Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar: Zur Baugeschichte im Zeitalter der Aufklärung 9783412211479, 9783412209605

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Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar: Zur Baugeschichte im Zeitalter der Aufklärung
 9783412211479, 9783412209605

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Miriam von Gehren

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar Zur Baugeschichte im Zeitalter der Aufklärung

2013 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein

D 83 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: /  / dnb.d-nb.de abruf bar. Umschlagabbildung: August Friedrich Straßburger: Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar. Ansicht von Westen und Grundriss erstes Obergeschoss, von 1760. Kleines Bild: Der Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im heutigen Zustand.

© 2013 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Gesamtherstellung: WBD Wissenschaftlicher Bücherdienst, Köln Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier ISBN 978-3-412-20960-5

Meinen Eltern

Inhalt

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Zielsetzung und leitende Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Aufbau und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Forschungsstand und Quellengrundlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

1.

Die Bauherrin Herzogin Anna Amalia von Sachsen-WeimarEisenach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

1.1 Lebensstationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.1 Kindheit und Jugend in Wolfenbüttel und Braunschweig . . 1.1.2 Heirat und Mutterglück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1.3 Obervormundschaftliche Regierung (1759–75) . . . . . . . . . . 1.1.4 Nach der Regentschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 Herzogin Anna Amalia – eine aufgeklärte Landesregentin? 1.2.1 Das Regierungssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.2 Das Problem der Obervormundschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.3 Politische Maßnahmen während der Regierung Anna Amalias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2.4 Anna Amalia – eine aufgeklärte Regentin? . . . . . . . . . . . . . 1.3 Anna Amalia als Förderin der Wissenschaft und Künste . . . 1.3.1 Paradigmenwandel der höfischen Repräsentations­instrumente im 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.2 Kunst- und Kulturförderung während der Regentschaft Anna Amalias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3.3 Anna Amalia als Bücherfreundin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

28 28 31 33 35 39 39 43 47 52 54 55 58 62

2. Wandel der Repräsentationsfunktion der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Ende des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

2.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Repräsentationsinstrument eines barocken Kleinstaates . . . 2.1.1 Die Gründung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar unter der Regierung Herzogs Wilhelm Ernst (1662–1728) . . . . . 2.1.2 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar unter Herzog Ernst August (1728–48) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar 1748–58 . . . . . . . . . . .

67 67 73 75

8

|  Inhalt

2.2 Strukturwandel der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Ende des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.1 Die Verwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2.2 Eine öffentliche Bibliothek? – Die Benutzung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Repräsentations­ instrument eines ‚aufgeklärten‘ absoluten Staates . . . . . . . . .

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3. Der Bau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek . . . . . . . . . . . . . . 100

3.1 Der Vorgängerbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.1 Baugeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2 Die Gestalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.3 Die Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Der Umbau zur Bibliothek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Planungsphasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.2 Die Baubeschreibung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar 1760–66 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3 Vergleich der Entwürfe Straßburger und Schmidt . . . . . . . 3.3 Umbauten und Erweiterungen (1773–2007) . . . . . . . . . . . 3.3.1 Die Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der Bibliothek 1773 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.2 Der südliche Anbau 1803–05 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.3 Die Einbeziehung des Turms der alten Stadtbefestigung 1821–25 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.4 Die nördliche Erweiterung 1844–49 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.5 Weitere Veränderungen bis zum Brand 2004 . . . . . . . . . . . 3.3.6 Nach dem Brand 2004 bis heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

101 101 102 108 109 109

111 127 133 133 134 138 142 145 148

4. Der Bibliotheksbau vom 17. bis zum 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . 153

4.1 Die bauliche Entwicklung der Bibliotheksräume vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts . . . . . 4.1.1 Die Räume der deutschen Hofbibliotheken . . . . . . . . . . . 4.1.2 Die Saalbibliotheken der deutschen Klöster im 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1.3 Öffentliche Bibliotheksräume im 18. Jahrhundert . . . . . . . 4.2 Bibliotheksbau als Gattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Die Entwicklungsgeschichte des eigenständigen Bibliotheks­baus von der Antike bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

153 153 165 173 177 177

Inhalt  |

4.2.2 Die Bibliotheksrotunde der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel (1705–23) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 4.2.3 Die kaiserliche Hofbibliothek zu Wien (1722–27) . . . . . . 200 4.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 5. Vorbilder und Leitbilder der fürstlichen Bibliothek zu Weimar . . 225

5.1 Die Stellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in der Tradition des Bibliotheksbaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 5.1.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar im Vergleich mit deutschen Hofbibliotheken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 5.1.2 Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde als Vorbild? . . . . . 228 5.1.3 Die Wiener Hofbibliothek als Vorbild? . . . . . . . . . . . . . . . 233 5.1.4 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Vorreiterin der Magazinbibliothek . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 5.1.5 Der Stil der fürstlichen Bibliothek zu Weimar im V ergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 5.2 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und die Architektur­ theorien zum Bibliotheksbau im 18. Jahrhundert . . . . . . . 245 5.2.1 Der Bibliotheksbau in der Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 5.2.2 Die Funktion der Bibliotheken in den Architekturtraktaten des 18. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 5.2.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar – ein praktisches Beispiel der Architekturtheorien für den Bibliotheksbau? . 265 5.3 Typologische Vorbilder für die fürstliche Bibliothek zu Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 5.3.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und der protestantische Kirchenbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 5.3.2 Der Theaterbau des 18. Jahrhunderts als typologisches Vorbild? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 5.3.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und der Festsaal im Weimarer Residenzschloss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291

6. Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als bauliche Repräsentation des Wertewandels der Aufklärungsbewegung – Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296

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|  Inhalt

Bibliographischer Apparat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302

Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ungedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gedruckte Quellen und Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unveröffentlichte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388

Danksagung

Diese Arbeit wurde im Wintersemester 2010 / 11 an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Berlin als Dissertation angenommen. Prof. Dr. Robert Suckale danke ich ganz besonders für die herzliche Betreuung der Arbeit und für seinen stets guten Rat. Prof. Dr. Bernd Nicolai gab den Anstoß für dieses Vorhaben; dafür und für sein offenes Ohr danke ich ihm sehr. In Weimar gebührt ein großer Dank all denen, die mir mit ihrem fachlichen Wissen stets aufgeschlossen und hilfreich zur Seite standen, so Dr. Michael Knoche (Herzogin Anna Amalia Bibliothek), Dr. Jürgen Weber (Herzogin Anna Amalia Bibliothek), Prof. Dr. Lothar Ehrlich (Klassik Stiftung Weimar), Reimar Frebel (Klassik Stiftung Weimar), Bernd Mende (Klassik Stiftung Weimar), Frank Boblenz (Thüringisches Hauptstaatsarchiv), Karl-Heinz Bastian, Dr. Jürgen Seifert und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Der Klassik Stiftung Weimar gilt mein Dank für die Förderung meiner Promotion, dem Land Berlin danke ich für die Unterstützung nach dem Gesetz zur Förderung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses (Nachwuchsförderungsgesetz – NaFöG). Der Geschwister Boeh­ ringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften gebührt mein Dank für die Gewährung eines Druckkostenzuschusses. Jette von Gehren danke ich besonders herzlich für ihr ebenso genaues wie strenges Auge und hervorragendes Lektorat. Harald S. Liehr vom Böhlau Verlag gilt ein großer Dank für die sehr gute Zusammenarbeit. Ohne Jutta Scholl wäre die Arbeit in dieser Form nicht gedruckt worden, dafür sei ihr herzlich gedankt. Katharina und Felix Thörner danke ich herzlich für ihre großzügige Gastfreundschaft in Weimar. Ein besonders herzlicher Dank gilt meinen Eltern. Meinem Mann danke ich von ganzem Herzen für seine bedingungslose Unterstützung, meinen Kindern sehr herzlich für ihre Geduld. Miriam von Gehren

Essen-Kettwig, im Juli 2012

Einleitung Zielsetzung und leitende Fragestellung Die fürstliche Bibliothek zu Weimar, die heute nach ihrer Bauherrin Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach (1739–1807) benannt ist, zählt zu den ersten freistehenden Bibliotheksgebäuden im deutschsprachigen Raum.1 Sie ist eines der wichtigsten Zeugnisse der so genannten Weimarer Klassik. Hier trafen sich die geistigen Größen des ‚goldenen Zeitalters‘ Weimars, auf deren Glanz sich die bis dahin in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht stagnierende Residenzstadt bis heute beruft. Basierend auf den 1807 verfassten Gedenkschriften zu Anna Amalias Tod, wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ihr kulturpolitisches und mäzenatisches Wirken idealisiert betrachtet und der „Weimarer Musenhof“ als Bezeichnung für das gesellige Leben um Anna Amalia am Weimarer Hof eingeführt.2 „Die Suggestivkraft des Etiketts ersparte es, sich mit seinem Inhalt konkret auseinanderzusetzen […]“3, zumal der ihm innewohnende kulturelle Ruf über Deutschlands Grenzen hinaus bis heute Identität stiftenden Charakter für die Stadt an der Ilm hat. Diese undifferenzierte Sicht auf den Weimarer Hof übertrug sich auch auf die Person und Regentin Anna Amalia. So gilt sie gemeinhin als „Wegbereiterin der Klassik“4, die als 1

2

3 4

In den zeitgenössischen Quellen wird die heutige Herzogin Anna Amalia Bibliothek als „Fürstliche Bibliothek“ bezeichnet. Da sich die vorliegende Arbeit hauptsächlich mit dem Stammhaus des 18. Jahrhunderts beschäftigt, wird die Bibliothek im Folgenden „fürstliche Bibliothek“ genannt. Der bekannteste Nekrolog auf die Herzogin stammt aus der Feder Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) in Zusammenarbeit mit Christian Gottlob Voigt (1743–1827). Vgl. Johann Wolfgang v. Goethe / Christian Gottlob v. Voigt, „Zum feyerlichen Andenken der Durchlauchtigsten Fürstin und Frau Anna Amalia, verwitweten Herzogin zu Sachsen-Weimar und Eisenach, gebornen Herzogin von Braunschweig und Lüneburg“ [1807], Druck: Wahl 1994, S. 118–121. Voigt übergab Goethe das Material und die Gliederung, während dieser den Nekrolog auf die Herzogin ausformulierte und redigierte. Ein weiteres Angedenken verfasste Anna Amalias Bibliothekar Carl Ludwig Fernow (1763–1808). Vgl. Fernow 1807. In seinem Buch „Weimarer Musenhof in den Jahren 1772–1807“ führte der Leipziger Kulturwissenschaftler Wilhelm Wachsmuth im Jahre 1844 den Begriff des „Weimarer Musenhofes“ ein, der seitdem bis heute meist assoziativ gebraucht wird. Vgl. Wachsmuth 1844. Zur Entstehung der Musenhofvorstellung aus dem Angedenken an Anna Amalia vgl. Borchert 2001. Berger 2001a, S. 1. So der Untertitel von Salentin 1996.

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|  Einleitung

‚aufgeklärte absolute‘ Regentin „den Grundstein für den glanzvollen Aufstieg ihres Herzogtums zu einem kulturellen Zentrum von Weltrang“5 gelegt habe.6 Die Versuchung ist groß, die Entscheidung für den Neubau des Bibliotheksgebäudes aus diesem einfachen Blickwinkel zu betrachten. Bereits bei der Aufnahme der ersten Recherchen wurde allerdings deutlich, dass es nötig sein würde, hinter die Kulissen der Weimarer Musenhofinszenierungen zu schauen. So ist von Anna Amalia selbst keine Äußerung zum Bau der Bibliothek überliefert, die Rückschlüsse auf einen kultur- und bildungspolitischen Endzweck, entsprungen aus ‚aufklärerischem‘ Gedankengut, zulassen. Es galt daher, die bisherigen Ausführungen zur Person Anna Amalias, ihrer Herkunft und Erziehung, ihrer Regentschaft, ihres kulturpolitischen Engagements sowie ihrem persönlichen Interesse an Literatur und Architektur kritisch zu hinterfragen. Eine große Hilfe dabei waren die Ergebnisse der 2003 erschienenen umfangreichen Biographie Anna Amalias von Joachim Berger, der erstmals vollständig den Nachlass der Herzogin durcharbeitete.7 Im Gegensatz zu den bisherigen Arbeiten über die Herzogin bestimmt bei Berger nicht Anna Amalias Rolle als Begründerin des „Weimarer Musenhofes“ den Inhalt. Er untersucht vielmehr die Denkund Handlungsräume der Fürstin als Rolleninhaberin in verschiedenen Situationen und die damit verbundenen Wechselbeziehungen zwischen persönlichen Interessen und zeitgenössischen Erwartungen. Bergers Ergebnisse bilden die Grundlage für die Ausführungen zur Person Anna Amalias. Ambitionen Anna Amalias zur Bibliotheksförderung erkennt Berger nicht.8 Gemäß der Quellenlage „zeichnete [die Herzogin] lediglich die entsprechenden Reskripte ab, persönliche Initiativen sind nicht nachzuweisen.“9 Er kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass die „staatliche Förderung von Einrichtungen der Künste und Wissenschaften […] unter Anna Amalias Regentschaft bescheiden [blieb]. […] Die wenigen herausragenden Maßnahmen, wie die Neueinrichtung der fürstlichen Bibliothek, sind nicht direkt auf die Herzogin zurückzuführen.“10 Dem gegenüber stehen die Äuße5 6

Ignasiak 1994, S. 23. Diese unreflektierte Betrachtungsweise ist in den meisten Biographien der Herzogin zu finden, so u. a. bei Bornhak 1892, Weizsäcker 1892, Bode 1908, Salentin 1996, Werner 1996. 7 Vgl. Berger 2003. Die Ergebnisse dieser Arbeit finden sich zusammengefasst bei Berger / Berger 2006. 8 Vgl. Berger 2003, S. 414. 9 Berger 2003, S. 414. 10 Berger 2003, S. 616.

Einleitung  |

rungen Annette Seemanns in ihrer 2007 erschienenen „Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek“, die zeigen, wie tief noch heute der Wunsch sitzt, Anna Amalia als Mitgestalterin des Baus zu sehen: „Die Vorschläge wurden der Herzogin vorgelegt, die sich ausdrücklich die Entscheidung in dieser Sache vorbehalten hatte, dies war unüblich. Ein männlicher Fürst wurde wohl in Bauplanungen einbezogen, entschied auch, wenn er über Reisen und Studien die notwendigen Kenntnisse erworben hatte, von Fürstinnen ist derartiges Interesse jedoch nicht bekannt und bei Anna Amalia nur im Hinblick auf diesen einzigen Bau, die Bibliothek, belegt. Einerseits maß sie wohl dieser Institutionalisierung einer bislang eher fürstlich-privaten Anstalt eine besondere Bedeutung zu, andererseits behauptete sie wahrscheinlich gerade auf diesem Sektor, ausgehend von ihren Erfahrungen mit der Wolfenbütteler Bibliothek [Wolfenbüttel ist die Geburtstadt der Herzogin, Anm. d. Autorin], klare Kompetenz. […] Anna Amalia mag sich gesagt haben: Genau so ist es auch in Wolfenbüttel, also soll es auch hier so sein.“11 Da die Quellenlage zum Bau dürftig ist, kommt auch die vorliegende Untersuchung ohne ein assoziatives Arbeiten nicht aus. Das so genannte Stammgebäude der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek, das unter der Regentschaft Anna Amalias in den Jahren 1760–66 errichtet wurde, ist Hauptgegenstand der Untersuchung. Es galt daher, die historische Umgebung dieser Zeit in möglichst viele Richtungen auszuloten, um dann zu schauen, wie und ob sich die unterschiedlichen überlieferten Wege in dem Gebäude der fürstlichen Bibliothek kreuzen. Die Planung und Ausführung des Baus fiel in eine Zeit des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, der vom Zeitgeist der ‚Aufklärung‘ geprägt war und auch Weimar ergriffen hatte. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die kunsthistorische und kulturhistorische Stellung des Baus im Kontext dieses Wandlungsprozesses aufzuzeigen. Es wird gefragt, ob der Bau als Repräsentation eines Kleinstaates gesehen werden kann, der den ‚modernen‘ politischen Reformansätzen gegenüber aufgeschlossen war, dessen absolute Regentin sich nicht mehr als Personifizierung des Staates, sondern als dessen Dienerin verstand.12 Mit dem Wandel des Staatsver11 Seemann, A. 2007, S. 28. Seemann spricht hier die formalen Ähnlichkeiten zwischen der fürstlichen Bibliothek zu Weimar und der so genannten „Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde“ (1705–1723) an. 12 In der vorliegenden Arbeit wird auch hinterfragt, inwieweit die Regierungsweise Anna Amalias als ‚aufgeklärt‘ gelten kann. Hilfreich für eine kritische Betrachtungsweise waren die Arbeiten von Marcus Ventzke, so Ventzke 2001, Ventzke 2002 und Ventzke 2002a.

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|  Einleitung

ständnisses sind auch die Repräsentationsinstrumente eines ‚aufgeklärten‘ Fürsten unter neuen Vorzeichen zu betrachten. Gemäß den zeitgenössischen Staats- und Wohlfahrtstheorien lösten Kriterien wie Effizienz und Leistung zum Wohl des Staates und der Untertanen eine verschwenderisch prunkvolle Hofhaltung und das aufwendige Zeremoniell als Maßstab für einen repräsentativen Hof ab. Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Form und Ausgestaltung des Baus auf die neuen Repräsentationsbedingungen reagierten. In diesem Zusammenhang ist auch der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnende Strukturwandel der fürstlichen Bibliothek zu Weimar von einer herrschaftlich-repräsentativen Schaubibliothek zu einer öffentlichen Bildungsinstitution zu sehen. Die Untersuchung stellt heraus, inwieweit der Bau auf das veränderte Funktionsverständnis der Bibliothek antwortet. Im Ganzen soll in der Arbeit eine Antwort auf die Frage gegeben werden, inwiefern der mit der Aufklärungsbewegung einhergehende Wertewandel die Entscheidung für den Bau, seine exponierte Lage, seine Form und Ausgestaltung beeinflusste.

Aufbau und Methoden Die Untersuchung beginnt mit der Biographie der Bauherrin. Der erste Abschnitt umreißt die einzelnen Lebensstationen der Herzogin. Anschließend wird Anna Amalia als Regentin vorgestellt. Das erste Kapitel schließt mit der Erforschung von Anna Amalias Person als Förderin der Wissenschaft und Künste. Dabei interessiert insbesondere, wie das Phänomen der ‚Aufklärung‘ die verschiedenen Denk- und Handlungsräume der Herzogin beeinflusste, ohne allerdings der Versuchung zu erliegen, in Anna Amalia den Idealtypus einer ‚aufgeklärten‘ Regentin zu konstruieren. Vielmehr wird untersucht, in welchen Situationen Anna Amalia in ihrem Handeln den zeitgenössischen Anforderungsprofilen von ‚Aufgeklärtheit‘ entsprach. Da die Begriffsgeschichte erklärt, wie komplex der Begriff ‚Aufklärung‘ ist, wird in der Arbeit keine enge Definition des Phänomens angenommen.13 Die ‚Aufklärungsbewegung‘ wird vielmehr als ein Wandlungsprozess begriffen, der in allen Bereichen der Gesellschaft seine Spuren hinterließ. Das Charakteristische dieses Prozesses wird für die in der Untersuchung relevanten 13 Zum Epochen- und Bewegungsbegriff ‚Aufklärung‘ vgl. Stuke 1972, S. 244–247, Schneiders 2001, S.9f und Müller 2002, S. 1–4. Müller betont die Universalisierung des Aufklärungsbegriffs, die eine scharfe Abgrenzung des Begriffs nicht möglich macht. Der Rahmen der vorliegenden Arbeit ermöglicht nur einen Hinweis auf diese Problematik.

Einleitung  |

Gebiete an jeweiliger Stelle herausgearbeitet und auf die Situation in Weimar projiziert. Eine Auswirkung der ‚Aufklärung‘ ist beispielsweise eine veränderte Repräsentationsstrategie der Höfe, die nicht ohne Folgen für die prestigefördernden Einrichtungen der Höfe blieb. So wird gezeigt, dass Anna Amalias ‚Aufgeklärtheit‘ „mit Aufgeschlossenheit gegenüber zeitgenössischen Trends und mit Sensibilität für die Außenwirkung des Hofes in einer reichsweiten, ständeüberschreitenden Öffentlichkeit zu übersetzen“14 ist. Das zweite Kapitel thematisiert, inwiefern auch die fürstlichen Hofbibliotheken dem Paradigmenwechsel der höfischen Repräsentationsinstrumente im 18. Jahrhundert unterlagen. Ihre Entwickelung von der höfischen Schaubibliothek zur staatlichen, ‚öffentlichen‘ Bildungsinstitution lässt sich für die fürstliche Bibliothek zu Weimar nachvollziehen. So wird sie zunächst als Repräsentationsinstrument eines barocken Kleinstaates in den Jahren 1662–1748 vorgestellt. Die Loslösung der Bibliothek vom Hof beginnt mit dem Erhalt eines unabhängigen Etats unter der Regierung von Anna Amalias Ehemann Ernst August Constantin (1737–58). Der dann folgende Strukturwandel der Bibliothek wird bezüglich Verwaltung und Benutzung im Anschluss erläutert. An dieser Stelle wird auf die beginnende Bürokratisierung staatlicher Institutionen sowie auf das veränderte Leseverhalten der Gesellschaft im 18. Jahrhundert eingegangen. Anschließend soll die Frage beantwortet werden, inwiefern die Förderung des Bibliotheksbaus Anna Amalia als Repräsentantin eines ‚aufgeklärten‘ Fürstenstaats erscheinen lies und damit prestigefördernd für das Herzogtum wirkte. Dabei wird der gesellschaftliche Stellenwert von Bildung im Zusammenhang mit dem Modernisierungsprozess des frühneuzeitlichen Staates sowie mit dem sozio-kulturellen Mobilisierungsprozess der ‚Aufklärung‘ herausgearbeitet. Nach den Überlegungen zum historischen Umfeld folgt im dritten Kapitel der deskriptive Teil der Arbeit. Mitbestimmend für die Architektur des Gebäudes ist, dass sie durch die Umgestaltung eines vorhandenen Baukörpers entstanden ist. So wird zunächst auf die Baugeschichte, die Gestalt und die Funktion des Vorgängerbaus, des so genannten Französischen Schlösschens (1562–69), eingegangen. Nach der Darlegung der verschiedenen Planungsphasen des Umbaus folgt eine ausführliche Baubeschreibung des Bauabschnitts, der unter die Regentschaft Anna Amalias fiel, des so genannten Stammgebäudes aus den Jahren 1760–66. Da sich der ausgeführte Entwurf des Architekten August Friedrich Straßburger (um 1721–65) an den zuerst eingereichten Entwurf des Dresdner Baumeisters Johann Georg Schmidt 14 Berger 2007, S. 24.

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(1707–74) anlehnt, wird ein Vergleich der beiden Entwürfe vorgenommen und der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen man sich für Straßburgers Planungen entschied. Die Darstellung der Erweiterungsbauten bzw. Umbauten der Bibliothek von 1773 bis zur Restaurierung nach dem Brand im Jahre 2004 runden die Ausführungen zur Baugeschichte und Beschreibung ab. Innerhalb der kunsthistorischen Analyse steht die Einordnung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in die Tradition der Bauaufgabe Bibliotheksbau im Vordergrund. Das vierte Kapitel beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der baulichen Entwicklung von Bibliotheken vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Es beginnt mit einem Überblick über die Bibliothekssäle von Hofbibliotheken, der auf ihre Lage im Residenzgefüge, ihre Gestalt und Ausstattung eingeht. Dabei wird deutlich werden, dass die Architektur der klösterlichen Saalbibliotheken von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis in das 18. Jahrhundert hinein wegweisend war. So werden im Anschluss Charakteristika der Saalbibliotheken der deutschen Klöster hinsichtlich ihrer Lage, des Raumtyps und der Ausstattung herausgearbeitet. Die Darstellung von öffentlichen Bibliotheksräumen wie Universitäts-, Rats- und Stadtbibliotheken vervollständigt die Übersicht. Anfang des 18. Jahrhunderts wird seit der Antike der eigenständige Bibliotheksbau als Gattung wieder entdeckt. Am Anfang dieses Themenabschnitts werden nach der Beschreibung des antiken Bibliothekstypus die vereinzelt auftretenden freistehenden Bibliotheksgebäude im deutschen Raum sowie nie verwirklichte Bauvorhaben benannt und vorgestellt. Die ersten herausragenden realisierten Beispiele dieses Typs, die Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel (1705–23) und die Kaiserliche Hofbibliothek in Wien (1722–26), werden hinsichtlich ihrer möglichen Vorbildfunktion für die fürstliche Bibliothek zu Weimar im Anschluss ausführlich beschrieben. Dabei werden die Bauten nicht nur formal und auf ihre Ausstattung hin untersucht, sondern es wird auch nach typologischen Vorbildern gesucht, die für Weimar gelten könnten. In dem Versuch, die jeweilige Architektur auch als Bedeutungsträger zu erkennen, wird die Betrachtung der beiden Bibliotheksgebäude durch eine ikonographische Analyse vervollständigt. Nach dem Überblick zum Bibliotheksbau vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wird in dem fünften Kapitel die Stellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in der Tradition des Bibliotheksbaus untersucht. Ein formaler Vergleich mit dem in Kapitel Vier erarbeiteten Typus der zeitgenössischen Hofbibliotheksräume zeigt, dass sie sich sowohl in der architektonischen Gestalt als auch in der künstlerischen Ausgestaltung deutlich von diesen unterscheidet. Als Konsequenz drängt sich die Frage auf, ob für die Weima-

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rer Bibliothek im Bibliotheksbau andere Vorbilder zu finden sind. Ihre Besonderheit als eigenständiges, nicht unmittelbar in die Residenzanlage eingebundenes Gebäude wird zum entscheidenden Kriterium für die weitere Argumentation. Ein Vergleich mit den Bibliotheksbauten in Wolfenbüttel und Wien rückt dabei in den Mittelpunkt. Die dynastischen Beziehungen zwischen den Fürstentümern Braunschweig-Wolfenbüttel und SachsenWeimar-Eisenach verstärken zudem den Verdacht einer Vorbildfunktion der Wolfenbütteler Bibliothek für den Bibliotheksbau in Weimar. Durch einen Vergleich der beiden Bibliotheken auf bautypologischer und ikonographischer Ebene wird diese These überprüft. Die Ergebnisse der folgenden Gegenüberstellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar mit der Wiener Hofbibliothek vervollständigen den architekturhistorischen Kontext, der als Anknüpfungspunkt für die Einordnung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in die Tradition der Bauaufgabe Bibliotheksbau dient. Dabei wird deutlich werden, dass in der Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar bereits die Idee einer Magazinbibliothek zu erkennen ist, des Bautypus, der im 19.  Jahrhundert auf den Funktionswandel der Bibliotheken vom fürstlichen Repräsentationsinstrument hin zum öffentlichen Gebrauchsinstrument reagiert. In diesem Zusammenhang wird die Bibliothek auch hinsichtlich ihrer Ausgestaltung und ihres Stils untersucht werden.15 Die Ornamentik bedient sich aus dem Formenrepertoire des Rokoko. Mit dem Hinweis, dass das stilistische Phänomen des Rokoko nur eine Kunstströmung des 18. Jahrhunderts ist und nicht eine Epoche kennzeichnet, wird in der Arbeit untersucht, inwieweit der Einsatz der Rokokoornamentik hilfreich war, das Gebäude nicht nur als ein ‚modernes‘ zu kennzeichnen, sondern auch seine Funktion als Bildungsanstalt zu unterstreichen. Vor- und Leitbilder für die fürstliche Bibliothek zu Weimar sind nicht nur im praktischen Bibliotheksbau zu suchen, sondern auch in den zeitgenössischen Architekturtheorien, die nicht nur auf die praktischen Bedingungen eines Bibliotheksraums eingehen, sondern auch auf die einer Bibliothek zugedachten Funktion. Dabei wird deutlich werden, dass sich auch in den Architekturtraktaten des 18. Jahrhunderts die Anfänge des Funktionswandels der fürstlichen Bibliotheken niederschlagen. Neben den vorangegangenen Vergleichen innerhalb des Bibliotheksbaus wird in der Arbeit nach weiteren bautypologischen Analogien gesucht. Da15 In dieser Arbeit wird auf eine ausführliche stilistische Untersuchung im Sinne einer Analyse der Handschrift des Architekten verzichtet, da hier nicht die Person Straßburgers und dessen stilistische Entwicklung im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Frage, welche Intention hinter der Verwendung bestimmter Stilmittel steht und wie deren Einsatz von den Rezipienten ‚gelesen‘ wurde.

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bei wird sich zeigen, dass der Bibliothekssaal Elemente des protestantischen Kirchenbaus, des Theaterbaus sowie der Festsaalarchitektur des 17. und 18.  Jahrhunderts aufweist. Abschließend wird erörtert, ob die formalen Analogien durch inhaltliche Bezüge zu begründen sind. Wie bei den vorangestellten Schlüssen dient auch bei dieser Betrachtung der Wandlungsprozess gesellschaftlicher Grundbestimmungen im Zuge der Aufklärungsbewegung als Folie. In der Schlussbetrachtung der Arbeit soll eine Zusammenfassung der Ergebnisse die leitende Frage beantworten, inwiefern die fürstliche Bibliothek zu Weimar als bauliche Repräsentation eines ‚aufgeklärten‘ Wertewandels gesehen werden kann. Am Ende wird sich zeigen, dass sich in ihrer Architektur der Zeitgeist des ‚aufgeklärten‘ Jahrhunderts wiederfindet.

Forschungsstand und Quellengrundlage Der verheerende Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im September 2004 führte nicht nur zu einem Anstieg ihres allgemeinen Bekanntheitsgrades16, sondern rückte das Stammgebäude wieder verstärkt in das Interesse der Bauforschung. Bereits im Jahre 2001 war eine bauhistorische Untersuchung vom Freien Institut für Bauforschung und Dokumentation e.V., Marburg unter der Leitung von Elmar Altwasser durchgeführt worden, die sich allerdings hauptsächlich mit dem Vorgängerbau aus dem 16.  Jahrhundert beschäftigte.17 Die Ergebnisse sind nicht veröffentlicht worden. Die Gebäudesanierung nach dem Brand wurde in der im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar 2007 herausgegebenen Publikation „Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Nach dem Brand in neuem Glanz“ ausführlich dokumentiert.18 In diesem Zusammenhang wurden auch neueste bauhistorische Erkenntnisse veröffentlicht. Allerdings war seitdem „eine systematische Bearbeitung der neuen Befunde nicht möglich. Bis heute fehlt der Abgleich der alten und neuen Ergebnisse der Bauforschung.“19

16 Neben den zahlreichen Berichterstattungen im In- und Ausland sind verschiedene Publikationen zur Brandnacht erschienen, nicht zuletzt, um Spendengelder für den Wiederaufbau zu akquirieren. Vgl. z. B. Knoche 2006a oder Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen / Thüringische Landeszeitung 2004. 17 Vgl. Altwasser 2001. 18 Vgl. Grunwald / Knoche / Seemann 2007. 19 Grunwald 2007, S. 26. Der Bibliotheksdirektor Michael Knoche bestätigte im September 2009, dass dies bis dato noch nicht geschehen sei.

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Der 2007 erschienene Band ist die erste Monographie, die den Weimarer Bibliotheksbau des 18. und 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellt.20 Bis dahin steht in sämtlichen Veröffentlichungen über die Weimarer Bibliothek nicht der Bau, sondern die Geschichte und Entwicklung der Büchersammlung und der Verwaltung im Vordergrund.21 Allerdings wird auch in der Publikation „Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Nach dem Brand im neuen Glanz“ das Stammgebäude weder kunsthistorisch noch kulturhistorisch ausführlich untersucht. So wird im Rahmen der Baugeschichte die spezifische Raumlösung der Bibliothek zwar angesprochen, ohne dass allerdings auf ihre Stellung in der Tradition der Bauaufgabe Bibliotheksbau näher eingegangen wird. Bautypologische Vor- und Leitbilder werden nicht erläutert.22 Vereinzelt lassen sich auch in anderen Ausführungen zur Bau-, Sammlungs- und Verwaltungsgeschichte der Bibliothek Überlegungen zu möglichen architektonischen Vorbildern finden. So sehen z. B. Walter Scheidig und Ulrike Steierwald formale Analogien zur Zentralarchitektur des protestantischen Kirchenbaus, oder Annette Seemann erklärt in ihrer 2007 erschienenen Biographie „Anna Amalia. Herzogin von Weimar“ die Wolfenbütteler Bibliothek zum Vorbild für die Weimarer Raumlösung.23 An keiner Stelle wird jedoch ein formaler Vergleich vorgenommen. Eine gesonderte Untersuchung der architektonischen Gestalt von Hofbibliotheksräumen und –gebäuden in der Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert hat bisher noch nicht stattgefunden.24 Die für die Entwicklungsgeschichte wichtigen fürstlichen und Adelsbibliotheken werden lediglich in die einschlägigen wissenschaftlichen Darstellungen zum Bibliotheksbau einbezogen. Der in dieser Arbeit vorgenommene Überblick über die Raumlösungen bei Hofbibliotheken bezieht sich daher vorwiegend auf Forschungsergebnisse zu einzelnen exemplarischen Bibliotheken sowie auf 20 2006 erschien eine erste Monographie zum Gebäude der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die sich allerdings nur mit dem 2005 eröffneten Bauabschnitt des Studienzentrums beschäftigt. Vgl. Knoche 2006. 21 Vgl. die im Auftrag der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 1991 herausgegebene Bibliographie, die bis dahin sämtliche Veröffentlichungen über die Weimarer Bibliothek und ihre Bestände verzeichnet. Vgl. Willamowitz-Moellendorf 1991. Auch die 1999 erschienene Publikation „Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Kulturgeschichte einer Sammlung“ befasst sich hauptsächlich mit der Sammlungs- und Verwaltungsgeschichte der Bibliothek. Vgl. Knoche 1999. 22 Vgl. Beyer 2007, S. 134. 23 Vgl. Scheidig 1941, S. 22, Steierwald 1999, S. 64 und Seemann, A. 2007, S. 25–31. 24 Einen Überblick über die Bibliotheksgeschichte von Fürstenbibliotheken bis Ende des 20.  Jahrhunderts bietet Arnold 1987. Allerdings wird dabei deutlich, dass sich die Forschung vorwiegend mit Fragen zur Sammlung, Verwaltung, Benutzung und Erschließung der Bestände beschäftigt und nicht mit Fragen zur Architektur der Räumlichkeiten.

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zeitgenössische Reiseberichte gelehrter Bücherkenner und auf Abbildungen. Auch die fürstliche Bibliothek zu Weimar wird in der maßgeblichen Literatur zum Bibliotheksbau erwähnt, allerdings mehr der chronologischen Vollständigkeit halber und ohne dass ausführlich auf ihre architektonische Besonderheit eingegangen wird.25 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar ist bisher noch nicht mit der Theorie zur Typologie in der Bibliotheksarchitektur des 17. und 18. Jahrhunderts in Verbindung gebracht worden. Regina Becker lieferte in ihrem Aufsatz „Theorie und Praxis – zur Typologie in der Bibliotheksarchitektur des 17. und 18. Jahrhunderts“ erste Erkenntnisse zum Gegensatzpaar Theorie und Praxis bezüglich des Bibliotheksbaus, ohne allerdings die Weimarer Bibliothek zu erwähnen.26 Diese Lücke soll mit der vorliegenden Arbeit geschlossen werden. Erste kulturhistorische Forschungsansätze zum Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar liefern Alfred Jericke und Dieter Dolgner. Sie sehen in der Herauslösung der fürstlichen Bibliothek aus dem Zusammenhang des Schlosses und der Überführung in einen dafür hergerichteten Bau eine der ersten bildungspolitischen Maßnahmen einer ‚aufgeklärten‘ Herrscherin, die dem „Bildungsanspruch des Bürgertums“ entgegenkommt, indem sie die Bibliothek in eine ‚öffentliche‘ Einrichtung verwandelt.27 Auch der Beitrag von Ulrike Steierwald in der 1999 erschienenen Publikation „Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Kulturgeschichte einer Sammlung“ stellt das Gebäude in den Kontext eines ‚aufgeklärten‘ Staatsmodells.28 Allerdings verzichten alle Autoren auf eine ausführliche Begründung dieser These. Während Anna Amalia, wie oben erwähnt, in der neueren Forschung verstärkt differenziert als ‚aufgeklärte‘ Regentin betrachtet wurde, fehlt bisher ein Hinterfragen der immer wiederkehrenden Annahme, dass hinter der Einrichtung des fürstlichen Bibliotheksgebäudes das Handeln einer ‚aufgeklärten‘ Regentin steckt.29 Dieses Desiderats soll sich die vorliegende Untersuchung annehmen. Sie ist die erste umfassende wissenschaftliche Arbeit, die 25 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar wird u. a. erwähnt bei Lehmann 1997, S. 317f, Crass 1976, Löschburg 1974, S. 19, Bosl 1972, S. 20, Leyh 1961, S. 867. 26 Vgl. Becker 1992. 27 Vgl. Jericke / Dolgner 1975, S. 51f. 28 Vgl. Steierwald 1999. 29 So schreibt Annette Seemann in ihrem 2007 erschienenen Band zur „Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek“: „Das Grüne Schlößchen war ein lichtdurchflutetes Gebäude, dessen Inneres auf allen Seiten durch Fenster erhellt wurde. „Licht“ war im Zeitalter der Aufklärung, dem „siècle de lumière“, gleichbedeutend mit erwachender geistiger Klarheit – und was wäre einer Bibliothek gemäßer, als Licht in das Dunkel der Unwissenheit zu bringen? Entsprechend wählte der Bauleiter Straßburger – sicherlich wiederum in Absprache

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den Bau in den kunst- und kulturhistorischen Kontext des 18. Jahrhunderts stellt. Die wichtigsten Quellen zur Bibliotheksgeschichte finden sich im Thüringer Hauptstaatsarchiv im Bestand A „Kunst und Wissenschaft – Bibliothek“ und im Bestand B „Bausachen – Grünes Schloss“. Der Verlust der Akten, die die Unterhaltung der fürstlichen Bibliothek und des Münzkabinetts in den Jahren 1756–1813 betreffen, also während der Planungs- und Bauphase der Bibliothek, konnte durch die von Hermann Blumenthal 1940 erarbeiteten Regesten von Akten des Thüringer Hauptstaatsarchivs zur Bibliotheksgeschichte zwischen 1621 und 1828 ersetzt werden. Sie befinden sich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. In der Arbeit wird danach mit dem Vermerk „(Regesten)“ zitiert. Weitere für die Arbeit relevante Quellen befinden sich im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar sowie in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Für die Erforschung der Baugeschichte der Bibliothek liegen ausreichend Quellen vor. So sind in den Akten der Bausachen des Thüringer Hauptstaatsarchivs die verschiedenen Planungsphasen des Baus ab 1760 gut dokumentiert. Die sich im Thüringer Hauptstaatsarchiv befindlichen Besoldungsrechnungen und Akten über Hofangestellte vermitteln ein Bild der Mitwirkenden am Bau. Zu Leben und Werk des Architekten der Bibliothek August Friedrich Straßburger ist die Quellenlage hingegen spärlich. Persönliche Äußerungen zu seinen Entwürfen sind bisher nicht gefunden worden. Für die Baubeschreibung des Stammgebäudes wurden die sich im Bestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek befindlichen Entwurfszeichnungen aus den Jahren 1760 gesichtet. Weitere zeitgenössische Abbildungen, die sich im Besitz der Klassik Stiftung Weimar befinden, wurden für die Baubeschreibung, insbesondere für den Vorgängerbau, als Quellen verwendet. Zu formalen und ästhetischen Gesichtspunkten des Baus ist die Quellenlage dürftig. So ist keine Diskussion über die Gestalt des Neubaus der Bibliothek überliefert, in der es nicht um rationale Motive wie Kosteneinsparung oder Statik, sondern um künstlerische, stilistische oder formale Gründe geht. Anna Amalia beklagt beispielsweise den langwierigen Entscheidungsprozess sowie die unzulängliche Kostenaufstellung, enthält sich aber in den vorhandenen und gesichteten Unterlagen jeglicher Bewertung der Bibliotheksarchitektur.

mit der aufgeklärten Bauherrin – für die Gestaltung des Innenraums ein leicht blaugetöntes Weiß, das an einen Frühlingshimmel erinnern konnte.“ Seemann, A. 2007, S. 30.

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Der Einblick in die Akten des Thüringer Hauptstaatsarchivs über das Hof- und Haushaltswesen während der Regierungszeit Anna Amalias gab Auskunft über Theorie und Praxis einer den kameralistischen Diskussionen des 18. Jahrhunderts zugewandten Wirtschaftspolitik, die für die Erkenntnisgewinnung hinsichtlich der Bedeutung der Bibliothek innerhalb des Hof- bzw. Staatswesens genutzt werden konnte. Die Akten, die die Verwaltung der Bibliothek betreffen, sind für das 18. Jahrhundert weitestgehend erhalten, so dass die Entwicklung der Bibliothek von einem höfischen Repräsentationsinstrument zu einer öffentlichen Bildungsinstitution anhand der Quellen nachgezeichnet werden konnte, die für die kulturhistorische Analyse des Baus von entscheidender Bedeutung ist.

1. Die Bauherrin Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach Im Frühjahr 1766 zog die fürstliche Bibliothek zu Weimar aus ihren Räumen im Residenzschloss Wilhelmsburg in das so genannte Französische Schlösschen am Park an der Ilm. Das Renaissanceschloss (1562–65) war in den Jahren zuvor zu einem repräsentativen Bibliotheksbau umgebaut worden, der die herzogliche Büchersammlung und das Münzkabinett aufnahm. Die Weimarer Bibliothek zählt zu den ersten fürstlichen Bibliotheken der Frühen Neuzeit, denen ein eigenes Gebäude gewidmet wurde. Bauherrin dieses außergewöhnlichen Bauvorhabens war Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, die von 1759–1775 die obervormundschaftliche Landesadministration des Fürstentums innehatte. Glaubt man dem Nekrolog auf die Herzogin von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und Christian Gottlob von Voigt (1743 –1827), so scheint sie nicht nur eine gerechte Herrscherin gewesen zu sein, die sich am Staatswohl orientierte, sondern auch eine Förderin der Künste und Wissenschaften: „Ihre Regentschaft brachte dem Lande mannigfaltiges Glück. [...] Gerechtigkeit, Staatswirtschaft, Polizey, befestigten, entwickelten und bestätigten sich. Ein ganz anderer Geist war über Hof und Stadt gekommen. Bedeutende Fremde von Stande, Gelehrte, Künstler wirkten besuchend oder bleibend. Der Gebrauch einer großen Bibliothek wurde frey gegeben, ein gutes Theater unterhalten und die neue Generation zur Ausbildung des Geistes veranlaßt. Man untersuchte den Zustand der Akademie Jena. Der Fürstin Freygebigkeit machte die vorgeschlagenen Einrichtungen möglich, und so wurde diese Anstalt befestigt und weiterer Verbesserung fähig gemacht “1 Goethe und Voigt betonen explizit die Förderung einer öffentlichen Bibliothek durch die Herzogin. In Anbetracht des zeitlichen Kontextes liegt es nahe, die Intention nicht nur auf eine persönliche und tradierte machtpolitische Wertschätzung für Literatur und Wissenschaften zurückzuführen, sondern darüber hinaus auch auf eine bewusste reformpolitische Entschei1

Johann Wolfgang v. Goethe / Christian Gottlob v. Voigt, „Zum feyerlichen Andenken der Durchlauchtigsten Fürstin und Frau Anna Amalia, verwitweten Herzogin zu Sachsen-Weimar und Eisenach, gebornen Herzogin von Braunschweig und Lüneburg“ [1807], Druck: Wahl 1994, S. 118–121. Voigt übergab Goethe das Material und die Gliederung, während dieser den Nekrolog auf die Herzogin ausformulierte und redigierte. Zur Mitautorschaft Voigts vgl. Berger 2003, Anm. 3.

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dung einer ‚aufgeklärten‘ Herrscherin. Es drängt sich die Frage auf, ob der Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar die ‚aufgeklärte‘ Regierungsweise der Herzogin verkörpern sollte und seine Architektur bewusst als deren Darstellung eingesetzt wurde. Da diesbezüglich keine zeitgenössischen Äußerungen überliefert sind, ist der Einblick in die Biographie der Herzogin eine wichtige Bedingung zur Beantwortung dieser Fragen. Dabei muss insbesondere ihre Stellung als ‚aufgeklärte‘ Regentin sowie als Förderin der Künste und Wissenschaften überprüft werden. Nicht nur der Goethe-Voigt Nekrolog hebt die Leistungen der Herzogin für die Einrichtungen der Kunst und Wissenschaft hervor. Auch die akademische Gedächtnisrede Memoria augustae principis ac dominae Anna Amaliae des Jenaer Professors für Beredsamkeit und Poesie Heinrich Carl Eichstaedt (1771–1848) und der Nachruf von Carl Ludwig Fernow (1763–1808), Anna Amalias letztem Bibliothekar, im Journal des Luxus und der Moden thematisieren Anna Amalias Kunstliebhaberei und ihr Mäzenatentum.2 Die Nekrologe sind kritisch zu betrachten. Im Todesjahr der Herzogin (1807) war das Land noch unmittelbar von den Auswirkungen des vierten Koalitionskriegs mit Frankreich belastet.3 Das Überleben des Kleinstaates SachsenWeimar-Eisenach schien in der napoleonischen Ära davon abzuhängen, „dass es seine politische Bedeutungslosigkeit durch eine überproportionale Kunst- und Wissenschaftsförderung ausglich. Wo diese Förderung materiell nicht zu leisten war, musste sie publizistisch behauptet werden.“4 In diesem Zusammenhang muss die historische Ungenauigkeit gesehen werden, die sich Goethe und Voigt bei der Bemerkung zur Bibliothek erlauben. Denn als ‚öffentlich‘ in dem Sinne, dass Bücher an Fremde verliehen wurden, war die Bibliothek schon unter der Regierung von Herzog Wil2

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Vgl. Heinrich Carl Abraham Eichstaedt „Memoria augustae principis ac dominae Anna Amaliae [...] Caroli Augusti gloriose ac feliciter regnantis matris in A.D. VI Junii MDCCCVII religiosa panegyri celebranda indicitur“ [1807], in: Eichstaedt 1850, S. 145–167 und Carl Ludwig Fernow, „Den Manen der verewigten Herzogin Anna Amalia”, in: Fernow 1807 ( Journal des Luxus und der Moden 22. Mai 1807, S. 277–285). Anna Amalias Sohn Herzog Carl August (1757–1828) kämpfte für die Preußen und war als deren General von den napoleonischen Truppen geschlagen worden. Nach der Niederlage bei Jena am 14. Oktober 1806 und dem Friedensabkommen mit Frankreich in Posen am 15. Dezember 1806 herrschte in Weimar Verunsicherung über den Fortbestand der Dynastie und des Herzogtums. Berger 2003, S.  17. Zu den Wirkungsabsichten der Totenmemoria vgl. Berger 2003, S. 12–18. Die Nekrologe bedienen sich außerdem des Constantia-Ideals als Merkmal für den fürstlichen Charakter der Herzogin. Die Betonung ihrer Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit in Krisenzeiten sollte als Vorbild für das um seine Zukunft bangende Herzogtum dienen. Vgl. Berger 2003, S. 14.

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helm Ernst von Sachsen-Weimar (1662–1728) erklärt worden.5 Allerdings war der Benutzer auf die Gunst des Fürsten angewiesen, die Ausleihe musste durch ihn oder eine durch ihn beauftragte Person genehmigt werden. Auch während der Regierungszeit von Anna Amalia wurden die Bücher nicht uneingeschränkt ausgegeben.6 Doch durch die räumliche Trennung von dem Residenzschloss und die Unterbringung in einem eigenen Gebäude strahlte die fürstliche Bibliothek eine vom Hof unabhängige Eigenständigkeit aus, die die Verfasser des Nekrologs dazu bewegt haben mag, die ‚Öffentlichkeit‘ der Bibliothek als eine Tat Anna Amalias darzustellen. Mit den Nekrologen beginnt die „konsequente Selbststilisierung Weimars zum Zentrum ‚klassischer‘ deutscher Literatur“7, dessen Mittelpunkt der so genannte ‚Musenhof‘ bildete. Der Begriff ‚Weimarer Musenhof‘ steht in der Weimar-Historiographie seitdem für einen Hof, der durch Toleranz und Großzügigkeit sowie konsequente und effiziente Kulturpolitik die künstlerischen und wissenschaftlichen Erfolge Weimars und Jenas seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ermöglicht habe.8 Standesschranken seien hier verwischt worden. Er sei ein Ort gewesen, an dem sich Künstler, Gelehrte und Literaten ungestört von den politischen und gesellschaftlichen Zwängen hätten entfalten dürfen. Herzogin Anna Amalia habe mit der Berufung Wielands zum Prinzenerzieher im Jahre 1772 den Grundstock gelegt und wurde dadurch zur „Wegbereiterin der Weimarer Klassik“ stilisiert.9 Die biographischen Darstellungen der Herzogin seit der Goethezeit interpretieren ihre Person nach dieser Auffassung.10 Dabei stützen sie sich auf 5

Im Jahre 1709 ist die Bibliothek in dem „Discours von den Chur- und Fürstl. Sächs. Landen zeithero befindlichen und bekandten öffentlichen Bibliothequen“ [Eisenach 1709] von Christian Juncker vertreten. Aus dem Jahre 1713 ist der früheste Beleg für eine öffentliche Benutzung überliefert: Ein Professor aus Halle fragt u. a. nach einem bestimmten Werk über Philipp II. Zur ersten Phase der Öffnung der fürstlichen Büchersammlung vgl. Knoche 2001, S. 20 und Weber 1999, S. 39–45. 6 So beschränkte sich der benutzungsberechtigte Personenkreis auf Personen, die „in würklichen Diensten“ standen. Auswärtige Gäste benötigten eine Genehmigung der Bibliothekskommission. Vgl. Knoche 2001, S. 21. Zur Verwaltungsgeschichte der Bibliothek vgl. Kapitel 2. 7 Berger 2003, S. 17. 8 Zur Verwendung des ‚Musenhof ’-Begriffs in der Weimarer Historiographie vgl. Berger 2003, S. 35–38. Berger verwendet in seiner Biographie über Herzogin Anna Amalia (Berger 2003) im Gegensatz zu den bisherigen Darstellungen des ‚Klassischen Weimar‘ den Begriff des ‚Weimarer Musenhof‘ kritisch, indem er dem Hof unter Anna Amalia nicht den idealtypischen Musenhofcharakter überstülpt, sondern diesen mit Hilfe intensiver Quellenforschung differenziert. Vgl. auch Berger 2001a. 9 Vgl. den Untertitel der Biographie über Anna Amalia von Salentin 1996. 10 Vgl. u. a. Bornhak 1892, Weiszäcker 1892, Bode 1908, Seifert 1994, Henkel / Otto 1995, Salentin 1996, Werner 1996, Busch-Salmen 1998, Knoche 1999b.

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Fragmente ihres Nachlasses, Briefeditionen des 19. Jahrhunderts und veröffentlichte zeitgenössische Schilderungen, „die aus dem Abstand mehrerer Jahrzehnte zum berichteten Geschehen bereits an der ‚Musenhof ’-Legende arbeiteten.“11 Erst in der jüngsten Forschung wurde die Person Anna Amalia mit Hilfe neuer Quellenfunde und –auswertung differenziert betrachtet und von einigen ihrer Mythen befreit.12 So wurde z. B. gezeigt, dass Anna Amalia keineswegs ihrem Sohn einen konsolidierten Staatshaushalt übergeben hat.13 Ohne Anna Amalias Verdienste für die Förderung von Kultur und Wissenschaft und somit auch für die Bibliothek schmälern zu wollen, lehnt sich die vorliegende Arbeit in den biographischen Ausführungen über die Herzogin als Regentin und Mäzenin an den neusten Forschungsstand an. Der folgende Abschnitt wird zunächst die einzelnen Lebensstadien der Herzogin umreißen. Anschließend wird Anna Amalia als Regentin vorgestellt und schließlich ihre Motivation für die Förderung von Kunst und Wissenschaft erforscht. Dabei wird untersucht, inwiefern das Phänomen der ‚Aufklärung‘, das im 18. Jahrhundert die verschiedensten sozialen, kulturellen und politischen Bereiche berührte und jeden auf seine Weise neu definierte, die einzelnen ‚Denk- und Handlungsräume‘ der Herzogin beeinflusste.

1.1 Lebensstationen 1.1.1 Kindheit und Jugend in Wolfenbüttel und Braunschweig Anna Amalia wurde am 24. Oktober 1739 im Wolfenbütteler Schloss geboren.14 Sie war das fünfte Kind von Herzog Carl I. von Braunschweig-Wol11 Berger 2003, S. 37. 12 Eine vollständige Durcharbeitung des Nachlasses der Herzogin nahm erstmalig Berger vor. Im Gegensatz zu den bisherigen Arbeiten zu Anna Amalia schreibt Berger keine Biographie über Anna Amalia in der ihre Rolle als Begründerin des ‚Weimarer Musenhofes‘ den Inhalt bestimmt. In seiner Arbeit untersucht er das „Denken und Handeln der Fürstin als Rolleninhaberin in verschiedenen Situationen“ und die damit verbundenen „Wechselbeziehungen zwischen fremden Erwartungen und eigenen Ambitionen bzw. Selbstsichten.“ Vgl. Berger 2003, S. 29. Dabei setzt er die Rollentrennung heuristisch ein. Bergers Arbeit gibt den aktuellsten und ausführlichsten Forschungsstand zu Anna Amalia wieder und dient als Grundlage für dieses Kapitel. Auch die Arbeit von Ventzke über die Regierung des Herzogtums Sachsen-Weimar und Eisenach (1775–1783) unter Herzog Carl August liefert durch Rückblicke auf die Regierungszeit von Anna Amalia neue Erkenntnisse. Vgl. Ventzke 2002. 13 Zur Misswirtschaft unter Anna Amalia vgl. Berger 2003, S. 264–268 und Ventzke 2002. Den Mythos verfolgen Mentz 1936 und Hess 1993. 14 Zur Kindheit und Jugend in Wolfenbüttel und Braunschweig sowie zu ihren späteren Beziehungen zu beiden Städten vgl. im wesentlichen Scheel 1994, Otte 1995, Busch-Salmen

Lebensstationen  |

fenbüttel (1713–80) und seiner Frau Philippine Charlotte (1716–1801), als Schwester von Friedrich II. eine geborene Prinzessin von Preußen. 1753 verlegte die Familie die Residenz nach Braunschweig. Anna Amalia wuchs in einem kunstinteressierten und schöngeistig orientierten Hause auf. Trotz eines glanzvollen Hoflebens, das neben der übergroßen Armee für eine hohe Staatsverschuldung verantwortlich war, zählte die Regierung Carls I. zu den ‚aufgeklärten‘ der Zeit.15 Als absolutistischer Herrscher regierte er sein Land ohne Beteiligung der Landstände mit zentralistischer und bürokratischer Staatsauffassung. Sozialpolitische Reformen, wie z. B. die Gründung einer Brandversicherung und die Entwicklung einer Armenfürsorge sowie seine Förderung von Kunst, Musik, Theater und Bildung lassen ihn zu einem ‚aufgeklärten‘ Regenten werden. Das Theater (Braunschweigsches Hagenmarkt-Theater) „war für ihn zwar ein Instrument höfischer Repräsentation, Ausdruck einer prächtigen Festkultur, wurde jedoch durch organisatorische Umstrukturierung und Kalkül für alle sozialen Schichten, die Aristokratie ebenso wie die einfachen Bürger […] geöffnet und dadurch gleichfalls ein einträgliches wie attraktives Unterhaltungs- und Erziehungsinstitut.“16 Carl I. erkannte, dass ein hervorragendes Bildungswesen Voraussetzung für das Funktionieren eines zukunftsorientierten und auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Staates war. Auf sein Geheiß wurde 1745 in Braunschweig das Collegium Carolinum gegründet, das als eine der fortschrittlichsten Bildungsinstitutionen des Reiches galt.17 Anna Amalias Mutter Philippine Charlotte war eine gebildete Frau mit großem Interesse für Philosophie und Literatur sowie für das Theater.18 Die Förderung der deutschen Literatur war ihr ein Anliegen. Über Anna Amalias Erziehung, deren Inhalte und Methoden sind nur vereinzelte Quellen vorhanden, so dass es schwer ist, ein vollständiges Bild entstehen zu lassen. Sie wird wie die meisten Prinzessinnen auf die Funktion der Ehefrau eines Fürsten und Mutter von dessen Kindern vorbereitet worden sein. Eine Ausbildung zur Regentin wurde durch die Regelung der Erbfolge von vornherein nicht in Erwägung gezogen. So schreibt sie in der wenige Seiten umfassenden Selbstbiographie ,Meine Gedanken‘, die sie zwischen 1772 und 1774 anfertigte: „Meine Erziehung zielte auf nichts weniger, als mich zu eine[r] Regentin zu bilden. Sie war, wie alle Fürstenkinder 1998, S. 3–8 und Berger 2003, S. 44–96. 15 Vgl. Mentz 1936, S. 42, Otte 1995, S. 17, Busch-Salmen 1998, S. 3f. 16 Busch-Salmen 1998, S. 4. 17 Zum Collegium Carolinum in Braunschweig vgl. Schikorsky 1991, S. 87–96. 18 Vgl. Albrecht 1994, S. 49 und Otte 1995, S. 17.

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erzogen werden.“19 Wichtigster Berater in Fragen der Erziehung am Wolfenbütteler Hof war der seit 1742 in dessen Diensten stehende Theologe Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709–89).20 Dieser kritische Geist suchte, ausgehend von der Bibelkritik, die alten dogmatischen Offenbarungswahrheiten mit den neuen zeitgenössischen philosophischen Rationalitätsansprüchen zu vereinen.21 Er war ein Pädagoge mit einem praktischen Verhältnis zur Literatur, die er als vorrangiges Erziehungsmittel begriff.22 1748 verfasste er einen Plan zum Unterricht der fürstlichen Kinder, in dem er auch seine Lehrpraxis und –methoden bei den beiden ältesten Prinzessinnen erläuterte.23 So wurden die Kinder in Bibelkunde, französischer Bibellektüre, Kleinem Katechismus, Staaten-, Regenten- und Reichsverfassungsgeschichte sowie Geographie und Staatenkunde unterrichtet. Nach neuesten Forschungsergebnissen sind andere übliche Fächer wie Rechnen, Latein, Poesie, Recht, Mythologie oder Zeichnen zwar quellenhistorisch nicht gesichert, aber anzunehmen.24 Lehrer Anna Amalias und ihrer 19 Anna Amalia, Autobiographisches Fragment [um 1772–74], GSA 36 / VII, 18; zitiert nach Druck bei Wahl 1994, S. 106. Anna Amalia schrieb dieses Fragment am Ende ihrer Regentschaft. Hier schildert sie insbesondere die von ihr durchlittenen Probleme und Enttäuschungen sowie ihre Sehnsucht nach ehrlicher Freundschaft, menschlicher Wärme, Geborgenheit und Vertrauen. Auch ihre Kindheit sei von Ungeliebtsein und Unverständnis geprägt worden: „Nicht geliebt von meinen Eltern, immer zurückgesetzt, meinen Geschwistern in allen Stücken nachgesetzt, nannte man mich nur den Ausschuß der Natur.“ (Anna Amalia, zitiert nach Druck bei Wahl 1994, S.  106). Die negative Schilderung wird allerdings in dieser Härte in den vorliegenden Quellen zu Anna Amalias Kindheit sowie in Äußerungen ihrer Eltern und Lehrer nicht bestätigt. Insofern „muss offenbleiben, ob die Aussagen Anna Amalias in ihrer Selbstbiographie im großen und ganzen zutreffend sind oder ob sie ein aus anderen Motiven resultierende Wertung darstellen.“ (Otte 1995, S. 22). Zu Datierung und Wertung des autobiographischen Fragments Anna Amalias vgl. Wahl 1994, S. 99f, Otte 1995, S. 21f, Berger 2003, S. 593f. 20 Jerusalem beriet den Herzog in verschiedenen Bildungsangelegenheiten: so war er einer der Gründungsväter des Collegium Carolinum und zeigte sich für den Ausbau von Volksschulen und den Aufbau eines Lehrerseminars in Wolfenbüttel mitverantwortlich. Herzogin Philippine Charlotte macht er mit der deutschen Literatur vertraut. Mit ihr setzte er sich für die Aufführung deutschsprachiger Stücke von z. B. Gottsched ein. Vgl. Otte 1995, S. 18. Zum Leben Johann Friedrich Wilhelm Jerusalems und seiner theologischen Auffassung vgl. insbesondere Müller 1984. Außerdem Pollmann 1991. Zur Funktion des „Gelehrten als Hof-Mann“ vgl. Frühsorge 1991. Zum Abt als Erzieher und Berater Anna Amalias vgl. Schüddekopf 1901, Zimmermann 1906, Frühsorge 1994, sowie Berger 2003, S. 51–60. 21 Zu Jerusalem als Neologe vgl. auch Abschnitt 5.3.1. 22 Vgl. Wall 1925, S. 43–52 und Abschnitt 5.3.1. 23 Die älteste Prinzessin war die zwei Jahre ältere Sophie Caroline Marie (1737–1817), genannt Caroline. Der Unterrichtsplan wurde nach ihren Fähigkeiten ausgerichtet. Zu Jerusalems Unterrichtsplan vom Oktober 1748 vgl. Berger 2003, S. 51f sowie 56–58. 24 Vgl. Berger 2003, S. 56.

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Schwester Caroline war seit 1748 der Wolfenbütteler Hofkaplan Matthias Theodor Christoph Mittelstaedt (1712-?), der vom Informator Carl Friedrich Kirchmann unterstützt wurde.25 Jerusalem fungierte allerdings weiterhin als Berater. Spätestens im Alter von neun Jahren erlernte Anna Amalia das Klavierspiel. Außerdem erhielten alle Kinder Sprach- und Tanzunterricht. Die Erziehung Anna Amalias folgte dem traditionellen Erziehungsschema von Prinzessinnen, in dem die religiöse Unterweisung den höchsten Rang zugemessen bekam.26 Diese war wie in den meisten protestantischen Fürstenhäusern lutherisch ausgerichtet. Allerdings wurde der Religionsunterricht von den vernunftsorientierten theologischen Lehren Jerusalems bestimmt. Sein Erziehungsplan sah vor, dass die katechetischen Lehrsätze pragmatisch begründet werden sollten.27 Theologische Begriffe sollten nicht auswendig gelernt werden, sondern verständlich erklärt und ihr allgemeiner Nutzen herausgearbeitet werden. Auch wenn aus den wenigen Zeugnissen zu Erziehung und Unterricht „weder auf Anna Amalias spätere Werte und Einstellungen beispielsweise der Religiosität, noch auf ihre Neigungen und Fähigkeiten als Kunstliebhaberin rückgeschlossen werden“28 kann, so ist dennoch die ‚aufgeklärte‘ Atmosphäre nicht zu unterschätzen, in der die braunschweig-wolfenbüttelische Prinzessin aufgewachsen ist. Die schöngeistige Ausrichtung des Hofes, das Musik-, Kunst- und Literaturinteresse ihrer Eltern sowie die Berührung mit den neuen Erkenntnisprinzipien der Vernunft durch ihren Unterricht mag nicht ohne Wirkung auf die jugendliche Anna Amalia geblieben sein.

1.1.2 Heirat und Mutterglück Im März 1756 heiratete die sechzehnjährige Anna Amalia Herzog Ernst August Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach.29 Die Hochzeit dauerte vier Tage (16.–19. März 1756) und wurde mit großem Prunk im Braunschweiger Residenzschloss „Grauer Hof“ gefeiert.30 Die Heirat war wie alle fürstlichen Eheverbindungen dieser Zeit aus politisch-dynastischen Über25 Über Kirchmann liegen keine biographischen Angaben vor. Vgl. Berger 2003, S. 55, Anm. 38. 26 Vgl. Berger 2003, S. 55. 27 Zur theologischen Ausrichtung in dem Erziehungsplan Jerusalems vgl. Berger 2003, S. 57. 28 Berger 2003, S. 94. 29 Zu Anna Amalias Rolle als Ehefrau und Mutter vgl. ausführlich Berger 2003, S. 97–226. 30 Zu den Hochzeitsfeierlichkeiten vgl. Scheel 1994, S. 8–11.

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legungen arrangiert worden. So wollte Ernst August Constantin durch eine schnelle Heirat nach seinem Regierungsantritt (18. Dezember 1755) die Erbfolge seines Hauses sichern.31 Dies war bei seiner schwachen gesundheitlichen Konstitution nicht verwunderlich. Bei seinem Tod ohne männliche Nachkommen wären die Fürstentümer Weimar und Eisenach an seine rivalisierenden Verwandten Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1699–1772) oder Herzog Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1697–1764) gefallen. Anna Amalias Vater kam die Heirat sehr gelegen, da er hoffte, dadurch die Stellung seines Hauses in Mitteldeutschland zu stärken.32 Sofort nach den Feierlichkeiten reiste das frisch vermählte Paar nach Weimar. Anna Amalia sollte ihre Heimatstadt erst 15 Jahre später (Mai / Juni 1771) wieder besuchen.33 Am 3. September 1757 brachte Anna Amalia den Erbprinzen Carl August (1757–1828) zur Welt. Die Geburt des zweiten Sohnes Constantin (1758–93) am 8. September 1758 erlebte ihr Ehemann nicht mehr. Er starb am 28.5.1758 nach nur zwei Ehejahren. Über ihre gemeinsamen Jahre ist wenig bekannt. Ernst August Constantin soll sich neben der Jagd auch für Musik und Theater interessiert haben, so dass auf dieser Ebene eine Verbundenheit bestanden haben mag.34 Die Erziehung ihrer Söhne war Anna Amalia trotz ihrer vielfältigen Pflichten und Tätigkeiten als obervormundschaftliche Regentin ein wichtiges Anliegen.35 Die Erziehung eines jungen Erbprinzen war im 17. und 18. Jahrhundert ein ‚öffentliches‘ Anliegen. Schließlich war er nicht nur zukünftiges Oberhaupt des Volkes, sondern hatte diesem auch als Vorbild zu dienen.36 Die Weimarer Untertanen sollten sehen, dass der Prinz zu einem möglichst vollkommenen Fürsten im Sinne des Dienstes an Volk und Staat herangezogen wurde. Anna Amalia hielt allerdings bewusst die Landstände aus der Erziehung heraus, die bei vormundschaftlicher Erziehung häufig mitwirkten, um ihre eigene Stellung nicht zu schwächen. Ihr zur Seite standen ihre Geheimen Räte, die sie bewusst nach ihrer Meinung fragte, auch um die Verantwortung nicht alleine tragen zu müssen. In der Wahl der 31 Vgl. Scheel 1994, S. 5f, Otte 1995, S. 24 und Berger 2003, S. 101–103. 32 Seine Schwester Sophie Antoinette war seit April 1749 mit dem Coburger Erbprinzen Ernst Friedrich verheiratet. Vgl. Berger 2003, S. 102f. 33 Ihren letzten Besuch stattete sie 1783 ab. Zu den späteren Verbindungen Anna Amalias nach Braunschweig vgl. Scheel 1994, S. 20–23 und Otte 1995, S. 26–29. 34 Anna Amalia gibt in keiner Äußerung eine Bewertung über ihre Ehe ab. Zur Ehe vgl. Berger 2003, S. 103f. 35 Zu Anna Amalias intensiver Beschäftigung mit der Erziehung ihrer Kinder vgl. Henkel 1995, S. 36f und sehr ausführlich Berger 2003, S. 111–180. 36 Vgl. Berger 2003, S. 222f.

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Prinzenerzieher suchte sie allerdings ihre persönlichen Erziehungsvorstellungen durchzusetzen. Sie wollte ihre Söhne von den höfischen unaufrichtigen Schmeicheleien fernhalten und sie zur Bescheidenheit und Aufrichtigkeit erziehen. Ein nicht leichtes Unterfangen, denn die zukünftigen Landesnachfolger waren schnell in dem Subsystem der Gunstvergabe am Hofe gefangen, auch durch ihre eigenen Erzieher. Die dürftige Quellenlage lässt keine Beurteilung hinsichtlich Anna Amalias pädagogischer Intentionen und inwiefern diese ‚aufgeklärt‘ waren zu. Allerdings war sie in dem Sinne ‚aufgeklärt, dass sie Erzieher für ihre Söhne bestellte, die ‚moderne‘ Erziehungsziele verfolgten. So holte sie 1772 Christoph Martin Wieland (1733–1813) als Prinzenerzieher nach Weimar, nachdem ihr dieser aus seinem Roman „Der Goldene Spiegel“ (1772) vorgelesen hatte.37 In diesem ‚Fürstenspiegel‘ diskutiert Wieland, wie in einem absolutistisch regierten Territorialstaat ‚aufklärerische‘ Ideen und Ziele vermittelt und durchgesetzt werden können. Den ersten Ansatzpunkt sah er in der Fürstenerziehung.

1.1.3 Obervormundschaftliche Regierung (1759–75) Am 30. August 1759 trat Anna Amalia die alleinige Obervormundschaft und Landesadministration des Fürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach an.38 Das eigentliche Testament von Ernst August Constantin sah vor, dass Herzogin Anna Amalia und König Friedrich V. von Dänemark gemeinsam als Vormünder des Erbprinzen und als Administratoren fungieren sollten.39 Graf Heinrich von Bünau (1697–1762), zu Ernst August Constantins Regierungszeiten Statthalter über das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und erster Minister des Landes, hatte den Entwurf zu dem Testament geliefert. Es hätte seine herausragende und mächtige Stellung im Geheimen Consilium sowie in den Landesbehörden gefestigt. Anna Amalias Vater Carl I. hatte in Sorge um die Rechte seiner unmündigen Tochter und die Interessen und die Ehre seiner Dynastie kurz vor dem Tod Ernst August Constantins jedoch einen Testamentzusatz aufsetzen lassen, in dem es hieß, dass der Verstorbene Anna Amalia zur alleinigen Vormünderin und Regentin ernenne und ihr Vater sie vertreten solle, bis sie die „venia aetatis“ erhal37 Zu Wielands Berufung an den Weimarer Hof vgl. Berger 2003, S. 126–135. 38 Im Folgenden werden nur die wichtigsten Stationen der Regentschaft aufgezeigt. Vgl. Henkel 1995, S. 31–38 und den umfassenden Überblick bei Berger 2003, S. 227–294. 39 Zum Testament und dem folgenden Kampf um die Regentschaft vgl. Henkel 1995, S. 31– 34, Berger 2003, S. 232–241.

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ten habe. Ein Jahr mit reichsrechtlichen und –politischen Auseinandersetzungen musste vergehen, bis der Kaiser die Mündigkeitserklärung abgab. In der Zwischenzeit übernahm Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel interimistisch die Regierung. Graf Bünau, der die Verwaltung des Herzogtums im Auftrage Carls I. ausführte, wurde von dessen Vizekanzler Georg Septimus Andreas von Praun (1701–86) unterstützt. Praun war es auch, der Anna Amalia auf ihre Regierungsgeschäfte vorbereitete: Er setzte ihr die Landesverfassung von Sachsen-Weimar-Eisenach auseinander und erläuterte ihr die Aufgaben der Behörden, vor allem die Stellung des Geheimen Consiliums sowie das Steuersystem und die Finanzbehörden (Kammer und Landschaftskasse). Außerdem klärte er sie über die historischen, geographisch-politischen und ökonomischen Bedingungen und Zustände der Weimarer Landesteile auf.40 Auch bei ihrem Vater holte sich die Herzogin anfangs immer wieder Rat. Kurz nach Antritt ihrer Regierung entließ sie den mächtigen Premier Bünau. Anna Amalia übernahm nicht den während der Regierung ihres Mannes eingeführten Ministerabsolutismus, sondern regierte nach dem Vorschlag von Praun aus dem Geheimen Consilium heraus. Die ersten Jahre ihrer Regentschaft wurden durch den Siebenjährigen Krieg (1756–63) geprägt. In den folgenden Jahren versuchten Anna Amalia und ihre Räte, das Finanzwesen neu zu ordnen und den Schuldenberg aus früherer Misswirtschaft und aus den Folgen des Siebenjährigen Krieges abzubauen. Außerdem wurden verschiedene Reformen in der Policey- und Rechtspolitik sowie Kirchenpolitik angestrebt.41 Während ihrer Regierungszeit berief Anna Amalia jeweils zwei Landtage für die Landesteile Weimar und Jena (1763 in Weimar und Jena, 1768 in Weimar und 1769 in Jena). „Diese Verhandlungen zwischen Ständen und Landesherrschaft signalisierten die Stabilität der obervormundschaftlichen Regierung und die Integrität der Herzogtümer, legten der Herzogin und ihren Räten jedoch gleichzeitig die dringende Reformbedürftigkeit des Landes offen.“42 Die letzten Jahre ihrer Regierungszeit waren von einer sich verschärfenden Finanz- und allgemeinen Staatskrise gezeichnet. Zudem wurde das Augenmerk verstärkt auf die nahende Volljährigkeit des Erbprinzen gelenkt, und der persönliche Einfluss der Herzogin innerhalb des Behördenapparates und der Hofkreise sank zusehends. Im Dezember 1773 dachte Anna Amalia an eine vorzeitige 40 Zu Prauns „Belehrungen für eine angehende Regentin“ vgl. Berger 2003, S. 243f. 41 Ob die Reformen erfolgreich waren und inwiefern Anna Amalia als Initiatorin dieser Reformen angesehen werden kann, vgl. im folgenden Abschnitt 1.2. 42 Berger 2003, S. 231.

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Aufgabe der Obervormundschaft.43 Ihre Zweifel wurden ihr durch ihren Vertrauten, den Geheimen Rat Jakob Friedrich von Fritsch (1731–1814), genommen, der an ihr Pflichtgefühl als Regentin appellierte. Außerdem erklärte er, dass dies den Anstoß zu einer schwachen Beurteilung ihrer gesamten Vormundschaft geben könnte und ihre Machstellung als Regentin gefährde. Am 3. September 1775 endete mit der Volljährigkeit von Carl August die Obervormundschaft und Landesadministration Anna Amalias, und ihr Sohn begann seine Regentschaft.

1.1.4 Nach der Regentschaft Auch nach ihrer Regentschaft interessierte sich Anna Amalia weiterhin für politische Belange.44 Das Weimarer Regierungsgeschehen aufmerksam beobachtend, versuchte sie anfangs auf die Personalpolitik ihres Sohnes Einfluss zu nehmen, vorrangig wohl, um ihre Regentschaft nicht öffentlich zu desavouieren.45 Sie lebte außerdem weiterhin in einem Stadtpalais in Weimar und nicht auf einem abseits gelegenen Witwensitz.46 So sollte nach außen der Eindruck eines fließenden Regierungswechsels entstehen. Carl August grenzte seine Mutter nach dem ersten Regierungsjahrzehnt zunehmend von den politischen Aktivitäten aus. Anna Amalia suchte ihr Interesse für Politik verstärkt in der Lektüre von moralphilosophischen, geschlechterpolitischen und staatstheoretischen Abhandlungen oder in der Diskussion mit den sich inzwischen in Weimar niedergelassenen geistigen Größen wie Wieland, Herder, Schiller oder Goethe zu befriedigen. Aufmerksam und ängstlich beobachtete sie die Reichskriege gegen Frankreich und den langsamen Zerfall des Alten Reiches. Schließlich war sie familiär unmittelbar betroffen: Ihre beiden Söhne sowie ihr Bruder Friedrich August (1740–1805) nahmen als Offiziere des preußischen Heeres am Kriegsgeschehen teil, und 1806 versuchte Napoleon das Haus Braunschweig zu ent-

43 Vgl. Berger 2003, S. 274f. 44 Zu Anna Amalias politischem Interesse nach ihrer Regentschaft vgl. Berger 2003, S. 283– 290. 45 Vgl. Berger 2003, S. 282. 46 Neben dem sogenannten Wittumspalais in Weimar betrieb Anna Amalia seit 1776 auch eine eigene Hofhaltung in Schloss Ettersburg.

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thronen.47 Bis zu ihrem Tod am 10. April 1807 blieb Anna Amalia eine politisch interessierte und aufmerksam beobachtende Frau.48 Schon während ihrer Regierungszeit ist Anna Amalia ihren schöngeistigen Neigungen, insbesondere dem Komponieren und Musizieren, nachgegangen.49 Ab 1767 verpflichtete sie mehrere Schauspieltruppen am Weimarer Hoftheater.50 Bei dem verheerenden Schlossbrand im Jahre 1774 brannte auch der Theatersaal vollständig ab; für professionelle Theatergruppen fehlte von da an die Aufführungsstätte. Aus der Not wurde eine Tugend gemacht und ein Liebhabertheater gegründet, das im Winter seine Spielstätte im Redoutenhaus des ehemaligen Hofjägers an der Esplanade und im Sommer im Freien in der Nähe der Ettersburg hatte.51 Seine Mitglieder setzten sich aus Theaterbegeisterten des Hofes, aber auch aus Bürgerlichen, wie z. B. dem Unternehmer Friedrich Justin Bertuch (1747–1822) zusammen, die sich selbst auf die Bühne stellten und Stücke aus ihren eigenen Reihen spielten. So kam es zu zugleich dilettantischen und höchst anspruchsvollen Aufführungen, wie z. B. Goethes Singspiel „Erwin und Elmire“, das erstmals am 26. Mai 1776 vom Weimarer Liebhabertheater mit Melodien von Anna Amalia aufgeführt wurde.52 Berühmt geworden sind Anna Amalias sogenannte „Tafelrunden“, die sie regelmäßig im Winter im Wittumspalais und im Sommer auf Schloss Ettersburg bzw. ab 1781 auf Schloss Tiefurt veranstaltete.53 Im ‚ungezwunge47 Prinz Constantin starb beim ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich am 6.September 1793 im Feldlager an Typhus. 48 Berger erkennt in seiner Biographie erstmals das politische Interesse Anna Amalias auch nach ihrer Regierungstätigkeit. Dieser Aspekt wurde in der Forschung bisher aus dem Leben der Herzogin ausgeklammert und die Nachregierungszeit als eine Zeit verstanden, in der Anna Amalia endlich von der Politik losgelöst sich ganz auf ihre geistigen Interessen Literatur, Kunst und Musik konzentrieren konnte. Vgl. u. a. Henkel 1995, Salentin 1996 und Werner 1996. 49 So komponierte sie 1765 beispielsweise eine „Sinfonia“ und um 1768 ein Oratorium. Vgl. Berger 2003, S. 344. 50 Vgl. Henkel 1995, S.40. 51 Ab 1777 / 78 wurde ein kleiner Theatersaal im Schloss Ettersburg eingerichtet. Zum Liebhabertheater vgl. Henkel 1995, S. 40, Saletin 1996, S. 126–131 und Berger 2003, S. 479– 484. 52 Vgl. Berger 2003, S. 345. 53 Diese geselligen Runden bilden den Grund für den sogenannten ‚Weimarer Musenhof‘ und seine Legenden. Zum ‚Weimarer Musenhof‘ vgl. u. a. Weizsäcker 1892, Bode 1908, Bd.2, Bd.3, Henkel 1995, S.  38–48, Salentin 1996, S.  121–148 und Busch-Salmen / Salmen / Michel 1998. In dem Sammelband ‚Der Musenhof Anna Amalias‘, hrsg. von Joachim Berger, wird erstmals das Phänomen des Weimarer Musenhofes differenziert betrachtet und die Legendenbildung um das klassische Weimar und seine fürstliche Gönnerin hinterfragt. Vgl. Berger 2001.

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nen‘ Rahmen wurde diskutiert, musiziert und gezeichnet. Zum geselligen Kreis der Herzogin zählten einige der größten Dichter und Denker der Zeit, die sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in Weimar niedergelassen hatten: u. a. Johann Carl August Musäus (1735–87, seit 1763 in Weimar), Christoph Martin Wieland (1733–1813, seit 1772 in Weimar), Carl Ludwig von Knebel (1744–1834, seit 1774 in Weimar), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832, seit 1775 in Weimar), Johann Gottfried von Herder (1744–1803, seit 1776 in Weimar) sowie Friedrich von Schiller (1759–1805, seit 1788 Geschichtsprofessur in Jena, seit 1799 fest in Weimar). Zu den Männern gesellten sich auch interessante und geistreiche Frauen wie die Schauspielerin und Sängerin Corona Schröter (1751–1802) und Anna Amalias Hofdamen Charlotte von Stein (1742–1827) und Luise von Göchhausen (1752–1807). Ob in diesem geselligen Kreis oder privat, nach ihrer Regierungszeit war Anna Amalia eine eifrige Dilettantin.54 Ihre Kunstliebhaberei äußerte sich nicht nur in dem Konsum und der Beurteilung von Kunst, sondern auch in der aktiven Kunstausübung. So sind von ihr eigene literarische Versuche, Übersetzungen, Kunst- und Musikbeurteilungen, Zeichnungen und Kompositionen überliefert. Außerdem war sie als Musikerin tätig. Eine Vorliebe für Architektur ist nicht dokumentiert, hingegen für Gartenkunst und Innenausstattung. So war sie konzeptionell an der Gestaltung der Parks um Ettersburg und Tiefurt (seit 1781 ihre Sommerresidenz) sowie an der Innenausstattung ihres Stadtpalais und ihres Landsitzes beteiligt. Die Beschäftigung mit den Künsten diente Anna Amalia zur eigenen sinnlichen Bildung und Unterhaltung. Sie beanspruchte für sich in keiner Sparte Professionalität, obgleich sie sich in der Musik, d. h. im Hören und Bewerten, eine Kennerschaft zutraute. So war sie auch dem Paradigmenwechsel in der Bewertung der „Dilettanterey“ nicht verschlossen, der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts herauskristallisierte. Professionelle Künstler polemisierten verstärkt gegen die „Dilettanterey“, in der sie ein adliges Verhalten ohne ästhetischen Anspruch sahen und sich bewusst von den Dilettanten abgrenzten.55 Anna Amalia sah in diesem Zusammenhang ihre eigenen Gren-

54 Zu Anna Amalia als Kunstkonsumentin, „Kunstrichter“ und aktive Dilettantin in den verschiedenen Kunstbereichen wie Literatur, Musik, Theater, Bildende Kunst, Gartenkunst und Innenausstattung vgl. Berger 2003, S.  295–387. Zum Dilettantismus der Fürstinnen im 18. Jahrhundert vgl. Merkel 2002. 55 Vgl. Berger 2003, S. 295–297.

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zen und setzte ihre ‚Kunst‘ bewusst keiner Kennerschaft aus.56 Allerdings war es ihr nicht möglich, die Kritik im Kontext der Adelskritik zu sehen. In den Jahren 1781–84 brachte der gesellige Kreis das handschriftlich zirkulierende „Journal von Tiefurt“ heraus.57 Es war benannt nach dem Treffpunkt des Kreises, der ab 1781 in den Sommermonaten auf Schloss Tiefurt war. Herausgeberin dieses anfangs wöchentlich erscheinenden Periodikums war Anna Amalia. Redaktion übernahmen Luise von Göchhausen sowie Anna Amalias Kammerherr Friedrich Hildebrandt von Einsiedel (1750–1854). Schreiber kopierten maximal elf Exemplare. Die Themen der Beiträge waren bunt gemischt: neben Gedichten, Scharaden, Anekdoten und literarischen Übersetzungen erschienen gelehrte Abhandlungen oder Antworten auf Preisfragen, alle anonym. Goethe, Wieland, Knebel und Herder lieferten alle ihre Beiträge.58 Auch für weibliche Dilettanten bildete das Journal eine Plattform, wo sie sich schriftstellerisch betätigen konnten. Das einschneidende Ereignis in Anna Amalias letztem Lebensjahrzehnt war sicherlich ihre Reise nach Italien (1788–90).59 Die Herzogin war unter anderem von Goethes Italienerlebnis angeregt worden und wagte mit knapp fünfzig Jahren die Fahrt ins Ungewisse. Auf dieser zweijährigen Reise wohnte sie hauptsächlich in Rom und Neapel. Die Reise diente der Naturund Kunstanschauung. In Italien versuchte Anna Amalia erstmals ihre Eindrücke der Natur zu verbalisieren und ihre Kunstbetrachtungen niederzuschreiben.60 Außerdem machte sie die Bekanntschaft mit in Italien lebenden deutschen Malern wie Friedrich August Tischbein (1750–1812), Johann Heinrich Meyer (1760–1832), Jakob Philipp Hackert (1737–1807) und Angelika Kauffmann (1741–1807). Auch war sie als Mäzenin tätig, indem sie Künstler zu sich einlud, von ihnen Werke erwarb oder ihnen Modell saß. 56 In Weimar waren es Schiller und Goethe, die Inhalt, Sinn und Folgen von Kunstliebhaberei und dilettierender Kunstpraxis diskutierten. Schiller kritisierte am Dilettieren, dass allein die ‚Sinnlichkeit‘ den Geschmack bestimme. Goethe versuchte sich „als ästhetische Instanz Weimars zu etablieren, indem er erstens Institutionen der Kunst zu kontrollieren und zweitens die Hoheit über ästhetische Diskussionen gewinnen wollte.“ Berger 2003, S. 385f. Anna Amalia zog sich dementsprechend von Goethe und Schiller als „Kontrollinstanzen“ zurück und holte sich ihre Rückversicherung bei Herder und Wieland, die den Dilettantismus konzilianter sahen und dem Dilettieren einen höheren Wert für die Geselligkeit zumaßen. Vgl. Berger 2003, insbesondere S. 295–297 und 382–387. 57 Das Journal war eine Persiflage von Friedrich Melchior Grimms „Correspondence littéraire“, eine handgeschriebene periodische Geheimkorrespondenz aus Paris. Zum „Journal von Tiefurt“ vgl. Henkel 1995, S. 42f und Berger 2003, S. 488–492. 58 „Die professionellen Literaten […] sahen die Anonymität als Voraussetzung an, um ihren Ruf in der Gelehrtenrepublik nicht zu gefährden.“ Berger 2003, S. 491. 59 Zu Anna Amalias Italienaufenthalt vgl. Hollmer 2001 und Berger 2003, S. 550–583 60 Über Anna Amalias Versuche der Kunstinterpretation vgl. Berger 2003, S. 573–579.

Herzogin Anna Amalia – eine aufgeklärte Landesregentin?  |

Die letzen Lebensjahre Anna Amalias waren größtenteils geprägt durch die Auswirkungen der napoleonischen Kriege auf das Herzogtum SachsenWeimar-Eisenach. Ihr Bruder Herzog Carl Wilhelm Ferdinand (1735– 1806) erlag am 10. November 1806 den Verletzungen, die er sich in der Schlacht bei Jena und Auerstedt zugezogen hatte. Fünf Monate später, am 10. April 1807, starb Anna Amalia an den Folgen einer Erkältung. Sie wurde als letzte Angehörige des ernestinischen Fürstenhauses in der Stadtkirche zu Weimar beigesetzt.

1.2 Herzogin Anna Amalia – eine aufgeklärte Landesregentin? 1.2.1 Das Regierungssystem 1759 verfasste der Braunschweigisch-Wolfenbütteler Vizekanzler von Praun ein Regierungskonzept für die obervormundschaftliche Regierung und Landesadministration der Herzogin Anna Amalia.61 Dieses war sowohl von einem traditionell protestantisch-patriarchalischen Duktus als auch von einem ‚aufgeklärt’-kameralistischen Gedankengut geprägt. Praun betonte die traditionellen Werte wie „Wahre GottesFurcht“, um „gute Zucht und Ehrbarkeit im Lande“ durchzusetzen, „unpartheyische JustizPflege“ und ein „Guter Haußhalt“, um die Bedürfnisse eines Staates bestreiten zu können, ohne die Untertanen „über die Gebühr zu beschwehren.“62 ‚Aufklärerische‘ Staatsideen verfolgte er, indem er die Glückseligkeit der Untertanen als oberstes Regierungsziel vorstellte und den Fürsten aufforderte, der Diener seiner Untertanen zu sein.63 Prauns Denkart orientiert sich an den zeitgenössischen ‚aufgeklärten‘ Staatstheorien, die die monarchische Souveränität durch einen Herrschafts61 Der Aktentitel des Aufsatzes lautet: „Belehrungen für einen angehenden Regenten, insbesondere von Sachsen-Weimar“. Vgl. Berger 2003, S. 243. Zu den Ausarbeitungen des Textes, der in zwei Fassungen vorliegt, vgl. Mentz 1936, S. 40, Scheel 1994, S. 13, Henkel 1995, S. 34 und Berger 2003, S. 243f. 62 von Praun zitiert nach Berger 2003, S. 243. 63 „Denen großen in der Welt ist es vornehmlich vorbehalten, der glückseeligkeit, welche alle andere zeitliche güter an wert übertrifft, genießen zu können, daß sie anderen, welche ohngeachtet ihres großen unterschieds ihre nächsten zu seyn nicht aufhören, wol zu thun imstande sind, wie denn auch immer sich deßen wol zu erinnern haben, daß nicht die unterthanen für sie, sondern sie für die unterthanen geschaffen sind.“ von Praun zitiert nach Berger 2003, S. 243.

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vertrag im Sinne der Naturrechtslehren mit dem Ziel der allgemeinen Wohlfahrt begründen.64 Bezeichnend für diese Theorien ist die Loslösung von der Legitimation der Herrschaft durch das Gottesgnadentum.65 Der Staat wurde als eine Herrschaftsorganisation gesehen, die vertragsrechtlich, also durch menschliche Willensentscheidung und nicht durch göttliche Stiftung, entstanden ist.66 Der Staatstheoretiker Christian Wolff (1679–1754), dessen Ideen in Deutschland maßgebend wurden, erklärt dieses Verhältnis 1721 in seinen „Vernünftigen Gedanken vom gesellschaftlichen Leben der Menschen“: „Es ist demnach zwischen der Obrigkeit und den Unterthanen ein Vertrag, nemlich die Obrigkeit verspricht alle ihre Kräffte und ihren Fleiß dahin anzuwenden, daß sie zur Beförderung der gemeinen Wohlfahrt und Sicherheit diensame Mittel erdencke, und zu deren Ausführung nöthige Anstalten mache: hingegen die Unterthanen versprechen dargegen, daß sie willig seyn wollen alles dasjenige zuthun, was sie für gut befinden wird.“67 Wolff stellte in seiner Staatstheorie die absolute Monarchie keineswegs in Frage. Allerdings grenzte er die Monarchie zur Tyrannei ab, die dann herrschte, „wenn die regierende Person wider die gemeine Wohlfahrt und Sicherheit 64 Zu den Veränderungen im Verhältnis des Herrschers zum Staat und seinen Untertanen im Zeitalter des so genannten ‚Aufgeklärten Absolutismus‘ vgl. insbesondere Aretin 1974a, S. 14–17, Walder 1974, Möller 1986, S. 190–211, Conze 1990, S. 22, Klippel 1990a und Link 1993. Die Lehre von dem Vorhandensein ewiger wahrer, absoluter Gesetze beginnt nicht mit der ‚Aufklärung‘. Die Ursprünge des Naturrechts sind bereits in der Antike zu suchen. Die Deutung des Begriffs ist aufgrund seiner langen und facettenreichen Geschichte sehr vielschichtig. Die Modifikationen des Naturrechts der aufgeklärten Staatstheoretiker des 18. Jahrhunderts dienten der Legitimation ihrer ‚aufgeklärten‘ Herrscherauffassung und waren somit Antwort auf eine kritische Betrachtung der bestehenden Gesetze und der politischen Herrschaft. Trotzdem will das ältere Naturrecht der deutschen ‚Aufklärung‘ der Fürstensouveränität keine wirksamen Grenzen ziehen. Anders verhält sich das deutsche Naturrecht am Ende des 18. Jahrhunderts, das zahlreiche Postulate liberalen politischen Denkens beinhaltet, die auf eine effektive Einschränkung staatlicher Herrschaft zielt. Zum so genannten älteren Naturrecht der ‚Aufklärung‘ vgl. Stolleis 1977a, S.  19–22 und 24–26, Möller 1986, S.  190–211, Ilting 1982, Klippel 1990, S.  112–115 und S.  123, Schelp 2001, S. 17–24. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit können an dieser Stelle nur Grundtendenzen wiedergegeben werden. Einen Überblick über die verschiedenen Staatstheorien der deutschen ‚Staatsdenker‘ des 17. und 18. Jahrhunderts mit Auszügen aus den jeweiligen Schriften bieten Lenz 1965 und Stolleis 1977. 65 Dies ist nicht mit einer „Entchristlichung des öffentlichen Lebens“ zu verwechseln. So waren die meisten Protagonisten des Vernunftsrechts gläubige Christen. Auch das öffentliche Leben und die staatliche Ordnung während des 17. und 18. Jahrhunderts waren durch und durch christlich. Vgl. Stolleis 1977a, S. 15. 66 Vgl. Conze 1990, S. 17. 67 Christian Wolff zitiert nach Möller 1986, S. 200. Zu Wolffs Staatstheorie vgl. insbesondere Thomann 1977, Möller 1986, S. 199–201, Link 1993, S. 194–196 und Lutterbeck 2002, S. 144–209.

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mit Vorsatz handelt, und nur ihr besonderes Interesse zu ihrer Hauptabsicht machet.“68 Der Untertan hatte sich zwar dem Herrscher zu unterwerfen, aber nur wenn dieser als Gegenleistung „Gemeine Wohlfahrt und Sicherheit“ gewährleistete. Beide Vertragspartner waren gleichberechtigt und gleichermaßen zur Einhaltung des Vertrages verpflichtet. Der Endzweck staatlichen Handelns hatte nach Wolff die persönliche „Glückseligkeit“ des Bürgers zu sein.69 Das „Glück“ des einzelnen orientiert sich am „Gemeinwohl“ der sozialen und politischen Gruppen. Für dessen Optimierung und Absicherung hatte die Herrschaft zu sorgen, sie diente also nicht mehr der Dynastie, sondern der Gesellschaft und dem Staat bzw. letztlich dem Einzelnen. Auf der Grundlage des Gesellschaftsvertrages wurde der Fürst selbst zu einem Organ des Staates und war nicht mehr dessen Personifizierung. In diesem Zusammenhang sei an den Anspruch eines der bedeutendsten ‚aufgeklärten‘ Fürsten seiner Zeit, des Onkels von Anna Amalia Friedrichs II. von Preußen, erinnert: Der Fürst habe der erste Diener seines Staates zu sein.70 Dieser Staatsräson entsprach nach Praun am besten das Braunschweiger Regierungsmodell, das die Einbindung des Fürsten in das kollegiale Regierungssystem des Geheimen Consiliums vorsah.71 In einem eigenhändigen Pro Memoria an den Geheimen Rat von Rehdinger vom 8. September 1759 erklärte Anna Amalia, dass sie sich vorgenommen habe, „sowohl das Geheime Consilium fleißig zu besuchen, als auch von dem, was sonsten und außer denen Sessionen vorhält, mündlichen und schriftlichen Vortrag zu allen Zeiten willig anzunehmen, einen jeden aufmercksames Gehör zu­ertheilen, treuer Diener Einraths Mich zu bedienen, und darauf zu

68 Christian Wolff zitiert nach Möller 1986, S. 200. 69 „Glückseligkeit“ ist für Wolff das Gefühl der Vollkommenheit. Wolff baut dementsprechend sein System auf Vollkommenheit auf. Zum Glückseligkeitsbegriff bei Wolff vgl. Thomann 1977, S. 255f und Link 1993, S. 192f. Zum Staat als Agent der Vervollkommnung vgl. Lutterbeck 2002, S. 192–203. 70 Hartung weist darauf hin, dass die viel zitierte Bemerkung Friedrichs II. nicht original sei, sich vielmehr bis in die Antike zurückverfolgen lasse. Allerdings sei Friedrich II. der „erste Monarch, der die Grundsätze nicht nur ausgesprochen, sondern auch in seiner ganzen Regierung praktisch betätigt hat.“ Es folgen Beispiele für die Unterordnung des Monarchen unter den Staat. Vgl. Hartung 1974, S. 62–67. Zu Friedrichs II. Staatsauffassung vgl. außerdem Walder 1974. 71 Zur Neuordnung des Weimarer Regierungssystems durch Praun vgl. Berger 2003, S. 246– 250. Allgemein zum Geheimen Rat und Kabinett in den ernestinischen Staaten Thüringens im Zeitalter des Absolutismus vgl. Hess 1962. Über die Stellung des Geheimen Consiliums während der Regierungszeit von Anna Amalia vgl. dort S. 183–188.

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resolviren.“72 Außerdem sollten keine Reskripte mehr ohne ihre Unterschrift ergehen. Alle eingehenden Schreiben wollte sie einsehen, außer denen, die direkt an ein Departement geschickt werden. Jeden Samstag erbat sie „nebst denen wöchentlichen Cammer= und Cassen Extracten“ einen Wochenbericht. Als Vermittlerinstanz zwischen Regentin, dem Geheimen Consilium, der Geheimen Kanzlei und den Oberbehörden wurde im Consilium ein neuer Posten, der des Geheimen Referendars, geschaffen. Anna Amalia bestimmte für dieses Amt einen ihrer engsten Vertrauensmänner, ihren Kabinettssekretär und Schatullier Carl Christian Kotzebue. Auch im Zeitalter des Absolutismus blieben die Landstände der deutschen Territorialstaaten ein wichtiger politischer Faktor trotz der potestas absoluta des Fürsten.73 Besonders in Zeiten einer obervormundschaftlichen Regierung versuchten sie ihre Macht gegenüber dem Regenten auszubauen und zu verstärken. So „sahen sich die Landstände in Weimar, Eisenach und der Jenaischen Landesportion nicht nur als Standesvertreter, sondern fühlten sich für das Wohl des ganzen Landes verantwortlich und betrachteten sich dadurch als Mitregenten im Namen der unmündigen Landesprinzen.“74 Sie glaubten daher, auf den ersten Landtagen 1763 alte Rechte wiedererlangen zu können, den Zugriff des Landesherrn auf die Landschaftskassen zu verhindern und Einfluss auf die Politik des Landes zu gewinnen. Anna Amalia respektierte ihren Anspruch auf eine Mitregentschaft insofern, als sie ihnen ein grundsätzliches Kontrollrecht bei der Erziehung der Prinzen einräumte, 72 Pro Memoria von Anna Amalia an den Geheimen Rat von Rehdinger, „worin sie ihn benachrichtigt, in welcher Weise sie sich an den Geschäften des geheimen Raths betheiligen werde und ihn anweiset die darzu nöthigen Einrichtungen zu treffen.“ [Aktennotiz] ThHSt­AW B 672. Auch wenn Anna Amalia das Schreiben eigenhändig verfasst hat, trägt es dennoch die Handschrift Prauns. Zur Auslegung dieses Pro Memoria vgl. Mentz 1936, S. 41f, Hess 1962, S. 184f und Berger 2003, S. 249f. 73 Die Machtstärke der Landesherren gegenüber den Landständen war in den einzelnen Staaten unterschiedlich ausgeprägt. Die ständischen Institutionen wurden nicht gänzlich abgeschafft. In Thüringen blieb z. B. die Steuerbewilligung, „das vornehmste Recht der Stände und die Befugnis, wenigstens einen Teil der Steueraufkommen durch eigene Behörden (Landschaftskassen) zu verwalten“, bestehen, auch wenn die Behörden zur Steuerverwaltung ganz unter den Einfluss des Landesherren gerieten. Vgl. Hess 1993, S. 20. Insgesamt bestimmten allerdings die thüringischen Landesherren und ihre Regierungen das Tempo der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen. Zum Verhältnis Ständewesen und absolute Monarchie vgl. Vierhaus 1984, S. 116–119. Zum Verhältnis in Thüringen vgl. Hess 1993, S. 19f, in Weimar unter der Regierung Anna Amalias Mentz 1936, S. 170–173 und Berger 2003, S. 257–260. Im Vergleich zu Mentz sieht Berger nicht nur das Ergebnis, nämlich, dass unter Anna Amalia der ständische Einfluss zurückgedrängt werden sollte, sondern er erkennt in ihrem Handeln eine Antwort auf den erstarkten ständischen Mitspracheanspruch, der durch ihre Stellung als Obervormünderin provoziert wurde. Vgl. auch Ventzke 2002, S. 271. 74 Berger 2003, S. 257.

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so dass diese zur Landessache wurde. Außerdem akzeptierte sie, dass die Landstände ihre Finanzen prinzipiell selbst verwalteten. Auch wenn die Regentin der Mitverantwortung der Stände für das Land aufgeschlossen gegenüberstand und eine Mitsprache in zentralen Landesangelegenheiten nicht von vorneherein ausschloss, blieben dennoch viele Beschwerden und Reformvorschläge der Stände unbeantwortet. Anna Amalia und ihre Räte hielten an dem absolutistischen Regierungsanspruch fest, wahrten Intransparenz und Verschlossenheit der Regierungsvorgänge nach außen, so dass ein politischer Dialog nicht zustande kommen konnte und eine Durchsetzung von Reformvorhaben erschwert wurde. Dieses Zurückdrängen des Einflusses der Stände ist als machtpolitische Antwort auf das erstarkte ständische Selbstbewusstsein zu sehen. Anders als in anderen deutschen Kleinstaaten kam es unter der Regierung von Anna Amalia nicht zu einer Domestizierung des landsässigen Adels, indem sie ihn zur Annahme von Hofämtern zwang.75 Durch die Vergabe von herrschaftlichen und somit privilegierten Positionen im Fürstendienst sollte der politische Machtverlust des landsässigen Adels vielerorts gesellschaftlich kompensiert werden.76 Der absolute Fürst konnte auf diese Weise wirksam kontrollieren. Unter Anna Amalia wurde dieses Herrschaftsinstrument der höfischen Ämtervergabe nicht angewendet. Die meisten adligen Hofchargen stammten aus Familien, „deren Angehörige seit mehreren Generationen Staats- und Hofämter innehatten.“77 Es ist bisher nicht geklärt, ob die Landstände bewusst den Dienst am Hof verneinten oder Anna Amalia und ihre Räte deren Ausgrenzung wollten.

1.2.2 Das Problem der Obervormundschaft Der Übergangscharakter der Vormundschaftsregierung erschwerte Anna Amalia nicht nur, ihre machtpolitische Stellung gegenüber den Ständen zu behaupten. Auch das Geheime Consilium berief sich in schwierigen Angelegenheiten gerne auf die Interimssituation, um unangenehme und schwie-

75 Vgl. Berger 2003, S. 260. 76 Zum Verhältnis zwischen absoluten Monarchen und Adel sowie zur Intention der Fürsten, die Aristokratie zu domestizieren vgl. insbesondere Kruedener 1973, S.  40f, Baumgart 1981, S.  28 und 34, Wunder 1981, Vierhaus 1986, S.  127–132 und Duchhardt 1998, S. 52–54. 77 Berger 2003, S. 260.

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rige Entscheidungen aufzuschieben.78 Anna Amalias Handlungsräume waren beengt, denn eine „vormundschaftliche Regierung hatte in erster Linie den status quo für den künftigen regierenden Herzog zu bewahren.“79 Im Testament Ernst August Constantins wurde neben dem Bewahren auch die Konsolidierung schriftlich fixiert.80 Eine aktive Politik oder konkrete Reformvorschläge wurden ausgeklammert. Aus diesem Grund sah sich Anna Amalia, trotz des von Praun formulierten Herrschaftsverständnisses, nicht als erste Dienerin des Staates.81 Sie verstand sich als Herrscherin im Namen ihres Sohnes, da ihr nur die Verwaltung der Herzogtümer Weimar und Eisenach anvertraut worden war. Dieses Verständnis der Herrschaft schloss allerdings nicht aus, dass sie sich den Ständen gegenüber als ‚souveraine‘ fühlte. Insbesondere vom landsässigen Adel, der auch in den Landesbehörden saß, forderte sie die anstandslose Bewilligung ihrer landesadministrativen Forderungen. Zu den allgemein normativ eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten einer obervormundschaftlichen Regierung kam für Anna Amalia ihre Unerfahrenheit in der Staatsverwaltung sowie im Staats- und Reichsrecht erschwerend hinzu. Ihre Erziehung war prinzessinnengerecht nicht auf eine mögliche Regentschaft ausgerichtet gewesen. Die Regierungsgeschäfte ihres Mannes konnte sie nur zwei Jahre verfolgen, und es ist unwahrscheinlich, dass sie sich während ihrer Schwangerschaften und als junge Mutter für diese interessiert hätte. Innerhalb eines Jahres musste die noch nicht Zwanzigjährige durch Praun auf das Regieren vorbereitet werden. Besonders am Anfang war sie überfordert, den gesamten behördlichen Verkehr zu überblicken. So suchte sie nicht nur den Rat der Mitglieder des Geheimen Consiliums, sondern vertraute und folgte dessen Vorschlägen. Folglich bestimmten in den meisten Staats- und Reichsangelegenheiten die Geheimen Räte das eigentliche politische Geschehen. Anna Amalias Autorität war von Beginn ihrer Regierungszeit an gegenüber diesen erfahrenen Männern begrenzt und sollte es auch bis zum Regierungswechsel bleiben.82 78 Zur Ausnutzung des Übergangscharakters der Vormundschaftsregierung je nach Interessenlage der Anna Amalia umgebenden verschiedenen Seiten (Stände und Consilium) vgl. Berger 2002, S. 57 und Berger 2003, S. 258. 79 Berger 2003, S. 391. 80 Vgl. Berger 2003, S. 245. 81 Anna Amalias persönliches Herrschaftsverständnis ist nicht überliefert. Die rudimentäre Quellenlage lässt aber vermuten, dass sie sich als Stellvertreterin Carl Augusts gesehen hat und nicht als legitimierte Landesherrin. Vgl. zu Anna Amalias Herrschaftsverständnis Berger 2002, S. 59 und Berger 2003, S. 259. 82 Zu Anna Amalias ‚schwacher‘ Position im Geheimen Consilium vgl. Berger 2002, S. 59f und Berger 2003, S. 250.

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Zu ihren wichtigsten Vertrauten im Geheimen Consilium zählten anfangs Carl Ernst von Rehdinger (1692–1766, von 1756–63 im Geheimen Consilium), Gottfried Nonne (1710–65, von 1750–65 im Geheimen Consilium) und Johann Poppo Greiner (1708–72, von 1756–72 im Geheimen Consilium). Im Jahre 1762 kam Jakob Friedrich von Fritsch (1731–1814) in das Geheime Consilium und er blieb bis 1800.83 Von 1762 bis 1765 war Nonne der Vorsitzende des Konzils, Fritsch löste ihn als Nachfolger ab. Anna Amalias Machtinstrument gegenüber ihren Räten war die persönliche Gunsterweisung, die sich in der Dosierung der Ansprechbarkeit oder dem gezielten Einsatz von Titelverleihungen und Nobilitierungen äußerte.84 Rehdinger, Nonne und Greiner verlieh sie 1762 den Ehrentitel Excellenz, Fritsch im Jahre 1772.85 Im Jahre 1764 erwirkte sie bei Kaiser Franz I. die Erhebung Nonnes und Greiners in den Reichsadelsstand.86 „Obwohl sie die Nobilitierung vor dem Kaiser mit dem Leistungsprinzip begründete, folgte sie anscheinend dem Gebot der ‚Wohlanständigkeit‘, demzufolge das höchste Staatsorgan Weimar-Eisenachs von Adeligen geleitet werden musste.“87 Dass die Nobilitierung trotzdem auch mit einer Wertschätzung der Persönlichkeit verbunden war, wird im Falle Greiners offensichtlich. Diesem „ehrwürdigen Man“, der seit 1756 die Oberaufsicht der Bibliothek übernommen und deren Umzug in das Französische Schlösschen initiiert hatte, schenkte Anna Amalia ein besonderes Vertrauen.88 In ihren „Gedanken“ erinnert sie sich an ihn als wahren Freund: „Mit Freude unternehme ich, von diesem ehrwürdigen Man zu sprechen und meine Dankbarkeit gegen ihn der ganzen Welt bekannt zu machen. Er hieß Greiner, war Geheimder Rath und saß mit in dem Geheimde Conseille. Er war nicht von den außerord[ent]lichen Köpfen, er war ein grad denkender mit vieler Vernunft begabter Man. Er hat von untenauf angefangen zu dienen, also dass er in denen Geschäften sehr wohl unterrichtet war und sich viele Kentniße darin erworben hatte. Ein feines Gefühl beseelte ihn; also war er einer wahren Freundschaft fähig. [...] Seine Seele war zu edle [=edel] und zu aufrichtig, als dass er schmeichel[n] konte. Dieses war der Mann, in deßen Arme 83 Zum Verhältnis von Anna Amalia zu ihren Vertrauensmännern vgl. Mentz 1936, Henkel 1995, S. 34–38 und Berger 2003, S. 261–264. Anna Amalias Beziehung zu Fritsch betrachtet Hahn 1994. 84 Vgl. Berger 2003, S. 262. 85 Vgl. ThHStAW B 25176 und B 25190, Bl. 123, 124, 188, 189, 190. 86 Vgl. ThHStAW B 24673, Bl. 1. 87 Berger 2003, S. 262. 88 Zu Anna Amalias Beziehung zu Greiner vgl. Mentz 1936, S. 35–44, Henkel 1995, S. 34, Berger 2003, S. 263. In ihren letzten Regierungsjahren übernahm Fritsch Greiners Rolle als wichtigster Vertrauensmann. Auch er hatte die Oberaufsicht über die Bibliothek inne.

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ich mich warf, ich liebte ihm als meinen Vater. Von ihm habe ich die Wahrheit kennen lernen und sie lieb bekomen.“89 Auch wenn die Nobilitierung aus der Notwendigkeit der ‚Wohlanständigkeit‘ geschehen sein mag, so wird deutlich, dass Anna Amalia an Greiner ‚aufgeklärte‘ Tugenden wie Wahrheitsliebe, Vernunft, Fleiß und Bildung schätzte. Anna Amalia handelte in diesem Sinne ihrer Zeit entsprechend: Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam es durch den frühneuzeitlichen Staatsaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg zu einer vermehrten Aufnahme von Vertretern des gebildeten Bürgertums in den Staatsdienst.90 Der Adel, dem Fürstendienst durch Geburt und Tradition zukam, sah sich gezwungen, sich mit dem Bürgertum auf der Ebene der Bildung, Kenntnisse und Geschicklichkeit messen zu müssen.91 „In den höheren Rängen des staatlichen Dienstes traten also Adelige und Bürgerliche in ein neues Verhältnis, das zwar soziale Unterschiede keineswegs beseitigte, sie jedoch im Berufsbereich übergriff.“92 Das Geburtsprinzip wurde ansatzweise durch das Leistungsprinzip verdrängt, welches von oben für den Adel genauso offen war wie von unten für Nichtadelige.93 Bildung und Leistung wurden zu Gütern, die Nichtadeligen eine neue Dignität verschaffen konnten.94 Anna Amalias Wertschätzung und Urteil gegenüber Greiner lässt vermuten, dass dieses gesellschaftliche Phänomen auch in den Weimarer Hof Einzug gehalten hatte. 89 Anna Amalia, Autobiographisches Fragment [um 1772–74], GSA 36 / VII, 18; zitiert nach Druck bei Wahl 1994, S. 112f. 90 Im 18. Jahrhundert ist eine ähnliche Entwicklung wie im späten 15. und 16. Jahrhundert zu beobachten, als zum ersten Mal in der europäischen Geschichte eine ‚Bürokratiesierungswelle‘ über die dynastischen Fürstenstaaten des Heiligen Römischen Reiches rollte. Zum Beamtentum im dynastischen Fürstenstaat des 15. und 16. Jahrhunderts vgl. Vierhaus 1987, S.  170 und Hinrichs 2000, S.  45. Durch die zunehmende Exklusivität des Hofes nach dem Dreißigjährigen Krieg und mit dem Bedeutungsverlust vieler Städte war der intensive Austausch zwischen Hof und Stadt, Hofgesellschaft und städtisch gelehrtem Bürgertum im 17. Jahrhundert zurückgegangen. 91 Vgl. Maurer 2001, S. 70f, Maurer 1996, S. 38, S. 600. 92 Vierhaus 1984, S. 78f. 93 Zum Bildungsprinzip als gesellschaftliche Abgrenzung vgl. Maurer 1996, S. 443f. 94 So bildeten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts die so genannten ‚gebildeten Stände‘ heraus, die den ‚höheren Ständen‘ (dem Adel) entgegengestellt wurden. Vgl. Maurer 1996, S. 444 und Vierhaus 1972, S. 525. Zu den so genannten ‚gebildeten Ständen‘ wurden in diesem Sinne schon von Zeitgenossen sowohl Adlige als auch Nichtadelige gezählt, was allerdings nicht bedeutet, dass der soziale Unterschied zwischen ‚Adel‘ und ‚Bürgerstand‘ aufgehoben wurde. So rechnet Franz Posselt, ein zeitgenössischer Gelehrter, im Jahre 1795 Regenten, Adelige, Gesandte, Offiziere, Gelehrte und Künstler zu den ‚gebildeten Ständen‘. Auch sein Zeitgenosse Ernst Brandes spricht in seinen Annalen der Braunschweig-Lüneburgischen Churlanden (1789 / 90) von einer „Vermischung der Menschen“ in den ‚gebildeten Ständen‘. Zu den Äußerungen von Posselt und Brandes vgl. Vierhaus 1972, S. 525.

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Es kann festgehalten werden, dass Anna Amalias persönliche Machtspielräume wegen ihres Status als obervormundschaftliche Regentin und ihrer Unerfahrenheit in Regierungsgeschäften begrenzt waren. Sie war auf die Erfahrung und Unterstützung ihrer Berater angewiesen. Die Personalpolitik war eines der wenigen Felder, auf denen sie eigene Machtausübung geltend machen konnte, sei es durch Ämtervergabe oder Gunsterweisung. Diese besondere Ausgangslage bildet den Hintergrund für die Politik der Regierung Anna Amalias.

1.2.3 Politische Maßnahmen während der Regierung Anna Amalias Der Interimscharakter der obervormundschaftlichen Regierung Anna Amalias wirkte in vielen Bereichen eher reformhemmend als fördernd. Dennoch waren auch ‚aufgeklärte‘ Reformansätze zu spüren. Im folgenden Abschnitt werden diese in der Politik Anna Amalias aufgezeigt und wird ihr Erfolg beschrieben. Finanzpolitik

Die Ordnung der Finanzen stand an erster Stelle der politischen Aufgaben, die nach dem Antritt der Regentschaft auf Anna Amalia zukamen.95 Die Herzogin übernahm ein Land, das sich seit dem Tod Herzogs Ernst August (1688–1748) nicht von seinen Schulden befreit hatte.96 Aufgrund der Kriege in der Mitte des 18. Jahrhunderts, der schlechten Wirtschaftskonjunktur, der Hungerkatastrophen und des fehlenden landesweiten Steuererhebungssystems hatten die Länder Weimar und Eisenach unregelmäßige Steuereinnahmen zu verzeichnen. Der Leitsatz der Kameralisten des 18. Jahrhunderts, in schlechten Zeiten müssten sich die Ausgaben nach den Einnahmen richten und nicht umgekehrt, war bei der ungeordneten Einnahmensituation schwer zu befolgen.97 Den gewichtigsten Ausgabeposten bildete der Hofetat. Für dessen Finanzierung und Zusammensetzung fühlte sich Anna Amalia, die in den Anfangsjahren in der Finanzpolitik selbsttätig mitwirkte, wie z. B. in Besol-

95 Zur Finanzpolitik in der Regierungszeit Anna Amalias vgl. Mentz 1936, Ventzke 2001, S. 23–30 und Berger 2003, S. 250–253 und 264–266. 96 Vgl. Ventzke 2001, S. 25. 97 Zur Kameralistik des 18. Jahrhunderts vgl. Ventzke 2001, S. 27 und Bauer 2002.

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dungs- und Besetzungsfragen, persönlich verantwortlich.98 Die Neuordnung des Hofetats nach dem Tod Ernst August Constantins veranlasste das Geheime Consilium, dessen Stellung im gesamten staatlichen Finanzgefüge zu diskutieren. Zwar wurden die Hofkosten noch eindeutig als Teil der Staatsfinanzen gesehen, doch aufgrund des sich auch in Weimar langsam wandelnden Herrscherverständnisses galt die Sanierung der Finanzen als erstes Ziel. Der Fürst hatte in seiner dienenden Funktion die Staatsfinanzen in den Dienst der Untertanen zu stellen. Ganz im Sinne der kameralistischen Diskussionen des 18. Jahrhunderts wurde auch in Weimar überlegt, wie die Finanzen des Staates rationalisiert und dem Staatszweck untergeordnet werden könnten. Dabei interessierte besonders, wie die Ausgaben strikt an die Einnahmen gebunden werden könnten und wie gleichzeitig das schwer zu berechnende „decorum“ des Hofes finanziell bewältigt werden könnte.99 Während der Festlegung des Hofetats für Anna Amalia gerieten die Herzogin und das Geheime Consilium mit dem Hofmarschallamt in Konflikt. Nonne stimmte mit dem Oberhofmarschall Friedrich Hartmann von Witzleben zwar überein, dass Anna Amalia als Regentin nicht eine eingeschränkte Witwenhofhaltung führen könne, „sondern zur Ehre des Fürstlichen Haußes, einen nöthigen Aufwand zu machen genöthigt ist.“100 Das erfordere die „gehörige decenz“ eines regierenden Hofes. Allerdings verlange die Eigenschaft einer „OberVormünderin“, dass sie „vor die wirtschaftliche administration derer ihrer Verwaltung anvertrauten Einkünfte“ genaue Rechenschaft ablege. Im Konfliktfall und bei maroder Haushaltslage müsse der Witwenstatus siegen, denn „die wahre Ehre bestehet nicht in einem großen Aufwand, und in einem äußerlichen kostbaren Glanze; sondern in genauer Erfüllung der obhanden Pflichten, und es wird allemal Ihro Hochfürstl. Durchl. zu minderen Ruhm gereichen, wenn an dero Hofe wohl gegessen 98 Vgl. Berger 2003, S. 251. Anfang 1761 verlangte sie z. B. eine genaue Aufschlüsselung der einzelnen Posten des Hofetats, da dieser nach einem Bericht vom Oberhofmarschall von Witzleben um 21 253 Rt überschritten worden sei. Vgl. Pro Memoria der Herzogin an das obervormundschaftliche Hofmarschallamt vom 2. Januar 1761 in ThHStAW HMA 19 Bl. 49. 99 Der Fürst hatte bei der Einrichtung seines Hoflebens, welches der traditionelle Ausdruck des Fürstenlebens war, das standesspezifische „decorum“ (zeitgenössisch häufig „Wohlstand“ oder „Wohlanständigkeit“) zu beachten. Aus diesem Grunde hielten auch die Kameralisten an der Notwendigkeit eines aufwendigen Hofes fest. Dieser hatte sich allerdings einer strengen Prüfung seiner Funktion und Finanzierbarkeit zu unterziehen. „Der Konflikt zwischen den Maximen frühneuzeitlicher Herrschaftspräsentation einerseits und den dafür zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen andererseits war also tief in den Grundstrukturen kameralistisch verankert.“ Bauer 2002, S. 175. Vgl. Venzke 2001, S. 27. 100 Gottfried Nonne „Anmerkungen über die Hof-Etats-Tabelle“ [Hofetat 1759 / 60] vom 29. November 1760, in: ThHStAW A 9032 Bl. 7–11. Dort auch die nachfolgenden Zitate.

