Die Internationale in Amerika. Ein Beitrag zur Arbeiter-Bewegung in den Vereinigten Staaten

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Die Internationale in .Amerika

?Sin Beitrag zur (Geschichte der .Arbeiter - Bewegung in den Vereinigten' Staaten Don

Hermann c:Schlüter -

Skicago

. Manche Öprachgrnppe 5er Öoziakift. Partei 6er Wer. Staaten 1918

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M0- 703x. Inlinlta-VerZeiclinia. Vorwort

Al

Welter Teil. Die Arbeiterbewegung zur Zeit des Büxgerkrieges7 1. Kapitel: Allgemeine Lage. '

1. 2. 3.

Stand der Organifation . . . . . Befchleunigte Entwicklung . . . . . Stand der deutfhen Arbeiterbewegnngen

F . .

3 7 13

.

18

2.' Kapitel: Abraham Lincoln und die Arbeiter.

1.

England nnd der Sezeffionskrieg .

2.

Abraham Lincoln und die- Arbeiter 'Eng lands............25

.

.

3.

Lincolns Stellung zur Arbeiterklaffe

.-

.

33

3. Kapitel: Die Internationale Arbeiter-Affoziation ' und der amerikanifcbe Btigerkrieg. 1.

Die 'Adteffe des Generalrats der I. A. A.

2.

Die Adteffe des Generalr-:ts der J. A. A.

3.

an Präfident A. Ivhnfon . . . Adreffe des Generalrats an das Volk der 'Vereinigten Staaten . . .

an Abraham Lincoln

.

.

.

.

.

. -40 44

47

4. Kapitel: Die J. A. A. und die Nationale Arbeiter .

Union.

1. 2.

Die Anfänge der Nationalen Arbeiter-Union Verbindung der Internationale mit der

3. 4.

William H. Shlvis . . . . . . . . .64 Niedergang der Nationalen Arbeiter-Union 67

Nationalen 'Arbeitet-Union

5. Kapitel: Reformbewegungen . 7

.

.

.

.

.

.

.

.

50 58

.

73

6. Kapitel: Die deutfche Arbeiterbewegung nach dem Kriege.

1.

Der Allgemeine Deutfche Arbeiter-Verein von New York . . . . . . . . Die Soziale Partei . . . . . . . . -Die deutfche Gewerkfchaftsbewegung nach

80 84

.

90

Die ..Deutfche Arbeiter-Union“ und ihre Zeitung. . . . . . . . . . . Adolf Donai .

94 98

dem Kriege

.

.

.

.

.

.

.

.

Zweiter Teil. Die Internationale Arbeiter-Affoziation. 1. Kapitel: Beginn der Propaganda.

1. 2.

.NZ-AWP?“

. 107 Sektion 1. New York (A. D. A. V.) Die New Yorker Internationale und der Krieg von 1870 . . . . . 115 Eine Anti-Kriegs-Demonftration . 121 . 125 Das Zentral-Komitee . . 134 Die Varifer Kommune . . . . 137 Die'Affaire Wafhburne . . . Die Internationale vor dem Kongreß der Vereinigten Staaten . . . . . . 143

2. Kapitel: Jnnere Kämpfe.

NZNÄ'ÖFNZOZ'*

Arbeiter und Reformer . Sektion12......... Der proviforifche Föderalrat . . . . Ter ..Prince (Spring) Street Council“ Das Eingreifen des Generalrats . . . Die Apollo Konvention und ihre Folgen . Der Kongreß in Philadelphia 1'872 .

. . . . . . .

147 151 156 158 161 161 167

3. Kapitel: Die nordamerikanifche Föderation bis zum Haager Kongreß .1'

'Entwicklung der Organifation &7L

-.173

2. 3.

Der erfte Kongreß 'der nordamerikanifchen Föderation . . . . . . . . . 177 Der neue Föderalrat . 181

4. Kapitel: Die Lage der Afioziation in Europa.

1.

Verfolgungen

2. -Innere Wirren . 3.

. 184

.

. 190

Der Haager Kongreß

. 194

5. Kapitel: Der Generalrat in New York.

1. 2.

'Die neue Behörde . . Die ..Arbeiter-Zeitung“

. .

. 209 . 211

3. - Die Allianziften' und ihre Freunde

. 214

4. 5.

. 227

. .

Stand der Affoziation . . . . . Lage der Dinge in den Hauptländern: n)- Frankreich . '0) Spanien

6. 7.

. .

.

. 239

.

. 242

g) England . . . . . Die NordamerikanifÜe Föderation Der Genfer Kongreß 1873

. 248 . 252 . 256

6. Kapitel: Krifis und Arbeiterbewegung. 1. 2. 3. 4.

Die Krife von 1873 und ihre Wirkung . . Der Ueberfall auf Tompkins Square . . Die Untätigkeit des Föderalrats und ihre Folgen . . . . . -. . . . . Der Kongreß der nordamerikanifchen 'Föde ration in Philadelphia . . . . .

273 281 286 291

7. Kapitel: Neubildungen. 1. 2. 3. -

4.

Die Gründung der Sozial-Demokratifchen - Arbeiterpartei . . . -. . . . . 297 Partei-Organ und Partei-'Kongreß . . . 302 Die Anfänge der Arbeiterhewegung in Chi cago und St. Louis .

.

.

. - .

Die Internationale in Chicago . Ä/ll

.

. 307

. 310

5. 6.

Die Arl-eiterpartei von Illinois . . . Die Bewegung in anderen Großftädten .

. 317 . 326

8. Kapitel: Die letzten Iahre der Internationale. 1. 2.

Der -Generalrat als fungierender Föderalrat 329 Ende der ..Arbeiter-Zeitnng“ nnd der Sek

WqIPO

tion1.... Weitere Gegenfäße .

8.

Einignngsbeftrebnngen . . . . .- . Allg. Arbeiter-Konvention in Pittsbnrg' . . Der zweite Kongreß der Sozial-Demokrati fchen Arbeiter-Partei . . . . . . Die Pittsburger Einignngs-Konferenz . . Der Stand der .Internationale .

.

.

.

.333 . 3:36

340 344 348 350 351

9. Kapitel: Das Ende der Internationalen Arbeiter Affoziation.

1. Die Delegierten-Konferenz in Philadelphia 2.- Der dritte Kongreß der nordamerikanifchen Föderation . . . . . . . . . 3. Der Einignngs-Kongreß 10. Kapitel: Die Arbeiterpartei der Vereinigten Staa ten.

.DMOZ"ONE*

Nackt der Vereinigung Neue -Gegenfäße . .

. .

Der Eifenbahnarbeiter--Streik von 1877

Politifcl-e Aktion . Zeitungsgründungen . Der Newarker Kongreß

. . . . . .

373 375 382 389 392 396

11. Kapitel: Pioniere der Internationale in Anierika.

1. 2. 3.

Engländer. Amerikaner und Franzofen . Die erften deutfchen Bahnbrecher . F. A'. Sorge nnd feine Mitarbeiter ' Kill(

. 401 . 404 . 411

Dritter Teil. Internationale und Gewerkfchaftsbewegung.

1. Kapitel: Stellung zu den Gewerkfchaften. 1. 2.

Der Generalrat und die Trades-Unions . Internationale Gewerkfcbaften ,.

. 427 . 434

2. Kapitel: Der Kampf um den Arbeitstag. 1. 2. 3.

Verkürzung der Arbeitszeit Der gefeßliclxe Arbeitstag . . . Die AcHtftnnden-Liga in Bofton .

4.

Ira Steward

5. 6.

Internationale und Achtftnndenkampf Rückfchläge . . . . - .

.

.

.

.

.

.

. . . . . .

.

439 444 454 461 470 480

K. Kapitel: Internationale und amerikanifche. Ge werkfch-aftsbewegnng. PW'Qp-k

Unklarheiten

.

.

. -.

.

. 487 . 489 499

Gewerkfchaftliche Zentralkörper Verfch-iedene Anfckxannngen .Internationale

5.

und

alnerikanifchc Trades

Unions......... Gründung von National-Verbänden .

.

. 503 . 508

4. Kapitel: Ausläufer der Internationalen Bewegung.

'

1.

United Workers.

2.

International Labor Union .

.

Säflußwort

.

.

.

. 512 . 514 . 521

lx"

Vorwort. Die Gefchichte der Internationalen Arbeiter-Affoziation ift noch zu fchreiben. Was bisher aus diefer Gefchichte aufgezeichnet wurde. .geht über Vruchftücke kaum hinaus befchränkt fich in der Hauptfache auf Epifodenfchilderung.

Der Einfluß der Internationale auf die Entwicklung der politifchen und gewerkfchaftlichen Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern wurde bisher nur vereinzelt unterfucht. Tiefer Einfluß ift viel größer gewefen. als man in der Regel annimmt und felbft von Freunden der Arbeiterbewegung wird er häufig unterfchäßt; ja er ift oft genug vollftändig in Vergeffenheit geraten. Diefer Einfluß der Internationale auf die Entftehung und Entwicklung der Arbeiterbewegung der einzelnen Länder ift feftzuftellen. ehe an eine allgemeine Schilderung der Bedeutung der Internationalen Arbeiter-Affoziatiom

an eine allgemeine Gefchichte diefer berühmten Gefellfchaft gedacht werden kann. Im vorliegenden Bande ift der Verfuch gemacht. diefen Einfluß der Internationale auf die allgemeine Arbeiter bewegung der Vereinigten Staaten feftzuftellen und gleichzeitig die hiftorifchen Vorgänge zu fchildern. die im Rahmen und im Zuf'ammenhang mit dieferAffoziation fich abfpielten.

In gewiffem Sinne ift der vorliegende Band eine Fort feßung meiner im Iahre 1907 im Verlage von I. H; W. Dieß in Stuttgart erfch-ienenen Schrift ..Die Anfänge der deutfchen Arbeiterbewegung in Amerika.“ Die politifchen Verbände der deutfchen Arbeiter in den Vereinigten Staa ten gingen nach dem Bürgerkriege nahezu völlig auf in der Internationale. während die Mitglieder diefer Affoziation die deutfchen Gewerlfchaften des Landes derart beein flußten. daß die Ideen und Anfchauungen der Internatio nale in diefen Organifationen maßgebend wurden. Die Gefchichte der deutfchen Arbeiterbewegung in den Ver xl

einigten Staaten vom Ende der fechziger bis Mitte der fiebziger Iahre des vorigen Iahrhunderts iit deshalb nur

in der Gefchichte der Internationale in Amerika zu verfol gen. ja. diefe Gefchichte der Internationale war fchließlich ?ie dGefchichte der deutfchen- Arbeiterbewegung in diefem an e. Was für die Schrift galt. die diefem Bande vorausging. daß fie nämlich zum Teil dazu dienen follte. das hiftorifche Material. das zerftreut umherlag. zu fammeln und vor dem Untergang zu bewahren. das gilt auch von der vor liegenden Schrift. Das ift auch der Grund. daß ich ftetS wo es irgend anging. Schriftftücke und Dokumente reden ließ. offizielle Auslaffungen alfo ihrem Wortlaut nach gab. anftatt eine Skizze ihres Inhalts zu geben.

Das

mag dem Inhalt des Buches hie und da ein etwas trockenes Gepräge geben. ließ fich aber nicht umgehen. wollte man die offiziellen Aktenftücke. die in Briefen. fchriftlichen Auf zeichnungen aller Art und Zeitungsartikeln verftreut und meiftens unzugängig find. der Nachwelt erhalten. Die bisherigen Schilderungen über das Wirken der In ternationale in Amerika find in der vorliegenden Schrift nur wenig berückfichtigt worden.

Für die Iahre von 1870

bis 1876 ftanden mir die Brieffchaften und offiziellen Protokolle der Internationale und ihrer New Yorker Be hörden während diefer Zeit zur Verfügung. die fich im Befiße von F. A. Sorge befanden und

die

die

denkbar

beften -Quellen für eine Gefchichte der Internationale in Amerika bilden. Außerdem find die deutfchen Arbeiter Zeitungen in New York aus jener Zeit. die ..Arbeiter Zeitung“ (1873 und 1874). der ..Sozial-Demokrat“ und die ..'Arbeiterftimme“ benußt worden.

Für -die Zeit des

Bürgerkrieges und der fechziger Iahre überhaupt find mir neben einigen deutfchen und englifchen Arbeiterzeitungen New Yorks. Flugfchriften Statuten. Protokolle. Briefe. ete.. als Quellen zur Verfügung geftanden. Iclz bin mir wohl bewußt. daß das Material. das in diefer Schrift geboten wird. von fehr verfchiedenem Werte ift.

Die Rolle. die die Internationale während des Nord

amerikanifchen Bürgerkrieges gefpielt hat; das heldenmütige Einftehen der Arbeiter Englands für den Norden unter Einfluß der Leute. die fpäter den Generalrat der Inter All

nationalen Arbeiter-Affoziation bildeten;

das

Verhalten

. des Generalrats felbft während des Bürgerkrieges; der Dank. den Abraham Lincoln den Arbeitern Englands und dem Generalrat der Internationale abftattete für die Dienfte. die diefe der Sache des Nordens. der Union geleiftet hatten _ all das find Vorgänge. deren Schil

- derung nicht bloß für die Mitglieder der Arbeiterklaffe. fondern auch für die Allgemeinheit Interelfe haben; umfo mehr. als die bürgerliche Gefchiclnsfchreibung fich mit Erfolg bemüht hat. durch ein infames Totfchweigefhftem diefe ruhmreichen Seiten der Gefchichte der Arbeiterbewe gung in Vergeffenheit geraten zu- laffen.' Aber auch die manchmal recht unerquicklichen Seiten der Gefchichte der Internationale. die von den Zerfeßungserfcheinungen der Organifation. von Streitercien und kleinlithen perfönlichen Gegenfäßen aller Art berichten. find troßdem nicht ohne Intereffe. ja. manchmal nicht ohne Wichtigkeit. Man kann oftmals mehr lernen aus hiftorifchen Vorgängen. deren Nachahmungen fich von ielbit verbieten. als aus Ereig ..niffen. die Einem öfter als ..gutes Beifpiel“ vor Augen

geführt werden. Iedenfalls - ich habe es mit Bezug auf das gegebene Material mit Gufta v Ia e ckh gehalten. der in feinem Vue-he über denfelben Gegenftand die Meinung ausfpricht. daß nichts unbedeutend ift in jener ereignisreichen und entfcheidungsvollen Zeit. die die Iahre des Wirkens der Internationale umfaßt. Ich habe deshalb auch das an fcheinend Unbedeutende. ja Unerquickliche. nicht fortlaffen wollen. um fo weniger. als die Vorgänge. auf die es fich

bezieht. von Einfluß waren auf die Neubildungen. die fich auf dem Gebiete fozial-politifcher Organifation voll zogen. von Einfluß auch auf die Entwicklung der getrerk fchaftlichen Bewegung des Landes. Der Verfaffer.

Älll

WW WW WW WW 1. Kapitel

Allgemeine Lage . 1.

Stand der Organifation.

Die wirtfchaftliche Krife von 1857 hatte den fchwachen Anfängen der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten fchwere Schläge beigebracht. Es beftanden fchon gewerkfchaftliche Organifationen. ja. fogar fchon nationale Verbindungen einzelner Gewerba wie z. B. jene der Buch drucker und der Hutmacher. aber bedeutenden Einfluß befaßen fie nichß und Schlägen. wie die foeben erwähnte Krife fie brachte. waren fie nicht gewachfen. Die Schwäche der amerikantfchen Gewerkfchaftsbewe gung jener Zeit war auf die verhältnismäßig geringe induftrielle Entwicklung des Landes zurückzuführen. Eine großkapitaliftifche Induftrie beftand eigentlich nur in den Neu-England-Staaten. in Maffachufetts. in Rhode Island in Connecticut. Induftriearbeiter im heutigen Sinne waren deshalb in der Hauptfache auch nur dort zu finden. Die Farmer. die Ackerbauer bildeten die Maffe der Bevölkerung. Die Warenproduktion wurde zum großen Teil noch hand werksmäßig betrieben. Unter den Handwerkern befanden fich verhältnismäßig wenig Amerikaner. Diefe konnten im Ackerbau. im Handel. im Verkehr infolge ihrer befferen Kenntniffe des Landes und der Sprache leichteren Erwerb finden. als in der Fabrik und in der Werkftatt. wenigftens außerhalb der drei genannten Neu-England-Staaten. Fur die ..ungelernte“ Arbeit lieferten die eingewanderten Irlän der hauptfächlich die Arbeitskraft. in den handwerksmäßigen 3

Berufen die Deutfchen. Die gewerkfchaftlichen Organifa tionen der deutnhen Arbeiter hatten deshalb damals auch eine weit größere Bedeutung innerhalb der beftehenden Arbeiterorganifationen. als fpäter. Allen Gewerkfchaften haftete. der induftriellen Entwicklung entfprechend. ein gewiffer handwerksmäßiger Charakter an. Erft nach und 'nach wandelten fich diefe Gewerkfchaften -, foweit fie beftehen blieben _ zu Organifationen moderner Induftrie arbeiter um. Es dauerte faft zwei Iahre. ehe fich die Arbeiterorga nifationen von den Schlägen der Krife von 1857 erholt hatten. Dann wurde es etwas lebhafter. In New York organifierten fich um diefe Zeit die deutfchen Schreiner. Pianomacher. die Zigarrenarbeiter u' a. Lokale Organifa tionen. deutfche und englifche. wurden in allen größeren Städten gebildet. Nationale Gewerkfchaftsverbände wur den ins Leben gerufen. Die Eifen- und Stahlarbeiter hat ten 1858 damit den Anfang gemacht. indem fie fich einen Nationalverband unter dem Namen “8011o of 71110-111" (Vulkansföhne) fchufen. Im März 1859 folgten - auf einer Konvention in Philadelphia - die Mafchiniften und Schmiede; dann. im Iuli. in derfelben Stadt die Eifer! gießer. die 11-011 WoW-31o. Im folgenden Iahre _ 1860 betrug die Zahl der Gewerbe. die in den Vereinigten Staa ten fich nationale Verbände gefchaffen hatten. fchon fechs undzwanzig.*) Von diefen gewerkfchaftlichen Nationalverbänden. die kurz vor dem Bürgerkrieg entftanden. find befonders jene der Mafchiniften und Schmiede (Uoobjnjoto und Mao): ImjtbZ) und jene der Eifengießer und Former von In tereffe. weil fie unter dem Einfluß von Leuten ftanden. die fpäter in der amerikanifchen Arbeiterbewegung eine bedeu tende Rolle fpielten. Im Frühjahr 1859 brachen an verfchiedenen Pläßen Streiks der Eifengießer aus. Die Unternehmer lehnten die Forderungen ihrer Arbeiter ab und bildeten für die öft lichen und mittleren Staaten der Union einen National

Vekband. die “Antional Louuciero' League"- Diefek Un . *Z. LIy: 'L'be Labor b/loycment in Riverjoa.

1886.

Z. 60. 4

dien' ?cu-1c.

ternehmer-Verband fuchte Arbeiter vom Auslande zu importieren. um fo die ftreikenden Arbeiter zu Paaren zu treiben. Es war ein Arbeiter diefes Gewerbes. der Eifen gießer William H. Shlvis in Philadelphia. der die Pläne der Unternehmer feiner Gefchäftsbranche durchfchaute und der befchloß. ihnen entgegen zu wirken. Er fuchte die berfchiedenen lokalen. Organifationen feines Gewerbes zu fammen zu bringen zu dem Zwecke. dem nationalen Verband der Unternehmer einen nationalen Verband der Arbeiter entgegen zu ftellen. Als Erfolg feiner Bemühungen trat am 5. Iuli 1859 die “(1-01) blower5' 00l1u6ntj0n" in Philadelphia zufammen und bewerkftelligte eine fefte Orga nifation des Gewerbes. Die Konvention erwählte ein Komite. das eine Adreffe an die Eifengießer der Vereinigten Staaten entwerfen follte. Diefe Adreffe wurde von Shlvis verfaßt. Sie ift von Intereffe. weil fie einen Einblick gibt in die Auffaffungen und Ideen. die damals in amerikanifchen Arbeiterkreifen herrfchten. Es hieß in diefer Adreffe u. a.: ..Reichtum ift Macht. und die praktifche Erfahrung lehrt uns. daß er eine Macht ift. die nur zu oft zur Unterdrückung und Erniedrigung der Arbeiter gebraucht wird. Das Kapital des Landes konzen triert fich mehr und mehr in die Hände einiger Wenigen und in dem Verhältnis. in dem der Reichtum des Landes zentralifiert wird. wächft feine' Macht. und die arbeitenden Klaffen verarmen. Wir. als Männer. die mit den ernften Wirklichkeiten des Lebens zu kämpfen haben. wir haben die Pflicht. diefen Tatfachen gerade ins Geficht zu fehen. Es hilft nichts. der Frage aus dem Wege zu gehen. Ueberlege jedermann in ehrlicher und aufrichtiger Weife die Sache und dann handle er feiner Ueberzeugung gemäß. Welche Vofition nehmen wir. die Handwerker Amerikas. in der Gefellfchaft ein? Erhalten wir eine Gegenleiftung für unfere Arbeit. genügend. uns eine verhältnismäßige Unab hängigkeit und Refpektabilität zu bewahren. genügend. die Mittel zu befchaffen. mit denen wir unfere Kinder erziehen und fie befähigen. ihre Rolle in dem Drama diefer Welt zu fpielen? Oder find wir gezwungen. demütig bittend unfer Knie vor dem Reichtum zu beugen und durch unprofitable Frohn ein Leben zu erwerben. das durch die Abwefenheit

aller Freuden nur die Ketten fühlen läßt. die uns an unfer Schickfal binden?“ *) Unter der Betonung des Saßes. daß in der Vereinigung die Macht der Arbeiter liegt. fordert Shlvis dann feine Gewerksgenoffen auf. dem neuen Bunde beizutreten. Der Verfaffer diefes Aufrufs. der fchon damals in fo klarer Weife die Stellung der Arbeiter gegenüber dem Kapital zu betonen wußte. wurde in der nächftjährigen Konvention feines National-Verbandes. die im Ianuar 186() in Albanh im Staate New York ftattfand. zum Beam ten der Organifation gewählt. als welcher er nicht blos. wie wir fehen werden. in feinem Verbande. fondern in der gan zen amerikanifchen Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle fpielte. Neben dem National-Verbande der Eifengießer waren zu jener Zeit die Organifationen der Mafchiniften und Schmiede befonders tätig. wie auch jene der Schiffsbauer. Beide Gewerke debattierten fchon damals eifrig den Acht ftundentag. Auf der Jahreskonvention der erfteren tauchte fchon die Forderung eines gefeßlichen Achtftundentages von bundeswegen auf. und die Schiffsbauer errangen ftellenweife den Achtftundentag fchon infolge ihrer ftarken Organifation. Auch in den übrigen englifchfprechenden Gewerkfchaften herrfchte kurz vor dem Ausbruch des Krieges ziemlich reges Leben. ebenfo in den Gewerkfchaften der eingewanderten deutfchen Arbeiter. Weniger günftig ftand es mit den politifchen Arbeiter organifationen. von denen nur wenige deutfche beftanden. Diefe litten fehr unter der Agitation gegen die Sklaverei und unter den drohenden politifchen Verhältniffen. In New York beftand der ..Arbeiterbund“. der aber mehr unter dem Einfluß radikal-bürgerlicher Achtundvierziger ftand. als unter dem Einfluß radikaler Arbeiterideen. Dasfelbe galt von dem Organ diefer Organifation. der ..Sozialen Repu blik“. In Chicago beftanden deutfche Arbeiterorganifa tionen. die mit dem New Yorker ..Arbeiterbund“ Verbin dung hatten. Hier hatten noch Schüler von Karl Marx Einfluß. befonders Iofeph Wehdemeher. der Redakteur eines . * leite. Zpeeeliee. Labore ancl 1388373 of W111. l-l. Zyluje. !1j8 iii'other. ,lx-mm8 C. 871x18. yiiilnclelplija. 1872. p. 31.

6

8)

Arbeiterhlattes. ..Stimme des Volkes“. war. das von dem Zentralkomite der deutfchen Arbeiterorganifationen Chi cago's herausgegeben wurde. Sowohl die ..Soziale Republik“ als auch die ..Stimme des Volkes“ gingen im Laufe des Iahres 1860 ein. Der drohende Konflikt zwifchen dem fklavenhaltenden Süden und dem Norden der ..freien Arbeit“ berdrängte alle ande ren Fragen und machte eine politifche Arbeiterbewegung zunächft unmöglich. während. wie wir gefehen haben. die gewerkfchaftliche Bewegung verhältnismäßig lebhaft war. Das war der Stand der Dinge. als die Wahl Lincolns im Herbfte 1860 die Südftaaten veranlaßte. ihren Austritt aus der Nordamerikanifchen Union zu erklären und damit den Bürgerkrieg zu beginnen.

2.

Befchleunigte Entwicklung.

Der Ausbruch eines Krieges. wie es der Kampf des amerikanifchen Nordens mit dem Süden war. der tatfächlich die Exiftenz des gefamten Staatswefens bedrohte. mußte naturgemäß die induftrielle Tätigkeit des Landes und damit auch die Arbeiterbewegung aufs tieffte beeinfluffen. Tat fächlich machte fich denn auch zu Beginn des Kampfes eine allgemeine Erfchütterung aller Induftrien bemerkbar und die Arbeiterorganifationen litten fchwer; viele von ihnen verfchwanden im Laufe der erften Iahre des Krieges voll ftändig. Die Stellung der Arbeiter zum Sezeffionskriege war durchaus keine einheitliche. Im allgemeinen darf man fagen. daß die Lohnarbeiter des Nordens wie des Südens Gegner der Negerfklaverei waren. jene des Südens aber einen bitteren Raffenhaß gegen die Neger hegten. Zu .Be ginn des Krieges trat die Frage der Sklaverei zunächft zurück vor der Frage der Aufrechterhaltung der Union. die durch den Austritt der Südftaaten bedroht war.

Wenn auch die

Sklabereifrage der ganzen Sezeffionsbewegung zu Grunde lag. fo taten die Politiker in Wafhington doch alles. um der Sache ihre Klarheit zu nehmen. und den ausbrechenden Kampf nicht als Kampf gegen das wirtfchaftliche Inftitut der 7

Negerfklaverei. fondern als Kampf um eine politifche Form. den Beftand der Union nämlich. erfcheinen zu laffen. Die Arbeiterorganifationen des Südens. foweit folche vorhanden. waren durchaus nicht für den Kampf ihrer Staa ten gegen die Union eingenommen. und es ift hervorzuheben. daß fie anfangs allgemein für die Aufrechterhaltung der Union und gegen die Sezeffionsbewegung der herrfchenden Klaffe ihres Staates eintraten. Aber auch die Gewerkfchaf ten des Nordens ftanden dem ausbrechenden Kampfe durch aus nicht mit Begeifterung gegenüber. Einige einflußreiche Vertreter der Gewerkfchaften ver? fuchten. die Arbeiterklaffe des Landes zu veranlaffen. ihren Einfluß gegen den Krieg geltend zu machen. Befonders tätig nnter ihnen war Shlvie-z. Diefer hatte mit anderen Mit gliedern der Eifengießer-Union eine Zufammenkunft in Louisville. Kentuckh. veranftaltet. wo Refolutionen ange nommen wurden. die erklärten. daß die Arbeiter. ganz gleiH welcher politifchen Partei fie angehörten. der Ueberzeugnng feien. daß der Wohlftand des Landes und die Hoffnungen der Zukunft auf der Aufrechterhaltung der Union beruh ten.*) Die Wahl Abraham Lincolns fei ihrer Meinung nach durchaus kein Grund. die beftehende Regierungsform zu ändern. Die Befchlüffe diefer Verfammlung von Arbeitern in einem füdlichen Staate 'forderten weiter die Arbeiter des. ganzen Landes auf. in jedem Kongreßdiftrikt Verfamm lungen eabzuhalten. und die Refignation all jener Kongreß Vertreter in Wafhington' zu fordern. die durch ihre Haltung den Beftand der Union gefährdeten. Zum Schluß wurde hervorgehoben. daß die Handwerker Kentnckhs für die Auf rechterhaltung der Union feien. fich aber nicht als demütige Untertanen betrachteten. Sie wüßten. welche Rechte fie hät ten. und fie feien deshalb auch entfchloffen. ihre

Rechte

außerhalb der Union oder in ihr aufrecht zu erhalten. Sowohl im Süden als auch im Norden wurden ähnliche Verfammlungen von den organifierten Arbeitern abgehalten und ähnliche Erklärungen abgegeben. Das führte fchließlich zur Abhaltung einer Arbeiterkonvention in Philadelphia. die . * leite. Zpeecließ. [avm-8 ami LINZ-8 0f &WW-m1 [-l. 871uD. Mijwcjeipbjn. 1872. x). 42 tk.

8

am 22. Februar 1861 dort zufammentrat. Der Aufruf zur Abhaltung diefer Konvention ging von Louisville. Ken tuckh. aus. Der Befuch der Konvention war nicht der. den man er wartet hatte. obgleich Delegaten aus vielen Staaten anwe fend waren.

Tätigften.

Unter den Anwefenden war Shlvis einer der

Auch der Zufchneider Uriah S. Stephens. der

fpätere Gründer der “Ling11ro 0f Labor". des Ordens der

Arbeitsritter. befand fich unter den Delegaten. Man be fchloß. ein Komite von 34 - für jeden der damaligen Staa ten der Union einen Vertreter - zu ernennen. das Ver fammlungen und Demonftrationen im Sinne der Einberufer der Konvention veranftalten follte. Die Verhandlungen fchloffen mit einer großen Parade der Arbeiter und einer Maffenverfammlung. auf der feitens der Redner betont

wurde; daß die organifierte Arbeiterfchaft gewillt fei. ihre politifchen Differenzen zu opfern. um den Beftand der Union zu fichern. Shlvis hatte einige Tage vor diefer Konvention. am 12. Februar. fich in einer Arbeiterzeitung in Philadelphia. in der “Recke-mie5' Gum". über die Aufgaben derfelben aus gelaffen. Nachdem er betont hatte. daß die bevorftehende Konvention eine A r b e i t e r - Konvention fein werde. erklärte er. daß ..unter der Leitung politifcher Demagogen und Verräter. die über das ganze Land. im Norden und Süden. Often und Weften. tätig find. das Land fo rafch als möglich zum Teufel geht.“ ..Wenn die Maffen fich nicht in ihrer Macht erheben und ihren Repräfentanten lehren. was zu tun ift. fo wird das gute alte Schiff (die Union) zu Grunde gehen.“ Der Brief empfahl noch die Abhaltung von Verfammlungen. in denen für die Aufrechterhaltung der Union agitiert werden follte. 'Das Komite von 34. das feitens der Konvention in Philadelphia eingefeßt war. feßte nach Schluß der Verhand lungen feine Tätigkeit fort und hielt verfchiedene Sißungen ab. In einem Briefe vom 23. März äußerte fich Shlvis. der korrefpondierender Sekretär des Komites war. über deffen

Aufgabe dahin. daß er die Organifation der induftriellen Klaffen in Stadt und Staat vervollftändigen und fortfeßen foll zu dem Zwecke. Männer. die als ehrlich und fähig bekannt find. in die Stellungen des öffentlichen Vertrauens 9

hineinzubringen. Männer. die die wahren Bedürfniffe des Volkes kennen und die uns unferen Wünfchen entfprechend vertreten; Männer. die die Politik nicht als Gefchäft betrei ben. Männer. die nicht gegen eine Belohnung bloße Werk zeuge verdorbener Korporationen und autokratifcher Mono pole werden; Männer- die ihre Zeit und Kraft der Schaffung guter Gefeße widmen.“ Die Tätigkeit Shlvis' und des 34er Arbeiter-Komites änderten den Gang der Dinge natürlich nicht. Die Arbeiter klaffe war viel zu unentwickelt. als daß die Betonung ihrer Klaffenintereffen irgendwelchen Eindruck hätte machen kön nen. Und felbft wenn die Arbeiter beffer organifiert. kräfti ger entwickelt. wenn fie eine ftärkere Gefellfchaftsfchicht gebildet hätten. fo wäre ihr Vorgehen doch vergeblich gewe

fen. fchon deshalb. weil fie zu fpät in ihrer Tätigkeit einfeß ten. Der Staat Süd-Carolina hatte fchon am 30. Dezem ber 1860 feinen Austritt aus der Union erklärt. Fünf weitere Staaten waren im Laufe des folgenden Monats dem gegebenen Beifpiele gefolgt. Die Anti-Sklaverei Leute im Norden. wie das Sklavenhalter-Element im Süden arbeiteten gewaltfam auf den Konflikt hin. fodaß die Ver fuche der nur fchlecht organifierten Arbeiter zur Verhinde rung des Kampfes fruchtlos fein mußten. Das Unheil ging alfo feinen Gang. wenn man von gefchichtlich notwendigen Kämpfen als Unheil reden darf. Am 12. April fchon feuerten die Sezeffioniften auf das Fort Sumter am Hafen von Charlefton. Der Rcbellionskrieg. der zur Vernichtung der Negerfklaverei führen follte. hatte begonnen. Zunächft litt die induftrielle Tätigkeit des Landes fehr und die Arbeitslofigkeit wurde allgemein. was die Schaffung der Armee des Nordens fehr erleichterte. da die Arbeitslofen -willig in die Reihen der Kämpfer eintraten. Die Arbeiter organifationen litten nnter der Arbeitslofigkeit. teils auch dadurch daß ihre Mitglieder fo zahlreich. dem Rufe zu den Waffen folgten. fodaß viele Organifationen alle Mitglieder verloren. Befonders waren auch viele Gewerkfchaftsbeamte und Arbeiterwortführer zur Stärkung der Armee tätig indem fie aus ihren Organifationen und Werkftätten mili tärifche Kompagnien relrutierten. in denen fie felbft führende Rollen übernahmen. Eine Gewerkfchaft in Philadelphia

trat vollzählig in die Armee ein. was durch den folgenden 10

Vermerk im Protokollbuch eingetragen wurde: ..Da be fchloffen wurde. daß wir uns bei Onkel Sam für den Krieg einreihen laffen. fo ift diefe Gewerkfchaft vertagt. bis der ?beZtanZ der Union entweder ficher oder wir geprügelt in

Die Einreibung fo vieler Taufende von Arbeitern in die Armee verminderte das Angebot von Arbeitskräften natür lich gewaltig. Das Heer der Arbeitslofen fchwand bald. Der Bedarf für Heer und Flotte. Kriegsausrüftung. Waffen. Ernährung und die taufenderlei Bedürfniffe eines großen Heeres erforderten produktive Arbeit. Der Bedarf der Armee diente als Stimulus für die darniederliegende Induftrie und bald zeigte fich wieder eine rege Tätigkeit in allen Arbeitszweigen. Die vermehrte Arbeitsgelegenheit brachte für die Arbeiter zwar eine Erhöhung der Löhne. aber Hand in Hand mit diefer vermehrten Arbeitsgelegen heit ging eine andere wirtfchaftliche Erfcheinung. die auf eine Verfchlechterung der Arbeiterlage hinwirkte. Der Krieg koftete Geld; er fchluckte ganz enorme Summen. Im Iahre 1861 betrugen die Koften. die die Regierung in Wafhington für Armee und Marine aufzubringen hatte. 835.389.000; im folgenden Iahre fchon 8431.813.000 und 1865 gar 81.153.307.000. Insgefamt belief fich die Summe der Kriegsrüftungen des Nordens in den fünf Kriegsjahren von 1861 bis 1865 auf 83.063.180.000.") Diefe ungeheuren Summen mußten gedeckt werden. Man machte Schulden. man griff zur Ausgabe von Papier geld. Aber der Ausgang des Kampfes war ungewiß. und ungewiß deshalb auch ob der Staat. der das Papiergeld ausgab. im Stande fein werde. es gegen Edelmetall einzu löfen. oder feine Schulden bezahlen zu können. Das Papiergeld wurde entwertet. Ein Dollar Papier war wäh rend der Kriegsjahre nur 40 bis 70 Cents in Gold wert. Die Folge war eine durchfchnittliche Erhöhung aller Waren preife bis zu 75 Prozent. Einzelne Waren kofteten 1866 das Dreifache deffen. was fie 1860 gekoftet hatten. Die . 5;'1". 7. yonäeriy: lint-t)- Year3 of Labor. p»

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11

Arbeitslöhne wurden natürlich in. entwertetem Papiergeld gezahlt. ' Diefe Bewegung der Warenpreife infolge der Entwer tung des Papiergeldes brachte die amerikanifchen Arbeiter während des Krieges dahin. daß fie bei guter Arbeits konjunktur doch eine Verfchlechterung ihrer Lage erlitten. Das zwang fie zum Kampfe um Aufrechterhaltung ihrer Lebenshaltung. Man ftellte Forderungen. Die gefchwäch ten Reihen der Organifationen ftcirkten fich wieder. Neue Organifationen wurden gefchaffen. Der Krieg baute wie der auf. was er urfprünglich zeritört hatte. Die Arbeiter bewegung wurde wieder ein ftarker Faktor des öffentlichen Lebens. Neben dem Kampfe der Arbeiter um ihre Lebenshaltung und neben der großen Nachfrage nach Arbeitskraft während der Kriegsjahre wirkte noch ein anderes Moment mit. das

die neue Arbeiterbewegung günftig beeinflußte. Während nämlich die Lohnarbeiter troß günftiger Konjunktur fich abmühen mußten. um den bisherigen Stand ihrer Lebens haltung aufrecht zu erhalten. feierte die Bourgeoifie des Nordens förmliche Profitorgien. Unter dem befruchtenden Segen der Millionen.

die der

Staat für

Armee-

und

Marine-Kontrakte und Lieferungen zu zahlen hatte. ent wickelte und konzentrierte fich die Großinduftrie ungemein. Die Maffenhaftigkeit des Warenbedarfs für die Armee ver wandelte die Werkftatt überall in die Fabrik. Die Betriebe wurden außerordentlich vergrößert und fo die Arbeiter in größeren Maffen in einzelnen Fabriken zufammengezogen.

In nahezu allen Induftrien verdrängte um diefe Zeit die Mafchine die Handarbeit. Eine Aufhäufung von Reichtum in wenigen Händen erfolgte. die bis dahin unerhört war. Betrügerifche Manipulationen der Armeelieferanten - es fei nur an die Lieferung von Kleiderftoffen erinnert. die aus alten zerkraßten Wollftoffen - oboclcly - hergeftellt waren. und an ähnlich hergeftelltes Schuhwerk - häuften Millionen in den Tafchen Einzelner der ..Shoddh-Arifto kratie“. Ebenfo die Ausrüftung von ..Blockadebrechern“. jener Handelsfchiffe. die Waren in Häfen ein- oder aus führten. die als gefchloffen. als ..blockiert“ erklärt waren. Mehr als es bis dahin der Fall war. wurde auch die Gefeß gebung. befonders der Kongreß. in ein Werkzeug der Bour 12

geoifie verwandelt. Millionen Aeres von Staatsländereien wurden an Eifenbahngefellfchaften und ähnliche Monopole verfchenkt. Der Kapitalismus feierte unerhörte Erfolge. Der Nationalreichtum der Vereinigten Staaten. der 1860 8514 per Kopf der Bevölkerung betragen hatte. war 1870 auf 8780 per Kopf geftiegen. troß der koloffalen Vernich tung von Werten infolge des Krieges. unter der befonders die Südftaaten litten. Der Reichtum häufte fich in der Hauptfache in den Induftriegegenden Neu-Englands. in New York und anderen Großftädten des nördlichen Oftens. Im nordatlantifchen Teile des Landes betrug der National

reichtum im Iahre 1860 8528 pro Kopf. alfo nur 814 über den Durchfchnitt im gefamten Lande. Im Iahre 1870 kam im felben Diftrikte auf jeden Kopf der Bevölkerung 81243. 8463 über den Durchfchnitt alfo.*) Hier im Nordoften des Landes wurde während des Bürgerkrieges der Grund gelegt für die Geldherrfchaft der Vereinigten Staaten. Die außerordentliche Befchleunigung des kapitaliftifchen Konzentrationsprozeffes durch die Treibhaushiße des Krie ges fchuf natürlich ebenfo rafch auch den Boden. aus dem die Arbeiterbewegung emporfchießen mußte. Zunächft bilde ten fich wieder überall lokale Gewerkfchaften. die bald wieder zu Nationalverbänden zufammengefaßt wurden. Im Iahre 1863 fchon organifierten fich die Lokomotivführer in einen Verband. der das ganze Land umfaßte; im folgenden Iahre die Zigarrenarbeiter und Maurer. Bei Beendigung des Krieges hatten fich nicht weniger als dreißig bis vierzig Gewerbe in den Vereinigten Staaten eine nationale Organifation gefchaffen.

3.

Stand der deutfehen Arbeiterbewegung.

Die deutfche Arbeiterbewegung des Landes wurde bei Ausbruch des Krieges natürlich ebenfo ftark in Mitleiden fchaft gezogen wie die englifchfprechende. Befonders ihre radikale Richtung wurde gefchwächt. Viele ihrer Wort führer zogen ins Feld. um mit der Waffe in der Hand zu nächft die Frage der Negerfklaverei zu löfen. eine Löfung. . *LL Com-iin: lnclußtrial L-ljetorz- of the Uniteä Ztateo. 13

die der der Lohnfklaverei voranzugehen hatte. Viele deutfche fozialiftifch-revolutionäre Arbeiter erlitten in Amerika den Tod für die Befreiung der Sklaven. Die Urfachen. die die allgemeine Arbeiterbewegung belebten. wirkten natürlich auch auf den deutfchen Zweig derfelben. und fchon in den beiden erften Iahren nach Aus bruch des Krieges fanden fich die deutfchen Arbeiter in den Gewerkfchaften. die die Krife bei Ausbruch des Kampfes überftanden hatten. wieder zufammen. und zahlreiche neue Unions wurden gegründet. Tatfächlich waren z. B. die deutfchen Gewerkfchaften New Yorks in den Iahren 1864 und 1865 weit zahlreicher als fie es heute find.

So exi

ftierten hier damals Vereinigungen der deutfchen Schneider. Buchdrucker. Pofamentierer. Freskomaler. Kellner. Gold arbeiter. Buchbinder. Verfilberer. Pianomacher. Tifchler. Rouleauxmacher. Gerber. Painter (Anftreicher). Drechsler. Bäcker. Bildhauer. Zigarrenmacher. Schuhmacher. Blech arbeiter.

Konditoren.

Kappenmacher. Kappenzufchneider.

Polfterer. Wagner und Schmiede u. a. Auch an Arbeitseinftellungen. an denen die eingewan derten deutfchen Arbeiter beteiligt waren. war kein Mangel. Im September 1864 feßten in New York die Pofamentierer eine Lohnerhöhung von 25 Prozent durch. Im Oktober des felben Jahres gingen die Schneider. ebenfalls mit der Forde rung einer Lohnerhdhung. an den Strike. Im März errangen die Baufchreiner eine Erhöhung ihres Tagelohnes von 83.50 auf 84. Im Herbft 1865 forderten die Zimmer leute und Schuhmacher ebenfalls 25 Prozent Lohnerhöhung. Zur felben Zeit erkämpften die Bildhauer eine zehnprozen tige Lohnerhöhung. ebenfo die Tifchler und Varnifher. Auch ein neuer Centralverein der deutfchen Organifa ' tionen wurde gefchaffen. Am 23. Oktober 1864 trat mit Annahme feiner Konftitution der ..Deutfche Arbeiterbund“ ins'Leben. der von Delegaten verfchiedener Gewerkfchaften New Yorks gegründet wurde. Der proviforifche Vorfißende diefes Centralkörpers war der Buchbinder G. Kahl. fein Sekretär der Schuhmacher Hanfon. Von den fiebzehn Orga nifationen. die fich urfprünglich bereit erklärten. beizutreten. kamen indeß anfänglich nur die folgenden: Vereinigte Pofamentierer. Kellner; Verfilberer-Verein. Schuhmacher 14

No. 2 und 3. Buchbinder und Kappenmacher. Die Tifchler weigerten fich vorläufig. da fie mit den Bildhauern und Lackierern zufammen einen feparaten Zentralkörper bilde ten. Später traten zwar die Tifchler dem Bunde bei. doch nur. um fich bald wieder von ihm abzulöfen. Auch einige andere Vereine fchloffen fich ihm an. doch erhielt er nie eine bedeutende Stärke. Am 26. September 1864 fand die. konftituierende Verfammlung des deutfchen Arbeiterbundes Ltatt.t Der Befchluß. durch den der Bund fich konftituierte. au e e: ..Befchloffen. alle deutfchen Arbeitervereine von New York und Umgegend zu einem imponierenden Ganzen zu vereinen. um eine in jeder Hinficht mächtige Organifation zu bilden. zur Bekämpfung der die Exiftenz des Arbeiters bedrohenden Gefahren. und Mittel und Wege zu fachen. das Wohl jedes einzelnen Mitgliedes auf jede mögliche Art und Weife zu fördern. Befchloffen. diefe fo organifierte Körperfchaft als Deut fchen Arbeiterbund zu bezeichnen. Befchloffen. daß der Dentfche Centralverein mit der englifchredenden ..Workingmen's Union“ in Verbindung ftehen und in allen. die Intereffen der Arbeiter fpeziell berührenden Fragen Hand in Hand gehen foll. Gleichzeitig wurde die ..Arbeiterzeitung“ als Organ des ..Deutfchen Bundes“ erklärt. Wie diefe Ziele des ..Deutfchen Arbeiterbundes“ erreicht werden follten. zeigt ihre .vier Wochen fpäter angenommene Konftitution. In diefer Konftitution wurde gefagt: ..Folgende Zwecke follen erreicht werden: 1. Aufbringung von Mitteln. den Ankauf von Lebens mitteln zu ermöglichen. und folche zum Ankaufspreis. nach Auffchlag der Unkoften und billiger Prozente des erforder lichen Kapitals. an jeden Arbeiter. welcher fich durch eine Karte als Bundesvereinsmitglied ausweifen muß. zu verabreichen; 2. Errichtung einer Arbeiterbank; 3. Errichtung einer Möbel-Feuerverficherung; 4. Errichtung eines Arbeiter-Hofpitals; 15

5. Erwerbung von Grundeigentum um den Arbeitern anftändige und gefunde Wohuftätten zu verfchaffen.“ Weiter wurde beftimmt. daß bei Ausftänden man die ftreikenden Vereine aus Bundesmitteln unterftüßen wolle und jeder Streiker wöchentlich 86 zu erhalten habe. Die Konftitution diefes deutfchen Arbeiterbundes ließ an Klarheit über die wirklichen Ziele der Arbeiterbewegung noch mehr zu wünfchen übrig als jene feiner Vorgänger am Ende der fünfziger Iahre. Tatfächlich war der Ein fluß der fozialiftifch angehauchten Elemente auf die deutfche Arbeiterbewegung New Yorks. der in den fünfziger Iahren vorhanden war. unter den Folgen des Krieges vollftändig verloren gegangen. Das neu eingewanderte Element brachte die Ideen von Schulze-Delißfch mit nach Amerika die zu der Zeit die Arbeiter Deutfchlands vorübergehend für fich gewonnen hatten. Für die weitere Verwirrung der Gemüter forgte ein Blatt. das damals in New York heraus gegeben wurde und für kurze Zeit als Organ der deutfchen Arbeiter diefer Stadt fich Geltung verfchaffte. Am 3. September 1864 erfchien die erfte Nummer der ..New Yorker Arbeiterzeitungß die von Georg Degen herausgegeben wurde. Obgleich die ..New Yorker Arbeiter zeitung“ das Organ des Arbeiterbundes war. kann fie doch zu den eigentlichen Kampforganen der deutfchen Arbeiter New Yorks nicht gerechnet werden. Denn fie ftand. wie der ganze damalige ..Arbeiterbund'I auf Schulze-Delißfch'fcher Grundlage und entfprach ihrer Tendenz und ihrem Inhalt nach der ..Koburger ArbeiterzeitungT dem Organ der Arbeiterbildungsvereine Deutfchlands. Das Blatt führte den Untertitel ..Wochenblatt für Unterhaltung und Beleh rung“ und feine leßte Nummer erfchien am 29. Dezember 1865.

Zur Charakterifierung der Tendenz diefer ..Arbeiter zeitung“ mag eine ihrer Aeußerungen beim Tode Laffalle's hier Plaß finden. Da hieß es: ..Während Schulze Delißfch durch Süddeutfchland einen Triumphzug hält. geht uns die Kunde zu. daß fein Gegner und Verleumder. der preußifche Polizeifpion. der der ganzen volkswirtfchaftlichen und Arbeiterbewegung in Deutfchland den Todesftoß zu geben beabfichtigte. Ferdinand Laffalle. in Paquis. bei Genf. 16

infolge eines Schuffes in den Unterleib. den er in einem Duell erhielt. geftorben ift.“ . Das war der Nachruf diefes New Yorker Arbeiter blattes beim Tode Laffallesl Die Bekämpfung der ..fozialiftifchen Irrlehren“ und die Propaganda der Schulze-Delißfch'fchen Konfumvereins lehren bildeten denn auch das Programm der ..Arbeiter Zeitung“ während ihrer anderthalbjährigen Exiftenz. was einer der Gründe war. daß die deutfchen Arbeiterorganifa tionen nie ganz feft hinter diefem Organ ftanden. In der Hauptfache war diefe ..New Yorker Arbeiter Zeitung“ ein Unterhaltungsblatt. das im übrigen aber 'uber die Verhandlungen des ..Arbeiterbundes“. wie auch über die Verfammlungen der Gewerkfchaften berichtete. Im Herbfte 1865 traten eine Anzahl Gewerkfchaften aus dem ..Deutfchen Arbeiterbund“ aus. hauptfächlich wohl wegen der dort herrfchenden Schulze-Delißfch'fchen Ten denzen. Zur Gründung der Arbeiterbank. die in der Kon ftitution des Bundes als eines der Ziele der Organifation bezeichnet wurde. ift es niemals gekommen. auch nicht zu der an felber Stelle in Ausficht genommenen Erwerbung von Grundeigentum. Im Oktober 1865 meldet indeß die ..Arbeiter-Zeitung“. daß der ..Deutfche Arbeiterbund“ ..eine Quantität Kartoffeln angekauft und wahrfcheinlich den größten Teil fchon an die Intereffenten wieder verkauft habe“. um endlich ..ftatt zu beraten und fich mit wider haarigen Vereinen herumzufchlagen. eines feiner Projekte ins Werk zu feßen.“ Den Kartoffeln folgten noch Thee und Kaffee. und als dann Ende 1865 die ..Arbeiter-Zeitung“ einging. war es auch mit der Schulze-Delitzfch'fchen Herrlichkeit auf ameri kanifchem Boden zu Ende. . Außer in New York beftanden während des Krieges nur noch in Chicago und einigen wenigen anderen Orten mit ftarker deutfcher Bevölkerung deutfche Arbeiter-Organifa tionen. die indeß größere Bedeutung nicht hatten.

M

w 17

2. Kapitel

Abraham Lincoln und die Arbeiter . 1.

England

und

der

Sezeffionskrieg.

Unter den Staaten Europas. die befonders bon dem Ausbruch des

Bürgerkrieges in den Vereinigten. Staaten

berührt wurden. ftand England in erfter Linie. England war mit den Südftaaten der Union durch ein gemei'nfames Intereffe verknüpft. Seine Textilinduftrie. die fich befon ders in den leßten fünfziger Jahren ftark entwickelt hatte. brauchte die Rohbaumwolle. für deren Bau die amerikani fchen Südftaaten geradezu ein Monopol hatten. Diefe leßteren hatten mit ihrer Sklavenwirtfchaft andererfeits ein Intereffe daran. daß die englifchen Waren zollfrei bei ihnen eingeführt werden konnten. während die junge Fabrik induftrie des Nordens fchußzöllnerifche Intereffen hatte. die auch im Bundestarif zum Ausdruck kamen. Im Intereffe der englifchen Bourgeoifie lag es alfo. daß die Südftaaten eine felbftändige Konföderation bildetem mit einem eigenen Zolltariß der den Engländern möglichft ungeftörten Frei handel gewähre. Der Süden konnte dann feine Rohbaum wolle nach England liefern. das fie nötig brauchte. und die englifchen Fabrikanten alle ihre Fabrik- und Manufaktur waren zollfrei nach den Südftaaten einführen. ohne Kon kurrenz fürchten zu müffen. Neben England war auch Frankreich an den Vor gängen in den Vereinigten Staaten intereffiert. Freilich war die Textilinduftrie des zweiten Kaiferreichs weit weni ger entwickelt. als jene Großbritanniens. und die Baum wolle fpielte deshalb nicht die Rolle in der franzöfifchen Politik. die fie in der englifchen fpielte. Aber Louis Napo leon hatte Eroberungs- und Vergrößerungspläne. Er

hatte Abfichten auf Mexiko. die fchwer verwirklicht werden konnten. wenn die Vereinigten Staaten intakt blieben. und

18

aus diefem Grunde ftellte er fich auf Seiten der Südftaaten. Mit Freuden hätte Louis Bonaparte gerne den Verfuch gemacht. die Blockade. die die Regierung in Wafhington über alle füdlichen Häfen erklärt hatte. zu brechen. ja fogar direkt zu Gunften des Südens zu intervenieren. hätte er nicht gefürchtet. Frankreich in unabfehbare Konflikte zu verwickeln. Aus diefem Grunde wünfchte er die Mitwir kung Englands in dem Unternehmen und er verfuchte fein Möglichftes. diefe Mitwirkung zu erlangen. In England war die Regierung in weit höherem Maße auf die öffentliche Meinung angewiefen. als in Frankreich. ' Hätte die öffentliche Meinung Großbritanniens die Aner kennung der füdlichen Konföderation wirklich verlangt. hätte fie fich für ein aktives Eingreifen zu deren Gunften erklärt. fo wäre die Regierung nur zu gerne diefem Drucke gefolgt. Gegenüber einer kräftigen Ablehnung der öffent lichen Meinung gegen jede Einmifchung Englands in die Angelegenheiten Amerikas aber konnte die Regierung es nicht wagen. diefer Stimmung im Volke entgegen zu handeln. Die Entfcheidung lag alfo in England") Es war nur wenige Jahre her. daß ganz England gelegentlich der Anwefenheit der Verfafferin von ..Onkel Tom's Hütte“. dem Buche. das den Leiden der Negerfklaven gewidmet war. in Rührung zerfloß. befonders feitdem diefe Verfafferin. Mrs. Beecher Stowe. Ehrengaft der Spißen des englifchen Hochadels gewefen war. Nach Ausbruch des Krieges war von diefer Rührung in englifchen Bourgeois herzen nichts mehr zu fpüren. ..Heute (1862) findet man unter zehn Engländern vielleicht einen. der es nicht fana tifch mit den Sklavenftaaten hält. und der eine hat wahr fcheinlich nicht den Mut. feine Anficht auszufprechen.“ W) Das war richtig. foweit die herrfchenden Klaffen in Betracht kamen. und diefe wandten denn auch all ihren Einfluß auf. um die Regierung in eine Einmifchung zu Gunften des Südens hineinzutreiben. Man veranftaltete Arbeiter . *Carl Zadar:: Leminj8cence8 of o. Long' (life. ll/lcClm-e'ß Wag-[2in6. 1907. p. 651. **) Lothar Bucher. Die Londoner Jnduftrieausftellung von 1862. Berlin 1863. S. 155. Bucher rechnete augenfeheinlich nur die verringert den Klaffen zu den Engländern.

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Demonftrationen und Verfammlungen. die fich für den Süden und für eine gewaltfame Aktion gegen den Norden erklären follten. um zu zeigen. daß die öffentliche Meinung Englands eine folche verlange. Aber unter dem Einfluß von Leuten. von denen viele fpäter dem Generalrat der ..Internationalen Arbeiter-Affociation“ angehörten. feßten die Arbeiter Englands dem Verfuche. fie zu Demonftra tionen zu Gunften der Sklavenhalter zu zwingen. den ent fchiedenften Widerftand entgegen. Die englifchen Arbeiter hatten die Sklaverei felbft zu fehr kennen gelernt. als daß fie-il für eine noch verfchärfte Sklaverei hätten eintreten o en. ' Nun verfuchten die Fabrikanten es mit Gewalt. ihre Arbeiter zum Einftimmen in das Kriegsgefchrei zu veran laffen. Der Hunger. diefe fonft ftets wirkfame Waffe in den Händen der Bourgeoifie. follte die Arbeiter Englands zwingen. fich für die Sklaverei in Amerika zu erklären. um fo ihrer Regierung Gelegenheit zu geben. fagen zu können. daß die ..öffentliche Meinung“ ihre kriegerifche Einmifchung zu Gunften des Südens verlange. Der Bürgerkrieg und befonders die Blockade der füdlichen Häfen durch den Norden hatten großen Mangel an Rohbaumwolle in England erzeugt. der. nebenbei bemerkt. den englifchen Fabrikanten gar nicht fo unerwünfcht kam. Die Baumwollinduftrie Englands hatte 1860 überpro duziert. ..Die Wirkung davon machte fich noch während der nächften Iahre geltend.“ ..Die Nachfrage für Arbeit war demzufolge hier (in Blackburn. wo 1860 30.000 mecha nifche Webftühle ftanden) fchon befchränkt. viele Monate bevor die Wirkungen der Baumwolleblockade fich fühlbar machten . . ..Die Vorräte (der Fabrikanten) ftiegen im Wert. folange man fie auf Lager hielt. und fo wurde die erfchreckende Entwertung vermieden. die fonft in einer fol chen Krife unvermeidlich war.“ 12ex). k'nat.. Oktober 1862

S. 28. 29. *) Ein zeitweiliges Einftellen des Betriebes ihrer Fabriken trieb alfo die Preife der vorhandenen Warenvorräte in die Höhe und die Situation war für die Baumwollenlords deshalb durchaus keine unerwünfchte. befonders. da man . *) K. Marx. Kapital lll. 1. S. 106.

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fich der Hoffnung hingab. daß der Hunger die Arbeiter bald zur felben Anfchauung über den Bürgerkrieg in Amerika bringen würde. die die Fabrikanten hegten. Man fchloß alfo die Textilfabriken im Norden Englands. Mehr als die Hälfte der Spindeln und Webftühle ftanden ftill. Dem Refte der befchäftigten Spinner und Weber wurden künftlich und gewaltfam die Löhne in einer Weife befchnitten. daß fie direkt dabei verhungerten. Die Fabrikanten vergrößerten künftlich das Elend. das die Baumwollenknappheit über die Arbeiter brachte. um fie auf diefe Weife zur Verzweiflung zu bringen und fie zu veranlaffen. für die Einmifchung ihrer Regierung in die amerikanifchen Wirren einzutreten. Meinte doch. wie die Organe der Bourgeoifie den Arbeitern predigten. die Einmifchung Englands auch das Ende ihres Elends. Und das Elend der Arbeiter. befonders in den Textil diftrikten Lancafhire's. war geradezu furchtbar. 1863. nach dem fchon eine verhältnismäßige Befferung eingetreten war. hatten Weber und Spinner einen Wochenlohn von 3 o11. 4 p. bis 5 ol1. lcl.

Troßdem wurden noch Lohnabzüge.

befonders durch Strafen gemacht. 1862 rangierten Weber löhne von 2 811. 6a. aufwärts wöchentlich. ..Kein Wunder. daß in einigen Teilen Lancafhires eine Art Hungerpeft aus brach.“ *) ..Die Arbeiter aber hatten nicht nur unter den Experimenten der Fabrikanten in den Fabriken und den Munizipalitäten außerhalb der Fabriken. nicht nur von Lohnherabfeßung und Arbeitslofigkeit. von Mangel und Almofen. von den Lobreden der Lords und Unterhäusler zu leiden.“ ..Unglückliche Frauenzimmer. befchäftigungslos infolge 'der Baumwollennot. wurden Auswürflinge der Gefellfchaft und blieben es. Die Zahl junger Proftituierten hat mehr zugenommen. als feit den leßten fünfundzwanzig Iahren.“ (Reports 0f [11op. af Laer.) 4W) Die Arbeiter Englands hungerten mit exemplarifcher Geduld. Sie fahen ihre Töchter in ein Leben der Schande verfinken. fie fühlten in ihren Reihen den Hungerthphus wüten. aber fie gaben nicht den Wünfchen ihres brutalen Fabrikantentums nach. Sie nahmen nicht nur. wozu man . *) Karl Marx- Kapital l. 2. Aufl. S. 478 u. 479. **) Marx. a. a. O.. S. 480.

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fie zwingen wollte. nicht Stellung für den Süden. fondern das Gegenteil trat ein. Unter dem Einfluß von Wortfüh rern. wie fie die Arbeiter Englands nie beffer gehabt haben. proteftierten fie gegen eine Einmifchung ihrer Regierung zu Gunften des Südens. traten fie für die Aufhebung der Negerfklaverei ein. Kaum hatte Lincoln. nach einem Iahre Zauderns. leife angedeutet. daß der Sezeffionskrieg fich in einen-Sklaven befreiungskrieg wandeln würde. als auch fchon in hunderten von öffentlichen Verfammlungen in ganz England. in allen Induftriediftrikten und Großftädten. die Arbeiter diefer Wandlung zujubelten und energifch Maßregeln gegen die Sklaverei und gegen die Sklavenhalter verlangten. Ver gebens war der Hohn. mit dem die befißenden Klaffen Eng lands die anfänglichen Niederlagen der Union kommentier ten; vergebens auch die heuchlerifche Haltung von Gladftone und feiner Kollegen in der Regierung. die ihre Ein mif'chungswünfche mit der Anficht zu entfchuldigen fuchten. daß die Union die Rebellion niemals überwinden könne. und daß der Bürgerkrieg nur ein nußlofes und zwecklofes Blut vergießen fei.*) Die englifchen Arbeiter ertrugen freudig ja enthufiaftifch Hunger und Elend. und proteftierten laut und lauter gegen die Sklaverei der Neger und gegen die Einmifchung ihrer Regierung zu Gunften der füdftaatlichen Rebellen. Im Norden des Landes. in den Baumwollendiftrikten. in denen die Fabrikanten durch den Hunger die Arbeiter zu zwingen hofften. war u. a. Erneft Iones. der bekannte Agitator und Dichter aus der Chartiftenzeit. zu Gunften der Union tätig.

Iones war von glühender Beredfamkeit. und

feine Reden gegen die Sklavenhalter waren derart eindrucks voll. daß die Gemeinden Afhton und Rochdale fie auf eigene Koften drucken und verbreiten ließen. Als Iones in Black burn vor dicht verfammelten Maffen. aber auf der Platform umgeben von den lokalen. ihm feindlichen Fabrikanten. in feiner Anfprache ausrief: ..Warum hat der Süden fich los gelöft?“ da rief einer diefer Fabrikanten ihm die Antwort zu: ..Für den Freihandell“ Iones' Antwort kam rafch und . * Carl Jenni'2: Lemjnj8cence8 0f 3 L0113 Lite. blagarjnc. 1907. p. 657.

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h/lcclure's

fie war treffend: ..Freihandel in was? Freihandel in der Peitfchel Freihandel im Brandeifenl Freihandel in Ket tenl“ X) Der Beifall der verfammelten Arbeiter braucht nicht gefchildert zu werden. ' Die glühende Beredfamkeit Iones' trug denn auch unge mein viel dazu bei. die hungernden Textilarbeiter Lanca fhire's zum Ausharren zu bewegen. Und mit diefem Heldenmut der Arbeiterklaffe Englands vergleiche man die fchändliche Heuchelei der Bourgeoifie und ihrer Wortführer. Derfelbe Gladftone. der die Bemühun gen des Nordens in Ueberwindung der Rebellion der Sklavenhalter für ausfichtslos erklärte und der nur auf eine Gelegenheit lauerte. die Einmifchung Englands zu Gunften der Südftaaten herbeizuführen. derfelbe Gladftone erklärte in einer Rede. daß ..die ganze Gefchichte der chriftlichen Kirche kein fo glänzendes Blatt aufzuweifen habe. als die chriftliche Ergebung der Baumwollenarbeiter in Lanca fhire.“ ") Freilich diefe ..chriftliche Ergebung“ und die exempla rifche Geduld 'der genannten Arbeiter erfchien erklärlich. Herr Gladftone felbft hätte fie unter dem Iubel des Fabri kantentums. das für das Elend verantwortlich war. ein fperren und zufammenhauen laffen. wenn fie ungeduldig geworden wären. In New York bildete fich ein Hilfskomite für die Union. das den hungernden Spinnern und Webern im Norden Englands Mittel zu verfchaffen fuchte. ihr Elend etwas zu mildern. Die ..im Elend befindlichen Fabrikarbeiter“ in Blackburn in England wandten fich in einem Briefe an diefes Hilfskomite und ..an die Einwohner der Vereinigten Staaten“ mit dem Erfuchen. Mittel zu befchaffen. um ihre Auswanderung nach den Vereinigten Staaten zu ermög lichen. Aber den Kapitaliften im Norden der Union waren die hungernden Arbeiter Nord-Englands weit nüßlicher -wenn fie in England blieben. dort weiter hungerten und ihren heldenmütigen Widerftand gegen die Pläne der herr fchenden Klaffe jenes Landes aufrecht erhielten. als wenn fie nach den Vereinigten Staaten kamen. Und fo wurden' .

*k'reclerjclc [rear7: Tweet _lot-128. Kaution. 1887. p. 72. **) Lothar Bucher. Jnduftrieausftellung in London 1863. S. 156-57.

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zwar Unterftüßungsgelder gezahlt. aber auf Förderung der Auswanderung im großen Maße ließ Bruder Ionathan fich nicht ein. Viel weniger konnten die englifchen Arbeiter auf eine Förderung ihrer Auswanderungspläne durch die herr fchende Klaffe im eigenen Lande rechnen. Zwar hatte die Maffe der Textilarbeiter für den Augenblick keine Arbeit aber die Fabrikanten wollten die Gefchicklichkeit ihrer Arbei ter aufftapeln bis zur Wiederverwendung. Ein Fabrikant erklärte am 24. März 1863 in der Londoner ..Times“: ..Ermuntert oder erlaubt die Emigration der Arbeitskraft und was wird aus den Kapitaliften?“ . . . ..Was wird aus . . . den Kleinkrämern? Was aus den Grundrenten: was aus der Miete der Cottages? . . . was aus dem kleinen Pächter. dem befferen Hausbefißer und dem Grundeigen tümer?“ *) Der Schmerzensfchrei der Fabrikanten fand Erhörung. Die Emigration der Arbeiter wurde verhindert. Das Parlament fchuf Gefeße. welche die Munizipalitäten der Baumwolldiftrikte befähigten. ..die Arbeiter zwifchen Leben und Sterben zu halten oder fie zu exploitieren. ohne Zah lung von Normallöhnenl“ W) Die Munizipalitäten veranftalteten öffentliche Arbeiten. Die Arbeitslofen wurden zu Drainage- und Wegebauten. Steineklopfen. Straßenpflaftern u. f. w. verwendet. um dadurch die Unterftüßung von den Lokalbehörden beziehen zu können. eine Unterftüßung. die tatfächlich im Intereffe der Fabrikanten erfolgte. um diefen für fpäter die gefchickten Arbeiterhände zu erhalten. Dadurch ..verhinderten die Fabrikanten. im geheimen Einverftändnis mit der Regie rung. die Auswanderung foweit wie möglich. teils um ihr im Fleifch und Blut der Arbeiter exiftierendes Kapital ftets in Bereitfchaft zu halten. teils um die von den Arbeitern erpreßte Hausmiete zu fichern.“ WW) Viele der Fabrikanten waren Eigentümer der Häufer.

worin die von ihnen befchäftigten Arbeiter wohnten. Die Miete konnte während der Arbeitslofigkeit nicht bezahlt . *) K. Marx. Kapital l.. 2. Aufl. S. 598 u. 599. *".) K. Marx. a. a. O" S. 601. ***) K. Marx Kapital L11. l. S. 111 u. 115.

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werden. Die aufgelaufene fchuldige Miete aber wäre -ver loren gewefen. wenn die Arbeiter ihre Auswanderungspläne durchgeführt hätten. Ein weiterer Grund für die Fabrikan ten. mit allen Mitteln dagegen zu wirken. daß den Arbeitern die Möglichkeit gegeben würde. fich durch die Auswande rung ihrem Elend zu entziehen. Das heroifche Verhalten der Textilarbeiter Englands während des amerikanifchen Bürgerkrieges füllt eines der ruhmreichften Blätter der Gefchichte der Arbeiterklaffe und deshalb foll es hier hervorgehoben werden. Sie litten. hungerten. ja ftarben für die Sache der Neger in Amerika. Und doch. etwas weniger Geduld wäre in diefem Falle noch heroifcher gewefen. Aber die Zeit der Chartiften war vorbei und die Arbeiter Englands waren nur noch groß im paffiven Widerftand. Und doch hat die Perfidie der herr fchenden Klaffen niemals mehr zu tätlichem Widerftande herausgefordert. als das Verhalten des Fabrikantentums und der Regierung Englands zur Zeit des amerikanifchen Bürgerkrieges.

2.

Abraham Lincoln und die Arbeiter Englands.

Ende September 1862 gab die Bundesregierung in Wafhington öffentlich bekannt. daß am 1. Ianuar 1863 die Negerfklaverei in allen Staaten der Union als aufgehoben erklärt werde. in denen fich die Bevölkerung im Aufftande befinde. wenn bis dahin die Aufftändifchen nicht die Waffen niederlegen würden.

Es war erklärlich. daß die herrfchenden Klaffen des Südens fich um diefe Erklärung nicht kümmerten. Gerade damals waren die Südftaaten in den Stand gefeßt. einige tüchtige Kaperfchiffe zur Schädigung des nordftaatlichen Handels in See zu halten. und zwar hauptfächlich mit Hilfe Englands. des dortigen Adels. der Schiffsbauer und der Kaufleute. wobei die englifche .Regierung unter Gladftone ftillfchweigend zuftimmte. Die Sklavenhalter hatten alle Urfache. zu hoffen. daß Englands herrfchende Klaffe ihrer Konxöderation auch noch weitere Hilfe angedeihen laffen wür e. 25

Die Arbeiterklaffe Englands verhinderte das. wie wir gefehen haben. Die Erklärung der Regierung in Wafhing ton. die Sklaverei am 1. Ianuar aufheben zu wollen erzeugte. bei der herrfchenden Stimmung in den Arbeiter kreifen Großbritanniens. großen Iubel und wenn hier und da auch Mißmut darüber laut wurde. daß die Aufhebung der Sklaverei nur als Kriegsmaßregel gedacht war und nicht als eine prinzipielle Verurteilung und unbedingte Ab fchaffung der Sklaverei. fo kam es doch im Süden wie im Norden Englands zu großen Demonftrationen der Arbeiter. In London und in Manchefter wurde befchloffen. an Lincoln eine Adreffe zu fenden. die ihm den Dank der englifchen Arbeiter für feine Befreiungsproklamation ausfprechen. ihn aber auch zu weiteren entfchiedenen Schritten anfeuern follte. Beide Verfammlungen fanden am 31. Dezember 1862 ftatt. Die Adreffe. die in der Londoner Verfammlung ange nommen wurde. hatte den folgenden Wortlaut: *) ..Die Arbeiter Londons an den Präfidenten der Vereinigten Staaten. An feine Exzellenz Abraham Lincolm Präfident der Vereinigten Staaten. Geehrter Herrl Wir. die wir diefe Adreffe darbieten. find Engländer und Arbeiter. Wir preifen als unfer teuerftes Erbe. erkauft für uns durch das Blut unferer Väter. die Freiheit. der wir uns erfreuen - der Freiheit freier Arbeit auf einem freien Boden. Wir find deshalb gewohnt gewefen. die Gründer der großen Republik mit Verehrung und Dankbarkeit zu betrachten. der Republik. in welcher die Freiheiten der angelfächfifchen Raffe erweitert wurden über alle Beifpiele der alten Welt hinaus und in der nichts zu verdammen oder zu beklagen war. als die Sklaverei und die Entwürdigung der Menfchen. nur fchuldig einer farbigen Haut oder afrika nifcher Eltern. Wir haben mit Bewunderung und Shm pathie auf die tapfere. edle und unermüdliche Tätigkeit einer großen Partei in den Nordftaaten geblickt. die Union von diefem Fluche und diefer Schande zu befreien. Wir erfreu . *Daiiy diene.

lloncion. ,larnten'z- 1. 1863. 26

ten. geehrter Herr. uns Ihrer Wahl zur Präfidentfchaft. als eines glänzenden Beweifes. daß die Prinzipien allgemeiner Freiheit und Gleichheit zur Herrfchaft kommen. Wir betrachten mit Abfcheu die Verfchwörung und Rebellion. durch welche verfucht wurde. die Oberherrfchaft einer Regie rung zu überwältigen. die auf das volkstümlichfte Wahlrecht der Welt fich ftüßt und die haffenswerten Ungleich heiten der Raffen zu verewigen. Wir haben ftets mit Ent rüftung die Verleumdung vernommen. die England Shm pathien zufchreibt mit einer Rebellion von Sklavenhaltern. mit Entrüftung auch alle Vorfchläge gehört. in Freundfchaft eine Konföderation anzuerkennen. die fich der Sklaverei als ihres Eckfteins rühmt.

Mit dem wärmften Intereffe find

wir dem ftetigen Fortfchritt Ihrer Volitik auf dem Pfade der Emanzipation gefolgt und an diefem Abend des Tages. an welchem Ihre Freiheitsproklamation in Kraft tritt. bitten wir Gott. Ihre Hand zu ftärken. Ihre edle Sache zu fördern und die Wiederherftellung jener gefeßlichen Autorität zu befchleunigen. die verpflichtet ift. in Krieg oder Frieden. durch Ausgleich oder durch Waffengewalt das ruhmreiähe Prinzip zu verwirklichen. auf welches Ihre Konftitution gegründet ift - die Brüderlichkeit. Freiheit und Gleichheit aller Menfchen.“ _ Die Adreffe der Arbeiterverfammlung. die am felben Tage in Manchefter ftattfand. lautete folgendermaßen: *) ..Adreffe von den Arbeitern Manchefters an Seine Exzellenz Abraham Lincoln. Präfidenten der Vereinigten Staa ten von Amerika. Als Bürger von Manchefter. verfammelt in der “Lt'ee 'l'racle U311". bitten wir. Ihnen und Ihrem Lande unfere brüderlichen Gefühle übermitteln zu dürfen. Wir erfreuen uns Ihrer Größe. aus England ent fproffen. deffen Blut und Sprache Sie teilen. deffen ruhige und gefeßliche Freiheit Sie auf neue Umftände angewandt haben. über eine Region. unermeßlich größer als die unfrige. Wir ehren Ihre freien Staaten als einen einzig glücklichen Aufenthalt für die arbeitenden Millionen. in dem der Fleiß . *Zenate Documente. 31-(1 Ze88j0n. 87th C0ngre88. lil/38i) jngwn. 1862-1868.

27

geehrt ift. Eins allein hat in der Vergangenheit unfere Shmpathie mit Ihrem Lande herabgefeßt. und unfer Ver trauen zu ihm. wir meinen die Herrfchaft der Politiker. die nicht nur die Negerfklaverei aufrecht erhielten. fondern die fie weiter auszubreiten und zu feftigen wünfchten. Seitdem wir indeß erkannt haben. daß die Siege des freien Nordens in dem Kriege. der uns empfindliches Elend gebracht. wie er auch Euch heimgefucht hat. die Feffeln der Sklaverei abfchütteln werden. haben Sie unfere wärmfte und ernftefte Shmpathie erworben. Wir ehren Sie freudigft. als den Präfidenten und den Kongreß mit Ihnen. für die vielen entfcheidenden Schritte zur praktifchen Betätigung Ihres Glaubens an die Worte Ihres großen Gründers: ..Alle Menfchen find frei und gleich

gefchaffen.“ Sie haben die Befreiung der Sklaven in dem Diftrikt herbeigeführt. der Wafhington umgibt. und damit das Zen trum Ihrer Föderation. weithin fichtbar. freigemacht. Sie haben die Gefetze gegen den Sklavenhandel in Kraft gefeßt und richteten Ihre Flotte dagegen. fogar dann. als jedes Schiff im Dienfte in Ihrem furchtbaren Kriege gebraucht wurde. Sie haben in edler Weife entfchieden. die Gefandten Grund ihrer Farbe. Sie haben. um dem Sklavenhandel der Neger-Republiken Haiti und Liberia zu empfangen. und dadurch für ewig jenes unwürdige Vorurteil befeitigt. das Männern und Frauen die Menfchenrechte verweigert auf wirkungsvoller Halt bieten zu können. mit unferer Königin einen Vertrag abgefchloffen. den Ihr Senat ratifiziert hat. über das Recht der gegenfeitigen Durchfuchung. Ihr Kon greß hat die Freiheit als Gefeß dekretiert in den weiten halbangefiedelten Territorien. die direkt Ihrer legislativen

Macht unterftellt find. Er hat allen Staaten pekuniäre Hilfe angeboten. die auf lokalem Wege die Befreiung ein führen wollen. und er hat Ihren Generälen verboten. flüch tige Sklaven. die um Schuß erfuchen. zurückzubringen. Sie haben die Sklavenhalter gebeten. diefe gemäßigten Be dingungen anzunehmen und nach langem und geduldigem Warten haben Sie. als höchfter Befehlshaber der Armee. den morgigen Tag. den 1. Ianuar 1863. als den Tag der abfoluten Freiheit für die Sklaven der Rebellenftaaten 28

beftimmt. Von Herzen wünfchen wir Ihnen und Ihrem .Lande Glück zu diefem humanen und gerechten Verfahren. Wir nehmen an. daß Sie jeßt nicht Halt machen kön nen. bis nicht die Sklaverei vollftändig ausgerottet ift. Es fteht uns nicht an. Einzelheiten vorzufchreiben. aber es gibt große Prinzipien der Humanität. die Sie führen follten. Wenn die vollftändige Emanzipation in einigen Staaten aufgefchoben werden follte.

wenn auch nur vis zu einem

feftgefeßten Tage. fo follten doch. in der Zwifchenzeit. menfchliche Wefen nicht als Vieh gezählt werden. Frauen müffen Rechte auf Keufchheit und Mutterfchaft haben. Männer die Rechte des Ehemannes. Herren die Rechte der Freilaffung. Die Gerechtigkeit verlangt für die Schwarzen nicht weniger als für die Weißen. den Schuß der Gefeße _ daß feine Stimme in Ihren Gerichten gehört werde. Noch dürfen Greuel. wie fklavenzüchtende Staaten und ein Skla venmarkt. geduldet werden. wenn Sie die hohe Belohnung all Ihrer Opfer in dem Beifall der allgemeinen Menfchheit und des göttlichen Vaters verdienen wollen. Es ift an Ihrem Lande. zu entfcheiden. ob weniger als fofortige und vollftändige Emanzipation die durchaus notwendigen Menfchenrechte fichern kann gegenüber der eingewurzelten Verruchtheit örtlicher Gefeße und lokaler Behörden.

Wir flehen Sie an. im Namen Ihrer eigenen Ehre und Wohlfahrt. in Ihrer providentionellen Miffion nicht zu ermatten. Sorgen Sie dafür. daß die Arbeit kräftig zu Ende geführt werde. während der Enthufiasmus entflammt ift und die Flut der Ereigniffe hoch emporfchlägt. Laffen Sie keine Wurzel der Bitterkeit zurück. die emporfchießen und Ihren Kindern frifches Elend bringen mag. Es ift. in der Tat. eine ungeheure Aufgabe. den Fleiß und die Er werbstätigkeit nicht nur von vier Millionen Farbigen. fondern auch von fünf Millionen Weißen zu reorganifieren. Der große Fortfchritt. den Sie in dem kurzen Zeitraum von zwanzig Monaten gemacht haben. erfüllt uns nichtsdefto weniger mit der Hoffnung. daß jeder Makel an Ihrer Frei heit binnen kurzem entfernt fein wird und daß das Aus löfchen diefes Fleckes auf Zivilifation und Chriftentum der Negerfklaverei - während Ihrer Präfidentfchaft. die Veranlaffung fein möge. daß der Name Abraham Lincoln mit Liebe und Verehrung von unferer Nachkommenfchaft 29

genannt werde. Wir find ficher. daß folch eine ruhmreiche Vollendung Großbritannien und die Vereinigten Staaten zufammenbinden wird in enger und dauernder Freund fchaft. Unfere Intereffen find überdies identifch mit den Ihren. Wir find in Wirklichkeit e in Volk. obgleich örtlich geteilt. Und wenn Sie hier Uebelwollende haben. fo feien fie verfichert. daß es hauptfächlich jene find. die auch hier der Freiheit opponieren. und daß fie machtlos fein werden. die Streitigkeiten zwifchen uns aufzufchüren von demfelben Tage an. an welchem Ihr Land unleugbar und ohne Aus nahme das Land der Freien fein wird. Nehmen Sie unfere höchfte Bewunderung für die Standhaftigkeit entgegen. mit der Sie die Freiheitsprokla mation aufrecht erhalten.“ _ Abraham Lincoln beantwortete den Brief der Londoner Arbeiter am 2. Februar 1863. Er fchrieb: ..Wafhington. 2. Februar 1863. An die Arbeiter Londonsl

Ich habe die Neujahrs-Adreffe. die Sie mir gefandt. mit der aufrichtigen Würdigung der erhabenen und humanen Gefühle. die fie infpiriert haben. empfangen. Da diefe Gefühle und Anfchauungen zweifellos die dauernde Stüße find der freien Inftitutionen Englands. fo bin ich auch ficher. daß fie die einzige verliißliche Grundlage abgeben für freie Inftitutionen in der ganzen Welt. Die Hilfsmittel. Vorteile und die Kräfte des amerika nifchen Volks find fehr groß. und fie haben konfequenter weife gleich große Verantwortlichkeiten im Gefolge gehabt. Es fcheint. daß es ihm übertragen ift. zu verfuchen. ob eine Regierung. die auf den Prinzipien menfchlicher Freiheit aufgebaut ift. aufrecht erhalten werden kann gegen das Beftreben. eine aufzurichten auf der ausfchließlichen Grund lage menfchlicher Knechtfchaft. Es wird fich mit mir des neuen Beweifes erfreuen. den Ihre Zufchriften bieten. daß die Großherzigkeit. die es zeigt. mit Recht. gefchäßt wird durch die treuen Freunde der Freiheit und Humanität in fremden Ländern. 30

Nehmen Sie meine beften Wünfche für Ihre perfönliche Wohlfahrt und für die Wohlfahrt und Glückfeligkeit des ganzen britifchen Volkes entgegen. Abraham Lincoln.“ Schon vorher. am 19. Ianuar. hatte Lincoln die Adreffe der Arbeiter Manchefters in ausführlicher Weife beant wortet. Diefe Antwort hatte den folgenden Wortlaut:

An die Ich fchlüffe gefandt

Wafhington. den 19. Ianuar 1863. Arbeiter von Manchefterl habe die Ehre. den Empfang der Adreffe und Be zu beftätigen. die Sie mir am Neujahrs-Abend haben. Als ich. am 4. März 1861. durch eine freie

und gefeßmäßige Wahl an die Spiße der Regierung der

Vereinigten Staaten gelangte. befand fich das Land am Rande des Bürgerkrieges. Was immer auch die Urfache gewefen fein mochte. oder wen immer auch die Schuld traf. ein e Pflicht. höher als alle anderen. hatte ich zu erfüllen. nämlich die Konftitution und die Unverleßlichkeit der Bundes-Republik zu verteidigen und zu bewahren. Der gewiffenhafte Vorfaß. diefe Pflicht zu erfüllen. ift der Schlüffel für alle Adminiftrations-Maßregeln. die durchge führt wurden und die hiernach durchgeführt werden mögen. Im Hinblick auf unfere Regierungsform und eingedenk mei nes Amtseides konnte ich nicht von diefem Vorfaße abwei chen. felbft wenn ich es gewollt hätte. Es liegt nicht immer in der Macht der Regierungen. die Wirkung der geiftigen Folgen zu vergrößern oder zu verkleinern. die der Politik entfpringen. welche zeitweilig einzufchlagen ihnen für die öffentliche Sicherheit nötig erfcheint. Ich war mir vollftändig klar. daß die Pflicht der Selbft erhaltung einzig und allein dem amerikanifchen Volke felbft oblag; aber ich fah zur felben Zeit auch. daß Gunft oder Mißgunft fremder Nationen materiellen Einfluß auf die Vergrößerung oder Verlängerung des Kampfes mit illohalen Menfchen haben mußte. in den das Land gegen wärtig verwickelt ift. Eine ehrliche Prüfung der Gefchichte fchien die Annahme zu beftätigen. daß die Vergangenheit der Vereinigten Staaten im allgemeinen einen fegensreichen Einfluß auf die Menfchheit gehabt habe. Ich habe darum 31

auf die Nachficht der Nationen gerechnet. Umftändex auf deren einige Sie gütigft hindeuteten. veranlaßten mich befonders zu der Annahme. daß. wenn Gerechtigkeit und Wohlwollen feitens der Vereinigten Staaten geübt wird. fie keinen feindlichen Einflüffen feitens Großbritanniens begegnen würden. Es ift mir daher jeßt eine angenehme Vflicht. mit Dank den Ausdruck Ihres Wunfches anzuerken nen. daß ein Geift der Freundfchaft und des Friedens gegenüber diefem Lande bei den Ratgebern Ihrer Königin andauern möge. Ihrer Königin. die nur in ihrem eigenen Lande mehr geehrt und gefchäßt wird. als bei der ver wandten Nation. die ihre Heimat auf diefer Seitedes Atlantic hat. Ich kenne und bedauere aufs tieffte die Leiden. die die Arbeiter von Manchefter und in ganz Europa in diefer Krifis zu erdulden berufen waren. Es ift häufig und gefliffentlich behauptet worden. daß der Verfuch. diefe Regierung. die auf der Grundlage menfchlicher Rechte auf gebaut war. zu ftürzen und an ihrer Stelle eine Regierung zu feßen. die ausfchließlich auf der Grundlage menfchlicher Sklaverei fich ftüßt. in Europa mit Wohlgefallen betrachtet werden würde. Infolge des Vorgehens unferer illohalen Bürger find die Arbeiter von Europa fchweren Heim fuchungen ausgefeßt worden zu dem Zwecke. ihre Sanktion zu einem folchen Angriffe zu erzwingen. Unter folchen Umftänden kann ich nicht umhin. Ihre entfchiedenen Aeußerungen zu der Frage als ein Beifpiel von erhabenem chriftlichen Heroismus zu betrachten. der unübertroffen dafteht in allen Zeiten und Ländern. Es ift in der Tat eine nachdrückliche und neu belebende Beftätigung der der Wahr heit innewohnenden Macht und des endlichen und allgemei nen Triumphes der Gerechtigkeit. Humanität und Freiheit. Ich bezweifle nicht. daß die Gefühle. denen Sie Ausdruck gaben. durchIhre großeNation unterftüßt werden. während ich auf der anderen Seite nicht anftehe. Ihnen zu verfichern. daß das amerikanifche Volk diefelben mit Bewunderung. Hochachtung und den Gefühlen aufrichtiger Freundfchaft entgegennehmen wird. Ich begrüße darum diefen Gefin nungsaustaufch als ein Zeichen dafür. daß. was immer fonft die Zukunft bringen mag. welches Unglück immer Ihr Land oder mein eigenes befallen mag. der Friede und die Freund 32

fchaft. die jeßt zwifchen den beiden Nationen herrfchen. ewig beftehen werden. welchem Ziele all mein Streben gewidmet fein foll. Abraham Lincoln.“ Am 26. Februar nahm der Senat in Wafhington eine Refolution an.*) in der verlangt wurde. daß der Brief wechfel Lincolns mit den Arbeitern Englands dem Senate unterbreitet werde. Das gefchah und am 2. März befchloß der Senat. die Schriftftücke zum Druck zu befördern und fie den Senats-Dokumenten einzuverleiben.**)

3.

Lincolns Stellung zur Arbeiterklaffe.

Von allen Präfidenten der Vereinigten Staaten fteht neben Wafhington Abraham Lincoln am höchften in der Schäßung des amerikanifchen Volkes. Es ift nicht blos feine Verbindung mit der Sklaven befreiung. noch fein tragifcher Tod. die ihn zum National heros feines Landes gemacht haben. Auch die Mhthenbildung hat fich Lincolns bemächtigt. hat ihn hochgehoben und zu einem Manne gemacht. der weit über fein Verdienft hinaus gefeiert wird. Befonders hat die Mhthenbildung fich der Stellung bemächtigt. die Lincoln gegenüber der Arbeiterklaffe ein nahm. Man hat ihm prophetifche Aeußerungen zugefchrie ben. nach welchen er die Herrfchaft der Kapitals-Korpora tionen vorausfah und feiner Furcht Ausdruck gab. daß aller Reichtum fich in wenig Händen konzentrieren und die Republik dadurch gefährdet werden könnte. Man hat ihm Aeußerungen in den Mund gelegt. in denen er die arbeitende Klaffe auffordert. die politifchen Rechte. die fie befißt. zu wahren und fie nicht aus den Händen zu geben. Ia. man unterftellte ihm die ökonomifche Weisheit. aus der heraus er erklärte. daß- es ein erftrebenswertes Ziel jeder Regierung

fei. ..jedem Arbeiter das gefamte Produkt feiner Arbeit. fo hoch als möglich. zu fichern.“ Kurz. man ftellte Lincoln als einen Menfchen hin. der fich über die ökonomifche Ent . * C0ngte88j0nal (Il0be. [february 26. 1863. x *i* Zen-1te ])0c:ument. 31'(1 5e88i0n. 37th Congreße. 1862-1863.

83

wicklung der Gefellfchaft ein klares Bild machte. der die Rolle. die die Arbeiterklaffe in diefer Entwicklung zu fpielen hat. wohl erkannte. und der befonders auch mit feinen Shmpathien auf Seiten der Arbeiterklaffe ftand und vor der ..Geldmacht“ warnte. Lincoln hat eine folche Kenntnis der ökonomifchen Ent wicklung nicht befeffen. er hat von der hiftorifchen Rolle der Arbeiterklaffe. ja. felbft von der befonderen Bedeutung der Arbeiterbewegung nichts gewußt und hat auch mit feinen Shmpathien nicht auf Seiten der Arbeiter geftanden. foweit diefe als felbftändige Klaffe ihre Forderungen zum Ausdruck brachten. Man hat - und felbft ein Teil der fozialiftifchen Preffe der Vereinigten Staaten hat dabei geholfen _ Lincoln als einen Arbeiterfreund. ja beinahe als einen Sozialiften gefeiert. Das konnte nur gefchehen. weil man ihm Worte in den Mund legte. die er nie gefagt. weil man Aeußerungen von ihm genau in ihr Gegenteil umfälfchte. Unter den zahlreichen fchriftlichen und mündlichen Aeußerungen Lincolns find nur wenige. die fich mit der Arbeiterfrage befchäftigen. wobei wir natürlich von feinen Aeußerungen über die Sklavenfrage abfehen. Er hat fich in diefen Aeußerungen nirgends für die Arbeiterklaffe und ihre fpeziellen Bedürfniffe im Gegenfaß zu den übrigen Bevölkerungsklaffen ausgefprochen. Er hat im Gegenteil ftets vermieden. folche Gegenfäße anzuerkennen. Als er z. B. am 12. Februar 1861 in Cincinnati in einer Ver fammlung deutfcher Arbeiter fprach. und als der Vorfißende erklärt hatte. daß die Verfammelten der Anficht feien. daß die Arbeiterklaffe die Grundlage aller Regierungen fein müffe. da erklärte zwar Lincoln fich mit diefer Anficht einver ftanden. ..fchon aus dem einfachen Grunde. weil fie (die Arbeiter) die zahlreichften find.“ aber vorfichtig und nicht ohne jene Schlauheit. die ihm eigen war. fügte er hinzu. daß er befonders auch deshalb fich mit den feitens des Vorfißen den kundgegebenen Anfchauungen einverftanden erklären

könne. weil diefer geäußert habe. daß das nicht blos die Meinung der anwefenden Arbeiter. fondern auch die der anwefenden Bürger anderer Berufe fei. In eingehender Weife hat fich Lincoln in feiner Botfchaft an den Kongreß vom Dezember 1861 über die Frage von Arbeit und Kapital ausgefprochen und aus den betreffenden 34

Stellen diefes Schriftftückes ergibt fich aufs genauefte die Stellung. die Lincoln zu ökonomifchen Fragen einnahm. Lincoln hat fpäter auf die betreffenden Ausführungen diefer Botfchaft befonders hingewiefen als auf eine Art Pro. gramm. das er den Arbeitern zur Berückfichtigung empfahl. In New York beftand 1863 und 1864 eine Arbeiter vereinigung. die fich *Working-memo Zeeo0jation 01' Pleo' ?ork" (Arbeiter-Affociation von New York) nannte. Diefe Affociation befchloß. Lincoln zum Ehrenmitglied ihrer Gefellfchaft zu machen. Ein Komite wurde nach Wafhing ton gefchickt. um Lincoln die Ehrenmitgliedfchaft und eine Adreffe zu überbringen.

Am 21. März 1864 gab Lincoln diefem Komite die folgende Antwort: ..Meine Herren vom Komitel Die Ehrenmitgliedfchaft Ihrer Gefellfchaft. die fie mir in fo freundlicher Weife anbie ten. nehme ich mit Dank an. ..Sie haben begriffen. wie Ihre Adreffe zeigt. daß die gegenwärtige 'Rebellion mehr bezweckt und auf Höheres hin zielt. als auf den bloßen Fortbeftand der afrikanifchen Sklaverei. daß fie in Wirklichkeit ein Krieg gegen die Rechte des arbeitenden Volkes ift. Teils um Ihnen zu zeigen. daß diefer Zweck meiner Aufmerkfamkeit nicht entgangen ift. und teils. weil ich meiner Gefinnung keinen befferen Ausdruck geben kann. will ich Ihnen eine Stelle aus meiner Botfchaft an den Kongreß im Dezember 1861 vortragen: ..Es ftellt fich immer deutlicher heraus. daß die Infur rektion größtenteils. wenn niGt ausfchließlich. ein Krieg ift gegen das Hauptprinzip einer volkstümlichen Regierung -* die Rechte des Volkes. Der fchlagende Beweis hierfür findet fich in den ernften und reiflich überlegten öffentlichen Doku menten. wie überhaupt in dem allgemeinen Ton der Infur genten. In diefen Schriftftücken fanden wir die Be fchränkung des beftehenden Wahlrechts und die Betaubung des Volkes. um allen Anteil an der Wahl der öffentlichen Beamten. mit Ausnahme der Gefeßgeber. kühn mit fpiß findigen Argumenten verteidigt. um zu beweifen. daß eine zu große Kontrolle der Regierung feitens des Volkes die Quelle alles politifchen Uebels fei. Selbft auf die Monarchie wird hie und da als eine mögliche Zuflucht vor der Macht des Volkes hingedeutet. 35

In meiner gegenwärtigen Stellung wäre es kaum gerechtfertigt. würde ich unterlaffen. meine warnende Stimme gegen das Herannahen des rückkehrenden Defpo tismus zu erheben. Es ift weder notwendig. noch an diefer Stelle paffend. daß ich mich hier auf allgemeine Argumente zu Gunften volkstümlicher Einrichtungen einlaffe. Aber auf einen Punkt. der noch nicht fo abgebraucht ift. wie die meiften ande ren. erlaube ich mir kurz Ihre Aufmerkfamkeit zu lenken. Es ift das Beftreben im Bau der Regierung. das K a p it a l auf gleichen Fuß mit der Arbeit. wenn nicht über fie zu ftellen. Es wird behauptet. daß die Arbeit nur in Verbin dung mit dem Kapital nüßlich und wirkfam fei. daß niemand arbeite. ohne daß jemand anders. der Kapital befißt. ihn in irgend einer Weife durch die Anwendung desfelben zu arbei ten veranlaffe.

Nach diefer Behauptung kommt zunächft die

Frage. ob es am beften fei. daß das Kapital die Arbeiter mietet. und fie fo veranlaffe. aus freiem Willen zu arbeiten oder fie zu ka u f e n. und fie ohne 'ihre Einwilli gung zur Arbeit zu treiben. Soweit angelangt. folgt als natürlicher Schluß. daß alle Arbeiter entweder gemie t e t e Arbeiter. L o h n arbeiter. oder S k l a v e n find. Und weiter wird behauptet. daß jeder. der einmal Lohn arbeiter ift. fein Leben lang in diefem Zuftand verbleibe. Nun. es gibt kein folches Verhältnis zwifchen Kapital und Arbeit. wie behauptet wird; noch gibt es fo etwas. daß ein freier Mann fein ganzes Leben lang in dem Zuftande eines Lohnarbeiters verbleiben muß. Beide Behauptungen find falfch und alle daraus gezogenen Folgerungen find grundlos. Die Arbeit war früher und unabhängig vom Kapital. Das Kapital ift nur die Frucht der Arbeit und könnte nie mals exiftiert haben. wenn die Arbeit nicht vorher exiftiert hätte. Die Arbeit fteht höher als das Kapital und verdient viel größere Berückfichtigung. Das Kapital hat feine Rechte. die des Schußes fo würdig find. wie alle anderen Rechte. Auch wird Niemand leugnen. daß es Beziehungen zwifchen

Kapital und Arbeit gibt und wahrfcheinlich ftets geben wird. der gegenfeitige Vorteile entfpringen. Der Irrtum liegt nur in der Behauptung. daß die gefamte Arbeit des Gemein

wefens innerhalb jener Beziehungen fich bewegt. 36

Einige

Wenige befißen Kapital und diefe Wenigen arbeiten nicht felbft. fondern fie mieten oder kaufen mit ihrem Kapital Andere. die fie für fich arbeiten laffen. Die große Majorität aber gehört weder zu der einen noch zu der anderen Klaffe-> fie arbeitet weder für Andere. noch läßt fie Andere für fich arbeiten. In den meiften Staaten des Südens befteht eine Majorität des ganzen Volkes. aller Farben. weder aus Sklaven noch aus Herren; während im Norden eine große Majorität weder aus Mietern noch aus Mietlingen befteht. Männer mit ihren Familien - Frauen. Söhnen. Töchtern - arbeiten für fich felbft. auf ihren Farmen. in ihren Häufern und ihren Werkftätten. genießen die Frucht ihrer Arbeit felbft. Sie betteln nicht um die Gunft des Kapitals einerfeits. noch um die Gunft gedungener Arbeiter oder Sklaven andererfeits. Dabei ift nicht zu vergeffen. daß eine beträchtliche Anzahl von Perfonen ihre eigene Arbeit mit dem Kapital vereinigen. das heißt. fie arbeiten mit ihren eigenen Händen. und kaufen oder mieten zu gleicher Zeit Andere. damit diefe für fie arbeiten. Aber das ift nur eine vermifchte. nicht eine befondere Klaffe. Kein hier dargeleg tes Prinzip wird durch das Beftehen diefer gemifchten Klaffe beeinträchtigt. Es gibt. wie fchon gefagt wurde. kein folches Ding wie einen freien Lohnarbeiter. der lebenslang mit Notwendig keit an diefen Zuftand gefeffelt wäre. Viele unabhängige Männer waren überall in diefen Staaten vor einigen Iahren noch Lohnarbeiter. Der arme aber kluge Anfänger in der Welt arbeitet eine Zeitlang für Lohn. fpart einen Ueber fchuß. mit welchem er Werkzeuge oder Land für fich felbft kauft; dann arbeitet er eine Zeitlang auf eigene Rechnung und fchließlich mietet er einen anderen Anfänger in der Welt. der ihm bei feiner Arbeit helfe. Dies ift das gerechte und gute und gedeihliche Shftem. das allen den Weg öffnet. allen Hoffnung und damit allen auch Energie. Fortfchritt und Verbefferung ihrer Lage bringt. Kein lebender Menfch ift vertrauenswürdiger als jener. der fich aus der Armut emporgearbeitet hat. niemand ift weniger geneigt. etwas zu nehmen oder anzurühren. was er fich nicht ehrlich verdient hat. Möge diefe Klaffe fich hüten. irgend eine politifche Macht aufzugeben. die fie befißt und deren Aufgeben ficherliä) benußt werden wird. ihnen und ihresgleichen die Tür des Z7 x

Fortfchritts zu verfchließen und ihnen neue Befchränkungen und Laften aufzuladen. bis endlich alle Freiheiten verloren fein werden.“ ..Diefe Anfichten. damals ausgedrückt. hege ich heute noch. noch habe ich denfelben viel hinzuzufügen. Niemand hat ein fo tiefes Intereffe daran. die gegenwärtige Rebellion zu unterdrücken. als die arbeitende Klaffe. Möge diefe fich vor Vorurteilen hüten. die Uneinigkeit und Feindfchaft in ihren eigenen Reihen hervorrufen. Das bemerkenswertefte Ereignis bei den Unruhen in Ihrer Stadt im leßten Sommer war das Hängen einiger Arbeiter durch andere ArbeiterI') Das follte niemals vorkommen. Das ftärkfte Band menfch licher Shmpathie. außerhalb der Familienbande. follte jenes fein. das alle Arbeiter aller Nationen und Zungen und Art vereinigt. Auch follte das zu keinem Krieg gegen das Eigen tum oder gegen die Befißer von Eigentum führen. Das Eigentum ift die Frucht der Arbeit; Eigentum ift wün fchenswert. es ift etwas pofitiv Gutes in der Welt. Der Umftand. daß einige reich fin d. zeigt. daß andere reich w e r d e n können. und deshalb ift es gerechh Induftrie und Unternehmungsgeift zu ermutigen und zu fördern. Wer ohne Haus ift. follte nicht das Haus des'anderen nieder reißen. fondern fleißig arbeiten und fich felbft eins bauen. fo durch fein Beifpiel fich Sicherheit verfchaffend. daß fein eigenes Haus. wenn gebaut. ficher vor Gewalttaten ift.“ ") Soweit Lincolns ökonomifche Anfchauungen. Man fieht aus diefem Schriftftück. daß Lincoln fich als Angehöriger des Kleinbürgertums fühlt und von deffen Anfchauungen befeelt ift. was bei dem damaligen Stand der gefellfchaftlichen Entwicklung in Amerika und bei Lincolns Werdegang durchaus erklärlich erfcheint. Lincoln leugnet die Exiftenz eines induftriellen Proletariats. das ..fein Lebenlang an feine Lage gefeffelt ift.“ Er fah aus feinen kleinbürgerlichen Erfahrungen und Anfchauungen heraus noch die Möglichkeit. daß jedermann fich vom Lohnarbeiter zum Befißer entwickeln könne. Seine Ausführungen find . *) Hinweis auf die New Yorker Konffriptionsunruhen im Juli 1863 bei denen mehrere Hundert Menfchen getödtet wurden.

** ). 6. dlicalaz- anci "l". U37: Abraham (.jneoiii'e lit/ortet». pp. 501-502

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eine Verherrlichung der Mittelklaffe. des Kleinbürgertums. das nicht Kapitalift. nicht Lohnarbeiter ift. Der frühere Lohnarbeiter. der fich emporgearbeitet und dann einen Anfänger als Lohnarbeiter mietet. alfo kleiner Unternehmer wird. der ift Lincolns Ideal. Das ift ihm ..das gerechte und gute und gedeihliche Shftem“. Er fordert diefe Bevölke rungsfchicht. die ..fich von der Armut emporgearbeitet“ hat. auf. fich vor dem Verlufte ihrer politifchen Rechte und ihrer politifchen Macht zu hüten.

Es find nicht die Arbeiter.

denen Lincoln den Rat gibt. ihre politifchen Rechte zu wah ren. fondern es find die Kleinbürger. Und wer noch den geringften Zweifel über die gefellfchaftliche Klaffenftellung Lincolns haben könnte. den belehrt der Schluß feiner An fprache an das New Yorker Arbeiterkomite. fein Lobgefang auf das Eigentum und auf deffen Befißer. feine Warnung an die Arbeiter. nicht das Eigentum zu bekämpfen. wie weit Lincoln von fozialiftifchen Anfchauungen entfernt war. Wußte .er überhaupt etwas von folchen Anfchauungen? und hatte er fich mit Bezug darauf eine Meinung gebildet. fo war fie eine gegnerifche. Durchaus erklärlichl Die Arbeiterfrage und ihre Konfequenzen waren ihm fremd. Er war Vertreter der Farmer und Kleinbürger. in denen er feine Stärke hatte und die damals die ftärkfte Bevölkerungs fchicht der Nordftaaten der Union bildeten.

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3. Kapitel

Die Internationale Arbeiter-Affociation und der amerikanifche Bürgerkrieg . 1.

Die Adreffe des Gcneralrats der Internationalen Arbeiter-Affociation an Abraham Lincoln.

Am 28. September 1864 fand in London in St. Martin's Hall jene berühmte Arbeiterverfammlung ftatt. die die Geburtsftätte der Internationalen Arbeiter-Affo

ciation wurde. Die Verfammlung ernannte ein proviforifches Zentral Komite zur Leitung der Angelegenheiten der neuen Organi fation. das fich fpäter Generalrat nannte und aus Vertretern verfchiedener Nationalitäten zufammengefeßt war. Es waren befonders die Mitglieder des Generalrats gewefen. die fchon vor Gründung der Internationale in ihren Kreifen für die Sache des amerikanifchen Nordens gewirkt und die die englifche Arbeiterklaffe in ihrem helden mütigen Verhalten gegen das Fabrilantentum und die Re gierung geftüßt und angeregt hatten.

Am 27. November 1864 fchrieb Karl Marx. der leitende Geift des Generalrats. über die Zufammenfeßung diefes Komites an Iofeph Wehdemeher:

..Seine englifchen Mitglieder beftehen meiftens aus den Chefs der hiefigen Trade Unions. alfo den wirklichen Arbeiterkönigen von London. denfelben Leuten. die dem Garibaldi den Riefenempfang bereiteten und die durch das Monftermeeting in St. Iames Hall (unter Bright's Vorfiß) Palmerfton verhinderten. den Krieg an die Vereinigten Staaten zu erklären. wie er auf dem Punkte ftand. es zu tun.“ *) . *) F. Mehring. Neue Beiträge zur Biographie von K. Marx und F. Engels. ..Neue Zeit“ 1906/7. 2. Band. S. 224.

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Auch Marx hatte fchon vor der Gründung der Interna tionale feinen Einfluß auf die Führer der englifchen Arbeiter für die Sache der Union in die Wagfchale geworfen. Der Generalrat der Internationale feßte die frühere Tätigkeit feiner Mitglieder nach diefer Richtung hin fort. Anfangs November 1864 war Abraham Lincoln zum zweiten Male zum Präfidenten der Vereinigten Staaten erwählt worden. Unter dem direkten Einfluß und auf Ver anlaffung des Generalrats der Internationalen Arbeiter

Affociation fanden aufs neue Proteftverfammlungen der Londoner Arbeiter ftatt. die fich gegen die unionfeindliche Haltung der Fabrikanten und der Regierung ihres Landes wandten. Es war Karl Marx. der die Anregung zu diefer erneuten Bewegung gab. 4*)* In einer der nächften Sißungen des Generalrats. am 22. November. wurde auf Antrag von Dick. der von G. Howell unterftüßt wurde. befchloffen. eine Adreffe an das amerikanifche Volk zu verfaffen. ..in welcher diefes zu feinen Kämpfen und Opfern für die freiheitlichen Prinzipien und zur Wiederwahl Abraham Lincolns zum Präfidenten der Republik beglückwünfcht werden folle.“ Es wurde ein Komite zur Abfaffung diefer Adreffe erwählt. das feinen Entwurf. deffen Verfaffer Karl Marx war. in der nächften Sißung des Generalrats. am 29. November. vorlegte. Der Entwurf wurde angenommen und befchloffen. ihn durch ein Komite an Charles Francis Adams. den amerikanifchen Gefandten in London. zur Beförderung an feine Regierung zu überreichen. Diefe Adreffe hatte folgenden Wortlaut: ..An Abraham Lincoln. Präfident der Vereinigten Staaten von Amerika. Geehrter Herrl Wir gratulieren dem amerikanifchen Volke zu Ihrer durch eine große Majorität erfolgten Wiedererwählung. War der Widerftand gegen die Sklavereimacht das Lofungs wort Ihrer erften Wahl. fo bedeutet der Siegesjubel Ihrer Wiedererwählung den Tod der Sklaverei. . *) Nach brieflichen Mitteillungen Friedrich Leffuers in London. der zu jener Zeit Mitglied G. R. der J. A. A. war. an den Verfaffer.

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Von Beginn des amerikanifchen Titanenkampfes an fühlten die Arbeiter Europas aufs klarfte. daß am Sternen banner das Schickfal ihrer Klaffe hing. Der Kampf um die Territorien. der das graufige Heldengedicht einleitete. follte es nicht entfcheiden. ob die weiten Strecken jungfräuliGen Bodens mit der Arbeit der Einwanderer verbunden fein. L|de? ob fie entweiht fein follten durch den Fuß der Sklaven rei er. Als eine Oligarchie von 30.000 Sklavenhaltern es wagen durfte. zum erftenmale in der Weltgefchichte das Wort ..Sklaverei“ auf das Banner einer bewaffneten Erhe bung zu fchreiben. als an derfelben Stätte. wo kaum ein Iahrhundert zurück die Idee der einen großen demokratifchen Republik zum Ausdruck kam. wo die erfte Erklärung der Menfchenrechte veröffentlicht und der erfte Anftoß zur euro päifchen Revolution des achtzehnten Iahrhunderts gegeben wurde - als an diefer felben Stelle eine Gegenrevolution

mit fhftematifcher Gründlichkeit fich der Ungültigkeits erklärung von heute. ..den Ideen. die zur Zeit der Bildung der alten Konftitution“ gehegt wurden. als fie die Sklaverei als eine ..wohltätige Inftitution“. ja. als die einzige Löfung des großen Problems der ..Beziehungen zwifchen Kapital und Arbeit“ bezeichnete und zhnifch das Eigentum an Menfchen als ..den Eckftein des neuen Gebäudes“ prokla mierte - da verftand die arbeitende Klaffe Europas fofort - fogar noch ehe die fanatifche Parteigängerfchaft der herr fchenden Klaffen für die konföderierten Sklavenbefißer fie gewarnt -. daß die Rebellion der Sklavenhalter die Sturm glocke läutete für einen allgemeinen heiligen Krieg des Eigentums gegen die Arbeit. und daß in jenem Riefenkonflikt auf der andern Seite des Atlantic für die Männer der Arbeit mit ihren Hoffnungen auf die Zukunft. fogar die Errungen fchaften der Vergangenheit in Gefahr feien. Ueberall trugen fie deshalb geduldig die Laften. die ihnen die Baumwollenkrifis auferlegte. opponierten enthu fiaftifch der Intervention zu Gunften der Sklaverei. die die oberen .Klaffen fo dringend erlangten und lieferten aus den meiften Teilen Europas ihren Blutanteil zum Beften der Sache. Solange die Arbeiter. die wahre politifche Macht des Nordens. der Sklaverei erlaubten. ihre eigene Republik zu 42

fchänden. folange fie gegenüber dem Neger. beherrfcht und verkauft ohne feine Einwilligung. es als das höchfte Vor recht des weißen Arbeiters rühmten. daß er fich felbft ver kaufen und feinen eigenen Herrn wählen dürfe. folange waren fie unfähig. die wahre Freiheit der Arbeiter zu erlangen oder ihre europäifchen Brüder im Kampfe für ihre Emanzipation zu unterftüßen; aber diefe Schranke gegen den Fortfchritt ift weggefchwemmt durch das .rote Meer des . Bürgerkrieges. Die Arbeiter Europas find ficher. daß. wie der amerika nifche Unabhängigkeitskrieg eine neue Aera der Herrfchaft für die Bürgerklaffe bedeutete. fo der amerikanifche Anti Sklavereikrieg für die Klaffe der Arbeit. Sie halten es für cin bezeichnendes Zeichen der kommenden Epoche. daß Abraham Lincoln. dem aufrichtigen Sehne der arbeitenden Klaffe. die Rolle zufiel. fein Land in diefem unvergleichlichen Kämpfe für die Rettung der gefeffelten Raffe und für den Wiederaufbau einer fozialen Welt zu führen. Unterzeichnet im Namen der Internationalen Arbeiter Affociation vom Generalrat. 29. November 1864.") Die Antwort Lincolns auf diefe Adreffe des Generalrats wurde durch die amerikanifche Gefandtfchaft in London übermittelt und in der Sißung des Generalrats vom 31. Ianuar 1865 verlefen. Sie hatte folgenden Wortlaut: ..Gefandtfchaft der Vereinigten Staaten. London. 28. Ianuar 1865. Geehrter Herrl Ich habe den Auftrag. Ihnen mitzuteilen. daß die Adreffe des Generalrats Ihrer Affociation. die durch die hiefige Gefandtfchaft dem Präfidenten der Vereinigten Staaten übermittelt worden. in feine Hände gelangt ift. Soweit die darin ausgedrückten Gefühle feine Perfon betref fen. fo nimmt er fie mit dem aufrichtigen und eifrigen Wunfche an. er möge fich des Vertrauens würdig erweifen. das ihm in leßter Zeit von feinen Mitbürgern und den Freunden der Humanität und des Fortfchritts in der ganzen Welt entgegengebracht wurde. Die Regierung der Vereinig ten Staaten ift fich wohl bewußt. daß ihre Politik nicht . * Zeetiiue. Fanatic-z- 7. 1865

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reaktionär ift und nicht fein kann; aber fie beharrt auf dem Wege. den fie von Anfang an eingefchlagen. indem fie fich allenthalben von propagandiftifcher und ungefeßlicher Ein mifchung fernhält. Sie ftrebt nach voller. unparteilicher Gerechtigkeit für alle Staaten und Menfchen und erhofft einen günftigen Erfolg ihrer Beftrebungen von der Unter ftüßung des eigenen Landes und der Achtung und der Shm, pathie des Auslandes. Die Nationen beftehen nicht für fich allein. fondern zur Erörterung des Wohles und des Glückes. der ganzen Menfchheit. Von diefem Standpunkt aus betrachten die Vereinigten Staaten ihre Sache im Konflikt mit der Sklavenhalter-Infurrektion als die Sache der Menfchheit. und fie fchöpfen frifchen Mut zum Ausharren

aus dem Zeugnis der Arbeiter Europas. daß unfere natio nale Verbrüderung geklärte Zuftimmung und ihre aufrich tigen Shmpathien findet. . Charles Francis Adams.“4") Die Haltung des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Affociation. wie fie in feiner Adreffe an Lincoln zutage trat. fand übrigens nicht den Beifall aller feiner Gefinnungsgenoffen in den Vereinigten Staaten. Befonders auch die Männer des ..Kommuniftenklubs“ in New York proteftierten gegen diefe Haltung. da fie der Meinung waren. daß Lincoln wegen feines fchwächlichen Verhaltens in der Sklavereifrage eine folche Ehrung nicht verdient habe.

L. Die Adreffe des Generalrats der I. A. A. an Vräfident A. Johnfon.

Am 14. April 1865 wurde Abraham Lincoln in Ford's Theater in Wafhington durch einen Schuß in den Kopf. den der Schaufpieler Iohn Wilkes Booth abgefeuert hatte. tötlich verwundet. Er ftarb am nächften Morgen. Zur felben Zeit verfuchten füdliche Attentäter den Staatsfekretär Seward in feinem Bette zu töten und brachten ihm und feinem Sohne fchwere Wunden bei. Andrew Iohnfon. der bisherige Vice-Präfident. wurde Lincolns Nachfolger auf dem Präfi dentenftuhl der Union. . * Zeehjue. [0116011. :February 4. 1864. 44

Für die Stimmung. die in den herrfchenden Kreifen Englands gegenüber der Union herrfchte. war es bezeich nend. daß eines ihrer Preßorgane bei Eintreffen der Todes nachricht Lincolns den folgenden bedeutungsvollen Wink gab: ..Der Dolch oder die Kugel. in der Hand des fchwäch ften Warmes. der in menfchlicher Geftalt auf der Erde kriecht. kann das Schickfal von Nationen ändern. oder die Zeitftrömung in ein anderes Bett leiten.“ Und unmittelbar nach diefem Saß. ohne irgendwelchen Uebergang. bezeichnete

das Blatt den Nachfolger Lincolns. Andrew Iohnfon. als einen ..blutdürftigen Schurken“. als einen Abfchaum und Auswürfling der Menfchheit. als einen der gefährlichften ThrannenNt) Freilich war es nur der verbiffenfte Teil des englifchen Bürgertums. der den Attentäter Booth als einen Freiheits helden. als einen würdigen Nachfolger des Brutus und des Tell hinftellte. während im übrigen auch ein großer Teil der bisherigen Feinde Lincolns in England die Booth'fche Tat verdammte. Der Generalrat der Internationale befchloß beim Ein treffen der Nachricht von Lincolns Tode. eine weitere Adreffe nach Amerika zu richten und zwar an den Nachfolger des Getöteten. an Andrew Iohnfon. Diefes Schriftftück wurde am 13. Mai angenommen und hatte folgenden Wortlaut: ..Adreffe der Internationalen Arbeiter-Affociation an Präfident Iohnfon. An Andrew Iohnfon. Präfident der Vereinigten Staaten. Geehrter Herrl Der Dämon der ..eigentümlichen Ein richtung“. für deren Herrfchaft fich der Süden in Waffen erhob. erlaubte feinen Anbetern nicht. ehrenvoll in offenem Felde zu unterliegen. Was mit Verrat begonnen hatte. mußte notwendigerweife mit Niedertracht enden. Wie Philipps [l. Krieg für die Inquijition einen Gerard erzeugte. fo Iefferfon Davis' Erhebung einen Booth. Wir wollen nicht nach Worten der Trauer und des Ent feßens fuchen. wo das Herz zweier Welten vor Erregung erhebt. Selbft die Shkophanten. die Iahr für Iahr und . *) ..Der deutfche Eidgenofje“ London und Hamburg 1865.

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S. 42.

Tag für Tag emfig am Werke waren. Abraham Lincoln und die große Republik. an deren Spiße er ftand. moralifch zu meucheln. felbft die find entfeßt angefichts diefes allgemeinen Ausbruchs des Volksempfindens und wetteifern miteinander. rhetorifche Blumen auf fein offenes Grab zu ftreuen. Sie find jeßt endlich darauf gekommen. daß er ein Mann war. den der Mißerfolg nicht niederfchlagen. der Erfolg nicht beraufchen konnte. der unerfchütterlich feinem großen Ziele entgegendrängte. ohne es je durch blinde Haft aufs Spiek zu feßen. bedächtig feine Schritte fördernd. ohne je einen zurück zu tun. nie fortgeriffen von der Flut der Volksgunft. nie entmutigt durch die Abkühlung des Volksenthufiasmus; der Akte der Strenge durch die Sonnenblicke eines liebe vollen Herzens erwidert. düftere Auftritte der Leidenfchaft durch das Läheln des Humors erhellt und fein titanifches Werk ebenfo einfach und befcheiden verrichtet. als Herrfcher von Gottes Gnaden kleine Dinge mit prahlerifchem Glanz und Aufwand zu tun pflegen; mit einem Worte. er war einer der feltenen Männer. denen es gelingt. groß zu wer den. ohne daß fie aufhören. gut zu fein. So groß war in der Tat die Befcheidenheit diefes großen und guten Mannes. daß die Welt erft dann entdeckte. er fei ein Held gewefen. nachdem er als Märthrer gefallen. An der Seite eines folchen Führers als das zweite Opfer der höllifchen Dämonen der Sklaverei aus erwählt zu werden. war eine Ehre. der Herr Seward würdig war. War er nicht zu einer Zeit allgemeiner Unfchlüffigkeit fo fcharf blickend. den ..unvermeidlichen Konflikt“ vorauszufehen. und fo unerfchrocken ihn vorauszufagen? Erwies er fich nicht in den düfterften Augenblicken diefes Konflikts treu der Pflicht des Römers. niemals an der Republik und ihren Sternen zu verzweifeln? Wir hoffen aus vollem Herzen. daß er und fein Sohn viel eher als nach ..neunzig Tagen“ der Gefund heit. der öffentlichen Tätigkeit und den wohlverdienten

Ehren zugeführt werden. Nach einem riefenhaften Bürgerkrieg. der. wenn wir feine koloffale Ausdehnung und feinen weiten Schauplaß in Betracht ziehen. im Vergleich zu dem hundertjährigen und dreißigjährigen und dreiundzwanzigjährigen Kriegen der alten Welt kaum neunzig Tage gedauert zu haben fcheint. ift Ihnen. geehrter Herr. die Aufgabe zugefallen. durch das 46

Gefeß zu entwurzeln. was das Schwert gefällt. der fchweren Arbeit des politifchen Umbaus 'und der gefellfchaftlichen Wiedergeburt vorzuftehen. Das tiefe Bewußtfein Ihrer großen Miffion wird Sie vor jeder Abfchwächung Ihrer ftrengen Pflichten bewahren. Sie werden niemals vergeffen. daß das amerikanifche Volk zur Inauguration der neuen Aera der Emanzipation der Arbeit die Laften der Führer fchaft zwei Männern der Arbeit auflud - der eine Abraham Lincoln. der andere Andrew Iohnfon. Unterzeichnet im Namen der I. A. A. vom Generalrat. 13. Mai 1865.

G. Odgers. Präfident; Sekretär.“ *) 3.

W.

R. Cremer.

General

Adreffe des Generalrats an das Volk der Vereinigten Staaten.

Im September 1865 wurde eine Konferenz der Inter nationale abgehalten. da der für diefe Zeit geplante erfte Kongreß der Affociation. der in Brüffel abgehalten werden follte. durch das Vorgehen der belgifchen Regierung unmög lich gemacht worden war. Diefe Londoner Konferenz kam noch einmal auf die Sklavenfrage in Amerika zurück und man befchloß eine Adreffe an das amerikanifchen Volk. die den folgenden Wortlaut hatte: ..Adreffe der Konferenz der I. A. A. vom 25. September 1865 an das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika. Bürger der großen Republikl Wieder wenden wir uns an Euch. diesmal nicht in mitfühlender Trauer. fondern in Worten der Beglückwünfchung. Hätten wir nicht auf das Tieffte mit Euch fhmpathifiert in Euren Stunden der Bekümmernis. damals. als Feinde innen wie außen gierig darnach trachteten. Eure Regierung und jene Prinzipien univerfaler Gerechtigkeit. auf denen fie beruht. umzuftürzen. wir würden icßt nicht wagen. Euch zu Eurem Erfolg zu beglückwünfchen. . * Zeelüue.

b0nc10n. Way 20. 1865.

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Aber wir haben nie in unferer Treue für Eure Sache gefchwankt. die die Sache der ganzen Menfchheit ift; noch fürchteten wir je für ihren fchließlichen Triumph. felbft nicht im dunkelften Schatten ihres Mißgefchicks.

In fefter Anhänglichkeit und vollem Glauben an jene Prinzipien der Gleichheit und brüderlichen Gemeinfchaft. für die Ihr das Schwert gezogen. waren wir überzeugt. daß. fobald der Kampf vorbei und der Sieg erfochten. es wieder in die Scheide zurückkehren und der Friede in Eurem Lande und Freude in Eurem Volke wieder einziehen werde. Der Erfolg hat unfere Erwartungen gerechtfertigt. Euer Kampf ift das einzige bekannte Beifpiel. daß eine Regierung gegen eine Fraktion ihrer eigenen Bürger für die Freiheit des Volkes gefochten hat. Vor allem beglückwünfchen wir Euch zum Ende des

Krieges und zur Aufrechterhaltung der Union. Die Sterne und Streifen. die Eure eigenen Söhne brutal in den Staub getreten. flattern wieder im Winde vom Atlantifchen zum Stillen Ozean. um nie wieder. wie wir hoffen. von Euren eigenen Kindern befchimpft zu werden. und nie wieder über blutigen Schlachtfeldern zu wehen. feien es die der inneren Empörung oder die des auswärtigen Krieges. Und mögen diejenigen irregeleiteten Bürger. die folche Tapferkeit auf dem Schlachtfelde für eine ruchlofe Sache gezeigt. jeßt ebenfo viel Eifer entfalten. um zu helfen. die Wunden zu heilen. die fie gefchlagen. und den Frieden für das gemeinfame Vaterland wiederherzuftellen. Dann wünfchen wir Euch Glück dazu. daß die Urfache diefer Leidensjahre jeßt befeitigt ift. _ die Sklaverei hat aufgehört. Diefer Fluch auf Eurem fonft fo blanken Wap penfchild ift für immer abgewifcht. Nie wieder foll der Hammer des Auktionators Menfaienfleifch und Menfchenblut auf Euren Marktpläßen verfchachern und durch feine grau fame Barbarei die Menfchlichkeit fchaudern machen. Euer edelftes Blut wurde vergoffen. um diefe Flecken

wegzuwafchen. und die Verödung hat ihr fchwarzes Leichen tuch über Euer Land gebreitet. deffen Vergangenheit zu fühnen. Heute feid Ihr frei. geläutert durch Eure Leiden. Eine hellere Zukunft bricht für Eure glorreiche Republik heran und lehrt die alte Welt. daß eine Regierung aus dem Volk 48

und durch das Volk eine Regierung für das Volk und nicht für eine privilegierte Minderheit ift. Wir hatten die Ehre. unfer Mitgefühl mit Euren Leiden auszudrücken. Euch ein Wort der Ermutigung in Eurem Ringen zuzurufen. und EUR zu dem Erfolg zu beglückwün

fchen. Erlaubt uns. ein Wort des Rates für die Zukunft hinzuzufügen. x Da Ungerechtigkeit gegen einen Teil Eures Volkes fo entfeßliche Folgen nach fich zog. fo macht ein Ende. Erklärt Eure Mitbürger von heute an frei und gleich ohne jeden Rückhalt. Unterlaßt Ihr. ihnen Bürgerrechte zu geben. indes Ihr Bürgerpflichten von ihnen verlangt. dann fteht Euch ein neuer Kampf in der Zukunft bevor. der vielleicht noch einmal Euer Land mit Blut beflecken mag. Die Augen Europas und der ganzen Welt verfolgen Eure Verfuche des Neuaufbaus und ftets find Gegner

bereit. die Totenglocke republikanifcher Inftitutionen zu läuten. fobald man ihnen die geringfte Gelegenheit dazu gibt. Wir ermahnen Euch daher. als Brüder in der gemem famen Sache. jede Feffel der Freiheit zu löfen. und Euer Sieg wird vollftändig fein.“ Die Verföhnungspolitik. die die amerikanifche Regie rung in bezug auf den Süden einfchlug und die Annahme der Konftitutionsgefeße. die die politifche Gleichftellung der Neger beftimmen. entfprachen der Auffaffung jener Adreffe. die die Konferenz der Internationalen Arbeiter Affociation an das Volk der Vereinigten Staaten richtete.

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4. Kapitel

Die Internationale Arveiter-Affociation und . die Nationale Arbeiter-Union . 1.

Die Anfänge der Nationalen Arbeiter- Union.

Schon während des Bürgerkrieges waren Verfuche gemacht worden. eine engere Verbindung zwifchen den verfchiedenen Gewerkfchaften des Landes herzuftellen. Auf der Konvention der National-Union der Mafchi niften und Schmiede (*'Icfn0bjnjßto' ami ßlackornjtbo' Rational [ini-311"). die 1863 abgehalten wurde. ernannte man ein Komite. das den Auftrag erhielt. die übrigen nationalen und internationalen Gewerkfchaftsverbände aufzufordern. ähnliche Komites zu ernennen. Diefen Ko mites wurde die Aufgabe zugewiefen. zufammen mit dem

Komite der Mafchiniften und Schmiede über Mittel und Wege zu beraten. wie man eine nationale Gewerkfchafts Vereinigung. eine “National 'LrZ668 ÜIILÜÜÜF'. in? Leben rufen könne. die zur Wahrung der Intereffen der Arbeit die Gründung von Gewerkfchaften betreiben könne. Das Komite wurde ernannt und wandte fich an die übrigen Arbeiterorganifationen. Mit geringem Erfolg indes. Nur die Eifengießer-Union erklärte fich bereit. den Mafchi niften zu folgen. und fie ernannten auf ihrer Konvention von 1864 ein Komite zu dem Zwecke. Die Nichtbeteiligung der übrigen Organifationen verhinderte weitere Schritte zur Durchführung des Planes.*) Mit der Beendigung des Bürgerkrieges kehrten mehr als zwei Millionen Menfchen auf den Arbeitsmarkt zurück. Die Löhne wurden noch immer in Papiergeld bezahlt. wäh . * L'. 7. k'cuoclerly: 'l'bjrty Year8 of Labor. p. 56 kk.

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Coiunidue. 0..

rend die Preife der Waren nach Gold berechnet wurden. Bei einem Goldftand von 153 zu Ende des Krieges ent fprachen drei Dollars Lohn nur zwei Dollars vor dem Kriege. Troß der fcheinbaren Erhöhung des Lohnes ftand der Arbeiter 1865 verhältnismäßig fchlechter da als 1860. Das Faß Mehl. das 1860 6 bis 8 Dollars gekoftet hatte. mußte 1865 mit 16 bis 20 Dollars bezahlt werden. Das Fleifch hatte den drei- bis vierfachen Preis. als vor dem Kriege. Man kam vor 1860 mit einem Dollar Lohn weiter als mit drei Dollars fechs Iahre fpäteu') Während des Krieges war wenigftens die Arbeit nicht knapp gewefen. weil der Arbeitsmarkt nicht überfüllt war. Ießt aber. nachdem die Armee von Soldaten fich wieder größtenteils in eine Armee von Arbeitern verwandelt hatte. war der Arbeitsmarkt derart überfüllt. daß ein großer Teil der Arbeiter keine Arbeit fand. Troß der hohen Vreife gingen die Löhne herab und das Bedürfnis nach verftärkter. Organifation und für neue Waffen im Kampfe machte fich in den Arbeiterreihen geltend. Eine Reihe von Wortführern der Arbeiter trat in Kor refpondenz miteinander und man befchloß eine- Zufammen kunft. die im Herbfte 1865 in Louisville. Kh.. ftattfand. Es waren nur 12 Mann anwefend. die auf eigenen Anlaß und nicht als Vertreter ihrer Unions gekommen waren. um die Schritte zu beraten. die in bezug auf beffere Organifierung der Arbeiter des Landes getan werden könnten. Man befchloß. einen Aufruf an alle Arbeiterorganifa tionen zu erlaffen. eine Konvention zu befchicken. die im nächften Iahre in Baltimore. O.. zufammentreten follte. Gleichzeitig wurde befchloffen. einen Agitator nach dem Süden zu fchicken. um den Verfuch zu machen. die dort durch den Krieg gänzlich zerftörte Arbeiterbewegung wieder zu beleben. und man ernannte hierzu Richard F. Trevellick von Detroit. den Präfidenten der Schiffszimmerer-Union. Er ging auch nach dem Süden. Doch war dort vorläufig nicht an eine neue Arbeiterbewegung zu denken. 1M) Die Einzelheiten eines Planes zur nationalen Organi fierung der Arbeiter wurden bei einem Befuch erörtert. den *dic-tional Worten-tan. dient York. 1866. *i* 7'. 7. ?Market'ly. a. a. ().. pp. 6L. 63.

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William Harding von Brooklhn. Präfident der Internatio nalen Kutfchenmacher-Union (Soaczlnnakers' [liternatio ua]-[)l1j0n) bei Shlvis in Philadelphia im Februar 1866 machte. Das Refultat der Beratung war die Berufung einer Verfammlung. die am 26. März in New York ftatt fand. Shlvis war wegen Krankheit am Erfcheinen ver hindert. Diefe Verfammlung nun veröffentlichte einen Aufruf. der die geplante Arbeiter-Konvention für den 20. Auguft 1866 nach Baltimore berief. Der Aufruf. in dem auch be fonders der Achtftundentag betont wurde. war von William Harding. Iohn Reid und Iohn H. Fah unterzeichnet.*) Die Konvention begann am feftgefeßten Tage ihre Ver handlungen. Es waren 64 Delegaten vertreten und Iohn

Hinchcliffe von Illinois führte den Vorfiß. Die Tages ordnung deckte ein großes Feld und die Achtftundenfrage Fiahm die Hälfte der ganzen Verhandlungszeit in Anfpruch. Außerdem wurde die Frage der Gewerkfchaftsorganifation der Erziehungsmittel der Arbeit. Cooperation. National fchuld. Geldreform. - Landfchwindel und ähnliche Dinge mehr beraten. Allen Arbeitern wurde der Anfchluß an ihre Gewerkfchaft empfohlen. Die Verhandlungen wurden mit Ernft geführt und zeigten einen fehr guten Geift. Auf diefem Arbeiter-Kongreß in Baltimore kam auch

fofort die Notwendigkeit der unabhängigen politifchen Ak tion der Arbeiterklaffe zur Verhandlung. Es ift bezeich nend. daß es ein deutfcher Arbeiter war. der auf diefem Kongreffe amerikanifcher Arbeiter fich zum befonderen Be fürworter der Bildung einer amerikanifchen Arbeiterpartei aufwarf. Eduard Schlegel W). der Delegat des Deutfchen ..Re publikanifchen Arbeiter-Vereins“ zu Chicago. ein Anhänger Laffalles. trat mit begcifternden Worten für die Bildung einer folchen Partei ein. Den Einwand. daß eine unab hängige Arbeiterpartei doch zu fchwach fein würde. um felbftändig Erfolge zu erringen. fertigte er mit dem Hin weis ab. daß jede Volkspartei zu Anfang notwendigerweife in der'-Minorität fein müffe. Die Zeit und Ausdauer führe . * lrjte of William ki. Zylujs.

klijlaäelpiüa. 1872. pp. 64. 65-

*-k) Das ift wahrfcheinli der richtige Name. obgleich die englifch amerclancfchen Quellen den .amen ..Schleger“ angeben.

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zum Siege. Eine neue Partei. aus der amerjkanifchen Arbeiterfchaft heraus. müffe ins Leben gerufen werden. Die Freiboden-Partei begann ihre Exiftenz mit einigen taufend Stimmen. und doch war fie nicht ins Leben gerufen worden. Abraham Lincoln wäre niemals Präfident der Vereinigten Staaten geworden. Politifche Fragen feien folche. die am Wahlkaften zu entfcheiden feien. und hier folle man fie entfcheiden. Die Ausführungen Schlegels fanden großen Beifall bei den Delegaten. doch kam man nicht zu einem entfcheidenden Schritte in bezug auf die Bildung einer unabhängigen Arbeiterpartei. Man half fich mit der Annahme der fol genden Refolution über die Frage hinweg: ..In Erwägung. daß die Gefchichte und Gefeßg'ebung der Vergangenheit den Beweis geliefert hat. daß man den Ver fprechungen und Erklärungen der Vertreter der beftehenden Parteien keinen Glauben fchenken kann. foweit die Inter effen der induftriellen Klaffe in Betracht kommen. fei es befchloffen. daß die Zeit für die Arbeiter der Vereinigten Staaten gekommen ift. ihre Verbindungen mit allen Par teien zu löfen und fich in eine ..Nationale Arbeiterpartei“ (*Platioual Labor Lat-t7") zu organifieren. deren Zweck fein foll. die Einführung eines Gefeßes zu fichern. das acht Stunden zu einer Tagesarbeit macht.“ Man gab der neuen Organifation den Namen ..Na tionale Arbeiter-Union“ (*“dlntioual Labor Union") . ohne indes Schritte zu tun. diefe Organifation zu feftigen und zu vervollkommnen. Befonders auch ftellte man keinerlei Beiträge feft. fo daß die Leitung des nationalen Verbandes ohne alle Mittel blieb. mit denen die Agitation hätte weitergeführt werden können. Unter den in. Baltimore angenommenen Befchlüffen ftanden die mit bezug auf den gefeßlichen Achtftundentag an der Spiße. Man fah in der Verkürzung der Arbeits zeit dur Gefeß nicht bloß ein Mittel im Kampf der Arbeiterk affe. fondern fogar d a s Mittel zur vollftändigen Befreiung des Proletariats. Ein weiterer Befchluß er klärte. daß es die erfte Pflicht eines jeden Arbeiters fei. fich der Gewerkfchaft feines Berufes anzufchließen und eine folche zu gründen. falls keine exiftieren follte. Ferner nahm man Refolutionen an. die fich gegen die beftehende Form 53

der Gefängnisarbeit wandten. die die Cooperation als ein Mittel erklärten. ..um den Uebergriffen des Kapitals dauernd und wirkfam entgegenzutreten“. und die die ..Mädchen. die an der Nähmafchine arbeiten“. zu unter ftüßen verfprachen. Auch ein Befchluß gegen die Tenement häufer ift von Intereffe.

Er wurde damit begründet. daß

..die Erfahrung lehrt. daß Lafter. Armut und Verbrechen die unvermeidlichen Beigaben find in den fchlecht ven, tilierten Wohnungen

der

Armen.

und

wir machen

die

Kapitaliften für alles dies verantwortlich. welche ihr Geld in folchen Häufern anlegen“. Im übrigen erklärte der Kongreß noch. daß die Inter effen der Ackerbauarbeiter mit denen der Induftriearbeiter identifch feien. daß man Arbeiterlefezimmer und Arbeiter Lhceen empfehle und daß befchäftigungslofe Arbeiter das Recht haben follten. Regierungsland zu beanfpruchen. In bezug auf Arbeitseinftellungen wurde befchloffen: ..Der Kongreß empfiehlt den Arbeitern. nur dann einen fogenannten Streik zu organifieren. wenn alle an deren Mittel. die Differenzen zu fchlichten. erfchöpft find.“ Man begnügte fich mit der Annahme von Befchlüffen. ohne eine fefte Platform anzunehmen. noch auch. wie wir ?ex-hen haben. in Wirklichkeit eine fefte Organifation zu 1 en. Die Konvention erwählte einen Buchdrucker. I. C. C. Whalleh aus Wafhington. zum Präfidenten der neuen Or ganifation. Ein Komite wurde ernannt. um Andrew Iohnfon. dem Präfidenten der Vereinigten Staaten. ein Exemplar des Verhandlungsberichts zu überreichen. Iohn fon erklärte feine Shmpathie mit einigen der untergeord neten Befchlüffe der Konvention. antwortete indes befon

ders auf die Achtftundenforderungen zunächft nur mit ausweichenden Redensarten. In dem Iahre. das der Konvention in Baltimore folgte. gefchah recht wenig zum Ausbau der neuen Organi fation. wenn wir fie fo nennen wollen. Befonders wenig Intereffe wurde auch von den Gewerkfchaften gezeigt. auf die man doch hauptfächlich gerechnet hatte.

Im Dezember 1866 fand in Ionia. in Michigan. unter dem Einfluß von R. F. Trevellick eine Arbeiter-Konvention 54

ftatt. die fich die Aufgabe ftellte. im Zufammenhang mit der Nationalen Arbeiter-Union zu wirken. Man entwarf eine Platform. die man fpäter der zweiten Konvention der Nationalen Arbeiter-Union. die im Sommer 1867 in Chicago ftattfand. unterbreitete. und die hier auch zur An nahme gelangte. Als die Verhandlungen der Chicagoer Konvention am 19. Auguft begonnen. zeigte fich. daß man feit Baltimore

fehr geringe Fortfchritte gemacht hatte. Man fah nur die felben Gefichter wie in Baltimore. Man -beriet die ein zelnen Punkte der Platform. die fich im wefentlichen mit den Refolutionen und Befchlüffen deckten. die in der erften Konvention angenommen worden waren.

Man wandte fich

gegen die Importation fremder Arbeitskraft und fprach fich für die Organifierung der Neger. die aus Sklaven zu freien Arbeitern geworden waren. in Gewerkfchaften aus. Auch die Gründung einer unabhängigen Arbeiterpartei wurde wieder befprochen. ohne daß es indes zu weiteren Schritten in diefer Frage kam. Der verhängnisvollfte Schritt. den die Chicagoer Kon vention der Nationalen Arbeiter-Union tat. war aber ein Befchluß. der fich auf Geldreformen bezog. Er war die Urfache. daß die vielverfprechende nationale Organifation der amerikanifchen Arbeiter der Tummelplaß aller mög lichen bürgerlichen Projektenmacher wurde und daß bald die Geldreform. befonders die Empfehlung von Papiergeld ausgabe. die Arbeiterreformen in den Verfammlungen der Nationalen Arbeiter-Union beinahe vollftändig beifeite drängte.

