DIE KULTUR DES ALTEN ORIENTS

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HANDBUCH DER KULTURGESCHICHTE

HANDBUCH DER KULTURGESCHICHTE B E G R Ü N D E T VON PROF. DR. H E I N Z K I N D E R M A N N NEU HERAUSGEGEBEN

VON

DR. E U G E N T H U R N H E R PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT INNSBRUCK

unter Mitarbeit von C. C. Berg, Leiden • Martin Block, Marburg • Thomas von Bogyay, München • Helmut de Boor, Berlin • Walter Horace Bruford, Cambridge • Karl Buchheim, München • August Bück, Marburg • Rolf Dencker, Bergen • Willehad P. Eckert, Köln • Emil Ermatinger • Julius von Farkas • Willi Flemming, Mainz • Leonhard Fran2, Innsbruck • Herbert A. Frenzel, Berlin • Wilhelm Giese, Hamburg • Olaf Gigon, Bern • Hans L. Gottschalk, Wien • Wolfgang Haberland, Hamburg • Honst Hammitzsch, Bochum • Karl Hartmann, Köln • Walther Hinz, Göttingen • Walter Hirschberg, Wien • Harald von Hofe, Los Angeles • Edgar Hösch, Saarbrücken • Hans Kahler, Hamburg • Willibald Kirfel • Paul Kletler • Hans Kramer, Innsbruck • Willy Krogmann • Wolfgang Lindig, Frankfurt am Main • Josef Matl, Graz • Karl Oberhuber, Innsbruck • Franz Petri, Bonn • Gustav Rank, Stockholm • Friedrich Reff, Wien • Hans Friedrich Rosenfeld, München • Heinz Rupf, Basel • Manuel Sarkisyanz, Heidelberg • Klaus von See, Frankfurt am Main • Bertold Spuler, Hamburg • Hans Heinrich Schaeder • Emil Schieche, Stockholm • Kurt Schubert, Wien • Albert Schwarz, München • Dietrich W. H. Schwarz, Zürich • Hans Steininger, Würzburg • Hermann Trimborn, Bonn • Manfred Urban, Göttingen • Adam Wandruszka, Wien • Hermann K. Weinert, Tübingen • Klaus Wessel, München • Joseph Wiesner, Freiburg im Breisgau • Friedrich Wild, Wien • Walther Wolf, Münster • Alfons Wotschitzky • Ernst W. Zeeden, Tübingen

Zweite Abteilung KULTUREN DER V Ö L K E R

AKADEMISCHE VERLAGSGESELLSCHAFT ATHENAION F R A N K F U R T AM M A I N

DIE KULTUR DES ALTEN ORIENTS VON K A R L OBERHUBER

Mit 195 Abbildungen

A K A D E M I S C H E VERLAGSGESELLSCHAFT ATHENAION FRANKFURT AM MAIN

© 1972 by Akademische Verlagsgesellschaft ATHENAION, Frankfurt am Main Alle Rechte vorbehalten Satz und Druck: Druckerei am Fischmarkt, Konstanz Einband: Klemme & Bleimund, Bielefeld Klischees: Union-Klischee, Wiesbaden Printed in Germany 1972 ISBN 3-7997-0034-X (Gesamtausgabe) ISBN 3-7997-0097-8

INHALTSVERZEICHNIS

I. Der Lebensraum II. Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt Hexer und Hexen Guter und böser Blick Kultstätten Kultpersonal Das Opfer Ethik Die anthropomorphe Götterwelt 'A'a/Ea-Enki Inin-Istar Die »Macht« im Mond - der Mondgott Die »Macht« in der Sonne — der Sonnengott Die »Macht« im atmosphärischen Geschehen — der Wettergott Der Gott Nabü Die Mythe III. Der Mensch und die Gesellschaft Die Gesellschaft Die Frau Heirat und Ehe Sklaven Persönliche Freiheit Befreiung von Abgaben Arbeitskräfte Die soziale Thematik Vom täglichen Leben Umgangsformen Haushalt, Essen und Trinken Erotik

3 57 81 95 96 106 111 114 115 121 128 135 137 143 147 160 170 170 173 175 176 180 180 182 185 189 191 194 200

König und Königtum Hof und Hofstaat Das sar p»Äz-Ritual Recht Eherecht Erbrecht Privateigentum Miete Verwaltung Wirtschaft und Handel Handwerk Technik Baukunst Sport Kriegswesen IV. Bereiche der geistigen Kultur Bildung, Philologie, Schrift und Schreiben Medizin Mathematik Kalender Astronomie Musik

202 209 214 215 228 233 235 239 240 242 250 253 257 264 273 288 288 300 311 316 323 329

V. Das »Wagnis« des Lebens

336

Zeittafel Erläuterndes Verzeichnis von Namen, Wörtern und Sachen Altmesopotamische Maße Legende zu den Kapitelmotti in Keilschrift Hinweise auf Literatur Register Bildquellennachweis

340 342 355 356 357 362 369

VORWORT

An Darstellungen der Kultur des Alten Orients mangelt es nicht, denn seitdem die Altorientalistik sich als fundierte Wissensdisziplin etabliert hat, waren sich ihre Vertreter der verantwortungsvollen Pflicht bewußt, der interessierten Allgemeinheit in verständlicher Form die Ergebnisse der Forschung zu vermitteln. Der Fortschritt der Forschung bedingt aber zugleich, daß durch neue Erkenntnisse überkommene Meinungen und Deutungen veralten und modifiziert werden müssen. Dieser Umstand allein schon wird immer aufs neue, da die Forschung nicht stillsteht, der ständige Auftrag der Wissenschaft für moderne, dem jeweiligen Stande der Forschung entsprechende Darstellungen der Kultur des Alten Orients bleiben. Hinzu kommt für eine Darstellung der Kultur des Alten Orients in der heutigen Zeit jedoch der unabdingbare Auftrag der Gesellschaftsbezogenheit eines solchen Unterfangens, ich meine: in der Weise, daß es das Anliegen des Autors werden und bleiben muß, dem Menschenbild einer vergangenen Kultur nachzuspüren und durch den Schleier, den Jahrhunderte und unverdientes Vergessen darüber gebreitet haben, hindurch die Züge im Antlitz der Menschen dieser Kultur tastend zu ergreifen und für den modernen Betrachter sorgsam nachzuzeichnen. Diesem faszinierenden Auftrag habe ich mich stets verbunden gefühlt.

Innsbruck, am 6. Juni 1972

Karl Oberhuber

A U S S P R A C H E DER F R E M D S P R A C H L I C H E N LAUTE

Umschrift

Bemerkungen (Aussprache)

'

einfacher Stimmabsatz (staccato), etwa wie in deutsch Ab'art.

'

(arab. /•

)

stimmhafter Kehlquetschlaut bzw. »Knarrlaut, vom Verschlußlaut über den Dauerlaut bis zu einem mit Knarrstimme gesprochenen Vokal«, der »Würgemoment« vor dem Erbrechen (G. Bergsträßer).

ä

(sumerisch) Nasal, wie in franz. dans, en.

c

(türkisch) = g (arabisch), wie gi in Italien, giorno.

g

(türkisch) wie deutsch tsch.

d (arab. O

)

stimmhafter dentaler Reibelaut wie in th in engl. father, the.

d (arab. &2 )

rnit Verengung der Stimmritze (Emphase) nachfolgendes a lautet verdumpft ä; stimmhafter emphatischer Dentalverschlußlaut, etwa der Lautkombination dth in engl. and the (J. van Ess) entsprechend.

g

velarer Nasal, wie ng in engl. thing.

g (arab. (j, )

wie gi in Italien, giorno.

g (arab. C

wie franz. r grasseyee (parisienne) oder wie g in der norddeutschen Aussprache von Wagen, Tage, sagen.

)

g

(türk.) vor oder zwischen hellen Vokalen (e, i, ö, ü) wie deutsches ;', vor oder zwischen dunklen Vokalen (a, i, o, u) wie norddeutsches g in sagen; zwischen zwei Vokalen oft fast unhörbar.

h (arab. (^ )

mit Verengung der Stimmritze (Emphase) gesprochenes heiseres h; in seiner Umgebung lauten bei richtiger Artikulation i und u wie ä und o.



h (arab. ^^ )

wie ch in deutsch Bach.

Umschrift

Bemerkungen (Aussprache)

73

(avestisdi) »gutturaler Nasal« (A. Meillet / W. Printz); »velarer Nasal wie n vof k in deutsch Bank« (E. Kieckers). wie tschechisches r z. B. in Pnbram oder Dvorak,

r s

(arab.

>-^)

stimmlos emphatisch, etwa der Lautkombination 225 in engl. buzz-saw (J. van Ess) entsprechend; nachf. a verdumpft zu ä.

s

wie deutsches seh.

s

(altakkadisch) palataler Zischlaut: 5, ohne Lippenrundung artikuliert (?).

t

(arab.

stimmloser emphatischer Dentalverschlußlaut, etwa der Lautkombination tth in engl. buf then (J.van Ess) entsprechend; nachfolgendes a verdumpft zu ä.

)

', xv

(altiranisch) Zeidaen des Hauchlautes h im Altpersischen und Avestischen, »deren genauer Wert unbekannt ist« (A. Meillet / W. Printz); x »deutsch ch« bzw. xv »labialisiertes x« (E. Kieckers).

z

in fremdsprachigen Ausdrücken und Namen stets stimmhaftes s wie in deutsch Rose, engl. zero.

z

(sumerisch) wie; in franz. Journal.

»Nicht ließ ich mich's kränken, durch Wüsten zu lenken, um dann midi zu tränken am Quell, statt am Bach.« (Aloys Sprenger, 1813-1893)

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Abb. l

Übersichtskarte: Der Alte Orient.

I. DER L E B E N S R A U M

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Ä t e. L U U D

GLttDL'

x Lautschrift< (auf silbischem Prinzip beruhend) in den Bergwerken der Sinai-Halbinsel in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. wirtschaftliche Aspekte zur Erfindung geführt haben, so muß der Wirtschaft und dem Handel bei der Entstehung der urbs, beim Urbanisierungsprozeß und der Ausprägung einer Stadtkultur eine eminente wenn nicht überhaupt die tragende Rolle zuerkannt werden, und insofern ist F. M. Heichelheims Auffassung beizupflichten, derzufolge dem Handel und nicht besonderen Gegebenheiten der physikalischen Geographie (Wasserläufe) die

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I. Der Lebensraum

Entstehung von Städten zu verdanken ist. Eine überzeugende Stütze für die Richtigkeit dieser Theorie ist die uralte Stadt Anau in der transkaspischen Senke (Turkestan), ein Knotenpunkt der Handelswege aus dem innerasiatischen in den vorderasiatischen Raum. Die Gemdet-Nasr-Periode fand ein gewaltsames jähes Ende. Was nachfolgte, gibt sich in Kunst und Architektur als etwas anderes, Neues zu erkennen, das von einem anderen ethnischen Element getragen erscheint. Die Periode wird als »frühdynastisch« bezeichnet >ca. 2700-2500 v. Chr.). In der Architektur wird nunmehr anstatt des handlichen und praktischen flachprismatischen Riemchenziegels ein schwerfällig-unhandlicher plankonvexer Ziegel verwendet, worin man die Fortsetzung einer ursprünglichen Bauweise in Naturstein sehen will. Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß in dieser frühdynastischen Periode (Frühdynastisch II/III) die ersten Zeugen für Herrscherresidenzbauten auftreten (z. B. Kis), was als Ausdruck des Vollzugs der Gewaltentrennung von »Kirche« und »Staat« (hier Polis) interpretiert werden kann, wenngleich eindeutige schriftliche Zeugnisse dafür erst aus späterer Zeit (Entemena von Lagas, ca. 2400 v. Chr.) stammen.

Abb. 44

Indische (Industal) Tierbilder (Elefant und Nashorn): Handelsbeziehungen zwischen Mesopotamien und Industal-Kultur (2500-1500 v. Chr.).

Eine Eigenheit der frühdynastischen Epoche bilden die Mitbestattungen des gesamten oder eines Teils des Gefolges mitsamt dem Herrscher, wie sie am sensationellsten im sog. »Königsfriedhof« von Ur (mit Beisetzung von bis zu 75 Menschen), aber auch in Kis und bei Susa entdeckt wurden. Das Ausgreifen der frühdynastischen Epoche über die Grenzen Mesopotamiens hinaus wird durch die Handelsbeziehungen (Seeweg) mit dem Industal deutlich; hierbei war wichtigster Umschlageplatz die Insel Bahrain (keilschriftlich Tilmun) im Persischen Golf. Mesopotamien war im Laufe der Geschichte stets der Invasion landfremder Elemente und Völker ausgesetzt, die im angrenzenden Bergland oder in den angrenzenden Steppen (syrisch-arabische Wüste) heimisch waren. Die erste historisch bezeugte Invasion aus dem syrisch-arabischen Wüsten-

Invasionen; »biogenetische« Zyklen

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räum führte zum ersten Versuch einer Zusammenfassung territorialer Stadtstaaten (Polis) unter eine einheitliche Oberherrschaft unter der Dynastie von Akkad (2334-2154 v. Chr.). Wir dürfen als Zeitpunkt dieser Invasion eine Zeitmarke 2400 bzw. 2450 v. Chr. ansetzen. Sie fand ihr jähes Ende durch die Kut-Inva.sion aus dem östlichen Gebirge (Zagros?), die noch Adadnirari I. neben Kassiten, Lulubu und Subaräern erwähnt. Die zweite Invasion (Amoriter, Aramäer), in deren Gefolge die politische Einigung Mesopotamiens unter der sog. 1. Dynastie von Babylon (1894-1595 v. Chr.) erreicht wurde, dürfte bei der Zeitmarke 1950 bzw. 2000 v. Chr. liegen. Eine dritte Völkerbewegung ist die Ursache tiefgreifender und einschneidender Ereignisse im Vorderen Orient, wie sie um 1600 v. Chr. ihre Auswirkungen im mesopotamischen Raum bekunden (Hethiter in Anatolien und Mesopotamien, Arier [versprengt],Hurriter,Kassiten, Aramäer). Die vierte Invasion sehen wir mit der allgemeinen Völkerbewegung um 1200 v. Chr. zusammenfallen. (Eine weitere Völkerbewegung ist für ca. 900 bzw. 850 v. Chr. [Aramäer] spürbar.) Um 400 v. Chr. schließlich erfolgt der Vorstoß der Nabatäer aus dem innerarabischen Raum, wohl im Gefolge anderer Stämme.

Abb. 45

Altmesopotamische Darstellungen von Industal-Fauna (Elefant und Nashorn).

Sieht man die sich ergebenden Zeitmarken im Zusammenhang: 2400/2450 - 1950/2000 - 1600 (800) - 400, so ergeben sich annähernd konstante Intervalle von 400 bzw. 450 Jahren. Dies scheint kein Zufall zu sein. Die Invasionen sind stets Folgeerscheinungen von Übervölkerung der WüstenSteppenzonen, die in lebensnotwendiger Expansion nach außen sich entladen und entlasten muß. Sie sind die natürlichen Folgeerscheinungen biologischer oder biogenetischer Zyklen, die die erreichten Grenzwerte der Bevölkerungskapazität eines Lebensraumes darstellen. Legt man der gewonnenen Schlüsselzahl 400 bzw. 450 (Jahre) als Generationsindex die Zahl von rund 30 Jahren zugrunde, so ergibt dies eine maximale Generationenzahl 15 innerhalb einer ethnischen Wachstumsphase, d. s. 5 »Groß«-Parentalgenerationen, wobei ich unter Groß-Parentalgeneration l Parentalgeneration und 2 Filialgenerationen verstehe. Die Aufdeckung einer derartigen biogenetischen Periodizität hilft uns aber auch noch in anderer Weise. Ist nämlich diese biogenetische Gesetzmäßigkeit gültig, so dürfen wir von der ältestbezeugten Folgeerscheinung einer solchen ethnischen Phase auch für früherliegende Epochen diese Gesetzmäßigkeit voraussetzen, d. h., der dem erstbezeugten Zyklus 2400/2450 v. Chr. vorausliegende Zyklus fiele in die Zeit 2800/2850 v. Chr., wo also gleichfalls ein Infiltrationsprozeß erfolgt wäre, der von einem Eindringling aus den Steppenzonen getragen war. Hier hilft (vorläufig) noch kein schriftlicher Zeuge zur Identifizierung und Verifizierung, wohl aber ein nicht allgemein beachteter Wandel in der Entwicklung der Kunst, in der Weise, daß wir es ab dieser Zeitmarke mit Kunstwerken (Steingefäß

Abb. 46 Gefäß mit Tierdarstellung in Hochrelief und vollplastisch (Uruk, 1. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., Kalkstein, Höhe 30,2 cm, Durchmesser 11,5 cm, Bagdad Iraq Museum).

Abb. 47 »Dame« von Uruk (1. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., weißer Marmor, Höhe 20 cm, Bagdad Iraq Museum).

Abb. 48 Stele des Naräm-Sin (Susa, 2. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., gelb-rötlicher Sandstein, Höhe 2 m, Breite 1,05 m, Paris Louvre).

