - vom Präklassikum bis zur Gegenwart - umfaßte, sondern auch das gesamte Mayagebiet, also nicht nur das Tiefland, sondern auch das Hochland berücksichtigte. Darüber hinaus wurde die Beziehung der Mayakultur zur übrigen Entwicklung in Mesoamerika geklärt, wozu insbesondere ein Grabungsprojekt in Kaminaljuyú, in der Nähe von Guatemala-Stadt, an dem Kidder selbst regen Anteil hatte, die nötigen Voraussetzungen schuf (vgl. Kidder et al. 1946). Das Programm des Carnegie-Instituts, das - neben den komplementären Studien mehrere größere Grabungsprojekte umfaßte, erfuhr durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen empfindlichen Rückschlag, was sich nicht nur in einer Reduzierung der Mitarbeiter und einer Einschränkung der Mittel äußerte, sondern auch in einer allmählichen Abkehr des Instituts von den Geisteswissenschaften hin zu den Naturwissenschaften, die zwar ohnehin immer schon im Vordergrund gestanden hatten, doch nun die kulturhistorischen Forschungen gänzlich verdrängten. Zwar wurden die Untersuchungen im Mayagebiet auch nach dem Krieg noch weitergeführt, doch Kidder ging 1950 in den Ruhestand, und die bisherige Abteilung für Historische Forschung wurde in ein »Department of Archaeology« umgewandelt, was bedeutete, daß der integrale Ansatz praktisch beendet war und die Mayaforschung auf das zurückgeführt wurde, was sie am Anfang gewesen war: die archäologische Forschung. Von diesem Rückschlag - das Carnegie-Institut stellte seine Forschung im Maya-

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gebiet 1958 gänzlich ein - hat sich die Mayaforschung bis heute nicht erholt. Zwar gelang es auch dem Carnegie-Institut nicht, wie es Kidder vorgehabt hatte, ein kohärentes Bild der Mayakultur zu entwickeln, aber es war auf dem richtigen Weg gewesen und konnte sein Ziel nur deshalb nicht verwirklichen, weil ihm keine Zeit mehr dafür blieb. Die Ära nach dem Wirken des Carnegie-Instituts ist durch ein Auseinanderbrechen der Mayaforschung in einzelne Teildisziplinen gekennzeichnet, die nicht nur die Tendenz haben, sich weiter zu verselbständigen, sondern auch gar kein gemeinsames Ziel mehr vor Augen haben. Einer, der dies besonders beklagte, war der Engländer John Eric Sidney (1898-1975). In seiner Autobiographie (1963: 14) schrieb er:

Thompson

»In the field of Maya studies the passing years have brought a great change. I had the fortune to belong - although only by the skin of my teeth - to the last generation of archaeologists who were able to have extended interests. Now, with the enormous increase of the knowledge, fields of specialization are so narrow that archaeologists are in mortal danger of becoming technicians. One man will know all about pottery and precious little else; another will be in the same position as regards the study of Indian languages. Some years ago a respected young linguist established, by many erudite rules laid down by his fraternity, a most formidable pedigree for the words the Aztec now use for cat and money, reconstructing the original Uto-Aztecan forms of thousands of years ago. In fact, there were neither cats or money in Mexiko until the Spaniards brought them. The ancient Aztec words were pure Spanish and their Uto-Aztecan pedigree of value only as a sad warning of the evils of overspecialization.« Thompson, der den Humor seines Volkes hatte, nahm zum Spott Zuflucht, wenn er vor der Gefahr der Atomisierung der Wissenschaft warnte. Er war in der Tat der letzte, der noch annähernd alle Bereiche der Mayaforschung überschaute. Daß er dies tat und dafür so entschieden eintrat, hing nicht unwesentlich damit zusammen, daß er, der lange Jahre - von 1935 bis 1958 - beim Carnegie-Institut tätig war, die Ziele des Instituts so sehr verinnerlichte, daß man ihn sozusagen als Erben des Carnegie-Programms bezeichnen könnte. Wie bei Morley, galt auch sein besonderes Interesse der Hieroglyphenforschung, und auch er erlangte auf diesem Gebiet seine größten Erfolge (vgl. Thompson 1950, 1962, 1971). Doch, anders als Morley, begnügte er sich nicht nur mit der Archäologie (beziehungsweise Epigraphik oder Codicologie), sondern behielt darüber hinaus auch die anderen Bereiche der Mayaforschung im Auge, namentlich die Ethnohistorie, wo er einige entscheidende Beiträge lieferte (vgl. Thompson 1972). Schließlich verdanken wir Thompson (1954) eine populärwissenschaftliche Darstellung der Mayas, die sich zwar nur auf die vorspanische Zeit bezieht, aber nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, daß die Mayas auch im Bewußtsein der Öffentlichkeit einen festen Platz eingenommen haben. Sie sind heute kaum weniger bekannt als die alten Ägypter.

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Letzteres Verdienst, das sich um die Popularisierung der Mayas rankt, muß sich Thompson allerdings mit seinem Mentor Morley teilen, der bereits 1946 ein Buch veröffentlichte, das in allgemeinverständlicher Form die Ergebnisse des weitgefächerten Carnegie-Programms zusammenfaßte und einem größeren Leserkreis vorstellte. R.L. Roys, der ebenfalls ein Mitarbeiter des Carnegie-Instituts war, schrieb denn auch in einem Nachruf auf den großen Mayaforscher: »It is hardly an exaggeration to say that he [Morley] has done more to spread an intelligent interest in Maya civilization than anyone since Stephens, over a Century ago.« (Roys u. Harrison 1949: 215) Die Verdienste von Thompson und Morley um die Mayaforschung wurden nicht zuletzt auch in den Ländern gewürdigt, wo sie durch ihre Studien und deren Veröffentlichung zu einem fundierten Verständnis der eigenen Geschichte beitrugen. So wurde Morley 1940 von der guatemaltekischen Regierung mit dem Quetzalorden ausgezeichnet, eine Ehre, die man 1975 auch Thompson zuerkannte, der seinerseits schon 1965 von der mexikanischen Regierung mit dem »Aztekenadler« ausgezeichnet worden war. So sehr diese Ehrungen auch verdient gewesen waren, es hätte zumindest Thompson noch mehr geehrt, wenn er die Würdigung, die er in Guatemala erhielt, zum Anlaß genommen hätte, auf die verzweifelte Lage der Indianer in diesem Land, wie sie wenig später in dem berüchtigten Massaker von Panzós (s. IWGIA 1978) publik werden sollte, hinzuweisen. Aber er gehörte noch zu einer Generation, die sich jedes politischen Kommentars enthielt. Das wäre auch gegen das Erbe des Carnegie-Instituts gewesen, das ja bemüht gewesen war, mit den Regierungen der Gastländer gute Beziehungen zu unterhalten. Diese betrafen nicht nur die wissenschaftliche Zusammenarbeit, sondern wirkten sich auch als Stimulans aus, so daß allmählich eine eigene wissenschaftliche Tradition entstand. Sie stand jedoch von Anfang an, zumindest in Mexiko, unter einem starken nationalistischen Einfluß, was sich sowohl auf die Form als auch auf den Inhalt der Arbeit auswirkte. In zunehmendem Maße ging Mexiko einen eigenen Weg, während Guatemala (und Honduras) kaum in der Lage war, sich dem Einfluß der Amerikaner zu entziehen. Die nationale Tradition in Mexiko ist, wie wir bereits erwähnten, eine Folge der revolutionären Erfahrung dieses Landes, die alle Bereiche des Lebens erfaßte und gerade auch zu einer sehr eigensinnigen Interpretation der Wissenschaft, insbesondere der Anthropologie, die auch in Mexiko die ganze Bandbreite der kulturhistorischen Forschung umfaßt, führte. So schrieb Manuel Gamio (1883-1960), den man als den Begründer dieser Tradition ansehen kann, in seinem 1916 erschienen Werk »Forjando Patria«: »Es axiomático que la Antropología en su verdadero, amplio concepto, debe ser el conocimiento básico para el desempeño del buen gobierno, ya que por medio de ella se conoce a la población que es la materia prima con que se gobierna y

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para quien se gobierna. Por medio de la Antropología se caracterizan la naturaleza abstracta y la física de los hombres y de los pueblos y se deducen los medios apropiados para facilitarles un desarrollo evolutivo normal.« (Gamio 1982: 15) Hier wird also ganz klar der Anthropologie eine praktische Bedeutung zugewiesen, die sich fundamental von dem Ansatz des Carnegie-Instituts unterscheidet. Während das Programm des Carnegie-Instituts letztlich das Ziel verfolgte, am Beispiel der Mayas die Gesetzmäßigkeiten menschlicher Entwicklung schlechthin zu untersuchen (Kidder 1930: 92f.), stellte die mexikanische Schule die Anthropologie in den Kontext der nationalen Entwicklung: sie wurde - und wird - als ein Mittel der Politik angesehen. Ihr obliegt die Aufgabe, eine Erkenntnisbasis zu schaffen, auf der politische Entscheidungen getroffen werden können. Aus diesem Gegensatz (zwischen der amerikanischen und nationalen Tradition) erwuchs ein gegenseitiges Mißtrauen, das an die Stelle der einstigen Interessengemeinschaft getreten ist. Wie der guatemaltekische Anthropologe Alfredo MéndezDomínguez in einem kürzlichen Vergleich zwischen dem, was er die »große« und die »kleine Tradition« in der guatemaltekischen Anthropologie nennt, schreibt: »The use of nationality as a criterion may be objected to in a science that denies fortuitous differences. However, it is easy to see that language differences, as well as marked differences in library and publishing facilities, act as barriers between the two groups, creating what I am choosing to call traditions. Moreover, there are differences of opinion between them regarding the worth of each other's activities. Members of the big tradition tend to characterize work in the little tradition as unsystematic, conceptually crude, and lacking in originality or in theoretical relevance; nationals, on the other hand, tend to dismiss, sometimes contemptously, what they see as too much superficial knowledge and overinterpreted results irrelevent to the solution of acute local problems.« (Méndez-Domínguez 1975: 541) Es läuft letztlich auf einen Gegensatz zwischen den beiden Grundpositionen in der Wissenschaft hinaus: dem positivistischen und dem normativen Ansatz. Wir werden darauf zurückkommen. Hier mag es genügen, darauf hinzuweisen, daß beide Positionen - soweit es Mexiko betrifft (im Falle Guatemalas von einer »Tradition« zu sprechen, ist sicher überzogen) - praktisch zur gleichen Zeit entstanden und daß sie, obwohl sie den gleichen Gegenstand behandeln, gänzlich unterschiedliche Wege gingen. Es ist sicher nicht übertrieben, von zwei Schulen zu sprechen, die sich diametral gegenüberstehen und auch die Mayas beziehungsweise die Wissenschaft, die sich mit ihnen befaßt, betreffen. Daß nicht nur die eine, sondern auch die andere dieser beiden Schulen den Mayas in der Praxis wenig genützt hat, steht auf einem anderen Blatt. In Mexiko setzte sich im Zuge des Indigenismus, zu dem sich ein Großteil der Ziele der Revolution konkretisierte, eine sogenannte Angewandte Anthropologie

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durch, deren Entwicklung einer ihrer repräsentativen Vertreter, Juan Comas, im einzelnen dargelegt hat (Comas 1964). Marksteine dieser Entwicklung waren: die Gründung einer Abteilung für Anthropologie (»Dirección de Antropología«, 1917), die dem Ministerium für Landwirtschaft und Entwicklung angeschlossen war; die Untersuchungen, die diese Abteilung unter Leitung Gamios und in einem integralen, interdisziplinären Ansatz im Gebiet von Teotihuacán durchführte; die Schaffung eines Nationalen Instituts für Anthropologie und Geschichte (INAH, 1939), das zu einer Dachorganisation für die Erforschung und Verwaltung des kulturellen Erbes Mexikos wurde; die Abhaltung eines ersten Interamerikanischen Indigenistenkongresses in Pátzcuaro (1940), der zur Gründung eines Interamerikanischen Indianerinstituts, dessen Leiter Gamio wurde, führte; die Schaffung einer Nationalen Schule für Anthropologie und Geschichte (ENAH, 1942), die den wissenschaftlichen Nachwuchs heranbilden sollte; die Gründung eines Nationalen Indianerinstituts (INI, 1948), das die Entwicklung (und Integrierung) des indianischen Bevölkerungsanteils Mexikos vorantreiben sollte; und schließlich die Schaffung eines Museums für Anthropologie (1964) in Mexiko City, das - in der Art eines Nationaldenkmals, das sowohl der Geschichte als auch der Gegenwart des Indianers gewidmet ist - sozusagen einen Höhepunkt und Abschluß dieser Entwicklung darstellt. Vor diesem konzeptionellen und institutionellen Hintergrund muß die nationale Mayaforschung in Mexiko gesehen werden. Als Beginn kann man hier den Vertrag ansehen, den die mexikanische Regierung 1923 mit dem Carnegie-Institut schloß und der die Erforschung von Chichén Itzá zum Ziel hatte. Hier waren die Mexikaner bereits - vor allem hinsichtlich der Restaurierungsarbeiten - beteiligt. Eigene Forschungen, und diese in größerem Stil, begannen jedoch erst 1938, als man ein archäologisches Forschungsprojekt, das sich auf die Gegend des Puuc, eine Hügelzone im nordwestlichen Yukatan, konzentrierte, in Angriff nahm. Hier wurden vor allem in Uxmal, einem Pendant zu Chichén Itzá, längerfristige Grabungs- und Restaurierungsarbeiten durchgeführt (Erosa Peniche 1948). Bemerkenswert sind auch die Untersuchungen, die man auf der nahe gelegenen Insel Jaina durchführte und die zur Entdekkung einer Nekropole führten, die sich besonders durch ihre figürlichen keramischen Grabbeigaben auszeichnet (vgl. Groth-Kimball 1960). Auch in anderen Teilen des Mayagebietes nahmen die Mexikaner, unter der Ägide des neugegründeten INAH, archäologische Forschungen auf. So namentlich in Palenque, wo dem mexikanischen Archäologen Alberto Ruz Lhuillier (1906-1979) im sogenannten Tempel der Inschriften 1952 ein sensationeller Fund gelang. Er hatte die Arbeiten 1949 von seinem Vorgänger Miguel Angel Fernández übernommen und konzentrierte sich von Anfang an auf den Inschriftentempel, der das größte sakrale Bauwerk in Palenque war. Dabei entdeckte er einen geheimen Gang im Innern der Pyramide, auf deren Höhe der Tempel errichtet ist, und nachdem er den Gang, der zugeschüttet gewesen war, freigelegt hatte, gelangte er in eine Krypta, die hinter einer

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Tür verborgen gewesen war, und fand dort eine skulptierte Steinplatte, die auf einem niedrigen Sockel ruhte, so daß er zunächst an einen Altar dachte, bis sich herausstellte, daß der Unterbau hohl war. Damit zeichnete sich eine andere Bedeutung dieses Fundes ab. Wie Ruz Lhuillier (1963: 112f.) in einer Schilderung seiner Entdekkung schreibt: »Después del instante en que descubrí la cripta, éste en que comprobé que el supuesto basamento del hipotético altar tenía una cavidad fue otra instante de enorme emoción. Podría tratarse de una gigantesca caja de ofrenda, pero el tamaño y la forma del monumento, así como la presencia de pintura roja, anunciaban otra cosa. Este color está asociado en la cosmogonía maya y azteca con el Este y además aparece casi siempre en las tumbas, sobre los muros, objetos de la ofrenda funeraria, o sobre los restos humanos. El Este es la región en donde cada día vuelve a nacer el sol después de su muerte diaria en el Oeste; el Este es en consencuencia lugar de resurrección, y el rojo que lo simboliza ponía en las tumbas un presagio de inmortalidad. Era pues indispensable ahora levantar la lápida sin pensar más en dificultades y peligros. Por medio de gatos de camión colocados debajo de las esquinas de la lápida encima de los troncos de árbol, levantamos ésta. La introducción de los troncos en la cripta, su debida colocación, y la delicada maniobra de alzar la lápida, duraron veinticuatro horas consecutivas que pasé sin salir de la cripta, de las seis de la mañana del 27 de noviembre de 1952 hasta la misma hora del día 28. En cuanto la lápida empezó a ascender, pudo apreciarse que existía debajo, tallada en el enorme bloque que la sostenía, una extraña cavidad. Esta era de forma oblonga y curvilínea, con salientes circulares laterales en uno de sus extremos, recordando a la letra 'omega' mayúscula, pero cerrada en la base. Una losa muy pulilda la sellaba, exactamente adaptada a su forma; dicha losa tiene cuatro perforaciones que cierran tapones de piedra. Desde que hubo suficiente espacio me deslicé debajo de la lápida, levanté uno de los tapones, proyectando por otro la luz de una linterna eléctrica. A pocos centímetros brotó a mi vista una calavera humana cubierta de piezas de jade.« Ruz Lhuillier hatte das Grab eines Fürsten entdeckt, dem zu Ehren man die Pyramide, die über ihm thronte, errichtet hatte. Es war dies eine Entdeckung, die man mit der des Tut-ench-Amun vergleichen kann: es war der größte Triumph der Mayaforschung, wenigstens in den Augen der Öffentlichkeit (vgl. dazu Ruz Lhuillier 1973). Neben der archäologischen Forschung, die - über die eigentliche wissenschaftliche Arbeit hinaus - auch praktischen Zwecken diente, da man die Bedeutung restaurierter Ruinen für den Tourismus erkannte, nahmen die Mexikaner auch die ethnologische Forschung im Mayagebiet in Angriff. Den Anstoß gab auch hier das Camegie-Institut, das im Rahmen seines interdisziplinären Ansatzes die Untersuchungen von Redfield förderte, der seinerseits den schon genannten Villa Rojas, der ursprünglich Leh-

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rer in Chan Kom, einem Mayadorf in Yukatan, gewesen war, für seine Studien heranzog. Nach seinen Arbeiten mit Redfield, die dem Problem des Kulturwandels gewidmet waren, ging Villa Rojas, noch immer im Auftrage des Carnegie-Instituts, nach Chiapas, wo er unter den Tzeltal, einem der beiden größeren Sprachgruppen der Mayas in diesem Gebiet, Untersuchungen anstellte. Ihm trat wenig später sein Landsmann Ricardo Pozas Arciniegas zur Seite, der unter der Leitung von Tax, der vorübergehend auch in Chiapas arbeitete, sich den Tzotzil zuwandte, der anderen bedeutenden Sprachgruppe. All diese ethnologischen Forschungen standen in der Tradition der amerikanischen Anthropologie. Das änderte sich erst, als 1948 das INI gegründet wurde und zwei Jahre später in Chiapas das erste der regionalen Entwicklungszentren des Indianerinstituts eingerichtet wurde. Jetzt erst kam die eigentliche mexikanische Tradition der Anthropologie im Mayagebiet zum Tragen, insofern, als nun die wissenschaftliche Forschung mit der praktischen Entwicklungsarbeit gekoppelt wurde. Dazu wurde der ENAH, der Ausbildungsstätte für Anthropologen, ein Zweig für sogenannte Angewandte Anthropologie angegliedert, der eng mit dem Indianerinstitut abgestimmt wurde. Auf diese Weise wurden gezielt Anthropologen ausgebildet, die in die Entwicklungsarbeit gingen. Einen krönenden Abschluß fand diese Entwicklung in der Ernennung von zunächst Pozas und dann Villa Rojas zum Leiter des INI-Zentrums in Chiapas, womit der Anthropologie letztlich die Verantwortung für das gesamte Entwicklungsprogramm in Chiapas übertragen wurde (vgl. dazu Köhler o.J.). In Guatemala war eine eigenständige Entwicklung weniger ausgeprägt. Zwar kamen auch hier Einflüsse der Mexikanischen Revolution zum Tragen, doch war ein politischer Rahmen dafür nur in den Jahren 1944-54 gegeben, als es auch in Guatemala zu einer revolutionären Veränderung kam. In dieser Zeit, als man das mexikanische Vorbild des Indigenismus aufgriff, kam es zu einigen bedeutenden Neuerungen, die zwar keine grundlegenden Veränderungen brachten, dennoch aber einen institutionellen Rahmen schufen, der die Mayaforschung auch hier auf eine solidere Basis stellte. So wurde 1945 - noch ehe Mexiko der Verpflichtung nachkam, die man in Pätzcuaro eingegangen war - ein Nationales Indianerinstitut in Guatemala gegründet, dem im Jahr darauf ein Institut für Anthropologie und Geschichte (IDAEH) folgte, das zwei Jahre später eine Dependance, das Nationale Museum für Archäologie und Ethnologie, erhielt (vgl. dazu IDAEH o.J.). Maßgeblich an der Schaffung der beiden letzteren Institutionen war wiederum das Carnegie-Institut beteiligt, das den Guatemalteken bei der Einrichtung dieser beiden Organe behilflich war, während das Indianerinstitut mehr auf die praktische Arbeit ausgerichtet war, die den Amerikanern weniger wichtig erschien und eher dem revolutionären Eifer der neuen Regierung entsprach. Immerhin war der Hauptförderer dieses Instituts (und sein erster Leiter) ein Mann, Antonio Goubaud Carrera (1902-1951), der gleichfalls seine ersten Im-

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pulse vom Carnegie-Institut erhalten hatte, denn auch er hatte im Auftrage der Amerikaner anthropologische Forschungen in Guatemala, die zudem im Zusammenhang mit der Entwicklungsproblematik, speziell der Ernährungssituation, gestanden hatten, durchgeführt, ehe er die Leitung des Indianerinstituts übernahm. Diesem war aber nicht der gleiche Erfolg wie seinem Pendant in Mexiko beschieden, denn, obwohl es letztlich das gleiche Ziel verfolgte, wurde ihm doch nicht die Kompetenz zugestanden, die nötig gewesen wäre, um einen entscheidenden Akzent in der Indianerpolitik zu setzen. Dies ist nicht zuletzt auf den verhängnisvollen Einfluß der Amerikaner zurückzuführen, die - was ihre offizielle Politik gegenüber der Revolutionsregierung betrifft keine Mittel scheuten, das Reformprogramm, das die neue Regierung in Angriff nahm, zu unterlaufen. 1954 brachten die USA die Regierung Arbenz, die vor allem bemüht gewesen war, den übermächtigen Einfluß des amerikanischen Bananenkonzerns United Fruit einzudämmen, zu Fall, und was folgte, waren jene repressiven, zumeist militärischen Regime, die alle Reformen rückgängig machten und jenen Terror säten, auf den wir bereits hinwiesen. Einer Weiterentwicklung und Reife des vielversprechenden Ansatzes auch in der guatemaltekischen Anthropologie war damit ein unverrückbarer Riegel vorgeschoben. Es ist bedauerlich, daß auf diese Weise das segensreiche Wirken das Carnegie-Instituts eine schmähliche Entwertung erfuhr, die das positive Engagement der Amerikaner in den Schatten stellte. Nicht das geringste Opfer der uneinsichtigen Politik der Amerikaner war Goubaud Carrera selbst, der - als Botschafter seines Landes in Washington - zwischen die Fronten geriet und sich schließlich das Leben nahm. Als Vermächtnis hinterließ er ein Werk, in dem seine wichtigsten Arbeiten zusammengefaßt sind und das posthum veröffentlicht wurde (Goubaud Carrera 1964). Neben Goubaud Carrera war es vor allem der genannte Sol Tax, der sich - mehr noch als Chiapas - Guatemala widmete, wo er sich vor allem mit Gemeindestudien im Gebiet des Atitlán-Sees hervortat (Tax 1937, 1953). Dabei regte er - ähnlich wie Redfield in Yukatan - einheimische Forscher an, eigene Studien zu betreiben, die weitgehend der nordamerikanischen Schule verpflichtet blieben (vgl. Méndez-Domínguez 1975; Tax et al. 1968). Der Indigenismus ist im Wissenschaftsbetrieb Guatemalas heute keine Kraft mehr. Während Guatemala praktisch das Kernland des Mayagebietes darstellt, zählt Honduras nur zum Randgebiet. Hier sind die archäologischen Zeugnisse im wesentlichen auf Copón beschränkt, das allerdings eines der großen Zentren der klassischen Kultur war. Stephens erwarb die Stadt einst für 50 Dollar, was zum Glück eine Episode blieb, obwohl man hinzufügen muß, daß zu seiner Zeit Ruinen nicht hoch im Kurs standen und von den Einheimischen gewöhnlich als bequeme Steinbrüche verwendet wurden. Heute unterstehen die Ruinen einer staatlichen Institution, dem Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte, das 1952 gegründet wurde. Seine

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Funktionen entsprechen denen, die auch von dem jeweiligen Pendant in Mexiko und Guatemala wahrgenommen werden; sie umfassen also sowohl Verwaltung als auch Forschung. Belize schließlich, das frühere Britisch-Honduras, ist mehr noch als Honduras und Guatemala durch einen Mangel an Ressourcen und qualifizierten Fachkräften gehemmt. Es ist deshalb weitgehend auf ausländische Unterstützung angewiesen, wobei zunächst das Britische Museum in London, das ja schon einen Teil der Forschungen Maudslays finanziert hatte, im Vordergrund stand, während in letzter Zeit vor allem die Kanadier, durch die Universität von Toronto, hervorgetreten sind (vgl. Pendergast 1979-82). Von einheimischer Seite werden die Forschungen, die sich im wesentlichen auf die Archäologie beziehen, von einem Department of Archaeology, das dem Ministerium für Naturschätze und Handel unterstellt ist, überwacht.

6. Die Diversifizierung der Mayaforschung Die letzen dreißig Jahre der Mayaforschung sind gekennzeichnet durch eine zunehmende Aufspaltung dieses Wissenschaftszweiges, und zwar sowohl institutionell als auch hinsichtlich der einzelnen Teilbereiche. Hinzu kommt eine ideologische Komponente, die zu einer gewissen Polarisierung führte. Wie mehrfach erwähnt, ist die Mayaforschung heute weit davon entfernt, eine einheitliche, integrierte Wissenschaft zu bilden. Entscheidend für diese Entwicklung war das Auslaufen des Carnegie-Programms, das 1958 endgültig eingestellt wurde. Zwar blieben einige der Wissenschaftler, die diesem Forschungsprogramm angehört hatten - namentlich Thompson und Proskouriakoff, die sich besonders auf die Entzifferung der Mayaschrift verlegten -, auch weiterhin der Mayaforschung verhaftet; einige übernahmen sogar die Leitung neuer Grabungsprojekte, die von anderen Institutionen, die die Nachfolge des Carnegie-Instituts antraten, in Angriff genommen wurden. Doch das Gesamtkonzept, das der Rahmen für die vielfältigen Aktivitäten des Carnegie-Forschungsprogramms gewesen war, ging in der Übernahme der Mayaforschung durch verschiedene Institutionen verloren. Fortan - und bis in die Gegenwart dauernd - gab es ein weitgehend unkoordiniertes Nebeneinander einer Vielzahl von Forschungsansätzen, die sich immer mehr voneinander entfernten, anstatt ein kohärentes Ganzes zu bilden. Freilich war nicht nur das Ausscheiden des Carnegie-Instituts für diese Entwicklung verantwortlich. Die zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften, die eine Folge des Zweiten Weltkrieges war, führte auch zur Einführung neuer Techniken, deren Beherrschung immer größeres Spezialwissen voraussetzte, so daß einer weiteren Aufspaltung der Mayaforschung immer mehr Vorschub geleistet wurde. An erster Stelle sind hier neue Datierungsmethoden zu nennen, wobei die sogenannte Radiokarbonmethode keineswegs die einzige ist, auf die die Archäologen sich heute stützen. Nicht minder bedeutsam ist die wissenschaftliche Anwendung der Computer-

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technik, die, ebenso wie eine Verfeinerung statistischer Methoden, fast alle Bereiche der Mayaforschung berührt, besonders aber in der Inschriften- beziehungsweise codicologischen sowie der sprachlichen Forschung Anwendung findet. Ein dritter Faktor schließlich, der zur fortschreitenden Atomisierung der Mayaforschung beitrug, war das geradezu explosionsartige Anwachsen neuer Erkenntnisse, das zwangsläufig dazu führte, daß man sich auf einen immer kleineren Ausschnitt aus dem mittlerweile nicht mehr überschaubaren Gesamtwissen über die Mayas beschränkte. Erklärbar wird diese Entwicklung durch die Tatsache, daß das Volumen, also die quantitativen Anstrengungen in der Mayaforschung immer größer wurden (Adams [1969: 7] schätzte, daß allein in den ersten zehn Jahren nach dem Auslaufen des Carnegie-Programms mehr Arbeit geleistet wurde als in den dreißig vorangegangenen Jahren), was notwendigerweise zu einem entsprechenden Anwachsen des Wissens führte, auch wenn dieses nicht immer im gleichen Verhältnis zum Arbeitsaufwand stehen mag. Auf jeden Fall ist die Entwicklung heute so schnelläufig, daß man schon Mühe hat, nur in einem Bereich auf dem neuesten Stand zu bleiben. Erschwert wird dies nicht zuletzt auch dadurch, daß zusätzlich zu der Aufteilung der Mayaforschung auf verschiedene Institutionen auch eine erneute Internationalisierung kommt, die an das anknüpft, was im 19. Jahrhundert die Mayaforschung kennzeichnete: eine Vielzahl von nationalen Traditionen, die alle mehr oder weniger ihren eigenen Weg gehen. Das trifft nicht nur auf Europa zu, wo in letzter Zeit besonders die Franzosen wieder auf dem Plan erschienen sind, während die Deutschen ihre einst hervorragende Rolle bislang noch nicht wiedererlangen konnten, sondern auch für Mexiko und die USA, die trotz der revolutionären Ideologie anfangs eng zusammenarbeiteten, seit den sechziger Jahren aber in zunehmendem Maße auseinanderdriften. Schuld daran sind politische Entwicklungen, wie sie auch - obwohl in einer anderen Konstellation - bei sowjetischen beziehungsweise westlichen Forschem hinsichtlich der Entzifferung der Mayaschrift zutage traten. War letzteres auch eher eine vorübergehende Erscheinung, so war - und ist - die wissenschaftliche Kontroverse zwischen mexikanischen und amerikanischen Forschem von grundsätzlicher Bedeutung, gehört sie doch in den Kontext der Auseinandersetzung um die politische und soziale Entwicklung in der Dritten Welt schlechthin. Wie Jaime Litvak King (1985: 378f.), ein mexikanischer Archäologe, in einer Rückschau auf 50 Jahre archäologische Forschung in Mesoamerika schrieb: »A more disquieting development, seen by some as stemming from New Archaeology, appeared in Mexican archaeology from the late 1960s: politicization. It was not, of course, an exclusively Mexican development nor was it solely owing to the New Archaeology. Many archaelogies had previously been used as academic means to stress political, nationalistic values, but as long as the workload of Latin American archaeologists was no more than they could handle, as long as their task was self-generated, as long as they were, technically, as good as

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U.S. archaeologists, and as long as communication between them and their U.S. colleagues was effective, then potentially damaging stereotypes belonged to the politicians and to grade-school textbooks. But from the late 1950s the onslaught of salvage and zone maintenance had put Latin American, especially Mexican, archaeology under a terrible strain. The difference between the American academic, with a long-term, unhurried, well-funded project and the Mexican archaeologist, trying to deal with emergencies without adequate means, was very obvious. It was the U.S. archaeologists that were publishing the important books and getting all the medals. The Latin Americans were, it seemed, just being used as information gatherers. There was also less contact, either of a personal or a professional nature. The older generations had been able to keep in touch as friends, in meetings and by mutual visits. By the sixties, getting a scholarship for graduate school in the U.S. had become difficult. Archaeologists were competing, under a rather inflexible bureaucracy, with hard scientists and technologists for the few scholarships available, and were not getting them. U.S. archaeologists had not developed - and still have not - a system for updating their Latin friends. Their relations were farther strained by the introduction, in Mexico as in other places, of a more formal - and therefore colder, more remote, and more bureaucratic - procedure for permits and concessions. U.S. archaeology was also changing in a way that distanced it from its Latin American counterpart. U.S. universities, after World War II developed into broader institutions, doing research in every continent. Archaeology was no different, and Mesoamericanists were sifting their data and conclusions through the experience of other places and other cultures within their own departments. Latin American archaeology was, on the other hand, a government undertaking, fixed in its limits and interests by a national territory, not sharing the universalization that was going on in the U.S., and, therefore, becoming more provincial. Yet another gap developed. Mesoamerican archaeology in the U.S. was changing, being dragged kicking is perhaps a better expression, into a more technical and theoretically active stage. The Latin Americans were doing what everyone could see was old-fashioned work. Archaeology was not a very exciting occupation for a Mexican after ... [some major earlier work]. The rebellious traits in the postulates of the New Archaeology, especially its bellicose tone, were seen out of context and discussed the same way. U.S. and Latin American archaeologists had not worked or studied together for some time and were no longer speaking the same language. For Latin Americans, the difference between a huge, urgent task to be done and the few and poor resources to do it - an old-fashioned methodology and scant means - pushed them towards the easy solution: political dogma. In the same way

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as a desperately ill person, incapable of being cured by medicine, can turn to quackery, political views in archaeology, that had been latent for quite some time, reemerged. This shift, of course, was supported by political currents in the countries themselves. In many ways it meant a return to one of the first goals: ethnogenesis, this time with an added line, militancy.« Wir erinnern uns: die Revolution hatte in Mexiko zu einer Hinwendung auf das indianische Erbe geführt, eine Entwicklung, die auch die Wissenschaft beeinflußte, die seitdem bemüht war, die Bedeutung des Indianers und seiner Kultur für die Gesellschaft insgesamt aufzuzeigen. Dies wurde zunächst als ein nationales Problem angesehen, und obwohl der Nationalismus, der diese Entwicklung beflügelte, zu einer merklichen Abkühlung der Beziehungen zum Ausland, namentlich den USA, führte, bedeutete dies doch nicht eine grundsätzliche Abkehr von traditionellen Bindungen, wie sie gerade hinsichtlich nordamerikanischer Wissenschaftler bestanden. Die langjährige Zusammenarbeit des Carnegie-Instituts mit mexikanischen Regierungsstellen ist ein offensichtlicher Beweis dafür. Dies änderte sich jedoch, als Ende der sechziger Jahre eine politische Unruhe aufkam, die zunächst die Jugend erfaßte, sich dann aber auch in der Wissenschaft niederschlug, wobei letztere Veränderungen vor allem in Lateinamerika deutlich wurden, wo eine neue Schule entstand, die den bis dahin vorherrschenden Positivismus ablöste: die sogenannte Dependenztheorie. Sie stellte nationale Probleme in den Kontext internationaler Entwicklung, wobei sowohl der historische als auch der holistische Aspekt berücksichtigt wurde, das heißt die Gesamtheit der Faktoren, die in Geschichte und Gegenwart die Situation eines Landes bedingen. Das führte notgedrungen zu erheblichen Kontroversen zwischen denen, die diese Theorie als eine Neuauflage des Marxismus betrachteten, und denen, die in ihrem Eifer, die neue Wissenschaft durchzusetzen, nicht selten die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik verwischten. Mittlerweile ist eine zunehmende Versachlichung an die Stelle der einstigen Polemik getreten, und es ist eine Annäherung der Positionen zu beobachten, auch wenn ein Unterschied in den Zielsetzungen und Aussagen der beiden kontroversen Wissenschaftsschulen bestehen bleibt. Die Kontroverse ist weniger in der Archäologie ausgeprägt, obwohl diese in Mexiko, wie Litvak andeutet, eine andere Rolle spielt als in den USA. Sie wirkte und wirkt sich vor allem auf die gegenwartsbezogenen Studien aus, also die Soziologie und die Ethnologie (vgl. dazu Berreman et al. 1968; Pozas u. Pozas 1973). Hier ist die gesellschaftspolitische Relevanz naturgemäß enger mit der Forschung verknüpft als bei der Archäologie, bei der sich andererseits auch eine Trendwende ergeben hat, die mit dem Schlagwort »Neue Archäologie« verknüpft ist. Unter diesem Begriff faßt man eine Entwicklung in der Archäologie zusammen, die letztlich auf die gleichen Wurzeln wie die Dependenztheorie zurückgeht, im Gegensatz zu dieser aber, die sich besonders in Lateinamerika durchgesetzt hat, für die Archäologie in den USA kenn-

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zeichnend ist, wo sie - durchaus auch unter der Forderung einer gesellschaftlichen Relevanz des Faches - vor allem für eine dynamische, auf Prozesse und Strukturen ausgerichtete Wissenschaft eintritt (vgl. Binford u. Binford 1968). Damit steht die »Neue Archäologie« im Gegensatz zur bisherigen Tradition, wie sie insbesondere auch für das Forschungsprogramm des Carnegie-Instituts charakteristisch war, und zwar insofern, als dies mehr auf eine statische Sicht ausgerichtet war und sich im wesentlichen auf den deskriptiven Teil der Forschung beschränkte, was allerdings auch schon früher kritisiert wurde (vgl. dazu Tozzer 1937, Kluckhohn 1940 u. Taylor 1948). Wenngleich auch hier viel Polemik im Spiel ist, so muß doch anerkannt werden, daß die neuere Richtung in der Archäologie, indem sie mehr die Analyse in den Vordergrund rückte, die Altertumsforschung einen wesentlichen Schritt weitergebracht hat. Das trifft auch und gerade für die Mayaforschung zu. Diese steht heute, wie gesagt, unter einem ungünstigen Vorzeichen, da sie sich immer mehr von einer integrierten Wissenschaft entfernt. Trotzdem ist gerade in neuerer Zeit verschiedentlich versucht worden, wenigstens die Ergebnisse der einzelnen Teildisziplinen in einer Gesamtschau zusammenzutragen. Der erste Versuch dieser Art datiert allerdings schon aus dem Jahre 1940, als man in einer Festschrift zu Ehren Tozzers, des Altmeisters der Mayaforschung, eine umfangreiche Aufsatzsammlung veröffentlichte (Hay et al. 1940), die verschiedenen Bereichen der Mayaforschung gewidmet war und als eine Zusammenfassung des damaligen Standes der Mayaforschung gewertet werden kann. Ahnliches läßt sich von einer Veröffentlichung sagen, die ein Vierteljahrhundert später erschien (Vogt u. Ruz L. 1964) und auf ein Symposion zurückgeht, das 1962 auf der Burg Wartenstein in Österreich stattfand und gleichfalls die wichtigsten Bereiche der Mayaforschung behandelte. Schließlich ist auf ein monumentales Werk hinzuweisen, dessen erster Band im gleichen Jahr der Veröffentlichung der Symposionsbeiträge erschien und das - über Supplementbände, die die Entwicklung der Wissenschaft bis in die neueste Zeit verfolgen - bis in die Gegenwart reicht. Es ist dies das sogenannte Handbook of Middle American Indians (HMAI 1964-76), das in seiner ursprünglichen, auf 16 Bände konzipierten Form von Robert Wauchope (1909-1979), einem namhaften amerikanischen Mayaforscher, herausgegeben wurde und, obgleich es nicht nur die Mayas, sondern alle Kulturen und Völker Mesoamerikas umfaßt, wohl das vollständigste Kompendium aller Aspekte der Mayaforschung beziehungsweise ihrer Ergebnisse darstellt. Einen etwas anderen Weg gingen die Mexikaner, die 1960 eine spezielle Einrichtung schufen, die der interdisziplinären Erforschung der Mayas dient. Wie Alberto Ruz Lhuillier (1961: 7), der zum Leiter dieser Institution ernannt wurde, schrieb: »Originalmente creado en el Instituto de Historia de la Universidad Nacional Autónoma de México, el Seminario de Cultura Maya quedó finalmente adscrita desde mediados de 1960 a la Facultad de Filosofía y Letras. Su creación se debió al empeño del entonces Secretario General, Dr. Efrén del Pozo, quien consideró

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que el estudio de una civilización de la importancia de la maya, ameritaba la formación, en la Universidad, de un núcleo permanente de investigación y divulgación.« Die Mexikaner erkannten die besondere Bedeutung der Mayaforschung, was sich unter anderm auch dadurch dokumentierte, daß im gleichen Jahr, als das Seminario de Cultura Maya entstand, auch in Yukatan, das ja zum Kemland des mexikanischen Mayagebietes gehört, ein spezielles Institut, das sich freilich auf regionale Studien beschränkte, gegründet wurde: das Instituto Yucateco de Antropología e Historia. Die treibende Kraft dieses Instituts, das sich vor allem der philologischen Forschung widmete, war der Yukateke Alfredo Barrera Vásquez (1900-1980), neben Ruz Lhuillier der bedeutendste mexikanische Mayaforscher. Das Maya-Seminar, das seinen Sitz in Mexico City hatte und schließlich in Centro de Estudios Mayas umbenannt wurde, blieb bis heute das einzige Institut seiner Art, das in konsequenter Weise sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart der Mayas berücksichtigt, was sich nicht nur in der Zusammensetzung seiner Mitarbeiter zeigt, die jeweils einen der wichtigsten Zweige der Mayaforschung abdecken, sondern auch in der Herausgabe einer Zeitschrift, der »Estudios de Cultura Maya«, die seit ihrem ersten Erscheinen 1961 das einzige Forum einer integrierten Mayaforschung geblieben ist. Freilich konnte das ursprüngliche Ziel, die Zeitschrift in einem regelmäßigen Jahresrhythmus herauszubringen, nicht eingehalten werden; auch gelang es der Zeitschrift (wie dem Seminar beziehungsweise dem Zentrum, das inzwischen von einer Nachfolgerin Ruz Lhuilliers geleitet wird) nicht, die Mayaforschung insgesamt zu koordinieren, sozusagen als Clearing-Stelle zu dienen. Dazu ist die Ausstattung wie auch der finanzielle Rückhalt zu gering; immerhin hat das Centro damit begonnen, internationale Kongresse abzuhalten, die dem Ziele dienen, »estudiosos del área maya en las diversas disciplinas, procedentes de varios países, para realizar un intercambio académico que dé a conocer, enriquezca y promueva la investigación mayista a nivel internacional« (de la Garza 1987) näher miteinander zu verbinden. Ein Schritt in die richtige Richtung, der freilich auch unterstützt werden sollte, was zumindest von europäischer Seite, die sich eher skeptisch verhält, nur in Maßen geschieht. Obwohl die Forschung in fast allen Bereichen der Mayanistik sprunghaft zugenommen hat, steht die archäologische Forschung immer noch im Vordergrund. Und hier sind es vor allem die Amerikaner, die nach wie vor den Ton angeben. Nach dem Auslaufen des Carnegie-Programms war es eine Vielzahl von nordamerikanischen Institutionen, vor allem Universitäten, die sich der Mayaforschung zuwandten. An erster Stelle sind hier das Peabody-Museum, das der Harvard-Universität angeschlossen ist, und das Universitätsmuseum der Universität von Pennsylvanien zu erwähnen, aber auch das Middle American Research Institute, das bereits 1924 an der Tulane-

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Universität gegründet worden war, doch erst in neuerer Zeit, vor allem durch die Herausgabe des Handbook of Middle American Indians, eine hervorragende Rolle erlangte. Das Middle American Research Institut, kurz »MARI« genannt, das sich im wesentlichen auf die Mayaforschung spezialisiert hat, ist in gewisser Weise mit dem Centro de Estudios Mayas in Mexiko vergleichbar: es hat eine Vielzahl von Studien gefördert, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mayaforschung, so namentlich politischen Entwicklungen, die im Zuge der Revolution in Guatemala auftraten, befassen. Freilich geschah dies aus unkritischer, nordamerikanischer Sicht, so daß zwar ein neuer Impuls in die Mayaforschung eingebracht wurde, dieser aber den Mayas selbst wenig nutzte (vgl. dazu Silvert 1954 u. Adams 1957). Die archäologische Forschung, die nicht zuletzt durch den Sturz der reformistischen Regierung in Guatemala, an dem die USA maßgeblich beteiligt waren, neuen Auftrieb erhielt, gipfelte schließlich in einem Mammutprojekt, das man wohl als Höhepunkt der Mayaforschung schlechthin bezeichnen kann. Es brachte zwar keine sensationellen Entdeckungen, wie sie das Grab von Palenque gezeitigt hatte, und was die gesellschaftliche Relevanz betrifft, immer auf die Mayas, die Nachfahren der klassischen Hochkultur, bezogen, so kann man über den Aufwand, der mit diesem Projekt getrieben wurde, geteilter Meinung sein. Aber was die Archäologie betrifft, die Erweiterung archäologischer Erkenntnisse, so verdient es das Tikal-Projekt, um das es sich handelt, an die Seite des Carnegie-Programms gestellt zu werden. Schon die Zielsetzung des Projektes stellte alle bisherigen Bemühungen in den Schatten. Wie es in einer ersten Zusammenfassung der Grabungsergebnisse (Coe 1974: 17) heißt: »The original aims of the Tikal Project, as conceived in 1956 by Froelich G. Rainey, the director of the University Museum, and by three of its board members, Percy C. Madeira, Jr., John Dimick, and Samuel B. Eckert, long enthusiasts of the Maya, were: to restore and preserve some of the world's most awesome architecture; to use techniques of modem archaeology in working out the history of the rise and fall of this great site; to establish a permanent field laboratory for the world's scholars and students of archaeology, anthropology, and American history; to open an almost primeval forest to scientists concerned with plant, animal, and bird life, geology, and climate; and to provide for sightseers a monument to America's early past and a rallying point for Western Hemispheric unity.« Sieht man von letzterem einmal ab, was man, soweit es Guatemala betrifft, auf die Elite (die nicht-indianisch ist) beschränken muß, so sind die Ziele, die man sich gesetzt hat, in der Tat verwirklicht worden. In fünfzehnjähriger Forschungstätigkeit (von 1956 bis 1970) haben über hundert Wissenschaftler (und solche, die es werden wollten) eine Fülle von Material zusammengetragen, das - wenngleich es auch noch längst nicht vollständig veröffentlicht ist (vgl. dazu C. Jones et al. 1981: 298f.) - den Stand der Forschung, vor allem, was die Struktur der klassischen Mayakultur betrifft,

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einen entscheidenden Schritt weitergebracht hat. Wie es in einer zusammenfassenderen Bewertung der Forschungsergebnisse (ebd.: 306f.) heißt: »To summarize, the past two decades have seen sweeping changes in our understandig of the Classic Maya, and the publications from the Tikal Project have been extremely instrumental in effecting many of these transformations. Every major synthesis or analysis of Mesoamerican civilization since that of William T. Sanders and Barbara Price (1968) [which stressed ecology as the primary conditioning factor in the formation of a specific civilization] has relied heavily upon the project information in describing the nature of the Classic Maya community and in comparing it with those of Central Mexico and the rest of the world.... the Tikal maps destroyed forever the old model of an aloof temple center and we began to see the site as a functioning multi-activities 'city'. At the same time, the North Acropolis excavations ... shattered any arguments that Classic Maya civilization was imported wholesale from a highland setting. The huge scale of... [the] peripheral settlement survey provided archaeology with much firmer population estimates and total site definition. ... preliminary skeletal studies suggested that Tikal suffered from improper nutrition during the Late Classic period. The ecological studies ... at Tikal were the first to free us from the mistaken notion that the Maya relied exclusively on swidden agriculture, and the finding of the Tikal earthworks finished off our romantic images of the peaceful Maya. The discoveries of new monuments, inscriptions, and tombs at Tikal, set within their full stratigraphic contexts, have left no doubt in anyone's mind that authority focused powerfully upon personal rule and that political motive affected the art and architecture at least as strongly as did religious and aesthetic sensibilities. Finally, the excavation of a probable marketplace and other architectural groups unique to Tikal has brought us to ponder whether or not Tikal might have dominated a major trade route from the southeast through to Central Mexico. The importance of trade in the planning of Late Classic Tikal and the strategic nature of its location might therefore provide us with a plausible economic reason for its early and long-lived dominance over the rest of the Classic Maya area.« Nicht nur wurden neue Erkenntnisse erzielt, im Verein mit den Impulsen, die die »Neue Archäologie» in die Wissenschaft einbrachte, wurden auch neue Untersuchungsgebiete eröffnet, die alle auf ein klareres Verständnis der Funktion der Mayagesellschaft in vorspanischer Zeit, ihrer Entstehung, ihrer Ausbreitung und ihres Niedergangs, abzielten. Damit sind zwar auch heute noch nicht alle Fragen gelöst, doch seit Stephens die versunkenen Städte der Mayas wiederentdeckte, ist ein weiter Weg zurückgelegt worden, das Dunkel, das einst die klassischen Mayas umgab, zu erhellen. Neben den wissenschaftlichen Zielen, die mit dem Tikal-Projekt verfolgt wurden, hat man auch den praktischen Aspekt der Arbeit nicht außer acht gelassen: die wich-

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tigsten Ruinen, die man erforscht hatte, wurden restauriert, es wurde ein Museum in Tikal eingerichtet, in dem man die bedeutendsten Funde unterbrachte, und es wurde das gesamte Gebiet der Ruinenstadt einschließlich der Außenbezirke - insgesamt ein Areal von 575 km 2 - zu einem Nationalpark erklärt. Tikal gehört heute zu den größten Touristenattraktionen des amerikanischen Kontinents. Verglichen mit dem aufwendigen Tikal-Projekt, das in den Händen des Universitätsmuseums der Universität von Pennsylvanien lag, sind alle anderen Grabungsprojekte im Mayagebiet, die in letzter Zeit durchgeführt wurden, nur von untergeordneter Bedeutung. Dennoch erbrachten auch sie wertvolle Ergebnisse, so namentlich ein Projekt in Dzibilchaltün, das das Middle American Research Institute in den Jahren 1956-65 durchführte und das die Entstehung der Mayakultur in Yukatan erhellte (vgl. dazu Andrews IV. 1962 u. 1965a), zwei Projekte im Usumacinta-Gebiet - Altar de Sacrificios und Seibai -, die beide dem Peabody-Museum zu verdanken sind und den Nachweis von Fremdeinflüssen auf den Kernbereich des Mayagebietes in spätklassischer Zeit erbrachten, was nicht unwesentlich für die Frage des Niedergangs der klassischen Mayakultur ist (s. Thompson 1972: Kap. 1), und schließlich verschiedene Projekte im Hochland beziehungsweise an der Küste des Pazifiks, unter anderem in Monte Alto und La Victoria, wo wiederum das Peabody-Museum grub und man dem Ursprung der Mayakultur auf die Spur kam (vgl. Coe 1961). Nachdem man sich in der ersten Phase der systematischen Forschung, die mit dem Programm des CarnegieInstituts begann und auch noch weitgehend das Tikal-Projekt prägte, vor allem mit der Frage der Beschaffenheit der klassischen Mayakultur befaßte, ist man in letzter Zeit dazu übergegangen, sich mehr dem Problem der Entstehung der Mayakultur zuzuwenden. Dies führte zu einer Ausweitung der Sicht, insofern, als nun die Mayakultur in zunehmendem Maße als ein Teil des Gesamtkomplexes »Mesoamerika« gesehen wird, wobei der Begriff »Mesoamerika« als Umschreibung für ein bestimmtes, geschlossenes Kulturareal erstmals 1943 in die Literatur eingeführt wurde (Kirchhoff 1943). An erster Stelle unter den befruchtenden Elementen der Mayakultur sind die Olmeken zu erwähnen, weniger ein Volk mit klar zu definierender Identität, als vielmehr ein Kulturhorizont, der für die Genese der gesamten mesoamerikanischen Tradition verantwortlich gemacht wird. Dabei ist durchaus auch daran zu denken, wie es von Seiten namhafter Mayaforscher geschieht (Coe 1968a), daß die Olmeken doch ein spezifisches Volk waren und zwar die Urväter der Mayas, die sich allmählich über das spätere Mayagebiet ausbreiteten. Mag man dieser These auch mit Recht skeptisch gegenüberstehen, fest steht, daß man die Entwicklung der Mayakultur - sowohl ihren Ursprung als auch ihren Niedergang und das Nachblühen in der Spätzeit - im Kontext der gesamten mesoamerikanischen Tradition betrachten muß und daß diesem Umstand in zunehmendem Maße Rechnung getragen wird, was sich nicht zuletzt auch in der Konzeption des genannten Handbook of Middle American Indians niederschlug.

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Ein anderer Trend, der in neuerer Zeit zu beobachten ist, betrifft die Verknüpfung der Archäologie mit der Ethnohistorie. Dies trifft sowohl für Yukatan beziehungsweise das Peten-Gebiet zu (vgl. Jones 1977) als auch für das Hochland von Guatemala (Carmack 1973). Damit sei nicht gesagt, was an anderer Stelle bemängelt wurde, daß man grundsätzlich bestrebt ist, ein kohärentes Bild der Mayas, das alle Zeitphasen und Volksgruppen umfaßt, zu entwerfen. Aber man hat doch in einzelnen Fällen die Notwendigkeit dazu erkannt, und es bleibt zu hoffen, daß sich dieser Trend weiter ausweiten wird. Was die übrigen Zweige der Mayaforschung betrifft, die - was auch für die Archäologie zutrifft - ja an dieser Stelle ohnehin nicht mehr mit der Ausführlichkeit dargelegt werden können, wie das bei den vorangegangenen Perioden möglich war, die dafür aber in systematischer Form im nächsten Abschnitt behandelt werden, so sollen hier noch drei Bereiche genannt werden, die für die letzte Etappe der Mayaforschung kennzeichnend sind. Es ist dies einmal der Durchbruch in der Inschriftenforschung, der - nach Vorarbeiten des Deutsch-Mexikaners Heinrich Berlin (1958) - der schon genannten, ehemaligen Mitarbeiterin des Carnegie-Instituts Tatiana Proskouriakoff gelang: sie wies in einer Reihe von Aufsätzen (1960, 1963/64) nach, daß es sich bei den schriftlichen Zeugnissen der Mayas, zumindest, soweit es die Inschriften betrifft, keineswegs nur um kalendarische Aufzeichnungen handelt, wie man bislang vermutet hatte, sondern daß diese Texte historischen Inhalts sind und daß ihnen somit eine grundlegende Bedeutung bei der Rekonstruktion der Ereignisgeschichte wie auch Gesellschaftsstruktur der Mayas in klassischer Zeit zukommt. Inzwischen ist dieser Weg, den Proskouriakoff gewiesen hat, weiterverfolgt worden, und wenn man auch nicht sagen kann, daß damit das Geheimnis der Mayaschrift endgültig gelöst ist (handelt es sich doch eher um eine Deutung, als um eine Lesung), so ist auch dies ein Triumph der Wissenschaft, den man sich im vorigen Jahrhundert, als man Analogien aus der griechischen Sprache bemühte, wo man nicht gar auf versunkene Kontinente zurückgriff, nicht hätte träumen lassen. Eine zweite bedeutsame Entwicklung, die zur gleichen Zeit wie die neuere Inschriftenforschung einsetzte, betrifft die Linguistik. Sie ist natürlich eng mit den Bemühungen um die Entzifferung der Mayaschrift verknüpft, geht inzwischen aber ihre eigenen Wege, wobei sie sich zwischen der Archäologie einerseits und der Philologie andererseits bewegt. Während letzterer Bereich ein traditionelles Arbeitsfeld der linguistischen Forschung ist, das ja auch schon von den Ordensgeistlichen betrieben wurde, sind die archäologischen Implikationen der Linguistik erst in neuerer Zeit erkannt worden. Eine wesentliche Voraussetzung dazu war die Anwendung der Computertechnik, die eine systematische Aufarbeitung und Auswertung des akkumulierten Datenmaterials ermöglichte. Auf diese Weise gelang es, unter Zuhilfenahme eines von dem amerikanischen Linguisten Morris Swadesh entwickelten Meßverfahrens, der sogenannten Lexikostatistischen Glottochronologie, die Differenzierung der Ma-

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yasprachen zu rekonstruieren, was sowohl zeitliche Aufschlüsse über die Entwicklung der Mayakultur insgesamt als auch ihre Aufspaltung in einzelne Traditionen ermöglichte. Inzwischen ist das Verfahren weiter verfeinert worden, so daß wir heute auch von linguistischer Seite ein chronologisches Gerüst haben, das die Ergebnisse der eigentlichen archäologischen Forschung um eine wesentliche Aussage ergänzt (vgl. dazu Swadesh 1960; McQuown 1964; Kaufman 1976). Der dritte Bereich, der in neuerer Zeit an Bedeutung gewonnen hat, ist die ethnologische Forschung. Sie war ja bereits ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts und wurde auch von den Mexikanern im Zuge des Indigenismus aufgegriffen. Doch war die Ethnologie bislang eher eine Hilfswissenschaft gewesen, indem sie einmal zur Abrundung eines Forschungsprogramms diente, das letztlich doch auf die Vergangenheit ausgerichtet war, während sie im andern Fall zwar gegenwarts- oder gar zukunftsgerichtet war, dies aber in einem Kontext geschah, der von einem Nationalismus geprägt war, bei dem der Indianer letztlich doch nur eine Alibifunktion wahrnahm. Nicht er, sondern andere entschieden für ihn, und das Bezugsfeld war nicht seine Kultur, sondern die der ihm übergeordneten Gesellschaft, die nicht indianisch, sondern spanisch ausgerichtet war. Der Indianer hatte sich zu »integrieren«, unter Aufgabe seiner Identität und ohne, daß sich dadurch seine Lebenssituation wesentlich verbesserte. Diese fehlgeleitete Entwicklung, die unter Zuhilfenahme der Wissenschaft erfolgte, wird seit dem Umbruch in den Wissenschaften, der die Folge der politischen Ereignisse in den sechziger Jahren war, in zunehmendem Maße kritisiert, wobei ein wesentlicher Impuls von der bereits genannten Dependenztheorie ausging, die ja nicht nur die Abhängigkeit der sogenannten Dritten von der Ersten Welt nachzuweisen versuchte, sondern auch die Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb eines Landes, also den sogenannten internen Kolonialismus, der sich aus der Kolonialzeit erhalten hat (vgl. dazu Nahmad Sitton et al. 1977). Die Lateinamerikaner sind in dieser Diskussion, die ja ihre eigenen Gesellschaften betrifft, naturgemäß etwas rühriger als die Amerikaner, die ja bislang die Forschung, auch die ethnologische Forschung, beherrschten. Aber auch sie haben die Bedeutung dieses neuen Ansatzes erkannt, wie im Resümee zu einem Symposion über den gegenwärtigen Stand der anthropologischen (d.h. ethnologischen) Forschung in Mesoamerika deutlich wird: »So-called dependency research is growing at a geometric rate and ... [while] none of the authors in this volume [comprising the papers presented at the symposium] directly addresses the topic, I believe it has become part of the background for a general perspective on Mesomaerica. This holistic and historical approach not only changes understandig of the relations among state, city, and countryside, but it also makes community and ethnic groups less distinctive than ordinarily is the case in anthropology. It reduces the causal efficacy of culture, for example, in dealing with ethnic and sexual identity.

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Dependency theory helps clarify the degree to which all subnational groups are influenced by the same set of national and international political and economic processes, although the specific consequences for subordinate groups may differ. Scholars from the U.S.A. have contributed far less to this literature than Latin Americans have, but the situation is changing ...« (Schwartz 1983: 342f.) »Kultur« als ein von gesellschaftlichen Problemen losgelöstes Abstraktum, das bislang und generell im Mittelpunkt der Mayaforschung stand, wird, wenn die problemorientierte Forschung sich weiter durchsetzen sollte, durch einen funktionalen, makrosoziologischen Ansatz ersetzt werden müssen, bei dem nicht mehr ein angebliches Isolat im Vordergrund steht, sondern ein System von interdependenten Einheiten, die von einer dörflichen Gemeinschaft mit noch weitgehend autochthonen Traditionen bis zur Metropole eines Industriestaates reichen, die nicht nur politische Macht globalen Ausmaßes auf sich vereint, sondern auch wirtschaftliche und kulturelle Impulse aussendet, die bis in den hintersten Winkel der Erde reichen mögen. Im Grunde ist dies nichts anderes als die Rückkehr zu dem, was einst schon Las Casas verkündete, auch wenn man nicht notwendigerweise seine pessimistische Weltsicht zu teilen braucht: fremde Kräfte wirken auf autochthone Gesellschaften ein, verändern sie und führen schließlich zu ihrer Auflösung. Man mag das als den Gang der Geschichte betrachten, der eher in das Reich der Philosophie gehört. Für die Mayas - wie für eine Vielzahl anderer autochthoner Völker - ist diese Entwicklung jedoch Realität, und wenn die Wissenschaft sich nicht den Vorwurf gefallen lassen will, daß sie Fiktion betreibt, dann muß sie sich diesen realen Gegebenheiten stellen.

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Zweiter Teil: Die Zweige der Mayaforschung Im ersten Teil dieser Arbeit haben wir versucht, die Entwicklung der Mayaforschung insgesamt aufzuzeigen: dabei ging es uns weniger um Vollständigkeit als vielmehr um die generellen Linien, die zur Etablierung der Mayaforschung als einer selbständigen Wissenschaft führten. Es wurde darauf hingewiesen oder doch zumindest implizite deutlich, daß die Mayaforschung zwar kein Produkt historischer Ereignisse ist, diese jedoch wesentlich z; ihier speziellen Ausformung beitrugen. Das trifft ebenso für die Forschung während der Kolonialzeit zu, die letztlich unter der Forderung der politischen Integration und kulturellen Assimilation der Indianer stand, wie für die Zeit seit der Mexikanischen Revolution, wo politische Rahmenbedingungen, die bis zu den Auswirkungen des Vietnam-Krieges reichten, selbst solche Zweige wie die Archäologie mitbestimmten. Wissenschaft im eigentlichen Sinne, eine wertfreie Forschung, hat es zwar auch bei der Mayanistik gegeben, namentlich im 19. Jahrhundert, wiewohl hier nicht selten die Romantik im Wege stand, und unter der Ägide des Carnegie-Instituts, dessen Forschungsprogramm man wohl als den Höhepunkt der Mayanistik bezeichnen kann, doch reflektiert die Mayaforschung - wie jede andere Wissenschaft, namentlich die Sozialwissenschaften - das kulturelle Umfeld, das durch bestimmte historische Ereignisse geprägt wurde. Insofern ist sie ihrem Anspruch als einer neutralen, objektiven Wissenschaft, auch wenn sie ihn nicht explizite formuliert haben mag, nicht gerecht geworden. Ob Positivismus oder marxistische Ideologie, selbst wenn man darunter nur bestimmte theoretische Ansätze versteht: die Prämissen waren subjektiv, also sind auch die Aussagen nur von begrenzter Reichweite. Sie bilden jeweils nur einen Teil in einem Mosaik, dessen Gesamtkomposition noch aussteht. Damit soll nicht geschmälert werden, was bislang schon erreicht worden ist, und die Einschränkung, die hier gemacht worden ist, trifft nicht für alle Zweige der Mayaforschung in gleichem Maße zu. Aber selbst bei der Inschriftenforschung beziehungsweise der Codicologie waren Einflüsse des Kalten Krieges spürbar. Sie hemmten die wissenschaftliche Arbeit eher, als daß sie ihr nützten. Neben den jeweiligen Schwankungen in der ideologischen Ausrichtung der Mayaforschung insgesamt ist es die zunehmende Zersplitterung dieser Wissenschaft in Einzeldisziplinen, die ein Gesamtbild der Mayas erschwert. Was die spanischen Ordensgeistlichen noch als eine Einheit betrachteten (auch wenn sie sich der Mayaforschung als einer eigenen Wissenschaft nicht bewußt waren), ist im Laufe der Zeit in

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drei getrennte Zweige - die Archäologie, die Ethnohistorie und die Ethnologie - auseinandergedriftet, die sich jeweils ihrerseits in einzelne Unterbereiche - die Epigraphik und Codicologie, die Linguistik und Philologie und die Physische Anthropologie und die Soziologie - aufgespaltet haben. Diese Vielfalt der Teilbereiche der Mayaforschung, die noch dazu die Tendenz haben, sich weiter zu verselbständigen, macht es praktisch unmöglich, die ganze Breite dieser Forschung mit der gleichen Genauigkeit aufzuzeigen, wie das noch für den Stand der Mayaforschung um die Jahrhundertwende möglich war (wiewohl wir uns auch hier schon einige Beschränkungen auferlegen mußten). Dies trifft nicht nur für die Mayaforschung insgesamt zu, sondern auch für die einzelnen Teilbereiche, die inzwischen soweit differenziert sind, daß es jeweils einer eigenen monographischen Abhandlung bedarf, um der Fülle spezieller Erkenntnisse und Methoden auch nur annähernd gerecht zu werden. Was wir also im folgenden versuchen, kann nur eine Vorarbeit sein für das, was jede Teildisziplin selbst erstellen müßte: eine Gesamtschau ihres Arbeitsfeldes, sowohl aus der historischen Perspektive als auch was die ganze Breite der jeweiligen Zweigdisziplin betrifft. Hierin sind erst in Ansätzen erste Schritte unternommen worden (vgl. etwa Adams 1969; Lujän Munoz 1972; Kelley 1962a). Im Rahmen dieser Arbeit werden wir uns auf die wichtigsten Bereiche der Mayaforschung beschränken, wobei natürlich die Frage auftaucht: wer oder was definiert eigentlich die einzelnen Zweige? Eine verbindliche Regelung (oder gar gegenseitige Abstimmung) gibt es bislang nicht: man erkennt zwar an, wie es bereits Tozzer 1934 tat und dann vom Carnegie-Institut in systematischer Weise weiterverfolgt wurde, daß es unterschiedliche Untersuchungsbereiche gibt, die alle aus dem (amerikanischen) Konzept der Anthropologie erwachsen und wie bei jedem Volk auch für die Mayas zutreffen, doch eine genauere Definition dieser Teilbereiche und ihre jeweilige Abgrenzung ist eigentlich nie erfolgt. Archäologen betreiben auch epigraphische Forschung, Ethnologen sind zugleich Ethnohistoriker, und die Linguistik unterscheidet sich kaum von der Philologie, obwohl das eine nicht unbedingt das andere ist. Die Grenzen sind eher fließend (wiewohl das natürlich auch ein Vorteil ist, im Hinblick auf die vielbeschworene Integration der Wissenschaft): nur, solange keine klaren Definitionen bestehen (und damit auch keine gegenseitige Abstimmung), solange ist kein kohärentes Gesamtbild möglich. Jeder forscht sozusagen nach eigenem Gutdünken und nennt es, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Das erschwert nicht nur die richtige Zuordnung einzelner Beiträge, sondern auch die Kommunikation. Es muß also am Anfang dieses Teils unserer Arbeit stehen, was wir genau mit den einzelnen Teildisziplinen, die wir im folgenden skizzieren wollen, meinen. Eine genauere Definition wird jeweils den einzelnen Kapiteln vorangestellt: hier soll darauf nur insoweit eingegangen werden, wie es eine richtige Identifikation der einzelnen Teilbereiche erfordert. Als Archäologie bezeichnen wir den Teil der Mayaforschung,

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der sich auf die vorspanische Zeit bezieht. Das schließt die sogenannte »Vor- und Frühgeschichte« mit ein, die ja - zumindest in Europa - einen eigenen Forschungsgegenstand bildet. Allerdings wird die Erforschung der schriftlichen Zeugnisse der Mayas, soweit es die vorspanische Zeit betrifft, gesondert behandelt, da sie sich sozusagen zu einem Spezialzweig der Archäologie, soweit es die Mayas betrifft, entwikkelt hat. Die Ethnohistorie, die für die spanischen Ordensgeistlichen noch die auslaufende Phase dessen war, was die Archäologen »Postklassik« nennen, beginnt, aus heutiger Sicht, erst mit der Conquista. Die Grenzen gegenüber der Gegenwart sind fließend, denn auch die Ethnologie bedient sich der historischen Methode, wenngleich auch die zeitliche Tiefe nicht sehr weit reicht. Strenggenommen ist alles, was Vergangenheit ist, Geschichte, wobei die Ethnohistorie ja nur einen Ausschnitt der Geschichte behandelt, nämlich jenen Teil, der sich auf ein bestimmtes Volk bezieht. Die Anfänge ethnologischer Forschung im Mayagebiet, soweit es die neuere Forschung betrifft, sind heute auch wiederum schon ein Teil historischer Forschung: denn die Kulturen und Stämme, die der Gegenstand dieser Forschung waren, liegen inzwischen hundert Jahre zurück. Insofern ist alles relativ: in weiteren hundert Jahren wird auch das, was die heutigen Ethnologen betreiben, beziehungsweise das, was sie untersuchen, Geschichte sein. Da aber die Ethnologen traditionellerweise die neuere Geschichte mit in ihre Forschungen einbeziehen, mag es legitim sein, die Anfänge der modernen, auf rezente Völker und Kulturen gerichteten Forschung der Ethnologie zuzurechnen. In dieser Arbeit verfahren wir so, während wir Landa beispielsweise der Ethnohistorie zuordnen, wo es nicht gar Archäologie ist, was er von der Kultur der Mayas überliefert hat. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Landa selbst war (im Kontext der Mayaforschung) Ethnograph (und Ethnohistoriker); was er hinterlassen hat, ist Ethnohistorie (und Archäologie). Aus heutiger Sicht also eine Phasenverschiebung, die sich im ersten Teil unserer Arbeit nicht ergab, da wir dort - zumal am Anfang die Mayaforschung anhand einzelner Persönlichkeiten, die sie prägten, darstellten, während wir in diesem Teil nicht über die Forscher, sondern den Inhalt ihrer Forschung sprechen. Eng mit der Ethnohistorie verbunden ist die Philologie, handelt es sich dabei doch - zumindest im Kern dieser Disziplin - um die Erforschung literarischer Zeugnisse, wie sie nach der Conquista entstanden. Allerdings ist diese Abgrenzung etwas willkürlich, denn auch die vorspanischen Quellen bilden eigentlich einen Bestandteil der Philologie, die grundsätzlich alle schriftlichen beziehungsweise literarischen Zeugnisse eines Volkes behandelt. Da jedoch die epigraphische beziehungsweise codicologische Mayaforschung, die zudem in engem Kontakt zur Ikonographie steht, üblicherweise ihren eigenen Weg geht, was in Anbetracht der sehr individuellen, spezialisierten Untersuchungsmethoden gerechtfertigt erscheint, wollen wir den Zweig der Philologie, soweit er in dieser Arbeit abgehandelt wird, auf die Zeit nach der

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Conquista beschränken, wobei wir allerdings die linguistische Forschung, die ihrerseits durchaus auch in die vorspanische Zeit reicht, mit einbeziehen. Philologie und Linguistik reichen andererseits bis in die Gegenwart, die jedoch schwerpunktmäßig der Gegenstandsbereich der Ethnologie (und Soziologie) ist. Ethnologie ist die traditionelle Form der Untersuchung rezenter Völkerschaften; sie beschränkt sich auf eine oder mehrere Ethnien, betrachtet sie aber nicht im Kontext eines modernen Nationalstaates, dessen Einfluß heute überall spürbar ist. Deshalb muß die Ethnologie um die Soziologie, die sich weniger mit Mikro- als mit Makrosystemen auseinandersetzt, ergänzt werden. Erst dann wird die Mayaforschung zu einer relevanten, auch auf die tatsächlichen Probleme der Gegenwart bezogenen Wissenschaft. Neben den hier genannten Zweigen der Mayaforschung gibt es noch eine Reihe anderer, die jedoch nur sekundäre Bedeutung haben. Zumindest ist ihnen vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden, obwohl zumindest einer durchaus Beachtung verdient und deshalb in unsere Untersuchung mit einbezogen werden soll. Es ist dies die Physische Anthropologie, die sich mit den biologischen Gesetzmäßigkeiten, soweit sie sich auf den Menschen beziehen, befaßt. Im Rahmen der Mayaforschung sind hier bemerkenswerte Ergebnisse, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart betreffen, erzielt worden. Unter den anderen nachgeordneten Zweigen der Mayaforschung seien insbesondere die Geographie, die Psychologie und die Literaturwissenschaft erwähnt. Obwohl auch hier zum Teil bemerkenswerte Einzelergebnisse erzielt wurden (vgl. Lundel 1937, McBryde 1945, Wilhelmy 1981; Gillin 1952, Brazelton et al. 1969; Lorand de Olazagasti 1968, Lorenz 1968, Cowie 1976), erhebt sich die Frage, ob hier noch ein eigener Zweig der Mayaforschung zu konstatieren ist oder ob es sich nicht vielmehr um einen auf eine bestimmte Region oder Ethnie bezogenen Teilbereich der jeweiligen Hauptwissenschaft, sei es nun die Geographie oder - soweit es den vorliegenden Fall betrifft - die Romanistik, handelt. Diese Frage kann man natürlich auch bezüglich anderer Zweige der Mayaforschung stellen, namentlich der Physischen Anthropologie und der Linguistik, letztlich aber auch der Soziologie und der Archäologie: es handelt sich im Grund nur um eine Operationalisierung der Wissenschaft - wird der Umfang eines Teilbereiches, also das akkumulierte Wissen und die Art der speziellen Untersuchungsmethoden, zu groß beziehungsweise differenziert, dann spaltet sich dieses Teilgebiet von der Hauptwissenschaft ab und bildet eine eigene Disziplin. So ist die Mayaforschung - aus der allgemeinen Völkerkunde oder Archäologie - entstanden, und so entstehen innerhalb der Mayaforschung einzelne Zweige. Der Bezugspunkt sind die Mayas, ihre Kultur, ihre Geschichte, das Volk; sollte auch in der Geographie, der Psychologie und der Literaturwissenschaft der Teil, der sich mit den Mayas befaßt, derart zunehmen, daß die Bindung zu den Mayas (als Forschungsgegenstand) größer wird als zur eigentlichen Mutterwissenschaft, dann ist die Mayafor-

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schung um diese Zweige größer geworden. Im Augenblick aber erscheint eine solche Zuordnung noch nicht gerechtfertigt. Selbst wenn wir uns im folgenden auf sechs Schwerpunktbereiche der Mayaforschung beschränken, ist dies immer noch ein recht umfangreiches Unterfangen. Es kann deshalb auch in den einzelnen Zweigdisziplinen nur auf die wichtigsten Entwicklungslinien und Erkenntnisstadien hingewiesen werden. Eine Vollständigkeit ist hier ebenso wenig möglich, wie es das bei der Schilderung der Gesamtentwicklung der Mayaforschung war. Im Gegensatz zu dort liegt hier jedoch der Schwerpunkt auf der neueren Forschung, deren Systematisierung, da sie geradezu explosionsartig angewachsen ist, zwingend geboten und deshalb das eigentliche Anliegen dieses Abschnittes ist.

