Die Deutsche Geschichte. Band 1. 12.Jh v. Chr. - 1347
 3828904130, 9783828904132

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WELTBILD

§

DIE DEUTSCHE GESCHICHTE

DIE DEUTSCHE GESCHICHTE

DIE DEUTSCHE GESCHICHTE ·

Band 1

I2. Jh.

V.

Chr.

WELTBILD

-

IJ47

Impressum Die vorliegende Buchausgabe basiert auf dem Begleitmaterial zu einer Fernsehreihe zur deutschen Geschichte des Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Proske, die im Jahre 1989 bundesweit ausgestrahlt wurde. Das offizielle Begleitmaterial zur Sendereihe wurde unter der LeitungRüdiger Proskes sorgfältig zusammengestellt und mit zahlreichen interes­ santenAbbildungen und Zusatzinformationen attraktiv gestaltet. Die nunmehr vorliegendeAusgabe wurde um die neuesten Kapitel der deutschen Geschichte erweitert. Mitarbeiter: Wilhelma von Albert, Dr. Jochen Gaile, Mathias Forster,Anke Meyer, JosefNyary, Dr. Joachim Rehork, Volker Schütte, Michael

Schulte, Ingrid Schulze-Bidlingmaier, Dr. Gerhard Steinborn,Guido Thiemeyer, Bettina von Wedel, Dr. Christian Zentner Gestaltung: Lutz Kober, St. Goarshausen Organisation der Neuauflage: Michael Schmidt,Braunschweig Einbandgestaltung: Studio Höpfner-Thoma, München Einbandmotive: AKG, Berlin Gesamtherstellung: DruckereiAppl,Wemding

Printed inGermany ISBN 3- 8289-0413-0 Bildquellen: Aargauische Denkmalpflege 133*Archiv für Kunst undGeschichte l ;53;59;76 r., l.;77;83;89;94;98; l 06;112;119;126 u.;134 o.;140;144*Archiv Verlag 42 r.;99 r.;157 o.*BayerischesAmt für Denkmalpflege,Landeshut, München 27 u.*Bertelsmann Lexikothek Ver­ lag GmbH 88 l.* Bibliotheque Municipale, Dijon 82 o. * Bibliotheque Nationale, Paris 79 o. * Bildarchiv Foto Marburg 46;52 u.*Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz 13;14 o.;17;18;19 o.;21;22 o., 24;25 o., u.;29;36 o., u.;37 o.;38 o.;51 o., u.;54;57 l.;63;64;66 o.;73 l.;75;80; 84;86;90;91;95 u.;99 1.;101;104; l lOu.;116;121;124;1260.;127;139;151; l 57;u.;158; l59*BritishMuseum,London 85*Bürgerbi­ bliothek, Bern l 08, 110 o.* Eith Verlag, St.Goarshausen 93* Fotoagentur Schapowalow 45 o.; l 02; l03* Fotoarchiv Heinz Fröhlich 13 l u.*Ge­ meindeverwaltung Pforzen 8*Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg 95 o.*Erhard Hehl 82 u.;96 o.*Hofburg, Wien 71 l.* Interfoto, Mün­ chen 33 o.; 70 u.* Jürgens Photo, Köln 129*Rolf Kreuder, TannR / hön 50* Kulturamt Goslar 73 re. * Kultur- und Verkehrsamt V illingen 97* Kunsthistorisches Museum,Wien 68*LandbauamtRegensburg 141*Landesmuseum Johanneum, Graz IOo., u.*Landesmuseum Kärnten, Kla­ genfurt 11* Landeshauptarchiv Koblenz 128 u.;145;147 r.;149*Landesmuseum Stuttgart 9 o.* Landesmuseum Wien 12 l . o.* IngeborgLim­ mer, Bamberg 74*Leonard v.Matt, Buochs 45 u.*AnnMünchow,Aachen 61;76 m.*Museumsdorf Oerlinghausen 16* Niedersächsische Staats­ und Universitätsbibliothek, Göttingen 44*Rüdiger Proske, Hamburg 9 u.;12 r., o., r. m., u.;14 u.;15;20;28;37 u.;38 u.;43 o.;47;56;69;71 r.; 79 u.;88 r.; 92;96u.;107;111 u., o.;113;120; 122; 123;128 o.;130;131 o.;134 u.;135;136;137;138;142;150;152;153;156; 160*Lothar Ramm, Wolfsburg 155*Rheinisches Landesmuseum, Bonn 19 u.;40 l.;42 1. *Rheinisches Landesmuseum, Trier 30;32;33 u.*Römisch-Ger­ manisches Museum, Köln 43 u.* Saalburg Museum, Saalburg 26* Scala, Florenz 70 o.* Jerzy Sieczkowski, Gniezno 78* Toni Schneiders,Lin­ dau 39;40 r.;49;52 o.;55 u.;58;60* StaatlicheBildstelle Saarland, Saarbrücken 31 o.* Staatliche Münzsammlung, München 57 r.* Städt. Kur­ verwaltung Bad Gandersheim, 66 u.* Stadtverwaltung Iphofen 100* Süddeutscher Verlag,München 118* Universität Oldsaksaming, Oslo 62* Wagmüller,Regensburg 65*Westfälisches Museum für Archäologie, Münster 22 !.; 23;31 u.* Widukind Museum, Enger 55 o. Genehmigte Lizenzausgabe für Verlagsgruppe Weltbild, Augsburg Copyright der aktualisiertenAusgabe© 2001 byArchiv Verlag GmbH, Braunschweig

2004 2003 2002 Die letzte Jahreszahl gibt die aktuelleLizenzausgabe an.

Inhalt Zeittafel

6

Die Erneuerung des Kaiserreiches

71

Vorwort

7

Die Herrschaft der Kaiser über die Kirche

73

Die Anfänge bis zur Hallstattkultur

8

Das Weltbild des Hochmittelalters

75 78

Die Kelten

11

Der Investiturstreit

Die Anfänge im Norden

13

Im Zeichen des wirtschaftlichen und

Die Germanen

15

sozialen Wandels

81

Caesar am Rhein

18

Kreuzzüge und erste Judenpogrome

85

Die Schlacht im Teutoburger Wald

21

Adel und Rittertum

89

Die Geburt einer neuen Religion

24

Die Burgen im Hohen Mittelalter

93

Der Limes

26

Die Geburtsstunde der Städte

Das Leben im Schutze des Limes

29

im Mittelalter

Trier wird römische Kaiserstadt

32

Baukunst und Plastik der Stauferzeit

Die Völkerwanderung

35

Friedrich Barbarossa und

Das Reich Theoderichs des Großen

37

Heinrich der Löwe

97 101

104

Der Beginn des Frankenreiches

40

Heinrich VI. und die Krise

Die Folgen der Völkerwanderung

42

des Königtums

Die Christianisierung Germaniens

44

Die Anfänge der Inquisition

112

Die Geburt des Islam

47

Friedrich II. und das Ende der Stauferzeit

116

Auf dem Wege zum Reich Karls des Großen 50

Die Hanse

122

Karl der Große - Mehrer des Reiches

53

Der Deutsche Ritterorden

127

Die Verwaltung des Reiches

56

Die Anfänge der Habsburger

131

Die Kaiserkrönung

59

Die Geburtsstunde der Schweiz

135 139

Der Zerfall des karolingischen Reiches

62

Das Zeitalter der Gotik

Die ersten deutschen Könige

65

Der Kampf der mächtigen Familien

Die Abwehr der Ungarn Die Eroberung slawischen Landes

68

108

um das Königtum

144

KarlN.

153

Zeittafel 12.-8.Jh.v.Chr. Urnenfelderkultur

476

8.-5.Jh.v.Chr. Hallstattkultur ab 5.Jh.v.Chr.

Latenekultur in Mittelund Westeuropa im Siedlungsgebiet der Kelten

Odoaker König Italiens {Ende des Weströmisehen Reiches)

962

Kaiserkrönung Ottos I. in Rom

968

Gründung des Erzbistums Magdeburg, Slawenmission

482

Chlodwig begründet das Frankenreich

493-526

Theoderich der Große

973-983

Otto Il„ König und Kaiser

um400 v.Chr.

Große Keltenwanderung

558-561

Chlothar 1. vereint das Frankenreich

983-1002

Otto III„ König und Kaiser

387/86 v.Chr.

Plünderung Roms durch die Kelten

568-774

Langobardenreich in Norditalien

1002-1024

Heinrich II„ König und Kaiser

622

Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina

1024-1125

732

Karl Martell siegt bei Tours und Poitiers über die Araber

Epoche der Fränkischen oder Salischen Könige und Kaiser

1033

Vereinigung des Königreichs Burgund (Arelat)

113-101 v.Chr. Kämpfe der Römer gegen die germanischen Kimbern und Teutonen 58-51 v.Chr.

Eroberung Galliens durch Caesar

55-53 v.Chr.

Caesar überquert zweimal den Rhein

ca.7 vor unserer Zeitrechnung 9 n.Chr.

um30

Geburt Jesu von Nazareth Schlacht im Teutoburger Wald. Der Cheruskerfürst Arminius besiegt ein römisches Heer unter Varus Kreuzestod Christi in Judäa; vermutlich im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius

zwischen 41-54

Trier (Augusta Treverorum) erhält italisches Stadtrecht

120-160

Ausbau des ca. 545 km langen obergermanischrätischen Limes

236

Goten erscheinen an der römischen Reichsgrenze an der unteren Donau

260

375

Die germanischen Alarnarmen überrennen den obergermanischen Limes Hunnen dringen über Wolga und Donau nach Westen vor (Beginn der »Völkerwanderung«)

406-409

Einbruch germanischer Stämme in Gallien und Spanien

451

Schlacht auf den Katalaunischen Feldern

6

751/752

Pippin der Kleine (Jüngere) erhebt sich zum König (Krönung 754 in Saint-Denis)

Synode von Sutri

1056-1106

Karl der Große, König und Kaiser

Heinrich IV„ König und Kaiser

1073/74

Aufstand der Sachsen

772-804

Sachsenkriege

1076

774

Karl erobert das Langobardenreich

Papst Gregor VIl. auf der Synode von Worms abgesetzt

789-796

Feldzüge gegen Slawen und Awaren

800

Karl zum Kaiser gekrönt

814-840

Ludwig der Fromme (816 von Papst Stephan IV. in Reims nochmals gekrönt).

843

Vertrag von Verdun. Kaiser Lothar I. erhält Italien und ein Gebiet nördlich der Alpen; Ludwig der Deutsche das Ostfrankenreich; Karl der Kahle das Westfrankenreich

843-911

Epoche der deutschen Karolinger

911

Konrad 1. von Franken wird auf deutschem Boden zum König gewählt

919-1024

Epoche der sächsischen Könige und Kaiser; Beginn der deutschen Reichsgeschichte (»regnum Teutonicorurn«)

955

Sieg Otto I. über die Ungarn bei Augsburg

Friedrich Il.

1220

Friedrich verleiht den geistlichen Reichsfürsten weitgehende landesherrliehe Rechte

1226

Goldene Bulle von Rimini; dem Deutschen Ritterorden wird das preußische »Heidenland« zugesprochen

seit 1235

Beginn des friihgotischen Stils in Deutschland (Beginn des Baus der Marburger Elisabethkirche)

1241

Deutsch-polnisches Heer von den Mongolen bei Liegnitz geschlagen, jedoch Rückzug der Mongolen

mit dem Deutschen Reich

1046

768-814

1212-1250

1254-1257

Rheinischer Städtebund

1254-1268

Ausgang des staufischen Kaiserhauses in Sizilien; der Staufer Konradin wird hingerichtet

1256-1273

Interregnum in Deutschland

1273-1291

König Rudolf I. von Habsburg

1282

Rudolfs Söhne werden mit Österreich belehnt

1291

»Ewiger Bund« der drei Waldorte Uri, Schwyz und Unterwalden

1077

Heinrich erscheint vor dem Papst als Büßer in Canossa

1122

Ende des Investiturstreites mit dem Wormser Konkordat

1125-1137

Lothar von Supplinburg (Lothar von Sachsen)

1138-1152

Konrad III„ der erste Staufer

seit Ende 13.Jh.

Entstehung der deutschen Hanse

1152-1190

Friedrich l. Barbarossa

1292-1298

Adolf von Nassau

1156

Heinrich der Löwe wird Herzog von Bayern

1298-1308

Albrecht 1. von Österreich

1158

Barbarossa kämpft gegen die lombardischen Städte

1308-1313

Heinrich VIl. von Luxemburg

ca.1170

Walther von der Vogelweide geboren (tnach 1229)

1314

1180-1181

Reichskrieg gegen Heinrich den Löwen

Doppelwahl infolge des Gegensatzes zwischen Habsburg und Luxemburg (Ludwig der ß. ayer und Friedrich von Osterreich)

1190

Barbarossa ertrinkt im Kalykadnos (Saleph)

1338

1190-1197

Heinrich VI.

Kurverein von Rhense; Absage an eine päpstliche Mitsprache bei der Königswahl

1209-1229

Die Albigenser-Kriege

1347-1378

Karl IV.

Vonvort

G

egen jedwedes »kecke Antizipieren ei­

spondierend zum Text und gleichwertig da­

nes Weltplanes« (Jacob Burckhardt),

neben stehen reichhaltige und vielfältige illu­

die »Salzburger Annalen« dann auch treffsi­

strationen: Fotos, Grafiken, Skizzen und Kar­

cher vom beginnenden »regnum Teutonico­ rum«, vom Königreich der Deutschen. Aus

wie es die mittelalterlich-christliche, die

herzog Heinrich zum König erheben, sprechen

neuzeitlich-rationalistische und schließlich die

ten. Sie unterstützen die Phantasie des Lesers,

historisch-materialistische Geschichtsschrei­

erleichtern das Verständnis des Textes und

»deutsch« wird »Deutsch-Land«, d. h. die Bin­

bung mit ihren jeweiligen Vorstellungen von

ermöglichen es, die in Geschichtsdarstellun­

dung an politisch-geographische Räume mit

einer klaren Zielgerichtetheit des historischen

gen häufig zu einseitige Gewichtung auf die

vergleichsweise klar auszumachenden Gren­

Prozesses betrieben, wandte sich im

politische Geschichte auszubalancieren: Die

zen. Die deutschen Könige und Kaiser hatten

hundert der sogenannte Historismus: Arbeits­

Kunst, die Architektur, die Gegenstände des

die Nachfolge des (west-) römischen Kaiser­

feld des Geschichtsforschers sei das Gestern,

täglichen Lebens eines Volkes lassen sich be­

tums und des Reiches Karls des Großen ange­

über das er so viel wie möglich in Erfahrung

sonders aufschlußreich durch einen großzügi­

bringen müsse; es sei nicht seine Aufgabe, aus

treten. Aus der jahrhundertelangen Interessen­

gen

19. Jahr­

diesem Stoff auf die Zukunft zu schließen. Der

Bildteil

mit

ausführlichen

Bildunter­

schriften vermitteln.

Historiker solle, schrieb der führende Reprä­ sentant dieser Denkschule, Leopold von Ran­ ke, schlicht und ergreifend »die Mär der Ge­ schichte« auffinden und untersuchen, »wie es eigentlich gewesen« sei: ein Anspruch, der wegen der naturgegebenen Zeitgebundenheit und Subjektivität des Wissenschaftlers niemals einzulösen sein wird, dem dennoch zu folgen

einheit zwischen Papst und Kaiser erwuchsen indes in der Folgezeit zunehmend Interessen­ konflikte um weltliche Machtpositionen. Ihr

Dieser erste Band aus der vierbändigen Reihe

Ringen um die Vormacht bestimmte das ganze

»Die Deutsche Geschichte« behandelt den Gang

Mittelalter; es endete mit der radikalen Schwä­

der deutschen Geschichte von ihren prähistori­

chung beider Institutionen.

schen Wurzeln und dem keltischen, germani­ schen und römischen Erbe über Christianisie­

Dieser Band läßt die großen Gestalten, die

rung, Frankenherrschaft und die Blütezeit des

diesem Zeitalter den Stempel aufdrückten, wie­

bis heute das Ethos des Historikers ausmacht.

römisch-deutschen Kaisertums im Hohen Mit­

derauferstehen: Otto den Großen und Heinrich

telalter bis zur Epoche des Luxemburgers Karl

IV., den Papst Gregor VII. in den Staub von

IV. (1347 - 1378), der mit seiner hochherr­

Canossa zwang, Friedrich 1. Barbarossa und

Diesem Ethos fühlt sich auch »Die Deutsche

schaftlichenMachtposition und seinem zugleich

den letzten Stauferkaiser Friedrich II., mit des­

Geschichte« verpflichtet: darüber zu informie­

modern anmutenden Politik- und Kulturver­

sen Tod der Traum, wie im Altertum einen

ren, »wie es eigentlich gewesen ist«. Gleichzei­

ständnis vor der Schwelle einer sich

zentral beherrschten Kosmos herzustellen, end­

tig möchte sie dem Leser »die Mär der (deut­

rischen Horizont abzeichnenden »neuen Zeit«

schen) Geschichte« zum Erlebnis machen;

gültig begraben werden mußte. Doch trotz des

steht.

Dualismus zwischen Papst und Kirche, trotz

Ist es für die »alten Zeiten« von den Anfängen

noch als eine einheitliche Welt zu verstehen,

am

histo­

Grundprinzip der Darstellung ist es, in leicht verständlicher Form und spannender Darstel­ lungsweise über die wichtigsten Entwicklun­ gen und Ereignisse zu berichten. Der zusätzli­ chen Information dienen Zeitzeugnisse, Histo­ rikerurteile, Randnotizen, enzyklopädische Stichworte und vom Kontext abgehobene, in sich geschlossene Streiflichter auf besondere Aspekte des historischen Geschehens. Korre-

des Scheiterns der Reichsidee ist das Mittelalter

(t 814) etwas gewagt,

deren Bild in den verschiedenen Ausdrucksfor­

von »deutscher Geschichte« zu sprechen, so

men menschlichen Geistes wiederzufinden ist;

entstand etwa 100 Jahre nach dem Tod Karls

in der Baukunst, der Malerei, der Dichtung, im

bis zu Karl dem Großen

dann tatsächlich eine deutsche Geschichte im

Handel und Gewerbe und im beginnenden

engeren Wortsinn: das Reich der Ottonen. Zum

Städtebau, womit das Bürgertum seine wach­

Fürsten der Franken und Sachsen den Sachsen-

Epoche einleitet.

Jahre

919, als die in Fritzlar versammelten

sende Bedeutung untermauert und eine neue

7

Der erste Mensch, dessen Existenz auf deutschem Boden bezeugt ist, konnte von Deutschland noch 1 illchtcinmfilträumen.

D1e Anfange bis zur Hallstattkultur

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Auftreten des Homo Heidelbergensis.

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Auftreten des Neandertalers (Verbreitung bis nach Asien und Afrika).

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der Ortschaft Mauer unweit von Heidelberg

Menschen- und Kulturfunde auf deutschem

entdeckte und dessen Zeitgenossen Quarzit­

Boden, ob es sich (um nur die wichtigsten zu

1952

am

Deutschen noch weit entfernt. Dies gilt auch

nennen) um das erste Neandertalerskelett handelt, das im August

Auftreten des Cro-MagnonMenschen (Typus des frühen Homo sapiens sapiens).

Kulturstufe des Magdalenien in Westeuropa (nach der Fundstätte La Madeleine, bis ca. 10 000 v. Chr.).

300 000 Jahre alten Urmen­ 1969 bei der kleinen Bilzingsleben, 45 Kilometer nörd­

1856 in der „Kleinen Neandertal zwischen

Auch die rund

Erkrath und Mettmann (östlich von Düssel­

schen, deren Reste

dorf) gefunden wurde, ob um das etwa

100 000

bis

50 000 Jahre alte eiszeitliche Salzgitter-Lebenstedt (gefun­

lich von Erfurt, ans Licht kamen, ahnten von

Jägerlager von

Deutschland noch nichts. Dem Jetztzeitmen­

den

schen näher war der Schädel, auf den man

Fundstätte

1933

in Steinheim an der Murr stieß.

1952),

ob um die jung-altsteinzeitliche

Fe/dkirchen-Gönnersdorf

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" .„aus dem Dunkel der Geschichte tauchen Menschen auf"

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Rentierjäger von

Ahrensburg (nordöstlich 10 000 Jahren

erstmals nachweislich Bogen und Pfeile als Jagdwaffe benutzten.

Beginn der Bandkeramik (älteste Kultur der Jungsteinzeit in Mittelund Südeuropa).

Beginn der Megalithkultur in Westeuropa, Skandinavien, Norddeutschland.

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Einwanderung der indogermanischen Frühgriechen auf dem griechischen Festland. „Ältere Palastzeit" der Minoischen Kultur auf Kreta. Beginn der Bronzezeit in Europa.

Jahren)

von Hamburg), die vor rund

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12000

oder um die unmittelbar nacheiszeitlichen

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(Neu­

wied) mit ihren Tausenden end-altsteinzeitli­ cher Kunstwerke (vor etwa

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noch für eine lange Reihe prähistorischer

Ortschaft

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gen des Neckar-Nebenflüßchens Elsenz bei

Feldhofer Grotte" im

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„alten Germanen" und vollends von den

terkiefer man

Morsumkliff auf der Insel Sylt fand.

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500 000 Jahren. Wir Urmenschen, dessen Un­ 1907 in den Ablagerun­

Doch auch diese Menschen waren von den

meinen jenen

werkzeuge hinterließen, die man

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C') Q. � '

r lebte vor rund

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Europa bis zum Erscheinen unserer Vorfahren

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Grabhügelfeld aus der Urnenfelderzeit (bei Rieden, Landkreis Ostallgäu).

Ein Phänomen besonderer Art bildete das Vordringen des sogenannten



Schnurkera­

mik-Streitaxt-Einzelgrabkomplexes",

mit

dem die Einführung von Pferd und Wagen

Europa bis zum Erscheinen unserer Vorfahren

Hand in Hand ging, - dies in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts v. Chr.. Unter „Schnurkeramik" versteht man eine Tonware, die man vor dem Brand mit Abdrücken geflochtener Schnüre verzierte. Viele moder­

„Jüngere Palastzeit" der Minoischen Kultur auf Kreta. Beginn der Mykenischen Kultur (bis ca. 1 200 v. Chr.).

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ne Gelehrte schreiben die Kulturen dieses „Schnurkeramischen Kreises", wie man auch sagt, den Indogermanen (oder besser: „Indo­ europäern") zu - den ältesten Vertretern einer Sprachengruppe, zu der auch das Deutsche

Knossos auf Kreta durch Mykene besetzt. Zerstörung der minoischen Kultur.

gehört. Die weite Verbreitung der Schnur­ keramik deutet darauf hin, daß auch im Euro­ pa der Jungsteinzeit große Völkerwanderun­

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Zerstörung Trojas in Kleinasien.

gen stattfanden.

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Beliebt ist zur Zeit die T hese, die „Schnurkera­

O N CD N

miker" seien gewissermaßen der „harte Kern"

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der Indogermanen (Indoeuropäer) gewesen, ein Reitervolk, das sich - womöglich in mehreren Wellen - von Osten nach Westen ausgebreitet, die einheimische, vor-indoger­

Einwanderung der Dorer und Ionier nach Griechenland und Kleinasien.

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manische Bevölkerung überlagert und sich mit

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ihr vermischt habe. So seien auf dem nördli­

!:

chen Balkan, bzw. im Donauraum, die Illy­

rier, in Böhmen, Bayern, Baden und Ostfrank­ Krieger von Hirschlanden. Am Fuße eines Grabhügels der Stadt Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) wurde dieser männliche Torso aus Kalkstein gefunden. Er stellt eine der ältesten Zeugnisse der Großplastik aus der Hallstattzeit nördlich der Alpen dar. Landesmuseum Stuttgart.

reich die Kelten, östlich der Weichsel die

Slawen sowie an Nord- und Ostsee, desglei­ chen in Skandinavien, die Germanen entstan­ den. - Immerhin, auf jeden Fall hatten - und

Beginn der Villanova-Kultur in Mittel- und Oberitalien (bis etwa v. Chr.). Die Dorer gründen Sparta.

450

dies geht aus Grabfunden hervor - die Träger der

Schnurkeramik-Kulturen

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länglichere

Schädel als beispielsweise die zuvor in Nord-

Einwanderung der Etrusker nach Italien (Kerngebiet: Mittelitalien).

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!: 776: erste Olympiade. 753: Gründung Roms (traditionelles Datum). Entstehung der Epen llias und Odyssee.

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624:

Drakonische Gesetzgebung in Athen.

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!: Solon Gesetzgeber in Athen. Tyrannis des Peisistratos in Athen

(561 /60).

Herrschaft etruskischer Könige in Rom.

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Staffelberg bei Staffelstein. Hochplateau im Frankenland; besiedelt und befestigt um 2500v. Chr. 9

Bronzehelm und Panzer aus Klein-Klein in der Steiermark. Sie schützten einen Krieger des 6. Jahrhunderts v. Chr. vor gegnerischen Schlägen. Landesmuseum Johanneum, Graz.

deutschland

ansass1gen

Großsteingrab-Er­

bauer, was allerdings darauf hindeutet, daß hier ein neues Volk eingedrungen sein könnte. Auch die ersten Bewohner des Staffelberges bei Staffelstein (Oberfranken) waren Men­ schen der Jungsteinzeit.

" Die größte technologische Leistung in der Hallstattzeit war die Einführung des Eisens als Nutzmetall "

Als sich die Schnurkeramik im nachmals deutschen Raum ausbreitete, trieb man hier schon seit etwa 5 000 v.Chr. Landwirtschaft, schuf Gebrauchskeramik, war seßhaft gewor­ den und fertigte hervorragende Werkzeuge aus geschliffenem Stein. Man befand sich mitten im Neolithikum (Jungsteinzeit). Im Gegensatz zu älteren Jungsteinzeit-Kulturen, die im Laufe ihrer Entwicklung ab etwa 4 000 v.Chr. dazu übergegangen waren, Megalith­ gräber (Großsteingräber, „Hünengräber") zu errichten, bestatteten die „Schnurkeramiker"

Kultwagen aus Strettweg in der Steiermark (6. Jh. v. Chr.). Auf Wagen bestatteten die Hallstatt-Leute auch ihre toten Fürsten. Der Kultwagen trägt auf einer in Höhe der Achsen angebrachten Platte eine Figurengruppe. Diese Kultwagen, deren Vorkommen in der Urnenfelder- und Hallstattzeit sehr verbreitet war, standen zumeist mit dem Totenkult in Verbindung.

ihre Toten einzeln. Doch wie man die Toten auch bettete - bis zur Mittleren Bronzezeit blieb man bei der Sitte der Körperbestattung. Erst in der Spätbronzezeit (ab dem

13.

Jh. v.Chr.) setzten sich Brandbestattungen und die Beisetzungen der Urnen auf ausge­ dehnten „Urnenfeldern" durch. Die Urnenfelder-Leute" (wer auch immer sie „

waren) trieben bereits Bergbau - so in Mühl­ bach-Bischofshofen in Österreich (Kupfer) und möglicherweise auch schon im gleichfalls österreichischen Salzkammergut (Hallstatt, Salz). In Hallstatt konservierte das Salz der Bergwerksstollen

Arbeitsgeräte,

Taschen,

Kappen, Fackeln - ja, vereinzelt sogar die Leichen verunglückter Bergleute. Hallstatt mit seinem vorgeschichtlichen Bergwerk und sei­ nem riesigen Gräberfeld ist aber nicht nur eine wichtige Fundstätte der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur (etwa 12.-8. Jh. v.Chr.), sondern auch der früheisenzeitlichen Hall­ stattkultur (ca. 8.-5. Jh. v. Chr.). Man hat diese Kultur in einen Ost- und Westkreis geteilt. Hallstatt selbst liegt an der Grenze beider. Der Hallstatt-Westkreis um­ faßte Böhmen, das Donaugebiet, die Nordal­ pen,

Süd-

und

Südwestdeutschland,

die

Schweiz und Ostfrankreich. Zu seinen Merk­ malen gehören Ringwall-Anlagen und teil­ weise mit prächtigen Beigaben ausgestattete Fürstengräber

(„Hohmichele",

„Klein-As­

pergle" oder das Grab von Hochdorf bei Schwieberdingen). Die Toten lagen hier in hölzernen Grabkammern. Träger des westli­ chen Hallstatt-Kulturkreises waren - zumin­ dest dürfte dies für die letzte, jüngste Hallstatt­ Phase gelten - allem Anschein nach bereits die uns bekannten Kelten. 10

Von vielen antiken Geschichtsschreibern erwähnt, von der Legende vereinnahmt und durch reiche archäologische Funde dokumentiert, prägten Menschen der Eisenzeit 1 Geschichte 1;1n� Kul�ur Europ� ?is weit ms Mittelalter hinem:

DJe Kelten

V

or allem schrieben Leichtgläubige dem

mit einer etwas verbreiterten Randzone. Na­

keltischen Lehrer-, Priester- und Rich­

men wie Halle, Hallstatt, Hallein und Schwä­

terstand,

besondere

bisch Hall zeugen noch immer vom keltischen

Kenntnisse und Fähigkeiten zu. Ja, man

Salzbergbau und Salzhandel (hall= „Salz").

den

Druiden,

verglich die Druiden mit den Brahmanen

Vor allem in diesem Raum befinden sich auch

Indiens und leitete infolgedessen das ganze

relativ frühe Ringwallsiedlungen, wie die

Keltentum aus Indien her. Noch immer

Heuneburg („Hünenburg") zwischen Sigma­

kann man es erleben, daß Exzentriker,

ringen und Riedlingen. Sie zeigen nicht zu­

die sich als Nachfolger der Druiden

letzt, daß damalige Fürsten mit dem Mittel­

fühlen, am Morgen des Tages der Som­

meerraum Handel trieben . So fanden die

mersonnenwende an der mächtigen

Ausgräber der Heuneburg griechische Wein­

Steinsetzung von Stonehenge mit seltsamen

amphoren und schwarzfigurige attische Va­

Ritualen die aufgehende Sonne begrüßen.

sen, die die Burgbewohner allem Anschein nach über Marseille bezogen hatten, das

Rätselhaft ist auch der Widerspruch zwischen

seinerseits griechische Kolonie war. Um 600

dem „germanischen" Erscheinungsbild der

v. Chr. war die Heuneburg auch von der

Kelten in der antiken Literatur und dem eher

ältesten bekannten Ziegelmauer im Donau­

heutigen Südländern entsprechenden Ausse­

r aum umgeben, deren Bauweise ebenfalls auf

hen, das sie anthropologischen Befunden zu­

Beziehungen zum Mittelmeerraum hindeutet.

folge gehabt haben dürften. Manche Gelehrte folgerten daraus, daß die Kelten gar kein

In der Nähe derartiger Fürstensitze befanden

„Volk" waren, sondern eine Mischbevölke­

sich reich ausgestattete Fürstengräber. In ih­

rung, die nicht durch biologische Faktoren,

ren hölzernen Grabkammern („Totenhäu­

nicht durch irgendwelche sogenannten „Bluts­

sern") ruhten die Toten anfangs auf vierräderi­

bande", sondern durch gemeinsame Sprache

gen Wagen; ab dem S. Jahrhundert verwen­

und Kultur zusammengehalten wurde. Ja,

dete man jedoch zweiräderige Streitwagen.

man spricht sogar von einem „kulturellen

Gleichzeitig zeichnet sich ein eigener kelti­

Keltentum", das sich auf „volksmäßig" nicht­

scher Kunststil ab. Nun spricht man nicht

keltischer Grundlage entfaltet habe.

mehr von der „Hallstatt-Kultur", sondern

Andererseits bilden die Kelten sprachlich

die Fundstätte „La Tene" am Nordostufer des

durchaus keine völlige Einheit, sondern dürf­

Neuenburger Sees in der Westschweiz.

namensgebend für die folgende Phase wurde

ten sich schon früh in „P-Kelten" und „Q­ Kelten" gespalten haben: Es ist dies ein

Die Latene-Zeit ist der kulturelle Höhe­

Unterschied, wie er auch zwischen dem Grie­

punkt des Keltentums. Kelten dringen bis

chischen und Lateinischen besteht (vgl. grie­

Britannien, Irland, Gallien und Portugal vor.

chisch pente = „fünf" mit lateinisch quinque =

Im Jahre 387 /386 plündern sie unter einem

ebenfalls „fünf", p -keltisch pimp, q-keltisch

König

coic). Der früheste antike Schriftsteller, der

wird der Ausspruch zugeschrieben:

die Kelten erwähnt, ist HEKATAIOS voN M ILET

den Besiegten " (lateinisch:

(um 500 v. Chr.). Allerdings hat es. schon

Jahre 279 stoßen Kelten bis zu dem griechi­

früher Kelten gegeben, und manche moder­ nen Gelehrten bringen sie sogar schon mit der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur (etwa 12. -8. Jh. v. Chr.) oder gar mit der noch älteren

Hügelgräberkultur in Verbindung. Die Heimat der Kelten befand sich wohl im Bereich Böhmen, Bayern, Bodensee, Baden

Bronzeplastik. Nachguß einer im Jahre 1502 gefundenen antiken Bronzeplastik vom Magdalensberg bei Klagenfurt. Der Fundort war erst keltische Fürstenresidenz, dann römische Provinzhauptstadt. Ob das verlorene Original aus der Kelten- oder Römerstadt stammte, ist bis heute ungewiß. Landesmuseum Kärnten.

» B RENNUS«

Rom. Ihrem Heerführer „

Wehe



vae victis

).

"

Im

schen Heiligtum Delphi vor. Auch ihr Anfüh­ rer hieß B RENNus, und man fragt sich daher, ob dieses Wort nicht vielleicht gar kein Name, sondern ein T itel war. Schließlich finden wir Kelten in Zentralanatolien, wo es künftig eine Landschaft namens



Galatien" gab. Siegrei­

che Kämpfe gegen die keltischen Galater inspirierten die Herrscher von Pergamon zum 11

" Funde aus ganz Europa entreißen dem Vergessen Gesichter und Symbole eines längst vergangenen Volkes.„"

Bau des großen Pergamon-Altars (180-160 v. Chr.), und noch zur Zeit des Kirchenvaters HIERONYMUS (um 348 - ca. 420 n. Chr.) sprachen die Galater keltisch. Es dauerte lange, bis Roms wachsende Macht die Kelten zurückgedrängt hatte. 121 v. Chr. wird die römische Provinz Gallia Narbonensis

( die heutige Provence) eingerichtet. Im Jahre 51 v. Chr. ist Galliens Eroberung durch

Die Kelten O zogen im 7.-6. Jh. v. Chr. aus Böhmen und Bayern in die gesamte damals be­ kannte Welt

O waren in der Bearbeitung des Eisens über lange Zeit der gesamten südlichen Welt überlegen

O stiegen ohne politisch-ethnische Einheit über 2 Jahrhunderte zum bedeutendsten Volk Europas auf

O prägten die reiche Latt�ne-Kultur und waren vermutlich auch Träger der Hall­ statt-Kultur

O waren durch ihre „Qppida" die ersten Städtegründer im Süden Mitteleuropas

O entwickelten sich zum »gallorömischen Stützpfeiler" des kaiserlichen Weltrei­ ches

O führten ihre Kultur im außerrömischen Raum des christlich-frühmittelalterlichen Irland zu neuer Blüte.

lphigenie vom Magdalensberg bei

Gesichter aus Manching. Das Motiv der

Klagenfurt. Die griechische Königstochter legt Zeugnis ab von den Beziehungen zwischen Kelten und Griechen.

menschlichen Maske ist in der keltischen Kunst seit dem 5. Jh. v. Chr. verbreitet. Im zweiten Jh. v. Chr. setzte sich der plastische Stil mit Reliefornamentik durch. Prähistorisches Museum, München.

CAESAR abgeschlossen. Etwa 80 Jahre später beginnt die Eroberung Englands. Nur Schott­ land und Irland bleiben von den Römern unerobert. Wo Kelten sich niederließen, schu­ fen sie Städte, die CAESAR als oppida (Einzahl: oppidum) bezeichnete. Umgeben waren diese oppida von Ringwällen, deren Mauerwerk bei den Römern murus Gallicus hieß. Es bestand aus Steinlagen, denen waagrecht eingefügte Holzroste zusätzlichen Halt verliehen. Die bekannteste Siedlung dieser Art auf deut­ schem Boden ist bei Ingolstadt gelegen. Die archäologischen Grabungen östlich der Ge­ meinde Manching lassen den Schluß zu, daß sich hier ein keltisches oppidum befunden haben muß, wohl die Hauptstadt der Vindeli­ ker, einer keltischen Volksgruppe im A lpen­ vorland.

Etwas ausgesprochen Unheimliches hatte die keltische Religion: Sie kannte noch Men­ schenopfer und Schädelkult, als derart grausa­ me Bräuche in der damaligen Kulturwelt längst abgeschafft waren. Bis heute hängt den

Keltische Werkzeuge. Funde aus dem keltischen Oppidum bei Manching. Prähistorisches Museum, München. 12

Kelten daher das Odium des Okkulten an.

Sonnenanbeter und Amüsiergäste auf der nordfriesischen Insel Sylt ahnen es in der Regel kaum: Auf Sylt befindet sich eine der frühesten archäologischen Fundstätten des deutschen Raumes.

M

Die Anfänge im Norden

orsum ist Sylts östlichstes Inseldorf.

falls in Ahrensburg - das erste Beil hinzu:

An einem Steilabfall unweit davon, beim Morsumkliff, fand man 1952

Nach der Eiszeit begann sich Wald auszubrei­

sehr grob wirkende Steingeräte aus Quarzit.

roden. Und da die sich langsam erwärmenden

ten, und man benötigte Beile, um ihn zu

Sie erwiesen sich als gleich alt wie der im

11 000),

ferner die ebenfalls nach einem

Gewässer immer fischreicher wurden, ge­

Jahre

Hamburger Stadtteil so benannte »Rissener

wann auch die Fischerei an Bedeutung.

aus Mauer an der Elsenz - rund eine halbe

Kultur« (etwa

Prompt tauchen Zeugnisse dafür auf, daß man

Million Jahre alt. Die Formengruppe, die den

rensburger Kultur«

Morsumer Steingeräten am nächsten stand,

repräsentiert.

Hamburg fand man das älteste erhaltene

Die Ahrensburger Steinzeitleute, deren Op­

v. Chr.).

1907 gefundene

früheiszeitliche Kiefer

10 000-9000) und (9000-8000

die »Ah­ v. Chr.)