Abb. 49 Kopf eines Königs (Sargon von Akkad oder Naräm-Sin?) (Ninive, 2. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., Bronze, Höhe 30 cm, Bagdad, Iraq Museum)

mit von zwei Löwen flankierter Ausgußtülle: monumentale Kunst in Kleinformat; der obere Vasenboden wirkt »wie eine verteidigte Festung«, Ausdruck »aggressiven, nach außen vorstoßenden Körpergefühls«; Motiv des von Tieren bewachten Festungstores typisch für die gesamte vorderasiatische Architektur; Wiederholung des Motivs der Doppeltiere am Vasenbauch; Verhältnis der zwei Darstellungsebenen wie Beherrscher und Untertanen, eine Komposition, die sich in den Rollsiegeln mit Sockel wiederholt. An Vollkommenheit der Technik überlegen der Kopf der »Dame von Uruk«: »wie Köpfe der frühgriechischen Kunst . . . Züge einer reinen Menschlichkeit von edlen Proportionen und einer entschlossenen Willensstärke«) (Zitate hier und im folgenden nach R. Hamann) zu tun haben, als deren beherrschender Wesenszug sich der Vorstoß in den Raum, die Umgreif ung des Lebensraumes eindringlich und unmißverständlich dokumentiert, kein ängstliches Sichzurückziehen, sondern das mutig-frohe Ausgreifen in den gefahrendrohenden Raum, ein Wesenszug, der sich frappant in der Kunst der Akkad-Zeit (Zyklus 2400 v. Chr.) (»Kunst von verblüffender Großartigkeit und künstlerischer Höhe«, der Kunst der Gemdet Nasr-Zeit »innerlich verwandt«, ebenso »plastische

»Akkad«-Kunst; Kunst der Gemdet Nasr-Zeit

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Kunst mit heroischen Darstellungsinhalten und Formen«; »körperlich ausdrucksvolle Zweikämpf e... wie auf dem Messer von Gebel el'Araq« oder Siegeszug wie auf der Naramsm-Stele [dazu siehe sogleich unten]. Der Bronzekopf »ein herrscherliches Gesicht mit der Erhabenheit priesterlicher Würde, der Lebenskraft sinnlicher Energie und der Strenge befehlsgewohnten Kriegertums«) gegenüber der dieser vorausliegenden Periode sumerischer Stadtstaaten mit ihrer archaisch starren, statischen Kunstdokumentation (»Geierstele« des Eanatum und sog. »Stadarte« von Ur mit heroischen Motiven, Silbervase des Entemena und Kupferrelief von el-Obed mit »staatsdokumentarischen« Motiven [Wappenmotiv]: figurale Darstellung in »flachem brettförmigem Relief . . ., die Körperformen mit großen Gewandflächen zugedeckt . . ., alle körperlichen Akzente der Muskel und Gelenke . . . gehen in dem Figurenbrei verloren . . ., die Proportionen der Menschen fließen auseinander zu breiten phlegmatischen Rechtecken . . .; die Freiplastik . . . röhrenförmige Gebilde . . ., indem der Rock . . . wie ein Zylinder die Beine umhüllt, die Brust . . . wie ein flaches Kissen daraufsitzt und der Kopf wie eine runde Kugel oder wie ein fester Keil das Ganze nach oben abschließt«) wiederholt und somit wohl als typisch für den Bewohner des endlos erscheinenden Steppenraumes bezeichnet werden darf (R. Hamann). Wir meinen mit dieser Periode die sog. Gemdet Nasr-Periode, die unseres Erachtens von anderen Trägern (Leute mit nicht-anthropomorphen stangenförmigen und Standarten- bzw. feldzeichenartigen totemistischen Göttersymbolen bzw. -emblemen) mit geprägt wurde als die voraufgehende sog. Uruk-Penode. R. Hamann interpretiert die Kunst der Naramsm-Stele folgend: »Die ganze Darstellung ist verbunden mit einer kultischen Feier, die auch in der Gemdet Nasr-Zeit eine so große Rolle spielte. Und zwar handelt es sich auch hier nicht um Götter- oder Fürstenmahlzeiten, sondern um symbolische Darstellungen eines Göttersitzes in Form eines abgestumpfen Kegels. Über ihm schweben Gestirne, vor die der Fürst nach errungenem Sieg tritt. Der Fürst selbst ist ganz isoliert, erhoben über die Abb. 50 Sog. »Standarte« von Ur (nach anderer Meinung [M. E. L. Mallowan] Resonanzkasten eines Musikinstruments) mit der Darstellung des »Friedens« (Ur, Ende der 1. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., »Mosaik« aus Muschel, Lapislazuli, rotem Kalkstein, Länge 47 cm, Höhe 20 cm, London Britisches Museum).

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/. Der Lebensraum

Ränge der marschierenden Soldaten, plastisch gerundet. In einem sehr hohen Relief entfaltet sich seine Gestalt, fast nackt, nur mit einem kurzen Schurz an den Hüften bekleidet, in klarer, der Fläche folgender Schreitbewegung, in der hochgesetztes Bein und Bogen und Keule haltender Arm zum gestreckten Bein und Pfeil haltendem gesenktem Arm schon ganz wie in griechischer Kunst zum abgewogenen Kontrapost zusammengehen. Das mächtige Haupt mit langem, zugespitztem Backenbart, der sich nicht in die Fläche legt, sondern seitlich gesehen in die Tiefe rundet, wird noch imponierender und gottähnlich durch den mit Hörnern versehenen, zugespitzten Topfhelm. Es ist eine großartig herrscherliche Erscheinung. Vor ihm bricht, von seinem Pfeil in den Hals getroffen, ein Feind rückwärts zusammen, auch er mit völlig klar und kontrapostisch entwickelten Bewegungen der Glieder. Hinter diesem Gefallenen flieht ein zweiter Gegner nach rechts, während er mit zurückgewandtem Kopf und über den Körper zurückgreifenden Armen um Gnade fleht. Die Kolonne der dem Herrscher folgenden Soldaten schließt sich in gleichem Abstand und gleicher Bewegung an, Krieger auf Krieger, aber statt der unübersehbaren, zur Masse zusammengefaßten Schar der Standarte von Ur oder der Geierstele sind es hier nur je drei in jeder Reihe. Jeder wiederholt die kühne, klare Bewegung des Anführers, und im schräg nach oben führenden Gelände wird die Aktivität des Aufwärtsschreitens noch verstärkt. Das ist nicht flächenfüllende monotone Reihung, sondern überzeugender Ausdruck militärischer und kriegerischer Haltung im Siegesmarsch. Trotz des Gleichschrittes finden sich kleine, sehr feinfühlig angebrachte Variationen: in der Bewaffnung, indem die obere Reihe als unmittelbares Gefolge Standarten und einen standartenartig gehaltenen Speer im zurückgenommenen Arm, im anderen Äxte, gleichgerichtet wie bei einer Parade, hält, in der unteren Reihe Bogenschütze und Keulenträger mit dem Speerträger abwechseln, aber auch in der oberen Reihe Triumph und Aufstieg, in der unteren mehr Kampf und Ansturm sich ausdrücken. Am rechten Rand der Stele wird in dreifacher Übereinanderschichtung jedesmal die Bewegung der Kolonnen durch die steil aufgerichtete und zurückgewendete Gestalt eines um Gnade Flehenden aufgefangen. Auch diese wechseln nicht nur in der Bewaffnung — der obere ist ohne Waffen, die Lanze des nächsten ist zerbrochen, der letzte schultert eine Keule —, sondern auch in der Gebärde, der untere streckt den rechten Arm ganz nach oben, dadurch zugleich mit dem Herrscher oben in Beziehung gebracht. Durch Bäume zwischen den Anstürmenden und fliehend Flehenden wird die Spannung und der Ausdruck des Sichversteckens und Schutzsuchens erhöht. Das Genialste ist aber die Art, wie, etwas aus der Mittelachse verschoben, in der Richtung des Vorstürmens als Zeichen des Sieges, Gefallene vertikal untereinander sich wie durch einen Trichter nach unten ergießen und zwischen die Schar der Stürmenden einkeilen, durch ihr Hinab deren Hinauf, durch ihren jähen Sturz mit gelösten Gliedern deren straffen, energischen Aufstieg betonend, wie aber auch in den kreuzweise übereinandergelegten Leichen mit den herabbaumelnden Gliedern und bei dem senkrecht durch die Luft herabsausenden Feind die Glieder noch klar und ausdrucksvoll ausgebreitet sind, so daß der Stürzende fast wie ein Schwimmer wirkt, der kopfüber ins Wasser springt.« In einem der dem Zyklus 2800/2850 v. Chr. vorausliegenden Zyklen sehen wir in Ägypten jenes nur in seinen Auswirkungen nachweisbare Ereignis der Überschichtung des einheimischen Idioms durch semitisch sprechende Träger, deren Ergebnis die »Semitisierung« (»Radikal«struktur, Femininkennzeichnung, Pluralbildung, Pronomina, Verbal»stamm«reduplikation, Kausativbildung, an die 300 semitische »Wurzel«wörter) (S. Sauneron) des hamitischen Substratidioms sowie der Impuls zur Schrifterfindung im ägyptischen Raum war (I. J. Gelb). Wann dies stattgefunden hat, läßt sich

Kulturwerdung; »altmesopotamische« Kultur; urbane Lebenshaltung

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nicht ausmachen. Immerhin fällt auch die Zeitmarke, die Ägyptologen z. B. für die Einführung von Weizen und Gerste aus dem Vorderen Orient nach Ägypten angeben (J. Yoyotte), nämlich 4500 v. Chr., in diesen biogenetischen Zyklus (2800-3250-4050-4500) hinein. Die Züge der altmesopotamischen Kultur sind von den mannigfachen Einflüssen von außen und von der ständigen Auseinandersetzung mit den umliegenden Völkern geprägt. Nur diesem Umstände steter Spannung verdankt die altmesopotamische Kultur ihre Dynamik, ihre Vorrangstellung unter den anderen Kulturen des Alten Orients (etwa der altägyptischen oder der IndustalKultur) und ihre enorme Ausstrahlungskraft nach außen. Wir sehen in der altmesopotamischen Kultur geradezu den Modellfall der Illustration zum Problem Kulturentstehung in der Weise gegeben, daß Entstehung und Entfaltung der Kultur nur möglich ist dank Durchdringung und ständiger Einwirkung von mit Fermenten oder Reizen oder Impulsen vergleichbaren Einflüssen; wo diese Stimulierung nicht gegeben ist, stagniert das Kulturgeschehen. Das Ergebnis solcher kulturgeschichtlicher Beobachtungen ist denn auch der Grund, warum wir in unserer Darstellung der Kultur des Alten Orients es geflissentlich vermeiden, von sumerischer oder akkadischer (semitischer) Kultur zu sprechen, sondern, dem aufgezeigten Amalgamierungsprozeß entsprechend, von altmesopotamischer Kultur, ohne in Abrede stellen zu wollen, daß Sumerer wie Semiten schöpferische Komponenten waren, die das Ihre zum Werden der altmesopotamischen Kultur als Resultante beigetragen haben (E. A. Speiser). Im Lebensgefühl der Mesopotamier war einerseits das Stadtbewußtsein als Gefühl der Überlegenheit gegenüber der Bevölkerung des offenen Landes ebenso deutlich ausgeprägt wie andererseits das Faktum der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Stadt vom Lande. Bei Asarhaddon findet sich die Formulierung in bezug auf Städte in der Nachbarschaft von Sidon, eine Gegend von Weideland und Wasserstellen, »wovon die Stadt abhängig ist«. Die Gegensätze und Rivalitäten zwischen Städter und Landbewohner kommen vielfach in den Texten klar zum Ausdruck. Interessant ist auch die Beschreibung des Stadtgebietes von Uruk im Gilgames-Epos, wonach l Sar (= ca. 360 ha) Stadtterritorium, l Sar Gartenland und l Sar Ton(erde)gruben sind. Auf den internationalen Charakter der Stadt als Kriterium weltoffener Aufgeschlossenheit wird in einem neubabylonischen Brief an Assurbanipal hingewiesen, worin es heißt, daß Menschen verschiedener Sprachen in Nippur unter dem Schutz des Königs leben. Die Annehmlichkeit des kultivierten Stadtlebens versucht besonders eindringlich und verführerisch die Dirne dem naturverbundenen und unkultivierten Engidu im Gilgames-Epos vor Augen zu führen: »Engidu, schön bist du wie ein Gott . . . Komm nach UrukHag, wo die Männer prächtig gekleidet gehen, wo jeder Tag ein Festtag ist, wo e s . . . Musik gibt und schönwüchsige Freudenmädchen, aufreizend und parfümiert . . . Engidu, der du das zivilisierte Leben nicht kennst«, denn sehr plastisch schildert ein Fragment des altbabylonischen Gilgames-Epos das unkultivierte Verhalten Engidus: »Die Milch des Viehs war er gewohnt, zu trinken. Nun setzte man ihm Speise vor: es ward ihm eng beim Hinschauen und Glotzen. Engidu wußte nicht, wie man Speisen ißt und Bier trinkt— es ward ihm nicht beigebracht worden.« Aber als es ihm dennoch gelungen war und er sich zu benehmen wußte, ward er frohgemut, sein Herz frohlockte, sein Antlitz strahlte, er bearbeitete mit Wasser seinen behaarten Leib, salbte sich mit öl, er ward zu einem Menschen.« Das Stadtleben ist begehrt; in einem Preislied auf Babylon heißt es: »Wer in Babylon wohnt, lebt lang.«

Abb. 51 Assurbanipal im Kampf gegen kamelreitende Araber (Ninive [Relief], 7. Jh. v. Chr., alabasterartiger Kalkstein, London Britisches Museum).

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/. Der Lebensraum

Dem Städter mußte daher sehr wohl die Lebensweise und die Eigenheit der seßhaften Landbevölkerung und der nomadisierenden Fremdbevölkerung auffallen, jener ewigen Auseinandersetzung zwischen Kulturland und Wüste, Seßhaften und Nomaden, in der der Stärkere nur für den Augenblick der Seßhafte, auf Dauer aber der Nomade bleibt (N. Glueck). Schon Hammurabi rühmt sich, daß er daranging, in die verworrenen Meinungen der Stämme der Kut, Subartu und Tukris Ordnung zu bringen, deren heimatliche Berggegend weit entfernt ist, deren Sprachen kompliziert sind. Assurbanipal empfing Tribut von den Leuten von Siparmena-Bergland, die ihr Haar nach Frauenart tragen. In einem neubabylonischen Brief ist die Rede von fremden Stämmen, die (für den Mesopotamier) ungenießbare Ackerfrüchte zerstoßen, sieben, miteinander mischen, mahlen, backen und essen. Sargon II. berichtet, daß Humbannikas I. von Elam alle Sutäer, die Bewohner der Steppe, zum Aufstand gegen ihn aufwiegelte. In einem altakkadischen Brief mahnt der Schreiber: »Unter keinen Umständen solltest du später sagen: >ich konnte das Feld nicht bestellen wegen der Kutdie Frucht der Arbeit war für die Kutweil die Aramäer feindselig sind, habe ich die Entsendung meiner Boten eingestellte - was soll das heißen, daß du wegen der Aramäer die Entsendung von Boten eingestellt hast?« Aus einem mittelbabylonischen Brief entnehmen wir, daß die Aramäer mit ihren Karawanen Träger des Handels waren: »Die Gold-Karawanen der AhlamuAramäer zogen nicht diesen Weg herab, sie gingen zum Meer hinunter.« Tiglatpilesar I. berichtet, daß er »zum 28. Male über den Euphrat setzte, zweimal in einem Jahr, in Verfolgung der aramäisch sprechenden Ahlamu«. Adadnirari II. spricht von der Niederlage der Leute der Steppe, der aramäisch sprechenden Ahlamu-Beduinen. Nach Angaben Sargons II. lebte die Hauptmasse der Aramäer entlang des Tigris, des Surappi- und Uknü-Flusses (modern Kerha). Sanherib steckte die Zelthäuser, die Zelte, in denen die aramäischen Stämme leben und auf die sie ihr Vertrauen setzten, in Brand; er berichtet voll Unmut, »die Aramäer, Ausreißer, Deserteure, Verbrecher, Übeltäter sammelten sich um Süzubu, einen Mann niederen Standes, obendrein noch impotent, zogen ins Marschenland hinunter und schürten zum Aufruhr«. Sanherib sah sich einer bedrohlichen Allianz zwischen dem König von Elam (Südwest-Iran) und den Aramäern gegenüber; sie waren somit auch zu einem militärischen Faktor geworden, mit dem man rechnen mußte. Es heißt: »Die Aramäer, die die Meeresküste besetzt halten, hielten das Land fest in ihrer Hand.« Von Interesse sind keilschriftliche Nachrichten über Sprache und Schrift der Aramäer, die auf Papyrus schrieben in einer »Lautschrift« (auf silbischem Prinzip beruhend), und nicht in Keilschrift auf Ton. In einem neu-assyrischen Brief teilt der Schreiber mit, daß jemand »aus Tyros beifolgende gesiegelte Urkunde in aramäischer Sprache geschickt habe, die besagt« (es folgt die Übersetzung ins Akkadische). Aus der Perspektive des politischen Feindes erwächst die negative Bewertung der »Ausländer« im Urteil der Mesopotamier, wie z. B.: »Die Hethiter, die stets Verrat im Munde führen«, wie bei Sargon II. zu lesen ist. Fremde Länder, z. B. Meluha, das zusammen mit Magan noch nicht genau zu lokalisieren ist, was angesichts der zwangsläufig dürftigen geographischen Kenntnisse des Altertums nicht verwunderlich ist, oder Tilmun (d. i. Bahrain im Persischen Golf mit benachbarter arabischer Küstenzone) begegnen uns mehrfach in den Keilschrifttexten. Meluha wird als schwarzes Land bezeichnet; in einem »geographischen« Text wird die Distanz »vom Speicherbecken (?) des Euphrat bis Meluha« mit umgerechnet ca. 1275 km angegeben; Sargon II. zufolge »floh der Feind über die ägyptische Grenze in das Grenzland Meluha«. Ein Stadttor von Ninive hatte den Namen: »(Tor) durch das die Gaben der Ismaeliten und der Einwohner von Temä (Taimä') (in Innerarabien) hereinkommen: Wüstentor.« Sargon II. berichtet, daß er die Tamüdi (und andere arabische Stämme) besiegte, deren Überlebende hierher deportiert wurden und die er in blt 'omri ansiedelte.« Laut Sargon II. sind die Meder »so fern als die Sonne aufgeht«; ein neuassyrischer Brief Schreiber informiert ihn, daß die Meder rundum Ruhe halten und sie so ihrer Arbeit nachgehen können. Sanherib übertreibt daher, wenn er sagt, daß seine königlichen Vorfahren die Meder und ihr Land nicht einmal dem Namen nach gekannt hätten.