1. Archäologie Als »Archäologie« haben wir jenen Zweig der Mayaforschung bezeichnet, der sich mit der vorspanischen Geschichte der Mayas befaßt. Insofern ist Archäologie ein Teil der Geschichte, was, so offenkundig es erscheint, dennoch einer näheren Erläuterung bedarf. Denn »Archäologie« ist ebenso wie »Geschichte« ein doppeldeutiger Begriff: einmal bedeutet »Archäologie« - und das ist die eigentliche Bedeutung des aus dem Griechischen abgeleiteten Wortes - die Erforschung der Vergangenheit, ist also ein Mittel der Erkenntnisgewinnung, mithin, wenn dieses Mittel systematisch angewandt wird, »Wissenschaft«. Zum andern beinhaltet der Begriff »Archäologie«, in einem übertragenen Sinne, auch den Erkenntnisschatz selbst, also die mittels der Archäologie als Disziplin rekonstruierte Realität einer bestimmten Epoche oder Kultur. Archäologie ist in diesem Sinne letztlich ein Teil der Geschichte; Geschichte, verstanden als eine Abfolge von Ereignissen, die die Entwicklung des Menschen und seiner Kultur, im Einzelfall wie in der Gesamtheit, betreffen. Wie der Archäologie - als Teilwissenschaft - eine bestimmte Phase oder Periode der menschlichen Entwicklung, soweit es die Entfaltung der Kultur, und zwar deren frühe Formen, betrifft, zugeordnet wird, so entspricht auch der Geschichte, im engeren Sinne, also dem Teil der Wissenschaft, der sich mit fortgeschrittenen Stadien der Kultur befaßt, eine bestimmte Periode: diese wird gewöhnlich dadurch gekennzeichnet, daß man ihr schriftliche Quellen als Unterscheidungskriterium zuweist. Während die Archäologie jene Zeiten untersucht, in denen der Mensch noch keine schriftlichen Aufzeichnungen - oder diese nur in Anfängen - benutzte, konzentriert sich die eigentliche historische Forschung auf den Abschnitt menschlicher Kulturentwicklung, der eindeutig durch schriftliche Dokumente gekennzeichnet ist. Archäologie und Geschichte (jeweils als spezifische Wissenschaft und korrespondierende Zeitphase) bilden also ein komplementäres Kategorienpaar, das jedoch seinerseits unter dem Oberbegriff »Geschichte« - Geschichte als Gesamtbegriff für die historische Erfahrung des Menschen und die Wissenschaft, die diese umfassende Entwicklung untersucht - sub-

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sumiert wird. Wir unterscheiden also drei Begriffe beziehungsweise deren Bedeutung, wenn wir von »Geschichte«, und zwei, wenn wir von »Archäologie« reden. Hinzu kommt, daß der Begriff »Geschichte« - in seiner umfassenden Bedeutung - häufig mit einem anderen Begriff, »Anthropologie«, identisch ist. Identisch insofern, als auch die Anthropologie - zumindest in der Form, wie sie in den USA, die in diesem Teil der Wissenschaft tonangebend sind, definiert wird - eine Gesamtschau der Entwicklung des Menschen - und seiner Kultur - zum Gegenstand hat. Allerdings zielt die Anthropologie mehr auf die Erkenntnis genereller Entwicklungslinien des Menschen beziehungsweise seiner Kultur ab, während die Geschichte - zumindest in der Praxis - sich mit bestimmten Ausschnitten aus der Gesamtentwicklung des Menschen begnügt. Universalgeschichte, die dagegen einen geringeren Stellenwert einnimmt, ist dennoch aber ihrer Zielsetzung nach durchaus der Anthropologie gleichzusetzen. Ein Unterschied, weniger in der Konzeption als vielmehr in der Forschungspraxis, besteht lediglich darin, daß die Untersuchungsmethoden - hier primär Auswertung schriftlicher Quellen, da eher rezente, ethnographische Studien, aus deren Erkenntnissen man Analogieschlüsse hinsichtlich der Vergangenheit ableitet - voneinander abweichen. Was allerdings insofern genutzt werden könnte, als man die unterschiedlichen Untersuchungsverfahren zur Überprüfung der jeweiligen Ergebnisse der anderen Wissenschaft verwendet. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Augenblick ist die Wissenschaft noch nicht einmal so weit, daß sie in einer Einzeldisziplin - wie der Mayaforschung einen koordinierenden Ansatz vertritt. Was uns zu der Frage zurückführt, in welchem Verhältnis Archäologie und Geschichte zueinander stehen. Hier muß man sehr deutlich zwischen Theorie und Praxis unterscheiden. Obwohl Archäologie und Geschichte der Definition nach komplementäre Bereiche einer Wissenschaft, der Geschichte schlechthin, die wiederum nur ein Teilbereich der Mayaforschung insgesamt ist, sind, wird dies in der Praxis keineswegs so gehandhabt. Zum einen gilt als Archäologie, was eigentlich Geschichte ist - denn ein wesentliches Merkmal der vorspanischen Mayakultur ist die Schrift -, zum anderen hat sich diese, fälschlich als solche bezeichnete Archäologie so weit verselbständigt, daß sie nicht als Teil einer gesamthistorischen Wissenschaft, die die Mayas betrifft, angesehen wird. Die historische Erfahrung der Mayas, vom ersten Menschen, der sich in ihrem Siedlungsgebiet niederließ, bis zu ihren heutigen Nachfahren, wird nicht als ein zusammenhängendes Kontinuum (dem Ansatz von La Farge [1940], auf den wir noch zu sprechen kommen, zum Trotz) begriffen, sondern als eine Abfolge von weitgehend unzusammenhängenden Perioden, die jede für sich eine Art geschlossener Einheit bildet. Was hinsichtlich der fehlenden historischen Perspektive gesagt wurde, trifft natürlich auch bezüglich der Anthropologie zu, wo gleichfalls versäumt wurde, allgemeine Entwicklungslinien der Mayas aufzuzeigen, die für alle Zeitphasen und für alle

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Mayagruppen zutreffen. Es herrscht - wie in anderen vergleichbaren Disziplinen auch - ein buntes Durcheinander der Begriffe und Inhalte, was an dieser Stelle lediglich bewußt gemacht werden sollte. Denn am Anfang jeder Wissenschaft, auch einer Teildisziplin, steht eine genaue Definition dessen, was behandelt werden soll. Allzuoft wird darüber - nicht nur zum Schaden der Wissenschaft, auch derer, denen sie dienen könnte - stillschweigend hinweggegangen. Da die vorliegende Arbeit mehr eine Geschichte der Mayaforschung ist und nicht so sehr eine Neuordnung, was ohnehin vermessen wäre, sein kann, müssen wir uns mit dem begnügen, was sich als wissenschaftlicher Brauch eingebürgert hat. Danach ist Archäologie, wie wir bereits andeuteten, all das, was vor der Ankunft der Spanier geschah, schließt also alle Phasen der Entwicklung der Mayas und ihrer Kultur ein, die vom ersten Auftreten des Menschen im Mayagebiet bis zur Conquista reichen. Zur Erhellung dieser archäologischen, das heißt vorspanischen, Periode der Mayageschichte werden jedoch nicht nur Untersuchungsmethoden angewandt, wie sie der Archäologie im eigentlichen Sinne eigen sind - also die Erforschung materieller, nichtschriftlicher Zeugnisse -, sondern auch solche, wie sie für die historische Forschung kennzeichnend sind, vornehmlich die Auswertung literarischer Dokumente. Daß letztere in zunehmendem Maße Gegenstand einer eigenen Forschungsrichtung sind, erwähnten wir schon. Sie gehören aber zur als Archäologie bezeichneten Mayaforschung und haben schon sehr früh - im Rahmen der Kalenderforschung - zur Erstellung eines chronologischen Gerüsts beigetragen. Auch in neuerer Zeit, durch die Entdeckung historischer Aussagen in den Inschriften, ist das Bild der vorspanischen Zeit sehr wesentlich durch die paläographische Forschung erweitert worden. Abgesehen von der Schriftforschung und Textanalyse, die einen eigenen Zweig in der archäologischen Mayaforschung bilden, sind grundsätzlich zwei Forschungsbereiche zu unterscheiden: das, was man anthropologische Archäologie nennen könnte, also der Bereich, der sich auf die Entwicklung des Menschen und seine Frühformen bezieht, und das, was man im Gegensatz dazu als kulturelle Archäologie bezeichnet (vgl. etwa Trigger 1968), worunter der gesamte Bereich dessen fällt, was der frühe, das heißt vor-historische, Mensch an Kultur geschaffen hat. Der erstere Bereich, den man auch als einen Teil der eigentlichen Physischen Anthropologie betrachten kann, spielt in der Mayaforschung praktisch keine Rolle, einfach deshalb, weil man im Mayagebiet bislang keine Frühformen des Menschen gefunden hat. Hier setzt die archäologische Forschung ziemlich unvermittelt - und was die zeitliche Dimension betrifft, auf einer relativ späten chronologischen Ebene - ein, so daß Archäologie im Mayagebiet eigentlich ausschließlich kulturelle Archäologie ist. Hier ist das Ziel nun, mittels systematischer, kontrollierbarer Verfahren ein möglichst genaues und getreuliches Abbild der Kultur der Mayas in vor-geschichtlicher, das heißt präkolumbischer, Zeit zu entwerfen. Es geht also um eine Rekonstruktion dieser Kultur, die freilich lediglich dem Ziel der Erkenntnis dient (im Gegensatz zu

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der Möglichkeit, die zwar utopisch klingt, aber in anderen Gegenden - etwa in Afrika - durchaus gesehen wird, sie wenigstens partiell wiederzubeleben). Daß Erkenntnisgewinnung die eigentliche Rechtfertigimg für die Forschung sei, wird zwar allgemein anerkannt, doch ist diese Motivation gemeinhin unreflektiert. Sie kann einem ganz persönlichen, egoistischen Erkenntnisdrang entspringen; sie mag aus der Absicht resultieren, gezielt die Kultur eines Volkes zu erhellen; und sie kann schließlich unter der Forderung stehen, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten über die Entwicklung der Kultur schlechthin aufzudecken. Wahrscheinlich spielen alle drei Motivationsfaktoren eine Rolle, jeweils mit einer unterschiedlichen Gewichtung. Aber es bleibt festzuhalten, daß der Mangel einer expliziten Zielvorgabe der Effizienz der Mayaforschung nicht gerade förderlich ist. Von einer möglichen gesellschaftlichen Relevanz ganz zu schweigen. Wenn auch die Motivation jedes einzelnen, der sich mit der Mayaforschung befaßt, unterschiedlich sein mag, so besteht doch in einem ein weitgehender Konsens: Man will wissen, aus welchen Gründen auch immer: wie haben die Mayas gelebt, was war ihre Kultur? Auf diese Frage eine exakte, wahrheitsgemäße Antwort zu finden, ist das Ziel der archäologischen Mayaforschung. Dabei hat, was bereits im ersten Teil der Arbeit anklang, dieser Zweig der Mayaforschung - wie die Mayaforschung insgesamt - bestimmte Stadien durchlaufen. Sie reflektieren den jeweiligen Stand des Wissens und - was man nicht vergessen sollte den allgemeinen ideologischen Hintergrund. Wenngleich die Archäologie auch den Kern der Mayaforschung bildet, so sind die Stadien ihrer Entwicklung jedoch nicht unbedingt identisch mit denen der Mayaforschung insgesamt. Die Entwicklung der Ethnohistorie und Linguistik zum Beispiel nahm einen anderen Weg als die Archäologie. Archäologie während der Zeit der spanischen Kolonialherrschaft war praktisch inexistent; sie beschränkte sich - abgesehen von den frühen Berichten der Konquistadoren, die ja eigentlich keine Archäologen waren - auf zum Teil recht ungezügelte Spekulationen über das Alter und die Herkunft kultureller Zeugnisse aus vorspanischer Zeit. Dagegen spielte die Spekulation - als eine unsystematische, unkontrollierte Art der Erkenntnisgewinnung - bei der Ethnohistorie oder Linguistik eine sehr viel geringere Rolle, da es sich im wesentlichen um beobachtbare, zeitgenössische Forschungsinhalte handelte. Die Archäologie, so sehr sie heute im Vordergrund steht, war also lange Zeit ein Stiefkind der Mayaforschung. Adams, in einer neueren Arbeit (1969), unterscheidet drei Stadien der archäologischen Mayaforschung: die erste Periode, die er auf die Zeit von 1839 bis 1924 datiert, nennt er The Great Explorer Period. Die zweite Periode, für die er die Jahre 1924-58 angibt, setzt er mit der Vorherrschaft des Carnegie-Instituts gleich; er nennt sie Carnegie-Period. Die dritte Periode schließlich, die 1958 beginnt und bis in die Gegenwart fortdauert (obwohl dies nur implizite gesagt werden kann, da Adams vor zwanzig Jahren schrieb), nennt er Multi-Institutional Period.

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Diese Einteilung, zumindest was die Bezeichnungen betrifft, beruht auf einer eher groben Einschätzung der äußeren Umstände, die die Mayaforschung beeinflußt haben. Sie ist weniger aufschlußreich im Hinblick auf die Archäologie im eigentlichen Sinne. Da ist die Gliederung von Willey and Sabloff (1974), obwohl sie nicht speziell der Mayaforschung dient, sondern der Entwicklung der archäologischen Forschung in Amerika (dem Kontinent) generell, schon hilfreicher. Willey und Sabloff, die sich beide auf die Mayaforschung spezialisiert haben, beziehen diese aber sehr wesentlich in ihr Gliederungsschema ein, so daß ihre Einteilung durchaus auch für die Mayaforschung aussagekräftig ist. Sie unterscheiden fünf Perioden: das, was sie die »Spekulative Periode« nennen (von 1492 bis 1840); dann eine Phase, die sie als »klassifikatorisch-deskriptiv« bezeichnen (1840-1914), zwei weitere Phasen, denen sie den Namen »Klassifikatorisch-historische Periode« geben, wobei die eine (1914-1940) sich mehr der Chronologie zuwendet, während die andere (1940-1960) mehr den funktionalen Aspekt in den Vordergrund stellt, also bereits in die letzte Phase (seit 1960) überleitet, die als »Erklärende Periode« bezeichnet wird. In dieser Gliederung wird deutlich, welche Stufen der Erkenntnisgewinnung die amerikanische Archäologie generell und die archäologische Mayaforschung implizite, die ein wesentlicher Bestandteil dieser Wissenschaft gewesen ist, durchlaufen hat. Die Mayaforschung wurde nicht nur durch die allgemeine Entwicklung beeinflußt, sie hat auch selbst in entscheidender Weise auf diese eingewirkt. Es erscheint also legitim, sich an dieses Modell anzulehnen, wobei es sich freilich anbietet, um die Entwicklungsstufen deutlicher zu akzentuieren, auf die Unterscheidung zwischen der dritten und vierten Stufe zu verzichten und sie stattdessen zu einem Stadium zusammenzufassen, was ja auch bei Willey und Sabloff, die in diesem Fall lediglich eine sekundäre Unterscheidung vornehmen, angedeutet wird. Da auch die »Spekulative Periode«, über die bereits im ersten Teil der Arbeit etwas gesagt wurde und auf die wir im dritten Teil (im Rahmen des mit »Diffusionstheorie« überschriebenen Kapitels) noch einmal speziell eingehen werden, an dieser Stelle, wo wir mehr auf die neuere, systematische Erkenntnisgewinnung eingehen wollen, übergangen werden kann, reduziert sich das Schema zur Entwicklung der archäologischen Mayaforschung auf drei Perioden. Sie umfassen den Zeitraum von 1840 bis zur Gegenwart und können, wenn wir uns auf das jeweils wesentliche Kennzeichen dieser Perioden beschränken, wie folgt bezeichnet und unterschieden werden: - die Phase der Rekognoszierung beziehungsweise Registrierung, von 1840 bis 1914 - die Phase der Datierung beziehungsweise der chronologisch-historischen Bestimmung, von 1914 bis 1960 - die Phase der strukturellen beziehungsweise funktionalen Deutung, seit 1960. Die zeitlichen Grenzen sind nur Näherungswerte; sie reflektieren jedoch bestimmte, entscheidende Markierungsdaten. So steht das Jahr 1840 für den Zeitraum, in dem

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Stephens und Catherwood den Grundstein für eine systematische Wissenschaft legten. Was zuvor - im Bereich der Archäologie - vorwiegend Spekulation gewesen war, wurde nun den Regeln empirischer Forschung unterworfen. Das bedeutete zwar nicht, daß die Spekulation nun aufhörte - sie dauerte, in größerem Umfang, noch bis zur Jahrhundertwende an und ist auch heute noch nicht ganz überwunden -, doch setzte sich nun, ausgehend von dem Maßstab, den Stephens und Catherwood gesetzt hatten, ein sorgfältigerer Umgang mit dem Datenmaterial durch. Ebenso wie die spekulative Vorgehensweise sich weit bis in die Phase der Rekognoszierung fortsetzte, so reichte auch das kennzeichnende Merkmal dieser Periode, die systematische Datensammlung, in die folgende hinein. Das Hauptcharakteristikum dieser Periode aber war, ein chronologisches Gerüst zu erstellen, um die Fülle der Daten zu ordnen und zu deuten und somit zum Entwurf eines historischen Konzepts zu gelangen. Und die Anfänge dieser neuen Zielrichtung, die eine entsprechende Änderung der Vorgehensweise implizierte, reichen bis in die Zeit kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zurück, wo der schon genannte Manuel Gamio auf Anraten von Franz Boas, des Altmeisters der anthropologischen Forschung in den USA, und Alfred Marston Tozzers, des Pioniers der professionellen Mayaforschung, eine erste systematische stratigraphische Forschung im Bereich dessen durchführte, was man später Mesoamerika nannte. Gamios Neuerung, die er im zentralen Mexiko zur Anwendung brachte, wurde wenig später auch im Mayagebiet eingeführt, so daß das Jahr 1914 lediglich deshalb gewählt wurde, weil es ein markantes Datum ist, mit dem Krieg, dessen Beginn es signalisierte, aber - soweit es die archäologische Forschung betrifft - eigentlich nichts zu tun hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Jahr 1960, das mehr noch als die beiden früheren Markierungsdaten ein Näherungswert ist, da der Kern der Neuerung, die die letzte, gegenwärtige Periode der archäologischen Mayaforschung kennzeichnet, eigentlich bis in das Jahr 1937 zurückreicht, als Tozzer (1937) ein erstes Unbehagen über den Mangel an theoretischer Ausrichtung in der Archäologie generell äußerte. Diese Kritik wurde von Clyde Kluckhohn (1940), einem Schüler Tozzers, noch vertieft, wobei er sein Augenmerk speziell auf die Mayaforschung richtete, während Walter W. Taylor (1948), der seinerseits ein Schüler Kluckhohns war, die Polemik noch etwas weiter trieb und seinem Unmut über die angeblich antiquierte Archäologie in einer speziellen Monographie Luft machte. Das Unbehagen, das sich bei diesen frühen Kritikern der amerikanischen Archäologie im allgemeinen und der Maya-Archäologie im besonderen äußerte, richtete sich gegen das vorherrschende Merkmal dieser Wissenschaft, das trotz Ausweitung auf die chronologische Fragestellung immer noch durch die Beschränkung auf die deskriptive oder deskriptiv-analytische - im Gegensatz zur analytisch-i/ieoreiwc/je« Vorgehensweise gekennzeichnet war. Trotz ihrer Warnungen trat eine Änderung in der Archäologie - zumal, was die Mayaforschung betrifft - erst mit dem Auslaufen

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des Carnegie-Programms ein, das ja entscheidend durch Alfred Kidder, der ein Verfechter der alten Schule war, geprägt worden war. 1958 wurden die Arbeiten des Carnegie-Instituts eingestellt, aber es dauerte auch danach noch einige Zeit, bis sich die neue Zielrichtung, die die Funktion und Struktur der Gesellschaft, die man bislang zur zeitlich bestimmt hatte, zum Gegenstand hatte, durchsetzte. So ist das Jahr 1960 als Grenzwert durchaus berechtigt, wiewohl man es nicht als absoluten Fixpunkt ansehen kann. Seit dem Beginn systematischer Forschung - Stephens begann seine erste Reise 1839 - sind also rund 150 Jahre vergangen. Die Hälfte dieser Zeit wurde darauf verwandt, das archäologische Material zu sichten und zu dokumentieren. Waren Stephens und Catherwood noch weitgehend auf die einfache Beobachtung und den Zeichenstift angewiesen, so verfeinerten sich die Methoden der Rekognoszierung und Dokumentation immer mehr, je weiter das 19. Jahrhundert voranschritt, bis schließlich jener Stand der dokumentarischen Aufnahme erreicht wurde, der die Arbeiten von Maudslay und Maler kennzeichnet. Ihr Werk, zu dem man noch die ersten systematischen Grabungen in Copän, die unter der Ägide des Peabody-Museum standen, zählen könnte, bilden den Höhepunkt und Abschluß der ersten Periode moderner archäologischer Forschung im Mayagebiet. Was hatte man erreicht? Im Grunde nicht viel mehr als das, was bereits Stephens (1963: II, 312f.) am Ende seiner Forschungen vermerkt und als Aufgabe für die Zukunft skizziert hatte. Er schrieb: »The history of these tribes or nations is misty, confused, and indistinct. The Toltecans, represented to have been the most ancient, are said to have been also the most polished. Probably they were the originators of that peculiar style of architecture found in Guatimala and Yucatan, which was adopted by all the subsequent inhabitants; and as, according to their own annals, they did not set out on their emigration to those countries from the vale of Mexico until the year 1052 of our era, the oldest cities erected by them in those countries could have been in existence but from four to five hundred years at the time of the Spanish conquest. This gives them a very modern date compared with the Pyramids and temples of Egypt, and the other ruined monuments of the Old World; it gives them a much less antiquity than that claimed by the Maya manuscript [Codex Perez, part of the Books of Chilam Balam], and, in fact, much less than I should ascribe to them myself. In identifying them as the works of the ancestors of the present Indians, the cloud which hung over their origin is not removed; the time when and the circumstances under which they were built, the rise, progress, and full development of the power, art, and skill required for their construction, are all misteries which will not easily be unravelled. They rise like skeletons from the grave, wrapped in their buried shrouds; claiming no affinity with the works of any known people, but a distinct, independent, and seperate existence. They stand alone, absolutely

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and entirely anomalous, perhaps the most interesting subject which at this day presents itself to the inquiring mind ...« Dem hätte ein Maudslay oder Maler nicht viel hinzuzufügen gehabt, abgesehen davon, daß das Material, das man inzwischen zusammengetragen hatte, zwar auf einen Zusammenhang mit dem zentralen Mexiko hinwies, dennoch aber - vor allem, was das zentrale Mayagebiet betraf, wo die bedeutendsten Zeugnisse zutage traten durchaus eine kulturelle Eigenständigkeit aufwies, über deren Entwicklung man sich jedoch genauso wenig im klaren war, wie es Stephens bezüglich der Geschichte der Mayas insgesamt beklagt hatte. Was man, in der ersten Phase der archäologischen Mayaforschung, erkannt und eindeutig belegt hatte, war die Existenz einer eigenständigen Kultur, die über ein bestimmtes, die Grenzen rezenter Staaten überschreitendes Areal verbreitet war und aus der Zeit vor der Conquista datierte. Wie diese Kultur entstanden war, welchen Gesetzen sie unterlag und welche zeitlichen Dimensionen man für ihre Entwicklung ansetzen mußte, war nicht bekannt. Das blieb Aufgabe für die beiden folgenden Perioden, wobei es nur folgerichtig war, daß man zunächst daranging, die chronologische Frage zu lösen, ehe man daran denken konnte, die Gesetzmäßigkeiten, die dieser historischen Entwicklung zugrunde lagen, zu analysieren. Bisher hatte man sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - damit begnügt, lediglich die Oberflächenfunde zu registrieren. Das heißt, man hatte das aufgenommen - durch Skizzen, Fotos und Abklatsche, abgesehen von der eigentlichen Beschreibung -, was man jeweils in den Ruinenzentren an überirdischen Resten vorfand. Das ließ zwar Rückschlüsse auf die Art der Kultur zu, deren Zeugnisse man aufnahm; es sagte aber nichts darüber, wie diese Kultur entstanden war und welche Entwicklungsphasen sie durchlaufen hatte, ehe sie den Stand erreicht hatte, dem man sich gegenübersah. Wollte man diesen Fragen nachgehen, mußte man eine Methode entwickeln, die es ermöglichte, die einzelnen Stadien der kulturellen Entwicklung zu rekonstruieren. Dafür gab es grundsätzlich mehrere Möglichkeiten, deren eine ja schon Stephens angewandt hatte, indem er - auf Grund der Erkenntnis, daß die Ruinen der Mayas eine gewisse Ähnlichkeit mit archäologischen Zeugnissen in anderen Teilen Mittelamerikas aufwiesen - auf eine offensichtliche Beeinflussung, wenn nicht gar Begründung der Mayakultur durch die Tolteken hinwies. Diese vergleichende Methode, die auf einer Gegenüberstellung bestimmter Architekturformen und Stilelemente beruht, blieb bis in die Gegenwart ein wichtiges Instrument der Erkenntnisgewinnung über historische Abläufe, und zwar sowohl, was die Beziehung zu Kulturen außerhalb des Mayagebietes betrifft, als auch zwischen den einzelnen Regionen beziehungsweise Fundorten innerhalb dieses Gebietes. So wurde nicht nur der Zusammenhang mit der Kultur der Tolteken, die in Tula ihr Zentrum hatten, bestätigt, sondern auch eine Verwandtschaft zu Teotihuacän, dem Vorläufer von Tula, festgestellt sowie zu jenem mysteriösen Volk, das man Olmeken nennt und das als Mutterkultur des mesoameri-

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kanischen Raumes angesehen wird. Markanter noch sind die Parallelen innerhalb des Mayagebietes, wo man auf Grund der vergleichenden Methode zur Identifizierung bestimmter Kulturareale oder -provinzen gelangte, die jeweils eine durch übereinstimmende Merkmale ausgewiesene Einheit bilden und - indem man diese einander gegenüberstellt - zugleich auch Rückschlüsse auf eine Kulturabfolge zulassen. Durch diesen Stil- und Formenvergleich innerhalb des Mayagebietes und darüber hinaus wurden bereits um die Jahrhundertwende erste Entwicklungslinien der Mayakultur deutlich (vgl. dazu Sapper 1895a und b, 1898; Seier 1901,1902-23: III, 563729). Doch war diese Methode des Kulturvergleichs, so sehr sie um eine systematische Ordnung des Materials bemüht war, auch großen Fehlerquellen ausgesetzt, was vor allem bei Seier deutlich wird, da er - bei seinem vorrangigen Interesse für das zentrale Mexiko - die Bedeutung dieses Gebietes für die Gesamtentwicklung Mittel- beziehungsweise Mesoamerikas überbetonte. Zum Glück gab es eine zweite Methode, die als Korrelat und Korrektur wirken konnte und die aus jenem Ansatz bestand, den Gamio auf Anraten Baos' in die archäologische Forschung einführte. Es war die Stratigraphie, die auf der Erkenntnis beruhte, daß ein Kulturvergleich nicht nur in räumlichem Maße möglich war, sondern auch in der zeitlichen Dimension, wobei man davon ausging, daß die früheren Stadien einer Kultur nicht unbedingt von einem anderen Ort herangetragen sein müssen, sondern genauso gut auch am Ort entstanden sein können, was allerdings eine unterschiedliche Theorie beziehungsweise Erkenntnis über die Entstehung und Ausbreitung von Kulturen impliziert. War man bislang eher von einer diffusionistischen Vorstellung ausgegangen, die das Zentrum der Entwicklung, wenn auch nicht mehr in Ägypten oder Atlantis, so doch im Hochland von Mexiko sah, so gelangte man nun zu der Einsicht, die dem Diffusionismus endgültig den Garaus machte, daß die Entwicklung der Mayakultur, trotz gelegentlicher Einflüsse von außen, im wesentlichen bodenständig war. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, war es natürlich nötig, von der bisherigen Praxis des alleinigen Oberflächensurveys abzurücken und mit systematischen Grabungen zu beginnen, also jene Methode zu übernehmen, die Gamio erstmals im Tal von Mexiko angewandt hatte. Die Prämisse dabei war: je tiefer man graben würde, desto ursprünglicher (und älter) würden die Funde sein. Dies ist das Prinzip der Stratigraphie. Hier nun erwies sich - nach ersten Vorarbeiten, die das Peabody-Museum und das Archaeological Institute of America durchgeführt hatten (Gordon 1904; Morley 1910, 1911, 1913; Tozzer 1911, 1912, 1913; Hewett 1911, 1912, 1916; Merwin u. Vaillant 1932) - vor allem das Carnegie-Institut als wegweisend: mit seinen großen Grabungsprojekten, die von Yukatan über den Peten bis in das Hochland von Guatemala reichten und die die neue Methode der Stratigraphie systematisch in Anwendung brachten, legte es die Grundlagen für ein chronologisches Gerüst, das die Entwicklung der Mayakultur von ihren Anfängen bis zur Conquista zum ersten Mal in über-

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schaubarer Weise darstellte. Dabei kam besondere Bedeutung der Keramik zu, da sie ein besonders geeignetes Mittel zur Bestimmung von Kulturphasen und ihrer Verbreitung ist. Die erste dieser Sequenzen, wie man die Abfolge verschiedener Keramikstile, die als Leitlinie für die chronologische Zuordnung der Funde dienen, nennt, wurde in Uaxactün aufgestellt. Wie Robert E. Smith (1940: 243), der für die Keramik zuständige Mitarbeiter des Projektes in Uaxactün, berichtet: »At Uaxactün four main ceramic phases were established. They were given the arbitrary names Mamom, Chicanel, Tzakol and Tepeu. Mamom refers to the most ancient and Tepeu to the most recent cultural phase. Both Tzakol and Tepeu have been divided into early and late. The later subdivisions retain all of the early culinary forms but take on new shapes and designs in the decorated wares. The Mamom pottery was found in black dirt below all plaza floors, having been dumped there to level the ground for the original plaza floor. It precedes masonry structures and probably carved stone stelae. It has been called archaic although it is neither a primitive (in the crude sense) nor an antiquated culture. The Chicanel material which follows immediately after the Mamom was located above the earliest plaza floor, often associated with the earliest masonry structures, usually low platforms. The Tzakol wares may be said to coincide with Uaxactün architectural Period I of the vault, and the Tepeu wares with architectural Period II of the vault.« Diese Keramiksequenz, die von den Anfängen kultureller Entwicklung bis zum Höhepunkt der klassischen Mayakultur reicht, ist bis heute das Kernstück des chronologischen Systems, das man zur Bestimmung der Funde im Mayagebiet entwickelt hat, geblieben. Es wurde im Laufe der Zeit nach unten und nach oben erweitert, das heißt, die Keramiksequenz ist um frühere und spätere Phasen ergänzt worden, so daß sie heute eine Zeitspanne von viertausend Jahren - von 2 500 v. Chr. bis 1 500 n. Chr. - umfaßt. Allerdings trifft diese Sequenz nur für das Kemgebiet der Mayazone zu, obwohl sie auch Verbindungen zu anderen Gegenden aufweist, was Rückschlüsse auf Handelsbeziehungen und andere kulturelle Kontakte, die die Entwicklung der Mayakultur beeinflußt haben, zuläßt. Es war jedoch dieses Gebiet, das im wesentlichen dem Peten und angrenzenden Regionen des Tieflandes entspricht, wo die Kultur der Mayas ihre höchste Blüte erlangte. Sowohl im Norr^n als auch im Süden, also in Yukatan und im Hochland von Guatemala, wurden eigene Keramiksequenzen aufgestellt, die - im Verein mit der skizzierten - die verschiedenen Wege reflektieren, die die Mayakultur in den drei großen Provinzen, in die man das Mayagebiet unterteilt, gegangen ist (vgl. dazu Kidder et al. 1946; Andrews IV. 1962). Keramiksequenzen bilden zwar den Kern des chronologischen Gerüsts im Mayagebiet; doch sie allein reichen noch nicht aus, das Alter bestimmter Funde zu benennen und die historische Entwicklung insgesamt genauer zu bestimmen. Keramik- wie auch andere, beispielsweise architektonische Sequenzen ermöglichen zwar eine rela-

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tive Zuordnung der Funde an einem bestimmten Ort oder mehreren Orten (die die gleichen Keramiktypen oder Architekturformen aufweisen), sie sagen aber noch nichts über das absolute Alter aus, das es uns allein ermöglicht, die Entwicklung eines Volkes oder einer Kultur im Rahmen der gesamten historischen Entwicklung der Menschheit zu betrachten. Bezugspunkt dazu ist unsere, sogenannte christliche Zeitrechnung. Es muß beziehungsweise mußte also ein Weg gefunden werden, wie man die relative mit einer absoluten Zeitrechnung in Einklang bringt. In Uaxactün war man sich dieses Problems durchaus bewußt; hören wir dazu noch einmal Smith (ebd.: 246), der erläutert, welche Überlegungen man in dieser Richtung anstellte: »It is naturally the ambition of every archaeologist to find a means of dating excavated material. This desire appeared to be on the brink of realization when it was discovered that not only did Uaxactün harbor a series of dated stelae covering a period of 570 years but that it also disclosed stratigraphic sequences in pottery types, in burials and in details of architectural practice. If an association between a dated monument and either pottery or architecture could be established the problem was solved. Or was it? Somebody objected on the grounds that the stela might have been moved from its original position and that therefore the date would not be contemporaneous. Somebody also suggested that the date on the stela might refer to either past or future events. These suppositions may or may not be valid, but there is one way to find out whether or not the date on a stela is contemporaneous to the stairway within which it is set or to the pottery with which it is associated and that is to test the matter thoroughly. If it can be established in two or three different cases that monuments bearing dates within a certain span of years are always associated with certain pottery types and a specific style of architecture the problem will have been solved. Another method of tackling the time element is by means of the tree ring system. This is not practicable in the Peten because of the irregularity of tropical rainfall.« Mit anderen Worten, man mußte sich - in Ermangelung eines direkten - eines indirekten Weges bedienen, um zu einer absoluten Datierung zu gelangen. Dies war das chronologische System, das die Mayas selber entwickelt hatten und das man inzwischen so weit enträtselt hatte, das man es nicht nur deuten, sondern auch in die christliche Zeitrechnung übertragen konnte. So hatte Morley 1916 in Uaxactün eine Inschrift - auf einer Stele - entdeckt, die man als das ältestes Datum - 328 n. Chr. entzifferte, das man bisher und auf lange Zeit (ein älteres Datum wurde erst bei den Grabungen in Tikal entdeckt) kannte. Man brauchte also tatsächlich nur eine gesicherte Relation zwischen datierten Inschriften, das heißt Monumenten, die solche Inschriften aufwiesen, und einer bestimmten Keramik oder Architekturform herzustellen, und schon war die Möglichkeit gegeben, das entsprechende Fundstück - und den gesamten kulturellen Horizont oder die Phase in der Sequenz, zu der es gehörte zeitlich genau und absolut zu fixieren.

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Dabei trat allerdings eine entscheidende Schwierigkeit auf: die Umrechnung von Daten im Mayakalender in die christliche Zeitrechnung war lange Zeit umstritten, denn es gab zwei sogenannte Korrelationen, nach denen man die Umrechnung vornehmen konnte. Wir werden im einzelnen darauf im nächsten Kapitel eingehen; hier sei nur so viel gesagt, daß sich die beiden Korrelationen in ihren Umrechnungssystemen um 260 Jahre unterscheiden, was natürlich für eine genauere Bestimmung historischer Ereignisse nicht unerheblich ist. Zum Glück wurde 1949 durch die Entdekkung der Radiokarbonmethode, durch den amerikanischen Physiker Willard F. Libby, auch für das Mayagebiet, das ja in klimatisch ungünstigen Breiten liegt, ein Datierungsverfahren anwendbar, das eine direkte absolute Altersbestimmung ermöglicht. Dieses Verfahren, das auf der Messung radioaktiven Kohlenstoffes, der in organischen Substanzen enthalten ist, beruht und inzwischen - nachdem es vorübergehend kritisiert worden war - genauer präzisiert worden ist, hat die Korrelationsfrage zugunsten der ursprünglichen Umrechnungsmethode, der sogenannten Goodman-MartinezThompson-Korrelation, entschieden. Somit ist zwar die Notwendigkeit einer indirekten - durch die Möglichkeit einer direkten - Altersbestimmung zurückgetreten; dennoch verfügt man nun über zwei unabhängige, parallele Datierungsverfahren, die einander ergänzen und jeweils als Kontrolle dienen können. Die Keramiksequenz in Uaxactun, die sich in anderen Fundorten (der zentralen Region) spiegelte, zeigte deutlich, welchen Weg die Entwicklung der frühen Mayakultur genommen hatte: von einer Phase, in der es noch keine Gebäude aus Mauerwerk gab, bis hin zur sogenannten ersten und zweiten Periode, deren Kennzeichen Gebäude mit »Gewölbekonstruktion« waren. Danach hört die Bautätigkeit auf (wie auch die Keramiksequenz endet und die Inschriften versiegen): es fand offensichtlich ein Niedergang statt, der jedoch - was man den Funden im Norden, in Yukatan, entnehmen zu können glaubte - durch eine neue Blüte, die im Zeichen fremder, später Einflüsse aus Mexiko stand, abgelöst wurde. Es ergab sich so ein Bild, das an das Alte Ägypten erinnerte: eine Abfolge von zwei »Reichen«, die nicht nur zeitlich auseinanderlagen, sondern auch jeweils einen unterschiedlichen geographischen Schwerpunkt hatten. Danach war das sogenannte »Alte Reich«, das freilich den Gipfel der Mayakultur darstellte, mit den Ruinenzentren im südlichen Tiefland identisch, während das »Neue Reich«, das nur noch ein schwacher Abglanz war, auf Yukatan beschränkt blieb. Die Frage, die nun auftauchte, war: warum ging das Alte Reich zugrunde? Die Frage wurde nicht dadurch gelöst, daß man glaubte, es habe lediglich eine Bevölkerungsverschiebung, eine Wanderung vom Süden in den Norden, stattgefunden. Denn, wie Schellhas (1938: 380) in seinem Rückblick auf 50 Jahre Mayaforschung schreibt: »Ein noch ungelöstes Problem knüpft sich an die Tatsache, daß die Städte im Süden, in Guatemala und Honduras, etwa um 600 n. Chr. verlassen wurden, und eine Übersiedlung nach Norden, nach Yukatan, stattgefunden hat, eine Tatsache,

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die zur Unterscheidung eines 'Alten' und eines 'Neuen Reiches' der Maya geführt hat. Welche Gründe die Maya veranlaßt haben, das reichbesiedelte Land und die architektonisch so bedeutenden Wohnstätten mit ihren Tempeln und Palästen im Süden zu verlassen und auszuwandern, ist völlig rätselhaft. Da man keine Spuren gewaltsamer Zerstörung der Gebäude gefunden hat, die auf kriegerische Ursachen deuten, wird man annehmen müssen, daß Naturerscheinungen die Ursachen waren, wie Änderung des Klimas, Mißernten, Austrocknung des Bodens oder ähnliche Erscheinungen...« Fragen tauchten nun auf, die über die Existenz und die zeitliche Fixierung der Mayakultur hinausgingen und an die Art dieser Kultur, ihre Gesetze und Strukturen, rührten. Doch dafür war es noch zu früh: noch zwei Jahrzehnte vergingen, die man damit verbrachte, das chronologische Gerüst - indem man es nach unten und oben erweiterte - zu vervollständigen. Was die Entstehung der Mayakultur betraf, so war es die Entdeckung der Olmeken, deren Zeugnisse im westlichen Grenzgebiet der Mayas auftauchten und die - früheren Dateninschriften nach zu schließen - ein Vorläufer der Mayas (wie auch anderer Kulturen Mexikos) waren, die neues Licht auf die Frage warf. Hier eröffnete sich ein ganz neues Feld, das - zunächst - nicht so sehr die funktionalen Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Ursprung der Mayakultur stehen, betraf, sondern die Einbettung der Mayakultur insgesamt (und nicht nur ihrer späten Phase in Yukatan) in das, was man nun - der ersten systematischen Untersuchung Kirchhoffs zufolge - »Mesoamerika« nannte. Was die späte Zeit der autochthonen Mayakultur anbelangt, so war es ein Projekt in Mayapän, mit dem das Carnegie-Institut seine archäologischen Forschungen im Mayagebiet abschloß, das - da es sich um das letzte bedeutendere Zentrum der Mayakultur in vorspanischer Zeit handelt - quasi eine Brücke zur kolonialen Ära, für die dann auch andere Quellen in Frage kamen, schlug (vgl. dazu Pollock et al. 1962). Damit war am Ende der zweiten Phase der archäologischen Mayaforschung die zeitliche Abfolge der Mayakultur im wesentlichen geklärt. Es gab eine »Archaische Periode«, die all das umfaßte, was die Anfange der Mayakultur darstellte; ferner eine »Klassische Periode«, die dem entsprach, was man zunächst »Altes Reich« genannt hatte, nun aber analog eines Schemas, das die beiden Archäologen Willey und Phillips (1958) für die gesamte Phase der voreuropäischen Geschichte Amerikas aufgestellt hatten, mit einem neutraleren, evolutionistischen Begriff belegt wurde; und schließlich die »Postklassische Periode«, eine Bezeichnung, die gleichfalls den früheren Begriff, »Neues Reich«, ersetzte und schon im Namen erkennen läßt, daß es sich nur noch um ein Fortbestehen, nicht aber mehr um einen neuen Aufschwung, der zu imperialem Glanz führte, handelte. An diesem Schema, das auf einer Kombination keramischer Sequenzen, absoluter Altersbestimmung mit Hilfe der Radiokarbonmethode und der Kalenderinschriften der Mayas beruht, hält man bis heute fest (s. etwa Henderson 1981: 17 u. Hammond

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1982: 104), wobei man freilich - entsprechend des Fortschreitens der Erkenntnisse weitere Differenzierungen beziehungsweise eine genauere zeitliche Präzisierung vorgenommen hat. So ist die »Archaische Periode« auf den Bereich eingeschränkt worden, der durch eine Phase des Übergangs vom Jäger- und Sammlertum zur seßhaften Lebensweise (ca. 7 000 bis 2 500 v. Chr.) gekennzeichnet ist, während die Zeit davor, für die die Jagd auf Großwild charakteristisch ist, als »Paläo-Indianische Periode« bezeichnet wird. Auf das Archaikum folgt die »Präklassische Periode«, die bis zum Beginn schriftlicher Aufzeichnungen reicht (z.Z. 290 n. Chr.), was als Markstein für die »Klassische Periode« angesehen wird. Diese wird gewöhnlich in eine frühe und späte Phase unterteilt, da ein deutlicher Bruch (um etwa 600 n. Chr.) festzustellen ist, und endet um 900 n. Chr., ein Grenzwert, der wiederum durch Inschriften - diesmal durch das Versiegen der bisherigen, sogenannten Langzeitdaten - bestimmt wird. Auch die »Postklassische Periode«, die bis zur Conquista reicht, wird in eine frühe und eine späte Phase unterteilt, wobei erstere durch den (toltekischen) Einfluß aus Mexiko gekennzeichnet ist, während in der letzten Phase der vorspanischen Geschichte noch einmal das traditionelle Maya-Element in den Vordergrund tritt. Was Stephens als den Beginn und Begründer der Mayakultur ansah - der toltekische Einfall aus dem Westen -, wird heute nur noch als Episode gedeutet: nicht tausend Jahre reicht der Ursprung der Mayas zurück, sondern zehntausend Jahre! Das ist die Erkenntnis, die im Verlauf von 150 Jahren gewonnen wurde. Doch man hat nicht nur die zeitlichen Grenzen erweitert (und präzisiert), man ist in zunehmendem Maße auch in der Lage, konkrete historische Ereignisse, die diesen Zeitraum bestimmten, zu deuten. Das betrifft nicht nur grobe Entwicklungsstufen - die »Perioden«, die wir erwähnten -, sondern auch die Faktoren - seien sie gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher oder ökologischer Art -, die sie bedingten. Letzteres, was die Dynamik und Struktur der Entwicklung betrifft, die die Kultur (und die Geschichte) der Mayas durchlief, ist der Gegenstand der Mayaforschung, wie sie heute betrieben wird. Es ist der Inhalt der dritten und vorerst letzten Phase der archäologischen Forschung im Mayagebiet. Wir wiesen bereits darauf hin, daß eine der Voraussetzungen, die zu dieser Neuorientierung in der Maya-Archäologie führten, das Auslaufen des Carnegie-Programms war. Wie Tatiana Proskouriakoff (1958: 462), die - obwohl sie zum Mitarbeiterstamm des Carnegie-Instituts gehört hatte - zu einem Pionier der neuen Forschungsrichtung werden sollte, schrieb: »The rapidly changing organization of research is providing greater opportunities to younger investigators to gain a first-hand acquaintance with Middle American archaeology, and research is passing from the hands of a few experts who devoted their lives to a study of a single region to a far wider group of investigators with many varied interests.« An der Schwelle zu einem neuen »Zeitalter« (in der Archäologie), war Proskouriakoff vielleicht ein wenig zu optimistisch: es trat zwar eine Diversifizierung in der

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Mayaforschung ein - statt eines Institutes, das bislang die Mayaforschung beherrscht hatte, waren es nun eine Vielzahl von Institutionen, die sich diesem Zweig der Archäologie (beziehungsweise Anthropologie im allgemeinen) zuwandten doch die ungleich größere Zahl der Forscher, die aus dieser Diversifizierung resultierte, blieb dennoch, kaum anders, als es vorher gewesen war, ziemlich einseitig auf den speziellen Forschungszweig, die Mayaforschung, fixiert. Die Befruchtung, die man von einer weiter gefächerten Forschungstätigkeit hätte erwarten können, blieb aus. Wer im Mayagebiet forschte (und forscht), ist in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich, Mayaforscher. Der Blick über die Grenzen des Faches hinaus ist heute vielleicht nicht mehr so selten, wie das unter der Ägide des Carnegie-Instituts war; aber er ist keineswegs selbstverständlich. Dennoch war die Ausweitung der Mayaforschung (auf mehrere Institute und eine Vielzahl von Forschem, auch und gerade aus anderen Ländern und nicht nur den USA) eine wesentliche Voraussetzung dafür, das »Bewegung« in die Forschung kam. Sie gipfelte schließlich - auch wenn der unmittelbare Anlaß dafür, wie wir gesehen haben, politische Ereignisse waren - in dem, was man überschwenglich »Neue Archäologie« nannte. »Prozesse« und »Strukturen«, die Dynamik und die Funktion einer Gesellschaft, waren nun gefragt (und der Sinn oder die »Relevanz«, die man von all der Forschung erwartete). Die Neue Archäologie war ein genereller Trend, der alle oder doch die meisten Altertumswissenschaften erfaßte. Was speziell der Mayaforschung zu einem Wandel verhalf, war - neben dem Auslaufen des Carnegie-Programms - die geradezu revolutionäre Wende, die sich in der Schriftforschung ergab. Angefangen mit Heinrich Berlin (1958), erfolgte ein erster Durchbruch in der Inschriftenforschung durch die Arbeiten von Proskouriakoff (1960, 1961a, 1963/64): sie eröffneten einen Einblick in die Gesellschaft der Mayas (und in historische Prozesse), der bislang verwehrt gewesen war. Zum ersten Mal verfügte man nun über historisches Datenmaterial, das konkret etwas über bestimmte Personen und Ereignisse aussagte. Das war nicht der geringste Stimulus, Fragen dieser Art auch mit traditionelleren Methoden der Archäologie anzugehen. Es würde zu weit führen, all die Arbeiten zu nennen, die sich den neuen Untersuchungsbereichen zuwandten. Ein repräsentativer Spiegel findet sich in den Listen der Veröffentlichungen, die aus dem Tikal-Projekt, das man als das hervorragendste (wenn auch keineswegs einzige) Beispiel dieses neuen Forschungsansatzes ansehen kann, hervorgingen (C. Jones et al. 1981: 308-12; Coe u. Haviland 1982:94-100). Im wesentlichen ging es um drei Bereiche: Wirtschaft und Umwelt, Gesellschaft und Politik, Handel und auswärtige Beziehungen. Es wurden (und werden) die Prozesse und Strukturen untersucht, die der Entwicklung der Mayakultur, soweit es die vorspanische Zeit betrifft, zugrunde lagen. Dabei steht zwar auch heute noch (wie das schon in der Carnegie-Ära war) die klassische Zeit im Vordergrund, über deren Er-

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scheinungsbild man inzwischen recht detaillierte Aussagen machen kann (vgl. etwa Gilbert 1974); doch wendet man sich in zunehmendem Maße auch den historischen wie geographischen Randgebieten zu (die ja im Mayagebiet weitgehend zusammenfallen). Als Beispiel mag dazu ein Aufsatz dienen, der in seiner etwas provokativen Überschrift den neuen Trend dennoch recht treffend charakterisiert: »Ex Oriente Lux« heißt es da, »A View From Belize« (Hammond 1977a). Neben Belize ist es vor allem das Küstengebiet und der Gebirgsabfall in Guatemala und Chiapas, wie andererseits auch das westliche Grenzgebiet in El Salvador und Honduras, wo heute der Ursprung beziehungsweise die Anfänge der Mayakultur gesucht werden (Lowe u. Mason 1965, Quirarte 1976, Coe 1961; Sharer 1974, Henderson 1978; McNeish 1980ff.). Betreffen diese Arbeiten den Beginn der Mayakultur, so widmet man auch ihrem Ende - sowohl dem in der klassischen Zeit als auch in der Postklassik - vermehrte Aufmerksamkeit: so fand 1970, in Santa Fe (Neu-Mexiko), ein Symposion statt, das speziell den Niedergang der klassischen Mayakultur zum Gegenstand hatte (Culbert 1973); und zwölf Jahre später, 1982 (nachdem zwischenzeitlich, 1974, am gleichen Ort über den »Ursprung der Maya-Zivilisation« verhandelt worden war; Adams 1977), fand in Santa Fe ein drittes Seminar statt, das der Frage nachging, was »nach dem Fall«, in der Postklassischen Periode, geschah (Sabloff u. Andrews V. 1986). Auch dem Hochland, in Guatemala, das eine ähnliche Entwicklung durchlief wie das postklassische Yukatan, wendet man sich in letzter Zeit vermehrt zu, wobei neben amerikanischen Forschern (Carmack 1968, Wallace u. Carmack 1977, Fox 1978, Orellana 1984) vor allem auch französische Archäologen, die - wie ihre amerikanischen Kollegen - auch ethnohistorisches Material in ihre Untersuchungen mit einbeziehen, zu nennen sind (Becquelin 1970, Arnauld 1978). All diese neueren Forschungen versuchen Aufschluß darüber zu erlangen, wie die Kultur der (vorspanischen) Mayas funktionierte: woher kamen die ersten Impulse und/oder Einwanderer? In welcher Weise paßte sich der Mensch der Umwelt an/veränderte sie? Wie sah die Siedlungsstruktur aus, und welche Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stratifikation (und berufliche Spezialisierung) lassen sich daraus ziehen? Wie sahen die Beziehungen innerhalb des Mayagebietes, aber auch zu Nachbarvölkern aus? Gab es - neben Femhandel - auch militärische Einfälle, die etwa zum Niedergang der klassischen Kultur beitrugen? Was geschah mit der Bevölkerung in der Kernregion? Wie genau wirkte sich der Fremdeinfluß in postklassischer Zeit aus? Was bewirkte schließlich eine Renaissance, und wieviel davon wurde in die Kolonialzeit tradiert? Fragen, denen man in zunehmendem Maße auch durch die Hinzuziehung von Nachbardisziplinen - der Botanik, der Klimaforschung, der Medizin, der Geschichte und sogar der Ethnographie - zu Leibe rückt. Das Bild, das man auf diese Weise gewinnt, wird immer deutlicher; auch wenn große Fragen - wie beispielsweise die Ge-

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nese und der Niedergang der (klassischen) Mayakultur - noch immer nicht endgültig geklärt sind. Spekuliert wird auch heute noch, doch die Spekulation - in Form einer Hypothese oder Theorie - ist heute nur noch ein kontrolliertes Verfahren der systematischen Wissenschaft. Dadurch hat sie vielleicht ein wenig an Farbe verloren, doch sie steht dafür auf solideren Füßen, als man jemals hätte voraussehen können. Wie man mit Theorien heute in der Mayaforschung umgeht (und dabei nicht selten zu überraschenden Erkenntnissen gelangt), dazu sei auf den dritten Teil dieser Arbeit verwiesen.

2. Paläographie Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die paläographische Forschung eigentlich ein Teil der Archäologie ist. Zumindest ist sie ein wichtiges Hilfsmittel, das die archäologische Forschung entscheidend vorangebracht hat. Andererseits ist die Paläographie auch ein Teil der Philologie, und zwar jenes Teils, der sich mit der Literaturgeschichte befaßt. Schließlich bestehen Beziehungen zur Linguistik, die freilich ihrerseits nur ein Teilgebiet der Philologie ist (vgl. dazu die Übersicht zum Aufbau der Mayaforschung im Anhang). Aus diesen Beziehungen und Rückkoppelungen ergibt sich eine Komplexität, die dazu geführt hat, daß die paläographische Mayaforschung heute als ein separater Forschungszweig angesehen wird. Viele betrachten sie geradezu als eine Geheimwissenschaft, zu der nur Eingeweihte Zugang haben. Während eine Arbeit aus dem Bereich der Archäologie oder der Ethnologie im allgemeinen für jedermann verständlich ist, sieht man von bestimmten terminologischen Konventionen einmal ab, so verschließt sich die paläographische Forschung jedem, der nicht gewillt ist, sich systematisch mit ihr auseinanderzusetzen. (Ähnliches gilt für die Linguistik). Die Unzugänglichkeit der paläographischen Forschung liegt in der Natur der Sache. Man hat es hier - mehr als in anderen Wissenschaften - mit unbekannten Größen zu tun: man kennt nicht nur nicht die Schrift - die es ja vor allem zu entziffern gilt -, sondern häufig auch nicht einmal die Sprache beziehungsweise Sprachen, die dieser Schrift zugrunde lagen. Das ist in der paläographischen Mayaforschung so, wo es mehrere Kandidaten gibt, die für eine sprachliche Grundlage der Schrift in Frage kommen. Nicht auszuschließen ist allerdings auch die Möglichkeit, daß die sprachliche Kommunikation im Kontext der Schrift nur sekundäre Bedeutung hatte: handelt es sich um Ideogramme - im Gegensatz zu Lautzeichen -, ist es unerheblich, welche Sprache der Schreiber gesprochen hat. Die bildliche Wiedergabe des Begriffes, den man ausdrücken wollte, ist für jedermann verständlich, sofern er mit dem begrifflichen Inhalt vertraut ist. Diese Möglichkeit der ideographischen oder gar ikonographischen Deutung der Schrift ist gerade auch bei den Mayas gegeben - und hat sehr wesentlich dazu beigetragen, das Geheimnis ihrer Schrift zu lösen -, doch ist ein solches System, das letzt-

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lieh nur eine rudimentäre Form der Schrift darstellt, sehr viel schwieriger zu entschlüsseln (einfach deshalb, weil die Zahl der Ideogramme, die möglich sind, unüberschaubar ist) als eine Schrift, die auf einer fortgeschritteneren Abstraktionsebene, wie sie etwa Silbenzeichen darstellen, beruht. Hier ist die Anzahl der Zeichen, die es zu entziffern gilt, sehr viel geringer, bis hinunter zur Buchstabenschrift, die den höchsten Abstraktionsgrad und damit die vollendetste Form der Schrift darstellt. Diego de Landa, der sich in seinem Kompendium über die Mayakultur auch zur Schrift der Mayas äußert, nahm es als Selbstverständlichkeit an, daß die Mayas ein alphabetisches System verwendeten. Er stellt eine Liste von 27 Zeichen auf und schriebt dazu ergänzend (1959: 106): »De las letras que faltan carece esta lengua y tiene otras añadidas de la nuestra para otras cosas que las ha menester y ya no usan para nada de estos sus caracteres, especialmente la gente moza que ha aprendido los nuestros.« Auf das paradoxe Wirken Landas haben wir bereits hingewiesen: was er mit der einen Hand zerstörte (»ya no usan para nada de estos sus caracteres«), versuchte er mit der anderen zu bewahren. Dabei ging er von gewohnten Denkkategorien aus und - führte eine ganze Generation von Schriftforschern aufs Glatteis. Denn als Brasseur de Bourbourg, jener französische Gelehrte, der am Anfang der neueren philologischen Mayaforschung steht, 1864 die Arbeit von Landa - erstmals - veröffentlichte, glaubte jeder, den Schlüssel zur Entzifferung der Mayaschrift in der Hand zu haben. Erwies sich dies auch bald als Illusion (obwohl, wie wir noch sehen werden, das »Landa-Alphabet« in neuerer Zeit eine Rehabilitation erfahren hat), so trug das Werk Landas, das eine Vielzahl von Schriftzeichen der Mayas wiedergab (neben dem vermeintlichen Alphabet widmet sich Landa besonders dem Kalender, dessen schriftlich fixierte Komponenten er festhielt), doch sehr wesentlich zu einer anderen Erkenntnis bei: es bestätigte die These, die Stephens aufgestellt hatte - nämlich, daß die Bewohner des Mayagebietes zur Zeit der Conquista identisch mit den Erbauern der Ruinen in diesem Gebiet waren -, und diese Bestätigung ergab sich einfach deshalb, weil man erkannte, daß die Zeichen - oder doch zumindest ein Großteil davon -, die Landa überliefert hatte, mit denen identisch waren, die man, auf Stelen und Paneelen, in den Ruinenstädten fand. Es war ein und dasselbe Volk, das man nun - den Angaben Landas zufolge - »Maya« nannte. Neben dem Werk Landas und den Inschriften gibt es eine dritte Quelle, auf die sich die Mayaschriftforschung stützen kann: die Codices. Es sind dies jene Bilderhandschriften, die dem fanatischen Glaubenseifer der Ordensgeistlichen entgangen sind und eine Spätform der Mayaschrift darstellen. Wenigstens stammen sie aus einer Zeit - dem späten Postklassikum -, wo die höchste Entfaltung der Schrift, wie sie sich in den Inschriften der klassischen Zeit manifestiert, bereits ein halbes Jahrtausend zurücklag. Hinzukommt, daß das Medium der »Faltbücher« sich für bildliche (im Gegensatz zu schriftlichen, im engeren Sinne) Darstellungen eher eignete als die Reliefs

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oder Stelen, die zwar auch figürliche Darstellungen aufweisen, wo der schriftliche Informationsgehalt aber einen größeren Eigenwert hat. Freilich wird dies nicht nur mit dem Material, das dem Schreiber zur Verfügung stand beziehungsweise das er sich wählte, zusammenhängen; zweifellos haben auch die Fremdeinflüsse, die in der Postklassik auf das Mayagebiet einwirkten und die aus dem zentralen Mexiko stammten, wo die Schrift auf der Stufe der Bilderschrift stehengeblieben war, die Tradition der Codices im Mayagebiet mitbegründet. Jedenfalls ist auffallend, daß aus früherer Zeit keine Bilderhandschriften erhalten sind, was natürlich mit den ungünstigen klimatischen Bedingungen zusammenhängen mag. Jedenfalls ist festzuhalten, daß es grundsätzlich zwei Quellenarten hinsichtlich der paläographischen Mayaforschung gibt: einmal die Codices (zu denen man auch die Angaben Landas zählen muß, die ganz eindeutig in der Tradition der Codices stehen, obwohl sie - wie erwähnt - ihre Verwandtschaft mit den Inschriften nicht verleugnen); zum anderen die Inschriften, die den weitaus größeren Teil der erhaltenen Schriftzeugnisse der Mayas ausmachen. Analog dieser beiden Quellenarten (zu denen man freilich noch andere, sekundäre, wie beispielsweise mit Schriftzeichen versehene Keramik, zählen könnte) unterscheidet man zwei Richtungen in der paläographischen Mayaforschung: die Codicologie und die Epigraphik. Bei dieser Unterscheidung spielt allerdings auch die Tatsache eine Rolle, daß die Quellen, die diesen beiden Forschungsrichtungen zugrunde liegen, nicht in gleicher Weise zugänglich sind beziehungsweise waren: während die Codices alle nach Europa gelangten (abgesehen vom sogenannten Grolier-Codex, der erst kürzlich gefunden wurde und dessen Authentizität umstritten ist) und deshalb den Europäern leichter zugänglich waren als den Amerikanern, stützten und stützen sich diese, da sie sich früh - und dies in ausgiebiger Weise - der Archäologie zuwandten, auf das Inschriftenmaterial. Dieser ungleiche Quellenzugang, der bis heute andauert (was besonders bei den russischen Mayaforschem deutlich wird), verstärkte die Tendenz zur Richtungsbildung, so daß man heute geradezu von zwei Schulen in der paläographischen Mayaforschung sprechen kann: die, die sich auf die Codices (und Landa) stützt und einen phonetischen Weg der Entzifferung postuliert, und die, die von den Inschriften ausgeht und als historisch bezeichnet wird, was freilich wenig über die Methode aussagt, die im wesentlichen auf einer ideographischen Deutung beruht. Eine besondere Brisanz erhielt dieser Gegensatz in der paläographischen Mayaforschung dadurch, daß die Wortführer der einen Schule, die »Phonetiker«, Russen sind, die angeblich von einem »marxistisch-leninistischen Ansatz« inspiriert wurden, während auf der Gegenseite die Amerikaner stehen, die die Sache allerdings gelassener sehen, als es der Engländer Thompson tat, der - zumal er zu den ehemaligen Mitarbeitern des Carnegie-Instituts gehörte - sich bemüßigt fühlte, obwohl er eigentlich was seine eigenen, nicht unwesentlichen Interpretationen betraf - in der Mitte stand, die Ehre des Westens, mit dem für ihn so charakteristischen, beißenden Spott, zu

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verteidigen. Dieser »Kalte Krieg um die Mayaschrift«, nicht unähnlich dem Wettlauf zum Mond, der zur gleichen Zeit ausgetragen wurde, erhält dadurch noch eine besondere, pikante Note, als auch die Wortführerin der Amerikaner einen russischen Namen hat: Tatiana Proskouriakoff. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, daß der Kalte Krieg um die Hieroglyphen von vielen auch als eine amüsante Episode empfunden wurde, die das eher trockene Geschäft der Paläographie ein wenig belebte. Jedenfalls brachte er frischen Wind in einen bisher eher verstaubten Zweig der Mayaforschung, der seit einem halben Jahrhundert auf der Stelle trat. Was Tozzer bereits 1934 (S. 13f.) beklagte, traf auch noch zwanzig Jahre später zu: »An impasse has almost been reached so far as reading the glyphs is concerned. The actual meaning of individual glyphs has progressed little during the last decade. The astronomical implication of the dates is still advancing and into a field where only the professional astronomer can guide and open up new paths. The modem Planetarium will, no doubt, be called into use in setting its complicated machinery to reproduce the configuration of Maya heavens as they were contemporaneous with the building of the great cities. Then we shall see the ancient eclipses and the planets reproduced and be able to study side by side the record of these eclipses and planets as given in the manuscripts and inscriptions. One's amazement, admiration and awe have been constantly increasing as the complicated astronomical knowledge of the Mayas is being unfolded. For example, Stelae 12, 13 and 14 at Naranjo seem to give the Sun, Mercury, Earth, Jupiter and Saturn in line, affording evidence that the Mayas could handle sidereal and synodic data of great complexity. But what about two-thirds of the thousands of glyphforms already photographed and drawn? The repetitious question put to the Maya student - 'Do you know how to read the hieroglyphics?' - is somehat lamely answered when one still has to say, 'Only the glyphs showing numeration and phases of the astronomical calendar.'« So stereotyp war die Antwort (und so dogmatisch die Sicht von den Mayas), daß daraus quasi ein ganzes Weltbild entstand: die Mayas als ein Volk, das sich in höheren, geistigen Sphären erging. Ganz im Gegensatz zum Chaos, das im Jetzt und Heute (dem Zweiten Weltkrieg) herrschte. Man lobte die Mayas in den höchsten Tönen und tat dies, aus der Rückschau betrachtet, aus der tiefsten Unkenntnis heraus. Dennoch sollte nicht geschmälert werden, was bis dato in der paläographischen Mayaforschung erreicht worden war. Sie begann mit der Codicologie, die anfangs die einzige Quelle bot, auf die man sich stützen konnte. Wenigstens widmete man den Bilderschriften mehr Aufmerksamkeit als beispielsweise den Zeichnungen von Catherwood, die - was die Wiedergabe der Schriftzeichen der Mayas betraf - zu ungenau und sporadisch waren, als daß sie für einen systematischen Entzifferungsversuch hätten dienen können. Anders die

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Codices, die - im Gegensatz zu Catherwood - eine direkte Quelle waren und zudem eine größere Verwandtschaft zu dem Material aufzuweisen schienen, das Landa hinsichtlich der Schrift der Mayas überliefert hatte. Landa war denn auch der erste Schlüssel, den man vermeinte gefunden zu haben. Die Mayaschrift sei alphabetisch, postulierte man (s. etwa Bollaert 1865 u. Brinton 1870), was freilich einen Mann wie Brasseur (1869/70) nicht daran hinderte, eigene Wege zu gehen: er behauptete kühn, daß der Codex Troano (einer der beiden Fragmente der Madrider Handschrift) eine Aufzählung von Naturkatastrophen sei. Erst Philipp Valentini (1880), der die Ansicht vertrat, daß das Landa-Alphabet eine Täuschung sei (die darauf beruhte, daß die indianischen Informanten das spanische Alphabet nur in seinem Lautwert verstanden und somit keine Buchstaben wiedergaben, sondern das Äquivalent für einen Laut), dämpfte die allgemeine Begeisterung. Man kann das Jahr 1880 als einen Markstein ansehen: nicht nur wurde die trügerische Hoffnung, in Landa einen Schlüssel für die Mayaschrift gefunden zu haben, zurückgewiesen, es erschien in diesem Jahr auch die erste, auf sorgfältigen Recherchen beruhende Ausgabe des Dresdener Codex (Förstemann 1880). Der deutsche Bibliothekar, in dessen Obhut sich die Dresdener Handschrift befand, wurde zum ersten großen Pionier der Mayaschriftforschung. In den 25 Jahren, in denen er sich dem Studium der Mayaschrift widmete, legte er den Grundstein einer systematischen paläographischen Forschung, die sich zwar hauptsächlich auf die Codices stützte, aber auch die Inschriftenforschung, in der sich freilich ein anderer, der Amerikaner John T. Goodman, hervortat, befruchtete. Förstemann (1887) gelang der erste große Durchbrach, als er das Prinzip der sogenannten Langzeitrechnung, die dem Kalender der Mayas zugrunde lag, entdeckte. Zwar kam auch Goodman (1897), der von den Inschriften ausging, der Langzeitrechnung auf die Spur, doch scheint es, daß ihm diese Entdeckung nicht unabhängig gelang, wie oft behauptet wird, sondern daß er von den Arbeiten Förstemanns gewußt hatte und davon profitierte (vgl. dazu Thompson 1960: 30). Förstemann schloß seine Arbeiten mit den drei »Kommentaren« zu den Bilderhandschriften ab, die in den Jahren 1901-03 erschienen. Darin faßte er seine Erkenntnisse zusammen, die im wesentlichen darauf hinausliefen, daß die Codices der Mayas keine historischen Dokumente seien, sondern ihr Inhalt sich auf astronomische und kalendarische Berechnungen beziehe und daß diese im Zusammenhang mit Schicksalsdeutungen und mythologischer Überlieferung stünden. Bedeutsam in diesem Zusammenhang war eine Entdeckung, die Förstemanns Schüler Schellhas gemacht hatte: ihm gelang es, die Göttergestalten in den Codices zu identifizieren, das heißt, ihre bildliche Darstellung mit den entsprechenden Schriftzeichen zu verbinden (Schellhas 1897). So zeichnete sich bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts ein erster Einblick in die geistige Welt der Mayas ab, der nicht nur auf gesicherten Erkenntnissen beruhte, sondern auch einen direkten Zugang (im Gegensatz zu den Überlieferun-

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gen Landas, die bislang als einzige Quelle gedient hatten) zur Vorstellungswelt der Mayas in vorspanischer Zeit darstellte. Die Tradition, die Förstemann begründet hatte, wurde vor allem in Deutschland, wo die Codicologie weiter im Mittelpunkt der Untersuchung stand, fortgeführt. Sie gipfelte schließlich in den Arbeiten von Zimmermann und Barthel, wobei der eine (Zimmermann 1956) den Weg der systematischen Ordnung der Schriftzeichen beschritt, was auch das besondere Verdienst des Engländers Thompson (1962) war, während Barthel (1952, 1955, 1968a, 1977) allmählich zu einem synthetischen Ansatz gelangte, bei dem er - neben den Bilderhandschriften - auch epigraphisches Material (und autochthone kolonialzeitliche Quellen) berücksichtigt. In Amerika, das heißt in den USA, stand von Anfang an die Inschriftenforschung im Vordergrund. Sie erhielt eine erste solide Basis durch die Arbeit von Maudslay (1889-1902), der ein Großteil des Inschriftenmaterials zusammentrug; es diente Goodman für seine Untersuchungen, die nicht nur die Langzeitrechnung betrafen, sondern auch das Problem der Korrelation (Goodman 1905), das nun mit der Entdekkung des Mayakalenders aufgeworfen war. Erweitert wurde das Datenmaterial durch die Forschungen Morleys (1920, 1937/38), der sich im Gegensatz zu Maudslay nicht nur darauf beschränkte, Material zu sammeln, sondern auch selbst um die Entzifferung der Inschriften bemüht war. Neben einer allgemeinen »Einführung in das Studium der Mayahieroglyphen«, die bereits 1915 erschien und bis heute ein Standardwerk geblieben ist, tat auch er sich auf dem Gebiet der Kalenderdeutung hervor, wo ihm die Entdeckung bestimmter Zeiteinheiten, die die Mayas durch die Errichtung von Stelen markierten, und die Deutung der sogenannten Ergänzungsreihen (Supplementary Series), die zu einer genaueren Fixierung der Dateninschriften dienten, gelang (Morley 1916,1917). Die vorrangige Beschäftigung mit den Inschriften, die man als zweite Phase der paläographischen Mayaforschung bezeichnen könnte, dauerte bis etwa 1950. Sie umfaßte also praktisch ein halbes Jahrhundert und ist weitgehend mit der Periode, die durch das Carnegie-Institut geprägt wurde, identisch. Es war dies sicher nicht ohne Auswirkungen auf die vorherrschende Orientierung in der Inschriftenforschung wie ja auch in der Archäologie: es bestand sozusagen eine Wechselbeziehung, die dadurch begründet war, daß sich sowohl der eine wie auch der andere Zweig mit dem Problem der Zeit befaßte und dadurch der eine den anderen beeinflußte. Jedenfalls war auch in der paläographischen Forschung in dieser Periode die Chronologie beziehungsweise der Kalender das beherrschende Thema. Dieser Kalender hatte bei den Mayas eine besondere Ausprägung erfahren: im Gegensatz zu den übrigen Völkern Mesoamerikas - sieht man von den Anfängen des Kalenders einmal ab - waren die Mayas die einzigen, die sich nicht nur mit einer zyklischen Zeiteinteilung (die auf dem Aufeinanderwirken zweier Jahreszyklen von unterschiedlicher Länge beruhte) begnügten, sondern auch eine absolute, akkumulierende Zeiteinteilung kannten, eben

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jene Langzeitrechnung, die wir bereits erwähnten. Alle Inschriften der klassischen Zeit, die kalendarischen Inhalts sind, sind in diesem System aufgezeichnet. Das heißt, es wurde registriert, wieviel Tage (was in einem Vigesimalsystem ausgedrückt wurde) seit einem bestimmten Datum, dem sogenannten Nulldatum, verflossen waren. Zusätzlich wurden noch bestimmte weitere Angaben, die die Stellung des Mondes betrafen und eine Art Kontrolle darstellten, in die Dateninschriften mit aufgenommen. Entscheidend aber war die eigentliche Tageszählung (die man auch »Initialreihe« nennt). Nachdem man die Zeichen für die jeweiligen Koeffizienten (die einem Stellenwert entsprechen) und die dazugehörigen Zahlen (mit denen sie multipliziert werden müssen) entziffert hatte, wozu die Angaben Landas eine große Hilfe waren, konnte man die Tage, die in einem bestimmten Datum angegeben waren, ausrechnen.. Das Problem bestand darin, die Summe dieser Tage, die seit dem Nulldatum, also dem Beginn der Mayazeitrechnung, vergangen waren, mit dem christlichen Kalender, der unsere Orientierungsbasis ist, in Beziehung zu bringen. Und dies stellte ein Problem dar, das bis heute noch nicht endgültig gelöst ist. Wie William R. Coe (1974: 114), der ehemalige Leiter des Tikal-Projektes, wo man diesem Problem besondere Aufmerksamkeit widmete, schreibt: »Had the Maya in Postclassic times (after A.D. 900) continued until the Spanish Conquest of Yucatán to record matters in the Initial Series method, there would be no problem of correlation today. Those, like Bishop Landa ..., could have asked a Maya scribe or scholar what a Long Count and Calendar Round date was for some day whose position was known in Christian time. However the Maya at the Conquest were employing only the Short Count and Calendar Round. Among students, who allow historical controls on the correlation, there is agreement that a Katun 13 Ahau ended near A.D. 1542, the founding date of Mérida, Yucatán. One problem has been to settle on the exact Christian day when Katun 13 Ahau ended and its successor, Katun 11 Ahau, began. The other problem has been to pin down this Katun 13 Ahau by the Long Count method. The principal Long Count dates most favored to achieve this correlation are the dates 11.16.0.0.0. and 12.9.0.0.0., the respective katuns of which do in fact end on a 13 Ahau. These yield what are familiarly known as the '11.16.' and '12.9.' correlations. Arguments have long centered on which is correct and on which variety of which proposed correlation best positions Katun 13 Ahau in Christian day, month, and year.« Ein komplexes Problem, das sich - wie Coe erläutert - deshalb ergab, weil die Mayas die Langzeitrechnung in der Spätzeit, also dem Postklassikum, wo sie sich mit einer verkürzten Form des Kalenders (im Fachjargon »Short Count«) begnügten, nicht mehr fortführten. Es gab beziehungsweise gibt keine Möglichkeit, die Langzeitrechnung direkt mit dem christlichen Kalender in Beziehung zu setzen. Man muß den Umweg über den Short Count gehen, und da der Zyklus, den diese Zählung beinhaltet, sich nach Ablauf von 260 beziehungsweise 256 Jahren wiederholt, ist es nicht

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eindeutig, wie dieser verkürzte Zyklus mit dem Long Count in Einklang zu bringen ist. Aus der Vielzahl der Korrelationsmöglichkeiten (vgl. dazu Kelley 1983) haben sich zwei als besonders beständig erwiesen: es sind dies die beiden genannten Korrelationen (11.16.0.0.0. und 12.9.0.0.0.), die nach den jeweiligen Forschern, auf die sie zurückgehen, als »Goodman-Martinez-Thompson-KoiTelation« und »Spinden-Korrelation« bezeichnet werden. Goodman (1905) war der erste, der das Korrelationsproblem einer systematischen Untersuchung unterzog. Seine Berechnungen wurden durch den Mexikaner Juan Martínez Hernández (1926) und den Engländer Thompson (1927a) bestätigt. Herbert J. Spinden, ein Amerikaner, der sich besonders durch ein Werk über die Kunst der Mayas (1913) verdient machte, wobei er sich auch chronologischen Fragen widmete, erstellte seine Korrelation, die - gegenüber der Goodman-Martinez-Thompson-Korrelation - alle Daten um 260 Jahre vorverlegt, 1924. Seitdem ist ein Streit entbrannt, der zwar durch die Untersuchungen in Tikal, die (mittels der Radiokarbonmethode) die Goodman-Martinez-Thompson-Korrelation bestätigten, beigelegt zu sein schien, dennoch aber immer wieder neu entflammt, da namentlich in Yukatan der archäologische Befund (soweit es allgemeine Entwicklungslinien betrifft) eher mit der Spinden-Korrelation in Einklang zu stehen scheint (vgl. dazu Andrews IV. 1965b). Dennoch wird heute allgemein der späteren Korrelation der Vorzug gegeben, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich ihrerseits besser in die historische Entwicklung der Zentralregion einfügt. Die Phase der kalendarischen, auf die Inschriften konzentrierten Mayaforschung fand ihren Abschluß und zugleich Höhepunkt in einem Werk des Engländers Thompson (1950), in dem er in einem breit angelegten Panorama die Ergebnisse der bisherigen paläographischen Forschung zusammenfaßte, zugleich aber auch schon - in einer Abkehr von dem bisher vorherrschenden ideographischen Ansatz - neue Möglichkeiten, die mehr auf die Struktur der Schrift und den Aufbau der Zeichen Bezug nahmen, aufzeigt. Dennoch sollte ihm, obwohl er als der führende Mayaschriftforscher galt, der entscheidende Durchbruch in eine neue Ära der paläographischen Forschung versagt bleiben. Dieser Ruhm gebührt dem Russen Yurii Knorozov und der schon genannten Carnegie-Mitarbeiterin Proskouriakoff. Beide brachten die Maya-Paläographie einen entscheidenden Schritt weiter, obwohl es auch ihnen nicht gelang, den ersehnten »Schlüssel« zur Entzifferung der Mayaschrift zu finden. Es ist mehr eine Annäherung, aus einer anderen Richtung, als sie bisher begangen worden war, die Knorozov und Proskouriakoff versuchten, und es ist ein Zeichen ihrer Ingenuität, daß sie damit bemerkenswerte Erfolge erzielten. Daß sie dabei unterschiedliche Wege gingen, beweist, wie komplex das Problem ist. Knorozov, der sich zuvor bereits mit der ägyptischen Schrift befaßt hatte, deren Geheimnis seit langem bekannt war, hatte den Vorteil, mit den Gesetzmäßigkeiten einer Schrift vertraut zu sein, die durchaus - nicht zuletzt deshalb, weil sie einer Kul-

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turstufe angehörte, die der der Mayas entsprach - als Leitmuster bei seinen neuerlichen Entzifferungsversuchen dienen konnte. Da die ägyptische Schrift auf einer Wiedergabe der gesprochenen Sprache beruht, also sich im wesentlichen aus Lautzeichen (Buchstaben und Silben), die durch sogenannte Determinative (Erkennungszeichen) ergänzt werden, zusammensetzt, war bei Knorozov der sprachliche Ansatz vorgegeben. Er wurde darin bestärkt durch die Angaben Landas. Proskouriakoff ging einen anderen Weg: sie ging nicht von der Sprache, sondern von den bildlichen Darstellungen (in den Inschriften) aus; von ihnen gelangte sie zu einer Deutung - nicht Lesung - der die bildlichen Darstellungen begleitenden Schriftzeichen. Ihr Ansatz ist ikonographisch. Um die Bedeutung (und Schwierigkeit) dieser beiden neueren Ansätze richtig einschätzen zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Rahmenbedingungen, die den beiden Forschern gesetzt waren, grundverschieden waren. Abgesehen von der Zugänglichkeit des Materials (das für den Russen praktisch auf die Codices begrenzt war) und der unterschiedlichen Forschungstradition (der Fixierung auf die Ägyptologie bei Knorozov entsprach die vorrangige Beschäftigung der Amerikaner mit den Inschriften), waren durch die Dokumente, auf die die beiden Forscher ihre Untersuchungen gründeten, ganz bestimmte Voraussetzungen gegeben: die Codices, die Knorozov als Ausgangsbasis seiner Untersuchungen dienten, stammen aus einer Zeit und einer Region, die durchaus nicht identisch mit dem historischen und geographischen Umfeld sind, in dem die Inschriften einzuordnen sind. Die Anzahl der Unbekannten ist hinsichtlich der Inschriften weit größer als bei den Bilderhandschriften, die aus relativ später Zeit stammen und einer Region (Yukatan) zuzuordnen sind, deren Bewohner, was ihre Sprache betrifft, weitgehend bekannt sind. Anders im Kerngebiet der klassischen Kultur, dem die Inschriften zuzurechnen sind: hier sind nicht nur nicht die Sprachgruppen bekannt, zumindest nicht eindeutig belegt, die Träger dieser Kultur waren, ihre sprachliche Distanz zu heutigen (verwandten) Sprachen ist auch weit größer, als das in Yukatan der Fall ist. Eine sprachliche Deutung der Mayaschrift ist also hier weit schwieriger als bei den Codices. Aus dieser unterschiedlichen Quellenlage beziehungsweise dem jeweils anders gearteten kulturellen Hintergrund, dem diese Quellen entstammen, ergibt sich auch die Schwierigkeit, Entzifferungsergebnisse von dem einen Bereich in den anderen zu übertragen. Ein Triumph in einem Bereich bedeutet nicht unbedingt auch einen Erfolg im anderen. Obwohl natürlich jede Entdeckung, die diese Bezeichnung verdient, die paläographische Forschung insgesamt weiterbringt. Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es scheint. Denn gerade, was die Entdeckungen Knorozovs (und anderer sowjetischer Wissenschaftler, die seine Entdeckungen aufgegriffen und mit Hilfe von Computern weiterführten) betrifft, so wurde ihnen lange Zeit die Beachtung versagt, die sie verdienen. Das hing nur zum Teil damit zusammen, daß sie zunächst in einer Sprache erschienen, die den meisten

