Die französische Diplomatie der Restauration und Deutschland : 1814–1830

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Die französische Diplomatie der Restauration und Deutschland : 1814–1830

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PARISER HISTORISCHE STUDIEN

Herausgegeben von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen

BAND II

A N T O N H I E R S E M A N N • STUTTGART

DIE FRANZÖSISCHE DIPLOMATIE DER RESTAURATION UND DEUTSCHLAND 1814-1830

von KARL H A M M E R

1963 ANTON HIERSEMANN

• STUTTGART

Bayerkti w Staatsbibliothek

Alle Rechte, einschließlich der Fotokopie und Mikroverfilmung, des auszugsweisen Nachdrucks und der Übersetzung, vorbehalten. © 1963 Anton Hiersemann, Stuttgart. Printed in Germany. Satz und Druck: Buchdruckerei Otto KG., Heppenheim

INHALTSÜBERSICHT VORWORT VI EINLEITUNG 1 I. DIE FRIEDENSREGELUNG 1814-1815 7 1. Der 1. Pariser Friede 1814 7 2. Talleyrand und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongreß . . . 10 3. Der 2. Pariser Friede 1815 20 IL DIE AUSSENPOLITISCHEN FRAGEN DER NACHKRIEGSZEIT 1815-1818 24 1. Grundlinien der Außenpolitik 24 2. Die Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee 27 3. Die Regelung der Kriegsentschädigungen . 31 4. Das Ende der Besatzung - Die Erringung der Gleichberechtigung Der Kongreß von Aachen 1818 39 III. DAS DEUTSCHLANDBILD DER FRANZÖSISCHEN DIPLOMATEN 1814-1820 . . 42 1. Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten 42 2. Die Frage der Neuorganisation Deutschlands - Der Deutsche Bund . . 51 3. Die deutsche Nationalbewegung 67 4. Karlsbader Beschlüsse und Wiener Konferenzen 1819-1820 . . . 75 5. Die deutsche Staatenweit 79 a) Österreich 80 b) Preußen 83 c) die Mittel- und Kleinstaaten 95 IV. IM ZEITALTER DER KONGRESSE 1818-1824 101 1. Ausgangspunkte 101 2. Die Revolutionen in Südeuropa 104 3. Die orientalische Frage 106 4. Die spanische Intervention 113 5. Die Annäherung an Österreich 118 6. Die deutschen Staaten und der französische Wiederaufstieg . . . 120 V. DIE REVISION DER WIENER NEUORDNUNG ODER DAS PROBLEM DES FRANZÖSISCH-PREUSSISCH-RUSSISCHEN BUNDES 1825-1830 126 1. Vom Thronwechsel in Rußland bis zum Sturze Villèles 1825-1827 . . 126 2. Die Belebung der französischen Außenpolitik unter dem Kabinett Martignac-La Ferronnays 1825-1829 . . . . . . . . . 128 3. Vom Regierungsantritt Polignacs bis zum Frieden von Adrianopel . 147 4. Außenpolitische Niederlage und Isolierung 161 VI. DIE ENTSTEHUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS 1815-1830 170 1. Ausgangspunkte und erste Versuche einer Zolleinigung . . . . 170 2. Vorgänge in Süddeutschland 177 3. Der bayerische Bündnisantrag 184 4. Der preußisch-hessische Zollverein 189 5. Der mitteldeutsche Handels verein 191 6. An der Wende von 1828 zu 1829 . . . . . . . . . . 193 7. Der Anschluß des süddeutschen an den preußischen Zollverein . . 195 8. Auf dem Höhepunkt der französischen Erwartungen 205 9. Die Rückwirkung von Adrianopel auf die französische Deutschlandpolitik 208 VII. DAS ALGERISCHE UNTERNEHMEN UND DAS ENDE DER RESTAURATION 219 ZUSAMMENFASSUNG . . . 223 ANHANG I: Die Präsidenten des französischen Ministerrats und die Außenminister 1814-1830 231 ANHANG II: Die französischen diplomatischen Vertreter bei den deutschen Staaten 1814-1830 232 QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS 240 PERSONENVERZEICHNIS 247

VORWORT Die der Arbeit vorangehenden Zeilen brauchen nur weniges zu berühren. Sie sollen ihre Entstehung erklären, ihre Grundlagen kennzeichnen und den Dank an diejenigen aussprechen, die den Verfasser im Laufe ihrer Ausarbeitung gefördert haben. Der Gedanke, dem Verhältnis Frankreichs zu Deutschland während der anderthalb Jahrzehnte der Restauration eine Darstellung zu widmen, geht auf eine längere Reihe von Jahren zurück. Er wurde immer wieder belebt durch die Parallelen zwischen den fünfzehn Jahren, die der Katastrophe des Empire und der des Deutschen Kaiserreiches folgten, zudem durch die völlig neue Grundlegung der beiderseitigen Beziehungen nach der Katastrophe von 1945. Während mehrerer Jahre, in denen der Verfasser in Paris und Besançon lebte, hatte er die Möglichkeit, in den Archiven des französischen Ministeriums des Auswärtigen, im National-Archiv und in der National-Bibliothek in Paris die Forschungen für die Grundlegung seiner Arbeit zu betreiben. Die Arbeit ist umfangreicher geworden als ursprünglich geplant war. Der Verfasser möchte dafür weniger die Spannweite der Epoche und sein Streben, deren Vielseitigkeit darzustellen, verantwortlich machen als die Fülle bislang meist unverwerteten handschriftlichen Materials, das ihm zur Verfügung stand. Durch intensive Verarbeitung dieser Quellen hofft er, daß ihm die Gestaltung eines in vielem neuen Bildes möglich geworden ist. Dem Kenner wird auch in jenen Abschnitten, in denen weniger neuartige Aufschlüsse gebracht werden konnten und die doch in der Gesamtdarstellung bei aller Kürze des Berichts nicht fehlen durften, die vielfach geänderte Beleuchtung bewußt werden. Der Verfasser war bestrebt, nichts zu beschönigen und nichts zu verschärfen, sondern nach seiner Überzeugung und mit der vollkommensten Freiheit zu schreiben. Die Zeiten einer rein national bestimmten Geschichtsbetrachtung liegen weit hinter uns; persönlich weiß er sich beiden Völkern gleichermaßen verbunden. Andererseits ist er sich bewußt, daß seine Darstellung mit Widerspruch rechnen muß. Zu tief sind noch die politischen Gegnerschaften aus der Zeit des vergangenen europäischen Staatensystems sowohl in den Kreisen der Wissenschaft als auch in den populären Auffassungen mächtig. Zudem wird der Verfasser in manchem berichtigt werden können und echt wissenschaftlich gehaltene Belehrung immer dankbar annehmen.

Die Arbeit gründet sich nahezu ausschließlich auf archivalische Quellen. Ihren Kern bildet die Korrespondenz des französischen Ministeriums des Auswärtigen mit den Gesandtschaften in Deutschland. Auch die Korrespondenz mit den Botschaften bei den Höfen der außerdeutschen Großmächte, die für viele Fragen notwendig ist, wurde hinzugezogen. Die in Betracht kommenden Dokumente befinden sich in den Archiven des Quai d'Orsay. Sie sind in handliche Lederbände von Folioformat gebunden. Diese Akten - Correspondance Politique, Correspondance Commerciale, Mémoires et Documents - sind nach den einzelnen Ländern eingeteilt und chronologisch geordnet. Geheimanweisungen oder -berichte sind nicht mitgebunden, sie liegen in Sonderfaszikeln jeweils den betreffenden Bänden bei. Auf Grund gedruckter Sachverzeichnisse ist alles leicht auffindbar. Die Gruppe der Correspondance Politique ist die umfang- und aufschlußreichste; den beiden anderen Sachgruppen, Correspondance Commerciale und Mémoires et Documents, war geringere Bedeutung zuzumessen; zu allgemeiner Information diente die Sachgruppe der ungebundenen und oft unvollständigen Dossiers Personeis. Ober den Wert und Unwert der seit Ranke von den deutschen Historikern immer wieder mit größtem Vorteil für die Darstellung der Außenpolitik herangezogenen diplomatischen Korrespondenzen hat der Verfasser sich an dieser Stelle nicht auseinanderzusetzen. Er ist bei der Benutzung des ihm zur Verfügung stehenden Materials nicht kritiklos verfahren. Nach mehrjähriger Lektüre der diplomatischen Korrespondenzen glaubt er, diese als eine Quelle von hervorragendem Wert bezeichnen zu können. Eine solche Würdigung bezieht sich nicht nur auf die Aufhellung der französischen Geschichte, sondern ebenso auf deren Bedeutung als wertvolle Ergänzung unserer eigenen deutschen Quellen, die für diese Zeit zuweilen spärlich fließen und von denen ein erheblicher Teil während des Zweiten Weltkrieges verloren gegangen oder in seiner Folge uns nicht zugänglich ist. Die Möglichkeit, einen Teilabschnitt deutscher Geschichte mit den Augen französischer Beobachter zu betrachten, ist von nachdrücklich zu betonendem Wert. Man wird es begreiflich finden, daß an eine völlig erschöpfende Durcharbeitung der schier unermeßlichen Bestände des National-Archivs und der Handschriftenabteilung der National-Bibliothek, zumal immer nur eine beschränkte Arbeitszeit zur Verfügung stand, nicht zu denken war. Selbstverständlich ist der Verfasser bemüht gewesen, auch das umfangreiche und zerstreute Schrifttum in deutscher und vornehmlich in französischer Sprache heranzuziehen. Die jtneisten dieser Werke sind in den deutschen Bibliotheken nicht zugänglich und auch in Frankreich oft nur in der National-Bibliothek in Paris vorhanden. Die Literatur ist reichhaltig an Korrespondenzen und Erinnerungen und enthält außerdem eine Reihe von Gesamt- oder Teildarstellungen. Auch sind gelegentlich

Presseäußerungen herangezogen worden, um den Pulsschlag der öffentlichen Meinung Frankreichs zur Außenpolitik herauszufühlen. Noch kurz einige weitere Bemerkungen zur Arbeitsweise. Auf die Verbesserung früherer Veröffentlichungen wurde verzichtet, sie hätte zu weit geführt. Auch schien es nicht im Sinn der Arbeit zu liegen, Irrtümern und Fehlurteilen nachzugehen und an Werken hervorragender Gelehrter schulmeisterlich herumzukorrigieren. Die Anmerkungen beschränken sich daher auf kurze Angaben über die Herkunft der Zitate. Nur ausnahmsweise wurde diejenige Literatur in den Anmerkungen angeführt, die generell eine unentbehrliche Hilfe für die Gewinnung des Gesamtbildes ist. Diese Hauptwerke, in deutscher und französischer Sprache, sind im Literaturverzeichnis genannt worden. Selbstverständlich wurde an allen nur irgendwie als bedeutend aufgefaßten Stellen die Herkunft der Zitate aus den Quellen belegt. Editionstechnisch wurde folgendermaßen verfahren: offensichtliche orthographische Fehler der Vorlage wurden verbessert, andererseits aber stilistische, an denen die Entzifferung der Chiffren gar nicht arm ist, auf dem Stand des Originals belassen. Zum Schluß ist noch denen zu danken, durch deren Teilnahme es möglich wurde, diese Arbeit durchzuführen. Hier steht an erster Stelle Herr Professor Dr. Fritz Wagner-Marburg, der den Vorschlag, das Thema zu behandeln, bereitwillig aufnahm und unterstützte. Zu gleichem Dank fühlt sich der Verfasser Herrn Professor Dr. Ludwig Dehio verpflichtet, der es nie an ermutigenden Worten fehlen ließ. Sodann ist es sein aufrichtiges Anliegen, an dieser Stelle eine Dankesschuld für die persönliche und wissenschaftliche Förderung, die er während einer Reihe von Jahren von französischer Seite erfahren hat, abzutragen. Insbesondere ist des verstorbenen Professors J. Denis zu gedenken, der sich besonders für den langjährigen Aufenthalt in Frankreich einsetzte; ebenso sei aber auch den Herren Professoren R. Ayrault, P. Doli, Ch. Pouthas, P. Renouvin und Ed. Vermeil gedankt. Gern erinnert sich aber auch der Verfasser der wertvollen Unterstützung, die seine Forschungen in den Archiven des Quai d'Orsay, in der National-Bibliothek und im National-Archiv erfuhren. Herrn Professor Dr. Eugen Ewig-Mainz und den Herren der Kommission zur Erforschung der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ist für die Ehre der Aufnahme der Arbeit in der Reihe der Pariser Historischen Studien zu danken. Der Herr hessische Minister für Erziehung und Unterricht und der Marburger Universitätsbund haben in dankenswerter Weise die Drucklegung finanziell unterstützt. Herrn Dr. Hermann Weber und Herrn Pasteur Martin Wilhelm gebührt der Dank für das Mitlesen der Korrekturen. PARIS, im Februar 1963 KARL HAMMER

EINLEITUNG Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland hat die Geschichtsschreibung beider Länder immer wieder beschäftigt. Die historische Arbeit hat sich dabei vorzugsweise um die „großen Epochen" der beiderseitigen Beziehungen in Krieg und Frieden bemüht. Die Zwischenzeiten fanden weniger Beachtung. Daher ist auch das Zeitalter der Restauration bislang so etwas wie eine „terra incognita* geblieben. Es ist uns keine ältere Arbeit in deutscher Sprache bekannt, die sich bereits speziell mit dem Thema beschäftigt hätte. Nur in einer Reihe großer Darstellungen der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert oder der deutsch-französischen Beziehungen ist es mehr oder weniger ausführlich berührt worden. Von einer erschöpfenden Behandlung kann aber keine Rede sein, da die Verfasser dieser Werke andere Ziele als wir vor Augen hatten und ihnen unsere französischen Quellen nicht zur Verfügung standen1). Eine Ausnahme unter diesen oft weit zurückliegenden Veröffentlichungen bildet in dieser Hinsicht A. von Sterns „Geschichte Europas"2), auch heute noch ein vorzügliches Nachschlagewerk, für das wenigstens in beschränktem Maße französische Quellen herangezogen wurden. Es ist jedoch eine problemarme Darstellung, die zudem durch den Fortgang der wissenschaftlichen Forschung überholt ist. Stern sah die Restauration in Frankreich mit den Augen des liberalen Betrachters und malte sie dementsprechend in den schwärzesten Farben. Ähnliches gilt für seinen Aufsatz über das Polignacsche Teilungsprojekt, das er als ein Erzeugnis der wirren Phantasie seines Urhebers hinstellte und als Ausdruck eines hybriden französischen Nationalismus wertete3). Mit dem zentralen außenpolitischen Problem, nämlich der orientalischen Frage, das alle Staaten in der Zeit von 1815-1830 bewegte, be-

l ) Gervinus, Geschichte des 19. Jahrhunderts, Berlin 1860 f.; Treitsdike, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Leipzig 1889 f.; Marcks, Der Aufstieg des Reiches, Stuttgart 1936; Oncken, Hermann, Die historische Rheinpolitik der Franzosen, Stuttgart 1922; Haller, Johannes, 1000 Jahre deutsch-französische Beziehungen, Stuttgart 1939. ') Stern, A. von, Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871, Berlin 1894 f. 8 ) Stern, A. von, Das Polignacsche Teilungsprojekt, H.V.J.Z. 1900, Heft 1, S. 49-77.

1 Hammer, Französ. Restauration

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schäftigten sich K. Ringhoffer vom preußischen und Th. Schiemann vom russischen Standpunkt aus 4 ). Aber weder der eine noch der andere hatte Zugang zu archivalischen Quellen in Frankreich. Ihre Aufgabe sahen sie begrenzt auf eine Darstellung der preußischen bzw. russischen Politik jener Jahre, Ringhoffer in einer im preußischen Sinn hagiographisch gefärbten Weise. Die französische Politik wurde gelegentlich gestreift. Das ganze innen- und außenpolitische System des Zeitalters der Restauration wurde von der österreichischen Seite her durch H . v. Srbik in seinem großen Metternich-Werk behandelt 5 ). Srbik hob die alles beherrschende Gestalt des österreichischen Staatskanzlers hervor, ohne zwar auf die tieferen Gründe und Umstände des Niederganges seines Einflusses gegen Ende der zwanziger Jahre einzugehen. Gerade für diesen Zeitabschnitt konnten für die Stellung des Fürsten Metternich bislang unbekannte Gesichtspunkte erarbeitet werden. Während man die orientalische Frage aufgrund der mannigfachen politischen Kombinationen, die mit ihr verbunden waren, in früherer Zeit beleuchtet hat, steht für die erste Zeit der französischen Außenpolitik nach 1815 überhaupt keine Einzelliteratur zur Verfügung. N u r in ganz allgemeinen Wendungen hat z. B. Treitschke die erste Zeit französischer Beziehungsaufnahmen in Deutschland nach den Freiheitskriegen in seiner farbenreichen, aber sehr parteiischen Deutschen Geschichte behandelt. Aber das geschah vor über einem Dreivierteljahrhundert. Unbeachtet blieb bis zum heutigen Tage die einzigartige Quelle, die wir in den Berichten des französischen Gesandten am Bundestag, des GoetheFreundes Reinhard, für das Nachkriegsdeutschland besitzen. Kein Geringerer als Talleyrand maß der Berichterstattung des zu einem führenden französischen Diplomaten gewordenen ehemaligen Tübinger Stiftlers höchsten Wert zu, wenn er in seiner Trauerrede auf den alten Freund und Weggenossen vor dem Institut dessen Feder als die hervorragendste und scharfsinnigste unter denen der zeitgenössischen Diplomaten würdigte 6 ). Diese Berichte sind vor allem im ersten Teil der vorliegenden Arbeit verwertet worden. Erst in neuerer Zeit, aber auch schon wieder zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegend, hat sich die deutsche Forschung mit der Entstehung des Deutschen Zollvereins beschäftigt7). In einer diesem Gegenstand gewidmeten großen Akten4 ) Ringhoffer, Karl, Ein Dezennium preußischer Orientpolitik z. Zt. des Zaren Nikolaus, 1821-1830, Berlin 1897; Schiemann, Theodor, Geschichte Rußlands unter Kaiser Nikolaus L, Berlin 1904-1909. 6 ) Srbik, Heinrich von, Metternich, der Staatsmann, der Mensch, München 1925. e ) Eloge de M. le Comte Reinhard, Prononcé par M. le Prince de Talleyrand à l'Institut 3. 3. 1838, Paris 1838, S. 14. 7 ) Vorgeschichte und Begründung des Deutschen Zollvereins, 1815-1834, herausgegeben von H. Oncken, W. von Eisenhardt-Rothe, A. Rittaler, München 1934 (abgekürzt Vorg.).

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Veröffentlichung sind auch Dokumente französischer Herkunft abgedruckt worden, jedoch nur in beschränkter Auswahl. Dieses Unternehmen zielte nicht unbedingt auf die Erfassung der Einstellung der europäischen Mächte zur Begründung des Zollvereins. Dennoch haben sich die Herausgeber Oncken, v. Eisenhardt-Rothe und Rittaler in den Gesamt- bzw. Teileinleitungen aufgrund des ihnen zur Verfügung stehenden Materials auch über die französische Einstellung zu dem entstehenden Zollverein geäußert: Oncken in der ihm eigenen scharf deutsch-nationalen Haltung; Eisenhardt-Rothe und Rittaler ruhiger und sachlicher. Von allen ist die französische Beurteilung der in den Zollmaßnahmen begründeten wirtschaftlichen und politischen Folgen für Deutschland ebenso wie für Frankreich gewürdigt worden. Die Zurückhaltung der französischen Regierung gegenüber Ereignissen von zweifellos großer Tragweite wurde ausschließlich auf wirtschaftspolitische Überlegungen zurückgeführt. Erwägungen, wie man die sich in Deutschland vollziehende innere Wandlung in die größeren, Deutschland umgreifenden europäischen Vorgänge einbeziehen könnte, sind unterblieben. Die Begründung des Deutschen Zollvereins wurde im großen und ganzen als Vorstufe des rein deutschen, nationalen Einheitswerkes gesehen. Der Bezug auf die große Politik unterblieb. Gerade diese Fragestellung ist wenig später das Thema einer Göttinger Dissertation gewesen 8 ). K. Schenk, ihr Verfasser, konnte erst den Versuch der Antwort wagen, nachdem ihm die Veröffentlichung der französischen Gesandtschaftsberichte aus München durch A. Chroust 9 ) neues Material geboten hatte, das über das von Oncken und seinen Mitarbeitern benützte weit hinausging. So bedeutsam nun aber die Chroustsche Sammlung ist, so muß doch gesagt werden, daß sie ausschließlich nach Gesichtspunkten einer zu schreibenden bayerischen Landesgeschichte angeordnet wurde. Ihr Herausgeber, der unter dem Zwang einer Druckbeschränkung stand, konnte nur eine Auswahl der Gesandtschaftsberichte veröffentlichen. Aus diesem Grunde haben wir auch nicht gezögert, für unsere Arbeit die gesamte Korrespondenz des Pariser Ministeriums mit der Münchner Gesandtschaft aufs neue durchzusehen. Diese Mühe wurde, wie der Leser beobachten wird, belohnt. Auch Schenk meinte, wohl unter dem Eindruck der Onckenschen These, das Scheitern des französischen Versuches, mit Hilfe der deutschen Mittel- und Kleinstaaten eine Eindämmung des preußischen Wirtschaftseinigungswerkes zu erreichen, auf die mangelnde wirtschaftspolitische Ein-

8 ) Schenk, Karl, Die Stellung der europäischen Großmächte zur Begründung des Deutschen Zollvereins 1815-1834, Göttinger Dissertation von 1939. 9 ) Gesandtschaftsberichte aus München, Abteilung I, Die Berichte der französischen Gesandten, Band 1, 1816-1825, 2, 1825-1831, hrsg. von A. Chroust, München 1935 f. (Abgekürzt Chr.).

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sieht führender französischer Wirtschaftskreise zurückführen zu müssen. Die außenpolitischen Pläne der französischen Regierung, denen wir hohe Bedeutung zumessen, wurden gar nicht erwogen. Die Zolleinigungspläne wurden also ohne Zusammenhang mit den Vorgängen innerhalb des europäischen Staatensystems gesehen. Mit diesen wenigen eben aufgeführten deutschen Stimmen haben wir schon die bedeutendsten, die unser Thema in früherer Zeit berührt haben, gewürdigt. Wenden wir uns nun den in französischer Sprache geschriebenen zahlreicheren Werken zu. Die Geschichte der Restauration wurde in Frankreich zu einem Zeitpunkt geschrieben, als Akademie, Institut und der größte Teil der Universität von der orléanistischen Gesellschaft beherrscht waren. Entsprechend tragen diese Darstellungen, deren Entstehung von der Mitte der fünfziger bis in die siebziger Jahre fällt, die Züge der liberalen Opposition. Die Gegenstimmen der legitimistischen Royalisten sind freilich nicht ausgeblieben und haben sich vor allem nach 1870, als die Frage der Wiederherstellung der Monarchie akut war, hören lassen. Die Beurteilungen entsprachen aber in jedem Falle dem Parteistandpunkt des jeweiligen Verfassers. „Der Primat der Innenpolitik" herrscht vor. In allen diesen Werken wird vor allem die innere Ausbildung Frankreichs geschildert, d. h. die Entwicklung des Parlamentarismus. Die Außenpolitik wird vernachlässigt, da sie die Gemüter weniger beschäftigte als die Innenpolitik. Hinzufügend sei bemerkt, daß in der Frage der Außenpolitik sich alle Parteien, so grundsätzlich ihre Meinungen in der Innenpolitik auseinandergingen, einig waren: Revision der Wiener Verträge. Übrigens war der Zugang zu den diplomatischen Akten zu jener Zeit noch nicht gestattet10). Nur eine jener Darstellungen der Restauration behandelt in ganz großen Zügen die Entwicklung der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs. Ihr Verfasser besaß als ehemaliger Diplomat einige Vorstellungen von den diplomatischen Vorgängen der Epoche11). In nur geringem Maße hat in Frankreich in der Zeit des französisch-russischen Bündnisses vor dem Ersten Weltkrieg die frühere Freundschaft mit Rußland - anders als das für das Verhältnis zu England der Fall war - das Interesse der Historiker gefunden. Das Zeitalter der Restauration stand zu tief in der Achtung. Die Freundschaft nach 1815 hatte sich zu wenig bezahlt gemacht, als daß man es wagen mochte, sie einer Generation, 10 ) Capefigue, Histoire de la restauration, 10 Bde., Paris 1831-33; Duvergier de Hauranne, Prosper, Histoire de la restauration, 10 Bde., Paris 1857-72; Nettement, A. 8 Bde., Paris 1860-72, Histoire de la restauration; Vaulabelle, A., Histoire de la restauration, 8 Bde., Paris 1857 f. u ) Viel-Castel, Histoire de la restauration, 20 Bde., Paris 1860-78.

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die sich damals alles von dem Bunde der Republik mit dem autokraten Zarentum versprach, ins Gedächtnis zu rufen. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wandte sich das historische Interesse in Frankreich wieder der Restauration zu. Konservatives Denken, katholischer Glaube und die ermutigende Erinnerung an den glückhaften inneren und äußeren Aufstieg eines nach einer Periode übermenschlicher Anstrengungen erschöpften und gedemütigten Landes haben diese Arbeiten angeregt. So hat Berthier de Sauvignys ausgezeichnete Geschichte der Restauration den Hauptakzent auf die bemerkenswerte innere Genesung und den großen wirtschaftlichen Aufschwung Frankreichs unter der Regierung seiner beiden letzten „legitimen" Könige gelegt12). Die weniger erfolgreiche außenpolitische Entwicklung wurde demgemäß nur am Rande behandelt, damit aber gerade der entscheidenden Frage aus dem Wege gegangen. Warum zeigte sich die öffentliche Meinung des Landes gegenüber allen im Verlauf von anderthalb Jahrzehnten durch die Regierung errungenen wirtschaftlichen und auch politischen Erfolgen unempfindlich? Wie kam es, daß sich die Kluft zwischen Nation und Thron bis zu dessen Sturz immer mehr vertiefte? Ebensosehr vermissen wir Antwort auf diese Frage in einer Reihe von Einzelarbeiten - vornehmlich biographischen Charakters - zur Geschichte der Restauration, die ungefähr gleichzeitig entstanden sind und von ähnlichen Gesichtspunkten geleitet wurden13). Wir besitzen eben keine Geschichte der Außenpolitik der Restauration in Frankreich. Der Verfasser verdankt einer Vorlesung von Charles Pouthas an der Sorbonne über die Außenpolitik der parlamentarischen Monarchie Anregung und Belehrung. Er glaubte aber nach einer jahrelangen Lektüre der diplomatischen Korrespondenz zu anderen Schlüssen kommen zu müssen. Zu einer Verharmlosung der französischen Außenpolitik, wie sie von Pouthas vertreten wurde, vermag er sich nicht zu entschließen. Vielleicht kam Pouthas zu seiner Einstellung besonders durch die berechtigte Reaktion auf die Tendenzen eines Buches, das man als oberflächlich bezeichnen muß. Indem Pouthas dessen Tendenzen abmilderte und umbildete, kam er aber - unserer Auffassung nach wieder zu falschem Schluß. So erschien die Außenpolitik der Restauration eb'enso aktions- wie ergebnislos. Wir beziehen uns hier auf G. Grosjeans „La politique extérieure de la Restauration et l'Allemagne " 1 4 ). Diese Studie verdankt ihre Existenz der politisch bewegten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre parteiisch 12 ) 18

Berthier de Sauvigny, Georges, La restauration, Paris 1955. ) Fourques-Duparc, J., Le troisième Richelieu, Paris 1949; Fourcassié, J., Villèle, Paris 1955; Robin-Harmel, P., Le Prince Jules de Polignac, Avignon 1941. lé ) Grosjean, Georges, La politique extérieure de la restauration et l'Allemagne, Paris 1930.

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und tendenziös vorgetragenen Behauptungen sind besonders deshalb untragbar, weil ihre wissenschaftliche Unterbauung wahllos und höchst oberflächlich ist. Auch von französischer Seite hat man sie als „un travail assez peu utilisable" charakterisiert15). Dank schuldet der Verfasser dagegen einer Studie von P. Rain über Europa und die Wiedereinsetzung der Bourbonen, die ihm rasche Einarbeitung in die Problematik der politischen Vorgänge in Frankreich nach 1815 ermöglichte16). Das Schrifttum zur Geschichte der Restauration ist umfangreicher als man anfänglich glaubt. Nur das am wichtigsten Erscheinende konnte hier aufgeführt werden. Die Frage der französisch-deutschen Beziehungen wird mehrfach angeschnitten. Trotz verschiedener Teil- oder Gesamtdarstellungen sind vielfach Unklarheiten und Zweifelsfragen geblieben. Sogar erhebliche Fehler oder Fehldeutungen sind durch die Literatur immer weiter geschleppt worden. Eine befriedigende Antwort, die den Gesamtkomplex behandelt, ist bis jetzt nicht gegeben worden. Ein klareres und richtigeres Bild von dem Gange der französisch-deutschen Beziehungen von 1814-1830, den außenpolitischen Verhandlungen, Plänen und Lösungen zu gewinnen, wurde uns, wie wir hoffen, durch die vorgenannten ausgebigen Nachforschungen in den französischen Archiven möglich. Sie gaben nicht nur Aufschluß über zahlreiche im Schrifttum unbeachtete oder falsch gesehene Einzelheiten, sondern förderten auch in erheblichem Maße die Gesamtschau. Die Außenpolitik der Restauration, ihre Ursachen, ihre Tragweite und ihr Verlauf für die Probleme Deutschlands konnte so in vieler Hinsicht klarer und vollständiger als bisher dargestellt werden.

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) Clio, L'époque contemporaine, I, restaurations et révolutions 1815-1871 par Jacques Droz, Paris 1953, S. 582. 10 ) Rain, Pierre, L'Europe et la restauration des Bourbons 1814-1818, Paris 1908.