Uebrigens wurde auf diefer Ehicagoer Konvention zum erften Male die Errichtung eines nationalen ..Arbeits Bureaus“ verlangt. und es war William H. Shlvis. der den Vorfchlag machte. vom Kongreß die Errichtung des felben zu fordern. Im September 1868 trat der dritte Kongreß der Na tionalen Arbeiier-Union in New York zufammen. nachdem fchon im Mai desfelben Iahres eine Art Vorkonferenz in Pittsburg getagt hatte. Die Organifation war bis dahin nicht fefter und umfaffender geworden. doch hatten die Ver handlungen der früheren Kongreffe. der Erfolg. den man unterdes mit der Annahme des Achtftundengefeßes im 55

Kongreß errungen hatte. die Aufmerkfamkeit- der Arbeiter in weiteren Kreifen auf die nationale Veremigung gelenkt. Unglücklicherweife aber hatte die Stellung. die der Chicagoer Kongreß zur Frage der Geldre'form emnahm. das Intereffe vieler bürgerlicher Reformer fur die Arbeiter Organifation geweckt. und diefe verfuchten - mit Erfolg - fich Eintritt in der New Yorker Konvention 'zu ver fchaffen. nachdem die Pittsburger Vorkonferenz fich 'fchon für ein Zufammengehen mit den politifchen Organifationen der Farmer ausgefprochen hatte. Die in New York angenommene Platform bewegte fich in der Hauptfache in derfelben Richtung. wie die Befchlüffe der Chicagoer Konvention. Es ift hervorzuheben. daß in New York zum erften Male auch weibliche Delegaten Zu tritt zur Konvention verlangten und mit Freuden zu gelaffen wurden. wie man denn auch in einem Befchluffe den befonderen Schuß der weiblichen Arbeiter empfahl. Die Hauptbedeutung der New Yorker Konvention aber lag darin. daß man zu dem Befchluffe kam. eine unab hängige Arbeiterpartei. eine ..Arbeiter-Reformpartei“. zu gründen. zu dem Zwecke. die Platform und die Befchlüffe der Nationalen Arbeiter-Union in den Gefeßgebungen durchzufeßen. Man kam zu diefem Befchlnß erft nach langer und hef tiger Debatte. in der befonders Shlvis für die Partei-Neu gründung eintrat. Er erhielt dabei die Unterftüßung der bürgerlichen Papiergeld-Reformer. zu deren Anfchauungen fich Shlvis vollftändig belehrt hatte. während ein großer Teil der übrigen Arbeitervertreter fich gegen die unab hängige Arbeiterpolitik wandte. weil fie glaubten. daß die politifche Aktion der Arbeiter die in der amerikanifchen Volitik herrfchende Korruption in die Organifation der Arbeiter tragen werde. Schließlich aber gelang es dem Einfluffe Shlvis'. den Befchluß durchzufeßen. Die von ihm entworfene Platform. die von der Annahme ausging. daß die Nationalbanken die Höhe der Arbeitslöhne in allen Induftrien feftfeße und die einnationales Papiergeld als Abhilfe aller möglichen Uebel verlangte. da das ..National Bank-Shftem“ der Vater aller Monopole fei. wurde eben falls angenommen und Shlvis zum Präfidenten der Na tionalen Arbeiter-Union gewählt. 56

Shlvis verließ die New Yorker Konvention mit dem Entfchluß. der neuen Arbeiter-Reformpartei denfelben Er folg zu fichern. den er früher feiner Gewerkfchaft. der ..Internationalen Eifengießer-Union“ verfchafft hatte. als ihm deren Führung anvertraut wurde. Schon am 1. Oktober erließ er einen Aufruf an die Arbeiter und Arbeiterinnen der Vereinigten Staaten. in welchem er diefe auf die Gründung der neuen Partei auf merkfam machte. Er erklärte darin u. a.: ..Wir haben ein Riefenwerk unternommen - eine foziale und politifche Re folution. die ihresgleichen nicht in der Weltgefchichte hat.“ Und weiter: ..Wir haben den Politikern von Handwerk aller Parteien lange genug als Werkzeug gedient; reißen wir uns los von allen bisherigen Parteibanden. um eine Ar

beiterpartei zu organifieren. die auf Ehrlichkeit. Sparfam keit und die Gleichberechtigung aller begründet ift. Die Tage der Riefenmonopole und der Klaffengefeßgebung müffen enden. Das Geld hat uns lange regiert. verfuchen wir das Geld zu regieren. Wir bedürfen gleicher Be fteuerung jeder Art von Eigentum nach feinem wirklichen Wert. ob es in Häufern oder Staatspapieren befteht. Unfer Schlachtruf fei: ..Nieder mit dem Geldfackl Hoch das Volk!“ Shlvis glaubte übrigens an .baldigen Erfolg. Er er klärte noch in dem erwähnten Aufruf: ..Laßt jeden mit dem Entfchluß beginnen. daß wir 1872 den Präfidenten wählen und in der Zwifchenzeit die Gefeßgebung beeinfluffen wollen. Machen wir uns ernftlich daran. diefes große Werk durchzufeßen. fo werden in kurzer Zeit die feindlichen Ge feße verfchwinden und einfache praktifche Gefeße zum Schuße und zur Ermutigung aller Verdienftvollen werden ihren Vlaß einnehmen. und die Drohnen. die fich von der Arbeit der Armen mäften. werden gezwungen fein. durch ehrliche Arbeit ihr Brot zu verdienen. oder zu darben. Laßt uns nicht warten. bis wir in Not geraten. Hört auf. Euch zu verteidigen. greift anl“ Es war das böfe Gefchick Shlvis". daß er in die Hände der Geldreformer fiel. Es war das jedenfalls einer der Gründe. daß die größeren Gewerkfchaftsverbände feiner politifchen Organifation fern blieben. und troß feines Eifers. troß feiner Ehrlichkeit und feiner unermüdlichen

57

Organifationsarbeit nur wenig Boden.

2.

gewann

die

Arbeiter-Reformpartei

Verbindung der Internationale mit der Nationalen Arbeiter - union.

In den erften Iahren nach der Gründung der Interna tionalen Arbeiter-Affociation fand diefelbe in amerikani fchen Arbeiterkreifen keinerlei Beachtung; der Krieg nahm noch alle Aufmerkfamkeit in Anfpruch und die Arbeiter bewegung des Landes felbft hatte noch viel zu wenig feften Boden unter den Füßen. als daß man mit dem Auslande hätte Fühlung fuchen follen. x Es war unmittelbar nach dem Kongreß in Baltimore. als die leitenden Perfonen der amerikanifchen Bewegung fich nach London wandten. um mit der Arbeiterbewegung Englands in nähere Verbindung zu kommen. In New York erfchien am 13. Oktober 1866 die erfte Nummer einer wöchentlichen Arbeiterzeitung. die fich “M19 National Wortmann" nannte und die ..den Intereffen der arbeitenden Klaffen“

gewidmet

war.

Diefes Blatt.

deffen Herausgeber ein gewiffer Iones war. brachte fehr gute Berichte über die damalige Arbeiterbewegung. Es ftellte fich auf den Boden'der Befchlüffe des Kongreffes in Baltimore. und ging fogar darüber hinaus. indem es fchon damals in fcharfer Weife die unabhängige politifche Aktion der Arbeiter vertrat. Das Blatt wurde mit Nummer 12 das offizielle Organ des damaligen Arbeiter-Centralkörpers von New York und war auch das Organ der “Norlrjngmeo'o

Assembly". der Iahresverfammlung aller Arbeiter-Orga nifationen des Staates. Leider beftand es nur bis zum 2. März 1867. an dem die leßte Nummer des *National Nortunen" erfchien. Diefes Blatt lenkte in Amerika zuerft die Aufmerkfam keit feiner Lefer auf die ..Internationale Arbeiter-Affozia tion“. Der “National Nortxruan" berichtete nicht nur über die Verhandlungen des Genfer Kongreffes der Affozia tion. fondern es gab hie und da auch Berichte über die Sißungen des Generalrats in London und über die Be fchlüffe. die dort gefaßt wurden. 58

Mit dem “Rational Ülorkmno" ftand W. I. Ieffup in

Verbindung. ein Schiffszimmerer. der fchon während des Krieges in feiner Gewerkfchaft äußerft tätig gewefen war. Unmittelbar nach dem Kongreß in Baltimore wandte fich Ieffup an den General-Sekretär der Schreiner-Organifa

tion (**Zc'ejsty of Sarpentero einc] Joinero'') in London. und erfuchte diefen um regelmäßigen fchriftlichen Verkehr zwifchen den amerikanifchen und englifchen Zimmerer- und

Schreiner-Organifationen. In einem vom 14. Oktober 1866 datierten Briefe willigte der General-Sekretär der Schreiner .in London. R. Applegarth.*) mit Freuden ein. fchickte gleichzeitig eine Anzahl Schriftftücke an Ieffup und führte wörtlich aus: ..Ich möchte fragen. ob es nicht möglich ift. Ihre Körper fchaft mit der unfrigen zu vereinigen? Die ..Vereinigte Gefellfchaft der Mafchiniften“ ('*14n1a1gnmntecl Zoaietx 0f Lngjneero") haben uns ein Beifpiel gegeben. Warum ihnen nicht folgen? Sie haben Zweige ihrer Organifation in Bloomington. Ill.. Buffalo und Dunkirk. N. Y.. Sus quehanna. Penn.. und in New York Cith.“ R. Applegarth war Mitglied des Geueralrats der In ternationale und es darf angenommen werden. daß die fo gefchaffene Verbindung zwifchen ihm und Ieffup. der wie derum mit Shlvis in Verbindung ftand. den erften Anlaß gab zu dem fchriftlichen Gedankenaustaufch. der fich jeßt zwifchen Shlvis und dem Generalrat der Internationale entwickelte. Auf dem zweiten Kongreß der ..Nationalen Arbeiter Union“ in Chicago 1867 traten Ieffup und Shlvis für eine offizielle Verbindung der amerikanifchen Arbeiter-Organi fation mit der Internationale ein. Es kam aber nicht dazu. doch nahm man die folgende Refolution an: ..In Anbe tracht. daß die Anftrengungen der arbeitenden Klaffen in Europa. die politifche Macht zu erobern. ihre Zuftände. foziale und fonftige. zu verbeffern. die Knechtfchaft. in wel cher fie gewefen und noch find. abzuwerfen. ein befriedigen des Zeugnis ablegen von dem Fortfchritt der Gerechtigkeit. der Bildung und der Humanität. fei es befchloffen: Daß der . * “711e National Worum-iu" dlo. 2, 0ct0ber 20th. 1866.

'

59

Nationale Arbeiter-Kongreß hiermit den organifierten Ar beitern in Europa im Kampfe gegen politifches und foziales Unrecht feine Shmpathien und Mitwirkung erklärt.“ Wenn es alfo auch nicht dazu gekommen war. daß die amerikanifche Nationale Arbeiter-Union fich der Interna tionale offiziell anfchloß. fo blieb Shlvis doch im fchriftli chen Verkehr mit dem Generalrat. Im Frühling 1869 hatte die Spannung. die zwifchen den Vereinigten Staaten und England als Refultat des Verhaltens des leßteren während des Bürgerkrieges herrfchte. eine folche Höhe erreicht. daß die Gefahr eines Krieges zwifchen den beiden Ländern drohend emporftieg. Der Generalrat der Internationale befchloß. der vorhan denen Kriegsftimmung entgegen zu wirken. und er fchickte eine Adreffe an Shlvis. als Präfidenten der Nationalen Arbeiter-Union. worin die Arbeiterklaffe Amerikas aufgeru fen wurde. dem Kriegsgefchrei der herrfchenden Klaffen durch ihr Verhalten entgegen zu wirken und für die Auf' rechterhaltung des Friedens einzuftehen. Die Adreffe. die vom 12. Mai 1869 datiert ift. hatte folgenden Wortlaut: ..London. 12'. Mai'1869. Mitarbeiter! In der Einführungs-Adreffe unferer Affoziation fagten wir: ..Es war nicht die Weisheit der herrfchenden Klaffen. fondern der heldenmütige Widerftand gegen ihre verbreche rifche Torheit von Seiten der englifchen Arbeiterklaffe. wel (her verhütete. daß der Weften von Europa fich Hals über Kopf in einen infamen Kreuzzug ftürzte. zur Verewigung und Ausbreitung der Sklaverei jenfeits des atlantifchen Ozeans.“ Die Reihe ift jetzt an Euch. einem Kriege vorzu beugen. deffen klarftes Refultat fein würde. während einer

unbeftimmten Zeitperiode die emporfteigende Arbeiter bewegung auf beiden Seiten des atlantifchen Ozeans zurück zufchleudern. Wir brauchen Euch kaum zu fagen. daß europäifche Mächte exiftieren. die ängftlich bemüht find. einen Krieg zwifchen den Vereinigten Staaten und England anzufchü ren. Ein Blick auf die Handelsftatiftik zeigt. daß die ruffifche Ausfuhr von Rohprodukten - und Rußland hat nichts anderes auszuführen - vor der amerikanifchen Konkurrenz 60

wich. als der Bürgerkrieg die Wagfchalen drehte. Den amerikanifchen Pflug in ein Schwert verwandeln. würde gerade jeßt eine Macht. die Eure republikanifchen Staats männer in ihrer Weisheit zu ihrem vertrauten Ratgeber erkoren haben. aus der bevorftehenden Gefahr eines Banke rotts retten. Aber ganz abgefehen von den Sonder intereffen diefer oder jener Regierung. ift es nicht das allge meine Intereffe unferer Unterdrücker. unfere rafch um fich

greifende internationale Zufammenwirkung in einen ftören den Krieg zu verwandeln? In unferer Beglückwünfchungsadreffe an Herrn Lincoln. bei feiner Wiedererwählung als Präfident. drückten wir un fere Ueberzeugung aus. daß fich der Bürgerkrieg als ebenfo wichtig erweifen würde für den Fortfchritt der Arbeiter klaffe. wie fich der Unabhängigkeitskrieg für die Hebung der Bürgerklaffe erwiefen hätte. Und tatfächlich hat die fiegreiche Beendigung des Anti-Sklavereikrieges eme neue Epoche in den Annalen der Arbeiterklaffe eröffnet. In den Vereinigten Staaten ift feitdem eine felbftändige Arbeiter bewegung in's Leben getreten. die von den alten Parteien und ihren profeffionellen Politikern mit fcheelen Augen an gefehen wird. Um fruchtbar zu werden. bedarf fie Iahre des Friedens. ein Krieg zwifchen den Vereinigten Staaten und England würde fie erdrücken. Die nächfte handgreifliche Wirkung des Bürgerkrieges war allerdings die. die Stellung des amerikanifchen Arbei ters zu verfchlechtern. In den Vereinigten Staaten wie in Europa wurde der Riefenalp einer Nationalfchuld von Hand zu Hand gefchoben. um ihn auf die Schultern der Arbeiterklaffe abzuladen. Die Preife der Lebensmittel. fagt einer Eurer Staatsmänner. find feit 1860 78 Prozent ge ftiegen. während der Lohn der einfachen Handarbeit 50 Prozent ftieg und der Lohn der gefchickten Handarbeit um 60 Prozent. ..Der Pauperismus.“ klagt er. ..wächft jeßt in Amerika mehr als die Bevölkerung.“ Ueberdies ftechen die Leiden der Arbeiterklaffe ab gegen den als Zierrat erfchei nenden neugebackenen Luxus von Finanzariftokraten. Shoddh-Ariftokraten und ähnliches durch Kriege erzeugtes Ungeziefer. Dennoch entfchädigte der Bürgerkrieg durch die Befreiung der Sklaven und den daraus hervorgehenden Vorfprung. den fie Eurer eignen Klaffenbewegung gab. Ein 61

zweiter Krieg. der nicht durch einen erhabenen Zweck. oder eine foziale Notwendigkeit geheiligt wäre. fondern nach dem Mufter der alten Welt. würde Ketten für den freien Arbei ter fchmieden. ftatt die des Sklaven zu fprengen.

Das

aufgehäufte Elend. welches zurückbliebe. würde Euren Kapi taliften auf einmal die Motive und die Mittel gewähren. die Klaffe von ihren kühnen und gerechten Beftrebungen zu trennen. durch das feelenlofe Schwert eines ftehenden Heeres. Euch denn fällt die glorreiche Aufgabe anheim. daß end lich die Arbeiterklaffe den Schauplaß der Gefchichte betritt. nicht länger als ferviles Gefolge. fondern als felbftändige Macht. als eine Macht. die fich ihrer eigenen Verantwort lichkeit bewußt und im Stande ift. Frieden zu gebieten. wo diejenigen. die ihre Herren fein wollen. Krieg fchreien. Im Namen der Internationalen Arbeiter-Affoziation. Für Großbritannien: I. Georg Eccarius. General Sekretär.“ Der Präfident der ..Nationalen Arbeiter-Union“ zeigte dem Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affoziation den Empfang diefer Adreffe durch folgenden Brief an: ..Philadelphia 26. Mai 1869. Euer Brief vom 12. d. M. nebft der Adreffe kam geftern an; ich freue mich. fo freundliche Worte von unfern Mit arbeitern auf der andern Seite des Meeres zu empfangen. Unfere Sache ift eine gemeinfame. Es ift ein Krieg der Ar mut gegen den Reichtum. die Arbeit nimmt in allen Teilen der Welt diefelbe niedrige Stellung ein. das Kapital ift überall derfelbe Thrann. Ich fage daher. unfere Sache ift eine gemeinfame. Im Namen der Arbeiter der Vereinigten Staaten reiche ich Euch. und durch Euch allen denen. die Ihr vertretet. und allen niedergetretenen und unterjochten Söhnen und Töchtern der Arbeit in Europa die rechte Hand der Brüderfchaft. Fahrt fort in dem guten Werke. welches Ihr unternommen. bis der herrlichfte Erfolg Eure Beftre bungen krönt! Das ift unfer Entfchluß. Unfer jüngfter Krieg hat zur Begründung der infamften Geldariftokratie der Erde geführt. Diefe Geldmacht verzehrt das Lebens mark der Völker. Wir haben ihr den Krieg erklärt und find entfchloffen. zu fiegen - durch den Stimmkaften. wenn 62

wir können _ wenn nicht. fo wollen wir zu ernftlicheren Mitteln unfere Zuflucht nehmen. Ein kleiner Aderlaß ift in verzweifelten Fällen nötig.“ Für Auguft 1869 war der vierte Kongreß der ..Natio nalen Arbeiter-Union“ für Philadelphia geplant. und Shl vis war gerade mit den Vorbereitungsarbeiten befchäftigt. als er. am 27. Iuli. nach kurzer Krankheit plößlich ftarb. Der Tod Shlvis' war für die amerikanifche Arbeiter bewegung und befonders für die gewerkfchaftliche und poli tifche Zentralifation derfelben. an deren Spiße er ftand. ein fchwerer Schlag. um fo fchwerer. als fich in der Bewegung

kein Mann befand. der ihn vollftändig hätte erfeßen können. wenn auch wohl anzunehmen ift. daß die Begünftigung der Geldreform durch Shlvis ohnehin die damalige politifche Bewegung der amerikanifchen Arbeiter bald ruiniert haben

würde. Aber felbft der Generalrat der Internationale empfand den Tod Shlvis' als einen fchweren Schlag. In einem Nachruf auf Shlvis fagte der Generalrat von dem Verftorbenen: ..Er war zu der Ueberzeugung gekommen. daß die Lohnfrage nur eine zeitweilige fei. und daß das Endziel der Gewerks-Organifationen unvermeidlich die Abfchaffung der Lohnarbeit überhaupt fein müffe. Eine andere Ueberzeugung. die er hegte. war die. daß die Ge werksgenoffenfchaften nichts Erfprießliches für die Arbeiter klaffe im Ganzen bewirken könnten. wenn fie nicht einen direkten Einfluß auf die Gefeßgebung ausüben . . “ Der Nachruf des Generalrats auf Shlvis fchließt: ..Daß die amerikanifche Arbeiterbewegung nicht von dem Leben eines Einzelnen abhängt. verfteht fich von felbft; aber eben fo fichet“ ift. daß Shlvis ein faft unerfeßlicher Verluft für den gegenwärtigen Arbeiter-Kongreß ift. Aller Augen warteten auf Shlvis. der als General der prolctarifchen Armee neben feinen Fähigkeiten eine zehnjährige Erfahrung befaß. und - Shlvis ift totl“ Im Auguft 1869 trat in Philadelphia der vierte Kon greß der Nationalen Arbeiter-Union zufammen. I. G. Ec carius richtete als General-Sekretär der Internationale von London aus an den Kongreß einen Brief. in dem er die Organifation der amerikanifchen Arbeiter einlud. einen De legaten nach dem in Bafel abzuhaltenden Kongreß der In ternationale zu fenden. Er verfuchte gleichzeitig. eine 63

Verbrüderung der europäifchen und amerikanifchen Arbeiter anzubahnen. der er dadurch eine praktifche Grundlage zu geben verfuchte. daß er vorfchlug. der Auswanderung durch die Nationale Arbeiter Union und die Internationale eine gewiffe Regelung zu geben. In dem Schreiben Eccarius' hieß es u. A.: ..Ein befonderer Grund. Euch zur Abfen dung eines Vertreters zu vermögen. ift die Auswanderungs

manie. Einmal im Iahre find während unferer Kongreß woche alle Schriftfteller Europas mit unfern Verhandlungen befchäftigt. Eine von einem Amerikaner verfaßte Skizze über die Vorgänge in der Neuen Welt würde nicht nur durch alle Zeitungen gehen. fondern auch fehr geeignet fein. vielen die Illufion zu nehmen. daß ihnen das Glück zufliegen werde. wenn fie nur erft einmal den Ozean paffiert hätten.

Es ift die Politik Derjenigen. welche ein Intereffe an der Erhaltung der gegebenen Verhältniffe haben. möglichft viel Leute zum Fortziehen zu veranlaffen. weil deren bloße Ge genwart die Fortdauer der beftehenden Niederträchtigkeit gefährdet. “ Der Brief des Generalrats führte zu einem Befchluß des Kongreffes. zwei Vertreter der Nationalen Arbeiter Union

als Delegaten nach Bafel zum Kongreß der Internationale zu fchicken.

Nur einer der Gewählten. A. C. Cameron. der

Redakteur des in Chicago erfcheinenden *Workingmen's .an-00aW. erfchien auf dem Kongreß in Bafel. ohne indeß dort mehr zu leiften. als einige Auffchneider'eien. Eine weitere Annäherung zwifchen den beiden Arbeiter-Organi fationen wurde durch Cameron nicht gefchaffen und Shlvis' Tod lockerte fogar die perfönlichen Beziehungen. die bisher zwifchen den Beamten der ..N. A. U.“ und dem Generalrat der I. A. A. beftanden hatten.

3.

William H. Sylvis.

William H. Shlvis wurde im Iahre 1828 als Kind armer Eltern im weftlichenPennfhlvanien geboren. Im Alter von 11 Iahren fchon. und nachdem er nahezu gar

keinen Shulunterricht genoffen hatte. mußte er an die Ar beit. Später erlernte er das Gewerbe eines Eifengießers und zog Anfangs der fünfziger Iahre. nachdem er fich eine

64

Familie gegründet. nach Philadelphia. wo er fich dauernd niederließ. ' Im Iahre 1857 trat Shlvis der gewerkfchaftlichen Or ganifation feines Berufs bei und damit begann er feine Laufbahn als Agitator und Organifator in der amerikani fchen Arbeiterbewegung. eine Laufbahn. die ihn weit über das hinaus führte. was fonft von amerikanifchen Arbeiter agitatoren geleiftet zu werden pflegt. Kaum in feine Gewerkfchaft eingetreten. plante Shlvis fchon eine Verbin dung derfelben mit den Eifengießer-Organifationen des

ganzen Landes und feßte B'efchlüffe durch. die ihn mit den einleitenden Schritten hierzu beauftragten. Das Refultat feiner Tätigkeit war der erfte Former-Kongreß in Philadel phia. der am 5. Iuli 1859 ftattfand. Diefer Kongreß tat einleitende Schritte. um einen Nationalverband des Gewer

bes zu fchaffen. Im Iahre 1863 wurde Shlvis Präfident diefes Verbandes und blieb es bis zu feinem Tode. An der Gründung der Nationalen Arbeiter Union nahm Shlvis. wie wir gefehen aben. den' tätigften Anteil. und er war einer der Urheber

es Kongreffes in Baltimore. an

deffen Verhandlungen er krankheitshalber indeß nicht teil nehmen konnte. In der Nationalen Arbeiter Union war es befonders Shlvis. der den Gedanken der Bildung einer un abhängigen amerikanifchen Arbeiterpartei propagierte. wie er auch die Verbindung mit der Arbeiterfchaft Europas durch Anfchluß an die Internationale Arbeiter-Affoziation

im Auge hatte. Den geringen Anklang. den er mit feiner Arbeiter-Reform-Partei bei der amerikanifchen Arbeiter klaffe fand. ift zu einem guten Teil dem Umnand gefchuldet.

daß Shlvis zu fehr ins Fahrwaffer der bürgerlichen Geld reformer geriet. Die fo gefchaffene Verbindung zwifchen Arbeiterfchaft und bürgerlicher Reformerei ift zum größten Tei? 'verantwortlich für den rafchen Verfall der Arbeiter var ei. Shlvis agitierte fchon in den fechziger Iahren für die

Errichtung eines Arbeitsminifteriums und fagte u. A.: ..Wir verlangen jeßt ein neues Minifterium. das Minifte rium der Arbeit. deffen Chef Arbeitsminifter heißen und

direkt aus den Reihen der Arbeiter gewählt werden foll. Diefem Minifterium find zuzuweifen alle Lohn- und Ar beitszeitfragen in den Schiffsbauhöfen und allen anderen 65

Regierungswerkftellen. die Eintragung und Ordnung der

Gewerkfchaften und Korporativgefellfcbaften. die Verfügun gen über die öffentlichen Ländereien und alle anderen die

Arbeit berührenden Fragen.“ Ueber den Gang der Entwicklung in unferer Gefellfchaft

war Shlvis fta durchaus klar.

Kurz nach Beendigung des

Bürgerkrieges fprach er die Worte aus:

..Der Bürgerkrieg

hat in Amerika eine reine und unverfälfchte Kapitalsherr fchaft gefchaffen“ und über die Folgen des Sezeffionskrieges

äußerte er:

..Niemand in Amerika hat fich mehr gefreut

als ich über die Aufhebung der Negerfklaverei.

Aber als die

Feffeln von den Gliedern diefer vier Millionen Schwarzen fielen. wurden fie nicht frei. - fie wurden einfach von einem Zuftand der Sklaverei in einen anderen verfeßt. fie wurden auf den Standpunkt der weißen Sklaven geftellt und alle zufammen verfklavt.“ Ueber die fozialen Zuftände diefes Landes fprach fich Shlvis in einer Anfprache folgendermaßen aus: ..Es wächft rafch im Lande eine Geldariftokratie in die Höhe. wie es nirgends eine gibt. Alle erzeugenden Kräfte der Nation find derfelben dienftbar und von ihr abhängig gemacht worden. Sie beherrfchen die gefamten im Umlauf befind lichen Geldmittel des Landes und durch diefe die Regierung. ..Unfer Volk teilt fich mehr und mehr in zwei Klaffen.

die Reichen und die Armen _ die Erzeuger und die Nicht erzeuger _ die gefchäftlichen Bienen im induftriellen Bie

nenftocke und die faulen Drohnen. die vom Diebftahl an ihnen leben. Die Arbeiter unferer Nation. fchwarz und weiß. Männer und Weiber. verfmken in einen Zuftand der Sklaverei. Es befteht fchon jeßt im Lande eine Art Skla

verei. fchlimmer als fie unter dem Sklavenfhftem von fonft beftand. Der Krieg hat das Eigentumsrecht an Menfchen abgefchafft. aber nicht die Sklaverei felbft. Damit find wir foeben befchäftigt und wir müffen diefes Werk fortfeßen. bis in jedem Winkel des Landes die Sklaverei abgefchafft ift.“ Shlvis durcbfchaute durchaus das fchändliche Spiel. das die Politiker aller Parteien von jeher mit den amerikanifchen Arbeitern gefpielt haben. Ueber die Verfprechungen bür gerlicher Kandidaten und die I-ndoffierung derfelben durch

die Arbeiter nach gegebenem Verfprechen. ihre Intereffen zu vertreten. fchrieb er gelegentlich: ..Wie vergeblich und 66

nußlos diefe Verfuche gewefen find. ift Iedermann bekannt. Es ift eine ganze Gefchichte gebrochener Verfprechungen und nicht gehaltener Zufagen. die unabänderlich mit der Feft ftellung unferer Schwäche endet.“ Und weiter: ..Diefe und andere Erwägungen haben uns überzeugt. daß. wenn wir überhaupt zur politifchen Aktion

greifen. wir uns von allen verwirrenden Verbindungen fernhalten müffen. Mit einer reinen Arbeiterpartei im Felde kann kein Verdacht. kein fehlendes Vertrauen vor handen fein. Wenn es eine feftftehende Tatfache wird. daß Arbeiter für Männer a us fich und mit f i ch ftimmen können. fo würde der Anreiz genügend fein. die Maffen in einen großen Kampf für den Sieg zu vereinigen.“ Und an anderer Stelle erklärt Shlvis über denfelben Gegenftand: ..Wir find die Werkzeuge profeffioneller Poli tiker aller Parteien lange genug gewefen. Laßt uns jeßt jede Verbindung mit allen Parteien löfen und eine Ar beiterpartei organifieren. die mit Ehrlichkeit. Oekonomie. gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle Menfchen ge gründet if .“ Auch die Notwendigkeit des internationalen Zufammen wirkens der Arbeiterklaffe wurde von Shlvis wohl erkannt. Er erklärte: ..Ich bin längft überzeugt von den wohltätigen Folgen einer Allianz mit den Gewerkfchaften der ganzen Welt. Unfere Ziele und Intereffen find überall die gleichen und ich erachte eine folche Allianz als das ficherfte Mittel. unbillige Konkurrenz zu verhindern. indem es die Macht der Kapitaliften zerftören würde. für ihr Recht kämpfende Arbeiter durch Importation ( von Scabs) aus anderen Tei len der Welt matt zu feßen.“ Es ift tief zu bedauern. daß ein Mann. der. wie man fieht. in fo vieler Beziehung fich zu klarer Einficht hindurch gearbeitet hatte. wie Shlvis es getan. in Bezug auf die bürgerliche Reformerei nicht zu derfelben Klarheit kam.

4. Niedergang der Nationalen Arbeiter Union. Der Kongreß der Nationalen Arbeiter Union in New

York hatte befchloffen. die nächfte jährliche Verfammlung in 67

Pittsburgh abzuhalten. doch veranlaßten befondere Um ftände die Verlegung diefer vierten Konvention nach Phila delphia. wo ihre Verhandlungen am 16. Auguft 1869 be gannen. William H. Shlvis. der die Einladung zum Kongreß er ließ. bemerkte u. a. in feinem Einberufungsfchreiben:

..Es ift ein gewaltiger Kampf. den wir kämpfen.

Die

Ehrlichkeit gegen die Korruption. die Freiheit gegen die Thrannei. das Volk gegen die Geldariftokratie. welche das Leben der Nation ausfaugt und das ganze arbeitende Volk zum Sklaven macht.“ Und an anderer Stelle: ..Der leßte Bürgerkrieg hat eine Geldariftokratie erzeugt. welche unter allen auf diefer Erdoberfläche die infamfte ift. _ Wir haben ihr den Krieg erklärt. und beabfichtigen zu gewinnen. wenn es möglich ift. durch den Stimmkaften. wenn nicht. durch wirkfamere Mittel. Ein wenig Aderlaß ift zuweilen not . wendig im Kampfe um Sein und Nichtfein.“

Der Mann. der mit fo ernftem Willen und in vieler Be ziehung fo klarer Einficht in den Kampf zog. erlebte. wie wir wiffen. die von ihm einberufene Konvention nicht mehr. Er ftarb kurz vor ihrer Eröffnung. Als fein Nachfolger in der Präfidentfchaft der Natio nalen Arbeiter Union ernannte die Philadelphia Konven

tion Richard Trevellick. der in keiner Weife im Stande war. den Verftorbenen zu erfeßen. Die Befchlüffe. die diefe Konvention faßte. waren im ganzen von wenig Bedeutung und auch für die Feftigung und den Ausbau der Organifation. befonders auch der poli

tifchen. gefchah in Philadelphia nichts. Der Befchluß. den Kongreß der Internationale zu befchicken. war wohl der wichtigfte der ganzen Verhandlungen. Der fünfte Kongreß der Nationalen Arbeiter Union trat am 15. Auguft 1870 in Cincinnati zufammen. In den erften Tagen der Verhandlungen verfuchten die eigentlichen Arbeiter-Delegaten des Kongreffes. den Einfluß der Fach politiker. der fich immer mehr geltend machte. zu. brechen; vergebens. Politifche Erörterungen im Sinne der bürger lichen Parteien füllten einen Teil der Verhandlungen aus. Man fprach fich zwar für die Grundfäße der Internationale aus. aber die Geldfrage oder vielmehr die Geldreform war 68

für die Delegaten die Hauptfache und fie nahm wieder einen großen Teil der Verhandlungen in Anfpruch. Der Plat form wurden die beiden folgenden Punkte hinzugefügt: ..Die Regierung ift verpflichtet. ein Arbeits-Departe ment zu errichten;“ 2) ..Die Regierung foll die Laften kfür die Kriegführung von den reichen Leuten fofort einzie en und follen diefelben nicht auf die Schultern der Nach kommenfchaft einer kriegführenden Nation gewälzt werden.“ Ueber einen Antrag. der Staat folle die Eifenbahnen und Telegraphen expropriieren. wurde hinweggegangen. Auch der Ausbau der politifchen Organifation wurde in Betracht gezogen. aber man kam dabei wiederum nicht über die Ernennung eines Komites hinaus. Am 15. Dezember 1870 trat diefes Komite in Wafhington zufammen. Man beriet und kam zu dem Befchluß. das Farmerelement durch einige Punkte. die deren Intereffen entfprachen. an die Na tionale Arbeiter Union heranzuziehen. Man verwäfferte den Arbeitercharakter der Organifation noch mehr als bis- -

her. und die Folge war. daß. als der nächfte Kongreß im Auguft 1871 in St. Louis zufammentrat. nur noch kaum zwanzig Delegaten auf dem Plane erfchienen. Die Natio nale Arbeiter Union ging damit zu Ende. Sie wurde ein Opfer der Unklarheit ihrer Führer und der Verbindung mit bürgerlichen Reformbeftrebungen. die mit eigentlichen Ar beiterfragen nichts zu tun hatten. Schon vor dem fchließlichen Verfall der Nationalen Ar beiter Union hatten fich die Vertreter der größeren Gewerk fchaften. die bei der urfprünglichen Organifierung mit tätig gewefen waren. zurückgezogen. wie denn die Gewerkfchaften überhaupt der Nationalen Arbeiter Union im ganzen wenig Vertrauen entgegen brachten. Ie größer der Einfluß bür gerlicher Politiker und Reformer in der Organifation wurde. defto mehr zogen fich die eigentlichen Arbeiter und ihre Wortführer zurück. fo daß fchließlich wenig oder keine mehr von ihnen der Nationalen Arbeiter Union angehörten. Die Anregung. die die nationale Organifation der ame rikanifchen Arbeiter gegeben hatte. ging indeß nicht ver loren. Die Beamten und Wortführer der Gewerkfchaften hatten troß des Mißerfolges der Nationalen Arbeiter Union die Vorteile kennen gelernt. die in einer nationalen Ver 69

bindung aller Arbeiter liegt. und als die frühere nationale Organifation erft ihren Arbeitercharakter verlor und dann ganz zu Grunde ging. da tauchte fofort der Gedanke einer Erneuerung der nationalen Verbindung der Organifationen wieder auf. Man hatte aber aus den Vorgängen in der Nationalen Arbeiter Union gelernt; man betonte jeßt. daß die neue Organifation eine wirkliche Arbeiter-Verbindung. und nur eine folche. fein müffe. Es waren die Präfidenten der Mafchiniften- und Schmiede-Gewerkfchaft (Waebjnjsto' ancl Zinektznritbo' Union) und die Internationale Gewerkfchaft der Küfer ((-looyers' lnternationn] Union). die beide in Cleveland ihren Siß hatten. die die Sache in die Hand nahmen. Man kam überein. fich in einem Aufruf an die Arbeiter-Vereini gungen in den Vereinigten Staaten und Canada zu wen den. Der Aufruf berief für den 19. November 1872 eine vorbereitende Verfammlung nach Cleveland. Der Zweck follte - nach dem Aufruf - die Einberufung eines ..In . duftriellen Kongreffes von Nordamerika“ fein. an dem aber nur wirkliche Vertreter wirklicher Arbeiterorganifationen

teilnehmen follten. *) Die vorbereitende Verfammlung war ein Fehlfchlag. es erfchienen am 19. November fo wenig Delegaten. daß an eine Verhandlung nicht zu denken war. Doch gaben die Gewerkfchaftsorgane. befonders die Monatsblätter der Küfer und der Mafchiniften und Schmiede. die Sache nicht auf. und fchließlich wurde eine Konvention nach Cleve land. O.. berufen. die am 15. Iuli 1873 ihre Verhand lungen begann.

Der ..Induftrie-Kongreß“ in Cleveland nahm kein feftes Programm an und auch keine Konftitution; man fchuf alfo eigentlich keine Organifation. Man begnügte fich mit der Annahme einer Reihe von Befchlüffen prinzipieller Art. die ziemlich verfchwommen waren und befchränkte fich mit Bezug auf die Organifation auf die Schaffung eines Ko mites. das die Gefchäfte bis zum nächften Kongreß leiten follte. Als Präfident diefes Komites wurde Robert Schilling. ein Dcutfcher. gewählt. *'l". 7. ?Muriel-l7. *L'iijrtz- 76711'8 of Labor. 70

p. 108. tif.

Die gefaßten Refolutionen empfahlen den Stimmkaften als ein Mittel. die Uebel zu befeitigen. unter denen die Ar beiter leiden. Man erklärte. daß die Gewerkfchaften. ..wie fie organifiert find“. nur verhältnismäßig germgen Einfluß haben. Man forderte: ..Dem Arbeiter einen gleichen An teil der Lebensgüter. welche er fchaffen hilft“; ftaatliche

Bureaus für Arbeits-Statiftik. ..kooperative Produktiv und Verteilungs-Inftitutionen“. ..die Abfchaffung aller Gefeße. welche nicht gleichmäßig auf Arbeit und Kapital laften. durch die Annahme von Maßregeln zum Schuß von Leben und Gefundheit der Arbeiter“. Erfaß der Strikes durch Schiedsgerichte; Verbot der Einführung ..knechtifcher Raffen“. Auch der Achtftundentag ward verlangt. dem dann aber wiederum die unvermeidliche Empfehlung eines nationalen Papiergeldes folgte. Robert Schilling gab fich während des folgenden Iahres redlich Mühe. feine Organifation auszubauen; mit wenig Erfolg indeß. Als am 14. April 1874 der zweite ..In duftrielle Kongreß“ in Rochefter im Staate New York zu fammentrat. war von einer wirklichen Organifation noch nichts zu fehen. Der Kongreß war von 63 Delegaten befucht. in deren Reihen fich aber wiederum eine Anzahl bürgerlicher Re former eingefchlichen hatten. doch waren die meiften Dele gaten Vertreter von Gewerkfchaften. unter denen die Ma fchiniften und Schmiede. die Küfer und die Zigarrenarbei ter befonders ftark waren. In der Hauptfache befprach man die Form der Organifation. ohne fich indes darüber einigen zu können. Unter den angenommenen Refolutionen ift eine von Intereffe. die fich für Schaffung eines ..Komites für fremde Gewerkvereine“ ausfprach. das mit den Vorftänden der verfchiedenen Gewerkfchaften ..der ganzen Welt“ in fchriftliche Verbindung treten follte. um bei ihnen über die Lage der Arbeiter in den verfchiedenen Ländern und den Stand der Arbeiterbewegung Erkundigungen einzuziehen. Im übrigen bewegten fich die angenommenen Befchlüffe in. derfelben Richtung. wie die Befchlüffe des Kongreffes in Cleveland. Man 'kam über fchwülftige unklare Redens arten nicht hinaus. Man empfahl wohl politifche Aktion. Achtftundengefeß. gleiche Bezahlung für männliche und 71

weibliche Arbeitskraft. und eine Anzahl fonftiger guter For derungen. wickelte fie aber in einen folchen Ballaft von überflüffigen Redensarten und unwichtigen und nebenfäch lichen. .Forderungen ein. 'daß das wichtige ganz verfchwand. Selbftverftändlich kam auch die Forderung der Geldreform wieder. die in folgendem Wortlaut angenommen wurde: ..Die Regierung muß genötigt werden. ein gerechtes Verhältnis zwifchen. Arbeit und Kapital dadurch herzu ftellen. daß ein nationales Zirkulationsmittel (Papiergeld) gefchaffen wird. welches auf das Vertrauen und die Hilfs quellen der Nation gegründet ift und welches direkt vom Volke ohne Vermittlung irgend eines Shftems von Bank Gefellfchaften ausgegeben wird.

Diefes Geld foll als ge

feßliches Zahlungsmittel (Legal teucier) bei allen privaten und öffentlichen Schulden und auf Wunfch des Inhabers gegen Staatsfchuldfcheine. die nicht höher als mit 3 65/100 Prozent verzinft werden follen. ausgetaufcht werden können und foll der .künftigen Gefeßgebung des Kongreffes über laffen werden. Von.. derartigen Forderungen erwarteten amerikanifche Arbeiter -in ehrlichfter Weife Nußen für ihre Klaffe. Der Kongreß in Rochefter beftimmte zwar. daß die In duftrielle Bruderfchaft (lncluotrjal Zwtberimocl). zu deren Präfidenten wiederum Robert Schilling gewählt wurde. fei nen nächften Kongreß am zweiten Dienstag im April 1875

in -Indianapolis abhaltenfolle.

Die ..Induftrielle Bru

derfchaft“ ftarb aber. ehe -fie noch fefte Formen angenommen hatte. Viele der Männer. die auf den beiden'Konven tionen anwefend waren. fpielten fpäter in der amerika nifchen Gewerkfchaftsbewegung. im ..Orden der Arbeits ritter“ (King11r5 0f labor). teils auch in der fozialiftifchen Bewegung des Landes eine Rolle. . Mit dem Ende. der ..Induftriellen Bruderfchaftj. war auch der .leßte Einfluß der Nationalen Arbeiter Union' ver fchwunden. In der Konvention zu Rochefter wurde noch der Antrag geftellt. die Platform der Nationalen Arbeiter Union als Platform der ..Induftriellen Bruderfchaft“ zu adoptieren. Der Antrag kam nicht zur Entfcheidung. Er wurde durch Ueberweifung an ein Komite begraben. . 'kde (Jo'0peuti'e kee...

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5. Kapitel

Reformbewegungcn .

Ein Kampf. wie es der amerikanifchc Bürgerkrieg war. der nicht nur das ganze Staatsgebilde bedrohte. fondern der auch fo einfchneidende foziale Umwandlungen fchuf. wie die Aufhebung der füdlichen Negerfklaverei. ein folcher

Kampf mußte naturgemäß alle möglichen Reformideen an regen. mußte zur Diskuffion aller möglichen fozialen Uebel führen. mußte Bewegungen und Beftrebungen fchaffen. die auf politifche und befonders auf foziale Reformen hin zielten.

Zu kaum einer Zeit in der neueren amerikanifchen Ge fchichte tauchten denn auch mehr Reform-Gefellfchaften und -Verbindungen aller Art - öffentliche und geheime - in den Vereinigten Staaten auf. als in den Iahren. die un mittelbar dem Bürger-Kriege folgten. Die aufkommende Arbeiter-Bewegung war nicht frei davon; fie war durch feßt mit mancherlei geheimen Organifationen. die nach Art des im Lande weit verbreiteten Logenwefens ihren Zielen zuftrebten. die nicht durch öffentliches Wirken. fondern durch geheimnisvolles Treiben unter häufig recht albernen Zere monien auf das Gemüt der Menfchen zu wirken und auf

diefe Weife ihre Sache zu fördern fuchten. Das Erwachen der Arbeiterbewegung brachte es mit fich. daß felbft bürgerliche Reformer fich des Oefteren mit der Arbeiterfrage. und was damit zufammenhängt. befchäf tigten und daß alle möglichen Ideen laut wurden. die auf die ..Löfung“ diefer Frage abzielten. Von den Geldreformern. die ..ein gerechtes Verhältnis zwifchen Arbeitern und Kapital“ durch die Forderung feft ftellen wollten. daß der Staat Papiergeld ausgebe. das als einziges Zahlungsmittel zu erklären fei. haben wir fchon ge fprochen. auch fcbon ihren verderblichen Einfluß auf die amerikanifche Arbeiterbewegung kennen gelernt. der ftets 73

eintreten muß. wenn die Arbeiterbewegung fich mit Dingen hefchäftigt. die außerhalb ihrer eigentlichen Sphäre iegen. In New York bildete fich unmittelbar nach dem Kriege eine amerikanifche Arbeiter-Reform-Affoziation (Wer108.11 Labor Reform- .(1oo00jatj0r1). deren Präfident C. Osborne

Ward war und die durch Aufrufe und Flugblätter auf die Maffe der Arbeiterfchaft einzuwirken fuchte. Diefe ..Amerikanifche Arbeiter-Reform-Affociation“ vertrat eine Art chriftliche Sozialrcform: ..Wir glauben. daß die Arbeit nicht nur zu einem gefeßlichen Schuß berech tigt ift. fondern auch zu einem Plaß in der Zuneigung aller guten Menfchen. - geweiht und geheiligt durch unfern Er löfer. der felbft ein Handwerker war.“ In ähnlicher vifionärer und verfchwommener Weife wurden auch die Forderungen diefer Affociation zum Aus druck gebracht. Ein ..Zirkular an die Arbeiter Amerikas“. deffen Verfaffer C.

Osborne Ward war.

enthielt zehn

..große und fundamentale Wahrheiten“. aus denen wir die folgenden hervorheben: ..Wir anerkennen keine Würde. als die Würde der Tugend und keine Vorzüge ohne Arbeit“. ..Zeit ift Geld. Wenn wir kein Geld haben können. fo laßt uns Zeit haben“. ..Wir geftehen den Reichen das gegen wärtige Recht auf das Monopol des Geldes zu. aber nicht das Recht auf das Monopol der Gefcßgebung“. ..Die Ar beiterfrage liegt allen fozialen Kliquen und politifchen Par teien unferer Zeit zu Grunde und baut fich felbft auf dem Felfengrunde der Unabhängigkeits-Erklärung und der Kon ftitution der amerikanifchen Republik auf.“ Diefe Punkte aus diefer kuriofeften aller Arbeiterplat

formen mögen zur Kennzeichnung der ..Amerikanifchen Ar beiter-Reform-Affociation“ dienen. In einem fpäteren Zirkular. das im Februar 1866 von derfelben Gefellfchaft veröffentlicht wurde. wird erklärt. daß ihr Ziel fei: ..fich kühn von allen beftehenden politifchen Kliquen und Parteien loszulöfen. und eine große eigene Induftrielle Partei auf? zubauen. die fich auf eine Vrinzipien-Platform verpflichtet. deren Argumente durch Diskuffion und Agitation intellek tuclles Wachstum hervorrufen und deren fchließliche Frucht der Schuß und die Erhebung der ehrlichen Arbeit fein foll. 74

Diefelben Elemente. zum Teil diefelben Perfonen. die in der ..Amerikanifchen Arbeiter-Reform-Affociation“ tätig waren. ftanden auch hinter einer "Gaeuwyolitan S0a kerenee“. die fich am 1. Ianuar 1871 in New York bildete und die wöchentliche Verfammlungen von ..Reform-Freun den“ abhielt. in denen die ..wachfenden Uebel. die den fozia len Staat in Unordnung bringen“. befprochen wurden. Präfident diefer Konferenz war wiederum C. Osborne Ward und ihr Sekretär ein gewiffer I. W. Gregorh. die beide fpäter in der amerikanifchen Arbeiterbewegung noch eine Rolle fpielten. Der Zweck der ..Kosmopolitifchen Kon ferenz“ wurde in ähnlich kuriofer und verfchwommener Weife begründet. wie jener der ..Amerikanifchen Arbeiter Reform-Affociation“. Auch eine Anzahl geheimer Organifationen bildeten fich nach dem Bürgerkrieg. die fich mit allerlei fozialen Re form-Beftrebungen befchäftigten. Unter ihnen ift befon ders eine hervorzuheben. der ..Orden der Seculariften“. der mit der fozialen Bewegung in foweit zufammenhing. als er durch Ausbreitung und Verwirklichung atheiftifcher Grundfäße eine Art Gefellfchaftsreform durchzuführen trachtete. Perfonen. die fpäter in der amerikanifchen Ar beiterbewegung eine Rolle fpielten. gehörten diefem Ge heim-Orden an. So war z. B. F. A. Sorge. der fpätere General-Sekretär der Internationale. eine Zeitlang der Sekretär des New Yorker Zweiges der Seculariften. Der Orden der Seculariften ftammte urfprünglich aus England. In der Vorrede zu feiner Konftitution hieß es: ..Wir. die Seculariften der Vereinigten Staaten von Nord Amerika. glaubend. daß alle theologifchen Lehren in der Welt ihren Urfprung in der Unwiffenheit haben. und daß

ihr Einfluß auf den Charakter und das Benehmen der Menfchheit die Wahrheit fchädigt. und eine unüberfteigbare Schranke gegen den geiftigen. moralifchen und fozialen Fortfchritt des Menfchengefchlechts bildet. gründen hiermit eine Gefellfchaft für den Umfturz des Aberglaubens und des

Irrtums unter dem Namen und Titel des ..Unabhängigen Ordens der Seculariften“. ..Diefe Gefellfchaft wurde gegründet zur Bekämpfung aller theologifchen und fonftigen Inftitutionen. die der ge 75

genwärtig herrfchenden künftlichen Gefellfchaftsform. die auf Irrtum begründet ift. günftig find; durch Subftituirung eines erleuchteten Secularismus und eines rationellen Shftems der Gefellfchaft. das fich auf Wahrheit gründet.“ Der Orden verbreitete feine Anfchauungen durch regel mäßig erfcheinende Flugblätter. in denen er feine Ziele ge nauer darlegte.

In einem diefer Traktate: ..Was die Se

culariften find und- was fie wollen.“ heißt es u. a.: ..Unter den Uebeln. die fie bekämpfen. find: 1). Pauperismus. oder hülflofe Armut. -Sie erftreben einen Zuftand der Dinge. in welchem alle fähig fein follen. durch ehrliche und mäßige Arbeit die Mittel zum Leben und zur Glückfeligkeit zu erlangen. 2) Sie fchlagen vor. alle ungefunde. alle unehrliche. alle übermäßige Arbeit abzufchaffen. In einer gut ge ordneten Gemeinfchaft wird nicht mehr Arbeit nötig fein. als was für alle richtig erzogenen Perfonen angenehm und heilfam ift. Anftatt die Arbeit zu einer Bürde zu machen. wollen fie fie zur Erholung machen. Ein weiteres Uebel. das fie zu befeitigen wünfchen. find die Krankheiten. Neun Zehntel oder neunundneunzig Hundertftel aller Krankheiten. die die Menfchheit befallen. find folche. die die Wiffenfchaft heilen kann. Krankheiten find keine göttlichen Strafen. fondern die Folgen der Verleßung von Naturgefeßen; und die Kenntnis der Naturgefeße. und der Gehorfam gegen ihre Forderungen werden dic Krankheiten auf die denkbar kleinfte Zahl herabfeßen. und der Menfchheit ein langes wie glückliches Leben fichern. 3) Sie bezwecken die Ausrottung aller Verbrechen. Das ift in dem Vorhergehenden eingefchloffen. Nichts ift Ver brechen. erklären fie. als Ungehorfam gegen die natürlichen Gefeße. Nichts ift Tugend. als die Befolgung der natür lichen Gefeße. Sie erwarten daher. daß durch Bekannt werden der Menfchen mit den Tatfachen der Phhfiologie und der allgemeinen Wiffenfchaft nach und nach Trunken heit. Ausfchweifung. verbrecherifche Schwäche. Proftitution und Unmäßigkcit aller Art fchwinden. 4) Sie erftreben weiter die Vernichtung von Unter drückung und Thrannei. von Sklaverei und Krieg. und. ohne den Verfuch zu machen. eine nnnatürliche und fchädliche Gleichheit herznftellen. wollen fie die Regierung und die Ge 76

feße der Tugend und der Glückfeligkeit Aller in möglichft hohem Grade dienlih machen. Einige ihrer Prinzipien find: 1) Sie leugnen nicht die Exiftenz Gottes; obgleich fie nicht an den Gott der Inden und Chriften. der Türken und der Heiden glauben. Der Gott. den fie anerkennen. ift die Kraft. die in der Natur wohnt. die fich überall fichtbar macht

durch die Wirkungen. die fie überall hervorbringt. 2) Sie leugnen nicht die Lehre von einem zukünftigen bewußten Leben der Menfchen. aber fie glauben nicht daran; fie fehen keinen Beweis dafür. 3) Sie glauben nicht an einen übernati'crlichen Ur fprung oder eine göttliche Autorität irgend einer Religion oder irgend eines Buches. Die Bibel. der Koran. das Buch Mormons. die Veda und die heiligen Schriften der Inder. die Zend-a-vefta der Perfer. die alten Bücher der Chinefen und die modernen Bücher der Shaker und Swedenborgianer. find alle gleich. ihrer Ueberzeugung nach. rein menfchliche Erzeugniffe voller Irrtümer. 4) Sie halten nichts vom Gebet. noch von irgend einer Form von Gottesdienft. Das Gebet erfeßen fie durch Be dachtfamkeit und Klugheit. und durch gut geleitete Arbeit. Und an Stelle des Gottesdienftes feßen fie den Dienft der Menfchen. Den Glauben erfeßen fie durch Wiffen. die Taufe durch Reinheit und an Stelle des Abeudmahls feiern fie die Erinnerung an die Großen und Weifen aller Zeiten und Nationen. An Stelle des Faftens feßen fie Mäßigkeit. an Stelle der Kirchen Schulen. an Stelle der Untertänigkeit vor der Autorität die Hingabe an die Wahrheit und an Stelle der Religion alle Vergnügungen des häuslichen und öffentlichen Lebens.“

Obgleich die amerikanifchen Seculariften fich “8ec111ar rm7" nannten. kamen fie doch zu keiner öffentlichen poli tifchen Betätigung. Als ihr Organ betrachteten fie den in London erfcheinenden *National Norm-mer". Auf die eigentliche Arbeiterbewegung fcheinen die Se culariften nirgend Einfluß gewonnen zu haben. Von einer unabhängigen politifchen Bewegung der Arbeiter ift für

diefe Zeit überhaupt nur jene zu bemerken. die aus dem Be fchluffe der New Yorker Konvention der Nationalen Ar kÖeifteZ-Union refultierte und diefe hatte fehr geringen r o g. 77

Die Nationale Arbeiter-Union war. wie wir gefehen haben. zu einer allgemeinen Durchführung ihres Befchluffes über die unabhängige politifche Aktion nicht gekommen. Der Befchluß wurde zu einer Zeit. 1868. gefaßt. als der Präfi dentfchaftskamp jenes Iahres in höchften Wogen ging. und an eine Teilna me an diefem Kampf nicht mehr zu denken war. Bei der nächften Präfidentfchaftswahl. 1872. hatte die bürgerliche Geldreformerei die Organifation fchon ruiniert. Aber der Befchluß dir New Yorker Arbeiter-Konvention führte doch in verfchiedenen Staaten der Union zu Verfuchen auf dem Felde der unabhängigen Politik. Im Herbft 1869 bildete fich in New York die ..Arbeiter Reform-Partei“ (*Pabar Reform ram-"). die als Goll verneurskandidaten Iames S. Graham und als Vize-Gou verneurskandidaten den deutfchen Zigarrenarbeiter Conrad Kuhm aufftellte. der damals befonders im Zentralkörper der deutfchen Gewerkfchaften der Stadt New York. der ..Ar beiter-Union“. eine Rolle fpielte. Der erfte Artikel der Konftitution der Arbeiter-Reform-Partei erklärte: ..Der Zweck diefer Union ift die Sicherung der Rechte der Arbeit durch politifche Aktion.“ Unter den 15 prinzipiellen For derungen. die das Programm enthielt. befchäftigten fich nicht weniger als fechs mit Fragen der Geldreform. Aus den eigentlichen Arbeiterforderungen diefes Programms find nur hervorzuheben der gefeßliche Achtftundentag. Verbot der kontraktlichen Einwanderung der Chinefen. Abfchaffung der Kontraktarbeit in Gefängniffen. ein Haftpflichtgefeß für Arbeiter. und befonders auch die Forderung. daß Männer und Frauen die gleiche Zahlung erhalten follen. wenn die Arbeit. die fie leiften. diefelbe ift. Der Erfolg der Arbeiter-Reform-Partei bei der Wahl war ein geringer; wo fich etwas Erfolg zeigte und eine größere Stimmenzahl erzielt wurde. wie in einzelnen klei neren Städten des nördlichen New Yorks. da war es mehr den Papiergeld-Reformern zuzufchreiben. als den Arbei tern. die fich gerade der Geldreform halber von der Be wegung fern hielten. In der Stadt New York wirkte übrigens die Organifa tion der demokratifchen Partei. Tammanh Hall. der politifch unabhängigen Tätigkeit der Arbeiter dadurch entgegen. daß

fie in den Arbeitervierteln überall Arbeiter als Kandidaten 78

für die Gefeßgebung aufftellte. die befonders für den Erlaß eines Achtftnndengefeßes eintraten. eine Forderung. die

natürlich nur zu demagogifchen Zwecken erhoben wurde. In ähnlicher Weife wie im Staate New York hatte der Befchluß der Nationalen Arbeiter-Union auch im Staate Maffachufetts gewirkt. Hier hatte die Arbeiterbewegung im Iahre 1869 ihren erften größeren Erfolg zu verzeichnen. Das erfte ftaatliche Bureau für Arbeits-Statiftik trat nämlich in diefem Iahre ins Leben und ftärkte die Bewe für ein unabhängiges politifches Wirken der Arbeiter a t.

Am 28. September 1869 tagte in Worcefter eine Ar beiter-Konvention. die durch 281 Delegaten aus allen Diftrikten Maffachufetts' befchickt war. Als Zweck der Kon vention war die Gründung einer neuen politifchen Partei im Intereffe der Arbeiterklaffe angegeben. und man ftellte eine vollftändige Lifte von Kandidaten für die bevorftehende Staatswahl ins Feld. Als Gouverneurskandidat wurde M. Chamberlain aus Bofton. als Vize-Gouverneurs kandidat Iames Chattawah aus Springfield aufgeftellt. Man nahm ein Wahlprogramm an. daß alle Gefeße. die einen Unterfchied mit Bezug auf Farbe. Lage. Nationalität der Bürger machten. den Grundprinzipien einer demokra tifchen Regierung als zuwiderlaufend bezeichnete. Man verlangte das ftaatliche ("nkorporationsrecht für Arbeiter organifationen. forderte en Achtftundentag für alle Ar beiter im öffentlichen Dienfte. trat für ein Verbot der Fa brikarbeit von Frauen und Minorennen über zehn Stunden hinaus ein. hob hervor. daß die nationale Profperität der arbeitenden Klaffe gefchuldet fei. wandte fich gegen die Ein führung afiatifcher Arbeiter und forderte fchließlich die Er richtung eines nationalen Arbeits-Bureaus . nach dem Mufter jenes. das kürzlich in Maffachufetts ins Leben ge rufen war. . Auch die Arbeiter-Reform-Partei von Maffachufetts hatte bei der Wahl nur geringen Erfolg. wenn fie auch in den folgenden paar Jahren noch felbftändig im Wahlkampfe verging. Die Anhänglichkeit an die althergebrachten Par teien verhinderte fchon damals die amerikanifchen Arbeiter. ftatt bürgerlicher Politik proletarifche Politik zu treiben. die politifche Aktion als ein Mittel zu ihrer fozialen Be freiung zu gebrauchen. 79

6. Kapitel

Die deutfche Arbeiterbewegung nach dem Kriege. . 1. Der Allgemeine Deutfche Arbeiterverein von New York.

Bald nach Beendigung des Bürgerkrieges. Ende 1865. machten fich unter einem Teil der deutfchen Arbeiter New York's Beftrebungen geltend. die über die bloße gewerk fchaftliche Bewegung hinausgingen und die auf theoretifche Vertiefung und politifche Organifation gerichtet waren. Was fich hier zeigte. war nicht eine Fortfeßung der kom muniftifch - radikal - fozialiftifchen Beftrebungen. die fich als Ausfluß der 48er Bewegung in den fünfziger Iahren bis zum Bürgerkriege noch Geltung in der eingewanderten dcutfchen Arbeiterfchaft verfchafft hatten. Vielmehr kam jeßt die Anregung vom Auslande. von Deutfchland her. und es waren die Folgen der Laffalle'fchen Agitation. die durch Einwanderung zahlreicher Anhänger des Laffalle'fch-en ..Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Vereins“ fich nun auch auf amerikanifchem Boden Geltung verfchaffte. Es war am 29. Oktober 1865. als fich im Lokale des Wirtes Roll in der Spring Str.. New York. vierzehn Ar beiter zufammenfandeu. die zum Teil im alten Vaterlande von der Agitation Laffalles beeinflußt worden waren. und die übereinkamen. einen Verein zu bilden. der ein Vereini gungspunkt fein follte für alle. die den Ideen Laffalles huldigten. Ein ..Allgemeiner Deutfcher Arbeiter-Verein zu New

York“ wurde gegründet. Am 5. November wurde der Vorftand gewählt. der fich aus folgenden Perfonen zufammenfeßte: Auguft Schlag. 'Vorfißendem Schneidewind. deffen Stellvertreter; Cluff. Sekretär; Schlingenripen. ftellvertretender Sekretär; Cohl. Kaffierer; Melchior. deffen Stellvertreter. Von den übrigen 80

Mitgliedern' ift befonders noch der Schneider Konrad Carl zu nennen. der fpäter. wie wir fehen werden. noch eine be deutende Rolle in der New Yorker Arbeiterbewegung fpielte. Der fo gegründete Arbeiterverein hat zwar nicht viel für die Ausbreitung fpeziell Laffalle'fcher Ideen in New York getan. hat aber fonft einen bedeutenden Einfluß nichi bloß auf die New Yorker. fondern auf die Arbeiterbewegung der ganzen Vereinigten Staaten ausgeübt. fodaß fich eine

gem'inte Schilderung der Entwicklung diefes Vereins recht er ig .

In der zweiten Sißung des ..Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Vereins“ wurde das Statut angenommen. deffen prinzipielle Einleitung folgenden Wortlaut hatte: ..Unter dem Namen ..Allgemeiner Deutfcher Arbeiter-Verein“ fin den alle Sozial- Republikaner. insbefondere die jenigen. welche in Ferdinand Laffalle den eminenteften Ver treter der fozialen Intereffen des Arbeiterftandes erblicken. Vereinigung. um gemeinfchaftlich in allen politifchen und

fozialen Fragen die nötige Aufklärung zu erlangen. Der Verein erklärt als feine Grundanfhauung. daß er nur in einer allgemeinen .europäifchen R e v o l u

tio n das Mittel zur Hebung des dortigen Arbeiterftandes erblickt. und hält fü r A m e r i k a die Emporbildung der Volksmaffe - durch welche zunächft das zu guten. gerechten Wahlrefultaten nötige Selbftvertrauen erlangt wird _ als das Mittel. die arbeitende Klaffe von dem Ioche des Kapitals zu befreien. Wir hoffen zu erkämpfen. daß die Arbeit den Staat regiere und daß an die Stelle des Ar

beitslohnes der Arbeitsertrag trete.“ Die innere Tätigkeit des Allgemeinen Deutfchen Arbei tervereins-befchränkte fich anfänglich auf die Ausbildung der eigenen Mitglieder. Man las Schriften. hauptfächlich Laffalle'fche Reden. diskutierte über öffentliche Fragen aller Art. wobei z. B. die Zollfrage fofort eine Rolle fvielte. Dann breitete fich das Tätigkeitsfeld aus. Man ließ fich Laffalle'fche Schriften kommen. um fie zu verbreiten. Man empfahl den Arbeitern das Lefen des ..Berliner Sozial Demokrat“. Ia man trat mit dem ..Allgemeinen Deut fchen Arbeiter-Verein“ in Deutfchland in Verbindung. dem man übrigens im Statut fchon das Eigentum des Ver eins vermacht hatte. wenn derfelbe zugrunde gehen follte. 81

Es wurde auh befchloffen. daß alle Mitglieder des Allge meinen Deutfchen Arbeiter-Vereins in Deutfchland nach Legitimation unentgcltlich in den Verein aufgenommen werden follten. Die alleinige Propaganda Laffalle'fcher Prinzipien hielt aber nicht lange an. Neben den Schriften Laffalles wurde denn auch das ..Kommuniftifche Manifef “ gelefen und diskutiert. Neben der Verbindung mit der Partei in Deutfchland knüpfte man internationale Verbindungen an. fo mit dem ..Kommuniftifchen Arbeiter-Bildungsverein“ in London. wie man denn überhaupt die allgemeine revolu tionäre Propaganda pflegte. Man feierte revolutionäre Gedenktage aller Art. fo im November 1866 eine Robert Blum-Feier und im Auguft 1867 eine Laffalle-Todesfeier. Man hatte Verbindungen mit allen möglichen revolutio nären Richtungen und Perfonen; fo war im Mai 1866

der Bruder Orfini's. des Attentäters auf Napoleon 111.. in der Sißung des Vereins anwefend. Bei der geringen Entwicklung der Verhältniffe und bei der Iugend des Vereins und feiner Mitglieder wie der gan zen Bewegung war es nur natürlich. daß fich mancherlei Unklarheiten in den Diskuffionen und im Verhalten des Vereins nach außen hin zeigen mußten. So wurde im September 1866 die Frage diskutiert. ob hoher oder nie driger Arbeitslohn für die Arbeiter beffer fei. In der De batte vertrat Carl den Standpunkt. daß hoher Lohn nicht vorteilhaft. da. wenn der Arbeitslohn fteige. alle anderen Lebensbedürfniffe mit fteigen und der Arbeiter dadurch in Zeiten der Krife oder Krankheit. wenn er keine Arbeit habe. gezwungen fei. für alle Artikel mehr zu bezahlen. Diefe Anficht fand freilich bei der Mehrheit keine Zuftimmung. aber bei anderen Gelegenheiten machte natürlich auch der Verein als folcher feine Dummheiten. Es war aber fchon ein großer Gewinn für die Arbeiterbewegung. daß fich deut fche Arbeiter auf amerikanifchem Boden mit der Diskuffion ökonomifcher Fragen befaßten und fich dadurch zur Klar heit hindurchringen konnten. Die Gelegenheit für folche Diskuffionen gefchaffen zu haben. war allein fchon ein Ver dienft des Vereins. Auch zu den Streitigkeiten zwifchen den verfchiedenen Richtungen der Bewegung in Deutfchland nahm der Verein 82

Stellung. Im Oktober 1866 wurde der Druck einer Adreffe an den Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Verein in Deutfch land befchloffen. von der man 300 Exemplare herftellte. Auguft Schlag verlangte eine Abänderung der Adreffe. da die Führer der Internationalen Arbeiter-Affociation darin in ungerechtfertigter Weife angegriffen wurden. Carl aber trat für die urfprüngliche Form der Adreffe ein. die darauf nach Vorlage angenommen und an die ..Gemeinden“ des Allgem. Deutfchen Arbeiter-Vereins in Deutfchland. fowie an Arbeitervereine ähnlicher Tendenz in Amerika verfchickt wur e. Der Bruderkrieg des Iahres 1866 zwifchen Preußen und Oefterreich veranlaßte den Verein. Stellung zu nehmen. Ende Iuli diefen Iahres wurde ein Antrag eingebracht. eine Maffenverfammlung deutfcher Arbeiter zufammenzu berufen. um ..für Deutfchland zu wirken“. wie der Antrag fteller fich ausdrückte. der damit eine Unterftüßung Preußens im Auge hatte. Diefe Anfchauung fand aber im Verein ftarken Widerfpruch. Eines der Mitglieder. das fich gegen den Antrag wandte. meinte: ..Erft folle Preußen zeigen. daß es ihm Ernft fei. dem deutfchen Volke zu feinem Rechte zu verhelfen und den Arbeitern gerecht zu werden. ehe man die Arbeiter Amerikas zur Unterftüßung auffordere.“ Der Antrag wurde denn auch abgelehnt. So gering der Einfluß und die Mitgliederzahl des, Vereins in den erften Iahren feines Beftehens war. fo zog er doch recht bald die Aufmerkfamkeit der Fachpolitiker auf fich. die verfuchten. ihn für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Die herrfchende Unklarheit war fchuld. daß ihr Zweck teil weife erreicht wurde. Der Gedanke. daß die Arbeiter a l l e in ihre Kämpfe zu führen hätten. hatte fich noch nicht genügend durchgebildet. In einer Diskuffion fprach Carl fich dahin aus. daß bei einer Revolution die Arbeiter zu fammen mit der Bourgeofie gegen die Regierung kämpfen

müßten. Der Standpunkt. daß die Arbeiter vom Bürger tum Hilfe zu erwarten hätten. war noch nicht ganz über wunden. und fo kann es nicht wundernehmen. daß auch bürgerliche Politiker im Verein Einlaß fanden. Im Oktober 1866 fchickte die republikanifche Partei einen Redner in die Vereinsfißung. um darzulegen. daß es unwahr fei. was die Demokraten erklärt hatten. daß näm 83

lich kein Bier mehr gebraut werden dürfe. wenn der repu blikanifche Gouverneurs-Kandidat gewählt werde. Man fieht. daß in der New Yorker Arbeiterpolitik das Bier. das noch heute eine Rolle darin fpielt. fchon frühzeitig in diefe Politik hineingezogen wurde. Die Politiker begnügten fich aber nicht mit der indirekten Verbindung mit dem Arbeiterverein. fie fuchten auch eine direkte Verbindung anzuknüpfen. ' Im November 1866 forderte das republikanifche Zen tralkomite New Yorks den Allgemeinen Deutfchen Arbeiter Verein auf. einen Delegaten in feine Körperfchaft zu fen den. Carl trat dafür ein. wobei er es freilich als felbftver ftändlich erklärte. daß. wenn der Verein fehe. daß das repu blikanifche Zentralkomite den Verein zu anderen Zwecken brauchen wolle. die mit den Vereinsprinzipien nichts zu tun hätten. die Vertretung aufhören folle. Der damalige Vor fißende des Vereins. Wilhelm Weber. wurde daraufhin zum Delegaten beim republikanifchen Zentralkomite ernannt. Der Einfluß des Vereins auf- die allgemeine Arbeiterbe wegung war bis zu diefer Zeit nicht bedeutend und eine Anregung im Oktober 1866. einen allgemeinen Kongreß deutfcher Arbeiter für die Vereinigten Staaten einzube rufen. hatte keinerlei Erfolg. Beffer fchon wirkte der Verein im nächften Iahre. als er die deutfchen Gewerkfchaften New Yorks zu veranlaffen fnchte. den Kongreß der Nationalen Arbeiter-Union. der im Auguft 1867 in Chicago ftattfand. mit Delegaten zu befchicken. 2.

Die Soziale Partei.

Der Allgemeine Deutfche Arbeiter-Verein von New York wurde feit Beginn feines Beftehens ftark beeinflußt durch die Mitglieder 'des ..New Yorker Kommuniften-Klubs“. der 1857 gegründet wurde und der freidenkerifch-kommu niftifche Tendenzen hatte. Zwar war dem öffentlichen Wirken diefes Klubs durch den Bürgerkrieg ein Ende gefeßt worden und auch zur Zeit der Gründung des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Vereins hatte er feine Sißungen noch nicht wieder aufgenommen. Die früheren Mitglieder des Klubs übten aber ftarken perfönlichen Einfluß auf die

leitenden Perfonen des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter Vereins aus. 84

Von 1861 bis zum Iahre 1867 fanden keine Sißungen des Kommuniften-Klubs ftatt. Dann kam es. am 8. März 1867. zu einer Reorganifation. Außer den alten Mitgliedern des Klubs aus den fünf ziger Jahren - F. A. Sorge. Fr. Kamm. A. Komp. Lange. Krahlinger - waren jeßt noch anwefend Siegfried Meher.

Konrad Carl und andere. erft kürzlich zugewanderte So zialiften. Ein Teil der Mitglieder des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Vereins wandte fich jeßt ebenfalls dem Kommuniften-Klub zu. Siegfried Meher berichtete. daß der Allgemeine Deutfche Arbeiter-Verein eine Diskuffion hatte. bei der fich herausftellte. daß die Endziele diefes Vereins faft vollftändig übereinftimmten mit den Zielen. die fich der Kommuniften-Klub gefetzt habe. und er empfahl deshalb den Eintritt der Mitglieder des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Vereins in jenen Klub. Der fo empfohlenen Verbindung zwifchen dem Allgemei nen Deutfchen Arbeiter-Verein und dem Kommuniften Klub entfprang die erfte unabhängige politifche Arbeiter Partei New Yorks. die von deutfchen Arbeitern und von fozialiftifchen Ideen beeinflußt war. Jn der erften Sitzung des reorganifierten Kommuniften

Klubs beantragte Konrad Carl. daß der Klub mit dem Allg. Deutfchen Arbeiter-Verein in Verbindung trete. um die verfhiedenen Arbeiter-Affociationen und ..Innungen“ (Gewerkfchaften) einzuladen. einen gemeinfcbaftlichen Plan zu einer politifchen Agitation unter den Arbeitern New Yorks zu beraten. Am 8. März beantragte Siegfried Meher. den Vorfchlag Carls einem Komite zu überweifen. doch wurde eine end gültige Stellungnahme vertagt. Am 12. April debattierte man über den Carlfchen Vorfchlag. Es hatte fich unter dem Druck der fchlechten Zeit eine ftarke gewerkfchaftliche Bewegung entwickelt. Einzelne Mitglieder des Kommu niften-Klubs erwarteten von diefer Bewegung nichts und glaubten nicht. daß Hoffnung fei. eine unabhängige politifche Arbeiterbewegung daraus entftehen zu fehen. Earl hielt den Zweiflern das ..Kommuniftifche Manifeft“ vor. das darauf hinweift. daß die Kommuniften die Pflicht hätten. überall einzugreifen. 85

Am 2. Iuli ward der Schuhmacher Auguft Vogt aufge nommen. der. ein altes Mitglied des Kommuniftenbundes. feinerzeit in Berlin mit Laffalle in Verbindung ftand und der zufammen mit Siegfried Meher in der Folge eine ein flußreiche Tätigkeit in der New Yorker Arbeiterbewegung ausübte. Am felben Datum trat der Kommuniften-Klub. auf Anregung von I. Pb. Becker in Genf. in die Inter nationale Arbeiter-Affociation ein und zahlte für 21 Mit glieder die Beiträge.

Immer noch aber brachte man der

Gewerkfchaftsbewcgung Mißtrauen entgegen und hoffte nichts von einer politifchen Arbeiterpartei. Endlich. am 25. Oktober 1867. faßte man in der Verfammlung des Klubs den Befchluß. daß man fich mit dem Allg. Deutfchen Arbeiter-Verein in Verbindung feßen wolle. um ein Partei Programm auszuarbeiten. Schon am 8. Auguft hatte der Allg. Deutfche Arbeiter Verein befchloffen. die Arbeitervereine New Yorks zufam men zu berufen. um die Arbeiter-Verhältniffe einer Be fprechung zu unterziehen. Am 22. Nov. 1867 .berichtete dann ein Komite in der Sißung des Kommuniften-Klubs. daß es ein Programm für eine politifche Arbeiterpartei für New York ausgearbeitet habe. Mit der Annahme diefes Programms nahm fowohl die Tätigkeit des Kommuniften-Klubs als auch die des Allg. Deutfchen Arbeiter-Vereins ein vorläufiges Ende. Beide gingen auf in der ..Sozialen Partei von New York und Umgegend“. des erften allgemeinen. auf modernen foziali ftifchen Anfchauungen ftehenden Verfuches. in New York eine felbftändige politifche Bewegung der Arbeiterklaffe hervorzurufen. Am 20. Ianuar 1868 wurde eine Maffenverfammlung von Arbeitern einberufen. die den Zweck hatte. das Pro gramm und die Konftitution der neuen politifchen Arbeiter

partei zu beftimmen. Das Komite. das die Einladung zu diefer Verfammlung erließ. beftand aus K. Carl. K. Eilenberg. A. Komp. F. Krahlinger und C. A. Peterfen. Das Programm. das vorgelegt wurde. hatte folgenden Wortlaut: ..In Erwägung. daß gegenwärtig die Arbeit durch das Kapital beherrfcht wird. 86

in Erwägung. daß es die Aufgabe der Bedrückten fowohl als aller denkenden Menfchen ift. unfere verrotteten Zu ftände zu verbeffern. und in Erwägung. daß jede der beftehenden Parteien in den Ver. Staaten nur Klaffen-Intereffen dient. ftatt für das Gefammtwohl des Volkes zu forgen.

erklären wir: Den jeßigen Mißftänden kann nur eine wahrhaft foziale Patßtei abhelfen. welche folgende Forderungen verwirklichen mu : 1. Sämmtlichc Staatseinnahmen find durch eine Ein kommenfteuer zu befchaffen in einem mit der Höhe des Einkommens ftets wachfenden Verhältniffe. (Progreffiv fteuer). Alle Inlandsfteuern und Einfuhrzölle auf Roh

ftoffe find fofort. alle übrigen Einfuhrzölle allmählig ab

zufchqffen. 2. Strengere Sparfamkeit ift in der Finanz-Verwal tung einzuführen. 3. Acht Stunden foll ein gefeßlicher Arbeitstag fein und durch Gefeß in Kraft gefeßt werden. 4. Nur die Vereinigten Staaten follen das Recht haben. Vapiergeld auszugeben. Die Nationalbanken find abzu

fchaffen' 5.

-

.

Alle Gefeße fmd aufzuheben. welche der unbedmg

ten Gleichberechtigung fämmtlicher Menfchen ohne Unter

fchied der Farbe. des Gefchlechts oder religiöfen Glaubens widerfprechen. ebenfo alle Sonntags- und Prohibitiv Gefeße. 6. Ieder Bürger der Ver. Staaten ift wählbar im ganzen Gebiet derfelben. 7. Die Strafgefetze gegen Wahlbeftechung müffen ver fchärft und zur Ausführung gebracht werden.“ Man fieht. daß man fich bei aller Betonung der Klaffen gegenfäße noch nicht recht offen mit der Sprache heraus gctraute. Wahrfcheinlich glaubte man. mit einer fchroffen Betonung der Endziele der fozialiftifchen Bewegung das

englifche Arbeiter-Element. das man zu gewinnen hoffte. von der neuen Partei abzufchrecken. Die Konftitution der Sozialen Partei beftimmte. daß fowohl deutfche. als auch englifche Organifationen in den verfchiedenen Wahldiftrilten der Stadt gebildet würden. die 87

zufammen mit den Klubs. Gewerkfchaften und fonftigen Arbeiterverbindungen die Gefamtpartei bildeten. Die Leitung wurde einem Komite von fünfzehn Mitglie dern übertragen. das außerdem auch die Aufgabe haben follte. ..die Bildung von Produktiv- und Konfumvereinen zu fördern. welche infofern einer einheitlichen Leitung unter liegen follten. als fie zu' einem gegenfeitigen Austaufch der

Produkte erforderlich ift.“ Auch für einzelne Fabriken waren Organifationen vorgefehen. deren Aufgabe befonders auch darin beftand. daß fie genaues ftatiftifches Material über Gefchäftsgang. Löhne. Arbeitszeit. Größe der Fabrik. Arbeitswechfel. Krankheit. Todesfälle und alle befonderen Uebelftände aufnehmen follten. Für eine politifche Partei eine recht fchwerfällige Mafchinerie. wie man fieht. befon ders für den Anfang. Von Intereffe ift die Haltung der neuen Partei zu den Gewerkfchaften. Mit Bezug hierauf beftimmte die Konfti tution. daß in allen verfchiedenen Gewerben foweit wie möglich Trade Unions nach dem Mufter der fchon beftehen den Unions gegründet werden follten. Wörtlich hinzu gefügt wird dem aber: ..Neue Trade Unions follen ge gründet werden. wenn die beftehenden Unions es ablehnen. diefer Organifation (der Partei) beizutreten.“ Man verfuchte. Wilhelm Weitling. deffen Name unter den New Yorker Arbeitern immer noch einen guten Klang hatte. zu bewegen. als Mitglied des Zentral-Komites der Partei zu fungieren. was diefer aber ablehnte. Präfident des proviforifchen Zentral-Komites war F. A. Sorge. Sekretär Adolf S. Wehler. Man ging nun rührig an die Gründung der Partei organifation in der Stadt und wandte fich befonders auch an die Gewerkfchaften. deren wirtfchaftliche Kämpfe man benußte. um die Notwendigkeit der politifchen Organifation und Aktion zu empfehlen. So wandte man fich in einem Aufrufe an die Maurer. die damals um Einführung des Achtftundentages kämpften. und fprach ihnen Shmpathie und Unterftüßung aus. Von den Rednern der Sozialen Partei waren am meiften tätig die beiden Schneider Lücke und Carl. dann Siegfried Meher. Sorge und Weitling. Man trat - 1868 - auch in den ftädtifchen Wahlkampf ein. doch mit wenig Erfolg. troßdem man damals in New

88

York ein englifches Arbeiterblatt hatte. das die Bewegung unterftüßte. “7'116 Zoljclgrjty" vertrat zwar nicht in allen Fällen die ..Soziale Partei“. doch brachte fie deren Pro gramm. Erlaffe und Verhandlungen zum Abdruck und trat

auch fonft für die Bewegung ein. freilich oft genug nur recht lauwarm. Die Wahl brachte nur ein paar taufend Stim men. was. da man mehr erwartet hatte. ziemliche Ent mutigung hervorrief. Das Zentral-Komite der Sozialen Partei begnügte fich übrigens nicht damit. in der rein lokalen Organifation tätig zu fein. Es fuchte auch nationale und internationale Ver bindungen zu fchaffen. und obgleich die Partei offiziell mit der Internationalen Arbeiter-Affociation nicht verbunden war. propagierte fie doch deren Prinzipien. So wandte man fich auch an englifch-fprechende Reform-Organifa tionen im Lande und fuchte deren Prinzipien zu ergründen. um eventuell eine Verbindung mit ihnen zu fchaffen. Das gefchah z. B. mit einer “lnciepencl6nt Convention". die im Auguft 1868 in Chicago tagte. an die das Zentral-Komite fich mit der Anfrage wandte. welche Stellung fie zur fozia len. politifchen und religiöfen Frage und ähnlicher Dinge cinnehme. Auch mit Wien. wo damals die Arbeiterbewe gung hohe Wogen fchlug. trat man in Verbindung und drückte den dortigen Arbeitern ..Freude und Bewunderung“ über ihre Agitation aus. erklärend: ..Ob wir auch in einer Republik leben und die Vorteile politifcher Freiheit genie ßen - die traurigen Folgen der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital drücken u n s. die Bürger der Republik. ebenfo fehr. wie Euch. die Untertanen der Monarchie. Ein Hauptunterfchied befteht freilich zwifchen unferer Lage und der Eurigen. Unfere Waffe zur Befeitigung der fozialen Ucbelftände ift. vorläufig. eine friedliche. das Stimmrecht; die Eurige. was man auch immer fagen möge. wird eine kriegerifche fein. die R e v o l u t i o nl Ob der Vorteil auf unferer Seite ift? Faft möchten wir's bezweifeln.“ Und zum Schluß wird dann auf die Tatfache hingewiefen. daß die Internationale Arbeiter-Affociation Zeuge dafür fei. daß die Solidarität aller Arbeiter keine Phrafe mehr ift. Die Wiener Arbeiter beantworteten die Adreffe der Sozialen Partei mit einem Briefe an die ..Brüder im Weften“. in dem fie ein hoffnungsvolles Bild der Bewegung in Wien zeichneten. 89

Auch mit den Arbeitern Belgiens trat man in Verbin dung. wo gerade damals ein großer Bergarbeiterftreik mit blutiger Hand unterdrückt wurde. In einem Schreiben der Sozialen Partei an die ..Ar beitsbrüder in Belgien“ rief man diefen zu: ..Anftatt Eure gerechten Forderungen anzuerkennen. gab man Euch Pulver und Blei ftatt Brot. diefes gewöhnliche Beweismittel der Defpoten von Gottes Gnaden.“ Und weiter: ..Erkämpft die foziale Republikl“ Im Iuni 1868 fandte das proviforifche Zentral-Komite eine Adreffe an die ftreikenden Arbeiter Genfs. in welcher die Unterftüßung der Internationale gefordert wurde. Auch Streikunterftüßungen wurden von New York aus gefandt. Die Adreffe war von F. A. Sorge als Präfidenten. von

Adolf S. Wehler als Sekretär unterzeichnet. Man fieht. daß die Soziale Partei. troßdem fie nicht direkt mit der Internationalen verbunden war. durch ihre Tätigkeit für diefe Affociation fich den Ruhm erwarb. die erfte größere Arbeiterorganifation gewefen zu fein. die die Prinzipien derfelben auf amerikanifchem Boden propagierte. Im September 1868 gab die Soziale Partei von New York ihre öffentliche Tätigkeit auf. Es war nicht nur die Enttäufchung über den fchlechten Wahlerfolg. die diefes Refultat herbeiführte. auch nicht die perfönlichen Gegenfäße. die diefes hervorrief. fondern mehr noch der Umftand. daß die Nationale Arbeiter-Union den Befchluß faßte. eine nationale

politifche

Arbeiter-Reformpartei

zu

gründen.

Neben diefer hätte nach Auffaffung der Leute von der Sozialen Partei diefe keine Aufgabe mehr zu erfüllen gehabt. und fo ging es denn mit diefem erften Verfuch der New Yorker Arbeiter. eine wirkliche fozialiftifche p o l i t i f ch e Partei zu bilden. zu Ende. 3.

Die Deutfche Gewerkfchaftsbewegung nach dem Kriege.

Die Krife. die der Beendigung des Krieges folgte. und die in den erften Iahren eine Schwächung der Arbeiterbe wegung brachte. wirkte natürlich auch auf die in New York und anderswo beftehenden deutfchen Gewerkfchaften. Erft Ende 1867 machten fich leichte Anzeichen einer Befferung in der wirtfchaftlichen Lage bemerkbar. .was im folgenden 90

Halbjahr zu einem lebhaften Auffchwung der gewerkfchaft lichen Bewegung führte. Ein lebhaftes Streben nach Lohnverbefferung und Ar bcitszeitverkürzung feßte ein. Eine große Zahl von Streiks gab den Organifationen der Arbeiter neue Stärke. Die beftehenden Gewerkfcbaften. befonders auch die deut

fchen. nahmen an Mitgliederzahl zu. während andere neu gegründet wurden.

Der Deutfche Bildhauerverein errang

im Frühjahr 1868 eine Lohnerhöhung und feine Mitglieder zahl ftieg von 400 auf 600. Die deutfchen Zufchneider hatten 500 Mitglieder und ihr Lohn betrug 816 bis 822. Im Iuli legten fie die Arbeit nieder. um eine Lohn erhöhung auf vier Dollars pro Tag durchzufeßen. Die deutfchen Maurer waren als Local Nr. 10 in der Nationalen Union organifiert und zählten im Sommer 1868 300 Mit glieder. Die Tifchler hatten im Frühjahr eine Lohnerhöhung durchgefeßt und verdienten dann einen Wochenlohn von 816 bis 820. Ihre Union zählte nahezu 3000 Mitglieder. Die deutfchen Bäcker waren in verfchiedenen Unions organifiert. von denen eine allein 700 Mitglieder hatte. Sie feßten durch Arbeitseinftellung eine Lohnerhöhung von 83 bis 85 wöchentlich durch und erhielten nun der Vormann 821 bis 822. zweite Hand 817 bis 818. dritte Hand 813 bis 815 Wochenlohn. Im Iuni 1868 errangen die Bäcker in Brooklhn durch Arbeitseinftellung bei zwölfitündiger Ar beitszeit für den Vormann 820 bis 821. für zweite Hand 818. für dritte Hand 815. Die deutfchen Polfterer organi fierten fich im Sommer. Ihre Arbeitsverhältniffe waren die folgenden: Arbeitszeit: von morgens 7 bis abends 6 Uhr; Lohn: von 812 bis 814 wöchentlich.

Bei der fogenannten

..langen Arbeitszeit“. die auch noch beftand und die von früh 6 bis abends 10 Uhr dauerte. erhielten fie einen Lohn von 818 bis 820. Die deutfchen Zimmerleute organifierten fich im Iuli 1868 und fie traten fofort mit einer Lohnforderung hervor. Im Iuni 1868 bildete fich eine Organifation der Paftetenbäcker. die “Fournehmen Lie Lakerd' yroteetire Union". Die Arbeiter diefer Branche hatten 15- bis 18 ftündige Arbeitszeit und einen Lohn von 89 mit Koft und Logis. Auch die deutfchen Werlftättenfchneider waren organifiert. Im Herbft 1868 hatten auch die deutfchen Böttcher eine 91

Organifation gebildet. ebenfo die deutfhen Köche. Im Auguft bildeten auch die deutfchen Anftreicher eine Union. die bei achtftündiger Arbeitszeit fchon damals einen Tage lohn von 83.50 durchfeßten. Die deutfche Zigarrenmacher-Union Nr. 90 wurde am 27. November 1867 gegründet. Sie war damals die ein zige-deutfchfprechende Union des Nationalverbandes. Im Iuni 1868 zählte fie 700 Mitglieder. die bis zum November fchon auf 1100 ftieg.. Neben der Union Nr. 90 beftand noch der im Iahre 1853 gegründete Zigarrenmacher-Verein und im Auguft 1868 bildete fich in Williamsburg aus Mit gliedern des dortigen Zigarrenmacher - Kranken - Unter ftüßungsvereins eine weitere Zigarrenmacher-Union. Im Herbft desfelben Iahres erblickte eine zweite deutfche Union diefes Gewerbes in New York das Licht der Welt. Union Nr. 97 nämlich. Weiter organifierten fich noch im Iuli die “Whole-.3a16"

Schneider. die bei einer Arbeitszeit von 12 bis 18 Stunden einen Lohn von 88 bis 810 hatten.

Im Sommer 1867

bildeten die deutfchen Mafchiniften und Metallarbeiter eine Union. die 120 Mitglieder zählte. In Gründungen aller Art tat fich befonders die Schreiner-Union hervor. Sie hatte damals nicht nur eine Feuerverficherung und einen Krankenverein. fondern fogar eine Lebensverficherung und einen Frauen-Unterftüßungs verein. Ebenfo hatte fie eine Baugefellfchaft. Die Annahme des Achtftundengefeßes von 1868 im Kon greß der Vereinigten Staaten hatte dem Streben nach Ar beitsverkürzung großen Vorfchub geleiftet. Ienes Gefeß bcftimmte. daß für alle Regierungsarbeiten in Zukunft acht Stunden eine Tagesarbeit fein folle. Man machte das Gefeß dadurch unwirkfam. daß man die Regierungsarbeiten in Kontrakt gab und fo das Achtftundengefeß umging. Gleich nach Erlaß des Gefeßes erhoffte indes die organifierte Ar beiterfchaft noch Großes von diefem Gefeß. und die Maurer New Yorks ftellten im Sommer die Forderung auf acht Stunden und auf 84.50 Tagelohn. Sie hatten bisher 85 bei zehnftündiger Arbeitszeit erhalten. Es kam zu einem hartnäckigen Streik. an dem natürlich auch die deutfchen Maurer teilnahmen und bei dem alle deutfchen Unions große Geldmittel zur Unterftüßung der Streikenden aufbrachten. 92

n der deutfchen Maurer-Union Nr. 12 kam es bei der Ge egenheit zu einer Spaltung. Zwanzig Scabs traten aus und bildeten mit 70 eingewanderten deutfchen Mautern eine ..Zehnftunden“ - Union. Nach langer Dauer -wurde der Kampf feitens der Streiker gewonnen. Nicht fo glücklich verlief eine Arbeitseinftellung der Vianomacher. Diefe hatten im Mai 1868 eine zehnpro zcntige Lohnerhöhung durchgefeßt. womit fie die im Winter gemachten Abzüge nur teilweife ausglichen. Beim Maurer ftreik unterftüßten dann die Pianomacher die Streiker durch Gelder. die fie durch Sammlungen in ihren Fabriken zu fammenbrachten. In der Steinwahfchen Fabrik wurde das Sammeln verboten und die Arbeiter. die die Sammlungen vorgenommen hatten. fofort entlaffen; auch wurde erklärt. daß alle. die ihren Namen auf die Lifte gefeßt hätten. ent laffen werden würden. fobald fie ihre Arbeit fertig gemacht. Eine Maffenverfammlung der Pianomacher war die Folge und es wurde gegen das Vorgehen der Firma Stein wah proteftiert. weil ..diefe fich Eingriffe in die perfönliche Freiheit der Arbeiter erlaubt habe“. Nah diefer Verfammlung verlangte die Firma Steinwah von ihren Arbeitern. daß fie fich von der Union loslöfen und eine eigene Union gründen follten. der nur die Arbeiter diefer Firma angehörten. Das wurde von den Arbeitern abgelehnt. Es kam zum Streik. wobei die Arbeiter noch eine zehnprozentige Lohnerhöhung verlangten. Es bildete fich ein Verband der Pianofabrikanten. die befchloffen. keinen Arbeiter mehr zu befchäftigen. der der Pianomacher-Union angehörte. ferner dem Präfidenten derfelben nirgends mehr Arbeit zu geben. endlich die übrigen Beamten der Union einftweilen von aller Arbeit zu fuspendieren. Der Streik ging für die Arbeiter verloren. und die Folge war. daß die Beamten der Union nirgend mehr Arbeit be kamen. Ein Streik der New Yorker Zigarrenarbeiter brach im November 1868 aus. Man forderte eine Erhöhung der Löhne. Ein Unternehmerverband gründete fich unter dem Namen “Eignr Manufacturero' hoooejatwu". Die Ar beiter hatten eine Lohnerhöhung von 82 pro Taufend ge fordert. Der Fabrikantenverband bot vorläufig 81 Er

höhung mit dem Verfprechen. fpäter 82 zu zahlen. Die Ar 93

beiter nahmen das an. unter der Bedingung. daß die Unter nehmer nur Unionleute befchäftigten. Die Fabrikanten weigerten fich und fchloffen alle Unionleute aus. Darauf ftellten am 21. November die Zigarrenmacher die

Arbeit ein und marfchierten in einem Zuge. 600 Mann ftark. nach Cith Hall Park. wofelbft fie eine Verfammlung abhielten. Hauptredner auf diefer Verfammlung war Kon rad Kuhm. Präfident der Union Nr. 90. Der Streik endete durch einen Kompromiß. indem die Un tcrnehmer den Befchluß zurücknahmen. keine Unionleute zu befchäftigen. Die Arbeiter zogen ebenfalls ihre Forderung. daß die Unternehmer nur Unionmitglieder befchäftigen follten. zurück und überwiefen die Regelung diefer Frage jeder einzelnen Werkftatt. Der Verdienft der Zigarrenmacher war damals 814. Im Zufammenhang mit diefen Streiks ift eine Maffen verfammlung zu nennen. die von den gewerkfchaftlich orga nifierten Arbeitern in Cooper Union gegen die ..New Yorker Staatszeitung“ abgehalten wurde. die fich durch ihr ge häffiges Wefen gegen die Arbeiterbewegung hervortat. Eine weitere große Maffen-Demonftration fand. eben

falls in Cooper Union. am 23. März 1869 ftatt. Man er hob Proteft gegen den Stadtrat. der die ftädtifchen Druck arbeiten in Niht-Union-Druckereien herftellen ließ und forderte im übrigen fehr energifch die Durchführung des Achtftundengefeßes. Die Demonftration. an der 10.000 ZlHbeZter teilnahmen. war ftark von deutfchen Arbeitern e u t.

Man fieht. die deutfchen Arbeiter der Vereinigten Staaten - denn nicht bloß in New York. fondern au in den an deren Großftädten des Oftens zeigte fich diefe e Bewegung - führten fchon zu einer Zeit lebhafte Gewerkfchaftskämpfe. als im alten Vaterlande kaum die Anfänge einer gewerk fchaftlichen Organifation zu finden waren. 4.

Die ..Deutfche Arbeiter-Union“ und ihre Zeitung.

Nach der Zerfeßung des ..Deutfchen Arbeiterbundes“ zu Ende des Iahres 1865 dauerte es etwa ein Iahr. ehe die deutfchen Gewerkfchaften New Yorks fich wieder nähertraten und ihre Intereffen durch eine zentralifierte Körperfchaft zu wahren fuchten. Im Iahre 1866 bildete fich dann aus den 94

Gewerkfchaften die ..Deutfche Arbeiter-Union New Yorks und Umgegend“. die ihrer Konftitution nach den Zweck hatte. die Agitation für den Achtftundentag zu fördern. Dio Deutfche Arbeiter-Union war ein Zweig der “Noriijngmen'n Union". des englifchen Zentralkörpers der Stadt. zu deffen Sißungen drei Delegaten der Arbeiter-Union gefandt wur

den; ebenfo nahmen die Delegaten der “Working-m6n's Union" an den Sißungen der Arbeiter-Union teil. Die leßtere wurde aus je drei Delegaten der beteiligten Vereine gebildet. Als Zweck des Gewerkfchafts-Zentralkörpers be zeichnete das Statut: ..1. Die Teile der verfchiedenen Gefchäfts- und Gcwerbs zweige in diefer Nachbarfchaft zu vereinigen. fo daß fie eine Gemeinde für die Verteidigung ihrer Rechte und Beförderung der Intereffen der arbeitenden Klaffe bilden. 2. Ein freundfchaftliches und zufammenwirkendes Gefühl zu fchaffen und zu pflegen zwifchen denen. deren Intereffe ein gemeinfchaftliches ift. wodurch wir in den Stand verfeßt

werden. fchnell. mächtig. beftimmt und ausdauernd zu han deln in irgend einer Sache. die unfere materiellen Inter effen direkt oder indirekt betrifft.“ Weiter wird die Abfchaffung aller den Arbeitern feind

lichen Gefeße gefordert. und fchließlich verlangte man. alle rechtmäßigen und ehrenhaften Mittel anzuwenden. die in unferen Kräften liegen. um Schwierigkeiten zu fchlichten. die zwifchen Arbeitgebern und Arbeitern entftehen. und unver droffen an der Entwicklung eines Planes zum gegenfeitigen Handeln zu arbeiten. der für beide Teile vorteilhaft fein foll. auf den Grundfaß geftüßt. ..daß die Intereffen der Ar beit und des Kapitals diefelben fein follten“. und unferen Einfluß zuüben. um Arbeiterausftände zu verhindern. aus genommen. wo diefelben abfolut notwendig find“. Man fieht. an Klarheit ließ die neue Zentralifatiou der deutfchen Gewerkfchaften noch zu wünfchen übrig. und von der Notwendigkeit des Klaffenkampfes wußte man noch wenig. Es dauerte aber nicht lange. bis die Logik der Tat fachen den deutfchen New Yorker Arbeitern ihr Harmonie gefühl austrieb. Die Erörterung politifcher Fragen war übrigens in der Arbeiter-Union durch deren Satut verboten. Auch ein eigenes Preßorgan fchufen fich die organifierten deutfchen Arbeiter New Yorks fchon zur damaligen Zeit. 95

Im Frühling- 1868 tauchte im New Yorker Schreiner verein. der damals etwa 2000 Mitglieder zählte. die Idee auf. den deutfchen Arbeitern New Yorks ein wirkliches Kampforgan zu fchaffen. Er trat zu dem Zwecke mit anderen Arbeitervereinen in Verbindung. Unter dem Vorfiß von Kunz von den Pianomachern kamen Delegaten der Schrei ner. Pianomacher. New York Bildhauer-Verein und deutfche “klarnieder rioooejation" (Lackierer). denen fpäter noch die Zigarrenmacher-Union Nr. 90 beitrat. zufammen. Diefe Organifationen waren es. die die ..Affociation vereinigter Arbeiter“ begründeten. die den Zweck haben follte. eine neue deutfche Arbeiterzeitung ins Leben zu rufen. Zum 5. Iuni 1868 wurde eine Maffen-Verfammlung be rufen. Man befchloß die Herausgabe eines Blattes. das den Titel ..Arbeiter-Union“ führen follte. Diefer Name wurde gewählt nach dem Zentralkörper gleichen Namens. Am 13. Iuni 1868 erfchien das fo gefchaffene Blatt als Wochenblatt unter der redaktionellen Leitung von Dr. Landsberg. eines Advokaten. Der Untertitel der Zeitung lautete: ..Volkswirtfchaftliches und foziales Organ der Ar beiter“. Als Herausgeber zeichnete die Affociation Ver. einigter Arbeiter. Die erften Beamten der Affociation Ver einigter Arbeiter. des Eigentümers der Arbeiter - Union waren: C. Kuhm. Zigarrenarbeiter. Präfident; Iohn Kunze. Pianomacher. Vizepräfident; Alb. Kamprad. Zigarren arbeiter. Prot.-Sekretär; Wm. Griefinger. Bildhauer. Kor. Sekretär; Ernft Altmann. Tifchler. Schaßmeifter. und Wm. Görlich. Bildhauer. Finanzfekretär. Aus dem Programm des neuen Blattes ift folgende Stelle hervorzuheben : ..Unfere Zeitung hat fich die Aufgabe geftellt. den Arbeiter darin zu unterftüßen. daß er. wie ein jeder anderer Ge fchäftsmann. möglichft viel verdiene. Unfer Standpunkt unterfcheidet fich vondemjenigen. von welchem bisher ähnliche Unternehmungen ausgegangen find. daß er das Praktifche. nicht das Theoretifche. über der Zu kunft nicht die Gegenwart vergißt. Unfere Zeitung wird fich bemühen. den Nachweis zu führen. daß der wirtfchaftliche Feind des Arbeiters zugleich der Feind a l l e r wirtfchaftlichen Intereffen der Gefellfchaft ift und daß der Kampf gegen diefen Feind. nämlich gegen 96

den w u ch e r i f ch e n Erwerb ohne Arbeit. nicht fowohl Sache des Arbeiterbundes. als überhaupt ein von der Selbft erhaltung vorgefchriebenes Gebot der Gefellfchaft im allge meinen ift.“ Ein ziemlich unklares Programm alfo. das auch im Blatt felbft ebenfo unklar und verfchwommen vertreten wurde. Befonders war fehr viel von der Geldreform die Rede. was entfchiedene Protefte feitens derklareren Elemente in der Arbeiterbewegung hervorrief. die zu lebhaften Debatten im Blatte führten. Von Betonung des Klaffenftandpunktes war nirgends die Rede. Im Oktober 1868 trat Dr. Landsberg von der Redaktion zurück und feine Stelle wurde von Adolf Douai eingenom men. nach deffen Eintritt in die Redaktion fich der Einfluß von Marx' ..Kapital“. das 1867 erfchienen war. geltend machte. Immerhin fpielte aber auch die Geldreform. be fonders die Kellogfchen Vorfchläge. noch eine ftarke Rolle in der Zeitung. Im Dezember 1868 wurde die Arbeiter-Union vergrößert. und im Mai 1869 befchloß man. fie als Tageblatt herauszugeben. Die erfte Nummer desfelben erfchien am 20. Mai unter dem Titel: Arbeiter - Union. Organ der nationalen ArbeiterVerbindungen. Aus dem Programm diefes Arbeiter-Tageblattes ift fol gendes hervorzuheben: ..Diefes Tageblatt foll vor allem die Intereffen der Arbeit und der Arbeiter vertreten. Unter Arbeitern aber werden wir immer alle Nüßliches Schaffende verftehen. Männer wie Frauen. Gelehrte wie Ungelehrte. Selbftändige wie Unfelbft ftändige. Wir werden jede Unterdrückung bekämpfen. in erfter Hinficht jedoch diejenige. welche durch die Kapitals herrfchaft. das Geldmonopol verfchuldet wird. Wir werden die zufällig Schwachen jeder Klaffe. Farbe oder Nationalität gegen die zufällig Starken verteidigen. ..Gerechtigkeit“ foll unfer Motto fein.“ Die Arbeiter-Union beftand bis zum September 1870. Der deutfch-franzöfifche Krieg und feine Stärkung des Na' tionalgefühls brachte das Blatt in eine Stellung. die un haltbar wurde und die zu Spaltungen unter den deutfchen Arbeitern New Yorks führte. Am 17. September 1870 erfchien die lebte Nummer. In diefer Nummer erklärte der 97

Verwaltungsrat des Blattes. daß das Erfcheinen desfelben eingeftellt werden müffe. Aus diefer Darlegung der Sach lage ift folgendes hervorzuheben: ..Der deutfch-franzöfifche Krieg fpaltete den Leferkreis und die Vereine. welche Eigentümer des Blattes find. in Fraktionen. wodurch das Blatt fehr viele feiner Lefer verlor. die teilwcife erbitterte Gegner des Blattes wurden. Es wußte im Voraus jeder unferer Lefer und jeder bei der Arbeiterbewegung Intereffierte. daß unter den Arbeitern zwei Hauptrichtungen beftehen. eine. welche mit Palliativ mitteln zur Hebung der Lage einzelner Arbeiter ziemlich zu? frieden ift. und eine. welche nur mit einer Radikalkur. einem Umbau der Gefellfchaft fich begnügt. Wenn beide Richtungen zufammenarbeiten wollten. müßten fie alle kleineren Meinungsverfchiedenheiten unter fich friedlich auf dem Wege der Propaganda ausgleichen. Dies ift vielfach auf beiden Seiten verfehlt worden. Noch viel unverzeihlicher war. daß die Kriegsfrage eine unverföhnliche Spaltung unter den Arbeitern erzeugte. deren einzige Rettung vor dem wachfenden Elend in ihrer unbedingten Einigkeit beruhte.“ Bei Eingehen des Blattes war der Schreiner Fr. Hom richhaufen Priifident der Affociation der Vereinigten Ar beiter. 5.

Adolf Douai.

Dr. Adolf Donai. der die Arbeiter-Union nahezu zwei Jahre lang redigierte. nahm. wie wir gefehen haben. an

fänglich keineswegs einen klaren fozialiftifchen Standpunkt ein.

Er war theoretifch von den Geldreformern und befon

ders von Kellogg beeinflußt und vertrat auch deren Ideen in der Arbeiter-Union. Noch Mitte der fechziger Iahre fchrieb er in New Yorker Zeitungen gegen den Kommunismus. Mit dem klareren Element der deutfchen Bewegung in New York kam er häufig in Gegenfatz. Der Allgemeine Deutfche Ar beiterverein ging wegen feiner theoretifchen Unklarheit öfter fcharf gegen Douai vor.

Diefe Angriffe trugen dazu bei.

daß diefer fich auf das Studium des im Iahre 1867 erfchie nenen

erften

Bandes

des

Marxfchen

..Kapitals“

warf.

Douai kam hierdurch zu größerer Klarheit und er hat in der Folge fich durch Popularifierung der Marxfchen Ideen un zweifelhafte Verdienfte erworben. 98

Ad. Douai war ein ungemein vielfeitig gebildeter Mann. deffen Stärke aber mehr auf pädagogifchem als auf politi fchem Gebiete lag. Seine alle Gebiete des menfchlichen Wiffens umfaffende Fachgelehrfamkeit und feine allgemeine Bildung machten ihn indes zu einer wertvollen redaktionellen Kraft. Er war ein vorzüglicher Volksredner und fowohl feine Artikel wie auch feine Reden zeichneten fich durch For menreinheit und meifterhafte Beherrfchung der Sprache aus. Adolf Douai wurde im Iahre 1819 als Sohn eines Lehrers in Altenburg geboren. Nach einer ausgezeichneten Erziehung ging er 1841 als Hauslehrer nach Rußland. von wo er 1846 in feine Vaterftadt zurückkehrte. Hier gründete Douai eine Realfchule. deren Leitung er übernahm. bis feine Beteiligung an der Revolution des Iahres 1848 dem Unter nehmen ein Ende machte. Douai hat eine autobiographifche Skizze hinterlaffen. der wir die folgenden Stellen über feine Beteiligung an den Stürmen des Iahres 1848 entnehmen: ..Da kam die Revolution von 1848 und da er fie durch Stiftung von Vereinen junger Bürger. von Gefellen- und Arbeitervereinen hatte verbreiten helfen. fo nahm er lebhaft an der politifchen Bewegung teil. Das Ländchen Alten burg erklärte fich ebenfo früh als Friedrich Hecker für die Republik und die Sozialdemokratie (denn diefer Name. ob wohl fehr unklar aufgefaßt. war fchon im Schwange) . Nach dem man vergebens ihn der Bewegung durch Ausficht auf hohe Anftellung abwendig zu machen gefucht hatte. wurde er fchon im Iuli mit Verhaftung bedroht. zufammen mit zwei Genoffen; aber die Bürger bauten Barrikaden und widerfeßten fich fogar einer Brigade fächfifcher Truppen. welche der Hof insgeheim beftellt hatte. mit folchem Ernfte. daß man diefe Truppen aus Furcht vor großem Blutver gießen wieder entfernen mußte. Ein Reformlandtag wurde einberufen. in welchem Douai und feine Genoffen die Mehr heit hatten und in wenigen Monaten gründlich reformierten. Er war aber einer der wenigen. welche fich nie über die damalige Erfolglofigkeit der Revolution täufchten; denn Altenburg gehörte zu den fortgefchrittenften Teilen Deutfch lands. ebenfo wie das benachbarte Königreich Sachfen. wo hin feine Propaganda ebenfalls eindrang; aber in weiten Strecken Deutfchlands fah es noch fehr finfter aus. Ihm 99

galt es. einige Iahre lang unter der Million Menfchen. welche er agitatorifch beeinfluffen konnte. foviel politifche. religiöfe. foziale und wiffenfchaftliche Aufklärung als mög lich zu verbreiten. dabei aber jedes nußlofe Blutvergießen zu vermeiden. Die Frucht folcher Wirkfamkeit konnte nicht verloren gehen und ift nicht verloren gegangen.

Man war regierungsfeitig beftrebt und erfinderifch. ihn darin lahmzulegen; aber vier Iahre lang vergebens. Zuerft verordnete der Reichsverwefer Iohann dem Ländchen Alten burg. ..weil es ftrategifch ein wichtiger Puukt fei“. eine Brigade fächfifcher Truppen. Diefe waren rafch ebenfalls republikanifiert. Man fchickte fie nach Schleswig-Holftein und fie mußten die beiden republikanifierten altenburgifchen Bataillone in ihrer Mitte fortnehmen. An ihrer Stelle rückte

eine Brigade Hannoveraner ein. Auch diefe waren bald republikanifiert. Ießt verfuchte man es mit einer Brigade Preußen. welche ein paar Regimenter Wafferpolacken unter fich zählten. Vorher fchon war Douai wirklich verhaftet worden. und nur durch rafche Entfchloffenheit verhütete er ein Blutvergießen. da die Bürger ihn fchon befreit hatten und er fich losreißen und zwifchen die Bajonette der Sol daten werfen mußte. worauf er fich auf freiem Fuße dem Gerichte ftellte. Die gegen ihn angeftrengten Prozeffe auf Hochverrats verfuch und Aufruhr gewann er; in zwei Preßprozeffen aber glaubten die Gefchworenen der Regierung einen Gefallen tun zu müffen. und er wurde zufammen in drei ..Sißungen“ auf ein Iahr gefangen gehalten. Dadurch und weil wäh rend diefer Zeit feine Schule zu Grunde ging. worauf die Regierung planmäßig hinarbeitete. follte er zur Auswan derung bewogen werden; aber er eröffnete fich immer neue

Unterhaltungsquellen. Erft als diefe alle von der Regierung verftopft waren. wanderte er - 1852 - aus.

Beim Ver

kauf feines Haufes. welches in der fchlimmften Zeit bewirkt werden mußte. verlor er fein ganzes fauer erarbeitetes Ver mögen; aber die Dankbarkeit feiner Mitbürger lieferte ihm das zur Reife nach Amerika und erften Anfiedelung Nötige.“ Soweit die Douaifche Schilderung aus diefem Abfchnitte feines Lebens. In Amerika ließ fich Douai zuerft in Neu-Braunfels im Staate Texas nieder. Er verfuchte die Gründung einer 100

Schule ohne viel Glück. So war er denn gezwungen. Zei tungsfchreiber zu werden und zwar in San Antonio. Er erzählt über diefe Epifode aus feinem Leben: ..Das Programm (feiner Zeitung) war ein fozialdemo kratifches. Das ließ man fich gefallen. Als aber in der ..San Antonio Zeitung“ der Kampf gegen die Sklaverei in englifcher und deutfcher Sprache begann. und als am 14. Mai 1854 eine Konvention der deutfchen Koloniften von Texas. gelegentlich eines Gefangsfeftes. nach San Antonio berufen und von einer Mehrzahl der Delegaten die Sklaverei als ein ökonomifches. politifhes und moralifches Uebel er klärt wurde. zu deffen friedlicher Befeitigung die Deutfchen gern mitwirken würden. da begann bald eine Reihe von Verfolgungen. welche dem Redakteur oft Lebensgefahr drohten. dem Blatte aber nach dreijährigem Beftehen den Untergang brachten. Wieder verlor Douai fein ganzes Vermögen. ja. er hätte nicht auswandern können. was er mußte. da faft alle Abolitioniften ausgetrieben werden follten. hätten nicht Gefinnungsgenoffen ihm die Reifemittel geliefert. Die Neger aber hatten nicht vergeffen. was er für fie erftrebt hatte. Im Iahre 1866 erhielt er. nach New York gefchickt. ein Zeitungsblatt. deffen erfter Inhalt lautete: ..Diefe von Negern geeignete und gefeßte Zeitung wird auf derfelben Preffe gedruckt. auf welcher Dr. Adolf Douai zuerft in Texas die Neger-Emanzipation verfocht. Sei ihm das der Dank der farbigen Raffe. daß fie feine Bemühungen für ihre Freiheit in Andenken halten.“ Die leßten anderthalb Iahre hatte Douai feine Zeitung felbft feßen. drei Iahre felbft drucken und etwa zwei Iahre lang das Eigentum an der Druckerei übernehmen und über menfchlich arbeiten müffen. um das Blatt feiner Richtung treu zu erhalten. oft hundert Stunden hindurch.“ Douai wandte fich. nachdem er Texas zu verlaffen ge zwangen war. nach Bofton. Maffachufetts. wo er eine deutfch-amerikanifche Schule und einen Kindergarten grün dete. den erften in Amerika. 1860 ging er nach New York. um dort die Redaktion des ..Demokrat“ zu übernehmen. Dann wirkte er eine Reihe von Iahren als Direktor einer Lehranftalt. der deutfchen Akademie. in Hoboken und an

fonftigen Unterrichtsinftituten. Dann führte er. wie wir gefehen haben. von 1868 bis 1870 die Redaktion der 101

Arbeiter-Union. nach deren Untergang er wiederum feine pädagogifchen und fchriftftellerifchen Arbeiten aufnahm. Im Iahre 1878 fchloß er feine Lehrerlaufbahn und trat in die neubegründete ..New Yorker Volkszeitung“ ein. deren Redaktion er bis zu feinem am 21. Ianuar 1888 erfolgten Tode angehörte. Ein Mann mit ehrlichftem Streben wurde mit Adolf Douai zu Grabe getragen. 6. Die deutfchen Arbeiter und die Nationale Arbeiter-Union.

Wir haben gefehen. daß auf dem erften Kongreß der Nationalen Arbeiter-Union in Baltimore ein deutfcher Delegat. Eduard Schlegel aus Chicago. fich befonders durch die Befürwortung unabhängiger politifcher Aktion hervor tat und die Verfammlung ftark beeinflußte. Die Kon vention ernannte Schlegel zum Vizepräfidenten des Kon greffes. womit man wohl den deutfchen Arbeitern ein Kom pliment machen und fie zum Eintritt in die neue Organi fation einladen wollte. Die auf die deutfchen Arbeiter gefeßte Hoffnung erfüllte fich nicht. In den erften Iahren des Beftandes der Natio nalen Arbeiter-Union waren nur wenige Deutfche in der neuen Organifation zu finden. Noch auf der dritten Kon vention im Iahre 1868 in New York waren die zahlreichen deutfchen Gewerkfchaften nur durch drei Delegaten vertreten. Diefe waren C. H. Lücke von den Schneidern. Simon Schuch von den Lackierern und H. Siebert von den Pianomachern. Troß diefer fchwachen Beteiligung der Deutfchen machte die New Yorker Konvention Lücke doch zu ihrem erften Vizeprä fidenten. ein Beweis für die Achtung. die man den deutfchen Arbeiterorganifationen entgegenbrachte.

In New York fchloß fich der Allgemeine Deutfche Ar beiterverein. nachdem er fich nach dem Untergang der Sozialen Partei reorganifiert hatte und als Sektion 1 der

Internationalen Arbeiter-?..ffociation beigetreten war. auch der Nationalen Arbeiter-Union an. Diefer Verein war die einzige rein deutfche Organ.1ation. die der nationalen amerikanifchen Arbeiterverbindung beitrat. und fie erhielt einen Charter als ..Labor-Union 5“. Auf der Konvention zu Philadelphia 1869 vertrat Siegfried Meher die Labor Union 5 als Delegat. 102 “

Ueber die öffentliche Tätigkeit der Labor-Union 5 gibt ein Bericht Auskunft. den F. A. Sorge an den Präfidenten der Nationalen Arbeiter-Union Trevellick einfandte. Es hieß in diefem Bericht u. a.: ..Unfere ..Labor-Union 5“ ift beftändig tätig. unfere Bewegung durch fchriftlichen Verkehr nicht nur mit unferen Verbündeten in der ..National Labor Union“. fondern auch mit den Arbeitervereinen der Neger. der Franzofen und mit unfern Freunden an der anderen Seite des Meeres auszubreiten.“ Als im Iahre 1870 der Kongreß der Nationalen Arbeiter-Union in Cincinnati be

vorftand. forderte die Labor-Union 5 den Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation in London auf. einen Delegaten nach Cincinnati zu fenden. damit die auf dem Kongreß in Bafel eingeleitete Verbindung der Internatio nalen Arbeiter-Affociation mit der Nationalen Arbeiter Union befeftigt würde. womöglich zu einer Verfchmelzung der Nationalen Arbeiter-Union mit der Internationalen Arbeiter-Affociation führe. Die Antragfteller hatten aber felbft nur geringe Hoffnung auf Erfüllung ihres Wunfches. Sie fügten ihrem Schreiben hinzu: ..Leider ift zu befürchten. daß der Generalrat wegen finanzieller Hinderniffe unfern Wunfch nicht erfüllen kann.“ Der Geldmangel war es denn auch tatfächlich. der den Generalrat bewog. den Antrag der Labor-Union 5 in New York nicht zu berückfichtigen. Zum Kongreß nach Cincinnati fandte die Labor-Union 5 F. A. Sorge als Delegaten. Sie gab ihrem Vertreter ein gehende Inftruktionen mit. um den prinzipiellen Anfchauun gen des Vereins dort zum Durchbruch zu verhelfen. Man inftruierte den Delegaten. für entfchiedene Trennung von

jeder anderen Partei einzutreten und dafür zu wirken. daß die Nationale Arbeiter-Union als Gefamtkörperfchaft fich der Internationalen anfchließe. Man forderte. daß nur Delegaten von wirklichen Arbeiterorganifationen zugelaffen würden.

Man beauftragte den Delegaten. dahin zu wirkgn.

daß die Achtftundenfrage in den Vordergrund geftellt werde und nicht die Frage der Erhöhung der Löhne. und zwar folle die Achtftundenfrage durch Gefeß zu regeln fein. Weiter ging die Inftruktion dahin. daß das Kelloggfche Geldfhftem von der Platform der Nationalen Arbeiter-Union geftrichen. die Expropriation aller Verkehrsmittel. wie Eifenbahnen. Telegraphen ete. durch den Staat gefordert und daß diefe 103

Forfidzerung in Form einer Bill vor den Kongreß gebracht wer e. Sorge handelte als Delegat auf der Konvention der

Arbeiter-Union feinen Inftruktionen gemäß. beantragte befonders auch den Anfchluß der Nationalen Arbeiter Union an die Internationale Arbeiter-Affociation. ohne daß es ihm indes gelang. diefen Anfchluß herbeizuführen. Die Konvention ging mit folgendem Befchluß über den Antrag hinweg: ..Die Nationale Arbeiter-Union erklärt ihre An hänglichkeit an die Prinzipien der Internationalen Arbeiter Affociation und erwartet. der genannten Affociation bald beitreten zu können.“ Zu diefem Beitritt ift es aber. wie wir gefehen haben. nie gekommen. Während der Allgemeine Deutfche Arbeiterverein in New York als Labor-Union 5 die einzige deutfche Organifation blieb. die einen Charter von der Nationalen Arbeiter-Union erhielt. fand der Nationalverband doch vielfache Unter ftüßung durch die deutfchen Gewerkfchaften. befonders in New York. Daß das Preßorgan diefer Gewerkfchaften. die Arbeiter-Union. in der Unterftüßung der Nationalen Ar beiter-Union foweit ging. daß fie felbft ihre Papiergeld Forderungen vertrat. haben wir gefehen. Weniger aber noch. als die amerikanifchen Arbeiter konnten die deutfchen Arbeiter des Landes fich für die Papiergeld-Reformerei er wärmen und ihre fähigften Vertreter predigten gegen diefe Reform. Es kann deshalb nicht Wunder nehmen. daß das deutfche Arbeiterelement in der Nationalen Arbeiter-Union keine hervorragende Rolle fpielte. troßdem es fich gerade Ende der fechziger Iahre fonft fehr lebhaft an der Arbeiter bewegung beteiligte.

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Vweiter Teil

Die Internationale

Yrbeiter »Yasoriation

1. Kapitel

Beginn der Propaganda 1. Sektion l. New York (A. D. A. V.) Der Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation in London hatte verfucht. mit der amerikanifchen Arbeiter bewegung Verbindung zu erlangen. doch war das Refultat diefer Bemühungen. wie wir gefehen haben. nur ein recht befchränktes gewefen. Unter der deutfchen Arbeiterfchaft des Landes waren zwar die Ideen der Internationale lebendiger als unter der englifch fprechenden Bevölkerung. doch beftan den bis Ende 1869 auch unter ihnen keinerlei Organifa tionen. die als Sektionen der Affociation in nachhaltiger lWeife für die Ideen. die diefe Gefellfchaft vertrat. propagiert ätten. Schon im Iahre 1857 und 1858 beftand in New York eine Verbindung franzöfifcher Arbeiter. die fich “noeoojation internationale" nannte und die .mit einem Zentralkörper derfelbenOrganifation in London zufammenhing. DerKom muniftenklub ftand um diefe Zeit mit diefer franzöfifchen Arbeiter- und Flüchtlings-Organifation in Verbindung und fandte Delegaten zu ihren Sißungen.

Ende 1868 beftand

in New York gleichfalls fchon ein ..Internationaler Arbeiter verein“. der fich aus deutfchen Arbeitern zufammenfeßte. doch hatte diefer Verein mit der berühmten im Iahre 1864 iu London ins Leben gerufenen Affociation nichts zu tun. Die erfte Organifation. die fich mit der Internationalen Arbeiter-Affociation in Amerika direkt in Verbindung feßte. war der Kommuniften-Klub in New York. der im Iuli 1867 auf Anregung von Iohann Philipp Becker in Genf feinen Anfchluß befchloß. ohne indes als Sektion eine befondere Tätigkeit auszuüben. Dasfelbe gilt von einer Sektion deutfcher Arbeiter in San Francisco. die dort im März 1869 gegründet wurde. Diefe Sektion wurde in der Haupt fache von Ph. Reiter. A. Henninger und Max Cohnheim be einflußt und ftand mit dem “Mea11anics State Tommi] of 107

Eoljtornia" in Verbindung. eine Arbeiterzentralifation. die

fich befonders die Förderung der Achtftundenbewegung zur Aufgabe gemacht hatte. Die Delegaten der Internationale wirkten in diefem Zentralkörper nach Kräften. Im übrigen aber herrfchte große Unklarheit 'in der Sektion San Fran eiseo's. Man verfuchte Konfum- und Produktiv-Vereine zu organifieren. ging auch an den Verfuch einer Kolonial gründung. doch fchlug alles fehl und von einer nachhaltigen Wirkung der Tätigkeit diefer Sektion auf die eigentliche Arbeiterbewegung Californiens war nichts zu fpüren. Das war anders mit der Sektion der Internationale. die fich in New York aus dem Allgemeinen Deutfchen Arbeiter Verein entwickelte und die von allen deutfchen Arbeiter Organifationen der Vereinigten Staaten wohl den größten Einfluß auf die allgemeine Arbeiterbewegung Amerjkas ausgeübt hat. Sehr bald nach dem Untergang der Sozialen Partei im Herbft 1868 hatten fich die früheren Mitglieder des Allge meinen Deutfchen Arbeiter-Vereins. verftärkt durch neue Kräfte. wieder aufgerafft. um die alte Agitationsarbeit wieder aufzunehmen. Am 28. Ianuar 1869 wurde der Verein unter dem Vorfiß von K. Carl reorganifiert. Auguft Vogt machte feinen Beitritt zum reorganifierten Verein davon abhängig. daß die Organifation die Befchlüffe des Brüffeler Kongreffes der Internationalen Arbeiter-Affociation akzeptiere. Das gefchah. ohne daß indeß der Verein fchon offiziell der Inter nationale beitrat. Am 8. Februar fchon fchloß man. um fich mit der national-amerikanifchen Arbeiterbewegung zu identifizieren und in diefer wirken zu können. fich der Nationalen Arbeiter-Union an. der der Allgemeine Deutfche Arbeiterverein als Local No. 5 angehörte. Ende des Iah res. am 5. Dezember. befchloß man auf Antrag von Sieg fried Meher. daß der Verein der Internationalen Arbeiter Affociation als Sektion beitrete und fich mit dem General rat in London in direkte Verbindung feße. Es wurden Anfangs 1870 Beiträge für 50 Mitglieder an den leßteren gefandt. Ein verhältnismäßig kleiner Verein alfo. wie man fieht. und doch. was haben deffen wenige Mitglieder geleiftetl Welch' außerordentliche Tätigkeit haben fie entwickelt!

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Welche Unfummen von Komitedienften wurden bewäl tigtl Welchen Einfluß übten diefe wenigen Menfchen aus auf die Arbeiterbewegung von New York nicht nur. nein. weit über deffen Grenzen hinaus! Es gab keine größere Demonftration oder Regung in der New Yorker Arbeiterfchaft. an der nicht die Sektion 1 der I. A. A. in den Iahren 1869 bis 1873 teilgenommen hätte. In der N'orlijngmen'e Uni0n. dem damaligen Zentralkörper der englifch - fprechenden Gewerkfchaften New Yorks. wie auch in der ..Arbeiter-Union“. der Zentra lifation der deutfch-fprechenden Gewerkfchaften. faßen Delegaten der Sektion l.

Mit dem Verwaltungsrat der

..Arbeiter-Union“. dem deutfchen Arbeiterblatte. ftand man in engfter Fühlung und fuchte dort eine ftrikte prinzipielle Haltung zu erzielen. Als Sektion l der Internationalen hatte man Delegaten in allen anderen Sektionen. die fich fpäter bildeten. um mit den verfchiedenen Nationalitäten in Verbindung zu bleiben. Und wie in der Stadt. fo knüpfte die Sektion l auch Ver bindungen nach auswärts an und hielt fie aufrecht. So befonders auch mit Chicago. In diefer leßteren Stadt hatten die deutfchen fortge fchritteneren Arbeiter fchon zu Anfang der fechziger Iahre fich fowohl zu politifchen. als auch zu gewerkfchaftlichen Organifationen zufammengefunden und zwar hauptfächlich infolge der Anregung. die fie von Iofeph Wehdemeher und feinemFreunde. dem Kaufmann Hermann Meher. erhalten hatten. Im Iahre 1863 fandten die deutfchen Arbeiter vereine Chicagos fchon Delegaten zur Konvention der deutfchen Radikalen nach Cleveland. und auf dem allgemei nen amerikanifchen Arbeiterkongreß zu Baltimore im Iahre 1866 waren. wie wir gefehen haben. die Chicagoer deut fchen Arbeiter durch Eduard Schlegel vertreten. der den amerikanifchen Arbeitern fchon damals fo nachdrücklich die Notwendigkeit

der

unabhängigen

politifchen

Aktion

klarlegte. Im Mai 1869 erfchien nun in einer Sißung der Sek tion 1 der I. A. A. in New York ein Komite von Chicagoer Arbeitern. welches berichtete. daß in Chicago eine deutfche Arbeiterzeitung ins Leben gerufen wurde und daß fie die

Unterftüßung derfelben wünfchten. Der Titel des Blattes 109

war ..Der Deutfche Arbeiter“ und der Herausgeber war eine Zentralifation der deutfchen Gewerkfchaften der Bäcker. Baufchreiner. Maurer. Eifengießer. Schmiede. Möbel fchreiner. Schuhmacher und Wagenmacher in jener Stadt. Das Komite der Chicagoer Arbeiter in New York äußerte im übrigen auch noch den Wunfch. daß eine Verbindung der fortfchrittlichen Arbeiter des ganzen Landes gefchaffen werde. was zunächft zu einem regen Gedankenaustaufh zwifchen den organifierten deutfchen Arbeitern New Yorks und Chicagos führte. Die Sektion 1 begnügte fich übrigens nicht damit. fich Verbindungen und Einfluß auf nationalem Gebiete zu fchaffen. fie ging auch darüber hinaus. Sie trat in Verbin dung mit den Arbeitern Lhons und Wiens. Sie fandte dem Kongreß der Internationale in Bafel- (1869) einen Brief. in welchem gefagt ward. daß das ..Kellogg'fche Geldfhftem. nach welchem die Einführung eines Ver. Staaten-Papier geldes und die Parzellierung des Grundeigentums dic induftriellen Zuftände verbeffern würde.“ bei einem Teile der Arbeiter Amerikas Wurzel gefchlagen habe. Sie legte in ihrem Lokal die fozialiftifchen Zeitungen Europas aus. Sie übernahm eine fhftematifche Verbreitung fozialiftifcher Schriften in verfchiedenen Sprachen. Sie veranlaßte. daß durch Abhaltung von Feiern aller Art die Erinnerung an revolutionäre Gedenktage (Iunifchlacht. Märzfeier) auf recht erhalten wurde. Man pflegte den brüderlichen prole tarifchen Geift dadurch. daß man jedem notleidenden und hülfsbedürftigen Mitgliede helfend unter die Arme griff. Man fandte freiwillige Beiträge nach europäifchen Ländern. wo fich folche nötig machten. und es find ganz beträchtliche Summen. die die paar Mitglieder der Sektion l für Streiks. für Gefangene. für Prozeßkoften nach Genf. nach Deutfch land. nach Wien und anderswohin fchickten. wie denn auch große Summen für die flüchtigen Kommunekämpfer auf gebracht wurden. Als Sektion der Internationalen Arbeiter-Affociation war die Sektion l die Mutterfektion der Internationale auf amerikanifchem Boden und keine. die fo beftimmend auf die Haltung und Ausbreitung der I. A. A. in diefem. Lande gewirkt hätte. wie Sektion l. Die Delegaten diefer Sektion waren es. die im Februar 1870 veranlaßten. daß

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der Zentralkörper der deutfchen Gewerkfchaften der Stadt New York. die Arbeiter-Union. fich der Internationale anfchloß. .Die Sektion l war es. die Komites in die deutfchen und englifchen Arbeitervereine fandte. um dort die Prinzipien der Internationale zu erklären. Sie war es. die fich mit den Arbeitern der verfchiedenen Nationalitäten in Verbindung ießte. mit Franzofen. mit Irländern. mit Böhmen. mit Amerikanern. und fie veranlaßte. Sektionen der Internationale ins Leben zu rufen. Während in anderen fozialiftifchen Arbeitervereinen damaliger Zeit betreffs der Gewerkfchaften und deren Stellung gegenüber den Sozialiften noch recht unklare Ideen herrfchten - noch im Ianuar 1871 .warnte der deutfche ..Sozialpolitifche Arbeiter-Verein“ in Chicago in einem Schreiben an die Sektion l vor den Gewerkfchaften _ herrfchte in diefem Vereine felbft vollftändige Klarheit in diefer Frage und man unterftüßte mit allen Kräften die Neubildung und Fortentwicklung der wirtfchaftlichen Orga nifationen der Arbeiter. Man war nicht nur in den Zen tralkörpern der deutfchen und englifchen Gewerkfchaften vertreten. man fandte nicht nur Redner in diefe Gewerk fchaften. fondern man hatte auch ein eigenes Komite zur Organifierung

von

gewerkfchaftlichen

Vereinen.

Man

führte einen eigenen ftändigen Streikfond. um ftets in der Lage zu fein. bei Ausbruch von Arbeiterkämpfen fofort unterftüßend eingreifen zu können. Ein fpezieller Beamter des Vereins. der ftatiftifche Sekretär. hatte für Aufnahme von Arbeiterftatiftik _ Lohn. Arbeitszeit. Profperität. Uebelftände ufw. im Gewerbe . zu forgen. wie denn die Arbeitsftatiftik damals in deutfchen Arbeiterkreifen derart gepflegt wurde. daß der belgifche Konful eines Tages fich an die Arbeiter-Union. den Zentralkörper der deutfchen Arbeitervereine. wandte. um Auskunft über die Lage der amerikanifchen Arbeiter zu erhalten. Die ftaatlichen arbeitsftatiftifchen Bureaus waren damals. außer in Maffachufetts. noch nicht errichtet.

An den allgemeinen Demonftrationen der New Yorker Arbeiter nahm die Sektion l ftets teil. wie fie denn auch an einer großen Achtftunden-Demonftration am 13. Septem ber 1871 fich beteiligte und die Teilnahme aller Sektionen der Internationalen an dem Umzug veranlaßte. der -der. 111

Verfammlung vorausging. Auch ein Redner wurde von der Sektion l zu diefer eindrucksvollen Demonftration geftellt. Wie weit die praktifche Betätigung der Prinzipien der proletarifchen Internationalität bei den Mitgliedern der Sektion l ging. zeigt die Tatfache. daß am 31. Oktober 1869 ein Komite eingefeßt wurde. um unter der Neger bevölkerung New Yorks Gewerkfchaften zu gründen. Der Verfuch zur Organifierung des farbigen Arbeiter-Elements war nicht ohne Erfolg. Am 14. November fchon war in der Sißung des Vereins eine Delegation von Negern anwe fcnd. um für die Bemühungen zur Gründung von Gewerk fchaften zu danken. Gleihzeitig wurde berichtet. daß fih eine Neger-Gewerkfchaft mit 90 Mitgliedern gebildet habe. Bei der Gelegenheit hielt auch der farbige Senator' A. A. Bradleh von Georgia eine Anfprache im Verein. Als im Februar 1870 die farbigen Arbeiter für einen von ihnen arrangierten Ball kein Lokal in New York bekommen konn

ten. wandten fie fich an die Sektion l der I. A. A. um Hilfe. die auch mit Erfolg gewährt werden konnte. Im folgenden Monat veranlaßte wiederum die Sektion l. daß die Organi fationen der farbigen Arbeiter dem Zentralkörper der englifchfprechenden Gewerkfchaften. der Workingmen'o "ni0n. beitraten. Auch nach anderer Richtung hin wirkte diefe erfte Sektion der I. A. A. im Intereffe der Arbeiterklaffe.

Sie über

wachte die öffentliche Preffe und verfuchte durch Beantwor tung von Befchuldigungen alle Angriffe auf die Arbeiter und ihre Organifationen zu parieren. Sie überwachte die Tätigkeit einzelner Perfonen. die für die Arbeiterbewegung in Betracht kamen. Als Friedrich Kapp fich anfangs 1871 in Deutfchland als Vertreter des amerikanifchen Deutfch tums auffpielte und als folcher fich für die Schönheiten des neudeutfchen Kaiferreichs ausfprach. veröffentlichte die Sektion l in deutfchen Varteiblättern einen geharnifchten Proteft. Als der General Cluferet fich Anfangs 1870 in New York als Vertreter der franzöfifchen Arbeiter auf fpielte und durch feine kleinbürgerlichen Verbindungen. wie durch feine Wichtigtuerei - er erließ u. a. einen Aufruf an die amerikanifchen Arbeiter. in welchem er erklärte. daß die ..Bundeskammer der Arbeitervereine in Paris“ 'ihn zur Repräfentation der franzöfifchen Arbeiterintereffen in den 112

Vereinigten Staaten berufen habe - den Verdacht der Mitglieder der Sektion 1 erregte. wandte man fich nach Paris um Auskunft. Diefe erfolgte und zeigte. daß Clu feret tatfächlich ein Mandat der Parifer Arbeiter befaß; als dann aber die Sektion 1 denfelben Cluferet einlud. bei der abzuhaltenden Feier der Iunifchlacht als einer der Feft redner zu dienen. mußte er das mit dem Geftändnis ab lehnen. daß er felbft im Iahre 1848 Truppen gegen die Parifer Iunikämpfer geführt habe. Im September 1869 wandte fich der Verein gegen Dr. Adolf Douai. weil diefer fich an der Gründung des ..Hildife Bundes“ beteiligt hatte. einer Unterftüßungs-Organifation. die nach Anficht des Vereins den Arbeitern keine genügende Sicherheit für die eingezahlten Gelder bot. Im Sommer 1870 bildete fich in New York die *Morkingmen's Tri-emily Zociety." Die Sektion unterfuchte die Tätigkeit und die Statuten diefer Organifation und befchloß. daß fie ..die genannte Gefellfchaft nicht für heilbringend für die Arbeiter anfieht. Sie ift der Arbeiterbewegung nicht allein hinderlich. fondern geradezu gefährlich.“ Weiter wurde diesbezüglich befchloffen. die Arbeiter in ihren Organifationen in diefem Sinne über die erwähnte Gefellfchaft aufzuklären und eine Abfchrift ihres Befchluffes dem Zentralkörper der englifchen Gewerkfchaften New Yorks zu fenden. Diefes Vorgehen brachte den Beamten der Sektion eine Klage der “Norlrjugmen'e b'riencll7 Zoe-ietzt" ein. was aber nicht verhinderte. daß die Gefellfchaft fchon im Ianuar 1871 auseinanderlief. da fie durch die Agitation der Sek Zior; allen Boden unter den New Yorker Arbeitern verloren at e. Da dem Verein anfänglich keine eigene Preffe zur Ver fügung ftand. fo fuchte er durch Einfendungen an die bür gerliche und Arbeiterpreffe für feine Anfichten Propaganda zu machen. So veranlaßte er nach dem Bafeler Kongreß der I. A. A. einen Abdruck der dort gefaßten Befchlüffe in der englifchen Preffe New Yorks. und in der Arbeiter-Union veröffentlichte er eine hiftorifche Darlegung der Entwicklung und Prinzipien der Internationalen Arbeiter-Affociation. Muß fchon diefe vielfeitige Tätigkeit der Sektion 1 in Erftaunen feßen. wenn man bedenkt. daß alle ihre Mit 113

glieder Proletarier. Lohnarbeiter. waren. die tagtäglich im Schweiße ihres Angefichts ihrer Erwerbsarbeit obliegen mußten. fo mehrt fich diefes Erftaunen. wenn man fieht. wie klein in Wirklichkeit die Zahl der Perfonen war. die diefe ungeheure Arbeit in ihrer freien Zeit verrichteten. Im Oktober 1868 betrug die Zahl der Mitglieder nur 46. von denen 12 nichtgutftehend waren. Im Februar 1871 wur den für 50 Mitglieder Beiträge an den Generalrat in Lon don gefandt. Im März 1873 ward die Mitgliederzahl auf 72 angegeben und dabei blieb es auch bis Ende jenes Iahres. an welchem 70 aus 90 Mitgliedern als gutftehend bezeichnet wurden. Und diefe kleine Zahl von Arbeitern hatte fich durch ihren Eifer. ihre Disziplin und ihre Prinzipienfeftigkeit einen Einfluß auf die Gefamtheit der New Yorker Arbeiterbewe gung gefichert. der weder vor noch nach jener Zeit je von einem einzelnen Verein ausgeübt worden ift. Das Geheimnis aber diefes Einfluffes lag nicht blos in dem Eifer und der aufopferungsvollen Tätigkeit der Mit glieder. es lag in der Hauptfache in der prinzipiellen Ver tiefung. der theoretifchen Klarheit. die der Verein feinen Mitgliedern gegeben hatte. Auf die prinzipielle Ausbildung der Mitglieder der Or ganifation war das Erfcheinen von Karl Marx' erftem Bande des ..Kapital“ - 1867 - von einfchneidendeni Einfluß. Die geiftig regfamften Mitglieder ftudierten die fes Buch mit wahrem Feuereifer und nicht vergeblich. wie die klare Haltung des Vereins nach der Reorganifation im Ianuar 1869 bewies. Die beiden erften Paragraphen der damals angenommenen Statuten erklärten: 1. Der Verein vertritt allgemeine Arbeiterintereffen. ftrebt nach Verwirklichung fozialiftifcher Grundfäße und

macht fich zur Aufgabe. die Gewerkvereine zu organifieren und zu zentralifieren - er fteht auf der Platform der Nationalen Arbeiter-Union und anerkennt die Grundfäße der Internationalen Arbeiter-Affociation. 2. Mitglied kann jeder Lohnarbeiter werden. Der Begriff ..Lohnarbeiter“ wurde durch Befchluß fol gendermaßen definiert: ..Lohnarbeiter ift jeder. der feine Arbeitskraft für Lohn verkauft. alfo Arbeitsherren voraus feßt. und nicht den wirklichen Wert feiner Arbeitskraft 114

erhält.“ Die Beftimmung. nach welcher nur Lohnarbeiter Mitglieder werden können. wurde im Ianuar 1870 dahin bcfchränkt.

daß befchloffen wurde:

..Der Verein gibt zu.

daß prinzipiell getreue Männer. welche Einficht in die Bedingungen des Klaffenkampfes haben und fich auf den Boden der proletarifchen Bewegung ftellen. Mitglieder wer den können.“ Die Verfammlungen des Vereins fanden jeden Sonntag Abend im 10. Ward Hotel. in einem niedrigen. fchlecht ventilierten Zimmer ftatt. Hier wurden mit tieffter Gründ lichkeit alle Fragen diskutiert. die in irgend einer Weife mit der Arbeiterbewegung zufammenhingen. Oekonomifche und philofophifche Fragen wurden hier von Arbeitern mit einer Gründlichkeit erörtert. die Gelehrten wohl angeftandeu hätte. Und keine der wichtigeren Erörterungen. zu denen der Verein nicht durch eine Refolution Stellung genommen hätte. die durchweg das Richtige traf. Es wird fchwer halten. in der ganzen Gefchichte der Arbeiterbewegung einen Verein zu finden. der feine Auf gaben in fo gründlicher und tüchtiger Weife erfüllte. wie die

Sektion 1 der I. A. A. in New York in den erften Iahren ihres Beftehens. Die Folge ift denn auch gewefen. daß wohl kaum je eine fo kleine Gruppe von Arbeitern einen fo bedeutenden Einfluß auf die Bewegung ihrer Klaffe in ihrem Lande gehabt hat. wie diefer Verein. . 2.