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/. Der Lebensraum

Kontakte nach Westen: Assurbanipal spricht von Gyges, König von Lydien, dessen fernes Land seine königlichen Ahnen nicht einmal dem Namen nach gekannt hatten; eine altpersische Inschrift spricht von den Kimmeriern, die spitze Mützen tragen (Übersetzung von altpersisch tigrahaudra). Die Kimmerier scheinen wegen ihrer Lederwaren, Pfeile und Bogen berühmt gewesen zu sein. Am weitesten im Westen trat der Alte Orient mit den Griechen in Berührung. Der persische Großkönig Xerxes berichtet von den Griechen, die auf Inseln im Salzmeer wohnen, und jenen, die jenseits des Salzmeeres wohnen. Von den kriegerischen Kontakten der Perser mit den Griechen (Perserkriege) soll in dieser Darstellung nicht gesprochen werden. Sargon II. spricht von den »Völkern der vier Weltgegenden, fremde Sprachen sprechend, von verschiedener Lautart, die in Gebirgsländern und im Flachland wohnen« und aus einem Brief Anams an Smmuballit erfahren wir von einer Sprache von oder der Amnanum: »Wo immer die amnanitische Sprache gesprochen wird.« Angesichts der Begehrlichkeit der Fremdvölker nach dem reichen Mesopotamien überrascht eine Nachricht Assurbanipals, daß er jene Assyrer zurückbrachte, die wegen Not und Hunger in das Ausland nach Supria-Land gegangen waren. Nationalistisch zu wertende Auslassungen zwischen den beiden Hauptakteuren im ethnischen Gemenge des Alten Mesopotamien, den Sumerern und Akkadern, sind selten, z. B. in literarischem Kontext die Bemerkung »um die Rasse von Akkad zu vernichten«, und aus der Zeit des gewaltsam herbeigeführten Endes der 3. Dynastie von Ur, als der letzte König dieser Dynastie, Ibbisin, der von außen her politisch geschickt mißbrauchten wirtschaftlichen Schwierigkeiten in seinem Lande nicht mehr Herr werden konnte und daher den schon gierig lauernden Gegnern erlag, in einem Brief dieses Königs an einen seiner Statthalter lesen wir: »Jetzt hat Ellil einem Nichtsnutz, dem Isbi'era, dem >Mann aus Mari>Wenn kein

Gott vorübergegangen ist, ^ warum schaudert's mich an den Gliedern?« (Gilgames-Epos 5 III 12)

In einer Umwelt, die, solange sie der Mensch nicht zu meistern versteht, hindernd, störend und zerstörend das Leben des Menschen bedroht und beherrscht (so daß der Mensch sich von Mächten und Kräften außerhalb seiner selbst, die in sein Leben, das er zu gestalten bestrebt ist, eingreifen, abhängig und sich ihnen ausgeliefert fühlt), war der Mensch ängstlich bemüht, Mittel und Wege zu finden, um diese von ihm als Ursache und Veranlasser betrachteten Mächte, die er hinter allem Geschehen wirksam spürte und glaubte, böse wie gute, in seine Gewalt zu bringen (Magie). Sein Ausgreifen in die Welt außerhalb seiner selbst, als natürliche kreatürliche Reaktion auf die Erfahrung des Geschehens im Raum, brachte ihn in Kontakt und Konflikt mit den seiner Vorstellung nach tätigen Mächten, deren Eingreifen in sein Leben er an sich erfuhr. Mit dem Innewerden außernatürlicher Kräfte und Mächte ward für ihn alles, was sich ihm gegenüber »anders« verhielt und ihm über zu sein schien, erfüllt von jener dunklen Macht, die er sich nicht gegenständlich und nicht personhaft vorstellen konnte, die aber dennoch für ihn existent war: das ihn Umgebende war in hohem Grade »macht«haltig, die »Macht« konnte sich jederzeit und allenorts in irgendeinem »Gegen«stand manifestieren und sein Verhalten entscheidend bestimmen. Die Grundhaltung des Menschen gegenüber solcher »Macht«manifestation war (ehrfürchtige) Scheu, ob es sich dabei für ihn um ein Heils- oder Unheilsgeschehen handelte. Ganz von selbst aber versteht es sich, daß er aus dieser Scheu heraus von der »Macht« des Heils sich angezogen fühlte (R. Otto: mysterium fascinans), während die »Macht« des Unheils ihn mit Furcht und Angst erfüllte (R.Otto: mysterium tremendum; »Kontrastharmonie«), die abzuwehren und fernzuhalten er ebenso bemüht war (»Beschwörung«), wie die »Macht« des Heils an sich zu ziehen. Dieses Streben, die »Macht« zu zwingen, nennen wir Magie (J. Wach). Die Grundhaltung der Scheu gegenüber der »Macht« führt zur Observanz, zum Kult. Beide, Magie und Kult, sind Verhaltensweisen als Folgen des Gefühls der »schlechthinigen Abhängigkeit« (F. D. Schleiermacher) und der Weltanschauung des Menschen, zwei Religionsformen, die nebeneinander bestehen und nicht auseinander entstehen. Der Entstehung des Kultes ging das »numinose Erleben« (sensus numinis) (R.Otto) notwendig voraus, wie es meisterhaft in Genesis 28, 16—20 geschildert ist: >Da erwachte Jakob aus seinem Schlafe und sprach: »Wahrlich, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht.« Und er er-

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schauerte und sprach: »Wie schauervoll (das meint: numinos) ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und jenes ist die Himmelspforte.« Frühmorgens nahm Jakob den Stein, den er zum Kopfpolster gemacht, stellte ihn als Malstein auf und goß öl oben darauf. Und er nannte jenen Ort Betel (gedeutet als »Gotteshaus« bet 'el); vorher aber hieß die Stadt Luz. Und Jakob machte ein Gelübde< (P. Rießler). - Es ist das Eingreifen des Numens in den Lebensbereich des Menschen, das eine Neuordnung des menschlichen Tuns und Verhaltens folgerichtig nach sich zieht. Magie ist das Ausgreifen des Menschen außerhalb seiner selbst, um die »Macht« zu zwingen. Daher ist es unter Umständen notwendig, daß der Mensch aus sich heraustritt (Ekstase), um den Ausgriff zu vollziehen (Schamanismus). Ob Magie oder Kult, beides sind, dem Abhängigkeitsgefühl entstammend, wie gesagt, Grundhaltungen des Menschen, die seinen Erlebensbereidi umgreifen, nicht aber seinen Erkenntnisbereich, seine ratio. Sie entziehen sich somit als irrationale oder arationale (R. Otto: suprarationale) Phänomene den Denkgesetzen der ratio. In den frühen Hochkulturen (»Metallicum«, R. Pittioni) der Menschheit wird der Bereich des Rationalen bedeutend größer anzusetzen sein als etwa im Paläolithicum (»Praeceramicum«, R. Pittioni) und bedeutend kleiner als in der Gegenwart, dagegen erscheint der Bereich der Magie und des Kultes je weiter zurück in der Geschichte der Menschheit um so größer. Mit anderen Worten, mit fortschreitender Erkenntnis eroberte sich der Intellekt Bereiche in Natur- und Geisteswelt, die ehedem, da unerklärlich, als außer- und übernatürlich, als irrational oder suprarational, einem Credo unterworfen waren. Gerade in diesem Prozeß aber sehen wir Wesen und Werden der geistigen Kultur und in der Gestaltung der Daseinsbedingungen auf Grund der rationalen Erkenntnis die Entwicklung der materiellen Kultur gegeben. Diese Erkenntnisse liefert die Dokumentation des Alten Mesopotamien in instruktiver Klarheit, auch hierin ist sie geradezu als Modellfall in der Frage nach Wesen und Werden der religiösen Vorstellungen aus dem nichtpersonhaften Numinismus zum personhaften Polytheismus zu werten, der im Alten Mesopotamien Ausdruck einer religiösen Prägung ist, die B. Landsberger als »Monotheiotetismus« definiert hat. Die numinose Macht (sumerisch me) kann überall Wohnung nehmen, in Gottheiten, Menschen, Tieren und Dingen. Für das »numinose Erlebnis« charakteristisch sind die Worte des vom Traum aufschreckenden Gilgames an Engidu: »Wenn kein Gott vorübergegangen ist, warum schaudert's mich an den Gliedern?« Einige Textzeugen sollen das Gesagte verdeutlichen. Im Epos von den Heldentaten des Gottes Ninurta läßt der Gott seine numinosen Mächte in den Körper von Steinen überströmen: »Mögen meine numinosen Mächte in deinen (eines Steines) Körper übergeleitet werden.« »Istars numinose Mächte sind mächtig, hehr und (ge)offenbar(t)«; »Tempel der Inin, der die numinosen Mächte konzentriert enthält«; »des Tempels numinose Macht vermag kein Gott zu Fall zu bringen«; »des Tempels numinose Macht ist wie die numinose Macht des Apsü: niemand kann sie (an)schauen«; »des Tempels Herr bringt durch die ewig(wirkend)e numinose Macht (alles) zur Vollendung«; »deines erkorenen heiligen Wohnsitzes, des Apsü, des hehren Heiligtums, numinose Macht hast du (Enki) über alle numinose Macht gestellt«; »dein (Enkis) Vater An (Himmel), der König, der Herr, der alle Samen hervorgebracht, der die Menschen auf Erden erschaffen hat, hat dir numinose Macht über Himmel und Erde überantwortet und damit über das ihr (zu)gehörige «««(-Totem) erhöht«; »des

Numinose »Macht«; Hypostasen

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Tempels Eana Numen trete dir an die Seite, Urninurta, deine >große Wehr< bin ich (Inin) auf ewig«; »die Herrin (Inin), die das Los zuteilt, die die guten numinosen Mächte den >großen< Göttern zuordnet, die Ekur, die tabuierte Wohnstätte Ellils, mit tremor umhüllt hat«; im Apsü, in Eridu, hat sie (Inin) numinose Macht angenommen«; »meine Herrin (Bawu), aus dem innersten Himmel hast du die numinose Macht herbeigeholt.« »Macht« west und wirkt und manifestiert sich auch in Kreatur und Vegetation, z. B.: »Sohn, der nicht (der Obhut) einer Amme anvertraut war, der nicht die >Macht< der Milch zu saugen bekam«, besonders in allem, was mit Zeugung und Wachstum zu tun hat. Von solcher Auffassung ist der Schritt zur Erkenntnis einer schöpferischen Kraft, die zum (vergöttliditen) Agens hypostasiert werden kann, nicht weit, z. B. wenn es im Gilgames-Epos heißt: »für Ishara ist das Lager bereitet, Gilgames tat sich mit Ishara um in selbiger Nacht«, so meint darin Ishara, mit Gottheitsdeterminativ geschrieben, keine Göttin, sondern ist als Hypostase für Begattung aufzufassen, wonach die Textstelle so zu verstehen ist: »zur Begattung ist das Lager bereitet, Gilgames tat sich nachts mit Begattung um«, in Anspielung auf das ins primae noctis, das er sich anmaßte (R. C. Thompson). Einer Entpersönlichung kommt es gleich, wenn von anthropomorphen Göttern z. B. in einer Gebetsbeschwörung an den Gott Marduk ausgesagt wird: »Ellil ist deine Königseigenschaft, Adad deine göttliche Stärke, Ea ('A'a), der Weise, dein Verstand, Nabü, der den (Schreib)griffel hält, deine Meisterschaft.« Der Ordalfluß, die Stätte, an der das Flußordal durchgeführt wird, erscheint hypostasiert als (Fluß-)Gottheit kraft seiner Wahrheitsoffenbarungsmacht: »Nimm (Flußgottheit) das Böse hinweg hinunter mit dir in die Tiefe« und ähnlich: »Der Fluß möge das Böse von mir nehmen und es mit in die Tiefe leiten.« Dies liegt in einer Linie mit Gottheitsbezeichnungen für Korn (Getreide) als Göttinnen (Asnan oder Nisaba) und Fauna als vergöttlichtes Mutterschaf (Lahar): »Die Herrin, die vereinigt, die Kraft des Landes, das >Leben< der >Schwarzköpfigen< (d. i. Menschen), Asnan, das ernährende Brot, das Brot von Allem, setzte Enki über sie ein«; »göttliches Getreide (Nisaba), Frucht des Überflusses, heilige Speise.« Auch Naturphänomene können hypostasiert werden: »Der Lärm des Herabflutens der Bergströme donnerte (hörbar auf) eine Doppelmeile in jeder Richtung wie ein (wirklicher) Donnersturm(gott Adad)« oder: »Dein (des Königs) Schein ist schier Feuer(gott), dein Ruf (ist der vom) Donnersturm(gott Adad).« Von diesem Phänomen aus führt ein Weg zum Verständnis der sprachlichen Form von Namen von Göttern, die Hypostasen von Naturphänomenen sind wie z. B. Sonne (akkadisch samsu), Sonnengott samas, oder Gewittersturm (addu), Wettergott adad, worin der Gottheitsname in der Form des Anrufs (Vokativ), die Gottheit somit als das »Angerufene« erscheint, nämlich als die numinose Macht im Naturphänomen. In diesem Zusammenhang kann auf das instruktive Beispiel der Geschichte des Wortes »Gott« im Germanischen hingewiesen werden, das noch im Gotischen und Altisländischen als Neutrum bezeugt ist und ursprünglich seiner Etymologie nach »das Angerufene« bedeutet (J. Pokorny). Ein weiterer Fall von Hypostasierung liegt dem sumerischen Namen des Feuergottes (gisbar.e) zugrunde, »der aus dem Feuer (gisbar) hervorgehende (e) (Gott)«, d. i. die im Feuer sich manifestierende numinose Macht. Als letztes Beispiel sei auf eine Hypostase hingewiesen, die in Denken und Lebensgefühl des Alten Mesopotamiers eine zentrale Stellung eingenommen hat, beruhend auf der Eigenheit der Le-

Abb. 52 (links) Göttin mit »begal«-Gef'ä.ß, (Mari, 18. Jh. v. Chr., weißer Stein, Höhe 1,49 m, Aleppo, Museum). Abb. 53 (unten) links und Mitte: Gudea-Statue als Beter (Lagas, ca. 2100 v. Chr., Steatit, Höhe 83 cm, Kopenhagen Glyptothek). Rechts: Gudea-Statue mit »hegal«-Ge.fä& (Dolerit, Höhe 63 cm, in Privatbesitz).

Abb. 54 Bärtiger Mann mit »hegaU-Gefäß (Ur[?J, gegen 2000 v. Chr., Terrakotta-Relief, London Britisches Museum). Abb. 55 (rechts) Göttin mit »£ega/«--Gefäß (Terrakotta-Relief, Ur, gegen 2000 v. Chr., Höhe 75 cm, London Britisches Museum).

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bensbedingungen des Lebensraumes und der daraus der Bevölkerung auferlegten steten Sorge um Fruchtbarkeit und Ertrag. Immer wieder begegnen wir in der Literatur des Alten Mesopotamien einem Begriff, der im Deutschen nur mangelhaft mit »Überfluß« wiedergegeben wird (sumerisch hegal, akkadisch hegallu). Zum Verständnis dieses Begriffs geht man am besten von einer Textstelle aus, die ein Fruchtbarkeitsemblem beschreibt, nämlich eine Statue eines »Fischmenschen«: »In seiner rechten Hand hält er ein hegallu«, d. i. höchstwahrscheinlich die Bezeichnung eines Behälters vom Typ des »überfließenden Gefäßes«, das wohl Symbolisierung der hegal-wnkenden Macht des Wassers sein sollte. Die Mythe kennt eine Hypostasierung der Äeggegessen< (d. h. getan), was mein Gott verboten hat (d. h. habe ich das Tabu meines Gottes verletzt), ohne es zu wissen, habe ich (Boden) betreten, der von meiner Göttin verboten war« (d. h. habe ich das Tabu meiner Göttin verletzt). Das Essen von Verwünschtem, Gestohlenem, Sündhaftem oder Unreinem zieht Bann nach sich: »Bann infolge von Speise eines verwünschten Menschen«; »Bann infolge Essens von gestohlener Speise«; »Essen von der Speise eines Sünders«; »sieh hinweg darüber, daß ich etwas Unreines gegessen, getrunken oder damit manipuliert habe.« Verbote (an bestimmten Unglückstagen), weil Tabu einer bestimmten Gottheit, sind z.B. Essen von »Dach-Maus« (Siebenschläfer), Tabu Ellils; Essen von Taube oder Haushahn (mit Pestbefall bedroht), Tabu einer Unterweltgottheit; Fangen von Fischen, Vögeln oder Wild, Tabu des Viehgottes Sumuqan; Überqueren eines Flusses, Tabu des Gottes Ea ('A'a); Besteigen eines Bootes, Tabu Ninurtas; Verletzung der Arkandisziplin: »Der Eingeweihte darf es (nur) einem (anderen) Eingeweihten zeigen, der Uneingeweihte darf es nicht sehen, es ist Tabuverletzung gegen (die Götter) Hanis, Sullat, Samas und Adad«; Streichung oder Tilgung von Geschriebenem: »Tilge nicht die Tafel(eintragung), es ist Tabuverletzung gegen Nisaba (die Schutzgottheit der Schreiber)«; »verschmiere nicht meine (Ton)tafel, verstreue nicht meine Bibliothek, es ist Tabuverletzung gegen Ea ('A'a), den Herrn des Apsü.« »Der Wahrsager darf das Lamm nicht berühren, wenn er unrein ist, es ist Tabuverletzung gegen Hanis und Sullat.« »Etwas Versprochenes vorenthalten ist Tabuverletzung gegen Marduk.« »Ich pflegte den Tempel zu betreten, ohne kultisch rein zu sein, ich habe wiederholt dein gestrenges Tabu verletzt, ich habe oft die Grenzen, die du gesetzt hast, übertreten, was dir mißfällt.« »Das Schwein ist unwürdig, den Tempel zu betreten, das ist eine Tabuverletzung gegen alle Götter.« »Der Samen (eig. der Ausfluß aus seiner Vorhaut) ist Tabu für alle Götter.« »>Bann< durch Tabu(verletzung) wird den Patienten (für den die Extispizin [Eingeweideschau] angestellt wird) packen und er wird sterben.« »Sollten sie sie überführen, daß sie einen Meineid geschworen hat, so ist ein Tabu des Gottes und des Königs verletzt (>gegessengöttliches Getreide, reiche Frucht, heilige Speise!< sprechen«; »der Segen ist über die Kühe gesprochen«; »du rezitierst den Segen für die Darreichung des Wassers an die Hände des Gottes (zum Waschen seiner Hände nach dem Mahl)«, »Segen beim Aufschneiden von Zedernholz«; »Segen bei der rituellen Reinigung von Mund und Händen des Wahrsagers mit Wasser«; »dies sind die Segen(sworte) beim Streuen von Räucherwerk in den Räucherständer, du hältst Zedernspäne in der Hand und rezitierst die Beschwörung«; »Segen für ein Klagegebet, das dem Opfertier in die Ohren zu wispern ist«; »ich betete zu

den Sternen für das Wohlbehaltensein Nabüna'ids, König von Babylon, meines Herrn, und für das Wohlbehaltensein Belsarusurs«. Es mögen einige Belege zur Gebetsgestik hier angefügt werden: »ich betete vor dir, ich warf mich dir zu Füßen«; »der das Opfer darbringt, erhebt seine Hand (im Gebetsgestus) und betet und wirft sich nieder«; »er wirft sich nieder (in Richtung bestimmter Sterne) (und so) nimmt (seine) Lebensspanne zu«; »ich (Sargon II.) verbeugte mich in Ehrfurcht (und) betete vor ihm«; »ich (Nebukadrezar II.) erhob meine Hände, ich betete zur Sonne (Samas) für den Bau des Esara (-Tempels), ich betete zu ihm«, »ich betete mit erhobenen Händen zu meinem Herrn Marduk«; »das ms qäti-(H.a.nderhebungs-) Gebet, die Anrufung aller großen Götter«; »ich (Sargon II.) erhob (meine) beide(n) Hände im Gebet«; »sollen meine Arme (im Gebet für den König) müde werden, ich will mit all meiner Kraft mit meinen Ellbogen mich abmühen«; »ich (Sargon II.) betete auf meinen Knien um Gewährung von Wohlbehaltensein und Dauerhaftigkeit meiner Herrschaft«; »ich knie vor euch, Samas und Adad«; »die großen Götter beugten sich nieder vor Anu wie gamlu (Krummstäbe) in Willfährigkeit und Gebet«.