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I Bayerische I Staatsbibliothek [

MÜNCHEN

I. DIE FRIEDENSREGELUNG 1814-1815 1. Der 1. Pariser Friede - 1814 Der Waffenstillstand vom 23. April 1814 zwischen den Alliierten und Talleyrand als dem Chef der Provisorischen Regierung Frankreichs beendete Kriegshandlungen, die nahezu zweieinhalb Jahrzehnte gedauert und Europa immer wieder erschüttert hatten. Die französische Grenze, die als Demarkationslinie für die sich aus Frankreich zurückziehenden feindlichen Truppen festgesetzt wurde, deutete bereits die Friedensgrenze an. „Die natürlichen Grenzen" Frankreichs schienen also preisgegeben. Die Waffenstillstandsbedingungen mußten in der französischen Öffentlichkeit eine peinliche Ernüchterung hervorrufen, denn sie zerstörten letzte Illusionen1). Bis zum Ende des schon aussichtslos gewordenen Kampfes hatte Caulaincourt, der französische Unterhändler, auf dem Kongreß von Chatillon noch immer auf dem Standpunkt beharrt, daß die Gebiete, die Frankreich diesseits des Rheines und der Alpen durch die Revolution gewonnen hatte, den Gewinn Rußlands, Österreichs und Preußens in den polnischen Teilungen und den Türkenkriegen, und den Englands in Asien nicht aufwiegen würden. Auf französischer Seite war man nicht bereit gewesen, die Grenzen aufzugeben, die nach der Auffassung des revolutionären Frankreich das gestörte europäische Gleichgewicht erst wiederhergestellt hatten. Talleyrand begründete später die rasche Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit dem harten Gesetz der Notwendigkeit, dem er sich habe beugen müssen2). In manchen Punkten hatte er bereits günstigere Bedingungen erlangt. Im feindlichen Hauptquartier waren nämlich insbesondere von Seiten der Militärs (Blücher, Schwarzenberg, Wrede) wesentlich schärfere Bestimmungen gefordert worden3). Zu diesem Zeitpunkt war die französische Bevölkerung auch *) Dupuis, Charles, Le premier ministère de Talleyrand en 1814, Paris 1919, Bd. I, S. 145, 155, 281. f ) Talleyrand, Mémoires, Paris 1891/92, Bd. IV, S. 408. 8 ) Dupuis, Bd. I, S. 83; Bonnay an Richelieu, Berlin, 18. 6. 1816, (Mitteilung des Grafen Rechberg, bayerischer Gesandter in Berlin und während des Krieges bayerischer General im alliierten Hauptquartier, über die Forderungen der Militärs), Prusse Gorr. Pol. Bd. 253.

I. Die Friedensregelung 1814-1815

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des langen Krieges überdrüssig und sehnte den Frieden herbei. Unter diesem Eindruck hatte sich sogar vorher der Regentschaftsrat unter dem Vorsitz des Königs Joseph mit nur einer ablehnenden Stimme für die Annahme der Bedingungen von Châtillon, also für einen Frieden auf der Grundlage der alten Monarchie, ausgesprochen. Schließlich hatte Napoleon selbst, zwar in einer Stunde tiefster Niedergeschlagenheit, durch Caulaincourt einen ähnlichen Frieden anbieten lassen4). Bald nach Unterzeichnung des Waffenstillstands kehrte Ludwig XVIII. auf den Thron seiner Väter zurück. Frankreich erhielt eine reguläre Regierung, die von Talleyrand gebildet wurde. Einer hatte den anderen nötig: Ludwig XVIII. brauchte Talleyrand und Talleyrand brauchte Ludwig XVIII. 5 ). Die außenpolitischen Vorstellungen des Königs waren denen seines leitenden Ministers verwandt. Beide gehörten derselben Generation an, waren Kinder des 18. Jahrhunderts. Ihre außenpolitischen Anschauungen waren in ihrer Jugend geprägt worden6). Vergennes war für alle außenpolitischen Fragen der Lehrmeister dieser Generation gewesen. Jene vorrevolutionäre klassische Richtung, nach der mehr durch die Kunst eines politischen Spiels als nach festen Regeln oder gar durch militärischen Kraftaufwand der territoriale status quo Europas in Gleichgewicht gehalten und dabei Frankreichs Vorrang gesichert werden sollte, war für sie der einzig denkbare Weg neuer französischer Außenpolitik. Ludwig XVIII. hatte sich während seines Exils in verschiedenen Proklamationen zu der Tradition der Außenpolitik seiner Jugend bekannt und sich gegen Ende des Krieges zum Friedensschluß unter der Bedingung der Wahrung der französischen Staatsgrenzen vor Ausbruch der Revolution bereit erklärt. Die Verständigung mit England war sein allerpersönlichstes Anliegen, Rußland mißtraute er, da dessen schneller, ungeheuerer Aufstieg seinen klassischen Vorstellungen widerstrebte; schließlich war für den „Enkel des Heiligen Ludwig", der einen entsprechenden Rang unter den Herrschern Europas beanspruchte, der Zar kaum mehr als der Nachfolger irgendeines Tartarenkhans. Von den beiden deutschen Großmächten war ihm Österreich - der Erbfeind seines Hauses traditionell verhaßt, während Preußen, dieser „parvenu" des XVIII. Jahrhunderts, kaum mehr galt als eine Art arrivierter „Marquis de Brandebourg". Die

4 ) 6

Bourgeois, Bd. II, S. 544. ) Sorel, A., L'Europe et la révolution française, Paris 1904, Bd. 8, S. 342. °) Lucas-Dubreton, J., Louis XVIII, Paris 1925; De La Gorce, Pierre, Louis XVIIL, Paris 1926; Lacour-Gayet, Georges, Talleyrand, Paris 1928 f.; Madelin, Louis, Talleyrand, Paris 1944.

1. Der 1. Pariser Friede - 1814

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Teilung Deutschlands im Sinne des Westfälischen Friedens war ihm eine selbstverständliche Voraussetzung 7 ). Auch Talleyrand hatte trotz aller augenscheinlichen Wechsel, die er überstanden hatte, die außenpolitischen Traditionen seiner Jugend nie ganz über Bord geworfen. Er war niemals ein ausgesprochener Imperialist gewesen und immer gegen eine Politik der Eroberungen und für eine des Maßhaltens eingetreten. Von der frühesten Jugend an bis in sein höchstes Alter war er ein Freund des Ausgleichs mit England. Schon zu Beginn seiner außenpolitischen Laufbahn hatte er in der berühmten Londoner Denkschrift von einer Politik der Eroberungen abgeraten: „La France doit rester circonscrite dans ses propres limites.. ," 8 ). Sie hätte ebenso sein politisches Testament sein können. Seine warnende Stimme war nicht gehört worden. Die Republik hatte erst die „natürlichen Grenzen" erobert und war dann über diese siegend hinweggestürmt. Natürlich hatte Talleyrand zwei Jahrzehnte lang an einer Politik mitgewirkt, die wohl in Wahrheit seinen innersten Überzeugungen widersprach. Gelegentlich hatte er seine entgegengesetzten Auffassungen vorsichtig angedeutet. Als dann Napoleon mit seinen Plänen immer mehr ins Weite griff und sich in unübersehbare Kriege verstrickte, ging Talleyrand in den versteckten, später sogar offenen Widerstand über und verrkt seinen Herrn schließlich9). Talleyrand hielt also wenig von den Eroberungen der Revolution und des Kaiserreiches. Der einzige Trumpf, den Frankreich 1814 noch in der H a n d hielt, war seiner Meinung nach rücksichtloser Verzicht auf jede Politik territorialer Forderung. Um das Mißtrauen Europas gegenüber Frankreich zu beseitigen, war er bereit, den Tatsachen Rechnung zu tragen. Gerade auf territorialer Uneigennützigkeit konnte in der Zukunft die Stärke der französischen Politik beruhen, indem sich nämlich alle diejenigen Staaten Europas, die durch eine imperialistische Politik bedroht waren, veranlaßt fühlten, sich um Frankreich zu scharen. Ohne zu zögern nahm Talleyrand die Waffenstillstandsbedingungen an. Bereits fünf Wochen nach Abschluß des Waffenstillstandes wurde am 30. Mai 1814 der Friedensvertrag in Paris unterzeichnet. Seine Abfassung erfolgte aufgrund der früher in Châtillon und dann im Waffenstillstandsabkommen gestellten Forderungen. Im Prinzip war die Frage der zukünftigen Grenzen Frankreichs gelöst, nur ihr genauerer Verlauf blieb noch festzulegen. Frankreichs Grenzen wurden nach dem Stand vom 1. Januar 1792 wiederhergestellt. Einige

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) Sorel, Bd. VIII, S. 342 f. ) Madelin, S. 57 f., 102 (Aus der Londoner Denkschrift vom 25. 11. 1792 „Les rapports actuelles de la France avec les autres états de l'Europe" für Lebrun und Danton). ») Madelin, S. 215. 8

I. Die Friedensregelung 1814-1815

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für Frankreich vorteilhaftere Grenzveränderungen - im Hinblick auf unser Thema: u. a. an der belgischen Grenze, dann Saarbrücken, Landau usw. waren bewilligt worden. Es handelte sich also um die ein wenig verbesserten Grenzen des vorrevolutionären Frankreich. Talleyrand hoffte ursprünglich, für Frankreich eine strategisch günstigere, weiter nördlich und östlich verlaufende Grenze zu erhalten. Aber hier - in der territorialen Frage - stieß er auf den einmütigen Widerstand der Verbündeten, und da er garnicht auf langes Feilschen ausging, gab er sofort nach10). In allen Fragen zweiter Ordnung waren die Verbündeten gewillt, großzügig zu verfahren. Frankreich sollte weitgehend geschont werden. So konnte Talleyrand sogar einige Erfolge buchen. Die Verbündeten forderten keine Kriegsentschädigungen, nur von preußischer Seite wurden entsprechende Vorstöße unternommen. Der Freiheit der Schiffahrt auf Rhein und Scheide wurde zugestimmt usw. Einzig und allein die Friedensbedingungen zwischen Frankreich und den Verbündeten waren Gegenstand dieses Vertrages. Unter den gegebenen Umständen ist der Erste Pariser Friede wohl der bestmögliche gewesen, den Frankreich erhalten konnte. Talleyrand hat Frankreich 1814 mit Geschick aus einer einzigartigen Katastrophe gerettet und meisterhaft mit den wenigen Trümpfen, die in seiner Hand waren, zu spielen gewußt. Ohne das Entgegenkommen der Verbündeten, die von dem Wunsche beseelt waren, so schnell wie nur möglich Europa den ersehnten Frieden zu geben, wäre die Lösung der ihm gestellten Aufgaben schwieriger gewesen11). 2. Talleyrand und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongreß Der Pariser Vertrag vom 30. Mai 1814 hatte lediglich den Frieden wiederhergestellt. Die künftige Ordnung Europas, insbesondere die Verfügung über die von Frankreich abgetretenen Gebiete, waren der Entscheidung eines in Wien abzuhaltenden Kongresses vorbehalten. Der französischen Regierung waren die europäischen Neugestaltungspläne der Alliierten in großen Zügen bekannt. Frankreich sollte von allen Verhandlungen, die nicht sein eigenes Schicksal betrafen, ausgeschlossen werden, ohne daß man andererseits aber die Teilnahme an dem Kongreß verwehrte. Gemessen an der Zurückweisung, die Caulaincourt in Châtillon zuteil geworden war12), bedeutete die Aufforderung zur Teilnahme

l0

) Talleyrand, Mémoires, Bd. III, S. 199; Lacour-Gayet, Bd. II, S. 418. ") Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 202 f., Bd. III, S. 197; Madelin, S. 310 (Äußerungen Talleyrands zur Herzogin Dorothea von Kurland). 12 ) Angeberg, Actes de Congrès de Vienne, Paris 1864, S. 111, 134.

2. Talleyrand und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongreß

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bereits einen Prestigeerfolg der neuen Regierung. Talleyrand war sich der Frankreich gebotenen Chancen bewußt. Selbst die während des Londoner Besuches der verbündeten Monarchen erfolgte Erneuerung des Paktes von Chaumont vermochte seinen Optimismus nicht zu dämpfen13). Erst nach und nach wurde man sich auf der französischen Seite darüber klar, daß die Absicht der Alliierten über die rein protokollarische Höflichkeit der Aufforderung zur Teilnahme am Kongreß nicht hinausging. Man beabsichtigte vielmehr, Prankreich von der Regelung der europäischen Neuordnung auszuschalten. Frankreich sollte auf die Rolle einer ersten Macht zweiten Ranges herabgedrückt werden. Die Neugestaltung Europas sollte ohne seine Mitwirkung erfolgen14). Die Aufgabe der französischen Vertreter auf dem Kongreß war also schwierig. Sie mußten eine Möglichkeit ausfindig machen, Frankreich den ihm innerhalb der europäischen Mächte traditionell gebührenden Platz zurückzuerobern, um von dort aus wieder in die Linie seiner „alten" Außenpolitik einschwenken zu können15). Für die Vertretung einer Außenpolitik, die an die Traditionen des ancien régime anzknüpfen wünschte, kam natürlich niemand anders in Frage als Talleyrand selbst. Er fühlte sich dieser Aufgabe gewachsen und war trotz gelegentlicher Skepsis überzeugt, auf dem Kongreß „ seine" Rolle zu spielen. Die Berechnungen über die Art seines Vorgehens stellte er in Übereinstimmung mit seinem neuen Monarchen in einem selbstverfaßten Schlachtplan zusammen: den berühmt gewordenen Instruktionen für Wien16). Sie zählen zu den Meisterwerken der französischen Diplomatie und waren bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts für die französische Außenpolitik von grundlegender Bedeutung17). In diesen Instruktionen sind die Leitgedanken der französischen Außenpolitik zu Beginn der Restauration festgelegt. Wenn man sie mit den Ergebnissen des Kongresses vergleicht, wird die Leistung der französischen Vertreter deutlich. Ihre Analyse hat sich im Hinblick auf unser Thema zu beschränken. Der größere außenpolitische Rahmen aber darf nicht außer acht gelassen werden. Wie hatten demnach die französischen Interessenvertreter in Wien vorzugehen? Sie mußten, nachdem die Stellung des Gegners bekannt war, ein Gelände wählen, auf dem sie sicher sein konnten, seine Strategie zu stören. Frankreich mußte sich nahezu unmerklich und ohne Beunruhigung hervorzurufen zwischen

18 ) u

Talleyrand an La Châtre, Paris 13. 6. 1814. ) Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 205; Pasquier, Mémoires Bd. II, S. 67 f. ") Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 206. 16

) Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 241 f.; Angeberg, Acte du Congrès de Vienne, Paris 1864, S. 215 f. 17 ) Sorel, Bd. V I I , S. 372; Madelin, S. 317; Berthier, S. 119.

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I. Die Friedensregelung 1814-1815

die beiden Parteien der Alliierten gleiten lassen. Hierauf war in die Linien der Gegner eine Bresche zu schlagen und eine feste, unangreifbare Stellung - die des legitimen Prinzips - einzunehmen. Dann hatte man sich der Unterstützung der kleinen Staaten, der Verbündeten von gestern, für heute und morgen zu vergewissern. Gelang dies, so brauchte man sich um Frankreichs Zukunft nicht zu sorgen. Praktisch waren folgende Grundsätze maßgebend: Die Zusammenarbeit mit England durfte nie außer acht gelassen werden; allen russischen Machtansprüchen war Widerstand zu leisten; Klugheit im Umgang mit Österreich war ebenso am Platze wie Vorsicht gegenüber Preußen; die kleinen Staaten waren um Frankreich zu scharen. Unter diesen großen Gesichtspunkten betrachtete Talleyrand die Lösung der italienischen, der polnischen, der deutschen Frage, kurz aller Probleme, die die Neugestaltung Europas betrafen. Italien rangierte an erster Stelle. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts sollte es bei allen außenpolitischen Erwägungen in Frankreich diesen Vorrang einnehmen. Hier war eine unbeschränkte österreichische Vorherrschaft unbedingt zu verhindern. Andererseits hatte Österreich die große Aufgabe zu übernehmen, Rußlands Vordrängen im Osten entgegenzutreten und gleichzeitig in Deutschland ein Gegengewicht gegen Preußen zu bilden und dessen Vorherrschaft zu verhindern. Von einem der letzten großen Staatsmänner des ancien régime, von Choiseul, dessen „familier** er in früher Jugend in dessen Exil gewesen war, hatte Talleyrand den Gedanken des Bundes mit dem alten Erbfeind Österreich und die Sorge vor dem sich gefährlich erhebenden Preußen geerbt 18 ). Das Mißtrauen gegenüber diesem letzten Emporkömmling des 18. Jahrhunderts war er nie ganz losgeworden. In seinen Augen war Preußen keine eigentliche Großmacht, sondern nur die erste der Mächte zweiter Ordnung. In ihren Grundzügen hatte sich diese Meinung aus den Mitteilungen Mirabeaus von dessen geheimer Mission nach Berlin gebildet 19 ). In den darauffolgenden Jahrzehnten hatte sie nur wenige Veränderungen erfahren. Jetzt hieß es von Preußen: „La constitution physique de sa monarchie lui fait de l'ambition une sorte de nécessité. Tout prétexte lui est bon. Nul scrupule l'arrête. La convenance est son droit" 2 0 ). Preußens Ehrgeiz muß-

18

) Rain, Pierre, La diplomatie française d'Henri IV à Vergennes, Paris 1945, S. 240; Madelin, S. 105. lô ) Welschinger, Henri, La mission secrète de Mirabeau à Berlin, Paris 1900 (Die geheime Korrespondenz Mirabeaus war an den damaligen Abbé de Périgord gerichtet, der sie dann dem Außenminister Calonne zuleitete); Rain, Pierre, La diplomatie française de Mirabeau à Bonaparte, Paris 1950, S. 10. *°) Instruktionen Talleyrands für den Wiener Kongreß, Paris 10. 9. 1814, Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 214 f.; Angeberg, S. 215.

2. Talleyrand und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongreß

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ten Zügel angelegt werden. Sein Besitzstand, den es ja nach allen Richtungen auszudehnen wünschte, war so weit wie nur möglich zu beschränken, und sein Einfluß in Deutschland durch die Bundesorganisation zu begrenzen. Die Vergrößerung Preußens durch Sachsen - „un pas immense et décisif vers la domination absolue en Allemagne" - war unter allen Umständen zu verhindern21). Sollte sich die Erhaltung der albertinischen Linie nicht ermöglichen lassen, wollte man den Bestand Sachsens eventuell mit russischer Unterstützung auf Grund der verwandtschaftlichen Beziehungen durch die Einsetzung der ernestinischen Linie erhalten. Ebenso wie eine Erwerbung Sachsens durch Preußen mußte ein preußisches Übergreifen auf Mainz oder ein Gebiet links der Mosel vereitelt werden, um eine direkte preußische Nachbarschaft Frankreichs zu vereiteln. Die Vergrößerungswünsdie der deutschen Mittel- und Kleinstaaten - der alten französischen Klientel - waren zu begünstigen, um einer Ausdehnung Preußens entgegenzuwirken. Im allgemeinen aber glaubte die französische Diplomatie nach dem totalen Zusammenbruch von 1814 im deutschen Raum vorsichtig vorgehen zu müssen. Weder für die zukünftige deutsche Verfassung noch für die Gebietsverteilung an die deutschen Einzelstaaten ergingen genauere Anweisungen. Nur in den Fragen, die für Frankreich von entscheidendem Interesse waren, glaubte man eingreifen zu müssen. So paßten sich Talleyrands Instruktionen für den Wiener Kongreß der politischen Lage an, ohne daß die großen Linien traditioneller französischer Außenpolitik außer acht gelassen wurden. Die Wiederherstellung des französischen Ansehens und Einflusses war das Ziel. Nachdem Frankreich gezwungen worden war, auf alle Hegemonialansprüche in Europa zu verzichten, sollte das Übergewicht jeder anderen kontinentalen Macht bekämpft werden. Frankreich sollte aber dennoch in Europa durch den Schutz aller von ihren großen Nachbarn bedrohten kleineren Staaten so etwas wie eine Schiedsrichterschaft auf dem Kontinent erhalten. Die Politik der „clientèle" war für die französische Politik immer eine Form der Suche nach dem Gleichgewicht. Die schwächeren Staaten um sich zu gruppieren, sie gegen die stärkeren zu unterstützen, war eine altvertraute Zielsetzung der französischen Diplomatie gewesen. In ihrem Erfolg oder Nichterfolg waren Frankreichs Stärke und Schwäche begründet. Im alten Deutschen Reich hatte Frankreich durch Jahrhunderte seine beste „clientèle" gefunden. Und Talleyrand, der Erbe des 18. Jahrhunderts, war bereit, sich wieder zum Vorkämpfer dieser durch Tradition und Erfolg geheiligten Politik zu machen. Bereits vor Wien war die französische Diplomatie in diesem Sinne tätig. Die deutschen

21

) Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 245.

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I. Die Friedensregelung 1814-1815

Mittel- und Kleinstaaten, die von alters her gewohnt waren, in der Suche nach Schutz vor den Großen ihre Blicke auf Frankreich zu richten, kamen den französischen Absichten von selber entgegen. Sie beeilten sich bereits, die französische Gönnerschaft im Kampf um ihre einzelstaatliche Sonderexistenz anzurufen. Der Bevollmächtigte des Königs von Sachsen warb in Paris für die Wiedereinsetzung seines in Preußen gefangenen Monarchen und erhielt von Ludwig X V I I I . wie von Talleyrand die Versicherung, seine gerechte Sache auf dem Kongreß zu vertreten. Der bayerische Gesandte konnte sich leicht überzeugen, daß Frankreich die von Bayern beanspruchte selbständige Rolle in Deutschland unterstützte. Und selbst Graf Münster und Gagern, die Freunde der preußisch-deutschen Patrioten, fanden nichts Bedenkliches darin, Talleyrand und den König um Unterstützung der hannoverschen und nassau-oranischen Vergrößerungswünsche anzugehen und sich versichern zu lassen, daß Frankreich die Ausdehnung Preußens bekämpfe und schon deshalb für die Mittel- und Kleinstaaten einträte, um Preußen zu beschränken 22 ). Klar hatte man in Paris erkannt, daß die sächsische Frage gewissermaßen den Kernpunkt der alten Klientelpolitik bildete, und so war denn auch der Berliner Gesandtenposten als erster in Deutschland und nahezu gleichzeitig mit der Abreise Talleyrands und seiner Begleiter nach Wien besetzt worden. Zu der Aufgabe des ersten Nachkriegsgesandten Caraman, der mit den preußischen Verhältnissen durch seine Emigration vertraut war, gehörte die Beobachtung Preußens, „car la Prusse sera une puissance que la France aura l'intérêt à surveiller" 23 ), dann aber die erst geheime und später offene Aufnahme der Beziehungen zu dem sächsischen König, der als preußischer Kriegsgefangener auf Schloß Friedrichsfelde bei Berlin lebte 24 ). Dem Vorsatz „concilier à la France la confiance des puissances d'un ordre inférieur" 25 ) war die gesamte Anreise Talleyrands auf den Kongreß geweiht. An allen deutschen Höfen, die er auf seinem Wege berührte, arbeitete er darauf hin, die kleinen Mächte um Frankreich zu gruppieren. Am aktivsten geschah dies in München, wo König Maximilian Joseph, der allzeit frankophil und allen französischen Regimen, welche Farbe sie auch tragen mochten, wohlgesonnen war, ebenso wie sein Premier Montgelas im Widerstand gegen preußische Machtbestrebungen bestärkt wurde. In Wien wurde kurz nach Talley-

22 ) Dupuis, Bd. II, S. 161, S. 285; Griewank, Karl, Der Wiener Kongreß und die europäische Neuordnung, 1814-1815, Leipzig 1954, S. 99. 28 ) Instruktionen Caramans für Berlin, Paris September 1814, Prusse Mémoires Bd. 10. *4) Caraman an Jaucourt, Berlin, 16. 9. 1814, 25. 10. 1814, 27. 10. 1814, Prusse Corr. Pol. Bd. 253. *5) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 25. 9. 1814, in Talleyrand - Louis XVIIL, Correspondance inédite pendant le Congrès de Vienne, Paris 1881, éd. par Pallain.

2. Talleyrand und die deutsdie Frage auf dem Wiener Kongreß

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rands Ankunft eine Note zur polnisch-sächsischen Frage überreicht, die gleichermaßen das Wohlwollen Englands und Österreichs wie das der kleinen Staaten gewinnen sollte. Bei den letzteren war Talleyrand, nicht zuletzt dank getreuer Mittelsmänner wie Münster und Gagern, erfolgreich. Bei den Großmächten stieß er auf eine Mauer eiserner Ablehnung26). Wie diese Front durchbrechen? Talleyrand war isoliert. Der in London erneuerte und bekräftigte Pakt von Chaumont, die Grundlage des Verhältnisses der Verbündeten zu Frankreich, versperrte den Eintritt in den Kreis der Großmächte. Frankreich war nichts mehr als der erste der kleinen Staaten geworden. Die einzige Gelegenheit, wieder in das Konzert der Mächte einzutreten, konnte nur durch eine offen zu Tage tretende Uneinigkeit unter ihnen erreicht werden. Mochte nun Talleyrand noch so sehr auf eine günstige Gelegenheit aus sein, um in die Verhandlungen um die europäische Neuordnung einzutreten, bis zum Ende des Jahres und dem Anfang des neuen war die Rolle, die er auf dem Kongreß spielte, nahezu passiv. Zwar gelang es ihm nach einem heftigen Wortgefecht mit Humboldt, dem Vertreter des ebenso verachteten wie verhaßten Preußen, den er mit wenigen Schachzügen mattsetzte, die Aufnahme Frankreichs in die Reihe der Großmächte durchzusetzen und den Zugang zu ihren Ratssitzungen moralisch zu erzwingen27). Die praktische Auswirkung blieb aus, da die entscheidenden Besprechungen einfach ohne die Hinzuziehung der französischen Vertreter stattfanden. Nichtsdestoweniger blieb Talleyrand ein eifriger Beobachter der Vorgänge. Besonders die deutschen Verhältnisse nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er bemühte sich, die Vertreter der deutschen Mittel- und Kleinstaaten um sich zu sammeln. Über eine deutsche Angelegenheit, die in den Augen Talleyrands keine deutsche, sondern eine des europäischen Gleichgewichts war - die Erhaltung Sachsens -, kam es dann auch zu einer Durchbrechung des bis dahin streng befolgten Prinzips des Ausschlusses Frankreichs von der Mitbestimmung der europäischen Neuordnung28). Eine neue Mächtekombination des Kongresses begann sich abzuzeichnen. Die unaufhörliche antipreußische Agitation der französischen Vertreter begann sich bezahlt zu machen. Metternich schien den Vorstellungen Talleyrands nicht unzugänglich zu sein. Unermüdlich fachte er den Widerspruch gegen die russischen und preußischen Ausdehnungspläne an. Seinem König vermochte er die von Preußen drohende Gefahr einer Verbindung der

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) Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 275 f. ) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 4. 10. 1814, Pallain, S. 10; Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 279. *8) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 20. 12. 1814, Pallain, S. 97 f.; Angeberg, S. 540. 27

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I. Die Friedensregelung 1814-1815

national-revolutionären Bewegung mit altpreußischen Machtansprüchen nicht schwarz genug zu schildern. In dieser Hinsicht erschien die Annexion Sachsens durch Preußen wie der Auftakt zu Katastrophen, die nicht nur Deutschland, sondern in der Folge auch Europa erschüttern würden. „Si la Prusse parvenait", so hieß es, „à réunir la Saxe et à s'approprier ça et là des territoires épars, elle formerait en peu d'années une monarchie militaire fort dangereuse pour ses voisins, et rien dans cette supposition ne la servirait mieux que ce grand nombre de têtes exaltées qui, sous le prétexte de chercher une patrie, la créeraient au milieu des plus grands bouleversements."29) Frankreich hatte dieser Gefahr nichts mehr entgegenzusetzen: „Cette unité (allemande) dont la France pouvait n'avoir rien à craindre quand elle possédait la rive gauche du Rhin et la Belgique, serait maintenant pour elle d'une très grande conséquance", folgerte Talleyrand, wenn er die Erschütterungen vorauszusehen glaubte, die von der Masse Deutschlands ausgehen würden, „lorsque ses éléments divisés viendraient à s'agiter et à se confondre". „Qui sait", so fragte er besorgt, „où s'arrêterait l'impulsion une fois donnée? La situation d'Allemagne dont un grande partie ne sait pas qui elle doit avoir pour maître, les occupations militaires, les vexations qui en sont le cortège ordinaire, de nouveaux sacrifices, le mal-être présent, l'incertitude de l'avenir, tout favorise les projets de bouleversements; il est trop évident que si le congrès s'ajourne, s'il diffère, s'il ne décide rien, il aggravera cet état des choses, et il est trop à craindre qu'en aggravant il n'amène une explosion. L'intérêt le plus pressant serait donc qu'il accélérât ses travaux et qu'il finît; mais comment finir?"30) Im Hinblick auf diese national-revolutionären Gefahren, mit denen Frankreich in den letzten Jahren in eine völlig unerwartete Berührung gekommen war, konnte die von Talleyrand verfolgte Deutschlandpolitik nun nicht mehr als Nachfahre der Klientelpolitik des „ancien régime" gelten: Der neu aufzurichtende „Tiers Parti" des französischen Königs in Deutschland wurde zugleich ein Schutz gegen drohende deutsche Einheit und revolutionäre Überflutung. Auch bei Metternich müssen ähnliche Überlegungen - und vielleicht waren sie von Talleyrand selbst angeregt worden - eine Rolle gespielt haben, wenn er daran ging, Frankreich wieder in das alte System der Begünstigung kleinstaatlicher Libertät in Deutschland hineinzuziehen. Dieses wurde zu einer Angelegenheit der europäischen Politik erklärt. Der französisch-österreichischen Verständigung über die deutschen Angelegenheiten folgte die von der französischen

») Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 16. 10. 1814, Pallain, S. 55 f. ») Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 16. 10. 1817, Pallain, S. 57.