Die New Yorker Jnternationalen und der Krieg von 1870.

Der deutfch-franzöfifche Krieg von 1870 gab der Sek tion l der Internationale in New York Gelegenheit zu einer nachhaltigen Tätigkeit.

Kaum war. im Iuli 187 0. der Krieg erklärt worden. als auch fchon die Mitglieder der Sektion in allen ihnen zugäng lichen Arbeiter - Organifationen auf den dhnaftifchen Charakter diefes Krieges aufmerkfam machten und dem gegenüber die internationale Zufammengehörigkeit der Arbeiter Deutfchlands und Frankreichs hervorhoben. Unter dem Einfluß der Internationalen wurden in ver fchiedenen deutfchen Gewerkfchaften Refolutionen angenom men. die fich gegen den Krieg erklärten. Auch im New 115

Yorker Zentralkörper der deutfchen Arbeiter-Organifa tionen. in der Arbeiter-Union. wurde der Krieg und die Stellung der Arbeiter zu demfelben durch die Mitglieder der Sektion 1 zur Sprache gebracht. Schen am 25. Iuli. alfo wenige Tage nur nach der Kriegserklärung feßte der genannte Zentralkörper ein Komite ein. das den Auftrag erhielt. eine Adreffe an die New Yorker Arbeiter über den Krieg auszuarbeiten und gegen den Völkerkampf zu pro teftieren. Diefe Adreffe wurde am 29. Iuli veröffentlicht und fie enthielt u. a. die Aufforderung an die deutfchen Arbeiter. keiner Fahne im Kampfe gegen die Intereffen des Volkes zu folgen. Wie der deutfche Arbeiter-Zentralkörper. fo nahm auch der Bund der Freidenker in New York Stellung gegen den Krieg. Diefe Organifation feßte fich in der Hauptfache aus bürgerlichen Elementen zufammen. in denen indeß noch der Geift von 1848 lebendig war. Der Freidenkerbund hatte fich Mitte der fechziger Iahre gebildet und unter feinen tüchtigen Mitgliedern befanden fich Dr. Hoffmann. Dr. Stiebeling. Dr. Hoeber. Dr. Lilienthal. Dr. Rachel. Wil helm Gundlach. der Zigarrenarbeiter Bertrand u. a. Ein Teil diefes Elements hatte fich zum Sozialismus entwickelt oder ftand ihm doch fehr nahe. und im Organ diefes Bundes. der ..Neuen Zeit“. einer Wochenfchrift. die 1870 und 1871 in New York erfchien. kamen auch die Sozialiften zu Worte. Die hauptfächlichften Mitarbeiter des Blattes waren Dr. Stiebeling. Dr. A. Douai. Dr. Iulius Hoffmann. Dr. Rachel u. a. Als nun fofort nach der Kriegserklärung das bürgerliche Deutfchtum New Yorks in Steinwah Hall eme Demonftra, tion veranftaltete. in der der Krieg verherrlicht wurde. wandte fich der Bund der Freidenker - am 22. Iuli - in der folgenden Erklärung gegen den dort gezeigten chauvi niftifchen Geift: ..Das Gebahren der hiefigen Deutfchen in der jeßt obfchwebenden Kriegsfrage ift fouveräner Bürger der nordamerikanifchen Republik unwürdig und fieht der Bund der Freidenker in deren Treiben nichts als ein Zeichen des ihnen noch immer anhaftenden ..befchränkten Unter tanenverftandes“. Deshalb muß er auch gegen das Vor gehen und die Befchlüffe der am Mittwoch. den 20. Iuli. in Steinwah Hall abgehaltenen Verfammlung amerikanifcher 116

Bürger deutfcher Abftammung proteftieren. welche das lächerliche Schaufpiel bot. daß R e p u b l i k a n e r beim bloßen Nennen des Namens von König W i l h e l m. des K artätfch enprinz en von 1848. und feiner Blut ZcndchEifenvafallen in die übertriebenften Huldigungen aus ra en.“

Dr. Adolf Douai. der als Redner an jener Verfamm lung der Deutfchen in Steinwah Hall teilgenommen hatte. wenn auch. wie er hervorhob. als Sozialdemokrat. wurde deshalb vom Freidenkerbund ftark getadelt. wie denn auch nicht nur der fortgefchrittene Teil der deutfchen Arbeiter New Yorks. fondern auch die Freidenker durchaus unzufrie den waren mit der Haltung. die die von Douai redigierte Arbeiter-Union -mit Bezug auf den Krieg einnahm. Stärker noch als ach Beginn des Krieges wurden die Vrotefte des fortgef rittenen Teils der deutfchen Arbeiter New Yorks. als mit der Gefangennahme Napoleons bei Sedan auch der Vorwand fchwand. daß Preußen der ange griffene Teil gewefenfei. In der Neuen Zeit proteftierten Dr. E. Hoeber und andere Bürgerlich-Radikale gegen die beabfichtigte Annexion von Elfaß-Lothringen. ein Proteft. der natürlich noch fchärfer von dem Arbeiterelement New Yorks betont wurde. Zu Anfang Oktober berichtete F. A. Sorge in der Sißung der Sektion 1 von einem Befuch bei einer franzöfifchen Sektion der Internationalen in New York. die etwa 100 Mitglieder zählte und die keine Ahnung von der Exiftenz einer deutfchen Sektion der I. A. A. in New York gehabt hatte. Man fei fehr erftaunt gewefen. davon zu hören und fei übereingekommen. einen Proteft gegen das Abtöten der Menfchen durch den Krieg zu erlaffen. wie es die Internationalen aller Länder ebenfalle getan. Gleichzeitig habe man befchloffen. eine Maffenver fammlung aller Nationalitäten einzuberufen. die fich gegen den Krieg erklären folle. Diefe franzöfifche Sektion der Internationale verdankte einer Anregung Cluferets ihr Entftehen. In New York beftand eine Vereinigung franzöfifcher Republikaner und Arbeiter. die fich “Union Käpublieaiue (1e 1a lang-ne franc-*36o6" nannte und die verfchiedene Zweigvereine hatte. Im Mai 1870 machte Eluferet den Vorfchlag. daß zwei Abteilungen diefer Organifation fich zu einer Sektion 117

der Internationale zufammentun follten. Das gefchah. Die franzöfifche Sektion der Internationale bildete fich. ohne zu wiffen. daß fchon eine andere Sektion der Affociation in New York beftand. Die “Union Republic-ijne" blieb neben der internationalen franzöfifchen Sektion weiter beftehen. Bei Sorges Befuch der Sißung der franzöfifchen Sektion befchloß man fofort. in nähere Beziehungen zu der deutfchen Sektion zu treten. Man ernannte ein Komite. das ein Manifeft an die europäifchen Arbeiter vorbereiten folle. und erfuchte die Sektion l um ein gleiches Komite zu demfelben Zwecke. Am 16. Oktober fand eine gemeinfchaftliche Sißung der deutfchen und franzöfifchen Sektion ftatt zur Ratifikation des Manifeftes. Es wurde einftimmig angenommen und man befchloß. es in englifcher. deutfher und franzöfifcher Sprache zu veröffentlichen. Es hatte den folgenden Wortlaut: ..Die franzöfifche und die deutfche Sektion der I. A. A. in New York an ihre Genoffen in Europal Nach Niederwerfung der Iuni-Infurgenten (1848) waren die Zuftände Frankreichs ebenfo fchwankend als vor der Februar-Revolution. weil die Produktionsbedingungen die alten geblieben waren. Die befißenden Klaffen lechzten nach ..Ordnung“. Der Finanzmann wollte ..Ordnung“ um der Börfe willen. der Krämer und Kneipenhalter wollte ..Ordnung“ des Abfaßes wegen. Ia. ..Ordnung“ brüllten alle. welche den Arbeiter nur an der Arbeit haben wollten. ..Ordnung“ brüllten die Kanonen. als fie den Riefenleib des Parifer Proletariats zerfleifchten. Und die ..Ord nung“ war noch nicht gefchaffen. da drängte fich das ver meintliche ..Mondkalb“ an die Oberfläche der fchäumenden Gefellfchaft und bewarb fich um die Stelle eines Ordnungs halters. Die franzöfifche Gefellfchaft verfchrieb fich ..ihn“ ihrer Meinung nach auf vier Iahre. Doch in dem ..Mond kalb“ ftak der Schalk und er wollte- die Ordnung nur fchaffen. wenn er den fetteften Biffen davon erhielt. Er warb fich die weltberühmte ..Bande vom 10. Dezember“ und jagte mit ihrer Hilfe die ordnungstrunkene honette Gefellfchaft am 2. Dezember von ihren Balkonen. Die Gefellfchaft zog fich fchmollend zurück. fie fah. daß fie ihren Meifter gefunden hatte. Der Erfolg erhielt fein Brava. 118

Frankreich und mit ihm Europa waren gerettet. gerettet aus der Furcht vor dem ..roten Gefpenft“; die ganze offizielle Welt blickte mit Stolz auf ihren Retterl Doch wie man fich auch winden und drehen mochte. wie man auch konzeffio nierte. pazifizierte. füfilierte und exportierte. die gefchicht liche Entwicklung ging ihren Gang. Und nach achtzehn Jahren fühlte fich die Partei der ..Ordnung“ ebenfo bedroht in der Sicherheit ihres Raubes. als ob es keinen 2. Dezem ber gegeben hätte. Bonaparte fühlte fich nicht ficher und nicht mehr ftark genug gegenüber dem aufkeimenden Be wußtfein der Arbeitermaffen. Man mußte fie auf den Schlachtfeldern dezimieren laffen. Darum _ der Kriegi So erfüllte fich das Wort: Das Kaiferreich ift der Friedel Und - wenn es fehlfchlägt? Ift es nicht beffer. der geehrte. gefeierte Gaft eines Königs zu fein. als an einer Straßenlaterne zu verenden? Man fühlte die Notwendig keit. die Stelle eines ..Gefellfchaftsretters“ einer ftärkeren Hand zu übertragen.

Die Lüge ..deutfche Einheit“. welche fchon längft eine Wahrheit wäre. wenn es keine Fürften gäbe. mußte zum Köder dienen. das deutfche Volk in ..Begeifterung“ zu ver feßen. um den ..Erbfeind“. ein Brudervolk. auszurotten. Was ausgerottet werden foll. find die fr e i e n M ä n n e r ' beider

Nationen.

Die beabfichtigte Annexion von Elfaß und Lothringen. ebenfo ungerecht und von ebenfo verderblichen Folgen. als die Teilung Polens. foll ein Pflafter fein für die dem deut fchen Volke gefchlagenen Wunden. In Wirklichkeit aber nur ein Beuteftück für die Habgier der preußifchen Iunker. Unter dem erlogenen Vorwand der Befreiung follen Men fchen wie Warenballen verhandelt und zur Garantie des

Friedens eine permanente Kriegsgefahr und eine bleibende Urfache der ftehenden Heere gefchaffen werden. Der fchnelle Sieg der Preußen über die Armee des Bonaparte war dadurch möglich und unausbleiblich. daß die Dezemberbande die für Kriegsmaterial beftimmten Staats

geldergeftohlen hatte. ferner durch die gänzliche Unfähig keit der Generale und befonders durch die weit fortge fchrittene Entwicklung der Klaffen in Frankreich. von wel cher jede nur ihren eigenen Intereffen obliegt. 119

Die Arbeiterklaffe konnte fich felbftverftändlich nicht begeiftern für den Ruhm des Dezemberfchlächters. fondern bejubelte feinen Sturz und will die Bourgeoifie und das Spießbürgertum die Suppe auseffen laffen. welche fie fich durch Inauguration des Dezemberhelden eingebrockv haben.

Die Arbeiter Frankreichs gehören zum großen Bunde der Arbeiter aller Länder. ihre Ideen find die unfrigen. unfere Shmpathien gehören ihnen. Der Krieg wird feit der Uebergabe von Sedan blos gegen diefe revolutionären fozialen Ideen geführt. Denn Bona parte übergab dort nicht nur die Armee und Feftung. fon dern vor allem feine ..Miffion“ an den König von Preußen. Diefe ..Miffion“ heißt: R e t tu n g d e r G e f e l l f chaftl Rettung der Gefellfchaft. deren Motto ift: Nur noch durch Mord und Diebftahl kann die Perfon und das Eigentum. nur noch durch Meineid die Religion. nur noch durch Proftitution die Familie. nur noch durch Unord nung die Ordnung erhalten werden!“ Die Rührung. die der Preußenkönig an den Tag legte bei der Uebernahme diefer ..Miffion“. fowie fein Wohl wollen gegen den abgetretenen Hauptmann der Dezember bande und deffen Einfeßung als Pfründner diefer Gefell fchaft. zeigen deutlich. daß er ein getreuer Nachfolger feines würdigen Vorgängers fein' will. Die koftfpieligen und blutigen Anftrengungen. die er macht. Frankreich in ein Leichenfeld zu verwandeln. bürgen für ftrikte Erfüllung feines Berufesl

Und die Arbeiter aller Länder follen ruhig zufehen. wie alle diefe Verbrechen verübt werden? Ruhig zufehen. wie die Lohnfklaverei und die Militär herrfchaft vereinigt wird? Neinl Und taufendmal neinl Auf denn. Ihr Allel Ob Ihr den Arbeiterkittel oder den bunten Rock tragtl Ob Ihr in der Fabrik oder in der Schlachtlinie fteht. Laßt Eure Stimmen gegen diefen ver ruchteften aller Kriege ertönenl Gebietet Haltl diefer Menfchenfchlächterei. Haltl und wenn alle großen Generale und Fürften darüber die Köpfe verlieren folltenl 120

Für die Arbeiter aller Länder gibt es nur ein Feld gefchrei: Nieder mit der Lohnfklavereil Nieder mit dem Militarismusl New York. im Oktober 1870.“ In der Verfammlung. in der diefes Manifeft angenom men tourde. hatten die Mitglieder der franzöfifchen Sektion noch eine Refolution beantragt. in der man Iohann Iacobi) und fämtlichen deutfchen Sozialdemokraten volle Anerken nung für ihr Verhalten im Kriege zollte. Die deutfche Sektion wurde beauftragt. den Inhalt der Refolution an Iohann .Iacobh zu übermitteln. 3.

Eine Anti-Kriegs-Demonftration.

In den gemeinfchaftlichen Sißungen der deutfchen und franzöfifchen Sektionen der Internationale hatte man be

fchloffen. daß man neben dem Erlaß einer Adreffe an die europäifchen Arbeiter auch eine Demonftration veranftalte. in der man die New Yorker Arbeiterfchaft mit der Haltung der Internationale zum Krieg bekannt machen wollte. Man feßte fich zu dem Zweck mit anderen Vereinen in Verbindung. Der Freidenkerbund beteiligte fich eifrig an der Agitation. Auch der fozialdemokratifche Arbeiterverein. der fich im September 1870 aus ausgewanderten Mitglie dern der fozialiftifchen Partei Deutfchlands gebildet hatte. erklärte fich zur Teilnahme bereit. ferner ein czechifcher Arbeiterverein und eine Vereinigung amerikanifcher Refor mer. der “Plein York Democracy". Auch einige Privat leute beteiligten fich lebhaft an den Vorbereitungen zu der Demonftration. Man lud Wendell Phillips und Senator Sumner als Redner ein. doch fagten diefe ab. obgleich fie fich mit dem Zwecke der Verfammlung einverftanden erklär ten. Der Zentralkörper der deutfchen Gewerkfchaften lehnte aus übergroßer

Aengftlichkeit die

Beteiligung ab.

ebenfo der Zentralkörper der englifchen Unions. die *Workiugmen'e Union". in der einige deutfche Arbeiter Vatrioten die Beteiligung verhinderten. Sämtliche fünf deutfchen Tagesblätter der Stadt eiferten mit Aufgebot aller Kraft gegen die ..unpatriotifche“ Demonftration - das deutfche Arbeiterblatt. die Arbeiter-Union. war am 17. 121

September infolge der Kriegsftimmung gezwungen gewefen. fein Erfcheinen einzuftellen. Auch alle deutfchen Wechen blätter mit Ausnahme des Organs der Freidenker. der Neuen Zeit. erklärten fich gegen die Verfammlung. und doch war diefe ein geradezu glänzender Erfolg und Cooper Union war derart überfüllt. daß eine Anzahl von Verfammlungen außerhalb des Lokals abgehalten werden mußten. Man hatte vor der Verfammlung einen Aufruf ..An die Deutfchen New Yorks“ erlaffen. in welchem man die Gründe. die die preußifche Regierung nach Sedan für die Fortfeßung des Krieges anführte. einer fcharfen Kritik nnterwarf. Man erhob in dem Aufruf Proteft gegen die Annexion Elfaß-Lothringens und feierte das Selbftbeftim mungsrecht der Völker. Die Rolle. die dem Deutfchtum in Amerika durch die Vorgänge in Europa zugewiefen wurde. war nach dem Aufruf die folgende: ..Was aber auch das politifch geknebelte und feiner freien Selbftbeftimmung beraubte Deutfchland tun möge. fo giebt es glücklieherweife ein anderes Deutfchland. repräfentiert durch wenigftens eine Million Stimmgeber und Mitregen ten diefer großen Republik. Diefes freie Deutfchland muß dem jeßt noch feiner Selbftbeftimmung beraubten zu Hilfe kommen. indem es feine unbefchränkte Aktionsfreiheit und feinen politifchen Einfluß zur kräftigen Unterftüßung der

Freiheitsbeftrebungen bei allen Völkern. vorzüglich aber in der alten Heimat. benußt. Dies kann am wirkfamften da durch gefchehen. daß die Abfchaffnng der ftehenden Heere. der Sturz des Militarismus und ein permanenter Völker friede auf Grundlage der abfoluten Autonomie jedes Volkes in feinen inneren Angelegenheiten zur Löfung einer ener gifchen Agitation gemacht wird. welche. in diefer Republik beginnend. fich über alle Länder erftreckt. in denen Sitt lichkeit. Menfchlichkeit und Vernunft. durch keine Regi ments- und Polizeibüttel eingefchüchtert. fich frei verneh men laffen dürfen. Der erfte Schritt der für diefen Zweck zu bildenden Organifation wird fein. durch Einwirkung auf die Preffe und die politifchen Parteien es dahin zu bringen. daß die Vereinigten Staaten die Regierungen der übrigen zivilifierten Welt auffordern. dem zwifchen ihnen herrfchenden Fauftrechte zu entfagen und einen Völker rechtskodex zu vereinbaren. der. in Uebereinftimmung mit 122

den Geboten der Sittlichkeit. alle fich zwifchen Staaten erhebenden Differenzen der Entfcheidung eines Völker fchiedsgerichts unterwirft und jeden Angriff oder räube rifchen Ueberfall eines Staates durch einen anderen ebenfo mit dem Völkerbann belegt und als ein Verbrechen gegen

Gefittung und Menfchlichkeit behandelt. wie Seeraub und Sklavenhandel.“ Eine folche Agitation ins Leben zu rufen. wurde neben dem Protefte gegen den entfeßlichen Krieg. der nicht mehr zur Verteidigung Deutfchlands. fondern bloß zur Unter jochung des republikanifchen Frankreichs geführt werde. als der Hauptzweck der Demonftration bezeichnet. Den Vorfiß in der maffenhaft befuchten Verfammlung führte F. A. Sorge. der in deutfcher. englifcher und franzö fifcher Sprache den Ztveck der Demonftration kurz erklärte und befonders hervorhob. daß es etwas Höheres gäbe. als den Patriotismus. nämlich die Humanität. Die Redner waren Drurh. Frau Blake. K. Carl. Dr. Douai. Polda (czechifch) und Faider (franzöfifch). Einftimmig wurde die folgende Refolution angenommen. die fich in der Hauptfache gegen die F o rtfe iz u n g des Krieges richtete und die. nebenbei bemerkt. auch der Ver

waltung des germanifchen Mufeums in Nürnberg zuge fchickt wurde.

Diefe Refolution lautete: ..Wir. Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. in

Maffe verfammelt zu dem Zwecke. unfere Meinung über den gegenwärtigen Krieg in Europa kund zu tun. erklären hiermit wie folgt:

1. In Erwägung. daß der dem deutfchen Volke von Louis Napoleon aufgedrungene Krieg mit der Gefangennahme feines Urhebers bei Sedan und der darauf erfolgten Pro klamierung der Republik in Frankreich aufgehört hat. ein Verteidigungskrieg und deshalb ein gerechter zu fein; 2. In Erwägung. daß derfelbe durch feine brutale Fort feßung ausgeartet ift in einen Kampf der Ariftokratie gegen die Demokratie. des Defpotismus gegen den Republikanis mus. und insbefondere gegen die gegenwärtige Republik Frankreichs; 3. In Erwägung. daß die Einverleibung eines Landes teiles. ohne die Zuftimmung feiner Bevölkerung. ein Ver 123

* brechen gegen die Menfchenrechte und ein Hohn auf die Zivilifation unferes Iahrhunderts ift; 4. In Erwägung. daß es die Pflicht der Ver. Staaten ift. ihre moralifche Hilfe jedem Volke zuzuwenden. das für feine Freiheit kämpft. wie diefe Pflicht auch aus der ameri kanifchen Unabhängigkeits-Erklärung hervorgeht; 5. In Erwägung. daß das namenlofe Elend. welches der Krieg über die beiden Länder fchon gebracht hat. eine fofortige Beendigung desfelben dringend erheifcht; 6. In Erwägung. daß der Krieg zwifchen Nationen. welcher durch das gegenwärtige Völkerrecht als berechtigt erfcheint. ebenfo unvernünftig und unmoralifch ift. als der Zweikampf zwifchen einzelnen Perfonen; 7. Iu Erwägung. daß die gänzliche Befeitigung des Krieges nur durch die Errichtung von wahrhaft demokrati fchen Gemeinwefen. gegründet auf der Solidarität aller Nationen. erreicht werden kann.

Aus diefen Gründen wird befchloffen: 1. Daß wir die Fortführung des Krieges gegen die fran zöfifche Republik verurteilen als höchft ungerecht und nur die

Intereffen des Defpotismus und des

Gottesgnaden

tums fördernd; 2. Daß wir unfere innigfte Shmpathie unferen unglück lichen Brüdern und Schweftern in Frankreich und Deutfh land ausfprechen. die in gleichem Maße unter den Gräueln diefes ungerechten Krieges leiden. der nur im Sonder intereffe von defpotifchen Herrfchern geführt wird; 3. Daß wir die gewaltfame Einverleibung von Elfaß und Lothringen als einen Akt mittelalterlicher und thran nifcher Willkür brandmarken; 4. und 5. Daß .wir alle gutgefinnten Bürger auffordern. von der Regierung der Vereinigten Staaten zu verlangen. daß fie ihren ganzen Einfluß zu Gunften der Republik in Frankreich anftrengen foll. daß fie nach dem Geifte der ame rikanifchen Unabhängigkeits-Erklärung handeln und fo dazu beitragen foll. diefem Kriege ein Ende zu feßen; 6. Daß wir von der Regierung der Ver. Staaten ver langen. den europäifchen Mächten vorzufchlagen und diefen Vorfchlag nachdrücklich zu unterftüßen. daß die ftehenden Heere abgefchafft und ein permanentes internationales Völkerfchiedsgericht hergeftellt wird; 124

7. Daß wir Alle. denen Freiheit und ewiger Friede am Herzen liegt. dringend einladen. fich zu einer Gemeinfchaft zu vereinigen. welche allen Völkern eine wirkliche Selbft

regierung fichern möge. damit fie nicht länger die Herrfchaft von einigen wenigen Monopoliften und Spekulanten ertra gen. welche die Stüßen des Defpotismus find. Ferner wird befchloffen: Daß wir alle wahrhaften Bürger der Vereinigten Staa ten auffordern. in Maffenverfammlungen diefen und ähn lichen Befchlüffen ihre Zuftimmung zu geben und daß eine Abfchrift derfelben dem Kongreß der Vereinigten Staaten und den gefeßgebenden Körpern aller Nationen zugefandt werden foll. Im Senat der Vereinigten Staaten brachte Senator Sumner von Maffachufetts diefe Refolution zur Sprache. Er hob die Bedeutung und Wichtigkeit der New Yorker Kundgebung hervor und erklärte fein Einverftändnis mit den gefaßten Befchlüffen. Auch im preußifchen Abgeordne tenhaufe kam. am 19. Ianuar 1871. die New Yorker Demonftration zur Sprache. wobei der Abgeordnete Dr. Wehrenpfennig die Perfonen. die hinter derfelben ftanden. herabzufeßen fuchte. ' 4.

Das Zentral-Komite.

Neben den deutfchen und franzöfifchen Sektionen der Internationale hatte fich in New York in der leßten Hälfte des Iahres 1870 noch eine weitere Sektion. eine czechifche. gebildet. Die drei Sektionen wurden durch den Krieg und durch die erfolgteiche Demonftration am 19. November einander näher gebracht. Man kam überein. ein Zentral Komite zu bilden. das die Organifierung von Sektionen der Internationale und die Zentralifation der Propaganda in den Vereinigten Staaten in die Hand nehmen folle. Die erfte Anregung zur Bildung einer einheitlichen Zen tralifation der Internationale in Amerika ging von Eugene Dupont. dem korrefpondierenden Sekretär des Generalrats in London. aus. der im September 1870 die franzöfifche Sektion in New York aufforderte. einleitende Schritte zu tun. um mit den übrigen Sektionen ein Zentral-Komite zu

bilden.

Die deutfche Sektion New York. der die Sache 125

unterbreitet wurde. befchloß. zunächft weitere Erkundigun gen beim Generalrat einzuziehen. ftimmte aber fchließlich dem Vorfchlag zu. als auch von den Genoffen in Chicago.

wo fich unterdeß zwei Sektionen der Affociation gebildet hatten. im Oktober das Erfuchen kam. daß man eine engere Verbindung und eine Art Zentralifation der iortgefchritte nen Arbeiter-Organifationen des Landes fchaffen möge. Das ..Zentral-Komite der Internationalen Arbeiter Affociation in den Vereinigten Staaten“ _ dies der volle Titel diefes Komites - wurde am 1. Dezember 1870 gegründet und hatte in New York feinen Siß. Hier beftan den die drei fchon genannten Sektionen. die jede einen Ver treter im Zentral-Komite hatten. Die erften Mitglieder diefes Komites waren: von der deutfchen Sektion F. A. Sorge. von der franzöfifchen B. Hubert und von der czechifchen Wm. Iantus. Dem Organifationsplan nach follte das Zentral-Komite aus je einem Delegaten jeder Sektion in den Vereinigten Staaten gebildet werden und zwar derart. daß die auswär tigen Sektionen ein in New York oder deffen nächfter Um

gebung wohnendes Mitglied in das Komite zu entfenden hatten. Das Zentral-Komite follte die Pflicht haben. die Iahresbeiträge - zwei Cents pro Mitglied - an den Generalrat nach London zu zahlen und die Sektionen muß ten fünf Cents Iahresbeitrag pro Mitglied an das Zentral Komite abführen. Weiter war vorgefehen. daß in jedem Orte. wo drei Sektionen beftanden. ein Lokalkomite gebildet werden folle. dem die lokale Organifation und Berichterftat tung zu überweifen fei. Das Zentral-Komite. das übrigens nur proviforifch für die Dauer eines Iahres in's Leben gerufen war. begann feine Tätigkeit mit einem Rundfchreiben an die Sektionen. worin diefe aufgefordert wurden. prinzipielle Debatten zu führen. ftatiftifche Nachrichten über die Lage der Arbeiter zu fammeln und befonders auch gute Beziehungen unter einander und mit anderen Arbeitervereinen zu unterhalten. In einem Aufruf an die amerikanifche Arbeiterfchaft wurde diefe von der Bildung einer Zentralifation der Internatio nalen Arbeiter-Affociation in den Vereinigten Staaten unterrichtet und gleichzeitig von deren Prinzipien und Zie len in Kenntnis gefeßt. 126

Die Zahl der Sektionen. die Anfang 1871 dem Zentral Komite beigetreten waren. betrug acht:

1. Allgemeiner

Deutfcher Arbeiter-Verein New York; 2. Zeetion tt-anqaiee (1e blutet-nationale. Aer-u York; Czechifcher Arbeiter Verein. New York; 4. Sozialpolitifcher Arbeiter-Verein No. 1. Chicago; 5. Sozialpolitifcher Arbeiter-Verein No. 2. Chicago; 6. Sozialdemokratifcher Arbeiter-Verein New York; 7. 114o11 Zeetion ]dlen- ?at-1e; 8. Sozialdemokratifcher

Arbeiter-Verein Williamsbnrg. Im Verkehr mit dem Zentral-Komite war jede Sektion gehalten. fich der Sek tionsnummer zu bedienen. die ihr vom Komite gegeben war.

Eine rege Agitation zur Verbreitung der Prinzipien und der Organifation der Affociation begann. Am 2. April meldete fich die erfte amerikanifche Sektion in New York beim Zentral-Komite. die die Nummer 9 erhielt. und im Mai trat eine zweite franzöfifche Sektion in New York der Organifation bei. Im April wurden dem. Generalrat die Beiträge für 293 Mitglieder in den Vereinigten Staaten für 1871 zugefandt. Die Tätigkeit des Zentral-Komites war nicht blos auf die Aufklärung über die Ziele der Internationale gerichtet; man befchäftigte fich auch mit praktifchem Eingreifen in die Arbeiterbewegung. Für die ftreikenden Kohlengräber Vennfhlvaniens wurden Sammlungen eingeleitet und das Zentral-Komite war es auch. das fowohl die deutfhen Or ganifationen New York's. die in der Arbeiter-Union zen tralifiert waren. wie auch den englifch-fprechenden Arbeiter Zentralkörper. die New Yorker Working-[11emo Union. zur Unterftüßung der ftreikenden Kohlengräber anfeuerte. Das Zentral-Komite veranlaßte die Teilnahme der Interna tionalen an einer großen Achtftunden-Demonftration der New Yorker Arbeiterfchaft. die am 13. September 1871 ftattfand und an der fich 20.000 Arbeiter beteiligten. Die Demonftration fchloß mit einer Verfammlung in Cooper Union ab. in der in fehr fcharfen Refolutionen der gefeßliche Achtftundentag gefordert wurde. Auch die Feier der Iuni fchlacht und der Parifer Kommune wurde vom Zentral Komite durchgeführt. Die Verbindung der Internationale mit der Nationalen Arbeiter-Union wurde um diefe Zeit immer mehr gelöft. Jm Auguft 1871 berichtete das Zentral-Komite an den 127

Generalrat in London. daß er den Kongreß der Nationalen Arbeiter-Union nicht mehr durch einen Delegaten befchicken lverde. weil die Delegaten aus den induftriellen Diftrikten auf dem Kongreß fowiefo nur dünn gefäet fein würden. Die Nationale Arbeiter-Union hatte fich immer mehr aus einer Arbeiter-Organifation in eine bürgerliche Reform und Farmer-Organifation umgewandelt. Das Zentral Komite hatte aber keineswegs damit die Verbindung mit

dem englifchfprechenden Arbeiterelement abgebrochen. viel mehr wurde ein reger Verkehr befonders mit der Gewerk fchaftsbewegung aufrecht erhalten. Man ftand in Verbin dung mit dem Working.memo bcluoaatez in Chicago. deffen Redakteur Cameron der Delegat der Nationalen Arbeiter Union zum Kongreß der Internationale in Bafel gewefen war. und mit dem Anime-rejte. ]it[0rljt0r in Tomaqua. dem Organ der pennfhlvanifchen Bergleute. Beide Zeitungen veröffentlichten die Aufrufe und Berichte des Zentral Komites. In New York beftand zu der Zeit noch ein fran zöfifches Arbeiter-Wochenblatt. [1e Zoejaliete. das mit dem Zentral-Komite in Verbindung ftand. doch hatte das Blatt. das das Organ der franzöfifchen Sektionen war. keine große Bedeutung.

Mit der Gewerkfchaftsorganifation der englifchfprechen den Arbeiter des Staates New York wurden rege Beziehun gen gepflogen. Die Beamten der dlecc 701-k Ztnte Worlijngmen's Zonencbl7 und der wichtigeren Gewerkfchaf ten. befonders auch Ieffup. wandten fich in -allen Fällen. in denen fie das deutfche Arbeiterelement New Yorks erreichen wollten.

an

die Beamten und Delegaten des Zentral

Komites. und der Einfluß der Internationale in der ftaat lichen Zentralifation der Gewerkfchaften New Yorks war groß genug. im Ianuar 1871 die Ziare Workjngrnen'o Assembly zu veranlaffen. Refolutionen anzunehmen. die die Prinzipien der Internationalen Arbeiter-Affociation anerkannten und ihre Verbreitung empfahlen. Als am 10. April 1871 die deutfchen Patrioten in New York ein ..Friedensfeft“ abhielten. das mehr der Verherr lichung des Krieges. als der Freude über den abgefchloffe nen Frieden galt. arrangierten die Internationalen New Yorks am felben Abend eine große. gutbefuchte Verfamm

lung deutfcher Arbeiter New Yorks. in der man gegen den 128

Ehauvinismus des deutfchen Bürgertums in Amerika pro teftierte. Als im Oktober 1871 ein großes Feuer Chicago in Afche legte. deffen Entftehung. nebenbei bemerkt. von den Chicagoer Zeitungen den Internationalen in die Schuhe gefchoben wurde. zeigte fich die Solidarität der Sektionen der Internationalen in befter Weife. Noch während des Brandes traf beim Zentral-Komite ein Telegramm von der franzöfifchen Sektion (No. 15) in New Orleans ein. das

zu Geldfammlungen für die durch den Brand gefchädigten Genoffen in Chicago aufforderte. Sofortige Sammlungen wurden vorgenommen und Gelder nach Chicago gefandt. Als die dortigen Sektionen die Hilfe ablehnten. befchloß man. diefen die Verfügung über die gefammelten Gelder zu geben. ' Auch im Auslande vertrat das Zentral-Komite die In ternationalen Sektionen Amerikas. So fandte es am 1. Ianuar 1871 bei Gelegenheit eines Prozeffes gegen die Internationale in Brüffel einen Aufruf an die Mitglieder der Affociation in Belgien. Als in Wien die Arbeiter ..Hochverräter“ begnadigt wurden. fchickte das New Yorker Zentral-Komite im Februar 1871 eine Adreffe an fie. Als die von der englifchen Regierung vegnadigten irifchen Fenier nach New York kamen. befchloß das Zentral-Komite. ihnen einen offiziellen Empfang zu bereiten. Ein Komite. beftehend aus F. A. Sorge. B. Hubert und W. Iantus. wurde gewählt. um namens der Internationalen diefes Landes die Exilierten zu begrüßen. Das Komite empfing die Fenier am 2. Februar 1871 an der Dampferlandung. Es fprach fein Bedauern aus. daß keine Irländer an dem Empfang der Vorkämpfer für die Befreiung Irlands an wefend feien. aber es beftehe zur Zeit keine irländifche Sektion der Internationalen Arbeiter-Affociation in New York. Man verficherte den Ankommenden die Shmpathieen der in der Internationalen Arbeiter-Affociation .organifier ten Arbeiter. ' Man fagte ihnen: ..Euer Feind ift der unfere“ und man wünfchte ihnen Glück zu ihrer Befreiung. die nicht der Großherzigkeit britifcher Lords zu danken fei. fondern ihrer Furcht vor der britifchen Arbeiterklaffe. Die Irländer follten. fo wurde hinzugefügt. fich nicht ifolieren. fondern der gemeinfamen Sache dienen und den gemeinfamen 129

Feind in der ganzen Welt bekämpfen. fich auch nicht durch religiöfe Uuterfchiede beeinfluffen laffen. Die Antwort der Exilierten betonte die Wichtigkeit. die fie der Internationa len Arbeiter-Affociation und deren Wirkfamkeit beilegten und fie fprachen ihre Anerkennung für die Bemühungen aus. die die Internationale im Intereffe der Fenier ent wickelt habe. Diefer Empfang der Fenier durch die Internationale brachte eine Verbindung zwifchen beiden zu Stande. die fich in der Folge in der Gründung einiger irifchen Sektionen zeigte. Leider ohne nachhaltige Wirkung indeß. wie denn überhaupt der Erfolg der Agitation nicht allen Wünfchen entfprach. Das zeigte der Bericht. den das Zentral-Komite im Auguft 1871 an die Delegaten-Konferenz der Affociation 1fchlfckte. die im September 1871 in London zufammentreten o te.

Der Bericht klagte. daß die Entwicklung des Klaffen bewußtfeins der amerikanifchen Arbeiter nicht mit dem rapiden Wachstum der kapitaliftifchen Produktion Schritt halte. ja. daß die Arbeiter in ihrem Kampfe gegen die Unterdrücker fäumig feien. Auch die falfche Führung der amerikanifchen Arbeiter ward durch den Bericht des Zentral-Komites als Grund für die Rückftändigkeit der Arbeiterbewegung aufgeführt. Die felbftfüchtigen Motive diefer Führer. ihre Verbindung mit Politikern und das Eindringen der leßteren in die Arbeiter organifation führen - fo hieß es da _ zur Degeneration der orgauifierten Arbeiter. Als Beweis dafür ftellte das Komite die Refolutionen des erften Kongreffes der Nationalen Arbeiter-Union in Baltimore 1866 jenen des Kongreffes in Cincinnati 1870 gegenüber. wo die Geldreform die eigentlichen Arbeiter forderungen beinahe vollftändig verdrängt hatte. Ueber den Stand der Sektionen hieß es in dem Bericht: ..Mit Bezug auf die Sektionen. die unfer Zentral-Komite bilden. haben wir zu berichten. daß fie dauernd und ernft im Intereffe der Arbeit fchaffen. Es ift die größte Sorge des Zentral-Komites gewefen. die Sektionen von den Fach politikern reinzuhalten und die Arbeiter über ihre In tereffen aufzuklären. Wenn das Refultat nicht zufrieden 130

ftellend war. ift es nicht die Schuld des Zentral-Komites. Wir haben uns große Mühe gegeben. um die irifchen Arbei ter diefes Landes zu veranlaffen. der Internationalen Arbeiter-Affociation beizutreten. aber religiöfe und poli tifche Vorurteile fcheinen fie abzufchrecken und befonders ihre Führer haben bis zum heutigen Tage unfern Bemühungen

Widerftand geleiftet. Ein wahrer und ehrlicher irifcher Revolutionär fchreibt über ..die fehr entmutigende Arbeit in den verfchiedenen irifchen Gefellfchaften. die alle von Schurken oder ihren Werkzeugen geleitet werden.“ Das Zentral-Komite wird aber weiter arbeiten. um Anhang unter den Irländern zu erhalten.“ Es ift zu einem eigentlichen Anhang der Internationale unter den irifchen Arbeitern Amerikas nicht gekommen. Die Gründe dafür lagen nicht allein in den nationalen und religiöfen Vorurteilen diefer Arbeiter. fie lagen zum großen Teil auch auf fozialem Gebiet. Waren die Irländer in Amerika doch die Hauptvertreter der groben ungelernten Arbeit. die damals noch fchwerer als jeßt zu organi fieren war. Mit dem Generalrat in London hielt das Zentral Komite rege Verbindung aufrecht. In den monatlichen Berichten wurde regelmäßig ein Bild der Arbeiterbewegung. der Löhne. Arbeitszeit. des Arbeitsmarktes und der Arbei terkämpfe gegeben. Auch allgemeine Vorkommniffe wurden berichtet. So fandte das Zentral-Komite an den General rat einen ausführlichen Bericht über die Unruhen. die am 2. Iuli 1871 anläßlich einer Prozeffion der irifchen Orangeleute. der proteftantifchen Irländer. in New York ausbrachen. ' Der Vorfall ftand in gewiffem Zufammenhang mit der Arbeiterbewegung. infoweit nämlich. als er den Haß und die Furcht der herrfchenden Klaffe und ihrer Organe gegen über dem ..gefährlichen Elemente“ der Gefellfchaft beleuch tete. Gefühle. die die Märzereigniffe in Frankreich damals befonders angefacht hatten. Bei der erwähnten Prozeffion der irifchen Proteftanten wurden nämlich auf der Weftfeite New Yorks mehr als 200 Perfonen durch die Bourgeois-Milizregimenter. die rückfichtslos ohne Befehl auf die Maffen fchoffen. getötet und verwundet. Die Unruhen waren durch die Skandal 131

preffe der Stadt heraufbefchworen und fie wurden verftärk! durch die Unfähigkeit der ftädtifchen Autoritäten. Den herrfchenden Klaffen fteckte. wie erwähnt. die Furcht vor der

..Kommune“ in den Knochen. Prominente Perfonen. wie Henrh Ward Beecher. Wendell Phillips. Ben Butler u. a. hatten bei Gelegenheit de'r Parifer Kommunekämpfe ihre warnende Stimme erhoben und gezeigt. daß die kapita liftifche Entwicklung auch in Amerika Gefahren für die herrfchende Klaffe mit fich bringe. Man glaubte. daß es gut fein würde. den ..gefährlichen Klaffen“ die Lehre zu geben. daß in den Vereinigten Staaten die ..Ordnung“ unter allen Umftänden aufrecht erhalten werden würde. Daß das wirklich die Auffaffung der Vertrauensleute der Herrfchenden in New York war. beweift das Verhalten des damaligen Präfidenten der Polizeikommiffion. H. Smith. Diefer erklärte. wie berichtet ward. nach dem Gemeßel. das die Milizen verübt hatten. daß er bedaure. daß die Zahl der Getöteten nicht größer fei. Er fei der Meinung. daß eine folche Lektion alle paar Iahre in jeder großen Stadt fich nötig mache. Wären taufend von den ..Aufrührern“ getötet worden. fo hätte das die Folge gehabt. daß die Ueberlebenden derart eingefchüchtert worden wären. daß fie für Iahre hinaus nicht wieder an drohende Demonftra tionen denken würden. Bis zum Mai 1871 hatten fich dem Zentral-Komite der Internationale außer den fchon genannten Sektionen noch zwei weitere Sektionen in New York angefchloffen. eine amerikanifche (Sektion 9) und eine franzöfifche (Sektion 10). Im Iuli bildeten fich wiederum drei neue Sektionen in New York. zwei deutfche (No. 11 und 13) und eine amerikanifche (No. 12). Die Sektion No. 13 bildete fich aus dem Bunde der Freidenker und fie fchickte Dr. Stiebe ling in's Zentral-Komite. Dann bildeten fich in rafcher Folge. wobei die Märzereigniffe in Frankreich mitwirkten weitere Sektionen in St. Louis (14). franzöfifch; in New Orleans (15). franzöfifch; in San Francisco (16) deutfch. die fich aus der früheren dortigen Sektion heraus bildete; in Springfield. Ill. (17). franzöfifch; in Newark (18). franzöfifch; in San Francisco (19). franzöfifch; in Bofton (20). amerikanifch; in Williamsburg (21). deutfch; in New York (22).. franzöfifch; Wafhington (23) 132

amerikanifch; New York (24). irifch; Philadelphia (25 und 26) deutfch (der frühere ..Sozialpolitifche Reform Verein“) und amerikanifch und in Vineland. N. I.. (27). eine amerikanifche Sektion. Im Mai 1871 berichtete das Zentral-Komite. daß die franzöfifchen und deutfchen Sektionen fich in gutem Zuftande befinden. daß aber die czechifchc. die irifche und amerika nifchen Sektionen nicht recht gedeihen wollten. In der Tat waren es auch fpäter neben den deutfchen Sektionen nur die franzöfifchen. die unter dem Einfluß der Vorgänge. die fich vom März bis Mai in Varis abfpielten. ein reges Leben entwickelten. wenn auch nicht für lange Zeit. Während diefer Anfangsperiode der Internationale in Amerika war es das numerifch wenig ftarke franzöfifche Arbeiterelement. das der Organifation zuftrömte. und die von diefem Element gebildeten Sektionen waren der Mit gliederzahl nach die ftärkften. wenn fie auch nie ein fo nach haltiges Wirken entwickelten wie z. B. die deutfche Sektion l in New York.

Unter den 27 Sektionen. die bis zum Okto

ber 1871 fich dem Zentral-Komite anfchloffen. befanden fich zehn dentfche. acht franzöfifche. eine czechifche. zwei irifche und fechs amerikanifche. Davon hatten die franzöfifchen Sektionen in Newark 77. die in San Francisco 97 Mit glieder. Unter den deutfchen Sektionen waren die New Yorker No. 1 und No. 6 mit 55 und 50 Mitgliedern die

ftärkften. Von den amerikanifchen waren die intereffanteften die Sektion 23 in Wafhington und die Sektion 12 in New York. Erftere feßte fich nämlich in der Hauptfache aus Re gierungsbeamten zufammen. die leßtere enthielt. wie wir fchen werden. Elemente des Unfriedens und der Zcrftörung. Als die Sektion in Wafhington fich am 18. September beim Zentral-Komite anmeldete. wurde fie zuerft zurückgewiefen. weil fie fich weigerte. eine Namenslifte ihrer Mitglieder einzureichen. Später willigte fie indes ein und wurde daraufhin aufgenommen. Die Adreffe des Generalrats in London über den ..Bürgerkrieg in Frankreich“ wurde von diefer Sektion. in der befonders auch Richard Hinton. der an Iohn Brown's Erhebung in Harper's Ferth teilnahm. eine Rolle fpielte. in mehreren taufend Exemplaren ge druckt und an die Mitglieder des Kongreffes und andere 133

einflußreiche Perfonen gefandt. In Chicago erfchien um diefelbe Zeit. herausgegeben vom Sozialpolitifchen Arbei ter-Verein No. 3. eine deutfche Ausgabe des Kommunifti fcheiZ Manifeftes. das in 2000 Exemplaren verbreitet tour e. _ Leider wurde die Tätigkeit des Zentral-Komites bald durch innere Gegenfäße. die zu offenen Zwiftigkeiten und dann zu der erften größeren Spaltung der Internationale in Amerika führte. brachgelegt. 5.

Die Varifer Kommune.

Im März 1871 erhoben fich die Parifer Arbeiter zur Rettung der Republik und proklamierten die Unabhängig keit ihrer Stadt als Kommune. Die Rolle. die die Mit glieder der Internationale in diefer Erhebung übernahmen und mehr noch die Lügen. die die bürgerliche Preffe über die Internationale und ihre Tätigkeit in der Kommune verbreitete. lenkten die Aufmerkfamkeit der ganzen Welt auf die Internationale Arbeiter-Affociation. Meiftens tat der Verleumdungsfeldzug. den alle Organe des Beftehenden gegen die Kommune inaugurierten. feine Schuldigkeit: man betrachtete die Affociation und ihre Anhänger mit Abfcheu und Entfeßen. Das war auch in Amerika der Fall. Aber andererfeits wurde auch ein Teil intelligenter Arbeiter dadurch auf die Internationale aufmerkfam. der dann in ihre Reihen eintrat. Freilich wurde auch die Aufmerkfam keit des bürgerlichen Reformertums auf die Arbeiter-Orga nifation gelenkt. nicht zum Vorteil derfelben. wie wir fehen werden. Es darf aber auch nicht unerwähnt bleiben. daß auch in rein bürgerlichen Kreifen Amerika's die Kommune ihre Verteidiger fand und die Stimmen. die fich in diefen Kreifen zu Gunften der aufftändifchen Parifer Arbeiter erhoben. waren zahlreicher. als in irgend einem anderen Lande. Die bürgerliche Tagespreffe Amerikas ftimmte natürlich im allgemeinen in das Verdammungsgeheul ihrer europäi fchen Kollegen gegen die Kommune ein. wobei befonders die deutfchen Blätter fich auszeichneten. So empfahl eine dcutfche Zeitung New Yorks nach dem Fall der Khmmune. alle Kommuniften in New York totzufchlagen ..wie tolle 134

Hunde“. Demgegenüber hielten aber z. B. die Pofitiviften. die Anhänger des franzöfifchen Philofophen Comte. in New York eine Verfammlung zu Gunften der Kommune ab und

diefe waren es auch. die einen Artikel von Frederic Harrifon in der Londoner Kortnigbtly tier-tere. worin der Verfaffer auf's entfchiedenfte für die Parifer Revolution vom 18. März eintrat. als Brofchüre maffenhaft in den Vereinigten Staaten verbreiteten. Auch Wendell Phillips trat tapfer dem herrfchenden Vorurteil gegen die Kommune und gegen die Internationale entgegen. In einer Konvention der Arbeiterpartei von Maffachufetts. die am 4. September 1871 in Worcefter ftattfand. erklärte er: ..Im Intereffe des Friedens heiße ich diefe Bewegung willkommen --- den Aufmarfch aller Wähler für eine Umformung der indu ftriellen und politifchen Zivilifation unferer Tage. Fern fei es von mir. auch nur ein Wort zu fagen gegen die erhabenfte Erklärung der Volksentrüftung. welche Paris mit Feuer und Blut in die Blätter der Gefchichte eingetra gen hat. Ich ehre in Paris die Vorhut der Internationale der Welt. Wenn die Könige in der Nacht beftürzt vom Schlafe emporfchrecken. fo träumen fie nicht von Deutfch land und feiner in Reih* und Glied geftellten Macht. Die Ariftokratie fährt erfchreckt empor bei dem Gedanken an Frankreich. und wenn ich die Vorhut des Volkes finden will. fo denke ich der unruhigen Träume der Ariftokratie und fehe. was fie am meiften fürchtet. Und heute will die Verfchwörung von Kaifern niederwerfen - was? Nicht den Zaren. nicht den Kaifer Wilhelm. nicht die Armeen des geeinten Deutfchlandl Nein. wenn die Kaifer heute im Zentrum Europa's zufammenkommen. welches Komplott wird dort gefchmiedet? Nun. die Vernichtung der Inter nationalel“ Und an anderer Stelle. in einem Artikel im Rational ZtQmLar(L. äußerte fich Wendell Phillips folgendermaßen: ..Die Männer. die die Kommune leiteten. gehörten zu den erften. reinften und edelften Patrioten Frankreichs - Män ner. die nicht wie Thiers und feine Mörderbande. je das Knie vor Napoleon gebeugt haben. Während langer und

ermüdender Iahre haben jene unter ihnen. die reich waren und hoch im fozialen Leben ftanden. es abgelehnt. durch feine Tür einzutreten.

Iene von ihnen. die arm waren.

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find lieber verhungert. als daß fie fein Brot gegeffen hät ten. Sie haben ihr langes. ehrenvolles Leben im Proteft hingegeben gegen einen graufamen und niedrigen Defpoten. während Thiers fich fonnte in feinem Lächeln. und zuleßt haben fie den verzweiflungsvollen Verfuch gemacht. Frank reich aus feiner fchrecklichen Erniedrigung emporzuheben. Solche Anftrengungen find niemals vergebens. Brutus. der fich in fein nußlos gewordenes Schwert ftürzte. Hampden. der. zu Tode getroffen. aus der verlorenen Schlacht fprengte. Vane. Shdneh und c'ohn Brown rufen von ihrem Schaffott herab diefen. ihren leßten Nachfolgern zu: ..Seid guten Mutes. Brüderl Die Saat. die euer Blut gepflanzt. wird nicht abfterben. Das erlöfte Frankreich wird euch noch fcgnen und die Welt. die euer Leben fah. wird edler von der menfchlichen Natur denken.“ Neben Wendell Phillips trat u. a. auch Benjamin F. Butler öffentlich auf Seiten der Kommune. und auch in der Gefeßgebung der Vereinigten Staaten wurden. wie wii fehen werden. Worte der Anerkennung für die Parifei Märzerhebung laut. Die Mitglieder der Internationale taten natürlich ihr möglichftes. um die Oeffentlichkeit über die Kommune auf zuklären. Die vom Generalrat in London veröffentlichte Adreffe über den ..Bürgerkrieg in Frankreich“ wurde in New York. in Wafhington und anderswo in Separatausga ben veröffentlicht. Das Zentral-Komite in New York ver anlaßte die Redaktionen der Toric] und des (risk) Leonie. den größten Teil der Adreffe ihren Lefern zu unterbreiten. In Woocibnl] ancl (Anftjlje Feel-:1.u in New York und im Norkjngrnon'o Wclrme-1te in Chicago wurde die Marx'fche Adreffe ganz abgedruckt und ihre Wirkung war nicht gering. Die Kommune-Erhebung und die Verfolgung ihrer Käm pfer trieb natürlich auch eine große Zahl von franzöfifchen Flüchtlingen nach Amerika. Unter dem Einfluffe diefer Flüchtlinge bildete fich eine ganze Anzahl von Sektionen der Internationale. wie auch fonftiger Organifationen. In New York wurde von ihnen im Ianuar 1873 eine ..Gefell fchaft der Kommuneflüchtlinge“ gegründet. die mehrere Iahre beftand und die mit dem Generalrat der Interna tionale Verbindung aufrecht erhielt. 136

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Bei den Mitgliedern der Internationale fanden die Kommuneflüchtlinge natürlich hilfreiche Hand und mög lichfte Unterfttißung. Aber darüber hinaus forgte man auch noch für die in Europa zurückgebliebenen Flüchtlinge und für die Familien der Gefallenen. Im September 1871 forderte der Generalrat in London das Zentral-Komite in New York auf. Sammlungen für die Kommuneflüchtlinge zu veranftalten und das Geld an den Generalrat zu fenden. Betont wurde hierbei. daß die kontinentalen Länder Europas nicht mehr leiften könnten und daß von England

wegen der vielen Strikes nichts zu hoffen fei. Es hätte die fer Aufforderung des Generalrats nicht bedurft. um das New Yorker Zentral-Komite an feine Pflicht zu mahnen. Schon vorher hatte diefes Sammlungen zum Beften der Kommuneflüchtlinge veranftaltet. Bis zum Oktober 1871 waren vom Zentral-Komite fchon 500 Dollars nach London und 1700 Franken nach Genf gefchickt worden. um das Los der unterlegenen Kämvfer zu erleichtern. Die Samm lungen wurden noch bis 'Mitte 1873 fortgefeßt. 6.

Die Affaire Wafhburne.

Während der Kämpfe der Kommune hatte fich der ameri kanifche Gefandte in Paris. E. V. Wafhburne. in mehr als zweifelhafter Weife gegen die Kommunekiimpfer benommen. Das Verhalten Wafhburne's gegenüber den Parifer Arbei tern entfprach fo wenig den Pflichten. die dem Vertreter einer neutralen Macht in folchem Falle obliegen. daß der Generalrat der Internationale in London befchloß. das Material über den Fall dem amerikanifchen Volke zu unter breiten und deffen Aufmerkfamkeit auf das Verhalten feines

Vertreters in Frankreich zu lenken. Unter'm 11. Iuli 1871 richtete der Generalrat das fol gende Schreiben an das New Yorker Zentral-Komite der amerikanifchen Sektionen in New York:

..Bürgerl Der Generalrat der Affociation hält es für feine Pflicht. ihnen öffentlich Material mitzuteilen über das Benehmem welches der amerikanifche Gefandte. Herr Wafh burrße. wiihrend des Bürgerkrieges in Frankreich beobach tet at. 1. Der folgende Bericht rührt von Herrn Robert Reid her. einem Schotten. welcher 17 Iahre in Yaris gelebt hat 137

und welcher während des Bürgerkrieges Korrefpondent des “17a117 '.l'elßgrnpb" und des New Yorker *Verleih* gewefen ift. Im Vorbeigehen müffen wir bemerken. daß der “Daily '[ßtegrapb" in der Parteinahme für die Verfailler Regie rung foweit gegangen ift. fogar die kurzen telegraphifchen Depefchen zu fälfchen. welche Herr Reid ihm zufchickte. Herr Reid. jeßt in England. ift bereit. feine Ausfage eidlich zu bekräftigen: Das Dröhnen der Sturmglocken und der Alarmfignale.

gemifcht mit dem Kanonendonner. dauerte die ganze Nacht. Es war unmöglich. zu fchlafen. Wo find - dachte ich die Vertreter von Europa und Amerika? Ift es möglich. daß fie bei diefem Vergießen unfchuldigen Blutes gar keine Anftrengungen zur Verföhnung machen? Ich konnte diefen Gedanken nicht länger ertragen und. da ich wußte. daß Herr Wafhburne in der Stadt war. befchloß ich. ihn fofort zu befuchen. Ich glaube. es war der 17. April; übrigens kann das Datum. wenn es ungenau ift. ' durch meinen Brief an Lord Lhons. an welchem ich an demfelben Tage fchrieb. feft geftellt werden. Als ich auf meinem Wege zu Wafhburne die Elhfeeifchen Felder kreuzte. traf ich zahlreiche Ambu lanzwagen. angefüllt mit Verwundeten und Sterbenden. Bomben plaßten rings um den Triumphbogen herum und viele unfchuldige Perfonen wurden der langen Lifte der Opfer des Herrn Thiers beigefügt. In der Rue de Chaillot No. 95 angekommen. fragte ich bei dem Portier nach dem Gefandten der Vereinigten Staaten und wurde nach der

zweiten Etage gefchickt. Im Sekretärzimmer erkundigte ich mich nach Herrn Wafhburne. ..Wünfchen Sie ihn perfönlich zu fehen?“

..Iawohll“ - Nachdem ich angemeldet wor

den. war ich vorgelaffen. Er lag auf dem Fauteuil bequem ausgeftreckt. ein Iournal lefend. Ich erwartete. ihn auf ftehen zu fehen. aber er blieb fißen. fein Iournal vor fich haltend. _ ein Akt flegelhafter Ungezogenheit in einem Lande. wo das Volk im Allgemeinen fo höflich ift. Ich fagte Herrn Wafhburne. daß wir die Sache der Humanität verrieten. wenn wir uns nicht anftrengten. eine

Verföhnung herbeizuführen. Ob es uns gelänge oder nicht - auf alle Fälle wäre es unfere Vflicht. einen Verfuch zu machen und der Augenblick fchiene um fo günftiger. als die Vreußen gerade jeßt Verfailles zu einem definitiven Ab

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fchluß drängten. Der vereinigte Einfluß von Amerika und fEngland würde die Wagfchale zu Gunften des Friedens enken. Herr Wafhburue fagte: ..Die Parifer find Rebellen. fie follen die Waffen niederlegenl“ Ih antwortete ihm. daß die Nationalgarde das Recht hätte. ihre Waffen zu behalten. aber daß es fich hier garnicht darum handle. ..Wenn die Humanität bedroht ift. hat die 'zivilifierte Welt das Reht. zu intervenieren. und ich bitte Sie. mit Lord Lhons gemein fchaftliche Schritte zu tun.“ Herr Wafhburne: ..Diefe Ver failler hören auf nichtsl“ - ..Wenn Si'e fich weigern. fällt die moralifche Verantwortlichkeit auf Sie zurückl“ - Herr: Wafhburne: ..Das fehe ich nicht ein. Ich kann in diefer Sache nichts tun. Sprechen Sie lieber mit Lord Lhonsl“ So endigte unfere Zufammenkunft. Ich verließ Herrn Wafhburne traurig enttäufcht. Ich fand in ihm einen rohen. anmaßenden Menfchen. der nichts von dem Gefühle der Brüderlichkeit hat. die man bei dem Vertreter einer demo kratifchen Republik anzutreffen erwarten durfte. Zweimal hatte ich die Ehre einer Zufammenkunft mit Lord Cowleh. als er unfer Vertreter in Frankreich war. und fein offenes und höfliches Wefen bildete einen fchlagenden Gegenfaß zu der kalten. anfpruchsvollen und ariftokratifch fein follenden Haltung des amerikanifchen Gefandten. - Ich wandte mich nun unverzüglich an Lord Lhons. indem ich ihm fchrieb. daß England im Intereffe der Humanität gehalten wäre. eine ernftliche Anftrengung zur Verföhnung zu machen. da ich überzeugt fei. daß die englifche Regierung nicht kalt Grau famkeiten mit anfehen könne. wie die Meßeleien von Cla mont und Moulin-Saquet. von den Schreckensfzenen zu Neuillh gar nicht zu reden. ohne fich die Verwünfchung jedes Freundes der Humanität zuzuziehen. Lord Lhons ließ mir durch Vermittlung feines Sekretärs. des Herrn Eduard Malet. mündlich mitteilen. daß er meinen Brief an die Re gierung gefchickt hätte und daß er gern -jede Mitteilung. die ich über diefen Gegenftand machen würde. befördern werde. Einen Augenblick waren die Umftände einer Verföhnung fehr günftig. und wenn unfere Regierung ihr Gewicht in die Wagfchale geworfen hätte. würde man der Welt die Meßelei von Paris erfpart haben. Iedenfalls war es nicht die Schuld des Lord Lhons. wenn die englifche Regierung ihre Pflichten verabfäumt hat. 139

Um auf Herrn Wafhburne zurückzukommen: Mittwoch den 24. Mai nachmittags. ging ich über den Kapuziner boulevard. als ich meinen Namen rufen hörte; und als ich mich umdrehte. fah ich Dr. Offart neben Herrn Wafhburne in einem offenen Wagen. umgeben von einer großen An zahl von Amerikanern. Nach den üblichen Begrüßungen trat ich mit Dr. Offart ins Gefpräch.

Die Unterhaltung

welche fich um die fchrecklichen Szenen ringsum drehte. wurde allgemein. als Herr Wafhburne mit der Miene eines Mannes der deffen ficher ift. was er fagt. die Worte an . mich richtete: ..Alle diejenigen. welche zur Kommune gehö ren. oder mit ihr fhmpathifieren. werden füfiliert werden.“

- Ich wußte. daß man Alt und Iung tötete für das Ver brechen der Shmpathie. aber ich war nicht darauf gefaßt. es halboffiziell durch Herrn Wafhburne zu hören; und doch war es damals. als er diefe blutdürftige Redensart wieder holte. noch Zeit für ihn. den Erzbifchof zu retten.“ 2. Am 24. Mai kam der Sekretär Wafhburne's. um der Kommune. welche damals in der Bürgermeifterei des elften Bezirks verfammelt war. einen von den Preußen herrüh renden Vorfchlag zu einem Ausgleich zwifchen den Ver faillern und den Föderierten auf folgenden Grundlagen anzubieten: Einftellung der Feindfeligkeiten. Neuwahl der Kom mune einer- und der Nationalverfammlung andererfeits.

Die Verfailler Truppen verlaffen Yaris und nehmen Quartier in und vor den Forts. Die Bewachung von Paris wird auch fernerhin der Nationalgarde anvertraut. Nie mand kann verfolgt werden wegen gegenwärtiger oder frü herer Dienfte in der Föderierten-Armee.“ Die Kommune nahm diefe Vorfchläge in einer außer ordentlichen Sißung an. mit der Beftimmung. daß Frank reich zwei Monate Zeit haben follte. um fich auf die allge meinen Wahlen für eine konftituierende Verfammlung vor zubereiten. Es fand mit dem Sekretär des amerikanifchen Gefandten eine zweite Zufammenkunft ftatt. In ihrer Morgenfißung vom 25. Mai befchloß die Kommune. fünf Bürger - dar unter Vermorel. Delescluze und Arnold. als Bevollmäch

tigte nach Vincennes zu fchicken. wo fich - gemäß der von 140

Herrn Wafhburne's Sekretär gegebenen Information ein preußifcher Delegierter befinden follte. Aber die Depu tation ward von den Nationalgarden am Thore von Vin cennes nicht durchgelaffen. Es fand noch eine leßte Zufam menkunft mit demfelben amerikanifchen Sekretär ftatt. in folge deffen Bürger Arnold am 26. Mai. mit einem von erfterem ausgeftellten amerikanifchen Geleitfchein verfehen. fich nach Saint-Denis begab. wo er aber von den Preußen nicht eingelaffen wurde. Das Refultat diefer amerikani fchen Intervention (welche an die erneute Neutralität der Preußen und an eine von ihnen beabfichtigte Vermittlung zwifchen den Kriegführenden glauben machte. war. im kriti xchen Momente die Verteidigung auf zwei Tage lahmzu cgen. Troß der zur Geheimhaltung der Unterhandlungen ge troffenen Maßregeln kamen diefelben zur Kenntnis der Nationalgarden. welche. voll Vertrauen auf die preußifche Neutralität. nach den preußifchen Linien flüchteten. um fich als Gefangene zu ftellen. Man weiß. wie ihr Vertrauen durch die Preußen getäufcht worden ift. welche fie mit Ge wehrfchüffen

empfingen

und die Ueberlebenden der Ver

failler Regierung auslieferten. - Während des ganzen Verlaufs des Bürgerkriegs hörte der amerikanifche Gefandte nicht auf. die Kommune feiner glühenden Shmpathieen zu uerfichern. welche nur feine diplomatifche Stellung öffentlich zu bekunden ihn hindere. und feine entfchiedene Mißbilli gung für die Verfailler Regierung auszudrücken.“ Diefe zweite Ausfage rührt von einem Mitglied der Varifer Kommune her. welcher. gleich Herrn Reid. bereit ift. die Wahrheit feiner Behauptungen eidlich zu bekräftigen.

Um das Benehmen des Herrn Wafhburne richtig zu würdi den. muß man die Erklärungen des Herrn Reid und des Kommune-Mitgliedes als ein Ganzes lefen. als Stück und Gegenftück eines und desfelben Schemas: Während Herr Wafhburne Herrn Reid erklärt. daß die Kommunaliften Rebellen feien. welche ihr Schickfal verdienen. erklärte er der Kommune feine Shmpathie für ihre Sache und feine

-Verachtung für die Verfailler Regierung. An d emf el ben 24. Mai. wo er. in Gegenwart des Dr. Offart und vieler Amerikaner. Herrn Reid benachrichtigt. daß nicht 141

bloß die Communards. fondern auch diejenigen. die mit ihnen fhmpathifieren. unvermeidlich dem Tod verfallen feien. benachrichtigte er durch feinen Sekretär die Kom mune. daß nicht bloß ihre Mitglieder gerettet werden follen. fondern auch die Mitglieder der föderierten Armee. - Wir bitten Euch. liebe Bürger. diefe Tatfachen der Arbeiterklaffe der Vereinigten Staaten vorzulegen und fie aufzufordern. zu entfcheiden. ob Herr Wafhburne geeignet ift. die amerikanifche Republik zu vertreten.“ - (Folgen die Unterfchriften.) Das Zentral-Komite der Internationale in New York unterbreitete der Arbeiterfchaft der Vereinigten Staaten dic Anklagefchrift des Generalrats in einem Flugblatte. dem einige Begleitworte beigefügt waren. die die Doppel züngigkeit Wafhburne's befonders'hervorhoben. Auch über die Kommune wurden bei der Gelegenheit einige aufklä rende Worte gefprochen . In dem Aufruf hieß es u. a.: ..Vergeßt nicht. Arbeiter. daß die Kommune eine Arbeiter regierung war und daß fie als folche von den herrfchenden Klaffen gehaßt. gefürchtet und verleumdet wurde. . . . Ver geßt nicht. daß die Kommune kämpfte und fiel für die Er langung von Rechten. die ihr entweder fchon befißt oder die auch ihr erftrebt: das Recht der Selbftregierung und das Recht des Arbeiters auf die Frucht feiner Arbeit.“ Ueber Wafhburne felbft erklärte der Aufruf. nichts weiter fagen zu wollen. als daß er zu jener großen Familie von Staats-Varafiten gehöre. die an der öffentlichen Krippe fißen und deren Vertreter man in beinahe allen nördlichen Staaten der Union zahlreich antreffe. Von den Tagesblättern nahm nur die New Yorker ..Sun“

Notiz von diefer Anklagefchrift des Generalrats gegen den amerikanifchen Vertreter in Paris. und der Kongreß der Nationalen Arbeiter-Union in St. Louis. dem das Zentral-Komite in New York die Sache unterbreitet hatte. überwies fie einem Komite. das fich dann nicht weiter da rum kümmerte. Amerikanifches Bürgertum und amerika nifche Arbeiterfchaft gingen Hand in Hand. Was kümmerte das Bürgertum die Doppelzüngigkeit ihrer offiziellen Vertreterl 142

Und die amerikanifche Arbeiterbewegung war in den paar Iahren. die zwifchen Baltimore und St. Louis lagen. zu jener Gleichgültigkeit ihrer eigenen Intereffen herabge fnnken. die fo oft die Verzweiflung ihrer Vorkämpfer gewefen ift. Wafhburne quittierte übrigens fpäter die Schläge. die ihm der Generalrat der Internationale erteilt hatte. Im Herbft 1877 durchzog er die Vereinigten Staatem um Vorträge über die Parifer Kommune zu halten. Sie feßten fich zufammen aus Einfeitigkeiten. Fälfchungen und Lügen und wurden von fozialiftifchen Zeitungen als verleumde rifches Machwerk gebrandmarkt. 7.

Die Internationale vor dem Kongreß der Vereinigten

-

Staaten.

Zu Ende des Iahres 1871 begannen die Anhänger des damaligen republikanifchen Präfidenten Grant für deffen Wiederwahl zu agitieren. Die Arbeiterbewegung war leb haft und hatte deshalb auch für die Politiker Bedeutung. Mehr als fonft noch verfuchten nun Agenten der Regierung die Arbeiterklaffe zu bearbeiten. Ueberall waren fie in deren Organifationen tätig und es ift ein Beweis von dem An fehen. das die Internationale fich erworben hatte. daß felbft innerhalb ihrer Reihen die republikanifchen Agenten ihre Tätigkeit entwickelten. Im Geheimen und unter dem ..Siegel der Verfchwie genheit“ wurden einzelnen einflußreichen Mitgliedern der Arbeiterorganifationen Mitteilung gemacht über große durchgreifende ..Maßregeln zur Verbefferung der Klaffen

lage der Arbeiter“. die Grant vorfchlagen und durchfeßen wolle. fobald er zum zweitenmale gewählt fei. Von Wafh ington wurde Richard I. Hinton nach New' York gefchickt. um die dortigen einflufzreichen Internationalen dadurch für Grant zu ködern. daß diefer die Verftaatlichung der Eifen bahnen in Ausficht ftellte. In New York wurde eine repu blikanifche Zeitung. die ..Oeftliche Pof gegründet. die zu den Arbeitern und ihren Organifationen Beziehungen unterhielt und die u. a. auch den Veröffentlichungen der Internationale großen Raum bewilligte. 143

Es war im Zufammenhang mit diefer Bearbeitung der Arbeiterklaffe zu Gunften der Wiederwahl Grants. daß das Kongreß-Mitglied R. Hoar von Maffachufetts. im Dezem ber 1871. im Repräfentantenhaufe in Wafhington einen Gefeßentwurf einbrachte. der die Schaffung einer Arbeiter Kommiffion (Labor S0mn1jooj0n) vorfah. welche die Be ziehungen zwifchen Kapital und Arbeit unterfuchen und ein arbeitsftatiftifches Bureau fchaffen follte. Diefer Gefeßentwurf kam am 13. Dezember 1871 im Repräfentantenhaufe zur Verhandlung und bei der Gele genheit hielt R. Hoar eine bemerkenswerte Rede. in der er u. a. folgendes ausführte: ..Die große Internationale Affociation der Arbeiter. eine Organifation. die fich über ganz Europa erftreckt. und die ihrer Stimme überall Gehör verfchafft und ihre Macht in

allen Kreifen fühlbar macht. diefe Affociation hat den Kon grfeßchifer Vereinigten Staaten um die vorliegende Maßregel er u . Ich fühle mich nicht berufen. eine Meinung mit Bezug auf die intereffante hiftorifche Frage über die Vorgänge auszudrücken. die fich in Paris im vergangenen Sommer

im Zufammenhang mit der Kommune abfpielten. Wir haben nicht ihre Auffaffung und Seite der Gefchichte gehört. Aber eins wiffen wir. daß irgend ein Grund für ihr Han deln vorhanden gewefen fein muß. daß ihnen ein Ziel vor Augen fchwebte. welches Ziel immer das auch war. welches

diefes arbeitende Volk von Paris. junge Männer und junge Frauen im Morgen des Lebens. nicht bloß aus den ungebil deten oder unterdrückten Klaffen. fondern aus den gebildeten Klaffen mit Familienbanden. in einzelnen Fällen vermö gend - welches fie veranlaßte. kühl. heroifch. heiter in den Tod zu gehen. wie ein Bräutigam zu feinem Hochzeitsfeft. Und ich glaube nicht. daß eine Sache. die jenen Herois mus hervorrief. eine Sache ift. die nicht die Achtung der Amerikaner überall verdient. Die Internationale Affociation europäifcher und ameri kanifcher Arbeiter hat unter anderem fchon deshalb An fpruch auf Achtung. weil fie die Nationen der Welt einander nahe gebracht hat. weil fie eine Verwandtfchaft zwifchen 144

Menfchen und Menfchen anerkennt. eine Verwandtfchaft. die der gemeinfamen Bande der Arbeit entfpringt. eine Bande.

größer. ftärker. fefter zufammenfügend als irgend eine bloß nationale Zufammengehörigkeit oder ein Band. das den Untertan an den Herrfcher knüpft. Amerika follte das leßte Land fein. das für diefes hehre Vollbringen undankbar wäre. In den düfterften Tagen unferes eigenen Krieges. als die herrfchenden Klaffen von England freudigft dem Kaifer von Frankreich hätten zuftimmen mögen in der An erkennung der füdlichen Föderation - was verhütete es? Es war das zornige Grollen der Arbeiter von Laneafhire. die der Regierung von England fagten: ..Wir lieben die Arbeiter Nord-Amerikas ein gut Teil mehr. wir find mehr mit unferen Intereffen und Gefühlen mit den Arbeitern Amerikas verbunden. als mit der Ariftokratie von England. Und obgleich wir vieles von euch ertragen haben. eins werden wir nicht tragen: daß ihr die Stärke und Macht Englands in Reih' und Glied ftellt gegen die Sache. für die diefe amerikanifchen Arbeiter kämpfen. Nun. ich habe hier in meiner Hand die Generalftatuten und Verwaltungsmaßregeln der Int. Arbeiter-Affociation. die in ihrer Verfammlung in London im Oktober (Septem ber) des jeßigen Iahres angenommen find; eine Verfamm lung. befucht von Delegaten. unter denen fich leitende Geifter aus allen zivilifierten Nationen der Welt befanden. Unter anderen ift da der Wunfch geäußert worden. daß eine Unterfuchung eingeleitet werden möge überall. wo Zweige ihrer Affociation exiftieren. und fie drücken den Wunfch aus. daß man ihnen dabei helfe und mitwirke. befonders in den Vereinigten Staaten von Amerika. um die Tatfachen feft zuftellen. welche mein Gefeßentwurf durch diefe Kommiffion feftgeftellt fehen will.“ Der Redner ließ darauf durch den Sekretär des Reprä fentantenhaufes die Befchlüffe der Londoner Delegierten Konferenz der Internationalen Arbeiter-Affociation vom September 1871 und des Genfer Kongreffes von 1866 verlefen. die fich auf die allgemeine Statiftik über die Lage der Arbeiter beziehen. Das Repräfentantenhaus nahm den Gefeßentwurf Hoar's an. worauf er an den Senat ging. der zwar einer Unterfuchungskommiffion zuftimmte. das nationale ftatiftifche Bureau aber vorläufig noch ablehnte. 145

So richtig es nun fein mag. in dem Gefeßentwurf wie in der Rede des Repräfentanten aus Maffachufetts ein Wahlmanöver zu fehen. fo wenig wird dadurch die Bedeu tung des Vorganges felbft vermindert. Der Vorfall zeigte. daß der Einfluß der Internationale ftark genug geworden war. daß die Staatsmänner auch in Amerika mit ihm rechneten. Wie man fieht. war es die Internationale Arbeiter

Affociation. die an der Schwelle der Arbeiterfchußgefeß gebung der Vereinigten Staaten ftand.

MMM

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2. Kapitel

Innere Kämpfe. 1.

Arbeiter und Reformer.

- Die Verbindung. die der Generalrat der Internationale m London mit den Vereinigten Staaten unterhielt. ehe hier noch in nennenswerter Weife Sektionen ins Leben gerufen waren. wurde durch einzelne Vertrauensperfonen der ver fchiedenen Nationalitäten aufrecht erhalten. die mit den Se kretären des Generalrats korrefpondierten.

Der Verkehr

mit der Nationalen Arbeiter-Union wurde durch den Ge neralfekretär I. George Eccarius geführt. der befonders mit Shlvis und nach deffen Tode mit Ieffup korrefpondierte. Jm Frühling 1870. noch vor der Bildung der franzöfifchen Sektion in New York. waren Cluferet und Peletier die fran zöfifch - amerikanifchen Korrefpondenten des Generalrats. und der Verkehr mit ihnen wurde durch den Generalfekretär für Frankreich vermittelt. Hierzu kamen dann noch Sieg fried Meher und Auguft Vogt. die der Generalrat als dcutfche Korrefpondenten für die Vereinigten Staaten be vollmächtigt hatte und die ihre Berichte an Marx fchickten. Neben diefen Korrefpondenten. die offiziell vom General rat anerkannt waren. gab es noch eine ganze Reihe von Verfonen in Amerika. die fich gelegentlich an den Generalrat nach London wandten und die fo in regelmäßigen Verkehr mit ihm kamen. Unter diefen befanden fich befonders auch allerlei bürgerliche Reformer. die den eigentlichen Zielen der Jnternationale abfolut verftändnislos gegenüberftanden und die ihre fpeziellen Reformereien durch die Affociation zu fördern hofften. Der Verkehr mit diefem Element wurde durch Eccarius vermittelt. und es fcheint. daß Eccarius in diefer Korrefpondenz oftmals über feine Befugniffe hinaus gegangen ift. daß er im Namen des Generalrats zu fchreiben vorgab. auch dann. wenn er nur als Privatperfon zu handeln hatte. So berief fich im Iuli 187 0 ein gewiffer H. 147

W. Hume in Aftoria bei New York darauf. daß er vom Generalrat in London beauftragt fei. Mitglieder der Int. Arb.-Aff. aufzunehmen. Der Mann. ein bürgerlicher Wirr kopf. gab Mitgliedskarten der Internationale aus. die er felbft herftellen ließ. und deren Form eher irgend einem Geheimorden oder einer Loge entfprach als einem inter nationalen Arbeiterbunde. Auch mit anderen bürgerlichen Reformern in New York ftand Eccarius in Verbindung und fuchte fie für die Inter nationale zu intereffieren. Am 1. Ianuar 1871 hatte fich die fchon erwähnte “00om0p01jt-m Conte-teuer?" gebildet die Verfammlungen einberief. um öffentliche Angelegen heiten zur Sprache zu bringen. Diefe Konferenz wandte fich an alle ..Freunde der Humanität. an die Verteidiger der politifchen. fozialen. induftriellen. kommerziellen und erzie herifchen Reform“ und forderte fie zur Vereinigung auf. Als Zweck der Konferenz war angegeben: Die Verwirk lichung einer Lage der Dinge herbeizuführen. die fo innig zu wünfchen ift. Der Präfident diefer konfufen Konferenz. C. Osborne Ward. und ihr Sekretär. I. W. Gregorh. unterhielten gleichfalls mit Eccarius fchriftlichen Verkehr. Zu diefem Gregorh gefellten fich Leute ähnlicher Art. wie Weft. Elliot. Maddon und andere. die wir noch näher kennen lernen werden und zu denen Eccarius ebenfalls in Beziehungen trat. Auch fchrieb diefer Korrefpondenzen für die New Yorker ..World“ und andere Zeitungen. mit denen er durch Vermittlung von Gregor() und Genoffen in Verbindung kam. Als fich nun das Zentralkomite der Int. Arb. Aff. in New York gebildet hatte. und deffen Organifierung dem General rat mitgeteilt wurde. ernannte leßterer mit Umgehung Eccarius' Karl Marx zum Korrefpondenten und anerkannte durch ausdrücklichen Befchlufz das neue Komite. In dem Schreiben. in dem der Generalrat dem Zentralkomite in New York diefen Befchluß mitteilte. ward die Hoffnung ausgefprochen. daß bald wirkliche (t-m11) amerikanifche Sektionen erftehen mögen.

Man betrachtete in London alfo

die angemeldeten Sektionen nicht ganz als voll. weil fie aus eingewandertem Element beftanden. Es ift wohl dem Einfluß von Eccarius. Hales und an derer Mitglieder des Generalrats zuzufchreiben. daß man 148

in London das Zentralkomite in New York nur als Neben organifation. nicht als die wirkliche Vertretung der amerika nifchen

Internationale

betrachtete.

Der

Verkehr

mit

Gregorh und Genoffen wurde aufrecht erhalten und das Zentrallomite darüber vielfach vernachtäffigt. Zu ver fchiedenen Malen befchwerte fich das Zentralkomite beim Generalrat. daß diefes feine Schriftftücke erft an Privat perfonen gelangen laffe. ehe das Zentralkomite fie erhalte. Auch an Beamte von Gewerkfchaften wurden Druckfchriften feitens des Generalrats früher gefchickt als an das Zentral omite. In einem Berichte des Zentralkomites an die Delegaten Konferenz der Internationale in London im September 1871 verlangte man. daß der Generalrat es mehr unter ftüße als bisher. Der Generalrat hat infolge der Ver öffentlichungen in der Preffe großen Einfluß und mora lifches Gewicht in der Oeffentlichkeit erhalten und Ver trauen gefunden. Der Generalrat hat mehr Vertrauen als bisher in das Zentralkomite zu feßen. Das Zentralkomite ift in der Hauptfache aus Lohn arbeitern zufammengefeßt. die die -Verhältniffe kennen; troßdem fcheint der Generalrat mehr Vertrauen in die - “Zeribblere'' zu fei'zen als in das Zentralkomite. Der Unwille des Zentralkomites über die Haltung des Generalrats war nicht unbegründet. In einem Schreiben an diefes Komite erklärte der Generalrat fich gegen die Be zeichnung: Zentralkomite. Es hieß da u. a.: ..Noch weniger ' fcheint folch ein Ausfpruch zuläffig in einem Fall. wo. wie in den Vereinigten Staaten. keinerlei Branchen von Ver emigten Staaten-Arbeitern bis jeßt beftehen. fondern nur Vranches. die von Ausländern gebildet find. die in den Ver

einigten Staaten wohnen.“ Das Zentralkomite antwortete dem Generalrat hierauf in einem Schreiben vom 7. Mai 1871. Es wurde ausge führt. daß der Generalrat die Sache auffaffe. wie fie etwa in europäifchen Ländern aufgefaßt werden müffe. wie fie aber in den Vereinigten Staaten nicht zutreffe. Die fremd geborenen Mitglieder der Sektionen in den Vereinigten

Staaten Bürger. Europa.

feien keine Ausländer. fondern amerikanifche Es beftehe ein großer Unterfchied zwifchen wo Fremde nur zeitweilig in andern Ländern 149

weilen. und den Vereinigten Staaten. wo die Eingewan derten fich dauernd niederließen. Diefe Auffaffung des Zentralkomites wurde übrigens richt ganz von allen Mitgliedern der Internationale in den

Vereinigten Staaten geteilt. Am 18. Mai 1871 fchrieb Hermann Meher. einer der älteften. erfahrenften und klar ften Mitglieder der Bewegung. an F. A. Sorge: ..Marx hat nicht fo ganz Unrecht. wenn er fagt. daß wir hier “koreignero'' (Ausländer) feien. Im öffentlichen Leben find wir Deutfchen nichts. wenn wir die Sänger-. Turn und anderen Sauffefte abrechnen. im gefelligen Verkehr mit Amerikanern. wo wir fchon viel wirken könnten. ebenfo trenig. In der Arbeiterbewegung allein können wir uns geltend machen. weil wir da die Avantgarde bilden.“ Her mann Meher rechtfertigt mit dem Shlußfaß übrigens den Standpunkt des Zentralkomites gegenüber dem Generalrat. Der Gegenfaß zwifchen Arbeitern und Reformern. der durch eine gewiffe Zurückfeßung der Erfteren durch einen Teil des Generalrats in London gefliffentlich verfchärft trurde. trat fchroffer hervor. als jenes unklare Element. dem wir in der “*Goornopoljtnn Confet-onen" begegnet find. als Sektion 9 und Sektion 12 der Internationale beigetre ten waren. In dem fchon erwähnten Schreiben. das das Zentralkomite an die Londoner Delegatenkonferenz von 1871 fchickte. hieß es über die Gründe dafür. daß das Klaffenbewußtfein der Arbeiter nicht mit der Entwicklung der kapitaliftifchen Produktion in Amerika Schritt halte. u. a. folgendermaßen: ..Die fogenannten Reformparteien fchieß-en in den Vereinigten Staaten über Nacht empor und für jede. die verfchwindet. tauchen zwei neue auf. Diefe Parteien behaupten. daß die Emanzipation der Arbeit oder vielmehr die Wohlfahrt der Menfchheit friedlich und leicht erreicht werden kann durch das allgemeine Wahlrecht. glän zende erzieherifche Maßnahmen. Wohltätigkeits- und Haus bau-Gefellfchaften.

Univerfalfprachen

und

andere

Pläne

und Shfteme. die in ihren zahlreichen Verfammlungen hübfch dargeftellt und von niemandem durchgeführt werden. Die führenden Männer diefer Parteien. meiftens Männer der Wiffenfchaft oder Philanthropen. fehen wohl die Ver derbnis der herrfchenden Klaffen. foweit ihre eigenen Ideen

von Moral gehen. aber fie fehen nur die Oberfläche der 150

Arbeiterfrage und demgemäß berühren alle ihre humanitä ren Ratfchläge nur das Aeußere.

Die Reformbewegungen

werden häufig freudig aufgenommen. weil die Arbeiter die Hohlheit derfelben nicht erkennen. Die tägliche Preffe macht die lächerlichen Seiten der Reformerei lächerlich und damit alle Arbeiterforderungen.“ Das Zentralkomite hatte die Gefahren. die in einer Ver bindung der Arbeiterbewegung mit allen Formen bürger licher Reformerei liegen. unterdeß aus eigener Wahrneh mung kennen gelernt. 2. Sektion Ill. Im Iuli 1871 war dem Zentralkomite in New York eine amerikanifche Sektion beigetreten. die einen gewiffen W. Weft als Delegaten ins Komite fchickte und die bei der Auf nahme die Nummer 12 erhielt. Diefe Sektion beftand in der Hauptfache nicht aus Arbei tern. fondern aus jenem konfufen Reformer-Element. das befonders in den Vereinigten Staaten

fein Wefen

treibt.

und das wir fchon in der “Goomopoljtan Soutereuee" kennen gelernt haben. In der Tat waren es zum Teil die felben Perfonen. die jener ..Konferenz“ angehörten. die fich jeßt auf die Internationale niederließen. Diefes Element wurde verftärkt durch einen Teil der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. der in Frau Victoria Woodhull und ihrer Schwefter Tenni Claflin feine Wort führerinnen fah. Diefes Schwefternpaar. das auch der Sektion U11 beitrat. gab in New York eine Wochenfchrift. das “1700(1111111 ane] Glatlin 177661217" heraus. die Sektion

x11 einen Einfluß gab. der weit über ihre fonftige Bedeu tung hinausging. Mit Eintritt der Sektion L11 in die Internationale be gann innerhalb des eben erft zur Entwicklung gekommenen nordamerikanifchen Zweiges derfelben ein heftiger Kampf zwifchen Arbeitern und Reformerelement. der die Exiftenz der Internationale in den Vereinigten Staaten zeitweilig in Frage ftellte und jedenfalls die Tätigkeit derfelben für lange Zeit hinderte. ja brachlegte. Während die Regie rungen und das Bürgertum Europas nach der Parifer Kommune die Internationale mit Gewaltmitteln zu ver 151

nichten fuchte. griff man in Amerika zu dem landesüblichen Mittel der Korrumpierung. Man fuchte die Internationale ihren eigentlichen Zwecken zu entfremdein fie abzulenken von ihrer urfprünglichen Tätigkeit. fie aus einer Arbeiter organifation

in

eine

Reformer-Organifation

umzuwan

deln. ihren proletarifchen durch einen bürgerlichen Charakter zu verdrängen. ja. fie durch Lächerlichmaniung zu töten. Die Sektion >(ll war kaum dem Zentralkomite beige treten. als ihr Delegat auch fchon begann. alle möglichen und unmöglichen Fragen zur Verhandlung zu unterbreiten. Refolutionen. Anträge. Platformentwürfe. die Dinge be fprachen. die mit Arbeiterangelegenheiten abfolut nichts zu tun hatten. wurden in Maffen zur Sprache gebracht. Es zeigte fich immer deutlicher. daß die Mitglieder der Sektion 12 keine Ahnung hatten von den Prinzipien. Regeln und Kongreßverhandlungen der Affociation. fie wohl auch nicht haben wollten. Sie gingen darauf aus. die Organifation für ihre eignen bürgerlichen Zwecke zu gebrauchen. In diefem Streben fand die Sektion 12 Unterftüßung in der Sektion 9. deren Mitglieder fich zum Teil aus demfelben amerikanifchen Reformerelement rekrutierten. aus dem fich auch die Sektion 12 zufammenfeßte. Diefes bürgerliche Reformelement fand durch Gründung neuer Sektionen immer ftärkeren Eingang ins Zentralkomite. Man begann immer offener. reine Arbeiterangelegenheiten zurückzu ftellen. ja fie direkt zu bekämpfen. Der Delegat der ameri kanifchen Sektion 26 in Philadelphia. I. T. Elliot. pro teftierte z. B. gegen einen Paffus des Berichts des korre fpondierenden Sekretärs des Komites an den Generalrat in London. in welchem getadelt war. daß die kurz vorher in New York abgehaltene Achtftunden-Konvention fich in eine politifche Reformbewegung verwandelt habe. Der Delegat. I. B. Davis von der amerikanifchen Sektion 9 proteftierte in.der Sißung vom 6. Auguft gegen den Bericht des Sekre tärs an den Generalrat. in welchem die Iuli-Unruhen befprochen waren und billigte ausdrücklich das Vorgehen der Miliz. Es war vergeblich daß das Zentralkomite Ende Iuli feine Aufgaben ausdrücklich dahin feftftellte. daß es die Pflicht habe. die ökonomifche Entwicklung zu über wachen und darüber an den Generalrat zu berichten. daß es die Organifierung und Zentralifierung der Propaganda

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vorzunehmen. regelmäßige ftatiftifche Berichte über die Lage der Arbeiter zu geben und gute Beziehungen mit den Ge werkfchaften und Arbeiter-Organifationen aufrecht zu er halten habe. Sektion 12 und ihre Anhänger fuchten immer wieder ihre eignen Zwecke in den Vordergrund zu bringen und die Arbeiterangelegenheiten zurückzudrängen. Sie wa ren dabei nicht wählerifch in ihren Mitteln. Nationale Vorurteile wurden geweckt. die ..eingeborenen Amerikaner“

gegen die ..Ausländer“ ausgefpielt. wobei fie fich zum Teil ja auf die Haltung des Generalrats in London gegenüber dem Zentralkomite berufen konnten. Man ließ fich nicht mehr an den Statuten der Affociation genügen. fondern verlangte. am 20. Auguft. die Schaffung befonderer grund fäßlicher Forderungen für die Vereinigten Staaten. Diefe ..Schaffung einer eigenen Platform für Amerika“ vollzog fich am 23. September durch einen Aufruf der Sek tion 12 an alle ..englifchfprechenden Bürger“. der in Uloocltinll ancl Statljli'ß 'Weekl7 veröffentlicht wurde. Der

Aufruf. der von dem Sekretär der Sektion 12. W. Weft. gleichzeitig Delegat zum Zentralkomite. unterzeichnet war. fuchte der Internationale einen vollftändig neuen Inhalt zu geben. Es hieß darin: ..Das Endziel der Internatio nale ift einfach. den männlichen und weiblichen Arbeiter durch Eroberung der politifchen Macht zu emanzipieren. Es fchließt ein: Zuerft die politifche Gleichheit und foziale Freiheit beider Gefchlechter. P o l i t i f ch e G l e i ch he it bedeutet die perfönliche Teilnahme eines jeden an der Vor bereitung.'Verwaltung und Ausführung der Gefeße. nach denen alle regiert werden. S o z i a l e F r e i h e it bedeu tei vollftändige Sicherheit vor aller und jeder ungehörigen Einmifchung in alle Angelegenheiten rein perfönlicher Natur. als z. B. religiöfe Ueberzeugung. das Gefchlechts verhältnis. Kleidertracht ufw. Ferner ift darin einbegriffen die Einrichtung einer Univerfalregierung für die 'ganze Welt. Selbftredend ift auch die Abfchaffung aller Sprach verfchicdenheit in diefem Programm einbegriffen.“ Damit kein Mißverftändnis möglich fei über den Zweck. den man im Auge hatte. ward in diefem Aufruf eine Orga nifation verlangt. wonach ..womöglich in jedem Urwahl bezirk eine Sektion beftehen foll für die Erleichterung der politifchen Aktion . . . .. in jeder Stadt muß ein ftädtifches 153

Komite. dem beftehenden Stadtrat entfprechend. exiftieren. in jedem Staat ein Staatskomite. entfprechend den Gefeß gc-bungen des Staates. und für die ganze Nation ein Na tionalkomite. entfprechend dem Kongreß der Vereinigten Staaten. . . . Die Arbeit der Internationale fchließt nichts Geringeres ein. als die Bildung. innerhalb der beftehenden Formen. einer neuen Regierungsform. die die alten zu erfeßen beftimmt if .“ Um eine folche Organifation. die der Organifationsform wie den Zwecken der Internationalen Arbeiter-Affociation rollftändig widerfprach. in Angriff zu nehmen. proklamierte Sektion 12 am 21. Oktober 1871 in eit-0041W] ami (Llofijn'e Weekly ..das unabhängige Recht jeder Sektion. die Kongreßbefchlüffa die Statuten und Verordnungen des Generalrats frei auszulegen. in dem jede Sektion für ihr eigenes Auftreten verantwortlich if .“ Sektion 12 hatte in der Veröffentlichung des ..Aufrufs“ vollftändig unabhängig gehandelt und dem Zentralkomite vorher keinerlei Mitteilungen über ihr Vorhaben gemacht. Damit trat fie den Befchlüffen des Zentralkomites offen entgegen und ftellte fich gewiffermaßen außerhalb der Organifation. Es beftand ein Befchluß des Zentralkomites. nach welchem alle Initiative der Agitation und Organifa tion fjir die Internationale Arbeiter-Affociation zuerft dem Zentralkomite zur Prüfung vorgelegt werden müffe. ob fie dem Geifte der Verbindung entfprechend fei. Erft nach Zu ftimmung der Mehrzahl der Sektionen fei fie fanktioniert. Diefer Befchluß wurde von der Sektion 12 nicht beachtet. fodaß fie neben dem prinzipiellen Verftoß auch der Form nach im Unrecht war. Es war die Sektion 1. der frühere Allgemeine Deutfche Arbeiter-Verein in New York. die fich zuerft gegen das Ge bahren der bürgerlichen Reformer erhob und beim Zentral - Komite Proteft einlegte. Gleichzeitig traf auch von der Sektion 23 in Wafhington eine Verwahrung gegen den Aufruf der Sektion 12 beim Zentralkomite ein. In der Begründung des Proteftes der Sektion 1 wurde getadelt. daß die Sektion 12 fich an die ..Bürger'I anftatt an die Arbeiter gewandt habe. In fchärffter Weife wurde die in dcm Aufruf gebrauchte Redensart zurückgewiefen. daß die ..foziale Freiheit“ den ..abfoluten Schuß“ bedeute. gegen 154

Einmifchung in perfönliche Angelegenheiten. wie bürgerliche und religiöfe Freiheit. gefchlechtliche Beziehungen. Kleider ordnung. Diät ufw. Das fei. fo wurde betont. nicht die Aufgabe der Internationale. die durch folche Forderungen nur lächerlich gemacht werde. Der eingehenden Begründung des Proteftes der Sektion 1 folgte der Antrag. daß das Zentralkomite feine Mißbilli gung des Aufrufs der Sektion 12 ausfpreche und daß leßtere diefe Mißbilligung in ihrem Organ veröffentlichen folle. Auch wurde verlangt. daß die Sektion 12. der angeblich zahlreiche Zuftimmungsfchreiben aus allen Teilen des Lan des als Antwort auf ihren Aufruf zugegangen waren. diefe Korrefpondenz dem Zentralkomite ausliefere. Bei Beratung des Proteftes der Sektion 1 ftellte fich das Zentralkomite aber auf Seite der Sektion 12 und legte. am 15. Oktober den erhobenen Proteft und Antrag auf den Tifch. Dasfelbe Schickfal hate ein erneuter Proteft in der nächften Sißung der Zentralkomites am 29. Oktober. Hier war es Ed. Groffe. der Delegat der Sektion 6. New York. dcr den Antrag ftellte. den erneuten Proteft abzuweifen. ein Antröag. der dann mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen wur e. Diefer Erfolg veranlaßte die Sektion 12 und ihre Wort führer zu fchärferem Hervorkehren ihrer wahren Abfichten. In einem Scheiben ihres Sekretärs Weft an das Zentral Komite erklärte diefer. daß man in dem bewußten Aufruf den Ausdruck ..Bürger“ gebraucht habe. weil diefer um faffender fei als der Ausdruck ..Arbeiter“ und diefe ein

fchließe. ..Die Ausdehnung des gleichen Bürgerrechts auf die Frauen muß. in der ganzen Welt. jeder allgemeinen Veränderung im Verhältnis zwifchen Kapital und Arbeit vorhergehen. . . . Die Sektion 12 muß ebenfalls fich erheben gegen die falfche Annahme. die den ganzen Proteft (der Sektion 1) durchdringt. als fei die Internationale Arbeiter-Affociation eine Organifation der Arbeiterklaffe.“ Am 25. November folgt ein neuer Proteft der Sektion 12 in &700(1111111 ancl S1at1in'o ill-'0e1(17. worin .es heißt: ..Die Behauptung (der Generalftatuten). daß die Arbeiterklaffe nur durch fich felbft emanzipiert werden kann. ift nicht zu leugnen. aber fie ift wahr blos in dem Sinne. daß die 155

Arbeiterklaffe nicht gegen ihren eigenen Willen emanzipiert werden kann.“ Es handelte fich bei dem Verhalten der Sektion 12 alfo ganz bewußt um einen Verfuch. die Internationale aus einer Arbeiter-Organifation in eine bürgerliche Reform Verbindung zu verwandeln. 3.

Der proviforifhe Föderalrat.

Nachdem die Sektion 12 mit ihrem Plane offen heraus gctreten war. aus der Internationalen Arbeiter-Affociation eine Bourgeois-Reformgefellfchaft zu machen. nahmen die Arbeiterfektionen offen Stellung gegen denfelben. ' In der Sißung des Zentral-Komites vom 19. November ftellten die Delegaten der Sektion 1 den Antrag. die Sektion 12 aus dem Zentral-Komite auszufchließen und ebenfo das Mandat aller Delegaten folcher Sektionen für ungültig zu erklären. die nicht mindeftens zu zwei Dritteln aus Lohn arbeitern beftanden. Auf diefen Antrag hin fpaltete fich das Zentralkomite. Ein Teil der Deutfchen. und die Irlän der nebft einigen Franzofen. unterftüßten die Sektion 1. während die meiften Amerikaner. nebft der Mehrzahl der franzöfifchen und zwei deutfchen Sektionen zu Sektion 12 hielten. Da an ein Zufammenarbeiten nicht zu denken war. ftellte icßt K. Carl von der Sektion 1 den Antrag. das Zentralkomite aufzulöfen. Diefer Antrag wurde mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen.

Die fünf Delegaten. die gegen die Auflöfung des Zen tralkomites geftimmt hatten. erließen gleich nach der ent

fcheidenden Sißung vom 19. November einen Aufruf. worin fie fih als reguläres Zentralkomite proklamierten und für den 26. November eine Sißung anberaumten. Es kam nicht zu diefer Sißung. Die Arbeiter-Delegaten traten fofort nach Auflöfung des Zentralkomites zufammen und befchloffen. einen provifori

fchen Föderalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation für Nordamerika zu gründen. ' Ein Komite wurde ernannt. das die Beglaubigungs fchreiben der Delegaten zu prüfen hatte. Man befchloß. nur Sektionen aufzunehmen. die fich aus 'mindeftens zwei Drittel Lohnarbeitern zufammenfeßten. L. Ruppcl. ein 156

Lehrer aus Williamsburg. wurde als protokollierender Sekretär. Wm. Nicholfon als Schaßmeifter. F. A. Sorge als korrefpondierender Sekretär für auswärts und für Berichte an den Generalrat. Fr. Bolte als korrefpondie render Sekretär für das Inland und C. Speher als Sekretär der Monatsberichte erwählt.

Es waren Delegaten von 14

Sektionen anwefend. die in diefer Weife der erften Födera tion der Internationalen Arbeiter-Affociation beitraten. Die Delegaten der gegnerifchen Seite hatten fich unter der Hand dahin verftändigt. der erften Sißung des provi forifchen Föderalrates beizuwohnen und an der Reorganifa tion der Internationalen Arbeiter-Affociation teilzuneh men. Das kam den Branchen der neuen Körperfchaft zu Ohren. Das Vorgehen der gegnerifchen Delegaten hätte natürlich nur zu einer Fortfeßung des Zentralkomites ge führt und hätte keine Löfung der Wirren gebracht. Man benachrichtigte alfo die Delegaten der Arbeiter-Sektionen. fich fchon um 2 Uhr im 10. Ward Hotel. dem Verfamm lungslokal. einzufinden und die Organifation zu vervoll ftändigen. Diefer Plan gelang. Als die gegnerifchen Dele gaten des früheren Zentralkomites erfchienen. war die Organifation fchon vollzogen.

Diefe proteftierten. wurden

aber aufmerkfam darauf gemacht. daß fie ja felbft der Auf löfung des Zentralkomites zugeftimmt hätten und daß der proviforifche Föderalrat eine vollftändig neue Organifation mit neuen Statuten und Regeln fei. Wollten fie aufge nommen werden. müßten fie Beglaubigungsfchreiben bei bringen. Das wollten oder konnten die Anhänger der Sek tion->12 nicht und der proviforifche Föderalrat zog fich zuru . Am 4. Dezember veröffentlichte der proviforifche Föde ralrat ein Zirkular. in welchem er die Sachlage folgender maßen fchildert: ..In dem Zentralkomite. welches eine Abwehr gegen alle Reformfchwindeleien fein follte. beftand fchließlich die Majorität aus fchon beinahe in Vergeffenheit geratenen Reformatoren und Volksbeglückern. und fo kam es.'daß.die Leute. die das Evangelium der freien Liebe predigten. brüderlichft neben denen faßen. welche die ganze Welt mit einer gemeinfamen Sprache beglücken wollen. Land '- Kooperativgefellfchaften. Geifterklopfer. Atheiften und Deiften. jeder fuchte fein Steckenpferd zu reiten. 157

Namentlich Sektion 12. . . . Der erfte Schritt. der hier getan werden muß. um die Bewegung zu fördern. ift: zu organifieren und gleichzeitig das revolutionäre Element anzuregen. welches in dem Gegenfaß der Intereffen des Arbeiters und des Kapitaliften liegt; . . . Die Delegierten der Sektionen 1. 4. 5. 7. 8. 11. 16. 21. 23. 24. 25 und andere Sektionen. nachdem fie gefehen. daß alles Bemühen.

diefem Unfug zu fteuern. vergeblich war. befchloffen des halb nach unbeftimmter Vertagung des alten Zentral Komites. ein neues zu gründen. welches aus wirklichen - Arbeitern befteht." Daß es übrigens der Sektion 12 und ihrem Anhang nur darum zu tun war. die Internationale für ihre befonderen Zwecke auszunüßen. zeigte fim u. a. auch darin. daß einige Wochen nach der Verfammlung des Zentralkomites. in wel cher das Nrotenfchreiben der Sektion 1 gegen den Aufruf der Sektion 12 auf den Tif>1 gelegt wurde. vom Generalrat in London die Nachricht eintraf. daß Sektion 12 fich fchon vor Monaten an den Generalrat gewandt und verlangt

habe. daß man ihr die Führerfchaft über die Internationale in Amerika übertrage. Diefe Korrefpondenz der Sektion 12 war fo geheim gehalten worden. daß das Zentralkomite und die anderen Sektionen erft durch die Mitteilung des Generalrats. fowie durch die Refolution. in der Leßterer das Anfinnen der Sektion 12 abwies. von der Sache erfuhren. Troß des klaren Wortlauts der Refolution des General rats erklärte Sektion 12. daß der Generalrat ihren An fchauungen zugeftimmt habe. Die Delegaten der Arbeiter Sektionen fandten einen fcharfen Proteft an den General rat. weil diefer in der Sache entfchieden habe. ohne das Zentralkomite von der Sache zu unterrichten. 4.

Der „Vrinee (Spring) Street Council.“

Einige Tage nach dem 3. Dezember. in welchem fich der proviforifche Föderalrat i'm 10. Ward Hotel konftitniert hatte. brachten die New Yorker Zeitungen die Nachricht. daß fich ein zweiter ..Föderalrat“ der Internationalen Arbeiter ?lffociation in Amerika gebildet habe. der in No. 100 Prince

Street. New York. feine Verfammlungen abhalte. 158

Die

neue Körperfchaft fei.-.te fich aus den Vertretern jener Sek tionen zufammen. die mit Sektion 12 zum neugebildeten proviforifchen Föderalrat im 10. Ward Hotel nicht zuge laffen worden waren. So beftanden alfo zwei gleichnamige Varteibehörden. die fich beide an den Generalrat in Lon don wandten. um diefem die Entfcheidung zu überlaffen. Der proviforifche Föderalrat forderte Anerkennung bis zum Kongreffe. der für die Vereinigten Staaten für 1872 ein berufen werden follte. Gleichzeitig verlangte er die Sufpen fion der Sektion 12 bis zum nächften allgemeinen Kongreß. Während der proviforifche Föderalrat auf alle öffentliche Tätigkeit verzichtete. bis der Generalrat feine Entfcheidung getroffen hatte. gingen die Anhänger der Sektion 12 eifrig ans Werk. um neue Sektionen zu gründen. was ihnen durch .die Untätigkeit des proviforifchen Föderalrats erleichtert wurde. Der größte Teil derfelben hatte aber nur eine Scheinexiftenz und viele von ihnen hatten nicht einmal ge nügend Mitglieder. um ihre Beamten erwählen zu können. Auch fonft entwickelte der ..Prince Street Council“. wie die Körperfchaft genannt wurde. eine rege Tätigkeit. die indeß mehr auf Marktfchreierei. als auf wirkliche Agitationsarbeit gerichtet war. Viele der Wortführer diefes Councils ftan den mit der bürgerlichen Preffe in Verbindung und fie nuß ten diefe Verbindung in der fenfationellften Weife aus. wie fie denn überhaupt beftrebt waren. ihre Namen ftets vor die Oeffentlichkeit zu bringen. In Wafhington fand eine bürgerliche Frauenftimm rechts-Konvention ftatt und drei Vertreter des Prince Street Councils - Drurh. Banks und Davis - nahmen daran teil. Auch fuchte man.wieder mit der Nationalen Arbeiter-Union Verbindung anzuknüpfen. obgleich diefe damals fchon weit mehr Farmer- und Kleinbürgerpartei war. als Arbeiter-Organifation. In der Organifierung der Arbeiter aber wurde fo gut wie nichts geleiftet. wollte man wohl auch nichts leiften. da die Anhänger der Sektion k1)2 mit den Arbeitern fo fchlechte Erfahrungen gemacht atten. Der Senfationshafcherei diefer Leute kam ein Vorfall ge legen. der fich bald nach der Bildung der beiden gegnerifchen

Föderalräte abfpielte. -

*7

159

Am 28. November 1871 waren in Paris die Kommu narden Ferrs Roffel und Bourgeois hingeri tet worden. nachdem man fie nach erfolgtem Todesurtei noch zwölf Wochen lang im Gefängnis gehalten hatte. Niemand glaubte mehr an die Hinrichtung und man erwartete allge mein die Begnadiguna der Verurteilten. Als nun die Nach richt von der Erfchießung von Ferre und Genoffen bekannt wurde. erhob die ganze amerikanifche Preffe ihre Stimme gegen diefe Barbarei und das Verfahren der Republik ..Thiers“ wurde in den fchärfften Ausdrücken verdammt. Die internationalen Sektionen franzöfifcher Sprache in New York befchloffen. den Hingerichteten eine Trauer Demonftration zu widmen. und da fie in der Mehrheit fich dem Prince Street Council angefchloffen hatten. wandten fie fich an diefen um Beteiligung. Man nahm dort die Sache eifrig in die Hand und be-' fchloß. die Trauer-Demonftration am Sonntag. den 10. Dezember abzuhalten. Es wurde ein Aufruf erlaffen und die Polizei von dem beabfichtigten Umzug in Kenntnis gefeßt. Am 8. Dezember befchloß die Polizeikommiffion New Yorks. den Trauerumzug nicht zu geftatten. und beauf tragte den Polizeichef. denfelben auf alle Fälle zu verhin dern. Am Samstag Morgen erfchien der Polizei-Ukas in den Tagesblätterm welche faft fämtlich fich tadelnd über das Verbot ausfprachen.

Am Abend desfelben Tages hielt

der Prince Street Council eine Sißung. worin befchloffen wurde. fich der Gewalt zu fügen und die Trauerprozeffion am erften Weihnahtstage. am Montag. den 25. Dezember. abzuhalten. Einige Delegaten indes. befonders jene der amerikanifchen Sektion 9. New York. wollten fich diefem Vefchluffe nicht fügen und ihren Umzug auf jede Gefahr hin am urfprünglich beftimmten Tage. am folgenden Sonntag alfo. abhalten. Mit Fahnenftangen. aufgerollten Fahnen ufw. verfehen. zogen fie dann am beftimmten Tage (10. Dezember) vereinzelt heran und wurden. als fie einen geordneten Marfch bilden wollten. von der Polizei ausein andergefprengt. wobei fechs Teilnehmer verhaftet und bis zum nächften Morgen im Gefängnis feftgehalten wurden. Der Richter. dem fie vorgeführt wurden. entließ fie fofort ohne Weiteres. Es mag erwähnt werden. daß die Polizei nicht blos in voller Stärke ausgerückt war. um die Demon 160

ftration zu verhindern. fondern daß man auch noch vier Milizregimenter in Bereitfchaft hielt. Ießt nahm die ganze Preffe New Yorks Stellung gegen die Polizeikommiffion. Der Council fchickte Komites zu der Volizei und zum Gouverneur und das Verbot wurde zurück genommen. Am nächften Sonntag fand dann der Umzug ftatt. an dem mehrere taufend Perfonen teilnahmen. Von gewerkfchaftlichen Organifationen beteiligten fich indes nur die Anftreicher (knjuterg' 800iet7) und die Thpographen-Union an der Demonftration. Auch die Workjnglnen'e. Ünj0n. der Arbeiter-Centralkörper der Stadt. war durch ein Komite vertreten. Im übrigen feßte fich der Trauerzug aus den Sektionen der Internationale zufammen. die zum Prince Street Council gehörten. fowie aus Flüchtlingsvereinen der Franzofen. Cubaner und Irländer. Auch eine Kompagnie Neger-Miliz beteiligte fich an dem Umzuge. Der Trauerzug wie das vorhergehende Eingreifen der Polizei machten Auffehen und brachten die Internationalen in aller Munde. was zunächft dem Prince Street Council der hinter der Demonftration ftand. zugute kam und diefen ftärkte. 5.

Das Eingreifen des Generalrats.

Am 5. und 12. März 1872 befchäftigte fich der General rat in London mit der Spaltung in der Föderation der Ver einigten Staaten. Man befchloß. die beiden Föderalräte aufzufordern. fich wieder zu vereinigen und bis zum Zufam mentritt eines amerikanifchen allgemeinen Kongreffes als proviforifcher Föderalrat zu wirken. Als Datum diefes Kongreffes wurde der 1. Iuli 1872 empfohlen und erklärt daß diefer Kongreß einen neuen Föderalrat zu ernennen und die Nebengefeße und Regeln für die Organifation der Internationalen Arbeiter-Affociation in den Vereinigten Staaten zu befchließen habe. Die Sektion 12. New York. wurde vom Generalrat bis zum nächften allgemeinen Kongreß -der Internationale fufpendiert. weil fie ..nicht nur einen förmlichen Befchluß gefaßt hat. nach welchem ..jede Sektion das unabhängige Recht“ befißt. nach ihrem Belieben ..die Verhandlungen der 161

verfchiedenen Kongreffle“ und die ..Generalftatuten und Regeln“ zu deuten. fondern auch überdies vollftändig im Einklang mit diefem Grundfaß gehandelt hat. welches. wenn allgemein beobachtet. von der Internationalen Arbeiter Affociation nichts als den Namen übrig laffen würde.“ Weiter befhuldigte der Generalrat die Sektion 12. daß fie ..nicht aufgehört habe. die Internationale Arbeiter Affociation zum Werkzeug und Träger von Zwecken zu machen. welche den Zielen und Aufgaben der Internationa len Arbeiter-Affociation teils fremd. teils entgegenge feßt feien. Von Intereffe in den Befchlüffen des Generalrats in diefer Angelegenheit ift noch der Hinweis darauf. daß ..die gefellfchaftlichen Zuftände der Vereinigten Staaten. obgleich in vielen Punkten dem Erfolg der Arbeiterbewegung äußerft günftig. ganz befonders das Eindringen von Scheinreformern. bürgerlichen Ouackfalbern und politifchen Schacherern in die Internationale Arbeiter-Organifation erleichtern und daß der Generalrat deshalb empfiehlt. in Zukunft keine amerikanifchen Sektionen aufzunehmen. welche nicht..wenigftens zu zwei Dritteln aus Lohnarbeitern beftehen.“ Die Entfcheidung des Generalrats wurde vom provifo rifchen Föderalrat fofort anerkannt und Schritte einge leitet. um dem Wunfche nach einer Wiedervereinigung nachzukommen; obgleich man fich durchaus klar war. daß an ein gedeihliches Zufammenarbeiten mit dem Reformer element nicht zu denken fei. Der Prince Street Council legte die Entfcheidung des Generalrats auf den Tifch und erklärte am 21. April die Sufpenfion der Sektion 12 für ungültig. Doch fuchte man eine Einigung mit dem provi forifchen Föderalrat. Man fandte ein Komite. beftehend aus Elliot. Millot und Bertrand. um dem proviforifchen Föderalrat eine Refolution zu unterbreiten. die eine Wie dervereinigung vorfchlug. die Wahl neuer Beamten ver langte und die Einfeßung eines gleichen Komites empfahl. Das Komite weigerte fich aber. die Refolution des General rats als Bafis der Vereinigung anzuerkennen. Elliot beantwortete die Frage hiernach mit der Gegenfrage. ob die andere Seite ungefeßliche Befchlüffe des Generalrats anerkennen würde. 162

Der Widerftand der Anhänger der Sektion 12 gegen die Vereinigung war zum Teil darauf zurückzuführen. daß Eccarius in London fich mit ihnen gegen die Majorität im Generalrat in Verbindung gefeßt hatte. So fchrieb er ihnen z. B.. daß Mitglieder des Generalrats demfelben gewiffe Papiere und Berichte. die auf die Streitfrage Bezug hatten. vorenthalten habe. und es war diefer Brief. der die Anhänger der Sektion 12 bewog. die Refolutionen de? Generalrats nicht anzuerkennen. Die Verhandlungen zur Vereinigung wurden troßdem fortgefeßt. aber ftets unter der Vorausfeßung. daß die Anhänger des Prince Street Councils die Befchlüffe des Generalrats anzuerkennen hätten. Verfchiedene Zufammen kiinfte fanden ftatt. die zu keinem Refultat führten. Am 5. Mai ging ein Komite des proviforifchen Föderalrat? wie derum zum Prince Street Council. der aber nur auf eine Wiedervereinigung eingehen wollte. wenn diefelbe he dingungslos erfolgen könne. Man wollte die Entfcheidung des Generalrats nicht anerkennen. befonders auch nicht deffen Sufpendierung der Sektion 12. deren Delegat troß diefer Sufpendierung immer noch dem Council angehörte. Einige der Delegaten erklärten offen. daß die Internatio nale keine Arbeiter-Organifation fei. fondern eine Organi fation für Iedermann. daß die Mittelklaffe. Boße. Bankiers ufw. nicht nur hineinkommen follten. fondern hineinkom men mü ß t en. weil ihre Kenntniffe zum Vorteil der un wiffenden Arbeiter nötig fei. Bei einer folchen Haltung war natürlich an eine Vereinigung nicht zu denken und der proviforifche Föderalrat brach die Verhandlungen ab. Seit dem Eintritt der Spaltung hatten die Anhänger der Sektion 12 in direkter Verleßung des Londoner Kon ferenzbefchluffes. welcher gebot. alle inneren Angelegenhei ten der Affociation nur innerhalb der Sektionen und Föde rationetn und nicht vor dem großen Publikum zu behandeln. die Berichterftatter der New Yorker Preffe zu allen ihren Verhandlungen zugezogen und dafür geforgt. daß die ganze Angelegenheit in den Bourgeois-blättern befprochen wurde. Dasfelbe gefchah jeßt. als man gegen den Generalrat und deffen Entfcheidung losfuhr. Die bürgerliche Preffe wurde von den Anhängern der Sektion 12 veranlaßt. zu erklären daß die Sache ein Streit fei zwifchen den Deutfchen und 163 .

Franzofen oder zwifchen den Deutfchen und Amerikanern und die Gegner jubelten über den Zwift in der Inter nationale. Dabei hob man aber in der Preffe noch mehr als in Verfammlungen hervor. daß die Internationale Arbeiter-Affociation keine Arbeiter-. fondern eine ..Bür

ger“-Gefellfchaft fei. Schon am 16. Dezember 1871 hatte ihr Organ. 77006111111 ein() C'lattin'e Neekly. erklärt: ..Bei unferem Komite braucht nicht nachgewiefen zu werden. daß zwei Drittel oder irgend welcher Bruchteil einer Sektion Lohnfklaven find. als ob es ein Verbrechen wäre. frei zu fein/. und am 4. Mai 1872 erklärte dasfelbe Blatt wie der: ..In dem Dekret des Generalrats entblödet man fich nicht. zu empfehlen. daß in Zukunft keine amerikanifche Sektion zugelaffen werden foll. die nicht aus mindeftens zwei Drittel Lohnfklaven befteht. Müffen fie auch politifche Sklaven fein? Das eine ift fo gut wie das andere. Die Eindrängung von ..Schwindelreformern. Volksbeglückern Bourgeoisquackfalbern und politifchen Schacherern“ ift ge rade am meiften zu befürchten von derjenigen Klaffe von Bürgerin die von nichts anderem zu leben haben. als vom Ertrag der Lohnfklavereil“ Man leugnete alfo nicht blos den Klaffencharakter der Internationale. fondern ftellte fich auch direkt auf bürger lichem Boden gegen die Kämpfe der Arbeiter. Das ehrliche Element. das bisher noch zu den Freunden von Victoria Woodhull gehalten hatte. begann fich von dem Prince Street Council abzuwenden. ein Prozeß. der befchleunigt wurde durch einen Vorgang. der über die Pläne der Re former keinerlei Zweifel mehr laffen konnte. 6.

Die Apollo-Konvention und ihre Folgen.

Schon längere Zeit hatte die Anhängerfchaft Victoria Woodhull's auf einen großen politifchen Coup hingearbeitet. Die Präfidentfchaftswahl ftand vor der Tür. Schon am 2. März 1872 hatte Whaoctbut] ami (lle-.Mitre Weekly einen Artikel veröffentlicht. in dem es u. a. hieß: ..Es wird augenblicklich ein Vorfchlag beraten. hier im Mai aus Ver tretern der verfchiedenen reformerifchen Elemente des Landes eine große allgemeine Verfammlung abzuhalten. Wer weiß. wenn' diefe Verfammlung klug handelt. ob nicht 164

die Refte der verftorbenen demokratifchen Partei ans Tages licht kommen und daran teilnehmen. Alle Radikalen foll ten dort vertreten fein.“ Dasfelbe Blatt enthielt dann Woche für Woche Aufrufe an alle Weltverbefferer. ..Arbeits-. Grundbefiß-. Friedens und Mäßigkeitsreformer. Internationale. Frauenftimm rechtsvertreter und alle. die da glauben. daß die Zeit ge kommen ift. die Prinzipien wahrer Moralität und Religion auszuführen.“ Diefe Aufrufe waren in erfter Linie von Victoria Woodhull. dann aber auch von Th. H. Banks. R. W. Hume. G. R. Allen. W. Weft. G. W. Maddock. T. Mill'ot. kurz allen Hauptwortführern des Prince Street Councils unterzeichnet. Es handelte fich darum. eine politifche Partei zu fam meln. an deren Spiße Victoria Woodhull ftehen follte. Am 10. Mai trat die Konvention zufammen. fie war von der Frau Woodhull einberufen. Die Verfammlung tagte in ..Apollo Hall“ in New York und war von etwa 500 Delegaten aus 22 Staaten der Union befchickt. unter ihnen die Hauptwortführer des Prince Street Council. die die Sektionen 9. 12 und 35 der Internationalen Arbeiter Affociation vertraten. Frau Woodhull wurde als Kandida tin für die Präfidentfchaft der Vereinigten Staaten aufge ftellt und der Neger Fred Douglas als Kandidat für die Vize-Präfidentfchaft. Die von der Frau Woodhull aus gearbeitete Platform. die von der Konvention angenommen wurde. enthielt allerlei Reformforderungen. wie Straf rechtsreform. Frauenftimmrecht. Schaffung einer Handels marine und ähnliche Dinge mehr. Von eigentlichen Arbei terforderungen wurde in der Prinzipienerklärung nur der gefeßliche Achtftundentag verlangt. Die Verhandlungen und der ganze Verlauf der Konvention. wie auch die Quali tät der anwefenden. Delegaten - Männer und Frauen mit den verfchrobenften Ideen und Plänen - überlieferten die Teilnehmer dem Fluche der Lächerlichkeit. Der Humbug der Apollo-Konvention öffnete auch den Mitgliedern der Internationale die Augen. die bisher im mer noch nicht hatten fehen wollen. Die franzöfifche Sek tion 2 in New York feßte ihren Delegaten zum Prince Street Council ab. In der Sißung vom 5. Mai hatte diefe Körperfchaft die Sufpenfion der Sektion 12 durch den 165

Generalrat für null und nichtig erklärt. In der folgenden Sißung. am 12. Mai. zogen fich die franzöfifchen Sektionen 2 und 10 vom Prince Street Council zurück. nachdem Sek tion 2 auf Antrag von Millot eine Refolution angenommen hatte. in der man fich einftimmig gegen die Apollo-Konven tion.

gegen

die Präfidentfchaftskandidatur von Victoria

Woodhull und Fred. Douglas ausfprach und erklärt hatte. daß die Sektion 2 zwar für das Frauenftimmrecht fei. daß das aber erft in zweiter Linie käme. Die erfte Aufgabe der Internationale in Amerika fei für den Augenblick die Zu fammenfaffung und Organifation der Arbeiterklaffe unter einem gemeinfamen Banner. Dem Austritt der franzöfifchen Sektionen aus dem Prince Street Council folgten am 19. Mai fünf weitere Sektionen. unter ihnen auch die beiden einzigen deutfchen. die fich den Woodhull-Leuten angefchloffen hatten. Unter ihnen befand fich Sektion 6. die einige recht gute Elemente enthielt. die perfönlicher Gegenfäße halber aus der Sek tion 1 (A. D. A. V.) ausgetreten waren. Unter ihnen befanden fich A. Vogt und S. Meher. die mit F. A. Sorge's Haltung. der in Sektion 1 großen Einfluß gewonnen hatte. nicht einverftanden waren und deshalb zu Sektion 6 über traten. Diefen war es nach der Apollokonvention und bei dem Verhalten des Prince Street Council unmöglich ge macht. die bisherige Verbindung mit diefer Körperfchaft noch aufrecht zu erhalten. Sie feßten in der Sißung der Sektion 6 durch. daß der bisherige Delegat zum Council. Eduard Groffe. abgefeßt wurde und daß man befchloß. fich vom Council zurückzuziehen. bis er fich den Befchlüffen des Generalrats gefügt habe. Die perfönlichen Gegenfäße ver hinderten. daß die ausgefchiedenen Sektionen fich fofort wieder dem proviforifchen Föderalrat anfchloffen. der fich auch gewiffe taktifche Fehler hatte zu fchulden kommen laf fen. Man fprach von der Gründung eines dritten Föderal rats. zu der es indes nicht kam. Im Prince Street Coun cil blieben nur noch die amerikanifchen Sektionen mit einer Mitgliedfchaft zurück. die mehr bürgerlich als proletarifch war. Der Council beanfpruchte nach dem Austritt der Jranzofen. Deutfchen und Irländer noch 35 Sektionen im Lande. die indes meiftens nur auf dem Papier vorhanden waren und wenn fie überhaupt beftanden. nur fehr wenige 166

Mitglieder hatten. wie jene in Galvefton. New Orleans. San Francisco und anderswo. Der Verfuch der bürgerlichen Frauenrechtler in Amerika. die Internationale für ihre Zwecke zu benußen. war gefchei tert. freilich hatte die Affociation fchwer darunter gelitten. 7.

Der Kongreß in Philadelphia 1872.

Schon vor der Konvention in Apollo Hall hatte der Vrince Street Council einen Kongreß der amerikanifchen Internationalen Arbeiter-Affociation einberufen. ohne daß er die vom Generalrat anerkannte Föderation zur Teil nahme aufgefordert hatte. Der Aufruf zu diefem Kongreß trug die Unterfchrift: Nordamerikanifcher Föderalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation. Diefer Kongreß wurde am 9. und 10. Iuli 1872 in Philadelphia abgehalten. nachdem der Prince Street Coun cil. der unterdeß feine Sißungen nach Spring Street ver legt hatte und nun als der ..Spring Street Council“ be kannt wurde. am 16. Iuni fchon fich in aller Form vom Generalrat in London losgefagt hatte. Es waren auf dem Kongreß 13 Sektionen vertreten. von denen übrigens die meiften nur dem Namen nach exiftierten. Die Zahl der Delegaten betrug ebenfalls 13 und umfaßte in der Hauptfache die Leute aus dem Spring Street Coun cil. wie Elliot. Weft. Sheddon u. a. Das Komite. das man zur Abfaffung einer Prinzipien erklärung und zur Entwerfung einer Platform einfeßte. reichte einen Entwurf ein. deffen Einleitung vom Kongreß verworfen wurde. An Stelle deffen feßte man die Einlei tung der Allgemeinen Statuten der Internationale und fügte nach den ..Erwägungs“-Säßen derfelben hinzu: Aus -diefen Gründen erklären wir uns als die ..Amerikanifche Konföderation der Internationalen Arbeiter-Affociation.“ ..Während wir mit dem arbeitenden Volke der Welt uns in Harmonie befinden. refervieren wir uns doch das Recht. die fen Zweig der Internationalen Arbeiter-Affociation felbft zu ordnen ohne Diktation des Generalrats in London. England. ausgenommen fo weit.. als deffen Verordnungen mit den Befchlüffen der allgemeinen Kongreffe der Affocia tion übereinftimmen. auf denen wir vertreten fein können.“ 167

In der Platform. die der Kongreß annahm. waren die folgenden Forderungen aufgeftellt: 1. Die vollftändige Abfchaffung aller Klaffenherrfchaft und aller Klaffenprivilegien. 2. Vollftändige politifche und foziale Gleichheit für alle. ohne Unterfchied des Gefchlechts. des Glaubens. der Farbe und des Standes. .Tl Nationalifierung des Landes und aller Produktions mi e. 4. Reduktion der Arbeitsftunden. um Zeit für Aus bildung und Erholung zu erhalten. 5. Unentgeltliche. obligatorifche. weltliche. wiffenfchaft liche und profeffionelle Erziehung durch den Staat. 6. Die Religion wird durch die Affociation unbeachtet gelaffen; keine religiöfen Bekenntniffe oder Unterfchiede werden anerkannt. 7. Wir verlangen die Abfchaffung der ftehenden Armeen. weil fie zum Kriege provozieren. und erklären uns als Gegner des Kriegs. weil er die höchften Intereffen der Menfchheit zerftört. 8. Alleinige Geldausgabe der Regierung als gefeßliches und unverzinsliches Zahlmittel. 9. Wir erftreben die gefellfchaftliche Produktion an Stelle des gegenwärtigen Shftems der kapitaliftifchen Produktion. 10. Das Referendum. Gefeße follen dem Volke zur Annahme oder Verwerfung unterbreitet werden. Man fieht. daß das Programm nicht den g e f e ß l i ch en Achtftundentag verlangt. fondern nur eine ..Reduktion der Arbeitsftunden“. ohne feftzuftellen. ob das Gefeß dabei mit wirken folle oder nicht; eine unzweifelhafte Konzeffion an das bürgerliche Element. Die dritte Forderung des Pro gramms. die Nationalifierung des Landes und der Produk

tionsmittel. ift in der Platform noch mit der Erklärung verfehen. daß man diefe Forderung dahin zu verftehen habe. ..daß der Staat. fo fchnell als möglich. ohn e jem a n d Schaden zuzufügen. das Land und die arbeits fparenden Mafchinen. die dem Volke entfremdet worden find. in Befiß nehmen folle. um fo in der Lage zu fein. allen Arbeit zuzuwcifen. die fie bedürfen mögen.“ 168

Wie man jemand fein Land und feine Produktionsmittel nehmen und dem Staate überweifen will. ..ohne Iemanden zu fchädigen/ ift nicht weiter erklärt. Wahrfcheinlich wurde auch diefe Beftimmung nur in die Platform aufgenommen um das bürgerliche Element. das man gewinnen wollte. zufrieden zu ftellen. Der Organifationsplan. der vom Kongreß angenommen wurde. betonte. daß man den Zweck. den die Internationale Arbeiter-Affociation in diefem Lande vor Augen habe. nur dadurch erreichen könne. wenn man die Organifation den zivilen und politifchen Verhältniffen der Bürger der Verei nigten Staaten. fowohl Männer als Frauen. anpaffe. Und dementfprechend ahmte man die Organifation der politi fchen Mafchinen nach. die die großen bürgerlichen Parteien fich gefchaffen hatten. Von den übrigen Beftimmungen des Organifations planes ift nur noch jene hervorzuheben. die beftimmte. daß Gewerkfchaften der Internationalen Arbeiter-Affociation beitreten können. wenn fie die Iahresbeiträge zahlten. die ron den Sektionen verlangt werden.

Man beftimmte New York zum Siße des Föderalrats und befchloß. daß die Sektionen für jedes Mitglied jährlich 15 Cents an den Föderalrat zu zahlen haben follten. Dem vom Kongreß ernannten Föderalrat gehörten 24 Perfonen an. unter ihnen fämtliä')e bekannten Wortführer

der New Yorker Sektionen. Auch Iohn' McMackin. der fpäter in der Arbeiterbewegung New York's wie als Arbeitskommiffär des Staates New York eine keineswegs einwandsfreie Rolle fpielte. befand fich unter den Mitglie dern diefes Föderalrats. Der neue Föderalrat erhielt den Auftrag. eine ..genaue Darlegung der Streitigkeiten zu veröffentlichen. die fich zwifchen

dem

Generalrat in London und

verfchiedenen

Sektionen. fowohl in den Vereinigten Staaten als auch in England. erhoben haben und in deren Folge es nötig geworden ift. die Rechte der lokalen Selbftverwaltnng gegen einen Defpotismus zu verteidigen. wie er bisher in der Gefchicbte der Affociation unbekannt war.“

Nachdem der Kongreß dann noch Wm. Weft und Harriet A. Burton von Sektion 12 und Ifaac Rhen von Sektion 26.

Philadelphia. als Delegaten zu dem allgemeinen Kongreß 169

der Affociation. der für den Herbft 1872 nach Europa aus gefchrieben war. erwählt hatte. fchloß er feine Verhand lungen. Der in Philadelvhia gewählte neue Föderalrat konfti tuierte fich am 28. Iuli. Man wählte I. F. Elliott als englifchen. Le Grand als franzöfifchen und Uhlich als deut fchen Sekretär. Hobart wurde Schaßmeifter. In der nächften Sißung des Föderalrats kam der Aufruf zur Annahme. mit deffen Abfaffung die Konvention das leitende Komite beauftragt hatte. Das Schriftftück wandte fich an die arbeitenden Männer und Frauen der Vereinigten Staaten und enthielt eine Darlegung der Ziele und Beftrebungen der Internationalen Arbeiter-Affociation. wie fie fich im Kepfe der Verfaffer malten. Hiernach war die Internationale eine ..die Welt r-mfaffende Gewerkfchaft. die durch induftrielle Organifa tion und politifche Mitwirkung jene induftriellen und fozia len Aenderungen in den beftehenden Beziehungen zwifchen Unternehmer undArbeiter herbeizuführen fucht. die zur Emanzipation der Arbeit unerläßlich find.“ Nach einigen weiteren Ausführungen heißt es in demAufruf dann wörtlich: ..Die Internationale Arbeiter Affociation indeß. anders als die gewöhnlichen Gewerk fchaften fpezieller Berufe. fchließt niemand von der Mit gliedfchaft aus. Alle Perfonen find wünfchenswert. Unter nehmer und Arbeiter. alle Profeffionen und alle Klaffen. alle treffen fich auf derfelben Platform und fachen zufam men das gemeinfame Ziel zu erreichen. Die Gefellfchaft ift daher nicht Arbeiter-Affociation in dem Sinne genannt. der die Mitwirkung irgend jemandes ausfchließt. Im Gegenteil. fie ladet alle Männer und Frauen zur Mitwir kung ein. weil das notwendig ift zu ihrem Erfolge. Sie wird einfach Arbeiter-Affociation aus dem einzigen Grunde genannt. weil ihr großes Ziel die Befreiung der arbeitenden K-laffen ift. männlich und weiblich. induftriell und fozial. durch die Erringung politifcher Macht.“ Als Forderungen der Internationale werden bezeichnet: Die Nationalifierung- des Landes und der Produktions mittel; die Nationalifierung des Geldes; die Nationalifie rung der Erziehung; allgemeiner Friede und die Ab fchaffung aller Klaffem. Raffen- und Religionsunterfchiede. 170

Nach einer recht konfufen Darlegung der Mittel. die zur Durchfeßung diefer Forderungen nötig. kommt der Aufruf auch kurz auf die Streitigkeiten innerhalb der Affociation zu fprechen. wobei dem Generalrat in London alle Schuld da für zugewiefen. aber die Ueberzeugung ausgefprochen wird daß der kommende Kongreß in Holland die Gegenfäße ausgleichen werde. Es fcheint nicht. daß der Aufruf befonderen Erfolg gehabt hat. Kein Wunder eigentlich. denn er enthielt nichts. was die Arbeiter hätte veranlaffen follen. der Internationale beizutreten und.

nebenbei bemerkt.

hatten die leitenden

Geifter des Spring Street Föderalrats gerade damals durch ihr wahnwißiges Benehmen die Maffe der organifier ten Arbeiter geradezu gegen fich aufgebracht. Der Kampf um den Achtftundentag fchlug zur Zeit hohe Wogen in den Vereinigten Staaten und die meiften Ge werkfchaften. befonders auch die Bauarbeiter. waren im Ausftand begriffen. Da erfchien. am 5. Iuni 1872. in einer New Yorker Zeitung. im “Ztnt-'Ö der folgende Brief: ..Ich möchte allen Boßen und Kapitaliften. die der ?läßt ftundenbewegung opponieren. eine zeitgemäße Warnung zugehen laffen. Wir wjinfchen eine friedliche Beilegung der Sache. Aber eher. als daß wir uns der Niederlage und den zehn Stunden unterwerfen. während acht Stunden das Gefeß der Nation. des Staates und der Stadt ift. würden wir unfer Leben auf's Spiel feßen und ihre Fabriken und Häufer in Afche legen. Theo. H. Banks.“ Die Kapitaliften und die bürgerliche Preffe bemächtigten fich natürlich der Sache und fchlugen Lärm. Die durch den Brandbrief hervorgerufene Erregung fchadete der Sache der Striker ungemein und die organifierten Arbeiter erhoben

Broteft.

.

'

Am 10. Iuni nahm die “Working-mamo ÜnjmFK der New Yorker Arbeiter-Zentralkörper. in fchiirffter Weife Stellung gegen den veröffentlichten Brief. Man erklärte in einer Refolution. daß das Bank'fche Schreiben die Bewe gung. die es fördern wolle. gefchädigt habe.

da es ..eine

gerechte Entrüftung gegen die Maffe der Arbeiter hervor rief.“ Daß der Arbeiter-Zentralkörper ..in Gemeinfchaft mit allen ehrenhaften und ernften Arbeitern“ den ganzen Jnhalt des Briefes zurückweife und verdamme. Für Banks 171

und feinen Brief trat nun feine eigene Organifation. die Gewerkfchaft der Anftreicher. ein. Der Vorfall fchadete dem Rufe der Internationale unter der Maffe der amerikanifchen Arbeiterfchaft ungemein. Banks war im Spring Street Council einer der Tätigften gewefen. Er hatte auf der Apollo-Konvention eine hervor ragende Rolle gefpielt. war durch feine Beteiligung an Verfammlungen und Demonftrationen wie aus den Zei tungsberichten in weiten Kreifen als Vertreter der Inter nationale bekannt geworden. Sein Brandbrief kam nun natürlich auf Konto der Internationale. die in den Augen vieler Arbeiter jeßt als eine Organifation von Brand fliftern betrachtet wurde. worunter natürlich nicht nur jener Zweig der Affociation litt. dem Banks und feine Freunde angehörten. fondern auch die vom Generalrat anerkannte Föderation. Der vom Spring Street Council vertretene Zweig der Internationale ging als Organifation im Laufe des Iahres 1872 zugrunde. doch kamen die Perfonen. die diefen Coun cil bildeten. noch lange Zeit gelegentlich zufammen und feßten die ftiirende Tätigkeit in der amerikanifchen Bewe gung fort. Sobald irgend ein befonderer Vorfall unter der Arbeiterfchaft die öffentliche Meinung aufregte. tauch ten die fonft unfichtbaren Perfonen aus dem Spring Street Council auf. felten oder nie zum Vorteil der Bewegung. wie wir noch fehen werden.

WM

3. Kapitel

Die nordamerikanifche Föderation bis zum Haager Kongreß. 1.

Entwicklung der Organifation.