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Ich schließe hier einige typische Gebete der Keilschriftliteratur an. Gudea betet zur Göttin Gatumdug, der »Alten Frau« von Lagas: »Madonna, Tochter, dem heiligen Allerhöchsten entsprossen, fürstlich im Clanmal, guter Schutz, die im Lande lebt, Priesterin des (heiligen) Emblems, Herrin, die Mutter, die Lagas gegründet hat, bist du. Wenn du auf die Menschen hinblickst, ist von selbst >Überfluß< da, dem guten Junker, dem du seinen (guten) Blick zuwendest, wird das Leben lang. Eine Mutter habe ich nicht, meine Mutter bist du; einen Vater habe ich nicht, mein Vater bist du. Du hast mich als Samen empfangen und hast mich im (Zustand des) Tabu geboren. Gatumdug, dein heiliger Name ist (voll) Güte.« Dumuzi betet in seiner Todesangst vor der gespenstischen Meute, die ihn auf Weisung seiner Geliebten Inin in die Unterwelt zerren will, zum Sonnengott Utu: »Utu, du bist der Bruder meiner Gattin, der Gemahl deiner Schwester bin ich, wenn du (jetzt) meine Hände in Gazellenhände wandelst, wenn du (jetzt) meine Füße in Gazellenfüße wandelst, dann werde ich mich zum Hause der >Alten< (der Schwester des Dumuzi) retten.« Einen Höhepunkt der Gebetsliturgie bedeutet der folgende sumerische Gebetshymnus an den Sonnengott Utu: »Utu, wenn du aus dem >großen Berg< hervortrittst, wenn du aus dem >großen BergBerg der Quelle< hervortrittst, wenn du aus dem >heiligen Hügelgroßen< Götter zum Rechtsspruch dir zu, die Anuna gehen, um Entscheidungen zu fällen, dir zu; die Menschen (aber), die Völker insgesamt, harren dein, (sogar) das Vieh, das vierfüßige Getier, hat das Auge auf dein großes Licht dir zugewandt.« Als Gebetsgestus im weiteren Sinn ist das Halten des Gewandsaums bzw. das Berühren der Kultstatue bezeugt, das auf dem Glauben vom Überströmen der »Macht« durch Kontagion auf den Gläubigen beruht: »den Gewandsaum der Götter festhaltend, verlangt Nabüna'id unablässig nach (langem) Leben«; »ich habe den Saum deines Gewandes ergriffen«; »es ist meine Pflicht, ihre (der im vorhergehenden Segen erwähnten Götter) Doxologie(n) (zu sprechen), ich werde sie sprechen für das Wohlergehen des Königs, meines Herrn — sollte der König fragen: >was ist (diese) Doxologie?< (so antworte ich:) >es ist (das heilige) Spindel (symbol), ich werde es drei Tage für (die Göttin) Dilbat (= Istar) tragenich bin als Substitut für NN gegeben wordern.« Die Motive »Leben« und »Lebenspendung«, an Heiligtümern haftend und Göttern eigen, sind gleichfalls zentrale Begriffe altmesopotamischer Religiosität. Der Mensch erbittet und erwartet für sich langes Leben und Wohlbehaltensein (sulmu »Heil[sein]« ; arab. salämu, hebr. sälöm, was also eigentlich und ursprünglich nicht »Friede«, sondern »Heil« bedeutet); seine Weltanschauung ist diesseitig orientiert, die Erfüllung seines Lebens ist ein langes Leben in Wohlbehaltensein und Heilsein: »Heiliger Schrein, Ort des Lebens«; an seinem (des Heiligtums?) Tor ist Leben«; »schenk mir wohltätige Gnade und Leben.« Eine eigenartige Vorstellung von der Götterwelt zeigt sich, wenn vom Schlafen, Ruhen, Schweigen (im Gegensatz zum Lärmen der Menschen) die Rede ist: »Die Götter und Göttinnen des Landes, Samas, Sin, Adad und Istar traten ein in den Himmel, um zu schlafen«; »vergib, wenn die Leute laut sprechen oder leise sprechen während der Zeremonie«; »der Lärm, den die Menschen machen, ist mir (Ellil) zu lästig geworden«; »infolge ihres (der Menschen) Lärmens entbehre ich (eine Gottheit) des Schlafes.« Die Diskrepanz zwischen religiösem Verhalten und dem als Lohn dafür erwarteten glücklichen Leben auf der einen Seite und der krassen Wirklichkeit auf der anderen Seite kommt in der sog. babylonischen »Theodizee« plastisch zum Ausdruck. Die Skepsis an der Gerechtigkeit steigt anklagend auf: »Es gehen den Weg des Glücks, die Gott nicht suchen; es verarmen und verkümmern, die andächtig beten zur Göttin.« Die bittere Erfahrung und Erkenntnis, daß Leiden und Unglück trotz Reditschaffenheit und Frömmigkeit und Religiosität den Menschen treffen können, und daß, umgekehrt, der Gottlose ein Leben in größtem Glück führen kann, daß es also nicht richtig sein kann, daß Leiden Schuld sei, sondern daß es unverschuldetes Leiden gibt, das Zweifel an der Existenz von gerechten Göttern aufsteigen ließ, hat ihre eindrucksvollste literarische Gestaltung erstmals in der altmesopotamischen Dichtung »Preisen will ich den Herrn der Weisheit, den umsichtigen Gott (Marduk)« (ludlul bei nemeqi) gefunden, dem großen Vorläufer der biblischen Meisterdichtung vom Dulder Hiob. Die markanten Strophen, die zugleich den Aufbau des Werkes klar erkennen lassen, lauten (nach B. Landsberger): »Mein Gott hat mich verlassen, er ist für immer verschwunden, mein Glück hat aufgehört, fort ist mein Gott, der >Genius< hat sich von meiner Seite fortgestohlen, davon ist mein >SchutzengelWer hätte gedacht, daß er jemals seine Sonne wieder schaute, wer hätte sich vorgestellt, daß er wieder seines Weges gehe, wer außer Marduk konnte ihn vor dem Tode retten, welche Abb. 64 Dämonin Lilit (Kalah, 1. Hälfte 1. Jahrtausend v. Chr., Elfenbein, Höhe 11,8 cm, London Britisches Museum).

•Mm ww

Abb. 65 Löwenköpfiger Dämon (Lagas, Ende 3. Jtsd. v.Chr., gebrannter Ton, Höhe 13cm, Paris Louvre, Berlin Staall. Museen[?]).

Abb. 66 Kampf von Göttern gegen siebenköpfigen Drachen, wovon drei Köpfe noch »aktiv«, die vier anderen bereits »außer Gefecht« gesetzt sind; aus dem Rücken des Drachen schießen Flammen (Teil Asmar, 2. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., Rollsiegel, Höhe 3,2 cm, Durchmesser 2,2 cm, Bagdad Iraq Museum).

Göttin sonst als Sarpanitu hat ihm das Leben geschenkt?< Marduk vermag aus dem Grabe zum Leben zu erwecken, Sarpanitu versteht es, aus dem Unglück zu erretten.« Das Motiv des unschuldig Leidenden (»Hiob-Motiv«) hat seine literarische Gestaltung bereits in einem sumerischen Text aus dem ersten Viertel des zweiten Jahrtausends v. Chr. gefunden (S. N. Kramer). Sowohl die akkadisch abgefaßte Dichtung »Preisen will ich den Herrn der Weisheit« wie die babylonische Theodizee sind in einer Epoche entstanden, die sich uns als Epoche der Skepsis oder der »Aufklärung« zu erkennen gibt, nämlich die Kassitenzeit (2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.). Die beiden Probleme liegen dicht beisammen. Geht es in der Theodizee um die Rechtfertigung oder auch Ehrenrettung der Gottheit bei der Beantwortung der Frage nach dem zureichenden Grund des Bösen in der Welt angesichts der Existenz von Gottheit und Göttern - eine Problematik, die nur für die altiranischen Religionen auf Grund ihrer Lehre von der Koexistenz von Gut und Böse nicht existiert —, so liegt dem »Hiob-Problem« die anklagende Frage nach dem Sinn unverschuldeten Leidens und Unglücks bei rechtschaffenem Lebenswandel und praktizierter Religiosität und Gläubigkeit an die Existenz der Gottheit zugrunde. Beide Probleme sind somit Fragen des Menschen an die Gottheit, auf die ihm keine Antwort von der Gottheit selbst zuteil zu werden scheint. Die Problematik, die in Wirklichkeit eine Scheinproblematik ist, weil in ihr eine falsche Kausalität konstruiert wird, ist für den Alten Mesopotamier zwingend und konsequent, weil für ihn der gesamte Kosmos als Wille und Werk der Gottheit erschien. Krankheit, Unglück und Leiden mußten daher gleichfalls von der Gottheit verursacht und geduldet sein. Die Anklage des leidenden Menschen richtet sich im Sinne dieser Anschauung daher mit Recht gegen die Gottheit. Diese Ungeheuerlichkeit ist allerdings nur in Religionen denkbar, deren Gottesvorstellung anthropomorphistisch ist. Wir stehen damit an einem, wenn nicht dem einzigen Schicksalspunkt der altorientalischen Kultur: Sie vermochte sich von ihrer Vorstellung eines universalen Theurgismus so gut wie nie völlig zu emanzipieren. Die Ansätze zu einer kritischen Skepsis an der Richtigkeit der Überzeugung von einer Allverantwortlichkeit der Gottheit waren zuwenig insistent, der Zweifel war steril und nicht be-

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fruchtend initiativ, Glaube blieb Wissen (credo ergo scio). Die notwendige Konsequenz einer solchen Anschauung war: Alles Abnorme war theurgische Kundgabe und daher theurgisch in die Norm zu bringen: Krankheiten waren also theurgisch zu heilen, die Zukunft ist theurgisch zu ergründen. Man brauchte nur die Mittel zu kennen, mittels welcher dem Menschen die Zwingung der theurgischen bzw. dämoniurgischen Mächte gelingen konnte. Wir nennen diese Art von Glauben Magie. Vielfältig wie die Erscheinungsformen des Abnormalen, des Bösen, waren ihre Erreger, die dunklen Mächte und Dämonen, vielfach ohne Namen; sie sind der »giftige Geifer der Götter«, machen gesunde Männer auf freiem Felde nieder, schlagen das Vieh, schlagen den jungen Mann und krümmen seine Gestalt, hängen sich dem jungen Weibe an und stoßen ihr in den Leib, essen und trinken mit dem Patienten mit, machen die Muskeln schlaff, trocknen den Gaumen aus und den Speichel, nehmen dem starken Mann die Kraft und geben der schönen Frau ihre Lebenskraft nicht zurück, verrenken dem Menschen den Kiefer, bespritzen den Menschen mit ihrem Geifer, lahmen Mund und After, brechen dem Patienten die Rippen als wären es die Spanten eines alten Bootes, lahmen die Gliedmaßen. Der Schatten eines Dämons ist düster, dunkel, es gibt kein Licht in seinem Körper, der Dämon wird immer dunkler in der Dämmerung, er ist körperlich nicht zu sehen, er ist wie die Nacht nicht zu sehen, er blitzt wie der Blitz im Dunkel auf, er schlüpft durch verborgene Stellen ein, durch den Abfluß des Bades, durch Tür und Schloß, er schleicht ständig um das Haus, lauert in einem Loch des Hauses oder in einem Spalt. Der Dämon streift in entlegenen Gegenden umher, an unbewohnten Orten, in verlassenen unwirtlichen Gegenden, in der Steppe, er sprießt hervor wie das Grün im freien Feld. Sein Aussehen ist mannigfaltig, vom Leib bis zu den Füßen ist er ein Hund, er hat den Sporn(?) eines Vogels und den Schweif eines Hundes, an seinem rechten Fuß ist eine Vogelkralle, er hat vier Beine, ihre Hufe sind Flossenschwänze(P) ohne Fersen, von seinen Krallen trieft Galle, sein Schreiten ist jedesmal böses Gift. Den Dämon, der aus entlegenen Gegenden kommt, soll man in entlegene Gegenden wegbringen, man soll ihm Kleidung, Schuhe, Gürtel, Wasserschlauch zum Trinken, Proviant von Bier und Brotvorrat mit auf die Reise geben. Einzelne kennt man beim Namen, so z. B. packt der Dämon »Herr des Daches« den, der auf einem Dach Geschlechtsverkehr hat; »die den Zauberstab trägt« ist falsch; die »Herrin der Frauen« nimmt den Männern den »Bogen« (d.i. die Männlichkeit); Kopfschmerz-Dämon; Zahnschmerz-Wurm; der musbusluDrachen ist mit Zähnen bewaffnet; das lähmende /z'/«-Weib, das keinen Gatten hat, entführt den Mann; der »Binder«-Dämon (e'elu); der »Lauerer« (räbisu); die mämitu-Dämomn hat den Kopf einer Geiß; die »in der Dämmerung kommende«, »Flimmernde« (barirltu) ist die Botin des Zorns; der alluhappu-Dämon ist löwenköpfig, mit Händen und Füßen eines Menschen; ein bestimmter Dämon blökt wie eine Geiß; das lahmu-Monstrum hat Hörner, das basmu-Monstrum hat sechs Mäuler und sieben Zungen; das »Geisterweib«; die »Windsbraut« liest den auf, der auf das Dach steigt; der »Oberwächter der Wälder« schlägt den Schädel ein; der »Schnapper« versperrt alle Wege; der Seuchen-Dämon versengt das Land wie Feuer. Eine Dämonin, die den ganzen Tag lang herumstreift, jagt die Menschen bei Nacht; die bösen Dämonen stürzen mit dem bösen Wind herein, man kann ihnen nicht widerstehen; das »Geisterweib« ist durch das Fenster hereingeflitzt; die Dämonen sind weder männlich noch weiblich, sie sind bloß dahinwehende Phantome, sie sind ein Windstoß der plötzlich aufkommenden Winde, die am hellichten Tag Dunkel bringen; ihr Name existiert weder im Himmel noch in der Unterwelt; sie sind böse Monstra, böse Winde, die umherspähen; sie lahmen dem Menschen die Hände, verdrehen ihm die Füße; sie machen den Mund unbeweglich,

Dämonen; die Dämonin Lamastu

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erschüttern den Nacken, verdrehen die Zunge; sie verjagen das junge Mädchen aus seiner Kammer, sie vertreiben den jungen Mann aus ihrem Brautgemach; sie verscheuchen den Vogel aus seinem Versteck, sie wogen wie Wellen über hohe und über breite Dächer; sie drücken dem Menschen die Brust ein, schwächen das Leibesinnere und binden die Arme; sie haben die Milch einer bösen Amme gesogen; sie sind ständig auf der Straße herum, fallen auf die Fenster nieder und dringen durch die Riegel ein; sie sind im Schilfdickicht ein Schrecken; die Horden der Dämonen sind ein Sandsturm, der rasend am Himmel einherwirbelt; sie hocken ständig um den kranken Menschen herum; sie riechen den Dunst wie Mungos; sie sind unersättliche Blutsauger; sei heiraten nicht, sie zeugen keine Kinder; sie sind essebu-Vögel, die in der Stadt schreien; sie machen den Keller stinken wie Ratten; sie pflegen sich in die Erdritzen zu verkriechen, an den verlassenen Flecken der Erde hängen sie herum; sie sind eine dichte Wolke, die Regen und Finsternis am Himmel bringt; der Dämon führt stets Dunkelheit am Tage herbei; die Dämonen sind Geier mit weitgebreiteten Schwingen, die das Tageslicht verfinstern; sie kennen keine Milde, sie wissen nicht, was Leben schonen ist; sie sind die Ursache des Brennens im Körper des Menschen; sie lassen Krankheit regnen wie ein Sprühregen in Himmel und auf Erden, wodurch sie Epilepsie verursachen; sie sind klirrende Stürme; der Dämon will nicht fette Ochsen und fette Schafe essen, sondern man soll ihm das gesunde Erglühen der Mädchen und die Schönheit junger Männer geben; die Dämonen schlüpfen wie Schlangen durch die Türen; der Kopf des Dämons ist ein Schlangenkopf, auf seiner Nase sind hinsu-Fahen gezogen; die Dämonen wurden alle mitsammen in einem einzigen Laichen des Himmels ausgelaicht; sie machen den Körper des Patienten glühen wie Feuer; sie bedecken die Erde mit schaudereinflößendem Zauber nach allen Seiten, alles versengend wie Feuer; sie bringen den Körper zum Schütteln, sie machen die Leute in den Städten krank, sie bringen ihre Körper zum Brennen; sie machen schwindlig, drücken auf die Stirn, beugen das Rückgrat; sie nehmen dem Menschen das Gesicht. Am schlimmsten und am meisten gefürchtet ist die Dämonin Lamas tu, die Entzündung verursacht; sie dringt durch die Haustür ein, sie schlüpft herein neben der Türangel, sie ist an der Türangel vorbei hereingeschlüpft, um das Baby zu töten; in ihren Armen zu liegen bedeutet den Tod; sie ist grimmig, rasend, rachsüchtig, ein schnappender Dämon; wenn sie sich an die Mauer lehnt, hat sie sie schon mit Ruß beschmiert; sie lehnte sich an die Eiche und die Bergterebinthe und schon begannen sie zu verdorren; sie manipuliert im Schoß der Frau im Kindbett, sie schnappt dem Kindermädchen das Baby weg; sie zählt die Tage der schwangeren Frau jeden Tag, sie ist jeden Tag den Frauen auf der Spur, die vor der Entbindung stehen; sie ist hinter den schwangeren Frauen her, sie zählt deren Monate, sie verzeichnet ihre Tage an der Wand; sie fällt das Baby im Mutterleib siebenmal an; sie hat das Gesicht eines wilden Löwen; ihr Haar hängt lose herab, ihre didü-Leilob'mde ist ausgezogen; wenn sie einen Fluß überquert, wird sein Wasser durch sie trüb; ihr Pektorale ist zerbrochen, ihre Brust entblößt; an der Tamariske kam sie nur an und schon warf diese ihre Blätter ab; ihr Kopf ist der Kopf eines Löwen, ihre Gestalt ist die eines Esels, ihre Lippen sind ein Sturm, ihre Augen sind vielfarbig« sie speit Gift dann und wann, sie speit Gift plötzlich, ihr Gift ist Schlangengift, ihr Gift ist Skorpiongift; sie lockt: »Bringt mir eure Babys, auf daß ich sie stille!« Zum Schutz gegen Lamastu soll man der schwangeren Frau das magische Halsband um den Hals schlingen, die schwangere Frau soll das Amulett 100 Tage lang tragen ab dem Tage, an dem ihre Menstruation auf hört (> die Menstruationsbinde von ihr weicht«); sie wird beschworen durch »Bann bei Zisterne und Bewässerungsgraben«, und bei Asarluhi, dem Gott der Beschwörung(skunst). Damit sie von dannen zieht, füllt man

Abb. 67 (links) Lamastu-Amulett: der Dämon Pazuzu (Löwenleib, Adlerfüße und -schwingen, Schweif und Penis in Schlangenköpfe auslaufend), von dem hier nur Kopf und Vorderpranken sichtbar sind, faßt das Amulett; die Darstellung schildert in vier Bildstreifen einen Exorzismus. Oben die Embleme der Hauptgottheiten: geflügelte Sonnenscheibe (5amas), achtstrahliger Stern (Istar), Halbmond (Sin), Widderkopfzepter ('A'a), Schreibgriffel (Nabü), Spaten (Marduk) und die »Sieben« (Plejaden) (Bronze, Höhe 13,5 cm, Paris Sammlung de Clerq). Abb. 68 (oben) Amulett: auf der Rückseite der Dämon Pazuzu (Schwingen, Schuppenleib, Vogelfüße, schlangenköpfiger Penis); Vorderseite, unterer Bildstreifen: rechts oben Patient im Bett gegenüber zwei Dämonen. Hauptgestalt Dämonin Lamastu (mit Löwenkopf, Menschenhänden, Federleib, Vogelfüßen) mit zwei Schlangen in den Händen; an ihren Brüsten saugen Schwein und Hund; sie kniet auf einem Esel, der sie zum Boot bringt, mit dem sie durch die Wüste von dannen soll. Im Hintergrund verschiedene Gegenstände; oberer Bildstreifen: sieben Exorzisten in Löwenmasken. (Kalah, 7. Jh. v. Chr., Kalkstein, Höhe 12,5 cm, Breite 9,6 cm, Bagdad Iraq Museum).