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westlichen Forschern, die bislang - wie in der gesamten Mayaforschung - auch in der Schriftforschung dominierten, unbekannt war. Übersetzungen (Knorozov 1958,1965, 1967, 1982) erschienen recht bald; aber der Ansatz des Russen, der sich nicht nur auf Landa, sondern auch Marx berief (die beide gleichermaßen bei den Maya-Paläographen verpönt waren), paßte nicht in das geradezu zu einem Dogma erstarrte Denkschema der westlichen Forscher, und so wurde lange Zeit nutzlos damit vertan, Polemik zu schüren, anstatt einen fruchtbaren Dialog zu führen, zu dem im Westen auch heute noch nur wenige bereit sind (vgl. etwa Kelley 1976). Worin besteht nun die besondere Bedeutung der Arbeit von Knorozov (so sehr sie im einzelnen auch kritisiert werden mag)? Er schreibt, in einer zusammenfassenden Arbeit, die 1963 in Moskau erschien und die auszugsweise ins Englische übertragen wurde: »From the number of signs in the Maya alphabet, theoretically we can examine possible referents. Maya texts do not appear to be pictographic writings, in which the signs convey situations which can be expressed in the language by different phrases with similar meanings. This possibility is denied by the composition of the signs, which do not convey positions and interactions of objects, by the presence of pictures paralleling the text, developmentally later than pictographs, and by the statistics of the signs. With pictographs, the number of newly appearing signs continues on more or less the same level throughout the whole text, whereas in the Maya texts, as in any writing conveying the sounds of speech, they progressively diminish in number. The longer the segment of text, the greater the number of repeated signs. If we consider the Maya alphabet as infraphonemic, where two or more signs convey the phoneme, or phenomic, where a single sign conveys a phoneme, then in the language of the hieroglyphic texts there must be more than 300 phonemes, which is impossible for any language. If the Maya alphabet is considered as morphemic, in which a single sign represents a morpheme, then the number of morphemes in the language of the hieroglyphic texts would be less than 400, which is again impossible for any language represented by texts as long as those of the Maya. It would be even more impossible for Maya signs to stand for entire wordforms (combinations of morphemes), word-combinations, or sentences, repeated in the codices more than 14 000 times. The closest approximation to the observed number of signs would be contained in a syllabic alphabet, in which the sign represents a combination of phonemes, usually two, forming part of a morpheme. However, the number of signs in the Maya alphabet is more than a third greater than the maximum number of possible combinations of two phonemes in any existing language. Therefore, the Maya alphabet appears to be a mixed, morphemo-syllabic system, with some of the signs representing combinations of phonemes (forming parts of phonemes) and other

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signs representing morphemes. The latter should include primarily isolated and rarely occuring signs, even though among these we also find rare syllabic signs.« (Knorozov 1967: 35f.) Indem er Art und Häufigkeit der Schriftzeichen (in den Codices) statistisch untersucht und auf diese Weise das Feld ihrer (generischen) Bedeutung eingrenzt, gelangt Knorozov zu einer Bestimmung der Schrift, die er als eine Kombination von Silbenund Begriffszeichen deutet. Der Schrift liegen also sprachliche Gesetze zugrunde, ein Umstand, der Knorozov die weitere Arbeit erleichterte, da er von der Prämisse ausgeht, die zweifellos zutrifft, daß die Sprache, die in den Texten der Codices festgehalten wurde, das Yukatekische ist. Allerdings kann es sich dabei nur um eine Form handeln, die selbst zur Zeit der Conquista nicht mehr in Gebrauch war, denn eine Sprache verändert sich ja im Laufe der Zeit, und zwar sowohl, was ihren Lautwert als auch ihren Wortschatz betrifft. Hier liegt eine der Schwierigkeiten (und möglichen Einschränkungen der Anwendbarkeit des Ansatzes von Knorozov); ein anderes Problem betrifft die eigentliche (inhaltliche) Deutung der Zeichen, die zwar in dem »Landa-Alphabet« (das Knorozov als syllabisches System deutet) ihre Entsprechung finden, dennoch aber, da ihre Zahl, vor allem, was die Ideogramme betrifft, weit höher ist, als bei Landa angegeben, andere Interpretationshilfen erfordern. Trotz dieser Schwierigkeiten, die noch keineswegs gelöst sind, weshalb man Knorozov auch nicht einen vollen Triumph zuerkennen kann, sind ihm doch einige bemerkenswerte neue Einblicke in die Bedeutung der Texte in den Bilderschriften zu verdanken. Er hat sie 1975 in einer Arbeit über die Codices, in der er erstmals eine zusammenhängende Übersetzung (im Gegensatz zu den früheren Kommentaren oder Deutungen) vornimmt, zusammengefaßt (engl. 1982). Darin wird im wesentlichen das bestätigt, was auch andere Forschungen erbracht haben. Doch die Götter, die Schellhas nur mit einem Buchstaben belegen konnte, erhalten nun spezifische Namen (Jum Wil, der »Gott des Überflusses«, oder K'aschisch, der »Gott des Regens«), und wo zuvor nur von kalendarischen und mythologischen Themen die Rede war, tauchen nun auch historische Belange auf. Dies würde sich mit dem decken, was die Konkurrenz, die Amerikaner, in neuerer Zeit aus den Inschriften entnommen hat. Es begann damit, daß der Deutsch-Mexikaner Heinrich Berlin sogenannte Emblemglyphen entdeckte; das war 1958, sechs Jahre, nachdem der Russe Knorozov erstmals seine Entdeckungen veröffentlichte. Berlin fand heraus, daß es bestimmte Zeichen in den Inschriften gibt, die aus einer konstanten Komponente und einem variablen Element bestehen und die, da sie jeweils in besonderer Häufigkeit an einem Ort auftreten, offensichtlich in Bezug zu diesem Ort stehen, also wohl Bezeichnungen für eine bestimmte Stadt sind. Ein Jahr später, 1959, gelang es Berlin, am Sarkophag von Palenque, der mit Inschriften und Reliefs versehen ist, durch eine Gegenüberstellung bestimmter Zeichen und bildlicher Darstellungen den Nachweis zu erbringen, daß es sich bei diesen Zeichen um Na-

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mensglyphen bestimmter Personen handelt. Mit diesen beiden Entdeckungen war das Tabu, das bislang hinsichtlich der Inschriften herrschte, durchbrochen worden: die epigrahischen Dokumente enthielten nicht nur kalendarische Aufzeichnungen, sie waren offensichtlich auch historischen Inhalts. Doch diese Erkenntnis setzte sich erst durch, als 1960 Tatiana Proskouriakoff einen Artikel veröffentlichte, in dem sie nachwies, daß bestimmte charakteristische Denkmäler, die die Mayas gewöhnlich in Gruppen vor Tempelpyramiden errichtet hatten, Aufzeichnungen enthielten, die jeweils über das Leben eines bestimmten Herrschers berichteten. Wie sie in dem genannten Aufsatz (Proskouriakoff 1960: 460) schreibt: »The data ... [gleaned from stelae in Piedras Negras, Guatemala] lead to the following observations: 1. That the ascension motif at Piedras Negras marked the beginning of a series of monuments dealing with a sequence of related dates, and that the motif symbolized an event that recurred at irregular intervals and was of some civic and religious importance. 2. That the earliest date relevant to a series was marked by the upended frog glyph, and was some distance in the past when the ascension motif stela was set up. Later dates marked by the upended frog glyph, and also called initial dates, begin records dealing with subsidiary figures. 3. That the ascencsion motif is associated with a date which falls in the hotun [a ritual period of five years] preceding its erection. This date, called the inaugural date, probably, though not necessarily, is the date of the event symbolized by the ascension. 4. That the initial and inaugural dates are normally repeated and celebrated by anniversaries only within the series in which they occur ... 5. That the distance between the initial date of a series and the inaugural date of the next does not exceed the limits of a reasonable lifetime. These observations indicate that at least some of the events dealt with in Piedras Negras inscriptions are periodic, but not cyclical, and that each series can be construed as recording a sequence of events in the life of a single individual.« Dieses »Individuum« war nichts anderes als der Herrscher, dessen Lebensdaten Geburt, Thronbesteigung, Heirat und Tod - in Denkmälern jeweils einer Gruppe, die ihm gewidmet war, verewigt wurden. Zu diesem Schluß kam Proskouriakoff, die ihre Untersuchungen auf andere Ruinenorte erweiterte (Proskouriakoff 1961a, 1963/64), und damit war eine Frage beantwortet, die schon Tozzer (1934: 9), in seiner Bestandsaufnahme der Mayaforschung, gestellt hatte. Damals hatte er geschrieben: »Who are the personages shown on the basrelief; are they gods or priests?« Und er hatte hinzugefügt: »Is there no history portrayed in any other Maya ruin?« Aus der Rückschau scheint es verwunderlich, daß man nicht früher auf den Gedan-

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ken kam - die Hypothese aufstellte daß die figürlichen Darstellungen auf den Stelenmonumenten, die offensichtlich Würdenträger darstellten, mit den Inschriften, die ihnen als Ergänzung beigegeben waren, in Bezug standen und daß es sich dabei nur um Daten (inhaltlicher Art) handeln konnte, die etwas über die abgebildeten Personen aussagten. Vermutlich wäre ein Nichteingeweihter sehr schnell auf diese Idee gekommen; aber die etablierte Wissenschaft hielt an ihrem Dogma fest, daß das, was man bisher entdeckt hatte, auch zukünftig entdeckt werden würde - Kalenderinschriften. Sie stolperte sozusagen über ihre eigene Gelehrsamkeit - und die der Mayas. Denn das ging ja mit der bisher vorherrschenden Lehrmeinung einher: die Mayas waren ein friedfertiges Volk, ganz anders als die Azteken; sie begnügten sich mit Religion und Wissenschaft und überließen die weltlichen Dinge, Politik etc. - ja, wem eigentlich? Darüber dachte man eigentlich nie wirklich nach. Erst die sogenannte dynastische These, die man auf den Entdeckungen von Proskouriakoff (und Berlin) begründete und die inzwischen von anderen Forschem (Kelley 1962b, Methews u. Scheie 1974, Haviland 1977) bestätigt wurde, hat aus den Mayas ein Volk aus Fleisch und Blut gemacht, das nicht minder in Machtkämpfe und politische Intrigen verwikkelt war als andere Völker. Mögen den Herrschenden beziehungsweise Dynastien, die man für eine Reihe von Ruinenstädten (darunter Piedras Negras, Yaxchilän, Quiriguä, Tikal und Palenque) aufgestellt hat, auch göttliche Attribute zuerkannt worden sein, indem man sie auf göttliche beziehungsweise mythische Abstammung zurückführte, wofür der Befund in Palenque (Berlin 1965), aber auch anderswo (Kubier 1974) spricht, so gingen sie in ihren alltäglichen Geschäften, über die die Inschriften nicht minder berichten, doch recht weltlichen Dingen nach. Dynastische Ehen, zwischenstaatliche Kriege und Monumente zum Ruhm der Herrscher künden von einer Gesellschaft, die durchaus in das Bild des übrigen Mesoamerika, das ebenso militaristisch wie religiös geprägt war, paßt. Die »historische Schule« der Maya-Paläographie hat mehr noch als der mehr linguistische Ansatz von Knorozov zu einem radikalen Wandel in der Einschätzung der vorspanischen Mayakultur geführt. Sie eröffnete völlig neue Wege, die weit über die eigentliche Aufgabe der paläographischen Forschung hinausgehen und sehr wesentlich die neuere Entwicklung in der archäologischen Forschung, wo die »historische Schule« mit den Impulsen der »Neuen Archäologie« zusammentraf, beeinflußten. Erstmals gewinnt man nun detaillierte Einblicke in die Struktur und Funktion der Mayagesellschaft; dabei reicht die Skala von der Organisation im politischen Bereich, wo man nun erstmals genauere Angaben über die Konfiguration einzelner Stadtstaaten machen kann (vgl. dazu Marcus 1976), bis hin zu der Stellung der Frau, die zumindest im politischen Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielte (s. Proskouriakoff 1961b). So sehr durch die neuere Entwicklung in der paläographischen Forschung auch die Mayaforschung insgesamt befruchtet worden ist, so muß man andererseits einschrän-

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kend sagen, daß zwar ein wesentlicher Durchbruch auch in der Paläographie selbst und zwar, wie wir gesehen haben, aus zwei Richtungen - erfolgt ist, daß man dennoch aber noch immer nicht davon sprechen kann, die Mayaschrift nun endgültig entziffert zu haben. Man hat die Zahl der Schriftzeichen, die man »lesen« kann, ständig erhöht; doch dieses »Lesen« ist eigentlich mehr ein Deuten. Die sprachliche Entschlüsselung der Zeichen, vor allem, was die Inschriften betrifft, steht praktisch noch immer aus. Die Korrespondenz von Bild und Text hat eine Deutung der Schrift wesentlich erleichtert; aber sie ist weitgehend unabhängig vom Sprachgehalt. Über ihn wird letztlich eine systematische Lesung der Schrift nur möglich sein; eine Einsicht, die sich mehr und mehr durchzusetzen scheint. So kann man als letzte Phase der paläographischen Mayaforschung die Zeit definieren, wo man in zunehmendem Maße mit dem Rüstzeug der Linguistik der Mayaschrift zu Leibe rückt. In gewisser Weise gilt es, das für die Inschriften nachzuholen, was Knorozov bezüglich der Codices geleistet hat: der inhaltliche Rahmen ist nun auch bei den Inschriften bekannt; man muß ihn nun auf eine spezifische Sprache (oder mehrere Sprachen) fixieren. Ein Anfang ist bereits mit den Arbeiten von Floyd Lounsbury (1974, 1980), einem amerikanischen Linguisten, den man als den Exponenten der neuen Richtung ansehen kann, gemacht.

3. Ethnohistorie Man könnte die Paläographie als den Zweig der Mayaforschung bezeichnen, dessen Ziel am klarsten vorgegeben ist: die Entzifferung der Mayaschrift. Anders verhält es sich mit der Ethnohistorie: sie ist der Zweig der Mayaforschung, der am wenigsten definiert ist. Das hängt zum einen damit zusammen, daß im Vergleich zu den drei großen Zweigen der Mayaforschung - der Archäologie, Paläographie und Ethnologie - nur wenig Arbeit auf die Ethnohistorie verwandt wird. Sie führt eine Art Schattendasein. Ein zweiter Grund - der natürlich eine folge des ersten ist (wobei man die Reihenfolge auch vertauschen kann) -, liegt in dem Umstand begründet, daß es keine klaren Vorstellungen darüber gibt, was Ethnohistorie nun eigentlich bedeuten soll. Die Skala der Auslegungen reicht von einem Appendix der Ethnologie (Ethnohistorie als »mündliche Überlieferung«, vgl. Freedman 1979: 84ff.) bis hin zur »Geschichte eines Volkes« (Hirschberg 1965: 107f.). Dazwischen liegt eine Definition (Nicholson 1975: 487), die speziell auf Mittelamerika bezogen ist. Sie lautet: »Within the framework of Americanist research most United States anthropologists and historians currently apply the term 'ethnohistory' to the field of study concemed with reconstruction of native New World cultures from written sources - in contrast to archaeology, which focuses on imperishable material culture remains, and to ethnography, which deals with contemporary, functioning cultures.«

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Hier liegt die Betonung auf der besonderen Art des (schriftlichen) Qellenmaterials (was auch von Hirschberg gesehen wird) sowie auf dem Begriff »Kultur« beziehungsweise deren Rekonstruktion. Nicholson (ebd.) unterscheidet hinsichtlich der auf Mittelamerika bezogenen Ethnohistorie zwei Unterbereiche: den, der die »vorspanische« Periode betrifft, und den, der sich auf die Zeit nach dem »Kontakt« bezieht. Zum ersten schreibt er (S. 487): »This brand of Mesoamerican ethnohistory is concerned with the reconstruction of the native cultures as they were before the impact of European civilization had effected any appreciable changes.« Der zweite Bereich wird nicht genau definiert. Nicholson (S. 498) schreibt lediglich: »After the Conquest, Mesoamerican Indian societies and cultures gradually became components of a larger Indo-Hispanic Middle American socio-cultural universe.« Er fügt jedoch hinzu (ebd.): »This changed status is clearly reflected in the nature of the sources and the ethnohistorical problems.« Was letzteres betrifft, so bezieht sich Nicholson (S. 501) zwar auf »the large number of gaps in the record between the conquest and the era of modern ethnographic investigations«, doch kann man die »Probleme«, mit denen die ethnohistorische Forschung konfrontiert ist, auch in einem Kontext sehen, der außerhalb des eigentlichen Forschungsmaterials liegt. Gemeint sind die Probleme, die sich nicht durch einen Mangel an Quellen ergeben (wiewohl sie unabdingbar zu deren Lösung sind), sondern die besondere Art der historischen Erfahrung betreffen, die der Indianer seit der Conquista durchlebt hat. Hier liegt der eigentliche Gegenstand (und die Brisanz) dieses Teils der ethnohistorischen Forschung, denn - wie Nicholson implizite konstatiert - reicht der zweite Bereich der mittelamerikanischen Ethnohistorie von der Conquista bis in die Gegenwart, das heißt die rezente Vergangenheit, wo sie in den Untersuchungsbereich der Ethnologie beziehungsweise Ethnographie übergeht. Kultur spielt in dieser Phase zwar auch eine Rolle, aber ihre Erforschung oder Rekonstruktion ist hier von vergleichsweise geringerer Relevanz als in dem Zweig der Ethnohistorie, der der vorspanischen Zeit gewidmet ist. Mag die Gegenüberstellung von Kultur (als besondere Lebensweise eines Volkes) und Veränderung (als Folge der Conquista) auch eine bloße Feststellung sein; sie ist dennoch ein historisches Faktum, dem die Wissenschaft Rechnung zu tragen hat. Die Gegenstandsbereiche, die Nicholson definiert, unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Zeit, also der Zuordnung zu unterschiedlichen Perioden der Geschichte, son-

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dem auch der Art der kulturellen und historischen Entwicklung, die in diesen Perioden stattfand. Auch die vorspanische Zeit (und Nicholson meint die Postklassik, für die allein schriftliche Quellen in größerem Umfang zur Verfügung stehen) war durch Umbrüche und Veränderungen geprägt; doch sie trugen sich alle im Kontext der indianischen, speziell der mesoamerikanischen Tradition zu. Anders der Bruch, der durch die Conquista erfolgte. Er führte zu einer radikalen Neuordnung, die den Indianer und seine Kultur in ein völlig neues Bezugssystem stellte. Dies war die spanische Herrschest, die sich auf alle Bereiche des indianischen Lebens auswirkte. Und diese Herrschaft endete nicht (auch wenn man ihr einen anderen Namen gab) mit der sogenannten Unabhängigkeit: sie dauert, wie wir bereits angedeutet und im einzelnen noch erläutern werden, bis auf den heutigen Tag an. Daraus resultiert, daß zwar die Quellen - schriftliches Material - für beide Bereiche der Ethnohistorie kennzeichnend sind (und ihr somit einen Zusammenhalt wie auch eine einheitliche methodische Grundlage geben), daß darüber hinaus aber keine eigentliche Gemeinsamkeit besteht: hier die indianische, autochthone Periode, dort die der kolonialen, spanischen Unterwerfung. Da zwar die Art der Quellen sehr wesentlich die Definition und gegenseitige Abgrenzung der Wissenschaften bestimmt (was wir im Zusammenhang mit der Archäologie, im Kapitel II.l., erläuterten), dies aber allein nicht ausreicht (was wir am Beispiel der Paläographie, Kapitel H.2., gesehen haben, die, obwohl sie einen eigenen Zweig der Mayaforschung bildet, eindeutig der Archäologie und nicht der Geschichte zugerechnet wird), sondern neben den Forschungsmethoden immer auch der Forschungsgegenstand eine Rolle spielt, ist es nur folgerichtig, wenn man die Ethnohistorie schwerpunktmäßig bis ausschließlich der Periode zurechnet, die sich an die Phase der Geschichte der Mayas, die der Conquista vorausgeht und durch die Archäologie gekennzeichnet ist, anschließt. Insofern ist sie ein Teil der Kolonialgeschichte, wobei das Spezifische, das die Bezeichnung »Ethnohistorie« (Geschichte eines Volkes) rechtfertigt, darin liegt, daß es sich um die koloniale Geschichte der Mayas handelt. Diese Eingrenzung ist zwar bisher nicht explizite formuliert worden, erscheint dennoch aber konsequent und sinnvoll, zumal sie sich auch in der Praxis (wenngleich auch eher unreflektiert) durchzusetzen scheint. So hat bereits 1940 Oliver La Farge eine Chronologie entwickelt, die er zwar eine »Abfolge von Kulturen« nannte, die dennoch aber einen ersten Versuch darstellte, die Zeit, die zwischen der Conquista und der Gegenwart liegt, die ihrerseits durch die Archäologie und die Ethnologie abgedeckt werden, in eine systematische Ordnung zu bringen. La Farge unterscheidet fünf Perioden, wobei er als Unterscheidungskriterien bestimmte Stadien der Akkulturation wählt. Sie sind im wesentlichen bedingt durch wirtschaftliche Faktoren, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. So folgte auf die Periode der Conquista eine sogenannte kolonialindianische Periode, die durch

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bestimmte für die spanische Kolonialherrschaft charakteristische Formen der wirtschaftlichen Ausbeutung des Indianers (Tribute und Dienstleistungen) gekennzeichnet ist. Sie dauert bis 1720, wo Reformen eine Periode des »ersten Übergangs« einleiten, die zu einer Wiederbelebung indianischer Kulturelemente führt. Um 1800 setzt die »Rezente Indianische Periode I« ein, in der eine Art Äquilibrium zwischen indianischer und spanischer Kultur erreicht wird. Dieses wird um 1880 durch den Einbruch eines neuen Zeitalters, das La Farge als das »Zeitalter der Maschine« bezeichnet und das zu einem neuen, akzelerierten Akkulturationsschub führt, beendet. La Farge nennt diese Periode, die bis in die Gegenwart andauert, »Rezent Indianisch II«. La Farge weist einschränkend darauf hin, daß sein Schema nicht unbedingt universelle Gültigkeit hat; es basiert vielmehr auf Untersuchungen, die er in der Cuchumatän-Region, im nordwestlichen Hochland von Guatemala, durchgeführt hat. Dennoch sei die Entwicklung zumindest im Hochland generell, in gewisser Weise auch im Tiefland, ähnlich verlaufen, so daß dem Schema letztlich doch eine allgemeinere Bedeutung zukomme. Dies ist von Forschem, die sich mit dieser Frage befaßten, im wesentlichen bestätigt worden. So hat Ralph Beals (1967) auf der Grundlage des Schemas von La Farge eine Chronologie entwickelt, die bewußt den Rahmen weiter spannt, indem er ihn auf ganz Mittelamerika ausdehnt, wobei er jedoch das Grundschema beibehält und nur die letzte Periode, in der er in der Mexikanischen Revolution (und der Revolution von 1944 in Guatemala) eine Zäsur sieht, noch einmal unterteilt. Abgesehen von einer allgemeineren Bestimmung der Unterscheidungskriterien, die eine größere Anwendbarkeit ermöglicht, ist auch die Terminologie bei Beals etwas glücklicher. Er spricht von der »Kontakt- und Konsolidierungsphase«, der »ersten« und »zweiten kolonialindianischen Periode«, einer »ersten« und »zweiten republikanisch-indianischen Periode« und schließlich von der »modernen indianischen Periode«. Auch bei Beals steht das Phänomen der Akkulturation im Vordergrund, und der Band, in dem sein Aufsatz erscheint, trägt den Titel »Social Anthropology«. Geschichte - oder auch nur Ethnohistorie - ist es auch bei ihm nicht, was er betreibt. Er sieht - nicht anders als La Farge - seine Periodisierung letztlich als einen Beitrag zur Ethnologie an: es gilt, die Frage zu beantworten, welche Stadien (der Akkulturation) hat der Indianer durchlaufen, ehe er den Stand erreichte, der ihn heute kennzeichnet. Diese Sicht entspricht gänzlich der amerikanischen Tradition der Anthropologie, die auf den Begriff der Kultur fixiert ist. Die Kultur als ein Abstraktum - losgelöst von der Gesellschaft (und ihren Problemen) - ist das eigentliche Ziel amerikanischer Forschung. Es kann nicht negiert werden, daß die Akkulturation (auch wenn der Prozeß, für den dieser Begriff steht, manchmal eher die Auswirkungen einer Dekulturation hatte) eine bedeutsame Erfahrung war, die dem Indianer seit der Conquista widerfahren ist. Aber es ist die Akkulturation nur einer von vielen Faktoren, die die Entwicklung des

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Indianers seit der Conquista bestimmt haben. Kennzeichnend für diese Entwicklung war nicht nur ein Kulturwandel (so radikal er auch gewesen sein mag); das, was ihn ermöglichte beziehungsweise auslöste, war der Verlust der Autonomie, der Eigengesetzlichkeit. Und dies liegt auf einer anderen Ebene als die Kultur (als bloße Lebensäußerung). Es betrifft den Bereich der Politik und Gesellschaft und ist gekennzeichnet durch eine Unterordnung unter eine fremde Macht, was das Wesen des Kolonialismus ist. Als solcher gilt: »The term [colonialism] now refers to a State of inferiority or of servitude experienced by a Community, a country, or a nation which is dominated politically and/or economically and/or culturally by another and more developed Community or nation; applied especially when the dominant nation is European or North American, and the less-developed, a non-European people.« So eine Definition im Dictionary of Social Sciences (Gould u. Kolb 1964: 101), der von der UNESCO herausgegeben wurde. Man kann ruhig anmerken, um dem Begriff »Kolonialismus« den subjektiven, ideologischen Beigeschmack zu nehmen, daß der Kolonialismus ein universales Phänomen ist, das durchaus nicht nur westliche, auf Europa zurückgehende Staaten kennzeichnet (und diskreditiert). Als Beispiel seien die Mongolen, der Islam und die Inkas erwähnt. Was jedoch die Mayas betrifft, so mögen auch sie einmal in der Vergangenheit Kolonialismus betrieben haben (wiewohl der Befund eher negativ ist); fest steht, daß zumindest nach der Conquista sie in koloniale Abhängigkeit gerieten und daß dieser Zustand der Abhängigkeit und Unterwerfung das kennzeichnende Merkmal ihrer Entwicklung bis in die Gegenwart geblieben ist. Was letzteres betrifft, das durchaus nicht - im Gegensatz zur spanischen Kolonialherrschaft - allgemeine Anerkennung beziehungsweise Aufmerksamkeit findet, so sei dazu auf Kapitel 6 im nächsten Teil dieser Arbeit verwiesen, wo das Für und Wider der Dependenztheorie abgehandelt wird. Geht man von der Prämisse aus, daß der Kolonialismus das Kennzeichen der Geschichte der Mayas seit der Conquista gewesen ist, ist es wenig hilfreich, will man zu einer realistischen Einschätzung der Stadien gelangen, die er während dieser Periode durchlaufen hat, den Begriff »Kolonialismus« beziehungsweise »kolonial« auf die Zeit der spanischen Kolonialherrschaft zu begrenzen, wie es sowohl La Farge als auch Beals tun. Es ist nicht nur nicht hilfreich, es ist irreführend. Folglich bleibt es Aufgabe für die Ethnohistorie (und Ethnologie), ein brauchbareres (und den Tatsachen tatsächlich entsprechendes) Konzept zu entwickeln. Der Oberbegriff ist Kolonialismus; diesen muß man nun im einzelnen spezifizieren. Zwei große Zäsuren sind zu unterscheiden: die eine steht am Ende der autochthonen Geschichte (die Conquista), die andere am Ende der spanischen Herrschaft (die »Unabhängigkeit«). Somit ergeben sich - im Gesamtbild der Geschichte der Mayas zwei große Perioden: die autochthone und die koloniale Periode, wobei letztere - die uns im Zusammenhang mit der Ethnohistorie interessiert - wiederum in zwei Unter-

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Perioden zerfällt. Es bietet sich an, sie Spanisch-Koloniale und Republikanisch-Koloniale Periode zu nennen. Damit ist ein chronologisches Gerüst gegeben, das den markantesten Daten der (neueren) Geschichte der Mayas entspricht und das nun weiter, indem man jede Periode für sich systematisch analysiert, untergliedert beziehungsweise spezifiziert werden müßte. Die Forschung hat nun, ohne ein solches kohärentes Schema an der Hand zu haben, nach einer Gliederung verfahren, die dennoch weitgehend der allgemeinen Entwicklung der Geschichte entspricht. Dabei ist allerdings zu beobachten, daß die Anbindung an die eigentliche Mayaforschung mit zunehmendem Abstand von der Conquista beziehungsweise der vorspanischen Periode abnimmt. Der Bezugspunkt, der in unserem Forschungszweig die Mayas sind, wird in den Arbeiten, die sich der Periode widmen, die wir »republikanisch-kolonial« nennen, weit weniger gesehen als bei Arbeiten, die die spanisch-koloniale Periode betreffen. Dies hängt - abgesehen von dem bereits beklagten Mangel einer Gesamtschau der Geschichte der Mayas - vor allem damit zusammen, daß der Forschungsgegenstand, der uns betrifft, die Mayas, durch die koloniale Erfahrung vom Subjekt zum Objekt degradiert wurde und somit nicht mehr im Mittelpunkt der Ereignisse und damit des Interesses steht. Das Bezugssystem ist seit dem, was man Unabhängigkeit nennt, der Nationalstaat. Der Indianer auch numerisch dezimiert - ist nur noch ein Statist. Er ist, mehr noch als während der spanischen Kolonialzeit, seiner Kultur und Identität beraubt und ist im übrigen auf dem Wege, so suggeriert es die offizielle Propaganda, in eine »nationale Gesellschaft und Kultur« integriert zu werden. Daß dieser Prozeß nicht gänzlich vollzogen ist, davon künden die Ethnologen. Aber was das 19. Jahrhundert und das frühe 20. Jahrhundert betrifft, so haben darüber die Mayaforscher im eigentlichen Sinne wenig zu sagen. Sie überlassen es in recht bequemer Indifferenz anderen Wissenschaften - der Geschichte, Politik- oder Wirtschaftswissenschaft -, die Lücke zu füllen, was freilich die Geschichte der Mayas nur zum Teil und eher zufällig erhellt. Dabei ist die Quellenlage, je mehr wir uns der Gegenwart nähern, um so günstiger, auch wenn ein Großteil der Dokumente in den Bürgerkriegen des 19. Jahrhunderts verlorengegangen ist. Immerhin gibt es eine breite Skala von Informationsquellen, die von offiziellen Verlautbarungen der Regierung über Berichte von Reisenden und Zeitungsartikeln bis zu statistischen Erhebungen reicht. Die Vielfalt dieser Quellen steht in krassem Gegensatz zu dem, was wir an vergleichbaren Dokumenten aus früherer Zeit haben, wo wir - soweit es die spanische Kolonialzeit betrifft - auf offizielle Berichte der Beamten, ergänzt durch Chroniken der Ordensgeistlichen und Aufzeichnungen der Conquistadoren, die alle letztlich nur eine, die spanische Sicht vertreten, angewiesen sind. Allerdings erfahren die kolonialzeitlichen (spanischen) Quellen eine Ausbalancierung durch die indianischen Zeugnisse, die in schriftlicher Form erhalten blieben. Beide Quellengruppen, sowohl die spanischen Dokumente als auch die indianischen Zeugnisse, stellen jedoch eine sub-

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jektive Interpretation der Ereignisse dar; eine neutrale Sicht, von Seiten eines Unbeteiligten, wie wir sie für die spätere, republikanische Zeit haben, wo erstmals Fremden der Zugang zu den bislang verschlossenen Ländern Lateinamerikas gestattet wurde, gibt es nicht. Die einzige Ausnahme ist der bereits genannte Bericht des Engländers Thomas Gage, der im 17. Jahrhundert Neuspanien, wie man den nördlichen Teil des Kolonialbesitzes der Spanier in Amerika nannte, besuchte und sich dabei auch längere Zeit im Mayagebiet aufhielt. Sein Bericht (Gage 1648) ist sicher durch persönliche Erlebnisse und Animositäten gefärbt, doch er wirft ein recht bezeichnendes Licht, das durch andere Indizien bestätigt wird, auf die Zustände in den spanischen Kolonien. So schreibt Gage (1969: 215f.), in einer Neuausgabe seines Werkes, die sein Landsmann Thompson besorgte, über die Indianer in Guatemala, denen er besondere Aufmerksamkeit widmet: »The miserable condition of the Indians of that country is such that though the kings of Spain have never yielded to what some would have, that they should be slaves, yet their lives are as full of bitterness as is the life of a slave. I myself have known some that have come home from toiling and moiling with Spaniards, after many blows, some wounds, and little or no wages, and who have sullenly and stubbornly lain down upon their beds, resolving to die rather than to live any longer a life so slavish. And they have refused to take either meat or drink or anything else comfortable and nourishing, which their wives have offered unto them, that so by pining and starving, they might consume themselves. Some I have by good persuasions encouraged to live rather than to a voluntary and willful death; others there have been that would not be persuaded, but in that willful way have died.« Gage beschränkt sich keineswegs auf die offensichtlichen Mißstände in den Kolonien; er beschreibt auch sehr anschaulich und detailliert die Kultur der Indianer, sei es Kleidung oder Wohnung, Heirat oder Religion, die Selbstverwaltung in den Dörfern oder so traditionelle Tätigkeiten wie die Jagd und die Zubereitung des Wildbrets. Was die Selbstverwaltung betrifft, so wird hier recht deutlich, in welcher Weise die Akkulturation erfolgte, die ein so beherrschendes Thema in der Erforschung der Kolonialzeit gewesen ist. Gage (1969: 227) schreibt: »Thus having spoken of apparel, houses, eating, and drinking, it remains that I say somewhat of their civility, and the religion of those who lived under the government of the Spaniards. From the Spaniards they have borrowed their civil government, and in all towns they have one or two alcaldes, with more or less regidores (who are as aldermen or jurats amongst us), and some alguaciles, more or less, who are as constables, to execute the orders of the alcalde (who is a mayor) with his brethren. In towns of three or four hundred families or upwards, there are commonly two alcaldes, six regidores, two alguaciles mayores, and six

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under, or petty, alguaciles. Some towns are privileged with an Indian governor, who is above the alcaldes and all the rest of the officers. These are changed every year by new election, and are chosen by the Indians themselves, who take their turns by the tribes or kindreds, whereby they are divided.« Dieses Grundmuster besteht in den indianischen Gemeinden noch heute, wobei allerdings der indianische Gouverneur, den man während der Kolonialzeit »Kazike« nannte, inzwischen längst der Vergangenheit angehört. Kaziken waren Mittelsmänner zwischen den Indianern und den spanischen Autoritäten, die gewisse Vorrechte genossen und dafür für die Botmäßigkeit der Indianer zu sorgen hatten. Ein ähnliches System der indirekten Herrschaft, wie es auch von den Engländern praktiziert wurde. Der Bericht von Gage ist nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil es für die Zeit, über die er berichtet, wenig andere Dokumente gibt. Das Gros der Quellen stammt aus der frühen Kolonialzeit - sowohl die spanischen als auch die indianischen Quellen -, da hier die Auseinandersetzung mit dem Neuen zu einer entsprechenden Vielfalt der Dokumente führte. Wir haben die wichtigsten bereits im ersten Teil dieser Arbeit, in den Kapiteln 1 und 2, genannt und verweisen in Ergänzung dazu auf die vier Bände (12-14) im Handbook of Middle American Indians, die sich ausführlich mit ethnohistorischen Quellen befassen. Darin findet man, wiewohl nicht speziell auf die Mayas bezogen, das Mayagebiet aber systematisch einbeziehend, die ganze Bandbreite der Quellen von den Berichten der Conquistadoren über die indianischen Zeugnisse bis hin zu Brasseur und Bancroft, letzterer ein amerikanischer Historiker, der Ende des vorigen Jahrhunderts ein monumentales Werk über die »Geschichte Zentralamerikas« (1882-87) zusammenstellte, das die Fortsetzung einer früheren Arbeit (1874/75) war, die - im Gegensatz zur späteren, die die Zeit seit der Conquista behandelte - den indianischen Kulturen vor Ankunft der Spanier gewidmet war. Im Handbook werden die Quellen systematisch aufgelistet und kommentiert; sie betreffen nicht nur die Periode der spanischen Kolonialherrschaft, obwohl hier der Schwerpunkt liegt, sondern auch die Zeit der »Republik«. Speziell auf die Mayas bezogen, finden sich quellenkundliche Studien vor allem in den Arbeiten von Roys (1943: 122ff.), Farriss (1984: 399ff.), Edmonson (1964) und Carmack (1973), wobei die beiden ersten Yukatan zum Gegenstand haben, während die beiden letzteren sich auf Guatemala, soweit es das Hochland betrifft, beziehen. Roys und Edmonson beschränken sich auf die Zeit der spanischen Herrschaft, wohingegen Farriss und Carmack auch die republikanische Periode (die Farriss als »neo-kolonial« bezeichnet) mit einbeziehen. Von besonderer Bedeutung ist auch die Dokumentensammlung zur Geschichte Yukatans, an deren Herausgabe mehrere Forscher (Scholes et al. 1936-38) mitgewirkt haben, sowie eine Studie von Thompson (1938), in der frühe, kolonialzeitliche Quellen zur Zentralprovinz vorgestellt werden. Schließlich sei noch einmal auf die Relaciones Geográficas verwiesen, die wir bereits erwähnt und die eine wichtige Quelle für die indianische Geschichte Yukatans, zu Beginn der Konsolidie-

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rung der spanischen Herrschaft, darstellen. Diese und andere quellenkundlichen Studien beziehungsweise Sammlungen, die durchaus noch nicht als erschöpft oder vollständig betrachtet werden können, bilden die Grundlage für die ethnohistorische Forschung im Mayagebiet. Diese zerfällt - wie wir das bereits andeuteten - in drei Teile, nämlich die Rekonstruktion der indianischen Kultur am Vorabend der Eroberung, die Untersuchung der indianischen Geschichte während der spanischen Herrschaft und die der weiteren Entwicklung der Mayas im 19. und 20. Jahrhundert. Die vorspanische beziehungsweise spätpostklassische Periode, die wir ja der archäologischen Forschung zugeordnet haben, weist dennoch gewisse Parallelen zur frühen Kolonialzeit auf, insofern, als die Kultur, die in vorspanischer Zeit bestand, auch in der folgenden Phase, die durch die Conquista geprägt ist (aber noch nicht durch einen durchgreifenden Kulturwandel), noch weitgehend bestimmend blieb. Sie bildet sozusagen den Ausgangspunkt, von dem aus alle Veränderungen, die die Mayas erfahren sollten, zu messen sind. Zwei Arbeiten, die diese Rekonstruktion der indianischen Kultur zum Zeitpunkt der Conquista zum Thema haben, verdienen besondere Erwähnung: sie stammen beide aus der Feder des Amerikaners Roys (1943, 1965a), der ein Mitarbeiter des Carnegie-Instituts war und dessen Aufmerksamkeit besonders der frühen Kolonialgeschichte Yukatans galt, soweit sie den Indianer betraf. Vergleichbare Arbeiten, die das Hochland von Guatemala betreffen, neben Yukatan das zweite große Siedlungszentrum der Mayas zur Zeit der Conquista, sind erst in neuerer Zeit erschienen. Als Beispiel seien Wallace und Carmack (1977), Fox (1978) und Orellana (1984) genannt, die deutlicher noch als Roys die Interdisziplinarität ihrer Arbeit, indem sie Archäologie und Ethnohistorie verbinden, hervorheben. Insgesamt gesehen, nimmt dieser Teil der ethnohistorischen Forschung, zumindest, soweit es sich auf die bloße Rekonstruktion der autochthonen Kultur bezieht, nur einen begrenzten Raum ein: der Schwerpunkt der ethnohistorischen Mayaforschung liegt vielmehr auf der eigentlichen Kolonialgeschichte, wobei hier wiederum - was wir bereits anmerkten - ein deutliches Übergewicht in der auf die spanische Kolonialzeit bezogenen Periode zu beobachten ist, während die republikanische Zeit, von den Mayaforschem, eher stiefmütterlich behandelt wird. Aber auch die spanisch-koloniale Periode der Mayageschichte ist sehr ungleichmäßig aufgearbeitet worden. Zunächst überwog die auf Yukatan bezogene Forschung, was einmal damit zusammenhängt, daß die frühe ethnohistorische Forschung unter der Ägide des Carnegie-Instituts, das sich auf Yukatan konzentriert hatte, stand, zum anderen aber auch darauf zurückzuführen ist, daß das Carnegie-Programm in besonderer Weise auf die klassische Periode der Mayakultur fixiert war, als deren Ausläufer man die autochthone Tradition in Yukatan betrachtete. Insofern war eigentlich, nach dem Verständnis der frühen Ethnohistoriker, die alle oder doch weitgehend mit dem Carnegie-Institut liiert waren, die Mayaforschung, zumindest die historische, an

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dem Punkt zu Ende, wo die spanische Herrschaft, die ein neues, von Europa geprägtes Zeitalter einläutete, etabliert war. Daß der Indianer auch unter dieser Herrschaft weiterbestand, wurde zwar gesehen (schließlich wandte man sich, in ethnographischen Forschungen, den heutigen Mayas zu), aber die Frage, wie er dreihundert Jahre der kollektiven Mißachtung überstand, bewegte niemand. So geschah es, daß das Carnegie-Institut bei zwei Arbeiten (Chamberlain 1948, 1953), die die »Eroberung und Kolonisierung« von Yukatan respektive Honduras betrafen, eine deutliche Grenze bei dem Jahr 1550 setzte. Damit soll das Verdienst dieser wie auch anderer Arbeiten, namentlich von Chamberlain selbst, der sich neben den beiden genannten Arbeiten auch mit zwei Untersuchungen zum Repartimiento und der Encomienda (1939, 1951), zwei charakteristischen Formen der kolonialen Wirtschaft, verdient machte, nicht geschmälert werden. Aber die Einsicht, daß die »Kontaktperiode«, so bedeutsam sie für die weitere Entwicklung der Mayas war, nicht das Ende ihrer Geschichte, soweit sie sie (als handelnde Subjekte) selbst schrieben, bedeutete, hat sich erst in neuerer Zeit durchgesetzt. Als Markstein dieser neuen ethnohistorischen Sicht kann die Arbeit von Farriss (1984) gewertet werden, die zum ersten Mal die gesamte Zeitspanne der spanischen Herrschaft untersucht (und darüber hinaus, auch wenn es nur ein Postskriptum ist, die koloniale Erfahrung der Mayas bis in die republikanische Zeit weiterverfolgt). Ein solcher Ansatz für das übrige Mayagebiet, namentlich das Hochland von Guatemala, steht noch aus. Guatemala wurde erst relativ spät einer systematischen ethnohistorischen Forschung unterzogen, wobei hier die Pionierarbeiten, die das Carnegie-Institut in Yukatan geleistet hatte, dem Middle American Research Institute (MARI) in New Orleans zu verdanken sind. Nach einer ersten Arbeit von Doris Stone (1932), die die Eroberungszüge der Spanier in den Petén zum Gegenstand hatte, ergab sich die Möglichkeit einer intensiveren Forschung in Guatemala nach dem Sturz des Arbenz-Regimes, dessen Reformen selbst zum Gegenstand zeitgeschichtlicher Forschungen wurden, bei denen sich insbesondere das MARI hervortat (s.u.). Die frühere, spanische Phase der Kolonialzeit betreffend, hat sich das Institut in New Orleans vor allem auf zwei Bereiche konzentriert: den Prozeß der Christianisierung der Indianer und, damit in gewisser Weise in Verbindung stehend, die Reaktion der Indianer auf ihre Unterwerfung, ein Vorgang, den man in der Völkerkunde als Nativismus bezeichnet. Hierzu sind zwei bedeutsame Arbeiten (Edmonson et al. 1960; Reifler Bricker 1981) erschienen, die von Mitarbeitern des MARI verfaßt beziehungsweise herausgegeben wurden. Edmonson hat darüber hinaus, wie wir bereits erwähnten, sein Augenmerk besonders auf die indianischen Quellen gerichtet, wo er nach einer neueren Übersetzung des Popol Vuh (Edmonson 1971) sein Arbeitsfeld auch auf Yukatan (Edmonson 1982) ausgeweitet hat. Neben dem Carnegie-Institut und dem Middle American Research Institute waren und sind es auch andere Institutionen beziehungsweise Forscher, die im Bereich der

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ethnohistorischen Forschung zu erwähnen sind. Da wären an erster Stelle der Mexikaner Juan Francisco Molina Solis (1896, 1904-13), der über die Entdeckung und Eroberung Yukatans und die spanische Herrschaft in diesem Gebiet arbeitete, sowie Philip Ainsworth Means (1917) zu nennen, der auf Grund der Auswertung von Dokumenten im Peabody-Museum eine Übersetzung frühspanischer Berichte über die Eroberung Yukatans und des Peten herausgab. Ihnen gebührt das Lob, die eigentlichen Begründer der neueren ethnohistorischen Forschung im Mayagebiet zu sein. Bezüglich der Conquista, worüber anfangs am meisten gearbeitet wurde, sind auch noch die Werke von Kelly (1932), Termer (1941, 1948) und Wagner (1942a u. b) zu erwähnen. In neuerer Zeit (Chase 1976, G.D. Jones et al. 1981) gilt ein besonderes Interesse Tayasal, der letzten Bastion der Mayas, die erst 1697 erobert wurde und über deren genaue Lage Unklarheit herrscht. Hier sind Ethnohistorie und Archäologie in gleicher Weise gefordert. Wirtschaft und Politik der spanischen Kolonialzeit haben, soweit es die Mayas anbelangt, bisher vergleichsweise weniger Interesse gefunden. Neben den Arbeiten von Chamberlain, die die Institutionen der Encomienda und des Repartimiento betreffen sowie eine kurze Episode der Herrschaft Montejos in Chiapas (Chamberlain 1947), sind vor allem die Beiträge von Lesley Byrd Simpson (1938, 1950) sowie die detaillierte Studie von Murdo J. MacLeod (1973) zu nennen, die zwar das Mayagebiet nicht speziell behandeln, es aber in ihre Studien mit einbeziehen. Einem besonderen Aspekt, dem Problem der Landrechte, sind die Arbeiten von Roys (1939) und Riese (1981) gewidmet. Ähnlich wie mit der Wirtschaft und der Politik in der Kolonialzeit sieht es im Bereich der Gesellschaft und Kultur aus. Abgesehen von dem, was in den genannten Arbeiten dazu gesagt wird (s. vor allem Roys 1943 u. McLeod 1981), und einer Gesamtschau der Mayas in Guatemala im 18. Jahrhundert (Solano 1974), sieht das Bild eher dürftig aus. Bemerkenswert ist eine Untersuchung Thompsons (1972: Kap. 2) über die demographischen Auswirkungen der Conquista im Zentralgebiet; sie waren offenbar verheerend. Wie Thompson (S. 71) schreibt: »The data reviewed ... make it abundantly clear that for every part of the Central area for which information is available very large decreases in population followed the Spanish Conquest. These amounted to 90 per cent or more according to actual figures or reasonable estimates...« Die Gründe, die dazu geführt haben, und wie die Entwicklung in anderen Teilen des Mayagebietes verlief, sind Fragen, die noch nicht systematisch beantwortet sind. Immerhin ist inzwischen auch ein Anfang für das Hochland von Guatemala gemacht (Carmack et al. 1982). Was die Kultur anbelangt, so ist es fast ausschließlich die Religion, der man bislang einige Aufmerksamkeit gewidmet hat (vgl. Roys 1965b; Uchmany de la Pena 1967; Saint-Lu 1968). Allerdings ist die Religion ein zentrales Thema, das nicht nur

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als ein Problem der Akkulturation gesehen werden kann, sondern - zumal im Mayagebiet - auch in enger Beziehung zu nativistischen Bewegungen steht, ein Umstand, auf den wir bereits hingewiesen haben. Wie Reifler Bricker (1981: 5f.), die die bislang umfassendste Arbeit zu diesem Thema vorgelegt hat, schreibt: »The Indian rebellions of Chiapas, Guatamala, and the Yukatan peninsula are examples of what... has [been] called 'revitalization movements': 'deliberate, organized, conscious effortfs] by members of a society to construct a more satisfying culture' ... Maya efforts to revitalize their culture have usually taken one of two forms: (1) an attempt to reinterpret (i.e., 'revitalize') the symbols of the Catholic cult forced on them by their Spanish conquerors, in order to make it more relevant to the Indian experience, or (2) an attempt to throw off what they considered to be the yoke of 'foreign' domination and establish their own government, based on the Spanish model. In two of the movements ..., the reinterpretation took the form of 'Indianizing' the concept of the Passion of Christ. In highland Chiapas, in 1868, the Indians of Chamula crucified an Indian boy and proclaimed him to be the Indian Christ; a spiritual leader of the Caste War of Yukatan (1847-1901) identified himself with Christ and used his role as the Indian Christ to lead his people to victory against the Ladinos. The theme of two colonial revolts was the putative coronation of an Indian king, first in Quisteil (Yucatan) in 1761 and subsequently in Totonicapan (Guatemala) in 1820. The fifth rebellion, which took place in highland Chiapas in 1712, had an Indian Virgin as its revitalization focus. Thus Indian Christs, Indian kings, and Indian Virgins are the principal themes of revitalization movements among the Maya.« Reifler Bricker, die sich vornehmlich auf indianische Quellen stützt, konnte in besonderer Weise den Einfluß der Religion auf andere Bereiche der indianischen Kultur, die der Politik zuzuordnen sind, deutlich machen. Diese enge Verflechtung resultiert aus der zentralen Rolle, die die Religion stets im Leben des Indianers eingenommen hat, wo gerade im Bereich der Autoritätsausübung wohl nie eine klare Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht bestanden hat. Insofern ist die Arbeit von Reifler Bricker ein Spiegel der indianischen Sicht oder besser eine Interpretation der Ereignisse, wie sie sich aus der indianischen Tradition ergaben. Über den indianischen Rahmen hinaus, als ein Problem des Kolonialismus begriffen, sagt die Arbeit wenig. Kolonialismus beziehungsweise die Gegensätze, die sich daraus ergeben, wird als »ethnischer Konflikt« gedeutet, was ein Terminus ist, der zwar in der Ethnologie üblich ist, aber nicht in der Geschichte. Er suggeriert einen Gegensatz, der aus einem ethnischen Unterschied resultiert. In Wirklichkeit spielen zwar auch ethnische, das heißt kulturelle und gesellschaftliche, Gegensätze, eine Rolle, aber sie sind nur ein Aspekt - und nicht der wichtigste - in einem Beziehungssystem, das primär durch wirtschaftliche und politische Faktoren geprägt wird. Als ein Ausdruck des Widerstandes gegen ein koloniales Herrschaftssystem ist der

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wiederholte Versuch der Mayas, sich ihrer auferlegten Unmündigkeit zu entledigen, bisher nicht oder nur in Einzelfällen gesehen worden. Hier gilt es ebenso, eine empfindliche Lücke zu schließen, wie hinsichtlich der Frage, die eigentlich überfällig ist: welche Bedeutung hat die sogenannte Unabhängigkeit für den Indianer tatsächlich gehabt? Diese Frage ist eigentlich in der Mayaforschung bisher überhaupt noch nicht gestellt worden, was man - angesichts der Tatsache, daß der koloniale Status des MayaIndianers mit der angeblichen Unabhängigkeit nicht aufhörte - als ein grobes Versäumnis bezeichnen muß. Die Conquista ist in allen ihren Facetten untersucht worden, die vermeintliche Befreiung des Indianers, als die man stillschweigend die Unabhängigkeit anerkennt, hat dagegen nicht das geringste Interesse erweckt. Geschweige denn, zu der Erkenntnis geführt, die hypothetischer erscheint, als sie in Wirklichkeit ist, denn der Indianer wird noch heute abgeschlachtet, daß die Unabhängigkeit ohne den Indianer vollzogen wurde. Was man in einem Anflug wissenschaftlicher Umnachtung als »Republik« bezeichnet (oder doch als solche akzeptiert), ist in Wahrheit Teil II der Kolonialzeit, was nicht zu erkennen oder anzuerkennen, nicht nur eine Selbsttäuschung, das heißt der Wissenschaft, darstellt, sondern auch der anderen, wodurch der Schaden noch größer und eigentlich unverzeihlich wird. Denn wovon reden wir? Von den Hunderttausend, die in Guatemala seit 1954 umgebracht wurden und in der Mehrzahl Indianer, Mayas, waren. Aber auch über das, was in Quintana Roo geschah, dem ehemaligen Aufstandsgebiet der Mayas in Yukatan, worüber schon Thompson (1972: 83) schrieb: »To suggest that a lack of desire to live was a factor in the decline of Maya postConquest population, even if associated with other adverse factors such as new pestilences, may sound far-fetched, but in that connection the fate of the Santa Cruz de Bravo Maya of Quintana Roo in recent years is worth consideration. They have decreased to an enormous extent in the past seventy or eighty years for no obvious reason. An explanation may be that once the need to fight to preserve their identity ceased they seemed to lose their spirit. Perhaps as a consequence they have shrunk to a shadow of their former strength. Once cultural arteriosclerosis sets in, there may be no recovery. Yet the introduction of soccer has given some primitive communities in disintegration a fresh interest in life and saved them from extinction.« Die Lösung, die Thompson anbietet, mag sicher kein Patentrezept sein. Tatsache ist, daß Probleme, existentielle Probleme, anstehen, die nicht dadurch gelöst werden, daß man sie stillschweigend übergeht und sozusagen einen Sprung von hundertfünfzig Jahren macht, um die »Kolonialzeit« (die spanische) mit der Gegenwart zu verbinden. Die koloniale Periode II ist mindestens ebenso wichtig wie Teil I; wahrscheinlich noch wichtiger, denn wie der Indianer heute lebt, wurde wesentlich durch

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die Änderungen geprägt, die im 19. Jahrhundert eintraten. Wie Farriss (1984: lOf.) schreibt: »The Caste War, as it is called, falls outside of the chronological scope ... [of this study] but is in many ways its logical conclusion, feeding on three centuries of bitterness engendered by the first conquest and inflamed by the more recent impingements of the second. The second conquest inaugurated the Maya's confrontation with the modem world, a world shaped by economic developments far beyond their borders, yet one that reached out through rapidly expanding export demand to engulf Maya land and Maya labor. In retrospect, the original encounter with sixteenth-century Spain appears to be the much less devastating of the two.« Farriss konstatiert den Befund in Yukatan, wo, wie sie betont, die koloniale (spanisch-koloniale) Entwicklung anders verlief als im übrigen Mayagebiet, zumindest in Guatemala, das im Gegensatz zu Yukatan kein Hinterhof, sondern durchaus ein Zentrum, wenngleich auch zweiten Grades, des spanischen Kolonialreiches war. Aber auch hier ist der Befund ähnlich, denn die eigentliche Anbindung an den Weltmarkt, die durch die Öffnung der ehemals spanischen Kolonien erfolgte, setzte auch in Guatemala (und Chiapas) erst im 19. Jahrhundert ein. Ob man nun - wie Farriss - von einer »zweiten Eroberung« spricht, die nicht mehr, wie die erste, das Werk der Spanier, sondern ihrer Nachfahren, der Kreolen, und fremder Wirtschaftsinteressen ist: feststeht, daß mit der sogenannten Unabhängigkeit die Lebensbedingungen des Indianers sich eher noch verschlechterten. Nicht nur fiel die koloniale (spanische) Gesetzgebung weg, die - so widersprüchlich sie war - dem Indianer dennoch ein gewisses Maß an Selbstbestimmung und Sicherheit gegeben hatte, die Länder, die nun ihren eigenen Weg gingen, hatten auch nichts Besseres zu tun, als sich erneut in Abhängigkeit zu begeben. Diesmal jedoch bedeutete dies für den Indianer nicht nur die Einbuße seiner politischen Autonomie, sondern auch den Verlust jeglicher materieller Ressourcen. Der Indianer, der bislang genügend Land und Freiheit gehabt hatte, um sein tägliches Leben weitgehend selbst zu bestimmen, wurde nun durch die im Zeichen des Liberalismus stehenden Neuerungen zum Peon degradiert, zum Schuldknecht, der auf Gedeih und Verderb dem Patron, dem Großgrundbesitzer, ausgeliefert war. Der Indianer verlor sein Land und seine Freiheit: der Prozeß der Proletarisierung, die Entfremdung des Indianers seiner selbst, setzte ein. Am Ende stand und steht ein Wesen ohne Identität. Dieser Prozeß ist noch in vollem Gange, in Guatemala ebenso wie in Yukatan, doch es ist abzusehen, wann er vollendet sein wird. Zumal sich der Prozeß der Dekulturation des Indianers immer mehr beschleunigt. Daran haben auch Revolution und die ideologische Aufwertung des Indianers wenig geändert. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte sind stärker. Und wer wollte dieser Entwicklung entgegenwirken, wenn es noch nicht einmal die Wissenschaft tut?

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Zu behaupten, daß die Mayaforschung sich gänzlich einer Beschäftigung mit der Republikanisch-Kolonialen Periode enthalten hätte, würde nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Aber es ist herzlich wenig - vergleicht man es beispielsweise mit dem Aufwand, den sie bezüglich der archäologischen und paläographischen Forschung betreibt -, was sie auf dem Gebiet der neueren Geschichte der Mayas geleistet hat. Läßt man die Arbeiten beiseite, die die Mayas zwar auch behandeln, aber dies nur im Zusammenhang mit einer anderen, allgemeineren Fragestellung tun, bleibt kaum eine Handvoll übrig, die man nennen könnte. Es ist ein Aufsatz von Barrera Vásquez, des yukatekischen Mayaforschers, über den Handel mit indianischen Arbeitern zum Frondienst auf Kuba (1961); ein weiterer Aufsatz von Arnold Strickon (1965) über die Plantagenwirtschaft in Yukatan und ihre Auswirkungen auf die Indianer, ein Beitrag, dem eine vergleichbare Studie von Alain Dessaint (1962) zu Guatemala entspricht; und schließlich ein Sammelband (Adams 1957), der die politischen Veränderungen, die die Reformen unter Arévalo und Arbenz in den indianischen Gemeinden Guatemalas zeitigten, zum Thema hat. In Ergänzung dazu sind zwei Arbeiten zum sogenannten Kastenkrieg in Yukatan zu erwähnen (Reed 1964; González Navarro 1970) sowie ein kleinerer Beitrag von Keith Miceli (1974) über den Aufstand Carreras, der zwar selbst nicht eigentlich Indianer war, doch das hätte vollbringen können, was die gefeierten Helden der Unabhängigkeit nicht zu Wege brachten. Gerade auch am Beispiel Carreras wird deutlich, wieviel noch zu tun bleibt. Warum scheiterte er oder vielmehr die Bewegung, die er entfachte? Warum nutzten die Indianer nicht ihre Chance, eine Chance, die sich ihnen bisher noch niemals geboten hatte und die sich ihnen wohl auch niemals wieder bieten wird? Stephens war Zeuge dieses Aufstandes, und er beschreibt einige seiner Episoden sehr ausführlich. Es ist bedauerlich, daß er selbst in den Reihen der Mayaforscher nur als Archäologe oder doch als Pionier der Maya-Archäologie angesehen wird. So bedeutsam sein Wirken für die Wiederbelebung der Mayaforschung war: daß man nicht auch seine Kommentare zur gegenwärtigen Lage des Indianers aufgegriffen hat, zeigt, wie wenig man ihn doch verstanden hat. Ähnliches gilt für andere sogenannte Reiseberichte, die gerade im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewinnen. Was die Mayas betrifft, so wären hier insbesondere Stoll (1886), Sapper (1897) und Maudslay u. Maudslay (1899) zu nennen. Auch B. Traven, der geheimnisumwitterte Schriftsteller, der ganz zu Unrecht im Ruf eines bloßen Literaten steht, ist an dieser Stelle zu erwähnen. Sein Bericht über Chiapas (1928), den er das »Land des Frühlings« nannte, ist ein unschätzbares Zeitdokument, das auf eigenem Erleben beruht. Es gibt wohl niemand, der sich so sehr mit dem Indianer und seinem ausweglosen Schicksal identifizierte, wie Traven. Die Wissenschaft tut ihm Unrecht - wie auch den anderen Reiseschriftstellern, namentlich Stoll -, wenn sie sein Zeugnis mißachtet. Sie muß sich gefallen lassen, wenn man ihr vorwirft, daß sie im

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Augenblick mit kaum mehr aufwarten kann, als die Reiseschriftsteller zu bieten haben. Und oft ist das, was letztere schildern, realistischer als das, was die Wissenschaft mit großem Aufwand versucht zu erhellen. Schließen wir dieses Kapitel mit dem Hinweis, daß man die ethnohistorische Mayaforschung zwar sträflich vernachlässigt hat, daß man sich dieses Versäumnisses aber offenbar inzwischen bewußt geworden ist. Jedenfalls weist eine Anzahl wissenschaftlicher Abschlußarbeiten, die man geradezu als Boom bezeichnen kann (Wells 1985: 188f.), auf eine Entwicklung hin, die, so bleibt zu hoffen, die zur Zeit noch bestehenden großen Lücken ausfüllen wird. Einen ersten Schritt in dieser Richtung, aus dem engeren Kreis der Mayaforscher, stellt auch die Aufsatzsammlung, die unter dem Titel »Anthropology and History in Yucatan« (Jones 1977) erschienen ist, dar. Freilich bildet Yukatan nur einen Teil des Mayagebietes und heute nicht einmal den wichtigsten: Guatemala (und Chiapas) harren noch eines neuen Erwachens in der Ethnohistorie.

4. Philologie Wir haben schon darauf hingewiesen, daß wir in dieser Arbeit den Begriff »Philologie« in seiner ursprünglichen, allgemeinen Bedeutung verwenden. Er umfaßt demnach sowohl Literatur als auch Sprache, schließt also neben der Literaturwissenschaft auch die Linguistik mit ein. Eine solche Zuordnung erscheint sinnvoll, da es einerseits keine klare Definition der Philologie im engeren Sinne gibt (der Schwerpunkt kann sowohl auf der Sprache als auch auf der Literatur liegen) und da zum anderen Literatur und Sprache einen zusammenhängenden Komplex der Kultur bilden, wobei die Literatur lediglich die schriftliche Fixierung der Sprache ist. Im übertragenen Sinne wird Literatur sogar als »mündliche Überlieferung« gedeutet (vgl. Edmonson 1985c), so daß die Bindung zur gesprochenen Sprache noch enger ist. Trotz dieser übergeordneten Zusammengehörigkeit ist nicht zu leugnen, daß Literaturwissenschaft und Linguistik zwei verschiedene Forschungsbereiche sind. Wie John Lyons (1985: 49) in einer Einführung zu einer allgemeinen Abhandlung über die Linguistik schreibt: »Linguistics is the scientific study of language. The word was first used in the middle of the 19th century to emphasize the difference between a newer approach to the study of language that was then developing and the more traditional approach of philology. The differences were and are largely matters of attitude, emphasis, and purpose. The philologist is concerned primarily with the historical development of languages as it is manifest in written texts and in the context of the associated literature and culture. The linguist, though he may be interested in written texts and in the development of languages through time, tends to give priority to spoken languages and to the problems of analyzing them as they operate at a given point in time.«

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Philologie wird hier mehr oder weniger gleichgesetzt mit Literaturwissenschaft, aus der sich die Linguistik, durch Abspaltung, entwickelt hat. Diese Abspaltung, die in zunehmendem Maße fortschritt, ergab sich nicht zuletzt deshalb, weil die philologische Forschung (im übergeordneten Sinne), die bislang primär auf die literarischen Zeugnisse der Antike ausgerichtet war, sich zusehends auch mit Sprachen und Kulturen auseinandersetzte, die im Zuge der kolonialen beziehungsweise imperialen Expansion Europas (und der USA) in das Blickfeld der Wissenschaft gerieten. Da diese Sprachen weitgehend unbekannt waren und keine schriftlichen Zeugnisse aufwiesen, bedeutete dies, daß der literaturwissenschaftliche Zweig der Philologie zugunsten des sprachwissenschaftlichen zurücktrat, der nun gleichzeitig neue Methoden entwickeln mußte, die zu einer Verfeinerung des Instrumentariums der Linguistik führten, um die neuen Aufgaben bewältigen zu können. Eine dieser neuen Herausforderungen waren die Mayasprachen, die zwar auch schriftlich niedergelegt waren, aber zu dem Zeitpunkt - Ende des vorigen Jahrhunderts -, als sich die moderne Wissenschaft ihnen zuwandte, praktisch jeden literarischen Bezug verloren hatten. Heute sieht die Linguistik ihre Aufgabe im wesentlichen in zwei Bereichen: einmal in dem, was man die synchrone oder beschreibende Linguistik nennt, zum andern in dem, was man als diachrone oder historische Linguistik bezeichnet. Im einen Fall handelt es sich um die Beschreibung (und Analyse) einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt (zumeist einer rezenten Sprache), im andern um die Untersuchung der historischen Entwicklung einer oder mehrerer Sprachen, um so zu historischen Deutungen und zur Erkenntnis allgemeiner linguistischer Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Letzteres führt in einen dritten Bereich, die sogenannte theoretische Linguistik, während die Inbezugsetzung von Sprache und Kultur der Gegenstandsbereich eines weiteren Zweiges, der anthropologischen Linguistik, ist. Sie ist besonders in den USA ausgeprägt, was wiederum Rückwirkungen auf die Mayaforschung hat, die ja - was die neuere Zeit anbelangt - weitgehend von amerikanischen Wissenschaftlern beherrscht wird. Insofern, als die Literatur eine besondere Äußerung der Kultur ist (und zwar jene, die speziell im Bereich der traditionellen Völkerkunde sogenannte Hochkulturen von schriftlosen Völkern unterscheidet), ergibt sich gerade bei der amerikanischen Linguistik ein integrierter Ansatz, der sowohl die Linguistik im engeren Sinne (auch Mikrolinguistik genannt) als auch die Beziehung der Sprache zur übrigen Kultur, wie etwa der Literatur, umfaßt. Diese Form der Sprachwissenschaft wird als Makrolinguistik bezeichnet; man könnte sie als Rückkehr zu dem ansehen, was ursprünglich der Ausgangspunkt der Entwicklung gewesen ist: die Philologie. Der Unterschied besteht nur darin, daß man heute über Datenmaterial verfügt, das speziell die Linguistik erstellt hat und das entsprechend fundiertere und weitreichendere Aussagen ermöglicht, als das vor hundert Jahren der Fall war. Was die Mayaforschung betrifft, so ist es ziemlich genau hundert Jahre her, daß die

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erste systematische Untersuchung über die Mayasprachen erfolgte. Sie wurde von dem Schweizer Otto Stoll (1884) durchgeführt und basierte auf eigenen Studien, die Stoll in Guatemala getätigt hatte. Dabei wandte er nicht nur moderne Untersuchungsmethoden an, Stoll war auch einer der ersten Mayaforscher, die die Sprachen der Mayas um ihrer selbst Willen untersuchten, sie also ausschließlich als Gegenstand der Wissenschaft betrachteten. Eine solche Sicht, gerade was die Sprachforschung im Mayagebiet betrifft, war ja keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Drei Jahrhunderte lang hatte man sich mit den Sprachen der Mayas (und ihrer Literatur) nur oder doch vorwiegend deshalb befaßt, weil man darin ein Hilfsmittel sah, die Indianer in den christlichen Glauben (und in das spanische Imperium) zu integrieren. Man mußte die indianischen Sprachen erlernen, um das Evangelium verkünden zu können, und um dies zu bewerkstelligen, war es zunächst einmal notwendig, die fremden Sprachen zu fixieren, das heißt aufzuzeichnen, in feste Strukturen zu legen und somit erlernbar zu machen. Das Modell, dessen man sich dazu bediente, war das Lateinische. Genauer, eine Grammatik, die 1492 verfaßt - die spanische Sprache nach den Regeln des klassischen Lateins aufschlüsselte und ihrerseits nun als Vorbild diente, die Sprachen, mit denen man in der Neuen Welt in Berührung kam, verständlich zu machen. Die Folge war, daß man die indianischen Sprachen in ein Muster preßte, das ihnen, die ganz anderen Gesetzmäßigkeiten unterlagen, in keiner Weise entsprach. Dennoch blieb diese Praxis bis in das 19. Jahrhundert bestehen, als man von dem eurozentrischen Weltbild, das sich auch in den Wissenschaften manifestiert hatte, abrückte. Trotz dieser Einschränkung, die man bezüglich der linguistischen Studien während der Kolonialzeit machen muß, sind dennoch einige grundlegende Arbeiten geleistet worden, von denen auch die heutige Forschung noch profitiert. An erster Stelle sind da die sogenannten Vocabularios zu erwähnen, »Wörterlisten« beziehungsweise Diktionäre, die zwar auch - indem die indianischen Wörter der spanischen Aussprache und Schreibweise angepaßt wurden - einer Verfälschung unterlagen, die dennoch aber - im Vergleich zu den Grammatiken, die zumeist im Verein mit den Wörterbüchern erstellt wurden - eine authentischere Quelle darstellen. Solche Wörterbücher wurden vor allem für das Yukatekische (Ciudad Real ca. 1600; Anonymus 17. Jh..) und die Hochlandsprachen in Guatemala (Santo Domingo 1693; Coto 17. Jh..; Vico 17. Jh..; Barrera 1745; Morán 18. Jh..; u.a.) erstellt. Daneben gibt es vergleichbare Arbeiten vereinzelt auch für andere Sprachgruppen der Mayas (Guzmán 16. Jh..; Morán 1935). Die meisten dieser Wörterbücher (und Grammatiken) existieren bis heute nur in Manuskriptform; nur wenige wurden, in neuerer Zeit, gedruckt und veröffentlicht (Beltrán de Santa Rosa 1746; Anonymus 1884; Martínez Hernández 1929). Andererseits ist diese Art der deskriptiven Linguistik bis heute fortgeführt worden, das heißt, es hat auch die moderne Forschung lexikalisches und grammatikalisches Material ge-

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sammelt, um bestehende Lücken zu schließen und eine solide Basis für weiterfuhrende Studien zu schaffen. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind die Arbeiten von Manuel J. Andrade, einem Mitarbeiter des Carnegie-Instituts, der in den dreißiger Jahren umfangreiches Datenmaterial zu den Mayasprachen in Yukatan und Guatemala zusammentrug. Leider gelangten seine Arbeiten durch einen frühzeitigen Tod nicht zur Veröffentlichung; sie sind jedoch auf Mikrofilm gespeichert und bilden einen Teil der Sammlung zur mittelamerikanischen Anthropologie in der Bibliothek der Universität von Chicago. Bedeutsam sind auch die Arbeiten des Summer Institute of Linguistics, eines Zweiges der amerikanischen Missionsgesellschaft Wycliffe Bible Translators, der eng mit der Universität von Oklahoma, einem Zentrum für Indianersprachstudien, zusammenarbeitet. Das Summer Institute verfolgt die gleichen Ziele wie die frühen (spanischen) Missionare; nur daß es in diesem Falle nicht die katholische, sondern die protestantische Version des Christentums ist, die den Indianern (und anderen eingeborenen Völkern) vermittelt werden soll. So sehr dieses Ziel, das letztlich auf einen Kulturimperialismus hinausläuft, auch in Frage gestellt werden muß, so muß man andererseits doch anerkennen, daß das Summer Institute auf dem Gebiet der deskriptiven Linguistik (aber auch im Bereich der angewandten Linguistik, indem es Schrifttum in indianischen Sprachen in Form von Lesefibeln, Textsammlungen und Lebenshilfen herausgibt) durchaus lobenswerte Arbeit geleistet hat. Sie umfaßt heute praktisch alle Mayasprachen (vgl. dazu SIL 1964; SISG 1966). Neben dem Carnegie-Institut und dem Summer Institute ist vor allem noch die Universität von Chicago zu erwähnen, die sich in neuerer Zeit auf dem Gebiet der linguistischen Mayaforschung hervorgetan hat. Hier findet sich nicht nur das Material, das Andrade zusammengetragen hat; in der Person von Norman A. McQuown, der an der Universität von Chicago angesiedelt ist, verkörpert sich auch die neuere Tradition in der Mayalinguistik, die bemüht ist, auf der Grundlage deskriptiven Materials zu einer Gesamtschau der Entwicklung der Mayasprachen zu gelangen. So hat McQuown, der freilich nur ein, wenn auch herausragendes Beispiel für die neuere Generation der Mayalinguisten ist, nicht nur deskriptive Studien betrieben, etwa über die Huasteken (McQuown 1984), aber auch über die Yukateken (ders. 1967a); er ist auch bemüht, aus dem Material, das er und andere zusammengetragen haben, Aufschlüsse über die Entstehung und Ausbreitung der Mayasprachen zu erlangen, also ein historisches Gesamtbild zu entwerfen (vgl. dazu McQuown 1956 u. 1964). Damit sind wir bereits auf das Gebiet der komparativen und historischen Linguistik, die heute im Vordergrund steht, übergewechselt, ohne den Überblick über die philologische Forschung während der Kolonialzeit zum Abschluß zu bringen. Nachzuholen ist, daß während der Kolonialzeit nicht nur Sprachstudien (so sehr sie auch lediglich Mittel zum Zweck waren) betrieben wurden, sondern daß man sich auch darum bemühte, literarische Zeugnisse aufzuzeichnen. Dazu bediente man sich,

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was diesen Dokumenten eine besondere Authentizität verleiht, insbesondere auch der Indianer selbst, die - nachdem sie im Gebrauch der lateinischen Schrift unterwiesen waren - angehalten wurden (oder dies auch aus eigenem Antrieb taten), ihre Traditionen schriftlich festzuhalten. Auf diese Weise entstanden jene Chroniken, vornehmlich in Yukatan und Guatemala, die die eigentliche Literatur der Mayas (im Gegensatz zu den schriftlichen Zeugnissen aus vorspanischer Zeit, die Gegenstand der paläographischen Forschung sind) darstellen. Wir werden auf diesen Teil der philologischen Mayaforschung weiter unten zurückkommen. Die kolonialzeitlichen Quellen - literarischer wie linguistischer Art - haben insofern eine besondere Bedeutung, als sie nicht nur Aufschluß über eine bestimmte, historische Phase der Entwicklung der Mayasprache und -literatur geben, sondern auch als Hilfsmittel dienen, Rückschlüsse auf die Zeit vor der Conquista zu ziehen. Dies nicht nur, was die Geschichte im engeren Sinne betrifft, über die ja die Chroniken zum Teil sehr ausführlich berichten, sondern auch und gerade hinsichtlich der Sprache, die ja - im Vergleich zur vorspanischen Zeit - während der Kolonialzeit einen geringeren Veränderungsgrad aufwies als heute. Das heißt, das kolonialzeitliche, vor allem frühkoloniale Stadium der Mayasprache beziehungsweise -sprachen dient als Brücke oder gar Schlüssel zur Erhellung jener Schriftzeugnisse, die bis heute noch nicht eindeutig geklärt sind. Damit ist allerdings nur ein Hilfsmittel gegeben; ein anderes, das die Linguistik zu liefern imstande ist, betrifft die Frage: welches war beziehungsweise waren die Sprachen, die den schriftlichen Dokumenten aus vorspanischer Zeit zugrunde lagen? Dies ist ein Problem, das offensichtlich in den Bereich der historischen Linguistik fällt, und in der Tat hat dieser Zweig der Mayasprachforschung bezüglich der Frage, wer denn nun die Träger der klassischen (und postklassischen) Mayakultur waren, bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. Der Weg zu diesen neueren Erkenntnissen führt von Stoll, der die Entwicklung der Mayasprachen noch in Form eines Stammbaumes darstellte, über Rudolf Schuller (1919/20) und Walter Lehmann (1920), die die ersten systematischen Versuche unternahmen, die Mayasprachen, deren Einheit inzwischen als gesichert galt, mit anderen Sprachen in Verbindung zu bringen, um ein allgemeines Entwicklungskonzept zu entwerfen, bis hin zu den gezielten Untersuchungen des Amerikaners Abraham M. Halpern (1942) zur Phonologie der Mayasprachen, die zur Rekonstruktion der Lautwerte einer t/r-Mayasprache, des sogenannten Proto-Maya, führten, ein Ansatz, der von McQuown fortgeführt und - durch die Einbeziehung lexikalischen Materials - ergänzt wurde, bis man schließlich zu jener Klassifikation der Mayasprachen gelangte (McQuown 1956), die zugleich einen Höhepunkt und Abschluß der bisherigen historischen Mayalinguistik darstellte. McQuown unterschied 28 Mayasprachen, die sich in zehn Verwandtschaftsgruppen gliedern. Die, die die größte sprachliche Nähe zum Proto-Maya aufweist, ist die sogenannte Mamean-Gruppe, deren Verbreitungsgebiet im Hochland, dort, wo heute