Die inneren Wirren und die Kämpfe mit den Anhängern der Frau Woodhull hatten die Bewegung. die einen fo viel uerfprechenden Anfang genommen hatte. in ihrer Entwick lung gehemmt. Es war das zweite Mal. daß die bürger liche Reformerei ftörend in die amerikanifche Arbeiterbewe gung eingriff. Hatten die Geldreformer die Nationale Arbeiter-Union auf falfche Bahnen getrieben. auf denen fie rafch dem Untergang entgegengeführt wurde. fo hatten die Reformer der verfchiedenften Richtungen. die fich um Victoria Woodhull fammelten. die Entwicklung der Inter

nationale geftört. Wie die Forderung der Geldreform die organifierten Arbeiter mit Mißtrauen gegen die Nationale Arbeiter-Union erfüllte. fo erzeugte das Herandrängen der bürgerlichen Reformelemente an die Internationale und das marktfchreierifche Wefen das Mißtrauen der Maffen der amerikanifchen Gewerkfchaften gegen die Affociation. Es mag fich nicht genau feftftellen laffen. in wie weit diefe bürgerliche Reformerei auf das einfeitige Beftreben der amerikanifchen Arbeiter eingewirkt hat. auf nu r gewerk fchaftlicihem Wege ihre Lage zu beffern. Sicher ift jeden falls. daß diefe Reformerei mit verantwortlich ift für diefe Einfeitigkeit der amerikanifchen Arbeiterbewegung. die bis zur jeßigen Zeit andauert. Bei Eintritt der Spaltung in der amerikanifchen Inter nationale hatten fich vierzehn Sektionen dem provifori fchen Föderalrat angefchloffen. der fpäter die Anerkennung des Generalrats in London erlangte. Diefe Sektionen feßten fich der Nationalität nach aus acht deutfchen. drei irifchen. zwei franzöfifchen und einer amerikanifchen zufam 173

men. Die deutfchen Sektionen befanden fich in New York und Umgegend. ferner in Chicago. Philadelphia und in San Francisco. Die irifchen waren alle in New York. Bald aber zog die ftärkfte irifche Sektion (No. 7) ihre Dele gaten vom proviforifchen Föderalrat zurück und damit ver loren auch die übrigen irifchen Sektionen ihren Halt. fodaß von diefer Spaltung an die Verbindung der irifhen Arbeiterfchaft mit der Internationalen Arbeiter-Affocia tion in Amerika überhaupt zu- Ende ging. wenn auch ein zelne

Sektionen

noch

fpäter

wieder vorübergehend

der

Föderation angehörten. Auch die franzöfifche Sektion 10 in New York zog ihre Delegaten bald nach der Spaltung zurück und zwar unter derfelben Angabe. wie die irifche Sektion 7. daß fie die Entfcheidung des Generalrats über die beiden Föderalräte abwarten wolle. Die deutfche Sektion 21 in Williamsburg zog im Ianuar 1872 ebenfalls ihre Delegaten zurück. Die deutfche Sektion 13 in New York. neben der Sektion 6 die einzige deutfche Abteilung der Internationalen Arbei ter-Affociation. die fich auf Seiten des Prince Street Council geftellt hatte. trat bald nach der Spaltung aus der Affociation aus. Schon am 7. Ianuar 1872 berichtete der .proviforifche Föderalrat darüber nach London: ..Sektion 13 (deutfch). die mit dem Prince Street Council ging. hat fich leßte Woche aufgelöft. Das ift nicht zu beklagen. weil die Mitglieder keine Arbeiter find. fondern fich aus fogez nannten unabhängigen Männern und Frauen rekrutieren.“ Setkticxknlt13 hatte fich aus dem früheren ..Freioenkerbund“ en wi e . Die Verlufte. die der proviforifche Föderalrat durch den Austritt der verfchiedenen Sektionen erlitt. wurden aber

bald durch neue Sektionen ausgeglichen. Am 17. Dezember 1871 wurde berichtet. daß in Paterfon und Philadelphia je eine neue franzöfifche Sektion gegründet wurde. in Chicago eine fkandmavifche. in San Francisco eine englifche. eine zweite deutfche in Philadelphia und eine dritte deutfche in Chicago. der dortige ..Sozial-.politifche Arbeiter-Verein.“ Gleichzeitig wurde befchloffen. die Sektionen nicht mehr. wie bisher. mit laufender Nummer zu verfehen. fondern fie nach den Orten zu nummerieren. New York 1. 2 ufw. Am

31. Januar wurde eine zweite englifche Sektion in San .174

Francisco zugelaffen. und am 3. März berichtete man über die Gründung einer fkandinavifchen Sektion in New York. Jm Mai und Iuni bildeten fich in St. Louis eine deutfche und eine englifche und in Baltimore die erfte deutfche Sektion. , Der proviforifche Föderalrat feßte fich um diefe Zeit _ im Mai 1872 - aus folgenden Perfonen zufammen: Robert Bliffert. Carl Speher. Konrad Carl. Chas. Prait fchmg. H. W. Siebert. E. Pilforth. St. Clair. L. P. Weffelgreen. R. Starke. Ferd. Hill(z und B. Dettle. Korre fpondierender Sekretär war F. Bolte. F. A. Sorge war Anfang des Iahres als Delegat der Sektion 1 zurückgetre ten. Die Gegenfäße im Generalrat zu London. in der Hauptfache beranlaßt durch das Verhalten von .Sales und Eccarius. ftörten zur Zeit des proviforifchen Föderalrats die Beziehungen zwifchen New York und London in derfel ben Weife. wie zur Zeit des Zentralkomites. Eccarius hielt nach wie vor feine Verbindungen mit den Leuten des Spring Street Council aufrecht und wirkte im Generalrat zu deren Gunften. Als Gegenleiftung forgte man für Auf nahme der Korrefpondenzen Eccarius' in der bürgerlichen Preffe New York's. wobei leßterer fich foweit vergaß. daß er z. B. Berichte über die Londoner Konferenz von 1871 in der “Plen- 701-k Marici" veröffentlichte mit Befchlüffen. deren Geheimhaltung man ausdrücklich beftimmt hatte. Schon in feinem Bericht an den Generalrat vom Ianuar 1872 befchwerte fich der proviforifche Föderalrat bitter über die Intriguen in London und über die Haltung des Gene ralrats. Befonders proteftierte man auch dagegen. daß der Generalrat ..einen Spezialfekretär - für eine Nationalität in diefem Lande“ ernenne. ..wenn befagte Nationalität mit der Internationalen Arbeiter-Affociation in diefem Lande in Verbindung fteht.“ Der Generalrat hatte nämliä) einen fpeziellen franzöfifchen Sekretär für die Vereinigten Staa ten ernannt. Auch verlangte der proviforifche Föderalrat. daß der Generalrat nur durch den proviforifchen Föderal '

rat mit den amerikanifchen Sektionen verkehre.

Der Generalrat leitete daraufhin Schritte gegen Ecca rins und Hales ein. Am 29. Mai 1872 fchricb erfterer an den proviforifchen Föderalrat durch das Mitglied Le Mouffou: ..Der Generalrat hat in feiner Sißung vom 20. r 175

Mai mich angewiefen. dem ..Föderalrat für Nordamerika“ (Prince Street Council) die

demfelben

von

Hales und

Eccarius gefchriebenen Briefe abzuverlangen. Zu gleicher Zeit hin ich (Le Mouffou) proviforifch zum Sekretär für Amerika ernannt worden. Der Generalrat hat einmütig -

gegen drei Stimmen - entfchieden.,daß Ihr Föderalrat allein mit ihm in Ordnung und folglich der einzige von ihm anerkannte fei.“ Es ift wohl kaum nötig. zu erwähnen. daß der Prince Street Council es ablehnte. die gewünfchte Korrefpondenz dem Generalrat zurückzufchicken. Sowohl die Entfcheidung des Generalrats. als auch die ganze Situation innerhalb der amerikanifchen Interna tionale -zwangen zur Einberufung eines Kongreffes. um die infolge der Spaltung eingeriffenen Wirren beizulegen und die Agitation zu beleben. Am 5. Mai befchloß der proviforifche Föderalrat. daß man nichts mit dem Kongreß. den der Spring Street Council nach. Philadelphia einberu fen hatte. zu tun haben und keine Delegaten dorthin fenden wolle. Am 19. Mai berief man einen Kongreß auf den 8. Iuli 1872 nach dem ..10. Ward Hotel“ in New York. und wandte fich gleichzeitig in einem Aufruf an die Arbeiter Amerikas. in dem man die Entftehung und den Verlauf der Streitigkeiten innerhalb der Internationale darlegte und die Arbeiter-Sektionen der Vereinigten Staaten zur Be fchickung diefes Kongreffes aufforderte. Die Sektionen. die fich nach der Frauenrechtskonvention in Apollo Hall von dem Prince Street Council loslöften. wurden zum Wieder anfchluß aufgefordert. In der Zeit zwifchen der Spaltung und dem Kongreß war naturgemäß die Tätigkeit des proviforifchen Föderalrats durch die Streitigkeiten ziemlich lahmgelegt und wenig konnte für die Agitation und Organifation gefchehen. Im Jnlande hielten zwar die einzelnen Sektionen die Organi fationstätigkeit aufrecht und die Vermehrung der Sektionen um diefe Zeit ift in der Hauptfache diefer Tätigkeit zuzu fchreiben. Mit dem Auslande verkehrte man nur durch den Generalrat. Der proviforifche Föderalrat erfuchte im Iuni 1872 u. a. den Generalrat. hülfreiche Hnd zu leiften gegen die amerikanifchen Unternehmer. die damals befonders für dcn Kohlenbau maffenhaft europäifche Arbeiter kontraktlich 176

'WG Amerika fchafften. um billige Arbeitskraft zu erhalten und die Lebenshaltung ihrer eigenen Arbeiterklaffe herab zufeßen. 2.

Der erfte Kongreß der Nordnmerikanifchen Föderation.

Der erfte Kongreß der amerikanifchen Föderation der - Jnternationalen Arbeiter-Affociation trat am 6. Iuli im 10. Ward Hotel in New York zufammen. Der proviforifche cFöderalrat hatte die Verfammlung auf folgender Grund lage einberufen: Da jede Zulaß begehrende Sektion genaue Liften ihrer Mi glieder und Quittung über Zahlung der Iahresbeiträge liefere. mindeftens zwei Drittel Lohn arbeiter zähle und die Befchlüffe des Generalrats in Lon don über die Streitigkeiten in Amerika anerkenne. - Als Aufgabe des Kongreffes hatte der proviforifche Föde ralrat die Wahl eines definitiven Föderalrats bezeichnet. ferner die Schaffung von Statuten und Regeln für die

Föderation in Amerika und die Beratung der Stellung die die Internationale gegenüber den politifchen Parteien diefes Landes einzunehmen habe. Auch die Frage. ob der vom Generalrat in London ausgefchriebene allgemeine Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affociation in Europa durch Delegaten aus Amerika befchickt werden folle oder ob man eine Denkfchrift an diefen Kongreß fenden wolle. war zu erledigen. Es waren auf dem Kongreß 22 Sektionen durch 23 Delegaten vertreten. Die Zahl der gutftehenden Mitglieder diefer Sektionen betrug 950. eine ftattliche Zahl angefichts der kurzen Exiftenz der Organifation und der alle Organi fationsarbeit lähmenden Streitigkeiten. Von den Sektio nen hatte die Sektion 2. New York (franzöfifch) . die größte Zahl von Mitgliedern. über hundert. und war deshalb zu zwei Delegaten berechtigt. Im übrigen überwog das deutfche Element bedeutend. Von den 22 vertretenen Sektionen waren 12 deutfche. 4 franzöfifche. 3 englifch fprechende und je eine irifche. italienifche und fkandi navifche. Von bekannteren Mitgliedern der Organifation waren

als Delegaten anwefend: K..Carl. Hermann Meher. F. I. Bertrand. Carl Klings aus Chicago. R'. Starke. P. Haß aus 177

Philadelphia. C. Speher. F. A. Sorge. Fr. Bolte und C. Osborne Ward als Vertreter einer amerikanifchen Sektion iu Brooklhn. In den feitens des proviforifchen Föderalrats erftatteten Berichten wurde über die Streitigkeiten mit der Sektion 12 und ihrem Anhang Auskunft gegeben und über die Samm lungen. die man für verfchiedene Zwecke in den Vereinigten Staaten vorgenommen hatte. Hiernach wurden für die Kommune-Flüchtlinge nach Genf 1400 Franken gefandt. nach London 750 Dollars. nach' Chicago an die Abge brannten 166 Dollars. nach Pennfhlvania an die ausftän digen Bergleute 67 Dollars; kleinere Summen waren nach Connecticut-für einen Steinbrecher-Streik. nach Deutfch land und anderswo gefchickt worden. Die Beratung der zu f chaffenden Organifation und deren Statuten und Regeln nahm den größten Teil der Zeit des Kongreffes in Anfpruch. der vom 6. bis zum 8. Iuli tagte. Der proviforifche Föderalrat hatte einen diesbezüg lichen Entwurf eingereicht. der in der Hauptfache zur An nahme kam. Es follte darnach ein Föderalrat aus neun Mitgliedern gebildet werden. Es wurde befchloffen. daß . die Sektionen fich zu mindeftens drei Vierteln aus Lohn arbeitern zufammenfeßen müßten. um Anerkennung zu erhalten. Den Sektionen wurde eingefchärft. fich ftrenge innerhalb ihrer beftimmten Wirkfamkeit zu halten. nämlich die ..Organifation und Zentralifation der arbeitenden Maffen zu gegenfeitigem Schuße. Förderung und vollftän digen Befreiung der Arbeiterklaffe.“ Befonders wurden auch regelmäßige ftatiftifche Erhebungen über die Lage der Arbeiter und der Arbeit anempfohlen. Die Sektion 1. New York. hatte dem Kongreß ein diesbezügliches Schema ein gereicht. das die Zuftimmung des Kongreffes fand. Auch wurde den Sektionen empfohlen. mit den Gewerkfchaften gutes Einvernehmen zu halten und deren Gründung zu fördern. Die Beiträge wurden auf 10 Cents jährlich an den Föderalrat feftgeftellt und alle Sektionen erfucht. Bei ftandskaffen zu errichten. aus denen gemaßregelte Mitglie der unterftüßt werden follten. Die englifche Sektion 2 in San Francisco hatte dem Kongreß eine Denkfchrift über die Frage der Chinefen Einwanderung unterbreitet. in welcher man fich gegen den 178

gewaltfamen Import chinefifcher Arbeiter nach Californien trandte. Der Kongreß kam zu keiner klaren Stellungnahme wich vielmehr der Beantwortung der Frage aus. Er k-efchloß mit Bezug auf die Chinefen-Einwanderung nach mehreren Erwägungsgründen.

die fich befonders auf den

tatfächlichen Zuftand der Sklaverei bezogen. in dem die importierten Chinefen fich befanden. das folgende: Wir im Kongreß verfammelten Arbeiter proteftieren gegen die Sklaverei in jeglicher Form und Benennung. Wir appellieren an die'gefammte Arbeiterklaffe Ame rikas. den nötigen Druck auf die Regierung auszuüben zur Ergreifung von Maßregeln. welche die Kapitaliften ebebnfowohl zur Beobachtung der Gefeße nötigen. wie die L r eiter. Wir verdammen die pflichtvergeffene Handlungsweife des Minifters des Innern. welcher das Shftem der Skla verei unter Schädigung der Intereffen der Arbeiterklaffe begünftigt. Ueber die Frage der Stellung der Internationale zu den bürgerlichen Parteien in den Vereinigten Staaten fprachen das frühere Mitglied der Parifer Kommune. S. Dereure. und Richard in franzöfifch. C. Osborne Ward und R. Bliffert in englifch und C. Klings in deutfch. Die Vorlage des proviforifchen Föderalrats wurde einftimmig zum Vefchluß erhoben. Diefelbe hatte folgenden Wortlaut: In Anbetracht. daß alle politifchen Parteien in den Verei nigten Staaten. unter welchen Namen fie auch immer beftehen mögen. als Radikale. Liberale. Republikaner. Demokraten. Schußzöllner. Freihändler. Arbeitsreformer ete. blos Zweige der herrfchenden Klaffe find. welche den Befiß der Regierungsgewalt anftreben; Daß. wenn auch ihre fogenannten Platformen verfchie den fein mögen. diefelben doch alle darin einig find. die Ausbeutung der arbeitenden Klaffe durch das Shftem der Lohnarbeit und deffen Folgen beizubehalten und zu ver

längern; Daß die Internationale Arbeiter-Affociation gegründet worden ift. um die arbeitende Klaffe zu befreien von ihrer ökonomifchen Unterwerfung unter diejenigen. welche alle

Arbeitsmittel monopolifiert haben; 179

Daß die Emanzipation der Arbeiter unmöglich ift in der heutigen Gefellfchaft. deren politifche Form repräfentiert wird durch die verfchiedenen Parteien. deren Exiftenz ..Sklaverei der arbeitenden Klaffen“ bedeutet; Aus diefen Gründen und im Einklang mit den General Statuten der Internationalen Arbeiter-Affociation Einleitung 3 und 4 - ift es die Pflicht der Arbeiter in diefem Lande: 1) Die Arbeiter von dem Einfluß und der Macht der politifchen Parteien zu befreien* und zu "zeigen. daß die Exiftenz diefer Parteien gefährlich und ein Verbrechen gegen die arbeitende Klaffe ift; 2) Die Arbeiter zu einer gemeinfchaftlichen Aktion zu vereinigen in ihrem eigenen Intereffe." ohne die korrupte Organifation der herrfchenden Parteien nachzuahmen. Der vierte Punkt der Tagesordnung. die Befchickung des durch den Generalrat in London ausgefchriebenen allge meinen Kongreffes in Europa. führte zu einer heftigen Debatte. Der Generalrat hatte am 29. Mai diesbezüglich an den proviforifchen Föderalrat gefchrieben: ..Der nächfte Kon greß wird im September einberufen. der Ort ift noch nicht beftimmt. Diefer Kongreß wird über die Organifation der Internationale zu entfcheiden haben. Die ..Allianz“ und die unter ihrem Einfluß befindlichen belgifchen. italieni fchen. fchweizerifchen und fpanifchen Sektionen wollen den Generalrat abfchaffen oder ihn zu einer Null herabfeßen. um die öffentliche und offizielle Organifation den geheimen Umtrieben der ..Allianz“ und der Diktatur ihres Hauptes. des Ruffen Bakunin. zu überliefern;“ Es handelte fich für den New Yorker Kongreß nun um Stellungnahme zu diefer Frage. die fchon wegen der In ftruktionen. die man den zu wählenden Delegaten zum allgemeinen Kongreß mitzugeben hatte. nicht zu umgehen war. Mit den franzöfifchen Sektionen der Vereinigten Staaten aber hatte die ..Allianz“ fchon Verbindungen angeknüpft; auch die Blanquiften hatten dort einige Anhänger. So kam es. daß die Delegaten der franzöfifchen Sektionen. befonders jene der Nummer 2 und 10. New York. und 42. 180

Weft Hoboken. fich fcharf gegen die Befcbickung des allge meinen Kongreffes wandten. indem fie erklärten. der New Yorker Kongreß habe als folcher kein Recht. Delegaten zu 1Wicken; nur die Sektionen hätten diefes Recht. Schließlich wurde mit einer Majorität von 18 gegen 4 Stimmen befchloffen. zwei Delegaten auf Koften der ge famten Föderation nach dem Haag zu fenden. wohin unter deß der allgemeine Kongreß berufen war. Weiter befchloß man mit 17 gegen 5 Stimmen. die einzelnen Sektionen der Föderation aufzufordern. außerdem Mandate an bewährte Parteigenoffen in Europa zu übertragen. Zur Jnftruktion der Delegaten zum Haager Kongreß nahm die Verfammlung eine Refolution an. mit der die amerikanifche Föderation fich gegen die Umtriebe der Allianz und ihres geiftigen Hauptes erklärte und fich auf den Standpunkt des Generalrats in London ftellte. Der Kongreß erwählte Simon Dereure und F. A. Sorge als Delegierte zum Kongreß. Der Föderalrat wurde ange wiefen. die zur Deckung der Unkoften diefer Delegation nötigen Steuern innerhalb acht Tagen auszufchreiben. Als Siß des Föderalrats wurde New York beftimmt und diefer angewiefen. den nächften Kongreß der Nordamerika nifchen Föderation für Iuni 1873 zu berufen. Weiter befchloß man. daß der Föderalrat aus 3 Dentfchen. 2 Fran zofen. 2 Englifchredenden und je einem Skandinavier und Italiener beftehen folle. Gewählt wurden: K. Carl. F. Bolte. F. I. Bertrand. (Deutfchel; Leviele und David (Franzofen). S. Cavanagh und E. T. St. Claire (eng lifch). Laurel (Schwede) und Cetti (Italiener). Damit waren die Arbeiten des erften Kongreffes der Internationalen Arbeiter-Affociation auf amerikanifchem Boden beendet. . Der neue Föderalrat.

Der neugewählte Föderalrat konftituierte fich fofort. wählte F. Bolte zu feinem Generalfekretär und betraute S. Cavanagh. F. Bertrand und David mit den übrigen Aemtern. Es galt nun. die Koften aufzubringen. die die Entfendung der beiden Delegaten nach dem Haag der Föde ration auferlegte. Man befchloß. die Sektionen zu beauf 181

tragen. von jedem Mitglied eine Extrafteuer von 55 Cents zu diefem Zweck einzuziehen. Die franzöfifche Sektion 2 in New York weigerte fich. die auferlegte Steuer von ihren Mitgliedern zu erheben. wobei fie fich auf den Standpunkt ftellte. den fie fchon auf dem New Yorker Kongreß vertreten hatte. daß nämlich nur die

Sektionen. nicht auch die Föderation ein Recht zur Be fchickung des Kongreffes habe. Am 4. Auguft wählte Sektion 2 einen eigenen Delegaten zum Haag und betraute Sauva mit dem Mandat. Nach langen Verhandlungen nahm darauf der Föderalrat eine Refolution

an.

die die

Sektion 2 wegen Nichtbeachtung der Befchlüffe des New Yorker Kongreffes von der Föderation fufpendirte und die ganze Angelegenheit dem Kongreß im Haag überwies. Sektion 2 erklärte fich dann gegen beide Föderalräte. Die franzöfifche Sektion 10. New York. die auf dem New Yorker Kongreß denfelben Standpunkt eingenommen hatte wie Sektion 2. erhob am 9. Auguft in einem Schreiben an den Generalrat Proteft gegen die Wahl der Delegaten zum Haag durch den Kongreß. weigerte fich indeß nicht direkt. die ausgefchriebene Steuer zu zahlen. Die Gelder kamen aber fo langfam ein. daß der Föderalrat gezwungen war. An leihen aufzunehmen. um die Koften der Befchickung des Kongreffes zu decken. Während der Abwefenheit der Delegaten zum Haager Kongreß herrfchte im Föderalrat nur wenig Tätigkeit. Man erklärte das in einem Bericht an den Generalrat damit. daß die Verhandlungen im Haag über das Schickfal der Inter nationale zu entfcheiden haben werde und daher alles von den dort gefaßten Befchlüffen abhänge. man deshalb die Entwicklung der Dinge abwarten müffe. Freilich fcheinen nicht alle Mitglieder diefe Untiitigkeit des Föderalrats für gerechtfertigt gehalten zu haben. Hermann Meher fchrieb im November 1872: ..Der Föderalrat hat wahrlich Un mögliches in Untätigkeit geleiftet.“ Die Untätigkeit des Föderalrates wurde von den Sek tionen geteilt. Mehrere Sektionen gingen ein und viele verloren

an

Mitgliedern.

Nirgends herrfchte

befondere

Tätigkeit. In einem Bericht. den der Föderalrat am 7. Dezember 1872 an den Generalrat richtete. heißt es 182

darüber: ..Zwei von den Sektionen. die au dem Kongreß vertreten waren. haben fich aufgelöft. eine eutfche in St. Louis und eine englifche in San Francisco. Die Sektion 42 in Weft Hoboken. fcheint's. exiftiert nicht. und No. 10 und 7 in New York und No. 1 in Brooklhn find mindeftens zweifelhaft.

Die Sektionen 11 und 13 haben fich zu einer

Sektion No. 8 New York verbunden. Neu hinzugekommen ift Sektion 1 in Bofton (franzöfifch). Was die Sektionen im allgemeinen anlangt. fo muß bemerkt werden. daß. fo groß die Tätigkeit auf dem Kon greß war. fo groß ift die Untätigkeit der Sektionen. befon ders in anderen Staaten. geworden. Sie beantworteten nur felten die ihnen gefchickten Briefe. Es fcheint. daß der Kongreß alle Energie der Sektionen abforbiert hat und .eine Reaktion eingetreten ift. die die Tätigkeit des Föderalrats fowohl als die der Sektionen lähmte. Vergebens hat der Föderalrat verfuchß den Organifationsplan. den der Kon greß angenommen hat. in Kraft zu feßen. Die Schwierig keiten find teils auf die Vräfidentfchaftswahl in diefem Herbft zurückzuführen. Die Zahl der Mitglieder in den verfchiedenen Sektionen hat mit einigen Ausnahmen. foweit dem Föderalrat bekannt. eher ab- als zugenommen.“ Derfelbe Bericht erwähnt noch. daß fowohl in New York als auch in San Francisco Lokalkomites in Bildung begrif fen feien. Einer der hauptfäch-lichften Gründe für den Stillftand der Organifationsarbeit der Internationalen in den Ver einigten Staaten um diefe Zeit war wohl darin zu finden. daß die erften Anzeichen einer ökonomifchen Krife fich ein

ftellten.

Nicht blos die Internationale. auch die Gewerk

fchaften. befonders jene in New York. befanden fich um diefe Zeit in fchlechtem Zuftande. Die Achtftundenbewegung war fehlgefchlagen und die großen Anftrengungen. die einige Unions zur Durchfeßung der Arbeitszeitverkürzung gemacht hatten. hatten ihre Kraft und ihre Kaffen erfchöpft und viele Organifationen befanden fich beträchtlich in der Auflöfung. . War es da ein Wunder. daß diefer Zuftand der Dinge

auch auf die Internationale zurückwirkte? 1 8-3

4. Kapitel

Die Lage der Affociation in Europa. 1.

Verfolgungen.

Die Niederwerfung der Parifer Kommune war für die Regierungen Europas das Signal zu einer allgemeinen Verfolgung der Internationalen Arbeiter-Affociation. Kaum waren die blutigen Maitage von 1871 vorüber. als auch fchon Iules Favre ein Rundfchreiben über die Kom mune an die franzöfifchen Gefandten im Auslande erließ. in dem er zur Vernichtung der Internationale aufforderte. ..Wie der Name der Gefellfchaft fagt.“ fo hieß es in diefem Dokument. ..wollten die Gründer der Internationale die Nationalitäten auslöfchen und vermengen zu einem ge meinfamen höheren Intereffe. Man konnte anfangs glau ben. daß diefer Gedanke nur durch Gefinnungen des Frie dens und 'der Gegenfeitigkeit eingegeben fei. Die offiziellen Dokumente ftrafen diefe Vorausfeßung völlig Lügen. Die Internationale ift eine Gefellfchaft des Krieges und des Haffes; fie hat zur Grundlage den Atheismus und den Kommunismus. zum Ziele die Vernichtung des Kapitals und derjenigen. welche es befißen. als Mittel die brutale Gewalt des großen Haufens. die alles zerdrücken foll. was zu widerftehen verfuGt; ihre Verhaltungsmaßregeln find die Negation aller Prinzipien. auf welcher die Zivilifa-tion beruht. Wir fordern. fagen fie in ihrem offiziellen Blatte am 25. März 1869. die direkte Gefeßgebung des Volkes durch das Volk. die Abfchaffung des individuellen Erb rechtes für Kapitalien und Arbeitswerkzeuge. die Ueber tr-eifung des Bodens an den Kollektivbefiß. Die Verbin dung erklärt fich für atheiftifch. fagt der Generalrat von

London. der fich im Iuli 1869 konftituierte. fie will die Abfchaffung des Gottesdienftes. die Erfeßung des Glaubens durch die Wiffenfchaft. der göttlichen Gerechtigkeit durch die menfchliche. die Abfchaffung der Ehe. . . . Sie verlangt 184

vor allem Abfchaffung des Erbrechtes. damit in Zukunft der Genuß mit der Vroduktion eines jeden gleich fei. Um alle individuelle Tätigkeit. wie alles individuelle Eigentum zu vernichten. um die Nation unter dem Ioche einer Art blutigen Monarchismus') zu erdrücken und daraus eine unermeßliche. durch den Kommunismus verarmte und verdummte Horde zu machen. bewegen verirrte und berderbte Menfchen die Welt. verführen die Unwiffen den und fchleppen die allzu zahlreichen Sektierer mit fich. welche in der Wiedererweckung diefer ökonomifchen Albern heiten Genuß ohne Arbeit und Befriedigung ihrer fchlechte ften Wiinfche zu finden hofften. Europa fteht einem Werke der Zerftörung gegenüber. welches gegen alle Nationen gerichtet ift. aus welchen es zufammengefeßt ift und gegen die Prinzipien felbft. auf welchen alle Zivilifation beruht/.") Iules Favre fälfchte in feinem Rundfchreiben. Er unter ftellte dem Programm und den Statuten der Internationale die Forderungen der geheimen ..Allianz“ Bakunin's. Dem Rundfchreiben Favre's folgte in Frankreich ein Ausnahmegefeß gegen die Internationale. in den übrigen Ländern Verfolgungen aller Art. Im Februar 1872 erließ der fpanifche Minifter des Aeußern ein Rundfchreiben an die Mächte. worin zu gemeinfamen Schritten gegen die Affociation aufgefordert wurde. die ..allen Ueberlieferungen der Menfchheit ins Geficht fchlägt. welche Gott aus dem Geifte auslöfcht. Familie und Erbnachfolge aus dem Leben ftreicht. Nationen aus der zivilifierten Welt. und nur nach der Wohlfahrt der Arbeiter auf Grund einer allgemeinen Verbindung ftrebt.“ Die Regierung Englands lehnte die fpanifche Zumutung in einem Schreiben ab. das am 8. März 1872 erlaffen und von dem Minifter des Aeußern. Greenville. unterzeichnet wurde. ..Kraft der beftehenden Gefeße Großbritanniens.“ fo hieß es da. ..haben alle Aus länder das unumfchränkte Recht. diefes Land zu betreten und fich hier aufzuhalten; und während fie hierbleiben.. ftehen fie in gleichem Grade wie die britifchen Untertanen unter dem Schuße des Gefeßes; auch können fie nicht anders . *) Anarchismus? D. V. **) R. Mever. Emanzipation-?kompi des vierten Standes. Berlin 1875. Band l1. S. 719-720.

185

bcftraft werden. als für einen Verftoß gegen das Gefeß und kraft des Urteilsfpruches der ordentlichen Gerichtstribunale nach einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkennt nis. welhes fich auf die in offenem Gerichtshofe beigebrach ten Beweife ftüßt. Keine Ausländer können als folche von der exekutiven Regierung des Landes verwiefen werden. mit Ausnahme von Perfonen. welche auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechfelfeitiger Auslieferung von Kri minalverbrechern weggefchafft werden.“ Troß diefer Erklärung Granville's konnte Karl Marx in einer Generalratsfißung im Dezember 1871 mitteilen. daß er von einer Perfon. die mit dem englifchen Minifterium des Innern eng verbunden fei. Nachricht erhalten habe. daß die Regierung auf Verlangen der Regierung Frankreichs gegen einige der franzöfifchen Flüchtlinge vorzugehen gedenke. da fie gemeiner Vergehen befchuldigt feien. Die franzöfifche Regierung fuchte durch die Drohung. den abgelaufenen Handelsvertrag mit England nicht erneuern zu wollen. ihrem Verlangen Nachdruck zu geben. ohne Erfolg indes. In klarer Weife find die Verfolgungen. die die euro päifchen Regierungen nach den Kommunetagen gegen die Internationale einleiteten. in dem ..offiziellen Bericht“ ge fchildert. den der Generalrat der Affociation an den Haager Kongreß fandte. Da heißt es: ..Am 6. Iuni 1871 erließ Iules Favre fein Zirkular an die auswärtigen Mächte. welches die Auslieferung der Kommunemitglieder als gemeine Verbrecher verlangte und aufrief zu einem Kreuzzug gegen die Internationale als Feindin der Familie. der Religion. der Ordnung und des Eigentums - fo angemeffen vertreten in feiner eigenen

Verfon. Oefterreich und Ungarn nahmen das Stichwort fogleich auf. Am 13. Iuni wurde eine Razzia angeftellt gegen die angeblichen Führer des Pefter Arbeitervereins: ihre Papiere wurden mit Befchlag belegt. fie felbft ver haftet und wegen Hochverrat verfolgt. Verfchiedene Dele gierte der Wiener Internationale. gerade auf Befuch in Weft. wurden nach Wien zur weiteren Maßregelung abge führt. Beuft verlangte und erhielt von feinem Reichsrat noch nachträglich 3.000.000 Gulden ..zu Ausgaben für politifche Informationen. die. wie er klagte. mehr als je unentbehrlich geworden infolge der gefährlichen Ausbrei 186 4

tung der Internationale über ganz Europa.“ Von da an verfiel die Arbeiterklaffe in Oefterreich-Ungarn einer wah ren Schreckensherrfchaft. Selbft in den leßten Todes krämpfen klammert die öfterreichifche Regierung fich noch ängftlich feft an ihr altes Vorrecht. den Don Ouixote der europäifchen Reaktion zu fpielen. ..Wenige Wochen nach Iules Favres Zirkular fchlug Dufaure feiner Iunkerkamnier ein jeßt zu Recht beftehendes Gefetz vor. wonach es ein Verbrechen ift. der Internationa len Arbeiter-Affociation anzugehören oder auch nur ihre Prinzipien zu teilen. ..Als Zeuge vor der Iunkerkommiffion über Dufaures Gefeßvorfchlag prahlte Thiers. daß das Gefeß feinem eige nen gefcheidten Hirn entfprungen fei. Cr zuerft habe die unfehlbare Panacee entdeckt. daß man die Internationale behandeln müffe. wie die fpanifche Inquintion die Keßer behandelt hat. Aber fogar in diefem Punkt fteht's fchlecht mit feinem Anfpruch auf Originalität. Lange bevor er zum Gefellfchaftsretter ernannt worden war. war die wahre Jurisprudenz. die den Internationalen von der herrfchenden Klaffe gebührt. von den Wiener Gerichtshöfen feftgeftellt. Am 26. Iuli 1870 wurden die hervorragendften Männer der öfterreichifchen Arbeiterpartei wegen. Hochverrats zu mehreren Iahren fchweren Kerkers mit emem Fafttag m jedem Monat verurteilt. Folgendes waren die Urteils gründe: ..Die Gefangenen geben felbft zu. das Programm des deutfchen Arbeiter-Kongreffes zu Eifenach (1869) ange nommen und darnach gehandelt zu haben. Dies Pro gramm fchließt das Programm der Internationale ein. Die Internationale bezweckt die Emanzipation der Arbeiter klaffe von der Herrfchaft der befißenden Klaffe und von politifcher Abhängigkeit. Diefe Emanzipation ift unver träglich mit den beftehenden Einrichtungen des öfterreichi fchen Staats.

Alfo. wer die Grundfäße des internationa

len Programms annimmt und unterbreitet. begeht eine verleitende Handlung zum Umfturz der öfterreichifchen Regierung und ift demnach des Hochverrats fchuldig.“ ..Am 27. November wurde das Urteil über die Mitglieder des Braunfchweiger Ausfchuffes gefällt. Es wurden ihnen Gefängnisftrafen von verfchiedener Dauer auferlegt. In 187

den Motiven bezog fich der Gerichtshof ausdrücklich auf die ?Begründung des Wiener Urteils als auf einen Präzedenz

a . ..In Peft wurden die Angeklagten des Arbeitervereins. nachdem fie beinahe ein Iahr lang ähnliche fchmachvolle Behandlung erduldet. wie die britifche Regierung fie den Feniern angetan hatte. am 22. April 1872 vor Gericht geftellt. Hier verlangte der Staatsanwalt die Anwendung der in Wien feftgeftellten Iurisprudenz. Der Gerichtshof

fprach jedoch frei. ..In Leipzig wurden den 27. Mai 1872 Bebel und Liebknecht zu 2 Iahren Feftungshaft verurteilt wegen vor bereitender Handlungen zum Hochverrat. ..Die Begründung war diefelbe. wie die des Wiener Ur teils. Nur wurde in diefem Falle die Iurisprudenz der Wiener Richter beftätigt durch den Wahrfpruch fächfifcher Gefchworener. ..In Kopenhagen verhaftete man am 8. Mai diefes Jahren die drei Mitglieder des Zentralkomites Brir.

Pio

und Geleff. und zwar weil fie ihren feften Entfchluß bekundet hatten. troß eines Polizeiverbots eine Verfamm lung unter freiem Himmel abzuhalten.

Nach der Verhaf

-tung wurde ihnen mitgeteilt. daß die fozialiftifchen Ideen an fich fchon mit dem Beftehen. des dänifchen Staates un vereinbar feien und daß deshalb die bloße Verbreitung derfelben ein Verbrechen gegen die dänifche Verfaffung ausmache. Immer wieder die Iurisprudenz des Wiener Gerichtshofes. Die Angeklagten find jeßt noch in Unter fuchungshaft. ..Die belgifche Regierung. vorteilhaft bekannt durch ihre fhmpathifche Antwort auf Iules Favre's Auslieferungs verlangen. beeilte fich. ihrer Deputiertenkammer durch Malou eine heuchlerifche Nachdrucksausgabe des Dufaure' fchen Gefeßes vorzulegen. ..Seine Heiligkeit Papft Pius 1LC. fagte in einer Anrede an eine aus Schweizer Katholiken beftehende Deputation: ..Eure Regierung. welche republikanifch ift. hält fich für verpflichtet. ein fchweres Opfer für das. was man Freiheit nennt. zu bringen. Sie gewährt einer Anzahl von Leuten der fchlimmften Sorte das Afhlrecht. fie duldet

jene

Sekte

der

Internationalen. 188

welche

ganz

Europa

behandeln möchte. wie fie Yaris behandelt hat. Diefe .Herren von der Internationale. die gar keine Herren find. find zu fürchten. weil fie für die Rechnung des ewigen Feindes Gottes und der Menfchen arbeiten. Was hat man davon. wenn man fie befchüßt? Man muß für fie beten.“ Erft hängt fie. dann betet für fiel ..Unterftüßt von Bismarck. Beuft und Stieber. kamen die Kaifer von Oefterreich und Deutfchland Anfang September 1871 in Salzburg zufammen. um eine heilige Allianz fo hieß es - gegen die Internationale Arbeiter Affocia

tion zu ftiften: ..Solch eine europäifche Allianz'I er klärte Bismarck's Privatmoniteur. die ..Norddeutfche Allgemeine ZeitungT ift die einzig mögliche Rettung des Staates. der Kirche. der Gefittung. mit einem Worte alles deffen. was die europäifchen Staaten konftituirt.“ Bismarcks wirklicher Zweck war natürlich fich Allianzen für feinen bevorftehenden Zweck mit Rußland zu fichern und die Internationale wurde Oefterreich nur vorgehalten. wie man einem Stier ein Stück rotes Zeug vorhält

..Lanza unterdrückte die Internationale in Spanien durch ein einfaches Dekret. Sagafta erklärte in Spanien fie für außerhalb des Gefeßes. vielleicht hoffte er fich fo mit dem englifchen Geldmarkte auf einen befferen Fuß zu ftellen. Die ruffifche Regierung. feit der Emanzipation der Leib eigenen auf das gefährliche Auskunftsmittel angewiefen heute dem populären Andrängen furchtfame Konzeffionen zu

machen. um fie morgen wieder zurückzunehmen. fand in dem allgemeinen Heßruf gegen die Internationale einen Vor wand zur Verfchärfung der Reaktion im Innern. Im Aus lande hoffte fie hinter die Gcheimniffe der Affociation zu kommen. Es gelang ihr in der Tat. einen Schweizer Richter zu finden. der in Gegenwart eines ruffifchen Spions eine Hausfuchung vornahm in der Wohnung Outinäs. eines ruffifchen Internationalen und früheren Redakteurs der Genfer Egalite. des Organs unferer Schweizer romanifchen Sektion. Die republikanifche Regierung der Schweiz felbft wurde nur durch die Agitation der Schweizer Internationale verhindert. Flüchtlinge der Kommune an Thiers auszu liefern. ..Schließlich bewies die Regierung des Herrn Gladftone. außerftande in Großbritannien einzufchreiten.- wenigftens 189

ihren guten Willen durch den Polizei-Terrorismus. den fie in Irland gegen unfere in der Bildung begriffene Sektion ausübte. und durch den Befehl an ihre auswärtigen Ver treter. Informationen über die Internationale einzuziehen. ..Aber alle Unterdrückungsmaßregeln. die der vereinigte Regierungsverftand von Europa auszuklügeln imftande war. verfchwanden vor dem Verleumdungskrieg. den die Lügen

kraft der zivilifierten Welt unternahm. Apokrhphe Ge fchichten und Geheimniffe der Internationale. fchamlofe Fälfchung von öffentlichen Dokumenten und Privatbriefen.

Lärm-Telegramme ufw. folgten rafch aufeinander; alle Schleufen der Verleumdung. die der käuflichen Bourgeoifie preffe zur Verfügung ftanden. wurden auf einmal geöffnet und ließen eine Sintflut von Niedertracht los. die den ver haßten Feind erfäufen follte. Diefer Verleumdungskrieg findet nicht feines gleichen in der Gefchichte. fo wahrhaft international ift der Schauplaß. auf dem er fpielt. und fo vollftändig ift das Einverftändnis. womit die verfchiedenen Parteiorgane der herrfchenden Klaffen ihn führen. Nach dem großen Brande von Chicago kündigte denfelben der Telegraph an. rund um die Erde. als die höllifche Tat der Internationale. und es ift in der Tat wunderbar. daß man den Orkan. der Weftindien verwüftete. nicht ihrem dämoni

fchen Einwirken zufchrieb . . .“ ' 2.

Innere Wirren.

Der Vernichtungsfeldzug. den die europäifchen Regie rungen gegen die Internationale eingeleitet hatten. machte eine öffentliche agitatorifche Tätigkeit der Affociation und ihrer Mitglieder in vielen Fällen unmöglich' Wie ftets. wenn in einer Verbindung aus irgend einem Grunde die

öffentliche Betätigung lahmgelegt ift. fich der Tätigkeitstrieb der Mitglieder in Intriguen und inneren Streitigkeiten Luft macht. fo auch in der Internationale nach- der Kommune. Das Wirken der Feinde der Affociation im Innern voll endete. was die Regierungen begonnen hatten. Die “Wii-mee (ie 1a Bäumerniir'. 80ein1iote". jene geheime Organifation innerhalb der internationalen Ar beiter-Affociation. an deren Spiße Michael Bakunm ftand. 190

hatte dem Generalrat zwar ihre Auflöfung angezeigt. un ter der Hand aber hatte fie fich wieder gebildet und feßte

ihre zerfeßende Wirkfamkeit fort. Die prinzifiellen Gegen fäße fchlugen in perföuliche Gegenfäße um und in der Schweiz. in Italien. in Spanien. und. wie wir gefehen ha ben. auch in Amerika. wurde ein Feldzug der Verleumdung und des Haffes gegen den Generalrat und die maßgebenden Perfonen desfelben inauguriert. Es bildeten fich zwei Richtungen. Die eine. die fich gegen jede Autorität inner halb der Organifation wandte. vertrat die unbefchränkte in

dividuelle Freiheit in den Sektionen. fowie die vollftändige Unabhängigkeit der Sektionen in den Föderationen. Der Generalrat follte diefer Richtung keine leitende Körperfchaft. fondern nur ein Korrefpondenzbureau fein. Die andere Richtung trat für eine feftgeformte Organifation ein. wandte fich gegen die geheimen Verfchwörungspraktiken. der die andere Richtung huldigte und vertrat den Standpunkt. daß angefichts der allgemeinen Verfolgung der herrfchenden Klaffe eine Vermehrung der Vollmachten des Generalrats. nicht eine Verminderung derfelben nötig fei. Auf der Delegiertenkonferenz- der Affociation. die im Sep tember 1871 in London ftattfand. hatte man einen Befchluß angenommen. der fich mit der politifchen Wirkfamkeit der 2i'lZrbeilterktlaffe befchäftigte. Diefer Befchluß hatte folgenden ort au :

..In Erwägung. daß es im Eingang der Statuten heißt: ..Die ökonomifche Emanzipation der Arbeiterklaffe ift der große Endzweck. dem jede politifche Bewegung als Mittel unterzuordnen ift“; daß die Inauguraladreffe der I. A. A. (1864) befagt: ..Die Herren des Grund und Bodens und die Herren des Kapitals werden ihre politifchen Vorrechte ftets ausbeuten zur Verteidigung und Vereinigung ihrer ökonomifä'jen Monopole; weit davon entfernt. die politifche Emanzipation der Arbeiter zu fördern. werden fie fortfah ren. ihr jedes mögliche Hindernis in den Weg zu legen. Die Eroberung der politifchen Macht ift daher zur großen Pflicht der Arbeiterklaffe geworden“. daß der Kongreß von Lau fanne (1867) erklärt hat: ..Die foziale Emanzipation der Arbeiter ift untrennbar von ihrer politifchen Emanzipa tion.'; daß die Erklärung des Generalrats über das angeb

191

liche Komplott der franzöfifchen Internationale am Vor abend des Plebiszits (1870) folgende Stelle enthält: ..Nach dem Wortlaut unferer Statuten haben alle unfere Zweige in England. auf dem Kontinent und in Amerika unzweifelhaft die ausdrückliche Aufgabe. nicht nur Mittel punkte für die ftreitbare Organifation der Arbeiterklaffe zu bilden. fondern in ihren bezüglichen Ländern ebenfalls jede politifche Bewegung zu unterftüßen. die zur Erreichung un feres Endziels dient _ der ökonomifchen Emanzipation der Arbeiterklaffe“; daß falfche Ueberfeßungen der Original ftatuten Mißdeutungen veranlaßt haben. die der Entwick

lung und der Wirkfamkeit der I. A. A. fchädlich waren. ..In Erwägung. daß die Internationale einer zügellofen Reaktion gegenüberfteht. welche jedes Emanzipationsftreben der Arbeiter fchamlos niederdrückt. und durch rohe Gewalt den Klaffenunterfchied und die darauf gegründete politifhe 'Herrfchaft der befißenden Klaffen zu verewigen fucht; ..Daß die Arbeiterklaffe gegen diefe Gefamtgewalt der ?lefißenden Klaffe nur als Klaffe handeln kann. indem fie ich felbft als befondere politifche Partei konftituiert. im Gegenfaß zu allen alten Parteibildungen der befißenden Klaffen; ..Daß diefe Konftituierung der Arbeiterklaffe als poli tifche Partei unerläßlih ift für den Triumph der fozialen Revolution und ihres Endzieles - Abfchaffung der Klaffen; ..Daß die Vereinigung der Einzelkräfte. welche die Ar beiterklaffe bis zu einem gewiffen Punkt bereits durch ihre ökonomifchen Kämpfe hergeftellt hat. auch als Hebel für ihren Kampf gegen die politifche Gewalt ihrer Ausbeuter zu dienen hat; ..Aus diefen Gründen erinnert die Konferenz alle Mit glieder der Internationalen. ..Daß in dem Kriegszuftand der Arbeiterklaffe ihre öko nomifche Bewegung und ihre politifche Betätigung un trennbar verbunden find.“ _ Diefe befondere Betonung der Notwendigkeit der politi fhen Aktion der Arbeiter erregte natürlich befonders die Oppofition Iener. gegen die der Befchluß gerichtet war. der Bakuniften alfo. die in der weftlichen Schweiz fich von der ..romanifchen Föderation“ abgefpalten und eine eigene (juraffifche) Föderation gebildet hatten. Schon im April

192

1870 hatten die Bakuniften auf dem Föderations-Kongreß in La Chaux-de-Fonds erklärt: ..Iede Teilnahme des Proletariats an der bourgeoifen gouvernementalen Politik kann nur die Befeftigung des beftehenden Zuftandes zur Folge haben und die revolutionäre foziale Aktion des Pro lelariats hemmen; deshalb follen fich alle Sektionen jeder Tätigkeit enthalten. die die foziale Umwandlung durch poli t1fche Reformen zum Zwecke hat und alle ihre Tätigkeit auf die Gründung von föderierten Berufsverbänden richten.“ Bei folchen Anfchauungen mußten natürlich die Be fchlüffe der Delegiertenkonferenz in London in der juraffi fchen Föderation Widerftand finden und auf ihrem Kongreß in Sonvilliers beftritten fie die Legalität der Londoner Konferenz und ihrer Befchlüffe. Sie forderte die Einberu fung eines allgemeinen Kongreffes und die Aufrechterhal tung der Autonomie der Sektionen. denen der Generalrat

nur als Korrefpondenzbureau vorftehe. Diefen Befchlüffen ftimmte der belgifche Regional kongreß. der im Dezember 1871 in Brüffel zufammentrat. teilweife zu und auch der fpanifche Föderalkongreß im April 1872 trat den belgifchen Befchlüffen bei. Auf ihrem Kon greß im Mai 1872 in Locle erneuerte die Iuraffifche Föde ration ihren Proteft gegen die Befchlüffe der Londoner Konferenz. verlangte fofortige Bekanntgabe des Ortes für den nächften allgemeinen Kongreß und fprach von dem ..Kampfe. nicht minder unverföhnlich. als der Kampf gegen die Bourgeoifie. zwifchen dem autoritären Sozialismus und dem anti-autoritären oder föderaliftifchen Sozialismus.“ Am 10. Iuli 1872 berief der Generalrat den allgemei nen Kongreß für den 2. September nach dem Haag. Ein Kongreß der belgifchen Föderation betonte am 14. Iuli. daß der Generalrat fich nicht in die inneren Angelegenheiten der Sektionen zu mifchen habe. Cine Konferenz italienifcher Sektionen. die im Augut in Rimini abgehalten wurde. wandte fich gegen jede emeinfchaft mit dem Generalrat und fchlug einen ..anti-autoritären“ Kongreß für den 2. September nach Neufzchatel vor. Die Iuraffier hielten am 18. Auguft einen au erordentlichen Kongreß in La Chaux de-Fonds ab. auf welchem fie erklärten. daß das ..föderative Prinzip“ das leitende Prinzip der Internationale fein müffe. Man befchloß die Befchickung des allgemeinen Kon 193

greffes durch zwei Delegaten. denen man ein gebundenes Mandat mitgab. nach welchem fie fich von den Verhand lungen des Haager Kongreffes zurückziehen follten. wenn nicht als herrfchender Grundfaß der Organifation erklärt werde: Unterdrückung jeder Autorität. kein Generalrat. Zulaffung jeder Sektion. die das in der Einleitung zu den Genfer Statuten niedergelegte Programm anerkennt. Unabhängig von der bakuniftifchen Strömung rüftete auch die Oppofition gegen den Generalrat in England. wie fie befonders durch Hales und Eccarius vertreten war. Auf dem erften englifchen Föderalkongreß in Nottingham trat das Treiben Hales' offen zutage. Obgleich er noch Gene ralfekretär des Generalrats war. trat er doch für die Ein fchränkung der Vollmachten diefer Behörde ein und förderte die Verwäfferung des Programms. die es ermöglichen follte. bürgerlich-radikale Politik zu treiben. Dasfelbe Be ftreben. das in New York fich in den Wirren mit der Sek tion 12 gezeigt hatte. zeigte fich in England. Man wollte die Internationale zum Tummelplaß bürgerlicher Refor merei machen. Es war kein fchönes Bild. das die Affociation zeigte. und Klärung und Scheidung tat not. wenn noch etwas aus der herrfchenden Zerfplitterung gerettet werden follte. Ein all gemeiner Kongreß war zur größten Notwendigkeit geworden.

3.

Der Haager Kongreß.

Der fünfte allgemeine Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affociation begann am 2. September 1872 in der holländifchen Hauptftadt. Im Haag. feine Verhandlungen. nachdem am Tage vorher in einer Vorverfammlung die nötigen vorbereitenden Schritte getan worden waren. Es waren 65 Delegaten erfchienen. von denen 18 Fran

zofen und 15 Deutfche waren. während fich im übrigen zeigte. daß mehr Nationen eine direkte Vertretung auf die fem Kongreß hatten. als auf irgend einem der vorhergehen den Kongreffe der Affociation. Die prekäre Lage der Dinge innerhalb der Organifation beftimmte die Tagesordnung der Verfammlung. Es mußte 194

die Frage der ..Alliance“ gelöft werden; man mußte fich über die Stellung des Generalrats. über deffen Machtvoll kommenheiten und Pflichten klar werden; man hatte ferner über die Befchli'iffe der Londoner Konferenz vom September 1871. befonders iiber die politifche Aktion der Arbeiter klaffe. zu verhandeln und neben den inneren Wirren. die die

..Alliance“ verurfacht hatte. waren auch die Streitigkeiten in Amerika zu ordnen. Die erften drei Tage der Verhandlungen wurden in der Hauptfache durch Streitereien um die Anerkennung der Mandate verbracht. Bei der Gelegenheit erklärten die vier fpanifchen Delegaten. daß fie beftimmte Weifung hätten. an keiner Abftimmung teilzunehmen. folange nicht der Abftim mungsmodus geändert fei. Da der Kongreß fich nicht ver anlaßt fühlte. von dem bisherigen Modus abzufehen. ent hielten fich die fpanifchen Delegierten während der ganzen Dauer der Verhandlungen der Abftimmung. Die Kommiffion. der man die Prüfung der Mandate übertragen hatte. fchlug die Anerkennung aller Delegaten vor mit Ausnahme von W. Weft von Sektion 12. New York. von Sauva von Sektion 2. New York. für Alerini von einer Sektion in Marfeilles und für Ioukowskh aus Genf. In der Debatte wurden auch Einwände erhoben gegen ein Mandat Vaillants für Chaux-de-Fonds durch Schwißguebel. gegen das von Lafargue aus Madrid durch den fpanifchen Delegaten Alerini und gegen das. Mandat Barrh's durch I. Hales. Gegen Sorge's und Dereure's Mandat für die Nordamerikanifche Föderation erhob Sauva. gegen des leßteren Mandat Sorge Einfpruch. Die amerikanifchen Streitigkeiten fpielten bei diefer Mandatdebatte eine große Rolle. Wie wir wiffen. hatte der Kongreß der Nord-Amerik. Föderation in New York F. A. Sorge und Simon Dereure als Delegierte zum Kongreß gewählt. während die franzöfifchen Sektionen dem Kongreß das Recht ftreitig machten. Delegierte zu ernennen. deren Wahl fie den Sektionen vorbehalten wiffen wollten. Die daraufhin fuspendierte Sektion 2 wählte Sauva zum Dele gierten nach dem Haag. der fich außerdem noch Mandate

der franzöfifchen Sektionen in Paterfon und Weft-Hoboken verfchaffte. Sektion 1. New York. hatte ein Mandat an 195

Carl Marx übertragen; Sektion 6 in derfelben Stadt ein folches an Friedrich Engels und Sektion 8. New York. eines an Adolf Hepner. Die Sektion 3. Chicago. hatte Maltman Barrn. eine Sektion in San Francisco Vaillant ihre Vertretung übertragen. Von den drei Delegaten. die der Kongreß der Spring Street Föderation in Philadelphia gewählt hatte. war nur einer. Wm. Weft. erfchienen. und diefer nur mit einem Mandat der Sektion 12. Bei der Vrüfung der Mandate kamen die amerikanifchen Streitigkeiten zur Verhandlung. Sauva erhob Proteft gegen die Mandate der beiden Kongreß-Delegaten Sorge und Dereure; vergebens. denn der Kongreß ließ beide ohne weiteres zu. Ein Vroteft. den Sorge gegen Sauva's Man dat erhob. wurde dadurch erledigt. daß der Kongreß diefes Mandat für die Sektionen in Paterfon und Weft Hoboken anerkannte. obgleich beide Sektionen ihren Verpflichtungen gegenüber der Föderation nicht nachgekommen waren. daß man aber fein Mandat für Sektion 2. New York. zurück wies. weil diefe Sektion wegen Nichtanerkennung der Be fchlüffe des Föderationskongreffes fufpendiert wurde. Das Mandat. das Wm. Weft als Delegat der Sek tion 12 dem Kongreß unterbreitete. wurde mit der gefam ten Angelegenheit diefer Sektion einem Komite überwiefen. das nach Unterfuchung der Sache gegen das Mandat ent fchied. Berichterftatter für diefes Komite war Karl Marx. der die Zurückweifung des Weft'fchen Mandates aus drei Gründen empfahl: 1. weil Weft eine fufpendierte Sektion zu vertreten vorgebe;

2.

weil Weft an dem Kongreß in

Philadelphia teilnahm. der die Autorität des Generalrats zurückgewiefen habe. und 3.. weil er Mitglied des Prince

Street Council gewefen fei. Marx führte aus. daß bei Beurteilung der Affaire der Sektion 12 die Frage der richtigen Zufammenfeßung der Internationale zur Beurteilung kommen müßte. Die Sek tion 12 fei in Amerika allgemein als eine Sektion bekannt gewefen. die urfprünglich gegründet wurde. um die Präfi dentfchaftskandidatur von Victoria Woodhull zu fördern und weiter die Lieblingsdoktrinen diefer Dame. wie freie Liebe. Spiritualismus und ähnliches mehr zu propagieren. Die Sektion fei anfangs ausfchließlich aus Bourgeois. Bogus 196

Reformern. kleinbürgerlichen Quackfalbern und Fach politikern zufammengefeßt gewefen und fie leugnete den in der Einleitung zu den allgemeinen Statuten der Affociation niedergelegten Saß. daß die Emanzipation der arbeitenden Klaffe durch die arbeitende Klaffe felbft erobert werden müffe; wenigftens legte fie diefen Saß in einer Weife aus. der einem direkten Leugnen desfelben gleichkam. Sektion 12 behaupte. daß der Sinn diefes Wortes fei. daß die arbei tende Klaffe nicht gegen ihren eigenen Willen emanzipiert werden könne. ja. fie leugne direkt. daß die Internationale eine Arbeiterorganifation fei. Sie ftellte die Frauenfrage der Arbeiterfrage voraus. Als die Spaltung zwifchen den verfchiedenen Sektionen in Amerika eintrat. hätten beide Richtungen an den Generalrat appelliert. fie als leitende

Richtung in Amerika anzuerkennen. Der Generalrat habe Vereinigung unter einem Föderalrat empfohlen und daß - in Zukunft keine Sektionen zugelaffen werden follten. die nicht mindeftens zwei Drittel Lohnarbeiter als Mitglieder enthielten. weil in den Vereinigten Staaten jede Arbeiter bewegung durch die Bourgeoifie verfälfcht und ausgebeutet werde. Sektion 12 habe fich nicht nur nicht um diefe Ent fcheidung gekümmert. fondern erweiterte den Bruch durch Fefthalten an ihrem Baftard-Programm und durch direkte Feindfeligkeit gegen die gefeßlich konftituierte Leitung der Affociation. den Generalrat. Aus diefem Grunde könne man das Mandat der Sektion 12 nicht anerkennen. Weft war auch Mitglied des Kongreffes zu Philadelphia und des Vrince Street Council. welche die Anerkennung des Gene ralrats verweigerten und in Verbindung mit der juraffifchen Föderation ftanden. welche ihnen anriet. keine Beiträge zu zahlen. um fo den Generalrat aufs Trockene zu feßen. Weft wandte fich in mehr als einftündiger Rede voller Haarfpaltereien und amerikanifcher Volitikertricks gegen den Komitebericht. Er erklärte die Sufpenfion der Sektion 12 für unkonftitutionell. und wenn fie wirklich konftitutionell gewefen fei. fo hätte fie nur bis zu Beginn der Verhand lungen des jeßigen Kongreffes beftanden. Mit dem Zu fammentritt des Kongreffes fei die Sufpenfion abgelaufen und ihr Delegat habe das Recht. mit zu verhandeln. Der Kongreß in Philadelphia habe dem Generalrat feine An erkennung nicht verweigert. alles. was er getan habe. fei. 197

daß er fich geweigert habe. unkonftitutionelle Maßregeln des Generalrats zu unterftüßen. Die Beiträge der Sektion 12 feien abgefchickt worden. Zwar habe er keine Ouittungeu erhalten. könne auch nicht fagen. wo der Fehler liege. oder wem die Beiträge zugegangen feien. aber es fei gewiß. daß fie gezahlt feien. Die Gründe. weshalb man Sektion 12 zurückweifen wolle. feien nicht die wahren Gründe. Die Feindfeligkeit des Generalrats gegen Sektion 12 fei eine Folge der Zufammenfeßung ihrer Mitgliedfchaft aus bür gerlichen Elementen. weil diefe fich nicht untertänigft den defpotifchen Befehlen des Generalrats in bezug auf die zwei Drittel Lohnarbeiter als Mitglieder der Sektion gefügt hät ten. Auch aus dem Grunde fei der Generalrat gegen Sek tion 12. weil deren Mitglieder in ihrer Eigenfchaft als Privatleute außerhalb des eigentlichen Programms der Affociation noch ihre Anfichten vertraten und verteidigteu. Dann ging Weft auf die Frage der freien Liebe. Frauen rechte u. f. w. ein. die er in einer Weife behandelte. die die Heiterkeit des ganzen Kongreffes hervorrief. Die Einlei tung der Generalftatuten. fo erklärte er. legt die großen Ziele der Affociation klar. die Befreiung der arbeitenden Klaffe. ..Nun. jede Befreiung der arbeitenden Klaffe muß auch die Befreiung der arbeitenden Frauen umfaffen. Ge fchlechtliche Gleichheit ift der erfte Schritt auf dem wahren Wege zur Freiheit. So lange die Frauen verfklavt find. werden die Männer niemals frei werden. und warum follte die Internationale fich darum kümmern. ob freie Liebe oder gefchlechtliche Freiheit herrfche? Wenn eine Frau ihren Ehemann zu wechfeln wünfcht und die fonft in Betracht kommenden Perfonen find damit einverftanden. fo möchte ich wiffen. welches Recht irgend fonft jemand hat. fich hinein zu mifchen. Würden fie ein Gefeß erlaffen. das der Frau verbiete. einen folchen Wunfch zu hegen? und täte

man's. könnte man glauben. daß man es in Kraft feßen könne?“ Mit Bezug auf den Befchluß. daß die Sektionen min deftens zwei Drittel Lohnarbeiter in ihrer Mitgliedfchaft haben müßten. müffe er fagen. daß das ein Irrtum fei. Die befteu Arbeiterführer feien nicht die Arbeiter felbft. fondern jene. die mehr in der intellektuellen Gefellfchaft verkehrend. 198

.deshalb mit klarerem Auge die Ungleichheiten und Lafter des herrfchenden Zuftandes der Dinge fehen. Sorge entgegnete auf Weft's Ausführungen. Weft habe bei dem Aufnahmegefuch der Sektion 12 verfichert. daß zwei Drittel ihrer Mitglieder Lohnarbeiter feien. wie Weft felbft. Sektion 12 habe durch ihre Handlungen die Inter nationale Arbeiter-Affociation in Amerika lächerlich gemacht und diskreditiert. Das irifche Arbeiterelement wolle des halb nichts mehr mit ihr zu tun haben. Auch feien Beiträge nicht bezahlt worden. Mit 49 Stimmen wurde dann bei 8 Enthaltungen das Weft'fche Mandat vom Kongreß zurückgewiefen. Auch Eccarius enthielt fich der Abftimmung. was er damit begründete. daß er immer Gefchäftsbeziehungen zu den Sezeffioniften gehabt und noch habe. daß die Berichte an den Generalrat aus New York voller Lügen waren und daß Sorge der einzige Urheber der ganzen Spaltung gewefen fei. Infolge der in diefer Debatte zutage geförderten Tat fachen beantragte Brismä (Belgien). daß in Zukunft keine von Bourgeois gebildeten Sektionen in der Affociation auf genommen werden dürfen. was mit großer Majorität angenommen ward. In der Debatte über die Gültigkeit der Mandate kam es zu einem Vorfall. der von den Feinden des Generalrats in London ftark gegen Marx ausgenußt worden ift. Das Mandat Maltman -Barrh's für eine Sektion in Chicago wurde von I. Hales beanftandet. Als es zur Ver handlung des Proteftes kam. war Hales. der nach den erften Tagen des Kongreffes abreifte. nicht mehr anwefend. Sauva von New York übernahm die Anfechtung des Barrh' fchen Mandats. ohne einen Grund dafür angeben zu kön nen. Mottershead. der Freund von Hales. kam Sauva zu Hilfe und ftellte die Frage. warum Barrh gerade von einer ausländifchen deutfchen Sektion gewählt fei. während er zu haufe in England nicht zu den Führern der Arbeiter gehöre und nichts gelte. Hier fprang Marx in die Debatte ein. Es gehe. fo erklärte er. niemandem etwas an. wen die Sektion wähle. Im übrigen gereiche es Barrh zur Ehre. nicht zu 199

den fogenannten Führern der englifchen Arbeiter gezählt zu werden. denn nahezu alle anerkannten Führer der eng lifchen Arbeiter feien an Gladftone. Dilke. Morleh und andere verkauft. Barrh fei nur deshalb angegriffen wor den. weil er fich nicht zum Werkzeuge Hale's habe machen laffen wollen. Das Wort ift Marx von den betroffenen englifchen Arbeiterführern niemals verziehen worden. _ Außer dem Mandat der New Yorker Sektion 12 erklärte der Kongreß noch jenes von Alerini für Marfeilles und das des Bakuniften Ioukowski für Genf für ungültig. Am dritten Tage der Verhandlungen kam fchließlich die reguläre Konftituierung des Kongreffes zuftande und das

definitive Bureau wurde gebildet durch die Wahl von Rauvier zum Präfidenten und Gerhardt's und Sorge's zu Vizepräfidenten. Dann kam. am nacnften Tage. die Stellung des Generalrats und feine Machtvollkommenheiten zur Debatte. in der die mit Bezug hierauf herrfchenden Gegenfäße in den Anfchauungen der beiden Richtungen zum fcharfen Ausdruck kamen. Zu diefem Punkte wurde der folgende Antrag eingebracht. der fich auf die Beftimmungerc über den Generalrat in den Verwaltnngsmaßregeln der Affociation bezog: ..Artikel 2. Der Generalrat hat die Kongreßbefchlüffe auszuführen und darauf zu fehen. daß in jedem Lande die Grundfäße. Statuten und allgemeinen Regeln der Inter nationalen Arbeiter-Affoeiation.genau beobachtet werden. ..Artikel 6. Der Generalrat hat ebenfalls das Recht. Zweiggefellfchaften. Sektionen. Föderalräte oder Komites und Föderationen der I. A. A. bis zum nächften Kongreß zu fufpendieren. ..Bei Sektionen. welche einer Föderation angehören. folk er diefes Recht nicht ausüben. bevor er den betreffenden Föderalrat um Rat gefragt hat. ..Bei Auflöfung eines Föderalrats oder Komites foll der Generalrat fofort die Wahl eines neuen Föderalrats oder Komites durch die Sektionen der betreffenden Föderation binnen 30 Tagen ausfchreiben. 20()

..Im Falle der Sufpenfion einer ganzen Föderation foll der Generalrat unmittelbar allen anderen Föderationen davon Nachricht geben. Wenn die Mehrheit der Föderatio nen es verlangt. foll der Gereralrat eine außerordentliche Konferenz einberufen. welche aus ein e m Delegaten jeder Nationalität beftehen. einen Monat nachher zufammentre ten und den Streitfall endgültig entfcheiden foll. - Dabei ift aber ausdrücklich verftanden. daß diejenigen Länder. wo die Internationale verboten ift. diefelben Rechte ausüben. wie die regelmäßigen Föderationen.“ In der Debatte über diefen Gegenftand erklärte Brismö (Belgien). daß es ganz unnüß fei. in die Beratung einzu treten. da die Belgier keine Macht des Generalrats wollten. Darüber fei man fich in Belgien einig und teilweife werde fogar die Abfchaffung des Generalrats verlangt. Er fordere daß der Generalrat nur der Kommis der Int. Arbeiter Affociation fei. und nie fich in die inneren Angelegenheiten eines Landes mifchen dürfe. In ähnlicher Weife fprachen Guillaume u. A.. während Longuet. Lafargue und Serail [ier. Marx und andere fich für den vorliegenden Antrag erklärten. Beide Paragraphen wurden dann in ihrer veränderten Form angenommen. womit fowohl die Allianziften wie die Freunde von Hales in England eine Niederlage erlitten hatten. Nachdem in diefer Weife die Machtvollkommenheit des Generalrats feftgeftellt war. wurde auch die Frage der politifchen Aktion durch Annahme des betreffenden Befchluf fes der Londoner Konferenz in etwas veränderter Faffung

erledigt. Diefe Refolution. die mit zwei Drittel Majorität angenommen wurde. hatte folgenden Wortlaut: ..In fei nem Kampfe gegen die verbündete Macht der befißenden Klaffen kann das Proletariat als Klaffe nur auftreten und handeln. indem es fich felbft als befondere politifche Partei im Gegenfaß zu allen alten. von den befißenden Klaffen gebildeten politifchen Parteien konftituiert. Diefe Stellung des Proletariats als politifche Partei ift unerläßli>x um den Triumph der fozialen Revolution und ihres oberften

Zieles. der Aufhebung der Klaffen. zu fichern. 201

..Die in dcn ökonomifchen Kämpfen fchon erlangte Ver einigung

der

Arbeiterkräfte

muß

in den Händen diefer

Klaffe auch als Hebel in ihrem Kampf gegen die politifche Machi ihrer Ausbeuter dienen. Da die Grundherren und Kapitaliften fich ihrer politifchen Privilegien ftets bedienen. um ihre ökonomifchen Monopole zu verteidigen und zu ver ewigen und die Arbeit zu unterjochen. - fo wird die Er oberung der politifchen Macht die große Pflicht und Aufgabe des Proletariats.“ In der Debatte über diefen Gegenftand kam es zu einer fcharfen Auseinanderfeßung zwifchen den beiden vertretenen Richtungen. Vaillant trat in kräftiger Weife für die poli tifche Aktion des Prolctariats ein. Man braucht Gewalt gegen uns. fo führte er aus. und Gewalt kann nur durch Gewalt vertrieben werden. Der ökonomifche Kampf müffe Eins werden mit dem politifchen Kampfe und in der Revo lution durch die proletarifche Diktatur die Abfchaffung der Klaffen durchfeßen. Die Gegner der politifchen Aktion feien zweierlei: Abftentioniften aus Unwiffenheit und Ab ftentioniften aus Politik. die von Politik leben. mit welcher Bemerkung Vaillant I. Hales. der fich nach den Fleifch töpfen der englifchen liberalen Politik fehnte. einen .Sieb verfeßte. Für die Minorität fprach Guilleaume. Er und feine Freunde. fo erklärte er. ftänden auf dem Standpunkte. daß man fich nicht in die heutigen Regierungen und in den Parlamentarismus einmifchen dürfe. ..Wir wollen alle Regierungen ftürzen. Leider haben wir uns Abftentioni ften nennen laffen. einen von Proudhon fchlecht gewählten Ausdruck.

Wir find Anhänger einer gewiffen Politik. der

fozialen Revolution. der Zerftörung der Bourgeoispolitik des Staates.“ Er weife die Eroberung der politifchen Macht im Staate zurück und verlange dagegen die vollftän dige Zerftörung des Staates als Ausdruck politifcher Macht. Schon vor Erledigung diefes Punktes war der Kongreß durch einen Antrag überrafcht worden. der von Marx. Engels und mehreren

anderen

Mitgliedern

des

alten

Generalrates geftellt wurde und der nichts geringeres bezweckte. als den Siß des Generalrats von London nach New York zu verlegen. Der von Karl Marx in franzöfifch niedergefchriebene Antrag lautete in der Ueberfeßung wie 202

folgt: ..Wir fchlagen vor. daß für das Iahr 1872-73 der Generalrat nach New York verlegt werde und daß er fich aus folgenden Mitgliedern zufammenfeße: der nord

amerikanifche Föderalrat:

K a v a n a g k). S t. C l a i r.

Cetti. Leviöle. Laurel. F. I. Bertrand. F. Bolte und C. Carl. Sie follen das Recht haben. fich zu vervollftändigen. Doch foll die Gefamtzahl der Mitglieder des Generalrats nicht die Zahl 15 überfchreiten. H aag. 6. Sept. 1872. Unterfchriften. Karl Marx. F. Engels. Geo. Texton. W. Wroblewskh. Eh. Longuet. A. Serraillier. I. P. McDonnell. Eugene Dupont. F. Leßner. Le Mouffu. M. Maltman Barrh. Der Antrag überrafchte befonders auch die amerikanifchen Delegaten. die der Verlegung der leitenden Behörde der Affociation nach den Vereinigten Staaten mit fehr ge mifchten Gefühlen gegenüberftanden. Engels begründete den Antrag mit dem Hinweis darauf. daß die Papiere der Internationale. wenn man von London abfehe. nur in den Vereinigten Staaten ficher feien. In London feien die Parteiftreitiakeiten fo arg geworden. daß der Siß des Generalrats verlegt werden müffe. Außerdem feien die Anfchuldigungen und Anklagen gegen den Gene ralrat fo heftig und unausgefeßt geworden. daß die meiften feiner bisherigen Mitglieder deffen müde geworden und entfchloffen feien. keine Stelle mehr darin anzuneh men. Für fich und Marx könne er das beftimmt erklären. Von europäifchen Orten könnten neben London nur etwa Brüffel und Genf in Betracht kommen; beide verwahrten fich dagegen. den Generalrat zu übernehmen. weil keine Sicher lÖeitkfür ihn herrfchen würde. Es bleibt deßhalb nur New or . Engels konnte auf dem Kongreß wohl nicht gut mit all den Gründen herauskommen. die 'im übrigen noch für ihn und Marx für ihren Antrag beftimmend waren. Die Arbeiten. die der Generalrat Marx wie Engels auferlegte. waren von Beiden fchon feit Langem als Hemm 203

fchuh für die Fortfeßung ihrer theoretifchen Arbeiten empfunden worden. Beide hatten deßhalb ihre Freunde denn auch fchon feit Monaten benachrichtigt. daß fie eine Neuwahl zum Generalrat nicht mehr annehmen würden.

Die Situation in London war aber derart. daß mit dem Rücktritt von Marx und Engels der Generalrat Elementen in die Hände fallen würde. von denen man fürchtete. daß fie ihre Sonderintereffen über das Intereffe der Affociation fei.-.en würden. Das galt von den Blanquiften. die in der Londoner Flüchtlingsfhaft ftark vertreten waren. und das galt. wenn auch in geringerem Maße. von Hales und feinen Anhängern. denen Marx auf dem Kongreß das Wort von dem Ausverkauf an die englifchen Liberalen zurief. und die. wie wir fehen werden. mit den Allianziften kokettierten und auf der anderen Seite zur Bourgeois-Politik hin ueigten. Die Blanquiften fahen auch durchaus klar. daß die Ver legung des Generalrats teilweife als Schlag gegen fie gelten folle. Vaillant nahm als Erfter gegen den Antrag das Wort. Er gab zu. daß nächft London unter den herrfchen den Umftänden New York der befte Platz. für den Generalrat fein würde. doch feien in 'Amerika felbft jeßt zu große Streitigkeiten und ein Teil der dortigen Organifation fei fogar in Bourgeois-Politik verwickelt. New York fei auch zu fern vom Schauplaß der Handlung. zu fern von jenen Ländern.

wo die Int. Arbeiter-Affociation verboten und

deshalb am beften fei. Wenn er auch bedaure. daß fo viele bewährte Männer aus dem Generalrat austreten. fo gäbe es doch fo viele gute Internationale in London. daß man dort leicht einen guten Generalrat erwählen könne. _ Man hat fpäter gefagt. daß der Zweck der Verlegung des Generalrats nach New York gewefen fei. der Internationale ein anftändiges Begräbnis zu bereiten. Soweit Marx und Engels dabei in Betracht kommen. ift diefe Behauptung unrichtig. Ihnen war diefe Verlegung vielmehr ein Not behelf. um die augenblicklichen Schwierigkeiten zu über winden. Freilich dauerte es nicht lange. bis fich zeigte. daß die Affociation unter der zerfeßenden Tätigkeit der Allianzi ften wie der fonftigen Gegenfäße fchwerer gelitten hatte. als man felbft auf dem Haager Kongreß noch fah. Und 204

bald nach dem Kongreß ftellte fich heraus. daß die Verle gung des Generalrats .nach New York die Auflöfung der Verbindungen der leitenden Behördeder Affociation mit der Arbeiterbewegung in den europäifchen Ländern bedeutete.

Daß mit diefer Verlegung tatfächlich die Liquidation der Internationalen Arbeiter-Affociation. ihre allmähliche Auf löfung begonnen hatte. Das Empfinden. daß es fo kommen möge. hatten augen fcheinlich auch jene Delegaten im Haag. die nicht perfönlich an der Verlegung des Generalrats intereffiert waren. Es koftete deshalb einige Mühe. den Antrag zur Annahme zu bringen. Die belgifchen und deutfchen Delegaten beftanden auf Verbleiben des Generalrats in London. Nach mehreren Abftimmungen wurde fchließlich indes die Verlegung nach New York befchloffen und zwar mit 31 gegen 14 Stimmen bei 11 Enthaltungen. Der Kongreß nahm dann die Wahl von 12 Mitgliedern des neuen Generalrats fofort vor und gab ihnen das Recht. fich auf fünfzehn zu ergänzen. Gewählt wurden: S. Cava nagh. E. P. St. Clair (Irländer). Laurel (Schwede). Fornacieri (Italiener). Leviele. David. Dereure (Franzo fen). Carl. Bolte. Bertrand. Speher (Deutfche) und Os borne Ward (Amerikaner). Die Blanquiftifchen Delegaten verließen fofort nach Annahme des Verlegungsbefchluffes den Kongreß. In einem von ihnen bald nach Schluß des Kongreffes veröffentlichten

Manifeft begründeten fio ihren Austritt aus der Interna tionalen Arbeiter-Affociation damit. daß die Internationale nicht. wie fie es gefollt hätte. ein ..gewaltiger Hebel der Revolution“ geworden. fondern aus Furcht vor der Revo lution nach Amerika entwifcht fei. Damit habe fie ihre Ohnmacht bekannt und ihre Gewalt in den Augen jener ver nichtet. die in ihr die lebendige Kraft der Revolution erblickten. Ehe der Kongreß an feine Schlußarbeit ging. die Abrech nung nämlich mit den Führern der Allianz. legte das betref fende Komite noch den Finanznachweis vor. der zeigte. daß die Affociation den Mitgliedern des Generalratsund andern noch über 25 Pfund Sterling fchuldig fei. Marx konnte fich 205

bei der Gelegenheit nicht enthalten. feinem berechtigten Groll über die Verleumdungen. deren Opfer er geworden war hatte man ihm doch u. a. vorgeworfen. daß er von den ein gegangenen Geldern in London Suppenanftalten für feine Anhänger gegründet habe - in dem Ausruf Luft zu machen. daß. während laut dem Finanzbericht die einzelnen Mitglieder des Generalrats ihre Tafchen und Beutel für die Organifation leerten. ihnen die Lüge nachgefagt wurde. 'daß fie von den Arbeiterpfennigen lebten. Nachdem der neue Generalrat noch den Auftrag erhalten hatte. für die Gründung internationaler Gewerkfchaften zu forgen. kam man dann zur Verhandlung der Allianz Angelegenheit. Gleich zu Beginn des Kongreffes. bei der Prüfung der Mandate. hatte Friedrich Engels erklärt. daß man fich darüber entfcheiden müffe. ob die Internationale noch fernerhin nach demokratifchen Grundfäßen- verwaltet. oder ob fie von einer Klique geleitet werden folle. die in Ver leßung der Statuten der Internationalen Arbeiter-Affocia tion geheim organifiert fei. ..Es find.“ fo erklärte Engels wörtlich. ..hier fechs Perfonen anwefend. welche diefer gehei men Gefellfchaft angehören. die vier Spanier und Schwiß guebel und Guillaume.“ Hier unterbrach Guillaume den Redner mit dem Ausruf: ..Das ift falfch.“ worauf Engels. ein Pack Papiere aus der Tafche ziehend. entgegnete: ..Hier find die Beweife.“ Guillaume. der fehen mochte. daß Leng nen nichts mehr nüßte. fah fich gezwungen. feinen Ausruf zurückzunehmen. worauf Marx feinen Antrag einbrachte. die Allianz aus der Internationalen Arbeiter-Affociation auszuftoßen und ein Komite einzufeßen. um die Angelegen heit. fowie die Schriftftücke. die darauf Bezug hatten. zu unterfuchen. Diefes Komite feßte fich aus Th. Cuno. Splingard. Wal ter. Lucain und Vichard zufammen. die die Sache prüften und am leßten Tage des Kongreffes ihren Bericht einreichten. Der Bericht ging dahin. daß eine geheime Allianz mit

Statuten. die denen der Internationalen Arbeiter-Affocia tion entgegengefeßt waren.

innerhalb der Internationale

gegründet wurde. daß Bakunin der Gründer war. daß Baku nin betrügerifcherweife verfucht habe. fich fremde Gelder 206

anzueignen. und fogar zu Einfchüchterungen griff. daß deshalb das Komite empfehle. Bakunin aus der Interna tionale auszuftoßen und außerdem den Ausfchluß von Guillaume. Schwißguebel. Malon. Bousquit und Louis Marchand

auszufprechen.

Auch

wurde

empfohlen.

die

lBZweisftücke und Ausfagen vor dem Komite zu veröffent 1 en. Nach längerer Debatte ergriff Dave für die Allianziften das Wort und erklärte. daß er und feine Freunde in befon deren Zufammenkünften die Lage befprochen hätten und eine Erklärung abgeben möchten. Diefe Erklärung ging dahin. daß die Vertreter der Minderheit fortfahren würden. mit dem Generalrat die gefchäftlichen Beziehungen betreffs Zahlung der Beiträge. Korrefpondenz und Arbeitsftatiftik zu unterhalten. daß fie aber. follte fich der Generalrat in die inneren Angelegen heiten einer Föderation einmifchen wollen. fich verpflichten. ihre Autonomie aufrecht zu erhalten. unterzeichnet war diefe Erklärung von holländifchen. belgifchen. fpanifchen und Iura-Delegaten. Auch Sauva von New York fchloß fich ihnen an. In der darauf vorgenommenen Abftimmung wurden Bakunin und Guillaume aus der Internationale ausge fchloffen. Schwißguebel's Ausfchluß wurde abgelehnt und die Abftimmung über die übrigen Angeklagten wurde auf Antrag von Engels vertagt. Der leßte Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affo ciation von Bedeutung war damit beendet. In einer Rede. die Karl Marx unmittelbar nach dem Kongreß in einer Volksverfammlung in Amfterdam hielt. kam er noch auf die Verlegung des Generalrats nach Ame rika zu fprechen. Er führte da u. a. aus: ..Selbft viele unter unferen Freunden fcheinen fich über einen folchen Befchluß (die Verlegung des Generalrats nach New York) gewundert zu haben. Vergeffen fie denn. daß Amerika vorzugsweife zum Arbeiter-Erdteil wird. daß alljährlich eine halbe Million Menfchen. Arbeiten nach diefem anderen Feftlande aus 207

wandern und daß die Internationale kräftige Wurzeln auf

diefem Boden. wo dieArbeiter die Mehrzahl bilden. fchla gen muß? Uebrigens gibt ja auch der Kongreßbefchluß dem Generalrat das-Recht. fich die Mitglieder beizugefellen. deren Mitwirkung er für das Wohl der gemeinfamen Sache für notwendig und für nüßlich hält. Erwarten wir von feiner Einficht. daß er Leute wählt. die der Aufgabe gewachfen find. und die das Banner unferer Affociation in Europa mit fefter Hand zu halten verftehen.“ l

208

5. Kapitel

Der Generalrat in New York. 1.

Die neue Behörde.

Als der neue Generalrat in New York im Oktober 1872 die Funktionen übernahm. die ihm der Haager Kongreß überwiefen hatte. trat er an eine Aufgabe heran. deren Löfung felbft mit größeren Kräften und Mitteln zweifelhaft gewefen wäre.

Die Mitglieder der Internationale in Amerika waren fo wenig darauf vorbereitet gewefen. daß die Leitung der Affociation ihnen übertragen werden würde. daß fie an einen Irrtum glaubten. als das Kabel ihnen die Nachricht von der Verlegung des Generalrats nach New York übermittelte. Sie glaubten es nicht und wünfchten es noch viel weniger. ..Die Nachricht von der Verlegung des Generalrats nach New York hat uns hier alle überrafcht und zwar nicht ange nehm“. fchrieb C. Speher. der dann Mitglied des neuen Generalrats wurde. von New York an Hermann Meher. Die Zuftiinde in der Nordamerikanifchen Föderation ließen in der Tat fo viel zu wünfchen übrig. daß es durchaus erklärlich erfchien. wenn die einfichtsvollen Köpfe unter den Mitgliedern fich mit dem Gedanken nicht vertraut machen konnten. daß fie jeßt auch noch die Leitung der gefamten Affociation übernehmen follten. Die Streitigkeiten mit der Sektion 12 und ihrem Anhang hatten der Organifation gefchadet; die Prahlereien und Schreiereien der Anhänger der Victoria Woodhull hatten befonders den Einfluß auf die englifch-fprechenden Gewerkfchaftler gefchwächt. Die Föde ration hatte fich in den leßten Monaten vor dem allgemeinen Kongreffe. während die Entfcheidung in dem Streite zwifchen den beiden Richtungen fchwebte. nahezu aller Agitations arbeit enthalten

und

die

Föderation

war infolgedeffen

zurückgegangen. Die Gelder kamen fchlecht ein. denn fchon machten die erften Anzeichen der heranziehenden wirtfchaft 209

lichen Krife durch Abnahme der Arbeitsgelegenheit fich bemerkbar. Hierzu kamen noch gewiffe Gegenfäße perfön licher Art unter den Elementen. die den neuen Generalrat bilden follten. in der Hauptfache zwifchen den Perfonen. die fich um K. Carl und jenen. die fich um F. A. Sorge grup pierten.

Alles in allem genommen. konnte der neue Gene

ralrat kaum unter ungünftigeren Umftänden feine Tätigkeit beginnen. Geld war. wie gefagt. in der Organifationskaffe nicht vor handen und man mußte zu einer Anleihe feine Zuflucht nehmen. Von den Mitgliedern der Affociation in euro päifchen Ländern war in nächfter Zeit ebenfalls wenig zu erwarten. weil die Verfolgung der Regierungen nahezu alle Verbindungen gefprengt und alle Fäden zerriffen hatte. Was nicht dem Feldzuge der Regierungen gegen die Inter nationale erlegen war. ward durch die inneren Wirren und das Treiben Bakunins und feiner Anhänger zerftört. Der neue Generalrat konnte fich nur auf die Nordamerikanifche Föderation verlaffen. und'die war. wie erwähnt. ebenfalls gefchwächt. Von den zwölf im Haag gewählten Mitgliedern des Generalrats nahmen Davis und Osborne Ward die Wahl nicht an. Beide erklärten fich mit dem Verlauf des Haager Kongreffes nicht einverftanden. in deffen Befchlüffen fie eine Verleßung der Statuten der Internationale fahen. Beide fprachen fich befonders auch gegen die Erweiterung der Voll machten aus. die dem Generalrat übertragen waren. Sowohl die Franzofen als auch die Anhänger der Sektion 12 in New York hatten mit den Iuraffiern. den fpanifchen Allianziften und der englifchen Oppofition gegen den Gene ralrat unter Hales Verbindungen angeknüpft. und der wahre Grund der Ablehnung von Davis und Ward war in diefen Verbindungen zu fuchen. Im Spring Street Coun cil. der immer noch zufammenkam. ohne fonft irgend Bedeu tung zu haben. liefen alle Fäden der Oppofition gegen den neuen Generalrat zufammen. Seine Zufammenkünfte ver einigten alle Perfonen. die aus irgend einem Grunde etwas gegen den neuen Generalrat einzuwenden hatten. W. Weft. der nicht anerkannte Delegat der Sektion 12 im Haag. hielt fich. während feiner Rückreife gezwungener maßen. noch längere Zeit in London auf. bis ihm der ame '21()

rikanifche Gefandte in London. General Schenck. die Koften für die Ueberfahrt nach New York gab. Zu der Sißung des Generalrats vom 11. Oktober wurde F. A. Sorge als neues Mitglied diefer Körperfchaft hinzu gezogen. mit dem Poften des Generalfekretariats betraut und ihm gleichzeitig weitgehende Vollmachten übertragen. Gleichzeitig wurde E. Levielle als Schaßmeifter. C. Speher . als Archivar und E. P. St. Clair als Protokollfekretär ge wählt. Als Hilfsfekretäre -wurden in einer fpäteren Sißung gewählt: Carl. Bertrand und Bolte für Deutfch; Dereure und Speher für Franzöfifch; Cavanagh für Englifch. Forna cieri für Italienifch und Laurel für die fkandinavifche Sprache. Friedrich Engels wurde als Bevollmächtigter des Generalrats für Europa ernannt. an den die dortigen Gel der für die Affociation gefandt werden follten. In der Sißung vom 20. Oktober nahm der Generalrat eine Adreffe an die Mitglieder der Affociation an. in der die Uebernahme der Leitung der Organifation angezeigt wurde. Die Adreffe war an alle Föderationen. verbündeten Gefellfchaften. Sektionen und alle Mitglieder der I. A. A. gerichtet und forderte zur Einigkeit und zur Regelung ihrer Beziehungen zum Generalrat auf. Am 27. Oktober erließ der Generalrat ein Privatzirkular an alle Föderationen. in dem er neben rein gefchäftlichen Mitteilungen auf die Notwendigkeit ftatiftifcher Aufnahmen über die Arbeiterlage hinwies und Ratfchläge einforderte. wie am beften fefte Beziehungen zu den Gewerkfchaften der verfchiedenen Länder gefchaffen werden könnten. 2. Die ..Arbeiter-Zeitung“. Mit dem Verlegen des Generalrats nach New York war die Schaffung eines eigenen Arbeiter-Preßorgans an diefem Orte zur abfoluten Notwendigkeit geworden. Der Krieg von 1870 hatte fämtlichen deutfchen Arbeiter blättern der Vereinigten Staaten ein Ende gemacht. Im September fiel die ..Arbeiter-Union“ in New York. um die felbe Zeit ..Der Deutfche Arbeiter“ in Chicago und im Dezember ftellte das leßte diefer Blätter. die ..Arbeiter zeitung“ in Philadelphia. fein Erfcheinen ein. Die ..Arbei terzeitung“ war von Peter Haß und Carl Dauß redigiert 211

und. entfprechend dem damaligen Stande der Bewegung in Philadelphia. ziemlich unklar. Schon im Oktober 1870. alfo unmittelbar nach dem Ein gehen der ..Arbeiter-Union“. hatte der eben erft gegründete ..Sozialdemokratifche Verein“ in New York ein Komite ein gefeßt. das Mittel und Wege zur Gründung einer neuen . Arbeiterzeitung beraten follte. Diefes Komite feßte fich mit einem gleichen Komite der Sektion 1 der Internationale in Verbindung und auch auswärtige Sektionen. befonders jene in Chicago. traten für das Projekt ein. Schon im November wurde der Profpekt des neuen Blattes. ..Der Arbeiter“. ver öffentlicht. das die Forderungen der Internationale betonte und befonders auch den Achtftundentag hervorhob. Am 28. Dezember hielt Sektion 1 eine Sißung mit dem ..Sozial demokratifchen Verein“ ab. auf der ein gemeinfames Vor gehen zur Schaffung der neuen Arbeiterzeitung befprochen wurde. Man begann fofort mit der Aufbringung der Gel der. doch war die Zeit des Krieges dafür nicht befonders günftig und die Beiträge gingen nur langfam ein. Man hielt in Gemeinfchaft mit den Gewerkfchaften Fefte ab. um den Zeitungsfond zu ftärken; einzelne Gewerkfchaften. be fonders jene der Schreiner und Mafchiniften. gaben auch direkte Beiträge. doch war die aufgebrachte Summe bei wei tem nicht genügend. um an eine baldige Herausgabe des Blattes denken zu können. Mit der Verlegung des Sißes des Generalrats nach New York mußte fchließlich mit der Herausgabe des geplanten Blattes Ernft gemacht werden. Im November 1872 wurde der Verwaltungsrat der Zeitung gebildet. der fich aus F. Bolte. K. Carl. Henneck. Fr. Sterzel und C. Speher zufam menfeßte. Drei diefer Verwaltungsräte follten die redak tionelle. zwei die gefchäftliche Leitung der Blattes haben und diefe wurden wieder von einer Kontrollkommiffion über wacht. Der Fond zur Herausgabe der Zeitung war unter deß auf 8524 angewachfen. Die erfte Nummer der ..Arbeiterzeitung“ erfchien am 8. Februar 1873 und als ihre Herausgeber fungierten die deutfchen Sektionen der Internationale in New York. K. Carl und R. Starke beforgten die redaktionellen Arbeiten.

Die hauptfächlichften Mitarbeiter waren F. A. Sorge. Dr. Iulius Hoffmann. Dr. Stiebeling u. a. Leßterer übrigens 212

nur zu Anfang. Um' die Verwaltung des Blattes machte fich befonders C. Speher verdient. Die ..Arbeiterzeitung“ war das erfte deutfche Arbeiter blatt in New York. das fich konfequent auf den Boden des modernen Sozialismus und der modernen revolutionären Arbeiterbewegung ftellte. Ueber die Aufgaben. die das Blatt fich fteckte. fpricht fich der Programm-Artikel der erften Nummer u. a. folgendermaßen aus: Die ..Arbeiter-Zeitung“ hat folgende Aufgabe: ..Organifation und Zentralifation der Arbeiter des Landes. Verbreitung fozialiftifcher Grundfäße. Entwicklung des Klaffenbewußtfeins unter den arbeitenden Klaffen. Auf klärung über ihre politifchen und wirtfchaftlichen Intereffen. Kritik der beftehenden Gefellfchaft in allen ihren Ein richtungen. Wir wollen. heißt es weiter. die vollftändige Befreiung der Arbeiterklaffe durch die Arbeiter felbft. das heißt: die Abfchaffung der Lohnarbeit; den vollftändigen Befiß der Arbeitsmittel für die arbeitende Menfchheit. fomit Anf hebung aller Klaffenunterfchiede und gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle Menfchen.“ Wir fehen alfo hier - wenn wir von der 1853erfchiene nen ..Reform“ abfehen wollen - zum erften Male in der Gefchichte der deutfchen Arbeiterpreffe New Yorks eine klare Einficht in das Wefen des Klaffenkampfes. wie überhaupt in das Wefen der Arbeiterbewegung. Die Arbeiter-Zeitung fand mit der klaren Haltung. die fie zu Anfang ihres Erfcheinens beobachtete. den Beifall der deutfchen Arbeiter des Landes. Nicht nur in New York. wo fie etwa 1000 Abnehmer hatte. fondern in allen größeren Städten. und befonders auch in Chicago. breitete fich ihr Leferkreis rafch aus. Gute Korrefpondenzen machten fie zu einer wertvollen Informationsquelle über den Stand der Arbeiterbewegung des ganzen Landes. Rafch ftieg ihre Auf lage und fchon nach vier bis fünf Monaten deckte fie ihre Unkoften. Der Abfaß ftieg zeitweilig auf über 3000 Exem plare. Bald mußte man an eine Vergrößerung denken. und fchon am 10. Mai 1873 erfchien das Blatt in vergrößertem Format. 213

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Leider erfchien die Arbeiter-Zeitung zu einer Zeit. als fchon die herauffteigende Krife ihre Schatten vorauswarf.

wie denn auch die Zerfplitterung der Bewegung viel dazu beitrug. daß das Blatt keine größere Verbreitung erhielt. 3.

Die Allianziften und ihre Freunde.

Der Kongreß im Haag hatte zwar Bakunin und Guil laume aus der Internationale ausgefchloffen und ihre An hänger überftimmt. die Zerfeßung der Affociation aber. teil weife infolge des Treibens der Mitglieder der geheimen Allianz war fchon zu weit vorgefchritten. das Anfehen des Generalrats fchon zu weit untergraben. als daß es gelingen konnte. den Befchlüffen des Kongreffes ohne weiteres Achtung zu verfchaffen. Gleich nach dem Haager Kongreß. am 15. September 1872. hielt die Iuraffifche Föderation in St. Imier in der Schweiz eine Konferenz ab. die fich mit dem Anfchluß Baku nins und Guillaumes. fowie mit den Befchlüffen jenes Kongreffes überhaupt befchäftigte. Diefem außerordent lichen Kongreß der Iuraffier. der die Bejchlüffe des allge meinen Kongreffes verwarf. fchloß fich am felben Tage. ebenfalls in St. Imier. ein ..internationaler antiautoritärer Kongreß“ an. auf dem in der Hauptfache Delegaten. die im Haag der Minorität angehörten. anwefend waren. Unter

den fünfzehn Anwefenden befanden fich Schwißguebel. Guil laume und die vier fpanifchen Delegaten zum Haag. auch Sauva aus New York. Weiter waren Bakunin. Lefrancais. Cofta u. a. anwefend. Der Kongreß verwarf zunächft alle Befchlüffe des Haager

Kongreffes und weigerte fich auch. die Ausfchließung Guil laumes und Bakunins anzuerkennen. Ebenfo erklärte man. daß man dem neuen Generalrat in New York feine Befug niffe beftreite. Man befchloß. die Föderationen der Inter nationale. die mit ihnen einverftanden feien. zu einem Bündnis aufzufordern. und brachte im übrigen die antiauto ritären Anfchauungen in einer Refolution zum Ausdruck. die

erklärte: 1) Daß die Vernichtung jeder politifchen Macht die erfte Pflicht des Proletariats ift; 2) daß jede Organifation einer angeblich proviforifchen und revolutionären politifchen Macht zum Zwecke der Bewerkftelligung jener Vernichtung 214

nur eine neue Täufchung fein kann und für das Proletariat ebenfo gefährlich fein muß. wie alle heute eriftierenden Re gierungen. Durch einen weiteren Bcfchluß bereitete man einen zweiten ..antiautoritiiren Kongreß“ innerhalb der nächften fechs Monate vor. Mit den Befchlüffen diefes Kongreffes war alfo die Spal tung in der Internationale vollzogen und mehrere andere Föderationen. in denen die zerftörende Arbeit der Allianzi ften gewirkt hatte. folgten bald dem in St. Imier gegebenen Beifpiel. In Belgien hatten übrigens die Anhänger der Allianz fchon vorher Stellung gegen den Haager Kongreß genom men. Unmittelbar nach dem Kongreß. am 9. September. fand eine Verfammlung der Brüffeler Lokal-Föderation ftatt. um den Bericht der Kongreßdelegaten entgegenzu nehmen. Die fpanifchen Delegaten wohnten der Verfamm lung bei. Nach Abgabe des Berichtes der Delegaten. in wel chem erklärt wurde. daß die Zufammenfeßung des Kon greffes im Haag durch ..Mhftifikation. Ungerechtigkeit und Intrigue“ erfolgt fei. befchloß die Verfammlung. weder den Haager Kongreß noch den Generalrat in New York anzu erkennen und ..alle Anftrengungen zu machen. daß diefe Refolution von allen Sektionen und Föderationen ange nommen werde.“ Auf den 25. Dezember wurde ein Kongreß der belgifchen Föderation nach Brüffel berufen. um zu den Befchlüffen des Haager Kongreffes Stellung zu nehmen. Der Generalrat in New York fandte dem Kongreß zwar ein Schreiben. in dem die Hoffnung ausgefprochen wurde. daß die belgifche Föderation den Befchlüffen des Haager Kongreffes folgen würde. aber man wußte voraus. daß der Liebe Mühe um fonft fein werde. da die Belgier. mehr noch als irgend eine andere Föderation. fich einig waren in ihrer Oppofition zum neuen Generalrat und zu den Befchlüffen des allgemei nen Kongreffes. Der Kongreß nahm denn auch Stellung

gegen den Generalrat und erklärte die Befchlüffe. die im Haag gefaßt worden waren. für null und nichtig. Die fpanifchen Delegaten zum Haager Kongreß waren nach Schluß der Verhandlungen desfelben befonders tätig gewefen. die Oppofition gegen die Majorität des Kongreffes. wie gegen den neuen Generalrat zu organifieren. Sie waren. 215

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wie wir gefehen haben. in Belgien und in der Schweiz an wefend. um für die Sezeffion des ..antiautoritären“ Flügels der Organifation zu wirken. und fie fcheuten fich in diefer ihrer Tätigkeit auch nicht. Entftellung und Unwahrheit in ihren Dienft zu ftellen. Bei der Berichterftattung an ihre Konftituenten wurde behauptet. die Majorität des Haager Kongreffes habe fich aus Delegaten unregelmäßiger Sek tionen zufammengefeßh man verfchwieg aber; daß die Inter nationale in Frankreich Oefterreih Ungarn. Deutfchland und Rußland verboten war. ..regelmäßige Sektionen“ alfo garnicht beftehen konnten. und daß man deshalb Delegaten zuzulaffen gezwungen war. die entweder einzelne Mitglieder der Affociation oder Gruppen von folchen vertraten. In einem Zirkular. das am 19. November 1872 an die fpani fchen Arbeiter gefandt wurde. warnte der Generalrat vor diefer Art Berichterftattung der fpanifchen Kongreßdelega tion und erfuchte. daß man auf dem bevorftehenden Kongreß der fpanifchen Föderation. der für den 25. Dezember nach Cordova einberufen war. die Befchlüffe des Haager Kon greffes anerkennen möge. .Der Kongreß fand ftatt. wurde aber nur von den Allianziften befchickt. während die Sektionen des ..Neuen Madrider Föderalrats'J die Anhänger des Neuen General rats waren. fich in Cordova nicht vertreten ließen. Natürlich fielen die Befchlüffe auch hier gegen den Haager Kongreß und den New Yorker Generalrat aus und man ftimmte dem Vorgehen des Gegenkongreffes in St. Imier zu. _ Iohn Hales. Eceariu-Z und andere englifche Delegaten hatten fchon auf dem Haager Kongreß Verbindungen mit den Anhängern Bakunins angeknüpft und. kaum nach Eng land zurückgekehrt. begannen fie offen gegen die Kongreß befchlüffe Stellung zu nehmen. Im britifchen Föderalrat beantragte Hales. die Aenßerung von Karl Marx auf dem Haager Kongreß. ..daß es eher eine Ehre als das Gegenteil fei. kein englifcher Arbeiterführer zu fein. da die Mehrheit diefer Führer an die Liberalen verlauft fei.“ zurückzuweifen. Hales fügte feinem Antrag 110W den Zufaß hinzu. daß man ausfprechen folle. ..daß Marx felbft an diefe Befchuldigung nicht geglaubt. fondern fie nur für feine perfönlichen Zwecke vorgebracht habe.“ Der Antrag wurde. doch ohne den 8u faß. angenommen. Weiterhin erklärte Hales noch. daß 216

Marx nicht geeignet fei. weiterhin Mitglied der Inter nationale zu bleiben.Ik Die irifchen Sektionen in London unter dem Einfluß des Generalrats-Mitgliedes I. P. McDonnell proteftierten in einer Verfammlung am 18. September gegen die Hales fchen Aeußerungen über Marx und fprachen diefem ihr Ver trauen aus. Unter Affiftenz von Eeearius und Iung wühlte Hales aber weiter. Er hielt Verbindung mit den Iuraffiern und _ durch Eeearius - mit der Woodhull-Claflin-Faktion in New York. wobei ihm fein Amt als Sekretär des britifchen Föderalrats und feine Verbindungen im Lande zugute kamen. Am 10. Dezember erließ Hales und eine Majorität des britifchen Föderalrats einen Aufruf an die Sektionen und Mitglieder der britifchen Föderation. der aber der Sißung des Gefamt-Föderalrats nicht vorgelegen hatte. indem fie den Haager Kongreß und den neuen Generalrat heftig an - griffen. Es wurde in dem Aufruf erklärt'. daß der britifche Föderalrat innerlich feit langem fo gefpalten fei. daß ein Zufammenarbeiten unmöglich wurde. ..Gegenwärtig herrfcht vollftändige Handlungsunfähigkeit. fodaß die leßte Sißung inmitten der Beratung aufgehoben wurde. um eine .Diskuf fion zu verhindern.“ Der Grund der Spaltung fei. fo wurde ausgeführt. ein prinzipieller. .Die Majorität. die den Aufruf unterzeichnete. wolle als Grundlage der Organifation die Refolutionen bei behalten. die auf dem Kongreß in Nottingham (wo die britifche Föderation ins Leben gerufen wurde) gefaßt wur den. fowie die Generalftatuten. wie fie vor dem Haager Kongreß galten. Der Kongreß im Haag fei nicht regelrecht zufammengefeßt gewefen. und er habe weder in den An fchauungen. noch der Zahl nach. die Majorität der Mitglieder der Affociation repräfentiert. Eine der Refolutionen jenes Kongreffes _ fo hieß es weiter -- wurde angenommen. ..nachdem die Mehrheit der Delegaten bereits fort war.“ und erklärte die politifche Aktion für alle Mitglieder der Internationale obligatorifch. Das würde in England die Gewerkfchaften abftoßen. die . .- Max Bach. Beiträge zu einer Gefchichte der Int. S. 26.

217

Reue Zeit. xxl.

der Internationale zum Teil unter der Bedingung unge ftörter innerer Aktionsfrciheit beigetreten feien.

Zwar feien fie. die Unterzeichner des Aufrufs. für poli tifche Aktion und ..erachten es als eine Pflicht der Arbeiter klaffe. die politifche Macht zu erobern.“ ..Zur gleichen Zeit erkennen wir aber die Tatfache an. daß der Emanzipations kampf der Arbeit viele Phafen hat. und wünfchen in unferen Reihen alle die aufzunehmen. die unferm großen Ziele zu arbeiten.“ Während die Allianziften jede Art von politifcher Aktion zurückwiefen. befürworteten ihre englifchen Freunde alfo eine Politik. an der alle teilnehmen follten. die fich ..in unfere Reihen“ aufnehmen laffen wollen. mit andern Worten: eine Arbeiterpolitik mit bürgerlicher Hilfe. eine bürgerlich liberale Arbeiterpolitik. Des weiteren wandte fich der Aufruf der Hales'fchen Majorität des Britifchen Föderalrats gegen die Verlegung des Generalrats nach New York und gegen deffen Zufam

menfeßung. ..welchem Generalrat nicht ein einziger Ver treter Englands oder Amerikas. der beiden Länder vorge fchrittenfter induftrieller Entwicklung. angehört.“ Die Minorität des Föderalrats fei dafür. ..die vom Haa ger Kongreß aufoktroierte Neuorganifation und den von ihm nominierten Generalrat bedingungslos anzuerkennen.“ Weil die Majorität des Föderalrats das nicht wolle. habe die Minorität fhftematifch jede Arbeit verhindert. Es fei nötig. daß die Föderation ihre Angelegenheit felbft in die Hände nehme. Man folle fich deshalb darüber fchlüffig werden. ob man einen Kongreß einberufen wolle und zwar auf Grund des vom Kongreß in Nottingham angenommenen Statuts. der die Machtvollkommenheit haben folle. über die Befchlüffe des Haager Kongreffes zu entfcheiden und einen neuen Föderal

rat zu wählen. _ Der Staatsftreich der Majorität des Britifchen Föderal rats ward von der Minorität damit beantwortet. daß diefe im bisherigen Verfammlungslokal blieb. und fich als Briti fcher Föderalrat konftituierte. Der neue Föderalrat erfuchte fofort alle Sektionen des Landes. mit ihrem Urteil inne zu halten. bis fie auch die andere Seite gehört hätten. Am 23. Dezember verfandte die ..Manchefter Foreign Sektion“ ein 218

von Friedrich Engels verfaßtes Zirkular. das fich gegen Hales und Genoffen wandte und gegen deren Vorgehen proteftierte. Es wurde darin hervorgehoben. daß allein fchon der Umftand. daß die Majorität im Föderalrat - zum erften Male in der Gefchichte - gegen eine Minorität fezef fionierte. die Sache von vornherein verdächtig erfcheinen laffe. Die Unterzeichner des Hales'fchen Zirkulars hätten vorgegeben. daß der Haager Kongreß nicht richtig zufam mengefeßt gewefen fei und nicht die Majorität der Mitglieder der Affociation vertreten habe. ..Der Kongreß war gemäß

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Art. 4 der allgemeinen Statuten regelmäßig durch den

Generalrat berufen.

Er war befucht von 64 Abgeordneten.

Vertretern von 15 verfchiedenen Nationalitäten und perfön

lich 12 verfchiedenen Nationalitäten angehörend. Kein frü herer Kongreß konnte fich einer folchen echt internationalen Zufammenfeßung rühmen. Daß die gefaßten Befchlüffe von wahrem internationalen Geifte durchdrungen waren. be weift die Tatfache. daß fie faft alle mit Mehrheiten von 3 zu 1 gefaßt wurden und daß die Abgeordneten der kürzlich im Bruderkrieg entzweiten beiden Völker - die Franzofen und die Deutfchen,- faft immer wie e i n Mann ftimmten.“ Zu der Klage des Hales'fchen Rundfchreibens über den Kongreßbefchluß betreffs der politifchen Aktion der Arbeiter klaffe erklärte das Zirkular unter anderem: ..Der Befchluß verpflichtet nicht. wie vorgefchüßt. Gewerksvereine und an dere politifch Neutrale zur politifchen Aktion. Er verlangt nur in jedem Lande die Bildung einer für fich ftehenden Partei der Arbeiterklaffe. im Gegenfaß zu allen bürgerlichen Parteien. Das heißt. er fordert die Arbeiterklaffe Englands auf. fich nicht länger als Stimmvieh der ..großen liberalen Partei“ gebrauchen zu laifen. fondern eine eigene unab hängige Partei zu bilden. wie in den glorreichen Zeiten der Chartiftenbewegung. Der angeführte ..Vertrauensbruch gegen die Gewerkvereine ftellt fich- alfo als eine Erfindung heraus. Doch möchten wir hier fragen: Wo find die Ge werksvereine. welche fich einft der Internationale ange fchloffen hatten? Die Kaffenausweife des letzten Iahres zei gen. daß fie faft fämtlich unter dem Sekretariat des Bürgers Hales verfchwunden find.“ Gleichzeitig eröffneten Marx' und Engels im ..Interna L19

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tional Herald“. dem Organ der britifchen Föderation. eine Polemik gegen Hales. Am 28. Dezember verfchickte auch der aus der bisherigen Minorität neu konftituierte Föderalrat feine Antwort auf das Hales'fche Pronunziamento. In einer Adreffe an die Sektionen und Mitglieder der Föderation wurde ausgeführt. daß die Unfähigkeit des Föderalrats. feine Gefchäfte abzuwickeln. durch das fortwährende-Hineinziehen perfönlicher Angelegenheiten durch Hales verurfacht wurde. Hales fowohl wie Mottershead. der ebenfalls die Hales'fche Adreffe unterzeichnet hatte. hätten fchon im Generalrat durch gegenfeitige.Befchuldigungen der Korruption einen Gefchäftsftillftand herbeigeführt. j Der wirkliche Grund für den. Erlaß des bewußten Zirku lars durch Hales und Genoffen - fo wurde .hervorgehoben - fei ein Uebereinkommen der fezeffioniftifchen Minderheit des Haager Kongreffes. in allen Ländern um Weihnachten herum alle Arten Kongreffe einzuberufen. um von ihnen ihre Sonderbündlerei gutheißen zu laffen. Das Hales'fche Zirkular habe dem Föderalrat niemals vorgelegen. Mit Bezug auf die Behauptung. daß der Haager Kongreß nicht regelrecht zufammengefeßt war. fei es bezeichnend. daß Iohn Roach. ein Mitunterzeichner des Hales'fchen Aufrufs. im Haag Mitglied -des Mandats prüfungskomites war. und daß er den Bericht diefes Komites unterzeichnete. Mit Bezug auf den Befchluß des Haager Kongreffes über die politifche Aktion der Arbeiterklaffe wurde nachgewiefen. daß unrichtig war. was Hales behauptete. daß er gefaßt wurde. als die Majorität der Delegaten fchon abgereift war. Von den 64 Delegaten. die am Kongreß teilnahmen. nah men 45 an der Abftimmung über diefe Refolution teil und 35 davon ftimmten dafür. unter ihnen'Mottershead. der nichtsdeftoweniger den Hales'fchen Aufruf unterzeichnete. Uebrigens fei der ganze Befchluß nichts weiter. als ein Aus zug aus der Refolution 1)( der Londoner Konferenz vom September 1871. die vom Generalrat unterzeichnet. mit den Unterfchriften von Mottershead. Iung. Hales und anderen Unterzeichnern der Hales'fchen Adreffe verfehen war. Ueber die Verlegung des Generalrats nach-New York bemerkt die Antwort des neuen Föderalrats boshaft: ..Die nächfte Befchwerde ift die Verlegung des Generalrats nach 220

New York. Das meint einfach. daß kein Generalrat den Anfpruch erheben darf. die Internationale zu repräfentieren. dem nicht die Herren Hales. Mottershead. Iung. Bradnick. Maho und Roach angehören.“ Auf die Vorfchläge des Hales'fchen Zirkulars wird dann entgegnet. daß jeder Kongreß in England. der die Refolu tionen des Haager Kongreffes revidieren will. illegal fei. weil jede Föderation das Recht habe. auf dem nächften allge meinen Kongreß ihre Einfprüche vorzubringen. und daß der einzige legale Kongreß der britifchen Föderation jener fei. der am nächften Vfingften nach dem Befchluß des Kongreffes

in Nottingham in Manchefter abgehalten werde. Gleich zeitig forderte der neue Föderalrat die Sektionen auf. die Mandate der Unterzeichner des Hales'fchen Zirkulars zum Föderalrat zurückzuziehen und andere Delegaten zu ernennen. Eine ganze Reihe von Sektionen. in London wie im Lande. erklärten fich jeßt gegen Hales und Genoffen. Die Sektion Middlesborough. die Iung als Delegat im Föderal rat vertreten hatte. feßte diefen fofort ab und überließ der bisherigen Minorität im Föderalrat den Vorfchlag eines neuen Delegaten. In ähnlicher Weife handelten Nottingham und andere Sektionen. die mit wenigen Ausnahmen fich gegen Hales und Genoffen wandten und fich für die Be fchlüffe des Haager Kongreffes erklärten. Der Sezeffionskongreß fand am 26. Ianuar 1873 in London ftatt. Er war von zwölf Delegaten befucht und zeigte deutlich den Fehlfchlag der Sezeffion. Hales wandte fich in heftiger Weife gegen den alten Generalrat wie gegen den Haager Kongreß. Iung hieb in diefelbe Kerbe. indem er insbefondere gegen Engels polemifierte. dem er die Schuld gab an der Entfremdung. die zwifchen ihm (Iung) und Marx plaßgegriffen habe. Eccarius wandte fich hauptfäch lich gegen den Befchluß der unabhängigen politifchen Aktion der Arbeiter. Es fei nicht möglich. Arbeiter in die gefeß gebenden Körperfchaften zu bringen ohne Vereinigung und Bündniffe mit vorgefchrittenen Männern der Bourgeoifie. Er habe dabei England. die Schweiz und Amerika im Auge. Nicht ohne Gefchick machte Eccarius darauf aufmerkfam. daß der neue Generalrat in New York für Amerika felbft für Abftinenz in der Politik fei. 221

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Der Kongreß. dem McAra präfidierte und deffen Schrift führer A. Eccarius war. nahm dann die folgende Refolution an: ..In Erwägung. daß der Kongreß im Haag ftatuten widrig zufammengefeßt und die anwefende Majorität nur eine fingierte war. gefchaffen zum Zwecke. um die wahren Repräfentanten der Mitglieder der Internationale zu über ftimmen; in Erwägung. daß die dort gefaßten Befchlüffe den Grundvertrag der Internationale. der das Recht jeder Föderation feftfeßt. ihr eigenes Vorgehen zu beftimmen. umftürzen; in Erwägung. daß das Programm des Kon greffes nicht vorher den Branchen zur Kenntnisnahme vor gelegt wurde wie es das Generalftatut. Verwaltungsregu

lativ. Art. 1. Abf. 10. vorfchreibt. verwirft diefer Kongreß britifcher Delegierter die Befchlüffe des Haager Kongreffes und den von ihm gewählten fogenannten Generalrat in New York.“ Im Weiteren befchloß der Kongreß. daß die Britifche Fö deration das vom Kongreß in Nottingham angenommene politifche und foziale Programm auszuführen habe. und daß fie mit allen Föderationen der Internationale eine Allianz abfchließen und mitder Majorität zufammenwirken folle. um. wenn notwendig. einen internationalen Kongreß

abzuhalten. Schließlich wählte man noch die Exekutive. der u. a. I. Hales. H. Iung und T. Mottershead angehörten. Damit war auch der englifche Zweig der Internationale gefpalten. Während die belgifche Föderation fich als Ganzes gegen den Haager Kongreß und den neuen Generalrat er klärt hatte. .waren die fchweizerifche. fpanifche und englifche cFöderation zum Teil diefem Beifpiele gefolgt. Der neue Generalrat in New York nahm. fobald er offi zielle Kenntnis von den Schritten der Sezeffioniften erhielt. entfchieden Stellung gegen fie. In feiner Sißung vom 27. Oktober. nachdem die Nach richt vom Sonderkongreß in St. Imier eingetroffen und ver handelt worden war. faßte der Generalrat den Befchluß. die Angelegenheit einem Außfchluß zur Beratung zu überweifen. nach deffen Bericht man in der nächften Sißung. am 3. No vember unter Hinweis auf die Generalftatuten. zur An nahme deZ folgenden Befchluffes kam: ..Die von dem außerordentlichen Kongreß der juraffifchen

22-2

Föderation. abgehalten zu St. Imier am 15. September 1872. gefaßten Befchlüffe find null und nichtig. Der Föde

ralrat. oder das Föderalkomite der juraffifchen Föderation ift hiermit aufgefordert. entweder fofort einen außerordent lichen Kongreß der juraffifchen Föderation zu berufen. oder

eine Urabftimmung aller Mitglieder in ihren Sektionen zu veranlaffen. zum Widerruf dergenannten Befchlüffe. ..Der Generalrat verlangt eine beftimmte Antwort inner halb vierzig Tagen mit Anfügung entweder des Berichts über den außerordentlichen Kongreß. oder des genauen Be richts über die Urabftimmung gemäß des vorhergehenden Befchluffes.“ Diefe Befchlüffe wurden am 8. November der Iuraffifchen Föderation übermittelt. In feinem Begleitfchreiben hob der Generalrat hervor. daß die Befchlüffe des juraffifchen Kon greffes eine fchreiende Verleßung der Statuten der Inter nationalen Arbeiter-Affociation feien. ..Der Generalrat.“ fo hieß es wörtlich weiter. ..ift fich feiner Pflicht vollftändig bewußt. aber er hat eine ftarke Scheu vor der übereilten An wendung von disziplinarifchen Maßregeln; er bedauert tief ftens die Leichtfertigkeit. mit welcher der genannte außer ordentliche juraffifche Kongreß verfucht hat. die die Arbeiter aller Länder umfchlingenden innigen Bande zu zerreißen; er ftellt feft den unbedingten Widerfpruch zwifchen den ange führten Befchlüffen und einem andern Befchluß desfelben außerordentlichen Kongreffes. welcher ..verkündet und beftä tigt den hehren Grundfaß der Gefamtverbindlichkeit zwifchen den Arbeitern aller Länder. er hofft. daß die wackeren Arbei ter. Mitglieder der Sektionen der juraffifchen Föderation. keinen Anteil haben an diefem fchweren Angriff auf die Organifation der Internationalen Arbeiter-Affociation. und deshalb legt der Generalrat direkte Berufung an fie ein in der Erwartung. daß der echte Geift der Arbeiter-Solidarität fie veranlaffe. das Verfahren des erwähnten. außerordent lichen juraffifchen Kongreffes von St. Imier zu mißbilligen

und umzuftoßen.“ Die Iuraffier kümmerten fich nicht um diefen Brief und um die Befchlüffe des Generalrats. und als bis zum 6. Iannar 1873. fechzig Tage nach dem Abfchicken des Schreibens. .dem Generalrat keine Antwort der Iuraffier

zngegangen war. fufp en dierte der Generalrat die L23

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Iuraffifche Föderation bis zum nächften allgemeinen Kon greß. Gleichzeitig forderte der Generalrat alle Sektionen und Mitglieder der Iuraffifchen Föderation. welche die Befchlüffe des Kongreffes von St. Imier nicht anerkennen.

auf. fich der ..Romanifchen Föderation“ in Genf bis zur Errichtung der Schweizerifchen Landesföderation anzu fchließen. Marx und Engels waren mit dem Befchluß des General rats. nach welchem die juraffifche Föderation nur f u f p e n

die rt wurde. nicht einverftanden und fchrieben in diefem Sinne fowohl an F. A. Sorge wie an andere Mitglieder des Generalrats." Sie hielten dafür. daß die Iuraleute aus der Internationale a u s g e t r e t e n feien. indem fie Kon greß und Statuten desfelben als nicht exiftierend erklärten. Würde es bei der Suspenfion der Iuraffier und der übrigen fezeffioniftifchen Föderation bleiben. fo wäre die Folge. daß fie wieder auf dem nächften allgemeinen Kotigreffe der Affo

ciation vertreten fein könnten. und wieder jede ernfthafte Arbeit lahmlegen würden. Zum Teil hatte der Generalrat indeß fchon vor diefem' Eingreifen von Marx und Engels fich auf denfelben Stand punkt geftellt. Schon vor Eintreffen der obenerwähnten Briefe. am 26. Ianuar 1873. hatte der Generalrat den fol genden Befchluß gefaßt: ..Gefellfchaften oder Perfonen. welche fich wcigern. die Kongreßbefchlüffe anzuerkennen. oder wiffentlich die durch Statuten und VerwaltungsZVerord nungen auferlegten Pflichten verabfäumen. ftellen fich felbft

außerhalb der Internationale und hören auf. Mitglieder derfelben zu fein.“ Obgleich in dem Befchluffe keine der fezeffioniftifchen Fö derationen genannt war. deckte diefer Befchluß doch alle Aktionen derfelben. In einem Schreiben. das der General rat am 2. Februar an den Britifchen Föderalrat fchickte. wurde diefem der obige Befchluß mitgeteilt als Antwort auf ein Schreiben. in dem die Sezeffion Hales mitgeteilt wurde und hinzugefügt: Der Generalrat ift der Meinung. daß diefe Refolution Ihren Fall deckt.“ Es dauerte aber bis zum 30. Mai. ehe es zu einem ent . *F. A. Sorge. Stuttgart 1906.

Briefweehlel.

Verlag von

S. 91. ff.

224

J. H. W. Dietz Nachf.

fcheidenden Schritte kam. den bis dahin die Gegenfäße. die im Generalrat herrfchten. verhindert hatten. An diefem Datum anerkannte man den erfolgten Bruch durch den Be fchluß. daß in Anbetracht der Tatfache. daß die Kongreffe der belgifchen Föderation am 25. und 26. Dezember 1872. der fpanifchen Föderation in Cordova am 25. Dezember 1 872 bis 2. Ianuar 1873. eine Verfammlung in London am 26. Ianuar 1873 befchloffen haben. die Befchlüffe des Haager Kongreffes nicht anzuerkennen. der Generalrat in Uebereinftimmung mit dem Statut und mit feinem Befchluß vom 26. Ianuar erklärt: ..Alle an den obenerwähnten Kongreffen und Verfamm lungen zu Brüffel. Cordova und London beteiligten und deren Befchlüffe anerkennenden nationalen und lokalen Föderationen. Sektionen und Individuen haben fich felbft außerhalb der Internationalen Arbeiter-Affociation geftellt und aufgehört. Mitglieder derfelben zu fein.“ Diefer Befchluß trug die Unterfchriften der folgenden Mitglieder des Generalrats: F. C. Bertrand. F. Bolte. C. Carl. S. Dereure. S. Kavanagh. C. F. Laurel. F. A. Sorge und C. Speher.

Das formelle Band. das bis dahin die Sezeffioniften noch mit der Internationale verband. war damit zerfchnitten. Den Nachweis des verderblichen Treibens Bakunins und der Allianz erbrachte die Veröffentlichung des Berichts. der irn Auftrage des Haager Kongreffes im Iuli 1873 erfolgte. Die Dokumente. die in *P'xtlijnnee cIe 18. Dämoeratje Zoejalixzte" veröffentlicht werden. zeigten die Exiftenz der geheimen Organifation. die Bakunin mit Hilfe feiner An hänger innerhalb der Internationalen Arbeiter-Affociation gegründet hatte und deren Haupt er war. Es wurde tatfächlich der Beweis erbracht. daß in der Al lianz die Internationale es mit einer Gefellfchaft zu tun hatte. ..welche unter der Maske des extremften Anarchismus ihre

Angriffe nicht

gegen

die

beftehenden

Regierungen

richtete. fondern- gegen die Revolutionäre. welche fich nicht ihrer Qrthodoxie und ihrer Leitung unterwerfen. Von der Minderheit eines Bourgeois-Kongreffes gegründet. fchlich fie fich in die Reihen der internationalen Organifation der Arbeiterklaffe ein. verfucht zuerft. fich ihrer Leitung zu be mächtigen. und arbeitet auf ihre Dcsorganifation hin. fobald 225

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fie diefen Plau fcheitern fieht. In fchamlofefter Weife fucht fie ihr fektiererifches Programm und ihre befchränkten Ideen dem umfaffenden Programm. den großen Beftrebungen unferer Affociation unterzufchieben. fie organifiert in den öffentlichen Sektionen der Internationalen ihre geheimen Sektiönchen. welche. derfelben Parole gehorchend. durch vor her abgekartetes gemeinfames Vorgehen in vielen Fällen zur Herrfchaft über jene gelangen; fie greift öffentlich in ihren Blättern alle Elemente an. welche fich weigern. fich

ihrer Herrfchaft zu fügen: fie provoziert den offenen Krieg - das find ihre eigenen Worte - in unferen Reihen. Um zu ihrem Zweck zu gelangen. weicht fie vor keinem Mittel. vor keiner Unredlichkeit zurück; Lüge. Verleumdung. Einfchüch terung. Gewalttat aus feigem Hinterhalt ift ihr in gleicher Weife recht. Endlich. in Rußland. feßt fie fich ganz an die Stelle der Internationalen und begeht unter ihrem Namen gemeine Verbrechen. Gaunereien und einen Mord. für den die Regierungs- und Bourgeois-Preffe unfere Affociation verantwortlich gemacht hat.“ * Und diefe Auflagen gegen die Allianz ftüßten fich nicht auf bloße Behauptungen. Die erwähnte Denkfchrift erbrachte den Beweis für die erhobenen Befchuldigungen und zeigte. daß ihre (der Allianz) ..hochtönenden Phrafen von Autonomie und freier Föderation. überhaupt ihr Kriegsgefchrei gegen den Generalrat nichts weiter waren als ein Kunftgriff zur Maskierung ihres wahren Zweckes: die Internationale zu desorganifieren und fie eben dadurch der geheimen. hierarchi fchen und autokratifchen Regierung der Allianz zu unter werfen“. daß in der Allianz ..an die Stelle des ökonomifchen und politifchen Kampfes der Arbeiter um ihre Emanzipation die allzerftörenden Taten des Zuchthausgefindels treten. als der höchften Verkörperung der Revolution.“ ** Der Veröffentlichung der Brofchüre folgte bald der Rück tritt Bakunins aus dem öffentlichen Leben. In einem Schreiben an das ..Iournal de Geneve“. in dem er erklärte. daß Marx ihn ..in feiner dreifachen Eigenfchaft als Kom munift. als Deutfcher und als Iude zum Gegenftand feines . *Ein Komplett gegen die Int. Ark'. Affociation. fchweig.

1874.

"..Ein Komplett“.

S. 89 f.

226

S. 3.

Braun

Haffes gemacht“ habe und in welchem er eine Reihe von Befchimpfungen gegen Marx niederlegte. fagte Bakunin zum Schluß: ..Soll ich Ihnen geftehen. daß mich das alles mit einem tiefen Ekel vor dem öffentlichen Leben erfüllt hat? Ich habe dies fatt und nachdem ich mein ganzes Leben im Kampf zugebracht habe. bin ich es müde geworden. Ich habe 60 Iahre hinter mir. und eine mit dem Alter fich verfchlim

mernde Herzkrankheit erfchwert mir das Leben mehr und mehr. Mögen fich Iüngere ans Werk machenl Was mich betrifft. fo habe ich nicht mehr die nötige Kraft. vielleicht nicht mehr das richtige Vertrauen. um noch länger den Sifhphusftein gegen die überall triumphierende Reaktion zu rollen. Ich ziehe mich alfo vom Kampfplaß zurück und ver lange von meinen lieben Zeitgenoffen nur eins: Vergeffen

heit. _ Hinfort werde ich niemand die Ruhe ftören - laffe man auch mich in Ruhe.“ .

4. Stand der Affociation. Als man im Haag befchloß. den Generalrat nach New York zu verlegen. waren die Urheber diefes Befchluffes keineswegs der Meinung gewefen. daß die Internationale fo rafch zur Auflöfung kommen werde. wie das tatfächlich der Fall war. wenn man fich wohl auch darüber klar war. daß ein dauerndes Verblciben des Generalrats in Amerika eine Aufhebung der Verbindung der Internationale mit den europäifchen Arbeitermaffen -bedeuten mußte. Der Ver

legungsbefchluß ging wohl deshalb auch nur dahin. daß New York nur ein Iahr lang Siß des Generalrats fein follte Man dachte fich diefe Verlegung nur als einen augenblick

lichen Notbehelf mit der Vorausfetzung. auf einem fpäteren Kongreß unter günftigeren Verhältniffen den Generalrat wieder nach Europa zu bringen. Für den Augenblick galt es. die Leitung der Affociation nicht in die Hände von Leuten fallen zu laffen. die. wie die Blanquiften mit ihrer halb; bürgerlichen Revolutionsromantik. der Internationale ihren bisherigen Charakter genommen. oder' die. wie die Hales und Genoffen.

fie etwa zu einem Schwanz von reformerifchen

Bourgeoisparteien gemacht hätten. Ems von diefen beiden aber mußte eintreten. wenn Marx und Engels ihren leiten den Einfluß im Generalrat aufgaben. und das mußte 227

gefchehen. wenn die beiden ihre wiffenfchaftlichen Arbeiten weiterführen follten. was wieder zum Ausbau und zur Feftigung der fozialiftifchen Theorien notwendig war. Es ift auch fraglich. ob die Auflöfung der Organifation fich wefentlich langfamer vollzogen hätte. wäre ihre Leitung nach wie vor in London geblieben. Iedenfalls. wenige Monate nnr. nachdem der neue Gene ralrat in New York feine Funktionen übernommen hatte. fah er fich in der von ihm geleiteten Organifation einer Siftzuation gegenüber; die ihm wenig mehr zu leiten übrig lie . Die belgifche Föderation hatte fich außerhalb der Inter nationale geftellt. In der Schweiz waren ihre Anhänger gefpalten und ein großer Teil mußte fufpendiert werden. Dasfelbe Schaufpiel boten Spanien und England. In den meiften übrigen Ländern war die Affociation verboten und die Regierungsverfolgung gegen die Mitglieder der ?Affocia

tion fo ftark. daß an ein Wirken des Generalrats in diefen Ländern kaum zu denken war. Von wirklich tätigen Födera tionen kam nur die Föderation Nord-Amerikas in Betracht. mit der. wie wir fehen werden. es zur Zeit auch nicht gerade am beften ftand. Dann beftand noch die Britifche Födera tion. die aber ihre ganze Kraft zur Bekämpfung der Sezef fion verbraiuhte und ihren Einfluß auf die Gewerkfchafts; bewegung des Landes vollftändig verloren hatte. In Spa nien waren die Föderationen. die den New Yorker General rat anerkanntee dem Einfluß der Allianziften nicht gewach fen. In Holland hatte die Föderation. die aber fchwach war. den Generalrat und die' Haager Befchlüffe zwar aner kannt. hatte fich aber gegen den Ausfchluß der Iuraffier erklärt. In der Schweiz und in Italien hatte man an ein zelnen Stellen noch feften Fuß. doch 'war das ohne Bedeu tung und felbft die Verbindungen mit den fozialiftifchen Parteien in Deutfchland und Oefterreich-Ungarn waren äußerft lofe. Auch die Preßorgane. die bisher die Intereffen der Inter nationale gewahrt hatteie verfielen ihrem Schickfal. Im April 1873 fchrieb Friedrich Engels hierüber an den Gene ralrat: * ..Die “Ztnnnrjpaejon'7 von Madrid (ein fehr . *F. A. Sorge, Vrlefwechfel.

S. 102103. 228

gutes Blatt. das Organ der Neuen Madrider Föderation war) geht ein. wenn fie nicht fchon eingegangen.“ ... . . Das “L'eneamento 800131" in Liffabon. ein ausge zeichnetes Blatt . . .. wird fein Erfcheinen auch eine kurze Zeit einftellen müffen. aber wieder erfcheinen. Der “Lutter nntjanz] XFN-n1g" (London) liegt auch in den leßten Zü

gen.“ Gleichzeitig hatte auch die “Lt-eve" in Italien. das einzige Blatt. das dort die Richtung des neuen Generalrats vertrat. ihrErfcheinen eingeftellt. und auch die “Lg-alite" in Genf teilte das allgemeine Schickfal. Im Mai klagte Engels in einem Briefe an Sorge darüber. daß ..bei uns alles einfchläft“. wobei er die größere Tätigkeit der Allian ziften hervorhob. Daß bei dem herrfchenden Zuftand der Dinge in der Affo ciation der Generalrat nicht viel Pofitives wirken konnte. liegt auf der Hand. Die Föderationen. foweit fie- noch beftanden. erledigten in der Hauptfache ihre Arbeiten felbft. und felbft ihr fehriftlicher Verkehr mit dem Generalrat war nicht befonders lebhaft. Anfänglich nahmen die Maßregeln gegen die Sezeffioniften die Tätigkeit des Generalrats in der Hauptfache in Anfpruch. Berichte über Vorgänge in der Arbeiterbewegung wurden außer aus Amerika nur aus Holland und der Schweiz gefchickt. Die Berichte aus Eng land befchäftigten fich wefentlich mit den dortigen Streitig keiten und mit inneren Angelegenheiten. Im April 1873 erließ der Generalrat durch Engels eine Warnung in italie nifchen- Zeitungen. da die amerikanifche Bourgeoifie damals begann. italienifche Arbeiter unter Kontrakt als .Strike-. brecher nach den Vereinigten Staaten zu importieren. Im Februar 187 3 wandten fich die Wiener Drofchkenkutfcher an den Generalrat. um dur deffen Vermittlung mit ihren Arbeitsgenoffen in anderen tädten in Verbindung zu tre ten. um die dort geltenden Fahrordnungen und Taxen zu

erlangen.

Von Buenos-Ahres meldeten fich. Ende März

1873. drei Arbeiter-Sektionen zum Beitritt in die Inter

nationale. eine franzöfifche mit 130. eine fpanifche mit 45 und eine italicnifche mit 90 Mitgliedern. Man trat mit ihnen direkt und über Portugal. mit dem durch Engels und Lafargue noch ein lofer Zufammenhang aufrecht erhalten wurde und wo fich. in Liffabon. im Mai 1873 ein Lokal

komite der dortigen Sektionen gebildet hatte. in Verbindung 229

(nme-7x871" 17W!!! or?

und teilte ihnen die Aufnahmebedingungen mit. doch ließen die Argentinier nichts wieder von fich hören. Befonders übel ftand es auch mit den Finanzen des Gene ralrats. Ein Bild derfelben gibt ein Paffus aus dem ..ver traulichen Bericht“. den der Generalrat dem allgemeinen .Kongreß in Genf. im September 1873. unterbreitete. Es hieß da wörtlich: ..Die ftatutengemäßen Beiträge an den Generalrat waren fo lächerlich gering und derart unregel mäßig. daß kaum die Unkoften des Portos für die tatfächliche

Korrefpondenz mit den Föderationen in den verfchiedenen Teilen der Erde daraus gezahlt werden konnten. Der Generalrat war fünf Monate lang _ vom Ianuar bis Mai - ohne die Mittel. auch nur das Porto zu zahlen und hatte

fich auf den guten Willen feiner unbezahlten Beamten zu verlaffen.

Um diefem Uebel ahzuhelfen. find wir nicht für

eine Erhöhung der regelmäßigen Beiträge. fondern empfeh leiZ. daß die verfchiedenen Föderationen freiwillige Beiträge ge en.“

Die Gefamteinnahmen des Generalrats vom Oktober 1872 bis zum Auguft 1873. als der Bericht an den Genfer Kongreß fertiggcftellt wurde. betrug 8379.79; die Ausgaben 8367.87' Der weitaus größte Teil der Einnahmen ftammte von der amerikanifchen Föderation. Der Generalrat hatte verfucht. die fozialiftifchen Par teien des Auslandes. mit denen er Verbindungen aufrecht erhielt. zu veranlaffen. eine beftimmte Beitragsfumme an den Generalrat zu zahlen. In Bezug auf Deutfchland wurde z. B. befchloffen: Es wird den Anhängern und Mit

gliedern der Internationalen Arbeiter-Affociation in Deutfchland empfohlen. die Summe von 100 Talern an den Generalrat zu zahlen. wofür fich der Generalrat bereit erklärt. alle Perfonen als Mitglieder der Internationalen

Arbeiter-Affociation zu betrachten. welche fich als Mitglieder der Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands ausweifen. Ein ähnlicher Vorfchlag wurde mit Bezug auf Oefterreich und Ungarn gemacht.

Die Sozialdemokratifche Partei Deutfchlands ging auf den Vorfchlag nicht ein. teils aus Furcht vor Prozeffen. die der Verbindung mit dem Generalrat entfpringen mochten. -teils auch wegen Geldmangel. In feinem Briefe mit der ablehnenden Antwort fpricht Theodor York als Sekretär des 230

Partei-Ausfchuffes davon. daß man die vorhandenen Mittel gebrauche. um die ..feindliche Konkurrenz“ zu bekämpfen. Der Generalrat beantwortete diefen Hinweis auf die dama ligen Bruderkämpfe zwifchen Laffalleanern und Eifenachern mit der Erklärung. daß fich diefe ..feindliche Konkurrenz“ auch inAmerika breit zu machen beginne und am wirkfam fien lahmgelegt werde. durch unverkennbares Vorgehen in der Deutfchen Wartet“ Die Deutfchen hatten mit ihrer ablehnenden Antwort die Summe von 825.92 an den Generalrat gefchickt. Die Oefterreicher fchickten 822. Aus Budapeft fchrieb Carl Farkas. der Bevollmächtigte des Generalrats für Ungarn. unterm 30. April 1873: ..Unfer Zentral-Ausfchuß geht gegenwärtig mit der Idee um. die Partei indirekt der Inter nationale einzuverleiben und den gefeßlichen Hinderniffen dadurch zu begegnen. Anftatt direkter Steuer foll der Zentral-Ausfchuß von jedem geleifteten Monats-beitrag einen halben Kreuzer. jährlich alfo 6 Kreuzer. an den Generalrat abführen.“ Der Generalrat erklärte fich hiermit einverftanden. doch find ihm nie Beiträge aus

Ungarn

zugegangen.