Paddel

kam im Hamburger Stadtteil Wittenbergen zum Vorschein, wird als Altonaer Gruppe bezeichnet und könnte gut und gern

200 000

Gewässer befuhr: In Duvensee östlich von der

Menschheitsgeschichte

(7000

ferteich man im Stellmoor an der Bundesstra­

Jahre alt sein (andere setzen diese Altonaer

ße

zwischen Hamburg und Ahrensburg

So blieb es jahrtausendelang. Das Großwild

Stufe erst um

aushob, hatten den ältesten uns erhaltenen

der Eiszeittundren war abgewandert oder

Kultpfahl. Mehr als zwei Meter hoch (aus

ausgestorben. Die Menschen trieben darum

30 000

v. Chr. an).

75

16

Fischfang und verlegten sich zunehmend auf

aufgedeckte Jägerlager bei Salzgitter-Leben­

Jahre alten Rentierweibchens. Noch in der

die Jagd nach kleineren Landtieren. Zusätz­

stedt südlich von Braunschweig. Jagdbeute

Neuzeit errichtete man in Sibirien ähnliche

lich machte man von dem immer reichhaltiger

waren Reh, Mammut, Wisent, Wildpferd

Kultpfähle an Opferstätten. Außerdem be­

werdenden Angebot an wilder Pflanzenkost

In die Mittlere Altsteinzeit gehört das

1952

Kiefernholz), trug er den Schädel eines

und Wollnashorn. Das Ende der Altsteinzeit

nutzten die Ahrensburger erstmals nachweis­

Gebrauch. - „Eines Tages" setzten sich Acker­

und der Beginn der Nacheiszeit sind im

lich Pfeil und Bogen, ja, im achten Jahrtau­

bau und Viehzucht durch. Diese umwälzen­

Norden durch die Hamburger Stufe (um

send vor unserer Zeitrechnung kam - eben-

den Neuerungen waren im neunten bis achten

12 000-

" ... eines der eindrucksvollsten Zeugnisse früher nordischer Kunst"

Sonnenwagen aus Trundholm . . Das Pferd zieht die goldbelegte Sonnen­ scheibe über den Himmel. Ältere nordische Bronzezeit. National-Museum, Kopenhagen.

13

" ... zu Bauern entwickelt, die ihre Toten in Hünengräbern bestatteten "

Jahrtausend irgendwo zwischen Himalaja

deren Gehalt an Gerbsäure sogar organisches

und Mittelmeer eingeführt worden, dort, wo

Material konservierte.

wilde Getreide- und Haustier-Vorformen hei­ misch waren. Um 5 000 v. Chr. hatten diese

Gerbsäure war es auch, welche Leichen in den

Errungenschaften (in Verbindung mit der

Mooren so hervorragend erhielt, daß man bei

sogenannten Linienbandkeramik) die Nieder­

einer von ihnen sogar den Mageninhalt unter­

lande erreicht. Spätestens im vierten Jahrtau­

suchen konnte. Er bestand aus rein pflanzli­

send vor unserer Zeitrechnung gab es auch im

cher Nahrung wie Gerste, Leinsamen, Lein­

Norden Europas die ersten Bauern. Auch hier

dotter, Senfkörnern, Knöterich, Feldspark,

- wie vielerorts - gingen Landwirtschaft und

weißem Gänsefuß und Runkelrübensamen.

Töpferei Hand in Hand. Im Norden schuf

Ob diese aber die damals übliche Normalkost

man eine Becherart mit trichterförmiger Mün­

bildeten, läßt sich nicht genau sagen. Immer­

dung. Man spricht daher von der» Trichterbe­

hin hatte man den Toten (es handelt sich um

cherkultur«. Ein Monument der Trichterbe­

den Toten aus dem Tollund-Moor, Dänemark)

cherleute ist der Denghoog bei Wennigstedt

mit einem Lederstrick erwürgt und dann ins

auf Sylt - ein flacher Hügel, der in seinem

Moor geworfen, - entweder als hingerichteten

Inneren ein Großsteingrab (Megalith-Kultur)

Verbrecher oder als Opfer für die Götter.

birgt.

Vielleicht hatte er deshalb zuvor eine besonde­

Was die Menschen der damaligen Zeit bewog,

sich aus den genannten Bestandteilen zusam­

trotz ihrer bescheidenen technischen Mittel

mensetzte.

re, rituelle „Henkersmahlzeit" erhalten, die

plötzlich tonnenschwere Findlinge aufzurich­ ten, um Gräber, Steinkreise und einzelne Steinsetzungen (Menhire; wörtlich: „lange Steine") zu schaffen, ist ungewiß. Nicht nur in

Auch Kostbarkeiten wie den sogenannten „

Sonnenwagen" von Trundholm (Seeland,

Dänemark), ein 57 cm langes, dreiachsiges

den Großsteingräbern des Megalith-Kulturen­

Modell eines Pferdegespannes mit einer als

kreises fand man höchst aufschlußreiche

Sonne gedeuteten, goldbelegten Scheibe auf

Grabbeigaben, die den Übergang von der

dem Wagen, fand man in den Mooren. Dieser

Steinzeit zu den Metallzeiten zeigen und oft

„Sonnenwagen" erinnert an den Brauch,

sehr kostbar sind, eine Besonderheit des Nor­

männlichen Toten Scheiben (Sonnensymbo­

dens sind auch die Baumsärge aus Eichenholz,

le) mit ins Grab zu geben.

Das enzyklopädische Stichwort »Deutsche Vor- und Früh­ geschichte«, auch »Urge­

Männliche Leiche aus Tollund. Die so gut wie unversehrt gebliebene Leiche eines Mannes, der vor ca. 2000 Jahren ums Leben gekommen ist. Der Fund stammt aus dem Tollundmoor bei Silkeborg (Dänemark). Der Tollund-Mann trägt einen Strick um den Hals und ist erdrosselt worden. Das Moor hat ihn so lebensnah konserviert, daß wir uns eine Vorstellung davon machen können, wie die Menschen ausgesehen haben mögen, die aus dieser nordischen Region gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts aufgebrochen waren und bald zum Schrecken der ganzen damals zivilisierten Welt wurden: die Kimbern und Teutonen. Museum Silkeborg, Dänemark. 14

schichte«, »Prähistorie« oder veraltet »Urzeit«. Die Be­ zeichnungen meinen den Abschnitt unserer Herkunft, der sich überwiegend oder ausschließlich nur aus nicht­ schriftlichen Quellen zur deutschen Geschichte, also aus archäologischen Fun­ den, erschließen läßt. So wie schon die Humanisten des 16. Jahrhunderts und später die Rationalisten und Naturrechtler des 18. Jahr­ hunderts die allgemeine an­ thropologische Frage nach der »Herkunft der Mensch­ heit« beschäftigt hatte, so hat insbesondere seit dem 19. Jahrhundert die Romantiker und Germanisten die beson­ dere Frage nach unserer »deutschen Herkunft« in den Bann gezogen. Heute wissen wir besser als noch vor 50 Jahren, daß sich

unsere deutsche Herkunft nicht ausschließlich aus der »germanischen Frühzeit« ab­ leiten läßt. Und wir wissen auch, daß der »nordische Einfluß« unsere Tradition kei­ neswegs übermächtig ge­ prägt hat. Lange hat man ge­ meint, diesen „nordischen Einfluß« besonders akzen­ tuieren zu müssen. Dabei hat man verkannt, daß sich die germanischen Stämme der Frühzeit, die - fast aus­ schließlich von Norden kom­ mend - in die damals zivili­ sierte Welt der Griechen und Römer eindrangen, kulturell und ethnisch assimilierten und damit auf ganzer Linie »ZU etwas anderem« wurden. Heute wissen wir besser als vor 50 Jahren, daß die Kelten aus ihren Siedlungs­ gebieten - im strikten Sinne des Wortes - niemals vertrie­ ben wurden. Die von den Römern »befriedete Welt«

( Pax Romana) hat das ihre dazu beigetragen, daß der »Ursprung der Deutschen« viele Wurzeln hat. Eine da­ von ist die nordisch-germani­ sche Wurzel, eine weitere die keltische, eine dritte die römi­ sche und eine vierte die sla­ wische, - und dies alles im Zusammenwirken mit dem sich ausbreitenden Christen­ tum, das auf einen Religions­ stifter zurückgeht, der aus dem Judentum kam„. So ist die »Herkunft der Deut­ schen« vielfältig. Die »deut­ sche Vor- und Frühgeschich­ te« kann von diesem »Ur­ sprung der Deutschen« be­ redt Zeugnis ablegen. Die »Stummen« archäologischen Zeitzeugnisse der deutschen Vor- und Frühgeschichte, die für die Forschung jeweils »Ar­ gument« sind, belegen Sach­ verhalte, die noch vor Jahr­ zehnten Widerspruch erzeugt hätten. =

Nach Jahrhunderten des Sich-Einrichtens in der Hinterlassenschaft der römischen Kultur war es für die Deutschen eine Entdeckung, germanische Vorfahren zu haben. Für diese

' ����:::: D1 e Germanen Romer Tac1tus Pate.

1

m Jahre

1531 verfaßte ßEATUS RHENANUS

ihren Pferden und Wagen in der zweiten

eine Deutsche Geschichte, die ihm den

Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. im

„Urgermanen" zeugten. Dann hätte es schon

Beinamen

Ge­

nachmals deutschen Raum auftauchten, „In­

seit der späten Jungsteinzeit und während der

„Vater

der

deutschen

schichtsschreibung" eintrug. Zuvor

verschmolzen und mit ihnen sozusagen die

(1516)

dogermanen" (bzw. Indoeuropäer) waren.

gesamten Bronzezeit im Norden Europas Ger­

hatte er die Germania neu herausgebracht, -

Möglich auch, daß sie sich mit den Bauernsip­

manen gegeben. Bedauerlich ist nur, daß

eine Schrift des frühkaiserzeitlich-römischen

pen der bereits ortsansässigen Megalithgrab­

Griechen und Römer hiervon keinerlei Notiz

Historikers Pusuus CoRNEuus TAc1rns (um 55

(Großsteingrab-,

nahmen.

„Hünengrab"-)

Erbauern

-ca. 120 n. Chr.), deren voller T itel lautet: De origine et situ Germanorum („Über den Ur­

Immerhin erwähnt bekanntlich schon HEKA­

sprung und das Siedlungsgebiet der Germa­

TAIOS

nen").

Kelten. Alles aber, was nicht keltisch war, galt

voN MILET (um

500 v. Chr.) erstmals die

Griechen und Römern pauschal als „sky­ TACITUS verteilt Licht und Schatten, Lob und

thisch", und Völker, die sich nicht in das

Tadel, doch die Idealisierung der Germanen

Schema „Kelten im Westen, Skythen im

überwiegt, so daß man sein Büchlein auch als

Osten" pressen ließen, wurden zu „Keltosky­

„Sittenspiegel" deuten konnte, den er seinen

then"

eigenen römischen Landsleuten vorgehalten

MAss1uA (Marseille), ein griechischer Astro­

habe. Vieles freilich mag einfach mit der

nom, Geograph und Seefahrer, der um

seinerzeit

Wertschätzung

v. Chr. sehr weit nach Norden gelangte und

„edler Barbaren" zu tun gehabt haben, die

mit großem Erstaunen das heute jedem Nord­

weitverbreiteten

erklärt.

Nicht

einmal

PYTHEAS Aus

325

schon Jahrzehnte vor TAc1rns den römischen

see-Touristen geläufige Phänomen beschrieb,

Politiker, Philosophen und Dichter Lucrns

daß Inseln vor der friesischen Küste bei Ebbe

ANNAEus SENECA (um

mit dem Festland verbunden, bei Flut jedoch

4-65 n. Chr.) von den

Germanen schwärmen ließ: Wenn jene unver­

von diesem getrennt sind, kannte die Bezeich­

bildeten und unverdorbenen Naturvölker im

nung „Germanen". Und da die „Ur-" oder

Norden,

denen

und

„Frühgermanen" noch nicht die Kulturtechni­

Reichtum" unbekannt seien, nur ein wenig

„ Wollust,

Üppigkeit

ken des Lesens und Schreibens beherrschten,

mehr „ vernünftige Einsicht" und „regelnde

hinterließen sie keinerlei Selbstzeugnisse, aus

Zucht" besäßen, bliebe den Römern, um

denen ersichtlich würde, wie sie wirklich

gegen sie zu bestehen, die dringliche Aufgabe,

sprachen und woher sie selbst gekommen zu

„ die alte römische Sittenstrenge wieder zu

sein glaubten.

Ehren zu bringen". Man muß schon ihre erst in späteren Jahrhun­ Wer waren jene Menschen aus Europas Nor­

derten aufgezeichneten religiösen Vorstellun­

den, die nicht nur Römer des ersten, sondern

gen, ihre Mythen, zu Hilfe nehmen, um

auch Romantiker des neunzehnten Jahrhun­

beispielsweise aus dem Kampf zweier Götter­

derts unserer Zeitrechnung zum Schwärmen

geschlechter, der Asen und Wanen, zu rekon­

hinreißen konnten und die schließlich in der

struieren, daß die Germanen wohl doch ein

„ Herrenmenschen" -Ideologie

„ Dritten

Mischvolk (aus ehemaligen Schnurkerami­

Reiches" eine so verhängnisvolle Rolle spiel­

kern und ehemaligen Großsteingräber-Leu­

ten? Wer waren sie, und woher kamen sie?

ten) gewesen sein müssen, dessen unterschied­

des

Diese Fragen strapazieren die Vorgeschichts­

liche T raditionen in derartigen Götterkampf­

Archäologie, die vergleichende Sprachfor­

Mythen Niederschlag fanden. Auch betrach­

schung und die biologische Anthropologie gleichermaßen bis aufs äußerste. Möglich ist, daß die „Schnurkeramiker", die mit ihren Streitäxten, ihren Einzelgräbern und

Götterfigur aus dem Aukamper Moor bei Braak (Kreis Eutin). Die Germanen verehrten aber nicht nur solche Lokalgottheiten, sondern die reiche indogermanische Götterwelt mit ihrer Vielfalt.

tet man die Verdrängung des alten Himmels­ gottes

Tiu (Ziu) durch den bisweilen etwas

schamanenhaften Wotan als mythische Spie­ gelung „innergermanischer" gesellschaftli­ cher Vorgänge. 15

" Sie hatten feste Wohnsitze und siedelten in Dörfern oder Einzelhöfen„. "

Auf jeden Fall tut man gut, bereits die nach

lieh unter dem Namen „ Germanen" rangier­

einem Dorf im heutigen Landkreis Uelzen

ten. Schon die früheisenzeitlichen Vorfahren

benannte früheisenzeitliche JastorfKultur (7.

der Germanen waren Bauern, die das damals

Jahrhundert v. Chr.) als frühgermanisch anzu­

etwas kälter gewordene Klima zwang, feste

sehen, denn von ihr aus führt ein ziemlich

Häuser, Stallungen und Wintervorräte anzule­

ungebrochener

&�n. Ihre Expansion hing wohl teils mit der

kultureller

Entwicklungs­

strang zu späteren Völkerschaften, die schließ-

Uberbevölkerung, teils mit der Auszehrung

ihrer Böden zusammen. Unvermeidlicherweise stießen die Auswande­ rer auf ihrerseits expandierende Kelten, deren kultureller, organisatorischer und gesellschaft­ licher Überlegenheit sie ihren Tribut zollten, indem sie zahlreiche keltische Lehnwörter aus der Rechtssphäre übernahmen. Beispielsweise sind »gute alte deutsche« Ausdrücke wie „Amt", „Bann", „Eid", „Erbe", „frei", „ge­ bieten", „Geisel", „leihen", „reich" und so weiter bis hin zur „Wahl" durchweg kelti­ schen Ursprungs. Andererseits aber lösten die sich ausbreitenden Frühgermanen die große Keltenwanderung erst aus. Sie trug diese bis nach Spanien, Gallien, Italien, Griechenland und Kleinasien und verhalf den Römern zu der schockierenden Erfahrung der Brand­ schatzung ihrer Stadt im Jahre 387 /386 vor unserer Zeitrechnung. Die Schreckensvision einer Wiederholung dieser Katastrophe plagte die Römer, als

Cheruskergehöft aus dem ersten Jh. Die Abbildung zeigt das Freilichtmuseum, Oerlinghausen.

218-215 v.Chr. der karthagische Feldherr

Siedlung und Hausbau bei den Germanen

Puniern und Kelten zusammengesetzten Heer

Zu jener Zeit wurde die Anla­ ge von Siedlungen noch weitgehend von geographi­ schen Faktoren bestimmt. Unsere germanischen Vor­ fahren mieden feuchte sowie beständig von Überschwem­ mungen bedrohte Niederun­ gen ebenso wie Hochflä­ chen. Man bevorzugte die Uferzonen der Bach- und Flußläufe oder auch die Hochflächenränder an den Niederungsgebieten. Besie­ delt wurden sowohl Sand­ und Lehm- wie auch Marsch­ böden. Äußerst schwierig sind Aus­ sagen über die Siedlungs­ dichte, da die Zahl der be­ kannt gewordenen Siedlun­ gen immer noch zu gering ist. Gleichwohl versuchen sich Vor- und Frühgeschichtler immer wieder daran, Besied­ lungskarten nach dem je­ weils jüngsten Stand der For­ schung zu entwerfen. Fest steht jedenfalls: Die Germa-

nen hatten auch in der vorrö­ mischen Zeit feste Wohnsitze und siedelten in Dörfern und auf Einzelhöfen. Für den mit­ teleuropäischen Raum las­ sen sich rechts und links der oberen, mittleren sowie un­ teren Elbe bestimmte Sied­ lungsschwerpunkte mit „ho­ her Bevölkerungsdichte" aus­ machen. Was den Hausbau der Ger­ manen anbelangt, so schei­ nen zwei Grundtypen vorherr­ schend gewesen zu sein: Es gab das langgestreckte „wohnstallhaus" mit einer Breite von 4 7 Meter und einer Länge von 10 - 30 Meter. In ihnen wohnten Mensch und Tier .unter ei­ nem Dach". Daneben ist das erheblich kleinere, rechtecki­ ge und in der Regel einräumi­ ge Gebäude verbreitet. Das germanische Haus, das wir uns vorstellen dürfen, hatte ein Giebeldach sowie lehm­ verstrichene Holzflecht- oder -

Grassodenwände. Darin wohnte sozusagen „Familie Jedermann«. Natürlich rich­ teten sich Größe und Bauart im einzelnen sowohl nach der unterschiedlichen geo­ graphischen Gegebenheit wie auch nach der Funktion und auch nach der sozialen Stellung im Verband. In Jemgum (Ostfriesland) lie­ ßen Grabungen Rückschlüs­ se auf ein 7,5 m langes und 4,5 m breites dreischiffiges Hallenhaus in Pfostenboh­ lenkonstruktion zu. Waage­ recht verlaufende Bohlen, von Zangenpfosten gehalten, bildeten die Wände. Das zweigeteilte Hausinnere mu­ tet geradezu komfortabel an: Es bot einen Wirtschaftsraum mit Herdstelle sowie einen kombinierten Wohnund Schlafraum, der mit Brettern ausgelegt war. Wir können diese Heimstätte getrost ei­ ner „arrivierten" Familie zu­ ordnen.

HANNIBAL (247-183 v.Chr.) mit seinem aus

auf italischem Boden einen Sieg nach dem anderen errang. Prompt reagierten die Römer besonders empfindlich, als sich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. abermals die Gefahr einer derartigen Tragödie abzeichnete. Sturmfluten und Küstensenkung, vielleicht zusätzlich Bodenauszehrung und Überbevöl­ kerung hatten die Kimbern aus ihrer Heimat am Nordseestrand vertrieben, so daß sie sich auf die Landsuche begaben. Ob auch die Teutonen, die man immer zusam­ men mit den Kimbern zu nennen pflegt, aus dem Nordseeraum kamen, ist ungewiß. Viel­ leicht waren sie ein keltischer oder stark keltisch überfremdeter Stamm aus dem Al­ pengebiet. Jedenfalls lehrten Kimbern und

Teutonen die Römer das Fürchten. Den Rö­ mern zum Spott schlitterten sie nackt und johlend auf ihren Rundschilden verschneite Alpen-Berghänge hinab, ungeniert planschten sie im Jahre 102 v. Chr. bei Aquae Sextiae (Aix-en-Provence) angesichts des sie verfol­ genden römischen Heeres in heißen T hermal­ quellen herum, und höhnisch riefen sie den Römern zu, ob sie nicht einen „schönen Gruß

16

an ihre Frauen in Rom" zu bestellen hätten.

Verhüttungsprozesses des Eisenerzes dürften

derschaft, Kampf und die Tradition des ge­

Bleiches Entsetzen packte die Römer jedoch,

die „Eisenwerker" bereits frühzeitig aus der

meinsamen Siedlungsraumes herausgebildet

als sie von der Niederlage zweier vereinigter

natürlichen bäuerlichen Produktionsgemein­

hatte. Mit aller Vorsicht läßt sich sagen, daß

römischer Heere bei Arausio (Orange, 105

schaft ausgeschieden sein. Impulse zu dieser

zumindest Vor- und Frühformen dieses ger­

v. Chr.) hörten und vernehmen mußten, daß

sozialen Ausdifferenzierung gingen mit Si­

manischen Sozialgefüges bereits im Jahrhun­

die Eindringlinge alle lebend in ihre Hände

cherheit von der Begegnung mit den höher

dert unserer Zeitenwende bestanden haben

gefallenen Römer getötet und wohl ihren

stehenden Kulturen der Kelten und Römer

müssen.

Göttern geopfert hatten. Als Juror teutonicus

aus. Nachweislich erreichten zum Beispiel die

(„teutonisches Wüten") aber galt ihnen nicht

keltischen Einflüsse auch den Norden der

Zum Zeitpunkt der Begegnung mit der mittel­

zuletzt das Verhalten der teutonischen und

Germania sowie den Süden Skandinaviens.

meerischen Hochkultur hatte die Germania

Germanisten, Historiker und Archäologen

pen bezeugtes Aussehen: Es siedelten im

getöteter Kriegsgefangener die Zukunft weis­

haben in Kenntnis der weiteren Entwicklung

Norden

sagten, sondern ihre eigenen Männer um­

unserer germanischen Vorfahren Sippe, Haus,

Chauken, Sachsen), südlich anschließend die

insbesondere der kimbrischen Frauen, die nicht nur aus dem Blut und den Eingeweiden

brachten, wenn diese sich zur Flucht wandten.

folgendes, durch archäologische Fundgrup­ die

Nordsee-Germanen

(Friesen,

Gefolgschaft und Stamm als die sozialen

Rhein-Weser-Germanen (Tenkterer, Brukte­

Grundformen der Germanen ermitteln kön­

rer, Cherusker, Chatten), östlich davon die

Die Kimberngefahr hatte in Rom die Heeres­

nen, - die »Sippe« als Schutz und Friedensver­

Elb-Germanen

reform des Anführers der römischen „ Volks­

band der einzelnen, durch „Blutsbande" ver­

Hermunduren, Markomannen, Quaden), öst­

partei", GArns MARIUS (um 155-86 v. Chr.),

bundenen Mitglieder, das »Haus« als enge

lich davon die Oder-Warthe-Germanen (Lu­

ungeheuer beschleunigt. Aber mochten Kim­

Gemeinschaftsform all derer, die zu ihm als

gier, Vandalen, Goten) sowie die Weichsel­

(Langobarden,

Semnonen,

bern und Teutonen ihren Juror austoben -

Wirtschaftseinheit

»Gefolg­

Germanen (Rugier, Burgunder) und schließ­

schließlich siegte auf Jahrhunderte noch die

schaft« als erweiterte Hausgenossenschaft, be­

lich im Süden Skandinaviens kleinere, süd­

bessere Organisation der Römer. Ihre Gesell­

gründet durch ein Treueverhältnis zwischen

skandinavische Stämme. - Die mitteleuropäi­

schaftsstruktur und -verfassung war einfach

Gefolgsmann und Herrn und der »Stamm« als

sche Landkarte veränderte sich jedoch inner­

differenzierter und höher entwickelt als die der

eine ethnische Einheit, die sich durch Wan-

halb weniger Jahrhunderte von Grund auf...

gehören,

die

Germanen. Diese Ausage ist ohne Zweifel richtig, auch wenn wir über ihre jeweilige Stammesstruktur insbesondere für den Zeit­ raum bis zum zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung im einzelnen auf Vermutungen

"„. läßt uns erfahren, wie wohl die Menschen gekleidet waren"

angewiesen bleiben. Zum Zeitpunkt, da hoch­ entwickelter Süden und rückständiger Norden aufeinanderprallten, waren Grund und Boden das

Hauptproduktionsmittel

der

germani­

schen Stammesgesellschaft. Gemeineigentum an ihnen überwog. Das Land wurde lediglich zur Nutzung vergeben und aufgeteilt. Wer der „große Aufteiler" war, wissen wir nicht. Wir müssen uns damit begnügen, daß es sich dabei um »Organe der Stammesgemeinschaft« ge­ handelt hat. Die Germanen waren also Bauern. „Auf Ackerbau legen sie keinen Wert", läßt uns Caesar wissen, „und ihre Nahrung besteht zum größten

Teil aus Milch,

Fleisch". (Bellum Gallicum, VI,

Käse und

22). Doch

dürfen wir heute annehmen, daß sie - neben

Kleidung einer männlichen Moor­ leiche. Im Moor

regional und örtlich bedingtem Fischfang, der Jagd und auch begrenzter Sammeltätigkeit Ackerbau und Viehzucht, also eine Feldgras­ wirtschaft

betrieben.

Waren

die

Böden

schlecht, stellen wir uns die Germanen in erster Linie als Viehzüchter vor, waren die Böden gut, als Ackerbauern. Sie kannten das Eisen, doch ist uns nicht bekannt, daß sie es zur intensiven Bodennutzung einsetzen konn­ ten. Das Eisen wurde zur Herstellung ihrer Waffen benötigt. Wegen des komplizierten

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enthaltene Gerbsäure konserviert selbst leicht verderbliches Gewebe. Einer der reichsten Moorfunde stammt aus Thorsberg südlich von Süderbrarup (Schleswig­ Holstein). Hier fand man ein breites Spektrum von Opfergaben. 17

Gäbe es einen Orden für besondere Verdienste um die Verbreitung des Gerrnanennamens - niemand hätte ihn mehr verdient als der römische Diktator Gaius Julius Caesar. Man kann sich sogar vorstellen, daß heute niemand von Germanen spräche,

sra:::�:�� Caesar

D

I

am Rhein

abei ist CAESARS Germanenbe­

Vielmehr hat wohl nie ein cleverer

griff durchaus nicht klar. Nach

Politiker mit klareren Worten klare

er

Sachverhalte gekonnter verunklart. In

manche Völkerschaften als „Gallier"

solchen Fällen muß man es verstehen,

welchen

Gesichtspunkten

(; Kelten) und wieder andere als „Ger­

„zwischen den Zeilen zu lesen". Vor

manen" bezeichnete, bleibt absolut un­

allem war CAESAR ein Meister der Kunst, seine bisweilen selbstherrlichen

gewiß.

Maßnahmen als unbedingt erforderlich hinzustellen. Er hatte stets nur reagiert, und

CAESAR war nun weder Völkerkundler

schuld waren immer die Kelten (Gallier) oder

noch Sprachwissenschaftler, sondern Poli­ tiker und Heerführer. Wenn er behauptet,

Germanen. Unter diesen Umständen muß

die Grenze zwischen „Galliern " und „Germa­

man davon ausgehen, daß CAESAR auch seinen

nen" bilde der Rhein, so dürfte dies einzig

Hauptgegner im Keltenland, den suebischen

politische Gründe gehabt haben (etwa um

(germanischen) Heerkönig AR1ov1sT aus dem

militärische Maßnahmen im Rheingebiet zu

Stamm der Triboker, nicht objektiv porträtiert

rechtfertigen). Später räumt allerdings auch er

hat.

die Existenz von „ Germanen" (die freilich Er schilderte ihn als „selbstherrlich und

unter Umständen wiederum Kelten gewesen

grausam", ja als „jähzornigen und

sein können) westlich des Rheins ein.

unberechenbaren

Doch gleichviel, - ohne CAESAR, so

Barbaren ".

Gleichzeitig aber verleiht er der

kann man pointiert sagen, keine „Ger­ manen" ! Jene Schrift, die die Germa-

Konfrontation mit ihm den Glanz

nen endgültig ins Rampenlicht der

einer Begegnung von weltgeschicht­ lichem Rang. Beides war ganz in

Geschichte rückt, sie sozusagen „ak­

CAESARS Interesse: Je bösartiger der

tenkundig" macht, sind CAESARS com­

Gegner, um so gerechtfertigter sein

mentarii de bello Gallico, seine „Auf­

Vorgehen, je mehr „Statur" er aber

zeichnungen über den Gallischen Krieg".

andererseits besaß, desto bedeutender

Es handelt sich dabei um Rechenschafts­

mußten seine Erfolge gegen ihn erscheinen.

berichte, die er dem römischen Senat sand­

In all den Händeln, die der Eroberung

te. Ob er diese Rechenschaftsberichte nach­

Galliens durch CAESAR vorangingen, spielte

träglich überarbeitete oder ob sie von vornher­

die sogenannte „Hilfesuche" eine wichtige

ein zur Veröffentlichung bestimmt waren, ist unter den Gelehrten umstritten.

Gaius Julius Caesar. Marmorbüste. Vatikanisches Museum, Rom.

diese Bewunderung bringt man dem Autor der commentarii heute noch immer entgegen. Allerdings wäre es falsch, von der Klarheit des Stils auf die Klarheit des Inhalts zu schließen. 18

Sequaner mit den traditionell romfreundli­ chen Häduern zerstritten waren und deshalb

Schon CAESARS Zeitgenossen bewunderten die unübertreffiiche Klarheit seiner Sprache, und

Rolle. Es begann damit, daß die keltischen

den (germanischen) Sueben AR1ov1sT um

" Caesar baute den Germanen die Bühne für ihren Auftritt in der Geschichte„. "

Waffenhilfe baten . Tatsächlich griff AR1ov1sT um 70 v. Chr. ein und besiegte schließlich im Jahre 61 oder 60

v. Chr. die Häduer bei einem heute unbekann­ ten Ort namens Magetobriga. Damals wandte sich sogar der als besonders romtreu bekannte Häduerkönig D1v1T1Acus, der mit dem römi­ schen Politiker und Philosophen MARCus TuLLius CicERO (106-43 v. Chr.) bekannt war, seinerseits mit einem Hilfeersuchen an Rom. Doch die Römer wiesen ihn ab und arrangierten sich mit dem siegreichen Germa­ nen AR1ovrsT, der 59 v. Chr. (als CAESAR zum ersten Male Consul war) seinerseits zum amicus populi Romani (zum „Freund des römischen Volkes") erklärt wurde. Aber als CAESAR im März/April des Jahres 58 v. Chr. als Proconsul (Statthalter) in die Gallia Nar­ bonensis kam, änderten sich die Dinge. Nun wollten die zuletzt in der Schweiz ansäs­ sigen keltischen Helvetier, die unter germani­ schem Druck ihre bisherigen Wohnplätze verließen, um neues Land an der Garonne zu suchen, durch die römische Provinz ziehen. CAESAR verweigerte ihnen die Erlaubnis. Da­ her wanderten die Helvetier durch benachbar­ te Stammesgebiete, und dabei kam es zu Übergriffen, so daß DrvrTIAcus abermals um Hilfe bat. CAESAR war dies hochwillkommen, denn den Plan der Helvetier, nach Westen zu ziehen, hatte bereits Jahre zuvor der helveti­ sche Adlige ÜRGETORrx gefaßt, der sich mit Standesgenossen aus den keltischen Stämmen der Sequaner, j a, sogar der Häduerverschwor, um ein gemeinsames Königtum dieser drei Stämme zu schaffen. Dieses Komplott war in erster Linie gegen den Germanen ARrovrsT gerichtet gewesen, dessen germanischer Stämmebund sich immer mehr auf gallischem Boden breit zu machen begann, doch auch Rom hatte ÜRGETORIX' Absichten als Bedrohung verstanden. Freilich - ÜRGETO­ RIX war gescheitert und bereits seit einigen Jahren tot, aber die Helvetier wanderten nun trotzdem aus, und man konnte ja nicht wis­ sen... Außerdem erinnerte diese Wanderung eines landsuchenden Volkes auf beunruhigen­ de Weise an die Kimbern und Teutonen unseligen Angedenkens. CAESAR verfolgte da­ her die Helvetier unverzüglich und schlug sie im Jahre 58 v. Chr. bei dem Hauptorte der Häduer: Bibracte (heute: Mont-Bouvray westlich von Autun). Er zwang die Besiegten zur Rückkehr, um im Helvetierland kein politisches Vakuum entstehen zu lassen, und sorgte sogar dafür, daß sie mit Getreide versorgt wurden. Nach diesem Sieg war AR1ov1sT an der Reihe. CAESAR rief einen gesamtgallischen Landtag

Kampf der Römer gegen die Germanen. Germanische Befestigungsanlage mit Verschanzung aus Balken und Flechtwerk wird von römischen Legionären angegriffen. Meist taten sie dies in einer geschlossenen Formation, die sie „Schildkröte' nannten: Die Legionäre hielten die Schilde über den Kopf. Dies schützte sie vor Wurfgeschossen. Die Abbildung stammt von der Mark-Aurel-Säule (193 n. Chr.).

Grabstein eines Legionssoldaten. Caesar eroberte Gallien, aber auch Teile Germaniens. Aus seinem und den folgenden Jahrhunderten sind auf germanischem Boden zahllose römische Legionärsgräber erhalten, darunter auch dieser Gedenkstein von einem Gemeinschaftsgrab. Rheinisches Landesmuseum, Bonn.

" Ariovist war die erste geschichtlich greifbare Gestalt des Germanentums" 19

" Von Besan�on hinab ins Rheintal ... "

zusammen und ließ sich nach bewährtem Muster von D1v1T1Acus zum Eingreifen gegen den Eindringling AR1ov1sT auffordern, ande­ rerseits suchte er Verhandlungen mit dem Suebenkönig, - allerdings in einer Form, die diesen provozieren mußte. AR1ov1sT antworte­ te entsprechend schroff, und CAESAR setzte abermals seine Legionen in Marsch. Noch im selben Jahr konnte CAESAR die Sueben auch bezwingen, ließ aber die von AR1ov1sT west­ lich des Rheins angesiedelten germanischen Stammesleute

in

ihren

neuen

gallischen

Wohnsitzen, nur daß sie jetzt für die Römer Kriegsdienst leisten mußten. Ausführlich über die Germanen äußert sich CAESAR im sechsten Buch seiner schon mehr­ fach genannten commentarii. Was er über archäologisch nachprüfbare Einzelheiten be­ richtet, stimmt allerdings nicht mit den tat­ sächlichen archäologischen Befunden über­ ein. CAESAR entwarf wohl bewußt ein Bild roher, bedrohlicher Wilder, um einerseits den militärischen Aufwand zu rechtfertigen, den er in Gallien betrieb, andererseits aber auch, um zu begründen, warum er nicht einfach über den Rhein nach Germanien zog,um dort „für Ordnung zu sorgen". Schließlich setzte CAESAR dennoch zweimal über den Rhein einmal 55 v. Chr., das zweite Mal zwei Jahre

Römerreste in Besan�on

später. Vor seinem ersten Rheinübergang ließ Die Soldaten der sechs Le­ gionen, die Caesar im »bel­ lum gallicum« befehligte, hat­ ten vor den sagenumwobe­ nen Germanen Angst. In Be­ sanc;; on stießen sie aber zu­ nächst nur auf die Sequaner, also Gallier, die sie aus ihren

Feldzügen kannten. Der Kampf war kurz und heftig. Der Hauptort, das heutige Besancon, fiel. .. Die Bauten, die die Römer in der Nachfol­ ge Caesars schufen, prägen noch heute das Gesicht die­ ser Stadt.

Von Besancon aus stieß Caesar sodann ins Rheintal vor, und es kam zum Kampf. 36 000 Römer gegen 28 000 Germanen , - die Römer im Durchschnitt einen Meter fünfzig groß, die Germanen einen Meter siebzig„.

er die landsuchenden germanischen Stämme der Tenkterer und Usipeter zusammenschla­ gen, noch während ihre Fürsten und Ältesten mit ihm konferierten. Diese Hinterlist wurde ihm sogar von römischen Landsleuten ver­ übelt,ja,sein politischer Erzfeind in Rom,der konservative Senator MARcus PoRcrus CATO (der Jüngere, 95-46 v. Chr.), forderte gar, CAESAR den Germanen auszuliefern.

Einladung zur Spurensuche

Kaiseraugst ist eine kleine Gemeinde im schweizeri­ schen Kanton Aargau von ca. 2000 Einwohnern, direkt am Rhein gelegen. Sie liegt an der Stelle des berühmten »Gastrum Rauracense«. Tei-

le der Mauern sind bis heute erhalten geblieben„. Wer sich auf das »historische Wandern« versteht, findet in der sich unmittelbar südlich anschließenden Gemeinde Augst, welche kaum 1000 Einwohner zählt und zum Kanton Basel-Land gehört, Reste der römischen Bürger­ siedlung »Augusta Raurica« (u.a. ein T heater, drei Tempel sowie Thermenanlagen). Diese Bürgersiedlung geht auf einen Hauptmann des großen Julius Caesar zurück, der sie im Jahre 44 v. Chr. als eine Militärkolonie gründete.

Durch jenen Brückenkopf konnte Rom seine neuen Er­ oberungen in Gallien kontrol­ lieren. Wer in Gedanke und Tat den Spuren der Ausgra­ ber dieser Stätte folgt, wird erkennen, warum Augst in der späteren römischen Kai­ serzeit zu einem blühenden „Provinzstädtchen" gewor­ den sein muß: Die militäri­ sche Bedeutung von einst war dahin, und Handel, Wan­ del und Kultur konnten sich regen, waren doch die Gren­ zen des Weltreiches auf Jahrhunderte weit vorge­ schoben...