2. Talleyrand und die deutsche Frage auf dem Wiener Kongreß

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Regierung so lebhaft ersehnte Annäherung an England. Dem erhofften Bunde mit England zuliebe war Talleyrand bereit, Konzessionen zu machen. So konnte er denn auch an einer deutschen Regelung mitarbeiten, die Sachsen zwar nicht vollständig bestehen ließ, dafür aber eine für Preußen und seine deutschen Einheitstendenzen relativ ungünstige Organisation Deutschlands mitaufrichten half und Frankreich ein Einmischungsrecht daran sicherte. Unter dieser Voraussetzung konnte er sich damit abfinden, daß Preußen - auf englischen Wunsch am Rhein Fuß faßte, und er rührte keinen Finger für den preußischen Gedanken eines sächsischen Kleinstaates an der deutschen Westgrenze31). Das berühmte geheime Bündnis vom 3. Januar 1815 zwischen England, Frankreich und Österreich war dann aber weniger sein Werk als das der britischen Diplomatie. So sehr Talleyrand auch triumphierte und sich am Ziel seiner Wünsche, der Aufhebung der außenpolitischen Isolierung Frankreichs durch die Auflösung des Paktes von Chaumont, glaubte32), so sehr hatte er in Wirklichkeit nur den englischen Plänen gedient. Immerhin nahm Frankreich jetzt - gegen Ende des Kongresses - wirksam an der Neugestaltung Europas teil. Bei der Lösung einer ganzen Reihe von Problemen war seinen Forderungen Genüge geleistet worden. Anfang März stellte jedoch die Rückkehr Napoleons nach Frankreich alle bisherigen Ergebnisse des Kongresses wieder in Frage. Die Alliierten erneuerten den Pakt von Chaumont. Das geringe Prestige, das sich das neue Frankreich gerade erworben hatte, war verloren. Talleyrand wurde durch das neue Regiment die tatsächliche Machtgrundlage entzogen. Obwohl er von der Arbeit des Kongresses nicht ausgeschaltet wurde, nahm er nur noch geringen Anteil, verlor jeglichen Einfluß und spielte keinerlei Rolle mehr. So wurde die Organisation des Deutschen Bundes vollendet, ohne daß Frankreich, das jahrhundertelang die Gestaltung Deutschlands mitbestimmt hatte, auch nur irgendwie gehört worden war. Für uns erhebt sich nur noch eine Frage. In welchem Maße entsprach die in der Wiener Kongreßakte niedergelegte Neuordnung Deutschlands - so fragwürdig sie auch mit dem Sturze der ersten Restauration wieder wurde - den in den Instruktionen Talleyrands niedergelegten Zielsetzungen der französischen Deutschland-Politik? Der Kongreß hatte entgegen den französischen Erwartungen niemals in Gesamtheit getagt. Die kleinen Staaten waren zu den Besprechungen der großen

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) Talleyrand an Ludwig XVIII., Wien 12. 11. 1814, 17. 11. 1814, 28. 12. 1814, Pallain, S. 113, 131, 197; Angeberg, S. 489, 540, 582, 1863, 1925; Griewank, S. 241 f.; Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 4. 1. 1815, Pallain, S. 207 f. 32 ) Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 255. 2 Hammer, Französ. Restauration

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I. Die Friedensregelung 1814-1815

gar nicht zugelassen worden. Hier hatte die französische Politik eine vollkommene Niederlage erlitten. Sie war nicht dazu gekommen, sich der kleinen Staaten zu bedienen, die unter ihrer Führung in das Gefecht geführt werden sollten. Die französische Diplomatie mußte also ihre ganze Tätigkeit darauf anlegen, eine Verständigung unter den Großmächten zu hintertreiben und die Gegensätze zu schüren. Sie brachte es in der Tat dazu, auf dem Kongreß Frankreichs europäische Machtstellung wiederzugewinnen und seine Interessen wahrzunehmen. Zweifellos war es gelungen, die Vertreter der um ihre staatliche Geltung ringenden Mittel- und Kleinstaaten an Frankreich zu ziehen. Damit war die alte Politik der „clientèle" wieder aufgenommen. Gerade der verbissene Kampf Talleyrands um die Erhaltung Sachsens galt der Bewahrung der deutschen Libertät und wurde auch dementsprechend bei der deutschen „clientèle" Frankreichs so aufgefaßt. Die erzielte Wirkung war eminent. Nach Jahren und sogar nach mehr als einem Jahrzehnt war sie noch spürbar33). Ferner sollte Preußen, also die Macht, von der die Vorherrschaft über Deutschland drohte, niedergehalten werden. Die Lage zwang Frankreich - seit Bestehen des Dualismus in Deutschland war es immer so üblich gewesen, daß Frankreich sich der schwächeren der beiden deutschen Vormächte zuneigte - zum Anschluß an Österreich, das zur Zeit nicht zu fürchten war. Die Verhinderung der Einverleibung Sachsens in Preußen und einer preußischen Vorherrschaft in Deutschland war oberste Forderung für den Kongreß. Dieses Ziel wurde erreicht. Im übrigen konnte das Talleyrandsche Legitimitätsprinzip die Abtretung von Provinzen - wie das ja im Fall Sachsens in Betracht kam - zulassen, wenn nur der sächsische Staat als solcher erhalten blieb. Selbst der Versuchung der Errichtung eines Entschädigungsstaates für den sächsischen König in Westfalen oder am Rhein, der Frankreich in keine direkte Berührung mit Preußen gebracht hätte, widerstand man. Wenn dieses Gebiet in Besitz eines französischen Klienten gekommen wäre, der es als Entschädigung für sein eigenes Land erhielte, hätten sich übrigens niemals die französischen Absichten auf Rückerwerbung des linken Rheinufers verwirklichen lassen. Der jahrhundertealten Tradition des Schutzes der kleinen Staaten hätte eine derartige Handlungsweise Hohn gesprochen. Sie wäre ebenso unklug wie unvorteilhaft erschienen. Viel natürlicher wäre es gewesen, Preußen die ihm abgetretenen Provinzen später wegzunehmen34). Kein Gedanke, daß nun

8S ) Virieu an Richelieu, München, 28. 8. 1818, Bav. Corr. Pol. Bd. 192 (Chr. I Nr. 48 S. 65 f.). *4) Dard, Emile, Napoléon et Talleyrand, Paris, 1938, S. 460; Lacour-Gayet, Bd. IV, S. 143; Griewank, S. 242.

2. Talleyrand und die deutsdie Frage auf dem Wiener Kongreß

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Talleyrand ein grundsätzlicher Befürworter der preußischen Rheinherrschaft war35). Er hat mit Erfolg an deren Einschränkung mitgewirkt, indem - den Forderungen seiner Instruktionen gemäß - von dem neuen preußischen Gebiet Luxemburg und Mainz ausgeschlossen wurden. Wenn die französische Diplomatie die linksrheinische Zuteilung an Preußen geradezu betrieb, dann geschah das nicht nur, um das sächsische Schoßkind des Legitimismus unbedingt zu erhalten, sondern vor allem in der Absicht, die Gegensätze in Deutschland zu verschärfen und dem verhaßten norddeutschen Staat die Aufwärtsbewegung zu erschweren. Preußen wurde dadurch die Aussicht auf die Führung in Deutschland genommen und auf den Stand eines geographisch ungünstig verteilten Einzelstaates zurückgeworfen, der trotz aller ausgiebiger Landzuteilungen zu schwach war, um der in Deutschland lebendig gewordenen national-revolutionären Idee wirkliche Gestalt zu geben. Niemand erfaßte diese Lage besser als der französische Gesandte in Berlin, wenn er schrieb: „La Prusse acquiert une grande étendue de terrain, mais dénuée de force réelle. Les Saxons, les Polonais et les habitants de la rive gauche du Rhin seront toujours à surveiller. L'étendue des Etats prussiens et la difficulté de communiquer d'une partie à l'autre obligera à une permanence de moyens militaires qui fera une charge très lourde pour un pays peu productif ", und fügte ahnungsvoll hinzu, „on cherche et on ne trouve pas dans le nouvel ordre de choses le caractère de stabilité d'une puissance finie"36). Talleyrand glaubte die deutschen Probleme im Rahmen des Möglichen gelöst zu haben. Seine Politik von 1814 brauchte nicht schlechthin Stabilität als Dauerprinzip zu fordern. Abwandlungen und Machtverschiebungen waren im Rahmen seines Gleichgewichtsdenkens möglich, hatte er doch seinem König zu Beginn des Kongresses erklärt, daß Frankreich eine Einheit Deutschlands unter den gegenwärtigen Verhältnissen durchaus abwenden müsse, diese aber weniger oder gar nicht zu befürchten sei, wenn man sich des Besitzes des linken Rheinufers und Belgiens erfreuen würde37). An die Erhaltung dieses Besitzes war unter den gegebenen Umständen nicht zu denken. So hatten die Instruktionen die Erhaltung der deutschen Libertät zwangsweise fordern müssen und sich auf die Sicherung der am wichtigsten erscheinenden Stellungen beschränkt. Diese Forderungen waren erfüllt worden. Die Lösung von 1814/15 stellte für das geschlagene Frankreich einen vorzüglichen Start dar, um die Niederlage zu überwinden und vorsichtig die alte Deutschlandpolitik wieder aufzunehmen.

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) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 15. 2. 1815, Pallain, S. 265; Ludwig XVIII. an Talleyrand, Paris, 18. 2. 1815, Pallain, S. 291. 36 ) Caraman an Jaucourt, Berlin, 18. 2. 1815, Prusse Corr. Pol. Bd. 253. 87 ) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien, 17. 10. 1814, Pallain, S. 58. 2*

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I. Die Friedensregelung 1814-1815

Die Ergebnisse der Politik Talleyrands mochten rein materiell genommen im ersten Moment gering erscheinen. Im Hinblick auf die Zukunft umschlossen sie nicht unbeträchtliche Erfolge. Das rasche Ende der ersten Restauration machte sie zunichte. Die große Neuordnung Europas, die Neugestaltung Deutschlands waren wieder in Frage gestellt. 3. Der 2. Pariser Friede - 1815 Die Hundert Tage hatten für Frankreich schwere Folgen. Sie beeinflußten nachhaltig die innere Entwicklung der Restauration und schufen eine bedauernswerte außenpolitische Konstellation. Die Niederlage von 1815 hat nämlich Frankreich in eine viel unglücklichere Lage gebracht als dies 1814 der Fall war. Der Zusammenbruch war total, militärisch ebenso wie moralisch! Das Ergebnis waren ein rücksichtsloserer Eingriff der Siegermächte in die inneren Verhältnisse des Landes und die verschärften Bedingungen des Zweiten Pariser Vertrages, der viele der günstigen Bedingungen des Ersten aufhob. Zunächst wurde Frankreich von den feindlichen Armeen überflutet und besetzt. Erst nach Monaten und nach großen Schwierigkeiten kam es zu einer Regelung der Frage der bis dahin rücksichtslos durchgeführten Beschlagnahmungen und der Besatzungskosten. Die Beziehungen zwischen den Besatzungstruppen und den zivilen französischen Stellen blieben schwierig. Meist wurden letztere von den Militärbehörden, die sich auf das Kriegsrecht stützten und sich auf das Vorgehen der französischen Armeen in den vergangenen Feldzügen in anderen Ländern beriefen, überhaupt nicht anerkannt. Die Bevölkerung setzte sich zur Wehr, Gegenmaßnahmen blieben nicht aus. Wie zu allen Zeiten war das Verhalten der einzelnen Truppenteile und ihrer Führer unterschiedlich. Als die Diszipliniertesten und Korrektesten wurden die Engländer und die Russen bezeichnet, gelegentlich auch die Österreicher. Am härtesten wurden die Maßnahmen der Preußen empfunden, am rücksichtslosesten jedoch diejenigen der übrigen deutschen Truppen. Der Zar klagte: „J'ai pour l'armée prussienne une considération très grande, mais elle profane la grande et belle cause des alliés par la vengeance, les mauvais traitements et la violence des soldats"38). Noch lange nach dem Abschluß des Friedensvertrages erhob die französische Regierung gegen das Verhalten der preußischen und deutschen Besatzung Einspruch, denn im Gegensatz zu der englischen, russischen oder österreichischen versuchten diese, den Kriegszustand widerrechtlich aufrechtzuerhalten39). w ) André, Roger, L'occupation de la France par les alliés en 1815, thèse de doctorat, Paris 1924, S. 139 f. ») Richelieu an Reinhard, Paris, 19.2.1816, 10.4.1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752.

3. Der 2. Pariser Friede - 1815

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Viel mehr als im Vorjahre lag das Schicksal Frankreichs in den Händen der Sieger. Die zweite Restauration der Bourbonen - Ludwig XVIII. war, wie der Pariser Volkswitz spottete, in dem Packwagen des Herzogs von Wellington in seine Hauptstadt zurückgekehrt - war das Ergebnis einer Verständigung zwischen England und Rußland ohne Beteiligung von Österreich und Preußen. Die beiden deutschen Großmächte waren an der zukünftigen inneren Gestaltung Frankreichs uninteressiert40). Desto schärfer waren aber dafür nach dem neuen und endgültigen Sieg ihre Forderungen. Die deutschen Hoffnungen und Ansprüche gingen von der Rückerstattung der Eroberungen Ludwigs XIV. über die Herausgabe des niederländisch-burgundischen Erbes bis hin zu den phantastischsten Aufteilungsplänen Frankreichs. Die Angehörigen derjenigen fürstlichen Häuser in Deutschland, die durch Jahrhunderte bis in die jüngste Vergangenheit hin ihren Aufstieg Frankreich zu verdanken hatten, waren die Maßlosesten. In Frankreich wurde ihre Haltung nicht vergessen! Preußen trat als Sprecher der gesamtdeutschen Forderungen auf. Aber auch in Österreich wurden noch einmal habsburgisch-reichische Erinnerungen heraufbeschworen. Schließlich durfte Österreich den sichtbaren Auftrieb des deutschen Nationalgefühls nicht nur Preußen zugute kommen lassen41). Doch war das Gewicht, das die deutschen Staaten in die Waagschale der Entscheidung zu werfen hatten, geringer als das der beiden Hauptsieger England und Rußland. Kaum waren die Kriegshandlungen beendet, gewannen schon wieder die Interessengegensätze unter den Großmächten an Bedeutung. Folglich wünschte Rußland ebenso wie England, Frankreich zu schonen. England wollte ein ausgesprochenes Vasallenverhältnis von Paris zu St. Petersburg verhindern, während Rußland im Hinblick auf seine Orientpläne Frankreich als seinen natürlichen Verbündeten und die beste Stütze im Kampf gegen England um die Herrschaft der Welt betrachtete. Aus diesem Grunde übte auch der Zar, dessen Pläne durch die Undankbarkeit der Bourbonen in Wien durchkreuzt worden waren, abermals Großherzigkeit. Den Forderungen der deutschen Staaten trat er mit den französischen Argumenten von Châtillon entgegen, wonach es unmöglich war, gegen Frankreich ein weiteres Eroberungsrecht zu beanspruchen, nachdem alle anderen Staaten sich seit der Revolution verändert und vergrößert hatten42). Die preußische Diplomatie sah sich genötigt, den Rückzug anzutreten, und Metternich, der der ganzen Auseinandersetzung um die Friedensbedingungen kühler gegenübergestanden hatte, war bereit, England und Rußland entgegenzukommen. 40

) ) berg, 42 ) 41

Rain, Pierre, L'Europe et la restauration des Bourbons, Paris 1908. Pasquier, Mémoires, Bd. III, S. 288 f.; Guizot, Mémoires, Bd. I, S. 100 f.; AngeS. 1549; Griewank, S. 322 f. Mole, Mémoires, Bd. III, S. 88 f.; Guizot, Mémoires, Bd. I, S. 101,

I. Die Friedensregelung 1814-1815 l

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Um die „Grenzen von 1790" wurde wochen- und monatelang gerungen. Im Gegensatz zu 1814 war das geschlagene Frankreich nicht an den Verhandlungen beteiligt. Der Versuch Talleyrands mißglückte, Frankreich ohne Rücksicht auf die Episode der Hundert Tage in das Konzert der Mächte zurückzuführen und ihm die Stellung zu erhalten, die auf Grund der Verträge von Paris und Wien gewonnen war. Die veröffentlichten Friedensbedingungen waren eine Art ultimatives Diktat 43 ). An eine Mittlerschaft Talleyrands war nicht zu denken. Des Vertrauens verlustig gegangen, wies er das Friedensprojekt „par patriotisme" zurück und nahm seinen Rücktritt. Die einzige Hoffnung, aus einer aussichtslosen Lage herauszukommen, bestand in der Wiedergewinnung der russischen Freundschaft. Die Waage neigte sich von der englischen nach der russischen Seite, und aus den Händen des Zaren empfing der König den neuen Regierungschef Frankreichs. Der Herzog von Richelieu bedeutete das Unterpfand eines besseren Friedens44). Er vermochte wirksam an den Zaren um Erleichterung der Friedensbedingungen zu appellieren. Wieder - wie 1814 - wurde Rußland der Retter aus höchster Not. Dank dem Zaren, der England noch an Großherzigkeit übertrumpfte und Preußen zügelte, und dank der Bereitwilligkeit Metternichs erreichte Richelieu eine annehmbare Gestaltung der Friedens vorschlage45). Der am 20. November 1815 unterzeichnete Zweite Pariser Friede fußte auf dem Stand des französischen Gebietsumfanges vom 1. Januar 1790. Grenzvereinfachungen waren zugelassen. Frankreich verlor an seiner Ostgrenze das Saargebiet mit Saarbrücken und Saarlautern, Landau und das Land nördlich der Lauter. Der wirtschaftlichen Bedeutung eines Teiles des verlorenen Gebietes war man sich nicht bewußt, dagegen wurde sein Verlust vom strategischen Standpunkt aus als eine schwere Beeinträchtigung der französischen Verteidigungslinie im Osten empfunden. Für die Dauer von fünf Jahren wurde Frankreich einer auf seine Lasten gehenden alliierten Besatzung unterworfen, unter die Vormundschaft der Siegermächte genommen und zur Zahlung einer umfassenden Kriegsentschädigung gezwungen. Der Zweite Pariser Friede hat eine lebhafte nationale Reaktion in der öffentlichen Meinung Frankreichs hervorgerufen. Er war die Folge der Hundert Tage, wurde aber trotzdem als unverdient und ungerecht aufgefaßt. Die 1814 freiwillig angenommene „cocarde blanche" wurde 1815 aufgezwungen. Das Volksbewußtsein empfand die Gebietsabtretungen von 1815 schmerzlicher als die von 1814, weil sie den Verlust der letzten der Revolution zu dankenden

43

) Angeberg, S. 1523. ) Guizot, Mémoires, Bd. I, S. 105. 45 ) Griewank, S. 348 f. 44

3. Der 2. Pariser Friede - 1815

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Erwerbungen darstellten. Frankreich fühlte sich dadurch allen übrigen europäischen Mächten gegenüber zurückgesetzt. Das Problem der französischen Sicherheit gegenüber der früher oder später zu erwartenden nationalen Revolutionierung Deutschlands wurde in einer der französischen Auffassung nach unvorteilhaften Weise akut, um hinfort als „Rheinproblem" zu den vornehmsten Beschäftigungen der Regierung wie auch der öffentlichen Meinung zu gehören und alle außenpolitischen Kombinationen zu beeinflussen. Nicht zuletzt ist die nationale Reaktion natürlich auch durch die Zahlung der Kriegsentschädigungen und den Umfang und das Vorgehen der Besatzung bewirkt worden. Von nun ab gab es in Frankreich eine nationale Front, die ein Symbol, die Trikolore, besaß, an das sich alle nationalen Forderungen hefteten. Die zweite Restauration mußte sich die Frage stellen, ob sie bereit sein würde, ihnen Genüge zu leisten.

IL DIE AUSSENPOLITISCHEN FRAGEN DER NACHKRIEGSZEIT 1815-1818 1. Grundlinien der Außenpolitik Der Zweite Pariser Friede beschloß eine lange Reihe von Kriegen. Das Verlangen, den Frieden durch ein festes System internationaler Beziehungen für eine lange Zeit zu sichern, war begreiflich. Dazu boten sich zwei Systeme. Das eine bezweckte eine Allianz zwischen den europäischen Staaten auf religiöser Grundlage, aber ohne bestimmte Verpflichtungen: Die Heilige Allianz. Das andere beruhte auf einem Garantiepakt, durch den sich die siegreichen Mächte wechselseitig verpflichteten, den durch die letzten Verträge vereinbarten europäischen Gebietsstand mit den Waffen zu verteidigen: Der Vierbund von Chaumont. Beide Systeme wurden gleichzeitig verwirklicht. Die Heilige Allianz entsprach den religiös-mystischen Vorstellungen des Zaren und sollte den russischen Interessen dienen. Der Vierbund stimmte mit der englischen Auffassung überein. Ludwig XVIII. wurde veranlaßt, der Heiligen Allianz beizutreten: „Au moment où il lui fallait subir des conditions si dures qui lui étaient faites dans la convention du 20 novembre, il eût à juste titre pu répondre que cette fraternité chrétienne dont on prétendait faire un devoir si étroit commençait sous de bien tristes auspices, puisqu'on la violait si ouvertement à son égard. - La pauvre France avec son armée licenciée et la moitié de ses provinces occupées par les armées étrangères, était bien forcée de s'incliner"1). Für eine von den Ideen der großen Revolution geprägte Generation war es ein seltsames Schauspiel, aus dem Munde „des hommes des plus corrompus des vieilles cours - des Metternich, des Hardenberg, des Humboldt -* „ . . . ce langage mystique et ces maximes évangéliques" zu hören2), zumal ja die Erklärung der Heiligen Allianz überhaupt keine aktuelle politische Bedeutung gewann. Der Vierbund - der wieder erneuerte Pakt von Chaumont, jener seit dem Frühjahr 1814 bestehende Bund der Alliierten - bildete für die nächsten Jahre die Grundlage des Verhältnisses der Großmächte zu Frankreich. Er war gegen Frankreich ge-

*) Pasquier, Mémoires, Bd. IV, S. 23. *) Mole, Mémoires, Bd. III, S. 77.

1. Grundlinien der Außenpolitik

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richtet, sollte verhindern, daß es von neuem Revolution und Krieg entfesselte und das eben errichtete Gebäude des europäischen Friedens wieder gefährdete. Frankreich stand somit außerhalb der Staatengemeinschaft und befand sich in der Rolle eines Paria. Der besondere Ausdruck des Mißtrauens, das man Frankreich gegenüber seit dem Rückfall von 1815 hegte, lastete in der Form eines Oberwachungsreglements wie ein schweres Gewicht auf der französischen Politik. Die Siegermächte erhoben den Anspruch, den ewigen Unruhestifter zu überwachen und notfalls mit Gewalt auf der vorgeschriebenen Bahn zu halten. 150.000 Mann Besatzungstruppen unter dem Oberkommando des Herzogs von Wellington, des Siegers von Waterloo, hatten die Aufgabe neue Wiederholungsfälle im Keim zu ersticken. Da das Vertrauen, das man in die Bourbonen setzte, nach den Erfahrungen der ersten Restauration gering war, mußten ihre Schritte überwacht und geleitet werden. Neben der Besatzungsarmee übte also eine aus den Vertretern der vier Großmächte zusammengesetzte Botschafterkonferenz in Paris eine beratende und beaufsichtigende Funktion aus. Dieser Kontrollrat bildete das politische Instrument der Willensäußerung der gegen das unruhige Frankreich alliierten Mächte. Im Verlauf seiner Wirksamkeit hat er sich häufig im Auftrage der Siegermächte in die Leitung der französischen Innen- oder Außenpolitik eingemischt, sei es nur um Rat zu geben, sei es um mehr oder weniger verschleierte Befehle zu erteilen. Die internationale Spannung zwischen England und Rußland wirkte sich notwendigerweise in seiner Mitte aus3). Während die Vertreter Englands und Rußlands wie bei den Friedensverhandlungen der vergangenen Jahre die entscheidende Rolle spielten und jeder für sich in Frankreich eine eigene Partei besaß, enthielten sich diejenigen Österreichs und Preußens weitgehend der Eingriffe in die innerpolitischen Vorgänge des Landes und beschränkten sich im wesentlichen darauf, die Interessen ihrer Auftragsmächte zu wahren4). Die Regierungen des Vierbundes beabsichtigten, eine Vormundschaft über Frankreich auszuüben. Dementsprechend war die Handlungsfreiheit der französischen Regierung eingeschränkt. Es war schwierig, eine einigermaßen unabhängige, den eigenen Interessen entsprechende Politik zu betreiben. Der Herzog von Richelieu stand unter dem dauernden Druck der ihn überwachenden Großmächte, auch innenpolitisch befand er sich in ständiger Auseinandersetzung, mit der Linken und mehr noch mit der Rechten. Die französische Politik war 8

) Castelreagh, Mémoires and correspondence, London, 1848-53; Ordioni, P. Pozzo di Borgo, dipomate de l'Europe, Paris 1935; Polowstoff, Correspondance diplomatique des ambassadeurs et ministres de Russie en France de 1814 à 1818, St. Petersburg, 1890 f.; Wellington, Dispatches, London 1867-1870. 4 ) Pasquier, Mémoires, Bd. IV, S. 165.

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II. Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

darum schweren Belastungen ausgesetzt. Außen- und innenpolitisch fehlte ihr gleichermaßen die Freiheit. Gleichwohl hatte ihr Leiter sich zu bemühen, den Interessen des Landes im Rahmen des Möglichen gerecht zu werden. Wie wurde die außenpolitische Lage Frankreichs gesehen? Welche Wege waren einzuschlagen, um die Folgen der Niederlage zu überwinden? Welches Ziel war ins Auge zu fassen? Wir haben schon mehrmals darauf hingewiesen, daß im Moment des Verschwindens der französischen Hegemonialmacht ein neuer Gegensatz innerhalb des Staatensystems hervorbrach: der zwischen England und Rußland. „Il me semble", schrieb Richelieu an den eben ernannten Botschafter in London, „apercevoir un peu de refroidissement entre l'Angleterre et la Russie et, en général, je vois se former en Europe deux partis distincts: l'Angleterre, l'Autriche, et la Russie, la Prusse et les Pays-Bas se joindront à ce dernier, et chacun des deux cherchera la France aussitôt que Ton pourra compter sur elle"5). Eine Wiederholung der Wiener Vorgänge schien auf der Hand zu liegen. Aber wie hatte sich die Lage im Vergleich zu damals verändert! Zwar war die Spaltung unter den Alliierten geblieben, oder besser gesagt, wieder neu aufgetreten, nachdem sie sich gerade eben durch den Ausbruch Frankreichs aus der eben geschaffenen europäischen Ordnung geschlossen hatte. Frankreich hatte zunächst in allen außenpolitischen Untersuchungen äußerste Vorsicht zu bewahren, um eine Wiederholung dieses Automatismus zu verhindern, und mußte vielmehr darauf aus sein, die geschlossene, feindliche Front zu erweichen. Wenn Talleyrand in der Absicht, aus einer Spannung unter den Alliierten Kapital für Frankreich zu schlagen, in Wien auf der Lauer gelegen und hinter den Kulissen auf diese hingearbeitet hatte, so war sein ihm so ungleicher Nachfolger nun geradezu darauf aus, aus der Not der Isolation eine Tugend zu machen. Selbst wenn die Versuchung an Frankreich herangetragen werden würde, sich an einen der großen Machtblöcke anzuschließen, so mußte jetzt die kategorische Antwort lauten: „Le grand besoin est que la France a de repos"6). Weder an eine Anlehnung an England, das 1815 enttäuscht hatte, noch an die Verbindung mit Rußland, die nahelag, - galt doch Richelieu in den Augen der öffentlichen Meinung als Vertreter des Zaren - war zu denken7). Die außenpolitische Lage Frankreichs wurde folgendermaßen charakterisiert: „Dans la situation actuelle de l'Europe, le rôle de la France est entièrement passif, elle n'a aucune alliance, pas même de liaison 5 ) Richelieu an Osmond, Paris, 29. 4. 1816, in Lettres du duc de Richelieu au marquis d'Osmond, 1816-1818, éd. par Charléty, Paris 1939. •) Instruktionen des Grafen Caraman für Wien, Paris 1. 6. 1816, Autriche Corr. Pol. Bd. 397. 7 ) dto.

2. Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee

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intime, et elle ne prend part à aucune négociation." Das französische Interesse bestand nämlich einzig und allein darin, „de rester neutre le plus longtemps possible, et si les événements la forçaient enfin à se déclarer, il faut que jusqu'au dernier moment elle reste entièrement libre de choisir le parti qui lui offre les avantages les plus certains". Im übrigen urteilte Richelieu, „quel que soit en définitif le résultat de cette rivalité, elle ne peut pour le moment que nous être utile, en nous offrant l'occasion de diminuer le fardeau que nous sommes condamnés à porter, en nous aidant à recouvrer par degré notre indépendance politique"8). Die französische Regierung war sich der totalen Isolierung des Landes bewußt. Nur in langsamer und vorsichtiger Arbeit konnte sie Frankreich in die Staatengemeinschaft zurückführen. Von dem „Wohlwollen" der Siegermächte hing es ab, ob die Befreiung des Landes von der Besatzung früher oder später erreicht, die Kriegsschulden herabgesetzt und endlich die Gleichberechtigung erworben wurde. Allen Demütigungen zum Trotz war die Selbständigkeit zu wahren9). Die Verfolgung dieser Ziele brauchte keinesfalls vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber allen sonstigen außenpolitischen Vorgängen zu bedeuten. Davon wird, Deutschland betreffend, später zu sprechen sein. Vorerst kam es darauf an, das Endziel im Auge zu haben. Der Weg dorthin war ein beschwerlicher: „Voilà, comme nous marchons en toutes choses à travers des écueils et des difficultés qui renaissent sans cesse sous nos pas", bekannte Richelieu, „mais il faut cependant tâcher de les vaincre et d'atteindre notre but, c'est à dire, la libération de notre territoire et notre réintégration dans la famille européenne. Après cela, nous pourrons tenir un autre langage"10). 2. D i e Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee

Zuerst war das dringendste Problem zu lösen: die Erreichung der Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee. Hier gesellte sich die Erwägung der moralischen Wirkung zu finanzwirtschaftlichen Überlegungen11). Von Anfang an hatte Richelieu versichert, daß es weder materiell noch moralisch möglich sein werde, die Besatzungszeit auf mehr als drei Jahre auszudehnen12). Für die

8 ) Instruktionen des Marquis de Bonnay für Berlin, Paris 1. 5. 1816, Prusse Corr. Pol. 254. 9 ) Instruktionen Bonnay und Caraman, s. N r . 8 u. 6. 10 ) Richelieu an Osmond, Paris, 20. 8. 1816, Angleterre Corr. Pol. Bd. 608. " ) Richelieu an den Zaren Alexander, Paris, 28. 4. 1816, in Recueil de la Société Impériale de Russie, Bd. 54, S. 472. 12 ) Angeberg, S. 1604 f.; Griewank, S. 354 f.