Ebenfo

nicht aus den übrigen europäifchen Ländern mit Ausnahme von Holland. das mit zehn Gulden kurz vor dem Genfer Kongreß feinen Iahresbeitrag entrichtete. und mit einigen Franken. die das Zentralkomite der deutfchen Sprachgruppe in der Schweiz fchickte. die indeß nicht die fchuldigen Beiträge deckten. Der Generalrat fchrieb diefem Komite: ..Als allge meine Mitteilung diene. daß wir wohl fehr viele Gefuche um Hilfe bis jeßt erhalten haben. aber noch nicht eine einzige Beifteuer.“ Die Gefuche um Hilfe an den Generalrat kamen in der Hauptfache aus der Schweiz (Goldarbeiterftreik in Genf) und aus Italien. wo in Lodi und anderswo Verhaftungen der Mitglieder ftattgefunden hatten. deren Familien in Not waren. In beiden Fällen nahm der Generalrat Samm lungen in amerikanifchen Arbeiterkreifen vor. deren Ertrag. mehrere hundert Franken je. ihren Zwecken gemäß verwandt wurde. Daß fie nicht mehr ergaben. war dem Umftande zuzufchreiben. daß die amerikanifchen Mitglieder in anderer Weife ftark in Anfpruch genommmen wurden. Der General

rat fchrieb darüber an das Romanifche Komite in Genf: 231

'MW W -'MW--

..Die amerikanifche Föderation. obgleich noch nicht 1000 Mitglieder ftark. zahlte für die Kommuneflüchtlinge 7000 Franken. Beinahe 3000 Franken wurden für die Delega tion zum Haager Kongreß aufgebracht und die franzöfifchen Mitglieder haben außerdem taufende von Franken für die Kommune-Witwen und -Waifen gegeben. Die deutfchen Mitglieder fammelten dann noch mehr als 4000 Franken für die Schaffung eines eigenen Organs.“ _ In der Oeffentlichkeit fuchte der Generalrat durch Erlaß verfchiedener Adreffen zu wirken. die teils an die Arbeiter eines beftimmten Landes. teils an die Mitglieder der Affo ciation gerichtet waren. bald einen effentlichen. bald einen vertraulichen Charakter trugen. Zum Neujahr 1873 wurde ein Rundfchreiben (datiert vom 20. Dezember 1872) erlaffen. in dem die Föderationen und Sektionen in allen Ländern zur Pflichterfüllung aufgefordert wurden. Am 26. Ianuar 1873 erließ der Generalrat einen Aufruf an die Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Affociation. ..an die Arbeiter aller Länder“. in welchem die Lage der Dinge in den einzelnen Staaten gefchildert wurde. Der zuverfichtliche Ton. in dem diefe Adreffe gehalten war. mochte mit dem Stande der allgemeinen Arbeiter bewegung und der Ausbreitung der Ideen der Interna tionale im Einklang fein. mit dem Zuftand der Affociation Zelßaft aber war fie nicht vereinbar. wie wir fchon gefehen a en. Selbft im Generalrat trat Lauheit ein. Die Siße zweier Mitglieder. des Italieners Fornacieri und des Irländers St. Clair. mußten als vakant erklärt werden. weil ihre beiden Inhaber drei Monate lang die Sißungen des Gene ralrats nicht befucht hatten. Ein drittes Mitglied. der Fran zofe E. Leviele. wurde feiner Mitgliedfchaft im Generalrat für verluftig erklärt. weil er Gelder der Affociation für fich verwandt hatte. Der Geldmangel drückte derart. daß in einem vertraulichen Bericht vom 25. April der Generalrat u. a. erklärte. daß er ohne alle Mittel fei. da keinerlei Bei träge eingingen. ..Wir werden nicht wieder betteln um das. was uns zukommt. und die Föderationen haben ihrer eige nen Nachläffigkeit die unvermeidlichen Folgen diefes bekla ' genswerten Zuftandes zuzufchreiben.“ 232

- Wir haben gefehen. daß der Einfluß des Generalrats auf die Arbeiterbewegung Europas. wenn nach der Verlegung ' desfelben nach New York von einem folchen überhaupt die Rede fein kann. immer geringer wurde. In den Hauptlän dern des Kontinents. in Deutfchland. Frankreich und Oefter reich-Ungarn. war die Internationale. und befonders auch die Verbindung der Arbeiterorganifationen .mit dem Gene ralrat. gefeßlich verboten. Dazu kam. daß in Deutfchland. wie in Oefterreich. die politifche Arbeiterbewegung bereits felbftändige nationale Formen angenommen hatte. die über den Rahmen einer bloßen Gefellfchaft. einer Affociation wie die Internationale es war. hinauswuchs. und die den Charakter einer felbftändigen politifchen Partei angenom men hatte. Der ..Neue Sozialdemokrat“ in Berlin. das Organ des ..Allgemeinen Deutfchen Arbeiter-Zereins“. nahm nach dem Haager Kongreß Stellung für Bakunin und übernahm aus den Zeitungen der Allianz die gehäffigen Angriffe gegen Marx und deffen Anhänger und Freunde. u. a. auch gegen den Generalfekretär des neuen Generalrats. Der ..Allge meine Deutfche Arbeiter-Verein“ fandte dem Sonderkon greß in St. Imier feine Glückwünfche. Diefe Haltung der Laffalleaner und ihres Organs wirkte natürlich auf ihre zahlreichen Anhänger ein. die nach den Vereinigten'Staaten ausgewandert und die nach wie vor Lefer ihres..-deutfchen Organs geblieben waren. Ein ftarker Gegenfatz zwifchen ihnen und den Sektionen der Interna tionale in den Vereinigten Staaten wurde dadurch erzeugt. der fich auch in Gründung von felbftändigen Vereinen zeigte. Der Verkehr des Generalrats mit der Eifenacher Richtung in Deutfchland war kein befonders reger. Er befchränkte fich auf einige Schreiben an den Parteiausfchuß in Ham burg und auf die Aufnahme eines Teils der Veröffent lichungen des Generalrats im Organ diefer Richtung. im ..Volksftaatjfl Außerdem wurden Nachrichten nach Deutfch land vermittelt durch Korrefpondenzen mit A. Hepner und W. Fink in Leipzig. Nachdem der fchon erwähnte Vor fchlag des Generalrats. daß die Sozialdemokratifche Arbei terpartei Deutfchlands eine Gefamtfumme von hundert Talern als jährlichen Beitrag an den Generalrat zahlen 233

folle. abgelehnt war. kam der Generalrat in einem vertrau lichen Zirkular. ..An unfere Varteigenoffen in DeutfchlandC am 1. Auguft 1873 noch einmal auf diefen Gegenftand zurück. Es hieß darin u. a.: ..Bei den verwickelten Verhält niffen in Deutfchland - die perfönliche Mitgliedfchaft ift an vielen Orten verboten. an anderen erlaubt. und die Vereini gung unferer Mitglieder in Sektionen zu offiziellem Ver lehr mit dem Generalrat faft nirgends geftattet - muß notwendigerweife etwas gefchehen. um 1. den Verkehr zu regeln und 2. die einzelnen Mitglieder vor Polizeimaß regeln zu- fchüßen.“ Der Generalrat hielt eine Regelung der Beziehungen zu

Deutfchland für fehr notwendig. weil ..die Fälle nicht felten find. in denen ein beftimmtes Auftreten namens unferer deutfchen Mitarbeiter nicht bloß wünfchenswere fondern für den Generalrat faft unerläßlich ift.“ ..Sollte aus lokalen Urfachen der Parteiausfchuß der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei nicht dazu geeignet erfcheinen. fo würde fich

vielleicht die Einfeßung von Vertrauenskommiffionen in zwei der größeren Städte empfehlen. denen wir dann die vertraulichen

und

Antwort

erheifchenden

Mitteilungen

zugehen laffen würden. während die öffentlichen Kundge l-ungen ete. wie bisher direkt an die Redaktion des Partei

organs zu richten wären.“ Der Generalrat kam dann noch einmal auf feinen Vor fchlag einer Beitrags-Paufchalfumme von hundert Dollars zurück. der aber wiederum vom Parteiausfchuß in Deutfch land nicht angenommen wurde. Die holländifche Föderation. die außer der nord-amerika nifchen die einzige war. die ihre Beiträge an den Generalrat abführte. hielt bald nach dem Haager Kongreß eine Zufam menkunft. auf der man befchloß. daß man zum neuen Gene

ralrat halte. einen in Ausficht genommenen allgemeinen Kongreß der Seceffioniften indeß befchicken wolle. aber nur um fich zu unterrichten. nicht. um dort zu ftimmen. Die Föderation war fchwach und Unklarheit herrfchte in ihren Reihen. zum Teil eine Folge der Maßregelungen. die ihre intelligenteften Mitglieder aus dem Lande trieb. Als Beweis der herrfchenden Unklarheit mag dienen. daß im April 1873 die Föderation ein Komite einfeßte. das die Auswanderung

auf

großem

Fuße nach den Vereinigten

234

Staaten. nach Minnefota fördern follte. Der Generalrat feßte den Holländern daraufhin die Unverträglichkeit eines folchen Vorgehens mit den Grundfäßen der Internationale auseinander. Im Iuli 1873 berichtete H. Gerhard für die holländifche Föderation. daß diefe vier Sektionen enthalte und zwar Rotterdam mit 11. Haag mit 29. Utrecht mit 25 und Amfterdam mit 80 Mitgliedern. _ In der Schweiz hatten fich nach der Seceffion der Iuraf fier eine Anzahl romanifcher Sektionen. befonders in Genf. für die Haager Befchlüffe und für den neuen Generalrat erklärt. Diefe bildeten die romanifche Föderation. die in deß als Glied der Internationale wenig. Tätigkeit ent wickelte. In einem Schreiben des Generalrats nach Genf hieß es u. A.: ..Der Generalrat hat von dem Romanifchen Föderal-Komite faft nur Erfnchen um Unterftüßung erhal ten.“ Auch wurden keinerlei Beiträge an den Generalrat gefandt. In der deutfchen Schweiz. wo die ..Tagwacht“ in Zürich unter der Redaktion von Hermann Greulich gute Arbeit . verrichtete. bildete fich die ..Deutfche Sprachgruppe der Internationalen Arbeiter Affociation in der Schweiz.“ deren Central-Komite fich in Zürich befand. Im Sommer 1873 zählte diefe Organifation 7 Sektionen mit 196 .Mitgliedern. Sie zahlte dem Generalrat 3() Franken Bei träge und' entwickelte eine rege Tätigkeit. befonders auch in der Gründung von Gewerkfchaften. Sowohl die Genfer Sektionen der Internationale als auch die Mitglieder der Sektionen der Deutfchen Sprach gruppe waren befonders tätig bei der Einberufung und den Verhandlungen des erften allgemeinen fchweizerifchen Arbeiter - Kongreffes. der vom 1. bis zum 3. Iuni in Olten ftattfand und zur Bildung des fchweizerifchen Arbei terbundes führte. Auch die Iuraffier hatten den Kongreß befchickt. Als diefer indeß eine eentralifierte Organifation der Arbeiter der Schweiz befchloß. zogen fich die fünf alli anziftifchen Delegaten von den Verhandlungen zurück und verließen den Kongreß. Im Ganzen waren 82 Delegaten anwefend. Es zeigte fich alfo. wie gering der Einfluß war. den die Iuraffier auf die fchweizerifche Arbeiterbewegung felbft ausübte. 235

Nach dem Oltener Kongreß fchrieb I. Ph. Becker an H. A. Sorge über diefen Kongreß: 4' ..Der Allgemeine Schwei zerifche Arbeiterbund ift nun. und wefentlich in der von mir

und meinen Freunden erftrebten Weife gegründet. Von einem Gefamtanfchluß an die Internationale kann zwar vorläufig noch nicht die Rede fein. ift dies aber. wenn nicht formell. fo doch faktifch faft ganz der Fall. da das leitende Element ausfchließlich unferem internationalen Bunde an fgelkzört und . viele Sektionen bereits auf unferem Boden te en.“

Der Centralausfchuß des Arbeiterbundes kam nach Genf. doch verfprach fich Becker nicht viel von den romani fchen Arbeitern für die neue Organifation. Er fchrieb: ** ..Freilich bilden die Sprachunterfchiede ein großes Hemmnis und laftet die dadurch vermehrte Arbeit wefentlich. ja gänzlich auf dem deutfchen Element.. das überhaupt in der Arbßeiterbewegung der Schweiz Maftbaum und Kompaß fein mu .tt

'

Freilich. was die Internationale als folche anlangt. fo fah es damit in der Schweiz nicht wefentlih beffer aus. als in irgend einem anderen Lande. und auchdie Iuraffier hat ten um die Zeit herum fchon alle Bedeutung verloren. Ein zelne Sektionen der Internationale hielten fich übrigens in der Schweiz bis lange nach der formellen Auflöfung der ?lffsciatiom in Zürich z. B. bis zu Anfang der achtziger - a re. Auf dem Sonderkongreß in St. Imier waren u. a. auch vier Vertreter der italienifchen Internationale anwefend. Eine italienifche Föderation hatte bis dahin nicht beftanden und nur etwa ein halbes Dußend Sektionen hatte Verbin dung mit dem Generalrat in London aufrecht erhalten. In der Hauptfache ftanden diefe Sektionen unter dem Einfluß von Bakunin. Nach dem Kongreß im Haag und in St. Jmier war die --ycevcze in Lodi das einzige Blatt Italiens. das fich auf Seiten des neuen Generalrats ftellte und deffen Redakteur Bignami die Befchlüffe des Haager Kongreffes anerkannte. . Im Oktober 1872 bildeten fih unter dem' Einf'luffe Bignamis internationale Sektionen in Lodi und Aquila. die . * Sorge. Briefe. S. 113. ** A. a. O. S. 113.

236

mit Friedrich Engels. der vom Generalrat ein Mandat als deffen Vertreter für Italien erhalten hatte. in Verbindung traten und dann auch direkt mit dem Generalrat verkehrten. Die "Diebe" druckte die Antritts-Adreffe des neuen General rats ab. worauf das Blatt konfisziert und E. Bignami ver haftet wurde unter derBefchuldigung. der Vermittler zwi fchen der Sektion Lodi und dem Generalrat gewefen zu fein. Gleichzeitig. am 21. November 1872. wurde auch der Vor ftand der Sektion verhaftet und die Sektion polizeilich auf gelöft. Ein Teil der Mitglieder entzog fich der Verhaftung durch die Flucht.

Die Angehörigen der Verhafteten und

Gefangenen wurden von London. Deutfchland. Oefterreich und New York aus unterftüßt. während die allianziftifchen Sektionen Italiens nichts für die Unterftüßung taten. Die Sektion Aquila teilte das Schickfal der Sektion Lodi. Auch diefe wurde durch die Polizei aufgelöft. ihre Fahne wurde konfisziert. aber es gelang. unter anderem Namen eine Rekonftruktion der Sektion durchzuführen. Später. im Herbft 1873. wurde dann noch eine Sektion in Melegnano in der Lombardei ins Leben gerufen. Das waren die gan zen Verbindungen. die der Generalrat in New York mit Italien hatte. Für den 15. März 1873 hatten die Allianziften Italiens einen Kongreß nach Mirandola berufen. der aber durch die Polizei vereitelt wurde. Hierauf tagte ein geheimer Kongreß zu Bologna. auf dem gegen fünfzig Delegaten an wefend waren. Man erklärte fich hier natürlich gegen den

New Yorker Generalrat. worauf diefer. am 30. Mai. be kannt gab. daß eine italienifche Landesföderation der Inter nationalen Arbeiter-Affociation nicht befteht. da keine folchen Titel beanfpruchende Organifation jemals irgend eine der Bedingungen erfüllt hat. welche laut Statut und Verwal tunfgsregeln der Aufnahme und Anerkennung voraus-gehen mu en.“ _

Für Ungarn wurde Carl Farkas in Budapeft am 26. Ian. 1873 zum Bevollmächtigten des Generalrats ernannt. ..Er foll organifieren; über den Arbeitercharakter der Beigetre tenen wachen; Beiträge für den Generalrat einfammeln; foll als Vermittler der Mitteilungen zwifchen Mitgliedern feines Diftrikts dem Generalrat dienen; hat Befugnis. Mitglieder

vorläufig zu fuspendieren bis zur Entfcheidung des Gene 237

ralrats; foll innige und genaue Beziehungen mit den öfterreichifchen Parteigenoffen unterhalten und in wichtigen Fragen mit deren Einvernehmen handeln.“ Farkas hat von feinen Vollmachten keinen Gebrauch gemacht. Seine Tätigkeit beftand in einigen Briefen an den Generalrat. die wefentliches nicht enthielten. Mit Oefterreich verkehrte der Generalrat durch die Redak tion des ..Volkswille“. deffen Redakteur H. Oberwinder war. Man hatte in Wien. als man dort befchloß. hundert Gulden als Iahresbeitrag für den Generalrat zu zahlen. zur Be dingung geftellt. daß der Generarat keinen Mandanten für Oefterreich ernenne. Als es im Frühjahr 1873 zu einer Spaltung der fozialdemokratifchen Partei in Oefterreich kam. neigte der Generalrat. geftüßt auf die Auskunft. die ihm von London und Genf zuging.* mehr zur Partei Ober winders. als zu jener Schens. der hinter der ..Gleichheit“ ftand. Das Organ der fozialdemokratifchen Arbeiterpartei Deutfchlands. der ..Volksftaat“. nahm gegen Oberwinder Stellung. In New York trat Sorge in einer Sektionsfißung für Oberwinder ein. was Carl und Genoffen. mehr aus Gegenfaß zu Sorge. als zu Oberwinder. veranlaßte. auf Seite Schens zu treten. Das kam auch in einer Sißung des Föderalrats in New York zum Ausdruck. in der man befchloß. eine Anzahl Nummern der ..Gleichheit“. dem Organe Scheu's. das eine Darftellung der öfterreichifchen Streitigkeiten enthielt. dem Generalrat zur Beachtung zu überweifen. Die Redaktion der ..Arbeiter-Zeitung“ in New York nahm ebenfalls Stellung gegen Oberwinder. Diefer befchwerte fich daraufhin beim Generalrat. der ihm ant

wortete. daß er für den Inhalt der ..Arbeiter-Zeitung“ nicht verantwortlich fei. Zur Erklärung der Stellungnahme des Generalrats mag dienen. daß Oberwinder fich zwar in allerlei Verbindungen mit bürgerlichen Elementen einließ. daß man das aber fowohl in London als auch in New York als Ausfluß der rückftändigen Entwicklung Oefterreichs. wo die Feudalen noch eine ungeheure Macht waren. erklärlich. wenn auch nicht entfchuldbar fand. Tatfächlich hatte der Generalrat Oberwinder fchon früher eine Warnung zugeftellt. fich nicht . * S. Sorge. Briefe etc.

S. 105. 108»0.

238

zu fehr mit den Liberalen einzulaffen. Andererfeits ftand Andreau Scheu im Verdacht. fowohl mit den Blanquiften. als auch mit den Allianziften nach dem Haager Kongreß Verbindungen angeknüpft zu haben. Die Hinneigung des Generalrats zu Oberwinder - von einem Eingreifen desfelben zu feinen Gunften war nicht die Rede -_ hat Scheu und fein Bruder dem Generalrat und feinen Mitgliedern lange nachgetragen. 5.

Lage der Dinge in den drei Hauptländern. a) Frankreih.

Von größerer Wichtigkeit. als in den bisher erwähnten Ländern. waren die Beziehungen. die der Generalrat in New York während der erften Zeit feiner Funktionen zu Spanien. England und Frankreich unterhielt. England war für die Internationale wegen der dortigen 'Arbeiterbewegung wie aus anderen Gründen der wichtigfte Punkt. In Spanien bereiteten fich politifche Aenderungen und Kämpfe vor. da die dortigen Arbeiter und befonders die Mitglieder der Internationale und der Allianz in ihren Strudel hineinziehen mußten und in Frankreich. deffen Machthaber durch ein eigenes Gefeß die Internationale ver boten hatten. mußte es dem Generalrat darauf ankommen. neue Verbindungen anzuknüpfen und Einfluß auf die dor tige Arbeiterfchaft zu behalten. In Frankreich war _ im März 1872 - die Interna tionale durch Gefeß verboten worden. Der erfte Artikel des Gefeßes hatte den folgenden Wortlaut: ..Iede interna tionale Vereinigung. unter welcher Benennung fie immer beftehen möge. und vorzüglich diejenige. welche fich ..Inter nationale

Affociation der Arbeiter“ nennt

und die zum

Zweck hat. zur Arbeitseinftellung. zur Abfchaffung der Rechte des Eigentums. der Familie. des Vaterlandes oder der vom Staate anerkannten Religionsgenoffenfchaften auf zureizen. begeht fchon allein durch die Tatfache ihres Be ftehens einen Angriff gegen den öffentlihen Frieden.“ Die Mitgliedfchaft in der Affociation wurde durch diefes Gefeß mit Gefängnis von drei Monaten bis zu zwei Iahren. die tätige Vropaganda für die Internationale mit Gefangnis

bis zu fünf Iahren bedroht. 239

Das Gefeß zwang die Internationalen Frankreichs. fich im Geheimen zu organifieren. Es beftanden Sektionen in Paris und befonders auch im Süden des Landes. in Bor

deaux und Touloufe. Im März 1872 kam ein Zeichner. Dentrahgues. nach Touloufe. der fchon vorher im Sinne der Internationale gewirkt hatte. Er nahm an feinem neuen Wohnort diefe Tätigkeit wieder auf und wurde. auf zahl reiche und zuverläffige Empfehlungen hin. vom alten Gene ralrat in-London zum 'Bevollmächtigten von Touloufe und

Umgegend ernannt. Die vier Sektionen der Internationale diefer Stadt gaben ihm auch ein Mandat zum Kongreß ini Haag. das er unter dem Namen ..Swarm“ ausübte. In Paris hatte in einer dortigen Sektion der Affociation ein gewiffer Heddeghem das Vertrauen der Mitglieder zu erlangen gewußt. und geftüßt auf Empfehlungen des Kom mune- und Generalrats-Mitgliedes Rauvier in London und anderer zuverläffiger Leute hatte auch Heddeghem ein Voll machts-Mandat vom Generalrat erhalten. Auch diefer war Delegat zum Haager Kongreß.

an

deffen Beratungen er

unter dem Namen ..Walter“ teilnahm. Der Haager Kongreß befchloß. alle Vollmachten und Mandate zu- widerrufen und den neuen Generalrat mit der Ausftellung neuer Vollmachten zu beauftragen. Sowohl die Vollmacht Heddeghems. als auch jene Dentrahgues waren alfo erlofchen. Der erftere wußte aber. unmittelbar nach dem Kongreß. noch im Haag. einige Blanquiften zu bewegen. ihm ihrerfeits ein Mandat als Bevollmächtigten zu über tragen. ohne Wiffen des neuen Generalrats natürlich. Er fungierte alfo jeßt als Agent der Blanquiften. die fich ?mmittelbar nach dem Kongreß von der Internationale los ag en. Der neue Generalrat in New York ernannte A. Serrail lier in London zum Vertreter des Generalrats für Frank reich. ernannte gleichzeitig aber proviforifche Bevollmäch tigte für Paris. Touloufe und Bordeaux.

Die Bevoll

mächtigten waren: für Paris Heddeghem. für Touloufe Ferdinand Argainh und für Bordeaux Larroque. Noah ehe das Material an Heddeghem abgefchickt war. wurden im Süden Frankreichs zahlreiche Mitglieder der Internationale _ etwa 40 - verhaftet. Heddeghem war ein Polizeifpion. wahrfcheinlich im Dienfte der Bonapar 24()

tiften. war ein folcher auch fchon gewefen. as er den Kon greß im Haag befucht hatte. Ueberall. wo in Frankreich fich Sektionen der Internationale befanden. wurden gegen

die Mitgieder der Affociation Prozeffe angeftrengt. Am 14. März wurden zu Touloufe auf Grund -des Gefeßes gegen die Internationale einige zwanzig Mitglieder 'zu Strafen von 8 Tagen bis zu 3 Iahren Gefängnis verur teilt. In einem Prozeffe zu Caen nannte der öffentliche Ankläger Heddeghem direkt die Perfon. von der die Denun ziation der Angeklagten herrühre. Auch der frühere Be vollmächtigte Dentrahgues war verhaftet worden und hielt fich nicht viel beffer als Heddeghem. Zwar ftand er nicht im Dienfte der Polizei. hatte aber eine Menge Liften u. f. w. geführt. die der Regierung bei Erhebung der Anklage zur Grundlage dienten. Außerdem denunzierte er mehrere Mitglieder aus perfönlichen Gründen. Larroque. einer der tätigften und beften Mitglieder der Affociation im Süden Frankreichs. gelang es. nach Spanien zu entkommen. Er wulrfde in eontimatjnm zu drei Iahren Gefängnis verur tei . Die Prozeffe und Verurteilungen ruinierten die ganzen Verbindungen in Frankreich. Uebrige'ns ließ die Bewegung in diefem Lande nach dem Haager Kongreß auch ohnedem zu wünfchen übrig. Ser raillier fchrieb. Ende Dezember 1872. darüber: ..Die Lage unferer franzöfifchen Sektionen ift tveit davon ent fernt. ebenfo gut zu fein. wie zur Zeit des Haager Kon greffes. . . . . Nur von Bordeaux find die Nachrichten vor trefflich.“ Diefer Rückgang der Affociation nach dem Kongreß war wohl mehr der Rührigkeit und dem Einfluß der Blanquiften in Frankreich zuzufchreiben. als jener der Iuraffier. die nur in Lhon etwas Boden gewannen. Die Tatfache. daß Heddeghem auf dem Haager Kongreß ein Mitglied des Komites war. dem die Angelegenheit der Allianz und Bakunins zur Unterfuchung übergeben war. wie die Tatfache. daß ein Mandatar des Generalrats fich zu Polizeidienften verftanden hatte. gab natürlich den Iuraf fiern Gelegenheit. ihre Angriffe gegen die Affociation zu verftärken und die heftigften Angriffe gegen den neuen Generalrat zu fchlendern. Der Generalrat erließ darauf 241

-.1.-_.- _.*'.

hin - am 14. Mai 1873 - eine Erklärung. die fich mit der Angelegenheit befaßte und in der eine aktenmäßige Darftellung der ganzen Sache gegeben wurde. Das Schriftftück fchloß mit den Worten: ..Dies der aktenmäßig feftgeftellte Sachverhalt. .Unfere Mitglieder werden daraus erkennen:

1) Daß der Generalrat in feiner Mehrzahl von vorn herein Mißtrauen gegen H. hegte. indeffen dem Drängen der zunächft Beteiligten. der franzöfifchen Mitglieder. nach gab. die Abfendung des Mandats aber fo lange als tunlich verzögerte. um zuverläffige Informationen von anderer

Seite zu erlangen. welche leider nicht zeitig genug eintrafen. 2) Daß Dantrahgues in Touloufe kein Mandat vom Generalrat hatte. die Anfchuldigungen gegen ihn aber von Freunden Heddeghems ausgingen. 3) Daß der Generalrat eifrig und gewiffenhaft bemüht war. Vollmachten nur an folche Leute auszuftellen. welche von den betr. Diftrikten felbft als Vertrauensperfon bezeich net wurden. wofür allen Mitgliedern genügende Beweife vorgelegt werden können. Die Behauptung. daß der Generalrat von Sektionen in Frankreich die Einfendungen der Mitgliederlifte verlangt hgbe. ift einfach e r l o g e n. _ Schließlich erinnern wir unfere Mitarbeiter an den von u n s ft r e n g i n n e g e h a l t e n e n. ihnen im Rundfchreiben von 27. Okto ber 1872 mitgeteilten Befchlüffe des Generalrats. wonach a l l e Schriftftücke wörtlich in der Sißung des General rats vorgelefen werden. ehe fie zur Verfendun durch den Generalfekretär kommen. alfo jeder Eigenmä tigkeit des Generalfekretärs vorgebeugt ift. Der Generalrat.“ Die Affaire Heddeghem und die Prozeffe gegen die Inter nationale Affociation in Touloufe. Paris u. f. w. beendeten die Verbindung des Generalrats mit Frankreich. *X

X'

X

l1) Spanien. In Spanien war die Internationale durch die Allianz eingeführt worden und die befonderen Lehren diefer Gefell j'chaft. direkte Abfchaffung des Staates. Anarchie. Anti autorismus. Enthaltung jeder politifchen Tätigkeit u. f. w. 242

wurden dort als die Lehren der Internationalen ver kündet. * Die Bewegung befand fich dort deshalb in der Hauptfache in den Händen der Allianziften und in Spanien entwickelten fie ihre größte Stärke. Im April 1872. auf dem Kongreß zu Saragoffa. zählte die Affociation in Spanien 70 regelmäßig organifierte Ortsföderationen. während in hundert anderen Orten das Werk der Organifation und Propaganda lebhaft betrieben wurde.

Außerdem waren acht über das ganze Land ver

breitete Gewerkfchaften organifiert und unter der Kontrolle der Internationalen. und der große Gewerkfchaftsverband der Fabrikarbeiter in Spanien. Mechaniker. Spinner und Weber. ftand im Begriff. fich als Föderation zu bilden." Aber im Innern der Organifation tobte fchon der geheime

Krieg. Die führenden Perfonen der geheimen Allianz. die unter direktem Einfluß von Bakunin ftanden. waren erregt über die Befchlüffe der Londoner Konferenz im September 1871. die fich gegen die Allianz richteten und über die dor tige Betonung der Notwendigkeit der politifchen Aktion. Unter dem Einfluß von Paul Lafargue. der im Ianuar 1872 nach Madrid kam. überzeugten fich die Mitglieder des Föderalrats und die Redaktion des internationalen Organs in Madrid. der ..Emancipacion“ von dem wahren Charakter Bakunins und der juraffifchen Bewegung. die fchon damals ihre desorganifierende Wirkung auszuüben begann. Es kam in Madrid zur Spaltung. infolgedeffen der Föderalrat nach Valencia verlegt wurde. In Madrid bildete fich aus den Anhängern des Generalrats in London eine neue Föderation. deren Anerkennung der fpanifche Föderalrat verweigerte. Der Generalrat aber anerkannte fie. ohne den fpanifchen Föderalrat zu konfultieren. und der Haager Kongreß billigte das Vorgehen des Generalrats. Der fpanifche Föderalrat hatte nämlich einige Monate vor dem Haager Kongreß fich offen für die Allianz ausge fprochen. Nach dem Kongreß im Haag erklärten fich vorläufig nur zwei Ortsföderationen für die Kongreßbefchlüffe und den . *S. Fr. Engels. Bericht au den Generalrat der Jnternationalen Arh-Affociation über die Lage der Affociation in Spanien pp. Sorge. Briefe. S. 66-75. *t A. a. O. S. 7L.

243

*Z.0? Mm-e"rgnL-UnemNrnA3"

neuen Generalrat. Die Maffe der fpanifchen Internationa len aber ftand unter der Leitung der Allianz. Die Delegaten des fpanifchen Föderalrats zum Haager Kongreß hatten. wie fchon mitgeteilt. an dem Sonder kongreß in St. Imier teilgenommen. Nach ihrer Rückkehr erklärte fich der fpanifche Föderalrat mit ihrem Verhalten einverftanden und verfchickte ihren von Entftellungen ftroßenden Bericht an die Sektionen 'und Ortsföderationen. denen das Iurakomitee bereits direkt. mit Uebergehung des fpanifchen Föderalrats. die Kongreßbefchlüffe von St. Imier zugefandt hatte. Freilich erklärten fich eine Anzahl Sek tionen für die Befchlüffe des Haager Kongreffes. und pro teftierten gegen den vom Föderalrat nach Cordova einberu fenen Kongreß. Das tat auch der neue Föderalrat von Madrid. der den fpanifchen Föderalrat wegen Bruchs der Statuten feines Mandats für verluftig erklärte und zur Wahl eines neuen Föderalrats aufforderte. Den Kongreß in Cordova befchickten die Anhänger des Generalrats nicht rnd es wurden dort. wie wir gefehen haben. die Befchlüffe des Sonderkongreffes in St. Imier angenommen. Die Maffe der fpanifchen Internationalen erklärte fich mit den Befchlüffen des Kongreffes in Cordova einverftan den. Die neue Föderation in Madrid mit dem Parteiorgan ..Emancipacion“. dem eine Ortsföderation in Valencia. die fich im Februar gegenüber der Organifation der Allianziften bildete. beitrat. und einige kleinere Gruppen hielten zum neuen Generalrat. mit dem auch die Föderalkommiffion in Alcoh. troßdem diefe zu den Allianziften hielt. in Verbin dung trat. Der Siß des Föderalrats der marxiftifehen In ternationalen kam nach Valencia. . Unterdeß waren aber in Spanien Ereigniffe eingetreten. die beiden Richtungen zunächft erhöhte Tätigkeit. dann aber fchließliche Vernichtung brachten. Im Dezember 1872 fchon waren im Lande Unruhen ent ftanden. die bald größere Ausdehnung annahmen. Der Auf ruhr'hatte in der Hauptfache einen föderaliftifch-republika nifchen Charakter. doch zog er einen großen Teil der Arbeiterfchaft an fich und zwar fowohl Allianziften als auch Internationale. ..Leider find viele der Unfrigen an dcr Infurrektion beteiligt. im Gefängnis oder mit den Ban 244

den im Gebirge.“ fchrieb Friedrich Engels am 4. Ianuar 1873 an Sorge.* Das Organ der neuen Madrider Föde ration. die ..EmancipacionC warnte vor der Beteiligung. da fie den republikanifch-bürgerlichen Elementew die an der Spiße des Aufftandes ftanden. nicht traute ..Die Befreiung der ArbeiterN fo. erklärte das Blatt. ..kann nur durch die Arbeiter felbft fich vollziehen. Iede von Bourgeois begonnene und geleitete Bewegung kann nur zum Vorteil der Bour geoifie ausfchlagen.“ Die Warnung war vergeblich und die Arbeiter; befonders auch die Allianziften. gingen Hand in Hand mit den Föderativ-Republikanern. Die Unruhen mehrten fich und am 10. Februar 1873 legte der König Amadeo feine Krone nieder und verließ nebft feinem Minifter-Präfidenten Zerilla das Land. Die Re publik erfeßte die Monarchie. Die Organe der Interna tionale in Spanien. befonders die ..Emancipacion“ in Madrid und die ..Revifta Social“ von Gracia bei Barce lona. das Organ der fpanifchen Manufakturarbeiter Gewerkfchaft. betonten gegenüber der Veränderung der Staatsform die Notwendigkeit der Umgeftaltung der Gefell fchaft. ..Die Verminderung der Arbeitszeit ift unfere erfte Aufgabe.“ rief die ..Revifta Social“ in ihrem erften Artikel aus. den fie der Proklamierung der Republik widmete. Die ..Emancipacion“ betonte die Unfähigkeit der bürgerlichen Republikaner. den Beftrebungen des Vroletariats gerecht zu werden. und erklärte. daß ihr nicht gerecht erfcheine. ..vor greifend ein Verdammungsurteil über die Akte einer Partei auszufprechen. welche foeben erft in die Aktion 'eingetreten ift.“ Aber nachdem das Blatt hervorgehoben. daß die bür gerliche Republik allerdings- eine größere Freiheit verbürge. als die Monarchie. fuhr es fort: ..Soviel können wir der Republik zugeftehen. - richtiger ausgedrückt. das ift alles. was die Republik une verfpricht. Gut - es gilt nun zu unterfuchen. ob unter den obwaltenden Gefellfchafts bedingungen. unter dem beftehenden Klaffengegenfaß die Freiheit. diefe ..volle und ganze FreiheitC welche die heute am--Ruder befindlichen Männer bei jeder Gelegenheit im Munde führen. eine Wahrheit ift oder eine Mhthe. ob fie für . alle Klaffen ift oder bloß für die herrfchenden Klaffe-n. Vor . *Sorge-

Briefe. S. 88.

245

Wl'ML"x7 K'UZ„nk.j.-'.,?-_».

allem müffen wir fagen. daß für uns die Freiheit weder ein Zweck. noch ein Mittel ift; fie ift eine Folg e. Sie ift die Folge der vollftändigen Umgeftaltung der ökonomifchen Beziehungen im Geifte der Gerechtigkeit - mit einem Wort. fie ift die Folge der Abfchaffung der K l a ff e n.

So lange es Klaffen gibt. d. h. fo lange es in

der Gefellfchaft Gruppen von Menfchen gibt. die verfchiedene. ja einander feindliche Ziele und Intereffen haben. ift keine wahre Gleichheit möglich. und ohne Gleichheit ift die Freiheit eine Mhftifikation. nur ein Wort ohne Inhalt für die gefell fchaftlich benachteiligte Klaffe.“ ..Es muß die Republik die befißenden Klaffen ihrer Privilegien entkleiden. fie des Monopols auf die Arbeitsinftrumente berauben. eines Monopols. welches ihnen erlaubt. die Arbeiter g e f e ß l i ch auszubeuten. und d a n n. nicht fr ü h e r. kann fie zur Arbeiterklaffe fagen: ..D u b i ft fr e i.“ In ähnlicher Weife. wie die fpanifchen Internationalen. ftellte fich der Generalrat in New York zu der neuen Ord nung der Dinge auf der phrennäifchen Halbinfel. In einer ..Adreffe des Generalrats an die Arbeiter in Spanien“. die am 23. Februar erlaffen wurde. heißt es: ..Spanifche Mitarbeiter! Ueber Nacht ift euch die Re publik befchert worden. und -es ift jeßt eure heilige Pflicht. dafür zu wirken. daß mit dem Wechfel der Regierungsform auch ein Wechfel des Shftems eintrete. Es wird nicht an folchen mangeln. welche euch vorzufpiegeln fuchen. daß nun die goldene Zeit hereingebrochen. Diefen aber zeigt die Republik Frankreich und fragt fie. was die dem Arbeiter genüßt hat. Fragt fie. welche Regierung den Arbeitern die Rechte der freien Meinungsäußerung. der Verfammlung

und Vereinigung mehr verkürzt hab-e. als jene ..Republik“. Und dann fagt den Herren. daß die franzöfifchen Arbeiter keine Verantwortlichkeit für diefe Republik haben und daß ihr nicht gefonnen feid. zur Schaffung eines Ebenbildes der franzöfifchen Republik auf der anderen Seite der Phrennäen beizutragen. daß ihr etwas Befferes als eine zweite Republik Thiers wolltl Der Sproffe des Haufes Savohen..der Sohn des Schacherers von Nizza. des Helden von Afpromonte. hat den Thron geräumt. Hütet euch. daß die Helden der Paria mentskomödie den Plaß auf demfelben nicht einnehmen. 246

Schaut fie euch an. diefe Schönredner und Phrafenheldenl In Berlin und Paris. in Madrid und Wafhingtonl Sie find überall diefelbenl Ihre fchönen Reden haben noch keine Laft von den Schultern der Arbeit genommen. ihre glänzen den Worte haben noch nirgends dem Arbeiter ein Stück Brot verfchafft. ihre begeifternden Anfprachen uns noch keine Arbeit erleichtert. ..Arbeiter Spaniensl Euer Heil kann nicht von folchen Männern kommen. die hinter ihren Worten ihre Gedanken

verbergen. Ihr felbft müßt eures Glückes Schmiede feinl Darum immer wieder die Mahnung: Seht euch vor. fchart euch zufammen. organifiert euch zur Errichtung der fozialen Republik. und wenn ihr das nicht könnt. dann erhebt euren Proteft gegen die Bourgeois-Republik! Wenn die Arbeiter der Welt organifiert find. dann gründen wir die Republik der Arbeit. dann führen wi r die Demokratie ein. d. h. die wahre. die Sozialdemokratiel ..Brüder in Spanienl Die Befreiung der Arbeit muß durch die Arbeiterklaffe felbft erobert werdenl ..New York. 23. Febr. 1873. Der Generalrat.“ Die Haltung der Allianziften in den Kämpfen in Spanien im Iahre 1873 ift bekannt Die Arbeiterfchaft drängte zur Beteiligung an der Politik. während die Allianziften. getreu ihrem bisherigen Standpunkte. fich gegen die politifche Aktion ftemmten Um den Gegenfaß zu überbrücken. befchloß man. daß die allianziftifche Internationale als folche keine politifche Tätigkeit auszuüben habe. daß aber die Inter nationalen jeder für fich handeln möchten. wie fie wollten und fich jeder ihnen gutdünkenden Partei anfchließen könn ten. Wie diefe politifche Bankerotterklärung ausfchließlich den bürgerlichen Republikanern zugute kam. wie man. um fich aus der cächerlichen Situation. in die man fich durch diefen Befchluß gebracht hatte. zu retten. zum Generalftreik griff. der wieder ein Fehlfchlag wurde; wie die Bakuniften bei den nun folgenden Aufftänden gezwungen waren. diefen Kämpfen gegenüber ihr ganzes bisheriges Programm über Bord zu werfen und ihre Grundfäße zu verleugnen - all das hat Friedrich Engels in anfchaulichfter Weife in feiner 247

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kleinen Schrift: ..DieBakuniften an der Arbeit“ * gefchil dert. wo auch gezeigt ift. wie die Marxiften in Valencia fich tapfer gegen die Regieruugstruppen fchlugen. Die Gefchichte hat Engels recht gegeben mit feinem End urteil über die allianziftifche Tätigkeit in Spanien. das er in der genannten Schrift in folgende Worte kleidet: ..Das Ende vom Liede war nicht nur. daß die gut organi fierte und zahlreiche fpanifche Internationale - die falfche wie die wahre - in den Sturz der Intranfigenten mit ver wickelt wurde und heute faktifch aufgelöft ift. fondern auch. ' daß ihr die Unzahl erdichteter Exzeffe aufgebürdet wird. ohne die der Philifter aller Länder fich nun einmal einen Arbeiter aufftand nicht denken kann; und daß dadurch die interna tionale Reorganifation des fpanifchen Proletariats vielleicht auf Jahre hinaus unmöglich gemacht ift.“ Engels hat recht behalten. Die fpanifche Arbeiterbewe gung hat bis heute nicht wieder die Stärke erlangt. die fie zu Anfang der fiebziger Iahre in der Internationale zeigte. c) England. Der Londoner Kongreß der Sezeffioniften hätte urfprüng lich gleichzeitig mit dem Kongreß in Brüffel und Cordova. um Weihnachten 1872 herum. ftattfinden follen. Das wurde durch das Föderalrats-Mitglied Rileh. der großen perfön lichen Einfluß im. Lande befaß und gleichzeitig Redakteur und Befißer des ..International Herald“. des Organs der britifchen Föderation. war. verhindert und Hales gezwungen. feinen Kongreß zu verfchieben. Rileh erklärte auch. daß er fein Blatt nicht mehr zum offiziellen Organ eines folchen Föderalrats. wie jener Hales' es fei. hergäbe. worauf er das Blatt unabhängig machte. indeß die Veröffentlichungen des wirklichen Föderalrats aufnahm. Später. im Iuni 1873. kehrte der ..International Herald“ der Fahne der Inter nßtionale den Rücken und lief ins republikanifche Lager u er. Nach dem Sonderkongreß in London verlor der Halesfche Föderal-Council bald allen Einfluß. Der Föderal-Council . *Friedrich Engels:

....Die Bakuniften an der Arbeit.“

über den letzten Aufftand in Spanien.

'druckerei.

248

Leipzig. 1873.

Denkfchrift

Genoffenfchafts

derMajorität. die fich mit den Befchlüffen des Haager Kon greffes einverftanden erklärte. hatte immer noch 23 Sektionen hinter .fich. die fich in Aberdeen. Birkenhead. Halifax. Greenock.-Henckleh. Hull. London (4 Sektionen). Leicefter. Loughboro'. Manchefter (3 Sektionen). Middlesboro'. Nor manlh. Nottingham (4 Sektionen). Stratford und Wool wich befanden. Aber die Spaltung hatte auch diefe Richtung gefchwächt.

Befonders war zu bedauern. daß der frühere

Einfluß der Internationale auf die Gewerkfchaftsbewegung faft ganz verfchwunden war. Als der Britifche Föderal Council einen Delegaten zum Londoner Trades Council fchicken wollte. lehnte diefer den Delegaten ab mit der Begründung. daß der britifche Föderalrat der Internationale keine richtige Arbeitervereinigung fei. X Zwifchen dem Generalrat in New York und dem Britifchen jFödteralrat fand ein ziemlich lebhafter brieflicher Verkehr ta

.

Gleich nach der Spaltung des Britifchen Föderal-Councils wandte fich der Sekretär des Föderalrats an den Generalrat. um ihm ein Bild des Intriguenfpiels zu geben. das Iohn Hales und feine Leute feit langem fchon im Britifchen Föde ral-Council getrieben hatten. In einem Briefe vom 6. Ianuar 1873 fchilderte der korrefpondierende Sekretär des Föderal-Councils. wie Hales fchon vor dem Haager Kon greß den Verfuch gemacht habe. den Generalrat zu .igno rieren. feinen Einfluß herabzufeßen. und daß er befonders feit dem Kongreß im Haag dafür geforgt habe. daß alle Macht im Council in feine. des Generalfekretärs Hand ver einigt werde. Er habe es fchließlich. wie bekannt. zu offenem Bruche getrieben. Am 22. Dezember 1872 fchickte der Generalrat dem britifchen Föderalrat die Nachricht. daß ein franzöfifches Wochenblatt in New York ("le Zacjnljete" iftgemeint. das Organ der franzöfifchen Sektionen) vom Generalrat nicht mehr als Organ der Internationalen Arbeiter-Affociation angefehen werde. Das Blatt hatte die angeblichen Grunde veröffentlicht. aus denen David und Osborne Ward ihre im Haag erfolgte Wahl zum Generalrat. nicht angenom . *Guftav Jaeckh:

..Die Jnternationale.“

249

Leipzig. 1909.

S. 207.

men hatten. Beide hatten die Verhandlungen im Haag als ..Komödie“ und als bloße ..Formfache“ erklärt. mit der fie nichts zu tun haben wollten. Der “lnternntionai [let-nick"

hatte nun einen offiziellen Bericht des Britifchen Föderal rats mit der Unterfchrift ..Iohn Hales. Generalfekretär“ veröffentlicht. in welchem der gehäffige Artikel des “Zoeja lie/oe" wiedergegeben wurde. wogegen der Generalrat Pro teft erhob. da ..Infinuationcn diefer Art nicht in den offi zielle-.n Bericht einer Organifation gehören“. die ein Teil der

Internationalen Arbeiter-Affociation ift. Der Generalrat erfuchte den Britifchen Föderalrat. in Zukunft zu verhüten. daß derartige Berichte als offizielle Kundgebungen im offi ziellen Organ des Britifchen Föderalrats erfcheinen. Die Aufforderung des Generalrats machte natürlich um foweniger Eindruck. als unterdeß die Spaltung in der Briti fchen Föderation fchon eingetreten war und Hales und feine Anhänger ihren eigenen Weg einfchlugen. Am 19. Februar 1873 fandte der Britifche Föderal-Council durch feinen

Sekretär S. Vickerh dem Generalrat einen'Brief. in dem der Ausfchluß von Hales und Iung aus der Affociation gefor dert wurde. ..Wir haben befchloffen“. fo hieß es da unter anderem. ..Ihnen den Ausfchluß von Iohn Hales und Her mann Iung zu empfehlen.

Der erftere war der Leiter und

Urheber der Sezeffion in England und der leßtere ihr Agent für den Kontinent. Beide haben zufammen ihr äußerftes getan. hier fowohl als auf dem Kontinent. unfere Affociation in den Augen unferer Feinde verächtlich zu machen und fie zu zerftören.“ Der Generalrat ftimmte dem Wunfche der Antragfteller zu und fchrieb am 16. März zurück. daß der Generalrat mit der Sufpenfion von Hales und Iung durch den Britifchen

Föderalrat einverftanden fei. Es wollte indeß mit der Britifchen Föderation nicht vor wärts gehen. Die Spaltung und ihre Rückwirkung auf die Gewerkfchaftsbewegung nahm der Internationale ihre Bedeutung immer mehr. Am 28. Mai 1873 fchrieb Vickerh für den Britifchen Föderalrat an den Generalrat. daß viele kleine Sektionen eingegangen feien. Bradlaugh habe den Vorfchlag gemacht. eine republikanifche Partei ins Leben zu rufen. die auf Grund des Repräfentativfhftems und unter 250

Vermeidung phhfifcher' Gewalt ihr Ziel erftreben folle. ..Es ift

auch

eine

..Nationale

Republikanifche

Brüderfchaft“

(Aatiolml Lie ubljoan ßr0tberb00c1). gegründet worden. an der viele nternationale fich beteiligt haben. und all diefe Bewegungen habeiy zufammen mit dem verräterifchen

und

fchuftigen Benehmen der Hales- und Iung-Klique.

dazu beigetragen. unferer Propaganda entgegenzuwirken.

Nichtsdeftoweniger find wir ziemlich ficher. daß mindeftens 20 Sektionen auf unferem Kongreß vertreten fein werden. und wir glauben. daß das unter den Umftänden ziemlich gut ift-“ Weiter berichtet der Sekretär des Britifchen Föderalrats in diefem Schreiben noch. daß die ..Hales-Klique“ in einem Privathaufe zufammenkomme und ihre ..aufgeblafenen Lügenberichte“ veröffentliche. ..Aber fie haben nicht mehr als drei Sektiömhen hinter fich.“ Es fei zu erwarten. daß fie demnächft gänzlich verfchwinden. Troß dem beften Willen konnte der Föderalrat die herab gekommene Bewegung nicht wieder hochbringen. ..Wir haben unfere Pflicht getan. wenn wir auch wenig leiften konnten.“ hieß es in einem Schreiben an den Generalrat. in dem auch die Klage erhoben wurde. daß ..die Renegaten aus unferm eignen Lager unfere fchlimmften Gegner find.“ Der obenerwähnte Kongreß der Britifchen Föderation trat am 2. Iuni zu Manchefter unter dem Vorfiß von S. Victor(z zufammen. Es waren 26 Delegaten anwefend. die 26 Sektionen und Vereinigungen vertraten. Die gefaßten Befchlüffe bezogen fich auf. die Landfrage. in der die Nationalifierung des Grund und Bodens gefordert wurde auf die Abfchaffung des Erbrechts. auf die Verftaatlichung der Arbeitsinftrumente und auf die Achtftundenbewegung. Auch wurde ein Befchluß zu Gunften der Landarbeiter. die damals fich in England gerade zu regen begannen. gefaßt. und eine Adreffe an die fpanifchen Arbeiter erlaffen.

Der

Föderalrat blieb in London. Als Siß'des nächften Kongreffes wurde Birmingham beftimmt. Tiefer nächfte Kongreß der Internationale in England hat indeß nicht mehr ftattgefunden. Der Kongreß in Mamhefter war ihre leßte Lebensäußerung in Groß britannien. Es ging nun rafch abwärts mit der in diefem 251

Lande einft fo einflußreichen Affociation. Am 25. Novem ber desfelben Iahres fchrieb Engels an Sorge: ..Die hiefige Föderation. nachdem fie Iung. Hales & Co. totgemacht. laborirt ftark an der Schwindfucht. Die Leute find faft nicht mehr zufammenzubringen.* Und am 4. .April 1874 fchrieb Karl Marx an diefelbe Adreffe: ..In England .ift die Inter nationale einftweilen fo gut wietot. Der Föderalrat in London exiftiert als folcher nur noch nominell. obgleich einige

Mitglieder desfelben individuell tätig find.“ *4'.

6. -DieNordamerikanifche Föderation. Obgleich von allen Föderationen der Internationalen Arbeiter-Affociation jene in den Vereinigten Staaten fich noch in der beften Verfaffung befand. ließ auch diefe nach der Verlegung des Generalrats nach New York vieles zu wünfchen übrig. Wir haben gefehen. daß die herauffteigende Krife fchon im Herbfte 1872 die Tätigkeit der Nordamerikanifchen .Födera tion zu lähmen begann und daß die Stärke der Organifation und ihre Mitgliederzahl darunter litt. Diefes Abflauen der Bewegung wurde gefördert durch die unausgefe-ßten Streitigkeiten an den beiden Haupt pläßen der Bewegung. in Chicago und in New York. Strei tigkeiten. die in der Hauptfache ihren Grund weniger in prinzipiellen als in perfönlichen Gegenfäßen hatten. Die Sektionen in Chicago hatten eine Leih- und Bau gefellfchaft gegründet. die ftaatlich inkorporiert wurde. Der Föderalrat hieß das nicht gut. tat aber nichts dagegen. fon dern erklärte: ..Wenn eine Organifation für derartige Ex perimenteGeld hat. ohne den Rat des Föderalrats einzu holen. fo tut fie das auf eigene Verantwortung.“ Diefe Gründung führte zu Streitigkeiten zwifchen den Chicagoer Sektionen. die mit einer Klage vor den Gerichten endete.

Der Föderalrat erklärte es für unzuläffig. daß die bürger lichen Gerichte bei inneren Streitigkeiten in Anfpruch genommen würden. und drohte mit Ausfchluß der Kläger. . * Sorge. Briefe. S. 1.30. 1** Sorge. Briefe. S.-136.

252

Der Föderalrat fprach die Meinung aus. daß dem Streite in der Hauptfache perfönliche Gegenfäße zu Grunde- lägen. daß im übrigen aber auch die Tatfache mitwirke. daß die Chicagoer Sektionen nicht ftatutengemäß organifiert feien. Er empfahl. daß die Perfonen. die in dem Streit die Haupt rolle fpielten. Klings und Wehrich. für die Dauer von fechs Monaten nicht zu irgend einem Parteiamt gewählt werden

dürften. Die Streitigkeiten wirkten in Chicago troßdem noch lange nach. Im Auguft 1873 verklagte die Sektion 3 in Chicago den Föderalrat beim Generalrat und warf ihm vor. daß er die Tatfachen der Kontroverfe falfch dargeftellt. daß er feine Pflicht vernachläffigt und fich in ungerechtfertigter

Weife in die inneren Angelegenheiten der Sektion einge mifcht habe. Die Anklage wurde vom Generalrat zurück gewiefen. Die New Yorker Streitigkeiten entwickelten fich aus der Gründung eines Lokalkomites. das im Herbft 1872 gebildet wurde. Diefes Komite follte die örtliche Agitation betreiben; und den Verkehr zwifchen dem c("Föderalrat und den einzelnen

Sektionen der Stadt vermitte n und erleichtern. Bald ftell ten fich Gegenfäße und Kompetenzftreitigkeiten zwifchen die fem Komite und dem Föderalrat heraus. die die Agitation lähmten. anftatt fie zu fördern. Der Föderalrat klagte. daß er keine Berichte vom Lokalrat erhalte. und der Lokalrat befchwerte fich über die Untätigkeit des Föderalrats. beide. fcheint's. mit Recht. Diefe Streitereien. die durch Gegen fäße perfönlicher Art verftärkt wurden. legten die ganze Agitation brach. Die ganze Reihe von Behörden. die damals in New York beftand. der Generalrat. der Föderalrat. das Lokalkomite. wozu noch der der Auffichtsrat der neugegrün deten ..Arbeiterzeitung“ kam. wurde hineingezogen. Der Föderalrat empfahl. im März 1873. den Sektionen. in die fem Iahre keinen Kongreß der Föderation abzuhalten. em Vorfchlag'. dem die Majorität der Sektionen im Lande zu ftimmte. Der Lokalrat unter Leitung feines Sekretärs Dr. Stiebeling. maßte fich daraufhin die Funktionen der nationalen Behörde an und faßte eine Refolution. in der erklärt wurde. daß nach dem Statut ein Föderalkongreß 253

abgehalten werden müffe und daß die Mitglieder des Generalrats nicht Mitglieder des Föderalrats fein dürften. fondern daß diefe beiden Körperfchaften abfolut getrennt fein müßten. Der 'Föderalrat fandte dem Lokalrat diefe Refolution zurück. mit der Erklärung. daß der Lokalrat kein Recht habe. einen folchen Befchluß zu faffen. Der Vorfchlag tauchte nun auf. die Verwaltungs mafchinerie in New York zu vereinfachen und den Lokalrat aufzuheben. Im Mai wurde in Sektion 1 der Antrag angenommen. die Föderation möge befchließen. den Lokalrat am Siße des Föderalrats

abzufchaffen.

Diefer

Antrag

wurde der Föderation zur Urabftimmung unterbreitet. Während in New'York die Sektionen 1 und 6 für den An trag eintraten. entwickelte Sektion 8 während der Abftim mung über diefen Antrag eine fehr heftige Agitation gegen denfelben und veranlaßte die neugegründeten Sektionen 2

(franzöfifch) und 3 (fkandinavifch). fich ebenfalls gegen den Antrag zu erklären. Der Kampf wurde mit großer Bitter keit geführt und hinterließ feine Spuren auch dann. als die Föderation mit großer Majorität den Antrag angenommen und gleichfalls befchloffen hatte. für das Iahr 1873 keinen Föderalkongreß abzuhalten. Als das Abftimmungsrefultat bekannt war. erhob Sektion 8 Widerfpruch gegen die Abftim mung. die fie als ftatutenwidrig bezeichnete. Der Föderal rat erklärte nur den Lokalrat für aufgehoben. Die Sektion

8 widerfeßte fich. erklärte den Lokalrat als zu Recht beftehend und hielt es mit Hülfe der Sektionen 2 und 3 auf recht. worauf der Föderalrat die Sektion 8 bis zum nächften Föderalkongreß fufpendierte. Der Streit ging troßdem weiter und wurde von Mitgliedern der fufpendierten Sektion in die Sektion 6 übertragen und zwar mit folchem Erfolge. daß diefe Sektion gefpalten wurde. Eine größere Zahl. befonders älterer Mitglieder trat aus und bildete eine neue Sektion. die die Nummer 4 erhielt und die von einem Teil der fkandinavifchen Sektion. die fich ebenfalls fpaltete. ver ftärkt wurde. Daß mit derartigen Streitigkeiten in den Hauptorten der Bewegung kein Fortfc'hreiten der Organifation erzielt wer den konnte. liegt auf der Hand. und in der Tat war bis zum 254

Herbfte des Jahres 1873 auch eher ein Rückgang. als ein Fortfchritt zu verzeichnen. In dem Iahresbericht. den der Föderalrat beim Ablauf feines Termins im Auguft 1873 erftattete. ift denn auch wenig Erfreuliches und wenig Bedeutendes zu finden. Es wird da mitgeteilt. daß die amerikanifche Föderation ein Iahr großer Mühen und Schwierigkeiten hinter fich habe. Zwei Sektionen in New York. zwei in St. Louis. eine in Weft Hoboken und eine in Brooklhn waren eingegangen. wofür fich fe eine englifche und franzöfifche Sektion in Bofton. je eine deutfche in Paterfon und Stapleton und je eine franzöfifche in New York und New Orleans neu gebildet hatten. Weiter wird in dem Bericht mitgeteilt. daß der Föderal rat an die “Norkingmem'ß 11oo61111117" des Staates New York. die ihre Sißung in Albanh hielt. eine Adreffe fchickte. die die Ziele der Internationalen Arbeiter-Affociation dar legte. Die Adreffe wurde in der Sißung der erwähnten Körperfchaft verlefen. aber nicht weiter beachtet. Gegen den “Nocken-''. ein Wochenblatt. das von Anhängern des Spring Street Councils in New York herausgegeben wurde. ver fandte der Föderalrat ein Zirkular an alle Sektionen. in dem der Charakter des Herausgebers des Blattes gekenn zeichnet und vor Verbreitung der Zeitung gewarnt wurde. Im übrigen befchäftigt fich der Bericht in der Hauptfache mit den inneren Streitigkeiten in Chicago und New York. Die ..Arbeiter-Zeitung“ in New York. das Organ der Föderation. tat übrigens um diefe Zeit der allgemeinen Arbeiterbewegung gute Dienfte. Sie hatte großen Einfluß auf die deutfche Gewerkfchaftsbewegung des Landes - wie denn auch die Mitglieder der Internationale um diefe Zeit in den Gewerkfchaften fehr tätig waren. Außer der ..Arbeiter-Zeitung“ und dem Organ des Spring Street Council erfchienen noch zwei franzöfifche fozialiftifche

Organe im Lande: “1:e ßoejnljete" in New York und “lm 0011111111116" in New Orleans. die indeß beide mit der Föde ration der Internationalen Arbeiter-Affociation nicht in Verbindung ftanden. Am 24. Auguft 1873 hatte der alte Föderalrat eine gemeinfchaftliche Sißung der New Yorker Sektionen zufam 255

menberufen. um den durch Urabftimmung erwählten neuen Föderalrat in fein Amt einzuführen. Die neue Behörde beftand aus folgenden Perfonen: R. Bliffert. S. Cavanagh (Irländer). Pillon und .Lorin (Franzofen). Edenborg (Schwede). Stiebeling. Carl und Schäfer (Deutfche). Die folgenden Mitglieder wurden zur Vervollftändigung der Behörde hinzugezogen: Mah. Bolte und O'Connor. Zum Generalfekretär wurde F. Bolte. zum Protokoll-Sekretär S. Cavanaugh und zum Schaßmeifter Dr. G. Stiebeling erwählt. Die neugewählte Behörde war ihrer Aufgabe nicht gewachfen. vielleicht waren ihr auch durch die Streitereien am Orte ihres Sißes die Hände gelähmt. Jedenfalls: Die große Zeit. die für die Arbeiterbewegung der Vereinigten Staaten heraufzog. fand ein recht kleines Gefchlecht.

7.

Der Genfer Kongreß 1873.

Am erften Iuli 1873 berief der Generalrat den 6. allge meinen Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affociation auf den 8. September desfelben Iahres nach Genf. wobei die folgenden Punkte auf die Tagesordnung geftellt wurden: 1. Revifion der Statuten; 2. Organifation der Interna tionalen Gewerkfchaften; 3. Allgemeine Organifation der Arbeiterklaffe auf internationaler Bafis; 4. Politifche Aktion der Arbeiterklaffe. und 5. Arbeitsftatiftik. Am 18. Inli ernannte der Generalrat die Mitglieder der Affociation Iohann Philipp Becker. Theodor Duval und Henrh Perret in Genf als prov. Kommiffion zur Organi fierung des Kongreffes. wobei folgende Weifungen gegeben wurden: ..Als Mitglieder der Internationalen Arbeiter Affociation find zu betrachten und zu behandeln alle fich als folche genügend ausweifende Mitgliederder fozialdemokra kratifchcn Arbeiterpartei Deutfchlands und der durch den Verein ..Volksftimme“ in Wien vertretenen öfterreichifchen Arbeiterpartei. Delegierte von Ungarn müffen legitimiert fein durch C. Farkas. Delegierte von Polen durch W. Wroblewskh. Delegierte von Rußland durch Karl Marx. Delegierte von Italien durch Fr. Engels. Die größte Vor ficht ift zu beobachten bei der Zulaffung von Delegierten aus 256

Frankreich. welche fich durch A. Serraillier oder Larroque legitimieren follten.“ Die proviforifche Kommiffion wurde weiter angewiefen. als gültigen Ausweis (Ouittungen) anzuerkennen die Quittungen des Generalrats. feines Finanz-Agenten Friedrich Engels und feiner Delegierten. Weiter jene des britifchen. holländifchen und nordamerikanifchen Föderal rats. des neuen fpanifchen Föderalrats in Valencia. des romanifchen und deutfchen Föderalkomites in Genf und Zürich des Lokalrats zu Liffabon. des Parteiausfchuffes zu Hamburg. der Redaktionen des ..Volksftaat“ zu Leipzig und des ..Volkswille“ zu Wien. fowie diejenigen des Bevoll mächtigten des Generalrats: A. Seraillier. W. Wroblewskh Friedrich Engels. Larroque und C. Farkas. Da der Generalrat aus Mangel an Mitteln nicht in der Lage war. einen Delegaten von New York nach Genf zu fenden. fo ernannte er A. Serraillier in London zu feinem Vertreter. Die Jnftruktionen. die der Generalrat feinem Kongreß vertreter erteilte. bewegten fich in derfelben Richtung. wie der vertrauliche Bericht. den der Generalrat dem Kongreß unterbreitete. Seraillier wurde beauftragt. für neue -Ver bindungen mit Frankreich einzutreten. auf Erfüllung der Pflichten durch die Föderationen gegen den Generalrat zu dringen. und deffen Vollmachten zu ftärken. da die Erfah rung gezeigt habe. daß fie zu klein feien. In Bezug auf die Statutenänderung trat der Generalrat dafür ein. daß ein Kongreß der Affociation alle zwei Iahre ftattfinden folle. daß der Generalrat aber einen außerordentlichen Kongreß einberufen könne. wenn die Verhältniffe einen fol chen nötig machen und zwei Drittel der Föderationen es verlangen.

Die öffentliche Adreffe und der Iahresbericht des Gene? ralrats an den Genfer Kongreß hatte folgenden Wortlaut: ..An den 6. Allgemeinen Kongreßl ..Mitarbeiter 1 ..In Großbritannien gewinnt unfere Organifation Ein fluß und Macht. Der Plan einiger Ehrgeizigen. die Inter nationale von ihrer Bahn abzulenken. ift mißlungen. Einige ehrenwerte Genoffen widerftanden fiegreich den An 257

griffen der neuen Dezembriften und brachten unfer Fahr zeug in den Hafen. Der jüngfte Kongreß zu Manchefter war durchaus gelungen. und die englifche Arbeiterklaffe. induftrielle und Landarbeiter. bewegt fich in ungeheuren Kolonnen vorwärts. um die Forderung des Haager Kon greffes zu. verwirklichen: ..Die Eroberung der politifchen Macht ift die oberfte Pflicht der Arbeiterklaffe.“ Die irifchen Arbeiter begreifen mehr und mehr die Notwendigkeit gemeinfamen Wirkens mit ihren Bundesgenoffen jenfeits des Kanals.. und ein herzliches Einverftändnis bahnt fich an zwifchen den britifchen und irifchen Arbeitern. ..Die Verfolgungen und Prozeffe gegen die Interna tionale Arbeiter-Affociation in Frankreich haben den fchmählichen Sturz des Henkers der Kommune nicht abge wendet. Seine Nachfolger verfuchten das Rad der Ge fchichte zurückzudrehen. Die franzöfifchen Arbeiter. die unermüdlichen Pioniere fozialen Fortfchritts. werden die Wichtigkeit folchen Beginnens beweifen und Frankreich fich felbft wiedergeben. ..Die Arbeiter von Süd- und Nord-Niederland (Belgien und Holland) ftreifen die alten Vorurteile ab und reichen fich die Hände zu gemeinfamem Vorgehen und zum Schrecken ihrer ..angfterfüllten Herren“. ..Die dänifchen Arbeiter halten die Fahne des Interna tionalismus hoch und das ..Gift des Sozialismus“ dringt felbft in -die Lande der Bernadotte-Familie. ..Das deutfche Reich fpielt feine Rolle als Allerwelts Büttel vortrefflich zum Entzücken der ordnungswütigen Bourgeoifie beider Hemifphären. und das Einbringen neuer Preß-. Vereins- und anderer Gefeße daheim dient nur- als ..Liebestrank“ für einige fich fpreizende Spröde mittel alterlichen und muckerifchen Sinus. Die Organifation der deutfchen Arbeiter hat im verfloffenen Iahre große Fort fchritte gemacht; fie find befonders jeßt fehr rührig und muftern ihre Scharen zur bevorftehenden allgemeinen Wahl. ..Arbeits-Ausftände in Rußland verkünden das Erwachen feiner unterdrückten Klaffen. Die Angft der Regierung wird nur übertroffen durch die Dummheit. mit der fie die Urfache der Mißftimmung allerorts fucht. nur nicht an der rechten Stelle: in der elenden Lage der Arbeiter.

258

..Die ..konftitutionelle“ Regierung Ungarns gibt fich ver gebliche Mühe. die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Die Bildung einer Arbeiterpartei wurde verboten. deren Aus

fchuß verhaftet und die Druckerei ihres Organs konfisziert. ..Die Polizeibehörden in Oefterreich löfen die Gewerks vereine auf. verfchleppen die (in diefem gefegneten Lande erforderliche) Genehmigung ihrer Statuten jahrelang. ver weifen die Arbeiterführer des Landes. und um diefen Heldentaten die Krone aufzufeßen. jagen fie Ausfchüffevon Arbeitern auseinander. welche fich gebildet. um denjenigen ihrer Mitarbeiter billiges Unterkommen zu verfchaffen. welche etwa nach Wien kommen zum Befuch der Weltaus ftellung. _ Welche Ausftellungl , ..Der zu Olten in der Schweiz abgehaltene Arbeiterkon

areß hat ein gutes Werk vollbracht. indem er einen zentrali fierten fchweizerifchen Arbeiterbund fchuf troß der' Oppofi tion einiger profeffioneller Störenfriede. die man ihrem Schickfal überließ. ..Italien muß die Galanterien feines '..galanten“ Königs fo teuer bezahlen. daß eine Umkehrung der Erbfolge nicht ?njwahrfcheinlich ift und der Vater dem Sohn (Amadeo) o gt,

.. ie baldige Errichtung einer portugiefifchen Bundes föderation ift in Ausficht geftellt. ..Mehrere zahlreiche Sektionen zu Buenos-Ahres in Süd Amerika haben ihren Beitritt erklärt. ..Die trefflichen amtlichen Berichte des ftatiftifchen Arbeitsbureaus von Maffachufetts (Vereinigte Staaten) haben den Zorn der herrfchenden Klaffen erregt durch die ftaunenswerten. unwiderleglichen Enthüllungen der fchreienden Uebelftände. welche die kapitaliftifche Produk tionsweife hervorruft. Unfähig. die niederfchmetternden Schlußfolgerungen jener amtlichen Arbeitsberichte zu wider legen. und zu feig. nm das Bureau offen anzugreifen. ver fuchen die Bourgeois-Behörden. die künftigen Berichte zu

. fälfchen und die nüßliche Tätigkeit des Bureaus zu lähmen. dadurch. daß fie die gewiffenhaften und erfahrenen Beamten desfelben entfernen und an ihre Stelle feile Werkzeuge der beftehenden Gewalten feßen. ..Vorkommniffe neueren Datums veranlaffen den Gene ralrat. die europäifchen Arbeiter nochmals vor den Vor /

259

fpiegelungen amerikanifcher Auswanderungs-Agenten zu warnen. ..Das vergangene Iahr hat wiederholt Beweife geliefert von dem zunehmenden Geifte der Solidarität unter den Arbeitern. Wir erinnern nur an die Ausftände der Genfer Goldarbeiter. der- deutfchen Buchdrucker. der holländifchen Zigarren- und Tabakarbeiter und an die den verfolgten italienifchen Genoffen gewährte bereitwillige Hülfe. ..Der Verfuch. unfere Organifation durch Sezeffion zu fprengen. ift in allen großen induftriellen Ländern elend mißglückt. Auf dem jüngften Kongreffe in Olten zeigte fich die Geringfügigkeit (Unbedeutendheit) der juraffifchen Föderation. diefes Herdes der Trennungsgelüfte. In niht zu ferner Zeit werden die fpanifchen Arbeiter zur Erkenntnis kommen. daß etwas anderes als ..Anarchie“ nötig ift. um den Kampf mit den beftehenden Gewalten aufzunehmen. Und wenn unfere Brüder in Belgien - dem einzigen Lande. wo die Sezeffion Erfolg hatte - denfelben bitteren Kelch von Erfahrungen leeren müffen. fo können fie die Schuld davon nur ihrer eigenen Kurzfichtigkeit aufbürden. ..Arbeiterl Da die moderne kapitaliftifche Produktions weife auf der Ausbeutung der Arbeiter durch die Aneigner der Arbeitsfrucht beruht. fo fteht der Maßftab öffentlicher Sittlichkeit in naturgemäßer Uebereinftimmuug mit den anerkannt gebräuchlichen Sitten der offiziellen Gefellfchaft.

Da die Anhäufung von Reichtümern ihr einziges Ziel. fo ift die Art und Weife der Anhäufung vollftändig gleichgültig. Gewiffensfkrupel wegen der anzuwendenden Mittel werden verlacht und in die Rumpelkammer geworfen. und der Grad der ..Achtbarkeit“ richtet fich nach dem Mangel an Achtung vor Recht und Eigentum anderer. Beweife für diefen Zu ftand öffentlicher ..Sittlichkeit.. find überreichlich vorhanden in allen zivilifierten Ländern. ob fie Republik oder Kaifer

und Königreich heißen. Indeffen war es diefem ..freien Lande“. diefer ..Mufter-Republik“. den Vereinigten Staaten vorbehalten. die gänzliche Verderbthcit der öffentlichen Meinung. die vollftändige fchanilofe Verfunkenheit der jeßi gen bürgerlichen Gefellfchaft dadurch zu beweifen. daß öffentlich Ehrenbezeugungen und Ehrenempfang Gefcß gebern und hohen Beamten bereitet wurden und werden. x'

.

welä)e amtlich und öffentlich der Käuflichkeit und des Mein cids überwiefen find. ..Mitarbeiterl Beobachtet die zunehmende Auflöfung der alten Gefellfchaft und - fchließt eure Reihen dichter. ver beffert und vervollkommnet eure Organifation. auf daß Ihr beim Ruf der Ereigniffe bereit daftehet. eure gefchichtliche Aufgabe zu erfüllen: die neue. auf der Arbeit gegründete Gefellfchaft zu errichten. ..V'or fechs Monaten. am 23. Februar. warnte der Gene ralrat die fpanifchen Arbeiter vor der Errichtung einer zweiten Republik Thiers. vor den Helden der parlamentari fchen Komödie. Betrachtet heute die Redekünftler an der Spiße der Regierung in Madrid! Während fie zu feig find zu einem ernfthaften Kampfe gegen die Feinde alles menfch lichen Fortfchritts. find fie erfchrecklich mutig und eifrig gegen

die nur zu natürlichen Ausbrüche der unterdrückten Söhne der Arbeit; während fie keine a'nftändige Macht auf die Beine bringen können. um die. eine feudale Reftauration auftre benden. unreifen Knaben vom fpanifchen Boden zu vertrei ben haben fie Armeen bereit und ihres Winkes gewärtig. um jeden Verfuch der Arbeiter. fich ein menfchenwürdiges Dafein zu fichern. fofort niederzufchlagen; während fie bereitwilligft Gefangene und Höflichkeiten mit den das Land feit Iahren verwüftenden und plündernden Karliften aus taufchen. brüllen fie ..Piraten“ und betteln um die Hülfe aller reaktionären Mächte der Welt gegen das Volk. wenn diefes die. von ihm febft gefchaffenen ..Kriegsmaterialien“

in Befiß nimmt. um endlich einmal den einzig vernünftigen Gebrauch davon zu machen: die Rech-te der arbeitenden Klaffen zu verteidigen und zu behauptenl - ' ..Die Senores in Madrid ahmen das Beifpiel der Kraut junker in Verfailles fo getreulich nach. daß felbft Kenner diefe zweite Auflage der Republik Thiers kaum von ihrem Origi nal unterfcheiden können.. ..Arbeiter aller Länderl Die Befreiung unferer Klaffe muß unfer eigenes Werk feinl Um fie zu erreichen. müffen wir uns organifieren. unfere Kräfte vereinigen und zentra lifieren. denn ohne folche Zentralifation werden wir nie fertig zum Handeln. nie tatbereit fein. und alle vereinzelten Anftrengungen werden einfach niedergefchlagen. Ift noch 261

nicht genug Blut vergoffen. um uns diefe Lehre einzuprägen? Müffen die Reihen der Arbeiter jedes Landes durch Nieder lagen gelichtet werden. ehe wir nach diefer einfachen Regel handeln? Muß denn jeder Zweig der großen menfchlichen Arbeiterfamilie diefelben -bitteren Erfahrungen machen. anftatt eine Lehre zu ziehen aus dem Beifpiele feiner Brüder jenfeits einer Gebirgskette oder eines Fluffes? Erwacht. ihr Söhne der Arbeit. zu eurer Pflicht. wie fie durch euer eigenes Intereffe vorgefchriebent

Verbannt die falfchen Propheten.

verjagt die vermeintlichen Freunde. fchließt eure Ohren vor ihren hohlen Redensarten und folgt eurem eigenen wohl überlegten Urteil. welches euch unzweifelhaft drängt zum vollkommenen Einverftändnis. zu gemeinfamen. unwider ftehlichem Handeln mit den Arbeitern der gefamten zivili

fierten Weltl Der Generalrat: F. P. Bertrand. Fr. Bolte. K. Carl. S. Cavanaugh. S. Dereure. C. F. Laurel. F. A. Sorge. C. Speher. New York. 8. Auguft 1873. Der General-Sekretär: F. A. Sorge.“

Neben diefer öffentlichen Adreffe unterbreitete der Gene ralrat dem Kongreß noch einen ..vertraulichen“ Bericht. der über den Stand der Affociation genaue Auskunft gab. Diefer Bericht behandelte zunächft die Handhabung der Gefchäfte im Generalrat und deffen Zufammenfeßung. Sämtliche acht Mitglieder der Behörde bei Abfaffung des Berichts waren Lohnarbeiter und keiner'von ihnen erhielt für feine Dienfte irgendeine Bezahlung. Der Kongreß -im Haag hatte. fo wurde in dem Berichte erklärt. alle früher ausgegebenen Vollmachten für einzelne Perfonen aufgehoben und den neuen Generalrat in New York beauftragt. neue Bevollmächtigte zu ernennen. Der Generalrat hielt die Ernennung von Bevollmächtigten in Ländern. in denen die Internationale nicht durch die Regie rung verboten war. für überflüffig und befchränkte fich auf

die Ernennung derfelben für Länder. in denen fich Sektionen der Affociation nicht bilden durften. Für Frankreich war A. Serraillier ernannt. für Italien nach der Auflöfung der dortigen Sektionen Friedrich Engels. Auch für die franzö 262

fifchen Diftrikte Tonlofe und Bordeaux exiftierte je ein Bevollmächtigter. Weiter beforgten für Polen W. Wrob lewskh und für Ungarn C. Farkas in Budapeft die Gefchäfte der Affociation. Weder die Mitglieder in Oefterreich. noch jene in Deutfchland hatteneinen Bevollmächtigten vorge fchlagen. Als Finanz-Agent fungierte Friedrich Engels. Diefes Shftem der Bevollmächtigten bewährtefich nicht befonders. ..In den meiften der Länder. in denen die Inter nationale verboten ift - fo führte der vertrauliche Bericht des Generalrats aus - organifieren fich die Arbeiter politifch oder gewerkfchaftlich auf Grund derfelben Prinzi pien. die die Internationale hat. aber die Gefeße und Auto ritäten verhindern ihre Verbindung mit uns oder den Arbei terorganifationen irgend eines fremden Landes. und die Zuführung einzelner Mitglieder ift zu umftändlichfund zeit raubend. feßt die Bevollmächtigten Gefahren und Opfern aus und läßt ftets Polizei-Intriguen eine offene Tür.“ Um diefen Uebelftänden abzuhelfen. hatte der Generalrat vorgefchlagen. daß in Zukunft nur im Notfalle Bevollmäch tigte ernannt werden follten und daß dem Generalrat das Recht gegeben werde. alle Arbeiterparteien und Körper fchaften als Teile und Mitglieder derInternationalen Arbei ter-Affociation anzufehen und zu behandeln. von denen der Generalrat genügend Grund zur Annahme habe. daß fie auf dem Programm der Internationale ftehen und deren Ziele verfolgen. immer vorausgefeßt. daß fie die Statuten und Kongreßbefchlüffe anerkennem foweit ihre befonderen Gefeße das erlauben. Dem Generalrat folle. fo wurde weiter vorge fchlagen. erlaubt fein. eine Paufchalfumme als Beitrags zahlung von irgend einer Körperfchaft anzunehmen. In der Tat hatte der New Yorker Generalrat fchon vorher nach die fem Vorfchlag gehandelt. Inbezug auf die Etablierung internationaler Gewerk fchaften. mit der der Generalrat vom Haager Kongreß betraut war. konnte der Bericht nur konftatieren. daß nur die vereinigten Schreiner von Lüttich in Belgien und die Schreiner New Yorks fich für diefe internationalen Gewerk fchaften ausgefprochen hätten. ..Von England erhielten wir Vorfchläge über den Anfchluß der Gewerkfchaften. und der Britifche Föderal-Council erließ eine vorzügliche Adreffe an 263

die Trades Unions. Die deutfchen Gewerkfchaften find nahezu alle auf wirklich internationaler Grundlage organi fiert. find aber noch nicht fehr ftark und durch Gefeß verhin dert. ihre Wirkfamkeit über die Grenzen des Kaiferreichs

auszudehnen. In Oefterreich und Ungarn ift es den verfchie denen einzelnen Gewerkfchaften nicht einmal geftattet. nationale Verbindungen zu fchließen.“ Der Blau der internationalen Gewerkfchaften erfchien dem Generalrat noch nicht reif für eine fchließliche Entfcheidung und er wünfchte eine Verfchiebung derfelben bis zum nächften Kongreß. Der Bericht gab dann eine Ueberficht über die Sezeffions bewegung der Allianziften nach dem Haager Kongreß. Er fchilderte das Verhalten des Generalrats dazu und erwähnte ferner das Eingreifen diefer Behörde in dem Streik der Goldarbeiter in Genf. bei den Verurteilungen der Internationalen in Italien. feine Warnung gegen die Aus wanderung holländifcher Arbeiter nach Amerika und gegen die Einwanderung italienifcher Arbeiter. die unter Kon trakt nach New York kamen. Ueber den Stand der Affociation in den verfchiedenen Ländern wird berichtet. daß die Britifche Föderation auf dem Wege zu gutem Erfolge fei. wenn der Föderalrat feine Arbeit. wie fie in den leßten Monaten geleiftet wurde. in derfelben Weife fortfeßte und den Arbeitern Irlands genü

gende Beachtung fchenke. ..Die Beziehungen zwifchen diefer Föderation und dem Generalrat waren gute. Die Bezah lung der Beiträge wurde verfprochen. bis dahin indeß nicht geleiftet.“ Bezüglich Frankreichs wurde auf die Tatfache hingewie fen. daß die vorzügliche Organifation durch die Infainie des Schurken Heddeghem aus Paris zerftört wurde. ..Die Be ziehungen und die Korrefpondenz mit Frankreich wurden dadurch unterbrochen und keinerlei Zahlungen trafen von dorther ein. Es wird einige Zeit vergehen. ehe neue und zuverläffige Verbindungen mit Frankreich wieder ange lnüpft werden können.“ Belgien habe. fo wurde erklärt. fich von der Affociation losgelöft und nur eine offizielle Korrefpondenz habe der Generalrat von dorther empfangen. Die Schreiner von 264

Lüttich erklärten nichtsdeftoweniger ihr Einverftändnis mit der Gründung internationaler Gewerkfchaften. und verfchie dene andere Gewerbe waren tätig. die Beziehungen mit den Arbeitern anderer Länder wieder anzuknüpfen. ..die durch die Blindheit der belgifchen Föderation verloren gegangen

find.“ Natürlich waren auch von dort keine Beiträge eingegangen. Holland. das feine intimen Beziehungen zu Belgien auf recht zu erhalten wünfchte. hatte eine neutrale Stellung ein zunehmen verfucht und habe Delegaten für den Kongreß der Sezeffioniften in Genf im September 1873 gewählt. Diefe Stellung könne aber nicht lange dauern. Die Organifation fei nur klein - vier Sektionen in Amfterdam. Utrecht. Haag nnd Rotterdam. - Der fchriftliche Verkehr war nur ein befchränkter und Beiträge wurden verfprochen und kurz vor dem Kongreß auch geleiftet. Mit Dänemark war keinerlei direkte Verbindung mit dem Generalrat vorhanden und Berichte wurden nur indirekt - ..durch eingewanderte Arbeiter und fonftwie“ _ empfangen. Perfönlime Gegenfäße hatten dort zu Streitig keiten geführt. ..Wir wiffen. daß die Laffalleaner in Deutfchland den Verfuch machten. die dänifchen Arbeiter zu veranlaffen. die Internationale Arbeiter-Affociation zu ver laffen. Soweit vergebens.“ Auch von Dänemark waren Beiträge dem Generalrat nicht gefchickt worden. Mit der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands waren die Verbindungen regelmäßig und lebhaft. doch betrugen die Mitgliederbeiträge von dorther auch nur 825.92. Ungarn hatte Beiträge verfprochen und die Verbindungen mit dort waren regelmäßig. In Oefterreich zeigte fich ein guter Fortfchritt. bis im leßten Februar dort eine Spaltung eintrat. die zu perfönlichen Streitigkeiten führten. ..Wir hegen ftarke Hoffnung. daß eine Wiedervereinigung herbei geführt wird durch das felbfttätige Eingreifen der fich bekämpfenden Parteien und haben uns jeden Urteils in dem Falle enthalten. weil man fich nicht an uns gewandt hat und wir von beiden Seiten. nicht genügend Kenntnis der Sach lage erhielten.“ Die Verbindung mit Oeft--rreich war ziem lich regelmäßig. Die erhaltenen Beiträge beliefen fich auf 822. die nur von einer der Parteien gezahlt wurden.

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Die periodifche zeitweilige Einkerkerung des tätigften Genoffen in Italien. E. Bignamie. unterbrach die Verbin dung des Generalrats 'mit dort des öfteren. Lodi und Aquila verficherten ihre Anhänglichkeit. aber die Polizei ver hinderte eine regelmäßige Propaganda dort. ..Es fcheint. daß die Sezeffioniften dort ein gutes Feld haben. Auch von Italien waren keine Mitgliedsbeiträge eingelaufenl“ In der Schweiz - fo wurde weiter konftatiert - ent wickelte das Romanifche Föderal-Komite in Genf große Energie bei der Unterftüßung des Streiks der Goldarbeiter. Der Generalrat gab auf Verlangen dem Komite das Recht. Verbindungen mit Frankreich und Elfaß anzuknüpfen. Doch wurden auch von hier aus keine Beiträge gezahlt. Das Föderal-Komite deutfchfprechender Sektionen in Zürich habe große Tätigkeit in der Zufammenberufung des Kongreffes von Olten und in der Etablierung eines Schwei zerifchen Arbeiterbundes gezeigt.

Die Verbindungen mit

diefem Komite waren regelmäßig. doch mußte fich der Generalrat auch hier mit dem Verfprechen von Beiträgen bcgnügen. Der Generalrat empfahl eine Vereinigung der Kräfte in der Schweiz zu einer Regional-Föderation. Ueber die Verbindungen mit Spanien

wurde berichtet.

daß fie infolge des Uebergewichts der Allianziften dort 'nur unregelmäßige fein könnten.

Beiträge wurden von dorther

ebenfalls nicht geleiftet. Die Allianziften fuchten auch in Portugal Boden zu gewinnen. was indeß mißlang. obgleich es mancherlei Stö

rungen verurfachte. ..Unfere Freunde bekämpften die Allianz mit Erfolg. halfen tapfer den fpanifchen Opponenten diefer Gefellfchaft. gründeten einen Lokalrat in Liffabon und haben Hoffnung. bald einen Föderalrat ins Leben zu rufen.“ Die Verbindungen zwifchen Portugal und Generalrat waren

indeß nicht fehr regelmäßig und bezüglich 'der Beiträge blieb cs auch hier bei dem Verfprechen. In Argentinien hatten fich drei Sektionen mit großer Mitgliederzahl bereit erklärt. der Internationalen Arbeiter Affociation beizutreten. Die Beziehungen zu Auftralien wurden durch Harcourt. dem Delegaten zum Haager Kongreß. abgebrochen. ..der aus 266

Mangel an Intelligenz niemals imftande war. vernünftig abzuftimuien. der aber uuehrlich genug war. Verleumdungen über den Generalrat auszuftreuen. der ihn entgegenkom mend und freundlich empfangen hatte.“ Betreffs der Nordamerikanifchen Föderation wurde mit geteilt. daß fie langfame aber fichere Fortfchritte mache. Sie beftehe aus elf deutfchen. vier franzöfifchen und zwei eng lifchfprechenden Sektionen und einer fkandinavifchen. Ein neuer Föderalrat fei gerade erwählt und es fei zuverfichtlich zu hoffen. daß er eine mehr erfolgreiche Propaganda ein leiten werde als fein Vorgänger. der mit großen Schwierig

keiten zu kämpfen hatte. Der Verkehr zwifchen Föderalrat und Generalrat war ziemlich regelmäßig und die geleifteten Beiträge betrugen im ganzen 820. Der vertrauliche Bericht fchloß mit der Empfehlung des Generalrats. deffen Siß wieder nach Europa zu verlegen. Der Kongreß tagte unter Vorfiß des Genfer Goldarbei ters Dupare vom 8. bis zum 13. September. Es waren 31 Delegaten anwefend. welche bis auf vier alle Lohnarbeiter waren. Achtzehn der Delegaten waren deutfcher (Dentfche und deutfche Schweizer). neun franzöfifcher. zwei italieni fcher und einer ferbifcher Sprache. Vertreten waren: die Schweiz. Deutfchland. Frankreich. Ocfterreich. Ungarn. Italien und Holland. Von dem Delegaten des Generalrats. Seraillier. lag ein Schreiben vor. nach welchem er am Befuch des Kongreffes verhindert fei. Auch die Delegierten des englifchen Föderalrats teilten mit. daß fie im leßten Moment abgehalten wurden. nach Genf abzureifen. Sie gaben indeß die Erklärung ab. daß fie an den Befchlüffen der Londoner Konferenz vom September 1871 und denen des Haager Kongreffes fefthielten und die Verwaltung und Leitung des Generalrats in New York guthießen. Die Berichte des Generalrats und deffen Tätigkeit wur den mit allen Stimmen gegen jene des holländifchen Delega ten van der Abele gutgeheißen. der auch den Bericht für Holland abgab. Burkhardt aus Stuttgart berichtete für die fozialdemokratifche Arbeiterpartei Deutfchlands. Gutsmann für den fchweizerifchen Arbeiterbund. ..Schwarz“ (Ober winder) für Oefterreich. Für die franzöfifche Schweiz berich teten Duraud-Savohot und Bazin. einige andere Deutfche und Schweizer über lokale Organifationen der Schweiz. 267

- Die Frage der Gewerkfchaften und die internationale Gründung derfelben rief eine lebhafte Debatte hervor. die ?ursh Annahme des folgenden Befchluffes ihren Abfchluß an : In Erwägung. daß 1. der Kampf der Arbeit gegen das Kapital weder ein lokales. noch ein nationales. fondern ein

foziales Problem ift. welches alle Länder umfaßt. in denen die moderne Gefellfchaft exiftiert; 2. daß ein internationales Verftändnis zwifchen den Kapitaliften zur Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklaffe befteht und daß deshalb die

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Widerftandsverfuche der Arbeiter meiftens fcheiterten wegen Mangel an Solidarität zwifchen den verfchiedenen Teilen der Arbeiter in jedem Lande und wegen Abwefenheit eines brüderlichen Bandes der Vereinigung zwifchen den Arbeiter klaffen der berfchiedenen Länder; 3. daß das Prinzip der Solidarität den Arbeitern die Pflicht auferlegt. einander daheim und in der Ferne beizuftehen; 4. daß die Auswan derung refp. Ausführung der Arbeitskraft aus einem Lande in das andere die Konkurrenz zwifchen den Arbeitern des leßteren Landes befördert. aus diefen Gründen unterbreitet der Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation den verfchiedenen Gewerksgenoffenfchaften aller Länder den folgenden Plan einer Organifation. welcher die Wirkfamkeit der Gewerkfchaften und ihr Gedeihen in allen Ländern aus breiten foll: 1. Alle Vereinigungen emes Gewerkes in einem Lande verbinden fich. um einen Exekutivausfchuß für ihr Land zu wählen. 2. Diefer Exekutivausfchuß foll. foweit es die Landesgefeße geftatten. in fortwährender Verbindung mit anderen Ländern durch die Vermittlung eines allgemei nen Vollziehungsrates ftehen. um ftets genau unterrichtet

zu fein über den Stand der Gewerke und der Arbeit jedes Landes; Kaffen follen errichtet und unter die Kontrolle des Exekutivausfchuffes geftellt werden. um in Not befindliche Mitglieder der Union in irgend einem Lande zu unterftüßen und .um die Ausgaben des allgemeinen Vollziehungs ausfchuffes zu decken. 4. Alle Exekutivausfchüffe der ver fchiedenen Gewerke jedes Landes follen fich verbinden zum Zwecke der Hilfsleiftung in folchen Fällen. wo ein beftimm tes Gewerk wegen Mangel an Mitteln unfähig ift. den Widerftand gegen feine Ausbeuter fortzufeßen. 5. Iedes Mitglied einer folchen internationalen Gewerksgenoffen 268

fchaft foll im Falle der Auswanderung in dem neuen Lande gleiche Rechte haben mit den älteren Mitgliedern diefes Landes. 6. Wenn ein Unionmitglied wegen politifcher Ver folgungen das Land verlaffen muß. fo foll es in jedem ande ren Lande diefelbe Unterftüßung genießen. zu der es im früheren Lande berechtigt war. 7. Es foll die Pflicht diefer internationalen Gewerksgenoffenfchaften fein. durch ihre Exekutivausfchüffe nach beften Kräften die Ein- und Aus fuhr von Arbeitskräften unter irgend welchem Kontrakt fhftem zu verhindern.“ Die Frage der politifchen Aktion führte zu heftigen Debatten. die ein Teil der Delegaten durch Uebergang zur Tagesordnung erledigen wollte. Man führte von diefer Seite aus. daß man diefe Frage den Sektionen zur Erledi gung überlaffen folle. ohne indeß ein Eintreten in die Politik befonders zu empfehlen. Von der anderen Seite wurde her vorgehoben. daß die ökonomifche Frage nicht ohne die politifche gelöft werden könne. Mit geringer Majorität wurde fchließlich mit Bezug hierauf auf' Antrag von Iohann Philipp Becker befchloffen: ..Indem der Kongreß der Arbei terklaffe die Beteiligung an jeder Politik. welche ihre Eman zipation zum Ziele hat. empfiehlt. überläßt er es den Bun desgenoffen der verfchiedenen Länder. nach den gegebenen Umftänden zu handeln.“ Ueber den Antrag des Generalrats. eine allgemeine Arbeiterftatiftik aufzuftellen. ging der Kon greß wegen Mangel an Material zur Tagesordnung über. Die Revifion der Statuten ergab einige unwefentliche Aenderungen nicht prinzipiell-er Art. die fich in der Haupt fache auf Organifationsbeftimmungen bezogen. Gegenüber der innerhalb der Internationalen Arbeiter-Affociation ein

getretenen Spaltung fprach der Kongreß fein Bedauern aus und beauftragte den Generalrat. eine Proklamation an die Arbeiter aller Länder zu richten und zu verfuchen. diefe Spaltung zu heben. Ebenfo empfahl der Kongreß den öfter reichifchen Arbeitern. fich wieder zu vereinigen. Betreffs des Sißes des nächften Generalrats und dem Orte des nächften Kongreffes gab es ziemlich lebhafte Aus einanderfeßungen. doch wurde fchließlich New York mit großer Mehrheit als Siß des Generalrats und Zürich als 269

Ort beftimmt. wo 1875 der nächfte Kongreß der Affociation ftattfinden follte. In der Woche vor diefem Kongreffe hatten die Allianziften. ebenfalls in Genf. auch ihren Kongreß abgehalten. der feine Verhandlungen am 1. September begann.

-

Es warenauf diefem Kongreß 25 Delegaten anwefend. die größtenteils in der Schweiz wohnhaft waren. Außer der Schweiz waren Italien. Spanien. Frankreich. Belgien und Holland vertreten. Der Vertreter für Holland war Delegat für beide Kongreffe und hatte den Auftrag. verföh nend zu wirken. Aus England waren Hales und Eccarius erfchienen. Ueber Spanien berichtete Farga Pelliffier. für die Iura-Föderation Pindh. ein Kommune-Mitglied. Hales berichtete für England. daß dort im leßten Iahre kein Fort fchritt zu verzeichnen fei. Van der Abele berichtete für Holland. Verrhcken für Belgien und Cofta für Italien. Vom Spring Street Council in New York war eine Korrefpondenz eingelaufen. die fich für einen Generalrat mit eingefchränk ter Macht ausfprach. Der Kongreß ftimmte einem Antrage zu. der fich für die Aufhebung des Generalrats ausfprach. Man nahm ein Statut an. das eine neue Internationale fchaffen follte. das in Wirklichkeit aber nur dazu beitrag. die bisherigen Zufam menhänge noch mehr zu löfcn. Die Sektionen und Födera tionen hatten darnah das Recht. fich nach eigenem Willen zu organifieren und ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen. ohne Einwilligung von außen. und felbft die Methode zu beftimmen. welche fie. als zur Emanzipation der Arbeit füh rend. für die befte halten.“ Auf den Kongreffen follte über Prinzipienfragen nicht abgeftimmt werden können. Die Befchlüffe des Kongreffes follten nur für die Föderationen bindend fein. die dafür ftimmten. Das Fernbleiben des Delegaten des Generalrats und jener der englifchen Föderation vom Genfer Kongreffe hatte rege Mißftimmung unter den Delegaten erzeugt. und ihm ift auch das vollftändige Fehlfchlagen der Verhandlungen zuzu fchreiben. wenn auch der allgemeinen Lage der Dinge nah von vornherein wenig von diefen Verhandlungen zu erwar ten war.

270

Die Schuld an diefem Fernbleiben lag auf zwei Stellen. in Genf und in London. Marx und Engels waren nach den Nachrichten. die ihnen zukamen und befonders auch. weil der Generalrat keine Delegaten aus Amerika fchicken konnte. zu der Ueberzeugung gekommen. daß der Kongreß ein wefentlich lokal-fchweizeri fcher werden würde. In Genf. in der Romanifchen Föderation. der die Vorbe reitung des Kongreffes übertragen war. herrfchte. wie überall. arge Zerfahrenheit. Zwei Mitglieder des Komites. das der Generalrat mit diefen Vorarbeiten betraut hatte. Th. Duval und H. Perret. und ihre Freunde machten An ftrengungen. den Generalrat nach Genf zu verlegen und nebenbei eine neue Sonderbewegung zu fchaffen. Kurz vor dem Kongreß erfchien in Genf eine Flugfchrift. die von Perret. Duval u. a. unterzeichnet und direkt gegen den Haager Kongreß und den alten Generalrat in London gerichtet war. ..Die Kerle gehen darin in mancher Hinficht weiter als die Iuraffier. z. B. verlangen fie Ausfchluß der fogenannten Kopfarbeiter. (Das fchönfte dabei ift. daß dies Machwerk von dem elenden Miljtar7 rXclyczntm-er Cluferet [..Stifter der Internationale“ in Amerika nennt er fich in Genf] gefchrieben ift. Der Herr wollte den Generalrat in Genf.) um von dort aus im Geheimen Diktatur auszu u en. “ Diefe Verräterei' des Perret und Genoffen. die bei der Vorbereitung des Kongreffes eine leitende Hand hatten. führte dazu. daß auch Seraillier. dem der Generalrat feine

Vertretung für den Kongreß übertragen hatte. veranlaßt wurde. von Genf fortzubleiben.

Ebenfo die Delegaten der

englifchen Föderation. wodurch diefer leßte allgemeine Kongreß der Internationale den Charakter eines Rumpf Parlaments erhielt. von dem Marx mit Recht erklären konnte. daß der einzig gute Befchluß desfelben jener war. der den nächften Kongreß auf zwei Iahre hinausfchob. Für die Veröffentlichung der Verhandlungen und Be fchlüffe diefes Kongreffes gefchah übrigens nichts. konnte

auch. wenigftens vom Generalrat aus. . k Karl Marx an Sorge. Sorge. Briefe.

271

nichts

gefchehen.

Einer der Schriftführer des Kongreffes. Durand-Savohot. verfchwand bald nach Schluß der Verhandlungen fpurlos

und mit ihm ein Teil der Papiere und der Originaltexte der gefaßten Befchlüffe des Kongreffes. Jin der Beantwor tung einer diesbezüglichen Anfrage erklärte der Generalrat im März 1874: ..1. Der Generalrat hat allerdings Zwei fel daran. daß der leßte Kongreß zu Genf ein regelmäßiger allgemeiner Kongreß war. 2. Die dem Generalrat über fandten Kongreßakten . find in einem folchen Zuftande (Papierftückchen und Streifen. mit Bleiftift gefchrieben. ver wifcht. ohne Zufammenhang). daß es faft unmöglich er fchein't. Genaueres über die Verhandlungen daraus feftzu ftellen.“ Mit dem Genfer Kongrßß des Iahres 1873 war die Ver bindung der europäifchen* rbeiterbewegung mit der Inter nationale und mit derem Generalrat zu Ende.

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Die fchwachen Beziehungen. die vom Generalrat in New York aus noch unterhalten wurden. waren rein perfönliher Art und die allgemeine Lage war auch nicht darnach. daß vorläufig an eine Wiederbelebung der Affociation hätte gedacht werden können. Ueber die Allianziften fchrieb Engels im November 1873 an Sorge: ..Im übrigen ift es in der Pfeudo-Internationale fehr ftill. Die Brofchüre* hat den Schwindel gefprengt. . . . Ebenfo ftill ift es in der wirklichen Internationale.“ ** Und Marx fchrieb: ..Nah meiner Anficht von den europäifchen Verhältniffen ift es durchaus nüßlich. die formelle Organifation der Interna tionalen einftweilen in den Hintergrund treten zu laffen und nur. wenn möglich. den Zentralpunkt in New York deswegen nicht aus den Händen zu geben. damit keine Idioten wie Perret oder Adventurers wie Cluferet fich der Leitung

bemächtigen und die Sache kompromittieren. Die Ereigniffe und die unvermeidliche Entwicklung der Dinge werden von felbft für Auferftehung der Internationale in verbefferter Form forgen.*" . *Ueber die ..Alliance“. ** Serge. A. o. O.

S. 129. 180.

*** Sorge. A. a. O. S. 121.

272

6. Kapitel

Krifis und Arbeiterbewegung. 1.

Die Krife von 1873 und ihre Wirkung.

Eine der fchwerften Finanzkrifen. die je über die Ver einigten Staaten hereingebrochen ift. begann Mitte Septem ber 1873 durch einen furchtbaren Krach an der New Yorker Börfe. der in den erften Tagen nicht weniger als vierzig große Firmen in diefer Stadt allein niederriß und fich auf alle Großftädte des Landes ausdehnte.

In jedem Induftriezweige herrfchte koloffale Ueberpro duktion. Den unmittelbaren Anlaß zur Krife aber gab die Ueberfpekulation in Eifenbahnwerten und die fchwindel? haften Gründungen von Eifenbahnen. . Schon in den nächften Tagen nach dem Krach machte die Krifis fich durch Entlaffung zahlreicher. Arbeiter in allen Induftriebetrieben geltend. Die Kapitaliften benüßten die günftige Gelegenheit. überall eine Herabfeßung der Löhne durchzuführen. Troß der herrfchenden Arbeitslofigkeit wurde überall der Verfuch gemacht. eine Verlängerung der

Arbeitszeit zu erzwingen. In zahlreichen Streiks fuchten die Arbeiter ihre Lebenshaltung zu verteidigen. Vergebensl Die Armee der Arbeitslofen) die in wenigen Tagen in's

riefenhafte angewachfen war. brach den Widerftand ihrer ftreikenden Kollegen. In wenigen Tagen gingen die Er rungenfchaften jahrelangen gewerkfchaftlichen Kampfes der Arbeiter verloren. Die Arbeiter der Gewerbe. die fich den Achtftundentag gewonnen hatten. waren froh. bei zehnftün diger Arbeit Befchäftigung zu finden und dazu für weniger Lohn als vorher. Die Fabrikanten. troß ihrer Sorge um die eigene Exiftenz. die durch die Krife ins Wanken gebracht war. vergaßen keinen Augenblick. daß die Gelegenheit gün ftig war. um ihren Arbeitern das Terrain wieder abzuge Zoinnen. das diefe in den lebten Iahren von ihnen erobert .atten.

273

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In dem Iahre. das der Panik folgte. fanden nicht weniger als 5000 Bankerotte in den Vereinigten Staaten ftatt. mit einem Verlufte von 8228506000. und die Wirkung der Krife verftärkte fich noch in den folgenden Iahren. bis die Zahl der Bankerotte im Iahre 1878 auf 10.478 anwuchs. Die Gefamtfumme der Bankerotte in den Iahren 1873 bis 1878 betrug 47.000 mit einem Gefamtverluft von 31.200.909.754. Nicht weniger als drei Millionen Arbei ter wurden in diefer Zeit arbeitslos* Eine dumpfe Gährung bemächtigte fich der amerikanifchen Arbeiterfchaft nach der Septemberpanik von 1873. die am 9. November in Philadelphia zuerft zu einer großen Maffenverfammlung führte. Es wurde in entfchiedener Weife Abhilfe gegen die Arbeitslofigkeit gefordert. Die ..Arbeiter-Zeitung“ in New York hatte fchon am 1. Novem ber die Arbeiterfchaft erfucht. überall Organifationen zu bilden. und die beiden englifchen Arbeiter-Zentralkörper der Stadt begannen ebenfalls mit der Einberufung von Maffenverfammlungen. . Am 15. November veröffentlichte die ..Arbeiter-Zeitung“ einen Plan zur Organifierung der Arbeitslofen. der fofort die Zuftimmung von Sektion 1 der Internationalen Arbei ter-Affociation fand und von diefer in Angriff genommen wurde. Es wurde vorgefchlagen. Hilfsvereine in allen Wards der Stadt zu gründen. Ward-Komitees ins Leben zu rufen. die wiederum ein Zentral-Komitee der Arbeits lofen zu bilden hatten. Weiter wurden Petitionen an die ftädtifche Regierung in Umlauf gefeßt. die folgende Forde rungen enthielten: ..1. Arbeit an den öffe*ntlichen Werken gegen den üblichen Lohn für fchwere Arbeit für acht Stunden. 2. Für diejenigen ihrer Mitarbeiter oder Arbeiter familien. die fchon Mangel leiden. fofort einen Vorfchuß an Lebensmitteln oder Geld auf fieben Tage. Für Familien mit arbeitsfähigen Gliedern berbürgt der (Straßen) Verein die Rückzahlung in Geld oder Arbeitsleiftung. 3. Der Mahor der Stadt foll fich mit dem Gouverneur des Staates in Verbindung feßen. um folche Maßregeln zu ergreifen. daß vom 1. Dezember 1873 bis. zum 1. Mai . * K. Cobain. Jnduftrial Hbftorb of the United States. 1905. p. 288.

274

New York.

1874 kein Mieter aus irgend einem Grunde aus feiner Wohnung vertrieben werden darf. Diefe Beamten follen Vorforge treffen. daß ihre einfchlagenden Verordnungen durch die neue Legislatur in den erften Tagen ihres Zufammentritts genehmigt werden.“ Die Organifierung der Wardvereine wurde in Angriff genommen. In der 10. Ward. in der das Verfammlungs lokal der Sektion 1 der Internationalen Arbeiter-Affocia-' tion gelegen war. begann die Bewegung. Ein Aufruf wurde erlaffen. der die Arbeitslofen in eine Verfammlung nach dem 10. Ward-Hotel berief. Der Erfolg der Agitations arbeit der Mitglieder der Internationale übertraf alle Er wartung. Anftatt der einen hatten zur felben Zeit drei Verfammlungen im felben Haufe ftattzufinden. Die For derungen. die die ..Arbeiter-Zeitung“ aufgeftellt hatte. wurden einftimmig angenommen und weiter befchloffen. daß die zu fchaffende Organifation die Vermittlung zwifchen den Behörden und den Notleidenden übernehme und daß man verfuchen wolle. die neue Organifation über die ganze Stadt auszudehnen. Der Plan der Sektion 1 und des Föderalrats. der die Forderungen der ..Arbeiter-Zeitung“ in einem übrigens wenig gefchickten Aufruf den auswärtigen Sektionen zur Nachahmung empfohlen hatte. ging dahin. zunächft eine umfaffende Organifation der Arbeiter zu fchaffen. um dann mittels der organifierten Maffe die Behörden zur Bewilli gung der geftellten Forderungen zu zwingen. Dem Plan zufolge follte die Agitation von Haus zu Haus. von Straße zu Straße. von Bezirk zu Bezirk. von Ward zu Ward betrie ben werden.

Bei fortfchreitender Organifation- wollte man

dann einen Zentralkörper bilden. der fich aus den Delegaten der Wardvereine zufammenfeßen follte. Man hatte auch vor. die Organifation in derfelben gründlichen Weife auf die übrigen Nationalitäten auszudehnen.

Die Mitglieder der Sektion 1 gingen mit außerordent .lichem Eifer an die Durchführung ihres Plaues. und nicht nur die 10. Ward ward gründlich organifiert. fondern noch eine ganze Anzahl anderer Wards waren mit Erfolg in Angriff genommen worden. Da kam die erfte Störung infolge des Eingreifens der Sektionen. die aus der Föderation der Internationale aus 275

getreten waren. Der ..Lokalrat“ berief eine Maffenver fammlung der Arbeitslofen. nicht eines einzelnen Bezirks. fondern der ganzen Stadt. nach den Germania Affemblh Rooms auf Sonntag. den 23. November. Die Verfamm lung war zahlreich befucht und nahm einftimmig Plan und Forderungen der ..Arbeiter-Zeitung“ an. ernannte aber. im Widerfpruch damit. fofort ein. wenn auch nur provifori fches Zentralkomitee für die Stadt New. York.

Die 10.

Ward Organifation. fowie das Agitationskomitee der Sek tion 1 erhoben Einfpruch. traten dann aber doch in das gewählte Zentralkomitee ein. wo auf Grund des urfprüng lichen Planes eine vorläufige Einigung erzielt wurde. Immerhin begann mit diefem erften ftörenden Eingriff eine ganze Reihe von Gegenfäßen fich zu entwickeln. die fchließlich zur Vernichtung der ganzen. unter fo günftigen Umftänden begonnenen Bewegung führte. die fonft wohl zu einer felbft ftändigen Arbeiterpartei hätte führen können. Auch die englifchfprechenden Arbeiter rührten fich und am 15. November fand eine große Verfammlung in Tammanh Hall ftatt. die von einem der beiden damals exiftierenden Zentralkörper der englifchen Arbeiter. dem “Workingmen'e Geniral Saunejl". zufammenberufen war. Man verlangte Mittel gegen die Arbeitslofigkeit durch öffentliche Arbeit. Von Delegaten diefes felben Zentralkörpers wurde die Idee angeregt. eine Maffenverfammlung fowie einen Zug nach Cith Hall abzuhalten. Erfteres fand bei den deutfchen Arbeitern Zuftimmung. leßteres wurde als verfrüht abge lehnt. weshalb das Projekt ins Waffer fiel. Komitees der deutfchen Arbeiterorganifationen wurden zu den Zivilrich tern gefchickt. fie auffordernd. den Hausbeiißern. die um eine Vollmacht erfuchen. ihre Mieter aus ihren Wohnungen herauszufeßen. folche zu verweigern. Auch der zweite Zentralkörper der englifchen Arbeiter. die “W'orlijngmen'ß Union". führte fieh. Aber fowohl diefe. wie auch der “Narkingrnen'ei Centra] Gauneji". fianden unter dem Einfluß von Fachpolitikern. die die Erregung der Arbeiter und der Arbeitslofen zu politifchen Zwecken ausnußen wollten. Um die Verwirrung noch zu erhöhen. kam noch eine weitere Körperfchaft hinzu. die fich der Füh rung der Arbeitslofen zu bemächtigen fuchte. Dies war der Spring Street Council. der tatfächlich nur fich felbft vertrat 276

und in enger Fühlung mit den in Amt und Würden befind lichen Politikern ftand. Diefe ' Körperfchaft fuchte durch Proklamationen aller Art Einfluß auf die Arbeitslofen zu erlangen und fie war es hauptfächlich. die den Zug nach Cith Hall propagierte. der dann aber des Widerftandes der deut fchen Arbeiter. befonders der Mitglieder der Sektion 1. halber nimt zur Ausführung kam. Die geplante Maffenverfammlung aber fand am 11. Dezember in und um Cooper Union ftatt und geftaltete fich zu einer großartigen Demonftration. Leider zeigte ihr Verlauf. daß die Fachpolitiker fich der Sache bereits in einer Weife bemächtigt hatten. daß das ehrliche Arbeiter element. befonders auch die deutfchen Arbeiter. vollftändig machtlos wurden. Den Vorfiß führte der bekannte Th. Banks. der in der Woodhull-Claflin-Bewegung eine Rolle gefpielt hatte. Man befchloß. eine Adreffe an die amerika nifchen Arbeiter zu erlaffen und ein ..Sicherheitskomitee“ zu ernennen. Die Adreffe war ein unfinniges Phrafen geklmgel. das nichts über die wahren Urfachen der Krife und Arbeitslofigkeit und nichts über die wirklichen Mittel zur Abhilfe enthielt. Die Befchlüffe der Verfammlung. die den Schluß der Adreffe bildeten. waren die folgenden: ..1. Daß wir uns und unfere Familien in diefer Zeit der fchweren Not mit dem notwendigen Smuß. Obdach und Nahrungsmitteln zu verfehen und zu diefem Zweck unfere ' Rechnungen dem Stadtfchaße zuzufenden gedenken. damit fie dort berichtigt werden. und zwar fo lange. bis wir wieder imftande fein werden. uns durch unferer Hände Arbeit zu ernähren. ..2. Daß wir nicht das Brot der Faulheit effen wollen. fondern daß wir Arbeit und Zahlung dafür z u r Stu n d e. ohne Auffchub. verlangen. Wir verlangen auch die fofortige Abfchaffung des Kontraktfhft'ems der Regierung. ..3. Wir billigen weder Supervifor Mullets. noch irgend eines anderen Beamten Vorgehen. wonach diefelben die Preife der Arbeiten herabfeßen oder die Arbeitsftunden ver längern. Wir halten vielmehr ftrikt an der Achtftunden arbeit feft. ..4. Um künftige Geldkrifen unmöglich zu machen. ver langen wir die fofortige Erlaffung eines Gefeßes. wonach die Anfammlung von Reichtümern in den Händen eines 277

Individuums eingefchriinkt wird; ein Gefeß der Progreffiv fteuern. wonach es den Einzelnen unmöglich werden foll. Gold oder Papiergeld der Zirkulation zu entziehen. ..5. Wir gedenken aus diefer Verfammlung einen Sicherheitsausfchuß zu ernennen. der die Aufgabe haben foll. die Intereffen des ganzen Volkes wahrzunehmen. und wenn nötig. fie zu erzwingen. ..6. Dem Sicherheitsausfchuß fteht das Recht zu. eine Konvention aller Vertreter der Arbeiter in den Vereinigten Staaten zu berufen. in der ein gemeinfchaftliches Auftreten im Intereffe des Arbeiterftandes vorbereitet werden foll. ..7.

Diefer Sicherheitsausfchuß foll eine Verfammlung

aller Gewerbetreibenden der Stadt New York berufen. wenn dies zur Durchführung feiner Abfichten geeignet erfcheint. ..8. In der Agitation der Farmer-Vereine (Granges) anerkennen wir unfern wirkfamften Mithelfer im Prinzip der Befchränkung der Uebermacht einzelner und wünfchen ihnen Glück bei ihrer tapferen Bekämpfung des Monfter Monopols der Eifenbahnen.“ Diefe unklaren und verfchwommenen Befchlüffe zeigten fchon. daß nicht die Arbeiter. fondern demagogifche Politiker die Bewegung in der Hand hatten. was noch fchärfer hervor trat in einem Paffus. den man der befchloffenen Adreffe einverleibte. Diefe enthielt nämlich folgenden Saß: ..Es ift nicht unfere Abficht und wir fagen das ausdrücklich unfere öffentlichen Beamten oder ihre Arbeit zu denunzieren; wir erklären uns vielmehr gegen die Beftrafung oder Einkerke rung irgend eines öffentlichen Beamten zur jeßigen Zeit.“ Diefer Saß war in die Adreffe ausdrücklich zu Gunften des berüchtigten Tammanh-Politikers Tweed und der Gaunerbande. die ihm bei Beraubung der Stadt New York

hülfreich zur Seite ftand. hineingefchmuggelt worden. Ver fchiedene diefer Gauner ftanden damals gerade vor Gericht und ihre Freunde fuchten die Arbeitslofen-Bewegung für fie auszunüßen. Das wurde ihnen um fo leichter. als gerade Tweed es gewefen war. der die Führer in den englifchen Gewerkfchaften fhftematifch korrumpiert und vor feinen Wagen gefpannt hatte. Der Sicherheitsausfchuß. der in der Maffenverfammlung ernannt wurde. war tatfächlich fchon vor der Verfammlung '278

von diefen Freunden Tweed's befchloffen und feine Mitglie der feftgeftellt worden. Dem Deutfchen Arbeiter-Zentral komitee hatte man das Recht gegeben. zehn Vertreter in diefes Komitee zu fenden. Die erfte Verfammlung des Sicherheitsausfchuffes ent hüllte übrigens das Geheimnis der Entftehung der Maffen verfammlung wie auch des Sicherheitsausfchuffes vollftän dig. Diefe Verfammlung fand ftatt in der eleganten Woh nung eines Spießgefellen Tweed's. und hier wurde ein gewiffer Kenfer. der in den Millionen-Diebftählen am New Yorker Courthaus. die Tweed vor Gericht geführt hatten. direkt beteiligt war. als weiteres Mitglied des Sicherheits Ausfchuffes vorgefchlagen. Als von deutfcher Seite aus Pro teft erfolgte. erklärte Kehfer wörtlich: ..Ich habe bis jeßt die Möglichkeit gefchaffen. die Maffenverfammlung abzuhal ten. und wenn die Gefchichte gut gehandhabt wird. werde ich das Weitere tun.“ Nachdem in diefer Weife der Schwindel enthüllt wurde. den die Tweed-Gefellen mit der Arbeitslofenbewegung trie

ben. traten die Delegaten der Sektion 1 der Internationalen Arbeiter-Affociation fofort aus dem Sicherheitsausfchuß aus.

Am 14. Dezember berichtete Carl in der Sißung der Sektion 1 als Delegat zum Sicherheitsausfchuß. daß nicht nur die Fachpolitiker dort das große Wort führten. fondern daß auch der größte Teil des Komitees nicht im entfernteften die richtigen Bedürfniffe der Arbeiter kenne. Auch fei an einen Einfluß feitens der Internationalen und Sozialiften auf diefe Leute nicht zu denken. da die Leitung in Händen jener Tweed'fchen Fachpolitiker liege. Er halte es für ange bracht. zu refignieren. Auf Sorge's Antrag wurde dann die Verbindung mit dem Sicherheitskomitee abgebrochen. da fonft die ganze Bewegung gefchändet werde. wenn es heiße. daß man Erfolge mit dem geftohlenen Gelde von Fach politikern gemacht habe. Im Deutfchen Arbeiter-Zentralkomitee fand das Vor gehen der Sektion 1 keine Zuftimmung. z. T. eine Folge der innerhalb der Internationale herrfchenden Gegenfäße. Die Anhänger des Lokalrats fuchten dem Sicherheits-Ausfchuß noch einige gute Seiten abzugewinnen. meinte man doch fogar. daß man das Geld der Tweed'fchen Kumpane nur 279

nehmen folle. man folle fie aber ..überliften“. Die' Folge diefer Stellungnahme war der Austritt der Sektion 1 aus dem Zentralkomitee. waren weiter verfchärfte Gegenfäße innerhalb der Sektionen der Internationale. waren perfön liche Streitigkeiten und Verdächtigungen. die natürlich befonders auf die deutfche Bewegung und Agitation unge mein ftörend wirken mußten. Der Sicherheits-Ausfchuß hatte feine Tätigkeit begonnen. Es war den deutfchen und franzöfifchen Delegaten gelungen. einige der fchmußigften und am meiften kompromierten Perfonen daraus zu entfernen. Die Leute vom Spring Street Council aber waren noch immer darin tätig und hatten ftarken Einfluß. Kleinere Demonftrationen fanden ftatt. die die Bewegung aber nicht förderten. Der Sicher heits-Ausfchuß fandte Komitees über Komitees zum Mahor. zur Polizei und zu fonftigen Behörden. worüber die Haupt fache. die Organifierung der Arbeiter. vernachläffigt wurde. Am 26. Dezember begab fich der Ausfchuß nach Cith Hall und überreichte dem Chef des Departments der öffentlichen Arbeiten folgendes Dokument. das für die Unklarheit feiner Urheber zeugt: ' ..Im Namen des Sicherheits-Komitees. erwählt im Cooper-Inftitut von 4000 Menfchen. um ihre Intereffen wahrzunehmen. verlangen wir: Arbeit und Bezahlung für dasfelbe Volk. welches nun gezwungenermaßen müßig ift. Die aus der Arbeitslofigkeit hervorgegangene Armut wurde dadurch verurfacht. daß die Regierung Spekulationen in unferen Zirkulationsmitteln zuließ. Wir verlangen alfo. . daß diefe Arbeit direkt von den Stadtbehörden geliefert und alle Kontraktarbeit abgefchafft werde. Wir verlangen eine fchnelle fchriftliche Antwort.“ Unterzeichnet war das Schriftftück von Fred. A. Palmer als englifcher. von Geo. Buck als deutfcher und von Lucien Santal als franzöfifcher Sekretär. Das Dokument hatte keinerlei Erfolg und die Bewegung und die Agitation gingen weiter. Am 5. Ianuar fand eine Maffenverfammlung der Arbeitslofen auf dem Union Square ftatt. Man befchloß dort. nach Cith Hall zu ziehen. um dem Stadtrat die gefaßten Befchlüffe mitzuteilen. Vor

der Citb Hall hielt man wieder eine Verfammlung ab. wobei die Redner erklärten. man wolle vom Stadtrat. der fich 280

gerade in Sitzung befand. fofertige Abhilfe verlangen. Die Stadtväter hörten das Komitee der Arbeiter an und gingen dann zur Tagesordnung über. Das Arbeiter-Komitee erklärte den draußen wartenden Arbeitern. daß fie von der erhaltenen Auskunft nicht befriedigt feien und daß es jeßt

Sache der Arbeiter fei. fich. fefter als je zu organifieren.

2.

Der Ueberfall auf Tompkins Square.

Für den 13. Ianuar war feitens des Sicherheits-Aus fchuffes und des deutfchen Arbeiter-Zentralkörpers eine Maffenverfammlung geplant. Von den Parkkommiffären der Stadt war die Erlaubnis eingeholt worden. den Tomp kins Square. damals ein Exerzierplaß für die ftädtifchen Milizen. zur Verfammlung zu benußen. Aber die Polizei war augenfcheinlich auf eine ftaats retterifche Tat erpicht und bereitete fich direkt darauf vor. den Arbeitern eine Lektion zu geben. An der Spiße der Polizei New York's ftand damals als Präfident ein gewiffer .Dane-Smith. ein Werkzeug Tweed's. derfelbe. der im Iuli 1871 nach den damaligen OrangeUnruhen erklärt hatte: es fei ..in Städten wie New York ein Riot zur Abfchreckung der gefährlichen Klaffen von Zeit zu Zeit notwendig.“ Daß diefer Mann auch jeßt noch diefer Anficht war und daß er fhftematifch darauf hinarbeitete. wie der einmal feine Theorie in die Praxis umzufeßen. beweift ein Wort. das er unmittelbar vor der Demonftration auf dem Tompkins Square äußerte. Wörtlich erklärte er näm lich: ..Was diefe Männer (die Arbeitslofen) wollen. ift nicht ehrliche Arbeit. fondern Plünderung. Die Polizei wird. wenn fie einmal den erften Schlag getan. tüchtig drein hauen.. und wenn die Plünderer bei der geringften Ver leßung der Gefeße erwifcht werden. wird man fie auf der Stelle verhaften.“ Gegenüber der ausgefprochenen Abficht der Polizei. die geplante Demonftration zu einem Ueberfall der Arbeiter zu benußcn.

war

es

geradezu unverantwortlich von dem

Sicherheitsausfchuß und dem Zentralkomitee. daß fie die Verfammlung nicht fallen ließen und der Polizei fo die Gelegenheit nahmen. ihren Plan durchzuführen.- Die beiden 281

Körl'erfchaften zeigten fich auch fonft der Situation in keiner Weife gewachfen. Am Tage vor der geplanten Verfamm lung zog die Parkkommiffion auf Veranlaffung der Volizei die Erlaubnis zur Benußung des Tompkins Square für die Demonftration blößlih zurück. Beide Delegatenkörper hiel ten am felben Abend noch Verfammlungen ab. ohne indeß Schritte zu tun. die Arbeiter-Organifationen von dem Ver bot in Kenntnis zu feßen. wobei P. I. McGuire. der leitende Geift des Sicherheits-Ausfchuffes. der perfönlich mit der Volizeibehörde der Stadt verhandelt und die Bewilligung zur Parade der Arbeitslofen nach dem Tompkins Square erwirkt hatte. nicht zu- finden war. Die Maffe der Arbeiter war alfo am nächften Morgen von dem. übrigens ungefeßlichen. Verbot nicht unterri tet und bereitete fich für die Demonftration vor. an der in eß das emfichtsvollere deutfche Element nicht teilnahm. Die Volizeikommiffare hatten 1600 Poliziften auf den Beinen. die fich auf dem Tompkins Square und in den naheliegenden Statirnshäufern verfammelten. Bis 10 Uhr morgens blieb auf dem Square alles ruhig. Dann traf der Arbeiterverein dcr 10. Ward. etwa 40 Mann ftark. auf dem Square ein und ftellte fich in der Mitte des Plaßes auf. Eine Anzahl Neugieriger hatte fich ebenfalls eingefunden und verftärkte

die Anwefenden. Da erfchien der Volizeikommiffar Durhea an der Spiße einer Anzahl Geheimpoliziften und forderte die Anwefenden auf. den Plaß zu verlaffen. Das war für die ver'fammelten Poliziften das Signal zum Einhauen. Voliziften zu Fuß und zu Pferde fchlugen wie wütend mit ihren Knüppeln auf die Verfammelten ein. Die zu fchauende Menge wurde niedergefchlagen und niedergeritten. Eine große Anzahl von Verwundungen fand ftatt. In den umliegenden Straßen wurden Ladeninhaber und Vaffanten durch Knüpbelhiebe zu Boden geftreckt. In der ganzen Umgebung des Squares herrfchte ein wahres Schreckens fhftem. Geheimagenten überfielen die Wirtfhaften. Wer nur ein mißbilligendes Wort über die Polizei äußerte. wurde herausgefchleppt. mißhandelt und ins Gefängnis gez worfen. Selbft in die Häufer hinein verfolgte die Polizei die Flüchtigen. fie in ihren eigenen Wohnungen mit Knüp pelhieben zu Boden ftreckend. Am Abend desfelben Tages wurden Verfammlungen in den Hallen der Umgegend von Tompkins Square einfach von der Polizei ausemanderge 282

jagt. Fünfunddreißig Gefangene. zum Teil durch Knüppel hiebe mehr oder weniger fchwer verleßt. wurden in emer Polizeiftation zufammengepfercht. wofelbft fie mit unglaub licher Rohheit behandelt wurden. Auch im Polizeigericht. in deffen Zellen die Gefangenen überführt wurden. hielt diefe rohe Behandlung an. Als Iuftus Schwab. einer der Verhafteten. für fim und feine Leidensgenoffen am Abend etwas zu effen verlangte. weil die Gefangenen den ganzen Tag nichts gegeffen hatten. erwiderte ihm der Schließer: ..Ich will euch mit frifcher Luft fütternl“ und öffnete trotz der grimmigen Kälte die Fenfter. Gegen diefe Barbarei vroteftierte im Namen der anderen Schwab laut und ent fchieden.

Da öffnete ein Gefängniswärter feine Zelle. faßte

den Nichtsahnenden bei den Haaren. riß ihn heraus. band ihm die Arme auf den Rücken und fchleppte ihn. nachdem er ihn mit Schlägen. Püffen und Fußtritten mißhandelt. nach der Dunkelzelle. Der größte Teil der Gefangenen wurde der Grand Iurh

überwiefen: Anklage wurde indeß nur gegen einen deutfchen Arbeiter. Chriftian Meher. erhoben. der dann auch zu fechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Ein anderer deutfcher Arbeiter. namens Höflicher. wurde vom Polizeirihter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Man hatte bei Meher bei feiner Verhaftung einen Hammer gefunden. mit dem er einem Poliziften auf den Kopf gefchlagen hatte. Den übrigen Gefangenen konnte keinerlei Gewalttat nachgewie fen werden. Waren die Gewalttaten doch alle auf der Seite der ..Ordnungsretter“ verübt worden. Die Polizei war ganz glücklich über das Gelingen ihres Planes. den Arbeitslofen New Yorks. den ..Kommuniften“. eine Lektion erteilt zu haben. Der vorerwähnte Polizei kommiffar Durhea erklärte triumphierend nach dem Ueber fall: ..Es war der alorreichfte Anblick. den ich jemals fah. wie die Polizei fich Bahn brach und die Menge vor fich her trieb. Ihre Ordnung und Disziplin war mufterhaft. und fie griff mit hochgefchwungenem Knüppel an.“ Die fo behandelte Menge beftand aus wehrlofen Männern. Wei bern und Kindern; dem Herrn Polizeikommiffar fchien das aber durchaus im Einklang mit der amerikanifchen ..Frei hei “ zu ftehen. Als bezeichnend für das Verhalten und die Unfähigkeit des Sicherheits-Ansfchuffes mag erwähnt werden. daß ein 283

Komitee desfelben. mit P. I. McGuire an der Spiße. zur felben Zeit. als auf dem Square die Arbeiter unter den Knüppeln der Polizei zufammenfanken. zum Mahor Have meher kam. ihn erfuchend. auf dem Square eine Rede zu halten und eine Kutfche für ihn bereit hielt. die ihn dorthin bringen follte. Höhnend lehnte der Mahor das Erfuchen ab; er hatte fchon Nachricht von den Vorkommniffen auf dem Square. Uebrigens beweift diefes Komitee des Sicherheits Ausfchuffes. daß die Polizei eine Lüge verbreitete. als fie nach der Knüppelei die Behauptung aufftellte. fie habe Be weife. daß die Demonftration auf dem Square die Einlei tung eines Zuges nach Cith Hall fein follte. Hätte der Sicherheitsausfchuß diefe Abficht gehabt. er hätte ficherlich nicht den Mahor zur Teilnahme eingeladen. Der heimtückifche Ueberfall vom 13. Ianuar hatte übri gens nicht bloß die Arbeiterfchaft der Stadt - d. h. in der Hauptfache die deutfche. denn die Vertreter der beiden eng lifchen Arbeiter-Zentralkörper beeilten fich den Behörden mitzuteilen. daß fie mit ..den Kommuniften“ nichts zu tun hätten - fondern auch den freifinnigen Teil der deutfchen Bürgerfchaft New Yorks mit Empörung erfüllt. Befonders der Bund der Freidenker nahm fich der Sache an und be fchloß. eine öffentliche Verfammlung nach den New York Affemblh Rooms zu berufen. um dort der allgemeinen Ent rüftung Ausdruck zu geben und zu beraten. was zu tun fei. Diefe Verfammlung kam nicht zu Stande. weil der Wirt fie-h von der Polizei einfchüchtern ließ und fein Lokal ver . weigerte. Dann folgte. am 30. Ianuar. unter Vorfiß von Dr. Lilienthal. eine große Verfammlung in Cooper Union. die wefentlich dazu beitrug. die öffentliche Meinung. befon ders die der deutfchen Bevölkerung. gegen die Polizei einzu nehmen. In der Verfammlung fprachen unter anderen Alexander Ionas. der auf die Notwendigkeit der Organifa tion der Arbeiter hinwies. wenn fie in Zukunft Vorkomm niffe. wie die am 13. Ianuar. verhindern wollten. und Frau Dr. Lilienthal. die eine lebhafte Schilderung diefer Vor gänge gab. die fi- aus eigener Anfchauung kannte. Der Bund der Freidenker wandte fich an die deutfchen Arbeitervereine. um mit deren Delegaten zu beraten: 1. wie den Opfern des 13. Ianuar zu helfen fei. und 2.. wie die Urheber des Vorfalls. die Polizei- und Parkkommiffäre. zur Rechenfchaft gezogen werden könnten. 2cm Erfuchen 284

wurde zahlreich Folge geleiftet und auch die deutfchen Turn vereine beteiligten fich daran. Am 14. Februar trat diefe Delegatenkörperfchaft zufammen und befchloß. zur Verfol gung der Volizei- und Varkkommiffäre Anwälte zu- engagie ren und ein Komitee einzufeßen. das die Sache betreiben folle. Unter den fünf Mitgliedern des Komitees befand fich auch Iohn Swinton. Diefes Komitee erhielt Auftrag. fich nach Albanh zu begeben und der Legislatur des Staates die Sache zu unterbreiten. Zwifchen den Delegaten. die der Sicherheits-Ausfchuß in diefen Delegatenkörper gefchickt hatte und den Vertretern des Zentralkomitees der englifchen Gewerkfchaften kam es zu Streitigkeiten. die die Tätigkeit der Körperfchaft nahezu brachlegte und den Rücktritt einer Anzahl von Delegaten. und unter ihnen auch jene der Sek tion 1 der Internationalen Arbeiter-Affociation. zur Folge hatte. Der Delegatenkörper reorganifierte fich. indem er einen Befchluß faßte. der die Delegaten des Sicherheits Ausfchnffes von den Verhandlungen ausfchloß; immerhin hatten die Streitigkeiten die Bewegung zur Verfolgung der Schuldigen für die Freveltat vom 13. Ianuar derart ge fchwächt. daß nichts Ernftes gegen fie gefchah. Das erwähnte Komitee brachte die Angelegenheit vor der Legislatur in Albanh zur Sprache. Am 25. März klärten drei der Komitee-Mitglieder. Iohn H. Swinton. Karl Theher und Hermann Dathe. in längeren Reden die Gefeß gebung über die Vorfälle vom 13. Januar und über das verbrecherifche Verhalten der Polizei auf. und verlangten eine Unterfuchung und Entfernung der fchuldigen Beamten von ihren Boften. Die Legislatur hörte das Komitee an. ohne daß indeß weitere Schritte gegen die Schuldigen ein geleitet wurden. Von Seiten des betr. Komitees wurden noch einige Verfammlungen in New York abgehalten. d,ie gegen den Verbleib der Polizeikommiffäre in ihren Aemtern proteftierten. Dann verlief die Bewegung im Sande. Am 23. Mai 1874 erfchien in New York ein Blatt. das fich “1'118 flotter" nannte und deffen erfte Nummer in eng

lifcher und dentfcher Sprache erfchien. Redakteur des Blat tes war L. Sanial. einer der Hauptmitarbeiter Hugh McGregor. “1'110 Boiler". der fich gegen die Internationale wandte. beftand nur bis zum November 1874 und fand wenig Ent 285

gegenkommen bei der New Yorker Arbeiterfchaft. die den Leuten des Spring Street Council. die fich um das Unter nehmen gruppierten. kein Vertrauen entgegenbringen konnte. Das zeigte fich befonders bei einer Gelegenheit. die mit den Tompkins Square - Vorkommniffen zufammenhing. Die Verwaltung und Redaktion des Blattes hatten näm lich Petitionen an den Gouverneur des Staates New York verbreitet. die um Begnadigung des Arbeiters Chriftian Meher erfuchten. der wegen feines Widerftandes gegen die ihn angreifende Polizei auf dem Tompkins Square zu fechs Monaten Gefängnis verurteilt war. Die Leute vom “Rail-31'" wandten fich nun an das Agitations-Komitee der ..Sozial-Demokratifchen Arbeiterpartei“. die fich unterdeß gebildet hatte. um diefes zur Mitwirkung zu bewegen. Die fes aber lehnte feine Mitwirkung ab; es wollte nichts mit dem "Lotter" zu tun haben. Aus dem Sicherheitsausfchuß entwickelte fich eine lokale politifche Bewegung. die fich “lnciuotrjal yat-t7" nannte und deren Sekretär P. I. McGuire war. Man ftellte Iohn Swinton als Mahorskandidaten auf. Conrad Kuhm als ..Regifter“. Wm. A. A. Carfeh. George Blair. Iofeph Tau lor und Patrick Spelman als Aldermen. Der Wahlerfolg war indeß nur ein geringer. .

3.

Die Untätigkeit des Föderalrats und ihre Folgen.

Der Föderalrat der Nordamerikanifchen Föderation der Internationalen Arbeiter-Affociation nahm an der Bewe gung. die die Krife des Herbftes 1873 in New York und anderswo entfacht hatte. keinen tätigen Anteil. Er erließ bei Beginn derfelben eine Adreffe an die Arbeiterfchaft des Landes. die ungefchickt gehalten war und unbeachtet gelaffen wurde. Der Föderalrat begründete feine Untätigkeit damit. daß feine Pflicht darin beftehe. ..die großen Ziele der Affo ciation. die Befreiung der Arbeit. zu fördern.“ Daß er deshalb diefes Ziel nicht aus den Augen verlieren und nur eine Bewegung beginnen dürfe. ..welche direkt auf diefes Ziel losfteuere.“ 286

Freilich mußte der Föderalrat zugeben. daß die Bewe gung unter der Arbeiterklaffe. die durch die Krife entfeffelt wurde. als ein Mittel zu diefem Ziele betrachtet werden könnte. Das Eingreifen des Föderalrats aber fei auch dadurch verhindert worden. daß derfelbe nicht die Mittel und die Macht befeffen habe. die Bewegung in der ganzen Föde ration zu leiten. Diefe Bankerotterklärung der oberften Behörde der Föde ration entfprach den Tatfachen. wie wir gefehen haben. und felbft die bisher befte Organifation. die Sektion 1 in New York. konnte fich der allgemeinen Zerfeßung nicht entziehen. Teils durch Ausfchluß. teils durch Austritt wurde im Ianuar 1874 die Mitgliederzahl der Sektion 1 ftark reduziert. Unter den Ausgetretenen befanden fich eine An zahl bisher recht tätiger Mitglieder. wie z. B. A. Straßer und G. Speher. Diefe bildeten eine neue Sektion. die mit 16 Mitgliedern am 29. Ianuar vom Föderalrat aufgenom men wurde und die Nummer 5 erhielt. Die unter den Sektionen und Behörden der Föderation in New York vorhandenen Gegenfäße wurden noch verftärkt durch einen Kampf. der um die Neuernennung des. General rats ausbrach. Am 27. Oktober 1873 teilte der Generalrat dem Föde ralrat den Befchluß des Genfer Kongreffes mit. nach wel chem in Zukunft nur der Siß des Generalrates durch den allgemeinen Kongreß der Affociation feftgeftellt werden folle. Daß im übrigen aber die Mitglieder diefer Behörde durch die betreffende Landes-Föderation zu erwählen fei. Da New York auf weitere zwei Iahre als Siß des Generalrats beftimmt wurde. fo erfuchte der Generalrat den Föderalrat. Vorfchläge für die Mitglieder der neuen Behörde zu machen. Der Föderalrat berief hierauf auf den 2. November eine gemeinfchaftliche Sißun der New Yorker Sektionen. um die Nominationen vorzune men. Diefe Nominationen follten . dann den Sektionen im Lande zur Begutachtung unter breitet werden. Die gemeinfchaftliche Sißung fand ftatt. ging aber refultatlos auseinander. Dasfelbe Schickfal hatte eine weitere vom Föderalrat einberufene Sitzung. die am 4. Ianuar 1874 ftattfand und die an dem Widerfpruch der Sektion 6 fcheiterte. Eine dritte Verfammlung wurde nicht 287

abgehalten. weil die Streitigkeiten unter den New Yorker Sektionen unterdeß eine Höhe erreicht hatten. die ein ge meinfames Zufammenarbeiten unmöglich machten. Der Mitglieder der Sektion 1 und 4 bemächtigte fich die Anficht. daß die Sektionen 6 und 8 fich des Generalrats und der ..Arbeiter-Zeitung“ bemächtigen wollten. Sie befchloffen deshalb. Ende Januar. dem Föderalrat den Vorfchlag zu unterbreiten. die Amtsdauer des Föderalrats fowohl als auch die des Verwaltungsrats der ..Arbeiter-Zeitung“ auf ?in westeres Iahr auszudehnen. Diefer lehnte den An rag a . Am 4. Februar teilte der Generalrat dem Föderalrat mit. daß Klage gegen ihn erhoben fei wegen 1. ungerechter Sufpendierung einer Sektion; 2. Pflichtvernachläffigung durch Nichtbeachtung der Briefe und Wünfche von Sektionen der Föderation. durch Nichtabgabe finanzieller Ausweife. durch Zulaffung und Aufnahme von ungeeigneten Mitglie dern; 3. Gefährdung der Intereffen der Affociation dadurch. daß der Föderalrat darauf beftand. die Nominationen für den Generalrat auszufchreiben zu einer Zeit. in der folche Nominationen nicht mit Sicherheit gemacht werden könnten und durh die Untätigkeit. die der Föderalrat befonders feit dem 13. Ianuar und vorher gezeigt habe. Der Generalrat erfu te den Föderalrat gleichzeitig. zur Verhandlung diefer Ank age mit einem Komitee des Gene ralrats zufammen zu kommen. Zu diefen Verhandlungen kam es nicht mehr. Schon am 8. Ianuar befchloß der Föderalrat noch einmal. eine gemeinfchaftliche Sißung der New Yorker Sektionen zufam men zu berufen. um die Wahl des Generalrats durchzu feßen. Der Sekretär des Föderalrats. F. Bolte. weigerte fich. diefe Verfammlung auszufchreiben. Bolte begründete feinen Schritt in einem ausführlichen Memorandum. Die Organifation der Affociation. fo führte diefes Memo randum aus. fei durch Bakuniften und Bourgeoifie mehr untergraben. als allgemein angenommen werde. Die An hänger der Allianz hätten bei dem letzten Kongreß in Genf im September 1873 noch verfucht. wieder eine Fufion der beiden Richtungen in der Internationale herzuftellen. Die 288

Londoner Freunde feien bei Zeiten von diefem Vorhaben unterrichtet gewefen und da fie gefehen hätten. daß der Genfer Kongreß in feiner großen Majorität nur aus Schweizer Delegaten beftehen werde. von denen man an nehmen konnte. daß fie einer Fufion geneigt feien. hätten fie vorgezogen. nicht am Kongreß teilzunehmen und ihm den Charakter eines ..lokalen Kongreffes“ zu laffen. Der Kon greß habe die Affociation dann auch mehr gefchwächt als geftärkt. Die Verhandlungen feien. weil der erfte Sekretär mit allen Schriftftücken verfchwand. heute noch nicht voll ftändig klar. was vieles Durcheinander für die Organifation nach fich gezogen habe. Man müffe dem beftehenden Gene ralrat Zeit laffen. die Sache aufzuklären und aus dem lückenhaften Material. das über die Verhandlungen in Genf vorliege. ein vollftändiges Bild derfelben zu entwickeln. In Amerika -' fo erklärte-Boltes Memorandum wei ter - fei die Lage der Internationalen Arbeiter-Affociation jene eines Kindes. das noch nicht felbftändig fei. Die Schreiereien der Anhänger des Spring Street Couneilsin Verbindung mit dem Wirken der bürgerlichen Preffe hätten unter den Arbeitern große Verwirrung in Bezug auf die Internationale gefchaffen. und erjt in neuerer Zeit trete eine Befferung ein. Diefer Entwicklungsgang dürfe nicht dadurch geftört werden. daß man jeßt Nominationen für die Mitglieder des Generalrats forciere durch Sektionen. die in jeder Beziehung gegeneinander ftehen und die fich aus teils unzuverläffigen. teils unerfahrenen Elementen zufam menfeße. Es fei deshalb - fo fchließt das Schriftftück abfZolut nötig. die Nominationen für den Generalrat zu ver agen. Die Gegenfäße im Föderalrat führten dazu. daß Bolte. Carl. Stiebeling und Bliffert refignierten. fodaß nur drei Mitglieder zurückblieben. nämlich Schäfer. Edenborg und Cavanagh. Am 8. Februar befchloß darauf der Generalrat. die Auflöfung des Föderalrats. da diefer befchlußunfähtg geworden fei. Die Sektionen wurden aufgefordert. inner halb 30 Tagen einen neuen Föderalrat zu erwählen. Bis dahin übernahm der Generalrat die Leitung der Föderation und berief gleichzeitig für den 11. April 1874 einen außer ordentlichen Kongreß nach Philadelphia. 289

Das Mitglied des bisherigen Föderalrats. Cavanagh. wurde beauftragt. alle Bücher und Papiere diefer Behörde entgegenzunehmen.