Den Schlag gegen Usipeter und Tenkterer führte CAESAR bei Koblenz. Kurz darauf ließ er etwa bei Neuwied eine 400 m lange Brücke über den Rhein schlagen. In nur zehn Tagen entstand dieses Meisterwerk römischer Pio­ niertechnik, das nicht auf Booten ruhte, son­ dern auf gespreizten Pfahljochen mit Streck­ pfählen. Doch CAESAR blieb nur kurze Zeit auf dem östlichen Rheinufer und drang nicht tief in Germanien ein. Das Unternehmen war nur eine Machtdemonstration. Dies gilt auch für den zweiten Brückenschlag, den er 53 v. Chr. ein wenig oberhalb des ersten unternahm. Aber die Römer standen nun am Rhein. Der Fluß trennte das von ihnen besetzte Gallien, dessen Eroberung im Jahre 51 v. Chr. abge­ schlossen war, von dem noch immer von ihnen unbesetzten Land östlich des Stromes...

20

Weder kennt man den Ort der Schlacht noch weiß man, wie der Sieger wirklich hieß. Und doch bemächtigte sich die Nachwelt des Ereignisses,

i��·:���;:

D1' e Schlacht im Teutoburger Wald

ci

schließlich em Denkmal.

M

heute das „Hermannsdenkmal" erhebt -,

Varus­

lieh bedeutet „Teutoburger Wald" schlicht:

schlacht" bezeichneten Ereignis nur,

„Bewaldete Anhöhe mit einer ,Teutburg'" -

doch auch anderswo im gesamten Lande

daß es stattfand, und zwar im Jahre 9

einer „Volksburg" (d. h. einer frühgeschichtli­

zwischen Porta Westfalica bis nach Siegen

an weiß von dem auch als



n. Chr.; und man weiß, daß dies eine empfind­

chen Wallanlage).

war. Man kennt auch zahllose Details (die einander indes widersprechen). Fest steht nur, daß es der germanische Stamm der Cherusker

sind „Teutburgen" nicht eben selten. Als Schlachtort hat man vor allem auch den

liche Schlappe für die sieggewohnten Römer Eine derartige Wallanlage, die sogenannte

Galgenberg bei Hildesheim in Betracht gezo­



Grotenburg", gibt es zwar auch auf dem

gen, wo im Jahre 1868 ein militärisches



Teutberg" bei Detmold - eben dort, wo sich

Arbeitskommando beim Ausheben einer Gru-

war, der den Römern damals so übel mitspiel­ te. Ungewiß ist vor allem der Schauplatz der Katastrophe. T ACITUS zufolge fand die Schlacht



nicht weit

vom Teutoburger Wa lde" statt. Was aber heißt schon nicht weit" und was verstand T Acrrus „

unter dem

-



Teutoburger Wald"? Das Gebir­

ge, das heute so heißt, trägt diesen Namen erst seit der Amtszeit des gelehrten Paderborner Fürstbischofs

FERDINAND voN

FüRSTENBERG

(1626-1683), der im Jahre 1672 ein Werk mit dem T itel Monumenta Paderbornensia („Paderbornische Denkmäler") veröffentlich­ te. Der Bischof konnte sich auf etwas ältere

" ... die Schlacht im Teutoburger Wald wurde zum Mythos der Befreiung. "

gelehrte Zeitgenossen berufen, die sich ihrer­ seits an TAc1rns anlehnten und kurzerhand das Gebirge zum „Teutoburger Wald" erklärten, das zuvor



Osning" geheißen hatte. Der

Name des heutigen „Teutoburger Waldes" beruht also auf keiner gewachsenen Tradition, sondern ist ein „Gelehrtenstreich": Dem Os­ ning-Gebirge wurde ein neuer Name überge­ stülpt. Die willkürliche Namensänderung rief andere Gelehrte auf den Plan, und inzwischen gibt es zwischen Ruhr, Lippe, Ems und Weser, zwi­ schen Sauerland, Wiehengebirge, den Bek­ kumer Bergen und anderen Höhenzügen im fraglichen Bereich etwa drei Dutzend ernst zu nehmende: Ortsansätze für T Acrrus· „Teuto­ burger Wald" und die besagte Varusschlacht. Nimmt man die unseriösen Ortsansätze hinzu, kommt man auf etwa siebenhundert! Tatsäch-

Hermannsdenkmal auf der Groten­ burg bei Detmold im Osning, der erst in der Neuzeit in "Teutoburger Wald" umgetauft wurde. Das von dem Bildhauer Ernst von Bandei am 9.7.1839 be­ gonnene Monu­ ment wurde am 16.8.1875 einge­ weiht. Es mißt bis zu( Schwertspitze nicht weniger als 24,82 Meter.

21

be für einen Schießstand den berühmten

Grabstein eines Kriegers der Varus-Schlacht.

Hildesheimer Silberfund entdeckte. Beweisen läßt sich ein unmittelbarer Zusammenhang

Bei Xanten fand man diesen Gedenkstein eines römischen Offiziers. Er trägt die Inschrift: ,Cecidit bello Variano" - gefallen in der Varus-Schlacht. Nachbildung im Saalburg-Museum.

zwischen

diesem

Silberschatz

und

der

Schlacht im „Teutoburger Wald" aber nicht. Rätsel gibt weiterhin der Sieger der Schlacht auf. Erst der Reformator MARTIN LurnER machte seinen Namen zu „Hermann", und dabei blieb es. Überliefert ist jedoch Arminius oder seltener:

Armenius, und dies kann keine

latinisierte Form von „Hermann" sein (die hätte vielmehr

Chariomannus lauten müs­

sen). Dem römischen Historiker VELLEIUs PATERcuws zufolge, der eine bis zum Jahre 30 n. Chr. reichende

Römische Geschichte ver­

faßte, war ARMINIUS - ein Sohn des Cherus­ kerfürsten S1GIMER - VELLEIUS' Kampfgefährte, als die Römer

6 n. Chr. in Pannonien (etwa

dem heutigen Ungarn) einen Aufstand nieder­ schlugen. Weiter erfahren wir, daß ARMINIUS das römische Bürgerrecht besaß und in den (römischen) Ritterstand erhoben worden war. Ja, sogar sein Name - hierauf könnte die Form „Armenius" hindeuten - könnte ein Ehrenname sein, den er sich als Teilnehmer an Kämpfen der Römer in Armenien erworben hatte. Was ausgerechnet diesen Mann bewog, sich schließlich gegen die Römer aufzulehnen, darüber kann man nur spekulieren. Der Wunsch, ein „Germanien", das es als geschlossene Einheit noch gar nicht gab, von den Römern freizukämpfen, kann es kaum gewesen sein. Eine Art germanisches oder gar „deutsches" Zusammengehörigkeitsbewußt­ sein stellte sich erst sehr viel später ein und darf für die damalige Zeit noch nicht vorausgesetzt werden. Es gab in der damaligen Zeit nur Stämme und Stammesverbände, die von den Römern pauschal als „Germanen" bezeichnet wurden, ohne Rücksicht darauf, ob sie eine germanische Sprache sprachen oder sich als „Germanen" fühlten. Es läßt sich auch schwer sagen, ob ARMINIUS speziell als „Cherusker" eine Rechnung mit den Römern zu begleichen hatte. Seit dem Jahre

4 n. Chr. hatten die Cherusker mit Rom

einen Bündnisvertrag und bildeten seitdem als

foederati ( „ Verbündete") einen Puffer gegen =

Römischer Offiziersdolch im Westfälischen Museum in Münster, - vielleicht das Beutestück eines germanischen Kriegers aus der Varusschlacht? 22

romfeindliche Stämme. ARMIN1us· Vater S1m­ MER galt als ausgesprochen romfreundlich, auch ARMINIUS' jüngerer Bruder FLAvus diente im römischen Heer, und es ist nicht überliefert,

Porträt des Varus

daß einer der beiden diesen Dienst unter

Nur auf Münzen sind Bildnisse des gegen Arminius unterlegenen römischen Legaten Varus erhalten. Staatliches Museum zu Berlin, Münzkabinett.

Amtsführung des römischen Legaten für Ger­

Zwang angetreten hätte. Mag sein, daß die manien,

Pueuus

Qu1NCT1uus

V ARUS

( 46

Modell des Haltener Römerlagers. War das römische Lager Haltern an der Lippe jenes Lager, wo nach dem byzantinischen Chronisten Zonaras (12. Jahrhundert), der ältere Quellen benutzt, die überlebenden der Varusschlacht Zuflucht fanden? westfälisches Museum für Archäologie, Münster.

Stammesfürsten den Zug, dann aber meldeten sie sich ab - sie wollten mit ihren Kriegern nacheilen, um den Römern gegen die „Auf­ rührer" zu helfen.

In Wirklichkeit aber hatten ihre Krieger den

v. Chr. - 9 n. Chr.), von dem Jahre 7 n. Chr.

lände zu locken. Also setzte sich VARus mit

an die Germanen bis aufs Blut reizte.

drei Legionen, drei Alen (Reiterabteilungen)

Zug der Römer bereits „beschattet". Nun

und sechs Kohorten in Marsch. Mit dem Troß,

begannen sie mit Zermürbungsangriffen, bis

Laut VELLEIUS PATERCULus hatte sich VARus

mit Frauen und Kindern quälte sich somit ein

sie mit den völlig erschöpften Römern ein

schon in den Jahren 6-4 v. Chr. als Legat in

Heerwurm von 20 000 bis 30 000 Menschen

leichtes Spiel hatten. Als es keinen Ausweg

Syrien gewisser „ Unregelmäßigkeiten" schul­

auf Pfaden voran, die immer schlechter wur­

mehr gibt und VARus· Leute beinahe schon

dig gemacht, und anderen Quellen zufolge

den. Möglich auch, daß VARus· Truppen

aufgerieben sind, geben sich die noch Leben­

war er damals auch mit unglaublicher Brutali­

bereits geschwächt waren, weil ARMINIUS ihm

den selbst den Tod. VARus stürzt sich in sein

tät gegen die Juden vorgegangen. Auf jeden

vorgeflunkert hatte, irgendwelche kleineren

Schwert, einige Stabsoffiziere versuchen, ihn

Fall erwies sich VARUS als ungewöhnlich

Stämme benötigten dringend römische Waf­

zu verbrennen. Doch ARMINIUS läßt den ange­

vertrauensselig, als er kurz vor der Katastro­

fenhilfe, so daß er seine Mannschaften zer­

kohlten Leichnam enthaupten und den abge­

phe seine Truppen im Cheruskergebiet ihr

splitterte. Anfangs begleiteten noch germanische

soll er von den Cheruskern überfallen worden sein - dies behauptet wenigstens Lucws ANNAEUS FwRus, ein römischer Historiker des 2. Jahrhunderts n. Chr. CAssius Dio dagegen (um 150-235 n. Chr.), ein aus Kleinasien stammender Grieche, der es in Rom zu höchsten Würden brachte und eine 80 Bücher umfassende Römische Geschichte schrieb, schildert die Dinge anders: Ihm zufolge hatte ARMINius·

Schwiegervater,

der

romtreue

SEGESTES, den römischen Legaten gewarnt. Mag sein, daß SEGESTES den ARM1N1us haßte, denn dieser hatte ihm seine Tochter Tttus­ NELDA geraubt, obwohl - und dies war ganz gegen die Regel - TttuSNELDA bereits einem anderen versprochen war. Doch SEGESTES' Versuch, den ARMINius „auffliegen" zu lassen, scheiterte, denn VARus glaubte ihm nicht. Um so mehr verließ er sich auf ARMINIUS, der ihm die Erhebung eines ferner wohnenden Stam­ mes weismachte, um ihn von der normalen Rückmarschroute zu den römischen Rheinfe­ stungen abzubringen und in unwegsames Ge-

schlagenen Kopf dem Markomannenkönig MARBOD nach Böhmen senden, der ihn zu

Sommerlager beziehen ließ. In diesem Lager

Der mstoriker urteilt ""'überall also tritt die gleiche Wesensart zu Tage: eine prachtvoll urwüchsige, naturhafte Veranlagung, die ja auch die Römer so anzog und mit Neid erfüllte, aber auf der anderen Seite Eigensinn, Lässigkeit, Unge­ bärdigkeit gegenüber Ordnung und Autorität. Gerade das imponierte deshalb den Germa­ nen so sehr an dem höherstehenden Rom. So wie Hermann der Cherusker lernten viele Häuptlinge gern von der Organisationsweis­ heit des Imperiums und versuchten, meist vergebens, eine Disziplinierung ihrer Volks­ genossen„. Die Nummern der drei Legionen, die im Teutoburger Wald vernichtet wurden, er­ scheinen nie wieder im römischen Heer. So furchtbar wirkte dieses Ereignis nach. Aber es war doch so, daß das Imperium hier im Norden seine Grenze gefunden hatte, genau wie im Osten gegenüber den Parthern. Es war zunächst kein Versagen der Kraft, son­ dern ein weise scheinender Verzicht - solan­ ge die Grenze des Imperiums nicht zu bre­ chen war." (Veit Valentin)

Kaiser AuGusTus weiterschickt. Sechs Jahre später besucht GERMANicus (15 v. Chr.-19 n. Chr.) den Schauplatz der Katastrophe und läßt die Gebeine der gefallenen Legionäre begraben. Um 20 n. Chr. wird ARMINIUS von seinen Verwandten ermordet, und es ist über­ liefert, daß sein Bruder FLAvus, der den Römern treu blieb, dem Sieger der V arus­ schlacht Wortbruch vorwarf. Höher bewerteten ihn seine römischen Geg­ ner, und schon TAc1rus nannte ihn den „Be­

freier Germaniens". Eintausendachthundert Jahre später, im Jahre

1809, feierte ihn

HEINRICH VON KLEIST in seinem Drama „Die Hermannsschlacht" als leuchtendes Vorbild für die Freiheitskriege gegen NAPOLEON. Etwas davon wirkte noch nach, als am 16. August 1875 das von ERNST VON BANDEL geschaffene Hermannsdenkmal auf der Grotenburg bei Detmold

eingeweiht

wurde,

-

war

das

Schwert HERMANNS doch aus Kanonen gegos­ sen, die die deutschen Soldaten als Beute aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/ 1871 mitbrachten. 23

Zwischen der Schlacht im „Teutoburger Wald" und der Heimat Jesu gibt es eine I direkte Verbindung in der Person des römischen Legaten Publius Quinctilius Varus.

DIe Geburt einer neuen Religion

T

atsächlich amtierte VARUS während der

ersten Familien Judäas stammte, und vor

letzten

allem war er König von Roms Gnaden, was

Politik und Religion mischten sich mehr als

ihm die Juden erst recht nicht verziehen.

anderswo, denn der Gott der Juden duldete

Lebensjahre

HERODES'

DES

GROSSEN (37-4 v. Chr.) als römischer

fort nach HERODES' Tod rapide verschlechterte.

keine anderen Götter neben sich. Die Römer

Statthalter in Syrien und war in dieser Eigen­ schaft auch für Judäa zuständig. Eine unheil­

Seine Realpolitik gegenüber Rom, die die

aber verlangten kultische Verehrung für ihren

volle Rolle spielte er, als es nach HERODES' Tod

Römer zwar jahrzehntelang auf Distanz hielt,

Kaiser, - für uns um so unbegreiflicher, als der

zu Unruhen kam. Ganz nahe der Heimatstadt

galt seinen Untertanen aber noch immer als zu

„göttliche" AuGusTUs im übrigen peinlich alles

Jesu, Nazareth, plünderten VARus· Truppen

romfreundlich, und sie förderte in Judäa die

vermied, was an Monarchie erinnerte, und nicht müde wurde zu betonen, er habe nur die

HERODES' Sommerresidenz Sepphoris, und bei

Entwicklung radikaler Strömungen, die auf

Jerusalem ließ er den kleinen Ort Emmaus in

ihre Weise dazu beitrugen, daß sich das

Republik gerettet (deren Institutionen tatsäch­

Schutt und Asche legen.

Verhältnis zwischen Jerusalem und Rom so-

lich weiterbestanden) und sei nichts als der erste Bürger des Staates.

Berüchtigt ist besonders seine Massenexeku­ tion von 2 000 Juden, die er auf einmal

Kurz bevor QuINCTiuus VARUS sein Amt in

kreuzigen ließ. HERODES freilich war nicht sehr

Syrien antrat, wurde in Bethlehem Jesus

viel besser gewesen. Traut ihm doch der

(hebräisch Jeschua bzw. Jehoschua

Evangelist Matthäus (2,16ff.) sogar den Be­

ist Erlöser") geboren. Sein Geburtsjahr rech­

fehl zu, sämtliche Kinder in Betlehem zu

nete sich ein halbes Jahrtausend später der in

töten, als er gehört hatte, dort sei der „König

Rom tätige skythische Abt DIONYSIOS ExIGuus



„Jahwe

der Juden" (Jesus) geboren worden. Er stem­

(ca. 500 - 545 n. Chr.) aus. Er begründete

pelte ihn damit für alle Zeiten zum Erz­

damit die christliche Zeitrechnung (532 erst­

Christenverfolger ab! Aber auch der gar nicht christliche Kaiser AuGusTUs (27 v. Chr.-14 n. Chr.) hatte offen­ sichtlich Vorbehalte gegen seinen „Freund" HERODES. Er möchte lieber HERODES' Schwein

sein als HERODES' Sohn, soll er gewitzelt haben. Die Pointe: Als Jude aß HERODES kein Schweinefleisch. Schweine waren daher ihres Lebens vor ihm sicherer als seine eigenen Söhne, und überdies ergab dieser sarkastische Spruch

im

Griechischen,

dessen

sich

AuGusTus bediente, ein kalauerndes Wortspiel mit hjs („Schwein") und hyi6s („Sohn"). Auch die Juden mochten HERODES nicht,

Statue des Augustus. Kaiser Augustus und Jesus begründeten Kaisertum und Christentum, Jahrhunderte die stärksten Prägkräfte der euro­ päischen Geschichte. Vatikanische Sammlungen, Rom.

mals angewandt). Allerdings stellte sich später noch heraus: Der gelehrte Mönch hatte sich um ein paar Jahre vertan. Also müssen wir heute damit leben, daß Jesus gar nicht im „Jahre l" der auf ihn bezogenen christlichen Zeitrechnung geboren ist. Der Evangelist Lukas (2,1-7) bringt Jesu Geburt mit einem Steuerzensus in Verbin­ dung, der durchgeführt wurde, als Pueuus SuLPICIUS QuIRINIUS (alias CYRENIUS) Statthal­

ter von Syrien war. Einen solchen Zensus gab es im Jahre 6 n. Chr., doch liegen Anhalts­ punkte dafür vor, daß Q u IRINius bereits um 11 v. Chr. einmal Legat in Syrien war, und für das

obwohl Judäa unter ihm eine ausgesprochene

Jahr 8 v. Chr. ist ein römischer Reichszensus

Blütezeit erlebte. Doch er stammte aus einer

durch AuGusTus selbst ausdrücklich bezeugt.

erst kurz zuvor zum Judentum zwangsbekehr­

Dies fügt sich zu einer Reihe anderer Indizien,

ten Araberfamilie, und diesen Makel konnte

wonach Jesus schon um 7 „vor Christus"

nicht einmal der von ihm in Auftrag gegebene

geboren sein dürfte. Er war also vermutlich

prachtvolle Neubau des Jerusalemer Tempels

schon etwa sieben Jahre alt, als das später von

tilgen.

Außerdem

hatte

er

seine

Gattin

MARIAMNE töten lassen, die aus einer der 24

DIONYSIOS ExIGuus errechnete „Jahr 1" der

christlichen Zeitrechnung anbrach.

Jesus war(mindestens) 30 Jahre alt, als er in

Triumphzug der Römer. Die heiligen Geräte des Jerusalemer Tempels in Titus' Triumphzug (Relief am T itusbogen in Rom). Kaiser Titus eroberte als römischer Befehlshaber 70 n. Chr. Jerusalem, zerstörte den Tempel und brachte dessen Kultgeräte nach Rom.

die Öffentlichkeit trat (Lukas 3,23). Fast alles, was die Schriften der vier Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes)

über ihn berichten, bezieht sich auf die kurze Zeit, die ihm bis zu seinem Kreuzestode (um das Jahr 30 n. Chr.) blieb. Jesu öffentliches Wirken begann mit seiner Taufe im Jordan durch den Bußprediger Johannes (Matthäus 3, 13-17, Markus 1, 9-11, Lukas 3, 21). Lukas gibt sogar einen Zeitansatz: „Im fünf­

zehnten Regierungsjahr des TrnERIUS CAESAR (14-37 n. Chr.), als PONTIUS PILATUS Land­ pfleger(= Procurator) in Judäa war", der auf das Jahr 29/30 n. Chr. hindeutet. In seinen Predigten bewegt sich Jesus auf dem

Parodie auf Triumphzüge römischer Militär­

Boden der biblischen Lehre von dem einen

befehlshaber) - als Friedensfürst auf einem

Universalgott Israels, der - was Heiden mit

Esel in Jerusalem einritt. Und sie schildern,

ihrer Göttervielfalt partout nicht verstehen

wie er im engsten Kreise seiner Gefährten, den

konnten - keine anderen Götter neben sich

Aposteln(griechisch: „Sendboten"), sein letz­

duldete (Exodus, 2. Mos„ 20, 3) und sich

tes Sedermahl(Passahmahl, ein rituelles Mahl

nicht in irgendeinem Mythos, sondern - darin

vor dem Passahfest) feierte, wie man ihn

den Gottheiten der römischen Staatsreligion

folterte und wie er den ebenso qualvollen wie

seltsam ähnlich - in der Geschichte offenbar­

schimpflichen Sklaventod am Kreuze erlitt, -

te. Dieser Gott stellte strenge Anforderungen

aber wir erfahren auch, wie er den Angaben

an seine Verehrer, und man hat oft gesagt,

nach wieder auferstand, seinen Anhängern

Jesus habe den unnachsichtigen Rachegott

erschien, gen Himmel fuhr und schließlich der

des sogenannten „Alten Testaments" (der

Versammlung seiner Anhänger den Geist Got­

hebräischen Bibel) durch einen menschliche­

tes sandte.

ren Gott der Liebe und Güte ersetzt. Viele schöpften hieraus Hoffnung. So erhielt Doch Jesus selbst betonte, er sei nicht als Gegner des jüdischen Gesetzes „in die Welt gekommen", sondern als dessen Vollender (Matthäus 5, 17). Er verurteilte das Gesetz

Luftaufnahme von Masada. Masadas Verteidiger hielten sich bis 73 n. Chr. Als ihre Lage aussichtslos wurde, begingen sie gemeinsam Selbstmord.

und schon um 40 n. Chr. gab es in Antiochien die erste Gemeinde, die sich ausdrücklich „

christlich" nannte, und besonders einer ihrer

beiden Vorsteher, Paulus, trug die christliche

nicht, wohl aber dessen starre, sich nur an den Buchstaben, nicht aber an den Geist haltende,

die neue religiöse Bewegung großen Zulauf,

Lehre weit in die damalige Welt hinaus.

lebensfremde Anwendung. In dieser Hinsicht

Kaum halb so groß wie die

ähnelt Jesu Lehre der der Pharisäer (einer

Schweiz und wesentlich kleiner

sche Sekte zu sein, und begann seinen Sieges­

Strömung innerhalb des Judentums), doch

als Baden-Württemberg: Das

zug, der es nach schweren Verfolgungen schließlich unter KONSTANTIN DEM GROSSEN

tadelte Jesus die Pharisäer noch immer als zu engherzig. Mit den Anhängern der jüdischen

war der Lebenskreis des Jesus

Qumran-Sekte verband Jesus der Glaube an

von Nazareth. Von dieser klein­

das bald bevorstehende Weitende. Im Zentrum der christlichen Lehre steht aber die Überzeugung, Jesus sei der von den Juden erwartete „Messias" (hebräisch: maschiach,

sten Provinz des Römischen Reiches und ihrer Tempelstadt Jerusalem, deren ummauerte

Damit hörte das Christentum auf, eine jüdi­

(306 - 337 n. Chr.) zur tragenden Religion des römischen Weltreiches werden ließ. In Judäa spitzte sich die Situation immer mehr zu, und es kam zu den beiden großen Juden­ aufständen (66-70 und 131132 bis 135/36 n. Chr.), die mit der Zerstörung des Jerusale­

griechisch: christ6s; beides bedeutet: „der

Altstadt bis heute die Vergan­

mer Tempels (70 n. Chr.), dem Massenselbst­

Gesalbte"), der auf Erden erschienene Sohn

genheit bewahrt hat, gingen

mord der Verteidiger Masadas (73 n. Chr.),

Gottes, der gekommen sei, um durch seinen Opfertod die Welt zu erlösen, und einst wiederkommen werde, um die Erlösten in sein ewiges messianisches Reich zu führen. So schildern die Evangelisten denn ausführlich, wie Jesus - peinlich darauf bedacht, messiani­ sche „Weissagungen" der Bibel wahr werden zu lassen (und gleichzeitig in einer bizarren

jene Kräfte aus, die unsere Welt und die Geschichte der

ja, der endgültigen „Zerstreuung"(griechisch: diaspora) der Juden endeten. - Schließlich

standen sich Juden und Christen auch in Deutschland gegenüber. Gleichsam in doppel­

Menschheit verändert haben.

ter Brechung wirkten so die uralte Kultur und

(Gerd Prause)

prägend und mitprägend in die deutsche

die ehrwürdige

Eingottreligion Alt-Israels

Geschichte hinein. 25

»Weil die Germanen, treu ihrer Gewohnheit, aus ihren Wäldern und dunklen Verstecken heraus die Unsrigen überraschend anzugreifen pflegten und nach jedem Angriff eine sichere Rückzugsmöglichkeit in der Tiefe der Wälder besaßen, ließ Domitian einen Limes über 120 Meilen anlegen. Dadurch änderte sich nicht nur die gesamte strategische Lage, sondern er unterwarf seiner Macht auch die Feinde, deren I Schlupfwinkel ge

:��

befriedet", so bildeten jetzt Rhein und Donau die Grenzen der römischen Alpen- und Voral­ penprovinz Raetia (gegründet 16 v. Chr.) und der beiden Militärdistrikte Nieder- und Ober­ germanien ( Germania

inferior und superior), Belgica

die zunächst noch mit der Provinz

vereinigt waren. Im Gebiet des heutigen deutschen Südweststaates Baden-Württem­

Der L1mes

berg allerdings griff das römische Territorium weit über den Rhein hinaus. Der Schwarz­ wald und sein östliches Vorland waren rö­ misch, und hier ließ VESPASIAN (Kaiser: 69-79 n. Chr.) vom Jahre 74 n. Chr. an Stützpunkte errichten, darunter Arae Flaviae (heute: Rott­ weil).

D

iese

Worte

des

großen

römischen

Schriftstellers SEx rns Juuus FRONTINus,

Jahre später abspielte. Und erst im Zusam­ menhang damit fällt die Ortsangabe

Etwas Bewegung kam in die römisch-germa­

eines Mannes, der als Konsul und dann

unweit des Teutoburger Waldes". Der römische Feld­

nische Grenze, als DoMITIAN (81-96 n. Chr.)

auch Gouverneur Britanniens »mitten im

herr GERMANrcus (15 v. Chr. bis 19 n. Chr.)

Kaiser war. Er besiegte 83 n. Chr. die germani­

Leben« stand, machen aus römischer Sicht

war bis zum Schauplatz der Varusschlacht

schen

überdeutlich, worum es letztlich ging.

vorgedrungen und ließ die Gefallenen bestat­

der Wetterau sowie im württembergischen

ten. VARus· abgeschlagener Kopf war schon

Raum nach Osten vor und verlieh noch vor

Doch setzen wir zunächst ein, wo wir geendet

lange zuvor nach Rom gelangt und dort mit

dem Jahre 90 n. Chr. den bisherigen Militär­

hatten: Die Germanen versäumten es, ihren

allen Ehren beigesetzt worden. Freilich, die

bezirken Ober- und Niedergermanien den

Sieg über VARus zu nutzen. Sie wären aber

Römer verzichteten auf weiteren Landgewinn

Status von Provinzen. Nach dem »freien«

auch gesellschaftlich-kulturell ebenso wie mi­

in Germanien. Im Jahre 16 n. Chr. dann rief

Germanien hin schützte er die Grenzen durch



Chatten, schob die römische Grenze in

litärisch noch viel zu wenig entwickelt gewe­

Kaiser TrnERIUS (14-37 n. Chr.) seinen Neffen

Beobachtungsstationen

sen, um gegen die Römer ein wirkliches

und Adoptivsohn GERMANrcus aus Germanien

miteinander in Sichtverbindung standen und

Gegengewicht zu bilden. Ebensowenig aber

zurück.

zwischen denen ein Flechtwerkzaun verlief.

Expansion des Römerreiches in Mitteleuropa

Waren noch wenige Jahre zuvor die Römer

um 55-120 n. Chr.) erstmals das Wort

- ja, die unruhigen Germanen zwangen die

bis an die Elbe vorgedrungen (so DRusus

in der Bedeutung „Reichsgrenze", „Grenzbe­

Römer sogar, die Grenzen ihres Machtberei­ ches durch besondere Maßnahmen zu sichern.

9 v. Chr. bis in die Gegend von Magdeburg und der nachmalige Kaiser TrnERrus 5 n. Chr.



Die Varusschlacht hatte im Jahre 9 n. Chr.

bis an die Elbmündung) und konnte AuausTus



stattgefunden. TACITUS schilderte die Schlacht

sich in seinem Tatenbericht

selbst nicht. Aber er beschreibt, was sich sechs

rühmen, Germanien sei

kam es zu einer weiteren Ost- und Nord­

(Wachtürme),

die

Nun taucht auch in der Literatur (bei TAcrrns,



(Res Gestae) bis zur Elbmündung

Limes

festigung" auf (ursprünglich bedeutete es:

Grenzweg zwischen zwei Grundstücken", T rampelpfad zwischen zwei .1fckern ").

Aber

erst

unter

den

Kaisern

HADRIAN

(117-138 n. Chr.) und ANTONINUS Pius (138-

161 n. Chr.) bekam der obergermanische Limes seine endgültige Gestalt. Er bestand nun aus einem Palisadenzaun mit Spitzgra­ ben,

Wall

und

Grenzwachtürmen.

Der

rätische Limes dürfte wohl erst nach Angriffen der Alamannen um 213 n. Chr. unter Kaiser CARACALLA (211-217 n. Chr.) eine zwei bis

drei Meter hohe und etwa einen Meter starke Mauer, die der Volksmund später

Teufels­ mauer" nannte, erhalten haben. Insgesamt „

erstreckte sich der Limes über etwa 545 km von (ungefähr) Rheinbrohl (nördlich von

Haupttor der Saalburg (»porta praetoria«). Die Saalburg ist ein römisches Kastell am obergermanischen Limes, nordwestlich von Bad Homburg gelegen. Es wurde in den Jahren 1868-1907 wiederaufgebaut. Das Kastell sollte einen wichtigen, durch Erdschanzen abgesicherten Taunuspaß kontrollieren helfen. 26

O 0 e 0

Festung vor 85 n. Chr. erbaute Festung nach 85 n. Chr. erbaute Festung Antoninische Festung

6

Feldlager einer Legion

+

größere zivile Niederlassung

-

Limes

- - - Provinzgrenze -

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römische Straße

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NORICUM

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" Mitten in unserer Landschaft ein steinernes Zeugnis für schwindende Expansionsbereitschaft ... "

Neuwied) bis etwa nach Kehlheim an der Donau. Vom Neuwieder Becken lief er in südöstlicher Richtung bis Zugmantel, ab dort in nordöstlicher bis Butzbach/ Arnsburg. Dann wandte er sich nach Süden und erreichte bei Seligenstadt den Main. Ein Stück weit bildete dieser Fluß nun die „nasse Grenze". Vom Main zweigte eine ältere Linie von Kastellen

der römischen Seite begleiteten. Denn um

ab, die sich südwärts bis nach Wimpfen am

diese Kastelle bildeten sich häufig „zivile"

Neckar erstreckte. Der spätere Haupt-Limes

Ansiedlungen, die man vicus nannte und die

verlief etwa 30 km weiter östlich auf der Linie

den Grundstock so mancher heutigen Stadt

Miltenberg, Walldürn, Osterburken, Jagst­

oder manches heutigen Dorfes abgaben. Die

hausen fast schnurgerade südwärts bis Lorsch.

Kastelle selbst verwendete man nicht selten als

Bei Lorsch ging der obergermanische in den

„Steinbrüche" - d.h.: Man verwendete ihr

rätischen Limes über, welcher sich zuerst nach

Baumaterial, nachdem sie ihren militärischen Zweck verloren hatten und die Römer abge­

Nordosten wandte, bis er bei Gunzenhausen seine Richtung änderte und schließlich, nach Südosten hin verlaufend, bei Kehlheim die Donau trreichte. All die genannten Ortschaf­ ten - und noch sehr viele mehr - sind aus Kastellen hervorgegangen, die den Limes auf

Limes bei Himstetten. Um 85 n. Chr. begann Kaiser Domitian mit dem Bau des ca. 545 km langen Limes. Bei Hirnstellen (Gemeinde Kipfenberg/Kreis Eichstätt) ist er noch gut zu erkennen.

zogen waren, um andere, zivile Bauten daraus zu errichten, oder man funktionierte sie zu Klöstern und Kirchen um. Heute befinden sich in ihren Ruinen bisweilen Hotels und/ oder Museen. 27

Eines der ältesten und zugleich bekanntesten Kastelle ist die

wurden „Pforte" und „Portal", aus lateinisch

Saalburg bei Bad Homburg

fenestra wurde unser deutsches „Fenster".

vor der Höhe im Taunus. Bei archäologischen

Der römische Einfluß erstreckte sich auch auf

Untersuchungen (ab

1870)

stellte es sich

Handel und Wandel: So wurde aus dem

heraus: Die Anlage bestand zuerst aus Erd­

lateinischen

wällen, dann aus Holz- und schließlich aus

„Krämer") der Kaujinann", aus

caupo („Schankwirt", aber auch moneta die „

80

„Münze" und dergleichen mehr. Viele Le­

an bis ungefähr 260 n. Chr., dann überrannten Alamannen den Limes, und dies war das

Einfluß der nicht nur militärisch, sondern

Steinbauten. Das Kastell stand vom Jahre

bensbereiche standen unter dem prägenden

Ende, - nicht nur der Saalburg, sondern dieser

auch kulturell überlegenen Besatzungsmacht,

gesamten römischen Grenzwehranlage. Seit

und dieser Einfluß strahlte auch über den

dem Mittelalter benutzte man auch die Saal­

Limes hinweg ins freie

Germanien hinein.

burg als Steinbruch (z. B. verwendete man Steine aus dem römischen Kastell auch beim

Viele unserer Ortsnamen erinnern noch an die

1898

römischen Limeskastelle. Die typische Form

Bau des Schlosses Homburg), doch von

an wurde das Kastell auf Geheiß des letzten

Römischer Wachturm am Limes.

derartiger Kastelle war ein Quadrat oder

deutschen Kaisers WILHELMS 11. teilweise wie­

Dieser Wachturm wurde rekonstruiert. Er stand bei Lorsch (Kreis Schwäbisch Gmünd).

Rechteck mit abgerundeten Ecken, umgeben

der aufgebaut.

von Wällen, einem Graben und Palisaden­ werk, - oder auch von regelrechten Wehr­ mauern. Zwei Hauptachsen verbanden das

Heute weiß man, daß römische Bauten dieser Art zwar im gesamten riesigen Römerreich

hat. Nicht nur Siedlungen entwickelten sich

einem einheitlichen Muster folgten, daß dieses

bei den -Limeskastellen, auch Straßen ent­

Haupttor

(porta praetoriana) mit dem rück­ (porta decumana) sowie die „rechte" mit der „linken" porta principalis

wärtigen Tor

Muster jedoch regional bedingte, geringfügige

standen, die die strategisch wichtigen Punkte

Unterschiede aufwies. Als man die

Saalburg

untereinander und mit dem Hinterlande ver­

(die beiden Seitentore). Im Zentrum lagen die

wieder aufbaute, war man allerdings noch

banden, aber auch der nichtmilitärischen In­

Kommandantur (bzw. das „Stabsgebäude",

sehr viel unbekümmerter und orientierte sich

frastruktur dienten.

principia), das Kommandantenwohnhaus (praetorium), eine Stätte für den Staatskult,

an den Bauten des römischen Stützpunktes

Waffenkammern

und

dergleichen

mehr.

Lambaesis im römischen Numidien (Alge­

Die Germanen, die in der

rien). Zwei Räume des ehemaligen Getreide­

ansässig waren, wurden zwar nicht so stark

Außerdem gab es Unterkünfte, ein Getreide­

Germania Romana

magazins der Saalburg sind heute Museum

romanisiert wie die Gallier, aber die lateini­

magazin

und bergen die zahlreichen Kleinfunde (auch

schen Ausdrücke, die sie übernahmen, zeigen,

ein „Krankenrevier"

(horreum), eine Werkstatt (fabrica), (valetudinarium), Ställe

Gegenstände germanischer Herkunft), die bei

in welchem Umfange und in welchen Lebens­

und Latrinen. Bäder lagen oft außerhalb des

den Ausgrabungen im Kastell selbst, aber

bereichen sie von ihren kulturell höher ent­

Kastells, und bei manchen Kastellen gab es

auch in der zugehörigen „zivilen Ansiedlung"

wickelten neuen Herren lernten. So übernah­

auch ein Amphitheater.

(vicus) zum Vorschein kamen. Unter ande­

men sie z.B. den steinernen murus, der schließ­

rem fanden sich ärztliche Instrumente und der

lich im Deutschen zur „Mauer" werden sollte

Außerhalb des Kastells ließen sich Angehöri­

„Rezeptstempel" eines römischen Augenarz­

(sie selbst hatten zuvor nur die „ge-wundene",

ge der Soldaten, Handwerker, Händler und

tes namens GA1us XANTHUS, der sich auf diese

aus Zweigen um Pfahlwerk herum geflochte­

anderes Volk nieder, hinzu kamen Stätten für

Weise uns Nachfahren unsterblich gemacht

ne „Wand" gekannt), aus lateinisch

porta

inoffizielle Kulte. Um ihre Bäder (aber auch Häuser in den sich bildenden Städten) zu

Zeitzeugnis: Die Germanen „(„.)