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die Grenze zwischen Mexiko und Guatemala verläuft, liegt. Hier wäre also der Ursprung oder das Dispersionszentrum der Mayasprachen zu suchen, eine Hypothese, die der Amerikaner Richard A. Diebold (1960), der mit Hilfe einer linguistischen Migrationstheorie zu einem ähnlichen Ergebnis kam, zu bestätigen schien. Damit war zwar der Ort, von dem die Mayas ihren Ausgang nahmen, fixiert. Doch es war noch nichts über die Zeit gesagt, in der diese Entwicklung begann und sich fortsetzte, denn es war offensichtlich, daß die Aufspaltung der Mayasprachen über einen längeren Zeitraum erfolgte. Um diese Frage zu klären, bedurfte es eines neuen Ansatzes, der just in dem Moment aufkam, als die Frage gestellt wurde. Wie der Begründer dieser neuen Richtung in der historischen Linguistik, der Amerikaner Morris Swadesh (1967: 82) schreibt: »The impulse that led to the development of lexicostatistic glottochronology came from outside the linguistic field. In 1948, noting the success and importance of archaeological dating by radioactive carbon, I sought a comparable technique based on a predetermined measure of the resistance to change in linguistic material. The most suitable part of language for this purpose seemed to be vocabulary, since it provides a large number of individual items, but these had to be non-cultural elements, "basic' words, long recognized by linguistic-science to be the least affected by the ups and downs of culture history. It was not expected that the index of time depth would prove even remotely accurate, but only that it would provide some kind of objective orientation for time estimates. The author supposed that there was some lower limit to the rate of retention, conditioned by the fact that language is the principal means of communication in every society and has to serve continously through the generations, but he believed that changes sometimes occured much more slowly. When he formed a diagnostic word list and applied it to some historically known control cases, that is languages in which material was available for an earlier and a later period, he was surprised to find some approximate agreement in the retention rates ...« Die lexikostatistische Glottochronologie ist also ein Datierungsverfahren, das durchaus mit der Radiokarbon-Methode vergleichbar ist; nur daß in diesem Falle Veränderungen in der Sprachsubstanz »gemessen« werden, wobei - analog zur C 14Methode - von der Prämisse ausgegangen wird, daß die Veränderung nach bestimmten Regeln erfolgt, also kalkulierbar ist. Daraus läßt sich eine zeitliche Bestimmung ableiten, die jeweils dem Grad der Verwandtschaft und damit dem Zeitpunkt der Trennung entspricht: je größer die Übereinstimmung in der Liste sogenannter Schlüsselwörter, desto geringer der zeitliche Abstand, der die verglichenen Sprachen voneinander trennt. Auf der Basis dieses neuen Verfahrens gelangte Swadesh 1960 zu einer zeitlichen Fixierung der Entstehung und Ausbreitung der Mayasprachen: den Beginn der Aufspaltung setzt er auf einen Zeitpunkt an, der etwa 5 400 Jahre zurückliegt. Mit ande-

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ren Worten, um 3 500 v. Chr. setzte jener Prozeß ein, der zur Differenzierung des Proto-Maya in über zwei Dutzend Einzelsprachen führte. Zugleich erfolgte seit diesem Zeitpunkt die Ausbreitung der Mayas über das Siedlungsgebiet, das sie heute bevölkern. Der Zeitpunkt für den Beginn der Ausbreitung der Mayas, zu dem Swadesh gelangt, weist eine bemerkenswerte Kongruenz mit dem sogenannten Nulldatum der Langzeitrechnung (nach der Goodman-Martinez-Thompson-Korrelation 3 113 v. Chr.) auf; doch läßt sich der tatsächliche archäologische Befund nur schwer mit den Ergebnissen der Glottochronologie, wie sie Swadesh und andere vorlegten, die seine Untersuchungen fortsetzten (McQuown 1964; Josserand 1975; Kaufmann 1976), in Einklang bringen. Obwohl gerade Kaufman und auch Josserand sich um eine Korrespondenz der linguistischen und archäologischen Daten bemühen, zeigt sich doch am Beispiel der Rekonstruktion der Entwicklung der Mayasprachen recht deutlich, wie sehr in der Mayaforschung aneinander vorbeigearbeitet wird. So schreibt Kaufman (1976: 106), der inzwischen die Daten, die Swadesh (und McQuown) aufgestellt haben, revidiert hat, über die erste Abspaltung vom Urstamm der Mayas: »Around 2 200 B. C., Huastecan seperates from its homeland [in the Cuchumatan highlands of Guatemala], migrating northwards down the Ixcän and Lacantun or Xacbal Rivers to the Usumacinta River, and eventually making its way west and then north along the Gulf coast to the Huasteca - probably before 1 500 B. C. and surely before 1 000 B. C.« Er fügt zwar hinzu (ebd.): »Huastecan has no known special relations with any other group in the Mayan family.« Aber die Frage, die schon Tozzer (1934: 16) stellte - nämlich: »Why do we find an isolated Maya-speaking people, with no other Maya background, far to the north around the Panuco River in Vera Cruz?« -, beantwortet er eigentlich nicht. Die Feststellung, die sich allein aus dem (bisherigen) Befund der Linguistik ergibt, daß die Huasteken sozusagen von einem Ende Mesoamerikas zum andern abgewandert sind, erklärt noch nicht, warum sie diese doch offensichtlich recht ungewöhnliche Wanderung unternahmen. Diese Frage hat bisher noch niemand beantwortet: sie ist meines Wissens nicht einmal gestellt worden. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß eine kleine Splittergruppe einen derart langen Weg zurücklegt, nur um sich an einer Küste niederzulassen, die man auch in Tabasco hätte finden können. Im übrigen wäre eine solche Wanderung im Mißklang mit den übrigen Bevölkerungsbewegungen in Mesoamerika gewesen, die von Norden nach Süden und nicht in umgekehrter Richtung erfolgten. Was bislang nur eine Hypothese ist (Westphal 1977: 40), daß nämlich die Urgemeinde der Mayas nicht in Guatemala, sondern am Pänuco ansässig war und sich von dort aus nach Süden ausdehnte, sollte dennoch nicht allzu leichtfertig von der Hand gewiesen werden: schließlich reicht es nicht nur, den Blick allein auf die Mayas zu beschränken - und hier das Feld nur einem Zweig der Mayaforschung, der

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Linguistik, zu überlassen -, man muß auch das Umfeld, den gesamten kulturhistorischen Kontext, in dem sich die Entwicklung der Mayas abspielte, also den Kulturraum Mesoamerika insgesamt (und darüber hinaus auch Nord- wie gegebenenfalls auch Südamerika) berücksichtigen, um zu einer realistischen Einschätzung der tatsächlichen Entwicklung zu gelangen. Hier bedarf es nicht nur eines verstärkten interdisziplinären Ansatzes, sondern auch einer überregionalen Gesamtschau. Die Lexikostatistik beziehungsweise die Glottochronologie ist nur ein Mittel, die frühe Geschichte der Mayas zu erhellen: es bleibt Aufgabe für die Zukunft, die Ergebnisse der Linguistik mit der Archäologie abzustimmen. Dies trifft auch für die Frage zu, was in der Zeit zwischen dem ersten Auftauchen des Menschen im Mayagebiet (in der Paläo-Indianischen Periode, also vor 10 000 Jahren) und der ersten linguistischen Fixierung der Mayas, das heißt, in einem Zeitraum von über 5 000 Jahren, geschah. Wer waren die ersten Einwanderer im Mayagebiet? Wer begründete die frühen Kulturen von Chantuto (in Chiapas) und Cuello (in Belize), die beide vor der von der Linguistik postulierten Ausbreitung der Mayas anzusetzen sind? Wann also begann die eigentliche Geschichte der Mayas, denn der Bezug für ein Volk ist nicht der geographische Raum, mit dem es schließlich gleichgesetzt wird, sondern seine ethnische Einheit oder Eigenständigkeit, für die die Sprache ein entscheidendes Kriterium ist. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung, die sich - was die Entstehung der Mayas betrifft - bislang nur auf die Linguistik stützen kann, umfaßt die Geschichte der Mayas rund 4 000 Jahre: sie begann gegen Ende des 3. Jahrtausends vor Christus und reicht bis in die Gegenwart, wobei ein Großteil dieser historischen Entwicklung durch eine zunehmende Aufspaltung der Mayasprachen gekennzeichnet war. Die letzte große Aufsplitterung erfolgte in postklassischer Zeit (Kaufman 1976:111). Wenngleich die Glottochronologie - gerade was den Beginn der Geschichte der Mayas betrifft - keineswegs im Einklang mit der Archäologie steht und sie nicht zuletzt deshalb in ihren Methoden und Ergebnissen, die noch einer Verfeinerung bedürfen, kritisiert wird, so kann man dennoch nicht abstreiten, daß, je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto realistischer ihre Aussage erscheint. So fällt der Beginn der klassischen Periode, den die Archäologen beziehungsweise Paläographen ins 3. Jahrhundert n. Chr. datieren, mit dem Erscheinen der sogenannten Cholan-Mayagruppe im Tiefland zusammen, die sich dann um 600 n. Chr., dem Zeitpunkt des Hiatus zwischen dem frühen und späten Klassikum, in die drei heutigen Sprachen Chol, Chorti und Chontal aufspaltete. In ähnlicher Weise spalteten sich auch am Ende der klassischen Zeit beziehungsweise zu Beginn der postklassischen Periode der Yucatecan-Zweig und der des Quichean in Guatemala auf, was einerseits mit dem Niedergang der klassischen Mayakultur und andererseits mit dem Einfall nahua-sprechender Völker aus dem zentralen Mexiko zusammenfällt. Die Frage: wer waren die Träger der klassischen Mayakultur? scheint also - aus der

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Sicht der Linguistik - entschieden. Wie Kaufman (1976: 118) am Ende seines Vergleiches des archäologischen und linguistischen Befundes schreibt: »Some of the more important claims (oversimplified) made here are that Classic Mayans were Cholans, Olmecs and Izapans were Mixe-Zoqueans, and that there were no Nahuas in Meso-America before the fall of Teotihuacan.« Was also die Sprache betrifft, die den klassischen Inschriften zugrunde lag, so war es in der Frühphase das Cholan, das im südlichen Teil des Tieflandes gesprochen wurde, und in der Spätphase das Spektrum zwischen Chontal und Chorti. So wird man sich - geht man von dem bisherigen linguistischen Befund aus - im Süden beziehungsweise Osten bei der paläographischen Forschung mehr auf das Chorti, im Zentrum auf das Chol, im Westen auf das Chontal und im Norden auf das Yukatekische beziehungsweise Yucatecan, die Vorstufe, stützen müssen. Auch hier ist eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den entsprechenden Zweigdisziplinen der Mayaforschung gefordert, zumal sich die Linguistik nicht nur auf die reine Sprachforschung beschränkt, sondern auch - durch die Identifizierung bestimmter kulturspezifischer Wörter - Aufschluß über eine Kultur beziehungsweise deren verschiedene Stadien gibt (s. z.B. Kaufman 1976: 109). Neben der komparativen beziehungsweise historischen Linguistik, die in der letzten Zeit in den Vordergrund getreten ist, werden auch weiterhin traditionellere, deskriptive Studien, die sich einzelnen Sprachen widmen, durchgeführt. Dabei stehen vor allem die Hochlandsprachen - insbesondere in Chiapas -, die bislang - im Gegensatz zum Yukatekischen - vernachlässigt wurden, im Vordergrund (s. Kaufman 1971; Laughlin 1975; Campbell 1977; England 1983). Diese Studien erfolgen nicht zuletzt deshalb, um durch ein erweitertes und fundiertes Datenmaterial die bislang noch keineswegs gesicherten Erkenntnisse der komparativ-historischen Linguistik auf eine solidere Basis zu stellen. Ein Großteil dieser neueren Untersuchungen steht in Zusammenhang mit folkloristischen Studien, das heißt, man versucht, mittels der Sprache Aufschluß über die geistige Kultur (und psychische Disposition) des heutigen Indianers zu erlangen. Obwohl dieser Teil der Sprachforschung sich bereits der Literaturwissenschaft annähert, meinen wir dennoch, daß - solange es sich nicht um schriftliche Quellen handelt - die Einbeziehung der Folklore (im engeren, auf erzählerische Überlieferungen beschränkten Sinne) in die Literaturwissenschaft, wie es neuerdings (s. etwa Edmonson 1985c) geschieht, nicht gerechtfertigt ist. Das Wesen der Literatur ist das schriftliche Dokument; es folgt anderen Gesetzen als die gesprochene Sprache, und es setzt ein anderes Instrumentarium der Erforschung voraus. Daß der Inhalt schriftlicher Überlieferung und mündlicher Tradition oft identisch ist, wo erstere nicht gar aus letzterer entstanden ist, scheint einer Trennung von schriftlicher und »mündlicher« Literatur zwar entgegenzustehen, sollte aber dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um zwei verschiedene Äußerungen einer Kultur handelt. Schrift ist, wie wir ge-

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sehen haben, ein Kriterium für eine höhere Kultur; dort, wo sie fehlt, ist das Stadium einer Zivilisation nicht erreicht. Daß das kein Werturteil sein soll, versteht sich von selbst. Es ist aber wichtig, festzuhalten und deutlich zu unterscheiden, daß schriftliche Dokumente einen anderen Aussagewert haben als mündliche. Nicht von ungefähr sind sie die Grundlage aller exakten historischen Forschung, und sie sind es deshalb, weil die schriftliche Überlieferung die Gewähr oder doch zumindest die Möglichkeit liefert, Informationen, die genau fixiert sind, über Raum und Zeit zu tradieren. Bei der mündlichen Überlieferung, die keiner festen Kontrolle unterliegt, ist der Informationsgehalt, der auf den tatsächlichen, ursprünglichen Daten beruht, sehr viel geringer. Hinzukommt, daß der Inhalt schriftlicher und mündlicher Traditionen zwar häufig Parallelen aufweist, die auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten, dennoch aber - zumal, was die Mayas betrifft - auch deutliche Unterschiede aufweist. Das liegt zum einen in der Länge ihrer Geschichte begründet, die - ohne schriftliche Quellen - nicht mehr rekonstruierbar wäre; zum anderen hängt es mit der Art dieser Geschichte zusammen: sie ist durch einen großen kulturellen Bruch gekennzeichnet, der eine Zäsur in der historischen Entwicklung der Mayas bedeutete. Vieles, sicher das meiste der traditionellen Kultur ging durch den Einfall der Spanier verloren und wäre heute nicht mehr erkennbar, wenn es nicht zu dem Zeitpunkt, als dieser Bruch erfolgte, schriftlich niedergelegt worden wäre. Sei es durch die Indianer selbst oder durch die Spanier, in jedem Fall aber auf Grund indianischer Quellen, die sowohl schriftlicher als auch mündlicher Art waren, nun aber sozusagen dokumentarisch festgelegt wurden. In Form und Inhalt letztlich gleichermaßen unterschieden, erscheint es dennoch angezeigt, folgt man dem Postulat einer systematischen Zuordnung der einzelnen Teilbereiche der Mayaforschung, die schriftlichen Quellen als Teil der Philologie (so, wie sie hier definiert wurde) zu betrachten, während die mündlichen Überlieferungen (soweit sie aus rezenter Zeit stammen) der Ethnographie zuzuordnen sind. In traditionellen ethnographischen Arbeiten geschieht das ohnehin (vgl. etwa die Richtlinien für die ethnographischen Abrisse im Handbook of Middle American Indians, Vogt 1969b: 16f.), und es ist nicht einzusehen, warum man diese Regel nicht beibehalten sollte. Was nun die (schriftliche) Literatur der Mayas anbelangt, so ist - worauf wir bereits hingewiesen haben - grundsätzlich zwischen einer vorspanischen und einer kolonialen Phase dieser Literatur zu unterscheiden. Die vorspanischen Dokumente, soweit sie in ursprünglicher Form, das heißt in indianischer Schrift und auf ursprünglichem Schreibmaterial, erhalten geblieben sind, sind Gegenstand der Paläographie, die wir - wiewohl sie einen Teil der Philologie bildet - als separaten Zweig der Mayaforschung gedeutet und an anderer Stelle abgehandelt haben. Die kolonialzeitliche Literatur der Mayas ist eine Mischung aus vorspanischem Gedankengut und spanischen Einflüssen. Sie stellt eine hybride Tradition dar, was auch für jene Zeugnisse gilt, die

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- wie die sogenannten Bücher des Chilam Balam - bis in neuere Zeit fortgesetzt wurden. In ihnen lebt ein Großteil der vorspanischen Überlieferungen fort, verbrämt, ergänzt oder überlagert von Ereignissen und Entwicklungen, die seit der Conquista über die Mayas hereingebrochen sind. Aus dieser Vielschichtigkeit der kolonialzeitlichen Quellen resultiert eine besondere Schwierigkeit, die darin besteht, das Autochthone vom Fremden zu trennen, vorausgesetzt, man ist allein oder vorrangig am Autochthonen interessiert, was bei der bisherigen Ausrichtung der Mayaforschung allerdings der Fall war. Wurden und werden doch alle Dokumente und Zeugnisse, deren man habhaft wird, auf die Vergangenheit, das heißt die Rekonstruktion der eigentlichen, unverfälschten Kultur der Mayas, bezogen. Das gilt - wie wir noch sehen werden - sogar für die Ethnologie. Innerhalb der kolonialzeitlichen Literatur sind zwei deutliche Traditionen zu unterscheiden: die yukatekische Tradition und die der Hochlandmayas in Guatemala. Darüber hinaus gibt es nur noch eine bedeutsame literarische Quelle der Mayas, jenen Chontal-Text, den wir bereits erwähnten (Scholes u. Roys 1948). Er schildert, als einzige autochthone Quelle aus dem Zentralgebiet, die Etablierung der spanischen Herrschaft in Campeche und Tabasco. Die yukatekischen Quellen und jene in Guatemala weisen eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten auf, was das einheitliche kulturelle Substrat, das dem gesamten Mayagebiet zugrunde liegt, verrät. Die Parallelen reichen von der engen Verknüpfung von Legende und Wirklichkeit, der Durchdringung alles Weltlichen durch das Religiöse und eines besonderen Bewußtseins des Phänomens der Zeit bis hin zu spezifischen Ereignissen wie dem Einfall der Tolteken, der eine erste kulturelle Überfremdung zeitigte, noch ehe der eigentliche Ausverkauf der Mayakultur - im Zuge der spanischen Eroberung - begann. Letzteres ist freilich ein Ereignis, das die gemeinsame Erfahrung eher noch vertiefte, wie die beiden folgenden Passagen, die je einer repräsentativen Quelle der beiden Traditionen entnommen sind, deutlich machen. So heißt es im Chilam Balam von Chumayel (Roys 1967: 119f.) über die Ankunft der Spanier: »This is the name of the year when the foreigners arrived, the year One thousand five hundred and nineteen. This was the year when the foreigners arrived here at our town, (the town) of us, the Itzá, here in the land of Yucalpeten, Yucatan, in the speech of the Maya Itzá. So said the first Adelantado; Don Juan de Montejo, because he was thus informed by Don Lorenzo Chable [a Maya priest, Ah Kin Chable, mentioned earlier] when he listened to this conqueror [the priest, an ally of the Spaniards] at Tixkokob. He received the foreigners with all his heart. This was the reason they named him Don Lorenzo Chable, because he gave well-roasted meat to the foreigners and all the captains. He had a son also named Don Martin Chable. This is the year which was current when the foreigners prepared to seize Yucal-

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peten here. It was known by the priest, the prophet, Ah Xupan, as he was called. Christianity was introduced to us in the year 1519. The church at Merida was founded in the year 1540. In the year 1599 the church at Merida was completed. In the year 1648 yellow fever occured and the sickness began to afflict us.« Und in den Annalen der Cakchiquel (Recinos u. Goetz 1953: 121) findet sich die Eintragung: »On the day 1 Hunahpü (April 12,1524) the Spaniards came to the city of Yximche; their chief was called Tunatiuh. The kings Belehe Qat and Cahi Ymox went at once to meet Tunatiuh. The heart of Tunatiuh was well disposed toward the kings when he came to the city. There had been no fight and Tunatiuh was pleased when he arrived at Yximche. In this manner the Castilians arrived of yore, oh, my sons! In truth they inspired fear when they arrived. Their faces were strange. The lords took them for gods. We ourselves, your father, went to see them when they came into Yximche.« Gemeinsam ist diesen beiden Schilderungen das Ereignis, das von epochaler Bedeutung war; doch unterschiedlich ist der Stil, der die beiden Versionen der Conquista kennzeichnet. Sie zeigen zwar beide eine gewisse Nüchternheit, das Eingeständnis der Ohnmacht des Indianers gegenüber dem Lauf der Geschichte, doch ist der Tenor im Falle der Annalen persönlicher, hat eher epischen Charakter, während das Chumayel sich mit einer reinen Aufzählung begnügt. Selbst die Jahre werden nur noch in der spanischen Weise (auch im Original, im yukatekischen Text) genannt. Dieser Unterschied, der deutlicher noch wird, wenn man die yukatekischen Quellen mit dem Popol Vuh vergleicht, einem epischen Werte par excellence, ist nicht allein auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Texte jeweils aus unterschiedlicher Zeit stammen (das Chumayel wurde, in seiner heutigen Fassung, Ende des 18. Jahrhunderts aufgezeichnet, während die Annalen und auch das Popol Vuh aus dem 16. beziehungsweise 17. Jahrhundert stammen, also einem geringeren Grad der Akkulturation ausgesetzt waren). Es reicht auch wohl nicht, darauf hinzuweisen, daß die, die die Texte abfaßten beziehungsweise tradierten, offensichtlich einer unterschiedlichen Gesellschaftsschicht angehörten (in Yukatan waren es in der Regel einfache Schreibkundige, die in den Dörfern, nach denen die Chilam Balam-Bücher benannt sind, lebten, während in Guatemala, zumindest im Falle der Annalen, Nachkommen der ursprünglichen Herrscher, die zudem ihrer Tradition noch näherstanden, die Chroniken verfaßten). Entscheidend ist vielmehr, daß die Texte eine unterschiedliche literarische und diese bedingende kulturelle oder psychische Tradition widerspiegeln. Wie Edmonson (1985a: 59) in seiner Einleitung zu einem Supplementband des Handbook of Middle American Indians, der speziell der Literatur dieser Völker gewidmet ist, schreibt: »I leave it for the readers to decide for themselves where the quintessential^ Na-

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hua, Yacatecan, or Tzotzil flavor lies. For myself, I see justice in the characterization of the Zapotees as the Italians of the New World, volulable, excitable, extroverted, and expressive. The bloody Nahuas on the other hand have an extraordinary penchant for lachrimose self-pity, and take refuge in bright colors, the delicate aromas of flowers, and fatalistic sentimentality - in a word, Weltschmerz. The Quiche were clearly the dramatists of Anahuac [Mesoamerica] par excellence, hiding behind the mask an Old Testament sense of guilt and duty. The self-effacing punctilio of Tzotzil courtesy may have similar roots, but the manner of its expression has something almost Japanese to it. The Yucatecans have a certain crafty dignity, sophisticated and wordly wise, but reserved and unsurprised at the world's wickedness. 'Greeks of the New World' isn't bad: they were certainly as quarrelsome.« Das Zitat zeigt, welche Wege heute die Sprach- und Literaturwissenschaft geht, wobei anzumerken ist, daß die psychologische Forschung - in Form des Behaviourismus - seit längerem ein fester Bestandteil der amerikanischen Anthropologie ist. So weist die literaturwissenschaftliche Mayaforschung ein weites Spektrum von Themen auf, das freilich immer noch um die Hauptaufgabe kreist: die richtige Deutung der oft schwerverständlichen Texte, die nicht nur eine fundierte Kenntnis der jeweiligen Sprache voraussetzt, sondern auch eine enge Vertrautheit mit der Kultur, vor allem der geistigen und religiösen Vorstellungen, die die besondere Art dieser Texte bedingen. Die literaturwissenschaftliche Mayaforschung ist zwar auch in neuerer Zeit zu einer Domäne der Amerikaner geworden, doch sollte diese Entwicklung nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch die Europäer (und Lateinamerikaner) ein besonderes Verdienst daran haben, daß diese Texte uns heute zugänglich sind. Die Spanier, auf deren Betreiben sie häufig zustande kamen (auch wenn sie in anderen Fällen einen Großteil der Quellen, auf denen die erhaltenen Texte basieren, dem Feuer überantworteten), erwähnten wir schon. Nicht genannt wurden die Yukateken (spanischer Provenienz) Juan Pío Pérez und Crescendo Carrillo y Ancona, letzterer als Bischof von Yukatan ein Nachfolger von Landa, die seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts literarische Texte der Mayas sammelten und um ihre Erhaltung bemüht waren. Zur Veröffentlichung gelangten diese - yukatekischen - Texte jedoch erst vermittels eines Deutschen, des Forschungsreisenden Carl Hermann Berendt, der die Texte kopierte und in einer Sammlung zusammenstellte, die der Amerikaner Daniel Garrison Brinton - nach dem Tode Berendts - erwarb und seinerseits der Bibliothek des Universitätsmuseums der Universität von Pennsylvanien zur Verfügung stellte, wo sie noch heute - als eine der großen Sammlungen von Dokumenten zur Mayaforschung - aufbewahrt werden. Brinton (1882) brachte auf der Grundlage der Arbeiten von Berendt eine erste Auswahl der Bücher des Chilam Balam in englischer Übersetzung heraus. Wenig später (Brinton 1885) folgte eine Übersetzung der Annalen der Cakchiquel.

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In Guatemala war es vor allem das Popol Vuh, das Aufsehen erregte. Seine Entdeckung beziehungsweise Wiederentdeckung (denn der eigentliche Entdecker war Ximénez gewesen, der die erste Übersetzung ins Spanische angefertigt hatte) verdanken wir dem Österreicher Carl Scherzer, der die Fassung von Ximénez in der Bibliothek der Universität von Guatemala entdeckte und sie 1857 (in spanischer Sprache) in Wien veröffentlichte. Doch erst durch die Übersetzung Brasseurs (1861), der das Manuskript von Ximénez erwarb (Scherzer mußte sich, wie Berendt, mit einer Kopie begnügen), erlangte das »Heilige Buch der Quiché« weltweites Aufsehen. Inzwischen wurden über ein Dutzend Übersetzungen des Popol Vuh angefertigt, und immer noch ist nicht das letzte Wort gesprochen. Wie Edmonson (1971: XII), von dem Nummer 12 stammt, freimütig bekennt: »It is my conviction that the stylistic subtleties of the Popol Vuh have eluded all its translators, including me. The language is varied, but it is often telegraphically terse, evoking rather than expressing the rich symbolism of Quiche religion. The nuances of Quiche grammar are demonstrably exploited for effect within this sparse and repetitive form, and do produce a variety of effects - comic, elegant, discursive, dull. I have tried to reflect these in English within the bounds of a tight and complete translation - at least where I think I understand them. There are some elements of Quiche style, however, which are very difficult to reproduce in English.« Was das Besondere am Popol Vuh ist, so konstatiert Edmonson (ebd.: XI), ist seine poetische Form. Es ist nicht - wie Edmonson vermerkt und von all seinen Vorgängern übersehen wurde - ein Prosawerk. Edmonson findet diese These bestätigt in der heutigen Form der Sprache, die er denn auch seiner Übersetzung zugrunde legt, was Smailus (1977), in einer Rezension der Arbeit von Edmonson, zu Recht bemängelt, allerdings mehr, was die Entwicklung der Sprache anbelangt, und nicht eigentlich die Form des Ausdrucks, die weitgehend konstant geblieben sein dürfte (zumindest bei formelleren, traditionellen Anlässen). Die Inbezugsetzung der kolonialzeitlichen Texte zur Sprache, aber auch Kultur generell der heutigen Indianer ist ebenso Bestandteil der neueren literaturwissenschaftlichen Forschung im Mayagebiet (vgl. dazu auch Gossen 1978; Carmack u. Morales 1984) wie die mehr traditionelle Frage nach der Bedeutung dieser Texte für die ethnohistorische Forschung (Edmonson 1964; Villa Rojas 1984). Dabei mag es - neben einem »Schlüssel« für die Deutung der literarischen Texte - auch um sogenannte Survivals gehen, also Traditionen, die sich aus der Kolonialzeit (oder sogar noch aus der vorspanischen Zeit) erhalten haben, um dadurch ein Kontinuum nachzuweisen, das das Beharrungsvermögen der Indianer verrät. Eines jedoch hat auch die moderne literaturwissenschaftliche Forschung noch nicht begriffen. Wie Edmonson (1971: XV), einer ihrer führenden Vertreter, schreibt:

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»With the exception of the students of the Instituto Bíblico Quiché, the modern Indians cannot read the Popol Vuh in Quiche. They are nonetheless linked to it by their religion, which is perpetuated on the one hand in family life and community organization, and on the other in an oral and written literature. Almost every major lineage of the preconquest period is known to have written a lineage history comparable to the fourth section of the Popol Vuh. (Most of these are relatively brief, and some are lost.) From the later colonial period there are also legal documents of the town scribes, ordinances of the religious fraternities, letters, and other works. There have been several written divining calendars, two of which are still extant. And there is a lively tradition of religious drama. It is the drama in public and the lore of divination in private that we find the most important survivals of the ancient religious mysteries - 'what is called Quiche'.« Edmonson nennt das Problem, doch die Vielzahl der Quellen, die es noch zu erschließen gibt, und die Relikte aus der autochthonen Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart erhalten haben (und sich in den Texten spiegeln), lassen ihn vergessen, sich dieses Problems zu stellen: die Indianer können ihre eigenen Bücher nicht lesen! Das ist zugegebenermaßen kein Problem der Wissenschaft, aber ihrer Anwendung: die modernen Erkenntnisse der Philologie, der Sprachforschung ebenso wie der Literaturwissenschaft, zu nutzen, die Indianer selbst ihre Kultur, das Erbe ihrer Väter entdecken zu lassen. Einige zaghafte Ansätze in dieser Richtung (namentlich durch das Proyecto Marroquín in Guatemala, das mit amerikanischer Hilfe zustande kam) wurden zwar unternommen, doch blieb ein durchgreifender Erfolg bislang aus. Die Indianer sind heute noch genauso ihrer literarischen Tradition entfremdet wie vor vierhundert Jahren. Und solange sie das bleiben, wird man sie auch weiter als Analphabeten behandeln, was weit mehr, als nur des Lebens und Schreibens unkundig zu sein, bedeutet. Die angewandte Linguistik beziehungsweise Philologie, die die klassischen Texte der Mayas so weit aufbereiten müßte, daß sie sie selbst verstehen, hat noch einen weiten Weg vor sich.

5. Physische Anthropologie Die Physische Anthropologie ist ebenso wie die Ethnohistorie ein Stiefkind der Mayaforschung. Juan Comas (1966: 5f.), ein mexikanischer Anthropologe, der eine erste allgemeine Übersicht über die »Physischen Merkmale der Mayasprachfamilie« vorlegte, nennt einige der Gründe. Er schreibt: »... múltiples circunstancias han influido para que las aportaciones de la Antropología física al mejor conocimiento de la amplia región habitada por los Mayas desde hace muchos siglos, hayan sido mínimas y esporádicas. Se trata en todo caso de investigaciones técnicamente más difíciles de realizar, para las cuales se cuenta (sobre todo para el periodo pre-colombino) con escasísimas materiales, y

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que atraen menos la atención pública que, por ejemplo, las arqueológicas. ... puede decirse que los trabajos sobre características somáticas y fisiológicas del pueblo maya apenas se iniciaron de manera formal con la tercera década del siglo.« Die Physische Anthropologie, die ursprünglich ein integraler Bestandteil der allgemeinen Anthropologie war, ist eine naturwissenschaftliche Disziplin. Sie beschäftigt sich - im Gegensatz zu den kulturellen - mit den biologischen Merkmalen des Menschen. Dazu sind andere, den Naturwissenschaften eigene Techniken erforderlich, die sich sehr wesentlich von denen der kulturwissenschaftlichen Forschung unterscheiden. Sie reichen heute bis zu genetischen Untersuchungen, die nicht nur Auskunft über die Herkunft und Vielfalt des Menschen geben, sondern auch über so lebenswichtige Fragen wie die Vererbung von Krankheiten und die Folgen von Inzucht in isolierten und kleinen Populationen. Der Übergang zur Medizin ist oft nur fließend, während andererseits die Erkenntnisse, die die Physische Anthropologie der Archäologie oder der historischen Forschung liefern kann, kaum minder bedeutsam sind. Comas (ebd.: 6) nennt ein Beispiel: »Cabe preguntarse: es que los habitantes de la región maya que desde unos 2 500 años a. C. hablaron y hablan idiomas directamente emparentadas, que tuvieron y siguen en parte manteniendo un complejo cultural claramente diferenciado del de pueblos vecinos, constituyen una población biológicamente homogénea hasta el punto de poderla identificar y aislar de otros grupos de Mesoamérica, o por el contrario su heterogeneidad física nos permite considerar que a través de los siglos y gracias a migraciones y desplazamientos sucesivos, ocuparon la región gentes de origen diverso que adoptaron la misma cultura y modo de expresión?« Die Frage, die hier gestellt wird, ist jene, die im Zusammenhang mit der linguistischen Forschung auftauchte: wo liegt der Ursprung der Mayas, und was bewirkte die Vielfalt der heutigen Gruppen? War es tatsächlich nur eine Aufsplitterung, wie es die Linguistik fordert, also ein Dispersionsprozeß? Oder war es genau das Gegenteil: verschiedene Gruppen strömten im Mayagebiet zusammen und verschmolzen erst hier zu einer Einheit? Eine dritte Instanz, die Archäologie, ist hier gefragt: wo tauchen die ersten Funde auf, welche kulturellen Parallelen weisen sie auf, welche Einflüsse oder gar Wanderbewegungen kann man daraus ableiten? Fragen, die nur im Verein, in einem interdisziplinären Ansatz gelöst werden können. Die Physische Anthropologie ist also mehr als eine periphere Wissenschaft. Das wird auch bei der Frage deutlich, die sich hinsichtlich eines Problems stellt, das sozusagen am anderen Ende der (zeitlichen) Skala steht: die Lakandonen, die ihrer traditionellen Kultur nach den klassischen Mayas am nächsten stehen, sind vom Aussterben bedroht, ein Befund, den nicht nur ihre reduzierte Zahl offensichtlich erscheinen läßt, sondern der auch durch genetische Forschungen, die gleichzeitig Wege der Ver-

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besserung ihrer prekären Situation aufzeigten, bestätigt wurde (vgl. Ferreira 1964). Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein dritter Komplex, der in neuerer Zeit an Bedeutung gewonnen hat: die Frage, welche Aufschlüsse kann die Physische Anthropologie über die Beschaffenheit des Menschen während der klassischen Zeit machen? Genauer: wie war die Zusammensetzung der Bevölkerung? Wie war die Ernährungslage? Welche Krankheiten gab es? Was trug möglicherweise zum Niedergang der klassischen Mayakultur bei oder bewirkte sie gar? All dies ist die Bandbreite, deren sich die Physische Anthropologie angenommen hat beziehungsweise die ihr als Aufgabe gestellt ist. Es ist also durchaus berechtigt, diesen Teil der Mayaforschung, obwohl er mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitet (was in zunehmendem Maße ja auch die Archäologie tut), als gleichwertige Komplementärdisziplin zu betrachten, die durchaus Anerkennung und Förderung verdient. Die Geschichte dieses Forschungszweiges setzt mit ersten Skelett- beziehungsweise Schädelfunden ein, die man bereits im vorigen Jahrhundert machte (Morton 1842; Boas 1890). Gleichzeitig wandte man sich auch schon einer Besonderheit der fossilen Reste der Mayas zu: den Inkrustationen, die Zähne als Schmuck aufwiesen (Hamy 1882; Engerrand 1917). Neben dem Brauch der künstlichen Schädeldeformation war dies eine kulturelle Besonderheit, die den Adel auszeichnete. In neuerer Zeit hat sich der mexikanische Paläanthropologe Romero (1958) in einer größeren Arbeit, die jedoch nicht speziell auf die Mayas bezogen ist, mit dem Thema der »Zahnverstümmelungen« befaßt. Die pa/äanthropologische Forschung, also der Zweig der Physischen Anthropologie, der sich mit der biologischen Vergangenheit des Menschen befaßt, stand also am Anfang dieser Disziplin. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts wandte man sich auch der Erforschung rezenter biologischer Merkmale des Menschen im Mayagebiet zu, ein Verdienst, das dem Amerikaner Frederick Starr (1903) gebührt, der die ersten anthropometrischen Messungen an heutigen Indianern im Mayagebiet durchführte. Er erkannte bereits deutlich die physischen Unterschiede, die die einzelnen Mayagruppen unterscheiden, und wies auch auf die Möglichkeit biologischer Vermischung als Folge der Conquista, was ihm besonders bei den Chontal auffiel, hin. Starr, der sich auch linguistischen und ethnographischen Fragen widmete, war jedoch nur ein Vorläufer. Eine systematische anthropologische Forschung in größerem Rahmen setzte erst mit den Arbeiten des Carnegie-Instituts ein, das - entsprechend seines integralen Ansatzes - sowohl die paläanthropologische Forschung als auch die auf rezente Gruppen gerichtete Physische Anthropologie berücksichtigte. Dabei wurden auch emährungswissenschaftliche, medizinische und psychologische Fragen behandelt (Steggerda 1931, 1941; Shattuck et al. 1933; Goubaud Carrera 1945-47; Reh et al. 1951), was den Untersuchungen des Carnegie-Instituts eine besondere Bedeutung gab.

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Im Zuge der Grabungsprojekte, die das Carnegie-Institut durchführte, und der Folgeprojekte, die in den Grabungen in Tikal gipfelten, wurde das Skelettmaterial, das den paläanthropologischen Untersuchungen dienen konnte, erheblich erweitert. Allerdings fanden sich keine fossilen Reste, die bis zum Beginn der Besiedlung des Mayagebietes zu datieren sind. Noch viel weniger geben die Skelettfunde, die man gemacht hat, Aufschluß über die stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschen. Dies hat das Mayagebiet mit dem Rest des amerikanischen Kontinents gemein: die ältesten Funde (von Artefakten), die man bis jetzt gemacht hat, stammen aus einer Zeit, die nicht weiter als 40 000 Jahre zurückreicht, das heißt, sie datieren aus einer Phase der menschlichen Entwicklung, die bereits durch die letzte Stufe, die des Homo sapiens, gekennzeichnet war. Immerhin verraten auch die Skelettfunde im Mayagebiet (sowie der heutige anthropologische Befund), was für den Rassenkreis, dem die Mayas angehören - die Indianiden -, generell gilt: sie stellen eine Zwischenform der Mongoliden und Europiden dar (Heberer et al. 1970: 196), eine Tatsache, auf die schon der Amerikaner Earnest A. Hooton auf Grund der Skelettfunde, die sein Landsmann Thompson aus dem Heiligen Cenote in Chichin Itzä geborgen hatte, hinwies. Hooton (1940: 280), der das Material, das im Peabody-Museum aufbewahrt wurde, einer sorgfältigen Untersuchung unterzog, kam zu dem Schluß, »that the ancestors of the Classical Mayas were not very different from the White hybridized type which we call Armenoid hook noses from Henry Field's Iranian plateau race, round heads from the good old Alpines - and inspired with similar aesthetic ambitions to improve their head form. Eventually they picked some Mongoloid features - hair, pigmentation, cheek bones, et cetera. These may have been fairly recent accretions, because Mongolization is a late racial phenomenon in the Old World and probably still later in the New. It's a long, long way to Chichen Itzä, but the Roman-nosed God and the Long-nosed God both made it.« Das deckt sich mit der heutigen Theorie über die frühe Bevölkerungsgeschichte der Neuen Welt, die davon ausgeht, daß die ersten Einwanderungswellen »weniger mongolid« als die späteren waren (Heberer et al. 1970: 248f.). Ob die Rassenmischung, die daraus resultierte, erst im Mayagebiet stattfand oder bereits vorher, ist eine Frage, die vorerst noch nicht entschieden ist. Auch ist es ungewiß, um zu der Frage, die Comas aufwarf, zurückzukommen, ob die Mayas zu dem Zeitpunkt, als sie begannen, ihre eigene Tradition zu begründen (um 2 500 v. Chr.), auch eine einheitliche biologische Gruppe bildeten, die sich dann im Laufe ihrer weiteren Geschichte in einzelne Untergruppen aufspaltete, die jeweils eine den unterschiedlichen Umweltbedingungen entsprechende Adaptionsform darstellen. Selbst wenn man von dieser Hypothese ausgeht, was - wie wir vermerkten - die Linguistik postuliert, ist dennoch eine spätere rassische beziehungsweise ethnische Vermischung, die der historische Befund (bezüglich der Tolteken und ihrer Vorläufer) belegt, nicht zu übersehen. Im übrigen ist

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der Isthmus, dessen Kernstück ja das Mayagebiet bildet, stets ein Durchgangsgebiet gewesen, so daß rassische Vermischungen hier noch häufiger als anderswo waren. Es erscheint also eher unwahrscheinlich, daß die Mayas jemals eine eigene, in sich geschlossene biologische Gruppe bildeten. Zumindest über einen längeren Zeitraum. Halten wir fest, daß die biologische Stammesgeschichte der Mayas (die nicht unwesentlich Aufschluß über ihre historische Entwicklung geben könnte) noch keineswegs geklärt ist und daß die Mayas nach ihrem heutigen Erscheinungsbild markante Unterschiede aufweisen, die entweder eine Folge der Umwelt sind oder unterschiedlicher biologischer Komponenten. Earnest Hooton, der die Skelette in Chichen Itzä untersuchte, tat dies auch unter einer kulturhistorischen Fragestellung: wer waren die Opfer, von denen man wußte, daß sie von Zeit zu Zeit in den Cenote gestürzt worden waren? Seit den Tagen der Conquista hielt sich hartnäckig das Gerücht, daß es Jungfrauen waren. Hooton konnte dafür keine eindeutigen Beweise finden; er schreibt (1940: 273): »It is commonly supposed that these bones represent the remains of sacrificial victims who were cast into the Sacred Cenote. All of the individuals involved (or rather immersed) may have been virgins, but the osteological evidence does not permit a determination of this nice point.« Nicht nur erlauben die erhaltenen Skelettreste keine eindeutige Klärung der delikaten Frage, Hooton (der das Thema eher humorvoll angeht) wartet auch mit einer enttäuschenden Liste auf: von insgesamt 42 Individuen, die er auf Grund der Skelettfunde identifizieren konnte, waren 13 eindeutig männlichen und nur acht weiblichen Geschlechts, während der Rest Kindern zuzuordnen war. Wenn also Jungfrauen in Chichen Itzä geopfert wurden, dann hatten sie keineswegs allein das Privileg, mit dem Regengott »vermählt« zu werden. Vielmehr deutet der hohe Anteil von Kindesopfem (wenn es sich tatsächlich um solche handelt) auf einen Brauch hin, der allgemein in Mesoamerika verbreitet war. Hooton machte noch eine andere bemerkenswerte Entdeckung: ihm fiel auf, daß die Opfer - zumindest die Erwachsenen - Spuren von Verletzungen trugen und daß sie generell Anzeichen von Krankheiten aufwiesen. Er schreibt (ebd.: 277): »On the whole, these Mayas (if they were Mayas) seem to have been quite ordinary little brachycephalic Indians, unusually diseased and, in the case of the adults, somewhat inordinately battered. Their skulls were notably deformed, and one supposes that their abundant pathologies may have been a concomitant of their high cultural status.« Hooton führt die pathologischen Merkmale, die aus einer (nicht künstlichen) Verformung des Schädels bestehen, auf mangelnde Ernährung zurück und bemerkt dazu (ebd.: 276): »The disease may have been caused by dependence upon a diet consisting mainly

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of maize. An alternative suggestion is that it is due to hemolytic anemia. Dr. George D. Williams tried to find it in modern Yucatecan children of Maya stock, but was unable to identify it. Perhaps osteoporosis [the disease diagnosed by Hooton] caused the downfall of the Maya civilization. I make a present of this idea to Maya archaeologists, who are perenially questing for an explanation.« Was Hooton hier nur beiläufig und eher provokativ erwähnt, ist inzwischen durch neuere Forschungen belegt worden: es besteht ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen dem Niedergang der klassischen Mayakultur und dem Ernährungs- beziehungsweise Gesundheitszustand der Bevölkerung. In einer Studie, die der amerikanische Anatom Frank P. Saul (1973) an Hand von Skelettfunden, die aus Altar de Sacrificios stammen, durchführte, wird der Nachweis erbracht, daß Krankheiten, die die Folge von Mangelernährung sind, offenbar weitverbreitet waren und daß daraus die Möglichkeit abzuleiten ist, daß die Bevölkerung derart geschwächt war, daß sie eventuellen anderen Widrigkeiten nicht gewachsen war. In den Worten von Saul: »Although I have presented the Altar pathologic frequencies in terms of culture periods, I have not attempted to discern chronological trends as I believe the data to be inadequate at this time. The pathology is there, however, in apparently high and continuing frequency (and it must be remembered that only a relatively few diseases leave their 'scars' on the skeleton). The present meaning of the findings at Altar (and a few other places), in relation to the decline of the Maya at Altar (and I suspect elsewhere), is that skeletal lesions indicate the presence of important health problems throughout the known past as well as in modern times; and a chronic precarious health status would be likely to magnify the impact of invasions or crop failures or any similar sudden negative occurences, and thus could lead to the collapse of the Classic Maya.« (1973: 323) Wie Saul eingesteht, ist das Datenmaterial bislang noch zu gering, um eine Trendentwicklung nachzuweisen, das heißt eine kontinuierliche Zunahme der Krankheiten, was die Anfälligkeit der Mayas verstärkt und damit eine akute Krisensituation herbeigeführt hätte, die - im Verein mit den anderen genannten Faktoren - den Niedergang der klassischen Kultur bewirkt haben könnte. Immerhin nennt Saul (1973: 303) ein Indiz, das in diese Richtung weist: die Größe zumindest der männlichen Bevölkerung nahm ständig ab, was nach medizinischen Erkenntnissen - vorausgesetzt, es fand keine Bevölkerungsverschiebung statt, wofür es keinen Hinweis gibt - auf eine sich verschlechternde Ernährungslage zurückzuführen ist. Bemerkenswert ist auch die Feststellung Sauls (ebd.: 308), daß die mittlere Lebenserwartung nur 28,8 Jahre betrug; auch bestätigt er (S. 321) den Befund von Goff (1953: 319), der Skelettmaterial aus Zaculeu, der Mam-Feste im Hochland, untersuchte, daß die Syphilis, deren Ursprung umstritten ist, bereits in vorspanischer Zeit im Mayagebiet anzutreffen war.

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Eine ganz andere Entdeckung, auf die auch schon Hooton (s. o.) hinwies, machte man in Palenque: dort stellte man bei der Untersuchung des Reliefmaterials fest, daß die figürlichen Darstellungen, die Mitglieder der Herrscherdynastie repräsentieren, besondere physische Abnormitäten aufweisen, die erblich waren und als göttliches Attribut gedeutet und damit zum Sinnbild des Königtums schlechthin wurden. Wie es in dem Bericht über diese Untersuchung (Robertson et al. 1976: 82ff.), die unter Hinzuziehung zweier Mediziner erfolgte, heißt: »We feel that the belief of divinity of rulers through the serpent represented by God K was strongly reaffirmed by Palenque's having a ruler whose divinity was a visual fact. The clubfoot of the first Pacal became the serpent. Lord Shield Pacal was born with the same divine attribute, and it was surely he who first proclaimed this inheritance by having his likeness carved on the sarcophagus lid wearing the indentical headdress as that of God K ... Chan-Bahlum, we feel, was the one who proclaimed to all, his ancestral rights to divine rule through the serpent by having himself portrayed on the Inscriptions Temple piers ... as the baby, (the baby who is God K), whose aims and legs have serpent markings, whose left leg is a serpent, the head and wide-open jaws of which are being held in the outstreched hand of the standing personage who holds the baby. The baby is Chan-Bahlum. Chan-Bahlum is the only known person at Palenque who can be identified as having six toes. The baby has six toes; further, his name glyph is carved on pier f and in pier b with the 819 day count connected with Chan-Bahlum. The standing figure, we feel, at least on some piers of the Inscriptions Temple, must be Lord Shield Pacal, father of Chan-Bahlum. Both Lord Shield Pacal and Chan-Bahlum, by the nature of the physical abnormalities of their feet, would have been divine. Their sculpted portraits are proclaiming this to the Maya world.« Hier trägt die Identifizierung bestimmter Mißbildungen zur Rekonstruktion von Assoziationen bei, die (in Palenque) zur Herausbildung eines göttlichen Königtums geführt haben. Der Bedeutung der Physischen Anthropologie für die archäologische Mayaforschung scheinen keine Grenzen gesetzt. Dies trifft in nicht geringerer Weise auch für die auf die rezenten Mayas gerichtete Forschung zu. Was diese betrifft, so ist auch hier eine Einbettung der Physischen Anthropologie in gesamtgesellschaftliche Fragen zu beobachten: man begnügt sich heute nicht mehr nur damit, bestimmte biologische Merkmale zu registrieren, sondern setzt sie in Bezug zu praktischen Fragestellungen, die das tatsächliche Leben der Indianer betreffen. Auf die genetischen Untersuchungen, die die mexikanische Kommission für Kernenergie in den sechziger Jahren durchführte und die einen alarmierenden Befund erblich bedingter Krankheiten erbrachten, haben wir bereits hingewiesen. Auch auf die ernährungswissenschaftlichen Untersuchungen, die Goubaud Carrera im Auftrage des Carnegie-Instituts in Guatemala durchführte, deuteten wir hin. Sie sind inzwischen durch zahlreiche Ergänzungsstudien (s. Scrimshaw u. Tejada 1970: 207) vervollstän-

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digt worden, die ein Bild ergeben, das keineswegs Anlaß zur Zufriedenheit geben kann. So kommen Scrimshaw und Tejada (ebd.: 223) in einer systematischen Auswertung aller verfügbaren Daten zu folgendem Ergebnis: »The Maya of Guatemala, like most other Indian groups of Middle America, are susceptible to nearly all the health hazards of temperate zones plus those characteristic of the American tropics. Although these are essentially the same as those of non-Indian, low-income groups living under similar predominantly rural traditions, the Indians suffer to a greater degree because of their general ignorance of health procedures, limited availability of medical care, and poorer housing, sanitation, and nutrition. They are particularly vulnerable to infectious diarrhea, intestinal parasitism, and other conditions associated with inadequate watersupplies and lack of sanitary waste disposal. Even common infections are more likely to have serious consequences because of the simultaneous presence of malnutrition.« Der Unterschied zum Befund, der die klassische Zeit betrifft, liegt in dem Umstand, daß es sich um heutige Indianer handelt, die sozusagen unter uns leben und demnach besondere Aufmerksamkeit verdienen. Der Eindruck, den man jedoch gewinnt, ist der, daß die Vergangenheit viel interessanter ist: sie fordert einen geradezu detektivischen Spürsinn heraus, den man nur zu gerne mit Erkenntnisgewinnung gleichsetzt, einer Grundforderung der Wissenschafts. Mit diesem Alibi ausgestattet, geht man konfliktiveren Fragen aus dem Wege: man begnügt sich allenfalls damit, zu konstatieren, daß es den Mayas (nicht nur in Guatemala) schlecht geht; warum das so ist, zu den eigentlichen Ursachen (Krankheiten und Mangelernährung sind ja nur Symptome eines Übels, das viel tiefer liegt) vorzustoßen, wird nicht als legitime Aufgabe der Mayaforschung betrachtet. Das überläßt man (wenn man überhaupt einen Gedanken darauf verschwendet) lieber anderen Wissenschaften, deren Erkenntnisse, um die Idylle nicht zu stören, man denn auch besser nicht zur Kenntnis nimmt. Es muß immer wieder auf diesen Mangel der Mayaforschung hingewiesen werden, und die Physische Anthropologie (und ihre Anwendung) sind ein Zweig, der noch viel intensiver genützt werden könnte. Die prekäre Situation des Indianers wird überall deutlich. Auch in einer Studie, die der Amerikaner John Holian (1985) vorlegte und in der er »Die Fruchtbarkeit von Maya-Indianerinnen und Ladino-Frauen« vergleicht. Er schreibt (S. 99): »The rugged central highlands of Chiapas and the hot, humid lowlands of the Yucatán Peninsula have long been inhabited by descendants of the great Maya civilization. Maya language and culture have permeated Yucatán to a much greater extent than Chiapas, although southeastern Mexico as a whole is poor, underdeveloped, and historically isolated from the rest of the country. The safest

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conclusion arising from the analysis of individual-level census data is that in both regions, socioeconomic differences between Maya and ladino women are much larger than fertility differences. In terms of a theoretical framework for explaining what fertility differences do exist, a socioeconomic model appears to be more relevant than a cultural model, particularly for Yucatán.« Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie den Kulturbegriff erweitert beziehungsweise spezifiziert: nicht die Kultur als amorphes Gesamtgebilde, sondern bestimmte gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren - Erziehung, Wohnsitz, Beruf - bestimmen die Rolle und damit auch die Fruchtbarkeit der Frau. Dies ist zumindest in Yukatan der Fall, wo die gesamtgesellschaftliche Veränderung weiter vorangeschritten ist als in Chiapas, wo die Unterschiede in der jeweiligen Rolle der Frau noch nicht so ausgeprägt sind. Andererseits ist in Chiapas - im Gegensatz zu Yukatan - die ethnische Distanz noch immer voll ausgebildet, was im Extremfall bis zum Rassismus reicht. Dieser wird zwar, im Zusammenhang mit Lateinamerika, häufig negiert, indem man die Unterschiede, die zwischen Indianern und anderen, dominanten Bevölkerungsgruppen bestehen, als kulturell bedingt definiert, woraus sich eben ein Rassismus, der sich auf die biologische Andersartigkeit, in diesem Falle Minderwertigkeit, bezieht, nicht ableiten ließe. Der Befund zeigt, daß es in der Praxis unerheblich ist, ob tatsächlich rassische oder nur kulturelle Unterschiede bestehen: der Indianer ist (aus der Sicht dessen, der in Lateinamerika - und auch anderswo - über ihn urteilt) minderwertig. Das ist überall zu beobachten, auch im Mayagebiet, wie zahlreiche Studien zu sogenannten interethnischen Beziehungen belegen. So schreiben Colby und van den Berghe (1961: 781), die diese Art Beziehungen in Chiapas untersuchten: »Generally, ethnic relations in the Chiapas highlands are of a type that one of the authors [van den Berghe] has called ... 'paternalistic'... Ladinos treat Indians condescendingly, but often with a touch of affection. Indians are considered primitive, uncultured, ignorant, unreliable, irresponsible, and childish. They are referred to by ladinos as 'inditos' (literally, 'little Indians') or 'muchachos' (i. e. children) regardless of age.« Ob sie nun als Kinder bezeichnet oder »paternalistisch« behandelt werden, als Tatsache muß gewertet werden, daß die Indianer als »primitiv, ohne Kultur und unwissend« eingestuft werden, was einer Abstempelung als minderwertig gleichkommt. Nun soll keineswegs die Möglichkeit in Abrede gestellt werden, daß der Indianer nicht nur einen anderen Bildungsgrad hat, sondern auch einen anderen Intelligenzquotienten als der Weiße oder der Ladino. Doch dies ist kein inhärentes, rassisches Merkmal, wie Untersuchungen an amerikanischen Rekruten, die Weiße und Neger umfaßten, ergaben: danach wurde eindeutig nachgewiesen, daß der Intelligenzquotient nicht biologisch bedingt ist, sondern in Relation zum sozialen Umfeld steht. Der

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Kernsatz, wie ihn Heberer et al. (1970: 251) formulieren, die das Beispiel zitieren, lautet: »... je mehr sozial gleiche Gruppen verglichen wurden, desto stärker glichen sich die Testergebnisse an.« Im übrigen gibt es Indizien dafür, daß spezielle Begabungen - die beim einen vorhanden sein mögen, während sie beim anderen fehlen kulturell determiniert sind (ebd.). Der Indianer mag also dem Weißen in Fähigkeiten überlegen sein, die bisher noch nicht erkannt oder untersucht worden sind. Studien dieser Art wie auch Testreihen analog zu den Untersuchungen in den USA könnten wesentlich dazu beitragen, den Mythos, der sich auch heute noch hartnäckig hält und nicht unwesentlich zur beklagenswerten Situation des Indianers beiträgt, daß er nämlich von Natur aus minderwertig sei, zu überwinden. Auch hier harren der Mayaforschung noch drängende Aufgaben.

6. Ethnologie Der Begriff der »Ethnologie« oder vielmehr sein Inhalt sind umstritten. Dies trifft selbst dann zu, wenn man vom internationalen Kontext absieht. So wird im deutschen Sprachraum der Begriff synonym mit »Völkerkunde«, »Kultur-« oder »Sozialanthropologie« verwendet (vgl. etwa Girtler 1977: 1). In den angelsächsischen Ländern herrscht zwar auch eine gewisse Verwirrung und Uneinheitlichkeit in der Verwendung der Begriffe (vgl. dazu Beattie 1964), doch kommt hier deutlicher als anderswo - zumindest in den USA - eine logische Gliederung zum Tragen. Man unterscheidet hier eine Allgemeine Anthropologie, die als Wissenschaft vom Menschen schlechthin bezeichnet wird, und zwei Unterbereiche, die Physische und die Kulturelle (oder Soziale) Anthropologie, wobei letztere wiederum in Ethnologie und Archäologie zerfällt. So schreibt Henderson (1976: 43) in einem systematischen Überblick: »Anthropology ... is the study of man from both a biological and a cultural perspective. That part of anthropology concerned with man as an animal species is called physical anthropology. The portion concerned with the ways of life devised by human beings living in societies is called cultural anthropology.« Was letztere betrifft, so erläutert er (ebd.: 44): »There is considerable variation in the way in which scholars divide the field of cultural anthropology. Historically its major divisions were archaeology and ethnology, with ethnology being subdivided into ethnography, linguistics, and social anthropology. Ethnography is the study of the way of life within a single tribe or group, while ethnology is the comparative study of two or more cultures or parts of cultures. Archaeology may be viewed as the ethnography and ethnology of extinct cultures.« Auch hier ist eine saubere Trennung noch nicht vollzogen (soweit es die Linguistik

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und Sozialanthropologie betrifft); immerhin ist ein konsequenter Aufbau ersichtlich: vom Spezifischen (ein Stamm oder eine Gruppe) zum Allgemeinen (der Mensch schlechthin), also Ethnographie, Ethnologie, Kulturanthropologie, (Allgemeine) Anthropologie. Am Anfang steht die Beschreibung (und Analyse) einer einzelnen Gruppe, am Ende eine allgemeine Theorie und generelle Aussagen über den Menschen in seiner Gesamtheit. Dabei wird - wenn auch nicht explizit - die Soziologie in dieses System der Humanwissenschaften integriert, wobei ihr eine parallele Rolle zur Ethnologie zufällt, da diese (und die Ethnographie) sich mehr mit Kleingruppen befaßt, die einer direkten Beobachtung zugänglich sind, während die Soziologie ihr Arbeitsfeld eher in der Untersuchung von Großgruppen sieht, was einen entsprechend weiter gefaßten methodischen Ansatz voraussetzt. Wie Fischer (1964: 646), der den Begriff »Social Anthropology« erläutert und ihn letztlich mit »Ethnologie« gleichsetzt, schreibt: »... social anthropology is held to be differentiated from sociology by being more concerned with small, non-literate societies, and by relying more on direct and intensive observations of social behaviour.« »Social« und »Cultural Anthropology«, wiewohl man ihnen einen unterschiedlichen Schwerpunkt zuordnen kann, der einem jeweils mehr auf die gesellschaftliche Struktur beziehungsweise kulturelle Erscheinungsform bezogenen Ansatz in England und den USA entspricht, zielen dennoch auf das gleiche ab: eine Synthese der Daten, um zu allgemeingültigen Aussagen über den Menschen als soziales und kulturschaffendes Wesen zu gelangen. So setzt man denn - zumindest die, die es in letzter Konsequenz sehen - nicht nur Soziale und Kulturelle Anthropologie gleich, sondern schafft auch - wie der amerikanische Anthropologe Kroeber (1948) - einen neuen Begriff: Soziokulturelle Anthropologie. Fischer (1964: 645) schreibt dazu: »Those writers who consider the distinction unnecessary tend to argue that all human social behaviour is influenced by cultural standards and defintions, and conversely that culture itself is essentially social, in its transmission and distribution among the members of a society.« Wir wollen uns dieser, hier skizzierten Gliederung anschließen und meinen, daß eine konsequente Ordnung und Definition eine Grundvoraussetzung ist, daß Wissenschaft nicht nur effektiv betrieben wird, sondern auch zu Ergebnissen gelangt, die gesellschaftlich relevant sind. Was letzteres betrifft, so ist - wiederum im angelsächsischen Sprachraum - ein Begriff entstanden, der speziell für die Anwendung der anthropologischen Wissenschaft steht: Applied Anthropology. Wie Margaret Mead (1964: 32), die ein besonderer Fürsprecher dieser Richtung war, schreibt: »Applied anthropology may be defined as the professional application of any one of the disciplines included in anthropology to human affairs. Application may be direct or indirect, on behalf of a client, a government, the anthropologist himself,

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or the anthropologist in conjunction with the groups studied.« Ursprünglich ein Ableger kolonialer Verwaltungspraxis, was sowohl für Großbritannien als auch die USA gilt, die mit den Indianern nicht minder patemalistisch umsprangen, weitete sich der Begriff und das, wofür er steht, auch auf andere Länder aus, namentlich auf Mexiko, wo er mit den Ideen des Indigenismo, die aus der Revolution resultierten, verschmolz. Auch hier blieb der Patemalismus ein Kennzeichen der »Angewandten Anthropologie«, ein Umstand, der erst in den sechziger Jahren erkannt (und kritisiert) wurde, so daß einige Korrekturen eintraten, die dennoch aber an der Fremdbestimmung des Indianers grundsätzlich nichts geändert haben. Die Anwendung der Wissenschaft zum Nutzen des Indianers, ausschließlich oder doch primär, ist auch heute noch ein Desiderat, in Mexiko ebenso wie anderswo. Was nun speziell Mesoamerika betrifft, so bilden die Mayas den einzigen größeren, zusammenhängenden Block indianischer Völker in diesem Gebiet, eine Tatsache, die allerdings insofern relativiert werden muß, als die Mayas heute auf verschiedene sogenannte Nationalstaaten verteilt sind, die durch eine fremde Kultur und Politik bestimmt werden. Innerhalb dieser Staaten bilden die Mayas offiziell eine »ethnische Minderheit«, auch wenn sie - wie im Falle Guatemalas - in Wirklichkeit die Majorität der Bevölkerung darstellen. Aus dieser besonderen Stellung der Mayas, die sich sehr wesentlich von anderen vormals kolonisierten Völkern in Afrika und Asien (wenn auch nicht im übrigen Amerika) unterscheidet, resultieren bestimmte Problembereiche, die jedoch nur zum Teil von der Wissenschaft aufgegriffen wurden. Generell ist festzustellen, daß zwar die Tatsache, daß der Indianer in einer größeren (staatlichen) Gemeinschaft lebt, gesehen wurde, daß dies aber nicht oder doch nur spät in die wissenschaftliche Arbeit einging. Die Mayaforschung war - und ist es zum größten Teil auch heute noch - (in dem hier behandelten Kontext) eine ethnologische Disziplin, das heißt, sie beschränkt sich auf ein Volk beziehungsweise eine Gruppe verwandter Völker und betrachtet diese als Isolat. Die Mayaforschung hat nicht (auch in ihrem ethnohistorischen Zweig) einen umfassenderen Ansatz gewählt, der allein Aufschluß über die Ursache und Wirkung, also die Prozesse, die zur jeweiligen Erscheinungsform der Mayakultur geführt haben, hätte geben können. Die Mayas wurden nicht (oder doch nur in Ausnahmefällen) im Kontext der auf sie einwirkenden Kulturen und Gesellschaften untersucht. Die Folge war und ist, daß sich ein statisches, weitgehend abstraktes Bild ergibt, das der Wirklichkeit nicht entspricht, da - zumindest seit der Conquista - die primären Faktoren, die die Kultur der Mayas bedingten, von außen stammten und diese folglich einen integralen Bestandteil dieser Kultur bilden. »Ethnologie«, womit wir dieses Kapitel überschrieben haben, ist folglich durchaus angemessen. »Kultur-« oder »Sozialanthropologie«, die einen größeren Rahmen - sowohl räumlich als auch zeitlich - setzen, wäre dagegen nicht gerechtfertigt. Damit ist schon sehr Wesentliches über die Art und Relevanz der bisherigen eth-

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nologischen Mayaforschung gesagt: es fehlt sowohl die historische Perspektive als auch der makrosoziologische Ansatz. Alles oder doch das meiste, was in diesem Zweig der Mayaforschung bisher betrieben wurde, bewegt sich in diesem engen Rahmen. Dabei ist es durchaus möglich, von bestimmten Entwicklungsstufen zu sprechen. Sie reichen von den Anfängen der ethnologischen Mayaforschung, die primär durch die Suche nach sogenannten Survivals geprägt waren, über die Periode des Carnegie-Instituts, das - soweit es die ethnologische Forschung betrifft - sich auf sogenannte Community Studies spezialisierte, bis zur Phase des paternalistischen Indigenismos, der zwar den Indianer im Kontext des Nationalstaates sah, diesen aber und nicht den Indianer - zum Bezugspunkt machte. Erst gegen Ende der sechziger Jahre, als die allgemeine Reflexion in den Sozial- und Geisteswissenschaften einsetzte, wurde der enge Kreis, den man um den Indianer gezogen hatte, durchbrochen, und es zeichnete sich jene Sicht ab, die man allgemein mit der Dependenztheorie in Verbindung bringt, obwohl dieser theoretische Ansatz keineswegs der einzige war, der das bisherige wissenschaftliche Gedankengebäude in Frage stellte. Anders als bei der archäologischen und auch linguistischen Mayaforschung gibt es bislang keine systematische Untersuchung über die Entwicklung der ethnologischen Mayaforschung. Obwohl auch hier inzwischen die Forschungen und Publikationen zu einer unübersehbaren Zahl angewachsen sind, ist dies doch ein Indiz dafür, daß man diesem Zweig der Mayaforschung nicht die gleiche Aufmerksamkeit widmet wie den beiden genannten Bereichen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Tatsache, daß es zwar regelmäßige Symposien oder Seminare zur Maya-Archäologie und auch zur Maya-Linguistik gibt, nicht aber zur Maya-Ethnologie. Dafür scheint es zwei Gründe zu geben: einmal wird die ethnologische Mayaforschung auch heute noch vielfach als eine Art Appendix zur Archäologie gesehen (vgl. dazu das Harvard-Chiapas-Projekt, dessen auf die Archäologie bezogener Ansatz in Kapitel III.3. im einzelnen untersucht wird); zum andern herrscht - mehr noch als in der archäologischen Forschung eine gewisse Diskrepanz in der Forschungstradition zwischen den Amerikanern einerseits und den Mexikanern (und Guatemalteken) andererseits, die sich weitgehend die ethnologische Forschung im Mayagebiet teilen (der Beitrag zu diesem Zweig der Mayaforschung von anderer Seite, der anfangs recht bedeutend war, ist inzwischen stark zurückgegangen). Der Unterschied in der Forschungstradition hat weitreichende Bedeutung, die über ein mögliches Hindernis für einen Dialog weit hinausreicht. Lomnitz-Adler (1986: 352), der eine Arbeit von Hewitt de Alcántara (1984) über die anthropologische Forschung in Mexiko bespricht, schreibt dazu: »... [one] avenue of distinction between U.S. and Mexican anthropological communities has to do with the nature of identification with the subject matter. U.S. specialists are divorced from their object of study. For many U.S. anthropologists, the most immediate link between Mexico and their lives is jobs, tenure, and promotion.«

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Anders in Mexiko: »The relations between Mexican intellectuals and country folk are ... more complex. Mexican anthropologists have been in different kinds of positions vis-à-vis rural policy; they have used their links with peasants to phrase demands in opposition to government, and have also gotten jobs, promotions, etc., on the basis of their ... studies of peasants. The link, therefore, between peasant cultural forms and anthropological ways of life is therefore more varied and complex: an antiromantic or extremely critical view of folk cultures in Mexico is not necessarily related, as it may be in the U.S., to pro-imperial politics or to 'not caring' about the people involved. On the other hand, Mexican anthropologists who defend folk culture are actively involved in shaping a national cultural policy: anthropologists become 'the voice' of the (muted) peasant, which is altogether different from the kind and purpose of identification sought by U.S. academics.« (Ebd.) Ähnlich ist die Situation bezüglich Guatemalas (s. Méndez-Domínguez 1975), obwohl hier - Méndez spricht, wie wir bereits erwähnten, von einer »kleinen« (nationalen) Tradition, die einer »großen« (der amerikanischen) gegenübersteht - die Anthropologen kaum eine entscheidende Rolle im gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Leben spielen. Im Vergleich zu Mexiko sind sie geradezu inexistent, was freilich nicht unbedingt ihre Schuld ist, stellt man die extremen politischen Pressionen in Rechnung, denen jeder, der Kritik übt, ausgesetzt ist. Festzuhalten ist, daß amerikanische und lateinamerikanische Anthropologen häufig eine andere Sprache (sowohl, was ihre Auffassung von Wissenschaft, als auch ihre Rolle in der Gesellschaft betrifft) sprechen und daß daraus ein Unvermögen oder doch ein erschwerendes Hemmnis resultiert, miteinander zu dialogisieren, woraus ein jeder (und die Wissenschaft) Nutzen ziehen könnten. Was beim einen an Disziplin und Systematik fehlt, geht dem anderen an Engagement und Verantwortung ab. Daß sich diese beiden Ansätze oder besser: Einstellungen zur Wissenschaft gegenseitig ausschließen, ist eine Hypothese, die häufig geäußert wird, aber nicht allein deshalb glaubhafter wird. Es ist durchaus daran zu denken, daß ein engagierter Wissenschaftler objektiv bleibt oder vice versa. Aber davon später. Wir haben darauf hingewiesen, daß Ethnologie nicht gleich Ethnologie ist. Landa, dessen Arbeit man durchaus als ethnographisch bezeichnen könnte, ist dennoch aus heutiger Sicht kein Ethnologe. Ähnliches gilt für Stephens, der zwar hauptsächlich archäologisches Interesse hatte, darüber hinaus aber auch - wie wir vermerkten - Beobachtungen zur Lage der Indianer in seiner Zeit machte. Auch Otto Stoll betrieb zwar ethnologische (und linguistische) Studien, doch das Material, das er zusammentrug, ist weniger »veraltet« als vielmehr »historisch«, das heißt, es spiegelt eine Zeit wider, die nicht die Gegenwart (unsere Gegenwart) ist. Landa, Stephens und Stoll waren zwar selbst ethnographisch tätig, doch die Daten, die sie hinterließen, sind heute der Ethnohistorie zuzuordnen.

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Wir müssen also unterscheiden zwischen Forschung und Ergebnis: nur ersteres gehört im engeren Sinne in dieses Kapitel. Letzeres kann nur dazu dienen, was freilich bisher übersehen worden ist, die neuere Geschichte (sieht man von Landa einmal ab) zu erhellen. Die Frage taucht also auf, was ist noch Ethnologie, und wo beginnt bereits die Ethnohistorie. Die Forscher mögen, von ihrer wissenschaftlichen Zuordnung her, gleicher Art sein, doch ihrer Aussage nach gehören sie in verschiedene Bereiche: wo ist die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit? Die letzte, dem Heute am nächsten stehende Phase der Geschichte wird von den Historikern als »Zeitgeschichte« bezeichnet. Sie ist durch Ereignisse geprägt (und findet dadurch ihre Abgrenzung), die aus der unmittelbaren Vergangenheit in die Gegenwart reichen; ihre Grenze ist nicht eindeutig festgelegt, doch reicht sie nicht weiter als zwei Generationen zurück (vgl. dazu Besson 1968: 264ff.). Da die Gegenwart (nach diesem Schema) nur als ein Produkt der Vergangenheit begriffen werden kann, bilden Vergangenheit und Gegenwart zwar ein Kontinuum, lassen sich dennoch aber analytisch trennen, insofern, als die Gegenwart das Erscheinungsbild von Kräften ist, die in der Vergangenheit wirkten. Dieses Erscheinungsbild ist der Gegenstand der Ethnologie beziehungsweise Ethnographie; was es bewirkte, gehört, streng genommen, in den Bereich der Ethnohistorie und zwar innerhalb dieser Zweigdisziplin in jenen Teilbereich, den man als zeitgeschichtliche Ethnohistorie bezeichnen könnte. Aus dieser Unterteilung resultiert die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Ethnologen und Ethnohistorikern, was allerdings voraussetzt, daß man sich seiner jeweiligen Grenzen (und Zuständigkeiten) bewußt ist und nicht, wie bisher, es mal dem einen, mal dem anderen überläßt, den zeitlichen (und fachlichen) Grenzbereich zu behandeln (oder ihn, was noch häufiger geschieht, einfach ganz wegzulassen). Es mag müßig erscheinen, diesen Punkt zu erwähnen, da man meint, daß er in der Praxis kaum eine Rolle spielt: aber genau das ist der Grund, weshalb er hervorgehoben werden muß. Nicht nur die Zeit, auch das, was ihre konkrete Manifestation ist, die Entwicklung menschlicher Kultur, bildet ein Kontinuum, und es ist nur dann richtig zu deuten, wenn man es in seiner Einheit oder Gesamtheit berücksichtigt. Und da Ethnologen, genauer Ethnographen, keine Historiker sind (und umgekehrt), ist der eine auf den anderen - im Sinne einer konstruktiven, konsequenten Arbeitsteilung angewiesen. Damit ist aber noch immer nicht die Frage beantwortet, wo denn nun die Grenze (zwischen Ethnologie und Ethnohistorie) anzusiedeln sei: das einzige, was man konstatieren kann, ist, daß es sich um eine flexible Grenze handelt, die zwar, was den zeitlichen Abstand zur Gegenwart betrifft, konstant bleibt, sich dennoch aber laufend nach »oben« verschiebt. Deshalb die Diskussion: was für Stoll Gegenwart war, ist für uns Vergangenheit. Geht man von der Definition der Historiker (für den Begriff

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»Zeitgeschichte«), der Vergangenheit und Gegenwart berücksichtigt, aus, so könnte man die Gegenwart der zeitgenössischen Generation zuordnen und die Vergangenheit der zweiten von den Historikern ins Auge gefaßten Generation, die der gegenwärtigen vorausgeht. Das ist zugegebenermaßen eine sehr schematische Einteilung, aber mangels einer besseren (jedenfalls hat sich keine verbindliche Regelung durchgesetzt) mag sie für unsere Zwecke (und die der Mayaforschung) genügen: Ethnologie beziehungsweise Ethnographie ist all das, was vom Zeitpunkt der Untersuchung eine Generation umfaßt. Was weiter zurückreicht (und andere, der Geschichtswissenschaft zugehörige Forschungsmethoden bedingt), ist der Ethnohistorie zuzuordnen. Dieses programmatische Konzept soll uns nicht davon abhalten, einen kurzen Blick auch auf die ältere ethnologische Forschung zu werfen, denn es geht in dieser Arbeit ja in erster Linie um eine Forschungsgeic/wc/zie beziehungsweise um eine Bestandsaufnahme dessen, was im Bereich der Mayaforschung geleistet worden ist. Und da kann man zumindest Stoll (unter den älteren Forschem) als Ethnologen bezeichnen. Er hatte darüber hinaus, wie wir bereits gesehen haben, ein ausgeprägtes linguistisches Interesse und beschäftigte sich außerdem, auf Grund seiner Forschungen in Guatemala, in späteren Jahren mit Fragen der Völkerpsychologie (vgl. dazu Stoll 1894, 1908). Was speziell die Ethnologie betrifft, so ist eine Arbeit zu erwähnen, die 1889 erschien. Sie stellt den ersten Versuch dar, ein zusammenhängendes Bild der rezenten Indianer in Guatemala zu entwerfen. Eine Fortsetzung fanden die Arbeiten von Stoll in den Untersuchungen von Sapper, der sich vor allem auf das Gebiet der Kekchi konzentrierte, wo sein Bruder eine Kaffeefinca besaß und er sich deshalb ausführlicheren ethnographischen Studien widmen konnte. Erwähnenswert sind besonders zwei Arbeiten (Sapper 1890, 1922), die »Die soziale Stellung der Indianer ...« auf den Kaffeeplantagen und »... den Charakter ... der Kekchi-Indianer« zum Gegenstand haben. Bemerkenswert ist auch eine Zusammenfassung der gesamten ethnographischen Kenntnisse der indianischen Völker Mittelamerikas, wie sie zu Beginn unseres Jahrhunderts bestanden (Sapper 1904). Die Tradition, die Stoll und Sapper begründeten, setzte der Deutsche Termer fort. Er war wie Sapper (und auch Stoll) nicht eigentlich oder ausschließlich Ethnograph; wie Sapper, dessen Schüler er war, war Termer eigentlich Geograph. Als solcher hatte er wesentlichen Anteil an der geographischen Erforschung des Mayagebietes; doch widmete er sich, der auf den Spuren Sappers wandelte, auch der Ethnographie, insbesondere Guatemalas, wozu er eine größere Arbeit vorlegte (Termer 1930). Es ist eine allgemeine ethnologische Übersicht, die mehr den Charakter eines Kompendiums hat und nur an einzelnen Punkten, wie beispielsweise dem Kalender und der Religion, in die Tiefe geht. Dafür hat die Arbeit von Termer den Vorteil, was ja auch schon bei Stephens und Stoll anklang, daß sie in unmißverständlicher Weise auf die prekäre Situation der Indianer hinweist und daraus die Forderung einer Neuordnimg der Wissenschaft ableitet. In den Worten Termers (ebd.: 468f.):

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»[Es]... ist versucht worden, in einem Überblick den heutigen Zustand der Indianer des nördlichen Mittelamerika vom ethnologischen und ethnographischen Standpunkt aus zusammenzufassen. Es geht daraus hervor, daß dieser in absehbarer Zeit verlassen werden muß, da die immer stärker sich durchsetzende Vermischung der indianischen Kultur alten und kolonialen Gepräges mit den modernen Errungenschaften des technisch-kapitalistischen Zeitalters diese Eingeborenen als eigenwertige Kulturfaktoren in jenen Ländern ausschaltet. An die Stelle des Ethnologen und Ethnographen, wie er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine reiche Ernte unter den Indianern Guatemalas, schon eine spärlichere unter jenen der Nachbargebiete halten konnte, wie er heute schon auf den Zufall angewiesen ist, wenn er neue bisher unbekannte Äußerungen des Kulturlebens dieser Menschen auffinden will, wird jetzt bald der Sozialpolitiker zu treten haben, wie es in Mexiko bereits zu bemerken ist. Die Probleme und somit die Forschung der Zukunft unter den Eingeborenen Mittelamerikas, um dieses Gebiet speziell herauszugreifen, werden sozialpolitisch und, wenn wir den von Rudolf Kjellen geprägten und von Julius Lips in die moderne Völkerkunde übernommenen Begriff der Ethnopolitik anwenden wollen, ethnopolitisch gerichtet sein müssen.« Termer begründet seine Forderung nicht nur mit dem Hinweis auf einen fortschreitenden Kulturwandel, der den Indianer seiner Kultur entfremdet, sondern er weist auch ausdrücklich auf die soziale Degradierung (und wirtschaftliche Ausbeutung) des Indianers durch die, die über ihm stehen, hin. Er schreibt (ebd.: 471): »Wenn der Fremde heute nach Guatemala kommt, dann erscheint ihm der indianische Volkskörper in seiner Gesamtheit als der tiefstehende allseitig von den übrigen Bevölkerungselementen verachtete Menschenschlag, der nur ein Hemmnis für die weitere Entwicklung des Landes darstellt. Man kann dementsprechende Äußerungen nicht nur von Vertretern der führenden Oberschicht der Landeseinheimischen, sondern auch von Fremden hören, die seit langen Jahren dort ansässig und aufs Beste mit den Verhältnissen vertraut sind. Hier wirkt noch immer wie in den übrigen iberoamerikanischen Ländern etwas von jener Einstellung der Konquistadoren nach, die in unglaublicher Selbstüberhebung in dem Indianer nur ein vernunftloses Wesen sahen, die die Eingeborenen fast nur wie Tiere betrachteten, als die 'gente sin razon', wie es so häufig in zeitgenössischen Quellen zu lesen ist.« Die mahnenden Stimmen von Termer, Stoll und Stephens verhallten ohne Echo; erst in unserer Zeit, als die Situation in Guatemala sich derart zuspitzte, daß man bereits offen von Völkermord sprach (Amnesty International 1981), griff man die Gedanken auf, die erstmals vor über hundert Jahren geäußert worden waren. Für die Mayaforschung kein rühmliches Blatt.