Abb. 69 Amulett: löwenköpfige Dämonin (Lamastu), Hund und Schwein an ihren Brüsten, Schlangen in den Händen; seitlich Lampe auf Ständer und grotesker Kopf; auf der Rückseite magische Formel (Alabaster, Breite 6,3 cm, 1. Hälfte 1. Jtsd. v. Chr., New York Metropolitan Museum of Art).

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//. Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

ihr ein (magisches) Boot(modell) mit Reiseproviant, oder man »freit« ihr ihren minderwertigen Diener, den schwarzen Hund. Auf einem Zauberamulett gegen Lamastu, das wohl dem kranken Kind um den Hals gelegt wurde, sind alle Behelfe, die zur Vertreibung der Lamastu dienen sollen, (auf der Vorderseite) dargestellt. In der obersten Reihe Göttersymbole: Tontafel des Gottes Nabü, Venusstern, Mond, Sonne, »Sieben« (Punkte) der Plejaden, alle diese als Anrufung aufzufassen. In der zweiten Reihe die gute »Sieben«, die Gefolgstruppe Nergals, mit abwehrendem Handgestus dargestellt, in der nächsten Reihe sich fortsetzend; vielleicht Gott Nergal selbst und die löwenköpfige Zwillingsgottheit als Begleitung Nergals; sodann in dieser Reihe der in Fischgewand gekleidete Besdiwörungspriester als Patron dieser Zunft, einer zu Häupten und einer zu Füßen des im Bett liegenden kranken Kindes; auf einem Ständer scheint eine Lampe (Gefäß mit Schnabel) zu brennen, die Zeremonie fand zu nächtlicher Stunde statt. Zuunterst links der Dämon Pazuzu, in derselben Pose wie auf der Rückseite des Amuletts, mit dem gleichen apotropäischen Handgestus wie oben das Gefolge Nergals, also hier als Feind der Lamastu aufzufassen. Daneben der Zauber des »Auf-die-Reise-Schickens« (B. Landsberger) gegen Lamastu: Diese kniet, mit Schlangen in jeder Hand, und Hund und Ferkel an ihren Brüsten säugend, in einem Boot, auch ein Esel ist beigegeben, damit sie nach der Bootfahrt ihre Reise in die Wüste fortsetzen kann; auch allerlei Proviant und Materialien sind bereitgestellt. In einem Beschwörungstext gegen Lamastu wird sie folgend angesprochen: »O Tochter An(u)s, anstatt ständig in feindselige Handlungen . . . verwickelt zu sein, anstatt daß du dir die Hände mit blutendem Fleisch befleckst, anstatt daß du in den Häusern ein- und ausgehst, nimm dem Kaufmann das Hörn (gefüllt mit öl) und den Reiseproviant, nimm dem Schmied Armreifen und Fußspangen als deinen Schmuck, nimm vom Goldschmied die Ringe, deinen Ohrschmuck, nimm vom Juwelier den Karneol als Schmuck für deinen Hals, nimm vom Zimmermann Kamm, Spinnrocken und dein Pektorale an.« Der asakku-Dämon saugt die Kraft der Milch; schafft in der Grundwassertiefe Verwirrung, sein Geburtstag ist der 21. kisllmu (November-Dezember) - ein Unglückstag, der Himmelsgott ließ die Erde ihn gebären für den furchtlosen Kämpfer Ninurta, er ist in schillernden Glanz eingehüllt, er erfüllt die weite Unterwelt, von wo er, der Kopfweh-Dämon, herauf geweht kommt; er schwächt die Muskeln, er hat sich im Körper des Menschen niedergelassen, hat sich dem Kopf des Menschen genaht; er hat die »Bänder« des Körpers durchschlagen, die Sehnen des Rückens gebrochen; er ist ein bärtiger Mann, dessen Gesicht schamlos ist; für die werfende Eselstute, die Eselstute, die ihren Geburtskanal (?) weitet, hat er eine leichte Geburt verhindert. Der d//jeglichem Unheil< vermählt«; oder aber Hexen haben die Figurinen eines Menschen der Figurine eines Toten »vermählt«, ihn somit dem Tode überantwortet. Die Redewendung »den Mund der Menschen wählen, freien« ist vielleicht als »den Mund magisch binden, um die Menschen zu zwingen, (vor Gericht) die Wahrheit zu sagen« aufzufassen; damit scheint zusammenzuhalten zu sein, was in den mittelassyrischen Gesetzen steht: »An dem Tage, an dem man die (kultische) Reinigung vollzieht, soll der Exorzist den Mann zum Sprechen bringen.« Da die Magie alle Lebensbereiche im Weltbild des Mesopotamiers umgreift, lassen sich die einzelnen Bereiche der imitativen Magie nicht immer klar aussondern, so daß z. B. Praktiken der theurgischen Medizin schon mit aufgezeigt wurden. Die Krankheiten werden als Folgen von Behexung aufgefaßt. Gegen Zähneknirschen im Schlaf soll der Patient in einem Hundeschädel Wasser zu Samas emporheben und dabei sprechen: »Ich bringe aus einem Hundeschädel eine Libation mit Wasser dar.« Mit der Figurine in der Wirkung ist die Zeichnung eines Abbildes, einer effigies, gleichwertig. Sie kann mit grobem Gerstenmehl auf den Boden gezeichnet werden oder mit Mehlkleister, das Bild kann an die Wand gezeichnet sein, mit Tünche an die Innenseite der Tür, mit Mehl an die Innenseite eines Kupferbeckens. Bedeutsam ist der magische Kreis, der mit Gerstenmehl rund um die Figurine(n) oder die Opfermaterie (z. B. Stier) gezogen wird, ebenso wie um das Bett des Patienten als Bannlinie. Für Exorzismen werden als apotropäische Materien Mehl-, Samen- und Scherbenhäufchen verwendet, um alle Unreinigkeiten aufzunehmen. Der magische Kreis kann auch mit Tünche rechts und links von der Außentür gezogen werden. Der magische Kreis des Gottes Ea ('A'a) ist selbst etwas Numinoses, an den der Mensch sein Gebet richten kann. Der magische Kreis bildet eine Begrenzung, er grenzt einen machtgeladenen Bereich ab. Der Kreis braucht nicht gezogen werden, er kann vom Kultoffizianten auch begangen werden; das Rundherumgehen, Umkreisen, ist ein wesentliches Akzidens in der Magie, das im kultischen Rundgang weiterlebt (z. B. um den Altar). Der Gestus der Handauflegung ist der schwarzen Magie (Behexung z. B. in der Mythe des Hirn-

Figurinen; Materien und Geräte zur Abwehr von Zauber

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melsgottes Anu durch das Chaos-Monstrum Tiamat) wie der weißen Magie (z. B. durch den Exorzisten auf das Haupt des Patienten) eigen. Naiver Analogiezauber liegt vor, wenn z. B. in einer Beschwörung eine Analogie zwischen einer schwingenden Tür und einem entwichenen Sklaven konstruiert wird: »O Tür, so wie du ausschwingst, aber deine Richtung wendest und wieder an deinen Platz zurückkommst, ebenso möge der entwichene Sklave Reißaus nehmen (wie er es getan hat), aber kehrtmachen und wieder in das Haus seines Herrn zurückkommen«; oder z. B. in einem politischen Vertrag zur Beschwörung der Vertragstreue: »Genauso wie dieses Brot und dieser Wein in die Eingeweide gelangt, ebenso mögen die Götter bewirken, daß dieser Eidbann in das Innere eurer Söhne und Töchter eindringt.« Der Abwehr von Unheil dienen außer Figurinen (rechts und links der Eingangstür z. B. oder Assurbanipal stellte zum Schutz des Weges, auf dem er in das Heiligtum einzog, vier grimmige Wildstiere aus Silber auf) verschiedene Symbole (z. B. hui, kidinnu) oder die hulu-Maus, die am Türsturz aufgehängt wird. Verschiedenen Substanzen wird abwehrende Kraft zugesprochen: Beim Betreten eines Tores soll man Mehl von der einen auf die andere Seite streuen. Erde ist eine besonders machtgeladene Substanz: Salmanassar I. las von der zerstörten Stadt Erde auf und schüttete sie am Tor seiner Stadt Assur auf; Sargon II. nahm von der Gründungsgrube Babylons Erde fort und errichtete in der Nähe von Akkad ein Abbild von Babylon; Sanherib nahm Erde aus Babylon mit und schüttete sie zu Hügeln und Haufen in der akl^«-Kapelle auf als Sehenswürdigkeit für künftige Geschlechter und Assurbanipal las Erde aus Susa auf und nahm sie mit nach Assur. Staub von der Kreuzung von vier Wegen wird für magische Zwecke verwendet. Das »Bedecktwerden« mit Erde ist in der magischen Vorstellung des Mesopotamiers von großer Bedeutung, nicht zuletzt für den Leichnam des Menschen, der unbedeckt keine Ruhe finden kann, sondern als Geist ruhelos umherirren muß, wie aus der bangen Frage des Gilgames an seinen aus der Unterwelt als Geist zu ihm sprechenden Freund Engidu hervorgeht: »Hast du den gesehen, dessen Leichnam in die Steppe geworfen wurde?« »Ich habe ihn gesehen: sein Geist findet keine Ruhe in der Unterwelt.« Unheil entsteht auch, wenn Speichel nicht mit Erde bedeckt wird. Irgendwie im Magischen wurzelnd, aber für die Praxis sicher von Nutzen war die Weisung, daß der Erbauer des Hauses das neuerrichtete Haus drei Tage lang nicht betreten darf. Man erinnert sich dabei unwillkürlich der strengen Strafsanktion bei Hammurabi, wonach ein Baumeister zum Tode verurteilt wird, wenn er ein Haus nicht solide genug gebaut und er durch Einsturz dieses Hauses den Hauseigentümer ums Leben gebracht hat. Zum magischen Instrumentarium gehörte die Glocke, um die bösen Mächte zu verscheuchen; demselben Zweck diente ein Tamtam des Exorzisten; ferner Zauberrute oder -stab, Zaubermantel, Zaubertrommel. Der Zauberstab ist aus dem e'r«-Holz (einer Kornelkirschbaumart) hergestellt; wenn man ihn sich im Bett zu Häupten legt, wird man gute Träume haben; das e'ra-Holz wird als »starke Waffe der Götter« bezeichnet; mittels des e'r«-2auberstabes wird Ea ('A'a) gegen den »Lauerer«-Dämon angerufen; der kreißenden Frau soll man mit dem e'ru-Stab von oben nach unten über den Bauch rollen (Wortspiel). Neben dem e'ru-Stab gab es auch einen haltappu genannten Zauberstab. Eine plastische Schilderung von sieben Zaubermänteln, mit denen Huwawa angetan ist, findet sich im sumerischen Gilgames-Zyklus-Lied »Gilgames im Zedernwald« sowie in der Huwawa»Folie« des ninivitischen Gilgames-Epos, wo es heißt, daß Huwawa in sieben Mäntel gehüllt sei.

Abb. 70 Zauberglocke: die Griffenden und der Klöppel in Form von Schlangenköpfen; an der Glokkenhaube Schildkröte und zwei Eidechsen, an der Wange löwenköpfige Zwillingsgottheit mit erhobener Rechter, eine menschliche Gestalt und ein Priester in Fischmaske mit Gefäß (Bronze, Höhe 30 cm, ca. 700 v. Chr., Berlin Staatl. Museen).

Zur Zaubertrommel siehe weiter unten über Schamanismus. Besondere Reinigungskraft wird der Tamariske zugesprochen. Im Wettstreit mit der Dattelpalme sagt sie von sich, sie sei der oberste Exorzist, sie weihe durch Reinigung den Tempel; mit Tamariskenzweigen kann man einen magischen Kreis bilden; ihr Name sei »du reinigst«. Magischen Zwecken dient ferner das Besprengen mit Flüssigkeiten und das Bestreichen mit organischen und anorganischen Substanzen, z. B. Besprengen von Fundamenten, Schwellen, Riegeln, Schlössern, Türen mit öl; Bestreichen der Mauer mit Ghi und Honig; Vermengen des Mörtels für die Mauer des neuen Hauses mit öl; Honig, Ghi und Feinbier; Besprengen mit Weihwasser; Bestreichen mit guhlu (arab. kühl): Eanatum berichtet an drei Stellen, daß er die Augen von Opfertauben mit Antimonglanz bestreichen ließ, und im Epos »Enmerkar und der Herr von Aratta« (66) heißt es an dunkler Stelle: »Inin, die Herrin, deren Augenschminke (sum. lemzi[d], akk. amämü) Amamugalana (übliche Form: Ama'usumgalana, d. i. Dumuzi) ist.« Die Farbe des Exorzismus ist Rot: der Ornat des Exorzisten ist rot, was den bösen Mächten »gewaltige Scheu einzuflößen« vermag; Figurinen (z. B. eines Toten) sollen mit rotem Kleid angetan werden. Für die Meidung und Bannung von Behexung, Zauber und unheilvollen Einflüssen gehört ebenso wesentlich wie Instrumentarium, Materie und Manipulation (Gestik) auch das Wort, die Formel, denn erst alle diese Komponenten zusammen bilden die Zeremonie, machen das magische Ritual aus. Die Formeln sind geheimnisvoll, neben einfachen Aufforderungen wie: »fort, fort!«, »hinweg, hinweg!«, »verschwindet, verschwindet!», «fahrt ab, fahrt ab!« gibt es die magischen Zauberwörter »husria husria!«, »hutul, hutul!«, »hubba hubba!«, »hulqi hulqi haltib haltib!«, »hatib hatib!«,

Abb. 71 Votivplatte Eanatums von Lagas (Lagas, Stein, Mitte 3. Jtsd. v. Chr., Höhe 40 cm, Paris Louvre).

worin das Moment der »Wieder«holung nicht zufällig, sondern wesentlich ist. Die Zauberei der Hexe, in deren Zaubersprüche niemand Einsicht gewinnen kann, soll zu Wind, ihre Zauberformel zu Nichts werden; die Hexe soll verwirrt werden, so daß sie ihre Zauberformel vergißt. Die bösen Geister werden mit der geheimen magischen Formel der Unterwelt beschworen; sie sollen ebensowenig wieder zurückkehren, wie die rote Farbe des magischen Bindfadens aus weißer und roter Wolle weiß und der weiße Faden rot wird. Welche Sorgfalt auf die Vollziehung der mannigfachen Manipulationen zur Erreichung der kultischen Reinheit aufgewendet wurde, geht aus der Tempelbauhymne Gudeas von Lagas hervor, worin Gudea berichtet, daß er die magicamenta vornahm, daß die Beschwörungen günstig (verlaufen) waren, daß ihm das besondere (egerrü-) Mund-Orakel des Ekstatikers in Entsprechung seiner Bitte zuteil wurde und daß er alle Hexerei aus dem Wege räumte. Noch nicht eindeutig zu klären ist die Frage, ob und inwieweit Schamanismus in der altmesopotamischen Kultur nachgewiesen werden kann. Zunächst zu altmesopotamischen »Person«-Bezeichnungen, die in diesem Zusammenhang von Belang sind. Zwei Bezeichnungen begegnen uns für »Ekstatiker(in)«, deren eine (akkad. zabbu) vom Begriff »sich in Trance, Raserei befinden« abgeleitet ist, deren sumerische Entsprechung auch die Interpretation »mit Staub, Schmutz beschmiert« oder »mit selbstzugefügten Verletzungen bzw. Verstümmelungen« offenhält. Die andere Bezeichnung (akkad. digirgubbü = mahhü, sumerisch lu.gb.ba) für den Ekstatiker läßt sich vom Sumerischen her als »von der Gottheit besessen« verstehen. Weitere Bezeichnungen für den »Ekstatiker« sind entweder nach einer für ihn typischen Frisur, die dem Haarschopf einer Nachtvogelart (essebu) mit Unheilvorbedeutung ähnelt, gewählt (essebü) oder kennzeichnen ihn, was die sumerische Entsprechung an-