Unmittelbar nach dem Schlaf, der sehr häufig bis in den Tag hinein ausgedehnt wird, waschen sich die Ger­ manen öfter warm, da ja bei ihnen der Winter den größten Teil des Jahres ausmacht. Nach dem Waschen nehmen sie das Frühstück ein, wobei jeder seinen Stuhl und ein besonderes T ischehen hat. Dann gehen sie an ihre Ge­ schäfte, doch ebensooft zu einem Gelage, und zwar stets in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, ist für nie­ manden eine Schande. Strei­ tigkeiten, wie sie ja bei Be­ trunkenen leicht vorkommen,

enden selten mit bloßen Sehimpfreden, häufiger mit Verletzungen oder Totschlag. Doch auch wenn Verfeindete miteinander ausgesöhnt oder Ehen geschlossen werden sollten, wenn jemand unter die Edelinge aufgenommen, ja sogar wenn über Krieg und Frieden beraten werden soll, so geschieht das zumeist bei Becherklang, als wenn der Mensch gerade dann beson­ ders offenherzig und für edle Gedanken empfänglich wäre. Dieses Volk, nicht verschla­ gen noch durchtrieben, gibt in ausgelassener Fröhlichkeit auch heut noch die sonst tief

in der Brust gehüteten Ge­ heimnisse preis; daher liegt die Meinung aller unverhüllt und offen da. Am nächsten Tag wird die Beratung noch einmal wieder aufgenom­ men. Die Behandlung der gleichen Sache zu zwei so ganz verschiedenen Zeit­ punkten hat ihren guten Grund: Man hält Rat, wenn man sich nicht verstellen kann; man trifft die Entschei­ dungen, wenn man - wieder nüchtern - nicht irren kann." (Der römische Historiker Pub­ lius Cornelius Tacitus, 1 ./2. Jh. n. Chr.).

beheizen, wandten die Römer ein System an, das um 80 v. Chr. von einem gewissen SERG1us ÜRATA erfunden worden sein soll. Man be­ zeichnet es als Hypokausten (griechisch: „ U n­ terfeuerung", „ Unterbodenheizung"): Aus ei­ ner zentralen Feuerstelle leitete man Warm­ luft unter die leicht hochgesetzten, auf kleinen Säulen ruhenden Böden der zu beheizenden Räume. Die heißen Gase zogen sodann durch Hohlziegel im Mauerwerk der Wände ab, so daß die Räume auch von der Seite beheizt wurden. Römische Techniker bewiesen beim Bau solcher Heizungsanlagen großes Können: Bei der Konstantinsbasilika in Trier (heute evangelische Erlöserkirche) entsprach die Lei­ stung der spätantiken Heizung ziemlich genau dem Wärmebedarf, den moderne Fachleute errechneten, als eine neue Zentralheizung eingebaut werden sollte!

28

Auch im Schutze des Limes gelang es den Römern nicht, die in ihrer Provinz ansässigen Germanen so zu romanisieren wie die Kelten in Gallien.

Das Leben im Schutze des Limes

A

eigenen Grund und Boden und ihre eigenen

uf vielerlei Weise hat man zu erklären

im Verlauf der Kaiserzeit zunehmend Truppen

versucht, warum den Germanen die

aus den Provinzen stationiert, was zweifellos

Familien vor anstürmenden Feinden zu ver­

römische Zivilisation fremder blieb als

seinerseits die Romanisierung erschwerte. -

teidigen hätten. So kam es im Grenzgebiet zu

den Galliern. Einer der Gründe war wohl, daß

Und doch versuchten die Römer, städtische

einer Mischbevölkerung (aber eben nicht zu

die Germanen noch auf der Stufe einer

Zivilisation zu importieren - nicht nur in

einer

Bauernkultur mit allenfalls dörflicher Sied­

Mogontiacum (Mainz) und Augusta Vindeli­

schon für die Zeit vor der Errichtung des

vollständigen Romanisierung),

und

lungsform standen, wogegen die Kelten (Gal­

corum (Augsburg), den Hauptstädten Ober­

Limes ist durch Pueuus CoRNELius TAc1rns ein

lier) bereits eine proto-urbane („früh-städti­

germaniens und Rätiens, sondern auch in

keltischer Bevölkerungsrückstrom aus Gallien

sche")

in das alte keltische Mutterland östlich von

hatten.

vielen anderen Zentren. Vor allem im Umfeld

Zwischen den in Gallien lebenden Kelten und

der römischen Garnisonen (Kastelle) bildeten

Rhein und Schwarzwald (das „Dekumaten­

ihren römischen Eroberern gab es mithin

sich Siedlungen aus Angehörigen jener Spa­

land" ,agri decumates') bezeugt. Außerdem

mehr Berührungs- und Anknüpfungspunkte

nier, Briten, Gallier und T hraker, die als

gab es dort offensichtlich noch keltische Sied­

für eine gemeinsame Weiterentwicklung als

römische Soldaten an der Grenze Dienst taten.

lungen. Eine davon war Brigobanne, beim

Entwicklungsstufe

erreicht

zwischen Römern und Germanen. Sicherlich

heutigen Hüfingen auf der Baar-Hochebene

hatten auch die Einheimischen Anteil an der

Rom erlaubte es diesen Grenzsoldaten, sich

Kultur, die sich hinter dem römischen Limes

dort, wo sie stationiert waren, niederzulassen

(westlich von Donaueschingen) gelegen. Bri­ gobanne ist ein keltischer Name, und in dem

entfaltete, doch war es offensichtlich nicht

und Familien zu gründen. Man erhoffte sich

kleinen Ort, der so hieß, entdeckte man nicht

leicht, sie zu urbanisieren. Zweitens war Gal­

von diesen ansässig gewordenen Grenztrup­

nur Reste von Römerbauten (insbesondere

lien schon erobert und kolonisiert worden, als

pen, daß sie im Fall eines Germanenangriffs

eines

das römische Heer noch aus Römern bestand.

um so erbitterter kämpfen würden, wenn sie

sondern barg auch Funde aus vorrömischer

In den germanischen Garnisonen aber wurden

an Ort und Stelle ihren eigenen Besitz, ihren

Keltenzeit.

Gebäudes

mit

Unterbodenheizung),

"···Wagen­ typ, der Rückschlüsse auf die Be­ schaffenheit der Straßen zuläßt"

Römischer Reisewagen.

r.;ijlJ��iji;�(i! I!

··

Zum Alltagsleben gehörte, daß man verreiste: Römischer Reisewagen (Relief aus Maria Saal bei Klagenfurt). 29

Das römische Straßennetz im Rheinland Seit der Steinzeit führten Ver­ kehrswege vom Norden Eu­ ropas nach Süden (.Bern­ steinstraßen"). Schon aus vorrömischer Zeit wissen wir einiges über die Beschaffen­ heit dieser Straßen, einer­ seits durch Grabungen, an­ dererseits durch Funde, die den Schluß zulassen, daß die Kelten und Germanen Wa­ gentypen entwickelt hatten, die einen bestimmten Stan­ dard der Beschaffenheit des „Fahrbelags" voraussetzten. Die Römer machten sich die­ ses Straßennetz zunutze, bauten es aus, verbesserten es und bezogen all dies auf ihre militärischen und wirt­ schaftlichen Ziele. Verallge­ meinernde Aussagen über die Anlage antiker Straßen­ züge sowie über die Be­ schaffenheit des Unter­ grunds sind für das römische Rheinland nicht möglich . Wir dürfen annehmen, daß es Wege mit und ohne Schotter-

schicht(en) gab, solche, die mit vertikal gesetzten Stein­ platten gesäumt wurden, sol­ che, die auf sandigem Unter­ grund kiesbelegt waren oder auch solche, die eine Unter­ lage hatten, welche man mit Kies und Sand überzog. Der Leser wird nun nach ei­ ner, modern gesprochen: „Straßenkarte" des römi­ schen Rheinlandes fragen wollen. Es gibt sie nicht, weil Historiker und Archäologen im Grunde bis heute auf Ver­ mutungen und Hochrech­ nungen angewiesen bleiben. Gleichwohl stehen uns Heu­ tigen eine Vielzahl literari­ scher und archäologischer Zeugnisse zur Verfügung, die nicht nur den Ehrgeiz der Forscher stimulieren, son­ dern zugleich die Phantasie des Laien anregen. In diesem Zusammenhang stellt die sog Peutinger-Ta­ fel" der Wiener Hofbibliothek eine einzigartige Rarität dar. .



Sie ist ein vermutlich aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert stammendes „Itinerarium", also ein Wege­ verzeichnis, das mit einiger Wahrscheinlichkeit selbst wiederum die Kopie einer frü­ heren römischen „Weltkarte" darstellte. Tafeln dieser Art erfüllten in der römischen An­ tike die Aufgabe unserer heutigen Kartenwerke. Man stellte sie öffentlich auf und aus. Es waren sozusagen die „Litfaßsäulen des Altertums". Wie es sich für eine „Weltkar­ te" gehört, ist das rheinische Segment der Peutinger-Tafel nur äußerst grob wiederge­ geben. Immerhin werden für den linksrheinischen Raum mehr als zwei Dutzend ein­ deutig identifizierbare Orte genannt, so daß wir auf die Struktur eines übergeordne­ ten Straßensystems schlie­ ßen können, wenn uns auch der tatsächliche Verlauf der Wege unbekannt bleibt...

Auch eine Verschmelzung keltischer Gotthei­ ten mit solchen der griechisch-römischen An­ tike gab es. Es liegen beispielsweise Zeugnisse dafür vor, daß man den keltischen Wasser­ und Heilgott antiken

Grannus mit dem klassisch­ Apoll gleichsetzte, zu dessen „Res­

sorts" gleichfalls die Heilkunst gehörte. Unter anderem ist der Name dieses alten Keltengot­ tes im römischen Namen der Stadt Aachen

(Aquae Granni

=

„Grannuswasser") enthal­

ten. Tatsächlich war ja Aachen wegen seiner T hermalquellen und Badeanlagen im Alter­ tum berühmt, und noch der Frankenkönig und spätere Kaiser KARL DER GRossE liebte es, in den altkeltisch-altrömischen „Grannuswas­ sern" ausgiebige Bäder zu nehmen. Zu den keltischen Gottheiten, die man im römischen

Germanien

verehrte,

gehörten

auch die sogenannten „Matronen , - Frucht­ "

barkeits- und Schutzgöttinnen, die man als Dreiergruppe mit Fruchtkörben oder Frucht­ schalen auf dem Schoß darstellte und unter verschiedenen Namen (darunter auch Namen germanischen Ursprungs) verehrte. Heiligtü­ mer dieser Göttinnen fand man beispielsweise bei Pesch, Zingsheim und Nettesheim (alle südwestlich von Bad Münstereifel gelegen). Diesen Keltengottheiten waren sogenannte „Umgangstempel" gallo-römischen Typs ge­ weiht. Sie bestanden aus einem turmartigen Allerheiligsten

(cella) mit einem breiten Um­

gang. Tempel dieser gallo-römischen Bauwei­ se fand man unter anderem auch in Arae Flaviae (Rottweil) sowie ursprünglich auf dem Schönbühl bei Augst (Augusta Raurica) am schweizerischen Rheinufer zwischen Basel und Rheinfelden. Erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. wurden diese Tempel keltischen Typs auf dem Schönbühl durch einen einzigen Bau ersetzt. Natürlich gab es daneben auch Heiligtümer der in der römischen Kaiserzeit so beliebten verschiedensten Mysterienreligionen - so bei­ spielsweise das „Haus mit dem Säulenkeller" (Haus Nr.

3) in der römischen Zivilsiedlung (vicus) beim heutigen Schwarzenacker (zwi­ schen Zweibrücken und Homburg, Saar). Unter anderem fand man hier Statuen ver­ schiedener römischer Götter und fragmentari­ sche Fresken mit Darstellungen aus der T he­

Römerbrücke in Trier. Noch immer erfüllt die um das Jahr 140 n. Chr. errichtete Römerbrücke in Trier - ein Meisterwerk antiker Ingenieurkunst als einzige antike Brücke Westeuropas ihren Zweck. Sie genügt sogar den Anforderungen, welche die Belastung durch moderne Verkehrsmittel an sie steltt.

matik der

Dionysos-/Bacchusmysterien. Den

griechisch-römischen

Gott

Dionysos/Bac­

chus zeigt auch das berühmte Dionysos­ Mosaik aus einem römischen Wohnhaus in Köln, über dem sich heute das Römisch­ Germanische Museum befindet. Mosaiken mit Darstellungen ganz anderer Art (aus der

30

Welt der Amphitheater) fanden sich beispiels­ weise in Bad Kreuznach und in der römischen Prunkvilla von Nennig nahe der luxemburgi­ schen Grenze. Natürlich gab es auch Amphi­ theater im römischen Germanien. Die noch immer eindrucksvollsten befinden sich in

" ...der Integrationskraft der mittelmeerischen Hochkultur konnten sich Kelten und Germanen nicht entziehen "

Xanten (teilrekonstruiert) und Trier. Zahlreiche Gutshöfe römischer

Veteranen

zeugen nicht nur davon, woher die Besatzun­ gen der Limeskastelle ihren Lebensmittel­ nachschub bezogen, sondern auch von der Besiedlungspolitik der Römer in den von ihnen besetzten Gebieten. Einer dieser Guts­ höfe liegt bei Hohlheim südwestlich von Nördlingen in unmittelbarer Nähe der vorge­ schichtlichen Ofnet-Höhlen. Zusammen mit den dunklen Höhlenmündungen und gähnen­ den Steinbrüchen im Hintergrund ergeben die Überreste dieser villa rustica ein archäologi­ sches Szenarium, das seinesgleichen sucht. Und doch lag der Hauptakzent der römischen Politik auf der Gründung von Städten. Nörd­ lich des Limes waren es vor allem die starken Garnisonen von Colonia Claudia Ara Agrip­ pinensium (Köln) und Castra Vetera (Xan­ ten), die diesen Teil der Grenze gegen Angrif­ fe aus

dem

Rechtsrheinischen

sicherten.

Köln, die Hauptstadt Niedergermaniens, war mit nahezu 20 000 Einwohnern für antike Begriffe recht groß. Schon um das Jahr 38 v. Chr. hatte A uGusTus· Freund MARcus V1r­ SANIUS

AGRIPPA (63-12 v. Chr.) die ursprüng­

lich rechtsrheinischen Ubier hier angesiedelt sowie zwei römische Legionen in der Stadt stationiert, die - mit einem Altar für Roma und Augustus

-

als städtischer Kultmittel­

punkt des neuen Ubier-Siedlungsgebietes ins Leben gerufen worden war. Doch als eigentli­ ches Gründungsjahr gilt das Jahr 50 n. Chr., als CLAumus (Kaiser: 41-54 n. Chr.) die Stadt, in der 15 n. Chr. seine Gemahlin,

Mosaik der Prunkvilla Nennig. Dieses Mosaikfeld aus der römischen Prunkvilla von Nennig (bei Remich) zeigt einen Orgelspieler und einen Hornbläser. Derartige Musiker untermalten Gladiatorenspiele.

AGRIPPINA die Jüngere, geboren war, zur römischen Veteranenkolonie erhob und ihr italisches Stadtrecht verlieh. Aber Köln hatte nicht nur als Garnison und Verwaltungszentrum militärische und politi­ sche Bedeutung. Es entwickelte sich auch zu einem wichtigen »Industriestandort«. Vor al­ lem stellte man hier künstlerisch und technisch hervorragende Gläser her, die Zeugnis vom hohen

Entwicklungsstand

des

römischen

Handwerks ablegen. Sie wurden auch in alle Gebiete des römischen Weltreiches exportiert. Wir können sie heute im Römisch-Germani­ schen Museum der Domstadt am Rhein bewundern.

Römisches Gebrauchsgeschirr. 31

Ge

] r1er Wird römische Kaiserstadt

Die mit ihren eindrucksvollen Römerbauten „römischste" Stadt auf deutschem 1 Boden lag nie im römischen

rm�e��;�����=r��

1

RollllSch-Germamens.

T

rier, eine der ältesten Städte Deutsch­

Stadtrecht, und die neue Kolonie blieb auch

händlers im nahen Dorf Igel, stammen zahl­

lands, an einem Knotenpunkt bedeuten­

Sitz der römisch-germanischen Finanzverwal­

reiche römische Grabsteine aus Neumagen (heute im Trierer Landesmuseum), deren

Handelswege

tung, als Kaiser D oMITIAN (81-96 n. Chr.) die

gelegen, verdankt seinen Namen dem Stamm

beiden Militärbezirke Ober- und Niederger­

Darstellungen Szenen aus dem Alltagsleben

der Treverer, von denen man beim besten

manien in eigene Provinzen umwandelte.

einer blühenden römischen Provinzstadt zei­

der

frühgeschichtlicher

Willen nicht mehr sagen kann, ob sie Germa­

gen. Zur Zeit des gallorömischen Teilreiches

nen oder Kelten waren. Nach Ausweis spätla­

Ab etwa dem Jahre 100 n. Chr. auch Versor­

tenezeitlicher Funde müssen sie zumindest

gungszentrum der in Germanien stationierten

VICTORINus und TETRicus (259-274) war

„Kulturkelten" gewesen sein. Trier war ihr

römischen Truppen, erlebte Trier einen enor­

Trier vorübergehend Residenz und Münzstät­ te dieser Gegenkaiser.

Handels- und Kultzentrum. Kaiser Au o usTU s

men wirtschaftlichen Aufschwung. Damals

(27 v. Chr. - 14 n. Chr.) gründete hier das

besaß es bereits sein Amphitheater (ca. 100 n.

unter den Usurpatoren PosTUMus, M ARIUS,

römische Augusta Treverorum , das unter Kai­

Chr.), seine „Römerbrücke " (ca. 140 n. Chr.),

Einen schweren Schlag erlitt die Stadt, als jene

ser T rnERIUS (14-37 n. Chr.) Finanzverwal­

über die der moderne Verkehr rauscht, als

Franken und Alamannen sie im Jahre 275/

tungs-Sitz der Provinz Belgica sowie der

wäre sie eigens für ihn geschaffen, und die

276 verwüsteten, die 260 den Limes durch­

beiden Militärdistrikte Ober- und Niederger­

sogenannten

brochen

manien wurde. Kaiser C LAumus (41-54 n.

noch in fränkischer Zeit benutzt wurden. Aus

Westen überschritten hatten. Doch Triers

Chr.) erhob den Ort - wie auch Köln - zur

derselben Entwicklungsphase Triers stammt

große Zeit begann erst nach dieser Katastro­

römischen Veteranenkolonie mit italischem

auch die etwas jüngere Grabsäule eines Tuch-

„Barbarathermen", die wohl

und

den

Rhein

in

Richtung

phe, als es abermals Kaiserstadt wurde, näm­ lich unter KoNSTANTIUS 1. C tt LO R u s dem Vater ,

K ONSTANTINS

DES

GRossEN. Um zu verstehen,

welche Funktion KoNSTANTIUs C ttLORus und seine Residenz innerhalb des Reichsganzen hatten, sollte man einiges über D roKLETIAN (Kaiser: 284-305) wissen. Einerseits machte D roKLETIAN aus dem römischen Kaisertum, dessen Begründer einst als „Retter der Repu­ blik" aufgetreten war, eine Despotie orientali­ schen Gepräges. Unter ihm gab es auch eine blutige Christenverfolgung. Andererseits aber bemühte er sich, das immer schwerer regier­ bare Riesenreich regierbarer zu machen. Des­ halb teilte er das Reich in eine Ost- und eine Westhälfte, die gleichzeitig von vier Kaisern regiert wurden, von denen zwei den Titel Augustus und zwei den Titel Caesar führten. Die beiden Augusti standen etwas höher als

Porta Nigra. Triers Wahrzeichen, die mächtige Porta Nigra (,Schwarzes Tor"), war das Nordtor der 6,5 km langen antiken Stadtmauer. Die Bezeichnung rührt von der Patina der Sandsteinquader. 32

Konstantinsbasilika. Blick von den drittgrößten T hermen des gesamten Römerreiches auf Triers „Konstantinsbasilika", um 305 n. Chr. erbaut.

"Ein monumentales Zeitzeugnis tritt in unser Leben.„ "

ihm Jesus den Sieg über den weströmischen Usurpator MAXENTIUS verheißen, wenn er die griechischen Anfangsbuchstaben des Wortes „ Christus", ein X ( Chi Lautwert: „ Ch") und =

ein P (

=

Rho Lautwert: „R"), kombiniert zu

dem Monogramm:l?oder

-F,

an die Feldzei­

chen seiner Soldaten heften ließe. KONSTANTIN tat es - und fügte im Jahre 312 seinem Gegner

die beiden Caesares. DIOKLETIAN selbst war

seine Zuständigkeit fielen Gallien und Britan­

einer der beiden Augusti, behielt sich aber vor,

nien. KoNSTANTius· Sohn von seiner ersten

an der Milvischen Brücke im Norden Roms

sozusagen „Oberkaiser" zu sein. Außerdem

Frau (oder Geliebten), Helena, war KONSTAN­

eine vernichtende Niederlage zu.

reformierte er die Provinzialverwaltung und

TIN DER GRossE, der das Römerreich auf

unterteilte die beiden Teilreiche in

christlichen Kurs brachte. Ob KONSTANTIN

Danach überhäufte er die Christen, die unter

sen („Reichssprengel").

diese Wende aus innerer religiöser Überzeu­

D10KLETIAN kurz zuvor noch grausam verfolgt

gung oder nur als kluger Realpolitiker herbei­

worden waren, mit Beweisen kaiserlicher

KoNSTANTIUS CHLORus nun wurde im Jahre

führte, läßt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls

Huld und ließ überall im Lande Kirchen

293 von seinem Schwieger- und Adoptivvater MAXIMIAN (286-305), DIOKLETIANS Mit Au­

erklärte er später seinem Biographen, dem

errichten. Zwar machte er schließlich Kon­

CAESAREA

stantinopel zu seiner neuen Hauptstadt, doch

gustus im Westen, zum Caesar ernannt. In

(um 260-339), in mehreren Visionen habe

setzte er auch in Trier die von seinem Vater

12 Diöze­

-

Kirchenhistoriker

EusEsros voN

begonnene Bautätigkeit fort. Nun erst ent­ stand wohl die gewaltige Porta Nigra, das monumentale Nordtor der römischen Stadt (obwohl Triers Stadtbefestigung bereits aus dem späten

2.

Jahrhundert n. Chr. stammt),

und erst jetzt wurden vor allem die mächtigen Kaiserthermen (die drittgrößten im gesamten

Römerreich) sowie der Kaiserpalast geschaf­ fen.

Grundriß des Tempelbezirks im Altbachtal. Etwas im Südosten der Trierer Kaiserthermen liegt der Tempelbezirk im Altbachtal. Wie der Plan deutlich erkennen läßt, dominiert hier der quadratische Grundriß gallischer Umgangstempel. Klar erkennt man den quadratischen Zuschnitt der Tempel-cellae inmitten der gleichfalls quadratischen Umgänge. Hier wurden keltische Gottheiten verehrt, wie auch Einzelfunde bezeugen. Gallische Umgangstempel fanden sich keineswegs nur in Trier, sondern auch in vielen Teilen des römischen Germanien (wie z.B. in Rottweil und Augst bei Basel), besonders aber in der Eifel (Pesch, Zingsheim und Nettersheim). 33

" ... und es entstand eine unsichtbare Sogwirkung"

Von diesem steht noch immer eine aus Back­ steinen ausgeführte Repräsentationsaula, die sogenannte Konstantinsbasilika. Nach wech­ selvollen Schicksalen wird das noch immer eindrucksvolle, ursprünglich profane Bau­ werk heute als evangelische Kirche genutzt.

ER

Auch die „Römerbrücke" erhielt in Triers „Kaiserzeit" fünf neue Steinpfeiler. Viele der antiken Bauten Triers wurden zerstört, über­ baut oder umgestaltet (wie beispielsweise die konstantinische Doppelkirchenanlage, die in­ zwischen nahezu alle Stilrichtungen abendlän­ discher Kirchenbaukunst repräsentiert, heute Dom und Liebfrauenkirche), und ein ähnli­ ches Schicksal wäre auch beinahe der Porta

Nigra widerfahren. Schon riß man in den metallarmen Zeiten nach der sogenannten

„ Völkerwanderung" an ihren Quaderstößen, soweit erreichbar, die Bleivergüsse und die eisernen Krampen heraus, die die Steinblöcke zusammenhielten. Doch zu weiteren Zerstö­ rungen kam es nicht, weil sich der Überliefe­ rung nach ein christlicher Einsiedler namens

S1MEON hoch oben im Ostturm des Tores einmauern ließ.

AQUITANIEN

\

Nach seinem Tode wandelte man Triers altes,

FRANKEN

Stammesverbände und Großstämme

CHAUKEN

Einzelstämme, z.T., in Stammesverbände aufgegangen

patinageschwärztes Stadttor in eine Kirche um, und damit begann eine neue Phase in der Geschichte des Bauwerkes. Sie endete erst

1804, als NAPOLEON alle kirchlichen Zutaten (bis auf die romanische Ost-Apsis) entfernen ließ. Heute ist das ehemalige Stadttor Triers

ROmisches Reich mit Limes

0

100

Wahrzeichen und gleichzeitig Triers bedeu­ tendste Touristenattraktion, obwohl die noch

200 km

immer verkehrstaugliche Römerbrücke ei­ gentlich noch mehr Bewunderung verdient. Eine technische Glanzleistung waren schließ­ lich auch die Hypokausten ( Unterbodenhei­ =

" Trier wird Hauptstadt des Römischen Westreiches, aber die Germanen formierten sich zur großen Auseinandersetzung.„"

zung) der „Konstantinsbasilika ". Nach einer kurzen Spätblüte unter VALENTINIAN 1. (Kaiser:

364-375) und dessen Sohn GRATIAN (Kaiser: 367-383) wurde die kaiserliche Hofhaltung im Jahre 395 wegen der Gotengefahr - nach -

Die großen Sklavenaufstände der Republik erschütterten das Römische Reich von innen. In der frühen und hohen Kaiserzeit bis ins dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung herrschte im Westen des Weltreiches relative Ruhe. Die Wirtschaft blühte, und die gallorö­ mische Aristokratie errichtete prunkvolle Vil­ len, die in diesem Teil der Welt neue Maßstäbe setzten... Aber als seit dem Ende der großen Erobe­ rungskriege in der Mitte des zweiten nach­ christlichen Jahrhunderts der Nachschub an Sklaven versiegte, begann für viele Kolonen der soziale Abstieg. Sie verschulden sich an die Großgrundbesitzer. Demoralisiert ziehen sie zum Beispiel in den Jahren 285/6 (»Galli-

34

scher Bauernaufstand«) als plündernde Bau­ erntrupps durchs Land. Im Westen des Rei­ ches war die »Pax Romana" dahin... Es war dies die Zeit, da die germanischen Stämme in der Tiefe des mitteleuropäischen Raumes weit jenseits der römischen Grenz­ befestigungen ihren Status als römische .Klienten" aufgaben und damit ihre Funktion als vorgeschobene Puffervölker nicht mehr wahrnehmen wollten. Die Markomannen, Quaden, Hermunduren ..., sie alle gerieten in Bewegung und begannen, auf die römischen Grenzen zu drücken. Im Jahre 260 unserer Zeitrechnung überrennen die germanischen Alamannen den obergermanischen Limes. Ein neues Zeitalter war angebrochen...

Mediolanum (Mailand) und Arelate (Arles) verlegt. Trier hatte aufgehört, Kaiserstadt zu sein. Aber noch heute zehrt die Stadt von ihrer großen Vergangenheit...

Literatur Ernst Wahle: Ur- und Frühgeschichte im mitteleuropäischen Raum. In: Bruno Gebhardt, Handbuch der deutschen Ge­ schichte, Bd. 1, 9. Aufl., München 1999. Charles-Marie Ternes: Die Römer an Rhein und Mosel. Geschichte und Kultur. 4. Aufl., Stuttgart 1982.

Es war alles ganz anders. Nie war Geschichte so überschaubar, wie beispielsweise Schulbücher sie darzustellen pflegen. Sie spielte sich auch nicht zwischen „Lichtgestalten" und „Finsterlingen" ab, sondern Licht und Schatten 1 waren in der Regel gleichmäßig verteilt.

derten an der Tagesordnung. Kaiser DEc1us fiel 251 n. Chr. im Kampf gegen Goten, die die Donau überschritten und große Teile römi­ schen Reichsgebietes auf dem Balkan verwü­ stet hatten. Unter GALLIENUS (253-268) über­

D1e Völkerwanderung

G

erade die markantesten Ereignisse

Ebenso steht es mit der üblichen Festsetzung

rannten Franken und Alemannen die römi­ schen Grenzbefestigungen an Rhein und Do­ nau, und im Osten kamen Goten und Heruler sogar zu Schiff über das Schwarze Meer und überfielen die Ostprovinzen des Reiches. Das Muster dieser Wanderzüge war stets gleich. Immer stand eine Notlage dahinter, wenn sich ganze Bevölkerungsgruppen auf Wanderschaft begaben. Und Rom setzte die­ sen Zuwanderern nicht nur militärische Ge­

lassen sich zeitlich nicht festlegen.

des Beginns der „Völkerwanderung" auf das

walt entgegen, sondern zahlte ihnen auch

Oder wann endete beispielsweise das

Jahr 375 n. Chr. Tatsächlich gab es Völker­

ungeheure „Entwicklungshilfen", wies ihnen

Römerreich, wann die Antike? Die eindeutige

wanderungsbewegungen, seit es Völker gab,

Siedlungsplätze zu und nahm sie schließlich

Beantwortung dürfte schwerfallen.

und auch in Europa waren sie seit Jahrhun-

alsfoederati („Verbündete") in die Pflicht: Die Weg der Goten

!ß .._o

/\/ 0

-

-

Weg der Ostgoten

- - - - - - - Weg der Westgoten Hunnenzüge

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Weg der Vandalen

c:

0 Caesarea

Damaskus 0

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OJerusalem

Die Völkerwanderung - • -

Grenze der Reichsteilung (um 395)

35

Neuankömmlinge

hatten

für

das

Nibelungen. Der Kampf zwischen Germanen und Hunnen ist das Hauptthema des um das Jahr 1200 entstandenen Nibelungenliedes. Die Abbildung aus einer Handschrift des 15 Jh. zeigt die Abfahrt der Burgunder ins Hunnenland.

Reich

Kriegsdienst zu leisten! Auf diese Weise wur­ de das römische Heerwesen immer stärker überfremdet, ja Einwanderer von Rang rück­ ten in die höchsten Dienstgrade auf.

" ... und ihre Wildheit übersteigt alles Maß "

Doch mehr noch: Ursprünglich warenfoede­ rati

militärdienstpflichtige

Klientel-Puffer­

staaten am Rande des Römerreiches gewesen. Aber seit Kaiser VALENS (364 - 378) den vor den Hunnen geflohenen Westgoten inner­

Katalaunische Felder. Im Juni 451 besiegte das überwiegend aus Franken und Westgoten bestehende Heer des römischen Feldherrn Aetius auf den ,Katalaunischen Feldern' bei Chälons-sur-Marne den Hunnenkönig Attila, auf dessen Seite gleichfalls Germanen (Franken, Sueben und Ostgoten) kämpften.

halb der Reichsgrenzen den foederati-Status gewährt hatte, entstanden - mit dem Segen der Kaiser in Ost und West - immer mehr fremde Staatsgebilde, die auf römischem Bo­ den durchaus nicht immer nur römische Politik trieben. Was aber hatte es mit dem Jahre 375 auf sich, dem angeblichen „Beginn der Völkerwanderung"? Nun - 375 überrann­ ten die Hunnen das Ostgotenreich am Nord­ ufer des Schwarzen Meeres. Ein Jahr später hatten sie den Dnjestr (westliche Ukraine) überschritten, die Westgoten vertrieben und standen an der römischen Donaugrenze. Für die Westgoten begann damit ein „langer Marsch", der sie nach manchem Umweg schließlich

nach

Südwest-Frankreich

und

Ost-Spanien führte. Um 393 verfaßte der Historiker AMMIANus MARCELLINus die älteste Schilderung der Hunnen. Sie läßt an den Eindringlingen aus dem Osten kein gutes Haar und prägte das Bild, das man sich von Hunnen machte, bis heute. Um das Jahr 436 zerschlugen hunnische Hilfstruppen des weströmischen Heermeisters Atrrns das kleine Burgunderreich, das damals in der Gegend von Worms bestand. Dies ist der historische Hintergrund der Nibelun­

gensage, die allerdings AETIUS' hunnische Hee­ resabteilungen fälschlich mit dem Hunnenkö­ nig ATTILA in Verbindung bringt. ATTILA zeigt seinerseits, wie verfilzt die Verhältnisse zwi­ schen Römern und „Barbaren" waren. Ab 441 fiel er über das römische Ostreich her und erpreßte ungeheure Unterstützungssummen. Im Jahre 448 erhielt er auch Land zugewie­ sen. Aber 450 stellte Ostrom die Zahlungen ein, und nun wandte sich ATTILA gegen West­ rom, zumal HoNORIA, die Schwester Kaiser VALENTINIANS 111., ihn in einer privaten Angele­ genheit um Hilfe gebeten und ihm ihren Siegelring gesandt hatte. ATTILA hielt dies für ein Eheversprechen und wollte die Mitgift kassieren. Doch nun trat ihm der an sich sehr hunnenfreundliche AE11us

-

diesmal mit

germanischen (insbesondere westgotischen) Hilfstruppen - auf den Katalaunischen Fel­ dern (bei Chälons-sur-Mame) entgegen und 36

Zeitzeugnis: Die Hunnen .(„.) Das Volk der Hunnen, aus alten Berich­ ten nur wenig bekannt, wohnt über den Maiotischen See hinaus gegen das Eismeer hin, und ihre Wildheit übersteigt alles Maß. Da bald nach der Geburt den Kindern tiefe Einschnitte in die Wangen gemacht werden, damit der zu seiner Zeit einsetzende Haar­ wuchs durch die Runzeln der Narben ge­ hemmt werde, entbehren sie bis in ihr Alter jeglicher Zierde des Bartes, gleich den Ver­ schnittenen. Sie haben einen gedrungenen, starken Gliederbau und dicken Nacken, eine abenteuerliche, verzerrte Gestalt, daß man sie für zweibeinige Tiere oder für plump zugehauene Klötze halten könnte, wie man sie auf Brücken angebracht findet.' (Der römische Geschichtsschreiber Ammia­ nus Marcellinus um 393)

schlug ihn zurück. Das Ergebnis dieses Waf­ fengangs war die Eindämmung der hun­ nischen Expansion und in der Folge die Auf­ splitterung der Hunnen und ihr Aufgehen in anderen Völkerschaften, z.B. den Chasaren.

Man hat diese Schlacht zu einem Kampf „Europas" gegen „Asien" hochstilisiert. Es war aber auch einfach ein Kampf zwischen römischenfoederati aus Ost und West, ja auch eine Schlacht von Germanen gegen Germa­ nen, denn auch ATTILA rückte mit germa­ nischen Hilfstruppen an. Einen Versuch, Italien zu erobern, gab ATTILA kampflos auf, nach­

dem 452 Papst LEo DER GRossE persönlich interveniert hatte. Im Jahre 453 starb ATTILA in der Hochzeitsnacht mit einer Germanen­ prinzessin namens ILDIKO.

Mit Attilas Tode endete nur ein folgenschwerer Abschnitt der Völkerwanderung, nicht aber die Völkerwanderung selbst. Ihr für die Römer schmerzlichstes Ergebnis war die Zerstörung des Mythos von der Unbezwingbarkeit Roms. 1

Palast des Theoderich. Dieses Mosaik aus der 500-504 errichteten, ehemals arianischen Bischofskirche San Apollinare Nuovo zeigt eine Abbildung des Theoderich-Palastes. Als die Katholiken 560 diese Kirche über­ nahmen, ersetzten sie die Darstellungen des ariänischen Gotenkönigs und seines Gefolges, die sich ursprünglich zwischen den Palastsäulen befunden hatten, durch Vorhänge.

Das Re1ch Theoderichs des Großen

E

Truppen in Rom stand. Zwar zogen die

twa zwei Jahre nach ArrILAS Tode schlugen bisherige Untertanen der

Westgoten schon nach drei Tagen wieder ab,

Hunnen, die ostgermanischen Gepi­

und der Schaden in Rom hielt sich in Grenzen, doch der Schock saß tief.

den, ArnLAS Söhne am Fluß Nedao (vermut­ lich heutiges Ungarn). Zur selben Zeit

( 455)

erlebte Rom, nun schon zum zweiten Male

Warum? Es hatte sich die Unsitte eingebür­

binnen kurzem, einen absoluten T iefpunkt

gert, daß Roms Prätorianergarde und Roms

seiner Geschichte. Seit 387 /386 v. Chr. hatte

Heer die Rolle von „Kaisermachern" spielten .

kein fremder Eroberer seinen Fuß auf den

Allmählich gehörte gewaltsamer Tod fast zum

Boden der „Ewigen Stadt" gesetzt, und noch

normalen „Berufsrisiko" der Römischen Kai­

409 n. Chr. prägte man in Rom eine Münze

ser, und gar nicht selten führten die von

ewiges

schweren Gewalttaten begleiteten Regierungs­

Rom«. - Doch welche Ironie: Der Herausge­

wechsel zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

mit

der

Aufschrift:

»Unbesiegtes,

ber dieser Münze war eine Marionette von Gnaden des Westgotenkönigs ALARICH, der Ostia erobert hatte und schon

410 mit seinen

Goldmünze aus dem 6. Jh. Sie enthält das einzige überlieferte Porträt des Gotenkönigs.

Man versuchte, diesem Übel auf verschiedene Weise zu begegnen, indem man das Reich mehrmals teilte, um mehrere T hronbewerber 37

zur selben Zeit zufriedenzustellen und gleich­ zeitig das Riesenreich regierbarer zu machen. Ja, Kaiser D10KLETIAN

(284-305) setzte gar

ein Gremium von vier Herrschern ein, die West- und Ostrom gleichzeitig regierten und in verschiedenen

Hauptstädten residierten.

Kaiser KONSTANTIN 1.

(306-337) verlegte 330

den Schwerpunkt der Reichsverwaltung nach „Neu-Rom" („Ostrom", Konstantinopel), und seit

ARKAmos

(Ost,

HoNoR1us (West,

395-408) und seit 395-423) kann man von

einer mehr oder weniger endgültigen Reichs­ teilung sprechen (obwohl es noch immer Reichseinigungsträume gab). Hinzu kam, daß die Herrscher des Westrei­ ches meist gar nicht mehr in Rom residierten, sondern beispielsweise in Mailand, wenn die Situation in den Alpen- und Rheinprovinzen es erforderte, den Alpen und dem Rhein nahe zu sein, oder in Ravenna, das fast unangreifbar war. Dennoch war und blieb Rom der wich­ tigste Bezugspunkt, die geistige Hauptstadt des Reiches, dessen Herrscher sich allein „Kaiser" nennen durften. Wenige Jahrzehnte später

Kaiser Justinian. Theoderich der Große

und sein Werk waren auf Gedeih und Verderb mit Byzanz verbunden. Doch nach seinem

(455) wurde das

„unbesiegte Rom" abermals von Germanen geplündert - diesmal von den Vandalen des Königs GEISERICH, der sich als Rächer des kurz zuvor ermordeten West-Kaisers VALENTINIAN aufspielte. Nach GEISERICHS Romzug herrsch­ ten im Westreich chaotische Zustände, und der Hofdichter, AroLLINARIS SmoNius, der jeden neuen Kaiser mit Lobliedern feierte, hatte Hochkonjunktur. Schließlich kam es

475 zur Absetzung des Kaisers Juuus NEros,

Tode führte der Byzantinische Kaiser Justi­ nian 1.