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II. Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

Siegermächte bedeutete dagegen die Besatzung Sicherheit vor neuer Erhebung Frankreichs und zugleich Garantie für die Zahlung der Kriegsschulden. Auf Grund des Pariser Vertrages vom 20. November 1815 waren 700 Millionen Franken Kriegsentschädigung in fünf Jahren zu zahlen zuzüglich der schon im Ersten Pariser Vertrag von Frankreich übernommenen privaten Schuldforderungen von Gläubigern aus den letzten Feldzügen und der von Frankreich aufzubringenden Kosten für den Unterhalt der Besatzungstruppen, die auf 1.636 Millionen Franken veranschlagt worden waren 13 ). Diese Gesamtforderungen stellten nach französischer Auffassung eine untragbare Belastung des ohnehin schon im argen liegenden Staatshaushaltes dar. Von der Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee erhoffte man sich eine erste Erleichterung von finanziellem Druck 14 ). Der erste bei den Großmächten unternommene Versuch um Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee lief erfolgverheißend an. Jedoch bestanden Unterschiede in der Einstellung zu dem französischen Ansinnen. Die Entscheidungen, die in London und in St. Petersburg fielen, waren natürlich von ganz anderem Gewicht als diejenigen, die in Wien und Berlin getroffen wurden. In unserem Falle interessieren uns aber die letzteren in besonderem Maße, da sie für die Gestaltung der französischen Politik gegenüber den deutschen Großmächten von ausschlaggebender Bedeutung waren. Sie tragen bereits die typischen Züge, die das diplomatische Spiel der späteren Jahre kennzeichnen. Am Wiener Hof versicherte Kaiser Franz - unter der Voraussetzung der Zustimmung seiner Verbündeten - sein Einverständnis mit einem Teilabzug der Besatzungstruppen aus Frankreich, während Metternich diesen von der Pünktlichkeit der französischen Zahlungen abhängig machte 15 ). Die ersten Meldungen aus Berlin lauteten sogar günstiger: „Demandez nettement aux alliés de retirer le tiers de leurs troupes, vous n'éprouverez pas un refus" 16 ). Stand die Haltung Preußens mit der erst kürzlich beobachteten Tendenz einer zwar nicht amtlichen Annäherung an Frankreich in Verbindung? 17 ). Richelieu war im Grunde weniger optimistisch als der Gesandte in Berlin, und mußte in der Tat erleben, daß auf der Botschafterkonferenz in Paris, jener obersten Verhandlungsinstanz zwischen den Alliierten und der französischen Regierung, die beiden deutschen Mächte kein Entgegenkommen zeigten 18 ). Ein über Jahre gehendes Spiel begann! Da von

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) Houssaye, H., 1815, Paris - Bd. 3, S. 561.

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) ) *6) 17 ) 18 ) 15

Vgl. N r . 11. Caraman an Richelieu, Wien, 8. 7. 1816, 12. 7. 1816, Autriche Corr. Pol. Bd. 297. Bonnay an Richelieu, Berlin 18. 6. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. Vgl. N r . 8. Richelieu an Bonnay, Paris, 28. 7. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254.

2. Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee

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den deutschen Mächten durch die gegenseitig erzwungene Rücksichtnahme wenig oder gar nichts zu erwarten war, blieb die Hilfesuche bei England und Rußland der einzige Ausweg. Sonderverhandlungen mit dem Zaren konnten Aussicht auf Erfolg bieten, wenn man den Gesichtspunkt der von Rußland notwendig erachteten Stärkung Frankreichs anführte: „Loin de fortifier la France, la tutelle de l'Europe l'affaiblira. Au contraire accorder une réduction de Parmée d'occupation serait de la part de l'Europe une telle preuve de confiance que rien ne serait plus fait pour donner au gouvernement un ascendent très désirable"19). Die Wirkung blieb nicht aus; der Zar bewilligte die Herabsetzung eines Drittels der Besatzungsarmee20). Dagegen blieb die Haltung Englands unsicher21). Um die Angelegenheit nicht noch länger zu verschleppen, entschloß sich Richelieu zu einem Staatsstreich und löste kurzerhand die unbequeme „Chambre introuvable* auf. Dadurch war er der Zustimmung der übrigen Regierungen sicher, und auch das preußische Außenministerium, von dem die größten Schwierigkeiten zu erwarten waren, wurde zur Entscheidung gezwungen22). Immer noch glaubte Bonnay an eine leichte Regelung der Angelegenheit, zumal in Berlin die Aufsösung der Kammer den gewünschten Erfolg hervorgerufen hatte und die französischen Schritte von den diplomatischen Vertretern der anderen Großmächte unterstützt wurden. Hardenberg, so erklärte er, sei leicht zu behandeln, die anderen Beamten des Ministeriums machten zwar Ausflüchte, um abzulehnen oder Zeit zu gewinnen, schließlich sei aber Hardenberg der Chef, der unter den neuen Umständen jetzt das kaum ablehnen würde, was er vor Monaten im Prinzip bereits zugestanden habe23). Bonnay unterlag einem großen Irrtum, denn als er die Frage der Regelung des Abzuges eines Teiles der Besatzungarmee erörtern wollte, mußte er feststellen, daß das preußische Kabinett trotz aller Unterstützung von Seiten seiner diplomatischen Kollegen keineswegs zu der von der französischen Regierung gewünschten Maßnahme bereit war24). Es kann hier nicht näher erörtert werden, in welch außerordentlich komplizierter Lage sich die preußische Regierung in jenen Jahren befand. Wenigstens ist zu sagen, daß der französische Gesandte - abgesehen von dem Umstand seiner Eigenschaft als Vertreter Frankreichs in Berlin - sich besonders schwierigen Verhältnissen gegenübersah. Die Beziehungen zu der preußischen Regierung gestalteten sich insofern mühevoll, als ihr Chef offensichtlich in

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) *°) 21 ) 22 ) 2S )

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Richelieu an den Zaren Alexander, Paris 4. 7. 1816, Russie Corr. Pol. Bd. 156. Richelieu an Pozzo di Borgo, Paris 15. 7. 1816, Russie Corr. Pol. Bd. 156. Wellington, Dispatches, Bd. X I , Wellington an Castelreagh, Paris 30. 8. 1816. Richelieu an Bonnay, Paris 4. 8. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. Bonnay an Richelieu, Berlin 17. 9. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254.

) Bonnay an Richelieu, Berlin 25. 9. 1816, Prusse Corr. Pol. 254.

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II. Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

einen Zustand fortschreitenden geistigen und körperlichen Verfalls geraten war, der sich lähmend auf die Führung der Staatsgeschäfte auswirkte. Diese gerieten mehr und mehr in die Hände der „Faktoten", die nahezu ausnahmslos einen ausgeprägten Franzosenhaß offen zur Schau trugen. Die einzige Ausnahme bildete Ancillon, von dem der Berliner Gesandte den Eindruck hatte, er sei einer der wenigen Männer, die dem neuen Frankreich wohlwollend gegenüberstanden. Unaufhörlich lobte er den „uneigennützigen Freund" und „Ratgeber" als Informationsquelle25). Auf dessen Rat hin bat nun Bonnay noch einmal den abwesenden Fürst-Staatskanzler schriftlich, unter Hinweis auf die große moralische und materielle Bedeutung der Frage und das bereits erfolgte Zugeständnis Englands, Rußlands und Österreichs, um die Zustimmung Preußens26). Die Antwort blieb aus. Böswilligkeit oder Verschleppungstaktik? Gleichzeitig scheiterte ein Vorstoß Richelieus bei dem an und für sich als verständig geltenden preußischen Vertreter auf der Botschafterkonferenz27). Richelieu wurde durch diese Entwicklung auf das äußerste entmutigt, zumal die Wirkung auf die öffentliche Meinung nicht ausblieb. Schließlich veränderte sogar England seine Einstellung, indem es sich hinter die preußische Ablehnung zurückzog28). Die Haltung der preußischen Regierung, die sich derartig im Rücken gestärkt fühlte, versteifte sich. Hardenberg zeigte sich vom einen zum anderen Mal verständnisvoll oder eiskalt29). So ging der Herbst zu Ende und die Angelegenheit, deren rasche Beendigung so sehr erwünscht war, kam nicht voran. Die neuen Kammern wurden eröffnet, ohne daß der König die Genugtuung gehabt hätte, in seiner Eröffnungsansprache dem französischen Volke einen Hoffnungsschimmer in seiner mißlichen Lage geben zu können30). Die wirtschaftliche Lage des Landes - nicht zuletzt durch Mißernten verursacht - verschlechterte sich zusehends. Die Ausgaben des Staatshaushaltes überschritten bei weitem die Einnahmen. Frankreich sah sich außerstande, den finanziellen Verpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern nachzukommen. Man war genötigt, um Aufschub der Zahlungen zu bitten. Eine Anleihe wurde erforderlich, aber zuvor mußte noch einmal der bisher mißlungene

25 ) Caraman an Jaucourt, Berlin 18. 2. 1815, Prusse Corr. Pol. Bd. 253; Bonnay an Richelieu, Berlin 1. 6. 1816; 27. 7. 1816, 23. 11. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. 28 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 25. 9. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. f7 ) Richelieu an Bonnay, Paris 15. 10. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254; Pasquier Bd. IV, S. 165. ,8 ) Richelieu an Osmond, Paris 13. 10. 1816, Angleterre Corr. Pol. Bd. 608. ») Bonnay an Richelieu, Berlin 23. 10. 1816, 24. 10. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. 80 ) Gorce, Ludwig XVIII., Paris 1926, S. 99.

3. Regelung der Kriegsentschädigungen

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Versuch einer Herabsetzung der Stärke der Besatzungsarmee wiederholt werden3*). Überraschenderweise ging diesmal die früher so schwierige Angelegenheit verhältnismäßig rasch vonstatten. Die Botschafterkonferenz schlug eine Verminderung der Besatzungstruppen um ein Fünftel vor, und Frankreich garantierte von neuem seine Verpflichtung gegenüber den Alliierten. Noch einmal tauchte vorübergehend die Gefahr einer Verzögerung infolge preußischen Widerstandes auf, denn keiner der Gläubiger war finanziell so auf die französischen Zahlungen angewiesen wie Preußen, das froh war, einen Teil seiner Truppen durch die Besatzung versorgt zu wissen32). Auf die Vorstellungen der anderen Großmächte hin, daß Uneinsichtigkeit zum völligen Bankrott des Gegners führen müßte, lenkte Preußen ein33). Die französische Regierung tätigte die Anleihe HopeBaring, die ihr einen größeren finanziellen Spielraum verschaffte34). Nach ihrer Verkündigung beschloß die Botschafterkonferenz mit Wirkung von 1. April 1817 eine Verringerung der Besatzungstruppen um 30.000 Mann. Der erste Schritt zur Befreiung des Landes war getan35). 3. Die Regelung der Kriegsentschädigungen Bereits der Erste Pariser Vertrag hatte die Zahlung privater Forderungen von Untertanen der verbündeten Mächte an Frankreich sichergestellt, der Zweite verpflichtete noch einmal ausdrücklich, diesen Genüge zu leisten. Es handelte sich um Zahlungen, die an die französischen Armeen bei ihren Zügen durch Europa geleistet und deren Begleichung immer wieder durch irgendwelche Umstände unterlassen worden war. Eine besondere Kommission arbeitete seit 1814 an der Festlegung dieser Summen, für deren Anmeldung ein Stichtag festgelegt worden war. Aus einem besonderen Fonds sollten die vielfältigen Ansprüche getilgt werden. Die endgültige Regelung dieser Angelegenheit bereitete der französischen Regierung nicht geringe Sorgen. Bald nach der Anleihe Hope-Baring, die den Alliierten die Garantie für die finanziellen Verpflichtungen Frankreichs gewährleistet hatte, stellte sich das Problem der Kriegsentschädigungen mit unerwarteter Schärfe ein. Die bestellte Anmeldefrist für die zu erhebenden Schuldforderungen war abgelaufen, und man war nun in der Lage, sich ein ungefähres

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) ) ") ,4 ) >6) ,2

Richelieu a n Osmond, Paris 21. 11. 1816, Angleterre Corr. Pol. Bd. 608. Bonnay a n Richelieu, Berlin 17. 12. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. Bonnay an Richelieu, Berlin 28. 12. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. Marion. M., Histoire financière de la France, Paris 1925, Bd. IV, S. 210. Gorce, Louis X V I I L , S. 101.

32

II. Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

Bild über ihre Höhe zu machen. Alle Erwartungen von Schuldnern und Gläubigern wurden übertroffen, die Forderungen beliefen sich auf die für die damalige Zeit unerhörte Summe von 1 Milliarde 600 Millionen Franken36). Alle Welt hatte bei dieser Gelegenheit Schulden angemahnt und die Begleichung sämtlicher, seit langer Zeit ausstehender Rechnungen gefordert. Treitschke berichtet z. B. nicht ohne jene grimmige Ironie, die ihm eigen war, wenn es galt, einem der deutschen Duodezfürsten etwas anzuhängen, von der Schuldforderung des Herzogs von Anhalt-Bernburg für den ausgebliebenen Sold einer Reiterschar, die einst einer seiner Ahnen zur Zeit der Hugenottenkriege dem Heere Heinrichs IV. zugeführt hatte37). Die französische Regierung erklärte sich unfähig, die geforderte Summe aufzubringen38). Es war zu erwarten, daß die Regierungen der einzelnen Mächte die Schuldforderungen ihrer Untertanen mit unterschiedlicher Energie verteidigen würden. Während des ganzen Jahres 1817 bis in das Frühjahr 1818 hat die Regelung der Kriegsentschädigungen nahezu ausschließlich die gesamte Arbeitskraft der französischen Diplomatie in Anspruch genommen. In Paris setzte sich der Regierungschef mit der Botschafterkonferenz und mit den von den Regierungen ernannten Finanzkommissaren auseinander, an den ausländischen Höfen verhandelten die französischen diplomatischen Vertreter. Wenn man in Wien ein Zugeständnis erreichte, so stieß man in Berlin auf systematischen Widerstand, und während London vollkommen gleichgültig war, bewilligte St. Petersburg freigiebig alles. Um eine Begrenzung der Summe zu erreichen, berief sich die französische Regierung auf zwei Erlasse aus der Zeit des Kaiserreiches - vom 25. Februar 1808 und vom 13. Dezember 1809 -, von denen der eine alle vor dem Jahre V liegenden Schuldforderungen für verfallen und der andere alle vor dem Jahre IX liegenden und bis zum 1. Juli 1810 nicht gemeldeten Schuldforderungen für verjährt erklärte39). Bereits in ihrem Anfangsstadium kam die Angelegenheit ins Stocken, da Preußen scharf gegen diese Verfahrensweise Einspruch erhob40). Die preußischen Finanzen befanden sich in einem katastrophalen Zustand: Preußen hatte das Geld dringend nötig. Man würde, so gestand Ancillon, ohne die Kriegsentschädigung gar nicht in der Lage sein, die Ausgaben zu decken41). Unter solchen Umständen und nach allen bisher gemachten

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) ) 38 ) 89 ) 40 ) 41 ) 5. 7. 37

Marion, Histoire financière, Bd. IV, S. 215. Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd. I I , S. 448. Pasquier, Bd. I V , S. 206. Gorce, Louis X V I I L , S. 103 f. Bonnay an Richelieu, Berlin 20. 5. 1817, 24. 5. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255. Bonnay a n Richelieu, Berlin 19. 6. 1817, 28. 6. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256.

3. Regelung der Kriegsentschädigungen

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Erfahrungen war kaum an Nachgiebigkeit von Seiten der preußischen Regierung zu denken, zumal sich gerade zu dieser Zeit die antifranzösische Haltung in Preußen verstärkte42). Die französische diplomatische Vertretung in Berlin befand sich in einer wenig beneidenswerten Lage. Wie waren Verhandlungen zu führen, wenn der senile preußische Regierungschef heute Versprechungen gab, an die er sich morgen nicht mehr erinnern konnte? Zwar wußte man nie, ob dieser Zustand auf Gedächtnisschwäche, Taubheit oder Taktik beruhte. Die Art und Weise des Verkehrs mit dem alten Kavalier des 18. Jahrhunderts gab keinen Anlaß zur Klage, während seine „Faktoten" meist der allerprimitivsten Umgangsformen entbehrten43). Aus dem Hintergrund wirkte, gefürchtet seit den Tagen der letzten Friedensschlüsse, der die Tage Hardenbergs zählende Nachfolger: Humboldt44). „La France n'a pas un plus dangereux ennemi", urteilte Richelieu. Bei der Nachricht von seiner Ernennung zum Gesandten in London atmete man in Paris auf, befürchtete aber sofort, daß er nun an anderer Stelle Frankreich Unheil bereiten würde45). Die französische Interessenvertretung in Wien gestaltete sich nicht annähernd so schwierig wie die in Berlin, obwohl die Haltung Metternichs gegenüber allen vorgetragenen Wünschen der französischen Regierung von vorsichtiger Zurückhaltung gekennzeichnet war. Der Zustand der österreichischen Finanzen war nämlich nicht besser als derjenige der preußischen, d. h. auch Österreich war auf die französischen Zahlungen angewiesen. Ferner hatte es eine die deutsche Lage kennzeichnende Rücksicht zu üben: „L'Autriche eût perdu tout son crédit sur les petits états confédérés, tous avides et assez pauvres, si elle n'avait paru épouser leurs revendications"46). Wir haben unsere Aufmerksamkeit auf Österreich und Preußen nicht allein im Hinblick auf unser Thema, das ja die französisch-deutschen Beziehungen behandelt, gelenkt. Die beiden deutschen Vormächte waren die größten Gläubiger Frankreichs. Sie vertraten zuzüglich die Schuldforderungen der übrigen deutschen Staaten gegenüber Frankreich, um deren Verbindung mit ihrer alten Klientelmacht möglichst zu unterbinden. Für die französische Regierung waren sie also die wichtigsten Verhandlungspartner, die es galt, zur Mäßigung ihrer Forderungen zu veranlassen. Von ihrer Unerschütterlichkeit oder von ihrem guten Willen hing das Schicksal der Frage der Kriegsschulden ab. Rußland war

42

) Bonnay an Richelieu, Berlin 25. 5. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255. ) Bonnay an Richelieu, Berlin 17. 9. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254; 14. 6. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255. 44 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 21. 5. 1816, 24. 9. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254; 22. 2.1817,14. 6.1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; 22. 7. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. 45 ) Richelieu an Osmond, Paris 1. 9. 1817, Angleterre Corr. Pol. Bd. 609. 46 ) Caraman an Richelieu, Wien 28. 7. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 398. 43

3 Hammer, Französ. Restauration

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IL Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

nur mit geringen Forderungen an der Angelegenheit beteiligt und konnte sich dementsprechend eher großzügig zeigen, während England mit der Ausbeutung noch nicht zurückerstatteter französischer Kolonien über Pfänder verfügte, die dem Wert der französischen Kriegsschulden bei weitem überstiegen. Weder die Verhandlungen Richelieus mit der Botschafterkonferenz in Paris noch die direkten Vorstellungen bei den einzelnen Höfen eröffneten Hoffnung auf Erfolg47). Die beiden Höfe, auf deren Entscheidung alles ankam, schoben sich wechselseitig die Verantwortung zu. Der Wiener Hof schien zwar der nachgiebigere zu sein, aber man war sich in Paris niemals sicher, ob sich hinter der Höflichkeit Metternichs nicht ein ebenso grundsätzlicher Widerstand verbarg wie der des Berliner Hofes48). Die französische Regierung schöpfte neue Hoffnung, als ihr gemeldet wurde, daß es dem durch Berlin reisenden russischen Außenminister Capo d'Istria trotz des geringen Vertrauens, das er in Preußen genoß, gelungen sei, die preußischen Regierungsstellen mit dem Argument zu beeindrucken, es sei unmöglich, aus Frankreich übertriebene Forderungen herauspressen zu wollen49). Sofort entschloß man sich, die Gelegenheit beim Schöpfe zu fassen und das sich rein zufällig ergebende Zusammentreffen der Regierungschefs der drei Ostmächte in den böhmischen Bädern im französischen Interesse auszunutzen. Große Hoffnungen finanzieller - ebenso wie politischer - Art knüpften sich an diese neuen Verhandlungen, mit deren Durchführung der Wiener Botschafter Caraman beauftragt war 50 ). Dieser hatte aber schon von vornherein den Erfolg in Frage gestellt. In falscher Vertrauensseligkeit machte er Metternich von dem Vorhaben Mitteilung, der es darauf vorzog, auf seine Badekur zu verzichten, also nicht zu erscheinen. Es blieben die Unterhandlungen mit den preußischen Vertretern. Von Anfang an waren die Aussichten auf ihren erfolgreichen Ausgang gering. Da Hardenberg sich den Besprechungen meist entzog, glichen sie denjenigen, die Bonnay mit dessen Untergebenen in Berlin führte. Die letzten Hoffnungen zerstörte Humboldt - seit 1815 der von den Franzosen gefürchtete oberste Chef der preußischen Kriegsschulden-Kommission -, der nun, von der antifranzösischen Partei in Berlin alarmiert, anreiste und den Kanzler Tag und

47

) Pasquier Bd. IV, S. 165. ) Richelieu an Bonnay, 29. 6. 1817 Paris, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; Bonnay an Richelieu, Berlin 28. 6. 1817, 29. 6. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255. 49 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 5. 7. 1817, 15. 7. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; Richelieu an Bonnay, Paris 1. 8. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. M ) Richelieu an Bonnay, Paris 1. 8. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; Richelieu an Caraman, Paris 1. 8. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 398. 48

3. Regelung der Kriegsentschädigungen

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Nacht bearbeitete, auf die vertraglich festgelegten Forderungen zu pochen51). Die Mission Caramans war gescheitert52). Die letzte Hoffnung schien geschwunden, die Lösung des Problems der Kriegsschuldenregelung in weite Ferne gerückt. Da entschloß sich die französische Regierung, die Angelegenheit wieder von vorn zu beginnen, indem sie in einer an die Botschafterkonferenz in Paris gerichteten Note offene Sprache führte. Die Veranlassung zu diesem neuen Versuch, der nach dem Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein" unternommen wurde, ging von einer Seite aus, von der man es am wenigsten erwartet hätte. Aus der Mitte des preußischen Kabinetts selber, von Ancillon - „ce bienfait du ciel" - stammte der Rat: „La France doit reprendre l'initiative!", um den Widerstand der Gläubiger zu brechen53). Der Wortlaut der Note der französischen Regierung stimmte weitgehend mit den von Ancillon erteilten Ratschlägen überein. Ohne Umschweife und unverhohlen drückte diese die Wünsche Frankreichs aus. Sie ging von der Tatsache aus, daß die französische Regierung nur mit einer weiteren Belastung der bereits bestehenden nationalen Schuld den gestellten Forderungen nachkommen könne. Auf die schwerwiegenden Folgen eines finanziellen Zusammenbruchs Frankreichs für die Gläubigerstaaten wurde hingewiesen, eine finanzielle Ruinierung Frankreichs widerspreche darüber hinaus den gemeineuropäischen Interessen. Das Land hätte seinen guten Willen mit der Schaffung des Garantiefonds zur Abtragung der Schuldforderungen zur Genüge unter Beweis gestellt. Wenn nun diese bei weitem die Höhe des Erwarteten überschritten hätten, so müsse dem Rahmen des Möglichen Rechnung getragen werden. In dieser untragbaren Lage schlage also die französische Regierung die Anerkennung aller wirklich berechtigten Schulden vor. Eine Pauschalsumme sollte in gemeinsamer Verhandlung für deren Ablösung festgelegt werden. Die Freiheit über die Art der Zahlung müsse jedoch Frankreich selber überlassen bleiben. Die Botschafterkonferenz beschränkte sich nach Erhalt der Note auf den Hinweis, Anweisungen der Höfe abwarten zu müssen54). Naturgemäß waren von den deutschen Staaten die größten Widerstände zu erwarten. Dennoch hoffte man, ihrer diesmal an dem Ort ihrer stärksten Konzentrierung Herr werden zu können. Ancillon, der durch den immer weiter fortschreitenden Verfall Hardenbergs zunehmend an Bedeutung und Einfluß ge-

51

) Caraman an Richelieu, Karlsbad 17. 8. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 398. ) Richelieu an Osmond, Paris 1. 9. 1817, Angleterre Corr. Pol. Bd. 609; Richelieu an Caraman, Paris 17. 9. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 398. 5S ) Bonnay an Richelieu Berlin 27. 8. 1817, 6. 9. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. 54 ) Richelieu an Bonnay, Paris 10. 9. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. 62

3*

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IL Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

wann, hatte seine Unterstützung versprochen55). Folglich glaubte man, mit einiger Zuversicht handeln zu können. Nur von den übrigen deutschen Staaten vermutete man, einigen Widerstand erwarten zu müssen, der aber zu überwinden war. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als der ahnungslosen französischen Diplomatie gerade in Berlin das Gebäude ihrer Hoffnungen unvermutet zerstört wurde. Der Sekundant hatte sich seiner Aufgabe entzogen. Und die Verhandlung mit Hardenbergs Stellvertreter Jordan nahm einen katastrophalen Ausgang. Dem verstörten Gesandten wurde ein auf sechs Monate begrenztes preußisches Ultimatum für die Zahlung der ausstehenden Schuldforderungen überreicht und zugleich Kenntnis von einer gedruckten und für die übrigen deutschen Staaten bestimmten Denkschrift gegben, in der Frankreich eine wissentliche Verletzung des Internationalen Rechts in Form von Vertragsbruch vorgeworfen wurde. Es war „un appel fait aux passions germaniques" !56) Der russische Trost lautete: „Tout s'arrangera!" Ancillon trat wieder aus seiner Reserve hervor und verwies auf Österreich. Wenn Österreich sich im französischen Sinne entscheiden würde, sei Preußen isoliert. Dann sei die Regierung gegenüber den „UltraGermains" entschuldigt und würde einlenken. Frankreich solle einfach die preußischen Forderungen zurückweisen57). Von Österreich hing es danach ab, ob der preußische Widerstand anhielt oder nachließ. Schloß Österreich sich aber der Haltung Preußens an und bildeten die beiden deutschen Staaten einen Block gegen Frankreich, so war die Sache hoffnungslos. Der österreichische Gesandte in Berlin, Graf Zichy, hatte bereits auf die doppelte Verantwortung seines Regierungschefs hingewiesen, der einmal als europäischer, dann aber auch als deutscher Staatsmann zu handeln hätte58). Als europäischer Staatsmann mußte Metternich die Folgen einer Lage in Berechnung ziehen, die sich durch eine Überspannung der finanziellen Forderungen an Frankreich ergeben konnten. Dagegen mußte der deutsche Staatsmann eine Gefährdung der Stellung Österreichs in Deutschland tunlichst vermeiden. Verschiedenartige, oft schwer miteinander zu vereinbarende Gesichtspunkte waren zu berücksichtigen. Während der langen Zeit, in der er die Regierungsgeschäfte führte, hat der österreichische Staatskanzler sich immer bemüht, sie eng aufeinander abzustimmen, aber es gab besondere Situationen, in denen sich ein derartiges Verfahren als schlichthin unmöglich erwies. Wie entschied sich Metternich in diesem Fall? Die zweifache Politik, von der wir eben gesprochen haben, spiew

) Bonnay an Richelieu, Berlin 6. 9. 1817, 7. 9. 1817, Prusse Corr. Pol Bd. 256.

56

) Bonnay an Richelieu, Berlin 29. 9. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; Richelieu an Osmond, Paris 12. 10. 1817, Angleterre Corr. Pol. Bd. 608. 57 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 21. 10. 1817, 29. 10. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. M ) Bonnay an Richelieu, Berlin 21. 10. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256.