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//• Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

langt, als einen, »in den göttliche Macht eingedrungen ist«. Nicht von ungefähr nennt ein Text den »Ekstatiker« neben dem Schlangenbeschwörer. Zur aufgeworfenen Frage bezüglich Schamanismus im Alten Orient müssen in erster Linie jene Textzeugen geprüft werden, in denen von Trommel und Schlägel die Rede ist, da die Trommel das Instrument par excellence für den Schamanen ist. Ein elamischer König berichtet, daß er eine Trommel angefertigt habe, um sich einen Namen zu machen, und daß er sie den Göttern des Heiligtums geweiht habe. Eine Beschwörung nennt die »mächtiges Kupfer« genannte Trommel, die kraft ihres scheuerregenden Klanges »alles Unheil« abwehrt. Für die Verwendung der Trommel im Kult zeugt ein später Ritualtext der seleukidischen Zeit aus Uruk, laut Kolophon Abschrift einer älteren Tontafel. Von besonderem Interesse aber erscheint in diesem Zusammenhang jener Teil eines sumerischen Gilgames-Liedes (»Gilgames, Engidu und die Unterwelt«), worin von »Trommel« und »Trommelschlägel« (S. N. Kramer) bzw. »Reifen« und »Treibstecken« (B. Landsberger) die Rede ist. Die beiden Geräte wurden jüngst (J. Makkay) als schamanistische Utensilien »Trommel« und »Trommelstock« gedeutet, die aus dem Holz des »Lebensbaumes« gefertigt wurden, eine Deutung, die in Anbetracht der wichtigen Rolle, die diese beiden Geräte in dem sumerischen Text spielen, und der Folgen, die ihr Verlust auslöst, einen wichtigen Aspekt eröffnet. Die entsprechende Textstelle von den zwei Gegenständen, mit denen Gilgames »umging« und die ihm »wegen des Aufschreis der jungen Mädchen« in die Unterwelt hinabfielen, lautet: »Weh (über) meine Trommel, weh (über) mein(en) Trommelschlägel! Meine Trommel mit dem unwiderstehlichen Zauber, mit dem unbezähmbaren Tanzrhythmus! O wäre doch damals (Variante: heute) meine Trommel im Hause des Tischlers geblieben!« Möglicherweise liefert ein weiteres Detail aus dem Gilgames-Epos, der ursprünglich ein selbständiges Epos bildenden Huwawa-»Folie«, eine Reminiszenz an ein anderes wesentliches Merkmal des Sdiamanentums, den Schamanenkampf (M. de Ferdinandy), nämlich des Gilgames und Engidu Kampf gegen das Monstrum Huwawa, Sinnbild eines Kampfes zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel. Den Weltenbaum, gleichfalls wesentlich für den Schamanismus, kann man in Textzeugen wiederfinden wie: »Der wesw-Baum, dessen Wurzel in der Tiefe der Unterwelt fest eingepflanzt ist und dessen Wipfel an den allerhöchsten Himmel rührt.« Die Frage des Nachweises von Sdiamanismus im Alten Orient kann nicht mit dem Bemerken abgetan werden, daß das Verbreitungsgebiet des Schamanismus nur im sibirischen Raum liege. Herodot (4,75) berichtet von einem Brauch der Hanfverbrennung bei den Skythen, der als schamanistischer Akt zu verstehen ist, und im altiranischen Schrifttum (Yast 19,20) heißt es von Ahuramazda, daß er »ohne Trance und ohne Hanf«, ax°afna abanba, sei, worin eine Polemik gegen schamanistische Usancen liegt (H. S. Nyberg). Ihre literarische Ausformung findet die Bannung allen durch schwarze Magie bewirkten Unheils in der vom Beschwörungspriester, dem Exorzisten, zu vollziehenden Beschwörung, als deren Meister(gottheit) der im Apsü in Eridu heimische Gott Ea ('A'a) oder Enki fungiert, der seinen Sohn Asarluhi (später kontaminiert mit dem Gott Marduk von Babylon) in das Metier der Beschwörungskunst eingeweiht hat. Mit der Zuweisung der Beschwörung an den Gott Ea ('A'a)-Enki von Eridu wird das hohe Alter dieser der Magie eigenen Praktik dokumentiert, da die Kultstätte von Eridu samt ihrem Numen und Mythologem sowie mit seiner archäologisch nachgewiesenen Kultdo-

Abb. 72 Monstrum Huwawa, Hüter des Zedernwaldes mit der heiligen Zeder (Terrakotta-Relief, 1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr., London Britisches Museum).

kumentation in das Dunkel nicht weiter faßbarer Vorzeiten der Geschichte des Alten Orients zurückreicht. Die Beschwörungsstätte in Eridu, nach der die ältesten Beschwörungen benannt werden, hieß Enuru (e.nu.ru), eine vorerst nicht weiter deutbare Bezeichnung. Die formelhaft anmutende typische Gegenfrage Eas ('A'as)-Enkis an seinen Sohn Asarluhi-Marduk auf dessen Frage nach der richtigen wirksamen Entscheidung läßt die Priorität Eas ('A'as)-Enkis klar erkennen: »Mein Sohn, was gibt es, das du nicht wüßtest? Welches Wissen kann ich deinem denn noch hinzufügen? Alles, was ich weiß, weißt auch du, alles, was du weißt, weiß ich.« Der Exorzist ist sich der Wichtigkeit und Schwierigkeit seines Amtes sehr wohl bewußt: »nichts in der gesamten Kunst des Exorzisten geht über meine Kräfte«; er nennt sich Boten und Herold Eas ('A'as), obersten Reinigungspriester Eas ('A'as), Exorzist von Eridu, dessen Beschwörung kunstvoll ist. Er rühmt sich, den Mund aller Arten von Schlangen zu packen, auch der Viper, der Schlange, die nicht beschworen werden kann. Die Beschwörungskunst ist ein streng gehütetes, betonter Arkandisziplin unterworfenes, auf lange Tradition zurückreichendes »Wissen«, das in einer eigenen Literatur-

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//. Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

gattung niedergelegt war: »die ersten Zeilen (d. h. der Titel) des Corpus von Texten betreffend die Kunst des Exorzisten, die für Unterricht und Information niedergelegt wurden«. Das Corpus für den Exorzisten ist ein Teil eines Corpus aller aufgeschriebenen Rituale, wie Bannlöse-Rituale, Badehausritual, Hausbesprengungsritual u. a. Die Beschwörung wird als Beschwörung des Asarluhi oder als Geheimlehre des Marduk oder als orakelhaftes Jawort des Ea ('A'a) bezeichnet. Assurbanipal berichtet, daß er einen Feind im Vertrauen auf gute Vorzeichen, Träume und Mundorakel der Ekstatiker besiegt habe. Das »Wort des Apsü« ist undurchdringlich wie eine Wolke. Der Exorzist fungiert bei den verschiedensten Anlässen, z. B. zur Entbindung: (an das Kind im Mutterleib gerichtet) »dränge zu mir, wie eine Gazelle, schlüpfe zu mir wie eine kleine Schlange; ich, Asarluhi, bin eine Hebamme und will dich aufnehmen«; oder: »ein Geschöpf komme heraus, ein besonderer Körper, ein Menschengeschöpf«; Sanherib entsandte zur Eröffnung eines Aquädukts einen Exorzisten; vor Gericht soll der Exorzist den Angeklagten zum (die Wahrheit) Reden bringen; ein zorniger Mensch soll wieder sanftmütig werden (»wenn er dich wütend anschreit, spucke den Strohknoten aus deinem Munde aus in Richtung auf den Menschen und das zornige Wesen des Menschen wird sich beruhigen«); die Beschwörung »kleine Stechmücke« verhindert Schaden der Felder durch Insekten; der Exorzist soll, so gut er kann, seine Zeremonien und Beschwörungen verrichten, um das Vorzeichen der Finsternis abzuwenden; gegen die Flechte an den Wänden gibt es Beschwörungen und Rituale; durch seine Beschwörung(skunst) hat der Exorzist, so rühmt er sich, aller unheilvollen Magie aus allen fremden Ländern Einhalt geboten. Über die Mannigfaltigkeit der Materien der Beschwörungen informieren die Beschwörungsserien wie z. B. »Böse Dämonen« und die beiden großen Serien »Verbrennung« (surpu und maqlü), benannt nach den Zeremonien, die dabei vorgenommen werden. So mag ein Beschwörungstext stellvertretend für die Vielzahl hier als Beispiel folgen: »Der Beschwörer, der Oberpriester bin ich, der rein ausführt die Zeremonien von Eridu, der Bote Eas ('A'as), der vor mir einhergeht, bin ich. Marduks, des weisen Reinigungspriesters, des erstgeborenen Sohnes Eas ('A'as) Bote bin ich. Der Beschwörer von Eridu, dessen Beschwörung kunstvoll ist, bin ich. Daß du, böser a/«-(Dämon), fortkommst, wende dich in die Flucht, du, Wüstenbewohner, geh nach deiner Wüste! Der große Herr, Ea ('A'a) hat midi geschickt, seine Zauberformel hat er für meinen Mund bereitet, sieben Räucherbecken für die reinen Zeremonien hat er mir verliehen; den Raben, den Aufpasser-Vogel der Götter, habe ich in meine Rechte genommen, den Falken, den sich in die Höhe schwingenden (?) Vogel, habe ich vor dein (des Patienten) böses Antlitz fliegen lassen; mit dem roten Gewände, das Furcht einflößt, habe ich mich für dich bekleidet, mit rotem Tuche, Tuch, das Glanz ausstrahlt, habe ich den reinen Leib für dich bekleidet; Das ... kräutlein habe ich an der Einfassung der Tür aufgehängt, den Schößling eines Dornstrauchs an dem Türpflock aufgehängt, mit der Geißel wie auf einen störrischen Esel haue ich auf deinen Leib los: böser Dämon, entferne dich, böser Teufel, steh auf!« (B. Landsberger)

Phylakterien; Amulette; Schminke; kontaktive Magie

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Um sich vor Unheil zu schützen, trug der Mesopotamier Lederbeutelchen (z. B. Steine), Phylakterien, bei sich, zu denen sowohl Amulette wie (Roll)siegel zählen. Da gab es einen Stein, der imstande ist, den bösen Zauber zu lösen, der von sieben Hexen gewirkt worden war; beim Auffädeln von Steinen zu Ketten (auch »Rosenkränzen«) waren sieben Schlaufen und sieben Knoten zwischen die Steine zu knüpfen und bei jedem Knotenknüpfen war eine bestimmte Beschwörung zu sprechen; vom Hämitit heißt es, daß ihn nur ein ehrfürchtiger Mensch trägt; der König trug Amulette um den Hals, auf denen Zauberworte geschrieben waren; bestimmte Steine als Zauberamulett, wenn jemandem die Hände zittern; wenn jemand ein Siegel aus einem bestimmten Stein trägt, wird er überall, wohin er kommt, ein williges Ohr finden; andere Steine, darunter der Antimonglanz, sind glück- und erfolgbringende Steine; Frauen trugen geburtfördernde Steine an einem Gürtel; es gab einen Stein der Wahrhaftigkeit, der den Träger der Wahrheit sprechen macht; ein Steinamulett half dagegen, wenn jemand ständig sich einbildete, Tote zu sehen; Steine gegen Angst; man kannte Steine und Krauter (in Phylakterien getragen), um schwanger oder nicht schwanger zu werden; ein bestimmter Ziegel sollte sieben Tage im Hause der kreißenden Frau bleiben; Steinamulette, um vor (das Monstrum) Tiamat Sperrschlösser vorzulegen; Steine (15 insgesamt) gegen Lähmung der rechten Seite oder Hand oder allgemein gegen Krankheit; gegen Pest; gegen Augentrübung, gegen graues Haar (das wieder schwarz wird); für die Versöhnung erzürnter Gottheiten u. a. m. Zur kontaktiven Magie gehört das Fassen des Gewandsaums, das auch im Neuen Testament bezeugt ist (Luk 6, 19 mit Matth 14, 36, und Luk 8, 44-46 mit Mark 5, 27-32). Nebukadrezar II. weiß sich von Marduk geliebt, weil er den Saum des Kleides Marduks gefaßt hat; Sargon II. bittet

Abb. 73

Modell eines Betts, die vier Füße intakt (1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr., 110 X 59 cm, Paris Louvre).

Abb. 74 (links) Terrakotta-Relief (Kis, 1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr., 111 X 69 cm, Paris Louvre). Abb. 75 (oben) Relief mit Darstellung eines coitus a tergo (Mann mit einer sich auf den Stampfer in einem Flaschenmörser stützenden Frau), (Abu Hatab, 1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr., Ton). Abb. 76 (links unten) Liebesamulett, Bildseite: zwei Liebende (Babylon, Ton, Privatbesitz). Abb. 77 (unten) Liebesamulett, Schriftseite: Liebeszauj, her (in »ewiger« Wiederholung: zi »hab" eine Erektion!«).

Kontaktive Magie; Liebeszauber; Potenzbeschwörungen

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Nanaja, die Tochter Sins, um ihren Segen, indem er ihren Gewandsaum faßt; Hexen können, wenn sie dem Menschen den Saum des Kleides abschneiden, Hexerei gegen ihn wirken. Das Fassen des Gewandsaums ist aber auch Symbolhandlung der völligen Unterwerfung und Auslieferung an einen Mächtigeren. Berühren von Statuen durch Hand oder Mund gehört gleichfalls zur kontaktiven Magie. Breite Anwendung findet die Magie als Liebeszauber, der ebenfalls innerhalb der Beschwörungsliteratur in einer gesonderten Gruppe »Potenzbeschwörungen« seinen Niederschlag gefunden hat. Ihrer sprachlichen Form nach sind sie zumeist von einer Frau rezitiert zu denken, häufig begegnet die Anrede an einen Mann: »Kose mit mir, koitiere mit mir!« Über einem Apfel oder Granatapfel soll eine bestimmte Beschwörung rezitiert werden und das liebeskranke Weib soll den Saft davon saugen. Wenn einem Mann im Monat Nisan (März-April) die Potenz schwindet, soll ein Rebhahn genommen und der Balzruf des Rebhahns zwölfmal wiederholt werden. Ein zeugungsförderndes Kräutlein soll zu einem Sohn verhelfen. Eine Beschwörung zur Erreichung von Potenz läßt den Mann rezitieren: »Meine Potenz sei fließendes Flußwasser, mein Penis sei wie die straff gespannte Saite einer Harfe, so daß er nicht aus ihr (Vagina) herausschlüpft. Ritual dazu: Nimm eine Harfensaite und mache darin drei Knoten; rezitiere die Beschwörung siebenmal; binde sie (die Saite) ihm um die rechte und linke Hand und dann wird er wieder potent werden«; nach einer anderen Beschwörung soll der Mann sexuell erregt werden, das Weib anfassen, sich über sie beugen und den Penis einführen; wieder eine andere Beschwörung gibt zur Wiedererlangung der Potenz folgenden Rat: »Wenn einem Manne die Potenz genommen ist und sein Penis keiner Erektion fähig ist weder für seine eigene noch für eine andere Frau«, dann soll vor der >Istar der Sterne< (Venus) ein Rohraltar aufgestellt, ein Lamm geopfert, ein Räucherständer mit Wacholder aufgestellt und Bier libiert

Abb. 78 Homosexueller Akt (Uruk, 1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr.[?], Terrakotta-Relief).

Abb. 79 Männliche und weibliche Genitalien aus Fritte, Glas, Elfenbein, Bein, Stein, gebranntem Ton als Amulette (Anhänger oder »Broschen«), Assur, (Berlin Staatl. Museen).

Liebeszauber; Sexualia; Guter und Böser Blick

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werden. Damit eine unfruchtbare Frau empfängnisfähig wird, soll man zwölf Mineralien an einem Leinenfaden aufreihen und ihr um den Hals legen. Liebeszauber, um eine Frau mit dem Manne zum Reden zu bringen: Die Frau wird auf Grund des betreffenden Rituals zu sprechen beginnen, »wo immer du sie triffst, sie wird es nicht lassen können und du kannst mit ihr koitieren«. Auch dazu mußte Liebeszauber helfen, »daß die Frau eines Mannes ihre Augen nicht auf den Penis eines anderen richte«. In mehrfacher Hinsicht von Interesse ist folgende Beschwörung: »Dem Esel möge sein Glied schwellen, er bespringe die Eselstute, der Bock bekomme eine Erektion, er bespringe immer wieder die Geiß! Mir zu Häupten ist ein Bock ans Bett gebunden, mir zu Füßen ist ein Widder ans Bett gebunden, du mir zu Häupten, bekomme eine Erektion, liebe mich! Du mir zu Füßen, bekomme eine Erektion, liebkose mich! Meine Vagina ist die Vagina einer Hündin, sein Penis ist der Penis eines Hundes. So wie die Vagina einer Hündin den Penis eines Hundes festhält, so möge meine Vagina seinen Penis festhalten! Möge sein Penis so lang werden, wie eine masgasu-Keulel Ich sitze am Fangnetz der Liebe; möge ich den Fang nicht verfehlen!« Beschwörung für Potenz; Ritual dazu: Gib Eisenmagnesium-Pulver in püru-ö\, rezitiere darüber die Beschwörung siebenmal; der Mann reibt sich mit dem öl den Penis, die Frau ihre Vagina ein; dann ist er potent zum Coitus.« In diesem Text ist auf die bekannte sexuelle Erregbarkeit des Ziegenbocks in Gegenwart von Frauen angespielt. Möglicherweise liegt die Vorstellung eines Aktes von Sodomie vor, die im Alten Mesopotamien vielleicht nicht unter Tabu stand wie wahrscheinlich sexuelle Befriedigung durch fellatio oder cunniUnctus. Ein eindeutiges Zeugnis für fellatio gibt es nicht, es sei denn, daß man folgenden Passus in einer Omenserie in diesem Sinne interpretieren darf: »Wenn ein Mann eine Frau wiederholt seinen Penis festhalten läßt« (R. Biggs). Außer dem natürlichen coitus (per vaginam) ist der coitus per anum (auch coitus a tergo) bezeugt, zunächst zur Empfängnisverhütung: »die entu-Pnesterin soll coitus per anum zulassen, um Schwangerschaft zu verhüten«. Sonstige Zeugnisse: »wenn ein Mann ständig zu seiner Frau sagt: >gib mir deinen anus\Ich werde mein Kind ihm gleichsehen machenHerrn< entgegen, an der schmalen (?) Tür der Kornkammer von Eana harrt sie Dumuzi entgegen«. Dies lehren auch Bezeichnungen für Kultstätten, die ursprünglich Bezeichnungen für »Vorratshaus« sind, eigentlich für einen abseits liegenden Teil eines Privathauses. Diese örtlichkeiten sind zufolge ihrer Eigenschaft mit Tabu belegt. Eine andere Bezeichnung für eine Kultstätte hat ihren Ursprung in der Benennung eines Schilfrohrbaues auf einem künstlichen Hügel in einem heiligen Hain (gigunü), dessen eigentliche Verwendung aus den Texten sich ebensowenig eindeutig ergibt wie die Verwendung dieser Bezeichnung im Verlaufe der späteren Perioden. Aus Schilfrohr hat man auch Altäre errichtet. Auf einen Kultbau in zunächst primitiver Bauweise deutet eine weitere Bezeichnung (akkad. equ — sumer. e.ki.na), die später für einen Gegenstand oder einen Innenraum bzw. den innersten Raum des Tempels verwendet wurde. Hexer und Hexen können Figurinen vom Menschen unter dem equ. verstecken; ein Machthaber von Sidon hieb das equ des Tempels im Palast in Usse, einem Stadtteil