(527-565) den Vernichtungskrieg gegen

das von Theoderich geschaffene Ostgoten­ reich

(535-553). Die Abbildung zeigt Justinian

und sein Gefolge in der 547 eingeweihten Kirche San Vitalo zu Ravenna. Kirche der Arianer mit Baptisterium im

Vordergrund. Ravenna, Italien. - Fast alle Völker, die damals in der Übergangs­ phase zwischen Altertum und Mittelalter ihre Reiche gründeten, waren Arianer.

Das enzyklopädische Stichwort »Spätantikecc. Der Zeitraum zwischen Al­ tertum und Mittelalter. Der Begriff steht im allgemeinen für den Zeitraum des zweiten bis sechsten nachchristlichen Jahrhunderts, also für die Zeit zwischen 150 n.Chr. bis zum Tode Theoderichs des Großen. Als das Römische Weltreich zum Zeitpunkt seiner größten territorialen Ausdehnung zu­ gleich dazu übergehen mußte, seine Gren­ zen zu sichern (z.B. Bau des Limes in Mitteleuropa), wurde deutlich, daß es sich zusehends schwertat, mit den in Bewegung geratenen Völkern militärisch fertig zu wer­ den. In kriegerischer Auseinandersetzung wie auch friedlichem Austausch haben nacheinander die Wandervölker Vandalen, West- und Ost-Goten sowie Langobarden das Römische Reich in seinen Grundfesten erschüttert, wie dies in anderer Weise, vom Zentrum aus, ebenso durch das Christentum geschah. Nachdem es zur Staatsreligion erhoben wor­ den war (391) und nach dem Fall des letzten weströmischen Kaisers (476), waren die Vor­ aussetzungen für eine erstaunliche Spätblü­ te antiken Lebens und antiker Kultur ge­ schaffen. Dafür steht insbesondere die Epo­ che T heoderichs des Großen. So zeigte sich, daß die germanischen Wandervölker zwar die Kraft zur politischen Erschütterung des Römischen Reiches besaßen, nicht aber die der Umgestaltung. Erst mit dem Entstehen des fränkischen Großreiches unter den Merowingern betre­ ten wir den Boden des Mittelalters. Neue historische Kräfte traten auf den Plan.

38

und RoMuLUs „AuousTuws" („Kaiserehen",

Das Leben Theoderichs

„Augustelchen") bestieg den weströmischen T hron. Sein Vater, der römische Heermeister mit dem klangvollen

klassischen

Namen

Um

455

Bis

470

0RESTES, stammte aus Pannonien (etwa Ost­ österreich, Westungarn und Nordjugosla­ wien) und war einst Sekretär und Gesandter

474

des Hunnenkönigs ATTILA gewesen. Aber auch F LAv1us OooAKAR, einer der höchsten Offiziere in 0REsrns

'

Germanenarmee, der

RoMuLUs schon 476 wieder absetzte, hatte als (germanischer) Skiren- oder Rugierprinz in

489 493

seiner Jugend ATTILA als Gesandter gedient. OooAKAR wurde von den germanischen Sol­ daten zum Heerkönig erhoben. Aber noch lebte ja J uuus NEros, der vertrie­

497

bene Vorgänger des von Ostrom nie aner­ kannten R oMULUS Auousrnws, und in Ost­

507

rom begnügte man sich mit der Fiktion, O ooAKAR habe den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt und herrsche nur als NEros

523

'

Bevollmächtigter. Nun aber kam der Ostgo­ tenkönig THEODERICH 1. ins Spiel. Die Ostgoten

Grabmal Theoderichs

(6. Jh.). Ravenna, Italien.

526

Theoderich wird als Sohn von Thiu­ dimer, einem Teilkönig der Ostgo­ ten, geboren. Erziehung als Geisel am Hof Kaiser Zenons in Konstantinopel. Übernahme der Herrschaft nach dem Tod seines Vaters. Übersied­ lung ins oströmische Niedermösien (Bulgarien) als Föderal Kaiser Ze­ nons. Sieg über Odoaker. Vertrag zwischen Theoderich und Odoaker, der die gemeinsame Herr­ schaft in Italien vorsieht; Theoderich erschlägt Odoaker; er heiratet Audo­ fleda, die Schwester von Chlodwig 1. Anerkennung als König von Italien durch den oströmischen Kaiser Anastasios 1. Sendung eines Friedensbriefs an Chlodwig 1. Ausdehnung des Reichs bis an die lsere. Tod in Ravenna.

hatten später als die Westgoten im Römer­ reich Aufnahme gefunden. THEODERICH hatte

Mehrmals kam es zu Brüchen und Wiederver­

vom 8. bis zum 13. Lebensjahre als Geisel in Konstantinopel gelebt und die Zuneigung

söhnungen, man ernannte ihn zum zweiten Reichsfeldherrn, zum Konsul für 484, ge­

LEDs

währte ihm einen Triumphzug und errichtete

(457-474) gewonnen. Unter LEDs Nachfolger ZENO (474 49 1 ) aber war seine

ihm eine Ehrenstatue, doch schließlich spielte

Position

man

1.

-

im

Ostreich

recht

schwankend.

ihn

gegen

OooAKAR

aus,

indem

man ihn zum „Heermeister und Schutzherrn Italiens" ernannte und gegen OooAKAR in Marsch setzte. Nach einer ganzen Reihe von Niederlagen und mehr als zweijähriger Belagerung ergab sich dieser schließlich gegen die Zusage, den gleichen Ehrenrang wie THEODERICH zu genie­

In Perspektive gerückt .„ Boethius, der und Vertraute

Ratgeber

.. .

T heoderich, der es fertig­ brachte, Odoakar eigenhän­ dig niederzustechen und dessen Gefolge beim Gast­ mahl niederschlagen zu las­ sen, hatte als Ratgeber und Vertrauten gleichwohl einen außerordentlich sensiblen Menschen und subtilen Geist, der zu den liebenswer­ testen Gestalten der römi­ schen Antike gehört: Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius (um 480-524), ei­ nen Staatsmann von senato­ rischem Rang und gleichzei­ tig dem letzten bedeutenden, stoisch geprägten Philoso­ phen des Altertums. Boethius, der im Gegensatz zu dem Arianer Theoderich katholischer Christ war, ver­ suchte nicht mehr und nicht weniger, als griechisches Gedankengut in der Geistes­ welt eines Rom einzuwur-

zeln, das kaum noch existier­ te, und gleichzeitig dem Chri­ stentum griechisch-philoso­ phische Fundamente zu ge­ ben. So wurde vieles von dem, was er dachte und schrieb, zur Grundlage mit­ telalterlicher Bildung. Seine persönlichste Schrift ist De consolatione philosophiae („Über den Trost der Philoso­ phie"). Er verfaßte sie im Ge­ fängnis, nachdem Theode­ rich ihn als angeblichen Mit­ wisser einer Verschwörung hatte einkerkern lassen. Er habe, so argwöhnte Theo­ derich, mit dem nachmaligen oströmischen Kaiser Justi­ nian 1. gegen Theoderichs Gotenreich in Italien konspi­ riert. Dieser Argwohn kostete ihn das Leben: Im Jahre 525 wurde Boethius hingerichtet.

und Prokopius, der Ge­ schichtsschreiber: .Seine „.

gewaltige Hand sorgte für

ßen. Doch THEODERICH lud ihn zu einem Gerechtigkeit allerwegen und war ein starker Schirm für Recht und Gesetz (... ). So war Theoderich dem Namen nach ein Tyrann, in Wirklich­ keit aber ein rechter Kaiser, nicht um Haaresbreite gerin­ ger als irgendeiner von de­ nen, welche sonst diese Würde bekleidet haben. Ob­ gleich es dem menschlichen Charakter zu widersprechen scheint, liebten und verehr­ ten ihn tatsächlich Goten und Italiker ohne jeglichen Unter­ schied(...). Nach einer Regierung von Jahren siebenunddreißig starb er, der Schrecken sei­ ner Feinde, von seinen Un­ tertanen aufs tiefste betrau­ ert".

(Prokopios von Kaisareia, 6. Jh„ in seiner Geschichte des Vandalen- und Goten­ krieges über Theoderich den Großen).

Gastmahl ein, bei dem er OooAKAR eigenhän­ dig erstach und sein Gefolge umbringen ließ. Nun herrschte THEODERICH selbst als König über Italien. Von römischen Senatoren bera­ ten, bemühte er sich um Verständigung mit der römischen Bevölkerung. Auch den Katho­ liken gegenüber erwies er sich als ungewöhn­ lich tolerant, obwohl er - wie die meisten Germanen - der arianischen Glaubenslehre (Arianismus) angehörte, wonach Christus keineswegs „eines Wesens mit dem Vater" war. Dem arianischen Kult waren die Kirche San Apollinare Nuovo und das Baptisterium der Arianer geweiht, die THEODERICH in Ra­ venna errichten ließ. Erst gegen Ende seiner Regierungszeit kam es zu schweren Spannungen mit Ostrom, mit den römischen Päpsten, dem römischen Senat und anderen germanischen Fürsten. Doch ehe sich diese Spannungen in einem Kriege entla­ den konnten, starb THEODERICH (526) und wurde in seinem monumentalen Grab bei Ravenna beigesetzt. Er ging als „Dietrich von Bern" in die Sage ein. 39

' Der Beg1 nn

Keine 30 Jahre überdauerte das Ostgotenreich T heoderichs Tod. Doch auf ehemals gallischem Boden hatte sich ein neues Germanenreich gebildet - das der Franken.

nach Marokko vorgedrungen. So sehr sich das Frankenreich auch allmählich ausdehnte und festigte - es blieb doch ein Konglomerat kleiner Gau- oder Teilfürsten, die allerdings eine gewisse Prachtentfaltung kannten. Dies zeigt unter anderem das bereits im Jahre

1653 entdeckte Grab C mwERICHS I. in Tournai (Belgien). Dieser C mLDERICH war Cttwow1as Vater. Beide gehörten einer Königsfamilie an,

ran enre1c es 1

m Jahre

553 besiegte N ARSES, der arme­

nische Feldherr des oströmischen Kai­

die man - nach C ttILDERICHS Vater MEROWECH

- als „Merowinger" bezeichnet. CttLODWIG war der erste Frankenkönig, der ein größeres Frankenreich schuf - und er traf eine Ent­ scheidung von weittragender politischer Be­ deutung: Er entschied sich nicht für den

Schon mehr als ein Jahrhundert vor jener

Arianismus, sondern er ließ sich katholisch

375, die wir nicht in

taufen und übernahm damit die Form des

ominösen Zeitmarke

(527-565), den letzten

jeder Hinsicht als „Beginn der Völkerwande­

Chri s tentum s zu der sich auch die überwie­

Ostgotenkönig TEJA am „Milchberg" (heute:

rung" akzeptieren können, als der sie uns

gende Mehrheit der romanisierten keltischen

Monte di Sant' Angelo) südlich des Vesuvs.

immer angedient wird, hatte der (vor

Einer seiner königlichen „Intimfeinde", mit

Niederrhein entstandene) Stämmebund der

sers Ju snNIAN

258 am

,

Bevölkerung Galliens bekannte.

dem er sich anfangs gut verstand, dann aber

Franken wie mit einem Paukenschlag die

Im Zusammenhang damit enthält die histori­

überwarf, war sein Schwager, der Frankenkö­

Bühne der Geschichte betreten. Er hatte den

sche Überlieferung eine rührende Geschichte:

nig Cttwowm

(482-511), dessen Schwester 493 TttEODERICH geheiratet hatte.

römischen Rhein-Limes durchbrochen und

Dem Einfluß seiner burgundischen Gemahlin

AuoEFLEDA

war schon

257 über Gallien und Spanien bis

CHRODEHILDE, die Katholikin war, sei es zu danken, daß er katholisch wurde. Zwar habe er anfangs die Ermahnungen seiner frommen Frau in den Wind geschlagen, sich jedoch 496 an sie erinnert, als er während einer Schlacht in schwere Bedrängnis geraten war. Damals habe er gelobt, sich „in Christi Namen" taufen zu lassen, wenn Gott ihm den Sieg verliehe. Doch rührende Geschichten passen schlecht zu Cttwow1a, selbst wenn der Bischof GREGOR voN TouRs

( 538-594) sie berichtet. C ttLODWIG

war ein berechnender, grausamer Macht­ mensch, der auch vor Greueltaten nicht zu­ rückschreckte, wenn es machtpolitische Ziele zu verwirklichen galt. Was er vom Christen­ tum erhoffte, geht aus einer Äußerung hervor, die er bei seiner Taufe getan haben soll: Das weiche Taufgewand, so soll er gesagt haben, Frankenhelm. Dieser fränkische Spangenhelm, der im Fürstengrab von Marken (Erft) gefunden wurde, stammt aus der Zeit um 605. Rheinisches Landesmuseum, Bonn.

möge ihm „die Kraft der starren Waffen mehren". Vielleicht aber wollte G REGOR voN TouRs ihn durch die Erzählung von seinem Taufgelübde, dessen Erfüllung an die Bedingung geknüpft war, daß Gott ihn siegen ließe, nur als eine Art

Grabplatte eines fränkischen Kriegers der Merowingerzeit aus Niederdollendorf/Königswinter (Ende des 7. Jh.). Das ,,Fürsten­ schwert", das der Abgebildete in der Hand hält, läßt den Schluß zu, daß der Bestattete einen hohen gesellschaftlichen Rang einge­ nommen haben muß. 40

„Konstantin der Franken" hinstellen, denn auch

die

GROSSEN

Hinwendung

K ONSTANTINS

DES

(306-337) zum Christentum war ja

mit der Hoffnung auf einen militärischen Sieg verbunden gewesen - den Sieg über seinen Rivalen M AXENT1us, den er am 28. Oktober 312 an der Milvischen Brücke im Norden Roms errang. Cttwow1G konnte durch einen solchen Vergleich nur gewinnen. GREGOR voN

TouRS, der eine Geschichte der Franken verfaß­

Merowingische Geschichtsschreibung Gregor von Tours, ein Bischof, der unsterblich wurde, weil er zugleich Geschichtsschreiber war. Gregor (538-594) verfaßte eine Lebensbeschreibung seines berühmten Vorgängers, des aus Ungarn gekommenen Nationalheiligen der Franken , Martin, ebenfalls Bischof von Tours. Vor allem aber wurde Gregor von Tours durch seine "Frankengeschichte" (bis 591) bekannt. Sie ist das älteste Ge-

über Chlodwigs Gregor Taute: "Als er zur Taufe hin-

schichtswerk christlich-nationaler Prägung und die wichtigste Schilderung des Entstehens der Merowingermacht, - dies nicht zuletzt, weil diese auch Chlodlo andere Quellen, die heute verloren gegangen sind, heranzieht.

te, ist unsere Hauptquelle über dessen Leben und

trat, redete ihn der „Heilige Gottes also an: „ßeuge still deinen Nacken, Sicamber, verehre, was du verfolgtest, verfolge, was du verehrtest« Also bekannte der König den allmächtigen Gott als den dreieinigen und ließ sich taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und wurd� gesalbt mit dem heiligen 01 unter dem Zeichen des Kreuzes Christi." „.

-425bis-455

l llerowech -455

l

Chllclerlch 1.

Theudarlch 1.

Chlothar l.

Chlodomer

511-560/611Soissoos. 558 ganzes Frrielnieh)

511-524 IOl18nl

Slglbert !·

.

.

1

Theuclebakl

575-596 IAusnn.

584-629 INeusrief\ 613 ganzes Frankerreich)

Theudarlch II.

596-613 IBllVd. an. Austienl

l

Siglbert II.

613, t 613 IAumen, Burgird)

Theuclebert u. 596-612 IAustien)



Dagobertl. 623-638 IAustian. 629gwesF�)

.

Dagobertß.

675-679 IAuslrienl

Franken beset zt. Um andererseits jedoch auch seine fränkischen Gefolgsleute nicht zu enttäuschen, s chenkte er diesen Ländereien und Geld aus dem Besitz reicher Römer, so



daß durch dies e Maßnahme eine neue Adels­

Ch8l1bert H.

schicht entstan d.

629-632 l�I

Vom Plan seines Schwagers THEODERICH, ein gesamtgermanisches

gegen

Lieber schuf er ein eigenes Reich, das von der

.

.

.

Chllclerlch II.

Chlothlr HI.

Theudarlch HI. 673-690/91

Nordsee bis zur Donau und von den Pyrenäen bis zum Ijsselmeer reichte. Als er im Jahre 507 die Westgoten angriff, leistete THEODERICH

662-675 IAustian. 673 ganzesF�)

657-673 INeusnn. Blrgllld)

l

.

.

.

Chllperlch H.

Chlodwlg UI.

Chlldebert IH.

ChlotlwlV.

690/91-694

Bündnissystem

Ostrom zu sc haffen, hielt CHLODWIG nichts.

638-657 INeusrier\ Blrgllld)

715/16-721 INeusöln)

INeuanr1. Burgood.

diesen sogar Hilfe, kam aber

679 ganzes FllVlkemich)

694-711

717-719/20

zu spät. Immerhin konnte er erreichen, daß den Goten das

Gebiet

zwischen

der

südlichen Rhöne und den Pyrenäen verblieb.

l

,!.

Chllderlch HI.

DagobertIII.

Nachdem CHLoow1G in Paris gestorben war,

711-715

herrschten sei ne Söhne als gleichberechtigte

743-751, t754

" Die Merowinger beseitigten die spätrömische Herrschaft in Gallien. "

waltungsbeamte und Geistliche durften wei­

Chlodwlgll.

633-656 IAuslrien)

,!.

für die einheimische Bevölkerung. Auch Ver­

.

Siglbert HI.

Beibehaltung des Lateins als Amtssprache und

ter amtieren. N ur neue Stellen wurden mit

ChlotharU.

.

Seine Hinwendung zum Katholizismus war ein solch strategischer Schachzug, ein anderer die die Weitergewährung angestammter Rechte

Guntram

,!.

.

·

(einschließlich des Rechtes, Waffen zu tragen)

Sl*Brlllrgllld)

Chllclebert II. eti.Blrg.lld)

511-5581Parisl

561-593 IOl16ens,

l 548-SSS IReinsl

Chllclebert 1.



561-584 ISoissonSI

561-567 IParisl

.

.

Chllperlch 1.

Charlbert 1.

561-575 IReins)

..m mit Broohilde

Galliens katholischem Episkopat, dem einzigen

haltung es erforderten.

.

534-547 IReins)

cherte sie ihm ein gutes Einvernehmen mit

und Taktik des Machtausbaus und der Machter­

.

Theuclebert 1.

gallo-römischen Bewohner der von ihnen unter­ worfenen Gebiete akzeptabler! Außerdem si­

so rücksichtsvol1 konnte er sein, wenn Strategie

Clodwlg 1.

.

Bedeutung, machte sie doch CHLODWIG und seine Franken für die ebenfalls katholischen

setzen konnte, sobald es um Machtpolitik ging,

'482-511 lganzes

.

Diese Mas.5enbekehrung der Franken zum ka­ tholischen Glauben war von enormer politischer

ten der ehemaligen römischen Provinz. In der

Frankerreich)

,!.

das einfache Volk.

Tat - so brutal CHLODWIG seinen Willen durch­

l

511-533 IReins)

mit CHLODWIG die Taufe empfingen, später folgte

intakt gebliebenen Ordnungsfaktor in den Städ­

457158-'482 (Toornai)

Stammtafel der Merowinger

Taten. Von ihm erfahren wir, daß angeblich mehrere tausend fränkische Adlige zusammen

,!. Theudarlch IV. 721-737

Frankenkönige, führten aber grausame Riva­ litätskämpfe: Als einer von ihnen starb, ver­ brannten die anderen seine drei kleinen Kin­ der, um zu ver hindern, daß diese eines Tages Machtansprüche erheben konnten

„.

41

üOO�;;.���fä�� Di

Wer hätte geglaubt, daß Rom, das den Mantel seiner Siege

CmnFÖigen der Völkerwanderung „

A

ls der Kirchenvater und Bibelüberset­

man die Trümmer erst in der Neuzeit wieder­

Weil nämlich Eisen fehlte, entfernte man aus

(340 oder 350 bis 419/420), der seit 386 als Einsiedler

entdeckte. Daneben gab es allerdings auch

der Porta Nigra, dem monumentalen Nordtor der antiken Stadt, die Eisenkrampen, die einst

zer HIERONYMUS

Kontinuität, wie die Stadt Trier zeigt, die wohl

in Bethlehem lebte, diese Worte der Klage

nie gänzlich unbewohnt war, - auch nicht in

das Mauerwerk zusammengehalten hatten,

niederschrieb, war das für einen Römer Uner­

der langen Zeit des Übergangs. Freilich: Gera­

um sie einzuschmelzen. Auch auf andere

hörte geschehen: die Eroberung und Plünde­

de sie zeigt auf ihre Art den Niedergang der

Weise zeigt Trier, daß es in dieser Stadt - trotz

Wirtschaft.

aller Kontinuität - einen Bruch mit der

rung der „Ewigen Stadt" durch Westgoten im Jahre

ALARICHS

410. Doch Rom lebte

weiter. Noch der Germanenkönig OnoAKAR

(476-493) gab in Rom eine Münze mit dem Bildnis des in Ostrom als rechtmäßig gelten­ den West-Kaisers Juuus NEros

Am Anfang stand der Verlust der Schriftkenntnis„.

(474-480)

heraus, welche, die - inzwischen freilich zur leeren Formel erstarrte - Aufschrift »unbe­ siegtes Rom« trug! Wie lebendig der Romgedanke noch war, zeigte sich nicht nur in Konstantinopel, dessen Kaiser J usnNIAN

1.

(527-565) ganz und gar

„römisch" dachte und noch einmal das römi­ sche Gesamtreich vom Kaukasus bis Gibraltar und vom ersten Nilkatarakt bis zum Drau­ Ursprung wiederherzustellen versuchte, son­ dern es zeigte sich auch im Fortleben römi­ scher Gesetze und Institutionen bei den „Bar­ baren", die ihre Reiche auf ehemals römi­ schem Boden errichtet hatten. Vor allem aber zeigte es sich, als am Weihnachtstage des Jahres 800 in Rom ein neues Kaisertum

entstand. Freilich mag es bisweilen schwerge­ fallen sein, an ein Fortleben Roms, in welcher Form auch immer, zu glauben. Denn jahrhun­ dertelange Kämpfe mit „barbarischen" Ein­ dringlingen, die schließlich, wenn auch teil­ weise ihrerseits romanisiert, die Oberhand behielten, konnten am Römerreich nicht spur­

Hauptstadt der römischen Provinz Noricum

Fränkische Grabsteine ver­ raten, wie im frühen Mittelal­ ter die Kenntnisse der lateini­ schen Grammatik, Recht­ schreibung, ja schließlich so­ gar die Kenntnis der Schrift überhaupt zurückgingen. So weist der aus dem 6. Jh. stammende Grabstein aus

(Kärnten) - wurde von den Invasoren buch­

dem merowingischen Grä-

los vorübergehen. Die literarischen Zeugnisse werden lücken­ haft, mancherorts holte sich der Wald zurück, was in römischer Zeit Bauernland gewesen war, und mancher Ort - wie Teurnia, die

stäblich dem Erdboden gleichgemacht, so daß 42

berfeld (links) von Brühl-Vo­ chem (Erftkreis) zahlreiche Fehler auf. Seine merkwürdi­ ge Form erklärt sich daraus, daß es sich um ein wieder­ verwendetes römisches Ge­ simsstück aus Kalkstein han­ delt. Im übrigen zeigt er be­ kannte christliche Symbole (Christusmonogramm, stili-

sierte Pflanzen und Tauben). Der Grabstein aus Mainz­ Kastel (rechts) zeigt, ganz abgesehen von dem Chri­ stusmonogramm, im Grunde nur noch .sinnlose" Zeichen und Zeichenfolgen; keine Frage, unser Steinmetz konnte weder lesen noch schreiben!

Vergangenheit gegeben hatte: Vor der Wall­

mit der Inschrift: „Ich was geehret als ein gott

fahrtskirche St. Matthias am Südrand der

/ itz stehen ich hier der weit zum spott".

Grabgaben - einschließlich wertvoller Gläser

Stadt, die zwar erst aus dem 12. Jahrhundert

Kompliziert verhielt es sich mit dem wichtigen

- gehörten), ging die Herstellung derartiger

heidnischer Sitte zu bestatten (wozu kostbare

stammt, aber zu einer in ihren Anfängen bis

Industriezweig der Glasherstellung. So war

Gläser drastisch zurück. Doch gab es nun

auf frühchristliche Zeit zurückgehenden Anla­

Köln ein blühendes Zentrum spätrömischer

einen neuen Schwerpunkt: In der Völkerwan­

ge gehört, steht eine bis zur Unkenntlichkeit

Glasproduktion. Auch nach der Eroberung

derungszeit waren viele römische Kirchen in

verstümmelte Steinfigur. Sie stellte einst die

Kölns durch die Franken nach 450 ging die

Trümmer gesunken, und nach der Christiani­

heidnische Göttin Venus dar, wurde jedoch

Glasherstellung zunächst in begrenztem Um­

sierung der Franken baute man zahlreiche

nach dem Sieg des Christentums als „ Götzen­

fang weiter, und Kölns Museen zeigen prächti­

neue, für die man farbige Glasfenster benötig­

bild" zur Steinigung freigegeben. Sehr viel

ge Beispiele fränkischen Glases. Erst als die

te. In vielen Teilen Europas kam es zu einem

später, im 16. Jahrhundert, versah man sie

Franken davon abkamen, ihre Edlen nach

Niedergang des Geldwesens, der schließlich geradezu zu einem Rückfall in vormonetäre Zustände führte, denn man benutzte Hacksil­ ber - zu kleinen Stücken zerhackte Münzen und Schmuckstücke, die man nach Gewicht in Zahlung gab - als Zahlungsmittel. Eine letzte „Atempause" hatte die antike Kultur

unter

TttEODERICH DEM

GRoSSEN

(493-526) erlebt. Zu dessen engsten Beratern gehörte auch der römische Senator CAss1000R.

. . . Wir kennen diese Revolu­ tion als Völkerwanderung. Frische Stämme haben sich über die alte römische Welt ergossen und sich darin festgesetzt; sie haben so auf den Trümmern der alten Welt Hacksilber. Nicht nur Eisen war nach der Völkerwanderungszeit Mangelware geworden, es fehlte auch Edelmetall, um Münzen zu prägen. So,zerhackte' man vielerorts alte Silbermünzen und Schmuckstücke und gab das so erhaltene Metall nach Gewicht in Zahlung. In manchen Gegenden, besonders im Norden und Osten Deutschlands, bediente man sich dieser,Währung' bis ins 11. Jh. Die Aufnahmen zeigen einen Hacksilberfund.

ihre neue Welt erbaut, - ein Bild, was uns noch jetzt der Anblick Roms gewährt, wo die Pracht der christlichen Tempel zum Teil Reste der alten sind und die neuen Paläste auf und unter Ruinen stehen. (G. W. Fr. Hegel)

„,„ und die Edelmetalle wurden zur Mangelware"

Er überlebte den Gotenkönig und zog sich 540 in ein von ihm gegründetes Kloster in Kalabrien zurück. Er förderte auf seine Weise das Fortleben antiken Kulturguts, nämlich die Pflege der antiken Literatur durch christliche Mönche. Hierin beeinflußte er seinen Zeitge­ nossen, den Ordensgründer BENEDIKT voN

Fränkische Glaserzeugnisse. Seit dem ersten Jh. war Köln ein Zentrum römischer Glasindustrie. Auch nach der Eroberung der Stadt durch die Franken und Alemannen im Jahre 3531356 bestand die Glaserzeugung noch eine Weile weiter.

NuRSIA, der um 529 das Kloster Monte Cassino gründete und dem allgemeinen Chaos der ausgehenden Völkerwanderungszeit aske­ tische Wertvorstellungen, aber auch- modern ausgedrückt - die »Pflege humanistischer Ideale« entgegenstellte.

43

„Ganz Europa ist den Barbaren in die Hände gefallen. Die Städte sind zerstört, die Felder verwüstet, die Provinzen 1 entvölkert, und kein Bauer bestellt mehr seinen Acker".

DJe Christianisierung Germaniens

A

Der Heilige Bonifatius tauft Heiden und erleidet den Märtyrertod. Handschrift aus einem um 975 in Fulda entstandenen Sakramentar. Göttingen, Universitätsbibliothek.

sich - gemäß germanischen Grundanschauun­ gen - im Frankenreiche stärker mit dem grundbesitzenden Adel. Eine der sicherlich problematischen Konsequenzen, die sich hier­ aus ergaben, war die Entstehung des Eigenkir­ chenwesens. Dies bedeutete: Ein Germane, der über Ver­ mögen verfügte, konnte auf seinem Grund und Boden „eigene" Kirchen errichten. Er

GRossE

Gast vor, wie zwei Hunde ein ihnen völlig

war es, der den Geistlichen anstellte und für

(590-604) sein ganzes Herz gegen­

hilflos ausgeliefertes T ier zerrissen. Der Graf

dessen Unterhalt sorgte, und er behielt sich die

über dem oströmischen Kaiser PHo­

lachte pflichtschuldig, doch

Nutznießung der Kirchengüter vor.

ls

Papst

G REGOR

DER

„darauf",

so be­

KAS (602-610) ausschüttete, schrieb man

richtet

nach der im Jahre 532 erstmals angewandten

„schwang ein Mann, sobald er sah, daß der Gast mit dem Schauspiel beschäftigt war, seinem Auftrag gemäß seine Axt und spaltete ihm den Schädel, worauf man den Leichnam aus dem Fenster warf".

christlichen Zeitrechnung des in Rom tätigen skythischen Mönches DIONYSIOS ExIGuus (um 500-545) das Jahr 603. Tatsächlich waren die Zeiten - gemessen an unseren modernen

GREGOR voN

TouR s

(538-594),

Maßstäben - sehr hart. Welch rauhen Stil politischer

allerdings war er zum lohnabhängigen Diener seines Hofuerrn degradiert, der im übrigen nicht selten bei der Auswahl der Gottesmän­ ner, die er einsetzte, den Maßstab der Willfäh­

trotz

Christliche Ethik hatte also aus den Franken keine „Lämmer" gemacht. Auch in anderer

wäre gefügiger gewesen als jemand, der froh

Frankenreich noch immer bevorzugte, zeigt

Hinsicht konnte Rom mit dem Wege nicht

war, überhaupt noch eine Stelle zu bekom­

nicht zuletzt das Verhalten des Chlodwig­

zufrieden sein, den das Christentum bei den

men? So wurde dieser niedere Klerus zum

Sohnes CmLDEBERT (511-558) gegenüber ei­

Franken nahm. War Christentum im ausge­

Sammelbecken aller möglichen zwielichtigen

„Bekehrung"

im

man

che gewissermaßen als Vertreter des Grund­ herren vor Gott fungierte. In der Praxis

katholischen

Cttwowros

Auseinandersetzung

Man

könnte dies so umschreiben, daß der Geistli­

rigkeit und Gefügigkeit anlegte. Wer aber

nem Grafen, den er in seinen Palast zu Metz

henden Römerreich vorwiegend an die Städte

Existenzen, die durch Beflissenheit gegenüber

eingeladen hatte. CmLDEBERT führte seinem

und an deren Bischöfe geknüpft, so verband es

ihren Dienstherren auszugleichen suchten,

44

die sich um sein bewegtes Leben rankt, schildert, wie er einst - psychologisch durch­ aus verständlich - in der Waldeinsamkeit darüber nachgrübelte, was wohl leichter zu ertragen wäre: die Ungerechtigkeit der Men­ schen oder die wilde Wut Beute reißender Raubtiere. Es kam, wie es kommen mußte: Der fromme Missionar geriet mitten in ein Rudel Wölfe. Doch als er in seiner höchsten Not Gott anrief, kamen die Tiere herbei, rieben beruhigend ihre Schnauzen an seinem Gewand und troll­ ten sich davon. Reißende Wölfe auf freier Wildbahn hatten den Gottesmann getröstet! Sie hatten - so will es wenigstens die Legende - mehr Herz bewiesen als angeblich fromme Mitchristen! CoLUMBAN beendete seine Wan­ derschaft in dem von ihm gegründeten Kloster Kloster Montecassino in der süditalienischen Provinz Frasinone. Im 2. Weltkrieg zerstört, danach wieder aufgebaut. Um 529 hatte Benedikt von Nursia hier ein Kloster gegründet, dessen geistiger Einfluß auf das europäische Mittelalter gar nicht hoch genug angesetzt werden kann.

" Das Mutterkloster des abendländischen Mönchtums„. "

Bobbio (im Apennin an der Strada Statale Nr. nen, doch schon vor 590 entsandte die irische

45, ziemlich genau in der Mitte zwischen

Kirche, die sehr stark von den Idealen des

Piacenza und Genua). Freilich - auch den

abendländischen Mönchtums geprägt war,

Mitgliedern

ihrerseits den ersten Missionar ins Franken­

schließlich seine Mönchsregel zu streng. Ge­

reich: Es war dies SANKT CoLUMBAN (um

stand sie doch den Mönchen nur gerade so viel

dieses

„seines"

Klosters

war

543-615). Er zog nach Burgund, wo er drei

Nahrung und Schlaf zu, wie unbedingt nötig

Klöster gründete - insbesondere das Kloster

war. Dabei mußten sie tagtäglich mehr als 80

Luxeuil am Westhange der Vogesen. Doch

Psalmen singen, und wer sich dabei auch nur

bald erregte sein radikales Eifern Anstoß -

geringfügig vertat, wurde ausgepeitscht. An­

Streit mit einheimischen Bischöfen, Streit

dererseits aber waren es ebenfalls irische und

auch mit Angehörigen des Merowingerhau­

angelsächsische Mönche, die die bloßstellende

ses, deren Machenschaften er durchkreuzte

öffentliche Beichte abschafften und durch die

was ihnen an anderen Qualitäten fehlte. Und

und deren Lebenswandel er kritisierte. Ergeb­

für die Beichtenden weniger peinliche indivi­

man darf sich nicht wundern, daß diese

nis: Er mußte Luxeuil verlassen. Die Legende,

duelle „Ohrenbeichte" ersetzten.

Geistlichen keinerlei Achtung genossen. Ähnlich wie kleinere Grundherren zu den Priestern ihrer Eigenkirchen verhielten sich Fürsten, wenn es um die Besetzung höherer Kirchenämter ging. So kam es schließlich

Der Heilige Benedikt übergibt den Mönchen von Montecassino seine Ordensregel. Miniatur. Sie umfaßte Weisungen für alle wichtigen Aspekte des Klosterlebens.

dazu, daß Äbte „besser mit Pfeil und Bogen

umzugehen" wußten „als mit der Heiligen Schrift", daß Bischöfe käuflich waren und Dorfgeistliche hohe Vorstrafenregister auf­ wiesen. Keine Frage: Die Kirche befand sich in einer Krise, bevor sie bei den Franken und den von ihnen abhängigen Stämmen der Baiern und Alemannen wirklich Wurzeln geschlag�n hatte. Denn dies kam hinzu: Viele der getauften Germanen waren im Grunde noch keineswegs Christen, sondern hingen noch immer vorchristlichen, heidnischen Kul­ ten an, deren Spuren im Volksbrauchtum, besonders im Volksaberglauben, vielerorts sogar bis heute weiterleben. Es waren Iren, die die Dinge im Frankenreich einigermaßen ins Lot brachten. Erst 432 hatte der in Schottland geborene HEILIGE PATR1c1us (Sankt Patrick) Irland zu missionieren begon-

45

Ein unermüdlicher Klostergründer war auch der in Wessex geborene angelsächsische Bene­ diktiner WINFRIED (um 675-754), der am 14. Mai 718 den Namen B oNrFAnus annahm. Er ging als „Apostel der Deutschen" in die Kirchengeschichte ein, und an seinem Grabe im Dom zu Fulda versammeln sich noch heute zweimal jährlich die katholischen Bi­ schöfe zu den Vollversammlungen ihrer Bi­ schofskonferenz. Im Jahre 716 zum Abt seines heimischen Klosters Exeter vorgeschla­ gen, lehnte er die Wahl ab und wurde 719 von Papst GREGOR 11. (715-731) mit der Germa­ nenmission betraut. B oNIFATius erlangte höch­ ste kirchliche Ehren: 722 wurde er Bischof, 732 Erzbischof und päpstlicher Vikar für die

Der Historiker urteilt: „Das finstere Mittelalter ist keine Epoche, auf die der Wahrheitsstrebende mit überlegener Verachtung herabblicken kann. Die Zeit ist vorbei, da er die Unwissenheit, den Aberglauben, die politische Zerrissen­ heit, die wirtschaftliche und kulturelle Armut dieser Periode brandmarkt... Er kann nur Bewunderung empfinden ange­ sichts ... eines Benedikt, Gregor, Bonifatius, Columban, Alkuin ... , welche mit so viel Geduld die Gesittung und Geistestätigkeit über ie Verwilderung ihrer Zeit hinausho­ ben... (Will Durant)

?.

germanischen Missionsgebiete. Man kennt seine spektakuläre, allerdings nicht sicher verbürgte Fällung der Donar-Eiche im hessi­ schen Geismar, die den zwar bereits „christia­ nisierten", in Wirklichkeit aber an ihren alten Göttern festhaltenden Hessen die Ohnmacht ihrer Heidengötter sinnfällig vor Augen füh­ ren sollte. Man weiß auch, daß er „an vorderster Front" am 5. Juni 754 mit 52 Begleitern den Märty­ rertod erlitt - es war an dem Flüßchen Dorne bei Dokkum ( in den Niederlanden unweit der Nordseeküste).