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und getrunken wird, als wenn hochdieselbe bey Niederlegung der Vormundschafft, dereinst den Erbprinzen die Cammern und Caßen in guten und gesegneten Umständen übergeben“ würden. Im Kontext der zeitgenössischen staatsräsonierenden und moralischen Diskussionen fügt Nonne in seiner Denkschrift „auch eine politische, und, in gewissermaase, moralische Betrachtung hinzu: Die arme Unterthanen werden bis auf den lezten BlutsTropfen ausgesauget: und an dem Hofe der besten Fürstin, einer wahren Mutter der Unterthanen, soll zu eben der Zeit Pracht und Ueberfluß herrschen? […] Was wird hier der ausgehungerte Unterthan? Was wird das unbefangene publicum sagen, welches man allzeit zu seinem strengen Richter hat?“ Im Jahre 1760 galt auch in Weimar „bei allen Abschottungsversuchen der fürstlichen ‚Arkana‘ […] der Druck einer räsonierenden Öffentlichkeit […] intern als gewichtiges Argument.“101 Auch Anna Amalias Kabinettsekretär Kotzebue betonte ein Jahr später in seinen Vorschlägen zur Einschränkung des Hofstaates, dass eine sparsame Hofhaltung eine bessere Außenwirkung erziele als verschwenderischer Luxus. „Der Überschuß macht kein Ansehen. Fremde, die sich an einem Hof einfinden, werden unendlich mehr eingenommen durch eine gefällige gütige Begegnung des Fürsten […] als durch alle äußerliche Pracht.“102 Zwar seien aufwendige „Galla Tage“ im Jahr notwendig, „da man insonderheit der Dienerschafft im Lande den Abgang des noch minderjährigen Regenten gewissermaßen ersetzen, Sich und denselben ihnen zeigen und Gelegenheit geben muss, ihre Freude über die gute Regierung, und über das zunehmende Alter ihres jungen Herren öffentlich auszulaßen.“ Doch auch diese Tage könne man sparsam gestalten, da Anna Amalias Witwenstatus erlaube, die Empfänge weniger prachtvoll zu gestalten, als wenn ein regierender Herr diese veranstalten würde. Wie zuvor Nonne setzt auch Kotzebue den Fürsten in den Dienst seiner Untertanen. Nach diesem ‚aufgeklärten‘ Herrscherverständnis „bedarf es des Glanzes und des Luxus zur Etablierung der fürstlichen Würde im Bewußtsein der Untertanen nicht mehr. Denn man kann als Untertan die Herausgehobenheit des Fürsten nach dieser Vorstellung nur noch dann akzeptieren, wenn man die Besonderheit seiner Leistungen schätzt.“103 Der Konflikt um die Höhe des Hofetats und dessen notwendige Aufwendungen dauerte während der gesamten Obervormundschaft an.104 Trotz 101 Berger 2003, S. 252. 102 Carl Christian von Kotzebue, Ohnmaßgebliche Vorschläge zur Einschränkung des Hofstaats 1760 / 61, in: ThHStAW A 9034a / 2. 103 Ventzke 2001, S. 27f. 104 Vgl. Ventzke 2001, S. 29 und Berger 2003, S. 253.

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der Bemühungen seitens der Herzogin und ihrer Räte, den Hof sparsam zu bewirtschaften, konnte der Etat der Hofkasse von 36000 Rt im Jahr nicht eingehalten werden. Als Argument des Hofmarschallamtes diente die schwere Kalkulierbarkeit von unvorhergesehenen Kosten, wie z. B. der Aufwand bei der Bewirtung von Gästen. Trotzdem erhöhten die Regentin und ihre Berater den Etat nicht, sondern leisteten außerordentliche Zuschüsse aus der fürstlichen Schatulle und aus der Kammer. „Die Einladungs- und Repräsentationspraxis der Fürstin richtete sich weiterhin nicht nach den Einnahmen der Hofkasse.“105 Auch in Weimar konnte der strukturelle Konflikt, die schwere Einordnung des fürstlichen „decorum“ in ein rationales System der Staatsfinanzen nicht gelöst werden und der Hof blieb unter Anna Amalias Regentschaft ein dysfunktionaler Störfaktor im theoretisch wohlgeordneten Finanzsystem des Fürstenstaates. Doch nicht nur die Hofkasse kam mit ihrem Etat nicht aus. Auch die anderen Kassen waren in einem defizitären Zustand, als Carl August 1775 die Regentschaft übernahm. So muss die in der Forschung vorherrschende Behauptung revidiert werden, Anna Amalia habe das Land schuldenfrei an Carl August übergeben.106 Reformen in der Agrar-, Policey- und Konfessionspolitik

Die Wirtschaftspolitik Anna Amalias und ihrer Räte zeichnet sich durch ein Festhalten an alten Zuständen und eine abwartende Haltung gegenüber Neuerungen aus. So wurde z. B. die Gründung einer staatlichen, überregionalen Handelsgesellschaft diskutiert, aber nicht vollzogen.107 Durch eine vom Geheimen Consilium verantwortete Münzmanipulation kam es zu einer rapiden Abwertung des Geldes.108 Anna Amalia erkannte zwar die Folgen der unlauteren Währungspolitik, konnte sich aber nicht gegen das Geheime Consilium behaupten. Die Förderung der Landwirtschaft und das Bemühen um die ‚Versittlichung‘ der ländlichen Bevölkerung im Sinne des Strebens nach allgemeiner Glückseligkeit zählen zu den ‚aufgeklärten‘ Reformbemühungen des

105 Berger 2003, S. 253. 106 Die Legende der Schuldenfreiheit basiert im Wesentlichen auf Hartung 1923, S.  42–60 und Mentz 1936, S.  41–47 und 108–113. Erst die neueste Forschungsliteratur erkannte den wackligen Boden, auf dem sie steht. Vgl. Ventzke 2001, S. 22, Anm. 11 und S. 26–30, Ventzke 2002, S. 43–45, Berger 2003, S. 264–266. 107 Zur Wirtschafts- und Währungspolitik Anna Amalias vgl. Berger 2003, S. 266–268. 108 Zur „Kipper- und Wipperpolitik“ der Räte vgl. Ventzke 2002, S. 145–153.

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18. Jahrhunderts.109 Auch im Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach war die Stärkung der Landwirtschaft ein wichtiges Ziel der Regentin und ihrer Räte. So wurde beispielsweise versucht, den Kleeanbau in den kargen Ämtern des Landes Eisenach zu kultivieren. Die Einführung einer Brandassekurationssozietät nach Braunschweiger Vorbild zählte zu den maßgeblichen Reformen der „Policeypolitik“ während Anna Amalias Regentschaft.110 Allerdings wurde die Bevölkerung ungenügend über den Wert einer Brandversicherung aufgeklärt, so dass versicherungstechnische Auflagen von den Untertanen häufig ignoriert wurden. Auf Anraten des Geheimen Rats von Fritsch wurde das Behördensystem ausgebaut, indem landesherrliche Kommissionen eingerichtet wurden, wie z. B. eine Generalpoliceydirektion im Dezember 1770.111 Diese sollte die Einhaltung der herzoglichen Verfügungen überwachen und außerdem Handel und Gewerbe fördern. Ein rigides Straßenreinigungsreglement sorgte beispielsweise als ordnungspolitische Maßnahme ab 1759 für die Reinhaltung der Straßen in den Städten.112 Konfessionspolitik und bildungs- und gesundheitspolitische Reformen

Im Rahmen der Kirchen- und Konfessionspolitik kann bei Anna Amalia eine gewisse Toleranz gegenüber anderen Konfessionen als der lutherischen beobachtet werden.113 So erlaubte sie den Reformierten und Calvinisten in Weimar und Eisenach, das Abendmahl zu feiern. 1774 erteilte sie nach Beratung mit ihren Räten den Katholiken die Erlaubnis, mit einem Priester aus Erfurt das Osterfest zu begehen sowie einmal im Monat mit einem auswärtigen Priester einen Gottesdienst abzuhalten. Bedingung war nur, dass diese Gottesdienste den Charakter einer Privatandacht behielten und nicht zu einem öffentlichen Ereignis ausgeweitet wurden. „Die geheimen Räte zogen sich […] auf die reichsrechtliche Grundlage des Westfälischen Friedens zurück, das allen Nichtangehörigen der Landeskonfession nur die Devotio Domestica (Andacht ohne Glocken, nicht im Gotteshaus) zugestand.“114 Die konfessionelle Toleranz ging nur soweit, wie sie reichs109 Vgl. Ventzke 2002, S. 244–246. Dort auch zur Agrarpolitik der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts in Weimar. 110 Vgl. Mentz 1936, Salentin 1996, S 51, Berger 2002, S. 57 und Berger 2003, S. 269. 111 Vgl. Hess 1962, S. 192f, Berger 2002, S. 57 und Berger 2003, S. 262 und 269. 112 Vgl. Salentin 1996, S. 51f. 113 Zu Anna Amalias Konzilianz in der Kirchen- und Konfessionspolitik vgl. Mentz 1936 und Berger 2003, S. 271–272. 114 Berger 2003, S. 271.

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rechtlich abgesichert war. „Ansätze einer konfessionellen Toleranz in Hinsicht auf eine öffentliche Glaubensausübung konnten Reformierte und Katholiken daraus nicht ableiten.“115 Im Bildungswesen sorgte sie 1770 durch neue Schulgesetze für eine Verbesserung der Schulbildung.116 Während Anna Amalias Regierung wurden 1761 eine Realschule in Jena, deren Oberaufsicht die Herzogin innehatte, und 1771 eine Freischule für ärmste Kinder gegründet. Eine „‚aufklärerische‘ Mustermaßnahme der Vormundschaftsregierung“ war das Projekt der Errichtung einer Hebammenschule in Jena.117 Dieses war bereits 1769 angedacht worden, aber aufgrund des Widerstandes in der Bevölkerung 1771 wieder eingestellt worden. Am Ende von Anna Amalias Regentschaft sollte es erneut aufgegriffen werden. Da das Consilium versäumte, durch Aufklärung der Bevölkerung ihren Unwillen gegenüber dem „unehrenhaften Accouchierhaus“ zu nehmen, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Räten und der aufgebrachten Bevölkerung, die vermutlich zu dem verhängnisvollen Schlossbrand 1774 führten.

1.2.4 Anna Amalia – eine aufgeklärte Regentin? Die Literatur zur Regierungsgeschichte des Staates Sachsen-Weimar-Eisenach betont, dass mit dem Regierungsantritt der Herzogin der so genannte ‚aufgeklärte Absolutismus‘ in den thüringischen Staaten eingeführt wurde.118 Gemeinhin bezeichnet der ‚aufgeklärte Absolutismus‘ jene Form des Absolutismus, „in der aufklärerische Ideen in das Verständnis der Herrschergewalt und in die reformerische Regierungspraxis einflossen, ohne jedoch den Rahmen der politischen und sozialen Ordnung sprengen zu können – und in der Regel auch, ohne dies, den Intentionen der aufgeklärten Fürsten zu folge, tun zu sollen.“119 In den deutschen Staaten des 18. Jahr115 Berger 2003, S. 272. 116 Zu den Reformen im Schulwesen vgl. Mentz 1936. 117 Zum Projekt der Hebammenschule und dessen aufrührerischen Folgen in der Bevölkerung vgl. Ventzke 2002, S. 1–8 und Berger 2003, S. 277f (Zitat S. 277). 118 Vgl. Hess 1962, S. 185, Huschke 1982, S. 374. 119 Demel 1993, S. 4f. Die vorliegende Arbeit bezieht sich bewusst auf diesen nicht sehr scharf umgrenzten Begriff des ‚aufgeklärten Absolutismus‘, da die Begriffsforschung lehrt, wie umstritten dieser Begriff sein kann. Hier werden zwei verschiedene Kategorien miteinander verbunden: „Ein autokratisches Herrschersystem und eine philosophische Grundrichtung.“ Berger 2003, S. 227. Sowohl dem Begriff des ‚Absolutismus‘ als auch dem der ‚Aufklärung‘ werden in der Forschung derart disparate und komplexe Inhalte zugeschrieben, dass auch das Verhältnis zwischen diesen beiden Phänomenen verschiedenartig gedeutet werden kann.

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hunderts ist eine höchst heterogene Herrschaftspraxis zu beobachten, die in der Literatur unter dem Phänomen des ‚aufgeklärten Absolutismus‘ subsumiert wird. Dabei ist versucht worden, einen Idealtypus des aufgeklärten Herrschers herauszuarbeiten. Zu seinen idealtypischen Merkmalen zählen der rationale Legitimationsgrund der Herrschaft, die Partizipation am ‚aufklärerischen‘ Denkprozess und die Durchsetzung von ‚aufklärerischen‘ Reformen.120 Einen Idealtypus eines solchen Regenten in der Realität zu finden grenzt an Unmöglichkeit, und so vermag nahezu kein Herrscher des 18. Jahrhunderts diese Ideale zu erfüllen. Vielmehr sind, in einigen Staaten stärker, in anderen schwächer, ‚aufklärerische‘ Tendenzen zu spüren, die in Richtung des Idealtypischen gehen.121 Da in vielen deutschen Territorien nach dem Siebenjährigen Krieg eine Welle intensiver Reformbemühungen begann, wird diese Epoche auch als eine Phase des ‚Reformabsolutismus‘ bezeichnet.122 Dieser Begriff vermag das Wesen der Regierungspraxis vieler deutscher Staaten des 18. Jahrhunderts treffender zu beschreiben als der wenig aussagefähige Begriff des ‚aufgeklärten Absolutismus‘. Das von Praun formulierte Herrschaftsmodell für Sachsen-Weimar-Eisenach gründet sich auf einer rationalen Legitimation in Form eines Gesellschaftsvertrages zwischen der Fürstin Anna Amalia und ihren Untertanen. Wie die Diskussion um den Hofetat gezeigt hat, erklärten auch Anna Amalias Berater im Geheimen Consilium das Wohl der Untertanen zum ersten Ziel der Herrschaft. Anna Amalia war von Staatsmännern wie Nonne, Kotzebue, Greiner und Fritsch umgeben, die den staats- und wohlfahrtstheoretischen Ideen der Aufklärung offen gegenüberstanden.123 Auch wenn von Anna Amalia keine persönlichen staatstheoretischen Bemerkungen überliefert sind und „ihre sonstigen Äußerungen […] auf ein patriarchalisches Herrschaftsverständnis“124 hindeuten, nahm sie durch ihre BeraAuf die verschiedenen Deutungen des ‚aufgeklärten Absolutismus‘ kann im Rahmen dieser Arbeit nur verwiesen werden. Einen umfassenden Überblick über die Begriffsgeschichte sowie die verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten liefert Demel 1993, S. 61–73. Zur Diskussionsgeschichte zum ‚aufgeklärten Absolutismus‘ vgl. u. a. Aretin 1974, Ingrao 1986, Birtsch 1987a, Klippel 1990a, Demel 1993, Birtsch 1996a, Hinrichs 2000, S. 123–145. Zum Phänomen der Widersprüchlichkeit des Begriffs ‚aufgeklärter Absolutismus‘ vgl. Aretin 1974a und Baumgart 2000. 120 Diese idealtypischen Merkmale eines aufgeklärten Herrschers gehen auf Birtsch 1987a zurück. 121 Aretin stellt z. B. zwölf Thesen zum ‚aufgeklärten Absolutismus‘ auf, die den „Charakter dieser Epoche“ kennzeichnen, da eine „Definition bei einem in sich so widersprüchlichen Phänomen nur schwer zu geben ist.“ Vgl. Aretin 1974a, S. 42–44. 122 Vgl. Demel 1993 und Birtsch 1996a. 123 Zu Fritschs ‚aufgeklärter‘ Denkweise vgl. Hahn 1994, S. 75f. 124 Berger 2003, S. 293.

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ter indirekt am aufgeklärten Denkprozess teil. Eine Partizipation an diesem Prozess äußerte sich z. B. in Anna Amalias Interesse an einer ‚aufgeklärten‘ Erziehung ihrer Söhne, vor allem des Erbprinzen, oder der Befürwortung der privaten Religionsausübung von Katholiken und Calvinisten. „In allen ‚aufgeklärten‘ Reformprojekten, die das Consilium während der Regentschaft diskutierte und teilweise ins Werk setzte, erscheint Anna Amalia weder als Impulsgeberin noch als zentrale Akteurin.“125 Dies mag weniger auf ein Desinteresse Anna Amalias als vielmehr auf ihre Unerfahrenheit, ihren obervormundschaftlichen Status und dadurch auf mangelnde Durchsetzungsfähigkeit zurückzuführen sein. Reformen wurden eher diskutiert als wirklich durchgesetzt. So wurde z. B. angeregt über die Frage gestritten, „ob ein fürstliches Hofwesen eine vom Land und seinem Zustand unberührte Existenz führen oder als ein Teil der Staatsfinanzen Ausweis einer an öffentlichen Interessen orientierten Reformpolitik sein sollte.“126 Die Herzogin und ihre Räte plädierten zwar für letzteres, praktisch wurde aber kein finanzpolitischer Wandel durchgeführt. Der Konflikt um die Hebammenschule zeigt außerdem, dass die Regentin und ihre Geheimen Räte „die Notwendigkeit einer dialogischen, auf Ausgleich und Transparenz setzenden Politik, die notwendig war, um Reformvorhaben durchsetzen zu können“, nicht erkannten.127 Die besonderen Weimarer Umstände – Jugend und Unerfahrenheit der Regentin, Charakter und Dauer der Vormundschaft, eine schwache finanzielle Gesamtlage – machten es der Herzogin unmöglich, das Land bis 1775 politisch zu stabilisieren und finanziell zu konsolidieren.

1.3 Anna Amalia als Förderin der Wissenschaft und Künste Ein herrschaftlicher Wirkungsbereich, in dem sich Anna Amalias persönliche Neigungen und Interessen mit denen einer Regentin vereinten, war die Förderung von Kunst und Wissenschaften. Es bleibt eine Vermutung, ob die regierende Witwe durch eine verstärkte musische und mäzenatische Aktivität ihre politische Einflusslosigkeit kompensieren wollte oder sollte.128 Das Sammeln und die Förderung von Kunst und Wissenschaft war für den fürstlichen Hof von jeher ein Mittel, „eine Ideologie der Magnifizenz und 125 Berger 2003, S. 269. 126 Ventzke 2002, S. 117. 127 Berger 2003, S. 293. 128 Zu dieser Frage vgl. Berger 2003, S. 506.

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Grandeur zum Ausdruck zu bringen.“129 Die Kunstförderung sowie die Wissenschaftspolitik wurden durch das „politische Gebot höfischer Repräsentation“ für einen Fürsten unverzichtbar.130 Nicht nur in finanziell begrenzten, ressourcearmen oder militärisch schwachen Territorialstaaten – dort aber als Kompensationshandlung verstärkt – versuchten die Höfe durch Kunstförderung ihre Machtansprüche auszudrücken.131

1.3.1 Paradigmenwandel der höfischen Repräsentationsinstrumente im 18. Jahrhundert Der Einsatz von repräsentativen Mitteln diente der Selbstdarstellung des Fürsten und seines Hauses, der Steigerung seines Ansehens und dem der Dynastie.132 Innerhalb des absolutistisch regierten Kleinstaates fungierte ein prachtvolles und zeremoniöses Hofleben als Herrschaftsinstrument gegenüber den Untertanen und, falls notwendig, zur Domestizierung des territorialen Adels. Der Hof diente als Schauplatz des Herrscherkultes: Indem das Hofleben im Gegensatz zur gewöhnlichen Welt in eine entrückte Sphäre gehoben wurde, wurde der Hof zur Bühne, „auf der sich im Ritual des Zeremoniells die sakrale Demonstration und Verehrung der herrscherlichen Majestät vollziehen konnte.“133 Der auf Distanz gehaltenen Bevölkerung wurde durch den höfischen Aufwand Macht und Ansehen des Fürsten verdeutlicht, dem Adel durch die Möglichkeit der Übernahme eines Hofamtes seine politische Ohnmacht kompensiert.134 Höfische Repräsentation diente nicht nur der fürstlichen Reputation innerhalb des jeweiligen Kleinstaates, sondern auch in der höfischen Öffentlichkeit des gesamten Reiches sowie im Ausland. Der Hof wurde zum sozialen und politischen Herrschaftsinstrument des Fürsten, zum Gradmesser der politischen Macht. Dem konnten sich auch nicht die Staaten entziehen, die 129 Da Costa Kaufmann 1998, S. 343. 130 Vgl. Berns 1995, S. 15f (Zitat S. 16). 131 Zum so genannten ‚Musenhof‘, der sein Prestige seiner Kunst- und Wissenschaftsförderung verdankt vgl. Bauer 1993, S. 73–77 und Berns 1993. Zum ‚Musenhof‘ als Ort einer Ersatzhandlung vgl. dort S. 76. Zur kritischen Betrachtung des Begriffs ‚Musenhof‘ vgl. Berger 2001a, S. 1–7 und Berger 2003, S. 389–392. 132 Vgl. Berger 2003, S. 291. 133 Baumgart 1981, S. 33. 134 Zur Funktion des höfischen Aufwandes als Herrschaftsinstrument gegenüber den Untertanen vgl. insbesondere Baumgart 1981, S. 31–34 und Kruedener 1973, S. 28f. Zur Erklärung des höfischen Aufwands als machtpolitisches Instrument gegenüber dem Adel vgl. u. a. Vierhaus 1986, S. 127, Müller 1995, S. 34f und Duchhardt 1998, S. 53.

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sich für staatsrechtlich-politische Alternativen zum fürstlichen Absolutismus entschieden.135 Auch in den Staaten, die nach außen einen ‚aufgeklärten‘ Hof demonstrieren wollten, blieben die Höfe weiterhin „Medien der dynastischen Wirklichkeitsmodellierung“ mit dem Anspruch, die Bedeutung ihres Herrschers darzustellen; allerdings mussten sie nach neuen Repräsentationsformen suchen.136 Ein Fürst, der sich im ‚aufklärerischen‘ Sinne nach außen und nach innen als Diener seines Staates darstellen wollte, musste seine Repräsentationsformen dem ‚modernen‘ rationalen Denken anpassen. Ein Wandel des höfischen Wertegefüges und Selbstverständnisses war die Folge. Gemäß den zeitgenössischen staats- und wohlfahrtstheoretischen Ideen lösten Kriterien wie Effizienz und Leistung zum Wohl des Staates und der Untertanen die barocke Prachtentfaltung als Maßstab für einen repräsentativen Hof ab. Es galt, „keinen unverhältnismäßigen Aufwand zu betreiben sowie den Fürsten als arbeitenden, Verantwortung tragenden Herrscher sichtbar werden zu lassen, der sich mit einer geistig und künstlerisch regen höfischen Entourage umgab.“137 Diese rationale Herrschaftsauffassung galt als ‚modern‘, und zeitgemäß zu sein war ein wichtiger Bestandsteil des Ausdrucksrepertoires eines Hofes, der im Reich eine staats- und militärpolitisch schwache Stellung innehatte.138 Als Diener eines auf das Gemeinwohl ausgerichteten Staates hatte der ‚aufgeklärte‘ Fürst für die Versittlichung und Tugendhaftigkeit seiner Untertanen zu sorgen. Diese Eigenschaften sollten durch entsprechende Bildung erreicht werden.139 In diesem Sinne hatte er als Initiator und Mäzen von Bildungsinstitutionen wie Akademien oder Kunstanstalten aufzutreten. Auch das Bemühen um die fürstlichen Sammlungen wurde in den Dienst der Förderung des Gemeinwohls gestellt.140 Die Sammlungen wie Kunst135 Vgl. Duchhardt 1998, S. 52. 136 Zur Repräsentationsfunktion der Höfe im Zeitalter der ‚Aufklärung‘ in Deutschland vgl. richtungsweisend Daniel 2002. Zu Repräsentationsstrategien deutscher Fürstinnen in der ‚Spätaufklärung‘ am Beispiel Anna Amalias vgl. Berger 2004. 137 Daniel 2002, S. 26. 138 Vgl. Daniel 2002, S. 25. 139 Die Erziehung zur Vernunft wurde als Bildung zur gesellschaftlichen Glückseligkeit im Wolffschen Sinne begriffen. Vor dem Hintergrund des Optimismus der noch nicht selbstkritisch gewordenen ‚Aufklärung‘ war es „selbstverständlich, daß der Staat die Pflicht habe, für die Erziehung [...] zu sorgen; derjenige Staat werde der vollkommenste sein [...], in dem die Menschen durch öffentliche Vorkehrungen am fähigsten würden, ihrer Bestimmung nachzukommen, ihre Fähigkeiten und Kräfte auszubilden, sich zu vervollkommnen.“ Vierhaus 1972, S. 512f. Zum Bildungsbegriff der Frühen Neuzeit vgl. Vierhaus 1972. Zur „universalen Bildungsmission“ eines ‚aufgeklärten‘ Fürsten vgl. Daniel 2002, S. 26–28 und Berns 1993, S. 26f. 140 Vgl. Da Costa Kaufmann 1998, S. 492.

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und Bilderkammer oder Bibliothek sollten nicht mehr nur dem „decorum“ und der „recreation“ des Fürsten und seiner Gäste dienen, sondern auch der Erziehung der Untertanen.141 Um diesem Anspruch zu genügen, wurden die fürstlichen Sammlungen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nach und nach einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Als Beispiel seien hier die Sammlungen von Friedrich II. von Hessen-Kassel genannt, für die 1769 der erste freistehende Museumsbau in Deutschland, das Museum Fridericianum in Kassel, errichtet wurde.142 Unter den zu fördernden Institutionen, die einer allgemeinen ‚Versittlichung und Geschmacksbildung‘ dienen sollten, nahmen in den Augen der Aufklärer die ‚Theater als moralische Anstalt‘ die unmittelbarste Rolle ein.143 Auch diese öffneten sich dem allgemeinen Publikum. Durch die Öffnung der höfischen Institutionen wurde die zuvor beabsichtigte Distanz zwischen der Bevölkerung und dem Fürsten bewusst verringert, zumindest nach außen hin. Der Fürst präsentierte sich als ein Herrscher, der seine Untertanen teilweise an seiner Welt teilhaben ließ. Weiterer Adressat der Selbst- und Außendarstellung der ‚aufgeklärten‘ Höfe war neben dem nahen einheimischen Umfeld auch eine literarische reichsweite Öffentlichkeit. Durch das verstärkte Aufkommen von Zeitschriften und Magazinen, die nicht nur am Hofe gelesen wurden, zirkulierten im gesamten Reich und standesübergreifend Berichte über das kulturelle und wissenschaftliche Engagement der verschiedenen Höfe (z. B. in Form von Theaterkritiken).144 Doch auch wenn sich die Höfe vermehrt einem bürgerlichen Publikum öffneten, blieben die Standesunterschiede bestehen. So ist reichsweit kein quantitativer Trend einer ‚Verbürgerlichung der Höfe‘ festzustellen. Unter den Hofleuten und im näheren Umfeld der Regenten waren „einmal mehr, einmal weniger Nichtadelige.“145 Kunst- und Wissenschaftsförderung waren nicht nur repräsentativ und politisch motiviert, sondern entsprangen auch einem Unterhaltungsbedürfnis. Der Zweck des „divertissements“ und „plaisirs“ spielte eine gleichbe-

141 Zum Funktionswandel der fürstlichen Bibliotheken im 18. Jahrhundert vgl. ausführlich Kapitel 2. 142 Vgl. Schuchard / Dittscheid 1979, S. 78–80. 143 Zum Funktionswandel der Hoftheater im 18. und 19. Jahrhundert vgl. Daniel 1995, sowie Matthes 1995 und Meyer 1999. Zum Theater als „moralische Anstalt“ vgl. auch Abschnitt 5.3.2. 144 Vgl. Berger 2003, S. 478. 145 Daniel 2002, S. 30.

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rechtigte Rolle, wenn die Förderung kultureller Institutionen thematisiert wurde.

1.3.2 Kunst- und Kulturförderung während der Regentschaft Anna Amalias Kulturelles Engagement wurde von Anna Amalia in ihrer Rolle als regierende Herzogin erwartet. Es stellt sich die Frage, inwiefern ihr Einsatz für die Künste und Wissenschaften politisch und durch Repräsentation motiviert war, d. h. ob sie ihr Mäzenatentum nutzte, um ihren Hof als ‚aufgeklärt‘ darzustellen, oder ob ihr Bemühen persönlichen musischen Interessen und Unterhaltungsbedürfnissen entsprang. Der Schwerpunkt des folgenden Abschnitts liegt auf den Regierungsjahren der Herzogin 1759–75. Musik und Theater

Über das Ausmaß der fürstlichen Förderung von Kunst und Wissenschaft bestimmen in erster Linie die verfügbaren Finanzen.146 Anna Amalias Schatullrechnungen sind nur für ihr letztes Regierungsjahr 1774 überliefert. Daher lassen sich die finanziellen Aufwendungen Anna Amalias für Mäzenatentum nur schwer quantifizieren und qualifizieren. Zunächst ist festzuhalten, dass Anna Amalia die verschiedenen kulturellen Institutionen des Weimarer Hofes gemäß ihren persönlichen dilettantischen Interessen förderte. So setzte sie sich besonders für die Musik (Hofkapelle) und das Theater ein.147 In ihrer Regierungszeit waren es im wesentlichen Musiker und Schauspieler, die sie mit Gunsterweisungen versah und förderte.148 Während ihrer Regierung sah Anna Amalia die Aufgabe des Konzerts oder der Theater- bzw. Opernaufführung in der Unterhaltung und der Ablenkung von ihren Regierungsgeschäften.149 Anders als Wieland, der wie andere ‚Aufklärer‘ das Theater als „moralische Erziehungsanstalt“ begriff, 146 Zur finanziellen Grundlage für das Mäzentatentum vgl. Berger 2003, S. 393–400. 147 Zu Anna Amalias Engagement für Theater und Konzert vgl. Berger 2003, S.  475–487. Dies zeigen auch die Schatullrechnungen von 1774. Anna Amalia wendet für die Hofschauspielertruppe und die Hofkapelle insgesamt mehr auf als für alle andere musisch-mäzenatischen Posten zusammen. Vgl. Berger 2003, S. 399. 148 Zum von Anna Amalia bewusst eingesetzten System fürstlicher Gunstvergabe bzw. Gunstentzug beim Hoftheater vgl. Berger 2003, S.  476f. Zu den während der Regierungszeit besonders geförderten Musikern und Schauspielern vgl. Dreise-Beckmann 2001, S. 56–62. 149 Diese Funktion der Musik- und Theaterdarbietungen formuliert Anna Amalia 1765 gegenüber dem Geheimen Rat Fritsch. Vgl. Berger 2002, S. 69.

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hatte Anna Amalia an das Theater keinen sozialpädagogischen Anspruch.150 Wielands Projekte unterstützte sie nicht, und so blieben sie „Gedan­ken­ spiele.“151 Allerdings kam der Herzogin sicher nicht ungelegen, dass Wieland in dem von ihm 1773 gegründeten ‚aufgeklärten‘ Journal „Teutscher Merkur“ die künstlerische Qualität des Weimarer Hoftheaters und dessen Aufführung von Opern in deutscher Sprache lobte.152 Als ein weiteres bildungsbewusstes Qualitätsmerkmal hob er in mehreren „Theatralischen Nachrichten“ den freien Eintritt für Hofstaat und Stadtbürger hervor.153 Glaubt man allerdings einem Zeitgenossen, dann mag der ‚Aufklärer‘ die Wirklichkeit für seine Reputationszwecke verdreht haben. Ein Besucher des Weimarer Hoftheaters berichtet: „Das Hofmarschallamt gab die Billets aus. Leute, die man am Hofe kannte, wurden besonders berücksichtigt. […] So ganz frei war eigentlich der Eintritt in das Theater doch nicht. Man musste genereus seyn gegen die, welche die Billets austheilten“.154 Wieland schuf auf diese Weise „eine aufklärerisch akzentuierte Selbstinszenierung des Weimarer Hofs und seiner fürstlichen Mäzenin.“155 Da das Journal reichsweit und nicht nur an den Höfen gelesen wurde, erreichte eine breite Öffentlichkeit die Darstellung von Anna Amalia als ‚aufgeklärter‘ Regentin.156 Kunstsammlungen

Der skizzierte Funktionswandel der höfischen Kunst- und Bilderkammern von repräsentativen Prestigeobjekten hin zu öffentlichen Bildungsinstitutionen, die dem öffentlichen Gemeinwohl dienen sollten, kann während der Regierungszeit Anna Amalias noch nicht beobachtet werden. Die Sammlungen fungierten vorwiegend zur Darstellung der Kultiviertheit der fürstli-

150 Zu Wielands Einstellung zum Theater als politisch-moralisches Institut vgl. Heinz 2002. 151 Berger 2003, S. 477. 152 Zu Wielands Lobpreisungen des Weimarer Hoftheaters vgl. Knoche 1999b, S. 40f. 153 Vgl. Berger 2003, S. 477. 154 Garderobeninspektor Weise, „Erinnerungen an das Hoftheater vor dem Schlossbrand“ (in einem Aktenband für eine Weimarer Chronik, die Erbgroßherzog Carl Friedrich Anfang des 19. Jahrhunderts zusammenstellen ließ): ThHStAW HA XXII 497, Bl. 88. 155 Berger 2003, S. 478. 156 Der Teutsche Merkur hatte um die 2500 Abonnenten, tatsächlich aber eine wesentlich größere Leserschaft. Die Ausführungen Wielands zum Weimarer Theater, insbesondere zu einer Aufführung seines Singspiels „Alceste“, müssen eine so große Resonanz gefunden haben, dass sich Wieland in einem Heft dafür entschuldigt, dass er nicht alle Zuschriften beantworten könne. Vgl. Knoche 1999b, S. 40f.

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chen Familie.157 Ein besonderes Interesse Anna Amalias, die Bestände zu vermehren, ist nicht dokumentiert. Es ist auch nicht überliefert, dass sie von ihren Schatullgeldern systematisch eine persönliche Sammlung aufbaute. Erst zehn Jahre nach Regierungsantritt werden einige Werke restauriert. Eine Vernachlässigung der Kunstsammlungen wird auch durch die unzureichende Unterbringung der Bilderkammer im Schloss verdeutlicht. Nach der Aussage des Hofmarschalls von Witzleben scheint diese nicht sehr repräsentativ im Schloss untergebracht gewesen zu sein. Der Aufbewahrungsort der Gemälde sei so „unbequem und dunkel“, dass „sogar denen offters anhero kommenden Fremden und Kenner solche nicht einmal sämtlich vorgezeiget werden können.“158 Der Hofmarschall schlug vor, die Gemälde im Erdgeschoss der Bibliothek aufzustellen. Vorbild für ihn war die Gemäldegalerie in Salzdahlum, der Sommerresidenz von Anna Amalias Familie in der Nähe von Braunschweig. Dort seien die Gemälde wie an anderen Höfen auch im Parterre untergebracht. Der Vorschlag von Witzleben wurde nicht verfolgt, und die meisten Gemälde fielen dem Schlossbrand 1774 zum Opfer. Diese Episode zeigt, dass Anna Amalia während ihrer Regierungszeit der bildenden Kunst einen geringen Unterhaltungswert beimaß. Ebensowenig wurde Wert auf eine repräsentative Außenwirkung mittels der Förderung der Kunstsammlungen gelegt, sei es als dynastisches oder ‚aufgeklärtes‘ Aushängeschild. Erst unter Anna Amalias Sohn Carl August wurden 1776 eine Kunstakademie gegründet und ein Museum eingerichtet, und somit wurde der ‚aufklärerische‘ Gedanke aufgegriffen, dass durch die Geschmacksverbesserung der Bevölkerung praktische (z. B. Qualitätsbewusstsein in der Produktion) und moralische Bildungsziele zum Wohle des Staates erreicht werden können.159 Künstler und Gelehrte

Ein idealtypisches Repräsentationsmerkmal einer ‚aufgeklärten‘ Herrscherin ist die Bindung von Künstlern und Gelehrten an den Hof, die den ‚aufklärerischen‘ Bestrebungen nahe stehen.160 Die Ämtervergabe ist als ein „institutionalisiertes Mäzenatentum“ zu bezeichnen.161 Auch Anna Amalia ver157 Zur Förderung der Kunstsammlungen durch Anna Amalia vgl. Berger 2003, S. 420–423. 158 Friedrich Hartmann von Witzleben an Anna Amalia am 15.4.1772, zitiert nach Berger 2003, S. 421. 159 Vgl. Da Costa Kaufmann 1998, S. 439 und 493f. 160 Vgl. Daniel 2002, S. 26. 161 Vgl. Berger 2003, S. 445. Anna Amalias Förderung von Künstlern und Gelehrten vgl. Berger 2003, S. 444–468.

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gab Ämter mit Prädikat und Besoldungszuschüsse an Künstler- und Gelehrte. „Gemäß den Sparvorgaben für die obervormundschaftliche Landesadministration besetzte die Herzogin nur die Stellen neu, die für die künstlerisch-wissenschaftliche Infrastruktur der Residenz unerläßlich waren.“162 So sind während ihrer Regierungszeit nur an einige wenige bedeutende Künstler Hofämter vergeben worden. Sie schmückte sich auch nicht mit einem über die Grenzen anerkannten Philosophen und Literaten als Bibliothekar, wie z. B. ihre Familie mit Leibniz oder Lessing. Allerdings holte sie mit Wieland einen der bekanntesten ‚aufgeklärten‘ Denker in ihren Hofstaat. Außerdem wurde ein weiterer Schriftsteller am Hofe eingestellt: Der Schriftsteller Johann Carl August Musäus erhielt das Amt des Pageninformators. Auch wenn sie nicht immer Wielands kulturpolitische Auffassungen teilte, wie der Abschnitt zum Theater verdeutlicht, erreichte sie durch die Berufung Wielands, dass der Weimarer Hof von außen als einer, der den ‚aufgeklärten‘ Denkern des Landes offensteht, wahrgenommen wurde. Nicht zuletzt durch ihren familiären Hintergrund und ihre Erziehung wusste sie die Berufung als Machtinstrument zweckdienlich einzusetzen. Nach dem Regierungswechsel hatte Anna Amalia auf die Ämtervergabe ihres Sohnes Carl August keinen Einfluss mehr. Sie fand losere Formen als den Hof- bzw. Staatsdienst, „um Künstler und Gelehrte zeitweise in die Geselligkeit an ihrer Hofhaltung zu integrieren“163, wie z. B. ihre geselligen Runden im Wittumspalais oder in Tiefurt. Herzoglich Sächsische Universität zu Jena

Neben der Bibliothek zählte die Herzoglich Sächsische Universität Jena zu den wissenschaftlichen Einrichtungen, die Anna Amalia während ihrer Regentschaft mäzenatisch unterstützte.164 Allerdings teilte sie sich die finanzielle Verantwortung mit den drei weiteren sächsisch-ernestinischen Erhalterstaaten: Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Coburg-Saalfeld und Sachsen-Meiningen. Doch obwohl die Universität auf weimarischem Territorium lag, wurde erst Carl August als „primus inter pares“ angesehen. Er erhielt am 3. Februar 1775 den Titel Rector Magnificentissimus übertragen. Auch in diesem Fall wird wieder der transitorische Charakter der Obervormundschaft eine Rolle gespielt haben. Von den vier Erhaltern setzte sich 162 Berger 2003, S. 445. 163 Berger 2003, S. 451. 164 Zu Anna Amalias Förderung der Universität Jena vgl. Wahl 1994a und Mentz 1936.

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Anna Amalia dennoch am stärksten für die Belange der Universität ein. Vornehmlich unterstützte sie die Universität finanziell. Im personellen Bereich stellte sie eine größere Summe für Besoldungszwecke zur Verfügung oder vergab Stipendien für Studenten.165 Sie förderte Ankäufe für die Bibliothek, den Auditorienbau oder die Reparatur des anatomischen Theaters. 1764 forderte sie die Ordinarien auf, ihr einen Bericht über den Zustand der ‚Hohen Schule‘ zukommen zu lassen. Außerdem setzte sie es durch, dass 1766 erstmals nach 70 Jahren wieder eine Visitation der Jenaer Universtiät durchgeführt wurde. Diese brachte entscheidende Neuerungen wie Verbesserungen in der Finanzverwaltung, bezüglich der Verfassung und der Zusammensetzung des Rektorats sowie in Personalangelegenheiten. Auch wenn Anna Amalia aufgrund des Interimscharakters ihrer Regentschaft nicht offiziell zum „Ehrenrektor“ der Universität Jena gewählt wurde, kann sie aufgrund ihres mäzenatischen Einsatzes als „primus inter pares unter den Nutritoren der Fürstlich Sächsischen Gesamt-Akademie zu Jena“166 angesehen werden.

1.3.3 Anna Amalia als Bücherfreundin In ihrer Funktion als obervormundschaftliche Regentin war es für die Herzogin eine Pflicht, sich neben dem Aufbau ihrer Privatbibliothek auch um den der fürstlichen Bibliothek zu kümmern. Schließlich diente eine fürstliche Bibliothek nicht nur als wissenschaftliche Institution für die Hofgesellschaft, sondern auch als Repräsentationsinstrument der Dynastie.167 Im Jahre 1758 veranlasste Anna Amalias Ehemann Herzog Ernst August Constantin, dass die Weimarer Kammer der Bibliothek, die dem „Fürstl. Hause viel Geld gekostet, und demselben Ehre machet“, einen Jahresetat von 400 Talern zukommen lassen sollte.168 Zuvor teilte sich die Bibliothek ein „Quantum“ von 400 Talern jährlich mit dem Archiv, der Gewehr-, Bilder-, Musik- und Naturalienkammer und dem Münzkabinett. Diese Institutionen bekamen jetzt zusammen einen Etat von 300 Talern zugewiesen. Diese Etaterhöhung wurde noch vor dem Tod von Ernst August Constantin veranlasst und ist dementsprechend nicht auf Anna Amalia zurück165 Zur Vergabe von Stipendien an Studenten vgl. Berger 2003, S.  399 und ThHStAW A 11616 Bl. 112f (Regesten). 166 Wahl 1994a, S. 97. 167 Zur Funktion von Bibliotheken und deren Wandel im 18. Jahrhundert vgl. Abschnitt 2. 168 Vgl. ThHStAW A 11617b, Bl. 11 und ThHStAW Rechnungen I 263 und 264.

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zuführen, wie in älterer Literatur des öfteren behauptet wird.169 Anna Amalia erhöhte auch während ihrer Regierungszeit nicht den Etat, obwohl sie von der Oberaufsicht darum gebeten wurde.170 Allerdings veranlasste sie des Öfteren spezielle Anweisungen (Extraordinarien) aus Mitteln der Kammern, wenn der ordentliche Etat für die Unterhaltung der Bibliotheksverwaltung und die Neuerwerbungen nicht ausreichte.171 So ordnete sie 1773 an, dass die Etatüberschreitungen der Bibliothek von 1759–72 in Höhe von 1107 Talern von der Kammer als Extraordinarium zu verrechnen seien. Auch künftig sollten für „vorteilhafte“ Erwerbungen für die Bibliothek spezielle Anweisungen ergehen.172 Außerdem gab sie öfters den Bitten des Bibliothekars um eine Gehaltserhöhung nach.173 Dass Anna Amalia auf eine Etaterhöhung nicht einging, mag auf die allgemeine Konsolidierung der Staatsfinanzen zurückzuführen sein und nicht auf mangelndes Interesse – auch wenn nicht überliefert ist, ob sie die Wahl der Ankäufe mitbestimmte. Die Herzogin war wie viele deutsche Fürstinnen des 18. Jahrhunderts bibliophil.174 Bis zu ihrem Tode 1807 umfasste ihre private Bibliothek um die 3000 Buchtitel bzw. rund 5000 Bände – die Herzogin besaß somit „eine der umfangreichsten Privatbibliotheken deutscher Fürstinnen im 18. Jahrhundert.“175 Dieser Bestand ist zum Teil in einem Katalog verzeichnet, den Anna Amalias Privatbibliothekar Christian Joseph Jagemann ab dem Jahre 1776 verfasste. Dieser Katalog gliedert sich in einen ersten Teil, dem „Catalogue raisonné de la Bibliotheque de son Altesse serenissime Madame Anne Amélie Princesse de la maison de Brunswik et Duchesse douairière de Weimar et Eisenac etc.“ und in einen zweiten Teil „Zuwachs an Büchern seit dem Jahre 1776“.176 Auch anhand 169 Vgl. z. B. Mentz 1936, S. 281, Barth 1971 und Henkel 1995. 170 Vgl. den Bericht des Oberaufsehers Christian Friedrich Schnauß (1722–1797) vom 6. Februar 1773 in: ThHStAW A 11616, Bl. 70–77 (Regesten). 171 Vgl. z. B. ThHStAW A 11616, Bl. 27 (Regesten) und ThHStAW A 11617b, Bl. 30. 172 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 78f (Regesten). 173 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 24 und 32 (Regesten). 174 Zu Anna Amalias Privatbibliothek vgl. Berger 2003, S. 414–420 und Raschke 1999. Zu deren Einordnung in den Kontext von Fürstinnenbibliotheken des 18. Jahrhunderts, zeitgenössischen Theorien zu weiblicher Lektüre und dem Verhältnis Lektüre und Geselligkeit vgl. Raschke 2001. 175 Raschke 1999, S. 83. Herzogin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha (1710–67) besaß 3567 Bände, Wilhelmine von Bayreuth (1709–58) zwischen 4135 und 4226 und Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt (1721–74) um die 5900 Bände. Vgl. Raschke 1999, S. 83f. 176 ���������������������������������������������������������������������������������������� Christian Joseph Jagemann, „Catalogue raisonné de la Bibliotheque de son Altese serenissime Madame Anne Amélie Princesse de la maison de Brunswik et Duchesse douairière de Weimar et Eisenac […]“, Tl. 1 (1776) und „Zuwachs an Büchern seit dem Jahre 1776“, Tl. 2. (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Loc:A2 Mikrofiche: M564)

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der Kauf- und Buchbinderbelege der Schatullrechnungen Anna Amalias sowie Lieferlisten verschiedener Buchhändler und Auktionslisten lässt sich nicht nur der Buchbestand, sondern auch das Profil der Sammlung ermitteln.177 Gemäß der allgemeinen Lesetendenz der Fürstinnen des 18. Jahrhunderts bilden die „Belles Lettres“ und die historischen Werke einen Schwerpunkt der Sammlung.178 Unter die letzteren fallen die verschiedensten Genres wie z. B. die „Histoires“, „Anecdotes“, „Memoires“, außerdem Briefliteratur oder Biographien. Bei den „Belles Lettres“ dominieren bedeutende Autoren des 17. und 18.  Jahrhunderts. Auch Reisebeschreibungen sind häufig vertreten. Hier liegt ein Schwerpunkt auf Italien, was auf die Vor- bzw. Nachbereitung der Italienreise Anna Amalias in den Jahren 1788–90 zurückzuführen ist. Anna Amalia besaß wohl ihrer Neigung entsprechend im Vergleich zu anderen Fürstinnen weniger Romane als dramatische Literatur. Interessant ist, dass sie Literatur anschaffen ließ, die von Frauen, über Frauen oder für Frauen geschrieben worden ist.179 Auch moderne philosophische Werke wie die von Voltaire, Locke, Wolff oder Kant sind in Anna Amalias Bibliothek vertreten. Diese Autoren waren noch Anfang des 18.  Jahrhunderts aus dem Lektürekanon adliger Frauen ausgeschlossen.180 Über den gesamten Zeitraum kann eine Abwendung von der französischen Sprache hin zur deutschen beobachtet werden. Anna Amalia und ihr Bibliothekar haben dementsprechend im Gegensatz zu anderen deutschen Höfen (z. B. Friedrich II. von Preußen) die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts abzeichnende Besinnung auf die deutsche Sprache mitvollzogen.181 177 Die Schatullrechnungen liegen allerdings erst seit dem 1. Januar 1774 vor: ThHStAW A 915–919 / 920. Vgl. auch Raschke 2001, S. 83. Zur Ermittlung des Bücherbestands aus den Schatullrechnungen vgl. Berger 2003, S. 415. 178 Vgl. zu den Schwerpunkten der Sammlung Raschke 1999, S. 84f, Raschke 2001, S. 88–91 und Berger 2003, S. 416–418. 179 Zu Anna Amalias Interesse an der Geschlechterdebatte des 18. Jahrhunderts vgl. Raschke 2001, S. 101–105. 180 Vgl. Raschke 1999, S. 86. 181 Hier mag Anna Amalia der Hof ihrer Eltern ein Vorbild gewesen sein. Ihr Erzieher Jerusalem führte die deutsche Literatur als Bildungselement am Braunschweiger Hof ein und unterstützte Anna Amalias Mutter in ihrer Liebe für die deutsche Literatur. Vgl. Wall 1925, S. 45. Allerdings ist auch überliefert, dass sich Anna Amalia nach ihrer Rückkehr aus Italien wieder zurückhaltend gegenüber der deutschen Literatur äußerte: „Seitdem ich wieder in Deutschland bin, habe ich leider gefunden, dass die deutsche litteratur nicht an Geschmack und Feinheit zugenomen, sondern vielmehr verlohren hat; das wenige das ich noch davon gesehen habe, ist kaum zu verdauen. […] Indeßen halte ich mich an die französische.“ Anna Amalia an C.L. v. Knebel, 7.2.1791, GSA 54 / 248, Bl. 37, zitiert nach Berger 2003, S. 304.

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Auch mit dem Aufbau einer Privatbibliothek wurden repräsentative Zwecke verfolgt. Anna Amalia ließ das Mansardengeschoss ihres Wittums­ palais’ herrschaftlich für die Bibliotheksräume herrichten. Friedrich Karl Gottlob Hirsching, einer der großen zeitgenössischen Bibliothekskenner, lobte die räumlichen Begebenheiten: „Die Bibliothek der verwittibten Frau Herzogin von Weimar, Anna Amalia, welche ein grosses viereckiges Zimmer einnimt, zeigt beym ersten Anblick von dem feinen Geschmack dieser erhabenen Freundin der Musen. Die Bücherrepositorien sind mit schöner Symmetrie, an den vier Wänden aufgeführt, himmelblau angestrichen, und mit stark vergoldeten und wohlangebrachten Architekturstücken in korinthischer Ordnung geschmückt. Der hervorragende vergoldete Kranz der Repositorien ist mit kleinen Statuen und Büsten besetzt.“182 Seine weiteren Ausführungen beschreiben detailliert die Aufstellungsanordnung. Schon die Tatsache, dass Hirsching Anna Amalias Bibliothek erwähnt, lässt die Herzogin nach außen als ‚aufgeklärte‘ gebildete Frau erscheinen. Diese Repräsentation wird durch die Titulierung als „erhabene Freundin der Musen“ verdeutlicht. Die privaten Büchersammlungen deutscher Fürstinnen dienten neben repräsentativen Zielen auch den eigenen Bildungszwecken.183 So erlaubte die Einrichtung einer Privatbibliothek der Herzogin, ein Bibliotheksprofil nach ihren persönlichen Sammlungs- und Leseinteressen zu entwickeln, und bot ihr Raum für eigenständiges kulturelles Handeln.184 Von einer tatsächlichen Nutzung ihrer Bibliothek zeugen neben Hinweisen aus ihrer Korrespondenz Anna Amalias Lektürenotizen.185 Die Herzogin beschäftigte sich überwiegend mit moral- und geschichtsphilosophischen, ästhetischen, politischen und geschlechtertheoretischen Fragen. Dabei urteilte sie nur selten ausführlich über die Autoren der Werke. Primär reizte sie die Wirkung, die von der Literatur ausging. Doch nicht nur Anna Amalia nutzte ihre Bibliothek als Unterhaltungsreservoir und Bildungseinrichtung, sondern auch die Weimarer Hofgesellschaft. Neben ausgewählten Hof- und Staatsdienern hatten auch die Weimarer Gelehrten Wieland, Herder, Knebel, Böttiger und Goethe Zugang. Dass auch ihre Privatbibliothek nicht sehr ‚privat‘ war, mag vielleicht der Grund dafür gewesen sein, dass sich Anna Amalia zudem eine „Hausbibliothek“ einrichtete, von der ca. 70 182 Hirsching 1786, S. 224. 183 Vgl. Raschke 2001, S. 87. 184 Vgl. Raschke 2001, S. 86. 185 Die meisten Notizen stammen aus den neunziger Jahren des 18.  Jahrhunderts. Zu Anna Amalias Lesenotizen und ihrem Leseinteresse vgl. Raschke 2001, S. 91–105 und Berger 2003, S. 302–306.

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Bände überliefert sind.186 Diese Bibliothek bestand vorwiegend aus Werken der „Belles Lettres“, einigen Kunstlexika und Wörterbüchern sowie wenig Reiseliteratur und Landeskunde. Anna Amalia war eine Bücherfreundin, die Bücher nicht nur aus Sammelleidenschaft und zu Repräsentationszwecken erwarb, sondern auch aufgrund ihres Unterhaltungs- und Bildungswertes. Ihr Lese- und Bildungsbedürfnis motivierte die Herzogin, auch nach ihrer Regierungszeit – d. h. zu einer Zeit, als die Bibliothek ihr nicht mehr unmittelbar unterstellt war – die fürstliche Bibliothek zu nutzen.187 Zu Anna Amalias Förderung der fürstlichen Bibliothek ist festzuhalten, dass die Herzogin in Zeiten großer Sparmaßnahmen den Etat bei 400 Talern beließ, das Gehalt des Bibliothekars Johann Christian Bartholomäi jedoch erhöhte und Order zu Überschreitungen des Etats durch Extraordinarien erließ. Mehr noch als die Sicherung der Finanzierung lässt die Herrichtung eines eigenständigen repräsentativen Bibliotheksgebäudes die Herzogin zu einer Mäzenin der Bibliothek werden. Im Gegensatz zu den meisten Fürsten ihrer Zeit widmete sich Anna Amalia nicht der prestigeförderndsten und öffentlich wirksamsten Kunstrichtung: der Architektur. So ist der Bibliotheksbau das einzige repräsentative Gebäude, das während ihrer Regierungszeit errichtet worden ist. Inwiefern die Förderung des Bibliotheksbaus Anna Amalia als Repräsentatin eines ‚aufgeklärten‘ Fürstenstaats erscheinen lässt und damit prestigefördernd für das Herzogtum wirkte, wird in dem folgenden Kapitel thematisiert.

186 Vgl. Berger 2003, S. 420. Berger vermutet hinter dem Aufbau dieser Hausbibliothek den Willen, sich Literatur als persönlichen Freiraum zu erhalten. 187 Vgl. Raschke 1999, S. 86 und Kratzsch 1996.

2. Wandel der Repräsentationsfunktion der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Ende des 18. Jahrhunderts Auch die fürstlichen Hofbibliotheken unterlagen dem Paradigmenwechsel der höfischen Repräsentationsinstrumente im 18. Jahrhundert: sie entwickelten sich von der ‚barocken‘ höfischen Schaubibliothek bzw. Gelehrtenbibliothek zum staatlichen Bildungsinstrument. Diese Entwicklung ist zum einen im Kontext des Modernisierungsprozesses des frühneuzeitlichen Staates, zum anderen im Zusammenhang des sozio-kulturellen Mobilisierungsprozesses der ‚Aufklärung‘ zu sehen. Eine Förderung der staatlichen Bildungsinstitutionen zeugte daher von einem ‚aufgeklärten‘ und ,modernen‘ Hof. Auch die fürstliche Bibliothek zu Weimar unterlag dem Wandel der Institutionalisierung, wie im Folgenden gezeigt wird. Zunächst wird die Bibliothek als Repräsentationsinstrument eines barocken Kleinstaats unter der Regierung von Herzog Wilhelm Ernst (1662–1728) sowie später unter Herzog Ernst August betrachtet. Die Loslösung der Bibliothek vom Hof beginnt mit dem Erhalt eines unabhängigen Etats unter der Regierung von Ernst August Constantin. Der folgende Strukturwandel der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Ende des 18. Jahrhunderts wird bezüglich Verwaltung und Benutzung ausführlich erläutert. Das Kapitel schließt mit Überlegungen zur Bibliothek als Repräsentationsinstrument eines ‚aufgeklärten‘ absoluten Staates.

2.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Repräsentationsinstrument eines barocken Kleinstaates 2.1.1 Die Gründung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar unter der Regierung Herzogs Wilhelm Ernst (1662–1728) Die Gründung der Weimarer Bibliothek Ende des 17.  Jahrhunderts ist nicht allein auf die Bücherliebe und Gelehrtheit des regierenden Herzogs Wilhelm Ernst zurückzuführen. Wilhelm Ernst nutzte die fürstliche Bibliothek als Repräsentationsinstrument seines militärisch unbedeutenden und ressourcenarmen Herzogtums. Er folgte mit dieser Strategie einem allgemeinen Konsens bezüglich der Funktion von Hofbibliotheken.

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Die frühe Sammlungs- und Verwaltungsgeschichte der fürstlichen Büchersammlung zu Weimar ist durch mehrfache Erbteilungen des Ernestinischen Herzogsgeschlechts zwischen den Linien Weimar, Eisenach und Jena geprägt.1 Ein kontinuierlicher Aufbau der Bibliothek war nicht möglich. Erst nach dem Erlöschen der Linie Jena im Jahre 1690 und dem Teilungsvertrag zwischen Weimar und Eisenach 1691 konnte unter Herzog Wilhelm Ernst der Grundstock für die Weimarer Büchersammlung gelegt werden, den der Herzog während seiner Regierungszeit durch eine aktive Vermehrungspolitik beträchtlich vergrößerte. Eine Möglichkeit, die Sammlung zügig zu vermehren, war der Ankauf von bestehenden Gelehrtenbibliotheken. So verhalf auch in Weimar der Erwerb von drei Privatbibliotheken der Sammlung zu einem bedeutenden Wachstum in den ersten 15 Jahren.2 Bis 1721 war die Büchersammlung auf 11000 Bände angewachsen, zur Zeit des Amtsantritts von Wilhelm Ernst waren es als Folge von Erbteilungen nur knapp 310 Bände neben Landkarten und Kupferstichen gewesen.3 Unter der Anweisung Wilhelm Ernsts wurde die Büchersammlung nicht nur weiter ausgebaut, sondern auch für Interessierte geöffnet. Gegen einen Beleg konnten bis auf Handschriften Entleihungen außer Haus vorgenommen werden.4 1703 wurde der als Dichter von Kirchenliedern bekannte Oberkonsistorialsekretär Salomo Franck (1659–1725) als Bibliothekar eingestellt.5 Die Motivation für den Ausbau und die Öffnung der Bibliothek ist auf politische Überlegungen zurückzuführen. Wie in Kapitel 1 beschrieben, fungierte innerhalb eines absolutistisch regierten Kleinstaates ein prachtvolles und zeremoniöses Hofleben als Herrschaftsinstrument und diente so der Herrschaftslegitimation. Der Aufbau einer bedeutenden Bibliothek zählte zu den entscheidenden Repräsentationsinstrumenten einer Dynastie. Insbesondere Kleinstaaten, die nicht über die militärischen und wirtschaftlichen 1

Zur Sammlungs- und Verwaltungsgeschichte der fürstlichen Bibliothek zu Weimar bis Mitte des 18. Jahrhunderts vgl. Flach 1941, Blumenthal 1941, Boblenz 1999 und Weber 1999 sowie die Regesten von Akten des Thüringer Hauptstaatsarchivs zur Bibliotheksgeschichte, angefertigt von Hermann Blumenthal aus dem Jahre 1940. 2 1701 erfolgte der Ankauf der Privatbibliothek Lilienheims, 1704 der Privatbibliothek Logaus und 1706 ein Teil der Privatbibliothek Gudes. Weitere Ankäufe von umfänglichen Privatbibliotheken folgten. Der fürstliche Stammbesitz von ungefähr 310 Bänden im Jahre 1691 wuchs, mag man den zeitgenössischen Rechnungen glauben, bis zum Jahre 1721 auf ca. 11.000 Bände an. Vgl. ThHStAW A 11602 (Regesten). 3 Vgl. Flach 1941, S. 35, Boblenz 1999, S. 38 und ThHStAW A 11602 (Regesten). 4 Vgl. Blumenthal 1941, S. 82. Erste Ausleihbelege sind aus dem Jahre 1726 vorhanden. Vgl. ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 22 (Regesten). 5 Vgl. Blumenthal 1941, S. 49.

Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Repräsentationsinstrument  |

Ressourcen verfügten, um eine entscheidende Machtstellung im Reich aufzubauen, versuchten auf dem kulturellen Gebiet ihr Prestige zu steigern, stets in dem Bewusstsein, dass Prestige an sich schon eine gewisses Potential an Macht verlieh. Die Hofbibliotheken erfüllten ihren Repräsentationszweck nicht allein im Sammeln von Wissen und in ihrer Funktion als Forschungsstätten für Gelehrte, sondern auch durch ihre Aufgabe als Schatzkammer seltener und bibliophiler Kostbarkeiten.6 Wie bei Handschriften und Frühdrucken früherer Jahrhunderte wurde beim Sammeln von zeitgenössischer Literatur Wert auf eine aufwendige Gestaltung mit Prachteinbänden und Wappenprägungen, Kupferstichen, Aquarellen oder Federzeichnungen gelegt. Es wurde versucht, den intellektuellen Reiz mit dem optischen zu verbinden. Die Bibliotheken präsentierten sich als Schau­ sammlungen in prächtig ausgestalteten Bibliothekssälen. Weimar war eines der Duodezfürstentümer des Deutschen Reiches, die die Förderung von Kultur und Bildung als politischen Machtfaktor nutzten. In diesem Kontext muss auch der enorme Ausbau der fürstlichen Bibliothek in Weimar unter Wilhelm Ernst gesehen werden. Die Vereinigung der angekauften Privatbibliotheken mit unterschiedlichem Charakter bewirkte, dass sich der Weimarer Buchbestand sehr uneinheitlich zusammensetzte. Im Vordergrund stand keine gezielte Erwerbspolitik, die der Bibliothek ein eigenes Gesicht hätte geben können, sondern eine rasche Bestandsvermehrung.7 Dass seine Motivation zum Ausbau der Bibliothek aus dem Willen zur Ruhmessteigerung des Weimarer Herzoggeschlechts entsprungen sei, erklärte der Herzog, als er am 19. Juli 1706 den Gelehrten und Wittenberger Universitätsprofessor Konrad Samuel Schurzfleisch (1641–1708) zum Direktor der Bibliothek bestellte. In der Bestallungsurkunde beschrieb er als „Hauptzweck [, dass] auch Uns als dem Stifter und Vermehrer davon ein beständiger Nachruhm und ewiges Andenken bey Unserem fürstl. Haus und der sowohl in- als auswärtigen gelehrten Welt beygeleget und bestätiget habe.“8 Wie die anderen fürstlichen Sammlungen, die Raritäten-, Naturalienund Kunstkammer oder das Münzkabinett, diente auch die Bibliothek dem „decorum“ und der „recreation“ des Fürsten und seiner Gäste. In den Reiseberichten des 18. Jahrhunderts werden die Hofbibliotheken meist in Zu6 Vgl. Leyh 1957, S. 13, Buzas 1976, S. 16–17, Jochum 1999, S. 98. 7 Vgl. Weber 1999, S. 43. Zu den Schwerpunkten der einzelnen Sammlungen und der Sammelpolitik Anfang des 18. Jahrhunderts vgl. Blumenthal 1941, S. 55–67. 8 Herzog Wilhelm Ernst am 19. Juli 1706 zitiert nach Blumenthal 1941, S. 52. Vgl. auch Flach 1941, S. 45.

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sammenhang mit den Kunst-, Münz- und Naturalienkammern genannt.9 So auch die Weimarer Hofbibliothek, wobei ihr unter den aufgezählten Raritäten wie Münzen, Fossilien, exotischen Pflanzen und Edelsteinen der ‚Siegerpreis‘ zugesprochen wird.10 Die Berichte verdeutlichen den Schaucharakter der Bibliothek. Sie „ist Teil dieser Kuriositäten, die gesammelt, ausgestellt und vor allem bewundert werden sollen.“11 Die Funktion der Hofbibliotheken als Prestigeförderer beschränkte sich allerdings nicht nur auf die repräsentative Zurschaustellung. Sie sollten nicht nur Reichtum demonstrieren, sondern auch im Sinne der Bestrebungen des humanistischen ‚studiolo‘ Bildung und Kunstsinn des Fürsten zeigen. Durch die Existenz der Bibliotheken sollte die Teilhabe des Hofes an der ‚res publica literaria‘ gezeigt werden.12 Der Begriff ‚Gelehrtenrepublik‘ verdeutlichte im Barock ein Programm der landesherrlichen Fördermaßnahmen. Mit ihm „verband man traditionell die Vorstellungen eines humanistischen Bildungsideals von Internationalität und kulturellem Engagement jenseits konfessioneller Polemik.“13 Die Konzeption und Umsetzung einer derartigen Kulturpolitik machte einen kleinen Hof wie Weimar attraktiv. Zu dieser Politik gehörte die Öffnung der Hofbibliotheken, die anfänglich nur der fürstlichen Familie, den Hofbeamten, den Hofhistoriographen und einigen privilegierten Gelehrten zur Verfügung standen.14 Der Benutzerkreis dehnte sich nun auf Professoren der Landesuniversitäten, die Gelehrten der Gymnasien und fremde Gelehrte aus. Auch die fürstliche Bibliothek zu Weimar diente Anfang des 18. Jahrhunderts Gelehrten und Studenten aus Sachsen, Thüringen und Hessen als Arbeitsinstrument.15 Die Mitteilungen über die Hofbibliotheken in den zeitgenössischen Reiseberichten, die in erster Linie als „Anweisung für Reisende Gelehrte“16 dienten und einen Überblick über die vorhandenen Sammlungen und dem jeder Sammlung innewohnenden solipsistischen Aspekt gaben, förderten die Öf9

Vgl. z. B. den Bericht des Reisenden Johann Georg Keyssler aus dem Jahre 1730 über die königlichen Sammlungen in Dresden. Vgl. Keyssler 1751, S. 1306. Vgl. auch Leyh 1957, S. 13. 10 Vgl. Juncker 1709 und Konrad Samuel Schurzfleisch, 1712 zitiert in: Weber 1999, S. 44. 11 Weber 1999, S. 44. 12 Vgl. Busaz, 1976, S. 17, Müller 1995, S. 48, Weber 1999, S. 40. 13 Weber 1999, S. 40. 14 Vgl. Busaz 1976, S. 17. 15 Vgl. die überlieferten wissenschaftlichen Anfragen in ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 20, 22, 32, 33, 37, 56 / 57, 58, 63 / 64, 65 (Regesten). 16 Johann David Köhler, Des Herrn Professors Johann David Köhlers Anweisung für Reisende Gelehrte, Bibliothecken, Münz-Cabinette, Antiquitäten-Zimmer, Bilder-Säle, Naturalienund Kunst-Kammern, u.d.m. mit Nutzen zu besehen 1762, zitiert in: Jochum 1999, S. 109.

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fentlichkeit und verhalfen dem jeweiligen Hof zu Ruhm und Ansehen.17 So werden auch die Veröffentlichungen über die fürstliche Bibliothek zu Weimar das Prestige des Hofes gemehrt haben.18 Die Fürsten versuchten auch durch die Bindung von berühmten Gelehrten an ihren Hof, z. B. durch die Anstellung als Bibliothekar, ihr Kulturprestige zu steigern. An dieser Stelle sei stellvertretend Leibniz genannt, der seit 1690 in Wolfenbüttel als Bibliothekar wirkte.19 Auch in Weimar schmückte sich Wilhelm Ernst mit einem berühmten Gelehrten als Bibliothekar. Konrad Samuel Schurzfleich, Professor für Poesie und Geschichte an der Kursächsischen Universität Wittenberg, hatte sich u. a. durch Publikationen zur zeitgenössischen Staatsrechtslehre, politischen Geschichte und Geographie der Niederlande, Brasiliens und Westindiens sowie durch die Bekanntschaft mit zahlreichen europäischen Gelehrten einen Namen gemacht.20 Schurzfleisch entsprach dem idealen Gelehrtentyp der Zeit, dem Polyhistor.21 1706 wurde er Bibliotheksdirektor der fürstlichen Bibliothek in Weimar. Da Schurzfleisch seine Professur in Wittenberg beibehielt, konnte er sich nur beiläufig um die Bibliothek kümmern. Dies verdeutlicht, dass der Herzog bei der Einstellung weniger praktische Motive im Sinn gehabt haben mag, sondern dass er mit der Gewinnung eines repräsentativen Gelehrten von europäischem Ruf das Ansehen seiner Bibliothek erhöhen wollte. Wilhelm Ernst hoffte, Schurzfleisch auch als Historiographen seines Hauses zu gewinnen. In seiner Bestallungsurkunde wird Schurzfleisch insbesondere neben der Vermehrung der Bibliothek durch Bücher geistlicher und weltlicher Historie die Pflege der thüringisch-sächsischen Geschichte auferlegt.22 Ob „die Aussicht, Schurzfleischs berühmte Bibliothek […] zu erben, bei der Berufung mitgewirkt“23 hat, mag dahingestellt bleiben. Letztlich wurde seine Büchersammlung nach dem Tod seines jüngeren Bruders Heinrich Leonhard Schurzfleisch (1664–1722) als geschlossener Bestand übernommen. Heinrich Leonhard Schurzfleisch wurde sein Nachfolger und war Bibliothekar von 1708–22. Er arbeitete im Sinne seines 17 Vgl. Jochum 1999, S. 109. 18 1709 werden z. B. die Weimarer Bibliothek, das Münzkabinett und die Kunstkammer in einem „Discours von den Chur- und Fürstl. Sächs. Landen zeithero befindlichen und bekandten öffentlichen Bibliothequen“ erwähnt. Vgl. Juncker 1709. 19 Vgl. Busaz 1976, S. 24, Jochum 1999, S. 103–106. 20 Zu Konrad Samuel Schurzfleisch vgl. Blumenthal 1941, S. 49 und Weber 1999, S. 41. 21 Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert hinein beherrschte eine nach Universalität strebende Gelehrsamkeit, die sogenannte Polyhistorie, die wissenschaftliche Welt. Zur Polyhistorie und ihre Bedeutung für Bibliothekare vgl. Busaz 1976, S. 1f. 22 Vgl. ThHStAW A 11600b, Bl. 62b-d bzw. A 11601, Bl. 10 (beides Regesten). 23 Blumenthal 1941, S. 49.

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älteren Bruders weiter, indem er den Herzog zum Kauf von Sammlungen zu bewegen versuchte, die reich an Schriften zur sächsischen Geschichte waren.24 In den kommenden Jahrzehnten kristallisierte sich immer mehr die historische Literatur als Sammlungsschwerpunkt heraus.25 Bibliothek und Münzkabinett – dieses in seiner Funktion als Geschichtsquelle – fungierten „als das geschichtliche Ehrengedächtnis der Dynastie und des Landes.“26 Der enge räumliche Zusammenhang zwischen Bibliothek und Münzkabinett unterstrich die gemeinsame Funktion der Geschichtspräsentation und somit der Repräsentation des Hauses. Auch die Ausschmückung der Bibliothek mit zahlreichen Porträts aus dem sächsischen Haus deutete auf diese Funktion der Bibliothek hin.27 Die Aufstellung der Bibliothek erfolgte in drei Räumen in der Wilhelmsburg.28 Diese waren gemäß dem Rang der Bibliothek als Prestigeobjekt des Hauses repräsentativ eingerichtet. So berichtet im Jahre 1712 Heinrich Leonhard Schurzfleisch, dass die fürstliche Bibliothek ebenso elegant ausgestattet wie kunstgerecht zusammengestellt sei.29 Die Bücher waren nach Formaten in die Bücherregale eingeordnet und folgten so dem zeitgenössischen Gebot einer repräsentativen Zurschaustellung einer kostbaren Büchersammlung.30 Durch Schurzfleischs Urteil wird einmal mehr deutlich, dass der Sammeleifer des Fürsten hauptsächlich aus seinem Repräsentationswillen entstanden ist. Von dem mangelnden Interesse an der wissenschaftlichen Nutzung der Bibliothek zeugt auch, dass der Herzog kein Konzept für die Ordnung und Erschließung des Bücherbestandes forcierte. Die einzelnen Büchersammlungen wurden, nach ihren Provenienzen getrennt, auf die drei Räume verteilt. In einem Bericht einer von Wilhelm Ernst eingesetzten Bibliothekskommission aus dem Jahre 1723 heißt es, dass die Bibliothek zwar reich an wertvollen Büchern sei, dieser Reichtum allerdings nur schwer erschlossen werden könne, da die Aufstellung unge-

24 Vgl. Blumenthal 1941, S. 59. 25 Vgl. Blumenthal 1941, S. 55–60. 26 Blumenthal 1941, S. 60. 27 Zur Ausschmückung der Bibliothek mit Porträts aus dem sächsischen Haus vgl. ThHStAW 11617b, S. 26–28. 28 Vgl. Hirsching 1786, S. 209, Schneider 1778, S. 26f, Blumenthal 1941, S. 77–79, Weber 1999, S. 43, ThHStAW A 11609a, Bl. 27. 29 Vgl. Weber 1999, S. 44. 30 Zu Aufstellung und Signaturen der Sammlung im Residenzschloss vgl. Blumenthal 1941, S.  74–80. Zum repräsentativen Charakter der Anordnung nach Formaten im Barock vgl. Kapitel 4.

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eignet sei und es an vollständigen Katalogen mangele.31 Die Kommission empfahl, die Teilbestände durch eine einheitliche Systematik und Aufstellung zu vereinen. Sie erklärte, dass eine Vereinigung aller Teilbibliotheken sich auch nach außen „splendider“ machen würde, da es mehr „admiration“ erwecken würde, wenn die nach und nach geschehene „Combination“ nicht sogleich ins Auge falle, sondern sich die fürstliche Bibliothek „en general praesentiere“. Außerdem habe die Fusion der Bibliothek den Vorzug, dass man die „connexa“ zusammenstellen könne, d. h. eine systematische Aufstellung nach „Materien“. Die Provenienzen könnten in den Büchern vermerkt werden. Die getrennte Aufstellung sei unbequem und fordere die Kritik der Besucher heraus. Nach einer derart geäußerten Kritik verwundert es, warum der Herzog keinen Befehl zur Neuordnung der Bibliothek gab. Möglicherweise erschien eine solche zu aufwendig. Der Bibliothekar Johann Matthias Gesner (1691–1761), der als Nachfolger von Heinrich Leonhard Schurzfleisch 1723 eingestellt worden war, unternahm in Richtung Vereinigung immerhin den Schritt, dass er mit der Anlage eines Nominal-, Real- und Universalkataloges begann.32 Seine Entlassung durch Wilhelm Ernsts Nachfolger Herzog Ernst August (1688–1748) im Jahre 1728 beendete dieses Vorhaben.

2.1.2 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar unter Herzog Ernst August (1728–48) Die bisherigen Ausführungen zeigten Repräsentationswillen und Prestigegewinn als Motivationsaspekte für die Förderung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar durch Wilhelm Ernst. Nach seiner Regierungszeit wurde es zunächst wieder ruhig um die Bibliothek. Auch wenn das Herzogtum weiterhin unter Ressourcenarmut und fehlenden Investitionsanreizen litt und verschiedene Versuche, Gewerbe anzusiedeln in den 1730er und 1740er Jahren fehlschlugen, sollte die Bibliothek ihre Funktion als förderungswürdiges

31 Vgl. den Bericht der Kammerräte Alberti und Oppermann über die Bibliothek vom 19. Januar 1723, den Herzog Wilhelm Ernst bereits am 26. Juni 1721 angefordert hatte. ThHStAW Bibl. W.3, Bl. 1–10 (Regesten). Zur Katalogisierung unter Herzog Wilhelm Ernst vgl. auch Blumenthal 1941, S. 71–74. 32 Allerdings hielt er dabei an der Aufstellung nach Provenienzen fest und führte für jeden der Teilbestände eine eigene Signaturengruppe ein. Vgl. Blumenthal 1941, S. 76f und Weber 1999, S. 53.

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Repräsentationsinstrument verlieren.33 Ernst August suchte seinen Prestigegewinn auf anderen Gebieten. So förderte er den Bau und Umbau einer Reihe von Jagd- und Lustschlössern im Herzogtum.34 Er unterstützte nicht nur seine Architekten, unter ihnen Gottfried Heinrich Krohne (1703–56), den er beispielsweise zu Anschauungsreisen nach Wien schickte, sondern er beteiligte sich auch mit eigenen Ideen an dessen Entwürfen.35 Außerdem ließ er das Land militärisch aufrüsten. Weimarer Truppen unterstützten die militärischen Vorhaben des Königs von Sachsen-Polen oder des Kaisers. Die Bibliothek fiel nicht unter die hauptsächlichen Förderungsprojekte des Herzogs. Nach der Entlassung des Bibliothekars Gesner, die nicht aus sachlichen Gründen, sondern in Folge von Intrigen vorgenommen wurde, übernahm der Pagenhofmeister Justin Heinrich Foeckler (gest. 1743, Amtszeit 1728–43) dessen Aufgaben. Im Vergleich zu seinen Vorgängern war Foeckler kein großer wissenschaftlicher Geist. Er verwaltete bis zu seinem Tode 1743 die Bibliothek, ohne nennenswerte Initiativen für den Ausbau und die Organisation der Sammlung zu ergreifen. Nach seinem Tode verzichtete Ernst August trotz verschiedener Bewerbungen sogar darauf, einen Bibliothekar einzustellen. Er beauftragte eine Kommission bestehend aus dem Oberkonsistorialassesor und Hofprediger Wilhelm Ernst Bartholomäi (1697–1752) und dem Hof- und Regierungsrat Johann Friedrich Wagner mit der Aufsicht der Bibliothek.36 Beide sollten die Bibliothek zweimal wöchentlich inspizieren. Für die notwendigen Hilfsdienste stand ihnen 33 Zur Bibliothek unter der Regierung von Herzog Ernst August vgl. Deetjen 1941, S. 87–94 und Weber 1999, S. 54–57. 34 Unter seiner Leitung wurden die Bauten des Weimarer Belvedere, des mittleren Schlosses in Dornburg, Apolda, Ilmenau, Stützerbach, Hirschruf, Troistedt, Brembach und Eisenach sowie Umbauten in Marksuhl, Creuzburg, Gerstungen, Wilhelmsthal, Hohe Sonne, Rhula, Zillbach und Ettersburg vorgenommen. 35 Zur Beziehung zwischen Krohne und seinem Bauherrn Herzog Ernst August vgl. Möller 1956 und Heckmann 1999. 36 Zu den verschiedenen unerhörten bzw. abgewiesenen Bewerbungen für die Bibliothekarsstelle vgl. ThHStAW A 11601 (Regesten). In einem Fall verhinderte allerdings die Bibliothekskommission die von Ernst August begrüßte Einstellung des Advokaten Volkmar Conrad Brodkorb als Bibliothekar, da sie ihn nach eingehender Prüfung in den Fächern öffentliches und privates Recht, Geschichte, Mathematik, Geographie, Literaturgeschichte und Sprachen nicht für geeignet empfunden hatte. Vgl. ThHStAW A 11601, Bl. 170–171, sowie Bl. 173–216 (Regesten) und Deetjen 1941, S.  91–94. In den Überlieferungen zur Bibliothekarsprüfung wird deutlich, dass ein Bibliothekar neben seinen wissenschaftlichen und literarischen Kenntnissen auch über die Fähigkeit verfügen musste „die Fremden auf die Bibliothek durch einen gelehrten Discurs zu entreteniren und ihnen von den merkwürdigsten und rarsten Büchern genugsame Nachricht und Erklärung zu geben.“ (Befehl von Ernst August im Januar 1747 zitiert nach Deetjen 1941, S. 91). Hier wird deutlich, dass sich Ernst August sehr wohl der Repräsentationsfunktion der Bibliothek bewusst gewesen war.

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Foecklers ehemaliger Gehilfe, der Pagenlakei Peter Joseph Dietrich, zur Verfügung.37 Erst nach dem Tod Ernst Augusts im Jahre 1748 sollte die Bibliothek wieder einen Bibliothekar bekommen. Das Fehlen von qualifiziertem Personal, das mangelnde Interesse des Herzogs und die daraus resultierenden geringen finanziellen Mittel bewirkten, dass sich der Bestand nur durch die Pflichtexemplarlieferungen der Buchdrucker aus Weimar, Jena, später auch Eisenach und Ilmenau sowie durch unwesentliche Anschaffungen vermehrte.38 An den Katalogen wurde nicht weitergearbeitet. Der Herzog sah in der Bibliothek eher eine private als eine öffentliche Institution. So ließ er sich gelegentlich Bücher nach Eisenach kommen, das er seit den 1730er Jahren als ständigen Aufenthaltsort wählte. Sein besonderes Interesse galt der alchimistischen und mystischen Literatur sowie Handbüchern der Flora und Fauna.39 Nach dem Tode Foecklers befahl Ernst August, dass zukünftig keine Ausleihe ohne Befehl erfolgen dürfe.40 Außerdem verordnete er, dass nie mehr als zwei bis drei Fremde die Bibliothek besuchen dürften, „damit nichts wegkomme“.41 Diese strikte Besucher- und Ausleihregelung sollte sich erst nach dem Tode des Herzogs ändern, der, wie deutlich wurde, wenig Interesse an der Bibliothek als repräsentationsförderndem Instrument gehabt hat.

2.1.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar 1748–58 Die folgenden sieben Jahre waren von einer vormundschaftlichen Regierung durch Friedrich III. von Sachsen-Gotha und Franz Josias von Sachsen-Coburg geprägt. 1755 übernahm Ernst Augusts ältester Sohn Ernst August Constantin die Regierung Sachsen-Weimar-Eisenachs. Mit der 37 Vgl. ThHStAW Bibl. W 4, Bl. 198 (Regesten). 38 Vgl. Regesten des ThHStAW zur Bibliotheksgeschichte. Seit dem späten 16. Jahrhundert gab es eine Ablieferungspflicht für die in Sachsen-Weimar hergestellten Drucke. Auch die Buchhändler wurden für die Erlaubnis des Geschäftsbetriebs verpflichtet, jährlich Bücher in einem bestimmten Wert an die Bibliothek zu liefern. Vgl. Blumenthal 1941, S. 65 und Weber 1999, S. 56, sowie ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 240f, sowie Bl. 263f (Regesten). Nach dem Tode Foecklers verweigerte Ernst August zwar die Auslieferung von dessen Sammlung (753 Bücher sowie mathematische Instrumente) an Foecklers Bruder. Allerdings musste die Sammlung nach dem Tode Ernst Augusts wieder freigegeben werden, so dass sich der Bestand nur kurzfristig bedeutend vermehrte. Vgl. Weber 1999, S. 57. 39 Vgl. Blumenthal 1941, S. 84 und Weber 1999, S. 56, Anm. 83 und ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 224f (Regesten). 40 Vgl. ThHStAW A 11601, Bl. 152, bzw. ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 199, S. 203 (alles Regesten). 41 ThHStAW Bibl. W 4, Bl. 215 (Regesten).

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Übergangsphase der vormundschaftlichen Regierung begann eine Konsolidierung der Bibliotheksverhältnisse.42 1748 erhielt die Bibliothek mit dem Garnisons-medicus Gerhard Andreas Müller (1718–62), der insbesondere auf naturwissenschaftlichem Gebiet schriftstellerisch tätig gewesen war, einen neuen Bibliothekar.43 Müller begann die Bibliothek zu inventarisieren und fertigte einen umfangreichen Dublettenkatalog zur Aussonderung mehrfach vorhandender Exemplare an. Im Dezember 1749 wurde als zuständige Behörde eine Oberaufsichtskommission eingesetzt. Mitglied dieser Kommission waren der Geheime Rat Eberhard Hartmann von Erffa, Landschaftsdirektor Christoph Siegmund von Hendrich und erneut der Regierungs- und Kammerrat Johann Friedrich Wagner. 1750 wurde zu einem bedeutenden Jahr der fürstlichen Bibliothek zu Weimar. Zunächst wurde im Mai an Müllers Stelle wiederum der Hofprediger und Oberkonsistorialassessor Wilhelm Ernst Bartholomäi mit der Aufsicht über die Bibliothek betraut.44 Da er gesundheitlich nicht in bester Verfassung war, sollte ihn sein Bruder Johann Christian Barholomäi (1708– 78) unterstützen. Im Juni 1750 wurde dieser als Bibliothekar vereidigt.45 Wilhelm Ernst Bartholomäi formulierte am 27. August 1750 in einem Promemoria einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Neuordnung der Bibliothek.46 Franz Josias genehmigte am 27.Oktober 1750 nahezu alle Forderungen. Die neue Ordnung sah vor, dass der Nominalkatalog zu Ende geführt und ein Entwurf zu einem Realkatalog angelegt werden sollte. Neben Bestimmungen zu Säuberungs- und Reparaturarbeiten wurde auch eine Ausleihordnung festgelegt. Demnach wurde die Ausleihe nur gegen einen Leihschein zugelassen. Die Leihfrist betrug vier Wochen. Entleihen durfte nur, wer in Weimar in festen Diensten stand oder andere Sicherheiten bieten konnte. Auswärtige durften nur mit Erlaubnis der Kommission ausleihen. Auch die Ausleihe von Handschriften bedurfte der Erlaubnis der Kommission. Die Brüder Barholomäi verfolgten ernsthaft ihre Aufgaben. Bereits im Jahre 1753 legte der jüngere Bartholomäi einen Entwurf zum Realkatalog vor. Sein älterer Bruder war im Jahre zuvor verstorben. Anfang 42 Zur Verwaltungs- und Sammlungsgeschichte der herzoglichen Bibliothek zu Weimar zwischen 1748–1758 vgl. Deetjen 1941, S. 94–101, Weber 1999, S. 57–61 und die Regesten von Akten des ThHStAW zur Bibliotheksgeschichte. 43 Zu Müllers Lebenslauf und seinen Schriften vgl. Deetjen 1941, S. 95f. 44 Vgl. ThHStAW 11607, Bl. 18 (Regesten). 45 Vgl. ThHStAW 11607, Bl. 19f (Regesten). 46 Vgl. ThHStAW 11609g, Bl. 17–23 (Regesten).

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1756 waren die ersten vier Bände gebunden.47 Außerdem wurde die Erwerbungspolitik neu aktiviert und es wurde auf die Anschaffung aktueller Literatur und größerer Sammlungen Wert gelegt. Die Maßnahmen hatten häufige Etatüberschreitungen zur Folge. Bis ins Jahr 1758 teilte sich die Bibliothek einen Etat über 400 Taler mit dem Archiv, der Gewehr-, Bilder-, Musik- und Naturalienkammer sowie dem Münzkabinett. Ernst August Constantin verfügte am 10. Februar 1758, dass diese Summe künftig der Bibliothek alleine zustehen sollte, denn „die Bibliothec besonders ist ein Corpus, so Unserm fürstl. Hause viel Geld gekostet und demselben Ehr macht. Gleichwohlen ist seit vielen Jahren, etwas neues, und die inzwischen herausgekommenen Werke und Bücher anzuschaffen gänzlich unterlassen worden, und also ist zu diesem Behuf allein, jährlich wenigsten 400 Thlr. zu bestimmen unumgänglich nöthig […].“48 Die Zuweisung eines festen Etats, losgelöst von dem der anderen fürstlichen Sammlungen, steht für den Beginn eines Wandels im Verständnis der Weimarer Bibliothek. Die Bibliothek zählte nun nicht mehr zu den Raritätenkabinetten des Hofes, sondern sie wurde im Laufe der folgenden Jahre zu einer Institution, die zunehmend in die staatliche Verwaltung integriert wurde. Inwiefern die Änderung der Weimarer Bibliotheksverfassung mit einer Veränderung der Weimarer Staatsverfassung einherging, beschreibt der folgende Abschnitt.

2.2 Strukturwandel der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Ende des 18. Jahrhunderts 2.2.1 Die Verwaltung Werner Arnold beschreibt die Zuweisung eines festen Etats für Bücherkäufe und Personal, den Erlass einer Verwaltungsordnung und die Übertragung von Rechten als die wesentlichen Gesichtspunkte für die Verankerung einer fürstlichen Bibliothek in die Staatsorganisation.49 Auf diese Weise wurden die Fürstenbibliotheken auf ihre Aufgabe als öffentliche Institutionen vorbereitet. Dieser Prozess ist 1758 in Weimar mit der Zuweisung eines festen Etats begonnen worden und wurde während der obervormundschaft-

47 Vgl. ThHStAW 11609g, Bl. 153 (Regesten). 48 Vgl. ThHStAW B 1700, Bl. 128–136 und 11616, Bl. 9 (Regesten). 49 Vgl. Arnold 1988, S. 43.

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lichen Regierung von Anna Amalia sowie später unter ihrem Sohn Carl August weitergeführt. Während der Regierungszeit Anna Amalias zählte die Bibliothek zu den Institutionen, die unmittelbar der Regentin unterstellt waren. Sie bildete formal keine eigene Behörde.50 Ihr Etat über 400 Taler zählte allerdings laut den Akten des Hofmarschallamtes nicht zum Hofetat.51 Dieser wurde zu Beginn von Anna Amalias Regierungszeit auf 50000 Taler festgesetzt, von denen 36000 Taler für die Hofhaushaltung und 14000 Taler für die Schatulle der Herzogin vorgesehen waren.52 Der Bibliotheksetat war direkt der Weimarer Kammer zugeordnet, die auch die Personalkosten trug.53 Die Weimarer Kammer finanzierte im 18.  Jahrhundert neben den Hof- und fürstlichen Schatullausgaben auch die zentralen staatlichen Ausgaben.54 Da der Etat der Fürstlichen Bibliothek weder dem Etat der Hofhaushaltung noch dem der fürstlichen Schatulle zugeordnet wurde, wurden die Aus- und Einnahmen der Bibliothek als ein Teil der Staatsfinanzen betrachtet. Finanzpolitisch zählte die Bibliothek im 18. Jahrhundert dementsprechend nicht mehr zum Hof, sondern zum Staat, wenn auch beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht strikt voneinander getrennt betrachtet wurden. So wurden die Hofkosten noch als ein Teil der Staatsfinanzen angesehen, da Schatullen und Hofkassen als Nebenkassen der Kammer fungierten.55 1756 hatte Ernst August Constantin dem Geheimen Assistenz Rat Johann Poppo Greiner die Oberaufsicht über die Bibliothek und das Münzkabinett gegeben.56 Das Amt der Oberaufsicht diente als Vermittlungsinstanz zwischen Regent und Bibliothek. Es war vom Oberhofmarschallamt unabhängig57 und löste die 1749 eingesetzte Behörde „Oberaufsichtskommission“ ab. Die Oberaufsicht war von nun an für die bürokratische Orga50 Vgl. zur Umstrukturierung der Verwaltung vgl. ThHStAW A 11617b, 11619g und Steierwald 1999, S. 71–78. 51 Vgl. u. a. ThHStAW HMA 19, 20. 52 Vgl. ThHStAW HMA 19, Bl. 19. 53 Vgl. ThHStAW Rechnungen I 263, 264ff. An dieser Stelle muss die Aussage Steierwalds korrigiert werden: Steierwald ordnet den Erwerwerbungsetat dem Hofetat zu. Vgl. Steierwald 1999, S. 71. 54 Vgl. Ventzke 2001, S. 22. 55 Vgl. Ventzke 2001, S. 22. 56 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 1 (Regesten). 57 Der oberaufsichtsführende Johann Poppo Greiner (erst 1764 wurde er in den Reichsadelsstand erhoben) und der Fürstl. Bibliothecarius Johann Christian Bartholomäi werden in den Kammerrechnungen unter den Ausgaben „an unterschiedlichen Fürstl. Dienern und HoffOfficianten“ geführt und werden nicht in den Besoldungslisten des Hofetats erwähnt. Dort sind nur die Besoldungen der „würklichen Hof-Diener“ verzeichnet. Vgl. ThHStAW Kammerrechnungen I, 264 und 265.

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nisation der Bibliothek zuständig. Die Bibliothek war dementsprechend seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur finanzpolitisch, sondern auch in den Verwaltungsstrukturen vom Hof gelöst. Nach dem Tode Greiners übernahm 1772 der Geheime Assistenz Rat Christian Friedrich Schnauß (1722–97) die Oberaufsicht. Er legte am 6. Februar 1773 einen Bericht über die Bibliothek vor, der in erster Linie dazu dienen sollte, die Etatüberschreitungen zu rechtfertigen.58 Daraufhin wurde beschlossen, dass der Erwerb von kostbaren Werken vorher angekündigt und bei Beschaffung durch Extraordinarien finanziert werden musste.59 Weitere Vorschläge zur Etatkonsolidierung von Schnauß berührten die Verwaltungsstrukturen. So schlug er vor, den Etat durch eine Abgabe von neu ernannten oder im Gehalt gestiegenen Beamten zu verbessern.60 Diese seien schließlich Nutznießer der fürstlichen Bibliothek, die „auf Hochfürstl. Gnädigster Erlaubnis zu jedermanns Gebrauch […] täglich offen stehe“.61 Außerdem formulierte Schnauß Ausleihbedingungen: Die Bücher durften nicht länger als vier Wochen ausgeliehen werden.62 Diese Regelung war an sich nicht neu. Neu war allerdings der Ernst, mit dem sie umgesetzt wurde. Um die ausgeliehenen Bücher tatsächlich auch zurückzubekommen, sollte erst im örtlichen Wochenblatt und dann einzeln gemahnt werden. Außerdem begann Schnauß ein Ausleihverzeichnis zu führen.63 1775, im letzten Regierungsjahr der Herzogin, wurden Personalfragen ausführlich diskutiert.64 Neben dem Bibliothekar wurden die Stellen eines weiteren Mitarbeiters, der auch für das Münzkabinett zuständig war, eines Akzessisten, mehrerer Bibliotheksdiener und Schreiber neu besetzt. Die Entscheidung, Friedrich Christoph Ferdinand Spilcker (1746–1805) als Akzessist einzustellen, wurde nicht nur mit dessen guter Vorbildung begründet, sondern auch damit, dass er keinen Anspruch auf Gehalt mache, da er etwas Vermögen besitze.65 Im Laufe der kommenden Jahre sollte sich die Oberaufsicht nicht mehr auf diese Verbindung zwischen ökonomischer 58 Vgl. den Bericht von Schnauß über die Bibliothek vom 6. Februar 1773 in ThHStAW A 11616, Bl. 70–77 (Regesten). 59 Vgl. Anordnung von Anna Amalia vom 2. März 1773 in ThHStAW A 11616, Bl. 78f (Regesten) und Pro Memoria von Schnauß vom 12. März 1773 in ThHStAW A 11617b, Bl. 51. 60 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 70–77 (Regesten). Ob dieser Vorschlag beschlossen wurde, geht aus den Akten nicht hervor. 61 ThHStAW A 11617b, Bl. 30 (Pro Memoria des Bibliothekars Bartholomäi an Schnauß vom 23. Januar 1773). 62 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 70–77 (Regesten) und ThHStAW A 11617b, Bl. 53. 63 Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 103 (h) und Bl. 107f. 64 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 95f und Bl. 121–129 (Regesten). 65 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 115–118 (Regesten).

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Sicherheit und Bildung verlassen können. „Das Personal der Bibliothek entwickelte sich in diesen Jahren zu einer Schicht von Verwaltungsbeamten, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr durch Vermögen oder Nebenverdienste bestritten, sondern auf eine angemessene Besoldung angewiesen waren. Gleichzeitig wuchs der Ehrgeiz, in dem sich auffächernden Stellenspektrum eine entsprechende Position zu erreichen.“66 Der Aufbau einer genau gegliederten Personalstruktur mit klar abgegrenzten Funktionszuweisungen sollte die Oberaufsicht bis ins 19. Jahrhundert hinein beschäftigen. Die Bürokratisierung der Verwaltung der Weimarer Bibliothek wurde, nachdem Johann Wolfgang von Goethe und Christian Gottlob Voigt die Oberaufsicht übernommen hatten, verstärkt vorangetrieben. Herzog Carl August übertrug ihnen nach dem Tode von Schnauß das Amt am 9. November 1797.67 Sie wurden beauftragt, eine Revision der „bisherige[n] von dem dabey angestellten Personal besorgte[n] Verwaltung der Bibliothek“ und eine „planmäßige Erwerbung“ vorzunehmen.68 Goethe und Voigt wünschten zunächst von Spilcker einen ausführlichen Bericht über die gegenwärtige Situation der Bibliotheksverwaltung.69 Ihre Fragen bezogen sich auf Katalogisierung, Zuwachs an Büchern und Zustand der Bücher, Ausleihpraxis, Öffnungszeiten, Benutzerkreis sowie Personal, Etat und Schulden. Spilcker beschwerte sich insbesondere über das Ausleihverhalten der Benutzer. Ungefähr 1200 Bände seien ausgeliehen, viele seit mehreren Jahren, und die meisten kämen schmutzig zurück. „Es ist also hohe Zeit, daß diesem Übel kräftig gesteuert u[nd] das Publicum an seine Pflicht erinnert werde.“70 Goethe und Voigt erließen daraufhin am 26. Februar 1798 eine „Vorschrift, nach welcher man sich bey hießiger Fürstl. Bibliothek, wenn Bücher ausgeliehen werden zu richten hat“.71 Die Vorschrift regelte die Ausleihfristen, das Verfahren und die Benutzungsbeschränkungen.72 Die Regeln 66 Steierwald 1999, S. 72. Als Spilcker im Jahre 1778 von Carl August zum Bibliothekar ernannt wurde, erhielt er nicht nur ein ordentliches Gehalt von 300 Talern (diese Summe hatte sein Vorgänger erst kurz vor seinem Tode erhalten), sondern auch den Rang eines Sekretärs. Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 138 (Regesten). 67 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 218–220 (Regesten). 68 Zitiert nach Steierwald 1999, S. 73. 69 Vgl. Spilckers Bericht vom 3. Januar 1798 in ThHStAW 11619g, Bl. 95–122. 70 ThHStAW 11619g, Bl. 104f. 71 ThHStAW 11619g, Bl. 145f. 72 Die Ausleihfrist betrug zwölf Wochen mit Verlängerung. Jeder Abgang unabhängig von Stand und Ansehen wurde aufgezeichnet. Für jeden verliehenen Band gab es eine Quittung, die aufbewahrt werden musste. Seltene und kostbare Bände konnten nur zu bestimmten der Oberaufsicht mitzuteilenden Terminen ausgegeben werden. Schülern durften Bücher

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wurden im Expeditionszimmer aufgehängt und galten als offizielle Benutzerordnung. Im örtlichen Wochenblatt wurden neben einer Erinnerung an die Rückgabe entliehener Bücher auch die Öffnungszeiten angekündigt: zweimal die Woche, Mittwoch und Sonnabend, von 9 bis 13 Uhr.73 Nicht nur die Benutzung, sondern auch die Bibliotheksarbeit wurde neu verwaltet. „Da man es für nöthig erachtet, das was bey fürstlicher Bibliothek geschieht künftig besser zu übersehen“, wurden ab 1799 die Mitarbeiter der Bibliothek angewiesen, täglich in sogenannten Diarien ihre Tätigkeiten zu protokollieren.74 Für Goethe lag die Notwendigkeit, täglich die Arbeit zu dokumentieren, in dem Gewahrwerden des Tuns und dem Erzielen von Gewissenhaftigkeit.75 Von dem Bibliothekspersonal wurde effizientes Arbeiten verlangt. Ein Bibliothekar sollte daher nicht nur umfassende Bildung vorweisen, sondern im Zusammenspiel mit der Oberaufsicht die Bibliothek effizient verwalten können. Unter Goethe wurde die Oberaufsicht zum „personalpolitischen Kontrollinstrument“76. Die Grundlagen der modernen Verwaltung wie Differenzierung, Hierarchisierung und Verschriftlichung waren Ende des 18. Jahrhunderts in die fürstliche Bibliothek zu Weimer eingezogen.77 Unter Goethe und Voigt verselbständigte sich die Bibliothek zu einer bürokratisch geführten Institution. Diese Entwicklung ist im Kontext der allgemeinen Bürokratisierungswelle der deutschen Fürstentümer Ende des 18. Jahrhunderts zu sehen. Die Realisierung angestrebter Reformen führte zu immer komplexer werdenden Aufgaben der reformwilligen Regierungen.78 Hierfür und für das verstärkte staatliche Engagement in Bereichen, die vorher der Kirche oder den Ständen vorbehalten waren, wie das Schulwesen, die Armenpflege oder die Zensur, benötigte der Fürst eine ausreichende Zahl zuverlässiger und qualifizier-

nur ausgegeben werden, wenn sie eine Bürgschaft des Lehrers oder der Eltern vorzeigten. Auswärtige Benutzer benötigten eine Sondererlaubnis der Bibliothekskommission (= Oberaufsicht, Goethe und Voigt). Versäumnisse wurden unabhängig von Stand und Ansehen angemahnt. Beschädigte Bücher waren zu ersetzen. Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 139f und Bl. 145f sowie Steierwald 1999, S. 73f. 73 Handschriftlicher Entwurf des Avertisements durch Goethe und Voigt vom 25. Februar 1789 in: ThHStAW A 11619g, Bl. 147. 74 Diarium über die bei der fürstlichen Bibliothek gangbaren Geschäfte, angefangen im April 1799. 75 Vgl. Gespräche mit dem Kanzler v. Müller, 18. November 1824, zitiert in: Steierwald 1999, S. 77. 76 Steierwald 1999, S. 77. 77 Vgl. Steierwald 1999, S. 77f. 78 Vgl. Demel 1993, S. 12f und Duchhardt 1998, S. 160.

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ter Beamter.79 Es kam zu Umorganisationen im Verwaltungsbereich, indem neue Behörden aufgebaut wurden, besondere Deputationen und Kommissionen gebildet sowie zahlreiche Gremien eingerichtet wurden. Je stärker sich die Verwaltungsorganisation des Staates ausweitete und verzweigte, um so mehr wurde die Bevölkerung mit der Obrigkeit in der Gestalt von Behörden und Beamten konfrontiert. Dies führte zu einer Verselbständigung und Entpersonalisierung der Leitinstanz des Verwaltungsstaates; höfische und staatliche Verwaltungsfunktionen wurden verstärkt von einander abgegrenzt.80 Auch in Weimar führten die Bestrebungen, die Landesverhältnisse zu verbessern, zur Übernahme neuer Staatsaufgaben und zu einer wachsenden Bedeutung der inneren Verwaltung.81 Wie in Kapitel 1 beschrieben, wurde unter der Herrschaft von Anna Amalia begonnen, das Behördensystem auszubauen, indem landesherrliche Kommissionen eingerichtet wurden. Die Entwicklung der Bibliotheksverwaltung folgte einer allgemeinen Reorganisation des Staates, die am 5. Mai 1816 mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung ihren Höhepunkt fand.82 In dem zum Großherzogtum gewordenen Staat herrschte nun die Staatsform der konstitutionellen Monarchie, und die ehemaligen hofstaatlichen Strukturen wurden weitgehend aufgelöst. Das ehemalige Geheime Concilium wurde zu einem Staatsministerium mit sechs Ressorts. Außerdem wurden sogenannte Immediatskommissionen, Behörden für Spezialaufgaben der inneren Verwaltung, geschaffen. Die Bibliothek unterstand jetzt der Oberaufsicht für Wissenschaft und Kunst, eine Immediatskommission, in die die bisher vergebenen personalbezogenen Ämter integriert wurden. „De facto war die Bibliothek jetzt Unterabteilung einer staatlichen Behörde und nun auch verfassungsrechtlich nicht mehr private Einrichtung eines Fürsten, sondern eine öffentliche Institution.“83 79 Zur Vermehrung und Qualifizierung der Beamtenschaft sowie wie deren steigender Einfluss als sekundäre Führungsschicht vgl. Vierhaus 1984, S. 78f, Vierhaus 1987, S. 41–62, Demel 1993, S. 8f. 80 Zur Entpersonalisierung des Verwaltungsstaates vgl. Vierhaus 1984, Conze 1990, S.  21, S. 79 und Müller 1995, S. 9,. Das Beamtentum der Frühen Neuzeit hatte dennoch eine patrimoniale Grundlage. Auch wenn er Staatsdienste versah, war der Beamte allein dem Fürsten gegenüber verantwortlich und war allein durch ihn legitimiert. Eine Änderung dieses Verhältnisses trat erst ein, als der Fürstenstaat konstitutionalisiert wurde, in den deutschen Staaten also erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die Beamten waren dann als „Staatsdiener“ dem ganzen Staatswesen gegenüber verantwortlich. Vgl. Hinrichs 2000, S. 175. 81 Vgl. Hess 1993, S. 25. 82 Vgl. Hess 1993, S. 30. 83 Steierwald 1999, S. 78.

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Die Verwaltungsstrukturen sollten sich bis zum Jahre 1849 nicht ändern. Als Konsequenz der revolutionären Unruhen und durch die daraus resultierenden Verwaltungsreformen wurde die Oberaufsicht der unmittelbaren Anstalten für Kunst und Wissenschaften, das Amt, das auch für die Bibliothek zuständig war, vom Departement für Justiz und Kultus abgelöst.84 Der Einfluss der staatlichen Behörden sank, die Verantwortung der Leitung für die Bibliothek wurde zunehmend dem Bibliothekar übertragen. In der Amtszeit von Ludwig Preller (1809–1861, Amtszeit 1847–1861) wurde die Bezeichnung ‚Bibliotheksdirektor‘ für den leitenden Bibliothekar geprägt. „Die Verwaltungsreform setzte die verwaltungspolitische Autonomie der Bibliothek konsequent fort.“85

2.2.2 Eine öffentliche Bibliothek? – Die Benutzung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Während der Regierung Anna Amalias galten die Nutzungsvorschriften, die Wilhelm Ernst Bartholomäi 1750 formuliert hatte.86 Demnach durfte nur entleihen, wer in Weimar in „würcklichen Diensten“ stand oder andere Sicherheiten bieten konnte. Auswärtige durften nur mit Erlaubnis der Kommission ausleihen. Auch die Ausleihe von Handschriften bedurfte ihrer Zustimmung der Kommission. Während laut der neuen Bibliotheksordnung von 1798 von Goethe und Voigt die Regelungen der auswärtigen Benutzung und der Ausleihe von Handschriften und kostbaren Werken bestehen blieb, wurde die Beschränkung auf die in Weimar in festen Diensten stehenden Personen nicht mehr erwähnt. Die Benutzer

In der Mitte des 18. Jahrhunderts zählten der Hofadel, die Hofbeamten und die Professorenschaft aus Jena zu den Hauptnutzern der fürstlichen Bibliothek.87 Fernleihen gingen an Gelehrte außerhalb Weimars. Da erst seit 1792 begonnen wurde, ein Ausleihbuch zu führen, ist über die Zusammensetzung der Leserschaft zur Zeit Anna Amalias relativ wenig bekannt. Genauere Auskunft gibt das erste Ausleihbuch, in dem alle Ausleihen ver84 Vgl. Arnold 1999, S. 116. 85 Arnold 1999, S. 116. 86 Vgl. ThHStAW 11609g, Bl. 17–23 (Regesten). 87 Vgl. Knoche 2001, S. 21 und Regesten von Akten des ThHStAW zur Bibliotheksgeschichte.

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merkt sind, die von 1792–97 stattgefunden haben.88 In diesen fünf Jahren wurden 466 Benutzer verzeichnet, was ungefähr 7% der Weimarer Bevölkerung ausmachte.89 Im Vergleich lag damit der prozentuale Anteil der Bibliotheksbenutzer an der Stadtbevölkerung höher als heute.90 35 Leser waren Frauen. Mehr als ein Drittel der Leser hatten eine Funktion am Hofe inne. Hierzu zählten Bedienstete aller Bereiche.91 8% der Benutzer waren Angehörige akademischer Berufe (die Hälfte davon waren Theologen), weitere 8% waren Gymnasiasten. Angehörige verschiedener Handwerkszweige92 stellen 5,6% der Benutzer dar, Studenten 4%, Schauspieler 3%. 7% der Benutzer lassen sich nicht leicht zuordnen93, und für 25% sind keine Berufsbezeichnungen angegeben. Dieses Leserverhältnis sollte sich auch für die nächsten drei Jahre nicht ändern.94 Die Breite der Professionen der Bibliotheksbenutzer zeigt, dass die Bibliothek dem bürgerlichen Publikum nicht nur als Bildungsinstitution offen stand, sondern dass das Bildungsangebot auch genutzt wurde. Auch die in Weimar lebenden Schriftsteller profitierten von den Beständen der Weimarer Hofbibliothek. Einer der eifrigsten Benutzer unter ihnen war Johann Gottfried Herder. Im Ausleihjournal von 1798–1801 ist er mit 214 Werken vertreten.95 Goethe hatte zwischen den Jahren 1792–1832 2276 Titel aus der Bibliothek entliehen. „Die Gesamtzahl dürfte noch wesentlich höher liegen, da die ersten Jahre seines Weimarer Aufenthaltes nicht dokumentiert sind.“96 Die Benutzung stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. So sind für den Zeitraum vom 1.4.1849 bis zum 30.4.1850 insgesamt 745 88 Zum ersten Ausleihbuch, welches unter der Oberaufsicht des Geheimen Rats Schnauß begonnen wurde, vgl. Kratzsch 1994. In dem Ausleihbuch wurden die Bücher mit verkürzten Verfasser- und Titelangaben, manchmal auch die Signatur sowie das Ausleih- und das Rückgabedatum notiert. 89 Zu den auch im Folgenden angegebenen Zahlen vgl. Kratzsch 1994, S. 238. 90 Vgl. Knoche 2001, S. 22. 91 So finden sich u. a.: Kapellmeister, Jagdlakaien, Bienenmeister, Kapelldiener, ein Koch, Silberdiener, ein Hoffourier, Hofgärtner, Tafeldecker, Jäger, Kellereiverwalter, ein Regierungsbote, ein Archivar oder Pagen. Vgl. Kratzsch 1994, S. 238f. 92 Vermerkte Handwerksberufe sind: Gürtler, Seiler, Kupferstecher, Pitschierstecher, Buchdrucker, Papiermacher, Schneider, Goldschmiede, Maurermeister, Zimmermeister, Schieferdecker, Maler, Glaser, Baumeister, Feldscher, Büchsenmeister und Konditoren. Vgl. Kratzsch 1994, S. 239. 93 Hierbei handelt es sich u. a. um Bedienstete Weimarer Familien, einen Universitätsbuchhändler aus Erfurt, um den Stadtkantor, um vier Musiker und um einen Postmeister. Vgl. Kratzsch 1994, S. 239. 94 Vgl. Knoche 2001, S. 22. 95 Vgl. Knoche 2001, S. 23. 96 Knoche 2001, S. 24.

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Benutzer verzeichnet.97 Die Benutzerzahlen sind dementsprechend um mehr als 50% gestiegen. Lesekultur im 18. Jahrhundert

Das beeindruckende Ansteigen der Benutzerzahlen der Weimarer Bibliothek ist ein Beispiel für die allgemeine Entwicklung der Lesekultur in Deutschland Ende des 18.  Jahrhunderts. Wird das Lesepublikum im 17. Jahrhundert mit insgesamt ca. 60.000 Personen beziffert, sind es um 1700 80.000 – 85.000 und um 1800 mehr als 300.000.98 Eine bedeutende Rolle spielte die verstärkte Ausbildung der Lesefähigkeit. Diese war nicht nur eine Auswirkung der Schulreformen99 des 18. Jahrhunderts, sondern wurde auch durch den sozialen Wandel von einer rezeptiven zu einer kommunikativen Gesellschaft motiviert. „Die Begeisterung für das Buch greift über die traditionell lesenden Kreise des Adels, der Gelehrten, der Beamten und des gehobenen Bürgertums hinaus. Neue Zielgruppen, vor allem weib97 Vgl. Arnold 1999, S. 122. 98 Auch wenn die Zahlen in der Forschung um 1800 zwischen 350.000 und 550.000 Personen variieren, bleibt der ansteigende Trend derselbe. Zur Entwicklung der Leserzahlen und zum Leseverhalten im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts vgl. u. a. Goepfert 1976, S. 403–411, Kopitzsch 1976, S. 68–71, Möller 1986, S. 268–280, Maurer 1996, S. 57–62 und Wittmann 1999. Diese Zahlen sowie zeitgenössische Äußerungen über eine in allen Ständen grassierende „Lesewut“ oder „Lesesucht“ haben die Forschung dazu bewogen, von einer „Leserevolution“ im ausgehenden 18. Jahrhundert zu sprechen. Bei differenzierter Betrachtung wird deutlich, dass der Anstieg der Leserzahlen je nach sozialen und regionalen Bedingungen stark schwankt. Die zeitgenössischen Klagen über die „Lesewut“ oder gar „Leseseuche“ gehen auf Kritiker der staatlichen und kirchlichen Obrigkeiten sowie ‚Spätaufklärer‘, die nutzloses ‚Zerstreuungslesen‘ verdammen, zurück und sind entsprechend ideologisch gefärbt bzw. verfälscht. „Es wäre jedoch ein Fehler, dem regelmäßig lesenden Publikum von etwa 300.000 Personen, die also 1,5% der erwachsenen Gesamtbevölkerung ausmachen, eine nur marginale gesamtgesellschaftliche und kulturelle Rolle zuzuweisen. Denn dieses zunächst so kleine Ferment neuer Leser verursachte folgenreiche kulturelle und politische Kettenreaktionen.“ Wittmann 1999, S. 427. Zur differenzierten Betrachtung des Begriffs „Leserevolution“ vgl. neben Wittmann 1999 auch Nagl 1988. 99 1780 konnten vermutlich 15% der deutschen Bevölkerung lesen, um 1800 schon 25% und 1830 waren es bereits 40% der erwachsenen Deutschen. Nagl betont, dass sich zwar seit der Reformation in fast allen deutschen Staaten die Idee eines obligatorischen Schulbesuches durchgesetzt hatte, sich aber zumindest auf dem Lande kaum jemand daran hielt. So sind für die verschiedenen Regionen und Bevölkerungsschichten sehr unterschiedliche Alphabetisierungsquoten zu verzeichnen. Für die mitteleuropäische Landbevölkerung im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden Alphabetisierungsquoten zwischen 5% und 50% errechnet. Vgl. Nagl 1988, S. 29–31. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass eine elementare Lesefähigkeit aufgrund einer bescheidenen Schulbildung meistens niemals in die Lektürepraxis umgesetzt wurde. Vgl. Wittmann 1999, S. 425.

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liche Leser, aber auch Angehörige sozial unterprivilegierter Schichten, werden durch Romane und populäres Schrifttum angesprochen.“100 Diese Entwicklung berührte auch das Leseverhalten: die Leser gingen von der „intensiven Wiederholungslektüre eines Buches (der Bibel) oder weniger Bücher (meist Erbauungsschriften; im weltlichen Bereich die sogenannten „Volks­bücher“) zur extensiven Einmallektüre immer zahlreicherer Bücher“101 über. Mit diesem Wandel korrespondierte eine Verschiebung der Gebiete der Neuerscheinungen. So ging im 18. Jahrhundert die Zahl der in Latein verfassten Bücher stark zurück. Auch die Anzahl der theologischen Erscheinungen verminderte sich, während der Anteil der philosophischen und poetischen Schriften wuchs. Die ‚Schöne Literatur‘ erreichte um 1800 den ersten Rang aller Sachgebiete, ein Phänomen, das auch bei Anna Amalias Privatbibliothek zu bemerken war. Außerdem stieg das Interesse an den praktisch orientierten Wissensbereichen. Die Buchproduktion zeichnete sich dementsprechend durch eine Säkularisierung aus. Sie stieg im 18. Jahrhundert um mehr als das Doppelte.102 Auch das Zeitschriftenspektrum wurde erweitert.103 Zeitschriften oder Periodika waren die literarischen Gattungen, „die als Diskussionsform der Aufklärung und als Medium ihrer Popularisierung eine zentrale Rolle spielten“.104 Zu einem Hauptmedium der ‚Aufklärung‘ wurden die so genannten ‚Moralischen Wochenschriften‘, die nach englischem Vorbild dem Menschen zur moralischen Gestaltung seines Lebens und zur Ausbildung seiner bürgerlichen Tugenden nutzen sollte. Die hohen Preise auf dem Buchmarkt führten dazu, dass der größte Teil des neu entstandenen Lesepublikums zur Befriedigung seines Lektürebedürfnisses auf Leihbüchereien und Lesegesellschaften angewiesen war.105 Zwar bezeichneten sich die vielen Hof-, Stadt-, Universitäts- und Klosterbibliotheken des 18. Jahrhunderts als öffentlich, dennoch konnten sie den neuen Lesehunger zumindest auf dem Gebiet der aktuellen Information und des Geschmacks mit ihren vorhandenen Beständen und den geltenden Benutzungsordnungen nicht stillen. So entwickelte sich die Institution der 100 Adam 2001, S. 240. 101 Maurer 1996, S. 58. Zur qualitativen Erklärung des Phänomens der so genannten „Leserevolution“ vgl. Nagl 1988. 102 Zur Buchproduktion und dem Lektüregeschmack vgl. Ruppert 1981, Möller 1986, S. 272–276, Wehler 1996, S. 304–306 und Wittmann 1999, S. 441–447. 103 Zur Entwicklung des Zeitungswesens vgl. Wehler 1996, S. 306–313. 104 Möller 1986, S. 276. 105 Zu den Leihbibliotheken und Lesegesellschaften des 18.  Jahrhunderts vgl. insbesondere Göpfert 1976, Dann 1982, Thauer / Vodosek 1990, Wehler 1996, S. 320–322, Wittmann 1999, S. 447–454.

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Leihbibliothek, deren Bestand überwiegend aus Belletristik bestand. Dieser frühe Typus der ‚rein unterhaltenden Konsum-Leihbücherei‘ wurde von Antiquaren, Buchbindern, Buchhändlern, aber auch branchenfremden Privatpersonen geführt, die von den Teilnehmern eine geringe Gebühr erhoben und Anschaffungswünsche berücksichtigten. Hier trafen sich die Lesehungrigen, die aus sozialen, finanziellen oder lokalen Gründen keine Möglichkeit besaßen, einer Lesegesellschaft beizutreten. Die sich selbst verwaltenden Lesegesellschaften dienten neben dem preiswerten Bereitstellen von Lesestoff für ihre Mitglieder auch als Versammlungsort, wo über das Gelesene diskutiert wurde und Meinungen gebildet wurden. Dass das Bedürfnis nach solchen Orten lektürevermittelnder und lektürevermittelter Kommunikation groß gewesen sein muss, beweist die Gründungseuphorie Ende des 18. Jahrhunderts.106 In ihren Handbibliotheken waren Zeitungen, Magazine, Nachschlagewerke und Sachbücher, seltener literarische Neuerscheinungen vertreten, die den Mitgliedern während langer Öffnungszeiten zur Verfügung standen. Nicht nur die Leseräume, sondern auch Konversationszimmer und Klubräume zählten zu den Einrichtungen dieser ‚Lektüre­ kabinette‘. Die Lesegesellschaften standen laut ihren Statuten grundsätzlich allen Ständen offen. Der hohe Mitgliedsbeitrag und die nur durch Mehrheitsbeschluss bewilligte Aufnahme führten allerdings dazu, dass eine gesellschaftliche Homogenität gewahrt wurde und gegenüber dem Kleinbürgertum eine nur schwer zu überwindende Distanz bestehen blieb. „Intern praktizierte man jedoch nach den besten Kräften „Standesgleichheit, Diskussionsfreiheit und demokratische Mehrheitsentscheidung“, so dass sich Binnenegalität und Außenexklusivität eigentümlich mischte.“107 Zu den Mitgliedern zählten Vertreter der akademischen Intelligenz, landesherrliche Beamte, freiberuflich und unternehmerisch tätige Bürger sowie der Verwaltungs- und Militäradel. Hier vereinten sich sozio-kulturell der Adel und das Bürgertum unter dem Vorzeichen der Bildung und den gemeinsamen Vorstellungen von kulturellen Werten zu einem neuen Stand, dem so genannten ‚Bildungsbürgertum‘, der sich gegenüber den ‚ungebildeten‘ Gesellschaftsschichten absetzte.108 106 Die Lesegesellschaften entstanden zuerst überwiegend in den protestantischen Städten und Gebieten. Zur Gründungsstatistik vgl. Wehler 1996, S. 320 und Wittmann 1999, S. 451. 107 Wehler 1996, S. 321. 108 Vgl. Ruppert 1981, S. 144 und 147 und Möller 1986, S. 292. Allerdings darf die soziale Gleichheit, die im Rahmen der Gesellschaften galt, nicht auf eine soziale Gleichheit im Gefüge des Staates zurückgeführt werden. Hier wurden die Standesunterschiede weiterhin wahrgenommen. Vgl. Becher 1978, S. 22f.