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Neben der sozialen Anklage, die Termer erhob (und die er übrigens auch selbst nicht weiterverfolgte), ist seine Arbeit vor allem durch die Hinwendung auf traditionelle, autochthone Kulturelemente gekennzeichnet. Dies war (und ist zum Teil auch heute noch) ein allgemeines Interesse, das in der ethnologischen Mayaforschung vorherrschte. Bereits Sapper wandte sich in besonderer Weise den Überlieferungen der Indianer zu und veröffentlichte dazu schließlich (1925) einen speziellen Beitrag, in dem er sich mit dem alten Zauberglauben der Indianer, Brujería genannt, auseinandersetzte. Systematischer ging die Frage, inwieweit sich das traditionelle, ursprüngliche Brauchtum der Indianer erhalten hatte, jedoch erst der Amerikaner Tozzer an, der in den Jahren 1902-05 intensive Feldforschungen in Yukatan und Chiapas betrieb. Dabei konzentrierte er sich besonders auf die Lakandonen, die im Grenzgebiet zum Petén in einem Rückzugsgebiet lebten und im Vergleich zu den yukatekischen Mayas, mit denen sie sprachlich verwandt sind, einen hohen Grad kultureller Resistenz aufwiesen. Wie Tozzer am Ende seiner Arbeit (1907: 164f.), die das Ergebnis seiner Untersuchungen war, schrieb: »We find ... much of importance still preserved in the life and customs of the natives of Yucatan and the country to the southward. I have tried to bring out throughout this paper the results of European contact upon what was once in all probability a homogeneous people, the Mayas under the influence of Spanish rule since the earliest days of the Conquest and the Lacandones who have singularly been left to themselves after the first vain attempts at Christianizing them. The remarkable preservation of the native Maya language in Yucatan, together with the dress and many domestic customs, to say nothing of the survivals of the native religious ideas throughout the peninsula, points to a wonderful vitality, and to some inherent power against any change, which is possessed in a rare degree by the Mayas of Yucatan. If, in language, dress and in much of the religion, survivals are found among the civilized Mayas of the north, it may rightfully be expected that among the Lacandones, than whom no people in Mexico and Central America has been more free from outside influence, we should find a far closer relation between the former culture and that existing at the present time. I have tried to point out the more relevant of these survivals, the pilgrimages to the ruined cities, the use of the stone idols and clay incense-burners, the latter being renewed at certain intervals, the copal nodules found in the ruins and also in use today, the ear cut with the stone knife, compulsory drunkenness, survivals of the names of many of the gods, identity of rites pictured in the codices with those celebrated at the present time, and the similarity in the character of the offerings. Thus we might go on finding more and more examples of survivals in the life of the Mayas and the Lacandones.« Eines jedoch fand Tozzer nicht: er fand keinerlei Hinweis dafür, daß die Indianer

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heute, Lakandonen ebensowenig wie Yukateken, den hohen Grad geistiger Kultur bewahrt hatten, der einst ihre Vorfahren, die klassischen Mayas, ausgezeichnet hatte. Als Erklärung führt er an, daß die Höhenflüge der Mayas das Vorrecht einer Priesterklassse waren und daß diese (und damit auch die hohe Kultur der Mayas) zugrunde ging, als die Spanier in die Neue Welt einfielen. Die Lakandonen (und Yukateken) seien nur Abkömmlinge der niederen Klasse, des Volkes, dem die eigentlichen kulturellen Leistungen der Mayas verschlossen geblieben seien. »This element ...«, schreibt Tozzer (ebd.: 167) über das gemeine Volk, »has as its descendant the Lacandones of the present time, who have kept up what there is yet remaining of the former rites. We find, as we have seen, the ceremonial side still existing in the many survivals, but as for explanations touching upon the deeper significance of the religion and reasons for the line of thought necessary to explain the hieroglyphic writing, we meet with disappointment.« Was für die Tieflandmayas gilt (der Engländer Thompson [1930] kommt auf Grund einer Studie über eine Mayagruppe in Belize zu einem ähnlichen Schluß), trifft, wenn auch in abgewandelter Form, auch für die Hochlandmayas zu. Hier sind seit den zwanziger Jahren Forschungen durchgeführt worden, die - wenn auch nicht ausschließlich - so doch in besonderer Weise ihr Augenmerk auf »Survivals« richteten. Als Beginn kann man eine Expedition nennen, die der Däne Frans Blom und der schon genannte Oliver La Farge 1925, im Auftrage der Tulane-Universität, unternahmen und die über Tabasco nach Chiapas und Guatemala führte, wo man von der Existenz eines alten Kalenders, wie er für die klassische Zeit kennzeichnend war, erfuhr, was La Farge zwei Jahre später zu einer gezielten Studie, die diesem Thema gewidmet war, veranlaßte. Unter dem Titel »The Year Bearer's People« (und der Koautorschaft von Douglas S. Byers) erschien sie 1931, während eine zweite Arbeit, in der La Farge seine auf die traditionelle Kultur der Indianer gerichteten Studien erweiterte, 1947 veröffentlicht wurde. Ein Bericht über die Expedition von 1925 war bereits in den beiden folgenden Jahren erschienen (Blom u. La Farge 1926/27). Eine zweite Expedition, die das Museum of the American Indian in New York ausschickte, verfolgte eine ähnliche Zielsetzung: aus dieser Initiative gingen die Arbeiten von Samuel K. Lothrop (1927, 1928, 1929) hervor, der sich auf das Gebiet des Atitlän-Sees konzentrierte. In den dreißiger Jahren kam ein neues Thema auf, das die Ethnologen beschäftigte: die Gemeinde- oder Dorfstudie. Sie verdrängte den älteren Ansatz, der auf bestimmte Aspekte der indianischen Kultur, die als Relikte aus vorspanischer Zeit bezeichnet werden können, abgezielt hatte. Dennoch blieb dieser Ansatz nicht gänzlich vergessen, und es hat Forschungen, die sich speziell bis ausschließlich mit Survivals befassen, bis in die Gegenwart gegeben. Als Beispiele mögen die Arbeiten von Lincoln (1942), Oakes (1951), Ritzenthaler (1963), Villa Rojas (1968) und Hinz (1976) dienen. Auch der »genetische Ansatz«, mit dem wir uns im nächsten Abschnitt befassen werden, gehört letztlich in diese Forschungstradition,

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versucht er doch, mittels heutiger Formen der Kultur Aufschluß über die Zivilisation der klassischen Zeit zu erlangen. Was nun die Gemeindestudien betrifft, so ist mit diesem Ansatz ein Name verbunden, der in der ethnologischen Mayaforschung eine besondere Bedeutung erlangte: Robert Redfield. Er definierte das Dorf oder die ländliche Gemeinde als eine homogene Einheit, die nicht nur typisch für die Mehrzahl der Bevölkerung in traditionellen Gesellschaften, das heißt den Ländern der Dritten Welt insgesamt, sei, sondern die sich auch als ein Idealtypus für die wissenschaftliche Forschung anbot. Dabei ging er zunächst davon aus, daß die Kultur, die diese Dörfer oder Gemeinden kennzeichne, nicht nur in sich, sondern generell einheitlich sei, weshalb er den Begriff »Folk Culture« prägte. Die empirische Basis für dieses theoretische Konzept erwarb Redfield in zwei Feldstudien, die er in Mexiko durchführte: zunächst in dem Nahua-Dorf Tepoztlän und dann, im Verein mit dem Yukateken Villa Rojas, in dem Maya-Dorf Chan Kom in Yukatan. Letztere Studie, deren Ergebnisse Redfield und Villa Rojas (1934) gemeinsam herausbrachten, stand bereits unter der Ägide des Carnegie-Instituts, das auch die weiteren Studien Redfields (und Villa Rojas') förderte. Sie gipfelten schließlich in einem Unternehmen, das über den engeren Rahmen der »Folk Society« hinausging, indem Redfield deren Kultur beziehungsweise Gesellschaft in einen größeren Zusammenhang, die Kultur in Yukatan schlechthin, stellte. Diese wies nämlich, wie er bei seien Forschungen erkannte, regionale Unterschiede auf, und zwar derart, daß sich ein Kontinuum ergab, das von der Urbanen, kosmopolitischen Kultur in Merida, der größten Stadt auf der Halbinsel, bis zur traditionellen, noch weitgehend autarken Kultur in Quintana Roo reichte. In den Worten Redfields (1941: 12): »Today, as one leaves Merida and passes through towns located on the railroad, and from them to villages ... [in the countryside], there is an apparent increase in the amount of Indian blood in the population, in the amount of the Maya language spoken relative to Spanish, and in the notorious existence of such obviously Indian customs and institutions as the performance of agricultural ceremonies to pagan deities under the direction of Maya-appearing, Maya-speaking shaman-priests. The hinterland is more rustic and more Indian.« Auf Grund seiner Untersuchungen, die er mit einem kleinen Team durchführte, kam Redfield zu dem Schluß, daß die kulturellen Unterschiede, die sich in dem Kontinuum manifestieren, dem Grad der »Isolierung und Homogenität« der jeweiligen Gemeinden entsprechen und daß der Wandel, der ihnen zugrunde liegt, drei konkrete Auswirkungen hat: »Auflösung der Kultur, Säkularisierung und Individualisierung« (ebd.: 339). Die Beobachtungen, die Redfield machte, fand er in einem sogenannten Restudy, einer Studie, die einem bereits erforschten Ort - in diesem Falle Chan Kom - gilt und gewöhnlich die Veränderungen seit der früheren Studie untersucht, bestätigt (Redfield 1950). Auch die Amerikanerin Mary L. Elmendorf (1973,1976), die sich gleich-

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falls Chan Kom zuwandte, wobei sie jedoch ihr Augenmerk besonders auf die Situation der Frau richtete, kam zu Ergebnissen, die die These von Redfield stützen. Sie schreibt (1976: 146): »And so, since the road opened in Chan Kom at least eighteen young women have left Chan Kom, according to Felicia [an informant], may be more she says, because now people are leaving all the time. Eight to Can Cum Five to Merida ... One to Mexico City Three to Quintana Roo One to Cozumel So in Chan Kom there are only two young unmarried women over thirteen left in the nine households I studied, and one, Felicia, wants to leave. In fact, she has made several short trips away - to Merida. She is questioning - as I feel the others are - what she should, must, might do. Not marry ... not yet... but who [...] This certainly spells change for Chan Kom - for both men and women.« Der Ansatz von Redfield, der über den eigentlichen Forschungsbereich der Ethnologie hinausreicht, indem er auch die Soziologie berücksichtigt, hat die Mayaforschung ein gutes Stück weitergebracht. Er trug wesentlich zur Klärung dessen bei, was man in der Anthropologie »Akkulturation« nennt, und nicht nur gab Redfield den Anstoß für weitere Gemeindestudien, die sich in der Folgezeit über das gesamte Mayagebiet ausdehnten, man wandte sich auch zusehends dem Kulturwandel zu, als dessen charakteristische Form (im Mayagebiet) man die Akkulturation, das heißt die kulturelle Anpassung des Indianers an die ihn umgebende und dominante, spanisch geprägte Kultur, ansehen kann. Besonders in Guatemala fanden die Gemeinde- und Akkulturationsstudien einen fruchtbaren Nährboden: sie reichen von der Definition eines Municipio (Tax 1937), womit die unterste (staatliche) Verwaltungseinheit, die jeweils durch eine individuelle Form der indianischen Kultur geprägt ist, gemeint ist, bis hin zu einer Studie über den Einbruch des »Maschinenzeitalters« in eine traditionelle indianische Gemeinde (Nash 1958). Dazwischen liegen Untersuchungen über die Chorti, eine Enklave der Mayas im Westen Guatemalas (Wisdom 1940), über die Gemeinden Chichicastenango (Bunzel 1952), Panajachel (Tax 1953) und San Luis Jilotepeque (Gillin 1951; Tumin 1952) und über die Auswirkungen der politischen Veränderungen, die im Gefolge des revolutionären Umschwungs in den Jahren 194454 auf die indianischen Gemeinden in Guatemala einwirkten (Adams 1957). Auch wenn gewöhnlich alle Aspekte der Kultur, sowohl geistiger als auch materieller Art, wie sie sich in einer bestimmten Gemeinde manifestieren, angesprochen werden, so zielen doch einige dieser Gemeindestudien - abgesehen vom Phänomen der Akkulturation, dem sich einige besonders widmen (z.B. Siegel 1941, 1942, 1954)

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- auf spezielle Bereiche ab. Das trifft beispielsweise für die Arbeit von Tax über Panajachel zu, der diesen Ort besonders unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten untersucht, sowie für die Studien von Gillin und Tumin, die sich einem Thema zuwandten, das einerseits die Pionierarbeiten von Redfield ergänzt, sie andererseits aber auch widerlegt. Handelt es sich doch bei dem Schwerpunkt, den Gillin und Tumin bei ihrer Arbeit setzten, um den Aspekt der interethnischen Beziehungen, die auch und gerade innerhalb einer Gemeinde zu beobachten sind, woraus hervorgeht, daß diese nicht homogen ist, wie Redfield in idealisierender Weise postuliert hat. Eine Kritik in dieser Richtung meldet auch Goldkind (1965) an, wobei er allerdings auf eine soziale Stratifikation innerhalb der Mayagesellschaft selbst hinweist. Gillin und Tumin fanden bei ihren Untersuchungen in Guatemala (die inzwischen auch auf Chiapas, wo die Situation ähnlich ist, ausgedehnt wurden; vgl. dazu Colby u. van den Berghe 1961; Colby 1966), daß ein erheblicher Unterschied nicht nur in der Kultur, sondern vor allem auch in der durch deren jeweilige Form bedingten Verhaltensweise und psychischen Grunddisposition besteht. Wie Gillin (1951: 122) auf Grund des Befundes in San Luis Jilotepeque, einem zu zwei Dritteln von Indianern und zu einem Drittel von sogenannten Ladinos, spanisch geprägten »Mischlingen«, bewohnten Dorf in der Nähe von Guatemala-Stadt, schreibt: »In general... the Indian orientation is passive and adjustive, whereas the Ladino attitude toward the universe and other men is aggressive and conflictual.« Dieser Befund, der sich mit den Forschungsergebnissen der obengenannten Autoren deckt, erhellt eine Situation, die bislang völlig vetkannt worden war: der Indianer und der Ladino leben nicht in einer harmonischen Gemeinschaft, und der Indianer ist nicht nur - politisch, wirtschaftlich und kulturell - untergeordnet, weil er durch die Conquista seine Selbständigkeit eingebüßt hat, sondern auch, weil er in seiner Persönlichkeitsstruktur Merkmale aufweist, die ihn dem Ladino unterlegen machen. Ob diese Merkmalszüge autochthonen Ursprungs sind, also bereits in vorspanischer Zeit angelegt waren, wofür einiges spricht, oder erst durch die Erfahrung der Eroberung und die nachfolgende koloniale Unterwerfung induziert wurden, also das Produkt einer Anpassung sind, was gleichfalls - indem ursprüngliche Verhaltensmuster reforciert wurden - wahrscheinlich ist: Tatsache ist, daß der Indianer heute durch eine Verhaltensweise gekennzeichnet ist, die es ihm - wenn nicht unmöglich macht - so doch zumindest erschwert, die Dominanz der Ladinos abzuschütteln. Diese Erkenntnis, so bedeutsam sie ist, hat sich dennoch nicht so weit durchgesetzt, daß sie zu einer Veränderung der politischen Verhältnisse, die durch eine völlige Entmündigung des Indianers geprägt sind, beigetragen hätte. Das kann man nicht unbedingt der Wissenschaft anlasten, die immerhin den Sachverhalt, auf Grund systematischer Forschung, konstatiert hat. Aber es ist durchaus die Frage berechtigt, ob sie mit dem gleichen Eifer für eine Veröffentlichung oder Verbreitung dieser Erkenntnis gesorgt hat, wie sie das geradezu selbstverständlicherweise bei einem große-

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ren archäologischen Fund tut. Daß die Rezeptionsbereitschaft der Öffentlichkeit bezüglich archäologischer Entdeckungen größer ist als hinsichtlich sozialer Mißstände, kann nicht geleugnet werden; um so größer müßten die Anstrengungen sein, daß man auch die weniger »gefragten« Entdeckungen an die Öffentlichkeit bringt. Das zumindest sollte man von der Wissenschaft erwarten; was dann die Öffentlichkeit mit diesen Erkenntnissen macht, das mag dann Aufgabe anderer sein. Aber auch letzteres wird durchaus als legitime Aufgabe der Wissenschaft angesehen. Zumindest in Mexiko, wo die Revolution und die auf sie zurückgehende Ideologie des Indigenismus ein Wissenschaftsverständnis begründete, das dem des herkömmlichen Berufsethos des Anthropologen - mit Ausnahme Englands - diametral entgegensteht: die Wissenschaft auch und gerade als Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Diese sogenannte Angewandte Anthropologie stellt einen weiteren Schritt in der Entwicklung der ethnologischen Mayaforschung dar. Sie konzentrierte sich vor allem auf Chiapas, das als letztes in die ethnographische Forschung mit einbezogen wurde und wo 1950 das erste regionale Entwicklungszentrum des Nationalen Indianerinstituts (INI) eingerichtet wurde. Die Anfänge systematischer ethnologischer Forschung in Chiapas gehen auf das Jahr 1938 zurück, als der Yukateke Villa Rojas, der zuvor mit Redfield in Yukatan gearbeitet hatte, mit längerfristigen Studien unter den Tzeltal begann, die wenig später der Amerikaner Tax, der den Grundstein der ethnologischen Forschung in Guatemala gelegt hatte, auf die Tzotzil, die zweite große Sprachgruppe der Mayas in Chiapas, ausweitete. Waren die Ergebnisse dieser anfänglichen Studien zunächst nur kleinere Arbeiten (Redfield u. Villa Rojas 1939; Villa Rojas 1947), so gipfelten die Forschungen unter der Leitung von Tax (der sich selbst weiter auf Guatemala spezialisierte) in den monographischen Werken des Mexikaners Ricardo Pozas (1952a, 1959) und der in Mexiko arbeitenden Kubanerin Calixta Guiteras Holmes (1961). Während Guiteras Holmes sich vor allem Fragen der sozialen Organisation (und dem geistigen Überbau) zuwandte, spezialisierte sich Pozas vornehmlich auf die Wirtschaft, wobei er auch einen Bereich anging, der zwar bezüglich Guatemalas hinlänglich bekannt war, was jedoch Chiapas betrifft, bisher verschwiegen worden war: die saisonale Arbeit der Indianer auf den Kaffeeplantagen (vgl. dazu Pozas 1952b). Mit dem Einsetzen staatlicher Entwicklungsarbeit ergab sich für die Wissenschaft, so, wie es von mexikanischer Seite gesehen wurde, eine neue Aufgabe: es mußte gezielt untersucht werden, wo die Arbeit ansetzen, wie sie verlaufen und welche Ergebnisse sie erzielen sollte. Mehr noch, Anthropologen wurden mit der Leitung des Entwicklungsprogramms betraut, so daß sie zugleich forschen und die Ergebnisse ihrer Forschungen selbst in die Praxis umsetzen konnten. Eine besondere Bedeutung in diesem Prozeß der Anbindung der Wissenschaft an die Praxis erlangte Villa Rojas, der zunächst Leiter eines praxisorientierten Ausbildungsprogramms für Verwaltungsanthropologen wurde, ehe er selbst die Leitung des regionalen Entwicklungszentrums

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des INI in San Cristóbal de las Casas (dem inzwischen zahlreiche weitere, sowohl im Mayagebiet als auch im übrigen Mexiko, gefolgt sind) übernahm. Die reine Forschung trat im Rahmen dieser praxisorientierten Arbeit der Ethnologen naturgemäß zurück: so gibt es denn wenige Untersuchungen, die über den praktischen Bezug hinausgehen, obwohl eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen, die auch unsere Kenntnisse über die traditionelle Kultur der Mayas erweitern (Aguirre Beltrán u. Pozas 1954; Villa Rojas 1959, 1964; de la Fuente 1965: 162ff.). Was die mehr der Praxis dienenden Untersuchungen betrifft, so seien - von mexikanischer Seite - die Arbeiten von Aguirre Beltrán (1954, 1955, 1957), Marroquín (1956) und de la Fuente (1964) zu erwähnen. Neben den Mexikanern haben auch andere sich mit dem mexikanischen Modell der Angewandten Anthropologie befaßt. Zu nennen sind in erster Linie Ulrich Köhler (o.J.), der eine Evaluierung des Entwicklungsprogramms des INI im Tzeltal-TzotzilGebiet durchführte, sowie einige amerikanische Anthropologen, die unter der Leitung von Evon Z. Vogt ein längerfristiges Forschungsprogramm in Chiapas inszenierten. Dieses sogenannten Harvard-Chiapas-Projekt, das von 1957 bis 1975 andauerte und unter der Ägide des Peabody-Museums stand, kann als Pendant zum Tikal-Projekt der Universität von Pennsylvanien angesehen werden, mit dem es nicht nur zeitgleich war, sondern auch an Aufwand und Output konkurrierte (s. Vogt 1978, 1979). Selbst der Gegenstand der Forschung kam sich zuweilen auffallend nahe, da Vogt, der zwar Ethnologe ist und das Chiapas-Projekt ursprünglich mit dem INI geplant hatte, schließlich eigene Wege ging, indem er sozusagen die Ethnologie zu einer Hilfswissenschaft der Archäologie degradierte. Wir werden auf diesen Aspekt, der mit dem Begriff »Genetisches Modell« in Verbindung steht, zurückkommen. Auch wenn Vogt von der Entwicklungsarbeit in die historische Forschung abdriftete, wobei das »Genetische Modell« sozusagen das theoretische Ergebnis des Chiapas-Projektes war, so bedeutet dies nicht, daß die über hundert Wissenschaftler, die in diesem Projekt mitarbeiteten, alle das gleiche machten: wie die Bibliographie, die die Ergebnisse dieses Projektes auflistet (Vogt 1978) zeigt, ist das Themenspektrum fast unbegrenzt: es reicht von der Linguistik (Laughlin 1975) und der Folklore, das heißt mündlichen Tradition (Gossen 1974), über die soziale Organisation (Collier 1968, Zimbalist 1966) und die politische Struktur (Cancian 1965a, Collier 1977) bis hin zur Wirtschaft (Edel 1966, Price 1968) und den Auswirkungen der Entwicklungsarbeit (Cancian 1965b, 1972). Schließlich hat Vogt selbst, für den das »Genetische Modell« eher ein Steckenpferd war, zu den verschiedensten Fragen Stellung genommen und im übrigen die vielseitigen Ergebnisse des Projektes, das sich besonders auf die Tzotzil-Gemeinde Zinacantán konzentrierte, in Form einer Dorfmonographie (Vogt 1966, 1969c, 1970) zusammengefaßt. Was Redfield und Tax für die erste Generation der ethnologischen Mayaforscher waren (sieht man von den Pionieren, die nur vereinzelt ethnographische Forschungen

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betrieben, einmal ab), das wurde das Chiapas-Projekt der Harvard-Universität für die heutige Generation: es war eine Schule, auf der ein Großteil der Forscher ausgebildet wurde, die heute den Ton in der Maya-Ethnologie angeben. In ähnlicher, wenn auch geringerer Weise trifft dies für ein zweites Projekt zu, das die Universität von Chicago unter der Leitung von Norman McQuown Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre in Chiapas durchführte (vgl. dazu McQuown u. Pitt-Rivers 1970). So verdienstvoll diese Arbeiten waren und so sehr sie das Datenmaterial über eine Region des Mayagebietes, die bisher vernachlässigt worden war, erweitert haben, so ist dennoch zu konstatieren, daß sie im Grunde in einer Tradition verhaftet blieben, die auf Redfield zurückging und seitdem - zumindest in den USA, die allerdings den weitaus größten Teil der ethnologischen Forschimg im Mayagebiet bestritten - richtungsweisend geblieben war. In den Worten von Norman B. Schwartz (1983: 340), der die bisher vorherrschende ethnologische Forschung in Mesoamerika mit neueren Ansätzen vergleicht: »To oversimplify somewhat, the history of modem (roughly 1930-60) anthropological field studies in Mesoamerica begins with Redfield's study of Tepoztlän. 'It is the first clear example of a detailed study focused on a single community' (Chambers and Young 1979: 47). Community studies predominated in the modem period, and most of them were holistic, functionalist, and synchronic investigations of towns and villages. While holistic functionalism may be properly understood as a field method as well as or even more than as a species of equilibrium theory, its use in Mesoamerica often made the Indian community appear as an isolated, bounded entity insulated from macrosocial process and structures ... Indians, it seemed, had a self-sealing set of customs, values, and objects, and their own distinctive identity, social organization, and economy. Tax's discovery that ethnic und municipio boundaries coincided reinforced the attractiveness of the community-study method. Consistent with all this, it was often assumed that (Indian) behavior was determined largely by psychocultural factors, and studies guided by this assumption appeared to confirm it.« Es scheint paradox, daß man gerade Redfield die »Schuld« an der »engen Sicht« der traditionellen Ethnologen anlastet, denn schließlich war er es, der mit seinem theoretischen Konzept eines »Folk-Urban Continuum« den Blick von der isolierten Gemeinde auf die Gesamtheit der Gesellschaft lenkte. Doch den Begriff »Gesellschaft« ersetzte er durch »Kultur«, was allein schon im Titel seiner entscheidenden Arbeit zu diesem Thema (Redfield 1941) zum Ausdruck kommt: dadurch engt er die Sicht auf das Erscheinungsbild ein; er fragt nicht (und untersucht es auch nicht), welche Prozesse und Strukturen zu diesem segmentären Erscheinungsbild geführt haben und es aufrecht erhalten. Es fehlt also die historische und die gesamtgesellschaftliche Perspektive, die allein Aufschluß darüber geben kann, welche Kräfte tatsächlich in einer bestimmten Gemeinde wirken und welche Faktoren gegebenenfalls dazu beitra-

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gen können, die Konstellation dieser Kräfte und ihre Auswirkungen zu verändern. Es ist also letztlich ein statisches Bild, das Redfield und alle, die ihm folgten, entwerfen: mehr noch, indem man die gegebene Situation als konstant und unveränderlich ansieht (Akkulturation wird als ein auf die Gemeinde begrenztes Phänomen begriffen), erhält dieser Ansatz beziehungsweise der Zustand, den er vorgibt zu erhellen, zugleich einen normativen Anstrich. Er dient letztlich zur Bestätigung des status quo. Diese Sicht herrscht auch heute noch in der ethnologischen Mayaforschung vor. Dennoch, wie der Beitrag von Schwartz beweist, der sich auf ein Symposion bezieht, das 1979 anläßlich des 43. Amerikanistenkongresses in Vancouver stattfand, geht man inzwischen auch andere Wege. Schwartz (1983: 342) faßt sie folgendermaßen zusammen: »The concern with macrosócial-microsocial links and all this implies for new approaches to the community is salient. This is often connected with an interest in 'developmental' processes - 'modernization' having fallen on hard times. In this context, there is a marked tendency to give primacy to political economy and to make culture secondary to the analysis of customs and patterns of behavior. The incorporation of local units into larger ones is now a major focus of research ..., although in some ways this trend goes back at least to the 1956 publication by Steward, et al. on Puerto Rico. It also is useful to recall that in fact Mesoamerican communities are less isolated than before.« Eine Gemeinschaft wie ein indianisches Dorf als einen integralen Bestandteil einer größeren Einheit (der Region, des Staates oder der Nation) zu begreifen, ist der erste Schritt zu einer realistischeren Einschätzung der Situation des Indianers. Ein zweiter besteht darin, die Natur dieser Einbindung zu bestimmen, und dieser Schritt ist bislang eigentlich nur von den Lateinamerikanern selbst vollzogen worden, die sich dabei auf eine Theorie stützen, der man den Namen Dependencia gegeben hat. Wir werden darauf speziell im nächsten Abschnitt zurückkommen; es mag hier genügen, darauf hinzuweisen, daß es sich bei der Dependenztheorie um ein Erklärungsmodell handelt, das zusätzlich zur regionalen oder gesellschaftlichen Ausweitung auch die historische Komponente berücksichtigt, also einen holistischen Ansatz in sowohl räumlicher als auch zeitlicher Dimension darstellt. Damit wird nicht nur die Perspektive erweitert, sondern es werden auch Kausalfaktoren erhellt, die bislang nicht oder doch nur ungenügend berücksichtigt wurden. Wie jede Theorie ist auch der Dependencia-Ansatz nur eine Interpretation der Realität; doch sie hat zu entscheidenden Erkenntnissen geführt, die heute aus der Diskussion um die Unterentwicklung beziehungsweise Fremdbestimmung Lateinamerikas (und damit auch des Indianers) nicht mehr wegzudenken sind. Obwohl auch diese bislang letzte »Tradition« in der ethnologischen Forschung inzwischen schon zwanzig Jahre alt ist, ist die Produktion konkreter Arbeiten bislang

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doch noch relativ klein. Auf Mesoamerika generell bezogen, könnte man in gewisser Weise als Pionierarbeit den sechsten Band des Handbook of Middle American Indians (Nash 1967) betrachten, der unter dem Titel »Social Anthropology« zumindest in seinem zweiten Teil auf Fragen eingeht, die über den engen Ansatz einer Gemeindestudie hinausgehen. Es finden sich dort Beiträge zu Themen wie Nationalisierung, Gelenkter Wandel, Urbanisation und Industrialisierung. Gleichfalls den gesamten Raum Mesoamerikas betreffend, ist die Sammlung von Arbeiten zu erwähnen, die das Ergebnis des Symposions ist, das 1979 in Vancouver abgehalten wurde (Kendall et al. 1983). Diese Aufsatzsammlung, deren Titel (»Heritage of Conquest: Thirty Years Later«) sich auf eine Arbeit (Tax et al. 1952) bezieht, die den Stand der ethnologischen (auf Mesoamerika bezogenen) Forschung Mitte des Jahrhunderts darstellte, kann heute als repräsentativer Ausschnitt der progressiveren Richtung in der Ethnologie beziehungsweise Anthropologie in den USA angesehen werden. Der Begriff »Anthropologie« (oder »Social/Cultural Anthropology«) erhält übrigens erst jetzt, durch diesen neueren Ansatz, seine tatsächliche Berechtigung. Was speziell die Mayas betrifft, so kann man zu der neueren Schule die Arbeiten von ÄJV. Adams (1970), Favre (1971), Pozas und Pozas (1973), Westphal (1973) und Hawkins (1984) zählen. Bezeichnenderweise ist nur eine dieser Arbeiten (Pozas u. Pozas) der Dependenzschule zuzuordnen, während die anderen zwar historische und/oder gesamtgesellschaftliche Daten mit einbeziehen, sich aber einer holistischen Theorie, die - wie die Dependenztheorie - zum Dogmatismus neigt, enthalten. Favre und Westphal untersuchen den Prozeß des Wandels am Beispiel von Chiapas, wobei sie ihre Arbeiten in den Kontext der Entwicklungsproblematik stellen, während Adams und Hawkins ihr Augenmerk auf Guatemala lenken, das sie als kulturelle beziehungsweise gesellschaftliche Ganzheit begreifen. Speziellere Arbeiten, die der neueren Schule zuzurechnen sind, reichen von den »Problemen der Urbanisation in Guatemala« (SISG 1965) über einen historischen Abriß zur demographischen Entwicklung im Hochland von Guatemala (Carmack et al. 1982) bis zur diachronen Gesamtschau der Mayas im östlichen Yukatan (Bartolomé u. Barabas 1977). Über letzteres Gebiet sind kürzlich auch zwei Arbeiten jüngerer deutscher Forscher erschienen (Probst 1986, Rieth 1986), deren Bedeutung jedoch weniger in der Berücksichtigung eines gesamtgesellschaftlichen Kontextes liegt, als vielmehr in einem innovativen methodischen Ansatz. Bei Probst handelt es sich um die Anwendung eines Computermodells, um auf diese Weise zu einer adäquaten Abbildung der untersuchten Gesellschaft beziehungsweise ihrer Kultur zu gelangen, bei Rieth um die Auswertung einer Fragebogenaktion, womit eine der systematischen Methoden der empirischen Sozialforschung in die Mayaforschung Eingang findet. Insgesamt gesehen steht die ethnologische Mayaforschung noch am Anfang einer neuen Phase, die sowohl methodisch als auch theoretisch bemüht ist, Lücken zu schließen, die in der Vergangenheit nicht gesehen oder anders gedeutet wurden und

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denen es - bei aller Anerkennung der Leistungen der älteren Generation - zu verdanken ist, daß die ethnologische Mayaforschung letztlich nichts oder doch nur wenig zur Existenzsicherung der Mayas, geschweige denn einer Verbesserung ihrer Lage, beigetragen hat. Von allen Zweigen der Mayaforschung wäre die Ethnologie dazu am ehesten prädestiniert gewesen; gemessen an ihrem praktischen Nutzen, hat sie deshalb am wenigsten geleistet.

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Dritter Teil: Theoretische Ansätze Bislang wurde in dieser Arbeit die Entwicklung der Mayaforschung im historischen Zusammenhang und nach den einzelnen Teildisziplinen untersucht. Dabei mußte sich die Darstellung auf den deskriptiven Bereich beschränken, um einen möglichst vollständigen Überblick geben zu können. Im folgenden soll nun versucht werden, einzelne thematische Bereiche herauszugreifen und sie in Bezug zu bestimmten theoretischen Konzepten zu stellen, die zur Deutung dieser Themenbereiche entwickelt wurden. Der zur Verfügung stehende Raum erlaubt es nicht, alle theoretischen Konzepte vorzustellen, die im Bereich der Mayaforschung entwickelt wurden beziehungsweise zur Anwendung gelangt sind. Wir werden uns auf einige Beispiele, die wir für besonders repräsentativ und bedeutsam erachten, beschränken müssen, wobei wir weniger chronologisch, als vielmehr nach der wissenschaftstheoretischen Zuordnung der einzelnen Erklärungsmodelle vorgehen. So steht zwar die Diffusionstheorie am Anfang dieses Abschnitts, während die Dependenztheorie den Schluß bildet, was sich mit der tatsächlichen Entstehung dieser beiden Theorien deckt, doch stellen sie sozusagen die Endpunkte eines Spektrums dar, auf dem die zu behandelnden Theorien anzusiedeln sind. Überwiegt im ersten Teil dieser Skala (mit Ausnahme des Diffusionismus, der eine gewisse Sonderform darstellt) der empirisch-analytische Ansatz, den man auch als »positivistisch« oder »rationalistisch« bezeichnen könnte (Alemann u. Forndran 1985: 46ff.), so tendiert der zweite Teil, zumindest die beiden letzten der zu behandelnden theoretischen Konzepte (der Indigenismus und die Dependenztheorie), zu einem Ansatz, den man als kritisch-dialektisch bezeichnen könnte (ebd.: 49ff.). Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Theoriefeldern liegt in dem Anspruch des ersteren, eine »reine«, wertfreie Wissenschaft zu betreiben, während beim letzteren letztlich eine normative, zweckgebundene Orientierung im Vordergrund steht. Hieraus resultiert der Antagonismus, der häufig zwischen den Anhängern dieser beiden Richtungen zu beobachten ist. Daß es einen Gegensatz in der Grundauffassung von Wissenschaft gibt, ist nicht zu leugnen. Doch sollte man dies nicht als Schaden ansehen: eine pluralistische Sicht der Dinge trägt zu einer umfassenden Wirklichkeitsdeutung bei. Die »rationalistische« Wissenschaftsauffassung tendiert zu einer mechanischen Vorgehensweise, bei der zwar die Methoden exakt entwickelt sind, diese aber nicht selten eine Eigendynamik entwickeln, in der sich zuweilen aller weiterer wissenschaftlicher Einsatz erschöpft. Die »kritische« Methode hat ihre Stärke in ihrer Anbindung an bestimmte gesell-

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schaftliche Fragestellungen, die durchaus als Problemfelder gesehen werden, die es zu lösen gilt; ihre Schwäche liegt in einer deutlichen Disproportion zwischen theoretischem Überbau (der nicht selten in unreflektierten Dogmatismus ausartet) und methodischem Instrumentarium. Indem beide Seiten voneinander lernen, ohne daß der eine zur Position des anderen überwechselt, wäre durchaus eine Möglichkeit gegeben, den Beitrag der Wissenschaft zur Wirklichkeitsdeutung und -Veränderung zu erhöhen. Man verschwendet viel Energie auf die Diffamierung des anderen, ohne sich seiner eigenen Mängel bewußt zu sein. Was nun die theoretischen Konzepte im einzelnen betrifft, die wir ausgewählt haben, so geschah dies weder willkürlich, noch nach einem bestimmten Schema, etwa derart, daß sich die beiden genannten, erkenntnistheoretischen Richtungen die Waage halten. Es handelt sich vielmehr um die Ansätze, die in der Mayaforschung eine besondere, hervorragende Rolle gespielt haben. Einige laufen zeitlich parallel, andere lösten sich ab. Nur einer, der integrale Ansatz des Carnegie-Instituts, hat eine so überragende Bedeutung gehabt, daß er alle anderen verdrängte beziehungsweise in sich aufsog. Das gilt sowohl für die Diffusionstheorie, der der Beginn einer exakten, empirischen Wissenschaft den Garaus machte (auch wenn sie sich bis heute hinübergerettet hat), wie auch den Indigenismus, der erst nach dem Auslaufen des CarnegieProgramms eigene Konturen gewann. Andererseits hat das Carnegie-Programm selbst - im Rahmen seines Gesamtkonzeptes - Theorien entwickelt (etwa das Folk-Urban Continuum oder die Theorie eines sogenannten »Alten« und »Neuen Reiches«, die es freilich von anderer Seite, dem Mayaforscher Spinden, übernahm), die dann ihrerseits durch nachfolgende Konzepte verdrängt wurden. In gewisser Weise kann man von einer dialektischen Entwicklung der Theorien innerhalb der Mayaforschung sprechen: auf den spekulativen Diffusionismus folgte die strenge Empirie des Carnegie-Instituts, auf die Empirie die Spekulation über ein »genetisches Modell«, dieses wiederum, das einen Teil einer allgemeinen Hinwendung zu spekulativen Erklärungsmodellen darstellte, löste der Pragmatismus des Indigenismus ab, der seinerseits dann der dogmatischen Forderung der Dependenztheorie weichen mußte. Es liegt also letztlich eine gewisse Gesetzmäßigkeit in der Abfolge der Theorien, die in der Mayaforschung Gültigkeit erlangten, wobei hinzugefügt werden muß, daß die wenigsten dieser theoretischen Ansätze als spezielle Erklärungsmodelle im Bereich der Mayaforschung entstanden, sondern von dieser nur übernommen und auf bestimmte Fragestellungen angewandt wurden. Generell läßt sich sagen, daß wohl alle Fragen, die sich bezüglich der Mayas ergeben, angesprochen worden sind. Aber es sind, wie wir bereits gesehen haben, keineswegs alle Fragen beantwortet. Nicht der geringste Grund dafür liegt in dem Umstand, daß zwar beide Hauptrichtungen der Erkenntnistheorie auch in der Mayaforschung vertreten sind und daß in gewisser Weise eine dialektische Entwicklungslinie zu erkennen ist, daß die tatsächliche Bedeutung der einzelnen Ansätze in der Mayafor-

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schung jedoch recht unterschiedlich ist. Die Publikationen des Carnegie-Instituts füllen ganze Regale; was die Dependenztheorie speziell über die Mayas gesagt hat, läßt sich an den Fingern einer Hand aufzählen. Hier zeigt sich, wieviel Arbeit noch geleistet werden muß, um zu einem ausgewogenen Bild der Mayas zu gelangen.

1. Die Diffusionstheorie Als »Diffusion« bezeichnet man in der Völkerkunde einen Prozeß, der dazu führt, daß eine Kultur Elemente aus einer anderen übernimmt (vgl. dazu Panoff u. Perrin 1975: 73f.; Beals u. Hoijer 1967: 705ff.). Es handelt sich also um einen Prozeß des exogenen Wandels, der im Gegensatz zum endogenen Wandel steht, der aus Veränderungen, die innerhalb einer Kultur oder Gesellschaft entstehen, resultiert. Insofern ist die Diffusion beziehungsweise die Theorie, die sich auf sie stützt, ein Teil der Akkulturationsforschung, ein Sachverhalt, auf den bereits Boas (1940) hinwies. In der Praxis besteht jedoch eine scharfe Trennung zwischen den Vertretern einer Diffusionsi/ieone und den Forschem, die sich auf die Akkulturation spezialisiert haben. Letztere behandeln im wesentlichen Akkulturationsprozesse, die in rezenten Kulturen und/oder in einem begrenzten Raum zu beobachten sind (vgl. Redfield et al. 1936; Beals 1967), während die eigentlichen »Diffusionisten« vornehmlich in historischem Kontext und mit globaler Reichweite arbeiten (als typischen Vertreter kann man Elliot Smith [1911] ansehen, der die These vertrat, daß alle höhere Kultur ihren Ursprung im alten Ägypten habe). Die Anhänger der Diffusionstheorie sind vorrangig an der Entstehung (und Ausbreitung) von Kulturen interessiert, während die Akkulturationsforscher sich damit begnügen zu fragen, warum beziehungsweise wie Kulturen sich verändern und welche Auswirkungen diese Änderungen haben. Im einen Falle geht es also um eine Ethnogenese, zumindest aber um einen radikalen Wandel, der die Entwicklung zu einer höheren Kultur begründete, im anderen lediglich um eine Veränderung oder Anpassung einer Kultur an eine andere, wobei letztere durchaus einen höheren Grad der Komplexität erreicht haben kann, dies aber nicht bedeutet, daß nicht auch schon die »akkulturierte« Kultur (in ihrer ursprünglichen Form) ein höheres Stadium erlangt haben kann. Als Beispiel mögen die mesoamerikanischen Kulturen dienen, deren Akkulturation (während der Kolonialzeit und später der republikanischen Periode) Beals in der obengenannten Arbeit untersucht, während La Farge (1940) dies speziell im Hinblick auf die Mayas tut. Die Diffusionisten stehen nicht nur in gewisser Weise im Gegensatz zu den Akkulturationsforschem, sie unterscheiden sich noch mehr von ihren eigentlichen Kontrahenten: den Evolutionisten. Diese vertreten nämlich die These, daß der Mensch grundsätzlich mit gleichen Anlagen ausgestattet ist und daß sich demnach alle Kulturen beziehungsweise menschlichen Gesellschaften in der gleichen Weise entwikkeln (Panoff u. Perrin 1975: 97f.). Parallelen, die zwischen zwei oder mehreren Kulturen auftreten, bedürfen also nach dieser Theorie nicht der Erklärung einer kulturel-

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len Verwandtschaft, sondern sind lediglich Ausdruck einer unilinearen Entwicklung, die alle Kulturen durchlaufen. Das einzige, was Kulturen unterscheiden mag, ist jeweils das Stadium, das sie zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben. Der »Evolutionismus«, wie man diese Theorie genannt hat, ist im Laufe seiner Geschichte genauso angefeindet worden wie sein Gegenspieler, der Diffusionsmus, und es gibt heute kaum noch jemand (außer Unverbesserlichen wie beispielsweise Däniken [1968], der sogar Außerirdische als Kulturbringer bemüht), der den Evolutionismus beziehungsweise den Diffusionsmus in seiner ursprünglichen Form vertritt. Die Evolutionisten haben zu einer »multilinearen« beziehungsweise »universellen« Interpretation des Entwicklungsprozesses gefunden (Steward 1955; White 1959), und die Diffusionsten geben sich inzwischen mit Theorien mittlerer Reichweite, die nicht mehr die Verpflanzung ganzer Kulturen, sondern nur noch einzelner Elemente - und dies durchaus auch in begrenztem Raum - postulieren, zufrieden (Meggers et al. 1965; Riley et al. 1971). Der Ton der Diskussion ist sachlicher geworden; die Methoden, deren man sich bedient, sind weniger spekulativ: sie basieren heute durchweg auf empirischen Daten. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß der Diffusionismus auch heute noch eine entscheidende Bedeutung hat: was Mesoamerika betrifft, so wird das unter anderem daran deutlich, daß ihm nicht geringer Raum im Handbook of Middle American Indians (Ekholm u. Willey 1966: Kap. l l f f . ) eingeräumt wurde. Allerdings spielt der Diffusionismus speziell in der Mayaforschung kaum noch eine Rolle, wiewohl das Problem der Genese der Mayakultur noch keineswegs gelöst ist (s. Adams 1977). Wenigstens begnügt man sich, im engeren Umfeld der Mayas nach möglichen Impulsen zu suchen, die den »Startschuß« gegeben haben könnten (ebd.: 181ff.), was natürlich auch eine Form des Diffusionismus ist. Doch diesen wird man eher mit der Entstehung höherer Kultur in Mesoamerika generell in Zusammenhang bringen, wobei die Mayas beziehungsweise ihre Kultur lediglich eine Sonderform dieser Tradition darstellt. Worum es den Diffusionisten eigentlich geht, ist die Frage: was gab den Anstoß für die Entwicklung der mesoamerikanischen Kultur? Die Frage ist erst seit vierzig Jahren relevant: vorher gab es den mesoamerikanischen Kontext nicht; jede Kultur (im mesoamerikanischen Raum) wurde nach ihrer eigenen Erscheinungsform behandelt. Dies leistete der Tendenz Vorschub, nicht nur einzelne Kulturen, sondern auch deren Elemente herauszugreifen und diese - aus ihrem Zusammenhang gelöst - in Bezug zu Parallelen zu setzen, die irgendwo sonst auf der Welt zu finden waren, um dadurch ihr Auftauchen auch in der Neuen Welt zu erklären. Die Mayas spielten bei dieser Suche nach dem vermeintlichen Ursprung der neuweltlichen Kulturen die nicht geringste Rolle. Die Suche setzte schon während der Kolonialzeit ein, nicht zuletzt deshalb, weil Landas Werk, das ausdrücklich auf die Verwandtschaft der archäologischen Reste mit den zu seiner Zeit lebenden Indianern hinwies, in Vergessenheit geriet und sich

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am Ende niemand mehr der Möglichkeit entsann, daß jene, die heute zwischen den Ruinen wohnen, Abkömmlinge derer sind, die sie ursprünglich erbauten. Daß dies nicht beziehungsweise nicht mehr gesehen wurde, hing - abgesehen von der Unkenntnis des Landa-Berichtes - mit einer Weltsicht zusammen, die weniger wissenschaftlich als vielmehr vorwissenschaftlich beziehungsweise dogmatisch bestimmt war. Willey und Sabloff (1974), die die Periode, der dieses vorherrschende Weltbild zuzuordnen ist, »spekulativ« nennen, listen die einzelnen Faktoren auf, die dieses Weltbild begründeten. Sie schreiben (ebd.: 22): »The dominance of a speculative mode of thought during the period is certainly due to a number of factors. The most important ones probably were a paucity of reliable archaeological data, the lack of European models of archaeological reasoning which the American worker could emulate, the significance of a belleslettres or literary approach in much of the archaeologically relevant writing, coupled with the virtual non-existence of a tradition of scientific explanation and the deeply rooted acceptance of theological explanations of natural and cultural phenomena. All these factors, plus, on the one hand, a continuing sense of wonder and amazement at the exotic nature of the New World as more and more of it was explored, and, on the other, the immediate need to create an heroic history for the new land (especially in North America), made speculation the dominant element in all discussions of the architectural ruins and material culture of the ancient inhabitants of the New World.« Nach einem anfänglichen Interesse für die Zeugen der indianischen Vergangenheit waren diese wieder in Vergessenheit geraten, und als sie dann, gegen Ende der (spanischen) Kolonialzeit, wiederentdeckt wurden, suchte man nach Erklärungsmodellen, die ihre Existenz plausibel machten. Da dies - zeitlich - mit der Wiederentdeckung auch der altweltlichen Hochkulturen zusammenfiel (1798 unternahm Napoleon seine Expedition nach Ägypten, die zur Geburtsstunde der Ägyptologie wurde), bot es sich an, die Zeugnisse dieser Kulturen, die - über die Klassische Antike - mit Europa verwandt waren, nicht nur als Maßstab zu nehmen, sondern sie auch als Ausgangspunkt zu wählen für die Verbreitung jeglicher Kultur. Dies schien einleuchtender, als die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß die Indianer, die inzwischen auf das Niveau einer anonymen Bauernschaft, wenn nicht gar eines unverblümten Sklaventums, herabgesunken waren, mit diesen Resten einstiger prachtvoller Bauten in Verbindung standen. Es kamen also vor allem drei Faktoren zusammen: die Wiederentdeckung der Antike beziehungsweise der antiken Hochkulturen, das offensichtlich geringe kulturelle Niveau der Indianer und ein eurozentrisches Weltbild (das auch die Kulturen des Nahen Ostens mit einschloß). Letzteres, das bis auf die Griechen zurückging, war im Mittelalter durch den christlichen Glauben verstärkt worden und hatte seit der Renaissance, als sich Europa anschickte, die Welt zu erobern, einen neuen Aufschwung

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erfahren. Im 19. Jahrhundert mündete dieser Eurozentrismus dann in den Sozialdarwinismus, als dessen Gipfel man schließlich den Imperialismus bezeichnen könnte. So ergibt sich eine Kette von ideologischen Verhaltensmustem, die auch und gerade in die Deutung des Menschen und seiner Geschichte eingingen. Unwissenheit und vorwissenschaftliche Interpretationsmodelle waren also nur zum Teil für die Entstehung des Diffusionismus verantwortlich. Zumindest unbewußt, spielte (und spielt) auch ein Überheblichkeitsgefühl derer eine Rolle, die diese These aufstellten und - indem sie sie propagierten - den Indianer sozusagen zum zweiten Mal (nach den Konquistadoren) seines kulturellen Erbes beraubten. Was nun die Mayas betrifft, so ist eine gewisse Verlagerung des eurozentrischen Weltbildes zu beobachten, was zweifellos damit zusammenhängt, daß man schließlich erkannte, daß es sich hier um eine Kultur handelte, die nicht nur (nicht zuletzt wegen ihrer Schrift) alle anderen der Neuen Welt überragte, sondern offensichtlich auch denen der Alten Welt ebenbürtig war. So stellte Domingo Juarros, der 1808 eine Geschichte Guatemalas schrieb und darin auch die kürzlich entdeckten Ruinen von Palenque behandelte, die These auf, daß es sich - soweit es diese und andere vorspanische Ruinen betraf - nur um eine ägyptische Kolonie handeln könne. In dieser Argumentation folgten ihm ein halbes Jahrhundert lang praktisch alle Mayaforscher, wobei für die Ägypter auch Griechen, Römer oder Phönizier stehen können, was bereits del Rio, der erste »Ausgräber« von Palenque, geäußert hatte. Und Kingsborough fügte noch eine weitere Variante hinzu: für ihn waren die Indianer beziehungsweise die archäologischen Zeugnisse der Neuen Welt Spuren, die die angeblich »Verlorenen Stämme Israels« hinterlassen hatten. (In den Lehren der Mormonen lebt diese Theorie bis heute fort.) All diesen frühen Erklärungsmodellen, als deren bedeutendste Verfechter - neben den Genannten - noch Galindo und Waldeck zu erwähnen sind, ist die These gemein, daß die Wiege der amerikanischen Kultur, zumindest einer höheren Kultur, wie sie namentlich die der Mayas darstellt, in der Alten Welt zu suchen sei und daß sie durch Einwanderung und/oder Eroberung in die Neue Welt gelangt sei. Stephens, der dieser Sicht einen Dämpfer erteilte - und zwar in doppelter Weise, indem er nicht nur den heutigen Indianer mit den Ruinen in Verbindung brachte, sondern für diese auch einen autochthonen, newweltlichen Ursprung forderte (Stephens 1963: II, 306f.) -, hatte dennoch keinen durchschlagenden Erfolg: die Lobby der »Altweltler« war stärker, auch wenn man nun dazu überging, den Ursprung der Kultur beziehungsweise der Kulturen sozusagen in die Mitte zu verlegen: nicht mehr Ägypten, Griechenland oder Rom waren der Ausgangspunkt für die amerikanischen Kulturen, sondern ein geheimnisvoller Kontinent, den man allerdings wiederum auf einen Griechen, in diesem Falle Plato, zurückführen konnte. Dieser Kontinent hieß und heißt Atlantis. Schon Dupaix hatte auf Grund seiner Untersuchungen in Palenque an diesen sagenhaften Kontinent gedacht; aber wer ihm - in der Mayaforschung -

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endgültig zum Durchbruch verhalf, war der französische Abbé Brasseur de Bourbourg. Er stellte letztlich all seine Forschungen in den Dienst der Atlantologie, wie man schließlich die neue Lehre, die - mit der Veröffentlichung von Donnelly (1882) zu diesem Thema - in einen wahren Kult ausartete, nannte. Die Übersetzung des Troano-Fragments (der einen Hälfte des Codex Tro-Cortesianus), an der er sich versuchte, war nicht mehr als ein Traktat, mit dem er seine These zu beweisen suchte. Auch Thompson, der später den Cenote in Chichén Itzâ ausbaggern ließ, war anfangs ein begeisterter Atlantis-Anhänger. 1879 schrieb er einen Artikel mit dem Titel: »Atlantis Not a Myth«. Vermutlich ging sein Interesse an diesem Thema in dem Maße zurück, wie sich seine Begeisterung an einem neuen Mythos entflammte: den Jungfrauen, die angeblich in den Opferbrunnen gestoßen wurden. Man sollte übrigens diesen Romantizismus, der gerade in der Mayaforschung eine nicht geringe Rolle spielte, nicht unterbewerten. Er beflügelte nicht nur Brasseur und Thompson, sondern letztlich auch die meisten anderen, die sich der Mayaforschung verschrieben, sowohl Archäologen als auch Ethnologen. Die Auswirkungen waren zweifach: sie regten zur Theorienbildung an, und sie engten sie aber auch wieder ein, da der oberste Bezugsrahmen immer oder doch zumeist nicht die Wirklichkeit und das Heute war, sondern das Feme und Abstrakte. Wiewohl nicht ein Ausdruck des eigentlichen Eurozentrismus, ist die Romantik dennoch letztlich ihr Produkt: der Forscher erhebt sich (unbewußt) zum obersten Bezugspunkt. Atlantis war - was die Diffusionisten betrifft - in gewisser Weise ein Kompromiß: man traf sich in der Mitte. Aber schon Brasseur deutete an, was dann sein Landsmann Le Plongeon ad extremum führte: in einer rührenden Geschichte, die er »Queen Moo and the Egyptian Sphinx« (1896) betitelte, dreht er das Blatt schließlich um - nicht Ägypten war die Wiege der Mayakultur, sondern umgekehrt, diese begründete (mit Hilfe jener besagten Moo, die eine Maya-Prinzessin war) die Kultur im Nilland. Damit war die Diffusionstheorie sozusagen auf den Kopf gestellt, was zum Glück (für ihre Verfechter) nur eine vorübergehende Erscheinung war, denn die ursprüngliche Ägyptenthese fand schon bald wieder Aufwind: jener Elliot Smith, den wir bereits nannten, veröffentlichte sein Buch »The Ancient Egyptians« (1911) und rückte damit die Perspektive wieder ins richtige Lot. Um die Chinesen erweitert, führt von ihm ein direkter Weg zu dem Inder R. A. Jairazbhoy (1974), der dennoch aber einer neuen Generation von Diffusionisten zuzurechnen ist, denn er bemüht sich, Parallelen im Erscheinungsbild der Kulturen in Mexiko und Ägypten systematisch, indem er bestimmte Bereiche herausgreift und auf Grund empirischer Daten vergleicht, zu untersuchen. Inzwischen ist allerdings die Diffusionstheorie (eigentlich sind es ja mehrere) generell auf dem Rückzug, und es gibt nur noch wenige, zumindest in der etablierten Wissenschaft, die dieser Theorie anhängen. Die wenigen aber verstehen es um so mehr, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, denn noch immer sind letzte Fragen

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nicht beantwortet, und solange sie offenbleiben, ist Raum für Spekulationen gegeben. Das größte Problem, soweit es Mittelamerika betrifft, stellt das plötzliche Auftreten der Olmekenkultur dar, die ja zur Mutterkultur Mesoamerikas wurde. Betty Meggers (1975), die zu den führenden Vertretern der neueren Richtung in der Diffusionstheorie gehört, führt das Entstehen der Olmekenkultur auf Einflüsse aus China zurück. Sie schreibt (ebd.: 2): »Most authorities agree that civilization began about 1 200 B.C. in Mesoamerica with the appearance of Olmec culture ... Among the characteristics that support this evaluation are occupational divison of labor, monumental art, elaborate religion, large-scale construction, an accurate calendar, the concept of zero, writing, social stratification, and an extensive network for securing raw materials and probably also finished products. There seems also to be a consensus that the Olmec had a significant impact on subsequent Mesoamerican civilizations. Coe (1965 ...: 773), for example, has stated that 'all known major art-styles of lowland Mesoamerica have a single origin in the Olmec style', and the artist-anthropologist Covarrubias (1946, Fig. 4) has traced the rain gods of later times to Olmec antecedents. Bernal (1969: 193) views all of Mesoamerica as a single tradition and considers that 'the world of the Olmecs and Olmecoids formed Mesoamerica and set patterns of civilization that were to distinguish this area from all other parts of the Americas.' If these interpretations are correct, it becomes important to understand the genesis of Olmec civilization.« Meggers zitiert Coe (1968b: 64), der sich speziell der Olmekenkultur gewidmet und ihr Erscheinen als »sudden appearance of Olmec civilization in full flower« charakterisiert hat. Im wesentlichen gilt diese Erklärung auch heute noch: während die Entwicklung nach dem Auftauchen der Olmekenkultur zumindest in groben Zügen nachvollziehbar ist (und keines Einflusses von außen bedarf, sieht man von möglichen Parallelen untergeordneter Art einmal ab), ist die Zeit davor zwar auch in Umrissen bekannt, doch fehlen bislang Indizien, die auf eine allmähliche Entwicklung in Richtung einer Hochkultur, wie sie die der Olmeken darstellte, hinweisen. Die Olmekenkultur taucht plötzlich und ohne erkennbare Vorstufen auf, und dies ist vielleicht noch entscheidender für die Frage, ob eine mögliche Beeinflussung von außen erfolgte, wie die Parallelen, die offensichtlich zwischen der Kultur der Olmeken und der zur Schang-Zeit in China bestehen. Am Beispiel des Aufsatzes von Meggers, der die Olmekenkultur mit einer vergleichbaren Periode in China in Beziehung bringt, zeigt sich, welchen Weg die diffusionistische Theorie heute geht. Ihr geht es nicht mehr - zumindest in akademischen Kreisen - um pauschale, weltumspannende Aussagen, sondern um den detaillierten Nachweis, daß gewisse Parallelen bestehen und daß diese nicht nur auf Übertragung beruhen können, sondern sich auch in den jeweiligen Prozeß der Kulturentwicklung einfügen. Mit anderen Worten: es reicht nicht, auf bestimmte Ähnlichkeiten hinzu-

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weisen; Parallelen beziehungsweise Modelle, die ihr Erscheinen zu erklären versuchen, sind nur dann aussagekräftig, wenn sie den funktionalen Zusammenhang erläutern. Dies führt zu der Frage, wie - wenn eine mögliche Beeinflussung von außen erfolgte - diese tatsächlich ausgesehen haben kann. Heine-Geldern (1966: 293), ein anderer namhafter Vertreter des neueren Diffusionismus, der wie Meggers eine Beeinflussung Altamerikas aus Asien postuliert, schreibt dazu: »There is no evidence of large-scale Asiatic sea-borne migrations to Mesoamerica. However, the native cultures could not have been so deeply affected as they actually were, if considerable numbers of single persons and small groups had not settled among them more or less permanently. The whole process may be compared to that which led to the formation of Indian colonial cultures in southeast Asia: the implantation of a foreign civilization on more primitive indigenous cultures by small groups of immigrants, soon absorbed by the local population, and, in consequence, the emerging of new civilizations which, despite all their own new creations, despite their original and unique characters, still allow us to recognize many of the features of both the foreign and native parent cultures from which they were derived.« Heine-Geldern bezieht sich auf die Zeit nach der Entstehung der Olmekenkultur, führt seine Argumentation aber bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. fort: er vertritt die These, daß eine mögliche Beeinflussung von Asien im Zuge der kulturellen Ausdehnung Indiens über Südostasien erfolgte und daß sie eine frühere, die von China ausging, ablöste. Fügt man dem noch eine weitere Komponente hinzu, die Entdeckung einer Keramik in Ekuador, die auf die Zeit um 3 000 v. Chr. datiert wird, und eine auffallende Parallele zu einer zeitgleichen Keramik in Japan aufweist (Meggers et al. 1965), dann ergibt sich eine Sequenz von kulturellen Einflüssen, die vier Jahrtausende umfaßt und - was die Ursprungsorte dieser Einflüsse betrifft - von Japan über China bis nach Indien reicht. Da diese vermeintlichen Einflüsse sich nicht nur auf vereinzelte, isolierte Kulturelemente erstrecken, sondern auch - wie Heine-Geldern (a.a.O.) vermerkt Merkmale umfassen, die die »Kosmologie, Weissagung [und] politische Organisation Mesoamerikas« betreffen, ist in der Tat ein schweres Geschütz aufgefahren, das an die Adresse der Evolutionisten beziehungsweise Konvergenzler, wie man die Verfechter der eigenständigen, konvergierenden Entwicklung heute nennt, gerichtet ist. Diese aber halten ebenso unbeirrt an ihrem Standpunkt fest, und was Kroeber bereits 1948 verkündete, gilt im Grund für diesen, den überwiegenden Teil der amerikanistischen Wissenschaft auch heute noch. Er schrieb (S. 318): »No specialist in American archaeology at present sees any place where there is room for a significant Old World influence in the unfolding of history. The va-

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rious theories 'explaining' the cultures of Mexico and Peru as derived from China, India, Farther India, or Oceania are all views of non-Americanistic scholars or the speculations of amateurs.« Ähnlich äußern sich Phillips (1966) und Sanders und Price (1968). Phillips (S. 314) konzediert der Hypothese von der von außen erfolgten Beeinflussung einer ersten Hochkultur eine gewisse Bedeutung zu, lehnt aber alle anderen vermeintlichen Einflüsse, vor allem was die sogenannten klassischen Kulturen betrifft, ab. Sanders und Price (1968: Kap. 3), die zur neuen Generation der Archäologen gehören, führen die Entstehung von Kulturen auf geographische Faktoren zurück und erklären damit auch mögliche Parallelen. So ganz aber gelingt es dem Hauptstrom der Wissenschaft nicht, die Argumente einer kleinen Randgruppe zu entkräften, und die Diskussion um Für und Wider einer Fremdbeeinflussung geht weiter. Die Mayaforscher gehören zu denen, die sich heute kaum noch um die Frage einer möglichen Diffusion scheren. Hier und da taucht einmal ein kurzer Beitrag auf (z.B. Rands 1953; Barthel 1968b), aber im Grunde geht es höchstens um die Frage, wie genau die Mayakultur entstand, wobei man stillschweigend voraussetzt, daß dies in situ, zumindest im näheren Umkreis der Mayaregion, also im Kontext Mesoamerikas, geschah. Dafür sprechen nicht nur die Indizien der Linguistik (wie wir gesehen haben), sondern auch die Ergebnisse der Archäologie, selbst wenn man die Olmeken als »Mutterkultur« berücksichtigt. Doch genau hier haben sich in letzter Zeit einige Schwachstellen in der Argumentation ergeben: nicht nur, daß die Möglichkeit besteht, daß die Olmeken selbst die ersten Mayas waren (eine These, die, wie wir gesehen haben, Coe [1968a] vertritt), auch die neueren Funde in Belize (Hammond 1977a), die das Auftauchen der Keramik im Mayagebiet bereits in die Zeit um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. (und an den östlichen Rand des Mayagebietes) verlegen, geben zu denken. Könnte es sein, daß der zivilisatorische Impuls, wenn schon nicht von außerhalb Amerikas, so doch aus Südamerika erfolgte, wo an der Küste Ekuadors das erste Zentrum der Keramik auf amerikanischem Boden entstand (das freilich seinerseits nur der Ableger der sogenannten Jomon-Kultur in Japan war)? Diese These verdient, auf Grund der neueren Entdeckungen im Mayagebiet, durchaus Beachtung und würde eine ältere verdrängen, die Spinden, einer der frühen Mayaforscher, 1917 aufstellte und derzufolge ein Kulturaustausch, zumal am Anfang, in der generativen Phase einer höheren Kultur, von Norden nach Süden erfolgte (vgl. dazu auch Lathrap 1966). Hier ist im Augenblick noch alles im Fluß, und die Mayaforscher sind gut beraten, wenn sie sich aus ihrem Schneckenhaus, in das sie sich zurückgezogen haben, gelegentlich auch einmal herauswagen, um auch Notiz von dem zu nehmen, was um sie herum geschieht. Das würde nicht nur der linguistischen Forschung dienlich sein, worauf wir bereits hingewiesen haben, sondern auch einer Theorie der Entwicklung der Mayakultur generell. Man braucht deswegen nicht zum Diffusionisten zu werden,

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aber Denkanstöße auch von anderer Seite zu erhalten, hat noch nie geschadet. Auch der Wissenschaft nicht, dem Diktum von Kroeber zum Trotz.