Und man weiß, daß sein

Leichnam nach Fulda überführt wurde, in jene Stadt, deren später so reiches Kloster am 12. März 744 von seinem Schüler S1uRM1us gegründet worden war. Viel weniger Gedan­ ken macht man sich in der Regel darüber, welche Mühe es gekostet haben mag, die von den fränkischen Hausmeiern K ARLMANN und Prrr1N „dem Jüngeren" gewünschte Reform des fränkischen Klerus durchzuführen - die Reform eines Klerus, dessen Angehörige es gewohnt waren, Waffen zu tragen und Blutra­ che zu praktizieren! Fulda, die Gründung 46

Frühmittelalterliche Verkündigung der Lehre Christi. Mittelalterliche Künstler ver­ setzten auch biblische Szenen in ihre ei­ gene Welt. Die Abbildung zeigt Moses, der auf dem von Flammen umzüngelten Berge Sinai die Zehn Gebote empfangen hat. Er tritt vor die Kinder Israels hin wie einer der irischen oder britischen Glaubensboten, die den Germanen die Lehre Christi verkündeten. Buchmalerei aus der sog. Alkuin- oder Grandval-Bibel. Tours, um 850.

" ... Kult- und Kultur­ stätten zur Absicherung der Mission"

seines Schülers SruRMIUS, sollte ein Modell werden, das weit in das damalige Franken­ reich hineinwirkte: ein Modell vorbildlicher geistlicher Lebensweise. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die von BoNIFATius geschaffenen zahlreichen Bischofs­ sitze und Klöster erlangten als Kult- und Kulturzentren größte Bedeutung für die weite­ re Entwicklung im fränkischen und nachmals deutschen Raum. Die durch die irischen und angelsächsischen Missionare ausgelöste „reli­ giöse Aufbruchsstimmung" führte schließlich auch zur Gründung zahlreicher Frauenklöster.

Der oströmische Kaiser Justinian hatte verkündet, das von ihm weitgehend wiederhergestellte Römerreich ruhe auf so soliden Fundamenten, daß es die Ewigkeit überdauern werde. Nur rund 100 Jahre später I brachten die Araber den Beweis, daß es keinesfalls für die Ewigkeit bestimmt war...

D1e Geburt des Islam

schilderten, wuchs in einem Umfeld auf, das religiöse Grübelei begünstigte. Zwar hatte er vier Jahre seiner Kindheit als Waise in Taff zugebracht, einem kleinen Bergstädtchen süd­ östlich von Mekka, und bis an sein Lebensen­ de erinnerte er sich gern an die Apfelbäume, Pfirsichbäume und Weingärten dieser Oase, doch er war Mekkaner, und dies prägte ihn. Mekka war schon in vorislamischer Zeit eine heilige Stadt, und ihr Haupt-Heiligtum, der angeblich vom Mond herabgefallene „schwar­ ze" Stein der heiligen Kaaba, erfreute sich bereits in heidnischer Zeit tiefer Verehrung. Eifrig nahm MoHAMMED an allen Kulthand­

M

it allen Zeichen des Entsetzens

lungen teil, doch prägten ihn auch Einflüsse ganz anderer Art: MOHAMMED bewegte sich in

alter Araber aus einer Höhle auf

Der die Feder gelehrt, Gelehrt den Menschen, was er nicht wußte. " Und während er sich zitternd in alle Him­

dem Berge Harra bei Mekka. Angstgeweitet

melsrichtungen wandte, hörte er den Engel

wurde, was seinerzeit die Welt außerhalb

starrten seine riesengroßen Augen ins Leere,

sagen:„ Ya muhammad(,0 Gepriesener'), ich

Mekkas bewegte, und im Alter von 25 Jahren

und seine bebenden Lippen murmelten unab­

bin Dschebrail, der Erzengel Gabriel, und du

heiratete dieser die vierzigjährige reiche Kauf­

lässig: „Ich kann ja gar nicht rezitieren! Was

bist er-rasut Allah, der Gesandte Gottes /"Dies

mannswitwe CHADIDSCHA, deren Vetter WA­

soll ich denn?" Doch wohin er auch blickte

war die Geburtsstunde des Islam, einer neuen

RAQA

Religion der „Hingabe an Gott". In der

Außerdem gab es zahlreiche Juden in Mekkas

nicht das Dunkel der Nacht, sondern die

vierten Sure des Koran heißt es: „Gott hat

Nachbarstadt Jathrib. Somit hatte er immer­

strahlende Erscheinung eines Erzengels blen­

diejenigen, die mit ihrem Vermögen und mit

hin in gewissem Umfang Zugang zur Vorstel­

dete ihn. Seltsame Worte dröhnten in seinen

ihrer eigenen Person Krieg führen, gegenüber

lungswelt der großen monotheistischen Reli­

MOHAMMED

taumelte ein etwa vierzig Jahre

ABU'L KASIM IBN-ABDALLAH

-

sah

Händlerkreisen, wo ihm manches zugetragen

eine

gewisse

Bibelkenntnis

besaß.

Ohren:

denjenigen, die daheim bleiben, um eine Stufe

gionen, die es zu seiner Zeit - er lebte von 570

„Rezitiere!

höher bewertet..'" MOHAMMED IBN-ABDALLAH,

bis 632 - bereits gab. Doch mehr noch: Im

Im Namen deines Herrn, der erschuf,

ihr Künder, den alle, die ihn kannten, als einen

Lande zogen Asketen umher, die man Hanifen

Erschuf den Menschen aus geronnenem Blut.

gutaussehenden Menschen von unvergeßli­

nannte. Sie hatten sich von der Götterwelt

Rezitiere, denn dein Herr ist allgütig,

cher,

Altarabiens abgewandt und predigten nicht

unwiderstehlicher

Liebenswürdigkeit

Der Felsendom in Jerusalem. Der nach sei­ ner Bauinschrift 691 /92 unter Mitwirkung by­ zantinischer Künstler vollendete Sakralbau er­ hebt sich nach der Legende über jenem Felsen, von dem Mohammed über das Tal Kidron in den Himmel ritt. Zuvor soll auf eben jenem Felsen der biblische Erzvater Abraham Gott seinen Sohn Isaak zum Opfer dargeboten haben. Der Felsendom steht auf der Plattform des Herodia­ nischen Tempels, unter der sich einst auch der Tempel Salomos befunden haben soll. Nach­ dem die Kreuzritter 1099 Jerusalem erobert hatten, wandelten sie den herrlichen Bau in eine christliche Kirche um.

"Der Felsendom ist das monumentale Symbol der wechselvollen Geschichte zwischen Orient und Okzident." 47

Das Vordringen des Islam im 7. und 8. Jahrhundert X

Talas 751

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Kartt\ago 698

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0 Kabul Kandahar 0 709/11 Alor 7120

ihawend 642

E

•Bagdad

"C>J66 1

R

fs

Basra

S

I

tahan 643

E

N

Hormuz

abis 648

Audschila 0

Fessan 0

Gebiet z. Zt. Mohammeds 632



Hauptorte der Kalifen



Arabische Heerlager

-

Allah

il

Allah, so lautete der Kernsatz der Lehre MOHAMMEDS Allah ist Gott. „Es gibt keinen Gott außer Allah", verkündete er, „ keiner ist neben ihm". Fast mutet es wie bittere Ironie an, daß es ausgerechnet Juden waren, die

MoHAMMED

mit offenen Armen aufnahmen, als es nach anfänglichen Erfolgen in Mekka um ihn und

Zweite Sure des Koran Euch ist vorgeschrieben, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, obwohl es euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist, und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für

seine Lehre schlecht stand. Tatsächlich hatte er

euch ist. Gott weiß Bescheid,

die Mekkaner gegen sich aufgebracht. Infolge­

ihr aber nicht. Diejenigen, die

dessen mußte er im Jahre 622 Mekka verlas­ sen. Die „Flucht" (arabisch

hedschra) wurde

glauben, und diejenigen, die

zum Beginn der islamischen Zeitrechnung. Es

ausgewandert sind und um

waren jüdische Bewohner der nördlich von

Gotteswillen Krieg geführt

MOHAM­ MOHAMMED

Mekka gelegenen Stadt Jathrib, die nun Zuflucht gewährten.

N

635 Jahr der Eroberung

Ausgreifen der Omaijaden bis 750

die Verehrung eines einzigen Gottes.

E

0 Assuan 641

Ausgreifen der Kalifen bis 656

nur das Ideal der Einsamkeit, sondern auch

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641

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Reichsverwaltung servitium regis (Königsdienst) Heeresdienst

O bauen die königliche Zentralgewalt ge­

a.

genüber den partikularen Stammesge­ walten aus

r

O erneuern den »imperialen" Anspruch der Karolinger und sichern dem Reich die Kaiserkrone

Königstreue Kirchenpolitik

i c:

Königstreue Domschulen

sie als Gegengewicht zu den Stammes­ herzögen

Königstreuer Nachwuchs

O begründen die ltalienpolitik deutscher

�cfi/

Könige und Kaiser und sichern so den Einfluß im Süden

O schieben die Grenze des Reiches nach

Reichs-Äbte Bischöfe �--�1

1

Einnahmen auch besser als weltliche Große in

O bauen die Reichskirche aus und nutzen

Osten vor und legen die Basis für des­ sen Christianisierung

1 1.___

O besiegen die Ungarn militärisch und __,

__

stellen die bayerische Ostmark wieder her (»Ostarriche«).

Zu seinem Nachfolger wählte man LED

der Lage waren, die ungeheuren Kosten für

Schwäche des Papsttums interessiert sein müs­ sen. Doch die Entscheidung wurde ihm abge­

der freilich seinerseits schon bald fliehen

die Beherbergung des riesigen kaiserlichen

nommen: Papst JoHANN XII. rief ihn zu Hilfe.

mußte, als JOHANNES zurückkehrte und furcht­

bzw. königlichen Hofstaates zu verkraften.

Und so marschierte Orro im Jahre

961 in Italien ein und wurde am 2. Februar 962 zum

bare Rache übte. Wie man derartige Dinge im

Dieses in noch manch anderer Hinsicht nütz­

Kaiser gekrönt. Dem Papst gegenüber erneu­

Orro 111„ der

liche Reichskirchensystem funktionierte um

erte er alle Schenkungszusagen, die fränkische

von Kärnten als Papst einsetzte. Doch die

so reibungsloser, je geringer die Gefahr eines

und deutsche Herrscher bisher den Päpsten

Römer wählten, kaum daß Orro den Rücken

Loyalitätskonfliktes mit dem höchsten Kir­

gemacht hatten. Aber unmittelbar darauf

gekehrt hatte, einen Gegenpapst. Als aber

chenoberhaupt, dem Papst in Rom, war.

schmiedete der Papst ein Komplott gegen den

Orro

Allerdings muß es damals gerade integeren

Kaiser, so daß dieser eine Synode einberief,

man diesen Gegenpapst gefangen, riß ihm die

Kirchenmännern schwergefallen sein, sich

die am

dem Papsttum gegenüber loyal zu verhalten,

geflohenen Papst für abgesetzt erklärte.

6. November 963 den inzwischen

v111„

damaligen Rom regelte, zeigte sich unter

996 seinen Vetter BRUNO (Brun)

997 nach Rom zurückkehrte, nahm

Zunge heraus, schnitt ihm die Nase ab, stach ihm die Augen aus und führte den so grausam Verstümmelten auf einem Esel durch die

war dieses doch zum Spielball römischer Adelsparteien geworden. Eine besonders un­

Stadt. Seinen adligen Förderer köpfte man auf

heilvolle Rolle als Papstmätresse, Papstmutter

der Engelsburg und stellte seinen Leichnam

und Papst-„Macherin" spielte im ersten Drit­

zur Schau. Schließlich wandte sich

tel des

römische Volkszorn gegen Orro 111. selbst. Er

10. Jahrhunderts eine ehrgeizige Ari­

1002 der

mußte fliehen und starb in Paterno.

stokratin namens MAROZIA, die sich „Senato­ rin" nannte und über das Wohl und Wehe

einer ganzen Reihe von Päpsten entschied,

Weit mehr noch als die drei Ottonen stützte

welche ihr dermaßen ergeben und willfährig

sich deren Nachfolger, HEINRICH

waren, daß spätere Kirchengeschichtler diese

Bischöfe des Reichs; und dies hieß nicht nur,

II„

auf die

Zeit als Pornokratie („Hurenherrschaft") be­

daß er sich ihrer bediente. Vor allem wird mit

zeichneten.

seinem Namen stets der Name Bamberg

Der

langobardische

Chronist

920-970), der

verbunden bleiben, dessen Bistum er gründete

die Intrigen, Mord- und Greueltaten (bis hin

und dessen Dom er erbauen ließ. Am Morgen

zur Leichenschändung) schildert, war durch­

seines Hochzeitstages hatte er die Stadt seiner

LIUTPRAND VON CREMONA (um

aus kein antiklerikaler, antikatholischer oder

Gemahlin KuNIGUNDE geschenkt, und als ihm

gar antichristlicher Kirchenhasser, sondern

klar wurde, daß er kinderlos sterben werde,

selbst einer jener Bischöfe, welche Orro DER

setzte er „ Christus zum Erben ein", dem er

GRossE eingesetzt hatte.

Bistum und Dom „vermachte". Welche Be­

Als Herrscher in der Nachfolge KoNSTANTJNS und KARLS DES GROSSEN mußte Orro hier wohl eingreifen. Als Realpolitiker freilich hätte er an einer möglichst langen Fortdauer der 74

Heinrich und Kunigunde. Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde von der Adamspforte des Bamberger Doms. Das Dom­ Modell weist Kunigunde als eigentliche Stifterin des Domes aus.

deutung er seiner Neugründung beimaß, geht daraus hervor, daß er dem Bamberger Bischof das Amt des Reichskanzler verlieh, wel­ ches zuvor Erzbischof W1LLJG1s von Mainz bekleidet hatte.

Die Zeit der Reichskirche war auch die Zeit des Entstehens gewaltiger Dorne. Sie waren die Repräsentationsbauten der mit hohen weltlichen Machtbefugnissen ausgestatteten und an der Reichsverwaltung beteiligten Bischöfe.

Das Weltbild des Hochmittelalters

A

llerdings waren diese Bischofsdome kei­

ters sahen es nicht als ihre Aufgabe an, neue

rend des gesamten Mittelalters als maestro die

neswegs nur steingewordene Demon­ strationen der Verquickung geistlicher

Weltbilder zu entwerfen. Vielmehr fühlten sie sich berufen, zur größeren Ehre Gottes im

color' chi sanno (als „Meister derer, die da wis­ sen"), und an der Autorität seiner im sogenann­

und weltlicher Macht, sondern nicht zuletzt

Kollektiv mit anderen gleichsam an einer Art

ten organon zusammengefaßten erkenntnis­

Zeugen eines Denkens, das ausschließlich um

von geistigem Dombau zu arbeiten, wie auch

theoretischen Schriften wurde erst gerüttelt, als

Gott kreiste.

die Dombaumeister ihrer Zeit nach den Regeln

sich eine Richtung durchzusetzen begann, für

ihrer Kunst die gewaltigen Gotteshäuser aus

die die Erkenntnis ein Akt der „Liebe" war.

Es ist zu einfach, verachtungsvoll auf die

Stein schufen. Die Quadern und Fundamente,

„Rückständigkeit" des mittelalterlichen Den­

aus und auf denen der »geistige Dom« der

Amor ipse intellectus („Liebe selbst ist das

kens herabzublicken. Schließlich war ganz

Scholastik errichtet war, sind unterschiedlichen

Erkennen") lautete dann das Leitwort, und

Europa barbarisiert. Kaum jemand, sieht man

Ursprungs. Es waren einmal die Lehrsätze der

ihre von byzantinischer Theologie beeinfluß­

einmal von einer ganz kleinen Bildungselite

Kirche, dann die Schriften der Kirchenväter

ten Anhänger beriefen sich auf PLATO. Erst

ab, konnte lesen und schreiben. Oft be­

und schließlich die Erkenntnisse antiker Phi­

ganz allmählich wurde so die Scholastik von

herrschten nicht einmal Kaiser, Könige und

losophen, soweit diese christlichen Ansichten

einem neuen Denken abgelöst, welches zwar

Reichsfürsten diese so wichtigen Kulturtech­

nicht widersprachen. Eine besondere Rolle

noch immer nicht den Rahmen der christli­

niken. Dafür hatten sie ihre Berater. Diese,

spielte dabei der griechische Philosoph ARISTO­

chen Dogmatik sprengte, aber doch Möglich­

meist geistlichen Standes,

gehörten jener

TELES (384-322 v. Chr.). Er galt - nach einem

keiten eröffnete, die letztlich zur europäischen

Schicht an, die das Weltbild des Mittelalters

Wort des Dichters DANTE (1265-1321 )- wäh-

Renaissance führten.

am nachhaltigsten prägte.

Das Mönchstum ist in dem

Dieses Weltbild aber war keine eigenständige Schöpfung der auf der historischen Bühne des

charismatischen Stadium sei­

Mittelalters agierenden Völker. Vielmehr trägt

ner Entwicklung eine antiöko­

es alle Zeichen des „Erborgten", und es war

nomische Erscheinung, der

erborgt - erborgt vom Altertum, gefiltert durch das Prisma des Christentums mit dessen

»Asket« der Gegenpol des

Vorstellungen vom Schöpfer und der Schöp­

bürgerlichen Erwerbsmen­

fung, von Sünde, Erlösung und vom Heilwir­

schen sowohl wie des seinen

ken Gottes. Die Kirchenväter hatten versucht, die Schlichtheit frühchristlicher Lehren mit

Besitz ostensibel genießenden

der Komplexität griechischer Philosophie in

Feudalherrn. Er lebt einsam

Einklang zu bringen. Nun versuchten die Vertreter

der

mittelalterlichen

oder in frei sich bildenden

Scholastik

Herden, ehe- und also verant­

(wörtlich: „Schullehre") die Realität der nach ihrer festen Überzeugung von Gott regierten

wortungslos, unbekümmert um

Schöpfung zu deuten, - einer Schöpfung,

politische oder andere

deren göttlicher Ursprung für sie außer Frage

Gewalten, von gesammelten

stand. „Erkenntnis" bedeutete in diesem Rahmen nichts anderes, als Folgerungen aus einer für unumstößlich gehaltenen Schöpfer-Welt-Be­ ziehung zu ziehen. Philosophen des Mittelal-

Schriftgelehrter. Bei we�em nicht jeder konnte im Mittelalter lesen und schreiben... Einen Schriftkundigen zeigt diese Abbildung aus einer Florentiner Handschrift. Miniatur aus dem Codex Amiatinus, 7. Jh.

Früchten oder vom Bettel und hat keine Stätte in der» Welt«. (Max Weber) 75

Ekklesia und Synagoge. Allegorische Darstellungen der »Ekklesia" („Kirche") links und der »Synagoge" rechts vom Straßburger Münster. Der triumphierenden Kirche mit Kreuzstab und Krone steht die trauernde Synagoge mit zerbrochenem Zepter und verbundenen Augen gegenüber, die ihr Buch (offenbar das Alte Testament) nach unten hält, weil nach christlicher Lehre der ,Alte Bund' durch den „Neuen Bund' abgelöst worden war.

"Das Weltbild des Mittelalters trägt alle Zeichen des »Er­ borgten«"

Lotharkreuz mit Augustusgemme. Christentum und Romidee - verkörpert durch das Symbol des Kreuzes und die ihm zentral eingefügte Augustusgemme im sogenannten „Lotharkreuz', einem Geschenk Ottos III. an die Kirche zu Aachen. Doch nicht nur die großen Philosophen des

an Originalität; Experimente vermied man

die Normannenherrscher Siziliens

Altertums vereinnahmte man, sondern auch

tunlichst. Statt dessen begnü�te man sich mit

und natürlich der große Hohenstauferkaiser

andere Gestalten aus der Antike, etwa, den „Dichter der Römer"

-

(12.

Jh.)

doch wer im ara­

VERGIL

der Systematisierung des Uberkommenen.

FRIEDRICH II.

v.

Baumeister, Ä"rzte, Mathematiker und Astro­

bischen Spanien Naturwissenschaften studiert hatte, konnte nicht dem Verdacht entgehen,

(70-19

(1212-1250),

Chr.), dessen vierte Ekloge man als Prophe­

nomen galten gewissermaßen als Inhaber

zeiung der Geburt Jesu auffaßte. Sogar der

schamanischer Konzessionen, deren Kunst­

ein großer Magier zu sein und „Schwarze

Apostel Paulus soll an VERGILS Grabe in

fertigkeiten den Argwohn des Umganges mit

Künste" zu treiben.

Neapel geweint haben...

dunklen Mächten erwecken konnten. Hinzu kam: Das antike Wissen um die Naturwissen­

Dabei war zum Beispiel der naturwissen­

Aber wie es unter den Skulpturen mittelalter­

schaften war nicht durch Christen übermittelt

schaftlich hoch gebildete SILVESTER

licher Dome nicht an Teufelsfratzen mangelte,

worden, sondern durch islamische Araber,

Freund des jungen Kaisers Orro m„ ein Papst,

so fehlte es auch am Dombau des mittelalterli­

„Sarazenen ", von denen alle Heldenlieder des

der seine kirchlichen Aufgaben bei alledem

chen Weltbildes nicht an Traditionen, die ihre

Mittelalters nur das Schlimmste zu berichten

sehr viel ernster nahm als andere Päpste der

Wahrer in den Ruch des Paktierens mit

wußten. Zwar wußten eine ganze Reihe

Ottonenzeit. Er war einer der gelehrtesten

unheilvollen Mächten brachten. Gemeint sind

abendländischer Fürsten die Annehmlichkei­

Männer seiner Zeit und dazu ein glänzender

die Naturwissenschaften. Auch hier fehlte es

ten der arabischen Kultur zu schätzen: so

Literat. Er hatte ein Werk über Geometrie

76

-

11„

ein

verfaßt, das ganz von arabischem Einfluß

Die Anfänge der deutschen Literatur

zeugt. So konnte es nicht ausbleiben, daß sich Legenden um ihn rankten: Er wurde zum Urbild des Doktor Faust, der seine Seele dem Teufel verschrieb. Und daß eine Legendenbil­ dung dieser Art möglich war, sagt eine ganze Menge über das Weltbild des Hochmittelal­ ters aus. Viele Denker des Mittelalters beschäftigte intensiv die Frage, was wirklicher und und dauerhafter sei: das

Universal (der Allgemein­

begriff) oder der einzelne Bestandteil des Ganzen. Was war beispielsweise dauerhafter und wirklicher - der Mensch „an sich" (als

Die schriftliche Aufzeichnung von Texten in deutschen Mundarten begann mit der Einführung des Christen­ tums. Vor der Ottonenzeit, deren Autoren lateinisch schrieben, gab es vor allem Gebets- und Schultexte. Von der vorchristlichen Germa­ nendichtung sind nur das Hil­ debrandslied (aufgezeichnet im 9. Jh.) und die Mersebur­ ger Zaubersprüche (aufge­ zeichnet im 10. Jh.) erhalten. Christliche Stabreimdichtun-

gen sind das Heilands-Epos „Heliand", das „Wessobrun­ ner Gebet" (neun Stabreim­ verse über die Weltschöp­ fung plus Prosagebet) und das „Muspilli-Lied" über die Schicksale der Seele nach dem Tode (alle drei 9. Jahr­ hundert.). Ebenfalls im 9. Jahrhundert aber führte der Benediktiner­ mönch Otfri(e)d von Weißen­ burg in seinem Jesus-Gedicht Kris! in Anlehnung an christ­ lich-lateinische Hymnen den

Endreim ein, der bis in unsere Gegenwart dominiert. Endrei­ me verwendet auch das rhein­ fränkische Ludwigslied, das den Sieg des westfränkischen Königs Ludwigs III. (879-882) bei Saucourt (881) verherr­ licht. Im 10./11. Jh. schuf der Sankt Gallener Mönch Notker Labeo(etwa950-1022)dieer­ sten volkssprachlichen Über­ setzungen antiker Schriften, darunter die der berühmten Schrift »Trost der Philosophie« des BOOthius.

Gattung) oder das Individuum, die Einzelper­ sönlichkeit? Worauf kam es an? Auf das Individuum oder war nicht die

Menschheit

das wahre Wesen? War das Individuum nur

Formel:

,,Ich erkenne, damit ich glaube".

Dahinter verbarg sich nichts anderes als die

Außerordentliche Verbreitung fanden die Werke des PETRUS ABÄLARD (1079-1142),

eine zufällige Ausprägung der „gattungsmäßi­

Forderung, die Lehren der Kirche zu hinter­

des vielleicht brillantesten Gelehrten seiner

gen" Gesamtwirklichkeit? Wer derartige Fra­

fragen. A NS E LM VON CANTERBURY argumentier­

gen mit einem „Ja" beantwortete, sich also für

te: Gott sei das vollkommenste Wesen, das

die reale Existenz der Universalien aussprach,

Menschen sich vorzustellen vermögen. Zur

Zeit. Unter anderem lehrte ABÄLA Ro : „Man kann erst etwas glauben, wenn man es begrif­ fen hat". Doch diese Formel, so sehr sie uns

Vollkommenheit gehöre aber die reale Exi­

einleuchtet, stieß im hohen Mittelalter auf

stenz. Wäre er also eine bloße Idee, würde

heftige Kritik. Der Irrlehre beschuldigt, bat

galt im Mittelalter als

„Realist".

Im Gegensatz zu diesen „Realisten" standen die

„Nominalisten" (von lateinisch nomen

;

Sens, eine Syn­

ihm diese reale Existenz fehlen und er wäre

ABÄLARD den Erzbischof von

dann eben nicht vollkommen. Diesem „onto­

ode einzuberufen, die ihm Gelegenheit geben sollte, sich öffentlich zu verteidigen. BERNHARD

„Name".) Tatsächlich betrachteten sie Allge­

logischen Gottesbeweis" hielt man schon da­

meinbegriffe als reine Namen, als Worte.

mals entgegen, ebenso überzeugend könne

VON CLAIRVAUX (um

Gattung existiere, sondern nur der oder das einzelne, - die Einzelperson oder der

man die Existenz einer vollkommenen Insel in

herausragendste Persönlichkeit des religiösen

den noch unerforschten Weiten des Ozeans

Lebens, schrieb daraufhin an mehrere Bischö­

einzelne Gegenstand. - Aber war dies nicht

„beweisen". Der Streit, ob die Allgemeinbe­

fe, um sie zur Teilnahme an diese Synode zu

gefährlich für die Kirche und ihre Lehre? Wie,

griffe lediglich „Worte" oder nicht doch

wenn es gar keine „Christenheit" gab, sondern

„Realität" seien (der sogenannte

Nicht die

Universa­

nur einzelne Christen? Welche Macht blieb

lienstreit), dauerte lange und wurde teilweise

der Kirche noch, wenn nur der einzelne Christ

mit großer Vehemenz ausgetragen.

zählte, nicht aber die Gesamtheit aller Gläubi­ gen? Was blieb von der göttlichen Dreifaltig­ keit? Wenn der Sammelbegriff der göttlichen Natur nicht mehr galt, sondern nur noch die einzelne,

individuelle

dann der „eine

Ausprägung,

zerfiel

Gott in drei Hypostasen " (drei

Ausprägungen) nicht in eine Götterdreiheit, wie es sie auch in den heidnischen Religionen

1090-1153), damals die

bewegen und gleichzeitig gegen ABÄLARD ein­ zunehmen. Bernhard argumentierte: „Petrus Abaelardus versucht, den christlichen Glauben seines Inhaltes zu berauben, wenn er sich für fähig hält, ihn ganz und gar mit menschlicher Vernunft zu begreifen (. ..)Der rechte Glaube glaubt, er diskutiert nicht. Dieser Mann (Abä­ lard) hat aber gar nicht im Sinn zu glauben, was er nicht zuvor mit seiner Vernunft zerglie­ dert hat." Wir sehen: Diese Kritik konnte

des Altertums gegeben hatte? Und konnte

kaum vernichtender ausfallen. Man kann sich

dann das Christentum noch immer den An­

vorstellen, was diese Worte des einflußreichen

spruch erheben, eine monotheistische Reli­

Kirchenmannes bewirkten: Als ABÄLARD im

gion zu sein? Lehrte die Kirche dann nicht

Juni

vielmehr Vielgötterei (Polytheismus)?

Mauer von Feindseligkeiten gegenüber. Die

Man erkennt, welchen hochbrisanten Spreng­

nen Büchern, und Papst INNOZENZ

stoff die im Vergleich zum sogenannten „Rea­

1143) bestätigte in einem Dekret das in Sens

1140 in Sens eintraf, sah er sich einer

Synodalen verurteilten

16 Kernsätze aus sei­ n. (1130-

moderne nominalistische Denkweise

gefällte Urteil, verbot ABÄLARD darüber hin­

enthielt. Die Vertreter der „alten" Auffassung

aus jegliche weitere Lehrtätigkeit und befahl

hatten mit dem Kirchenvater AuGusnNus

ihm, sich in ein Kloster zurückzuziehen.

(354-430) und dem Scholastiker ANsELM VON CANTERBURY (1033/34-1109) der Formel

Daraufhin floh ABÄLARD zu seinem Freund

lismus"

angehangen: ,,Ich glaube, damit ich erkenne". Die „Modemen" aber setzten dagegen die

(1092 oder 1094-1156), 1122 Abt von Cluny war. Hier starb ABÄLARD am 21. April 1142. PETRUS VENERABILIS

Roswitha von Gandersheim. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

der seit

77

Investitur eines Bischofs durch den König, der ihm den Bischofsstab überreicht. Relief der Bronzetür des Domes zu Gnesen (Polen).

Ein Gespenst ging um in Europa Gespenst der Angst: das Gespenst der Angst vor dem Weltuntergang im Jahre 1000 nach Christi Geburt.

-

das

Der Investiturstreit

tage zu den „Auserwählten" zu gehören. Ganz sicher förderte diese Prophezeiung entschie­ den die Reformbewegungen, die noch vor der ersten Jahrtausendwende aufkamen. Ausgang und Mittelpunkt einer umfassenden Erneuerung des Mönchtums, der Weltgeistli­ chen, aber auch der Laienwelt wurde das im Jahre 910 gegründete burgundische Kloster Cluny, dessen Äbte als geistliche Oberherren zahlloser Tochterklöster (auf dem Höhepunkt der Macht Clunys waren es mehr als l 000)

m Jahre 525 hatte der in Rom wirkende

schon seit der Frühzeit Christen immer wieder

zeitweise mehr Macht besaßen als die damali­

skythische Mönch D10NYSIUS Exmuus in

auf ein „ tausendjähriges Reich" messiani­

gen Päpste. Es mutet paradox an, daß ausge­

seinem „Osterbuch" (liber de paschale)

schen Heils gehofft? Lag es nicht nahe, das

rechnet die Ottonen, die alles taten, um die

die Zeitrechnung „ab Christi Geburt" vorge­

Heraufziehen der neuen Epoche zu erwarten,

von den Reformern bekämpfte Verquickung

1

schlagen und entsprechende Berechnungen

nachdem das erste Jahrtausend verstrichen

von Staat und Kirche unter staatlicher Regie

angestellt. Im Jahre 532 wandte man die neue

war? Doch dem Anbruch der neuen, besseren

zu fördern, andererseits den Reformen von

Zeitrechnung erstmals an, und im 8. Jahrhun­

Zeit sollte eine „große Drangsal" vorangehen,

Cluny wohlwollend gegenüberstanden. Jener

dert (ab 742) setzte sie sich allgemein durch.

„ wie es von Anbeginn der Erde noch keine

deutsche Herrscher, der am härtesten mit

gegeben "hatte (Matthäus 24, 21 ). Und hatte

Cluny kollidierte, HEINRICH

Nun näherte man sich dem Jahre 1000 der

nicht Jesus, laut Lukas 21, 26, prophezeit: „In

war sogar Patenkind eines der bedeutendsten

1v.

( 1056-1106),

neuen Zeitrechnung und der christlichen Ära

Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis

Äbte von Ouny: des Abtes Huoo, der von 1049-

- einer Zeitmarke, die etwas Unheimliches

kommen werden, werden die Menschen vor

1109 amtierte.

hatte! Spielte nicht die Jahreszahl 1000 in der

Angst vergehen"? Endzeiterwartung, - das

Apokalypse, dem letzten und jüngsten Buch

bedeutete angstvolle Erwartung des „Jüngsten

Vor allem gegen drei Dinge wandten sich die

der Bibel, eine wichtige Rolle (Apokalypse

Gerichts", und auf jeden Fall empfahl es sich,

Reformer aus Cluny: erstens gegen die Prie­

20, 2-5 und 7)? Und hatten daher nicht

in sich zu gehen, um am erwarteten Gerichts-

sterehe, zweitens gegen den Kauf geistlicher

78

Ämter und drittens gegen die sogenannte

ltKqL. mun\TO ud OJdtm duum mtdtsmmo lim: ·mcb_gntm1 .:tf foa.uu:r:'mt olun moru©mn 1--..l.nr1o:mnq; monaftmi buutf.fttb __onmo ,\c ummdnti bu.gone-

„Laieninvestitur ". Den Handel mit geistlichen Ämtern bezeichnete man als Simonie" dies „

-

nach einem Magier namens S1MON, der den Aposteln die Priesterwürde abkaufen wollte (vgl. Apostelgeschichte

8, 18-20).

Während

des Mittelalters war „Simonie" eine begehrte Einnahmequelle Mächtiger, die kirchliche Ämter zu vergeben hatten. Für die deutschen Könige bedeutete es eine erhebliche Einbuße, auf derartigen Ämterverkauf zu verzichten. Noch viel schwerer aber traf sie das Verbot der „Laieninvestitur", das heißt: der „Beklei­ dung" (Investitur) eines zu weihenden Abtes oder Bischofs mit Ring und Stab, seinen Amtsinsignien, durch den weltlichen Landes­ herrn. Denn die Verleihung der Amtsinsignien bedeutete die eigentliche Amtseinführung, und ihr Verbot degradierte die Herrscher zu bloßen Laien ohne jegliche sakrale Würde. Vor allem aber beraubte es die Könige und Kaiser ihres wirksamsten Instrumentes im Kampf gegen die nichtgeistlichen Reichsfür­

Cluny. Weihe der dritten Klosterkirche von Cluny - damals der größten Kirche der Welt.

sten, die bisher durch die mächtigen geistli­ chen Funktionsträger in Schach gehalten wor­

"Das eigentlich ursächliche Problem war die Frage nach der Vormachtstellung in der christlichen Gesellschaft... "

den waren. Man versteht daher, mit welcher Erbitterung

der

sogenante

Investiturstreit

(1075-1122) ausgefochten wurde. Fast tragikomisch mutet es deshalb an, daß ausgerechnet deutsche Könige und Kaiser es waren, die, persönlich von den Reformen aus Cluny begeistert, den neuen Reformideen dazu verhalfen, überall, so auch in Rom, Fuß n., der Heilige ( 10021024), hatte zwar die Kirche fest in der Hand

zu fassen. HE INR I CH

Burgruine Canossa: Die Felsenburg wurde im 10. Jh. erbaut und 1255 zerstört.

und griff auch energisch durch, wenn er es für nötig hielt, andererseits aber war er mit dem

Der Historiker urteilt

gleichfalls als Heiligen verehrten Abt Omw voN

C LUNY befreundet, der in den Jahren

994-1049 amtierte, und er ließ viele Abteien durch Abgesandte aus Cluny reformieren. Als HEINRICH am 13. Juli 1024 in der Pfalz Grona bei Göttingen starb, hinterließ er keine Nach­ kommen. Man bestattete ihn in „seinem" Dom zu Bamberg und wählte einen Verwand­ ten, KONRAD 11.

(1024-1039),

zum Nachfol­

ger. In Rom herrschte unterdessen große Verwir­ rung: Päpste und Gegenpäpste kauften und verkauften Ämter und Würden. Dies änderte sich erst, als der getaufte Sproß einer jüdischen Familie, JOHANNES G RATIANUS P1ERLEON1, die Papstwürde kaufte und am GREGOR

v1.

5.

Mai

1045

als

den Thron Petri bestieg. GREGOR

war reformwillig, doch ausgerechnet er kam wegen des Ämterkaufs zu Fall: Auf der Synode zu Sutri

(20.-23.

Dezember

„So ist denn nicht zu bestrei­ ten, in dem Spiel der Staats­ kunst, das in Canossa ge­ spielt wurde, war Heinrich der Gewinner. Er hatte den Priester Gregor zu einem Schritt genötigt, den der Poli­ tiker Gregor hätte verweigern müssen. Mit diesem Schach­ zug hatte er dem Gegner ei­ ne wichtige Figur geraubt. Aber wer daraufhin von Hein­ rich als dem Sieger von Ca­ nossa spräche, würde der Bedeutung des Ereignisses nicht gerecht. Als Gregor ge­ gen Heinrich den Fluch ge­ schleudert hatte, mußte er sich sogleich gegen den Wi­ derspruch wehren, einen Kö­ nig dürfe auch der Papst nicht ausschließen. So dach-

ten unter den Zeitgenossen die meisten, der Schritt des Papstes war unerhört, ohne Vorgang, darum für Men­ schen, denen für Recht galt, was althergebracht und üb­ lich war, ein Unrecht. Noch zwei Menschenalter später schreibt ein Enkel Heinrich IV., Bischof Otto von Freising, als er in seiner Weltchronik bei diesen Ereignissen ange­ langt ist, kopfschüttelnd: „wieder und wieder lese ich die Geschichte der römi­ schen Könige und Kaiser, und nirgends finde ich, daß einer von ihnen vor diesem von einem römischen Bi­ schof ausgeschlossen sek Der Widerspruch verlor viel von seiner Kraft, seit ein Kö-

nig selbst durch die Tat, wenn auch widerwillig und ge­ zwungen, anerkannt hatte, daß die Strafgewalt der Kir­ che vor seinem T hron nicht haltzumachen brauchte. Dar­ um wird Canossa, mag es für den Augenblick dem König einen Gewinn gebracht ha­ ben, in der Kette der Jahr­ hunderte doch der Name für eine der schwersten Nieder­ lagen des Königsgedankens bleiben. Der hehre An­ spruch, auf Gottes weiter Er­ de keinem Richter, auch nicht der Kirche und dem Papst, unterworfen zu sein, das wahre Gottesgnaden­ tum, ist in Canossa preisge­ geben worden." (Johannes Haller)

1046) 79

Verbot der Einsetzung von Bischöfen und

Heinrich bittet um Fürsprache. König Heinrich IV. (kniend) bittet am 27. Januar 1077 die Markgräfin Mathilde von Tuscien und den Abt Hugo von Cluny um Fürsprache bei seinem Gegner, Papst Gregor VII.