Gleichzeitig befchloß der Generalrat die Sufpenfion der Sektion 6. New York. bis zum nächften Kongreß. weil diefe ..bei der Aufnahme von Mitgliedern alle Rückfichten auf das Wohl der Internationalen Arbeiter-Affociation. auf das Intereffe der Partei und auf ihre Schwefterfektionen voll ftändig aus den Augen verloren habe.“ Diefe Maßregel des Generalrats fand natürlich bei den Mitgliedern der früheren Sektionen 6 und 8 fcharfen Wider fpruch. Sie erklärten. daß der Generalrat nach dem Statut kein Recht habe. die Funktionen des Föderalrats auszuüben. und der bisherige Schaßmeifter Stiebeling weigerte fich daraufhin. dem vom Generalrat bezeichneten früheren Mit gliede des bisherigen Föderalrats die in feinem Befiße befindlichen Bücher. Papiere und Gelder des Föderalrats auszuliefern. Am 22. März befchloß der Generalrat des halb den Ausfchluß G. Stiebelings. der unterdeß Mitglied der Sektion 5 geworden war. aus der Internationalen Arbeiter-Affociation. Hiergegen proteftierte jeßt wieder die kurz vorher gegründete Sektion 5. weil ihrer - übri gens irrigen - Meinung nach der Generalrat nicht das Recht habe. ein Mitglied auszufchließen. Der Generalrat tadelte die Sektion 5 wegen Aufnahme Stiebelings. was diefe wieder mit Proteften gegen die Ausübung der Leitung der Föderation durch den Generalrat beantwortete. Sie erklärte auch. fie glaube keinen Verftoß gegen die Affociation durch Aufnahme Stiebelings - der Mitglied einer ausge fchloffenen Sektion war - begangen zu haben. Am 5. März wurde von Philadelphia aus der Antrag geftellt. den Föderalrat von New York zu verlegen. doct) wurde diefer Antrag den Sektionen nicht erft unterbreitet. fondern die ganzen Streitfragen dem einberufenen Kon greß überwiefen. An eine Tätigkeit nach außen hin war unter diefen Ver hältniffen nicht zu denken. doch bildeten fich um jene Zeit zwei neue deutfche Sektionen. eine in Hoboken. die am 1. März aufgenommen wurde. und eine in St. Louis. die der Tätigkeit von Otto Wehdemeher ihre Exiftenz verdankte. 290

4.

Der Kongreß der Nordameritknifchen Föderation in Philadelphia.

, Am 11. April 1874 trat der außerordentliche Kongreß in Kenfington Hall in Philadelphia zufammen. den der Generalrat mit Zuftimmung der Sektionen des Landes zur Klarftellung der Streitigkeiten und zur Feftigung der Föde ration berufen hatte. Als Vertreter des Generalrats war F. A. Sorge anwefend. der nahEröffnung des Kongreffes die Vorkommniffe innerhalb der Föderation darlegte und die Gründe anführte. die die Einberufung des außerordent lichen Kongreffes notwendig gemacht hatten. Er fei vom Generalrat inftruiert. vom Kongreß zu verlangen. daß er die Auflöfung des Föderalrats gutheiße. Betreffs der fufpendierten Sektionen fei hervorzuheben. daß Verftöße gegen die Parteidisziplin nicht geduldet werden dürften. Die vom Föderalrat fufpendierten Sektionen 6 und 8 hät ten mit Beihilfe der Sektionen 2 und 3 die Partei und Arbeiterbewegung gefchädigt. fie hätten das Scheitern der hoffnungsvollen Bewegung in New York verfchuldet und fie hätten fih der Mitgliedfchaft in der Internationalen Arbei ter-Affociation unwürdig erwiefen. Wenn die erwähnten Sektionen dem Kongreffe das Verfprechen ablegen. fich der Varteidisziplin zu fügen. fo möge man fie auf fechs Monate fufpendieren. eine Anzahl namentlih aufgeführter Perfonen aber aus der Föderation ausfchließen. da diefe das meifte dazu beigetragen. den Unfrieden-zu fäen und die Arbeiter bewegung New Yorks zu ruinieren. Sollten die Sektionen fich weigern. das von ihnen verlangte Verfprechen zu geben. fo möge man fie aus der Föderation ausfchließen. Die Mitglieder des im Widerfpruch mit dem Föderalrats befchluß aufrechterhaltenen Lokalrats der Stadt New York folle man auf fechs Monate fufpendieren.

Der aufgelöfte Föderalrat fei in feinem Vorgehen zu ängftlich gewefen und er trage daher einen Teil der Schuld an den in Chicago und in New York entftandenen Wirren. Dem Kongreß lagen zwei Berichte vor. Der erfte diefer Berichte kam von F. Bolte. dem Sekretär des aufgelöften Föderalrats. in welchem er in der Hauptfache den Verlauf der Streitigkeiten in New York fchilderte. Der andere Bericht. der vom Generalrat als fungierenden Föderalrat 291

ausging. gab Auskunft über den Stand der Föderation. Diefe feßte fich hiernach aus 23 Sektionen zufammen. von denen 16 deutfche. 4 franzöfifche. 2 englifche und eine . fkandinavifche waren. die fich auf 14 Ortfchaften verteilten. Zwei diefer Sektionen. die 6 und 8 in New York. waren fufpendiert. Von den Sektionen waren befonders jene in New York. Philadelphia. Chicago und Baltimore tätig ge wefen. In Philadelphia feien die Anfänge einer politifchen Organifation gefchaffen und in Baltimore habe man Ein fluß in den Gewerkfchaften gewonnen. Von Chicago. wo fich unterdeß eine felbftändige Bewegung entwickelt hatte. wurde gefagt: ..In Chicago ift die Bewegung kaum noch in unferem Fahrwaffer. da die dafelbft geftellten Forderungen nur wenig proletarifchen Charakter tragen und das gegrün dete Lokalblatt fim darin gefällt. die Gewerkfchaftsbewegung totzufchweigen oder gar anzugreifen.“ Auch diefer Bericht befchäftigte fim im übrigen mit den New Yorker Streitigkeiten. Er klagte über Disziplin mangel und erklärte: ..Ein betrübender Mangel an Dis ziplin und Solidaritätsgefühl hat fich in der Föderation kundgegeben. Wenn auch zugegeben werden muß. daß -diefer Mangel größtenteils auf Rechnung der politifchen Zuftände diefes Landes. in welchem die Bourgeoifie rem 'und unverfälfcht herrfcht. zu jchreiben ift. fo darf uns dies durchaus nicht hindern. diefen Uebelftänden in unferen eigen-n Reihen entfchieden entgegen zu treten.“ Die Verhandlungen des Kongreffes nahmen drei Tage in Anfpruch. den 11. bis 13. April. Das Mandatsprü fungskomite erklärte. daß alle vertretenen 23 Sektionen mit Ausnahme der beiden fufpendierten Sektionen New Yorks mit dem Föderalrat in Ordnung feien. Sektion 2. New York. (franzöfifch) habe weder Bericht gegeben. noch von fich hören laffen. ebenfo auch nicht die englifche Sektion in Cincmnati. Gleich am erften Tage kamen die Streitfragen zur Erörterung und veranlaßten heftige Debatten. die teilweife einen ftarken perfönlichen Charakter annahmen und andert halb Tage zu ihrer Erledigung gebrauchten. Die Majorität der Delegaten ftellte fich auf Seiten des Generalrats und ftimmte für Fefthalten an die Urabftim mung. die die Abfchaffung des New Yorker Lokal-Komitees 292

verfügt hatte. Bei namentlicher Abftimmung kam folgen der Befchluß zur Annahme: ..Der Kongreß hält an der Abftimmung der Föderation feft. bezüglich der Abfchaffung des Lokalkomitees in der Stadt. wo der Föderalrat tagt. und

ift die Sufpenfion der Sektionen zu New York. die das Lokalkomitee fortbeftehen ließen. gerechtfertigt und beftätigt. Diefelben bleiben fufpendiert. bis fie das Unrecht ihrer Handlungsweife eingefehen und diejenigen Mitglieder aus gefchloffen haben. welche fich gegen die Parteidisziplin ver gangen haben.“ Von diefem Befchluß wurden die Sektionen 6. 8 und 5. New York. betroffen. von denen die leßtgenannte auf ein halbes Iahr fufpendiert wurde. Nach Erledigung der leidigen S-treitfragen wandte fich der Kongreß feinen eigentlichen Aufgaben zu. Das Föderal ftatut wurde einer Revifion unterzogen und u. a. die Aende rung getroffen. daß alle zwei Iahre ein Kongreß der Föde ration abzuhalten fei. Die Mitgliederzahl des Föderalrats ward auf fieben feftgeftellt und eine Kontrollkommiffion gebildet. die alle Befchwerden der Sektionen gegen den Föderalrat entgegen zu nehmen und nach Möglichkeit zu fchlichten habe. Von Wichtigkeit waren die angenommenen Befchlüffe über die politifche Stellung der Föderation zu den Landes angelegcnheiten. Diefe hatten folgenden Wortlaut: ..In Erwägung. daß die Emanzipation der arbeitenden Klaffe von ihr felbft erobert werden muß. befchließt der Kongreß: Daß er jede Gemeinfchaft der Föderation mit den bürgerlichen Parteien verwirft. ob fie fich Republikaner. Liberale. Reformer. Unabhängige. Patrons of Induftrh. Grangers (Patrons of Husbandrh). oder fonftwie immer nennen mögen. Es ift daher jedem Mitglied der Föderation verboten. einer folchen Partei anzugehören. Wer von einer diefer Parteien ein Amt annimmt. ohne von feiner Sektion und dem Föderalrat dazu ermächtigt zu fein. ift daher von der Mitgliedfchaft fufpendiert. fo lange er das Amt bekleidet. Die Föderation beteiligt fich an der Landespolitik im Allgemeinen nur zur Erzielung gefeßgeberifcher Akte im 293

Intereffe der Arbeiterklaffe als folche. Dazu gehören fol gende Punkte: Normalarbeitstag. Haftpflicht aller Unter nehmer. Sicherung des Arbeitslohnes. Abfchaffung dcr Kinderarbeit in den Fabriken. Gefundheitsmaßregeln. ftatiftifche Arbeitsbureaus. Abfchaffung aller indirekten Steuern. und zwar in folcher Weife. daß fich dadurch die Arbeiterpartei von allen bürgerlichen Parteien unterfcheidet . und trennt.

In eine wirkliche Wahlbewegung foll die Föderation erft dann eintreten. wenn fie geftärkt genug ift. wahrnehmbaren Einfluß auszuüben. und dann zuerft auf dem Boden der Gemeinde (Kommune). von wo aus diefe Wahlbewegung auf die größeren politifchen Gemeinwefen (Counties. Staaten. Ber. Staaten) den Umftänden entfprechend und im Einklang mit den Kongreßbefchlüffen übertragen werden mag. Es ift felbftverftändlich.' daß bei einer Kommunal wahlbewegung auch Forderungen rein örtlichen Charakters aufgeftellt werden können. doch dürfen diefelben nie im Widerfpruch mit den allgemeinen Forderungen ftehen. und

von dem Föderalrat nicht beanftandet fein. In Erwägung. daß die ökonomifche Emanzipation der Arbeiterklaffe der große Endzweck ift. dem jede politifche Bewegung unterzuordnen ift. erklärt fich der Kongreß wie derholt zu Gunften der folgenden. auf dem allgemeinen Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affociation im Haag am 2. September 1872 gefaßten Befchlüffe: In dem Kampfe gegen die Gefamtmacht der befißenden Klaffen kann die Arbeiterklaffe nicht anders. handeln. als wenn fie fich konitituiert in eine politifche Partei. berfchieden von und oppofitionell gegen alle beftehenden bürgerlichen politifchen Parteien. Die Konftituierung der Arbeiterklaffe in eine politifche Partei ift unbedingt notwendig. um den Triumph der fozialen Revolution zu fichern und ihr leßtes Ziel zu erreichen: die Abfchaffung aller Klaffen. Die beftehenden Verbindungen der Arbeiter ('l'raclee Uuioue). welche durch ihre ökonomifche Lage herbeigeführt wurden. müffen zur felbigen Zeit dienen als Hebel in dem Kampfe gegen die politifche Macht der Bodeneigentümer und Kapitaliften. Die Herren des Landes und des'Kapitals .werden fortwährend ihre politifchen 'Privilegien gebrauchen 294

zur Verteidigung und Verlängerung ihrer ökonomifchen Monopole und für die Verfklavung der Arbeit. Die Eroberung der politifchen Macht ift daher die wich tigfte Pflicht der Arbeiterklaffe geworden. und fügen wir hinzu: ohne die Korruption der herrfchenden politifchen Parteien nachzuahmen.“ Als Vertreter des Generalrats legte hierauf F. A. Sorge dem Kongreß die ihm zugekommenen Bruchftücke der Papiere und Notizen des leßten allgemeinen Kongreffes der Inter nationale in Genf zur Durchficht vor. um zu beweifen. daß es dem Generalrat nicht mögli war. aus diefem unvoll ftändigen Material Befchlüffe o er fonftige Beftimmungen des Kongreffes feftzuftellen. Der Kongreß nahm hierauf die folgende Refolution an: ..In Erwägung. daß dem Generalrat die ausgefertigten Befchlüffe des im September 1873 zu- Genf abgehaltenen Kongreffes nicht im offiziellen Texte mitgeteilt find; Daß das dem Generalrat zugefandte Kongreßmaterial jich in einem Zuftande der abfoluteften Verwirrung befin det und von nicht auf dem Kongreß Anwefenden nicht zu entziffern ift; Daß ferner die Abhaltung eines jährlichen allgemeinen Kongreffes untunlich ift; So befchließt der Kongreß der Nordamerikanifchen Föde ration. daß wir die Befchlüffe des Haager allgemeinen Kongreffes als bindend anerkennen bis zum nächften allge meinen Kongreß; Daß wir für die Einberufung des allgemeinen Kongreffes zum September 1875 find. In Erwägung. daß England uns die beften Garantieen für die richtige Zufammenfeßung und die Sicherheit des Kongreffes bietet. fo beantragte der nordamerikanifche Kongreß. daß der nächfte allgemeine Kongreß in England ftattfindet. ' In Erwägung. daß der feitherige Generalrat. es ablehnt. fein Amt ohne befondere" Autorifation der nächftbeteiligten Föderation weiter zu fuhren. und daher diefen Kongreß aufgefordert hat. zur Neuwahl des Generalrats zu fchreiten. 295

Befchließt der nordamerikanifche Kongreß. diefem Ver langen zu entfprechen und fchreite't zur Neuwahl des Gene ralrats mit dem Siß in New York und erfucht alle Schwefter-Föderationen. diefen durch die Umftände gebote nen Befchlüffen ihre Zuftimmung zu geben.“ Bei der hierauf vorgenommenen Wahl des Generalrats wurden die folgenden Mitglieder gewählt: F. A. Sorge A. Henninger. Huß. I. Nowack. C. Preitfching. C. Speher und C. Voß. Zu Mitgliedern der Kontrollkommiffion. deren Siß nach Baltimore gelegt wurde. wurden beftimmt: Heidemann. Herzog und Wiegand. Die fehlenden beiden Mitglieder follte die Sektion Baltimore ernennen. Bei der Neuwahl des Föderalrats wurden Philadelphia und Baltimore als Siß diefer Behörde vorgefchlagen. Beide lehnten ab und der Kongreß befchloß. von der Nominierung eines Föderalrats abzufehen und die Funktionen desfelben dem neuernannten

Generalrat zu

übertragen

mit der

Beftimmung. daß. wenn der Siß desfelben auf den nächften allgemeinen internationalen Kongreß verlegt werden follte der Generalrat den amerikanifchen Föderalrat bis zum nächften Föderal-Kongreß rcpräfentieren folle. Die ..Arbeiter-Zeitung“ in New York wurde zum Organ der Nordamerikanifchen Föderation erklärt.

296

7. Kapitel

Neubildungen. 1.

Gründung der Sozial-Demokratifchen Arbeiterpartei.

Wie wir gefehen haben. befand fich zu Anfang des Iahres 1874 die fozialiftifche Bewegung in New York in einem allgemeinen Durcheinander. Neben den vom Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation anerkannten Sek tionen beftanden die ausgefchloffenen Sektionen 6 und 8 weiter. Die eingewanderten Mitglieder des Allgemeinen Deutfchen Arbeitervereins in Deutfchland hatten zu Ende des Iahres 1873 einen ..Allgemeinen Amerikanifchen Arbeiterverein“ gegründet. Neben diefem beftanden noch mehrere ..S-ozialdemokratifche Arbeitervereine“. die fich teils aus eingewanderten Mitgliedern der damaligen beiden fozialiftifchen Richtungen in Deutfchland. teils aus den Ward-Vereinen gebildet hatten. die aus der Arbeitslofen bewegung hervorgegangen waren. Die Sektion 1 der Internationalen Arbeiter-Affociation. der frühere ..Allgemeine Deutfche Arbeiterverein“. war noch immer die ftärkfte und einflußreichfte fozialiftifche Organi fation der Stadt New York. doch waren die Streitigkeiten . mit den ausgefchloffenen Sektionen auch nicht fpurlos an ihr vorüber gegangen. Befonders herrfchten auch über die Not wendigkeit und Ratfamkeit der politifhen Aktion der Arbeiterklaffe Gegenfäße unter den Mitgliedern. und diefe und andere Gründe waren es. die im Februar 1874 dazu führten. daß eine Anzahl fehr tätiger Mitglieder aus der

Sektion 1 austraten und eine neue Sektion der Interna tionalen Arbeiter-Affociation bildeten. die vom Generalrat die Nummer 5 erhielt. Es war in diefer Sektion 5 der Internationalen Arbei ter-Affociation. wo zuerft die Gründung einer Sozialifti fchen Arbeiter-?partei für die Vereinigten Staaten zur An regung kam und in Angriff genommen wurde. Man 297

befchloß. fim mit den übrigen fozialiftifchen Arbeitervereinen der Stadt in Verbindung zu feßen. was zur Bildung eines Zwölfer-Komitees führte. das die nötigen Vorarbeiten in die Hand nahm. Bei diefen Vorarbeiten waren A. Straßer. G. Speyer. Voßberg. Fr. Prochnow und I. Schäfer befonders tätig. Man berief auf Sonntag. den 17. März 1874 eine Kon vention nach dem ..New York Cafino“. zur welcher neun Organifationen. mit einer Ausnahme fämtlich deutfche. Delegaten fandten. Den Vorfiß in der Konvention führte Neubauer. der im Namen des Zwölfer-Komitees die Verfammlung zur Ord nung rief. Es waren vertreten: Allgemeiner Amerikanifcher Arbei ter-Verein durch C. Zfchau und C. Riehmann; die franzö fifche Sektion der Internationalen Arbeiter-Affociation durm Vivien und Wolofskh; Sozialdemokratifcher Arbeiter Verein von New York durch Straßer und Prochnow; Sektion 8 der Internationalen Arbeiter-Affociation durm Neubauer und Kaufmann; Sektion 6 der Int. Arb.-Affociation durch Ackermann und Schäfer; Arbeiterpartei von Newark durm Ch. Savarh und S. Schmidt; Sozialdemokratifcher Arbei terverein von Philadelphia durch L. Hefterich; Arbeiter fchuß-Verein Newark durch A. Gabriel und I. Normann; Sektion 5 der Internationalen Arbeiter-Affociation New York durch G. Speher und A. Mech. Der Konvention lagen in der Hauptfache drei Fragen zur Entfcheidung vor: 1. Ift es nüßlich. einen Kongreß einzu berufen? 2. Vorläufige Organifation. 3. Parteiorgan. Man kam zu der Ueberzeugung. daß die zweite Frage die Hauptfache fei und erledigte fie durch den Befchluß. eine Organifation zu gründen. die fich ..Sozialdemokratifche Arbeiterpartei von Nordamerika“ nennen folle. Als Recht fertigung der Gründung der Partei nahm die Konvention die folgende Refolution an: ..Da die politifchen Parteien fich bis jeßt alle als volksfeindlich erwiefen und nur einzig ihre Parteiintereffen und dasjenige der Geldfäcke vertre ten. die Arbeiterklaffe aber bis jeßt weder anerkannt noch refpektiert haben. und weil diefelben troß ihrer Stärke aus fich noch keine Partei gefchaffen. die imftande ift. ihnen Halt zu bieten; aus diefen Gründen hat fich die Sozialdemo 298

kratifche Arbeiterpartei gebildet. um die Arbeitermaffen zu vereinigen zur kräftigen Partei. mit dem einzigen Ziele. ihre Rechte auf politifchem Wege zur Geltung zu bringen.“ Das war die erfte öffentliche Kundgebung der Partei. die. wenn auch nach manchen Wandlungen. noch heute als Sozialiftifche Partei von Nordamerika weiterbefteht. Im Uebrigen befchloß man. für den 4. Iuli einen Kon greß einzuberufen. der über die Platform und weitere Organifation der neugegründeten Partei beraten folle. Eine Anzahl Entwürfe für eine Platform wurden diefem Kongreffe zur Entfcheidung überwiefen. Der betreffende Kongreß tagte am 4. und 5. Iuli in Zimmermanns Halle in der 3. Straße in New York. Die Vertretung war im wefentlichen diefelbe. wie auf der vor hergehenden Konvention. Man betonte einftimmig. daß die ökonomifche Lage der Arbeiter nur dann verbeffert wer den könne. wenn fie mit aller Macht dahin ftreben. die poli tifche Macht im Staate zu erringen. Ein Komitee wurde ernannt. das die Wahlen der Exekutive der Partei und der Kontroll-Kommiffion durch eine Urabftimmung vornehmen folle. Auch wurde ein Befchluß angenommen. nach welchem verfucht werden follte. eine Vereinigung mit der ..Arbeiter partei von Illinois“. die fich unterdeß gebildet hatte. anzu bahnen. Auch die Schaffung eines eigenen Parteiorgans wurde befchloffen. Die Hauptarbeit des Kongreffes aber war die Durchberatung der vorliegenden Progr'amment würfe. Folgende Platform. auf deren Inhalt der Einfluß des Programms der deutfchen ..Eifenacher“-Partei unver kennbar ift. war das Refultat diefer Beratung. * Programm der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei von Nordamerika. .9.. Die Sozialdemokratifche Arbeiterpartei erftrebt die Errichtung des freien Volksftaats. I3. Iedes Mitglied der Partei verpflichtet fich. mit ganzer Kraft für folgende Grundfäße einzuftehen: 1. Die heutigen politifchen und fozialen Zuftände find falfch und daher von Grund aus zu ändern. . * ..Sozial-Demokrat". New York. 28. November 1874.

299

2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klaffen ift kem Kampf für Klaffenvorrechte. fondern für gleiche Rechte und Pflichten und für Abfchaffung aller Klaffenherrfchaft. 3. Die ökonomifche Abhängigkeit des Arbeiters vom Kapitaliften bildet die Grundlage der Knechtfchaft in jeder Form und es erftrebt deshalb die Sozialdemokratifche Ar beiterpartei die genoffenfchaftliche Arbeit an Stelle der Lohnarbeit. um jedem Arbeiter den vollen Ertrag feiner Arbeit zu fichern. " 4. Die politifche Freiheit ift die unentbehrliche Vorbe dingung zur ökonomifhen Befreiung der arbeitenden Klaffe. die foziale Frage ift mithin untrennbar von der politifchen. ihre Löfung durch diefe bedingt und nur möglich. wenn fie bei fjeder politifchen Bewegung in den Vordergrund gedrängt wir .

5. Die politifche und ökonomifche Befreiung der arbei ten-den Klaffe ift nur möglich. wenn diefe gemeinfam und einheitlich den Kampf führt; deshalb gibt fich die Sozial demokratifche Arbeiterpartei eine einheitliche Organifation. welche es aber auch jedem Einzelnen ermöglicht. feinen Einfluß für das Wohl der Gefamtheit geltend zu machen. 6. Da die Befreiung der Arbeiter nicht bloß eine national-naturrechtliche Notwendigkeit. fondern für alle Kulturbölker ein Bedürfnis ift. fo fhmpathifieren wir mit allen nach Befreiung ftrebenden Arbeitern anderer Länder. (L. Als die nächften Forderungen in der Agitation der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei find geltend zu machen: 1. Direkte Wahlen aller Beamten durch das Volk. Zurückberufungsrecht aller Beamten durch die Mehrheit ihrer Wähler und Einführung der direkten Gefeßgebung durch das Volk. Direkte Bezahlung aller Beamten und Aufhebung aller Sporteln. 2. Verbefferung unferes jeßigen Gerichtswefens und Einführung der unentgeltlichen Rechtspflege. Klagen wegen Lohnforderung follen innerhalb acht Tagen erledigt werden. Die Lohnarbeiter follen wöchentlich bezahlt werden. Ab fchaffung des Konfpirationsgefeßes.

3.

Abfchaffung aller indirekten Steuern und Einfüh

rung einer einzigen direkten. progreffiven Grund-. Ein kommen- und Erbfchaftsfteuer. 300

4. Einführung des Einkammer- und Abfchaffung des Zweikammer-Shftems. 5. Abfchaffung aller Monopole des Verkehrs. Handels. der Induftrie. des Berg- und Landbaues und Fortbetrieb derfelben

durch

freie

Genoffenfmafts-Affociationen

mit

demokratifchen Garantieen. unter Staatskredit und Leitung. 6. Einführung des Schulzwanges vom 7. bis zum 14. Lebensjahre und freie unentgeltliche Benußung aller öffent lichen Lehranftalten. 7. Einführung des achtftündigen Normalarbeitstages bei allen Arbeitern des Verkehrs. Handels. der Induftrie. des Berg- und Landbaues. 8. Befchränkung der Frauenarbeit und Verbot derfel ben in Räumen. wo Männer arbeiten. 9. Verbot der Kinderarbeit unter 14 Iahren zu pro duktiven Zwecken. 10. Verbot der Gefängnisarbeit zu Gunften von Pri vatperfonen oder Gefellfchaften. Die Gefangenen follen vomd Staate aus. und nur für Staatszwecke. befchäftigt wer en. 11. Da das Kontraktfhftem unvermeidlich zur Korrup tion. Beftechung und zum Betrug führt. fo verlangen wir. daß alle Arbeiten. welche auf diefe Weife zum Mißbrauch führen. in Zukunft in Tagelohn nach dem Achtftunden Shftem. wie es das Gefeß vorfchreibt. direkt von der Regie rung ausgegeben werden. und daß das Kontraktfhftem gänzlich abgefchafft wird. 12. Staatliche Beauffichtigung der Gefundheitspflege in allen Räumen. in denen Arbeiter wohnen oder arbeiten. . 13. Staatliche Einführung einer Arbeitsftatiftik in allen Formen der Arbeitszweige.

14. Staats- und Sparbanken. fowie die Verficherungs Anftalten find vom Staate zu betreiben; alle öffentlichen Gelder follen in den Staatsbanken deponiert werden. Die vorgenommene Urabftimmung ernannte die folgen den fünf Perfonen zu Mitgliedern der Exekutive: I. Schä fer. L. Ackermann. Nißfche. A. Straßer als Sekretär und Fr. Prochnow als Buchführer. 301

2.

Partei-Organ und Partei-Kongreß.

Die Exekutive der neuen Partei konftituierte fich am 11. Auguft 1874 und am 13. September fand in New York eine gemeinfame Sißung der Exekutive und der Kontrollkom .miffion ftatt. in der u. a. auch die Vorarbeiten für die Herausgabe eines eigenen Preßorgans getroffen wurden. Die erfte Nummer diefes Wochenblattes. das fich ..Der Sozialdemokrat“. Organ und Eigentum der Sozialdemo kratifchen Arbeiterpartei von Nordamerika. nannte. erfchien am 28. November 1874. und der erfte Redakteur des neuen Arbeiterblattes war Guftav Lhfer. ein Schriftfeßer. der kurz vorher aus Deutfchland eingewandert war. Für die Haltung des Blattes galt folgende Vorfchrift des Statuts: ..Das Organ foll im ftreng fozialiftifchen Sinn redigiert werden und diePlatform der Partei. fowie die Kongreßbefchlüffe. hierzu die Grundlage bilden. Der ..Sozialdemokrat“. der wöchentlich. anfangs in einer Auflage von 1500 erfchien. koftete 60 Cents vierteljähr lich und .5 Cents die Nummer. Hergeftellt wurde das Blatt in der gleichzeitig ins Leben gerufenen Sozialdemo- . kratifchen Genoffenfchaftsbuchdruckerei. die mit einer Buch handlung verbunden war und ihre Gefchäftsräume in No. 17 Forfhth Str. hatte. Erfter Vorfißender des Auffichts rats der Genoffenfcha t war F. Fillh und erfter Vorfißender des Vorftandes Schu- te. Die Hauptftärke der neugegründeten Partei und damit auch das hauptfächlichfte Abfaßgebiet des neuen Blattes lag in New York Cith. Union Hill. Hudfon Counth. Phila delphia. Newark. wo fich die dortige lokale Arbeiterpartei mit dem Arbeiter-Schuß-Verein vereinigte und eine Mit gliedfchaft bildete. Elizabeth. Williamsburg und New Haven. Befonders die eingewanderten deutfchen Zigarren arbeiter waren für die neue Partei fehr tätig. Von den in der Agitation und Organifation tätigen Perfonen zu Beginn der Sozialdemokratifchen Arbeiter Partei find zu nennen: Georg Winter. Iohn Schäfer. F. Beck. B. Kaufmann. Franz Leib. I. G. Speher. Ch. Braun. G. Lhfer. C. Savarh. A. Straßer. Gabriel. Voßberg. Le Maire u. a. Für den ..Sozialdemokrat“ arbeitete außer dem Redakteur befonders fleißig Dr. Stiebeling; auch Adolf Douai lieferte öfters Beiträge. 302

Die Verfammlungen der Partei in New York wurden in der Hauptfache damals in den Germania Affemblh Rooms. 291 Bowerh. abgehalten. ebenfo in Neumanns Halle. 475 9. Ave.. und in den Teutonia Affemblh Rooms. 3. Ave. Da die franzöfifche Sektion der Internationalen Arbeiter Affociation. die fich nach der Konvention. die zur Gründung der Partei führte. nicht mehr um diefelbe kümmerte. ,fo war die Bewegung anfänglich ausfchließlich deutfch. bis 'im Dezember 1874 fi? in New York die erfte englifche Sektion gründete. in der auptfächlich P. I. McGuire und Hugh

McGregor eine Rolle fpielten. Am 22. September 1874 erließ die Exekutive der Partei ein Manifeft an die Arbeiter der Vereinigten Staaten. in dem ne die heutigen Zuftände zeichnete. auf die Abhangig keit der Arbeiterklaffe hinwies und die Vereinigung aller Arbeiter betonte. Gleichzeitig wurde die Bildung der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei bekannt gegeben und zum Anfchluß an diefelbe aufgefordert. Von Anfang an machte fich in der Partei ein prinzipieller Gegenfaß in Bezug auf die Haltung zur Gewerkfchaftsfrage geltend. die in der Verfchiedenartigkeit der Elemente begründet war. aus der fie fich zufammenfeßte. Die Laffalleaner. wie die aus Deutfchland kürzlich eingewander ten Mitglieder überhaupt unterfchäßten bei weitem die Wichtigkeit der gewerkfchaftlichen Bewe ung und betonten ausfchließlich die Nowendigkeit der unab ängigen politifchen Aktion der Arbeiter. Die ältere Einwanderung. und befon ders jene. die durch die Schule der Internationalen Arbei ter-Affociation gegangen waren. war fich der Wichtigkeit der gewerkfchaftlichen Organifation der Arbeiter wohl bewußt. wenn fie auch nebenher .die Notwendigkeit der politifchen Aktion einfah und befürwortete. Diefer Gegenfaß führte gleich zu Beginn der Parteibewegung zu lebhaften Debatten und Auseinanderfeßungen. Am 27. Oktober 1874 veran laßten diefe Auseinanderfeßnngen die Exekutive der Partei. die folgende Refolution anzunehmen: ..Die Exekutive be fchließt. gegenüber den Gewerkvereinen eine nur freund fchaftliche Stellung einzunehmen und empfiehlt den' Mitglie dern der Partei ein Gleiches. um fich mit obigen Vereinen in Verbindung zu feßen und in denfelben die Prinzipien der Partei zur Geltung zu bringen.“ 303

Diefe Stellungnahme genügte einzelnen Mitgliedern nicht und im Ianuar 1875 fchrieb z. B. Dr. Stiebeling: ..Wir haben jeßt eine leitende Behörde. eine Exekutive. welche von den Mitgliedfchaften der Sozialdemokratifchen Arbeiter partei erwählt ift. Später. wenn die Gewerkfchaften zahl reicher und beffer organifiert find. muß dies anders werden. muß jede unferer Bewegungen ganz und gar von einem Zentralausfchuß der Vereinigten Gewerkfchaften gelenkt werden.“ Man fieht. daß Stiebeling fich die fozialdemo kratifche Bewegung als eine politifche Bewegung der Gewerkfchafts-Organifation dachte. Die Agitation der Partei befchränkte fim in der Haupt fache auf den Often des Landes und auf die deutfche Arbei terfchaft. Man verfuchte auch. im mittleren Weften feften Fuß zu faffen. aber ohne viel Erfolg. In Detroit (Mich.) und in Evansville (Ind.) wurden Mitgliedfchaften gegrün det. die indeß nicht viel Bedeutung hatten. Mit der ..Arbei terpartei von Illinois“ wurden Verhandlungen angeknüpft. um eine Vereinigung anzubahnen. doch führten diefe Ver handlungen.

wie ein Bericht der Exekutive vom Februar

1875 befagt. ..leider nur zu einem freundfchaftlichen Neben einandergehen.“ Mit Milwaukee fuchte man Verbindungen anzuknüpfen. ohne Erfolg indeß. Vorläufig blieb. wie gefagt. der Often das Hauptfeld für die Agitation der neuen Partei. und hier wurden fleißig Verfammlungen abgehal ten. die fich im Intereffe der Arbeiterklaffe mit den Tages fragen bcfchäftigte. wie z. B. mit dem damaligen Verfchwö rungsgefeß. daß den Arbeitern New Yorks die Arbeitsein ftellung erfchweren follte. In den Parteiverfammlungen herrfchte ein reges Leben. Theoretifche Fragen wurden viel erörtert. und der allgemeinen Arbeiterbewegung wurdeent fprechende Aufmerkfamkeit gefchenkt. wie man denn auch durch Sammlungen von Unterftüßungsgeldern für ftrikende Gewerbe. befonders für die Bergleute in Pennfhlvanien und die Weber in Neu-England. die Solidarität der Arbei

terklaffe betätigte. Im März 1875 wurde der erfte regelmäßige Kongreß der Partei für den 4. Iuli nach Philadelphia ausgefchrieben. der denn auch am erwähnten Tage feine Verhandlungen begann und fie auf die beiden folgenden Tage ausdehnte. Es waren acht Ortfchaften durch zehn Delegaten vertreten und zwar 304

fämtlich deutfche Mitgliedfchaften. Den Vorfi führen G. Winter und F. Schneider. Der Bericht der Exe utive zeigte. daß die Einnahmen des erften Iahres fich auf 8375.30 und die Ausgaben auf 8286.24 beliefen. Mitgliedfchaften beftanden in New York. Philadelphia. Evansville. Cleve land. Detroit. Williamsburg. Brooklhn und Newark und das Parteiorgan wurde dem Bericht zufolge in 53 Ort fchaften gelefen. Von den Befchlüffen. die auf diefem Kongreß angenom men wurden. find jene hervorzuheben. die fich auf eine Ver einigung aller fozialiftifchen Gruppen des Landes beziehen. Man- fprach fich für die Anbahnung diefer Vereinigung aus. die ebenfalls fchon von einem Komite gefordert wurde. das fich in Chicago aus der dortigen Arbeiterpartei und den Sektionen der Internationalen Arbeiter-Affociation gebil det hatte. Die neu zu erwählende Exekutive wurde beauf tragt. die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Auch die Stellung der Partei zur Gewerkfchaftsfrage kam zur Verhandlung und man erledigte diefelbe durch den Be fchluß. ..daß unter heutigen Verhältniffen die Organifation der Arbeiter in Gewerkvereine notwendig ift. und foll jedes Mitglied der Partei verpflichtet fein. Mitglied feines Gewerkvereins zu werden oder. wo folche nicht exiftieren. folche zu gründen fuchen.“ Ueber das Verhalten und die Tätigkeit des Redakteurs des ..Sozialdemokrat“. G. Lhfer. fand eine eingehende und ausgedehnte Debatte ftatt. Lhfer war von der Exekutive im April feines Poftens enthoben worden-und man hatte den Uhrmacher A. Voßberg. einen Schwiegerfohn von Adolf Douai. an feine Stelle gefeßt. was Lhfer veranlaßte. mit allerlei ..Enthüllungen“ gegen die Exekutive zu drohen. Der Kongreß ftimmte dem Schritte der Exekutive zu und erklärte..daß Lhfer die Partei gefchädigt und fich felbft außerhalb derfelben eftellt habe. Auch befchloß man. A. Otto-Walfter von Deut chland kom men zu laffen. um ihm die Redaktion des Parteiorgans zu übertragen. Auch der Schaffung eines englifchen Partei organs wurde zugeftimmt. ..fobald die Mittel vorhanden find.“ Der Sitz der Exekutive wurde nach Philadelphia. der der Kontroll-Kommiffion nach New York verlegt. Als Ort des nächften Kongreffes- wurde Detroit beftimmt. 305

Das Parteiprogramm wurde einer Revifion unterworfen. die indeß mehr redaktioneller Art war. In der auptfache blieben die Forderungen beftehen. die man im Ia re vorher in der New Yorker Zufammenkunft aufgeftellt hatte. Von prinzipieller Bedeutung war nur die Aenderung des achten Punktes der ..nächften Forderungen“ des Programms. die von der ..Befchränkung der Frauenarbeit und Verbot derfel ben in Räumen. wo Männer arbeiten“. handelte. Diefem Punkt wurde die folgende neue Faffung gegeben: ..Regu lierung der Frauenarbeit in Befchäftigungen. welche der Gefundheit oder Moral fchädlich find. Gleichftellung der Frauenlöhne mit denen der Männer.“ Diefe Verbefferung des Programms war dem Umftande zuzufchreiben. daß der ..Freidenkerbund“ in New York. be fonders Frau Dr. Lilienthal und AlexanderIonas. fich in Verfammlungen und Diskuffionen energifch gegen die Forderung der Befchränkung der Frauenarbeit ausge fprochen hatten. Die neue Exekutive erwählte zu ihrem Sekretär Chas. Braun und in einem Manifeft an die Arbeiterklaffe wurden die Ergebniffe des Kongreffes in Philadelphia. wie auch die der Agitation des vergangenen Iahres befprochen. Befon ders wurde in diefem Manifeft die Wichtigkeit der gewerk fchaftlichen Organifation betont. ein Beweis. daß für den Augenblick die Laffalle'fche Auffaffung. die durch die frühe ren Mitglieder des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter Vereins in der Partei vertreten wurden. zurückgedrängt worden war. ..Es muß jedem Parteigenoffen.“ fo hieß es in diefem Manifeft. ..von Intereffe fein. alle feine Fachgenoffen. wenn fie noch nicht organifiert find. gewerkfchaftlich zu orga nifieren und zu zentralifieren.“ Hauptbeftrebungen diefer Gewerkfchaftsorganifationen müffen fein: a) gegenfeitige Belehrung über die Klaffen lage; b) ftatiftifhe Erhebungen. um aus diefen zu erken nen. daß die heutige kopflofe Produktionsweife dazu angetan ift. eine kleine Majorität des Volkes in Sans und Braus leben zu- laffen. während es Millionen von Proletariern nicht mehr möglich ift. ihren Hunger zu ftillen. ihre Blöße zu bedecken und ihren Kindern eine menfchenwürdige Er ziehung zu geben. 306

..Die Exekutive fowohl. als jede nächftftehende Partei mitgliedfchaft. refp. deren Agitationskomitee werden bereit willigft jeder zu gründenden Gewerkfchaftsorganifation

entgegenkommen.“ 3. Die Anfänge der Arbeiterbewegung in Chicago und St, Louis. Schon vor dem amerikanifchen Bürgerkriege hatten fich in Chicago deutfche Arbeiterorganifationen gebildet. fowohl gewerkfchaftliche als auch politifche. Im Namen des ..Arbei tervereins“ in Chicago wandte fich fchon im Februar 1858 ein gewiffer I. Kittel nach New York an den dortigen ..Arbeiterbund“ mit der Anfrage. ob der Verein in den Bund aufgenommen werden könne. Der Chicagoer Verein hatte 350 Mitglieder. Die Aufnahme in den Arbeiterbund fand ftatt und da in Chicago verfchiedene Zweigvereine beftanden. bildete fich ein Delegatenkörper. der fich ..Zentralkomitee des Arbeiterbundes“ nannte. Diefes Zentralkomitee wandte fich anfangs 1860 an Iofeph Wehdemeher. der fich damals in Chicago aufhielt. mit dem Erfuchen. ein Tageblatt zu gründen. zu welchem die Lokalorganifationen des Arbeiterbundes die Summe von 1200 Dollars beitragen wollten. Wehdemeher und Ernft Luft. ein Drucker. gingen auf das Anerbieten ein. und 'am 21. April 1860 erfchien die erfte Nummer eines von Wehdemeher redigierten Blattes. das ..Die Stimme des Volkes“ genannt wurde. In dem Profpekt des Blattes wurde betont. daß es unab hängig von allen politifchen Parteien die Intereffen des Nordens vertreten wolle. Unabhängig. aber nicht parteilos. ..Denn wir werden Partei nehmen für die freie Arbeit gegenüber der Sklavenarbeit. auf welche geftüßt eine an Anzahl geringe. an Ma t aber gefährliche Ariftokratie ihre Intereffen zu den herr chenden Intereffen der Union zu machen fich beftrebt.“ Der Profpekt war außer von Wehde meher und Luft noch von L. Lichtenberger als Präfidenten des Zentralkomitees des Arbeiterbundes unterzeichnet. Die Herausgabe der ..Stimme des Volkes“ war ein Fehlfchlag. Anfangs fanden fich etwa taufend Abonnenten. aber auch diefe konnten nicht zufammengehalten werden 307

und fchon im Jluni wurde das Blatt in eine Wochenfchrift verwandelt. die in den Befiß des Druckers Luft überging und. nachdem Wehdemeher die Redaktion niedergelegt hatte. für die Arbeiterbewegung jede Bedeutung verlor. Zwar litten auch die Chicagoer deutfchen Arbeitervereine unter dem Ausbruch des Bürgerkrieges. aber fie hielten doch zufammen. Im Iahre 1'863 waren die deutfchen Arbeiter vereine Chicagos fchon auf der Konvention der deutfchen Radikalen in Cleveland vertreten. Während des Krieges trafen dann eine Anzahl rheinifcher Arbeiter dort ein. die in Deutfchland durch die Laffalle'fche Agitation der fozia liftifchen Bewegung zugeführt worden waren und die nun in Chicago die Agitation für fozialiftifche Ideen weiter führten. Unter ihnen befanden fich eine Anzahl Arbeiter aus Solingen. in der Hauptfache Schleifer und Meffer fchmiede. die infolge gewiffer Vorgänge in den Laffa'ile fchen Verfammlungen von.dort flüchtig geworden waren. Unter ihnen ragte Carl Klings hervor. der in Deutfchland Vorftandsmitglied des Allgemeinen Deutfchen Arbeiter Vereins war und den Laffalle im März 1864 zu feinem ..Kommiffar“ für das Rheinland ernannt hatte. Carl Klings hat in der Chicagoer Bewegung zu Ende der fechzi ger bis Mitte der fiebziger Iahre einen nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt. Ein deutfcher Arbeiterverein in Chicago war es auch. der den Delegaten Schlegel nach jenem Arbeiterkongreß fandte. der im Auguft 1866 in Baltimore tagte und der die ameri t'anifchen Arbeiter dort zuerft auf die Notwendigkeit der unabhängigen politifchen Aktion der Arbeiterklaffe aufmerk fam machte. Zu Anfang des Iahres 1869 waren die deutfchen Arbei tervereine Chicagos wieder zahlreich genug. daß fie an eine Zentralifation und an die Herausgabe eines eigenen Preß organs denken konnten. Diefe Zentralifation nannte fich ..Der deutfche Arbeiter-Zentral-Sihuß- und Unterftüßungs Verein“. der fiÖ aus Delegaten der Gewerkfchaften der deutfchen Bäcker. Baufchreiner. Schmiede. Schuhmacher. Schreiner. Wagenmacher und Schneider und des Allgemei nen Deutfchen Arbeitervereins zufammenfeßte. Diefer Deutfche Zentralverein gab das Wochenblatt ..Der deutfche Arbeiter“ heraus. deffen erfte Nummer Anfang März 1869 308

erfchien. Das Blatt führte den Untertitel: ..Organ zur Förderung eines Verftändniffes in Betreff der immer mehr in den Vordergrund tretenden ..fozialen Frage.“ Der leitende Geift des Blattes war Carl Klings. und obgleich es fich mit der Internationalen Arbeiter-Affociation iden tifch erklärte. war es doh kleinbürgerlich angehaucht. ..Der deutfche Arbeiter“ in Chicago fand fein Ende. nachdem der Ausbruch des deutfch-franzöfifchen Krieges auch den Chauvi nismus der deutfchen Arbeiter Chicagos geweckt hatte. Die lebte Nummer erfchien am 1. Auguft 187 0 nach dem Bei fpiel der ..Neuen Rheinifchen Zeitung“ rot gedruckt. Die Platform. auf die die politifche Arbeiterbewegung Chicagos zu jener Zeit fich ftüßte und die in den öffentlichen Verfammlungen befprochen wurde. enthielt kaum irgend welche eigentliche Arbeiterforderungen. Man verlangte Geldreform. wandte fich gegen die Verfchleuderung der Bundesländereien. verlangte Abfchaffung der Kuliarbeit und Einfuhrzölle auf Luxusartikel und Fabrikate. ..von denen wir das Rohmaterial befißen.“ Selbft die Acht ftundenarbeit ward in diefer erften Platform der Chicagoer Arbeiter noch nicht verlangt. Es fcheint. daß C. Klings. der nach feiner Ankunft in Amerika ein Iahr lang in Colorado lebte. dort befonderes Intereffe für die Farmerbewegung gewann. denn feinem Einfluß ift es zuzufchreiben. daß nicht bloß Ende der fechziger. fondern noch zu Anfang der fieb ziger Iahre die Bewegung der deutfchen Arbeiter Chicagos ftets ftark mit der Farmerbewegung kokettierte. Unter dem Namen ..Arbeiter-Union von Illinois“ be ftand im Iahre 187 0 eine Zentralifation von deutfchen und englifchen Arbeiterorganifationen. in denen die deutfchen Arbeiter jenes Staates eine bedeutende Rolle fpielten. Carl Klings war Vorftandsmitglied diefes Zentralverban des und wurde auf Agitationsreifen gefchickt. befonders auch in das füdliche Illinois und na St. Louis. wo ebenfalls fchon Verbindungen deutfcher Ar eiter beftanden. Auch in . Milwaukee. Council Bluffs und Sioux Cith gab es 1869 und 1870 deutfch'e Arbeitervereine. In St. Louis hatten fich fchon 1857 und 1858 deutfche Arbeiterorganifationen gebildet. Im Ianuar 1858 fchickte ein Dr. Rudolf Döhn als

korrefpondierender Sekretär der ..Arbeitervereine“ in St. 309

j.

Louis ein Gefuch an den ..Sozialen Arbeiterverein“ zu New York. mit ihm in Kommunikation zu treten. Diefer Arbeiterverein hatte fich hiernach die folgenden Ziele gefteckt: ..1. Die Löfung der Landreformfrage; 2. Aufklärung und Hebung des Arbeiterftandes; 3. Reformen in den beftehen den Finanz-. Handels- und Rechtsverhältniffen.“ Auch während der fe ziger Itahre hielten die deutfchen Arbeiter in St. Louis i re Vereine aufrecht. Im Iahre 1869 bildete fich unter dem Einfluß des ..Deutfchen Arbei ters“ in Chicago und unter dem Einfluß von C. Klings in St. Louis eine politifche Arbeiterorganifation. die fich ..St. Louis Arbeiter-Reformpartei“ nannte. Die Organifation diefer Partei beftand aus einem ..Zentralverein“. der aus Delegaten der verfchiedenen Wardvereine gebildet war. Als Zweck der Organifation beftimmte das Programm: ..Die fozialen Uebelftände der Gefellfchaft zu befeitigen und dem Arbeiter als nüßlichftes Mitglied der menfchlichen Gefell fchaft die Stellung zu fichern. die ihm vom natürlichen Standpunkt des Rechts zukommt.“ Um diefen Zweck zu erreichen. wurde von den Arbeitern verlangt. daß fie fim von allen beftehenden politifchen Vereinen losfagten. eigene Organifationen bildeten und nur Leute ihrer eigenen Wahl in die Regierung zu bringen fuchten. Weiter wurde die Aufklärung der Arbeiter durch ..tätige Agitation und fozialwiffenfchaftliche Vorträge“ erftrebt. Der Zentralverein follte die Aufgabe haben. die Gefeße zu prüfen. die der Wohlfahrt der Arbeiter hinderlich feien und Mittel und Wege zu finden. fie zu befeitigen; auch wollte man dem Kongreß Gefeßentwürfe unterbreiten. welche zum Wohl der Arbeiter ..als nötig eramtet werden.“ Im übri gen wollte man auf die ..Organifation der Arbeiter“ hin arbeiten und eine allgemeine Verbindung der Arbeiter des Landes fchaffen. Die ..St. Louis Reformpartei“ ftand. wie gefagt. unter dem Einfluß des Chicagoer Arbeiterblattes ..Der deutfche Arbeiter“ und ging mit diefem und an den Folgen des deutfch-franzöfifchen Krieges zugrunde. 4. Die Internationale in Chicago. Am 14. Iuli 1870 befchloß der Zentralverein in Chicago. einen ..Sozialpolitifchen Arbeiterverein“ zu gründen. der '310

..ausfchließlich die politifche Agitation als Zweck verfolgt.“ Es fcheint. daß der Rückgang der Gewerkfchaftsbewegung diefen Befchluß herbeiführte. Schon im Februar 1870 'hatte Klings an F. A. Sorge gefchrieben: ..Die Handwerks vereine find hier jeßt alle vom politifchen Schauplaß abge ?retten und vegetieren bloß noch einzelne als Krankenvereine or

Der Befchluß des Zentralvereins wurde troß der durch den Krieg gefchaffenen. für eine Arbeiterbewegung ungün ftigen Lage zur Durchführung gebracht. Die fähigften Mit glieder unter den Delegaten des ..Zentralvereins“ traten dem neuen fozialpolitifchen Arbeiterverein fofort bei und der Allgemeine Deutfche Arbeiterverein. wie auch der Wagenmacher-Verein. gingen vollftändig in ihm auf. Es beftanden mehrere Branchen diefes Vereins. doch hatte nur Branch 3 desfelben eine größere Bedeutung. Diefe Branch aber. der ..Sozialpolitifche Arbeiterverein No. 3“. hat für die Chicagoer deutfche Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle gefpielt. wenn 'fie auch gegen die Bedeutung zurück ftand. die der Allgemeine Deutfche Arbeiterverein in New York für die dortige Arbeiterbewegung gehabt hat. Befun ders hat der Chicagoer Verein fich niemals zu der großen Klarheit emporgefchwungen. die in der New Yorker Organi fation herrfchte. wobei die Unentwickeltheit der damaligen

Chicagoer Verhältntffe wohl mitwirkte. Bald nach der Bildung des Zentralkomitees der Inter nationale in New York fchloffen fich der Sozialpolitifche Arbeiterverein No. 1 und No. 2 in Chicago der Affociation an. die No. 3 desfelben Vereins. in der Carl Klings die maßgebende Perfon war. meldete fich erft im November 1871 an und wurde dann von dem Proviforifchen Föderal rat in die Internationale aufgenommen. Der Verein be hielt aber feine Bezeichnung als ..Sozialpolitifcher Arbeiter Verein No. 3“ bei. auch dann. als die New Yorker Födera - tionsleitung darauf aufmerkfam machte. daß das Statut der Organifation alle Nebennamen für die Sektionen abge fchafft habe und nur die Nummerierung der Organifation zulaffe. Sektion 3 kümmerte fich auch fonft wenig um die ftatuarifchen Beftimmungen der Affociation und ging des öfteren ihre eigenen Wege. was in der Folge zu mancherlei Streitigkeiten mit den übrigen Sektionen in Chicago und aua) mit den leitenden Behörden der Affociation in New 311

kYofk führte und zur Schwächung der Bewegung in Chicago

ei rug. Die Zerftörung des größten Teils von Chicago durch die Feuersbrunft im Oktober 1871 legte die Agitation der Sektionen eine Zeitlang lahm. doch fammelte man fich bald wieder. da der Zufall es fügte. daß gerade die Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Affociation wenig von dem Feuer betroffen wurden. Für eine größere öffentliche Tätigkeit war indeß für den Augenblick kein Feld vorhanden und -die Tätigkeit im Innern der Sektionen war keine befon ders fruchtbare. Man warf fich auf kleinbürgerliche Spiele reien. wie z. B. die Gründung einer Leih- und Baugefell fchaft und ähnlicher Dinge. In feinem Bericht für Dezem ber 1872 bis Februar 1873 an den Generalrat fprach fich der Föderalrat in New York über diefe Angelegenheit fol gendermaßen aus: ..Die Sektionen in Chicago berichteten über die Gründung einer Leih- und Baugefellfchaft. die inkorporiert wurde. Der Föderalrat hieß das nicht gut. aber tat nichts dagegen. Der Grund dafür war. daß. wenn eine Organifation Geld für derartige Experimente hat. fo tut fie das auf eigene Verantwortung.“ Diefe Leih- und Baugefellfchaft. fowie Gegenfäße perfönlicher Art. führten zu heftigen Streitigkeiten innerhalb der Sektionen. an denen befonders C. Klings und der Schreiner Wehrich beteiligt waren. Der Föderalrat. dem die Angelegenheit berichtet wurde. riet. für die Dauer von fechs Monaten jenen Perfonen kein Amt zu übertragen. die in den Streit verwickelt waren und im- übrigen bei Organifierung der Sektionen die Vorfchriften des Statuts der Föderation zu beachten. Der Rat des Föderalrats war vergebens. Die Streitigkeiten entwickelten fich weiter und man berklagte fich gegenfeitig bei den Gerichten. Der Föderalrat in New York wies die Kläger an. die eingebrachten Klagen zurückzu ziehen. wenn fie nicht aus der Föderation ausgeftoßen wer den wollten. Die dem Feuer folgende große Einwanderung nach Chicago brachte der dortigen Arbeiterbewegung auch eine Anzahl tüchtiger Kräfte. befonders aus Deutfchland. die dort mit dem Sozialismus vertraut worden waren.

Unter

ihnen find die beiden Schreiner L. Thorsmark und I. Win nen zu nennen. die beide in der Folge eine nicht unbedeu 312

tende Tätigkeit in der Chicagoer Arbeiterbewegung ent wickelten. Auch eine Anzahl junger Leute wurden durch die Agitation der Sektionen um diefe Zeit für die Interna tionale gewonnen. die fpäter eine nicht unbedeutende Rolle fpielten. fodaß fich im Laufe des Iahres 1873 ein recht leb haftes inneres Leben in der Organifation entfaltete. Auch in die öffentliche Agitation kam frifches Leben. als Mitte des Iahres -die wirtfchaftliche Krifis ihre Schatten vorauswarf und im Often fich die Arbeiter zu rühren begannen. In Chicago war die Arbeitslofigkeit groß und mit Ein tritt der kalten Iahreszeit wurde die allgemeine Not drückend. Die Sektion 3 des Sozialpolitifchen Arbeiter vereins und die Sektion 1 der Internationale verbanden fich zu gemeiufameni Vorgehen. um durch Organifierung der

Arbeitermaffen die Autoritäten zu veranlaffen. Schritte zur Linderung der Not zu tun. Am 11. Dezember veröffent lichte das ..Proviforifche Arbeiter-Komitee“ einen Aufruf an die Arbeiter Chicagos. in welchem unter Hinweis auf das Vorgehen der Arbeiter des Oftens auch die Chicagoer Arbeiter aufgefordert wurden. fich zu organifieren. ..Von einer folchen allgemeinen Vereinigung der Arbeiter“. fo hieß es da. ..können alle Hinderniffe. welche jeßt nom der Verbefferung unferer Lage im Wege ftehen. weggeräumt werdenl Dann wird es nicht mehr möglich fein. daß neben den vollen Speichern. gefüllten Magazinen und leeren Häufern das Volk. welches allen diefen Vorrat gefchaffen hat. verhungert. erfriert und obdachlos umherirrt.“ Die beiden Sektionen. die das Proviforifche Arbeiter Komitee gebildet hatten. ftellten ihre Lokale zur Verfügung. in denen Komitees aller Nationalitäten täglich anwefend waren. um Liften der Arbeitslofen aufzuftellen und Unter fchriften unter eine Petition. die eine Anzahl Forderungen enthielt. an den Stadtrat zu fammeln. die durch ein Komitee dem Stadtrat überbracht werden follten. Diefe Forderungen waren die folgenden: ..1. Arbeit für alle. welche keine Arbeit haben und im 'ftande und willens find. zu arbeiten. mit hinreichendem Lohn. 313

2. Vorfchuffe an Geld oder Lebensmitteln aus der Stadtkaffe für alle Notleidenden. 3. Sämtliche Verteilungen der Vorfchüffe follen von einem Komitee. welches die Arbeiter felbft zu ernennen haben. überwacht werden. damit die Hilfe diejenigen erhal ten. welche es wirklich bedürfen. 4. Sollten nicht genug Barmittel in der Stadtkaffe vorhanden fein. fo foll der Stadtkredit in Anfpruch genom men werden.“ Das Vorgehen des proviforifchen Arbeiter-Komitees und deffen Aufruf hatten einen überrafchenden Erfolg. Schon in der erften Woche betrugen die Einfchreibungen in den Lifte-n des Komitees über 6000 Namen. Für Sonntag. den 21. Dezember. war eine große Verfammlung der Arbeitslofen nach der ..Vorwärts-Turnhalle“ berufen. Der Saal war überfüllt und taufende verlangten vergeblich Ein laß. Es war die größte Verfammlung. die Chicago bis dahin gefehen hatte. In fünf Sprachen. deutfch. englifch. dänifch. franzöfifch und polnjfch. wurden den Verfammelten die Forderungen der Arbeiter unterbreitet und erklärt. Es herrfchte eine fehr entfchiedene Stimmung. Man befchloß. die Organifation einer Arbeiterpartei unverzüglich vorzu nehmen und beauftragte das Komitee. die nötigen Schritte dafür zu tun. Ferner wurde ein Komitee ernannt. daß die Arbeiterforderungen am Abend des nächften. Tages. Mon tag. den 22. Dezember. dem Stadtrate unterbreiten follte. Arbeiter fouten ihr Komitee in Maffen zum Stadthaus begleiten. Die Verfammlung machte ungeheures Auffehen in der Stadt. Die Preffe war angefüllt mit Berichten über die gehaltenen Reden. Der Mahor von Chicago erklärte. daß er in der Verfammlung anwefend gewefen fein würde. hätte er nur geahnt. daß fo viele Menfchen dorthin kämen. Der Montag verlief unter allgemeiner Erregung. Die -Zahl der Einführeibungen der Arbeitslofen an diefem einen Tage ging in die taufende. Schon gleich nach Mittag begannen fich Arbeitermaffen außerhalb und in den Lokalen der Sektionen der Internationalen anzufammeln; die Polizei Kommiffäre der Stadt begaben fich zu dem Komitee. das 314

die Liften der Arbeitslofen zufammenftellte. und verlangte. daß der Zug der Arbeiter nach dem Stadthaufe unterbleibe und daß das Komitee die Forderungen der Arbeitslofen unbegleitet überbringe. Es wurde ihnen erklärt. daß die Arbeitermaffen. felbft wenn man wolle. fich nicht mehr zurückhalten laffen würden. Der Beginn der Demonftration war für 8 Uhr abends angefeßt. Schon um 7 Uhr aber waren die Maffen nicht mehr zu halten und das Komitee war gezwungen. das Zeichen zum Abmarfch zu geben. Von drei verfchiedenen Punkten aus zogen die Arbeiter zum Stadthaus. das von 500 Poliziften befeßt war. Es waren von zwanzig- bis dreißigtaufend Menfchen auf den Beinen. Zum erften Male in der Gefchihte Chicagos wurden die roten Fahnen der Internationale durch die Straßen getra gen; zum erften Mal wurde die Aufforderung: Arbeiter aller Länder. vereinigt euchl den Arbeitermaffen jener Stadt vor Augen geführt und die im Zuge getragenen Transparente verkündeten das troßige: ..Brot oder Tod“ und ..Krieg dem Müßiggangel“ Die eindrucksvolle Demonftration verfehlte zunächft nicht ihre Wirkung auf die ftädtifche Vertretung. Das Arbeiter komitee. dem übrigens nur ein Vertreter der englifh fprechenden Arbeiterfchaft. der Mafchinift Iohn McAuliffe. angehörte. hatte durch Klings' Vermittlung einen Advoka ten namens F. A. Hoffmann. den Sohn eines Ex-Gouver neurs von Illinois. .als Sprecher engagiert. Hoffmann brachte im Stadtrat die Forderungen des Arbeiterkomitees vor. wobei er betonte. daß die Arbeiter nicht als Bettler kämen. fondern daß fie für die erbetene Hilfe ihre körperliche Arbeit anböten. Auch gab der Sprecher feinem Mißfallen darüber Ausdruck. daß man es für nötig erachtet habe. den ?lrlllieitern die ganze Polizeimacht der Stadt gegenüber zu te en.

Die Stadträte waren in ihrer Antwort merkwürdig liebenswürdig. Sie betonten ihre Shmpathien für die Arbeiter und erklärten. daß das Aufgebot der Polizei nicht gegen die Arbeiter gerichtet fei. fondern nur den Zweck habe. den Andrang der Maffen von dem nicht befonders ftarken. proviforifch errichteten Stadthaus abzuhalten. Der Mahor Colvin erklärte. daß er erft vor einigen Wochen fein Amt übernommen und keine Ahnung von der Bewegung 315

hatte.. die die Maffen ergriffen habe. Er hätte fonft längft Schritte zur Linderung der Not getan. Man feßte alfo ein Komitee des Stadtrats ein. das am nächften Tage mit dem Komitee der Arbeiter über die zu ergreifenden Schritte beraten follte. Um das Stadthaus herum hatten fich unterdeß recht ein drucksvolle Szenen abgefpielt. An allen Ecken und Enden tauchten Redner auf. die in begeifternden Worten den Maffen die Klaffenunterfchiede darlegten und die Urfachen der Not in den Kreifen der Arbeiter zu erklären fuchten. Niemand hatte diefe Redner zu ihren Ausführungen beauftragt. Niemand von den Mitgliedern der Arbeiterorganifationen kannte- fie. nom lernten fie fie je kennen. Diefe Redner verfchiedener Nationa lität verfchwanden. wie fie gekommen waren. Der Augenblick hatte fie geboren; der revolutionäre Hauch. der an diefem Tage über Chicago hinzog. hatte fie erzeugt und fie verfchwanden wieder mit ihm. Der Bericht des Arbeiterkomitees über den Empfang. den fie beim Stadtrat gefunden hatten. wurde vom Sprecher des Komitees den verfammelten Arbeitern erftattet und mit Beifall empfangen. Dann zerftreuten fich die Maffen in ruhiger Weife. Am nächften Tage begannen die Verhandlungen des Arbeiterkomitees mit dem Komitee des Stadtrats. Da die Arbeitermaffen nicht mehr in der Nähe des Stadthaufes ver fammelt waren. und da die Polizei fich für alle Eventuali täten gerüftet hatte - waren doch in verfchiedenen Polizei ftationen Kanonen aufgeftellt worden - fo zeigte man fich den Forderungen der Arbeitslofen gegenüber heute wefent lich weniger entgegenkommend als am Tage vorher. Man erklärte. daß die Arbeiter kein Recht hätten. ihre Forde rungen zu ftellen und daß die Gefeße eine Bewilligung derfelben nicht erlaubten. Die Not war aber groß und man kam zu dem Auskunftsmittel. daß man fich mit der “lieliet' ami Nici Jo0n-t7". die fich nach dem Brand organi fiert hatte. um die eingehenden Hilfsgelder zweckgemäß zu verwenden. in Verbindung feßte. Diefe Gefellfchaft hatte noch einen bedeutenden Fond. man fprach von 8600.000. der aus jenen Hilfsgeldern herftammte. Unter dem Drucke 316

der Not und der drohenden Haltung der Arbeiter erklärte fich das Direktorium der *Relief amt am Zaun-t7" auch zur möglichften Hilfe bereit und tatfächlim wurde in den nächften Tagen vieles getan. der äußerften Not zu fteuern. ?poi-hett auch eine Anzahl Privatperfonen hilfreiche Hand ei e en.

5.

Die Arbeiterpartei von Illinois.

Die eine Aufgabe. die dem Arbeiter-Komitee übertragen war. Hilfe nämlich für die Arbeitslofen durch Zuweifung von Arbeit durch die Stadt zu erlangen. war alfo in der Hauptfache gefcheitert. Es blieb ihm nun noch die zweite ihm übertragene Aufgabe. die Organifierung nämlich einer Arbeiterpartei. - Das Komitee machte fich fofort ans Werk. Man entwarf einen Organifationsplan und eine Platform. die beide von einer Maffenverfammlung gutgeheißen wurden. Das Or ganifationsftatut fchuf eine lokale Arbeiterpartei. die fich die ..Arbeiterpartei vom Staate Illinois“ nannte. Das ange nommene Programm hatte den folgenden Wortlaut: ..In Anbetracht. daß alle Menfchen von Geburt aus das gleiche Recht auf die Bedürfniffe des Lebens haben. und in Anbetracht. daß unfere jetzigen Gefeße diefes Recht nicht anerkennen. fo erftrebt die Partei die Durchführung folgen der Befchlüffe: 1. Aufhebung der beftehenden und Verbot künftiger Gefeße zu Gunften irgendwelcher Monopole. 2. Sämtliche Transportwege und Verkehrsmittel. als Eifenbahnen.- Kanäle u. f. w.. find vom Staate oder der Gemeinde felbft zu betreiben. 3. Staats- und Sparbanken. fowie die Feuerverfiche rung find vom Staate zu betreiben. Alle öffentlichen Gelder follen in den Staatsbanken deponiert werden. 4. Aufhebung des Kontraktfhftems in Bezug auf alle öffentlichen Arbeiten. 317

5. Verbefferung unferes jeßigen Gerichtsverfahrens in Betreff von Lohnforderungen. Klagen wegen Lohnforde rungen follen innerhalb acht Tagen erledigt werden. Die Lohnarbeiter follen wöchentlich bezahlt werden. 6. Verbot der Gefängnisarbeit zu Gunften von Privat perfonen oder Gefellfchaften. Die Gefangenen follen vom Staate nur für Staatsarbeit befchäftigt werden. 7. Schulzwang für alle Kinder von 7 bis 14 Iahren. Verbot von Befchäftigung von Kindern unter 14 Iahren in Fabriken. 8. Direkte Bezahlung aller Beamten und Aufhebung aller Sporteln. 9. Alle Beamten. welche nicht in Uebereinftimmung mit ihren Wählern handeln. können von der Majorität der Wähler jederzeit zurückberufen werden. 10.

Errichtung von Arbeiter-Affociationen.

11. Abfchaffung aller indirekten Steuern und Einfüh rung einer einzigen progreffiven Einkommen- und Vermö gensfteuer.“ Man fieht. daß das Programm der Arbeiterpartei vom Geifte des Sozialismus vollftändig unberührt war und daß ihre Forderungen von jeder Reformpartei akzeptiert werden konnten. Die .. llinois Staatszeitung“ hatte fo unrecht nicht. als fie erk ärte. daß fie von jeher für die Forderungen eingetreten fei. die im Programm der Arbei terpartei aufgeftellt waren. Die Farblofigkeit diefes Programms war dem Einfluffe Carl Klings zu danken. deffen Anfichten für die Richtung. die die Arbeiterpartei von Illinois nahm. maßgebend wa ren.

Klings war ein widerfpruchsvoller Charakter.

Mit -

einem durchaus proletarifchen Empfinden verband er den brennenden Ehrgeiz. eine Rolle zu fpielen. hoffte wohl auch. perfönliche Vorteile zu finden. Noch ehe die Chicagoer Bewegung im Dezember 1873 den großen Auffchwung nahm. hatte er Verbindung mit allen möglichen bürgerlichen Politikern gefucht und gefunden. Die übrigen Mitglieder der internationalen Sektionen der Stadt waren ihm entweder 318

perfönlich befreundet oder fie waren jung in der Bewegung. großenteils auch jung im Lande. Seine Anfchauungen blieben nicht unwiderfprochen. aber mit Hilfe feiner perfön lichen Freunde feßte er durch. was er wollte. Schon in der Verfammlung vom 21. Dezember hatte er durchgefetzt. daß man den Farmern. die fich damals zu einer unabhängigen politifchen Bewegung zufammenfanden. die Shmpathie der Arbeiter ausfprach. Klings fuchte auch fpäter eine direkte Verbindung der Arbeiterbewegung und der Farmerbewe gung durchzufeßen. Er hatte indeß nur wenig Erfolg nach diefer Richtung. Wenn auch die Arbeiterpartei von Illinois zur Konvention der Farmer. die am 10. Iuni 1874 in Springfield. Ill.. tagte. drei Delegaten fchickte. nämlich Hudeck. Arnold und McAuliffe. fo gelang es doch diefen nicht. feftere Beziehungen zwifchen den beiden Richtungen anzubahnen. Die theoretifche Auffaffung Klings über die Farmer bewegung gibt fich in einem Briefe kund. den er am 21. Ianuar 1874 an F. A. Sorge fchickte. Er fchrieb darin u. a.: ..Der Farmer ift durch die Gewalt der Umftände gezwungen. ohne daß er es felbft weiß. fozialiftifche Forde rungen zu ftellen. Einen eigentlichen Lohnarbeiterftand gibt es bei den Farmern des Weftens nicht. Durch die Einführung der Mafchinen gibt es nur noch ledige Perfonen. welche die eigentlichen Lohnarbeiter bilden. Das ift eine kleine Anzahl. welche ftets wechfelt und nicht organifiert werden kann. Aber fie kommen fchon zur Verftaatlichung der Bahnen und da geht der Konfervatismus zum Teufel.“ Klings fah all feinem proletarifchen Gefühle zum Troß nicht. daß die Beftrebungen der Farmer auf die Erhaltung des Privateigentums. ihr es Privateigentums. hinaus liefen. das fie vor der Verfchlingung durch den Kapitalismus retten wollten. während das Intereffe der Arbeiter in der

Richtung der Aufhebung des Privateigentums lag. Die Bewegung in Chicago zog rafch weitere Kreife. Schon am 16. Februar 1874 fchrieb akob Winnen als Sekretär der Sektion 3 der Internationa e an den General rat in New York: ..Die Arbeiterbewegung geht hier in hohen Wogen. Wir haben bis jeßt dreizehn eutfche Sektionen. zwei englifche. 319

vier böhmifche. zwei polnifche und eine dänifche. Die meiften davon zählen über hundert Mitglieder.“ Es find mit diefen Sektionen die Abteilungen der Arbei terpartei gemeint. neben denen die Sektionen der Interna tionale noch fortbeftanden. Die hauptfächliä)ften Wort führer in der Arbeiterpartei waren gleichzeitig Mitglieder der internationalen Sektionen. Ein Teil der Interna tionalen war gegen die Gründung der Arbeiterpartei und gegen deren Agitation. berechtigterweife natürlich auch gegen die verfchwommene Form des Programms. Diefe blickten wohl gar auf ihre Genoffen. die in der Arbeiterpartei mit tätig waren. als Verräter. während diefe zum großen Teil junge Enthufiaften waren. die mit großem Eifer die Arbeiter zu wecken fuchten und glaubten. die Maffen eher in eine allgemeine Arbeiterpartei hineinziehen zu können. als in die Jnternationale. die durch die Befchimpfungen der bürgerli en Vreffe felbft in Arbeiterkreifen diskreditiert war. Litt die Chicagoer Bewegung an theoretifcher Unklarheit. die. freilich nur zum Teil. auch in der Unentwickeltheit der dortigen Verhältniffe begründet war. fo ging Hand in Hand damit ein gewiffer Radikalismus in Rede und Schrift. der

häufig genug in eine Art Revolutionsromantik ausartete. Schon gleich nach Beginn der Bewegung. am 4. Ianuar 1874. fchrieb Klings in einem Briefe: ..Die Stimmung ift durchaus revolutionär.

Wenn es von Chicago allein ab

hinge. fo könnten wir jeden Tag das Gebäude in die Luft fprengen.“ Diefe Anfchauung Klings' fand auch Ausdruck in dem Wochenblatt. das bald nach Gründung der Partei ins Leben gerufen wurde. in dem jeßt noch beftehenden ..Vorbote“. deffen erfte Nummer am 14.

ebruar 1874

erfchien. Noch ein Iahr fpäter glaubte der eneralrat der Internationale. in Chicago warnend eingreifen .zu müffen. Am 2. März 1875 fchrieb diefer u. a. an das Zentralkomitee der Illinoifer Arbeiterpartei: ..Der Generalrat ift der Ueberzeugung. daß bei fo mangelhafter Organifation ein Verfuch zu gewaltfamem Abfchütteln des ohne Zweifel für uns unerträglichen I-oches nur von Mißerfolg und darauf folgender Täufchung und Entmutigung begleitet fein wird. Unfere und euere Aufgabe ift es. den Weg zu gehen. den die Internationale Arbeiter-Affociation ftets den Arbeitern 320

empfohlen hat. Wir müffen alle Ausbrüche der u n o r g a nif ierten Arbeiter zu verhüten fuchen. dagegen aber mit ganzer Macht für die Verbreitung des Klaffenbewußt feins und der fozialiftifchen Grundfäße unter unferen Klaffenbrüdern eintreten. um fo eine kräftige. fchlagfertige Organifation herzuftellen. Wir dürfen der herrfchenden Klaffe keine Gelegenheit geben. durch ein brutales Einfchrei ten. wozu diefelbe allerorts freudig gegriffen hat. unfere Organifation lahm zu legen. Daß die von euch befchriebene Stimmung der notleidenden Arbeiter Chicagos in den Kreifen der Bourgeoifie wohl bekannt und vorgefehen ift. beweifen die. leßte Woche in allen größeren Zeitungen erfchienenen Denunziationen der fremdgeborenen Kommu niften Chicagos und ihrer angeblichen Pläne. Ein Aus bruch wäre Waffer auf die Mühle unferer Feinde. Wäh rend wir fo pflichtgemäß vor unzeitigem Vorgehen warnen müffen. ftehen wir andererfeits nicht an. unfere aufrichtige . Shmpathie mit unferen Leidensgenoffen in Chicago auszu fprechen.“ Der revolutionsromantifche Geift in der Chicagoer Bewegung. gegen den hier der Generalrat zu warnen für nötig fand und der fich u. a. auch in der Bildung von bewaffneten Sektionen des ..Lehr- und Wehr-Vereins“ kundgab. war in der Hauptfache Carl Klings und feinem Einfluß zu danken. Diefer von Klings geweckte Geift war es auch. der fpäter zur Kataftrophe von 1886 und - nach Waldheim führte. Kleinbürgerliche Ideen auf der einen. radikale Revolutionsromantik auf der andern Seite mußten fchließlich zum Anarchismus auswachfen. Bei der Gründung des ..Vorbote“ waren außer Klings befonders Iakob Winnen. Lau-rits Thorsmark. Henrh Stahl. Clemens. Haufen. Hermann Schlüter u. a. tätig. I. Win nen beforgte zeitweilig die Redaktion. ebenfo Carl Klings. Die Gelder zur Gründung des Blattes wurden zum Teil durch Geldtransaktionen des Advokaten Francis A. Hoff mann jr. aufgebracht. eines Fachpolitikers. den Klings in die Bewegung hineingezogen hatte und der auch der Sprecher des Komitees vor dem Stadtrat gewefen war. Kurze Zeit nach Gründung des Blattes zog Klings auch den Schriftfeßer Conrad Conzett aus Chur in der Schweiz in die Bewegung. der etwas Geld in das Zeitungsunter 821

nehmen hineinfteckte und bald Seßer und Redakteur des ..Vorbote“ in einer Perfon war. Die Arbeiterpartei war Eigentümerin des Blattes. Conrad Conzett. der bis dahin vom Sozialismus wenig wußte. da er nur in feiner Gewerkfchaft mit der Arbeiter bewegung in Berührung gekommen war. hielt anfänglich den ..Vorbote“ ganz im Fahrwajfer der Klings'fchen An fchauungen. Unter dem Einfluß der Internationalen aber entwickelte fich bei ihm bald eine größere Klarheit der Auf faffung und es kam zu Gegenfäßen zwifchen ihm und Klings. die ihn wiederum weiter nach der Seite der Inter nationale trieben. Diefe größere Klarheit äußerte fim befonders in der veränderten Stellung des ..Vorbote'' zu der Gewerkfchaftsfrage. die anfänglich entfprechend der Klings'fchen Auffaffung gleimgültig. wenn nicht feindlich behandelt worden war. Bei Conzett brach fich bald die Einficht Bahn. daß die kleinbürgerliche Farmerbewegung im Weften nichts mit der Arbeiterbewegung gemein habe und er ftellte deshalb das urfprüngliche Liebäugeln mit diefer Bewegung im ..Vorbote“ ein. Die Arbeiterpartei von Illinois hatte fich im November 1874 felbftändig an der Wahl beteiligt und für Staat. Counth und Stadt eine nahezu vollftändige Kandidatenlifte aufgeftellt. Der fchon erwähnte Francis A. Hoffmann' kan didierte bei der Gelegenheit in einem der ftädtifcheii Diftrikte für den Kongreß. Das Refultat war kein gutes. obgleich man fich große Hoffnungen gemacht hatte. Es wurden in der ganzen Stadt noch nicht einmal 2500 Stim men für das Ticket der Arbeiterpartei abgegeben. Das belehrte auch Conzett und viele andere. daß die Eroberung der politifchen Macht durch die Arbeiterklaffe nicht fo leicht fei. wie man fich es vorgeftellt. und man kam zu der Ueber zeugung. daß zunächft Organifation der Arbeiter nötig fei. und daß man mehr als bisher auch die ökonomifche Organi fation der Arbeiter zu pflegen habe. die man bisher ftark vernachläffigt hatte. Die Arbeitslofigkeit. die fich infolge der Krife von 1873 geltend machte und der die Arbeiterpartei von Illinois ihre Exiftenz verdankte. hielt unterdeß an und die leitenden Komitees der Partei berfuchten. wie zu Beginn. auch fpäter 322

noch die Behörden zur Abhülfe zu veranlaffen. Im März 1875 erließ die Arbeiterpartei einen ..Aufruf an die Bür ger Chicagos“. in welchem auf die herrfchende Arbeitslofig keit hingewiefen und betont wurde. daß fich in den Händen der *Relief am] Nici Zoeiety". die die Hilfsgelder ver tvaltete. die nach der Brandkataftrophe na? Chicago floffen. noch 8347.000 befanden. Man erklärte. a die genannte “Im-ietz" nicht weniger als 860.000 jä rlich an ihre Beamten zahle. anftatt die Notleidenden zu unterftüßen. und unterbreitete die folgenden Forderungen an die erwähnte Gefellfchaft.' die in verfchiedenen öffentlichen Ver fammlungen zur Annahme gelangt waren: ..1. Alle ihre protegierten Günftlinge. als unfähig und des Vertrauens des Volkes nicht teilhaftig. zu entfernen. 2. Die Vifitatoren der Gefellfchaft find in öffentlichen Verfammlungen zu erwählen. 3. Die Unterftüßungen find ohne Unterfchied der Na tionalität. Hautfarbe. des Gefchlechts oder des Alters zu verabfolgen. 4. Keine nur zeitweife beanfpruchte Unterftüßung darf an die Counth-Agentur verwiefen werden. folange noch Geld im Befiße der Hilfsgefellfchaft ift. 5. Die vollftändige Revifion und Abrechnung aller feit dem Beftehen eingegangenen Beiträge und Ausgaben wird gefordert.“ Ein Komitee der Arbeiterpartei überreichte der “lie-.list am] um Zooieig" diefe Forderungen. ebenfo dem Mahor der Stadt. Eine große Zahl von Arbeitern begleitete ihr Komitee nach der Office der Hilfsgefellfchaft. Als das Komitee erfchien und feine Mißerfolge berichten wollte. wurden die Maffen durch die Polizei auseinandergeknüp pelt. Der Mahor fchlug vor. man folle eine ..Bürger“ Verfammlung einberufen und diefe ein Unterfuchungs komitee wählen laffen. Dabei blieb es: die “Relief ancl .Ziel Zoceietx'" ..verwaltete“ die Hilfsgelder weiter. bis fie alle wurden. Es war die Enttäufchung der Ehicagoer Arbeiter über die vergeblichen Schritte. die man gegen die “Relief aus

323

.am Zoom-(57" unternahm. die dann zur Gründung der bewaffneten Sektionen. des ..Lehr- und Wehr-Vereins“ unter ihnen. führte. Die klareren Elemente in der Arbeiterpartei fuchten unterdeß dem immer ftärker eindringenden Fachpolitikertum Widerftand entgegen zu feßen. So bildete fich im Auguft 1874 aus der Sektion 1 der Arbeiterpartei eine neue Sek tion der Internationalen Arbeiter-Affociation - No. 5 heraus. die eine gute Zahl tüchtiger Mitglieder zählte und auch Einfluß in der Arbeiterpartei felbft behielt. ' Im September wurde eine weitere Sektion - 4 - beim Generalrat angemeldet. Im Ianuar 1875 wandte die Redaktion des ..Vorbote“ fich an den Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affo ciation mit dem Erfuchen. das Blatt zum Organ der Nord amerikanifchen Föderation der Internationalen Arbeiter Affociation zu erklären. Der Generalrat ging auf das Anerbieten ein. ftellte indeß die Bedingungen. daß Redaktion und Eigentümer des ..Vorbote“ folgendes unterzeichnen:

..Der ..Verbote“ ftellt fich ohne Rückhalt auf den Boden der Internationalen Arbeiter-Affociation. anerkennt die Disziplinargewalt des Föderalrats und Generalrats und nimmt deffen Mitteilungen und Berichte unverkürzt und unentgeltlich auf.“ ..Der Gewerkfchaftsbewegung gegenüber nimmt der ..Vor bote“ vorerft eine durhaus freundliche Stellung ein und tritt vor Ablauf von zwei Monaten entfchieden und fördernd für diefelbe ein.“ Der Generalrat gab unter diefer Bedingung dem ..Vor bote“ auch das Recht. fich als Organ der Internationalen Arbeiter-Affociation zu bezeichnen. Diefes Anerbieten wurde von der Illinois Arbeiterpartei und dem ..Vorbote“ abgelehnt. und am 3. Februar 187 5

befchloß der Generalrat. von einer förmlichen Erklärung des ..Verbote“ als Organ der Internationalen Arbeiter-Affo ciation abzufehen. hingegen alle Berichte und Bekannt machungen ete. in diefem Blatte zu veröffentlichen. 324

Vom März 1875 an benußte der Generalrat dann den „Vorbote“ zur Veröffentlichung feiner Berichte. und F. A. Sorge fchrieb für das Chicagoer Blatt eine wöchentliche Rundfchau über die Arbeiterbewegung. Im Herbft 1875 gab die Arbeiterpartei von Illinois ihr bisheriges Pro gramm auf und gab fich ein neues. mit dem fie fich auf den Boden der Internationale ftellte und Arbeiterforderungen aufnahm. In 3. November 1875 fagt der Generalrat in feinem Vierteljahresbericht darüber folgendes: ..Mit auf richtiger Befriedigung begrüßen wir das neue Programm der Illinois Arbeiter-Partei. Diefelbe ift dadurch tatfäch lich in die große Arbeiterpartei eingetreten. fie ift interna tional geworden. ohne den Namen anzunehmen.“ Der Generalrat bezeichnete diefe Aenderung in der Haltung der Arbeiterpartei in Chicago als einen Erfolg der Beftrebun gen der Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Affociation in Chicago. Von den Perfonen. die um jene Zeit in der Chicagoer Bewegung befonders und hervorragend tätig waren. find außer den fchon genannten noch folgende zu erwähnen: Albert Florus. Tifchler; Hermann Stroele. Tifchler; Franz Renz. Freskomaler; Iohn Kaltenbach. Klempner; Zimpel. William Ieffers. die Brüder Wolfgang und Conrad Pfeifer; der Seßer Heim; Iohn Böhning. William Schil

ling. Rudolf Rollinger. Von Mitgliedern englifcher Sprache find außer dem Mafchiniften McAuliffe. der fchon erwähnt wurde. noch Thomas Morgan und Phillip van Patten zu nennen. die im Herbft 1874 fich der Bewegung anfchloffen. Die Arbeiter-Partei von Illinois hat einer ganzen Reihe tüchtiger Menfchen Anregung gegeben. die fich fpäter in der internationalen Arbeiterbewegung ausgezeichnet haben. Sollte es bloß ein Zufall fein. daß viele von ihnen ein gewaltfames Ende von eigener Hand fanden?

Darf man

nicht annehmen. daß die intenfive Tätigkeit. die fie in der Bewegung entwickelten. mit ihrem Selbftmord zu tun hatte? Von den in der Arbeiterpartei von Illinois hervorragend tätigen Perfonen ftarben die folgenden von eigener Hand: Heim. Hirth. Rollinger. Kempke. Meilbeck. Conzett und McAuliffe. 325

6.

Die Bewegung in anderen Großftädten.

- Nicht bloß in New York und Chicago. fondern in faft allen Großftädten des Landes feßte die Krife von 1873 und ihre Folgen die Arbeiter in Bewegung. von denen befonders Philadelphia hervorzuheben ift. In Philadelphia hatten'fich fchon 1869 und 1870 Anfäße zu einem felbftändigen politifchen Vorgehen der Arbeiter

gezeigt. Das englifchredende Element ftellte damals eine Platform auf. die mit eigentlichen Arbeiterforderungen nur wenig zu tun hatte und die in der Hauptfache auf Steuer reformen hinauslief. So. wurde z. B. eine progreffive Eigentums- und Einkommenfteuer verlangt. Auch die alte Forderung der Landreformer. daß die öffentlichen Lände - reien nur in Parzellen von 160 Aeres abgegeben werden follten. tauchte in diefer Platform noch einmal wieder auf. Betre'ffs des Achftun'dentages ging man nur fo weit. den felben für alle öffentlichen Angeftellten (yubljc set-Wow) zu verlangen.

Die deutfche Bewegung in Philadelphia ftand zu jener Zeit unter dem Einfluß der ..Arbeiterzeitung“. die von Carl Daut und Peter Haß redigiert wurde; fie hatte auch eine eigene Platform. die fich von jener der englifchen Arbeiter unterfchied und in verfchiedenen Punkten weiterging. ohne indeß wefentlich klarer zu fein. Man verlangte in der Platform. daß die Arbeiter nur folchen Kandidaten ihre Stimmen geben follten. die fich auf beftimmte Forderungen verpflichteten. Unter diefen Forde rungen befanden fich weiter: Achtftundentag bei öffent lichen Arbeiten; Aufhebung des Kontraktfhftems; Auf hebung der Gefangenenarbeit für Private; Schulzwang; Gewerbefchulen von Gemeindewegen; direkte Gefeßgebung und ähnliche Dinge mehr. Von einer klaren Auffaffung des Klaffenkampfes war in diefen Forderungen nichts zu finden. Das wurde beffer. als die Agitation der Internationalen Sektionen auch in Philadelphia einfeßte. Als dann im Herbft 1873 die Krife kam. waren die Arbeiter Philadelphias die erften. die fich in Bewegung 326

feßten. S.chon am 9. November fand eine große Arbeiter verfammlung ftatt. die von den Internationalen einberufen war und großen Erfolg hatte. Es wurde befchloffen. die Arbeitslofen und die Arbeiter überhaupt zu organifieren. Nach dem Beifpiel New York's gründete man dann Ward

vereine. die durch ein Zentralkomitee verbunden waren. Auch in Philadelphia unterbreitete ein Komitee die Forde rungen der Arbeiter dem Stadtrat. ohne indeß von den Maffen begleitet zu fein. Zu Weihnachten nahm eine große Verfammlung von Arbeitern ein Programm an. das fieh im allgemeinen durch Klarheit der Forderungen von ähnlichen Programmen jener Zeit auszeichnete und das ein Zeugnis war für den Erfolg der Aufklärungsarbeit. die die Sektionen der Internationale in den lebten Iahren in Philadelphia geleiftet hatten. Es wurde u. a. die Vergebung aller Kontraktarbeiten für den Bund. den Staat oder die Gemeinde an organifierte Arbeitergewerbe verlangt gegen einen entfprechenden Minimallohn. Das Programm forderte weiter den' gefeß lichen achtftündigen Normalarbeitstag. der nötigenfalls auf einen Sechsftundentag reduziert werden follte. Ferner wurde die ftaatlihe Beauffichtigung der Gefundheitspflege in allen Räumen gefordert. in denen Arbeiter wohnen oder arbeiten. Im übrigen wurden Forderungen erhoben. die fih auf Arbeitsftatiftik. Befchränkung der Frauen- und Kinderarbeit. Befeitigung der Konkurrenz der Zuchthaus arbeit. Schulzwang. unentgeltliche Rechtspflege. Ab fchaffung der Monopole des Verkehrs. des Handels. der Induftrie. des Berg- und Landhaus bezogen und die Ueber nahme desfelben durch den Staat verlangten. Eine nachhaltige Wirkung hatte indeß auch die Agita tionsarbeit der Internationalen in Philadelphia nicht. wozu die immer mehr um fich greifenden Streitigkeiten im Lager der Internationalen nicht wenig beitrugen. Auch in Cincinnati bildete fich als Folge der Krife von 1873 eine eigene Arbeiterpartei mit einem befonderen Programm. und zweimal zogen die dortigen Arbeiter in Maffen zum Stadthaus. um der ftädtifchen Verwaltung ihre Forderungen zu unterbreiten.

827

In Baltimore waren befonders die deutfmen Gewerk fchaften tätig. In Newark. wo fich im Auguft 1872 der ..Arbeiterfchußverein“ gegründet hatte. der fim befonders der Aufklärung durch regelmäßige Vorträge widmete. trat Anfang 1874 ebenfalls eine felbftändige Arbeiterpartei ins Leben. die fich wie überall in der Hauptfache aus deutfchen Arbeiterelementen zufammenfeßte und bei deren Forde rungen das damalige Eifenacher Programm der Sozialiften Deutfchlands nur zu genau auch für die Vereinigten Staa ten nachgeahmt wurde. Hatten all diefe Bewegungen auch keine nachhaltigen Wirkungen. fo zeigten fie und die geftell ten Forderungendoch. daß die Agitation der Internationa len in den leßten vier Iahren große Klärung auch in den

Maffen der deutfchen Arbeiter des Landes gefchaffen hatte.

328

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' o. .Kapitel

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- f Die -letzten Jahre der Internationale. 1. Der Generalrat als fungierender Föderalrat. Der Kongreß von Philadelphia' hatte zwar die New Yorker-Streitigkeiten verhandelt. aber erledigt waren fie damit keineswegs. Die fufpendierten Sektionen. 5. 6 und 8. New York. erklärten gleich nach dem'Kongreß ihren Aus tritt aus der amerikanifchen Föderation der Internationale und ebenfo die Sektion Williamsburg. Aus Philadelphiameldete im Mai die dortige Sektion 1 Streitigkeiten wegen der Vorgänge in New York. die zur Spaltung und zum Ansfchluß einiger Mitglieder führte. Die Sektion in Stapleton vertagte fich; und in Pittsburgh kamen Ge en fäße auf. die zur Schwächung' der dortigen Sektion fü rte. Auch die Sektionen 'in Cincinnati und St. Louis ftanden fchlecht. ' Der neugewählte Föderalrat übernahm alfo unter mög lichft fchlechten Verhältniffen fein Amt. Man konftituierte fich am 22. April. I. Nowack wurde zum Vorfißenden. C. Voß zum Schaßmeifter. A. Henninger zum Protokoll Sek'retär und F. A. Sorge zum Generalfekretär ernannt. Die früheren Mitglieder des alten Generalrats. K. Carl. Bolte und Bertrand. wurden mit beratender Stimme zu den Sißungen des neuen General'- und Föderalrats hineinge zogen. In einem Aufruf wandte fich der Föderalrat an die Sektionen der Nordamerikanifchen Föderation. in welchem er die Uebernahme feines Amtes meldete. die Beachtung der Kongreßbefchlüffe forderte und hervorhob. daß die Sektionen ihr befonderes Augenmerk auf die Gewerkvercine richten und ftets Fühlung mit ihnen behalten follten. ..denn jedes andereVerfahren wäre reaktionär.“ ' 329

Die Kontrollkommiffion in Baltimore feßte fich aus Heidemann. Herzog. Pflaum. Rupprecht und Wiegandt zufammen. Die Föderation hatte im Sommer 1874 Sektionen in Hoboken. Philadelphia. Pittsburgh. St. Louis. Chicago. New York.

Baltimore. die mit dem Generalrat in regel

mäßiger Verbindung waren. Außerdem beftanden noch Sek tionen in New Orleans.

Paterfon.

San Francisco und

Cincinnati. die aber fo lofe mit der Föderation zufammen hingen. daß fie nicht einmal mehr Berichte an den Föderal rat fchickteu. Auch die Mitgliederzahl der Sektionen nahm ab. wobei außer den inneren Streitigkeiten auch die herr fchende Krife mitwirkte. ' Es kam aber noch ärger. New York. wo in den leßten beiden .Fahren ein Streit in der Organifation den andern gejagt hatte. wo die prinzipiellen Gegenfäße von perfön lichen Gegenfäßen abgelöft wurden. kam auch dann noch nicht zur Ruhe. als durch Austritt der Sektionen 5. 6 und 8 der eine Stein des Anftoßes befeitigt war. Schon im früheren Generalrat hatten fich perfönliche Reibereien zwifchen zwei Richtungen gezeigt. die fich einer feits an die Namen Carl und Bolte. andererfeits an den

Namen F. A. Sorge knüpften. Schon im November 1872 äußerten fich Carl und Bolte gegen die ..Prominenten“ in der Internationale und gegen die Führerfchaft von Marx und Engels. Aeußerungen. die fich in Wirklichkeit wohl mehr gegen F. A. Sorge und deffen perfönlichen Verkehr mit den Genannten richtete. als gegen diefe felbft. Seitdem im Iuli 1872 der Föderalrat gebildet war. hatten Carl und Bolte ihn tatfächlich beherrfcht und ftets ihre Meinung zum Durchbruch gebracht. Unterftüßt wurden fie dabei durch die Sektion 1. in der fie großen Einfluß hatten. Die Gegenfäße zwifchen Carl und Bolte einerfeits und F. A.-Sorge andererfeits kamen zu einer Krife. als leßterer. müde der ewigen Krakehlereien. in der Sißung des General rats am 12. .Auguft einen Antrag einbrachte. den Gene - ralrat als folcheu auf ein Jahr zu vertagen. und dann beim Wiederzufauunentritt die Vorbereitungen für den nächften allgemeinen Kongreß im September 1875 zu treffen. Der Antrag. deffen Annahme tatfächlich die Anerkennung

gewefen wäre des Zuftandes. der wirklich beftand. das Ende 330

und das Aufhören der Internationale nämlich. .hatte den folgenden Wortlaut: ..Befchloffen: Der Generalrat der Internationalen Ar beiter-Affociation vertagt fich als folcher bis zum 1. Iuni

1875. teilt dies den Vertrauensmännern und Partei ausfchüffen in einem vertraulichen Rundfchreiben mit unter " Angabe der Beweggründe. und fordert diefelben auf. fpäte ftens im Mai 1875 Berichte über den Stand der Affociation und Bewegung. über die Tunlichkeit der Abhaltung des allgemeinen Kongreffes im September 1875 und über die Zweckmäßigkeit der Wiederbelebung des Generalrats anher zu fenden. Beweggründe: 1. Das Anfehen des Generalrats ift faft auf Null herabgefunken. wenn auch nicht ganz ohne feine Schuld. 2. Es fehlt aller Zufammenhang in der Organifation; nicht ein einziges Land fteht mit dem Generalrat in regel mäßigem Verkehr feit dem Genfer Kongreß. 3. Es werden dem Generalrat keine Beiträge zuge führt; nur Amerika hat bezahlt und Oefterreich eine Kleinigkeit; von Deutfchland wäre vielleicht etwas zu bekommen durm Bettelei; alle übrigen Länder haben nicht

einen Pfennig gefandt. 4. Der Generalrat ift daher nicht einmal imftande. die Mitgliedsmarken anfertigen zu laffen. 5. Der Generalrat ift ferner aus den vorftehenden Gründen außerftande. ordentliche Berichte zu geben. 6. Es wird durch die Vertagung einesteils wirkliche. teils eingebildete Gefahr für einen großen Teil der euro

päifchen Parteig'enoffen befeitigt. die fich in den meiften Fällen nicht getrauen. in direkte Verbindung mit dem Generalrat zu treten. 7. Bei den zunehmenden Verfolgungen und Bedrückun gen unferer europäifchen Mitarbeiter läßt fich vorausfehen. daß vielfach geheime Organifationen entftehen werden und diefen ift der Generalrat nicht gewachfen vermöge feines Mangels an Orts- und Perfonenkenntnis ete.. die kein

einzelner erfeßen kann.

Die daraus erwachfenen Gefahren

kann der Generalrat nicht übernehmen oder verantworten.

Man denke an Heddegham in Paris. 331

-- Die Organifation liegt fehr/im“ Argen und' es erfiheint faft als eine Anmaßung. als Haupt der Bewegnng aofzu-f treten. während niemand hinter uns fteht. . .- l . Wir .durfen übrigens damit zufrieden feinx-.daß die Idee der Internationalen Arbeiter-Affociation in; alle Arbeiter kreife der zivilifierten Welt gedrungen--ift.-jwennfie. auch oft verfchleiert und-.umwölkt erfcheint.. .Geben wir ,der Idee ein..Weilchen Spielraunx :zur Entfaltung. ,Klärung -und

Ausbreitung. xmd: das Rrxbtigetvird fich .findenunduBahn brechen.auch in der Organifgtion. t-.Und-.e.s ifti uns-doch unbenommen. -in unferen Kreife-n und- durch unfere. Prefje felbft zu einer Reorganifation oder einem Neubau .beizutragen undinitzuwirken.“ ---* -

. K, Cärl. -der als Nichtmit'glied den Verhandlungen des Gen'eralrats'beiwohnte. wandte fich heftig gegen den Sorge'z fchen Antrag. weil mit deffen Anna me dem Generalfekretär alleMächt indie Hand gegeben wet. e-. der allein :die Leitung derAffo'ciation fortführe.“ Es würde- Verrat an der'''Arbeiter fache fein. diefem Antrag zuzuftimmenx -' ' i - -' "' ..''

k Auch' einzelne MitgliederdeslGeneralrats'- wandten- fich gegen "den Antrag. - "worauf Sorge feine ..Entlaffung.. 'als Generalfekretär und Mitglied' des Generalrats einreichte; 'x

- : Auch "C. Speher erklärte.'daß"er austreten'tver'de' und daß Carl. der gerne Generalfekretär werden wolle. jeßt feinen' Willen haben könne. -Die Entfcheidung -in der Sache wurde indeß verfchoben. - '-'- '- ' ' Der' Generalrat 'war jeßt -bollftändig desorganifiert. Sorge beftand auf feinem-Austritt und die Majorität des Generalrats ftand infoweit auf feiner Seite..daß fie minde ftens die Niederl-:gung feines Poftens als Generalfekretär billigte. um fo den Angriffen und Intrigu'en ein Ende zu machen. die man gegenihn richtete. .Die xMajorität des Generalrats hatte ebenfalls die Abficht. auszutreten. tat es dann aber dochnicht- Der anderenSeite gab natürlich der Antrag Sorges und die Niederlegung feines Amtes weiteren Stoff zur Verdächtigung. Man warf ihm vor. daß er fich ..autokratifch' benommen habe. daß er ..Alleinherrfcher“. fein wolle." und -daß er feinen Antrag eingebracht habe. Juni. iinumfchränkt als Generalfekretär verfügen zu können. 7 Erft am 2-5. September kam die Refignation Sorgesals Generalfekretär zur Erledigung. indem dann Carl Speher 332

an feine Stelle gewählt wurde. Von diefem Augenblickan war die Internationale Arbeiter-Affociation noch -mehr als bisher eine rein amerikanifche Angelegenheit. Die Verbin dungen mit dem Auslande hörten nahezu ganz auf. Soweit fie noch beftanden. waren fie rein perfönlicher Natur.

' 2. Ende der ..Arbeiterzeitung.t und'der'Sektion 1. ' Die Vorgänge im Generalrat hatten die Gegenfäße zwifchen den beiden Richtungen. die mit den Namen Sorge und Carl verknüpft waren. auf die Spiße getrieben. An-ein Zufammenarbeiten war nicht mehr zu denken. Die ..Arbei terzeitung“. die vollftändig in Händen Carls und der Sek tion 1 war. ging jeßt von verfteckten zu offenen Angriffen gegen den Generalrat und den bisherigen Generalfekretär über. Sorge. der Mitglied der Kontrollkouuniffion der Zeitung war. fich innerhalb diefer Behörde aber in der Minorität befand. lehnte es ab. unter folchen Umftänden die Verantwortlichkeit für den Inhalt des Blattes zu tragen und gab feine Entlaffung. Am 27. September fand eine' gemeinfame Sißung der Sektionen 1 und 4. New York. ftatt. um diefen Fall zu erledigen. Von Seiten' Carls und Boltesfuchte man die Befprechung der Refignation Sorges zu hintertreiben. doch blieben fie in der Minorität und die Verfammlung befchloß. die Gründe der Sorge'fchen Refig nation anzuhören. --Sorge erläuterte dann feine Stellung zur ..Arbeiter zeitung“ und erklärte zum Schluß: ..Ich befinde mich nicht im Einklang mit der Leitung und Redaktion der ..Arbeiter zeitung“ und kann daher auch die Verantwortlichkeit nicht länger tragen.“ Die gemeinfchaftliche Verfammlung der beiden Sektionen befchloß hierauf. Sorges Refignation nich anzunehmen. Unmittelbar nach diefer Verfammlung hielt Sektion 1 -eine gefchloffene Sißung und berief eine außerordentlihe Generalverfammlnng auf Mittwoch. den 30. September. Auf Carls Antrag wurde dem einzigen. Carl günftig' geftimmten Mitgliede des Verwaltungsrats der Zeitung. F. Bolte. von der Sektion 1 eine Leibwache von zehn Mann beigegeben. um ihn gegen den Verwaltungsrat und die Kontrollkommiffion mit Gewalt zu 'fchüßen. Carl hatte 333

außerdem hinter dem Rücken des Verwaltungsratsdas

neue Lokal der ..Arbeiterzeitung“ auf feinen eigenen Namen gemietet. und als der Verwaltungsrat und die Kontrollkommiffion der ..Arbeiterzeitung“ am 1. Oktober im Zeitungslokal Sißung abhalten wollten. fanden fie den Eingang mit Poften von der Sektion 1 befeßt. Die ..Arbei terzeitung“. das Eigentum und Organ der Partei und Föderation. war alfo gewaltfam in den Befiß der Sektion 1 übergegangen.

Daß alles vorher geplant war. geht aus

der Tatfache hervor. daß Carl fchon vor der gemeinfchaft lichen Sißung das neue Lokal der ..Arbeiterzeitung'“ unter feinem. Carls. Namen gemietet und fich damit polizeilichen Schuß gefichert hatte. ' Der Generalrat fufpendierte/darauf - am 2. Oktober -

die Sektion 1. New York. von der Internationalen Arbeiter Affociation und fcljloß gleichzeitig Carl. Bolte und das Generalratsmitglied Praitfching aus der Internationale

aus. Die Sufpenfion der Sektion erfolgte wegen der gewaltfamen Aneignung der Zeitung feitens der Sektion. während der Ausfchluß der genannten Perfonen eine Folge war eines Vertrauensbruchs. den diefe fich hatten zu fchulden kommen laffen.

Sie hatten nämlich in öffentlichen Ver

fammlungen Mitteilung gemacht aus den Verhandlungen des Generalrats. die nach Anfimt des Generalrats hätten geheim gehalten werden follen. Andererfeits wurden F. A. Sorge und C. Speher von der Sektion 1 ausgefchloffen. Gegenüber dem Gewaltftreich der Sektion 1 wandte fim

der Generalrat an die Gerichte und ließ am 3. Oktober durch den Verwaltungsrat .das Material der ..Arbeiter zeitung“ gerichtlich befchlagnahmen.

Sektion 1 ließ darauf

einige ..Notblätter“ erfcheinen. die voller perfönlicher Angriffe gegen Sorge waren und ihn befonders als Freund Oberwinders und als ..Kopfarbeiter“ mit bürgerlichen Neigungen anzufchwärzen fuchten. Aus den ..Notblättern“ entwickelte fich die ..Neue Arbeiterzeitung“. die mit großen Opfern von Sektion 1 bis zum 13. März 1875 aufrecht erhalten wurde. ohne daß fie auf die Bewegung im Lande Einfluß erlangte. Die Prozeffe um das Material der ..Arbeiterzeitung“ zogen fich lange hin und berfchlangen beiderfeits bedeutende Mittel. Im Laufe des Streites zwifchen Generalrat und Sek tion 1 trat auch der Kommuniften-Klub noch einmal wieder 634

hervor. Diefer hatte f. Z. dem A. D. A. V. (Sektion 1) feine wertvolle Bibliothek zur Verfügung geftellt. Um die felbe zurückzuerhalten. traten einige der alten Mitglieder des Klubs im Herbfte 1874 zufammen und reorganifierten die alte Organifation. die denn'auch die Bibliothek zurück erhielt. Es ging dann rafch abwärts mit der früher fo einfluß reichen Arbeiterorganifation der erften Sektion. die ihren ganzen Einfluß verlor. Von den bekannten Mitgliedern. deren Namen mehr oder weniger mit der New Yorker Arbeiterbewegung verbunden waren. wie Straßer. Homrich haufen. Schlag. Carl. Bolte. Bertrand. Starke. Sorge. Speher u. a.. befanden fich nur noch Carl. Bolte und Starke

in der Organifation.

Troß allen Bemühens glückte es nicht.

ihren Einfluß wieder zu heben.

Verbitterung gegen alles.

was man bisher hochgehalten. war die Folge. Man fchimpfte auf die neugegründete Sozialdemokratifche Partei. die man

..Sozialpolitiker“ nannte. und auf ..die Herren von der Internationalen Affociation“. Man überwarf fich mit der fozialiftifchen Bewegung in Deutfchland. die man als eine ..phantaftifche Partei“ bezeichnete. weil Bebel fich für das Frauenftimmrecht erklärt hatte. Es wurde in der Sißung des Vereins erklärt. daß radikale Befchlüffe in Arbeiterver fammlungen dazu- angetan feien. dem Bürgertum Schrecken einzujagen und der Regierung Grund zur Stärkung ihrer militärifhen Macht zu geben; ..Die unnüße Oppofition gegen die Regierung follte aufgegeben und die Agitation auf den ökonomifchen Boden verlegt werden. fowohl in Amerika als in Europa.“ eine Anficht. die Carls Zuftim mung fand. Auch den Vereinigungsbeftrebungen der ver fchiedenen fozialiftifchen Richtungen zu Anfang 1876 wurde mit Mißtrauen begegnet. Im Februar 1876 wurde noch einmal ein Verfuch gemacht. den Verein zu reorganifieren. z. T. wohl mit Rückficht auf die immer drohendere Lage der Prozeffe. die noch fchwebten. Man verfuchte. neben dem Allgemeinen Deutfchen Arbeiterverein eine Arbeiterorganifation zu gründen. die unter deffen Leitung ftehen follte. Beiträge follten nicht gezahlt werden. man wollte durch freiwillige ii 8 5

Gaben die Unkoft'en aufbringen. Auch diefer Verfuch. den einftmals fo einflußreichen Verein zu neuem Leben zu erwecken. fchlug fehl. und am 18. Iuli 1876 hielt der ...Allgemeine Deutfche Arbeiterverein“ feine leßte Sißung ab.

3. Weitere Gegenfätzel In New York' hatten die Streitigkeiten zwifchen dem Generalrat und der Sektion 1- zur Folge. daß dem erfteren keinerlei -Zeitungen am Orte mehr zur Verfügung ftanden und fein Einfluß in der Stadt . felbft nahezu aufgehoben wurde. Von --Sektionen der Internationale beftand nur Sektion4. die fchwach an Mitgliedern und wenig tätig war. A. Henningers Siß im Generalrat wurde. da.diefer den

Sißnngen nicht mehr beiwohnte. als erledigt erklärt und für ihn und für den ausgeftoßenen Praitfching C. Bading und C. Rambach in den Generalrat gewählt. ' 'In Philadelphia und'Cineinnati führten- die Vorgänge in New York ebenfalls zu Streitereien "in 'den -dortigen Sektionen urid zu Gegenfäßen mitdem Generalrat. ' Gegenüber der allgemeinen Schwähung'der Föderation zeigten fich außerhalb New Yorks einzelne Zeichen der Gefundung. In" Chicago wurde am 15. Auguft aus der Sektion 1 der dortigen Arbeiterpartei von Illinois heraus eine Sektion der Internationale gegründet. die -die Num mer 5 erhielt und für die Folge nicht unbedeutenden Einfluß auf die lokale Bewegung erlangte. Eine neuezweiteSektion in Chicago folgte bald. Auch in Paterfon und in Milwau kee entftanden um diefe Zeit neue Sektionen. die -erftere franzöfifch. leßtere deutfch. Am wichtigften war aber wohl. daß um diefe Zeit die Internationalein dem induftriellen Neu-England feften Fuß faßte. Am 14. Oktober wurde die 'Gewerkfhaft der Fabrikarbeiter in Lawrence. Maffachufetts. mit 40 Mitgliedern als Sektion 1. Lawrence. aufgenommen. die. wie wir fehen werden. fich um weitere Verbindungen -in in jener Gegend Verdienfte-erwarb. In Chicago und San Francisco wurden Lokalkomitees der Föderation ins Leben gerufen. um die Agitation am Orte zu führen. An den ..Induftriellen Kongreß“. der um diefe Zeit in Rochefter ftattfand. fchickte der Generalrat. eine Adreffe. in der er die Ideen der Internationale vertrat. 336

Von wichtigeren Schritten des Generalrats aus diefer Zeit ift nur deffen Eingreifen in die kontraktliche Importie- ' rung europäifcher Arbeiter für verfchiedene Kohlendiftrikte zu nennen. Die Kohlenbarone von Süd-Illinois impor tierten damals fchwedifche Arbeiter für ihre Minen. Die Sektion in St. Louis lenkte die Aufmerkfamkeit des Gene ralrats auf diefen Umftand und diefer. der keine direkten Verbindungen mit Schweden hatte. fchickte durch den Partei ausfchuß der deutfchen fozialdemokratifchen Partei in Ham burg Warnung nach Schweden. Als das unglückfelige Iahr 1874 mit feinen inneren Streitigkeiten für die Internationale zu Ende ging. beftand die amerikanifche Föderation nur noch aus 13 Sektionen. von denen zehn deutfch waren. Von Sektionen anderer Nationalitäten beftanden nur noch zwei jranzöfifche (Pater fon und San Francisco) und eine englifche in San Fran cisco. In New York war auch die leßte. die vierte Sektion eingegangen. Die zehn deutfchen Sektionen verteilten fich auf San Francisco. Philadelphia. St. Louis. Cincinnati. Baltimore. Chicago (drei). Hoboken und Lawrence. Mit der dritten Sektion in Chicago hatte der Generalrat den Verkehr abgebrochen. weil diefe den Verpflichtungen nicht Liatmkam. die der -Kongreß in Philadelphia ihr auferlegt ja te.

'

Das Iahr 187 5 konnte eine erhebliche Befferung der Lage der Föderation nicht bringen. Die Arbeiterklaffe litt unge heuer unter der herrfchenden Krife. Die Gewerkfchafts bewegung ging rapide herab und Lohnherabfeßung und Arbeitszeitverlängerung waren in ganz Amerika an der Tagesordnung. Ueberall herrfchte Arbeitslofigkeit. Elend und Entmutigung und in der Stadt New York allein befan den fim 70.000 Arbeitslofe. Dazu kam der Gegenfaß der verfchiedenen Richtungen in der politifchen Arbeiterbewegung. der Internationale der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei. der Arbeiterpartei von Illinois. wozu in einer ganzen Reihe von Ortfchaften noch ..Sozialpolilifche Vereine“ hinzukamen. die keiner der nationalen Richtungen angehörten. Daß unter diefen Umftänden die Föderation keine großen Fortfchritte machen konnte. liegt auf der Hand. befondersaumdeshalb nicht. weil im erften Halbjahr die Streitereien 337

in New York noch nachwirkten und die Sektionen ihrer eigentlichen Aufgabe entzogen wurden. Es traten denn auch im Iahre 1875 nur zwei neue Sektionen der Föderation bei. eine in Camden und eine zweite in Milwaukee. Diefe leßtere gab. unter Redaktion von I-. Brucker. im Februar diefes Iahres ein alle z'wei Wochen erfcheinendes Flugblatt. betitelt..Die'Blißftrahlen“. heraus. das indeß eine weitere Bedeutung nicht hatte. Von einer Tätigkeit des fungierenden Föderalrats nach außen hin konnte unter den herrfchenden Umftänden natür lich auch nicht die Rede fein. Man feßte fich mit euro väifchen Vertrauensmännern und befonders dem Ausfchuß der deutfchen Partei über die Abhaltung eines allgemeinen Kongreffes für das Iahr 1875 in Verbindung. wie ein folcher auf dem leßten Kongreß in Genf befchloffen war. und erhielt von dort Nachricht. daß man in Deutfchland gegen die Abhaltung eines folchen Kongreffes für das laufende Iahr fei. -Daraufhin befchloß der Generalrat am 2. Auguft

1875. bekannt zu geben. daß in diefem Iahre von einem allgemeinen Kongreffe abgefehen werde. Die Verbindungen des Generalrats mit Europa wurden um diefe Zeit aufrecht erhalten durch den ..Volksftaat“ in Leipzig. den ..Neuen Sozialdemokrat“ in Berlin und den Parteivorftand in Ham burg. ferner durch die ..Gleichheit“ in Wien und durch eine internationale Sektion in Zürich. Außerdem wurdenper fönliche Beziehungen aufrecht erhalten mit Schäfer in Paris. I. Ph. Becker in Genf. dem man die Druckfchriften für Italien zur Vermittlung zuftellte. und durch Friedrich Engels. der für Spanien und Frankreich gewiffe perfönliche Verbindungen aufrecht erhielt. Auch Farkas in Budapcft vermittelte den Verkehr mit Ungarn und Oefterreich. Ein ..Zentral-Komitee“ in Genf erhob Proteft gegen den Befchluß des Generalrats. den allgemeinen Kongreß nicht abzuhalten und verlangte. daß derfelbe nach Zürich einbe rufen werde. Auch der Londoner Arbeiter-Bildungsverein wandte fich durch Heinrich Scheu mit verfchiedenen Befchwer den an den Generalrat. In einem Rundfchreiben an die Sektionen in Amerika forderte der Generalrat diefe auf. Proteftverfammlungen gegen die Behandlung der franzöfifchen Kommune-Gefange nen in Neu-Kaledonien durch die Regierung

abzuhalten.

Der Aufforderung wurde in verfchicdencn Orten entfprochen 338

und gleichzeitig Sammlungen für jene Gefangenen ver anftaltet. Als Publikationsorgan für die Befchlüffe und Sißungs berichte wurde während diefer Zeit der ..Vorbote“ in Chicago verwandt. Schon Ende 1875 und dann zu Anfang des Iahres 1876 machte fih ein nicht unbedeutender Fortfchritt in der Föde ration bemerkbar. Nicht nur die Zahl der Sektionen mehrte fich. fondern auch ihre Mitgliederzahl und Aktivität wuchs. Im Februar 1876 konnte der Generalfekretär fchreiben: ..Die Internationale Arbeiter-Affociation in Amerika zeigt überall Zunahme. Die Föderation fcheint einer neuen Aera entgegen zu gehen.“ Man fchickte O. Röpcke und I.

McDonnell als Agitatoren nach den

Neu-England

Staaten. die in Manchefter. N. H.. und in Providence unter den Webern neue Verbindungen fchufen. Im mittleren Weften waren im Frühjahr L. Thorsmark. Chicago.--unter den Skandinaviern und F. Hruza. Cincinnati. unter den Böhmen agitatorifch tätig. Neue Sektionen entftanden in New York. Pittsburgh. Milwaukee (Frauen-Sektion). Grand Rapids.- Manchefter. N. H.. und in New Orleans. Sektion 1 in Milwaukee gab Mitte 1875 unter der Redaktion von I. Brucker. E. Bruck und G. Lhfer ein Tageblatt. den ..Sozialift“. heraus. ..Der geringen .Entwicklung der Induftrie in Milwaukee entfprechend.“ fo bemerkte der Generalrat in feinem Berichte. ..trägt die lokale Bewegung dort vielfach einen kleinbürgerlichen Charakter/'f Die Mitglieder des Generalrats um diefe Zeit waren C. Bading. Schneider; E. Huß. Schreiner; C." Rambach. Schuhmacher; O. Röpcke. Kappenmacher; F. A. Sorge. Lehrer; C. Speher. Schreiner. und C. Voß. Schreinen- . Im Februar 1876 befchloß die Föderation durch Urabe ftimmung. den nächften Föderationskongreß nach Phila delphia zu berufen. und im Iuni veranftaltete der General-, rat in Verbindung mit der Kontrollkommiffion der Sozial Demokratifchen Arbeiterpartei einen gemeinfamen Empfang" der franzöfifchen Arbeiterdelegaten. die die Weltaus ftellung in Philadelphia befuchten. Es herrfchte um diefe Zeit neues Leben in der -Föderation und die Mitgliederzahl verdoppelte fich. . . 339

4.- Einigungsbeftrebnngen. Die Streitigkeiten unter den Sektionen der Internationale

in NewYork hatten Streitereien und Gegenfäße in den Sektionen anderer Städte des Landes zur naturgemäßen Folge. In Cincinnati. Baltimore. Philadelphia und Chicago kam es zu direkten Spaltungen unter der Mit gliedfchaft der Affociation. Neben der Internationale. der Arbeiterpartei von Illinois und der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei bildeten fich in mehreren Orten noch ver fchiedene lokale Organifationen fozialiftifchen Charakters. die fich unabhängig von den größeren Parteiorganifationen hielten. Die Zerfplitterung war allgemein. die Agitation lahmgelegt und es war deshalb nur eine natürliche Erfchei nung. wenn der Ruf nach Vereinigung laut wurde und überall gleichzeitig ertönte. Im Dezember 1874 ftellte Sektion 5 der Internationalen Arbeiter-Affociation in Chicago beim Föderalrat den An trag. daß innerhalb vier Monaten ein Kongreß zur Schlichtung der in der Föderation ausgebrochenen Streitig keiten einberufen werde. Der Generalrat erklärte fich gegen diefen Antrag. Die Sektion 1. New York. habe zunächji nicht Berufung gegen ihren Ausfchluß eingelegt und die Sektionen feien faft ausnahmslos außerftande. einen Kon greß zu befchicken. ' Gleichzeitig aber erklärte der Föderalrat. daß er bereit fei. einen Kongreß zu unterftüßen. wenn derfelbe eine Ver ftändigung oder Vereinigung der fozialiftifchen Elemente ld)iefes>Landes. felbftverftändlich auf gefunder Grundlage. ezwe e. Der Antrag der Chicagoer Sektion kam in der Föderation zur Urabftimmung. deren Refultat war. daß fich zwei Sek tionen für. zwei gegen ihn erklärten. Acht Sektionen fprachen fich für einen Kongreß aus. der die Vereinigung aller fozialiftifchen Gruppen des Landes bezwecke. wollten fich indeß nicht die Koften und Mühen eines Kongreffes auf erlegen. um bloß die Streitigkeiten innerhalb der Föderation zu verhandeln. Fünf Sektionen enthielten fich der Ab ftimmung. . . Faft gleichzeitig kam die Vereinigungsfrage auch im Zentralkomite der Arbeiterpartei von Illinois zur Sprache. 340

das fich im Februar deshalb mit dem Föderalrat in Verbin dung feßte. Der Föderalrat fchlug vor. daß die Arbeiter partei von Illinois der Internationalen formell beitrete. wodurch die fozialdemokratifche Arbeiterpartei gewiffermaßen gezwungen werde. ebenfalls Anfchluß zu f'uchen. - Das Zentralkomitee der Arbeiterpartei von Illinois ging vor läufig nicht auf diefen Vorfchlag ein. obgleich die Partei das Statut der Internationale unterdeß beinahe wörtlich in'ihr Programm aufgenommen hatte. prinzipielle Schwierigkeiten alfo kaum noch im Wege ftanden. 'Im April erklärte der Föderalrat in feinem Viertel jahresbericht: ..Die Vereinigung ift zur Notwendigkeit geworden. Im Iuni hob eine Urabftimmung der Föderation den Befchluß des Kongreffes in Philadelphia wegen Sufpen dierung verfchiedener Sektionen auf. Diefer Befchluß war. nötig. um die Gegenfäße aus dem Wege zu fchaffen. die befonders in New York beftanden. wo fich die in Frage kommenden ausgefchloffenen Sektionen befanden. die jeßt Teil der Sozialdemokratifchen Arbeiter - Partei 1 e en.“

In Chicago tagte am 11. Iuli eine gemeinfame Ver' fammlung der Internationalen mit der dortigen Arbeiter partei. auf der die Vereinigungsfrage zur Verhandlung kam. Es wurde ein Befchluß gefaßt. der fich für die Ver einigung aller fozialiftifchen Arbeitergruppen desLandes ausfprach. Ein Komitee von acht Mann wurdebeauftragt. durch Ausarbeitung der nötigen Vorfchläge der Vereinigung eine Grundlage zu geben. Auch wurde befchloffen. fich mit den fozialiftifchen Gruppen anderer Städte in.-Verbindung zufeßen und eine Debatte der gemachten Vorfhläge in der Parteipreffe zu- veranlaffen. - - . - -

Schon am 13. Iuli erließ diefes Vereinig'üiigskomitee einen Aufruf an dieSozialiften des Landes. “in welchem es zur'Ver'einigung und zur Gründung einer neuen. einheit? lichen fozialiftifchen Arbeiterorganifation Amerikas au'f-'

forderte.'

,W

.

Als? Grundlage für das Programm der neu zu fchaffen den-Partei empfahl -das Komitee die Einleitung zu den Generalftatuten der Internationalen Arbeiter-Affociation. foweit fie für amerikanifche Verhältniffepaffend. und/die 341

verfchiedenen

prinzipiellen Befchlüffe der Kongreffe der

Affociation. Dagegen erklärte es den Namen der neu zu fchaffenden Organifation als Nebenfache. Auch in der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei war unterdeß der Ruf nach Einigung immer lauter geworden und der Kongreß in Philadelphia im Iuli 1875 hatte befchloffen. die Vereinigung anzubahnen und der neu zu erwählenden Exekutive die Angelegenheit in die Hand zu geben. Der Kongreß hatte aber unterlaffen. fich über die prinzipielle Grundlage der Vereinigung auszufprechen. wasf,zt Verzögerungen in den Verhandlungen herbeiführen mu e. Im Auguft erließ der Föderalrat ein Rundfchreiben an alle Sektionen der Affociation. in welchem der bisherige Verlauf und der Stand der Vereinigungsbeftrebungen dar gelegt wurden. Der Föderalrat erklärte. daß er vom Kon greß der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei beftimmte Eröffnungen auf feine früheren Vorfchläge betreffs der Vereinigung erwartet und daß er fich darauf vorbereitet habe. indem er nicht nur die Aufhebung gewiffer hinderliher Befchlüffe des leßten Föderationskongreffes beantragte. fon dernauch die beantragte Verlegung des Föderationsrats. dem man Voreingenommenheit in der Sache zum Vorwurf machte. warm unterftüßte. um diefen Stein des Anftoßesaus dem Wege zu räumen. Die prinzipiellen Grundlagen der Vereinigung. fo führte

das erwähnte Rundfchreiben aus. dürften nach den Vor fchlägen des Vereinigungskomitees in Chicago kaum Schwierigkeiten machen. anders aber der Name. Der Föde ralrat erklärte. auf dem Namen ..Internationale Arbeiter Affociation“ beftehen zu müffen.

Er forderte die anderen

beiden Richtungen auf. einfach in die-Nordamerikanifche Föderation der- Internationalen Arbeiter-Affociation einzu treten und erfuchte die Sektionen. nach diefer Richtungf'zu wirken. Als Gründe für die Beibehaltung des Namens führte der Föderalrat an. daß es keinen paffenderen gebe und daß es Ehrenfache gegenüber den europäifchen Genoffen fei. ihn aufrecht zu erhalten. In Bezug auf die Partei organe-

die Agitationsweife.

die lokalen Organifationen.

die Föderationsbehörde und deren Siß erklärte fich der Föderalrat zu Zngeftändniffen bereit.

342

So fehr der Föderalrat nun auch geneigt war. eine -Ver einigung anzubahnen. fo wenig war er gewillt. deshalb Disziplinlofigkeit und Abbröckelung zu dulden. Die Sektionen 1 und 2 in Philadelphia und 1 in Cam den. die auf eigene Fauft Verhandlungen über die Vereini gung mit der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei begonnen hatten. wurden im Oktober aus der Internationale aus gefchloffen. ..weil fie fich ihres Charakters als Mitglieder der

Internationalen Arbeiter-Affociation nicht mehr bewußt find“ und weil fie ..ihre Kräfte in nie endenden Streitig keiten erfchöpften und nicht agitierten.“ . Das Rundfchreiben des Föderalrats führte zu. Ausein anderfeßungen in der Parteipreffe zwifchen der Exekutive der Sozialdemokratifchen Partei und dem Föderalrat. Am 12. Auguft befchloß die Exekutive der Partei. daß. wenn die Föderation der Internationalen Arbeiter-Affocia tion von Nordamerika die Vorfchläge des Generalrats und die Einigungsfrage aufrecht erhalte. man fich die Mühe fparen könne. die Sache weiter zu betreiben.

Die Exeku

tive erklärte fich gegen den Namen ..Internationale Arbei ter-Affociation“.

..weil

die

Arbeiterparteien

überall

n atio n a l organifiert find.“ Es wurde dann ein gemein fam ernanntes Komitee befürwortet. das die Bafis für einen Vereinigungskongreß fchaffen folle. Andererfeits aber war das Rundfchreiben des Föderalrats die Veranlaffnng. daß man in New York zu tatfächlichen Verhandlungen über die Vereinigung zufammenkam. Die Anregung hierzu ging vom Organifationskomitee der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei aus. Am 16. September fandte McGregor. der Sekretär diefes Komitees. eine Einladung an die verfchiedenen fozialiftifchen Vereinigungen von New York und Umgegend. Delegaten in eine Verfammlung zu fenden. die am 1. Oktober zufammen treten folle. um eine Ausfprache über die Möglichkeit -einer Vereinigung herbeizuführen. Die Konferenz-trat am 1. Oktober zufammen. Für die Mitgliedfchaften der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei waren Straßer. McGregor. G. Speher und Hanfon anwe- fend. Die “Uniteci Worker-o of Wort11 Klum-joa" hatten MeDonnell nnd Kronberg gefandt. Sektion 4. New York. fchickte Leib und Bertrand. Für Sektion 1. Hoboken. 343

erfchienen F. A. Sorge und Leiß. Für die -P'lluiou traneaiee" Hubert. für die franzöfifche Sektion der Jnter nationale Sauva. Die beiden leßtgenannten Delegaten kamen ohne Auftrag ihrer Körperfchaften. beide waren auch in den fpäteren Sißungen der Konferenz nicht mehr anwefend. . Die Verhandlungen. die fich über fechs Sißungen aus dehnten. ergaben den einftimmigen Wunfch nach Vereini gung aller fozialiftifchen Gruppen. ohne daß fie indeß die Einigungsbeftrebungen vorwärts brachten. Man erklärte fich für eine Vereinigung auf internationaler Grundlage. weigerte fich aber.

einem Antrage zuzuftimmen.

daß die

Sozialdemokratifche Arbeiterpartei als eigene Föderation in die Internationale Arbeiter-Affociation eintrete. Die Delegaten der “[lnjwcl Wirken" fchlugen vor. der Vereini gung den Namen “[luitecl Not-kere" zu geben. diefelbe aber ' als Körperfchaft .der Internationalen Arbeiter-Affociation anzugliedern und Berichte und Beiträge dem Generalrat einzufenden. Die Delegaten der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei erklärten. daß fie beauftragt feien. für den Namen “[lnjtec] Worte-3xo" zu ftimmen. daß fich die Sozial demokratifche Arbeiterpartei aber weigere. der beftehenden Jnternationale beizutreten. Damit waren nach Auffaffung der Delegaten der Inter nationalen Arbeiter-Affociation die Einigungsverhand lungen vorläufig gefcheitert. Sie wollten nicht in die voll ftändige Auflöfung der Internationale einwilligen und die Verhandlungen wurden abgebrochen. .

5.

Allgemeine Arbeiter-Konvention in Pittsburg.

Die Vereinigung. die abfolut notwendig geworden war. weil die beftehende Zerfplitterung tatfächlich jede agitato rifche Tätigkeit lähmte. wurde zwar durch das Fehlfchlagen diefer Verhandlungen verfchoben. doch wurde ihr fchließliches Zuftandekommen nicht dadurch verhindert. Der unmittelbare Anlaß zur Vereinigung kam diesmal ' nicht von innen. fondern von außen. In Pittsburg erfchien die ..National Labor Tribune“. die den radikalen Flügel der amerikanifchen gewerkfchaft lichen Arbeiterbewegung vertrat. Iohn M. Davis. der 344

Redakteur diefes Blattes. verlangte in einem Briefe an H. Schlüter in Chicago ein Zufammentreffen der deutfchen und englifchen Arbeiter zur Bildung einer unabhängigen Arbeiterpartei. Schlüter brachte darauf aufs neue Davis mit dem Föderalrat der Internationalen Arbeiter-Affocia tion in Verbindung. nachdem diefer fchon früher den Föde ralrat aufgefordert hatte. die Konventionen der Gewerk fchaften. befonders auch der Eifen- und Stahlarbeiter. durch einen Delegaten zu befchicken. was wohl nur durch Mangel an Mitteln unterblieb. Als nun in der ..National Labor Tribune“ wieder eine Arbeiterkonvention auf den -28. Dezember 1875 nach Throne in Pennfhlvanien + hinter der eine geheime Organifation. die “Junior 8011o of 1875" ftand - einberufen wurde. und als Davis am 19. Dezember den Föderalrat aufgefordert hatte. einen Delega ten zu fchicken. erklärte fich der Föderalrat bereit. doch wurde -der erwählte Delegat vom Befuch der Konvention abgehal ten und der Föderalrat begnügte fich mit der Zufendung -einer Denkfchrift an die erwähnte Konvention. in welcher die Grufndfäße .der Internationalen Arbeiter-Affociation betont wur en. . ' Gleichzeitig war auch die Exekutive der Sozialdemokra tifchen Arbeiterpartei zur Befchicknng der Konvention von Throne aufgefordert worden und diefe erwählte McGuire zum Delegaten. der auch den Verhandlungen beiwohnte und tätigen Anteil an denfelben nahm. Die Konvention hatte einen äußerft konfervativen Charak ter und es wurden nur politifche Forderungen aufgeftellt. Sowohl McGuire. als auch Davis. der u. a. für die Ab fchaffung der Lohnarbeit eintrat. blieben mit ihren fozialen Forderungen in verfchwindender Minorität. Sie wurden überhaupt von den Delegaten der Konvention nicht verftan den. die fich gar keine Idee von der ..Abfchaffung der Lohn arbeit“ machen konnten. Einer von ihnen rief aus: ..Wenn die Prinzipien diefer Wartet (der Sozialiften) zur Ausfüh rung kommen follten. dann haben wir den größten Defpotis mus. Wir haben dann nicht mehr das Recht. einen Arbei ter zu mieten.“ Der Grund für diefe Verftändnislofigkeit lag anf der Hand. Es waren nicht Arbeiter. die dort in Throne verfammclt warein fondern großenteils Farmer. kleine Holzhändler und Flößer. kurz Leute. 'die Klcinbürger und Kleinbanern waren. aber nicht Lohnarbeiter. 345

Diefe Konvention in Throne nun faßte den Befchluß. auf den 17. April 1876 einen Arbeiterkongreß nach Pittsburg zu berufen und auch die verfchiedenen fozialiftifchen .Rich tungen wurden dazu eingeladen. ' Während die Leitung der Sozialdemokratifchen Arbeiter Partei fich enthufiaftifch für diefe Arbeiterkonvention erklärte. die fie einen ..Einigungskongreß“ nannte. verhielt fich die Leitung der Internationalen der Sache recht kühl gegenüber. In einem Briefe. den der Generalrat am 13. März 1876 an das Zentralkomitee der Arbeiterpartei von Illinois fandte. fprach er fich über die Angelegenheit aus. Der Brief fchilderte den Charakter der Verfammlung. die die Arbeiterkonvention nach Pittsburg berufen hatte. und fuhr dann fort: ..D i e f e Konvention hat den ..Arbeiter“ Kongreß auf den 17. April nach Pittsburg berufen und die Sozialdemokratifche Arbeiterpartei. hat fim veranlaßt gefehen. ihren eigenen Kongreß zu gleicher Zeit an denfel ben Ort zu berufen. fich für die Befchickung des erfteren zu begeiftern und ihn ..Einigungskongreß“ zu nennen. mit welchem Rechte. wiffen wir nicht. Es ift geradezu abfurd. anzunehmen. daß die Leute von Throne fich im Handum drehen verwandeln. in dem kurzen Zeitraum von Neujahr bis Oftern ihre ganze Sinnes- und Denkungsart ändern und plößlich aus radikal angehauchten Kleinbürgern klaffenbewußte Lohnarbeiter werden. Von einer Einigung mit den gefchilderten Elementen kann doch wohl keine Rede fein und könnte höchftens eine Verftändigung über einzelne praktifche Punkte angebahnt werden. obwohl auch diefem wahrfcheinlich ein großes Hindernis im Wege fteht'- die bevorftehende Präfidentenwahl l “ Das Zentralkomitee der Arbeiterpartei von Illinois ward dann weiter erfucht. .wie die Internationale einen

Delegaten nach Pittsburg zu fenden. ..welcher unfere An fichten dort vertreten und die Vorgänge dort beobachten foll.“ Gleichzeitig ward in Anregung gebracht. daß man einen Vertreter der betreffenden drei fozialiftifchen Gruppen beauxtrage. in Pittsburg zufanmienzutreten. um Vorfchläge zur Förderung der Einigung zu machen. Als Grundlage für die zu fchaffende Vereinigung erklärte der Generalrat die fchon von der Arbeiterpartei von

Illinois angenomuiene Einleitung zu den Generalftatuten 346

der Internationalen Arbeiter-Affociation als die paffendfte. Ferner verlangte er. daß die Wichtigkeitder Gewerkfchafts bewegung betont werde. Der Generalrat beabfichtigte weiter. die Kongreßbefchlüffe über die politifche Tätigkeit. die 1874 in Philadelphia angenommen wurden. wieder vor

zufchlagen. Wörtlich fährt das Schreiben des Generalrats an das Zentralkomitee der Arbeiterpartei von Illinois dann fort: ..Die fchnellfte Löfung der Frage würde indeffen

erreicht werden. wenn die Illinois Arbeiterpartei fich fofort der Internationale anfchlöffe und dadurch einen fühlbaren Druck au andere Gruppen ete. ausübte. Wir glauben l'aum. da dies fhwer fallen dürfte. nachdem die Illinois Arbeiterpartei Programm und Statuten der Internationa len Arbeiter-Affociation faft buchftäblich angenommen hat.“ Das Zentralkomitee der Illinois Arbeiterpartei ging nicht auf den Vorfchlag ein. fich der Internationale anzu fchließen. doch fchickte man einen Delegaten nach Pittsburg. der dort mit den Delegaten der Internationale zufammen- wirkte. ' Die Allgemeine Arbeiterkonvention in Pittsburg tagte am 17. und 18. April 1876. Es-waren 106 Delegaten anwefend. unter denen fich 23 Sozialiften befanden. die ver fchiedene Gruppen repräfentierten. Den Vorfiß führte John M. Dairs und unter den Vize-Präfidenten befanden fich als Vertreter der Sozialiften A. Straßer aus New York und G. Lübkert aus Cincinnati. Einer der Schriftführer war Otto Wehdemeher. Als Vertreter der Internationalen verlas Wehdemeher ein Schriftftück. das die Forderungen enthielt. die der Föde ralrat an den Pittsburger Kongreß ftellte. In diefem Schriftftück wurde betont. daß der Kongreß in feiner Platform die fozialiftifche Forderung der Abfchaffung der Lohnarbeit aufnehmen müffe; auch fei die Solidarität und Zentralifation der Gewerkfchaften zu betonen und die Bildung eines Gewerkfchaftsverbandes anzuftreben.

Als

Bezeichnung der zu gründenden Arbeiterorganifation wurde der Name -'unnea Mariano" vorgefchlagen und gefordert.

daß eine tatfächliche Verbindung der etwa zuftande kommen den Partei mit den Arbeitern anderer Länder zu erftreben fei. Gleichzeitig wurde die Loslöf ung von allen bürgerlichen Parteien gefordert unter Anerkennung der Philadelphiaer 347

Kongreßbefchlüffe der Internationalen Arbeiter-Affociation über das politifche Verhalten der Arbeiter. Falls diefe Grundfäße von der zn gründenden Arbeiterpartei anerkannt würden. erklärte fich der fungierende Föderalrat bereit. das Seine zu tun. um die amerikanifche Föderation der Inter nationale in der neuen Partei aufgehen zu laffen.

Die Vorfchläge des fungierenden Föderalrats der Inter nationalen Arbeiter-Affociation fanden unter den Delegaten in Pittsburg. die nicht Sozialiften waren. nur geringes Verftändnis und hatten keine Ausficht auf Annahme. Von Seiten des kleinbürgerlichen Reformelements wurde eine Refolution eingebracht. die fich für unbefchränkte Papier geldaußgabe und für Schußzoll ausfprach. Diefe Refolution wurde mit 55 gegen 47 Stimmen angenommen. worauf die 23 fozialifiifchen Delegaten fich unter Proteft von der Ver fammlung znrückzogen. Die Allgemeine Arbeiterkonvention und die Gründung einer Allgemeinen Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten. die fie hätte ins Leben rufen follen. waren gefcheitert. 6. Der zweite Kongreß der Sozinldemokrntifchen Arbeiter Partei.

Schon vor Beginn der Verhandlungen der Allgemeinen Arbeiter-Konvention. am 16. April. war der Kongreß der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei. ebenfalls in Pittsburg.

zufammengetreten. Urfprünglich hatte man befchloffen. den Kongreß für 1876 in Detroit abzuhalten. Mit Rückficht auf die Allgemeine Arbeiter-Konvention. die in Verkennung der Sachlage von der Exekutive der Partei als ..Vereini gungskongreß“ bezeichnet wurde und von der man hoffte. daß fie eine ..zentraliftifche Arbeiterpartei von Nord Amerika“ fchaffen werde. war durch Urabftimmung der Siß des Kongreffes nach Pittsburg verlegt worden. Auf dem Kongreß der Sozialdemokratifchen Arbeiter Partei waren dreizehn Delegaten anwefend. die achtzehn Mandate hatten. Von bekannteren Mitgliedern waren Iohn Schäfer. P. I. McGuire und A. Straßer anwefend. Auch G. Lübkert war als Vertreter einer fozialiftifchen Gruppe in Cincinnati anwefend. doch wurde fein Mandat beanftandet.