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Diese neu entstehenden ‚bürgerlichen Gesellschaften‘ – neben den Lesegesellschaften zählen auch die Freimaurer, ökonomische und patriotische Gesellschaften dazu – boten die Möglichkeit zu offenen Diskussionen. Viele Lesegesellschaften nahmen in ihren Satzungen als Vorsatz die gegenseitige ‚Aufklärung‘ auf. In dem offenen Diskurs, der im Schutze der privaten Geselligkeit geführt wurde, wurden Themen problematisiert, die bislang „dem Interpretationsmonopol der Kirche und der Geheimkanzlei“109 unterlegen hatten. In den Gesellschaften institutionalisierte sich eine neue Form der Öffentlichkeit, die so genannte ‚literarische Öffentlichkeit‘.110 Hier übten die Mitglieder im literarischen Räsonnement, d. h. im Gespräch über Literatur und über ihre subjektiven Erfahrungen anhand von Literatur, jene öffentlichen Umgangsformen ein, die später zur Voraussetzung eines politischen Räsonnements werden sollten.111 Auch wenn einige reformabsolutistische Herrscher den Lesegesellschaften wohlwollend gegenüberstanden, herrschte spätestens ab 1789 obrigkeitlicher Argwohn gegenüber derartigen Versammlungsorten.112 Es kam häufig zu Auflösungen oder polizeilicher Überwachung. Lesekultur in Weimar im 18. Jahrhundert

Wie zuvor skizziert, hat sich Ende des 18. Jahrhunderts auch in Weimar das Lesepublikum beachtlich vergrößert. Doch im Vergleich zu anderen deutschen Städten wurde hier erst relativ spät, 1830 / 31, eine Lesegesellschaft gegründet.113 Die Initiative für die Gründung eines solchen Lese- und Kommunikationszentrums ging von dem Konsistorialrat Heinrich Carl Friedrich Peucer (1779–1849) aus. Zweck der Gesellschaft sollte sein „Kenntniß zu nehmen und unter sich zu verbreiten, von allem, was in der Literatur, sowohl in Deutschland als bei den Nachbarvölkern, Gutes und Achtbares neu erscheint“114. Das „residenzstädtische Lese-Museum“ sollte 109 Wehler 1996, S. 321. 110 Diese neue Öffentlichkeit steht im Gegensatz zu der bis dahin vorherrschenden so genannten ‚repräsentativen Öffentlichkeit‘, d. h. der öffentlichen Machtdarstellung des frühneuzeitlichen Herrschers gegenüber seinen Untertanen, die sich auf das Präsentieren konzentrierte und sich durch einen Mangel an Kommunikation auszeichnete. Zu den verschiedenen Strukturen von Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert und deren Wandel vgl. Habermas 1976, Hölscher 1978, Schulte-Sasse 1980 und Gestrich 1994, S. 12–15. 111 Vgl. Schulte-Sasse 1980, S. 17. 112 Vgl. Wehler 1996, S. 321f und Wittmann 1999, S. 452f. 113 Zur Weimarer Lesegesellschaft „Museum“ in den Jahren 1830–1950 vgl. Marwinski 1969. 114 „Entwurf der Bedingungen, nach welchen eine größere Lesegesellschaft in der Stadt Weimar zu stiften und einzurichten wäre“. Weimar 1830, S. 1 (zitiert nach: Marwinski 1969,

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den Mitgliedern eine Plattform für den Austausch und den Diskurs aktueller Informationen sein. Großherzog Carl Friedrich (1783–1853) stellte die Räumlichkeiten (Lese-, Konversations- und Bibliothekszimmer) im Fürstenhaus gegenüber der fürstlichen Bibliothek, in dem auch die Freie Zeichenschule unter der Leitung von Georg Melchior Kraus (1737–1806) untergebracht war. Die Räumlichkeiten des Lesemuseums waren von morgens 10 Uhr bis abends 22 Uhr geöffnet. Der Mitgliedsbeitrag pro Jahr betrug vier Taler, für Damen die Hälfte. Im Gründungsjahr zählte die Gesellschaft 95 Mitglieder, 1835 schon 170. Die großherzogliche Bibliothek und die Lesegesellschaft standen in sehr enger Verbindung: Auf Veranlassung von Großherzog Carl Friedrich hatte die großherzogliche Bibliothek alle laufenden in- und ausländischen periodischen Schriften dem Lesemuseum abzugeben, damit sie dort ausgelegt wurden. Im Gegenzug gab die Lesegesellschaft nach Ablauf einer bestimmten Frist alle erworbenen Journale und Bücher an die Bibliothek.115 Den ersten Versuch, in Weimar eine Lesegesellschaft einzurichten, unternahm 1776 Ernst August Schmid (1746–1809), 1803–1809 Bibliothekar der fürstlichen Bibliothek. Jedoch mangelte es ihm an Publikum.116 Es stellt sich die Frage, warum sich in Weimar Ende des 18. Jahrhunderts nicht genügend Mitglieder für eine Lesegesellschaft fanden. Die Gründungen von Lesegesellschaften waren motiviert durch die hohen Preise der Journale, Zeitschriften und Bücher. Wie erwähnt, gehörten ihre Mitglieder dem gebildeten Bürgertum, der höheren Beamtenschaft und dem Adel an. Dieser Teil der Weimarer Gesellschaft fand sich in geselligen Zirkeln unter Teilnahme des Weimarer Hofes zusammen. Die Mitglieder dieses Kreises benötigten keine Institution, die ihnen Raum für einen intellektuellen Austausch gab. Wie in Kapitel 1 erwähnt, versammelte Anna Amalia, insbesondere nach ihrer Regierungszeit, gerne eine illustre und gebildete Gesellschaft zum literarischen Diskurs und aktiver Kunstausübung um sich. Neben den Tafelrunden bei der Herzogin oder der abendlichen Leserunde der ‚Weltgeister‘, die Herzog Carl August um sich versammelte, traf man sich an verschiedenen privaten Orten, wie z. B. im Hause Herders, in den Räumlichkeiten des Unternehmers Friedrich Justin Bertuch oder bei CharS. 285). Marwinski vermutet, dass die Gründung der Weimarer Lesegesellschaft „Museum“ im Zusammenhang mit den Ereignissen der Pariser Julirevolution von 1830 zu sehen ist. Die Gesellschaft sollte ein Ort sein, wo sich die Weimarer Bürger über das politische Weltgeschehen zuverlässig und umfassend informieren konnten. Vgl. Marwinski 1969, S. 284. 115 Vgl. auch eine Anweisung von Goethe aus dem Jahre 1830 zitiert in Marwinski 1969, S. 289. 116 Vgl. Marwinski 1991, S. 10.

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lotte von Stein.117 Der Bestand der fürstlichen Bibliothek stand ihnen genauso offen wie die Privatbibliotheken. An aktuellen Informationen über politische und kulturelle Ereignisse wird es ihnen nicht gemangelt haben, schließlich weilte mit Wieland unter ihnen der Herausgeber eines der erfolgreichsten Journale der ‚Aufklärung‘.118 In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Initiatoren dieser Gesellschaften alt geworden oder schon verstorben. Das Bedürfnis nach einem literarischen und politischen Diskurs war aber, insbesondere nach den Ereignissen der Pariser Julirevolution von 1830, weiterhin vorhanden.119 Die Lesegesellschaft sollte, anknüpfend an die Tradition der geselligen Zirkel Ende des 18. Jahrhunderts, ein Ort sein, wo sich die Weimarer Bürger über das politische und literarische Weltgeschehen zuverlässig und umfassend informieren konnten. Kanzler von Müller nannte dementsprechend in seiner Festrede zur Einweihung der neuen Räume der Gesellschaft im Für­ stenhaus am 2. Mai 1831 die Abendgesellschaften der Herzogin Anna Amalia als Vorbild.120 In den Zirkeln von Anna Amalia oder Carl August traf sich nur ein sehr kleiner privilegierter Teil der Weimarer Gesellschaft. Die leseinteressierten Bürger der mittleren Stände mussten auf andere Bestände zurückgreifen.121 Anfang des 19. Jahrhunderts gab es dementsprechend auch privat geführte Leih- und Lesebibliotheken in Weimar, wie eine Bemerkung der Benutzerordnung der fürstlichen Bibliothek vom 21. März 1810 verdeutlicht.122 Ein zentraler Ort für das lesehungrige Publikum wurde auch die fürstliche Bibliothek, wie die oben angeführten Benutzerdaten verdeutlichen. Der Benutzerkreis verweist zudem darauf, dass sich, ganz im Trend der Zeit, das Le117 Vgl. Busch-Salmen 1998a, S. 87f. 118 Nach dem Vorbild des „Mercure de France“ verlegte Wieland seit 1773 in Weimar die Zeitschrift „Teutscher Merkur“ (1773–1789), später „Neuer Teutscher Merkur“ (1790–1810). In diesem ‚aufgeklärten‘ Journal erschienen Abhandlungen zu literarischen und philosophischen Themen sowie Nachrichten aus Wissenschaft und Politik. Besonders im politischen Diskurs blieb Wieland auf der Höhe der Zeit. Wielands Intention war es, ein möglichst großes gebildetes Publikum zu erreichen, was ihm für den ganzen deutschen Sprachraum auch gelang. So ist der „Teutsche Merkur“ neben der „Deutschen Chronik“ das wichtigste Forum, das dem Publikum in Deutschland die Ereignisse und Hintergründe der Französischen Revolution vermittelte. Vgl. Ungern-Sternberg 1999, S. 91f. 119 Vgl. Marwinski 1969, S. 284. 120 Vgl. Marwinski 1969, S. 291. 121 Erst 1876 gründete sich ein Volksbildungsverein, dessen Bibliothek der Grundstock für die Städtische Bibliothek werden sollte. Zu den Bibliotheken in Weimar vgl. Günther  /  Huschke / Steiner 1993, S. 43–45. 122 Die Benutzerordnung von 1810 ist abgedruckt in: Kratzsch 1990, S. 13f.

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seinteresse der Weimarer Bürger nicht nur auf die höfischen und oberen Gesellschaftsschichten beschränkte. Die Reaktionen der fürstlichen Bibliothek zu Weimar auf die Weimarer Lesekultur des späten 18. Jahrhunderts

Die fürstliche Bibliothek zu Weimar reagierte auf die verstärkte Intensität der Benutzung. Die neuen Ausleihregeln der Benutzungsordnung von 1798 richteten sich nach dem gesteigerten Lesebedürfnis. Die in Goethes Fall nachzuweisende ‚bürokratische Pedanterie‘ hinsichtlich der Arbeit der Bibliotheksverwaltung ist auch auf die ansteigenden Benutzerzahlen zurückzuführen. „Nur bei strenger Gesetzmäßigkeit der Abläufe konnte die Öffnung der Fürstenbibliothek für ein nicht-höfisches Publikum abgesichert werden.“123 Dieser Gedanke spricht auch für nur zwei Ausleihtage in der Woche, eine Tatsache, der eigentlich einer Ausrichtung nach dem gesteigerten Lesebedürfnis widerspricht.124 Die Ansicht von literarischen Neuigkeiten war nicht nur auf zwei Wochentage beschränkt, sondern wurde auch durch Anmeldung geregelt.125 Goethes und Voigts Bibliotheksordnung von 1798, die im Wesentlichen bis 1895 gegolten hat126, diente nicht mehr hauptsächlich als Dienstanweisung für den Bibliothekar, sondern zielte auf ein Rechtsverhältnis mit den Benutzern ab. Dass bei all dem Reglement, welches zunächst als benutzerunfreundlich hätte gelten können, auch an den Benutzer gedacht wurde, zeigt sich bei der Frage nach der Ordnung der Sammlungen. Diese sollten so aufgestellt sein, dass ein schnelles und bequemes Auffinden der Bücher ermöglicht würde.127 In diesem Sinne wurde in den neunziger Jahren des 18.  Jahrhunderts durch eine Aufstellung von neuen Regalen die Stellfläche erweitert und die Sammlung „in einer besseren u[nd] natürlicheren Ordnung aufgestellet.“128 Außerdem wurde dafür gesorgt, dass der in den siebziger Jahren begonnene Nominalkatalog fertiggestellt wurde. Dieses Instrument ist für eine gezielte Literatursuche geeigneter als der Realkatalog, der eine gute Übersicht über die thematische und 123 Knoche 2001, S. 24. 124 Goethe erklärte die Benutzungsbeschränkung auf zwei Tage die Woche damit, dass bei täglichen Ausleihzeiten die Alltagsgeschäfte der Bibliothek gehindert werden würden. Vgl. ThHStAW A 11617b, Bl. 125. Kratzsch betont, dass die zwei Ausleihtage auf die Markttage fielen, „so dass die Marktbesucher das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden konnten.“ Kratzsch 1990, S. 11. 125 Vgl. Steierwald 1999, S. 74. 126 Zum Vergleich der einzelnen Verordnungen vgl. Kratzsch 1990, S. 14f. 127 Vgl. Steierwald 1999, S. 75. 128 Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 219. Vgl. auch Kapitel 3.

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fachliche Bandbreite der Bibliothek lieferte. Eine weitere benutzerfreundliche Regelung war die Möglichkeit einer Vorbestellung ausgeliehener Bücher.129 Auch eine Verlängerung wurde möglich, allerdings musste durch Vorlage des Buches nachgewiesen werden, dass es noch wohlbehalten war. Es stellt sich die Frage, ob das veränderte Literaturbedürfnis einen Einfluss auf die Anschaffungspolitik ausübte. Der eigenständige Etat suggerierte „die Möglichkeit eines eigenständigen zu außerhöfischen Zwecken dienenden Bestandsaufbaus.“130 Doch die Summe des Etats war immer noch so gering, dass sich der Bestand der Bibliothek nur durch eine Überziehung, durch fürstliche Schenkungen oder Nachlässe jährlich um mehr als 1500 Bände erhöhen konnte.131 Auch die Nachlässe von privaten Sammlungen, die durch Schenkungen oder Versteigerungen erworben wurden, trugen zu einer Bestandsvermehrung bei.132 Mit dieser Anschaffungspolitik verschmolzen private und öffentliche Sammlungsprinzipien. Es ist anzunehmen, dass sich die Bildungsinteressen der jeweiligen Regenten Ernst August Constantin, Anna Amalia und Carl August mit denen der Autoren und Lesenden der Weimarer Gesellschaft deckten.133 Die Bibliothek legte sich 1773 offiziell eine Zurückhaltung beim Erwerb unterhaltsamer und historischer Schriften auf, da diese Literaturgattungen „von Anna Amalia und den Prinzen schon selbst erworben werden.“134 Es wurde also damit gerechnet, dass die Werke der fürstlichen Familie früher oder später in die ‚öffentliche‘ fürstliche Bibliothek gelangen würden. Die privaten Teilbibliotheken wurden nicht separat aufgestellt, „sondern in die allgemeine Aufstellung des Rokokosaales eingeordnet.“135 Innerhalb der erworbenen Sammlungen entwickelten sich gemäß ihres historischen und bibliophilen Werts einige Sondersammlungen als besonders repräsentativ, so z. B. aus der Zeit Carl Augusts eine Sammlung von Meisterliederhandschriften des 14. und 17.  Jahrhunderts oder Handschriften zur sächsischen Geschichte sowie Bekenntnisschriften aus der Reformationszeit. Interessant ist, dass diese 129 Vgl. Kratzsch 1990, S. 12. 130 Steierwald 1999, S. 81. Zur Anschaffungspolitik Ende des 18. Jahrhunderts vgl. Steierwald 1999, S. 81f. 131 So ist nach dem Tode von Anna Amalia im Jahre 1807 ein großer Teil ihrer Privatbibliothek in die fürstliche Bibliothek gekommen. Vgl. die Diarien der Bibliothek von 1799 bis 1827. 132 Es gelangten z. B. die Privatbibliotheken von Johann Poppo Greiner (zumindest ein Teil nach ThHStAW A 11616, Bl. 86f, 1773), Johann Carl Musäus (1787), Johann Gottfried Herder (1805), Carl Ludwig Fernow (1809) und Christian August Vulpius (1828) in den Besitz der fürstlichen Bibliothek. Vgl. Steierwald 1999, S. 89. 133 Vgl. Steierwald 1999, S. 81. 134 ThHStAW A 11616, Bl. 70–77 (Regesten). 135 Steierwald 1999, S. 90.

Strukturwandel der fürstlichen Bibliothek  |

Sondersammlungen aus den Sammlungsinteressen des bürgerlichen Gelehrtenstandes, wie z. B. Professoren, Theologen und Gymnasiallehrern stammten.136 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als öffentliche Institution

Nach dem Universallexikon des Zeitgenossen Johann Heinrich Zedler (1706–51) ist ein wesentliches Merkmal der öffentlichen Bibliotheken ihre Öffnung für den „gemeinsamen Gebrauch.“137 Bibliotheken, „welche dem gemeinsamen Wesen angehören, von denen aber die die Bewohner solcher Oerter kaum etwas wissen, geschweige, dass sie solche besuchen sollten“, verdienten nicht den Namen „öffentliche Bibliotheck“, „ob sie gleich von gemeinen Unkosten sind errichtet worden.“138 Es gebe demnach auch Bibliotheken, die zwar von Privatpersonen errichtet worden seien, ihrem Wesen nach dennoch öffentlich seien. Ein wesentlicher Zweck einer öffentlichen Bibliothek ist nach Zedler die Bereitstellung von Büchern, so dass diejenigen, „welche die Kosten nicht tragen können, dennoch die nöthigen Mittel zum Studieren finden. […] Der rechte Endzweck von den öffentlichen Bibliothecken ist also dieser, dass man denen andern die Kosten erleicherte.“139 Insbesondere rare und wertvolle Bücher müssten daher in den öffentlichen Bibliotheken gesammelt werden. „Kleine Bücher, die aber überall zu haben, auch mit geringen Kosten anzuschaffen sind, gehören eigentlich nicht in große Bibliothecken; es sei denn, dass man die Historie einer ganzen Wissenschaft, welche gleichfalls einem besonderen Nutzen dienet, beysammen haben wollte, doch müssen solche dennoch wichtige, und auserlesene, nicht aber nichtswürdige und geringschätzige Bücher sein.“140 Glaubt man den Aufzeichnungen von Christian Wilhelm Schneider (1734–1797), dem Biographen von Johann Christian Bartholomäi, dem verdienten Bibliothekar während Anna Amalias Regierung, so verfolgte dieser eine Anschaffungspolitik nach Zedlers Auffassung. Bartholomäi „suchte desto mehr die ihm anvertraute Bibliothek mit solchen Werken zu vermehren, die sich Privatpersonen wegen ihrer Kostbarkeit nicht leicht anschaffen, die einen blei­ benden Werth haben und der Nachkommenschaft noch nutzbar seyn können.“141 Kleinere Schriften, die sich jede Privatperson besorgen konnte, 136 Vgl. Steierwald 1999, S. 90. 137 Zedler 1733, Sp. 1838c. 138 Zedler 1733, Sp. 1838c. 139 Zedler 1733, Sp. 1838c. 140 Zedler 1733, Sp. 1838d. 141 Schneider 1778, S. 41f.

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wurden nicht angeschafft, es sei denn, es handelte sich um das Fach Geschichte und Staatsrecht des kurfürstlichen und fürstlichen Hauses Sachsen. Schneider stellt Bartholomäis Anschaffungspolitik ganz im Sinne von Zedlers Beschreibung der öffentlichen Bibliotheken dar, sehr wahrscheinlich aus panegyrischen Motiven. Der Wort ‚öffentlich‘ bedeutete im 18. Jahrhundert zunächst ‚staatlich‘ im Sinne des modernen Staatsrechts.142 Darüber hinaus wurde das Attribut zunehmend auch anderen gesellschaftlichen Zusammenschlüssen als der staatlichen Gemeinschaft zugeordnet. Die deutsche Begriffsentwicklung folgte dem Wandel der Geselligkeitsformen der neuen bürgerlichen Gesellschaft. „In den bürgerlichen Institutionen: im öffentlichen Konzert, im Theater, den moralischen und kritischen Zeitschriften entfaltete sich eine neue Form von Öffentlichkeit, die den Bedeutungen des Wortes ‚pubblico‘, ‚public‘ in den romanischen Sprachen, ‚öffentlich‘ im Deutschen einen für die bürgerliche Gesellschaft charakteristischen ästhetischen, moralischen und rationalen Wert gaben.“143 Der Ausdruck ‚öffentliche Bibliothek‘ ist somit auch sprachlich eine Neuschöpfung des 18. Jahrhunderts. Als ‚öffentlich‘ wurden die Institutionen bezeichnet, in denen das gebildete Publikum miteinander kommunizierte. Eine Voraussetzung war eine allgemeine Zugänglichkeit dieser Institutionen. Die Teilhabe wurde nicht durch ständische, sondern durch sachliche Qualifikationen wie Bildung, finanzielle Mittel oder Bürgerrechte geregelt. So standen die ‚öffentlichen‘ Institutionen sozial gesehen in eingeschränktem Sinne für die Allgemeinheit offen. 1762 schlug Bartholomäi für ein neues Exlibris neben dem sächsischen Wappen auch den perspektivischen Aufriss vom Inneren des neuen Raumes mit einem Wappenschild darüber und der Unterschrift „Biblioteca Ducalis Saxo-Vin. Publica“ vor.144 Im Weimar des 18. Jahrhunderts wurde die fürstliche Bibliothek sowohl der damaligen politischen Bedeutung des Attributes ‚öffentlich‘ im Sinne von ‚staatlich‘ als auch der zeitgenössischen gesellschaftlich-sozialen Bewertung gerecht. Staatlich wurde die Bibliothek mit der Zuweisung eines eigenen Etats und dessen Trennung vom privaten Haushalt des Landesherrn.145 Als Bildungsanstalt stand sie allen gebildeten Weimarer Bürgern sowie Fremden offen. Der Wandel zu einer öffentlichen Institution wird auch in den Akten die Verwaltung der Bibliothek betref142 Zur Begriffsgeschichte des Wortes ‚öffentlich‘ vgl. Hölscher 1978. 143 Hölscher 1978, S. 431. 144 Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 17 (Regesten). 145 Zur Bewertung der Trennung des öffentlichen Budgets vom privaten des Landesherrn als Phänomen einer Verstaatlichung der fürstlichen Institutionen vgl. Habermas 1976, S. 25.

Repräsentations­instrument eines ‚aufgeklärten‘ absoluten Staates  |

fend offenkundig: das Attribut ‚öffentlich‘ ergänzt im Laufe des 18. Jahrhunderts mehr und mehr die Bezeichnung ‚fürstlich‘.146

2.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Repräsentations­ instrument eines ‚aufgeklärten‘ absoluten Staates Diese Entwicklung der höfischen Prachtbibliotheken zur staatlichen Bildungsinstitution ist wie oben erwähnt zum einen dem Modernisierungsprozess des frühneuzeitlichen Staates geschuldet, zum anderen im Kontext des sozio-kulturellen Mobilisierungsprozesses der ‚Aufklärung‘ zu sehen.147 Ersteres geschah in Weimar durch die finanz- und verwaltungspolitische Loslösung der Bibliothek vom Hof im Rahmen des Bürokratisierungsprozesses. Die Entscheidung für die Einrichtung der fürstlichen Bibliothek in einem vom Hof räumlich unabhängigen Gebäude fiel zu Beginn der politischen Entwicklung vom Hofstaat zur höfischen Staatsverwaltung. Der Bau verdeutlicht einen der ersten Schritte in diese neue politische Richtung und repräsentiert eine ‚moderne‘ Herzogin, die den zeitgenössischen staatstheoretischen Überlegungen offen gegenübersteht. Die exponierte Stellung der Bibliothek spiegelt nicht nur ein ‚modernes‘, dem rationalen Denken angepasstes Staatsverständnis wider. Sie kann auch als Repräsentation eines neuen Bildungsbewusstseins der ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft gesehen werden. Bildung und Erziehung fungierten als entscheidende Mittel der ‚Aufklärung‘, um ihre Forderungen nach Erkenntnis, Mündigkeit, Selbstdenken und Herrschaft von Vernunft durchzusetzen.148 Die Aufklärungsbewegung drängte nach Verbreitung: „Es gibt kein selbstgenügsames Bewahren des Erkannten, sondern im Erkennen selbst ist schon der Impuls zur Ausbreitung der Wahrheit enthalten.“149 Bildung im Zeitalter der ‚Aufklärung‘ begriff sich nicht nur als Bildung des Einzelnen, sondern zugleich der Gesellschaft und diente damit im Wolffschen Sinne dem Gemeinwohl. Die Bildung der Staatsbürger sollte so ausgerichtet sein, dass diese befähigt waren, optimale Leistung für das Wirtschafts- und Wohlfahrtssystem des Staates zu erbringen. Die Forderungen der ‚Aufklärung‘ nach verbesserten Bildungsmöglichkeiten der Allgemeinheit werden 146 Vgl. z. B. ThHStAW A 11617b, ThHstAW A 11617c sowie ThHStAW A 11619g. 147 Vgl. zur Bibliotheksgeschichte im Zeitalter der ‚Aufklärung‘ Arnold 1988, Fabian 1988, Frühsorge 1988 und Buszas 1976. 148 Vgl. Vierhaus 1987, S. 171. Vgl. zum Verhältnis Bildung und Aufklärung Maurer 1996, S. 441ff und Möller 1986, S. 133ff. 149 Maurer 1996, S. 442.

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wesentlich zur Realisierung der Bibliotheken als öffentliche Institutionen beigetragen haben.150 Bildung erfährt der Mensch durch Lesen. Die Bibliothek als Ort der Ansammlung von Wissen, oder wie Leibniz sagte, als eine „Schatzkammer des Geistes“151, stieg in ihrer Bedeutung. Die neue gebildete Gesellschaftsschicht fand hier ihr Selbstverständnis bestätigt. Abgesehen von den philosophischen und staatstheoretischen Ideen war die Bedeutungssteigerung von Bildung im Zeitalter der ‚Aufklärung‘ außerdem auf die Ausdehnung der staatlichen Verwaltung und damit verbunden der zunehmenden Bürokratisierung zurückzuführen.152 Mit dieser Entwicklung stiegen die Anforderungen an den Wissensstand der Staatsdiener. Durch Bildung und Leistung war es jetzt auch Bürgerlichen möglich, Staatsämter übertragen zu bekommen, die traditionell dem Adel vorbehalten waren. Dieser sah sich nun gezwungen, sich mit dem Bürgertum auf der Ebene der Bildung, der Kenntnisse und der ‚Geschicklichkeit‘ zu messen.153 Mit ihrer zunehmenden Verstaatlichung folgten die Hofbibliotheken der Forderung der Spätaufklärer nach einem staatlichen Erziehungs- und Bildungskonzept, in dem mit dem ‚aufgeklärten‘ Bürger als Ziel das gesamte Erziehungswesen der Politik des Staates untergeordnet zu sein hatte. Als Beispiel sei Heinrich Stephani (1761–1850) genannt, der 1797 in seinem „Grundriß der Staatserziehungswissenschaften“ „als erster ein öffentliches, d. h. staatliches Bibliothekswesen als integrierenden Bestandteil in ein Erziehungs- und Bildungskonzept einbaute, und damit künftigen Ent­ wicklungen den theoretischen Weg wies.“154 Wie gezeigt rückte auch die Weimarer Bibliothek immer mehr in das öffentliche Interesse. Der Überblick verdeutlichte nicht nur, dass die Bibliothek einer breiten Öffentlichkeit offen stand, sondern dass das Bildungsangebot auch von dieser benutzt wurde. Eine entscheidende Rolle mag in diesem Zusammenhang auch die exponierte Lage der Bibliothek gespielt haben. Durch ihren Umzug in ein vom Schloss entferntes Gebäude wurde der Zugang für jeden Interessierten erleichtert; Berührungsängste wurden genommen, was dem neuen Bildungsbewusstsein sehr entgegen kam. Der Umzug wurde von Geheim Rat Johann Poppo Greiner initiiert. Die Erhebung Greiners in den Reichsadelsstand ist das beste Beispiel für die Bedeutung von Bildung und Leistung in Bezug auf gesellschaftliches Ansehen. In Anna Amalias autobiographischen Aufzeichnungen „Meine Gedan150 Vgl. Arnold 1988, S. 43. 151 Leibniz zitiert in Buzas 1976, S. 76. 152 Vgl. Ruppert 1981, S. 29. 153 Vgl. Maurer 1996, S. 38, S. 600 und Vierhaus 1972, S. 525. 154 Thauer / Vodosek 1990, S. 24.

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ken“ aus den Jahren 1772–74 wird deutlich, dass die Herzogin an Greiner neben anderen ‚aufgeklärten‘ Tugenden wie Wahrheitsliebe, Vernünftigkeit, Fleiß insbesondere die Bildung schätzte.155 Greiner, der „ein großer Kenner der Litteratur war“156 und selbst eine umfangreiche Privatbibliothek besaß, wusste um den sozialen Wert des Gutes ‚Bildung‘. Durch seine Empfehlung, der fürstlichen Büchersammlung ein selbständiges Gebäude zuzu­ weisen – ein bis dahin seltenes Unterfangen für eine fürstliche Büchersammlung bzw. für Bibliotheken allgemein – und dieses entsprechend einzurichten, verlieh er der Bibliothek eine herausragende Stellung unter den fürstlichen Sammlungen und unterstrich ihre Bedeutung. Unter der Regierung Anna Amalias beginnt eine höfische Institution, sich in den Dienst bürgerlicher Bedürfnisse zu stellen, allerdings nicht ohne auch das Verlangen nach fürstlicher Repräsentation zu befriedigen. Die Entscheidung von Anna Amalia und ihren Beratern, der fürstlichen Bibliothek in Zeiten großer Sparmaßnahmen ein Bibliotheksgebäude zu errichten, zeugt von einem Willen, die Herzogin und ihre Regierungsweise nach außen als ‚aufgeklärt‘ und ‚modern‘ erscheinen zu lassen. Die Förderung des Bibliotheksbaus ist ein Repräsentationsinstrument, welches dem Wandel der Repräsentationsformen des herrschaftlichen Selbstverständnisses im 18. Jahrhundert entspricht und Weimar als einen Staat darstellt, der auf den überall wirksam werdenden Wertewandel reformabsolutistischer Staaten reagiert. Die Bedeutung der Bibliothek als prestigeförderndes Repräsentationsinstrument zeigt auch das Porträt der Herzogin, das der Weimarer Hofmaler Johann Ernst Heinsius (1731–94) um 1773 fertigte (Farbtaf. 1).157 Anna Amalia ist fast ganzfigurig in einem blauen Sessel sitzend mit Blick zum Betrachter dargestellt. Ihre rechte Hand liegt auf der Sessellehne, die linke hält in ihrem Schoß ein aufgeschlagenes Buch, dessen Text nicht zu erkennen ist. Sie trägt ein weißes Seidenkleid mit Spitzenvolants, Spitzenmieder und halblangen Ärmeln mit Spitzenbesatz, über ihre Schultern eine schwarze Spitzenmantille. Geschmückt ist sie mit einer mehrreihigen Perlenkette und Perlenarmbändern sowie perlenbesetzten Ohrringen. Eine grau gepuderte, hochtoupierte, mit Perlen geschmückte Perücke unterstreicht ihre thronende würdevolle Haltung. Nicht nur Kleidung, Schmuck und Haltung weisen auf Herkunft und Stand der Dargestellten hin. Durch 155 Vgl. Anna Amalia, Autobiographisches Fragment [um 1772–74], GSA 36 / VII, 18; zitiert nach Druck bei Wahl 1994, S. 112f. 156 Schneider 1778, S. 24. 157 Das Ölgemälde befindet sich heute in Schloss Tiefurt in Weimar (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KGe / 00010).

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die Vorhangdraperie sowie das Säulenpodest mit Wappenschild im Hintergrund wird das Bildnis trotz des privaten Charakters zu einem offiziellen Herrscherbildnis.158 Rechts neben Anna Amalia steht ein Tisch, auf dem sich eine halb aufgerollte Architekturzeichnung befindet. Das Porträt orientiert sich stark an dem Bildnis der Herzogin von Johann Georg Ziesenis (1716–76) aus dem Jahre 1769 (Farbtaf. 2).159 Neben kleineren Änderungen an der Kleidung und dem Schmuck übernimmt Heinsius Haltung und Raumaufteilung. Bemerkenswerter Unterschied ist der Ersatz eines zweimanualigen Cembalos, auf dem ein umfangreiches Notenwerk aufgeschlagen liegt, durch den Tisch mit der Architekturzeichnung. Anna Amalia kannte Ziesenis, der auch als Hofmaler in Hannover tätig war, vom elterlichen Hof, wo er enge Familienmitglieder porträtierte.160 So folgt Anna Amalias Gemälde einem Bildtypus von Porträts aus dem familiären Umfeld, was die Ähnlichkeit der Komposition mit einem Ölgemälde ihrer Mutter (um 1765) oder einem Bildnis ihrer Schwester Elisabeth von Preußen (1769)161 zeigt. Bei allen Gemälden dominieren die literarisch-musischen bzw. literarisch-gelehrten Bildattribute vor dem repräsentativen standesbetonenden Beiwerk. Ziesenis folgt hier einer Entwicklung der Porträtmalerei im 18. Jahrhundert, in der sich der aristokratische Formenkanon dem des gesellschaftlich aufstrebenden Bürgertums annäherte.162 Bei beiden Verwandten handelt es sich allerdings nicht um regierende Fürstinnen. Umso bemerkenswerter ist es, dass Anna Amalia auch während ihrer Regierungszeit ihre Offenheit den Künsten gegenüber (insbesondere Musik und Literatur) in den meisten repräsentativen Herrscherporträts in den Vordergrund stellen ließ.163 Die Bildnisse verweisen 158 Vgl. Beyer 2002, S. 252, Schrader 1995, S. 122. Zur Typologie des Porträts im 17. und 18. Jahrhundert vgl. auch Haak 2001, S. 16–23. 159 Porträt der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach von Johann Georg Ziesenis, Öl auf Leinwand, 1769 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KGe / 00301). 160 Zum Beispiel ihren Vater Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel, ihre Mutter Philippine Charlotte oder ihren Bruder Carl Wilhelm Ferdinand. Zum Werk von Johann Georg Ziesenis vgl. Schrader 1995. 161 Vgl. Schrader 1995, S. 82, Dreise-Beckmann 2004, S. 70, Busch-Salmen 1998, S. 15. Die Identität der Schwester ist nicht eindeutig geklärt. Die Forschung ist sich aufgrund der starken Ähnlichkeit zu Carl I. Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel einig, dass eine Tochter des Herzogs dargestellt ist. Vgl. Schrader 1995, S. 252. 162 Zur Entwicklung der Porträtmalerei im 18. Jahrhundert vgl. zusammenfassend Schrader 1995, S. 122–131. Einen Überblick über die Porträtmalerei des 18. Jahrhundert liefert Beyer 2002, S. 237–284. 163 Vgl. z. B. ein Porträt der Herzogin von Georg Melchior Kraus aus dem Jahre 1774, in dem der Maler Bücher (erkennbar ist nur ein Titel nämlich „Agathon I. Teil“, ein Bildungsroman von Wieland, eine Partitur und eine Querflöte als Beiwerk hinzugefügt hat (Klassik Stiftung

Repräsentations­instrument eines ‚aufgeklärten‘ absoluten Staates  |

somit auf ein ‚aufgeklärtes‘, der Bildung zugewandtes und somit zeitgemäßes Herrschaftsverständnis. Dies wurde von den Zeitgenossen auch als solches gelesen, denn noch trat in der Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts das Individuelle hinter der Herrschaftsidee zurück, und die dem Herrscher beigefügten Attribute hatten eher einen allgemeingültigen Charakter, als dass sie ausschließlich Hinweise auf persönliche Interessen gegeben hätten.164 An Heinsius’ Bildnis der Herzogin ist besonders die Architekturzeichnung erwähnenswert. Es ist das einzige erhaltene Porträt Anna Amalias, das auf ein Architekturinteresse der Herzogin schließen lässt. Wie bereits erwähnt, war es ihr in sparsamen Zeiten nicht möglich, sich für größere Bauvorhaben einzusetzen. Der Bibliotheksbau war das einzige repräsentative Gebäude, das während ihrer Regierungszeit geplant und fertig gestellt wurde. Wenn auch die Architekturzeichnung nicht eindeutig zu identifizieren ist, ist eine gewisse Ähnlichkeit zur Bibliothek dennoch zu erkennen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass hier auf den einzigen Neubau hingewiesen werden soll. Das aufgeschlagene Buch in Anna Amalias Linker als einziges weiteres Attribut verstärkt die Vermutung. Das Porträt verdeutlicht daher einmal mehr die Repräsentationsfunktion der Bibliothek zugunsten eines ‚aufgeklärten‘ modernen Herrschaftsprinzips der obervormundschaftlichen Regierung Anna Amalias, die den positiven Nutzen von Bildung für Staat und Gesellschaft erkannt hatte.

Weimar, Museen, Inv.Nr. KGe / 00320). Ein weiteres Bildnis von Ziesenis zeigt sie mit einem gerollten Notenblatt am Spinett (Entstehungsdatum ist nicht bekannt. SKH Ernst August Prinz von Hannover, Dauerleihgabe an die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Lessinghaus. Verschiendene Kopien von Heinsius, Erfurt Angermuseum, Weimar Wittumspalais vgl. Schrader 1995, S. 248f ). 164 Vgl. Haak 2001, S. 83.

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3. Der Bau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

„[...]da die Bibliothec würcklich zum Lustre des alhiesigen Fürstl: Hauses ist, und zeithero nicht ganz gut gestanden, auch nicht sattsamen Raum gehabt, erfordert um somehr die Nothwendigkeit selbige von dem bisherigen Orte weg an einen anderen genugsam vorher dazu aptirten Plaz zu bringen,[...]“1 Diese Zeilen schrieb die Obervormundschaftliche Kammer zu Weimar am 12. Mai 1760 an Anna Amalia. Es ist die Antwort auf den Befehl der jungen Herzogin, einen Teil der an ihr Appartement reichenden Bibliothekszimmer im Residenzschloss räumen und zum privaten Gebrauch einrichten zu lassen. Der inzwischen auf etwa 30 000 Bände angewachsenen Büchersammlung2 fehlte es nun sowohl an ausreichendem Platz als auch an repräsentativen Räumen. Der weitere Verlauf des Kammerberichts gibt Auskunft, wo die neuen Räume zu finden seien: “[...] des Endes man denn darüber mit dem Geheimen Assistenz=Rath, Greiner, Überlegung gepflogen, und nach Besichtigung der Herrschaftl: Gebäude gefunden, dass sich dazu das sogenannte grüne oder Französische Schlößgen alhier am besten schicken dürfte, indem darinnen nicht allein zu Aufstellung derer albereits vorräthigen Fürstl: Bücher, sondern auch vor die von Zeit zu Zeit noch anzuschaffende genugsamer Raum vorhanden, der ort selbsten auch beßer, als der bisanherige verwahret ist.“3 Die Herzogin stimmte dem Umbau des Renaissanceschlösschens sofort zu, die Planungen begannen und sechs Jahre später, 1766, bezog die fürstliche Büchersammlung ihr neues Domizil. Im Folgenden wird der Vorgängerbau, das so genannte Französische Schlösschen, vorgestellt. Anschließend wird auf die Planungsphasen des Umbaus vom Schloss in die fürstliche Bibliothek eingegangen. Es folgt eine ausführliche Baubeschreibung des so genannten Stammgebäudes aus den Jahren 1760–66. Da sich der ausgeführte Entwurf des Architekten August Friedrich Straßburger (um 1721–65) an den zuerst eingereichten Entwurf des Dresdner Baumeisters Johann Georg Schmidt (1707–74) anlehnt, wird im Anschluss ein Vergleich der beiden Entwürfe vorgenommen und der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen sich Herzogin und herzogliche Kammer für den Entwurf Straßburgers entschieden haben. Das Kapitel 1 ThHStAW B 9136, Bl. 1. 2 Vgl. Knoche 1999b, S. 41. 3 ThHStAW B 9136, Bl. 1.

Der Vorgängerbau  |

schließt mit der Baugeschichte und Beschreibung der Um- bzw. Erweiterungsbauten der Bibliothek von 1773 bis heute.

3.1 Der Vorgängerbau 3.1.1 Baugeschichte Mit entscheidend für die Gestalt des Bibliotheksgebäudes ist, dass sie aus der Umgestaltung eines vorhandenen Baukörpers entstanden ist. Herzog Johann Wilhelm (1530–73) ließ in den Jahren 1562–69 ein Schlösschen an der Südostecke der Stadtmauer bauen, das ihm und seiner Gemahlin Pfalzgräfin Dorothea Susanna (1544–92) als Wohnstätte dienen sollte.4 Mit den Bauarbeiten wurde 1562 begonnen. Baumeister des „Neuen Baus“ war Baumeister Nikolaus Gromann.5 1565 ließ Johann Wilhelm aus Geldmangel die Arbeiten zunächst einstellen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird der Bau im Wesentlichen fertig gestellt gewesen sein. Die Datierung aus dem Jahre 1563 an den Fenstergittern der Erdgeschossfenster der Ostseite weist darauf hin, dass der Bau in der Mitte der sechziger Jahre schon weit vorangeschritten sein musste. Kleinere Veränderungen wurden letztlich bis in das Jahr 1569 vorgenommen. Auch noch nach dem Tode Johann Wilhelms im März 1573 sind Bauarbeiten an der Gesamtanlage überliefert, wie z. B. die Erhöhung um ein Stockwerk eines der einbezogenen Stadttürme. Zwischen den Jahren 1575 und 1618 blieb das Schloss überwiegend unbewohnt. Nachdem 1618 das Residenzschloss über die Hälfte abgebrannt war, wohnten in dem Gartenschlösschen zwischen 1618 und 1638 Mitglieder der herzoglichen Familie. Danach ist keine fürstliche Wohnnutzung mehr nachweisbar. Es diente des Öfteren (überliefert sind 1694, 1707 und 1732) als Aufbahrungsort verstorbener Mitglieder der fürstlichen Familie. Zwischen den Jahren 1732 und 1748 beherbergte es das Zeughaus. 1733 / 34 wurde das gemeinschaftliche Archiv Sachsen-Weimar-Eisenach und Gotha aus dem Residenzschloss in die Gewölbe zwischen dem Schlösschen und einem 4

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Die folgende Baugeschichte bezieht sich soweit nicht anders vermerkt auf die Ausführungen von Schwabe 1774 und 1824, einen anonymen Bericht, der unter Carl Friedrich um 1820 zusammengestellt wurde (ThHStAW HA XXII, 497, Bl. 19 und 19(h)), Schöll 1847, Scheidig 1941, Beyer 2007 sowie auf unveröffentliche Ergebnisse einer bauhistorischen Untersuchung, die vom Freien Institut für Bauforschung und Dokumentation e.V., Marburg unter der Leitung von Elmar Altwasser im Jahre 2001 durchgeführt wurde. Zum Begriff der „Neue Bau“ vgl. Schwabe 1824, S. 162.

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der Stadttürme (dem so genannten „Altan an der Ilm“) gebracht.6 Aus dem Jahre 1751 ist die Dringlichkeit von notwendigen Reparaturen überliefert, wofür 400 Taler dem Landbaumeister verakkordiert wurden.7 Nach fast zehn Jahren Leerstand erhielt das Schlösschen durch den Umbau zur Bibliothek wieder einen neuen Nutzen.

3.1.2 Die Gestalt Bauplatz des Schlosses war ein freies Areal südöstlich der Residenz an der Stadtmauer. Ein Plan der Stadt Weimar aus der Vogelperspektive von Johannes Wolff, der 1581 erstmals im Städteatlas von Braun und Hogenberg veröffentlich wurde, zeigt Gestalt und Lage des Gebäudes (Abb. 3). Demnach gestaltete sich die Gesamtanlage als ein sich nach Westen verjüngendes Trapez. Östlicher Abschluss bildete das Schloss, an dem sich ein nördlicher Anbau anfügte. Im Süden der Anlage standen sowohl in der Südostecke als auch in der südwestlichen Türme der ehemaligen Stadtbefestigung, auch ‚Altane‘ genannt. Beide waren durch eine Mauer verbunden, auf der sich, soweit erkennbar, ein gedeckter Gang befand. Im Westen schloss sich ein Lustgarten an, der dem Bau später auch den Namen „das Gartenhaus“ bzw. das „Neue Lusthaus“ gab.8 Mauern begrenzten im Westen und Norden das Gartengelände. Eine mögliche Rekonstruktion der äußeren Gestalt lässt sich aus zeitgenössischen Abbildungen ableiten (Farbtaf. 3; Abb.  1 u. 2).9 Es handelte 6

Vgl. ThHStAW A 10729, Bl. 35 und Bl. 58, Schwabe 1824, S.  159 und Scheidig 1941, S. 14. 7 Vgl. ThHStAW B 9135a, Bl. 1. 8 Vgl. Scheidig 1941, S. 5 und S. 13. 9 Eine detaillierte Darstellung des Baus findet sich auf dem Gemälde „Bildnis Dorothea Susanna, Gemahlin des Herzog Johann Wilhelm von Sachsen“ von Christain Leutloff aus dem Jahre 1575, das heute im Erdgeschoss des Stammgebäudes hängt (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. G 1297) (Farbtaf. 3). Folgende Abbildungen zeigen eine Außenansicht des Schlösschens: Caspar Merian, Ansicht der Stadt Weimar von Osten mit Blick auf das Schloss, um 1645 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. DK 4 / 85) (Abb. 2) und Johann Moritz Richter, „Prospect der fürstl. Schloßkirche u. des Gartenhauses zu Weimar“, 1646 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. ON 1 / 2004) (Abb.  1). Außerdem ist in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eine „Rekonstruktionszeichnung“ des Grünen Schlosses aus dem Jahre 1822 vorhanden (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, 19 D 5085: 6). Zur Auswertung der Abbildungen in Bezug zur Rekonstruktion des Gebäudes vgl. Altwasser 2001, o.S. Vgl. auch den Bericht eines Zeitgenossen über den Garten und die Fassade des Schlosses in dem von Carl Friedrich 1820 zusammengestellten Aktenband zum „Alten Weimar“ in ThHStAW HA XXII, 497, Bl. 27–28(h).

Der Vorgängerbau  |

sich um ein dreigeschossiges Gebäude mit zwei dreieckförmigen Hauptgiebeln und drei traufständigen Quergiebeln. Ein Turm an der südwestlichen Ecke des Baus überragte diese. Die Westfassade (Farbtaf. 3 u. Abb. 3) gliederte sich im ersten und im zweiten Geschoss in vier Fensterachsen. Im Erdgeschoss wurde die Vierachsigkeit von einem nach Westen vorspringenden, durch vier Rundbögen gebildeten Arkadenumgang wieder aufgenommen. Ein Geländer krönte die Arkaden, wodurch in Höhe des ersten Obergeschosses ein Umgang entstand. Sowohl die Arkaden als auch der ‚Spaziergang‘ zogen sich um das gesamte Gebäude. Die Arkaden der Westfassade waren mit Pilastern geschmückt, die mit Kapitellen bekrönt waren. Die Scheitel der Rundbögen waren jeweils mit einem Schlussstein geschmückt. Unter dem Konsolengesims der Balustrade waren Tondi angebracht, die wahrscheinlich mit Büsten ausgefüllt waren. Die Bogenöffnungen waren zum Garten hin durch ein Geländer abgegrenzt. An der Nordseite führte eine Treppe von dem Umgang in den Garten. Im ersten und zweiten Obergeschoss saßen jeweils vier übergiebelte Zwillingsfenster, von denen die des zweiten Obergeschosses von kleinerem Ausmaß waren. „Das klassische Giebelgebälk und die eingestellte Halbsäule mit ionischem Kapitell verweisen wie die regelmäßige Fensteranordnung auf den seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zu beobachtenden italienischen Einfluss. […]Einmalig für die Zeit ist die Rahmung der Fenstergewände, die im oberen Abschnitt eine Verkröpfung aufweist und sonst im deutschsprachigen Raum erst ab 1612 (Nürnberg, Heidelberg und Augsburg) Anwendung fand. Anregungen zu diesen nach antiken Vorbildern gestalteten sogenannten geohrten Gewändern wird der Herzog bei seinem Aufenthalt in Frankreich empfangen haben, wo sie bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts eingesetzt wurden.“10 Die drei Zwerchgiebel waren mit kleineren einfachen übergiebelten Fenstern ausgestattet. Eine horizontale Gliederung der Fassade wurde durch ein Geschossgesims zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss und dem Traufgesims erreicht.11 An der Nordfassade befindet sich ein Wendelstein, dessen Dach bis zum Traufgesims des Gebäudes reichte (Farbtaf. 3 u. Abb. 1). Dieser kleine Turm wurde von Fenstern auf jeder oberen Geschosshöhe flankiert.12 Ein schma10 Beyer 2007, S. 128. 11 Die zeitgenössischen Abbildungen lassen nicht erkennen, ob es sich hierbei nicht eher um gemalte als um gebaute Gesimse handelt. 12 Zeitgenössischen Abbildungen zufolge saß auf westlicher Seite in jeder Geschosshöhe ein Fenster, auf östlicher Seite nur im oberen Geschoss. Vgl. „Bildnis Dorothea Susanna, Gemahlin des Herzog Johann Wilhelm von Sachsen“ von Christain Leutloff aus dem Jahre 1575 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. G 1297) (Farbtaf. 3) und Johann Moritz

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lerer zweigeschossiger Anbau schloss sich an die Nordseite des Hauptgebäudes an. Seine Trauflinie reichte bis zum Umgang des Hauptgebäudes, ein Satteldach mit je einem Zwerchhaus nach Osten und Westen deckte den Bau.13 Die vier Zwillingsfenster der östlichen Fensterachsen waren übergiebelt. An der Westseite des Anbaus wurde der Umgang um das Hauptgebäude weitergeführt. Die Nordmauer des Lustgartens schloss sich an den Anbau an. Eine dreiseitige Freitreppe führte hier in den Garten. Die Ostfassade (Abb.  1 u. 2) gliederte sich wie die Westfassade: vier Fensterachsen in den drei Hauptgeschossen, drei Achsen in der Dachzone. Auch die Gestalt der Fenster sowie die Quergiebel glichen der Westfassade. Im Erdgeschoss saßen allerdings zusätzlich in den Bögen des Arkadenumgangs übergiebelte Fenster, die mit vergoldeten Eisengittern geschmückt waren (Farbtaf. 22 u. 23). Diese waren mit Weinlaubranken, Lilien, Rosetten sowie verschiedenen Wappenschildern des sächsischen, thüringischen und pfälzischen Geschlechts verziert. Im ersten und dritten Fenster zierten die Initialen des Bauherren H(ans) W(ilhelm) H(erzog) z(u) S(achsen) und die Anfangsbuchstaben seines Wahlspruches I(ch) V(ertrau) G(ott) das Gitter. Dazwischen prangte die Jahreszahl 1563. Im zweiten und vierten Fenster standen neben den Initialen der Gemahlin des Herzogs D(orothea) S(usanna) H(erzogin z(u) S(achsen) die Anfangsbuchstaben ihres Wahlspruches: G(ott) S(ei) M(ein) T(rost) 14 Die Arkaden, die auch hier wieder einen ‚Spaziergang‘ trugen, waren rustiziert. Sie waren ursprünglich grün gestrichen, was eine mögliche Begründung für die Benennung „grünes Schlößchen“ sein mag.15 Auch an der Südseite des Gebäudes setzte sich der Umgang fort. Im ersten und zweiten Obergeschoss saßen axial je zwei übergiebelte Zwillingsfenster. Wasserspeier befanden sich an den Ecken des Gebäudes. Der Dachfirst wurde mit einem vergoldeten Zinnenkranz bekrönt.16 In der Südwestecke des Gebäudes befand sich ein Treppenturm, an seinen schrägen Sohlbänken und Stürzen erkennbar. Er verjüngte sich ab dem zweiten Geschoss, so dass hier eine Galerie den Austritt ins Freie ermöglichte. Ein Richter, „Prospect der fürstl. Schloßkirche u. des Gartenhauses zu Weimar“, 1646 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. ON 1 / 2004) (Abb. 1). 13 Eine Abbildung von Osten zeigt zusätzlich neben dem Zwerchgiebel noch zwei kleine Gauben in der Dachzone. Vgl. Caspar Merian, Ansicht der Stadt Weimar von Osten mit Blick auf das Schloss, um 1645, Kupferstich, (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv. Nr. DK 4 / 85) (Abb. 2). 14 Diese Gitter sind noch heute an gleicher Stelle zu sehen. 15 Vgl. Schwabe 1824, S. 164f. 16 Vgl. Kästner 1980.

Der Vorgängerbau  |

Zwiebeldach mit Zwerchhäusern bedeckte den Turm und ein hoch aufragender Turmknauf mit aufwendigem Dekorationselement bildete den Abschluss. Die oberen Geschosse, die Zwerchgiebel sowie der Turm waren mit Wandmalereien bedeckt.17 Wie bauhistorische Untersuchungen ergaben, waren diese in Sgraffito-Technik auf schwarz eingefärbtem Grundputz ausgeführt.18 Die Fensterumrahmungen wie auch die Gesimse erschienen in braunrot. Malermeister war der Maler von Torgau Hans Renman.19 Die Darstellung des Schlosses in dem Bildnis der Herzogin Dorothea Susanna von Christian Leutloff aus dem Jahre 1575 lässt als einzige Quelle eine wage Vermutung über die Bildthemen der West- und Nordfassade sowie des Treppenturms zu (Farbtaf. 3). Insgesamt handelte es sich um eine ausführliche Darstellung fürstlicher Herrschaft. Im ersten Obergeschoss lassen Figuren, Pferde, Elephanten und Streitwagen auf einen Triumphzug (Reiter- und Wagenzug) schließen. Über den Fenstergiebeln hingen Girlanden, direkt unter dem Geschossgesims war folgende Inschrift „IOHANNES WILHELM HERZOGK ZV SACHSSENN“ erkennbar. Im zweiten Obergeschoss deuteten geflügelte Wesen auf mythologische Szenen hin. Figuren mit Schilden und Lanzen an den Gebäudeecken gaben den Rahmen. In den Zwerchgiebeln befanden sich Figurengruppen mit Herrscherinsignien und Wappenschilden. Am Treppenturm waren Kriegstrophäen, Wächter und auf einer angedeuteten Empore Musiker zu erkennen. An der Westfassade zierten Medaillons mit Porträts die Arkaden. Auch die Mauer entlang des Lustgartens war der Literatur des 19. Jahrhunderts zufolge mit mythologischen Szenen geschmückt.20 17 Vgl. die Darstellung des Schlosses in dem Gemälde von Christian Leutloff „Das Bildnis Dorothea Susanna, Gemahlin des Herzogs von Sachsen“ aus dem Jahre 1575 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. G 1297) (Farbtaf. 3). 18 Vgl. Beyer 2007, S. 126. 19 Vgl. Scheidig 1941, S. 8. 20 Johann Samuel Gottlob Schwabe beschreibt die Situation 1824 wie folgt: „Um den Lustgarten ging eine Mauer, in welcher grün angestrichene, mit mythologischen und andern Gemälden verzierte, und mit Inschriften versehene Schwibbogen waren. Dergleichen grüne Schwibbogen waren auch an dem Schlosse selbst angebracht, woher vermuthlich die Benennung: das grüne Schlößchen entstanden ist. Von den Schwibbogen in der Mauer, und den darinn befindlichen Gemälden und Reimen, waren im Jahre 1770 nur noch wenig vollständig, wie ich als Augenzeuge versichern kann, übrig, die ich hier mittheile: 1) Ciparissus Schoß ungefehrdt / Mit einem pfeil sein Hirsch Lieb und werdt / Und ward vor grosser Betrübnuss / Cypreßbaum in der Wildnis. Der Knabe Cyparissus, einer von den Lieblingen des Apoll, erschoß aus Versehen einen Hirsch, den er sehr lieb hatte, und grämte sich darüber zu Tode. Apollo verwandelte ihn in eine Cypresse, die seinen Namen behielt und seit der Zeit ein Zeichen der Trauer wurde. Ovid Met X. 12rff […]. 2) Battus Mercurio thet liegen / Und

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Im Vergleich zur Gartenfront zeigte sich die Ostfassade auf Abbildungen des 17. Jahrhunderts schlicht. Caspar Merian deutet 1645 Blumengirlanden zwischen dem ersten und zweiten Stock an (Abb. 2).21 Das Dach war mit Kupfer gedeckt. Die nach der Oxidierung entstandene grüne Farbe mag auch zu dem späteren Beinamen „Grünes Schloss“ geführt haben. Die Inneneinrichtung ist durch vier Inventare aus den Jahren 1572, 1602 / 03, 1620 und 1638 ungefähr überliefert. Zusammen mit den bauarchäologischen Untersuchungen lässt sich die Binnenstruktur rekonstruieren (Abb. 4).22 Im Erdgeschoss erstreckten sich zwei Säle über die gesamte Länge des Gebäudes. Beide waren mit vier Kreuzgewölben überdeckt, der westliche Raum war schmaler als der östliche. In dem westlichen Gartensaal trugen kräftige halbrunde Pfeiler in den Fensterzwischenräumen die Gewölbe. Die Gliederung des Raumes durch den Einsatz der halbrunden Pilaster mag ein Vorgriff auf die Arkaden außen gewesen sein. Inwieweit der Innenraum tatsächlich durch Fenster oder Türen mit Außen verbunden war, konnte bisher nicht geklärt werden. Das oben genannte Gemälde von Christian Leutloff weist höchstens auf eine Tür in der nördlichsten Arkade hin. Der Raum hatte den Charakter einer Loggia. Der schattige, luftige Saal wurde vermutlich für Sport und Spiel genutzt, denn neben Jagdtrophäen und Gemälden stand wohl dort auch ein zeitgenössisches Billardspiel.23 Im östlichen Saal unterbrachen keine architektonischen Gliederungselemente an den Wandflächen den Einheitsraum. Anstelle der Gewölbewiderlager stützten Kämpferkonsolen das Gewölbe. Zwei originale Schlusssteine aus Alabaster mit den Wappen von Johann Wilhelm und Dorothea Susanna sind erhalten. Die Kämpferkonsolen waren mit Rollwerkornamentik plastisch gearbeitet und zeigten allegorische Darstellungen der Tugendhaftigkeit.24 Laut Inventar von 1572 befand sich hier ein „Jagdsaal“, ausgestattet mit Hirschgeweihen und Wild-Bildern. Das erste Obergeschoss galt als das repräsentativste Stockwerk. Neben einem Alabaster geschmückten großen Saal mit Porträts von Mitgliedern der Fürstenfamilie und befreundeter Herrschaften wie des Kurfürsten von wollt ihn und das Buch betrügen / Drum ward er in ein Stein verkehrt / Wer falsch schwerdt der emphet sein werdt.“ Vgl. Schwabe 1824, S. 164. 21 Vgl. Caspar Merian, Ansicht der Stadt Weimar von Osten mit Blick auf das Schloss, um 1645, Kupferstich, (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. DK 4 / 85) (Abb. 2). 22 Vgl. Scheidig 1941, S. 9, Oehmig 1997, S. 236, Altwasser 2001, o.S. und Beyer 2007, S. 128–130. 23 Vgl. Beyer 2007, S. 128. 24 Zum ikonographischen Programm vgl. Grunwald 2007, S. 53f sowie Altwasser 2001, o.S.

Der Vorgängerbau  |

der Pfalz, Schwiegervater des Bauherrn, oder des ehemaligen Herrn des Herzogs, König Heinrich II. von Frankreich, befanden sich auf dieser Etage eine so genannte „Alabasterstube“ und eine Schlafkammer, die zusammen das sogenannte „Alabaster-Appartement“ des Herzogs bildeten. Den Saal betrat man vom Treppenturm. Er war bedingt durch seine Größe (11,5 x 18m) wohl der wichtigste Raum im Schloss. Er fungierte als fürstlicher Speisesaal mit großer Tafel, Gestühl, Textilien und Gemälden. Bei der Sanierung des Rokokosaals nach dem Brand 2004 wurden hier grün glasierte Fußbodenplatten gefunden. Hinter den Bücherregalen am südwestlichen Ende des Raums hatte sich zudem das alabasterne Eingangsgewände der Tür zum Treppenturm erhalten. Über dem Türsturz wurden außerdem die Überreste eines Balkons gefunden, auf dem der die Feste und Essen begleitende Trompeter gesessen hat.25 Im zweiten Obergeschoss lagen die Räumlichkeiten der Herzogin und ihres Hofstaats. Hier befanden sich die so genannte Grüne Frauenstube, eine Schlafkammer, ein weiterer Saal und eine Hauskammer. Direkt über dem Appartement des Herzogs lag das der Herzogin mit der Blauen Stube und der Schlafkammer mit Betstüblein. Beide Appartements waren durch den an der Nordfassade sichtbaren Wendelstein verbunden. Im Dachgeschoss befanden sich die Frauenküche sowie Räume für das Dienstpersonal des Herzogs. Zu dem Gebäude gehörte ein zweiräumiger mit Kreuzgratgewölben überdeckter Keller. Zusätzlich wurde ein Keller eines Nebengebäudes mitgenutzt. In den Kellerräumen befand sich die Küchenanlage. Auch in den Altanen wurden Wohnräume eingerichtet. Der Laufgang zwischen den Altanen muss zu verschließen gewesen sein, denn laut der Inventare hingen hier 156 Bilder und „Landtafeln“. Der nördliche Anbau beherbergte im unteren Geschoss Gemächer für die Hof- und Stallmeister, im Obergeschoss befanden sich eine Pagenstube und die Kanzlei. Nach dem Wolffschen Stadtplan aus dem Jahre 1581 teilte sich der Lustgarten in mehrere Reihen kunstvoll geometrisch gestalteter Beete ein (Abb. 3). In ihm wuchsen neben Rosen, Pomeranzen, Adamsäpfel, Limonen und Oliven auch Gewürze und Kräuter.26 Die Bewässerung des Gartens erfolgte über Metallleitungen, die vom Wasser aus der Ilm gespeist wurden.27 Zwei Italiener arbeiteten als Gärtner, so dass der Garten schon bald „Wälscher Garten“ genannt wurde. In der Mitte des Gartens erhob 25 Unter dem Sturz sind zum einem die Namen des Bildhauers „Meister Lorenz“ (Lorentz Scharff aus Heldburg) und des Trompeters (samt Bezeichnung) Abraham Langk(?)lisch sowie die Jahreszahl 1634 eingeritzt. Vgl. Grunwald 2007, S. 68f und Beyer 2007, S. 128. 26 Vgl. Scheidig 1941, S. 5. 27 Vgl. Beyer 2007, S. 126.

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sich ein dreigeschossiger aus Säulen errichteter Rundturm mit Haube.28 Eine dreifache Abstufung schuf zwei Umgänge. Der Turm war mit einer Wasserkunst verbunden, im unteren Teil befand sich eine Badestube.29

3.1.3 Die Funktion Durch den Arkadenumgang wurde eine enge Verbindung zwischen Garten und Haus angestrebt.30 Die Bezeichnungen „Gartenhaus“ (1638) und „Neues Lusthaus“ (1573) weisen nicht nur auf die nahe Beziehung zum Garten, sondern auch auf ein bestimmtes architektonisches Programm hin.31 Das Motiv der in der Hauptetage angeordneten Wandelgänge war insbesondere in Italien und Frankreich für Lustgebäude des ausgehenden 16. Jahrhunderts beliebt. Die Laufgänge boten nicht nur einen Einblick in den Hof, sondern auch auf die Umgebung der Residenz und somit das Territorium des Fürsten. Weimar steht am Anfang der Entwicklung dieses Architekturtyps im deutschsprachigen Raum, die in den Lusthäusern, wie z. B. dem 1583 in Stuttgart errichteten Schlösschen von Herzog Ludwig von Württemberg oder dem 1594 in Ansbach von Markgraf Georg Friedrich von Hohenzollern gebauten Lustschloss, ihren Weg fortführt. Im Vergleich zu den meisten anderen Lusthäusern war in Weimar das Raumgefüge komplizierter, da neben dem allgemein üblichen großen Festsaal im ersten Obergeschoss auch mehrere Wohnräume und zwei Appartements eingerichtet waren. In den Bauakten, die den Bau der Bibliothek betreffen, wird das Schlösschen als das so genannte „Französische Schlösschen“ bezeichnet. Herzog Johann Wilhelm stand lange Jahre in den Diensten des französischen Königs Heinrich II. Von diesem bekam er als Dank ein Schlösschen in Chatillon sur Seine geschenkt, welches allerdings bis auf die Verwendung eines Treppenturms keine Vorbildfunktion für das Weimarer Schloss erkennen lässt.32 Die Benennung „Französisches Schlösschen“ mag wohl vielmehr 28 Im Zuge der Bauarbeiten im Jahre 1573 wurden dessen ursprüngliche Holzsäulen durch Steinsäulen ersetzt. Vgl. Scheidig 1941, S. 6 und 13. 29 Vgl. Schwabe 1824, S. 162 und Bechstein 1936, S. 44. 30 Vgl. Vollrath 1928, S. 10 und Scheidig 1941, S. 10. 31 Eine kunst- und kulturhistorische Einordnung des Schlösschens unternimmt Altwasser 2001. Weitere Überlegungen vgl. auch Beyer 2007, S. 126. 32 Auch wenn die Formensprache insbesondere die der übergiebelten Fenster auf einen französischen Einfluss hindeutet, ist dieser nicht gesichert. Zum französischen Einfluss vgl. Altwasser 2001, o.S.

Der Umbau zur Bibliothek  |

daher kommen, dass der Bauherr den Bau von den Einnahmen für seine französischen Kriegsdienste finanzierte.33 Dieser Bau sollte nach dem Umbau eine neue Bestimmung erhalten, nämlich die des „Fürstlichen Bibliothecbehältnisses“.34

3.2 Der Umbau zur Bibliothek 3.2.1 Planungsphasen Einen ersten Entwurf zum Umbau legte die Kammer der Fürstin am 12. Mai 1760 vor.35 Er beschränkte sich auf die Beseitigung von Wänden und die Herstellung von Regalen.36 Über dem gemeinsamen Archiv der Häuser Weimar und Gotha, das in den Gewölben zwischen dem Turm der alten Stadtbefestigung, dem Altan an der Ilm, und dem Schloss untergebracht war, sollte zudem eine Stube für den Bibliothekar gebaut werden. Die Kosten betrugen 3098 Taler, 21 Groschen und vier Pfennige für die Bibliothek und 1134 Taler, 9 Groschen und 4 Pfennige für die Stube. Anna Amalia stimmte eine Woche später zu und die ersten Baumaterialien wurden herbeigeschafft. Durch diese Vorbereitungen alarmiert, erhob der Geheime Archivar Zollmann Einspruch gegen die Einrichtung einer Bibliotheksstube über dem Archiv.37 Durch die Einheizung der Stube bestehe Feuergefahr, außerdem könnten die Akten während der Umbauzeit verschmutzen und einregnen. Er schlug vor, die Stube des Bibliothekars in dem an der Nordseite des Schlösschens stehenden Anbau einzurichten. Die Bedenken wurden von der Herzogin sofort an die Kammer weitergeleitet. Am 27. August 1760 lieferte die Kammer der Herzogin einen Entwurf des Fürstlichen Sächsischen Landbaumeisters Schmidt aus Dresden, den sie 33 Vgl. Schwabe 1824, S. 164, Schöll 1847, S. 135 und Scheidig 1941, S. 13. Den französischen Bezug beschreibt auch eine Aktennotiz, in der berichtet wird, dass Herzog Johann Wilhelm das Schlösschen nach seiner Rückkunft aus Frankreich erbauen ließ. Vgl. ThH­ StAW B 10729, Bl. 35. 34 Vgl. diesen Ausdruck in den Akten „Die Aptierung des sogenannten französischen Schlößgens zu einem Behältnis vor die Fürstl. Bibliothec betr. 1760–1761“, in: ThHStAW B 9136. 35 Vgl. ThHStAW B 9136, Bl. 2 und Scheidig 1941, S. 15. 36 Nach Scheidig ist der Baukonduktor Christian Heinrich Bähr für diesen Vorschlag verantwortlich. Scheidig beruft sich auf Akten im Thüringer Hauptstaatsarchiv, die heute nicht mehr aufzufinden sind. Vgl. Scheidig 1941, S.  15 mit Anm. 20. Seiner Annahme folgen Oehmig 1997, S. 238, Heckmann 1999, S. 13 und Beyer 2007, S. 131. 37 Vgl. Pro Memoria des Archivars Friedrich Zollmann vom 26. Juni 1760, ThHStAW B 9136, Bl. 5.

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drei Wochen später akzeptierte.38 Schmidt ging auf den Vorschlag des Archivars ein und legte die Stube des Bibliothekars sowie das Treppenhaus mit dem Eingang zum Hauptsaal in den Nordanbau. Desweiteren sollten hier noch das Münz- und das Kunstkabinett ihren Platz finden. Der Nordanbau sollte zu diesem Zweck bis auf den unteren Stock abgetragen und entsprechend neu aufgebaut werden. Das Französische Schlösschen sollte demnach in den Grundrissen bestehen bleiben und nur aus statischen Gründen eine Verstärkung im unteren Mauerwerk erhalten. Während Schmidt das Erdgeschoss weitestgehend in seinen Formen beließ, plante er für den Hauptsaal der Bibliothek einen neuen Ausbau der Hauptgeschosse. Die Kosten sollten sich auf 6000 Taler belaufen. Anna Amalia stimmte Schmidts Entwurf zu, der, „obgleich etwas kostbarer, als nach dem ersten Riß, dennoch als auch ansehnlicher, dauerhafter, u. beßer ausfallen dürfte.“39 Allerdings bemängelte die Herzogin die unzulängliche Kostenaufstellung, vertraute aber der Kammer, dass die veranschlagte Summe von 6000 Talern „ganz nicht oder doch nicht beträchtl. überschritten werden möge“40. Erst ein Vierteljahr später, am 6. Februar 1761, antwortete die Kammer in der Angelegenheit mit einem erneuten Bericht, der schon wieder einen neuen Entwurf beinhaltete, diesmal vom Landbaumeister August Friedrich Straßburger aus Eisenach41. Als Begründung nannte die Kammer, dass sich Schmidt nicht in Weimar aufhalte und deswegen keine Spezifikation der Kosten habe liefern können. Der Baumeister Straßburger aus Eisenach, der „in anderen Angelegenheiten allhier gewesen“ ist, habe nach einer Prüfung des Entwurfs von Schmidt bekundet, „dass, wenn der Bau nach dem Schmidtischen Riße noch geschehen solte, selbiger unter 20000 Taler nicht würde bewerckstelliget werden können.“42 Straßburger lieferte auch sogleich mit diesem Urteil zwei neue Risse und einen Kostenvoranschlag, der sich nach eingehender 38 39 40 41

ThHStAW B 9136, Bl. 7–12. ThHStAW B 9136, Bl. 12. ThHStAW B 9136, Bl. 12. August Friedrich Straßburger wurde um 1721 vermutlich in Eisenach als Enkel des SachsenGotha-Altenburgischen Oberlandbaumeisters Johann Erhard Straßburger (1675–1754) und Sohn des Sachsen-Meiningschen Baumeisters Johann Nikolaus Straßburger geboren. Anfang der vierziger Jahre tritt er in den herzoglich Sachsen-Weimar-Eisenacher Dienst unter der Aufsicht des Oberlandbaumeisters Gottfried Heinrich Krohne (1703–56) ein. Das Leben Straßburgers ist bisher aufgrund einer dürftigen Quellenlage nicht sehr erforscht. In den Archiven befinden sich insbesondere Angaben über seine Besoldung und seine Ernennung zum Bauverwalter für Sachsen-Weimar-Eisenach von 1750. Vgl. ThHStAW Eisenacher Archiv Dienersachen 3375 und 3376 sowie Rechnungen I, 266–271. Zu seinem Werdegang vgl. Heckmann 1999, S. 200–203, Möller 1956, S. 25 und S. 185. 42 ThHStAW B 9136, Bl.13.

Der Umbau zur Bibliothek  |

Prüfung der Kammer unter Hinzuziehung des Bauinspektors Bärtsch, des Baukondukteurs Bähr, des Hofmaurers Lindig und des Hofzimmermanns Eschner auf etwa 9000 bis 11000 Taler belaufen würde. Anna Amalia, ungehalten darüber, dass die ersten Kostenvoranschläge mit geringer Zuverlässigkeit ausgeführt worden waren, sich dadurch die Angelegenheit in die Länge gezogen hatte und für die neuen Pläne ein noch höheres „quantum, als anfänglich vermuthet“ an Kosten aufgewendet werden müsste, stimmte den Plänen Straßburgers am 17. Februar 1761 zu, „weil der Bau selbst nicht umgangen werden kann“.43 In der Hoffnung, dass die Ausführung die angeschlagenen Kosten nicht übersteigen würde, wünschte sie sich, dass der Bau bis Ende des Sommers 1761 fertiggestellt sein sollte. Dieser Wunsch wurde nicht erfüllt. Erst fünf Jahre später, im Frühjahr 1766, zog die Bibliothek in das neue Gebäude.44

3.2.2 Die Baubeschreibung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar 1760–66 Die folgende Baubeschreibung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar bezieht sich auf die erste Bauphase der Bibliothek. Zeitlich folgende Veränderungen und Erweiterungen am Bau werden im letzten Abschnitt dieses Kapitels angesprochen. Die Darstellung des Baus im 18. Jahrhundert stützt sich auf die Baupläne Straßburgers sowie zeitgenössische Abbildungen. Von Straßburger ist in dem Bestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ein Blatt mit einer Ansicht der Westfassade und einem Grundriss des 1. Obergeschosses erhalten (Farbtaf. 5). Außerdem liegt ein weiteres Blatt mit einem Querschnitt und dem Grundriss des Erdgeschosses vor (Farbtaf. 6 u. 7).45

43 ThHStAW B 9136, Bl. 17. 44 Vgl. ThHStAW Rechnungen I, 271, ThHStAW A 11616, Bl. 68 (Regesten) und Scheidig 1941, S. 17 und 23. 45 Neuen Forschungsergebnissen zu Folge stammen der Querschnitt und der Grundriss des Erdgeschosses nicht aus der Hand Straßburgers. Beyer vermutet, dass sie im Zusammenhang mit der Einrichtung des gemeinschaftlichen Archivs von Weimar und Gotha im Jahre 1773 vom Baukontrolleur Teutscher angefertigt wurde. „Im Detail entspricht die Zeichnung weder dem erhaltenen Entwurf Straßburgers, noch der ausgeführten Lösung, und es bleibt offen, ob der Zeichner eine Entwurfsvariante Straßburgers als Vorlage genutzt oder selbst nur ein flüchtiges Ausmaß erstellt hat. Eine Kopie der Zeichnung befindet sich in Gotha. Sie war als Unterlage für die an der Einrichtung mitbeteiligte Gothaer Regierung vorgesehen.“ Beyer 2007, S. 144.

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Zudem waren vorliegende Ergebnisse der Bauforschung und restauratorische Untersuchungen sehr hilfreich.46 Der Außenbau

Die Beschreibung des Baus beginnt mit der Darstellung der Westfassade (Farbtaf. 5). Auf den zeitgenössischen Plänen von Straßburger zeigt sich das Hauptgebäude als ein dreigeschossiger, in vier Achsen gegliederter Baukörper, der von einem Mansarddach gedeckt wird. Das Erdgeschoss hebt sich durch eine Rustika-Verblendung und ein horizontales verkröpftes Gesims deutlich von den beiden Hauptgeschossen ab. Die Mittelachsen des Erdgeschosses werden jeweils durch segmentbogige Portale betont, wovon das südliche nur einen Blendbogen bildete, während der dargestellte Schatten das nördliche als Durchgang charakterisiert. Ovale Fenster bestimmen die seitlichen Fensterachsen des Erdgeschosses. Sowohl die Portale und als auch die Ovalfenster sind einfach gerahmt, nur die jeweiligen Schlusssteine sind profiliert. Zeitgenössische Abbildungen zeigen allerdings, dass das Sockelgeschoss nicht nach den Plänen verwirklicht worden ist (Farbtaf. 4).47 Demnach waren in allen vier Achsen Ovalfenster geplant. Unsicher ist bis heute, ob im 18. Jahrhundert der von Straßburger eingezeichnete Rustikaputz verwendet wurde. Neuere Bauforschungsergebnisse gehen nicht davon aus.48 Die beiden Hauptgeschosse werden in Straßburgers Entwurf durch vier die Fensterachsen trennende Kolossalpilaster verbunden. Sie werden zudem im Erdgeschoss als Wandvorlagen weitergeführt und erscheinen dort mit Basis und Kapitell, welches aus drei Dreiecken mit darunter hängenden Kugeln gebildet wird.49 Auch die Kapitelle der Kolossalpilaster entstammen keiner bestimmten Ordnung, sondern setzen sich aus geometrischen Formen zusammen. Roacailleornamentik ziert sowohl im Entwurf wie in der Ausführung den oberen Schaft der Pilaster. Zwischen den Pilastern liegen die Fenster des ersten und zweiten Obergeschosses in einer vertieften Wandfläche, die vom Sockelgesims bis zum oberen Fenstersturz reicht. Ein Vergleich mit zeitgenössischen Abbildungen des Renaissancebaus und die 46 Vgl. Altwasser 2001, Bastian 2001 und Grunwald 2007. 47 Vgl. einen kolorierten Kupferstich von A. Glaeser nach 1825 (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. 19 D 5085 (1)) (Farbtaf. 4). Außerdem Lehfeldt 1893, S. 383. 48 Vgl. Grunwald 2007, S. 86f. 49 Durch den Umbau von Coudray 1849 ist das Sockelgeschoss heute entsprechend anders gegliedert. Vgl. Abschnitt 3.3.4.

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restauratorische Freilegung eines Fensters50 zeigen, dass Straßburger nicht nur die Fenstergliederung der Fassade, sondern auch die geohrte, dreifach gestufte Gewandung der Fenster im ersten Obergeschoss, deren eingestellte ionische Halbsäulen und den waagerechten Sturz mit der Übergiebelung übernommen hat. Unter den Fenstersohlbänken sitzen jeweils zwei Konsolen. Den Fenstern im zweiten Obergeschoss nahm Straßburger die eingestellte Säule und baute segmentbogige Fensterstürze mit einfacher Profilierung unter der Übergiebelung ein. Sowohl die Giebel des ersten als auch die des zweiten Obergeschosses sind mit Rankenmotiven und floraler Ornamentik dekoriert. In der Dachgestaltung wird die vertikale Gliederung des Gebäudes durch die in den Achsen liegenden Mansardfenster aufgenommen. Im ersten Mansardgeschoss schließen Segmentbogen mit schmückendem Aufbau die schmalen Fenster ab. Im zweiten Dachgeschoss liegen zwei ovale Fenster mit geohrter Gewandung und gleichem schmückendem Aufbau in den Mittelachsen des Baus. An der südwestlichen Ecke schließt sich ein Treppenturm an die Bibliothek an. Dieser wurde von dem Vorgängerbau übernommen, allerdings in seiner Fassadengestalt und seinem Aufbau verändert. Im Erdgeschoss befindet sich ein segmentbogiger Eingang mit schmückendem Aufbau. Entgegen der Gliederung des Hauptgebäudes teilt ein Gesims die beiden Hauptgeschosse. In Höhe des zweiten Obergeschosses wird der Turm schmaler. Während im unteren Bereich die Fenster dem Treppenverlauf folgend diagonal eingeschnitten worden sind, sitzen im zweiten Obergeschoss senkrechte segmentbogige Fenster. Die Dachzone des Turms beginnt auf gleicher Ebene wie die Verdachung des Hauptgebäudes. Das steile, geschweifte, dreimal gestufte Dach ist nochmals durch eine Fensterzone mit schmalen segementbogigen Fenstern unterteilt. Auf der Spitze des Turms, welche den Dachfirst des Hauptgebäudes etwas überragte, sitzt eine Wetterfahne.51 Die Stube des Bibliothekars sollte laut Plan in einem nördlich vom Hauptgebäude zurückgesetzten Anbau untergebracht werden. Wie die Ansicht der Westfassade zeigt, wollte Straßburger zunächst den ursprünglichen Anbau des Renaissanceschlosses beibehalten und diesen in der Fassadengestaltung dem Umbau anpassen. Allerdings wurde der Mangel eines geeigneten Treppenhauses erkannt und der Entwurf entsprechend korrigiert.52 50 Vgl. Altwasser 2001, o.S. 51 Auf dem Straßburger Entwurf der Westfassade ist auf der Wetterfahne A. 1760 eingezeichnet. 52 Vgl. den Kammerbericht an die Herzogin Anna Amalia vom 6. Februar 1761. ThHStAW B 9136, Bl. 14. Die Korrekturen sind auf dem Grundrissplan des ersten Obergeschosses eingezeichnet (Farbtaf. 5).

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Neben der Stube für den Bibliothekar wurden ein Treppenhaus sowie ein Bereich für das Münzkabinett eingeplant.53 Der Nordanbau wurde zu diesem Zweck von Straßburger so vergrößert, dass seine Westfassade bis zu seiner Traufhöhe mit der des Hauptgebäudes in einer Flucht liegt. Den eingezeichneten Korrekturen nach muss der Anbau an der Westfassade dreiachsig konzipiert worden sein. Im Gegensatz zum Hauptgebäude war er nur zweigeschossig und mit einem Satteldach gedeckt (Farbtaf. 8).54 Das Erdgeschoss scheint wie im Hauptgebäude durch ein Gesims vom Obergeschoss getrennt gewesen zu sein. Zeitgenössischen Darstellungen zu Folge sitzen in der Westfassade einfache Fenster mit waagrechtem Fenstersturz. Der Eingang zur Bibliothek, ein rundbogig geschlossenes Eingangstor mit einem angedeuteten geschweiften Sturz und einer zwei- oder dreistufigen vorgelagerten Treppe55, befindet sich auf westlicher Seite der Nordfassade des Anbaus. Die Höhe des Anbaus ließ für die Nordfassade des Hauptgebäudes eine Fenstergliederung nur ab dem zweiten Obergeschoss zu. Hier befinden sich gemäß der Abbildung in dem an sich in Nord-Südrichtung dreiachsig angelegten Gebäude ein östliches und ein westliches Fenster. Das Satteldach des Anbaus verhinderte den Einsatz eines mittleren Fensters. In dem Mansardgeschoss wurden drei Fenster den Achsen entsprechend eingegliedert. An der Nordseite des Anbaus schließt sich laut den überlieferten Abbildungen ein weiterer Bau an, der allerdings zum Hauptgebäude um eine Achse nach Osten zurückgesetzt worden ist. In dessen Westfassade befindet sich im Erdgeschoss ein Eingangstor, das in der Gestalt dem des ersten Anbaus ähnelt. Im ersten Obergeschoss sitzen vier kleine Fenster. In der Nordfassade sind im Erd- und im ersten Obergeschoss zwei übergiebelte Fenster eingesetzt, die denen des Hauptgebäudes ähneln.56 Auf der westlichen Seite erstreckt sich mit Firstlinie in Nord-Südrichtung ein durchge53 Vgl. Deetjen 1932, S. 3. 54 Hilfreich für die Rekonstruktion der Außenfassade sind die Darstellungen von J.F. Lossius, Grundriß- und Kavalierperspektiv der Stadt Weimar, 1785 (Klassik Stiftung Weimar, Fotothek 10-05 / 128), Lavierte Zeichnung von unbekannter Hand, Ansicht der Bibliothek von Nordwesten, um 1770 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KGr / 03122) (Farbtaf. 8) und Georg Melchior Kraus, Das Grüne Schloss von Norden, um 1801 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KHz868). 55 Auf dem Grundriss des Erdgeschosses hat Straßburger zwei Stufen vermerkt, seine Bleistiftkorrekturen auf dem Grundriss des ersten Obergeschosses weisen allerdings auf drei Stufen hin. 56 Altwasser vermutet aufgrund der Ergebnisse seiner bauhistorischen Untersuchung, dass es sich bei diesem Teil des nördlichen Anbauensembles um den Rest eines Baukörpers aus dem 16. Jahrhundert handelt. Vgl. Altwasser 2001, o.S.

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hendes Satteldach. Die Dachzone des östlichen Gebäudeteils ist nicht auszumachen. Von der Ostfassade des Hauptgebäudes sind keine Ansichten von Straßburger erhalten. Allerdings gibt eine zeitgenössische Abbildung eine ungefähre Vorstellung von deren Erscheinungsbild (Farbtaf. 9).57 Aufgrund der Hanglage handelt es sich auf der östlichen Seite um einen viergeschossigen Bau, kleine Fenster unter denen des Erdgeschosses deuten auf die Kellerzone hin. Die Erdgeschossfenster sind von gleicher Gestalt wie die des ersten Obergeschosses der Westfassade, nur dass die Übergiebelung fehlt. Straßburger wird sie auch von dem Vorgängerbau übernommen haben, genauso wie die Fenstergitter aus geschmiedetem Rundeisen mit den Wappen und Monogrammen des Erbauers des Renaissanceschlosses und seiner Gemahlin. Die kleinen Kellerfenster liegen in der zweiten und dritten Fensterachse, sind einfach gewandet und wie die Fenster der anderen Geschosse mit Giebeln versehen. Erdgeschoss- und Kellerfenster liegen in den noch erhaltenen Blendarkaden des Renaissanceschlosses.58 Die Arkaden sind genutet. Die Trennung zwischen den Hauptgeschossen und den unteren Geschossen ist auf der östlichen Seite durch die schräge Überdachung der Arkaden noch klarer vollzogen. Die Fenster der beiden Hauptgeschosse sowie der Dachzone gleichen denen der Westfassade in Gliederung und Form. Die Südfassade des Hauptgebäudes ist weder auf einem der zeitgenössischen Pläne dargestellt, noch existieren Abbildungen, die einen Aufschluss über deren Gestaltung im 18. Jahrhundert geben könnten. Im Erdgeschoss sollte in der östlichen Ecke vermutlich noch eine Bogenstellung des Arkadenumganges weitergeführt werden.59 In der Südwestecke schloss sich wohl der Treppenturm an. Baubefunde weisen auf ein östliches und ein westliches Fenster im ersten und zweiten Obergeschoss sowie im Mansardgeschoss hin.60 Untersuchungen der Putz- und Farbreste ergaben, dass alle Wandflächen und die Pilaster einen weißen Kalkanstrich erhalten hatten.61 Die Stuckor57 Vgl. Georg Melchior Kraus, Der Küchteich und das Bibliotheksgebäude, um 1800, Aquarell (Graphische Sammlung des Städel Museums, Frankfurt a.M., Inv.Nr. 6012) (Farbtaf. 9). 58 Die belassenen Pfeiler des ursprünglichen Umgangs ziehen sich um die Ecke bis über die Südfassade hin. 59 Vgl. den Grundriss des Erdgeschosses Ende des 18.  Jahrhunderts. Vgl. Teutscher, Umriss und Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der fürstlichen Bibliothek, Grundriss Erdgeschoss und Querschnitt, 1773, Zeichnung (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. 19 D 5085) (Farbtaf. 6). 60 Vgl. auch die Ausführungen über den Innenraum. 61 Zur Farbgestaltung vgl. Kästner 1980. Allerdings wurden seine Ergebnisse durch die restauratorischen Untersuchungen nach dem Brand an vielen Stellen verbessert. Vgl. Grun-

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namente der Pilaster sowie Fenster- und Türgewände wurden mit einem lichten Blau versehen.62 Der Innenraum

Das Gebäude erschloss sich durch einen Eingang im nördlichen Anbau.63 Das Erdgeschoss des Hauptgebäudes beließ Straßburger im Wesentlichen nach dem Vorgängerbau. Vermutlich waren alle Wände, auch die zwischen den Fenstern, mit Bücherregalen verkleidet.64 Zudem wurden wohl quer in den jeweiligen Raum drei von beiden Seiten zugängliche Bücherregale hineingestellt. Es ist anzunehmen, dass zwischen den Querregalen Tische gestanden haben. Im Erdgeschoss des Nordanbaus befand sich auf der östlichen Seite ein mit zwei Gewölben überspannter schmaler Raum, der aus dem Altbestand belassen wurde. Vermutlich lag hier die Stube des Bibliothekars. Im neu geplanten westlichen Teil baute Straßburger eine zweiläufige Treppe ein, die rechtwinklig von Nordsüd nach Westost in das erste Obergeschoss führte. Hier erreichte man zunächst einen Gang, der einen weiter östlich gelegenen Raum von dem Treppenhaus trennte.65 Von diesem Gang, welcher auf dem Grundrissplan mit Bleistift als „Vorhauß“ tituliert wird, erfolgte durch eine Tür eine axiale Erschließung des Hauptsaals der Bibliothek.66 Der so genannte Rokokosaal erstreckt sich bis heute über drei Geschosse (Farbtaf. 10). Ein Holzskelett trägt den gesamten Innenausbau, der bis auf wald 2007 und Beyer 2007. 62 Vgl. Beyer 2007, S. 135. Kästner hatte diesen Elementen ein gelbliches Rot mit roter Lasur über einer hellgrauen Grundierung zugeordnet. Vgl. Kästner 1980. 63 Straßburger plante ursprünglich, den Eingang der Bibliothek an die Südseite des Baus östlich zum Treppenturm zu legen. Vgl. den Kammerbericht an die Herzogin vom 6. Februar 1761 (ThHStAW B 9136, Bl. 14). 64 Der Grundrissplan des Erdgeschosses von 1773 weist in schwarzer Tinte auf diese Aufstellung von Bücherregalen hin (Farbtaf. 6). Auf dem Plan sind die baulichen Änderungen für die Einrichtung des Archivs rot markiert. 65 Nach dem Kammerbericht an die Herzogin vom 6. Februar 1761 sollte hier „oben drüber [über dem Eingang und der Stube des Bibliothekars] der Platz des Münz=Cabinets, welches in der Bibliothec selbst nicht füglich zu stellen ist, gar füglich und mit noch wenigen Kosten nach dem Angeben derer Bau=Verständigen angebracht werden können.“ ThHStAW B 9136, Bl. 14. 66 Straßburger wollte laut Plan den alten Wendelstein erhalten und den Eingang zum Saal westlich davon legen. Der Wendelstein musste allerdings den Änderungen für das Treppenhaus weichen. Eine weitere Konsequenz war die Verlegung der auf dem Plan eingezeichneten nördlichen Treppe des Hauptsaals an die Südseite.

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die geputzten und mit Stuck verzierten Decken auch aus Holz gestaltet wurde. In den rechteckigen Grundriss des unteren Geschosses stellte Straßburger zwölf Pfeiler, die zusammen einen elliptischen Mittelraum bilden, dessen Längs- und Querachse mit denen des Gesamtraumes übereinstimmen. Die Decke des Binnenraums ist zum mittleren Geschoss des Hauptsaales geöffnet. Auf der Empore erhebt sich als Weiterführung der unteren Arkadenstellung eine weitere, allerdings mit flacheren Bögen. Über diese Galerie ist eine flache Decke gespannt, in deren Mitte eine Ellipse ausgeschnitten ist. Der Ausschnitt, der wesentlich kleiner als die Öffnung zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss ist, verbindet das Mansardgeschoss mit dem übrigen Hauptsaal. Die Pfeiler des Mittelraumes sind mit Korbbögen verbunden und mit Pilastern der Kompositordnung verkleidet, deren Kapitelle mit der Höhe des Bogenscheitelpunktes abschließen. Über den Arkaden erhebt sich ein verkröpftes Gesims. Weite und enge Bögen wechseln sich ab, wobei die weiten zu beiden Seiten voll mit Bücherregalen ausgefüllt sind. Je weiter die Pfeiler auseinander stehen, desto flacher werden die Korbbögen, wie z. B. über den Regalen der Längsseiten der Ellipse. In dem die Ellipse umgebenden Raum sind die Bücherregale an die Wände gerückt. Sie füllen die Zwischenwände zwischen den Fenstern komplett aus. Auch sie werden von den pilasterbesetzten Pfeilern umrahmt und mit einem Korbbogen überspannt. Die gleiche Bogenstellung findet sich auch über der Eingangstür. Zwischen Eingang und Mittelraum wurden zudem zwei Regale quer in den Raum gestellt. Beide sind mit der bekannten Pfeilerbogenstellung verbunden und bilden somit einen Durchgang, der in Flucht zur Längsachse des ellip­ tischen Mittelraumes steht. Ein Pendant dazu findet sich auch an der Südseite des Raumes. Allerdings ist hier der Durchgang heute mit einer Bilderwand, die ein Porträt Carl Augusts zeigt, verkleidet.67 Zusätzliche 67 Das Bildnis von Carl August, gemalt von Ferdinand Carl Christian Jagemann (1780–1820), wurde erst im Zuge des nördlichen Anbaus 1844 / 49 im Jahre 1849 an der Südseite des Raumes aufgestellt (vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 134). Davor hing es ab 1805 an der nördlichen Seite an einer zwischen zwei Pfeilern bespannten Bretterwand. Vgl. Beyer 2007, S.  143. Da die Mitte des südlichen Stirnregals unmittelbarer Blickfang beim Betreten des Raumes ist, stellt sich die Frage, ob hier ursprünglich auch eine ‚Bilderwand‘ geplant war oder ob der ‚Durchgang‘ mit Regalbrettern ausgefüllt war, so dass der Blick sofort auf Inhalt und Zweck des Gebäudes gelenkt wurde. Falls der Durchgang wie ursprünglich auch im Norden frei hat bleiben sollen, würde Einblick auf die Treppe gewährt worden sein. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, da die aus der Bauzeit des Rokokosaals stammenden, nicht repräsentativen Wandverkleidungen des Treppenaufgangs dann sichtbar gewesen wäre. Am wahrscheinlichsten ist eine Ausfüllung mit Bücherregalen. Diese entspräche nicht nur Straßburgers

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Bücherregale sind in das Mauerwerk der breiten Fensternischen eingezogen worden. Auch unter den Fensterbänken befinden sich Regale.68 Die Regale und Pfeiler sind so im Raum verteilt, dass die mittleren OstWestfensterachsen nicht verstellt werden und so auch im Binnenraum für ausreichend Licht gesorgt ist. Der axiale Bezug zwischen den nördlichsten Ost-Westfenstern wird durch die eingezogen Regale gestört. Die südlichsten Fenster der Ost-Westfassaden liegen nicht in einer Achse. Das östliche Fenster ist weiter südlich verschoben. Aus diesem Grund ist das südliche Stirnregal in die östliche Fensterachse eingestellt, während die westliche nicht verstellt wird. Das ursprüngliche Fenster der Nordwand ist in den Anbau integriert worden: entweder wurde es als Tür umgebaut, oder es wurde geschlossen.69 Nachdem die Treppe zum zweiten Obergeschoss nach Süden verlegt wurde, ist die Situation der beiden Fenster in der Südwand nicht geklärt. Auch hier ist noch bauarchäologisch zu untersuchen, ob sie, wie von Straßburger ursprünglich geplant, offen blieben oder zugemauert wurden. Hinter dem südlichen Stirnregal führt eine zweiläufige Treppe in OstWestrichtung in das zweite Obergeschoss. Schmuckvasen zieren das Geländer. Eine durch Profilleisten in verschiedene Felder gegliederte Wandverkleidung umgibt den Treppenaufgang und verdeckt zugleich die Rückwand des südlichen Stirnregals (Farbtaf. 12).70 Das zweite Obergeschoss erschließt sich von der südwestlichen Ecke des Raumes aus.71 Ursprünglich waren hier alle Bücherregale an die Wand gerückt. Ausnahmen bildeten ein nördliches und ein südliches Stirnregal quer zum Raum. Wie im ersten Obergeschoss werden die Regale von Pfeilern flankiert, die mit einem Korbbogen verbunden sind (Farbtaf. 13). Die Kapitelle der Pfeiler entstammen keiner bestimmten Ordnung, sondern bilden sich aus Rocaillen, die spielerisch Formen der ionischen Ordnung paraphrasieren (Farbtaf. 11). Der bis auf die Stirnregale als freier Umlauf geplante Raum kann aufgrund

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ursprünglichem Plan eines südlichen Stirnregals, sondern auch ersten Beobachtungen bezüglich der originalen Bausubstanz. Ob diese aufgrund von Platzmangel später eingezogen wurden, ist noch nicht gesichert. Die restauratorischen Untersuchungen ergaben bisher noch kein eindeutiges Ergebnis. In diesem Zusammenhang stellt sich einmal mehr die Frage, ob im Ursprungszustand die beiden südlichen Fenster tatsächlich zugemauert wurden. Denn trotz der Wandverkleidung wäre bei offenen Fenstern der Treppenaufgang beleuchtet und die schmucken Baluster sowie die auf der Brüstung aufgestellten Schmuckvasen ‚ins rechte Licht gerückt‘ worden. Andernfalls muss gefragt werden, warum das Geländer so aufwendig gearbeitet wurde. Gleiches gilt für den Treppenaufgang vom zweiten in das Mansardgeschoss. Diese ist im Vergleich zu den anderen Ecken des Raumes abgerundet, da sich hier vermutlich zur Bauzeit ein Zugang zum Treppenturm befunden hat. Genauso gestaltet sich auch die Südwestecke des ersten Obergeschosses. Vgl. den Grundriss von Straßburger.

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seiner Breite nur schwer als Empore charakterisiert werden. Diese Breite wurde schon bald ausgenutzt und diente seit den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts als Stellfläche für neue Regale (Farbtaf. 13 u. 14).72 Die vier Fenster auf der West- bzw. Ostseite des Raumes sorgen für die Beleuchtung. Zusätzlich wurde das zweite Obergeschoss von je zwei Fenstern in den äußeren Achsen der Nordwand und dem Fenster axial gegenüber in der Südwand beleuchtet.73 Hinter dem südlichen Stirnregal führt ein enger Treppenaufgang in das dritte Obergeschoss bzw. in das erste Mansardgeschoss. Auf Fußbodenhöhe des Mansardgeschosses endet die Wandverkleidung des Treppenaufgangs. Den südlichen Abschluss des Raumes bildet die weitergeführte Brüstung der Treppe. Acht der zwölf in den unteren Geschossen vorhandenen Pfeiler setzen sich mit Kämpfergesims im Mansardenraum fort. Die elliptische Öffnung in der Fußbodenmitte ist mit einer verzierten Brüstung umgeben. Weitere Pfeiler rahmen die Fenster. Korbbögen und Rundbögen verbinden die Pfeiler untereinander, so dass in den Raum sowohl in Längs- als auch in Querrichtung Arkaden aufgestellt worden sind. Zwischen den Pfeilern entlang der Wände und in den weiten Arkaden längs zum Raum sind Bücherregale eingezogen. Dieses so konzipierte Raumgefüge wurde schnell unterbrochen, da wie im zweiten Obergeschoss schon in den neunziger Jahren des 18.  Jahrhunderts in die Durchgänge weitere Regale eingestellt wurden.74 Die Bücherregale, welche anfangs nur Regalböden bis zur Oberkante der Kämpfergesimse besaßen, wurden bis zur Decke mit weiteren Regalbrettern versehen. Wie die beiden Hauptgeschosse wird auch das Mansardgeschoss sowohl von der West- als auch von der Ostseite von jeweils vier Fenstern beleuchtet. Zudem haben ursprünglich auf der Nordseite drei weitere Fenster für Beleuchtung gesorgt.75 Auch auf der Südseite können auf72 Sowohl auf der West- als auch auf der Ostseite des Emporenumganges stehen mittig je drei Regale. Ihre Überschneidung mit dem Deckenstuck zeigt, dass sie nachträglich dort eingebaut worden sein müssen. Dies wird im Jahre 1798 geschehen sein, da der Bibliothekar Friedrich Christoph Ferdinand Spilcker am 3. April des Jahres von sechs neuen Regalen für die Galerie berichtet. Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 157–161. 73 Die südlichen Fenster fielen 1803 dem Gentzschen Anbau zum Opfer: das östliche wurde zugemauert, das westliche als Verbindungstür umgebaut. Gleiches gilt für die Fenster der Nordseite im Zuge des Coudray-Anbaus 1849. 74 1793 wurden aus Platzgründen drei neue Repositorien in die Mansarde gestellt. Vgl. ein Pro Memoria vom Bibliothekar Christoph Ferdinand Spilcker im ThHStAW B 9137, Bl. 1 u. 2 sowie ein Kostenvoranschlag über drei neue Repositorien im ThHStAW B 9137, Bl. 4. 75 Vgl. Georg Melchior Kraus, Der Küchteich und das Bibliotheksgebäude, um 1800, Aquarell (Graphische Sammlung des Städel Museums, Frankfurt a. M., Inv.Nr. 6012) (Farbtaf. 9) und die lavierte Zeichnung von unbekannter Hand, Ansicht der Bibliothek von Nordwesten, um 1770 (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KGr / 03122) (Farbtaf. 8). Hier sind jeweils

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grund von bauarchäologischen Befunden drei Fenster angenommen werden.76 Das zweite Mansardgeschoss fungierte als Dachboden, der durch vier ovale Fenster beleuchtet wurde. Lichtführung und Raumwirkung

Die ursprüngliche Lichtführung des Rokokosaals wurde durch die Schließung der Fenster auf der Nord- und Südseite im Zuge der Umbauten im 19. Jahrhundert stark verändert. Dadurch entstanden in den nördlichen und südlichen Bereichen des Raumes stark abgedunkelte Zonen. Auch die nachträglich eingestellten Regale in den Galerien des zweiten Obergeschosses sowie des Mansardgeschosses beeinträchtigten die Lichtführung. Der Rokokosaal wurde aber zusätzlich von neun fest installierten ampelförmigen Glaslampen beleuchtet.77 Zwei davon ragen an langen Kragarmen in den Innenraum (Farbtaf. 15). „Die vorhandenen Lampen lassen keine Rückschlüsse zu, ob die Beleuchtung durch Kerzen erfolgte.“78 Durch den Einbau der zusätzlichen Regale 1798 wurde der Raumeindruck des zweiten Obergeschosses beeinträchtigt. Dem an sich lichtdurchfluteten Raum wurde durch die Einbeziehung der insgesamt sechs Regale der Charakter eines Emporengeschosses genommen. Anstatt eines Emporenumgangs umgeben seitdem nun zwei Gänge die elliptische Öffnung (Farbtaf. 14). Im Gegensatz zum zweiten Obergeschoss erhielt der Raum des ersten von vorneherein eine andere Wirkung. Durch die Schließung der weiten Arkaden durch Bücherregale und durch die Einbeziehung der Stirnregale sind um den Binnenraum einzelne Raumkompartimente entstanden. Der Binnenraum selbst erfährt durch die Weiterführung der Arkaden in das zweite Obergeschoss eine vertikale Wirkung. Der Blick von der Mitte des Raumes nach oben fand bis zum Brand 2004 allerdings einen etwas unglücklichen Abschluss: Dem Auge öffnete sich kein einheitliches Deckendrei Fenster in der Mansarde zu erkennen. Sie verschwanden 1849, als an dieser Stelle für den Coudray-Anbau eine Wand hochgezogen wurde, die einen Durchgang zum Anbau erhielt. 76 Erst mit dem Gentzanbau 1804 wurden die Fenster beseitigt, und vor die Balustrade des Treppenaufgangs wurde ein Bücherregal eingebaut. Vgl. Ergebnisse der Untersuchungen von Bastian 2001. 77 „Das heutige Beleuchtungskonzept orientert sich an den drei ältesten vorhandenen Ampelleuchten. In den Längsgängen, die den Innenraum umgeben werden 16 Ampelleuchten, […], installiert. Sie sind notwendig, um den Magazinern das Lesen der Buchsignaturen zu ermöglichen. Auf der Galerie war keine historische Beleuchtung nachweisbar.“ Grunwald 2007, S. 69 78 Grunwald 2007, S. 69.

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feld. Die Größe der Deckenfelder im Mansardgeschoss ergab sich aus den Abständen der lastableitenden Stützen. Aus konstruktiven Gründen konnte die Decke wohl nicht anders verputzt werden. Am stärksten wurde im Laufe der Jahre das Mansardgeschoss in seiner Raumwirkung eingeschränkt. Der wiederholte Arkadenumgang im zweiten Obergeschoss erlaubte auch in statischer Hinsicht eine Nutzung der Mansarde als Stauraum. Während ursprünglich um die Öffnung freie Arkaden bzw. nur halbhoch mit Bücherregalen angefüllte geplant waren, wurde der Raum im Laufe der Jahre mehr und mehr mit Bücherregalen voll gestellt und so zu einem beengten Abstellraum degradiert. Die Veränderungen der Lichtführung und der Raumwirkungen sind auf das im Laufe der Jahrzehnte stetig zunehmende Bücherwachstum zurückzuführen. Der Platzmangel zwang die Bibliothekare zur Improvisation bei der Unterbringung der Bücher. Als logische Konsequenz folgten schließlich die Anbauten des 19. Jahrhunderts. Ausstattung

Rocailleschwünge und -bögen zieren die Gesimse der Decken des ersten Obergeschosses.79 Die Deckenfelder der Längsseiten des Raumes nehmen jeweils dessen gesamte Länge ein und sind in gleichmäßigem Abstand mit drei großen Rocailleornamenten ausgefüllt. Die Decken der umlaufenden ersten Galerie im zweiten Obergeschoss werden durch Stuckbänder in einzelne Felder unterteilt, in deren Ecken Rocaillen angebracht sind. Rankenmotive, Palmenwedel und Federschwingen umrahmen die ellipsenförmige Deckenöffnung des Binnenraumes (Farbtaf. 15). An dem Deckenauge zum Mansardgeschoss sind vier mit Rocaillen verzierte Kartuschen angebracht 79 Baier-Schröcke vermutet, dass die Stuckaturen der Fassade und des Saals von Christian Wilhelm Müller angefertigt wurden, Sohn des Stuckateurmeisters Tobias Müller, der unter Krohne Arbeiten in Heidecksburg ausführte. Vgl. Baier-Schröcke 1968, S.  98 und 127. Baier-Schröckes Vermutung basiert allein auf vergleichenden Beobachtungen. In den Hofkalendern, die sich heute in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek befinden, ist Christian Wilhelm Müller zur Bauzeit der Bibliothek unter den zum „Herrschaftlichen Bauwesen gehörigen Künstlern und Handwerckern“ nicht aufgeführt. Dort wird als „HofStuccateur“ Johann Wilhelm Göldner genannt, Sohn von Johann Michael Göldner (bei Möller „Güldner“), der auch unter Krohne arbeitete. Vgl. ThHStAW, Eisenacher Archiv, EB 10, Bl. 14 (Bestand Dienersachen: Hof- und Staatsbedienstete) und Möller 1956, S. 291. Zusammen mit dem thüringischen Baumeister und einem weiteren Stuckateur, Samuel Rühlinger, bestimmten sie die Dekoration des Weimarer Belvedere (1728–40). Hier führten sie um 1739 die Rocaille ein. Tektonische Elemente wurden während der langen Bauzeit in den später eingerichteten Räumen von dekorativen verstärkt abgelöst. Vgl. Möller 1956, S. 196.

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(Farbtaf. 15 u. 16). Die Kartusche an der nördlichen Längsseite der Ellipse trägt die Initialen Anna Amalias, die an der Südseite das Landeswappen. Die Initialen der Söhne der Herzogin stehen auf den Kartuschen der Schmalseiten: auf der östlichen Seite die Carl Augusts, auf der westlichen die Friedrich Ferdinand Constantins. Die Rocaillebögen der Kartuschen formen sich im Innenrand der Öffnung zu Fürstenhüten. Auch in den einzelnen Deckenfeldern zwischen den Arkaden des Mansardgeschosses lassen sich akzenthaft verteilte einfache Rocaillemotive finden. In dem Deckenfeld über der elliptischen Öffnung hing seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine Kopie des Gemäldes „Genius des Ruhms“ von Annibale Caracci, das sich Ende des 18. Jahrhunderts in der Dresdner Gemäldegalerie befand (Farbtaf. 15). Carl August beauftragte Johann Heinrich Meyer (1760–1832) um 1794 mit der Kopie. 2004 wurde sie durch den Brand unwiederbringlich zerstört. Im Zuge der Sanierung wurde 2007 eine erneute Kopie von Hermengild Peiker direkt auf die Decke gemalt. In einem weiteren Deckenfeld nördlich des mittleren hing eine in Öl gemalte Windrose, die heute auch direkt auf die Decke gemalt ist.80 Der Fußboden ist ein einfacher Dielenboden. Einlegearbeiten aus schwarzen Leisten stehen in axialer Beziehung zu den Einbauten (Farbtaf. 17). Im ersten Obergeschoss wird dementsprechend die Form der Ellipse aufgenommen. Aus Holz gefertigte Ornamente, die mittig in den Bögen der freien Interkolumnien sitzen, die Emporengeländer und die Schmuckvasen der Treppengeländer nehmen Dekorationselemente des Rokoko auf. Die Baluster der Emporengeländer sind zum Binnenraum hin aufwendiger verziert als zur Umgangsseite. Die Treppengeländer bestehen aus geschnitztem Flechtwerk, welches florale Motive aufweist, die allerdings nicht durch Schnitzerei, sondern durch Zeichnung plastisch hervorgehoben werden. Über den Bücherregalen sind einfache Kartuschen angebracht (Farbtaf. 11). An den Seiten befinden sich Buchstaben und Zahlen entsprechend den Signaturen geordnet. Die Regale besitzen zwischen acht und zehn Stellflächen. Die unteren breiteren Fächer sind für die großformatigen Folianten vorgesehen. Nach einem Bericht des Bibliothekars Spilcker aus dem Jahre 1798 wurden die Einbände der neu angeschafften Bücher nach denen der schon vorhandenen Bücher bestimmt. „Was die Art des Bandes betrifft, so werden die allermeisten Bücher in Pergament theils 80 Die Windrose muss während der Goethezeit in die Bibliothek gekommen sein (zwischen 1790 und 1810), da während dieser Zeit Wetteraufzeichnungen gemacht wurden. Von der Windrose aus ragte eine Wetterfahne durch das Dach. In der Bibliothek konnte daher abgelesen werden, woher der Wind weht, wie die Autorin im Gespräch mit dem Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Michael Knoche am 3. September 2009 erfuhr.

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ganz, theils halb, um sie den Bänden in der Logauischen und Schurzfleischischen Bibliothek gleichförmig zu machen, theils aber auch der Dauerhaftigkeit wegen in selbig Band gebunden.“81 Die im Stil des 17. Jahrhunderts durchgeführte Bindung in weißem Pergament konnte aber aus Kostengründen nicht konsequent durchgeführt werden. Die anderen Bücher wurden in braunem Leder gebunden, so dass die eigentliche gewünschte optische Gleichförmigkeit der ‚Bücherwände‘ nicht erreicht wurde. An zwei Bücherregalen im ersten Obergeschoss hängt seitlich jeweils ein Klapptisch. Im zweiten Obergeschoss bieten schräge Fensterbänke, die an Pulttische erinnern, weitere Arbeitsmöglichkeiten.82 Den Bibliotheksakten zufolge hingen in allen drei Stockwerken an den Fenstern „grau roth gewürfelte Leinewand“-Vorhänge83 zum Schutz der Bücher gegen die Sonne. Diese wurden 1793 grün eingefärbt.84 Vor dem verheerenden Brand 2004 erschien der Saal schlicht im schmutzigen Weiß, die Dekorationselemente waren vergoldet. Restauratorische Untersuchungen ergaben, dass der Saal ursprünglich polychrom gestaltet war.85 Dominierende Farbe war ein gebläutes Weiß. Die Decken mit ihren Stuckaturen wurden in einem warmen abgetönten Weiß gefasst. Die Baluster waren ursprünglich mit einer aufwändigen Grisaille-Malerei verziert.86 Zierelemente und Kapitelle sowie sämtliche Kanten der Regalböden bekamen eine Schlagmetallbronzierung. Im 19. Jahrhundert verblasste das helle Blau zu einem blässlichen Grau-Weiß. Dieser verblichene Farbton wurde 1941 wieder aufgegriffen, als eine neue Ausmalung vorgenommen wurde. Bis zum Brand galt diese Farbfassung als ursprünglich. Nach dem Brand einigte man sich auf eine Rekonstruktion des Gebäudes von 1849.87 Zu dieser Zeit war die heitere Farbigkeit des Rokokosaals durch das Zusammenspiel von bläulichem Weiß und strahlendem Gold bereits zu einem schmutzigen Weiß verblasst. Nach langer Diskussion einigte man sich mit 81 ThHStAW A 11619g, Bl. 103. 82 Auch wenn diese sehr wahrscheinlich nachträglich eingebaut wurden, so muss der Einbau relativ früh erfolgt sein, da sie nach bauarchäologischer Untersuchung auch die erste Farbfassung des Innenraums tragen. 83 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 4 bzw. an anderer Stelle spricht der Bibliothekar Spilcker von “roth gestreiften“ Vorhängen. Vgl. Pro Memoria Spilckers vom 29. Oktober 1793 ThHStAW B 9137, Bl. 7–8. 84 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 7–11. 85 Vgl. Bastian 2001 und Grunwald 2007, S. 73f. 86 Diese Gestaltung wieder herzustellen hätte die Kosten des Budgets der Sanierung 2004– 2007 gesprengt. Vgl. Grunwald 2007, S. 74f. 87 Zur Diskussion über den geeigneten Zeitpunkt der Rekonstruktion vgl. Grunwald 2007, S. 38–45.

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dem Einverständnis der Denkmalbehörde darauf, den Saal nach der Sanierung wieder in seinem lichten Ursprungszustand erscheinen zu lassen. Zur Bauzeit fand sich in der Bibliothek kein ikonographisches Bildprogramm. Mit dem Umzug wurden lediglich die sich in den Bibliotheksräumen des Schlosses befindlichen Gemälde in den Neubau transportiert.88 Es handelte sich dabei um Porträts des herzoglichen Hauses aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert. So berichtet der Bibliothekar Bartholomäi 1765 von „etliche und neunzig Portraits großer Herren, [...] Kaiser, Könige, Chur- und Fürsten, welche dem sächsischen Haus stammen, sowie Ahnherren des hochfürstl. sächsisch-weimarischen Hauses“89. Diese Ahnenreihe sollte durch „die noch fehlenden Stücke, Herzog Ernst August Constantin vernehmlich aber die drey Durchl. Personen unsers jetzt lebenden hiesigen hochfürstl. Hauses“ ergänzt werden. Alle Gemälde sollten vor dem Umzug gesäubert und mit Rahmen versehen werden, die sich der Farbgestaltung der Bibliothek anpassen sollten. Die architektonische Konzeption des Innenraums der Bibliothek weist den Gemälden allerdings keinen besonderen Platz zu. Dennoch ist anzunehmen, dass sie im Hauptsaal aufgehängt wurden, „denn das zu diesem Zeitpunkt niedrigere und später abgerissene Zugangsgebäude bot keinen entsprechenden Rahmen, um die dynastischen Verbindungen wirkungsvoll zu veranschaulichen und das Repräsentationsbedürfnis des Fürstenhauses zu befriedigen.“90 Die Gemälde hingen vermutlich an den freien Seiten der Pilaster. Neben diesen Bildnissen werden sehr wahrscheinlich auch Teile der Kunstkammer, die im Schloss in die Bibliothek integriert waren, mit umgezogen sein. Zu diesem Bestand zählten die üblichen Bibliotheksausstattungsstücke wie Globen oder naturwissenschaftliche Instrumente.91 Der Bibliothekar und Leiter der Weimarer Kunstinstitute Adolf Schöll (1805–82, Bibliothekar 1861–82) berichtet beispielsweise in seiner Publikation „Weimars Merkwürdigkeiten einst und jetzt“ von 1847, dass mit der Bibliothek aus dem Schloss eine „Kunstuhr“ in die neue Bibliothek versetzt wurde, die vom Hofmaler Johann Ernst Rentsch d. Ä. mit Bildnissen 16 thüringischer Fürsten versehen worden war.92 88 89 90 91

Zur künstlerischen Ausstattung der Bibliothek im 18. Jahrhundert vgl. Werche 2007. ThHSTAW A 11617b, Bl. 26–28. Werche 2007, S. 163. So gibt Anna Amalia der Kammer am 31. Mai 1761 z. B. die Anweisung, Geheim Rat Greiner 30 Taler für einige in der Bibliothek aufzustellende astronomische Geräte zu erstatten. Vgl. ThHStAW A 11616, Bl. 18 und Bl. 67 (Regesten). 92 Vgl. Schöll 1847, S. 145f. Herzog Wilhelm Ernst gab 1706 beim Hofuhrmacher Johann Aßmann diese sowohl mechanisch als auch gestalterisch aufwendige „Lebensuhr“ in Auftrag. Zur ausführlichen Beschreibung der Uhr vgl. Ulferts 2007, S. 159–162.

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Erst nach dem Schlossbrand 1774 kamen die geretteten Stücke der Kunstkammer, wie Kuriositäten und Bilder, in das Bibliotheksgebäude.93 Zu Beginn der 1770er Jahre erhielten unter der Regierung von Carl August nachweislich auch die ersten Büsten Einzug in die Bibliothek.94 Bei den Porträtierten handelte es sich nicht nur um Mitglieder des Fürstenhauses, sondern auch um zeitgenössische Persönlichkeiten des Weimarer Geisteslebens, Förderer der Bibliothek und enge Vertraute des Hofes, die zum Teil die Mitglieder des fürstlichen Hauses an weniger prominenten Stellen verdrängten.95 Die meisten entstammen der Hand des Hofbildhauers Gottlieb Martin Klauer (1747–1801), den Anna Amalia 1773 an den Hof berufen hatte. Heute gilt er als „wichtiger Vorbereiter des klassizistischen Stils“.96 Die Plastiken wurden auf Postamente vor den Pilastern sowie auf die Brüstung der ersten Galerie gestellt.97 Die Aufstellung folgte so dem Rhythmus der Architekturgliederung. In dem Oval in der Mitte des Saals treffen zwölf der frühesten Büsten, wahrscheinlich auf ihrem Originalplatz, aufeinander.98 Goethe, Herder, Knebel und Wieland stehen hier auf gleicher Ebene wie die Mitglieder der herzoglichen Familie, z. B. Anna Amalia oder Carl August. Die Bibliothek füllte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr mit Gemälden und Plastiken, die im Raum untereinander in einen 93 Nach dem Schlossbrand übernahm die Bibliothek für die nächsten 35 Jahre die Aufgabe „Sammelbehälter für alles Aufbewahrenswertes“ zu sein. Sie wurde zum „Weimarer Sammeldepot“ schlechthin. Erst 1809 begann mit der Übersiedlung der Kupferstiche in die neu bezogenen Räume der Mal- und Zeichenschule im Fürstenhaus die „Abgabe des NichtBuch-Bestandes an Spezialinstitute“. So wurden 1869 zahlreiche Gemälde an das neue Großherzogliche Museum gegeben. Vgl. Knoche 2007a, S. 236f. 94 Anna Amalia war an dieser Veränderung nicht unbeteiligt. „Sie bezahlte 1782 einige der ersten überlieferten Büsten, u. a. die von Carl August, Wieland und Goethe, und bestimmte sie ausdrücklich für die Bibliothek.“ Werche 2007, S. 168, Anm. 3. 95 Neben Goethe, Schiller, Herder und Wieland waren u. a. Gotthold Ephraim Lessing, August Friedrich Kotzebue, Novalis, Johann Joachim Winckelmann, Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Johann Carl August Musäus, der am Hof verkehrende englische Kunstliebhaber Charles Gore, der herzogliche Schatullverwalter und Verleger Friedrich Justin Bertuch und Johanna Schopenhauer vertreten. Außerdem wurden Lücken der fürstlichen Ahnenreihe geschlossen. Vgl. Werche 2007, S. 163. 96 Werche 2007, S. 166. 97 Restauratorischen Untersuchungen zufolge stammen die Tabletts der Brüstung (bis auf die der Stirnseiten der Ellipse) von der Konstruktion und der Farbfassung her aus der Bauzeit von 1766. Von einer Aufstellung von Büsten oder anderen Gegenständen in dieser Zeit ist bisher nichts überliefert. Vgl. Werche 2007, S. 168, Anm. 1. Zur Aufstellung der Büsten vgl. auch Beyer 2007, S. 143. 98 Die früheste Überlieferung über eine Aufstellung von dreizehn Büsten in der fürstlichen Bibliothek zu Weimar findet sich in einer 1783 veröffentlichten Huldigungsschrift von JeanBaptiste Gaspar d’Ansse de Villoison. Vgl. Werche 2007a, S. 244.

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spannungsreichen Dialog traten. Hauptthema blieb die Darstellung von Verwandten des Fürstenhauses bzw. von mit diesen vertrauten Mitgliedern der Weimarer Gesellschaft. Eine Ausnahme bildet die Kopie des Dresdner Gemäldes von Annibale Caracci „Genius des Ruhms“, die etwa zeitgleich mit dem großformatigen Porträt Carl Augusts, das der Hofmaler Ferdinand Jagemann 1805 schuf und das dem Hausherrn als Förderer der Künste huldigte, in die Bibliothek gebracht wurde. Ursprünglich für das Römische Haus bestimmt, fand der „Genius“ „in der Bibliothek schließlich einen prominenten und zum übrigen Ausstattungsprogramm kongenial passenden, krönenden Anbringungsort. Die Aufwärtsbewegung des Genius und die Krone in seiner erhobenen Hand konnten als Glorifizierung des Fürstenhauses verstanden werden, während der Lorbeerkranz auf eine Huldigung der unter ihm präsentierten Dichter und Gelehrten anspielt.“99 Auch die Umbauten gingen später in ihrer architektonischen Gestaltung auf die Unterbringung der Bilder und Kunstobjekte ein, so wurden z. B. in dem Gentz-Anbau drei Räume für das Kunstkabinett eingerichtet, in denen neben Gemälden auch Kunstobjekte untergebracht wurden. Ein „Verzeichnis, der im Kunst-Cabinet auf Grossherzogl. Bibliothek befindlichen Gegenstände“, das zwischen 1848 und 1853 erstellt wurde, sowie eine ausführliche Beschreibung der Ausstattung der Bibliothek in der Schöllschen Publikation „Weimars Merkwürdigkeiten einst und jetzt“ belegen, wie Mitte des 19. Jahrhunderts sämtliche räumliche Möglichkeiten, sei es z. B. in den Treppenhäusern oder Arbeitszimmern, genutzt wurden, um in Ermangelung anderer Gegebenheiten die Kunstsammlung unterzubringen. Erst mit der Einrichtung des 1869 gegründeten Großherzoglichen Museums wurde ein großer Teil der Kunstsammlung aus der Bibliothek abgezogen. Geblieben waren die Gesichter der wichtigsten Persönlichkeiten der Weimarer Klassik sowie die ihrer Förderer und Vermittler. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der zentrale Saal als eine Erinnerungsstätte der glorreichen Weimarer Klassik inszeniert. Einzigartig dabei ist, dass es sich um die Einrichtung einer Erinnerungsstätte noch zu Lebzeiten der Gefeierten handelte. Die Büsten der Helden des klassischen Weimar blieben auch nach dem Tod der Dargestellten. „Alles was einen Bezug zur Weimarer Klassik aufzuweisen hatte, behielt oder bekam einen Ehrenplatz im Schausaal der Bibliothek. […] Die immerwährende Gegenwart der Weimarer Klassik wird in den Abbildern ihrer Protagonisten

99 Werche 2007, S. 166.

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beschworen.“100 Bis heute wird der Rokokosaal der Bibliothek als ein „Pantheon der Weimarer Klassik“101 gesehen, was das weltweite Entsetzen nach dem Brand 2004 gezeigt hat.