2. Der integrale Ansatz Die Diffusionstheorie war der erste theoretische Ansatz, mit dem man die Kultur der Mayas (und die übrigen höheren Kulturen in Mittel- und Südamerika) zu erklären versuchte. Es ging ihr um Ursprung und Entwicklung von Kulturen, was durchaus ein legitimes Anliegen der Wissenschaft war. Worin sie sich von dieser, wenigstens dem Hauptstrom, unterschied, war der Mangel einer wissenschaftlichen Methode. Es gab keine strengen Regeln und Verfahrensweisen, wie sie das Kennzeichen einer systematischen Wissenschaft sind, die eingehalten wurden. Die Atlantologie und verwandte »Disziplinen« waren oft nicht mehr als ein schwärmerischer Mystizismus, der sich unbekümmert über Tatsachen und Erkenntnisse hinwegsetzte. Es verwundert deshalb nicht, daß nicht nur Kritik an dieser pseudo-wissenschaftlichen Methode aufkam, sondern daß auch der Ruf laut wurde, die Wissenschaft - vom Menschen allgemein und den Mayas im besonderen - auf eine solidere Basis zu stellen. Boas, den man auch als »Vater der amerikanischen Anthropologie« bezeichnen könnte, wies die ersten Zeichen, und von ihm führt ein direkter Weg zum CarnegieInstitut, das zu einem Symbol für den amerikanischen Ansatz in der Anthropologie wurde. Seine beiden wichtigsten Kennzeichen, die beide auf das Postulat von Boas zurückgingen, waren: a) die Sammlung empirischer Daten und b) die Beachtung einer historischen Perspektive. Vor diesem Hintergrund muß das Werk und die Wirkung des Carnegie-Instituts gesehen werden. Wir erwähnten bereits, daß die Mayaforschung praktisch ein halbes Jahrhundert lang im Zeichen des Carnegie-Instituts stand. Keine Institution und kein wissenschaftlicher Ansatz hat mehr die Mayaforschung beeinflußt wie das Carnegie-Institut. Ja, das Carnegie-Institut war es, das letztlich der Mayaforschung zur Anerkennung als einer eigenen Disziplin verholfen hat. Und zwar, indem es die Mayastudien nicht nur förderte, in einem Maße, wie es bislang nicht geschehen war (und auch seit Beendigung des Carnegie-Programms nicht mehr geschehen ist), sondern sie auch auf jene solide Grundlage stellte, die der Tradition, die Boas begründet hatte, entsprach. Es wurden Fakten gesammelt, in einem möglichst breiten Rahmen; erst wenn diese zusammengetragen sein würden, alle erreichbaren Daten zur Verfügung standen, konnte oder könnte man daran denken, sie zu sichten und zu ordnen und zu einer Theorie, der umfassenden Theorie eines Volkes, zusammenzufügen. Hierin liegt die Bedeutung - und die Schwäche des Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts im Mayagebiet. Denn eine Theorie - als Erklärungsmodell für die Entwicklung der Mayas beziehungsweise ihrer Kultur - hat das Carnegie-Institut nicht in die Mayaforschung eingebracht. Wohl Teiltheorien wie das Folk-Urban Continuum von Redfield, der ja unter der Ägide des Carnegie-Instituts arbeitete, doch

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keine Gesamtschau, ein holistisches Modell wie das der Diffusionisten. Das wurde zwar als Ziel formuliert, ist aber dann - nicht zuletzt infolge des plötzlichen Abbruchs der Forschungsarbeiten im Mayagebiet - nie erreicht worden. Was erreicht wurde - von Seiten des Carnegie-Instituts -, ist eine Theorie des wissenschaftlichen Ansatzes, der von bahnbrechender Bedeutung war: statt, wie bisher, einzeln und in jeweils begrenzten, fachspezifischen Studien an die Mayaforschung heranzugehen, forderte das Carnegie-Institut einen integralen Ansatz, der alle Disziplinen, die mit dem Studium der Mayas in Zusammenhang standen, zu einer Einheit zusammenschloß. Das entsprach der Konzeption amerikanischer anthropologischer Forschung, die nicht den Weg der Europäer beschritt, die eine ursprünglich ganzheitliche Wissenschaft (vom Menschen) in Einzeldisziplinen auseinanderdividierten, die nie mehr zu einer kohärenten Gesamtschau zusammenfanden. Unter dem Einfluß des amerikanischen Verständnisses von Anthropologie hatte bereits 1923 der Leiter des Carnegie-Instituts zu einer Forschung im Mayagebiet aufgerufen, die neben archäologischen Studien auch begleitende Untersuchungen, die als Hilfswissenschaften dienen könnten, umfassen sollte (CIW 1924: 10f.). Diese Forderung bildete die Grundlage, auf der dann Kidder, der 1926 in den Dienst des Carnegie-Instituts trat und drei Jahre später die Leitung der Abteilung für Historische Forschung, der die Mayaforschung oblag, übernahm, seine Konzeption der Arbeit des Carnegie-Instituts gründete. In einem ersten Bericht über die Arbeit der neuen Abteilung (Kidder 1930:108) schreibt er: »The archaeologist in the field is primarily a fact-finder. In this he needs no help. When, however, he comes to interpret his discoveries, when he attempts to say what ruins and potsherds mean, he requires knowledge of all the multitudinous factors which through the ages have conditioned human existence and shaped human action. His case is like that of the paleontologist who would clothe with life the crushed bones from the fossil quarry. And, as does the paleontologist, he must infer from the effect that present environments and present happenings have on contemporary organisms, what he can of the action of similar phenomena in the past. The archaeologist is thus abruptly hailed from the comforting shade of his trenches to the glare of the existing world, and there he stands bewildered. He surveys the environment of today to find that its complexities are utterly beyond his power to comprehend. He looks at the very simplest of modern peoples; their life proves unbelievably involved. But if he be willing to face the situation and not pop mole-like back into his burrow, he will find that other sciences are grappling with the problems of plants and animals, of weather and rocks, of living men and existing social orders; collecting, classifying, winnowing detail, and gradually formulating the basic laws which render this perplexing universe understandable. Beside them and with them the archaeologist must work if his results are to be

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more than the putterings of the antiquary. All this is obvious enough; but surprisingly seldom have archaeologists made serious attempts to ally themselves with other scientific men. Dr. Morley from the beginning has realized that the unraveling of Maya history demands such cooperation. Hence his insistence that the work in Yucatan should become the nucleus of a group of correlated researches, and that Chichen Itzä should be their first focal point.« Kidder zählt nun auf, welche Forschungsbereiche mit berücksichtigt werden müssen, um das Bild der Mayas zu vervollständigen. Er schreibt (ebd.): »In the first place, we should work from the present, which we know or can know, back to the as yet unknown past. Thus we are forced to examine the Maya of today, their physical structure, their psychology, their social and economic life, their language. We can also leam much of their career during the past four hundred years from study of the documentary history of Yucatan. Of conditions existing at the Conquest the earlier historical sources tell us many things. Passing from the Maya themselves to the environment which has, as with all people, been so potent a molding influence, we find that we need knowledge of the physiography and geology of Yucatan and of its climate; also of its flora and fauna.« Die einzelnen Bereiche, die Kidder im folgenden erläutert (ebd.: 109ff.), umfassen: - Physische Anthropologie - Medizin - Ethnologie (und Soziologie) - Linguistik - Ethnohistorie - Geographie. Er nennt diese Studien »collateral researches« (ebd.: 108), also »parallel laufende Forschungen«, und sie dienen, wie er weiter (S. 108f.) ausführt, der Erhellung der »Geschichte der Mayas«. Was er mit letzterem meint, klang zwar schon an, wird aber an anderer Stelle (S. 114f.) noch deutlicher. Da heißt es: »It will by now have become evident that to carry the investigation of Maya prehistory [my emphasis], or any similar project of serious and comprehensive nature, to a successful issue, one must build up a whole complex of associated researches.« Das deckt sich mit dem, was Kidder zu einem späteren Zeitpunkt sagt, als die Studien, die er zu Beginn seiner Arbeit angekündigt hatte, angelaufen und bereits ein beträchtliches Stück fortgeschritten waren. Er schreibt dort (Kidder 1936: 113): »The archaeological investigations which constitute the Section [of Aboriginal American History]'s major activity are being supplemented, according to a care-

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fully worked-out program, by studies of the environment in which the Maya lived, by researches upon the modern Maya, and upon the documentary history of the post-Columbian period, all of which are designed to render more readily interpretable the necessarily fragmentary archaeological record [my emphasis].« Die »Sektion für Eingeborene Amerikanische Geschichte« bildete einen Zweig in der Abteilung für Historische Forschung, und ihr Arbeitsgebiet erstreckte sich auf »studies relating to the rise of native civilization in the New World, its two principal fields being the Maya area in Mexico and Central America and the Pueblo area of southwestern United States« (ebd.: 111). Erwähnen wir noch, warum (neben der Pueblo-Kultur) ausgerechnet die Mayas in den Mittelpunkt der Untersuchungen gestellt wurden, dann sind die wesentlichsten Punkte genannt, die dem Forschungsprogramm des Carnegie-Instituts im Mayagebiet als Orientierungslinie dienten. Kidder (1930: 92) nennt die Mayas »the most brilliant people of the aboriginal New World«. Er fährt fort, ihre Geschichte (soweit sie damals bekannt war) aufzuzählen, und faßt dann (S. 92f.) die Bedeutung ihrer Geschichte und damit dieser für die Forschung folgendermaßen zusammen: »Even so brief a resumé indicates the importance of research upon the Maya. To the New World historian it is naturally of paramount significance, for the Maya were leaders in the cultural development of Middle America, influencing directly or indirectly all other groups in that entire area. The Maya, too, were the only people who consistently and accurately recorded dates, thus providing a starting point from which to work out the chronology of all the other high pre-Columbian cultures. For the student of more general problems, the Maya also provide invaluable data. Their history involves the rise, spread, efflorescence and decline of an agricultural civilization. It gives splendid opportunities for evaluating the influence of those racial and environmental factors which have been so potent in shaping the destinies of all peoples, but whose action has been so little understood.« Ein Bündel auf das gleiche Ziel gerichteter Studien, die Erhellung der Geschichte der Mayas, vorrangig der frühen, autochthonen Geschichte, und die Mayas als Schöpfer der höchsten Kultur im alten Amerika und zugleich als Modell, als Testfall für die Entwicklung einer höheren (eingeborenen) Kultur schlechthin - das waren die Prämissen und Ziele des Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts im Mayagebiet. Wir haben auf dieses Forschungsprogramm verschiedentlich Bezug genommen und können an dieser Stelle konstatieren, daß ein Ziel erreicht wurde: es wurden in allen genannten Bereichen Forschungen betrieben, und diese hatten in allen Fällen eine grundlegende Bedeutung. Ob in der Archäologie oder in der Ethnologie, in der Physischen Anthropologie oder in der Linguistik, in der Medizin oder in der Ethnohistorie, überall wurden empirische Daten zusammengetragen, die die Erforschung der Mayas

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in all ihren Aspekten auf eine solide Grundlage stellten. Die Archäologie, das heißt die vorspanische Geschichte, stand eindeutig im Vordergrund, doch es wurde der Rahmen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart gespannt: erstmals ergab sich ein Bild, das den Weg der Mayas von der vorspanischen Zeit bis zur Gegenwart aufzeigte. Es war eine kontinuierliche Entwicklung, die sich abzeichnete, ohne Lücken oder Brüche, die man nur mit Hilfe spekulativer Theorien ausfüllen konnte. Die Mayas als Schöpfer der klassischen Kultur, als Opfer der Conquista und als Erben einer großen Tradition - diese Einheit, dieses historische Kontinuum wurde eindeutig belegt. Die Atomisierung der Geschichte - hier die Mayas, dort die Spanier und am Ende die Lateinamerikaner - wurde überwunden; wenigstens ergab sich für die Mayas eine Entwicklungslinie, die von den Anfängen bis zur Gegenwart reichte. Dies ist unbestreitbar ein großes Verdienst, das man dem Carnegie-Institut zuerkennen muß. Doch wie sah das Bild, das das Carnegie-Institut von den Mayas entwarf, im einzelnen aus? Wir erwähnten schon, daß die Archäologie im Vordergrund stand. Alle parallelen Studien, die Kidder heranzog, hatten letztlich nur eine komplementäre Funktion: sie dienten, wie Kidder es ganz klar formuliert, der »Erhellung der Vorgeschichte«. Damit ergab sich ein Widerspruch, der zwar in der Praxis kaum eine Rolle spielte (denn die Einzeldisziplinen, die herangezogen wurden, hatten die Tendenz, sich zu verselbständigen), der dennoch aber den Erfolg der Arbeit des Carnegie-Instituts erheblich einschränkte. Die integrale Sicht der Mayas beziehungsweise ihrer Geschichte war nur ein Nebenprodukt, das sich eher zufällig - durch die Heranziehung der Komplementärwissenschaften - ergab: das eigentliche Ziel war die Rekonstruktion der vorspanischen Geschichte der Mayas, und diesem Ziel wurde alles andere untergeordnet. Es ist also der Ansatz oder die Forschungsmethode, die auf eine Einbeziehung verschiedener Einzeldisziplinen abzielte, von dem Forschungszi'e/, das nicht auf der gleichwertigen Nutzung der einzelnen Forschungsergebnisse beziehungsweise ihrer Integration zu einer holistischen Gesamtschau beruhte, zu unterscheiden. Ersteres wurde erreicht, letzteres in seinen negativen Konsequenzen nicht erkannt: denn wiewohl jene Verselbständigung zu beobachten war, wie sie gerade die ethnologische Forschung (Redfield et al.) auszeichnete, führte dies nicht nur nicht zu einer Ausbalancierung der einzelnen Teilbereiche der Mayaforschung, es wurde auch die Möglichkeit versäumt, auf der Grundlage gleichgewichteter Daten ein Gesamtbild der Mayas zu entwerfen, das alle Phasen ihrer Geschichte in gleichem Maße berücksichtigte. Das Ergebnis der Arbeit des Carnegie-Instituts war das Werk von Morley »The Ancient Maya«; hier wurden alle Ergebnisse zusammengefaßt, aber das Bild, das Morley entwarf (und wenig später auch Thompson [1954]), war eindeutig auf die Vergangenheit gerichtet. Die Geschichte der Mayas endete mit der Conquista. Der Hinweis, daß die Arbeiten des Carnegie-Instituts nach dem Krieg stark eingeschränkt und schließlich ganz eingestellt wurden, so daß eine mögliche Synthese der

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Daten auf einer gleichgewichteteren Ebene gar nicht mehr erfolgen konnte, erklärt also nicht eigentlich das Versäumnis des Carnegie-Instituts, ein ausbalanciertes Geschichtsbild entworfen zu haben. Es war im Ziel vorgegeben, und deshalb hätte jede Abweichung eine Änderung dieses Ziels bedeutet. Was es also festzuhalten gilt, bezüglich des Forschungsprogramms des CarnegieInstituts und seiner Bedeutung, ist eine Diskrepanz zwischen Ziel und Methode. Die Methode, die angewandt wurde, war eher eine Ain/ttdisziplinarität, denn eine Interdisziplinarität, von einer 7Vansdisziplinarität ganz zu schweigen. Über letztere schreibt Jean Piaget (1972: 138), in einem Bericht zu einem Seminar, das speziell der Frage der »Interdisziplinarität in Forschung und Lehre« (vgl. Apostel et al. 1972) gewidmet war: »Finally, we may hope to see a higher stage succeeding the stage of interdisciplinary relationships. This would be 'transdisciplinarity', which would not only cover interactions or reciprocities between specialised research projects, but would place these relationships within a total system without any firm boundaries between disciplines.« Piaget unterscheidet drei Stufen des Zusammenspiels von Wissenschaften. Die erste nennt er »Multidisziplinarität«\ sie ist gegeben, »when the solution to a problem makes it necessary to obtain information from two or more sciences or sectors of knowledge without the disciplines drawn on thereby being changed or enriched« (Piaget 1972: 136). Die zweite Stufe wird als »Interdisziplinarität« bezeichnet; dies ist eine Ebene, »where cooperation among various disciplines or heterogeneous sectors in the same science lead[s] to actual interactions, to a certain reciprocity of exchanges resulting in mutual enrichment« (ebd.). Erst die dritte Stufe führt zu etwas Neuem, einer neuen Wissenschaft und damit auch zu einem neuen Erkenntnishorizont (ebd.: 138f.). Übertragen auf die Mayas, bedeutet dies, daß es nicht genügt, eine bestimmte Auswahl von Wissenschaften (Kidders »collateral researches«) auf ein bestimmtes Problem (die Archäologie beziehungsweise »Vorgeschichte«) anzusetzen. Es reicht auch nicht, in einem »interdisziplinären Ansatz« die Mayas anzugehen, wenn damit lediglich die Befruchtung einer Teilwissenschaft durch eine andere gemeint ist (vgl. dazu das Beispiel des »Genetischen Modells« im nächsten Kapitel, das letztlich nur eine Erweiterung der Archäologie durch die Ethnologie darstellt). Worauf es ankommt, ist, durch eine Abstimmung verwandter Wissenschaften auf ein gemeinsames Ziel nicht nur die entsprechenden Wissenschaften zu aktivieren, sondern auch das Ziel zu erweitern, es ebenso wie die Wissenschaften auf eine höhere, die höchste Stufe zu stellen. Und bei den Mayas ist dies die Gesamtschau ihrer Geschichte: Archäologie, Kolonialgeschichte, Gegenwart. Die ganze Entwicklung gilt es nachzuzeichnen und daraus Gesetze abzuleiten, die ihre historische Erfahrung erklären und zur Formulierung allge-

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meingültiger Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung des Menschen und seiner Kultur beitragen. Gerade dieser letzte Aspekt war ja letztlich das eigentliche Ziel des Forschungsprogramms des Carnegie-Instituts: am Beispiel der Mayas die Entwicklung des Menschen im alten Amerika und darüber hinaus des Menschen schlechthin nachzuzeichnen. Letztlich waren die Mayas nur ein Testfall, der - da das Datenmaterial besonders günstig war - Licht auf die allgemeine Entwicklung des Menschen werfen würde. Dies war die Forderung der Anthropologie. Clyde Kluckhohn (1940), der die Mayaforschung einer ersten systematischen Kritik unterzog, bemängelt besonders, daß es ihr nicht gelang, diesen Schritt hin zu einer bedeutungsvollen Synthese zu tun. Er unterscheidet zwei Richtungen in der (anthropologischen) Forschung (S. 49): das, was er »historical« nennt und sich auf partikularistische Interessen bezieht, gesteht er der Mayaforschung zu; das aber, was ihren eigentlichen Wert ausmachen könnte (er nennt es »Wissenschaft«, womit er einen höheren Abstraktionsgrad, den man auch als »universalistisch« bezeichnen könnte, meint), sei bislang übersehen worden. Ja, es sei noch nicht einmal die Stufe erreicht, die notwendig wäre, um Daten für eine allgemeine Theorie abzurufen. Die Mayaforschung verlöre sich in Einzelthemen, die für die Formulierung allgemeiner Aussagen wertlos seien. Die Kritik, die Kluckhohn erhob und die generell gegen das Carnegie-Institut vorgebracht wird (nicht zuletzt von den Verantwortlichen selbst, vgl. dazu Pollock 1958: 443), muß dennoch relativiert werden: obwohl das Carnegie-Institut im Mayagebiet fast ein halbes Jahrhundert (von 1914 bis 1958) arbeitete, lief das eigentliche »integrale« Programm nur zehn Jahre (von 1930 bis zum Ausbruch des Krieges). Das konnte, selbst wenn man sich darum bemüht hätte, nicht ausreichen, ein umfassendes, kohärentes Bild der Mayas zu entwerfen, geschweige denn, den von der Anthropologie geforderten Beitrag zur allgemeinen Theorienbildung zu leisten. Man mußte sich, bei der insgesamt doch recht geringen Vorarbeit, auf der man aufbauen konnte, auf die Sammlung von Daten konzentrieren; sie zu ordnen, zu koordinieren und daraus neue Forschungsprioritäten abzuleiten, dazu blieb einfach keine Zeit. Und nach dem Krieg fehlten die Mittel; das Forschungsprogramm wurde zusammengestrichen, bis am Ende - wie am Anfang - nur noch die Archäologie übrigblieb. Es war nur eine kurze Episode, die die verschiedenen Zweige der Mayaforschung zum Erblühen brachte. Daß sie sich nicht voll entfalten konnten und schließlich einen Strauß bildeten, in dem jede einzelne Blume nur ein Teil des Ganzen ist, ist weniger die Schuld des Carnegie-Instituts als vielmehr der Institutionen und Einzelpersonen, die sein Erbe übernahmen. Jeder pflückte sich nur eine Blume, hegte und umsorgte sie. Das Ganze, die Einheit, blieb auf der Strecke. Davon hat sich die Mayaforschung bis heute nicht erholt: statt von der Multidisziplinarität, die immerhin vom Carnegie-Institut erreicht wurde, den nächsten Schritt

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zur /n/erdisziplinarität zu vollziehen, um dann schließlich zur Trawidisziplinarität vorzustoßen, hat sie noch nicht einmal das Niveau des Carnegie-Instituts halten können. Es gibt weder ein gemeinsames Ziel (abgesehen davon, daß es sich um das gleiche »Objekt«, die Mayas, handelt), noch erfolgt auch nur eine Abstimmung der einzelnen Untersuchungsbereiche. Ein Wiederaufgreifen des Ansatzes des Carnegie-Instituts - unter einer neuen Zielsetzung - ist heute nötiger denn je.

3. Das Genetische Modell Im Kontext der Gesamtentwicklung der Mayaforschung stellte das Programm des Carnegie-Instituts, trotz seiner Einseitigkeit und vorzeitigen Beendigung, dennoch einen wesentlichen Fortschritt dar. Abgesehen von der Förderung und Intensivierung der »collatéral studies«, verhalf es der Mayaforschung zu einer soliden Basis, die nicht mehr auf Spekulationen - wie bisher -, sondern auf gesichertem Datenmaterial beruhte. Wenngleich dieses Material auch nicht dazu verwendet wurde, Theorien zu entwicklen, die das Datenmaterial in einen bedeutungsvollen Zusammenhang hätten stellen können, so wurden dennoch bestimmte kulturelle Gesetzmäßigkeiten, die der Entwicklung der Mayakultur zugrunde lagen, deutlich. Sie betrafen zwei Bereiche: einmal die Chronologie, die auf Grund keramischer Sequenzen, der Kalenderdeutung und der Auswertung kolonialzeitlicher Quellen erstellt und sowohl in die Vergangenheit, in die Präklassik, als auch bis in die Gegenwart, die Republikanische Periode, ausgedehnt wurde, und zum andern den Kontext, das heißt die kulturelle Verflechtung, die zwischen dem Mayagebiet einerseits und Zentralmexiko andererseits bestand und die das Carnegie-Institut an Hand des Befundes in Yukatan (Tula) und Kaminaljuyü (Teotihacân) nachwies. Damit war der kulturellen Entwicklung der Mayas ein chronologischer Rahmen gegeben und zugleich ein kulturhistorisches Bezugsfeld, das die Kultur der Mayas in eine allgemeine Entwicklungslinie einbettete. Sie zeigte eine deutliche Wachstumskurve, von bescheidenen, dörflichen Anfängen über eine klassische Blüte bis hin zum Niedergang, der sich - in akzelerierter Form - auch nach der Conquista fortsetzte; das alles im Zusammenhang einer übergeordneten, kulturellen Einheit, die man schließlich als »Mesoamerika« definierte. Spekulationen über fremde, gar außerkontinentale Einflüsse hatten sich erübrigt; der Befund vor Ort genügte, die Entstehung und Ausbreitung der Mayakultur zu erklären. Das war der Stand der Mayaforschung Ende der fünfziger Jahre, als das CarnegieProgramm auslief. Was man kannte, waren grobe Entwicklungslinien; keine Details. Man wußte, wie die Entwicklung der Mayakultur im wesentlichen verlaufen war. Aber man wußte nicht, wie sie funktioniert hatte. Das war die Herausforderung, der sich eine neue Generation von Mayaforschern gegenübersah. Im Grunde ist die Frage nach der Funktion der Mayakultur auch heute noch aktuell, denn sie erfuhr - wie wir bereits erwähnten - durch die sogenannte Neue Archäologie eine wesentliche Förderung. Das Ergebnis ist eine nicht abreißende Flut von

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neueren theoretischen Arbeiten, die die Gesetzmäßigkeit, der die Mayaforschung unterliegt - ein Wechselspiel von Theorien und Fakten -, bestätigt. Die Ursprünge dieser Renaissance der Theorie reichen jedoch zurück bis in die fünfziger Jahre. Hier war es das Peabody-Museum, seit Anbeginn ein Hort der Mayaforschung, doch während der Carnegie-Periode eher von komplementärer Bedeutung (ein Großteil der Mitarbeiter des Carnegie-Instituts, soweit es die Mayaforschung betrifft, wurde in Harvard ausgebildet), das die ersten Zeichen setzte. 1953 unternahm es, unter der Leitung von Gordon R. Willey, ein Forschungsprogramm im Tal des Belize River, das erstmals einen Aspekt in den Vordergrund stellte, der bislang nicht beachtet worden war: die Siedlungsstruktur. Inzwischen ist daraus so etwas wie ein eigener Zweig der archäologischen Mayaforschung geworden (vgl. dazu die Aufsatzsammlung [Ashmore 1981], die das Ergebnis eines Seminars ist, das 1977 zum Thema »Siedlungsstruktur« von der School of American Research durchgeführt wurde). Willey und die, die seine Gedanken aufgriffen, sahen und sehen in den sogenannten »Settlement Studies« eine Möglichkeit, Aufschluß nicht nur über die eigentliche Siedlungsform zu erlangen, sondern über die Struktur der Mayagesellschaft schlechthin. In den Worten von Douglas W. Schwartz (1981: IX), dem Präsidenten der School of American Research: »Settlement patterns, the distribution of prehistoric constructions over the landscape, were chosen as the seminar's point of organization. Settlement pattern analysis has demonstrated great heuristic value since it was first systematically employed by Gordon Willey in the early 1950s, providing insight, for example, into land use, demography, and the processes that condition culture change. This approach has been particularly effective in helping Maya researchers conceptualize ways in which the hierarchy of sites was integrated to form a complex network, thereby shedding new light on the political, social, and economic organization of Maya civilization.« Die Siedlungsstruktur, deren Zeugnisse sich archäologisch sehr gut nachweisen lassen, hat also wesentlich dazu beigetragen, daß die Struktur und Funktion der Mayagesellschaft in vorspanischer Zeit, namentlich in der klassischen Periode, erhellt wurde. Untersuchungen dieser Art regten flankierende Studien an und erwiesen sich insgesamt wohl als der fruchtbarste neuere Ansatz in der Maya-Archäologie. Dennoch handelt es sich hierbei nur um eine Methode, eine Vorgehensweise, die nicht eigentlich ein Erklärungsmodell darstellt. Siedlungsstudien sind nur ein Mittel, um zu einem solchen Modell zu gelangen. Eine der frühesten Theorien, die auf dem neuen Ansatz der Siedlungsstruktur aufbaute, war das sogenannte Genetische Modell. Wenigstens konzentrierte es sich auf den Bereich, der durch gezielte Siedlungsstudien besonders genau dokumentiert war. Allerdings gab den Anstoß zu dieser Theorie die linguistische Forschung, die mit ihrer Forderung nach einem einheitlichen Ursprung der - sprachlich verwandten - Ma-

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yavölker das Konzept einer gemeinsamen Genese und Entwicklung begründete. So schreibt Vogt (1964: 12f.), der das Genetische Modell in die Mayaforschung einführte: »The application of the genetic model to analyze the cultural history of a genetic unit involves the combined use of a number of linguistic, archaeological, physical anthropological, ethnological, and historical methods bringing to bear the full range of anthropological data as these become available from field and archival research. Theoretically it would be possible to start at any point on the three factors that define a genetic unit - physical type, language, or systematic patterns [culture]. But in actual practice, it seems more economical to begin with language. There are two reasons for this point of attack on the problem: (1) we are further along in the definition of genetic units in terms of genetically related languages - in fact, most genetic units can thus far only be clearly deliminated by virtue of possessing variations of a common ancestral language; (2) the comparative methods of the linguists are more refined and more rigorous than the comparative methods of the archaeologists, ethnologists, or physical anthropologists.« Das Genetische Modell basiert also auf der Prämisse, daß bestimmte Völker, Stämme oder Gruppen, die eine ähnliche Sprache, Kultur und physische Erscheinung aufweisen, auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen, demnach also eine genetic unit, eine »genetische Einheit«, bilden. Wie es Romney (1957: 36), auf den sich Vogt bezieht, in einer ersten Arbeit zu dem Thema formuliert: »The genetic model takes as its segment of cultural history a group of tribes which are set off from all other groups by sharing a common physical type, possessing common systematic patterns, and speaking genetically related languages. It is assumed that correspondence among these three factors indicate a common historical tradition at some time in the past for these tribes. We shall designate this segment of cultural history as the 'genetic unit' and it includes the ancestral group and all intermediate groups, as well as the tribes in the ethnographic present.« Was das Genetische Modell nun zu erklären sucht, ist nicht mehr und nicht weniger als die historische Entwicklung der Mayas. Es ist also letztlich ein holistischer Ansatz, der in gewisser Weise durchaus dem eigentlichen Anliegen des Carnegie-Instituts entspricht. Aber ähnlich wie hier, verkam auch das Genetische Modell zu einem Hilfsmittel der Archäologie, wobei es letztlich nur noch um die Frage ging: wie funktionierte die klassische Kultur der Mayas, und was kann das rezente, ethnographische Material zur Beantwortung dieser Frage beitragen? Vogt, der nicht nur Pionier dieses Ansatzes ist, sondern zugleich auch Hauptverfechter seiner Einschränkung auf die Archäologie, was um so paradoxer ist, da er eigentlich Ethnologe ist, hat sein Augenmerk auf zwei Aspekte gerichtet, für die ihm das Genetische Modell besonders

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geeignet erschien: die Siedlungs- und, daraus abgeleitet, die Sozialstruktur und die Religion, speziell den zeremoniellen Bereich. Beides ergab sich aus der Beobachtung unter heutigen Mayas, die - da es sich ja um Arbeiten handelt, die im Rahmen des Chiapas-Projektes der Harvard-Universität durchgeführt wurden - der Ausgangspunkt seiner Untersuchungen waren. Kennzeichen der Mayas heute - zumindest derer, die, wie in Chiapas, noch weitgehend isoliert und durch neuere Einflüsse wenig berührt sind - ist eine enge Verflechtung religiöser und administrativer Ämter, ein besonderes Merkmal, das auch für andere indianische Gruppen in Lateinamerika gilt und für das in der Anthropologie der Begriff cargo (span, für »Amt«) geprägt wurde. Eine Frage nun, die seit langem die Mayaforscher beschäftigt hatte und die durch die neueren Siedlungsstudien besonders akut geworden war, betraf den politischen beziehungsweise gesellschaftlichen Zusammenhalt dessen, was man - auf Grund der archäologischen Forschung - als sogenanntes Zeremonialzentrum und umliegende Weiler identifiziert hatte. Wie war in klassischer Zeit die Anbindung der oft weit entfernten Gehöfte an die Urbanen, zeremoniellen Zentren erfolgt, ohne die letztere nicht existenzfähig gewesen wären, ja, nicht einmal entstanden sein konnten? Reichte eine politische, weltliche Macht aus oder auch nur die Ehrfurcht vor den Göttern, um die Botmäßigkeit der umwohnenden, einfachen Masse des Volkes zu gewährleisten? Vogt kam auf Grund seiner Beobachtungen in Chiapas und vermittels des Genetischen Modells, das als Erklärung diente, zu dem Schluß, daß auch in alter Zeit - ähnlich wie heute - unter den Mayas ein sozialer Mechanismus wirkte, der die Kohäsion der Gesellschaft, wenn nicht allein, so doch hinreichend erklärt. Wie er in der ursprünglichen Formulierung seiner These schreibt (Vogt 1964: 29f.): »Social and political integration between outlying hamlets and ceremonial centers was achieved basically by a movement of personnel between the two segments of Maya communities. This movement of personnel was probably of two types: (1) the periodic movement of people from the outlying hamlets into the ceremonial center to attend and participate in religious ceremonies and trade: (2) the movement of families into the ceremonial center to take up residence there during the period of time their male heads occupied positions in the lower ranks of the priesthoods. The first type of movement is the one that is described frequently in the Maya literature, and nothing need be added at this point. The second type of movement occurs today in the system of annual rotation in the filling of cargo positions, and was, I suspect, important in the past. If such a system did prevail, then much of the mystery would be solved as to how dispersed Maya settlements were structurally integrated and how the supposed priestly class managed to pursuade the peasants to bring food into the ceremonial centers and provide labor to support them and to build and maintain the centers. It would mean that there was less of a gulf between the peasants fanning com in the hinterland and the priests in the ceremonial center than has been supposed. Instead, men

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would rotate between being peasant farmers and serving in the lower ranks of the hierarchy in a system that would knit the structure together by giving heads of families periodic opportunities to serve as priests themselves. Willey (1956) suggests this possibility on the basis of his Belize Valley archaeological data, and I feel strongly that it should be explored further. Among other things, while I am impressed with the size and structure of pyramid-temples at Classic Maya sites, I am unimpressed with the argument that the so-called 'palaces' were actually lived in by Maya 'rulers' or 'lords'. Rather, I suspect that even the higher priests lived with their families in house compounds around the edges of the complex, and that the 'palaces' were used as structures for lengthy ceremonials by groups of priests in certain orders who may have slept, eaten, prayed, and performed other rituals in them during the course of a ceremonial sequence.« Vogt beschränkt sich in seiner Aussage auf die unteren Ränge der Priesterschaft; er sagt nicht, daß alle Ämter ausgewechselt wurden. Um die kulturelle Kontinuität in den Zeremonialzentren zu wahren, habe es einer festen Führungsschicht bedurft, der gegenüber die niederen, fluktuierenden Ränge nur eine Komplementärfunktion eingenommen hätten (ebd.: 29). Seine These stelle also einen Kompromiß dar, verbinde die bislang vorherrschende Version (daß die Zeremonialzentren der Sitz einer religiösen und/oder weltlichen Herrscherschicht gewesen seien) mit einer neuen Interpretation (derzufolge auch das Volk, in der Ausübung bestimmter, niederer Ämter, in den Zentren angesiedelt war). Dies ist eine These, die Vogt mit Hilfe des Genetischen Modells zu untermauern versucht. Eine zweite betrifft den engeren Bereich der Religion, wo er sein Augenmerk besonders auf die Entstehung der Pyramiden richtet, die ja seit langem - nicht nur in der Mayaforschung - ein vieldiskutiertes Thema sind, zumindest seitens der Diffusionisten. Vogt (ebd.: 37f.) schreibt dazu: »Assuming that hills and mountains were believed to have been dwelling places of ancestral deities among the early Maya, the movement into the flat lowlands presented a religious and ceremonial problem which was solved by the construction of steep-sided pyramids that became the dwelling places of the ancestral gods. This is admittedly a fanciful hypothesis, and at this point there is about as much evidence against as for the idea. But I am convinced there is some kind of functional relationship in the Maya case between mountains and pyramids, and I should like to make an argument on this point. All through the mountainous Highland Maya areas we know that contemporary communities believe that gods live in mountains. To take a specific case, there is a striking similarity between the steep-sided mountains in Zinacantan which are conceptually the dwelling places of the ancestral gods and the steep-sided pyramids constructed during Classig times in the Peten. It was indeed starling to me on a recent visit at Tikal to be

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confronted by what might be interpreted as totilme' iletik [ancestral deities] carved in stone on the roof combs of the major pyramids. In Zinacantan there are now only altars with crosses signifying the dwelling places of these ancestral gods on the mountain tops, but conceptually the parallel is close, especially when one thinks of ceremonial groups visiting a series of sacred mountains in perhaps much the same way that the Classic Maya ceremonial groups visited a series of pyramids. The location and possible use of stelae and altars found in Classic sites in the Peten and the location and use of crosses in Zinacantan is generally similar. Just as members of the priestly hierachy or curing parties from the outlying hamlets make ceremonial circuits offering incense, flowers, and candles and saying prayers before crosses in Zinacantan, one can imagine that groups of priests in the ceremonial center or curers with their patients from outlying villages made ceremonial circuits to burn incense on the altar stones and say prayers before the monuments erected at the Classic Maya sites. In fact, it is possible that these ceremonial groups prayed at the foot of pyramids and then climbed the stairs to pray to the ancestral god in the temple on top in the same way that the Zinacantecos pray to crosses at the foot of their sacred mountains and then enter the house of the god and climb to the top to offer other prayers directly to the totilme' il who is believed to reside there ...« Vogt geht davon aus - in Anlehnung an den linguistischen Befund, der als das Ursprungsgebiet beziehungsweise Dispersionszentrum der Mayas das Hochland (in Guatemala) postuliert daß die Kultur der Hochlandmayas (speziell in Chiapas) auf Survivals beruht, die auf eine ursprüngliche oder »Proto-Kultur« zurückgehen, die im Hochland ausgebildet wurde und sich dann - entsprechend der von der Linguistik postulierten Ausbreitung der Mayas - ins Tiefland verlagerte. Dies trifft sowohl für die Siedlungsstruktur (und implizite die sozialen Integrationsmechanismen) zu wie für die Religion, speziell den Pyramiden- und Ahnenkult. Das Genetische Modell erklärt, wie es zur Tradierung ursprünglicher Kulturformen bis in die heutige Zeit kommen konnte und welche Formen sie in klassischer Zeit annahmen. Änderungen, die sich gegenüber der ursprünglichen (bislang hypothetischen) Form ergeben haben, sind nach Vogt auf zwei Faktoren, die seine Theorie (von der Validität des Genetischen Modells) nicht in Frage stellen, zurückzufuhren: Anpassungszwänge auf Grund unterschiedlicher Umweltbedingungen und kulturelle Fremdeinflüsse, die sowohl in vorspanischer Zeit (in Form wiederholter Impulse beziehungsweise Überlagerungen aus Zentralmexiko) als auch infolge der spanischen Kolonialherrschaft auf die Mayas einwirkten. Eine Stütze findet diese Argumentation Vogts in einer Arbeit von Carrasco (1961), in der dieser den Nachweis führt - allerdings nur am Beispiel Zentralmexikos -, daß das rotative Ämtersystem, das er für die heutigen indianischen Gemeinden in Mesoamerika als charakteristisch anerkennt, in der Tat auf vorspanische Vorbilder zurückgeht, die dann während der spanischen Kolonial-

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zeit einige Änderungen erfuhren. Für die Mayas fehlt eine vergleichbare Untersuchung, nicht zuletzt deshalb, weil das verfügbare Datenmaterial, zumal, was die klassische Zeit betrifft, sehr viel weniger aussagekräftig beziehungsweise deutbar ist als in Zentralmexiko. So ist es nicht verwunderlich, daß der Ansatz von Vogt einige Kritik ausgelöst hat, die vornehmlich aus den Reihen der Archäologen kommt, die grundsätzlich Bedenken anmelden gegenüber dem von Vogt (und anderen, z.B. Holland 1961, 1964) praktizierten Verfahren, durch Analogieschlüsse, die sich auf den gegenwärtigen, ethnographischen Befund stützen, Erklärungen für in der Archäologie anstehende Fragen zu liefern. Besonders explizit äußert sich dazu Barbara Price (1974), die dem Genetischen Modell, da es sich ausschließlich auf die Deskription beschränke und prozessuale Aspekte völlig außer Acht lasse, methodische Mängel vorwirft. Price, die der »ökologischen Schule« in der Archäologie angehört, setzt dem Genetischen ein sogenanntes »Adaptives Modell« gegenüber, womit sie freilich einen Gedanken aufgreift, den ja auch Vogt schon in seinem (zugegebenermaßen eher kursorischen) Bemühen um eine Erklärung der Abweichungen von der ursprünglichen, die Genetische Einheit bedingenden Kultur äußerte. Umweltfaktoren und die Reaktion des Menschen darauf, die sich in bestimmten kulturellen Erscheinungsformen manifestiere, seien die eigentlichen historischen Prozesse. Ähnlichkeiten seien also weniger auf einen gemeinsamen genetischen Ursprung zurückzuführen, als vielmehr auf gleiche oder ähnliche Umwelterfahrungen. Kritisch äußerte sich auch William A. Haviland (1966), der auf Grund des Befundes aus Tikal, namentlich, was die Bevölkerungszahl anbelangt, Bedenken anmeldete. Er schreibt (S. 628): »The estimated figure for the population of Tikal which is comparable to the population statistics for Zinacantan is the one which includes the population center (Tikal proper) plus sustaining area. This estimated population of 20,000-22,000 is about twice that projected for Zinacantan for 1980. Given our knowledge of the long-term trends in the latter community, it would seem that the bulk of the population of the 'greater Tikal' area in Late Classic times would necessarily have been excluded from holding any kind of office, if, in fact, the cargo system existed in Late Classic times. In fact, it is not difficult to imagine the possibility that a specific social group might gain a monopoly of any existing cargo positions.« Haviland, indem er sich auf Carrasco stützt, führt das Beispiel der Azteken an, wo die höchsten Ämter in der Tat nur einer privilegierten Schicht der Bevölkerung offenstanden. Entscheidend in seiner Argumentation ist, daß die Bevölkerung, zumindest in spätklassischer Zeit, zu groß war, um durch ein rotatives System der Ämterhierarchie, das auch und gerade die umliegenden Weiler mit einbezog, die soziale Integration zu gewährleisten. Parallelen, die diese These stützen, finden sich nicht zuletzt auch in Zi-

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nacantan, wo Cancian (1965a) nachwies, daß ein zunehmender Bevölkerungsdruck sich nachteilig auf ein traditionsgemäß »demokratisches« System auswirkt. Ähnlich ist der Befund von Bunzel (1952) bezüglich Chichicastenangos. Verfolgt man die Argumentation von Haviland, die durch ethnographische Daten bestärkt wird, einen Schritt weiter, so ließe sich daraus eine neue These ableiten, die als Erklärungsmodell für den Niedergang der klassischen Mayakultur dienen könnte: in dem Maße, wie die Bevölkerung stieg und die Beteiligung des Volkes an zivilen beziehungsweise religiösen Ämtern (im Vergleich zur Gesamtbevölkerung) zurückging, lockerten sich auch die gesellschaftlichen, das heißt politischen und wirtschaftlichen Bande, die einen »Stadtstaat« (zeremonielles beziehungsweise urbanes Zentrum plus Einzugsbereich) zusammenhielten. Es kam zu einer Desintegration, die eine direkte Folge der Substitution eines ursprünglich demokratischen durch ein zunehmend aristokratisches beziehungsweise diktatorisches System war. Die Frage des Niedergangs der klassischen Maya-Zivilisation soll an dieser Stelle nicht untersucht werden (sie bildet eines der Hauptthemen im nächsten Kapitel); es sollte lediglich aufgezeigt werden, wie durch das Zusammenspiel von Archäologie und Ethnologie neue Wege beschritten werden können, die durchaus fruchtbar sein können, wenn man sich um eine nicht nur statische Sicht bemüht. Was nun das Genetische Modell anbelangt, das - ähnlich wie die ihm als Grundlage dienenden Studien zur Siedlungsstruktur - stimulierend auf die Mayaforschung wirkte, so hat Vogt (1983) in einem neueren Beitrag den Versuch unternommen, Kritik, die gegen seinen Ansatz vorgebracht wurde, aufzugreifen und daraus ein neues Konzept abzuleiten. Indem er vom Genetischen Modell, das ihm ursprünglich als Rahmen für seine Hypothesen gedient hatte, abrückt, konzentriert er sich im wesentlichen auf die Frage, die ja auch schon am Anfang seiner Diskussion stand: welches war der Mechanismus, der Zeremonialzentrum und Weiler zusammenhielt? Im Gegensatz zu früher, wo Vogt das Cargo-System in den Vordergrund stellte, ist es nun ein Modell, das er »Periphery-to-Center Pulsations Model« nennt (ebd.: 105ff.), dem er die Last der sozialen Kohäsion aufbürdet. Der Name des neuen Modells gebietet Ehrfurcht, doch es ist im Grunde nur eine Erweiterung des ursprünglichen Modells: da Vogt der neueren linguistischen beziehungsweise ikonographischen Forschung die Stichhaltigkeit ihrer Ergebnisse zugesteht, die auf eine dynastische Herrschaftsstruktur hinauslaufen (in der es, wenn überhaupt, nur wenig Platz für »demokratische« Partizipation gab), sieht er sich gezwungen, neben einem begrenzten Cargo-System auf die Funktion eines eigentlichen zeremoniellen (und administrativen) Zentrums zurückzugreifen, in dem man nicht nur bestimmte (niedere) Ämter wahrnahm, sondern auch regelmäßige Handlungen wie religiöse Feste oder geschäftliche Aktivitäten durchführte. In den Worten Vogts (S. 113): »In brief, a powerful argument can be made that the pulsating ebb and flow of Maya secular life in and out of the ceremonial centers is modeled in intricate

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ways in the pulsations in ritual and ceremonial life that not only help to weave Maya communities together but also provide a rich texture for Maya culture.« Vogt kehrt damit letztlich zu einer Position zurück, die traditionellerweise in der Maya-Archäologie vertreten wurde und derzufolge die Funktion der zeremoniellen (und nicht »Urbanen«) Zentren vor allem darin bestand, als Brennpunkt der Mayakultur, wo letztlich alles Leben zusammenlief, zu dienen. So schrieb Ricketson (1937: 15), auf Grund des Befundes in Uaxactün: »The great ruins to which we refer as cities were never, in my opinion, urban communities in our sense of the word. They were centers where people from the surrounding countryside gathered to attend the weekly markets and the major religious festivals held in the well-paved plazas then as they are today in Solola and Chichicastenango.« Eine Aussage, die zwar wiederum den ursprünglichen Ansatz von Vogt, das Genetische Modell, stützt, im Zuge der neueren Entdeckungen (s. nächstes Kapitel) aber nicht mehr haltbar ist. Vogt hat letztlich, durch seine Kehrtwendung, nur den Protagonisten des »Zeremonialzentrums« (im Gegensatz zu einer tatsächlichen Stadt) einen Dienst erwiesen. Das Genetische Modell, das der Ausgangspunkt seines Ansatzes war, blieb dabei völlig auf der Strecke. Es spielt heute - abgesehen von der Linguistik - kaum noch eine Rolle, obwohl, wie wir meinen, seine Möglichkeiten bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Neben der Archäologie und der Ethnologie müßte allerdings die Ethnohistorie stärker herangezogen werden, was natürlich voraussetzt, daß diese, die so ziemlich das Schlußlicht der Mayaforschung bildet, aktiviert wird, damit sie auch wirklich mit Datenmaterial aufwarten kann, das geeignet ist, die Lücke zwischen vorspanischer Zeit und Gegenwart zu schließen.

4. Prozesse und Strukturen Das Genetische Modell war - wie die Erforschung der Siedlungsstruktur, auf der es aufbaute - ein erster Schritt hin zu einer neuen Sicht in der Mayaforschung. Hatte man sich während der Zeit, da das Carnegie-Institut den Ton angab, damit begnügt, die Chronologie oder zeitliche Abfolge der einzelnen Entwicklungsstadien der Mayakultur aufzuzeigen, so trat mit dem Beginn der sechziger Jahre ein Wandel ein, der schließlich in der sogenannten Neuen Archäologie gipfelte. Vor dem Hintergrund eines gesicherten chronologischen Gerüsts ging es nun nicht mehr um die Frage, wie die Mayas und ihre Kultur zeitlich einzuordnen waren, sondern es galt vielmehr, jene Gesetzmäßigkeiten beziehungsweise Prozesse und Strukturen zu untersuchen, von denen Kluckhohn (und sein Schüler Taylor) gesprochen hatte und die allein erklären würden, wie die Kultur der Mayas entstanden war und wie sie funktionierte. Damit löste ein dynamisches Bild die bis dahin vorherrschende statische Sicht ab. Auslöser für diese neue Entwicklung war - abgesehen von den Kritiken von

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Kluckhohn und Taylor, die Anfang der sechziger Jahre wieder aufgegriffen wurden (vgl. dazu Binford 1962) - die allgemeine Unruhe, die im Gefolge des VietnamKrieges auch die Wissenschaft erfaßte und zu einer Reflexion über bisherige Praktiken und Ziele in der Forschung führten. Es kamen also zwei Impulse - der eine aus der Wissenschaft, der andere aus der Gesellschaft - zusammen, und das Ergebnis war ein radikaler Umbruch in Theorie und Praxis der Wissenschaft. Nicht nur wurde nun gefragt, wie eine Kultur - die fortan »System« hieß - funktionierte, man forderte auch, daß, wenn eine solche Frage gestellt wurde, dies auch von gesellschaftlichem Nutzen, zumindest im Hinblick auf universale Gesetze, die allgemein anwendbar seien, sein sollte. Die Zeit der Idylle, wie sie namentlich die Mayaforschung gewesen war, war vorüber. Waren dies die äußeren Rahmenbedingungen, die zu einer Veränderung in der Mayaforschung führten, so gab es auch im engeren Bereich der Mayaforschung selbst noch einen weiteren Impuls, der von entscheidender Bedeutung war. Es waren dies die bahnbrechenden Entdeckungen in der Epigraphik, die die Tür zu einer ganz neuen Sicht der Mayakultur aufstießen. Zum ersten Mal sprachen die Mayas selbst über ihre Entwicklung, und was sie sagten, ging sehr wesentlich über die nüchternen kalendarischen Aussagen hinaus, die man bislang allein als Selbstzeugnisse der Mayas hatte verwenden können. Die sechziger Jahre brachten also die Mayaforschung in Bewegung, was durchaus nicht nur für die Archäologie gilt (wie wir noch sehen werden), obwohl hier die Auswirkungen, zumindest was den Umfang der Arbeit betrifft, am deutlichsten waren. Es kam zu einem neuen Boom in der Mayaforschung, zu deren fruchtbaren Ergebnissen natürlich auch die institutionelle Ausweitung - weg von einer einzigen, dominanten Institution - führte. Dieser Prozeß der kritischen Auseinandersetzung mit der Wissenschaft und die daraus resultierende Stimulierung zu neuen Ansätzen dauert bis heute an, wenngleich auch eine gewisse Müdigkeit oder Resignation, zumindest in den auf die Gegenwart gerichteten Forschungszweigen, zu beobachten ist. In der Archäologie scheint dagegen geradezu eine Manie der Modellgläubigkeit ausgebrochen zu sein, als deren sichtbarste Äußerung man eine neuere Arbeit von John W.G. Lowe (1985) über den Niedergang der klassischen Mayakultur bezeichnen könnte. Die Bedeutung dieser Arbeit, die vor allem im theoretisch-methodischen Bereich liegt, soll durchaus nicht geschmälert werden, aber einem distanzierten und um Objektivität bemühten Betrachter drängt sich bei einem solchen intellektuellen Klimmzug der leise Verdacht auf, daß hier nicht nur ein Zweig der Mayaforschung, sondern darin auch nur noch eine Fragestellung - wie ging die klassische Mayakultur zugrunde? - so weit verabsolutiert wird, daß sie letztlich nur noch einen Selbstzweck darstellt. Hier ist, so könnte man meinen, das Pendel ins andere Extrem ausgeschlagen: es gibt, bei Lowe (und anderen), nicht nur einen speziellen (alles überragenden) Zweig der Mayaforschung, die Archäologie, sondern inzwischen auch darin wie-

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derum einen eigenen Zweig: die »Collapse Studies« oder »Niedergangsforschung«. Beobachtungen dieser Art, die häretisch klingen mögen, aber keineswegs so gemeint sind, verweisen auf ein Problem, das wir eingangs erwähnten und das wir auch am Ende dieser Arbeit noch einmal hervorheben werden: die Atomisierung der Wissenschaft, die nicht zuletzt durch den neuen Trend gefördert wurde - keine Frage ist zu banal, als daß man sie nicht mit einer ganzen Batterie von Theorien und Modellen angehen könnte. Was John Eric Thompson (1972: XVI), der Altmeister und trotz seines Spezialgebietes letztlich ein Generalist in der Mayaforschung, bezüglich einer Ausuferung in der Typisierung von Keramikstilen sagte (»A fantastic amount of time and effort is spent in labeling pottery with what are for the most part uncouth, unpronounceable names ...«), mag - auf einer anderen Ebene - sehr wohl auch für die gegenwärtige Theorienbildung in der (archäologischen) Mayaforschung zutreffen. Wie Kluckhohn die pure Anhäufung von Daten kritisierte, so könnte man heute ein Argument gegen eine Überbetonung von Modellen ins Feld führen, die letztlich genauso steril ist. Mag dies auch vielleicht eine zu stringente Aussage sein (obwohl sie sich, das sei zu ihrer Rechtfertigung gesagt, an dem seit den Tagen des Carnegie-Instituts bestehenden und noch immer nicht erfüllten Postulat einer synthetischen Gesamtschau der Mayas orientiert), so kann eines doch mit Sicherheit gesagt werden: Methoden und Theorien, die die Neue Archäologie der Wissenschaft bescherte, fielen in der Mayaforschung auf fruchtbaren Boden. Besonders trifft dies für die sogenannte Klassische Periode zu, über die wir heute - dank der neueren Studien - wohl besser informiert sind als über jede andere Phase der kulturellen und historischen Entwicklung der Mayas. Aber auch, was den Ursprung, die Genese der Mayakultur betrifft sowie deren Niedergang und den Wandel, der in postklassischer Zeit folgte, so hat es eine reiche Ernte von Arbeiten gegeben, die alle - mehr oder weniger - dem neuen Trend verpflichtet sind. Besonders hervorzuheben sind die vier Arbeiten, die - den Ursprung (Adams 1977) und den Niedergang (Culbert 1973) der klassischen Mayakultur sowie die Siedlungsstruktur (Ashmore 1981) und den Übergang von Klassik zur Postklassik (Sabloff u. Andrews V. 1986) betreffend - auf diese Themen speziell behandelnden Seminaren beruhen, die von der School of American Research einberufen wurden. Diese vier Arbeiten fassen gewissermaßen die Ergebnisse der neuen Phase der MayaArchäologie zusammen, wobei - was insbesondere den Niedergang betrifft - inzwischen wieder einige Jahre vergangen sind, so daß man - abgesehen von der Arbeit von Lowe und einigen anderen Monographien (z.B. Fox 1987) - auf Aufsätze neueren Datums verwiesen ist, um auf den jeweils neuesten Stand zu gelangen. Was bislang nicht - oder doch nur ansatzweise - geleistet worden ist (und deshalb die Kritik, wie sie oben erwähnt wurde), das ist eine diachrone Gesamtschau, aus der allein Regelmäßigkeiten, die der Entwicklung der Mayakultur zugrunde lagen, abge-

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lesen werden können. Eine der wenigen Ausnahmen in dieser Richtung ist ein Aufsatz von Gordon R. Willey (1986), einem Altmeister der Mayaforschung, der vielleicht am ehesten berufen ist, eine solche Synthese zu liefern. Er sieht in der Entwicklung der - vorspanischen - Mayakultur ein Spannungsfeld, das aus einem Wechsel zwischen »Kohärenz« und »Instabilität« besteht. Damit bezieht er eine Position, die sich auf zwei unterschiedliche Theorien stützt, die seiner Meinung nach einander jedoch nicht ausschließen. Diese Theorien, die er einander gegenüberstellt, bevor er sie zu einer neuen integriert, charakterisiert er folgendermaßen (S. 193): »We have ... two views of ancient lowland Maya society and culture. In one of these we see a highly coherent, integrated, and smoothly functioning system, in which all parts or subsystems seem to be running in close harmony and coordination with each other. Presumably, any potentialities for change were so accomodated that the feedback within the system was negative and not change-producing. The other view, developed in long-term historical perspective, is that of a society beset with recurrent crises, most easily seen as political crises of breakdowns, 'collapses', or, at best, retrenchments in the political order. Presumably, factors making for change were not neutralized; instead, there was a positive feedback for change that succesfully threatened and, eventually, destroyed or drastically modified the system.« Die Langzeitperspektive, von der Willey spricht, macht tatsächlich deutlich, daß die Mayas beziehungsweise ihre Kultur in besonderer Weise für »Krisen« anfällig war. Der Niedergang der klassischen Kultur, der gemeinhin nur gesehen wird, war bei weitem nicht der einzige: »There were 'times of troubles' in the southern lowlands during the Protoclassic (A.D. 1-250), at the end of the Early Classic (A.D. 534-593), and at the end of the Late Classic (A.D. 800-900). One has the impression that these crisis became increasingly severe and of longer duration. Of course we cannot be sure of the duration of the earliest one; but the "hiatus' at the end of the Early Classic period lasted only 50 years or so, a century at most. For the 'great collapse' of the ninth century there was no real recovery, at least in so far as this marked a return to something approaching state formation. Following the 'great collapse' the main theatre of lowland Maya high political activity and state formation shifted to the north. There were probably a number of competing polities here between A.D. 800 and 1 000, but after the latter date Chichen Itza emerged as the capital of the dominant state, perhaps holding sway over most of the Yucatan Peninsula. After Chichen Itza's fall, Mayapan took over but, most probably, on a lesser scale. With the fall of Mayapan in the mid-fifteenth century, and the breakup of authority among many petty chieftains, the lowland Maya were again in another stage of crisis.« (Ebd.)

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Es können also für die (engere) vorspanische Geschichte der Mayas - soweit es das Tiefland betrifft, in dem der Schwerpunkt der kulturellen Entwicklung der Mayas erfolgte - fünf solcher Krisen ausgemacht werden. Dabei ist augenfällig, daß sie - mit Ausnahme der Spätzeit - in geradezu regelmäßigen Abständen erfolgen, so daß der Gedanke auftauchte (Puleston 1979), daß sie nicht nur den Mayas selbst bewußt waren, sondern auch ihr zyklisches Weltbild, zumal in der Postklassik, als man den Kalender auf die Katunzählung (256 Jahre) reduzierte, bestimmte. Wie dem auch sei, als Tatsache bleibt bestehen, daß die Instabilität zumindest ebenso ein Kennzeichen der Mayakultur war wie ihre angebliche Kohärenz. Wie aber nun bringt Willey diese beiden gegensätzlichen Merkmale auf einen Nenner? Er zitiert eine Arbeit von Flannery (1972), in der dieser den Nachweis zu erbringen versucht, daß es sozusagen ein Naturgesetz ist, daß Staaten, die auf einer zunehmenden Zentralisierung beruhen, der Gefahr einer »Hyperkohärenz« ausgesetzt sind, womit eine völlige Integration aller ein gesellschaftliches System ausmachenden Einzelteile gemeint ist, was eine besondere Anfälligkeit - indem ein Teil, der dysfunktional wird, alle anderen und damit das gesamte System beeinträchtigt - in sich birgt. Anstöße für eine solche Kettenreaktion, die zum Zusammenbruch eines Systems führen kann, kämen theoretisch in großer Zahl in Betracht (s. weiter unten), doch was die Mayas betrifft, so ist es die Regelmäßigkeit, mit der die Krisen auftreten, die ein valides Gesamtkonzept erschweren. Willey führt als möglichen speziellen Auslöser »Kontakte von außen« an, die in der Tat mit ziemlicher Regelmäßigkeit auf die Mayas einwirkten. Mit Sicherheit läßt sich eine gewisse zeitliche Konkordanz zwischen Krisen einerseits und Fremdeinflüssen andererseits nachweisen, und wenngleich in jedem Fall eine besondere Konstellation bestanden haben mag, so deutet doch alles daraufhin, daß Einflüsse von außen, wenn nicht ausschlaggebend, so doch wesentlich an den Ereignissen, die jeweils zur Krise führten, beteiligt waren. Was nun die einzelnen Phasen (und ihr jeweiliges Ende) in der vorspanischen Entwicklung der Mayas betrifft, so wollen wir uns im folgenden auf drei Aspekte beschränken: die Genese, die Struktur und den Niedergang der klassischen Mayakultur. Die ersten Anfänge und das spätere Nachblühen, Perioden, über die vergleichsweise weniger gearbeitet wurde, können wir jeweils nur streifen. Ohnehin können wir auch bei den drei obengenannten Fragestellungen nur die wichtigsten Theorien erwähnen. Die Frage nach dem Ursprung der Mayas ist nicht unbedingt identisch mit der Genese der Mayakultur. Letztere, soweit wir damit die eigentliche, klassische Zivilisation meinen, kristallisierte sich erst relativ spät heraus, während die ältesten Funde menschlicher Besiedlung im Mayagebiet bis in die Zeit um 9 000 v. Chr. reichen. Zu dieser Zeit war der Mensch noch Jäger und Sammler, und erst im 3. Jahrtausend v. Chr. setzte im Mayagebiet der Wandel hin zu einer ackerbautreibenden Lebensform ein. Das war der Beginn der sogenannten Präklassik, die noch einmal fast dreitausend Jahre währte, ehe die eigentliche klassische Periode begann.

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Die Genese der Mayakultur, also der Zivilisation, wie sie die Klassik prägte, ist also in das Präklassikum zu datieren. Hier liegen die Anfänge dessen, was einmal zur höchsten Kultur des indianischen Amerika erblühen sollte. Die Frage, die immer wieder auftauchte, lautete: wie war es möglich, daß eine Kultur, wie die der Mayas, in tropischem Regenwald entstehen konnte? Alle anderen frühen Hochkulturen, ob in Ägypten, Mesopotamien, Indien oder China, waren in fruchtbaren Flußoasen entstanden, die nicht nur den Ackerbau, sondern auch einen gesellschaftlichen Zusammenschluß - durch die Begrenztheit des Raumes und die Notwendigkeit der Flußregulierung - förderten. Im Mayagebiet, zumal dort, wo sie ihre klassische Blüte erlangte, herrschten derartige günstige Bedingungen nicht vor. Die Erklärung wurde deshalb in einem Einfluß, einem Impuls von außen gesucht. Diese Theorie schließt letztlich an das Kredo der Diffusionisten an, die ja am Anfang der Deutungsversuche hinsichtlich der Entstehung der Mayakultur (und der im übrigen Mesoamerika) standen. Der Unterschied liegt darin, daß die Diffusionisten (zumindest der früheren Generation) den Mayas (und dem Indianer generell) die Fähigkeit zu einer eigenständigen höheren Entwicklung absprachen, während die Verfechter eines Einflusses von außen, der jedoch auf Amerika beschränkt ist, ökologische Faktoren anfuhren, um ihre These zu stützen (vgl. dazu Meggers 1954, 1957). Als direkte Erwiderung darauf könnte man die Thesen von Puleston und Puleston (1971) anführen, die davon ausgehen, daß die Flüsse, die es im Mayagebiet gibt, durchaus ausreichten, um sozusagen als Initialzündung zu dienen. Hier siedelten die ersten Einwanderer, und als die fruchtbaren Uferregionen nicht mehr ausreichten, da die Bevölkerung stetig anstieg, nahm man Zuflucht zu künstlicher Bewässerung und wanderte ab in die Wälder, wo man eine neue Nahrungsquelle, den Ramón-Baum, fand und gezwungen war, staudammartige Reservoire anzulegen, um die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen. Auf diese Weise wurde nicht nur der »feindliche« Dschungel bezwungen, sondern es wurden auch die Grundlagen einer höheren Organisation gelegt. Dieses ökologische Modell, das durch Untersuchungen in Tikal angeregt wurde, klingt plausibel, ist dennoch aber nicht allgemein anerkannt worden. Vor allem deshalb nicht, weil es zwar eine Erklärung für die Besiedlung (und Erschließung) des Urwaldgebietes, im Petén, liefert, nicht aber für die besondere Ausprägung der Kultur, die dort entstand beziehungsweise ihren Höhepunkt erlangte. Was zu der Frage führt, was für eine Kultur dies denn nun eigentlich war. Welche Form der Kultur hatten die Mayas in klassischer Zeit wirklich erreicht? Um mit Marcus (1983: 482) zu sprechen: »After all, it's hard to reconstruct how a society feil if we can't even agree on what kind of society it was.« Das gilt auch für die Frage nach dem Ursprung beziehungsweise Aufstieg der Mayas. Nach Gordon Childe (1950), der sich um eine Definition dessen bemühte, was eine (frühe) Zivilisation ausmacht, sind eine Reihe von Faktoren entscheidend, um diesen

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Grad der Kultur identifizieren zu können. Dazu gehören Urbanismus, zentrale Autorität, Berufsspezialisierung und Schrift. Ferner sind monumentale Architektur, Steuern und soziale Stratifikation ein sine qua non. Gemessen an diesen Kriterien und auf Grund des Befundes sowohl archäologischer als auch epigraphischer Art war die Kulturstufe, die die Mayas erreichten, durchaus zivilisatorischer Art, wobei allerdings die Frage des »Urbanismus« (s. unten) bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Frühe Forscher - und dazu gehörten so namhafte Experten wie Morley, Kidder und John Eric Thompson - gestanden es den Mayas zu, daß sie diese kulturelle Höhe allein erlangt hatten. Zweifellos war dies darauf zurückzuführen, daß sie im Rahmen des Carnegie-Programms, das ja - soweit es Mittelamerika betraf - ausschließlich auf die Mayas gerichtet war, so sehr in ihren Studien verhaftet waren, daß sie ihren Blick nicht - oder doch nicht in ausreichendem Maß - auch auf andere Regionen richteten. Im übrigen war diese Sicht sicher auch eine Reaktion auf die allzu üppigen Theorien, die die Diffusionisten in die Welt gesetzt hatten. Heute, nachdem man vor allem die Frühphase der Mayakultur genauer erforscht hat, neigt man zu einer Art Kompromiß: die Mayakultur ist nicht gänzlich autochthon; sie ist aber auch nicht in toto aus anderen Regionen in das Kemgebiet der Mayas verpflanzt worden. Es war vielmehr eine allmähliche, kontinuierliche Entwicklung, die im Wechselspiel zwischen endogenen und exogenen Faktoren - zur eigentlichen Blüte in der Klassik führte. Willey (1977) hat auf Grund des Seminars über den »Ursprung der Maya-Zivilisation« ein Modell entwickelt, das einen Versuch darstellt, Einzelhypothesen zu einer Gesamtschau zu integrieren. Er schreibt (S. 418): »Our model for the rise of Maya civilization is defined much as we defined the model for the collapse of that civilization. 'A precise statement of the characteristics and dynamics of a system', the model here proposed is a 'qualitative and general one which will be compatible with the known facts and which will suggest leads for more complicated models and, particularly, for models which will be ultimately quantified' (Willey and Shimkin 1973: 489). It is viewed as a systematically related set of hypotheses and a research design as much as it is an explanation. Diachronically and developmentally, the model for the rise of Maya civilization precedes and overlaps with that described for the collapse. Again, in briefest form, and in general terms, our model postulates population growth in a previously unoccupied area as the preparatory base for the advance to the civilizational threshold. This threshold was attained through the development of an elite culture by means of intergroup competition and rivalry. The success of the system was stimulated by extraareal cultural contacts through trade and other mechanisms, and this success produced further growth of population and competition between groups. Beyond this point, as we have described in our model for the collapse, internal stresses and external pressures resulted in an increasing rigidity in the system, leading to system failure and collapse.«

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Die Suche ist also noch nicht beendet; im Grunde handelt es sich bei dem »Overarching Model«, wie Willey seine Synthese nennt, nur um eine Aufzählung und Aneinanderreihung von Einzelhypothesen, die zwar eine Ereigniskette ergeben, die dem bisherigen Befund entspricht, dennoch aber nicht zwingend - weder was die Art der Einzelhypothesen noch ihre Gewichtung betrifft - das Erklärungsmodell ergeben, das tatsächlich der Wahrheit entspricht. Wie sehr bisherige Erklärungsversuche durch eine neue Entdeckung relativiert werden können, zeigt eine These, die auf neueren Funden in El Salvador aufbaut. Hier hatte in den siebziger Jahren ein Team von Archäologen und Geologen Indizien entdeckt, die eine Erklärung dafür abgeben könnten, warum es gegen Ende der Präklassik, einer Phase, die man auch Protoklassik, also sozusagen den ersten Anlauf zur Klassik, nennt, einen plötzlichen Schub kulturellen Wandels im Petén, dem späteren Zentrum der Mayakultur, gab. Man fand Spuren eines Vulkanausbruchs, der eine bislang blühende, frühe Kultur (die auf Einflüsse der Olmeken zurückging) zunichte machte und die Überlebenden zwang abzuwandern, was sie - der Theorie nach, die auf diesen Funden aufbaut - in Richtung Norden taten, wo sie - in Belize und im Petén - auf eine kulturell niedrigerstehende Bevölkerung stießen, der sie das »Licht der Zivilisation« brachten. In den Worten von Payson Sheets (1979: 36f.), der diese These aufstellte: »The picture which emerges shows the lowland villagers responding to the influx of displaced highland peoples at a time when many of these lowland settlements were changing from egalitarian to ranked societies or, as in some cases, from ranked to more complex stratified societies with a centralized economy. At some sites such as Barton Ramie [Belize], the population more than doubled as evidenced by a more than twofold increase in occupied houses. But the immigrants did not eliminate the indigenous traditions, although they must have disrupted and consequently added to them and, it seems, even dominated them for a time. It is significant, for instance, that at Altar de Sacrificios the first luxury ware, apparently associated with a newly-emerging elite, is linked to the intrusive Protoclassic tradition and not to the indigenous group. The same Protoclassic domination of Early Classic elite artifacts was found at Barton Ramie, where other kinds of Protoclassic wares were introduced in addition to ceramics - barkbeaters, squared off slabs of stone used for beating bark into paper or cloth for garments, spindle whorls used in the manufacture of cotton thread and stone tools.« Der Vulkan - Ilopango mit Namen - brach im dritten Jahrhundert n. Chr. aus, soviel ist sicher. Ob es die Flüchtlinge aber bis zum anderen Ende des Mayagebietes, bis nach Altar de Sacrificios, verschlug, ist eher zweifelhaft, aber ausgeschlossen ist es nicht, zumal der innovative Einfluß, der der mutmaßliche Auslöser für die Klassik war, ja auch indirekt erfolgt sein kann. Wie auch immer die Entwicklung hin zu einer Hochkultur im Mayagebiet zu deu-

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ten ist, Tatsache ist, daß das Stadium der Zivilisation Mitte des dritten Jahrhunderts n. Chr. erreicht war. Für die nächsten sechshundert Jahre - abgesehen vom »Hiatus« im sechsten Jahrhundert, der eine gewisse Zäsur darstellt - blieb dieses Niveau erhalten. Daß dieses Niveau erreicht war, wird belegt durch materielle Hinterlassenschaften wie Monumentalarchitektur und stadtartige Anlagen, Inschriften, die Aufschlüsse über die Existenz von Dynastien geben, und Angaben, die in ethnohistorischen Quellen zu finden sind. Aus all dem geht hervor, daß die Mayas der klassischen Zeit zumindest jene im südlichen Tiefland - einen kulturellen Komplexheitsgrad erreichten, der dem einer Zivilisation, wie sie oben definiert wurde, entspricht. Die Frage ist, wie diese Zivilisation im einzelnen geartet war. Denn Zivilisation - als kultureller Entwicklungsgrad - umfaßt ein größeres Spektrum von Einzelerscheinungen, das soweit es die frühen Hochkulturen betrifft - von einem System autarker Stadtstaaten, wie es für das klassische Griechenland typisch war, bis zu einem zentralisierten Imperium wie das der Ägypter, Chinesen oder Inkas reichte. Wo, auf dieser Skala, ist die klassische Kultur der Mayas einzuordnen? Es hat eine Reihe von Theorien gegeben, die den genauen Charakter der Mayakultur zu deuten versuchten. Dabei ist zu unterscheiden zwischen partiellen Theorien, die nur einzelne Aspekte dieser Kultur zu erhellen suchten (als Beispiele seien genannt die Landwirtschaft [vgl. dazu etwa Cowgill 1961, 1962], berufliche Spezialisierung [R.E.W. Adams 1970, Becker 1973] und Bevölkerung [Haviland 1967, 1969; Adams 1974]), und solchen Theorien, die einen holistischen Anspruch erhoben. Letztere, die sich zumeist auf erstere stützen, das heißt, sie als Prämissen in ihre Argumentation miteinbeziehen, sollen an drei Beispielen, die besonders charakteristisch sind, genauer behandelt werden. Die erste Theorie, die wir untersuchen wollen, ist auch heute noch die populärste, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes (vgl. dazu Becker 1979: llff.). Sie stammt von dem Engländer John Eric Thompson (1927b, 1931, 1954) und umfaßt eigentlich zwei Theorien: eine, die einen Gegensatz zwischen Bauern und Priestern einerseits postuliert, also ein Zwei-Klassen-System konstatiert, und eine zweite, die darauf aufbaut und sozusagen zwingend den Niedergang der klassischen Kultur erklärt - die Theorie vom Klassenkampf, das heißt dem Aufstand der Bauern gegen die Priesterschaft. Bei Thompson (1961: 87) hört sich das folgendermaßen an: »It is not illogical to suppose that there was a series of peasant revolts against the theocratic minority of priests, 'squarsons' (a term for that phenomenon of eighteenth-century English life, the squire who was also the village parson), and nobles. This may have been caused by the ever growing demands for service in construction work and in the production of food for an increasing number of nonproducers. Exotic religious developments, such as the cult of the planet Venus, adopted by the hierarchy may have driven a wedge between the two groups, making the peasants feel that the hierarchy was no longer performing its main func-

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tion, that of propitiating the gods of the soil in whom, alone, they heartily believed.« Thompson setzt also eine Dichotomie, die sich schließlich in einen Antagonismus wandelte, voraus. Diese Dichotomie gründete sich seiner Ansicht nach auf eine Siedlungsstruktur, die - mangels empirischer Daten, die (wie wir gesehen haben) erst später verfügbar wurden - sich allein auf Spekulationen stützte. Danach waren die Ruinenkomplexe, die man bislang - eher unreflektiert - gemeinhin als »Städte« bezeichnet hatte, sogenannte »zeremonielle Zentren«, die allein der Elite (aus Priestern und Beamten) vorbehalten waren, während das Volk, also der Bauer, von dem man (damals) annahm, daß ihm allein der Rodungsfeldbau (der einer dispersen Siedlungsweise Vorschub leistete) zur Verfügung stand, in mehr oder weniger größerem Umkreis, auf jeden Fall aber nicht im Kernbezirk, dem eigentlichen Zentrum, siedelte. Becker (1979: 12) kommentiert diese Theorie mit dem Hinweis: »The basis for these popularized ideas derived more from English social structure and Bolshevik history than from archaeological evidence.« Er unterstellt Thompson, daß er - dem Zeitgeist und seinem gesellschaftlichen Stand entsprechend - vorherrschende Ideologien und Antipathien zur Grundlage seiner Theorie machte, wozu allerdings noch der Befund ethnographischer Forschungen kam, die die These einer dualistischen Siedlungsstruktur (s. Vogt beziehungsweise das Genetische Modell) zu stützen schienen. Man wird Thompson sicher nicht eine ausgeprägte Abneigung gegen den Kommunismus absprechen können (seine vehemente Kritik der Arbeiten von Knorozov beweist dies hinlänglich), aber man sollte andererseits nicht übersehen, daß er erstens mit seinem Konzept - zumindest, was die »zeremoniellen Zentren« betrifft - nicht allein dastand (vgl. das Zitat von Ricketson [1937], das wir im vorigen Kapitel anführten), und daß er zweitens - und das ist das eigentlich Bedeutsame - der erste war, der sich überhaupt bemühte, im Sinne von Tozzer, Kluckhohn und Taylor, die die Sterilität der Mayaforschung beklagten, ein übergreifendes Konzept zu entwerfen, das als Erklärungsmodell für die Entwicklung der Mayakultur dienen konnte. Daß ihm dabei Analogien aus der jüngsten Geschichte - was auch nur eine Hypothese ist als Hilfsmittel dienten, ist kein Grund, die Validität seiner Theorie in Frage zu stellen. Analogieschlüsse sind generell ein legitimes Mittel wissenschaftlicher Deutungsversuche; das haben wir beim Genetischen Modell gesehen, und das werden wir beim sogenannten »Feudalistischen Modell« sehen, auf das wir noch (s. unten) zu sprechen kommen. Festzuhalten gilt, daß die holistische Theorie, die Thompson entwarf, auch heute noch als eine der wenigen Versuche anzusehen ist, die Mayakultur als ein Kontinuum zu begreifen, bei dem schon in der Ausrichtung der klassischen Kultur der Keim zu ihrem Niedergang gelegt ist. Theorien, die der von Thompson folgten, haben - obwohl sie auch holistischer Art sein mögen - einige Schwierigkeiten, den gesamten

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Verlauf der klassischen Geschichte in den Griff zu bekommen. Sie sind entweder auf den Ursprung, auf die Gestalt oder den Niedergang der klassischen Kultur angelegt (was natürlich eine Folge des explosionsartig angewachsenen Datenmaterials und der daraus abgeleiteten Einzeltheorien ist). Sie erklären nicht zugleich, wie die Kultur geartet war und welchen Verlauf sie nahm. Was entworfen wird, ist ein statisches Bild, eine Momentaufnahme. Struktur ist im Augenblick noch wichtiger als Prozeß. Das wird besonders deutlich bei den beiden anderen holistischen Modellen, die wir vorstellen wollen. Sie gründen sich beide auf neueste Erkenntnisse, sowohl archäologischer als auch epigraphischer Art. Das eine, das als »Core Area-Buffer Zone Model« (was man besser nicht übersetzt) bezeichnet wird (Rathje 1973), ist allerdings ein Versuch, ein primär strukturelles Modell in den Kontext historischer Entwicklung zu stellen, was auch bei einem Aufsatz von Molloy und Rathje (1974) deutlich wird, wo versucht wird, mit Hilfe einer speziellen Auslegung dieses Modells das Wiedererstarken der »Core Area«, also des Zentrums der Entwicklung, nach dem sogenannten Hiatus zu erklären. Ausgangspunkt für das Core Area-Buffer Zone Model ist die Annahme, daß es zwei beziehungsweise drei unterschiedliche geographisch bedingte Wirtschaftszonen gab: die sogenannte Core Area, ein begrenztes Gebiet im nordöstlichen Peten, das da es sich ausschließlich um ein tropisches Waldgebiet handelt - in seinen natürlichen Ressourcen begrenzt war; die sogenannte Buffer Zone, die sich - nach Süden hin bogenförmig an die Core Area anschließt und - so das Postulat des Modells - als Mittler zwischen der Core Area und der dritten Zone, dem Hochland, diente, wo die Vorkommen wichtiger Rohstoffe wie Salz und Obsidian, die die Core Area benötigte, lagen. Aus dem Zusammenspiel dieser drei Wirtschafts- und Handelszonen, die in einer Art wechselnder Symbiose standen, rekonstruiert Rathje die Entwicklung der Mayakultur in klassischer Zeit. Er schreibt dazu (1973: 453): »The Core Area-Buffer Zone model can be used to encapsulate lowland culture history. Constraints 1 (basic resources), 2 (ecological), and 3 (geographic) limited the variety of Core Area systems that could sustain population to those systems which were able to maintain a complex procurement organization. The lack of variety in tradable resources limited exports from the Core Area to the products of complex organization. Throughout the entire history of Core Area settlement, complex organizations were maintained. In the Buffer Zone constraints upon variety of cultural systems and exports were less servere. During the Preclassic and Early Classic periods few complex systems developed. Owing to a power vacuum in the Late Classic, a number of large-scale organizations blossomed in the Buffer Zone. These systems began manufacturing the craft products of complex organization and destroyed the Core Area's trade potential. Without this trade potential Core Area systems could not maintain procurement

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functions. Because of constraints on variety, the constituents of cultural systems without efficient trading networks could not be sustained, and large-scale depopulation resulted. In response to the weakening and collapse of the Core Area some Buffer Zone complex systems collapsed, others developed. In areas both with and without complex organizations some depopulation occurred; but at the time of the Conquest the Buffer Zone was still well inhabited.« Handel war letztlich der Motor für die Entwicklung der Mayas: er gab den Anreiz für eine höhere Entwicklung in der Kernregion, und als deren Potential, zur Erzeugung von Fertigprodukten, die man exportieren konnte, von der Buffer Zone, die als Relaisstation gedient hatte, übernommen wurde, war die Core Area sozusagen überflüssig geworden und ging an ihrer eigenen Obsolenz zugrunde. Eine letzte Zuflucht nahm sie in der Lieferung eines »Produktes« besonderer Art. Wie Molloy und Rathje (1974: 436) schreiben: »In the Maya Lowlands at the beginning of the Late Classic most established dynasties were concentrated in the core [area] while most buffer zone elites were only emerging. It seems likely that the young nouveau riche dynasties would have been willing to provide resources in exchange for the attributes of legitimacy. Thus, the core could have manipulated buffer zone demand for its women [my emphasis] to transform competitors into allies. A core centre like Tikal, whose power and procurement ability were being challenged by new buffer zone centres, might well have realized a return on investment of women in buffer zone elite marriages in the form of basic resources or access routes from newly allied buffer zone lords.« Die Autoren nennen dieses »Geschäft«, mit dem die bedrängten alten Dynastien ihre Vormacht beziehungsweise ihre Existenz schlechthin zu bewahren versuchten, etwas provokativ »Sexploitation«, was es in der Tat gewesen sein mag; aber damit hätten die Mayas nicht allein dagestanden. Tatsache ist - und damit begründen Molloy und Rathje ihre These, die wiederum eine Stütze des übergeordneten Modells ist -, daß die Mayas in spätklassischen Zeiten einen regen »dynastischen Handel« entfalteten, der dazu führte, daß eine Reihe von städtischen beziehungsweise zeremoniellen Zentren in verwandtschaftliche Bande traten und das Mittel dazu Frauen waren, die von etablierten Herrscherhäusern (wie Tikal, das auf diese Weise offenbar eine überregionale Vormachtstellung erlangte [ebd.: 436ff.]) an »Aufsteiger« (gegen entsprechende wirtschaftliche und politische Konzessionen) »vergeben« wurden. Das Core Area-Buffer Zone Model, das sich, was das letzte Beispiel betrifft, auf die Ergebnisse der neueren epigraphischen Forschung (s. etwa Proskouriakoff 1963/64; Kelley 1962b) stützt, stellt insofern - gegenüber der Theorie von Thompson - eine Erweiterung des Erkenntnishorizonts beziehungsweise des Argumentationsrahmens dar, als es als ein Versuch anzusehen ist, das Gesamtsystem der Mayakultur

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in klassischer Zeit, also nicht nur einen »Stadtstaat« (wie Thompson), sondern das Zusammenspiel mehrerer solcher Staaten oder Regionen, die ein interdependentes System bildeten, zu erfassen. Darin - und nicht so sehr in der prozessualen Analyse, die eher fragwürdig ist - liegt die eigentliche Bedeutung dieses Modells. Das dritte, das wir an dieser Stelle vorstellen wollen, ähnelt dem, das wir soeben abgehandelt haben, insofern, als es gleichfalls einen Erklärungsversuch darstellt, die Struktur der Gesamtgesellschaft der Mayas in klassischer Zeit zu erfassen. Es findet sich in einem Aufsatz von Adams und Smith (1981), der einen Teil des Seminarberichts über die Siedlungsstruktur der Mayas im Tiefland bildet. Ausgehend vom Befund der Siedlungs- (und Agrarstruktur speziell im Grenzgebiet des Peten und anschließenden Yucatan, postulieren Adams und Smith ein sogenanntes »Feudalistisches Modell«, wobei sie sich auf Vorbilder, die ihnen als Muster dienen, aus dem mittelalterlichen Europa, dem östlichen Afrika und Japan stützen. Als Prämisse gilt, daß das Wesen des Feudalismus die Delegation von Macht, landwirtschaftlicher Grundbesitz beziehungsweise dessen Nutzen und familiäre Bande, die die auf diese Weise begünstigte Schicht zusammenhalten, seien. Ein wesentliches Kennzeichen des Feudalismus sei es weiterhin, daß die »Feudalherren« in besonderem Maße mobil gewesen seien, das heißt, sie mögen zwar einen festen Wohnsitz (der als Zentrum ihrer Macht diente) gehabt haben, aber daneben unterhielten sie weitere Wegstationen oder Stützpunkte, wo sie in regelmäßigen Abständen hofhielten. Adams und Smith sehen ein besonderes Problem bei der Deutung der sozialen beziehungsweise politischen Struktur der Mayagesellschaft in klassischer Zeit darin, daß - nach ihren Untersuchungen (Adams und Smith 1977) - der Prozentsatz der herrschenden Schicht, gemessen an der Gesamtbevölkerung, so gering war (maximal 1,5 %), daß dies nicht ausgereicht hätte, ihre Herrschaft (über eine im wesentlichen abhängige, bäuerliche Bevölkerung) aufrechtzuerhalten. In ihrer Argumentation bauen sie also letztlich auf Thompson auf, doch sie gehen weiter, indem sie die Art des von ihm implizierten Zwei-Klassen-Systems genauer spezifizieren. Es ist deshalb - nach ihrer Interpretation - feudalistisch, weil nur auf Grund der für dieses System kennzeichnenden Mobilität beziehungsweise Dezentralisierung eine soziale Kohäsion gewährleistet war. In den Worten von Adams und Smith (1981: 346): »The relatively small size of the Maya elite would appear remarkable if the elite were envisioned as inhabiting the urban centers only and obtaining support from a spatially seperate rural 'peasantry' - an arrangement fraught with obvious difficulties of control. On the other hand, a feudal plan of dispersal of the elite throughout the region in centers, the extent of which roughly varied with the importance of the elite families living in them, would incorporate one of the major advantages of a feudal arrangement: the enhanced ability of a small elite to control a very much larger subject population, as compared to other, more centrali-

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zed systems of political control, which frequently require proportionately larger elite groups.« Es leuchtet nicht ganz ein, warum zentralistische Systeme eine zahlenmäßig größere Elite erfordern sollen (man würde eher das Gegenteil erwarten); aber Adams und Smith (ebd.: 348) gehen davon aus, daß die Elite eben nicht nur in den Zentren (unterschiedlicher Größe) residierte, sondern sie oftmals nur besuchte (so daß die Autorität, wenigstens ihre Manifestation, jeweils nur temporär war). Das Feudalistische Modell stützt sich auf zwei Thesen: erstens, die Elite war wirklich so klein, wie Adams und Smith postulieren, und zweitens, die Agrarstruktur war tatsächlich feudalistisch, worauf bislang nur einige Indizien in der Rio Bec-Region (Adams und Smith 1981: 347f.) hindeuten. Solange diese Fragen nicht geklärt sind und eine Klärung setzt eine entsprechende, gezielte Untersuchung voraus -, ist dieses Modell nur ein Versuch mehr in der langen Liste von theoretischen Ansätzen, mit der man die Funktion der klassischen Gesellschaft der Mayas zu deuten sucht. Bislang ist keines dieser theoretischen Konzepte soweit verifiziert worden, daß man ihm allein eine Erklärung zubilligen kann. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß sie alle ein Körnchen Wahrheit enthalten und daß man zur Rekonstruktion der klassischen Mayakultur auf verschiedene Theorien zurückgreifen muß, die nur in ihrer Gesamtheit ein realistisches Bild ergeben. Erschwert wird dies durch die offensichtliche Zersplitterung der Mayagesellschaft: es gab, nach allem, was wir wissen, kein einheitliches Reich; lediglich ein gemeinsames kulturelles Substrat, auf dem jeweils eine individuelle, regionale Subkultur aufbaute. Diese Vielfalt, die an die griechische Polis erinnert, ist es auch, die die Frage nach dem Niedergang der klassischen Mayakultur erschwert. Daß ein solcher Niedergang stattgefunden hat - und dies in relativ kurzer Zeit steht auf Grund des archäologischen (und epigraphischen) Befundes außer Frage. Die Bautätigkeit versiegte, Stelen wurden nicht mehr geweiht, und die Zentren - ob sie nun Urbanen oder lediglich zeremoniellen Charakters waren - wurden verlassen. Um 900 n. Chr. war die Kultur der Klassik erloschen. Man hat diesen Tatbestand schon sehr früh erkannt, und über keinen Aspekt der Mayakultur, ja, der gesamten Geschichte der Mayas, ist soviel gerätselt worden wie über den Niedergang der klassischen Kultur. Generell läßt sich sagen, daß am Anfang eher ökologische beziehungsweise geographische Faktoren im Vordergrund standen, während später soziale Theorien an Bedeutung gewannen (vgl. dazu Adams 1973). Heute neigt man zu einer Kombination beider Richtungen, das heißt, es werden nicht mehr uni-kausale Erklärungen, angeführt, die anfangs die Diskussion beherrschten, sondern man geht heute davon aus, daß es eine Vielzahl von Faktoren waren, die einander reforcierten und in der Art einer Kettenreaktion den Niedergang besiegelten. So schreibt Lowe (1985: 211), der den bislang systematischsten Versuch unternommen hat, das Phänomen des Niedergangs der klassischen Mayakultur zu erklären: »By this point it should be apparent that the operative question is not whether in-

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tensive warfare, environmental stress, external pressure, internal political disorder, and so on were associated in the Classic Maya collapse, but rather in what manner these diverse strains were woven together to produce the events observed.« Auch hier, was bezüglich der Struktur (und Funktion) der klassischen Kultur gesagt wurde: es gilt, durch gezielte Studien, die jeden der identifizierten Faktoren genauer untersuchen, ihre jeweilige Gewichtung deutlich zu machen und so das Wechselspiel zu erklären, das den »point of no return« verursachte. Bislang weiß man nur, daß bestimmte Faktoren, die aufeinander einwirkten, eine Rolle spielten. Doch wie ihre Wirkung war und in welcher Reihenfolge diese Wirkung erfolgte, ist eine Aufgabe, die noch zu lösen ist. Drei Modelle, das der Hyperkohärenz, das eine besondere Anfälligkeit eines hochintegrierten Systems postuliert, das der Core Area-Buffer Zone, das die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs impliziert, und das der »Bauern-Revolte«, das Thompson populär machte, wurden bereits genannt. Eine vierte Theorie, die aus dem Genetischen Modell abzuleiten ist, wurde ebenfalls angedeutet: man könnte sie die »Umkehr der Demokratie« nennen, was - wie im vorigen Kapitel skizziert - nichts anderes heißen soll, als daß mit der Zunahme der Bevölkerung, die für die Zeit der Spätklassik postuliert wird, die Beteiligung des Volkes an den Ämtern (in den Zentren der Macht) zurückging und somit »undemokratischen« beziehungsweise oligarchischen Strukturen Vorschub geleistet wurde, die dann in das einmündeten, was man - nach Thompson - »Revolution« oder »Aufstand« nennen könnte. Zu diesen vier Theorien, die man bei einem Gesamtmodell berücksichtigen muß, kommen noch zwei weitere, die von vorrangiger Bedeutung sind: die eine betrifft die Art der Landwirtschaft, das heißt das Milpa-System, die andere die sogenannten externen Faktoren, die bei dem Core Area-Buffer Zone Model bereits anklangen, jedoch nicht nur den Handel (und seine Unterbrechung) beinhalten, sondern auch kriegerische Invasionen beziehungsweise Fremdüberlagerungen. Letztere sind vor allem im Gebiet des oberen Usumacinta (Altar de Sacrificios und Seibai) nachweisbar (vgl. dazu Sabloff und Willey 1967) und weisen auf Einflüsse aus Yukatan und Tabasco hin. Eine Fremdbestimmung oder Usurpation dieses Gebietes, das genau der Buffer Zone (die als Mittler im Femhandel zwischen Hochland und Core Area diente) entspricht, hätte durchaus die von der Core Area-Buffer Zone-Theorie postulierten, negativen Folgen haben können. Es wäre der »touch off« gewesen, die Initialzündung für den Niedergang. Dieser wurde beschleunigt (wenn nicht gar seinerseits ausgelöst) durch das mit der Milpa-Theorie, die eine Auslaugung beziehungsweise Verödung des Bodens postuliert (vgl. dazu Sanders 1962/63; Morley 1946), implizierte Nahrungsmitteldefizit, das im Verein mit einer steigenden Bevölkerung die Krise noch verstärkte (wo sie nicht der primäre Auslöser war).