Zoetil feine Mandanten fich der Partei noch nicht angefchloffen 'a ten.

348

Der Bericht der'Exekutive erläuterte die Tätigkeit der felben. ihre Konftituierung. Stellung zur Vereinigungs frage. Verlegung des Kongreffes nach Pittsburg und die Herausgabe eines englifchen Organs. “Rice Joanna". in New York. deffen erfte Nummer unterdeffen. am 15. April.

erfchienen war. Zur felben Zeit war auch Auguft Otto Walfter in New York eingetroffen. um die Redaktion des deutfchen Organs der Partei zu übernehmen. In Bezug auf Agitation war befonders die Tätigkeit MeGuire's her vorzuheben. der die Mittelftaaten bis Chicago bereifte und auch mehrere englifchfprechende Sektionen gründete. von denen indeß nur wenige längeren Beftand hatten. Seit dem Amtsaustritt der Exekutive in Philadelphia waren fünfzehn Mitgliedfchaften gegründet worden. und zwar acht deutfche und fieben englifche. Die Gefamtzahl der Mitgliedfchaften zur Zeit der Abfaffung des Berichts betrug 25. . Die Kontroll-Kommiffion berichtete. daß fie die Heraus gabe des englifchen Organs für verfrüht hielt und deshalb bei der Exekutive Einfpruch erhob. jedoch vergeblich. Diefer Proteft war um fo beachtenswerter. als der Siß der Kon troll-Kommiffion und der Ort des Erfcheinens des “8001a11o8' derfelbe war. .

Der Finanzbericht. der dem Kongreß unterbreitet wurde. zeigte vom 6. September 1875 bis Ende März 1876 eine Einnahme von 8680.50 und eine Ausgabe von 8498.55. Die “Verhandlungen des Kongreffes ftanden unter dem Einfluß der Einigungsbeftrebungen und diefe verdrängten denn auch alle fonftigen Fragen. fodaß außerdem wenig

Wichtiges zur Verhandlung kam. Man befchloß. das deutfche Organ. den ..Sozial-Demokrat“. in Zukunft ..Arbeiter Preffe“ zu nennen und dem englifchen “Zack-111er" den Namen “Labor lien-8" zu geben. ein Befchluß. der übrigens

in der Urabftimmung der Partei fpäter nicht beftätigt wurde. Von Wichtigkeit war im übrigen nur noch ein Pro teft. der fich gegen die Mitgliedfchaft in Detroit richtete. Hier waren die Parteigenoffen bei der vorhergehenden Wahl mit bürgerlichen Politikern zufammengegangen. um einer gefeßlichen Temperenzmaßregel entgegen zu wirken; Der Kongreß verurteilte in fcharfer Weife ein folches Bünd nis niit bürgerlichen Elementen. Nachdem am 16. April der Kongreß der Sozialdemo kratifchen Arbeiterpartei. am 17. und 18. die Allgemeine 349

7.

Die Pittsburger Einigungs'-Kouferenz.

Arbeiterkonvention gctagt hatten. trat am 19. April die Delegatenkonferenz der verfchiedenen fozialiftifchen Grup pen. ebenfalls in Pittsburg. zufammen. Es waren vertre ten: die Sozialdemokratifche Arbeiterpartei. die Arbeiter partei von Illinois. die ausgefchloffenen Sektionen der Internationalen Arbeiter-Partei. die Nordamerikanifche Föderation der Internationalen Arbeiter-Affociation und der unabhängige Arbeiterverein von Cincinnati. Die Föde ration der Internationalen Arbeiter-Affociation war durch Otto Wehdemeher und O. Röpcke vertreten. Für die Arbei terpartei von Illinois war C. Conzett. für den Arbeiter verein Cincinnati G. Lübkert erfchienen. Hierzu kam die Delegation der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei. Man hatte fta) im voraus darauf geeinigt. daß man eine nationale Organifation mit internationalem Prinzip und eine zentralifierte Organifation fchaffen wolle. Die Ver bindung mit den Arbeitern aller Länder follte durch eine Zentralagentur aufrecht erhalten werden. der man indeß keinerlei Machtbefugniffe übertragen wollte. Die Delegaten der Föderation der Internationalen Arbeiter-Affociation ftellten auch hier diefelben Forderungen auf. die fie fchon in der Allgemeinen Arbeiterkonvention aufgeftellt hatten. Man einigte fich auf den Namen ..Sozialiftifche Arbeiter partei der Vereinigten Staaten von Nordamerika.“

Als

Siß der Parteibehörde kamen Chicago. Philadelphia und Cincinnati in Betracht. Die geeinigte Partei - fo lautete der Vorfchlag - folle durch eine internationale b e ra tende Kommiffion eine tatfächliche Verbindung mit den Arbeiterparteien aller Länder unterhalten. Zum Zwecke der möglichft beften Einrichtung genannter Kommiffion habe fich die Leitung der Partei mit den Arbeiterparteibehörden anderer Länder ins Einvernehmen zu feßen. . Es wurde weiter befchloffen. die Befchlüffe und das ent worfene Programm durch die Parteipreffe bekannt zu machen und diskutieren zu laffen. Das Refultat diefer Diskuffion follte an ein Komitee. das zu dem Zwecke in Philadelphia zu fchaffen fei. bis fpäteftens Ende Iuni gefandt werden. Für diefes Komitee wurde je ein Mitglied der Internationalen Arbeiter-Affociation und ein Mitglied der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei vorgefehen. Die 350

endgültige Regelung der Vereinigung follte dann einem im Iuli abzuhaltenden Kongreffe überlaffen werden. Nur den Richtungen. die auf der Pittsburger Konferenz vertreten waren. wurde das Recht der Vertretung auf dem Einigungs kongreß zugeftanden und zwar für je 500 gutftehende Mit glieder ein weiterer Delegat. Der Tag des Zufammentritts des Einigungskongreffes wurde dem zu ernennenden Ko mitee in Philadelphia überlaffen. Damit waren die Vorarbeiten für die zu vollziehende Vereinigung aller fozialiftifchen Gruppen des Landes in der Hauptfache vollzogen. Der Kongreß der Sozialdemokrati fchen Arbeiterpartei trat am nächften Tage noch einmal zufammen. um die Befchlüffe der Einigungskonferenz zu ratifizieren.

Von der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei

wurde F. Schneider als Mitglied des Komitees in Phila delphia ernannt. das die Vorarbeiten für den Einigungs

kongreß zu übernehmen hatte. Die Föderation der Inter nationalen Arbeiter-Affociation von Nordamerika wurde darin durch Georg I. Block vertreten.

8.

Der Stand der Jnternationale.

Ueber den Stand der Föderation und der allgemeinen Lage der Jnternationalen Arbeiter-Affociation um diefe Zeit gibt ein Rundfchreiben Auskunft. das der Generalrat am 25. Iuni 1876 an alle Sektionen in Amerika erließ. Es heißt darin u. a.: ..Seit dem Rundfchreiben vom 16. Mai 1875 hat fich der Stand der Affociation im allgemei nen nicht gebeffert. Von wirklichen Föderationen beftehen nur die nordamerikanifche und diejenige des Kantons Genf. Beiträge find nur von Amerika eingegangen. In der deut fchen Schweiz beftehen an mehreren Orten noch Sektionen. die. wie die Sektion Zürich kürzlich berichtet hat. im Begriffe find. zu reorganifieren und einen Verband zu bilden. Die deutfchen Varteigenoffen haben alle Mitteilungen des Gene ralrats pünktlich beantwortet und werden auch auf der Konferenz vertreten fein. Alle Erlaffe des Generalrats find an den Vertrauensmann in Ungarn gerichtet und demfelben Aufträge für Öefterreich erteilt worden. da die Teilnahme an der Jnternationale dort ftreng verboten ift und der Generalrat die in einem direkten Verkehr liegende Verant 351

wortlichkeit nicht übernehmen konnte. Aus denfelben Grün den find alle Mitteilungen des Generalrats für Dänemark durch einen deutfchen Parteigenoffen dorthin befördert worden. Mit Paris fteht der Generalrat feit längerer Zeit wieder in Verbindung. doch find auch in Frankreich die Verhandlungen mit unferen Genoffen. troß der etwas günftigeren Veränderungen. die dort eingetreten find. noch im Gange und konnte an eine Wiederaufrichtung der Affo eiation bis jeßt noch nicht wieder gedacht werden. Wir hoffen. daß Frankreich auf der Konferenz vertreten fein wird. Beftimmtes können wir hierüber jedoch nicht mit tei en. Mit Italien und Spanien mußten faft alle Beziehungen aufgegeben werden und dürfen wir von dort wohl kaum- eine

Beteiligung an der Konferenz erwarten. Die deutfche Sek tion in London hat im Beginn des Iahres 1875 mit dem Generalrat in regem Briefwechfel geftanden; feitdem fie aber zur Erfüllung ihrer Pflichten aufgefordert wurde. hat fie uns gegenüber kein Lebenszeichen mehr von fich gegeben. Gegenüber den faft troftlos klingenden Nachrichten von außen können wir konftatieren. daß der Stand der Affocia tion in Amerika nie fo günftig war. wie jeßt. daß bedeutende Erfolge errungen wurden. die Nordamerikanifche Föderation hinfichtlich der in ihr herrfchenden Regfamkeit und Ein mütigkeit 'als Mufter einer Arbeiterorganifation gelten kann. Die fo oft gefchilderten Zuftände haben den General rat veranlaßt. die Konferenz zu berufen. und den europäi fchen Mitgliedern in einem Rundfchreiben. datiert vom 5. März 1876. zu erklären. daß er. der Generalrat. unter keinen Umftänden fein Amt wie bisher weiterführen werde und daß fein Amt mit dem Datum des Zufammentritts der Konferenz verlifcht. Andererfeits find wir der Anficht. daß der günftige- Stand der Nordamerikanifchen Föderation uns dazu berechtigt. in der Vereinigung mit den übrigen Gruppen auf unferen reinen. entfchiedenen Arbeiterforderungen zu beharren und jedes Kompromiß mit kleinbürgerlichen Forderungen abzu weifen. Wir erwarten. daß die Sektionen diefen Stand punkt teilen und glauben. daß fie im Lichte voranftehender Mitteilungen imftande fein werden. ihre Delegaten zu inftruieren.“ 352

9. Kapitel

Das Ende der Internationalen Arbeiter Affociation 1.

Die Delegierten-Konferenz in Philadelphia.

Am 5. März 1876 teilte der Generalrat den Sektionen und Mitgliedern in Europa mit. daß im Iuli eine allge meine Delegiertenkonferenz in Philadelphia ftattfinden werde.

..Die europäifchen Genoffen.“ fo hieß es in dem

betreffenden Rundfchreiben. ..find dringend erfucht. diefe Konferenz zu befchicken. um an der Entfcheidung über das fernere Schickfal der Affociation teilzunehmen. Der Gene ralrat feinerfeits hat fich aufrichtig bemüht. die noch vor handenen Verbindungen zu wahren und hat. unterftüßt von der Nordamerikanifchen Föderation. für die Erhaltung der Affociation bedeutende Opfer gebracht und feine Ehre dafür eingefeßt. Mögen die Parteigenoffen in Europa durch Entfendung von Delegierten beweifen. daß fie die Notwendigkeit eines brüderlichen Bundes der Arbeiter aller Länder fühlen und erkannt haben. Indem wir nochmals auf die Wichtigkeit diefer Konferenz und die Notwendigkeit der Befchickung feitens der Mitglieder ' in Europa aufmerkfam machen. erklären wir hiermit. daß wir von dem Tage des Zufammentritts der Konferenz an jede Verantwortlichkeit ablehnen und unter keinen Umftän den die Gefchäfte wie bisher weiterführen werden. Unfere Ausdauer erlöfcht mit dem Datum der von uns einberufenen Konferenz.“ Diefer Bekanntgabe war ein Rundfchreiben des General rats. ..An alle Sektionen und Mitglieder der Internationa len Arbeiter-Affociation“ vom 16. Mai 1875 vorausge

gangen. das folgenden Wortlaut hatte; 353

..Laut Befchluß des leßten Kongreffes zu Genf foll der nächfte Kongreß der Internationalen Arbeiter-Affociation im September diefes Iahres ftattfinden. u-nd im Zufam menhang damit macht der Generalrat auf folgende Punkte aufmerkfam: 9.) Der Stand der Affociation hat fich feit dem Genfer Kongreß fortwährend verfchlechtert. Ein ziemlich regel mäßiger Verkehr wurde faft nur mit Zürich und London unterhalten und eine fehr lofe Verbindung mit Deutfchland. Oefterreich und Ungarn. Von wirklichen Föderationen be fteht nur die nordamerilanifche und auch diefe wurde von inneren Zwiftigkeiten ftark heimgefucht. doch ift fie lebens fähig und wird ihrer Aufgabe treu bleiben. Beiträge find nur von ihr eingegangen. b) In den meiften europäifchen Ländern. wie Frankreich. Oefterreich. Italien. Spanien. Deutfchland. Dänemark und anderen. find die Verfolgungen unferer Mitglieder und Anhänger mit folcher Wut betrieben worden. daß felbft die überzeugungstreueften Mitglieder teilweife fchen und gezwungen wurden. die direkten Beziehungen aufzugeben. Im Hinblick auf diefe Zuftände gab der frühere General Sekretär in der erften Sißung des neuen Generalrats _ Ende April 1874 _folgende. ohne Widerfpruch aufge nommene Erklärung ab: ..Der Generalrat muß jedes unnö tige Geräufch vermeiden und fich darauf befchränken. die Fäden der Verbindung foviel als möglich zu wahren und fie vor unberufenen Händen zu fchitßen. um fie einer baldigft wieder erftehenden. umfaffenden Organifation der Arbeiter aller Länder zu übergeben.“ In diefem Sinne 'hat der Generalrat gehandelt und wird ferner handeln. Unter den obwaltenden Umftänden würde die Abhaltung eines allgemeinen Kongreffes in diefem Iahre fowohl eine Anmaßung. als eine nnverantwortliche Gefährdung der perfönlichen Sicherheit der tüchtigften Vorkämpfer des Pro letlariats in fich fchließen. Der Generalrat beantragt da er:

f 1t.

Es findet kein allgemeiner Kongreß im Iahre 1875

tat .

Betrachten wir die andere Seite der Lage! 354

Die Klaffengegenfäße fpißen fich bei der Rundreife. welche die Krife fochen hält. fo fehr zu. daß fporadifche Aus brüche. und in deren Gefolge Niederlagen. faft unvermeid lich find. und jeden Augenblick ein neuer Krieg von den Gewalthabern im Intereffe der befißenden Klaffen herauf befchworen werden kann. um die Beftrebungen der Arbeite-r klaffe lahm zu legen. Dem gegenüber erfcheint es geboten. das los gewordene Band der internationalen Vereinigung fobald als tunlich wieder neu zu knüpfen und die proleta rifche Bewegung einheitlich zu geftalten. wenn wir uns nicht gerechten Vorwürfen ausfeßen wollen. Die augenblicklich faft alle Kräfte abforbierenden. natio nalen Bewegungen in Deutfchland. England. Oefterreich und der Schweiz werden vorausfimtlich im Verlauf diefes Iahres foweit voran gefchritten fein. daß die Arbeiterpar teien diefer Länder ihre Blicke wieder weiter richten können. und auch die Nordamerikanifche Föderation wird neue Kräfte gewinnen. Da nun z'ur hundertjährigen Feier der Unabhängigkeits Erklärung der Vereinigten Staaten im Iuli 1876 eine Weltausftellung in Philadelphia ftattfinden wird. und die Reife dahin manchem Arbeiter und Delegierten von Arbei tergefellfchaften erleichtert werden könnte. ohne ihre perfön liche Sicherheit zu gefährden. fo fmließt fich der Generalrat dem von der franzöfifchen Sektion in Paterfon. New Ierfeh. gemachten Vorfchlage an und beantragt: 2. Es findet ein allgemeiner Kongreß oder eine Konfe renz von Delegierten ftatt im Iuli 1876 zu Philadelphia in ' den Vereinigten Staaten. - Die Entfcheidung. ob öffent licher Kongreß oder gefchloffene Konferenz. überlaffen wir felbftverftändlich den europäifchen Parteigenoffen. Wir wünfchen fehnlich. daß der Siß des Generalrats wieder nach Europa zurückverlegt werde. erklären uns aber nötigenfalls bereit. die Gefchäfte fortzuführen bis zum Zufammentritt der nächften Delegiertenvereinigung.“ . Das Rundfchreiben hatte keinen fonderlichen Erfolg. konnte wohl auch keinen haben. weil tatfächlich Verbin dungen zwifchen Europa und dem Generalrat kaum noch beftanden. Man hatte das .Schriftftück an die folgenden europäifchen Genoffen gefchickt: Farkas in Budapeft..I. Ph. Becker in 355

Genf. Genfer Föderation. I. Franz in Zürich. Ausfchuß der Sozialiftifchen Arbeiterpartei Deutfchlands in Hamburg. auch für Dänemark; Fr. Engels in London zur Beforgung nach Frankreich und an Schäfer in Paris. Der Ausfchuß der Sozialiftifchen Arbeiterpartei Deutfchlands teilte dem Generalrat mit. daß er A. Otto-Walfter. der in New York lebte. zum Vertreter der Partei in Deutfchland auf der Konferenz in Philadelphia ernannt und ihm den Auftrag gegeben habe. für eine Suspendierung der Internationalen Arbeiter-Affociation einzutreten. Von der deutfchen Sektion in Genf wurde ein Proteft gegen die Abhaltung der Kon ferenz eingefchickt; doch fandte auch diefe Sektion fchließlich ein Mandat. das aber. wie auch das der deutfchen Sektion Zürich. erft nach Schluß der Konferenz eintraf. Die Verhandlungen der Konferenz wurden am 15. Iuli in der Germania-Halle in Philadelphia eröffnet. Die Mandate der folgenden Delegaten wurden ohne weitere Verhandlungen anerkannt: C. Speher. Delegierter des Generalrats. H. Stroele. Sektionen -1. 2 und 5. Chicago. Ill. O. Wehdemeher. Sektionen 1 und 2. Pittsburg. Pa. C. Herzog. Sektion 1. Lawrence. Maff. I. Türpe. Sektion 1. Manchefter. N. H. F. A. Sorge. Sektion 1. Hoboken. N. I. C. Voß. Sektionen 3 und 4. New York. Chr. Heffe. Sektion 1. Baltimore. Md. Geo. I. Block. Sektion 3. Philadelphia. Pa. A. Currlin. Sektionen 1 und 2. St. Louis. Mo. Die Mandate der Sektion 1. San Francisco. der Sek tionen 1 und 2. Philadelphia. und der Sektion 1. Camden. wurden beanftandet. weil diefe nicht mit dem Generalrat in Ordnung waren. Auch das Mandat A. Otto-Walfters für die Sozialiftifche Arbeiterpartei Deutfchlands wurde nicht fofort anerkannt. weil diefe ihren finanziellen Verpflichtun gen gegenüber dem Generalrat nicht nachgekommen war. doch erhielt der Delegat Siß und Stimme. nachdem er erklärt hatte. daß feine Konftituenten ihre Pflicht erfüllen würden. Die Verhandlungen der Konferenz wurden durch Georg Block als Vorfißenden und durch A. Currlin als Schrift 356

führer geleitet. Der Sekretär des Generalrats. C. Speher. erftattete dann folgenden Bericht: ..Der leßte allgemeine Kongreß unferer Affociation. abge halten zu Genf 1873. nahm bekanntlich einen unbefriedi genden Verlauf. Die Protokolle über deffen Verhand lungen wurden dem Generalrat in einer -Menge zufammen-. hanglofer Schriftftücke zuge'ftellt. Die einzigen verftänd lichen Mitteilungen- über die Befchlüffe des Kongreffes gingen von dem Vorfißenden desfelven. Dupare. ein und wurden pflichtgemäß befolgt. Sie waren: 1. Siß des Generalrats in New York. und 2. Die Nordamerikanifche Föderation erwählt die Mit glieder des Generalrats. Der Ende des "(ahres 1873 beftehende Föderalrat der Nordamerikanifchen Föderation riet entfchiedeu ab von ciner fofortigen Wahl des Generalrats. weil er die Vor nahme derfelben bei dem damaligen Zuftande der Födera tionfür ungeeignet erachtete. und wurde der gegenwärtig fungierende Generalrat erwählt von dem Kongreffe der Nordamerikanifchen Föderation. abgehalten in Philadel phia vom 11. bis 13. April 1874 wie folgt: A. Henniger C. Heß. I. Nowak. C. Praitfching. Fr. A. Sorge. C. Speher und C. Voß. Der neue Generalrat. dem zugleich die Funktionen des Föderalrats der Nordamerikanifchen Föderation über tragen wurden. ftellte es fich zur Aufgabe. feine zwiefachen Funktionen in Uebereinftimmung mit den gegebenen Ver hältniffen gewiffenhaft auszuführen. - Diefem Beftreben ftellten fich bedeutende Hinderniffe entgegen; denn einer feits war der Zufammenhang mit Europa feit dem leßten Genfer Kongreffe ftets lockerer geworden. und andererfeits enorme neue Streitigkeiten in der Nordamerikanifchen Föderation ausgebrochen. welche auch den Generalrat in Mitleidenfchaft zogen und ihn in feinen Arbeiten hemmten. Nachdem der Generalrat die Streitigkeiten in Oefterreich zwifchen der Partei ..Gleichheit“ und der Partei ..Volks wille“ feinerfeits für erledigt hielt. verlangten plößlich einige gewefene und damalige Mitglieder des Generalrats. daß derfelbe in der Sache ein Urteil fälle. d. h.. fich zu. 357

Gunften der Partei ..Gleichheit“ erkläre. Der Generalrat entfprach diefem Verlangen nicht. weil 1.. die nächften Nachbarn der ftreitenden Teile. die Ungarn und Schweizeu damals

in

ihren

Organen

einen vollftändig neutralen

Standpunkt zu der Frage einnahnien; und 2.. die deutfchen Parteigenoffen fchon lange vorher Erklärungen und Entfheidungen in der Streitfrage abgegeben. fomit dem Generalrat vorgegriffen

hatten.

Die

vorhin erwähnten

Perfonen. insbefondere das Re'daktionsperfonal der New Yorker Arbeiterzeitung. welch leßteres zu jener Zeit wegen vielfach begangener Willkürlichkeiten nicht ohne Grund den Verluft feiner Stellung. d. h. Entfeßung befürchtete - beu teten die öfterreichifchen Wirren derart aus. daß fie einige Mitglieder des Generalrats. auf Grund ihrer Zurückhal tung in der Frage. des Verrats befchuldigten und die da malige Sektion 1. New York. peranlaßten. von der Arbeiter-Zeitung Befiß zu ergreifen unter dem Vorwande diefelbe gegen erwähnte Mitglieder des Generalrats zu fchüßen. - Der Generalrat fah fich unter diefen Um ftänden genötigt. die Hauptfchuldigen diefer Gewalttat. C. Carl. H. Bolte und C. Praitfching. aus der Affociation auszuftoßen. Leßteren feines Sißes im Generalrat für verluftig zu erklären und Sektion 1. New York. zu fufpen dieren bis zum nächften allgemeinen Kongreß. - Wie fehr genannte Sektion fich ihrer Schuld bewußt ift. geht daraus hervor. daß fie weder Proteft noch Berufung gegen Aus fchluß und Sufpenfion eingelegt hat. Sie ift ferner nach weislich mit bürgerlichen Parteien in Verbindung getreten fie hat die Mitglieder des Generalrats und der Föderation befchimpft und verläumdet. und fie hat verfucht. die Bewe gung und Organifation der fortgefchrittenen Arbeiter diefes Landes herabzuwürdigen durch ein Schreiben an die am 17. April d. I. zu Pittsburg tagende Arbeiterkonvention. fowie durchMitteilung innerer Angelegenheiten an bürgerliche Blätter. Der Generalrat erfucht die Konferenz u-m Genehmigung .feiner gegen genannte Sektion ergriffenen Maßregeln. Nachdem der Generalrat den Siß A. Henninger-s* für vakant erklärt hatte. weil derfelbe in beträchtlicher Entfer nung von New York feinen Wohnfiv und Befchäftigung genommetu wurden die erledigten Siße befeßt durch 8u 358

ziehung von C. Rambach. Schuhmacher. Mitglied der Sek tion 1. Hoboken. und von C. Bading. Schneider. Mitglied der Sektion 4. New York. I. Nowack trat aus wegen Ab reife von New York. und O. Röpke. Kappenmacher. Mitglied

der Sektion 1. Hoboken. trat an deffen Stelle ein. An Stelle F. A. Sorge's. welcher das Amt niederlegte. wurde E. Speher zum Generalfekretär ernannt. ' Es wurde weiter ausgeführt. daß der Zufammenhang mit den Mitgliedern in Europa immer lofer geworden fei. und daß fich dem Generalrat deshalb die Ueberzeugung auf

gedrängt habe. daß an das Zuftandebringen eines würdigen allgemeinen Kongreffes nicht zu denken fei. Diefer Ueber zeugung fei das Rnndfchreiben vom 16. Mai 1875 ent fprungen. Anknüpfend an diefes Rundfchreiben berichtete der Gene ralrat über den Stand der Affociation. Die “Unitecl Not-kere". eine Vereinigung von englifchredenden Arbei tern in den Vereinigten Staaten. habe fich der Affociation angefchloffen. Die Genfer Föderation _ fo hieß es weiter - ift wieder mit dem Generalrat in Verkehr getreten und hat gegen die Abhaltung der Konferenz zu Philadelphia proteftiert. ob wohl fie keine Beiträge entrichtet hat. _ Die Sektionen der deutfchen Schweiz find laut Bericht der Sektion Zürich etwastätiger geworden. doch erwartet der Generalrat von dort keine Beteiligung an der Konferenz. da keine Rück.. äußerung über die Abhaltung der Konferenz erfolgt ift. Der Bevollmächtigte für Ungarn hat es unterlaffen. dem Generalrat über den Stand der Affociation in jedem Lande und deren Stellung zur Konferenz zu unterrichten. Mit Oefterreich konnte der Generalrat angefichts der dortigen politifchen Zuftände keine Verbindung unterhalten. Mit Spanien und Italien hat der Generalrat durch feinen Be vollmächtigten I. Engels in London Beziehungen aufrecht zu erhalten gefucht. doch find die organifierten Arbeiter diefer Länder durch die Bakuniftifchen Umtriebe und revo lutjonäres Phrafengeklingel lahmgelegt und zur Ohnmacht verdammt worden. Ueber Verbindungen mit Frankreich und Spanien machte

uns genannter Bevollmächtigte Mitteilungen im Auguft leßten Iahres. und der Verkehr mit Frankreich wurde nicht 359

unterbrochen. Anfangs vorigen Iahres interpellierte die deutfche Sektion von London den Generalrat wegen feiner paffiven Stellung zu den öfterreichifchen Wirren. Die In terpellation war hervorgerufen durch den damaligen Sekre tär genannter Sektion. der felbftbei erwähnten Wirren ftark beteiligt war und nach anderen Seiten hin die Exiftenz der Internationalen leugnete. Es kam dadurch zu Streitig keiten in der Sektion. die feither dem Generalrat gegenüber untätig blieb. - Den Mitgliedern in Dänemark wurden alle Erlaffe des Generalrats übermittelt. ohne daß wir direkte Rückäußerung erhielten. - Der Verkehr mit Deutfchland wurde direkt mit dortigen Genoffen gepflogen. Antworten liefen regelmäßig ein. aber keine Beiträge. Am 5. März d. I. berief der Generalrat durch Rund fchreiben eine Delegierten-Konferenz zum 15. Iuli nach Philadelphia ein und erklärte in demfelben Rundfchreiben. daß er unter keinen Umftänden weiter fungieren werde und feine Amtsdauer mit dem Zufammentritt der einberufenen Konferenz erlöfche. Der Generalrat ift der Anficht. daß die Affociation als nicht vorhanden betrachtet werden muß. fo lange eine Wiederaufrichtung derfelben in Frankreich un möglich ift und fo lange die zeitweiligen Vertreter der Arbeiter Deutfchlands fich nicht willens gezeigt haben. tat fächlich an derfelben teilzunehmen. Ebenfo erfcheint es dem Generalrat als eine Anmaßung. eine internationale Be

hörde beftehen zu laffen. die als Haupt der Bewegung gelten foll. aber nur einzelne Landesgruppen hinter fich ftehen hat. von denen ihr faft keine Beiträge zugeführt werden. Da die politifchen Zuftände in Europa die Wiederher ftellung des äußeren Bandes der Affociation vorläufig un tunlich erfcheinen laffen. fo empfiehlt der Generalrat der Konferenz. folgende Befchlüffe zu- faffen: 1. Der Generalrat der Internationalen Arbeiter Affociation ift aufgehoben. 2. Die Behörde der geeinigten Partei in den Vereinig ten Staaten oder eventuell der Föderalrat der Nordameri kanifchen Föderation ift beauftragt. die noch vorhandenen Verbindungen zu wahren und neue anzuknüpfen. 3. Diefelbe Behörde ift beauftragt. einen internationa-. len Kongreß oder eine Konferenz nach Europa zu berufen fobald das Bedürfnis zur Wiederherftellung einer inter Z60

nationalen Organifation vorhanden ift und die Ereigniffe es geftatten. Ein aus Mitgliedern des bisherigen Generalrats be ftehendes Komitee hat alle Dokumente ete. desfelben bis zur Wiedereinfeßung einer neuen internationalen Behörde aufzubewahren.“ ' Dem Bericht des Generalrats folgte ein Befchluß. in dem die Konferenz ihre Zuftimmung ausfprach zu dem feitens des Generalrats gegen die ehemalige Sektion 1. New York. und einzelne Mitglieder ergriffenen Maßregeln und in dem auf Antrag von A. Otto-Walfter dem Generalrat für feine Tätigkeit ini Allgemeinen die volle Anerkennung der Kon ferenz ausgefprochen wurde. Die am Schluß des Berichts des Generalrats gemachten Vorfchläge fanden Zuftimmung und wurden einftimniig zum Befmluß erhoben. -. Die Ernennung des Koniites zur Aufbewahrung der Dokumente ete. ward dem bisherigen Generalrat zugewie fen. der fpäter F. A. Sorge und C. Speher dafür ernannte. Die Kaffenangelegenheiten wurden von dem Generalrat in Gemeinfchaft mit denjenigen der Nordamerikanifchen Föderation geregelt. von der Konferenz geprüft und richtig befunden.

-

Ein Komitee von Zweien wurde eingefeßt zur Aus arbeitung der Konferenzverhandlungen und zugleich beauf tragt. eine Adreffe an die Mitglieder und Anhänger der Internationalen Arbeiter-Affociation vorzulegen. Diefe

Adreffe.

das

leßte

Wort

der

Internationalen

Arbeiter-Affociation an die Arbeiterklaffe der Welt. die nach kurzer Debatte einftimmig angenommen wurde. hatte fol genden Wortlaut:

..An die Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Affo ciation. Mitarbeiter l Die allgemeine Delegiertenkonferenz zu Philadelphia hat den Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affociation aufgehoben und das äußere Band der Affociation befteht - daher nicht mehr. . Die Internationale ift totl wird die Bourgeoifie aller Länder von neuem ausrufen. und mit Hohn und Freude 861

wird fie die Befchlüffe der Konferenz als die dokumentierte Niederlage der internationalen Arbeiterbewegung in die Welt pofaunen. Laffen wir uns durch das Gefchrei unferer Feinde nicht beirrenl Wir haben. den politifchen Zuftänden Europa's Rechnung tragend. die Organifation der Interna tionalen aufgegeben. doch als Erfaß dafür fehen wir ihre Grundfäße vonden fortgefchrittenen Arbeitern der ganzen zivilifierten Welt anerkannt und verteidigt. Laffen wir unferen Mitarbeitern in Europa ein wenig Zeit zur Stärkung und Kräftigung ihrer nationalen Ange legenheiten. und fie werden ficherlich in kurzer Zeit in der Lage- fein. alle Schranken zu befeitigen. welche fie unter einander und von den Arbeitern anderer Weltteile trennen. Genoffen! 'die Ihr Euch mit Herz und Liebe zur Inter nationale bekannt habt. Ihr werdet Mittel finden. den Kreis ihrer Anhänger auch ohne Organifation zu erweitern. Ihr werdet neue Kämpfer gewinnen. die an der Löfung der Auf gabe. welche unfere Affociation fich geftellt hat. weiter arbeiten. . Die Genoffen in Amerika geben Euch das Verfprechen. daß auch fie die Errungenfchaften der Internationalen die fes Landes wahren und pflegen werden. bis günftigere Um ftände die Arbeiter aller Länder zu gemeinfchaftlichem Handeln zufammenführen und der Ruf von neuem und lauter ertönen wird: ..Proletarier aller Länder. vereinigt Euchl“ Das große Wort von der Vereinigung der Arbeiter aller Nationen. ein Wort. das das eigentliche Programm der Internationale umfaßte. war das leßte Wort der Affocia tion. wie es ihr erftes gewefen war. J

2.

Der dritte Kongreß der Nord-Ameriknnifchen Föderation.

Der Delegiertenkonferenz fchloß fich am nächften Tage der ..Dritte Kongreß der Nordamerikanifch'en Föderation der Internationalen Arbeiter-Affociation“. ebenfalls in Philadelphia. an. deffen Verhandlungen vom 16. bis zum 19. Iuli in Anfpruch nahmen. 362

Im Namen des fungierenden Föderalrats eröffnete C. Speher die Verhandlungen. Es waren 17 Sektionen durch 13 Delegaten vertreten. im wefentlichen deckte fich die Vertretung mit jener auf der Delegiertenkonferenz. Hierzu kamen aber noch die Delegaten der ausgefchloffenen Sek

tionen 1 und 2. Philadelphia und Camden. die durch E. Eismann und W. Schufter und durch Graz vertreten waren. Am zweiten Tag der Verhandlungen erfchien G. Lhfer als Delegat der drei Sektionen in Milwaukee. Die Sektionen New Orleans 1. Grand Rapids 2. und Pater fon 1 hatten keine Delegaten gefchickt. Angefichts der Aufhebung des Generalrats der Affocia tion. und damit der Löfung des Bandes. das die Verbindung zufammen -gehalten hatte. fowie mit Berückfichtigung der bevorftehenden Vereinigung ftand natürlich die leßtere in dem Vordergrund und fie bildete den Hauptpunkt der Ver handlungen. doch nahmen die inneren Wirren und Gegen

fäße einen guten Teil der Zeit des Kongreffes in Anfprurh. Zunächft war es das Verhalten der ausgefchloffenen Sektionen in Philadelphia und Camden. die fich unter Miß achtung der Parteidisziplin an dem Kongreß der Soz. Dem. Arbeiter -Partei beteiligt hatten. der zur Verhandlung kam. Der Kongreß erledigte diefen Punkt durch Gutheißung des Verhaltens des Föderalrats. Auch die Haltung des ..Socialift.“ der in einer Auflage von 1300 in Milwaukee erfchien und Eigentum der dortigen Sektion 1 war. kam zur Sprache. Die Debatte über diefen Gegenftand hatte in foweit Intereffe. als es fich dabei um die Stellung zur Gewerkfchaftsbewegung handelte. Der ..Socialift“ hatte nämlich heftige Angriffe gegen die Gewerkfchaftsbewegung in feinen Spalten aufgenommen und als der Föderationsrat einen Widerruf verlangte. hatte Sektion 1. Milwaukee. ausweichend geantwortet. Der Kongreß ftellte fich in der Sache auf Seiten des Föderal rats. indem er Sektion. Milwaukee. für ihre Haltung in der Gewerkfchaftsfrage eine Rüge erteilte. In Bezug auf die Finanzen wurde vom Schaßmeifter des Föderalrats berichtet. daß der Kaffenbeftand fich auf 8133.47 belaufe. Hierzu kam noch die- Summe von 857.00. die. wie der Schaßmeifter Voß berichtete. von der Polizei bei einer gerichtlichen Hausfuchung. die eine Folge 363

des Streites um die Arbeiter-Zeitung war. mitgenommen wurde und die nicht wieder zu 'erlangen war. Der Föderalrat wurde mit Bezug hierauf entlaftet. In der Debatte über die Vereinigungsfrage und die Bedingungen für diefelbe wurde hervorgehoben. daß eine Annäherung der verfchiedenen Nationalitäten an die eng lifch fprechenden Arbeiter gefu-cht werden müffe; das fei die Bedingung des Erfolges der neuen Partei und ihrer Pro paganda. Ebenfo fei eine Verbindung mit den Gewerk fchaften anzuftreben. wie man denn überhaupt den Schwer punkt der Agitation nach dem Zentrum der amerikanifchen

Induftrie. nach New England. verlegen folle. Man folle ein Programm aus Arbeiterforderungen aufftellen. fchon aus dem einen Grunde. um der Einmifchung anderer Par teien vorzubeugen. “ Der Delegat von Milwaukee. G. Lhfer. war der einzige. der fich gegen die Verbindung mit den Gewerkfchaften wandte. Derfelbe erklärte. daß die beftehenden Gewerkfchaften ein Hemmfchuh feien für die Eman Zipation der Arbeiter. da troß derfelben die Löhne finken und die Frauen- und Kinderarbeit zunehme. Er erklärte die Gewerkfchaften für reaktionär. Der Kongreß feßte ein Komite ein. das den Auftrag er hielt. ein Vrogramm und einen Statutenentwurf für den Vereinigungskongreß auszuarbeiten und betraute .

Stroele. G. Lhfer und F. A. Sorge mit diefer Arbeit. deren Entwurf denn auch die Zuftimmung des Kongreffes fand.

Als Delegaten zum Vereinigungskongreß wurden Otto Wehdemeher und F. A. Sorge ernannt und diefe beauf tragt. Chicago als Siß des Ausfchuffes der neuen Partei vorzufchlagen und dahin zu wirken. daß die Auffichtsbehörde nachd Lawrence. Maff.. oder event. nach New York verlegt wer e. Als Namen der Partei empfahl man die Bezeichnung: ..Arbeiter-Partei der Vereinigten Staaten“. Als Bedin gung der Vereinigung nahm der Kongreß nahezu ein ftimmig die Anknüpfung von Verbindungen mit der Ge werkfchaftsbewegung an. Weiter wurde empfohlen. fich nicht Hals über Kopf in die Wahlbewegung zu ftürzen und den Grundfäßen zuzuftimmen. die der zweite Kongreß der 364

Nord-Amerikanifchen Föderation in Philadelphia im Iahre 1874 in Bezug auf die politifche Stellung proklamierte. .Au-ch wurde erklärt. daß die neue Partei die eingegangenen Geldverpflichtungen der bisherigen Organifationen zu übernehmen habe. die auf etwa 82500 veranfchlagt wur den und von denen ein größerer Teil an Conrad Conzett in Chicago und die verfchiedenen Zeitungen zu zahlen fein - würden. Für eine etwaige Vakanz an eines der beiden deutfchen Blätter wurde Hermann Greulich in Zürich in Vorfchlag gebracht und McDonnell wurde für die Redak tion des ..Labor Standard“ _ diefer Name war für das englifche Organ vorgefehen - vorgefchlagen.

Die Zahl der Mitglieder der Sektionen. die ihre Bei träge an den Föderalrat entrichtet hatten. betrug 635. Die ftärkften Sektionen waren St. Lawrence. Maff.. und St.

Louis 1. mit je 60. und Grand Rapids. Mich.. mit 54 Mitgliedern. St. Louis 2 hatte 42. Manchefter. N. H.. Milwaukee 1 und Chicago 2 je 40 Mitglieder. Chicago 1 zählte 38. Philadelphia 3 33. Chicago 5 und Mil waukee 3 je 30. Pittsburg 1 und 2 11 und 28. Mil waukee 2

21.. Baltimore

1

13.

New

York 3 und 4

1 und 25 und Hoboken 18 Mitglieder. Die ftärkfte Sek tion der Föderation. San Francisco 1 mit 67 Mitgliedern hatte zur Zeit des Kongreffes feine Angelegenheiten mit dem Föderalrat nicht geordnet. und konnte deshalb nicht unter den gutftehenden Sektionen mit aufgeführt werden.

Z. Der Einigungskongreß.

Der Einigungskongreß der Sozialiften Amerikas trat am 19. Iuli 1876 in Philadelphia zufammen und feine Verhandlungen nahmen vier Tage. bis zum 22. Iuli. in Anfpruh. Am Mittwoch eröffnete Georg I. Block als Mitglied des Zweierkomites die Verfammlung. fchilderte die Ar beiten diefes Komites und fprach die Erwartung aus. daß eine Vereinigung der verfchiedenen Richtungen der Be wegung auf gefunder Grundlage zuftande komme. Das gewählte Mandatskomite berichtete. daß die Nord amerikanifche Föderation der Internationalen Arbeiter 365

Affociation F. A. Sorge und Otto Wehdemeher. die Ar beiterpartei von Illinois Conrad Conzett. der Sozialpolitiflhe

Arbeiterverein zu Cincinnati Ch. Braun von Philadelphia. die Sozialdemokratifche Arbeiterpartei von Nordamerika A. Gabriel von Newark. A. Straffer von New York und P. McGuire von New Haven delegiert hätten. Von der ..Deutfchen Freien Gemeinde“ zu Philadelphia war ein Mandat. lautend auf Kupke. eingegangen. Die Mandate von F. A. Sorge und O. Wehdemeher.

welche 635 in Ordnung befindliche. zahlende Mitglieder ver traten. wurden gültig erklärt. ebenfo das Mandat von C. Conzett. welcher auf Ehrenwort verficherte. daß die Illinois . Arbeiterpartei 593 gutftehende Mitgfieder zähle. Gegen das Mandat von Chas. Braun wurde Einfpruch erhoben. weil derfelve nicht Mitglied der von ihm vertretenen Körper fchaft fei. Nach längerer Debatte ward das beftrittene Mandat indes für gültig erklärt. doch ward der Inhaber angewiefen. auf telegraphifchem Wege Ausweis über Mit gliederzahl und Kaffenverhältniffe der betreffenden Körper

fchafr herbeizufchaffen. Einftweilen ward die Mitglieder zahl auf ungefähr 250 angegeben. Die Mandate von A. " Gabriel. A. Straffer und P. I. McGuire wurden für gültig erklärt; diefelben gaben an. 1500 Mitglieder zu vertreten und verfprachen. die geforderten Ausweife zu liefern. Das Mandat von der ..Dentfchen Freien Gemeinde“ zu Phila delphia wurde nicht anerkannt. da befagte Gefellfchaft weder

auf der Pittsburger Konvention vertreten gewefen. noch als Arbeiterverein zu betrachten fei. Bei der Beratung der Vorlagen wurde nach längerer Debatte befchloffen. der zu gründenden Partei den Namen

..Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten“ (Working-wen's Variz- of t11e llnjtecl Zia-e6o) zu geben. Der Name wurde mit 4 gegen 2 Stimmen angenommen. Chas. Braun und A. Straffer ftimmten dagegen. Die nun folgende Beratung des Programms war von kurzer Dauer und zeugte von großer Einigkeit unter den anwefenden Vertretern. Später eingelaufene Mandate des S-ozialpolitifchen Ar beitervereins Slavifcher Sprache zu Cincinnati und der ..Ünjteci Marianen“ für Geo. I. Block und von dem Af l-eiterbund zu Milwaukee für G. Lhfer wurden zurückge wiefen. weil die betreffenden Körperfchaften auf der Pitts 366

burger Konvention nicht vertreten gewefen.

Beiden Ver

tretern wurde beratende Stimme zuerkannt. wovon indes

nur G. Lhfer Gebrauch. machte. Bei der Beratung. des Programms der neuen Partei zeigte fich. daß fie viel weniger Schwierigkeiten bot. als bei den vorhandenen prinzipiellen Gegenfäßen zu erwarten ge wefen war. Der von dem Kongreß der Föderation der In ternationalen Arbeiter - Affociation eingereichte Entwurf wurde mit nur geringen Aenderungen angenommen.

Das

neue Programm hatte den folgenden Wortlaut: ..Die Befreiung der Arbeiterklaffe muß durch die Arbei terklaffe felbft. alfo unabhängig von allen bürgerlichen Par teien. errungen werden. Der Kampf für die Befreiung der Arbeiterklaffe ift kein Kampf für Klaffenvorrechte und Monopole. fondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Vernichtung aller Klaffenherrfchaft. Die ökonomifche Unterwerfung des Arbeiters unter den

Aneigner der Arbeitsmittel. d. h. der Lebensauellen. liegt der Knechtfchaft in allen ihren Formen zu Grunde. dem ge fellfchaftlichen Elend fowohl wie der geiftigen Verkümme rung und der politifchen Abhängigkeit. * Die ökonomifche Befreiung der Arbeiterklaffe ift daher der große Endzweck. dem jede politifche Bewegung als Mittel unterzuordnen ift. ' ' Alle bisher auf diefes Ziel gerichteten Beftrebungen find gefcheitert aus Mangel an Einigung unter den verfchiedenen Arbeitszweigen jedes Landes und aus Mangel einer tatfäch lichen Verbindung der Arbeiteraller Länder. DieBefreiung der Arbeiterklaffe ift weder eine lokale. noch eine nationale. fondern eine foziale Aufgabe. welche

alle Länder umfaßt. in denen die moderne Gefellfchaft be fteht und deren Löfung vom praktifchen und theoretifchen

Zufammenwirken der fortgefchrittenften Länder abhängt. Auf diefe Grundfäße fußend ift die Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten gegründet worden. welche mit den Ar beitern anderer Länder in geeignete Verbindung tritt. Da politifche Freiheit ohne ökonomifche Freiheit nur eine leere Redensart ift. kämpft die Partei vorerft auf ökonomi

fchem Gebiete und verlangt. daß alle Arbeitsmittel (Grund und Boden. Mafchinen. Verkehrswege ufw.) Eigentum der 367

Gefellfchaft werden. nm an Stelle der Lohnarbeit die ge uoffenfchaftliche Produktion mit gerechter Verteilung des Arbeitsertrags zu feßen. Sie verwirft jede Gemeinfchaft mit den bürgerlichen Par teien ohne Unterfchied ihres Namens und nimmt an der Landespolitik im Allgemeinen nur teil zu-r Erzielung gefeß geberifcher Akte im Intereffe der Arbeiterklaffe als folcher. In eine wirkliche Wahlbewegung foll die Partei erft dann eintreten. wenn fie ftark genug ift. um wahrnehmbaren Ein fluß auszuüben und dann zuerft auf dem Boden der Ge meinde. zu welchem Zwecke auch Forderungen rein örtlichen Karakters aufgeftellt werden können. wenn diefelben nicht mit den allgemeinen Forderungen im Widerfpruch ftehen. Die Partei wirkt für die Organifation der Gewerkfchaften anf nationaler und internationaler Grundlage. um die Lage

der Arbeiter zu verbeffern. und fucht den Grundfäßen der Partei darin Eingang zu verfchaffen. Die Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten ftellt zunächft folgende Forderungen auf: 1. Einführung eines Normalarbeitstages von vorläufig acht Stunden und Beftrafung aller Uebertreter. 2. Sanitätliche Beauffichtigung aller Arbeitsverhältniffe. Lebensmittel und Wohnungen eingefchloffen. 3. Einfeßung von ftatiftifchen Arbeitsbüros in allen Staaten fowohl wie feitens der Nationalregierung. Die Beamten diefer Büros follen aus den Mitgliedern der Ar beiterorganifationen genommen und durch diefelben erwählt werden. 4. Verbot der Ausnußung der Gefangenenarbeit durch Privatunternehmer. 5. Verbot der Arbeit von Kindern in induftriellen Un ternehmungen vor zurückgelegtem 14. Lebensjahre. 6. Unentgeltlicher Unterricht in allen Bildungsanftalten. b Ein ftrenges Haftpflichtgefeß zum Schuße aller Ar ei er. 8. Unentgeltliche Rechtspflege. 9. Abfchaffung aller Verfchwörungsgefeße;

10. Uebernahme fämtlicher Telegraphen und Verkehrs wege und Betrieb derfelben durch den Staat. 368

11. Staatliche Kontrolle aller induftriellen Unternehmun gen und Betrieb derfelben durch freie kooperative Genoffen fchaften zum Vorteile des ganzen Volkes.

Die Befchlüffe über die Statuten beftimmten für die neue Partei eine Leitung. die fich aus dem Kongreß. dem Aus ichuß und dem Auffichtsrat zufammenfeßte und deren Funk tionen feftlegte. . Für die beiden New Yorker Organe der neuen Partek dem bisherigen ..Sozialdemokrat“

und

dem

„80eja1iot"

wurden die Namen .'.Arbeiterftimme“ und „L->01- 8tanciarcl" angenommen. Außerdem wurde noch der ..Vorbote“ in Chicago als Parteiorgan und Parteieigentum erklärt. Zur Frauenfrage nahm der Kongreß durch Annahme der folgenden Refolution Stellung: . ..Der Einigungskongreß der Arbeiterpartei der Vereinig

ten Staaten erklärt: ' ' Die Emanzipation der Arbeit ift eine foziale. d. h. gefcll fchaftliche Aufgabe. Sie umfaßt das Weib wie den Mann; die Emanzipation des Weibes vollzieht fich mit der des Mannes; die fogenannte Frauenfrage wird gelöft mit der Arbeiterfrage. Alle Uebel und Mißftände können erft be feitigt werden. wenn die ökonomifche Freiheit für das Weib wie für den Mann errungen ift. Es ift daher die Pflicht der Frauen und Töchter der Proletarier. fich zu organifieren und mit einzutreten in die Reihen der Kämpfenden; die Pflicht der Männer ift es. fie darin zu unterftüßeng Ihren vereinten Bemühungen wird es gelingen. die ökonomifchen Feffeln zu fprengen. und ein. neues. frei-es Gefchlecht wird erftehen von ebenbürtigen. gleichberechtigten Männern und Frauen. Wir anerkennen die vollftändige Gleichberechtigung der Männer und Frauen und in der Arbeiterpartei der Ver einigten Staaten ift diefelbe Grundfaß und geübt.“ Als Siß des Ausfchuffes der Partei wurde Chicago ein ftimmig beftimmt. Mit vier gegen drei Stimmen verlegte man den Auffichtsrat nach New Haven. dem Siße McGuire's. Der Stand der Parteipreffe war nach den gegebenen Be - richten der folgende: Der Sozialdemokrat in New York hielt fich foeben über Waffer; das Blatt hatte 2200 bis 2300 Auflage. Das englifche Organ. der Relation wurde in 369

etwa 2400 Exemplaren verfandt. doch betrug die Abonnen tenzahl kaum 1800. Das Blatt war ftark verfchuldet. fo wohl an die Genoffenfchafts-Druckerei zu ?"ew York. wie auch an den Sozialpolitifchen Arbeiterverein in Cincinnati. Um es zu erhalten. müffe. fo wurde vom Berichterftatter hervorgehoben. die Summe von 200 bis 250 Dollars aufge bracht werden. Vom Vorbote wurde berichtet. daß derfelbe in 4000 Exemplaren gedruckt werde und etwa 3600 zahlende Abon 'nenten habe. Das Guthaben des Blattes - Ausftände und Inventar _ wies etwa 1450 Dollars auf. dem eine Schuld von 1430 Dollars an C. Conzett gegenüberftand. ' Zum Redakteur des Labor Item-,laut wurde I. P. Mc Donnell gewählt. für den Vorbote C. Conzett und fur oie Arbeiterßtimme A. Otto Walfter beftimmt. Dr. Adolf Douai wurde a s Hilfs-Redakteur für alle drei Blätter ernannt. Ju Bezug auf den Vorbote wurde ein Befchluß gefaßt. nach welchem die neue Partei den Vorbote-als Eigentum übernahm. das Guthaben C.'Conzetts in Höhe von nicht mehr als '1430 Dollars anerkannte. und Beftimmungen über die Zahlung diefer Schuld getroffen wurden. Gleich zeitig wurde die Gründung einer Genoffenfchafts-Druckerei

nach dem Mufter der in New York beftehenden auch für Chicago vorgefehen. Die- beiden Hemmniffe. die der Vereinigung der verfchie denen fozialiftifchen Gruppen von Anfang an im Wege ftan den. waren die verfchiedene Auffaffung in Bezug auf die Ge werkfchaftsfrage. und die politifche Aktion. Erftere Frage bot auf dem Kongreß keinerlei Schwierigkeiten. wohl aber die zweite. .DieD-elegaten der Internationale hielten eine Wahl beteiligung für verfrüht und wollten unter allen Umftän den die Partei zunächft davon abhalten. McGuire dagegen wollte mit aller Macht Beftimmungen in die Platform und die Statuten hineinbringen. die eine fofortige Wahlbeteili

gung ermöglichten. Er hatte die Annahme einer Befiim mung im Statut veranlaßt. die befagte. daß Sektionen. die fich an einer politifchen Wahlbewegung beteiligen wollen.

dazu der Zuftimmung des Ausfchuffes bedürfen. Gegen diefe Beftimmung hatten Wehdemei)er. Sorge und Conzett 370

geftimmt. und Sorge hatte darauf aufmerkfam gemacht. daß die Verlegung des Auffichtsrates nach New Haven. deffen Delegat _ McGuire _ befonders für die Wahlbe

teiligung eintrat. die Sache verfchlimmere. Die Delegaten der Nordamerikanifchen Föderation feien angewiefen. die Enthaltung von der Wahl zur Bedingung der Vereinigung zu machen. Ein Gefuch Sorge's um Wiedererwägung und Streichung der betreffenden Beftimmung wurde troßdem abgelehnt. worauf Sorge dem Kongreß einen Antrag unter breitete. der fich für vorläufige Wahlenthaltung ausfprach. Diefer Antrag. der mit vier gegen drei Stimmen angenom men wurde. hatte folgenden Wortlaut: ..In Erwägung. daß die ökonomifche Befreiung der Ar beiterklaffe der große Endzweck ift. dem jede politifche Be wegung unterzuordn'en ift; ' In Erwägung. daß die Arbeiterpartei ihren Kampf vor erft auf ökonomifchem Gebiete führt; In Erwägung. daß nur in dem ökonomifchen Kampf die Streiter für die Arbeiterpartei gefchult werden; In Erwägung. daß der Stimmkaften in diefem Lande längft aufgehört hat. der Ausfluß des Volkswillens zu fein. derfelbe vielmehr in den Händen von Fochpolitikern nur zur

Fälfchung des Volkswillens dient; In Erwägung. daß die organifierten Arbeiter noch durh aus niht ftark genug find. um jeßt fchon diefe Korruption zu vernichten; In Erwägung. daß diefe -bürgerliche Republik eine Un za-..l von kleinbürgerlichen Reformern und Ouackfalbern er

zeugt hat. 'deren Eindringen in die Arbeiterpartei durch eine Wahlbewegung fehr erleichtert wird; In Erwägung ferner. daß die Korruption des Stimm kaftens fowohl. wie die Reformfpielerei in den Iahren der Präfidentenwahl ihre höchfte Blüte erreichen. alfo die größte Gefahr für die Arbeiterpartei in fich bergen; Aus diefen Gründen befchließt der Einigungskongreß der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten. tagend zu Phila delphia. am 22. Iuli 1876: Die Sektionen diefer Partei fowohl. wie überhaupt alle Arbeiter. werden ernftlich aufgefordert. fich vorläufig jeder 371

'

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Wahlbewegung zu enthalten und dem Stimmkaften den Rücken zu kehren. Die Arbeiter erfparen fich felbft dadurch Enttäufchungen und können ihre Zeit und Kraft wahrlich beffer der Organi iation der Arbeiter widmen. welche durch eine voreilige Wahlbewegung häufig zeritört und ftets

gefchädigt wird.

Warten wir unfere Zeit abl Sie wird kommenl" _ Diefer Befchluß war. wie wir fehen werden. von Wichtig keit und feine Verleßung führte zu erneuten Gegenfäßen. die zu neuen Uneinigkeiten und zu erneuten Abbröckelungen führten. Vorläufig aber war die Einigung vollzogen. McGuire erhob fich beim Schluffe des Kongreffes und' fprach die Hoff nung aus. daß das Werk ein dauernd-es fein möge und Sorge gab in feinem und feiner Mitdelegaten Namen die Verfkicherung. daß die Internationalen ihre Schuldigkeit tun wär en.

.

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10. Kapitel

Die Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten. 1.

Nam der Vereinigung.

Der Ausfchuß der neuen Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten konftituierte fich am 6. Auguft 1876 in Chicago. Er feßte fich zufamnien aus Philipp von Patten. Sekretär. Wilhelm Ieffers. I. C. Pfeiffer. Henriz Stein. L. Thors mark. H. Stroele und I. McAuliffe. Später traten McAuliffe. Ieffers und Thorsmark aus. die durch Georg Schilling. O. A. Bifhop und Th. Morgan -erfeßt wurden. Der Ausfchuß begann feine öffentliche Tätigkeit mit einem Aufruf an die Sektionen. in welchem diefe aufge fordert wurden. Maffenverfammlungen cinzuberufen und Refolutionen zugunften der folgenden Forderungen zu faffen: 1. Normalarbeitstag von acht Stunden für das ganze Land; 2. Aufhebung aller Verfchwörungsgefeße. die fich -gegen das Streikrecht der Arbeiter richten und die das Recht befchränken. andere zur Arbeitseinftellung zu be wegen; 3. daß die Bundesregierung fofort durm Ankauf Befiß von allen Eifenbahnen und Telegraphenlinien nehme und den Betrieb derfelben felbft leite. ' Der Ausfchuß hatte die Abficht. eine Maffenbewegung zu gunften diefer Forderungen ins Leben zu rufen und leßtere dann auf Grund der gefaßten Refolutionen der Bundes regierung in Wafhington und den gefeßgebenden Körper fchaften der Einzelregierungen zu unterbreiten.

Das Vor

gehen war ein Fehlfchlag. wie es bei der geringen Zahl der Mitglieder der neuen Partei und bei den Gegenfäßen. die in ihren Reihen troß der Vereinigung herrfchte. kaum anders fein konnte.

Im Ianuar 1877 fandte der Parteiausfchuß an das Re präfentantenhaus in Wafhington eine Petition. in der ein nationales Bureau für Arbeitsftatiftik verlangt wurde. Im 373

Mai desfelben Jahres wurde ein Aufruf erlaffen. in welchem die Gewerkfchaften Amerikas aufgefordert wurden. fich zu einer großen allgemeinen Arbeiterpartei zu ver einigen. Auch diefe Schritte des Ausfchuffes hatten weiter keinen Erfolg; konnten wohl auch. des wefentlich deutfchen Charakters der Arbeiterpartei halber. keinen folchen haben. Die Neugründung von Sektionen ging anfänglich auch nur langfam vor fich. Im Ianuar 1877 beftanden erft 48 Mitgliedfchaften der Partei im Lande. von denen 24 deut fcher. 12 englifcher. 7.böhmifcher. 3 fkandinavifcher und eine franzöfifcher Sprache waren. Hierzu kam eine deutfche - Frauen-Sektion. Im Frühjahr 1877 zeigte fich eine lebhaftere allgemeine Arbeiterbewegung. und diefe kam auch der fozialiftifchen Partei zugute. die um diefe Zeit wacker agitierte und ihre Reihen zu ftärken fachte. Anfangs Iuni hatte fich die Zahl der Parteimitgliedfchaften auf 77 vermehrt. von denen 24 englifchfprechend waren. und am 9. Iuli 1877 ward be richtet. daß 82 Sektionen der Partei beftanden. und zwar 42 deutfche. 23 englifche. 7 böhmifche. 5 fkandinavifche. 2 franzöfifche und drei Frauen-Sektionen. Freilich waren diefe Sektionen. befonders die englifchen. nicht fehr ftark. andere waren auch nur recht lofe mit der Organifation ver knüpft. So gaben z. B. die ..Sozialdemokraten von Mil waukee“ im Mai 1877 ein Wahlprogramm heraus. in..dem fie erklärten: ..Die Sozialdemokraten Wisconfins b e tr a ch ten fich als einen Teil der Arbeiterpartei der Ver einigten Staaten( Ieder Bürger. der fich mit den Punkten der Platform einverftanden erklärt. ift Mitglied.“ Troß diefer ftark platonifchen Form einer Organifation gewann die Bewegung indes um diefe Zeit manche Mitglieder. die fpäter in der allgemeinen Arbeiterbewegung des Landes fich

einen Namen erwarben. In Chicago begann damals Th. Morgan feine Agitationstätigkeit. Im März 1877 trat A. R. Parfons. der zehn Iahre fpäter in Chicago von den herrfchenden Klaffen unfchuldig an den Galgen gebracht wurde. in Detroit zum erften Male öffentlich als fozialifti fcher Agitator auf. Auch Auguft Spieß. der mit Parfons den Tod durch Henkrrshand erlitt. trat um diefe Zeit in Chicago der Arbeiterpartei bei. Im Often. befonders in New York. waren damals befonders tätig: P. I. McGuire.

McDonnell. G. Winter. H. Emrich. I. Schäfer. Jof Holler. 374

A. Otto Waliter. A. Voßberg u. a. Ju der Stadt New York. wo B. Kaufmann

der Parteimitgliedfchaft als Organi

fator vorftand. entwickelte fich eine allgemeine Agitation. Am 13. Ianuar 1877 wurde z. B. eine Maffenverfamtn lung nach Mafonic Hall einberufen. in der man gegen das beabfichtigte Hängen von geheim organifierten Bergleuten der Mollh Maguires' in Pennfhlvanien Einfpruch erhob. Es wurde Proteft erhoben gegen die infame Behandlung der Bergleute P-ennfhlvaniens und gegen die beabfichtigte Hin richtung von Männern. gegen welche nur die Ausfagen be zahlter Zeugen vorliege. Im Februar desfelben Jahres bildete die Mitgliedfchaft der Partei in New York ein Komite zur Unterftüßung der Arbeitslofen. die unter dem Einfluß der herrfchenden Krife damals befonders zahlreich waren. Es wurden Diftrikts-Komites ernannt. die in ihren Bezirken Gelder zu fammeln .und Unterftüßungen auszuzahlen hatten. Im April 1877 nahm man. ebenfalls in New York. die Agitation gegen eine beabfichtigte Befchränkung des Wahlrechts in die Hand und berief Maffenverfammlungen. ?ieb gegen diefes Attentat auf die Volksrechte -Einfpruch er zo

en.

E

2.

Neue Gegenfütze.

Troß aller Agitationsarbeit aber und troß der Zunahme der Mitgliedfchaft fehlte es der Arbeiterpartei an innerer Feftigkeit. eine Folge der innerhalb ihrer Reihen herrfchen den prinzipiellen Gegenfäße. . Diefe Gegenfäße. die befonders auf die verfchiedenen An fchauungen .in der Gewerkfchaftsfrage und der Frage der

Wahlbeteiligung beruhten. machten fich fchon gleich nach der Konftituierung des Varteiausfchuffes in einer Weife geltend. die diefen veranlaßte. Ende Auguft 1876 fich deshalb in ' einem Aufruf an die Parteigenoffen zu wenden. In diefem Aufrufe hieß es u. a.: ..Die Befchlüffe. die von unfern De

legaten auf dem Kongreß in Philadelphia gefaßt wurden. waren veranlaßt durch die bitteren Erfahrungen. die wir Arbeiter hierzulande in diefer Beziehung fchon gemacht haben'. und ftehen in vollkommenem Einklang mit unferm Programm. und diefe Befchlüffe find .aus diefen Gründen

nur anzuerkennen. Es find zwar- einzelne. die unfere An 375

ficht in bezug auf die Wahlbewegung nicht ganz teilen..weil fie noch keine Erfahrung in diefer Sach-e machten. jedoch find wir überzeugt. daß diefelben fich gerne diefen Befchlüffen fügen und die Erfahrungen. welche bereits die meiften von uns am Stimmkaften machten. anerkennen undkbeachten werden. -Wenn wir vorab auf dem uns durch unfer Pro gramm verzeichneten Wege vorwärts gehen. fo können wir überzeugt fein. daß der Zeitpunkt bald herbeikommen wird. wo wir uns vielleicht mit dem größten Erfolge der Wahl urne zur Durchführung. unferer Prinzipien. zur Erreichung unferer Ziele bedienen können. Für die allernächfte Zeit jedoch hat das Stimmrecht für uns .keinen Wert. da wir durch die Ausübungdiefes Rechtes im beften Falle keinen Nußen und im fchlechteren Falle .nur Schaden erleiden.“ In der Hauptfache richtete fich diefer Aufruf gegen ge wiffe Beftrebungen. die von P. I. McGuire. McGregor. Drurh und anderen Mitgliedern der englifchen Sektion New York ausgingen und. die fich gegen die Vereinigung und die Befchlüffe des Einigungskongreffes betreffs der politifchen Aktion richten. ' P. I. McGuire war kaum'vom Kongreß zurückgekehrt. als er auch fchon begann. das Einigungswerk zu diskre ditieren. befonders in den New Englandftaaten. Das fchadete aber umfomehr. als hier der Siß war der geiftig bedeutendften Vertreter der englifchfprechenden Arbeiter fchaft. mit Ira Steward. von dem noch die Rede fein wird. an der Spiße. Ira Steward und die von ihm geleitete Boftoner Achetftundenliga ftanden mit der fozialiftifchen Be wegung in Verbindung und Mitglieder derfelben hatten in Cambridge eine Sektion gegründet. Diefes weit über dem Durchfchnitt ftehende Element. das infolge feiner zahlreichen Verbindungen mit den englifchfprechenden Arbeitern New Englands für die Vereinigte Arbeiterpartei von großem ' Nußen fein konnte. wurde durch McGuires Auftreten und durch feine Mißachtung der Kongreßbefchlüffe geradezu aus der Arbeiterpartei hinausgetrieben. wozu die Verftändnis lofigkeit eines Teils des Parteiausfchuffes für die Bedeutung der eigentlichen Arbeiterbewegung fowie für amerikanifche Dinge fördernd mitwirkte. New England. die .damals wichtigfte Pofition für die amerikanifche Arbeiterbewegung. ging dadurch der Arbeiterpartei und der politifchen .Arbeiter bewegung überhaupt für lange Iahre verloren. - i. . -- |..; 376

Das Treiben McGuires und Genoffen wirkte natürlich auf die eben erft erfolgte Vereinigung ungemein zerfeßend. In einem Briefe. den C. Conzett. der Redakteur des Chicagoer Vorbote im Oktober 187 6 an F. A. Sorge rich tete.-befchwerte fich diefer bitter über die ..Phantaften. die die junge Bewegung ruinieren“. und A. Straßer fchrieb im Ianuar 1877 an I. P. McDonnell. dem Redakteur des Labor Standard: ..Die Korr-efpondenz P. I. McGuires be deutet Krieg; fie ift eine offene Revolte gegen die Platform. Meine perfönliche Bekanntfchaft mit ihm befähigt mich. zu tagen. daß er gegen feine eigene Ueberzeugung fchrieb und daß es das erfte Zeichen für die'kommende Spaltung ift.“ Man fieht. daß das Treiben McGuires und feiner Freunde nicht nur von den früheren Mitgliedern der Internationale. fonder'n auch von jenem der Arbeiterpartei von Illinois und ' der fozialdemokratifchen Arbeiterpartei mit Mißfallen be trachtet wurde. Bei Straßers Haltung kam freilich in Be tracht. daß er als Schüler der Internationale die Wichtigkeit der Gewerkfchaftsbewegung kannte und fich diefer in leßter Zeit befonders gewidmet hatte. Das brachte ihn in Gegen faß zu den neu eingewanderten Laffalleanern. deren Haupt vertreter in New York H. Winter war. Diefe erwarteten alles von der 'rein politifchen Aktion der Arbeiter. weshalb fie auch-.die gewerkfchaftliche Bewegung unterfchäßten. Diefe Gegenfaße wegen der Gewerkfchaftsfrage drängten Straßer auf die Seite der Internationalen. . Diefe leßteren erhoben natürlich ebenfalls Widerfpruch gegen das Treiben McGuires und feiner Richtung. Die frühere Föderation der Internationalen Arbeiter Affociation hatte fich nach der Vereinigung nicht fofort aufgelöft. fon dern beftand. ..zum Zwecke der Erledigung verfchiedener An gelegenheiten“ - wie er in einem Briefe vom 3. Sep tember an den Partei-Ausfchuß fchrieb - noch weiter fort und fchickte auch die Partei-Beiträge für die 635 Mitglieder der Internationale unter dem erwähnten Datum noch an den Ausfchuß. Beim Föderalrat und feinen Mitgliedern konzentrierte fich natürlich der Widerftand gegen McGuires Tätigkeit. die Befchlüffe des Vereinigungstongxeffes außer Kraft zu feßen. '' . , Die Sektion Hoboken. in der F. A. Sorge Mitglied war. wandte fich in einem Schreiben an den Parteiausfchuß. und forderte diefen auf. ..die Agitation programmmäßig zu 377

betreiben. welches unzweideutig fage. daß die Partei vor. erft auf ökonomifchem Gebiete kämpft.“ Auch gegen die Anftellung bezahlter Agitatoren wandte fich diefes Sauri ben. da diefe ..der Partei nur 'zum Schaden gereimen könne.“ Schließlich glaubten die früheren Mitglieder 'der Internationale fich auch noch dadurch betrogen. daß die Zahl der Mitglieder der übrigen Richtungen beim Vereini gungskongreß größer angegeben wurde. als fie in Wirk lichkeit fei. In dem Briefeder Sektion Hoboken an den Parteiausfchuß hieß es darüber: ..Auf dem Einigungskon greß vertraten drei Delegierte 1500 Mitglieder der Sozialdemokratifchen Arbeiterpartei und ein Delegierter 250 Mitglieder des fozialdemokratifchen Arbeitervereins in Cincinnati. Beim Studium des Finanzberichts finden wir von den erfteren höchftens 650 bis 686. von den zweiten (Cincinnati) nur 114 heraus.“ . Ueber die Auffaffung. die in den Reihen der früheren Mitglieder der Internationale über die Aufgabe der ver einigten Partei herrfchte. gibt ein Brief ein klares Bild. den F. A. Sorge im September 1876 an Conrad Conzett richtete. Sorge wandte fich zunächft gegen den ..deutfchen. importierten“ Charakter der Partei .und fuhr dann fort: ..Schildern Sie dem Ausfchuß. wie einmjitig der Kongreß darin war. daß der Schwerpunkt der Agitation nach den Neu England Staaten verlegt und daß die g c to e r k f cha f t liche Organifation vor allen Dingen gefördert werde. Heben Sie hervor. daß der Kongreß einhellig der Anfiän war. daß unter den

Englifchredenden

Boden

gewonnen

werden müffe und daß deshalb die Namen ..Soziali't' und ..Sozialdemokrat“ entfernt. der Partei der einfache Namen ..Arbeiterpartei“ gegeben und daß alle Delegaten für Aenderung der Redaktion des englifchen Blattes waren.“ Die vorhandene Spannung zwifmen den beiden Rich

tungen in der Partei' wurde erhöht durch einen Befchluß der Sektion New Haven. der unter dem Einfluß McGuires zuftande kam und der eine offenbare Verleßung der Kon greßbefchlüffe bedeutete. Im September 1876 entfchied fich die genannte Sektion nämlich dafür. fich an der bevorftehenden Wahl zu betei ligen und der Parteiausfchuß. bei dem man um Erlaubnis dafür einkam. fanktionierte diefen Befchluß. Das ftand im Widerfpruch zu den Bedingungen. unter denen auf dem 378

Kongreß die Vereinigung vollzogen war. Dort war be fchloffen'. daß die Sektionen ..ernftlich aufgefordert find. fich vorläufig jeder Wahlbewegung zu enthalten.“ Es handelte fich alfo offenbar um einen Vertrauensbruch gegenüber den Internationalen und am 30. September erließen Otto Wehdemeher und F. A. Sorge. die die Delegaten der Inter nationale auf dem Vereinigungskongreß gewefen waren.

einen Proteft gegen das Verfahren der Sektion New Haven und machten den Parteiausfchuß für die Folgen verant wortlich. Troßdem hielt die Sektion New Haven ihre Wahlbetei ligung aufrecht. Sie erzielte für ihre beiden Kandidaten K. Goldfchmidt 640 und R. C. Barth 614 Stimmen. . Diefes Vorgehen. hinter dem in der Hauptfache P. I. McGuire fteckte. verfchärfte den vorhandenen Gegenfaß zwifchen den Anhängern der gewerkfchaftlimen und der rein politifchen Bewegung. Auch das deutfche Element. das bei weitem die Majorität der Partei bildete. fpaltete fich in diefer Frage. Während jene Mitglieder. die längere Zeit im Lande waren. und die noch unter dem Einfluß *der inter nationalen Agitation ftanden. fich ftärker für die gewetk fchaftliche Bewegung ins Zeug legten. betonte die jüngere Einwanderung aus Deutfchland naturgemäß die politifche Betätigung in ftärkerer Weife. naturgemäß deshalb. weil die Entwicklung der Gewerkfmaften im deutfchen Reiche verhältnismäßig gering war und die politifchen- Anfchau ungen von drüben einfach nach Amerika übertragen wurden. Beide Teile fündigten infoweit. als im Laufe der Ausein anderfeßungen von Seiten der Befürworter der Gewerk fchaftsbewegung die erzieherifme Wichtigkeit der politifchen Aktion der Arbeiterklaffe außer Acht gelaffen wurde und umgekehrt -die Anhänger der politifmen Aktion die Bedeu

tung der Gewerkfchaftsbewegung nicht genügend würdigten. Der herrfchende Gegenfaß kam auch in der Parteipreffe zum Ausdruck. befonders im englifchen Organ. dem Labor Standard. der unter der Redaktion von McDonnell ftand. Das Blatt wurde in gewerkfchaftlichem Sinne redigiert. und enthielt eine Maffe Material über die Gewerkfchafts bewegung und Arbeiterlage. P. I. McGuire intriguierte gegen MeDonnell. der fein Nachfolger als Redakteur des englifchen Organs der Partei war. und im Parteiausfchuß. in dem das amerikanifche Element nichts von der Arbeiter 379

bewegung und das ansländifche Element nichts von den amerikanifchen Verhältniffen verftand. nahm man Stellung gegen die gewerkfchaftliche Haltung des Labor Standard. McDonnell verteidigte fich mit Hinweis auf die Grundfäße und Befchlüffe der Partei. worauf der Ausfchuß. ohne den Redakteur des Blattes zu fragen. Dr. Stiebeling zum Mit redakteur des Labor Standards ernannte. Um den Gegen faß zu verfchärfen. kam hinzu. daß das Blatt fich nicht zahlte und nur mit großen perfönlichen Opfern. die naturgemäß in der Hauptfache von den früheren Mitgliedern der Inter nationale kamen. aufrecht erhalten werden konnte. Shließ lich konnte. im Mai 1877. das Defizit nicht mehr gedeckt werden. Die Sozialdemokratifche Genoffenfchaftsdruckerei in New York. in der das Blatt hergeftellt wurde. verweigerte ' weiteren Kredit und der Parteiausfchuß befchloß das Ein gehen des Blattes. Nachdem diefer Befchluß der Exekutive bekannt geworden war. verfammelten fich die Anhänger des Labor Standard. die fich aus Mitgliedern der englifchen und deutfchen Sek tionen New York und der Sektion Hoboken zufammenfeßten und befchloffen die weitere Herausgabe der Labor Standard. auch wenn diefelbe nicht die Anerkennung der Partei finden follte. In einer Generalverfammlung der Genoffenfchafts druckerei wurde ein Befchluß gefaßt. das Blatt weiter zu drucken. Eine Spaltung unter den Aktionären der Druckerei war die Folge. Der Auffichtsrat der Partei in New Haven trat für den neuen Labor Standard ein. dem befonders auch die Aus ftände und 'Unkoften des früheren Blattes zugefprochen' wurden. Der Parteiausfchuß fprach fich gegen das neue Blatt aus und es kam dazu. daß die beiden oberften Partei behörden gegenfeitig ihre Befchlüffe über den Gegenftand als ungültig erklärten. Die englifche Sektion in New'York. übrigens meiftens aus Deutfchen beftehend. erklärte fich für das neue Blatt. die deutfchen Sektionen dagegen. und es

kam zu heftigen Anseinanderfeßungen und Anfchuldigungen zwifchen beiden. Das deutfche Parteiorgan. Die Arbeiter ftinune. berichtete über die Sache: ..Der Labor-Standard ift von einigen Privatperfonen. die fich ..Labor Standard Publifhing Affociation“ nennen. in die Hand genommen

worden und empfahl dann als englifches Parteiorgan den im Wefteu erfcheineuden ..Emancipator.“ Die Stellung 380

'i

nahme des Auffichtsrats für den neuen Labor -Standard veranlaßte die deutfche Sektion New York zu folgendem Befchluffe: ..Da der Auffichtsrat fich über das Parteiftatut hinwegfeßte. indem er dekretierte. daß der von Privatper fonen herausgegebene Labor Standard als Varteiorgan gelten foll und alle rückftändigen Gelder des früheren Labor Standard. welche doch der Partei gehören. an diefe Vrivat perfonen abgeliefert werden follen. deshalb erklärte die Sektion den Auffichtsrat für unwürdig. der Partei fernerhin vorzuftehen und erfucht denfelben zu refignieren.“ -Die Angelegenheit wurde der Partei zur Urabftimmung unter breitet. Diefe feßte den Auffichtsrat in New Haven ab und verlegte den Siß der Behörde nach Newark. Der Labor Standard ward nach Bofton. wo er nur etwa drei Monate erfchien. und dann nachFall River verlegt. Hier wurde das Blatt unter Mithülfe von McDonnell und McNeill

durch Gunton. den damaligen Sekretär der Spinnergewerk fchaft. redigiert. McDonnell gründete bald darauf in Paterfon. New Ierfeh. ein neues Blatt. den ..Paterfon Labor Standard.“ das in Bezug auf gewerkfchaftliche An gelegenheiten fich ziemlich gut hielt. im übrigen aber bald in den Schmuß amerikanifcher Fachpolitik verfank. Die herrfchenden Gegenfäße in der Partei und die Strei tigkeiten. die fich daraus entwickelten. hatten die deutfche Sektion in New York bereits zu Anfang des Iahres-1877 bewogen. den Antrag beim Parteiausfchuß einzubringen. bis Mitte des Iahres einen Kongreß zur Regelung der Dinge einzuberufen. Hiergegen wandte fich die Sektion 1 in Hoboken. die u. A. erklärte: ..Es ift kein Grund vorhan den. einen Kongreß einzuberufen. denn Programm und Statuten find vollftändig ausreichend und gut genug und könnte es fich höchftens darum handeln. die Behörde fowohl wie die Sektionen und die Herren Agitatoren zur befferen Beachtung derfelben anzuhalten. Diejenigen aber. welche Politik treibenwollen. mögen fich fagen laffen. daß in dem Programm Raum genug für Arbeiterpolitik ift. wie fie jeder echte Genoffe in Wort und Schrift und Verfammlung treiben foll. Daß aber diejenigen. welche andere Politik treiben wollen. lieber draußen bleiben follten bei ihresglei chen. bei den Fachpolitikern.“ Die Urabftim-mung erklärte fich denn auch gegen die Ab haltung eines fofortigen Kongreffes. was freilich nicht ver 881

hinderte. daß die Entfremdung der beiden Flügel der Partei immer ftärker wurde. Im September 1877 fand in Bofton eine Konvention der ..Arbeiterpartei der Ver. Staaten“ für Maffachufetts ftatt. auf der elf Sektionen vertreten waren. Man feßte ein Komitee ein. das Vorfchläge für Kandidaten für das Parteiticket machen follte. Die Vorfchläge waren: für Gouverneur Wendell Philipps und für Vize-Gouverneur William Earle von Worcefter.

Die Vorfchläge wurden an

genommen. aber erft. nachdem man ein Parteimitglied. Chamberlain. an Stelle von Wendell Philipps. der von der alten ..Arbeiter-Reformpartei“ aufgeftellt war. -nominiert 'hatte. der dann aber die Nomination ablehnte. Vor der Aufftellung der Kandidaten hatten Ira Steward und Geo. McNeill das Wort genommen und dringend abge

raten. .fich an den Gouvernenrswahlen zu beteiligen. Sie hielten es für wichtiger. fich auf die Wahl von Legislatur mitgliedern zu befchränken. um eine verbefferte Fabrikge

feßgebuug in Maffachufetts zu erlangen. Die Gegenfäße fraßen weiter. Auf einer Konvention der Arbeiter-Reformpartei in Bofton. diebald nach der obigen Konvention abgehalten wurde. wurde ein Antrag

eingebracht. mit der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten Hand in Hand zu gehen. Der Antrag wurde abgelehnt und der Vorfißende der Konvention. Chamberlain. legte deshalb fein Amt nieder. Die Folge diefer Gegenfäße war. daß die fozialiftifche Bewegung damit für viele Iahre ihren Boden im induftriellen Diftrikt Amerikas. in den Neu-England Staaten. verloren hatte.

3. Der Eifeubahnarbeitei-Streik von 1877. Die langandauernde Krife und die damit verbundene 'maffenhafte Arbeitslofigk-eit hatte in der erften Hälfte der fiebziger Iahre im ganzen Lande zu ftarken Lohnreduktionen Anlaß gegeben. Die Arbeiter-Organifationen waren ohn mächtig. und konnten deshalb nichts gegen die Vergewalti gungen tun. denen fie feitens der kapitaliftifchen Unterneh mer ausgefeß't waren. Mit Rückficht auf die Ohnmacht der Arbeiter und ihrer Organifationen glaubten die Kapitaliften fich den Arbeitern gegenüber alles erlauben zu können. Lohnherabfeßung folgte auf Lohnherabfeßung. bis fchließlich 382

die Zahlung der Arbeiter ftellenweife eine fo geringe war. daß fie mit dem beften Willen ihren Lebensunterhalt nicht davon beftreiten konnten. , .Befonders hatten fich bei diefer Herabfeßung der Arbeits löhne

auch die

Eifenbahngefellfchaften

hervorgetan.

von

denen einzelne innerhalb dreierfIahre fich dreimal eine Verminderung der Löhne ihres Arbeiterperfonals erlaubt hatten. Die Löhne gewiffer Arbeiterkategorien an den Bah nen war im Iuli 1877 auf 75 und 90 Cents pro Tag herab gedrückt worden. Da wurde. Mitte diefes Monats. an der Baltimore und

Ohio Eifenbahn bekannt. daß für den 16. Iuli abermals eine

zehnprozentige

Lohuherabfcl-ung

bevorftehe.

eine

Nachricht. die bei den beteiligten Arbeitern geradezu eine Panik hervorrief. Verfammlungen zur Abwendung der drohenden Maßregel traten überall im ganzen Bereich des Bahnfhftems zufammen. ohne daß es anfcheinend zu be ftimmten' Befchlüffen und Abmachungen über -ein gemein

fames Vorgehen kam. Am 16. Iuli nachmittags verließen auf verfchiedenen Stellen in Weft Virginien und Marhland eine Anzahl Eifenbahnarbeiter ihren Poften.

In Baltimore

ftellten gleichzeitig die Arbeiter einer Anzahl Fabriken die Arbeit ein. um eine zehnprozentige Lohnerhöhung durchzu feßen.

Die Erregung wurde allgemein und am ganzen

Bahnfuftem feßten Störungen ein. Die Bahngefellfchaft wandte fich an den Gouverneur von Weft Virginien mit dem Erfuchen. ihr die Milizen zur Verfügung zu ftellen. Die Milizen kamen und in Martinsburg wurde ein ftreikender . Eifenbahnarbeiter erfchoffen. Die Situation erfchien den Behörden fo ernft. daß man Bundesmilitär nach Martins burg fchickte. In Baltimore gab fich ebenfalls ungeheure Erregung kund. Hier war auch die Miliz aufgeboten worden und während die Soldaten durch die von erregten Maffen an gefüllten Straßen zogen. die ihnen jedes denkbare Hinder nis in..de.n Weg legten. feuerten fie. ohne den Befehl dafür erhalten zu haben. plößlich auf die angefammelte Menge.' Tote und viele Verwundete deckten das Pflafter. Dreimal wurden diefe Attacken wiederholt. bei denen zehn Arbeiter getötet wurden.

Schlimmer noch ftand es in Pittsburg. bis wohin fich der Streik in den nächften Tagen ausgedehnt hatte. denn auch 383

die Arbeiter der übrigen Bahnfhfteme waren dem Beifpiel ihrer Kollegen von der Baltimore und Ohio Bahn gefolgt.

Am 19. Iuli morgens weigerten fich plößlich. augen fcheinlich ohne vorherige Abmachnng. die Arbeiter der Pennfhlvania Central-Bahn. die Frachtzüge von Pittsburg aus zu- befördern. Sie verlangten die Abfchaffung eines gewiffen Arbeitsfhftems. das es der Bahngefellfchaft ermög lichte. eine Anzahl von Arbeitern müffig liegen zu laffen. während fie ihre Arbeit den befchäftigten Arbeitern auf halfte. Die eingeleiteten Verhandlungen führten zu keiner Vereinbarung.

'

Auch in Pittsburg' wurde die Miliz aufgeboten. Am Morgen des 21. Iuli v'erfuchte ein Sheriff mit Hülfe der Miliz verfchiedene Streiker zu verhaften. Als die erfte Verhaftung vorgenommen war. feuerte plößlich die Miliz 'auf die angefammelten Maffen. ohne daß bis dahin irgend cin Akt des Widerftandes gegen die Beamten und :Soldaten

ausgeübt worden wäre. Nicht weniger als fechzehn Perfonen wurden fofort getötet. Die ganze Bevölkerung wurde aufs höchfte erregt und Alles rannte auf die Straße. Man griff zu den Waffen. Man plünderte die Waffen läden und-'mehr als 2000 Gewehre. abgefehen von Klein waffen. wurden mit der dazu gehörigen Munition den Läden entnommen. -Von Philadelphia waren 600 Mann Milizen in Pittsburg angekommen. Diefe wurden von den bewaffneten Maffen iu ein Lokomotiv-Rundhaus der Pennfhlvania Bahn gedrängt

und

dort

belagert.'

Am

nächften Morgen. den 22. Iuli. gelang es den'Philadel phiaer Truppen. aus ihrem Rundhaufe zu entkommen. nicht ohne. daß fie vom Volke verfolgt worden wären. Sie hielten in ihrem Rückmarfch nicht eher an. als bis fie Claremont. zwölf Meilen von Pittsburgentfernt. erreicht hatten. In Pittsburg felbft rächten fich die Maffen für das ver goffene Blut dadurch. daß fie die Gebäude der Eifenbahn gefellfchaft in Brand feßten. Mehr als1500 Waggons und über 100 Lokomotiven fielen nebft zahlreichen Gebäuden

ihrer Wut zum Opfer. Der angerichtete Schaden wurde auf mehr als eine Million Dollars angegeben. Der Streik dehnte fich auf nicht weniger als fiebzehn Staaten aus und in beinahe allen größeren Städten des

betroffenen Diftrikts kam es mehr oder weniger zu Unruhen und zum Blutvergießen. 384

''--Die Arbeiterpartei. obgleich fie natürlich direkt nichts mit dem Streik zu tun hatte. benußte die Gelegenheit zur Agi tation und berief überall Verfammlungeu ein. die bei -der herrfchenden allgemeinen Erregung riefig befucht waren und fich natürlich überall für die Streiker erklärten. In Chicago war die von der Arbeiterpartei einberufenc Ver

fammlung von mehr als 15.000 Menfchen befucht. Die Exekutive der Partei. welche die Verfammlung veranlaßt hatte. hatte der Polizei gegenüber die Garantie übernom men. daß es nicht zu Unruhen komme. unter der Bedingung aber. daß kein Polizift in der Verfammlung fich fehen laffe. Tatfächlich war kein Polizift fichtbar und die Verfammlung nahm einen ruhigen Verlauf. In diefer. wie in all den anderen Verfammlungen. die feitens der Sozialiften einbe rufen wurden. warnte man vor Gewalttätigkeiteu. weil diefe nichts nüßen konnten. und hielt den Arbeitern die Notwendigkeit der Organifation vor Augen. Das fchien der Polizei unerwünfcht. In Chicago knüppelte diefe am Tage nach der oben erwähnten Maffenverfammlung mutwillig jede Anfammlung von Menfchen in der Straße nieder. Darunter auch ein kleines Meeting. in dem der Sekretär der Partei. Philipp van Patten. eine Anfprache hielt. Viele Verhaftungen fanden ftatt. Unter den Verhafteten befand fich 'auch Parfons. Vom nächften Tage an wurden alle Verfammlungen in Chicago verboten. Inder Vorwärts Turnhalle. wo eine Verfammlung von Gewerkfchafts-Dele gaten fich eben zerftreut hatte. und wo nur von der deutfchen Möbelarbeiter-Union noch etwa zweihundert Mitglieder anwefend waren. drang eine Rotte Poliziften mit Knüppel hieben und Revolverfchüffen ein. töteten ein Mitglied. Teß mann. fofort und verwundeten Viele. von denen fpäter noch einer ftarb. n Cincinnati und Milwaukee war der Ausftand der Ba narbeiter von vornherein erfolgreich. nicht zum gering ften deshalb. weil die Arbeiterpartei dort ftark genug war. um in Verfammlungen ihre Sache führen und die öffentliche Meinung für fie bearbeiten zu können. Hier kam es zu keinen eigentlichen Ruheftörungen. In New York berief die Arbeiterpartei

mehrere

große

Maffenverfammlungen

nach dem Tompkins Square'und nach Cooper Union. wo in erfterer. auf der mindeftens 12.000 Menfchen anwefend waren Iohn Swinton. A. Otto-Walfter. Alexander -Ionas 385

und G. Winter fprachen. während in Cooper Union McDon nell und Bliffert referierten. Später ernannte*die deutfche Sektion in New York ein Komitee. um fich mit den verhaf teten Eifenbahnftreikern. die im New Yorker Gefängnis faßen. .in Verbindung zu feßen und fie zu unterftüßen. In Philadelphia berief die Arbeiterpartei nach den Vor gängen in Pittsburg. bei der die Miliz von Philadelphia eine fo fchmähliche Rolle gefpielt hatte. eine Verfammlung

zur Befprechuna derfelben ein. Die Polizei ließ die Maffen nicht zufammen kommen und verbot alle Meetings in den nächften acht bis zehn Tagen. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. von denen auch vier Mitglieder der Arbeiterpartei. Steinert. Köberlein. Weiß und Fox betroffen wurden. Die drei erfteren wurden unter je 5000 Dollars Bürgfchaft geftellt. In St. Louis führte die Streikbewegung zu einer eigen tümlichen Situation. Auch hier trat unter der Leitung der Arbeiterpartei die Maffe der Bevölkerung für die ftreikenden Eifenbahnarbeiter ein. Am 24. Iuli wurde auf dem Lucas Markt eine Maffenverfammlung abgehalten. die von min

deftens zehntaufend Menfchen befucht war. Diefe Verfamm lung faßte die folgenden Befchlüffe: ..In Erwägung. daß die heutigen gefellfchaftlichen Einrichtungen einer großen Maffe unferer Mitmenfchen nicht das Recht auf das Leben erlauben. indem alle Produkte und Produktionsmittel von den Monopoliften mit Befchlag belegt find. verlangen wir.

daß die Regierung dahingehende Gefeße erläßt. welche jedem Menfchen das Recht auf Arbeit und mithin auf's Leben garantieren.“ ..Um daher Blutvergießen und fonftigen drohenden Vor kommniffen in unferem Lande vorzubeugen. fordern wir die Arbeiter in allen Zweigen der Induftrie auf. den General

ftreik zu erklären. die Arbeit einzuftellen und fie nicht früher aufzunehmen. bis wir 1. Einen. durch das Gefeß garantierten achtftündigen Arbeitstag. und 2. Ein Verbot der Arbeit der Kinder unter 14 Iahren in den Fabriken errungen haben.“ Zur Durchführung diefes Befchluffes des Generalftreiks ernannte die Maffenverfammlung noch ein ..Arbeiter-Exe kutiv-Komitee“. das fich in der Hauptfache aus deutfchen Sozialiften zufammenfeßte und dem u. a. Dr. F. Lingenau 386

und Albert Currlin angehörten. Diefes Komitee wandte fich am nächften Tage in einer ..Proklamation“ an die Be völkerung der Stadt. in der fie die Befchlüffe der Maffen verfammlung auf dem Lucas Markt mitteilte und erklärte. daß die gewählte Exekutive der Arbeiter nicht verantwortlich fei für irgend welche individuellen Gewalttätigkeiten. ..die während der gegenwärtigen Aufregung verübt werden mö gen. fondern daß wir nach Kräften darauf bedacht fein werden. Diebftähle. Brandftiftungen ufw. zu verhindern und die Verbrecher den betreffenden Autoritäten zu über liefern. ..Unfer Motto ift: ..Tod allen Dieben. Brandftiftern und Mördernl“ Die Maffenverfammlung vom 24. und ihre Befchlüffe. fowie die Proklamation des Exekutiv-Komitees vom 25. Iuli jagten dem Bürgertum von St. Louis einen heillofen Schrecken ein. Die Behörden begaben fich aus Furcht vor der Arbeiterfchaft und ihrem Exekutiv-Komitee geradezu der Herrfchaft. fie übten ihre Amtstätigkeit nicht aus. hatten mehrere Tage lang tatfächlich abgedankt. Die Herrfchaft der Stadt wäre an das Arbeiterkomitee übergegangen. hätte diefe die Herrfchaft übernehmen wollen. Die Arbeiterfchaft hätte in diefen Tagen die Kommune von St. Louis erklären können. ohne daß fie bei dem zitternden Bürgertum Wider

ftand gefunden hätte. Freilich hätte natürlich die Herrlich keit nicht lange dauern können. Das Exekutiv-Komitee. dem der Zufall in diefen Tagen eine fo wichtige Rolle zuerteilt hatte. zeigte fich in keiner Weife der Situation gewachfen. War fchon der in der Maffenverfammlung durchgefeßte Befchluß eines General ftreiks zur Durchführung eines gefeßlichen Achtftunden tages und eines gefeßlichen Verbotes der Kinderarbeit. Fragen alfo. die eine g e f e ß l i ch e. alfo zeitraubende und lang dauernde Löfung forderten. ein direkter Unfinn. fo zeigte der erfte Schritt des Exekutiv-Komitees fchon. daß auch fonft nichts von ihm zu erwarten war. Seine Proklamation an die Bevölkerung enthielt keinerlei Hinweis auf die Schritte. die eingefchlagen werden follten. Nicht einmal die Aufforderung. den Befchluß der Verfammlung betreffs des Generalftreiks durchzuführen. war darin enthalten.. Nichts als Redensarten. die aber den Maffen keine Direktive gaben. Man wußte augenfcheinlich in dem Exekutiv-Ausfchuß felbft nicht. was man wollte. Es 387

beftand keine Organifation. man tat aber auch nichts um eine zu ..-fchaffen. Man hatte kein Verftändnis der Lage. keinen Plan. und konnte deshalb auch . nicht" handeln. Die Bewegung war den Leitern über den Kopf gemachten. Diefe faßen- rat- und tatlos in einer Kneipe und wußten nicht. was fie tun follten. - - Als das Bürgertum fah. daß das Exekutiv-Komite der Arbeiter nicht der Rief'e war. den es in ihm erblickt hatte. wuchs fein Mut. Die Zeitungen wüteten geradezu 'in verleumderifchen Berichten über die Arbeiterbewegung. wobei fich befonders die deutfche ..Weftliche Poft“ hervortatz Die Behörden nahmen ihre Funktionen wieder auf und ver boten zunächft alle Verfammlungen. Die Polizei verhaftete die Mitglieder des Exekntiv-Ausfchuffes und die' meiften übrigen Wortführer der Arbeiter. Das Bürgertum. befonders die Handelswelt. wurde jeßt auch wieder kühn. Man bewaffnete fich. bildete Kompagnien von Freiwilligen und paradierte durch die Straßen. um dem ..Mob“ die Macht der ..Befißenden“ zu zeigen. ' . F. -Lingenau. eines der Mitglieder des Exekutiv-Aus fchuffes. ftarb nach einigen Tagen an den Folgen der Erregung. die er in diefer Zeit durchzumachen hatte. Er batte die internationale Sozialdemokratie zum Erben feines Vermögens eingefeßt. das aus 8(4.000 in baar und fonfti gem Eigentum beftand. Sein Teftament wurde eines Formfehlers halber als ungültig erklärt und die preußifche Regierung bemühte fich. irgend einen' entfernten Verwand

ten Lingenau's aufzuftöbern und diefem das hinterlaffene Geld zu vermitteln. was ihr auch gelang. Wir werden gleich fehen. welche Folgen diefer große Arbeiterkampf auf die junge Arbeiterpartei hatte. die gewiffermnßen wider ihren Willen in feinen Strudel hineingeriffen wurde.

I88

4.

Volitifche Aktion.

Das Veifpiel an Disziplinlofigkeit. das New Haven im Herbft 1876 mit feiner Wahlbeteiligung gegeben hatte wirkte anfteckend auf andere Mitgliedfchaften der Arbeiter partei. die nun ebenfalls fich berechtigt glaubten. die Kon greßbefchlüffe mißachten zu dürfen. Schon im Ianuar 1877 erfuchten die Mitgliedfchaften in Cincinnati den Vartei-Ausfchuß um die Erlaubnis zur Wahlbeteiligung

und im März erhielten die Mitgliedfchaften in Chicago vom Ausfchuß diefelbe Erlaubnis. Die Geringfchätzung. mit der Disziplin und Kongreßhefchlüffe vom Olnsfchuß wie ron den Mitgliedfchafteu behandelt wurden. zog natürlich noch größere Disziplinlofigkeit nach fich und im Mai 1877 mußte der Ausfchuß der Pai-tei der englifch-fprechenden Mitgliedfchaft in Fond du Lac fchon eine Rüge erteilen. weil fie fich ohne Erlaubnis des -Ausfchuffes an der Wahl beteiligt hatte. Auch in den ten Gegenden trat man für Redakteur des

induftriell verhältnismäßig wenig entwickel des mittleren Weftens. wie in Milwaukee. eine rein politifche Bewegung ein. Der dortigen ..Socialift“ fchrieb:

..Die Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten wendete

bisher ihr Hauptaugenmerk der Agitation auf ökonomifchem Gebiete zu und hat dadurch jedenfalls viel zur Aufklärung der Arbeiter für ihre Klaffenlage beigetragen. Ein großer Teil ihrer Mitglieder ift feft entfchloffen. den politifchen Kampfplaß zu- betreten und machen fich feit einigen Mo naten zwei Strömungen geltend: die eine. hauptfächlich vertreten in Cincinnati und Milwaukee. zur felhftändigen politifchen Aktion drängend. die andere mehr an *die kon fervativen Trade-Unions fich lehnend und der praktifchen Politik widerftrebend. Wir hoffen- daß fich die Anfichten bis zum nächften V'arteikongreß fo weit werden geklärt haben. daß die bisherigen Befürworter der politifchen Ab ftinenz den politifchen Kampf neben dem ökonomifchen nicht blos gelten laffen. fondern ihn. a l s d e n allein 389

Zu mXZi e l e f ü'h r e n d e n . gleichfalls einfchlagen wer en.“

Zeigte fich fchon um diefe Zeit eine ftarke Strömung für die Wahlbeteiligung in der Partei. fo war es nur erklärlich. daß diefe Strömung durch den großen Streik der Eifenbahn arbeiter im Sommer 1877 ungemein verftärkt wurde.

Mau

war bei den großen'Verfammlungen während der Streik unruhen mit den Maffen der Arbeiter in Fühlung gekom

men. begeifterte fich an dem Aufmarfch diefer Maffen bei den Streikdemonftrationen und glaubte nun. nicht mit Unrecht.

die herrfchende Erregung für einen 'Wahlerfolg der Partei ausnußen zu können. Schon gleich nach Beendigung des Streiks der Eifenbahn

arbeiter..am 30. Iuli. beriefen die deutfche und die englifche Mitgliedfchaft in Louisville eine 'Konvention ein. zu der man

die Arbeiter-Organifationen der Stadt eingeladen hatte. .Man befchloß dort Beteilgung an der Staatswahl. die am 6. Auguft itattzufinden hatte. Man ftellte fieben Kandida ten auf. -Das Refultat war. daß bei der Wahl von 14.018 abgegebenen Stimmen auf die Kandidaten. dcr

Arbeiter

8.848 fielen. wiihrend die demokratifchen Kandidaten nur 5.162 Stimmen erhielten.

Sechs der fieben Kandidaten der

Arbeiter wurden erwählt. drei Councilmen. zwei S-hulräte und ein Alderman. Der deutfche Sozialift Karl Hebel. der für ein ftädtifches Amt aufgeftellt war. erhielt nahezu 6.000 Stimmen.

Zwar hatte die' Arbeiterpartei die Anregung zu diefer Wahl gegeben. doch entglitt die Leitung derfelben fofort

ihren Händen und ging in die Hände von Fachpolitikern über. die die herrichende Erregung in der Arbeiterklaffe für

fich ausnutzten. Das -war erklärlich. denn von einer Beein fluffung der Arbeiter-Maßen durch wirklich fozialiftifehe Anfchauungen war keine Rede und die- Arbeiterorganifatio nen felbft waren dazu noch ungemein fchwach entwickelt. Die paar Sozialiften. meiftens Ausländer. konnten deshalb

natürlich nicht die Leitung der Bewegung behalten. Trotz diefes Beweifes. daß eine fozialiftifche Wahlkam - pagne in Amerika ohne Zweck fei. wenn nicht das amerika nifche Arbeitervotum dadurch beeinflußt werden konnte. und . *J Br ucke r. Die Sozialdemokratie und i b r Wiscon fi ner Wo b k vrogramm. Milwaukee 1877. S. 21.

390

-4

das konnte nicht gefchehen. folange die fozialiftifche Bewe gung fo ausfchließlich deutfch war. wie es 1877 der Fall war. kamen doch von allen Seiten nun die Gefuche um Er laubnis für Wahlbeteiligung an den Partei-Ausfahuß in Chicago. Im September erhielten diefe Erlaubnis Detroit. St. xLouis und Newark.

In

Cincinnati

fielen am

10.

Oktober auf die Kandidaten der Arbeiterpartei etwa 10.000 Stimmen; in Newark wurden am 9. Oktober. bei der Lokal wahl. 1.683 Stimmen für den fozialiftifchen Mahorskandi daten abgegeben. und in drei Wards erwählten fie ihre Kandidaten zur ftädtifchen Vertretung. f

Die Beteiligung an der Novemberwahl desfelben Iahres

war feitens der Arbeiterpartei allgemein. obgleich die frü heren Mitglieder der Internationale fich nicht daran betei ligten. Die deutfche Mitgliedfchaft in New York befchloß ebenfalls die Wahlbeteiligung. auch Brooklhn. doch verfagte hier der Ansfchuß die erfuchte Erlaubnis. weil keine englifch fprechende Sektion in der Stadt beftand; troßdem ftellte man auch hier fozialiftifche Kandidaten auf. In Chicago wandte fich die Arbeiterpartei an die englifch-fprechenden Gewerk fchaften mit dem Erfuchern bei der Wahl mit ihr Hand in

Hand zu gehen. Ein lokales Programm wurde entworfen. das fich an das nationale Parteiprogramm anlehnte. Der Wahlerfolg war denn auch kein zu verachtender. Zwar gingen in Newark die Stimmen der Arbeiterpartei auf 800 herunter. während fie einen Monat vorher über 1.600 -

betragen hatten.. im übrigen aber zeigten fich teilweife über rafchende Erfolge. In New Haven erwählte die Partei zwei Aldermen und erhielt H600 Stimmen. In der Stadt New York erhielt der fozialiftifche Kandidat für das Amt eines

Staats-Sekretärs. Iohn McIntofch. 1.799 Stimmen; und in Brooflhn fielen etwa 1.250 Stimmen auf die fozialifti fchen Kandidaten. wovon der Kandidat für Gaft New York allein 833 erhielt. -In Detroit erhielt der fozialiftifche Mahorskandidat. der Schreiner L. Simfon. 825 Stimmen.

In Utica wurden 1.700. in St. Louis 1238. in Milwaukee 1..500 fozialiftifche Stimmen abgegeben. In leßtgenannter Stadt wurde von der Partei ein Alderman erwählt. In Buffalo erhielt der Wartet-Kandidat für Mahor. Bennett. gar 6.238 Stimmen und in Chicago ftieg das fozialiftifche Votum auf nahezu 9.000. Im folgenden Frühjahr erwähl 391

ten die Sozialiften Chicagos ihr erftes Stadtratsmitglied. F. Staubert. und im darauffolgenden Herbft. 1878. ging das foz'ialiftifche Votum in Chicago zwar auf etwas über 7.000 Stimmen herab. aber es gelang der Partei. drei ihrer Kan didaten in die Affemblh und einen in den Staats-Senat zu wählen. Die Affemblh-Mitglieder waren Bürftenmacher Ch. Meher. der Schneider Charles Efcherdt. beides Deutfche. fowie der Böhme Leo Meilbach. Der fozialiftifche Vertreter im Staats-Senat war Shlvefter Arsleh.

Auch in Rochefter. wie in Utica. und' anderen Fabrikorten des nördlichen New Yorks entwickelte die Partei eine uner wartete Stärke. Hierbei kam die Hilfe der Geldreformer. die unter der amerikanifchen Arbeiterklaffe etwas Anhang gefunden hatten. in Betracht. eine Hilfe. die die fpätere enge Verbindung der fozialiftifchen Partei mit den Greenbacklern

einleitete. eine Verbindung. die für die Partei fehr verhäng nisvoll werden follte. da fie zu erneuter Spaltung derfelben führte. '

5.

Zeitungsgründungen.

Zur Zeit des Einigungskongreffes in Philadelphia gab es

zwei deutfche und ein englifches Organ der neugebildeten Arbeiterpartei: der frühere deutfche ..Sozialdemokrat.“ jeßt ..Arbeiterftimme“ genannt. und der englifche ..Socialift“. jeßt ..Labor Standard.“ die beide in New York erfchienen - und weiter der deutfche ..Vorbote“ in Chicago. Ueber den ..Labor Standard.“ deffen Redakteur I. P. M'cDonnell war. und deffen Schickfale. haben wir fchon berichtet. Die ..Arbeiterftimme.“ die den Untertitel ..Organ und Eigentum der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten“ trug. erfchien unter diefem Namen zum erften Mal am 13. Auguft 1876. Die Redaktion des Blattes lag in den Händen von Auguft Otto-Walfter. und es wurde in der ..Sozial-Demo kratifchen Genoffenfchafts-Druckerei“ hergeftellt. Mitar beiter waren neben der Redaktion befonders Dr. Stiebeling und Dr. A. Douai. Im September löfte Georg Winter den bisherigen Redakteur Walfter in der Leitung der Redaktion ab. der einem Ruf nach St. Louis folgte. um die Leitung des dortigen Arbeiterblattes zu übernehmen. Am 11. No vember übernahm Alexander Ionas die Redaktion der

..Arbeiterftimme.“ die er bis zur leßten erfcheinenden Num 392

mer. bis zum 2. Iuni 1878. führte. Ende Ianuar desfelben Iahres begann die ..New Yorker Volkszeitung“ ihr Erfchei nen. ein fozialiftifches Tageblatt. das für Iahrzehnte hinaus von maßgebendem Einfluß auf die fozialiftifche Bewegung der Vereinigten Staaten werden follte. Der Konkurrenz diefes fozialiftifchen Tageblattes war natürlich die ..Arbeiterftimme“ nicht gewachfen. Ihre Abonnentenzahl betrug bei ihrem Eingehen nur noch 1200 und die ..Sozialdemokratifche Genoffenfchafts-Druckerei.“ in der fie hergeftellt wurde. löfte fich auf. Auch der ..Vorbote“ in Chicago hatte einen fchweren Kampf um die Exiftenz zu führen. Der Redakteur des Blattes hatte eine bedeutende Summe in das Unternehmen hineingefteckt. die vom Vereinigungskongreß als Schuld der Partei übernommen wurde. ohne daß diefe indeß vorläufig in der Lage war. die erforderliche Summe abzahlen zu

können. Conzett übernahm deshalb das Blatt als perfön liches Eigentum. Im September 1876 verfuchte der Aus fchuß der Partei. die beiden deutfchen Organe - Arbeiter ftimme und Vorbote - zu vereinigen. um fo das Defizit

aufzuheben. mit dem beide zu kämpfen hatten.

Die deutfche

Sektion in New York proteftierte gegen diefen Plan. da er

den Befchlüffen des Einigungskongreffes entgegenftehe. Dann wurde der Vorfchlag laut. daß Conzett mit feinem! ..Vorbote“ nach New York überfiedle. was diefer zu tun- fich weigerte. Auch durch Aenderungen im Perfonal der Redak tion der Blätter hoffte man Befferung zu fchaffen. So trat man mit Hermann Greulich in Zürich in Verbindung. um

ihn zur Uebernahme der Redaktion des ..Verbote“ zu be wegen. Greulich nahm an. doch zerfchlugen fich fpäter die

Verhandlungen.

-

Das war der Stand der Parteipreffe. als der große Eifen bahnarbeiterftreik nicht nur der Richtung der rein politifcheu Aktion in der Arbeiterpartei das Uebergewicht gab. fondern innerhalb der Parteikreife auch.eine wahre Epidemie der Zeitungsgründerei hervorrief. Man hatte während des Streiks mit den Arbeitermaffen Fühlung erhalten und die lang nachzitternde Erregung entfachte die Hoffnung. daß man durch Gründung fozialiftifcher Zeitungen im Stande fein werde. die Arbeitermaffen in dauernde Verbindung mit 393

der fozialiftifchen Bewegung zu bringen.

Die Tätigkeit der

Sozialiften während der Streiktage hatte übrigens auch die kapitaliftifche Preffe auf die Partei aufmerkfam gemacht. So wandte fich z. B. Ende Iuli 1877 der ..Star“ in New York. ein demokratifches Blatt. an den Partei-Ausfchuß in Chicago mit dem Anerbieten. fozialiftifche Artikel in ihren Spalten zu veröffentlichen. ein Anerbieten. das beim Aus fchuß keine Gegenliebe fand. denn um diefelbe Zeit begann bereits die Hochflnt der fozialiftifchen Zeitungsgründerei. In Chicago war aus dem ..Vorbote“ heraus die ..Chicago Arbeiter Zeitung“ gegründet worden. die anfänglich drei mal wöchentlich erfchien. Schon vorher. kurz nach der Ver einigung. rief eine Fraktion der Bewegung. die ftark klein bürgerlich angehaucht war. dort ein Tageblatt ins Leben.

das ..Der Sozial-ift“ genannt wurde und deffen erfte Num mer am 1. November 1876 erfchien.

In der Hauptfache waren es weniger die Arbeiter. die hinter dem Unternehmen ftanden. als vielmehr die radikal angehauchten Turnvereine. Im Mai 1877 erfchien in Chi cago ein weiteres deutfches Tageblatt. die ..Chicagoer Volks

zeitung.“ nachdem zwei Monate vorher am felben Orte eine ..Sozialdemokratifche Genoffenfchafts-Druckerei“ gegründet worden war. In Milwaukee. wo durch I. Brucker fchon im Februar 1875 unter dem Titel ..Blißftrahlen“ eine Art fo'zialiftifehe periodifche Zeitfchrift in deutfcher Sprache ins Leben gerufen war. und wo der tägliche ..Sozialift“ feit 1876 erfchien. kam im Frühjahr 1877 der ..Sozialdemo

krat“ in englifcher Sprache heraus. In Cincinnati erfchien. ebenfalls englifcb. ..The Emancipator“ und der deutfche ..Arbeiter vom Ohio.“ der unter der Redaktion von 'Heinrich Ende ftand. . Nach dem Eifenbahnarbeiterftreik erfchien in St. Louis die tägliche ..Volksftimme des Weftens.“ deren Redakteur erft A. Currlin. dann A. Otto-Walfter war. Im September kamin Newark das Wochenblatt

..Vorwärts“

unter

der

Redaktion von Carl Savarh heraus; der Eigentümer war die dortige Mitgliedfchaft- der Arbeiterpartei. Gleichzeitig wurde in Philadelphia das ..Tageblatt“ gegründet. .Für Louisville verweigerte der Partei-Ausfchuß feine Zuftim

mung zur Gründung eines täglichen Blattes; troßdem er 394

fchien dasfelbe im Dezember unter dem Titel ..Die Neue

Zeit.“

In Indianapolis kam die ..Neue Welt“ heraus. die

von Franz Goldhaufen publiziert

wurde; in

englifcher

Sprache erfcbien hier ..The Times.“ In Cincinnati fchritt man zur Gründung der ..Ohio Volkszeitung“; in Bofton erfchien -* englifch - ..The Workingmen.s Ballot“ unter der Redaktion von W. Smart. ebenfo. im felben Orte ..The Echo“. Milwaukee hatte ebenfalls ein deutfches fozialiftifches Wochenblatt. den ..Vorwärts“. der im Verlag des ..Social if “ erfchien. Auch ein böhmifches und ein fkandinavifches Wochenblatt unterftüßten die Arbeiterpartei. In Grand Rapids. Buffalo und San Francisco wurden ebenfalls fchon damals von den deutfchen Arbeitern Partei zeitungen gegründet und mit großen Opfern eine Zeitlang herausgegeben. Von all diefen Gründungen konnten nur recht wenige längere Zeit aufrecht erhalten werden. Dauernd beftanden außer dem ..Vorbote“ nur die Chicagoer ..Arbeiterzeitung„.

die bald täglich erfchien. und das ..Philadelphia Tageblatt.“ Hierzu kam die wichtigfte aller fozialiftifchen Zeitungen in den Vereingten Staaten. die ..New Yorker Volkszeitung.“ deren erfte Nummer am 28. Ianuar 1878 erfchien. Die erften Mittel zur Herausgabe diefes Blattes wurden durch ein großes Piknik aufgebracht. das am 17. September 1877 von den deutfchen Arbeitern New Yorks im Saft River Park

abgehalten wurde. Die erfte Delegatenfißung zur Bera tung der Herausgabe einer täglichen Arbeiter-Zeitung in New York fand am 25. März 1877 ftatt und alle deutfchen Arbeiter-Organifationen waren zur Teilnahme eingeladen

worden. Auch im Iahre 1878 hielt das Zeitungsgründungs Fieber in der fozialiftifchen Partei Amerikas noch an. Im mer neue Blätter fchoffen empor. um bald das Schickfal der früheren Zeitungen zu teilen. die aus Mangel an geeigneten

Kräften und aus Mangel an Intereffe der Arbeiter zu Grunde gegangen waren. Eine enorme Maffe von Energie und Geld.haubtfachlich der deutfchen Arbeiter Amerikas. ift

in den Iahren 1876 bis 1878 in Zeitungsgründungen ver geudet worden.

Gleichzeitig aber find damals auch jene

Zeitungen ins Leben gerufen worden. in denen die deutfche 395

Arbeiterfchaft des Landes fich dauernde Waffen in ihrem Befreiungskampfe gefchaffen hat. -

6.

Der Newarker Kongreß.

Die Ereigniffe des Sommers 1877 und die dadurch her beigeführte Stärkung der mehr politifchen Richtung der Ar beiterpartei hatte die früheren Mitglieder der Internationale entweder fchon ganz aus der Bewegung herausgetrieben oder fie doch zur vollftändigen Untätigkeit veranlaßt. Die Be

fc'hlüffe des Vereinigungskongreffes wurden ebenfowenig mehr beachtet. wie die Beftimmungen der Konftitution und die Autorität des Ausfchuffes war gänzlich zufammengebro chen. nicht zum wenigften auch durch die Streitigkeiten in Chicago. die die dortigen Partei-Mitgliedfchaften im leßten Iahre ftark gefchwächt hatten. . Unter diefen Umftänden fah fich der Partei-Ausfchuß zu emem außerordentlichen Schritt gezwungen. Am 8. Auguft berichtete der Sekretär Von Patten in der

Sißung des Ausfchuffes. daß die auf Antrag vorgenommene Urabftimmung fich gegen

die

fofortige

Abhaltung eines

Parteikongreffes erklärt habe und kaum einen Monat fpäter. am 9. September. befchloß der Ausfchuß fchon. auf den 26. November einen Parteikongreß nach Newark einzuberufen und den Auffichtsrat um feine Zuftimmung zu erfuchen. die auch erteilt wurde. Zur Begründung diefes Schrittes erklärte der Ausfchuß. daß derfelbe fich nötig mache. weil wegen der ..Labor Stan dard“-Affaire der Partei kein englifches Organ mehr zur Verfügung ftehe. weil weiter die Sektionen fich in jeder Stadt zur politifchen Aktion vorbereiten. ..mit oder ohne unfere Zuftimmung und wir find nicht im Stande. unfere Autorität geltend zu machen.“ und ferner. weil die Kon ftitution fich in Bezug auf die Teilnahme an der Politik entweder widerfpreche oder nicht deutlich genug fei. Weiter wurde noch darauf hingewiefen. daß feit dem Eifenbahnar beiterftreik die allgemeine Aufregung in Bezug auf die Arbeiterfrage geitiegen fei und man verfuchen müffe eine Vereinigung zu fchaffen. 396

Der einberufene Kongreß kam erft einen Monat fpäter zu Stande. als er beabfichtigt war und tagte vom 26. bis 31.

Dezember 187 7 im Phhtian Temple in Newark. Es waren 29 Sektionen. darunter 7 englifche. durch 36 Delegaten vertreten. Von bekannteren Genoffen waren anwefend: G. Winter. Inftus Schwab. Iofeph Holler. P. I. McGuire. E. R. Parfons. G. Lübkerh Iohn Schäfer. Albert Currlin und

Phil. van' Patten. Die Wortfiihrer der früheren Inter nationale fehlten. wie man fieht. vollftändig. wenn man von Currlin abfehen wild der von jeher ein unficherer Kantonift gewefen war. Aus dem Bericht des Exekutiv-Komitees. der von Van Ratten gegeben wurde. ift hervorzuheben. wie fchwierig die Situation unmittelbar nach der Vereinigung war. Am 6. Juli 1876 beftanden in den Vereinigten Staaten 9 Sek tionen mit zirka 650 Mitgliedern. wobei die Mitglieder der Internationale und der Illinoifer Arbeiter-Partei nicht mitgerechnet zu fein fcheinen. Die Blätter zahlten fich nicht und in New York beftand keine Harmonie zwifchen der deut fcYenbund englifchen Mitgliedfchaft. weshalb die leßtere ftark a na m. Bei Berufung des Kongreffes zählte die Partei 72 Sek tionen mit rund 7.000 gutftehenden Mitgliedern. Nich-t weniger als 21 Arbeiterorgane. deutfch. englifch. fkandina bifch und böhmifch. von denen verfchiedene täglich erfchienen

ftanden der Partei zur Verfügung. Betreff der Gcgenfiiße innerhalb der Partei wurde her vorgehoben. daß es unrichtig fei. wenn behauptet werde. daß die Sektionen der früheren Sozialdemokratifchen Arbeiter partei allein mit den Befchlüffen des Einigungskongreffes unzufrieden gewefen feien. Auch die Arbeiter-Vereinigung in Cincinnati. und fpäterdie von Wisconfin. ja felbt ein

Teil der früheren Mitglieder der Arbeiterpartei von I inois habe fich den Unzufriedenen angefchloffen. woraus fich die Nichtachtung der Befch-lüffe des Einigungskongreffes er kläre. Der ..Labor Standard“ habe fich durch feine ein feitig gewerkfchaftliche Tendenz ruiniert. Die Greenback-Partei. die Partei der Geldreformer. hatte fich an den Newarker Kongreß der Arbeiterpartei gewandt. um eine Vereinigung der beiden Richtungen herbeizuführen. 397

Der Verfuch mißlang. wenn auch einige Sektionen und Per fonen in der Arbeiterpartei Verbindung mit diefer kleinbürgerlichen Reformpartei aufrecht erhielten. Man befchloß weiter. ein neues englifches Parteiorgan zu fchaffen. als deffen Siß Cincinnati beftimmt wurde. Auch die Exekutive der Partei wurde nach Cincinnati ver legt. Der Anffichtsrat blieb in Newark. Der Name der Partei wurde von ..Arbeiter-Partei“ in ..Sozialiftifche Ar beiter-Partei“ umgewandelt. Das neu gefchaffene Programm. das gegenüber jenem von Philadelphia entfchieden ein Rückfchritt war. enthielt als Prinzipienerklärung die folgenden Säße: 1. Die Arbeit ift die Ouelle alles Reichtums und aller Kultur und da nußbringende Arbeit nur in der Gefellfchaft und durch die Gefellfchaft möglich ift. fo gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt nach gleichen Rechten allen Gefell fchaftsmitgliedern. 2. Das gegenwärtige Shftem. unter welchem die menfchliche Gefellfchaft organifiert ift. ift falfch. weil es einer kleinen Minderheit ermöglicht. Reichtümer aufzu häufen. um damit die große Maffe der Völker in Not und

Elend zu halten und da die beftehenden politifchen Parteien ftets nur im Intereffe der wenigen Befißenden gehandelt haben. um deren ökonomifche Privilegien und dadurch diefe ungerechten Zuftände zu erhalten. fo ift es Pflicht der Arbeiterklaffe. fich als große Arbeiterpartei zu organifieren. nm politifche Macht im Staate zu erringen. und ihre öko nomifche Unabhängigkeit zu erweitern. Die ökonomifche Befreiung der Arbeiterklaffe ift daher der große Endzweck. dem jede politifche Bewegung untergeordnet werden muß. 3. Die materielle Lage der arbeitenden Klaffen in allen zivilifierten Ländern ift identifch und hat demgemäß die felben Urfachen. Der Kampf für ihre Befreiung ift ein internationaler und muß deshalb ein gegenfeitig fich ergän zender fein. Daher ift die Organifation der Gewerkfchaften auf fozialiftifcher Bafis eine Notwendigkeit. 4. Auf diefen Grundlagen fußend. ift die Sozialiftifche Arbeiterpartei gegründet worden. 5. Die Sozialiftifche Arbeiter-Partei fordert. daß alle 398

'

Arbeitsmittel (Land. Mafhinen. Eifenbahnen. Telegraphen. Kanäle ufw.) fobald als möglich zum Gemeingut des gan zen Volkes gemacht werden. für den Zweck der Abfchaffung des Lohnfhftems. um an deffen Stelle das genoffenfchaftliche

Arbeits-Shftem zu feßen. mit einer gerechten Verteilung des Arbeitsertrages. 6. Die Sozialiftifche Arbeiter-Partei fordert deshalb die Ausführung der folgenden Maßregeln zur Verbefferung der Lage der Arbeiter unter dem gegenwärtigen Shftem. um. dasfelbe fchließlich ganz abzufchaffen.“ Es folgen hierauf einige Gegenwartsforderungen. wo runter fich der Achtftundentag. die Einrichtung von Bureans fur Arbeitsftatiftik und ähnliches mehr befinden. Zur Kulifrage wurden noch die folgenden Refolutionen

angenommen: ..Die Imporbation von Kulis ift durch' Gefeße zu verbie ten..und die fchon anwefenden Kulis find in ihre Heimat zurückzufenden.“ Eine andere Refolution wandte fich gegen alle Gefeße. die die Beftrafung von Vagabunden (Tramps) fordern. Mit den Befchlüffen des Newarker Kongreffes. mit der Aenderung des Namens. des Programms und des Statuts war der Einfluß der Internationale auf die fozialiftifche Bewegung der Vereinigten Staaten aufgehoben. Nur ver einzelte ihrer alten Mitglieder blieben innerhalb der Bewe» gung. Soweit fie iich nicht überhaupt vollftändig zurück

zogen. wandten fie fich der Gewerkfchaftsbewegung zu. in der fie. wie wir-noch fehen werden. manches Gute wirkten. Die fozialiftifche Bewegung der Vereinigten Staaten verlor damit ein Element. das infolge feiner größeren Erfahrung. ieiuer theoretifchen Klarheit. feiner Kenntnis der Landes

verhältniffe für diefe Bewegung geradezu unerfeßlich war. Mit diefem Element gingen auch die Verbindungen verloren.

die mit dem fortgefchrittenften Teil der englifch-fprechenden Arbeiter angeknüpft waren und für lange Iahre hinaus

blieb die Sozialiftifche Arbeiter-Wartet der Vereinigten Staaten eine rein deutfche Bewegung. die mehrin der Be wegung Deutfchlands. als in jener der Vereinigten Staaten

lebte. 399

Die National-Exekutive in Cincinnati feßte . . zufam men aus Ch. Tompfon. G. Lübkert. I. Ehmann. Ed. Hoff mann. F. Hlruza. Peter H. Clark. Als Sekretär der Exe kutive verblieb Ph. van Patten. der von Chicago nach Cin cinnati überfiedelte. Im Mai 1878 erfchien in Cincinnati auch das neue eng lifche Parteiorgan. deffen Gründung man in Newark befchloffen hatte. Es nannte fich ..The National Socialift.“ - Sein Redakteur war I. MacIntofch von Rochefter.

400

11. Kapitel.

Pioniere der Internationale in Amerika. 1.

Engländer. Amerikaner und Franzofen.

Bei der Bildung der erften Sektionen der Internationale in Amerika waren in der Hauptfache drei verfchiedene Rich tungen tätig: das amerikanifche Reformelement. dem fick) nur vereinzelte Lohnarbeiter anfchloffen; dann die Franzo fen. zum Teil Arbeiter. zum Teil au>> radikale Kleinbürger. die von dem Abenteurer Cluferet zufammen gebracht wurden.

'und fchließlich die deutfchen Arbeiter. die fpäter etwas Unterftüßung fanden durch den radikalen Flügel des Frei denkerbundes in New York. der unter Leitung von Dr. Stiebeling.. Dr. Iul. Hoffmann. Dr. Lilienthal u. A. ftand. Das amerikanifche Reformelement haben wir fchon kennen gelernt. Es war mit feinen 'bürgerlichen Anfchauungen und Beftrebungen die Haupturfache für den Ausbruch der Strei tigkeiten. die fo bald nach der Bildung der erften Sektionen - der Affoziation die Entwicklung der jungen Organifation ftörten und ihre Ausbreitung verhinderten.

Die englifch

.amerikanifchen Internationalen hatten nur wenige Lohn arbeiter unter fich und diefe kamen meiftens aus dem Gewerbe der Anftreicher. wie Th, H. Banks. der Engländer John Halbart u. A. Außer diefen wäre noch der Gold arbeiter 'Hugh McGregor zu nennen. der. von fchottifchen Eltern in London geboren. fchon 1864 in England der In ternationale' beitrat. nachdem er im Iahre 1860 den Zug Garibaldis nach Sizilien mitgemacht haben foll. Von den Sektionen außerhalb New York war befonders

jene in Wafhington von Intereffe. die fich in der Hauptfache aus Regierungsbeamten zufammenfeßte. und in der Richard I. Hinton hervorragend tätig war. Hinton war ein Kampfgenoffe Iohn Browns. als diefer 1859 beiHarpers 401

Ferrh feinen Aufftandsverfuch zur Befreiung der Neger l'tlaven machte. Er wurde häufig von der republikanifchen Bundesregierung verwandt. um für fie in Arbeiterkreifen zu wirken. und war auch in der Internationale nach der Rich tung hin tätig. ohne indeß hier Einfluß zu gewinnen. Auch P. I. MeD-onnell wäre hier zu nennen. Mefer. ein

Irländer aus Dublin. wo er 1847 geboren wurde. hatte fich als junger' Mann den geheimen irifchen national-revolutio nären Verbindungen angefchloffen. war dort indeß als nicht befonders zuverläffig betrachtet worden. Er kam nach London. wo. er unter den dortigen irifchen Arbeitern im Jntereffe der Internationale tätig war und irifche Sektio nen ins Leben rief. Eine zeitlang war McDonnell dann Mitglied des Generalrats in London. wo gegen ihn feitens

der revolutionären Irländer in New York Proteft erhoben wurde. Von New York fchrieb man deshalb nach London. daß die Wahl McDonnells zum Generalrat die irifchen Republikaner. mit denen man feitens der Internationale Verbindungen aufrecht zu erhalten fuchte. nicht befriedige. Es hieß in diefem Schreiben: ..Nur die republikanifche Partei Irlands. die geheim organifiert. und nicht dem kleri kalen Element untergeftellt ift. ift der Internationale offen. Daher follte man die tätigen Mitglieder diefes Elements

hervorziehen. um die Internationale Arbeiter-Affoziation in Irland einzuführen. nicht Leute. wie McDonnell. deffen allgemeiner Ruf- dahin geht. daß er ein exzentrifcher Charak ter ift. ohne Feftigkeit und Kraft. Man follte feine Ver gangenheit genauer prüfen.“

Während feines Aufenthalts in London tat McDonnell indeß nichts. was zu Mißtrauen gegen ihn berechtigt hätte. Er war Delegat zum aager Kongreß und wirkte unter den irifchen Arbeitern Lon 'ons gegen die Intriguen von Hales und Genoffen im Sinne von Karl Marx. Nachdem er im Dezember 1872 nach Amerika abgereift war. fchrieb Engels über ihn an Sorge: ..Wenn die Fenier dort noch irgend welches Mißtrauen gegen ihn haben follten. fo wirft Du ein gutes Werk tun. dies zu zerftreuen. er hat uns fehr brav und fehr uneigennüßig geholfen."t In New York und deffen Umgebung war McDonnell . * S o r g e. Briefe. S. 82.

402

anfänglich in Verfammlungen für die Internationale tätig; war dann bei der Gründung der ..United Workers“ und der

..Internationalen Arbeiter-Union“ beteiligt und wurde. wie wir gefehen habem Redakteur des ..Labor Standard.“ Als fpäterer Befißer des ..Paterfon Labor Standard“ trat Mc? Donnell ftets für die Intereffen der Gewerkfchaften ein und wurde in der Verteidigung diefer Intereffen auch- zu einer mehrmonatlichen Gefängnisftrafe verurteilt. die er in Pater fon verbüßte.' Leider erlag er aber den Verfuchungen bür gerlicher Politiker. die ihn in ihre Kreife hineinzogen. fo . daß McDonnell und fein Blatt der amerikanifchen Fach

politik anheimfielen und für die politifche Arbeiterbewegung verloren waren. 'Die franzöfifchen Sektionen der Internationale waren eme zeitlang die ftärkften in der Affoziation. befonders nach dem Fall der Kommune. als zahlreiche Flüchtlinge nach Amerika kamen. die fich überall den Sektionen anfchloffen. oder neue bildeten. Von jenen franzöfifchen Internationalen. die fchon vor der Kommune nach Amerika kamen. und die meiftens',von hier aus verfucht hatten. gegen das Bonaparte'fche Kaifer reich zu wirken. find zu nennen P. F. D. Debuche. der nach dem Staatsftreich von 1851 aus Frankreich flüchten mußte;

F. J. B. Hubert. ein Verfertiger von chiru-rgifchen Inftru menten. der Präfident war der ..franzöfifchen republika nifchen Union“. aus der heraus'Cluferet im Mai 1870 die erfte franzöfifche Sektion der Internationale in Amerika gründete. Hubert war auch einer der Gründer des ..Bulle tin de L'Union Republicaine Francaife.“ einer Zeitfchrift. aus der fich fpäter ..Le Socialifte“. das Organ der franzö iifchen Internationale in New York. entwickelte. Auch Emile D. Francois. Frifeur. Th. Millot. Buchbin der. der Corfe Iulius M. Columbani. Frau Marie Hulk. die. mit Ausnahme bon Millot. alle in der Union-Armee

im Sezeffionskrieg gedient hatten. waren in den franzöfi fchen Sektionen in Amerika vor der Kommune tätig„ Von Fra-u Hulk wird mitgeteilt.* daß fie in Sheridans Armee in Shenandoah Valleh und anderswo der Sache der Union große Dienfte geleiftet habe. . * ....c-standard.“ New York. 18. Dezember 1871.

403

-Unter den Kommuneflüchtlingen. die fich in -der ameri kanifchen Internationale tätig zeigten. ift M. Edmond Levraud zu nennen. eines Freundes von Blanqui. Nah den Kämpfen der Kommune wurde er zum Tode verur teilt und entkam 'durch die Flucht. Auch der Schuhmacher Simon Dereure. der mit F. A. Sorge als Delegat der Nordamerikanifchen Federation zum Haager Kongreß gefchickt wurde. war Kommuneflüchtling. Er wurde während der Kommune zum Mahor der 18. Arrondiffe'ments von Paris gewählt. und beteiligte fich lebhaft an den Kämpfen. Von den beiden Brüdern 'Gu ftave und Elie Mah. beide Mitglieder der franzöfifchen

Sektion der franzöfifchen Internationale in New York. war der erftere während der

Kommune

Ouartiermeifter

der

Nationalgarde. leßterer Superintendent der Regierungs Tabakfabrik. Auch Edmund Mezn. Mafchinift. war Mit glied der franzöfifchen Sektion von New York. Er war während der Belagerung von Paris Kommandant der Nationalgarden im Fort D'Iffh und zeichnete fich in den Kämpfen der Kommune aus. Die meiften diefer Kom muneflüchtlinge fchloffen fich nach ihrer Ankunft in New York der dortigen Sektion 2 der Internationale an.

2.

Die erften deutfchen Bahnbrecher.

Von den Deutfchen. die zu Beginn der Internationale und vorher fchon einen befonderen Einfluß auf die fozia liftifche Bewegung New Yorks und der Vereinigten Staaten

ausübten. find in erfter Linie der Bergbautechniker Sie g fried P. Meher und *der Schuhmacher Aug uft Vogt zu nennen. Sowohl Siegfried Meher. als auch Auguft Vogt hatten ihre Sporen in der Arbeiterbewegung fchon in Berlin ver dient. ehe fie nach den Vereinigten Staaten kamen. Auguft Vogt wurde in Köln am Rhein anfangs der dreißiger Iahre des vorigen Iahrhunderts geboren und in den ftürmifchen Iahren der Revolution von 1848 wurde er durch die ..Neue Rheinifche Zeitung.“ für den Kommunis mus gewonnen. Er trat dem Kommuniftenbund bei und auch. nachdem die Reaktion jede öffentliche Tätigkeit prole 404

tarifcher Organifation in Preußen geftört hatte. hielt er mit mehreren Freunden eine kleine kommuniftifche Ge meinde aufrecht und fuchte dort feine Anfchauungen zu vertiefen und zu verbreiten. Das ..Kommuniftifche Mani fef “ war feine Bibel. Er kannte es auswendig und es war ihm in -Fleifch und Blut übergegangen. Als 18.63 Laffalles ..Antwortfchreiben“ erfchien und der Allgemeine Deutfche Arbeiter-Verein gegründet wurde. befand fich Vogt gerade auf der Reife nach Arbeit in Berlm und er gehörte zu den Erften. die fich dem jungen Verem an fchloffen. Vogt trat bald in nähere Beziehungen zu Laffalle. in deffen Haufe er oftmals verkehrte. und zu Wilhelm Lieb knecht. mit dem er durch Laffalle bekannt gemacht wurde. Bei den Reibungen. die fich bald zwifchen Laffalle und den alten Marxiften zeigten. trat Vogt entfchieden auf Seiten

Liebknechts.

Mit diefem und mit Th. Metzner und einigen

Dußend anderer zufammen bildete man einen Kreis von Gefinnungsgenoffen. der nach der Gründung der Interna tionalen Arbeiter-Affoziation in London mit 'diefer in Verbindung trat. Siegfried Meher war in einer Verfammlung in Berlin. in der Liebknecht über die englifche Gewerkfchaftsbewegung fprach. mit Auguft Vogt bekannt - eworden und von diefem zu Liebknecht geführt. Meher u*dierte 'damals auf der technifchen 'Hochfchule in Berlin. Er war der Sohn wohl habender Eltern und durch *die Laffallefche Agitation zum Studium der Arbeiterfrage und der National-Oekonomie angeregt worden. das ihn bald zu einem begeifterten An hänger Marx' machte. Nach dem Zufammentreffen mit Liebknecht trat Meher der kleinen internationalen Gemeinde in Berlin bei und gab einen großen Teil 'der Mittel. die ihm von den Eltern her zur Verfügung ftanden. für die Agitation aus. So veranftaltete er z. B. auf eigene Koften eine Neuauflage des ..Kommuniftifchen Manifefts.“ wohl die erfte. die nach der Original-'Ausgabe im Jahre 1848 in deutfcher Sprache erfchien. Als nach dem Tode

Laffalles die Arbeiterbewegung in Deutfchland eine Rich tung nahm. die den Marxiften nicht genehm war. wandten fiäi Siegfried Meher. Auguft Vogt und Th. Meßner in einem gemeinfamen Schreiben an Karl Marx. ihn erfu 405

chend. nach Berlin zu kommen und an die Spiße der deutfchen Arbeiterbewegung zu treten. Marx. der gerade damal im Begriff war. den erften Band 'des ..Kapital“ zu veröffentlichen. der auch. weil er feine preußifche Staats angehörigkeit verloren hatte. nicht nach Preußen zurück kehren konnte. war natürlich nicht im Stande. auf den Vorfchlag einzugehen. Im Iahre 1866 wurde Meher zur Armee -einberufen und ein'ige Monate lang gehörte er *der Befaßung Luxemburgs an. Nach Beendigung des Krieges befchloß Meher nach Amerjka auszuwandern. Er traf im Herbft 1866 in New York ein. Ein halbes Iahr fpäter folgte Vogt feinem Freunde Meher übers Meer. Zwifchen- Meher und Auguft Vogt hatte fich eine innige Freunldfchaft entwickelt. Für die geiftige Bedeutung des Leßteren fpricht der Umftand. daß Meher. -der junge Mann mit akademifcher Bildung. in dem fchlichten Schumacher. dem Proletarier ohne Schulbildung. feinen Lehrer fah. Als fpäter beide in 'der Internationale tätig waren. bewies Meher feine Hochfhäßung Vogts dadurch. daß er Freunden gegenüber fchriftlich erklärte: ..Vogt ift der bei weitem be

deutendfte Kopf unter uns.“ . Durch Zufall erhielt Meher kurz nach feiner Ankunft in New York Kenntnis von der Exiftenz des dortigen Kom

muniften-K-lubs. mit deffen Mitgliedern er fich fofort in Verbindung feßte. Er trat dem Klub bei. ebenfo Vogt. -dem Mitglieder des Klubs zufammen mit Meher die Reife nach New York ermöglichten und der am 2. Iuli 1867 Mitglied wurde. Von da an -wurden Meher und Vogt tatfächlich die trei bende Kraft. fowohl im Kommuniften-Klub als auch im Allgemeinen Deutfchen AvbeitereVerein. Beide wirkten ungemein klärend auf die übrigen Mitglieder und wirkten für den Anfchluß an die Internationale Arbeiter-Affozia tion. Der Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affo ziation in London ernannte fowohl Siegfried Meher als auch Auguft Vogt zu Korrefpondenten der Affoziation in den Vereinigten Staaten. Daß die deutfchen Arbeiter New Yorks zu- Ende der fechziger Iahre eine fo rühmliche Rolle fpielten. ift in nicht geringem Maße diefen beiden Männern zu verdanken. Sie waren es. die die Gründung der ..So '

406

zialen Partei“ anregten. Sie gaben die Anregung zum Anfchluß des Allgemeinen Deutfch'en Arbeiter-Vereins an die Nationale Arbeiter-Union und an die Internationale Arbeiter-Affoziation und Meher fandte häufig Korrefpon denzen an das ..Demokratifche Wochenblatt“ in Leipzig und an 'den ..Vorbote“ in Genf. Auf dem Kongreß der

Nationalen Arbeiter-Union in Philadelphia 1869 vertrat Meher als Delegat die Labor Union No. 5. den Allgemei nen Deutfchen Arbeiter-Verein in New York. . Während Siegfried Meher mehr in der Oeffentlichkeit tätig war. wirkte Vogt mehr im Innern des Vereins und mehr in ftiller Weife. ..Vogt war nur Kritiker. er nahm an der eigentlichen Bewegung nicht Teil“ _ fo urteilte ein Mitglied feines Vereins über ihn. Anders aber Iene. die ihn genauer kannten.und die ftark -durch ihn beeinflußt waren. So urteilt F. A. Sorge über Vogt:* ..Die Grundfäße des .Kommuniftifchen Manifefts' hatte er in fich aufgenommen

und in höchft intelligenter Weife verarbeitet.

fo daß er

jedem Gegner aus dem bürgerlichen Lager gewachfen war

und was ihm an rednerifchem Talent abging. erfeßte er reichlich durch diefe -Auffaffung und Schärfe der Argumen tation. Proletarier vom Scheitel bis zur Sohle. zerzaufte er die zierlich gebauten bürgerlichen Phrafen von Freiheit. Brüderlichkeit. Freifinnigkeit u. dergl. unbarmherzig. redu zierte fie auf ihr Nichts und wies allen bürgerlichen Par teien und deren Wortführern Stirn und Zähne. Die Eigen

artigkeit und überzeugende Kraft feiner Beweisführung bei Diskuffionen war häufig geradezu überrafchend und machte auf Arbeiter. d. h. auf nüchtern denkende und han delnde Menfchen. tiefen Eindruck.“ Leider entwickelten fich zwifchen Vogt und Siegfried Meher einerfeits und F. A. Sorge andererfeits perfönliche Gegenfäße. die die Tätigkeit der beiden Erftgenannten in gewiffem Sinne lahmlegten. Zuerft zeigte fich diefer Gegenfaß im Iahre 1868 in der ..Sozialen Partei.“ fpäter bei der Gründung des Zentral-Komitees der Internatio nalen Arbeiter-Affoziation in New York. wobei fich Meher und Vogt gegen diefe Gründung erklärten. weil ..das * ..Bionier. Jlluftrierter Vollslalender für 1900“: ..Zwei Pioniere der J. A. A- in den Vereinigten Staaten.“

407

S. 62.

Zentral-Komitee nicht auf die Trades-Unions einwirken könne. was weit wichtiger fei. als alles andere.