3.2.3 Vergleich der Entwürfe Straßburger und Schmidt Die Form des Baus im 18. Jahrhundert ist nicht die Idee eines Architekten. Die formalen Ähnlichkeiten zwischen dem ausgeführten Entwurf von August Friedrich Straßburger und den Planungen von Johann Georg Schmidt zeigen, dass sich Straßburger in der Formgebung an den Ideen von Schmidt orientiert haben muss. Der folgende Vergleich beider Entwürfe soll diese These bestärken. Abschließend wird der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen sich Herzogin und herzogliche Kammer für den Entwurf Straßburgers entschieden haben. Formale Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Entwürfe

Von Schmidt sind Grundrisspläne der jeweiligen Stockwerke, ein Längsund ein Querschnitt und zwei Ansichten der westlichen Hauptschauseite des Gebäudes überliefert (Farbtaf. 18 u. Abb. 5).102 Westfassade

Wie auch Straßburger gliederte Schmidt das Hauptgebäude in ein rustiziertes Sockelgeschoss, zwei von Kolossalpilastern gegliederte und verbundene Obergeschosse und ein zweigeschossiges Mansardwalmdach. Die vier Fensterachsen sowie die Position der Fenster des ersten und zweiten Obergeschosses übernahm auch Schmidt vom Vorgängerbau. Unterschiede zu Straßburger finden sich in der Fassadengestaltung. Während Straßburger die Fenstergewandung des Renaissanceschlosses für die Fenster des ersten Obergeschosses übernahm und die des zweiten Obergeschosses entsprechend anpasste, veränderte Schmidt nicht nur die Fensterstürze, sondern 100 Knoche 2007a, S. 238. Das Verständnis von dem Rokokosaal als repräsentativem Denkmal nationaler Kultur führte nach dem Brand 2004 zur Einigung, den Saal in seiner Gestalt von 1849 wieder herzustellen. Vgl. Knoche 2007a, S. 240f. 101 Knoche 2007a, S. 240. 102 Die Pläne befinden sich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Eine Ansicht der Westfassade ist oberflächlicher ausgeführt. Im Folgenden wird die ausführlicher bearbeitete Fassung zum Vergleich herangezogen (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. 19 D 5085 (10)) (Farbtaf. 18).

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auch den Stil der Fenstergewandung. Im ersten Obergeschoss setzte er langgestreckte rundbogige Fenster ein, im zweiten segmentbogige. Die Profilierung der Fensterrahmung entspricht dem zeitgenössischen Stil des gemäßigteren Barocks. Die untereinander liegenden Fenster sind jeweils in vertiefte Wandflächen gesetzt. Im Vergleich zu Straßburger werden diese nicht einfach, sondern jeweils von Doppelkolossalpilastern gerahmt.103 Ein Merkmal der Schmidtschen westlichen Fassadengestaltung ist die Zentrierung der Mitte, die sich vom Sockelgeschoss bis in das Dachgeschoss zieht. Im Sockelgeschoss liegen in den mittleren Achsen die Eingangsportale.104 Im Vergleich zu Straßburger weisen sie korbbogige Stürze und eine aufwendigere Profilierung der Rahmung auf. In den äußeren Achsen sind zwei kleinere Korbbogenfenster eingelassen. Auch die beiden mittleren Fenster im ersten und zweiten Obergeschoss zeigen eine aufwendigere Rahmung und im Vergleich zu den äußeren Fenstern reich gegliederte Stürze. Die mittleren Fensterbänke im zweiten Obergeschoss werden von Girlanden geschmückt. Im Dachgeschoss liegen wie bei Straßburger axial mit den Fensterachsen in der unteren Mansarde vier Gauben und in der oberen zwei. Die Mitte des Gebäudes wird durch geschweifte und schlusssteindekorierte Zwerchhausgiebel betont. Die Gestalt des Treppenturms, der sich im Süden an die Westfassade anschloss, ähnelt wesentlich der des Turms von Straßburger. Nordanbau

Während Straßburger zunächst den nördlichen Anbau des Renaissanceschlosses beibehalten wollte, plante Schmidt von Anfang an einen vollständigen Neubau, der das Treppenhaus beherbergen sollte. Dieser sollte zweigeschossig und drei Achsen breit angelegt werden. Ein Walmdach sollte ihn bedecken, dessen Firstlinie etwas unterhalb der Traufhöhe des Hauptgebäudes liegen sollte. Der Haupteingang zur Bibliothek liegt nicht wie bei Straßburger an der Nordseite, sondern mittig in der Westfassade des Anbaus.105 Er zeigt sich segmentbogig und wird von einer einfachen Rahmenprofilierung ummantelt. Im Vergleich zum westlichen Eingang des Hauptgebäudes ist er um drei Treppenstufen erhöht. Im Foyer befindet sich eine 103 An der Südseite gab es keine Rahmung durch Doppelpilaster, da sich hier der Treppenturm anschloss. 104 In der Ansicht Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. 19 D 5085 (10) (Farbtaf. 18) wurde in der dritten Achse auch die Möglichkeit eingezeichnet, anstelle des Portals ein korbbogiges Fenster zu setzen. 105 Das Portal in der Westfassade des Hauptgebäudes dient nur zur Erschließung des Erdgeschosses des Hauptbaus.

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dreiläufige Treppe, die von korb- und rundbogigen Arkaden getragen wird. Hinter dem Treppenhaus liegt im Erdgeschoss ein östlicher Raum. Im Obergeschoss waren im Osten zwei weitere Räume geplant, von denen der größere südlichere durch einen Ofen beheizbar sein sollte. Der Innenraum

Das Erdgeschoss des Hauptgebäudes ist laut Schmidts Entwurf nicht vom Nordanbau, sondern nur vom Portal in der Westfassade zu erschließen. Es bildet dementsprechend eine eigene Einheit. Auch Schmidt übernimmt die Einteilung des Erdgeschosses vom Vorgängerbau.106 Zwischen den Fenstern hat Schmidt Wandpfeiler eingezeichnet. Auf Schmidts Plan sind zudem noch Ansätze der westlichen Arkatur des Französischen Schlösschens erkennbar. Das erste Obergeschoss erschließt sich entweder durch das nördliche Treppenhaus oder durch einen Nebeneingang im südwestlichen Treppenturm, der direkt in den Hauptsaal führt. Dieser ist vom Nordanbau sowohl durch eine Tür auf westlicher als auf östlicher Seite erreichbar. In den längsrechteckigen Innenraum hat Schmidt einen längsovalen Binnenraum gestellt, der auch durch zwölf Pfeiler mit – soweit erkennbar – Kapitellen der korinthischen Ordnung gebildet wird. Entsprechend den Fensterachsen wechseln sich breite und schmale Arkaden ab. Die breiten sind beidseitig mit Bücherregalen gefüllt. Die schmalen Arkaden ermöglichen freie Durchblicke der Fensterachsen von West nach Ost. Schmidt baut zwischen den Fenstern und in den Fensternischen Bücherregale ein. Die Decke des Ovalraums öffnet sich über einem verkröpften Gesims vollständig zum zweiten Obergeschoss. Eine Balustrade trennt hier die Galerie vom Binnenraum. Das zweite Obergeschoss erreicht man über zwei gegenläufig angeordnete Treppen jeweils auf der Nord- bzw. der Südseite des Raumes. Beide Treppenaufgänge sind zum Raum hin mit Bücherregalen verkleidet. Die Fenster in der Südseite sitzen axial zu den Türen der Nordseite. Im Gegensatz zu Straßburger hat Schmidt im zweiten Oberschoss die Pfeilerstellung des ersten Obergeschosses nicht wiederholt. Die Repositorien sollten im zweiten Obergeschoss an den Wänden zwischen den Fenstern bzw. an den Stirnseiten des Raumes stehen. Sie werden von Pfeilern gleicher Gestalt wie im ersten Obergeschoss gerahmt. Eine Voute leitete zu einer flachen, den Gesamtraum abschließenden Decke über. Anders als 106 Der ursprüngliche Bestand des Französischen Schlösschens ist auf den Grundrissen und Schnitten durch dunkle Tönung hervorgehoben. Die Veränderungen sind durch ein helles Rot markiert.

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Straßburger gewährt Schmidt keinen Einblick in das Mansardgeschoss. Zwei gegenläufige Treppen hinter Regalen an den Stirnseiten ermöglichen dorthin den Zugang. Im Vergleich zu Straßburger plante Schmidt einen lichtdurchfluteten weiten Emporensaal, der von jeglichen die Sicht versperrenden Stützen und Regalen frei gewesen wäre. Zusammenfassung

Die Entwürfe der beiden Architekten sind in Bezug auf den Außenbau hauptsächlich stilistisch verschieden. Die Gliederung des Baukörpers ist bis auf die des Nordanbaus gleich. Dieser unterscheidet sich in Größe und Ausrichtung. Evident ist die Anlehnung Straßburgers an die von Schmidt geplante Form des Innenraums. Das Charakteristische an Schmidts Grundriss, die Schaffung eines ovalen Binnenraums innerhalb eines rechteckigen Grundrisses durch eine Pfeilerarkatur, zeichnet auch Straßburgers Entwurf aus. Allerdings unterscheiden sich beide Räume bezüglich der Raumwirkung. Während Straßburger durch die Wiederholung der Pfeilerstellung den Binnenraum bis in die Dachzone weiterführt und somit einen Zylinder in einen Kubus stellt (Farbtaf. 17), öffnet sich bei Schmidt im zweiten Obergeschoss ein freier Raum. Der Binnenraum bei Straßburger bildet eine eigene Einheit in dem übrigen Raumgefüge. Schmidts zweitem Obergeschoss hingegen kann der Charakter eines Emporengeschosses bzw. einer Galerie zugeschrieben werden, und es mag in dieser Hinsicht als die elegantere Lösung angesehen werden. Nicht nur aufgrund des einheitlicheren Raumeindrucks ist Schmidts Entwurf aus ästhetischer Sicht ausgewogener. Er erfüllt zudem das Kriterium der Symmetrie. Im Vergleich zu Straßburger richtet sich das einbezogene Oval bei Schmidt sowohl in der Nord-Süd- als auch in der Ost-WestAusrichtung nach den Fensterachsen (Farbtaf. 5 u. Abb. 5). Die Stauchung des Ovals bei Straßburger – die Schmalseiten werden nicht wie bei Schmidt durch Halbkreise, sondern durch Segmentbögen begrenzt – macht eine axiale Ausrichtung des Binnenraumes nach den Fensterachsen des Außenraumes unmöglich. Zudem nimmt Straßburger bei der Anordnung der Regale keine Rücksicht auf freie Sichtachsen. Ein weiterer Unterschied liegt in dem jeweiligen Verständnis der Funktion des Mansardgeschosses. Schmidt gewährt keinen Einblick in das Dachgeschoss. Für ihn ist es dementsprechend nicht mehr dem Bibliotheksraum zugehörig, sondern fungiert als Abstellraum. Straßburger hingegen betont durch die Öffnung der Decke des zweiten Obergeschosses die Nutzung des Mansardgeschosses als weiteren Bibliotheksraum.

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Gründe für die Ausführung des Straßburgerschen Entwurfs

Es stellt sich die Frage, warum die Herzogin den Plänen Straßburgers sofort zustimmte und sie nicht kritisch mit denen Schmidts verglich. Dies lässt vermuten, dass formale, ästhetische und stilistische Gründe für die Entscheidung keine große Rolle gespielt haben werden. So mögen den Quellen nach eher praktische Gründe für Straßburgers Entwurf gesprochen haben, was im Folgenden gezeigt wird. Der Architekt und Bauverwalter für Sachsen-Weimar-Eisenach August Friedrich Straßburger legte der Herzogin einen Bauplan für die Bibliothek vor, der nach seiner Kalkulation eine erheblich geringere Bausumme benötigte als der vorgeschlagene Entwurf des Landesbaumeisters Johann Georg Schmidt. Schmidt veranschlagte für sein Bauvorhaben 6000 Taler. Nach erneuter Prüfung von Schmidts Plan errechnete Straßburger dafür eine Summe von 20000 Talern, für seinen eigenen Entwurf aber, der sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von Schmidts Entwurf unterschied, kalkulierte er nur 9000 bis 11000 Taler. Im Folgenden wird untersucht, worauf sich der Kostenunterschied begründet. Beide Architekten übernehmen vom Vorgängerbau die Positionen der Fenster, den Treppenturm und bis auf leichte Modifikationen die Gestalt des Erdgeschosses. Beide planen einen neuen Anbau an der Nordseite, verändern die Fassade, den Innenraum und das Dachgeschoss. Die in dem Vergleich herausgearbeiteten Unterschiede dürften nicht das Doppelte der Kosten verursacht haben. Eine bedeutende Abweichung findet sich allerdings in der Planung der Statik des Innenraums, die auch die unterschiedliche Ausgestaltung des zweiten Obergeschosses beeinflusst. Die Decke von Schmidts stützenfreiem Raum wird im Dachwerk durch vier unterhalb der Firstlinie angeordnete, als Hängesäulen ausgebildete Sprengwerke getragen (Farbtaf. 19). Bei Straßburger hingegen wird die Decke des zweiten Obergeschosses durch die die ovale Öffnung umgebenden Pfeiler gestützt. Diese reichen aus, um das Magazin im Dachgeschoss zu tragen (Farbtaf. 7). Während der Entwurf von Straßburger auf dem einfachen Prinzip der Lastableitung durch Stützen basiert, ist die Konstruktion einer aufgehängten Decke mit entsprechender Lastableitung wesentlich komplizierter und kostenaufwändiger durchzuführen. Straßburger vermag daher die Kosten zu senken, indem er den eleganteren Entwurf Schmidts zugunsten einer sowohl in der Form als auch an technischem Aufwand einfachere Lösung aufgibt. Doch nicht nur der Entwurf, sondern auch die Person Straßburger kam der Kammer günstiger. Schmidt war kein Landeskind. Sein Name taucht in

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den Akten immer mit dem Zusatz „aus Dresden“ auf. Er war selten in Weimar, und wenn, dann hatte er als „Fremder“ während seines Aufenthaltes einen Anspruch auf Diäten. So heißt es in einer Akte des Weimarischen Kammeretats von 1760, die seine Besoldung von 300 Reichstalern betrifft: „Dieser Mann ist in Dresden, und bekommt seine Besoldung ganz vergeblich, so lange keine neue Gebäude, von Wichtigkeit aufgeführet werden, welches, währender Vormundschafft, schwerlich geschehen wird. Wollten aber auch Serenissima mit der Zeit, und nach getilgten Cammer=Schulden, große Baue, e.g. am Schloss, Häußern vor die Collegia, oder sonst, resolviren; so ist, außer denen hier bereits vorhandenen Bau-Inspector Bärtsch und Conducteur Bär, in Eisenach der geschickte Baumeister Straßburg, desgl. der Baumeister Gärtner vorhanden, dass man also einen fremden Baumeister nicht nöthig hat, welcher überdieß, so lange er hier ist, Diaeten bekommen muss, und, weil er so gar lange von Dresden nicht abkommen kan, die nöthige Aufsicht auf die Baue zu führen außer Stande ist. Bey der Reparatur derer Zimmer, welche Serenissima bewohnen, hat er keine große Probe abgeleget. Die Rechnungen müßten zeigen, dass der Kosten=Aufwand dabey weit größer gewesen, als man sich nur immer einbilden kan. Solchemnach möchten diese 300 rth bey hiesiger Fürstl. Cammer gar wohl zu ersparen seyn.“107 Dieses Urteil fällte Geheim Rat v. Nonne am 9. April 1760. Auch Straßburger wurde erwähnt, kam allerdings wesentlich besser davon. Nonne schlug sogar eine Besoldungszulage für ihn vor, denn „seine langen und treuen Dienste, seine Geschicklichkeit und seine Arbeit reden ihm das Wort“.108 Erstaunlich ist allerdings, dass Schmidt zunächst trotzdem 1760 den Auftrag erhält, einen Entwurf für die Bibliothek abzuliefern. Auch wurde ihm noch bis Ende 1760 seine Besoldung ausgezahlt.109 Doch letztendlich zeigt dieser Aktenfund, dass bei der Entscheidung für den endgültigen Entwurf neben dem Kriterium der Kosten für die Ausführung auch die Personalkosten eine Rolle gespielt haben dürften. Durch seine Dachkonstruktion schuf Straßburger im Dachgeschoss einen weiteren ansehnlichen Raum, der bis heute zur Unterbringung von Büchern genutzt wird. Diesen Unterschied zu Schmidt hebt auch die Kammer hervor. In der Beschreibung des Schmidtschen Entwurfs kommt dem Dachgeschoss wie oben erwähnt nur die Funktion einer Abstellkammer zu, in der „Bücher=Verschläge auch solche Bücher die vielleicht in der Biblio107 ThHStAW B1709, Bl.16. 108 ThHStAW B1709, Bl. 29. Straßburgers Besoldung würde nach der Zulage immer noch um 100 Taler weniger ausfallen als Schmidts. 109 Vgl. ThHStAW Rechnungen I 266, Bl. 130.

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thec selbst nicht gern ausgestellet werden, aus dem Gesicht gestellt werden könnten“110. Bei der Beurteilung des Straßburgerschen Entwurfs hingegen wird die Konstruktion der Lastableitung und die daraus folgende Nutzung des Dachgeschosses als weiterer Magazinraum positiv hervorgehoben: „[...] und dass das Durchlaufen der Säulen nach dem Straßburgerischen Riße [...] weiln solche auf eine gute Arth verkleidet werden sollen, mithin das Ansehen der Bibliothek nicht verstellen, höchstzuträglich wäre, um die auch auf dem Boden nach und nach kommende Last desto eher zu tragen [...]“. Ausreichend Stellfläche war für die Kammer auch schon ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Französischen Schlösschens als neue Herberge für die fürstliche Büchersammlung gewesen. So heißt es in dem Vorschlag an die Herzogin: „... dass sich dazu das sogenannte [...] Französische Schlößchen alhier am besten schicken dürfte, indem darinnen nicht allein zur Aufstellung derer albereits vorräthigen Fürstl: Bücher, sondern auch vor die von Zeit zu Zeit noch anzuschaffende genugsamer Raum vorhanden [...] ist.“111 Straßburger befriedigt das Bedürfnis der Kammer nach ausreichend Stellfläche zufriedenstellender als Schmidt. Das größere Platzangebot ist demnach ein weiteres entscheidendes Kriterium für die Wahl des Straßburgerschen Entwurfs.

3.3 Umbauten und Erweiterungen (1773–2007) 3.3.1 Die Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der Bibliothek 1773 In den 1770er Jahren waren die Bedingungen der Ordnung und Lagerung des Ernestinischen Gesamtarchivs unhaltbar geworden.112 Die Gewölbe zwischen dem Bibliotheksgebäude und dem alten Befestigungsturm waren stark durchfeuchtet und boten auch zu wenig Platz. 1773 genehmigte Anna Amalia die Umlegung des Archivs in die überwölbten Erdgeschossräume des Bibliotheksgebäudes. Auf einem zeitgenössischen Grundriss des Erdgeschosses sind die Umbaumaßnahmen rot markiert (Farbtaf. 6). Demnach wurde in dem westlichen Saal am südlichen Ende ein abgetrennter und beheizbarer Raum für die Archivare eingerichtet. Außerdem wurden zwei ovale Fenster eingebrochen und die Wände neu verputzt. Der Fußboden 110 ThHStAW B 9136, Bl. 7–10. 111 ThHStAW B 9136, Bl. 1. 112 Vgl. zur Einrichtung des Archivs im Erdgeschoss der Bibliothek Beyer 2007, S. 135.

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wurde erneuert und neue Regale und Schränke wurden angefertigt. Im Oktober 1773 bezog das Ernestinische Gesamtarchiv seine neuen Räumlichkeiten in der Bibliothek.

3.3.2 Der südliche Anbau 1803–05 Das unvermeidliche Wachsen der Bestände sowie die Aufstellung der militärischen Bibliothek und der Landkartensammlung Carl Augusts im Bibliotheksgebäude führten im Jahre 1803 zu Erweiterungsplänen.113 Seit 1797 hatten Goethe und Voigt die Oberaufsicht der Bibliothek übernommen. Goethe war mit den ersten Erweiterungsplänen, die ihm am 14. Juni 1803 von Bibliothekar Friedrich Christoph Ferdinand Spilcker vorgelegt wurden, nicht einverstanden.114 Diese beinhalteten teilweise unter Beibehaltung alter Bausubstanz eine Vergrößerung des nördlichen Anbaus.115 Nicht nur die schlechte Beschaffenheit des Mauerwerks, die eigentlich einen vollständigen Neubau erforderte, sondern auch funktionale Mängel des Entwurfs wurden von Goethe kritisiert.116 Carl August hatte wohl schon vorher bei einer Besichtigung der Örtlichkeiten geäußert, dass eine Abtragung des nördlichen Anbaus das Zweckmäßigste sei, um auf diese Weise eine „freye Bibliotheksfacade zu erlangen“.117 Goethe schlug dementsprechend vor, den nördlichen Anbau ganz abzutragen und dafür einen südlichen Anbau zwischen dem Turm des alten „Altans an der Ilm“ und dem Bibliotheksgebäude zu setzen. Dieser Plan muss sofort von Carl August genehmigt worden sein, denn bereits im Juli wurde mit den Abbrucharbeiten begonnen. Bibliothekar Spilcker schlug Goethe vor, während der Bauarbeiten am alten Eingang an der Nordseite eine Interimstreppe anzulegen, da ansonsten kein Zugang zur Bibliothek bestehe, zumal gleichzeitig der Treppenturm des Renaissanceschlosses beseitigt wurde.118 Eine Entwurfsskizze für den Anbau lie113 Die Ausführungen zur Baugeschichte des Anbaus von 1803–1805 folgen im wesentlichen Deetjen 1932, Scheidig 1941 und Beyer 2007. Vgl. auch Sckell 1830, Bl. 134f. 114 Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 345–347. 115 Diese Bauarbeiten waren schon bei Aufsetzung des Pro Memoria im Gange. Vermutlich war das Treppenhaus Straßburgers baufällig gewesen. Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 345 und Scheidig 1941, S. 24. 116 Goethes Vorschläge z.T. zitiert in: Deetjen 1932, S. 4. 117 Goethe zitiert in: Deetjen 1932, S. 4. 118 Vgl. ThHStAW A 11619g, Bl. 348. Vgl. hierzu auch folgende Äußerung Carl Augusts an Goethe nach der Besichtigung der Pläne für den Anbau: „Man werde sich wohl entschließen müssen den kleinen thurm abspitzen zu lassen, so sauer auch diese Arbeit werden wird.“ GSA Sig. 28 / 41 Bl. 306. Ob die Interimstreppe angebracht wurde, ist nicht sicher. Dass der

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ferte der Berliner Architekt Heinrich Gentz (1766–1811), der in den Jahren 1802 bis 1804 den Innenausbau des Weimarer Schlosses leitete.119 Sein Mitarbeiter Martin Friedrich Rabe führte das Projekt aus und übernahm mit dem Kondukteur Koch die Bauleitung.120 Dass es sich bei der Entwurfszeichnung nur um eine Skizze und nicht um einen detaillierten Plan handelte, zeigen folgende Bemerkungen Goethes vom 23. Juli 1804: „Gedachtes Gebäude ist nicht von einem Baumeister bis zu seiner Vollendung planmäßig durchgearbeitet worden, sondern man musste sich bey der neuen Einrichtung von Tag zu Tage durch die Umstände belehren lassen, um zweckmäßige Anordnungen zu treffen.“121 Dass Goethe, Voigt und der Herzog selbst immer wieder in das Baugeschehen eingriffen, zeigen Briefnotizen dieser Zeit.122 In dieser improvisierten Arbeitsweise wurde der Bau im Frühjahr 1805 soweit fertiggestellt, dass der Bibliotheksdienst wieder aufgenommen werden konnte.123 Nach dem Abriss der nördlichen Anbauten wurden in das Erdgeschoss der Nordfassade der Bibliothek drei rustizierte Rundbogenarkaden eingezogen.124 Sie wurden von zwei mit einem flachen Dach versehenen und glattverputzten Eckpfeilern flankiert. Ein schmales Horizontalgesims grenzte das Erdgeschoss von den übrigen Geschossen ab. Im ersten Obergeschoss saßen drei übergiebelte Fenster, die die Gestalt der Fenster des Renaissancebaus annahmen. Auch die drei Fenster im zweiten Obergeschoss sowie die drei Mansardfenster wurden den jeweiligen Fenstern des Hauptgebäudes angeglichen. Der so genannte Gentz-Anbau im Süden präsentiert sich in der Westfassade als dreiachsigen Bau, der zum Stammgebäude leicht zurückgesetzt liegt Treppenturm spätestens im Herbst 1803 abgebrochen war, belegt ein Brief von Charlotte von Stein an ihren Sohn Fritz vom 20. November 1803, in dem sie schreibt, dass die Treppe beseitigt worden sei und die Beamten auf Leitern in das Innere steigen müssten. Vgl. Deetjen 1932, S. 5. 119 Vgl. Deetjen 1932, S. 5, Scheidig 1941, S. 25 und Oehmig 1997, S. 241. 120 Vgl. z. B. ThHStAW B 9074, Bl. 113 und Bl. 115. 121 Goethes Bemerkungen zum Neubau zitiert in: Deetjen 1932, S. 5. 122 Vgl. z. B. einen Brief Carl Augusts an Goethe Anfang August 1803: „Gentz verlaßet uns diese Woche, ich […] bitte[…]die einrichtung der vorderen Giebelseite der bibliotheq noch mit ihm zu arrangiren.“ GSA Sig. 28 / 771 Bl. 78. 123 Vgl. einen Brief von Vulpius an Goethe vom 19. Juli 1805, GSA, Sig. 28 / 48, Bl. 116f. 124 Zum Erscheinungsbild der Nordfassade ab 1804 vgl. folgende Abbildungen: Ludwig Bernhard Zacharias Koenig (?), Ansicht des Platzes mit Fürstenhaus, Bibliothek und Rotem Schloss (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. KHZ 1980 / 00541) und Unbekannt, Ansicht des Obelisken welcher zum Andenken der Anwesenheit der Kaiser, Könige und Fürsten am 6. Oktober 1806 vor dem Schloß zu Weimar errichtet worden. (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. Gr. 409 / 1980 bzw. HAAB, Sign. ZGr. VII / 72).

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(Farbtaf. 20 u. 24).125 Das rustizierte Erdgeschoss erstreckt sich etwas höher als das des Stammgebäudes und beherbergt auch ein Mezzaningeschoss, das durch ein breites Horizontalgesims vom ersten Obergeschoss getrennt wird. Auf diesem sitzt ein Mansardwalmdach, dessen unteres Mansardgeschoss mit der Dachtraufe des Stammgebäudes abschließt. Der Dachfirst vom Nebengebäude sitzt etwas unterhalb des zweiten Mansardgeschosses des Haupthauses. In den drei Hauptgeschossen sind schmucklose Zwillingsfenster ohne Gewandung eingesetzt, von denen die des ersten Obergeschosses höher sind. Die Fenster im Mansardgeschoss sind übergiebelt. Der neue Haupteingang der Bibliothek befindet sich in der Mittelachse des Erdgeschosses. Er präsentiert sich als eine schlichte Tür ohne Gewände, eingerahmt von einem Fensterband mit jeweils vier Fenstern. Zwei Stufen führen in die Bibliothek. Im Gegensatz zur Westfassade zeigen sich auf der Ostseite des Anbaus in jedem Geschoss nur zwei Fensterachsen, allerdings sind hier Drillingsfenster eingesetzt (Farbtaf. 21). Die Fenster erscheinen in der gleichen schlichten Gestalt wie die der Westfassade. Auch hier sind die beiden unteren Geschosse rustiziert. Im Süden schließt sich der Anbau direkt an den Turm der alten Stadtbefestigung an, der in den zwanziger Jahren des 19.  Jahrhunderts in den Bibliotheksbau integriert wurde.126 Der GentzAnbau erhielt einen Putz aus einem hellen rötlichen Umbraton und rotbraune Fenster.127 Im Vergleich zum Stammgebäude präsentiert sich der Anbau schlicht und nüchtern, nach Scheidig ist „die ohne jedes Gewände in die Mauer eingeschnittene Tür [...] erschreckend primitiv und als Haupteingang für das Gebäude unwürdig.“128 Einzig in der Harmonie der Fassaden in der Vertikalen und den paarweise zusammengefassten Fenstern erkennt er den Meister des Weimarer Schlossbaus. Tatsächlich zeigt sich in den unterschiedlichen Stilen der beiden Teile des Bibliotheksensembles die 125 Die Beschreibung des Anbaus bezieht sich auf den kolorierten Kupferstich von A. Glaeser um 1830 (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Sig. 19 D 5085 (1)) (Farbtaf. 4) und eine Ansicht des Bibliotheksgebäudes von Westen von Carl Friedrich Willibald Steiner, 1844 (ThHStAW, Thür. Finanzministerium, 3245 / 4 II) (Farbtaf. 20) sowie auf das heutige Erscheinungsbild (Farbtaf. 24). 126 Der Turm wurde 1821–1825 mit dem Bibliotheksbau verbunden. Abbildungen aus der Zeit vor der Anbindung sind bisher nicht gefunden worden, durch die ein Eindruck von dem ursprünglichen Erscheinungsbild der Südfassade des Gentz-Anbaus gewonnen werden könnte. Bauarchäologische Befunde demonstrieren allerdings, dass auch in der Südwand in senkrechter Achse auf westlicher Seite in jedem Geschoss ein Zwillingsfenster eingebaut gewesen sein musste. Heute ist nur noch das Zwillingsfenster im Mansardengeschoss erhalten. Vgl. Gespräch mit dem Restaurator Karl-Heinz Bastian am 17.07.2002. 127 Vgl. Seifert 1997, S. 157. 128 Scheidig 1941, S. 25.

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Folge der architektonischen Entwicklung in Weimar der letzten fast fünfzig Jahre: die Abkehr von der spätbarocken Formensprache sowie die Hinwendung zur klassizistischen Gestaltungsweise als neue Architekturauffassung.129 Der Anbau beherbergte neben dem Treppenhaus Magazinräume, Arbeitsräume, Gesellschaftsräume und Zimmer für die Bibliotheksmitarbeiter.130 Außerdem waren im Mansardgeschoss drei Räume als Kunstkabinett eingerichtet worden.131 So beschriebt Bibliothekar Christian August Vulpius im Dezember 1805 in einem Brief an seinen Freund Nikolaus Meyer, „ein Zimmer für deutsche Antiquitäten, eines für Kunstsachen, eins für Kupferstiche, Zeichnungen und Bilder...“.132 Auch das Münzkabinett wurde in den Neubau verlegt.133 Der Zugang zum Rokokosaal, der durch den Anbau seine Fenster auf der Südfassade verlor, befindet sich im ersten Ober­ geschoss. Dieser Eingang war zugleich der Haupteingang in die Bibliothek, 129 In diese Entwicklung fallen neben der Neuerrichtung des Schlosses unter der Leitung von Heinrich Gentz (1802-04) z. B. auch die Erbauung des Römischen Hauses (1791–98, Bauentwürfe Johann August Arens (1757–1806), Innenraum Christian Friedrich Schuricht (1753–1832)) und das Einrichten des repräsentativen Treppenhauses in Goethes Wohnhaus (1792–93 nach Entwürfen von Goethe) sowie ein nicht ausgeführter Entwurf Goethes für eine Fassadenänderung seines Wohnhauses in Anlehnung an Formen der italienischen Renaissance (1802). Zu diesen und weiteren Bauten der so genannten Weimarer Klassik vgl. Beyer / Seifert 1997, Bothe 2000 sowie zur formalen und stilistischen Entwicklung Jericke / Dolgner 1975. 130 Nach Freilegung der verschiedenen Farbfassungen der Räume können anhand der Farbgestaltung die unterschiedlichen Funktionen der Räume ausgemacht werden. Vgl. Bastian 2000. Eine einfache Ausmalung in Ocker-hell-erdig ohne Scheuersockel deutet beispielsweise auf eine Nutzung als Magazinräume hin. Diese waren ursprünglich wohl insbesondere im Mansardengeschoss, im Mezzaningeschoss und im Erdgeschoss untergebracht. Im ersten Obergeschoss befanden sich drei Arbeits- und Geschäftszimmer, die als Wandfarbe ein leuchtendes warmes Grün erhielten. In den zwei parkseitigen Räumen wurde im Zuge der Rekonstruktion 2006 bei der Beseitigung der abgehängten Decken eine aufwendige Wandgestaltung mit neogotischen Kleeblattfries-Ornamenten in farblich abgesetzten Kassettenfeldern freigelegt. Demnach handelte es sich bei diesen Räumen wohl um repräsentative Gesellschaftsräume. Vgl. Grunwald 2007, S.  98. Das Treppenhaus wurde mit einem auf Papier imitierten Lotos-Palmettenfries ausgestattet. Beyer 2007, S. 138. 131 Diese Räume sind die am aufwendigsten ausgemalten Räume im Gentz-Anbau. Sie erstrahlten in einem farbintensiven leuchtenden Blaugrün mit ockerfarbenem Sockel (Parkseite) bzw. grauem Sockel (Südwestecke). 132 Vulpius zitiert in: Beyer 2007, S. 137. Auch Adolf Schöll berichtet in seiner Publikation „Weimars Merwürdigkeiten einst und jetzt“, dass sich „neben der ersten Galerie…“ des Rokokosaals „ein mit allerlei Sächlein angefülltes Kunstkabinett“ befinde. Vgl. Schöll 1847, S. 167. 133 Vgl. ein Brief von Goethe an Voigt vom 5. August 1805, in: Goethe 1805, WA IV, Bd. 19, Nr. 5122, S. 31f. Im 19. Jahrhundert wurde es in der untersten Etage des dann umgebauten Bibliotheksturm aufgestellt. Vgl. Schöll 1847, S. 179 und ThHStAW B 9139, Bl. 60.

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nachdem der Nordanbau wie oben erwähnt abgetragen worden war.134 Die Treppe des Gentz-Anbaus endet bereits im ersten Obergeschoss.135 Das Treppenhaus präsentiert sich hier mit seinen hohen Fenstern sowie einer Deckenöffnung ins Mansardgeschoss als hoher lichterfüllter Raum, in dem auf einem das Treppenauge auf drei Seiten umlaufenden Podest Kunstgegenstände aufgestellt worden sind (Farbtaf. 25).136 Neben Gipsabgüssen antiker Porträtbüsten und Skulpturen, u. a. „dem Borghesischen Fechter, Antonius, Apoll, Venus pp.“137, hängen hier auch Kopien bekannter Gemälde nach Carracci und Franceschini.138 „Dem Benutzer der Bibliothek begegneten bei Heraufkommen beispielhaft die zwei Pole der von Goethe und seinem Freund Johann Heinrich Meyer zum Vorbild erhobenen Kunstrichtungen: die Antike und die eher klassisch orientierten, schulbildenden italienischen Meister des 16. und 17. Jahrhunderts.“139

3.3.3 Die Einbeziehung des Turms der alten Stadtbefestigung 1821–25 Das weitere Ansteigen der Bücherbestände führte bald wieder zu erheblichem Raummangel. Im Jahre 1818 entstanden Pläne für die Einbeziehung des Turmes der alten Stadtbefestigung aus dem 15. Jahrhundert (1453), des „Altans an der Ilm“, in die Bibliotheksanlage.140 Zu diesem Zweck wurde noch im Jahre 1818 auf großherzoglichen Befehl eine Treppenspindel aus Eichenholz, datiert 1671, aus dem Schloss Osterburg in Weida nach Weimar transportiert.141 Die Treppe wurde mit einem neugotischen Geländer versehen und in dem Stadtturm aufgestellt. Aus dieser Zeit sind erste Entwurfszeichnungen vermutlich des Baurats Carl Friedrich Christian Steiner 134 Dies erklärt, warum das Porträt von Carl August zunächst auf der Nordseite aufgehängt wurde. Zu diesem Zweck wurde eine Zwischenwand eingezogen, die die bisherige Eingangstür verdeckte. 135 Das Mansardengeschoss erreicht man auch heute noch nur über einen Zugang vom zweiten Obergeschoss des so genannten Rokokosaals in den Gentz-Anbau. 136 Vgl. Beyer 2007, S. 138. 137 Vulpius 1805 zitiert in: Beyer 2007, S. 137. 138 Vgl. Grunwald 2007, S. 97 und Werche 2007, S. 165. 139 Werche 2007, S. 165. 140 Vgl. Deetjen 1932, S. 7, Scheidig 1941, S. 26, Oehmig 1997, S. 241. 141 Vgl. ThHStAW B 9138a: „Acta Camera den Transport einer hölzernen Treppe aus dem Schlosse zu Weyda hierher, zum Gebrauch im Thurm bey dem BibliotheksGebäude, alhier betr. Anno 1818“. Und ThHStAW B 9138b: „Geheime Staats, Canzley, Acten Den Transport einer Wendeltreppe aus dem Weydaisch. Schlosse alhier betr. Weimar 1818“.

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(1774–1840) und des Oberbaudirektors Clemens Wenzeslaus Coudray (1775–1845) erhalten (Farbtaf. 26).142 Der Umbau bzw. Ausbau des Turmes erfolgte schließlich in den Jahren 1821 bis 1825 nach neuen Plänen und unter der Leitung von Steiner sowie unter der Oberaufsicht von Coudray.143 Sowohl Goethe als auch Carl August nahmen regen Anteil am Fortgang der Bauarbeiten.144 Im Jahre 1825 wurden die Militärbibliothek und die Münz-, Medaillen, Globen- und Kartensammlung Carl Augusts in den Turm geschafft. Ein eingeschossiger und rustizierter Vorbau verbindet den Gentz-Anbau mit dem Turm (Farbtaf. 4 u. 20).145 Der Eingang liegt auf westlicher Seite und geschieht durch ein Portal mit Schweifbogen-Tür und neugotischer Gewandung. Neben dem Eingang und in der südlichen Fassade des Anbaus befindet sich je ein rundes Fenster, das mit gotisierendem Maßwerk versehen ist. Der Bau schließt in der Höhe mit Maßwerkfries und Balustrade in neugotischer Formensprache ab. Über das Flachdach des Vorbaus führt ein offener Zugang, der den Gentz-Anbau mit dem Turm verbindet, über eine Treppe zum spitzbogigen Portal des Turms. Dieser wurde um ein Stockwerk erhöht und erhielt über einer flachen gemauerten Kuppel eine polygonale (zwölfeckige) Laterne mit Zeltdach aus Schiefer. Das neue Geschoss setzt sich durch ein schmales Gesims von den unteren drei Geschossen ab, in denen auf südlicher und östlicher Seite Fenster mit flachen Spitzbögen und einfacher Gewandung eingezogen sind (Farbtaf. 27).146 Es besitzt keine Fenster, allerdings führt auf der östlichen Seite eine Tür auf einen schmalen 142 Carl Friedrich Christian Steiner, Bibliotheksturm, Schnitt Nord-Süd, 1818, Zeichnung (ThHStAW, Thür. Finanzministerium 3245 / 4 II) (Farbtaf. 26). Beyer nimmt an, dass es sich bei der erhaltenen Zeichnung um den Entwurf von 1818 handelt, da die Ausführung des Baus nicht mit dem Plan übereinstimmt. Das rustikale Erscheinungsbild des unverputzten Mauerwerks und die Stilelemente der Gotik seien zurückgenommen. Weitere Änderungen fänden sich bei der Ausführung der Fenster oder des Vorbaus im Erdgeschoss. Der modifizierte Entwurf von 1821 ist nicht erhalten. Vgl. Beyer 2007, S. 137. 143 Zum Bauvorhaben und der Baufinanzierung vgl. ThHStAW B 9139. Zu den Kosten des Baus vgl. ThHStAW B 8777, Bl. 3, 15(h)f, 28(h)f, 39(h)f, 58(h)f, 94(h)f, 133(h)f, 179(h)f, 212f und ThHStAW Rechnungen I 539. 144 Carl August forderte beispielsweise anstelle einer Holzbedeckung eine feuerfeste Kuppel über dem Turm. Vgl. ThHStAW B 9139, Bl. 9h und ThHStAW B 8777, Bl. 212. Außerdem wünschte er eine Luftheizung, die 1823 in den Keller eingebaut wurde. Vgl. ThHStAW B 9139, Bl. 21–30. Vgl. auch Scheidig 1941, S. 26. 145 Die folgende Beschreibung bezieht sich hauptsächlich auf die zeitgenössischen Abbildungen von A. Glaeser (Farbtaf. 4) und Steiner (Farbtaf. 20) sowie auf das heutige Erscheinungsbild. 146 Im dritten Geschoss des Turmes befindet sich auf südöstlicher Seite noch ein weiteres Fenster. Neusten Bestandsplänen zu Folge waren auch in den unteren Geschossen in gleicher Achse Fenster eingebaut, die aber zugemauert sind. Zu erkennen ist diese Tatsache im Innern des Turms an den an dieser Stelle sich befindlichen Nischen.

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mit Eisengeländer versehenen Balkon. Es wird von einem Konsolgesims abgeschlossen. Die Laterne und das Dach sind mit Schiefer gedeckt, in der Laterne sitzen zwölf rechteckige Fenster. Der Stadtturm erhielt einen rauhen Putz in hellem Ocker, die Kragsteine am Turmgesims waren von einem helleren cremigen Beige.147 Der Vorbau ist unverputzt aus rotem Sandstein gebaut. Wie der Gentz-Anbau passen sich Vorbau und Turm nicht an eine bereits vorhandene Formensprache an, sondern finden erneut eine eigene Ausdrucksweise.148 Der Innenraum präsentiert sich vom Erdgeschoss bis in die Laterne als einen offener Raum, dessen Mittelpunkt die „42 Fuß hohe schön gearbeitete Wendeltreppe von Eichenholz“149 bildet (Farbtaf. 28). Um diese zieht sich in jedem der vier Geschosse eine Galerie, deren Brüstung der der Treppe gleicht. Die Treppenspindel sowie das neogotische Geländer und die Brüstungen der Galerie wurden weiß mit Gold gefasst, während die Wände und Bücherregale einen beigefarbenen Anstrich erhielten.150 In jeder Etage sind die Bücherregale an die Wand gerückt. Die auf diese Weise durch Bücher gebildeten ‚Ringe‘ werden nur durch die Fensternischen unterbrochen. Unter den Fenstern sind mit Türen verschlossene Schränke eingezogen. In der Decke der Laterne ist mittig eine neugotische Stuckrosette angebracht, die die Inschrift Carolus Augustus MDCCCXXI sowie das Wappen des Großherzogtums Sachsen-Weimar trägt. Die zwölf Fenster der Laterne werden von neugotischer Stuckatur umfasst. Diese und die Fenster im

147 Vgl. Grunwald 2007, S. 106. 148 Inwiefern die Formensprache durch den zeitgenössischen ‚national-romantischen‘ Hang zur Gotik und ihrer Architektur geprägt wurde oder vielleicht auch auf das Bauzeitalter des Turmes anspielen wollte, ist bisher noch nicht untersucht worden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass Gentz für Carl August innerhalb der durchgängig klassizistischen Innenraumgestaltung des um 1800 wiedererrichteten Weimarer Residenzschlosses einen Memorialraum ‚im gothischen Geschmack‘ einrichtete, der Herzog Bernhard von SachsenWeimar gewidmet war. Ulferts sieht in diesem Raum nicht nur „ein stilgeschichtliches Zeugnis für das auch im deutschsprachigen Raum im späten 18. Jahrhundert zu verzeichnende Interesse an gotischer Architektur“, sondern auch „eine Manifestation der reichspatriotischen Gesinnung des Bauherrn in den späten Jahren des Alten Reichs, das nach der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. mit der katastrophalen Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 auch realpolitisch für das Weimarer Herzogtum zu Ende geht.“ Ulferts 2007a, S. 334. Herzog Bernhard von Sachsen Weimar gehörte zu den berühmtesten Heerführern des Dreißigjährigen Krieges, der im 19. Jahrhundert als „Retter des deutschen Protestantismus“ und Freiheitskämpfer gefeiert wurde. Vgl. neben Ulferts 2007a auch Werche 2007a, S. 249. 149 ThHStAW, B 9138a Bl. 1. 150 Vgl. die Untersuchungsergebnisse der Restauratorenuntersuchung von 1991–92 von KarlHeinz Bastian im Archiv BD (Baudezernat) und Oehmig 1997, S. 243.

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Mauerwerk des Turmes sorgen für eine ausreichende Beleuchtung.151 1823 wurde eine Warmluftheizung eingebaut, die im Keller untergebracht war. Die angewärmte Luft gelangte über hölzerne Kanäle und Auslässe im Fußboden des Erdgeschosses in den Turm.152 Die Kuppel wurde feuerfest konzipiert.153 Auch das Erdgeschoss wurde feuer- und sogleich diebesfest geplant, wie beispielsweise der Einsatz von eisernen Türen zeigt (Farbtaf. 29). Hier wurde das Münzkabinett untergebracht.154 In dem Turm wurden außerdem „werthvolle achäologische und artistische, geographische und naturhistorische Kupferwerke aufgestellt“155. Im Zuge der Umbauarbeiten wurde 1824 auch ein „Conversationszimmer“ eingerichtet.156 In den nächsten zwanzig Jahren blieb der Bau weitgehend unverändert. Kleinere Reparaturarbeiten wurden durchgeführt.157 1827–28 erhielt das Hauptgebäude einen neuen Anstrich, denn „dessen ruinöses Ansehen im Erdgeschoss, haben schon seit längerer Zeit den neuen Abputz und Anstrich dieses Gebäudes wünschenswerth gemacht.“158 Außerdem machte sich Goethe Gedanken zu Vorkehrungen gegen Feuergefahr, wie z. B. das Austauschen der hölzernen Türen durch eiserne.159 Sein Vorschlag, eine eiserne Feuertreppe an die Nordseite des Hauptgebäudes bis zur Giebelspitze anzubringen, wurde allerdings von Carl August abgelehnt.160 Im Zuge der Diskussion über Feuerschutzmaßnahmen wurden wohl die bis zum Brand 2004 erhaltene Anlage einer Evakuierungsöffnung aus dem Bibliothekssaal 151 Während die Fenster der Laterne im Innern kreisrund sind, erscheinen sie außen durch eine gemauerte Vorblendung rechteckig. 152 Vgl. Beyer 2007, S. 139. 153 Vgl. ThHStAW B 9139, Bl. 9h und B 8777, Bl. 212. Trotz allen Bemühens wies die Feuerfestigkeit der Kuppel noch einige Mängel auf. Die Öffnungen in der gemauerten Kuppel sowie die hölzerne Dachkonstruktion hoben den Feuerschutz wieder auf. Vgl. Beyer 2007, S. 139. 154 Vgl.ThHStAW B 9139, Bl. 60 und Deetjen 1932, S. 8. 155 Schöll 1847, S. 143. 156 Vgl. Eintrag im Diarium der Bibliothek am 18. November 1824. 157 Vgl. z. B. ThHStAW B 8777, Bl. 285(h)f, 343(h)f, 379(h)f, ThHStAW B 8779, Bl. 15(h)f, 151(h)f, 190(h)f, 215(h)f, 258(h)f, 324(h)f, 364(h)f, B 8780, Bl. 8(h)f, 75(h)f, 131(h)f, 197(h) f, 242(h)f, 291(h)f, 362(h)f, 423(h)f, ThHStAW B 8781, Bl. 44(h)f, 120(h)f, 174(h)f, 243(h)f, ThHStAW B 8782, Bl. 57(h)f, 178(h)f, 245(h)f, 298(h)f, B 8783, Bl. 8(h)f. 158 ThHStAW B 8777, Bl. 316h. Ob die gleiche Farbigkeit beibehalten blieb, geht aus den Akten nicht hervor, ist aber anzunehmen, da auch auf restauratorischer Seite keine andere Farbfassung der Fassade gefunden wurde. 159 Vgl. eine Denkschrift Goethes an die Kammer über die „Sicherung des Bibliotheck-Gebäudes bey Brandunglücksfällen“ vom 9. Juli 1825 in ThHStAW B 9137, Bl. 13–14. Die eisernen Brandschutztüren verhinderten 2004 die Ausbreitung des Brands vom Rokokosaal auf den Gentz-Anbau. 160 Vgl. ein Bericht von Oberbaudirektor Coudray an die Kammer vom 15. August 1836 in ThHStAW B 9137, Bl. 40.

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in das darunter liegende östliche Erdgeschoss und die Anschaffung von Rettungsschläuchen aus grober Leinwand für die Rettung der Bücher ins Freie beschlossen.

3.3.4 Die nördliche Erweiterung 1844–49 Das laufende Anwachsen der Bücherbestände verleitete im Jahre 1841 Christian Wilhelm Schweitzer (1781–1856), der seit 1832 (bis 1849) die Oberaufsicht über die Anstalten für Kunst und Wissenschaft innehatte, zu dem Vorschlag, einen Erweiterungsbau an der Nordseite der Bibliothek zu errichten.161 Großherzog Carl Friedrich forderte sogleich von der Oberbaubehörde einen Riss und einen Kostenvoranschlag für einen Anbau, in den eine massive feuerfeste Treppe gelegt werden sollte.162 Die ersten Pläne lieferte Oberbaudirektor Coudray erst 1844, nachdem ausgiebig Vorschläge zur Sicherung gegen Feuer diskutiert worden waren.163 So wurde der Entwurf des Anbaus insbesondere im Hinblick auf die Sicherheit gegen Feuergefahr ausgerichtet.164 Carl Friedrich genehmigte vier Wochen später die Pläne und übertrug die Verantwortung für das Projekt Erbgroßherzog Carl Alexander.165 1849 war der Bau vollendet.166 Er wurde anlässlich der Feier zu Goethes 100. Geburtstag am 28. August 1849 eingeweiht. Für den Anbau sah Coudray eine Verlängerung des Stammgebäudes um zwei Achsen vor (Farbtaf. 20 u. 31). Auf diese Weise verlor der Rokokosaal eine weitere wichtige Lichtquelle: die Fenster der Nordseite. Die Außenfas161 Vgl. den Brief von Schweitzer an Großherzog Carl Friedrich vom 22.1.1841 in ThHStAW B 9137, Bl. 45. 162 Vgl. die Antwort von Carl Friedrich vom 3. Februar 1841 in ThHStAW B 9137, Bl. 47. Außerdem ThHStAW B 8782, Bl. 144. Zur Treppe vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 51(h)f und Bl. 59. 163 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 41–76. Zu den Vorschlägen für Brandschutzmaßnahmen vgl. auch Beyer 2007, S. 140f. 164 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 75. 165 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 78. Carl Alexander war sehr an Kunst und Architektur interessiert. Er ist beispielsweise für den Einbau der nördlichen Erdgeschossfenster als gekoppelte Fenster mit eingestellter Halbsäule anstelle von Ovalfenstern verantwortlich. Außerdem schlug er vor, die Rokokoornamentik der Außenfassade zu entfernen. Sein Vorschlag, die Fassade so einer klassizistischen Formensprache anzunähern, wurde nicht genehmigt. Der Entwurf ist noch erhalten (ThHStAW, Thür. Finanzministerium, 3245 / 4 II) (Farbtaf. 30). Vgl. Beyer 2007, S. 142. 166 Der Kostenvoranschlag von 16 394 Talern und 3 Pfennig wurde um ca. 1700 Taler Mehraufwand nicht eingehalten. Carl Friedrich ließ durch eine Verfügung vom 20. März 1849 die gesamten Baukosten auf seine Zivilliste setzen. Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 156.

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sade übernahm die Architektur Straßburgers aus dem 18. Jahrhundert mit ihrem Rückgriff auf den Renaissancebau, da Coudray „eine Fortsetzung der äußeren Dimensionen und Decorationen des nebenstehenden größeren Bibliotheksgebäudes, als das angemessenste erachte[te].“167 Coudray veränderte lediglich die Gliederung des Erdgeschosses, indem er in der zweiten und fünften Achse des Gebäudes ein übergiebeltes flachbogiges Portal, das von toskanischen Pilastern gerahmt wird, einsetzte.168 Das linke Portal fungierte als Eingang zur Bibliothek, das rechte wurde lediglich aus Symmetriegründen geplant und ist eine Blindtür. Die Pilastrierung des Obergeschosses wurde seitdem nicht mehr nach unten in das Erdgeschoss fortgesetzt, welches ohne Rustizierung in Rauhputz erscheint. Der vertikale Fassadenaufbau tritt gegenüber einer eher horizontalen Gliederung zurück, die durch den schiefergrauen Anstrich der Dachgauben verstärkt wird. Mit der Betonung der Waagerechten charakterisiert nun auch ein Element der klassizistischen Formensprache die Fassadengestaltung der Bibliothek.169 Im Innern verbindet ein massives Treppenhaus alle Stockwerke miteinander. Eisentüren führen aus dem Anbau in den Rokokosaal.170 Die Räume in den oberen drei Geschossen sind mit Topfgewölben versehen. Baurat Heß hatte diese Gewölbeart „im neuen Museumgebäude“ in Berlin gesehen und im Vergleich zu den eigentlich vorgesehenen „Kranz= und Böhmischen Gewölben“ (Kreuzgratgewölben) als besser beurteilt.171 Der Vorteil dieser Überwölbungsart läge darin, dass „bei dieser Wölbungsweise, unter Gewährung gleicher Dauer und Sicherheit wie bei der Kranzwölbung, eine bedeutende Vermehrung der Wandflächen und somit die Gewinnung größeren Raums zu Aufstellung von Reposituren erreicht würd dabei aber zugleich die Zimmer mehr Helligkeit und besseres Ansehen gewinnen.“172 Da auch der Erbherzog diese Gewölbeart in Berlin begutachtet und positiv bewertet hatte, stimmte Carl Friedrich dem Vorschlag unter der Bedingung zu, dass es nicht zu Mehrkosten kommen werde und die Sicherheit gegen Feuer gewahrt bleibe.173

167 ThHStAW B 9137, Bl. 74h. 168 Vgl. die Abbildung der Fassadenabwicklung des Zustandes von 1844 von Carl Friedrich Willibald Steiner, Großherzogliche Bibliothek mit dem Coudray-Anbau, Ansicht von Westen, Zeichnung, ThHStAW, Thür. Finanzministerium, 3245 / 4 II (Farbtaf. 20). 169 Vgl. Beyer 2007, S. 142. 170 Es handelt sich hierbei um eine Maßnahme zum Brandschutz. 171 Vgl. den Bericht von Coudray vom 18. März 1855. ThHStAW B 9137, Bl. 91–92. 172 ThHStAW B 9137, Bl. 92. 173 Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 96.

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Im Erdgeschoss wurden neben dem Treppenhaus zwei Räume eingerichtet, die ursprünglich mit einem Beigeton gestrichen waren.174 Weitere vier Räume in den beiden Hauptgeschossen hatten grau-grüne Papiertapeten175. Die Decken erstrahlten weiß-grau. Der Anstrich von Türen, Fenstern und Einbauschränke imitierte eine Eichemaserung. Die beiden Räume im ersten Obergeschoss dienten als Gesellschaftszimmer. Im zweiten Obergeschoss wurde ein Raum für das Münzkabinett genutzt.176 Das Dachgeschoss wurde als weiterer Magazinraum genutzt. Wie im Gentz-Anbau wurden auch hier im Treppenhaus vorwiegend spätmittelalterliche Kunstwerke aus Thüringer Kirchen aufgestellt.177 Durch die neu hinzugewonnenen Geschäftsräume konnte der Gentz-Anbau als weiteres Büchermagazin genutzt werden.178 Im Zuge der Erweiterung erhielt der neue Komplex einen Putz in einem hellen, warmen rötlichen Ockerton.179 Coudray versuchte, „das gesamte Gebäudeensemble durch Ockernuancen zusammenzufassen und dabei zugleich subtil zu differenzieren.“180 Den hellen Beigeton des Bibliotheksturms nahm er als Ausgangspunkt. Architekturglieder wie Pilaster, Fenstergewände, Gesimse und die Rücklagen der Giebel- und Wandflächen erhielten eine neapelgelbe Fassung auf Bleiweißgrundierung. Die Fenstergitter wurden schwarz gestrichen. Die Vereinheitlichung in der Farbfassung der Fassadengestaltung mag als ein Versuch gesehen werden, die Unterschiedlichkeit der drei Baukörper zu schwächen und das Gebäudekonglomerat ‚Bibliothek‘ in seiner Gesamtheit als eine Einheit zu fassen. Aus diesem Grunde mag Coudray seinen Erweiterungsbau dem Stammgebäude ohne Kompromisse architektonisch angepasst haben.

174 Zur Farbfassung der Räume vgl. Bastian 2000. 175 Laut Befehl von Carl Friedrich vom 27. Juni 1848 sollten die „Zimmer des neuen Anbaus mit Papier an den nicht von Reposituren gedeckten Wänden, ehe dieselben in Farbe gesetzt werden“, bekleidet werden. Die Papiertapeten, ein Vorschlag von Carl Alexander, sollten von grau-grüner Farbe sein, hergestellt in der Fabrik Wenzel und Schmidt zu Ilmenau. Vgl. ThHStAW B 9137, Bl. 145h, 149 und 153. 176 Vgl. Lehfeldt 1893, S. 383. 177 Vgl. Lehfeldt 1893, S. 383. 178 Vgl. Scheidig 1941, S. 28 und Oehmig 1997, S. 243. 179 Vgl. Beyer 2007, S. 142. 180 Grunwald 2007, S. 106.

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3.3.5 Weitere Veränderungen bis zum Brand 2004 Die nächste Veränderung erfuhr der Bau 1875, als die Fassade einen einheitlichen grünen Anstrich erhielt, der auch alle architektonischen Gliederungselemente und Schmuckformen überzog.181 1934 erfolgte eine weitere Fassadeninstandsetzung, diesmal wurden die Fonds ocker und die Gliederungen grau gefärbt. Die Natursteingewände blieben steinsichtig. Die Einrichtung des Lesesaals im Erdgeschoss des Stammgebäudes 1934–36 führte zu einer baulichen Veränderung der Westfassade.182 Damit bessere Lichtverhältnisse geschafft wurden, wichen die beiden ovalen Fenster zwischen den Portalen im Erdgeschoss größeren flachrundbogigen Fenstern, die sich in ihrer Gestalt den Fenstern im zweiten Obergeschoss anglichen. Außerdem wurde das Erdgeschoss mit einem Rustikaputz versehen. Im Zuge einer Dachinstandsetzung 1964 erhielt der Bibliothekskomplex einen erneuten Fassadenanstrich, diesmal in verschiedenen Grünabstufungen sowie Grau- und Natursteintönen für die plastischen Gliederungselemente.183 Während einer gesamten Dachneueindeckung Mitte der 1970er Jahre wurden restauratorische Untersuchungen der Fassaden durchgeführt und eine vermeintlich ursprüngliche Farbfassung der einzelnen Baukörper seit 1766 wieder hergestellt. So erhielt die Fassade des Haupthauses einen weißen Anstrich mit mennigeroten Architekturelementen. Der Bibliotheksturm wurde 1990–92 grundlegend instandgesetzt. Treppenspindel, Wände und Bücherregale erhielten einen weißen Anstrich, dessen Ton sich etwas von der Erstfassung unterschied, wie restauratorische Untersuchungen nach dem Brand 2004 ergeben haben.184 Die Fenster der Laterne und deren originale Verdunklungsklappen können seitdem ferngesteuert bedient werden. Der Naturstein des Vorbaus wurde steinrestauratorisch bearbeitet und erhielt nach den Befunden einen deckenden Anstrich in rötlichem Sandsteinton. 181 Zur Veränderung der Fassadenfarbigkeit der Bibliothek vgl. insbesondere Kästner 1980, Seifert 1997, S. 156 und Grunwald 2007. 182 Vgl. Scheidig 1941, S. 29, Oehmig 1997, S. 243 und Grunwald 2007, S. 86–88. 183 In der Forschung wird die Wahl für einen grünen Anstrich mit dem Anspruch, eine farbassoziierende Analogiefassung zum „Grünen Schloss“ herzustellen, in Verbindung gebracht. Vgl. Kästner 1980, Oehmig 1997, S. 243 und Seifert 1997, S. 156. Schmid ist dagegen der Meinung, dass für die neue Farbgebung weniger Überlegungen in historischer Richtung maßgeblich waren, „sondern vielmehr das Streben nach einer farbenfreudigeren Gestaltung des Platzes der Demokratie, an dessen breiten Häuserfronten (Franz-Liszt-Hochschule und Landesbibliothek) bisher die gelbliche Tönung allzu stark dominierte.“ Schmid 1964, S. 10. 184 Vgl. Grunwald 2007, S. 106.

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Anfang des 21. Jahrhunderts lag die letzte bauliche Erweiterung der Bibliothek über 150 Jahre zurück. Seit 1875 war der Buchbestand um mehr als das Fünffache gestiegen.185 Der ständige Zuwachs ohne folgende Raumerweiterung führte hinsichtlich konservatorischer Gesichtspunkte und einer ordentlichen Aufstellung der Bücher zu desaströsen Zuständen.186 Die auf Repräsentation abzielende Antikenaufstellung im Treppenhaus des GentzAnbaus wurde spätestens 1906 aufgegeben, als die Plastiken entfernt wurden und das Treppenhaus als weiteres Magazin genutzt wurde. 1954 kam es zu einer einstweiligen Entlastung, nachdem das „Gelbe Schloss“ als Ausweichmagazin angemietet wurde. Weitere Außenmagazine wurden im Residenzschloss (1964), im Haus der Frau von Stein (1986–1994) sowie in der Carlsmühle untergebracht. 2002 konnten nur 20% des Gesamtbestandes im Hauptgebäude untergebracht werden.187 100000 Bücher mussten jährlich durch die ganze Stadt transportiert werden, um den Leihwünschen der Leser gerecht zu werden. Um endlich wieder alle Bücher an einem Ort zu vereinen, wurde im Jahre 2000 die Architektengemeinschaft Barz-Malfatti, Rittmannsperger, Schmitz (Weimar, Erfurt) mit der Ausführungsplanung für die Erweiterung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Ergebnis eines europaweiten Wettbewerbs beauftragt. September 2001 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Im Jahre 2005 wurde der Erweiterungsbau der Bibliothek in Betrieb genommen.188 In dem Entwurf der Architekten Barz-Malfatti (Weimar), Schmitz (Weimar), Rittmannsperger + Partner (Erfurt) werden neben dem Stammgebäude unterirdisch der Platz der Demokratie sowie ein Komplex aus verschiedenen Gebäuden aus dem 16., 18. und 19. Jahrhundert für die neue Bibliotheksanlage genutzt. (Abb. 6) Zu den alten Gebäuden, die in den Bibliothekskomplex mit einbezogen werden, gehören das sogenannte Rote (17. Jh.) und Gelbe Schloss (1704) und die Coudraysche Hauptwache (fertiggestellt 1838). Ein Ziel des Entwurfs ist es, die Einzelteile des Gebäudeensembles in ihrer Einzigartigkeit zu belassen. Die Außenfassaden zeigen sich dementsprechend in ihren Bestandsfassungen (Farbtaf. 32). Vervollständigt wird das Ensemble durch einen eigenständigen Neubau, in dem 185 Für das Jahr 1875 wird eine Bestandsgröße von 170000 Bänden angenommen. 1998 lagen 910000 Bände vor. Vgl. Knoche 1999a, S. 230. Vor dem Brand 2004 zählten insgesamt 1 Mio. Bände zum Bestand. Vgl. Factsheet der Klassik Stiftung Weimar zur Wiedereröffnung der Bibliothek vom 9.Oktober 2007. 186 Vgl. Knoche 1999a, S. 216. 187 Zahlen vgl. Text von Michael Knoche in: Stiftung Weimarer Klassik 2002. 188 Zum Erweiterungsbau der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, des Studienzentrum, vgl. Knoche 2006.

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sich der Eingangs- und Informationsbereich des Komplexes befindet (Farbtaf. 33). Im Erdgeschoss liegen Informationstheke, Ausleihe, Garderoben, Katalog und ein Zeitungslesesaal. Der Hauptlesesaal der Anlage für die besonders geschützte Literatur ist im ersten Obergeschoss eingerichtet. Er bietet durch seine Höhe und seine Lage einen Ausblick zum einen auf das Stammhaus und zum anderen auf den so genannten Bücherkubus. Dieser bildet mit seiner Lage im Innenhof das Kernstück der neuen Anlage. Im Vergleich zu dem unruhigen, aus verschiedenen Proportionen zusammengesetzten Gebäudegefüge zeichnet er sich durch eine klare Geometrie aus. Im Innern eröffnet sich dem Besucher ein sich über vier Geschosse in die Höhe ziehender Raum, an dessen Wänden sich die Bücherregale entlang ziehen, die durch drei freitragende Galerien erschlossen werden können (Farbtaf. 35). 40.000 Bände finden in den Regalen ihren Platz. Transparente Öffnungen im Dach sorgen für die Beleuchtung des Raums. Der Eindruck einer Architektur aus Büchern wird durch nichts gestört. Die Architekten sehen den Kubus als ein „modernes Pendant zum Rokokosaal des Stamm­ hauses.“189 Neben seiner Funktion als „modernes großes Bücherkabinett“ kann der Kubus als Veranstaltungsort (80 mobile Sitzplätze) oder im Zusammenhang mit der Eingangshalle als Ausstellungsbereich genutzt werden. Der Nordflügel des „Gelben Schlosses“, dessen Gebäudeinneres im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, nimmt mit einem neuen Tragwerk über drei Ebenen die hohen Lasten für einen Freihandbereich auf. Im Erdgeschoss sind eine Mediothek und eine Fotothek eingerichtet. Die Verwaltungsräume sind hauptsächlich im „Roten Schloss“, seinen Erweiterungen und in der Hauptwache untergebracht. Im Erdgeschoss des Spätrenaissanceteils des „Roten Schlosses“ befindet sich die Cafeteria, die wie der Verwaltungsbereich durch einen eigenen Eingang erschlossen werden kann, so dass diese Bereiche auch außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek genutzt werden können. Die Tiefenmagazine gliedern sich in das so genannte Kompaktmagazin und das Parkmagazin. Das Kompaktmagazin von rechtwinkligem Grundriss liegt ungefähr im rechten Winkel zum Stammgebäude unter dem Platz der Demokratie. Es ist durch einen unterirdischen Gang mit dem Nordtreppenhaus des Stammgebäudes verbunden. Das Parkmagazin, das sich nordwestlich vom Stammgebäude befindet, liegt an sich unterirdisch, zeigt aufgrund der Hanglage allerdings zur Parkseite hin seine Ostfassade. Die Außenwand passt sich den Gegebenheiten des Parks an und ist demnach 189 Aussage der Architekten in: Stiftung Weimarer Klassik 2002.

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gebogen. Dies und der Ausblick in den Park, der sich den Benutzern durch die Fenster bietet, soll den Lesern den Standort verdeutlichen und den Verlauf der Stadt-Landschafts-Kontur nachvollziehbar machen.190 In diesem Bereich des Parkmagazins befinden sich ein Lesebereich und ein Freihandmagazin mit 100.000 Bänden. Beide Tiefenmagazine bieten Platz für ca. 1 Million Bände, geplant wurde mit einer 40jährigen Erweiterungsreserve. Auch ein Spezialmagazin für Handschriften und Landkarten ist in diesem Bereich eingerichtet. Die Bücher werden durch eine Buchförderanlage aus den Magazinen in das Stammhaus sowie in die anderen Gebäude gebracht. Die Erweiterungsbauten, die sich zum so genannten Studienzentrum zusammenfinden, wurden am 4. Februar 2005 eröffnet.

3.3.6 Nach dem Brand 2004 bis heute Die Erweiterungsbauten waren der erste Schritt einer umfassenden Baumaßnahme, die mit der Sanierung des Stammgebäudes abgeschlossen werden sollte.191 Bereits in den 1990er Jahren vermehrten sich die Stimmen, die aufgrund der katastrophalen räumlichen Zustände eine schnellstmögliche Sanierung propagierten. 1999 fiel die Entscheidung für die umfassende Baumaßnahme in besagten zwei Schritten. Kurz vor der Eröffnung der Erweiterungsbauten und der für Oktober 2004 geplanten Auslagerung des Buchbestandes aus dem Stammhaus zwecks dessen bevorstehender Sanierung löste am 2. September desselben Jahres ein defektes Elektrokabel im Dachgeschoss des Stammgebäudes einen verheerenden Brand aus, dem 50.000 Bände der hochkarätigen Büchersammlung mit Prunkbänden und Raritäten vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts einschließlich vieler Musikalien unwiederbringlich zum Opfer fielen.192 62.000 Bände sowie viele Gemälde, Kunstwerke und Büsten konnten durch Hitze und Löschwasser beschädigt geborgen werden. Von den Gemälden sind allerdings 37 völlig verbrannt. Da der Brand im Dachgeschoss verursacht wurde, wurden insbesondere die oberen Stockwerke in Mitleidenschaft gezogen. Der Dachstuhl der Bibliothek und das Mansardgeschoss sind bis auf einen Teil der Brüst­ ung der oberen Galerie vollständig verbrannt (Abb. 9). Im ersten Obergeschoss wurden die Treppe zur zweiten Galerie und das Stirnregal zerstört 190 Vgl. dazu den Text der Architekten in: Stiftung Weimarer Klassik 2002. 191 Vgl. Knoche 2007, S. 13. 192 Zum Brand und dessen Schadensausmaß vgl. Stiftung Weimarer Klassik und Kunstammlungen / Thüringische Landeszeitung 2004, Knoche 2006a und Knoche 2007.

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(Abb. 7). Auf der Hauptebene des Rokokosaals hat der Brand zu keiner substanziellen Zerstörung der Holzkonstruktion geführt (Abb.  8). Hier kam es hauptsächlich zu schweren Schäden durch das Löschwasser, die jedoch reparabel waren. Die beiden Anbauten sowie der Bibliotheksturm überstanden den Brand relativ unbeschadet. Das allgemeine Ziel nach dem Brand war die schnellstmögliche Wiederherstellung des zum Weltkulturerbe zählenden Gebäudes. Während vor dem Brand noch Unklarheit bezüglich des Nutzungskonzeptes herrschte, akzeptierte der Stiftungsrat der Klassik Stiftung Weimar bereits am 29. September 2004 den eingereichten Vorschlag sowie circa drei Millionen Euro Mehrkosten auf die mit knapp zwölf Millionen berechneten Baukosten für die Sanierung des Gebäudes. Es wurde geplant, das Gebäude im Jahr 2007, dem zweihundertsten Todesjahr der Herzogin, wieder zu eröffnen, was auch gelang. An Anna Amalias Geburtstag, am 24. Oktober 2007, wurde das rekonstruierte Stammhaus eingeweiht. Die Baukommission entschied sich für die Zeit um 1850 als Orientierungsdatum für die Rekonstruktion.193 Der Gebäudekomplex hatte Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Anbau von Coudray seine bis ins Jahr 2004 unveränderte Gestalt gefunden. In dieser Zeit war die Bibliothek als Erinnerungsort der Weimarer Klassik „eines der repräsentativen Denkmäler der nationalen Kultur“ geworden.194 Dem sollte bei der Restaurierung Rechnung getragen werden. Ein weiterer praktischer Grund, der für eine Ausrichtung auf die Zeit um 1850 sprach, war, „dass sich die Ausstattung des Rokokosaales zur Jahrhundertmitte auf der Grundlage eines Inventars und einer detaillierten Beschreibung von Adolf Schöll aus dem Jahre 1847 gut nachvollziehen lässt.“195 Während vor dem Brand noch darüber diskutiert wurde, ob das Stammgebäude auch museal genutzt werden sollte, hatte die deutschlandweite Anteilnahme nach dem Brand die nationale kulturelle Bedeutung der Bibliothek aufgezeigt. So ist die Bibliothek auch zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich.196 Im Rokokosaal beschränkt sich das Maximum auf 25 gleichzeitige Besucher und maximal dreihundert Personen pro Tag. Zum musealen Teil zählen auch der festliche Renaissancesaal im Erdgeschoss als Ort für Ausstellungen zu ausgewähltem Bibliotheksmaterial sowie ein Kunstka193 Zu den Überlegungen und zur Diskussion über den Orientierungszeitraum der Rekonstruktion vgl. Knoche 2007 und Knoche 2007a. 194 Knoche 2007, S. 14. 195 Knoche 2007, S. 14. 196 Zum veränderten Nutzungskonzept vgl. Grunwald 2007, S. 33–37 sowie Knoche 2007, S. 14–16.

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binett in einem Vorraum zum Rokokosaal im ersten Obergeschoss. Hier „erinnern einzelne Kunstkammerstücke an die Anfangszeit der Bibliothek, als sie noch im Residenzschloss untergebracht war und in engem Zusammenhang mit den anderen fürstlichen Sammlungen zu Kunst, Natur und Geschichte stand.“197 Der Bibliotheksturm kann im Rahmen von Sonderführungen einem kleinen Personenkreis zugänglich gemacht werden. Hier werden in einem neu eingerichteten Globenkabinett zwölf Globen aus der Zeit zwischen dem frühen 16. und dem 19. Jahrhundert gezeigt. Außerdem wird mit einer repräsentativen Auswahl von Münzen mit dazugehörigen Münzprägestempeln und Medaillen auf die ehemalige Münz- und Medaillensammlung verwiesen. Im Treppenhaus des Gentz-Anbaus wurden die Gipsabgüsse nach antikem Vorbild wie zu Goethes Zeiten aufgestellt. Allerdings ist dieser Bereich den Besuchern nicht zugänglich. Nicht nur auf musealer Ebene wird das historische Bibliotheksgebäude zum „Zentrum für das alte Buch“. Hier sind auch die Werkstatt für Buchrestaurierung und –konservierung, die Abteilung Sondersammlungen und die Direktion untergebracht. In dem ehemaligen Mansardgeschoss des Rokokosaals befindet sich ein Sonderlesesaal, in dem Handschriften, Inkunabeln, Musikalien, Landkarten und Teile der Sondersammlungen, die besondere Benutzungsbedingungen verlangen, studiert werden können. Die Denkmalpflege verzichtete in diesem Bereich auf eine Rekonstruktion der verbrannten Ausstattung mit Ausnahme des Bereichs unmittelbar über der ovalen Deckenöffnung, damit die Verluste des Mansardgeschosses aus dem ersten bzw. zweiten Obergeschoss nicht auf den ersten Blick wahrzunehmen sind (Farbtaf. 34).198 Das Architektenteam Walther Grunwald und Olaf Burmeister (gest. 2005), das schon vor dem Brand für die Restaurierung des historischen Bibliotheksbaus ausgewählt worden war, entschied sich, die dritte Ebene nicht nachzubauen.199 In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurden direkt über dem Deckenauge die Rokokostuckornamente, die Korbbögen der Holzausstattung, die Kopie des „Genius des Ruhms“ und die Windrose durch den Maler Hermengild Peiker in raumillusionistischer Manier gemalt. Der Besucher des Rokokosaals wird beim Blick nach oben den gleichen Raumeindruck gewinnen wie vor dem Brand, wenn auch als Illusion. Die Deckenmalerei bildet den oberen Abschluss einer Glaseinhausung, die das unbeheizte Raumklima des Rokokosaals vom beheizbaren Lesesaal trennt. Der sprossenlos verglaste Raum umgibt die Brüstung am 197 Knoche 2007, S. 15. 198 Vgl. Grunwald 2007, S. 38. 199 Zur Gestalt des neuen Mansardgeschosses vgl. Grunwald 2007, S.89f.

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Deckenauge zum Rokokosaal, die zum Teil in ihrem angebrannten Zustand belassen wurde, zum Teil rekonstruiert wurde. Der Dielenboden im verglasten Raum um die Brüstung herum zeigt konservierte Spuren des Brandes. Hauptgestaltungselement des neuen Sonderlesesaals sind Holzlamellen, die einen gewölbten Wand-Decken-Übergang suggerieren. Sie umlaufen den ganzen Raum und folgen den Bögen der originalgetreu rekonstruierten Gauben. Die Gaubenfenster liegen in mannshohen Fensterräumen, die man zum Hinausschauen betritt. Die Wandflächen zwischen den Fensterräumen sollen frei von Regaleinbauten und Bildern bleiben. Ein raumhohes Gemälde „Ideale Landschaft: Zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek“, 2007 des Berliner Künstlers Helmut Metzner (geb. 1946) auf der dem Eingang gegenüberliegenden südlichen Stirnwand erinnert „an den Brand und insbesondere an die 37 unersetzlichen Gemälde aus dem 16. und 18. Jahrhundert, die hier verbrannten. Sein Bild knüpft an die Sammlungstradition an und symbolisiert einen mutigen Beginn.“200 Eine Forderung der Denkmalpflege war, das Gebäude in seiner äußeren architektonischen Gestalt und Architekturfassung wieder herzustellen.201 Dazu zählten die Dachform mit den Gauben und die Deckung mit Thüringer Schiefer. Weitere Vorgaben betrafen die holz- und farbrestauratorische Technologie für die Restaurierung des Rokokosaales sowie die Behandlung der Putze des 16. und 18. Jahrhunderts in den Renaissancesälen des Erdgeschosses. Die Fassade zeigt sich heute in der Farbgestaltung nach Coudray mit einem verputzten Sockelgeschoss ohne Gliederungen und Rustizierung und den vier ovalen Fenstern. Der Rokokosaal erstrahlt in seinem ursprünglichen bläulichen Weiß mit goldenen Dekorelementen. Auch die Rekonstruktion des Ausstattungsprogramms orientiert sich an der Zeit um 1850. Der Saal bleibt somit weihevolle Huldigungsstätte Weimarer Fürsten und Denker. Allerdings dient er zugleich als Magazin für die Forschungsbibliothek. In ihm vereinen sich im Vergleich zu anderen historischen Bibliotheksgebäuden museale und bibliothekarische Funktionen. Der Erweiterungsbau und das historische Stammgebäude sind zwar über dem Straßenniveau räumlich voneinander getrennt, werden aber durch die unterirdischen Büchermagazine miteinander verbunden. Die Architektur der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek kann dementsprechend als eine Einheit begriffen werden, in der sich Baukörper verschiedener Epochen und Kunstströmungen vom Mittelalter über Renaissance, Rokoko und Klassizismus hin zur zeitgenössischen Architektur zu einem funktionieren200 Grunwald 2007, S. 90. 201 Zu den Zielen und Vorgaben der Denkmalpflege vgl. Grunwald 2007, S. 38–43.

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den Organismus miteinander verbinden.202 Dieses zeitlich divergierende Konglomerat spiegelt auch die Zeitspanne der Büchersammlung wider, dessen Gefäß es ist.

202 Vgl. auch Knoche 2007, S. 16.

4. Der Bibliotheksbau vom 17. bis zum 19. Jahrhundert Die fürstliche Bibliothek zu Weimar ist einer der ersten freistehenden Bibliotheksbauten im deutschsprachigen Raum außerhalb eines höfischen Gefüges seit der Antike. Straßburger konnte sich dementsprechend nur schwer an einem zeitgenössischen allgemein gültigen Formenkanon für ein Bibliotheksgebäude orientieren. Im Folgenden wird die Tradition der Bauaufgabe Bibliotheksbau untersucht. Schwerpunkt ist die bauliche Entwicklung von Bibliotheken vom Ende des 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Dabei werden Bibliotheksräume in bereits vorhandenen Gebäuden und eigens für den Bibliothekszweck entworfene Bauten unterschieden. Zunächst wird auf die Bibliothekssäle der Hofbibliotheken eingegangen.1 Es folgen die Saalbibliotheken der Klöster. Im Anschluss werden öffentliche Bibliotheksräume wie Universitäts-, Rats- und Stadtbibliotheken besprochen. Anfang des 18. Jahrhunderts wird der eigenständige Bibliotheksbau als Baugattung wieder entdeckt. Die ersten Beispiele dieses Typs, die Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel (1705–23) und die Kaiserliche Hofbibliothek in Wien (1722–27), werden ausführlich vorgestellt. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung.

4.1 Die bauliche Entwicklung der Bibliotheksräume vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts 4.1.1 Die Räume der deutschen Hofbibliotheken Die Gestalt und Ausstattung der Hofbibliotheksräume des 17. und 18. Jahrhunderts war hauptsächlich von der machtpolitischen Bedeutung abhängig, die der fürstlichen Büchersammlung zukam. Fungierte die Bibliothek wie oben beschrieben als Repräsentationsinstrument und Prestige förderndes Mittel, brauchte sie einen entsprechenden architektonischen Rahmen.

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Bei den im Folgenden genannten Hofbibliotheken handelt es sich um die Büchersammlungen des fürstlichen Hauses und nicht um die Privatbibliotheken des regierenden Fürsten bzw. intime Kabinettbibliotheken.

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|  Der Bibliotheksbau vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

Mitentscheidend für dessen Form war neben einer bibliophilen Neigung des Fürsten auch sein Verständnis für Architektur als Bedeutungsträger.2 Viele der fürstlichen Büchersäle sind heute nicht mehr in ihrer Gestalt des 18. Jahrhunderts vorzufinden. In der Literatur über Bibliotheksräume werden einige Hofbibliotheken im Kontext der allgemeinen Entwicklungsgeschichte des Bibliotheksbaus exemplarisch erwähnt.3 Im Vergleich zu den Kloster- und Universitätsbibliotheken spielen sie dabei eine untergeordnete Rolle. Eine umfassende Übersicht über die bauliche Entwicklung der Bibliotheksräume von Hofbibliotheken des 17. und 18. Jahrhunderts fehlt bisher. Daher dienen vorwiegend literarische Zeugnisse wie Reiseberichte4 und Kupferstiche als Quellen für den folgenden Umriss der Baugeschichte der deutschen Hofbibliotheken. Die Lage

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts waren die fürstlichen Bibliotheken in der Regel im Residenzschloss untergebracht. In einem Flügel des Schlosses nahmen sie einen Hauptsaal und je nach Größe der Sammlung mehrere anschließende Nebenräume ein.5 In ihrer gemeinsamen Funktion als Repräsentationsinstrument des Hofes standen die Bibliotheken bis in das 18. Jahrhundert oft im engen räumlichen Zusammenhang mit den anderen Sammlungen des fürstlichen Hauses. Exemplarisch ist u. a. die Unterbringung der königlichen Bibliothek in Dresden. Zeitgenössische gelehrte Reisende berichteten von einem Nebeneinander der Büchersammlung und der verschiedenen Kabinette.6 Johann Georg Keyssler (1693–1743) schreibt in seinen „Neusten Reisen“ am 23. Oktober 1730: „Im Jahre 1711 wurde in dem Zwingergarten der Anfang zu einem schönen Gebäude zu trefflichen Galerien für die Orangerie gemacht; nachdem aber diese einen anderen bequemen Platz gefunden, so sind nunmehr die kostbaren Kabinette von Medaillen, Naturalien, Antiquitäten, Mineralien, versteinerten Dingen ..., nebst 2 Vgl. Leyh / Liebers 1961, S. 864. Zur Funktion der Hofbibliotheken im 18. Jahrhundert vgl. Kapitel 2. 3 Vgl. u. a. Schürmeyer 1929, Müller 1948, Löschburg 1974, Bosl 1972, Pevsner 1976, Lehmann 1996, Jochum 2010. 4 Allerdings beziehen sich auch diese meist auf den Inhalt der Büchersammlung und liefern selten eine detaillierte Beschreibung der Büchersäle. 5 Vgl. z. B. die kurfürstliche Bibliothek Berlin (1661–1774) und die Hofbibliothek in Mannheim (1751–58). Außerdem Hirschings Beschreibungen der fürstlichen Bibliotheken zu Ansbach und Gaybach, sowie Fischers Berichte über die Bibliotheken in Gotha und Hannover. Hirsching 1786, S. 1 und 130. Christian Gabriel Fischer, in: Predeek 1928, S. 240. 6 Vgl. Keyssler 1751, S. 1306 und Ebert 1822, S. 60.

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der Bibliothek, Anatomiekammer und Sammlung sowohl der Instrumente als Curiositäten, die in die Chirurgie, Chymie ... laufen, hierhergebracht worden.“7 Die enge räumliche Verbindung der Sammlungen verdeutlicht auch der Stich „Die Kayßerliche Bibliotheck und Raritäten Cammer“ in Wien aus „Edward Browns Sonderbare Reisen“ aus dem Jahre 1685.8 Er zeigt das „unmittelbare Nebeneinander zweier im Grunde verschiedenartiger Schausammlungen“9. Ab der Mitte des 17.  Jahrhunderts waren die verschiedenen Kabinette meistens nicht mehr mit der Bibliothek in einem Raum untergebracht, sondern in den anschließenden Nebenräumen.10 An den Büchersaal der kurfürstlichen Bibliothek in Berlin stieß z. B. ein kleinerer Raum, in dem neben Handschriften auch Raritäten und Kuriositäten untergebracht waren.11 Die Lage der Bibliotheksräume in einem Schloss war an dessen Außenfassade meist nicht ablesbar, da die Flügel, in denen die Bibliotheken untergebracht waren, häufig nicht als reine Bibliotheksflügel konzipiert waren.12 Aber auch wenn ein Flügel des Schlosses schon im Entwurf für die Unterbringung der Bibliothek vorgesehen war, war dies keine Garantie für eine äußerliche Erkennbarkeit seiner Funktion. In Mannheim beispielsweise bildet der Bibliotheksflügel (1730–58) das Pendant zur gegenüber gelegenen Schlosskirche. Aus diesem Grunde waren die Ausmaße des Gebäudes und die äußere architektonische Gliederung dem Architekten vorgegeben. Nur das Eingangsportal ist in den Maßen abgewandelt und durch dekorative 7 8 9

Keyssler 1751, S. 1306. Abgedruckt in: Buchowiecki 1957, Abb. 4 sowie in: Baur-Heinhold 1972, S. 152. Leyh 1957, S. 13. Leyh weist darauf hin, dass der Stich nur in diesem Zusammenhang als historisches Dokument verstanden werden kann, da es sich in Bezug auf die Räumlichkeiten um ein Phantasiegebilde handelte. Zu dem Nebeneinander der Sammlungen vgl. die Ausführungen Buchowieckis, nach denen die Bibliothek in drei Sammlungsgruppen aufgeteilt war: die kaiserliche Privatbibliothek, die Schatzkammer (Raritäten von Büchern, Bildern, Münzen und Antiquitäten) sowie eine Gemäldesammlung. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 18. 10 Vgl. Keller 1937, S. 330 und Crass 1976, S. 13. 11 Dies war zu Zeiten, als die kurfürstliche Büchersammlung im Obergeschoss des Apothekenflügels des Berliner Schlosses untergebracht war. Hier blieb sie bis zu ihrem Umzug 1774 in das unter Friedrich II. gebaute Bibliotheksgebäude am Opernplatz. Vgl. Tutz 1924, S. 12 und Paunel 1965, S. 4. Vgl. auch die Hofbibliothek in Düsseldorf. Zacharias Conrad von Uffenbach berichtet im April 1711 von der Bibliothek, die im dritten Stock des Schlosses hinter dem Zimmer „daran das Antiquitäten= und Münz Cabinet ware“ aufgestellt war. Uffenbach 1753, Bd. 3, S. 740. 12 Der so genannte Apothekenflügel des Berliner Schlosses beispielsweise, in dem die kurfürstliche Bibliothek zu Berlin in den Jahren 1661–1774 untergebracht war, erhielt seine charakteristische Gestalt mit hohem Ziegeldach, Giebeln und Erkern bereits Ende des 16. Jahrhunderts (1585–1604). Geplant wurde er für die Unterbringung der Hofapotheke im Erdgeschoss. Erst 1661 wurde die Bibliothek in den ersten Stock gelegt.

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Details bereichert worden. So weist ein Giebelrelief auf den Bauherrn Kurfürst Carl Theodor (1724–99) als Schirmherrn der Wissenschaften und Künste des kurpfälzischen Landes hin. Allgemein kann festgehalten werden, dass die Bibliotheksräume im Außenbau des Schlosses kaum durch architektonische Mittel hervorgehoben wurden. Kam es aufgrund des stetigen Wachstums der Sammlung zu Platzmangel, wurde die Bibliothek häufig in andere zum Hof gehörende Gebäude ausgelagert.13 Die Kasseler Hofbibliothek war dementsprechend seit 1633, bis zum Umzug in das so genannte Museum Fridericianum 1779, im Obergeschoss des Marstalls untergebracht.14 Auch die fürstliche Bibliothek zu Wolfenbüttel war seit 1644 bis 1705 im ersten Obergeschoss des Marstalls aufgestellt.15 In Dresden wurde die königliche Büchersammlung, nachdem sie seit dem Schlossbrand von 1701 teils in einem Stallgebäude, teils im benachbarten damaligen Regimentshaus „miserabel“16 untergebracht war, 1728 in drei Pavillons des Zwingers überführt.17 Während in Kassel mit dem Bau des so genannten Museum Fridericianum 1769–79, das als Kunstkammer und Bibliothek dienen sollte, den verschiedenen fürstlichen Sammlungen zwar ein eigenes, aber dennoch gemeinsames Gebäude gewidmet wurde, ist gegen Ende des 18. Jahrhunderts mehr und mehr die Tendenz zu spüren, die Bibliotheken aus dem Kontext der anderen Sammlungen zu lösen. Wie oben erläutert, bestimmten auch das stetige Anwachsen der Buchbestände und das steigende Interesse der Öffentlichkeit den Wandel der fürstlichen Bibliotheken vom Repräsentations- zum Gebrauchsinstrument.18 Diese Entwicklung förderte den Bau eigenständiger Bibliotheken im 19.  Jahrhundert, deren vorrangiges Ziel nicht mehr die Zurschaustellung der fürstlichen Büchersammlung, sondern die Zweckmäßigkeit der Benutzung und die Unterbringung der wachsenden Sammlung war. 13 Diese Auslagerungen sind nicht zu verwechseln mit der Planung eigenständiger Bibliotheksbauten. Die Räumlichkeiten wurden ihrem Zweck entsprechend eingerichtet, aber nicht in ihrer Funktion als Bibliothek geplant und entworfen. 14 Vgl. Lehmann 1996, S. 458, Müller 1948, Sp. 526 und die Reiseberichte von Uffenbach, Fischer und Hirsching. Uffenbach 1753, S. 53–54, Christian Gabriel Fischer, in: Predeek 1928, S. 231 und Hirsching 1786, S. 231. 15 Ab 1705 begann der Umbau des Marstalls zum neuen Bibliotheksgebäude. Die Bibliothek wurde bis zu ihrer Aufstellung im neuen Gebäude 1723 in dem neben dem Marstall gelegenen Zeughaus untergebracht. Vgl. Recker-Kotulla 1983, S. 3–9. 16 Christian Gabriel Fischer, zitiert in: Predeek 1928, S. 229. 17 Vgl. Dassdorf 1807, S. 30, Ebert 1822, S. 50f und S. 59f und Predeek 1928, S. 229. 18 Vgl. Kapitel 2.

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Die Gestalt

Die Ausnutzung des Raumes Das Raumgefüge der Bibliotheksräume bildete sich meist aus einem größeren Hauptsaal mit sich anschließenden Nebenräumen. So ist z. B. die fürstliche Bibliothek von Ansbach „im Schloss in einem langen schönen Saal und noch in sieben Zimmern, dasjenige, in welchem das ansehnliche Münzkabinett befindlich ist, mit gerechnet, in einer guten Ordnung und nach Wissenschaften ausgestellet.“19 Möglich war auch eine Raumfolge, durch Türen miteinander verbunden.20 In dem Hauptsaal war die Büchersammlung untergebracht, in den Nebenräumen Handschriften, Manuskripte, Dubletten und Raritäten. Besondere Leseräume waren eine Seltenheit. Je nach Lage innerhalb der Schlossanlage erhielt der Hauptsaal bestenfalls mittels einer Durchfensterung beider Lang- oder Schmalseiten Licht.21 Optimal waren Lichtverhältnisse wie in Hannover, wo mindestens von drei Seiten das Licht in den Raum einfiel.22 Die Decke des Saals konnte gewölbt, wie in der Schlossbibliothek von Windhaag23, oder flach wie in Kassel oder Wolfenbüttel sein.24 Während die meisten zeitgenössischen Beschreibungen nicht näher auf die Gestalt der Bibliotheksräume eingehen, sondern sich auf den Inhalt der Büchersammlung konzentrieren, sind von den Bibliotheksräumen in Kassel, 19 Vgl. Hirsching 1786, S.  1. Ähnlich werden in verschiedenen zeitgenössischen Reiseberichten die Räumlichkeiten anderer fürstlicher Bibliotheken beschrieben. Vgl. z. B. Friedrich Karl Gottlob Hirsching über die Bibliotheken in Rudolstadt und Kassel (vor dem Umzug 1779) und Christian Gabriel Fischer über die Hofbibliotheken in Gotha und Hannover. Vgl. Hirsching 1786, S. 177, Hirsching 1787, S.231 und Fischer in: Predeek 1928, S. 231 und S. 240. 20 Vgl. die Beschreibung der kurfürstlichen Bibliothek in Berlin in: Tautz 1924, S. 5 und den Bericht über die fürstliche Handbibliothek in Rudolstadt in: Hirsching 1786, S. 177. 21 Der Bibliothekssaal der kurfürstlichen Bibliothek in Berlin besaß auf jeder Langseite fünf Fenster. Auf der einen Seite zum Lustgarten hin und auf der anderen Seite in Richtung Spree. Vgl. Tautz 1924, S. 7. 22 Vgl. Christian Gottlob Fischer in: Predeek 1928, S. 240. Die Königliche Bibliothek von Hannover war nicht im Schloss untergebracht, sondern seit 1719 im Archivgebäude. Vgl. Guhrauer 1851, S. 9. 23 Vgl. Lehmann 1996, S. 33. Die Bibliothek wurde von Jochim Erzmiller in seinem Schloss, das er 1636 erbaute, in Oberösterreich, Perg, eingerichtet. Aus dem Jahre 1656 existiert eine ausführliche Beschreibung und Ansicht der Bibliothek. Ansicht vgl. in: Lehmann 1996, S. 34. 24 Vgl. die Abbildung von Kassel in Uffenbach 1753, Fig. VIII und einen Kupferstich der Bibliothek in Wolfenbüttel von Conrad Buno in: Martin Gosky, Arbustuum vel arboretum poetice. Wolfenbüttel 1650, Bl. 20. Abgedruckt in: Recker-Kotulla 1983, S. 38.

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Wolfenbüttel und Hannover ausführlichere Beschreibungen überliefert.25 Anhand dieser Berichte und der Rekonstruktion der Kurfürstlichen Bibliothek in Berlin von Kurt Tautz26 können gemeinsame Merkmale und typische Charakteristika für die Gestalt der Hofbibliotheksräume Anfang des 18. Jahrhunderts herausgearbeitet werden. Es interessieren vorerst die Ausnutzung und die ihr entsprechende Aufteilung des Raumes. In seinen „Merkwürdigen Reisen“ berichtet der Gelehrte Zacharias Conrad von Uffenbach (1683–1734) im November 1709, dass die Kasseler Hofbibliothek „in einem ziemlich großen Zimmer, das aber nicht gar hoch, und wegen der kleinen Fenster nicht allein, sondern auch wegen der den Fenstern nach übel gesetzten mittlern Regalen sehr dunkel ist“27, untergebracht war. „Diese Regalen sind sonsten von gar artiger und bequemer Erfindung. Es waren derselbigen drey hintereinander gesetzet, zwischen welchen man durchgehen konnte.“ Die in der Mitte des Raumes in dessen Längsrichtung quer gestellten Bücherregale nahmen in ihrer Länge fast die gesamte Raumbreite ein. „Ein jedes bestund erstlich aus einem sechs Schuh breiten, und nach Proportion des Zimmers langen Fuß oder Tisch (b), der auf dem Boden (a) stund. Dieser war unten hohl, und in zweyen Regalen abgetheilet, darunter man grosse Folianten setzen konnte; Auf diesem stund das Bücher=Regal oder Gestell selbst (c). Dieses war bey drey Schuh breit, und nach Proportion des Zimmers hoch, und stund accurat in der Mitte des Tisches, so dass rings herum ein zimlicher Raum (b) bliebe, um Bücher darauf zu legen, und aufzuschlagen. Das untere Theil des Regals stund nicht platt auf, sondern auf lauter kleinen Schwibbogen (d), damit man nicht allein die Bücher bequemlicher legen und aufschlagen könne, sondern, dass das Licht dadurch fallen möge. Der obere Theil war, wie gewöhnlich, in seine Fächer und Bretter abgetheilet, welche so breit waren, dass auf beyden Seiten gegeneinander gestellet werden können.“28 Die besondere Form der Gestelle ermöglichte es, auf Tische zu verzichten. Ein dem Bericht beigefügter Kupferstich zeigt, dass auch entlang den Wänden Bücherregale aufgestellt waren.29 Eine flache Decke, verziert mit Stuckaturen, schloss den Raum in der Höhe ab. 25 Vgl. die hier verwendeten Berichte von Sturm 1719, Keyssler 1751, Uffenbach 1753, Christian Gabriel Fischer, in: Predeek 1928, und Hirsching 1787. 26 Vgl. Tautz 1924. 27 Uffenbach 1753, Bd. 1, S. 53. 28 Uffenbach 1753, Bd. 1, S. 54f. 29 Merkwürdig erscheinen die vor den Regalen gezeichneten Vorhänge. Sie werden in dem Bericht nicht weiter erwähnt und zählten eigentlich nicht zu dem üblichen Ausstattungsrepertoire in Bibliothekssälen, sondern wurden eher in intimen Kabinettbibliotheken gebraucht.

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Auch in der Königlichen Bibliothek von Hannover sind die Bücherregale sowohl entlang den Wänden als auch in der Mitte des Raumes aufgestellt, wie der Bericht von Christian Gabriel Fischer (1686–1751) aus dem Jahre 1731 verdeutlicht: „Der Platz wo die Bibliothek stehet ist ein grosser Saal über zwey Drittel des gantzen grossen Gebäudes unter dem Dach, eben nicht hoch, doch wol proportioniret und von drey Seiten genugsam erleuchtet, oben an der Decke gegipst. Bey a [nicht vorhandene Skizze] ist die Entrée, bey b eine Thür in die Nebenzimmer worinnen die Manuscripta und die doppelte Sachen verwahret werden. Im Hauptsaal sind die Wände mit grün angestrichenen Repositoriis bekleidet. In der Mitte stehen, gleichfalls dergleichen simple aber doppelte, oder von beyden Seiten besetzte Bücher Schränke, zwischen welchen hin und wieder Camins durchlaufen, welches mir unsicher scheinet, die Camins sind als Bücher-Schrancken gemahlet. In solcher Einrichtung lässt sich eine große Anzahl Bücher placiren.“30 Ein ähnliches Bild wird sich dem Besucher in Berlin geboten haben.31 Auch hier waren die Wände des Büchersaales mit Regalen bekleidet und auch standen Büchergestelle frei im Saal. Die Regale waren ungefähr 10 Fuß hoch und 16 Fuß lang und mit acht Böden unterteilt. Wie in Hannover waren neben den Regalen auch verschließbare Bücherschränke aufgestellt, die wie die Türen und Repositorien mit roter Farbe gestrichen waren. Mit der Hilfe von Leitern erreichte man die in den oberen Teilen der Büchergestelle stehenden Bücher. Desweiteren standen im Saal Tische, in denen großformatige Werke untergebracht werden konnten. Die Decke des 31m langen, 14m breiten und 5m hohen Saals musste durch Säulen gestützt werden. Inwiefern sich die im Raum stehenden Regale in die Säulenreihen eingegliedert haben, ist nicht überliefert. Vergleicht man die drei Bibliotheksräume, fällt auf, dass alle nach einem ähnlichen Prinzip eingerichtet sind: Die Wände sind mit Regalen verkleidet und in der Raummitte befinden sich Repositorien, Bücherschränke und Tische, die den Raum in kleinere Zwischenräume einteilen. Leitern dienten als Hilfsmittel, um die oberen Buchreihen zu erreichen. Dieses Einrichtungsprinzip ermöglichte eine bestmögliche Ausnutzung des Platzes sowie eine komfortable Nutzung, beides Hauptmerkmale einer gut eingerichteten Bibliothek, wie folgende zeitgenössische Beschreibung der Wolfenbütteler (Vgl. Leyh / Liebers 1961, S. 864). Ob es hier um eine Phantasie des Stechers handelt oder aber die Vorhänge den Büchern als Schutz dienten oder sie wie in den Kabinettbibliotheken den Blick von den Büchern ablenken sollten, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. 30 Christian Gottlob Fischer, zitiert in: Predeek 1928, S. 240. 31 Vgl. zur Inneneinrichtung der kurfürstlichen Bibliothek in Berlin Tautz 1928, S. 5–12.

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Bibliothek aus dem Jahre 1661 zeigt (Abb. 25): „[Herzog August hat] jene beiden Säle bis auf den letzten Winkel mit für die Aufnahme von Büchern geeigneten Schränken und Regalen ausgestattet, damit einerseits keine Fläche ungenutzt bleibe, andererseits ausreichend Platz vorhanden sei, um an jedes einzelne Buch heranzukommen und an einigen hierfür bereitgestellten Tischen damit zu arbeiten. Folglich haben zunächst die über die ganze Länge des Gebäudes sich erstreckenden Wände durchgehende, bis zur Decke reichende Schränke bzw. Regale, unterteilt in jeweils acht Fächer von verschiedener Höhe: Die drei unteren nehmen die Bände des größeren oder sogenannten Folioformates, die anderen fünf die Bände des Quart-, Oktavund Duodezformates auf. Von diesen Schränken abgesehen, werden die Räume von weiteren längsgeteilt, die zwar die gleiche Länge haben wie die an den Wänden stehenden, aber geringere Höhe, um nämlich den schönen Blick auf die beiden Längswände nicht zu verstellen. Diesem Mangel an Höhe wird indes dadurch abgeholfen, dass diese Schränke immer doppelt aufgestellt sind; sie enthalten auf beiden Seiten vier Reihen Fächer, von denen die beiden unteren die großformatigen, die beiden oberen die kleinformatigen Bücher aufnehmen.“32 Dieses Raumprinzip ermöglichte eine eindrucksvolle Zurschaustellung der Sammlung und diente somit auch deren Repräsentationsfunktion. Dieser Aspekt sollte gegen Mitte des 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnen. Es zeigt sich dann bei den Räumen der deutschen Schlossbibliotheken eine Entwicklung von dem Studiensaal hin zum Schausaal. Die bestmögliche Ausnutzung des Raumes hinsichtlich der Bücherunterbringung und Nutzung galt allerdings dann nicht mehr als das oberste Ziel eines Bibliotheksraumes. Die Bücherregale und die Tische rückten an die Wand. Weite perspektivreiche Räume mit einer freien Raummitte bestimmten den neuen Saaltyp.33 Die Hofbibliothek von Mannheim (1751–58) zählt zu den ersten eindrucksvollen Schausälen des 18. Jahrhunderts innerhalb deutscher Schlossanlagen (Abb. 20).34 Er wurde im östlichen Querflügel der Schlossanlage 32 Hermann Conring, De Bibliotheca Augusta ... Helmstedt 1661. Zitiert in: ReckerKotulla 1983, S. 6. (Dort zitiert nach dem Manuskript der deutschen Übersetztung von Peter Moritzfeld.) 33 In der Tradition der Hofbibliotheken sind erste Ansätze in diese Richtung in dem Bau der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde zu spüren. In dem Neubau der Wiener Hofbibliothek ist der Typus der Saalbibliothek gänzlich ausgeführt. Da es sich bei beiden Bauten um eigens für den Bibliothekszweck entworfene Gebäude handelt, werden diese in Abschnitt 4.2 ausführlich behandelt. 34 Der Bibliothekssaal wurde 1943 zerstört, das Schloss schwer beschädigt. 1948 wurde der Raum als Aula der Universität eingerichtet und nicht wieder in seinem ursprünglichen Zu-

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als Pendant zur Schlosskirche im Westen errichtet. Der Grundriss lag schon 1730 vor, die Bauarbeiten begannen wegen finanzieller Probleme erst 1751 unter der Leitung von Nicolas de Pigage (1723–96). Im Erdgeschoss, unter der Bibliothek, war das Archiv untergebracht. Der Bibliothekssaal von rechteckigem Grundriss erstreckte sich über das Haupt- und das Mezzaningeschoss. Eine flache Decke mit starker Voute schloss den Raum in der Höhe ab. Die nördliche Langseite des Raumes war mit sieben hohen Rundbogen- und darüberliegenden Kreisfenstern durchbrochen. Auf der gegenüberliegenden Langseite lag mittig die Tür zum Gang in den Querflügel. Nach Westen führten zwei Türen in den Nebenraum, der als Herberge für die Münz- und Medaillensammlung diente, obwohl er von Pigage eigentlich für Manuskripte und Kupferstiche vorgesehen war.35 Auffällig waren die zwei übereinanderliegenden Emporen mit schmiedeeisernen Geländern, die sich an den Ost-, Süd- und Westwänden des Raumes entlang zogen. Sie wurden von Konsolen getragen, die aus Wandlisenen hervorgingen. Diese und die gleichmäßig in drei Reihen übereinander stehenden Wandschränke gaben dem Raum eine vertikale Richtung. Die Zugänge zu den Emporen erfolgten über in der Südwand gelegene Treppenaufgänge. Die obere Empore war auch durch zwei Durchgänge von einem Gang des Mezzaningeschosses erreichbar. Im Vergleich zu den bisher besprochenen Bibliothekssälen befanden sich in Mannheim in der Mitte des Raumes keine Schränke und Tische. Ein 16beiniger geschweifter Tisch stand als einziges Möbel an der Ostseite des Saales. Im Gegensatz zu den durch Zwischenräume geprägten Raumgefügen der bisherigen Bibliotheksräume kam hier die dekorative Wirkung eines freien Schausaals, der von allen Seiten erfahrbar ist, vollends zur Geltung. Die prunkvolle Ausgestaltung des Raumes unterstrich den repräsentativen Charakter.36 Der Mannheimer Saal gilt als einer der letzten Bibliothekssäle innerhalb einer deutschen Schlossanlage. Die letzte Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte den eigens für den Bibliothekszweck entworfenen Gebäuden, z. B. in Weimar (1760–66), Karlsruhe (1761–70), Berlin (1774) und Kassel (1779).

stand hergestellt. Zur Mannheimer Hofbibliothek vgl. Walter 1928, S. 34f, Huth 1982, S. 409–443 und Lehmann 1996, S. 166f, S. 243, S. 473. 35 Ab 1781 wurde er für die Unterbringung der Handschriften der Bibliothek genutzt, im 19. und 20. Jahrhundert diente er bis zur Zerstörung des Schlosses als Lese- und Ausleihsaal. 36 Vgl. den folgenden Abschnitt zur Ausstattung.

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Die Ausstattung

Neben den offenen Bücherregalen, den sogenannten Repositorien37, den geschlossenen Bücherschränken und den Tischen standen in den Bibliotheken meist noch zusätzliche Bibliotheksgeräte, wie z. B. bewegliche Bücherpulte, so genannte Leseräder.38 So befand sich z. B. in der Berliner Hofbibliothek ein um eine waagrechte Welle mit Hilfe von Zahnrädern drehbares hölzernes Büchergestell, das durch seinen Mechanismus bis zu sechs Bücherbretter ersetzen konnte.39 Zu den weiteren Gegenständen, die das Inventar einer Bibliothek vervollständigten, zählten Globen von Himmel und Erde.40 Die wertvollen Bücher standen in Bücherschränken hinter abgeschlossenen Türen. Sehr häufig waren die Türen mit Gittern versehen, so dass die Bücher noch sichtbar waren. Die Aufstellung der Bücher in den meist bis zur Decke reichenden Repositorien erfolgte gewöhnlich systematisch.41 Jede Wissenschaft erhielt ihre eigenen Repositorien. An den Regalabschlüssen waren meist mehr oder weniger aufwändig gearbeitete Kartuschen angebracht, auf denen der Name der sich in dem Regal befindlichen Wissenschaft zu lesen war. Innerhalb der Schränke konnten wiederum einzelne Bretter bestimmten Fächern der Wissenschaftsgebiete zugeordnet sein. Aus Platzgründen erfolgte eine Aufstellung der Bücher nach Formaten. Unten in den Regalen standen die großformatigen Bücher, weiter oben fanden die kleineren ihren Platz. Auf diese Weise wurden die Höhenunterschiede der Bücher ausgeglichen. Wer es sich leisten konnte, versuchte die

37 Die ersten offenen Bücherregale wurden in der Bibliotheca Ambrosiana in Mailand (1603– 1609) aufgestellt. Bis dahin waren die Bücher in verschließbaren Schränken untergebracht oder noch bis in das 16. Jahrhundert hinein auf mittelalterliche Weise an Pulte angekettet. Vgl. Lehmann 1996, S. 19 und Clark 1902, S. 270. 38 Vgl. Bogeng 1913, S. 33 und Bosl 1974, S. 157f. 39 Vgl. Tautz 1924, S. 10. 40 So waren in Berlin mindestens zwei Globen aufgestellt, auch auf dem Wolfenbütteler Stich befinden sich zwei. Vgl. auch Lehmann 1996, S. 284. 41 Ein allgemeingültiges Ordnungssystem der Wissenschaften gab es nicht. Die ausführlichen und oft auch kritischen Darstellungen über die Aufstellung der Bücher in den zeitgenössischen Reiseberichten zeigen, welche Bedeutung der Problematik einer geeigneten oder „richtigen“ Ordnung der Bücher zukam. Ein Beispiel hierfür sind Uffenbachs Kritik und Verbesserungsvorschläge für die Ordnung der Bibliothek in Wolfenbüttel aus dem Jahre 1709. Vgl. Uffenbach 1753, S. 354f. Zum Ordnungssystem in einer Bibliothek des 17. und 18. Jahrhunderts vgl. die später folgenden Ausführungen zur Anpassung des Raumes an das bibliothekarische Ordnungssystem in den zeitgenössischen Architekturtheorien. Vgl. außerdem Lehmann 1996, S. 35.

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Bücher einheitlich zu binden.42 Bevorzugt wurden braunes Kalbsleder, weißes Schweinsleder oder feines farbiges Leder wie Maroquin. Auch Pergamenteinbände waren möglich. Auf den Buchdeckeln waren das Wappen des fürstlichen Hauses oder das Monogramm des regierenden Fürsten in Gold geprägt. Durch die Aufstellungsweise und die einheitliche Bindung wurde eine Einförmigkeit und Geschlossenheit der Bücherwände erreicht, die nicht nur von den Besuchern der Wolfenbütteler Bibliothek des 17. Jahrhunderts bewundert wurde.43 In der Berliner kurfürstlichen Bibliothek wurde dem Wunsch nach einer Einheit des Raumes bis ins äußerste nachgegeben, indem in die rotgestrichenen Repositorien ledergebundene Bücher mit dunkelroten Rücken, auf denen goldene Titel leuchteten, eingestellt wurden.44 In Hannover wurden die „Camins als Bücher-Schrancken gemahlet.“45 Innerhalb dieser auffällig dekorativen Wirkung des gesamten Saales wurde dem Buch die Rolle eines Dekorationselements zugeschrieben.46 Diese Funktion des Buches war nicht neu. Schon Leon Battista Alberti (1404–72) definierte die Bücher als schönsten Schmuck der Bibliotheksräume.47 Neben den Büchern schmückten Bildnisse berühmter Gelehrter sowie Monogramme und Wappen des fürstlichen Hauses die Bibliotheksräume.48 Anfang des 18. Jahrhunderts ist bis zum Bau der großen Bibliotheksgebäude in Wolfenbüttel und Wien kein Hofbibliotheksraum mit ausgemalter Decke bekannt.49 Eine Ausnahme bildet der Bibliothekssaal aus dem 17. Jahrhundert in Schloss Windhaag, dessen Deckenmalerei Allegorien der Wissenschaften zeigt.50 42 Die einheitliche Bindung wurde das ganze 18. Jahrhundert hindurch praktiziert. Vgl. Hirsching 1786, S. 130 und Hirsching 1787, S. 329, Müller 1948, Sp. 534, Bosl 1972, S. 150 und Lehmann 1996, S. 86. 43 Vgl. Recker-Kotulla 1983, S. 7. Ein von Herzog August genutztes bewegliches Signaturensystem machte es möglich, jedes Buch an der seinem Inhalt und Größe entsprechenden Stelle einzufügen. 44 Vgl. Tautz 1924, S. 11f und Paunel 1965, S. 3. 45 Christian Gabriel Fischer, in: Predeek 1928, S. 240. 46 Vgl. Warncke 1992b, S. 168. 47 Vgl. Leon Battista Alberti (1485): „In den Bibliotheken werden den vorzüglichsten Schmuck die große Zahl und große Seltenheit der Bücher bilden...“ zitiert in: Warncke 1992b, S. 169. 48 In Berlin dienten zum Beispiel Bildnisse von zwölf Philosophen des Altertums, der Reformatoren Huss, Luther, Calvin und Zwingli sowie einiger Humanisten als Dekoration. Vgl. Paunel 1965, S. 3. 49 Beschreibungen der beiden Bibliotheken in Abschnitt 4.2. 50 Dargestellt sind „handelnde Allegorien“ der Wissenschaften: Theologie, Jurisprudenz, Historie (vertritt auch die Philosphie) und Artes Liberales. Die Medizin ist mit zwei Autoren-

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Wie in der räumlichen Gestaltung hob sich die Mannheimer Bibliothek als Bibliotheksraum aus der Mitte des 18. Jahrhunderts auch in der Ausstattung von den bisher betrachteten Bibliotheksräumen ab (Abb. 20). Dem Betrachter präsentierte sich ein prächtiger Saal, der ganz im Stil des Rokoko gestaltet war.51 Die Bücherschränke, die mit reichen Holzschnitzereien verziert waren, waren im unteren und mittleren Geschoss mit zweiflügeligen Glastüren verschließbar. Auf der obersten Empore standen offene Regale. Die nicht mit Bücherregalen geschmückte Fensterseite war mit aufwendigen Stuckaturen versehen. Zwischen den Fenstern waren auf den Pfeilern stuckierte Spiegel angebracht. Über dem Rundbogenfenster der Mittelachse prangte das kurpfälzische Wappen. Weitere Wappenkartuschen mit dem Monogramm des Bauherrn Kurfürst Carl Theodor und seiner Gattin Elisabeth Augusta (1721–94) sowie verschiedene Putti teilten die Rundbogenvon den Kreisfenstern. In den Fensterkalotten befanden sich Rocaillen mit Symbolen aus Kunst und Wissenschaft. Auch die Voute war mit Kartuschen, anderen Ornamenten und Rocaillen sowie Putti reich verziert. An den Ecken und in den Mittelachsen drang der Stuck bis in den Deckenspiegel hinein. Lambert Krahe (1712–90) gestaltete das Deckengemälde, welches die die Wahrheit enthüllende Zeit darstellte. Die in der Mitte auf Wolken thronende Wahrheit wies mit den Strahlen der in ihrer rechten Hand gehaltenen Sonne den sie umgebenden Künsten und Wissenschaften den Weg. Das Licht vertrieb die Dämonen der Finsternis, Unwissenheit und Lüge. Eine von Putti umspielte Uhr vor der Brüstung der unteren Empore betonte den südlichen Eingang, der zudem von seitlichen Stuckfeldern anstelle von Bücherregalen umgeben war. Die Tischplatte des oben erwähnten 16beinigen Tisches war mit Intarsien verziert, in der Mitte war das Monogramm Carl Theodors dargestellt. Der Tisch war das Werk des Kabinettschreiners Franz Zeller, der auch den mit Parketteinlegearbeiten reich versehenen Fußboden gestaltete. Bis 1803 standen am Eingang Büsten des Kurfürsten und seiner Gattin. Der Bibliothekssaal in Mannheim ist ein gelungenes Beispiel einer Saalbibliothek. Dieser Raumtyp ist im deutschsprachigen Raum zuerst bei den Klosterbibliotheken zu finden.

porträts vertreten. Autorenporträts, weitere allegorische Szenen und personale Allegorien (Apollo und Hermes) vervollständigen das Programm. Vgl. Lehmann 1996, S. 34. 51 Zur Ausstattung der Mannheimer Hofbibliothek vgl. Walter 1928, S.  34f, Huth 1982, S. 409–443 und Lehmann 1996, S. 166f, S. 243, S. 473.

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4.1.2 Die Saalbibliotheken der deutschen Klöster im 18. Jahrhundert Wegweisend in der Architektur von Bibliotheksräumen in Deutschland waren von der Mitte des 17. bis in das 18. Jahrhundert hinein die Klosterbibliotheken.52 Reformation, Glaubenskriege und der Dreißigjährige Krieg hatten für das klösterliche Leben einen tiefen Einschnitt bedeutet. Als eine Folge der Gegenreformation entstanden allerdings insbesondere in Süddeutschland und Österreich wieder prächtige Klosteranlagen, in denen dem Bibliothekssaal eine erhöhte Bedeutung für das architektonische Ganze des Klosters zukam. Buch und Bibliothek galten neben der Kunst als die Repräsentanten der geistigen Kultur. Dieser Bedeutung sollte die Architektur entsprechen. Nach Lehmann erreicht die klösterliche Kultur in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen erneuten Höhepunkt.53 Die Zeit zwischen 1710 und 1760 definiert er als die Blütezeit der deutschen Saalbibliothek.54 Die Entwicklung vom zweischiffigen mittelalterlichen Bibliotheksaal hin zur Saalbibliothek beginnt im deutschsprachigen Raum um 1650.55 Die Gestalt des klösterlichen Bibliothekssaals im Mittelalter war durch die Zweischiffigkeit des Raumes bestimmt. Mittelstützen trugen die Decke, die sowohl gewölbt als auch ungewölbt sein konnte. In den Schiffen standen die Pulte, an denen je nach Notwendigkeit wegen Sicherung des Bestandes und Vielseitigkeit der Benutzung die Bücher angekettet waren.56 Die Pultbibliotheken, durch die Ankettung der Bücher bedingt „Präsenzbibliotheken“, luden zum Studieren der Büchersammlung ein, was ihnen auch die Bezeichnung der „Studienbibliotheken“ verlieh.57 Ab 1600 verschwanden die Pulte zum Anketten der Bücher.58 Bücherschränke bzw. -regale und 52 Zu den Klosterbibliotheken vgl. insbesondere die umfassende Darstellung von Lehmann 1996. Desweiteren Adriani 1935, Müller 1948, Bosl 1972. 53 Vgl. Lehmann 1996, S. 13 und 89. 54 Als Frühzeit bezeichnet er die Zeitspanne zwischen 1550 und 1650, die Spätzeit um 1760– 1800. Er betont allerdings, dass Früh- und Blütezeit ineinander übergehen und die Trennung nur eine praktische Notwendigkeit für die Darstellung ist. 55 Zu den Ausführungen über die Frühzeit der deutschen Saalbibliothek vgl. Lehmann 1996, S. 15–88. 56 Während in Deutschland keine solcher Pultbibliotheken mehr erhalten ist, kann in den Niederlanden im Domstift von Zutphen noch eine vollständige Pultbibliothek um 1561–63 gesehen werden (Abb.  10). Vgl. Müller 1948, Sp. 521, Bosl 1972, S.  34–63, Lehmann 1996, S. 28. 57 Vgl. Bosl 1972, S. 34f, Lehmann 1996, S. 13–15. 58 Da aus der Bibliothek des Benediktinerklosters von Hirsau (1508–16) keine Pulte, sondern nur „Bücherkästen“ erhalten geblieben sind, könnte der Bibliotheksraum als eines der ersten frühen Beispiele für einen Bibliotheksraum ohne Pulte gelten. Lehmann glaubt dagegen,

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Schranktische dienten zur Unterbringung der Bücher. Auch ohne die Pulte blieb die Zweischiffigkeit der Räume. Die Schränke standen quer zur Raumachse (Bibliothek des Zisterzienserklosters Wettingen (1599) und des Jesuitenkollegs zu Mainz (1609)), oder aber die Räume behielten weiterhin ihre Mittelstützen wie im Jesuitenkolleg in Köln (1618–31).59 Der zweischiffige Raum wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts durch den einheitlichen Raum abgelöst. Die Lage

In der Klosteranlage wurde die Bibliothek im Mittelalter über der Sakristei, dem Kapitelsaal oder einer Kapelle eingerichtet.60 Diese Standorte kamen bis in das 18. Jahrhundert hinein vor. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich außerdem eine weitere Raumgruppe zur bevorzugten Verbindung heraus. Immer häufiger wurde die Bibliothek über dem Refektorium im Flügel gegenüber der Klosterkirche eingerichtet. Der Raumgruppe ‚Refektorium‘ und ‚Bibliothek‘ kam als Gegengewicht zur Kirche eine besondere Bedeutung innerhalb der Klosteranlage zu: „Leibliche und geistige Speise als Ergänzung der Erbauung.“61 Lehmann betont die bisher unbekannte Hervorhebung der Bibliothek und billigt ihr eine „gewisse“ Gleichwertigkeit mit dem Sakralen zu. Auch bei den Klosterbibliotheken sind freistehende Bibliotheksbauten selten. Von außen ist die Lage der Bibliothek in den langgestreckten, ungegliederten Trakten der Klosteranlage zunächst nicht auszumachen. Allerdings beginnt Ende des 17. Jahrhunderts eine Neigung, die Lage der Bibliothek durch die Fassadengliederung hervorzuheben. Über die gesamte Geschosshöhe des Bibliotheksraumes gezogene Fenster weisen z. B. von außen auf den Büchersaal hin (Tegernsee 1678, Waldsassen 1681–87). Eine weitere Möglichkeit der äußerlichen Akzentuierung war die Unterbringung der Bibliothek in einem Risalit. Diese Form der plastischen Durchgliederung eines Baukörpers wurde ab dem Ende des 17. Jahrhunderts auch in der Klosterarchitektur ein beliebtes architektonisches Gestaltungsmittel. Die dass im 16. Jahrhundert in Deutschland weiterhin die Aufstellung von Pulten üblich war, da kein gegenteiliges Beispiel außer Hirsau bekannt ist. Er vermutet dementsprechend auch in Hirsau ein Vorhandensein von Pulten in der Raummitte. Vgl. Lehmann 1996, S. 27f und S. 447. 59 Vgl. Lehmann 1996, S. 28. 60 Zur Lage der Bibliothek innerhalb der Klosteranlage von 1650–1760 vgl. Lehmann 1996, S. 37–47 und S. 90–96. 61 Lehmann 1996, S. 39.