3. Regelung der Kriegsentschädigungen

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gelte sich deutlich in seiner Haltung, wenn er gegenüber Caraman die preußische Verfahrensweise scharf mißbilligte und ihn mit einem „tout ira bien" vertröstete, andererseits aber den österreichischen Vertreter auf der Botschafterkonferenz anwies, gemeinsam mit Preußen zu handeln59). Noch deutlicher kam die Doppelstellung Österreichs als europäische und deutsche Macht in den vertraulichen Gesprächen zum Ausdruck, die Gentz, Metternichs rechte Hand, mit dem jugendlichen Geschäftsträger der Wiener Botschaft, Artaud, während der Abwesenheit von Caraman, führte. Ganz unverhohlen trat die Problematik des österreichisch-preußischen Verhältnisses und der österreichische Gesichtspunkt bei Anlaß der letzten Auseinandersetzung mit Frankreich zu Tage: „La Prusse retirera des avantages germains de sa perfidie; elle insulte votre ministère; elle veut se populariser avec ses nouveaux sujets; elle veut essayer d'acquérir un capital de 400 millions; si elle ne réussit pas, elle accusera les autres Gouvernements de l'avoir abandonnée. Elle signalera l'Autriche comme une puissance anti-allemande, et elle finira par jouer un rôle dans vos affaires domestiques." Hinzugefügt wurde der vielsagende Rat: „Faites des voeux pour que la Prusse et l'Autriche ne s'entendent jamais"60). Auf diese Weise erschloß sich der französischen Diplomatie die Taktik des Wiener Kabinetts, die zwischen dosierter Mäßigung gegenüber Frankreich und Rücksichtnahme auf Preußen, d. h. der eigenen Stellung in Deutschland, zu lavieren hatte. Schließlich erklärte sogar Metternich ganz offen, daß er trotz aller Sympathien, die ihm die französische Sache einflößte, moralisch gezwungen sein würde, die preußischen Forderungen zu unterstützen, und daß er entsprechende Weisungen an den österreichischen Vertreter auf der Botschafterkonferenz in Paris habe ergehen lassen müssen61). Wieder war also alles in Frage gestellt. Es blieb nur übrig - wie gewohnt- die letzte Hilfe bei Rußland zu suchen: „C'est de Moscou que doit partir l'impulsion qui nous arrachera au danger qui nous menace et l'Europe avec nous si les Prussiens et les Autrichiens s'accordent à exiger ce que décidément nous ne pouvons donner. Pour les réduire aux silence, il faut que le signal parte de Moscou"62). Der Zar verwandte sich, wie erwartet, in Berlin und in Wien für das französische Ansuchen. Auf der einen Stelle predigte er Mäßigung und auf der anderen wies er auf die gemeinsamen

5fi

) Caraman an Richelieu, Wien 17. 10. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 298. ) Artaud an Richelieu, Wien 19. 10. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 298. M ) Artaud an Richelieu, Wien 15. 10. 1817, 19. 10. 1817, 30. 10. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 298. 62 ) Richelieu an Noailles, Paris 30. 10. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 157. 60

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IL Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

Interessen hin68). Aber er hatte schon zu oft für die französische Sache plädiert, sein Eingreifen blieb erfolglos. So mußte sich eine Stimme zur Verteidigung der französischen Interessen erheben, die sich seit 1815 im Hintergrund gehalten hatte. Das Gewicht Englands wurde mit der Wirksamkeit, mit der man frische Truppen am Ende eines Kampftages in ein Gefecht führt, in die Waagschale geworfen. Preußen konnte die Schiedsrichterschaft Wellingtons, die dem Sieger von Waterloo von Rußland angetragen wurde, nicht zurückweisen. Anfänglich versuchte man in Berlin noch einen gewissen Widerstand aufrechtzuerhalten, dann aber ging man zu vorsichtig und geschickt geführten Rückzugsgefechten über. Die preußische Regierung senkte nach und nach ihre Schuldforderungen. Richelieu wurde von Bonnay in Berlin ausgezeichnet unterstützt, diesem lieh wiederum Ancillon seinen Rat: „Nous gardons seulement le décorum." Die französische Regierung ging keinen Fußbreit von ihrem ursprünglichen Anerbieten zurück, bis Bonnay meldete: „Ce n'est au reste, de plus en plus évident, que nos propositions seront acceptées par la Prusse, si elles le sont par les autres puissances"64). Es blieb die österreichische Entscheidung. Metternidi zögerte nicht, die Vermittlung Wellingtons anzunehmen und schien zufrieden, auf gute Art und Weise von seiner Verantwortung befreit zu werden. Am Ende des kämpfreichen Jahres 1817 konnte Richelieu nach Berlin mitteilen, daß Caraman die endgültige Einwilligung Metternichs zu den französischen Vorschlägen erlangt hätte65). Damit war die Frage der Regelung der Kriegsschulden im Prinzip entschieden. Bis in das Frühjahr 1818 arbeiteten die Finanzkommissionen an der endgültigen Schätzung der von Frankreich zu zahlenden Schuld. Unter dem Druck Englands und Rußlands willigten die deutschen Mächte - nicht ohne letzte ärgerliche Streitigkeiten - in eine ansehnliche Senkung der ursprünglich geforderten Summen ein66). Österreich war in seinen Ansprüchen von 200 auf 25 Millionen herabgegangen, Preußen von 120 auf 60, Bayern von 73 auf 10, Hamburg von 70 auf 25, Bremen und Lübeck von 4 auf 3, Sachsen von 20 auf 4, Hannover von 25 auf 10, Preußisch-Sachsen von 15 auf 3 und die restlichen deutschen Staaten von insgesamt 25 auf 2 Millionen67). Hatte die Gesamtheit der deutschen For6S

) Bonnay an Richelieu, Berlin 18. 11. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; Caraman an Richelieu, Wien 6. 12. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 298. w ) Bonnay an Richelieu, Berlin 14. 11. 1817, 15. 11. 1817, 18. 11. 1817, 2. 12. 1817, 8. 12. 1817, 9. 12. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 257; 6. 1. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. w ) Richelieu an Bonnay, Paris 20. 12. 1817, Angelterre Corr. Pol. Bd. 609; Richelieu an Osmond, Paris 22. 12. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256. 68 ) Richelieu an Osmond, Paris 5. 3. 1818, 9. 3. 1818, 30. 3. 1818, Angleterre Corr. Pol. Bd. 611. 67 ) Wellington, Dispatches Bd. XII, die unter dem 17. 2. 1818 veröffentlichte Tabelle der endgültigenfinanziellenAnsprüche der Alliierten an Frankreich.

4. Ende der Besatzung - Kongreß von Aachen 1818

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derungen sich früher auf 773 Millionen belaufen, so betrug sie jetzt 216, d. h. es handelte sich um eine Summe, die ungefähr der von Richelieu als Maximum angegebenen entsprach. Das Abkommen vom 25. April 1818 erzielte die Löschung aller auf Frankreich lastenden Kriegsschulden und verwandelte die anerkannten Forderungen in eine verzinsbare französische Staatsschuld68). Um ungefähr ein Drittel oder mehr waren die Forderungen aller Gläubiger herabgedrückt worden. Preußen und Hamburg, die von den napoleonischen Kriegen am schwersten betroffenen Staaten, hatten sich am hartnäckigsten dagegen gesträubt. Die so lang umstrittene Frage der Regelung der Kriegsentschädigungen war zu Ende gegangen. Schon verschmolz sie mit einer anderen: mit der endgültigen Befreiung des Landes von der Besatzung69). 4. Das Ende der Besatzung - Die Erringung der Gleichberechtigung Der Kongreß von Aachen 1818 Im Pariser Vertrag vom 20. November 1815 war Frankreich eine fünfjährige Besatzung durch Truppen der alliierten Mächte auferlegt worden. Die verbündeten Monarchen behielten sich vertraglich vor, nach Ablauf von drei Jahren zu prüfen, ob die neue Ordnung in Frankreich gewährleistet sei und die Besatzungstruppen zu einem früheren Zeitpunkt abgezogen werden könnten. Die französische Regierung hatte nach vielen Schwierigkeiten erreicht, daß bereits im Frühjahr 1817 die Starke der Besatzung um ein Fünftel herabgesetzt wurde. Nun bemühte sie sich um deren endgültigen Abzug. Die Notwendigkeit der Räumung Frankreichs von den Besatzungstruppen wurde allgemein anerkannt. Über die Frage des Vollzugs bestanden jedoch Meinungsverschiedenheiten. Die endgültige Entscheidung war einem im Spätherbst des Jahres 1818 zusammenzutretenden Kongreß vorbehalten. Selbst in Preußen schien man sich darüber im klaren zu sein, daß das Ende der Besatzung, die „der Eigenliebe des Siegers" geschmeichelt hatte, unausweichlich näher rückte, und man kaum Mittel besaß, gegen eine Entscheidung der Räumung durch die übrigen Mächte anzugehen. Nicht ohne Bitterkeit äußerte Humboldt zu dem französischen Gesandten: „Vous concevez bien que la Prusse ne saurait s'y prêter volontiers, mais il paraît que la Prusse voudra faire passer la résolution dans l'intérêt de la France et je prévois qu'elle l'emportera"70). Zu der Zeit hatte die französische Regierung bereits wie gewöhnlich •8) Marion, Histoirefinancière,Bd. IV, S. 421. ••) Richelieu an Osmond, Paris 23. 4. 1818, Angleterre Corr. Pol. Bd. 611. 70 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 22. 7. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; 16. 3. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 257.

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IL Außenpolitische Fragen der Nachkriegszeit 1815-1818

die russische Unterstützung zu ihren Gunsten eingeschaltet, da sich in Berlin ein Widerstand von einer Seite erhoben hatte, von der er am allerwenigsten erwartet worden war. Der König selbst widersprach und begründete seine Ablehnung mit dem Armeereformprojekt des Marschalls Saint Cyr, das in den preußischen Militärkreisen Beunruhigung hervorgerufen hatte 7 1 ). Erst der Zar überwand bei dem Besuch des ihm persönlich ergebenen und leicht beeinflußbaren Königs in St. Petersburg dessen Widerstand 72 ). Als man damit rechnen konnte, daß Preußen unter russischem Einfluß nachgeben würde, vertraute sich Richelieu mit seinen Hoffnungen und Wünschen Metternich an. Dieser lehnte nicht grundsätzlich ab, und stimmte schließlich sogar mit dem Blick auf Preußen, wenn auch keineswegs aus vollem Herzen, zu 7 3 ). So stand im Verlauf des Sommers 1818 die stillschweigende Übereinkunft der Alliierten über die Räumung Frankreichs von der Besatzung fest. Die Bestimmung der endgültigen Verfahrensweise sollte Aufgabe des Kongresses bleiben, ebenso auch die Entscheidung über die zukünftige Stellung Frankreichs innerhalb der Staatengemeinschaft 74 ). Die Zeit bis zu seinem Zusammentritt im September 1818 in Aachen war angefüllt mit dem Gedankenaustausch über die Frage der zukünftigen europäischen Sicherheit. Frankreich hatte weitgehend die Bedingungen des Vertrages vom 20. November 1815 erfüllt. N u r einige bedeutungslose Angelegenheiten warteten noch der endgültigen Regelung. In der Frage des Abzuges der Besatzungstruppen war sich die französische Regierung ihres Erfolges ziemlich sicher. Die Frage der Eingliederung Frankrechs in die Staatengemeinschaft blieb noch offen. Es kam darauf an, den Pakt von Chaumont, der den eigenen Interessen Frankreichs widersprach und die eigene Würde verletzte, zu beseitigen. „Contre une alliance particulière" war zu protestieren, da „elle traite directement contre le but qu'on doit se proposer: raffermissement du repos général." Gleichberechtigung und die Auflösung des diskriminierenden Paktes von Chaumont waren zu fordern 75 ). Es war fraglich, ob es gelingen würde, dieses letzte, hohe Ziel zu erreichen.

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) dto; Richelieu an Noailles, Paris 16. 9.1817, 3. 10.1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 157. ) Noailles an Richelieu, St. Petersburg 6. 3. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 157; Bonnay an Richelieu, Berlin 14. 6. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; 17. 3. 1818, 7. 4. 1818, 9. 5. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 257. 7S ) Richelieu an Caraman, Paris 17. 3. 1818, Autriche Corr. Pol. Bd. 399; Caraman an Richelieu, Wien 21. 4. 1818, Autriche Corr. Pol. Bd. 399. 74 ) Caraman an Richelieu, Wien 25. 7. 1818, Autriche Corr. Pol. Bd. 399; Catestellux an Richelieu, Berlin 28. 7. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 257; Richelieu an Caraman, Paris 20. 7. 1818, Autriche Corr. Pol. Bd. 399; Richelieu an Bonnay, Paris 25. 7. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 257; Richelieu an Osmond, Paris 24. 8. 1818, Angleterre Corr. Pol. Bd. 611. 75 ) Richelieu an Noailles, Paris 6. 9. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 158. 72

4. Ende der Besatzung - Kongreß von Aachen 1818

41

Im Vergleich zu Wien war Aachen „un joli petit congrès"76), von dem die kleinen Mächte ausgeschlossen waren und der sich auf die großen beschränkte. Zuerst wurden die Frankreich betreffenden und dann die allgemeinen Probleme behandelt. Der Vorgang von 1814 und 1815 wiederholte sich: Die Beratungen der Großmächte erfolgten unter Ausschluß Frankreichs. Nur war Richelieu als eventueller Partner weniger zu fürchten als früher Talleyrand. Da alle Kongreßteilnehmer sich einig waren, wurde die Frage des Abzuges der Besatzung aus Frankreich schnell geregelt. Die Entscheidung über die bis zum 30. November des Jahres zu erfolgende Räumung des Landes - bis dahin sollten auch die restlichen noch ausstehenden Kriegsschulden abgetragen sein - fiel am 2. Oktober, und bereits wenige Tage später, am 9. Oktober, wurde das dementsprechende Abkommen unterzeichnet77). Andererseits war der Wunsch einer allgemeinen Sicherung gegen die Gefahr einer Revolution in Frankreich lebendig geblieben: Die alten Partner des Paktes von Chaumont beschlossen im geheimen die Erneuerung des Vierbundes. Um nun aber für Frankreich dieses unausgesprochene Mißtrauen erträglicher zu gestalten, wurde der Vierbund zu einer Union der Fünf erweitert, in der das Frankreich der Restauration einen gleichberechtigten Platz zur Aufrechterhaltung der in Europa geschaffenen Ordnung neben den übrigen Großmächten erhielt78).

76

) Metternich, Aus Metternichs nachgelassenen Papieren, Wien 1880 f., Bd. II, S. 527. ) Martens, Recueil des Traités, Bd. VII, Convention du 9 octobre 1818 et annexes. 78 ) Richelieu an Bonnay, Aachen 4. 11. 1818, Prusse Corr. Pol. Bd. 257; Angeberg, S. 1755, Protokoll des Aachener Kongresses vom 15. 11. 1818. 77

III. DAS DEUTSCHLAND DER FRANZÖSISCHEN DIPLOMATEN 1814-1820 1. Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten Die komplizierten staatsrechtlichen Verhältnisse innerhalb des Deutschen Reiches forderten von Frankreich nach dem Westfälischen Frieden die Unterhaltung eines umfangreichen diplomatischen Apparates auf deutschem Boden. Die einzelnen deutschen Landesherren waren seitdem souverän in ihren auswärtigen Beziehungen, und der französische König hatte sich beeilt, mit den bedeutenderen von ihnen diplomatische Beziehungen zu unterhalten. Die meisten französischen Diplomaten des ancien régime sind einmal im Verlauf ihrer Karriere an einen der zahlreichen deutschen Höfe geführt worden. Direktorium, Konsulat und vor allem Kaiserreich verfügten noch über ein ansehnliches diplomatisches Korps in Deutschland. Der Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft hatte seine Auflösung zur Folge. Nach dem Abschluß des Ersten Pariser Friedens stellte sich auch das Problem der Wiederherstellung regelmäßiger diplomatischer Beziehungen zwischen dem Hof der Tuilerien und den einzelnen deuschen Höfen. Offensichtlich wurde es von der französischen Regierung jedoch nicht als dringlich ansehen. Der Aufbau der diplomatischen Vertretungen der restaurierten alten Monarchie vollzog sich langsam. Voreiliges Vorgehen wäre verkehrt gewesen und hätte der sich bereits bildenden „Tiers Parti" in Deutschland nur schaden können. Schließlich war ja auch die Regelung der innerdeutschen Verhältnisse noch nicht erfolgt, und alles blieb bis zur endgültigen Festlegung auf dem Kongreß in der Schwebe. Im Hinblick darauf aber glaubte die französische Regierung, zur Wahrung ihrer Interessen an zwei Stellen eines Beobachters nicht entbehren zu können: in Berlin und in München. Auf diese beiden Orte konzentrierte sich in diesem Moment das Interesse der französischen Deutschlandpolitik. Ihren Hauptlinien sind wir bereits bei der Behandlung der Instruktionen Talleyrands für den Wiener Kongreß begegnet: Verhinderung einer Vorherrschaft und einer übermäßigen Machtzunahme Preußens; Erhaltung und Unabhängigkeit der Mittel- und Kleinstaaten, der „clientèle" Frankreichs in Vergangenheit und Zukunft. Der Angelpunkt für die Verhinderung des Anstiegs der preußischen Macht wie für die Wiedergewinnung des

1. Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten

43

erschütterten Vertrauens der Kleinstaaten war die sächsische Frage. Wir brauchen nicht noch einmal auf die Bedeutung hinzuweisen, die ihr von französischer Seite zugemessen wurde. Durch die Kriegsgefangenschaft des sächsischen Königs in Berlin besaß die französische Gesandtschaft besonderen Wert. Den Umständen entsprechend mußte sich die Aufgabe des neuen Gesandten auf die Beobachtung beschränken. Hinzufügend sei bemerkt, daß es sich bei der französischen diplomatischen Vertretung am preußischen Königshof nur um eine Gesandtschaft und nicht um eine Botschaft handelte, wie sie an den Höfen der übrigen Großmächte, und den dem bourbonischen Familienpakt angehörenden oder dazu gerechneten Staaten, sowie dem Heiligen Stuhl, Schweden und der Eidgenossenschaft unterhalten wurde. Obwohl Preußen seit Friedrich dem Großen als Großmacht galt und jetzt nach 1814 zu den Siegermächten zählte, verzichtete man bewußt darauf, der Stellung Preußens als Großmacht durch Rangerhöhung der diplomatischen Vertretung besondere Anerkennung zu verleihen. Preußen war in französischen Augen nicht mehr als die erste der Mächte zweiter Ordnung1). Mit der schwierigen Aufgabe der Wahrung der französischen Interessen beim Berliner Hof wurde der Marquis de Caraman betraut, eine Persönlichkeit, deren Vergangenheit über jede Verdächtigung erhaben und die mit den besonderen Verhältnissen des alten Militärstaates schon insofern vertraut war, als der Marquis während seiner Emigration bereits in preußischen Diensten gestanden hatte2). Der neue Gesandte entfaltete nach seiner Ankunft in Berlin eine lebhafte diplomatische Tätigkeit, deren Hauptaufgabe, zuerst über geheime Mittelsmänner, dann offen, die Pflege der Beziehungen zu dem sächsischen Hof in dessen misslicher Lage waren. Zur selben Zeit, da Caraman in Berlin eintraf, erfolgte von Paris aus die Besetzung eines anderen diplomatischen Postens in Deutschland. Graf Polignac - der spätere Fürst und Minister Karls X. - wurde zum Gesandten in München berufen, eine Ernennung, die noch offenkundiger als diejenige von Berlin den französischen Wunsch nach Wiederaufnahme der Fäden der alten Klientelpolitik Frankreichs in Deutschland zur Schau trug3). Die Wahl des eben aus zehnjähriger Haft befreiten Günstlings des Grafen von Artois war mehr von privaten Gründen denn von politischen Erwägungen diktiert. Seine Wirksamkeit in München war kurz4). Bevor es nun zu einem weiteren Ausbau der diplomatischen Vertretungen

1

) Instruktionen des Marquis de Caraman für Berlin, Paris September 1814, Prusse Mémoires Bd. 10. 2 ) Ernennungsurkunde, Paris 15. 7. 1814; Instruktionen vom Sepetmber 1814; seit Mitte September 1814 in Berlin; Prusse Corr. Pol. Bd. 253. 8 ) Dupuis, Bd. II, S. 161, S. 285. 4 ) Robin-Harmel, Polignac, Bd. I, S. 111 f.

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III. Das Deutsdiland der franzÖsisdien Diplomaten 1814-1820

Frankreichs in Deutsdiland kam, traten die Ereignisse der Hundert Tage ein, die die Restauration erst einmal beendeten und die gerade angelegten Ansätze einer neuen französischen Deutschlandpolitik wieder zerstörten. Die Ereignisse überschlugen sich. Der bald folgende Zusammenbrudi war viel umfassender und tiefgehender als der des Vorjahres. Der Zweite Pariser Friede entsprach in keiner Weise dem Ersten. Die innere und äußere Lage Frankreichs hatte sich wesentlich verschlechtert, an eine schnelle Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zu den deutschen Staaten war nicht zu denken. Die französische Regierung konnte auch keinen großen Wert darauf legen. Einmal war sie zu sehr mit näherliegenden und im Moment wichtiger erscheinenden Problemen beschäftigt, wie dem der Besatzung, der Abtragung der Kriegsschulden usw., als daß sie nun daran gegangen wäre, die diplomatischen Posten in Deutschland zu besetzen. Dann verbot politische Klugheit allzu rasches Handeln, das dem französischen Ansehen und der Sache an sich schädlich sein konnte. Der letzte Feldzug hatte auf deutscher Seite - im Volke ebenso wie auf Seiten der Regierungen - in einem ungeahnten Maße H a ß und Leidenschaften wachgerufen. In Paris zeigte sich das täglich. In Deutschland lagen die Dinge nicht anders. Die Lage des französischen Gesandten in Berlin war während der Hundert Tage mehr als peinlich gewesen. Wiederholt war er öffentlich beschimpft oder verhöhnt worden 5 ). Schlimmer hatte sich die Lage des Gesandten in Hamburg gestaltet, der einige Male sogar in Lebensgefahr geraten war 6 ). Die französische Regierung hatte den Eindruck, daß die staatlichen Autoritäten in Deutschland augenscheinlich außerstande waren, gegen „die entfesselten Haßausbrüche " des Volkes vorzugehen. Man vermutete sogar, daß diese durch „unterirdische Kanäle" noch „ ö l in das lodernde Feuer" gössen7). So schien es weitsichtiger zu sein, erst einmal das Abklingen der Erregung der nationalen Leidenschaft in Deutschland abzuwarten und dann langsam, nach dem Grad der Dringlichkeit, mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu beginnen. Schließlich spielte auch noch ein sehr materieller Grund eine Rolle: das Problem der Finanzierung der auswärtigen Legationen. Die französischen Staatskassen waren leer. Die Selbstfinanzierung seiner Gesandtschaft, wie das im „ancien régime" meistens üblich gewesen war, konnte nach den großen Besitzveränderungen, die im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts in Frankreich vor sich gegangen waren, von keinem der betreffenden Kandidaten mehr verlangt werden. Noch nach Jahren waren die Haushaltsmittel der fran-

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) Caraman an Talleyrand und Jaucourt, Berlin 18. 2. 1815, 19. 2. 1815, 18. 3. 1815, 15. 4. 1815, 20. 4. 1815, 16. 5. 1815, Prusse Corr. Pol. Bd. 253. •) Monnay an Talleyrand, Hamburg 8. 6.1814, 22. 6.1814, Hambourg Corr. Pol. 122. 7 ) dto. u. Nr. 5.

1. Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten

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zösischen Legationen im Ausland äußerst beschränkt und lagen im Durchschnitt unter denen sehr viel kleinerer Staaten8). Die erste Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen in Deutschland war ein Sonderfall. Dem Zynismus Talleyrands gefiel es, den gefährlich und lästig werdenden Fouché, den alten Jakobiner und Königsmörder, an den dem französischen Königshause nahe verwandten Dresdner Hof abzuschieben. Ein wahrer Hohn und ein Zeichen, wieviel im Grunde Sachsen, einschließlich seiner Dynastie - dieser Musterfall des Legitimitätsprinzips und französischer Klientelpolitik in Deutschland - eigentlich galt9). Der in Ungnade gefallene Polizeiminister so vieler Regime verweilte aber nur wenige Monate auf seinem Posten, um dann endgültig ins Exil geschickt zu werden. Dort erwies er sich als „un apôtre du despotisme le plus absolu" und wurde zu einem nützlichen Berater des dankbaren Metternich bei der Demagogenverfolgung und der Pressegesetzgebung10). Schon im Dezember 1815, also kurz nach der Unterzeichnung des Zweiten Pariser Friedens, erachtete es die französische Regierung jedoch als unerläßlich, wenigstens über einen bedeutenden diplomatischen Vertreter in Deutschland zu verfügen. Noch vor Wien, noch vor Berlin - die Verhandlungen mit Österreich und Preußen waren durch den Vertrag vom 20. November abgeschlossen, und im Moment bestand keine Eile in der Aufnahme regelmäßiger Beziehungen zu den beiden deutschen Großmächten - wurde ein Beobachter an eine Stelle in Deutschland gesandt, die als der wichtigste Punkt angesehen wurde: nach Frankfurt. In der Stadt, in der sich die Vertreter der deutschen Staaten anschickten, über das Schicksal der zukünftigen Gestaltung Deutschlands zu entscheiden, durfte die französische Regierung jedenfalls, wenn es ihr auch versagt sein sollte, ein Wort mitzureden, nicht des Beobachters dieser Vorgänge entbehren. „La France ayant besoin désormais d'avoir à Francfort un ministre versé dans les affaires qui connaisse à fond l'Allemagne, et qui soigne, aux qualités propres à inspirer confiance, le talent et l'habitude d'observer", so lautete die Frage auf der Suche nach einem für diesen Posten geeigneten Vertreter11). Wer stand zur Verfügung? Es gab wenig Persönlichkeiten, die in der Lage waren, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Aus einer Reihe mittelmäßiger Erscheinungen ragten

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) Bonnay an Dessolles, Berlin 9. 2. 1819, Prusse Corr. Pol. Bd. 258. ) Instruktionen des Herzogs von Otranto für Dresden, Paris 19. 9. 1815, Saxe Corr. Pol. Bd. 85. 10 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 8. 9. 1818 (persönliche Mitteilung Metternichs an Reinhard), Allemagne Corr. Pol. Bd. 257. u ) Instruktionen des Grafen Reinhard für Frankfurt, Dezember 1815, Allemagne Corr. Pol. Bd. 72. 9

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III. Das Deutschland der französischen Diplomaten 1814-1820

einige in Frage kommende erfahrene Kenner Deutschlands hervor, zwar Diener des vergangenen Regimes, jedoch zu Franzosen gewordene Deutsche. Graf Otto, einer der wenigen hervorragenden Diplomaten der napoleonischen Zeit und zum Schluß Botschafter in Wien, schied durch seine Parteinahme für den Kaiser während der Hundert Tage aus12). Die engere Wahl begrenzte sich auf den Herzog von Dalberg und den Grafen Reinhard. Beide waren Schützlinge Talleyrands, dem sie ihre Karriere mehr oder weniger verdankten. Als seine Kreaturen hatten sie in seinem Kielwasser alle politischen Wendungen überstanden. Der Sturz ihres Herrn machte sie in Paris überflüssig, sie konnten anderwärts verwendet werden. Dalberg, der Getreueste der Getreuen, war auf dem Kongreß Talleyrands Stellvertreter gewesen. Aber sein Ruf und sein Ansehen waren in Deutschland derartig schlecht, zudem war er ständig - auch hierin seinem Meister gleich - erfolgreich in die schmutzigsten Geldgeschäfte verwickelt, daß es dem gewissenhaften Richelieu wenig ratsam schien, ihn mit der so wichtigen Aufgabe in Deutschland zu betrauen13). Die Wahl fiel auf R e i n h a r d , der am meisten allen Voraussetzungen zu entsprechen schien. Ein weniger schillernder Charakter als Dalberg, kein geborener Aristokrat wie dieser, sondern schwäbischer Pastorensohn und Stiftler, dessen Lebensgang, einmal in den Sog der großen Revolution hineingeraten, von ihr bestimmt worden war. Er war Ratgeber und Helfer aller Regime gewesen, ob sie nun Girondisten, Direktorium, Konsulat, Kaiserreich oder nun gar legitime Monarchie hießen. Selten hat dieser Mann im Vordergrund gestanden, und wenn schon, dann nur auf Grund einer Verlegenheitslösung, immer war er aber ein unermüdlicher Arbeiter und Kenner aller außenpolitischen Angelegenheiten. Er war wie geschaffen für Talleyrand, der denn auch durch alle Stürme hindurch sein Schicksalslenker gewesen war: der geborene zweite Mann14). Richelieu hätte keine bessere Wahl treffen können, als er Reinhard zum Gesandten in Frankfurt bestimmte. Die französische Diplomatie verfügte über keinen trefflicheren Deutschlandkenner als Reinhard. Nirgendwo konnten dessen Erfahrungen besser eingesetzt werden als in Frankfurt. Die Ernennung war gewissermaßen der letzte Schachzug des abtretenden Talleyrand auf dem Felde der französischen Deutschlandpolitik15). Erst im Frühjahr und Sommer des nächsten Jahres hat die Pariser Regierung

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) Biographies des grands hommes et personnages remarquables qui ont vécu sous l'empire. Louis Guillaume Otto, Comte de Mosloy 1754-1817, Paris 1852. ls ) Dard, Emile, Dans l'entourage de l'Empire, Emerich, Joseph, Duc de Dalberg, Paris 1940. u ) Graf Reinhard, siehe biographische Notizen im Anhang IL 15 ) Reinhard an Goethe, Frankfurt 4. 6. 1829, in Briefwechsel Goethe-Reinhard, Stuttgart 1950.

1. Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten

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an die Besetzung der weiteren Außenposten in Deutschland gedacht. Auf Grund der laufenden Verhandlungen über die Besatzung, die Kriegsentschädigung usw. war die Aufnahme direkter diplomatischer Beziehungen zwischen dem französischen Hof und den beiden deutschen Großmächten dringend erforderlich geworden. Die Verbindung zu den übrigen deutschen Höfen erfolgte nahezu gleichzeitig, ohne daß ein bestimmtes System erkennbar ist. Über zwei Jahre lang war Ludwig XVIII. in Wien ohne einen offiziellen diplomatischen Vertreter geblieben. Nach der Abreise Talleyrands, der mit seinem Stabe während des Kongresses die französischen Interessen in Wien vertreten hatte, waren diese - in der bourbonischen Familientradition begründet und in dem pacte de famille festgelegt - dem spanischen Botschafter anvertraut worden. Solange der Kaiser von Österreich und sein leitender Minister sich auf Grund der Friedensverhandlungen in Paris befanden und mit ihnen direkt unterhandelt werden konnte, war dieser Zustand tragbar. Nach der Unterzeichnung des Zweiten Pariser Vertrages und der Abreise der fremden Herrscher und ihrer Minister aus Paris wurde die Einrichtung der französischen Botschaft in Wien zu einer Notwendigkeit. Frankreich bedurfte des Wohlwollens Österreichs in allen Angelegenheiten, mit denen es infolge seiner Niederlage von 1815 beschäftigt war. Der österreichische Premier hatte sich bekanntlich bei den Friedensverhandlungen maßvoll gezeigt, und so hoffte Frankreich auch in Zukunft mit der österreichischen Unterstützung - vor allem gegen Preußen und bei England - rechnen zu können16). Es war kein reiner Zufall, wenn die Wahl für die Wiener Botschaft auf den bisherigen Gesandten in Berlin, Marquis d e C a r a m a n , fiel17). In Berlin folgte auf Caraman als Gesandter „une vraie incarnation de l'ancien régime"18): der Marquis de B o n n a y, ein gewandter Höfling, der als Emigrant durch zweieinhalb Jahrzehnte ein bewegtes Leben geführt hatte und als besonderer Intimus Ludwigs XVIII. galt, mit dem ihn gleiche konstitutionelle und außenpolitische Neigungen wie gemeinsam verbrachte Jahre des Exils verbanden19). Die Aufgabe, die dem alten Herrn gestellt wurde, war wohl die schwierigste, die die französische Diplomatie in diesem Moment zu vergeben hatte. Richelieu verbarg dies auch gar nicht: „Le poste est délicat et la besogne difficile", eröffnete er dem neuen Gesandten, „à Berlin doivent aboutir les

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) Instruktionen des Marquis de Caraman für Wien, Paris 1.6. 1816, Autriche Corr. Pol. Bd. 397. 17 ) Ernennungsurkunde für Wien, Paris 2. 3. 1816; Instruktionen Paris 1. 6. 1816; Ankunft in Wien 8. 7. 1816, Autriche Corr. Pol. Bd. 397. 18 ) Ernennungsurkunde für Berlin, Paris 2. 3. 1815; Instruktionen, Paris 1. 5. 1816; Ankunft in Berlin 20. 5. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 24; Cussy, Souvenirs, S. 67. 19 ) Bonnay, siehe biographische Notizen im Anhang II.

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III. Das Deutsdiland der französisdien Diplomaten 1814-1820

projets et les intrigues de toutes les puissances." „La Prusse continue", so hieß es, „à faire sonner haut son triomphe, l'orgueil tout neuf de la victoire lui est doux à savourer. Dans toutes les négociations nées de l'occupation, cet orgueil est la cause de bien de difficultés, toute transaction lui a paru malséante et elle a cédé tour à tour à tous les points, c'a été pour complaire à ses alliés et non pas pour satisfaire un ennemi qu'elle n'a point ménagé" . . . „La Prusse n'a oublié aucun de ses griefs, et, moralement du moins elle n'a pas désarmé. Cet orgueil la rend intraitable dans ces relations avec la France" 2 0 ). Derartige Eröffnungen versprachen eine Gesandtschaft, auf der man nicht unbedingt auf Rosen gebettet war. Die Besetzung der Gesandtschaften bei den mittleren und kleinen Höfen in Deutschland ist dann im weiteren Verlauf des Jahres 1816, oft auch noch viel später, erfolgt. Graf Salignac de Fénélon traf im Februar 1816 in Darmstadt, Graf Montlezun im Juli in Karlsruhe ein, Graf Dillon folgte im Juni auf Fouché in Dresden, Graf Montalembert besetzte im September desselben Jahres die Gesandtschaft in Stuttgart und de Marandet im Oktober diejenige in Hamburg. In Hannover wurde Frankreich erst vom Oktober 1818 an vertreten, und in Kassel finden wir - im Zusammenhang mit der Finanzierung der spanischen Intervention durch den Kurfürsten - den ersten Nachkriegsgesandten sogar erst seit Mai 1822 21 ). Erst zu so später Zeit nach dem Kriege war das diplomatische Korps Frankreichs in Deutschland als vollständig zu bezeichnen. Wenn überhaupt Instruktionen für die Gesandten vorhanden sind, so beschränken sie sich auf ganz lapidare Hinweise. Die Beziehungen Frankreichs zu den deutschen Kleinstaaten waren auch gleich null. Alle Fragen von Bedeutung, wie die der Besatzung, der Regelung der Kriegsschulden usw., liefen über die beiden deutschen Großmächte, die sich geflissentlich darum bemühten, diese direkten Verbindungen zu unterbinden. Noch 1820, also lange nach der Erringung der Gleichberech-

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) Instruktionen des Marquis de Bonnay für Berlin, Paris 1. 5. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. 21 ) Darmstadt: Ernennung des Grafen Salignac de Fénelon, Paris 26. 12. 1815, Ankunft in Darmstadt 13. 2. 1816, Hesse-Darmstadt Corr. Pol. Bd. 6; Karlsruhe: Ernennung des Grafen Montlezun, Paris 13. 7. 1814 und 5. 6. 1816, Ankunft in Karlsruhe 30. 7. 1816, Bade Corr. Pol. Bd. 14; Dresden: Ernennung des Grafen Dillon, Paris 1. 5. 1816, Saxe Corr. Pol. Bd. 85; Stuttgart: Ernennung des Grafen Montalembert, Paris 16. 7. 1816, Ankunft in Stuttgart 20. 9. 1816, Wurtemberg Corr. Pol. Bd. 49; Hamburg: Ankunft des Baron von Marandet in Hamburg 8. 10. 1816, Hambourg Corr. Pol. Bd. 122; Hannover: Ernennung des Marquis de La Moussaye, Paris 16. 9. 1818, Ankunft in Hannover 18. 10. 1818, Hanovre Corr. Pol. Bd. 56; Kassel: Ernennung Sabatier de Cabres, Paris 1. 12. 1821, Ankunft in Kassel im Mai 1822, Hesse-Cassel, Corr. Pol. Bd. 21.

1. Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den deutschen Staaten

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tigung und dem Wiedereintritt in das Konzert der Mächte, waren die Beziehungen Frankreichs zu den meisten deutschen Staaten von einer stillebenhaften Ruhe gekennzeichnet. Das schloß nicht aus, daß Frankreich trotzdem den kostspieligen diplomatischen Apparat in Deutschland weiter unterhielt und sogar personell weiter ausbaute. Der Tag mochte kommen, da sich das Unternehmen als notwendig erwies und bezahlt machen würde. Selbst der für die französische Politik seit Jahrhunderten so wichtige Gesandtenposten in München, diese Schlüsselstellung Frankreichs in Deutschland, wurde erst zu Anfang des Jahres 1817 besetzt 22 ), obwohl der bayrische Außenminister Graf Rechberg bereits im September 1815 - also noch vor Abschluß des Friedensvertrages - sehr angelegentlich um die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen gebeten hatte 2 3 ). In der Verzögerung lag Absicht. Die französische Politik hatte sich nach 1814 mit der Fürsprache für Sachsen auf ihre alte deutsche Linie festgelegt. Die Wirkung auf die kleinen deutschen Staaten war nicht ausgeblieben. Bayern befand sich nach 1815 in einer verzweifelten Lage: isoliert, in der Machtstellung bedroht, territorial beschnitten; so war es nur zu verständlich, daß sich die bayerischen Politiker nach der alten Schutzmacht umsahen. Aber diese lag danieder und sah sich außerstande, ihrer alten „clientèle" zu helfen. Unter diesen Umständen zog es die französische Diplomatie vor, besser abwesend als müßiger Zuschauer des bayerischen Unglücks zu sein. Schließlich konnte es auch nichts schaden, wenn Bayern bei dieser Gelegenheit fühlte, was es hieß, ohne französischen Schutz zu sein 24 ). Dann begannen sich die Dinge zu wandeln. Die innere Lage in Frankreich stabilisierte sich, die Neuordnung Deutschlands zeichnete sich ab, ohne alle Beteiligten zu befriedigen. Demnach war also die Zeit gekommen, da man seine politischen Prinzipien in Deutschland wiederaufnehmen konnte, denn die Bedeutung Frankreichs stand den mittleren Staaten jetzt meist klar vor Augen. München war ein wichtiger Beobachtungsposten, um die neuen Verhältnisse in Deutschland zu studieren. Die Lage erforderte Vorsicht, aber Frankreich konnte warten. Die Zeit arbeitete für seine Interessen 25 ). 22

) Ernennung des Grafen de la Garde für München, Paris 16. 7. 1816, Instruktionen, Paris 18. 12. 1816, Ankunft in München 13. 9. 1817, Bavière Corr. Pol. Bd. 190. 23 ) Rechberg an Talleyrand, München 13. 9. 1815, Bavière Corr. Pol. Bd. 190; Instruktionen des Grafen Reinhard für Frankfurt, Paris Dezember 1815, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 24 ) Dalberg an Richelieu, München 29. 9. 1815, 29. 1. 1816 (Chr. I, Nr. 1, S. 2-3), 28. 2. 1816 (Chr. I, Nr. 2, S. 3-5); Instruktionen Reinhards für Frankfurt, Paris Dezember 1815; Instruktionen de La Gardes für München, Paris 18. 12. 1816 (Chr. I, N r . 4, S. 8-11). 25 ) Instruktionen de La Gardes für München, Paris 18. 12. 1816, Bavière Corr. Pol. Bd. 190. 4 Hammer, Französ. Restauration

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III. Das Deutschland der französischen Diplomaten 1814-1820

Wir haben die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen Frankreichs mit den deutschen Staaten verfolgt. Es ist an dieser Stelle nicht unberechtigt, die Frage aufzuwerfen, um welche Männer es sich handelte, die für würdig erachtet wurden, das neue Frankreich im Ausland zu vertreten. Wohl kaum durften sie ausgesprochene Parteigänger des gestürzten Regimes oder gar durch Zusammenarbeit mit ihm korrumpiert sein, eher noch solche, die es verstanden hatten, den Systemwechsel zu überdauern, oder Emigranten. Wir stellen fest, daß sie entweder zu denen gehörten, die seit zweieinhalb Jahrzehnten alle wechselreichen Veränderungen in Frankreich mitgemacht hatten, oder zu jenen, wie zum Beispiel der neue Regierungschef, von dem Talleyrand höhnte: „L'homme de France qui connait le mieux la Crimée"26), die aus der Emigration kamen und mit den in Frankreich sehr veränderten Verhältnissen wenig vertraut waren. Viele von ihnen gehörten mehr der Vergangenheit als der Gegenwart an. Während der Ersten Restauration sind in Deutschland nur zwei diplomatische Posten besetzt worden. Caraman und Polignac, die mit diesen Aufgaben betraut wurden, gehörten beide der alten Aristokratie an. Beide hatten in der Emigration gelebt. Erst die Restauration befreite sie aus der jahrelangen Haft, in der sie von dem gestürzten Regime gehalten worden waren. Verfolgte konnten für besonders geeignet gehalten werden, Frankreich das verlorengegangene Ansehen zurückzuerwerben. Bei beiden Ernennungen spielte der Umstand, das Gesicht eines neuen, gewandelten Frankreichs zu zeigen, ebenso eine Rolle wie die Absicht, getreue Diener der Sache des angestammten Königshauses auszuzeichnen. Damit begegnen wir dem entscheidenden Zug, der alle Betreuungen mit diplomatischen Aufgaben in dieser Zeit kennzeichnet. Auch die Zweite Restauration hat hierin keinen grundsätzlichen Wandel geschaffen. Nahezu alle französischen Diplomaten, die nach 1815 auf Mission gingen, zählten zur alten Aristokratie und waren erst kürzlich aus der Emigration in die Heimat zurückgekehrt. Bei den meisten Berufungen handelte es sich um die Anerkennung der getreuen Dienste eines langjährigen Gefährten im Exil. Erst nach mehreren Jahren, als sich die innere Lage Frankreichs allmählich beruhigt hatte, begann diese Generation abzutreten. Eine Reihe noch vor wenigen Jahren durch ihre Zusammenarbeit mit dem gestürzten Regime untragbar gewesener Belasteter kehrte in den diplomatischen Dienst zurück. Meist handelte es sich um Angehörige der jüngeren Generation, die unter dem Kaiserreich in untergeordneten Stellungen verwendet worden waren. Nahezu ausschließlich gehörten sie der alten Aristokratie an, hatten ihre Kindheit in der Emigration verbracht, waren dann aber mit ihren Familien oder allein während des Direktoriums, des Konsulats oder erst unter dem Kaiserreich in die angestammte 26

) Madelin, Talleyrand, S. 374.

2. Neuorganisation Deutschlands - Der Deutsche Bund

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Heimat zurückgekehrt. Diese Generation besaß einen ganz anderen geistigen Habitus als die ältere, die in der Welt vor 1789 gelebt hatte und politisch von dieser bestimmt war. Sie gehörte dem neuen Frankreich an - ob nun bonapartistisch gesonnen oder nicht. Ihre politischen Vorstellungen hatten sich in der „großen" Zeit ihrer Jugend geformt und mußten früher oder später das politische Leben beeinflussen. Diese Generation begann seit 1819 auch in der französischen Diplomatie eine Rolle zu spielen27). Anders als im diplomatischen Außendienst haben die Dinge im Ministerium des Äußeren gelegen. Hier haben sich während der Ersten und Zweiten Restauration keine größeren Veränderungen vollzogen, so daß die Fachkräfte an ihrem Platze belassen wurden. Das entsprach den Absichten Talleyrands28), und sein unkundiger Nachfolger Richelieu hütete sich sehr wohl, dem Ministerium einen neuen Zuschnitt zu geben. Die Kontinuität der Arbeit wurde am besten durch alte Sachkenner gewährleistet, und wir begegnen einer Reihe von Persönlichkeiten, die es verstanden haben, trotz der wechselnden Regierungssysteme in Frankreich sich ihre Stellungen und auch ihren Einfluß zu bewahren. Dalberg und Reinhard, umständehalber oft im Außendienst, zählen zu ihnen; mehr noch La Besnardière, der Mitverfasser der Instruktionen für den Wiener Kongreß, d'Hauterive, der ständige Unterstaatssekretär zahlloser Systeme und Regierungen, und vor allem Rayneval, der Schüler Caulaincourts und nun die rechte Hand Richelieus. Wenige Jahre nach den Niederlagen von 1814 und 1815, einer in der bisherigen Geschichte der französisch-deutschen Beziehungen unvergleichlichen Katastrophe, verfügte Frankreich wieder über ein vollständiges, der Wiederaufnahme alter französischer Politik zur Verfügung stehendes diplomatisches Korps in Deutschland. Welche Vorstellungen über ihre zukünftige Politik in Deutschland besaß diese französische Diplomatie? Welche Eindrücke sammelten die ersten Nachkriegsdiplomaten in dem durch die zurückliegenden letzten Ereignisse auf das Tiefste erschütterten Land? 2. Die Frage der Neuorganisation Deutschlands - Der Deutsche Bund In Frankfurt versammelten sich die Vertreter der deutschen Staaten, um die letzten Verfügungen über die territoriale Neuordnung Deutschlands zu treffen. Die Grundlagen dieser Regelung waren in Paris, in Wien und wieder in Paris 27

) Almanach Royal 1814, 1815, 1816 etc. ) Reinhard an Goethe, Frankfurt 4. 6. 1829, in Briefwechsel Goethe-Reinhard, Stuttgart 1850. 28

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III. Das Deutschland der französischen Diplomaten 1814-1820

gelegt worden. Im wesentlichen handelte es sich um die Abwicklung längst vereinbarter Übereinkommen. Die französische Regierung war sich darüber im klaren, daß jegliche Einmischung in diese Angelegenheiten den französischen Interessen nachteilig war: „Elle doit plutôt vouloir qu'on exécute sans elle, ce qu'on a arrêté sans elle." Diese Zurückhaltung fand in der Würde Frankreichs ihre Begründung, war aber nicht ohne Hintergedanken29). In Wien hatte die französische Diplomatie in Erinnerung an die frühere und mit Vorbedacht auf die kommende Deutschlandpolitik aus der sächsischen Frage eine Art Musterfall französischer Politik in Deutschland geschaffen. Jetzt bot sich mit dem Einsatz für einen anderen, alten deutschen Klientelstaat, Bayern, die Möglichkeit der Wiederholung. Die von Österreich an Bayern gestellten Gebietsforderungen standen nach bayerischer Auffassung in keinem Verhältnis zu den in früheren Verträgen gemachten Versprechungen. Bayern befand sich in einer politisch isolierten Stellung, da es Österreich gelungen war, sich der Unterstützung der übrigen Mächte zu versichern, um die beanspruchten Abtretungen zu erzwingen. Es lag nahe, daß sich Bayern nach dem traditionellen letzten Retter in der Not umsah: nach Frankreich; also eine Wiederholung des Wiener Einsatzes der französischen Diplomatie für die Interessen der kleinen Staaten gegen die Ansprüche der großen gewünscht wurde. Aber wie hatten sich die Voraussetzungen der Politik seit Wien verändert! Was damals noch in meisterhaftem Spiel möglich gewesen, erwies sich jetzt als unerreichbar, ja unvernünftig. Ein Grund mehr, um die von Bayern so sehnlich erwünschte Aufnahme der diplomatischen Beziehungen auf ein noch unbekanntes Datum zu verschieben. Am neutralen Ort, wie in Frankfurt, konnte, wenn die „Spoliation" begann, Bayern leichter erklärt werden, „que la France l'aurait aidée si elle l'eût pu". Aus der Not war so eine Tugend gemacht. Denn in der Stille hoffte man natürlich in Paris, daß Bayern gerade durch diese Vorgänge in der Zukunft nur noch enger an Frankreich gekettet würde30). Bereits für den 1. September 1815 war die Eröffnung des Bundestages in Frankfurt angekündigt worden. Der Zeitpunkt war verstrichen. Die Eröffnung wurde verschoben, da zuerst die letzten Grenzstreitigkeiten ihre Lösung erfahren sollten. Demgemäß war vorauszusehen, daß Reinhard zunächst einmal in ein Vakuum hineinkommen würde. Wie er sich den Grenzstreitigkeiten gegenüber zu verhalten hatte, war nach den Anweisungen für den bayerisch-österreichischen Musterfall klar. Über die Organisation des Deutschen Bundes aber herrschte in

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) Instruktionen des Grafen Reinhard für Frankfurt, Paris Dezember 1815, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 80 ) dto.

2. Neuorganisation Deutschlands - Der Deutsche Bund

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Paris völlige Unklarheit. Darüber wünschte man dringend schnelle Aufklärung: „Qu'y fera-t-on, et y fera-on quelque chose?*31) In seinen Instruktionen für den Wiener Kongreß hatte Talleyrand den Zusammenschluß der deutschen Staaten in einem Bund für einfach unmöglich erklärt, „toute confédération est une république et pour être bien constituée, doit en avoir l'esprit. Voilà, pourquoi une confédération de princes ne peut jamais être bien constituée, car l'esprit de la république tend à l'égalité, et celui du monarque à l'indépendance**. Zynisch fügte er hinzu: „La question n'est pas de donner à la confédération allemande une organisation parfaite; il suffit de lui donner une qui ait l'effet d'empêcher**32). Dementsprechend hatte er gehandelt. Dem französischen Interesse entsprach es, der Gefahr zu begegnen, daß der Einfluß der Großstaaten zu einer Herrschaft über die Kleinstaaten ausartete. Die ganze französische Deutschland-Politik in Wien lief darauf hinaus zu verhindern, daß „l'un d'eux ou plusieurs puissent disposer, pour leurs frais particuliers de la force de tous**33). Der Rahmen des Möglichen war begrenzt. Von den Verhandlungen über die Organisation des Deutschen Bundes war die französische Delegation in Wien von Anfang an systematisch ausgeschlossen worden34). Und später hatten dann die besonderen politischen Umstände Talleyrand daran gehindert, aus seiner Isolierung herauszutreten. Am Ende des Kongresses hatte er aber als Vertreter seines Königs am 9. Juni 1815 die Wiener Schlußakte unterzeichnet, von der die Bundesakte ein Teil war. Damit war der Bestand des Deutschen Bundes von der französischen Regierung rechtmäßig anerkannt worden. Verband sich mit dieser Anerkennung eine Garantie, die die Unterzeichnerstaaten verpflichtete, Verletzungen der Bundesstatuten oder des deutschen Gebietsstandes mit aller Kraft zu verhindern? Gab es also eine Art Einmischungsrecht, nach dem auch Frankreich in begrenztem Sinne als „Garant** der Bundesverfassung galt? Eine Frage, die man sich von französischer Seite jetzt und später wiederholt vorlegte. Es sei an dieser Stelle erlaubt, im Hinblick auf die offensichtliche Anknüpfung der Deutschlandpolitik der französischen Restauration an die des „ancien régime** dessen Verhältnis zu dem schwierig erklärbaren Gebilde des alten Reiches zu betrachten. Die Erinnerungen an die damaligen Zustände haben eine nicht unerhebliche Rolle in den Vorstellungen der französischen Diplomatie gespielt. „Le corps germanique est peut-être le corps politique le plus compliqué qui ait 81

) dto. ) Instruktionen Talleyrands für den Wiener Kongreß, Talleyrand, Mémoires, Bd. II, S. 246. 88 ) dto. 84 ) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien 19. 10. 1814. 82

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jamais existé", hieß es vor der Großen Revolution35). Eineinhalb Jahrhunderte waren die Beziehungen Frankreichs zu Deutschland über die Einzelglieder des Reiches gelaufen, aber auch bei dem Reich, dem Reichstag in Regensburg, war eine dauernde diplomatische Vertretung unterhalten worden. Die Westfälischen Friedensverträge hatten Frankreich eine verfassungsmäßig verankerte Kontrolle über die deutschen Verhältnisse zugesichert. Der König von Frankreich war Garant der „libertés germaniques". Frankreich hatte selber die Regensburger Vertretung der Staaten des Reiches veranlaßt, nicht zuletzt in der Hoffnung, ihrer auf diese Art und Weise am besten habhaft werden zu können. Die mit dieser Schöpfung verbundenen Hoffnungen hatten getrogen. Regensburg war im 17. und 18. Jahrhundert für die französische Diplomatie viel mehr Beobachtungspunkt als Aktionsfeld geblieben. Alle Versuche, dem französischen König eine feste Partei oder besser gesagt „clientèle" auf dem Reichstag zu schaffen, waren immer wieder gescheitert. Der französische Einfluß in Deutschland ging während der Zeit über die einzelnen Höfe. Nur die Diplomatie des neuen Regimes zog noch einmal eine überraschende Auffassung des alten Reichstages - kurz vor seinem Ende - in Erwägung. Regensburg sollte „le point central de nos négociations avec la nation allemande" werden, aber das Gebilde des alten Reichstags war weder imstande, eine wirkliche Vertretung, noch die Heimstatt eines nationalen Lebens zu werden36). Es lag nahe, daß man sich in Paris vor dem Zusammentritt des Bundestages in Frankfurt die Frage stellte, ob dieser eine Wiederholung des Reichstages in Regensburg werden würde. Augenscheinlich war man in diesem Moment der Ansicht, daß in Zukunft die Beziehungen Frankreichs zu der Masse der deutschen Staaten über den Bundestag laufen würden. Schon insofern war die Verbindung mit diesem zukünftigen Mittelpunkt politischen Lebens in Deutschland eine dringende Notwendigkeit. Über die Organisation des Bundestages und die dort vorherrschenden Kräfte mußte Klarheit geschaffen werden. Nach den wenigen bisher in Paris empfangenen Nachrichten liefen die Vorgänge in Frankfurt darauf hinaus, daß von den beiden deutschen Vormächten einerseits „l'Autriche fasse rien", und andererseits „la Prusse ne se soucie, qu'on y fasse quelque chose qu'autant qu'on n'y porte atteinte à leur indépendance"37). Es schien, daß mit dieser Haltung eine Lähmung jeglicher Unternehmungen des Bundestages bezweckt wurde, wenn nicht sogar seine Konstituierung verhindert 85 ) Recueil des Instructions, Bd. XVIII, Diète Germanique, S. 298, Mémoires du Comte de Buat pour le Comte de Bulkeley, 1772. 86 ) Recueil des Instructions, Bd. VIII, Diète Germanique, Einleitung S. XCIV. 87 ) Instruktionen des Grafen Reinhard für Frankfurt, Paris Dezember 1815, Allemagne Corr. Bd. 752.

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werden sollte. Entsprach ein derartiger Verlauf der Entwicklung den politischen Interessen Frankreichs? Ganz und gar nicht! „Il serait fâcheux qu'on réussît à empêcher le corps germanique de prendre une consistance que nous devons désirer de lui voir", erklärte die französische Regierung. Die Bildung des Deutschen Bundes entsprach demnach geradezu den französischen Interessen in Deutschland. „Sans s'opposer directement aux tentations que la Prusse et l'Autriche pourraient faire pour atteindre le but qu'on a tout lieu de leur supposer", wurde es Reinhard zur Aufgabe gemacht, „de faire sentir aux états secondaires combien il serait fâcheux pour eux de néglier une occasion de se lier par un pacte fédéral propre à affermir leur indépendance"38). Nach Ansicht der französischen Diplomatie bot sich also gerade den kleinen Staaten mit der Schaffung des Bundes ein Forum für die Wahrung ihrer Unabhängigkeit. Der Wunsch, an die Deutschlandpolitik des ancien régime anzuknüpfen, kam ebenso zum Ausdruck, wenn in den Instruktionen erklärt wurde, daß die Arbeit des Bundestagsgesandten von anderer Seite Unterstützung erfahren würde. Enge Zusammenarbeit mit dem russischen Vertreter, „dans une occasion où la France et la Russie ont évidemment le même intérêt", wurde empfohlen39). Wie in Regensburg, wo Frankreich anfänglich mit Schweden, der anderen Garantiemacht der Westfälischen Friedensschlüsse, zusammengegangen war, um sich nach dessen Absinken mit dem aufsteigenden Rußland zu verbinden, so sollte jetzt in Frankfurt wieder die französisch-russische Zusammenarbeit zur Wahrung gemeinsamer Interessen in Deutschland, die im 18. Jahrhundert in Teschen ihren markantesten Ausdruck gefunden hatte, nach Revolution und napoleonischem Zeitalter ihre Auferstehung erleben. Wie war das französische Wunschbild zukünftiger Gestaltung des Deutschen Bundes geartet? Zunächst einmal wurde treffend bemerkt: „Le même que celui des états moyens de la confédération", dann die Antwort näher erteilt: „Son intérêt à l'égard de l'Allemagne est qu'elle ne puisse, comme corps politique, être une par une seule volonté, et ne puisse, comme marché, être ouverte ou fermée par une seule main", und schließlich begründet: „L'unité de domination en Allemagne changerait du tout au tout la grandeur relative de la France. L'unité d'influence produirait le même effet que l'unité de domination, et y menacerait"40). Für Frankreich war es von der allergrößten Bedeutung, „que l'Allemagne ne soit pas abandonnée aux seules influences des deux puissances prépondérantes qu'elle renferme, car il pourrait arriver, ou que l'une de ces influences

88 ) dto. ») dto. 40 ) dto.

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prévalût sur l'autre au point de l'annuler, ou que, par suite d'un accord entre ces deux puissances, leur influence respective divînt exclusive et se convertît, par laps de temps, en domination réelle dans les limites dont elles seraient convenues"41). Die Gefahr eines derartigen Vorgehens bestand seit Wien. Nur durch ein Gleichgewicht der Kräfte und den Einfluß der außerdeutschen Großmächte - Frankreich und Rußland - konnte diesem Zustand wirksam begegnet werden«). Aus den in ihrer Existenz, ihrer Unabhängigkeit, ihrem Wohlstand bedrohten deutschen Mittelstaaten war unter solchen Umständen eine feste Partei zu bilden. Ihre Alarmierung erübrigte sich. Es handelte sich um eine Gruppe, die in der Zukunft für die französischen und die eigenen Interessen mit Aussicht auf Erfolg in das Gefecht geführt werden konnte43). Dem französischen Wunsche entsprach es also, auf dem Bundestag, wo in der Zukunft die politischen Entscheidungen in Deutschland fielen, über eine Klientel zu verfügen, die in Regensburg gefehlt hatte. Die Fülle der dort vertretenen Staaten war den Interessen der französischen Politik nicht zuträglich gewesen, da die Masse nicht erfaßbar war und naturgemäß Österreich zufiel. Die napoleonische Politik hatte eine gekräftigte Auswahl geschaffen. Im Rheinbund organisiert, war sie Frankreich dienstbar gewesen. An eine Politik imperialistischer Art, wie sie der gestürzte Kaiser getrieben hatte, war gar nicht zu denken. Ihre Wiederholung lag der Restauration nach der Katastrophe mehr als fern. Aber der von Napoleon gebesserte Zustand konnte der Verfolgung einer Außenpolitik, die die Tradition des „ancien régime" fortzusetzen wünschte, nur dienlich sein. Niemand konnte dabei bessere Dienste leisten als der aus der Welt der deutschen Kleinstaaten hervorgegangene alte Rheinbund-Diplomat Reinhard: „Un homme qui entre tout à fait dans leurs situations, leur parlant avec cet accent qui persuade, et de la bonne volonté de la France et du temps où cette bonne volonté ne sera plus impuissante, fortifiant ainsi leur confiance en elle et les lui attachant par l'espérance"44). Die Zeit mochte dann für Frankreich arbeiten. Der höchsten diplomatischen Künste bedurfte es, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Nirgendwo durfte zu einer Zeit Mißtrauen hervorgerufen werden, da Frankreich des Wohlwollens seiner ehemaligen Gegner bedürftig war 45 ). Wie versuchte Reinhard das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen? Seit Mitte Dezember 1815 befand sich der erste französische Nachkriegsgesandte 41 ) dto. 42 ) dto. 4S ) dto. 44

) dto. «) dto.