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Auslaugung des Bodens oder fremde Invasion, ein Aufstand des Volkes oder das Erstarken peripherer Regionen (die das eigentliche Kerngebiet der Kultur strangulierten) - was stand am Anfang, in welcher Reihenfolge, kausalen Kette sind diese Faktoren zu ordnen? Die Frage ist noch immer nicht beantwortet; doch die Faszination, die davon ausgeht, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es auch noch andere Problemfelder gibt, die einer Lösung harren.

5. Der Indigenismus Nicht das geringste Problem, das noch zu klären ist, betrifft die Frage: was geschah nach dem Fall? Obwohl hier die Quellenlage weitaus günstiger ist, da man sich - zumindest, was die Spätzeit betrifft - neben dem archäologischen Material auch auf ethnohistorische Zeugnisse stützen kann und zudem die Beziehungen zu Zentralmexiko, das insgesamt besser dokumentiert ist, enger werden, gibt es doch noch zahlreiche offene Fragen. Sie hängen einmal mit der Schwierigkeit zusammen, eine genaue Chronologie zu bestimmen, da das Kalendersystem, das zur zeitlichen Rekonstruktion der Klassik dient, in der Postklassik stark vereinfacht wurde, so daß historische Ereignisse nicht eindeutig fixiert werden können, zum andern mit der besonderen Art der ethnohistorischen Quellen, die - besonders, was die Chilam Balam-Bücher betrifft - Legende, Historie und Prophezeiung oft unentwirrbar miteinander verbinden. Schließlich kommt noch eine Diskrepanz zwischen ethnohistorischen Quellen einerseits und archäologischen Zeugnissen andererseits hinzu, worauf unter anderm Fox (1980) aufmerksam macht, der die kulturelle Überlagerung durch die Tolteken im Hochland von Guatemala untersucht. Er fällt eingangs (S. 43) das folgende Urteil: »In Southern Mesoamerica during the Early Postclassic Period, the relationship between the Guatemalan highlands and the Gulf coast and Yucatan lowlands (dominated by Toltec Glichen Itzä) is virtually unknown ...« Hier ist trotz zahlreicher neuerer Arbeiten, nicht zuletzt durch Fox (1987) selbst, noch erhebliche Arbeit zu leisten. Ein Indiz dafür, daß man diese Notwendigkeit erkannt hat, ist ein Seminar, daß man 1982 - mit Hilfe der School of American Research - speziell mit dem Ziel durchführte, eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des Forschungsstandes bezüglich der Postklassik vorzunehmen und daraus Richtlinien für die weitere Forschung abzuleiten (Sabloff u. Andrews V. 1986). Die Zeit der Conquista und der kolonialen Unterwerfung ist gleichfalls über einen deskriptiven Ansatz nicht hinausgelangt. Das gilt auch für die Zeit nach der sogenannten Unabhängigkeit, die im Grunde ja nur eine Fortsetzung der kolonialen Unterwerfung war. Als lobenswerte Ausnahme kann man lediglich das Akkulturationsmodell anführen, das La Farge (1940) entwarf, sich im Grunde aber auch nur auf eine Auflistung von Ereignissen beziehungsweise Kulturformen beschränkt. Was La Farge vor fast einem halben Jahrhundert schrieb (ebd.: 291), ist auch heute noch aktuell:

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»I have indulged in an extremely doubtful historical reconstruction for the purpose of bringing out certain considerations of importance, whether one is interested in the study of acculturation, or in detecting Mayan survivals and Spanish elements. The sequences proposed, and the dating, are purely tentative; I am fully aware that they lack adequate proof; perhaps this whole thesis amounts to a simple warning, that analysis of the present Mayan Indian culture is not as simple as it seems.« Die Geschichte der Mayas, seit der Conquista, ist, soweit es theoretische Konzepte betrifft, eine intellektuelle Wüste. Daran ändert auch nichts eine so verdienstvolle Arbeit wie die von Farriss (1984): sie liefert Fakten, aber keine Erklärung. Lediglich die Dependenztheorie, die freilich - was die Mayas betrifft - wenig Anwendung gefunden hat (vgl. dazu das folgende Kapitel), ist um eine historische Analyse bemüht. Sie steht - abgesehen von der »Akkulturationsschule«, die ja nicht eigentlich eine Theorie ist - sozusagen allein da. Was die Gegenwart betrifft, so ist das Bild nicht viel bunter. Auch hier ist man im Grunde über eine Akkumulation von Daten noch nicht hinausgekommen, auch wenn deren Interpretation zuweilen schon differenzierter ist (s. etwa Probst 1986). Lediglich der Ansatz des Folk-Urban Continuum und das Genetische Modell stellen einen Versuch dar, vermittels eines theoretischen Konzepts das Material zu ordnen und zu deuten. Sie haben aber beide, indem sie Gesellschaft auf Kultur reduzieren beziehungsweise diese in die Vergangenheit projizieren, nichts oder doch nur sehr wenig zur Lösung anstehender, gegenwärtiger Fragen geleistet. Diese Fragen wurden - und werden - großenteils nicht einmal gesehen, geschweige denn, gezielt angegangen. Das hängt sehr wesentlich mit dem Umstand zusammen, daß die, die gegenwartsbezogene Mayaforschung betrieben und betreiben, in der Mehrzahl nicht nur nicht Mayas sind, sondern auch nicht einmal Einheimische, also die Probleme, die diese sehen, da sie tagtäglich mit ihnen konfrontiert sind, nicht als solche erfassen und auch nicht wahrhaben wollen. Sie können sich - und das sei lediglich als Erklärung und nicht als Abwertung gemeint - den Luxus erlauben, das zu erforschen, was ihnen sozusagen gerade in den Sinn kommt. Es ist dies nicht eine positivistische Haltung, wenigstens nicht explizit; es ist auch kein Reaktionismus, in dem Sinne, daß man bewußt gegen problembewußte Forschung Front macht: es ist einfach die Tradition, die dann letztlich doch positivistisch ist, allein um des Wissens willen zu forschen, egal, wozu dieses Wissen dient. Der Gegensatz wird deutlich, wenn man jeweils einen Exponenten der (amerikanischen) Kulturanthropologie und des (mexikanischen) Indigenismus gegenüberstellt: Franz Boas und Manuel Gamio. Beide sind zugleich Gründer der respektiven Forschungstraditionen, wobei nun besonders deutlich wird, worin der Unterschied besteht, wenn man auf den Umstand hinweist, daß Gamio zunächst Schüler von Boas war und erst dann von dessen Lehre abwich, als er die Erfahrung der Mexi-

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kanischen Revolution machte. Sie war der Auslöser für das, was man als »mexikanische Schule« der Anthropologie bezeichnen könnte (vgl. Maihold 1986: 116), aber unter dem allgemeinen Begriff »Indigenismus« bekannt wurde. Boas war allen Theorien abholt; das bezog sich auch auf Spekulationen, wie man die Gegenwart verändern könnte. Die Mexikanische Revolution hatte genau dies zum Ziel, und wie alles, das mit ihr in Berührung kam, veränderte sie auch die Wissenschaft. Mehr noch, die Wissenschaft, der Indigenismus, wurde zu einem Mittel der Revolution: sie war es, die letztlich die Maßstäbe setzen sollte. Das wurde zum ersten Mal deutlich, als Gamio - 1915 - auf einem wissenschaftlichen Kongreß in Washington jene Erklärung abgab, die wir schon an anderer Stelle (Kapitel I 5) erwähnten und deren Kernsatz lautet: »... la Antroplogia ... debe ser el conocimiento básico para el desempeño del buen gobierno ...« (Gamio 1982: 15) Gamio konstatierte - und dies hielt er insbesondere Wissenschaftlern aus Lateinamerika, die zu dem Kongreß gekommen waren, vor -, daß man nicht wisse, wie der Indianer lebe und welche Bedürfnisse er habe, und daß das der eigentliche Grund dafür sei, weshalb er ausgebeutet werde: »Desgraciadamante, en casi todos los países latinoamericanos se desconocieron y se desconocen, oficial y particularmente, la naturaleza y las necesidades de las respectivas poblaciones, por lo que su evolución ha sido siempre anormal. En efecto, la minoría formada por personas de raza blanca y de civilización derivada de la europea, sólo se ha preocupado de fomentar su propio progreso dejando abandonada a la mayoría de raza y cultura indígenas. En unos casos esa minoría obró así conscientemente; en otros, aunque intentó mejorar económica y culturalmente a aquella mayoría, no consiguió su objeto, porque desconocía su naturaleza, su modo de ser, sus aspiraciones y necesidades, resultando inapropiados y empíricos los medios propuestos para la mejoría de sus condiciones. Ese sensible desconocimiento se debe a que la población indígena no ha sido estudiada sensatamente, pues apenas si hay roce con ella por motivos de comercio o servidumbre; se desconoce el alma, la cultura y los ideales indígenas. La única manera de llegar a conocer a las familias indígenas en su tipo físico, su civilización y su idioma, consiste en investigar con criterio antropológico sus antecendentes precoloniales y coloniales y sus características contemporáneas.« (Ebd.) Die Aufgabe der Wissenschaft, so wie sie Gamio postulierte, war also zweifach: sie sollte einmal der Regierung als Wegweiser dienen, wie sie - bezüglich der Indianer - zu regieren habe, und sie sollte zum andern die Voraussetzung für diese Leitlinie schaffen, indem sie gezielt die Situation der Indianer - »el alma, la cultura y los ideales« - erforschte. Beides war bislang nicht geschehen und war in seiner Forderung ebenso revolutionär wie der politische. Umschwung, dessen Produkt sie war.

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Warum aber sollte die Regierung - und die Wissenschaft - diese Aufgabe übernehmen? Ging es nur um eine Verbesserung der so offensichtlich prekären Lebensumstände der Indianer? Oder gab es auch noch andere Gründe? Gamio (ebd.: 18) hielt damit nicht hinterm Berge, als er auf dem gleichen Kongreß erklärte: »Cuando ... hayan sido incorporadas a la vida nacional nuestras familias indígenas, las fuerzas que hoy oculta el país en estado latente y pasivo, se transformarán en energías dinámicas inmediatamente productivas y comenzará a fortalecerse el verdadero sentimiento de nacionalidad, que hoy apenas existe disgregado entre grupos sociales que difieren en tipo étnico y en idiomas y divergen en cuanto a concepto y tendencias culturales.« Gamio (ebd.: 12) bezeichnete sie als »pequeñas patrias«, die indianischen Völker; sie bildeten seiner Ansicht nach sozusagen eigene kleine Staaten im Gesamtkonzept Mexikos. Nationen in einer Nation, die die Entwicklung, ja, eigentlich Entstehung dieser hemmten. Deshalb müsse man sie integrieren, »in das Leben der Nation eingliedern«, und dies könne nur geschehen, indem man das Leben des Indianers ändert, ihn auf das Niveau hebt, das - zunächst noch eher fiktiv - das Wesen des mexikanischen Staates ausmacht. Dies ist der Tenor seiner Arbeit - »Forjando Patria« -, die erstmals 1916 erschien und die den Grundstein für die anthropologische Arbeit in Mexiko legte. Gamio ging von der Prämisse aus, daß die Kultur der Indianer, so glorreich ihre Vergangenheit gewesen war, eine Degeneration darstellte (was zwar nicht Schuld des Indianers war, aber ihn dennoch kennzeichnete). Obwohl er durchaus nicht übersah wie das zweite Zitat oben zeigt -, daß die Weißen für einen Großteil der Misere, in der die Indianer leben, verantwortlich sind, reduzierte Gamio das Problem doch letztlich auf die Kultur: sie müsse vereinheitlicht werden, und es war klar, daß dabei den Ton die Kultur der Weißen angab. In dieser Argumentation sind alle, die sich zum (wissenschaftlichen, aber auch generellen, ideologischen wie praktischen) Indigenismus bekannten, Gamio gefolgt. Dies gilt insbesondere auch für Alfonso Caso, der die Gedanken von Gamio aufgriff und sie - im Rahmen eines aktiven Programms, das in der Gründung des Nationalen Indianerinstituts (INI) und der Aufnahme seiner Arbeiten bestand - weiterentwickelte. So schrieb er in einem Aufsatz (Caso 1980: 92), der erstmals 1948, im gleichen Jahr, als das ENI gegründet wurde, erschien: »Los grandes problemas del indio, por lo menos en México, no son sólo económicos, sino fundamentalmente culturales [mi énfasis]: falta de comunicaciones materiales y espirituales con el medio exterior; falta de conocimientos científicos y técnicos para la mejor utilización de la tierra; falta del sentimiento claro de que pertenece a una nación y no sólo a una comunidad; falta de conocimientos adecuados para sustituir sus viejas prácticas mágicas para la previsión y curación

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de las enfermedades, por el conocimiento científico, higiénico y terapéutico. En suma, lo que falta que llevemos al indio para resolver sus problemas es cultura.« Diese Reduzierung der prekären Lebensweise des Indianers auf eine angeblich rückständige Kultur und die Forderung, die daraus abgeleitet wurde, den Indianer beziehungsweise seine Kultur zu modernisieren, das heißt, zu akkulturieren, um ihn auf diese Weise zu integrieren (in das Leben der Nation), sind der eigentliche Grund, weshalb der Indigenismus gescheitert ist. Daran ist freilich nicht nur die Mexikanische Schule schuld, die auf Gamio (und, über ihn, auf Boas) zurückgeht, sondern sehr wesentlich auch die unheilige Allianz, die die mexikanische Anthropologie, kaum daß sie sich etabliert hatte, mit einem neuen Impuls aus den USA, diesmal in Form der Community Studies und der daraus abgeleiteten Theorie des Folk-Urban Continuum, einging. Die indianische Gemeinde wurde zum eigentlichen Ansatzpunkt der Entwicklungsarbeit gewählt (Caso 1980: 91), und das Mittel, das man anwandte, war der induzierte beziehungsweise »gelenkte Wandel« (Köhler o.J.). Diese Sicht ist allerdings nicht ohne Kritik geblieben, und diese setzte nicht erst in den siebziger Jahren ein (vgl. dazu das folgende Kapitel). Es gab auch schon in den fünfziger Jahren eine Reaktion darauf, die auf den Funktionalismus zurückgeht, der durch den britischen Anthropologen Bronislaw Malinowski nach Mexiko transplantiert wurde. Malinowski führte 1940 eine Feldforschung in Oaxaca durch; dabei fiel ihm, wofür er als Funktionalist einen besonderen Blick hatte, auf, daß die Siedlungen im Tal von Oaxaca ein zusammenhängendes System bildeten, das auf den Markt der Stadt Oaxaca ausgerichtet war (Malinowski u. de la Fuente 1957). De la Fuente, ein mexikanischer Anthropologe, der mit ihm arbeitete, griff diese Beobachtung auf und entwickelte daraus ein Konzept, das nicht auf die Gemeinde als Isolat ausgerichtet war, sondern einen integrativen, regionalen Ansatz postulierte (de la Fuente 1948). Darauf aufbauend, führte Aguirre Beiträn (1953), der 1951 die Leitung des neugegründeten Koordinationszentrums des INI in Chiapas übernahm, gezielte Forschungen im Siedlungsgebiet der Tzeltal und Tzotzil durch, das um die von Ladinos bewohnte Provinzstadt San Cristóbal de las Casas gravierte, und fand die Ergebnisse der Untersuchungen von Malinowski und de la Fuente bestätigt. Er formulierte schließlich eine umfassende Theorie, deren Grundlage er in einer Arbeit erläuterte, die man als eine erste systematische Auseinandersetzung mit dem Indigenismus bezeichnen kann (Aguirre Beltrán 1957). Darin (S. 190) schreibt er: »La definición del indio y de lo indio dejó de tener importancia trascendente, así como el estudio del continuum folk-urbano\ lo importante era el desarrollo integral del sistema, esto es, de la región intercultural, comprendidos indios, mestizos y ladinos, ya que la mutua dependencia los conectaba tan inextricablemente que no era posible pensar en el mejoramiento de unos sin buscar la elevación de los otros. Tampoco era de importancia práctica descubrir o investigar los distintos niveles de aculturación, sino que presentaba mayor urgencia el conocimiento de

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los niveles de integración intercultural de las comunidades respecto al núcleo urbano, mediante el estudio del grado mayor o menor de interdependencia, ya que, mientras menor era ésta, menores eran, también, los niveles totales de integración socio-cultural.« Aguirre Beltrán, der nur ein Jahr Leiter des INI-Zentrums in Chiapas war, gibt hier etwas vor, was nach seiner Theorie der »regionalen interkulturellen Integration« eine logische Folge, nämlich die Umsetzung der Theorie in die Praxis, gewesen wäre, doch ist dies nach dem Befund derer, die den Erfolg der Entwicklungsarbeit des Indianerinstituts in Chiapas untersucht haben, nicht der Fall. So schreibt Köhler (o.J.: 244): »Die Abgrenzung des Regionalprogramms im Hochland von Chiapas wurde in unzulänglicher Weise durchgeführt, indem die praktischen Aktionen sich fast ausnahmslos auf die indianischen Gemeinden beschränkten und die Stadt San Cristóbal praktisch unberücksichtigt blieb. Eine sinnvolle Regionalplanung, wie sie nicht zuletzt auch vom INI gefordert wird, hätte sich auch auf die Stadt erstrecken müssen, die als geopolitisches Zentrum der Region durch vielfältige Beziehungen mit den indianischen municipios verbunden ist. Die einseitige Ausrichtung des Programmes auf die indianischen Gemeinden war in erster Linie eine Folge der begrenzten Aufgabenstellung des INI, das ja allein für die Belange der Indianer zuständig ist.« Ähnlich äußerte sich Favre (1971: 329), der allerdings bereits an der Grenze der Dependenztheorie steht. Und in diesem, letzteren Kontext erscheint auch die Forderung von Aguirre Beltrán, die auch in der Formulierung eines konkreten (regionalen) Entwicklungsprogramms für das Hochland von Chiapas (das freilich nie verwirklicht wurde) ihren Ausdruck fand (Marroquin 1956), problematisch. Denn die Prämisse, von der auch Aguirre Beltrán nicht abwich, die er im Gegenteil noch deutlicher unterstrich, war die Anbindung des Indianers an ein Zentrum, das nicht nur der Brennpunkt wirtschaftlicher Beziehungen war, sondern zugleich auch der Sitz politischer Macht. Und diese war, wie bereits Gamio ausgeführt hatte und auch heute noch - ein halbes Jahrhundert nach der Revolution - zu beobachten ist (Köhler o.J.; Favre 1971), darauf ausgerichtet, das Hinterland (in dem die Indianer siedeln) nicht nur nicht an der Ausübung der Macht teilhaben zu lassen, sondern sie auch lediglich dazu zu benutzen, den eigenen Vorteil zu sichern. Was bedeutet, daß wenn - wie es zum Teil dennoch geschehen ist (z.B. durch die Anlage von Straßen) - die »Eingliederung« so weit realisiert worden wäre, wie es Aguirre Beltrán (und letztlich der Indigenismus generell) forderte, der Indianer noch einer größeren Ausbeutung ausgesetzt worden wäre. Nicht zuletzt deshalb hat er sich selbst entschieden geweigert, die Hilfsmaßnahmen, die ihm nur vorgeblich nützten, anzunehmen (Köhler o.J.: 243f.). Alles in allem ist zu sagen, daß der Indigenismus, soweit es sich um seine wissen-

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schaftliche Ausformung handelt, die freilich nicht von der politischen Praxis, der sie unterworfen war, zu trennen ist, zwei Dinge bewiesen hat: erstens, daß die Wissenschaft (auch die Anthropologie) sehr wohl einen praktischen Bezug haben kann (was ja auch schon bei der britischen Sozialanthropologie deutlich geworden war), und zweitens, daß dieser Bezug nicht zu einem bloßen Instrument der Regierung beziehungsweise vorherrschender, partikularistischer Interessen verkommen sollte (was ja auch der Befund ist, den man hinsichtlich der britischen »Kolonialanthropologie« anführen kann). Das ist kein Trost, sondern macht nur deutlich, wie schwer es ist, eine eigene, auch auf die Praxis bezogene Position zu verteidigen. Was den Wissenschaftlern recht zu geben scheint, die von jeder Anwendung der Wissenschaft beziehungsweise ihre Indienststellung bezüglich gesellschaftlicher Probleme abraten. Der Befund über den Indigenismus kann dies jedoch nicht bestätigen: diese Wissenschaftsschule hatte von Anfang an das Handikap, eine normative Theorie zu vertreten. Sie war nicht frei in ihren Entscheidungen und hat dies auch nie angestrebt. Sie beging den Fehler, »Nation Building« mit Allgemeinwohl gleichzusetzen. Um letzteres zu verwirklichen, hätte es eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes bedurft: der Indigenismus, der sich speziell auf die Indianer konzentrierte, hätte erweitert werden müssen durch eine parallele Maßnahme, die sich auf beziehungsweise gegen die Ladinos richtete. Eine provokative These, die Favre (1971: 330), äußert, indem er schrieb: »S'il fallait résumer en quelques mots l'action du Centre coordinateur [TzeltalTzotzil], on dirait que celui-ci a investi dans les communautés indiennes, mais que ce sont les ladinos plus que les Tzotzil-Tzeltal qui perçoivent les dividendes de ces investissements. De même que l'aide aux pays sous-développés finance le sous développement plutôt qu'elle ne le résorbe, l'assistance aux communautés tzotzil-tzeltal subventionne les déséquilibres ethniques et sociaux de la région. On en vient à se demander si, avant même d'entreprendre la fondation d'un Institut indigéniste, il n'aurait pas été plus judicieux d'ouvrir a San Cristóbal un Institut 'ladiniste' qui eût offert à la population ladina des hauts-plateux de plus larges moyens d'existence, qui l'eût orientée vers des activités économiquement plus productives, et qui, en la détournant de cette exploitation de la masse indienne dont elle dépend presque exclusivement pour subsister, eût amorcé un processus de dépérissement du système colonial.« Favre segelt, wie gesagt, im Kielwasser der »Dependencia«, aber selbst wenn man dieser Theorie nicht anhängt, ist es offensichtlich (nicht zuletzt auch auf Grund seines empirischen Befundes), daß der Rahmen für eine Theorie - und ein Aktionsprogramm, das daraus ableitbar ist - größer gespannt sein muß. Diese Arbeit - sieht man von der Dependencia einmal ab - hat die Wissenschaft noch zu leisten.

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6. Die Dependenztheorie Unter den neueren theoretischen Ansätzen, die sich zwar nicht speziell mit einer Ethnie oder einem Volk befassen, die dennoch aber im besonderen auf die Entwicklungsländer ausgerichtet sind, bildet die Dependenztheorie sozusagen das letzte Stadium. Sie ist eine Antwort auf die sogenannten Modernisierungstheorien (vgl. dazu Nohlen 1984: 404ff.), die bis Mitte der sechziger Jahre vorherrschend waren und zu denen auch der Indigenismus zu zählen ist. Kennzeichen dieser Theorien war - und ist - ein Entwicklungskonzept, das auf den Evolutionismus zurückgeht: Unterentwicklung wird als kulturelle beziehungsweise zivilisatorische Rückständigkeit begriffen, und der einzige Weg, sie zu überwinden, sei der Wandel der Kultur (oder Gesellschaft), eben die »Modernisierung«, wobei als »modern« das definiert (beziehungsweise stillschweigend vorausgesetzt) wird, was das Wesen der sogenannten Industriestaaten ausmacht. Auf Mexiko übertragen, bedeutet dies: »... se trata de propiciar el tránsito de la población indígena, atada por su cultura a un estadio inferior, hacia una etapa evolutiva superior; el modelo a seguir es la cultura científica de occidente que culmina, por el momento, la escala evolutiva. Las culturas indígenas son supervivencias del pasado y como tales ya están destinadas a extinguirse; el indigenismo quiere acelerar este proceso.« (Warman 1970: 91) Die Modemisierungstheorien gehen davon aus, daß die Gesellschaften der Entwicklungsländer zweigeteilt, »dualistisch«, sind: sie konzedieren den Entwicklungsländern durchaus zu, daß sie bereits über einen »entwickelten« Pol verfügen, dem allerdings ein mehr oder weniger »unterentwickeltes« Hinterland gegenübersteht. Entscheidend bei dieser Argumentation ist - und das wurde am Beispiel des Indigenismus deutlich -, daß zwischen »modernem« und »rückständigem Sektor« kaum Verbindungen bestehen, daß diese sozusagen unabhängig voneinander Seite an Seite existieren und daß es im wesentlichen darum gehe, eine Verbindung zwischen diesen beiden angeblich getrennten Sektoren herzustellen und über die auf diese Weise induzierte Veränderung des rückständigen Sektors einen Ausgleich und damit Entwicklung herbeizuführen. Die Modernisierungstheorien fragen nicht nach der Ursache der angeblichen Zweiteilung beziehungsweise Unterentwicklung. Sie beschränken sich darauf - was wir auch beim Indigenismus gesehen haben (obwohl Gamio durchaus auch die historische Komponente sah) -, das gegenwärtige Erscheinungsbild zum Ausgangspunkt ihrer Analyse zu nehmen und entsprechend ihrer Theorie, die weniger ein Erklärungsmodell als vielmehr ein Aktionsprogramm ist, Entwicklung als einen bloßen Modernisierungsprozeß, der lediglich gewisser »Inputs« (an Kapital und Know-how) bedürfe, zu begreifen. Nun kann man eine solche Theorie (beziehungsweise ein Bündel entsprechender

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theoretischer Varianten) nicht einfach deshalb ablehnen, weil sie - in ihrer Analyse die Ursachen (zumindest eine Erklärung) der Unterentwicklung außer acht läßt; sie mag dennoch - sozusagen in einem induktiven Verfahren - zum Erfolg führen. Genau das aber ist nachweislich nicht geschehen. Was Mexiko betrifft, so schreibt Warman (ebd.: 93), ein mexikanischer Anthropologe der »neuen Generation«: »Concebir el futuro de México como un país occidentalizado y uninacional, como la hace el indigenismo, es no sólo injusto sino utópico, ya no corresponde a la realidad. En los últimos treinta años, los de 'desarrollo' más acelerado, el número absoluto de la población indígena ha aumentado, también ha aumentado el número absoluto de campesinos tradicionales dedicados básicamente a los cultivos de subsistencia hasta llegar a superar al total de la población de 1910, el número absoluto de los campesinos sin tierra también supera al que había en 1910, cada vez hay más analfabetos, etc. Esto no puede soslayarse con los números relativos; el que haya relativamente menos indígenas no puede ocultar que físicamente cada vez hay más indios. El crecimiento mayor en un sector no implica mecánicamente la disminución de los demás como pretende la estadística oficial. Mientras los sectores llamados marginales aumenten en números absolutos, se evidencia claramente la incapacidad del sistema para asimilarlos. Esto implica que reforma agraria, alfabetización, indigenismo, revolución mexicana, en fin, desarrollo al estilo occidental, todos históricamente importantes, son caminos insuficientes y caducos. No es hora de revisar también posiciones teóricas?« Die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, theoretische Konzepte, die nichts gefruchtet haben (was speziell die Maya betrifft, so sei auf die bereits zitierte Arbeit von Favre [1971: 324ff.] verwiesen), zu überdenken, ist inzwischen dahingehend beantwortet worden, daß sich mehr und mehr - auch in Mexiko - jene Theorie breitmachte, die man »Dependencia« nennt. Sie hat verschiedene Wurzeln; so kann man eine »bürgerlich-nationalistische Richtung«, die mehr traditionellen Entwicklungskonzepten verpflichtet ist, von einer solchen unterscheiden, die dem Marxismus, das heißt der marxistischen Imperialismustheorie, verpflichtet ist (vgl. dazu Buscher 1979: 38f.). Es gibt jedoch - trotz unterschiedlicher Strömungen innerhalb der Dependenztheorie beziehungsweise -theorien - bestimmte Gemeinsamkeiten, die sie deutlich von ihrem Gegenpol, den Modemisierungstheorien, abheben. Dazu gehört eine strukturelle Sicht sowie eine historische Perspektive, die ein Garant dafür sind, daß funktionale Zusammenhänge aufgedeckt und damit kausale Faktoren gedeutet werden. Dies ist - bei aller Rhetorik beziehungsweise Polemik, die die Dependenztheorie (bei ihren Gegnern) in Mißkredit gebracht hat - ein wesentlicher Fortschritt auf dem Wege zu einer realistischen Einschätzung der Entwicklungsländer. Zwar haben auch die Historiker (und Anthropologen der britischen Schule) einen Großteil dieser Zusammenhänge und Ereignisketten gesehen (was die Mayas betrifft, vgl. dazu die Sequenz von La Farge [1940]), doch blieben (und bleiben) die Erkenntnisse letzt-

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endlich nur fragmentarisch", es wurde nie der Versuch unternommen, daraus ein Gesamtkonzept zu entwicklen, das - indem es alle Faktoren, sowohl die, die in der Vergangenheit, als auch die, die in der Gegenwart wirkten beziehungsweise wirken, mit einbezieht - als tatsächliches Erklärungsmodell für Unterentwicklung (und Handlungsmuster zu ihrer Überwindung) dienen könnte. Hier liegt die eigentliche wissenschaftliche (und praktische) Bedeutung der Dependenztheorie. Wie das Wort »Dependencia« besagt, ist ein Zentralbegriff der Dependenztheorie die »Abhängigkeit«. Zunächst einmal ist damit die Abhängigkeit gemeint, die, so wird postuliert, zwischen den Entwicklungsländern einerseits und den Industriestaaten (womit implizite die westlichen Industriestaaten gemeint sind) andererseits besteht. Diese Abhängigkeit ist historisch gewachsen; sie reicht vom Zeitalter des Kolonialismus über die Ära des Imperialismus bis in die Gegenwart, die durch eine neue Form des Kolonialismus, den Neokolonialismus, geprägt ist. Der Neokolonialismus, der der Ausgangspunkt der Analyse ist, ist das Ergebnis eines historischen Prozesses. Dieser war - so interpretiert es die Dependenztheorie stets durch eine gleichbleibende Konstellation ungleicher Partner geprägt: der Metropole, womit die einstigen Kolonialmächte und heutigen Industrieländer gemeint sind, und der Peripherie (auch »Satelliten« genannt), die zur Metropole in einem Subsidiärverhältnis stand. Kennzeichen dieses Verhältnisses war die kapitalistische beziehungsweise friihkapitalistische (oder auch merkantilistische) Ausbeutung, das heißt, die Peripherie, also Afrika, Asien und Lateinamerika, war (und ist) in einen durch den Kapitalismus geprägten Weltmarkt integriert. Diese internationale Verflechtung, die auf einer ungleichen Partnerschaft beruht, ist der Kern der Dependenztheorie. Sie geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie auch die Situation in der Peripherie beziehungsweise den Peripherien selbst untersucht. Und hier ergibt sich eine Konvergenz mit Theoretikern, die nicht eigentlich der Dependenztheorie zuzuordnen sind, die dennoch aber - im nationalen Kontext - eine ähnliche Hierarchie der Macht und Ausbeutungsverhältnisse ausmachen wie die Dependenzler. Zu ihnen sind - was Mexiko (und Guatemala) betrifft - González Casanova (1963, 1965), Stavenhagen (1965, 1969) und Guzmán Böckler und Herbert (1970) zu zählen. Dabei kommt Pablo González Casanova insofern eine besondere Bedeutung zu, als er erstmals (1963) den Begriff des »internen Kolonialismus« prägte, während die anderen genannten Autoren die bisher vorherrschende (und von der amerikanischen Anthropologie induzierte und vom Indigenismus aufgegriffene) Theorie der kulturellen Differenzierung und angeblich daraus resultierenden interer/inischen Beziehungen aufkündigten und an ihre Stelle das aus der Soziologie entnommene (wie auch dem Marxismus verpflichtete) Klassenkonzept setzten. González Casanova spricht von »Marginalität« als einem Kennzeichen eines Großteils der mexikanischen Gesellschaft. Sie ist der Ausdruck beziehungsweise eine Folge dessen, was er »interner Kolonialismus« nennt. Wie er in seiner klassischen

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Untersuchung über die mexikanische Gesellschaft (1972: 89f.) schreibt: »Estos fenómenos, el marginalismo o la no participación en el crecimiento del país, la sociedad dual o plural, la heterogeneidad cultural, económica y política que divide el país en dos o más mundos con características distintas, se hallan esencialmente ligados entre sí y ligados a su vez con un fenómeno mucho más profundo que es el colonialismo interno, o el dominio y explotación de unos grupos culturales por otros. En efecto, el 'colonialismo' no es un fenómeno que solo ocurra al nivel internacional, - como comunmente se piensa - sino que se da en el interior de una misma nación, en la medida en que hay en ella una heterogeneidad étnica, en que se ligan determinadas etnias con los grupos y clases dominantes, y otras con los dominados. Hereda del pasado, el marginalismo, la sociedad plural y el colonialismo interno subsisten hoy en México bajo nuevas formas, no obstante tantos años de revolución, reformas, industrialización y desarrollo y configuran aún las características de la sociedad y la política nacional.« Während die Marginalität unabhängig von der »kulturellen« oder »ethnischen« Zugehörigkeit der Betroffenen konstatiert werden kann, also letztlich ein klassenspczifisches Phänomen ist, trifft der interne Kolonialismus - nach González Casanova speziell für den indianischen Bevölkerungsteil zu. So heißt es an anderer Stelle (ebd.: 104): »El problema indígena es esencialmente un problema de colonialismo interno. Las comunidades indígenas son nuestras colonias internas. La comunidad indígena es una colonia en el interior de los límites nacionales. La comunidad indígena tiene las características de la sociedad colonizada.« González Casanova sieht durchaus auch die Abhängigkeit (und die Ausbeutung), die das Wesen des internen Kolonialismus ausmachen (ebd.: 105f.). Doch er führt diesen Kolonialismus auf kulturelle Faktoren zurück und bleibt damit letztlich im Rahmen dessen, was die offizielle Ideologie (des Indigenismus) vorschreibt. Jedenfalls ruft er nicht zu einem Klassenkampf auf, sondern im Gegenteil, er erteilt diesem eine klare Absage: »El problema indígena sigue teniendo magnitud nacional: define el modo mismo de ser de la nación. No es el problema de unos cuantos habitantes, sino el de varios millones de mexicanos que no poseen la cultura nacional y también de los que sí lo poseen. De hecho este problema, relacionado con el conjunto de la estructura nacional, tiene una función explicativa mucho más evidente que las clases sociales, en una sociedad preindustrial, donde éstas no se desarrollan aún plenamente con su connotación ideológica, política y de conciencia de grupo, de clase.« (Ebd.: 107f.) Worin sich der Ansatz von González Casanova mit dem der Dependenzler trifft,

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das ist der makrosoziologische beziehungsweise holistische Blickwinkel, der sich nicht - wie bei den Indigenisten - auf die »Comunidad Indígena« oder eine begrenzte Region beschränkt, sondern das ganze Land beziehungsweise die Verflechtungen, die darüber hinausgehen, berücksichtigt. Auch findet sich eine Entsprechung zwischen dem, was González Casanova »Marginalität« nennt und dem, was die Dependenzler als »Peripherie« bezeichnen. Denn auch die Dependenztheorie postuliert, daß es innerhalb eines Staates (der Dritten Welt) eine hierarchische Gliederung gibt, die sozusagen ein nationales Abbild der übergeordneten Strukturen (die weltumspannend sind) ist. Ricardo Pozas, einer der wenigen Mexikaner, die vom Indigenismus zur Dependenztheorie übergewechselt sind, charakterisiert diese Abhängigkeitskette, die die Kernaussage der Dependenztheorie ist, folgendermaßen: »... el factor común que liga a los pequeños, medianos y grandes sistemas de metrópolis y satélites con el sistema global es la explotación; y ésta, como relación contradictoria entre los hombres a través de las cosas, puede observarse en todas las partes del sistema y en diferentes niveles: en el nivel de las metrópolis nacionales, el sector de clase por cuyo medio practica la explotación una metrópoli internacional es aquel que representa la mayor potencia económica, política y social del país. En el de las metrópolis regionales, son los sectores de clase que controlan la producción y la política de las entidades federativas los que, conectadas con la metrópoli nacional a la que están subordinados, tienen la misma función; a su vez, estos últimos sectores ejercen su explotación y hegemonía sobre los caciques, acaparadores, prestamistas y explotadores de las pequeñas regiones; y es aquí donde los núcleos de indios, situados en el nivel más bajo, cumplen su función como sujetos de explotación. De esta manera, la explotación y su control, propios del sistema, se coordinan y unifican.« (Pozas u. Pozas 1973: 106f.) Der Indianer ist also in ein System eingebunden, das ihn nicht nur an ein regionales Zentrum bindet (was auch die Indigenisten, wiewohl in anderer Auslegung, gesehen haben), sondern über dieses und weitere Stationen, wobei eine besondere Bedeutung der nationalen »Metropole« zukommt, letztlich auch in einen Weltmarkt integriert, der von den globalen Metropolen, den Industrieländern, gesteuert wird. Der Indianer bildet die unterste Stufe in diesem hierarchischen System, und alles, was dazu führt, diese, seine Einbindung in das Weltsystem zu festigen, gereicht ihm zum Schaden, indem es den Grad seiner Ausbeutung weiter erhöht. Das ist die Position der Dependenzler. Doch - wie die Indigenisten - beschränken sie sich nicht nur darauf, einen Sachverhalt (wie verifizierbar auch immer) zu erklären; sie haben auch verschiedene Strategien entwickelt, wie das Ausbeutungssystem, das heißt das Abhängigkeitsverhältnis, dem die Peripherien (national wie regional beziehungsweise lokal) unterworfen sind, beseitigt werden kann. Das konsequenteste Konzept stammt von Johan Galtung (1971), der für einen gewaltsamen Aufbruch der Abhängigkeitsstrukturen und damit eine Dissoziation, das

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heißt Trennung der Peripherien von den Metropolen, plädiert. In Verbindung mit der sogenannten Grundbedürfnisstrategie, einer weniger radikalen Alternative zum vorherrschenden (modernistischen) Entwicklungskonzept, ist daraus eine erweiterte Theorie der sogenannten »autozentrierten Entwicklung« entstanden (vgl. dazu Amin 1972; Senghaas 1977). Sie sieht - vor dem Hintergrund einer »Abkoppelung« beziehungsweise Ausgliederung aus dem Weltmarkt - eine Entwicklung, die auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist und mit eigener Kraft erfolgt, vor. Auf die Mayas beziehungsweise die Indianer in Mexiko (und Guatemala) übertragen heißt das, daß nicht Integration (wie es der Indigenismus fordert), sondern letztendlich Segregation der Weg ist, den sie einschlagen müssen. Diese extreme Position wird jedoch nur von wenigen vertreten. Die Dependenzler plädieren für einen Klassenkampf, das heißt, die Indianer sollen sich mit den anderen Ausgebeuteten solidarisieren und sozusagen als gemeinsames Proletariat den Aufstand proben. Diese Position wird von Ricardo Pozas vertreten. Er schreibt am Ende seiner Arbeit (Pozas u. Pozas 1973: 178), die den bezeichnenden Titel »Los indios en las clases sociales de México« trägt: »Es indudable que los procesos de cambio no son sencillos y que, como ya se ha dicho, la participación en la producción no es el único factor del cambio del indio, aunque sí el básico y, por otra parte, el camino de los cambios estructurales es el de la lucha de clases y por él transita el indio desde que emprende la destribalización para sumarse al proletariado estricto.« Man sollte diese Empfehlung, die nicht nur auf theoretischen Erwägungen, sondern auch praktischer Erfahrung beruht, nicht allzu leichtfertig abtun: wie Pozas (ebd.: 3) am Anfang seiner Arbeit schreibt, hat er seine Karriere als Anthropologe mit Feldforschungen, die er unter der Ägide des Carnegie Instituts in Chiapas durchführte, begonnen. Er war sodann Leiter des INI-Zentrums in San Cristóbal de las Casas: er hat also beide Seiten, die des Indianers und die der Regierung (manifestiert im Indigenismus) kennengelernt. Wenn er dennoch - oder deshalb - zu einer völligen Umkehr der bislang vorherrschenden Konzepte gelangt, so verdient diese Haltung (die sich sehr wesentlich vom Opportunismus anderer, die die gleichen oder ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben, unterscheidet) zumindest Beachtung. Dennoch hat sie sich in Mexiko - zumindest bislang - nicht durchgesetzt. Mit dem für dieses Land typischen Hang zu Kompromissen (die schon zur Aufweichung der Revolution geführt haben) ist man einstweilen bereit, sich in der Mitte zu begegnen. 1977 gab die Regierung die Parole »Indigenismo de participación« aus (Maihold 1986: 197) und propagierte damit ein Konzept, das eine Beteiligung der Indianer an der Planung und Durchführung der ihnen geltenden Entwicklungsprogramme vorsieht. Das war zwar auch schon vom alten Indigenismus (der neue, reformierte nennt sich »Neo-Indigenismus« [ebd.: 176ff.]) so vorgesehen, doch dieses Ziel war nie erreicht worden. Das soll beziehungsweise sollte (unter der gegenwärtigen Regierung

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[1987] ist schon wieder alles anders geworden) nun geändert werden. Wie Guillermo Bonfil Batalla (1978: 130), einer der führenden neuen Anthropologen in Mexiko, schreibt: »Una política de 'integración' significa despojo y represión para el indio; provocará enfrentamientos difícilmente controlables y, en definitiva, beneficiará sólo a las clases dominantes. Una política de participación étnica abrirá la posibilidad de nuevas alternativas para millones de mexicanos, desatará potencialidades hoy reprimidas y nos colocará un poco más cerca de nuestra verdadera realidad - condición absoluta para construir un futuro mejor.« Das Konzept, das dieser neuen Forderung nach Beteiligung des Indianers zugrunde liegt, ist die Vorstellung von einem Staat beziehungsweise einer Nation, deren Kennzeichen nicht mehr eine kulturelle Einheit (wie sie Gamio und alle, die ihm folgten, forderten), sondern eine ethnische beziehungsweise kulturelle Pluralität ist. Den Indianern wird durchaus ihre Identität zuerkannt; über den Weg der Selbstbesinnung (und -findung) sollen sie zu gleichwertigen Partnern oder Bürgern in einem Staat werden, der nicht mehr (trotz gegenteiliger Behauptung) primär spanisch (und USamerikanisch) ausgerichtet ist, sondern das indianische Element, die autochthone Tradition als gleichwertig anerkennt. Ein Kompromiß, der - würden seine Forderungen tatsächlich eingehalten - sicher ein gangbarer Weg wäre. Aber, wie gesagt, die Demontage hat auch beim Neo-Indigenismus bereits begonnen (Maihold 1986: 201).

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Vierter Teil: Ergebnisse Bevor wir darangehen, eine eigentliche Bilanz der Mayaforschung zu ziehen, erscheint es angebracht, kurz auf die Fakten einzugehen, die sie erbracht hat. Dies erscheint um so dringlicher, als es bisher keine Arbeit gibt, die den Versuch unternommen hat, unser Wissen über die Mayas in synthetischer Weise zusammenzufassen. Was in dieser Richtung versucht wurde, bezieht sich fast ausschließlich auf die vorspanische Zeit; die koloniale Periode und die Gegenwart wurden fast völlig übersehen. Man kann die Mayas - wie jedes Volk - unter zwei Aspekten betrachten: einmal, was ihre Geschichte betrifft, und zum anderen, was die Kultur anbelangt, die sie schufen und zum Teil noch heute bewahren. Wir wollen diese Zweiteilung beibehalten, auch wenn das eine nicht immer vom andern zu trennen sein wird. Bezüglich der Mayaforschung, deren abschließende Bewertung wir im zweiten Teil dieses Abschnittes vornehmen wollen, so sind auch hier zwei Aspekte zu unterschieden: die eigentliche Bilanz, die zur Wissenschaft selbst Stellung nimmt, und das, was wir »Aufgaben für die Zukunft« nennen, womit Lücken in unserem Wissen, aber auch Versäumnisse einer Wissenschaft gemeint sind, die - anders als etwa die Ägyptologie - sich nicht nur (oder primär) auf die Vergangenheit beschränken kann, sondern sich auch - da ihr »Forschungsobjekt« noch existiert, das heißt, in der Gegenwart fortwirkt - mit Fragen der Zukunft befassen muß. Hier kann die Mayaforschung sich nicht aus der Verantwortung stehlen, wie sie es in der Vergangenheit getan hat. Deshalb soll noch einmal ganz klar aufgezeigt werden, was zu tun ist. Ein erstes Indiz dafür ergibt sich bereits aus dem ersten Teil dieses Abschnitts.

1. Die Mayas 1.1. Geschichte Die historische Entwicklung der Mayas stellt insofern einen Sonderfall dar, als es sich um die Geschichte eines Volkes handelt, dessen historische Erfahrung zweigeteilt ist: die Mayas waren nicht nur Subjekt ihrer Entwicklung (sieht man von Fremdeinflüssen, die in vorspanischer Zeit auf sie einwirkten, einmal ab); sie waren (und sind) auch Objekt einer Entwicklung, die sie selbst nicht mehr bestimmten, sondern von andern bestimmt wurde. Daraus jedoch den Schluß abzuleiten, wie es bislang überwiegend geschehen ist, daß die Geschichte (und Kultur) der Mayas sozusagen

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mit der Conquista endet und daß alles, was danach kam, nur noch eine Art Abgesang ist, mag de facto - soweit es eine eigenständige kulturelle Entwicklung betrifft - zutreffen, ist dennoch aber - im Hinblick auf den Fortbestand der Mayas (wenn auch nicht ihrer ursprünglichen Kultur) - eine willkürliche Eingrenzung: man negiert implizite einen Sachverhalt, der trotz gegenteiliger, auch offizieller, politischer Propaganda ein historisches Faktum ist. Studien wie die von Farriss (1984), die eher eine Ausnahme sind, ändern nichts an der Berechtigung dieser Aussage. So ist es nicht verwunderlich, daß es zwar zuhauf historische Abhandlungen gibt, die die vorspanische Geschichte (und Kultur) der Mayas behandeln (vgl. dazu Morley 1946, Thompson 1954, Coe 1966, Culbert 1974, Henderson 1981, Hammond 1982, Soustelle 1982), doch was die Zeit seit der Conquista betrifft oder gar die gesamte Abfolge ihrer Geschichte, so ist die Liste sehr viel kürzer: den Versuch, eine vollständige, alle Perioden und Kulturprovinzen umfassende Geschichte der Mayas zu schreiben, hat bisher nur eine Arbeit unternommen (Westphal 1977); bei dieser Arbeit wurde zugleich auch ein makro-soziologischer Ansatz gewählt, das heißt, die Arbeit beschränkte sich nicht auf die Mayas als ein gesellschaftliches Isolat, sondern es wurde die Geschichte der Mayas - soweit es die Zeit seit der Conquista betrifft - im Kontext der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung behandelt, die den Raum beziehungsweise die Länder, in denen die Mayas anzutreffen sind, kennzeichnet. Eine ähnliche Ausrichtung, was die historische Perspektive betrifft, haben drei weitere Arbeiten: Riese 1972, Stuart u. Stuart 1977 und Pearce 1984. Die Arbeit von Riese zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß sie überhaupt den ersten Versuch darstellt, die Geschichte der Mayas über die Eroberung hinaus fortzusetzen. Allerdings geschieht dies in sehr gedrängter Form; außerdem beschränkt sich die Arbeit von Riese nur auf das Tiefland, läßt also die Entwicklung in Guatemala (soweit es das Hochland betrifft, wo heute der weitaus größte Teil aller noch lebenden Mayas anzutreffen ist) außer acht. Die Arbeit von Stuart und Stuart, die nicht eigentlich eine Geschichte ist, aber chronologisch aufgebaut ist, wobei sich der Rahmen von den Anfängen der Mayas bis zur Gegenwart spannt, verdient vor allem deshalb Erwähnung, weil es das einzige (populärwissenschaftliche) Buch im angelsächsischen Raum ist, das eine Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart der Mayas herstellt. Es ist außerdem mit einem sehr reichen, anschaulichen Bildmaterial, das auch illustrative Rekonstruktionen umfaßt, ausgestattet. Pearce unternimmt gleichfalls den Versuch, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen: er gliedert seine Arbeit nach geographischen Gesichtspunkten, das heißt, er handelt jeweils - indem er Vergangenheit und Gegenwart gegenüberstellt - die großen Kulturprovinzen der Mayas (Yukatan, das zentrale Tiefland, die Hochländer) getrennt ab. Ihm geht es weniger um eine geschlossene Geschichte, als vielmehr um den Nachweis, daß Vergangenheit und Gegenwart zusam-

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mengehören und daß gerade bei den Mayas eine solche synthetische oder diachrone Sicht gerechtfertigt ist. Es sind die genannten Arbeiten eher ein tastender Versuch, die Vielzahl der Daten, die bezüglich der Mayas angehäuft wurden, chronologisch zu ordnen und daraus eine erste übergreifende Gesamtschau zu entwickeln. Dieser Ansatz muß in Zukunft weiter ausgebaut werden, nicht nur, um bestehende Lücken und Ungleichmäßigkeiten auszubessern, sondern auch um jene Forderung zu erfüllen, die bereits Kluckhohn aufgestellt hat: die universalen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die der Entwicklung der Mayas zugrunde lagen und zum Verständnis menschlicher Geschichte beitragen. Wenn wir nun im folgenden versuchen, die Geschichte der Mayas nachzuzeichnen, so kann dies nicht mehr als eine Skizze sein. Es soll lediglich versucht werden, den gegenwärtigen Stand unseres Wissens über die Entwicklung der Mayas deutlich zu machen, wobei wir uns - um nicht den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen - auf die wichtigsten Entwicklungslinien beschränken müssen. Es wurden jeweils die neuesten verfügbaren Daten (und, soweit es C 14-Daten betrifft, kalibrierte, das heißt neuere, korrigierte Werte) verwendet; dennoch spiegelt auch diese Übersicht nur den Stand von etwa 1980 wider. Es dauert gewöhnlich einige Zeit, bis neue Entdeckungen Eingang in die Literatur finden; von ihrer Anerkennung, die zumeist nicht ohne Widerspruch erfolgt, ganz zu schweigen. Nach dem gegenwärtigen Befund wissen wir nicht, wann genau die Geschichte der Mayas begann. Die Linguistik postuliert ein Datum, das etwa in die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. fällt. Archäologische Funde reichen bis in das 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Sie stammen alle aus dem Hochland von Guatemala (vgl. Brown 1980), was insofern mit dem Befund der Linguistik übereinstimmt, als diese gleichfalls den Ursprungsort der Mayasprachen im (nordwestlichen) Hochland von Guatemala lokalisiert (Kaufman 1976: 106). Daraus läßt sich jedoch nicht - nach dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis - ableiten, daß es sich jeweils um die gleiche völkische Einheit handelte. Mit Sicherheit läßt sich nur sagen - akzeptiert man die Ergebnisse der linguistischen Forschung -, daß im 3. Jahrtausend v. Chr. in einer Gegend, die zum eigentlichen Siedlungsgebiet der Mayas gehört, eine Sprachgruppe ansässig war, die man als Mayas beziehungsweise Proto-Mayas bezeichnen kann. Insofern begann die Geschichte der Mayas (versteht man unter Geschichte die gesamte Geschichte eines Volkes und nicht nur die, die durch schriftliche Zeugnisse belegt ist) vor mindestens viereinhalbtausend Jahren. Damit sind die Mayas ein Volk, daß auf eine fast ebenso lange Geschichte zurückblicken kann wie beispielsweise die Chinesen. Der Unterschied liegt lediglich darin, daß diese - obwohl auch sie Opfer von Eroberungen wurden - nie ihre kulturelle Eigenständigkeit einbüßten (sieht man von der neueren Geschichte, die im Zeichen des Marxismus steht, einmal ab), während die Mayas zwar physisch bis in die Gegenwart weiterleben, aber ihre Kultur - zu der nicht zuletzt politische Selbstbestimmung gehört - weitgehend verloren haben.

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Das 3. Jahrtausend v. Chr. sah im Mayagebiet auch den Beginn einer Entwicklung, die archäologisch nachweisbar ist. Es handelt sich um die ersten Zeugnisse einer seßhaften Lebensweise, die allerdings bislang nur im Tiefland, in Belize und an der Küste des Pazifiks in Chiapas, erkennbar ist. Besonders deutlich ist der Befund in Belize, wo eine kulturelle Entwicklung, die einen natürlichen Übergang darstellt, bis hin zur Klassik nachweisbar ist. In den Worten Hammonds (1982: 116f.), dem diese Entdeckung zu verdanken ist: »Whether the people of Cuello in the earliest phase spoke a language we would define as Maya we can never know (although the lack of any other linguistic group in the Maya lowlands in later times would suggest that they did ...), but they were certainly culturally Maya: we have in northern Belize the earliest evidence so far of the development that culminated in Classic Maya civilization.« Cuello ist der Ort, wo diese kulturelle Sequenz, die zur Klassik führte, nachgewiesen wurde. Sie besteht aus einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Maispflanze (deren ursprüngliche Domestikation außerhalb des Mayagebietes erfolgte), dem Beginn zeremonieller Architektur und den Anfängen der Keramik und des Fernhandels. Wer allerdings die Begründer dieser Mayakultur waren, ist in der Tat ungewiß. Die Linguistik jedenfalls kann nicht mit der Erklärung aufwarten, daß es sich um Mayas gehandelt habe, denn die saßen angeblich zu der Zeit, als in Cuello die Grundlagen der Kultur, die später die Mayas auszeichnen sollte, gelegt wurden, im Hochland und verließen dies - abgesehen von den Huasteken, die in entgegengesetzter Richtung abwanderten - auch nicht vor der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., als sich der sogenannte yukatekische Zweig von der Urgemeinde der Mayas trennte und als sozusagen erste Mayas in das Tiefland (Peten und Yukatan) einwanderte. Erst zu diesem Zeitpunkt - folgt man den Erkenntnissen der Linguistik - kann sich frühestens eine Verschmelzung zwischen einer Maya-sprachigen Gruppe und der Kultur von Cuello, die für diese Zeit tatsächlich einen Wandel aufweist, ergeben haben. Fortan, da Linguistik und Archäologie zusammenfallen, kann man mit einiger Berechtigung von einer authentischen kulturellen Entwicklung der Mayas im Tiefland sprechen. Um 1 000 v. Chr. erfolgte eine weitere Einwanderung aus dem Hochland: diesmal war es die sogenannte Tzeltalan-Gruppe, die sich im Gebiet des Usumacinta festsetzte. Ihr Auftauchen im Tiefland fällt mit der Verbreitung eines ersten überregionalen, für das gesamte Mayagebiet typischen Keramikstils zusammen: der sogenannten Mamom-Keramik. Sie ist ein Indiz dafür, daß zu dieser Zeit, im Mittleren Präklassikum, das Mayagebiet nicht nur in seiner ganzen Ausdehnung besiedelt war, sondern daß in diesem Gebiet auch weitgehend eine einheitliche Kultur herrschte (wenn man das, wie es die Archäologen tun, auf Grund eines einzigen Kulturelementes so weit verallgemeinem darf). Im Mittleren Präklassikum werden die Grundlagen für die großen Metropolen der Mayakultur gelegt: Kaminaljuyü im Süden, Tikal im Peten und Dzibilchaltün im

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Norden. Gleichzeitig entsteht eine Vielzahl anderer Zentren höherer Entwicklung, namentlich am Oberlauf des Usumacinta, wo zugleich auch erste deutliche Spuren eines Fremdeinflusses, der auf die Olmeken an der Golfküste zurückgeht, deutlich werden. Inwieweit sie, die zu dieser Zeit, im Mittleren Präklassikum, bereits die Stufe einer Zivilisation erreichten, die Entwicklung im Mayagebiet beeinflußt oder gar stimuliert haben, ist ungewiß. Es ist jedoch wahrscheinlicher, zumal bereits ein ausgeprägter Fernhandel bestand, daß kulturelle Impulse aus dem Olmekenland auf die Mayas einwirkten, als einen solchen Einfluß in umgekehrter Richtung in Erwägung zu ziehen, wie es Hammond (1982: 118) tut, der dazu neigt (»Ex Oriente Lux«), seine Funde in Belize, die für einiges Aufsehen sorgten, überzubewerten. Nachweislich haben die Olmeken (wer immer sie waren) die erste höhere Kultur in Mesoamerika begründet, und da das Gebiet, in dem das geschah, an das der Mayas angrenzt und zudem eine sukzessive Verbreitung kultureller Elemente, die von den Olmeken zu den Mayas reicht, zu beobachten ist, ist eine kulturelle Beeinflussung aus dieser Richtung nicht nur wahrscheinlich, sondern so gut wie sicher. Die Frage ist nur, wie tiefgreifend die Veränderungen waren, die der Kontakt mit den Olmeken auslöste. Ein solcher Kontakt fand auch an der Küste am Pazifik in Guatemala statt, wo der Einfluß der Olmeken sich bis El Salvador ausbreitete. Er manifestiert sich vor allem in monumentalen, sphärischen Plastiken, die die Züge von Menschen tragen und ein besonderes Kennzeichen der Olmekenkultur sind. Entscheidender aber war die Einführung des sogenannten Stelenkultes, der gleichfalls auf die Olmeken zurückgeht (die ihn ihrerseits möglicherweise aus der Gegend von Oaxaca übernahmen) und der zum eigentlichen Wahrzeichen der Mayas werden sollte. An der Peripherie des Mayagebietes, in Chiapas und Guatemala, entstanden die ersten Steleninschriften, in denen man unmittelbare Vorläufer der Inschriften (und Reliefs) der Mayas in klassischer Zeit erkennen kann. Dies trifft besonders für eine Stele zu, die man in Abaj Takalik, einem Ort am Pazifikabfall in Guatemala, fand: diese Stele, die die Nummer 5 trägt, weist eine Kalenderinschrift auf, die dem Jahr 126 n. Chr. entspricht. Zu dieser Zeit war man im Tiefland (jenseits der Berge) auf dem Wege zur Zivilisation weit vorangeschritten, so daß einige Forscher die letzte Phase des Präklassikums, das gemeinhin bis in das dritte Jahrhundert n. Chr. datiert wird, bereits als Protoklassik bezeichnen. Alle wesentlichen Kennzeichen einer höheren Kultur waren bereits ausgebildet - bis auf den Stelenkult, mit dem Schrift und Kalenderwissenschaft einhergehen, und dieser Kult taucht erstmals im Tiefland gegen Ende des dritten Jahrhunderts auf. Wenigstens trägt die älteste, bisher bekannte Kalenderinschrift auf einer Stele aus Tikal - ein Datum, das - nach der gängigen Goodman-MartinezThompson-Korrelation - dem Äquivalent 292 n. Chr. entspricht. Dies - so willkürlich beziehungsweise zufällig dieses Datum auch ist (jeder neue Fund kann es »entthronen«) - gilt als Beginn der klassischen Zeit. Was den letzten Anstoß gab, um die Schwelle von einer dörflichen zu einer städti-

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sehen Kultur zu überwinden, ist letztlich genauso wenig geklärt wie die Frage nach dem schließlichen Untergang der - klassischen - Mayakultur. Ein Indiz (der Linguistik) ist sicher nicht unbedeutend: zu der Zeit, als sozusagen der letzte Klimmzug, der zur Klassik führte, ansetzte, zu Beginn der Protoklassik, um 50 bis 100 n. Chr., erfolgte eine Aufspaltung der Tzeltalan-Gruppe: ein östlichere Zweig, den man als Cholan bezeichnet, dehnte sich in den Petén aus, während die Restgruppe sich jenseits des Usumacinta in Richtung auf das Hochland von Chiapas ausbreitete, wo sie dann schließlich - um 600 n. Chr. - in die beiden Sprachgruppen auseinanderfiel, Tzeltal und Tzotzil, die noch heute dieses Gebiet beherrschen. Auch die Cholan-Gruppe spaltete sich um 600 n. Chr., zu einer Zeit, die mit dem Ende der ersten Phase der Klassik, dem sogenannten Frühklassikum, zusammenfällt, in zwei Untergruppen auf: Chorti, die sich nach Süden beziehungsweise Osten wandten, wo sie noch heute anzutreffen sind, und Chol-Chontal, die nach Norden beziehungsweise Westen zogen, wo sie sich ihrerseits in die beiden Gruppen Chol und Chontal aufspalteten, wie wir sie gleichfalls noch heute in dieser Gegend finden. Was die ursprüngliche Abspaltung der Cholan- von der Tzeltalan-Gruppe betrifft, so wird dies - wie zweifellos auch bei den anderen sprachlichen Differenzierungen mit einem wachsenden Bevölkerungsdruck zusammengehangen haben, und dieser wird nicht nur Aus- oder Abwanderungen zur Folge gehabt haben, sondern auch und darauf deuten Funde von frühen Befestigungsanlagen hin - militärische Konflikte, die ihrerseits eine zunehmende soziale Organisation nach sich zogen beziehungsweise voraussetzten, was wiederum dazu führte, daß erfolgreiche Heerführer sich mit den Privilegien einer Herrscherelite umgaben und sich somit eine Differenzierung der Gesellschaft ergab, in der schon - folgt man der Argumentation von Thompson - der Keim ihres Untergangs angelegt war. Zu dieser Entwicklung braucht ein Anstoß von außen nicht stattgefunden zu haben: es war - wenn man den ökologischen Imperativ, der ja, was die Mayas betrifft, von besonderer Bedeutung war, bis in seine letzte Konsequenz hin verfolgt - die begrenzte Umwelt (die einer wachsenden Bevölkerung im Wege stand), die die Mayas zwang, sich erst zu organisieren, das heißt, die begrenzten Ressourcen aufzuteilen, und dann, als selbst ein solches militärisches beziehungsweise politisches Arrangement nicht mehr ausreichte (die steigenden Bedürfnisse einer stetig weiterwachsenden Bevölkerung zu befriedigen), neue Kriege zu führen, die um so härter ausfielen und damit zum endgültigen Zusammenbruch führten -, je mehr der Punkt, wo unter optimalen Umständen vielleicht noch ein Ausgleich zwischen natürlichen Ressourcen und Bevölkerung hätte erzielt werden können, überschritten war. Für dieses Szenarium sprechen nicht nur Befestigungsanlagen, sondern auch zahlreiche bildliche Darstellungen von kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich gerade in der Spätzeit häufen. Dennoch darf nicht übersehen werden (obwohl es manchmal, so hat es den An-

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schein, überbetont wird), daß die Entwicklung der Mayas beziehungsweise ihrer Kultur nicht in einem Isolat erfolgte. Von den ersten Ansätzen zu einer höheren Kultur, die - sowohl was Belize als auch die Pazifikküste betrifft - möglicherweise auf Einflüsse aus Südamerika zurückgehen, über die Olmeken, die einen weiteren Anstoß gaben, der möglicherweise im Stelenkult (den die Flüchtlinge aus El Salvador - nach dem Ausbruch des Dopango - vermittelten?) gipfelte, bis hin zu offenbar sehr engen Verbindungen zu Teotihuacän, die nicht nur in Kaminaljuyü, sondern auch im Tiefland, namentlich in Tikal, aber auch in so entfernten Orten wie Dzibilchaltun und Copän nachweisbar sind, hat der Kontakt von außen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Entfaltung (und vielleicht auch beim Niedergang) der Mayakultur gespielt. Unklar ist einstweilen, wie dieser Kontakt geartet war und welche Konsequenzen er im einzelnen hatte. Fest steht, daß die Mayakultur ein Produkt sowohl endogener als auch exogener Faktoren war, wobei eine sorgfältige (und distanzierte) Abwägung wahrscheinlich zu dem Ergebnis führen wird, daß die endogenen Faktoren - wie bei jeder Kultur - überwogen haben. Auf einen Nenner gebracht - und etwas provokativ formuliert -, ist die Kultur der Mayas in erster Linie ein Produkt ihrer Umwelt: sie war zugleich Herausforderung und Begrenzung dieser Kultur. Lassen wir es damit auch bei der Frage nach dem Niedergang der klassischen Mayakultur bewenden: sie setzte im 9. Jahrhundert ein und war zu Beginn des 10. Jahrhunderts (die letzte gesicherte Steleninschrift im Long Count-System stammt aus dem Jahre 909 n. Chr.) beendet. Nicht nur Steleninschriften (die ein Ausdruck der Herrschergewalt gewesen waren) versiegten; auch die Bautätigkeit hörte auf, und die Zentren wie das Hinterland verödeten. Es gab offenbar einen katastrophalen Bevölkerungsrückgang, der dem, der als Folge der Conquista auftrat, offenbar in nichts nachstand. Lediglich im östlichen Peten, in der Gegend zwischen dem See von Peten-Itzä und Belize, hielt sich auch nach dem Niedergang noch eine größere Bevölkerungskonzentration, die allerdings durch das Einsickern von Yukateken aus dem Norden verstärkt worden sein mag. Auch fanden sich Spuren, die darauf hinweisen, daß die verlassenen Tempel und Pyramiden auch weiterhin von einer verstreuten, auf das Niveau von Bauern zurückgesunkenen Bevölkerung verehrt wurden. Bei den Lakandonen, die einen letzten Rest dieser ursprünglichen, bäuerlichen Bevölkerung darstellen, hat sich dieser Brauch bis in die Gegenwart erhalten. Die Postklassik, die auf den Niedergang der klassischen Kultur folgte, war weit mehr als alle voraufgegangenen Perioden durch Einflüsse von außen geprägt. Das trifft sowohl für Yukatan, wo die Mayakultur unter mexikanischem Einfluß eine neue Blüte erlebte, zu als auch für Guatemala, womit das Hochland gemeint ist, wo gleichfalls im Zeichen mexikanischer Importe - sich schließlich kleine Königreiche herausbildeten, deren bedeutendste die der Quiche, Cakchiquel und Mam, die jeweils ihre Kapitale in Utatlän, Iximche und Zaculeu hatten, waren. Die Herrscher dieser Reiche führten ihren Ursprung auf die Tolteken zurück, was - wenn auch in indirek-

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tem Maße, indem sie sich lediglich auf einen Priesterfürsten der Tolteken, Quetzalcóatl alias Kukulcán, beriefen - auch die Mayas der Spätzeit in Yukatan taten. Sowohl für Guatemala als auch Yukatan liegen dafür historische Berichte vor, die jedoch mehr legendären als tatsächlichen historischen Charakters sind. Sie werden jedoch ergänzt - und bis zu einem gewissen Grad bestätigt - durch archäologische Funde, die eine starke Parallele zu Tula, der Metropole der Tolteken, beziehungsweise der Architektur generell in Zentralmexiko aufweisen. Eine Beeinflussung der Mayas aus Mexiko in postklassischer Zeit steht also außer Zweifel; auch daß sie weit tiefgreifender war als jemals zuvor, wird allgemein anerkannt. Doch das Wie, auf welche Weise dieser Einfluß, der einer kulturellen Überlagerung gleichkommt (von der sich nur die Mayas in Yukatan noch einmal lösen sollten), erfolgte, ist bislang ebenso umstritten wie die Frage um den Ursprung und den Niedergang der (klassischen) Mayakultur. Ob der Einfluß direkt oder indirekt erfolgte, ob in einer oder mehreren Wellen - eine definitive Aussage, sowohl was Guatemala als auch Yukatan betrifft, läßt sich im Augenblick noch nicht machen. Nur eines scheint gewiß: das Gebiet an der Golfküste, das man seinen indianischen Bewohnern nach die Chontalpa nennt, womit die Gegend von Tabasco und Campeche gemeint ist, nahm offenbar - in der Art einer kulturellen Drehscheibe zwischen Mexiko im Westen und dem Mayagebiet im Osten - eine Mittlerstellung ein. Über Handel und Wanderung (vgl. dazu Thompson 1972 und Fox 1987) breitete sich der mexikanische Einfluß über das Mayagebiet aus, so daß bei Ankunft der Spanier, zumindest in Guatemala, nur noch eine symbiotische Kultur, in der die Kultur der Mayas lediglich ein Substrat bildete, anzutreffen war. In Yukatan war der Kontakt zur klassischen Mayakultur, die ja im südlich angrenzenden Petén erblüht war, immer enger gewesen, und obwohl auch hier seit dem Beginn der Postklassik Fremdeinflüsse zu verzeichnen sind, die sich besonders in Chichón Itzá manifestierten, das zu einer Art Metropole ganz Yukatans aufrückte, kam es doch nach dem Niedergang Chichén Itzás (im 13. Jahrhundert) und mit dem Erstarken einer neuen Metropole, Mayapán, zu einer Rückbesinnung auf die alte Tradition, so daß man für diese Phase, die bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts dauerte, von einer Renaissance der Mayakultur sprechen kann. Sie war jedoch nur noch ein schwacher Abglanz einstiger Größe, und als auch die Zentralgewalt in Mayapán zusammenbrach, zerfiel die Gesellschaft in Yukatan in einzelne Kleinstaaten, die in etwa den Königreichen in Guatemala entsprachen. Die Mayas, die den Spaniern entgegentraten, befanden sich nicht mehr auf der Höhe ihrer Macht. Anders als die Azteken und in gewisser Weise die Inkas (obwohl letztere sich in einem Bürgerkrieg befanden), waren die Mayas nicht nur zersplittert (was sie allerdings wohl, sowohl sprachlich als auch kulturell, die meiste Zeit ihrer Geschichte gewesen waren), sie hatten auch den Höhepunkt ihrer Kultur längst überschritten, als die Spanier sich anschickten, ihr Land zu unterwerfen.