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Risalitbildung bedingt eine Verschiedenheit der Dachformen, so dass insbesondere in der Mitte und am Ende eines Traktes kleine ‚Pavillons‘ entstanden, in denen die wichtigsten Räume des Klosters eingerichtet wurden. Ein Einsetzen des Bibliotheksraumes in einen solchen ‚Pavillon‘ zeigte dementsprechend auch von außen die Wichtigkeit der Bibliothek für das Kloster. Die Unterbringung der Bibliothek in einem Mittel- oder Eckrisalit, in einem Kopfbau oder Sporn im Konvent wird im 18. Jahrhundert zu einer üblichen Form für die äußere Hervorhebung der Bedeutung der Bibliothek. Raumtypen: Festsaal und Galerie

Bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert galt der zweischiffige Saal als wichtigster Raumtyp für klösterliche Bibliothekssäle.62 Er wurde von dem so genannten Festsaal und der Galerie abgelöst. Ein Merkmal des Festsaals sind seine breiten gedrückten Proportionen, während es sich bei der Galerie um einen langgestreckten Saal handelt. Ein weiteres Charakteristikum für die Galerie ist die Deckenform der Stichkappentonne, während der Festsaal flach gedeckt ist. Die Beleuchtung des Raumes war von dessen Lage innerhalb der Anlage abhängig. Bestenfalls sorgte eine Durchfensterung beider Langseiten für ausreichend Licht.63 Eine noch erhaltene Bibliothek vom Festsaal-Typus ist die Bibliothek von Lambach mit ihrer Einrichtung von 1700 (Abb. 11).64 Als frühes Beispiel für den Galerietypus gilt die Bibliothek des Karmeliterklosters von Straubing in Niederbayern um 1684 (Abb. 12).65 Auch der Raumeindruck änderte sich Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Bücherregale rückten flach an die freie Wand und wurden nicht mehr quer zum Raum aufgestellt.66 In dem Bibliothekssaal des Benediktinerklosters in Lambach rahmen die an die Wände gestellten und bis zur Decke reichenden Bücherregale den Raum lückenlos mit Ausnahme der Türöffnungen.67 Selbst in den Fensternischen stehen unter dem Fenster halbhohe Regale. In 62 Zu den folgenden Ausführungen über die verschiedenen Raumtypen der klösterlichen Saalbibliothek im 17. und 18.  Jahrhundert vgl. Adriani 1935, S.  16–38, Müller 1948, Sp. 529–532 und Lehmann 1996, S. 48–56, S. 97–178, S. 289–322. 63 Oft lag an der einen Langseite des Saales ein Korridor, so dass eine Beleuchtung von beiden Langseiten nicht möglich war. Lag die Bibliothek in einer Ecke des Traktes, so waren die Fenster meist in einer Lang- und einer Schmalseite angeordnet. 64 Zur Lambacher Bibliothek vgl. Adriani 1935, S. 19f und Lehmann 1996, S. 48, S. 63f und S. 463. 65 Vgl. Lehmann 1996, S. 48 und S. 532f. 66 Vgl. Lehmann 1996, S. 74. 67 Vgl. Adriani 1935, S. 42, Lehmann 1996, S. 63f.

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anderen Bibliotheken wurden selbst die Wandpfeiler zwischen den Fenstern komplett ummantelt. Beispiele für die Einrichtung von ‚Regalpfeilern‘ sind die Bibliotheken der Klöster Heiligenkreuz, Lilienfeld und Strahov.68 Innerhalb des Raumes stehende mannshohe Regale wurden selten. In der Raummitte standen Tische, in deren Unterbau zum Teil auch Bücher aufgestellt werden konnten (sogenannte Schranktische)69 bzw. halbhohe Regale oder niedrige Schaupulte. Diese hinderten den Blick nicht daran, die Räume in ihrer ganzen Weite zu fassen. Beide Raumformen, Festsaal und Galerie, sind dem fürstlichen Schlossbau entlehnt und dienen der fürstlichen Repräsentation. Nach Lehmann wird dadurch der Bibliothek ein fürstlicher Rang zugestanden.70 Solche Ehrung geistiger Werte zeugt von der Bedeutungssteigerung der Büchersäle innerhalb der Klosteranlage. Die zum Durchschreiten auffordernde Galerie und der prachtvolle Festsaal sind vom Wesen her Schauräume. Dieses Wesen wurde auf die Bibliotheksräume der Klöster übertragen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde auch im Klosterbau die Einheitlichkeit der Raumhöhe für jedes Geschoss aufgehoben.71 Wie auch im Schlossbau kam es bei mehrstöckigen Gebäuden zur Differenzierung der Raumhöhen zwischen Haupt- und Nebenräumen auf einem Geschoss. Dieser Entwicklung folgend kam es zu einer Vergrößerung der Raumhöhe der Bibliothekssäle. Gerade der Festsaaltypus mit seinen gedrungenen Proportionen bot je nach Durchfensterung wenig Stellfläche. Eine Streckung des Saales in die Höhe konnte dem entgegenwirken. Zudem wurden die langgestreckten Säle, insbesondere die des Galerietypus, Ende des 17. Jahrhunderts verkürzt. Der dadurch verlorengegangene Stellraum wurde durch eine Steigerung der Raumhöhe wiedergewonnen. Die Stichkappentonne oder flache Decke wich einem den Raum zusammenschließenden Muldengewölbe, oder es kam durch die Einführung der Voute zu einer leichteren Lösung der Deckenform. Bei Ausnutzung der gesamten Raumhöhe zur Aufstellung von Büchern war ohne sehr hohe Leitern nicht mehr an die oberen Fächer heranzukom68 In dem Prämonstratenkloster Strahov in Prag sind in dem sog. Theologensaal aus dem Jahre 1671–72 die Wandpfeiler zwischen den Fenstern von drei Seiten ummantelt. Durch eine fünfseitige polygonale Ummantelung der Wandpfeiler wurde in den Bibliotheksräumen der niederösterreichischen Zisterzienserklöster Heiligenkreuz (Hauptraum 1693–1705) und Lilienfeld (1704) im Vergleich zum Prager Bibliothekssaal zusätzlich Stellfläche gewonnen. Vgl. Adriani 1935, S. 43 und Lehmann 1996, S. 57–62. 69 So zum Beispiel in der Bibliothek des Barnabitenklosters bei St. Michael in Wien, die um 1700 eingerichtet wurde. Vgl. Lehmann 1996, S. 62f. 70 Vgl. Lehmann 1996, S. 48. 71 Zur Entwicklung der zweigeschossigen Säle mit Emporen vgl. Lehmann 1996, S. 53–56.

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men. Dies hatte die Einführung von Emporen zur Folge, die entweder auf Konsolen oder Vouten ruhen konnten.72 Zu den frühen zweigeschossigen Bibliotheksräumen mit Emporen im deutschsprachigen Raum zählen die Säle im schlesischen Zisterzienserkloster in Leubus73 (1692–96) (Abb. 13), hier wird die Empore von einer Voute getragen, und im Benediktinerkloster in Füssen74 (Entwurf 1697, Ausführung erst um 1710–20), wo Konsolen die Empore stützen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wird der mittig freie zweigeschossige Bibliothekssaal mit umlaufender Empore zum vorherrschenden Raumtyp der deutschen Klosterbibliotheken.75 Durch das Verschwinden der Pulte erhält der Raum einen anderen Charakter. In der so genannten Saalbibliothek ist der freie Raum der wesentliche Moment des Eindrucks.76 Die Studienbibliothek, die sich auch architektonisch als Forschungsstätte repräsentierte, wurde zu einer Schaubibliothek, die als Repräsentationsinstrument für Macht und Bedeutung der Bauherren genutzt wurde.77 Die Saalbibliothek mit ihrem über zwei Geschosse gehenden Wandsystem wurde während des 18. Jahrhundert in ihrer weiteren Entwicklung bereichert und differenziert, blieb aber in ihren Grundelementen beständig. Je nach Region kam es zu unterschiedlichen Ausführungen.78 Insbesondere in 72 Emporen wurden auch in eingeschossigen Sälen eingebaut. Hier bildeten sie meist einen Teil des Schrankwerkes, wie in der Bibliothek des Jesuitenkollegs von Amberg (1680). Lehmann bezeichnet diesen Typus, bei welchem das hölzerne Schrankwerk mit Empore „lose in den Raumkasten hineingestellt erscheint“, als Einbautypus. Vgl. Lehmann 1996, S. 66. 73 Vgl. Lehmann 1996, S. 55 und S. 71f. 74 Vgl. Lehmann 1996, S. 73f. 75 Die Entwicklung des Bibliotheksraums von der Pultbibliothek über den Festsaal- bzw. Galerietypus hin zum zweigeschossigen Bibliotheksraum mit freier Raummitte setzte sich in Deutschland relativ spät durch. Sie vollzog sich erstmals ab dem 16. Jahrhundert in Spanien und dann in Italien. Mit der Einrichtung der prächtigen Bibliothek im Escorial (1563–96) setzte der Architekt Juan de Herrera (1530–97) europaweite Maßstäbe für die Einrichtung so genannter Saalbibliotheken (Farbtaf. 37). Zur Bibliothek im Escorial vgl. Clark 1902, S. 265f, Predeek 1928, S. 402, Schürmeyer 1929, S. 15, Bosl 1972, S. 90, Löschburg 1974, S. 14, Pevsner 1976, S. 96 und Lehmann 1996, S. 16f. 76 Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von der Anwendung eines „Saalsystems“ bzw. „Wandsystems“. Vgl. Pevsner 1976, S. 96. Zum Begriff des „Wandsystems“ vgl. Clark 1902, S. 265 und Predeek 1928, S. 402. Clark verwendete als erster den Begriff „wall-system“, der in der Forschung zu einem gängigen Begriff für Büchersäle, deren Regale entlang den Wänden aufgebaut sind, wurde. 77 Vgl. Lehmann 1996, S. 17. 78 Während Adriani zwischen einem österreichischen und einem bayrisch-schwäbischen Typ unterscheidet, differenziert und ergänzt Lehmann diese Einteilung. Er betrachtet die Entwicklung in alemannischen, schwäbischen, bayrischen, östereichischen, fränkischen und böhmisch-märischen sowie in west-, mittel- und norddeutschen Gebieten. Während er

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Bezug auf den Umgang mit den Emporen lassen sich verschiedene Typen unterscheiden:79 Zum einen werden die Emporen von Konsolen getragen. Insbesondere in Österreich und Bayern ist dieser Typ zu finden, so u. a. in den Bibliotheken der Benediktinerklöster Göttweig (1719–30) und Melk (1728–41) (Abb. 15). Hier laufen die Emporen geradlinig. In anderen Räumen folgen sie dem Rhythmus der Schränke, wie z. B. in Zwettl (1730–33). Außerdem können die Emporen auf den Schränken ruhen wie in der Bibliothek des Jesuitenkollegs in Wien (1734) oder des Augustiner-Chorherrenstifts St. Florian (1744–50) (Abb. 14). Auch hier ergänzt die Bewegung der Emporen die Stellung der Schränke. Desweiteren werden die Emporen von Säulen getragen. Insbesondere in Schwaben sind Säulen als Emporenträger verwendet worden. Eines der ersten Beispiele ist die Bibliothek des Benediktinerklosters in Ottobeuren (1711–19) (Farbtaf. 36 u. Abb. 18). Vierzig korinthische Säulen stützen die Empore. Das mittlere Joch wird durch leicht hervortretende Doppelsäulen betont. Auch an den Schmalseiten betonen hervortretende Doppelsäulen die Mitte. Dadurch entsteht eine leichte Bewegung innerhalb des an sich rechteckigen Raumes. In der Bibliothek des Benediktinerklosters zu Wiblingen (1737–50) (Abb. 16 u. 17) wird dieser Raumeindruck gesteigert. Die vorgezogene Stellung der Säulen der Mitteljoche an den Lang- und Schmalseiten unterstützt jeweils eine Rundung der Emporen an dieser Stelle. Der Raum scheint trotz des rechteckigen Grundrisses zu schwingen. In der Gestaltung der den Raum abschließenden Decke kam es zu den verschiedensten Lösungen. So konnte ein Muldengewölbe mit (Göttweig) oder ohne Stichkappen (Melk) (Abb. 15) den Raum bedecken. Eine weitere Möglichkeit war die flache Decke mit Voute (Ottobeuren) (Farbtaf. 36). Darüber hinaus konnte die flache Decke durch eine Kuppel aufgebrochen werden (Wiblingen) (Abb. 16). Mit der Einführung von Kuppelsälen in der Bibliotheksarchitektur werden ab dem 18. Jahrhundert höchste architektonische Würdeformen in den insbesondere in der süddeutschen Region je nach Gebiet verschiedene Typen unterscheiden konnte, lässt sich im böhmisch-mährischen sowie im west-, mittel- und norddeutschen Raum kein einheitlicher Typ festmachen. Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf der Differenzierung der Raumformen im 18. Jahrhundert und weniger auf deren regionalem Auftreten. Vgl. Adriani 1935, S. 19–28 und Lehmann 1996, S. 97. 79 Der folgende Abschnitt konzentriert sich auf die Hauptraumformen der barocken Klosterbibliotheken im deutschsprachigen Raum. Neben diesen gab es immer wieder Abwandlungen und einzigartige Situationen, deren Behandlung aber den Rahmen der Arbeit sprengen würde. In diesem Zusammenhang sei auf die umfassende Zusammenstellung der barocken Klosterbibliotheken von Edgar Lehmann verwiesen. Zur folgenden Unterscheidung der Typen vgl. Adriani 1935, Müller 1948, Sp. 530–532 und Lehmann 1996.

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Bibliotheksbau eingesetzt.80 Die Bekrönung eines Bibliothekssaals mit einer Kuppel hebt diesen auf die Bedeutungsebene der Sakralarchitektur. Die Bedeutung der Wissenschaften als Vorstufe zum reinen göttlichen Wissen erlaubte es der „Schatzkammer des Wissens“ sich in ihrer Gestalt einem Kirchenraum anzunähern.81 Die Bekrönung des rechteckigen Raumes mit mehreren Kuppeln wurde zu einem beliebten Motiv: so reihen sich im zweigeschossigen Bibliothekssaal des Klosters Altenburg (1731–42) drei Pendentifkuppeln, die von kurzen tonnengewölbten Räumen getrennt sind, aneinander. Die zeitlich etwas spätere Bibliothek des Stiftes Admont (1774–76) in der Steiermark ist in einem rechteckigen Saal untergebracht, der von sieben in der Längsachse aufeinander folgenden Flachkuppeln gedeckt ist. Ausstattung und ikonographisches Programm

Im Laufe des 18.  Jahrhunderts ist eine Entwicklung des Schrankwerkes vom Einzelmöbel über geschlossene Schrankreihen, die sich über die gesamten Wände ziehen, wieder zurück zum Einzelmöbel zu beobachten.82 In der Blütezeit der Saalbibliothek deutscher Klöster herrscht die geschlossene Wandverkleidung durch Regale vor. Kunstvoll gearbeitete Kartuschen bekrönen die Schränke und geben einen Hinweis auf die Bücher im entsprechenden Regal. Reiche Schnitzeren, häufig auch mit Einlegearbeiten und plastischen Elementen wie kleinen Figuren oder Büsten, dekorieren die Schränke und Emporen.83 Auch der Einsatz von lebensgroßen Freifiguren auf Emporen kommt in der Blütezeit vor (Benediktinerkloster St. Peter im Schwarzwald (1751–53)).84 Der Einsatz von Stuck als Dekorationselement der Decke entwickelte sich dahin, dass Einzelfelder zugunsten eines beherrschenden Mittelfeldes

80 Zu den Kuppelsälen im Bibliotheksbau vgl. Adriani 1935, S. 29–38, Müller 1948, Sp. 532 und Lehmann 1996, S. 159–175. 81 So steht z. B. der Bibliothekssaal im Kloster Schlierbach (1698-vermutlich 1712) auf einem Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes. Zur Verwendung sakraler Formen vgl. Lehmann 1996, S. 49f. 82 Vgl. Lehmann 1996, S. 179. 83 Ein bemerkenswertes Beispiel für hervorragende Schreinerarbeit ist die Ausstattung der Bibliothek des Zisterzienserklosters Waldsassen aus dem Jahre 1724–26: Zehn lebensgroße Karyatiden tragen u. a. die Empore. Zu Waldsassen vgl. Lehmann 1996, S. 69, S. 139, S. 213f, S. 268–70 und S. 539f. 84 Vgl. Lehmann 1996, S. 116f, S. 187f und S. 519.

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aufgelöst wurden.85 Schließlich diente der Stuck lediglich als Rahmung des Deckenbildes bzw. wurde durch Architekturmalerei obsolet. Ein anspruchsvolles ikonographisches Programm fehlt in keiner klösterlichen Saalbibliothek des 18.  Jahrhunderts.86 Dieses wurde häufig vom Bauherrn selbst, dem regierenden Abt oder Klostervorsteher, oder einem Gelehrten des Stifts entwickelt.87 Immer wiederkehrendes Thema ist die Verbindung von Wissenschaft und Religion, von Tugend und Weisheit.88 Dabei ist die irdische Weisheit der göttlichen stets untergeordnet.89 Ein weiterer Themenschwerpunkt liegt auf antithetischen Gegenüberstellungen (z. B. heidnische Antike und Christentum, rechte Glaubenslehre und Häresie oder wahre und Scheinwissenschaften), die zu einem einheitlichen Ganzen organisiert wurden. Neben dem allgemein gültigen Programm wurden auch häufig die Vitae der zum jeweiligen Orden zugehörigen Heiligen dargestellt, so wie die Rolle des Ordens und der Wissenschaften innerhalb des Heilsplans betont wurde. Außerdem wurden auch Portraits berühmter Autoren als Gemälde oder Büste ausgestellt. Den Büchern kommt innerhalb der Ausstattung des Bibliotheksraumes eine besondere Rolle zu.90 Insbesondere in Räumen, deren Wände vollständig mit Schrankwerk bedeckt waren, wurden die Buchrücken Bestandteil der Innenarchitektur. Um den Eindruck, dass die Wände aus Büchern bestehen, zu verstärken, wurden sie einheitlich gebunden. Braunes Kalbsleder, weißes Schweinsleder oder Pergamentbindungen bestimmten die Farbgestaltung des Raumes mit. In den Regalen standen sie der Größe nach geordnet: unten die großformatigen und nach oben hin die kleineren. Dass ein Anwachsen der Sammlung mit dem ästhetischen Bemühen um eine Geschlossenheit des Raumeindrucks auf Dauer nicht zu verbinden war, liegt auf der Hand. Kompromisse mussten geschlossen werden: Mit Büchern bemalte verschließbare Schränke, wie z. B. im Prämonstratenkloster in Schussenried (1753–62), oder aber eine Ergänzung des Schauraums durch 85 Vgl. Lehmann 1996, S. 179. 86 Zur ausführlichen Behandlung der ikonographischen Programme der einzelnen Klosterbibliotheken vgl. Müller 1948, Sp. 536–540, Lehmann 1996. 87 Zum literarischen Programm vgl. Adriani 1935, S. 64–74 und Müller 1948, Sp. 536f. 88 Vgl. Adriani 1935, S. 63f, Müller 1948, Sp. 536–540 und Lehmann 1996, S. 238–283. 89 Dies zeigt sich z. B. in der hierarchisch gestaffelten Anordnung der Bücher, in der die Theologie die höchste Stelle einnimmt. Vgl. Steierwald 1999, S. 64. Nach Lehmann war auch das Ausmalungsprogramm der Bibliothek im Escorial Vorreiter in der Auswahl einer Gegenüberstellung von Philosophie und Theologie bzw. weltlicher und kirchlicher Themen. Vgl. Lehmann 1996, S. 18. 90 Zur Bedeutung des Buches als Bestandteil der Raumausstattung vgl. Lehmann 1996, S. 85f.

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Nebenräume, deren Ordnung nicht von dem ästhetischen Eindruck abhängig war, sind nur zwei Beispiele dieses Phänomens. Ziel der Raumgestaltung der klösterlichen Saalbibliotheken des 18. Jahrhunderts war das Erreichen einer Ganzheit aller architektonischen und dekorativen Elemente.91 Das Wesen der Saalbibliothek wurde bestimmt durch den mit einem Blick überschaubaren Raum, der durch keinerlei ‚Unordnung‘ gestört werden durfte, in dem Geist und Kunst verschmelzen sollten. Die Treppen zu den Emporen lagen z. B. versteckt hinter Bücherregalen, um den Eindruck der geschlossenen Bücherwand nicht zu stören. Durch die ‚Bücherwände‘ wurde die Architektur des Raumes mit dem sie beherbergenden geistigen Inhalt eins. Auf dieser höheren Stufe sollte sich auch die Dekoration des Raumes einordnen. Alle Gattungen, Malerei, Plastik und Architektur standen gleichberechtigt neben einander. „Die Kunst des Stukkateurs, des Buchbinders, des Schreiners und des Schlossers sind an der vollen Wirkung gleichermaßen beteiligt. Erst das Zusammenwirken aller ergibt das, worauf es ankommt, das ganze Kunstwerk.“92

4.1.3 Öffentliche Bibliotheksräume im 18. Jahrhundert Im Vergleich zu den prächtigen Klosterbibliotheken ging es den Universitäts- und anderen öffentlichen Bibliotheken bescheiden. Fischer berichtete Anfang des 18. Jahrhunderts, dass diese Bibliotheken sehr vernachlässigt seien und mehr von Ratten und Mäusen als von Menschen besucht würden.93 Auch Uffenbach fand die meisten öffentlichen Bibliotheken „eher in einem Büchergefängnis als in einem Büchergemache“94 vor. Demzufolge waren Gestalt und Ausstattung der öffentlichen Bibliotheken bis in das 18. Jahrhundert hinein dürftig.95 Die Unterbringung der öffentlichen Büchersammlungen erfolgte in den meisten Fällen in ursprünglich für andere Zwecke errichteten Gebäuden, die den Bedürfnissen einer Bibliotheksherberge angepasst wurden. Erst Mitte des 18.  Jahrhunderts wurden einige stattliche Räume dem Bibliothekszweck entsprechend eingerichtet.

91 Zum Wesen der klösterlichen Saalbibliothek im 18. Jahrhundert vgl. Bosl 1972, S. 151 und Lehmann 1996, S. 11f. 92 Lehmann 1996, S. 11. 93 Vgl. Löschburg 1974, S. 16. 94 Bogeng 1913, S. 32. 95 Vgl. Müller 1948, Sp. 527.

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Universitätsbibliotheken

Über die Gestalt deutscher Universitätsbibliotheken des 16. und 17. Jahrhunderts ist wenig überliefert. Nach dem Dreißigjährigen Krieg konzentrierte sich das gelehrte Leben in Deutschland mehr und mehr an den Höfen.96 Die Universitäten verloren an Interesse. Vermutlich waren die Büchersammlungen meist recht dürftig in Gebäuden untergebracht, die ursprünglich für andere Zwecke errichtet worden waren.97 Von einer einheitlichen Bibliotheksarchitektur lässt sich bei den Universitätsbibliotheken bis dahin nicht sprechen. In Tübingen wurden die Bücher im 17. Jahrhundert in verschlossenen Schränken aufgestellt, die an die Wände gerückt waren (Abb. 21). Auf einer zeitgenössischen Abbildung der Universitätsbibliothek Altdorf bei Nürnberg um 1720 stehen die Bücher in offenen Regalen, die sowohl entlang der Wände als auch quer im Raum stehen (Abb. 23). Der Altdorfer Stich zeigt, dass die Altdorfer Bibliothek ein Beispiel für die vereinzelt auftretende räumliche Verbindung zwischen Bibliothek und Naturaliensammlung gewesen ist.98 Ausgestattet sind die Bibliotheken mit Globen und naturwissenschaftlichen Instrumenten sowie Porträts berühmter Gelehrter. Mit dem Bibliotheksraum der Universitätsbibliothek Greifswald (1747– 50) erhält die Saalbibliothek mit dem Bau des Bibliotheksraums Einzug in die Universitäten (Abb. 22). Wie auf einem Kupferstich von 1775 zu sehen ist, nimmt die Bibliothek im Mittelrisalit des Neubaus des freistehenden Universitätsgebäudes in Greifswald das erste und zweite Obergeschoss ein.99 In einem zweigeschossigen fünfachsigen Rechteckraum wird die Empore von insgesamt zwölf ionischen Säulenpaaren getragen. Der gemeinsame Sockel der Säulenpaare findet sein Pendant in der Verkröpfung des Gebälks und der Brüstung. Außer diesen schwachen Verkröpfungen erfährt der Emporenverlauf keine Bewegung. Die Bücher sind in offenen Regalen an die Wände gerückt. Der Raum wird auf jeder Langseite von fünf Fenstern beleuchtet. In der Saalmitte stehen drei rechteckige Tische mit jeweils 96 Vgl. Predeek 1928, S. 394, Leyh 1961, S. 876. 97 Vgl. Müller 1948, Sp. 527. 98 Abb.  23 abgedruckt in: Schürmeyer 1929, Abb.  10 und 11. Vgl. auch Müller 1948, Sp. 527 und Jesberg 1964, S. 4. 99 Die Ausstattung der Bibliothek ist nicht mehr erhalten. Ein Kupferstich von 1775 von F.C. Krüger aus J.C. Daehnert, Cat. Acad. Grypeswaldensis zeugt von ihrem Erscheinungsbild (abgedruckt in Bosl 1972, S. 146). Zur Universitätsbibliothek in Greifswald vgl. Müller 1948, Sp. 527 und Sp. 531, Bosl 1972, S.  144 und Lehmann 1996, S.  116f, S.  196 und S. 444.

Die bauliche Entwicklung der Bibliotheksräume  |

sechs Beinen. Die Decke verzieren in der Mitte und in den Ecken Rocailleornamente aus Stuck. Zwischen den Säulenpaaren stehen Büsten von vermutlich griechischen Göttern auf geschweiften Hermenpostamenten. Die Brüstung der Empore zieren breite Vasen und vier Puttengruppen, die die Insignien der Wissenschaft tragen. Die Saalbibliothek mit auf Säulen ruhender Empore war auch der Raumtyp der Universitätsbibliothek von Freiburg (1783).100 Diese wurde allerdings erst 35 Jahre nach der Greifswalder Bibliothek eingerichtet. Stattlich eingerichtete Bibliotheksräume in den Universitäten blieben das 18. Jahrhundert hindurch eine Seltenheit. Verlegungen der Büchersammlungen in andere schon bestehende Räumlichkeiten innerhalb des Universitätskomplexes waren indes häufig.101 Die Bescheidenheit im Universitätsbibliotheksbau schwindet Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Ära der Entwürfe und Ausführungen großer eigener Bibliotheksgebäude beginnt (Berlin 1871–73, Göttingen 1878–80102, Halle 1878–80, Greifswald 1880–82, Kiel 1881–83, Leipzig 1888–91).103 Stadtbibliotheken

Wie bei den Universitätsbibliotheken setzt die große Entwicklung im Bau von Stadtbibliotheken erst im Ausgang des 19. Jahrhunderts ein.104 Auch wenn Luther 1524 in seinen Ausführungen „An die Ratsherren aller Städten Deutschen Landes...“ die Städte drängt „gutte Librereyen odder Bücherheuser“ zu bauen, wurden keine eigenen Räumlichkeiten entworfen. 105 Die Büchersammlungen, die häufig aus Stiftungen von Ratsmitgliedern entstanden waren und neben Büchern auch Kuriositäten enthielten, waren im Rathaus untergebracht oder, nach der Reformation, auch in den säkularisierten Klöstern. Die Stadtbibliothek Nürnberg war im 17. Jahrhundert im ehemaligen Dominikanerkloster in vier zusammenhängenden, um den Kreuzgang im 100 Vgl. Leyh 1961, S. 877. 101 So wanderte die Universitätsbibliothek von Heidelberg 1786 in frühere Hörsäle des Erdgeschosses des Collegiengebäudes. Vgl. Leyh 1961, S. 877. 102 Fertigstellung des Nordflügels. 1914–16 Anbau des Ostflügels. 103 Vgl. Crass 1976. 104 Vgl. Crass 1976, S. 55–78. Beispiele: Augsburg 1892–94, Köln 1894–98, Bremen 1894–96, Aachen 1895–97. Zu den Bibliotheksräumen vom 16. bis 18. Jahrhundert vgl. Schürmeyer 1929, S. 14–16, Müller 1948, Sp. 523f, Leyh 1961, S. 871, Löschburg 1974, S. 12 und Pevsner 1976, S. 95. 105 Martin Luther, „An die Ratsherren aller Städten Deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen“, 1524, zitiert in: Löschburg 1974, S. 12.

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Obergeschoss gelegenen Sälen eingerichtet (Abb. 24).106 Die Beleuchtung erfolgte von beiden Langseiten der Säle. Mittig längs zum Raum wurden offene Doppelregale eingezogen, so dass in dem Raum zwei Gänge entstanden. Halbhohe Schränke in den Gängen dienten zur weiteren Unterbringung der Bücher. Es wurden Tische zum Studieren aufgestellt. In dem Bibliotheksraum der Stadt Danzig, der im Franziskanerkloster untergekommen war, wurden durch die Aufstellung von vier offenen Doppelregalen längs in den Raum acht schmale Bücherkammern gebildet.107 In diesen waren Tische und Bänke aufgebaut. Während Nürnberg und Danzig auch den Innenraum zur Aufstellung der Regale nutzten, sind in der Augsburger Stadtbibliothek offene und geschlossene Bücherschränke an beide Längswände des Raumes gerückt.108 Neben den üblichen Globen, naturwissenschaftlichen Instrumenten und Portraits berühmter Gelehrter waren die Bibliotheken mit Darstellungen geschmückt, die Bezug auf die Geschichte der Bibliothek oder der Stadt nahmen. So hingen in der Stadtbibliothek in Lübeck „[g]anz oben über den Büchern [...]sehr viele Burgermeister in Lebens=Grösse abgemalt, gegen über aber einige Superintendenten und Prediger von hier.“109 Im 18. Jahrhundert wird sich trotz des erwachten Bildungs- und Lesebedürfnisses an der Gestalt der Räume nicht viel geändert haben. Beste Ausnutzung des Raumes und der Lichtverhältnisse standen für die Raumgestaltung an erster Stelle.110 Zusammenfassend kann sowohl über die Stadt- als auch über die Universitätsbibliotheken festgehalten werden, dass bis weit in das 18. Jahrhundert hinein die Bibliotheksräume hinsichtlich eines prunkvollen Präsentationscharakters nicht mit den Kloster- und Hofbibliotheken verglichen werden können. Die bestmögliche Raumausnutzung hatte Vorrang vor dem Motiv des repräsentativen Schauraums in Form einer Saalbibliothek.111 106 Vgl. Stich aus Johannes Saubertus. Historia Bibliothecae Noribergensis, Nürnberg 1643 abgedruckt in: Bosl 1972, S. 145. 107 Hirsching spricht sogar von acht Zimmern. Die Ratsbibliothek „nimmt beynahe die ganze Länge eines Flügels in dem untersten Stock des alten Franziscanerkloster ein, ist aber in acht kleine gewölbte und ziehmlich ausgezierte Zimmer verteihlet.“ Hirsching 1786, S. 57. Vgl. Stich aus Reinhard Curicken, Beschreibung der Stadt Danzig, Amstersdam 1687, abgedruckt in: Bosl 1972, S. 151. 108 Vgl. Schürmeyer 1929, Abb. 14. 109 Uffenbach 1753, S. 47. 110 Vgl. Uffenbachs Aufzeichnungen zur Lübecker Stadtbibliothek. Vgl. Uffenbach 1753, S. 47. 111 Das gleiche gilt auch für die privaten Bibliotheken deutscher Gelehrter, die an Umfang hinter den öffentlichen nicht zurückstanden. Auch hier galt die Ausnutzung der bestmöglichen

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4.2 Bibliotheksbau als Gattung Der Bibliotheksbau in Wolfenbüttel (1705–23) gilt als der erste selbständige Bibliotheksbau seit der Antike112 (Abb. 27). Neben der Tatsache, dass das Gebäude eigens für den Bibliothekszweck entworfen und errichtet wurde, liegt seine Besonderheit darin, dass es nicht im engen räumlichen Zusammenhang mit der Residenzanlage steht. Diese beiden Merkmale zeichnen das eigenständige Bibliotheksgebäude aus. Die Planung und Durchführung eigenständiger Bibliotheksbauten nicht nur für fürstliche Büchersammlungen war bis Mitte des 18. Jahrhunderts selten.113 Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts begann der eigenständige Bibliotheksbau dann insbesondere an den Höfen als Bauaufgabe sich durchzusetzen, eine Entwicklung, die zu den großen königlichen und fürstlichen Bibliotheks- und Museumsbauten des 19. Jahrhunderts führte.114 Dieser Abschnitt beschäftigt sich zunächst mit der Entwicklungsgeschichte des eigenständigen Bibliotheksbaus seit der Antike bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts. Im Anschluss werden die Bibliotheken von Wolfenbüttel und Wien vorgestellt.

4.2.1 Die Entwicklungsgeschichte des eigenständigen Bibliotheks­ baus von der Antike bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts Der früheste eigenständige Bibliotheksbau, dessen Rekonstruktion aufgrund der Ausgrabungsfunde als gesichert gilt, ist der einer Provinzialbibliothek in Ephesus (107 n. Chr.).115 Der Bibliothekssaal lag erhöht auf einem Sockel.116 Ihm war eine Treppe mit anschließender Säulenhalle vorgelagert. Dem Eingang gegenüber befand sich in der Rückwand eine halbrunde Nische zur Aufnahme eines Standbildes der Schutzgottheit. Daneben waren Raum- und Lichtverhältnisse als oberstes Gebot. Vgl. die Abb. der Bibliothek von Uffenbach nach einem Stich aus dem Jahre 1727 von I.F. von Uffenbach in: Schürmeyer 1929, S. 22. 112 Vgl. Bosl 1972, S.  145 und Pevsner 1976, S.  98f. Löschburg beschränkt sich mit seiner Auszeichnung auf den deutschsprachigen Raum. Vgl. Löschburg 1974, S. 16. 113 Damit sich eine solche Planung lohnte, musste die Sammlung zunächst auch auf eine beachtliche Größe angestiegen sein. Vgl. Bogeng 1913, S. 32. Bogeng bezieht diesen Umstand auf die öffentlichen Bibliotheken. Dies trifft aber auch für die höfischen Sammlungen zu. 114 Vgl. z. B. den Bau der Bayrischen Hof- und Staatsbibliothek in München (1832–43), der Königliche Öffentliche Bibliothek in Stuttgart (1878–85) und der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (1882–86). 115 Vgl. Schürmeyer 1929, S. 5, Leyh 1961, S. 847, Löschburg 1974, S. 8, Crass 1976, S. 11. 116 Zur Rekonstruktion vgl. Jesberg 1964, S. 3 und Leyh 1961, S. 847.

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jeweils zwei rechteckige kleinere Nischen in die Wand gezogen. Auch in den Seitenwänden des Raumes waren jeweils drei Nischen vorhanden. In diesen Nischen waren vermutlich Gestelle aus Holz untergebracht, die die Buchrollen117 beherbergten. Da die Nischen in jeweils drei Reihen übereinander lagen, mussten zwei Galerien eingezogen werden, die durch Säulen gestützt wurden. Der Saal war außerdem von einem breiten Umgang umgeben, als Schutz gegen Feuchtigkeit. Die Bibliothek ist nach Osten orientiert. Weitere archäologische Funde, wie z. B. in Timgad aus dem 3. Jh. n. Chr., ähneln denen in Ephesus, so dass Leyh von einem bestimmten Typ der antiken Bibliotheken spricht, den er wie folgt zusammenfasst: „Die Bibliotheken finden sich meist mitten in der Stadt. Häufig ist die Verbindung mit einem Tempel, fast nie fehlt eine Säulenhalle, die in Ergänzung des repräsentativ ausgestatteten Hauptsaals auch als Lesehalle dient, ähnlich wie später der Kreuzgang des mittelalterlichen Klosters. Der große Bibliothekssaal enthielt nur verhältnismäßig wenige Bücherschränke, die in Wandnischen eingebaut waren. Die Masse der Bücher war in anliegenden Räumen magaziniert. Die eingebauten Gestelle gelten nach den Digesten als festes Zubehör zum Gebäude. Der Inhalt der geschlossenen Rolle war auf einem heraushängenden Pergamentstreifen, Sillybos, Index oder Tittulus genannt, angezeigt. Die Rolle selbst scheint keine Ordnungsnummer gehabt zu haben, wohl aber waren die Gestelle fortlaufend numeriert oder es waren die in den Gestellen enthaltenen Büchergruppen in verkürzter oder auch nur symbolischer Form auf Tafeln zum Zweck rascher Orientierung in den Bücherräumen verzeichnet.“118 Die Bibliotheken waren prunkvoll ausgestattet, mit Marmorböden und vergoldeten Decken.119 Statuen von schützenden Gottheiten sowie Porträtbüsten und Medaillons, die Dichter und Schriftsteller repräsentierten, waren in den Sälen aufgestellt. Dass der Architektur der Bibliotheksgebäude in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit geschenkt wurde, zeigen Lobreden über die Bibliothek in Alexandria (3. Jh. v. Chr. bis 47 n. Chr.), die mit 117 Allein durch die Gestalt der Buchrolle unterscheidet sich das Erscheinen der antiken Bücherwand von dem einer zeitlich späteren, die durch die architektonische Wirkung der rechteckigen Form des Buchkörpers bestimmt wird. Die Länge einer Rolle konnte bis zu 10m betragen. Die Höhe lag zwischen 20 und 30 cm. Der Durchmesser betrug bei einer 6m langen Rolle ca. 5–6 cm, oft etwas mehr, falls die Rolle sich in einer Hülle befand. In Holzgestellen, die durch vertikale und horizontale Bretter unterteilt waren, lagen die Rollen mit dem Kopf nach vorne gestapelt. Zur Buchrolle und ihrem Gestell vgl. Schürmeyer 1929, S.  6 und Leyh 1961, S. 846. 118 Leyh 1961, S. 847f. 119 Vgl. Schürmeyer 1929, S. 6 und Leyh 1961, S. 848.

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über 700 000 Schriftrollen einen einzigartigen Rang besaß.120 Über den Reichtum ihrer Architektur heißt es, dass dieser mit nichts außer mit dem des Kapitols in Rom verglichen werden könne.121 Mit dem Untergang der Antike verlor die Bibliothek in ihrer Funktion als öffentliche Bildungsstätte, aber auch als Bauaufgabe an Bedeutung.122 Im Mittelalter waren es die Klöster und Kirchen, die die größten und bedeutenden Sammlungen pflegten. Diese waren allerdings zu klein und unbedeutend (die Rolle ist zudem der Form des gefalteten Codex gewichen), so dass im frühen Mittelalter die Bibliotheken als Bauaufgaben kaum interessierten. Die Bücher waren in den unterschiedlichsten Gebäudeteilen untergebracht, eigene Gebäude waren die Ausnahme. Der Idealplan der Klosteranlage von St. Gallen (vermutlich zwischen 819 und 826) sah ein fast freistehendes zweigeschossiges Bibliotheksgebäude im nördlichen Winkel zwischen Chorhaus und Querschiff der Kirche vor.123 Im Untergeschoss sollte das Scriptorium und im Obergeschoss die Bibliothek eingerichtet werden. Auch wenn sich das Gebäude im engsten räumlichen Zusammenhang mit der Klosteranlage befand, so wurde es eigens für den Bibliotheksund Studienzweck entworfen. Es handelt sich hier um die erste Vorstellung eines eigenständigen Bibliotheksgebäudes im Mittelalter, wenn es auch nicht verwirklicht wurde. St. Gallen zählte zu den bedeutenden Wissenschaftszentren des 9. Jahrhunderts, so dass es im Vergleich zu den vielen weit einflussloseren Klöstern eine verhältnismäßig große Büchersammlung besaß (um die 400 Bände) und dadurch die Planung eines selbständigen Gebäudes erklärt werden kann.124 Freistehende Bibliotheksgebäude innerhalb der Klosteranlage waren, soweit überliefert, noch in den Klöstern von Fontanella (822–833) und Monte Cassino (1058–87) vorgesehen.125 Bis in das 18. Jahrhundert hinein blieben freistehende, eigens für den Bibliothekszweck entworfene Bibliotheksgebäude bei den deutschen Klöstern eine Seltenheit. Eine Ausnahme im 17. Jahrhundert bildet das Bibliotheksgebäude des Benediktinerklosters in Reichenau-Mittelzell (1606 durch Fürstbischof und Abt Jakob Fugger errichtet).126 Für das 18. Jahrhundert sind die Bibliotheksbauten des Prämonstratenklosters Neustift bei 120 Vgl. Müller 1948, Sp. 519, Löschburg 1974, S. 8, Crass 1976, S. 11, Pevsner 1984, S. 91. 121 Vgl. Schürmeyer 1929, S. 5f und Löschburg 1974, S. 8. 122 Vgl. Müller 1948, Sp. 519 und Leyh 1961, S. 848. 123 Vgl. Müller 1948, Sp. 520, Leyh 1961, S. 849, Pevsner 1976, S. 91. 124 Vgl. Bosl 1972, S. 11 und Löschburg 1974, S. 8. 125 Vgl. Müller 1948, Sp. 520 und Leyh 1961, S. 849. 126 Vgl. Lehmann 1996, S. 505.

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Freising (1721)127, des Benediktinerklosters in Benediktbeuren (1722–25)128 und des Kapuzinerklosters in Luzern (1730)129 die einzigen bisher überlieferten Beispiele. Innerhalb der Bautradition der deutschen Universitätsbibliotheken ist bis zum 18. Jahrhundert kein eigenständiger Bau überliefert. Auch die deutschen Stadt- und Kirchenbibliotheken werden nur sehr vereinzelt in freistehenden Gebäuden untergebracht. In Braunschweig steht ein kappellenartiges Bibliotheksgebäude neben der Kirche St. Andreas aus dem Jahre 1422.130 Ein anderes Beispiel ist die Ulmer Bibliothek des Ratherrn Ulrich Kraft, für die „seit 1518 / 19 ein eigenes kleines Gebäude bei der Hütte auf dem Münsterkirchhof bestand, die sogenannte Hütten-Bibliothek.“131 1607-09 erhielt die Marienbibliothek der Kirche Unserer Lieben Frauen in Halle ein eigenes dreistöckiges Gebäude, in dem zugleich Wohnungen für die Prediger der Kirche untergebracht waren.132 Doch das sind nur vereinzelte Beispiele. Die deutschen Hofbibliotheken waren wie oben beschrieben bis zum Bau der Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel entweder in einem Flügel der Schlossanlage oder in zur Residenz gehörenden und schon vorhandenen Gebäuden aufgestellt.133 In Berlin äußerte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1620–88) 1687 zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum den Wunsch, ein eigenständiges Bibliotheksgebäude zu errichten.134 Im Rahmen der Ausgestaltung des Lustgartens sollte zwischen der Hofapotheke und dem Lusthaus, der „Grotte“, ein Neubau für die Bibliothek errichtet werden. Dieser sollte die Gestalt einer 443 Fuß langen und 46 Fuß 127 Es stand südöstlich der Klosteranlage und diente als Vorbild für Benediktbeuren. Vgl. Lehmann 1996, S. 486. 128 Bibliothek freistehend im Konventgarten, im Untergeschoss das Sommerrefektorium, im Obergeschoss sind das Archiv und der Bibliothekssaal untergebracht. Vgl. Lehmann 1996, S. 91 und S. 406. 129 Südöstlich des Konvents wird die Schule mit der Bibliothek darüber errichtet. Freistehend bis 1758–59 dann durch einen Flügel mit dem Kloster verbunden. Vgl. Lehmann 1996, S. 91 und S. 468. 130 Vgl. Müller 1948, Sp.521 und Löschburg 1974, S. 9. 131 Müller 1948, Sp. 524. 132 Vgl. Petzholdt 1863, S. 165 und Müller 1948, Sp. 523. 133 Die Hofbibliotheken von Kassel (bis 1779) und Wolfenbüttel (bis 1723) waren wie oben beschrieben z. B. über dem Marstall eingerichtet, die kurfürstliche Bibliothek in Berlin im so genannten Apothekenflügel des Königlichen Schlosses. Auch wenn es sich bei den ehemaligen Bibliotheken in Wolfenbüttel und Kassel um freistehende Gebäude handelte, so wurden diese nicht eigens für den Bibliothekszweck geplant. 134 Zum Projekt des Großen Kurfürsten vgl. insbesondere Pick 1913, S. 211–215. Außerdem Müller 1948, Sp. 526f, Leyh 1961, S. 866f und Lorenz 2002, S. 162f.

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breiten zweigeschossigen Galerie annehmen. Auf einem perspektivischen Plan von Berlin aus dem Jahre 1688 von Johann Bernhard Schulz ist die Bibliothek schon eingezeichnet, obwohl der Bau ein Jahr nach dem Tod des Großen Kurfürsten eingestellt wurde.135 Nach diesem Plan sollte der lang gestreckte Bau (29 Fensterachsen in der Längsseite) aus drei Geschossen bestehen (Abb. 19). Die Achsen des rustizierten Untergeschosses sollten durch Rundbogenarkarden gebildet werden. Das erste Obergeschoss sollte sich durch gewandete Rundbogenfenster gliedern, während das folgende Mansardgeschoss durch rechteckige Fenster in Achsen unterteilt wurde. Ein Mittel- und zwei Seitenrisalite, jeweils bestehend aus drei Achsen, sollten den Bau in der Länge gliedern. Die Risalitbildung sollte über Zwerchgiebel in der Dachzone weitergeführt werden. Das Mittelrisalit war besonders ausgestaltet: die drei Achsen wurden von breiten Pfeilern gerahmt, über dem zweiten Geschoss sollte ein spitzes Dach mit einer Attika verbunden werden. Die Dächer der jeweiligen Risalite sollten Statuen zieren, das Dach des Mittelrisalits sollte zusätzlich von einem Globus bekrönt werden. Aus dem Bauvertrag geht hervor, dass „die Bassimenten, die Capitale, Köpffe und Schlußstücken, welche vorne an die Pilaster und Bogen kommen von harten Sandstein nach der Jenischen ordre oder Zierrathe ausgehauen werden“136 müssten. Über die Ausgestaltung des Innenraums sind keine Quellen vorhanden. Allerdings sind in dem Reisetagebuch des schwedischen Hofarchitekten Nicodemus Tessin d. J. (1654–1728) die Funktionen der einzelnen Geschosse verzeichnet. Tessin berichtet im Sommer 1688: „In der einen Etage sollen schildereijen wie in einer langen Gallerie kommen, in der anderen Wohnungszimmer, umb aus dem Schloss appartement hineinzugehen in eine Suite, alwo am Ende den Ministern die Audience soll gegeben werden. Im dritten soll die Bibliotheque werden.“137 Anhand dieser Aufzeichnungen wird deutlich, dass der Bau nicht als ‚reiner‘ Bibliotheksbau geplant wurde, sondern aufgrund seiner repräsentativen Zweckbestimmung eher als ein neues „Staatsappartement“ zu sehen ist.138 Das Projekt wurde nicht beendet. Auch im übrigen Europa sind eigens für den Bibliothekszweck errichtete freistehende Gebäude selten. Zu den ersten kann die Bibliotheca Ambrosiana in Mailand gezählt werden.139 1603-09 (1618 wurde das Peristyl er135 Weiter als bis zum ersten Obergeschoss war man nicht gekommen. 136 Auszug aus dem Vertrag des Großen Kurfürsten mit seinem Baumeister, dem Niederländer Michael Matthias Smidts aus dem Jahre 1687. Abgedruckt bei Pick 1913, S. 213f. 137 Nicodemus Tessin zitiert in: Lorenz 2002, S. 162. 138 Vgl. Lorenz 2002, S. 162, der Peschken 1992 zitiert. 139 Vgl. Lehmann 1996, S. 19 und 470.

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gänzt) wurde das freistehende Bibliotheksgebäude, in dem die Büchersammlung, Studienräume und die Kunstkammer untergebracht waren, von Lelio Buzzi errichtet. Die Bibliothek als Teil einer der Allgemeinheit zugedachten Stiftung des Kardinals Frederigo Borromeo (1695–1731) steht mit einer Ärzteschule, einer Kunstakademie, einem Museum und einem botanischen Garten in engem Zusammenhang. Aber auch in Italien sind bis Mitte des 18. Jahrhunderts eigenständige Bibliotheksbauten schwer zu finden.140 In England entwirft Christopher Wren 1676 für das Trinity College in Cambridge ein eigenständiges Bibliotheksgebäude in Form eines Zentralbaus, das allerdings nicht ausgeführt wird (Abb. 32). Der verwirklichte Bau (1676–90) ist ein Längsbau, der für die Unterbringung der Bibliothek, des Archivs und der Verwaltung geplant wurde.141 Mit den anderen Universitätsgebäuden steht er in engem Zusammenhang, da er den von den älteren Collegegebäuden gebildeten Nevile Court im Westen schließt. Trotzdem ist der Bau in seiner Eigenständigkeit auch schon zeitgenössischen Reisenden aufgefallen. Uffenbach ist von dem „eigenen“ Gebäude begeistert und hebt die Tatsache, dass das Gebäude von vornherein für Bibliothekszwecke gebaut wurde, als lobenswert hervor.142 Diese Äußerung zeigt, dass die Eigenständigkeit von Bibliotheken Anfang des 18. Jahrhunderts noch eine bemerkenswerte Ausnahme ist. Im deutschsprachigen Raum beginnt die Wiederentdeckung des eigenständigen Bibliothekbaus mit dem Neubau der Wolfenbütteler Hofbibliothek. Auch wenn es sich bei der Örtlichkeit um ein schon vorhandenes Gebäude, nämlich um den alten Marstall (das alte Bibliotheksgebäude), handelt, so wird dieses in einen eigens für den Bibliothekszweck komplett neu entworfenen Bau umgewandelt. Dies und die räumliche Unverbundenheit zum Hof lassen die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde zum ersten bedeutenden selbständigen Bibliotheksgebäude einer fürstlichen Sammlung werden.143 140 1747 wird in Brescia die Bibliotheca Civica Queriniana als selbstständiges Gebäude errichtet. Vgl. Bosl 1972, S. 88. 141 Vgl. Clark 1902, S. 277–282, Leyh 1961, S. 857f. Plan des Colleges bei Baur-Heinhold 1972, S. 60. Das Untergeschoss besteht aus einer Säulenhalle, im Obergeschoss befindet sich der lange Büchersaal, in dem sich die Bücherregale entlang der Wände unter den Fenstern ziehen. Außerdem befinden sich auch quer gestellte Doppelregale, die kleine Nischen zum Studieren bilden und mit einem Tisch und zwei Stühlen ausgestattet sind, in dem Raum. Archiv und Verwaltung schließen sich an den Schmalseiten des Raums an. 142 Vgl. Bogeng 1913, S. 33. 143 Bosl weist im Zusammenhang der räumlichen Ungebundenheit auf die Bibliothèque du Roi in Paris hin. Diese war seit 1666 in einem Hôtel in der Rue Vivienne, also vom Louvre entfernt, untergebracht. Bosl ordnet die Bibliothèque du Roi dementsprechend noch vor der

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4.2.2 Die Bibliotheksrotunde der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel (1705–23) Die Baugeschichte

Seit 1644 stand die herzogliche Büchersammlung zu Wolfenbüttel in dem zu diesem Zweck erweiterten und eingerichteten Marstall (Abb.  26).144 Ende des 17. Jahrhunderts herrschte in den Räumen ein derartiger Platzmangel145, dass Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), der von 1690– 1716 die Bibliothek im Nebenamt leitete, dem regierenden Herzog Rudolf August (1627–1704, reg. 1666–1704) eine bauliche Erweiterung der Bibliothek empfahl. Erst mit dem Regierungsantritt des Bruders Herzog Anton Ulrich (1633–1714, reg. 1704–14) wurde das Vorhaben in Angriff genommen. Allerdings begnügte sich der Herzog nicht mit einer Vergrößerung des vorhandenen Baus, sondern beauftragte 1705 den Landbaumeister Hermann Korb (1656–1735) mit einem Neubau an gleicher Stelle unter Benutzung der Grundmauern des Marstalls.146 1723 bezog die fürstliche Büchersammlung ihr neues Domizil.147 Baufälligkeit und Feuergefährlichkeit führten 1887 zum Abriss des Gebäudes, welches bis auf die Grundmauern des alten Marstalls aus Fachwerk gebaut worden war.148 Die Wolfenbütteler Bibliothek dem Bautyp ‚selbstständiges Bibliotheksgebäude‘ zu. Allerdings wurde das Hôtel nicht eigens für den Bibliothekszweck gebaut, so dass der Wolfenbütteler Bibliothek ihre Eigenschaft als erster eigenständiger Hofbibliotheksbau der Neuzeit nicht abgesprochen werden muss. Vgl. Bosl 1972, S.  145. Zur Bibliothèque du Roi vgl. Paris 1856. Das Bibliotheksgebäude der Franckeschen Stiftungen in Halle (1726–28) gilt heute als der älteste erhaltene selbständige Bibliotheksbau im deutschsprachigen Raum. Der pietistische Theologe und Pädagoge August Hermann Francke (1663–1727) ließ den Bau innerhalb des Gebäudeensemles seiner sozial-pädagogischen Anstalten in Glaucha bei Halle errichten. Zur Bibliothek der Franckeschen Stiftungen vgl. Klosterberg 2007. 144 Die Wolfenbütteler Bibliothek wurde 1572 von Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg (1528–89) gegründet und war in dem Gebäude der alten Kanzlei, östlich vom Schloss untergebracht. 1644 erfolgte die Übersiedlung in den Marstall. Zur Baugeschichte vgl. Heinemann 1894, Meier / Steinacker 1904, Reuther 1966, Recker-Kotulla 1983. 145 Der Bestand hatte sich seit der Unterbringung im Marstall 1644 bis zu Beginn der Bauzeit 1705 auf ca. 36.000 Bände verdoppelt. Vgl. Recker-Kotulla 1983, S. 8. 146 Die Bibliothek wurde während der Bauzeit in ihrer alten Ordnung in dem ersten Obergeschoss des benachbarten Zeughauses aufgestellt. 147 Der äußere Bau war schon 1711 fertiggestellt. Allerdings wurden, nach einem Bericht des Bibliothekars Lorenz Hertel, erst Ende 1722 im Innern die Baugerüste entfernt. Vgl. Hertels Bericht an Herzog Ludwig Rudolf (1671–1735) über die Bibliothek (1731). Abgedruckt in: Heinemann 1894, S. 327–335. 148 Schon während der Bauzeit wurde die Konstruktionsweise kritisch betrachtet. Uffenbach bemerkt „zwey Hauptfehler“ an dem großen und ansehnlichen Gebäude: „der eine, dass es

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Bibliothek zog in einen in den Jahren 1882–1886 durch die Architekten Karl Müller und Gustav Bohnsack errichteten Neubau, in dem sie, wenn auch in umgestalteten Räumen, noch heute untergebracht ist.149 Baubeschreibung

Der Grundriss des Erdgeschosses der so genannten ‚Bibliotheksrotunde‘ zeigt, dass das längliche dreischiffig gewölbte Erdgeschoss des ehemaligen Marstalls in den Neubau integriert wurde.150 Nach hinten wurde das neue Gebäude durch eine Fachwerkkonstruktion erweitert, so dass insgesamt eine quergelagerte, rechteckige Grundfläche entstand. An der südlichen Längsseite wurde in der Mitte ein Vorbau angefügt, der das Treppenhaus beherbergte. Über die doppelläufige Treppe gelangte man im ersten Obergeschoss unverzüglich in den Bibliotheksraum, ein vermittelndes Vestibül oder ein Gang fehlten. Im ersten Obergeschoss stellte Korb in den rechteckigen Grundriss eine Ellipse aus zwölf quadratischen Pfeilern, denen auf jeder Seite zwei Pilaster vorgelagert waren (Abb. 30). Die Pilasterpaare bildeten in jedem der vier Geschosse eine vollständige Ordnung mit verkröpftem Gesims (Abb. 29 u. 31). Die dorische Ordnung machte den Anfang, es folgten die ionische und zweimal die korinthische. Während die Umgänge des ellipsenförmigen Mittelraums die einzelnen Geschosshöhen annahmen, erstreckte sich der Mittelraum selbst über alle vier Geschosse hinweg bis zur Decke des Tambours. Der durch diesen eingestellten Ellipsenzylinder vermittelte Raumeindruck erklärt den Beinamen „Bibliotheksrotunde“. Vier Bücherregale von Holz, und für die Bibliotheck nicht sicher ist, wozu der zweyte Fehler noch kommt, dass unten, welches sich nun gar nicht für ein solches Gebäude zu schicken scheinet, Stallungen für die Herrschaftliche Pferde sind.“ Uffenbach 1753, S. 307. Da nur der vordere Teil des Gebäudes auf den massiven Mauern des Marstalls ruhte, kam es bald zu Senkungsschäden, zumal es sich bei dem Baugrund um ehemaliges Sumpfgelände handelte. Zudem kamen Witterungseinflüsse hinzu, die die Vergänglichkeit der Holzkonstruktion beschleunigten. Zu den technischen Mängeln des Baus vgl. Recker-Kottula 1983, S. 15–23 und Kelsch 1985, S. 46f. 149 Zur Baugeschichte der heutigen Herzog-August-Bibliothek vgl. Heinemann 1894, S. 264– 272, Crass 1976, S. 46–48 und Recker-Kotulla 1983, S. 15–34. 150 Bei dem am nördlichen Rand des Schlossplatzes neben dem Zeughaus gelegenen Marstall handelte es sich um einen lang gestreckten zweigeschossigen Baukörper, an dem rechtwinklig an der nördlichen Längsseite ein etwas kürzerer, ansonsten gleichartiger Baukörper angefügt war (Abb. 26). Die Baubeschreibung der so genannten ‚Bibliotheksrotunde‘ stützt sich auf die überlieferten Abbildungen sowie auf die Analysen von Meier / Steinacker 1904, Reuther 1966 und Recker-Kotulla 1983. Vor dem ausgeführten Entwurf hat Korb einen ersten Entwurf angefertigt, auf den an dieser Stelle nur verwiesen wird.

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ummantelten im ersten Obergeschoss den Mittelraum, indem sie die Form der Ellipse nachzeichneten. Auf diese Weise entstand zwischen den Pfeilern und den Regalen ein Umgang. Mit vier den Ecken vorgelagerten Bücherregalen, deren Seiten zur Raummitte entsprechend der Ellipse gerundet sind, wurde ein weiterer Umgang geschaffen. Die Eckregale begrenzten so außerdem kleine Eckräume. In diesen waren einzelne besondere Teile der Bibliothek untergebracht, wie z. B. die Manuskripte, Inkunabeln oder die Bibelsammlung.151 Auch die Außenwände waren mit Bücherregalen verkleidet. Das zweite Obergeschoss glich von der Raumaufteilung her dem ersten. Das dritte Obergeschoss durchbrach das Dachgeschoss und bot sich dem Besucher als Wandfläche des Zylinders dar. Diese wurde von Pfeilern pilasterartig gegliedert. Die Wandfelder waren mit Bandelwerk verziert.152 Lichtquelle des Innenraums waren 24 Rundbogenfenster des Tambours im vierten Obergeschoss. Die Nebenräume wurden durch die Fenster in den Außenwänden beleuchtet. Der Zentralraum wurde von einer flachen verputzten Balkendecke begrenzt, die von einem mit Stuck umrahmten Fresko mit dem Bildthema „Planetenzeichen und Planetengötter“ geziert wurde.153 Das Fresko ist von Tobias Querfurth d. Ä. (1660–1734). Den Stuckkranz schuf Giacomo Perinetti (gest. 1716). Der Mittelraum diente nach einer Abbildung aus dem 19. Jahrhundert als Leseraum, in dem Tische aufgestellt waren. Außerdem waren im Leseraum Büchervitrinen an die Pfeiler gerückt worden, auf denen Büsten sehr wahrscheinlich bedeutender Dichter und Denker standen.154 Von außen zeigte sich das Gebäude als dreigeschossiger, in sieben Achsen gegliederter Bau (Abb. 27 u. 28). Ein Hauptgesims mit Karnies grenzte das Walmdach von dem Baukörper ab. Auf dem Walmdach wurde eine Kuppel von einem Tambour getragen. Ein Himmelsglobus auf umgitterter Plattform bekrönte bis 1728 die Kuppel.155 Ursprünglich umgab ein balust151 Vgl. Heinemann 1894, S. 105. 152 Die Mitte der Flächen scheinen von in sich verschlungenen Monogrammen geziert zu sein. Allerdings ist auf den überlieferten Gemälden des Innenraums nicht erkennbar, um welche Mitglieder der Herzogfamilie es sich handelte. 153 Herzog Anton Ulrich missfiel das Bildthema und er ließ einen Entwurf „Allegorie der Wissenschaften“ von einem bisher unbekannten Künstler anfertigen, der nie ausgeführt wurde. Der Entwurf, eine Ölskizze, befindet sich noch heute in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. 154 Vgl. die Abbildung des Innenraums in einem Ölbild von Louis Tacke aus dem Jahre 1886, abgedruckt in: Recker-Kottula 1983, S. 46. 155 Die Entfernung des Globus geschah zum einen aus statischen Gründen und zum anderen aufgrund der Brandgefahr durch Gewitter, da der Globus mit einem bemalten Bleimantel überzogen war. Vgl. Recker-Kotulla 1983, S. 11.

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radenartiger Umgang den Tambour unmittelbar auf den Dachflächen des Hauptgebäudes.156 Die Fassade zeigte sich schmucklos, mit einfacher an den Ecken der Fensterstürze verkröpfter Gewandung. Im Vergleich zur Einfachheit des Hauptbaukörpers war der risalitartige dreiachsige Treppen­ hausvorbau stärker architektonisch gegliedert. Der rundbogige Haupteingang in der Mittelachse des Erdgeschosses wurde von zwei schmaleren und niedrigeren Rundbogennischen umrahmt, die jeweils von zwei dorischen Pilasterpaaren mit vollständigem Gebälk eingefasst wurden. Ein Gurtgesims trennte das erste vom zweiten Obergeschoss. Die je drei Fenster in den oberen Geschossen hatten die gleiche Form und Gewandung wie die des übrigen Baus. Das zweite Obergeschoss öffnete sich in der Mittelachse zu einem Zwerchhaus mit einem nahezu quadratischen Fenster mit geohrter Gewandung an allen vier Ecken. Ein Gesims begrenzte das dreieckige Giebelfeld, in dem laut der überlieferten Abbildungen eine Sonnenuhr angebracht war.157 Glatte, verzahnte Eckquader waren an den beiden Obergeschossen des Treppenhauses sowie am Zwerchhaus zu sehen. Der gesamte Fachwerkbau war unter Putz gesetzt. Fischer erwähnt in seinem Reisebericht von 1731, dass das Gebäude von außen „weiss und am Holtzwerck grau angestrichen“158 gewesen sei. Die vom Marstall einbezogenen Bauteile aus Bruchsteinmauerwerk im Erdgeschoss sind zwar auf allen Entwürfen überputzt dargestellt, allerdings ist das Mauerwerk auf den Abbildungen des 19. Jahrhunderts zu sehen.159 Das Erdgeschoss erhielt damit den Charakter einer Rustika. Die Neuartigkeit des Baus

Damit eine Einheit aus Büchern und Architektur entstand, wurden auch die Bücher der Wolfenbütteler Hofbibliothek nach Formaten getrennt in die Regale eingeordnet.160 Ein Kriterium einer repräsentativen Saalbibliothek wurde auf diese Weise erfüllt. Das Motiv des weiten Saals wurde durch 156 Auch dieser Umgang wurde entfernt. Vgl.Recker-Kotulla 1983, S. 39. 157 Vgl. einen Stich von A.A. Beck nach Winterschmidt, 1766, abgedruckt in: Recker-Kottula 1983, S. 43 (Abb. 27), ein Ölbild von Ludwig Tacke, 1886 abgedruckt in: ReckerKottula 1983, S.  46 (Abb.  28) und zeitgenössische Fotografien abgedruckt in: ReckerKottula 1983, S. 47 und S. 48. 158 Christian Gabriel Fischer 1731, abgedruckt in: Predeek 1928, S. 238. 159 Vgl. das Ölbild von Ludwig Tacke, 1886 abgedruckt in: Recker-Kottula 1983, S.  46 (Abb. 28) und zeitgenössischen Fotografien abgedruckt in: Recker-Kotulla 1983, S. 47 und 48. 160 Vgl. den Bericht des Bibliothekars Hertel an Herzog Ludwig Rudolf aus dem Jahre 1731. Abgedruckt in Heinemann 1894, S. 333. Hertel betonte den sehr guten Anblick bei Anord-

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den Mittelsaal aufgenommen. Die Ergänzung durch die Umgänge lässt allerdings im Vergleich zu den Saalbibliotheken eine Erfassbarkeit des gesamten Bibliotheksraums nicht zu. Wie oben gezeigt, wird auch bei einigen Saalbibliotheken das gesamte Raumgefüge durch die Stellung der die Empore tragenden Säulen aufgelockert. Wie z. B. in Wiblingen (Abb. 16 u. 17) entsteht dann zwischen den Säulen und den Raumwänden ein Zwischenraum, der allerdings so schmal ist, dass ihm keine Eigenständigkeit gegeben werden kann. Dies ist in Wolfenbüttel nicht der Fall. Hier werden die Pfeiler in die Mitte des Raumes gestellt. Durch diese Stellung der Arkaden bildet sich ein eigenständiges Raumgefüge von einem Binnenraum und diesen umgebenden Räumen. Verstärkt wird dieser Effekt durch die vier Bücherregale, die den ellipsenförmigen Mittelsaal umschließen. Nicht schmale Pfeiler wie bei den Klosterbibliotheken tragen die Emporen, sondern ein hinter den Pfeilern weitergehendes Raumgefüge. Auch kann man schwerlich von Emporen sprechen. Das zweite Geschoss formiert sich nicht mehr aus einem schmalen Umgang, sondern führt die Räumlichkeit des unteren Geschosses fort. Diese Raumkomposition führte zu einem neuartigen Zusammenwirken von Repräsentations- und Nutzfläche. Während der Innenraum als Repräsentationsraum fungierte, suggerierten die umliegenden Räume eine gelungene Raumausnutzung für die Unterbringung der Bücher. Neben dem repräsentativen Charakter erfüllte der Entwurf auch die Forderung nach Zweckmäßigkeit.161 Diese wurde durch die bequeme Erreichbarkeit der Bücher selbst in höheren Fächern und die Helligkeit des mittleren Leseraumes durch das Oberlicht sowie die geweißten Decken in den Umgängen erhöht.162 Durch den Entwurf der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde bricht Hermann Korb mit der traditionellen Gestalt bisheriger Bibliothekssäle. Die architektonische Gesamtkonzeption, die in einen rechteckigen Kubus einen die Vertikale betonenden Ellipsenzylinder stellt, ist bis dahin noch nicht als Bibliotheksraum verwirklicht worden.

nung der Bücher nach der Höhe. Eine Ordnung nach den „Materien“ „hat doch [...] seine difformitet.“ 161 Die Zweckmäßigkeit loben Heinemann 1894, S. 105 und 106f und Wackernagel 1915, S. 174. 162 Die bequeme und zweckmäßige Ausstattung der Bibliothek fällt auch den zeitgenössischen Besuchern auf. Fischer schreibt in seinem Reisebericht: „Beyde Etages sind nicht gar hoch, daß man leicht die Bücher langen kan, und dazu sind die Decken geweisset umb besser Licht zu gewinnen...“. Christian Gabriel Fischer, 1731 in: Predeek 1928, S. 238.

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Formale Anregungen für den Entwurf

Aufgrund der dürftigen Quellenlage – Bauakten und ursprüngliche Baupläne sind nicht vorhanden – ist eine eindeutige Zuordnung der Urheberschaft dieser neuartigen Idee schwierig. Neben dem Architekten Hermann Korb, der sich bis zum Bau der Bibliothek insbesondere durch die Bauleitung von Schloss- und Kirchenbauten einen Namen gemacht hatte, gelten der Bauherr Herzog Anton Ulrich und sein Bibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz als weitere Initiatoren.163 Im Folgenden werden zunächst Bautypen untersucht, die möglicherweise als Vorbilder gedient haben könnten. Bibliotheksentwurf für das Trinity College in Cambridge

1676 entwarf der Engländer Christopher Wren eine Bibliotheksrotunde für das Trinity College in Cambridge.164 Der Entwurf, der nie verwirklicht wurde, zeigt einen Zentralbau mit ionischem Portikus, der im Innern eine Bibliotheksrotunde besitzt (Abb. 32–34). Im Sockelgeschoss sind Sitzbänke für die Leser zu einem Kreis aufgestellt. In dem sich darüber erstreckenden Raum sind die Bücherregale rundherum an den Wänden der Rotunde über drei durchgehende Geschosse bis hoch zum Tambour gestellt. Die Bücherwände werden in ihrer Senkrechten durch zwölf korinthische Pilaster rhythmisiert. Jedes der dadurch entstehenden Segmente wird in drei Abteilungen mit je fünf Brettern aufgeteilt. Der Zugang zu den oberen Regalen erfolgt nicht wie üblich über Emporen, sondern über spärlich beleuchtete Umgänge, die sich hinter den Regalen befinden. Ob die Bücher mit ihren Rücken oder ihren Schnitten in den zentralen Leseraum zeigen sollten, ist mit Hilfe der überlieferten Skizzen nicht erkennbar.165 Die Kuppel wird von den Pilastern getragen, ihre Laterne von einer Kugel bekrönt. Als Lichtquelle der Rotunde fungieren die halbkreisförmigen Fenster im Tambour 163 Es ist nicht Aufgabe dieser Arbeit, eine nachweisbare Urheberschaft für die Form zu ermitteln, aber aufgrund der möglichen Wolfenbütteler Vorbildfunktion für Weimar ist eine Darstellung der verschiedenen Annahmen, erwogen aufgrund der vorhandenen Quellenlage und bautypologischen Überlegungen, notwendig. 164 Zur Bibliotheksrotunde von Wren vgl. Fürst 1956, S. 66, Becker 1992, S. 248f und Colvin 1995, S. 32f. 165 Colvin sieht in der unbequemen Erreichbarkeit der Bücherregale sowie in der Aufstellung der offenen Sitze, die kein intimes Studieren erlauben, die Gründe für die Zurückweisung des Entwurfs. Der akzeptierte und verwirklichte Entwurf Wrens ordnet sich mit seinem langgestreckten Büchersaal, in dem die Bücherregale sowohl entlang den Wänden als auch nischenbildend quer zum Raum gestellt sind, in die Tradition der englischen Universitätsbibliotheken kompromisslos ein. Vgl. Colvin 1995, S. 33.

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sowie die rechteckigen Fenster der Laterne. Auf diese neuartige Weise wurde der Raum optimal beleuchtet und zudem räumlich bestmöglich genutzt, da die gesamte Wandfläche mit Regalen überzogen werden konnte, ohne auf Fensteraussparungen Rücksicht zu nehmen. Der Vergleich des Wolfenbütteler Entwurfs mit dem des Engländers weist gewisse Übereinstimmungen auf. Auch Korb stellte zwölf Pfeiler in den Raum, um einen zentralen, wenn auch nicht kreis-, sondern ellipsenförmigen Innenraum zu schaffen. Zudem deutete er auch in der äußeren Gestalt einen Kuppelbau mit durchfenstertem Tambour an. Das Motiv der Kugel auf der Wrenschen Laterne äußerte sich in Wolfenbüttel durch den Himmelsglobus. Es ist allerdings fragwürdig, ob der Architekt Korb, sein Bauherr Herzog Anton Ulrich oder der Bibliothekar Leibniz den Entwurf des Engländers gekannt haben.166 Da dies eher unwahrscheinlich ist, stellt sich die Frage, wo der Ursprung der Idee zu der neuartigen Raumkonzeption in Wolfenbüttel liegt. Pantheon in Rom

Dadurch, dass der Zylinder in der Betonung seiner Vertikalen das Dachwerk des horizontal gelagerten Kubus durchdrang, erhielt die Wolfenbütteler Bibliothek den Charakter eines Rundtempels.167 Vitruvs Grundriss eines antiken Peripteros gilt in der Architekturtheorie als eines der frühesten Beispiele für einen Zentralbau.168 Er kann als die Urform für alle Architekturen dieser Gattung verstanden werden. Auch der Wolfenbütteler Innenraum lehnt sich im Grundriss an den kreisförmigen Tempel Vitruvs an. Dass Korb nicht den Kreis, sondern die Ellipse bevorzugte, mag praktische Gründe gehabt haben. Zum einen verfügt die Ellipse, bezogen auf die umschlossene Fläche, über einen größeren Umfang als ein Kreis. Auf diese Weise wurden mehr Wandstellflächen für Bücherregale geschaffen als bei 166 Ein Briefwechsel zwischen Leibniz und Wren ist bis heute nicht nachweisbar. Leibniz war allerdings zu der Zeit in London (1672), als Wren in seiner Funktion als Surveyer-General of the King’s Works zum Teil den Wiederaufbau der City of London nach einem Brand leitete. Wren war zudem aktives Mitglied der Royal Society of London. ������������������������ Dass Leibniz den Engländer zumindest als Mathematiker gut kannte, geht aus einem Brief aus dem Jahre 1674 an den Mathematiker Christiaan Huygens (1629–95) hervor. Ob ihm allerdings Wrens architektonisches Schaffen bezüglich der Bibliothek bekannt war, ist nicht geklärt. Vgl. Becker 1992, S. 250. 167 Diesen Charakter nahmen auch die zeitgenössischen Besucher wahr. Der Architekturtheoretiker Leonhard Christoph Sturm (1669–1719) beschreibt in seinen Reiseanmerkungen im Jahre 1716 das Gebäude als einen ovalrunden Tempel. Vgl. Sturm 1719, S. 6. 168 Vgl. Rosenbusch 2002, S. 6 und 10. Wie in Wolfenbüttel sind es hier zwölf Säulen, die die Cella kreisförmig umgeben.

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einem flächengleichen Kreisgrundriss.169 Außerdem hätte bei gegebenen Grundrissbedingungen des Rechtecks der innere Kreis sehr klein werden müssen, um eine Symmetrie des Raums zu schaffen bzw. das Gebäude hätte in der Tiefe übermäßig erweitert werden müssen. Die Entscheidung für das Oval ist vermutlich dementsprechend aus einer pragmatischen Überlegung heraus gefällt worden.170 Eines der auch im 18.  Jahrhundert angesehensten zentralen Kuppelrundbauten mit Säulenvorbau ist das Pantheon (118–125 n.Chr.) in Rom (Abb. 35). Zeitgenossen haben sich in ihren Reiseberichten zu einem Vergleich der Wolfenbütteler Bibliothek mit dem antiken Bau hinreißen lassen.171 Auch wenn Korb die Pantheonidee umformte und neu akzentuierte, z. B. verwendete er wie erwähnt die Ellipse statt des Kreises oder er nahm eine Geschossgliederung vor und setzte einen Globus auf das Dach statt ein Opaion einzufügen, zeigt sich eine Verwandtschaft. Außen tragen der Portikus und die angedeutete Kuppel dazu bei. Wie beim Pantheon wird auch hier die Beleuchtung des Raumes von der Dachzone aus geregelt. Die Lichtquelle bleibt dem Besucher auf Grund der Raumhöhe zunächst verborgen und drängt sich optisch nicht in das Bewusstsein.172 Villa Rotonda von Palladio

In der Forschung wird ein weiteres Gebäude mit dem Wolfenbütteler Bau in Verbindung gebracht: Andrea Palladios 1566–67 in Vicenza errichtete so genannte Villa Rotonda.173 Der in den quadratischen Grundriss eingestellte 169 Vgl. Rosenbusch 2002, Anm. 8. 170 Im 17. Jahrhundert begann sich das Oval im Profanbau zu verbreiten, wie z. B. im Ahnensaal in Frain von Johann Bernhard Fischer von Erlach (ab 1688) oder der Festsaal im Charlottenburger Schloss in Berlin von Andreas Schlüter (1695). Vgl. Rosenbusch 2002, S. 32, Anm. 8. 171 Vgl. die Äußerungen von Albrecht von Haller am 24. Juli 1726: „Die Bibliotheque zu Wolfenbüttel ist in der Citadelle gegen dem Schloss über, wo ein schöner Platz ist. Das Gebäude ist rund, wie das Pantheon“ oder Johann Bernhard Gleim 1787: „Das Gebäude ist rund, wie das Pantheon“. Beide zitiert in: Kelsch 1985, S. 45. Der Dichter Friedrich von Matthison (1761–1831) beschreibt die Bibliothek folgendermaßen: „Dies Gebäude überrascht durch seine kühne Bauart. Es ist eine Rotunde, welche den Tag durch die Kuppel erhält, und sich daher einer ebenso günstigen Erleuchtung rühmen kann wie das Pantheon in Rom.“ Zitiert in: Rosenbusch 2002, S. 31, Anm. 3. 172 Wilkens betont, dass in Wolfenbüttel auf Grund des hohen Seitenlichts ein weicher Widerschein erzeugt wird im Gegensatz zum Pantheon, wo das senkrecht fallende Licht hart wirkt. Aber trotz der Unvergleichbarkeit in der Ursache ist auch seiner Meinung nach der Effekt für den Eintretenden in Wolfenbüttel und in Rom gleich. Vgl. Wilkens 2002, S. 35f. 173 Vgl. u. a. Heinemann 1894, S. 105, Alvensleben 1937, S. 82, Scheel 1973, S. 190f, Recker-Kotulla 1983, S. 12, Kelsch 1985, S. 44f.

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kreisrunde Kuppelsaal gibt dem Bau seinen Beinamen (Abb. 36). Er durchzieht in der Vertikalen zwei Geschosse und wird von einer Kuppel gewölbt, in der ein Oberlicht für Beleuchtung sorgt. Wie bei der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde scheint der Zylinder des mittleren Raumes den kubischen Baukörper zu durchbrechen. Um den Mittelsaal gruppieren sich in strenger Symmetrie die übrigen Räume. Vier Tempelportiken mit vorgelagerten Freitreppen an jeder Seite des Gebäudes charakterisieren den kubischen Außenbau. Portikus und Kuppel können als eine Anlehnung an das Pantheon verstanden werden.174 Der Bau mag als Rom-Erinnerung gesehen werden, zumal der Auftraggeber Paolo Alermico als päpstlicher Referendarius in Rom gewirkt hatte. Palladio bricht mit der Tradition und verwendet das Kuppelmotiv, welches bisher hauptsächlich sakralen Gebäuden vorbehalten war, für ein profanes Gebäude.175 Außerdem wurde die Villa vom Bauherrn als „Ort erlesener humanistischer Gespräche konzipiert.“176 Die Villa erfährt dann in diesem Zusammenhang eine Sakralisierung als ein „Musentempel“.177 Die nach den Gesetzmäßigkeiten der Symmetrie erreichten harmonischen Proportionen des Baus müssen die Zeitgenossen sehr beeindruckt haben. Wie in den meisten architekturtheoretischen Schriften der Zeit zählen auch für den Wolfenbütteler Architekturtheoretiker Leonhardt Christoph Sturm (1669–1719) Proportion, Symmetrie und Mannigfaltigkeit zu den wichtigsten ästhetischen Kategorien der Architektur.178 Folgt die Architektur den Gesetzen der Symmetrie und der mathematischen Exaktheit, überwindet sie die Unvollkommenheit der Natur und perfektioniert diese. „Schönheit“ wird in diesem Zusammenhang im Sinne von Ordnung und diese als intellektuelles, ästhetisches Prinzip begriffen.179 Die strikte Ausgewogenheit ihrer Proportionen ließ die Villa Rotonda im ästhetischen Sinne

174 Vgl. Reinle 1976, S. 120. 175 Zur zögernden Übernahme des Zentral- und Kuppelbaus im profanen Bereich im 16. und 17. Jahrhundert vgl. Reinle 1976, S. 120. 176 Puppi 1989, S. 32. 177 Vgl. Norten 1986, S. 44 und Puppi 1989, S. 32. 178 Vgl. Schütte 1986, S. 30–39 und Steierwald 1995, S. 75. 179 Der Ordnungsbegriff der Architekturtheoretiker des 18.  Jahrhunderts regelt die formale Beschaffenheit eines Gebäudes. Die „Schönheit“ eines Gebäudes ist nur durch „Ordnung“ gegeben, d. h. die Einhaltung von Regeln ist unerlässlich. Viele Theoretiker begründen diese ästhetische Ordnung, indem sie auf architekturexterne Prinzipien wie die Antike, die Natur und die Mathematik verweisen. Vgl. Schütte 1986, S. 152–160.

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zu einem Bespiel einer Idealarchitektur werden, die auch im braunschweigschen Raum großes Ansehen genoss.180 Es ist nicht nachweisbar, ob Korb auf seinen Italienreisen in Vicenza gewesen ist.181 Fest steht allerdings, dass der Bauherr der Bibliothek Herzog Anton Ulrich in den Jahren 1680–1687 viermal Italien bereist hat und auf seinem Wege auch Vicenza passierte.182 Aufgrund ihres Ruhmes ist stark anzunehmen, dass er der Villa einen Besuch abgestattet hat, zumal Palladios „I quattro libri dell’architettura“ aus dem Jahre 1570 bereits von seinem Vater Herzog August für die herzogliche Bibliothek erworben worden war. Der Herzog stattete nachweislich Rom einen Besuch ab, wo er sicherlich auf das ideale antike Vorbild aller Zentralbauten, das Pantheon, aufmerksam wurde. Bezugnehmend auf die ausführliche Antikenkenntnis des Herzogs vermutet Kelsch, dass „Anton Ulrich bei der Planung einer Bibliotheksrotunde als eines Tempels der Wissenschaften Palladios Villa Rotonda und das Pantheon als Idee vorschwebte und dass er seinem Landbaumeister diese Vorstellung als Wunsch vermittelte. [...] Dass er mit seiner Bibliothek keine Nachahmung des Pantheons oder der Rotonda erreichen konnte, sondern nur einen Abglanz dieser Idealkunst, ist verständlich. Aber wenn das Pantheon aus Vorhalle und Rundbau besteht, so ist diese Idee in der Wolfenbütteler Rotunde aufgenommen.“183 Kolosseum in Rom

Die Anwendung der sich über vier Stockwerke erstreckenden Superposition verbindet die Bibliotheksrotunde mit einem weiteren antiken Gebäude.

180 Zur Symmetrie und den Proportionsverhältnissen der Villa Rotonda und dem daraus resultierenden Verständnis des Baus als ästhetisches Gebilde vgl. insbesondere Jauslin 1995. Zum Einfluss der palladianischen Traktatliteratur in Wolfenbüttel und Hannover und so auf die Theoretiker Nicolaus Goldmann (1611–1665) und Leonhard Christoph Sturm vgl. Steierwald 1995, S. 76f. 181 Die Quellenlage zu Hermann Korb ist dürftig. Als eine der wichtigsten Quelle gilt die Inschrift auf seinem Grabstein. Nach dieser muss Korb in Italien gewesen sein: „[...]Italien machte ihn in seiner Kunst vollkommen [...]“. Der Wolfenbütteler Kanzleisekretär und Archivar Johann Georg Burckhard überliefert, dass Herzog Anton Ulrich seinen Baumeister zweimal nach Italien geschickt hat. Vgl. Janus Gregorius Betulius [d.i. Johann Georg Burckhard] 1710, S. 95f, die Übersetzung der enstsprechenden Stelle findet sich bei Fink 1950, S. 187. Fink weist außerdem nach, dass eine dieser Reisen zwischen 1689 und 1690 gewesen sein muss. Vgl. auch Osterhausen 1983, S. 124. Allerdings sind seine Aufenthaltsorte bis heute nicht nachweisbar. Vgl. Kelsch 1985, S. 11. 182 Vgl. Kelsch 1985, S. 45. 183 Kelsch 1985, S. 45.

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Durch die an das Kolosseum in Rom angelehnte Staffelung erklärte Korb den Bibliotheksraum zu einem „Theatrum scientiae et eruditionis“.184 Dem antiken Amphitheater wird seit dem 16. Jahrhundert ein universaler Charakter zugesprochen.185 Der Mnemoniker Giulio Camillo (1480– 1544) versuchte, das gesamte Wissen seiner Zeit auf den Stufen eines hölzernen Amphitheaters nach dem römischen Modell Vitruvs anzuordnen. Seine Idee war es, ein „Theatrum mundi“ darzustellen.186 Dem Betrachter, der auf der Bühne steht, sollte das universale Wissen um die Schöpfung vergegenwärtigt werden. Auch die Bibliotheksrotunde zu Wolfenbüttel kann als ein Abbild der Welt verstanden werden, die sich in den Büchern offenbart, daher ist eine Verbindung zum antiken Theater nicht abwegig. In dem später folgenden Abschnitt über den Einfluss Leibniz’ auf den Bau wird der Gedanke der Bibliothek als Abbild der Welt aufgegriffen und vertieft. Protestantische Kirchenbauten

Kelsch geht davon aus, dass Anton Ulrich den Haupteinfluss auf Korb übte. Der baufreudige Fürst sah sich nicht nur bei den Kirchenbauten, sondern auch bei profanen Bauprojekten als „Inventor“.187 Sein Architekturverständnis und seine künstlerische Einflussnahme sind von Zeitgenossen wie Leibniz und Sturm überliefert. Auch Osterhausen ist von der Einflussnahme des Herzogs auf Korb überzeugt. Allerdings geht er von dem Vorbild des protestantischen Kirchenbaus aus.188 Ein beliebter Typ im Wolfenbütteler Raum war der des Zentralbaus mit einer die umlaufenden 184 Vgl. Warncke 1992, S. 183. Eine Architektur mit Superposition findet sich auch im direkten Zusammenhang mit Bibliotheksräumen. Der so genannte „Tower of the five Orders“ (1636 von Thomas Holt erbaut), der sich am Bodleian Square in Oxford über einem Torgang erhebt, steht in unmittelbarer räumlicher Verbindung zur Bodleian Library. Die Wandverkleidung des Turms verbindet alle fünf Ordnungen in gekoppelter Säulenstellung übereinander. Seine Zugehörigkeit zu den bedeutendsten Universitätsbibliotheken Englands lässt in England die aus dem antiken Formenkanon verwendeten architektonischen Mittel Koppelung und Superposition zu einem Wahrzeichen dieser Bauaufgabe werden. Da die Bodleian Library zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu den bekanntesten Universitätsbibliotheken Europas zählte, mag die Gestalt des Turmes auch in Wolfenbüttel bekannt gewesen sein. Die Wolfenbütteler Bibliothek stand in der wissenschaftlichen Bedeutung ihrer Sammlung den englischen Universitätsbibliotheken in nichts nach. Eine Aufnahme der Motive Koppelung und Superposition scheint auch vor diesem Hintergrund gerechtfertigt. Zum „Tower of the five orders“ und dessen Funktion als Erkennungszeichen von Universitätsbibliotheken vgl. Rosenbusch 2002, S. 16–18. 185 Vgl. Matthes 1995, S. 139f. 186 Zu Camillos „Theatrum mundi“ vgl. Bernheimer 1956 und Matthes 1995, S. 139f. 187 Vgl. Osterhausen 1983, S. 126f, Boeck 1982, S. 91f und Kelsch 1985, S.8 und S. 60. 188 Vgl. Osterhausen 1983, S. 125.

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Emporen tragenden, polygonalen Pfeilerstellung im Zentrum (Immanuelskirche in Hehlen189, Schlosskapellen Salzdahlum190 und Hundisburg191 und der erste Bau der Trinitatiskirche192 in Wolfenbüttel (Abb. 37)). Bei all diesen Bauten hatte Korb mitgewirkt.193 Anton Ulrich hatte nicht nur den Bau dieser Kirchen finanziell unterstützt, sondern auch die Planung und den Baufortschritt kritisch verfolgt.194 Das Grundkonzept, die Durchdringung eines kubischen äußeren Baukörpers mit der Haut eines inneren Zentralraums, weist insbesondere bei dem ersten Bau der Trinitatiskirche in Wolfenbüttel eine Ähnlichkeit mit dem Bau der Bibliothek auf.195 Durch die Verwendung sakraler Formensprache mag eine Sakralisierung des Bibliotheksbaus beabsichtigt gewesen sein. Auf die architekturikonologische Verbindung zwischen dem protestantischen Kirchenbau und dem Bibliotheksbau wird später eingegangen. Die Einflussnahme Leibniz’ – ein Versuch, die Architektur der Bibliotheksrotunde theoretisch zu begründen

In der Forschung wird Korb nicht nur durch die Mitwirkung von Anton Ulrich die alleinige Urheberschaft des Entwurfs abgesprochen. Es wird zudem vermutet, dass der Entwurf auf Ideen von Leibniz, Oberbibliothekar und Berater des Herzogs, zurückgeht.196 Diese Annahme stützt sich zunächst auf die Aussage eines Reisenden aus dem Jahre 1782, dem der damalige Bibliothekar Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) versichert haben soll, „dass dieses Gebäude ums Jahr 1710 nach der Angabe des Herrn von Leibnitz erbauet sey.“197 Desweiteren hat Leibniz’ nachgewiesenes Interesse 189 Erbaut 1697–1699, Bauherr: Friedrich Achaz von Schulenburg, Baumeister: vermutlich Herrmann Korb. 190 Geweiht 1694. Bauherr: Herzog Anton Ulrich, Baumeister: Johann Balthasar Lauterbach (Planung und erste Bauleitung), Hermann Korb. 191 Erbaut 1693–1702, Bauherr: J.F. von Alvensleben; Baumeister: vermutlich Planung und erste Bauleitung Johann Balthasar Lauterbach, dann Hermann Korb. 192 Erbaut 1693–1700, Bauherr: Herzog Anton Ulrich, Baumeister: Johann Balthasar Lauterbach und Hermann Korb. 193 Vgl. Boeck 1982, S. 94. 194 Vgl. Osterhausen 1983, S. 126f, Boeck 1982, S. 91f und Kelsch 1985, S. 8 und S. 60. 195 Vgl. Boeck 1982, S. 94. 196 Diese Meinung vertreten Meier / Steinacker 1904, S.  150, Alvensleben 1937, S.  82f, Reuther 1966, S. 355f, Haase 1973, S. 26, Recker-Kotulla 1983, S. 13, Reuther 1983, S. 722f. 197 Aus „Bemerkungen über verschiedene Gegenstände auf einer Reise durch einige deutsche Provinzen, in Briefen von G. H. Hollenberg“, 1782, S.  251f. Abgedruckt in: Heinemann 1894, S. 344f.

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an architektonischen Fragestellungen und an der Architekturtheorie die Forschung veranlasst, ihn als geistigen Urheber für den Bibliotheksentwurf zu sehen.198 Eine Aussage des Gelehrten über die Gestalt eines Neubaus ist bis heute nicht schlüssig nachweisbar. In einem 1696–97 für die Herzöge Rudolf August und Anton Ulrich verfasste Promemoria schlug Leibniz vor, die Büchersammlung, das „Corpus Augustaeum“ als ein „Monumentum gloriae perennis“ an vorhandener Stelle zu belassen, während die in einem besonderen Katalog zu verzeichnenden Neuanschaffungen in einem Neubau, den die Herzöge „an das vorige möchten laßen sezen wollen“, unterzubringen seien.199 Nach dem Tod Rudolf Augusts erinnerte Leibniz 1704 Anton Ulrich an eine Erweiterung der Bibliothek. In einem Promemoria an den Herzog appellierte der Bibliothekar, „dass die hochberühmte Wolfenbutelische Bibliothec [nicht] zugrunde gehe, sondern vielmehr der Augustae eine Antoniam bey[zu]fügen [sey], welches mit erweiterung des gebäudes und guther anstalt zu anschaffung neuer Bücher geschehen köndte.“200 In beiden Fällen erwähnte Leibniz einen Neubau für die neu anzulegenden herzoglichen Büchersammlungen, allerdings spricht er jedes Mal von einem Anbau an das bereits vorhandene Gebäude, nicht von einem komplett neuen Entwurf. Allein nach der Quellenlage ist ein Einfluss von Leibniz auf den Entwurf des Wolfenbütteler Bibliotheksgebäudes nicht zurückzuführen. Allerdings lassen seine Äußerungen über eine ideale Bibliothek Rückschlüsse zu, die sein Mitwirken an der Formfindung der Bibliotheksrotunde wahrscheinlich machen. Für den Philosophen ist eine Bibliothek entsprechend seinem enzyklopädischen Wissenschaftsverständnis eine „Schatzkammer aller Reichtümer des menschlichen Geistes, zu der man seine Zuflucht nimmt für die Künste des Friedens und des Krieges, für die Erhaltung des menschlichen Körpers, für die Kenntniss der Mineralien, Pflanzen und Thiere, überhaupt für die Geheimnisse der Natur, für die Bewegung der Gestirne, der verschiedenen Regionen der Erde, für bürgerliche und militärische Baukunst, 198 Vgl. Alvensleben 1937, S. 82f. Leibniz’ Aufenthalt in Wien zwischen 1712 und 1714, sein nachgewiesenes Interesse für den Neubau der Wiener Hofbibliothek und seine Bekanntschaft mit dem für den Entwurf verantwortlichen Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach und dessen Sohn Josef Emmanuel, der den Entwurf 1722–26 ausführte, sowie Ähnlichkeiten in der Konzeption der Anlagen in Wolfenbüttel und Wien führten Reuther zu der Annahme, dass Leibniz auf den Entwurf beider Gebäude Einfluss genommen hat. Vgl. Reuther 1966, S. 354–356. 199 Vgl. Abschrift des Promemoria betr. die Einführung des Stempelpapiers zu Gunsten der Wolfenbütteler Bibliothek, Ende 1696 / Anfang 1697 in: Scheel 1973, S. 197–199. 200 Leibniz für Herzog Anton Ulrich. Promemoria die Wolfenbütteler Bibliothek betr. 1704. Abschrift in: Bodemann 1888, S. 154–156.

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für Verschönerungen und öffentliche Anlagen, für Gesetze, Polizei und gute Staatsordnung, für alte und neuere Geschichte, für die Angelegenheiten der Fürsten, für alles das menschliche Interesse reizende Schöne, kurz für das Angenehme sowohl wie für das Nützliche und Nothwendige, aber vor allem für die Vertheidigung der wahren Religion: sie ist mit einem Worte vergleichbar einer Versammlung der grössten Menschen aller Jahrhunderte und aller Nationen, die uns ihre auserlesensten Gedanken mittheilen.“201 Die Bibliothek gleicht einer „Enzyklopädie oder Universalwissenschaft, die in drei oder vier Zimmern eingeschlossen ist und in der man alles erhalten kann, was von Nutzen ist.“202 Die Bibliothek als Universalinstrument leistet einen Beitrag zum allgemeinen Besten, zur menschlichen Glückseligkeit, denn durch Förderung und Mehrung der wissenschaftlichen Erkenntnis wird zugleich die Erkenntnis Gottes gefördert.203 Die Aufgabe der Bibliothek ist, das bisherige Erfahrungswissen zu sammeln, zu ordnen und aufzubewahren.204 Das Sammeln aller schon existierenden Kenntnisse und Fertigkeiten ist die wichtigste Voraussetzung für Zunahme und Fortschritt der Wissenschaften. Das Buch ist dabei Träger, Verbreiter und Bewahrer des Wissens.205 Im Sinne von Leibniz’ Monadologie können die Bücher, wie die Monaden, als zueinander in Beziehung stehende Einheiten eines großen Ganzen verstanden werden.206 Nach dem damaligen Bibliotheksverständnis war das Ziel einer idealen Bibliothek, die Fülle und die Ordnung des Kosmos einzufangen, also eine Repräsentation des Ganzen bzw. des Universums zu sein. Wie Leibniz’ Monaden birgt jedes Buch in sich seine eigene 201 Brief an den Oberhofmarschall von Steinberg in französischer Sprache (Datum ist nicht überliefert). Deutsche Übersetzung abgedruckt bei Heinemann 1894, S. 117. Der Brief ist in französischer Sprache abgedruckt bei: Bodemann 1888, S. 79–80. 202 „Mon dessein dans l’amas d’une Bibliotheque serait de donner une encyclopedie, ou science universelle enfermée en trois ou quatre chambres, dans laquelle on peut tout avoir qui fut d’usage“. Plan der Einrichtung einer Bibliothek vermutlich November 1680 abgedruckt in: Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe IV / 3, Nr. 30, 1986, S. 350. Zu Leibniz’ Verständnis des Enzyklopädiebegriffs vgl. Dierse 1977, S. 25–35. 203 Vgl. Scheel 1973, S. 176. 204 Vgl. Totok 1966, S. 309 und S. 311. 205 Vgl. Totok 1966, S. 308. 206 In Leibniz’ Metaphysik stehen die Monaden für jene Krafteinheiten, durch deren Beziehung zueinander der Weltzusammenhang hergestellt wird. Das Individuelle (‚Mikrokosmos‘), die einzelne Monade, ist Ausdruck des Universums (‚Makrokosmos‘): Im Einzelnen spiegelt sich das das Ganze. Dass die Einheit des Universums gewahrt bleibt, liegt an der prästabilierten Harmonie, die durch Gott gegeben wird. „Gott allein [...] ist die Ursache dieser Übereinstimmung ihrer [Individuen] Phänomene. Und er macht, dass das, was für einen das Besondere, für alle das Gemeinsame ist.“ (Disc. § 14, IV, 440 zitiert bei: Janke 1966, S. 391). Zu Leibniz als Metaphysiker und seiner Monadologie vgl. Janke 1966. Zur Monadenlehre als Ordnungssystem vgl. Steierwald 1995, S. 18–20.

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Perspektive der Welt, ein spezifisches Bild des Ganzen. Das einzelne Buch steht mit den Perspektiven der anderen Bücher in einem gleichgewichtigen Bezug zum Ganzen, da alle in den einen Weltzusammenhang eingefügt sind. Eine gleichberechtigte Aufstellung der Bücher wird durch einen runden Büchersaal ermöglicht. Hier steht das gesamte Wissen der Welt ohne Anfang und Ende nebeneinander. Auch die Anzahl der Säulen könnte auf diese Symbolik zurückzuführen sein. Die Zwölf gilt schon seit dem Altertum als die typische Zahl der Lückenlosigkeit und Vollständigkeit.207 Die Monadentheorie Leibniz’ kann auch auf klassifikatorische Ordnungssysteme angewendet werden: „ […] durch den genau festgelegten Ort der Systemstelle kann man auf die gesamte Ordnung schließen, das die von ihr ausgehenden Verzweigungen / Perspektiven das Schema erst tragfähig machen.“208 Die Kataloge und der Schausaal einer Bibliothek repräsentieren in diesem Sinne ein System des Wissens.209 Die Bibliotheksrotunde wurde zur Repräsentation einer harmonischen, in sich geschlossenen simulierten Ordnung, wozu auch die Aufstellung nach Formaten und die einheitliche Bindung ihren Beitrag gaben. 210 Den kosmologischen Aspekt einer Bibliothek betonte auch der Pariser Bibliothekar Gabriel Naudé (1600–1653) in seinem Ratgeber „Advis pour dresser une bibliothèque“211 aus dem Jahre 1627, von dem überliefert ist, dass er Leibniz sehr beeindruckt habe.212 Für Naudé ist der Büchersammler, der eine Bibliothek systematisch geordnet anlegt, ein „Bewohner des gesam207 Die Einteilung des Jahres in zwölf Monate geschieht zuerst in Babylon. Der Sternenhimmel wird durch die zwölf Zeichen des Zodiakus in zwölf Regionen eingeteilt, Tag und Nacht bestehen aus zwölf Stunden. „Die Zwölfzahl eignet sich zu vielerlei Bemessungen, da sie eine gewisse Mitte zwischen viel und wenig einnimmt, und hauptsächlich, weil sie durch die zwei Hauptzahlen, Drei und Vier, dividiert werden kann. Drei, die Zahl der Gottheit, Vier, die Zahl der Welt, durchdringen einander in der Zwölf.“ Forstner 1986, S. 56f. Siehe dort auch die christliche Symbolik der Zahl Zwölf, wie z. B. die Bedeutung der zwölf Söhne des Alten Bundes oder der zwölf Apostel. 208 Steierwald 1995, S.  18f. Zu Leibniz’ Modell eines Ordnungssystems des Wissens vgl. außerdem Steierwald 1995, S.  40. Steierwald betont, dass im Mittelpunkt von Leibniz’ Interesse nicht mehr die räumliche Anordnung von Gattungen und Klassen stand, sondern das Bedürfnis nach einem Ordnungssystem. Unter ‚System‘ wird das Ordnungsprinzip eines komplexen Problems verstanden. Im Vergleich dazu bleibt die Klassifikation als eine Form der Einteilung gewissermaßen äußerlich. 209 Vgl. zur Repräsentation eines Systems des Wissen durch eine Bibliothek im Barock Steierwald 1995, S. 24. 210 Zur Einfügung des Bibliotheksbaus in Leibniz’ theoretischen Entwurf einer Universalbibliothek vgl. Steierwald 1995, S. 70–77. 211 Vgl. Naudé 1627. 212 Vgl. Bömer 1955, S. 613 und Vorstius / Joost 1977, S. 47 sowie Steierwald 1995, S. 102f.

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ten Weltenrunds.“213 Auch der Bibliothekar und Benediktiner Oliver Legipont (1698–1758) hebt den enzyklopädischen Charakter einer Bibliothek hervor und fordert, diese in der Architektur sichtbar zu machen. Er verlangt eine Anordnung der Bücher, die den ungebrochenen Kreislauf und die Interdependenz des universalen literarischen Apparats zeigt. Durch die Aufstellung der Bücher soll nicht nur eine Klassifizierung der Disziplinen sichtbar werden, sondern auch die Interrelation zwischen ihnen.214 Wenn Leibniz an dem Wolfenbütteler Entwurf mitgearbeitet hat, scheint die Rundform eine folgerichtige Konsequenz, zumal seit der Renaissance dem zentralen Rundbau in der Architekturtheorie ein kosmologischer Charakter zugeschrieben wird.215 Palladio titulierte das römische Pantheon als ein „Abbild der Welt“.216 Sein Gewölbe mit der Öffnung im Scheitel der Kuppel wird von jeher als Himmelsabbild verstanden. Es verkörpert daher nicht nur die irdische Welt, sondern den gesamten Kosmos. In Wolfenbüttel wird der Innenraum zwar nicht von einer Kuppel überspannt, aber das Zusammenspiel von Deckenmalerei, Rotunde, der außen sichtbaren Kuppel und der ursprünglichen Aufstellung eines Himmelsglobus auf dem Dach lässt die Bibliothek zu einem Gebäude werden, das nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch seine Form einen universalen, allumfassenden Charakter aufweist.217 Es ist nicht hauptsächlich ein Bildprogramm, sondern die Architektur, die dem Bau seine Sinngebung verleiht. Im Vergleich zum Programm anderer Hofbibliotheken (Wien und Mannheim) ist es erstaunlich, dass sich hier nicht die Person des Bauherrn als Förderer der Wissenschaften in den Vordergrund drängt. Im Sinne der Frühaufklärung ste213 Naudé 1627, S. 23 (dt. Ausgabe von 1978). 214 Legipont schreibt 1747 (23 Jahre nach Fertigstellung der Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel!) in seinen „Dissertationes philologico-bibliographicae“, dass die Bücher im Raum so angeordnet sein sollen, dass „architectonicam quandam figuram, orbémque perpetuum conficiant, ità, ut ab introductoriis ad nobiliores, aut vicissim à sublimioribus & universalioribus ad minores adaequatô, concinnóque ordine progeressus fiat.“ Legipont 1747, S.  53. Zum zirkulären Charakter in den Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts vgl. Dierse 1977, S. 2–41. 215 Zur symbolträchtigen Bedeutung des Rundbaus seit der Antike vgl. Reinle 1976, S.113f. 216 Palladio 1570, S. 358 (dt. Ausgabe von 1984). In den Aufriss des Pantheon lässt sich ein Kreis einzeichnen (Abb. 35). Der Kreis, seit Alberti die vollkommenste Form, lässt das Pantheon zum Symbol eines vollkommenen Gebäudes werden. Zum Kreis als vollkommene Form vgl. Alberti 1450, S. 353 (dt. Ausgabe von 1912), außerdem Reinle 1976, S. 114. Zum Symbolgehalt der Architektur des Pantheon vgl. Reinle 1976, S. 113–125 und Norten 1986, S. 4–7. 217 Das Thema des Deckengemäldes in der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde waren die sieben Planetengötter. Auch wenn es bisher nicht schlüssig nachgewiesen werden konnte, besteht in der Forschung die Vermutung, dass das Pantheon in seiner Funktion als Tempel den Planetengöttern geweiht war. Vgl. Joedicke 1985, S. 52.

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hen die Wissenschaften und deren Ordnungssystem im Mittelpunkt des Interesses. In diesen Kontext muss auch die Vorbildfunktion der Villa Rotanda in Vicenza gesetzt werden. Wie oben beschrieben, galt die Villa Rotonda als umgestetzte Idealarchitektur. Sie ist ein Beispiel dafür, dass durch Ordnung Vollkommenheit erreicht wird. Wenn eine ideale Bibliothek die Repräsentantin eines ganzheitlichen Ordnungssystems des Wissens ist, dann ist eine Anlehnung ihrer Architektur an die eines solchen Idealbaus nur gerechtfertigt. Persönliche Beziehungen zwischen den Städten Vicenza und Hannover, in die auch Leibniz involviert war, verstärken die Annahme einer Vorbildfunktion der Villa Rotonda für Wolfenbüttel.218 Leibniz verglich eine Bibliothek zudem mit einer „Versammlung der grössten Menschen aller Jahrhunderte und aller Nationen, die uns ihre auserlesensten Gedanken mittheilen.“219 Das römische Pantheon diente seit seiner Christianisierung im Jahre 609 auch als Grab- und Gedenkstätte. 220 Seitdem steht es auch für die Idee einer Ruhmeshalle für Heroen einer Nation.221 Die Bibliothek als ein Versammlungsort der größten Dichter und Denker dient auch deren Ruhm und ist somit als Pantheon, als Ehrentempel, architektonisch zu verwirklichen.222 Die neuartige Raumkonzeption, auf die wie gezeigt vermutlich verschiedene bekannte Architekturen typologisch und sinnstiftend Einfluss genommen haben, ließ die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde zu einem bemerkenswerten Bau werden, dessen architektonische Ideen in nachfolgenden Bibliotheksbauten übernommen wurden.223 Die Wirkung des runden, ge218 Der Familiensitz des kurfürstlich hannoverschen Baudirektors und Architekten Giacomo Quirini befand sich in Vicenza. Der Architekt wird die Villa zweifellos gekannt haben. Es ist nicht auszuschließen, dass Leibniz, der Quirini in Hannover nachweislich gekannt hat, eine Beratung für den Wolfenbütteler Bibliotheksbau vermittelte. Vgl. Scheel 1973, S. 190f. 219 Vgl. Brief an den Oberhofmarschall von Steinberg in französischer Sprache (Datum ist nicht überliefert). Deutsche Übersetzung abgedruckt bei Heinemann 1894, S. 117. Der Brief ist in französischer Sprache abgedruckt bei Bodemann 1888, S. 79–80. 220 Zur Funktion des römischen Pantheon vgl. Krischen 1932 und Norten 1986, S. 3f. 221 Bezeichnendes Beispiel für die Gedenkstättensymbolik des Pantheon ist die mit dem Beschluss der Nationalversammlung 1791 vorgenommene Umgestaltung und Umdeutung der Pariser Kirche der Stadtheiligen Sainte-Geneviève zu einem “panthéon français“ der „großen Männer der Epoche der Freiheit“. Vgl. Reinle 1976, S. 125. 222 Ein knappes Jahrhundert nach Leibniz übernahm Étienne-Louis Boullée (1728–99) für sein Bibliotheksprojekt in Paris den Gedanken der Bibliothek als Pantheon der Geistesheroen. Vgl. Boullée über das Projekt einer „Bibliothèque publique“ in seinem „Essai sur l’art“, abgedruckt in: Pérouse de Montclos 1968, S. 126–132. 223 Auch der Neubau der herzoglichen Bibliothek von Wolfenbüttel (Planung ab 1875, Bauausführung 1882–87) wurde nach dem Vorbild der Rotunde als Zentralbau errichtet. Vgl. die

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kuppelten, zentralen Leseraums strahlte über die Grenzen Deutschlands hinaus. Die Raumkonzeption fand beispielsweise Anwendung in den Bibliotheksgebäuden der Radcliff Library in Oxford (1737–49 nach Plänen von James Gibbs), der Bibliothek des Britischen Museums (1857 erbaut von Sidney Smirke) und der Library of Congress in Washington (erbaut 1888– 97 von John L. Smithmeyer und Paul J. Pelz).224 Auch im deutschsprachigen Raum gab die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde Anreize zu einer neuen Raumgestaltung von Bibliotheksräumen. Bevor ihre Vorbildfunktion für Weimar untersucht wird, wird im folgenden Abschnitt auf den Bibliotheksbau der Hofbibliothek zu Wien eingegangen.

4.2.3 Die kaiserliche Hofbibliothek zu Wien (1722–27) Die Baugeschichte

1727 bezog die kaiserliche Hofbibliothek zu Wien ihren neuen Prachtbau, nachdem sie die letzten hundert Jahre in dem so genannten Harrachschen Haus225, d. h. im Bereich des späteren östlichen Reichskanzleitraktes226, ihr Domizil gefunden hatte.227 Dort waren die Raumverhältnisse für die kaiserliche Büchersammlung schnell unzulänglich geworden, so dass Kaiser Leopold I. (1640–1705) im Jahre 1663 den Entschluss zu einem Neubau fasste. Dieser sollte auf dem gleichen Baugrund der heutigen Bibliothek – östlich der Hofburg am so genannten Tummelplatz – stehen und im Erdgeschoss eine Reitschule beherbergen. 1681 wurde mit dem Bau begonnen. Aufgrund der Türkenbelagerung erfolgte schnell ein Baustopp.

Vorstellungen für den Neubau von 1879–81 in Recker-Kotulla 1983, S. 20f. 224 Vgl. Wackernagel 1915, S. 174 und Bosl 1972, S. 145. Im Hauptlesesaal der Kongressbibliothek in Washington wurde der runde Zentralraum zu einem Raum von oktogonaler Struktur abgeändert. 225 In dieses siedelte die kaiserliche Büchersammlung 1623 aus ihrem bisherigen Aufenthaltsort, den Räumen des Wiener Minoritenkonvents. 226 Nachdem Johann Lucas von Hildebrandt (1668–1745) 1723 die Planung und den Baubeginn des neuen Gebäudes der Reichskanzlei übernommen hatte, wurde im Jahre 1726 Johann Emanuel Fischer von Erlach mit der Weiterführung des Baus beauftragt. Nach zweijähriger Planungsphase wurde 1728 mit den Bauarbeiten an der Reichskanzlei begonnen, 1731 war der Bau größtenteils fertiggestellt. Zur Baugeschichte der Reichskanzlei vgl. Benedik 1995, S. 290–291. 227 Zur Unterbringung der kaiserlichen Bibliothek bis zum Umzug in den Prunksaal vgl. Buchowiecki 1957, S. 1–33.

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Der Komplex der Wiener Hofburg war seit dem Neubau des Leopoldinischen Traktes (um 1660) durch neu hinzugekommene Bauten nicht weiter verändert worden. Erst unter Kaiser Karl VI. (1685–1740) wurden Neubauten wie die Österreichische Hofkanzlei (ab 1717), die Hofstallungen (ab 1718) sowie in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Winterreitschule, der Reichkanzleitrakt und die Michaelerfront geplant.228 Der Neubau der Bibliothek ist im Zusammenhang dieser Planungen für eine Neugestaltung der Wiener Hofburg unter Kaiser Karl VI. zu sehen.229 Bereits 1716 erwähnte Leibniz einen Entwurf für ein neues Bibliotheksgebäude.230 Baubeginn war allerdings erst 1722.231 Auch wenn der Verfasser des Entwurfs aufgrund der misslichen Quellenlage urkundlich nicht belegt werden kann, so gilt in der bisherigen Forschung überwiegend Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656–1723) als „Inventor“ des Baus.232 Sein Tod im April 1723 führte dazu, dass sein Sohn Joseph Emanuel (1693–1742) die Bauleitung übernahm.233

228 Vgl. Lorenz 1992, S. 168. 229 Vgl. Lorenz 1992, S. 168, Matsche 1992, S. 214. Doch auch unter Karl VI wurden Pläne zur Vereinheitlichung der Hofburg, wie z. B. in der Fassadengestaltung, nur teilweise verwirklicht. Vgl. Polleross 2000, S. 108. Vgl. außerdem zur Konzeption und Durchführung der Planungen um die Wiener Hofburg unter Karl VI. Benedik 1995. 230 Vgl. Leibniz an den Hamburgischen Ratsherrn Konrad Widow am 8. Mai 1716. Der entscheidende Teil des Briefes ist abgedruckt bei Buchowiecki 1957, S. 226. 231 Eine Geldforderung der Hofkammer vom 24. Februar 1722 für den Generalbaudirektor Graf Gundacker von Althann zum Bau der Bibliothek lässt auf einen Baubeginn in diesem Jahr schließen, auch wenn Salomon Kleiner (1700–1761) in seinem Stichwerk „Dilucida Repraesentatio“ das Jahr 1723 als Baubeginn angibt: „[…] im Jahr Christi 1723. Aufzuführen angefangen u.A. 1735. glücklich vollendet worden.“ Kleiner 1737, S. 1. 232 Eine überzeugende Darlegung der Argumente für die Stellung Johann Bernhard Fischer von Erlachs als entwerfenden Architekten liefert Buchowiecki 1957, S. 123–139. Vgl. außerdem Lorenz 1992, S. 169 und Benedik 1995, S. 285. 233 Ein Argument, dass Fischer von Erlach d. J. den Bau ausgeführt, aber nicht entworfen hat, ergibt sich aus den Bildunterschriften des zu Lebzeiten Joseph Emanuels entstandenen Stichwerks von Salomon Kleiner „Dilucida Representatio“ über die Hofbibliothek: die Legenden geben nur an, dass er das Gebäude errichtet habe, „extruxit“, nicht „invenit“. Nach Sedlmayr hätte Fischer von Erlach d. J. es nicht geduldet, als Inventor verschwiegen zu werden, wenn er den Entwurf geliefert hätte. Vgl. Sedlmayr 1976, S. 294. Fischer von Erlach d. J. wird während des Baus sicherlich einige Änderungen durchgesetzt haben. Welche Details verändert wurden, kann allerdings bisher nicht überzeugend nachgewiesen werden. Zacharias versucht in seiner Monographie über Johann Emanuel Fischer von Erlach durch eine stilkritische Analyse Veränderungen an dem Entwurf zu ermitteln, die die Handschrift des jüngeren Fischer von Erlach tragen. Vgl. Zacharias 1960, S. 78–80. Allerdings dient Zacharias als stilkritische Basis für Motiv- und Formenvergleiche lediglich die Analyse zweier einwandfrei gesicherter Hauptwerke des Architekten. Für Rizzi ist diese Basis zu dünn. Vgl. Rizzi 1995.

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1727 begann die Übersiedlung der Bücher. Die Wand- und Deckenausmalung wurde 1730 fertiggestellt. 1733 wurde mit dem Bau eines an den Hauptbau rechtwinklig anschließenden östlichen Flügels begonnen, in dem ein Stiegenhaus und eine „Anticamera“ für die Antikensammlung untergebracht werden sollten.234 Eine feierliche Eröffnung der Bibliothek hat es nicht gegeben. Ein im Hofzeremonialprotokoll verzeichneter offizieller Besuch des Kaisers am 15. April 1734 gilt wohl als eine Art Ersatz.235 Die unzureichende Fundamentierung des Vorgängerbaus aus dem 17. Jahrhundert führte in den 1760er Jahren zu Mauerbewegungen. Die damit verbundene Einsturzgefahr des Kuppelbaus zwang in den Jahren 1763–67 den Hofarchitekten Maria Theresias (1717–80) Nicolo Paccassi (1716–90) zu Umbauten, wie z. B. der Einbeziehung von Eisenschließen um die Kuppelschale und der Einziehung von Gurtbögen zwischen dem Kuppelraum und den Flügeln.236 Im Zusammenhang mit den Sicherungsarbeiten wurde durch Paccassi ein Treppenhaus in den Bereich der „Anticamera“ gelegt. Außerdem erhöhte er die seitlichen Flügelbauten auf gleiche Traufund Dachfirsthöhe wie die der Bibliothek. Sein Nachfolger Franz Anton Hillebrand (1719–97) glich sie in ihrer Fassadengestaltung dem Bau Fischer von Erlachs d. Ä. an.237

Ziemlich eindeutig hingegen scheint die Gestaltung der Fensterrahmungen in der Außenfassade auf den jüngeren Fischer von Erlach zurückzugehen. Vgl. Lorenz 1992, S. 169. 234 Der Hof erwarb erst 1733 die benachbarte Parzelle, auf der das Stiegenhaus gebaut werden sollte. Nach Zacharias kann aus zeitlichen und stilistischen Gründen nur Johann Emanuel Fischer von Erlach als Planverfasser in Frage kommen. Vgl. Zacharias 1960, S. 80f. 235 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 32. Laut Inschrift der Attika wurde der Neubau 1726 der öffentlichen Nutzung übergeben. Die Bücher wurden allerdings erst 1727 überführt. Das Datum mag die Beendigung des Außenbaus festhalten. Im Innern des Baus wurde wie erwähnt noch bis 1734 weiter gearbeitet. In seinem Reisebericht aus dem Jahre 1731 beschreibt Fischer, dass noch nicht alle Sammlungen und Manuskripte eingesehen werden können. Vgl. Christian Gabriel Fischer, 1731 abgedruckt in: Predeek 1926, S. 585. 236 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 158–161, Lorenz 1992, S. 170 und Lehmann 1996, S. 160 und S. 547. Im Zuge dieser Arbeiten restaurierte Anton Maulbertsch bis 1769 das Kuppelfresko. 237 Der heutige Josefsplatz, an dessen Südseite sich die Hauptfront der Bibliothek erstreckt, wurde auf westlicher Seite ab 1744 von dem von Jean-Nicolas de Ville-Issey (1710–61) erbauten Redoutensaal begrenzt. In seiner Fassadengestaltung bezog er sich auf die Bibliothek. Eine Vereinheitlichung des Josefsplatzes unter Paccassi und Hillebrand begann 1769 und endete in der heutigen Gestalt 1776. Zu den verschiedenen Bauphasen vgl. Benedik 1995, S. 295.