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in Frankfurt, das von der französischen Diplomatie als eine Art Knotenpunkt, an dem alle Fäden der deutschen Politik zusammenliefen, angesehen wurde. In Ermangelung anderer diplomatischer Vertretungen sollte die Frankfurter Gesandtschaft helfen, diese zu ersetzen46). Der französische Gesandte kam als ungebetener Gast. Sofort stellte sich das wichtigste Problem: seine Akkreditierung beim Bundestag. Noch war nichts über die Zulassung ausländischer diplomatischer Vertreter bei der Bundesversammlung entschieden. Österreich und Preußen leisteten sofort Widerstand, da es in Frankfurt ausschließlich um die Regelung innerdeutscher Angelegenheiten ging47). Mit einem geschickten Schachzug umging Reinhard diese ersten auftauchenden Schwierigkeiten. Er ersuchte um seine Beglaubigung als französischer Gesandter bei der Freien Stadt Frankfurt. Das Anliegen konnte schlecht abgewiesen werden. Seine Absicht bereitete er durch eine Reihe gut getarnter unterirdischer Kanäle vor, die in den Rat und die allmächtigen Bankier-Kreise der Stadt führten; er erhielt bereits am Ende des Jahres seine Beglaubigung48). Das diplomatische Alibi für die einstweilige Tätigkeit war gefunden. In Paris war man der festen Überzeugung, daß es im Laufe der Zeit gelingen würde, durch kluge Zurückhaltung die Bedenken gegen einen diplomatischen Vertreter Frankreichs am Bundestag zu zerstreuen. Indem man vorsichtig vorging, würde man das Ziel erreichen und das Vertrauen der Vertreter der Staaten zweiter Ordnung gewinnen. Ihre erste Hemmung würde fallen, je mehr sie sich dessen bewußt wären, was sie von den beiden deutschen Großmächten zu erwarten hätten, die sie natürlich in die ausgebreiteten Arme Frankreichs treiben würden49). Unbeirrt von Demütigungen und den ihm entgegenschlagenden Wellen von Haß und Fanatismus entfaltete Reinhard seine Tätigkeit50). Natürlich empfand man im Lager der politischen Gegner Frankreichs die Anwesenheit des alten Rheinbund-Diplomaten, der ganz in der Stille seine Fäden ausspann, als lästig und unbequem. Ein Angehöriger der preußischen Gesandtschaft berichtete: „Wir haben hier einen Mann, Reinhard, der mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm gewöhnlich geschenkt wird. Er scheint sehr müßig zu sein und ist, ich wollte wetten, sehr tätig. Nennen Sie ihn meinetwegen einen Postwagen, der seit 25 Jahren alle Arten Reisenden, die einstiegen und bezahlten, von Paris nach Straßburg oder von Hamburg nach Paris geführt. Sein gemütlicher Wert mag im

48 47

) dto.

) Reinhard ) Reinhard 49 ) Richelieu 60 ) Reinhard Bd. 752. 48

an Richelieu, Frankfurt 16. 12. 1815, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. an Richelieu, Frankfurt 30. 12. 1815, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. an Reinhard, Paris 15. 1. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. an Richelieu, Frankfurt 13. 2. 1816, 2. 4. 1816, Allemagne Corr. Pol.

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Felde der Politik ungefähr der eines Postwagens sein. Durch Traktate hat er sich nicht berühmt gemacht, eher, trotz seiner unbehilflichen Außenseite, die bis zur Grobheit geht, trotz seiner Hypochondrie, die ihn zum Tübinger Magister stempelt, ist er der größte, der scharfsichtigste, der gewandteste diplomatische Netzjäger, den es in Frankfurt gibt. Er hat eine Menge kleiner Spürhunde um sich versammelt, die ihn gut bedienen. Reinhard wird seine jedesmalige Regierung, sie heiße Bourbon, Orléans, Bonaparte, Reubel, immer gut bedienen, der Beifall der Machthaber, der ihn hält, ist sein Gewissen. Frankreich kann in Deutschland keinen zweckmäßigeren Minister halten; da aber Frankreichs beständige Politik dahin geht, Deutschland wenn nicht zu unterjochen, doch zu trennen, so verdient Reinhard im höchsten Grade beobachtet zu werden!"51) Hören wir noch ein eigenes Zeugnis des Beleumundeten über sein Vorgehen: „Il serait toujours dangereux pour la France de provoquer des crises sur lesquelles nous ne pourrions pas influer et qui ne pourraient que tourner contre nous . . . la haine ne vient de la crainte... je crois m'appercevoir tous les jours davantage que les souvenirs du passé s'effacent et que sûrement on nous hait moins que la Russie . . . on cesse de craindre de me montrer de la confiance"52). Die Bundesversammlung war immer noch nicht zusammengetreten. Ein ganzes Jahr sollte darüber vergehen, bis sie in Gang kam. Währenddessen tagten in Frankfurt die Kommissionen, die die Territorialverhältnisse in Deutschland in Ordnung bringen sollten. Seinen Anweisungen gemäß hielt sich Reinhard aus allen diesbezüglichen Auseinandersetzungen heraus, nicht ohne für die Betroffenen ein offenes Ohr zu haben. Eine geraume Zeit verging, bis er in diesem Chaos klarer sah. Das in den Instruktionen vorgezeichnete Bild der Zustände in Deutschland fand der französische Gesandte in Frankfurt durch seine eigenen Eindrücke bestätigt. Deutlich erkennbar bildeten sich drei Gruppen heraus. Österreich wurde von den kleinen Staaten weniger als Preußen gefürchtet, war aber zu dieser Zeit fast ganz von seinen außerdeutschen Interessen in Anspruch genommen. Preußen war verhaßt, ja gefürchtet und stand im Begriff, durch sein arrogantes Benehmen seine Stellung in Deutschland zu verspielen. Die Möglichkeit einer Teilung Deutschlands in zwei Einflußsphären wurde nicht ausgeschlossen53). Trotz aller Bemühungen war es Reinhard unmöglich, in die Pläne der beiden deutschen Vormächte einzudringen. Buol ebenso wie Humboldt und Hänlein verschlossen 51

) ölsner an Varnhagen von Ense, Frankfurt 18. 9. 1816 in Briefwechsel zwischen Varnhagen von Ense und ölsner, Stuttgart 1865, S. 20 f. ö2 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 4. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 5S ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 2. 1816, 6. 2. 1816, 13. 2. 1816, 14. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752.

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sich allen „Anzapfungen" 54 ). Bald wurde ein gemeinsames Spiel zwischen Österreich und Preußen vermutet 55 ). Anders stand es mit den deutschen Mittel- und Kleinstaaten. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat besserten sich die Beziehungen zu ihnen. Wenn der französische Gesandte an die Zukunft der französischen Deutschlandpolitik dachte, glaubte er, ihrer Entwicklung bald zuversichtlich entgegensehen zu können. Frankreich war im Begriff, sich das Vertrauen dieser Gruppe innerhalb der deutschen Staatenwelt zurückzugewinnen und seine alte Stellung in Deutschland zu beziehen 56 ). Zuerst heimlich, und dann ganz offen wandten sich die Vertreter der alten französischen Klientelstaaten, sogar die Mediatisierten, an den französischen Gesandten mit der Bitte um Unterstützung durch ihre alte Schutzmacht. Bayern, „blessée de se voir dédaigner d'être seulement puissance allemande", ging dabei allen anderen deutschen Mächten voran 5 7 ). So sehr nun die kleinen Mächte den Gegensatz und mehr noch das Einverständnis von Österreich und Preußen fürchteten - zu einer Blockbildung gegen die beiden Großen waren sie außerstande. Mit Geschick säten diese beiden Kleinstaaten Eifersucht und Unfrieden 58 ). Der Gedanke an eine alle Gegensätze überspannende französische Schiedsrichterschaft kam auf. Der bayerische Gesandte sprach von einer Art neuem Rheinbund, einem Bund im Bunde, in dem „la Bavière serait la clef de voûte" 5 9 ). Trotz 1813-1815 waren also bei den deutschen Staaten die Gewohnheiten und Gefühle der vergangenen Zeit nicht erloschen. Der französische Gesandte selber dachte kühler und sachlicher. Er hielt für den Moment diese in einem Chaos befindliche Partei zu einem gemeinsamen und geschlossenen Vorgehen unfähig, zumal sich nach seinem Eindruck und auf Grund der Wiener Erfahrungen mehr und mehr das gemeinsame Vorgehen der beiden deutschen Großstaaten gegen die Staaten zweiter Ordnung herauskristallisierte 60 ). Diese hatten erst einmal ihre eigenen Angelegenheiten in Ordnung gebracht und die Gegensätze unter den anderen deutschen Staaten sich recht ausbreiten und verfestigen lassen, um dann gegen sie vorzugehen 61 ). Reinhard verhielt sich also gegenüber den Anträgen aus den Reihen der alten französischen

84

) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 13. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 16. 3. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. M ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 4. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. «) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 13. 2. 1816, 14. 2. 1816, 20. 2. 1816, 27. 2. 1816, 6. 3. 1816, 2. 4. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 58 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 58 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752; 1. 7. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753. 60 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 1. 7. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753. 81 ) dto. w

60

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Klientel in Deutschland zurückhaltend, seine Haltung deckte sich mit den Wünschen seiner Regierung. Richelieu erklärte: „Il nous convient aujourd'hui de ne signaler aucune prédilection, ils (die alte Klientel) nous embarrasseraient s'ils se jettent dans nos bras puisqu'ils exposeraient à la malveillance de ceux dont la haine pour nous survit aux événements derniers et nous ne sommes point en mesure de les défendre"62). Auf Grund der eigenen mißlichen Lage, in der sich Frankreich zu dieser Zeit befand, bestand „keine Aussicht", mit Erfolg gegen eine österreichisch-preußische „Diktatur" in Frankfurt vorzugehen. Das geschlossene Vorgehen der beiden deutschen Vormächte beraubte Frankreich automatisch jeglicher Einflußnahme in den deutschen Angelegenheiten. Die Hoffnung auf eine bessere Konstellation blieb63). Bei diesen Vorgängen handelte es sich um die Beziehungen der deutschen Staaten untereinander. Ebenso aufmerksam wie diese wollte man in Paris die überstaatlichen politischen Bewegungen in Deutschland beobachtet wissen. Auf „die Sekte" der „Unitarier" war besonders aufzupassen64). Diese Partei, eine Art „Einheitspartei", bestand nach den Informationen des Ministeriums in Paris seit dem Jahre 1813. In Norddeutschland umfaßte sie vornehmlich die Fürsten und die höheren Klassen der Bevölkerung, in Süddeutschland das Volk. Ihr Ziel war die Wiederherstellung der deutschen Einheit unter der traditionellen Führung Österreichs. Die Stellung Preußens war problematisch65). Reinhard maß dieser Strömung anfänglich keine große Bedeutung bei. Er betrachtete sie „comme un enfant mort né", richtete aber nichtsdestoweniger sein Augenmerk auf sie. Seine Informationskanäle führten ihn mitten in diese Gruppe hinein. Wie in Paris und Wien für Talleyrand, waren Gagern und Münster in Frankfurt für Reinhard die getreuesten und unermüdlichen Zuträger66). Trotz der Einschränkungen, die der Frankfurter Gesandte im Hinblick auf die Aussichten der Wiederherstellung der dem Hause Österreich zufallenden Kaiserwürde machte, verfolgte seine Regierung dieses Projekt mit größtem Interesse - und offensichtlicher Zustimmung. Die französische Regierung setzte sich in dieser Angelegenheit vorsichtig mit der englischen und russischen in Verbindung, um deren Meinungen zu erforschen67). In Paris war man überzeugt, daß Österreich sich nach der Befestigung seiner Stellung in Italien und nach Regelung der Territorialangelegenheiten in Deutsch•2) Richelieu an Reinhard, Paris 19. 3. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 63 ) Richelieu an Bonnay, Paris 28. 7. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753. «*) Richelieu an Reinhard, Paris 8. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. «) dto. ««) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 14. 2. 1816, 24. 2. 1816, 31. 3. 1816, 2. 4. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. *7) Richelieu an Reinhard, Paris 4. 5. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752; Richelieu an Osmond, Paris 29. 4. 1816, Angleterre Corr. Pol. Bd. 608.

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land nun tätiger der Frage der Wiedererwerbung der Kaiserwürde zuwenden würde. Seitdem man die feste Zusicherung besaß, daß die englische Regierung diese Absichten in jeder Hinsicht unterstützte, erklärte auch Paris: „Quant à nous qui n'aurions véritablement aucune objection à former contre un tel arrangement, surtout si la puissance effective n'était pas donnée à l'Autriche avec la dignité impériale et si la Prusse n'obtenait point un vicariat - qui lui assurât la plus grande influence en Allemagne. Nous devons paraître neutre et comme vous le faites très bien observer rester simplement spectateur"68). Den nach Wien gehenden ersten Nachkriegsbotschafter bevollmächtigte die französische Regierung sogar wenig später dazu, Österreich in seiner Absicht der Erwerbung der Kaiserwürde zu bestärken. Paris huldigte der Auffassung, damit die Macht Preußens zu beschränken. In diesem Vorgang sah man nicht mehr als eine erwünschte Rückkehr der deutschen Zustände vor 178969). Mit aufrichtigem Bedauern wurde beobachtet, wie die Angelegenheit im Sande verlief, da sich eine Einigung zwischen Österreich und Preußen als unmöglich erwies70). Der Frankfurter Gesandte urteilte nüchtern, „l'idée était favorisée par l'habitude des temps passés et par le sentiment qu'on avait du besoin d'unité, au moins pour les formes et pour la représentation"71). Seine Urteile über den Fortschritt der Bundesverfassung wurden skeptischer, ja pessimistischer: „Ce n'est qu'en Allemagne qu'on peut convoquer 30 ou 40 hommes publics autorisés à délibérer en vertu d'un acte solennel, les condamner à une longue nullité, et être cependant assuré de les retrouver, au bout de 6 mois, à peu près dans la même attitude qu'ils avaient prise au premier jour: tant dans ce pays-ci, soit les forces d'inertie, soit les forces centrifuges, l'emportent sur celles d'attractions"72). Wir erinnern uns des Widerspruches, den die Anwesenheit eines französischen Gesandten in Frankfurt erfahren hatte. Diese Schwierigkeiten waren vorläufig durch seine Beglaubigung als diplomatischer Vertreter Frankreichs bei der Freien Stadt Frankfurt umgangen worden. Das Problem der Zulassung bei der Bundesversammlung blieb zu lösen. Wochen und Monate hindurch war die hauptsächliche Aktivität des Grafen Reinhard darauf gerichtet. Die Frage des Garantierechtes der auswärtigen Mächte, die die Bundesakte als einen Teil der Wiener Schlußakte unterzeichnet hatten, verband sich damit. „La France et la Russie,

88 ) 6Ö

Richelieu an Reinhard, Paris 4. 5. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. ) Instruktionen des Marquis de Caraman für Wien, Paris 1. 6. 1816, Autriche Corr. Pol. Bd. 397. 70

) Richelieu an Reinhard, Paris 7. 5. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 1. 7. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753. 72 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 71

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III. Das Deutschland der französischen Diplomaten 1814-1820

dit-on ici", stellte Reinhard fest, „sont précisément les deux puissances dont l'influence est à craindre, et contre lesquelles la Fédération Germanique doit être sur ses gardes. En admettre les ministres c'est se mettre sous leurs dépendance, c'est ouvrir une libre carrière aux intrigues, et risquer de voir altérer par un alliage étranger, l'or pur des conceptions germaniques"73). Die Durchsetzung einer Interessenvertretung Frankreichs gestaltete sich unvergleichlich viel schwieriger als die der anderen Mächte. Großbritannien, die Niederlande und Dänemark besaßen auf Grund der Personal-Unon mit deutschen Ländern automatisch diplomatische Vertretungen am Bundestag. Sie befanden sich also in einer unvergleichlich günstigeren Lage als Frankreich. Anträge bei diesen Mächten auf Unterstützung der französischen Belange scheiterten74). Das Nächstliegende war, die russische Vermittlung in Anspruch zu nehmen. Alle preußischen und österreichischen Versuche, den Zaren zur Abberufung seines in Frankfurt zum Beistand seiner fürstlichen Verwandten in Deutschland, der russischen Klientel tätigen Gesandten zu bewegen, stießen in St. Petersburg auf strikte Ablehnung75). Wenn die Entfernung des russischen Gesandten aus Frankfurt schlechthin unmöglich war, so konnte die französische Zulassung nicht zurückgewiesen werden76). Die Instruktionen hatten Reinhard auf Grund der gemeinsamen Interessen der beiden Mächte zur Zusammenarbeit mit seinem russischen Kollegen aufgefordert. In der Tat hatte er nun bei dem russischen Gesandten v. Anstett, einem gleich ihm selber in den deutschen Angelegenheiten überaus erfahrenen Diplomaten, einen vortrefflichen Rückhalt gefunden. Auch die russische Seite war sich einer beide Mächte verbindenden Interessengemeinschaft gegenüber dem Bunde bewußt. Zweifel über die Notwendigkeit gemeinsamen Vorgehens bestanden nicht. So half die russische Diplomatie der französischen, alle auftauchenden Schwierigkeiten bei der Zulassung ihrer Vertretung beim Bundestag aus dem Wege zu räumen, und hielt ihr die Steigbügel77). Als im Frühsommer 1816 das Problem in das akute Stadium seiner Lösung trat, versuchte Reinhard in einer großen Denkschrift alle gegen die Zulassung ausländischer Gesandten vorgebrachten Gründe zu entkräften. Den Ausgangspunkt der Ansprüche bildete die Aufnahme der Bundesakte in die von allen Mächten unterzeichnete Wiener Schlußakte. Reinhard leitete aus der Garantie der neuen Ordnung Europas eine solche des Deutschen Bundes ab, der als ein wesentliches

7S 74

) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 6. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752.

) Richelieu an Reinhard, Paris 19. 3. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 75 ) La Moussaye an Richelieu, St. Petersburg 29. 7. 1816, Russie Corr. Pol. Bd. 156. 76 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 77 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 21. 10. 1816, 25. 10. 1816, 20. 11. 1816, 2. 12. 1816; Richelieu an Reinhard, Paris 31. 10. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753.

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Element des Gleichgewichts und der Ordnung aufgefaßt wurde. Noch immer ging er von der Voraussetzung aus, daß künftig alle deutschen Angelegenheiten von dem neuen politischen Mittelpunkt Deutschlands geleitet werden würden. Insofern erinnerte seine Auffassung an den Beginn der Revolution, als in Regensburg mit der „nation allemande" verhandelt werden sollte, zu einer Zeit also, in der er selber bereits in den Büros des Pariser Ministeriums tätig war. Wenn die Pflege der auswärtigen Beziehungen der Zuständigkeit des Bundes unterstand, dann war dort gegen die Zulassung fremder Gesandtschaften nichts einzuwenden, so argumentierte er. Der französische Wunsch, an dieser Stelle über eine diplomatische Vertretung zu verfügen, mußte unter dieser Voraussetzung verständlich erscheinen. Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den beiden deutschen Vormächten wurde vorausgesetzt und zu dieser Zeit gerade in Gang gebracht, die zu den kleinen Staaten, die von der Vergewaltigung durch die großen bedroht wurden und sich hilfesuchend nach einem Retter in der Not umsahen, erschien dagegen unsicher. Gerade für ihr empfängliches Ohr waren die Töne dieser Denkschrift bestimmt. Ihr Verfasser verstand es, die Worte zu finden, von denen er sicher sein konnte, daß sie einen langdauernden Nachklang hinterlassen würden. Mit allen Kniffen diplomatischer Kunst - in der Rheinbundzeit mit höchster Vollendung geübt - wurden den deutschen Mittel- und Kleinstaaten die Vorteile von ausländischen Vertretungen beim Bund vor Augen geführt. Die Interessen der französischen Politik, die ihren Anteil an der Kontrolle des Deutschen Bundes begehrte, kamen in dieser Denkschrift deutlich zum Ausdruck. Sie deckten sich mit denen der kleinen Staaten, die auf die Erhaltung ihrer Unabhängigkeit Wert legten78). Nach monatelangem Hin und Her stand gegen Ende des Jahres 1816 der Zulassung ausländischer Vertretungen bei dem Deutschen Bund nichts mehr entgegen. Die beiden widerstrebenden deutschen Großmächte sahen sich gezwungen, den Wünschen der übrigen deutschen Staaten zu entsprechen, mehr aber noch hatte der Druck Rußlands und schließlich auch Englands auf Zulassung Frankreichs gewirkt. Bis zur offiziellen Anerkennung verging noch nahezu ein Jahr. Reinhard berichtete triumphierend nach Paris, daß man allgemein am Bundestag darin eine Wiederanknüpfung an die traditionellen Rechte Frankreichs am Reichstag in Regensburg sähe. Nicht ohne Stolz zog er den Vergleich: „Notre droit datait de la paix de Westphalie, tandis que la Russie ne s'était, pour ainsi dire, glissée dans les affaires d'Allemagne que depuis la paix de Teschen"79). Andererseits

78 ) Denkschrift des Grafen Reinhard über die Zulassung auswärtiger Vertreter beim Bundestag, Frankfurt im Mai 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 79 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 2. 12. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753.

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war er sich darüber im Klaren, daß Frankreich im Moment nur den Rechtstitel wahren könne, während Rußland den wahren Einfluß ausübte. Dennoch glaubte er die Zeit absehen zu können, da Frankreich wieder in Deutschland den ihm gebührenden Platz einnehmen würde80). Schon schien sich ein bereits deutlich spürbarer Wandel in der Haltung der Masse der deutschen Staaten gegenüber ihren traditionellen Schutzmächten abzuzeichnen. In zunehmendem Maße mußten diese nämlich die Art und Weise ihres Vorgehens dementsprechend berücksichtigen: „La Russie doit nécessairement mettre plus d'art dans sa politique, parce que, n'étant pas voisine immédiate de la confédération germanique, ses relations directes et naturelles sont avec l'Autriche et la Prusse. La France et la Russie ont le même intérêt à empêcher que la confédération ne devienne l'instrument de l'une ou Pautre de ces puissances, ou de toutes les deux. La Russie pour agrandir une influence qui ne lui appartient pas nécessairement, et la France, pour conserver la sienne, qui est légitime et fondée sur les intérêts réciproques. Cette différence est ici parfaitement sentie: et par instinct. Si à l'égard de la France, la confédération prend une attitude de surveillance, elle prendra une de répulsion à l'égard de la Russie."81) Bereits im Frühjahr 1816 hatte Reinhard ein den Bund betreffendes gemeinsames Spiel der beiden deutschen Vormächte vermutet82). Seine Mutmaßungen verdichteten sich in der Zeit danach immer mehr83). Wenn man noch auf anderen französischen Interessenvertretungen in Deutschland an einen weitgehenden Einfluß des Blockes des Deutschen Bundes auf die europäische Politik glaubte84), so war man auf der Frankfurter Gesandtschaft skeptischer. Frankreich war gezwungen, „untätig" Zeuge zu sein, wie Österreich sich seines früheren Einflusses in Deutschland bemächtigte. Seine überragende Stellung im Bund war unanfechtbar und erhaben über die aller anderen Staaten. Preußen wurde auf die Rolle eines Beobachters herabgedrückt und besaß keinen Einfluß. Seine Isolierung war nicht ohne eigene Schuld erfolgt. Die Masse der sich in ihrer Unabhängigkeit bedroht fühlenden deutschen Staaten hatte sich unter den österreichischen Schutz geflüchtet. Von der ursprünglich von französischer Seite gehegten Furcht vor einer preußischen Vorherrschaft in Deutschland oder einer Teilung in zwei Machtsphären konnte keine Rede mehr sein. Mit Geschick schmeichelte

80

) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 17. 9. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753. ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 19. 6. 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 82 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 16. 3. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. 83 ) Richelieu an Bonnay, Paris 28. 7. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254. 84 ) Marandet an Richelieu, Hamburg 2. 12. 1816, Hambourg Corr. Pol. Bd. 122; Montlezun an Richelieu, Karlsruhe 3 1 . 7. 1816, Bade Corr. Pol. Bd. 14; Fénelon an Richelieu, Darmstadt 11. 11. 1816, Hesse-Darmstadt Corr. Pol. 6. 81

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daher Metternich „les passions du parti populaire* und zeigte sich in Frankfurt als „le plus libéral et le plus unitaire des Allemands"85). Dennoch nahm immer noch der Bundestag eine bedeutende und geachtete Stellung als politisches Organ ein. Gentz erklärte Car aman: „Quand elle fut organisée, on la considéra comme un avorton politique; or elle a pris une grande importance; c'est l'organe de la Confédération et un organe écouté; si le parti des princes est conservateur, celui des peuples, plus nombreux, est révolutionnaire; il examine toutes les questions, peu s'en est fallu qu'il n'examinât cet hiver la grande question de l'introduction du système représentatif dans tous les Etats de l'Allemagne"86). Selbst Reinhard war zu dieser Zeit in Bezug auf den Fortschritt des österreichischen Einflusses in Frankfurt ohne Arg. Eine stetig fortschreitende Entwicklung des Verfassungslebens in Deutschland und mit einer Krönung im Bunde selber - wobei das französische Muster von 1814 natürlich maßgebend sein sollte - schwebte ihm durchaus im Rahmen des Möglichen vor87). Politische Interessen und gemeinsame konstitutionelle Gesinnungen führten zu einer besonderen Annäherung zwischen der französischen Gesandtschaft in Frankfurt und den Gesandtschaften derjenigen Staaten, die in Frankreich ihre Schutzmacht gesehen hatten. Schwer wurde es immer aus rein taktischen Gründen sich der bayerischen Annäherungsversuche zu erwahren, denn noch hatte der Vertreter Frankreichs mit äußerster Vorsicht zu operieren88). Zusammenfassend ist zu sagen, daß das Interesse der französischen Regierung an den Vorgängen in Deutschland nach der anfänglichen großen Anteilnahme abnahm. Sie wurde von näherliegenden Fragen in Anspruch genommen, und ferner liegende Ereignisse mußten notwendigerweise in den Hintergrund treten. Erst vom Frühsommer 1818 an belebte die Aussicht auf das Ende der über Frankreich ausgeübten politischen Vormundschaft noch einmal das Interesse an der Kräfteverteilung in Deutschland. Die Regierung in Paris wünschte jetzt, genauer im Hinblick auf den zu erwartenden Kongreß unterrichtet zu werden89). Die Berichterstattung aus Deutschland belebte sich, und besonders Reinhard fand in seiner Frankfurter Sonderstellung Gelegenheit, in einer Reihe umfangreicher Denkschriften seine Eindrücke über den bisherigen Gang der Dinge zusammenzufassen. Im Vergleich zum Vorjahr meinte der schon früher skeptische Gesandte klarer sehen zu können, vor allem was die Entwicklung in der Zukunft betraf. Eine niederschmetternde Deutung des Bundes, wie sie in der Fülle

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) ) 87 ) 88 ) 89 ) 86

Mémoire Caraman Mémoire dto. Richelieu

Reinhards vom August 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 755. in Richelieu, Wien 1. 4. 1817, Autriche Corr. Pol. Bd. 398. Reinhards vom August 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 755. an Reinhard, Paris im Mai 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757.

5 Hammer, Französ. Restauration

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der Einzelberichte bislang kaum so treffend zum Ausdruck gekommen war, entstand vor den Augen der Pariser Zentrale. „La confédération actuelle est un monstre", erklärte Reinhard und näherte sich damit der Deutung, die im 17. Jahrhundert einer der großen Staatsrechtslehrer dem alten Reich gegeben hatte. „Comme les monstres elle n'a pas en elle un principe de vie", wurde prophezeit90). Der Bundestag wurde als ein Diplomatenkongreß in der Art von Regensburg dargestellt, der keine politische und öffentliche Bedeutung besäße. Zu der Bedeutung, die man ihm anfänglich französischerseits hatte beimessen wollen, war er nicht gelangt. Die letzte Hoffnung lag in der konstitutionellen Entwicklung. Was sich in den Vorjahren nur erst undeutlich abgezeichnet hatte, trat nun offen in Erscheinung: die uneingeschränkte „Diktatur" Österreichs auf dem Bundestag. Metternich begann für die französische Diplomatie der verhaßteste Mann zu werden. „Immobile sur son piédestal, il voit le monde tourner autour de lui et donne ses soufflets à ceux qui tournent, à mesure qu'il les voit à sa portée", so schaltete er als der unangegriffene Herr des Bundes91). Preußen dagegen, „en respectant l'initiative dévolue à l'Autriche", steuerte immer mehr in das österreichische Fahrwasser. Natürlich riefen die eifersüchtig gewahrten Interessen bei allen übrigen deutschen Staaten eine Unzufriedenheit mit den sie vergewaltigenden Großen hervor. Es schien nicht möglich, weder eine geschlossene Front noch einheitliche Gesichtspunkte gegen diese zusammenzubringen. Noch immer waren nach den langen Kriegen und den letzten territorialen Abmachungen die Beziehungen unter diesen Staaten abgekühlt oder gespannt. Das eine der „différents peuples" beobachtete argwöhnisch das andere! Selbstverständlich bestand für den alten Rheinbunddiplomaten „la véritable confédération germanique exclusivement dans la masse des Etats secondaires". Die Schatten der Vergangenheit lagen über den Beziehungen dieser Staaten zu Frankreich. Sie schwankten zwischen Ressentiment, blindem Haß, der Erinnerung an die zahllosen Wohltaten, die Frankreich ihnen seit Jahrhunderten hatte angedeihen lassen, und panischer Furcht vor den sie überwachenden beiden deutschen Großmächten; der alten Schutzmacht gegenüber verharrten sie in einer unentschiedenen Haltung. „Abwarten", lautete die Parole der französischen Diplomatie für die Zukunft92). Dem Bund wurde keine lange Lebensdauer vorausgesagt. Der Keim späterer Auflösung war bereits vorhanden, wenn dieser Prozeß nicht überhaupt schon im Gange war. Die „Unio" war nach Reinhards Überzeugung in Deutschland eine „chimère"! Früher oder später mußten naturgemäß die Interessengegensätze zwischen Österreich und Preußen zutage treten ö0 ) 91 ) 82

Mémoire Reinhards, Frankfurt 31. 5. 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757. Reinhard an Richelieu, Frankfurt 28. 3. 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 756. ) Mémoire Reinhards vom November 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757.