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Seit dem 9. Jahrhundert waren die Mayas permanent im Niedergang begriffen; die Eroberung und Kolonisierung durch die Spanier setzte also nur eine Entwicklung fort, deren Anfänge bereits mehr als ein halbes Jahrtausend zurücklagen. Die »Zerstörung der Mayakultur« geht also nur zum Teil auf das Konto der Spanier. Dennoch ist dieses Konto, auch was die Mayas betrifft, stark belastet. Die verheerendste Auswirkung der Conquista war auch im Mayagebiet der rapide Bevölkerungsrückgang, der eine Folge dreier primärer Faktoren war: der eingeschleppten Krankenheiten, der Kriege und der Hungersnöte, die sich im Gefolge der Conquista ausbreiteten. Hinzu kam der kulturelle beziehungsweise psychische Schock, den die Eroberung auslöste und der sich möglicherweise ebenfalls negativ auf die Bevölkerungsentwicklung auswirkte. Jedenfalls ist ein extremer Bevölkerungsrückgang, der etwa ein Jahrhundert andauert, für fast alle Teile des Mayagebietes nachweisbar (vgl. dazu Thompson 1972: Kap. 2; Carmack et al. 1982: Teil 2). Der Tiefpunkt war im 17. Jahrhundert erreicht, obwohl die einzelnen Befunde sehr unterschiedlich sind. Dies trifft auch für den Grad des Bevölkerungsrückgangs zu: er betrug in einigen Gegenden über 90 % (Thompson 1972: 71); in anderen Teilen des Mayagebietes, so im Nordosten Yukatans und an der Pazifikküste, wurde die indianische Bevölkerung praktisch ausgerottet (ebd.: 57). Die Bevölkerungsentwicklung, so fand ein Symposion heraus, das 1979 auf Initiative des Institute for Mesoamerican Studies in Albany stattfand, war offenbar sehr wesentlich für die besondere Form der wirtschaftlichen Entwicklung, zumindest, was die Tribut- und Dienstleistungen betrifft, die man den Indianern auferlegte, verantwortlich. Wie MacLeod (1982: 14) in einer Einleitung, die er der Veröffentlichung der Beiträge des Symposions (Carmack et al. 1982) vorausschickt, schreibt: »In the population picture ... [resulting from the symposium] we find a series of larger shifts in the demographic relationship between two population groups, which may be described simplistically, especially in the early colonial period, as the labour force and the consumers. Given these demographic relationships it may be that the gradual and overlapping transitions in Indian labour systems, roughly speaking slavery to encomienda to labour repartimientos or tandas, to peonage, sharecropping and 'free' labour, may be less a series of responses to Spanish legislation and politics, than adjustment by ever stricter and preferential labour rationing devices to an increasing labour shortage. This would hold best for the years until mid-seventeenth century, but may have validity for the eighteenth century too because of the intensification of export agriculture, with the resulting greater demand for field labour, and because of the rapid growth of the non-Indian population.« Es war also offenbar eher eine praktische Notwendigkeit, die zu einer allmählichen Abschwächung der Ausbeutung des Indianers führte, als die Einsicht, daß man den Indianer »humaner« behandeln müsse, was immerhin entsprechende Gesetze, die die

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spanische Krone erließ, vorschrieben. Diese Gesetze gingen nicht unwesentlich auf einen Mann zurück, der gerade im Mayagebiet Erfahrungen machte, die ihn dazu bewogen, einen Bericht für die spanische Krone zu schreiben, in dem er die Ausbeutungspraktiken der Spanier anprangerte und damit die Krone beziehungsweise den Indienrat, der die spanischen Kolonien in Übersee verwaltete, dazu veranlaßte, ein Gesetzeswerk zu verabschieden, das die Herrschaft über die Indianer in geordnete Bahnen lenken sollte. Diese Gesetze - und andere, die ihnen folgten - wären jedoch, zumindest, was die wirtschaftliche Ausbeutung der Indianer betraf, nicht befolgt worden, wenn nicht ein äußerer Zwang - eben der drastische Rückgang der indianischen Bevölkerung, die als Arbeitskraft dienen konnte - die Kolonisten zum Einlenken gezwungen hätte. Insofern ist die Theorie, die MacLeod anführt, durchaus stichhaltig. Der Mann, der ein Großteil der Gesetze, die zum Schutz der Indianer erlassen wurden, anregte, war Las Casas, der mit dem Mayagebiet insofern eine besondere Verbindung hatte, als er - bevor er seinen »Bericht über die Zerstörung der indianischen Länder« (Las Casas 1552) schrieb - einen jener bemerkenswerten Versuche unternahm, wie sie besonders die Jesuiten (in Paraguay) auszeichnen sollten, die Indianer auffriedlichem Wege zum Christentum zu bekehren. Diesem Versuch, der schließlich scheiterte, der Las Casas aber einen unmittelbaren Einblick in die Verhältnisse zu Beginn der Kolonialzeit in Guatemala ermöglichte, verdankt die »Verapaz«, das Grenzgebiet zwischen Hochland und Tiefland in Guatemala, ihren Namen. Las Casas aber konnte, nicht zuletzt auf Grund seiner Erfahrungen in Guatemala, eine Wirkung erzielen, die weit über die Grenzen des Mayagebietes hinausreichte. Das Experiment in der Verapaz scheiterte nicht zuletzt deshalb, weil die Mayas anders als die Azteken, wenn auch nicht die Inkas - es verstanden, trotz des demographischen Handikaps, das noch vor der eigentlichen Conquista (durch Krankheiten, die sie vorher erreichten) wirksam wurde, den Spaniern erbitterten Widerstand zu leisten. Die Eroberung zog sich praktisch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts hin (als die letzten Lakadonen, die noch Widerstand geleistet hatten, in das Hochland von Guatemala lungesiedelt wurden). Dazwischen lag zwar die Unterwerfung der Huasteken (1521/22), der Mayas in Chiapas (1523-28) und Guatemala (1524-30) und der Yukateken (1527-46), doch die Liste der Aufstände, mit denen sich die Mayas von der Fremdherrschaft zu befreien suchten, ist nicht minder lang: 1524 erhoben sich die Huasteken, 1524-30 die Cakchiquel, 1530 die Chorti, 1533 die Cupul (eine Herrrscherdynastie in Yukatan), 1555 die Chol in der Verapaz, 1585 die Cocom (ein anderes Herrscherhaus in Yukatan), 1628 die Lakandonen in der Verapaz, 1712/13 die Tzeltal in Chiapas, 1761 die Yukateken unter einem messianischen Führer, Jacinto Uc, und 1820 die Quiche in Totonicapän, die gleichfalls einen indianischen König ausriefen. Die Liste ist keineswegs vollständig und ist für die Folgezeit zu ergänzen: doch die genannten Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, daß die Mayas sich nie mit ihrer Unterwerfung abfanden und daß dies möglicherweise ein Indiz dafür ist, daß

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sie auch schon in vorspanischer Zeit, namentlich während der klassischen Periode, ein kriegerisches Volk waren, was - wie wir gesehen haben - nicht unwesentlich dazu beigetragen haben mag, den Höhenflug ihrer Kultur zu begründen. Bei den Spaniern hatten sie nur das Pech, auf einen Gegner zu stoßen, der ihnen technisch überlegen war, was sie auch nicht durch die Zuflucht zu überirdischen Kräften, was ihren Erhebungen zumeist die Form einer messianischen Bewegung gab (s. Reifler Bricker 1981), auszugleichen vermochten. Die Liste der Aufstände zeigt, daß im 17. Jahrhundert eine relative Ruhe einkehrte: bis dahin und ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ist eine deutliche Häufung der Aufstände zu beobachten. Dies deckt sich mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung, die - worauf MacLeod, der eigentlich Wirtschaftshistoriker ist, aufmerksam macht - in Phasen verlief: auf einen Boom im 16. Jahrhundert, der sich durch einen entsprechenden Druck auf die Indianer auswirkte, folgte eine Flaute im 17. Jahrhundert, die den Indianern eine Art Verschnaufpause gab, die ihrerseits dann wieder durch verstärkten Druck im 18. Jahrhundert abgelöst wurde, der die Folge einer stärkeren Hinwendung zum Außenhandel war, wie sie eine neue Politik, die die Bourbonen in Spanien einführten, propagierte. Einher mit dieser fluktuierenden Entwicklung ging ein Akkulturationsprozeß, der den gleichen Schwankungen unterworfen war wie die wirtschaftliche Entwicklung, mit der er gekoppelt war. In den Worten von MacLeod (1982: 15): »From ... [a] very general sketch [of colonial development] we see a picture emerging, at least in the areas where an Indian population survived. Wie find heavy pressure and acculturation in the mid-sixteenth century and increasing neglect in the seventeenth century, especially in areas far from cities and plantations. This neglect allowed some isolated Indian communities to reconstruct some parts of their besieged cultures on the basis of Hispanic institutions adopted by the Indians, such as cofradía and caja de comunidad. Renewed market pressure, labour demands, and acculturation return in the second and third quarters of the eighteenth century, especially near economically dynamic areas. The number of Ladinos begins to rise again. The littlestudied depression after independence (1825-60) may have been a second seventeenth century, another era of rebuilding for the Indian communities.« Was die letzte Phase betrifft, die angesprochen wird, die Zeit nach der »Unabhängigkeit«, so muß man hier jedoch differenzieren: wirtschaftlich trat in der Tat ein Rückgang ein; doch was ihn bedingte, war nicht nur der Wechsel, der sich durch eine neue politische und damit auch wirtschaftliche Orientierung ergab, sondern auch die Vorherrschaft militärischer Konflikte, die - eine Folge der Unabhängigkeit - die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts überschatteten. Diese Kriege, die zweierlei Art waren - einmal kämpften die Kreolen, die in zwei Richtungen (die Liberalen und die Konservativen) gespalten waren, untereinander, zum anderen nutzten die Indianer

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das Klima der Unruhe, um sich gegen ihre Unterdrückung aufzulehnen bedeuteten in jedem Falle einen erheblichen Druck, der auf die Indianer ausgeübt wurde, denn egal, wer kämpfte - sie waren die Leidtragenden: nicht nur stellten sie die Heere, die gegeneinander aufmarschierten, das Land wurde auch verwüstet und damit ihre Dörfer und Gemeinden. Die Unabhängigkeit von Spanien ist vielleicht das Ereignis in der Geschichte der Mayas (und nicht nur dieser), das am wenigsten verstanden worden ist. Wenn man für die Klärung dieses Phänomens, das im wahrsten Sinne des Wortes ein Phantom ist, auch nur einen Bruchteil von dem Eifer aufgebracht hätte, mit dem man der Frage nach dem Niedergang der Mayakultur oder dem Charakter der Mayaschrift nachgegangen ist, dann hätte man nicht nur die Lateinamerikaforschung auf eine solidere um nicht zu sagen, soweit es die mehrheitlich von Indianern bewohnten Länder betrifft, solide - Basis gestellt, man hätte auch den Mayas, denen, die die (erste) Kolonialzeit (und das, was folgte) überlebten, einen praktischen Dienst erwiesen, der all das bei weitem übertroffen hätte, was die Wissenschaft ihnen sonst genützt haben mag. Denn daß die »Unabhängigkeit« in Wirklichkeit keine Unabhängigkeit war, leuchtet jedem ein, wenn er erfahrt, daß der Prozentsatz der Mayas (zumindest in Yukatan und Guatemala, worüber verläßliche Daten [vgl. Farriss 1984: 397f. u. Adams 1967: 471] vorliegen) zur Zeit, da die angebliche Unabhängigkeit erfolgte, bei über 70 %, gemessen an der Gesamtbevölkerung, lag und daß nicht ein Maya dabei war, als diese vermeintliche Unabhängigkeit verkündet wurde. Wenn rund drei Viertel der Bevölkerung Kolonisierte sind, und der Rest (abzüglich derer, die Mischlinge waren) eine Trennung vom »Mutterland« vollzieht, nur um dadurch seine eigenen Privilegien zu wahren, so nennt man das in anderen Gegenden, namentlich in Afrika, wo beziehungsweise bezüglich dessen man sensibler ist, »unilateral independence« (Rhodesien) oder Apartheid (Südafrika) und ruft zum Krieg auf. Nicht, daß es Aufgabe der Wissenschaft ist, Kriege zu rechtfertigen. Aber die Wahrheit, um die sollte man sich schon bemühen! Und nicht so tun, als sei Guatemala (und ein Großteil Mexikos) die Karibik oder Uruguay, wo man es vorzog, den Indianer auszurotten, und es folglich kein koloniales Problem, zumindest, was die Indianer betrifft, mehr gibt. Das ist entschieden anders im Mayagebiet, wo noch heute in Guatemala zwei Drittel der Bevölkerung Indianer sind. Und da sie - wie auch die übrigen Mayas in Yukatan und Chiapas - seit der vermeintlichen Unabhängigkeit keinerlei politisches Mitspracherecht genossen, im Gegenteil, eine ständig zunehmende wirtschaftliche Ausbeutung erfahren haben (was besonders für Guatemala, aber auch für Chiapas und Yukatan zutrifft), ist der Tatbestand eines Fortbestehens des Kolonialismus eindeutig. Ob man diese (zweite) Runde des Kolonialismus Neokolonialismus nennt (wie Farriss [1984: 353ff.] oder Dependenz (wobei auch hier zwischen zwei Formen der Abhängigkeit, einer direkten und einer indirekten, zu unterscheiden ist), fest steht, daß

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eine Emanzipation des Indianers, in unserem Falle der Mayas, wie sie vergleichsweise in anderen ehemals kolonialen Gebieten (in Afrika und Asien) erfolgte (ob innerhalb oder außerhalb der Dependenz, das sei dahingestellt), nicht eintrat. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, soweit es die Geschichte der Mayas (und praktische Konsequenzen, die daraus ableitbar sind) betrifft, in anderen Kategorien zu argumentieren als das bisher getan worden ist. Was als »republikanisch« oder »national« bezeichnet wird, hat - auf die Mayas bezogen - keine Bedeutung. Sie stellen (als Kollektiv gesehen) eine interne Kolonie dar, und alles, was im Zeichen einer angeblichen Republik oder Nation geschieht, ist - soweit es sie betrifft - ein Ausdruck dieses Kolonialismus. Bis hin zum Indigenismus, wie wir gesehen haben. Die Entwicklung seit der sogenannten Unabhängigkeit läßt sich - in diesem Kontext - wiederum, wie das ja schon anklang, in mehrere Phasen unterteilen. Nach der Phase der Bürgerkriege und Aufstände, die der Lösung von Spanien folgten, setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Liberalismus durch, der in gewisser Weise die Reformen wiederaufgriff, die bereits die Bourbonen eingeführt hatten. Diesmal waren die Veränderungen jedoch tiefgreifender. Wie es Beals (1967: 463), der sich auf Mexiko bezieht, ausdrückt: »There seems good reason to believe that Indian communities lost more land through the Reform Laws [passed by the Liberals] in the past Century than during the entire period since the close of the 16th Century.« In Guatemala, wo die liberalen Reformen etwas später einsetzten, ist das Ergebnis das gleiche: noch heute besitzen 2,1 % der Grundeigentümer 72,2 % des Landes, während 91,4 % der Landbesitzer nur über 21,9 % des Bodens verfügen (Plant 1978: X). Dazwischen liegt allerdings eine Gegenreform, die in den Jahren 1944-54 erfolgte und das nachzuholen versuchte, was die Mexikanische Revolution, die 1910 ausbrach, bereits vorexerziert hatte. Die Gegenreform war nur eine kurze Episode, die die Entwicklung in Guatemala, namentlich was die Ausrichtung der Wirtschaft auf den Außenhandel beziehungsweise Export (von Monokulturen: zunächst Kaffee, dann Bananen und heute Zuckerrohr und Baumwolle) betrifft, nicht aufhalten konnte: das Nahrungsmitteldefizit ist heute in Guatemala so groß, daß dieses Land die bei weitem größte Kindersterblichkeit (die eine Folge von Unterernährung ist) in Zentralamerika aufweist (Plant 1978: 80)! In Mexiko ist trotz der Revolution die Entwicklung für die Indianer nicht günstiger verlaufen: obwohl hier eine Agrarreform nachhaltigere Wirkungen hatte, ist die wirtschaftliche Lage des Indianers nach wie vor prekär, denn sowohl Monokultur (in Yukatan) als auch der Latifundismus (in Chiapas) engen den Indianer, der in zunehmendem Maße die Deckung seiner Grundbedürfnisse gefährdet sieht, immer mehr ein. Allerdings ist in Mexiko - dank der Revolution - die Abhängigkeit vom Ausland nicht ganz so groß wie im Falle Guatemalas, das seit Beginn des Jahrhunderts, als ein multi-nationaler Konzern, die United Fruit Company, seine Aktivitäten in Guatemala aufnahm, praktisch zu einer Kolonie der Amerikaner geworden ist, was besonders

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deutlich wurde, als die Amerikaner 1954 den Sturz der Revolutionsregierung unter Arbenz inszenierten. In Guatemala ist, deutlicher noch als in Mexiko, eine Wiederauflage eigentlicher Kolonialherrschaft zu spüren, nur daß in diesem Falle die Herrschaft (von einigen berüchtigten Ausnahmen abgesehen) nicht mehr direkt, sondern indirekt erfolgt. An der Fremdbestimmung der Mayas, die sozusagen eine doppelte Fremdbestimmung ist (worin sich übrigens der Neokolonialismus von seinem Vorläufer, dem spanischen Kolonialismus, unterscheidet), ändert das nichts. Die Mayas haben auch die zweite Runde des Kolonialismus, die für sie kaum minder nachteilige Folgen hatte wie die erste, nicht widerstandslos hingenommen. Dabei gelang ihnen, in Yukatan, was keinem anderen indianischen Volk (außer den Inkas, die kurz nach der Eroberung ein Refugium in den östlichen Anden fanden, wo sie für ein halbes Jahrhundert ihre Autonomie bewahren konnten) glückte: sie schafften es, nachdem sie im sogenannten Kastenkrieg (1847-55) beinahe die gesamte Halbinsel zurückerobert hätten, wenigstens den östlichen Teil, der freilich stets in ihrer Hand gewesen war, soweit von der Oberhoheit der Weißen zu befreien, daß sie quasi einen eigenen Staat, der bis 1902 Bestand hatte, gründeten. Mit Unterstützung der Engländer, die sich in Belize, dem damaligen Britisch-Honduras (das Guatemala 1859 an England abgetreten hatte), festgesetzt hatten, und mit Hilfe einer messianischen Ideologie, die sich in Form eines sprechenden Kreuzes äußerte, probten hier die Mayas eine eigene, autarke Entwicklung, die nur deshalb am Ende scheiterte, weil niemand - außer den Engländern, die eigene, imperialistische Ziele verfolgten - die Chance erkannte, die eine solche Alternative bot: die Berechtigung eines freien, indianischen Staates wurde nicht gesehen, und sie wurde deshalb nicht gesehen (und gestützt), weil die Mayaforschung zwar noch eine junge Wissenschaft war, dennoch aber ein Mann wie Maudslay (1889-1902) bereits ein vierbändiges Werk über die Ruinen der Mayas herausgab, während Sapper (1895c), der einen Ausflug zu den »Unabhängigen Indianerstaaten von Yukatan« unternahm, sich mit einem Aufsatz begnügte, der ganze fünf Seiten umfaßte. Inzwischen hat man über den Kastenkrieg (und andere Erhebungen der Mayas) ausführlichere Untersuchungen angestellt (Reed 1964, González Navarro 1970, Reifler Bricker 1981), doch daß es sich dabei um koloniale Befreiungskriege handelt, zumindest um Erhebungen, die im Kontext des Kolonialismus anzusiedeln sind, wird bislang nicht gesehen. Reifler Bricker nennt ihre Arbeit, die den bislang umfassendsten Versuch über die Aufstandsbewegungen der Mayas darstellt: »The Indian Christ, the Indian King«. Sie weist darin - zu Recht - auf die Bedeutung des Nativismus in diesen Bewegungen hin; doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Es wird Zeit, daß die Mayaforschung sich dazu aufrafft, auch die andere Hälfte beim Namen zu nennen!

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1.2. Kultur Was die Mayas bislang - sowohl beim Laien als auch in der Wissenschaft - besonders attraktiv erscheinen ließ, war weniger ihre Geschichte als vielmehr ihre Kultur. Daß ein Volk in einer feindlichen Umwelt die höchsten Stufen einer (frühen) Zivilisation erklimmen konnte, erregte und erregt Interesse und Bewunderung. Nicht minder faszinierend ist der Gedanke, daß es sozusagen ein geschlossener Kreis ist, der die Kultur der Mayas kennzeichnet: sie erblühte, erreichte ihren Gipfel und versank in Vergessen, ohne daß - wie das bei den Azteken und Inkas der Fall war - Europa daran auch nur den geringsten Anteil hatte. Die Mayas sind ein Modell, ein »Laboratorium«, wie es die Wissenschaftler nennen: sie sind ein Testfall für die Gesetzmäßigkeiten, die eine Kultur - unabhängig von anderen - wachsen und vergehen lassen. Die Mayas und ihre Kultur verraten uns etwas über das Wesen des Menschen, über die Vielfalt seiner Entfaltungsmöglichkeiten. Und sie weisen diejenigen in ihre Schranken, die da meinen, Kultur, namentlich eine höhere Kultur, sei ein Korrelat der Rasse, ein Vorrecht Europas (und seines Ablegers Nordamerika). Allenfalls noch des vorderen Orients, über den - wie auch immer - einstmals Griechen und Römer herrschten. Es ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen, daß gerade die Mayas - denen man die höchste Kulturstufe im vorspanischen Amerika zuerkennt - nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, das eurozentrische Weltbild, das noch zu Beginn dieses Jahrhunderts gang und gäbe war, zu überwinden. Dazu trugen vor allem zwei Erscheinungen bei, die man als markanteste Schöpfungen der (klassischen) Mayakultur ausgemacht zu haben glaubte: das Schriftsystem (ein Zeichen höherer Kultur par excellence) und ein Kalender, der nicht nur von außergewöhnlichen mathematischen (und astronomischen) Kenntnissen zeugte, sondern auch praktisch das ganze, zumindest geistige Leben der Mayas bestimmt zu haben schien. Einher mit dieser Sicht, als deren einflußreichster Interpret Morley anzusehen ist, ging die Vorstellung, daß die Mayas sozusagen ein Volk von Philosophen waren, das so sehr von seinen geistigen Erkenntnissen, namentlich dem »Phänomen der Zeit«, wie man es nannte, durchdrungen war, daß es für weltliche oder irdische Belange (die sich beispielsweise in der Erfindung von praktischen Errungenschaften wie Rad oder Wagen hätten äußern können) praktisch keine Bedürfnisse hatte. Selbst die Ernährungsgrundlage war denkbar einfach: Mais als einzige (primäre) Nahrungspflanze und die Schwendwirtschaft, auch Brandrodung genannt, die einzige (primitive) Form des Feldbaus. Man entwarf ein Bild der Idylle, dessen herausragendstes Merkmal eine Friedfertigkeit war, die in krassem Gegensatz zu dem kriegerischen Wesen der Azteken (oder Inkas) stand. Kurzum, die Mayas waren ein Volk, das man am besten den Griechen gleichsetzte, zumal sie offenbar - wie diese - darauf verzichtet hatten, ein einheitliches Reich zu gründen, und sich stattdessen damit begnügt hatten, (freie) Stadtstaaten zu errichten, die an die griechische Polis erinnern. Dieses Bild eines friedfertigen, vergeistigten Volkes (das so ganz im Gegensatz zu

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einer Welt stand, die soeben die Schrecken des Zweiten Weltkrieges durchgemacht hatte) hängt den Mayas noch heute an. Doch dieses Bild, das in der Öffentlichkeit vorherrscht, entspricht nicht mehr der Sicht der Wissenschaft. Die Entdeckungen seit dem Zweiten Weltkrieg - angefangen mit Bonampak, wo Fresken gefunden wurden, die eine blutige Schlacht (und Menschenopfer) darstellen, bis zu den neueren Ergebnissen der epigraphischen Forschung - haben bei der Wissenschaft zu einem radikalen Wandel in der Einschätzung der Mayas und ihrer Kultur geführt, derart, daß Jacques Soustelle (1985: 227f.), ein namhafter französischer Forscher, indigniert feststellte, daß man von einem Extrem ins andere gefallen sei. Er schrieb, in einer Rezension zu einer neueren Arbeit über die Kunst der Mayas (Baudez u. Becquelin 1984): »Art et civilisation sont évidemment deux faces d'une même médaille, mais le problème que pose leurs relations n'est pas mince quand la face 'civilisacion' n'est connue de nous, comme c'est la cas pour la phase classique [de la culture maya] entre les dates fatidiques de 292-909, précisément que par les manifestations artistiques, par les arts plastiques. Si riches que soient en indications précieuses les bas-reliefs, les stucs, les peintures murales, les terres cuites, les codex, leur interprétation rest sujette à variations, d'autant que le déchiffrement des glyphes, en dépit des progrès accomplis depuis Tatiana Proskouriakoff et Berlin, est encore bien insuffisant. Il est peut-être excessif d'interpréter systématiquement aujourd'hui comme dynastiques et belliqueuses les scènes qu'on interprétait hier non moins systématiquement comme purement religieuses. Passant d'un extrême à l'autre, la tendance actuelle est de tenir pour militariste une civilisation, jugée au paravent peut-être exagérément, théocratique. Deux scènes de sacrifice sur de stèles de Piedras Negras et des graffiti (de chronologie douteuse) à Tikal suffisent-ils à étayer l'affinmation (p. 295) que 'les Mayas classiques étaient sens doute tout aussi belliqueux et pratiquaient autant le sacrifice humain que leurs successeurs'? Il faudrait, semble-t-il, nuancer ce qui apparaît comme une assimilation un peu forcée des Mayas classiques au Yucatèques de Ile millénaire.« Soustelle weist auf einen Sachverhalt hin, der in den letzten Jahren recht deutlich geworden ist: Entdeckungen, deren Interpretation durchaus nicht immer nur umstritten ist, weisen immer mehr darauf hin, daß die Mayas - auch der klassischen Zeit, die bislang, sozusagen, als eine friedliche Oase galt - ein kriegerisches Volk waren, das in nichts denen nachstand, denen man es schon immer - namentlich, soweit es Mexiko betrifft, den Tolteken und Azteken - nachgesagt hatte. Ja, wie wir gesehen haben, ist man bei dem Versuch, den Aufstieg und Fall der klassischen Kultur zu erklären, sogar so weit gegangen, daß man dem Krieg beziehungsweise Militarismus eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Mayas beigemessen hat. Inwieweit dies eine extreme Deutung ist, wie es Soustelle nennt, muß einstweilen dahingestellt bleiben: eines jedoch ist gewiß, die Mayas unterschieden sich offenbar kaum von den übrigen Völkern Mesoamerikas (und den meisten Völkern, von denen wir Kunde haben). Sie

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waren vielleicht nicht mehr (im Falle der Azteken wäre das kaum möglich), aber sicher auch nicht weniger »kriegerisch« als ihre Nachbarn. Daß dafür auch die Zähigkeit spricht, mit der sie sich den Spaniern widersetzten, erwähnten wir schon. Es scheint noch zu früh, ein abschließendes Urteil über die Kultur der Mayas zu fällen. Aber man geht sicher nicht fehl in der Annahme, daß sie sich zwischen den beiden Extremen, die Soustelle anführt - Krieg und Religion -, bewegte. Auch damit würden die Mayas dem vorherrschenden Muster der kulturellen Entwicklung in Mesoamerika entsprechen, wo, namentlich bei den Azteken, eine enge Verflechtung zwischen Krieg und Religion gegeben war. Daß die Mayas ein zutiefst religiöses Volk waren und sind, davon zeugen nicht nur die höchsten Leistungen ihrer Architektur, die sich in monumentalen Pyramiden und Tempeln manifestierten, sondern auch die Grundeinstellung des Indianers (und diese nicht nur des Maya-Indianers speziell) zu seiner Umwelt: wie ethnohistorische ebenso wie ethnographische Quellen belegen, ist dem Indianer eine klare Trennung zwischen Religion und Ratio, wie wir sie kennen, fremd. Alles, die ganze Welt, Vergangenheit und Gegenwart sind durch das Göttliche (oder Magie) durchdrungen; nichts, was geschieht, geschieht nach dem Willen des Menschen. Sei es die Feldarbeit, wo man den Segen der Regengötter anruft, seien es Krankheiten oder Tod, die man übernatürlichen Kräften zuschreibt, sei es die Ausübung von Autorität, die - siehe das Cargo-System - mit der Religion eng verflochten ist. Selbst ein Aufstand, wie wir gesehen haben, sucht Legitimation und Beistand im Göttlichen. Die Kultur der Mayas hat eine bemerkenswerte Ursprünglichkeit bewahrt. Obwohl sie - sieht man von kulturellen Überlagerungen in vorspanischer Zeit, auf die wir hingewiesen haben, einmal ab - inzwischen fast fünfhundert Jahre unter dem Einfluß der Spanier und denen, die ihnen folgten, steht, ist noch heute ein Großteil der Kultur der Mayas durch autochthone Traditionen geprägt. Die Skala reicht von der vorherrschenden Bedeutung des Maises als Nahrungspflanze bis hin zum Gebrauch des indianischen Kalenders. Allerdings ist der Grad der Ursprünglichkeit der Kultur nicht einheitlich: in Yukatan ist die Akkulturation sehr viel weiter vorangeschritten als in den Hochländern von Chiapas und Guatemala, während in der Zentralregion, in der ursprünglich die klassische Kultur ihre höchste Blüte erlangte, die Mayas generell von wenigen Enklaven am See von Petén-Itzá und in Belize abgesehen - keinerlei Bedeutung mehr haben. Die Unterschiedlichkeit der Akkulturation ist nicht leicht zu erklären, denn wie Farriss (1984) hervorhebt, war gerade Yukatan während der spanischen Kolonialzeit eine Art Hinterhof des spanischen Kolonialreiches, denn es gab hier weder Bodenschätze, die ausgebeutet werden konnten, noch gewinnbringende andere Wirtschaftszweige, die man hätte entwickeln können. Das änderte sich erst mit dem Einbruch des »modernen Zeitalters«, wie Farriss es nennt, das mit den bourbonischen Reformen einsetzte und im Henequén-Boom um die Jahrhundertwende gipfelte. Erst jetzt erfuh-

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ren die yukatekischen Mayas einen Wandel, der mit den überkommenen Strukturen, die sich während der Kolonialzeit weitgehend erhalten hatten, endgültig brach. Dieser Wandel, den auch andere Mayagruppen (durch den kommerziellen Anbau von Kaffee und Bananen) erfuhren, setzte jedoch erst relativ spät ein, so daß sich die Frage erhebt, zumal, wenn man den längeren beziehungsweise intensiveren Kontakt zwischen Mayas und Weißen in Guatemala berücksichtigt, warum Yukatan am Ende doch einen größeren Akkulturationsgrad aufweist als die anderen Regionen im Mayagebiet. Dieser Frage ist Sol Tax (1964) nachgegangen, und er kommt zu einem bemerkenswerten Schluß: er weist darauf hin, daß die Differenzierung der Gesellschaft in vorspanischer Zeit offensichtlich im Hochland weit weniger vorangeschritten war als im Tiefland (was durch den archäologischen Befund, der nur für letzteres Gebiet das Stadium einer vollentwickelten Zivilisation nachweist, bestätigt wird). Daraus läßt sich ableiten, daß im Hochland eine breitere Basis für eine im ganzen zwar niedrigere, dennoch aber keineswegs primitive Kultur gegeben war, während im Tiefland sozusagen alles Wissen von einer Kaste gehortet wurde und, als die Spanier diese Kaste (oder Klasse) eliminierten, verlorenging. Wie Tax schreibt (S. 306): »Following this reasoning, in the Highlands there was less of a religious development and specialization, less of a gap between the religion of the Priests and that of the people. Important communal ceremonies connected with the Calendar and with daily needs were more local, and the part played by great priests was at once less important compared to the part played by local shamans, and at the same time closer to the needs of their religious life. The local shamans and the higher priests remained more closely part of one organization; as far as people locally were concerned religion could be less personal and more institutional. When the Spaniards destroyed the high priests, they did not destroy the local religious organizations which adjusted themselves in the course of time to the new order but according to the organizational pattern that, locally, they had before. The calendar was much more a part of local culture und tended not to be disrupted by the elimination of central organizations.« Anders ausgedrückt: je zentralistischer eine Kultur strukturiert ist. desto anfälliger ist sie - sei es für Prozesse des Wandels, sei es für ihre Zerstörung (beziehungsweise Desintegration) schlechthin. Womit wir bei der Theorie der »Hyperkohärenz« wären, die wir im vorigen Abschnitt (Kap. 4) abgehandelt haben, als eines der Erklärungsmodelle für den Niedergang beziehungsweise die besondere Anfälligkeit der klassischen - Mayakultur. Hyperkohärenz mag also auch den unterschiedlichen Grad der Akkulturation erklären. Werfen wir zum Schluß noch einen Blick auf die Gegenwart. Für Yukatan gilt: »The newly perceived needs and the new income-producing means have together

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done more to erode the cultural autonomy of the Maya than all the efforts of missionaries and Liberal reformers combined. The process is in no way abstract or mysterious; it is merely the sum of small decisions - individual deviations from inherited norms all reinforcing each other to create new patterns and finally new norms.« (Farriss 1984: 392) Angeführt werden Tourismus und der Petroleum-Boom, die den Henequén ersetzt haben. Und beklagt wird, daß der Wandel, eine Entindianisierung der Mayas, in immer schnellerem Maße erfolgt. Gleiches läßt sich auch für Guatemala sagen, obwohl hier der Ausverkauf der Mayakultur noch radikaler ist. Wie die »Le Monde« am 25. August 1987 berichtete: »Avant de remettre le pouvoir aux civils, les militaires avaient procédé à des déplacements forcés de communautés paysannes, regroupées en des 'pôles de développement', sous prétexte de les protéger des incursions de la guérilla. Ce paternalisme coercitif a bouleversé les traditions sociales, sans aporter aux Indiens d'amélioration tangible.« In dem gleichen Bericht ist von 40 000 indianischen Flüchtlingen die Rede, die vor dem Terror der guatemaltekischen Armee nach Mexiko geflüchtet sind. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: »... hinter Nebaj beginnt die 'Wildnis', wie es der örtliche Militärkommandant ausdrückt. Und in dieser 'Wildnis' halten sich nicht nur linke Guerilleros, sondern auch guatemaltekische Bauern auf. Tausende suchten in den Wäldern des Altiplano Zuflucht vor den Massakern der guatemaltekischen Streitkräfte, als diese Anfang der achtziger Jahre ihren Feldzug gegen die Widerstandsbewegungen begannen. Die indianische Bevölkerung galt allgemein als subversiv und als Unterstützer der Guerilla. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, Männer, Frauen und Kinder hingemetzelt. Rund 40 000 bis 50 000 Menschen fielen dem Terror unter den Generälen Lucas Garcia (1978-1982), Rios Montt (1982-1983) und Mejia Víctores (1983-1986) zum Opfer. Rund eine Million wurde zu Flüchtlingen im eigenen Land oder suchte Schutz im benachbarten Mexiko oder Honduras.« (Die Tageszeitung v. 16.4.1987) Zählt man zu dieser Statistik des Terrors noch die 100 000 Waisen (terre des hommes 2, 1987), die in Guatemala registriert wurden, und läßt man schließlich die Tatsache nicht unerwähnt, daß die Indianer in Guatemala einer systematischen Sterilisierungskampagne unterworfen sind (Lateinamerika-Nachrichten, Oktober 1987), dann ergibt sich das Bild einer zweiten Conquista, die der ersten nicht nur nicht nachsteht, sondern sie an Destruktivität wahrscheinlich noch bei weitem übertrifft: nicht nur ihre Kultur (durch die Zwangsumsiedlungen und Flüchtlingsströme), auch die Indianer selbst werden ausgelöscht. Noch ehe sie geboren werden. Von den drei großen Regionen, in denen sich die Mayas seit der Conquista hielten

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- in Yukatan, im Hochland von Guatemala und in Chiapas -, ist nur noch letzteres ein Refugium der Mayakultur geblieben. Wenigstens ist hier bislang nur der Indigenismus am Werk, und der ist - gemessen an den Zuständen in Guatemala - mit Abstand das geringere Übel.

2. Die Mayaforschung 2.1. Bewertung »Die Begeisterung allein ist das wahre Leben.« So formulierte es einmal Jean François Champollion, der Begründer der Ägyptologie. Man kann diesen Ausspruch auch auf die Mayaforschung anwenden, denn wenn es einen roten Faden gibt, der sich von Anfang an durch diese Wissenschaft zieht, dann ist es der Enthusiasmus derer, die diese Wissenschaft betrieben haben. Das wurde schon bei Stephens deutlich und zeigt sich heute nicht minder in der Flut von Veröffentlichungen, die zum Thema »Maya« erscheinen. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß die Mayaforschung einer der produktivsten und aktivsten Zweige ist, die es in dem weiten, schier unbegrenzten Feld der anthropologischen Wissenschaften gibt. Wir haben nur die wichtigsten Teilbereiche dieses Forschungszweiges berücksichtigt und darin auch nur jeweils die Hauptlinien der Entwicklung aufzeigen können: und dennoch, die Fülle des Materials ist so groß, und die Anstrengungen, die unternommen wurden, sind so vielfältig, daß es an ein Labyrinth gemahnt, was wir zu ordnen suchten. Hierin liegt die Schwierigkeit und der Reiz dieser Wissenschaft, aber auch die Gefahr, sich zu verzetteln und sich in Banalitäten zu verlieren. Trotz aller Erfolge, die die Mayaforschung zu verzeichnen hat, ist es ihr bisher nicht gelungen, ein klares Profil zu gewinnen. Außer, daß alles, was man zur Mayaforschung zählen kann, in irgendeiner Weise mit den Mayas zu tun hat, gibt es nichts, was dieser Wissenschaft als Zusammenhalt dient. Von einer gemeinsamen Richtung oder Orientierung ganz zu schweigen. Es liegt in der Natur der »exotischen« oder »Orchideenfächer«, sie wie ein »schönes Mädchen« zu behandeln, um noch einmal ein Wort Champollions zu gebrauchen. Man schmückt sich mit ihm und gibt sich ganz seinen Launen hin. Nach dem Nutzen oder gar dem Wert dieses Tuns wird nicht gefragt. Das ist die Kehrseite der Faszination, die von den Mayas ausgeht: wer einmal Tikal besucht hat und dann von Flüchtlingslagern in Chiapas hört, der empfindet es geradezu als ein Sakrileg, diese beiden Phänomene, die gewissermaßen am entgegengesetzten Ende der historischen (und kulturellen) Entwicklung der Mayas stehen, miteinander in Verbindung zu bringen. Und er hält es geradezu für selbstverständlich, einen Protest bei den zuständigen Regierungen einzulegen, wenn die Ruinenzentren am Usumacinta durch ein geplantes Staudammprojekt gefährdet erscheinen, während nur wenige Kilometer von diesen Ruinen entfernt jene Flüchtlinge hausen, die vor

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dem Militär in Guatemala geflohen sind und auch jenseits der Grenze noch um ihr Leben bangen. Dazu verlautet kein Sterbenswörtchen (so geschehen anläßlich einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde; vgl. dazu Mexicon 5/1983: 99). Der Reiz, der von den Mayas (den alten) ausgeht und geradezu zu einer Explosion von Erkenntnissen geführt hat, ist also nicht ganz unproblematisch: er bestimmt die Richtung einer Wissenschaft, die eben nicht - wie die Ägyptologie - allein eine historische Disziplin ist, sondern ebensogut auch die Gegenwart umfaßt. Das ist bislang nicht gesehen worden; wenigstens hat man es versäumt, für die Mayaforschung ein kohärentes Konzept zu entwickeln, das alle Teilbereiche gleichermaßen erfaßt und zu einer sinnvollen Gesamtschau integriert. Bislang begnügt man sich mit Stückwerk, und das, was man erhält, sind lediglich Fragmente. Ein bunter Haufen der verschiedensten Erkennmisse, die in ihrem jeweiligen Teilbereich einen Sinn ergeben mögen, den Blick auf das Ganze aber eher verdecken, denn fördern. Dabei befindet sich die Mayaforschung durchaus in einer Phase, wo sie zumindest erste Schritte hin zu einer Synthese leisten könnte. Sie ist über hundert Jahre lang im Geschäft - sieht man von den ersten Anfängen, die auf die Spanier zurückgehen, einmal ab -, und in dieser Zeit hat sie eine Reihe von Stadien durchlaufen, die zu einer allmählichen Reife geführt haben. Da ist zunächst die Phase der Entdeckung beziehungsweise Wiederentdeckung, die von Stephens bis Maudslay reicht. Zum Teil parallel, zum Teil daran anschließend, folgte die Phase der Spekulation, für die die Diffusionisten stehen, die um die Jahrhundertwende Hochkonjunktur hatten. Abgelöst wurde diese »diffuse« Phase durch eine heilsame Reaktion, wie sie das Carnegie-Institut brachte. Jetzt wurden erste systematische Grabungen und ethnologische Feldforschungen unternommen, und es wurde zugleich das gesamte Spektrum der Mayaforschung entwickelt. »Facts« waren die Devise, und Kluckhohn und Taylor (und Tozzer) erschienen auf dem Plan und bezogen eine Gegenposition. Sie hatten wenig Erfolg, denn das, was sie forderten, die »Facts«, um ihnen einen Sinn zu geben, Theorien zu unterwerfen, kam erst in Form der »Neuen Archäologie« (und verwandter Neuinterpretation in Nachbardisziplinen) zum Zuge. Diese »neue« Phase, die bis in die Gegenwart reicht, hat Theorien zuhauf gebracht, und es weht tatsächlich ein neuer Wind in der Wissenschaft. Doch man gewinnt den Eindruck, daß es eher Veränderungen sind, die nur die Oberfläche berühren, und was Adams (1969: 31) schon vor zwanzig Jahren sagte, gilt auch noch heute: »Recent work has had the effect... of not so much revolutionizing the perspective as making it infinitely more complex.« Es scheint, daß man von einem Extrem ins andere verfallen ist: erst die »Facts«, dann nur noch »Theories« und »Models«. Das Pendel muß zurückschwingen und in der Mitte zur Ruhe kommen; das ist die Aufgabe für die Zukunft! Ein Blick zurück auf die Mayaforschung macht auch deutlich, daß die Schwerpunktausrichtung des Faches mit der Vorherrschaft einer bestimmten »nationalen Schule« wechselt. Wenn man auch nicht sagen kann, daß mal diese, mal jene Schule

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(oder die »Nation«, das heißt die Wissenschaftler, die sie beziehungsweise eine bestimmte nationale Tradition repräsentieren) die Mayaforschung zu einem bestimmten Punkt allein gestaltete, so läßt sich doch eine gewisse Vormachtstellung der einen oder anderen Tradition ausmachen. Zu Spekulationen neigten die Europäer - insbesondere die Franzosen - mehr als die Amerikaner, die dann auch erst einmal dafür sorgten, daß die Tatsachen hereinkamen, bevor man darangehen konnte, sie zu interpretieren, wie es Boas formulierte, auf den sich dann das Carnegie-Institut bezog. Der neuere Trend in der Wissenschaft, der sich ja in verschiedenen Äußerungen soweit es die anthropologischen Wissenschaften betrifft, von der »Neuen Archäologie« bis zur Dependenztheorie - manifestiert, ist allerdings eine universale Erscheinung, wenngleich es auch bestimmte, schwerpunktmäßige Zuordnungen gibt. So haben die Lateinamerikaner mehr mit »Dependenz« beziehungsweise ihrer Aufhebung im Sinn, während die Amerikaner, die die Dependenztheorie - nicht ganz zu Unrecht - als Affront auffassen, es vorziehen, sich auf das weniger konfliktive Feld der Neuen Archäologie zurückzuziehen. Wodurch - um auf die Mayas zurückzukommen - eine Synthese der Wissenschaft (und ihrer Ergebnisse) noch zusätzlich erschwert wird. Auch was die einzelnen Zweige der Mayaforschung betrifft, so gibt es eine gewisse Zuordnung. Die Archäologie ist von Anfang an eine Domäne der Amerikaner gewesen; lediglich die Engländer und in letzter Zeit auch die Franzosen wären in diesem Bereich noch zu erwähnen. Die Paläographie ist etwas weiter gestreut: während hier ursprünglich die Deutschen führend waren, sind es inzwischen wiederum die Amerikaner, die sich das Feld jedoch mit den Russen teilen müssen, auch wenn diese in der letzten Zeit etwas zurückgetreten sind. Was die Ethnohistorie betrifft, so waren es die Amerikaner, die hier - im Rahmen des Carnegie-Programms - einen hoffnungsvollen Anfang machten. Inzwischen ist dieser Bereich so gut wie vergessen; wenigstens wird er von niemandem systematisch betrieben. Die Philologie, die ja mit ihren beiden Zweigen, der Linguistik und der Literaturwissenschaft, ein weites Feld ist, wird zwar auch von den Amerikanern dominiert; doch gibt es auch in Deutschland (womit die Bundesrepublik gemeint ist) und in Mexiko Ansätze, die die Arbeit der Amerikaner ergänzen. Die Physische Anthropologie, die im Rahmen der Mayaforschung keine große Bedeutung erlangt hat, wurde zunächst von den Amerikanern gepflegt; heute widmen sich ihr vor allem Mexikaner, soweit es Untersuchungen unter der rezenten Mayabevölkerung betrifft. Die Ethnologie schließlich ist der Zweig der Mayaforschung, der am meisten aufgespalten ist: die traditionelle, kulturbezogene Ethnologie betreiben die Amerikaner, die Anwendung dieser Wissenschaft ist seit der Revolution ein Anliegen der Mexikaner. Dazwischen gibt es einige bemerkenswerte Arbeiten von Deutschen und Franzosen, die jedoch insgesamt nicht ins Gewicht fallen. Alles in allem ist zu sagen, daß zwar die Amerikaner in fast allen Bereichen der Mayaforschung dominieren, daß es durchaus aber auch in anderen Ländern Ansätze

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gibt beziehungsweise gegeben hat, die ausbaufähig wären. Das trifft vor allem auf Deutschland zu, wo zumindest die Paläographie, die hier eine fundierte Basis hat, stärker ausgebaut werden könnte. Aber auch für Frankreich und England, wobei ersteres vor allem in der Ethnologie stimulierende Wirkung haben könnte, während die Engländer gut daran täten, sich nicht nur auf Belize zu beschränken und im übrigen dem Beispiel Gordon Childes oder Arnold Toynbees zu folgen und auch einmal eine Theorie oder gar eine Synthese zu wagen. Die Mexikaner bringen mit Abstand die ungünstigsten Voraussetzungen mit, objektiv über die Mayas (oder jedes andere indianische Volk) zu arbeiten. Was natürlich auch für die Guatemalteken gilt. Trotz eines Alberto Ruz (der im übrigen ja nicht eigentlich Mexikaner war), eines Barrera Vásquez oder Villa Rojas ist es ihnen nicht gelungen, was sicher auch nicht möglich ist, die Mayas als ein Volk und eine Kultur anzugehen, die man um ihrer selbst willen studiert. Nicht, daß die anderen das getan hätten: im Grunde hat sich niemand - aus der Wissenschaft - um die Belange der Mayas gekümmert. Aber die Mexikaner hatten und haben immer noch ein größeres Eigeninteresse, das sie mit ihrer Forschung verbinden. Sei es, daß sie »Arqueología turística« betreiben (und dabei ganz Yukatan - siehe Cancán - an den internationalen Tourismus verschachern), sei es, daß sie im Namen des Indigenismus das Gegenteil dessen betreiben, was dieser Begriff vorgibt zu sein. Daran ändert auch nichts das Centro de Estudios Mayas, das einzige breitgefächerte Forschungszentrum für die Mayas, das es bislang gibt. Das Centro ist eine staatliche Einrichtung, und entsprechend begrenzt ist seine Wirkung. Immerhin bietet das Centro de Estudios Mayas mit seiner Zeitschrift, die sich speziell den Mayas widmet und ein allgemein anerkanntes Organ der Mayaforschung ist, einen repräsentativen Spiegel dieser Wissenschaft, indem sie zu allen Zweigen der Mayaforschung und unter Beteiligung der namhaftesten Mayaforscher Beiträge liefert. Es ist deshalb nicht uninteressant, diese Beiträge, die den Stand ihrer Disziplin widerspiegeln, einmal genauer zu untersuchen. In den 16 Nummern der »Estudios de Cultura Maya«, die bisher (in den Jahren 1961-86) erschienen sind, wurden insgesamt 267 Artikel veröffentlicht. Davon entfielen auf die Bereiche Archäologie 109 Paläographie 64 Ethnologie 42 Philologie 26 Ethnohistorie 13 Physische Anthropologie 8 Artikel, während fünf Beiträge übergreifender Natur waren. In Prozenten ausgedrückt bedeutet das, daß allein auf die Archäologie (zu der man die Paläographie rechnen muß) 64,8 % entfallen, während die Ethnologie nur 15,7 % erreicht und die Ethnohistorie gar nur 4,9 %. Das heißt, zwei Drittel aller Beiträge (die fehlenden Prozente

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werden durch entsprechende Beiträge aus der Philologie aufgewogen) waren auf die vorspanische Zeit gerichtet, während die Zeit danach, von der Conquista bis zur Gegenwart, kaum ein Drittel der Arbeiten ausmacht. Nicht ein Artikel widmete sich auch nur im entferntesten akuten Fragen, wie sie sich insbesondere durch die katastrophalen Zustände in Guatemala ergaben! Es ist nur eine These, aber der Autor wagt zu behaupten - und die Behauptung stützt sich immerhin auf ein systematisches Studium der Literatur, ohne das diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre daß eine Einbeziehung der gesamten Literatur über die Mayas (was im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich war) zu einem Ergebnis führen würde, das sich nicht wesentlich von obigem Befund unterscheidet. Als Beispiel möge die Zeitschrift »Mexicon« dienen, die, obwohl sie keineswegs nur auf die (mesoamerikanische) Archäologie (und Paläographie) ausgerichtet ist, zumindest nicht von der Konzeption her, dennoch praktisch nur Beiträge bringt, die sich auf die Zeit vor der Conquista beziehen. Selbst wenn man berücksichtigt, daß Wissenschaftler - zumal in Deutschland - die Tendenz haben, sich abzukapseln und jeweils nur in ihrem eigenen Bereich Kommunikation zu üben, so weist diese einseitige Ausrichtung - die, wohlgemerkt, nicht intendiert ist - dennoch auf ein allgemeines Übergewicht der Archäologie und die Schwierigkeit, dieses Monopol zu brechen, hin. An diesem Punkt erhebt sich die Frage, die im Rahmen dieser Arbeit schon verschiedentlich gestellt wurde: was nun ist eigentlich die Mayaforschung? Ist sie eine Kulturwissenschaft? Ist sie eine historische Disziplin? Oder ist sie eine Gesellschaftswissenschaft? Geht man von der bisherigen Entwicklung der Mayaforschung aus, konstatiert also den Ist-Zustand, so ist es ziemlich eindeutig, daß der Schwerpunkt dieser Wissenschaft im kulturellen Bereich liegt. Es ging und geht im wesentlichen um ein abstraktes Wissen, selbst in den Zweigen, die - wie die Ethnologie oder die Philologie beziehungsweise Linguistik - einen gesellschaftlichen Bezug haben. Kultur als eine besondere Form menschlichen Schaffens ist der oberste Bezugspunkt: es wird gefragt, wie sie - im besonderen Fall der Mayas - entstanden ist, wie sie funktioniert und sich verändert hat und was von ihr übriggeblieben ist. Das sind die Fragen, die im Vordergrund der Mayaforschung stehen, egal, ob es sich um Archäologie, Ethnologie oder Philologie handelt. Geschichte wird zwar stillschweigend als ein Rahmen, in dem sich die Entwicklung der Mayakultur abspielt, gesehen. Doch es ist nicht eigentlich ein Begriff, mit dem man operiert: Werke über die Mayas tragen den Titel »The Ancient Maya« (Morley 1946), »The Rise and Fall of Maya Civilization« (Thompson 1954), »The Maya« (Coe 1966), »The World of the Ancient Maya« (Henderson 1981), »Ancient Maya Civilization« (Hammond 1982) oder auch »The Mysterious Maya« (Stuart u. Stuart 1977). Der Begriff »History« taucht erstmals bei Thompson (1970) auf, abgesehen von einer früheren Arbeit (Gann u. Thompson 1931), die nicht hält, was sie

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verspricht. Aber auch Thompsons Arbeit ist keine »Geschichte« im eigentlichen Sinne: es ist eine Sammlung von Beiträgen, die lediglich den großen Zeitraum der historischen Entwicklung der Mayas, von der vorspanischen Zeit bis zur Gegenwart, umspannen. Sie schildern diese Entwicklung nicht in systematischer und chronologischer Weise. Soweit es die gesamte Geschichte der Mayas betrifft, ist dies - worauf wir bereits hinwiesen - nur einmal geschehen (Westphal 1977, wozu man noch die Arbeit von Riese [1972] zählen kann). Geschichte, als eine Folge von Ereignissen über einen längeren Zeitraum, ist lediglich im Rahmen der vorspanischen Zeit berücksichtigt worden. Am deutlichsten wird dies bei der Arbeit von Thompson (1954), die schon im Titel auf diese historische Komponente hinweist. Aber es ist auch dies keine Geschichte im engeren Sinne. Selbst, wo versucht wurde, die Zeit nach der Conquista über einen längeren Zeitraum zu überschauen (La Farge 1940), spricht man von einer »Sequence of Cultures«. Geschichte - soweit es die Zeit seit der Conquista betrifft - wird als eine Folge von Akkulturationserscheinungen gesehen: nicht die Gesellschaft, das Volk der Mayas verändert sich, sondern die Kultur. Dabei mag zwar beklagt werden, daß es nur noch wenige »Survivals« gibt, aber die sind allemal wichtiger als die, die ihre Träger sind. In der a-historischen Sicht der Mayaforschung, die die Mayas als ein statisches Objekt begreift, liegt die Erklärung, weshalb nur 5 % (nach unserer obigen Auswertung) des Aufwandes der Mayaforschung in die Ethnohistorie geht, wobei dieser Zweig bis in die unmittelbare Vergangenheit reicht, dennoch aber der größte Teil der ethnohistorischen Forschung auf die spanische Kolonialzeit gerichtet ist, so daß die Zeit nach der »Unabhängigkeit« (wie auch diese selbst) praktisch unberücksichtigt bleibt. Eine Ausnahme sind lediglich die Aufstandsbewegungen wie der Kastenkrieg oder der Chamula-Aufstand, die aber auch wieder nur als kulturelle Erscheinungen »nativistische Bewegungen« - gedeutet werden. Was die Frage nach einer sozialen Komponente betrifft, so ist im Verlauf der Arbeit hinreichend deutlich geworden, daß der gesellschaftliche Bezug, der immer auch eine soziale Relevanz impliziert (s. Soziologie), am wenigsten zum Tragen gekommen ist. Lediglich der Indigenismus (und seine Kritiken) haben die Frage eines praktischen Nutzens der Wissenschaft aufgeworfen. Eine durchgreifende Wirkung - im Hinblick auf eine Verbesserung der prekären Lebensumstände der Mayas - wurde nicht erzielt. Will man eine abschließende Bilanz versuchen, so könnte man das Erreichte in dem lapidaren Satz zusammenfassen: Operation geglückt, Patient tot! Das ist eine harte Kritik. Aber sie ist gerechtfertigt. Man hat mit grenzenlosem Eifer und allem nur erdenklichen Scharfsinn einen Berg von Erkenntnissen zusammengetragen, der jeden, der davorsteht, zu erdrücken droht. Und immer mehr Wissen wird auf diesen Berg gehäuft, ohne zu fragen, wem es nützt und was man damit anfangen kann. Das Feigenblatt einer »reinen Wissenschaft«, die nicht fragt, warum

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noch wozu, ist Legitimation genug. Triumphe des Geistes - wie beispielsweise die Erfolge, die bei der Entzifferung der Mayaschrift oder der chronologischen Bestimmung der Mayakultur erzielt wurden verdienen Bewunderung und Anerkennung. Aber solange sie sich im leeren Raum bewegen, losgelöst von Problemen, die heute und hier anstehen, sind sie ein Luxus, den man sich - in Anbetracht der begrenzten Ressourcen, die für die Wissenschaft zur Verfügung stehen - nicht leisten kann. Nachdem die Mayaforschung - auf Grund von wissenschaftlichen Leistungen - sich einen eigenen Platz im Kanon der Wissenschaften geschaffen hat, wird es Zeit, daß sie sich auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt wird. Das Wissenschaftsverständnis von heute ist nicht mehr das, das es zu Zeiten von Maudslay und Förstemann war. 2.2. Aufgaben für die Zukunft In einem Vorwort zu der Arbeit von Stuart und Stuart (1977) schreibt Richard E.W. Adams, einer der führenden Maya-Archäologen: »I have stood in the Peten rain forest and felt stunned by the magnitude of the task we have undertaken: to reconstruct and understand a civilization. Calculated conservatively, the past 100 years of archaeological work has probably tapped less than 5 percent of the information that awaits us. While we have advanced greatly in our understanding, and employ elegant mathematical procedures that the ancient Maya would have appreciated, we are only approaching the most profound questions we must ask. Much of the old mystery remains.« Wie auch immer man das Verhältnis dessen, was bereits geleistet wurde, zu dem, was noch zu leisten ist, einschätzt, es ist zweifellos richtig, daß in der Maya-Archäologie noch viel zu tun ist. Weder ist die Frage gelöst, warum die eigentliche (klassische) Mayakultur unterging, noch ist eindeutig erklärt, wie es überhaupt zur Entstehung dieser Kultur kam. Auch wie sie funktionierte, welche Prozesse und Strukturen am Werk waren, als sie einmal etabliert war, ist noch weitgehend ungewiß. An Erklärungsversuchen fehlt es - wie wir gesehen haben - nicht. Was hingegen in Zukunft noch mehr gefördert werden sollte, das ist die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Zweigdisziplinen, namentlich - soweit es die vorspanische Zeit betrifft - der Archäologie, der Paläographie, der Linguistik und der Physischen Anthropologie. Problembereiche sollten klar definiert und - indem man die einzelnen Teilbereiche aufeinander abstimmt - interdisziplinär angegangen werden. Auch kann es nicht schaden, zuweilen einen Blick auf die Nachbardisziplinen zu werfen, um zu sehen, was beispielsweise die Vorgeschichte, die Ägyptologie oder die Klassische Archäologie treibt. Hieraus mögen sich fruchtbare Anregungen, die sowohl Methoden als auch Theorien betreffen, ergeben. Im übrigen schadet es nichts, einmal mit einer ganz anderen Kultur konfrontiert zu werden und deren Erscheinungsbild und Gesetzmäßigkeiten einfach nur zur Kenntnis zu nehmen. Dies führt zu einer größeren Distanz

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zum eigenen Forschungsgegenstand und somit zu einer objektiveren Sicht. Mayaforscher - egal, welchen Teilzweig sie betreiben - sollten nicht nur Mayaforscher sein! Sie sollten ihre Arbeit auf die Mayas konzentrieren, aber nie die Gesamtheit der anthropologischen Wissenschaften aus den Augen lassen. Sonst droht die Gefahr des Provinzialismus. Wenn erst 5 % der archäologischen Daten zutage gefördert worden sind, wagt man nicht zu fragen, wie hoch beziehungsweise niedrig der Prozentsatz in den beiden anderen wichtigen Bereichen - der Ethnohistorie und der Ethnologie - ist. Hier sind die Lücken, die bestehen, wohl am deutlichsten geworden. Aber um sie zu schließen, bedarf es nicht nur einer Intensivierung der Arbeit. Eine Grundvoraussetzung ist eine völlig neue Standortbestimmung der Mayaforschung insgesamt. Von ihrem Gegenstand her - und das ist nicht dasselbe wie die bisherige Forschungstradition - ist die Mayaforschung nicht nur eine kulturwissenschaftliche Disziplin. Sie ist auch - und dies in gleichem Maße - eine historische und eine gesellschaftswissenschaftliche Disziplin. Es sollte nicht mehr länger statthaft sein, alles, was mit den Mayas zu tun hat, unter dem Begriff »Kultur« zu subsumieren. Die Mayas sind ein lebendes Volk, mit einer dynamischen Geschichte. Dieser Tatsache muß Rechnung getragen werden. Tut die Mayaforschung das nicht, kann sie nicht den Anspruch erheben, in dem Maße eine relevante Wissenschaft zu sein wie beispielsweise die Sinologie oder die Islamistik, die sich durchaus der Vielschichtigkeit ihres Forschungsgegenstandes widmen. Will man eine schematisch Zuordnung wagen, so würden sich folgende Entsprechungen ergeben: - kulturkundliche Forschung: vorspanische Zeit - historische Forschung: seit der Conquista (inklusive Zeitgeschichte) - gesellschaftswissenschaftliche Forschung: Gegenwart. Das ist, wie gesagt, eine grobe Vereinfachung, denn die drei genannten Forschungsansätze sind jeweils auch in den anderen Bereichen relevant. Doch geht es bei diesem Schema, das als Orientierungsgrundlage für die zukünftige Arbeit dienen könnte, nicht so sehr um eine Ausschließlichkeit, sondern um die Identifizierung von Schwerpunktbereichen, die jeweils einem bestimmten Aspekt der Entwicklung der Mayas als Volk und Kultur entsprechen. Um auf das Beispiel der »Estudios de Cultura Maya«, das wir im vorigen Kapitel anführten, zurückzukommen: nicht mehr zwei Drittel aller Forschungsaufwendungen für die Archäologie (und Paläographie), sondern nur noch ein Drittel. Der Rest - jeweils ein Drittel - für die Ethnohistorie und die Ethnologie. Was die beiden übrigen Zweige - die Philologie und die Physische Anthropologie, denen man ähnlich wie die Paläographie in Bezug auf die Archäologie eine Art Subsidiärfunktion zuordnen könnte - betrifft, so müßte jeweils nach ihrer inhaltlichen Ausrichtung - zu unterscheiden ist beispielsweise eine historische von einer beschreibenden Linguistik - der entsprechende Hauptzweig eingeschränkt werden.

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Wie auch immer man eine gerechtere Aufteilung vornimmt, eines ist unabdingbar: das Monopol der Archäologie - und damit der kulturwissenschaftlichen Ausrichtung des Faches, die es bedingt - muß gebrochen werden! An seine Stelle muß eine pluralistische Orientierung der Mayaforschung treten, bei der der historischen Entwicklung (seit der Conquista) und der Gegenwartssituation der Mayas genauso viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie der klassischen Kultur. Dies ist eine Grundvoraussetzung für eine ausbalancierte, gesellschaftsrelevante Mayaforschung. Beide Attribute kann man der Mayaforschung bislang nicht zuerkennen. Es ist auch nicht klar, ob sich die Mayaforscher - selbst in ihrer begrenzten, gegenwärtigen Ausrichtung - überhaupt bewußt sind, was sie wollen. Wie Adams (s.o.) gesteht: »Much of the old mystery remains.« Das alte Rätsel ist noch immer zugkräftig. Dies und die positivistische Verbrämung einer reinen, sozusagen aller Verantwortung enthobenen Wissenschaft. Man forscht so vor sich hin, jeder nach seinem Gusto. Dieses eher anarchische Verhalten hat zwei wesentliche Nachteile: 1. Es steht einer systematischen, holistischen Erkenntnisgewinnung im Wege. 2. Es hat - da es sich nicht an bestehenden Problemen orientiert - keinen praktischen Bezug. Es ist somit nicht nur ineffektiv, sondern auch nutzlos. Wenn nicht klar ein Forschungsziel vorgegeben ist, das für den Wissenschaftler verbindlich ist, ist es dem Zufall überlassen, ob seine Arbeit nützlich ist oder nicht. Hier soll nicht einer Reglementierung der Wissenschaft das Wort geredet werden. Es erscheint aber - angesichts einer völligen Orientierungslosigkeit in der Mayaforschung einerseits und der Dringlichkeit der anstehenden (gesellschaftlichen) Probleme andererseits - durchaus angebracht, bestimmte Akzente zu setzen. Dazu gehört, daß man die Forderung erhebt, daß eine Wissenschaft wie die Mayaforschung - die es auch mit einem lebenden Volk zu tun hat - in der gleichen oder einer ähnlichen Weise in die Verpflichtung genommen wird wie beispielsweise die Soziologie. Termer, darauf wiesen wir bereits hin, gebrauchte den Begriff der »Ethnopolitik«, um die gesellschaftliche Verantwortung der Ethnologie respektive Mayaforschung zu umschreiben. Man braucht nicht so weit zu gehen: es genügt, darauf hinzuweisen, daß die Wissenschaft - in ihrer normativen beziehungsweise kritischen Ausrichtung (vgl. dazu Alemann u. Forndran 1985: 43ff.) - durchaus ihre gesellschaftliche Verpflichtung erkannt hat, wenngleich dies auch nicht bedeutet, daß man Politik und Wissenschaft gleichsetzen kann. Es wäre in der Tat eine Verkennung der Aufgabe der Wissenschaft, würde man von ihr fordern, daß sie praktische Politik betriebe. Das enthebt sie aber nicht der Möglichkeit - und, wie wir meinen, Verpflichtung -, denen, die handeln, Entscheidungsgrundlagen, die auf objektiven, wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, an die Hand zu geben. Dies ist durchaus eine Aufgabe, die man von einer ihrem Inhalt nach gesellschaftlichen Wissenschaft erwarten kann.

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Die Tatsache, daß die Mayas in Guatemala noch in jüngster Vergangenheit einem Holocaust ausgesetzt waren und dies zum Teil noch immer sind, ist letztlich nur die Folge einer Fehleinschätzung: auf der Seite derer, die sie unterdrücken und ausbeuten, und auf seiten derer, die dies tolerieren, wenn nicht gar aktiv unterstützen. Es wird nicht gesehen - und selbst in der Wissenschaft nur zaghaft zugegeben (eine rühmliche Ausnahme ist Farriss 1984) -, daß die Mayas auch heute noch einer kolonialen Unterwerfung ausgesetzt sind. Sie werden diskriminiert, an der politischen Mitbestimmung gehindert und immer mehr ihrer existentiellen Grundlage beraubt. Die Entindianisierung ist die Lösung, nicht eine Entkolonialisierung, die genau das Gegenteil fordert. Hier muß ein neues Bewußtsein geschaffen werden: Geschichte muß objektiv und nicht verzerrt durch die Brille derer, die kein Interesse daran haben, die Wahrheit an den Tag zu bringen, gesehen werden. Das setzt voraus, daß man ohne Voreingenommenheit und ohne auf seinen persönlichen Vorteil bedacht zu sein, die Fakten untersucht und sich nicht scheut, sie an den Tag zu bringen. Was genau beinhaltete die angebliche Unabhängigkeit? Welche Folgen hatten die liberalen Reformen (an denen, zumindest was Guatemala betrifft, die Deutschen nicht geringen Anteil hatten, weshalb sie besonders gefordert wären, sich dieser Frage zu widmen)? Was bedeutet »Selbstbestimmung«? Welche Alternativen einer emanzipatorischen Entwicklung gäbe es? Ist die Schweiz (mit ihrem Kantonsystem) ein Vorbild? Oder Kanada, das den Indianern weitreichende Rechte, bis zur inneren Autonomie, zugesteht? Diese und eine Vielzahl anderer Fragen bedürfen einer klaren und fairen Antwort. Wenn die Wissenschaft nicht bereit ist, sich ihrer anzunehmen, sind die Antworten immer schon vorgegeben und wirken sich immer zum Nachteil der Indianer aus, die selbst nicht gefragt werden und, selbst wenn man es täte, wohl kaum in der Lage wären, eine ausreichende Antwort zu geben. Denn das ist ein anderes Problem: die Indianer haben es verlernt, für sich selbst zu sprechen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist verschüttet, und fünfhundert Jahre Unterdrückung haben ihnen jegliches Selbstvertrauen genommen. Hier liegt eine weitere Aufgabe der Wissenschaft: nicht nur über die Mayas zu schreiben, sondern auch für sie tätig zu sein! Ihnen das zurückzugeben, was die Spanier und die, die ihnen folgten, genommen haben. Wie schrieb doch Stephens bereits vor 150 Jahren? »In my opinion, teaching might again lift up the Indian, might impart to him the skill to sculpture stone and carve wood; and if restored to freedom, and the unshackled exercise of his powers of mind, there might again appear a capacity to originate and construct, equal to that exhibited in the ruined monuments of his ancestors.« (Stephens 1963: II, 310) Wir erwähnten bereits das Projekt »Francisco Marroquin«. Es wurde 1971 in Guatemala gegründet und geht auf eine Initiative amerikanischer Linguisten zurück. Ihr Ziel:

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»... the Marroquin project calls for a three-part strategy, starting with a study of the chief Indian languages - their number, where they are spoken, and linguistic intricacies. Based on this information, linguists would develop a phonetic alphabet using the Spanish alphabet and new symbols to form bilingual dictionaries and primary reading materials in the Indian languages.« (The Times of the Americas v. 30.9.1981) Beabsichtigt ist also eine indianische Erziehung, eine Ausbildung, die sich auf die indianischen Sprachen und die indianische Kultur gründet. Nicht Spanisch und die durch die Spanier geprägte Lebensweise soll den Indianern vermittelt werden, sondern die Wiederentdeckung und Rückbesinnung auf ihre eigene Kultur. Selbst die Ausbildung indianischer Linguisten wurde ins Auge gefaßt. Doch die politischen Umstände, der Terror, der Guatemala Anfang der achtziger Jahre überzog, haben diesen fruchtbaren Ansatz zunichte gemacht. Ein Beispiel wie dieses zeigt, daß auch die Wissenschaft, ohne ihre eigentlichen Aufgaben aus dem Auge zu verlieren, tatkräftige Hilfe zu leisten vermag. So gesehen, steht die Mayaforschung erst am Anfang.

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English Summary

The purpose of this study entitled »Maya Research: History, Methods, Results« is, no more, no less, to take stock of a science which is in danger of drifting apart and losing, if it ever had, a common, socially relevant goal. Maya Research (there is no specific term for this branch of science, at least none which is generally accepted) is one of the most complex subfields of anthropology. Ranging form archaeology to ethnology (and including paleographic studies, ethnohistory, philology and physical anthropology, to name only the most important branches dealt with in this study), Maya Research deals with every aspect of Maya culture and history. It embraces over 10 000 years of human development, examplified by a people which created the highest level of culture in native America, at least as far as intellectual achievements are concerned. Although there is general agreement that Maya Research somehow fits into the overall picture of anthropology, there is no understanding of what that actually means. Is it just »culture« which has to be elucidated? The over-emphasis on archaeology (which, if we include paleographic studies, accounts for about two thirds of all Maya studies) as well as a preponderance of interest in acculturation and survivals, as far as the remainder is concerned, seems to support such a conclusion. Or could it also be »history« or »society« which is - or could be - the focus of Maya Research? On the basis of the evidence compiled in this study it has certainly not been a preoccupation with ethnohistorical and ethnological research which has characterized Maya studies so far: admitting that the sample we took (it is based on an analysis of »Estudios de Cultura Maya«, the only, generally accepted periodical specifically dedicated to Maya studies) is only of limited value, the results - only about 20 per cent of all Maya Research in the fields of ethnohistory and ethnology - are nevertheless indicative of an unbalanced approach in Maya studies, since they are corrobarated by the general findings of the present work. As the title implies, there is a three-way analysis of Maya Research undertaken in this study. The first part deals with the overall history of Maya Research. It is purely descriptive and starts out with a brief summary of the indigenous sources on which all Maya research is based. Its major emphasis is on the chronological order of events and currents which mark the development of Maya studies; it also focuses on the general political and intellectual climate which, to a rather more significant degree than has generally been recognized, conditioned Maya Research. The latter

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holds true not only for the Spaniards who interpreted everything they saw from a Christian and colonialist viewpoint, but also for the pioneers (or rediscoverers) in the 19th century who - with only one, but remarkable exception: John Lloyd Stephens (1841, 1843) - followed all too readily quite a similar line of reasoning by disowning the Mayas (and all the other descendants of American higher civilizations) of even their cultural heritage. Diffusionism cast its shadow, to be succeded by positivism which was no less harmful to an objective view of the Indians. Quite a change came with the Mexican Revolution which ushered in a new concept in anthropology: Indigenism. It also led to interdisciplinary research, an approach designed to encompass all aspects of Indian culture - with the final goal to reach a better understanding of the Indians' background, the changes induced by Spanish colonialism, and the present needs resulting from centuries of exploitation. However, Indigenism left its mark only on the Mexican variety of anthropology. In the United States, meanwhile, the Carnegie Institution of Washington, by way of its Division of Historical Research, became paramount in Maya studies. Interested only in facts - and rejecting every kind of theory -, the Carnegie program represented the final triumph of positivism which was only checked in the late 1960s when a new tradition in anthropolocial science emerged: the so-called New Archaeology (and corresponding collateral innovations). This new trend was a direct outgrowth of the social and intellectual unpheaval generated by the Vietnam War and the concomitant decline of American prestige (and America's concept of science) in the world. Maya studies, however, were only slightly affected by these later developments. The second part of this present study deals with the special branches or subfields of Maya Research. Here, the emphasis is on recent studies focusing on the whole range from archaeology to ethnology. Archaeology is by far the most vivid and productive field of Maya Research. With only a few exceptions, it is almost an exclusive domain of North American scholars. There has been done an impressive amount of work, shifting lately form the earlier preoccupation with fact-finding and chronologically oriented research to ever more complex theories and models of explanation. These tend to become an end in itself, thus resulting in the substitution of one extreme by another. Great strides have also been made, recently, in paleographical studies. There is no doubt that Maya hieroglyphic inscriptions do deal with historical events and personages and are not, as was previously claimed, exclusively tied to intellectual pursuits such as calendrics, astronomy, and religion. The rather unhappy »Cold War« between Soviet and Western experts on Maya hieroglyphs seems to be over, and there is at least wide-spread agreement that the script of the Mayas is based on a phonetic system as was claimed by Russian scholars. Closer cooperation between paleographers and linguists is now called for to established a sound basis for a correlation between script - or script stages - and language or languages.

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Ethnohistory, as has already been mentioned, is really a vast emptiness as far as Maya studies are concerned. Apart from pioneering work done under the auspices of the Carnegie Institution which dealt only with the early Spanish colonial period, there is virtually a blank for all the rest of Maya history. This is particularly true for the period since »independence« which in itself is a rather shaky term since nobody, among the Mayas, ever got independent. What really is the significance of the so-called Republican Period? What was the impact of liberal reforms, in the 19th century, on the Indians? How was their development affected by new forms of subjugation? Is it still a system of colonialism the Mayas, as well in Mexico as in Guatemala, are subjected to? There are more questions than answers, and it is about time that Maya scholars start to confront them. Philology, a term we use to denote the whole range of linguistics and literature, is quite an active part of Maya Research. But here again, the emphasis is more on the past than on the present. Although it should not be overlooked that American linguists are in the vanguard to teach Maya Indians in the intricacies of their science, in order that they themselves might be able to advance a literacy campaign, based on their own languages and traditions, among their brethren. Project »Francisco Marroquin« was a rare example that Maya studies ever did anything constructive for the Indians. The impact has been minimal, but the intention - and the acceptance by scientists of their social obligation - is all the more remarkable. Physical anthropology, among the Mayas, is a rather low-key affair. After some pioneering work by North Americans, it is now the Mexicans who do some research among living Mayas. Genetic studies have been emphasized with the Lacadons, and there have been some frightening results indicating that this small tribe is already beyond the limit of salvation if inbreeding continues unabatedly. Ethnology is actually quite a crowded field of Maya studies, its scope reaching from tradional acculturation and survivals studies all the way to Indigenism and Dependency Theory. Still, as has been said, it is no match for Maya archaeology which not only receives the lion's share of resources, but also even succeeds in putting ethnological studies at its own service (as evidenced, for example, by the Harvard Chiapas Project which started out to analyse the impact of indigenism on the Indians and ended up with the »Genetic Model« which tried to explain the past by way of the present). The third major part of the present study is concerned with theory and models. In chronological order, major theoretical approaches, their assumptions and validity, are analysed, from early diffusionist theories to the latest crop, »Dependencia«. Again, most explanatory models deal with pre-Conquest times, especially the origin, the structure and function, and the collapse of the Classic Maya civilization (cf. Adams 1977, Ashmore 1981, Lowe 1985, Gilbert 1973). Indigenism is limited to Mexico where, lately, it has come under critical attack (Nahmad Sitton et al. 1977, Favre

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1971), since contrary to official propaganda stressing Mexico's Indian heritage, indigenism actually seeks to abolish Indian culture by »absorbing« it into the mainstream of Mexican life which is predominantly Spanish. »Dependencia« (see Pozas and Pozas 1973) as yet is more of an ideology than a scientific discipline, at least as far as Maya studies are concerned. This, however, does not mean that dependency theory is without value; quite the contrary: »Dependencia« is a holistic theory combining historical perspective with a macro-social approach. Its explanatory potentialities are vast, particularly for Maya studies which are - paradoxical as it may sound - a preponderantly a-historical science. Part four comprises a summary: what has been accomplished? What has still to be done? To put it bluntly: the operation succeeded, but the patient is dead! There has been a vast amount of knowledge compiled. But nobody seems to know - and what is worse - to care what to do with it. There is no coherent picture of Maya culture or development, from its beginning to the present. And, of course, there is no practical value in Maya studies: keeping »Proyecto Francisco Marroquin« apart which really is an exception, there has nothing been done to put Maya studies at the service of the Mayas. If the Maya Indians were as articulate as their North-American brethren (or if they would enjoy the kind of breathing-space Indians in the United States and Canada take for granted) they might well say as Vine Deloria (1970: 98), the voice of the Sioux, once did: »The implications of the anthropologist, if not for all America, should be clear for the Indian. Compilation of useless knowledge 'for knowledge's sake' should be utterly rejected by the Indian people. We should not be objects of observation for those who do nothing to help us. During the crucial days of 1954, when the Senate was pushing for termination of all Indian rights, not one single scholar, anthropologist, sociologist, historian, or economist came forward to support the tribes against the detrimental policy.« Imagine what Deloria would have had to say if he knew what was going on in Guatemala. There, everybody kept quiet; nobody dared to raise his voice. As »Noticias de Guatemala«, as recently as April 1987, reported: »Nonetheless, this silence is understandable in a country in which during the past three decades the regime has murdered more than 100,000 persons, has kidnapped and disappeared around 40,000 and between only 1981 and 1983 burnt and destroyed more than 400 Indian peasant villages. It is worth remembering that only in the past ten years 12 Catholic priests and 43 journalists have been murdered. There is no doubt that official terror has been the principal source of the regime in imposing its censure.« The situation, under a new, formally democratic government, has not changed sig-

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nificantly. The Indians are still worst off, economically, culturally, politically. There are no plans for an agrarian reform thus perpetuating one of the root-causes of all the Indians' misery: »Though it is true that Guatemalan agriculture has been adversely affected in recent years by periodic droughts and the rocketing international price of fertilisers, hunger and starvation in the country should arouse not the sympathy but the outrage of the world at large. There is land enough in the country to produce the food, and a more than ample workforce to cultivate the land. But discriminatory policies of credit and technical aid, plus the appaling land distribution and the reluctance of landed farmers to cultivate produce for internal consumption, have guaranteed that the majority of the population remain in a situation close to starvation. Remarkably, during one of the most acute recent food shortages, one rightwing lobbyist argued before Congress that the deficits were due to large scale urban migration, and proposed that the migrants should be ordered back to their land. To what land, one might ask? In August 1976, a leading doctor from INCAP [Nutrition Institute of Central America and Panama] gave his own point of view, bluntly stating that 80 % of all Guatemalan children under five years now suffered from malnutrition, that the causes were political, social and economic, and that the only solution to this kind of poverty was a dynamic, swift and efficient agrarian reform.« (Plant 1978: 79f.) Compared to these vast existential problems the questions which have vexed Maya scholars for generations seem insignificant. This is not to belittle the accompolishments of Maya Research: a vanished civilization has reemerged, probably with a clearer view or understanding than even the Mayas were capable of themselves. 10 000 years have been lifted out of the darkness of history; but the last five hundred years, the period which should be best known, remains almost a complete blank. Why not models (and theories) for the present, instead of only for the past? What solutions are there for a really outrageous continuation of colonial subjugation? It may not be the task of science, anthropological science anyway, to actually do something politically. It is enough - and this certainly a legitimate task of science - to provide a sound, scientific basis for adjustments and changes which are overdue and will never come (or at a horrendous cost of life) if science does not explore and delineate possible avenues. Maya studies have to shift: archaeology is dangerously close to degenerate into a fuzzy circle of hair-splitters, whereas ethno- or colonial history and macro-social studies are almost virgin fields at least as promising (and challenging) as the riddle and romance of archaeology once were. Time has come to accept that science - and anthropological science in particular - is not a hobby, something you do out of whim, but a responsibility you cannot shirk any longer. »Culture« is out, »society« should be in. At least, for the next round of Maya studies.

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Note: The bibliography compiled in the annex does not pretend to be exhaustive. It is limited to works and authors dealt with or cited in the text. Only in rare cases have been included additional titles which the author deems important, but could not mention in the text. (The manuscript was completed in Spring 1989, with a deadline for research a year earlier.)

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Anhang Bibliographie Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wollte man versuchen, alle Autoren und Werke, die die Mayas bzw. ihre Erforschung betreffen, an dieser Stelle aufzuführen. Es werden vielmehr im folgenden nur die Arbeiten genannt, die im Text erwähnt oder zitiert wurden. Nur in Ausnahmefallen wurden zusätzliche Titel aufgenommen, die zwar im Text nicht behandelt werden konnten, dennoch aber im Kontext der Arbeit bedeutsam sind. Bei der Beschaffung der Literatur war mir vor allem die Universitätsbibliothek in Bonn behilflich. Ein besonderer Dank gilt auch Ulrike Paproth, die mir bei der Benutzung der Bibliothek des Seminars für Völkerkunde der Universität Bonn entgegenkam. Schließlich habe ich all denen zu danken, denen ich im Laufe der Jahre, vor allem in den USA, in Mexiko und in Guatemala, begegnet bin und die mich Dinge lehrten, die man aus Büchern nicht lernen kann. Ihre Namen tun nichts zur Sache, zumal viele keinen Namen haben. Abkürzungen A AA AAA AAq AAS AI AIA APS BAE BMV

(Abbreviations)

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PM PMAE

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