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Baubeschreibung

Der Außenbau Der Hauptbau der Wiener Hofbibliothek gliedert sich der Länge nach in drei ineinandergehende Baukörper: zwei Trakte zu je fünf Fensterachsen rahmen ein zweifach vorspringendes Mittelrisalit mit einer Fensterachse ein (Abb. 38). Im Grundriss wird dem entsprechend der längs ausgerichtete Bau durch einen quergelagerten Zentralbau mittig durchbrochen (Abb. 40). Die Dreiteilung der einzelnen Kompartimente wird durch die selbständige Verdachung jedes der einzelnen Bauteile betont. In der Höhe teilt sich das Gebäude in ein rustiziertes Sockelgeschoss sowie in zwei Hauptgeschosse ein.238 Die durch ein kräftig durchzogenes Gurtgesims betonte Unterteilung der beiden Hauptstockwerke wird durch Kolossalpilaster ionischer Ordnung, die das Gesims überlagern, wieder entschärft. Auf dem zweiten Obergeschoss bildet über dem reich profilierten Hauptgesims eine Attika den oberen Abschluss. Im Sockelgeschoss sind die Wandflächen des Mittelrisalits und der jeweils drei letzten Achsen der Längstrakte pylonartig an den Bau gesetzt. Den drei äußeren Achsen der Längsflügel kommt auf diese Weise ein risalitartiger Charakter zu. Dieser wird zusätzlich durch die Einrahmung der äußeren drei Fensterachsen mit Kolossalsäulen verstärkt, ein architektonisches Element, das nur noch am Mittelrisalit eingesetzt wurde. Die Mittelachsen der ‚Eckrisalite‘ werden in jedem Geschoss durch die in Größe und Gestalt abweichenden Fenster betont. Im Erdgeschoss setzen sich hier, wie auch im Mittelrisalit, rundbogige Eingänge gegenüber schmalen segmentbogigen Fenstern ab. Die zum Fensterabschluss heruntergezogen Rillen im Putz täuschen Schlusssteine vor. Über den Portalen sitzt tatsächlich jeweils einer. Im ersten Obergeschoss, das durch ein schmales Gesims vom Sockelgeschoss getrennt wird, wurden in den betonten Achsen hohe, breite rechteckige Fenster eingesetzt, vor denen ein Balkon vorgelagert ist. Diese Fenster werden jeweils von einem vertieften Rechteckfeld eingerahmt. Die übrigen schmaleren und niedrigeren Fenster werden von pilasterartigen Gliedern umrahmt. Über ihnen befindet sich jeweils ein Bogenfeld, in dem ein Relief sitzt. Die Reliefs der Fenster in den ‚Eckrisaliten‘ stellen Motive wie Kriegs-, Mathematik- und Astronomieutensilien dar, die Motive in den Rücklagen sind bescheidene Muschelplatten. Unter den Fenstern sitzen in der gleichen Ausgestaltung wie die Balkonbaluster flache Balustraden. Die 238 Im Folgenden wird zunächst die Südwestseite der Fassade, die Hauptfassade, gegen den ehemaligen Tummelplatz (seit 1769 Josefsplatz) betrachtet.

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Fenster der ‚Eckrisalite‘ werden zwischen den Kolossalpilastern von pilasterartigen Gliedern eingefasst. Die Nutung des Sockelgeschosses setzt sich in den Wandflächen zwischen den Fenstern der scheinbaren Rücklagen fort. Dies geschieht auch im zweiten Obergeschoss. Hier unterscheiden sich die Fenster in den betonten Achsen wieder in ihrer gesteigerten Höhe, sie durchstoßen mit ihrem halbrunden Abschluss und ihrer Umrahmung das Gebälk. Die Umrahmung dieser Mittelfenster ist aufwendig gestaltet: über den Rundungen sitzt zwischen Voluten und Füllhörnern ein Maskeron. Die weiteren Fenster des Geschosses sind rechteckig und sitzen in einem vertieften Wandfeld. Über den Fenstern lockern vertiefte, nahezu quadratische Felder die Fassade auf. Sie werden in den vorgelagerten Abschnitten mit Reliefs von gleicher Thematik239 wie im ersten Obergeschoss gefüllt, ansonsten bleiben sie leer. Die Stirnfenster des Mittelrisalits übernehmen die Form und Gestalt der mittleren Fenster der Vorgelege.240 Die quasi ausgesparten Ecken des Mittelrisalits werden durch kurvig geführte Wandflächen ersetzt. Diese werden in den beiden Hauptgeschossen von schmalen rundbogigen Fenstern durchbrochen. Über dem Hauptgesims beginnt die Attika mit einem breiten Sockel. Sie folgt den Umrissen des Gebäudes und ist ansonsten schlicht gestaltet. Die Pilaster werden schwach angedeutet weitergeführt, in den Eckrisaliten liegen dazwischen vertiefte Wandfelder. Wieder werden die beiden äußeren drei Achsen des Längsbaus betont. Über dem Mittelrisalit ist auf dem Stirnfeld die Widmungsinschrift eingemeißelt.241 Eine vollplastische Figurengruppe242, die über Neid und Unwissenheit triumphierende Quadriga Minervas sowie zwei Ziervasen sind darüber aufgestellt. Die Ziervasen tragen zwei gegeneinander verschlungene „C“, das Monogramm Karls VI. (Carolus Caesar). Auch über den seitlichen Vorgelegen werden auf der Attika Skulpturen von steinernen Ziervasen gerahmt. Links trägt Atlas den 239 Diesmal kommen allerdings noch Musikutensilien hinzu. 240 Der Maskeron im Stirnfenster des zweiten Obergeschosses kann hier durch Flügelhut und zwei gekreuzte Stäbe als Merkurkopf gedeutet werden. 241 CAROLUS AVSTRIVS D. LEOPOLDI AVG. F. AVG. ROM. IMP. P. P. BELLO UBIQUE CON-

FECTO INSTAVRANDIS FOVENDISQVE LITERIS AVITAM BIBLIOTHECAM INGENTI LIBRORVM COPIA AVCTAM AMPLIS EXTRVCTIS. AEDIBUS PVBLICO COMMODO PA-

TERE IVSSIT. CI⊃ I⊃ CCXXVI (Karl von Österreich, Sohn des verewigten Kaiser Leopold,

römischer Kaiser, Vater des Vaterlandes, hat nach allgemeinem Kriegsschluß zur bleibenden Förderung der Wissenschaften die ererbte Bibliothek in ihrem Bücherstand gewaltig vermehrt und in einem geräumigen Neubau der öffentlichen Nutzung übergeben 1726). 242 Als Künstler dieser wie auch der anderen Figurengruppen wird Lorenzo Mattielli (1688– 1748) angenommen. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 139f.

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Himmelsglobus, rechts Gaia den der Erde. Während Atlas von mathematisch-astronomischen Gerätschaften eingefasst wird, wird Gaia von mathematisch-geometrischen eingerahmt. Zu ihrer rechten und linken Seite stehen jeweils zwei weitere weibliche Skulpturen, Personifikationen der Naturwissenschaften Astronomie und Astrologie (neben Atlas) und Geometrie und Geographie (neben Gaia). Das Mansarddach über dem Mittelbau ist höher als die Dächer der beiden Längsflügel. In ihm befinden sich zwei hochovale, reich umrahmte Fenster. Hinter der Quadriga ist ein schlichteres Fenster. Ein flaches Zeltdach sitzt nach Konturbruch über dem Mansarddach, dessen Firstenden mit kupfernen Ziervasen geschmückt sind. Über den vorgelagerten Achsen der Längstrakte erhebt sich jeweils ein einfach gebrochenes Mansarddach, verbunden mit dem jeweiligen Hauptdach der Längstrakte. Auf dessen Spitze sitzen genau wie am Firstende der Dächer der beiden Längstrakte kupferne Knäufe. Auch die Gliederung des Daches betont die Unterteilung des Baus in fünf Kompartimente. Heute erscheint die ehemalige Hofbibliothek als ein weißlich grau verputzter Bau. Von dem weißen Putz bleiben allerdings die Kapitelle und Basen der Kolossalsäulen sowie die Balustraden, die Lunetten und Reliefs sowie die aufwendigen Rahmungen der Fenster im zweiten Obergeschoss ausgespart.243 Diese Elemente sind aus Kalkstein. Die Inschrift sowie Stab und Schild der Minerva, die Globen und Gerätschaften sind vergoldet. Die Satteldecken der Pferde der Quadriga sind wie die beiden Globen aus Kupferblech und waren ursprünglich auch vergoldet.244 So auch die Ziervasen über dem Zeltdach des Mittelbaus und die Dachknäufe, die heute aus Kupfer erscheinen.245 Das Dach ist mit roten Ziegeln gedeckt, nur die beiden obersten Flächen des mittleren Mansarddaches sind aus Kupferblech. Die Rückseite des Gebäudes gegen den ehemaligen Burggarten (Kaisergarten) ist der Vorderfront entsprechend gegliedert, allerdings einfacher ausgestaltet.246 Neben den ausgearbeiteten Reliefs fehlen z. B. auch die Figurengruppen auf der Attika.

243 Diese Art der Verputzung, die während der Restaurierungsarbeiten 1955–56 durchgeführt wurde, kann auch für den Neubau Fischer von Erlachs dÄ. angenommen werden. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 75 und S. 212–215. Zur Farbigkeit der Außenfassade vgl. Buchowiecki 1957, S. 75f. 244 Vgl. Buchowiecki 1957, S.41. Heute sind die Satteldecken der österreichischen Fahne nachempfunden (rot-weiß-rot). 245 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 76. 246 Zur ausführlicheren Beschreibung vgl. Buchowiecki 1957, S. 41f.

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Der Innenraum

Ursprünglich sollte im Erdgeschoss des Baus die Reitschule untergebracht werden. Tatsächlich ist es nie dazugekommen, da Fischer von Erlach d. J. diese bereits in den Jahren 1729–1735 nordöstlich des Michaelerplatzes errichtet hatte.247 Das unterste Stockwerk der Wiener Hofbibliothek stand zunächst leer, später fungierte es als Wagenremise für die kaiserlichen Leibkutschen. Im Grundriss ist der so genannte „Prunksaal“ der Wiener Hofbibliothek ein Längsbau, der mittig durch einen quergelegten ovalen Kuppelsaal durchbrochen wird (Abb. 40). Er nimmt beide Obergeschosse des Gebäudes ein und erschließt sich dem Besucher beim Betreten durch das Eingangsportal an südöstlicher Stirnfront in seiner gesamten Länge (Farbtaf. 38 u. Abb. 39). Ein Pendant des Eingangs befindet sich am gegenüber liegenden Ende des Saals. Dieser war ausschließlich dem Hof vorbehalten.248 Beide Eingangsportale werden von Pilastern korinthischer Ordnung gerahmt. Mit diesen korrespondiert in beiden Längsflügeln ein korinthisches Kolossalsäulenpaar, das jeweils nach den ersten drei äußeren Fensterachsen aufgestellt wurde und von einem Architrav zusammengefasst wird. Die Flügelsäle teilen sich auf diese Weise in jeweils zwei Kompartimente ein: neben dem aus drei Achsen gebildeten äußeren Raum entsteht neben dem Kuppelsaal ein zweiachsiger Raum. Ursprünglich gingen Kuppelsaal und Längsflügel direkt ineinander über.249 Durch die statisch notwendige Einziehung der Gurtbögen von Paccassi 1767 wurde der Raumeindruck des Ineinanderfließens verschiedenartiger Raumformen erheblich gestört. Die Kompartimente der Längssäle sind über einem vorspringenden Gesims jeweils mit einem Kreistonnengewölbe gedeckt. Über dem eingestellten Säulenpaar öffnet sich dementsprechend jeweils eine Kappe des Tonnengewölbes, welche sowohl von den Freisäulen als auch von der Innenwand des Saales getragen wird, die an dieser Stelle in den Raum gekurvt ist. In diesen runden Vorbauten befinden sich Spindeltreppen, die zum Emporengeschoss führen. Diesen Vorbauten ist in einer Reihe mit dem Kolossalsäulenpaar ein Kolossalpilaster mit korinthischem Kapitell vorgeblendet. Auch 247 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 156. 248 Vgl. Kleiner 1737, S. 2. 249 Vgl. die Ansichten von Kleiner 1737, Tab. IV: Grundriß des mittlern Haupt-Stocks, Tab. VI: Durchschnitt der ganzen Bibliothec nach der Länge und Tab. VII: Durchschnitt nach der Breite durch das Mittel der Kuppel. Sowie eine perspektivische Ansicht des Kuppelrunds von Kleiner (nichtgestochene Zeichnung), die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet (Cod. Min. 71). (Abgedruckt bei Buchowiecki 1957, Abb.19).

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an den Stirnseiten des Raumes wurden in die Ecken viertelkreisförmige Einbauten eingesetzt, in denen sich Nebeneingänge befinden. Die Zweigeschossigkeit des Raumes ist durch die Empore gegeben. Diese umläuft in der Mitte der Raumhöhe250 die Wand des gesamten Saals. In den Längsflügeln ruht sie auf Konsolen, in dem ovalen Kuppelraum auf acht gepaarten Freistützen von quadratischer Form, die auf Sockeln stehend zum Schaft hin schmaler werden (Hermenpilaster). Im ursprünglichen Zustand folgte die Empore den Bewegungen der Wand und trat nur an einigen Stellen, wie zum Beispiel bei den Wandpfeilern zwischen den Fenstern der inneren Kompartimente der Längsflügel, leicht hervor. Unruhiger wurde die Emporenbewegung nach der Einziehung der Gurtbögen, die in großen Schwüngen verkleidet werden mussten. Die Bücherregale sind auf beiden Ebenen an die Wand gerückt. Ihre Reihung wird nur durch die runden Vorbauten der ‚Treppenhäuser‘ und die Fenster unterbrochen. Im unteren Hauptgeschoss werden außerdem die Fenster der ersten, dritten, fünften, siebten, neunten und elften Fensterachse von Regalen bedeckt.251 Auch die außen sichtbaren Fenster in den runden Abschnitten des Mittelrisalits werden im Innern in beiden Geschossen mit Regalen verstellt. Vor den geblendeten Fenstern (acht im Untergeschoss und vier im Kuppelraum) liegen Kabinette, die durch mit Bücherregalen kaschierte Drehtüren betreten werden können. Weitere Fenster sitzen in den Bogenfeldern über den Eingangsportalen. Der ovale Kuppelraum erfährt in jedem Geschoss seine Beleuchtung durch die Stirnfenster am Ende der großen Ellipsenachse sowie durch acht hochovale Fenster am Kuppelfuß. Hinter dem gemauerten Kuppelfuß zieht sich ein Umgang, der jeweils an den Fenstern zum Kuppelraum geöffnet ist.252 Die Kuppelschale hat die Gestalt eines halben Ellipsoids. Im Inneren erfährt die Kuppel keine architektonische Gliederung. Ihre gesamte Fläche dient der Ausstattung mit Freskogemälden. In regelmäßigen Reihen verkleiden die Bücher in den Regalen die gesamte Wandfläche. Auch hier sind die großen in den unteren Fächern, die kleinen in den oberen untergebracht. Nur die Säulenpaare mit entsprechenden Pilastern sowie die Treppenrundungen werden von der Verkleidung ausgespart. Die Bücherregale sind aus Nussholz gearbeitet. Schmale Leisten rahmen die Regalbretter. Im Untergeschoss schließen die Regale zum Teil 250 Gerechnet bis zum Gewölbeansatz. 251 Das gilt jeweils für die Fenster auf der Vorder- und auf der Rückseite des Gebäudes. 252 In den Stirnfenstern der breiten Ellipsenachsen trennen gemauerte Brüstungen den Gang zum Raum hin ab. In den restlichen Fensternischen sind heute Eisenbrüstungen angebracht.

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segmentbogig (ansonsten waagrecht) mit Kartusche ab. Auch im Obergeschoss sind die Regale schlicht gehalten. Ein waagrechtes Gesims grenzt sie von der Gewölbe- bzw. Kuppelzone ab. Während dieses in den äußeren Raumabschnitten durch dekorative Aufsätze der Regale überwunden wird, durchbricht ein rundbogiger Aufsatz der Regale der inneren Kompartimente das Gesims. Gleiches erfuhren vor der Umgestaltung durch Paccassi auch die sich anschließenden Regale in dem Kuppelraum.253 Die rundbogigen Felder sind bzw. waren mit Medaillons, die Profile antiker Autoren zeigten, ausgefüllt. Die gesamte Gewölbezone zieren Freskengemälde. Ausnahmen bilden die Stirnseiten des Raumes, die über der Empore jeweils mit einem Stucktondo von Albert Camesina (1675–1756) geschmückt sind. Auch die Bekrönungen der oberen Fenster im Kuppelsaal sind plastisch geschnitzt. Übriger Stuck und Architektur in der Gewölbezone und den Fensternischen wird durch die Malerei nachgeahmt. Verantwortlicher Maler war Daniel Gran (1694–1757).254 Das ikonographische Programm wurde von dem kaiserlichen Rat und Hofconcettisten Conrad Adolph von Albrecht (1682– 1751) ausgearbeitet.255 Das Kuppelfresko ist der Apotheose Karls VI. als Schirmherr der Künste und Wissenschaften gewidmet. Die Fresken in dem Flügelsaal zwischen Eingang und Kuppel beschäftigen sich mit kriegeri253 Nach dem Umbau schließen die Regale waagrecht mit dem Gesims ab. 254 In der burggartenseitigen Kuppelkurve ist seine Abschlusssignatur zu lesen. Außerdem überzeugen überlieferte Geldanweisungen an den Künstler sowie seine Nennung in Kleiners „Dilucida Repraesentatio“ für seine Urheberschaft. Zur Person Grans sowie dem Procedere der Ausmalung, die in Jahren 1726–30 stattgefunden hat, vgl. Buchowiecki 1957, S. 141–150. 255 Es muss schon vor Baubeginn ausgearbeitet worden sein, denn in Kleiner 1737, S. 3 heißt es: „Wenden wir uns nun zu den künstlichen Mahlereyen, welche eine geraume Zeit vor dem Anfang des Baues Tit. Pl. Herr Conrad von Adolph Albrecht, des Heil. Röm. Reichs Ritter und Sr. kaiserlichen Majestät Rath bereits erfunden hat.“ Das Programm liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek zweifach vor: Cod. Vindob. Nr. 8334 „Entwurff / Deren in der Kayl: Neu-erbauten / Bibliothec in Mahlerey / und anderen Außzierungen / angebrachten Historisch=Poetisch= und Mythologischen Gedanken“ (ohne Datierung) und Cod. Vindob. Nr. 7853 „Beschreib= und Erklärung / deren / In dem Kayserlichen Bibliothec=Bau / Sowohl in der Cupol als zweyen seithen Saalen / in Mahlerey sich befindende vor= / Stellung= und anderen neben= / Auszierungen“ (um 1730). Beide lauten völlig gleich. Der sog. Codex Albrecht (Cod. Vindob. Nr. 7853) wurde zur Vorbereitung einer geplanten Veröffentlichung verschiedener Konzepte und Programme kaiserlicher Kunstunternehmungen von Conrad Adolph von Albrecht verfasst und zusammengestellt. Das Programm des Kuppelbildes ist noch in einer weiteren, allerdings verkürzten Fassung überliefert, welche im Stiftsarchiv von St. Florian liegt. Gran hat diese Fassung dem St. Florianer Propst Johann Georg Wiesmayr 1747 überlassen. In Buchowiecki sind der Codex Albrecht (Cod. Vindob. Nr. 7853) und die Fassung aus St. Florian abgedruckt. Vgl. Buchowieck 1957, S. 88–123. Zu dem Konzeptverfasser Conrad Adolph von Albrecht vgl. Matsche 1981, S. 45–47.

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schen und irdischen Themen, die in dem anderen Saal mit Themen des Friedens und der Überwelt. Farbige Malerei und grau-grüngelbe Grisaille stehen im spannungsreichen Wechsel. In dem Saal selbst bestimmen Braun-, Rot – und Goldtöne die Farbigkeit. Empore und Schränke sind mit Nussbaumholz fourniert, roter Marmor rahmt die Fensternischen256, Eingangstüren sowie die Türen zu den Treppenaufgängen. Der Fußboden ist mit weißen und roten Marmorplatten ausgelegt. Weißer Marmor findet sich an den Säulen und Pilastern, Gold ziert die Kapitelle und Kartuschen. Die Einbände der Bücher, bestehend aus hellbraunem Kalbsleder bzw. dunkelrotem, dunkelblauem und gelbem Maroquin257, mit ihren goldgepressten Rücken runden die Farbigkeit des Raumes ab. Zur bildnerischen Ausstattung zählen auch zwölf Büsten, aufgestellt in hochovalen Nischen in den Eckfüllungen des Saales sowie über den Türen zu den Treppenspindeln.258 Außerdem sind 17 lebensgroße Standbilder259 aus weißem Marmor der Bildhauer Paul und Peter Strudel aufgestellt: neun im Kuppelsaal und je vier in den Flügelsälen vor den Interkolumnien zwischen den Kolossalsäulen und den entsprechenden Wandpilastern. Die Standbilder verbildlichen die Reihe der regierenden Fürsten aus dem Hause Habsburg. Die bedeutungsvollste Skulptur des Bildhauers Paul Strudel (1648–1708) steht in der Mitte des ovalen Zentralraums: Unter der Kuppel wurde dem Bauherrn Kaiser Karl VI. ein Ehrenplatz zugewiesen. Die Inschrift des Standbildes betitelt den in Römischer Rüstung Dargestellten als Schirmherrn der Künste.260 256 Diese sind wiederum mit grau-grün gemaltem Stuck ausgeziert. 257 Die in Maroquin gefassten Einbände gehören zur Büchersammlung des Prinzen Eugen von Savoyen, die nach seinem Tod 1737 in das Mitteloval des Prunksaals aufgestellt wurde. 258 Die heutigen Büsten sind nicht die ursprünglich aufgestellten. Welche Personen die ursprünglichen Büsten darstellten, ist bis heute nicht genau geklärt. Neben Marmorbüsten, von denen einige antik gewesen sein mögen, waren vermutlich auch Bronzebüsten aufgestellt. Zwischen den Regenten des Habsburgerhauses waren daher vermutlich auch römische Imperatoren in die Nischen gesetzt. Im 19. Jahrhundert wurden die Büsten durch zwölf von einer Hand gefertigten Marmorbüsten ersetzt. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 47–49. 259 Die Standbilder wurden ursprünglich nicht für die Bibliothek geplant, sondern bereits von Kaiser Leopold I. in Auftrag gegeben, der eine Ahnengalerie des Hauses Habsburg wünschte. Aufstellungsort war der alte Paradeisgarten, der an der späteren Winterreitschule und dem heutigen Michaelerplatz lag. Nach Buchowiecki wurde im Hinblick auf diese Erweiterungsbauten der Hofburg der Garten aufgelöst, und im Zuge dessen wurden die Statuen in den gerade fertiggestellten Saal der Bibliothek gebracht. Heute sind nicht mehr alle ursprünglich aufgestellten Plastiken vorhanden, da einige im Laufe des 19.  Jahrhunderts mit anderen ausgetauscht wurden. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 45–47 und S. 140f. 260 Die Inschrift lautet: „Dem Kaiser Carl aus Österreich / des glorwürdigsten Kaisers Leopolde Sohn / dem Hercules der Musen / dem Vatter des Vatter=Landes“. Vgl. Kleiner 1737, S. 2.

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Zur ursprünglichen Ausstattung gehörten außerdem zwölf Arbeitstische aus Eiche. Diese stehen in den Längssälen quer zur Mittelachse. Im ovalen Kuppelraum wurden sie zwischen die Hermenpilaster eingebunden.261 Die Breite der Galerie ermöglichte zudem eine Aufstellung von Studiertischen vor den Bücherregalen. Leitern dienen zum Erreichen der Bücher. In der Kuppelrotunde befinden sich zwei Paar von Erd- und Himmelsgloben, die dort schon in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts ihren Platz gefunden haben müssen.262 Die Nebenräume

Sowohl Fischer von Erlach d. Ä. als auch sein Sohn kümmerten sich zunächst nicht um den öffentlichen Eingang zur Bibliothek.263 So sahen sie nur einen Zugang vom so genannten Schweizertrakt der Hofburg vor, der allein dem Hof vorbehalten war.264 Im Jahre 1733 wurde der Mangel erkannt. Das zur Bibliothek östlich gelegene Grundstück wurde dem Augustinerkonvent abgekauft und die Planung eines Stiegenhauses, welches rechtwinklig zum Hauptbau liegen sollte, wurde in Angriff genommen. Nach einem Stich von Salomon Kleiner von 1733265 wollte Fischer von Erlach d. J. zudem auf westlicher Seite ein Pendant zu dem östlichen Seitenflügel schaffen und somit für eine architektonische und gestalterische Vereinheitlichung des heutigen Josefsplatzes sorgen. Auch bei den Anbauten hebt sich das Sockelgeschoss durch seine Rustizierung von den beiden Hauptgeschossen ab. Im ersten Obergeschoss werden Form und Ausgestaltung der Fenster der Rücklagen des Hauptbaus weiter geführt. Im Vergleich zum Baukörper der Bibliothek präsentiert sich das zweite Obergeschoss nicht als Voll-, sondern als Mezzaningeschoss. Dieses besitzt hochovale Fenster. Die Wandflächen zwischen den Fenstern sind genutet. Wie beim Hauptbau werden auch bei den giebelbekrönten Seitenflügeln die Geschosse durch eine Kolossalordnung zusammengefasst. 261 Vgl. Reisebericht von Christian Gabriel Fischer aus dem Jahre 1731. Abgedruckt in: Predeek 1926, S. 586. 262 Das westliche Paar ist mit einer Dedikation an Kaiser Leopold I. versehen, das östliche trägt Widmungen aus den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts. Zur Herkunft und Aufstellung der Globen vgl. Buchowiecki 1957, S. 44f. 263 Zur Planungsgeschichte der Anbauten vgl. Benedik 1995, S. 286f. 264 Vgl. Kleiner 1737, S. 2: Ein Eingang, „den die allerhöchste Herrschaft nur allein aus Dero Burg einzugehen pflegt.“ 265 Vgl. Abb. 86 in Benedik 1995, aus: Salomon Kleiner, Wahrhaffte und genaue Abbildung sowohl der Keyserl. Burg und Lust-Häuser, als anderer Fürstel. Und Gräffl. oder sonst anmuthig und merkwürdig Palläste und schöne Prospecte [...]. Augsburg 1733. III / 18.

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Die Firstlinie von den Dächern der Anbauten schließt auf Höhe des Attikabeginns des Hauptbaukörpers ab. Das Innere des linken Seitenflügels barg am südöstlichen Ende das Stiegenhaus, welches mit römischen Grabinschriften geschmückt war. Es führte im Hauptgeschoss zunächst in einen kleinen Vorraum und dann zur so genannten „Anticamera“.266 Dieser dem Eingang zum Prunksaal vorgelagerte Raum sollte durch seine beachtliche Ausstattung auf den überwältigenden Raumeindruck des Schausaals hinführen.267 Hinter der „Anticamera“ lag ein weiterer Raum, der als „Studier- und Curiositäten-Cabinet“ diente. Ein weiteres Kabinett dieser Art war nur von der „Anticamera“ oder dem Prunksaal aus zu erreichen. Im zweiten Obergeschoss befanden sich die Stube des Bibliothekars Pius Nicolaus von Garelli (Hofbibliothekar von 1723–39) und dessen eigene Bibliothek.268 Das Projekt eines Cours-d’Honneurs mit der Bibliothek als Zentrum wurde in der beabsichtigten Gestalt nicht realisiert. Verwirklicht wurden zunächst nur die ersten drei Achsen des östlichen Stiegenhauses. Wie die westliche Verbindung zwischen Hofburg und Bibliothek gestaltet wurde, ist anhand der überlieferten Abbildungen nicht eindeutig geklärt.269 Erst durch die Aufstockung der flankierenden seitlichen Gebäude und das Zusammenziehen ihrer Dächer mit denen der Längstrakte der Bibliothek ab 1769 durch Paccassi und Hillebrand verlor der Bau seine Eigenständigkeit. Durch die 1776 abgeschlossene Umgestaltung des Josefsplatzes wurde er in das größere Ganze der Residenzanlage mit eingebunden. Die Beziehung zwischen Innen- und Außenraum

Die Gestalt des äußeren Baukörpers der Wiener Hofbibliothek definiert sich aus der Gestalt des Innenraums heraus. Die Gliederung und Bedeutung der einzelnen Raumabschnitte des Innenraums sind an der Außenfassade erkennbar. 266 Paccassi legte in den 1760er Jahren das Treppenhaus in den Bereich der ursprünglichen Anticamera, wo es sich noch heute befindet. Auch heute präsentiert es römische Inschriftensteine. 267 Über die Ausstattung der „Anticamera“ sind nur Zeichnungen von Salomon Kleiner vorhanden. Nach diesen war der Raum mit römischen Inschrifttafeln geschmückt. Beachtlich müssen die Kamine gewesen sein, denen ein Aufbau in Form eines Pyramidenstumpfes aufgesetzt war und die ebenfalls mit römischen Inschrifttafeln geschmückt waren. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 60. 268 Vgl. Kleiner 1737, Tab. VI. 269 Vgl. zu den verschiedenen Überlieferungen Buchowiecki 1957, S.  122, Sedlmayr 1976, S. 196 und Benedik 1995, S. 286.

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Die Bänderung des Sockelgeschosses und dessen pylonenartige Vorsprünge lassen darauf schließen, dass das Erdgeschoss eine untergeordnete Rolle einnimmt. Mit der Ausbildung der schmalen Seitenrisalite nimmt die Fassadengestaltung der Längstrakte auf die Raumeinteilung der Flügelsäle Bezug. Der Außenbau wird wie der Innenraum in fünf Kompartimente unterschieden, die sich symmetrisch an den Mittelbau reihen. Die zentrale Stellung des längsovalen Kuppelraums wird durch dessen Hervortreten als Mittelrisalit in der Außenfassade aufgenommen und durch das eigenständige und höhere Dach als selbständiger Baukörper bestimmt. Allerdings geht Fischer von Erlach d. Ä. nicht so weit, dass er in der Außenfassade das Oval des Mittelsaals nachbildet. Im Gegenteil, es wird hinter einer geraden Frontwand versteckt. Nur die schmalen abgerundeten Wandabschnitte in den Ecken des Mittelrisalits weisen auf die ovale Form im Inneren hin. Die Kuppelrotunde wird auf diese Weise im Außenbau in den „flächenbetonten Gesamtcharakter“270 eingebunden. Wie im Innenraum werden auch im Außenbau trotz der Verschiedenheit der Form die Mittel- und Seitentrakte zu einer Einheit verbunden, was sich auch in der Wiederaufnahme der Kolossalordnung des Mittelrisalits an der Fassade der Längstrakte zeigt. Durch die beide Geschosse zusammenfassenden Kolossalpilaster wird auf die Zweigeschossigkeit des Raumes verwiesen. Die Kolossalordnung wird im Innenraum wiederum durch die Freisäulenpaare mit ihren korrespondierenden Pilastern aufgenommen. Die dekorativen Elemente der Außenfassade nehmen auf die malerische Ausschmückung des Innenraums Bezug. Nach Vitruv ist die ionische Ordnung die Ordnung der Göttin der Wissenschaften Minerva und dementsprechend einem Bibliotheksgebäude angemessen.271 Über den Seitenflügeln thronen Atlas und Gaia mit dem Himmels- bzw. Erdglobus sowie die Personifikationen von Astronomie und Astrologie, Geometrie und Geographie. In den Reliefs finden sich Utensilien der kriegerischen wie auch der friedlichen Wissenschaften. Sie alle weisen auf das ikonographische Programm der Seitenflügel hin: die Darstellung der himmlischen und irdischen Wissenschaften.272 Die Quadriga der Minerva, die zugleich als Kriegsgöttin und Beschützerin der Wissenschaften und Künste verstanden wird und so in sich einen Ausgleich zwischen Krieg und Frieden verkörpert, ist dement270 Lorenz 1992, S. 169. 271 Vgl. Suckale 1998, S. 348. 272 Allerdings weist Buchowiecki darauf hin, dass die Reliefs im Laufe der Zeit nachgebessert wurden und dementsprechend nicht eindeutig geklärt werden kann, ob der Inhalt der Reliefs „bereits auf die Sinngebung der Flügel im Inneren abgestimmt war.“ Buchowiecki 1957, S. 83.

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sprechend in der Mitte über den Kuppelraum gestellt. Durch ihre Stellung und Bedeutung korrespondiert sie sowohl mit dem Kuppelfresko als auch mit dem Standbild Karls VI. und somit auch mit Beispielen der Apotheose des Kaisers als Kriegsheld und Friedensstifter, wie nachfolgend gezeigt wird.273 Es kann festgehalten werden, dass Außenbau und Innenraum in einem reziproken Verhältnis zueinander stehen und die architektonische Gliederung des Außenbaus Aufschluss über die Raumlösung im Inneren gibt. Diese übersteigt die Erwartungen und stellt schon allein durch die Höhe des Raumes, den Einsatz der kolossalen Ordnung mit doppelten gekuppelten Pilastern sowie der Kuppelbekrönung einen Anspruch höchsten Ranges dar. Zur Ableitung der Form der Wiener Hofbibliothek

Das Vorbild Saalbibliothek

In seiner Längsausrichtung orientiert sich das Hauptgebäude der Wiener Hofbibliothek an den langgestreckten Saalbibliotheken des 17. und 18. Jahrhunderts. Ende des 17. Jahrhunderts wurde, wie oben erläutert, der zweigeschossige Bibliothekssaal mit Empore besonders im süddeutschen Raum zum beliebten Raumtyp, in dem Zweckmäßigkeit mit höchsten Repräsentationsansprüchen verbunden wurde. In der Entwicklungsgeschichte dieser Raumform steht die Wiener Hofbibliothek mit den ersten Klosterbibliotheken dieses Typs (z. B. Göttweig 1719–30, Melk 1728–41) ungefähr zeitgleich. Fischer von Erlach d. Ä., der Anfang der siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts 15 Jahre in Italien verbrachte, wird mit der Form der italienischen Saalbibliotheken des 17. Jahrhunderts vertraut gewesen sein und sie vermutlich in seinem Entwurf berücksichtigt haben.274 Auch wird er den Bibliothekssaal des Benediktinerklosters von Göttweig gekannt haben, schließlich wurde dieser von einem seiner schärfsten Konkurrenten Johann Lukas von Hildebrandt 1719–25 geplant. Mit seinen Größenverhältnissen von 77m x 14m x 15m schlägt der Bau allerdings nicht nur die Säle der Klosterbibliotheken und die italienischen Räume275, sondern auch den mächtigen Saal der Bibliothek im Escorial (1563–96)276 beträchtlich (Farb273 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 83 sowie Kreul 1995, S. 223. 274 Zum Einfluss der italienischen Saalbibliothek auf die Wiener Hofbibliothek vgl. Buchowiecki 1957, S. 66–68. 275 Zum Beispiel Florenz, Laurenziana (1524–71) 47m x 11m und Mailand, Ambrosiana (160309) 26m x 13m x 15m. 276 Maße der Bibliothek im Escorial: rund 70m x 12m x 12 m.

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taf. 37). Das 1688 begonnene Projekt des Berliner Kurfürsten mit einem Bibliotheksraum von knapp 150m Länge hätte den Saal der Wiener Hofbibliothek um fast die Hälfte übertroffen, wurde aber wie oben erwähnt nicht zu Ende geführt.277 Das gewollte Überbieten der bisherigen gewaltigsten Größenverhältnisse von Bibliotheksräumen sieht Buchowiecki in der Intention begründet, eine „Bibliotheca Caesarea“ schaffen zu wollen.278 Im Unterschied zu den bisherigen Saalbibliotheken handelt es sich bei dem Prunksaal der Wiener Hofbibliothek nicht um einen Raum, der mit einem Blick erfasst werden kann. Hervorgerufen durch die beiden eingestellten kolossalen Säulenpaare und den ovalen Zentralraum erfährt der Besucher in jedem Raumabschnitt nur einen neuen Teilausblick des Ganzen: die Säulen begrenzen den weiteren Blick in die Längsrichtung, der ovale Zentralraum ist beim Eintreten noch nicht auszumachen. Durch die notwendigen Einbauten Paccassis wurde dieser Effekt noch verstärkt. Kreul fasst die räumliche Erfahrung wie folgt zusammen: „Man blickt durch – und sieht das Entscheidende doch (noch) nicht.“279 Erst ab dem Säulenpaar ist das Oval in seiner ganzen Ausdehnung erfassbar. Während der Besucher durch das sich „langsam entrollende Oval“280 und die dadurch immer neu entstehenden Raumeindrücke in das Saalinnere gezogen wird, stoppt dieser Sog unweigerlich in der Mitte des ovalen Kuppelraumes. Hier wird der Blick nicht weiter längs, sondern in die Breite und vor allen Dingen in die Höhe gelenkt. Der Kuppelraum besticht durch seine Harmonie 277 Inwiefern Fischer von Erlach d. Ä. von dem 1688 begonnenen Projekt gehört hat, ist nicht geklärt. Fischer war 1704 in Berlin (vgl. Sedlmayr 1976, S. 114–116, Lorenz 1992, S. 33). Fragmente des begonnenen Erdgeschosses blieben noch bis ins 19. Jahrhundert stehen (vgl. Lorenz 2002, S. 163). Zudem wird Leibniz, der sich sehr für den Neubau der Wiener Bibliothek interessierte und der Ende des 17. Jahrhunderts Berlin besuchte, auf den unfertigen Bauabschnitt des Bibliotheksprojekts aufmerksam geworden sein. Vielleicht hat er sich die Entwürfe zeigen lassen. Ein Vergleich der Wiener Hofbibliothek mit dem Berliner Projekt des Großen Kurfürsten zeigt in der Außenfassade einige ähnliche Motive, wie die von der Sockel- bis zur Dachzone vorgenommene Risalitbildung an den Ecken und in der Mitte, die Aufstellung von Skulpturen in den Dachzonen der Risalite, eine plastische Betonung des Mittelrisalits, Säulen mit ionischer Ordnung und ein rustiziertes Sockelgeschoss. Allerdings unterscheidet sich die Wiener Fassade von der Berliner in wesentlichen formalen und gestalterischen Punkten wie die verstärkte Gliederung der Längsachse in verschiedene Kompartimente durch die durchbrochene Dachzone, die plastische Gestaltung der Fassade und die Einbeziehung eines ovalen Zentralraums im Grundriss. Außerdem übernimmt Fischer auch nicht die markante Rundbogenstellung im Erdgeschoss. Bis auf die übersteigerte Längsausrichtung ist eine Vorbildfunktion des Berliner Projektes eher auszuschließen. Beide Entwürfe lehnen sich lediglich an die Palastarchitektur an. 278 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 68. 279 Kreul 1995, S. 213. 280 Kreul 1995, S. 214.

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der Maßeinheiten. So entspricht die längere Achse der Kuppelellipse der Kuppelhöhe.281 In diesem Zusammenhang stellt sich unweigerlich die Frage, ob auch bei diesem Bibliotheksbau das Pantheon zu Rom vorbildlich gewirkt haben mag. Festzuhalten sei an dieser Stelle, dass sich Fischer von Erlach d. Ä. an der Formensprache der Saalbibliothek orientierte (Längsausrichtung, Zweigeschossigkeit durch Empore), diese aber mit eigenen Ideen ergänzte und somit zu einer äußerst effektvollen und individuellen Lösung kam. Vorbilder im Oeuvre des Architekten

Ein Merkmal der individuellen Hand Fischer von Erlachs d. Ä. ist der Einsatz von längsovalen Räumen.282 Er verbindet häufig einen Raum von ovalem Grundriss mit Seitenarmen. Bei Konzentration auf die mittleren drei Raumabschnitte (Oval mit zwei verkürzten Seitenflügeln) fällt auf, dass diese Form, wenn auch modifiziert, in dem Grundriss der Wiener Karlskirche (1713–37) (Abb.  41) sowie bei der Dreifaltigkeitskirche in Salzburg (1694–1702) zu finden ist.283 Wie bei dem Bibliotheksbau in Wolfenbüttel kann an dieser Stelle überlegt werden, ob eine sakrale Formensprache bewusst in den Entwurf einer Hofbibliothek mit einspielt und die Bibliothek auf eine sakrale Ebene gehoben werden sollte.284 Fischer von Erlach d. Ä. schöpft seine Idee allerdings auch aus einer profanen Baugattung, indem er sich der Formensprache seiner Lustgartengebäude bedient. So schließt er beispielsweise in den Entwürfen für Schloss Engelhartstetten (ca. 1693–1701) (Abb. 42) oder für ein Lustgartengebäude aus seiner „Historischen Architektur“285 zwei flankierende Säle an die kurze Achse eines ovalen Mittelsaals an. Im Unterschied zum Bibliothekssaal öffnet sich der Raum nicht in der gesamten Breite der Flügelsäle, sondern nur ein schmaler Durchgang ermöglicht das Eindringen in den Mittelsaal. Die eindrucksvolle Raumwirkung des Ineinanderschmelzens verschiedener Raumformen zu einer Raumgruppe, wie in der Hofbibliothek, ist bei den Lustgartengebäuden nicht gegeben.286 281 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 80 und Matsche 1992, S. 225. 282 Vgl. Lorenz 1992, S. 22. 283 Auch wenn bei diesen beiden Entwürfen der ovale Zentralraum in Längsrichtung durchschritten wird, sind Parallelen zum Entwurf der Hofbibliothek nicht zu leugnen. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 70. Zum sakralen Ausdruck des Ovals in Wien vgl. Kreul 1995, S. 211 mit Anm.7 und S. 215–217. 284 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 85. Vgl. zu dieser Fragestellung auch Abschnitt 5.3.1. 285 Grundriss des „Lustgartengebäudes“ der „Historischen Architektur“, Buch IV, T. XVIII (fol. 15 tergo). Vgl. Sedlmayr 1976, S. 314 und Abb. 219. 286 Vgl. Sedlmayr 1976, S. 190.

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Auch für die Gliederung des Außenbaus und für die Fassadengestaltung übernimmt und modifiziert Fischer von Erlach d. Ä. Motive seiner Palastbauten, so z. B. von der Gartenfassade des Gartenpalais Schwarzenberg (1720).287 Der Baukörper teilt sich auch hier in fünf verschiedene Kompartimente: ein rund herausgearbeiteter Mittelbau wird von zwei Rücklagen mit jeweils zwei Fensterachsen flankiert, an die sich wiederum bescheidende Seitenrisalite anschließen.288 In der Attikazone wird wie bei der Hofbibliothek diese Einteilung fortgeführt. Desweiteren werden das Piano nobile mit dem Obergeschoss durch Kolossalsäulen verbunden. Ähnliche Motive sind allerdings schon im 17. Jahrhundert im Schlossbau der französischen Frühklassik (Vorklassik) um 1650–60 zu finden.289 Eine verwandte Aufteilung des Baukörpers in zwei Eckrisalite und ein Mittelrisalit sowie die entsprechenden Rücklagen sieht man z. B. beim Schloss Raincy (um 1642–46) von Louis Le Vau (1612–70) (Abb. 43). Von Jean Marot (um 1619–79) übernimmt Fischer von Erlach d. Ä. das Motiv der „polygonal gebrochenen Ummantelung des Ovals, mit den einspringenden Eckfeldern“.290 Auch der „flächenbetonte Gesamtcharakter“ findet sein Vorbild in der französischen Frühklassik.291 Die angeführten Ähnlichkeiten zur Architektur des Schlossbaus lassen Sedlmayr zu der Schlussfolgerung kommen, dass es sich bei der Gestalt des Außenbaus der Wiener Hofbibliothek um eine gewollte Repräsentation der

287 Zum überzeugenden Vergleich vgl. Buchowiecki 1957, S. 130. 288 Im Unterschied zur Hofbibliothek wird die Rundung des Mittelrisalits nicht in einen kubischen Baukörper gesteckt. Die Außenfassade scheint dementsprechend bewegter, in der Hofbibliothek kommt das ovale Rund „nur mehr indirekt und ‚gebändigt‘ zur Anschung“. Lorenz 1992, S. 41. 289 Zugang zur zeitgenössischen französischen Baukunst wird Fischer von Erlach d. Ä. in seinen Studienjahren in Rom gehabt haben, wo er an der Accademia di San Luca lernte, die sich seit 1676 mit der französischen Akademie von Rom vereinigt hatte und an der viele französische Architekten tätig waren. Vgl. Lorenz 1992, S. 12 und Lorenz 1995, S. 132f. Zu Fischer von Erlachs d. Ä. Inspiration aus dem Schlossbau, insbesondere dem französischen der Frühklassik um 1650, vgl. auch Sedlmayr 1976, S. 59f und S. 190. 290 Sedlmayr 1976, S. 191. Sedlmayr zieht als Vergleich Marots Schloss aus Turny-en-Bourgogne heran. Abb. 276. Vgl. auch Buchowiecki 1957, S. 127. Er führt in der Entwicklungskette dieses Motivs noch Hildebrandts Oberes Belvedere an, welches zeitlich unmittelbar vor dem Bau der Wiener Hofbibliothek liegt. 291 Auch Suckale sieht die Gestalt der großen Fenstertüren mit ihren Verzierungen als „Reveranz an die moderne französische Baukunst“. Vgl. Suckale 1998, S. 348. In diesem Zusammenhang soll daran erinnert werden, dass Fischer von Erlach d. J. den Bau ausführte. Der „französische“ bzw. „klassische“ Charakter der Fassade mag von dessen gerade in Frankreich gewonnenen Studienerkenntnissen beeinflusst worden sein.

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kaiserlichen Bibliothek als ein „Schloss der Wissenschaft“ handele.292 Allerdings ist besonders an der Außenfassade mit der ionischen Säulenordnung und der bis in das Hauptgeschoss durchgehenden Bänderung sowie der Zurückhaltung der Risalitbildung und der Attika abzulesen, dass „die Bibliothek sowohl ein Bauwerk höchsten kaiserlichen Anspruchs, eines mit einem spezifischen Sinne, aber auch ein Nebengebäude ist.“293 Ein weiteres Motiv der Wiener Hofbibliothek lässt sich bereits in dem Oeuvre Fischer von Erlachs d. Ä. finden. Das Charakteristische der Kuppelanlage, die innere Fensterbildung in der Gestalt von Ochsenaugen und der Einbau eines Ganges hinter diesen, kommt bereits in dem Ahnensaal des Schlosses Frain (um 1688–89) vor.294 Von außen nur lose mit dem Schloss verbunden, zeigt sich der Saal als ein ovaler Mauerzylinder mit ursprünglich flachem Dach und Attikazone.295 Im Inneren erhebt sich über dem tiefovalen Grundriss eine Kuppelrotunde. Die Ausstattung des Saals widmet sich ganz dem Ruhm des Hauses vom Bauherrn Johann Michael Graf Althan (1679–1722). Statuen der wichtigsten Vertreter sind in Wandnischen eingestellt, im ovalen Spiegel der Wölbung findet sich als Deckengemälde eine Apotheose des Hauses. Durch eine Anlehnung des Zentralraums der Wiener Hofbibliothek an Ausstattung und Form des Ahnensaals nimmt Fischer von Erlach d. Ä. in dem Kuppelraum der Bibliothek den Gedanken einer Ruhmeshalle nochmals auf, hier als Ahnensaal der Habsburger, in dem der Ruhm Karls VI. und des Habsburgergeschlechts ausgestellt wird.296 292 Vgl. Sedlmayr 1976, S.  191. Außerdem Matsche 1992, S.  227, Anm. 118. Auch Zeitgenossen erschien die Bibliothek als ein Palast. Vgl. im Codex Albrecht zum Konzept der Bibliothek: „[...], Kayl: Bücher=Pallast, dergleichen Europa schöner nicht ansichtig worden“ (Abs. 16, abgedruckt in: Buchowiecki 1957, S. 97) oder das „Avertissement“ der „Dilucida Repraesentation“ im „Wiener Diarium“, Nr. 100 (14. Dezember 1735), hebt hervor, dass die Bibliothek „mit unter die prächtigsten Palläste von Europa verdient gerechnet zu werden.“ (Abgedruckt in: Matsche 1992, S. 227, Anm. 118). 293 Suckale 1998, S. 348. Das Motiv des ovalen Zentralraums ist in Fischer von Erlachs d. Ä. Oeuvre wie gezeigt auch hauptsächlich in der Architektur der Lust- und Gartenschlösser, nicht in der der repräsentativen Residenzanlagen zu finden. 294 Vgl. Buchowiecki 1957, S. 128 und Sedlmayr 1976, S. 189f. 295 Vierzig Jahre später wurde von Fischer von Erlach d. J. die Attika durch ein Walmdach ersetzt. Zum Ahnensaal von Schloss Frain vgl. Sedlmayr 1976, S.  49f und Lorenz 1992, S. 68f. 296 Zur Bibliothek als Ehrentempel und Ahnensaal der Habsburger Dynastie vgl. Sedlmayr 1976, S. 189f und S. 243 sowie Matsche 1992, S. 227, Anm. 118. Die Ähnlichkeiten zwischen dem Ahnensaal und dem Zentralraum der Hofbibliothek verleiten Matsche zu der Annahme, dass der kaiserliche Generalbaudirektor Graf Gundacker von Althan, ein Abkömmling des Althanschen Geschlechtes und laut der Resolution Karls VI. zum Bau der Bibliothek deren Planverfasser, Einfluss auf den Entwurf gehabt habe. Vgl. Matsche 1981, S. 39f.

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Beziehungen zwischen Wien und Wolfenbüttel

Fischer von Erlach d. Ä. wird nicht nur von dem Bau der Wolfenbütteler Hofbibliothek gehört haben, weil dieser der erste ausgeführte Entwurf eines eigenständigen Bibliotheksgebäudes nördlich der Alpen war. Auch Leibniz mag dem Architekten von dem Wolfenbütteler Bau berichtet haben.297 Der Philosoph stand in engem Kontakt mit Fischer von Erlach d. Ä. und bekundete ein lebhaftes Interesse an dem Neubau der Wiener Hofbibliothek.298 Ein Austausch zwischen Fischer von Erlach d. Ä. und Leibniz bezüglich der Bibliotheken ist allerdings nicht überliefert. Außerdem bestanden enge dynastische Beziehungen zwischen dem Braunschweig-Wolfenbüttelschen Hof und dem Kaiserhaus: Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750), Enkelin des Bauherrn der Wolfenbütteler Bibliothek Anton Ulrich, war Gemahlin Karls VI.299 Auch sie wird den Neubau der Wolfenbütteler Hofbibliothek gekannt haben. Beide Baumeister verwenden als Hauptmotiv einen ovalen Zentralraum. Ob sich Fischer von Erlach d. Ä. mit dem ovalen Mittelraum auf die Wolfenbütteler Bibliothek bezieht, ist allerdings fragwürdig. Die längsovale Rotunde ist ein Hauptmotiv in Fischer von Erlachs d. Ä. Werk, und somit ist es nicht verwunderlich, dass der Architekt es auch in seinem letzten Bau verwendet. Beide Bibliotheksräume greifen auf sakrale Ausdrucksmöglichkeiten zurück. Sowohl die Wiener Hofbibliothek als auch der Wolfenbütteler Bau werden aufgrund ihres ovalen Innenraums mit dem Kirchenbau in Verbindung gebracht, als Tempel300 bezeichnet bzw. erwecken Assoziationen an das Pantheon. Die an dieser Stelle unweigerlich auftretende Frage, inwiefern die sakrale Formensprache bei beiden Bauten bewusst eingesetzt wurde und als eine mögliche Sakralisierung der Wissenschaft im Kontext der Frühaufklärung gedeutet werden kann, soll vornehmlich in Bezug auf Weimar an späterer Stelle erläutert werden.301 297 Vgl. Matsche 1992, S. 227, Anm. 118. 298 „Je suis ravi d’apprendre que L’Empereur vient donner du lustre à sa Bibliothèque on m’a parlé du dessein du nouveau bâtiment“. Brief ������������������������������������������������ vom 8. Mai 1716 an den Hamburgischen Senator Konrad Widow, abgedruckt in: Buchowiecki 1957, S. 226. Zum Kontakt zwischen dem Philosophen und dem Architekten vgl. Sedlmayr 1976, S. 141f. 299 Vgl. Matsche 1981, S. 35 mit Anm. 98 sowie S. 40. 300 In dem Wiener Codex Albrecht ist von einem „wie ein Tempel aufgebauten Bibliothec-Saal“ (Codex Albrecht, abgedruckt in: Buchowiecki 1957, S. 108) zu lesen. Für Leonhard Christoph Sturm ist die Wolfenbütteler Bibliothek ein ovalrunder Tempel (Vgl. Sturm 1719, S. 6). 301 Zumal auch noch in der Frühaufklärung das kaiserliche Amt als gottgegeben galt und somit der Einsatz sakraler Baumotive für eine kaiserliche Bibliothek gerechtfertigt ist. Vgl.

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Eine Gemeinsamkeit der Bauten lässt sich in der Ausschmückung der Außenfassade finden. Beide Dächer werden von einem Himmelsglobus bekrönt und weisen auf die bildlichen Themen im Innenraum hin.302 Allerdings wird in Wien zusätzlich durch die Skulpturengruppen auf das Programm der inneren Ausstattung verwiesen. Während diese von dem Willen des Kaisers, Kriegs- und Wissenschaftsruhm seiner Person und des Habsburger Geschlechts abzubilden, determiniert wird, ist die Wolfenbütteler Thematik allgemeiner gehalten. Hier wird durch das Deckengemälde und den Himmelsglobus allein auf die himmlische Überwelt und nicht auf die ruhmreiche Dynastie der Welfen verwiesen.303 Der Aufbruch der flachen Decke in eine Kuppel steigert in Wien zusätzlich die herrschaftlich repräsentative Bedeutung des Raumes. Die Funktion der Wiener Hofbibliothek, nicht nur als Bücherbehältnis, sondern als Repräsentationsinstrument für den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und seine politischen Intentionen, verlangte per se eine repräsentativere Gestalt als eine Hofbibliothek eines Duodezfürstentums wie Braunschweig-Wolfenbüttel. Der Anspruch an die Wiener Hofbibliothek, ein Denkmal der Kaiseridee Karls VI. zu sein, beeinflusste ihre architektonische Gestalt und ihren Stil wesentlich.304 Ein entscheidendes Moment für das herrschaftspolitische Denken Karls VI. ist das tradierte Festhalten der Habsburger am Anspruch „ihrer früheren Stellung als führendes Herrscherhaus Europas und an der abendländischuniversalen Geltung des von ihnen seit Jahrhunderten bekleideten und als dynastisches Erbe betrachteten Kaisertums.“305 In der Würde des Kaisers auch Suckale 1998, S. 349. In Abschnitt 5.3.1, welcher das Weimarer Bibliotheksgebäude hinsichtlich sakraler Ausdrucksformen untersucht und diese architekturikonologisch wie auch architekturtheoretisch analysiert, wird auf das Phänomen des Einsatzes von sakraler Formensprache bei dem Bibliotheksgebäude ausführlich eingegangen. An dieser Stelle sei lediglich auf die Ausführungen zum sakralen Ausdruck des Ovals in Wien bei Kreul 1995, S. 211 mit Anm.7 und S. 215–217 verwiesen. 302 Ob die Wolfenbütteler Aufstellung, wie Sedlmayr annimmt, auf eine Idee von Leibniz zurückgeführt werden kann, kann anhand der vorhandenen Quellen bis heute nicht nachgewiesen werden. Vgl. Sedlmayr 1976, S. 189. Auch auf dem nicht ausgeführten Bibliotheksprojekt des Großen Kurfürsten in Berlin schien laut der Stadtansicht von Johann Bernhard Schulz aus dem Jahre 1688 ein Himmelsglobus angebracht gewesen zu sein. Vgl. Abb. 2 in Lorenz 2002, S. 161. 303 Auch das von Herzog Anton Ulrich gewünschte und nie ausgeführte Deckengemälde mit dem Thema „Allegorie der Wissenschaften“ bezog sich nicht auf den Bauherrn und dessen Haus, sondern war allgemein dem Triumph der Wissenschaft gewidmet. 304 Eine ausführliche Analyse über die Wiener Hofbibliothek als Denkmal der Kulturpolitik Karls VI. liefert Matsche 1992. 305 Matsche 1981, S. 4.

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sahen sie die Einzigartigkeit ihres Herrschertums verwirklicht.306 Dieser Anspruch der Einzigartigkeit sollte auch in den Bauwerken manifestiert werden und verlangte aus sich heraus nach „einmaligen und unwiederholbaren“ Bauten.307 Der Ideenreichtum Fischer von Erlachs d. Ä. sowie sein Drang, den Bauten eine ‚singuläre‘ Note zu geben, ließen seine Werke gegenüber denen der Konkurrenten308 hervortreten und verschafften dem Architekten eine bevorzugte Stellung bei Hofe bzw. machten ihn zu einem würdigen Vertreter des so genannten „Kaiserstils“309. Dieser ist, seiner Intention entsprechend, auf Werke begrenzt, zu deren Auftraggeber entweder der Kaiserhof selbst oder Personen und Institutionen zählten, die mit ihm politisch verbunden waren und Zugehörigkeit signalisieren wollten.310 Ein weiteres Merkmal des „Kaiserstils“ ist nach Sedlmayr der Einsatz von „ungemeinen“ Motiven, um den oben angesprochenen Anspruch auf Singularität der Bauten zu erfüllen.311 Ein solches Motiv ist das der Dop306 Zur Einzigartigkeit des Kaisertums vgl. Matsche 1981, S. 4 mit Anm. 10. 307 Vgl. Sedlmayr 1976, S. 205. 308 Schon Zeitgenossen sahen in den 1690 für Joseph I. errichteten Triumphpforten Fischer von Erlachs d. Ä. einen neuen „deutschen“ Stil, der den bis dahin in Wien und am Wiener Hof bevorzugten italienischen Stil ablösen sollte. Vgl. Sedlmayr 1976, S.  205 und Matsche 1981, S. 2. Vgl. dazu auch Polleross 2000, S. 113 mit Anm. 114. Charakteristisch für seine Bauten ist u. a. eine Verbindung zwischen Motiven des italienischen, insbesondere römischen Hochbarock und der französischen Frühklassik. Lorenz sieht den Ursprung dieser Synthese in Fischer von Erlachs d. Ä. Werk in seinem Umfeld während seiner Studienjahre in Rom, wo er an der Accademia di San Luca lernte, an der, wie oben erwähnt, viele französische Architekten tätig waren. Vgl. Lorenz 1992, S. 12. In der Wiener Hofbibliothek findet sich in dem Raumgedanken des Inneren der italienische Einfluss wieder, im Außenbau, wie oben erwähnt, der Stil französischer Schlossbauten der Frühklassik. Sedlmayr sieht in der Integration verschiedener europäischer Baugedanken in einer architektonischen Gattung eine „kaiserliche“ Ausprägung, „eine Summe formal, wie symbolisch“. Sedlmayr 1976, S. 204. Zur Synthese der verschiedenen Stile im Werke Fischer von Erlachs d. Ä. vgl. u. a. Buchowiecki 1957, S. 129, Sedlmayr 1976, S. 174, S.219–231 und Lorenz 1992, S. 12. 309 Sedlmayr prägte als erster den Begriff des „Kaiserstils“, den er bewusst gegen den Begriff des „Reichsstils“, in dem die politische Bedeutung des deutschen Barock verkörpert werden sollte, absetzte. Sedlmayrs Ausführungen waren gemäß seiner nationalsozialistischen Gesinnung ideologisch geprägt, worauf an dieser Stelle lediglich verwiesen werden soll. Vgl. Sedlmayr 1938. Der Begriff des „Reichsstils“ wurde von Gustav Steinbömer 1933 in seiner in Hamburg erschienenen „Politischen Kulturlehre“ zum ersten Mal gebraucht. Vgl. Matsche 1981, S. 1. Zur Unterscheidung der Begriffe „Kaiserstil“ und „Reichsstil“ vgl. Matsche 1981, S. 1–4 und Polleross 1995, S. 64–69. Vgl. außerdem die Ausführungen Sedlmayrs zur „Kaiserlichen Architektur“ in Sedlmayr 1976, S. 203–209. Zur Einzigartigkeit des Kaisertums und der damit verbundenen inhaltlichen Berechtigung des Begriffs „Kaiserstil“ vgl. Matsche 1981, S. 4 mit Anm. 10. 310 Vgl. Matsche 1981, S. 2. 311 Vgl. Sedlmayr 1976, S. 205.

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pelsäulen. Es findet sich bei nahezu allen kaiserlichen Bauten von Fischer von Erlach d. Ä. , so bei dem ersten Entwurf von Schönbrunn (1688, Bauherr: Leopold I.), der Ehrenpforte für Joseph I. von 1690, an der Karlskirche (1715, Bauherr: Karl VI.) und schließlich auch im Innenraum der Hofbibliothek. „Die Wahl der kolossalen Ordnung mit doppelten, gekuppelten Pilastern“ signalisieren „höchsten Ranganspruch.“312 In Anlehnung an das Pantheon wurde die Bibliothek zu einer Ruhmeshalle Karls VI.. Sein zweipoliges Herrscherideal „Arte et Marte“, das auch, zurückgeführt auf das Motto „ex utroque Caesar“, für seine caesarisch-imperial geprägte Kaiserideologie steht, wird nicht nur in dem Deckenfresko zum Ausdruck gebracht.313 Die Herrscherideologie des Kaisers zieht sich vielmehr als Grundgedanke und Leitfaden durch das gesamte Konzept der Hofbibliothek.314 Karls VI. Erziehung wurde nach dem habsburgischen Fürstenspiegel „Princeps in compendio“315 ausgerichtet, der die Ehre Gottes und das Wohl der Untertanen als Ziel einer Regierung ansieht.316 Die ersten beiden Baumaßnahmen Karls VI. manifestieren dieses Regierungsziel: die Karlskirche, als Pestvotivkirche, wurde nach Dedikationsinschrift „pro valetudine populi“ gebaut, die Hofbibliothek war laut Fassadeninschrift für den öffentlichen Nutzen, „publico commodo“, bestimmt. Die kaiserliche Wissenschaftspflege kann zur politischen Intention Karls VI. gezählt werden, Reformen in Wis312 Suckale 1998, S. 348. Zum Symbolgehalt des Doppelsäulenmotivs in der Habsburgischen Baukunst wie die Herkulessymbolik oder Säulen als „gebaute Devise“ (Constantia et Fortitudine) Karls VI. vgl. Matsche 1981, S.  348–351, Möseneder 1982, S.  163, Polleross 1996, S. 185 und Polleross 2000, S. 106. 313 Neben der Bezeichnung „Arte et Marte“ wurde auch der Doppelbegriff „Armis et Litteris“, zu deutsch „mit Schwert und Feder“ verwendet. Vgl. Matsche 1992, S.  209. Diese Herrschaftsauffassung, die schon dem Jungendlichen Karl VI während seiner Erziehung vermittelt wurde und die suggeriert, dass nicht nur durch kriegerische, sondern auch durch wissenschaftliche Kenntnisse Größe und Beständigkeit eines Reiches erreicht wird, ist bis in die Antike zurückzuverfolgen. Julius Caesar wurde zum beliebtesten antiken Vorbild für einen Herrscher, der neben militärischen Erfolgen auch für die Wissenschaft sorgte. Er wurde zum Archetypus des Ausdrucks „ex utroque Caesar“, der auf die Definition des Emblematikers Gabriello Simeoni von 1574 zurückzuführen ist: „Ex utroque Caesar volente significare, che per mezzo delle lettere e dell’armi aquistò Giulio Cesare l’Imperio e il Dominio di tutta la Terra”. Aus Gabriello Simeoni “Le imprese herioche et morali”, Lyon 1574, zitiert nach: Matsche 1992, S. 215. Vgl. dazu auch Möseneder 1982, S. 168, Anm. 139. Vgl. zur caesarisch-imperialen Kaiserideologie Matsche 1981, S. 291–304. 314 Vgl. Matsche 1992, S.  210. Das von Albrecht ausgearbeitete programmatische Konzept erklärt ausführlich die in Bild und Skulptur manifestierten Herrschertypologien Karls VI. Vgl. Buchowiecki 1957, S. 92–112. 315 Der habsburgische Fürstenspiegel wurde unter Kaiser Ferdinand II. (1578–1637) verfasst und 1632 gedruckt. 316 Vgl. Matsche 1992, S. 202.

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senschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Sozialwesen durchzusetzen, die bereits als Bestrebungen der Frühaufklärung anzusehen sind.317 Die Hofbibliothek steht am Anfang eines öffentlichen Bauprogramms, das sich im Aufbau von Beamtenakademien, repräsentativen Amtsgebäuden und Sozialbauten an der reformerischen Politik orientierte. Die Wiener Hofbibliothek ist ein eindrucksvolles Novum in der Gattung Bibliotheksbau, dessen Raumwirkung und Ausgestaltung an Pracht und Ausgewogenheit kaum zu überbieten war. Anders als alle bisherigen Hofbibliotheken trägt und erfüllt der Bau die Aufgabe, ikonographisch und formal die herrschaftspolitischen Intentionen seines Bauherrn in seiner Architektur zu vergegenwärtigen.318 Mannheim folgte mit einem aufwendigen Bildprogramm, das den Regenten als Förderer der Künste und Wissenschaften darstellte, erst dreißig Jahre später. Der Wiener Bau wurde ein Vorbild für die verschiedensten österreichischen Klosterbibliotheken, die verstärkt das Motiv des Kuppelsaals übernahmen und weiterführten.319 In der bautypologischen Entwicklung des eigenständigen Bibliotheksbaus folgte allerdings keine Klosterbibliothek, sondern wieder eine Hofbibliothek: die fürstliche Bibliothek zu Weimar.

4.3 Zusammenfassung Die Raumgestaltung der Hofbibliotheken des 17. und 18. Jahrhunderts orientierte sich wie die der Stadt-, Universitäts- und anderen Gelehrtenbibliotheken an praktischen Aspekten wie den bestmöglichen Lichtverhältnissen und der optimalen Raumausnutzung beim Aufstellen der Bücher. Das Raumprinzip wurde sowohl durch die an die Wände gerückten Regale oder 317 Vgl. Polleross 2000, S. 109f. 318 Der ihr innewohnende ikonographische und formale Verweischarakter lässt die Wiener Hofbibliothek zu einem rhetorischen Bauwerk werden, in dem Funktion und Belehrung miteinander verknüpft werden. Fischer von Erlachs d. Ä. Architektur des „Kaiserstils“ wird zur gebauten Rhetorik. Dass er in seinen Werken bewusst eine Verbindung von Rede- und Baukunst anstrebte, zeigt deutlich seine Porträtmedaille aus dem Jahre 1719. Neben dem persönlichen Emblem, Architekturversatzstücken mit bewusstem eklektizistischem-historisierendem Charakter steht auf der Rückseite das Motto DOCENT ET DELECTANT. Es weist auf die theoretische Basis der Architektur Fischer von Erlachs d. Ä., denn die Methoden des docere und delectare entsprechen den von Cicero und Horaz formulierten und seit Leon Battista Alberti in der neuzeitlichen Kunsttheorie bekannten genuin rhetorischen Intentionen. Vgl. Polleross 1996, S. 205. Zur These von Fischer von Erlachs d. Ä. Architektur des „Kaiserstils“ als gebaute Rhetorik vgl. Polleross 1996. 319 Z.B. in der Aneinanderreihung mehrerer überkuppelter Räume (Altenburg 1731–42 und Admont 1764–76).

Zusammenfassung  |

Schränke als auch durch quer oder längs in die Raummitte gestellte Regale, Schränke und Tische bestimmt. Mitte des 18. Jahrhunderts löste ein neuer Raumtyp, die Saalbibliothek, dieses Prinzip ab. Der zweigeschossige Bibliothekssaal mit umlaufender Empore trat im deutschsprachigen Raum Ende des 17. Jahrhunderts erstmals in der Architektur der süddeutschen Klosterbibliotheken auf. Galerie und Festsaal, Repräsentationsräume einer Schlossanlage, wurden wegweisend für die Gestalt der klösterlichen Bibliotheksräume.320 Interessant ist, dass die Klosterbibliotheken Raumtypen der fürstlichen Repräsentation übernehmen, während bis in das 18. Jahrhundert hinein den Hofbibliotheken der Saalcharakter verwehrt bleibt. Das Projekt des Großen Kurfürsten aus dem Jahre 1688, in Berlin der Königlichen Bibliothek eine zweigeschossige langgestreckte Galerie zu errichten, wurde nicht zu Ende geführt. Diese Tatsache scheint darauf hinzuweisen, dass die Bibliothek innerhalb der Schlossbaupraxis bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die gleiche repräsentative Bedeutung zugewiesen bekam wie die Galerie oder der Festsaal. Erst mit den Bibliotheken Wolfenbüttel, Wien und Mannheim begann sich dies zu ändern. Nicht nur durch die Annahme und Übersteigerung der Elemente klösterlicher Saalbibliotheken (in Mannheim werden zwei Emporen eingezogen, das hatte es auch bis dahin in der klösterlichen Architektur nicht gegeben), sondern insbesondere durch die Zuweisung eines eigenständigen Baus steigen die Hofbibliotheken auch architektonisch auf eine neue Repräsentationsebene. Mit den Bauten der Hofbibliotheken in Wolfenbüttel (1705–23) und Wien (1722–26) wird die mit der Antike untergegangene Bautradition wieder aufgenommen. Weimar (1760–66), Karlsruhe (1761–70), Kassel (1769–79) und Berlin (1775–80) ziehen mit eigenstän­ digen Bauten für die fürstlichen Sammlungen nach. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmen demnach nicht mehr die Klosterbibliotheken, sondern die großen Entwürfe der inzwischen zu Landes- und Staatsbibliotheken gewordenen fürstlichen Bibliotheken die Entwicklung des Bibliotheksbaus. Diese sollten nun nicht mehr nur den Repräsentationsansprüchen eines absoluten wissenschaftsinteressierten und –förderungswilligen Fürsten ge320 Adriani sieht z. B. das Antiquarium der Münchner Residenz, das 1560 als Kunst- und Antiquitätenkabinett von Herzog Albrecht V. errichtet wurde, als ein Vorbild nördlich der Alpen für die Klosterbibliotheken des Barock. Vgl. Adriani 1935, S. 17. Der langgestreckte Raum mit Stichkappentonne ist vom Typ her eine Galerie und zugleich ein Beispiel für die Raumgestalt der Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance. Von 1571–89 wurde die Münchner Hofbibliothek zudem im Obergeschoss des Antiquariums aufgestellt.

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|  Der Bibliotheksbau vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

nügen, sondern sie wurden auch als gebaute Manifestation des Bildungsbestrebens einer ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft verstanden. Eigenständigkeit, Pracht und Großzügigkeit der Gebäude verdeutlichen die Bedeutung, die die neue Bildungselite den Bibliotheken zur Staatsbildung zuschrieb. Im Zuge der Verstaatlichung und der damit einhergehenden Entwicklung der fürstlichen Bibliothek zur öffentlichen Institution fanden sich die Architekten vor neue Aufgaben gestellt, die den bibliothekstechnischen Ansprüchen einer Gebrauchs- und Magazinbibliothek genügen mussten.

5. Vorbilder und Leitbilder der fürstlichen Bibliothek zu Weimar Die fürstliche Bibliothek zu Weimar steht am Beginn der im 18. Jahrhundert wieder entdeckten Bauaufgabe des Bibliotheksbaus. Im folgenden Kapitel wird die Stellung der Weimarer Bibliothek in der Tradition des Bibliothekbaus untersucht. Dabei wird zunächst auf die Andersartigkeit des Bibliothekssaals im Vergleich mit den im 18. Jahrhundert üblichen Hofbibliotheksräumen eingegangen. Die Weimarer Bibliothek folgt in der Entwicklungsgeschichte des eigenständigen Bibliotheksbaus den Bauten in Wolfenbüttel und Wien. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich der Weimarer Entwurf an diese Bibliotheken anlehnt oder ob Straßburger eine eigene Formensprache entwickelte. Vor dem formalen Vergleich der Weimarer Bibliothek mit Wolfenbüttel und Wien werden die dynastischen und kulturellen Beziehungen zwischen den Städten beleuchtet. In diesem Zusammenhang wird erörtert, inwieweit beide Entwürfe bekannt gewesen sein könnten. Außerdem wird auf mögliche inhaltliche Gemeinsamkeiten der Architekturen eingegangen. Ein Teil der Weimarer Büchersammlung ist in dem Mansardgeschoss untergebracht. Die fürstliche Bibliothek zu Weimar unterscheidet sich auch in dieser Hinsicht von den bisher betrachteten Bibliotheksräumen und – bauten. Ein Abschnitt der Untersuchung der Stellung der Weimarer Bibliothek in der Tradition des Bibliotheksbaus beschäftigt sich dem folgend mit der Frage, inwiefern sie als Vorreiter der Magazinbibliothek gesehen werden kann, dem Bautypus der im 19. Jahrhundert auf den Funktionswandel der Bibliotheken vom fürstlichen Repräsentationsinstrument zum öffentlichen Gebrauchsinstrument reagiert. In diesem Zusammenhang wird die Bibliothek im dann folgenden Abschnitt hinsichtlich ihrer Ausgestaltung und ihres Stils untersucht. Bibliotheksräume und später auch Bibliotheksbauten waren im 17. und 18. Jahrhundert ein diskussionswürdiger Gegenstand für Architekturtheoretiker. Der zweite Abschnitt des vorliegenden Kapitels befasst sich mit der Abhandlung von Bibliotheken in den damals einschlägigen Architekturtraktaten. Dabei wird neben den geforderten praktischen Bedingungen auch auf die den Bibliotheken zugedachten Funktionen eingegangen. Abschließend wird hinterfragt, ob die Weimarer Bibliothek als praktisches Beispiel für die Architekturtheorien gesehen werden kann.

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Im abschließenden Abschnitt des Kapitels wird untersucht, mit welchen anderen Gebäudetypen die Weimarer Bibliothek formale Analogien aufweist. Es stellt sich heraus, dass der Bibliothekssaal Elemente des protestantischen Kirchenbaus, des Theaterbaus sowie der Festsaalarchitektur enthält. Dem folgend wird erörtert, ob die formalen Analogien durch inhaltliche Bezüge zu begründen sind.

5.1 Die Stellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in der Tradition des Bibliotheksbaus Der Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar ist nicht nur aufgrund seiner Eigenständigkeit eine Rarität in der Baugeschichte deutscher Hofbibliotheken des 18. Jahrhunderts, auch die Architektur des Saals ist kein Beispiel der geläufigen Einrichtungstypen zeitgenössischer Bibliotheksräume. Der folgende Abschnitt wird die besondere Stellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in der Bautradition der deutschen Hofbibliotheken aufzeigen. An dieser Stelle sei vermerkt, dass in der näheren Umgebung von Weimar keine Bibliothek mit nennenswerter Ausstattung überliefert ist. Eine Ausnahme ist die Hofbibliothek in Schloss Friedenstein in Gotha (1643–54)1. Die älteste wissenschaftliche Institution im Schloss wurde 1647 eingerichtet. 1687 bezog sie einen großen Saal im Ostturm der Schlossanlage.2 Der Saal ist ein dreischiffiger Pfeilersaal, in dem die Bücherregale entlang den Wänden aufgestellt sind.3 An den Saal schlossen sich drei weitere Zimmer an. Die Kurzbeschreibung zeigt, dass sich die Gothaer Hofbibliothek in den traditionellen Kanon des Hofbibliotheksbaus einfügt und somit den Architekten Straßburger nicht weiter beeinflusst haben dürfte.

5.1.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar im Vergleich mit deutschen Hofbibliotheken Vor ihrem Umzug war die fürstliche Bibliothek zu Weimar, wie oben erwähnt, in drei Räumen des Ostflügels der herzoglichen Residenz Wilhelmsburg untergebracht.4 Diese werden entsprechend ihrem Rang als 1 Zu Schloss Friedenstein vgl. Roob 1991, S. 60–83. 2 Vgl. Roob 1991, S. 76. Dehio 1998, S. 493 3 Vgl. Dehio 1998, S. 493 und Löschburg 1974, S. 63–65. 4 Vgl. Weber 1999, S. 43f.

Die Stellung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in der Tradition  |

Prestigeräume des Hauses repräsentativ eingerichtet gewesen sein. Im Jahre 1712 berichtet der damalige Bibliothekar Heinrich Leonhard Schurzfleisch, dass die fürstliche Bibliothek ebenso elegant ausgestattet wie kunstgerecht zusammengestellt sei.5 Nach den Aussagen des Bibliothekars ist davon auszugehen, dass das damals übliche Einrichtungsprinzip verfolgt wurde. Neben der Repräsentationsfunktion waren auch in Weimar eine bestmögliche Ausnutzung des Platzes sowie eine bequeme Nutzung Forderungen, die an die Bibliotheksräume gestellt wurden.6 Dementsprechend werden die Bücherregale sowohl an den Wänden als auch in der Raummitte gestanden haben, in der wohl auch Tische und Schränke aufgebaut waren. Das von Osten durch dreizehn Fenster einfallende Licht sorgte für eine ausreichende, angenehme Beleuchtung.7 Die Bücher werden eine einheitliche Bindung gehabt haben, denn Herzog Ernst August fordert eine „egale“ Bindung für neu einzubindende Bücher.8 Sie waren nach Formaten geordnet in den Regalen eingerichtet.9 Auch in Weimar stand die Bibliothek in engem funktionalem Zusammenhang mit den anderen fürstlichen Sammlungen, so dass davon ausgegangen werden muss, dass nicht nur Bücher in den drei Räumen untergebracht waren.10 Die Bibliothek war mit zahlreichen Porträts geschmückt.11 Mitte des 18. Jahrhunderts werden die ersten deutschen Hofbibliotheken als repräsentative Saalbibliotheken eingerichtet. Die prächtigen Bibliothekssäle der Hofbibliotheken in Wien und Mannheim vereinen die charakteristischen Merkmale einer Saalbibliothek wie räumliche Weite und Wandsystem. In dem Hauptsaal der Weimarer Bibliothek ist das Prinzip der Saalbibliothek erweitert worden. Nur in dem elliptischen Binnenraum ist ein unverbauter Blick auf die Bücher gegeben. Die mit Büchern ausge5 Vgl. Weber 1999, S. 44. 6 Schurzfleisch ist es wichtig zu erwähnen, dass die Räume im Ostflügel des Schlosses bequem zugänglich liegen. Die Leser könnten das Morgenlicht nutzen, ohne dass sie von der Sonne geblendet würden. Die Bücher seien vor Feuer, Feuchtigkeit und Raupenfraß geschützt. Vgl. Weber 1999, S. 43. 7 Im ersten Zimmer befanden sich vier Fenster, im zweiten drei und im dritten sechs. Vgl. ThHStAW A 11609a, Bl. 27 (Regesten). 8 Vgl. eigenhändigen Vermerk von Ernst August am 23. März 1746 in ThHStAW Bibl. W. 4, Bl. 239 (Regesten). 9 Vgl. Blumenthal 1941, S. 76. 10 Vgl. Weber 1999, S. 44. Die Anzahl der Fenster in den einzelnen Räumen zeigt, dass zwei kleinere Räume und ein Hauptsaal zur Verfügung standen. Vermutlich war die Bibliothek, die 1712 bereits auf 11 000 Bände angewachsen war, in dem großen Raum untergebracht, während sich die Münzsammlung sowie die Kunst- und Naturaliensammlung in den kleineren Kabinetten befanden. 11 Vgl. Weber 1999, S. 44.

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füllten Interkolumnien bilden die für eine Saalbibliothek charakteristischen Bücherwände. Die die Ellipse umgebenden Raumabschnitte sind nicht mit einem Blick erfassbar. Aufgrund ihrer Breite sind sie eher als ‚Büchergänge‘ denn als ‚Büchersäle‘ zu bezeichnen. Die Aufgabe der zwölf Pfeiler ist es auch nicht, eine Empore, wie z. B. in Wien, sondern ein Raumgefüge zu stützen. Durch seine Breite wird der Umgang im zweiten Obergeschoss zu einem als Stellfläche nutzbaren Raum.12 Straßburger verbindet in der architektonischen Gesamtkonzeption die für den Bibliotheksbau zeitgemäße Form der Repräsentation (Saalbibliothek mit Wandsystem im Binnenraum) mit Zweckmäßigkeit (Stellfläche im umgebenden Raum). Diese Verbindung ist bis dahin nur in der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde zu finden. Inwieweit sich der Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar an diesem ersten eigenständigen Bibliotheksbau der Neuzeit orientierte, zeigt ein Vergleich zwischen den beiden Bibliotheken im folgenden Abschnitt.

5.1.2 Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde als Vorbild? Dynastische Beziehungen zwischen Weimar und Wolfenbüttel

Eine enge dynastische Beziehung zwischen den Häusern Sachsen-WeimarEisenach und Braunschweig-Wolfenbüttel ist seit der Hochzeit von Anna Amalia mit Ernst August Constantin im Jahre 1756 gegeben. In Kapitel 1 wurde der politische und kulturelle Einfluss von Wolfenbüttel auf Weimar besprochen. Anna Amalia ist demnach in einem ‚aufgeklärten‘ Staat aufgewachsen, der nicht nur gegenüber ‚moderner‘ Philosophie, Künsten und der Literatur aufgeschlossen war, sondern sich auch für eine Förderung der Wissenschaften einsetzte. Ein hervorragendes Bildungswesen war für Anna Amalias Vater Carl I., Urenkel des Bauherrn der Bibliotheksrotunde Anton Ulrich, eine Voraussetzung für das Funktionieren eines zukunftsorientierten und auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Staats. Der Herzog reformierte nicht nur die Universität zu Helmstädt und rief das Collegium Carolinum in Braunschweig ins Leben, sondern sorgte sich der Panegyrik nach auch ausgiebiger als seine unmittelbaren Regierungsvorgänger um die Ver12 In dem ersten Entwurf bewahrte Johann Georg Schmidt dem ersten Obergeschoss einen Emporencharakter, da er die Pfeiler nicht wiederholte und somit einen offeneren Raum mit Regalen an den Wänden präsentierte. Zudem zieht er das Oval in die Länge, so dass der Umgang an den Stirnseiten schmaler ist als bei Straßburger. Schmidts Entwurf verkörpert dementsprechend eher das Prinzip der Saalbibliothek als der Straßburgersche, der sich aufgrund der Gewinnung von Stellfläche von diesem entfernt hat (Farbtaf. 5 u. Abb. 5).

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mehrung und eine effizientere Verwaltung der fürstlichen Bibliothek.13 Die Bibliotheksrotunde war demnach in der Jugend Anna Amalias nicht mehr nur ein repräsentatives Gebäude für eine bedeutende Büchersammlung, sondern diente zunehmend auch als Bildungsstätte einer ‚aufgeklärten‘ bildungs- und leseorientierten Gesellschaft.14 Inwieweit Anna Amalia in ihrer Jugend die Schätze der Bibliothek in Anspruch nahm, d. h. wie häufig sie die Bibliothek besuchte, ist nicht überliefert.15 Ihre Erziehung durch Abt Jerusalem, der für seine literarisch-pädagogischen Ansätze bekannt war, sowie das Literatur- und Philosophieinteresse der Mutter Philippine Charlotte stehen dafür, dass am Wolfenbütteler Hofe die Literatur als vorrangiges Erziehungsmittel eingesetzt wurde. In diesem Zusammenhang darf die Bedeutung der Wolfenbütteler Bibliothek als Bildungsstätte für die Mitglieder der herzoglichen Familie nicht unterschätzt werden. Ein Mitwirken Anna Amalias bei der Entwurfsentwicklung ist nicht überliefert. Wie oben beschrieben, galt ihr künstlerisches Interesse mehr der Musik und Malerei als der Baukunst. In ihren Pro Memoria den Bau betreffend werden als einzige Bewertung des Schmidtschen Entwurfs die Adjektive „ansehnlicher, dauerhaffter u[nd] beßer“ verwendet.16 Eine Bewertung des Straßburgerschen Entwurfs im Vergleich zu Schmidts Plänen ist nicht gegeben. Vordergründiges Thema ist das Einhalten der Kosten. Es existieren auch keine Quellen darüber, ob die Architekten Schmidt oder Straßburger die Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel gekannt haben. Etwaige Reisen dorthin sind nicht bekannt. Allerdings wird der Bau in zeitgenössischen Reiseberichten lobend erwähnt, so dass von dieser Seite den Baumeistern Kenntnisse über den Bau vorliegen könnten.17 Desweiteren 13 Vgl. Heinemann 1894, S. 134f. 14 Zur Benutzungsgeschichte der Wolfenbütteler Bibliothek seit dem 17.  Jahrhundert vgl. Raabe 1994 und Raabe 1997. Seit 1666 öffentliche Bibliothek, war sie für zeitgenössische Gelehrte und Gebildete ein begehrter Anziehungspunkt. Im 18. Jahrhundert wandelte sich die Bibliothek, bedingt durch die reformpädagogischen und ‚aufgeklärten‘ Ideen, die in dem Braunschweiger Collegium Carolinum verbreitet wurden, sowie dank einer liberalen Bibliotheksleitung von einer fürstlichen Gelehrtenbibliothek in eine Bürgerbibliothek. 15 Erst aus dem Jahre 1771 ist ein Besuch der Herzogin in der Bibliothek überliefert. Lessing, zu dieser Zeit Bibliothekar in der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde, berichtete, wie interessiert die Herzogin gewesen sei, dass man sich mit ihr wie mit einem guten Freunde über Wissenschaft und Kunst und insbesondere über das Theater habe unterhalten könne. Vgl. Scheel 1994, S. 21. 16 Vgl. ThHStAW B 9136, Bl. 12. Anna Amalia vergleicht hier den Schmidtschen Entwurf mit der ersten Lösung. 17 Vgl. z. B. die Reiseberichte über Wolfenbüttel bei Sturm 1719, Christian Gabriel Fischer, 1731 abgedruckt in: Predeek 1926 oder Uffenbach 1753.

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mag der Vizekanzler von Anna Amalias Vater Georg Septimus Andreas von Praun Auskünfte über Vorteile und Zweckmäßigkeit des Baus überliefert haben. Seit 1751 hatte er die Oberaufsicht über die Wolfenbütteler Bibliothek inne. Seine Aufgabe war es, die verschiedenen fürstlichen Privatsammlungen in die fürstliche Bibliothek einzugliedern.18 Praun vertrat den Herzog 1758 während dessen Obervormundschaft in Weimar und machte Anna Amalia mit dem Regierungswesen vertraut.19 Sein Wissen um den Bau der Rotunde könnte ihn als Berater für die Bibliotheksentwürfe in Weimar tätig haben werden lassen. Aufgrund der dynastischen Beziehungen zwischen den Städten Wolfenbüttel und Weimar ist eine Vorbildfunktion des Wolfenbütteler Baus möglich. Ein formaler Vergleich zwischen den beiden Bauten soll diese Überlegung bestätigen. Formaler Vergleich Wolfenbüttel-Weimar

Sowohl in Weimar als auch in Wolfenbüttel standen die Architekten vor der Aufgabe, einen vorhandenen Baukörper in ein Bibliotheksgebäude zu verwandeln. Während in Weimar die Außenmaße des Vorgängerbaus (bis auf den nördlichen Anbau) übernommen wurden, veränderte der Wolfenbütteler Architekt Hermann Korb den langgestreckten zweigeschossigen Marstall in Breite und Höhe beträchtlich, so dass der Baukörper der Bibliotheksrotunde nicht mehr an seinen Vorgänger erinnert. Ein auffälliges Merkmal an Korbs Entwurf ist die Bezugnahme des Außenbaus auf den Innenraum: der zylinderförmige Binnenraum durchbricht den rechteckigen Kubus im Dachgeschoss. In Weimar hingegen ist der elliptische Binnenraum am Außenbau nicht zu erkennen. Einzig die Kolossalpilaster nehmen Bezug auf den Innenraum, indem sie dessen Zweigeschossigkeit andeuten. Es bleibt festzuhalten, dass sich in der äußeren Gestalt die beiden Bibliotheksbauten in Gliederung und Aufbau markant unterscheiden, so dass hier keine Vorbildfunktion aus Wolfenbüttel für Weimar festgestellt werden kann. Anders verhält es sich beim Innenraum. Auch in Weimar kann in Bezug auf das erste Obergeschoss nicht von einem säulengestützten Emporengeschoss gesprochen werden. Wie in Wolfenbüttel konstituiert sich in dem rechteckigen Grundriss durch die Stellung von zwölf Pfeilern ein elliptischer Binnenraum. Auch wenn dieser nicht wie in der Bibliotheksrotunde von mehreren Räumen umgeben wird, so spricht die Breite des Umgangs, in 18 Vgl. Raabe 1994, S. 221. 19 Vgl. Kapitel 1.1.3.

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dem Treppe und weitere Regale ihren Platz finden, mehr für einen Raum als für eine Empore. Durch die Fortführung der Pfeiler in die oberen Geschosse erhält der Binnenraum in beiden Bibliothekssälen den Charakter eines zylindrischen Raumes. Zwar fehlt in Weimar ein entsprechendes Deckengemälde bzw. die äußere Kuppel als Abschluss, aber durch den Durchbruch in das Dachgeschoss entsteht auch hier ein Aufwärtsstreben. Der Vergleich zeigt, dass in Weimar eine ähnliche Idee der Raumaufteilung und -wirkung verfolgt wurde wie in Wolfenbüttel. Im Vergleich zu dem Wolfenbütteler Bau ist die Ausführung in Weimar einfacher. Hier erhebt sich der Zylinder nur über zwei Geschosse und nicht über vier. Es fehlt die Superposition. An der Decke findet sich kein den Raum erweiterndes und ikonographisch abgestimmtes Deckengemälde. Einzige Gemeinsamkeit in der künstlerischen Ausgestaltung sind die angebrachten Monogramme der jeweiligen herzoglichen Familienmitglieder. Mit der Lichtführung wurde in Wolfenbüttel raffinierter umgegangen. Das einfallende Licht durch die Fenster im Tambour sorgte indirekt für eine ausreichende Beleuchtung des Mittelsaals. Dieser empfängt in Weimar nur durch die OstWestfenster Licht. Die ausgefüllten Interkolumnien verhindern zudem eine Ausbreitung des Lichts in den Binnenraum. Statische und kostentechnische Gründe mögen eine Rolle dafür gespielt haben, warum in Weimar der Deckendurchbruch nicht konsequent im Dachgeschoss weiterverfolgt wurde. Die angeführten formalen und wirkungsästhetischen Ähnlichkeiten schließen eine Vorbildfunktion von Wolfenbüttel für Weimar nicht aus. Die Raumkomposition in Wolfenbüttel führte zu einem neuartigen Zusammenwirken von Repräsentations- und Nutzfläche. Der Innenraum fungierte als Repräsentationsraum, der umliegende Raum wurde für die Unterbringung der Bücher optimal genutzt. Die Eigenschaften einer Saalbibliothek wurden mit dem Anliegen der früheren Hofbibliotheken, eine repräsentative Ausnutzung des Raumes zu schaffen, verbunden. Diese Eigenart der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde mag in Weimar beeindruckt haben. Wie in Kapitel 3 erläutert, war es der Herzogin ein wichtiges Anliegen, dass der Bau der Bibliothek zwar von „ansehnlicher“ Gestalt sei, daneben sollte er aber auch ausreichend Platz für die Bücher bieten. Die Idee, eine Saalbibliothek in einen nutzbaren Bibliotheksraum einzufügen, kam den Bedürfnissen der Bauherrin sehr entgegen. Indem Straßburger die Funktion des Mansardgeschosses als weiteren Unterbringungsort für Bücher durch das Deckenauge sichtbar macht und es so in den repräsentativen Raum der Bibliothek mit einbezieht, geht die Weimarer Bibliothek noch einen Schritt weiter. Sie präsentiert sich, der bibliotheksgeschichtlichen Entwicklung angepasst, als Vorläuferin einer Magazinbibliothek.

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Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde als „Abbild der Welt“ – Übertragung auf Weimar?

Ob die Weimarer Bibliothek den kosmologischen Charakter der Bibliotheksrotunde übernehmen sollte, konnte anhand der Quellenlage nicht geklärt werden. Am Wolfenbütteler Hof aufgewachsen und erzogen, wird Anna Amalia mit der Philosophie Leibniz’ vertraut gewesen sein. Allerdings ist es fragwürdig, ob sie bzw. ihre Berater mit der Übertragung von dessen Monadenlehre auf das klassifikatorische Ordnungssystem einer Bibliothek vertraut waren, und wenn, ob sie diese mit der Form der Rotunde in Zusammenhang gebracht haben. Auch wenn sich die Architektur der Weimarer Bibliothek anbot, eine harmonische, in sich geschlossen simulierte Ordnung des Wissens zu präsentieren, wurden die drei großen Teilbibliotheken der herzoglichen Sammlung anfangs wie zuvor im Residenzschloss getrennt voneinander aufgestellt. Dies bezeugt ein Reisebericht des Bibliothekswissenschaftlers Friedrich Karl Gottlob Hirsching aus dem Jahre 1786: „Dieses mit schöner Stuccaturarbeit und Vergoldungen ausgeschmückte Gebäude, hat drey Abteilungen übereinander; einen großen länglichen Saal mit einem Oval in der Mitte, und zwey Stockwerken, wozu eine bequeme Treppe führt. Hier ist nun die Trennung von drey erwähnten Bibliotheken größtentheils beybehalten, und auf der rechten Seite, wenn man in den Saal tritt, die Logauische, auf der linken die Schurzfleischische, und im mittleren Oval sind die kostbarsten Werke der herzoglichen Handbibliothek aufgestellt.“ 20 Hirsching schreibt weiter, dass die Sammlungen nach einzelnen Fachgruppen geordnet seien: „Im Saale sind die Werke befindlich, die zum Staatsrecht, zur bürgerlichen, Natur, Kunst und Litterärgeschichte, zu den Alterthümern, zur Geographie, Chronologie, Diplomatik, Numismatik u.s.w. gehören; [...] Auf der zweiten, mit einer Gallerie versehenen Etage, stehen auf einer Seite, die zur Theologie, Kirchengeschichte und Patristik u.s.w. auf der anderen Seite die zu Jurisprudenz gehörigen Werke; überdieß noch eine beträchtliche und schätzbare Sammlung von seltenen, sowohl geschriebenen als auch gedruckten Bibeln [...] In der dritten Etage sind die medicinischen, philosophischen, mathematischen und philologischen Werke, nebst verschiedenen Schriften befindlich.“21 Diese Ordnung erinnert an die fachliche Einteilung des Realkataloges, den Bartholomäi 1753 begonnen hatte und

20 Hirsching 1786, S. 209ff. 21 Hirsching 1786, S. 209ff.

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1778 mit dem sechzigsten Band beendete.22 Die Aufstellung der Bücher erfolgte demnach nach zwei Prinzipien: der Provenienz und der fachlichen Einordnung. Es fehlte eine stringente Systematik, die ein durch Literatur geordnetes Weltbild zu erkennen gab. Dies ist verwunderlich, da zur Zeit des Umzugs der grobe Entwurf des Realkatalogs bereits vorhanden war.23 Durch eine einheitliche Bindung der Bücher sollte eine optische Gleichförmigkeit erreicht werden. Aus diesem Grund wurden die Neuerwerbungen „in Pergament theils ganz theils halb um sie den Bänden in der Logauischen Schurzfleischischen Bibliothek gleichförmig zu machen, theils aber auch der Dauerhaftigkeit wegen in selbig Band gebunden.“24 Dieser Vorsatz konnte allerdings aus Kostengründen nicht konsequent verfolgt werden, so dass bald ein heterogener Raumeindruck entstand. In Weimar ist kein Versuch erkennbar, ein systematisches Raum- und Weltbild durch die Literatur zu repräsentieren. Insofern ist es schwierig, hinter der Architektur, trotz des ovalen Binnenraums oder der zwölf Pfeiler, kosmologisch-universales Gedankengut zu vermuten. Dementsprechend ist eine Anlehnung an die Raumform der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde vermutlich weniger aus symbolischen Analogien als aus den oben angeführten Vorteilen des Bautypus eines Repräsentations- und Zweckbaus zu erklären.

5.1.3 Die Wiener Hofbibliothek als Vorbild? Dynastische und kulturelle Beziehungen zwischen Weimar und Wien

Mit der Heirat Ernst August Constantins mit Anna Amalia wurde auch eine dynastische Verbindung zwischen dem Haus Sachsen-Weimar-Eisenach und dem Habsburger Haus eingegangen. Der Erbauer der Wiener Hofbibliothek Karl VI. war mit der Schwester ihrer Großmutter väterli22 Zunächst war eine Gliederung in fünf Fachgebiete vorgesehen: Bibliotheca theologica, juridica, physico-medica, historica und philosophica mit insgesamt 175 Klassen. Im Laufe der Arbeit kamen philologicocritica und technica et opificiaria mit 200 Klassen hinzu. Vgl. Weber 1999, S. 60. Zum Realkatalog vgl. Seifert 1992. Zur Beziehung zwischen dem Realkatalog und der Aufstellung der Bücher in dem neuen Bibliotheksbau vgl. Steierwald 1999, S. 67–69. 23 Steierwald erklärt sich den Mangel eines logisch stringenten Aufstellungsprinzips aus der Gleichzeitigkeit des Umzugs und einer sprunghaften Bestandsvermehrung. Vgl. Steierwald 1999, S. 68f. 24 Bericht von Bartholomäis Nachfolger Johann Christian Ferdinand Spilcker aus dem Jahre 1798. ThHStAW A 11617b, Bl. 104.

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cherseits Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel verheiratet.25 Allerdings ist diese doch ferne Verwandtschaft für die Frage nach einer Vorbildfunktion der Wiener Hofbibliothek als unbedeutend zu bewerten. Auch wenn das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisennach als Territorialstaat des „Heiligen Römischen Reichs“ dem Kaiser verpflichtet war, orientierte sich die Regentschaft Anna Amalias familiär bedingt mehr an Preußen als an dem habsburgischen Herrscherhaus.26 Auch von politischer Seite ist daher in der Mitte des 18. Jahrhunderts keine intensive Verbindung zwischen Wien und Weimar zu spüren, die einen kulturellen Austausch zwischen den Städten zur Folge gehabt hätte. Ein kultureller Austausch hatte eine Generation zuvor stattgefunden und möglicherweise seine Spuren in dem Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar hinterlassen. Wien erlebte Ende des 17. Jahrhunderts, nach erfolgreicher Abwehr der Türkenbelagerung von 1683, einen Aufschwung künstlerischen Schaffens, bei dem insbesondere die Adelsfamilien als Mäzene auftraten. Auf ihre prächtigen Palastbauten konzentrierte sich das architektonische Geschehen Wiens ums 1700.27 Der Hof zog mit Projekten wie Schloss Schönbrunn (ab 1696) und schließlich, unter der Regierung Karls VI., mit aufwendigen und prunkvollen Bauten wie der Karlskirche und der Kaiserlichen Hofbibliothek nach. Der baufreudige Weimarer Herzog Ernst August I. (1688 / 1707–48), Vater von Ernst August Constantin, war nach seinem Wiener Aufenthalt im Jahre 1727 von der Kaisermetropole sehr angetan.28 So schickte er 1729 seinen Hofbaumeister Gottfried Heinrich Krohne (1703–56), ab 1741 Vorgesetzter und Lehrer von Straßburger, auf Studienreise nach Wien.29 Es wird vermutet, dass Krohne in Wien das Obere Belvedere (1721–23) von Johann Lukas von Hildebrandt studieren sollte, da er 1728 zur Mitarbeit am heutigen Weimarer Schloss Belvedere

25 Zu den Stammtafeln der Habsburger, Braunschweig-Wolfenbütteler und Sachsen-WeimarEisenacher Familie vgl. Sokop 1993, S. 8, S. 20 und S. 22. 26 Anna Amalias Vater war ein Parteigänger Friedrichs II., ihre drei älteren Brüder kämpften im Siebenjährigen Krieg als preußische Offiziere. Anna Amalia versuchte stets diplomatisch sowohl beim Preußenkönig als auch beim Reichsoberhaupt zu bestehen. Vgl. Berger 2003, S. 66, S. 241 und S. 254f. 27 Vgl. Lorenz 1992, S. 19. 28 Vgl. Heckmann 1999, S. 11. 29 Vgl. Möller 1956, S. 28 und Heckmann 1999, S. 177 und ThHStAW B 26900: In einem Brief vom 16. Mai 1729 schreibt Krohne an den Geheimratspräsidenten von Reinbaben, dass er für acht Wochen nach Wien reisen müsse. Der Grund der Reise wird aus dem Brief nicht ersichtlich.

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hinzugezogen worden war.30 Ernst August I. hatte bei seinem Besuch in Wien Bekanntschaft mit dessen Bauherrn Prinz Eugen geschlossen. Der architekturinteressierte Herzog wird von dem kurz davor errichteten Sommerschloss beeindruckt gewesen sein.31 Formale Ähnlichkeiten, wie die Aufteilung des Baukörpers in mehrere „Pavillons“, mögen diese Vermutung bestätigen.32 Ein Überblick über Krohnes Oeuvre lässt vermuten, dass er von den Ideen Fischer von Erlachs d. Ä. sehr angetan gewesen ist. Dessen Spiel mit Oval- und Kreisräumen bzw. ein- und ausschwingenden Wandteilen finden sich in Bauten des Thüringer Baumeisters wieder.33 So zum Beispiel in der Hoffront des Corps de Logis des Schlosses Ettersburg34 nördlich von 30 Vgl. Möller 1956, S.  28 und S.  195 und Heckmann 1999, S.  176f. Begonnen wurde die Entwurfsplanung von Johann Adolf Richter (1682–1768). Unter der Mitwirkung von Krohne wurden die Pläne immer wieder geändert. 1732 wurde der Bau im Sinne von Krohne beendet. Zur Baugeschichte des Schlosses Belvedere in Weimar vgl. Möller 1956, S. 41–49 und Oehmig 1997, S. 316f. 31 Ernst August engagierte sich persönlich beim Entwerfen seiner Architekturprojekte. Ein Zeitgenosse berichtet über ihn im Jahre 1734: „Mit unter läßt er auch seine Architekten und Gärtner kommen, mit denen er Zeichnungen entwirft.“ (Zitiert in: Reinle 1975, S. 149.) Außerdem besagt ein Aktenfund, dass mit dem Bau eines Entwurfs nicht begonnen werden durfte, wenn dieser „nicht durch Ihro Hochfürstl. Durchlaucht hohe Unterschrift authorisiert worden, [...].“ (Zitiert in: Reinle 1975, S. 149). 32 In einem Konvolut sächsischer Schlosspläne vom Beginn des 18. Jahrhunderts in der Luzerner Zentralbibliothek, der Pläne für das Neue Schloss zu Eisenach (um 1742) und einen neuen Westflügel für das Weimarer Residenzschloss (um 1732–36) beinhaltet, ist auch ein Gartenplan des Belvedere in Wien erhalten. Auch wenn die Risse nicht signiert sind, so glaubt Reinle, dass der Riss „eindeutig von der Hand Krohnes gezeichnet“ und „die Frucht dieser [Wiener] Reise gewesen sein [dürfte].“ Reinle 1975, S. 159f. 33 Als Vorbild mögen Fischer von Erlachs d. Ä. Entwürfe und Bauten für diverse Gartenpalais um Wien gedient haben, wie z. B. das Gartenpalais Leeb in Augarten (um 1691), das Gartenpalais Strattmann (1692–93) oder das Gartenpalais Schwarzenberg nach Fischer von Erlachs d. Ä. Umbau (ab 1720). Fischers Idee, einen kubischen Baukörper mit einem ovalen zu verbinden, wurde zu einem prägenden Leitmotiv seines architektonischen Gestaltens, das in der Lösung der Bauaufgabe „Lustgebäude“ schnell von anderen Architekten aufgegriffen und in Wien zum formalen Standard wurde. Zur Entstehung und Rezeption des Fischerschen Bautypus vgl. Lorenz 1992, S. 26–32. 34 Der Bau wurde von Krohnes Vorgesetztem Johann Adolf Richter begonnen. Seit 1728 beeinflusste Krohne Grundriss und Fassadengestaltung. Auf ihn geht wohl das an den kubischen Baukörper vorgesetzte ovale Treppenhaus zurück. Zur Baugeschichte des Schlosses Ettersburg vgl. Möller 1956, S. 49–52 und S. 204–206 und OEHMIG 1997, S. 333–343. Zum Einfluss Fischer von Erlachs d. Ä. Bauten bzw. der Adelspaläste in Wien auf Krohnes Entwurf vgl. Möller 1956, S. 50f, S. 173 und S. 205. Möller nimmt an, dass Fischer von Erlachs d. Ä. Kollegienkirche in Salzburg auch als formales Vorbild gedient haben könnte. Auch wenn eine Reise Krohnes nach Salzburg nicht überliefert ist, so mag Krohne das 1721 erschienene Stichwerk „Entwurff einer Historischen Architectur“ von Fischer von Erlach d. Ä. gekannt haben, das auch einen Stich der Kollegienkirche enthält.

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Weimar oder der Talfront des Corps de Logis des mittleren Schlosses der Lustschlossanlage in Dornburg35 (Abb. 44). Die formale Idee der Wiener „Lustgebäude“ und der Wiener Hofbibliothek greift Krohne im Entwurf zur Gothaer Orangerie aus dem Jahre 1747 auf: ein längsrechteckiger Baukörper wird mittig von einem quergestellten Ovalsaal durchdrungen.36 Es ist davon auszugehen, dass Krohne den nahezu fertiggestellten Bau der Wiener Hofbibliothek während seines Aufenthalts besucht hat. Außerdem mag er das 1737 erschienene Stichwerk „Dilucida repraesentatio Bibliothecae Caesareae…“ von Salomon Kleiner über die Wiener Hofbibliothek gekannt haben.37 Möglicherweise wird er seinem Schüler Straßburger von dem Bau berichtet haben. Wegen seines Todes im Jahre 1756 konnte er ihn allerdings nicht mehr bei den aktuellen Planungen für die Weimarer Bibliothek unterstützen. Inwiefern Straßburger möglicherweise auf den Bau der Wiener Hofbibliothek in seinem Entwurf für die Weimarer Bibliothek eingegangen ist, soll der folgende formale Vergleich zeigen. Formaler Vergleich Wien-Weimar

Wie in Kapitel 4 erläutert, definiert sich der äußere Baukörper der Wiener Hofbibliothek aus der Raumkomposition des Inneren heraus. Die Bedeutung der einzelnen Innenräume zeichnet sich am Außenbau ab. Der Außenbau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar hingegen bezieht sich nicht auf die innere Gestalt, die Existenz eines elliptischen Binnenraums ist von außen nicht zu erkennen. Bei beiden Entwürfen ist das Sockelgeschoss genutet und weist auf eine untergeordnete Rolle des Untergeschosses hin. Die zwei Hauptgeschosse werden sowohl in Wien als auch in Weimar durch Kolossalpilaster verbunden. Die Fenster liegen in vertieften Wandflächen. Im Vergleich zu Wien ist die Fassade in Weimar unaufwendiger gestaltet. Keine spezifische Säulenordnung, kein motivisches Relief weist auf den Zweck des Gebäudes hin. Auch der Globus, in Wien wie in Wolfenbüttel markantes symbolträchtiges Schmuckwerk, fehlt.

35 Zur Baugeschichte der Dornburger Schlösser vgl. Möller 1956, S. 58–65 u. S. 197f und Oehmig 1997, S. 352–362. 36 Vgl. Möller 1956, S. 168. 37 Das Stichwerk ist in der Weimarer Büchersammlung vorhanden. Allerdings sind bis zum Jahre 1817 keine zuverlässigen Zugangsverzeichnisse angelegt worden. Wann Kleiners Werk in die Sammlung gekommen ist, ist bisher nicht nachzuvollziehen. Es ist allerdings anzunehmen, dass Ernst August I. als Wien-Kenner und Architektur-Begeisterter die Stichfolge für die fürstliche Büchersammlung anschaffen ließ.

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Beiden Entwürfen ist die Idee eines elliptischen Zentralraums in Kombination mit einem Kubus gemeinsam. Allerdings verfolgen sie jeweils ein anderes Schema. Während in Fischer von Erlachs d. Ä. Entwurf das Oval den längsrechteckigen Saal senkrecht durchbricht, stellt Straßburger das Oval vollständig in Längsrichtung in den rechteckigen Grundriss ein. Beide Zentralräume besitzen eine Eigenständigkeit, die allerdings auf unterschiedliche Weise erreicht wird: in Wien durch die im Vergleich zu den Längsflügeln andere Ausrichtung und Raumhöhe sowie durch die Kuppel; in Weimar durch die Wiederholung der Pilaster in der Höhe und der Ausfüllung der Interkolumnien durch Bücherregale. Durch die unterschiedliche Stellung des Zentralraums in der architektonischen Gesamtkomposition ergibt sich jeweils eine andersartige Raumwirkung. Der Wiener Bibliothekssaal ist wesentlich stärker von der Offenheit und Längsausrichtung der Saalbibliotheken beeinflusst, auch wenn der gesamte Raum nicht auf einen Blick erfassbar ist. Im Vergleich zu Weimar ist dennoch eine Weite gegeben, da sich das Emporengeschoss wie in den Saalbibliotheken als schmaler Umgang formiert und nicht als Raum. In Weimar ist nur in dem Binnenraum eine Weite zu spüren, die das Oval umgebenden Räume besitzen eine intimere Atmosphäre. Die mächtige Kuppel über dem Wiener Zentralraum lenkt den Blick nach oben. Hier öffnet sich durch das Deckengemälde verstärkt eine ‚unendliche‘ Ferne. Auch der Deckendurchbruch in dem Weimarer Rokokosaal zieht den Blick in die Höhe. Dadurch, dass die Ausmaße des darüber liegenden Raumes nicht erkennbar sind, ist auch hier eine Assoziation zur Unendlichkeit möglich. Ein ikonographisches Programm, hervorgerufen durch Malerei und Skulptur, war anders als in Wien in der Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar nicht vorgesehen. Die Herrscherporträts des Sächsischen Hauses wurden im Nachhinein aufgehängt, die Aufstellung von Ahnenund Gelehrtenbüsten erfolgte sogar erst im 19. Jahrhundert. Aber nicht nur durch die Deckenmalerei und die Aufstellung von Büsten wird in der Wiener Hofbibliothek eine mit Weimar nicht zu vergleichende Pracht erreicht. Allein durch die kostbaren Materialien für Fußboden, Bücherregale und Emporen wird deutlich, dass es sich in Wien um einen kaiserlichen Repräsentationsraum handelt und nicht um die Herberge einer fürstlichen Büchersammlung eines kleinen Fürstentums, in dem die Herzogin in Obervormundschaft regierte. Auch wenn sich formale Gemeinsamkeiten wie der elliptische Zentralraum oder die Kombination von Ovalraum und Kubus in den Entwürfen finden lassen, sind die Unterschiede in Raumkomposition, Raumwirkung und Ausstattung doch so auffällig, dass eine Vorbildfunktion von Wien für

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Weimar auszuschließen ist. Der Grund dafür wird nicht die Unkenntnis Straßburgers über den Wiener Bau gewesen sein, sondern die unterschiedlichen Intentionen, aus denen die Bibliotheksbauten jeweils entstanden sind.

5.1.4 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als Vorreiterin der Magazinbibliothek Anders als bei den meisten Hofbibliotheken wird in Weimar nicht die gesamte Büchersammlung in einem Raum aufgestellt. Ein Teil der Bibliothek ist in dem Mansardgeschoss untergebracht. Hier sollten solche „Bücher die vielleicht in der Bibliothec selbst nicht gern ausgestellet werden, aus dem Gesicht gestellt werden [...].“38 Eine bestmögliche Ausnutzung des vorhandenen Raumes war seit Beginn der Planung eine notwendige Bedingung gewesen. Aus diesem Grund fiel die Wahl auf das Französische Schlösschen, „indem darinnen nicht allein zur Aufstellung derer albereits vorräthigen Fürstl: Bücher, sondern auch vor die von Zeit zu Zeit noch anzuschaffende genugsamer Raum vorhanden [ist]“.39 Die Ausnutzung des Dachbodens als Magazin war unter anderem auch ein Argument für den Straßburgerschen Entwurf.40 Diese Überlegungen sowie ihre Umsetzung lassen Weimar am Anfang einer neuen Entwicklung in der Geschichte des Bibliotheksbaus stehen. Die Veränderung von der Saalbibliothek zur Magazinbibliothek bedingte sich zunächst aus praktischen Gründen.41 Die kontinuierliche Vergrößerung der Büchersammlungen führte auf die Dauer zu einer Überauslastung der Schausäle. Anliegende Räume und Korridore wurden häufig zu provisorischen Bibliotheksräumen umfunktioniert. Neue Raumlösungen mussten gefunden werden. Die Karlsruher Hofbibliothek (1761–70) zählt zu den ersten Bibliotheksgebäuden, in denen die Büchersäle als Magazinräume genutzt werden und von dem Lesesaal getrennt sind.42 Ein rechteckiger 38 39 40 41

Vgl. ThHStAW B 9136, Bl. 8. Vgl. ThHStAW B 9136, Bl. 1. Vgl. ThHStAW B 9136, Bl. 14. Zur Auflösung der Saalbibliothek und Entwicklung zur Magazinbibliothek vgl. Leyh 1961, S. 878–884 und Pevsner 1976, S. 106–108. 42 Zum Neubau der Karlsruher Schlossbibliothek vgl. Gutman 1911, S. 74f und 85f und Valdenaire 1931, S.  46f. Zur Innovation im Bau der Hofbibliothek von Karlsruhe vgl. Laborde 1845, S. 22f, Edwards 1859, S. 683, Müller 1948, Sp. 534, Leyh 1961, S. 869 und S. 871 und Pevsner 1976, S. 100. Der Grundriss des Bibliothekssaals bei de Laborde (S. 23) ist nach dessen Gedächtnis gezeichnet und entsprechend ungenau. Gutman veröffentlichte

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Grundriss wurde durch einen Längs- und einen Quergang in vier Bereiche unterteilt, die sich wiederum in fünf schmale Magazinräume aufteilten. Der Lesesaal befand sich in der Mitte des Kreuzes, das durch die beiden Hauptgänge gebildet wurde. Das so entstandene Rondell war mit einer Kuppel geschmückt. Durch die Aufteilung des Büchersaals in verschiedene Räume wurde eine Fassungskraft erreicht, die bis dahin im deutschsprachigen Raum ihresgleichen suchte.43 Auch der Vorschlag für einen Neubau der Universitätsbibliothek Göttingen des Hofarchitekten Johann Dietrich Heumann aus dem Jahre 1769 zeigt den Beginn eines Umdenkens von der Saal- in Richtung Magazinbibliothek (Abb. 45).44 Der dreigeschossige Bau sollte in der Mitte eine von Regalen umschlossene Kuppelrotunde erhalten, von der fünf Flügelräume abgehen sollten. In diesen sollten im Erdgeschoss die Regale, lösgelöst von der Wand, quer in den Raum gestellt werden. Die Obergeschosse sollten durch Längsregale dreischiffig unterteilt werden. Der ungestörte Raumeindruck einer Saalbibliothek wäre nur in der Mittelrotunde erfahrbar gewesen. Die Flügelräume hätten den Charakter von Magazinräumen erhalten. Beide Entwürfe gehen einen Schritt in Richtung neuzeitliche Magazinbibliothek und greifen den Idealentwürfen des Theoretikers Leopoldo della Santa (1772–1827) aus dem Jahre 1816 vor (Abb.  47).45 Dieser forderte eine Dreigliederung des Bibliotheksbaus in Räume für Verwaltung, Magazine und Benutzer. Damit der Platz bestmöglich ausgenutzt wurde, sollte die Büchersammlung in einer Reihe von schmalen Zellen untergebracht werden, entlang deren Umfassungswänden die Bücherregale aufgestellt werden sollten. Ein großer Lesesaal sollte den Benutzern zur Verfügung stehen. Ein nie ausgeführter Entwurf des Stadtarchivars Johann Conradin Beyerbach für den Neubau der Stadtbibliothek in Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1817 führte Della Santas Vorstellungen weiter.46 Beyerbach stellte in sehr enger Achsenweite links und rechts vom Mittelgang Querwände auf, die einen Grundriss der Gesamtanlage nach den Plänen des Großherzoglichen Hofbauamtes (S. 67), der einen von de Laborde abweichenden Grundriss des Bibliothekstraktes zeigt. Sie unterscheiden sich in der Aufteilung des Raumes um das mittlere Rondell. Allerdings waren schon zum Zeitpunkt von Gutmans Veröffentlichung keine eigenen Pläne zum Bibliotheksbau erhalten. Eine authentische Veröffentlichung fehlt bis heute. Die Bibliothek ist heute nicht mehr erhalten. 43 Vgl. Leyh 1961, S. 871. 44 Zur Mittlerstellung zwischen Tradition und Innovation im Vorschlag Heumanns für das Göttinger Universitätsgebäude vgl. Lehmann 1996, S. 350 und S. 442. Heumanns Entwurf wurde nicht verwirklicht. Der heutige Neubau wurde 1878–83 errichtet. 45 Zu Della Santa und seinem Idealplan vgl. Della Santa 1816 und Leyh 1961, S. 878–883. 46 Vgl. Kortüm 1906, S. 69 und Leyh 1961, S. 879f.

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von Doppelrepositorien gebildet wurden. Diese erstreckten sich über vier Geschosse von je 2,32m Höhe mit festen Zwischendecken, so dass alle Fächer und Bücher ohne Zuhilfenahme von Leitern bequem erreicht werden konnten. Derartige zweckorientierte Entwürfe, deren wesentliches Kennzeichen ist, dass jetzt nicht mehr in erster Linie die Wände, sondern mehr und mehr das Rauminnere für die Aufstellung der Bücher nutzbar gemacht wurde, begannen sich zögerlich Mitte des 19. Jahrhunderts in der Praxis durchzusetzen. Auf eine repräsentative Schaustellung der Sammlung in den Büchersälen wollte man vorerst noch nicht verzichten.47 Selbst im ansonsten fortschrittlichen Neubau der Münchner Hofbibliothek (1832–43) von Friedrich von Gärtner (1792–1847) wurden die Bücher nur längs der Wände aufgestellt.48 Allerdings beherbergte der Bau in einem in Deutschland bis dahin noch nicht vorgekommenen Ausmaße Magazin- und Verwaltungsräume, die allerdings auf nicht sehr zweckmäßige Weise mit den Vorräumen verbunden waren. Das rasche Anwachsen der Bestände aufgrund einer immer stärker zunehmenden literarischen Produktion, die wie oben beschrieben mit einem steigenden Lesebedürfnis einherging, führte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu, dass der Lesesaal an Bedeutung gewann und den repräsentativen Schausaal ablöste.49 Dass die Lesesäle nicht weniger prächtig erschienen, zeigt der Lesesaal der Pariser Bibliothèque Nationale (1865–68) von Henri Labrouste (1801–75) (Farbtaf. 39 u. Abb. 46).50 Sechzehn Eisensäulen tragen neun gleich große sphärische Gewölbe aus dünnen Fayenceplatten. In ihrer Mitte öffnet sich je ein kreisrundes Oberlicht von vier Metern Durchmesser, wodurch eine helle Atmosphäre entsteht. Die Mitte des Raumes ist mit Tischen ausgestellt, drei Reihen Bücherregale ziehen sich entlang der Wand und sind durch zwei Galerien erreichbar. Während der Lesesaal eine Weite ausstrahlt, die an die traditionellen Schausäle erinnert, zeigt ein Blick in die sich anschließenden Magazinräume, dass hier versucht wurde, den 47 Vgl. Leyh 1961, S. 881 und Pevsner 1976, S. 106. So wurde z. B. die Universitätsbibliothek Göttingen im Jahre 1812 in der Paulinerkirche noch wie eine Saalbibliothek eingerichtet. 48 Vgl. Kortüm / Schmitt 1893, S. 52f, Leyh 1961, S. 881 und Pevsner 1976, S. 106. 49 Ein Vorteil der Saalbibliothek war neben der Zur-Schau-Stellung eine einfache Erschließung der Bestände. Mit dem Ausbau des Katalogsystems im Laufe des 18.  Jahrhunderts war ein allumfassender Überblick über die Sammlung nicht mehr notwendig. Vgl. Predeek 1928, S. 403–406. 50 Labrouste baute in den Jahren 1854–75 den neuen Trakt für die Nationalbibliothek entlang der Rue Richelieu. Vgl. zum Neubau von Labrouste Kortüm 1906, S. 151–153, Crass 1976, S. 34f, Pevsner 1976, S. 108.