Äbten auf einer Reichssynode zu Worms (1076). Sie erklärten GREGORS Wahl zum Papst für ungültig und den „falschen Mönch Hildebrand" daher für abgesetzt.

GREGOR

schlug zurück und verhängte über den König den Kirchenbann. Dies blieb nicht ohne Wirkung. Auf einem Fürstentag zu Tribur mußte HEINRICH dem Papst Gehorsam ver­ sprechen, und GREGOR drehte den Spieß um: Hatten bisher Könige und Kaiser in die Angelegenheiten der Kirche eingegriffen, so

" Ich, König Heinrich, werde innerhalb der Frist, die Herr Papst Gregor festsetzt, ... nach seinem Rat Frieden schließen "

behielt sich der Papst jetzt im Falle einer Neuwahl des Herrschers ein Bestätigungsrecht vor. Und die Fürsten beschlossen, HEINRICH werde seinen T hron einbüßen, wenn es ihm nicht gelänge, sich binnen Jahr und Tag vom päpstlichen Bannfluch zu befreien. So blieb HEINRICH keine andere Wahl, als sich 1077 im Büßergewande in das norditalieni­ sche Städtchen Canossa zu begeben, wo sich der Papst im Schloß der Markgräfin MATHILDE voN T usc1EN aufhielt, und sich unter der Bedingung vom Bann lösen zu lassen, daß er

setzte König HEINRICH 111. (1039-1056) ihn

und Reichsverweserin AGNES

war auf der

im Streit mit den deutschen Fürsten dem Papst

und seine beiden Gegenpäpste ab. Die folgen­

Seite der Gegner oder verhielt sich zumindest

die Entscheidung überließe. Dennoch wähl­

den zwölf Jahre waren geprägt von einer

unschlüssig. -Auf der Seite der Reformfreun­

ten die Fürsten Herzog RuDOLFVON SCHWABEN

Reihe deutscher Reformpäpste. Die Wende

de dagegen stand in erster Linie der Clunia­

zum Gegenkönig, und es kam zum Bruder­

kam, als 1058 ein Franzose namens GERHARD

zensermönch HILDEBRAND voN SoANA, der frü­

krieg (1077-1080). Schließlich wurde Ru­

voN BuRGUND Papst wurde. Unter ihm setzte

her HEINRICH

sowie die von diesem einge­

DOLF durch Abhauen der Schwurhand tödlich

sich ein Rigorismus durch, welcher nicht

setzten reformfreundlichen Päpste beraten

verwundet, und GREGOR v11. verhängte über

mehr nur Mißbräuche verurteilte, sondern

hatte, und nun der Hauptgegner der Reform­

HEINRICH abermals den Kirchenbann. Nun

auch die gewachsenen Rechtsvorstellungen in

feinde war. Im Jahre 1073 bestieg HILDEBRAND

aber unterwarf HEINRICH sich nicht mehr. Er

Frage stellte, die dem deutschen Eigen- und

als GREGOR v11. den Heiligen Stuhl, und im

setzte einen Gegenpapst ein und marschierte

Reichskirchenwesen zugrunde lagen.

Jahre 1075 sprach die von ihm geleitete

vor Rom, das er 1083 einnahm. Hier krönte

römische Fastensynode dem deutschen König

ihn der Gegenpapst zum Kaiser. GREGOR hatte

Außerdem verletzte er Reichsrecht, indem er

(bzw. Kaiser) jedes Mitspracherecht bei der

sich in der Engelsburg verbarrikadiert und

den in Süditalien gelandeten Normannen das

Einsetzung von Äbten und Bischöfen ab und

blieb dort eingeschlossen, bis ihn die von ihm

von ihnen eroberte Gebiet zum Lehen gab, -

drohte bei Zuwiderhandlungen mit dem Kir­

herbeigerufenen Normannen unter ROBERT

dazu noch Sizilien, das die Normannen noch

chenbann. So scharf hatte sich noch kein

Gu1scARD befreiten. Nach diesen Ausschrei­

gar nicht erobert hatten! In Deutschland war

Papst gegen das in Deutschland bestehende

tungen seiner Verbündeten gab es für GREGOR

HEINRICH 111. inzwischen gestorben und mit ihm

Reichskirchensystem gewandt. - Ende des­

kein Bleiben mehr. Er verließ Rom und starb

eine Epoche zu Ende gegangen. Für seinen

selben Jahres ereignete sich ein schwerer

im Gefühl totaler Unterlegenheit in Salerno.

erst im Jahre 1050 geborenen Sohn HEIN­

Zwischenfall: Am Heiligen Abend wurde

m.

RICH IV„ führte dessen Mutter, AGNES VON

GREGOR überfallen, während er die Messe

HEINRICH 1v. erging es nicht besser: Sein gleich­

Po1rou, die Regierungsgeschäfte mit recht

zelebrierte. Die Angreifer zerrten ihn an den

namiger Sohn (HEINRICH v.), der seine Politik

unglücklicher Hand.

Haaren vom Altar, schlugen ihn, bis er blutete,

mißbilligte, nahm ihn 1105 gefangen und

kerkerten ihn ein und beschimpften ihn. Am

zwang ihn auf einem Fürstentag zu Ingelheim

Im Jahre 1062 wurde HEINRICH durch den

folgenden Tage gelang es der aufgebrachten

(1106) zur Abdankung. Der Vater entkam

Kölner Erzbischof ANNO aus der Kaiserpfalz

Volksmenge, den Papst wieder zu befreien.

und starb in Lüttich. Den Investiturstreit ins­

von der Rheininsel Kaiserswerth entführt.

Man führte ihn im Triumphzuge zur Kirche

gesamt beendete erst das Wormser Kon­

ANNO übernahm die Prinzenerziehung, doch

Santa Maria Maggiore, wo GREGOR die so

kordat des Jahres 1122, das die Rechte der

später überwog der Einfluß des Bremer Erzbi­

gewaltsam unterbrochene Messe des Vortages

deutschen Herrscher erheblich beschnitt, -

schofs ADALBERT. Etwa zur gleichen Zeit gab

zu Ende zelebrierte.

und zwar in Italien und Burgund noch mehr als in Deutschland selbst. Insgesamt jedoch

es in Italien wieder Tumulte im Zusammen­

hatten sich durch den jahrzehntelangen Streit

hang mit der Besetzung des Papstthrons. Noch

HEINRICH 1v. und die über Roms Forderung

einmal versuchten die Reformgegner, die

aufgebrachten deutschen Bischöfe erteilten die

die Gewichte zugunsten des Papsttums verla­

Macht an sich zu reißen. Die Kaisermutter

Antwort auf das von GREGOR ausgesprochene

gert. Ein neues Zeitalter war angebrochen„.

80

Der Investiturstreit brachte eine viel bedeutendere Wende, als es auf den ersten Blick scheinen will. Zur gleichen Zeit trat erstmals ein neues Element im politischen Kräftespiel des Mittelalters auf: das Volk".

Im Zeichen des wirtschaftlichen und sozialen Wandels „

Z

war waren die untersten Schichten der

zu leistenden Arbeiten und Abgaben -Abstu­

damaligen Bevölkerung noch weit da­

fung der feudalen

Hörigkeit bzw. Leibeigen­

Ostens, ansiedeln zu lassen. Dort erhielten sie

von entfernt, schon ein Machtfaktor zu

Land zugewiesen, das vererbbarer Eigenbesitz

sein. Noch blieben sie Objekt der Politik, -

schaft: Es gab den landlosen Unfreien, den Inhaber kleiner, aber mit vielen Dienstleistun­

andere handelten. Aber man hatte mit fort­

gen behafteter Güter sowie den fast nur

ihren Familien frei. - Übrigens erschloß man

schreitender Zeit immerhin entdeckt, daß es

Abgaben leistenden „Hofbauern ".

nicht nur Kolonisationsland, sondern machte

Doch die „Stadtluft" der aufblühenden Städte

lich unerschlossene Gebiete wie Wälder und

sie gab und daß sie nicht nur

Spanndienste

neue Sichtweise ging von der Kirche aus. So empfahl der radikal reformistische Kardi­ nal HuMBERTVON MoYENMOUTIER

wurde, und von Stund an waren sie mitsamt

auch im Landesinnern bisher landwirtschaft­

Hand- und

zu leisten vermochten. Diese

ten, namentlich in den großen Räumen des

war für die Bauern nicht die einzige Chance,

Sümpfe

ihren Status aufzubessern: Es gab für sie auch

Anbauflächen

die Möglichkeit, sich in Kolonisationsgebie-

wandte man eine ganze Reihe neuer Erkennt­

et 1061) die

urbar,

und um bereits vorhandene besser

nutzen

zu

können,

nisse an: Man lockerte den Boden mit Eggen,

Aufwiegelung der Massen, um die Ziele der

wendete ihn mit tiefer als bisher greifenden

kirchlichen Reformpartei durchzusetzen. Tat­

Scharpflügen,

sächlich kam es in Oberitalien zur Volksbewe­ gung der pataria (frei übersetzt: des „Lumpen­ packs"), die sich ganz besonders gegen den Handel mit geistlichen Ämtern richtete. In Deutschland zogen die zunächst stark von

Cluny

beeinflußten, dann aber eigene Wege

einschlagenden Reformklöster wie Hirsau bei Calw viele Fromme an sich und begannen große Rodungen, die den Siedlungswilligen Freiheitsrechte brachten. Allmählich entwickelten sich auch die Städte auf Reichsboden. Ihre Bewohner, noch um 1100 Hörige der Stadtherren (des Kaisers,

Königs, Fürsten, Bischofs, Abtes usw.), setz­ ten vielerorts Befreiung von den alten Aufla­ gen durch, um die städtische Zuwanderung

Seismographen des Wandels O (1100) Der Benediktinermönch Theo­ philus beschreibt als erster die Technik des Glockengusses

O (1105) In einer juristischen Schrift des Benediktinerordens wird erstmals im Abendland der Betrieb von Windmühlen dargelegt O (1113) Im Kloster Klosterroda im Her­ zogtum Limburg wird der Steinkohle­ bergbau betrieben

O ( 1190) In Ravensburg arbeitet die erste deutsche Papiermühle

O (1250) Der Franziskanermönch Roger

Verpflichtungen gegenüber ihren Grundher­

arbeitet die erste Uhr mit mechanischem Schlagwerk

nannte man

Masse der Bevölkerung weiterhin in Unfrei­ heit. Allerdings gab es - nach Maßgabe der

wirtschaft

„Dreifelder­

. Dies bedeutete: Man bebaute den

"

Boden nicht, bis er erschöpft war, sondern gab ihm Gelegenheit, sich zu erholen, denn man bepflanzte je ein Drittel mit Sommerfrucht, ein Drittel mit Winterfrucht, und ein Drittel ließ

O ( 1288) Auf Westminister Hall in London

macht frei",

Bessere landwirtschaftliche Erträge garantierte nicht zuletzt die Einführung der

man brach liegen. Dadurch, daß man dies in

wohner waren im allgemeinen nach einjähri­

das später. - Auf dem Lande dagegen lebte die

schaft als Zugtiere verwenden zu können.

pagne nennt erstmals die schwimmen­ de Magnetnadel zur Bestimmung der Himmelsrichtung

gem Aufenthalt in einer Stadt ihrer alten ren ledig. „Stadtluft

versah Pferde mit Hufeisen und verpaßte ihnen Kummets, um sie auch in der Landwirt­

O ( 1181) Guiot de Provins aus der Cham­

Bacon beobachtet, daß Feuerwerkssät­ ze durch Beimischung von Salpeter ex­ plosive Eigenschaften haben

vom platten Lande her zu fördern. Landbe­

die den alten, noch aus der

Römerzeit stammenden Hakenpflug ablösten,

O (1300) Von Italien ausgehend werden konvex geschliffene Augengläser ge­ bräuchlich.

regelmäßigem

Zyklus

umschichtig betrieb,

konnte jedes Stück Land in gleichmäßigen Zeitabständen neue Kräfte für den Anbau sammeln. Auf diese Weise konnte man den Ertrag von zwei Korn Ernte pro Saatkorn fast verdoppeln. Und dies war nötig, denn die Zahl der Münder, die essen wollten, war mit fort­ schreitendem

Mittelalter größer geworden.

Zwar war Deutschland, verglichen mit heute, noch immer dünn besiedelt. Immerhin aber erhöhte sich die Zahl seiner Bewohner von rund vier Millionen um die Jahrtausendwende auf über das Dappelte im

11./12. Jahrhundert. 81

Mönch schlägt Baum.

Körperliche Arbeit gehörte ebenso zu den idealen des Zisterzienserordens wie Gebet und Betrachtung. Diese realistische Darstellung entstand 1111 im Kloster Citeaux unter dem englischen Abt Harding.

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c-o.pifua�n:- u1dmmWL1 .

Auf Waldrodung und Landarbeit konzentrier­

· ·

te sich auch ein als Reaktion auf Cluny gegründeter neuer Zweig der benediktini­

. .1-r"

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schen Ordensfamilie: die Zisterzienser (nach



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ihrem Kloster Citeaux in der Nähe von Dijon). Cluny verlor langsam, aber stetig seinen reformatorischen Schwung und war in der Entfaltung eines ungeheueren Prunkes erstarrt. Deshalb suchten einige Cluniazenser­

14Ct-i äoquu urm�ret:nr «t>tot�·�rLl�\r-.l�-t l. s•





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eigene Brust gelenkt und so seinen Eid- und Kampfgenossen zum Siege verholfen. Tat­ sächlich fließt in dieser Erzählung keine Milch, sondern Blut. Es ist auch ein anderer

Aspekt schweizerisch-frommer Denkart, den die Geschichte belegen soll. Aber letztlich läuft es doch auf das gleiche hinaus - auf eine Schweizer Variante des „Einer für alle - alle für einen!" Und wirklich wurde die Solidarität der Eidge­ nossen auf manche harte Probe gestellt, denn die Geschichte der Schweizerischen Eidgenos­

senschaft ruht keineswegs nur auf dem „Bun­ desschluß" der Urkantone, auf Morgarten,

" ...sich gegenseitig beizustehen mit Hilfe, Rat und Förderung jeder Art"

Sempach und Reformation. Es mußte eine 137

Menge Kleinarbeit geleistet werden, der Bund hatte Belastungen zu ertragen, die seine Wi­

.„

derstandskraft auf manch schwere Probe stell­ ten. Doch er wuchs ständig, und unter Kaiser FRIEDRICH III. (1440-1493) verloren die Habs­

1315:

burger fast all ihre früheren Besitzungen süd­ lich des Bodensees bzw. links des Rheines. Von den Jahren 1443 bis 1450 dauerte der Krieg, den das Aussterben der Grafen von Toggenburg (1436-1439) auslöste. Im Streit

für die Verbreitung des Bundes tätig 1351 :

III. um Hilfe wandte. FRIEDRICH wiederum erhoffte sich von seinem Eingreifen in diesen

1353:

Streit die Rückgewinnung des 1415 von den Eidgenossen eroberten Aargaus. Auch der französische König, KARL

v11.

1386:

(1422-1451),

griff an der Seite Habsburgs in den Kampf ein und setzte seinen Dauphin (Kronprinzen), den späteren König LUDWIG XI„ gegen Basel in Marsch. Das Unternehmen endete jedoch mit

1460:

und

Frankreich.

1450

senschaft bei, die im übrigen nicht nur den größten Teil des Aargaus behielt, sondern 1460 sogar noch den T hurgau dazugewann.

1499:

freundliche Berner Schultheiß NIKOLAUS

voN

DIESSBACH durch die Großmachtpläne KARLS DES KÜHNEN (1467-1477), des ebenso energi­ schen wie chaotischen Herzogs von Burgund. DrnssBACH und seine Anhänger setzten sich durch, und die Schweizer waren alsbald dermaßen beunruhigt, daß sie sogar ihren Erz­ und Stammkonflikt, - jenen Konflikt, dem sie gleichsam ihre Existenz verdankten und von dem sie noch immer zehrten, den Konflikt mit den Habsburgern nämlich, begruben, um für den Kampf gegen KARL DEN KüHNEN freie

Bern tritt der Eidgenossenschaft bei

1478, dauerte der „Burgunderkrieg", der

Schlacht bei Sempach. Die Eidgenossen besiegen Herzog Leopold III. von Österreich Die Eidgenossen erobern den Habsburgischen T hurgau Eidgenossen besiegen Karl den Kühnen in den Schlachten von Grandson, Murten und Nancy.

trat

schließlich auch Zürich wieder der Eidgenos­

Ernstlich bedroht fühlte sich der frankreich­

Zürich tritt der Eidgenossenschaft bei

1474-77: Burgunderkriege: Die

einem Freundschaftsvertrag zwischen den Eidgenossen

Uri, Schwyz, Unterwalden besiegen Leopold 1. von Österreich am Berge Morgarten (am Aegerisee)

1331 Freiherr Hans von Attinghusen, ca. 1357: Landamtmann in Uri, führend

um deren Erbe siegten die Schwyzer über Zürich, das sich daraufhin 1442 an FRIEDRICH

und die Weiterentwick­ lung im Überblick

Schwabenkrieg: Der Sieg der Eidgenossen bedeutet die faktische Loslösung vom Deutschen Reich.

Hand zu haben. Drei Jahre, von 1475 bis KARL DEM KüHNEN die Niederlagen bei Grand­ son (2. März 1476) und Murten (26. Juni 1476) und bei Nancy (5. Januar 1477) sogar

den Tod einbrachte. Im Jahre 1481 kamen die Kantone Freiburg und Solothurn zu der schon bestehenden Eidgenossenschaft hinzu, und 1497/1498 schloß sich Graubünden- vorerst nur locker den Eidgenossen an. Die neuen Bundesgenos­ sen hatten sofort Gelegenheit, sich zu bewäh­ ren: Gemeinsam siegten Eid�enossen und Bündner im Jahre 1499 über Osterreich und den Schwäbischen Bund. Erst dieser Sieg brachte die endgültige faktische Loslösung der Schweizer Eidgenossenschaft aus dem Ver­ band des Reiches, über das nun MAXIMILIAN 1., „der letzte Ritter" (1493-1519), als „erwähl­ ter Römischer Kaiser" herrschte. Wenn auch im wahrhaft weltumspannenden Reich seines Sohnes, KARLS

v.

(1519-1556), „die Sonne

nicht unterging", so konnte doch keine Macht der Welt- bis zu NAPOLEON- den Schweizern ihre de-facto-Souveränität mehr nehmen, ob­ wohl deren staatsrechtliche Festschreibung (wir sagten es bereits) erst im Westfälischen Frieden von 1648 erfolgte. Die Schlacht bei Sempach.

Ähnlich wie im Norden die Hanse, bildeten sich auch im des deutschen Süden Sprach- und Siedlungsrau­ mes (allerdings nur ver­ gleichbar kurzlebige) Städte­ bünde, um die Interessen der Stadtbewohner zu sichern. Einige dieser Städtebünde umfaßten auch Städte auf heute schweizerischem Ter­ ritorium und machten mit den Eidgenossen gemeinsame Sache. Dies mußte zwangs­ läufig zu neuen Kollisionen mit dem Hause Habsburg führen, und tatsächlich zog im Bunde mit den süddeut-

138

sehen Fürsten - Herzog Leo­ pold III. von Österreich gegen die unbotmäßigen Eidgenos­ sen und ihre Verbündeten zu Felde. Das fürstliche Ritter­ heer erlitt jedoch bei Sem­ pach (nördlich von Luzern) am 9. Juli 1386 eine vernich­ tende Niederlage. Das Bild zeigt die Schlacht (links die Eidgenossen) am Ufer des Sempacher Sees. Einer Le­ gende zufolge verdanken die Eidgenossen ihren glänzen­ den Sieg dem Selbstopfer des Helden Arnold Winkel­ ried, der so viele Speerspit­ zen der feindlichen Ritter mit seinen Armen umfaßte und

auf seine eigene Brust lenkte, daß im habsburgischen Heer eine Lücke entstand, die ei­ nen Durchbruch der Eidge­ nossen ermöglichte und so die Voraussetzung zum Sie­ ge schuf. Keine Legende ist jedoch, daß Leopold selber in der Schlacht fiel. Sie führte dazu, daß Habsburg 1389 beim Friedensschluß mit der inzwischen auf „Acht Orte" angewachsenen Eidgenos­ senschaft deren Unabhän­ gigkeit vom habsburgischen Territorialstaat anerkennen mußte ( was freilich noch nicht die volle Unabhängig­ keit vom Reich bedeutete).

Das aus dem „Ewigen Bunde" der „drei Waldstätten" Uri, Schwyz und Unterwalden hervorgegangene

staatliche

Gemeinwesen

hatte seine ersten Stürme hinter sich gebracht und seine ersten, harten Bewährungsproben bestanden. So ernst und tiefgreifend die Zer­ würfnisse sein mochten, zum Bruch hatten sie nicht geführt! Im Gegenteil: Das Zusammen­ gehörigkeitsgefühl stieg im Laufe der Jahr­ hunderte, auch durch die kriegerischen Aus­ einandersetzungen, die das entstehende Ge­ meinwesen durchzustehen hatte. Die Schweiz schuldet ihre Existenz dem im Mittelalter verbreiteten Schwurgedanken, der sich so gemeinschaftsbildend

erwies,

daß

staatsbildende Kräfte erwuchsen.

daraus

„Schwer ist's dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhoben ist, daß er nur (sich) beugen und anbeten muß."

ehe. Sie verherrlichte an dieser Stilepoche das

Das Zeitalter der Gotik

S

Mystische,

Hirnrnelanstrebende,

himmel­

wärts Weisende dieser Bauten, die noch im­ mer unsere Stadtbilder prägen. Letztlich auf dieser neuen Einschätzung des »Gotischen« fußend, reklamierten noch spä­ ter Germanentümler die gotische Bauweise für die deutsche Kunst, obwohl der Ursprung der gotischen Baukunst eindeutig in Frankreich zu suchen ist und gerade die deutsche Gotik im Vergleich zur französischen ein uneinheitli­ ches Bild darbietet. Diese deutschtümelnden Verherrlicher unserer Gotik rühmten ihre himmelstürmende Dynamik als Ausdruck der angeblich

überlegenen

Kreativität

eines

„nordischen Menschen".

o äußerte sich G OETHE angesichts des

schwer von der Gotik zu lösen vermochte,

Technisch gesehen war der gotische Baustil

Straßburger Münsters. Für ihn, den

das Ergebnis eines ingeniösen Spiels mit den

ganz vom Geist der deutschen »Klassik«

und GroRaro VASARI (1511-1574) war die Gotik Ausdruck eines von den »Gotenkrie­

Durchdrungenen, ein wahrhaft erstaunliches

gen« eingeleiteten nachklassischen Zeitalters

brochenen Mauerwerks. Dieses Spiel erfor­

Urteil! In der Tat war man über die Gotik als

voller Barbarei, und die Bezeichnung „go­

derte komplizierte Verstrebungen und beding­

Stilepoche - insbesondere der Baukunst -

tisch" wurde gleichbedeutend mit „überla­

te auch die typisch gotischen Spitzbögen, die weniger Seitenschub ausüben als die romani­

durchaus unterschiedlicher Auffassung. Für

den", „bizarr" „klassischem Formensinn wi­

Künstler und Kunsttheoretiker wie loRENZO

dersprechend".

G ttIBERTI (1378-1455), der sich selbst nur

wieder den Reiz der gotischen Formenspra-

-

Erst die Romantik entdeckte

Möglichkeiten aufgelöster Massen und durch­

schen Rundbögen zuvor. Gotischer Baustil also nur eine Frage der Funktionalität?

Die deutsche Frühgotik Während in Frankreich längst die reifste Hoch­ gotik blühte, entstand in Deutschland erst die frühgotische Elisabethkirche zu Marburg an der Lahn. Man begann mit dem Bau im Jahre 1235. Die Weihe erfolgte allerdings erst 1283, und die T ürme wurden erst um 1340 vollendet. Neben der Trierer Marienkirche war dieses Marburger Gotteshaus das erste in rein gotischen Formen errichtete sakrale Bauwerk auf deutschem Bo­ den. Es war der von Papst Gregor IX. (1227-1241) im Mai 1235 heiliggesprochenen, jung gestorbenen Landgräfin Elisabeth von Thüringen und Hessen (geb. 1207, t 1231) geweiht, die sich ganz der Fürsorge für Arme und Kranke gewidmet und dadurch so inbrün­ stige Verehrer erworben hatte, daß man ihrem Leichnam Haare, Ohren, ja sogar die Brustwar­ zen abschnitt, um sie als „wundertätige Reli­ quien" aufzubewahren. Als .Landgrafenchor" d.h. als Grablege hessischer Landesfürsten ist der südliche Kreuzarm dieser Kirche von besonderer Bedeutung für die Geschichte der deutschen Bildhauerkunst.

" Die gotische Baukunst war die höchste Errungenschaft der mittelalterlichen Seele " Elisabethkirche in Marburg.

139

Tatsächlich läßt sich die gotische Bauweise

schiffe mit Natur- und Backsteinen zu über­

auch auf einen sehr einfachen Nenner bringen

wölben. Im Grunde brauchte man hierzu nur

Bögen auf Stützpfeiler ab. Allerdings gingen

und als Lösung bautechnischer Probleme ver­

auf Techniken zurückzugreifen, die bereits in

sie noch lange nicht so weit wie die Baumei­ ster der Gotik unserer Epoche.

Räume, sondern leiteten ihn punktuell über

stehen, die auf ganz banale, aber einleuchten­

der Antike bekannt und von den Römern zur

de Ursachen zurückzuführen sind. Beispiels­

Vollkommenheit entwickelt worden waren.

weise auf die Angst vor Feuersbrünsten.

Denn schon die Römer verteilten den Druck

Die Baumeister der Gotik hatten ein zusätzli­

Hölzerne Kirchendecken, wie sie bis dahin

(die Last, das Gewicht, den „Schub", wie es

ches Problem zu bewältigen: die gewaltige

gang und gäbe waren, brannten viel zu leicht.

terminologisch korrekt heißt) ihrer Gewölbe

Höhe ihrer Bauten. Römische Bauten erreich­

Infolgedessen ging man dazu über, Kirchen-

nicht einfach auf die Mauern der überwölbten

ten, was ihre Höhe betraf, nur selten jenen kritischen Bereich, in dem das Mauerwerk so instabil wird, daß der Schub eines Gewölbes

"Die hierarchische Ordnung des Kosmos ... "

die Mauern unweigerlich zur Seite drückt und

Thomas von Aquin. Die Ab­

umstürzen läßt. Hinzu kam der ungeheure

bildung zeigt das um 1380 geschaffene Fresko des An­ drea di Bonaiuto in der Kirche Santa Maria Novella zu Flo­ renz, das den Triumph des Heiligen Thomas von Aquin (1224/25-1274) darstellt. Entsprechend dem Weltbild des Zeitalters der Gotik, thront Thomas als begnade­ ter Lehrer mitten unter En­ geln und Heiligen, und die Heiligen hören ihm ehrerbie­ tig zu. Der Kirchenlehrer sitzt auf einem Thron mit goti­ scher Schnitzerei, gotischen Zierat weisen auch die - al­ lerdings rundbögigen - Arka­ den der unteren („irdischen") Reihe des Gemäldes auf.

Wie sein Lehrer Albertus Magnus (um 1193-1280) war auch Thomas von adli­ ger Herkunft. Und wie Mei­ ster Ekkehard (um 12601327) hatte auch er teil an der Sehnsucht seiner Zeit nach mystischem Einswerden mit Gott. Und wie die Baumeister der Gotik ihr Können ganz in den Dienst am Bau riesiger Kathedralen stellten, be­ trachtete auch Thomas sein Philosophieren gleichsam als einen "religiösen" Dienst am Bau einer gewaltigen Ka­ thedrale. Doch wie für Albertus Mag­ nus war auch für ihn der Verstand das „Organ" des Strebens nach Erkenntnis.

Für ihn bestand das Ziel des Philosophierens nicht im Verstehen dessen, was an­ dere bereits vorgedacht hat­ ten, sondern im eigenen Rin­ gen um die Erkenntnis der Wahrheit. Besondere Be­ deutung erlangte Thomas wenn auch sicher wider Wil­ len - als Vermittler der Ge­ danken jüdischer und arabi­ scher Philosophen, mit de­ nen er sich zwar - in der Hoffnung, durch seine Wi­ derlegung Moslems für den christlichen Glauben zu ge­ winnen - kritisch auseinan­ dersetzte, die er aber gerade dadurch erst im „christlichen Abendlande" und damit uns Heutigen bekanntmachte.

Winddruck, der, wie neueste Berechnungen ergeben haben, ab 30 Meter über Grund im Quadrat der Windgeschwindigkeit zunimmt. Die Baumeister des Mittelalters stellten noch keine entsprechenden Berechnungen an. Aber sie sammelten (mitunter bittere) Erfahrungen und lernten durch Versuch und (bisweilen schmerzlichen) Irrtum, derartige Faktoren zu berücksichtigen. Beispielsweise hätte man einfach die Mauern verstärken können. Doch dann wären sie zu dick geworden, so daß die Fenster, die man wegen des auf den Mauern lastenden Drucks ohnehin hätte auf ein Minimum reduzieren müssen, noch darüber hinaus von den dicken Steinmassen beschattet worden wären und viel zu wenig Licht eingelassen hätten. Also griff man zu einer anderen Lösung und entla­ stete die Mauern durch Rippengewölbe und Streben. Diese Lösung bewährte sich derma­ ßen, daß sogar eine Vergrößerung der Fenster­ fläche möglich wurde. Das Ergebnis war von den eindrucksvollen Lichtwirkungen ein­ mal abgesehen - die immer wieder gepriesene

„Auflösung der Massen", die vielgerühmte „Schwerelosigkeit" des gotischen Kirchenrau­ mes. Die großen, gegliederten Fensterflächen boten der Glasmalerei Gelegenheit, sich zu entfalten und den Kirchenraum in mystisches, farbiges Licht zu tauchen; und die steinernen Fensterrahmen führten zur Entwicklung des

„Maßwerkes". Dieser Ausgleich der Belastungen und die sich daraus ergebende neue Ästhetik waren für die

Gotik viel charakteristischer als jenes Detail, der Spitzbogen, der als ihr „Markenzeichen" gilt. Zwar fügte sich auch der Spitzbogen mit seinem im Vergleich zum romanischen Rund­ bogen viel geringeren Seitenschub funktional hervorragend in das gotische System der Lastenverteilung, doch war er, wie oben gesagt, viel weniger eine Erfindung der Gotik

Sankt Thomas' Triumph, ein Triumph der Gotik.

140

als das Zusammenspiel aller anderen Elemen­ te gotischer Architektur.

Möglicherweise war der Spitzbogen eine An­

überladen wirkende, an Zierat so überreiche

leihe bei der Formenwelt orientalischer Archi­

neue Monumentalstil- er ging von der Ile-de­

tektur, die man aus funktionalen Gründen

France aus, dem Kronland der französischen

übernahm.

Könige. Dieses Kronland war bereits zum

Ein weltbekannter islamischer

Bau, wenn auch bei weitem nicht der älteste,

Kernland eines geeinten Frankreich gewor­

der Spitzbögen aufweist, ist die Al-Aqsa­

den, und hier kam auch jener Reichtum

Moschee auf der Tempelplattform in Jerusa­

zusammen, den die neuen Kathedralen buch­

lem. Diese Moschee stammt aus dem siebten

stäblich widerspiegeln.

Jahrhundert unserer Zeitrechnung, wurde je­ doch 780 durch einen Neubau ersetzt und

Im Jahre 1133 rief der mächtige Benediktiner­

1035 (nach einem Erdbeben im Jahre 1033)

abt SuoER (1081-1151) alles zusammen, was

abermals neu errichtet. Auch die Arkaden der

Frankreich an fähigen Handwerkern aufzu­

876-879 erbauten Ahmed-lbn-Tulun-Moschee

bieten hatte, um eine neue Kirche für den

in Kairo weisen Spitzbögen auf, ja - das

Schutzheiligen von Paris, den Bischof und

Brunnenhaus (hanafija) dieses islamischen

Märtyrer D10NYSIUS (Saint-Denis), zu errich­

Heiligtums enthält über seinen gleichfalls spitz­

ten. Elf Jahre später, im Jahre 1144, wurde

bogigen Eingängen ebensolche dreigegliederte

das richtungweisende Bauwerk mit großem

Fensteröffnungen, die auf frappierende Art gotisches Maßwerk vorwegnehmen.

Pomp eingeweiht. Den wenigen Resten nach

Glasfenster im Regensburger Dom.

zu urteilen, die von ihm im Nachfolgebau dieser Kirche (zwischen 1231-1281) erhalten

Fraglich ist, wie der Spitzbogen ins christliche

Druck des klassisch-antiken Kulturerbes ge­

sind, muß es sich um ein Gotteshaus gehandelt

Europa kam. Man ist nicht sicher, ob dies über

standen zu haben als der Norden, der sich -

haben, das neben neuen, frühgotischen noch immer zahlreiche Merkmale der romanischen

das maurische Seanien geschah oder ob

frei von solchem Druck - sehr viel innova­

Kreuzfahrer die Ubermittler waren. Nicht

tionsfreudiger, sehr viel offener gegenüber

Bauweise aufwies. Zwölf Jahre nach SuoERS

unmöglich ist allerdings auch, daß man ihn in

Neuerungen, zeigen konnte. Auch in Italien

Tode, also bereits 1163, begann der Bau der

Europa einfach neu erfand, weil er auf seine

spielte ja die Gotik nur eine geringere Rolle.

Kathedrale Notre Dame de Paris. Als er 1235

Weise zur Entlastung des Mauerwerks beitra­

Offenbar war auch hier der gleiche Druck der

vollendet war, besaß die Welt eines der

gen konnte. - Unbestritten ist Frankreich das

antiken Tradition zu verspüren.

ausgereiftesten Meisterwerke gotischer Bau­

Doch es gab noch einen zweiten Grund für das

Bauwerk der Menschheit« feierten.

Mutterland der Gotik. Nicht einmal die Kün­ der „germanischer Dynamik" und „deutscher

kunst, das Bewunderer sogar als »edelstes

Innerlichkeit", die die gotische Bauweise gern

Entstehen der Gotik in den eher nördlich

für die Deutschen in Anspruch genommen

gelegenen Landesteilen Frankreichs: Der auf

Sehr zögerlich faßte die Gotik dann auf

hätten - wir sagten es oben bereits-, konnten

eingeschworene Anhänger der Klassik so

deutschem Boden Fuß. Auch hierfür hatte man eine Erklärung: So eifrig man auch

dies leugnen. Doch behalfen sie sich mit der Feststellung: Schließlich sei es Nordfrank­

bestrebt war, die Gotik als „typisch deutsche"

reich, wo die Gotik zu Hause sei. Und dort, so

Kunst zu vereinnahmen, - nun fand man

schlossen sie, habe es wohl - nicht zuletzt seit der Ansiedlung der Normannen in diesem Raum - mehr „germanisches Blut" gegeben als im eher „keltisch-romanisch" verbliebenen Süden. Kelten hin, Normannen her- tatsächlich trifft

es zu, was die Verfechter einer „blutsbeding­ ten" Gotik-Auffassung über die geographi­ sche Verbreitung gotischer Kathedralen ins Feld führten. Aber da wir uns nicht vorzustel­ len vermögen, was die Anwendung irgend­ welcher Bautechniken und die Erfindung irgendeines Baustils mit menschlichem Blut und biologischer Vererbung zu tun haben soll, müssen wir nach einer anderen, plausibleren Erklärung suchen, - einer Erklärung, die es uns gestattet, fernab vom ganz und gar unwis­ senschaftlichen Mythos des Blutes auf dem Boden solider Argumente zu bleiben. Tatsäch­ lich scheint der Süden Frankreichs, der ja sehr viel früher und intensiver römischem Kultur­ , einfluß ausgesetzt war, stärker unter dem

Treibende Kräfte waren vorrangig nicht mehr die land­ erschließenden Klöster und deren künstlerische Leistun­ gen, sondern die städtischen Zentren, in denen die bedeu­ tenden und charakteristischen sakralen Kunstwerke dieser Zeit entstanden... Einerseits waren an ihrer Entstehung gesellschaftliche Gruppen mit jeweils unterschiedlichen Interessen beteiligt, anderer­ seits entfalteten sich an ihnen neue Technologien und Betriebsorganisationen... (Peter Ger/ach)

plötzlich, so »urdeutsch« sei sie nun doch auch wieder nicht. Vielmehr habe den Deut­ schen, die eher das Bodenständige, Erdhafte liebten, die romanische Baukunst doch besser entsprochen, und deshalb hätten sie sich nur zögernd von ihr getrennt. Fest steht einzig und allein: Die Deutschen zogen - aus welchen Gründen auch immer - erst mit erheblicher Verspätung nach. Eine der noch verhältnismä­ ßig früh begonnenen gotischen Kathedralen auf deutschem Boden, der gewaltige Kölner

Dom (begonnen 1248), wurde sogar extrem spät fertig, nämlich erst im 19. Jahrhundert. Doch so „urdeutsch" man diesen Dom zeit­ weilig auch fand - er ist, stilistisch betrachtet, aufs engste mit der Kathedrale von Amiens verwandt, und tatsächlich war auch sein erster Baumeister

und

Planzeichner,

Meister

GERHARD, zuvor in Amiens tätig.

Keine anderthalb Jahrzehnte vor der Grund­ steinlegung des Kölner Domes begann der Bau der Elisabethkirche in Marburg an der

141

ehe zu Kuttenberg und schuf in Prag auch die

Die Gotik

weit ins 15. Jahrhundert

O entstand vor der Mitte des 12. Jahrhunderts in Nord­ frankreich (lle de France) und breitete sich in den kommenden Jahrhunder­ ten nach Spanien, Eng­ land, Italien und Deutsch­ land aus O entfaltete sich auch in Deutschland, angeregt durch die französische Kathedral-Gotik, von der Mitte des 13. Jahrhun­ derts an und reichte bis

Lahn

(1235-1283).

O schuf in der Baukunst ein neues Raumgefühl, wel­ ches das Kircheninnere als eine nach der Höhe und Tiefe gegliederte Einheit erfahrbar machte und den Kirchenbau zu mächtiger Höhe trieb O schuf in der Skulptur die architekturgebundene Plastik, deren formschö­ ne Figuren des Hinter­ grundes der Wandfläche, der Konsole als Stand und auch des Baldachins

über dem Kopf bedurften O schuf in der Malerei, auch durch die Weiterführung der Techniken der Glas­ bearbeitung, neue Aus­ drucksformen der Glas­ malerei und löste somit die Freskenmalerei der Romanik weitgehend ab O entfaltete ihre Stilmerk­ male auch in der profa­ nen Baukunst der Bur­ gen, Rats- und Bürger­ häuser, in der Buchmale­ rei sowie im Kunsthand­ werk.