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//. Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

von Tyros, mit den Worten nieder: »Ich werde es nach Sidon schaffen.« Das equ konnte mit einem Vorhang verhüllt werden. Im Heiligtum selbst, in der Cella, herrschte Dunkelheit, kein Tageslicht drang hinein. Prophetien über gewaltsame Zerstörungen von Heiligtümern heben die Ungeheuerlichkeit des Eindringens von Tageslicht in das mystische Dunkel der Cella besonders hervor: »Die Heiligtümer des Landes werden zusammenstürzen und ihr Inneres wird Tageslicht schauen«; »die Sonne wird in die zerstörten Heiligtümer des Fürsten hineinschauen, in die zerstörten Kulträume der Leute.« Der Tempel gilt als beseeltes Wesen, das angerufen werden kann: »O Tempel, bitte für mich (Nabopolassar) vor Marduk!« Der Tempel ist Lebensspender, er wird (in Personennamen) als das Licht des Menschen bezeichnet, er ist das »Spiegelbild des Universums«. Die vorübergehende Exsekration des Heiligtums, die vom Wahrsagepriester (Opferschaupriester) vorzunehmen ist, ist bezeugt: »Wenn die Mauer des Tempels sich verbiegt, so soll der Wahrsagepriester zwecks Restaurierung (Abtragen und Wiederaufbau der Mauer) (für) diesen Tempel (den Zustand der Heiligkeit) aufheben.« Die Pflege und Sorge für die Erhaltung der Tempel wird zu allen Zeiten als Postulat und Privileg des Herrschers angesehen und begegnet immer wieder als Ruhmestitel (»Heger und Pfleger des Heiligtums«) in den Königsinschriften. Die Götter sind auf die Versorgung angewiesen: »Versorgung ist ein Erfordernis für die Heiligtümer der Götter«, und ehe die Menschen erschaffen waren, mußten die Götter die Heiligtümer der Götter versorgen: »Von diesem Tage an sollst du (Marduk) der eine sein, der unser Heiligtum versorgt.« Als die Menschen erschaffen waren, ward ihnen der Dienst für die Götter und die Sorge für die Heiligtümer auferlegt: »Er (Ea ['A'a], der Schöpfer-Gott) auferlegte ihnen (den Menschen) den (Gottes)dienst und befreite die Götter davon.« Die Gegenseitigkeit, die Reziprozität, das Aufeinanderangewiesensein von Gottheit und Mensch, das im Kult seinen Ausdruck findet, ist im religiösen Denken des Alten Mesopotamien besonders stark betont. Das do-ut-des als Grundlage der Opferliturgie mußte für den Alten Orient zwangsläufig mehr umfassen als bloßes »ich gebe (in der Absicht), daß du gibst« und war vielmehr als »ich gebe, damit du überhaupt erst imstande bist, zu geben, denn du bist auf den Kult von meiner Seite angewiesen« zu verstehen. Diese Wechselbeziehung spiegelt sich in Personennamen, wie z. B. »MeinGott-ist-mein-Versorger«, wider. Die Götterstatue gilt als beseeltes Wesen. Das Aussehen eines Gottes ist durch die Gestaltung des Auges gekennzeichnet: die Augenränder (d. i. das obere und das untere Augenlid) entsprechen einander, d. h. sie haben dieselbe Begrenzungslinie. Die Statue wird gekleidet und mit Schmuck ausgestattet und mit den Insignien der Gottheit (Hörnerkrone — Tiara) versehen. Da die Statue ein beseeltes Wesen ist, konnte sie auch als beseeltes Wesen stellvertretend für die dargestellte Person fungieren: »Ich (Asarhaddon) stellte eine Statue von mir in königlichem Ornat auf, in Gebetshaltung, auf daß sie unablässig für mein Leben bitte.« Deportation von Götterstatuen war eine übliche Aktion im Zuge eines Sieges über den Feind, um diesen des Schutzes seiner Götter zu berauben und sich selbst ihres Schutzes und ihrer Kräfte zu versichern. Von Kultgeräten seien genannt: die Kultbarke mit Kabine (deren prunkvoller Plattierung mit Gold und Edelsteinen sich z. B. Nebukadrezar II. rühmt) zur Aufnahme des Götterstandbildes bei Prozessionen; Baldachin mit Vorhang vor dem Götterstandbild; »der dem Himmel gleicht«, geweih-

Kultstätten; Ritual

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ter Stab im Vorratshaus, dessen Bedeutung nicht näher zu bestimmen ist; Gefäße für Weihwasser und Libationen; Räucherständer zur Aufnahme aromatischer Räucherhölzer wie Zeder, Zypresse, Myrte, Süßholz, Wacholder; Throne und Kultembleme wie Mond- und Sonnenscheiben; Schemel und Postamente; geweihte Sandale, »die in die Kapelle eintritt und auf einen Schemel gelegt wird«; die göttliche Keule, die der Exorzist reinigt, die in den Kultraum einzieht und auf ihrem Sitz »Platz nimmt«. Ritual. Die heiligen Handlungen, deren sich Kult und Magie neben Formeln bedienen, die sog. Rituale, sind im Verlaufe langer Übung zu festen Ordnungen und Nonnen geworden, die wegen ihrer Wichtigkeit und zwecks korrekter Durchführung schriftlich niedergelegt wurden. Es sind umfangreiche Ritualtexte der offiziellen Theologie erhalten, die sich auf den König, die Tempel, den kultischen Kalender u.a. m. beziehen, deren Zweck darin liegt, das betreffende Geschehen in kultischer Reinheit und untadelig zu vollziehen. Die Rituale sind prophylaktisch-apotropäisch und dienen der Katharsis, der Reinigung. Diese wird gewöhnlich durch Feuer (»Verbrennung«: Namen zweier großer Ritualserien) oder durch Wasser (aspersorium) erreicht. Im Zustande der Unreinheit darf niemand das Ritualgeschehen mit ansehen, die »Priesterinnen« reinigen sich im Fluß(wasser); eine wichtige Rolle spielt bei den Reinigungszeremonien die Tamariske, die die Mythe sagen läßt: »Ich bin der Reinigungspriester«; auch wird die Kupferglocke geläutet und das Rauchfaß und die Fackel geschwungen. Vor der Verrichtung des Opfers wäscht sich der Celebrans die Hände mit Wasser, der Mund wird mit Wasser gereinigt. Auf dem Wege zum Tempel darf der Mensch kein Ochsen- oder Schweinefleisch essen, sonst wird er kultisch unrein; wenn hingegen jemand vor seinem Gang zum Tempel geträumt hat, er habe mit einer Frau Geschlechtsverkehr gehabt, wenn aber im Traum kein Samenerguß erfolgt ist, so ist er kultisch rein, er hat keine (kultische) Sünde begangen und er darf im Tempel umhergehen, aber nicht vor seinen Gott hintreten. Bei der beherrschenden Rolle von Magie und Kult für das tägliche Leben des Alten Mesopotamien ergibt sich von selbst, daß es eine Unzahl von Ritualen gegeben hat, »100000 Riten gibt es«, wie sich ein Briefschreiber ausdrückt, »die für die kultische Reinigung der Könige, meiner Herren, anzuwenden sind.« Die Rituale unterliegen einer strengen Arkandisziplin gegenüber allen Außenstehenden. Es gab apotropäische Löserituale gegen alle Arten von Zeichen am Himmel und auf der Erde; Rituale beim Hausbau und Tempelbau, wobei der Erbauer des Tempels ein reines Gewand anlegt, ein Zinn-Armband an den Arm steckt, eine Streitaxt aus Blei nimmt und den ersten Grundziegel entfernt, um ihn an einen abgesonderten Platz zu legen; unter die Ziegel werden Duftöle, Räudierwerk gelegt, der Mörtel wird mit Bier, Wein, öl, Ghi, Harz und Honig besprengt und damit vermengt. Da heißt ein Ritual »Heilentbieten dem Haus«, ein anderes »Wecken des Tempels« (durch Kultsänger und -musiker), die am frühen Morgen (Matutinfeier) vollzogen wurden. Für Götter (Statuen), Menschen (Patienten) und Opfermaterien wurden das »Mundwaschung« und »Mundöffnung« genannte Ritual angewandt; Trauer- und Kiagerituale (z. B. für »verschwundene« Götter) mit mythologischem (z. B. Vegetationsmythen) oder historischem Hintergrund; Rituale bei Finsternissen: bis zum Ende der Mondesfinsternis sollen die Leute ihren Kopfputz ablegen und ihre Häupter mit ihren Kleidern bedecken, wobei sie Trauergesänge, Klagelieder und Lamentationen für den Mondgott Sin anstimmen, während der »Tempelbetreter«(-Priester) ein Feuer entzündet, das bis zum Ende der Finsternis nicht ausgehen darf; Rituale für Schenkenbesitzer, Wahrsager, Ärzte, Exorzisten, Bäcker u. a., damit an ihrem Hause erträglicher Gewinn nicht vorübergehe; Ritual beim Getreidemahlen auf dem Mühlstein oder beim Teigkneten, um nur einige wenige zu nennen.

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//. Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

Mantik. Entsprechend der »Weltanschauung« der Magie vom »Zusammenhang aller Dinge« sieht die Magie in jedwedem Ding die Kundgabe des Waltens der Mächte, so daß der Mensch, sofern er dieses Walten an den Dingen zu sehen und zu deuten vermag, auch für sich und sein Verhalten die Direktiven erkennen kann und soll. Aus der Welt der Erscheinungen, die auf ihn zukommen, beobachtet er das Normale und das Abnormale: dieses letztere wird ihm zum Omen, zum Zeichen mit Vorbedeutung, wodurch die Macht ihm ihre Botschaft kundgibt. Der Mensch kann die Erkundung der Absicht der göttlichen Macht auch durch sein Zutun erwirken, wenn er die Gabe hat, sich in einen Zustand zu versetzen, in dem er zum Werkzeug, zum Sprachorgan der göttlichen Macht wird, durch das den Menschen die Kunde kommt, was zu geschehen habe. Die Kunst, die Zeichen (Omina), durch die sich die göttliche Macht bemerkbar macht, zu deuten, wird Mantik genannt. Solche Zeichen werden in allen Bereichen der Natur gesehen: am Sternenhimmel (Finsternisse), im Bereich des Belebten (Mißgeburten), Mißbildungen (physiognomatische Omina), Formungen bzw. Verformungen in den Eingeweiden (Leber, Lunge: Hepatoskopie) bestimmter Tiere, besonders Schafe (Extispizin), Vogelflug (Auguren), Reaktionen von Substanzen (Rauchentwicklungsdeutung: Libanomantik) (ölverhalten auf Flüssigkeiten, z. B. Wasser: Becherwahrsagung oder Lekanomantik), Traumdeutung (Oneiromantik) bis zum Deuten der Zeitabschnitte auf Heil und Unheil (Tagewählerei: Hemerologie) u. a. m. Der Berufene zur Deutung all dieser Zeichen ist der »Seher«, der die Geheimlehre zum »Lesen« dieser »Schrift« der göttlichen Macht beherrscht, oder der (Wahr)»sager«, aus dem die göttliche Macht im Zustande des »Einsitzens« spricht. Die Wahrsagerei, die Zukunftdeutung, in ihren vielfältigen Erscheinungsformen (Omen»künde«, Extispizin, Hepatoskopie, Lekanomantik, Libanomantik, Oneiromantik, Nekromantik, Chiromantik) ist das uferlose Mündungsgebiet, dem ein Kulturstrom zutreibt, der aus Quellen gespeist wird, die nicht aus der forschenden intellektuellen Erkenntnis entspringen, sondern dem dumpfen und stumpfen Hingegebensein an das »schlechthinige Abhängigkeitsgefühl« von den Menschen übermachtenden Gewalten. Darin liegt das natürliche Ende der Religiosität einer geistigen Kultur, die sich nicht zu emanzipieren vermag. Unverlierbar bleiben zwar ihre spirituellen Leistungen, angefangen und getragen von der Schrifterfindung, hinführend zu den Leistungen auf den Gebieten der Literatur, der Wissenschaften, der Technik, der Kunst, der Verwaltung, des Rechts; aber je breiter der Strom der Wahrsageliteratur wird, um so massiver und erstickender wird das Schwemmgut des Aberwitzes und Aberglaubens, an dessen Ende der Sinn des Daseins in ertötenden Unsinn verkehrt erscheint. Der Wahrsager, über dessen Tätigkeit und Ressort ein überliefertes »Handbuch« informiert, zog im Kriegsfall mit den Truppen ins Feld; Assurnasirpal II. berichtet, daß er den Wahrsager, der an der Spitze der babylonischen Truppen mitzog, gefangen genommen habe; in Friedenszeiten versah er seinen Dienst am Palasttor. Sargon II. wollte offenbar sicher gehen und teilte, als er einmal die Eingeweideschau vollzog, die Wahrsager in vier Gruppen, um unabhängig voneinander die Wahrsagung für sich machen zu lassen. Assurbanipal rühmt sich, daß er von der Gottheit mit der unfehlbaren Kunst der Wahrsagung betraut worden sei. Die Wahrsager hatten zusammen mit den Schreibern, Exorzisten, Ärzten, Auguren und Palastbeamten, die in der Stadt wohnen, am 16. Nisan (März-April) den Loyalitätseid zu leisten, geht aus einem neuassyrischen Brief hervor. Ein Wahrsager, der in den Vorschriften seiner Kunst nicht versiert war, galt als Greuel für Nabü und Marduk.

M antik: Personal und Disziplinen

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Nur körperlich und der Abkunft nach untadelige Personen waren würdig, zum Stande der Wahrsager berufen zu werden: »Ein Wahrsager, der nicht Abkömmling eines freien Mannes ist oder dessen Körper und Glieder nicht ohne Fehl sind, der schieläugig, zahnlückig, mit verstümmelten Fingern, voll Aussatz, ein Samentröpfler ist, darf an Orakelentscheidungen nicht teilnehmen.« Bevor der Meister seinen auserwählten »Sohn« in die Disziplin einweiht, läßt er ihn vor Samas und Adad auf Tontafel und Schreibrohrgriffel einen Eid schwören und dann lehrt er ihn die Serie »Wenn der Wahrsager«. Wenn der Wahrsager vorhat, für den König eine Weissagung zu vollziehen, badet er morgens vor Sonnenaufgang in geweihtem Wasser, salbt sich und zieht ein reines Gewand an. Er setzt sich vor Samas und Adad auf dem Sitz des Richters nieder und gibt eine gerechte Entscheidung. Die Entscheidung des Wahrsagers wurde für alle möglichen Anliegen in Anspruch genommen, daß Unheil, durch Träume, ominöse Ereignisse und Zeichen vorbedeutet, den Menschen nicht treffe, für die Erfüllung eines persönlichen Wunsches, für Regen, für die Genesung eines Kranken, für jegliches Unternehmen. Der Wahrsager harrt auf Samas: »Vorauswissen der Zukunft hat mich verlassen, o Sonne, ich bin in Unruhe, ich warte die ganze Nacht auf deinen Auf gang.« Man erhoffte sich Antwort auf alle möglichen Orakelfragen, etwa ob von einem Feldzug Tiere, Sklaven und andere wertvolle Güter als Beute mitgebracht werden, oder z. B. »wird es mit Assurbanipal zu Ende gehen oder wird er diesem Aufstand entkommen?«, und bediente sich dabei mitunter kurioser Praktiken, wie etwa: »Du sprichst die vom Orakel zu beantwortende Frage, die du im Sinn hast, dem Kitz ins linke Ohr, während es Zedernholz kaut.« Für die altmesopotamisdie Weltanschauung« ist von grundlegender Bedeutung, daß das Geschehen im Himmel und auf Erden einander entsprechen: »Himmel und Erde bringen gleichermaßen Omina hervor, sie können nicht voneinander getrennt werden - Himmel und Erde sind miteinander verbunden; ein Zeichen, das schlecht ist am Himmel, ist auch schlecht auf Erden«, wie es in einer Unterweisung für den Deuter von Omina ausgedrückt ist. An Hand der Eingeweideschau (Extispizin) läßt sich eine besondere Eigenheit der altmesopotamischen Geisteswelt besonders gut illustrieren: die Gottheit schreibt Zeichen auf die Leber, z. B. als Kundgabe ihres Willens. So berichtet Asarhaddon: »Aus dem Gerät des Eingeweideschauers kamen für mich vertrauenerweckende Omina hervor, und der Gott schrieb Zeichen auf die Leber zugunsten des Bauens in Babylon und der Restaurierung von Esagil!« Die Besonderheiten der Leber werden mit Hilfe der Ähnlichkeit mit Schriftzeichen gedeutet, z. B., wenn links zwei Risse sind und sie einander kreuzen wie das (Keilschrift)zeichen PAP (^A~), oder eine Besonderheit, die aussieht wie das (Keilschrift)zeichen BAR (t~j~), oder wenn im manzazu genannten Teil der Leber vier BAD (^—/) (Keilschriftzeichen) stehen und sie nebeneinander liegen. Die Vorzeichen»wissenschaft« registrierte alle Besonderheiten und Abnormitäten wie z. B. Mißgeburten und Mißbildungen bei Mensch und Tier, Verhaltensweisen, abnorme Vorgänge in der Natur: so fragt ein Brief Schreiber um Bescheid über das Kalb, dessen Maul sich am Hinterkopf befindet; in einer Vorzeichen liste wird vermerkt, in Babylon habe eine männliche Dattelpalme Datteln getragen; aus einer Mißgeburt mit 8 Füßen und 2 Schwänzen, die eine Sau geworfen hatte und betreffs welcher der Schlächter berichten läßt, daß er sie in Salz gelegt und zu Hause aufbewahrt habe, wird Herrschaft und Macht für den Fürsten geweissagt. Man nahm Eingeweideschau vor betreffs des Wohles des Königs, der Niederwerfung eines Feindes und des Wohles der Truppen, der Eroberung einer Stadt, einer Geschäftsunternehmung, Regenfalles, Genesung eines Patienten; Asarhaddon berichtet, daß er sich ehrfürchtig der Orakel-

Abb. 81 Lebermodelle (obere Hälfte der Abbildung) und Lungenmodelle (untere Hälfte der Abbildung), (1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr.).

Abb. 82 Zwei Fragmente von Lebermodell aus yasor (spätes 15. Jh. v. Chr., Ton, Länge ca. 7,7 cm, Jerusalem Israel Museum).

Abb. 83 Lebermodelle: aus Babyionien (unterteilt in gut 50 Partien, mit Omina und magischen Formeln für den Wahrsager) (1. Hälfte 2. Jtsd. v. Chr., Ton, 13,3 X 8,3 cm, London Britisches Museum), Kleinasien und etrusk. Italien.