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Raum bestmöglich für die Unterbringung der Bücher auszunutzen.51 Das Büchermagazin erhebt sich über fünf Geschosse. Die Doppelrepositorien sind quer in den Raum gestellt. Es wird mit einem Oberlicht erleuchtet, was den zu allen Geschossen hin geöffneten Mittelgang erklärt. Rostartig gebildete Zwischenböden ermöglichen eine Ausleuchtung bis in die unteren Geschosse. In Deutschland richtete die Universitätsbibliothek in Rostock (1866–69) als eine der ersten Bibliotheken ein Büchermagazin von hoher Effizienz bezüglich der bestmöglichsten Raumausnutzung ein. So bestach die Einrichtung des Magazinraums durch eine geringe Achsenweite der Gestelle, eine schmale Gangbreite zwischen den Repositorien und die Höhe der Gestelle, die in sechs Geschossen in Reichhöhe übereinanderstanden. Diese wurden durch drei Etagen mit festen Böden und drei durchbrochenen Zwischenböden, die von Büchergerüst zu Büchergerüst reichten, gebildet.52 Die architektonische Entwicklung zur Magazinbibliothek vollzog sich mit dem Funktionswandel der Bibliotheken vom fürstlichen Repräsentationsinstrument hin zum öffentlichen Gebrauchsinstrument. Die Magazinbibliothek etablierte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts nun auch in Deutschland, wie z. B. neben Karlsruhe, München und Rostock auch in dem zweckmäßigen Bau für die ehemalige Königliche Landesbibliothek zu Stuttgart (1878–85).53 Ein Jahrhundert zuvor ist bereits in der fürstlichen Bibliothek zu Weimar eine Tendenz zur Magazinbibliothek zu spüren. Der Schausaal wird zwar noch nicht vom Lesesaal abgelöst, auch gruppieren sich um den Binnenraum keine weiteren Magazinräume, aber dennoch wird durch die architektonische Gesamtkonzeption deutlich, dass Straßburger versuchte, eine bestmögliche Ausnutzung des Platzes mit den entsprechenden repräsentativen Funktionen zu verknüpfen. In dem Mansardgeschoss stehen die Repositorien sowohl längs und als auch quer im Raum. Die fürstliche Büchersammlung wird nicht nur in einem repräsentativen Schausaal, sondern auch in einem Magazinraum aufgestellt.

5.1.5 Der Stil der fürstlichen Bibliothek zu Weimar im Vergleich Über die Gestalt der fürstlichen Bibliothek zu Weimar sind weder von der Bauherrin noch von dem Architekten Äußerungen überliefert. Die Ent51 Zum Büchermagazin der Nationalbibliothek in Paris vgl. Leyh 1961, S. 878f. 52 Zu den Neuerungen und Vorteilen der Rostocker Universitätsbibliothek vgl. Leyh 1961, S. 890. 53 Zur Zweckmäßigkeit der ehemaligen Königlichen Landesbibliothek zu Stuttgart vgl. Kortüm 1906, S. 76 und S. 180f und Crass 1976, S. 41.

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scheidung für den Entwurf begründet sich laut zeitgenössischer Dokumente auf den im Vergleich niedrigen Kosten sowie der ausreichenden Stellfläche. Im Vergleich zu anderen Hofbibliothekssälen (Wolfenbüttel, Wien, Mannheim) präsentiert sich die Bibliothek in ihrer Ausgestaltung zurückhaltend. Es fehlt auch eine Ausmalung der Decke, die auf ein bestimmtes ikonographisches Programm hinweisen könnte. Zur Bauzeit der Bibliothek wurde eine bewusste bedeutungsdarstellende Formgebung, die der Forderung nach Angemessenheit, dem decorum, nachkam, in der Architektur allgemein vorausgesetzt.54 Bis in das 18. Jahrhundert hinein hatten die fürstlichen Bauten der Repräsentation und der Prätention von Machtansprüchen eines Fürsten zu genügen. Sie gaben den prunkvollen Rahmen für die Feste und das Zeremoniell, in dem sich Fürst und Hof nach außen präsentierten. Die Untertanen sahen in den prächtigen Bauten einen Spiegel der auf Gottesgnadentum beruhenden Herrschaft. Die Wiener Hofbibliothek ist sowohl in ihrer Form als auch in der Ausgestaltung ein im Wortsinne beredtes Beispiel für eine dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ‚angemessene‘ Architektur. Sie ist ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Skulptur mit dem Ziel einer Geschlossenheit in der Wirkung, getrieben von dem ‚barocken‘ Wunsch, den irdischen und göttlichen Kosmos in einem großen Maßstab zusammenzufassen und zu vereinheitlichen. Das Ende des 18. Jahrhunderts war auch in der Kunst eine Zeit des Umbruchs und des Wandels. Während sich im Absolutismus „vor allem wegen seiner festen Strukturen eine relativ geschlossene Stilbildung“ entwickelte, war die Zeit um 1800 geprägt von Gegensätzlichkeit, Vielfalt und Auflösung der Normen.55 Ein stilistisches Phänomen dieser Zeit ist das Rokoko.56 In Frankreich hervorgegangen aus der Grotesken- und Bandelwerkornamentik bevorzugt der Ornamentstil des Rokoko asymmetrische und spielerische Formen. Mit der vorherrschenden Norm der antiken Säulenordnungen wurde gebrochen. Die Ornamentik entzog sich der Rhetorik wie der Bedeutungsbefrachtung der offiziellen Architektursprache, die noch im 54 Vgl. Suckale 1998, S. 10. 55 Suckale 1998, S. 10. 56 Das Rokoko ist nur eine von mehreren Kunstströmungen des 18. Jahrhunderts. Zur begrifflichen Abgrenzung vgl. Bauer / Sedlmayr 1992. Suckale weist darauf hin, dass der Stilbegriff des Rokoko als Epochenkennzeichnung nicht taugt, dass er nur für bestimmte Aufgaben gilt und hauptsächlich für eine besondere Richtung des Ornaments. Vgl. Suckale 1998, S. 394. Dennoch ist das Rokoko nicht nur eine Art der Dekoration, sondern es verkörpert in seinem Wesen gewisse künstlerische und gesellschaftliche Prinzipien, die es in dieser Hinsicht zu einem Stil, der alle Künste berührte, hat werden lassen.

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Zeremonialdenken begründet war. Das Unrepräsentative und Unprätentiöse kam den Fürsten sehr entgegen, die sich selbst für ‚modern‘ hielten. Dass vielen Bauten des Rokoko in ihrer verschwenderisch ausstrahlenden Zierlust häufig noch eine Pracht innewohnte, die an die ‚alte‘ zeremonielle Kunst erinnerte, kam ihnen sicherlich nicht ungelegen. So ist das Rokoko ein „Phänomen des Übergangs. Barocker Schwulst wird abgeschafft, viele charakteristische Absichten des Zeitalters der Vernunft spiegeln sich wider, aber gleichzeitig drücken seine Formen auch ein gewisses Heimweh nach dem ‚Grand Siecle‘ aus.“57 Im Rokoko tritt auch die Deckenmalerei großen Formats zurück, „weil sie formal wie farbig zu schwer ist, weil sie den irdischen Raum transzendiert und weil das barocke Prinzip der Illusion dem Rokoko nicht geistreich genug ist; es zieht die Allusion vor und sucht Grenzüberschreitungen.“58 Auch in dem Hauptsaal der fürstlichen Bibliothek zu Weimar gibt kein illusionistisches Deckengemälde, wie z. B. in Wien, eine Apotheose der Herrscherin vor. Hier sind es lediglich die Architektur und der Ort, die auf die Herzogin als Regentin und Förderin der Wissenschaften hinweisen. Die Stellung der Bauherrin wird allein durch die einzigen darstellenden Elemente in der Architektur, die Wappenkartusche und den Fürstenhut, verdeutlicht. Weder die Außenfassade noch die Innenarchitektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar weisen ein strenges architektonisches Regelwerk auf. Die ionischen Halbsäulen der Fenster des ersten Obergeschosses übernahm Straßburger vom Vorgängerbau. Dass die ionische Ordnung nach Vitruv der Göttin der Wissenschaften Minerva zugeordnet wurde, kam dem Architekten dabei sicherlich gelegen. Allerdings spricht er in der Pilasterordnung der Fassade diese bedeutungstragende Sprache nicht weiter, sondern geht auf eine verspielte Rokokoornamentik über. Auch die Innenarchitektur ist von dem Ornamentstil des Rokoko geprägt. Im ersten Obergeschoss des Hauptsaals mag man noch die komposite Ordnung, die höchste in der Hierarchie der Säulenordnung, als Pilasterkapitell erkennen, doch spielen schon hier Elemente des Rokoko mit ein. Im zweiten Obergeschoss werden die Pilaster bereits von Rocailleornamenten bekrönt. Die atektonischen Formen des Rokokoornaments geben dem Künstler eine neue Freiheit. „Indem sich die Formen gegenseitig ergänzten, veränderten und in Spannung hielten, entstand jener Eindruck von Ironie, die letztlich nichts anderes ist als ein Spiel des Künstlers mit den Möglichkeiten seiner 57 Norberg-Schulz 1975, S. 12. 58 Bauer / Sedlmayr 1992, S. 40f.

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Kunst.“59 Die Dekoration wird selbst zum Objekt der Darstellung, sie „identifiziert sich mit dem künstlerischen Ausdruck, mit der reinen Form, in der kompromisslosen Konzeption des l’art pour l’art.“60 Hier offenbart sich bereits einer der bedeutendsten Wandel innerhalb der Kunstgeschichte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde der Form mehr und mehr die darstellende Funktion abgesprochen, sie war nicht mehr Bedeutungsträger im alten Sinne, sondern galt an sich als poetisch gehaltvoll.61 In ihrer subjektiven Ästhetik sollte sie Erinnerungen, Gedanken und Gefühle wecken. In seiner Schrift „Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie“ aus dem Jahre 1766 verwarf Gotthold Ephraim Lessing „die für die Kunst und Literatur seit dem 15. Jahrhundert bestimmende Forderung der Verähnlichung von Dichtung und Malerei (‚ut pictura poesis, ut poesis pictura’) und betonte stattdessen ihre Unterschiede, die sich zeitlich gegen die sich räumlich entfaltende Kunst abheben. Damit löste er die Kunst im Prinzip von den literarischen Themen, Allegorien und Symbolen.“62 Diese Haltung ist trotz der verschiedenen Intentionen in den meisten Stilrichtungen des 18. Jahrhunderts zu finden, auch wenn sie äußerlich keine Gemeinsamkeiten aufweisen, sondern so unterschiedlich sind, wie z. B. ‚Klassizismus‘ und ‚Neogotik‘. Der Form wurde verstärkt Geist und Sinn zugesprochen „- dies ist eine Wurzel aller abstrakten, konstruktivistischen oder expressionistischen Tendenzen.“63 Die Zurücknahme der Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, sei es in ihrer Funktion als Bedeutungsträger oder in ihrer Ausgestaltung und Farbigkeit, überlässt dem Inhalt des Gebäudes, den Büchern, den Vortritt. Der Bau präsentiert sich angepasst an die veränderten Bedingungen der Repräsentation eines ‚aufgeklärten‘ Fürstenhauses. Seine Gestalt unterstreicht den öffentlichen Nutzen des Gebäudes, die Bildung der Leser, und lässt einen Verweis auf die Verdienste der Bauherrin dezent in den Hintergrund treten. Die Fassade der fürstlichen Bibliothek zu Weimar zeigt neben Elementen des Rokoko auch solche des ‚Frühklassizismus‘, wie die gleichmäßige Flächigkeit, die geringe Reliefbildung der hochrechteckigen Wandfelder 59 Bauer / Sedlmayr 1992, S. 38. 60 Bauer / Sedlmayr 1992, S. 38f. 61 Zum Bedeutungswandel der Form im 18. Jahrhundert vgl. die Ausführungen von Suckale über „Die Freisetzung der Künste in der modernen Gesellschaft (1760–1890)“ in Suckale 1998, S. 409–519. 62 Suckale 1998, S. 421. 63 Suckale 1998, S. 422.

Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und die Architektur­theorien  |

und die horizontale Gliederung durch die flachen Pilaster.64 Die Bibliothek präsentiert sich somit von Anfang an als einen Bau, der neuen Kunstströmungen zugewandt ist. Diese Tendenz setzt sich für die bis Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugekommenen Ergänzungsbauten fort: In dem Klassizismus des Gentz-Anbaus, der Neogotik des einbezogenen Turms sowie die ‚historische‘ Anpassung des Coudray-Anbaus an die Fassade des Stammhauses werden in der Architektur ‚moderne‘ Prinzipien verwirklicht.65

5.2 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und die Architektur­ theorien zum Bibliotheksbau im 18. Jahrhundert In dem folgenden Abschnitt wird untersucht, inwiefern Bibliotheksräume bzw. Bibliotheksgebäude in den Architekturtraktaten des 18. Jahrhunderts berücksichtigt wurden. Dabei werden zunächst die praktischen Bedingungen, die die Theoretiker an einen Bibliotheksraum oder ein Bibliotheksgebäude stellten, untersucht. Weiterhin werden die Funktionen erörtert, die den Bibliotheken zugedacht wurden. Ein anschließender Vergleich der zeitgenössischen Theorien mit dem realisierten Bau soll zeigen, in welchem Maße der Entwurf der Weimarer Bibliothek von den Theorien beeinflusst gewesen sein könnte. Zu Beginn der Ausführungen muss bemerkt werden, dass die Werke der relevanten Architekturtheoretiker in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vertreten sind. Allerdings ist dies keine Voraussetzung dafür, dass die betreffenden Autoren von der Bauherrin, ihren Beratern oder 64 Der Begriff des ‚Frühklassizismus‘ wird hier bewusst verwendet, um neben dem Rokoko eine weitere stilistische Tendenz des Baus aufzuzeigen. Zu den Eigenschaften der frühklassizistischen Wandgliederung vgl. Wörner 1979, S. 277. Zum Begriff des ‚Frühklassizismus‘ und seinen Grenzen vgl. Wörner 1979, S. 11–24. 65 Zum Einsatz neugotischer Formenssprache bei der Einbeziehung des Turms als Antwort auf den zeitgenössischen ‚national-romantischen‘ Hang zur Gotik und ihrer Architektur vgl. Kapitel 3.3. Auch die Weiterführung der Fassade des Stammgebäudes im Coudray-Anbau findet ihre Begründung in zeitgenössischen Architekturprinzipien. Sie verweist auf das Stammgebäude und somit auf den wichtigsten Teil des Gebäudeensembles. Coudray handelt hier im Sinne des ‚Historismus‘, der erkannte, dass „der Wunsch nach architektonischem Ausdruck […] durch die verfügbaren alten Stile so weit abgedeckt [war], dass ein Bedürfnis nach der Ausbildung eines neuen nicht enstand. Historische Formen und Typen wurden passend für bestimmte Aufgaben, […], verwendet.“ Suckale 1998, S. 421. Dies deckt sich mit Coudrays Aktenhinweis, dass er „eine Fortsetzung der äußeren Dimensionen und Decorationen des nebenstehenden größeren Bibliotheksgebäudes, als das angemessenste erachte“. ThHStAW B 9137, Bl. 74h.

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dem Architekten zu Rate gezogen wurden. Zugangsverzeichnisse wurden erst ab 1817 regelmäßig geführt, und somit kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob die relevanten Traktate schon zum Planungsbeginn in der Bibliothek vorhanden waren.66

5.2.1 Der Bibliotheksbau in der Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts Neben der Säulenordnungslehre gaben die Theoretiker des 17. und 18. Jahrhunderts dem Architekten und dem Bauherrn auch praktische Anregungen.67 Sie standen damit in der Tradition von Sebastiano Serlio (1475– 1553 / 54), der als erster rein theoretische Abhandlungen ablehnte und ab 1537 in neun Büchern ein praktisches Regelwerk für Architekten herausgab.68 Für den deutschsprachigen Raum war es im 17. Jahrhundert vor allem Joseph Furttenbach (1591–1667), der versuchte, ein gesamtheitliches Architekturkonzept mit praxisbezogener Grundeinstellung herauszugeben.69 Dazu gehörten auch ideale Entwürfe und Beschreibungen von einzelnen Gebäudetypen.70 Eine Generation später folgten der Mathematiker Nicolaus Goldmann (1611–65) und sein Herausgeber und Kommentator Leonhard Christoph Sturm (1669–1719), die in ihren Abhandlungen über die Zivilbaukunst u. a. Kirchen, Schlossbauten, öffentliche Gebäude wie 66 Folgende Architekturtheoretiker dürften u. a. zu Baubeginn der Bibliothek vertreten gewesen sein: Serlio, Palladio, Scamozzi, Goldmann, Sandrart, Sturm, Decker, Blondel, Barozzi da Vignola, Dieterlin, Albrecht, Schübler, Vredemann de Vries, Schnitzler, Penther, Suckow. Vgl. Möller 1956, S. 184 Anm. 23, Catalogue raisonné de la Bibliotheque de son Altesse serenissime Madame Anne Amélie Princesse de la maison de Brunswik et Duchesse douairière de Weimar et Eisenac […], Tl. 1, 1776 und Zuwachs an Büchern seit dem Jahre 1776, Tl. 2. von Christian Joseph Jagemann (Klassik Stiftung Weimar, HAAB, Loc:A2 Mikrofiche: M564) und ThHStAW Bibl. W. 6 (Regesten). Furttenbachs 1628 erschienenes Traktat ‚Architectura Civilis‘ ist bereits in dem Inventar von Herzog Wilhelm IV. verzeichnet, das zwischen den Jahren 1632 und 1638 entstanden sein dürfte. Vgl. Boblenz 1999, S. 31. 67 Einen Überblick über die Architekturtheorie des deutschsprachigen Raums im 17. und 18.  Jahrhundert gibt Schütte 1981. Vgl. außerdem Schütte 1984 und Schütte 1986, S. 18–21 sowie Kruft 1995, S. 193–217. Zum Bibliotheksbau in den Architekturtheorien vgl. maßgeblich Becker 1992. 68 Zu seinen Lebzeiten erschienen nur die ersten fünf Bücher und der „Libro Extraordinario“. Die weiteren Bücher wurden posthum veröffentlicht. Eine Zusammenfassung über Sebastiano Serlio und sein Werk liefert Kruft 1995, S. 80–87. 69 Zu Furttenbachs Leben und Werk vgl. Kruft 1995, S. 193–195. 70 Furttenbach veröffentlichte um 1650 erstmals Traktate, die sich nur mit einem Gebäudetypus befassten, wie z. B. über das „KirchenGebäw“. Vgl. Furttenbach 1649 und Schütte 1981, S. 57.

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Rathäuser und Schulen und Wohngebäude vorstellten.71 Sturm gab auch Traktate zu einzelnen Gebäudetypen heraus, wie z. B. die „Vollständige Anweisung alle Arten von Kirchen wohl anzugeben“ (1718) oder die „Vollständige Anweisung / Grosser Herren Palläste starck / bequem / nach den Regeln der antiquen Architektur untadelich / und nach dem heutigen Gusto schön und prächtig anzugeben“ (1718).72 Außerdem dienten zu Beginn des 18.  Jahrhunderts aufwendige Stichwerke, wie z. B. Paul Deckers (1677– 1713) „Fürstlicher Baumeister“, der Lehre über einzelne Gebäudetypen.73 Die Einteilung der Gebäude geschah nach einzelnen Grundformen, die in den Büchern durch Texte und Abbildungen erläutert werden.74 Im Vordergrund stand die Gebäudestruktur, d. h. der Gebäudekörper und die innere Aufteilung, sowie die Gestaltung der äußeren Flächen, der Fassaden. Die Gebäude wurden in sakrale und profane, letztere in öffentliche und private Beispiele geordnet. Diese Systematik geht auf Vitruv zurück und gilt bis in das 19. Jahrhundert hinein als verbindlich.75 In der Gebäudetypologie der Architekturkompendien des 17. und frühen 18. Jahrhunderts wird die Bibliothek als eigenständiger Gebäudetyp nicht erwähnt. Dies entspricht der Tatsache, dass der Bau von Bibliotheken als eigenständige Aufgabe bis Anfang des 18.  Jahrhunderts praktisch nicht durchgeführt wurde. Die Bibliotheken werden dementsprechend als ein Teil eines räumlichen Gefüges wie einer fürstlichen Residenz oder einer „Hohen Schule“ besprochen. Dabei werden praktische Themen wie Beleuchtung, Belüftung, Einrichtung sowie ihre Lage, Gestalt und Funktion diskutiert. Mit Beginn des eigenständigen Bibliotheksbaus erhalten schließlich auch die Bibliotheksgebäude einen Platz in der Gebäudetypologie der Architekturbücher, wie z. B. in den „Grundsätzen der bürgerlichen Baukunst“ von Franzesco Milizia (1725–98) aus dem Jahre 1781.76 Auch Bibliothekswis71 Vgl. Schütte 1984, S.  34. Im Vergleich zu Furttenbach, bei dem funktionale Gesichtspunkte in den Vordergrund treten, geben die Mathematiker Goldmann und Sturm der architektonischen Konstruktion den Vorrang. Funktionale und ästhetische Kriterien treten in den Hintergrund. Weiterhin versuchen sie eine Synthese zwischen einer „christlichen“ Architekturtheorie und den „heidnischen“, von Vitruv abgeleiteten Anschauungen zu schaffen. Ihre mathematisch begründete Theorie leiten sie letzten Endes aus der Bibel ab. Zu Goldmann und Sturm vgl. Kruft 1995, S. 198–201. 72 Vgl. Sturm 1718 und Sturm 1718a. 73 Vgl. zu Deckers „Fürstlicher Baumeister“ Kruft 1995, S. 202–204. 74 Vgl. Schütte 1984a, S. 156. Schütte weist darauf hin, dass die Termini ‚Gebäudetypus‘ bzw. ‚Gebäudetypenlehre‘ in den Traktaten nicht auftauchen. Hier werden die unmittelbaren Bezeichnungen, wie z. B. „Fürstlicher Palast“ oder „Kirche“, verwendet. 75 Vgl. Schütte 1984a, S. 156. 76 Vgl. den Abschnitt über Bibliotheken in Milizia 1781, S. 196f.

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senschaftler wie Leopoldo della Santa und Léon de Laborde beschäftigten sich in ihren Werken ausführlich mit der Architektur von Bibliotheksbauten.77 Praktische Bedingungen für einen Bibliotheksraum in der Architekturtheorie von den Anfängen bis in das 18. Jahrhundert

Der Begriff „bibliothecae“ wird in dem ältesten überlieferten Architekturtraktat, in Vitruvs „De Architectura Libri Decem“, erwähnt. Vitruv fordert, dass das Licht von Osten in den Raum scheinen soll: „Ferner heischt das natürliche Schickliche, dass die Schlafzimmer und Bibliotheken das Licht von der Morgenseite erhalten“.78 Es sind rein praktische Gründe, nämlich eine ausreichende Beleuchtung und Durchlüftung, aus denen die Bibliothek in den nach Osten gerichteten Räumen des Hauses eingerichtet werden sollte. Dies entspricht seiner Forderung, dass sich die Architektur den natürlichen Begebenheiten anzupassen habe.79 Er geht nicht weiter auf Gestalt oder Einrichtung ein. Seine Forderung, dass das Licht von Osten in den Bibliothekssaal einfallen sollte, wurde zur allgemeinen Regel, die auch noch im 17. und 18. Jahrhundert vertreten und auch erweitert wurde.80 Das östliche Morgenlicht sei für den Leser nicht nur angenehm, sondern „als Licht der Musen“ auch anregend.81 Der Pariser Bibliothekar 77 Vgl. della Santa 1816 und Laborde 1845. Laborde widmet dem Bibliotheksbau einen eigenen Band in seinem zwölfteiligen Werk „L’Organisation des Bibliothèques dans Paris“. 78 Vgl. Vitruvius Pollio (um 33–22 v. Chr.), Erstes Buch, 2. Kapitel, S. 28 (dt. Ausgabe von 1796). Regina Becker weist darauf hin, dass der im Originaltext gebrauchte Plural „bibliothecae“ auch mit „Bücherregale“ übersetzt werden kann. Der Begriff Bibliothek bezeichnete in der Antike neben einem größeren Buchbestand und dessen Räumlichkeit auch Aktensammlungen und Bücherschränke bzw. Bücherregale. Nach Becker legt Vitruv demnach nur die Himmelsrichtung fest, nach der die Regale in den Raum gestellt werden sollten, und beschreibt weder einen Bibliotheksraum noch ein -gebäude. Vgl. Canfora 1990, S. 131 und Becker 1992, S. 236. 79 Vgl. Gaberson 1998, S. 51. 80 Vgl. z. B. die Ausführungen über die Lage von Bibliotheksräumen in den Werken von Alberti 1485, S. 285 (dt. Ausgabe von 1912), Palladio 1570, S.147f (dt. Ausgabe von 1984), Wotton 1624, S. 34, Scamozzi 1678, S. 145, S. 151 und S. 164, Goldmann 1696, S. 125, Florin 1749, S. 387 und Penther 1762, S. 21f (1. Auflage 1744). 81 Vgl. Wotton 1624, S. 34 und auch Scamozzi 1678, S. 186. Für Warncke wird die Ostung des Bibliotheksraums nicht nur durch die genannten praktischen Vorteile begründet. Er sieht in der Wendung der Bibliothek nach Osten eine Hinwendung zur Weisheit Gottes. Die Ostung weist somit auf die Symbolik der Himmelsrichtung und des Lichts und zeigt das transzendentale Ziel der Bibliothek: durch die Erzielung von Wissen nähert sich der Mensch der Weisheit Gottes und somit der rechten Erkenntnis. Vgl. Warncke 1992, S. 172–175. Diese Idee wird allerdings von den zeitgenössischen Architekturtheoretikern nicht formuliert.

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Naudé schlug eine Durchfensterung von zwei Seiten vor.82 Er forderte, dass die Bibliothek „mit Helligkeit bis zum entlegensten Winkel erfüllt sei.“83 Ist eine Ostung des Raumes nicht möglich, empfahl er, die Bibliothek nach Norden zu legen.84 Auf diese Weise schade kein zu starker Sonneneinfall den Büchern, und die kühlen und trockenen Nordwinde ließen keinerlei Feuchtigkeit an die Bücher. Die Forderung nach einem trockenen Raum veranlasste die Theoretiker des 17. und 18. Jahrhunderts, die Bibliotheksräume in den mittleren Etagen unterzubringen, „damit nicht die Bodenfeuchtigkeit den dumpfigen Geruch, eine gewisse Fäulnis erzeuge, die allmählich die Bücher angreift; & dass die Bodenkammern & oberen Räume dazu dienen zu verhindern, ebenso empfänglich zu sein für die Unbillen der Witterung, wie es jene sind, die um ihrer niedrigen Bedachung willen leicht unter dem Ungemach von Regen, Schnee & großer Hitze leiden.“85 Die Ausstattung eines Bibliotheksraumes in der Architekturtheorie von den Anfängen bis in das 18. Jahrhundert

Von Alberti ist eine erste Bemerkung über die Ausstattung der Räume überliefert. Für ihn bilden „in den Bibliotheken [...] den vorzüglichsten Schmuck die große Zahl und große Seltenheit der Bücher […].“86 Daneben bestimmt er mathematische und astronomische Instrumente als Einrichtungsgegenstände. Auch Porträts von „alten Dichtern“ dienen für ihn zur Zierde einer Bibliothek. In den meisten Architekturtraktaten des 17. und 18. Jahrhunderts wird auf die Ausstattung einer Bibliothek nicht aus82 Vgl. Naudé 1627, S. 78 (dt. Ausgabe von 1978). Gabriel Naudé war ab 1642 in der Bibliothek des Kardinals Jules Mazarin als Bibliothekar tätig. Diese Bibliothek wurde unter seiner Leitung die erste öffentliche Bibliothek Frankreichs. Sein „Advis pour dresser une bibliothèque“ ist kein Architekturtraktat über Bibliotheken, sondern gilt als Ratgeber für den Aufbau, die Ordnung und die Aufbewahrung einer Büchersammlung. In dem Kapitel „VII Die Anordnung des Ortes, an dem man sie aufbewahren soll“ geht er allerdings ausführlicher als andere Bibliothekswissenschaftler seiner Zeit auf praktische architektonische Belange wie Lage und Beleuchtung ein. 83 Naudé 1627, S. 78 (dt. Ausgabe von 1978). 84 Vgl. Naudé 1627, S. 79 (dt. Ausgabe von 1978). Auch Penther schlägt neben der Ostung eine Nordung der Räume vor. Vgl. Penther 1762, S. 21f (1. Auflage 1744) und 1748, S. 9. 85 Vgl. Naudé 1627, S. 77 (dt. Ausgabe 1978). Vgl. auch Penther 1762, S. 21f: „Auch ist es gut, dass die obere Etage eines Gebäudes zur Bibliothec gebraucht werde, weil solche gemeiniglich nicht so feucht als die unterste ist“. Vgl. auch die Lage der Bibliotheksräume in den Residenzentwürfen von Furttenbach1640 und Sturm 1714 und 1718b (verwendete Ausgabe von 1752) sowie Florin 1749, S. 387. 86 Alberti 1485, 6. Buch, 9. Kapitel, S. 463 (dt. Ausgabe 1912).

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führlich eingegangen. Mathematische und physikalische Instrumente werden nach wie vor als Ausstattungsgegenstände hervorgehoben.87 Sturm erwähnt außerdem eine einheitliche Bindung der Bücher und empfiehlt, den Titel auf den Rücken in goldenen Buchstaben zu prägen, damit sie bei Bedarf leichter zu finden seien.88 Außerdem beschreibt er Gebrauchsgegenstände wie Tische, die „theils zum Schreiben aptiret / theils mit Migniatur, Hand=Zeichung und Kupffer=Büchern / wie auch mit Mathematischen Instrumenten beleget werden müssen“, und „künstliche Pulpet [...] / die man als Walze umdrehen kann / dass die Pulpet mit den darauf liegenden Büchern in auffrechtem Stande bleiben.“89 Der Pariser Theoretiker und Bibliothekar Naudé beschäftigt sich in seinem Ratgeber „Advis pour dresser une Bibliothèque“ (1627) anders als sonst üblich auch sehr ausführlich mit Schmuck und Ausstattung einer Bibliothek. Er geht auf die ordentliche Bindung der Bücher, die Aufstellung von berühmten geistigen Größen, mathematischen Instrumenten, Globen und auch „Merkwürdigkeiten aus den Reichen der Kunst und Natur“ ein.90 Außerdem erwähnt er Gebrauchsgegenstände wie Tische, Teppiche, Stühle, grünen Augenschutz, Uhren und Kalender, die in keiner Bibliothek fehlen dürfen. In seiner Funktion als Bibliothekar gibt er allerdings zu bedenken, dass es nicht die prunkvolle Ausstattung sei, die den Wert einer Bibliothek bestimme, sondern die Qualität und Quantität der Bücher. Hier lehnt er sich an Albertis Bemerkung an, dass die Quantität und Rarität der Bücher die größte Zier einer Bibliothek sei.91 Bemerkenswert ist, dass zu Albertis Zeiten die Raumform der Saalbibliothek, in der die Bücher bewusst als ästhetisches Mittel eingesetzt wurden, noch nicht aufgetreten war.92 Alberti nahm somit in der Theorie ein raumbestimmendes Kriterium für einen Bibliothekssaal vorweg, welches erst knapp hundert Jahre später praktisch umgesetzt wurde. 87 Vgl. Sturm 1714, Erläuterung der Tab. IV, No. 152–155 und Penther 1762, S. 21. 88 Vgl. Sturm 1718a, S. 24 (verwendete Ausgabe 1752). 89 Vgl. Sturm 1714, Erläuterung der Tab. IV, No. 152–155. Sturm meint wahrscheinlich ein so genanntes Leserad. Zwischen zwei Rädern wurden Lesebretter angebracht, die bei aufrechtem Stand des Rades immer in der Waagrechten bleiben. Die Bücher, meist schwere Folianten, wurden jeweils zum Gebrauch herangedreht. Auf diese Weise wurden die häufig kostbaren Einbände geschützt. 90 Vgl. Naudé1627, S. 88–91 (dt. Ausgabe von 1978). 91 Auch Franz Philipp Florin (1630–1703) lehnt sich in seiner „Hausvaterliteratur“ an Albertis Bemerkung an. Er betont auch die einheitliche Bindung der Bücher und die Aufstellung nach Größe, an die sich wiederum die Fächerhöhe der Regale anpassen solle. Florin 1749, S. 387. 92 Vgl. Becker 1992, S. 237.

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Die Gestalt und Form der Bibliotheksgebäude in der Architekturtheorie des 17. und 18. Jahrhunderts

Die Fassadengestaltung Die wenigsten Theoretiker des 18. Jahrhunderts haben sich mit der Außenfassade eines Bibliotheksgebäudes beschäftigt. Stieglitz, als einer der wenigen, schlägt ein einfaches Aussehen vor, da „es dem Charakter dieses Gebäudes angemessener ist, die Außenseite einfach zu machen, und die Säulen wegzulassen, weil es sonst einer Kirche ähnlich sehen, und sich, als Bibliothek, nicht besonders auszeichnen würde.“93 Auch der französische Architekturtheoretiker Etienne-Louis Boullée (1728–99) macht sich als einer der wenigen Theoretiker des 18. Jahrhunderts Gedanken über die Außenfassade eines Bibliotheksgebäudes. Gemäß der Grandiosität seiner Entwürfe plante er für einen neuen Entwurf der Bibliothèque du Roi in Paris 1785 verschiedene Fassadenlösungen, so einen gigantischen Portikus mit fünfzehn Interkolumnien oder eine geschlossene Front, deren Portal entweder mit einer aus dem 16. Jahrhundert anmutenden riesigen Ädikula geschmückt oder von zwei Atlanten eingerahmt wird, die einen gigantischen Globus tragen.94 Trotz der Monumentalität wohnt der Fassadengestaltung eine Einfachheit in ihren Mitteln inne. Nach Boullée sollte die Pracht des Bibliotheksgebäudes allein aus der gewaltigen Größe hervorgehen.95 Ähnlich wie bei Boullée ist die Theorie des bis heute unbekannten Verfassers der „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ aus dem Jahre 1788 von einer sensualistischen Wirkungsästhetik bestimmt.96 Für ihn ist ein Bibliotheksbau ein „Gebäude, welches die Schätze fast aller menschlichen Erkenntnis verwahrt“.97 Diese Bedeutung sei nicht durch Pracht und Reichtum in der Fassadengestaltung anzudeuten. Vielmehr müsse „die Vorstellung von moralischer Glückseligkeit als dem letzten Zweck der Wissenschaften […] eine stille Heiterkeit über den Character des Gebäudes verbreiten. Seine Wirkung müßte etwa das ruhige Wohlgefallen seyn, welches aus Theilnehmung an Geistesfähigkeit und aus dankba93 Stieglitz 1792, S. 266. 94 Vgl. Pevsner 1976, S. 103. 95 �������������������������������������������������������������������������������������������� „Il [Boullée] assure qu’elle [die Pracht] proviendrait de son immensité.“ Boullée „Architecture. Essai sur l’art“ 1784, abgedruckt: in Pérouse de Montclos 1968, S. 132. 96 Vgl. die Einführung von Hanno-Walter Kruft in dem Neudruck der „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ von 1986. 97 Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, S. 184.

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rer Hochachtung für den Stifter des Gebäudes entsteht.“98 Er präsentiert ein an das Pantheon angelehntes kreisrundes Gebäude, allerding mit abgeschnittenem Kegeldach, dessen einziger Schmuck ein Portikus mit zehn korinthischen Säulen ist, der „nicht sowohl eine blosse Anspielung auf die Stoa, als vielmehr ein leichter Schatten, der [den] Charakter [des Gebäudes] mit einem sanften Reiz überziehen würde[, wäre].“99 (Abb. 48) Zum Eingang führt eine Treppe, die er in seinem Werk als „breit und bequem“ beschreibt. Diese Art der Treppe verspricht „dass das Gebäude sehr bevölkert und zahlreichen Versammlungen gewidmet sey; ihre Einfalt veredelt diesen Ausdruck noch mehr.“100 Sowohl für Stieglitz als auch für Boullée und den Verfasser der „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ ist die Einfachheit der Fassade ein Anliegen, da diese die edle Gesinnung des Gebäudes unterstreicht: Die Bedeutung der Wissensherberge bestimmt sich allein aus dessen Inhalt und bedarf keiner äußeren Pracht durch viel aufwendigen Schmuck und architektonische Details. Die Form der Saalbibliothek

Während sich im deutschsprachigen Raum Ende des 17. Jahrhunderts das Wandsystem als raumbestimmendes Element auch im praktischen Bibliotheksbau durchzusetzen begann, näherten sich die Theoretiker nur langsam dieser Raumform an. So erwähnt Ende des 17. Jahrhunderts, ein Jahrhundert nach dem Bau der Bibliothek im Escorial, Nicolaus Goldmann immer noch die Pultbibliothek. Allerdings weist er darauf hin, „dass die Eintheilungen der Bibliotheken durch Pulpete [...] oftmahls Schaden verursachet [haben] / derohalben man solche Eintheilung nunmehr unterlasset.“101 Erst in den Architekturtraktaten des 18. Jahrhunderts wird das Wandsystem ein bestimmendes Element für den Bibliotheksbau. In Johann Friedrich Penthers (1693–1749) Entwurf für eine fürstliche Bibliothek in einer Residenzanlage aus dem Jahre 1748 sind die Regale entlang den Wänden angeordnet (Abb. 51).102 In den hohen Raum stellt Penther zwei Galerien übereinander, die jeweils auf Säulen ruhen. An den Längsseiten des 98 Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, S.  184f. „Mens bona! Si qua Dea es Tua me in sacraria dono!“ (Hoher Verstand! Wenn Du göttlich bist, begebe ich mich in Deinen Tempel!) wäre der „edelste Gedanke“, der den Baumeister hätte beigeistern müssen. 99 Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, S. 185. 100 Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, S. 72. 101 Goldmann 1696, S. 125. 102 Vgl. Penther 1748, S. 24 und Tab. XI bzw. XVI.

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Raumes sind es jeweils sieben Interkolumnien, an den Querseiten jeweils vier. Da auch die Decke von Säulen gestützt wird, hat Penther für den Raum eine über drei Stockwerke sich erstreckende Superposition eingeplant, „wovon die unterste Dorisch, die zweyte Ionisch, und die dritte Römisch“ ist.103 Er hebt als Vorteil hervor, dass auf diese Weise eine leichte Zugänglichkeit zu den oberen Büchern gewährt werden würde und dass der Besucher, unabhängig von seinem Standort, die ganze Bibliothek überblicken könne.104 Aus diesen Gründen bevorzugt auch Sturm die Unterbringung der Büchersammlung in einem Saal und nicht in verschiedenen Zimmern.105 Um eine große Anzahl von Büchern unterzubringen, verbindet Sturm das Bibliotheksgeschoss (oberes „Haupt=Geschoss“ des Palasts) mit dem darüber liegenden Zwischengeschoss. In diesen hohen Raum zieht er zwei Galerien ein, so dass die Repositorien in drei Reihen übereinander stehen. Sturm und Penther sehen in der Saalbibliothek mit Wandsystem und Galerien den Vorteil, dass sich Nützlichkeit mit einem prächtigen Anblick verbindet.106 Während sich die Architekturtheoretiker erst im 18. Jahrhundert mit den Vorteilen des Wandsystems auseinandersetzten, beschäftigten sich die Bibliothekswissenschaftler schon im 17. Jahrhundert mit den Vorzügen dieser Raumform.107 Eine mit einem Blick überschaubare Bibliothek erwies sich in ihren Augen nicht nur als besonders hilfreich für das Finden von Bü103 Penther 1748, S. 24. Es könnte sein, dass sich der Architekturtheoretiker hinsichtlich der Superposition und der ihr innewohnenden Anspielung auf ein „Theater scientiae et eruditionis“ an dem ihm bestimmt bekannten Bibliotheksbau der Wolfenbütteler Hofbibliothek orientiert hat. Penthers Entwurf einer fürstlichen Bibliothek besteht aus zwei identischen Räumen oben genannter Gestalt. Zwischen diesen beiden Sälen liegen die Wohnungen der Bibliotheksangestellten. 104 Wie wichtig Penther die Überschaubarkeit des Raumes ist, zeigt sich darin, dass er den Fußboden der Galerien in Richtung Wand anhebt. Auf diese Weise können „die Repositoria denen Personen, so unten im Platz der Bibliothec stehen, besser und mehr ins Gesicht fallen.“ Penther 1748, S. 25. 105 Vgl. Sturm 1718a, S. 24 (verwendete Ausgabe 1752). 106 Inwiefern eine Saalbibliothek mit eingezogenen Galerien als prunkvoller angesehen wurde als die Unterbringung der Büchersammlung in mehreren Zimmern, zeigt eine Äußerung Sturms in seinem Traktat „Prodromus Architecturae Goldmanniane...“. Um eine Abwechslung in der Zimmerfolge zu bewahren, war es Sturm nicht möglich, in seinem Palastentwurf einen einzigen hohen Bibliothekssaal einzusetzen. Er bedauert dies, da der Raum durch den Einsatz von Galerien „hätte [...] prächtiger können angeordnet werden. [...] Man möchte duncken, dass es noch ansehnlicher gewesen wäre / wenn anstatt der drey Zimmer ein durchgehender Saal wäre“. Sturm 1714, Erläuterung der Tab. IV, No. 152–155. 107 Zur zeitgenössischen bibliothekswissenschaftlichen Beurteilung der Saalbibliothek mit dem Wandsystem vgl. Gaberson 1998, S.  46–50. Gaberson bezieht sich insbesondere auf die Aussagen von Naudé (1627) und Legipont 1747.

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chern, sondern spiegelte auch das Ordnungssystem der Bibliothek wider. Naudé forderte ein Ordnungssystem, das den traditionellen Universitätsfakultäten folgt.108 Für ihn ist es „die verständlichste, die am wenigsten verwickelte, die natürlichste und gebräuchlichste“109 Ordnung, eine, die dem menschlichen Geist eindeutig erscheint. Diese Ordnung der Büchersammlung ermöglicht das leichte Wiederfinden eines Buches auch ohne Katalog.110 Ein Ordnungssystem der Büchersammlung nach Klassifikationen konnte nicht funktionieren, wenn es nicht in ein überschaubares physisches Gerüst umgewandelt werden konnte, in welches die einzelnen Bücher eingeordnet werden konnten. Mit diesem Verständnis wird die Saalbibliothek, in der die Bücher in offenen Regalen auf einen Blick zu überschauen sind, zu einer sichtbar gewordenen Manifestation eines universalen Wissenssystems.111 Der Zentralbau

Während die fürstlichen Büchersammlungen in den Palastentwürfen der Architekturtheoretiker in einem langen oder mehreren kleineren rechteckigen Sälen untergebracht wurden, wurde den Lehrbibliotheken der „Hohen Schulen“ (Universitäten) die Form eines Zentralbaus zugeschrieben. In dem Abschnitt „Architectura civilis“ in seiner „Architectura universalis“ von 1635 plante Furttenbach ein Schulgebäude, in dessen Zentrum er eine Bibliothek legte.112 Er entwarf die Schule als eine Vierhofanlage. In der Mitte des Innenkreuzes ist die Bibliothek in Form eines Achtecks eingezeichnet. Sie liegt im zweiten Obergeschoss über der Kirche. Der Raum ist von vier Türen aus erreichbar. Vier Säulen der kompositen Ordnung helfen, „das Gebäw der Bibliothecha [...] tragen.“113 108 Vgl. Naudé 1627, S. 82 (dt. Ausgabe von 1978). Naudé teilt die einzelnen Gebiete weiter in Unterdisziplinen und nach dem Erscheinungsjahr ein. Dieses Ordnungssystem wurde von den meisten Bibliotheken bis in das 19. Jahrhundert verwendet. 109 Naudé 1627, S. 82 (dt. Ausgabe von 1978). 110 Jedem Gebiet wurden ein oder mehrere bestimmte Schränke zugeordnet. Die Katalogsignaturen richteten sich nach Standort in ihrem Regal. Vgl. Gaberson 1998, S. 48. 111 In diesem Zusammenhang betont der Bibliothekar und Benediktiner Oliver Legipont (1698–1758), dass durch die Aufstellung der Bücher nicht nur eine Klassifizierung der Disziplinen sichtbar wird, sondern auch die Interrelation zwischen ihnen. Er fordert, dass in der Anordnung der Bücher der ungebrochene Kreislauf und die Interdependenz des universalen literarischen Apparats sichtbar werde. Vgl. Gaberson 1998, S. 49f. 112 Vgl. Furttenbach 1635, Kupfferblatt No. 17 und S. 49f. 113 Furttenbach 1635, S. 49. Ob Furttenbach für die Unterbringung der Bücher Regale oder Schränke vorgesehen hat, ist nicht bestimmbar, da er sie nicht im Entwurf eingezeichnet hat. In der Beschreibung des Plans bestimmt er allerdings, dass die Bücher „auff ihre ordenliche Bänck gelegt werden.“

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Sturm übernimmt den Zentralbaugedanken für eine Bibliothek in seinem Entwurf für ein „Universitäts = Collegii“, den er 1720 in seiner Überarbeitung des Goldmannschen Traktats über die Civilbaukunst (1696) veröffentlichte (Abb.  50).114 So stellt er einen Rundbau in die Mitte der neunhöfigen Anlage, indem er über der Kirche in zwei Stockwerken eine Bibliothek unterbringt. Das untere Geschoss ist für die „alten und altgebundenen“ Bücher vorgesehen, das obere beherbergt einen „herrlichen Saal“, in dem „eine Bibliothec von lauter auserlesenen neuen und in einerley Bund gebundenen Büchern, nebst allerhand Antiquitäten, Modellen, Zeichnungen, Mathematischen und Physikalischen Instrumenten zum Nutzen, Ruhm und Zierde ausgesetzet würden.“115 Dieser Saal sollte von einem „schön gemahlten [...] Kuppel=Gewölbe“ überdeckt werden, das auf hölzernen gekuppelten Säulen ruht. Die Bibliothek, die „um und um mit einer Reyhe freystehender Römischer Säulen auf hohen Säulen=Stühlen geziehret wäre“, würde „mit seinem wohlgeformten Kuppeldach“ die übrigen Gebäudetrakte der Anlage in der Höhe überragen.116 Ein astronomisches Observatorium sollte anstelle einer Laterne auf dem Kuppeldach sitzen. Durch ihre Lage und Gestalt ist die Bibliothek in Sturms Entwurf der herausragende Baukörper der gesamten Hochschulanlage. In der Praxis des Universitätsbibliotheksbaus gab es wie oben erläutert bis dahin kein Beispiel für einen Zentralbau.117 Der erste ausgeführte Entwurf einer Bibliotheksrotunde, die Wolfenbütteler Hofbibliothek, war eine Herberge für eine fürstliche Büchersammlung. Die Idee, die Universitätsbibliothek in einen Rundbau zu stellen, ist der Vorstellung geschuldet, die Bibliothek sei Bestandteil einer vollkommenen Architektur. Goldmanns Vorbild für den Grundriss seiner „Hohen Schule“ war die Rekonstruktion des Tempels Salomons von Juan Bautista Villalpando (1552–1608) aus den Jahren 1596–1605.118 In Anlehnung an Villalpando

114 Vgl. die Bearbeitung von Goldmanns „Hoher Schule“, die dieser nach Vorbild des Tempels von Jerusalem plante. Während Goldmann die Lage der Bibliothek nicht ausdrücklich bestimmte, plante Sturm diese in den Mittelpunkt der Anlage ein. So auch in einem weiteren Entwurf, der nur als Zeichnung überliefert ist. Hier bildet das Zentrum der Anlage ein kreisrunder Hörsaal. Die Bibliothek umgibt diesen Saal als konzentrischer Ring. Vgl. Goldmann1696, S. 131–133 und Kupferblatt No. 63 sowie Sturm 1720, o.S. und Tab. VIII. 115 Sturm 1720, o.S. 116 Vgl. Sturm 1720, o.S.  117 Johann Dietrich Heumann plante erst 1769 seine Kuppelrotunde für den nicht ausgeführten Entwurf der Göttinger Universitätsbibliothek. 118 Vgl. Goldmann 1696, S. 131 (Nachdruck von 1978).

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versteht Goldmann den Bau des Tempels als göttliche Architektur.119 Dementsprechend sind für ihn Schulgebäude „nach den Kirchen die vornehmsten Gebäude zur Gottseligkeit.“120 Beide dienten einer „rechten Auferziehung der Jugend“, welche den „Grund einer wohlbestalten Gemeinde“ bildete.121 Indem Goldmann die Schule mit dem Tempel Salomons assoziiert, sieht er in ihrer Architektur eine christlich religiöse Gewissheit offenbart. Er betrachtet die Wissenschaft nicht losgelöst von der Theologie. Im Gegenteil, das Zentrum der Schule bildet der kreisrunde Kirchenbau. Seine Form als Rotunde ist nur folgerichtig, denn der Kreis ist eine absolute Form und nur ein vollkommenes Bauwerk ist es wert, im Mittelpunkt einer Anlage zu stehen, die sich an ein von göttlicher Offenbarung inspiriertes Bauwerk anlehnt.122 Im ausgehenden 17.  Jahrhundert erlebte die Bedeutung der Wissenschaften einen Aufschwung, der die tradierten Weltanschauungen erschütterte und das wissenschaftliche Denken von der Herrschaft der Theologie emanzipierte.123 Anfang des 18.  Jahrhunderts setzte sich insbesondere Sturms Zeitgenosse Leibniz (beide waren am Wolfenbütteler Hofe tätig) für die Gründung von wissenschaftlichen Societäten ein. Gemäß seinem universalen Geist sollten die Societäten Erkenntnisse vermitteln, die Auswirkungen auf das gesamte staatliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben 119 Vgl. Reuther 1980, S. 188 und Kruft 1995, S. 200. Villalpando rekonstruierte den Tempel nach der Vision des Ezechiel. Demnach ist der Tempel ein Gebäude, in dem alle Proportionen absolut und so vollkommen sind, dass es nur von Gott selbst in seiner unendlichen Weisheit geschaffen worden sein kann. Villalpando fand heraus, dass die Beschreibung Ezechiels mit den Angaben Vitruvs zur Architektur übereinstimme. Er vereinte auf diese Weise antike und biblische Traditionen in der Architektur. „Er bringt es fertig, alttestamentliche, neutestamentliche und antike Tradition zu überlagern, wenn er im Salomonischen Tempel die vitruvianische firmitas findet und ihn zugleich als einen Schatten (umbra) versteht, der auf den Körper dieses Schattens (illius umbrae corpus), nämlich auf Christus, vorweise“. Kruft 1995, S. 250. Zu Villalpando und seiner Rekonstruktion des Salomonischen Tempels vgl. Kruft 1995, S. 249–252. Zu der Vorbildfunktion des Tempels Salomons für den Universitätsbau vgl. Schütte 1984, S. 208 und Becker 1992, S. 246–250. 120 Goldmann 1696, S. 131 (Nachdruck von 1978).Vgl. dazu Schütte 1984, S. 208. 121 Vgl. Goldmann 1696, S. 131 (Nachdruck von 1978). Auch für Furttenbach ist die „lateinische“ Schule neben der Kirche und dem Rathaus eines der Hauptgebäude der Stadt. Vgl. Schütte 1984, S. 209 Anm. 17. 122 Der zentrale Kuppelbau dient seit dem Mittelalter auch als Bild des Tempels von Jerusalem. Vgl. Reinle 1976, S. 113 und 142. Alberti beschreibt den Kreis als die vollkommenste Form, die von der Schöpfung bevorzugt werde und für die Kirchen die würdigste sei. Vgl. Alberti 1450,7. Buch, 4. Kapitel (dt. Übersetzung von 1912). Zum Tempel Salomons als vollkommenes und universelles Gebäude vgl. Reuther 1980, S. 184. 123 Vgl. Duchardt 1998, S. 77–85 und Wagner 1968, S. 136–141.

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hätten.124 Hier zeigt sich Leibniz’ Idealbild von einer Gesellschaft, in der das größtmögliche Glück der Mitglieder durch eine weitgehende Verwissenschaftlichung und eine planvoll rationelle Gestaltung aller Bereiche menschlicher Betätigung erreicht wird. In Leibniz’ Denken lassen sich Analogien zu Francis Bacons (1561–1626) Bildungsutopie „New Atlantis“ aus dem Jahre 1627 finden. Hier gruppiert sich der Idealstaat um eine universelle Gelehrtengemeinschaft – das „Haus Salomon“.125 Dieses „Haus“ widmet sich der Betrachtung und Erforschung der Werke und Geschöpfe Gottes, d. h. der wahren Natur aller Dinge.126 Dadurch soll nicht nur der Ruhm Gottes gemehrt werden, sondern der Mensch soll seinen Nutzen durch den Gebrauch der Schöpfung steigern. Wissen und Erkenntnis bilden die neuen Stützen dieser staatlichen Gesellschaft. Sturm räumt in seinem Universitätsentwurf in Analogie zu diesen Denkmustern den Wissenschaften einen hohen Stellenwert ein. Er setzt die zweistöckige Bibliothek auf den Kirchenbau, so dass sie alle anderen Gebäudeteile überragt. Der Salomonische Tempel kann in Sturms Entwurf als universelles Gebäude der irdischen und göttlichen Weisheit verstanden werden, in dessen Zentrum konsequenterweise Kirche und Bibliothek liegen. In ihrer Form als Rotunde sind sie Abbild ihrer jeweiligen Welt: der christlichgeistlichen und der wissenschaftlich-geistigen bzw. in ihrer Einheit ein Abbild des Universums. Im 18. Jahrhundert begann sich nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie der Rundbau als Form für einen allgemein öffentlichen Büchersaal zu etablieren. Dabei spielte der zuerst in der Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde formulierte Pantheongedanke eine sinnstiftende Rolle. In seinen „Grundsätzen der bürgerlichen Baukunst“ aus dem Jahre 1781 schlägt Francesco Milizia (1725–98) als Form für einen Bibliothekssaal „eine große Rotunde mit Säulenordnungen, mit Bücherregalen in den Säulenweiten“ vor.127 Eine ‚vollkommene Architektur‘ für eine öffentliche Bibliothek (die Königliche Bibliothek) in Paris entwirft 1784 der französi124 Vgl. Totok 1966, S. 303–307. 125 Vgl. Bacon 1627 (dt. Ausgabe von 1984). Zur Verbindung der Bildungsutopie von Bacon und der Theorie des Bibliotheksbaus vgl. auch Becker 1992, S. 245. 126 Vgl. Bacon 1627 (dt. Ausgabe von 1984), S. 28f und 40. 127 Milizia 1781, S.  197. Der Form nach mag Milizia nicht nur von den Schriften Sturms beeinflusst gewesen sein. Auch praktische Beispiele, wie z. B. die Hofbibliothek in Wolfenbüttel oder die fürstliche Bibliothek zu Weimar könnten auf ihn gewirkt haben. Allerdings ist nicht überliefert, ob Milizia Deutschland besucht hat. In Rom zählten Anton Raphael Mengs (1728–79) und Johann Joachim Winkelmann (1717–68) zu seinem engeren Bekanntenkreis, die ihm von den Bibliotheksbauten berichtet haben könnten. Zum Leben Milizias vgl. O’Neal 1954, S. 12–15.

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sche Architekturtheoretiker Étienne-Louis Boullée.128 Für ihn ist die Bibliothek ein aus Büchern bestehendes Amphitheater.129 In seinem ersten Entwurf wird dieses mit einer mächtigen Kuppel bekrönt.130 Im Querschnitt ist eine Ähnlichkeit mit dem Pantheon unübersehbar (Abb. 49): Durch die Weiterführung der Kuppel in der Abstufung der Büchergalerien wird die Kreisidee des Pantheons aufgenommen.131 Für Boullée ist die Kugel der vollkommenste Körper, da sie die Prinzipien der Proportionen wie „régularité“, „symétrie“ und „varieté“ in größter Harmonie vereinigt. 132 Indem Boullée seine Entwürfe auf die archetypisch reduzierten Baukörper beschränkt, sucht er, „eine universelle Architektursprache zu begründen, die jenseits einer in der Rhetorik wurzelnden, ständisch differenzierten Bildungskonvention dem Menschen zugänglich sein sollte.“133 Boullée überträgt nicht nur den universellen Symbolgehalt des Pantheons auf seinen Bibliotheksbau, sondern thematisiert zugleich ‚aufklärerisches‘ Gedanken-

128 ���������������������������������������������������������������������������������������������� Vgl. Boullée über das Projekt einer „Bibliothèque publique“ in seinem „Essai sur l’art“, abgedruckt in: Pérouse de Montclos 1968, S. 126–132. Der erste Entwurf für die Bibliothèque du Roi in Paris von 1784 sollte auf dem Gelände des Kapuzinerklosters in der Nähe der Place Vendôme verwirklicht werden. Der zweite Entwurf wurde für das heutige Gelände der Bibliothèque Nationale an der Rue de Richelieu geplant. Boullées Entwürfe wurden wie seine meisten Ideen nie verwirklicht. Ihm ging es bei seinen Entwürfen, die im Zusammenhang mit seinem „Essai sur l’art“ in den Jahren 1781–93 entstanden, vielmehr um die Darstellung von Architektur und den Ausdruck von Ideen als um praktische Realisierbarkeit. Zu Boullée und seiner Architekturtheorie, in der er einen poetischen „caractère“ von Architektur fordert, vgl. Kaufmann 1939, S. 213–227, Pérouse de Montclos 1968, Steinhauser 1983, Vogt 1987 und Kruft 1995, S. 177–181. 129 Hier klingt wieder die Idee vom Theater des Wissens bzw. des „Theatrum mundi“ nach Camillo an. Vgl. Abschnitt 4.2.2. 130 In seinem zweiten Entwurf von 1785 plante Boullée einen längsrechteckigen Saal von 100m Länge und 30m Breite, der von einem Tonnengewölbe, welches auf Säulen ruht, gestützt wurde. Die Säulen stehen auf der dritten Galerie. Wie im ersten Entwurf sind die Galerien treppenartig angelegt. 131 Der Innenraum des zweiten Entwurfs gleicht im Querschnitt dem ersten. Durch die Längsausdehnung des Saals wird die Kugel zu einem Zylinder. Boullée verbindet hier die Pantheonidee mit der Form der traditionellen Saalbibliothek. 132 Boullée sieht den Proportionsbegriff als einen Wirkungszusammenhang der Faktoren „régularité“, „symétrie“ und „variété“. Die „régularité“ erzeugt die Schönheit der Formen, die „symétrie leur ordre et leur bel ensemble“ und die „variété des faces par lesquelles ils se diversifient a nos yeux“. Aus ihrem Zusammenspiel erfolgt die Harmonie der Körper bzw. der Proportion. Vgl. Boullées „Essai sur l’art“, abgedruckt in Pérouse de Montclos 1968. Zur Proportion und zur Kugel S.  64. Außerdem Steinhauser 1983, S.  22 und Kruft 1995, S. 178. 133 Steinhauser 1983, S. 24.

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gut.134 Seinen Ausführungen zufolge ist es ihm außerdem ein Anliegen, seine Bibliothek als Ruhmesdenkmal für Geistesheroen darzustellen.135 Er greift somit auf einen weiteren Sinngehalt zurück, der dem Bau des Pantheons eigen ist. Auch in den deutschsprachigen Architekturtraktaten finden sich Ende des 18.  Jahrhunderts Bibliotheksbauten, die an das Pantheon erinnern. Christian Ludwig Stieglitz, der 1824 die deutsche Übersetzung von Milizias Grundsätzen lieferte, bildete 1792 in seiner „Encyklopädie der bürgerlichen Baukunst“ ein Bibliotheksgebäude ab, welches sich an Wolfenbüttel anlehnt.136 Ähnliche Gebäude sind in der anonymen Schrift „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ aus dem Jahre 1788 oder bei Anton Ortner „Die Baukunst in ihrer Anwendung nach dem Zeitgebrauch für Privatund Öffentliche Gebäude“ (1825) abgebildet.137 Während des 17. und 18. Jahrhunderts lässt sich in der Architekturtheorie verfolgen, wie sich die Theoretiker dem praktischen Bibliotheksbau anpassen. Auch für sie wird die Saalbibliothek mit ihrem Wandsystem zur raumbestimmenden Form. Die Diskussion um den Zentralbau als weitere geeignete Form nimmt zu, nachdem der Bau der Wolfenbütteler Rotunde schon begonnen worden war. Die Gestalt eines Baus bestimmt sich auch aus der Funktion, die ihm zukommt. Dass sich diese bei den Bibliotheken im Laufe des 18. Jahrhunderts änderte, erkannten auch die Theoretiker, wie der folgende Abschnitt zeigt.

134 Inwiefern der Entwurf seiner Bibliothek ‚aufklärerisches‘ Gedankengut thematisiert, welches sich zum Ziel setzte, durch Bildung die politisch sanktionierte Ungleichheit aufzuheben, beschreibt Steinhauser 1983, S. 19. 135 „S’il est un sujet qui doive plaire à un architecte, et en même temps échauffer son génie, c’est le projet d’une bibliothèque publique. A l’occasion de développer les talents se joint le précieux avantage de les consacrer aux hommes qui ont illustré leur siècle. En faisant naître le désir de marcher sur les traces de ces grands hommes, leurs chefs-d’œuvre élèvent nécessairement ses pensées; on éprouve alors ces nobles transports, ces élans sublimes de l’esprit par lesquels il semble que l’âme sorte de son enveloppe; on se croit inspiré par les mânes de ces hommes célèbres.“ Boullée „Architecture – Essai sur l’art“ 1784, abgedruckt in: Pérouse de Montclos 1968, S. 126. Vgl. auch Steinhauser 1983, S. 38. 136 Vgl. Stieglitz 1792, Tab. IV, Abb.  38–40. In der Mitte des rechteckigen Grundrisses schreibt Stieglitz allerdings keinen Kreis, sondern ein Rechteck ein. 137 Vgl. Über den Charakter der Gebäude 1785, S. 184f und Tab. 12 Abb. 2 (Nachdruck 1986) und Ortner 1825, Tab. 49.

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5.2.2 Die Funktion der Bibliotheken in den Architekturtraktaten des 18. Jahrhunderts Die Bibliothek als Repräsentationsinstrument eines absoluten Staates

Die Architekturtheoretiker des 17. und 18. Jahrhunderts setzten die fürstliche Bibliothek in Kontext zu den weiteren fürstlichen Sammlungen. In Wolfgang Wilhelm Praemers (um 1637–1716) „Palaz zur Accomodierung eines Landts-Fürsten“ (um 1670) werden die Räume, die der Lustbarkeit des Fürsten dienen, in ein Nebengebäude ausgelagert.138 Neben der Schatz-, Kunst- und Rüstkammer ist dort auch die Bibliothek untergebracht. Sowohl bei Furttenbach als auch bei Sturm und Penther grenzt die Bibliothek an die Räume der Kunst-, Natur- oder Antiquitätenkammer oder an eine Bildergalerie.139 Dass diese Räume aber nicht nur zur Wissensvermittlung oder „Recreation“ eingerichtet sein sollten, sondern auch zur Repräsentation des Fürstenhauses, verdeutlicht Furttenbach. In seinem Traktat „Architectura Recreationis“ von 1640 beschreibt er die Bibliothek als einen Ort, in dem eine „grosse Anzahl Autorum von den besten Büchern beysamen gefunden werden / in welchen sich der Fürst und Herr erlustigen / beneben grosse Recreation darbey haben wird.“140 Außerdem sollen in der Kunstund Antiquitätenkammer die Besucher die „curiosische und wunderbarliche Sachen“ nicht nur besehen, sondern auch darüber „contemplieren“. Er vergisst auch nicht, den Repräsentationszweck der Räume zu erwähnen: „Wann nun ein frembder Herr und Gast erscheint / und da man denselbigen gebürender massen zu Ehren begehrt / so kann man ihn durch die Thüren [...] führen [...] [Anm. d. Autorin: durch die Kapelle, Bibliothek, Galerie und Kunst- und Antiquitätenkammer] / so wird er gewißlich deß fürstlich: heroisch: curiosisch: und denckwürdigen Dings sovil sehen / vnd ein solche Recreation darüber empfinden / dass er wol die Tage seines Lebens daran gedencken und darvon zureden wird wissen.“141 Die Form der Saalbibliothek stellt nicht nur das Universalwissen zur Schau, sondern gibt auch einen Überblick über die Größe und den Wert der Sammlung. Dieser Punkt ist insbesondere für die fürstlichen Bibliotheken wesentlich, da auf diese Weise der Besitzer nicht nur sein eigenes Wissen – und dadurch seine Macht -, sondern auch seine Sorge um das Bewahren 138 Vgl. Lorenz 1981, S. 116 und Lorenz 1983, S. 193, S. 198 und S. 200. 139 Vgl. Furttenbach 1640, Kupfferblatt No. 18, Sturm 1714, Tab. IV und Penther 1748, S. 25. 140 Furttenbach 1640, S. 57. 141 Furttenbach 1640, S. 57f.

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von Wissen kundtat. Als Ausdrucksweise des fürstlichen Bildungsideals erfüllte die Saalbibliothek die Repräsentationsfunktion einer barocken fürstlichen Bibliothek aufs Beste. Ihren Verdienst erkannten auch die Architekturtheoretiker des 18. Jahrhunderts wie Sturm oder Penther. So dient für Penther „die gantze Einrichtung dieser Bibliothec [...] zum Nutzen und zur Parade.“142 Der Nutzwert ist in seinem Entwurf allerdings schwer zu erkennen. Während Sturm in seinem Entwurf von 1714 Arbeitstische einzeichnete, verzichtete Penther darauf.143 Alle Wandflächen sind mit Büchern ausgefüllt. Penther präsentiert seine Hofbibliothek als einen repräsentativen Schauraum und nicht als Ort des Studierens.144 Im absolutistischen Zeitalter fungierten nicht nur die fürstlichen Bibliotheks- und Sammlungsräume als Repräsentationsinstrument des Fürsten, sondern die gesamte Residenzanlage. „Pracht“ war das angemessene Mittel, um Ansehen zu erlangen und zu erhalten.145 Diese Einstellung wird auch von den Architekturtheoretikern übernommen. In seinem Tafelwerk „Fürstlicher Baumeister“ (1711–16) rechtfertigt Paul Decker den architektonischen Aufwand bei Residenzbauten damit, dass die göttliche Legitimation des Herrschers diesen mit einem „hohen Charakter“ auszeichne, der „auch an der äußerlichen Magnificence seines Staates und Aufführens“ erkennbar sein müsse.146 Die Residenzbauten des Absolutismus waren nicht nur Wohnsitz der Fürsten, sondern integrierten eine Vielzahl der öffentlichen Aufgaben von Verwaltung und Regierung.147 In den Anlagen vereinte sich die Bauaufgabe eines privaten Gebäudes mit der eines öffentlichen.148 Das 142 Penther 1748, S. 25. 143 Vgl. Sturm 1714, Tab. IV und Penther 1748, Tab. XVI. 144 In der Beschreibung des Entwurfs geht er zwar auf Tische „in den Embrasuren der Fenster“ ein, die zugleich Schränke für rare und verbotene Bücher sein sollen. Er erwähnt auch „Pulpete zum Niederlassen“, zeichnete aber beides nicht ein. Vgl. Penther 1748, S. 25 und Tab. XVI. 145 Vgl. Schütte 1984, S. 193. Schütte bezieht sich auf Franz Philipp Florins ‚politisches‘ Traktat „Oeconomus prudens et legalis“ mit dem Untertitel „Grosser Herren Stands und Adelicher Haus-Vatter“ von 1749, in dem das Thema „Pracht= und Staats=Gebäude“ in die Konzeption der Hofhaltung eingespannt ist. Demnach ist Ansehen zu erhalten, die vornehmste Aufgabe höfischer Kultur, Pracht das Mittel, dies zu erlangen. Vgl. Florin 1749. 146 Paul Decker zitiert nach: Schütte 1984, S. 193. Zur Bautätigkeit des Fürsten als „Gradmesser seiner politischen Macht“ vgl. auch Kruedener 1973, S. 21. 147 Vgl. Schütte 1984, S. 171 und S. 195. 148 In der Zimmerabfolge des Appartements des Fürsten zeigt sich das Ineinandergreifen von privater und öffentlicher Sphäre innerhalb der Residenzanlage. So plante Sturm neben dem „Schlaf=Gemach“ mit dem „Parade=Bette“ noch ein Schlafzimmer mit einem gewöhnlichen Bett. Ersteres diente für Audienzen, letzteres als Erholungsstätte. Vgl. Sturm 1718a, S. 22f (verwendete Ausgabe 1752).

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Residenzschloss war somit die bauliche Verkörperung der absolutistischen Herrschaftsform, nämlich der Hof- und Staatsverwaltung in Personalunion. Die „öffentliche“ fürstliche Bibliothek

Die fürstliche Büchersammlung zählte unter den Bibliothekswissenschaftlern des 17. und 18.  Jahrhunderts zu den „öffentlichen“ Bibliotheken.149 Diese sollten nach Meinung der Bibliothekstheoretiker einen weiten Kreis von Nutzern bedienen können und eine Büchersammlung mit universalem und enzyklopädischem Charakter enthalten.150 Zudem sollte in den Sammlungen eine große Anzahl von Manuskripten, Inkunabeln und seltenen Büchern zu finden sein. Das öffentliche Wohl sollte das oberste Ziel beim Aufbau der Sammlung sein.151 Ihre Besitzer waren neben den Fürsten andere ‚öffentliche‘ Personen wie Universitäten, Akademien oder Städte. Die ‚privaten‘ Bibliotheken sollten nach dem jeweiligen Bedürfnis ihres Besitzers eingerichtet sein und dienten primär dessen eigenem Vergnügen. Diese Unterscheidung zwischen privater, individueller und öffentlicher, gemeiner Bibliothek nahm in der Architekturtheorie bereits Alberti vor. Er differenzierte zwischen dem privaten Bücherzimmer im Wohnhaus, welches in dem ruhigen Teil des Hauses neben dem Schlafzimmer des Herrn zu liegen habe, und der öffentlichen Bibliothek, welche er als öffentlichen Nutzbau zum „Schmuck der Städte“ bestimmte.152 In den Architekturtraktaten des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts wird der öffentliche Charakter der fürstlichen Bibliothek dadurch hervorgehoben, dass sie außerhalb der fürstlichen Privatgemächer eingeplant wurde.153 Wolfgang Wilhelm Praemer legte um 1670 die Bibliothek in einen 149 Vgl. Gaberson 1998, S. 46. Die meisten Regenten besaßen zudem eine eigene private Büchersammlung, die nach dem Tode, soweit nicht anders darüber verfügt wurde, in die fürstliche, öffentlich zugängliche Sammlung überging. 150 Vgl. z. B. Naudé 1627, S. 29–34 (dt. Ausgabe von 1978) und S. 92f, Morhof 1747, S. 21–23 und Legipont 1747, S. 30–32 und S. 78–81. 151 Naudé 1627, S. 92 (dt. Ausgabe von 1978), Legipont 1747, S. 14–19, S. 26, S. 31–32 und S. 82–86. 152 Vgl. Alberti 1485, S. 279, S. 459 und S. 462f (dt. Ausgabe von 1912). 153 Vgl. die Unterbringung der Bibliothek in den Residenzentwürfen von Furttenbach 1640, S. 57 und Sturm 1714. Furttenbach legt die Bibliothek in das dritte Geschoss des Palastes. In diesem Stockwerk befinden sich neben der Galerie mit Kunst- und Antiquitätenkammer und der Kapelle die Gästezimmer. Bei Sturm befindet sich die Bibliothek im sogenannten Oberen Geschoss (zweites Geschoss). Neben den anderen Sammlungen und der Kapelle sind auch hier die Gästezimmer sowie zusätzlich ein Gemach für einen „Printzen von Geblüt“ untergebracht. Die Privatgemächer des regierenden Fürsten befinden sich im ersten Geschoss.

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Gebäudetrakt, der an den Fürstenhof grenzt und in dem neben den anderen fürstlichen Sammlungen die Stallungen untergebracht sind. Es wäre allerdings verfrüht, bereits an dieser Stelle an die Entwicklung der Verwaltungsgeschichte der fürstlichen Bibliotheken zu denken. Wie in Kapitel 2 erwähnt, begann der Prozess der Umstrukturierung der fürstlichen Bibliothek zu einer staatlichen Institution erst Mitte des 18.  Jahrhunderts. Johann Friedrich Penthers Reflexion über das Gebäude einer fürstlichen Bibliothek aus dem Jahre 1748 ist bereits in diesem Kontext zu sehen. Penther weist der fürstlichen Büchersammlung innerhalb der Residenzanlage als einer der ersten in der Geschichte der Architekturtheorie ein Gebäude außerhalb des höfischen Zentrums zu.154 Es liegt mit den anderen öffentlichen Behörden in einer Dreiflügelanlage, die dem privaten Bereich, einer geschlossenen Vierflügelanlage, vorgelagert ist (Abb.  51–53). Der Bibliothek gegenüber sind die Regierungs- und Verwaltungsinstanzen untergebracht wie die „Geheime Rath=Stube“, die „Cantzley“, das „Consistorium“, die „Renth=­ Cammer“ und das Archiv.155 Die Bibliothek wird durch ihre Lage in den Kontext des staatlichen Herrschaftsapparates gestellt. Sie wird zu einem Herrschaftsinstrument, dessen öffentlicher Auftrag lautet, durch ihr geordnetes Wissen der Regierung Hilfe zu leisten, dem Wohl der Gesellschaft zu dienen. In Penthers Entwurf spiegelt sich somit ein bestimmtes Bibliotheksverständnis wider, nämlich das einer Bibliothek als Bildungsinstitution eines absolut regierten, ‚aufgeklärten‘ Staates des 18. Jahrhunderts.156 Die Bibliothek als staatliche Institution – die Gebrauchsbibliothek

Der Bibliotheksbau als eigenständige Bauaufgabe im 18. Jahrhundert entwickelte sich mit der zunehmenden Verstaatlichung fürstlicher Bibliotheken, mit der Wandlung der Bibliothek vom fürstlichen Repräsentationsinstrument zum öffentlichen Gebrauchsinstrument. Dies führte in den zeitgenössischen Theorien zu neuen Forderungen für ein Bibliotheksgebäude. Nicht mehr die „Pracht“ stand bei der Raumkonzeption im Vordergrund, sondern bibliothekstechnische Ansprüche wie Sicherheit bei der Buchaufbewahrung, Schnelligkeit beim Finden der Bücher und Ruhe für den Leser. In seiner „Etude sur la Construction des Bibliothèques“ aus dem Jahre 1845 erklärt der französische Diplomat, Archäologe und Bibliothekskenner Léon de Laborde diese Ansprüche zu formbestimmenden Bedin154 Vgl. Penther 1748, Tab. XI. 155 Vgl. Penther 1748, S. 17. 156 Vgl. auch Becker 1992, S. 241.

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gungen.157 Verwaltungs- und Benutzerräume verdienen bei ihm die gleiche Aufmerksamkeit wie der Ort der Aufbewahrung. Der Einheitsraum wird von einem baulichen Organismus abgelöst, der sich aus Bereichen für den Leser, der Administration und der Magazinierung zusammensetzt. Laborde bezieht sich mit seinem Idealplan auf die erste ausschlaggebende Theorie zur ‚modernen` Gebrauchsbibliothek, die der Italiener della Santa im Jahre 1816 entwickelte.158 Wie oben erwähnt, entwarf della Santa dazu einen Idealplan, der mit einem organischen Grundriss, d. h. einem sinnvollen Nebeneinander der Räume, versucht, eine Systematik in den Bibliotheksbau zu bringen, die den Anforderungen einer Gebrauchs- und Magazinbibliothek genügt. Die Bevorzugung des funktionalen Gedankens vor dem repräsentativen wurde auch von den zeitgenössischen Architekten aufgenommen. Dies zeigt ein Brief Karl Friedrich Schinkels (1781–1841), den er 1840 an Laborde schrieb: „Mein Entwurf für eine Bibliothek ist so angelegt, dass er den Bau vor Feuersgefahr bewahren kann, und er wird sich trotz seiner sehr einfachen Konzeption als geeignet erweisen für die öffentliche Nutzung und Verwaltung. – In jeder Weise wird er einem solchen Ziel dienlich sein; keinerlei pompöse Architektur, keine Säle, die durch ihre Höhe imposant wirken, keine Säulenreihen, keine unnütze Raumverschwendung, sondern lediglich zweckentsprechend proportionierte Räume, in denen es leicht sein wird, Bücher aufzufinden, ohne sich hoher Leitern zu bedienen.“159 In seinem Bibliotheksentwurf setzt Schinkel in Anlehnung an die Entwürfe des 18. Jahrhunderts einen Kreis in einen quadratischen Grundriss. Allerdings dient bei ihm der runde Raum nicht als Lesesaal, sondern als Treppenhaus. Im Rahmen der zeitgenössischen Diskussionen um die Funktionalität eines Bibliotheksgebäudes wurde unter den Theoretikern auch die Form des Rundbaus besprochen. Sie wurde allerdings als unfunktional verworfen. Nach der Meinung von Laborde beherrsche in einem kreisförmigen Bibliothekssaal die architektonische Wirkung den Zweck. Es werde Fläche verschwendet, und die Aufsicht sei schwierig.160 Schinkels Entwurf aller157 Vgl. Laborde 1845, S. 5 (dt. Übersetzung von 1993). 158 Zu della Santa und seinem Idealplan vgl. Della Santa 1816 und Leyh 1961, S. 878–883. Vgl. auch Kapitel 5.1.4. 159 Brief vom 10. April 1840 von Schinkel an Laborde, abgedruckt in Laborde 1845, S. 120 (dt. Übersetzung von 1993). Schinkel fertigte zwei Entwürfe für einen Neubau der Königlichen Bibliothek an: den ersten 1835, der zweite ist nicht bezeichnet. Beide kamen nicht zur Ausführung. Krankheit und Tod verhinderten eine Aufnahme der Zeichnungen in sein geplantes „Architektonisches Lehrbuch“. 160 Vgl. seine Kritik an den Bibliotheksgebäuden von Wolfenbüttel und Oxford (Radcliff Library). In Wolfenbüttel bemängelte er, dass eine Aufsicht nur im Mittelsaal ausgeübt werden

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dings geht auf die zeitgenössischen funktionalen Forderungen an den Bibliotheksbau ein, ohne sich von der symbolträchtigen Form des Kreises zu lösen. Der Wandel der Funktionsbestimmung einer öffentlichen Bibliothek veränderte nicht nur ihre Form und Gestalt, sondern führte auch zu einer intensiveren theoretischen Beschäftigung mit dem Bibliotheksbau. Während in den Architekturtraktaten Anfang des 18. Jahrhunderts die Bibliotheken zu den „Stücken der Pracht=Gebäude“161 gezählt wurden, werden sie Ende des 18. Jahrhunderts als selbständiger Gebäudetypus aufgelistet. In Milizias „Grundsätze der bürgerlichen Baukunst“ werden die „Bibliotheken“ in einem gesonderten Absatz im Abschnitt „Zur Beförderung des gemeinen Bestens gehörige Gebäude“ behandelt,162 oder in der „Enzyklopädie der bürgerlichen Baukunst“ von Christian Ludwig Stieglitz (1724–72) aus dem Jahre 1792 findet sich unter dem Stichwort „Bibliothek, Büchersaal“ der Entwurf eines eigenständigen Bibliothekgebäudes.163 Die öffentliche Bibliothek wird ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nun auch in der Architekturtheorie als eigenständiger Gebäudetyp anerkannt. Eigenständige Theorien zum Bibliotheksbau wie von della Santa oder Laborde beeinflussten die ausgeführten Bibliotheksbauten des 19. Jahrhunderts nachhaltig.

5.2.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar – ein praktisches Beispiel der Architekturtheorien für den Bibliotheksbau? Der vorhandene Baukörper des Französischen Schlösschens erfüllte allein durch seine Gestalt und seine Lage die praktischen Anforderungen der Architekturtheoretiker. Straßburger legte den Hauptbibliothekssaal in die oberen Geschosse, so dass die Forderung nach einem trockenen Raum erfüllt wurde. Der Innenraum bekam sein Licht nicht nur von Osten, sondern be-

könne, in den anderen Gebäudeteilen sei sie unmöglich. Außerdem sei viel Platz verschwendet worden und im kreisförmig angeordneten Bücherbestand seien die Titel schlecht beleuchtet. An Gibbs reinem Rundbau kritisiert er, „quant à l’interieurl’effet architectonique domine encore le but, les livres sont sacrifiés à l’architecture, et le plan circulaire n’a d’autres résultats que de faire perdre plus d’espace et de donner moins de prise à la surveillance. Dans tout l’ensemble on sent comme une grandiose et magnifique nullité.“ Laborde 1845, S. 22. 161 Vgl. die Einteilung der zu beschreibenden Gebäude in Sturm 1714. 162 Vgl. Milizia 1781, S. 196f. 163 Vgl. Stieglitz 1792, S. 265f und Tab. IV, Abb. 38–40.

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saß auf allen vier Seiten Fenster. Morgenlicht und Helligkeit waren demnach gegeben. In der Ausstattung schloß sich Straßburger der Meinung Albertis an, dass die Bücher in ihrer Menge und Seltenheit den vorzüglichsten Schmuck in den Bibliotheken ausmachen. Wie erwähnt wird die Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar weder durch Malerei noch durch Skulpturen geschmückt. Erst später kommt es zur Aufstellung und Hängung von Dichterporträts, die auch Alberti fordert. Indem sich die Architektur der Weimarer Hofbibliothek außen wie innen in der Pracht zurückhält, greift der Bau den neuen wirkungsästhetischen und funktionalen Forderungen der Theoretiker voraus, die erst Ende des 18. Jahrhunderts laut werden. So ist die Fassade schlicht, und auch der Innenraum ist in seiner Helligkeit und zurückgenommenen Ausschmückung ganz im Sinne des Verfassers der „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ von einer „stillen Heiterkeit“, deren „ruhige“ Wirkung dem Zweck des Gebäudes, nämlich der Erkenntnisgewinnung, dienlich ist. Die „Pracht“ des Bibliothekgebäudes bestimmt in erster Linie sein Inhalt, nicht seine Gestalt. In der Form unterscheidet sich die Weimarer Bibliothek von den Ausführungen der zeitgenössischen Architekturtheoretiker insofern, als dass sie weder die Form der Saalbibliothek noch die des Zentralbaus bzw. der Rotunde übernimmt, sondern eine Symbiose darstellt. Straßburger führt Penthers Vorschlag einer Saalbibliothek mit zwei Galerien, die jeweils auf Säulen ruhen, weiter: So sind es nicht zwei Galerien, die einen leichten Zugang zu den Büchern ermöglichen, sondern zwei weitere von Säulen getragene Geschosse, die noch mehr Platz bieten. Auf diese Weise geht der Vorteil des Wandsystems verloren, den Penther und Sturm besonders betonen, nämlich die Möglichkeit, den gesamten Raum in seiner Pracht von jeglichem Standort aus zu überblicken. Diese repräsentative Funktion der Saalbibliothek wird allerdings vom Weimarer Binnenraum übernommen. Der ovale Innenraum könnte als Anlehnung an die theoretischen Überlegungen zur Form der Rotunde im Bibliotheksbau, zu ihrem universalkosmologischen Charakter und ihrem Symbolgehalt als Abbild der Welt verstanden werden. Allerdings setzt dies eine intensive Beschäftigung auf architekturtheoretischer und philosophischer Ebene voraus. Straßburger kam zwar aus einer Architektenfamilie und war Schüler des zu Lebzeiten nicht unbedeutenden Architekten Gottfried Heinrich Krohne, dennoch ist es nur zu vermuten, aber nicht vorauszusetzen, dass er mit der symbolhaften Bedeutung des ovalen Zentralraums im Bibliotheksbau vertraut war.

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Die Reflexionen der Architekturtheoretiker über die Funktion der fürstlichen Bibliothek als staatliches Herrschaftsinstrument bzw. öffentliche Bildungsinstitution mögen die Bauherrin und ihre Berater in ihrer Wahl, die Bibliothek aus dem Residenzschloss zu entfernen und in einem eigenständigem Gebäude unterzubringen, bestätigt haben. Penther brachte die fürstliche Büchersammlung nicht nur außerhalb der fürstlichen Privatgemächer unter, wie Furttenbach oder Sturm es vorsahen, sondern wies ihr innerhalb der Residenzanlage ein gesondertes Gebäude zu. Dieses stand mit den Bauten der Regierungs- und Verwaltungsinstanzen in engem räumlichem Zusammenhang. Die Bibliothek wird bei ihm in den Kontext des staatlichen Herrschaftsapparates gestellt. In Weimar ist eine Nähe der Bibliothek zu den Institutionen von Regierung und Verwaltung nicht gegeben, dennoch ist sie durch ihre eigenständige Lage eindeutig aus dem Residenzgefüge verwiesen worden. Der Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Bibliotheksverwaltung zeigt, dass bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Weg in Richtung Verstaatlichung der einst höfischen Institutionen eingeschlagen wurde. Insofern kann die solitäre Stellung der Bibliothek als eine bauliche Repräsentantin der auch in Weimar beginnenden Trennung von Fürst und Staat verstanden werden. Auch wenn Verwaltungs- und Benutzerräumlichkeiten noch nicht in dem Maße eingesetzt wurden, wie es della Santa oder Laborde propagierten, ist die Weimarer Bibliothek nicht mehr nur eine Schaubibliothek, sondern auch, und das wurde ausdrücklich von der Herzogin und ihren Beratern gefordert, ein Ort der Aufbewahrung, eine Vorstufe zur Magazinbibliothek. Es kann festgehalten werden, dass sich der Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar in Gestalt und Form nicht von den theoretischen Forderungen einer Saalbibliothek oder eines Zentralraums hat beeinflussen lassen, sondern dass er zu seiner eigenen, einer symbiotischen, Lösung gefunden hat. In Bezug auf seine exponierte Lage hingegen findet der Weimarer Bau ein theoretisches Fundament in den Gedanken Penthers zur öffentlichen fürstlichen Bibliothek.

5.3 Typologische Vorbilder für die fürstliche Bibliothek zu Weimar Charakteristische formale Merkmale des Hauptsaals der fürstlichen Bibliothek zu Weimar sind der zentrale Binnenraum in einem rechteckigen Grundriss und die Emporenarchitektur sowie der Deckendurchbruch in das

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Mansardgeschoss. Nachdem formale Analogien in der Tradition des Bibliotheksbaus gesucht wurden, wird im Folgenden untersucht, welche weiteren Bautypen eine ähnliche Formensprache aufweisen. Augenfällig ist die Nähe zum protestantischen Kirchenbau. Auch der zeitgenössische Theaterbau und die Festsaalarchitektur zeigen formale Ähnlichkeiten. Außerdem interessiert in diesem Abschnitt, inwiefern bei Formübernahme ein inhaltlicher Bezug zwischen den einzelnen Gebäudetypen und der fürstlichen Bibliothek zu Weimar gesucht wurde.

5.3.1 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und der protestantische Kirchenbau In der Forschung zur Baugeschichte des Schausaals der fürstlichen Bibliothek zu Weimar wird der protestantische Kirchenbau des 18. Jahrhunderts als ein Vorbild angenommen.164 Zunächst wird untersucht, welche formalen Gemeinsamkeiten protestantische Kirchenbauten und die Weimarer Bibliothek aufweisen. Anschließend wird die Herkunft der Form im protestantischen Kirchenbau analysiert und überlegt, inwiefern die Ergebnisse auf den Bau einer Bibliothek übertragbar sind. Dies führt zu der abschließenden Frage, ob eine bewusste Sakralisierung des Bibliotheksraums von dem Architekten bzw. der Bauherrin beabsichtigt wurde. Formale Analogien zwischen protestantischer Kirchenarchitektur und der fürstlichen Bibliothek zu Weimar

Zentralisierung des Innenraums

Die Ablösung der Binnenarchitektur vom Außenbau ist das raumgestaltende Prinzip der fürstlichen Bibliothek zu Weimar. Das Einstellen der Pfeilerarchitektur von ellipsenförmigem Grundriss wandelt den längsrechteckigen Raum der Bibliothek in einen Innenraum mit zentraler Tendenz. Ähnliche Grundrissdispositionen finden sich im zeitgenössischen protestantischen Kirchenbau. Ein Beispiel ist die Dreikönigskirche in Dresden (Abb. 56). Sie wurde 1732–39 nach dem Entwurf von George Bähr (1666– 1738) erbaut.165 Während zunächst Matthäus Daniel Pöppelmann (1662– 1736) in Anlehnung an den Vorgängerbau aus dem 17. Jahrhundert einen 164 Vgl. Scheidig 1941, S. 17f, Schwarz 1993, o.S., Heckmann 1999, S. 203 und Steierwald 1999, S. 64f. 165 Zur Baugeschichte und Architektur der Dreikönigskirche vgl. Löffler 1999, S. 198–201.

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dreischiffigen Längsbau plante, schuf Bähr in dem rechteckigen Grundriss eine nahezu zentrale Anlage, indem er die Pfeiler zu einem Oval (allerdings gestaucht) stellte. Der zentrale Innenraum im Kirchengebäude war ab dem späten 17. Jahrhundert zu einem der Gestaltungsprinzipien des protestantischen Kirchenbaus geworden.166 Ein Überblick über die protestantischen Kirchenbauten des 17. und 18.  Jahrhunderts zeigt, dass es einen idealen Grundriss für eine protestantische Kirche nicht gab: das Quadrat, der Kreis, das langgezogene Rechteck, die Querkirche, die T-Form, das griechische Kreuz, das Achteck, der Winkelhaken – alle Formen sind denkbar.167 War einer Grundrissdisposition der zentrale Charakter nicht gegeben, so wurde versucht, durch die Stellung der Pfeilerarchitektur eine zentrale Tendenz des Innenraumes zu erreichen.168 Emporenarchitektur

Der Einsatz von Emporen ist neben der Grundrissdisposition eine Gemeinsamkeit zwischen dem Bibliothekssaal in Weimar und den protestantischen Kirchenbauten.169 Emporen werden im deutschen Bibliotheksbau seit dem späten 17.  Jahrhundert verwendet. Sie ruhen auf Vouten oder Konsolen oder werden von Säulen gestützt. Als schmale Umgänge umziehen sie den Bibliotheksraum. In Weimar dagegen werden die Emporen durch ihre Breite zu einem selbständigen Geschoss. Die mittig parallel zur 166 Zur „zentralen Tendenz“ als Grundstruktur einer protestantischen Kirche vgl. Grashoff 1938, S. 15–22, Mai 1987, S. 246f, Mai 1994, S. 19 und S. 23–25. Der Zentralbau war allerdings nicht alleiniges Thema im protestantischen Kirchenbau des 17. und 18. Jahrhunderts. Mai betont, dass im sächsischen Raum die chorlose Saalkirche auch bei Neubauten weiterhin stark verbreitet war. Vgl. Mai 1987, S. 245. 167 Ein umfassender Überblick über die verschiedenen Grundrissdispositionen findet sich bei Grashoff 1938, S. 55–67. 168 George Bähr stellte z. B. in Schmiedeberg (1713–1716) (Abb. 54), Forchheim (1719–1726) und in seinem ersten Entwurf für die Frauenkirche (1722) ein Achteck in den polygonalen Grundriss, in der Dreikönigskirche schuf er so das Oval. (Abb. 56). 169 Emporenarchitektur findet sich bereits in den ersten protestantischen Kirchenbauten nach der Reformation, wie z. B. in der Kapelle des Schlosses Hartenfels b. Torgau (1544 eingeweiht). Hier wurde auf das Vorbild von Emporenkirchen des späten 15. Jahrhunderts zurückgegriffen. In diesen wurden die Emporen über den Seitenkapellen angelegt, die zwischen eingezogenen Strebepfeilern eingerichtet waren. Das früheste bekannte Beispiel dieser Art ist St. Martin in Amberg / Oberpfalz (1421). In Sachsen gilt dieser Typ als besonders ausgeprägt. Erstes überliefertes Beispiel ist hier der Freiberger Dom (um 1487–1514). Vgl. Dehio 1998a, S. 259–271. Hier werden die seitlichen Emporen über den Arkaden, die zwischen den Wandpfeilern eingezogen sind, balkonartig um die Wandpfeiler herumgeführt. Zur Bedeutung und Geschichte der Empore im protestantischen Kirchenbau vgl. Vereinigung Berliner Architekten 1893, Gurlitt 1906, S. 378–387, Erffa / Gall 1967, Sp. 302–312, Wex 1984, S. 115–120 und Grossmann 1994.

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Brüstung eingestellten Regale in den Längsseiten des Emporengeschosses teilen den Raum sogar in zwei ‚Umgänge‘. Auch in den protestantischen Kirchenbauten formieren sich die Emporen zu eigenständigen Raumgeschossen, die mehrere Reihen von Sitzbänken aufnehmen können. Zudem kommt der Emporenarchitektur in der Weimarer Bibliothek und in den protestantischen Kirchenräumen eine raumgestaltende Funktion zu, da sie eine raumzentrierende Wirkung besitzen.170 Um eine zentrale Anlage zu erreichen, sollten die Emporen in den Kirchen nicht als nachträglicher Einbau171 auftreten, sondern sich harmonisch in das Raumgefüge eingliedern.172 Ein geschlossener Raumeindruck wurde erreicht, indem die Emporen um den ganzen Raum geführt wurden, d. h. bis an den Altarraum heran, wie z. B. in der Dreifaltigkeitskirche in Schmiedeberg von Bähr (1713–16) (Abb.  54), oder auch in den Chorraum hinein wie in Bährs Dresdner Frauenkirche (1726–43) (Farbtaf. 41) oder in der protestantischen Pfarrkirche in Niederoderwitz / Sachsen von Otto Ludwig von Kanitz (1719–26). Außerdem kann die Empore als „raumbildender Faktor horizontaler Art“ gewertet werden.173 Auch in der fürstlichen Bibliothek zu Weimar gliedert die ‚Empore‘ den Raum horizontal. Anders als in den Saalbibliotheken, wo die schmalen, an den Wänden umlaufenden Emporen nur eine Profilierung der Wand in horizontale Richtung vornehmen, wird der Raum in zwei Schichten zerlegt. Neben dieser horizontalen Raumwirkung ist in dem Binnenraum der Bibliothek auch ein Streben in die Vertikale zu spüren. Dieses Streben wird durch die Wiederholung der unteren Arkadenstellung auf dem Emporengeschoss hervorgerufen. Diese Vertikalität findet sich auch in protestantischen Kirchenbauten.174 George Bähr führt z. B. in seinen späteren Dresdener Bauten (Frauenkirche 1726–43 und Dreikönigskirche 1732–39) die 170 Zur raumgestaltenden Funktion der Emporen im protestantischen Kirchenbau vgl. Grashoff 1938, S. 23–39 und S.43–52 und Erffa / Gall 1967, Sp. 291–292 und Sp. 302–304. 171 Vgl. z. B. die protestantische Kirche in Worms (1705–25) oder die Katharinenkirche in Frankfurt a.M. (1678–80). Vgl. Barth 1907, S. 43 und Erffa / Gall 1967, Sp. 306. 172 Vgl. Barth 1907, S. 43. 173 Vgl. Grashoff 1938, S. 24f. Vgl. auch Erffa / Gall 1967, Sp. 307. Nach Grashoff ist es die horizontale Schichtung, die das Raumbild des protestantischen Kirchenbaus eindeutig bestimmt und ihm einen eigentümlichen Charakter verleiht. Diese Aussage muss korrigiert werden, denn schon im frühen 15. Jahrhundert gewann der Kirchraum von drei- bzw. einschiffigen Hallenkirchen durch die Emporenanlage eine Horizontalisierung. Die Wand wurde durch ein kräftiges Gesims in zwei Zonen geteilt: die Kapellenzone und über dem Gesims die Emporenzone. Vgl. Erffa / Gall 1967, Sp. 291f. 174 Eine der ersten protestantischen Kirchenbauten, deren Innenraum sich durch eine durchgehende Arkatur auszeichnet, ist die Hofkirche in Neuburg a.d.Donau, die 1607 als protestantische Kirche begonnen wurde. Aufgrund eines Glaubenswechsels durch den neuen regieren-

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Pfeiler durchgängig in die Höhe und verbindet diese mit dem Deckenraum.175 Aufgebrochener Deckenraum

Das Besondere an der Decke der fürstlichen Bibliothek zu Weimar ist der ellipsoide Durchbruch ins Mansardgeschoss. Seine Funktion ist unklar. Er bringt weder Licht in den Raum, noch gewährt er einen ausreichenden Einblick in das Dachgeschoss. Eine aufgebrochene Decke ist auch ein architektonisches Thema im Sakralbau. Im protestantischen Kirchenbau findet es sich z. B. in den Schlosskapellen von Weimar (1619–30 erbaut von Giovanni Bonalino, 1658 verändert und ausgestaltet von Johann Moritz Richter d. Ä.) oder Wolfenbüttel (1588 von Francesco Chiaramella).176 Hier gibt der Durchbruch den Blick in einen Orgelchor frei. Auch im Kuppelscheitelpunkt der Dresdner Frauenkirche ist ein Durchbruch kreisförmig aus­ geschnitten (Farbtaf. 40). Durch diesen wird ein Aufwärtsstreben in Himmelsrichtung erfahrbar. Dieser Effekt kann auch in der fürstlichen Bibliothek zu Weimar – wenn auch nicht ganz so dramatisch – nachvollzogen werden. Zusammenfassend können folgende formale Gemeinsamkeiten zwischen dem Weimarer Bibliothekssaal und protestantischen Kirchenbauten beobachtet werden: ein zentraler Binnenraum, der Einbau von einem Emporengeschoss und ein aufgebrochener Deckenraum.

den Herrscher 1614 wurde sie 1618 als katholische Kirche geweiht. Vgl. Grossmann 1994, S. 34. 175 In Bährs frühen Kirchenbauten endeten die Stützen unter der Emporenbrüstung, wie z. B. in Schmiedeberg. In der Frauenkirche ziehen sich die Arkaden bis unter die schmale Galerie des Kuppelraumes. (Vgl. Zeichnung von Arno Kiesling in Löffler 1984 und Kuke 1996). Die mehrgeschossigen Emporen wirken in dem hochstrebenden Pfeilerkreis wie „eingehängt“. Zur raumbestimmenden Funktion der Emporenanlage in der Dresdner Frauenkirche vgl. Mai 1992, S. 17–19. 176 Vgl. Magirius 2001, S. 42. Die Gestalt der Schlosskapelle in Weimar vor dem Brand 1774 ist auf einem Ölgemälde von Christian Richter (um 1660) überliefert, das sich in den Kunstsammlungen zu Weimar befindet (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. G 1230) (Farbtaf. 42). Zu den Schlosskapellen des Barock in Thüringen allgemein vgl. Baier-Schröcke 1967.

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Die Herkunft der Formen im protestantischen Kirchenbau

Der Zentralraum Für den protestantischen (lutherischen und reformierten) Gottesdienst ist die Predigt das entscheidende Moment.177 Sie gilt als die Quelle des Glaubens und damit als das konstituierende Element der Kirche.178 So schreibt der zeitgenössische Architekturtheoretiker Leonhard Christoph Sturm in seiner „Vollständigen Anweisung alle Arten von Kirche wohl anzugeben“ (1718): „Denn das allervornehmste / was darinnen geschieht ist das Predigen / bey deme allezeit eine große Menge des Volcks zusammen kömmt /  welche alle den Prediger nicht nur gerne deutlich hören / sondern auch sehen wollen / dazu denn ordentlich eingetheilete Sitze nötig sind.“179 Die entscheidenden Forderungen, die er an eine protestantische Kirche stellte, waren eine gute Sicht und eine gute Akustik.180 Diese ergeben sich für ihn aus der optimalen Nutzung des Raumes für den Predigtgottesdienst, d. h. aus der liturgischen Zweckerfüllung.181 In seinem Werk „Architectonisches Bedencken von Protestantischer Kleinen Kirchen ...“ von 1712 stellt Sturm verschiedene Grundrissvorschläge vor. Dabei ist ihm wichtig, dass eine rati177 Vgl. Wessel 1960, S. 93, Koch 1981, S. 111, Belting 1991, S. 517–523 und Mai 1994, S.  11. Eine ausführliche Abhandlung über die Bedeutung der Predigt für den protestantischen Gottesdienst würde den Rahmen der Arbeit sprengen und wird dementsprechend nicht weiter verfolgt. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die lutherische Kirche und nicht die reformierte, da der Staat Sachsen-Weimar-Eisenach den evangelisch-lutherischen Glauben vertrat. Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen lutherischen und reformierten Kirchengebäuden vgl. Mai 1994. 178 Für die Protestanten wurde das Wort der Heiligen Schrift zur Autorität, damit sie ihre Religion ohne die Institution der katholischen Kirche praktizieren konnten. „Denn auf den Worten steht all unser Grund, Schutz und Wehr gegen alle Irrtümer und Verführung“, schreibt Luther im Großen Katechismus, zitiert in Belting 1991, S. 517f. Während die Reformierten dem Wort das Monopol zugestehen, erkennen die Lutheraner auch die Taufe und das Abendmahl als Glaubenserfahrung an. Das Wort behält für Luther dennoch die Priorität, denn es besitze die Macht – hier bezieht er sich auf Augustin -, das Element (Wein und Brot) in das Sakrament (Leib Christi) zu wandeln. Vgl. Belting 1991, S. 518 und S. 610. 179 Sturm 1718 (Ausgabe von 1748, S. 26f ). Die Ansichten Sturms spielen eine Schlüsselrolle in der Ausbildung einer Theorie des protestantischen Kirchenbaus. Die Grundsätze in seinen Schriften, insbesondere in „Architectonisches Bedencken von Protestantischer Kleiner Kirchen Figur und Einrichtung, Hamburg 1712“ und in „Vollständige Anweisung aller Arten von Kirchen wohl anzugeben, Augspurg 1718“ übten bis ins 19.  Jahrhundert entschieden Einfluss auf den protestantischen Kirchenbau. 180 Vgl. Grashoff 1938, S. 10, Wex 1984, S. 141 und Kuke 1994, S. 78. 181 Vgl. Mai 1994, S. 23. Schon vor Sturm formulierten die Architekturtheoretiker des 17. Jahrhunderts aus diesen praktischen Überlegungen ihre Ansprüche an den protestantischen Kirchenbau. Vgl. z. B. Joseph Furttenbach d. J. in seinem Werk „KirchenGebäw“ von 1649. Vgl. dazu Wex 1984, S. 51f.

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onale Grundrissdisposition die Funktionen des Gottesdienstes optimal erfüllt.182 Eine gute Sicht- und Hörbarkeit des Predigers für alle Gottesdienstbesucher wird in einer zentralisierten Anlage am besten erreicht.183 Neben diesem praktischen Grund besitzt der Zentralraum im protestantischen Kirchenraum auch einen symbolischen Charakter. Nach der protestantischen Theologie bildet die Gemeinde bei der Verkündigung von Gottes Wort eine absolute Einheit mit dem Geistlichen. Diese Vorstellung sollte der einheitliche Kirchenraum verdeutlichen.184 Die Emporen

Die evangelische Liturgie bestimmt neben dem Altar die Kanzel zu einem Prinzipalstück in einer protestantischen Kirche. Sie ist der Ort, von dem aus Gottes Wort in Form der Predigt offenbart wird. Für den Architekturtheoretiker Sturm ist die Kanzel das „vornehmste Stück“.185 Im protestantischen Kirchenbau wurde sie daher neben dem Altar Hauptbezugspunkt der axialen Ausrichtung eines Kirchenraumes.186 Um dem Raum nur eine Hauptrichtung zu geben, wurde die Kanzel in die Nähe des Altars gestellt oder über dem Altar errichtet, wie z. B. in der Schlosskapelle von Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden (1585–90). Eine Konsequenz war die Errichtung des

182 Vgl. Schütte 1984, S. 179. 183 Die Verwendung eines Zentralgrundrisses für ein Kirchengebäude wird bereits im 15. Jahrhundert in Italien diskutiert, da der Kreis oder das regelmäßige Vieleck als die vollkommenste Form gelten. Vgl. Alberti 1450, 7. Buch, 4. Kapitel (dt. Übersetzung von 1912). Da der Zentralplan für die liturgischen Anforderungen der katholischen Kirche nicht sehr geeignet war, kam es zu Kompromisslösungen, in denen Langhaus- und Zentralbau miteinander verbunden wurden. Vgl. Norberg-Schulze 1975, S. 20–22. Die protestantische Kirche des 16. Jahrhunderts sah sich nicht den gleichen liturgischen Anforderungen gegenüber und nutzte die oben genannten Vorzüge des Zentralbaus für ihre liturgischen Zwecke. Den Vorteil von Zentralbauten erkannten im 16. Jahrhundert die Hugenotten in Frankreich. Ihre „temples“ sind variationsreiche Zentralanlagen. Diese und auch die Zentralbauten der reformierten Gemeinden in den Niederlanden seit 1600 werden auf Sturms Architekturvorstellung Einfluss genommen haben. Vgl. Mai 1994, S. 17 und Hammer-Schenk 2001, S. 48. Sturm bevorzugte neben der Winkelhakenkirche und dem querrechteckigen Saal auch die runde Kirche. Er fragt sich, warum man „bey Anlehnung der Protestantischen Kirchen nicht auf die Nachahmung der alten Römischen Theatrorum gerathen ist“, denn Kirchen wie Theater erfüllen denselben Zweck, „eine grosse Menge des Volcks auf einen engen Platz beysammen seyn“ zu lassen. Sturm 1718, S. 7 und vgl. Schütte 1984, S. 179. 184 Vgl. Grashoff 1938, S. 12f und Koch 1981, S. 119. 185 Sturm 1718, S. 28 (Ausgabe von 1748, S. 29). 186 Zur Bedeutung der Kanzel im protestantischen Kirchenbau vgl. Gurlitt 1906, S. 340–347, Grashoff 1938, S.  9–14, Kunze1960, S.  242–245,Wessel 1960, S.  92–94, Mai 1969, S. 150 und Kuke 1996, S. 78 und S. 83.

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sogenannten Kanzelaltars ab dem 17. Jahrhundert.187 Der Kirchenraum einer protestantischen Kirche war daher im Vergleich zur fürstlichen Bibliothek zu Weimar ein „gerichteter Zentralraum“188. Die Emporen und das Kirchengestühl richten sich nach den Bezugspunkten Kanzel und Altar, in Weimar ist der Empore keine Richtung vorgegeben. Durch die Emporen erfolgt eine Konzentration der Gläubigen auf die Prinzipalstücke der Kirche, auf Kanzel und Altar. Außerdem begründet auch die Forderung nach guter Sicht und Akustik die Errichtung von Emporen. So schreibt Sturm: „... in den Protestantischen Kirchen sihet man vornehmlich darauf, dass eine grosse Menge einen einigen Prediger wohl sehen und hören könne, daher man die Stellen unmöglich auf der erden recht gewinnen kann, weil bey gar großen Kirchen, die weit von der Cantzel zu stehen kommen, nichts hören können, sondern man muss sie übereinander zu gewinnen suchen“.189 Emporen ermöglichen in einem begrenzten Raum die Unterbringung der gesamten Gemeinde auf eine Weise, dass alle gut hören und sehen können.190 Die Deckenöffnung

Auch der Ausschnitt im Deckenraum eines Kirchengebäudes kann zweckmäßig begründet werden. Das Kuppelauge in der Dresdner Frauenkirche führt in einen weiteren kuppelförmigen Raum (Farbtaf. 40). Er konstituiert 187 Zur Geschichte und Bedeutung des Kanzelaltares vgl. Mai 1969. Die Vorzüge des Kanzelaltares sahen auch die Theoretiker. So empfiehlt Sturm die Kanzel über den Altar zu stellen bzw. einen Kanzelaltar aufzustellen, da dieser die Symmetrie des Raumes bewahrt. Vgl. Sturms Grundrissvorschläge für einen protestantischen Kirchenbau in seinem Architekturtheorietraktat „Architectonisches Bedencken von Protestantischen Kleinen Kirchen Figur und Einrichtung“ aus dem Jahre 1712 und Mai 1969, S. 75. 188 Zum Begriff des gerichteten Zentralbaus vgl. Lange 1940. Zur Zentrierung um die Kanzel vgl. auch Erffa / Gall 1967, Sp. 303. 189 Sturm 1718 zitiert in: Grossmann 1994, S. 29. In der Ausgabe der „Vollständige Anweisung aller Arten von Kirchen wohl anzugeben“ von 1746, S. 29 schreibt Sturm „[...],dass die Cantzel von dem Umkreyß der Zuhörer gleich weit abstehe, und diese fein offt übereinander Stühle bekommen müssen, damit sie dem Prediger alle desto näher bleiben. Und soll billich nicht ein Kirchstuhl seyn, daraus man nicht sitzend und stehend den Prediger sehen könnte. Denn es ist gewiß, dass es viel zum Verstehen, und viel zu innerlicher Bewegung hilfft, wenn man den Redenden auch siehet.“ Zur Funktion von Emporen im protestantischen Kirchenbau vgl. Kunze 1960, S.  234–242, Erffa / Gall 1967, Sp. 266f und Grossmann 1994, S. 29. 190 In diesem Zusammenhang sei auf eine mögliche Vorbildfunktion von Hörsälen und Theaterarchitektur für den protestantischen Kirchenbau verwiesen. Sturm empfiehlt beispielsweise die Nachahmung des römischen Amphitheaters (zitiert in: Grashoff 1938, S. 43). Zur Verbindung zwischen Theater und protestantischem Kirchenbau vgl. Koch 1981, S. 123 sowie Matthes 1995, S. 146–154.

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sich durch die Diskrepanz von Innen- und Außenkuppel. Auf einem Längsschnitt des ersten Frauenkirchenprojektes von 1724 / 25 bezeichnet Bähr diesen Raum als einen Raum, „worauff nicht nur viele Zuhörer, sondern auch zuweilen eine angenehme Music kan gemacht werden.“191 Die Bauidee, Musik aus dem Raum oberhalb der Innenkuppel erklingen zu lassen, übernahm Bähr vermutlich aus der Tradition des Orgelchores bei Schlosskapellen, der oberhalb des Kirchenraums angeordnet war.192 Vorbilder könnten die Schlosskapellen in Weimar oder Wolfenbüttel gewesen sein.193 Neben den praktischen Gründen kann dem Ort noch ein symbolischer Wert zugeschrieben werden. In den fast 30m hohen Zwischenraum der Frauenkirche kann man vom Hauptraum nur durch das Kuppelauge einsehen. Wie bei der fürstlichen Bibliothek zu Weimar ist das Ausmaß des oberen Raumes nur in dem Raum selbst erfahrbar, von unten wird nur ein Ausschnitt gewährt. Es ergibt sich dadurch ein unendlicher Raum, der im Kirchenbau als ein Abbild des Himmels gedeutet wurde.194 Durch die „Öffnung“ wird der göttliche Himmel sichtbar, eine „visio dei“ entsteht, die als Antwort des Hieronymuskommentars zur Gottesvision des Ezechiels verstanden werden kann: „aperti sunt caeli“.195 Der Beiname der Schlosskapelle in Weimar lautete nach dem Umbau 1658 „Himmelsburg“ (Farbtaf. 42).196 Er wurde von der Deckenöffnung abgeleitet, „wo unter einer zusätz191 Längschnitt des ersten Projektes von George Bähr (1724–25), abgebildet bei Kuke 1996, S. 38 und Querschnitt (Nord-Süd-Schnitt) in Staatliche Kunstsammlungen Dresden 2001, S. 71 Abb. 57. 192 Vgl. Magirius 2001, S. 41f und S. 168. Die Orgelemporen der Neuzeit beziehen sich auf die Tradition der sogenannten Engelemporen. Seit dem frühen Mittelalter wurden diese weit oben im Kirchenraum eingerichtet. Der Gesang, der in den Kirchenraum hinunter schallte, wurde symbolisch als der von Engeln gedeutet. Nach der lutherischen Auffassung konnte allein die Kirchenmusik eine Andeutung über die himmlischen Sphären geben. Vgl. Erffa / Gall 1967, Sp. 314–319 und Magirius 1995, S. 36. Zu den sakralen und profanen Vorbildern eines Musizierraumes über dem eigentlichen Saal vgl. Magirius 1992, S. 9f. 193 Nach Magirius kannte Bähr die Kapelle in Wolfenbüttel durch Leonhard Christoph Sturm, der in einer Beschreibung des Baus die Funktion des Raumes über der Kuppel als Musizierraum beschreibt. Vgl. Magirius 2001, S.  42. Zur Baugeschichte und Architektur der Frauenkirche vgl. neben Kuke 1996 auch Löffler 1984, Müller 1994, Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V. 1995 und Staatliche Kunstsammlungen zu Dresden 2001. 194 Die Kuppel symbolisiert seit der Antike das Himmelsabbild. Vgl. Reinle 1976, S. 114. Die Symbolik der Kuppel als Erscheinungsort des Göttlichen wurde dort umso greifbarer, „wo eine reale Öffnung in ihrem Scheitel bestand, die gleichsam den Strahlen und Emanationen der jenseitigen Welt eine Verbindungsmöglichkeit mit dem Sakralraum ermöglichte.“ Reinle 1976, S. 118. 195 Zur Problematik von Himmelsdarstellungen vgl. Holländer 1994. 196 Vgl. Magirius 2001, S. 168. Zur Weimarer Schlosskapelle vgl. Bothe 2000, S. 23f.

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lich errichteten Kuppel eine Empore zur Aufnahme einer Orgel und eines Sängerchors entstand.“197 Durch die malerische Ausgestaltung der Orgelempore wurde der Durchbruch zu einem Fenster in himmlische Sphären, von wo aus die „musica sacra“ erkang.198 Zusammenfassung

Ende des 16. Jahrhunderts entwickelte sich allmählich eine Typologie des protestantischen Kirchenbaus, wenn auch eine disparate.199 Diese war den reformatorischen Ansichten zufolge funktional-nüchtern bestimmt. Es ging darum, Raumformen zu finden, die eine Konzentration der Gemeinde um Altar und Kanzel ermöglichten. Eine Folge war die Zunahme der Aktualität der Zentralbauten für den protestantischen Kirchenbau ab dem Ende des 17.  Jahrhunderts.200 Ein bestimmter Typus mit einer bestmöglichen Form bildete sich allerdings nicht heraus. Trotz aller Kritik der Theoretiker an traditionellen Kirchenbautypen wie die ein- bzw. dreischiffige Hallenkirche mit polygonalem Chorraum wurde diese von den Baumeistern des 18. Jahrhunderts nicht völlig geleugnet.201 Tradition und Innovation wurden miteinander verbunden. Indem Bähr den Zentralraum der Frauenkirche an der Ostseite zum Chor öffnet, wird auch ein traditionelles Merkmal raumbestimmend. Die St. Michaelis Kirche in Hamburg (1751–62) präsentiert sich als dreischiffige Halle mit Kreuzarmen und Ausrichtung des Raumes auf den Hauptaltar im Chor.202 Die geschwungene Empore, welche die Langhausteile miteinander verbindet, ver197 Bothe 2000, S. 23. 198 Auch der Kanzelaltar, durch den der gesamte Raum bestimmt wurde, verweist auf das Himmelsmotiv. Er scheint über die Decke hinaus in den „Himmel“ hinein zu reichen. Emporschwebende Engel benutzen den Altar als Himmelsleiter und verweisen direkt in den Kuppelraum, den Ort der gottesverherrlichenden Musik. Zum Weimarer Kanzelaltar vgl. Mai 1969, S. 259f und Bothe 2000, S. 23f. Die Schlosskapelle fiel dem Schlossbrand von 1774 zum Opfer. Ein Gemälde von Christian Richter um 1660 zeigt den Innenraum zwei Jahre nach der Fertigstellung (Klassik Stiftung Weimar, Museen, Inv.Nr. G 1230) (Farbtaf. 42). 199 Zur Entwicklungsgeschichte der disparaten Typologie des protestantischen Kirchenbaus bis Ende des 18. Jahrhunderts vgl. Paul 2000. Vgl. auch Koch 1981, S. 129. 200 In der Diskussion um die geeignete Grundrisslösung wurde der reine Zentralbau als Rund oder Polygon trotz all seiner Vorzüge kritisch betrachtet. In den lutherischen Gemeinden konnte er als zu katholisch gelten. Vgl. Paul 2000, S. 138. Zu den Innovationen im protestantischen Kirchenbau seit dem 18. Jahrhundert vgl. Mai 1994. 201 Die ein- bzw. dreischiffige Hallenkirche blieb bis in das 18. Jahrhundert hinein ein beliebter Bautyp. Vgl. Koch 1981, S. 112 und Paul 2000, S. 136. Zum Festhalten an den traditionellen Bauformen vgl. auch Schütte 1984, S. 179f. 202 Der Bau des 18. Jahrhunderts ist ein Wiederaufbau der 1750 abgebrannten Hallenkirche aus dem 17. Jahrhundert (1648–61). Den Entwurf lieferte Johann Leonhard Prey (†1757) unter der Mitwirkung von Ernst Georg Sonnin (1713–94).

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wandelt diesen konservativen Raum in einen zentralisierenden Einheitsraum, der den Anforderungen nach guter Sicht und Akustik genügt. Der protestantische Kirchenbau als Vorbild für den Rokokosaal der fürstlichen Bibliothek zu Weimar?

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, aus welcher Intention heraus die Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar an die des protestantischen Kirchenbaus hätte angelehnt werden sollen. Straßburger und Schmidt – zwei protestantische Kirchenbaumeister

Dem Baumeister der Weimarer Bibliothek August Friedrich Straßburger sind Erfahrungen im protestantischen Kirchenbau nachzuweisen. Sein Großvater Johann Erhard Straßburger (1675–1754), Oberlandbaumeister von Sachsen-Gotha-Altenburg, war 1719–23 am Bau der Gotthilfkirche in Waltershausen beteiligt. Sie zählt zu den ersten protestantischen Zentralkirchenbauten in Thüringen.203 Hier wird der Innenraum des in der Längsachse leicht gedehnten Zentralbaus durch die Emporen zu einer Ellipse. Für den Oberlandbaumeister von Sachsen-Weimar-Eisenach Gottfried Heinrich Krohne zeichnete Straßburger 1746 einen nicht ausgeführten Entwurf für die Marktkirche in Eisenach.204 Krohne stellte in dem Entwurf acht Pfeiler zu einem Kreis in einen kreuzförmigen Grundriss zusammen. Außerdem beendete Straßburger 1760 den Wiederaufbau der Stadtkirche St. Jakobus in Ilmenau, einen zweigeschossigen Emporenbau, den Krohne 1756 begonnen hatte.205 Neben den eigenen Erfahrungen wird Straßburger auch durch die Anschauung protestantischer Schlosskapellen in Thüringen beeinflusst worden sein.206 Auf die Gemeinsamkeiten zwischen der Schlosskapelle in Weimar und der fürstlichen Bibliothek wurde oben verwiesen. Weitere Anregungen können die Schlosskapellen in Weißenfels (1664–67), Eisenberg (1677–87) und Saalfeld (1704–19) gegeben haben. Straßburgers Entwurf für die fürstliche Bibliothek zu Weimar lehnt sich, wie oben erwähnt, an den des zuerst beauftragten Dresdner Baumeisters Johann Georg Schmidt an. Schmidt ist mit dem protestantischen Kirchenbau aufgewachsen. Unter der Aufsicht seines Vetters George Bähr lernte er in seiner Lehrzeit dessen Auffassung vom protestantischen Kirchenbau 203 Vgl. Mertens 1982, S. 25 und S. 186f, Dehio 1998, S. 1284f und Heckmann 1999, S. 132. 204 Vgl. Möller 1956, S. 98–101 und S. 254 und Heckmann 1999, S. 200. 205 Vgl. Möller 1956, S. 218, Dehio 1998, S. 634f und Heckmann 1999, S. 200. 206 Zu den Schlosskapellen des Barock in Thüringen vgl. Baier-Schröcke 1967.