Der Ge

genfaß zu Sorge 'war es wohl auch. der die beiden Freunde veranlaßte. der Sektion 1 den Rücken zu kehren und in Sektion 6 einzu-treten. und dort fogar bei dem Streit mit Sektion 12 fich auf Seite der Woodhull-Claflin-Kliaue zu ftellen. Das war aber nur zu Anfang. Bald fiegtedie beffere |E-inficht über -die perfönliche Voreingenommenheit und Meher und Vogt traten mit Sektion 6 wieder zur alten Kampfgenoffenfchaft zurück. Im Iuli 1872 ftarb Siegfried Meher. kaum 32 -Iahre alt. Er war im Auftrage einer Firma in Pittsburg. bei der er angeftellt war. nach Ioliet in Illinois gereift und verleßte fich bei der Arbeit leicht -am Fuße. Die kleine Wunde veranlaßte Starrkrampf und dann den Tod. Mit dem Tode Mehers war auch Vogts Energie gebro chen. Er fchlug fich kümmerlich durch. wurde mit zuneh mendem Alterkränklich und ftarb 188-3 den Tod eines Proletariers in irgend einem Krankenhaus. 'Ein weiteres hervorragendes Mitglied der Sektion 1 war - der Kaufmann H e r m a n n M e h e r. 'der weniger durch feine direkte Tätigkeit in der Organifation wirkte. als vielsmehr durch den Einfluß. dener auf einzelne befon ders tätige Mitglieder. nicht blos der Sektion. fondern der allgemeinen 'Bewegung hatte. Hermann Meher wurde am 18. Dezember 1821 in Lünen bei Dortmund -von jüdifchen Eltern geboren. Er genoß nur dürftigen Elementarunterricht. dem er aber durch eifriges Selbftftudium nachhalf. Zu Anfang der vierziger Ia'hre kam er als Kaufmannskommis nach Bonn. wo er regen Verkehr mit den Studenten pflegte und an den politifchen Bewegungen der Zeit lebhaften Anteil nahm. Sein geiftiges Leben empfing hier außerordentliche An

regung.

'

Das Iahr 1848 fand Hermann Meher als Gefchäftsrei fenden in Weftphalen und bei Ausbruch 'der Revolution nahm er lebhaften -Anteil an der Propaganda. die er be fonders auch durch Korrefpondenzen in berfchiedenen revo lutionären Zeitungen trieb. Nach Zufammenbruch der Revolution war es ihm unmöglich. Befchäftigung zu 408

erhalten und fowohl das. als auch die Chikanen der Polizei trieben ihn zur Flucht ins Ausland. Er kam im Iahre 1852 na>) New York. wo auch er zu Anfang das gewöhnliche Elend des Flüchtlingslebens ken nen lernte. In einer Arbeiter-Verfammlung in Williams burg traf er Iofeph Wehdemeher. ein Zufammentreffen. das zu einem Freundfchaftsbunde der beiden Männer führte. der bis zum Tode anhielt. Es ift übrigens wahr fcheinlich. daß Meher fchon in Weftphalen mit Wehdemeher zufammengetroffen war; jedenfalls ift ficher. daß er dort fchon mit kommuniftifchen Prinzipien bekannt wurde. die gerade im Rheinland und Weftp'halen fchon vor '48. ftark propagiert wurden. Von dem Zufammentreffen mit Iofeph Wehdemeher an verrichteten die beiden Freunde ihr kommuniftifches Pro pagandawerk gemeinfchaftlich wie *denn der unverheiratete Meher geradezu als Mitglied der Wehdemeherfchen Familie

zu betrachten ift. mit 'deren einzelne Glieder ihn eine treue Freundfchaft verband.

Meher arbeitete an allen litera

rifchen Unternehmungen Wehdemehers mit; beide korre fpondierten für diefelben Blätter und bei der Ueberfiedlung Wehdemehers nach Milwaukee und fpäter nach St. Louis folgte auch Hermann Meher dem Freunde. Bei der Bil dung von Arbeitervereinen arbeiteten die Beiden Hand in Hand. Mehers Erwerbstätigkeit als Kaufmann und Ge fchäftsmann führte ihn in die verfchiedenften Gegenden des Landes. Ueberall fuchte er perfönliche Verbindungen mit Gefinnungsgenoffen. die er dann durch fchriftlichen Verkehr aufrecht erhielt. Seine Korrefpondenz war deshalb eine ungemein lebhafte und ausgedehnte und er gewann durch fein großes Wiffen. feine Klarheit in Fragen der Arbeiter bewegung. feine große Erfahrung zwei Iahrzehnte lang einen ungemeinen Einfluß auf die gefamte Bewegung jener Zeit in Amerika. Mit Wehdemeher ftand er. wenn er fich auswärtig befand. in ununterbrochenem fchriftlichen Verkehr. Auch mit Karl Klings in Chicago. mit Dr. Jacobiz in New York. fpäter mit F. A. Sorge in Hoboken korre

fpondierte er fleißig und feine Briefe waren ein Mufter von Klarheit in Bezug auf alles. was die Arbeiterbewegung anlangt. Mehers Lieblingsftudium war die politif-he Oekonomie. 409

Von großem Einfluß das ..Kommu-niftifche überfeßte und das er. dertmale durchftudiert

auf feine geiftige Entwicklung war Manifeft.“ das er ins Englifche wie er felbft erklärte. wohl an hun hatte. Bei feinen zahlreichen Ver

bindungen. auch in bürgerlichen Zeitungskreifen. war fein Einfluß im Sinne jenes Manifefts ungemein wirkfam. Im Iahre 1859 wandte fich Hermann Meher nach Montgomerh. Alabama. von wo aus er durch. Zeitungs korrefpondenzen die öffentliche Meinung zu Gunften der Sklavenbefreiu-ng bearbeitete. Kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges war er gezwungen. deshalb den Süden zu verlaffen. Nach kurzem Aufenthalt in Wafhington wandte er fich wieder nach St. Louis -wo Wehdemeher Aufenthalt genommen hatte und wo er während des Krieges blieb. Als die Cholera 1866 Wehdemeher dahinraffte. nahm Meher fich der hinterbliebenen Witwe und Kinder aufs liebevollfte an. . Auf einer Reife nach Europa. die Meher im folgenden Jnhre machte. trat er mit Marx. 'Engels- und Dr. Kugel mann in Verbindung und hielt diefe Verbindung auch fpäter fchriftlichaufrecht. Nach feiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten trat Meher der Sektion 1 der Inter nationalen Arbeiter-Affoziation in New York bei. deren Mitglied er auch blieb. als er nach St. Louis zurückkehrte. wo damals die Arbeiterbewegung nur fchwer Boden ge wann. 1872 fchrieb Mener von dort noch an einen Freund: ..In St. Louis ift für -die Bewegung wenig zu machen; es fehlt an induftrieller Entwicklung“. Doch fammelte Meher im folgenden Iahre einen Kreis englifch-fprechender Genoffen um fich. die er befonders mit dem Kommunifti fchen Manifeft vertraut machte. 1874 gründete er dann auch eine -deutfche Sektion der Internationalen Arbeiter Affoziation in St. Louis. -Im April-1875 wurde Hermann Meher von einem Lungenleiden heimgefucht. das ihn zwang. feine Erwerbs tätigkeit aufzugeben. Im Herbfte desfelben Iahres fuchte er Heilung im Süden. Am 2. Oktober reifte er über New York mit dem Schiffe ..Waco“ nach dem Hafen Waco in Texas ab 'und dort fand er mit vielen Leidensgefährten einen gewaltfamen Tod. als ein Blißfchlag das Schiff. auf dem er fich befand. in Flammen feßte. 410

Hermann Meher trat in der Oeffentlichkeit. wie gefagt. nur wenig hervor. fein Einfluß auf die Anfänge der fozialiftifchen Bewegung Amerikas und auf die dortige Internationale ift durch feine perfönlichen Beziehungen indeß ein ungemein großer gewefen. Er war immer der Erfte. der im Gegenfaß zu den meiften feiner damaligen Mitkämpfer in Amerika. *die Wichtigkeit der gewerkfchaft

lichen Organifation im Befreiungskampfe der Arbeiter erkannte und der befonders auch ftets die Notwendigkeit klarer theoretifcher Erkenntnis der Arbeiter hervorhob und tat. was in feinen Kräften ftand. diefe theoretifche Er kenntnis zu heben.

'

Hermann Meher hat. neben Siegfried Meher und Auguft Vogt. das größte Verdienft gehabt um die Klarheit. die Ende der fechziger und Anfang der fiebziger Jahre in der Sektion 1 der Internationalen Arbeiter-Affoziation zu New York herrfchte.

3.

F. A. Sorge und feine Mitarbeiter.

Neben den Genannten ift hauptfächlich F. A. Sorge hervorzuheben. der am engften -mit der Internationale auf amerikanifchem Boden verwachfen war und in allen Phafen ihrer Kämpfe eine hervorragende Rolle fpielte. Friedrich Adolph Sorge wurde am 9. November 1828 zu Bethau bei Torgau als Sohn eines Pfarrers geboren. Er erhielt. erft durch den Vater. dann im Franke'fchent Stift 'in Halle. eine gu-te Erziehung. Das Iahr 1848 riß auch F. A. Sorge in feinen revo lutionären Strudel hinein. -Im Frühling 1849 reifte der junge Mann nach der Schweiz. um die Entwicklung der Dinge abzuwarten und helfend einzugreifen. wo Hilfe eben nötig fein mochte. Kan-m hatte er den Fuß auf fchweizerifchen Boden gefeßt. als die 'Nachricht eintraf. daß der -Großherzog von Baden geflohen fei. daß das Militär fich empört habe und daß die revolutionäre Bewegung 'dort in hohen Flammen empor .fchlage. Sofort eilte Sorge. zufammen mit Auguft Willich. der -fpäter im amerikanifchen Sezeffionskriege zum General ernannt wurde. nach Karlsruhe. Hier fchloß fich Sorge dem 411

Karlsruher Freikorps an und beteiligtefich mit diefe-m an berfchiedenen Gefechten gegen die Preußen. fowohl in der Pfalz. als auch auf badifchem Boden. bis die revolutionäre Armdee über die Schweizer *Grenze ging und entwaffnet wur e. Mit anderen feiner Kameraden vom Revolutionsheere wurde Sorge in Freiburg in der Schweiz interniert. Von dort wandte er fich nach Genf. wo er im September 1849 anla-ngte.

In Genf kam Sorge. der feinen Unterhalt durch Mufik unterricht erwarb. zum erften Male mit der Arbeiterbewe

gung in Berührung. Er trat dort dem deutfchen ..Arbeiter bildungsverein“ bei. an deffen Spiße damals Wilhelm Liebknecht ftand. und hier erhielt er auch feine erften kom muniftifchen Eindrücke. In Genf trat Sorge mit einer ganzen Reihe von Män nern in Verbindung. die damals fchon einen bekannten Namen hatten. oder die fich fpäter einen folchen erwarben. Er verkehrte mit Albert Galeer. dem -Gründer des Schwei zer Grütli-Vereins. dann mit Mofes Heß. mit Liebknecht. Dronke. I. Ph. Becker. ferner mit Friß Kamm und Friß Iacobh. die Beide fpäter. in den fünfziger Iahren. in New

Yorker radikalen Kreifen eine Rolle fpielten. und mit vielen anderen. Auch *mit den leichtlebig-luftigen Leuten von der ..Schwefelbande“ hatte Sorge Verkehr und beteiligte fich des Oefteren an deren Streichen. die fich gegen Spießer tum und Regierung und Polizei und gegen alle Welt richteten. Im Sommer 1851 wurde es Sorge. 'wie vielen anderen dort lebenden Flüchtlingen. von |der Polizei Genfs nahe gelegt. daß es beffer für ihn fei. Genf und den Boden der Schweiz zu verlaffen. Ueber Frankreich ging Sorge nu-n nach Belgien. nach Lüttich. 'wo ein Bruder von ihm lebte. Dort nahm er Arbeit in einer Schreinerwerkftelle. 'dann erhielt er einen Poften in einer Privatfchnle als Lehrer der deutfchen Sprache. Doch nicht für lange. Im März 1852 wurde er per Zwangspaß aus Belgien ausgewiefen. nachdem er die ganze Zeit über unter :Polizeiaufficht geftan'den hatte. Da Sorge von dem Kriegsgericht in Torgau .wegen feiner Beteiligung am badifchen Feldzuge zum Tode verurteilt 412

worden war. konnte er nicht nach Deutfchland zurückkehren. Er wandte fich deshalb nach London. wo er Karl Marx auffuchte. dem er 'dort zum erften-male begegnete. Mit Friedrich Engels war er fchon vorher flüchtig zufammenge troffen. Bald zeigte fich. [daß in Englands Hauptftadt nicht auf eine bürgerliche Exiftenz für den 'Flüchtling zu rechnen fei. Er befchloß nun. nach Auftralien zu gehen. Der englifchen Sprache nnkundig und an einem Cholera

Anfall leidend. fchiffte er fich an Bord eines Schiffes ein. das ihn dann aber nicht nach 'Au-ftralien. fondern nach - ' New York brachte. in *deffen Hafen er am 21. Iuni 1852 landete. Nach und nach fchuf Sorge fich eine bürgerliche Exiftenz. Er hatte eine gute mufikalifche Erziehung gehabt und fich. zum tüchtigen Mufiker ausgebildet. Es gelang ihm. fich als Mufikle-hrer nicht nur einen geachteten Namen. fondern auch eine erträgliche Exiftenz zu gründen. 'Zu den Anfängen der Arbeiterbewegung in New York. *wie fie fich befonders durch den Einfluß von Iofeph Wende meher entwickelten. ftand Sorge in keinerlei Beziehung. Mit 'der Weitlingfchen Agitation kam er zwar in Verbin dung. konnte ihr indeß keinen Gefchmack abgewinnen. Erft als im Jahre 1857 Albert Komp den Kommuniftenklub gründete. beteiligte fich auch Sorge recht lebhaft an dem felben. 'Er vertrat *den Verein auf einer Feier der Parifer Iunifchlacht. die im Iuni 1858 von dem revolutionären Element New Yorks zur Erinnerung an den zehnten Jah restag diefes Proletarierka-mpfes begangen wurde. Von einer politifchen Beteiligung der Arbeiterbewegung in Amerika war in jener Zeit noch wenig die Rede. konnte wohl auch nicht gut die Rede fein. weil die Arbeiterbewe gung noch in den Kinderfchuhen fteckte und auf politifchem

Felde noch Kämpfe durchzuführen "waren. die erledigt fein mußten. ehe an eine unabhängige politifche Aktion der Arbeiterklaffe gedacht werden konnte. Die Mitglieder des Kommuniftenklubs ftanden nicht eben der Arbeiterbewe gung f-eindlich gegenüber; im Gegenteil. fie brachten- deren Beftrebungen ihre Shmpathien entgegen. Aber über bloße Shmpathien kam es nicht hinaus und an eine tätige Betei ligung an !den täglichen Kämpfen des Proletariats wurde nicht gedacht. Man war fich der Wichtigkeit der Arbeiter 413

kämpfe in den Reihen des Kommuniftenklubs auch kaum bewußt. Aber man trieb auch keine politifche Abftinenz. fondern beteiligte fich recht lebhaft an lden politifchen Kämpfen des Tages; befonders in der Bewegung. die mit der Sklaven frage zufammenhing. -waren die Mitglieder 'des Kommu niftenklubs recht tätig und meiftens fchloffen 'fie fich dem radikalen Flügel der republikanifchen Partei an. der für .eine fofortige 'Aufhebung der Sklaverei eintrat. Nach diefer Richtung 'wirkte auch Sorge vor und während der erften Jahre des Bürgerkrieges. Mit den anderen radikalen Deutfchen vom Schlage Karl Heinzens wirkte er in der Organifation. die diefe deutfchen Radikalen fich ge fchaffen hatten. bis zuEnde des Krieges. Dann drängten die politifchen Verhältniffe in Deutfch .land zu Neubil-dungen.

Die Flüchtlinge von 1848 im Ausland. die fich ihre radikale Gefinnung gewahrt hatten. glaubten die Zeit her angekommen. 'in der ihre fo oft getäufchten Hoffnungen fich erfüllen follten. -Es bildete fich ein Verein für die ..Deut fche Freiheit und 'Einheit“. der feinen Siß in London hatte und der eine Zeitfchrift herausgab. die fich ..Der Deutfche Eidgenoffe“ nannte. Diefer Verein und fein Organ er- . ftretbten für Deutfchland den ..Sturz -der Thrannei“ und die ..Aufrichtung des Freiftaates.“ 'der deutfchen Republik. und zur Herbeiführung diefes Zieles erklärten die deutfchen

?Sehr-genoffen jedes Mittel für berechtigt. das zum Ziele ü rte. (Für die Vereinigten Staaten war Karl Heinzen mit feinem ..Pionier“ der Hauptvertreter diefes Vereins. und F. A. Sorge ftand damals mit Heinzen in engem Verkehr. Im Frühling 1866 fanden in New York eine Anzahl Ver famtnlungen von deutfchen Radikalen. von ..patriotifchen Deutfchen.“ une fie fich nannten. ftatt. auf denen ein ..Bund für deutfche Freiheit und Einheit“ gegründet und deffen Statuten entworfen wurden. Ein .proviforifches Exekutiv-Komitee. deffen Sekretär Ad olf Do u-ai war. übernahm die Einberufung einer Verfammlung. die zur Gründung des Bundes führte. Ein Exekutiv-Komitee wurde gewählt. das fich aus F. A. Sorge. Dr. E. W. 414

Höher. A. Douai. I. Spißer. F. Kamm und Dr( A. Jacobh zufammenfcßte. ' Die Statuten des ..Bundes für deutfche Freiheit und Einheit“ nannten als Zweck der Organifation: ..1) Män ner. die fich um die geiftige und pontifche Freiheit Deutfch lands verdient gemacht haben. und infolge ihres Strebens in Mißgefchick geraten find. regelmäßig in Deutfchland zu unterftüßen. . 2. Deutfche Patrioten und Vereine. deren Zweck die Erftrebung deutfcher Freiheit und Einheit ift. mit 'Geld und anderweitig zu unterftüßen. und fich mit denfelben zu gemeinfchaftlicher Tätigkeit zu verbinden.“ ' Diefem Vereine widmete nun Sorge

feine

öffentliche

Tätigkeit. In einem Aufruf. den die Exekutive des Bun des erließ. wurden die amerikanifchen Deutfchen aufge fordert. fich zu organifieren. ..um im rechten Augenblicke der Sache der deutfchen Republik unter die Arme greifen zu können.“ ..Wir follten - fo hieß es da weiter - den deutfchen Patrioten da drüben ein Lebenszeichen von uns

geben und uns durch Geldfammlungen in den Stand feßen. ihnen im Augenblicke des entfcheidenden Kampfes Mittel zu Gebote zu ftellen.“ Der Traum der deutfchen Republik. wie er noch einmal in *den Herzen der wackeren Männer auftauchte. die fich ihre Ideale eines ..freien und einigen“ Deutfchlands gewahrt

hatten. fchwand bald dahin; die preußifchen Zündnadel Gewehre machten ihm auf den böhmifchen Schlachtfeldern. ein Ende. Der ..Verein für deutfche Freiheit uwdEinheit“ war die leßte Kundgebung radikalen Geiftes im deutfchen Bürgertum. Was in diefem Bürgertum konfequent dachte. kam zur Einficht. daß die Ideale von 1848 nicht mehr zu verwirklichen feien. daß neue Kräfte. außerhalb des Bür gertums. den Kampf weiter zu führen hätten. ja. daß diefer Kampf einen neuen Inhalt haben. daß er um neue Ideale geführt werden müffe. Es waren fehr. fehr Wenige im -deutfchen Bürgertum. auf beiden Seiten des Ozeans. die zu diefer Einficht kamen

und die ihre Blicke auf die aufftrebende Arbeiterbewegung lenkten. Einer diefer Wenigen aber war F. A. Sorge. A-ber die Entwicklung

macht

415

keine

Sprünge.

Unfer

Freund hatte noch eine Uebergangszeit dnrchzumachen. ehe er zu der klaren Eiuficht kam. die ihn fpäter fo anszeichnete. Obgleich. wie wir gefehen haben. F. A. Sovge fchon in Genf mit kommuniftifchen Ideen bekannt geworden war. fo. hatten diefe doch damals eine nachhaltige Wirkung auf ihn nicht ausgeübt. Als er dann 1857 durch Komp zum Ein tritt in den Kommuniftenklub in New York veranlaßt wurde. da ftimmte er wohl im Allgemeinen den kommuni ftifchen Anfchauungen zu. doch wurde feine Stellungnahme im öffentlichen Leben immer noh mehr durch feine religiös freifinnigen oder. wenn man will. durch feine materiali ftifch-philofophifchen Anfchauungen bedingt. als etwa durch

feine Einficht in das Wefen des Klaffenkampfes oder der materialiftifchen Gefchichtsa-uffaffung. Sorge war 'damals immer noch mehr Freidenker als Kommnnift und von dem Zufammenhang von Kommunismus und Sozialismus mit der Arbeiterbewegung hatte er nur geringen Begriff. Nah Beendigung des Sezeffionskrieges und nach der Freiheit- und Einheits-Affäre von 1866 finden wir nun Sorge in einem amerikanifchen Geheimorden tätig. der durch feine Verwirklichung atheiftifcher Grundfäße auch eine Art Gefellfchaftsreform durchzuführen trachtete. Diefer Geheimbund war der fchon befprochene Orden der Sekulariften. und Sorge war Sekretär des New Yorker Zweiges 'diefer Organifation. Der Orden war. wie gefagt. ein freidenkerifcher. kein kommuniftifcher Verband. Mit all dem Eifer. mit dem Sorge ftets an feine öffent liche Tätigkeit herantrat. widmete er fich jeßt dem atheifti fchen Geheimorden mit jenen verfchwommenen Forderungen einledaw gefellfchaftlichen -Reform durch' atheiftifche Propa ga . Nebenher wirkte Sorge auch noch im reorganifierten Kommuniftenklub. der nach dem Kriege feine Sißungen wieder aufgenommen hatte und deffen Reihen durch eine Anzahl tüchtiger Arbeiter verftärkt worden waren. Der Kommuniftenklub hatte Verbindung mit der Internatio nalen Arbeiter-Affoziation angeknüpft. Wie fehr nun unfer Sorge noch an feinem Geheimorden hing. geht daraus hervor. daß er eines Tages. im Iuli 1867. in einer Sitzung des Kommun'iftenklubs auf den Orden der Sekulariften 416

aufmerkfam machte. die Mitglieder aufforderte. ihm beizu treten und erklärte. daß diefer Orden auf rein kommuni ftifchen Grundfäßen fuße. Er habe. fo erklärte er weiter. bei den Sekulariften den Anfchluß an die ..Internationale Arbeiter-Affoziation“ angeregt und fich deshalb nach Lon 'don an den Generalrat gewandt. um von diefem Zeitungen und -Aktenftücke in englifcher Sprache zu erhalten. Das Vorgehen Sorges fand bei einigen Arbeitern unter den Mitgliedern des Kommuniftenklubs

W-iderfpruch.

die

aus ihrem proletarifchen -Gefühl heraus den bürgerlichen Pferdefuß in dem atheiftifchen -Geheimorden fpürten. Sie wandten fich gegen die Sorgefche Empfehlung. worauf diefer erklärte: ..Jene Gefellfchaft will die fozialen Ver hältniffe umändern und fteht alfo auf gleichem Boden mit uns. Wer nicht frei ift von allen über'ird'ifchen Anfchau ungen. taugt nicht für unfere Zwecke.“ Diefe Aeußerung Sorges ift charakteriftifch für *den damaligen Stand feiner Entwicklung. _.„ Aus der Vereinigung des Kommuniftenklubs' mit dem Allgemeinen deutfchen Arbeiterverein entftand die im Januar 1868 ins Leben gerufene ..Soziale Partei.“ die erfte politifche Arbeiterpartei mit modernen fozialiftifchen Anfch'auungen in Amerika.

Sorge war Vorfißender ihrer

Exekutive und nahm als Redner lebhaften Anteil an der Agitation. die zur Ausbreitung der Parteiprinzipien und zu Wah'lz-wecken entfaltet wurde. Der -Erfolg entfprach nicht den gehegten Erwartungen. Innere Gegenfäße und die Konkurrenz 'der ..National Labor Parth.“ eine unabhängige Arbeiterpartei. die von der damaligen ..National Labor Union“ ins Leben gerufen wurde. bereiteten der ..Sozialen Partei“ bald ein Ende und Sorge verlegte feine volle öffentliche Tätigkeit nun auf die Sektion 1 -der Internationalen Arbeiter-Organifation. die ?chtaus dem Allgemeinen Deutfchen Anbeiterverein gebildet a e. In der vortrefflichen proletarifchen Schule. die die Ver fam-mlungen *der Sektion 1 boten. fielen nun rafch die Refte bürgerlicher Eierfchalen. die noch an Sorge haften geblieben * fein mochten. Hauptfächlich war es der Einfluß von Sieg fried Meher und Auguft Vogt. der die Sektion 1 zu einer Stätte proletarifcher Belehrung machte. die auf alle ihre 417

Mitglieder in nachhaltigfter Weife einwirkte. Hier war es auch. wo F. A. Sorge rafch zu -vollftändiger Klarheit durchdrang und von 1869 an bis zum Einigungskongreß in Philadelphia im Iahre 1876. den Iahren feiner eigent lichen öffentlichen Tätigkeit in der Arbeiterbewegung Amerikas. war Sorge nicht nur 'der eifrigfte und einfluß reichfte. er war auch der klarfte Wortführer -des 'deutfch amerikanifchen Proletariats. Die Tätigkeit Sorges in der Internationale haben wir kennen gelernt. Bei den großen Friedenskundgebungen der deutfchen und franzöfifchen -Arbeiter New Yorks im Jahre 187 0 war Sorge einer 'der treibenden Kräfte. Dann bildete fich das Zentral-Komitee der Internationale in Amerika. wobei wiederum -Sorge die Hauptarbeit zufiel. Bal-d kam der Streit mit dem bürgerlichen Element. mit den Frauenrechtlern. den Anhängern der freien Liebe und ähn lichen Reformern. die die Internationale zum Tummelplaße

ihrer bürgerlichen Steckenpferde zu machen verfuchten. und Sorge war einer der leitenden -Geifter in diefem Streite für die Aufrechterhaltung des proletarifchen Charakters der Arbeiter-Affoziation. Die Bildung des Föderalrates und die Einberufung des erften Kongreffes der nordamerika nifchen Föderation der Internationalen Arbeiter-Affozia tion im .Sommer 187 2 gab Sorge wiederum Gelegenheit zu vermehrter Tätigkeit und'es wurde tatfächlich in diefer Zeit kaum ein Schritt von Wichtigkeit in der Organifation unter nommen. zu dem er nicht feinen Rat erteilt oder tätig mit gewirkt hätte.

Als im Iahre 1872 der Haager Kongreß der Inter nationale kam. wurde Sorge als einer der amerikanifchen Delegaten nach drüben gefa'nckt. Auf diefer Reife trat er nun in perfönliche Beziehungen zu Karl Marx und Fried rich Engels. mit denen er fchon feit einigen Iahren fchrift lich -verkehrt hatte. Der Verkehr mit diefen beiden Männern erweiterte fich zu einem intimen Freundfchafts verhältnis. das angehalten hat. bis der Tod jenen Beiden zuerft die Augen fchloß. Als der Haager Kongreß den Siß des Generalrats der Internationale nach New York verlegte. wurde Sorge bald* mit

dem

General-Sekretariat

Stellung. für die er fich feiner 418

desfelben

betraut.

Sprachkenntnis.

eine

feines

Wiffens. feines außerordentlichen Ordnungsfinnes' halber am beften eignete. Die Korrefpondenz. die Sorge als folcher zu bewältigen hatte. war eine ganz außerordentliche. wie er denn bis zu -feinem Lebensende in fchriftlichem Verkehr mit zahlreichen Genoffen in allen Ländern der Erde'blieb. Es ift befonders noch eine Seite der öffentlichen Tätig keit Sorges. die hier hervorgehoben zu werden verdient. Die ..Witernationale“ hatte. nachdem die amerjkanifch bürgerlichen Freunde von Victoria Woodhull entfernt wor den waren. ihre Hanptftärke in dem eingewanderten Element. den Franzofen und Deutfchen. Eine fozialiftifche Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten kann aber nur Bedeutung erlangen. 'wenn fie unter den eingeborenen

Arbeitern Wurzel faßt. Das erkannte natürlich auch unfer Sorge und unermüdlich war er tätig. der 'Internationale inder englifch-fprechenden Arbeiterfchaft des Landes Bo

den zu fchaffen. Er knüpfte deshalb mit den Hauptwortführern der eng lifchen Arbeiter perfönliche Verbindungen an. die auch das Refultat hatten. daß in den verfchiedenften amerikanifchen Zentral-Vereinigungen die Grundfäße der Internationalen Arbeiter-Affoziation Anerkennung fanden. So auf einigen Kongreffen der ..National Labor Union.“ auf deren einer. in Cincinnati. Sorge die ..Labor Union 5“ in New York als Delegat vertrat. Auch die ..Workingmen's Affemblh/ die Federation der Arbeiterorganifationen des Staates New York. faßte. in der Hauptfache infolge der Bemühungen Sorges. in mehreren ihrer Konventionen Befchlüffe zu Gunften der Internationale. . Noch 1877. als Sorge fich fchon von der öffentlichen Tätigkeit zurückzuziehen begann. verfuchte er. der fozialifti fchen Bewegung .des Landes englifch-fprechende Hülfstrup pen zu werden. 'In Bofton beftand damals die ..Achtftun den-Liga mit einem Programm. das ganz unabhängig von der internationalen Bewegung. ftark fozialiftifch ange hauchte Forderungen entwickelte. Der Wortführer diefer Achtftunden-Liga war Ira Steward. ein Mann. deffen Bedeutung für die amerikanifche Arbeiterbewegung nie genügend anerkannt worden ift. Sorge verfuhte nun. ' Steward und feine Liga .für die fozialiftifche Bewegung zu 419

gewinnen. Die Gegenfäße in der ..Arbeiterpartei.“ wie fich damals die fpätere ..Sozialiftifche Arbeiterpartei“ nannte. die noch nach dem Vereinigungskongreß in Phila delphia vom Iahre 1876 und troß *desfelben herrfchten. verhmderten. daß der Einfluß. den Steward und die Acht ftunden-Liga auf die Arbeiter der New Englandftaaten ausübten. der jungen fozialiftifchen Bewegung des Landes zu Gute kam. Als der Vereinigungskongreß in Philadelphia im Iahre 1876 die verfchiedenen Richtungen der fozialiftifchen Be wegung Amerikas zufammengebracht hatte. da verfolgte zwar Sorge die Bewegung noch mit aufmerkfamemAuge und unter (der -Hand fuchte er wohl auch noch auf fie ein zuwirken. aber von der öffentlichen Tätigkeit zog er fich immer mehr zurück. Die Entwicklung der Dinge nahm einen Lauf. der ihm nicht behagte. .Er ward nur wenig noch in Verfammlungen und öffentlichen Zufammenkünften gefehen. aber er brachte bis zu feinem Ende der Arbeiter bewegung in allen Ländern und in allen ihren Formen das

größte Intereffe entgegen. Er war eine Kampfnatur. der alte Sorge. und feit er die .hiftorifche Aufgabe der Arbeiterklaffe erkannt hatte. gab es für ihn keinen Kompromiß zwifchen Proletariern und Bourgeois. zwifchen dem revolutionären Streben der Ar

beiter für ihre endgültige Befreiung und den Palliativ mitteln reformerifchen Bürgertums. Iede wirkliche Reform im Jntereffe der Arbeiterklaffe. jedes Streben nach. Verbef ferung ihrer Arbeitsbedmgungen fand in ihm einen opfer willigen Förderer; jeder Verfuch bürgerlicher Reformer. fich der Arbeiterbewegung zu bemächtigen. um ihre eigenen kleinen Zwecke zu fördern. fah in ihm den entfchie*denften Gegner. Starr und entfchieden hielt Sorge an der Auf faffung feft. die dem Statut der Internationale ihren Charakter gab. daß *die Befreiung der Arbeiterklaffe das Werk der Arbeiter felbft fein müffe. Iu diefer Frage gab es für Sorge keinen Kompromiß. -wi'e er denn überhaupt etwas Starres. und Knorriges im Charakter hatte. 'das nichts Halbes zuließ. das auch kein Verhandeln kannte. ein Zug. -der ihm in feiner öffentlichen Tätigkeit manchen Gegner fchuf. manche Zwiftigkeiten und Gegenfäße in der Bewegung 'herbeigeführt hat. die bei einem mehr zum Verhandeln 420

hinneigenden Manne im Intereffe diefer Bewegung wohl hätten vermieden werden können. Mit Sorge ging. am 26. Oktober 1906 -ein treuer. opferwilliger Freund der Arbeiter und ihres Befreiungs kampfes. ein kluger. klarer Kopf und ein unbeugfamer Charakter dahin. Von den fonftigen Perfonen die zufammen mit Sorge in der Sektion 1 tätig waren. und ihr zur Bedeutung ver halfen. find 'der Schneider Conrad Carl. der Schreiner Carl Speher. R. Starke. Fr. I. Bertrand. Fr. Bolte und "A. Straffer zu nennen. Außerhalb der Sektion 1 war be fonders Dr. Stiebeling tätig. der aus der Freidenkerbewe gung heraus fick) zum Sozialiften entwickelt hatte. Von diefen Perfonen verdient Conrad Carl befon dere Erwähnung. Er ftammte aus Rothen 'Sand in Bahern und kam im Iahre 1854 nach Amerika. Im März 1867 trat er dem Kommuniftenklub bei. Carl. ein tätiger Menfch. von einer gewiffen Energie. brachte in der erften Sißnng des Kommuniftenlklubs. der er beiwohnte. *den Antrag ein. ..in Verbindung mit dem Allgemeinen Deut fchen Arbeiterverein die verfchiedenen Affoziationen und Innungen einzulalden. um einen gemeinfamen Plan zu einer politifchen Agitation unter den Arbeitern zu bera ten.“ Der Antrag führte in der Folge zur Gründung der ..Sozialen Partei“. der erften wirklich fozialiftifch-poli tifchen Partei in Amerika. 'Carls Energie. Eifer und Ehrgeiz gaben ihm in der Sektion 1 und in der ganzen Bewegung eine Stellung. zu

*der er nach Wiffen und Können nicht berechtigt war. womit feine Verdienfte um die Arbeiterbewegung nicht verkleinert werden follen. Als Redakteur der ..Arbeiterzeitung“ zeigte er große Mängel. die er durch demagogifches Wefen zu ver bergen fuchte. Die ihm fehlende Bildung fuchte er durch Angriffe auf -die ..Kopfarbeiter.“ denen gegenüber er fich als Vertreter der Lohnarbeiterfchaft auffpielte. vergeffen zu machen. womit ihm allerdings nicht beftritten werden foll. -daß er als Proletarier ohne eigentliche Erziehung fich ein nicht unbedeutendes Wiffen aneignete. *das er im Dienfte .der -Arbeiterfache wohl zu verwenden wußte. Dabei war Carl aber nicht wählerifch in feinen Mitteln und die bür - gerlich-politifche Korruption Amerikas hatte auch ihn ange 421

freffen. Er unterhielt gewiffe Beziehungen zur republika nifchen Partei und war z. B. nicht abgeneigt. 'vor Erfchei nen der Arbeiterzeitung von bürgerlicher Seite Geldmittel in -Empfang zn nehmen. wofür das Arbeiterorgan einen beftimmten Muhorskandidaten befürworten follte. Nach Auslfchluß Carls aus [der Internationalen Arbeiter-Affo ziation wandte er fich offen 'der republikanifchen Partei zu. deren direktes 'Mitglied er im Februar 1875 wurde.

Carl

ftarb. nachdem er jeden Einfluß auf die New Yorker Arbei Ztyerbkewegung [verloren hatte. am 13. Auguft 1890 in New c or , Von den.übrigen Perfonen. die befonders um die Inter nationale tätig waren. find A. Straffer und Carl Speher noch Fbefonders hervorzuheben. Adolf Straffer war in feiner Art ein tüchtiger Menfch. gefcheut. wenn auch kein Charakter. Die Kentniffe. die er fich in -der 'Internationale verfchaf-fte. hat er fpäter im Dienfte der amerikanifchen Gewevkfhaftsbewegung ver wandt und er ift einer der täiigften Mitgründer der American Federation of Labor gewefen. des großen. noch .

beftehenden amerikanifchen Arbeiterbundes. In der Haupt fache hat Straffer fich der Organifierung der Zigarrenarbei ter gewidmet. um die er fich große Verdienfte erworben hat. In *diefer feiner Tätigkeit hat er freilich feine fozialiftifche Vergangenheit vollftändig vergeffen und er ift einer der verknöchertften Vertreter des reinen |Gewerkfchaftstums geworden. ider die Ideale feiner Iugend verleugnete und bekämpfte. . C a rl S p e h e r ftammte aus Darmftadt. Er war der leßte General--Sekretär der Internationale und kam fchon 1860. im Alter von 15 Iahren. in die Arbeiterbewegung. als er fich als Lehrling einem Tifchlerverein -anfchloß. Auf feinen Reifen als Handwerksburfche kam er über Süd dentfchland nach der Schweiz. nach Paris. nach London. wo er überall in den Arbeiterbildungsvereinen tätig war. Im Iahre 1870 kam er nach New York. fchloß fich hier bald der Sektion 1 der Internationale an und war in 'der Gewerkfchaftsbewegung feines Gewerbes tätig. befonders auch im Achtftundenka-mpf des Iahres 1872. Im folgen .den Jahre regte Speher die Schaffung einer nationalen

Organifation der amerikanifchen Möbel-Schreiner an. die 422

denn auch auf einem Kongreß in Cincinnati gefchaffen wurde. Nach dem Kongreß im Haag gehörte C. Speher zum Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affoziation und als Sorge feine Stelle als General-Sekretär niedergelegt hatte. wurde fie Speher übertragen. der. der leßte General Sekretär der Affoziation. den Poften bis zum Ende der Jnternationale ausfüllte. Später war C. Speher haupt fächlich in der Gewerkfchaftsbewegung tätig und er beklei ' dete jahrelang den Voften eines Redakteurs des offiziellen ?Organs des Niationalbundes der Brüderfchaft der Zimmer cute. Die Pioniere der Internationale in Amerika haben keinen großen Bau errichtet; fie haben fich mit Kleinarbeit begnügen müffen. Troßdem hat diefe Arbeit ihre Wir kung nicht verfehlt und die amerikanifche Arbeiterbewegung hat Anregung und Förderung durch diefe internationalen Vioniere erhalten felbft in Kreifen. denen -die Namen diefer Pioniere. ja felbft ihr Wirken nie bekannt geworden find.

423

Dritter Teil.

(Die Internationale nnd die übewerlcfoiinkts-Dewegnng.

1. Kapitel.

Stellung zu den Gewerkfchaften. . 1.

Der Generalrat und die Trades Uni-ms.

Der Generalrat der Internationale in London hatte feit Gründung der 'Affoziation Verbindung mit den Gewerk

fchaften -Englands gefucht un'd die gewerkfchaftlichc Organi fation der Arbeiter gefördert. überhaupt ftets in dem Sinne -der 'Gewerklfchafts-Refolution des .Genfer allgemeinen Kon greffes der Affoziation gehandelt. In einer Adreffe. die der Generalrat von dem Brüffeler Kongreß im Iahre 1868 an die Trades-Unioniften in Großbritannien erließ.* weift der Generalrat auf die Dienfte hin. die die Internationale. befonders auf dem europäifchen Kontinent. der gewerkfchaftlichen Organifation der Arbeiter geleiftet habe. Die Affoziation habe überall in iden kontinentalen Ländern die -Gründung von Gewerk fchaften gefördert; fie habe als Hebel ihrer gemeinfamen und brüderbichen Handelns gedient. und 'diefe Behauptung wird durch Veifpiele aus allen Ländern geftüßt. In Frankreich war die Haltung der Internationale beim 'Ausfchluß der Bronzearbeiter befonders charakteriftifch: Es wurden -dort 1500 Arbeiter ausgefchloffen und 4000 weitere mit Ausfchlnß bedroht. wenn fie nicht die Mitglied fchaft in ihrer foeben gegründeten Gewerkfchaft aufgeben

wollten. eine der erften Trades-Unions. die nach dem eng lifchen Mufter auf dem Kontinent gegründet wurde. Mit Hilfe 'der Internationalen Arbeiter-Affoziation 'wurde die Vereinigung der Unternehmer in Varis gefchlagen.

Seit

dem haben fich Gewerkfchaften in Frankreich eingebürgert und die Regierung. alarmiert durch den Fortfchritt der . 18x870 111e 'ki'aner." Unioniet of Treat Britain ane! lrclanä. [Norton.

427

Internationale. verfuchte wieder und wieder. durch Beftra fung und Einkerkerung des Exekutiv-Komitees der Affozia tion in Paris die Organifation zu unterdrücken. In der Schweiz brachte *der Banarbeiterftreik in Genf eine Herabfeßung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Lohnes. aber die Unternehmer gaben der Forderung -der Arbeiter erft nach. als fie fahen. wie groß die Unterftüßung war. die die Streiker durch Vermittlung der Internationale vom Ausland erhielten. 'Auch in Belgien fpielte die :Internationale eine hervor ragende Rolle in den G-ewerkfchaftskämpfen. In Folge einer allgemeinen Krife in der Metallinduftrie befchloffen 'die dortigen Bergwerks-Direktoren. in' ihren Minen wöchentlich nur vier Tage arbeiten zu laffen. Um troßdem den Aktieninhabern' ihre Dividenden zu fichern. befchloffen fie gleihzeitig eine zehnprozentiige Lohnherabfeßnng. Die Arbeiter weigerten fich. unter folchen Bedingungen -weiter zu arbeiten. worauf die Regierung fie durch Pulver und Blei zu überreden fuchte; viele wurden getötet. mehr noch verwundet und einge'ferkert. Das Brüffeler-Komitee der Internationale nahm fich nun *der Sache an. Es verfchaffte den Verwundeten ärztliche Hilfe. Geldunterftüßung für die Bedürftigen und Rechtsbeiftand für *die Gefangenen. Seit dem wurde es möglich. eine Bergarbeiter-'Gewevkfchaft im Kohlenbecken von Chaleroi zu bilden. Die unwiffenden Kohlengräber wurden auf diefe Weife in die Reihen der organifierten Arbeiter eingeführt. Auch in Dentfchland machte fich der Einfluß -der Inter nationale auf gewerkfchaftlichem Gebiete geltend. Als Bismarck Ende der fechsziger Jahre eine Aenderung des Zolltarifes vorfchlug. opponierte »die Handelskammer in Barmen-Elberfeld aus dem Grunde. daß die preußifchen Fabrikanten mit den Fabrikanten Englands nicht konkur rieren könnten. wenn nicht der Lohn -herabgefeßt würde. Das könnte aber nicht ohne Gefahr gefchehen angefichts des fich rafch ausbreitenden Einfluffes und des prompten Ein greifens der Internationalen Affoziation. Aber nicht bloß auf dem Kontinent. auch in England felbft -' fo führte die erwähnte Adreffe aus - hat die Affociation durch befondere Information und durch Benach richtigung der Arbeiter des Kontinents über ihre Kämpfe 428

der Gewerkfchaftsbewegung wertvolle Dienfte geleiftet. Sie verhütete dadurch. daß die Unternehmer auswärtige Ar beitskräfte an ftelle ihrer eigenen Leute erhielten. Iu der Anklage gegen das Parifer Komite der Internationale kon ftatierte der Staatsanwalt. daß einer der Hauptgründe. weshalb er die Verurteilung der Angeklagten verlange. der fei. daß fie nicht nur einen außerordentlichen Einfluß auf alle Arbeitseinftellungen in Frankreich ausübten. fondern fogar folche im Auslande unterftüßt hätten. Als Beifpiele dafür führte er an. daß während des Streiks der englifchen Zinkarbeiter. Schneider und Eifenbahnangeftellten das Parifer Komite franzöfifche Arbeiter verhindert hätte. nach England zu gehen. Die Adreffe hob noch hervor. daß die Internationale fich die Aufgabe geftellt habe. die Arbeitsftnnden der Arbeiter auf dem Kontinent zu reduzieren und ihre .Löhne zu er höhen. Dadurch werde den englifchen Kapitalifteu der Ein wand genommen. daß die Lohne der Arbeiter .Englands herabgefeßt werden müffen. weil er nicht mit den Fabri kanten des Kontinents mit ihrer langen Arbeitszeit und ihren fchlechten Löhnen konkurrieren könne. Noch auf der Delegaten-Konferenz der Internationale. die 1865 in Lon

don ftattfand. äußerten fich im Vrivatgefpräch die fran zöfifchen und fchweizer Delegaten dahin. daß die Gewerk fchc-.ftsbewegung in ihren Ländern niemals Wurzel fchlagen könne. Auf dem Kongreß der Internationale in Laufanne. nur zwei Iahre fpäter. waren fchon über vierzig Delegaten anwefend. die kontinentale Gewerkfchaften nach englifchem Mufter vertraten. Die Saat. die von London aus durch die Internationale auf dem Kontinent ausgeftreut war. begann fchon Frucht zu tragen. Der Kongreß der Internationale. der im September 1866 in Genf ftattfand. hatte fchon Stellung zur Gewerk fchaftsbewegung genommen und in einer Refolution feinen Anhängern einen Leitfaden für ihr Verhalten gegenüber den gewerkfchaftlichen Organifationen gegeben. Diefe Refolu

tion hatte folgenden Wortlaut: ..Die Gewerkfchaften. ihre Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft.

n) Ihre Vergangenheit.- Kapital ift konzen 429

trierte foziale Macht. während der Arbeiter nur über feine individuelle Arbeitskraft verfügt. Der Vertrag zwifchen Kapital und Arbeit kann daher nie auf gerechten und billigen Bedingungen beruhen. billig nicht einmal im Sinne einer

Gefellfchaft. die den Befiß der materiellen Lebens- und Ar beitsmittel auf die eine Seite und die lebendigen. produi tiven Kräfte auf die entgegengefeßte Seite feßt. Die einzige foziale Macht auf der Seite der Arbeiter ift ihre Zahl. Die Macht der Zahl wird jedoch durch Uneinig keit gebrochen. Die Zerfplitterung der Arbeiter wird er zeugt und erhalten durch ihre unvermeidliche Konkurrenz unter fich felbft. Die Gewerkfchaften entftanden zuerft aus fpontanen Verfnchen von Arbeitern zur Befeitigung oder

mindeftens Einfchränkung diefer Konkurrenz. um Ver tragsbedingungen zu erringen. die fie wenigftens über die Stellung bloßer Sklaven erhoben. Das unmittelbare Ziel"der Gewerkfchaften befchränkt fich daher auf. die Erforderniffe des Tages. auf Mittel der Ab

wehr gegen die unaufhörlichen Uebergriffe des Kapitals. mit einem Worte. auf Fragen des Lohnes und der Arbeits zeit. Diefe Tätigkeit der .Gewerkfchaften ift nicht bloß gerechtfertigt. fie ift notwendig. Man kann ihrer nicht ent raten. folange die heutige Produktionsweife fortbefteht. Im Gegenteil. fie muß verallgemeinert werden durch die Gründung und die Zufammenfaffung von Gewerkfchaften in allen Ländern. ' Auf der anderen Seite find die Gewerkfchaften. ohne daß fie fich deffen bewußt wurden. zu Zentralpunkten der Organifation der Arbeiterklaffe geworden. wie die mittel alterlichen Munizipalitäten und Gemeinden es für die Bourgeoifie waren. Wenn die Gewerkfchaften unumgäng lich nötig find für den täglichen Guerillakrieg zwifchen Kapital und Arbeit. fo find fie noch wichtiger als organi- . fierte Förderungsmittel zur Aufhebung des Shftems der Lohnarbeit felbft. b) I h re G e g en w art. Die Gewerkfchaften haben bisher die lokalen und unmittelbaren Kämpfe gegen das Kapital ansfchließlich vor Augen gehabt. Sie haben ihre Kraft zum Angriff auf das Shftem der Lohnfklaverei felbft noch nicht vollkommen begriffen. Sie haben fich- deshalb 430

von allgemeinen fozialen und politifchen Bewegungen zu

fern gehalten.

In leßter Zeit fcheinen fie jedoch einiger

maßen zum Bewußtfein ihrer großen hiftorifchen Aufgabe zu erwacht-n. wie man zum Beifpiel fchließen kann aus ihrer Beteiligung an der jüngften politifchen Bewegung in Eng

land und aus der höheren Auffaffung ihrer Funktionen in den Vereinigten Staaten und aus..folgendem Befchluß. den

die leßte große Konferenz der Delegierten der Trade Unioniften in Sheffield faßte: Befchloffen. daß diefe Konferenz die Beftrebungen der Internationalen Affociation. die Arbeiter aller Länder in

einem gemeinfamen Bruderbund zu veremigen. vollkommen würdigt und eindringlich den verfchiedenen Vereinen. die

auf der Konferenz vertreten find. empfiehlt. affiliierte Mitglieder jener Körperfchaft zu werden. in der Ueber- -

zeugung. daß es notwendig ift für den Fortfchritt und die Wohlfahrt der ganzen Arbeitergemeinfchaft. e) Ihr e Z u ku n f t. Abgefehen von ihren urfprüng lichen Zwecken müffen die Gewerkfchaften nunmehr lernen. bewußterweife als Zentrum der Organifation der Arbeiter

klaffe zu handeln. im Intereffe ihrer vollftändigen Emanzi pation. Sie müffen jede foziale und politifche Bewegung unterftüßen. die auf diefes Ziel gerichtet ift. Indem fie fich felbft als die Vorkämpfer und Vertreter der ganzen Arbei terklaffe betrachten und darnach handeln. können fie nicht umhin. die außerhalb der Gewerkfchaften Stehenden in ihre Reihen aufzunehmen. Sie müffen fich forgfam der In tereffen der fchlechteft bezahlten Arbeiterfchichten annehmen. zum Beifpiel der Landarbeiter. denen befonders ungünftige Umftände

ihre

Widerftandskraft

genommen

haben.

Sie

müffen die ganze Welt zur Ueberzeugung bringen. daß ihre Beftrebungen. weit entfernt. engherzig und felbftfüchtig zu fein. vielmehr die Emanzipation der niedergetretenen Millionen zum Ziele haben.“

In feinem Iahresbericht an den Kongreß zu Laufanne hob der Generalrat die Wirkung hervor. die der Einfluß der Internationale auf die Haltung der Arbeiter Englands gehabt hatte. Es -hieß da: ..Es pflegte eine regelmäßige Drohung der englifchen Kapitaliften zu fein. ihre Arbeiter. wenn diefe fich nicht ihren Vorfchriften fügen wollten. durch 431

Einfuhr fremder Arbeiter zu verdrängen. Die bloße Mög lichkeit. daß folche Einfuhr ftattfinden könne. war in vielen Fällen hinreichend. die britifchen Arbeiter von der Aufrecht erhaltung ihrer Forderungen abzufchrecken. Die vom Ge neralrat getroffenen Maßregeln haben oie Wirkung ge habt. derartigen Drohungen ein Ende zu machen. Wo irgend etwas diefer Art beabfichtigt wird. muß es insgeheim fgefchehen. und die geringfte Kunde. die den Arbeitern zu Ohren kommt. genügt. den Plan der Kapitaliften zu ver eiteln. Wenn eine Arbeitseinftellung oder Fabrikfchließung ftattfindet. die irgend eines der affiliierten Gewerke betrifft. fo werden regelmäßig die kontinentalen Korrefpon denten der Affociation auf der Stelle dahin unterrichtet. die Arbeiter ihrer Ortfchaften zu warnen. fich in ein Engage- ment irgend welcher Art mit den Agenten der Kapitalifteii des Plaßes einzulaffen. wo der Strike ftattfindet. Und diefe Maßregel ift nicht bloß auf affiliierte Gewerke befchränkt. fondern wird auf ihr Anfuchen auch zu Gunften anderer Gewerke ausgeführt.“ Der Generalrat der Internationalen Arbeiter-Affocia tion übte diefe feine Wirkfamkeit zu Gunften der Gewerk fchaften Englands während der ganzen Zeit aus. .in der er feinen Siß in London hatte. Noch 1871. als in den Fabri ken von Newcaftle ein Strike ausbrach und als die Fabri kanten deutfche und fkandinavifche Strikebrecher importier ten. gelang es dem Generalrat. die leßteren zur Abreife zu bewegen.

Die Trades Unions Englands anerkannten die Dienfte der Internationale fehr wohl. Sie unterftüßten fie mit Darlehen großer Summen bei ausländifchen Strikes. und faßten auch auf ihren Konventionen Befchlüffe zu Gunften der Affociation. Auf dem allgemeinen Kongreffe der Internationale zu Brüffel im September 1868 nahm man eine Refolution an. die fich mit den Gewerkfchaften und derem Kampfmittel. dem Strike. befchäftigte.

Die Refolution lautete:

..Befchloffen. 1.. daß die Strikes nicht ein Mittel zur vollftändigen Befreiung der Arbeiterklaffe find. daß fie aber bei dem gegenwärtigen Stande des Kampfes zwifchen Kapital und Arbeit häufig eine Notwendigkeit werden. 432

..2. Daß es erforderlich ift. fie gewiffen Regeln der Or ganifation. der Opportunität und der Gefeßmäßigkeit zu unterwerfen. ..3. Daß in folchen Gewerben. in denen bisher keine Unions und keine Unterftüßungslaffen exiftieren. es nötig ift. folche zu fchaffen. Die Gewerkfchaften aller Gewerbe und Länder müffen fich vereinigen. In jeder lokalen Föde ration von Gewerksgenoffenfchaften follte eine Kaffe errichtet werden. aus der Unterftüßung-in Strikefällen zu zahlen ift. Mit einem Wort. die Arbeit. die. die Interna tionale Arbeiter-Affociation unternommen hat. muß fort gefeßt werden. um die Arbeiter in Maffe zum Eintritt in die Affociation zu bewegen. ..4." Daß es notwendig ift. in jeder Lokalität ein Ko mitee zu ernennen. das aus Delegaten der verfchiedenen Gewerkfchaften befteht. das als Schiedsrichter fungieren foll und das eventuell über die Ratfamkeit und Rechtmäßigkeit von Strikes zu entfcheiden hat. Ilm übrigen .follen natürlich die verfchiedenen Sektionen bei Ernennung diefes Komitees den befonderen Sitten. Gewohnheiten und- Gefeßen ihrer refp. Pläße folgen.“ . Auch auf dem folgenden allgemeinen Kongreffe im Iahre 1869. in Bafel. kam die Gewerkfchaftsfrage wieder zur Debatte und es wurde dort der folgende Befchluß gefaßt: ..Der Kongreß erklärt. daß alle Arbeiter die Bildung von Gewerkfchaftsgenoffenfchaften in den verfchiedenen Gewer ken energifch anftreben follen. Sobald fich folche Genoffenfchaften bilden. follen die Sektionen die verbundenen Gruppen und die Zentral-Aus fchüffe derjenigen Vereine. welche dem nämlichen Gewerke angehören. davon unterrichten. damit die Bildung nationa ler Verbände der Gewerksgenoffenfchaften in Angriff .ge nommen werden kann. Diefe Verbände follen beauftragt werden. alles ihren Induftriezweig Betreffende zu fam meln. die gemeinfchaftlich zu ergreifenden Maßregeln zu ' beraten und auf die Durchführung und das Gelingen der felben hinzuarbeiten. bis das heutige Lohnfhftem .durch die Affociation der freien Arbeit verdrängt worden ift. Der Kongreß beauftragt den Generalrat. die interna 433

?tionale Verbindung der Gewerksgenoffenfchaften aller Län

"Öer zu vermitteln.“

-

Der deutfch-franzöfifche Krieg und die Kämpfe der Pari r Kommune verhinderten den Generalrat wohl. Schritte e ur Durchführung diefes Befchluffes zn unternehmen. Aber ?chou der nächfte Kongreß. jener im Haag im Iahre 1872 . '.aiahm die Sache fofort wieder auf. -

2.- Jnternationale Gewerkfchaften.

-

.Auf der Delegiertenkonferenz. die die Affociation im eptember 1871 in London abhielt. kamen auch die inter ationalen Beziehungen der Gewerkfchaften'unter einander zur Sprache. Man nahm mit Bezug hierauf eine Refolution . an. die den folgenden Wortlaut hatte:

-. ..Die wachfende Tendenz der Gewerksgenoffenfchaften - jedes Landes. fich mit den Genoffenfchaften desfelben Gewerks in allen' andern Ländern in Verbindung zu feßen.

f ' - wird der Generalrat. wie bisher. unterftüßen. Seine Wirk

?p'ß-"Wfamkeit als internationaler Vermittler zwifchen den na ...7 (Kionalen Gewerksgenoffenfchaften hängt wefentlich von dem iftand ab. den diefe Gefellfchaften felbft dem von der ternationale unternommenen Werk einer allgemeinen Qrbeiterftatiftik angedeihen laffen. 7L! Die Vorftände der Gewerksgenoffenfchaften aller Länder -werden erfucht. den Generalrat über die Adreffen ihrer be * züglichen Gefchäftslokale unterrichtet zu halten.“ -.'Auf dem allgemeinen Kongreß der Internationale im Haag war auf Antrag von Paul Lafargue. F. A. Sorge u. a. der folgende Antrag ohne Widerfpruch angenommen worden: ..Der neue Generalrat erhält den befonderen Auftrag.

die internationalen Gewerksgenoffenfchaften zu errichten. Zu diefem Zweck foll er im Laufe des auf diefen Kon greß folgenden Monats ein Rundfchreiben ausarbeiten. es in die verfchiedenen Sprachen überfeßen und drucken laffen ' und an alle Arbeitergefellfchaften fchicken. deren Adreffen er befißt. ob diefelben zur Internationalen Arbeiter-Affo

ciation gehören oder nicht. 434 -

Ju diefem Rundfchreiben wird er jede Arbeitergefell? fchaft auffordern. die Internationale Union ihres betreffen den Gewerks zu bilden. Iede Arbeitergefellfchaft wird- aufgefordert werden. felbft die Bedingungen feftzuftellen. unter welchen fie an der Internationalen Union ihres Gewerks teilnehmen will. Der Generalrat ift beauftragt. diefe Bedingungen zu fammeln und einen allgemeinen Plan auszuarbeiten. wel cher der vorläufigen Genehmigung aller Gefellfchaften unterbreitet werden foll. welche an der Internationalen Gewerksgenoffenfchaft teilnehmen wollen. Der nächfte allgemeine Kongreß wird ,die endgültige Errichtung der Internationalen Gewerksgenoffenfchaften gutheißen.“

Der Generalrat in New York führte bald nach feiner Konftituierung.

im Ianuar

1873.

diefen

Befchluß

des

Haager Kongreffes aus. Er unterbreitete den Gewerkfchaf ten in einem Zirkular den obigen Antrag mit dem Erfuchen. ihre Anficht über die Sache mitzuteilen unter Beifügung eines Planes. der mit den Erwägungsgründen den folgen den Wortlaut hatte: ..Erwägend: 1. D'aß der Kampf der Arbeit gegen das Kapital weder ein lokaler noch ein nationaler ift. fondern ein Problem. das alle Länder umfaßt. in denen die moderne Gefellfchaft exiftiert. 2. Daß ein internationales Verftändnis zwifchen den Kapitaliften zur Ausbeutung und Unterdrückung der Ar

beiterklaffe befteht. und daß deshalb die Widerftandsverfuche der Arbeiter meiftens fcheiterten. aus Mangel an Solidari tät zwifchen den verfchiedenen Teilen der Arbeit in jedem Lande und durch die Abwefenheit eines brüderlichen Bandes der Vereinigung zwifchen -den Arbeiterklaffen der - verfchiedenen Länder. 3. Daß das Prinzip der Solidarität den Arbeitern die Pflicht auferlegt. einander daheim und in der Fremde beizuftehen. 4. Daß die Auswanderung refp. Ausführung der Ar 435

beitskraft aus einem Lande in das andere die Konkurrenz zwifchen den Arbeitern des-leßteren Landes befördert. Aus diefen Gründen unterbreitet der General-Rat der Internationalen Arbeiter Affociation den verfchiedenen Gewerksgenoffenfchaften aller Länder den folgenden Plan einer Organifation. welcher die Wirkfamkeit der Gewerks genoffenfchaften und ihr Gedeihen über alle Länder aus breiten foll: 1. Alle Vereinigungen eines Gewerks in einem Lande verbinden fich. um einen -Exekutiv-Ausfchuß für ihr Land zu wählen. ' 2. Diefe Exekutiv--Ausfchüffe follen in fortwährender Verbindung mit anderen Ländern durch die Vermittlung eines allgemeinen Vollziehungsrates ftehen. um ftets genau

unterrichtet zu fein über den Stand der Gewerke und der Arbeit jedes Landes. 3. Kaffen follen errichtet und unter die Kontrolle der Exekutiv-Ausfchüffe geftellt werden. um in Not befindliche Mitglieder der Union in irgend einem Lande zu unterftüßen und um die Ausgaben des allgemeinen Vollziehungs-Aus fchuffes zu decken. 4. Alle Exekutiv-Ausfchüffe der verfchiedenen Gewerke jedes Landes follen fich verbinden zum Zweck der Hülfs leiftungen in folchen Fällen. wo ein beftimmtes Gewerk wegen Mangel an Mitteln unfähig ift. den Widerftand gegen feine Ausbeuter fortzufeßen. 5. Iedes Mitglied einer folchen Internationalen Ge werksgenoffenfchaft foll im Falle der Auswanderung in dem

neuen Lande gleiche Rechte haben mit den älteren Mitglie dern diefes Landes. 6. Wenn ein Union-Mitglied wegen politifchen Verfol gungen das Land verlaffen muß. foll er in jedem anderen

Lande diefelbe Unterftüßung genießen. zu der er im frü heren Lande berechtigt war. 7. Es foll die Pflicht diefer Internationalen Gewerks genoffenfchaften fein. durch ihre Exekutiv-Ausfchüffe nach beften Kräften die Ein- und Ausfuhr..von Arbeitskräften unter irgend welchem Kontraktfhftem zu verhindern.“ 436

Der Erlaß diefes Zirkulars hatte nur geringe Wirkung. Nur die Schreiner New Yorks und die Vereinigten Schrei ner in Lüttich. Belgien. fprachen fich für diefe internatio nalen Gewerkfchaften aus. Leßtere hielten im April einen Kongreß. der fich für das Projekt erklärte und dem Gene ralrat ein proviforifches Statut unterbreitete. das die Gründung einer allgemeinen Föderation aller Tifchler und Zimmerleute befürwortete. Es wurde gefordert. daß jede beitretende Organifation demokratifch und fozialiftifch fein. daß die Föderation einen jährlichen Kongreß abhalten

müffe und daß jedes Mitglied irgend einer der verbün deten Organifationen ohne weiteres Mitglied in jeder an deren Gefellfchaft des Ortes. wohin er fich begeben möge. fein folle. Man plante in Lüttich fogar einen internatio nalen Schreinerkongreß. der im Herbfte 1873 in Brüffel ftattfinden follte und zu dem auch Delegaten der amerika nifchen Schreiner eingeladen wurden. Es war wohl dem fchwindenden Einfluffe der Internationale zuzufchreiben. daß der Plan nicht verwirklicht wurde. In England wurde das Zirkular des Generalrats zu ftimmend empfangen. und die dortige Föderation der In ternationalen Arbeiter-Affociation erließ auch einen Aufruf an die Gewerkfchaften des Landes. worin der Nußen wahr haft internationaler Trades-Unions hervorgehoben ward. Es hieß da n. A.: ..Es ift unnötig. Mitgliedern der Gewerkvereine den Wert der Verbindung zu zeigen. Ihre eigene Erfahrung erinnert fie daran. daß jeder Sieg im Kampf mit ihren Arbeitgebern durch Vereinigung errungen und jede Nieder lage durch Uneinigkeit und Zerfplitterung verfchuldet wurde. Der Plan einer internationalen Gewerksvereinigung ift nur die Ausdehnung des bereits angenommenen Prinzips. ift nur die Verwirklichung der Idee. welche den unzähligen lokalen und nationalen Vereinigungen zu Grunde liegt.“ Die Adreffe zeigte weiter. wie die Internationale Arbei

ter-Affociation bisher in diefem Sinne gewirkt habe. zitierte die darauf bezüglichen Befchlüffe d'er allgemeinen Kongreffe und führte zahlreiche Beifpiele des wirkfamen Einfchreitens der Affociation in England. Frankreich ufw. nach diefer Richtung hin an. 437

Die Adreffe hatte keine Wirkung. Der Einfluß der Internationale war fchon derart im Schwinden begriffen. der Gedanke der internationalen Vereinigung der Arbeiter eines beftimmten Gewerbes auch wohl noch zu neu. daß der Generalrat durchaus Recht hatte. als er in feinem ver traulichem Bericht an den allgemeinen Kongreß zu Genf erklärte. daß feiner Meinung nach der Plan der Interna tionalen Gewerkfchaften für eine endgültige Entfcheidung noch nicht reif fei und empfahl. die Beratung darüber bis fpäter zu verfchieben. Es hat tatfächlich. abgefehen von einigen nebenfächlichen Verfuchen. noch Iahrzehnte genommen. bis die organifierte Arbeiterfchaft den Gedanken wieder aufgriff. den der Kon

greß der Internationale im Haag zu verwirklichen fuchte. Erft feit den neunziger Iahren des vorigen Iahrhunderts verfuchten die Bergleute und andere Gewerbe europäifcher Länder durch regelmäßige Konventionen und Befchlüffe ein internationales Band um die Arbeiterfchaft ihres befon deren Berufes zu legen. und damit den Gedanken durchzu führen. den die Internationale vor der Zeit zu verwirklichen getrachtet hat.

438

2. Kapitel.

Der Kampf um den Arbeitstag. . 1.

Verkürzung der Arbeitszeit.

Zu Beginn der Entwicklung unferer modernen Induftrie war die Arbeitszeit der Fabrikarbeiter in Amerika eigentlich

nur durch natürliche Grenzen befchränkt. durch die Notwen digkeit. durch Schlaf die bei der Arbeit verbrauchte Körper- '

kraft wieder einzuholen.

Die Fabrikarbeiter rekrutierten

fich anfänglich aus den landwirtfchaftlichen Bevölkerungs

fchichten und man übertrug die Arbeitszeit. die bei der frü heren Befchäftigung zeitweilig innegehalten war. einfach ftändig auf die induftrielle Befchäftigung ohne Rückficht au-f

die intenfive Arbeit in der Fabrik und ohne Berückfichtigung der übrigen in Betracht kommenden Faktoren. die die in duftrielle Arbeit zu einer mehr ermüdenden machten. als die Arbeit im Freien. wie fie in der Hauptfache in der Land wirtfchaft herrfchte. Die Arbeitsftunden wurden in nahezu allen Induftrien nach der Sonne gemeffen; die Zeit von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang 'bildete den Arbeitstag. Erft im Iahre 1824 entfaltete fich die erfte Bewegung zur Verkür zung der Arbeitszeit in Amerika und es dauerte bis zum Iahre 1840. ehe wirklich in den Vereinigten Staaten eine nennenswerte Verkürzung diefer Arbeitszeit eingeführt war. Erft mehrere Iahre fpäter wurde der Zehnftundentag die Regel bei den. fortgefchrittenen Gewerben. In der Textil Induftrie dauerte es noch Iahrzehnte. ehe der Zehnftunden tag eingeführt wurde* und in anderen -Gewerben. z. B. in der Brauerei. war eine 18ftündige Arbeitszeit noch Anfang * Zixteentn .Annual Report of the lilaoenclnwette Bureau of Ztatieticß of [radar. 1885. Reprint. Mag-:8. Lrieao anti C081; of luuing. 808km). 1889. p. 8.

439

der achtziger Iahre des vorigen Iahrhunderts durchaus keine Seltenheit. ' Die Berichte des Statiftifchen Arbeits-Bureaus von Maf fachufetts enthalten eine Anzahl von Ausfagen von Leuten. die in ihrer Iugend noch eine unmenfchlich lange Arbeitszeit zu frohnden hatten. und weiteres Material über die Zn ftände in den amerikanifchen Fabriken zu Beginn der kapi taliftifchen Entwicklung findet fich in einem gedruckten Vor trag. den ein Mann. Namens Seth Snther. Anfang der dreißiger Jahre in den Neu-England Staaten hielt. Dar nach erklärte z. B. ein Zimmermann von Maffachufetts: Die gewöhnliche Länge der Arbeitszeit war das ganze Iahr hindurch von Sonnenaufgang bis zu Sonnenunter gang. Wenn nötig. wurde fie fortgeführt bis 8' Uhr abends und diefe Arbeitszeit galt auch für die Maurer. Schmiede und andere Handwerker.“ Ein anderer Mann erklärte: ..In meiner Gegend war die Arbeitszeit vom frühen Lam penlicht bis 8 Uhr abends. Sommer und Winter mit kurzen Unterbrechungen für Frühftück. Mittagbrot und Abend cffen.“

Die Wollfabriken in Maffachufetts liefen 1826 14

Stunden den Tag. In Connecticut gab es um diefe Zeit Fabriken. in denen der Arbeitstag 15 Stunden und 10 Minuten dauerte. In Paterfon. N. I.. mußten Anfang der 30er Iahre Frauen und Kinder um 41/2 Uhr morgens in der Fabrik an der Arbeit fein. In vielen Fabrikorten war zur damaligen Zeit 84 Stunden per Weche die Nor malarbeitszeit. auch für Kinder und Frauen. Die Kapita liften Amerjkas hielten zäher noch als ihre Klaffengenoffen in England die lange Arbeitszeit aufrecht. Ein alter Fabrikarbeiter bezeugte. daß er in England 72 Stunden per Woche zu arbeiten hatte. 1839 nach Amerika kam und hier 78 Stunden arbeiten mußte. Holzarbeiter. Mafchi niften. Zimmerleute arbeiteten noch bis 1847 in der Regel 13 bis 14 Stunden täglich. In den Schuhfabriken war die Arbeitszeit noch Anfang der fünfziger Iahre'15. 16. ja 18 Stunden per Tag. Die Reaktion gegen die unmenfchlich lange Arbeitszeit fehte. wie erwähnt. zuerft im Iahre 1824 ein. Um diefe .Zeit begannen die Bauhandwerker in Bofton und anderen Orten in Maffachufetts fich zu regen und der Zehnftunden tag wurde eine allgemeineForderung in 'den Arbeiterkreifen. 440

In den Jahren 1830 bis 1836 zeigten fich in Maffachufetts fchon regelmäßig Strikes zur Verkürzung -der ArbeitszeitK' Dann kam mit 1837. dem Iahre der Krife. ein Rückfchlag. Aus Philadelphia wird fchon im Iahre 1827 von einem Strike der Zimmerleute für den Zehnftundentag berichtet. der dann die Veranlaffung zur Bildung -der erften Vereini gung von Gewerkfchaften auf'amerikanifchem Boden wurde. Ueberhaupt regten fich die Arbeiter damals in allen größeren Orten für eine Arbeitszeitverkürzung.

Iu New York begannen die Schiffszimmerleute die Agi tation für den Zehnftundentag. Im I'ahre 1834 fand in diefer Stadt eine große Zehnftunden-Demonftration ftatt. verbunden mit Umzug. die von den vereinigten Gewerk fchaften veranftaltet wurde. Im Demonftrationszuge be fanden fich zahlreiche Banner. die die Infchrift: ..Zehn Stunden den Tagl“ trugen. Eine große Zahl von Streiks - fanden in diefem wie in den beiden nächften Iahren in New York ftatt. die den zehnftündigen Arbeitstag erkämpfen follten. Stellenweife war der Kampf der Arbeiter jener Zeit von Erfolg begleitet. wenn auch in der Regel diefe erften An ftürme der Arbeiterklaffe gegen die Burg des Kapitalismus zurückgefchlagen wurden. Im Iahre 1836 und 1837 er rangen die Schiffsbauer in Bofton den Zehnftundentag für Reparaturarbeiten. der 1840 dann allgemeine Geltung im Gewerbe erhielt. Die Agitation der Arbeiter hatte um diefe Zeit genü gende Stärke angenommen. um auch die'Aufmerkfamkeit der Regierung zu erregen. Das führte im April 1840 zu einer Proklamation des damaligen Präfidenten der Ver

einigten Staaten. Martin van Buren. in der für alle Staatsarbeiter in den Schiffsbauhöfen der Vereinigten Staaten der Zehnftundentag eingeführt wurde. Diefe Verfügung wurde nur anfänglich innegehalten und fpäter.

befonders zu Beginn des Bürgerkrieges. häufig übertreten. Immerhin gab fie bei ihrem Erlaß der Zehnftundenbewe gung nicht unbedeutende Anregung. * Ztriicee in b/la88aei1u8ett8. 1830-1880. kram the Bleu6nti) .Annual Report of the W388nct1u8ett8 Bureau 0f Ztati8tjc8 0F [adm- far 1880. Loeton. 1889.

441

Aber es waren im Ganzen doch nur wenige Gewerbe. die fich um. diefe Zeit fchon die zehnftündige Arbeitszeit- erran gen; meiftens folche. in denen Mafchinen. und Frauen- und Kinder-Arbeit keine oder nur eine geringe Rolle fpielten. Im felben Iahre. als Van Buren feine Proklamation erließ. arbeiteten die Frauen und Kinder in den Fabriken Neu Englands noch 66 bis 72 Stunden die Woche und die' Arbeitsftunden der Straßenbahn-Angeftellten betrug noch 17 und 18 Stunden den Tag. Im Iuni 1845 beklagten fich die Baumwoklenfabrikanten in Pittsburg über die lange Arbeitszeit ihrer Konkurrenten im Often. wo noch 72 Stun den wöchentlich gearbeitet werde. während die Arbeiter Pittsburgs nicht einmal mit 68 Stunden wöchentlich zu frieden feien. 1845 feßte die Agitation für die Herab feßung der Arbeitsftunden in den Fabriken von Maffachu fetts wieder lebhafter ein und es war die Folge -diefer Agi tation. daß im Frühjahr 1853 die Arbeitszeit von 66 Stun den per WoÖe in Lowell. Lawrence und Fall River die Regel wurde. Im Frühling 1853 herrfchte Profperität und es gelang den Arbeitern in vielen Orten und Gewerben. die Arbeits zeit auf 11 Stunden täglich herunter zu bringen. Verein zelt aber hielt fich der lange Arbeitstag in Neu-England bis zum Iahre 1865. Der Zehnftundentag wurde in der Textil-Induftrie von Fallriver erft im Ianuar 1867 einge führt. und dann auch erft probeweife. um nach anderthalb Iahren wieder abgefchafft zu werden. Einzelne Gewerbe. befonders Schiffszimmerer. Bauar beiter und Mafchiniften hatten in einzelnen Orten indeß fchon in den vierzigcr Iahren den Zehnftundentag errungen. Als im Iahre 1847 die Krife eintrat. machten die Kapita liftefn den Verfuch. das Zehnftunden-Shftem wieder abzu fcha fen. In einzelnen günftig geftellten Gewerben waren die Ar beiter fchon vor dem Bürgerkriege zur Durchfeßung eines Arbeitstages gekommen. der weniger als zehn Stunden betrug. So hatten die Schiffsbauer und Kalfaterer. zur damaligen Zeit die Avantgarde der amerikanifchen Arbei terbewegung. fchon 1859 und 1860 den achtftündigen Arbeitstag durchgefeßt und auf der Nationalkonvention der ..Machinift and Blackfmiths' Union.“ die 1859 in Phila -442

delphia ftattfand. wurde fchon fehr entfchieden der Acht ftundentag gefordert. Schon zehn Iahre vorher. im Iahre 1848. kam der Achtftundentag in Amerika zur Sprache. Auf einem Bankett. das die Firma Knapp und Totten in Witts burg mit ihren 300 Arbeitern feierte. erklärte der Firmen teilhaber Totten in einer Rede. daß er. wie er glaubte. der

erfte Unternehmer fei. der den Zehnftundentag eingeführt habe.

Aber das fei nicht genügend.

Er wünfche. daß der

Arbeitstag auf acht Stunden verkürzt würde. daß die Ten denz der Zeit dahin dränge. wenn nur Alle damit einver

ftanden feien. Derartige fchwarze Schafe waren aber natürlich unter der kapitaliftifchen Heerde jener Zeit wie fpäter auch eine Seltenheit und der Umftand ift wohl auch in Betracht zu ziehen. daß diefe antikapitaliftifche Aeußerung -des Kapita liften nur in der feftlichen Atmofphäre des Bankettfaals laut wurde. nicht in der Staubluft der Fabrik. Im ganzen war indeß vor dem Bürgerkrieg von der Achtftundenfrage verhältnismäßig wenig die Rede. Ihren eigentlichen Antrieb erhielt die Achtftundenbewegung zur Zeit des Bürgerkrieges. nachdem die Arbeiterfchaft durch die Entwertung des Papiergeldes und der entfprechenden Höhe der Preife der Lebensbedürfniffe gezwungen wurde. den Kampf um Aufrechterhaltung ihrer Lebenshaltung aufzu nehmen. Mit dem Kampf um die Erhöhung der Löhne ging der Kampf um die' Verkürzung der Arbeitszeit Hand in Hand. Ueberall wurde die Achtftundenforderung das Schlagwort der Bewegung.

Nicht nur im induftriell am weiteften entwickelten Often des Landes brach fich die Achtftunden-Bewegung Bahn. fie ergriff fogar den äußerften Weften und befonders in Cali fornien entwickelte fie fich recht lebhaft.

Die Bewegung

foll dorthin von Auftralien übertragen feiti' In der dor tigen Kolonie Victoria war das Achtftundenfhftem fchon im Iahre 1856 im Bauhandwerk eingeführt worden. Durch die Schiffsverbindung zwifchen Auftralien und Californien wurden zuerft Anfangs der fechziger Iiahre die Schiffs Zimmerleute in leßterem Staate ebenfalls von der Acht ftundenbewegung ergriffen. der fich dann bald auch andere Gewerbe anfchloffen.

443 '

Das Iahr 1866 fah eine allgemeine Bewegung der ame rikanifchen Arbeiterfchaft. Die einzelnen Gewerkfchaften fchloffen fich zu Verbänden zufammen und es beftanden damals nicht weniger als vierzig bis fünfzig nationale und internationale TradeS-UnionS Organifationem deren Lo kal-Branchen fich über das ganze Land verteilten. Die Streiks um den Achtftundentag waren ungemein zahlreich. In New York waren befonders wieder die Schiffsbauer . tätig. Sie führten drei Monate lang einen Streik für den Achtftundentag. den fie während des Krieges verloren hat ten. mußten fich aber nach Ablauf desfelben mit dem Neun ftundentag begnügen. Auf dem erften Kongreß der Natio nalen Arbeiter Union in Baltimore 1866. wurde die Achtftundenf'rage eingehend behandelt und diefe Verhand lungen waren es in der Hauptfache. die dann die Forderung des Achtftundentages zu einer nationalen Sache machtern fie zu einer Frage emporhoben. deren Löfu-ng nicht mehr in der Tätigkeit der gewerkfchaftlich organifierten Arbeiter allein zu fuchen war.

2.

Der gefetzliche Arbeitstag.

Die Agitation für die gefeßliche Feftftellung-der Arbeits ftunden begann in Amerika bald nach dem Beginn der Be wegung für eine Verkürzung der Arbeitszeit überhaupt. Im Iahre 1827 verlangten die Arbeiter Philadelphia? bereits einen gefeßlichen Zehnftundentag. Die Arbeiter partei. die fich im Iahre 1829 in New York bildete. hatte in ihrem Programm eine Forderung. die fich auf die gefeßliche Feftftellung der Arbeit auf zehn Stunden täglich bezog. 'und im Iahre 1832 ftellte die Konvention der ..Farmers and Mechanics“ in Bofton diefelbe Forderung. Man fuchte diefe Forderung zuna'chft durch Petitionen an die Legislaturen durchzufeßen. Schon im Iahre 1836 wandten fich die Vereinigten Gewerkfchaften von Baltimore

als die Erften an den Kongreß in Wafhington' mit einer Denkfchrift. in der fie ein Gefeß verlangten. das die Ar beitszeit aller Perfonen. die bei öffentlichen Arbeiten befchäftigt wurden- auf zehn Stunden feftftelle. Der Kon 444

greß legte die Denkfchrift nach kurzer Verhandlung am 21. März 1836 auf den Tifch. Der erfte amerikanifche Staatsbeamte. der fich als folcher für eine gefeßliche Feftftellung der Arbeitszeit aus fprach. fcheint der Gouverneur Fort von New Ierfeh gewefen zu fein. Diefer erklärte im Jahre 1.848: ..Die fortwäh rende. ununterbrochene Arbeit verhindert die intellektuelle Entwicklung und führt zur phhfifchen und moralifchen Er niedrigung." In Maffachufetts wurde die Legislatur in den vierziger Iahren von Petitionen für den gefeßlichen Zehnftundentag geradezu überflutet. Im Iahre 1845 wies diefe Legislatur eine Zehnftundenbill unter dem feither in Amerika allge - mein gewordenen Vorwand zurück. daß die gefeßliche Be fchränkung der Arbeitszeit eine Verleßung des konftitutio nellen Rechtes der Kontraktfreiheit bedeute und deshalb den Grundgefeßen der Republik widerftreb'e. Die organifierte Arbeiterfchaft des ganzen Landes trat damals lebhaft für den gefeßlichen Zehnftundentag ein. In Philadelphia brach ten 1846 die Arbeiter einer Fabrik hundert Dollars zu fammen. die fie für Ausbreitung der Agitation für den gefeizlichen Normalarbeitstag verwandt fehen wollten. In zahlreichen Fällen wurden Arbeiter. die fich in der Agita tion für diefe Forderung hervortaten. von den Kapitaliften gemaßregelt. Auch die Legislatur von New York hatte fich um diefe Zeit fchon mit der gefeßlichen Verkürzung der Arbeits eit zu befchäftigen. Im Ianuar 1847 wurde ihr eine Ref ution unterbreitet. die verlangte. daß die Arbeitszeit von Lehr lingen und Minorennen durch Gefeß befchränkt fein folle. Die Refolution wurde in einem Komitee begraben. Am 8. Juni 1847 war nach langem und heftigem Kampfe die berühmte Zehnftundenbill in England Gefeß geworden und ihre Annahme belebte in außerordentlicher Weife die Bewegung für gefeßliche Verkürzung der Arbeitszeit auch in den Vereinigten Staaten. Ueberall wurden Arbeiter Verfammlungen abgehalten. die fich mit der Agitation für * George LL. li/ledleill: '[116 Labor Movement. j). 91.

445

1308ton. 1887.

die Arbeitszeitverkürzu-ng befchäftigten. In einer großen Verfammlung in Albanh am 2. Iuli 1847 wurde die An nahme des Zehnftundengefeßes durch das britifche Parla ' ment als großes Ereignis und als ein Fortfchritt gefeiert. Man bezeichnete fie als einen Schritt. der nicht nur an fich nnfchäßbar. fondern der auch der Vorbote fei für eine große induftrielle Reformwelle. welche über die alte. wie über die neue Welt dahinziehen werde.

Der Druck der Arbeiterbewegung auf die Gefeßgebu-ngen wurde ftärker. Die Arbeiter von Maffachnfetts drängten wieder ihre Legislatur um Erlaß eines Zehnftundenge feßes. das am 11. Mini 1848 endlich die Affemblh paf fierte. aber vom Senat dann zurückgewiefen wurde. Auch dem Kongreß in Wafhington gingen wieder eine grö ßere Anzahl von Zehnftunden-Petitionenzu. wobei auch ein Achtftundengefeß für Kinder verlangt wurde. wie denn überhaupt eine ganze Reihe von Gefeßgebungen mit ähn lichen Petitionen. die von den Arbeitern ausgingen. fich zu befchäftigen hatten. In einigen Staaten glaubten die Politiker dem Verlan gen der Arbeiter auf eine gefeßliche Befchränknng .der Ar beitszeit zum Schein nachgeben zu müffen. -Am 3. Jiuli 1847 wurde in New-Hampfhire in der Legislatur ein Zehnftun dengefeß angenommen; im folgenden Iahre folgte Marh land. wo die Gefeßgebung dem Drucke der Arbeiterbewe gung.

die befonders

in

Baltimore damals

ftark

war.

nachgab. und ebenfalls ein Zehnftundengefeß paffierte. Damit begann das empörende Spiel. das die amerikanifchen Gefeßgebungen feit jeßt fieben Iahrzehnten mit der ameri kanifchen Arbeiterklaffe gefpielt haben. einem Spiel. bei deffen Beurteilung man im Zweifel ift. ob man mehr die Geduld und Gleichgültigkeit der Arbeiter. oder die freche Unverfchämtheit der Kapitaliften und ihrer politifchen Hand langer bewundern foll. Nahezu alle Gefeße. die von Beginn an in den Vereinig ten Staaten zur Feftfeßung der Arbeitszeit erlaffen wurden. find nämlich S ch e i n gefeße. von denen die Gefeß geber in der Regel von vornherein wußten. daß fie keine Wirkung ausüben. oder keine Geltung haben konnten. In dem Gefeß von Marhland vom Iahre 1848 war z. B. 446

beftimmt. daß zehn Stunden eine Tagesarbeit fein folle. wenn Arbeiter und Unternehmer nichts anderes .abgemacht haben würden. Es liegt damit alfo in der Hand jedes Unternehmers. durch Abmachung mit dem Arbeiter. die Arbeitszeit fo lange zu machen. wie es ihm beliebt. Diefe Klaufel. die' das Gefeß einfach aufhebt. wurde nachher in einer ganzen Reihe von Achtftundengefeßen - und nahezu alle Einzelftaaten der Union haben folche Achtftundengefeße - übernommen. Iu anderen Gefeßen zur Verkürzung der Arbeitszeit find wieder Strafbeftimmungen ausgelaffen. fo daß dem Kapitaliften zwar verboten ift. länger als acht oder zehn Stunden arbeiten zu laffen. ihn aber im Falle der Uebertretung keine Strafe trifft. weil das Gefeß eine Strafe für diefe Uebertretung nicht vorfieht.

Bei anderen Gefeßen

wieder. in denen die Arbeitszeit reguliert wird. fehlen Be ftimmungen über die Durchführung des Gefeßes und die Perfonen. die die Durchführung zu überwachen haben. Das alles aber wäre feitens der Arbeiterfchaft zu über winden gewefen. wenn die amerikanifchen Gerichte nicht wären. In Ländern mit englifchem Recht macht nicht der Gefeßgeber. fondern der Richter die Gefeße. Nicht was der Gefeßgeber in den erlaffenen Gefeßen fagen wollte gilt als Recht. fondern das. was der Richter in diefe Gefeße hinein legt.

Ift es nun in irgend einem Staate dahin gekommen'.

d'aß die Politiker fich dem Druck der Arbeiterbewegung nicht mehr widerfeßen können. fo erblickt zwar hier und da ein Ahtftundengefeß das Licht der Welt. deffen Faffung die

Wahrfcheinlichkeit ergibt. daß es durchzuführen und wirk fam gemacht werden könnte. Es enthält z. B. in folchem Falle nicht den oben erwähnten Paffus. daß eine Abmaz. chung zwifchen Unternehmer und Arbeiter die Geltung des Gefeßes aufhebt. Bringt man nun ein folches Gefeß -vor die zuftändigen Gerichte - und die Fabrikanten forgen dafür fchon _ fo erklärt das Gericht ein folches Gefeß für unkon

ftitutionell. weil es das grundgefeßliche Recht jedes Bürgers. einen Kontrakt abzufchließen. aufhebt. Enthält alfo ein Gefeß zur Verkürzung der Arbeitszeit 'eine Beftimmung. nach welcher Arbeiter und Unternehmer das Recht haben. den Inhalt des Gefeßes durch Kontrakt aufzuheben. fo ift das -Gefeß unwirkfam. Enthält es eine folche Beftimmung 447

nicht. fo wird es vom Gerichte als ungültig erklärt. weil es gegen die Konftitution verftößt. Das Recht. einen Kontrakt. der nicht unmoralifch oder verbrecherifch ift. abzufchließen. ift in den Vereinigten Staaten nur befohränkt durch die fogenannte ..Polizei Gewalt der Regierung.“ Diefe befteht in dem Recht der ftaatlichen und nationalen Gefeßgebung. Gefeße zu erlaffen. die zwar Eigentums-Kontrakte oder perfönliche Rechte ein fchränken und regulieren. die aber zur Sicherheit und zum Wohlbefinden der Gefellfchaft nötig find. Man hat nun in zahlreichen Fällen in den Vereinigten Staaten verfucht. auf Grund diefer Polizei-Gewalt des Staates gültige Ge feße zur Verkürzung und Regelung der Arbeitszeit wirkfam zu machen. befonders als Gefundheitsmaßregel. Auch das hat nur zu geringem Erfolge geführt. wie die Bäcker des Staates New York erfahren mußten. denen ein Zehnftun dengefeß unkonftitutionell erklärt wurde. weil das Gericht behauptete. das Bäckergewerbe -fei nicht ungefund. Ein anderer Grund. der herhalten muß. um ein Gefeß zur Regelung -der Arbeitszeit durch Gericht als ungültig zu erklären. ift die Befchuldigung. daß das Gefeß ..Klaffen gefeßgebung“ fei. die die Verfaffung verbietet. Was die amerikanifchen Gerichte als ..Klaffengefeßgebung“" anfehen. -mag der Umftand beweifen. daß das Obergericht in Illinois ein Achtftundengefeß für Frauen und Kinder für unkonftitu tionell erklärt. weil es nur Geltung habe für folche Per fonen. die in Fabriken befchäftigt feien. nicht auch für Frauen und Kinder. die etwa zu Haufe oder auf der Farm. bei Landarbeit alfo. befchäftigt find. Weil das .Gefeß fich nur auf eine Klaffe von Perfonen. in diefem Falle alfo Fabrikarbeiterinnen und Kinder in Fabriken bezieht. des halb beruht diefes Gefeß. nach Auffaffung des kapitalifti fchen Gerichts. auf ..Klaffengefeßgebung.“ ift es unkonfti tutionell und ungültig. Die amerikanifche Arbeiterklaffe wird non") zu recht drafti fchen Maßregeln greifen müffen. ehe fie den Gerichten ihres Heimatlandes eine vernünftige Anwendung der Gefeßes auslegung beibringt. Der Iu-bel. der bei Erlaß der erften 'Gefeße zur Befchrän kung der Arbeitszeit in der amerikanifchen Arbeiterklaffe 448

berrfchte. wäre ficherlich rafch gedämpft worden. hätte fie damals fchon einfehen können. welches frevle Spiel man fich mit ihr erlauben würde. So aber herrfchte tatfächlich freu dige Stimmung in weiten Kreifen und die Gefeßgeber von New Hampfhire und Marhland wurden in Verfammlungen gefeiert und als nachahmungswerte Beifpiele hingeftellt. In Maffachufetts verftand man fi>j zur einer Abfchlagszahlung. indem man 1850 ein Zwölfftunden-Gefeß

annahm.

das

auch zur Durchführung gelangte. Die Annahme des *viel begehrten Zehnftundengefeßes wußten die Fabrikanten von Maffachufetts bis 1873 hinauszufchieben. nachdem die Ar beiter jenes Staates nahezu ein halbes Iahrhundert dafür agitiert hatten. Man kann nicht fagen. daß die Geduld keine amerikanifche Tugend fei. In den fünfziger Iahren ging die Agitation für Einfüh rung des gefeßliahen Normalarbeitstages mit wechfelnder Stärke voran. Sie hob fich. als gleich nach Entdeckung -des Goldes in Californien der Preis aller Waren durch Ent wertung des Goldes in die Höhe getrieben wurde und die Arbeiter die Erhöhung -der Preife der Arbeitskraft zu erkämpfen hatten. Sie fchlug auch hohe Wogen. als im Frühjahr 1853 Profperität herrfchte und Arbeiter gefucht waren; fank dann aber wieder 1854 und befonders 1857. als die Krife nahezu allen Anfängen gewerkfchaftlicher Organifation ein Ende machte. Die deutfchen Arbeiter-Organifationen jener Zeit ftanden 'wacker für den gefeßlichen Normalarbeitstag ein. ja fie waren die erften. die die Forderung eines allgemeinen ge feßlichen Achtftundentages auf amerikanifchem Boden erhoben. In der Platform des ..Amerikanifchen Arbeiter bundes.“ einer durchweg deutfchen Organifation. wurde zwar 1853 noch der Zehnftundentag gefordert. aber Iofeph Wehdemeher. das geiftige Haupt diefer Organifation. erhob fchon damals feine Stimme für den gefeßlichen Achtftunden tag.

Das Ende der fünfziger Iahre ftand teils unter den Nachwirkungen der Krife von 1857. teils unter dem Ein druck des heranziehenden Gewitters des Bürgerkrieges. war deshalb für die Arbeiter-Agitation nicht geeignet. ' Immerhin wurde auch damals fchen in amerikanifchen 449

Gewerkfchaften der Ruf nach einem gefeßlichen Achtftun dentag erhoben. I. S. Caffin. der erfte Präfident der ..Grand Union“ der Mafchiniften und Schmiede lenkte im Iahre 1859 fchon in feinem Bericht an die Iahresverfamm lung feiner Organifation die Aufmerkfamkeit der Mitglieder auf die Achtftundenfrage und fchlug vor. die Angelegenheit vor den Kongreß der Vereinigten Staaten zu bringen. und durch Gefeß den Achtftundentag einzuführen. Der Vor fchlag führte zu lebhafter Diskuffion in den verfchiedenen Branchen der Organifation. aber die fich verfchärfenden Gegenfäße zwifchen Nord und Süd verhinderten. daß die Sache weiter verfolgt werden konnte. Kan-m aber hatte fich die Situation etwas geklärt. als auch die Bewegung für den gefeßlichen Achtftundentag mit verftärkter Kraft einfeßte. Die erfte volitifche Körperfchaft von nationaler Bedeutung. die fich mit diefer Frage be fchäftigte. war die Konvention der Deutfchen Radikalen in Cleveland. im Iahre 1863. die fich gegen Lincoln wandte. Hier kam die Forderung des gefeßlichen Achtftundentages auf und einige Delegaten traten eifrig für fie ein. Befon ders Karl Heinzen und mit ihm die ganze Boftoner Dele gation machte fich die Arbeiterforderung zu eigen. Auch Dr. Gerau aus Brooklhn trat für fie ein. ohne daß es ihnen indeß gelang. die Forderung des gefeßlichen Achtftunden tages der aufgeftellten Platform einzuverleiben. Von da ab nahm die Agitation für ein Achtftundengefeß im Often wie im äußerften .Weften der Union immer größeren Um fang an. Jin San Francisco. Cal.. wirkte Aleander M. Kenadah. der Präfident der dortigen ..United Trades' Affemblh.“ fehr für ein folches Gefeß. Er berief eine große Arbeiterv'er fammlung für den 12. Dezember 1865. die ftark befucht war und 'die eine Petition an die Legislatur für ein Acht ftundengefeß in Umlauf feßte. die zahlreiche Unterfchriften fand. Die Zentral Organifation der Arbeiter San Fran cisco's fchickte Kenadah in die benachbarten Städte und Staaten. damit er auch dort nach derfelben Richtung wirke. und es gelang feinem Einfluß und feiner Agitation im nächften Iahre. in der Legislatu-r von Californien ein Acht ftundengefeß durchzufeßen. das aber durch ein Amendment 4.50

annuliert wurde. das befagte. daß diefes Gefelz

erft in

Kraft treten folle. ..nachdem New York und Maffachufetts

ein gleiches Gefeß angenommen haben würden.“

Kenadah

übergab feine Petition nun dem Senator Connors. der das

Verfprechen gab. die Sache dem Kongreß in Wafhington zu unterbreiten. Kenadan organifierte einen politifchen Feld zug gegen die politifche Partei. die die Schuld an der Zurückweifu-ng des Gefeßes in der Legislatur feines Staates trug und diefe Partei wurde bei den Staatswahlen von 1867 mit 8000 Stimmen Majorität gefchlagen. obgleich fie vorher nahezu 20.000 Stimmen Majorität gehabt hatte. Im Januar 1868 nahm darauf hin die neue Legislatur das Achtftundengefeß an.* Im Often war die Achtftunden-Agitation unterdeß durch den Kongreß der Nationalen Arbeiter Union in Baltimore im Iahre 1866 über die lokale Bedeutung hinausgehoben worden. Es wurde dort die folgende Refolution angenom men: ..Befchloffein daß. um die Arbeiter diefes Landes von der Knechtfchaft zu befreien. das erfte große Erfordernis unferer Zeit die Annahme eines Gefeßes ift. wonach in jedem Staate der Union acht Stunden einen gefeßlichen Arbeitstag bilden follen. Wir find entfchloffen. niemals in unfern Beftrebungen nachzulaffen. bis diefes wünfchens werte Refultat erreicht ift.“ Dann erklärte der Kongreß weiter: ..In Erwägung. daß die Gefchichte und Gefeßgebung in der Vergangenheit gezeigt haben. daß keinerlei Verlaß ift auf die Verfprechungen und Verficherungen der Vertreter der beftehenden politifchen Parteien. foweit die Intereffen der induftriellen Klaffe in Betracht kommen. fei es Befchloffen. daß die Zeit gekommen ift. in der die Arbeiter der Vereinigten Staaten fich von allen Parteibanden los löfen und fich in eine nationale Arbeiter-Partei organi fieren follten. deren Zweck es fein foll. den Erlaß eines Gefeßes zu fichern. das acht Stunden Arbeit zu einem Tagewerk macht.“ * Ligbtb rxnnual Report of the Lorena of Italiener of Labor of the Ztate of dlent Yorke. 1890. .Kidnnzß 1891. x). 110.

451

Die entfchiedene Haltung des Arbeiter-Kongreff es in Baltimore in bezug auf die Ach-tftundenfrage gab diefer nationale Bedeutung. Ueberall wurden damals - üb: igens auch fchon vor dem Kongreß - in den Staats-Legislc turen Achtftundengefeße eingereicht. Auch im Kongreß zu Wafh ington wurde fchon 1866. dann wieder 1867. der Verfuch gemacht. den Achtftundentag durch Gefeß feftzuiegen. Schließlich wurde am 24. Iuni 1868 das AGtftundengefeß im Kongreß angenommen. und der Präf. Andrew Iohnfon gab ihm durch feine Unterfchrift die Sanktion. Es heißt daß die Erfahrung. die man in Californien mit der Acht ftundenfrage gemacht hatte. daß nämlich die Arbeiter dort die Partei. die das Gefeß in der Legislatur zu Fall ge bracht. bei der Wahl aus dem Sattel gehoben hatten. viel dazu beigetragen habe. daß 1868 in Wafhmgton das Acht ftundengefeß angenommen wurde. Zudem ftand im Herbft die Präfidentenwahl vor der Tür. Das Achtftundengefeß des Bundes beftimmte. daß acht Stunden Arbeit für alle Regierungsbeamten ein Tagewerk fein folle.

Kaum aber hatte am 25. Iuni das Gefeß die

Unterfchrift des Präfidenten Iohnfon erhalten. als auch fchon die Verfuche begannen. das Gefeß unwirkfam. es zu einem toten Buchftaben zu machen. Schon im Auguft gab der Kriegsminifter Schofield dem Gefeße die Auslegung daß den Arbeitern nur acht Stunden ftatt der bisher üblichen zehn Stunden bezahlt werden follten. Man zog alfo den Arbeitern. ganz gegen den Geift des Gefeßes. 20 Prozent des Lohne?' ab. während die Vorleute und Auf feher ihren alten Lohn behielten. Dem gegebenen Beifpiele folgte der Zl'tarine-Minifter. Adolf E. Borie. der ebenfalls Befehl gab. den Arbeitern in feinem Refort. befonders in den Marinebauhöfen. nur vier Fünftel des früheren Lohnes zu zahlen. Die Angelegenheit wurde dem General-Staats anwalt. E. R. Hoar. zur Begutachtung unterbreitet. der fich mit der Anficht des Kriegs- und Marine-Minifters ein verftanden erklärte. Das brachte William H. Shlvis. den Präfidenten der Nationalen ?Arbeiter-Union. ins Gefecht. In einigen fcharf. aber durchaus logifch gehaltenen Briefen zeigte der fchlichte Arbeiter dem gelehrten Rechtsanwalt. der der Berater des Präfidenten war. eine folche Ueberlegenheit in juriftifchen Dingen. daß der General-Staatsanwalt nur 452

mit einigen verlegenen Worten zu antworten wußte. Shlvis wandte fich hierauf an den Präfidenten Grant und bewog diefen. eine Proklamation zu erlaffen. in der er beftimmte. daß das Achtftundengefeß ohne Lohnabzug durch geführt werden folle. Die Beamten. deren Pflicht die Durchführung des Gefeßes und feiner Auslegung durch den Präfidenten gewefen wäre. kümmerten fich indes nicht um die erlaffene Proklamation. S-hlvis wandte fich nun per fönlich an Grant. der ihm aber erklärte. er kenne keine Arbeiterpartei. Noch ehe weitere Schritte getan werden konnten. ftarb Shlvis am 22. Iuli 1869. Zwar erließ Präfident Grant fpäter. im Mai 1872. als er auf's neue für fein Amt kandidierte. nochmals eine Pro klamation. in der er die Departements-Vorftände der Regierung anwies. für Achtftundenarbeit keine Abzüge zu machen.wiederum vergebens. Ießt wurde die Angelegenheit auf's neue dem Kongreß unterbreitet. der in einer Refolu tion fogar die Nachzahlung der Löhne an die Regierungs arbeiter verfügte. denen auf grund ihrer Achtftundenarbeit Lohnabzüge gemacht worden waren. Alles umfonft. und fchließlich wurde. nachdem Bundesgericht und Kongreß fich noch des öfteren damit befchäftigt hatten. das berühmte Achtftundengefeß der Vereinigten Staaten von 1868 da durch gänzlich unwirkfam gemacht. daß man die Regie rungsarbeiten. für die diefes Gefeß galt. an Kontraktoren weggab. Das Gefeß galt nur für direkte Regierungs arbeiter. Arbeiter. die an Regierungsarbeiten befchäftigt waren. die kontraktlich ausgegeben waren. waren aber. fo legte man aus. keine Regierungsarbeiter mehr; auf fie hatte das Achtftundengefeß keine Anwendung. fie mußten wieder zehn Stunden fchaffen. So betrog man die Arbeiter Amerikas um die Frucht einer jahrelangen intenuven Agitation. die eine Zeitlang das ganze Land in Erregung verfeßt hatte. Die Kapitaliften Amerikas haben zwei Mittel mit Erfolg angewandt. um ihre Arbeiter im Kampfe um Verbefferung ihrer Lage matt zu feßen. Das erfte ift die Korrumpierung der Wortführer der Arbeiter. die durch direkte Beftechung wie durch politifche Aemter immer wieder und wieder zu Verrätern an ihrer Klaffe gemacht wurden. Das zweite 453

Mittel ift die künftliche Ermüdung der Arbeiter. die dadurch herbeigeführt wurde. daß man durch Anrufung der Gerichte die

endgültigen

Entfcheidungen

über

beftimmte

Forde

rungen der Arbeiter jahre- und jahrzehntelang hinauszog. Der Kampf um den gefeßlichen Achtftundentag bietei: ein Beifpiel dafür. Diefer Kampf. der von der Arbeiterfchaft urfprünglich mit großer Begeifterung geführt wurde. wurde durch die gerichtlichen Eingriffe und Nichtigkeitserklärungen derart in die Länge gezogen. daß fchließlich die ganze Ar beiterfchaft ermüdet und degoutiert den Kampf aufgab. oder ihn doch nicht mehr mit dem früheren Eifer führte. weil fie nicht mehr an die Möglichkeit des Erfolges glaubte. Und diefer Peffimismus ift nicht unberechtigt. Denn es ift fraglich. ob in den Vereinigten Staaten überhaupt irgend welche gefeßliche Arbeiterfchuß-Maßregeln dauernd in Wirkfamkeit gefeßt werden können. folange nicht der Bun desverfaffung ein Amendement hinzugefügt ift. welches der nationalen oder ftaatlichen. Gefeßgebung die Befugnis erteilt. in das Vertrags-Verhältnis zwifchen Kapitaliften und Arbeitern eingreifen zu dürfen. Und eine folche Ver faffungs-Aenderung ift erft möglich. wenn die Arbeiter als Klaffe bedeutenden Einfluß auf die Politik der Vereinigten Staaten erlangen.

3.

Die Ahtftunden-Liga in Bofton.

Unter den zahlreichen Arbeiterorganifationen. öffent lichen und geheimen. die während und bald nach Beendigung des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten empor fchoffen. ift befonders die ..Große Achtftunden-Liga“ ('.l'be Grain] Ljgbt-tiour-Leng'ue) zu nennen. die fich über viele Staaten erftreckte.

Diefe Organifation hatte auch in

Maffachufetts Zweigvereine. die indes ihre Tätigkeit ein ftellten. als das Achtftundengefeß im Kongreß zu Wafh ington angenommen worden war.

Der Schwindel. den die Politiker mit diefem Gefeß trieben. mag wohl die Freunde der Arbeitszeitverkürzung in Maffachufetts überzeugt haben. daß der Kampf um den

Achtftundentag nicht beendet fei. fondern daß er erft beginne 454

und daß deshalb weitere Organifation zur Führung des Kampfes nötig fei. Im Frühjahr 1869 fanden in Bofton einige Zufammen künfte ftatt. die im Sommer dann zur Gründung der ..Boftoner Achtftunden-Liga“ ('l'be Newton Lig11t-boar League) führte. die für die englifche Arbeiterbewegung Amerikas zu jener Zeit fchon deshalb von Bedeutung war.

weil fie die hervorragendften und klarften Elemente diefer Bewegung in fich vereinigte. Die ..Boftoner Achtftunden-Liga“ wurde organifiert. um die Oeffentlichkeit über die Achtftunden-Frage aufzuklären und die Aufmerkfamkeit auf die Notwendigkeit der Arbeits

zeitverkürzung zu lenken. Es handelte fich dabei mehr um eine Propagandagefellfchaft als um eine Kampforgani fation. Man hielt wöchentliche Verfammlungen ab. in denen nur Arbeiterfragen verhandelt wurden. Alljährlich wurden Konventionen einberufen. in denen die Ausfichten der Liga über die Arbeiterfrage. und was damit zufammen hing. in Refolutionen zufammengefaßt und durch die Preffe die weitefte Verbreitung gegeben wurde. In der Einleitung zu der Konftitution der Liga wurde hervorgehoben. daß unter den Erwägungen. die für Ein führung des Achtftundenfhftems fprechen. befonders die folgenden zu nennen find: Daß der Reichtum gleichmäßiger verteilt wird; daß die Armut abgefchafft. das menfchliche Leben verlängert. daß die Lebensbedürfniffe leichter zu er werben find. und daß cooperative Arbeit die Regel in der Reichtums-Vroduktion werden würde. Daß die Ausbeutung der Arbeit. das Lohnfhftem. daß Arbeiter- und Ausbeuter klaffen und Geldzins fchließlich aufhören würden zu exiftie ren. und daß fchließlich die vermehrte Ruhezeit und ihre moralifchen und natürlichen Folgen für den Arbeiter mit der Faulheit. Spekulation. Klaffengefeßgebung. finanziellen Konvulfionen. Unmäßigkeit. Proftitution und Krieg auf räumen würden.

Der erfte öffentliche Schritt der Liga war die Ausgabe von Petitionen für ein Achtftundengefeß für Maffachufetts. Diefe Petition übte genügend Einfluß aus. um die Legis

latur zu zwingen. ein Spezialkomite einzufeßen. daß die Argumente der Vertreter der Liga anzuhören hatte. Die 455

.

" Veröffentlichung diefer Argumente durch die Preffe ma rhte die Beftrebungen der Liga bekannt und agitierte für das Achtftundengefeß. Diefe Petitionsbewegung wurde alljähr lich wiederholt. fo daß die Achtftundenfrage der Oeffentlich keit in Maffachufetts ftets vor Augen blieb. Auch mit der Arbeiterbewegung in anderen Starten wurden Verbindungen aufrecht erhalten. So fandte die Liga im September 187l eine Adreffe an die New Yorker Arbeiter. die damals eine Konvention und Demonftration zu gunften des Achtftundemhftems abhielten. Auf den jährlichen Konventionen der Liga fpielte die Achtftundenfrage natürlich die erfte Rolle. und alle Gründe. die für die Verkürzung der Arbeitszeit aufgeführt werden konnten. wurden dort hervorgehoben.

Auf der Konvention

im Iahre 1870 nahm man eine Refolution an. die Wendell Phillips zum Verfaffer hatte. in der die Wichtigkeit der Ar

beiterfrage im allgemeinen hervorgehoben wurde. die ..ihre Löfung zum Neubau der Gefellfchaft und zum Erfaß des '

alten Shftems. des Monopols und Betrugs durch die Herr fchaft der Gerechtigkeit“ führen müffe. Wendell Phillips hob in feiner Refolution auch hervor. ..daß die materielle Lage der Lohnarbeiter niemals fein

könne. was fie fein folle. bis nicht die gemeinfchaftliche Pro duktion von Reichtum das Lohnfhftem erfeßt habe“. Bis dahin aber fei die Verkürzung der Arbeitszeit und befonders das Achtftundenfhftem ein Mittel zur vorläufigen Hebung der Arbeiterklaffe. Die Refolution fchloß: ..Befchloffen. daß die fogenannte Ungerechtigkeit. einen Zehnftundenlohn für acht Stunden Arbeit zu erwarten. bis nicht in der kurzen Zeit fo viel als in der längeren Zeit produziert werden kann. fich ftüßt auf die ungerechtfertigte Annahme. daß die Löhne. die unter der Zchnftunden-Regel gezahlt werden. den wirklichen Wert der geleifteten Arbeit darftellen. wäh rend der fteigende Reichtum der Befißenden beweift. daß der

Arbeiter niemals einen gleichen Wert für feine zehn Stun den Arbeiterhalten hat und daß er mit der Hilfe arbeits erfparender Mafchinerie jeßt tatfächlich 12 bis 15 Stunden Arbeit für eine Stunde Bezahlung leiftet.* * Ligvcv Krimml Report of the Lui-eau of Ztatjefjce of Labor for bleu' Lot-1c. 1890. l. x). 500.

456

Man fieht. die Männer der Achtftunden-Liga begnügten fich nicht mit der einfachen Behandlung der Achtftunden frage. fondern fie fahen weiter und erkannten klar. daß die Löfung der Arbeiterfrage in der Abfchaffung der Lohnarbeit liege. wenn fie auch über die hiftorifche Notwendigkeit diefer Löfung und über den Weg zum Ziele nichts wußten.

Das

war auch der Grund. daß fie den Einfluß des Achtftunden fhftems. fo wichtig es für die Arbeiterklaffe ift. in feinen wirtfchaftlichen Folgen ftark überfchäßten. Als die Gerichte durch ihre Auslegungen und die Politiker durch ihre Umgehung der durch Kongreß und Legislaturen angenommenen Achtfkundengefeße die Beftim mungen derfelben aufgehoben hatten. fuchte die Achtftunden Liga durch Vorfchläge. die auf eine ftriktere Faffung diefer Gefeße hinausliefen. den Schlag zu parieren. den die Werk zeuge der herrfchenden Klaffen damit gegen die Arbeiter geführt hatten. Auf ihrer Konvention im Iahre 1872 wurde von der Liga eine Refolution angenommen. die zu nächft erklärte. daß die Herabfeßung der Arbeitszeit der erfte Schritt emer Arbeits-Reform fei. und daß die Be freiung der Arbeit von der Sklaverei und Ignoranz der Armut alle Fragen löft. die jeßt die Menfchheit ftören und verwirren. Dann wird gefordert. daß die Patentgefeße der Vereinigten Staaten fo ergänzt werden follten. daß paten tierte Waren nur nachdem Achtftundengefeß hergeftellt werden dürfen. wenn das Patent nicht als aufgehoben er

klärt werden folle. Auch für ftädtifche und Gemeinde arbeiten ward gefeßliche Achtftundenarbeit verlangt. ebenfo für Arbeiter. die von ftaatlich inkorporierten Gefellfchaften ausgehen. die andernfalls mit Entziehung ihres Freibriefs bedroht werden follten. Schließlich wurde verlangt. daß der Achtftundentag auch für alle Perfonen unter 21 Iahren gefeßliche Geltung haben folle. Jin Verhalten der Achtftunden-Liga ift befonders auch ihre Stellung gegenüber der Geldreform hervorzuheben. die. feitdem Shlvis in der Nationalen Arbeiter-Union fiebefürwortet hatte. in der Arbeiterbewegung der Vereinigten Staaten immer fchärfer betont worden war. Die leitenden Geifter der Liga hatten von vornherein

gegen die Heranziehung der Geldreform .in die Arbeiter bewegung Proteft erhoben. Sie wiefen mit großen Schärfe 457

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nach. daß die fogenannte Geldreform. die in der Ausgabe von Papiergeld- eine Befferung der Arteiterlage fehe. in Wirklichkeit keine Arbeiterfrage fei. und daß die Arbeiter ihre Aufmerkfamkeit wirklichen Arbeiterfragen zuwenden follten. anftatt fich mit Pfeudoreformen zu! befchäftigen. Als im Iahre 1873 die Nationale Arbeiter-Union eine Platform angenommen hatte. die die Notwendigkeit diefer Geldreform zur Verbefferung der Lage der Arbeiterklaffe befonders betonte. nahm die Konvention der Liga eine Re folution an. in der fie fcharfen Proteft gegen diefe Platform erhob. Als Grund hierfür war u. a. angegeben. daß die angenommenen Forderungen in der Hauptfache fich mit Fin'anzen. Geldwährung und Steuern befchiiftigten. Fragen. die für den Arbeiter nur geringe Bedeutung hätten. ..da die Herabfeßung der Steuern oder die Erhöhung des Zinsfußes eine entfprechende Verringerung der Löhne nach fich zieht. da die Löhne überall durch die Koften der Lebenshaltung reguliert werden“. Auch wurde getadelt. daß die Kon vention der Nationalen Arbeiter-Union in Columbus nicht gegen die Kinderarbeit Proteft erhob. nicht für einen weite

ren Ausbau der Achtftundengefeßgebung eintrat. und befon ders auch. weil fie verfäumte. ..den Brüdern in Europa aller Nationalitäten. die mit uns für die Erlöfung der Arbeiter kämpfen. freundlichen Gruß zu überfenden“. Diefe Betonung der internationalen Zufammengehörig keit der Arbeiterklaffe ift um deswillen von Intereffe. als die leitenden Geifter der Achtftunden-Liga damals von der Internationalen Arbeiter-Affociation und von ihrem Wirken nichts wußten und keinerlei Verbindung mit der internationalen Bewegung hatten. Als im nächften Iahre der Induftrielle Kongreß in Rochefter abgehalten wurde. fandte die Boftoner Acht ftunden-Liga fpeziell einen Delegaten nach dort. damit diefer die Geldreformerei in der Arbeiterbewegung be kämpfen folle. Freilich vergebens. worauf die Konvention der Liga fich wiederum aufs fchärffte gegen die Diskuffionen

von Finanztheorien im Namen ..der Arbeitsreform“ aus

fprqch-

-

Einen bedeutenden Erfolg errang die Agitation der Liga und ihre leitenden Geifter gleich zu Anfang ihres Beftehens 458

"q

durch die im Iuni 1869 erfolgte Einfeßung und Schaffung '

des Statiftifchen Arbeits-Bureaus von Maffachufetts. des erften der Vereinigten Staaten. Ein gewiffer H. K. Oliver. ein Mann mit großer Kennt nis befonders der Kinderarbeit und ihrer degenerierenden Folgen. erhielt die Leitung des neuen Inftituts. und George E. McNeill. ein tätiges Mitglied der Liga. wurde ihm als Hilfskraft beigegeben. Unter dem Einfluß von Ira Stewatd. den wir noch genauer kennen lernen werden. und deffen Frau' wurde diefes Statiftifche Bureau in den erften vier Jahren feines Beftehens geradezu muftergültig. Zum erften Male in der Gefchichte des Landes erklang die Stimme einer ftaatlichen Behörde zu gunften der Arbeit. Zum erften Male wurde die Ausbeutung' der Kinder und

Frauen gegeißelt. die Mängel des Schulwefens aufgedeckt. die Sünden der Verwaltungsbeamten bloßgeftellt. die Schäden der Fabrikarbeit befchrieben. die Heuchelei der Un ternehmer gefchildert. die Verkürzung der Arbeitszeit und Gefeße zum Schuß der Arbeit verlangt. Und das alles nicht etwa von ..profeffionellen“ Arbeiter-Organifatoren. nein. von einer ftaatlichen Behörde. Die Fabrikanten von Maffachufetts fahen in den wahr heitsgetreuen Berichten des Statiftifchen Arbeits-Bureaus ihres Staates eine Gefahr. und fie befchloffen. diefe Gefahr zu befeitigen. Zunächft erklärten fie die Berichte des Bureaus für unrichtig. für gefärbt. im Intereffe der Arbeiter natürlich. Sie behaupteten. daß die Arbeitslöhne durch- ' fchnittlich gut. daß fie für einen anftändigenLebensunterhalt angemeffen und hinreichend feien. um Erfparniffe für un vorhergefehene Fälle und für das Alter machen zu können. Zum Beweis beriefen fie fih auf die Berichte der Spar banken. Daraufhin veranftaltete das Bureau eine Unter fuchung der Sparbankeinlagen und wies in feinem dritten Berichte. 1872. geftüßt auf die offiziellen Angaben der Bankkommiffäre des Staates. nach. daß die Depofiten in den Sparbanken weniger von Arbeitslöhnen herrührten als von Gewinnften. welche die Kapitaliften einftrichen; daß der größte Teil der Einlagen ..dem Vrofit aus Kapitalien“ ent ftamme.- Das war den Kapitaliften des Landes zu viel. Sie benußten ihren Einfluß auf die Gefeßgebung und Re gierung. um die Leitung des Bureaus zu befeitigen. Das 459

.

gelang. Die bisherigen Beamten wurden entlaffen und das Bureau neuen Händen anvertraut. die die Zahlen nicht fo deutlich von der Abhängigkeit und der Sklaverei der Ar beiterklaffe fprechen ließen. In ihrer Konvention vom Iahre 1872 -proteftierte die Achtftunden-Liga bereits gegen den damals begonnenen Verfuch. die Arbeiten des Statiftifchen Bureaus zu -ver krüppeln und erklärte ihn als einen Verfuch des Bank Kapitals. ..die Feftftellungen über die Armut der arbeiten den Klaffe zu erfticken“. Wie wir gefehen haben. war der Proteft umfonft. Die Arbeiterklaffe Amerikas war noch viel zu rückftändig. in Einficht fowohl als in Organifation. als daß fie fich befon ders darum gekümmert hätte. was die Statiftifchen Bureaus über ihre Lage zu'fagen hatten. Im Iahre 1876 erfuhren die Leiter der Liga von den Beftrebungen der Internationalen Arbeiter-Affociation erft. nachdem diefe Affociation felbft fchon zu exiftieren aufgehört hatte und ihr amerikanifher Zweig in der Arbeiterpartei von Nord-Amerika aufgegängen war. Man feßte fich indes mit den früheren Vertretern der Internationale. befonders mit F. A. Sorge in Verbindung. ebenfo mit Adolf Douai. und hielt Beziehungen zur Arbeiterpartei aufrecht. Leider nicht fehr lange. Im Iahre 1879 hielt die Boftoner Acht ftunden-Liga ihre leßte Konvention ab. nachdem fie ein Iahrzehnt lang der geiftige Mittelpunkt der Arbeiter bewegung Neu--Englands gewefen war.

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4.

Ira Steward.

Die Boftoner Achtftunden-Liga hätte ficherlich nicht die Bedeutung erhalten. die fie wirklich hatte. wäre 'fie nicht durch einen bedeutenden Menfchen beeinflußt worden. der fie geiftig beherrfchte und der ihren Charakter beftimmte. Diefer Mann war Ira Steward. ein einfacher Arbeiter. Mafchinift. aber ein Vroletarier. in dem ein origineller Denker fteckte. der einen klaren Kopf auf den Shultern trug und durch feine Einficht feine Umgebung 'weit überragte. Es ift bezeichnend für die Tüchtigkeit diefes Mannes. daß Hermann Meher. der Freund von Iofeph Wehdemeher und genauer Kenner der Marx'fchen Anfchauungen. als er einft eine Refolution über die Notwendigkeit des Achtftunden tages zu Geficht bekam. die in einer der Konventionen der Achtftunden-Liga angenommen und deren Verfaffer Ira

Steward war. erftaunt ausrief: ..Der Verfaffer muß Marx. ..Kapital“ gelefen haben“. In Wirklichkeit war aber der Name Marx' nicht einmal Steward bekannt. vielweniger. daß er. der der deutfchen Sprache nicht mächtig war. damals das noch nicht ins Englifche überfeßte Marx'fche Werk ge kannt haben konnte. Ia. noch im Dezember 1876. als er von den Beftrebungen der Sozialiften aus dem

..Labor

Standard“ gehört hatte. fchrieb er ganz erftaunt nach New York an ein früheres Mitglied der Internationale: ..Es fcheint.- daß wir vor der Bofton Achtftunden-Liga nicht allein ftehen in diefem Kampfe um Arbeitsreform. Warum haben Sie uns nicht früher gefchrieben? Wir würden uns ft ä r k e r gefühlt haben“. In der Tat erfcheint es nahezu unbegreiflich. daß die Leitung der Internationale. der Generalrat wie der Föde ralrat in New York nicht früher verfucht hatten. Verbindung mit einer Körperfchaft anzuknüpfen. die tatfächlich die geiftige Leitung der Arbeiterbewegung in Neu-England war und deren Ziele jenen der Internationalen Arbeiter Affociation fo nahe verwandt waren. Ira Steward wurde 1831 in Maffachufetts geboren. In der Arbeiterbewegung trat er zuerft als Vertreter feiner Gewerkfchaft hervor. der Internationalen Mafchiniften und Schmiedegewerkfchaft (lnternatianal Unjan of Icfaebinjetß ancl Zlaekomitiio of Pl. .4.) . Auf einer Kon 461

vention diefer Gewerkfchaft. die in Bofton im Iahre 1863 ftattfand. brachte Ira Steward die folgenden Befchlüffe ein die einftimmig angenommen wurden: 'Ueberzeugt. daß unfere Verfuch-e. die noch beftehenden falfchen Beziehungen zwifchen Arbeit und Kapital zu regeln. nur gefcheitert find durch den Mangel an Mitteln. die der Erreichung unferer Ziele angemeffen find. fei hiermit Befchloffen. die wichtigfte Angelegenheit für uns als Ar beiter. im Weften und Often. im Süden und Norden. eine Angelegenheit. der alles andere untergeordnet ift. ift die permanente Reduktion der Arbeitszeit auf acht Stunden; Da dies nicht erreicht werden kann. ohne die öffentliche . Meinung unter Arbeitern und Unternehmern heranzu bilden. wollen wir unfere Agitation dafür in alle Unter nehmungen tragen. welcher Art fie auch feien. ob religiös oder politifch. reformerifch oder finanziell. und feßen unfere Mittel und unferen Mut ein. diefe Reduktion der Arbeits zeit zu erlangen; Diefe Verkürzung der Arbeitszeit kann nicht Plaß greifen. bevor das Shftem der Ueberzeit verboten ift. bevor allge mein anerkannt wird. daß Verlängerung der Arbeitsftunden eine Verminderung der Arbeitslöhne bedeutet. felbft wenn die Ueberftunden höher bezahlt werden . . . . .; Verkürzung der Arbeitszeit ift Erhöhung der Arbeits löhne; Es ift die Pflicht diefer Affociation. einen kompetenten Mann zu erwählen und zu beauftragen. diefen Anfichten durch die Preffe und durch Vorträge die öffentliche Auf merkfamkeit zu verfchaffen. und ihm dafür eine anftändige Vergütung zu- gewähren.“ * . Gleichzeitig feßte die Konvention 400 Dollars zur Deck ung der Koften aus und beauftragte einen Ausfchuß von drei Mitgliedern. Ira Steward an der Spiße. die Boftoner Trades Affemblh. den Centralkörper der Gewerk fchaften Boftons. zur Mitwirkung einzuladen. die eine gleiche Summe für diefen Zweck bewilligte. Nunmehr begann Ira Steward eine raftlofe Agitation für die Reduktion der Arbeitszeit. Er fchrieb Brofchüren. . * 8y8tematic Labor Reform Movement. Zoe-ton. 1863.

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er hielt Vorträge. er fchickte Eingefandts an die Tagesblätter und die Arbeiterorgane - ftets über daffelbe Thema. mit immer neuen Argumenten. Der Staats- und der nationa len Gefeßgebung widmete er ungeteilte Aufmerkfamkeit und von 1864 bis 1870 verging keine Legislaturperiode

von

Maffachufetts. ohne in ihren Sißungs- und Ausfchußproto kollen Zeugnis abzulegen von der unermüdlichen Tätigkeit Stewards. um die Verkürzung der Arbeitszeit und Arbeiter fchußgefeßgebung zu erlangen. Der Mann ging ganz auf in diefen Beftrebungen und nach und nach fammelte fich ein kleiner Kreis gleichgefinnter und gleichgeftimmter Män ner und Frauen u-m ihn. deren Einfluß bis in die höchften Kreife der Gefellfchaft. der Politik und -der Bildung reichte. * Als in der zweiten Hälfte der 60er Iahre die Geldrefor mer. die Greenbackler. fich in die Nationale Arbeiter-Union drängten und an die Spiße derfelben. erhob Ira Steward feine Stimme fofort dagegen in Einfendungen an die Arbeiterblätter. befonders an den damals in Bofton er fcheinenden “american Wortcman". und wies mit großer Schärfe nach. daß die fogenannte Geldreform keine Arbeiter frage fei und nur die Arbeiterbewegung fchädige. Mitten in feinen anftrengenden Arbeiten hatte er fchon in den 60er Iahren den Plau gefaßt. ein umfaffendes größeres Werk über die Verkürzung der Arbeitszeit zu fchreiben. das in deffen widriger Umftände halber von ihm nicht vollendet wor den ift. Einen anfehnlichen Auszug daraus veröffentlichte er 1872 unter dem Titel “Lottert!" in dem dritten Iahres bericht des Statiftifchen Arbeitsbureaus von Maffachufetts. Er griff darin mit viel Gefchick die zur Verteidigung des Privatkapitals vorgebrachten Argumente an. Gegen die Theorie. daß die Leiftungen der Kapitaliften höher zu be lohnen feien ihrer hervorragend intellektuellen Natur wegen. wies er nach. daß die fogenannte geiftige Arbeit die für fie beanfpruchte höhere Entlohnung gar nicht verdiene. daß die beften geiftigen Leiftungen (firm; 018o8 'brnjng) den höchften Lohn nicht erzielen. daß nicht das Hirn. fondern das Kapital die höchften Erträge bekomme. daß der Kapitalreichtum ge rade in der Armut der Maffen beftehe. Gegen das Gefeß * S. F. A. Sorge im ..Vionier.“ New York. 1896. Seite 55 f. f.

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von Angebot und Nachfrage führte er an. daß Reichtum der Herr und Armut der Sklave diefes Gefeßes fei. Gegen den Vorwurf der Aufheßerei wendete er ein. daß das Publi kum ebenfoviel Recht habe. für eine gleichmäßigere Ver teilung der künftigen Arbeitserträge zu wirken. wie die Unternehmer h'ätten. fich um die Lohnzahlungen der nächften

Tage zu kümmern. und er verkündete. daß die von ihm vor gefchlagene gleichmäßigere Verteilung eine Verminderung der künftigen Einnahmen von Fabrikanten. Kaufleuten. Bankiers. Verkehrs- und Minenverwaltungen ete. bedeu

ten. Er hielt fich indeffen an das Beftehende. fo fehr er es auch kritifierte. und wollte durch Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne. vor allem durch Steigerung der Konfumtionsfiihigkeit. durch Hebung des ..Standard of Life“ der Maffen fein Zieh die Kooperativgefellfchaft erreichen. Gegen die ..Landreform'I die die Zerftückelung des Bodens durch Gründung kleiner Landgüter anftrebt. wandte er fehr treffend ein: Ein Gefeß. das den Boden des Landes in lleine Farmen teile und diefe erhalte. folle betitelt werden: ..Ein Gefeß. um Kooperation in der Agrikultur unmöglich zu machen“; in dem Millennium der wirklichen Boden reform werde es keine Zäune geben; der Farmer. wie der Handwerker und Arbeiter in jedem Induftriezweige werde fähig fein. auf iooperativer Bafis zu arbeiten. und ohne Kooperation werde das Menfchengefchlecht überhaupt nie die höchfte Kultur erreichen. Daß er mit der Kooperation nicht zeitgenöffifche Verfuche meinte. zeigte er durch den Aus fpruch. daß ..die wenigen kooperativen Erfolge der Gegen ?wart fchwächlich und kränklich. daß fie Treibhauspflanzen eien.“

In einer kleinen Vorrede zu “Lovert7" fagt Steward: ..Dies ift nur der Anfang einer Studie über die Arbeiter frage. Wenn diefelbe jemals beendigt wird. foll fie die Beziehungen zwifchen weniger Arbeitsftunden und w e n i g e r A r m u t darftellen. und das ift die große Idee der Arbeiterbewegung: Weniger Armut oder mehr Wohlftand für die Maffen. die Z e i t haben. zeigen mehr U e b e r l e g u n g in ihrem Vorgehen. als wenn fie keine Zeit -dazu haben. Ueberlegung befördert das Nach denken. Denkende Menfchen werden weifer und weife Men fchen lernen fchnell. was ihnen gebührt und wie es zu erlan 464

gen ift. Uebrigens bedeutet dies nicht etwa. daß acht Stunden eine Panacee. ein Univerfalmittel feien. Es ift eben einfach der notwendige e r ft e Schritt. wie für -den Sklaven die Freilaffu-ng. Dem Sklaven die Freiheit zu geben. fchließt nicht ein. daß derfelbe fofort weife und glück lich fein werde. aber - ihm die Freiheit vorzuenthalten. bedeutet die ewige Vorenthaltung von Weisheit und Glück feligkeit. Wenn die Arbeitsftunden nicht reduziert werden. fo werden die Arbeiter niemals fähig. die mannigfaltigen Maßregeln in Betracht zu ziehen. die notwendig find. um fie vollftändig von der Sklaverei. der Unwiffenheit und den Laftern der Armut zu emanzipieren.“ Wie es hauptfächlich der Arbeit und der Agitation Ira Steward's zu danken war. daß in Maffachufetts das erfte Arbeits-Statiftifche Bureau errichtet wurde. fo war es auch ihm znzufchreiben. daß einer der hervorragendften Gefeß geber des Landes. Charles Sumner. einer der beiden Sena toren. die Maffachufetts nach Wafhington in den Senat fchickte. in der Achtftundenfrage aus einem Saulus ein Paulus wurde. Sumner ftimmte im Jahre 1868 im Senat gegen das Achtftundengefeß. Steward. der den Senator als ehrlichen Menfchen kannte. wandte fich an diefen und erfuchte ihn um eine Unterredung. die ihm gewährt wurde. Es gelang dem Arbeiter. den hochgebildeten Senator zu überzeugen. daß weniger Arbeitsftunden weniger Armut für die große Maffe bedeuten und daß damit allein fchon ein Eingreifen der Gefeßgebung in diefe Materie gerechtfertigt erfcheine. Diefe Theorie ift in kurzen Worten folgende: Weniger Armut bedeutet eine gerechtere Verteilung des Reichtums. Reichtum wird jeßt unter die Maffen verteilt durch das Lohnfhftem. Erhöhung der Löhne bedeutet gerechtere Verteilung des Reichtums. vorausgefeßt. daß die Erhöhung durch natürliche und fittliche Urfachen bewirkt wird. Die Löhne werden geregelt durch die Gewohnheiten. Sitten und Lebensweife des Arbeiters.

Reduzierung der

Ausgaben oder der gebräuchlichften Bedürfniffe -des Arbei ters reduziert die Löhne. "Erhöhung der Koften des .Lebensunterhaltes erhöht die Löhne. Verminderung der Arbeitsftunden erhöht nach und 465

nach die Arbeitslöhne. denn die in Folge des Zeitgewinn ftes größer gewordenen Anfprüche und Bedürfniffe vermeh ren die Koften des Lebensunterhalts. erhöhen den ..Standard of Life.“ In der Regel werden diejenigen am fchlechteften bezahlt. die die längften Arbeitsftunden haben. Löhne werden erhöht werden. bis die lohnzahlende Klaffe zerfchmolzen ift; und Kooperation wird der Kanal fein. durch den der Reichtum der Welt an Alle verteilt wird. Die Unterredung Stewards mit' Summer hatte zur Folge. daß diefer bei der nächften Gelegenheit im Senat in Wafhington. als wiederum das Achtftundengefeß zur De batte ftand. das Wort nahm und u. a. erklärte: ..Das Land muß ein Experiment machen mit der Durchführung des Achtftundengefeßes. Ich habe gegen das Gefeß geftimmt. aber ich wünfche fehr. daß das Experiment gemacht werde. Ich denke. daß die Arbeiter diefes Landes ein Recht haben. darauf zu fehen. daß diefer Verfuch gemacht werde. und deshalb beharre und beftehe ich darauf in deren Namen. zu ihren Gunftenl Summer zeigte feinen Gefinnungswechfel. zu* dem ihn der Arbeiter gebracht hatte. auch dadurch. daß er die Acht ftundenliga durch Geld unterftüßte. Für die Liga felbft war Steward das geiftige Haupt. und von ihm rühren auch die meiften Refolutionen her. die auf ihren Iahreskonventionen angenommen wurden. darunter die folgenden: 1872 . . . ..Die Reduktion der Arbeitsftunden ift der erfte Schritt in der Arbeiterreform. und die Emanzipation der Arbeit von der Sklaverei und Unwiffenheit der Armut löft alle Fragen. die jeßt die menfchliche Gefellfchaft erre gen.“ Es wurde ein ftrenges Achtftundengefeß gefordert und behauptet. daß fich daraus folgende Tatfachen ergeben würden: Daß acht Stunden nich t geringeren Lohn bedeuten. Daß die Arbeiter in der Regel nicht nach dem. was fie leiften. fondern nach dem. was fie nötig haben. bezahlt werden. Daß im großen Ganzen weniger Stunden mehr Lohn bedeuten. im Tagelohn wie im Stücklohn. Daß die Reduktion der Arbeitsftunden fowohl die Kauf 466

kraft der Löhne wie die Größe des produzierten Reichtums vermehrt.

Daß teuere Arbeiter billige Produktion und billige Ar beiter teuere Produktion bedeuten. Daß weniger Arbeitsftunden eine Verminderung der Profite und der Vermögen bedeuten. die von der Arbeit und ihren Produkten gemacht werden. Für die Frauen beffere Löhne. Verminderung der Haus

haltarbeit. mehr Gelegenheit zum Denken und Handeln und die Bildung ftarker Gründe für die Forderung und Erlangung des Stimmrechts . . .“ 1874 . . . ..Die Bofton Achtftundenilga legt emphatifchen Proteft ein gegen die Befprechung oder Erwägung von Fi nanztheorien unter dem Namen von Arbeiterreform; die fog. Finanz- (oder Geld-) Reform ift nur von Bedeutung für denjenigen geringen Prozentfaß unferer Mitbürger. die den kapitaliftifchen Klaffen angehören. fich felbft als eine genannte Klaffe in der Gefellfchaft betrachten und glauben. daß von ihren eigenen finanziellen Erfolgen alle diejenigen abhängen. die mit ihren Händen arbeiten. . . . die ihres Reichtums wegen im Stande find. die öffentliche Aufmerk famkeit auf Fragen zu lenken. wie Steuerwefen. Eifenbahn und Bankverwaltung. Umlaufsmittel und Zinfen. Schuß

zoll und Freihandel . . . Zivildienftreform und ökonomifche Schwindel-Fragen. deren Löfung beftenfalls den Arbeiter Arbeiter und den Kapitaliften Kapitaliften bleiben läßt. zwifchen denen ein unvermeidlicher Konflikt befteht und be ftehen wird. bis alle Arbeiter und alle Kapitaliften find . . .“ ..Das Betragen der New Yorker Polizeikomiffäre auf Tempkins Square war ein fchmachvolles Attentat gegen die öffentliche Meinung der gefamten Arbeiterwelt . . 1876 fagt die Liga unter anderem. ..daß die Exiftenz einer Arbeiterklaffe in den Vereinigten Staaten die Repu blik am meiften bedroht; der Unterfchied zwifchen Arbeiter und Kapitalift befteht darin. daß der Kapitalift die Kräfte der Arbeit anderer Menfchen als Waren verkauft. fo daß dem Arbeiter zum Verkaufe nur feine Arbeit. feine Perfön lichkeit. fein eigenes Selbft bleibe; die Kapitaliftenklaffe habe Induftrie. Mafchinen. Rohmaterial fo angehäuft und mo nopolifiert. daß es dem Arbeiter unmöglich fei. fich felbft zu 467

befchäftigen. und ohne Befchäftigung droht ihm der Hunger tod; die für den Hunger und die Entbehrungen verantwort lich. hätten kein einziges Recht. das menfchliche Wefen achten müffen; nichts auf Erden fei zu gut für den Menfchen. und die -verfchwenderifchfte Verfchwendung fei diejenige. die Menfchen vergeude. um Dinge zu fparen; man dürfe dem Magen keine Entbehrungen auferlegen. um Nahrungsmittel zu fparen. und eine Welt voller Paläfte fei billiger fals eine Welt voller Hütten und Miethskafernen“ . . . . u w,

Im Herbfte des Iahres 187 6 wurde Steward. wie er wähnt. durch den ..Labor Standard“ mit den fozialiftifchen Beftrebungen bekannt und trat mit McDonnell. F. A. Sorge. Dr. Douai. A. Straffer u. A. in Verbindung. Leider glückte es nicht. ihn und feine Achtftunden-Liga. die un zweifelhaft den fortgefchrittenften Teil der damaligen ame rikanifchen Arbeiterbewegung darftellte. mit der fozialifti fchen Bewegung. wie fie fich 1876 in der Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten konfolidiert hatte. in dauernde Ver bindung zu bringen. Zwar wurde der Verfuch gemacht. aber Unverftändnis. ja felbft Intriguen aller Art verhin derten. daß die angeknüpften Beziehungen fich zu dauer hafter Verbindung auswuchfen. In die um den Befiß des ..Labor Standard“ ausgebrochenen Streitigkeiten wurde auch Ira Steward und feine Freunde hineingezogen und fie kehrten bald der Bewegung den Rücken. der fie eben erft beigetreten waren. Eine Sektion der Arbeiterpartei in Cambridge. Maffachufetts. beftand ausfchließlich aus 'Acht ftundenleuten. die der großen Achtung halber. die fie unter den Arbeitern Neu-Englands genoffen. nicht zu unter fchäßende Bundesgenoffen für die Ausbreitung des Sozia lismus unter der englifch-fprechenden Arbeiterfchaft des Landes gewefen wären. Unter den Mitarbeitern Ira S-tewards find zwei zu nennen. mit denen eine langjährige Freundfchaft ihn ver band und die beide fchließlich an ihm und feinen Beftrebunz gen zu Verrätern wurden. Sowohl George E. McNeill als ' auch dem fpäteren Profeffor Gunton hat Steward als Freund. wie oft. hilfreiche .Hand geleiftet. Mit McNeill zerfiel Steward im Jahre 1877. Als Erfterer als Redak 468

teur des ..Paterfon Labor Sta