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und das „künstliche" Gebäude des Bundes wieder zerstören. Er hegte keinen Zweifel daran, daß Preußen nach Sammlung der notwendigen Kräfte oder von revolutionären Strömungen erfaßt — vielleicht schon in nächster Zeit - Sprengungsversuche des Bundes unternehmen konnte. Der Bruch der Einheit Deutschlands schien dann „für immer* sicher zu sein. Wenn auch in diesem Moment noch das in eine „österreichische Hegemonie" umgewandelte „österreichisch-preußische Condominium" über Deutschland den Einfluß Frankreichs ausschaltete, so konnte schon morgen dessen Sturz der französischen Politik neue, alte Wege eröffnen93). Heute noch „spectateur non désintéressé", konnte sich der französischen Diplomatie dann ein glücklich verändertes Arbeitsfeld erschließen. „Tous les éléments de nos anciens rapports, quoique différemment recomposés", standen zur Verfügung94). An ein politisch einigendes Band, das alle durch Gemeinsamkeit der Sprache, Sitte, Literatur verbundenen Völker Deutschlands umschlungen hätte, schien auf lange nicht gedacht werden zu können, obwohl „les éléments et des besoins d'unité pour l'Allemagne" nicht geleugnet wurden95). 3. Die deutsche Nationalbewegung Schon Talleyrand hatte sich vor und während des Wiener Kongresses seine Gedanken über die überspannte nationale Stimmung in Deutschland gemacht. Mehr als einmal hatte er auf die damit verbundenen Gefahren hingewiesen. Er bezeichnete den deutschen Nationalismus als eine Art deutsche Form des Jakobinismus, die der französischen an Gefährlichkeit nicht nachstand. „Des ferments révolutionnaires", berichtete er seinem König, „sont partout répandus en Allemagne; le jacobinisme y domine, non point comme en France il y a 25 ans dans les classes moyennes et inférieures, mais parmi la plus haute et la plus riche noblesse... avec eux conspirent les hommes des universités et la jeunesse de leurs théories et ceux qui attribuent à la division de l'Allemagne en petits états les calamités versées sur elle par tant de guerres dont elle est le continuel théâtre; l'unité de la patrie allemande est leur roi, leur dogme, leur religion exaltée jusqu'au fanatisme et ce fanatisme a gagné même des princes actuellement régnants . . . différence qui fait que la marche d'une révolution qui viendrait à y éclater ne pourrait pas être calculée d'après la marche de la nôtre.. ," 96 ). fi8

) Mémoire Reinhards, Frankfurt 31. 5. 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757; November 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757. 94 ) dto. w ) dto. H ) Talleyrand an Ludwig XVIIL, Wien 17. 9. 1814, PallanvS. 55 f.; Talleyrand an Jaucourt, Wien 16. 10. 1814 in Correspondance Talleyrand-Jaucourt, Paris 1905, S. 218. 5*

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Damit waren Umfang und Ziel der deutschen Nationalbewegung umrissen. Verschmolzen einmal alle diese verschiedenartigen Elemente zu einer einzigen großen Bewegung, so waren die Folgen unabsehbar. Nicht nur für Deutschland 97 ). Die Lage in Deutschland, wo die Bevölkerung zum Teil nicht wußte, unter wessen Herrschaft sie geraten würde, die unaufhörlichen militärischen Besatzungen und die Bedrückungen in deren Gefolge, immer neu geforderte Opfer, die gegenwärtige Notlage und die Unsicherheit der Zukunft, all das begünstigte jeglichen Plan eines Umsturzes 98 ). Der Wiener Kongreß hatte die Explosionsgefahr keineswegs beseitigt. Das Unternehmen der Hundert Tage hatte die nationalen Leidenschaften weiter erhitzt. Die Gelegenheit, von neuem gegen Frankreich zu Felde ziehen zu können, war vielerorts mit Genugtuung und Begeisterung begrüßt worden 9 9 ). Und nach dem siegreichen Feldzug von 1815 blieb die Zahl derjenigen, die bereit waren, einen dritten Krieg gegen Frankreich mit dem Ziel seiner „endgültigen Aufteilung" herauszufordern, „légion". Nach den ersten Mitteilungen von Reinhard aus Deutschland waren die Verhältnisse trotz des Friedensschlusses chaotisch geblieben. Die nationale Erregung, durch kriegerische Instinkte aufgeputscht, war noch längst nicht erloschen. Religiöser Fanatismus, die phantastischsten metaphysischen Ideen, falsches Prophetentum verbanden sich mit Nationalismus. „Toutes prophéties sont hostiles à la France". Überall in Deutschland schössen mystische Sekten mit nationaler Färbung hervor. „Les âmes semblent avoir besoin de chercher des consolations et des espérances dans quelque chose de surnaturelle" 100 ). Die verschwommensten Vorstellungen von der deutschen Zukunft wurden vorgetragen. Aber Politikern wie Publizisten schien der reale Blick für die Lösungsmöglichkeiten der deutschen Frage vollkommen abzugehen. Je mehr sie sich der Wirklichkeit gegenübergestellt sahen, desto verstiegener wurden sie in ihren Planungen. Die nationalen Forderungen verbanden sich mit konstitutionellen Ansprüchen. Allgemeine Unzufriedenheit war das Kennzeichen der Lage in Deutschland; durch mißliche wirtschaftliche Verhältnisse, Folge von schlechten Ernten, wurde sie noch vertieft 101 ). Deutschland stand 97

) dto. ) dto. " ) Caraman an Jaucourt, Berlin 15. 4. 1815, 16. 5. 1815, Prusse Corr. Pol. Bd. 253; Monnay an Richelieu, Hamburg 14. 10. 1815, Hambourg Corr. Pol. Bd. 122. 10 °) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 13. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752; Marandet an Richelieu, Hamburg 8. 10. 1818, Hamburg Corr. Pol. Bd. 124. 101 ) Montlezun an Richelieu, Karlsruhe 26. 8. 1816, Bade Corr. Pol. Bd. 14; Mémoire Bandus über die deutsche Nachkriegspresse, Frankfurt im Mai 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752; Bandus an Richelieu, Frankfurt 13. 7. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753; Reinhard an Richelieu, Frankfurt 19. 9. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 753; Fénelon an Richelieu, Darmstadt 27. 3. 1816, 2. 9. 1816, Hesse-Darmstadt Corr. Pol. Bd. 6. M

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im Begriff, einer neuen, unverständlichen Denkweise zu verfallen. Das Land befand sich innerhalb weniger Jahre in einer nahezu unbegreiflichen Wandlung. „L'état de société en Allemagne", berichtet ein Deutschlandkenner, „présente un spectale digne de quelque attention. Une révolution s'est faite dans les moeurs, les habitudes et j'oserais dire dans le caractère de ses habitants. Ce n'est pas seulement l'esprit de novation qui les travaille, c'est un sentiment d'inquiétude qui ne leur laisse entrevoir dans la situation actuelle des choses comme dans celle des personnes qu'un état provisoire. Ils attendent des événements, les uns les espèrent, les autres les redoutent, tous s'en occupent. Cédant plus ou moins à l'impulsion des intérêts ou des passions du moment, ils croient tous savoir ce qu'ils veulent"102). Derartige Berichte häuften sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr in der Pariser Zentrale. Die innere Verwirrung in Deutschland wurde ein Gegenstand besorgter nachbarlicher Beobachtung. Der offenkundigste Ausdruck der inneren Erregung in Deutschland, vornehmlich der der jüngeren Generation, war nach von allen französischen Gesandtschaften einmütig geteilter Meinung das Wartburgfest. Reinhard, der am tiefsten die deutschen Verhältnisse durchschaute, hatte seit langer Zeit eine derartige Entladung angesammelter Spannungen vorausgesehen. Es war ein wirklich seit langem erwartetes Ereignis, auf das seiner Meinung nach viele und rasch aufeinanderfolgende Vorzeichen hingewiesen hatten. Mit Kennerblick urteilte der in Revolutionen Erfahrene: „C'est la crise française de 1788"103). Die Vorstellung, daß sich Deutschland „am Vorabend" von Ereignissen von umwälzender Bedeutung befände, beherrschte alle französischen Diplomaten in Deutschland. Meist wurden die Zustände mit denen in Frankreich vor Ausbruch der Revolution verglichen104). Das Wartburgfest war der faßbarste Ausdruck eines „NeoJacobinisme" und wurde als Begebenheit mit dem Sturm auf die Bastille gleichgesetzt. Es war „preuve et signal" zum allgemeinen Aufstand105). Die deutsche Jugend war auf den höchstmöglichen Punkt der „exaltation" gebracht worden. Überall beherrschte die Partei oder Sekte der „Vieux-Allemands" oder „UltraGermains" das Feld. In jeder Stadt, vor allem an jeder Universität gab es solche Gruppen. Durch das Tragen der altdeutschen Tracht, beziehungsweise dessen, „was die Tracht der alten Deutschen gewesen sein sollte", zeichneten sich die jungen Revolutionäre aus. „Je passe", so berichtete ein eigens zur Information seiner Regierung durch Deutschland reisender und mit den dortigen Verhältnissen von

102

) Marandet an Richelieu, Hamburg 6. 11. 1816, Hambourg Corr. Pol. Bd. 122. ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 18. 11. 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 755. 104 ) Marandet an Richelieu, Hamburg 28. 8. 1817, Hambourg Corr. Pol. Bd. 123; Dillon an Richelieu, Dresden 29. 10. 1817, Saxe Corr. Pol. Bd. 85. 105 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 25. 11. 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 256. 103

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früher vertrauter Diplomat, „à Heidelberg . . . je me trouve au milieu d'étudiants chamarrés de vêtements les plus bizarres. L'un laisse croître sa barbe; celui-ci a des collets de sa chemise singulièrement rabattus; un autre a au lieu de gilet une chemise; tous affectent un costume singulier qu'ils appellent teutonique. A Gießen, à Marbourg, à Göttingen, à Jéna, le même spectacle.. .* 106 ). Der Tag mochte nicht nicht fernliegen, da diese Jugend, wie das einst die Sans-Culotten getan hatten, bei der ihnen eigenen Gewalttätigkeit alle Welt zwingen würde, gleichfalls diese Tracht anzulegen107). Und dennoch mußte sich der Beobachter eingestehen: „Dans toute cette jeunesse, un air d'audace et de dévergondage, et cependant je ne sais quoi de doux et de grave. Qu'est-ce que cela signifie... J'ai été curieux de savoir où en étaient les études? Jamais elles n'ont été plus fortes, exactes, appliquées, studieuses; leur occupation: c'est l'étude; leur récréation: la politique . . . parmi cette jeunesse si effervesçante et agitée, un dernier trait tout à fait remarquable, c'est que jamais les moeurs n'ont été plus pures.. ." 108 ). Während des Kongresses von Aachen löste die Stourdza-Schrift „Über den gegenwärtigen Zustand Deutschlands" besonderes Aufsehen aus, auch innerhalb des französischen diplomatischen Korps in Deutschland. Reinhard warf dem Verfasser eine schlechte Kenntnis Deutschlands vor. Bei aller Würdigung des fieberhaften Zustandes, in dem sich Deutschland zu befinden schien, faßte er seine eigene Beurteilung folgendermaßen zusammen: „Ma conviction est que les peuples d'Allemagne resteront tranquilles, parce qu'ils sont restés tels pendant les trois dernières années, parce que sans centre et sans unité, ils ne pourraient éprouver, que des commotions partielles, parce qu'il n'existe ni hommes, ni événements capables de donner une impulsion générale, enfin parce que les gouvernements neutralisent l'impulsion des idées en prenant d'eux mêmes la route des améliorations que commande l'esprit du siècle"109). Die Nachricht von der Ermordung Kotzebues zerstörte die letzten Illusionen über die Möglichkeiten einer friedlichen Kanalisierung der unterirdischen revolutionären Umtriebe in Deutschland. Sie galt als das unheilvollste Ereignis in Deutschland seit langer Zeit110). Eine Bestürzung bemächtigte sich des ganzen Landes und teilte sich naturgemäß den französischen Diplomaten mit. Kein Vorfall - mit Ausnahme des Wartburg-Festes - beschäftigte die französische

106 ) Mémoire sur l'esprit des peuples en Allemagne, Paris 1819, Allemagne Mémoires Bd. 119. 107 ) Marandet an Richelieu, Hamburg 10. 3. 1817, Allemagne Corr. Pol. Bd. 123. 108 ) siehe N r . 106. m ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 5. 12. 1818, 19. 12. 1818, Allemagne Corr. Pol. Bd. 757. li0 ) Reinhard an Dessolles, Frankfurt 26. 3. 1819, Allemagne Corr. Pol. Bd. 758.

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Diplomatie bis hin nach St. Petersburg während langer Zeit so sehr wie dieser. Wenn sich die offizielle Presse noch bemühte, den Mord als die Tat eines einzelnen Fanatikers hinzustellen, so erschien er der nüchternen französischen Beurteilung als ein Symptom dafür, wie weit sich die Geister verirrt hatten 1 1 1 ), vor allem, als nun der Mörder Sand von der Bevölkerung „bewundert", „gefeiert", „heroisiert", ja „kanonisiert" wurde. Er hatte eine „felix culpa" begangen; „il sera absolu par Dieu", hieß es, oder „partout il est regardé comme un héros et comme un saint" 112 ). Seine Hinrichtung wurde bei der allgemeinen „ivresse mentale" zu einem „freiwilligen Martyrium" 1 1 3 ). Reinhard war noch der sachlichste Begutachter eines Übels, dessen Ursprünge er historisch weit zurückgreifend zu erklären versuchte. „Comment peut-il avoir des hommes au monde qui puissent croire que l'assassinat de M. de Kotzebue sauvera Allemagne?" fragte er. „Tout le monde", so versuchte er die Hintergründe dieses Falles zu analysieren, „connaît la haine irréconciliable que Bonaparte portait aux universités allemands. Elle était méritée! Les sentiments d'une jeunesse inconsidérée étaient alors l'interprète de l'opinion générale qui n'osait pas se prononcer. Ils furent applaudis et encouragés. On croyait alors avoir besoin d'enthousiasme. On appela à soi les forces morales que l'oppresseur dédaignait! Elles furent utiles. Lorsque le danger fut passé, on annonça que l'obéissance passive avait suffi pour délivrer l'Allemagne. Cette doctrine ne satisfait pas ceux qui avaient la conscience d'avoir été mûrs par d'autres rapports. Les événements de la Wartburg eurent lieu. Une prévoyance ombrageuse s'alarma de quelques puérilités qui, peut-être, auraient dû rapurer. Quelques gouvernements y attachèrent une haute importance. L'ouvrage de M. Stourdza survint. Dans tous ces événements il y a avait quelque chose de propre à égarer de jeunes têtes. Elles croyaient entrevoir des contradictions. Ce qu'on avait approuvé autrefois on le blâmait aujourd'hui. Elles acceptaient l'importance qu'on semblait leur donner; elles s'en exaltaient. Il en résultait le sentiment d'une cause commune; cette cause leur parut persécutée; elle s'agrandit à leurs yeux; elle y devait être celle de l'Allemagne; celle de la liberté. De là des symptômes qui quoique particuliers à cet âge des passions, tiennent cependant à l'agitation générale de tous les esprits,

m ) Marandet an Dessolles, Hamburg 2. 4. 1819, Hambourg Corr. Pol. Bd. 124; La Garde an Dessolles, München 30. 3. 1819, 13. 4. 1819, 20. 4. 1819, Bavière Corr. Pol. Bd. 192; Mémoire sur l'esprit des peuples en Allemagne, Paris 1819, Allemagne, Mémoires Bd. 119; La Ferronnays an Dessolles, St. Petersburg 8. 6. 1819, Russie Corr. Pol. Bd. 159. 112 ) dto. 11S ) Marandet an Pasquier, Hamburg 30. 5. 1820, Hambourg Corr. Pol. Bd. 125; Moustier an Pasquier, Hannover 15. 9. 1821, Hanovre Corr. Pol. Bd. 56; Reinhard an Pasquier, Frankfurt 26. 5. 1820, Allemagne Corr. Pol. Bd. 760.

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de toutes les classes; symptômes impossibles dans une époque bien réglée et tranquille et qui, par cette raison même, prouvent non la corruption des universités allemandes, mais une maladie grave de l'état social en Europe" 1 1 4 ). D i e meisten französischen Diplomaten beurteilten die v o n den Universitäten ausgehenden Gefahren noch nachdrücklicher als ihr Frankfurter Kollege. N a c h ihrer Auffassung waren die wahrhaft Schuldigen unter denen zu suchen, die diese Jugend erzogen: unter den Professoren. „Cette race de professeurs", meinte der Hamburger Gesandte, „est en général la plus gangreneuse, en fait d'opinions politiques, et c'est elle incontestablement qui a égaré la jeunesse teutonienne** 115 ). „Ils empoisonnent la jeunesse" 1 1 6 ). D i e Regierungen sahen sich außerstande, den Geist der öffentlichen Meinung zu lenken, selbst ihre Autorität zur Aufrechterhaltung v o n Ruhe und Ordnung geriet mehr und mehr in Gefahr. D i e U n i versitäten waren Hochburgen der revolutionären Gesinnungen geworden, an denen Vorlesungen, die z u m Aufstand aufriefen, gehalten wurden 1 1 7 ). D i e H a u p t akteure hießen Schleiermacher, „Professeur d'insurrection et d'athéisme** und Jahn, „Professeur soidisant de l'art gymnastique**, dessen „Turnkunst a électrisé une foule de jeunes têtes et a produit une espèce de fraternité maçonnique répandue dans toute l'Allemagne**. Selbst Reinhard hielt Arndt, Jahn und Steffens für gefährlich 1 1 8 ). Alle waren alte Mitglieder des Tugendbundes, w i e noch viele andere hochgestellte Persönlichkeiten, die ein Zugreifen der Regierungen verhinderten, weil sie selber die Ziele des Bundes teilten oder nicht kompromittiert werden wollten. D i e Fülle der Geheimorganisationen in Deutschland war unübersehbar. Alle schienen sich den Umsturz der gegenwärtigen Verhältnisse zum Ziel gesetzt zu haben. „M. de Stein est l'âme de toutes les associations secrètes et de toutes les machinations révolutionnaires** 119 ). D i e gefährlichste dieser G e sellschaften war die den Franzosen nicht unbekannte und seit dem „Guerre dite de la délivrance** gefürchtete „Société de la vertu**. 1813 hatten die zivilen und militärischen Autoritäten deren Existenz begrüßt und gefördert. Jetzt wurden sie aber der Geister, die sie gerufen und „dont les principes ont tant de rapports avec ceux qu ont amené la révolution** nicht mehr Herr. Unterirdische, v o n der

U4

) Reinhard an Dessolles, Frankfurt 26. 3. 1819, Allemagne Corr. Pol. Bd. 758. ) Bonnay an Pasquier, Berlin 20. 6. 1820, Allemagne Corr. Pol. Bd. 259. iie ) Marandet an Richelieu, Hamburg 18. 8. 1818, Hambourg Corr. Pol. Bd. 124. 117 ) Bonnay an Richelieu, Berlin 10. 8. 1816, Prusse Corr. Pol. Bd. 254; 1. 3. 1817, 3. 6. 1817, 26. 4. 1817, 6. 5. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; 2. 12. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 256; Marandet an Richelieu, Hamburg, 8. 10. 1818, Hambourg Corr. Pol. Bd. 124; Mémoire sur l'esprit des peuples en Allemagne Paris 1819, Allemagne Mémoires Bd. 119. 118 ) dto. 119 ) Reinhard an Richelieu, Frankfurt 13. 2. 1816, Allemagne Corr. Pol. Bd. 752. U5

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Pariser Polizeipräfektur entdeckte Verbindungen, liefen bis in die Kreise der französischen Carbonari 1 2 0 ). Neue Attentate waren Kennzeichen für die „exaltations et exaspérations fanatiques" sowie verbrecherische Manifestationen „du parti qui refuse de soumettre ses rêves à la r é a l i t é . . . m ) . Während sich das unbefriedigte nationale und freiheitliche Wollen in ziellosen Einzeltaten Ausbruch verschaffte, gerieten nun zur gleichen Zeit die Massen in Unruhe. Eine antijüdische Welle, die sich in Progromen gegen die jüdische Bevölkerung an vielen Orten ausdrückte, ging über Deutschland. Neben dem Wartburgfest, den Attentaten, dem Franzosenhaß galt sie als ein weiteres Vorzeichen des vorrevolutionären Zustandes in Deutschland. Krieg und Nachkriegszeit hatten innerhalb weniger Jahre dem deutschen Judentum „une prépondérance formidable" verschafft. Bei allen Finanzoperationen spielten die großen jüdischen Bankhäuser in Hamburg, Frankfurt, Wien und Berlin die erste Rolle: „Cette nation est en effet, depuis quelques années, en possession d'avoir la haute main sur toutes les affaires d ' a r g e n t . . . Ils savent mieux et plus vite que personne tout ce qui se passe . . . Ils sont partout détestés par le peuple et soufferts par les gouvernements" 122 ). Die lang andauernde „fermentation qui existait parmi les peuples contre les juifs" kam jetzt zum Durchbruch. „Ces derniers y ont donné lieu par des imprudences qui ont été jusqu'à la témérité" 123 ). An verschiedenen Orten kam es zu Ausschreitungen der erregten Volksmassen gegen die Juden. Die Regierungen wurden ihrer nur mit Mühe Herr 1 2 4 ). „On met tout en oeuvre depuis quelque temps pour mettre la nation allemande en état d'insurrection", erklärte ein Korrespondent 125 ). Ein anderer urteilte scharf: „Il faut attribuer à la politique des agitateurs les mouvements populaires qui sur différents points de l'Allemagne ont éclaté à la fois contre les juifs. N e pouvant opérer de révolution, que par la force du peuple, et sentant bien que les passions ne peuvent être émues par leurs systèmes, ils ont

120 ) Ridielieu an Bonnay, Paris 30. 4. 1817, Prusse Corr. Pol. Bd. 255; Reinhard an Montmorency Frankfurt 18. 7. 1822, Allemagne Corr. Pol. Bd. 764; Weill, Georges, Histoire du parti républicain en France de 1814 à 1870, Paris 1910, S. 25. m ) Reinhard an Pasquier, Frankfurt 9. 3. 1820, 6. 7. 1820, Allemagne Corr. Pol. Bd. 760. 122 ) Marandet an Richelieu, Hamburg 19. 2. 1817, Hambourg Corr. Pol. Bd. 123. 1M ) Marandet an Dessolles, Hamburg 26. 8. 1819, Hambourg Corr. Pol. Bd. 124. 124 ) Reinhard an Dessolles, Frankfurt 11. 8. 1819, 13. 9. 1819, Allemagne Corr« Pol. Bd. 759; La Garde an Dessolles, München 14. 8. 1819, Bavière Corr. Pol. Bd. 192 (Chr. I. N r . 79, S. 116); 19. 8. 1819, Bavière Corr. Pol. 192 (Chr. I, N r . 80, S. 116118); 5. 9. 1819, Bavière Corr. Pol. Bd. 192 (Chr. I, N r . 81, S. 118-120); Moustier an Dessolles, Hannover 6. 9. 1819, Hanovre Corr. Pol. Bd. 56. 125 ) La Garde an Dessolles, München 19. 8. 1819, Bavière Corr. Pol. Bd. 192.

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sans aucun doute cherché à surveiller les anciennes haines contre les juifs, espérant par là donner une première impulsion dont ils pourraient profiter. C'est ce qui me fait croire que les gouvernements doivent réprimer ces mouvements avec beaucoup de vigueur"126). Mit raschen Schritten schien Deutschland dem Abgrund der Revolution zuzustreben. Selbst vorsichtigere Diplomaten in Deutschland begannen ein düsteres Bild der deutschen Zukunft zu malen: „Le démon révolutionnaire tient ses torches prêtes, et qui pour les allumer et les secouer, n'attend que le signal"127). Die Korrespondenz wurde intensiviert128). Sogar der anfänglich vorsichtige Reinhard gestand eine „fermentation incontestable des esprits en Allemagne" zu, die sich nun immer mehr ausbreitete und kaum noch zurückdrängen ließe. „Je le répéterai toujours, elle n'est dans la jeunesse que parce qu'elle est dans tous les âges et dans toutes les classes." Die Sorgen der Regierungen in Deutschland waren berechtigt: „Un malaise général, les promesses données, les services rendus, les charges maintenues en augmentent les territoires morcelés, l'opinion ralliée à des principes et à des intérêts communs par les gouvernements mêmes, l'opposition et la lutte de principes et à des intérêts contraires; l'inquiétude attend un autre avenir qui éclate jusque dans les chaumières. Ici ce n'est plus la contagion, c'est l'épidémie129). Die französische Regierung verfolgte mit der größten Aufmerksamkeit die Nachrichten über die Vorgänge in Deutschland. Die führenden Männer in Paris, selbst unter dem höchst liberalen Ministerium Dessolles-Decazes, hatten sich scharf von den Ereignissen in Deutschland distanziert. In Schreiben des MinisterGenerals Dessolles an Bonnay und Reinhard kommt die Pariser Einstellung am klarsten zum Ausdruck: „Voilà, l'unité de l'Allemagne le but vers lequel prétendent marcher les agitateurs de ce p a y s . . . c'est là sans doute une maladie d'esprit grave et difficile à guérir, heureusement que sa nature même doit en limiter les progrès: elle ne saurait arriver jusqu'aux classes laborieuses du peuple, pour qui les hautes théories ne sont jamais un objet de passion et que des espérances d'un bien palpable, matériel et prochain, peuvent seules émouvoir. Cependant le peuple est l'instrument nécessaire et seul assez puissant pour opérer la révolution

"«) Marandet an Dessolles, Hamburg 8. 10. 1819, Hambourg Corr. Pol. Bd. 124. 127 ) Bonnay an Dessolles, Berlin 30. 1. 1819, Prusse Corr. Pol. Bd. 258. lï8 ) La Garde an Dessolles Baden-Baden 30. 7. 1819, Bavière Corr. Pol. Bd. 192 (Chr. 8, Nr. 77, S. 114-115); Marandet an Dessolles, Hamburg 1. 5. 1819, Hambourg Corr. Pol. Bd. 5; Bonnay an Dessolles, Berlin 10. 7. 1819, 10. 8. 1819, 14. 8. 1819, 24. 8. 1819; Prusse Corr. Pol. Bd. 258. "•) Reinhard an Dessolles, Frankfurt 30. 7. 1819, 14. 8. 1819, 19. 8. 1819, Allemagne Corr. Pol. Bd. 759.

4. Karlsbader Besdilüsse und Wiener Konferenzen 1819-1820

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qu'on cherche à préparer, celle de renverser de fond en comble le système politique de l'Allemagne. Aussi un fait assez frappant et qui peut indiquer l'habileté de quelques agitateurs c'est d'avoir été chercher dans les anciennes haines populaires un principe d'émeute. Cette attaque simultanée dans plusieurs villes de l'Allemagne de la populace contre les juifs est une chose qui mérite toute attention des gouvernements et qu'ils doivent réprimer promptement et vigoureusement. Nul doute que ces mouvements n'appartiennent au même plan quant aux doctrines sorties de cerveaux malades ou fanatisés... Cela rappelle les théories vagues que causaient nos malheurs dans les premiers temps de la révolution.** Solchen Zuständen gegenüber konnte der französische Regierungschef mit Genugtuung feststellen: „Quant à nous je crois que nous avons échappé pour longtemps à ce genre de maladie. Trente ans d'expérience nous ont guéris de l'amour de théories et de leurs essais"130). Noch schärfer äußerte sich das Bewußtsein, daß sich „der Besiegte einer besseren Lage erfreute als der Sieger", gegen Jahresende in einem Schreiben des neuen Außenministers Pasquier an Reinhard. Während Frankreichs Nachbarn von den größten inneren Erschütterungen heimgesucht wurden, war das Land, von dem einst die Wirren ausgegangen waren, im Zustand einer gesicherten Ruhe und Ordnung. Es verdankte diese einzig und allein der Einführung des „Repräsentivsystems"! „Quoique nous ayons encore beaucoup à faire", erläuterte Pasquier, „pour affermir les bases du gouvernement que le roi a donné à la France et compléter les institutions qui sont nécessaires à son action. Nous nous trouvons, en comparaison de l'Allemagne, bien avancés dans la reconstruction de l'édifice social. Chez nous il n'y a plus rien d'hypothétique. Il ne reste plus qu'à faire le développement de ce qui existe, qu'à tirer les conséquences de principes reconnus et établis"131). Deutlich erkennbar erfassen wir hier das Bewußtsein für eine verschiedenartige Entwicklung der politischen Formen in Deutschland und Frankreich. Zu einer Zeit, da der beginnende technische Fortschritt die Völker einander näher brachte, entfernte sie ihre politische Grundstruktur mehr als im 18. Jahrhundert. Die Begriffe von Freiheit und Staatlichkeit deckten sich nicht mehr. Frankreich beklagte, daß es Deutschland an einer konstitutionellen Entwicklung mangelte. Die Franzosen buchten das als Rückständigkeit und bedauerten die Deutschen darum. 4. Karlsbader Beschlüsse und Wiener Konferenzen 1819-1820 Als im Frühherbst 1819 in Karlsbad die Ministerkonferenz der Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes zusammentrat, um über die Bekämpfung der 130

) Dessolles an Bonnay, Paris 27. 8. 1819, Prusse Corr. Pol. Bd. 258. ) Pasquier an Reinhard, Paris 31. 12. 1819, Allemagne Corr. Pol. Bd. 759.

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III. Das Deutschland der französischen Diplomaten 1814-1820

revolutionären Umtriebe zu verhandeln, waren nach Auffassung der französischen Diplomatie in Deutschland die Aussichten auf einen Erfolg gering. Am treffendsten äußerte sich diese Überzeugung in einer Mitteilung des Münchener Gesandten: „J'attends peu de choses de ces réunions pour le bien et la tranquillité de l'Allemagne. Le mal est trop invétéré, la contagion trop générale. Depuis bien des années l'esprit de secte s'y propage sourdement; toutes les passions employées en auxiliaire sont devenues autant de centres et de foyers de fanatisme religieux, d'orgueil national exalté, d'amour d'égalité et enfin de tous les rêves creux des cervaux malades.. .