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kennen.207 Schmidt half Bähr beim Bau der Dresdner Dreikönigskirche, und er arbeitete am Bau der Dresdner Frauenkirche mit.208 Von ihm stammen neben Bauzeichnungen und Modellen auch die Vorlagen für die von Christian Philipp Lindemann 1734–38 gestochene Kupferstichfolge zur Frauenkirche.209 Die Laterne auf der Kuppel der Frauenkirche wurde nach seinem Entwurf ausgeführt. Inwiefern Johann Georg Schmidt von den Kirchenbauten seines Mentors Bähr beeinflusst wurde, zeigen seine Entwürfe für Sakralräume. In seinem ersten selbständigen Kirchenbau, der Schlosskapelle in Weesenstein (1738–41), übernahm Schmidt wesentliche Grundzüge der sakralen Raumgestaltung seines Vetters. Durch das Einstellen von sechs Holzpfeilern über einen rechteckigen Grundriss schuf Schmidt einen längsovalen hohen Raum. In die Pfeilerarkatur wurde eine ‚schwingende‘ Empore eingezogen. Über den Raum erhebt sich eine hölzerne Decke mit einer leichten Kuppel. Ein eingestellter ovaler Binnenraum findet sich auch in den Grundrissen der Entwürfe für die Dresdener Kreuzkirche210 (1764– 92) und die Annenkirche211 (1764–69) (Abb. 55). In der Kreuzkirche umschließen drei Emporen den mittleren Raum.212 Schmidt plante eine Arkatur bis unter das innere Gurtgesims, welches den Raum von der Deckenzone

207 In Bährs protestantischen Kirchenbauten lassen sich bestimmte Grundmotive feststellen: a. das Bemühen um eine zentrale Raumordnung, auch wenn der Grundriss des Raumes nicht von zentraler Form war, b. der Einbau von Emporen, die er möglichst um den ganzen Raum herumführt, c. das griechische Kreuz als Grundriss, dessen Ende einer Längsachse für die Anlage eines Kanzelaltars apsidial erweitert wurde, d. axiale Ausrichtung zum Altarplatz (mit Kanzelaltar bzw. die Kanzel stand in der Nähe des Altars), e. eine höhere Decke über dem Binnenraum als über den Emporen. Zu Bährs Auffassung vom protestantischen Kirchenbau vgl. Barth 1907, S. 43–51, Franz 1988, S. 177–181, Kuke 1996, S. 68–72, Fischer 2001, S. 15f und Mai 2001. 208 Bähr wird ihn schon in seiner Jugend beruflich unterstützt haben: „Von Jugend auf habe ich bei dem berühmten Baumeister Bähr in den besten Zeichnungen fremder ansehnlicher Kirchen und Hauptgebäude mich zu üben Gelegenheit gehabt.“ Schmidts Aufzeichnungen aus dem Jahre 1767, zitiert in: Barth 1907, S. 13. 209 Vgl. Mai 1987, S. 245 Abb. 1 und 2 sowie Heckmann 1996, S. 333. 210 Zur langwierigen Baugeschichte der Dresdner Kreuzkirche vgl. Gurlitt 1900, S. 1–41 und Barth 1907. Außerdem Löffler / Böhm 1984, Heckmann 1996, S. 338–340 und Löffler 1999, S. 201–203. 211 Zu Schmidts Bau der Annenkirche vgl. Heckmann 1996, S. 341 und Löffler 1999, S. 201. 212 Die unterste Empore ist zum Mittelsaal hin mit einer Glasfensterfront verschlossen. Hinter dieser verbergen sich die so genannten Betstuben einzelner Familien. Vgl. auch das Betstubengeschoss in der Bährschen Frauenkirche. Die einzelnen Stuben konnten im Winter beheizt werden. Zu den Betstuben in der Frauenkirche vgl. Kuke 1996, S. 81–83. Zu den Betstuben in den Schmidtschen Kirchenbauten vgl. Barth 1907, S. 57f.

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trennt (Abb. 57).213 Darüber setzte er ein Tonnegewölbe von halbkreisförmigem Querschnitt.214 Auch in der Annenkirche fügte Schmidt drei balkonartig vorspringende Emporengeschosse in die Pfeilerarkatur ein, die über dem dritten Emporengeschoss endete.215 Über den Rundbogen der Arkatur wurde eine weitere Galerie, der sogenannte „Himmel“, in ein Mansardgeschoss eingebaut. Als Abschluss folgte eine flache Decke. Einen vom inneren Raumgefüge der Annenkirche entlehnten, aber nicht ausgeführten Entwurf lieferte Schmidt drei Jahre vor seinem Tod 1771 für die Waisenhauskirche.216 Diesmal betont er den Gedanken des Zentralbaus bedingungsloser, indem er in einen achteckigen Grundriss einen kreisrunden Binnenraum stellte.217 Von Schmidts Kirchenbauprojekten vor seiner Weimarer Zeit ähneln insbesondere die Entwürfe der Dreikönigskirche und der Schlosskapelle in Weesenstein der Grundrisssituation der Weimarer Bibliothek. In Schmidts Entwurf zur Annenkirche, vier Jahre nach Baubeginn der Weimarer Bibliothek, sind die Parallelen zu seinem Entwurf des Bibliothekssaals unübersehbar. In beiden Entwürfen stellt er zwölf Pfeiler, die eine Ellipse formen, in einen rechteckigen Grundriss. Über der eingestellten Pfeilerarkatur sitzt eine Galerie, die mit einer Brüstung zum Mittelsaal abgegrenzt wird. Beide Architekten, Schmidt und Straßburger, können auf Erfahrungen im protestantischen Kirchenbau zurückblicken. Sie waren mit dessen Anforderungen vertraut. Sie wussten, wie zweckmäßig die Emporenarchitektur war, um Platz innerhalb eines begrenzten Raumes zu schaffen. In der fürstlichen Bibliothek zu Weimar sollte allerdings nicht eine große Anzahl von Gläubigen untergebracht werden, sondern von Büchern. Die Emporen sollten nicht nur die oberen Bücherregale zugänglich machen – dafür hätten auch schmale Umgänge gereicht – sondern als weiterer Stellplatz für Bü213 Vgl. Schmidts Entwurf von 1767, abgebildet in: Barth 1907, S.  38 (Abb.  57). Vgl. auch Löffler / Böhm 1984, S. 13. 214 Aufgrund statischer Bedenken wurden die Gewölbe nicht wie von Schmidt geplant aus Stein, sondern nach Plänen von Schmidts Nachfolger Christian Heinrich Eigenwillig (1732–1808) aus Holz gefertigt. Vgl. Löffler / Böhm 1984, S. 13 und Löffler 1999, S. 203. Man begnügte sich zudem mit einem flacheren Tonnengewölbe als dem von Schmidt entworfenen. Vgl. Querschnitt durch die Kreuzkirche nach einer Originalzeichnung von Gottlieb August Hölzer, abgedruckt in: Gurlitt 1900, Fig. 20, S. 33 und eine Lithographie aus dem Jahre 1839, abgedruckt in: Löffler / Böhm 1984, S. 19. 215 Im Erdgeschoss und dem ersten Emporengeschoss wurden Betstuben mit geschlossenen Wänden zum Binnenraum eingerichtet. Vgl. eine Abbildung des Inneren der Annenkirche vor ihrem Umbau 1906 bei Barth 1907, S. 58. 216 Vgl. den Querschnitt der Annenkirche und den der Waisenhauskirche in Barth 1907, S. 53. 217 Vgl. Grundriss in Barth 1907, S. 52.

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cherregale dienen. Diese Funktion der Emporen ist bis dahin nur in dem Bau der Hofbibliothek von Wolfenbüttel vorgekommen.218 Auch der Architekt dieser Bibliothek Herrmann Korb war wie oben erwähnt mit dem protestantischen Kirchenbau und dessen charakteristischen Merkmalen vertraut. In Kapitel 4 wurde betont, dass wegen formaler Gemeinsamkeiten die protestantischen Kirchenbauten im Wolfenbütteler Raum als Vorbild für die Bibliothek gedient haben könnten. Doch es mag nicht nur der zweckmäßige Grund einer größeren Stellfläche gewesen sein, der die Architekten dazu veranlasst hat, die Formensprache des protestantischen Kirchenbaus auf die Bibliotheksräume zu übertragen, sondern sie strebten möglicherweise auch eine Sakralisierung des Raumes an. Die Sakralisierung der fürstlichen Bibliothek zu Weimar

Zwar wurden die Emporenarchitektur, ein zentraler Kirchraum und eine aufgebrochene Deckenzone nicht nur ausschließlich im protestantischen Kirchenbau verwendet, dennoch können sie als charakteristische Merkmale dieser Baugattung gelten und bilden zusammen eine Architektur, die im 18. Jahrhundert als Sakralarchitektur erkennbar war. In der fürstlichen Bibliothek zu Weimar wurde die sakrale Formensprache möglicherweise verwendet, um den Bibliotheksraum für den Besucher in die Nähe des Kirchenraums zu rücken. Die mögliche Absicht dahinter wird im Folgenden erklärt. Eine Sakralisierung des Bibliotheksraumes findet sich, wie oben erwähnt, auch bei den Klosterbibliotheken. Ende des 17. Jahrhunderts lag die Bibliothek meist zusammen mit dem Refektorium in der Klosteranlage als Pendant der Kirche gegenüber. Sie erfuhr dadurch eine „gewisse Gleichwertigkeit mit dem Sakralen“.219 Außerdem wurden Formen der Sakralarchitektur für die klösterlichen Bibliotheksräume verwendet. Zum Beispiel ist die Bi218 Zum Bibliotheksbau in Wolfenbüttel und dessen formgebende Vorbilder vgl. Abschnitt 4.2.2. 219 Lehmann 1996, S. 39. Nicht nur Klosterbibliotheken stehen im engen räumlichen Zusammenhang mit einem sakralen Ort innerhalb eines Gebäudekomplexes. In den Architekturtraktaten des 17. und 18.  Jahrhunderts wurde die fürstliche Bibliothek in eine räumliche Nähe zur Schlosskapelle innerhalb des Residenzgefüges gesetzt. In seinem Entwurf für einen „Fürstlichen Pallast“ in dem Traktat „Architectura Recreationes“ von 1640 legte Furttenbach die Bibliothek gegenüber der Schlosskapelle. Auch in Sturms „Prodromus“ von 1714 stehen fürstliche Bibliothek und Schlosskapelle in engem räumlichem Zusammenhang. Wie in Abschnitt 5.2 erläutert, richtete Sturm in seinem Entwurf für eine Universität die Bibliothek über der Kirche ein. Vgl. die Traktate von Furttenbach 1640, S. 56f und Kupfferblatt No. 18 und Sturm 1714, Tab. IV bzw. Sturm 1720, o.S. und Tab. VIII. Vgl. außerdem Warncke 1992, S. 179f.

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bliothek des Zisterzienserklosters Schlierbach (1698–1712) über einem griechischen Kreuz errichtet.220 In der Bibliothek im Benediktinerkloster zu Füssen (1699–1732) geben der ovale Grundriss und die Ovalkuppel dem Raum eine sakrale Sphäre.221 In den Kuppelsälen von Klosterbibliotheken des 18. Jahrhunderts erreicht die sakrale Aufwertung einen Höhepunkt. Die sakrale Bedeutungssteigerung für den klösterlichen Büchersaal resultiert aus der hohen Wertschätzung der Bücher. Da die Wissenschaft als Vorstufe zum reinen göttlichen Wissen begriffen wird, kann sich das Haus der Wissenschaft in seiner Gestalt auch einem Kirchenraum nähern.222 Das Annähern an göttliche Weisheit durch das Aneignen von Wissen ist auch, wie oben gesagt, ein weit verbreitetes Thema des ikonographischen Programms von Klosterbibliotheken. Dabei ist die irdische Weisheit der „Divina Sapientia“ stets untergeordnet. Dies zeigt sich in der theologisch orientierten Aufstellung der Bücher oder in einer perspektivischen Differenzierung im Deckengemälde.223 Auch die Ausstattung einer Bibliothek mit Erd- und Himmelsglobus spielt auf „die Subordinierung der Bibliothek als Stätte weltlichen, unvollkommenen Wissens unter die im Bild des Universums gefaßte göttliche Ordnung und wahre Weisheit“224 an. Die Globen sind Sinnbilder für die himmlische und irdische Welt und die göttliche Weltordnung.225 Wie oben erwähnt, wurde der Bibliotheksbau in Wolfenbüttel von einem Himmelsglobus bekrönt, die Fassade der Wiener Hofbibliothek zieren Erd- und Himmelsglobus. Auch in der Ikonographie der Architektur der Hofbibliotheken findet sich dementsprechend ein Verweis auf die Unterordnung des irdischen Wissens unter die göttliche Ordnung. In der fürstlichen Bibliothek zu Weimar gibt es kein ikonographisches Programm. Kein Himmelsglobus bekrönt den Bau. Die Bücher sind auch nicht theologisch orientiert angeordnet. Der Büchersaal wird allein durch 220 Vgl. Lehmann 1996, S. 49f. 221 Seit Giacomo Vignola (1507–73) (Kirche S. Andrea in Via Flaminia, Rom (1550–54) bzw. S. Anna dei Palafrenieri, Rom (1572 begonnen)) ist das Oval eine immer wieder verwendete Form für Kirchenräume. Um 1700 wurde es auch verstärkt im Schlossbau eingesetzt, behält seine sakrale Bewertung dennoch bei. Vgl. Lehmann 1996, S.  50. Zur Verwendung des Ovals in Kirchenräumen seit dem 16. Jahrhundert vgl. Norberg-Schulz 1975, S. 113–115 und Lotz 1955. Zur Kuppel als sakrale Form, d. h. als Abbild des Kosmos und Ort der Epiphanie himmlischer Erscheinungen, vgl. Holländer 1994, S. 260. 222 Vgl. Lehmann 1996, S. 49. 223 Vgl. Lehmann 1996, S. 240 und Steierwald 1999, S. 64. 224 Warncke 1992, S. 189. 225 Vgl. LCI 1968, Sp. 657–659, Holländer 1970, Sp. 255–257 und Sp. 695–700 sowie Warncke 1992, S. 188.

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die Verwendung sakraler Architektursprache sakral aufgewertet. Der Ort des Wissens nähert sich einer „heiligen“ Stätte an. Die Bücher, d. h. das Wissen und die Literatur, erfahren dadurch eine besondere Wertschätzung. Die hohe Bedeutung der Büchersammlung muss in Weimar nicht durch ein Bildprogramm verdeutlicht werden. Einzige bedeutungsträchtige Ausschmückungen des Innenraumes waren bis Mitte des 19. Jahrhunderts, neben den Ahnenporträts der herzoglichen Familie, die Wappenkartuschen mit ihren Initialen. Sie sind an dem ovalen Durchbruch zum Mansardgeschoss angebracht, d. h. in der Nähe zum so genannten „Himmel“.226 Die herzogliche Familie als Förderer und Bewahrer von Wissen erfährt hier – wenn auch sehr abstrakt ausgedrückt – eine Apotheose. Die sakrale Aufwertung der Literatur in Weimar ist auch im Kontext der Frühaufklärung zu sehen. Mit Beginn der Aufklärungsbewegung setzte ein Wandel der Stellung der Kirche, insbesondere in den protestantischen Ländern, ein. Die Anhänger der ‚Aufklärung‘ begannen die Autorität der kirchlichen dogmatischen Tradition zu hinterfragen, wobei die ‚aufgeklärten‘ Philosophen und Theologen zunächst grundsätzlich keinen Widerspruch zwischen Offenbarung und Vernunft sahen.227 Ihr Ziel war eine vernünftige Aneignung der offenbarten christlichen Wahrheit.228 Eine Phase der deutschen protestantischen Aufklärungstheologie ist seit den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Neologie.229 Die Neologen suchten, ausgehend von der Bibelkritik, die alten dogmatischen Offenbarungswahrheiten mit den neuen zeitgenössischen philosophischen Rationalitätsansprüchen zu vereinen. Die Kirche war für sie nicht nur ein Ort der Vermittlung von ‚aufgeklärtem‘ Gedankengut, sondern auch ein Institut zur Erziehung. Der ‚aufgeklärte‘ Pfarrer verstand sich als Lehrer und Erzieher der Gemeinde. Einer der ersten Neologen war Anna Amalias Erzieher Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem.230 Seiner Auffassung nach sollen die Menschen durch einen „gründlichen Unterricht in der Religion, ... dem großen Mittel der Aufklä226 Nicht nur der Architekt des Rokokosaals kannte den Raum der oben genannten Schlosskapelle in Weimar, sondern auch die meisten Benutzer. Straßburger hat durch die Anlehnung an den Deckendurchbruch in der Schlosskapelle einen Bezug zu einer sakralen Architektur geschaffen, welche ein Sinnbild des göttlichen Himmels suggeriert und von den Besuchern der Bibliothek auch als ein solches verstanden wurde. 227 Vgl. Scholder 1976, S. 295, Graf 1990, S. 20, Schneiders 1997, S. 87. 228 Vgl. Vierhaus 1987, S. 91. 229 Zur Neologie vgl. Gericke 1989, S. 95–114, Graf 1990, S. 19–35, Müller 2001, S. 209 und Sparn 2001, S. 287f. 230 Zum Leben Jerusalems und seiner theologischen Auffassung vgl. insbesondere Müller 1984. Außerdem Wall 1925, S.  8–77, Kantzenbach 1965, Müller 1990, S.  125–132, Frühsorge 1991, Pollmann 1991 und Frühsorge 1994.

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rung“, zu Moralität und zu einer in der Gesellschaft nützlichen Stellung geführt werden.231 Die Kirche als Lehranstalt sahen im Protestantismus nicht nur die Neologen. Der Dresdner Superintendent Valentin Ernst Loescher (1673–1749), ein Vertreter der lutherischen Orthodoxie, erklärte in seiner Predigt zur Einweihung der Frauenkirche am 28. Februar 1738 die Funktion der protestantischen Kirchen und strich dabei das Besondere gegenüber den katholischen Kirchen heraus: „Denn die Kirchen sollen nicht seyn Theatra, dahin man gehet eitle Repraesentationes und grosse Processiones zu sehen, wie bey denen Widriggesinnten geschieht, welche darinnen allerhand Auffzüge zu halten pflegen; sondern sie sind Auditoria, da man zusammen kömt GOttes Wort zu hören und die heiligen Sacramenta zu gebrauchen, sie sind Lehr- und Hörhäuser.“232 Während Loescher allerdings noch einer Generation angehörte, die Schwierigkeiten hatte, den biblischen Gottesglauben gegenüber einem philosophischen System zu verteidigen233, bezog Jerusalem bewusst die „schönen Wissenschaften“ und die Philosophie in sein Erziehungsprogramm mit ein.234 Außerdem interessierte er sich sehr für die Naturwissenschaften. Nach Jerusalem sind für einen künftigen Prediger neben der Theologie gründliche Kenntnisse über Natur- und Weltgeschehen wichtig, damit er „auf die Größe und Weisheit Gottes in seinen Werken, und, durch seine Bekanntschaft mit dem Laufe und den Veränderungen der Welt, auf die Wege seiner Vorsehung aufmerksam machen kann.“235 Eine breite Bildung erreicht ein angehender Geistlicher durch das Studium der Literatur. Der Theologe Jerusalem ist also zugleich ein Pädagoge mit einem praktischen Verhältnis zur Literatur. Beeinflusst von seinem Lehrer, dem Literaturhistoriker und Kritiker Johann Christoph Gottsched

231 Jerusalem zitiert in: Müller 2001, S. 209. Zu Jerusalems Forderung nach einer Religionsvermittlung durch Erziehung mit dem Ziel, die Erfüllung der menschlichen Bestimmung, nämlich des moralisch Guten, zu erreichen vgl. Müller 1984, S. 121–125. 232 Valentin Ernst Loescher 1734 zitiert in: Mai 1987, S. 254. Zu Löscher vgl. auch Kantzenbach 1965, S. 49–51. 233 Vgl. Kantzenbach 1965, S. 49. Kantzenbach betont, dass die lutherischen Theologen, „der Art des philosophischen Angriffs gegen den biblischen Gottesglauben entsprechend...doch erstaunlich einmütig den Weg der natürlichen Theologie [wählen], der während des 17. Jahrhunderts immer mehr ausgebaut wurde, um mit den Mitteln der natürlichen Vernunft den gegnerischen [atheistischen] Thesen entgegenzutreten und die Widersinnigkeit gegen den Atheismus zu zeigen. Gründliche Auseinandersetzungen mit den neuen Weltbildern fehlen noch.“ Kantzenbach 1965, S. 49f. 234 Vgl. Wall 1925, S. 19. 235 Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem zitiert in: Müller 1984, S. 123.

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(1700–66)236, schätzte er den pädagogischen Wert der Literatur hoch ein.237 Am Collegium Carolinum und am Braunschweiger Hofe diente die Literatur als vorrangiges Erziehungsmittel.238 Neben den religiösen Schriften wurde die philosophische Literatur zur Lösung der Frage nach Sinngebung herangezogen.239 Die literarisch – pädagogische Tendenz im theologischen Wirken Jerusalems ist mit einer von den Ideen der ‚Aufklärung‘ provozierten zunehmenden Säkularisierung des Denkens verbunden.240 Der Aufstieg der Naturwissenschaften förderte ein theologieunabhängiges Denken.241 Wegen ihres empirisch-hypothetischen Charakters konnten die exakten Wissenschaften allerdings die Sinnfrage nicht beantworten.242 Neben der Theologie suchten sie die Antworten in der Philosophie. Die Kirche begann als meinungsherrschende Macht zurückzutreten und ihre geistige Vorherrschaft zu verlieren.243 Die Beschäftigung mit Literatur wurde neben dem Kirchgang ein wichtiges erzieherisches Instrument für die Bildung einer ‚aufgeklärten‘ Ge236 Johann Christoph Gottsched, Professor für Poesie, Logik und Metaphysik in Leipzig, setzte sich stark für die Übersetzung und Verbreitung von Aufklärungsliteratur ein. Zur engen Beziehung zwischen Jerusalem und dem Wolff-Schüler Gottsched vgl. Müller 1984, S. 2f. 237 Vgl. Wall 1925, S. 11. Die ‚Aufklärer‘ sahen in der Literatur das geeignete Medium, ihre Ideen zu verbreiten. Die Lektüre wurde als Mittel der Erziehung zu einem ,aufgeklärten‘, nach Moral und Tugend lebenden Menschen gesehen. Zur erzieherischen Bedeutung von Literatur vgl. Vierhaus 1987, S. 92f, Möller 1986, S. 262–280. 238 Vgl. Wall 1925, S. 43–52. 239 Jerusalems Hauptschriften sind „Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion“ (1768, 2.–5. Auflage: 1769, 1770, 1773, 1776) und „Fortgesetzte Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion“ (I, 1772, 2. Auflage 1774; II, 1779). Insbesondere Anna Amalias Mutter Herzogin Philippine Charlotte zeigte ein starkes Interesse für die Religionsphilosophie und die Lehren Jerusalems. Wie wichtig ihr der ‚Aufklärer‘ Jerusalem (und nicht der Theologe) gewesen sein mag, zeigt die Inschrift eines Denkmals, welches sie dem Abt in der Klosterkirche Riddagshausen widmete. Sie beginnt mit den Worten: „Zur Aufklärung legte er den ersten Grund“. Vgl. Müller 1984, S. 7f. 240 Vgl. Vierhaus 1984, S. 106. So war auch die Buchproduktion im Zeitalter der ‚Aufklärung‘ durch eine Säkularisierung geprägt: die Produktion von Büchern in deutscher Sprache stieg, die in lateinischer sank. Die Buchproduktionen in Philosophie und Poesie nahmen zu, die in Theologie sank. Insbesondere populärphilosophische wie moralische Schriften nahmen zu. Vgl. Möller 1986, S. 272–274. Zu den Grundzügen der theologischen Aufklärung in Deutschland vgl. Scholder 1976. Zur Relativierung theologischer Weltdeutung und zur Säkularisierung des religiösen Weltbildes im 18. Jahrhundert vgl. Müller 2002, S. 44–50. 241 Vgl. Schneiders 1997, S. 9, Vierhaus 1984, S. 95. Vierhaus betont, dass die Emanzipation des wissenschaftlichen Denkens vom Primat der Theologie für die Wissenschaftler keinen Gegensatz zur offenbarten christlichen Wahrheit bedeutete, sondern ihnen dazu diente, diese besser zu verstehen. 242 Vgl. Schneiders 1997, S. 13. 243 Vgl. Vierhaus 1984, S. 82 und Thauer / Vodosek 1990, S. 16.

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sellschaft. Der erhöhte Stellenwert der Wissenschaften und der Literatur ließ die Bibliothek zu einem Ort werden, der für die neue literarische Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts unabdingbar wurde. Innerhalb der öffentlichen Bauaufgaben hatte der Kirchenbau einen bedeutenden Konkurrenten bekommen.244 Indem der Einfluss von Literatur zunahm und sich der erzieherischen Bedeutung der Predigt annäherte, rechtfertigt sich die sakrale Aufwertung des profanen Bibliotheksbaus Ende des 18. Jahrhunderts. Wie hoch der gesellschaftliche Stellenwert von Bildung in Weimar geschätzt wurde, zeigten die obigen Ausführungen. Die fürstliche Bibliothek zu Weimar ist daher ein Beispiel für einen Bibliotheksbau, der sich als würdig erwies, sich in sakraler Architektur zu zeigen. Dabei galt es nicht den Kirchenbau zu profanisieren. Die Anlehnung an die Sakralarchitektur zeigte vielmehr eine höchste Wertschätzung von Bildung und Literatur. Neben dem protestantischen Kirchenbau weisen auch der Theaterbau des 18. Jahrhunderts sowie die Festsaalarchitektur des Weimarer Schlosses formale Ähnlichkeiten mit dem Hauptsaal der fürstlichen Bibliothek zu Weimar auf. Im Folgenden werden diese erläutert und auf ihre mögliche Leitbildfunktion hin untersucht.

5.3.2 Der Theaterbau des 18. Jahrhunderts als typologisches Vorbild? Steht der Betrachter in der Mitte des Schausaals der fürstlichen Bibliothek zu Weimar und blickt in Richtung Eingang, so mag ihn die Emporenarchitektur mit ihrer sich in beiden Geschossen wiederholenden Pfeilerbogenstellung an die Raumform des Zuschauerraums eines zeitgenössischen Logenrangtheaters, wie z. B. im Bayreuther Markgräflichen Theater (1745– 48)245 (Farbtaf. 43) oder im Münchner Residenztheater (1751–53)246, erinnern. Auch die ovale Form des Raumes trägt zu dem Eindruck bei. Ein Überblick über den Theaterbau des 18. Jahrhunderts zeigt, dass das raumgestaltende Prinzip der Ablösung der Binnenarchitektur vom äußeren Grundriss der Weimarer Bibliothek auch für den Theaterbau gilt. Der meist halb-

244 Die Kirche galt als die wichtigste integrierende Größe im fürstlich gelenkten Territorialstaat. Vgl. Mai 1987, S. 253. 245 Architektur von Joseph Saint-Pierre (1709–1751), Innenausstattung von Giuseppe GalliBibiena (1696–1756). 246 Architektur von François de Cuvilliés (1695–1769):

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runde bzw. glockenförmige Zuschauerraum war im Außenbau nicht zu erkennen.247 Wie die fürstlichen Bibliotheksräume wurden die Hoftheater meist nachträglich in schon vorhandene Räume der Residenz installiert, so auch das Schlosstheater in Weimar.248 Dieses war vermutlich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in einem rechteckigen Saal unter dem großen Festsaal im Erdgeschoss untergebracht.249 Den zeitgenössischen Überlieferungen zufolge war es ein Logentheater mit einer Galerie und einer Fürstenloge. Ob der Zuschauerraum halbrund war, ist nicht überliefert. In den meisten Logentheatern des 18. Jahrhunderts trennen Wände die einzelnen Logen voneinander. Seltenere Beispiele mit freien Galerien als Ränge sind das Schwetzinger Schlosstheater (1752)250 (Abb. 58) oder die Oper im Lusthaus in Stuttgart (1758)251.252 Die Logen und Ränge dienten dem Sichtbarmachen der hierarchischen Ordnungsprinzipien der Hofgesellschaft. Diese wurde streng nach Hierarchie den einzelnen Rängen zugeordnet. Das Volk wurde im Parkett als Statist geduldet. Das barocke Theater hatte wie die höfischen Feste die Aufgabe, Größe und Großmut des Herrschers zu demonstrieren. Die Fürstenloge diente ihm als Bühne, und die Mitglieder des Hofes waren die Akteure seines Schauspiels. ‚Gesehen und gesehen werden‘ war ein elementarer Bestandteil des Theaterbesuchs im Barock. Die Kommunikation der Zuschauer untereinander während des Stückes gehörte ebenso dazu wie der gegenseitige Besuch in den Logen. Das nicht abgedunkelte Auditorium unterstützte die Kommunikationsfunktion. Durch die nach dem Zeremoniell geregelte Sitzordnung wurde den Teilnehmern die Gliederung der Stände und die Hierarchien der Hofgesellschaft und damit die des Staates vor Augen geführt. Auf diese Weise wurde die repräsentative Aufgabe des barocken Theaters erfüllt, die bestehende 247 Der nicht ausgeführte Entwurf für das Berliner Nationaltheater von Friedrich Gilly (1797– 98) ist eines der ersten Beispiele im deutschsprachigen Raum, in dem der halbrundförmige Zuschauerraum am Außenbau erkennbar ist. Zur „Einschachtelung“ der Theaterinnenräume (Kastentyp) und dessen Alternative, dem nach Funktionen gegliederten Baukörper (Halbzylindertyp) vgl. Meyer 1998, S. 251–261. 248 Vgl. Matthes 1995, S. 32. Einen Überblick über die Lage der Schlosstheater im Residenzgefüge in Thüringen liefert die Arbeit von Frenzel 1965. 249 Zum Schlosstheater in der Wilhelmsburg in Weimar vgl. Frenzel 1965, S. 83–94. Durch den Schlossbrand von 1774 wurde auch das Theater in Mitleidenschaft gezogen, so dass heute keine präzise Aussage über dessen Gestalt möglich ist. 250 Architektur von Nicolas de Pigage. 251 Architektur von Philippe de La Guêpière (1725–73). 252 Vgl. Schrader 1988, S. 100–106 und S. 175–177. Schrader nimmt bei diesen Bauten einen Einfluss aus der Architektur des französischen Rangtheaters an, während bei den Logentheatern mit abgetrennten Logen das Vorbild in Italien zu suchen ist.

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Weltanschauung eines in sich geschlossenen, hierarchischen Weltbildes vorbehaltlos zu bestätigen.253 Als Theatrum mundi wurde es nicht nur zum Abbild der Welt, sondern auch zum Sinnbild für das in sich stabile und harmonische Universum erklärt, dessen Abbild der Herrscher und seine Untertanen waren. Die hierarchische Gliederung der Theaterbesucher in den Logen wurde zu einem Ausdruck des statischen Verständnisses der Gesellschaft, das sich nach übergeordneten Gesetzen richtete – „analog etwa zu Leibniz’ Lehre der ‚Prästabilierten Harmonie‘, wonach alle gottgeschaffenen Substanzen miteinander in jedem Augenblick in vollkommener Übereinstimmung stehen.“254 Ende des 18. Jahrhunderts begann ein Funktionswandel des Theaters, der durch die Bewegung der ‚Aufklärung‘ evoziert wurde.255 Die ‚Aufklärer‘ sahen die Aufgabe des Theaters in der Vorführung einer anzustrebenden idealen Welt, die nicht mit den real herrschenden Zuständen vereinbar war. Das Theater sollte zu einem Kunstwerk werden, das der gesamten Gesellschaft diente, indem es den Bürgern soziale und moralische Werte vor Augen führte. Dieser Wandel wurde von den Höfen, welche es verstanden, die Ideen der ‚Aufklärung‘ zu rezipieren und geschickt umzusetzen, aufgenommen. So sollte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts das öffentliche Hoftheater nicht nur als fürstliches Repräsentationsinstrument dienen, sondern einen wichtigen Beitrag zur moralisch-sittlichen Erziehung des Menschen bzw. der Gesellschaft leisten.256 Der Theaterbesucher sollte zu einem diszi­ plinierten, das Schauspiel aufmerksam rezipierenden Zuschauer erzogen

253 Zum Theater als Ab- und Sinnbild der Welt und seiner Funktion als Ort, an dem die Grenzen zwischen Illusion auf der Bühne und Realität im Auditorium aufgehoben werden vgl. Meyer 1999, S. 20f. 254 Meyer 1999, S. 20. 255 Es ist nicht Sinn der Arbeit, das komplexe Thema des funktionalen Wandels des Theaters von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ausführlich darzustellen. Der kurze Einblick in die Thematik soll lediglich die Analogie zum oben skizzierten Funktionswandel der Bibliotheken im 18. Jahrhundert aufweisen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Arbeiten von Lange 1985, Matthes 1995, Meyer 1998 und Meyer 1999, die sich mit dem Paradigmenwechsel in der Funktion des Theaters zwischen Vormärz und Restauration beschäftigen. 256 Diese Aufgabe des Theaters sieht z. B. Friedrich Schiller in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ aus dem Jahre 1795, aber auch Architekten wie Friedrich Weinbrenner (Hoftheater Karlsruhe) und Karl Friedrich Schinkel (Schauspielhaus Berlin) oder Architekturtheoretiker wie Francesco Milizia. Dieser beschreibt in seinen „Grundsätzen zur Bürgerlichen Baukunst“ von 1781 (hier verwendete Ausgabe von 1824) das Theater als eine wahre Schule der Tugend, „wo moralische Handlungen auf eine angenehme Art vorgestellt werden, um die Menschen zur Tugend zu reizen.“, zitiert in: Meyer 1999, S. 25 Anm. 24.

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werden.257 Als Konsequenz forderten die Reformer eine Abschaffung des Logenrangtheaters. Auf diese Weise sollten die privaten Unterhaltungsinteressen verhindert werden. Das Auditorium wurde verdunkelt und die Zuschauer sollten streng auf die Bühne ausgerichtet werden.258 Das sinnliche Erleben des Schauspiels sollte nicht nur zur individuellen Erkenntnis führen, sondern auch zur kollektiven. Die Architektur, die seit der Antike die Erfahrung einer kollektiven Zusammenkunft ermöglicht, ist die des Amphitheaters. Folglich wurde ab Mitte des 18. Jahrhunderts in den Reformtraktaten verstärkt auf die Cavea des antiken Theaterbaus als Vorbild verwiesen.259 Hier herrschte das Öffentliche über das Private, hier gab es Transparenz und Überschau im Vergleich zur Heimlichkeit des Logentheaters, welches zum Sinnbild für den ‚barocken‘ Absolutismus geworden war. Das ‚neue‘ Theater wurde als Ort der ideellen gesellschaftlichen Vereinigung begriffen, an dem sich Standesunterschiede verwischten. Das Publikum als homogene Masse war scheinbar gleichberechtigt und konnte sich ungehindert von sozialen Unterschieden über das Schauspiel äußern. Die fortschrittlichen, in Richtung Demokratie zielenden Einstellungen der Reformer vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Gesellschaft, sei es die des ‚aufgeklärten‘ Hofes oder des aufstrebenden Bürgertums, weiterhin an sozialen Hierarchien festhielt.260 Die Klassenunterschiede wurden grundsätzlich nicht in Frage gestellt.261 Allerdings bestimmte in den 257 Aufklärerische Theatertheoretiker wie Schiller, Milizia und Sulzer wussten um die „Manipulierbarkeit der Bevölkerung in der Masse“ (Meyer 1998, S. 168) und verwiesen auf das Theater als Instrument der bürgerlichen Erziehung. Vgl. Schillers Aufsatz „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet”, der erstmals 1785 unter dem Titel „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken“ veröffentlicht wurde und in einer überarbeiteten Version im 4. Teil von Schillers Sammlung „Kleinere prosaische Schriften“ 1802 erschienen ist (Schiller 1802 / 1991, S. 3–13). Oder Milizias Ausführungen über das Schauspiel in seinen “Grundsätze der bürgerlichen Baukunst” aus dem Jahre 1781 (Milizia 1781) sowie Johann Georg Sulzers Gedanken über das Schauspiel aus dem Jahre 1794 (Sulzer 1794 / 1994, Bd. IV, S. 254–255). Vgl. zum Theater als Instrument der bürgerlichen Erziehung Meyer 1998, S. 165–170. 258 Vgl. Matthes 1995, S. 191. 259 So auch Milizia (siehe Meyer 1999, S. 22). Zum antiken Theaterbau als Vorbild vgl. Meyer 1998, S. 226–239. 260 Vgl. Meyer 1998, S. 175. 261 Ein Beispiel für die herrschende Doppelmoral mag die Stellungnahme des Architekten des Karlsruher Hoftheaters Friedrich Weinbrenner zur sozialen Funktion des Theaters und zum Stellenwert des Publikums im Auditorium verdeutlichen: „Unter die beliebtesten öffentlichen Gebäude der neuern Zeit gehören unstreitig die Theater. Für sie interessiert sich bei weitem der grössere Theil des Publikums, ohne Unterschied des Standes, der Religion, der Bildung. Sie sind der allgemeinste Vereinigungsort, wo Menschen sich nicht nur sehen, sondern auch wechselseitig, nach den Graden ihrer Bildung sich Ideen und Gefühle ihres

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öffentlichen Hoftheatern neben dem althergebrachten Standesrecht des Adels ein neues Kriterium die soziale Schichtung: die Kaufkraft des Einzelnen.262 Auch im Weimarer Schlosstheater konnten sich die Besucher zur Regierungszeit Anna Amalias durch Billets ein Anrecht auf einen Platz erwerben.263 Auf diese Weise konnte sich das wohlhabende Bürgertum einen Teil der Plätze im Auditorium aneignen, die bisher dem Hofe vorbehalten gewesen waren. Die Herzogin und die Hofgesellschaft fanden Platz in der fürstlichen sowie in weiteren Logen.264 Auch das Hauptparterre war der zahlungskräftigen und ständisch höher einzustufenden Gesellschaft zugewiesen. Für „Soldaten, Menschern und schlechten Pöbel“ war das hintere Parterre vorgesehen.265 Die emanzipatorischen Gedanken der Reformer, eine freie Meinungsbildung unter den Zuhörern hervorzurufen und das Theater als gesellschaftlichen Vereinigungsort anzusehen, wurden von den althergebrachten KonWohlgefallens oder Mißfallens an den gegebenen Vorstellungen mittheilen. Der gebildetere Zuschauer freut sich da der schönern, edlern Erscheinungen menschlicher Handlungen, sanfte Rührung durchdringt sein Innerstes bei dem Anblick tragischer Scenen, während der gemeine Haufen oft nur grotesken Auftritten Beifall zujauchzt. Durch Contraste dieser Art erhebt an der gebildeteren Classe sich nach und nach die ungebildetere, und der Gebildete erhält durch den Ungebildeten Kenntnisse von gemeiner menschlicher Ansicht, Empfindung und Äußerung; manchem würde sie ohne öffentliche gemeinschaftliche Zusammenkünfte ewig fremd bleiben. ... Versammlungs-Örter, der Unterhaltung und geselligen Freude geweiht, sind nicht selten unter verschiedene Stände vertheilt. Eingebildete Verhältnisse widerstreben selbst unter Menschen, die ungefähr auf gleicher Stufe der Cultur stehen, dem Nutzen, der aus öfterer zahlreicher Vereinigung des gemischten Publikums für intellectuelle sittliche und gesellige Bildung zu hoffen wäre.“ (Friedrich Weinbrenner, „Über Theater in architektonischer Hinsicht mit Beziehung auf Plan und Ausführung des neuen Hoftheaters zu Carlsruhe ...“, 1809. Zitiert in: Meyer 1998, S. 165f.) Auch wenn Weinbrenners Äußerungen zunächst im Sinne der Reformtheoretiker progressiv erscheinen, so wird deutlich, dass er an der sozialen Rangordnung der Gesellschaft festhielt. In seinem Karlsruher Hoftheater (1807-08) wurde das Publikum nach wie vor nach sozialen Gesichtspunkten in verschiedene Platzkategorien eingeteilt. Eine direkte Begegnung des einfachen Besuchers auf der oberen Galerie war mit dem vornehmen Rest im Auditorium ausgeschlossen. Die Hör- und Sichtbedingungen waren von den verschiedenen Plätzen sehr unterschiedlich. Vgl. Meyer 1998, S. 175f. 262 Vgl. Matthes 1995, S. 169 und S. 197 sowie Meyer 1998, S. 176. So wurde z. B. der Zuschauerraum des Gothaer Schlosstheaters in Schloss Friedenstein ab 1775 in verschiedene Platzkategorien unterteilt, indem man durch Barrieren die teueren von den billigeren Plätzen unterschied. Vgl. Dobritzsch 1999, S. 81. 263 Vgl. Frenzel 1965, S. 93. Diese erhielt man auf Einladung oder, wenn man sich „genereus […] gegen die, welche die Billets austheilten“ verhielt. Vgl. die Erinnerungen eines Garderoben-Inspektors in ThHStAW HA XXII, 497, Bl. 88. 264 Vgl. Frenzel 1965, S. 93. 265 Vgl. eine Aktennotiz über einen Streit unter Aufsichtsbeamten vom Oktober 1769 in: ThHStAW A 9546, Bl. 19 und Frenzel 1965, S. 93.

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ventionen überschattet. Diese Inkonsequenz spiegelt die zerrissene Atmosphäre der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft wider: auf der einen Seite der Einsatz für die Verbreitung moralisch vertretbarer Wert­ vorstellungen, auf der anderen Seite das Bedürfnis eines Aufstiegs in den Bereich des höfischen Glanzes, da die ideellen Machtansprüche des Bürgertums mit den tatsächlichen politischen Bedingungen des frühen 19. Jahrhunderts nach wie vor noch nicht zusammentrafen.266 Die öffentlichen Hoftheater wurden zu einem repräsentativen Ort des ‚Aufgeklärten Absolutismus‘ par excellence. Sie dienten dem Fürsten als Ort der zeremoniellen Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit und dem aufsteigenden Bürgertum als Ort der Partizipation am höfischen Lebensstil.267 Das scheinbare kollektive Urteil über das Schauspiel sollte die noch nicht voll durchsetzbare politische Gleichberechtigung des aufsteigenden Bürgertums kompensieren. Der skizzierte Funktionswandel des Theaters schlug sich auch in der formalen Entwicklung des Theaterbaus nieder. Dementsprechend transformierte sich das Theater nur langsam und nicht sehr stringent vom Logenhaus in Richtung ‚moderner‘ Theatertypus, den die Reformtheoretiker anstrebten. Die großen öffentlichen Hoftheater, finanziell abhängig vom konservativen Publikum sowie vom Regenten und dem Intendanten, sollten bis Anfang des 19. Jahrhunderts Logenrangtheater bleiben. Dennoch sind auch hier fortschrittliche Tendenzen zu spüren. So versuchte z. B. Karl Friedrich Schinkel (Königliches Schauspielhaus Berlin 1818–21) eine Kompromisslösung zu finden, indem er vor den Logen eine „Gallerie“ anbrachte, „welche angenehme Plätze abgibt und für Personen, die einzeln den ersten und zweiten Rang besuchen wollen höchst bequem ist. Die Logen dahinter können dann zum Teil abgeschlossen werden.“268 Mit dem einsetzenden Funktionswandel des Hoftheaters vom fürstlichen Repräsentationsinstrument zur öffentlichen Erziehungs- und Bildungsanstalt übernahm das Theater in der „Verkündigung des Wortes“ noch offensichtlicher als wie oben erwähnt die Bibliothek auch kirchliche Funktionen. Die formalen Ähnlichkeiten im Theaterbau mit dem protestantischen Kirchenbau, wie z. B. der gerichtete Zentralraum oder die Emporenarchitektur, müssen trotz oder gerade wegen der neuen Stellung des Theaterbaus als säkularisierter Kirche, in der die Bühne zur „ästhetischen Kanzel“269 wird, unter neuen Vorzeichen betrachtet werden. Eine Verbindung zwischen dem 266 Vgl. Meyer 1998, S. 170. 267 Vgl. Lange 1985, S. 26f, Matthes 1995, S. 82f und Meyer 1998, S. 170. 268 Schinkels Erläuterungen zu seinem Entwurf, 1818, zitiert in: Heese 1980, S. 117. Vgl. auch Meyer 1999, S. 23. 269 Matthes 1995, S. 191.

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Theater- und dem protestantischen Kirchenbau wird „unter dem Aspekt einer allmählich sich diskursiv säkularisierenden, jedoch immer nach Integration und Verbindlichkeit im Interesse des Gemeinwohls oder des Allen nützlichen persönlichen Heils anstrebenden Gesellschaft“270 noch verständlicher. Die Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar erinnert nicht nur an protestantische Kirchenbauten, sondern auch an einen offenen Logenrang, der sich über dem Theaterparkett erhebt. Sowohl in der Bibliothek als auch im Theater regiert das Wort. Geschrieben bzw. gesprochen soll es den Leser bzw. Zuschauer bilden, ihm im Sinne der ‚Aufklärung‘ Erkenntnis bringen. Beide Einrichtungen entwickelten sich vom höfischen Repräsentationsinstrument zur Institution bürgerlicher Norm- und Wertvorstellungen. Folgerichtig passte sich der jeweilige Bautyp den veränderten funktionalen Anforderungen an. Die formalen Ähnlichkeiten zwischen der fürstlichen Bibliothek zu Weimar und dem Theaterbau Anfang des 19. Jahrhunderts sind daher auch in Analogie mit der sich im Sinne der ‚Aufklärung‘ formierenden Debatte um den educatorischen Wert der jeweiligen Institution zu sehen.

5.3.3 Die fürstliche Bibliothek zu Weimar und der Festsaal im Weimarer Residenzschloss Der längsrechteckige Schausaal in der fürstlichen Bibliothek zu Weimar erhält durch die eingestellte Pfeilerarchitektur einen ovalen Binnenraum. Eine ähnliche Raumform wies der Festsaal im Weimarer Residenzschloss Wilhelmsburg auf.271 Dieser zählte zu dem Bauabschnitt des Schlosses, der zwischen den Jahren 1651 und 1662 nach den Plänen von Johann Moritz Richter (1620–67) unter Herzog Wilhelm IV. (1598–1662) entstanden war und dem Brand von 1774 zum Opfer fiel. Nach einem Grundriss des Hauptgeschosses der „Fürstl. Residentz Wihelmsburg zu Weymar“ um 1730 aus der Hand eines unbekannten Künstlers war der Festsaal ein längsovaler Raum, der mit 26 freistehenden Säulen entlang den Umfassungsmauern versehen war, die eine Galerie trugen (Abb.  59).272 Eine 270 Matthes 1995, S. 181. 271 Zum Festsaal in der Weimarer Wihelmsburg vgl. Bothe 2000, S. 25–29 und Ulferts 2000, S. 115. 272 Vgl. Bothe 2000, S. 20f (Grundriss Abb. 27). Dieser Grundriss basiert sehr wahrscheinlich auf der Grundlage eines Risses von 1650. Ein Originalgrundriss der geplanten Schlossanlage von Johann Moritz Richter ist nur als Teilgrundriss erhalten. Auch er zeigt im Ostflügel einen großen Saal mit halbrunden Abschlüssen.

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Skizze sowie die Aufzeichnungen im Reisetagebuch des Weißenfelser Architekten Christoph Pitzler (1657–1707), der Weimar 1685 besuchte, bestätigen den Grundriss (Abb.  62): „Es ist auch [ein] schön Saal in diesem Haus ganz oval an den Seiten und oben auch mit einer oval cupol so doppelt, es ist auch ebenso eine gallerie uf colonnen umb diesen Saal so rothmarmel art gemahlert, die Pilaster dahinter schwarz […].“273 Die Decke öffnete sich demnach in einen durchfensterten polygonalen Tambour, der von einer Kuppel überdacht wurde. Eine Beschreibung des Raumes in der Goldmannschen „Vollständigen Anweisung zu der Zivilbaukunst“, herausgegeben von Leonhard Christoph Sturm aus dem Jahre 1699, weist hingegen auf eine längsrechteckige Raumform hin, deren Wahrnehmung erst durch das Einstellen der Säulen verändert werde, die den Saal als Oval erscheinen ließen: „Zu Weimar ist in dem schön erbauten Sahl  / der zwar in seinen Wänden viereckicht  / aber mit ansehnligen freystehenden Corinthischen Seulen nach dem Oval und nach der naheseuligen proportion Vitruvii besetzet ist.“274 Dieses Raumprinzip würde dem des Bibliothekssaals entsprechen, auch wenn die Säulen wesentlich näher an die Wände gerückt waren. Für die Ausgestaltung des Festsaales muss auf Augenzeugenberichte zurückgegriffen werden, da bildliche Darstellungen nicht überliefert sind.275 Demnach war der Saal mit Wappen und Büsten des Herzogs und seiner Gemahlin sowie mit Schlachtenbildern und Reiterbildnissen geschmückt, deren Helden aus dem sachsen-weimarischen Fürstenhaus stammten. Den Besuchern sollte so die Legitimation des Herrschaftsanspruches des Hauses vor Augen geführt werden.276 Die Decke des Raumes war auf beiden Seiten der Kuppel offenbar mit je zwei Darstellungen der vier Elemente ausgemalt. Die Ecken des Saales zierten vier kleinere Bilder mit Personifikationen der Jahreszeiten.277 An der Decke der Laterne war eine Windrose zu sehen. Das 273 Christoph Pitzler zitiert in: Bothe 2000, S. 28. 274 Nicolaus Goldmann „Vollständige Anweisung zu der Zivilbaukunst“, hrsg. von Leonhard Christoph Sturm 1699, zitiert in: Bothe 2000, S. 27 und Ulferts 2000, S. 115. 275 Großherzog Carl Friedrich stellte einen Aktenband mit dem Titel „Weimarisches“ zusammen, der wahrscheinlich als Material für eine Weimarer Chronik dienen sollte. Hier befinden sich auch „Einige gesammelte Nachrichten vom Großherzogl. Schloss vor dem Brand“ (ThHStAW, HA XXII, 497, Bl. 16–59). Dabei handelt es sich um Berichte von Zeitgenossen, die bis 1774 am Hof im Schlosse tätig waren. Eine Zusammenfassung der Berichte über die Ausstattung des Festsaals liefert Bothe. Vgl. Bothe 2000, S. 25–29. 276 Zur Bedeutung und Funktion der Wappen und Porträts von Mitgliedern des Fürstenhauses in barocken Festsälen vgl. Ulferts 2000, S. 138–142 und S. 145–153. 277 Bothe glaubt aufgrund auffällig genauer Übereinstimmungen, dass als Vorlage für das Programm die ikonologischen Handbücher des Italieners Cesare Ripa aus dem 17. Jahrhundert

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bildnerische Programm in Weimar steht somit in der Tradition der geläufigen barocken Schemata: „ Die Darstellung der Elemente und Jahreszeiten, über denen sich in der Mitte die lichterfüllte Himmelskuppel mit den vier Winden öffnet, kann als Huldigung an den Kosmos, die „grandissima machina universale“ gedeutet werden, geformt durch den göttlichen Willen, unter dessen Schutz der protestantische Fürst, seine Vorfahren ebenso wie seine Nachkommen, als ordnende Kräfte ihre Berufung erfüllen.“278 Polygonale und ovale Festsäle in einer Residenzanlage waren im deutschen Raum Ende des 17. Jahrhunderts selten. Während, wie oben erwähnt, insbesondere österreichische und französische Architekten, so Johann Bernhard Fischer von Erlach, Johann Lukas von Hildebrandt oder Louis Le Vau, in ihren Entwürfen, meist für Lust- und Gartenschlösser, einen ovalen Zentralsaal mit umliegenden Nebenräumen als bestimmendes Raumprinzip einplanten, herrschte bis in das 18. Jahrhundert hinein sowohl im süddeutschen als auch im norddeutschen Raum der Rechtecksaal vor.279 Aus diesem Grunde ist es nicht verwunderlich, dass der Weimarer Festsaal auf zeitgenössische Architekturtheoretiker großen Eindruck gemacht hat. So wurde er nicht nur in schon damals einschlägigen Werken wie in Goldmanns „Vollständige Anweisung zu der Zivilbaukunst“ beschrieben, sondern auch als Vorbild angesehen: „Die gantze disposition zusammen hat ein gut und seltenes ansehen  / und ist wohl für ein gutes Beyspiel zu achten.“280 Neben der ovalen Form war die säulengetragene Galerie in einem Festsaal bis dahin in Deutschland noch nicht sehr verbreitet, so dass der Weimarer Festsaal ein sehr frühes Beispiel für den Typus des peristylen überkuppelten Saals ist.281 Mögliche Einflüsse aus Frankreich oder Holland sind in diesem Zusammenhang nicht auszuschließen.282 In der Weimarer Umgebung folgen ähnliche Festsäle, wie z. B. der Hauptsaal des Lustgebäudes im Mertzelbach (1698), erbaut unter Herzog Heinrich von SachsenRömhild (1650–1710).283 Dieser ist von längsrechteckigem Grundriss, bekommt aber durch eine eingestellte Empore einen polygonalen Schluss gedient haben. Vgl. Bothe 2000, S. 27. 278 Bothe 2000, S. 27. 279 Vgl. Wagner 1974, S. 20. 280 Nicolaus Goldmann „Vollständige Anweisung zu der Zivilbaukunst“, hrsg. von Leonhard Christoph Sturm 1699 zitiert in: Bothe 2000, S. 27f und Ulferts 2000, S. 115. 281 Vgl. Bothe 2000, S. 29. 282 Diese werden bei Bothe plausibel nachgewiesen. Da sie für die vorliegende Arbeit nicht weiter relevant sind, sei an dieser Stelle lediglich darauf verwiesen. Vgl. Bothe 2000, S. 29. 283 Herzog Heinrich (1650–1710), viertältester Sohn Herzog Ernsts I. von Sachsen-Gotha, ließ dieses Lustgebäude in der Nähe seiner Residenz in Römhild erbauen. Zum Hauptsaal im so genannten Concordienhaus vgl. Ulferts 2000, S. 42–49.

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(Abb. 60 u. 61). Die freistehenden Pilaster der Empore werden bis zur flachen Decke weiter geführt. Auch im Hauptsaal des Schlosses in Altenburg aus dem Jahre 1728–29 wird die Galerie von freistehenden Säulen getragen.284 In Thüringen experimentierte zu Beginn des 18.  Jahrhunderts auch Gottfried Krohne, wie oben dargestellt, mit ovalen Grundrissen innerhalb einer Schlossanlage (z. B. in Dornburg) (Abb. 44). Straßburger wird durch die Entwürfe seines Lehrers sowie durch eigene Anschauung im Weimarer Schloss mit der ovalen Grundrissform als Festsaalarchitektur vertraut gewesen sein. Zwischen dem Weimarer Festsaal und dem fürstlichen Bibliothekssaal sind auch formale Analogien zu finden. Beide Räume ähneln sich in der Grundrissdisposition und werden durch ein Emporengeschoss bestimmt, das auf Säulen bzw. Pfeilern ruht. Der Deckendurchbruch in der Bibliothek mag an die Öffnung in der Decke des Festsaals erinnern. Allerdings enden im Festsaal die Säulen unter einem Architrav, auf dem die Brüstung der Galerie sitzt.285 In diesem Punkt lehnt sich der erste Entwurf des Bibliotheksaals aus der Hand von Johann Georg Schmidt näher an den Festsaal an, da auch hier die Pfeiler in der Höhe nicht über die Brüstung der Galerie weiter geführt werden. Es stellt sich die Frage, aus welcher Motivation heraus die Gestalt des fürstlichen Bibliothekssaals in Weimar an eine Festsaalarchitektur hätte angelehnt werden sollen. Der Festsaal eines Schlosses dient als Rahmen für ein nicht alltägliches Ereignis, das in einer Gemeinschaft begangen wurde.286 In der Architekturtheorie des 17. und 18. Jahrhunderts wurden die Räume innerhalb einer Residenzanlage in Räume erster und zweiter Ordnung klassifiziert. Die Bibliothek gehörte wie der Festsaal bzw. Hauptsaal eines Schlosses zu den Räumen erster Ordnung.287 Diese standen bezüglich ihrer Nutzung im Zeremoniell und ihres Öffentlichkeitscharakters in der Rangordnung der Räume an erster Stelle. Sturm schlägt in seinem Traktat „Prodromus Architecturae Goldmanniane“ aus dem Jahre 1714 vor, in einer fürstlichen Residenz die Bibliotheksräume direkt neben dem Hauptsaal –

284 Vgl. den Grundriss des Hauptsaales, abgebildet bei Ulferts 2000, S.  52. Dort auch die Baugeschichte des Saales, S. 49–60. 285 Dies zeigt eine Skizze im Reisetagebuch des Weißenfelser Architekten Christoph Pitzler (1657–1707), der 1685 das Weimarer Schloss besuchte. Vgl. Bothe 2000, S. 28 (hier auch die Abb. der Seite des Reisetagebuchs). 286 Vgl. zur Definition und Abgrenzung des Hauptsaales in einem Schloss Ulferts 2000, S. 12. 287 Vgl. Ulferts 2000, S. 12.

Typologische Vorbilder für die fürstliche Bibliothek  |

für den er die Gestalt des Weimarer Festsaals empfiehlt288 – anzuordnen. Er stellt Bibliothek und Festsaal auf die gleiche Ebene hinsichtlich ihrer Repräsentationsfunktion. Eine prachtvolle Ausstattung dieser Räumlichkeiten diente der Veranschaulichung von Macht und Ehre des jeweiligen Herrschers und seiner Dynastie. Die Räume einer Bibliothek zu Beginn des 18. Jahrhunderts haben ihrem Rang entsprechend eine Repräsentationsfunktion zu erfüllen, die der eines Festsaals nicht nachsteht. Auch die fürstliche Bibliothek zu Weimar hatte trotz ihrer ‚modernen‘ Tendenzen in Richtung Magazin- und Gebrauchsbibliothek noch den Repräsentationsansprüchen eines spätbarocken Herrschers zu genügen. Insofern ist eine Anlehnung an die Festsaalarchitektur, insbesondere an die heimische, nicht abwegig.

288 „Es wäre in diesem Dessein leicht angegangen / in dem untern Saal / der auf starcken Gewölben ruhet eine Oval formigte Colonnata anzuordnen / dergleichen in dem Fürstlichen Schloss zu Weimar ist / und eine gar gute Parade machet.“ Sturm 1714 o.S.

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6. Die fürstliche Bibliothek zu Weimar als bauliche Repräsentation des Wertewandels der Aufklärungsbewegung – Schlussbetrachtung Der Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar fällt in die Zeit eines politischen, sozialen und kulturellen Wandels. Mobilisiert durch die Aufklärungsbewegung, wurden im 18. Jahrhundert bestehende Systeme von Herrschaft, Religion und Kultur kritisch hinterfragt. Was zunächst nur punktuell geschah, verstärkte sich im Laufe der Zeit zu einer umfassenden Bewegung mit reformatorischer Kraft, die auch auf das Herzogtum Sachsen-WeimarEisenach ausstrahlte. Dieser Zeitgeist prägte auch den Neubau der Bibliothek. Er berührte die Entscheidung für den Bau, für seine Lage sowie für seine Gestalt und seine Form. Die Entscheidung für den Bau des Bibliotheksgebäudes im Kontext der Aufklärungsbewegung

Anna Amalia und ihre Berater waren weitsichtig genug, sich dem neuen Zeitgeist nicht zu verweigern, sondern sie verstanden es, ihn für ihre Belange einzusetzen, ohne den absoluten Machtanspruch des Fürstenhauses in Frage zu stellen. So orientierte sich das Regierungskonzept der Obervormundschaft Anna Amalias zumindest theoretisch an den zeitgenössischen ‚aufgeklärten‘ Staatstheorien, wie die Ausführungen von Anna Amalias Räten zur positiven Außenwirkung einer sparsamen Hofhaltung bezeugen. Wie oben gezeigt, war es allerdings schwierig, inbesondere während einer obervormundschaftlichen Regierung, ‚aufgeklärt’-kameralistisches Gedankengut sowie weitere Reformen praktisch umzusetzen. Dass Anna Amalia nicht in ihrer Rolle als Obervormünderin und ‚nicht zur Regentin erzogenen‘ Frau in diesem Wechselspiel zwischen Tradition und Innovation als Hauptakteurin auftreten konnte oder wollte, ist durch obige Ausführungen deutlich geworden. Sie entsprach nicht dem ‚Idealtypus‘ eines reformstarken ‚aufgeklärt absoluten‘ Herrschers. Vielmehr ist ihre ‚Aufgeklärtheit‘ als eine Offenheit gegenüber zeitgenössischen Strömungen und mit einem Gespür für die Außenwirkung des Hofes in der reichsweiten, kritischen und auch ständeübergreifenden Öffentlichkeit zu sehen. Gemäß der Forderung, dass sich ein Fürst, der sich nach außen als ‚aufgeklärt‘ darstellen wollte, seine Repräsentationsformen dem ‚modernen‘ rationalen Denken anzupassen habe, kam es auch in Weimar zu einem Paradigmenwandel der höfischen Repräsentationsinstrumente wie z. B. der fürstlichen

Schlussbetrachtung  |

Sammlungen. Sie hatten nicht mehr nur dem „decorum“ des fürstlichen Hauses zu dienen, sondern sie bekamen verstärkt gemäß den pädagogischen Intentionen des 18. Jahrhunderts einen educatorischen Wert zu geschrieben, den der ‚aufgeklärte‘ Fürst an seine Untertanen weiterzugeben hatte. Unter diesen Vorzeichen ist das kulturelle Mäzentatentum vieler Fürsten im 18. Jahrhundert zu sehen. Die Entscheidung, während einer obervormundschaftlichen Regierung und in Zeiten großer Sparmaßnahmen eine Bibliothek zu bauen, kann daher als eine Repräsentationsstrategie der Weimarer Regierung verstanden werden, die zum Ziel hatte, Anna Amalia nach außen als ,aufgeklärte‘ Regentin erscheinen zu lassen, die auf die Bildungsinteressen der Aufklärungsbewegung zu reagieren vermochte. Die Lage der fürstlichen Bibliothek zu Weimar im Kontext der Aufklärungsbewegung

Auch die exponierte Lage der Weimarer Bibliothek war dieser Repräsentationsstrategie zweckdienlich. Die Einrichtung einer fürstlichen Büchersammlung in einem vom Residenzschloss abseits gelegenen und eigens für den Bibliothekszweck entworfenen Gebäude war Mitte des 18. Jahrhunderts ein nahezu einzigartiges Vorhaben, wie der Überblick über den Bibliotheksbau gezeigt hat. In Weimar fiel die Entscheidung zu diesem Schritt zu Beginn der politischen Entwicklung vom Hofstaat zur höfischen Staatsverwaltung, in die auch die fürstliche Bibliothek Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend integriert wurde und die sie zu einer selbständigen Institution werden ließ. Der unabhängige Bau verdeutlichte daher auch einen der ersten Schritte in diese neue politische Richtung, die durch die oben skizzierten ‚aufgeklärten‘ Staats- und Wohlfahrtstheorien sowie die zunehmende Bürokratisierung staatlicher Instanzen motiviert wurde. Er repräsentiert demnach eine ‚moderne‘ Herzogin, die nicht nur im Interesse des neuen Bildungsbewusstseins handelte, sondern auch den zeitgenössischen staatstheoretischen Überlegungen offen gegenüberstand. Die Reflexionen der zeitgenössischen Architekturtheoretiker über die Funktion fürstlicher Bibliotheken als staatliches Herrschaftsinstrument bzw. öffentliche Bildungsinstitution mögen die Bauherrin und ihre Berater in ihrer Wahl, die Bibliothek aus dem Residenzschloss zu entfernen, bestätigt haben. Wie oben gezeigt, brachte Johann Friedrich Penther in seinen Theorien über ein fürstliches Bibliotheksgebäude bereits 1748 die fürstliche Büchersammlung nicht nur außerhalb der fürstlichen Privatgemächer unter, sondern wies ihr innerhalb der Residenzanlage ein gesondertes Gebäude zu, das mit den Bauten der Regierungs- und Verwaltungsinstanzen in engem räumlichem Zusammenhang stand. Die Bibliothek wurde durch ihre Lage

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in den Kontext des staatlichen Herrschaftsapparates gestellt. Sie wurde zu einem Herrschaftsinstrument, dessen öffentlicher Auftrag lautete, durch ihr geordnetes Wissen der Regierung Hilfe zu leisten, dem Wohl der Gesellschaft zu dienen. Auch wenn in Weimar eine Nähe der Bibliothek zu den Institutionen von Regierung und Verwaltung nicht gegeben ist, so unterstrich ihre exponierte Lage doch ihren ‚öffentlichen‘, d. h. ‚staatlichen‘ Charakter. Sie kann von daher als eine bauliche Repräsentantin der in Weimar beginnenden Trennung von Fürst und Staat und somit der politischen Umorientierung des 18. Jahrhunderts verstanden werden. Die Gestalt der fürstlichen Bibliothek zu Weimar im Kontext der zeitgenössischen Architektur

Das Ende des 18. Jahrhunderts war auch in der Kunst eine Zeit des Umbruchs. Dem gerecht werdend, präsentiert sich das stilistische Phänomen des Rokoko als eine vom Zeitgeist getragene Erscheinung des Übergangs. Während sich die Formensprache aus dem barocken Repertoire bediente, entzog sich die Ornamentik der Rhetorik und der Bedeutungsbefrachtung der offiziellen Architektursprache, die noch im Zeremonialdenken begründet war. Das Unrepräsentative und Unprätentiöse kam insbesondere den Fürsten sehr entgegen, die sich für ‚modern‘ hielten. Die Architektur der fürstlichen Bibliothek zu Weimar ist hauptsächlich durch die Ornamentik des Rokoko geprägt. Sowohl die Außenfassade als auch die Innenarchitektur weisen kein strenges architektonisches Regelwerk auf. Die Bibliothek präsentiert sich als einen Bau, der den neuen Kunstströmungen zugewandt ist – neben dem Rokoko enthält die Architektur auch Elemente des Frühklassizismus – und zeigt sich auch in dieser Hinsicht als ein zeitgemäßes Gebäude. Über Gestalt und Stil der fürstlichen Bibliothek zu Weimar sind weder von der Bauherrin noch von dem Architekten Äußerungen überliefert. Die Entscheidung für den Entwurf begründet sich laut zeitgenössischer Dokumente auf den im Vergleich niedrigen Kosten sowie der ausreichenden Stellfläche. Im Vergleich zu anderen Hofbibliothekssälen (Wolfenbüttel, Wien, Mannheim) präsentiert sich der Hauptsaal zurückhaltend. Die Zurücknahme der Architektur, sei es in ihrer Funktion als Bedeutungsträger oder in der Ausgestaltung und Farbigkeit, überlässt dem Inhalt des Gebäudes, den Büchern, den Vortritt. Hier wird den Theorien Boullées und des unbekannten Verfassers der „Untersuchungen über den Charakter der Gebäude“ Ende des 18. Jahrhunderts vorgegriffen, die von einer sensualistischen Wirkungsästhetik bestimmt sind. Die Bedeutung der Wissensherberge bestimmt sich – auch im Sinne Albertis – allein aus dessen Inhalt und

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bedarf keiner äußeren Pracht durch aufwendigen Schmuck und architektonische Details. Auf die Stellung der Bauherrin wird allein durch die einzigen darstellenden Elemente in der Architektur, die Wappenkartusche und den Fürstenhut, verwiesen. Die Gestalt des Baus passt sich auch hier an die veränderten Bedingungen der Repräsentation eines ‚aufgeklärten‘ Fürstenhauses an. Sie unterstreicht den öffentlichen Nutzen des Gebäudes, die Bildung der Leser, und lässt einen Verweis auf die Verdienste der Bauherrin dezent in den Hintergrund treten. Die Zurückhaltung in der Präsentation der Herrscherin, die wenig aufwendige Ausstattung und die weiße Farbigkeit, die auch Sparsamkeit andeutet, weisen das Gebäude eher als ein ‚öffentliches‘ denn als ein ‚fürstliches‘ aus und deuten auch in diesem Sinne auf ein ‚modernes‘ Herrschaftsverständnis hin, welches im Dienste seiner Untertanen steht. Die Form der fürstlichen Bibliothek zu Weimar innerhalb der zeitgenössischen Bautypologie

Die Einordnung der Weimarer Bibliothek in die Tradition des Bibliotheksbaus hat gezeigt, dass sie dem geläufigen Formenkanon der Hofbibliotheksräume des 18. Jahrhunderts nicht folgt. Straßburger richtet keine repräsentative Saalbibliothek ein, sondern verbindet die für den Bibliotheksbau zeitgemäße Form der Repräsentation (Saalbibliothek mit Wandsystem im Binnenraum) mit Zweckmäßigkeit (Stellfläche im umgebenden Raum). In ihrer Eigenart als selbständiger Bibliotheksbau ist es nicht verwunderlich, dass sich ihre Raumstruktur an dem ersten eigenständigen Bibliotheksbau im deutschsprachigen Raum, der Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel, orientiert. Die enge dynastische Verbundenheit der Häuser BraunschweigWolfenbüttel und Sachsen-Weimar-Eisenach wird dies gefördert haben. Außerdem genoss die Wolfenbütteler Bibliothek im 18. Jahrhundert den Ruf einer Bildungsstätte der ‚aufgeklärten‘, bildungs- und leseorientierten Gesellschaft, was den Reputationsvorstellungen des Weimarer Hofes sehr entgegenkam. Der formale Vergleich beider Bibliotheken zeigte, dass in Weimar eine ähnliche Raumaufteilung und –wirkung wie in Wolfenbüttel verwirklicht wurde. Anna Amalia war es ein wichtiges Anliegen, dass der Bibliotheksbau nicht nur von „ansehnlicher“ Gestalt sei, sondern dass er auch ausreichend Platz für die Bücher biete. Die Wolfenbütteler Idee, eine Saalbibliothek mit weiteren nutzbaren Bibliotheksräumen zu umgeben, kam den Bedürfnissen der Bauherrin sehr entgegen. Indem Straßburger das Mansardgeschoss als weiteren Unterbringungsort für Bücher durch das Deckenauge sichtbar macht, geht die Weimarer Bibliothek noch einen Schritt weiter. Sie präsentiert sich als Vorläuferin einer Magazinbibliothek. Die

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fürstliche Bibliothek zu Weimar steht somit an der Schwelle der baulichen Entwicklung von der Saalbibliothek zur Magazinbibliothek und verkörpert auch in ihrer Form den Wandel vom fürstlichen Repräsentationsinstrument zum öffentlichen Gebrauchsinstrument. Auch wenn sich die Architektur der Weimarer Bibliothek wie in Wolfenbüttel anbot, im Leibnizschen Sinne eine harmonische, in sich geschlossen simulierte Ordnung des Wissens zu präsentieren, wurden die drei großen Teilbibliotheken der herzoglichen Sammlung zunächst wie zuvor im Residenzschloss getrennt voneinander aufgestellt. In Weimar ist daher kein Versuch erkennbar, ein systematisches Raum- und Weltbild durch die Literatur zu repräsentieren. Insofern ist es schwierig, hinter der Architektur, trotz des ovalen Binnenraums oder der zwölf Pfeiler, kosmologisch-universales Gedankengut zu vermuten. Dass der ovale Hauptsaal der fürstlichen Bibliothek zu Weimar formale Analogien zum römischen Pantheon aufweist, mag daher auch weniger wegen seines kosmologischen Charakters bemerkenswert sein als vielmehr wegen der Gedenkstättensymbolik des römischen Bauwerks. Schließlich wurde noch zu Lebzeiten Anna Amalias die Bibliothek zu einer Ruhmeshalle der Weimarer Geistesgrößen und der sie fördernden Mitglieder der fürstlichen Familie. Die auch an das Pantheon erinnernde Architektur des Binnenraums im Hauptsaal mag die Einrichtung der Bibliothek als Erinnerungsort geistiger und herrschaftlicher Heroen der so genannten Weimarer Klassik unterstützt haben. Formale Analogien verschiedener Bautypen lassen Architektur zur Bedeutungsträgerin werden. Die charakteristischen Merkmale der fürstlichen Bibliothek zu Weimar wie der zentrale Binnenraum, die Emporenarchitektur und der Deckendurchbruch im Mansardgeschoss finden sich auch im protestantischen Kirchenbau, im zeitgenössischen Theaterbau und in der Festsaalarchitektur. Im Kontext der Frühaufklärung, deren literarisch-philosophischen sowie literarisch-pädagogischen Tendenzen eine zunehmende Säkularisierung des Denkens bewirkten und die Kirche als meinungsbeherrschende Macht zurücktreten ließen, erfüllten Kirche, Bibliothek und Theater auf einer bedeutenden Ebene die gleiche Funktion: Als ein Ort der „Verkündigung des Wortes“ halfen alle drei Institutionen einem öffentlichen Publikum bei der Erkenntnisgewinnung. Hinsichtlich des zunehmenden Einflusses von Literatur, sei es die gesprochene oder auch die geschriebene, und der Annäherung ihrer erzieherischen Bedeutung an die Predigt sind die formalen Ähnlichkeiten des profanen Bibliotheks- bzw. Theaterbaus mit dem protestantischen Kirchenbau auch in Analogie mit der sich im Sinne der ‚Aufklärung‘ formierenden Debatte um den educatorischen Wert der jeweiligen Institution zu sehen.

Schlussbetrachtung  |

Trotz ihrer ‚modernen‘ Tendenzen in Richtung Magazin- und Gebrauchsbibliothek oder öffentlicher Bildungsinstitution hatte die fürstliche Bibliothek zu Weimar auch den Repräsentationsansprüchen einer spätbarocken Herrscherin zu genügen. Der Festsaal stand gemäß den Architekturtheoretikern des 18. Jahrhunderts bezüglich seiner Nutzung im Zeremoniell und seines Öffentlichkeitscharakters in der Rangordnung der Räume an erster Stelle. Insofern ist die zu beobachtende Anlehnung der Weimarer Bibliothek an die Festsaalarchitektur, insbesondere an die in Weimar vorzufindende, nicht abwegig und betont einmal mehr, dass der Bau auch an den tradierten repräsentativen Ausdrucksmitteln festhielt. Umbruch, Wandel und Reform bestimmten auf politischer, gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Ebene das 18.  Jahrhundert. Diese allgemeine Unruhe ergriff auch das Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach. Mit der Regentschaft Anna Amalias war, wie Goethe und Voigt in ihrem Nekrolog auf die Herzogin trefflich erwähnten, „[E]ein ganz anderer Geist […] über Hof und Stadt gekommen.“1 Dieser Geist bewirkte eine Atmosphäre, die den Bau der fürstlichen Bibliothek zu Weimar ermöglichte. Sie ist die bauliche Manifestation einer Zeit im Wandel.

1

Johann Wolfgang v. Goethe / Christian Gottlob v. Voigt, „Zum feyerlichen Andenken der Durchlauchtigsten Fürstin und Frau Anna Amalia, verwitweten Herzogin zu Sachsen-Weimar und Eisenach, gebornen Herzogin von Braunschweig und Lüneburg“ [1807], Druck: Wahl 1994, S. 118–121.

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Bibliographischer Apparat Abkürzungen GSA Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv HAAB Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek HMA Hofmarschallamt Rt Reichstaler ThHStAW Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar ThHStAW HA Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Hausarchiv

Quellen- und Literaturverzeichnis Ungedruckte Quellen Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStAW)

Ältere Aktenbestände von Sachsen-Weimar Bestand A (Fürstenhaus, Bd. II): Schatullrechnungen von Anna Amalia Bestand A (Kunst und Wissenschaft): Hof- und Haushaltswesen, Etatkasse und Rechnungswesen, Hoftheater und kkapelle, Bibliothek, Münzkabinett und Kunstkammer, Archiv Bestand B (Behörden): Geheimer Rat, Bausachen (Französisches Schlösschen, Bibliothek), Kammeretat Ältere Aktenbestände von Sachsen-Eisenach Bestand Dienersachen: Hof- und Staatsbedienstete Neuere Aktenbestände von Sachsen-Weimar-Eisenach Bestand Hofmarschallamt (HMA): Hof- und Besoldungsetat Hausarchiv (HA) A (Fürstliche Familie) Nachlass Carl Friedrich (XXII) Bestand Rechnungen I: Jahresrechnungen der Ober-Vormundschaftskammern zu Weimar (Rentkammer) Einnahme und Ausgabe beim Ausbau des Turms an dem Bibliotheksgebäude Thüringisches Finanzministerium 3245 / 4 II Carl Friedrich Steiner, Bibliotheksturm, Schnitt Nord-Süd, 1818, Zeichnung, aquarelliert C.F.W. Steiner, Großherzogliche Bibliothek mit dem so genannten Gentz-Anbau im Süden und der Einbeziehung des Bibliothekturms sowie dem so genannten Coudray-Anbau im Norden, Ansicht von Westen, 1844, Zeichnung, aquarelliert

Bibliographischer Apparat Abkürzungen GSA Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv HAAB Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek HMA Hofmarschallamt Rt Reichstaler ThHStAW Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar ThHStAW HA Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Hausarchiv

Quellen- und Literaturverzeichnis Ungedruckte Quellen Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStAW)

Ältere Aktenbestände von Sachsen-Weimar Bestand A (Fürstenhaus, Bd. II): Schatullrechnungen von Anna Amalia Bestand A (Kunst und Wissenschaft): Hof- und Haushaltswesen, Etatkasse und Rechnungswesen, Hoftheater und kkapelle, Bibliothek, Münzkabinett und Kunstkammer, Archiv Bestand B (Behörden): Geheimer Rat, Bausachen (Französisches Schlösschen, Bibliothek), Kammeretat Ältere Aktenbestände von Sachsen-Eisenach Bestand Dienersachen: Hof- und Staatsbedienstete Neuere Aktenbestände von Sachsen-Weimar-Eisenach Bestand Hofmarschallamt (HMA): Hof- und Besoldungsetat Hausarchiv (HA) A (Fürstliche Familie) Nachlass Carl Friedrich (XXII) Bestand Rechnungen I: Jahresrechnungen der Ober-Vormundschaftskammern zu Weimar (Rentkammer) Einnahme und Ausgabe beim Ausbau des Turms an dem Bibliotheksgebäude Thüringisches Finanzministerium 3245 / 4 II Carl Friedrich Steiner, Bibliotheksturm, Schnitt Nord-Süd, 1818, Zeichnung, aquarelliert C.F.W. Steiner, Großherzogliche Bibliothek mit dem so genannten Gentz-Anbau im Süden und der Einbeziehung des Bibliothekturms sowie dem so genannten Coudray-Anbau im Norden, Ansicht von Westen, 1844, Zeichnung, aquarelliert

Quellen- und Literaturverzeichnis  |

Entwurf der Nordfassade des Coudray-Anbaus mit der nicht ausgeführten Pilaster­ kapitellausbildung und den Erdgeschossfenstern nach dem Vorschlag Carl Alexanders, Zeichnung, aquarelliert

Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv (GSA) Autographen an Goethe von Carl August; Vulpius

Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB)

Catalogue raisonné de la Bibliotheque de son Altesse serenissime Madame Anne Amélie Princesse de la maison de Brunswik et Duchesse douairière de Weimar et Eisenac […], Tl. 1, 1776 und Zuwachs an Büchern seit dem Jahre 1776, Tl. 2. von Christian Joseph Jagemann Diarium über die bei der fürstlichen Bibliothek gangbaren Geschäfte, angefangen im April 1799 (bis 1827) Hochfürstl. S.  Weimar- und Eisenachischer Hof- und Adreß-Calender …, 1756– 1766, Jena August Friedrich Straßburger, Entwurf der fürstlichen Bibliothek, Grundriss Erstes Obergeschoss und Ansicht von Westen, 1760, Zeichnung Johann Georg Schmidt, Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Quer- und Längsschnitt sowie Ansicht von Westen, 1760, Zeichnung Johann Georg Schmidt, Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Grundrisse des Erdgeschoss, des ersten und zweiten Obergeschosses, 1760, Zeichnungen Teutscher, Umbau und Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der fürstlichen Bibliothek, Grundriss Erdgeschoss und Querschnitt, 1773, Zeichnung „Rekonstruktionszeichnungen“ des Grünen Schlosses, um 1822, Aquarell A. Glaeser, Großherzogliche Bibliothek, nach 1825, Kupferstich, koloriert

Klassik Stiftung Weimar, Museen

Anna Amalia Johann Ernst Heinsius, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, um 1773, Öl auf Leinwand Johann Georg Ziesenis, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1769, Öl auf Leinwand Georg Melchior Kraus, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1774, Öl auf Leinwand Französisches Schlösschen Christain Leutloff, Bildnis Dorothea Susanna, Gemahlin des Herzog Johann Wilhelm von Sachsen, 1575, Öl auf Leinwand Stadtplan Weimars aus dem Städteatlas von Georg Braun und Franz Hogenberg, 1581, Kupferstich Caspar Merian, Ansicht der Stadt Weimar von Osten mit Blick auf das Schloss, um 1645, Kupferstich

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Johann Moritz Richter, „Prospect der fürstl. Schloßkirche u. des Gartenhauses zu Weimar“, 1646, Kupferstich Herzogin Anna Amalia Bibliothek Unbekannt, Ansicht der Bibliothek von Nordwesten, um 1770, lavierte Zeichnung Johann Friedrich Lossius, Grund Riss- und Cavalier-Perspektiv der Fürstl. Saechsischen Residenz Stadt Weimar …, 1785, Zeichnung Georg Melchior Kraus, Das Grüne Schloss von Norden, um 1801, Aquarell Ludwig Bernhard Zacharias Koenig (?), Ansicht des Platzes mit Fürstenhaus, Bibliothek und Rotem Schloss, um 1804, Tuschezeichnung aquarelliert Unbekannt, Ansicht des Obelisken welcher zum Andenken der Anwesenheit der Kaiser, Könige und Fürsten am 6. Oktober 1806 vor dem Schloß zu Weimar errichtet worden, o.D., Federzeichnung mit Bleistift Schlosskirche Christian Richter, Schlosskirche Weimar, Innenraum, um 1660, Öl auf Leinwand Residenzschloss Unbekannt, Grundriss des Hauptgeschosses der „Fürstl. Residentz Wilhelmsburg zu Weymer“ mit ovalem Festsaal, um 1730 (Kopie nach einem Plan um 1650), Zeichnung

Gedruckte Quellen und Literatur ADAM, Wolfgang (2001): Lesen. In: SCHNEIDERS, Werner (Hrsg.) 2001a, S. 239– 241. ADRIANI, Gert (1935): Die Klosterbibliotheken des Spätbarock in Österreich und Deutschland. Graz. ALBERTI, Leon Battista (1485): De Re Aedificatoria. Florenz. (dt. Übersetzung: L.B. Alberti, Zehn Bücher über die Baukunst, hrsg. von Max Theuer, Wien Leipzig 1912) ALBRECHT, Peter (1994): Braunschweig als kultureller Mittelpunkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek. Wiesbaden. Bd. 9, S. 31–54. ALVENSLEBEN, Udo von (1937): Die Braunschweigischen Schlösser der Barockzeit und ihr Baumeister Hermann Korb. Berlin. ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (1974a): Der Aufgeklärte Absolutismus als europäisches Problem. In: ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (Hrsg.) 1974, S. 11–51. ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (Hrsg.) (1974): Der Aufgeklärte Absolutismus. Köln. ARNOLD, Werner (1987): Fürstenbibliotheken. In: ARNOLD, Werner / DITTRICH, Wolfgang / ZELLER, Bernhard (Hrsg.) 1987. S. 398–419. ARNOLD, Werner, DITTRICH, Wolfgang / ZELLER, Bernhard (Hrsg.) (1987): Die Erforschung der Buch- und Bibliotheksgeschichte in Deutschland .Wiesbaden. ARNOLD, Werner (1988): Der Fürst als Büchersammler. Die Hofbibliotheken in der Zeit der Aufklärung. In: ARNOLD, Werner / VODOSEK, Peter (Hrsg.) 1988, S. 41–59.

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|  Bibliographischer Apparat

Johann Moritz Richter, „Prospect der fürstl. Schloßkirche u. des Gartenhauses zu Weimar“, 1646, Kupferstich Herzogin Anna Amalia Bibliothek Unbekannt, Ansicht der Bibliothek von Nordwesten, um 1770, lavierte Zeichnung Johann Friedrich Lossius, Grund Riss- und Cavalier-Perspektiv der Fürstl. Saechsischen Residenz Stadt Weimar …, 1785, Zeichnung Georg Melchior Kraus, Das Grüne Schloss von Norden, um 1801, Aquarell Ludwig Bernhard Zacharias Koenig (?), Ansicht des Platzes mit Fürstenhaus, Bibliothek und Rotem Schloss, um 1804, Tuschezeichnung aquarelliert Unbekannt, Ansicht des Obelisken welcher zum Andenken der Anwesenheit der Kaiser, Könige und Fürsten am 6. Oktober 1806 vor dem Schloß zu Weimar errichtet worden, o.D., Federzeichnung mit Bleistift Schlosskirche Christian Richter, Schlosskirche Weimar, Innenraum, um 1660, Öl auf Leinwand Residenzschloss Unbekannt, Grundriss des Hauptgeschosses der „Fürstl. Residentz Wilhelmsburg zu Weymer“ mit ovalem Festsaal, um 1730 (Kopie nach einem Plan um 1650), Zeichnung

Gedruckte Quellen und Literatur ADAM, Wolfgang (2001): Lesen. In: SCHNEIDERS, Werner (Hrsg.) 2001a, S. 239– 241. ADRIANI, Gert (1935): Die Klosterbibliotheken des Spätbarock in Österreich und Deutschland. Graz. ALBERTI, Leon Battista (1485): De Re Aedificatoria. Florenz. (dt. Übersetzung: L.B. Alberti, Zehn Bücher über die Baukunst, hrsg. von Max Theuer, Wien Leipzig 1912) ALBRECHT, Peter (1994): Braunschweig als kultureller Mittelpunkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek. Wiesbaden. Bd. 9, S. 31–54. ALVENSLEBEN, Udo von (1937): Die Braunschweigischen Schlösser der Barockzeit und ihr Baumeister Hermann Korb. Berlin. ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (1974a): Der Aufgeklärte Absolutismus als europäisches Problem. In: ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (Hrsg.) 1974, S. 11–51. ARETIN, Karl Ottmar Freiherr von (Hrsg.) (1974): Der Aufgeklärte Absolutismus. Köln. ARNOLD, Werner (1987): Fürstenbibliotheken. In: ARNOLD, Werner / DITTRICH, Wolfgang / ZELLER, Bernhard (Hrsg.) 1987. S. 398–419. ARNOLD, Werner, DITTRICH, Wolfgang / ZELLER, Bernhard (Hrsg.) (1987): Die Erforschung der Buch- und Bibliotheksgeschichte in Deutschland .Wiesbaden. ARNOLD, Werner (1988): Der Fürst als Büchersammler. Die Hofbibliotheken in der Zeit der Aufklärung. In: ARNOLD, Werner / VODOSEK, Peter (Hrsg.) 1988, S. 41–59.

Quellen- und Literaturverzeichnis  |

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Abbildungen

Abbildungen  |

Farbtaf. 1: Johann Ernst Heinsius, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, um 1773, Öl auf Leinwand.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 2: Johann Georg Ziesenis, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1769, Öl auf Leinwand.

Abbildungen  |

Farbtaf. 3: Das Schloss Johann Wilhelms mit bemalter Fassade. Ausschnitt aus: Christoph Leutloff, Dorothea Susanna von Sachsen-Weimar, 1575, Öl auf Leinwand.

Farbtaf. 4: A. Glaeser, Großherzogliche Bibliothek, nach 1825, Kupferstich, koloriert.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 5: August Friedrich Straßburger, Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Ansicht von Westen und Grundriss Erstes Obergeschoss, 1760, Zeichnung.

Abbildungen  |

Farbtaf. 7: Teutscher, Umbau und Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der fürstlichen Bibliothek, Querschnitt, 1773, Zeichnung, aquarelliert.

Farbtaf. 6: Teutscher, Umbau und Einrichtung des Ernestinischen Gesamtarchivs im Erdgeschoss der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Grundriss Erdgeschoss und Querschnitt, 1773, Zeichnung, aquarelliert.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 8: Unbekannt, Ansicht der fürstlichen Bibliothek zu Weimar von Nordwesten, um 1770, lavierte Zeichnung.

Farbtaf. 9: Georg Melchior Kraus, Der Küchteich und das Bibliotheksgebäude, um 1800, Aquarell.

Abbildungen  |

Farbtaf. 10: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Erstes und Zweites Obergeschoss mit Blick in das Mansardgeschoss, Blick nach Süden.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 11: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Rocailleverzierungen der Decke und der Pilaster des zweiten Obergeschosses.

Farbtaf. 12: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Treppenabgang vom zweiten in das erste Obergeschoss.

Abbildungen  |

Farbtaf. 13: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Zweites Obergeschoss mit nachträglich eingezogen Regalen in der Gangmitte.

Farbtaf. 14: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Zweites Obergeschoss mit nachträglich eingezogen Regalen in der Gangmitte.

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|  Abbildungen Farbtaf. 15: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Decke mit Kopie „Genius des Ruhms“ von Annibale Caracci, ausgeführt von Hermengild Peiker, 2007.

Farbtaf. 16: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Deckenauge zum Mansardgeschoss, Kartusche mit Anna Amalias Initialen.

Abbildungen  |

Farbtaf. 17: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Ovaler Binnenraum im ersten Obergeschoss.

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|  Abbildungen Farbtaf. 18: Johann Georg Schmidt, Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Quer- und Längsschnitt sowie Ansicht von Westen, 1760, Zeichnung.

Farbtaf. 19: Johann Georg Schmidt, Entwurf für den Bibliothekssaal der fürstlichen Bibliothek zu Weimar mit Emporenumgang und frei gespannter Decke, 1760, Zeichnung.

Abbildungen  |

Farbtaf. 20: Carl Friedrich Willibald Steiner, Großherzogliche Bibliothek mit dem so genannten Gentz-Anbau im Süden und der Einbeziehung des Bibliothekturms sowie dem so genannten Coudray-Anbau im Norden, Ansicht von Westen, Weimar, 1844, Zeichnung, aquarelliert.

Farbtaf. 21: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, so genannter Gentz-Anbau, Ostfassade, 1803–1805.

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|  Abbildungen Farbtaf. 22: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Fenstergitter Dorothea Susannas, 1563.

Farbtaf. 23: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Fenstergitter Johann Wilhelms, 1563.

Abbildungen  | Farbtaf. 24: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, so genannter Gentz-Anbau, Westfassade, 1803–1805.

Farbtaf. 25: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, so genannter Gentz-Anbau, Treppenhaus, 1803–1805.

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|  Abbildungen Farbtaf. 26: Carl Friedrich Steiner, Bibliotheksturm, Weimar, Schnitt Nord-Süd, 1818, Zeichnung.

Farbtaf. 27: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Bibliotheksturm, Ostfassade, 1821–25.

Abbildungen  |

Farbtaf. 28: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Bibliotheksturm, 1821–25.

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|  Abbildungen Farbtaf. 29: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Bibliotheksturm mit feuerfester Eisentür im Erdgeschoss, 1821–25.

Farbtaf. 30: Entwurf der Nordfassade des so genannten Coudray-Anbaus mit der nicht ausgeführten Pilasterkapitellausbildung und den Erdgeschossfenstern nach dem Vorschlag Carl Alexanders, Zeichnung, aquarelliert.

Abbildungen  |

Farbtaf. 31: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, so genannter Coudray-Anbau, 1844–49.

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|  Abbildungen Farbtaf. 32: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Erweiterungs­bau mit einem Torgebäude von Coudray, dem so genanntem Roten Schloss und dem so genannten Gelbem Schloss.

Farbtaf. 33: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Erweiterungs­bau, Eingangs­ gebäude, 2000–2005.

Farbtaf. 34: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Sonderlesesaal nach der Sanierung 2007, Blick auf die illusionistische Deckenmalerei von Hermengild Peiker in der Glaseinhausung, im Hintergrund das Wandgemälde von Helmut Metzner „Ideale Landschaft: Zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek“, 2007.

Abbildungen  |

Farbtaf. 35: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Erweiterungsbau, Bücherkubus, 2000–2005.

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|  Abbildungen Farbtaf. 36: Ottobeuren, Benediktinerkloster, Bibliothek, 1711–19, Christoph Vogt (Bau­ meister), Elias Zobel, Arbogast I. Thalheimer (Maler), Anton Sturm (Zuschreibung), Christian Dehni Kaspar Laffensteiner, Franz Kerbs (Bildschnitzer), Johann Baptist Zimmerman (Stukkateur).

Farbtaf. 37:Escorial, Bibliothekssaal, 1563–96, Juan Bautista de Toledo und Juan de Herrera (Baumeister), Pellegrino Pellegrini, Bartolomeo Carducci, Nicolao Granello und Francesco de Viana (Maler), Giuseppa Flecha (Schnitzer).

Abbildungen  | Farbtaf. 38: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Hofbibliothek, Wien, Innenraum, 1722–27, Joseph Emanuel Fischer von Erlach und Nicolo Pacassi (Baumeister nach Fischer v. Erlachs d.Ä. Tod), Daniel Gran (Maler), Lorenzo Matielli, Paul und Peter Strudel (Bildhauer), Alberto Camesino (Stukkateur), vermutlich Claude Lefort du Plessy (Entwürfe für die Schränke).

Farbtaf. 39: Henri Labrouste, Bibliothèque Nationale, Paris, Lesesaal, 1865–68.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 40: George Bähr, Frauenkirche, Dresden, Kuppel, 1726–43.

Farbtaf. 41: George Bähr, Frauenkirche, Dresden, Chorraum, 1726–43.

Abbildungen  |

Farbtaf. 42: Schlosskapelle, Weimar, 1619–1630 erbaut von Giovanni Bonalino, 1658 verändert und ausgestaltet von Johann Moritz Richter d.Ä.

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|  Abbildungen

Farbtaf. 43: Joseph Saint-Pierre (Architektur), Giuseppe Galli-Bibiena (Innenausstattung), Markgräfliches Theater, Bayreuth, 1745–48.

Abbildungen  | Abb. 1: Johann Moritz Richter, Das Schloss Johann Wilhelms von Nord-Osten mit Küchengebäude, Kupferstich.

Abb. 2: Nach Caspar Merian, Das Schloss Johann Wilhelms von Osten, 1650, Kupferstich (Ausschnitt).

Abb. 3: Schloss und Garten Johann Wilhelms, Stadtplan Weimars aus dem Städteatlas von Georg Braun und Franz Hogenberg, 1581, Kupferstich (Ausschnitt).

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|  Abbildungen

Abb. 4: Jürgen Beyer, Rekonstruktion der Grundrisse des Renaissance-Schlosses, 2007, Bleistiftskizzen.

Abb. 5: Johann Georg Schmidt, Entwurf der fürstlichen Bibliothek zu Weimar, Grundrisse des Erdgeschoss, des ersten und zweiten Obergeschosses, 1760, Zeichnungen.

Abb. 6: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Studienzentrum, Erdgeschoss und Untergeschoss, 2000–2005.

Abbildungen  | Abb. 7: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Treppenaufgang vom ersten in das zweite Obergeschoss nach dem Brand 2004.

Abb. 8: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, so genannter Rokokosaal nach dem Brand 2004.

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|  Abbildungen

Abb. 9: Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, Mansardgeschoss nach dem Brand 2004.

Abbildungen  |

Abb. 10: Zutphen, Domstift, Bibliothek, 1561–63.

Abb. 11: Lambach, Benediktinerkloster, Bibliothek, 1699, Carlo Antonio Carlone (Baumeister), Melchior Stadl, Wenzel Hallwax (Maler).

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|  Abbildungen

Abb. 12: Straubing, Karmeliterkloster, Bibliothek, um 1684, Giovanni Gaspare Zucalli (Baumeister).

Abb. 13: Leubus, Zisterzienserkloster, Bibliothek, 1692–96 mit jüngerer Ausmalung 1734–37, Matthias Knothe (Baumeister), Christoph Philipp Bentum (Maler), (Zustand vor der Zerstörung).

Abbildungen  | Abb. 14: St. Florian, Augustiner-Chorherren­ stift, Bibliothek, 1744–50, Carlo Antonio Carlone, Jakob Prandtauer, Gotthart Hayberger (Baumeister), Daniel Gran, Bartolomeo Altomonte (Maler), Johann Paul Sattler (Bildhauer).

Abb. 15: Melk, Benediktinerkloster, Bibliothek, 1728–41, Jakob Prandtauer, Joseph Mungenast (Baumeister), Paul Troger, Gaetano Fanti, Franz Rosenstingl, Johann Bergl (Maler), Joseph Pöbl (Bildhauer).

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|  Abbildungen

Abb. 16: Wiblingen, Benediktinerkloster, Bibliothek, 1737–50, Christian und Johannes Wiedemann (Baumeister), Franz Martin Kuen (Maler), Dominikus Hermengild Herberger (Bildhauer).

Abb. 17: Wiblingen, Benediktinerkloster, Bibliothek, Grundriss, 1737–50.

Abb. 18: Ottobeuren, Benediktinerkloster, Bibliothek, Grundriss, 1711–19.

Abbildungen  |

Abb. 19: Johann Bernhard Schulz, Perspektivischer Plan von Berlin (Ausschnitt Bibliotheksbauprojekt), 1688, Kupferstich.

Abb. 20: Mannheim, Schloss, Hofbibliothek, 1751–58, Nicolas de Pigage (Baumeister), Lambert Krahe (Maler), Peter Anton Verschaffelt (Bildhauer), Augustin Egell und Johann Mathäus van den Branden (Schnitzereien), Giuseppe Antonio Albuzio (Stukkateur), (Zustand vor der Zerstörung).

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|  Abbildungen

Abb. 21: Tübingen, Universitätsbibliothek, 17. Jahrhundert.

Abb. 22: Greifswald, Universitätsbibliothek, 1747–50.

Abbildungen  | Abb. 23: Altdorf, ehemalige Universitäts­bibliothek, um 1720.

Abb. 24: Nürnberg, Stadtbibliothek, 17. Jahrhundert.

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|  Abbildungen

Abb. 25: Matthäus Merian (nach Conrad Buno), Innenansicht der Bibliothek des Herzogs August von Braunschweig-Lüneburg in Wolfenbüttel während der Aufstellung im Marstallgebäude.

Abb. 26: Matthäus Merian (nach Conrad Buno), Marstallgebäude, Aufstellungsort der fürstlichen Bibliothek.

Abbildungen  |

Abb. 27: Hermann Korb, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Außenfassade, 1705–23.

Abb. 28: Hermann Korb, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Außenfassade, 1705–23.

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|  Abbildungen

Abb. 29: Hermann Korb, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Bibliothekssaal.

Abbildungen  | Abb. 30: Hermann Korb, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Grundriss des ersten Obergeschosses, 1705–23.

Abb. 31: Hermann Korb, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Querschnitt, 1705–23.

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|  Abbildungen

Abb. 32: Christopher Wren, Trinitiy College, Cambridge, Bibliothek, 1. Entwurf, Außenfassade, 1676.

Abb. 33: Christopher Wren, Trinitiy College, Cambridge, Bibliothek, 1. Entwurf, Querschnitt, 1676.

Abb. 34: Christopher Wren, Trinitiy College, Cambridge, Bibliothek, 1. Entwurf, Grundriss, 1676.

Abbildungen  |

Abb. 35: Pantheon, Rom, Außenfassade, Längsschnitt, Grundriss, 118–125 n.Chr.

Abb. 37: Johann Balthasar Lauterbach und Herrmann Korb, St. Trinitatis, Wolfenbüttel, 1693–1700 (Rekonstruktion des Querschnitts).

Abb. 36: Antonio Palladio, Villa Rotonda, Vincenza, Grundriss und Aufriss, 1570.

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|  Abbildungen

Abb. 38: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Hofbibliothek, Wien, 1722–27.

Abb. 39: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Hofbibliothek, Wien, Querschnitt in der Längsachse, 1722–27.

Abb. 40: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Hofbibliothek, Wien, Grundriss, 1722–27.

Abbildungen  |

Abb. 41: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Entwurf für die Karlskirche, Wien, Grundriss, 1713–37.

Abb. 42: Johann Bernhard Fischer von Erlach, Entwurf für ein „ Lustgebäude“ des Grafen Rüdiger von Starhemberg bei Engelhartstetten (Niederweiden), ca. 1693–1701.

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|  Abbildungen

Abb. 43: Louis Le Vau, Le Raincy, Schloss, Grundriss, ab 1645.

Abb. 44: Gottfried Heinrich Krohne, „Prospect von denen fürstlichen Gebäuden zu Dornburg“, um 1736.

Abbildungen  |

Abb. 45: Johann Dietrich Heumann, Universitätsbibliothek, Göttingen, nicht verwirklichter Entwurf von 1769.

Abb. 46: Henri Labrouste, Bibliothèque Nationale, Paris, Grundriss Lesesaal und Magazin, 1865–68.

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|  Abbildungen

Abb. 47: Leopold Della Santa, Idealentwurf für ein Bibliotheksgebäude, Grundriss, 1816.

Abb. 48: Unbekannt, Bibliothek, in: Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, 12. Pl., No. 2.

Abbildungen  |

Abb. 49: Etienne-Louis Boullée, Projekt für eine Erweiterung der Bibliothèque Nationale, Paris, Querschnitt, 1785.

Abb. 50: Leonhard Christoph Sturm, Entwurf einer Universität, Grundriss, 1720.

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|  Abbildungen Abb. 51: Johann Friedrich Penther, Bibliothekstrakt im fürstlichen Palast, Querschnitt und Grundriss, 1748.

Abb. 52: Johann Friedrich Penther, Fürstlicher Palast, Ansicht, 1748.

Abb. 53: Johann Friedrich Penther, Fürstlicher Palast, Grundriss, 1748.

Abbildungen  |

Abb. 54: George Bähr, Dreifaltigkeitskirche, Schmiedeberg, 1713–16.

Abb. 55: Johann Georg Schmidt, Annenkirche, Dresden, Grundriss, 1764–69.

Abb. 56: George Bähr, Dreikönigskirche, Dresden, Grundriss, 1732–39.

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|  Abbildungen

Abb. 57: Johann Georg Schmidt, Kreuzkirche, Dresden, Entwurf 1767, Querschnitt.

Abb. 58: Niolas de Pigage, Schlosstheater, Schwetzingen, 1752.

Abbildungen  |

Abb. 59: Unbekannt, Grundriss des Hauptgeschosses der „Fürstl. Residentz Wilhelmsburg zu Weymer“ mit ovalem Festsaal, um 1730 (Kopie nach einem Plan um 1650), Zeichnung.

Abb. 60: Grundriss des Lustgebäudes im Mertzelbach von Herzog Heinrich von Sachsen-Römhild, 1698.

Abb. 61: Innenansicht des Hauptsaals des Lustgebäudes im Mertzelbach von Herzog Heinrich von Sachsen-Römhild, 1698.

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|  Abbildungen Abb. 62: Zwei Seiten aus dem Reisetagebuch von Christoph Pitzler zum Festsaal im Weimarer Schloss, 1685.

Abbildungsnachweis Farbtaf. 1: Klassik Stiftung Weimar, 1993 (SWK), Foto: Sigrid Geske Farbtaf. 2: Knoche 2007b, S. 155 Farbtaf. 3: Beyer 2007, S. 126 unten Farbtaf. 4: Beyer 2007, S. 138 Farbtaf. 5: Beyer 2007, S. 133 Farbtaf. 6: Beyer 2007, S. 135 oben Farbtaf. 7: Beyer 2007, S. 135 oben Farbtaf. 8: Boblenz 1999, S. 36 Farbtaf. 9: Beyer 2007, S. 134 Farbtaf. 10: Klassik Stiftung Weimar, Foto: Bednorz Farbtaf. 11: Grunwald 2007, S. 76 Farbtaf. 12: Archiv der Autorin Farbtaf. 13: Archiv der Autorin Farbtaf. 14: Archiv der Autorin Farbtaf. 15: Klassik Stiftung Weimar, Foto: Mokansky Farbtaf. 16: Klassik Stiftung Weimar, Foto: Dreßler Farbtaf. 17: Otto Meissners Verlag in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar, 2008, Foto: Manfred Hamm Farbtaf. 18: Beyer 2007, S. 132 Farbtaf. 19: Beyer 2007, S. 132 Farbtaf. 20: Beyer 2007, S. 140 Farbtaf. 21: Archiv der Autorin Farbtaf. 22: Archiv der Autorin Farbtaf. 23: Archiv der Autorin Farbtaf. 24: Archiv der Autorin Farbtaf. 25: Archiv der Autorin Farbtaf. 26: Beyer 2007, S. 137 Farbtaf. 27: Archiv der Autorin Farbtaf. 28: Seemann, A. 2007, S. 66 Farbtaf. 29: Archiv der Autorin Farbtaf. 30: Beyer 2007, S. 141 Farbtaf. 31: Otto Meissners Verlag in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar, 2008, Foto: Manfred Hamm Farbtaf. 32: Knoche 2006, S. 36 oben Farbtaf. 33: Knoche 2006, S. 36 unten Farbtaf. 34: Grunwald/Knoche/Seemann 2007, S. 175 Farbtaf. 35: Knoche 2007b, S. 154 Farbtaf. 36: Lehmann 1996, S. 191, Abb. 174 Farbtaf. 37: Patrimonio Nacional, Madrid 1998; ALDEASA, Madrid 1998; N.I.P.O.: 006-98-024-4; Archivo Fotográfico del Patrimonio Nacional

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|  Abbildungsnachweis

Farbtaf. 38: Jochum 2010, S. 106, Abb. 73 Farbtaf. 39: Jochum 2010, S. 110, Abb. 76 Farbtaf. 40: http://www.finde-dein-erlebnis.de/pics/uploads/frauenkirchedresden_11.jpg Farbtaf. 41: http://pipedreams.publicradio.org/gallery/germany/ dresden_frauenkirche_kern.shtml Farbtaf. 42: Bothe 2000, S. 23, Abb. 33 Farbtaf. 43: Suckale 1998, S. 406 Abb. 1: Beyer 2007, S. 130 Abb. 2: Beyer 2007, S. 125 Abb. 3: Beyer 2007, S. 126 oben Abb. 4: Beyer 2007, S. 129 Abb. 5: Steierwald 1999, S. 65 Abb. 6: Knoche 2006, Buchumschlag hinten Abb. 7: Grunwald 2007, S. 30 Abb. 8: Grundwald 2007, S. 28 Abb. 9: Grunwald 2007, S. 31 Abb. 10: Lehmann 1996, S. 28, Abb. 11 Abb. 11: Lehmann 1996, S. 63, Abb. 41 Abb. 12: Lehmann 1996, S. 532, Abb. 367 Abb. 13: Lehmann 1996, S. 71, Abb. 51 Abb. 14: Lehmann 1996, S. 105, Abb. 81 Abb. 15: Lehmann 1996, S. 100, Abb. 74 Abb. 16: Lehmann 1996, S. 113, Abb. 90 Abb. 17: Lehmann 1996, S. 112, Abb. 89 Abb. 18: Lehmann 1996, S. 110, Abb. 86 Abb. 19: Pick 1913, Tafel 17 Abb. 20: Lehmann 1996, S 167, Abb. 155 Abb. 21: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: [57.1 Pol. (3)] Abb. 22: Bosl 1972, S. 146 Abb. 23: Schürmeyer 1929, Abb. 10 und 11 Abb. 24: Bosl 1972, S. 145 Abb. 25: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: [Top 1a] Abb. 26: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: [Top App2: 447] Abb. 27: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: [Top App2:449] Abb. 28: Recker-Kotulla 1983, S. 46, Abb. 12 Abb. 29: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: [B162] Abb. 30: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen, Foto: Museumsfotograf Abb. 31: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen, Foto: Museumsfotograf Abb. 32: Becker 1992, S. 262, Abb. 9

Abbildungsnachweis  |

Abb. 33: Becker 1992, S. 262, Abb. 10 Abb. 34: Colvin 1995, Abb. 29 Abb. 35: http://www.lehman.edu/vpadvance/artgallery/arch/ideas/ building_on_the_past.html, Gert Sperling, „The Quadivium in the Pantheon of Rome“, Fuldatal Abb. 36: Kruft 1995, Abb. 48 Abb. 37: Boeck 1972, S. 84 Abb. 38: Lehmann 1996, S. 159, Abb. 150 Abb. 39: Bosl 1972, S. 155, Abb. 190 Abb. 40: Lorenz 1992, S. 167, Abb. 160 Abb. 41: Lorenz 1992, S. 154, Abb. 146 Abb. 42: Sedlmayr 1997, S. 124 Abb. 43: Lorenz 1993, S. 29, Abb. 21 Abb. 44: Oehmig 1997, S. 360, Abb. 396 Abb. 45: Leyh 1961, S. 878, Abb. 16 Abb. 46: Leyh 1961, S. 888, Abb. 19 Abb. 47: Leyh 1961, S. 880, Abb. 17 Abb. 48: Untersuchungen über den Charakter der Gebäude 1788, 12. Pl., No. 2 Abb. 49: Becker 1992, S. 266, Abb. 16 Abb. 50: Becker 1992, S. 261, Abb. 8 Abb. 51: Becker 1992, S. 259, Abb. 6 Abb. 52: Becker 1992, S. 258, Abb. 4 Abb. 53: Becker 1992, S. 258, Abb. 5 Abb. 54: Barth 1907, S. 44 Abb. 55: Barth 1907, S. 52 Abb. 56: Barth 1907, S. 44 Abb. 57: Barth 1907, S. 38 Abb. 58: http://www.andreas-praefcke.de/carthalia/germany/ schwetzingen_rokokotheater.htm Abb. 59: Bothe 2000, S. 21, Abb. 27 Abb. 60: http://www.archimaera.de/2009/ephemere_architektur/lass_mertzelbach Abb. 61 http://www.archimaera.de/2009/ephemere_architektur/lass_mertzelbach Abb. 62: Bothe 2000, S. 28, Abb. 37

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Personenregister Alberti, Leon Battista 163, 249, 250, 262, 266 Albrecht, Conrad Adolph v. 208 Althan, Johann Michael v. 217 Bacon, Francis 257 Bähr, George 111, 268, 269, 270, 275, 276, 277, 278 Bartholomäi, Johann Christian 66, 76, 93, 94, 232 Bartholomäi, Wilhelm Ernst 74, 76 Barz-Malfatti, Rittmannsperger, Schmitz, Architektengemeinschaft 146 Bertuch, Friedrich Justin 36, 89 Beyerbach, Johann Conradin 239 Bohnsack, Gustav 184 Bonalino, Giovanni 271 Borromeo, Frederigo 182 Böttiger, Carl August 65 Boullée, Etienne-Louis 251, 252, 258, 298 Braunschweig-Wolfenbüttel, Anton Ulrich v. 183, 188, 189, 192, 193, 194, 195, 218, 228 Braunschweig-Wolfenbüttel, August v. 192 Braunschweig-Wolfenbüttel, Carl I. v. 28, 29, 33, 34, 228 Braunschweig-Wolfenbüttel, Carl Wilhelm Ferdinand v. 39 Braunschweig-Wolfenbüttel, Friedrich August v. 35 Braunschweig-Wolfenbüttel, Philippine Charlotte v. 29, 229 Braunschweig-Wolfenbüttel, Rudolf August v. 183, 195 Braunschweig-Wolfenbüttel, Sophie Caroline Marie 31 Bünau, Heinrich v. 33, 34 Burmeister, Olaf 150

Buzzi, Lelio 182 Camesina, Albert 208 Camillo, Giulio 193 Caracci, Annibale 122, 126 Chiaramella, Francesco 271 Coudray, Clemens Wenzeslaus 139, 142, 143, 144, 149, 151, 245 Dänemark, Friedrich V. v. 33 Decker, Paul 247 de Laborde, Léon 248, 263, 264, 265, 267 della Santa, Leopoldo 239, 248, 264, 265, 267 Dietrich, Peter Joseph 75 Eichstaedt, Heinrich Carl 26 Einsiedel, Friedrich Hildebrandt v. 38 Erffa, Eberhard Hartmann v. 76 Fernow, Carl Ludwig 26 Fischer, Christian Gabriel 159, 173, 186 Fischer von Erlach, Johann Bernhard 201, 202, 210, 212, 213, 215, 216, 217, 218, 220, 221, 235, 237, 293 Fischer von Erlach, Joseph Emanuel 201, 206, 210 Foeckler, Justin Heinrich 74 Franck, Salomo 68 Frankreich, Heinrich II. v. 107 Fritsch, Jakob Friedrich v. 35, 45, 51 Fugger, Jakob 179 Furttenbach, Joseph 246, 254, 260, 267 Garelli, Pius Nicolaus v. 211 Gärtner, Friedrich v. 240 Gentz, Heinrich 135 Gesner, Johann Matthias 73, 74 Gibbs, James 200 Göchhausen, Luise v. 37, 38 Goethe, Johann Wolfgang v. 23, 25, 26, 35, 37, 38, 65, 80, 81, 83, 84, 91, 125, 134, 135, 138, 139, 141, 301 Goldmann, Nicolaus 246, 252, 256 Gottsched, Johann Christoph 283

Personenregister  |

Greiner, Johann Poppo 45, 46, 53, 78, 96, 97, 100 Gromann, Nikolaus 101 Grunwald, Walther 150 Habsburg, Karl VI. v. 201, 204, 208, 209, 212, 217, 218, 219, 221, 233, 234 Habsburg, Leopold I. v. 200, 221 Habsburg, Maria Theresia v. 202 Hackert, Jakob Philipp 38 Heinsius, Johann Ernst 97, 98, 99 Hendrich, Christoph Siegmund v. 76 Herder, Johann Gottfried v. 35, 37, 38, 65, 84, 125 Hessen-Kassel, Friedrich II. v. 57 Heumann, Johann Dietrich 239 Hildebrandt, Johann Lukas v. 213, 234, 293 Hillebrand, Franz Anton 202, 211 Hirsching, Friedrich Karl Gottlob 65, 232 Jagemann, Christian Joseph 63 Jerusalem, Johann Friedrich Wilhelm 30, 31, 64, 229, 282, 283 Kanitz, Otto Ludwig v. 270 Kauffmann, Angelika 38 Keyssler, Johann Georg 154 Kirchmann, Carl Friedrich 31 Klauer, Gottlieb Martin 125 Kleiner, Salomon 210, 236 Knebel, Carl Ludwig v. 37, 38, 65, 125 Korb, Hermann 183, 184, 187, 188, 189, 190, 192, 193, 194, 230, 280 Kotzebue, Carl Christian 42, 49, 53 Krahe, Lambert 164 Kraus, Georg Melchior 89 Krohne, Gottfried Heinrich 74, 234, 236, 266, 277, 294 Labrouste, Henri 240 Legipont, Oliver 198 Leibniz, Gottfried Wilhelm 61, 71, 96, 183, 188, 189, 193, 194, 195, 196, 197, 198, 199, 201, 218, 232, 256, 257, 287 Lessing, Gotthold Ephraim 61, 194, 244

Leutloff, Christian 105, 106 Le Vau, Louis 216, 293 Lindemann, Christian Philipp 278 Loescher, Valentin Ernst 283 Luther, Martin 175 Merian, Caspar 106 Metzner, Helmut 151 Meyer, Johann Heinrich 38, 122, 138 Milizia, Franzesco 247, 257 Mittelstaedt, Matthias Theodor Christoph 31 Müller, Gerhard Andreas 76 Müller, Karl 184 Musäus, Johann Carl August 37, 61 Naudé, Gabriel 197, 249, 250, 254 Nonne, Gottfried v. 45, 48, 49, 53, 132 Paccassi, Nicolo 202, 206, 208, 211 Palladio, Andrea 190, 191, 198 Peiker, Hermengild 122, 150 Pelz, Paul J. 200 Penther, Johann Friedrich 252, 253, 260, 261, 263, 266, 267, 297 Perinetti, Giacomo 185 Peucer, Carl Friedrich 88 Pfalz, Carl Theodor von der 156, 164 Pfalz, Elisabeth Augusta von der 164 Pigage, Nicolas de 161 Pitzler, Christoph 292 Pöppelmann, Matthäus Daniel 268 Praemers, Wolfgang Wilhelm 260 Praun, Georg Septimus Andreas v. 34, 39, 41, 44, 53, 230 Preußen, Friedrich II. v. 41, 64 Preußen, Friedrich Wilhelm I. v. 180 Querfurth, Tobias d.Ä. 185 Rabe, Martin Friedrich 135 Rehdinger, Carl Ernst v. 41, 45 Renman, Hans 105 Rentsch, Johann Ernst d.Ä. 124 Richter, Johann Moritz 291 Richter, Johann Moritz d. Ä. 271 Sachsen-Coburg, Franz Josias v. 75, 76

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|  Personenregister

Sachsen-Coburg-Saalfeld, Franz Josias v. 32 Sachsen-Gotha-Altenburg, Friedrich III. v. 32 Sachsen-Gotha, Friedrich III. v. 75 Sachsen-Weimar, Dorothea Susanna v. 101, 105, 106 Sachsen-Weimar-Eisenach, Anna Amalia v. 13, 14, 15, 16, 17, 22, 23, 25, 27, 28, 29, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 50, 51, 52, 53, 54, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 78, 82, 89, 90, 92, 97, 98, 100, 109, 110, 111, 125, 133, 228, 229, 230, 232, 233, 234, 296, 297, 299 Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl August v. 32, 35, 50, 60, 61, 78, 80, 89, 90, 92, 122, 125, 134, 139, 141 Sachsen-Weimar-Eisenach, Carl Friedrich v. 89, 142, 143 Sachsen-Weimar-Eisenach, Constantin v. 32 Sachsen-Weimar-Eisenach, Ernst August Constantin v. 17, 31, 32, 33, 44, 62, 67, 75, 77, 78, 92, 124, 228, 233, 234 Sachsen-Weimar-Eisenach, Ernst August v. 47, 67, 73, 74, 75 Sachsen-Weimar, Johann Wilhelm v. 101, 106, 108 Sachsen-Weimar, Wilhelm Ernst v. 27, 67, 68, 69, 71, 72, 73, 83 Sachsen-Weimar, Wilhelm IV 291 Schiller, Friedrich v. 23, 35, 37 Schinkel, Karl Friedrich 264, 290 Schmid, Ernst August 89 Schmidt, Johann Georg 17, 100, 110, 127, 128, 129, 130, 131, 132, 229, 277, 278, 279, 294 Schnauß, Christian Friedrich 79, 80 Schneider, Christian Wilhelm 93 Schöll, Adolf 124, 149 Schröter, Corona 37

Schulz, Johann Bernhard 181 Schurzfleisch, Heinrich Leonhard 71, 72, 227 Schurzfleisch, Konrad Samuel 69, 71, 73 Schweitzer, Christian Wilhelm 142 Serlio, Sebastiano 246 Smirke, Sidney 200 Smithmeyer, John L. 200 Spilcker, Christoph Ferdinand 79, 80, 122, 134 Stein, Charlotte v. 37, 90 Steiner, Carl Friedrich Christian 138 Stephani, Heinrich 96 Stieglitz, Christian Ludwig 251, 252, 259, 265 Straßburger, August Friedrich 17, 23, 100, 110, 113, 114, 115, 116, 117, 127, 128, 129, 130, 131, 132, 228, 229, 234, 236, 238, 265, 277, 279, 294, 299 Straßburger, Johann Erhard 277 Strudel, Paul 209 Strudel, Peter 209 Sturm, Leonhardt Christoph 191, 193, 246, 247, 250, 253, 255, 257, 260, 261, 266, 267, 272, 273, 274, 292, 294 Tautz, Kurt 158 Tessin, Nicodemus d.J. 181 Tischbein, Friedrich August 38 Uffenbach, Zacharias Conrad v. 158, 173, 182 Villalpando, Juan Bautista 255 Vitruv 189, 193, 212, 243, 247, 248 Voigt, Christian Gottlob v. 25, 26, 80, 81, 83, 91, 134, 135, 301 Vulpius, Christian August 137 Wagner, Johann Friedrich 74, 76 Wieland, Christoph Martin 33, 35, 37, 38, 58, 59, 61, 65, 90, 125 Witzleben, Friedrich Hartmann v. 48, 60 Wolfenbüttel-Braunschweig, Elisabeth Christine 218 Wolff, Christian 40, 41 Wolff, Johannes 102

Personenregister  |

Wren, Christopher 182, 188 Zedler, Johann Heinrich 93

Ziesenis, Johann Georg 98 Zollmann, Friedrich 109

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Reise in die BücheRwelt dRucke deR heRzogin AnnA AmAliA BiBliothek Aus sieBen JAhRhundeRten heR AusgegeBen im AuftR Ag deR kl Assik stiftung weimAR von michAel knoche

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek gehört seit dem 18. Jahrhundert zu den bekanntesten Bibliotheken in Deutschland. Ihren Ruhm verdankt sie ihren fürstlichen Förderern Wilhelm Ernst, Anna Amalia und Carl August ebenso wie ihren Bibliothekaren, unter denen Johann Wolfgang von Goethe der bedeutendste war. Nach dem Feuer vom 2. September 2004, dem größten Bibliotheksbrand in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, und der feierlichen Wiedereröffnung im Jahr 2007 ist sie erneut ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Die Bibliothek ist trotz der Verluste durch den Brand mit ihrem Bestand von einer Million Büchern eine Schatzkammer besonderer Art. Das Begleitbuch zur Ausstellung gibt Einblick in den reichen und universal geprägten Buchbestand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Vorgestellt werden fünfzig bibliophile Werke, darunter die Schedelsche Weltchronik von 1493, die 1534 gedruckte Luther-Bibel oder Alexander von Humboldts amerikanisches Reisewerk von 1805. Ein jedes Buch eröffnet eine neue, andere Welt und ist auf seine Weise eine Kostbarkeit. 2011. 148 S. Mit 67 farb. und S/w-abb. franz. broSchur. 170 x 240 MM. iSbn 978-3-412-20692-5

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