Abb. 84

Darstellung der einzelnen Teile der Schafleber (A. Goetze).

entscheidung von Warnas und Adad unterwarf und betreffs Wahl von Assur, Babylon oder Ninive als Stätte für die Tempelwerkstätten eine Eingeweideschau vorgenommen und den Wahrsagern einzeln Listen betreffend Fachleute, die das Werk ausführen sollten, vorgelegt habe und daß alle Omina übereinstimmende Antworten gegeben hätten; Nabüna'id nahm in Hinblick auf die Wahl der Tochter seiner Familie in das höchste Priesteramt eine Eingeweideschau vor; betreffs des Gelingens einer Razzia werden laut altbabylonischem Brief zwei Eingeweideschauer zum Vergleich der Omina aufgerufen, und wenn ihre Omina(deutungen) günstig sind, werden alle 150 Mann, die auf Razzia gehen, vollzählig zurückkehren. Erhalten gebliebene Leber- und Lungenmodelle aus dem Bereich des Alten Orients (Mesopotamien, Anatolien, Palästina) liefern anschauliche Beispiele für die differenzierte Terminologie der Disziplin der Eingeweideschau (Extispizin).

Disziplinen der M antik

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Bei der Becher- oder ölwahrsagerei (Lekanomantik) handelte es sich darum, aus dem Verhalten von öl, das in Wasser geträufelt wurde, aus den Figuren, die die öltropfen dabei bildeten, wahrzusagen; etwa, wenn öl im Wasser eine Figur bildet, deren Hörner rechts und links abgestumpft sind, oder wenn das öl Streifen bildet wie das Gewirr von Gurken(stöcken); wenn das öl, wenn Wasser darauf gegossen wird, nach rechts verdrängt wird; wenn der öltropfen sich gegen die »Gabelung« (Oberschenkel) des Wahrsagers hin teilt; in einer Anweisung zur Erkundung, ob es günstig sei, zu heiraten, heißt es: »Wenn du eine ölweissagung vornehmen willst, so laß einen Tropfen öl für den Mann und einen für die Frau hineinfallen, getrennt, und wenn sie sich vereinigen, ist es der normale Lauf der Dinge: sie werden heiraten; aber wenn die Tropfen sich vereinigen und dabei der Tropfen des Mannes verzerrt (?) ist, so wird der Mann sterben.« Aus dem Verhalten des Rauches, wenn er sich z. B. nach Osten zusammenballt und sich gegen die »Gabelung« (Oberschenkel) des Wahrsagers zu zerstreut, oder wenn er in seiner »Leere« (d. h. wenn er frei dahintreibt) eingeengt wird, wird gleichfalls gewahrsagt (Libanomantik). Oneiromantik: Der Traum gilt von Anfang an im Alten Orient als Mittel zur Kundgabe des Willens der Götter an die Menschen. Nicht bloß daß der Mensch seine Träume, die ihm im Schlaf zuteil werden, so interpretiert; er kann auch, um den Willen der Gottheit zu erfahren, sich an den Sitz der Gottheit begeben, um dort zu schlafen, damit ihm im Traum die Gottheit ihren Willen kundtue (Inkubationsschlaf). In der Literatur kommt dem Traum eine wichtige Rolle zu: Gudea, der fromme Stadtfürst von Lagas, erhält im Traum Weisung zum Bau des Tempels für seinen Stadtgott Ningirsu. Die Schilderung dieses Traumes ist die älteste literarische Darstellung eines Traumes in der Weltliteratur überhaupt. Von Tempelschlaf zur Erlangung eines Traumes ist bereits bei Eanatum von Lagas die Rede, wo, wie bei Gudea, derjenige, der sich zum Tempelschlaf (Inkubationsschlaf) in den Tempel begibt, der »Liegende« genannt wird. Im Gilgames-Epos treffen wir wiederholt auf Träume des Gilgames und des Engidu und Versuche ihrer Deutung. Zu allen Zeiten spielte im Alten Orient Traumdeutung durch den Traumdeuter (vgl. in der Endzeit von Babylon die in der Bibel überlieferte Traumdeutung Daniels) eine bedeutende Rolle. Der Verfasser eines Epos sagt, daß ihm Gott Nergal in der Nacht das Lied enthüllt habe, Nabuna'id erfährt im Traum vom Wunsch der Gottheit nach Wiederaufbau eines Tempels und Assurbanipal berichtet, daß seine Träume nachts gut seien und daß er morgens hervorragender Laune sei. In frühem Schrifttum (Eanatum von Lagas) stoßen wir auf ein Zeugnis für die Praktik des Pfeilorakels im Alten Orient, das in späterer Zeit allerdings kaum mehr nachweisbar ist: vor der militärischen Auseinandersetzung zwischen den zwei Stadtfürsten der Polis Lagas (Eanatum) und der Polis Uma warf der Pfeilorakel-Kundige für Eanatum das Pfeilorakel, dessen Befund so war, daß Eanatum entschied, daß der Kampf nicht ausgetragen werden soll (W. W. Struve). Selbst die Beobachtung des Vogelfluges zum Zwecke der Wahrsagung (Auguren) hat ihren Ursprung im Alten Orient. So berichtet z. B. Idrimi von Alalah, daß er, nachdem er sich sieben Jahre unter den Hapiru-Leuten aufgehalten habe, Vögel losgelassen habe, um ihren Flug zu beobachten und daß er Einschau in die Eingeweide von Lämmern genommen habe. Auch aus Erscheinungen am Sternenhimmel wurde geweissagt, etwa Sternschnuppen, oder man kannte z. B. einen Stern, der den Regen lange andauern läßt, vom Mars glaubte man (auf Grund

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II- Der Mensch in seiner spirituellen Umwelt

einer dilettantischen Etymologie seines Namens), daß er die Pest lange währen läßt; im sog. »Weltschöpf ungs«-Epos erteilt der Schöpfergott dem Mond die Weisung, er solle während des Tages der letzten Sichtbarkeit näher an die Bahn der Sonne heranrücken. Dieser Tag der letzten Sichtbarkeit des Mondes, der 28. bzw. 29. des Monats, der Tag des Gottes Ea ('A'a), auch des Gottes Adad, war der Tag, an dem die Götter von Himmel und Unterwelt gemustert wurden und er wurde als günstiger Tag bezeichnet. Dies führt hinüber zu einer anderen Form der Wahrsagung und Zukunftsdeutung, nämlich der sog. »Tage«- bzw. »Monat«-Wählerei (Hemerologie bzw. Menologie), die Suche nach dem günstigsten Zeitpunkt für jegliches Vorhaben. Nekromatik (Totenorakel), also Toten(geist)beschwörung zwecks Erkundung verborgenen Wissens begegnet im Gilgames-Epos, als Gilgames durch seinen in der Unterwelt weilenden, d. h. toten, Freund Engidu Kunde über die Gesetze der Unterwelt erlangen will und zu diesem Zweck dank der Hilfe Eas ('A'as) der Totengeist seines Freundes durch ein Loch in der Erde zu ihm herauffährt.

Kultpersonal Für die Berufung in den Dienst der Gottheit, den Kult, waren, wie bereits beim Wahrsager erwähnt, physische Makellosigkeit und Würdigkeit die unabdingbaren Voraussetzungen. Der Tempel und der Kult ist als »heiliger Haushalt« für die Gottheit aufzufassen, worin es notwendigerweise alle Funktionen eines profanen Haushalts geben mußte. Daher scheint für die zahlreichen Funktionen die Bezeichnung »Priester« als zu eng nicht den tatsächlichen Gegebenheiten zu entsprechen, und man sollte daher eher von Offizianten o. ä. sprechen. Die Weihe zum Priesteramt erfolgte selbst noch in neubabylonischer und neuassyrischer Zeit durch Rasieren des Kopf- und Körperhaares. Zum Kultpersonal im weitesten Sinn gehören auch die sog. Oblaten, eine Institution, die insbesondere in neubabylonischer Zeit sehr beliebt war, wenngleich es auch schon in kassitischer und altbabylonischer Zeit Personen gab, von denen es heißt, daß sie einer bestimmten Gottheit geweiht waren und daher besonderen Schutz genossen, so z. B. einem altbabylonischen Brief zufolge ein Flötenspieler, der eingesperrt werden sollte, davor aber offenkundig bewahrt bleiben mußte, weil er ein Mann der Göttin Istar war, auf den Istars Hand gelegt war; oder wie der Kassitenkönig Agum II. berichtet, daß er Handwerker freiließ und sie mitsamt den zugehörigen Häusern, Feldern und Gärten dem Marduk und der Sarpänitu weihte. Nabuna'id hob eine dem Tempelpersonal auferlegte Dienstverpflichtung, ilkti genannt, auf und befreite die Leute davon, reinigte sie von allen Rechtsansprüchen, die gegen sie erhoben werden könnten, ließ sie frei und weihte sie den Göttern Sin und Ningal. Desgleichen weihte er seine Tochter und gab sie Sin und Ningal. Beduinen-Schachs, z. B. vom Puqudu-Stamm, weihten Leute der Göttin Istar von Uruk und der Göttin Nanaja als Oblaten. Die Tempel-Oblaten wurden durch ein Mal gekennzeichnet, wie es z. B. für den Eana-Tempel von Uruk bezeugt ist, in der Form von Stern (Rosettensymbol der Göttin Istar) und Markung, die auf dem Handrücken angebracht wurden. Das höchste Priesteramt war der Hohepriester: es gab einen männlichen, en(n), und einen weiblichen, entu. Den Dienst für Ellil in Nippur versah ein männlicher erc-Priester, dagegen fungieren sonst (von einer Ausnahme in früher Zeit abgesehen) im Dienst der männlichen Gottheiten weibliche und im Dienst der weiblichen Gottheiten männliche ew-Priester.

Kultpersonal; Funktionsräume des Kultes: Korn- bzw. Vorratskammer

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Das Verhältnis des en-Priesters zur Gottheit wird nach einer weitverbreiteten Meinung als auf einer »Heiligen Hochzeit« beruhend gesehen, die alljährlich zum Neujahrfest zelebriert worden sei, wozu eine wörtliche Interpretation einer Gruppe von Texten Anlaß gegeben hat. Das Verhältnis ist ideell zu verstehen, die diesbezüglichen Reminiszenzen beim Neujahrfest sind Symbolzeremonien und nicht anders aufzufassen als etwa die »Brautmystik« der Nonnen im christlichen Zeitalter. Dies wird allein schon durch die in zahlreichen Omentexten und z. B. literarisch in der berühmten Geburtslegende Sargons von Akkad (»meine Mutter war eine ento-Hohepriesterin, daher kenne ich meinen Vater nicht«) belegte Tatsache bezeugt, daß die Hohepriesterin in sexueller Enthaltsamkeit zu leben hatte. Denn die Omina, die, wie oben angedeutet, sich nur am Abnormen als Korrektiv zur Erkundung des Willens der Gottheit orientieren, sprechen hinsichtlich der Hohenpriesterin von Verhaltensweisen, die zum Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit eindeutig im Widerspruch stehen, z. B.: »Die Hohepriesterin läßt den coitus per anum zu, um Schwangerschaft zu verhüten« oder: »Die Hohepriesterin wird geschlechtskrank werden«; »die Hohepriesterin wird ihren Liebhabern gegenüber treulos sein«; »die Hohepriesterin wird wiederholt mit dem Hohenpriester Geschlechtsverkehr haben«; oder abnormes Verhalten in anderer Weise: »Die Hohepriesterin wird wiederholt das heilige Eigentum des Gottes stehlen, aber man wird sie ergreifen und zur Strafe verbrennen.« Die für das Hohepriesteramt ausersehenen Personen wurden, wie auch andere Priesterklassen, durch Leberschau (Extispizin) ausgewählt und vom König feierlich installiert; diese Zeremonie wurde für so wichtig erachtet, daß nach ihr Jahre benannt wurden. Die Insignien der Hohenpriesterwürde sind die Wulstrand-Kappe, das (»Falbel«-)Kleid, der Stab und ein nicht näher zu identifizierendes Objekt (sum. mus), das dem Hohenpriester wie der Hohenpriesterin »umgebunden« wird, vielleicht die von einem »Ministranten« getragene »Schleppe« des Kultornats, wie z. B. möglicherweise auf der sog. Kultvase von Uruk zu sehen ist. In der frühen Zeit vor der »Gewaltentrennung« war die geistliche e«(X)-Priesterfunktion mit der weltlichen Herrscherfunktion in einer Person vereinigt; so heißt z. B. im sumerischen GilgamesZyklus Gilgames, der Herrscher von Uruk, stets »en von (dem kultischen Bezirk) Kulab«. Die en-Priester(innen) lebten in einem Gebäude (gipar), das seiner Bestimmung nach eigentlich ein Vorratshaus war. Gerade dieser Umstand ist für Institution und Funktion des Hohenpriestertums charakteristisch: die Vorratskammer mit den Erntegütern war nach uralter Vorstellung ackerbautreibender Kulturen die Behausung, die »Herberge« der »Macht«, und somit eine geheiligte und tabuierte Stätte strenger Observanz, weshalb in ihr der Segen der Fruchtbarkeit für alles Geschehen erhofft wurde, sofern die entsprechenden Riten in der Vorratskammer »im Beisein der Macht« vollzogen wurden, ganz in Entsprechung zum Brauch von Naturvölkern, bei denen das hochzeitliche Beilager auf der Reisernte oder in der Kornkammer z. B. vollzogen wird, wo die Fruchtbarkeit »zu Hause« ist, um die Fruchtbarkeit der Ehe zu erwirken. Die Verkennung dieses Sachverhalts hat zur Entstehung der weitverbreiteten Meinung vom Bestehen eines Kultes der »Heiligen Hochzeit« geführt, wonach umgekehrt ein angebliches rituelles hochzeitliches Beilager Fruchtbarkeit für Land und Volk sichern sollte. Nabüna'id, der seine leibliche Tochter mit dem Namen Enu-eristi-N'anna in das Amt der Hohenpriesterin installierte, berichtet, wohl tendenziös und propagandistisch, daß das Amt der entuPriesterin für lange Zeit in Vergessenheit geraten sei und daß ihre Insignien nirgends beschrieben

Abb. 85 Sog. Kultvase aus Uruk, aus 15 Fragmenten wiederhergestellt (1. Hälfte 3. Jtsd. v. Chr., Alabaster, Höhe 1,10 m, Bagdad Iraq Museum).

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waren, daß er aber »tagtäglich darüber nachsann, bis der richtige Moment kam und sich Tore vor mir auf taten: ich entdeckte eine alte Stele des Nebukadrezar (L), des Sohnes des Ninurtanadinsumi, eines königlichen Vorfahren, auf der das Bild einer Hohenpriesterin gezeichnet war . . . auf der er übrigens Angaben über Zubehör, Kleidung und Schmuck geschrieben hatte«. Er führte seine Tochter in das gipar(u) ein, wo die Riten des Hohenpriesteramtes vollzogen wurden. Und Nabüna'id berichtet weiter, daß er sämtliche Priester, das gesamte Priesterkollegium des Tempels Egisnugal des Mondgottes von sämtlichen anderweitigen Dienstleistungen befreite und ausschließlich für den Kult freistellte, und dem Mondgott(-Dienst) weihte, damit im Kult keine Nachlässigkeit und keine Verfehlung passiere. Zahlreiche andere »Priester«ämterbezeichnungen werden in der Keilschriftliteratur genannt, ohne daß es in jedem einzelnen Fall möglich wäre, diese in ihrer Stellung innerhalb der Hierarchie, in ihrer Funktion und Bedeutung klar voneinander abzuheben; zudem werden etliche davon nicht als Bezeichnungen für »Priester« im eigentlichen Sinne zu werten sein, sondern nur als Bezeichnungen für irgendwelche Kultoffizianten. Einen hohen Rang scheint der saga-Priester (akk. sangä), in alter Zeit die eigentliche Bezeichnung für Priester, eingenommen zu haben, da der en-Priester der Göttin Nazi in der alten Polis Lagas anscheinend auch diese Bezeichnung führte. Kultische Funktion hatten ferner: der Traumdeuter (sum. ensi, akk. sä'UM), dem die Deutung der Träume (besonders der im Tempelschlaf, wenn sich der Ratsuchende im Tempel zum Schlaf niederlegt, der »Liegende« genannt, z. B. Eanatum und Gudea von Lagas) oblag; der Ekstatiker, im Dienste verschiedener Gottheiten, dessen Bezeichnungen auf verschiedene Arten der Versetzung in Ekstase (durch azallu, Haschisch?) schließen lassen, wie z. B. der »Rasende«, »der mit (selbstbeigebrachten) Verwundungen bzw. Verstümmelungen«, »der von einer numinosen Macht besessen ist«, und der in der Trance Mundorakel von sich gibt; ferner der Exorzist (Beschwörer) oder Magier (akk. asipu, sum. isib), dessen Metier die Beschwörungskunst (sum. en, tu, akk. tu, siptu) ist; der Wahrsager, Haruspex (Eingeweideschauer) (sum. azu, lu.hal, mas.su.gid, akk. bäru), der die Eingeweide (besonders Leber) des Opfertieres (Lamm oder Kitz) prüfend untersucht; kraft seiner Fähigkeit, Orakel zu deuten, heißt er auch »Beantworter« (des Gottes NN); der Schlangenbeschwörer (muslah\hu\)\ der »Reinigungspriester«, auch »Salb«priester (akk. pasisu) eher eine Sammelbezeichnung für verschiedene Arten; sie vollziehen z. B. die Zeremonie »Öffnung des Mundes«. Breiten Raum nehmen in den Keilschrifttexten die Kultsänger ein, deren es ebenfalls mehrere Arten gibt. Eigenartig daran ist, daß diese in der Literatur in seltsam abträglicher Wertung und reichlich mit Sarkasmen bedacht erscheinen, z. B. der gala-(akk. kalu-)Sänger oder der kurgara (akk. kurgarru) bzw. assinnu, der eine eigene Gattung Lieder zu Ehren der Göttin Istar, inhu genannt, singt; vielleicht darf man aus der abträglichen Wertung der beiden Kultsängerarten auf (rituelle) Sonderrollen schließen (Transvestiten). Von den Tempelsängern und Musikern wurde die Zeremonie des »Tempel-Weckens« vollzogen. In neubabylonischer Zeit kommt die Bezeichnung einer gewöhnlich zweitrangigen Priestergruppe auf, die sog. »Tempelbetreter« (akk. erib blti), eine echte Priesterbezeichnung, die aber auch ganz allgemein »Priesterschaft, Klerus« bedeuten kann; sie waren »Assistenten eines primus inter pares, des >Großen Brudersjegliches Böse< zu verjagen«; »möge ein Vogel meine Sünde zum Himmel emportragen, möge ein Fisch meine Sünde zur Tiefe hinunterleiten«; »mögen die kleinen Kanäle, Schilfdickicht (und) Wald, Deich und Kanal, Quelle (und Flußufer, Bassin [und] Bewässerungskanal) . . . die Sünde >lösendeity who personified the generative force of nature< begegnen, ist dies nicht ein Zeichen dafür, daß mit dem Versuche, sich in den >mythopoeic thoughtx primitiver Denkstrukturen einzufühlen, nie richtig Ernst gemacht wurde?« Und er fragt schließlich: »Sind nicht fast alle sumerischbabylonischen Götter >gods of fertility