Während in Frankreich

Eine besonders bekannte Baumeisterfamilie

bereits die Gotik in voller Blüte stand, schuf

war die der Par/er aus Schwäbisch Gmünd.

man hier einen Bau sehr viel schlichteren,

Sie teilte sich in einen süddeutschen und einen

frühgotischen Stils, dessen Erbauer die techni­

böhmischen Zweig. Dessen bekanntester Ver­

schen Mittel und die Formensprache der

treter war PETER PARLER ( 1330-1399). Er

Gotik sehr viel sparsamer anwandten als ihre

arbeitete am Dom zu Prag, an der Barbarakir-

zeitgenössischen Kollegen jenseits des Rheins. Gotische Dome waren nicht mehr das Werk von Geistlichen, die bisher Baupläne entwor­ fen und Bauarbeiten geleitet hatten. Vielmehr waren sie jetzt Schöpfungen von Spezialisten, denen das Bauen zum Beruf geworden war. In Bau-

oder

Steinmetzhütten

zusammenge­

schlossen, gaben sie ihr Wissen von Genera­ tion zu Generation, vorn Meister an den Gesellen, vom Gesellen an den Lehrling wei­ ter. So sehr sich diese Dombaumeister auch noch immer ihrem Werk unterordneten - sie waren doch nicht mehr anonym, und wir wissen, daß viele von ihnen an mehreren Dombauten mitarbeiteten.

" Die Gotik eine Gemeinschaftsleistung der Bürger zum höheren Ruhme Gottes und der Stadt " Wie riesige Ozeanschiffe das Gewimmel winziger Fischerboote im Hafen überragen, so ragen die gotischen Kathedralen weit, doch scheinbar schwerelos über das Häusergewirr mittelalterlicher Städte empor. Die Aufnahme zeigt Straßburg und sein Münster mit dessen 142 m hohem Turm.

Karlsbrücke, die die Moldau überspannt. Von seinem künstlerischen Einfluß zeugt das herr­ liche

Freiburger Münster ebenso wie die fast Coelestinerkirche auf dem Oybin,

unbekannte

deren Ruine den bedeutendsten deutschen Maler der Romantik, CASPAR DA vm F R lEDR ICH

( 1774- 1840), zu einem seiner gefühlvollsten Aquarelle inspirieren konnte. Zwei weitere Mitglieder der Parler-Familie,

ÄLTERE

HEINRICH DER

und

HEINRICH DER

JüNGERE, arbeiteten vermutlich am Münster

zu Ulm, das, im Jahre

1377

begonnen, sogar

noch zehn Jahre später vollendet wurde als der Kölner Dorn, nämlich erst

161

1890 !

Sein

Meter hoher Turm ist der höchste Kirch­

turm der Welt (die T ürme des Kölner Domes bringen es auf „nur" bietet

29 000

157 Meter), und der Bau

Menschen Platz. Im Jahre der

Grundsteinlegung hatte Ulm nicht einmal so viele Einwohner. - Ulms Haupt-Dombaumei­ ster aber war wohl ULRICH VON ENSINGEN, der von

1392

bis

1417

den Münster-Bau leitete.

Auch die Ensinger waren eine regelrechte „Dynastie" von Dombaumeistern, die keines­ wegs nur in Ulm tätig waren, sondern auch in Bern, Eßlingen und anderswo. Ja

-

1398

übertrug man ULRICH VON ENSINGEN zusätzlich die Fertigstellung des Straßburger Münsters. Unsterblich aber wurde von den in Straßburg tätigen

Meistern

vor

allem

ERWIN VON

STEINBACH (auch ERWIN VON STRASSBURG ge­

nannt), der seit dem Jahre

1284 als Werkmei­

ster beim Bau des Straßburger Münsters nachweisbar ist. In der Romantik betrachtete man ihn als Schöpfer des gesamten Bauwerks. Allerdings stammt nur der untere Teil der Westfront von ihm. Doch wie dem auch sei

-

GoETHE, anfangs ein entschiedener Gegner der

Gotik, verdankte dieser Fassade nach eigenem Bekunden



eine Offenbarung".

Bild rechts: Die Westfassade der Kathedrale Saint­ E tienne in Bourges.

Literatur H. Grundmann: Wahlkönigtum, Territorial­ politik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahrhundert. 10. Aufl., München 1999. Eva S. Rösch/Gerhard Rösch: Kaiser Friedrich II. und sein Königreich Sizilien. Ostfildern 1995. Heinrich

Pleticha

(Hrsg.):

Deutsche

Geschichte, Bd. 3: Die staufische Zeit

1152-1254. Gütersloh 1998.

142

Die Zeiten hatten sich geändert und mit ihnen die Machtverhältnisse. An der Diskrepanz zwischen dem künstlich aufrecht­ erhaltenen Machtanspruch der Herrscher und den Realitäten im Lande scheiterte das deutsche Königtum.

Der Kampf der mächtigen Familien um das Königtum

1

n der Völkerwanderungszeit und zu Be­

Den größten Aufschwung erlebten die italie­

ähnliche geopolitische Strukturen entstehen.

ginn des Mittelalters war die Macht von der Stammeszugehörigkeit abhängig.

nischen Städte - allen voran die Seehandels­ städte. Nach den historischen Rechtsansprü­

wie im ausgehenden Mittelalter eine Zweitei­

Dann bildeten sich regionale Schwerpunkte,

chen der Kaiser gehörte Oberitalien zum

lung Italiens: im Norden rivalisierende Städte,

und

Reich, es war aber de facto in Stadtstaaten

So finden wir sowohl zu Beginn der Antike

Macht von Kernregionen über weite Gebiete

zerfallen, die einander bekämpften, ähnlich

in denen Auseinandersetzungen zwischen Ari­ stokraten und „patrizischen" Familien toben,

des Reiches aus. Dies änderte sich seit dem

wie lange davor zur Zeit der Etrusker. Ver­

im Süden größere Staaten mit einer landfrem­

10./11. Jahrhundert mit der Entwicklung

gleichbare historische bzw. kulturhistorische

den

und Ausbreitung der Burgen. Die landbesit­

Konstellationen lassen immer wieder auch

bzw. Normannen, später Spanier). Seit der

herzogliche

Dynastien

dehnten

ihre

Führungsschicht

(Araber,

Franzosen

zenden Aristokraten sicherten sich im Schutz

zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts übertru­

von Wällen die Macht in kleinen Territorien.

gen einige norditalienische Städte die Regie­

Sie hielten einander in Schach und schwäch­

rung einem Podesta, der während seiner

ten die Zentralgewalt. Kein König war mehr

Amtsperiode die volle Verfügungsgewalt über

in der Lage, unumschränkte Gewalt auszu­

die Stadt hatte. Einige dieser Stadtherren

üben. Er war der Oberlehnsherr und brauchte

wurden auf Lebenszeit gewählt; im Laufe des

die Zustimmung seiner Vasallen, die sich in

13. Jahrhunderts wurde daraus in einigen

Bündnissen zusammenschlossen. An dem Wi­

Stadtstaaten die Signoria (ein Stadtfürsten­

derspruch zwischen universalen kaiserlichen

tum).

Ansprüchen und der politischen Realität wechselnder Machtgruppierungen und bluti­

Im späten Mittelalter konnte man Macht nur

ger Konkurrenzkämpfe ging das Reich der

noch im Rahmen von Bündnissystemen erlan­

Staufer zugrunde.

gen, die häufig durch dynastische Heiraten abgesichert wurden. Voraussetzungen für po­

Zu den Machtfaktoren, mit denen sich die

litischen Erfolg waren Prestige und diplomati­

Könige arrangieren mußten, gehörten auch

sches Geschick, zum Teil auch Reichtum,

die befestigten Städte, die sich bemühten, Unabhängigkeit von übergeordneten Instan­ zen (Fürsten, Bischöfen usw.) zu erlangen. Sie

im Ostseeraum gewann die Hanse in immer

Peter von Aspelt. Die Könige kamen und gingen - das Kurfürstenamt aber blieb.„ Kaum eine treffendere Illustration der Machtverhältnisse im 14. Jahrhundert läßt sich denken als diese Grabplatte des Mainzer Erzbischofs (und Kurfürsten) Peter von Aspelt mit den von ihm kreierten und gekrönten Königen: Heinrich VII. (1308-1313), Johann von Luxemburg (König von Böhmen 1310-1346) und Ludwig IV., dem Bayern

stärkerem Maße an Bedeutung.

(1314-1347).

schlossen sich zusammen und suchten ihren Einflußbereich auszudehnen. In Deutschland gewann der im Jahre 1254 gegründete Rhei­ nische Bund mit mehr als 70 Städten, von denen einige nicht am Rhein lagen, für einige Zeit einen großen Einfluß. In Süddeutschland bildeten sich im 13./14. Jahrhundert starke Städtebünde, und in Norddeutschland sowie

144

--·----·

denn es galt, Anhänger und Verbündete zu finden und zu organisieren. Es waren also „Managerqualitäten" erforderlich, aber neue Denkweisen mußten sich in alten Begriffen und zeremoniellen Umgangsformen äußern, deshalb haben wir von vielen Persönlichkeiten einen so zwiespältigen Eindruck, mal erschei­ nen sie uns „modern", mal ,,rückwärtsge­ wandt". Ein typisches Beispiel dafür ist der Aufstieg des Geschlechts der Jahre

Königswahl. Diese Abbildung aus dem Codex Balduinensis (Staatsarchiv Koblenz) zeigt, wie Graf Heinrich von Luxemburg am 27. November 1308 zum deutschen König gewählt wird. Heinrich war der Favorit des Trierer Erzbischofs und Kur­ fürsten Balduin von Luxemburg (1307 -1354).

Krönung Heinrichs VII. Die Abbildungen aus dem Codex Balduinensis (Staatsarchiv Koblenz) zeigen verschiedene Phasen des Krönungszeremoniells. Der neugewählte Herrscher, Heinrich VII., und seine Gemahlin Margarita empfangen auf der unteren Abbildung feierlich die Krone.

Scaliger in Verona: Im

1147 wird ein B ALDINO

DELLA SCALA

als

Konsul in Verona erwähnt. Angehörige der

1246 und 1257 als Ver­ schwörer gegen die Staufer hingerichtet. Im Jahre 1254 machen die Zünfte MASTINO DELLA SCALA zum Podesta de[ Popolo, in den sechzi­ ger Jahren war er Podesta della Mercadanza Familie wurden

(der Kaufleute) und bekämpfte den aus der Stadt verbannten Adel. Am 27. Oktober 1277 wurde sein Bruder und Nachfolger ALBERTO auf Lebenszeit zum

Capitano de/ Popolo

gewählt. Er sicherte seiner Familie die Macht-

position, indem er seine Tochter CoNSTANZA mit Os1zzo

11. VON

FERRARA (einem früheren

Gegenspieler) und seinen Sohn BARTOLOMEO mit KoNSTANZE, einer unehelichen Tochter Kaiser FRIEDRICHS 11„ verheiratete. Von nun an mußten sich die deutschen Könige, wenn sie Kaiser werden wollten, mit dieser Dynastie in irgendeiner Form arrangieren. In ähnlicher Form entstanden überall in Europa dynasti­ sche Machtgruppen, die vor Staats- und Sprachgrenzen nicht haltmachten. Sie besetz­ ten weltliche und geistliche Ämter. Mitunter

" ...und es hatte sich durchgesetzt, daß die Wahl des Königs allein den sieben Kurfürsten zustand."

kam es auch vor, daß sich die verschiedenen Zweige der „großen Familien" untereinander bekämpften.

Staufers KONRAD 1v. (1254) herrschte W1LHELMVON H OLLAND über

Nach dem Tode des

einen großen Teil Deutschlands. Er stützte sich auf ein Bündnis rheinischer Städte. Nach seinem Tode

(1256) kam es im Jahre 1257 zu

einer strittigen Königswahl. Gewählt wur­ den ALFONS

X. VON

Deutschland

KASTILIEN, der niemals in

erschien,

und

RICHARD

voN

145

HZM. LIMBURG

Königliche Hausmachtpolitik und Partikulargew

1355-1406

im Römisch-deutschen Kaiserreich im 14. Jh.

2

luxemb.

LAND BAUTZEN (BUDISSIN)

1 320

an Böhmen

LAND GÖRLITZ

1329

an Böhmen

BM.EICHSTÄTI GFT. ZOLLERN BM. FREISING GFT. MÖMPELGARD

N

Grenzen von Königreichen

- • - außerhalb des ROmisch­ deutschen Kaiserreiches Grenzen von Fürstentümern ______

des Römisch-deutschen Kaiserreiches

Hausmacht der Habsburger um



1375

Hausmacht der Luxemburger um Hausmacht der Wittelsbacher um geistliches Fürstentum

„ •

0

Reichsstädtisches Gebiet Städte

50

100

150

200 km

146

1375 1375

Heinrich VII. in Italien. König Heinrich VII. (1308-1313) bei seinem Versuch, in Italien die Reichsgewalt zu erneuern.

"Das Schicksal deutscher Könige entschied sich in Italien.„"

CORNWALL, ein Verwandter des englischen

Königs, der in Aachen gekrönt wurde. Die

punkt des Reiches lag im Rheinland. Dort wurde über die oberste politische Gewalt im

Fürstengruppe der Königswähler von 1257

Reich entschieden. Die aufstrebenden Mächte

beanspruchte von nun an das Recht der

im Osten waren damit beschäftigt, eine Infra­

Königswahl als Privileg für ihre Amtsnachfol­

struktur zu schaffen, ihr Territorium auszu­

ger. Dieses Monopol wurde dann im Jahre

dehnen und zu besiedeln. Es gab keine festge­

1356 in der berühmten Go/denen Bulle legiti­

legten Grenzlinien, sondern Kampfzonen -

miert. Auf diese Weise verfestigten sich die Machtverhältnisse des 13. Jahrhunderts insti­

ähnlich wie später im 19. Jahrhundert die

tutionell und wurden im Grunde auf Jahrhun­

Die südliche „frontier" Brandenburgs verlief

derte festgeschrieben. „Kurfürsten" waren die

etwa im Raum des heutigen Stadtgebietes von

„frontier" im „Wilden Westen" Amerikas.

Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der

Berlin. Die slawische Burg Köpenick war in

König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein,

den Besitz des Markgrafen von Meißen ge­

der Herzog von Sachsen und der Markgraf

langt, sie wurde um das Jahr 1240 zerstört

von Brandenburg. Wer deutscher König wer­

und nach 1245 durch eine kleinere Burg des

den wollte, mußte sich einen Einfluß auf

Geschlechts der Askanier ersetzt. Der wich­

dieses Wahlkollegium sichern und es nach

tigste Platz im Berliner Raum war Spandau

Möglichkeit mit Freunden, Gefolgsleuten oder

mit der Burg sowie einer frühstädtischen

Familienangehörigen besetzen. Der Schwer-

Siedlung. Sie bildete das Zentrum eines weit147

reichenden Fernhandels. Bei Ausgrabungen

Eintritt des Hauses Habsburg in die deutsche Geschichte Mit Rudolf Graf von Habs­

wählt wird, vor seiner Verfol­

in Limburg im Breißgau, trat

Klugheit des Grafen Rudolf von Habsburg, und da viele mächtige Fürsten genannt

die Dynastie der Habsburger in die deutsche und die Welt­

waren, sagte er, Klugheit und

ben würde?< Als nun jener

Tapferkeit gingen über Macht

versicherte, daß Rudolf

burg, geboren am 1. Mai 1218

gung? Hat er eine Tochter, die er mir zur Gemahlin ge­

Krummen Fenn im Bezirk Zehlendorf

am

wurde seit 1967 eine Kontrollstelle freigelegt, die von dem Markgrafen von Meißen angelegt worden war. Eine ähnliche Kontrollstelle, die in

den

Jahren

1937/39 entdeckt wurde,

markiert die zeitweilige Südgrenze des askani­ schen Machtbereichs. Zu Beginn des

13.

geschichte ein. Am 1. Okto­

und Reichtum, und stimmte

sechs Töchter hätte, und

ber 1273 wurde der Partei­ gänger der Staufer zum deut­ schen König gewählt. Seine

für Rudolf. Er brachte auch den Erzbischof von Köln und

dafür, daß ihm eine von die­ sen würde gegeben werden,

Jahrhunderts gelang es den Asi.aniern, die

den von Trier dazu. Der Her­

mit Einsetzung aller seiner

treiben, und es setzte eine gezielte Siedlungs­ politik ein. - In Böhmen wanderten im 13./

territoriale Machtgrundlage

zog von Bayern aber, der

Besitzungen sich verbürgte,

im Aar- und im Zürichgau

seine edle Gemahlin, eine

stimmte der Herzog dem

war eher bescheiden, aber gerade das hatte ihn in dem

Tochter des Herzogs von Brabant und einer holländi­

komplizierten Kräfteverhält­

Wettiner aus dem westlichen Teltow zu ver­

14. Jahrhundert deutsche Bürger, Bauern und

schen Mutter, wegen des

Mainzer bei. Da dies der Her­ zog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg

nis, das sich nach dem Tode

ungerechten Verdachtes ei­

hörten, welche auch beide

des letzten Stauferkaisers Friedrich II. (1250) im Reich herausgebildet hatte, für den Thron empfohlen, weil die

nes Ehebruchs hatte ent­ haupten lassen, Vater des

keine Frauen hatten, stimm­ ten sie gleichfalls bei, nach­

die Expansionspolitik ÜTIOKARS II. (1253-78)

nachmaligen Fürsten Ludwig IV„ nahm den Burggrafen

dem ihnen Sicherheit gege­ ben war, daß sie Töchter Ru­

vom Riesengebirge bis zur Adria. Der böhmi­

Fürsten wohl meinten, unter

von Nürnberg, welcher zu­

dolfs zu Gemahlinnen erhal­

Rudolf ihre Sonderrechte un­

gegen war, einen Neffen

ten würden. Und so wurde er

des staufischen Reiches.

geschmälertweitergenießen

Rudolfs, beiseite und sagte

nach all diesem Ausgleich

zu können. Rudolf aber ent­ puppte sich als tatkräftiger

zu ihm: •Welche Sicherheit habe ich, wenn Rudolf er-

der verschiedenen Interes­ sen einstimmig erwählt.«

Herrscher, der das deutsche Königtum zu

Bergleute ein, die von den Königen (bis 1306 aus der Dynastie der Przemisliden) gerufen wurden. Der Silber- und Goldbergbau hob den Wohlstand des Landes und ermöglichte

sche König profitierte von der Katastrophe

Am

1.

Oktober

des Jahres

1273 wurde

RUDOLF 1. VON HABSBURG zum deutschen König gewählt. Bei dieser Wahl wurde der mächtig­ ste Reichsfürst, ÜTIOKAR II. VON BöHMEN, über­

neuer Blüte

führte. Wie merkwürdig er an

gangen und sein

die Königskrone geraten war, schildert ein zeitgenössischer Chronist:

BAYERN, dem Bruder des Pfalzgrafen Luow1G,

HEINRJCH voN

übertragen. Wegen dieses Rechtsbruchs ver­ weigerte der mächtigste Vasall dem neuen

»Als in jenen Tagen der für

König die lehnshuldigung; es kam zum Krieg

Mainz gewählte Bischof be­

und RUDOLF siegte

hufs seiner Bestätigung nach

am

26. August 1278 bei

Dürnkrut. RUDOLFS Söhne wurden durch die

Rom reisen wollte, gab der genannte Graf Rudolf dem neu

Kurrecht

Belehnung mit den einst von OrroKAR erober­ ten Gebieten Reichsfürsten, aber als Nachfol­

Erwählten auf sein

ger wählten die Kurfürsten nicht seinen Sohn

schriftliches Ansuchen das Geleite von Straßburg bis zu

ALBRECHT, sondern AooLF VON NASSAU, um die

den Alpen und geleitete ihn nach glücklich erlangter Be­

drängen. Als sich der neue König durch

stätigung wieder nach Hau­

Eroberungen in Thüringen und Meißen eine

se. Als ihm der Erzbischof

Hausmacht zu schaffen suchte, verbündeten

Machtansprüche der Habsburger zurückzu­

Dank sagte, gelobte er, nicht

sich der Mainzer Erzbischof und der böhmi­

eher zu ruhen, als bis er ihm

sche König, die selbst an dieser Region

einen so großen Dienst ver­

interessiert waren, mit Herzog ALBRECHT VON

golten haben würde. Dersel­

ÖSTERREICH. Die Kurfürsten erklärten den

be Erzbischof berief, nach­

König für abgesetzt und wählten ALBRECHT

dem er mit Glück und gutem

zum König, der Krieg gegen seinen Vorgän­

Erfolg seine Stellung behaup­ tet hatte, die Fürsten zur Er­

ger führte. Am 2. Juli 1298 fiel König AooLP in

wählung eines Königs nach

einer Schlacht bei Göllheim in der Pfalz.

der Stadt Frankfurt. Als aber die Wahlfürsten versammelt

Die Kurfürsten erhielten Privilegien und terri­

waren, miteinander über die Gefahren der Thronerledi­

toriale Zugeständnisse. Sodann aber sicherte sich ALBRECHT durch ein Bündnis mit dem

gung und den Verlust aller

französischen König ab und erklärte die von

fürstlichen Rechte klagten

den Kurfürsten am Rhein erhobenen Steuern

und sich über die Person ei­

und Abgaben schlicht für ungültig. Damit

nes zu wählenden Fürsten besprachen,

rühmte

der

Mainzer den Mut und die

Rudolf 1. von Habsburg, römisch-deutscher König 1273-1291. Glasmale­ rei im Wiener Stephansdom.

brachte er die Rheinischen Städte auf seine Seite. Der Pfalzgraf und die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier wurden besiegt und

148

Juden erhalten Privilegien. Seit Kaiser Heinrich IV. (1056-1106) stand die kleine jüdische Minderheit unter dem besonderen Schutz des Kaisers. Zu den Herrschern aber, die die Privile­ gien der Juden aus­ drücklich erneuer­ ten, gehörte - wie die Abbildung zeigt Heinrich VII. (1308-1313). Die Abbildung stammt aus dem Codex Bal­ duinensis (Koblen­ zer Staatsarchiv).

''Um als Verfemte sofort erkannt zu werden, mußten die Juden lächerlich auffällige Hüte tragen.''

mußten dem König Gehorsam schwören, doch konnte ALBRECHT diesen Sieg nicht zur Errich­ tung eines Einheitsstaates nutzen, da er mit dem PAPST BoNIFATIUS Vill . wegen der Anerken­ nung seiner Königswahl verhandelte. So mußte er das Wahlkollegium bestehenlassen. Bei der spätmittelalterlichen Politik ging es um Macht und Einfluß, um Fusionen und Kon­ trollen von Machtgruppen bzw. der entstehen­ den Territorien, es gab Intrigen zwischen Kon­ kurrenten und innerhalb der Familien. Um die Throne von Ungarn und Böhmen entspann sich beim Aussterben der Königshäuser (1301 und 1306) ein mörderisches Ränkespiel zwi­ schen ALBRECHT, seinem Vetter HEINRICH voN KÄRNTEN und den Anjou, dem schließlich auch König ALBRECHT zum Opfer fiel. Er wurde am 11. Mai des Jahres 1308 von seinem Neffen

JoHANN, dem er das Erbe seines Vaters vorent­

Das enzyklopädische Stichwort Das »Späte Mittelalter« ist die Bezeichnung für die hi­ storische Epoche zwischen dem »Hohen Mittelalter« und der »frühen Neuzeit«; sa­ lopp ausgedrückt: Im Späten Mittelalter ist „gerade noch" »Mittelalter« aber „noch nicht" »Neuzeit«; oder noch anders: „die Unentschieden­ heit, das Schweben zwischen Altern und Neuem macht das Besondere jener Zeit aus" (Hermann Heimpel). Solche »relationalen« Antworten haben die gelehrten Histori­ ker noch nie befriedigt, seit sich um 1700 die Dreiglie­ derung unserer allgemeinen Geschichte in »Altertum«, »Mittelalter« und »Neuzeit« durchzusetzen begann. Mit Blick auf die deutsche Reichsgeschichte dürfen wir den Beginn des »Späten Mit­ telalters«spätestens mit dem sog. Interregnum« anset­ zen (1256-1273) und das Ende der Epoche mit dem Tode Kaiser Maximilians „

(1519),

den man auch den »letzten Ritter« genannt hat. Natürlich bleibt auch diese Datierung äußerlich. Sie ori­ entiert sich an Ereignis­ sen, die nicht frei vom »histo­ rischen Zufall« sind. Die Frage nach der »inne­ ren« Datierung des »Spät­ mittelalters« sollten wir an­ ders stellen: Wann traten die wesentlichen Gestaltungs­ kräfte des Mittelalters immer stärker in den Hintergrund, und wann hatten sie sich er­ schöpft? Im Spätmittelalter fanden »sichtbare« und »un­ sichtbare« Revolutionen viel­ fältiger Art statt. Die welthi­ storisch wohl bedeutendste war das Ende des alten Byzantinischen Reiches mit der Errichtung der türkischen Herrschaft in Südosteuropa (1453). Viele byzantinische Gelehrte flohen nach Westen und beschleunigten so die aufkeimenden Kräfte von Renaissance und Humanis­ mus, welche die Sichtweise

vom »Menschen« von Grund auf änderten. Als Luther im Jahre 1517 die Bühne der Geschichte betrat, hatte sich diese neue Sichtweise theo­ logisch und politisch zur Geltung gebracht, und mit Christoph Kolumbus, der im Jahre 1492 den Boden der »Neuen Welt« betrat, hatte der neue Erfinder- und Ent­ deckergeist seinen spekta­ kulären Erfolg. Das »Spätmittelalter« endet in den wenigen Jahrzehnten, die sich um die Wende vom 15. auf das 16. Jahrhundert herumgruppieren. Es ist ver­ fehlt, ein Ereignis als Kriteri­ engeber für den Epochen­ wechsel isoliert hervorzuhe­ ben. Vielmehr muß man da­ von ausgehen, daß sich im genannten Zeitraum Tenden­ zen, Strömungen und Ereig­ nisse des Neuen in einer Weise verdichteten, daß zu Recht vom Übergang des Mittelalters in die Neuzeit gesprochen wird.

halten hatte, überfallen und ermordet. 149

Ein halbes Jahr nach dem Mord an ALBRECHT

Dynastie) eingeritzt wurde. Innenpolitisch bedeutsam war die Zusammenfassung aller in

burg einem Angehörigen der Adelsfamilie

wurde ein neuer deutscher König gewählt. Einen anerkannten böhmischen König gab es

Verona gültigen Handelsordnungen

(1319) und die Abänderung der Verfassung von 1276 ein Jahr vor seinem Tode (1328). Der Vero­

ausgleich mit dem König von Neapel aus dem

sich selbst erfolglos um die Krone. Also gaben

neser Hof zog zahlreiche Gelehrte und Künst­

Einbeziehung des Arelats (Burgund), das

die drei geistlichen Kurfürsten den Ausschlag.

ler an. Wichtige Zeugnisse der italienischen

nominell noch zum Reich gehörte, in den

Der Erzbischof von Trier BALDUIN setzte die

Gotik sind denn auch die Grabdenkmäler der

Friedensschluß widersetzte.

Wahl seines Bruders, des Grafen HEINRICH VON

Scaliger.

Krieg, und am

nicht, die Kurfürstenwürde von Sachsen war strittig, und der Pfalzgraf bei Rhein bemühte

Orsini den Schädel einschlägt. Ein Interessen­ Hause Anjou kam nicht zustande, weil sich dessen Bruder, der französische König, einer

Es kam zum

24. August des Jahres 1313

erlag der Kaiser auf einem Feldzug bei Siena

LuxEMBURG, durch, und dieser wurde am

27. 1308 einstimmig ge­

Rom war wie zur Zeit der Etrusker in mehrere

unerwartet einer Krankheit (wahrscheinlich

wählt. Die Tatsache, daß der neue deutsche

Gemeinden zerfallen; zwischen den antiken

der Malaria). Sein Heer löste sich auf.

November des Jahres

König in Frankreich geboren war und mit

Ruinen dehnten sich weite Felder aus. Adels­

seinem jüngeren Bruder BALDUIN am französi­

burgen kontrollierten die Straßen, und König

Im Jahre

schen Königshof aufwuchs, war damals für

RoBERT VON NEAPEL hatte einen Teil des Stadt­

der Habsburger FRIEDRICH DER SCHÖNE vom

niemanden ein Hinderungsgrund! Seine Mut­

gebietes besetzt. So war es HEINRICH nicht

Kölner Erzbischof in Bonn und der Wittelsba­

ter war eine geborene Gräfin von Aresnes.

möglich, zum Petersdom zu gelangen. Er

cher LUDWIG vom Mainzer Erzbischof in

Der junge Graf erhielt von dem französischen

mußte sich

1312 in der Lateransbasilika von

Aachen. Beide Könige waren etwa gleich

König PHILIPP IV. den Ritterschlag. Er war einer

zwei Kardinälen im Auftrage des Papstes zum

stark und verschleuderten das von ihnen

der besten Turnierkämpfer seiner Zeit, und

Kaiser krönen lassen. Sein Bruder BALDUIN

kontrollierte Reichsgut, um sich Verbündete

seine Zeitgenossen rühmten seine umfassende

ließ eine Bilderchronik vom Italienfeldzug

zu schaffen. Mehrmals trafen ihre Heere

Bildung. Der König arrangierte sich mit dem

herstellen. Sie zeigt unter anderem, wie der

aufeinander, ohne daß es zu einer Entschei­

Sohn seines Vorgängers und ließ ALBRECHTS

streitbare Bischof beim Kampf um die Engels-

dung kam. Die Ritterschlachten lösten sich

Mörder verfolgen. Böhmen verlieh er seinem

stets in Einzelkämpfe auf, bei denen die

Sohn JoHANN, der mit ELISABETH, einer Toch­

" aber erst nachdem Friedrich 1330 gestorben ist, endet das Doppelkönigtum. "

Besiegten Lösegeld versprachen und sich vom

ter des letzten böhmischen Königs, verheiratet wurde. Da JOHANN noch minderjährig war, führte der Erzbischof von Mainz, PETER AsPELT, der Sohn eines Ministerialen, in Böh­ men die Staatsgeschäfte und setzte die Herr­

„.

1314 wurden zwei Könige gekrönt:

Kampfplatz entfernten. Das Kampfgeschehen ähnelte, um einen Vergleich zu gebrauchen, einer lukrativen Schachpartie, bei der die Figuren nacheinander vom Schlachtfeld ver­ schwanden. Am

28 . September 1322 fiel bei

schaft der Luxemburger durch. Nach der Erlangung der Königswürde wollte sich HEINRICH vn. auch zum Kaiser krönen lassen und zog nach Italien, wo er die kaiserli­ chen Herrscherrechte erneuern wollte. Papst KLEMENS v. erhoffte sich von einem gekrönten Kaiser Unterstützung bei seinem Bestreben, aus Avignon nach Rom zurückzukehren. Des­ halb forderte er die Städte des Landes auf, den „angekündigten König nicht mit Waffenlärm" zu empfangen. In Italien erhofften einige Politiker von ihm Waffenhilfe und Unterstüt­ zung, - so auch der Dichter DANTE ALIGHIERI

(1265-1321), der im Jahre 1302 aus Florenz verbannt worden war. HEINRICH betonte zwar, er komme als über den Parteien stehender König, mußte sich aber seinen Weg nach Rom an einigen Orten doch mit Waffengewalt bahnen. In Mailand erlangte HEINRICH

1311

die Eiserne Krone der Langobarden. Er ver­ bündete sich vor allem mit dem Adelsge­ schlecht der Scaliger(ital.: „Scala"), die am 7. März 1311 zu Reichsvikaren bestellt wurden. CANGRANDE DELLA ScALA wurde der mächtigste Herrscher in Oberitalien. Er erweiterte den Landbesitz seiner Dynastie und errichtete an den Grenzen neue Kastelle, über deren Toren die Leiter (das sprechende Wappen der 150

Ludwig IV„ der Bayer. Die Machtkämpfe der großen Familien des Reiches führten u.a. dazu, daß am 19. und 20. Oktober 1314 nacheinander zwei Könige gewählt wurden: der Habsburger Friedrich der Schöne (1314-1330), ein Sohn Albrechts 1., und der Wittelsbacher Ludwig IV., der Bayer (1314 -1347). Die Doppelwahl hatte nicht zuletzt Auswirkungen auf das Papsttum: Ludwigs entschiedenster Gegner war der in Avignon residierende Johannes XXII. (1316-1334), den Ludwig am 18. April 1328 wegen seiner ständigen Abwesenheit von Rom für abgesetzt erklärte und bald darauf am Himmelfahrtstage (12. Mai) desselben Jahres durch den Franziskanermönch Petrus von Corvara ersetzen ließ. Ihn wählte das römische Volk zum Papst und als Nikolaus V. bestieg er den Thron Petri. Doch der vom Kaiser neu eingesetz1e Papst, dessen Wahl nach kanonischem Recht anfechtbar war, fand beim Kardinalskollegium keinerlei Rückhalt.

König krönen lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er auch die Kaiserwürde erlangen. Der Bann des Papstes war dabei kein Hinderungs­ grund und hatte eine geringe Wirkung, da ein vom französischen König abhängiger Papst viel von seiner politischen Autorität verloren hatte und die deutschen Erzbischöfe in erster Linie daran interessiert waren, ihre Rechte als Territorialherren zu sichern. Der Papst hatte

selbst Probleme mit der Anerkennung seiner Legitimität und mußte sich mit einem theolo­ gischen Streit auseinandersetzen: Innerhalb des Franziskaner-Ordens traten die sogenann­ ten Spiritualen für eine strenge Befolgung des Armutsideals ein. Sie verlangten eine Reform Schlachtszene aus dem 14. Jahrhundert.

Die Schlacht bei Mühldorf Die Auseinandersetzungen zwischen Ludwig IV., dem Bayern (1314-1347), und Friedrich dem Schönen (13141330) erreichten ihren Höhe­ punkt am 28. September 1322 in der Schlacht bei Mühldorf am Inn. Friedrich, der Verlierer, wurde gefan­ gengenommen und zu­ nächst in die Festung Traus­ nitz in der Oberpfalz eingelie­ fert. Im Mai des Jahres 1325 gab Ludwig ihm jedoch die Freiheit zurück, ließ ihm den Königstitel, ja beteiligte ihn schließlich sogar an der

Machtausübung, so daß bis zu Friedrichs Tod im Jahre 1330 auf deutschem Boden eine regelrechte Doppelherr­ schaft bestand. Die hier ge­ zeigte Schlachtdarstellung wird häufig als Abbildung des Entscheidungskampfes bei Mühldorf gedeutet. Immerhin entstand sie nur relativ kurze Zeit danach. Sie stammt aus der 1334 für den Landgrafen Heinrich von Hessen ange­ fertigten Prachthandschrift Wilhelms von Oranse (heute in der Landesbibliothek zu Kassel), deren Miniaturen als

Mühldorf am Inn die Entscheidung. Drei

Jahre blieb FRIEDRICH in der Gefangenschaft seines Rivalen. Am 5. September 1325 schlos­ sen beide Könige Frieden und erkannten sich

besonders natur- und detail­ getreu gelten. Wenn es daher vielleicht auch nicht wirklich das Kampfgeschehen von Mühldorf ist, das wir hier er­ blicken, so könnte es doch in Mühldorf durchaus so zuge­ gangen sein, wie es die Ab­ bildung zeigt. Die Schlacht bei Mühldorf war übrigens noch nach den Regeln ritterli­ cher Kämpfe vorher .ange­ sagt" worden - und es war auf deutschem Boden die letzte Schlacht, in der ohne die aufkommenden Feuer­ waffen gestritten wurde.

" Auf deutschem Boden die letzte Schlacht ohne Feuenvaffen... "

der Kirche. Als der Papst diese Bewegung verbot, weil die Lehre als zersetzend und für die Gesellschaft als gefährlich angesehen wur­ de, traten deren Anführer in die Dienste LuDwIGs 1v. und unterstützten ihn mit theologi­ schen Argumenten. In Trient sammelten sich die kaiserlichen Truppen und ihre italienischen Verbündeten, denen die italienischen Städte 150 000 Florin (Goldgulden) an Hilfsgeldern versprachen. In Mailand wurde LUDWIG am Pfingstsonntag des Jahres 1327 durch den gebannten Bischof G umo VON AREZZO und den Bischof von Arezzo mit der italienischen Königskrone gekrönt. Der Weitermarsch nach Rom, wel­ ches LUDWIG 1328 erreichte, war mit Hinder­ nissen gepflastert: Es gab Kämpfe mit einigen Städten, und der Papst ließ das Schlußurteil im Exkommunikationsprozeß gegen König LuDwIG überall in Italien verbreiten. In Rom wurde LUDWIG von den Bischöfen von Vene­ dig und Aleria gesalbt, und in Übereinstim­ mung mit der T heorie der Volkssouveränität

wechselseitig an. Sie wollten die wichtigsten

erhielt er die Kaiserkrone von einem Vertreter

Regierungshandlungen gemeinsam ausüben.

des populus Romanus (d.h. der römischen

Bis 1330 existierte so ein Doppelkönigtum,

Oberschicht). Danach ging er seinerseits ge­

das vom Papst indes nicht anerkannt wurde.

gen den Papst vor und ließ am 13. April 1328

Dieser betrachtete den T hron als vakant. LuDwIG zog nach dem Vorbild der Staufer und

auf dem Petersplatz einen „Schauprozeß" gegen den falschen Papst führen, in dem der

seines Vorgängers nach Italien, um sich zum

J OHANNES XXII. ernannte P HILIPP VON VALOIS zum Stellvertreter ROBERTS für das zum Reich

Kaiser krönen zu lassen. Während seiner

gehörende Italien. Im Oktober forderte er

J OHANNES xxn. für abgesetzt erklärte. In einer

Abwesenheit übernahm F RIEDRICH als sein Vertreter in Deutschland die alleinige Regent­

durch einen Anschlag an der Domtür von

Demonstration verbrannten die Römer eine

Avignon LuDwIG 1v. auf, binnen drei Monaten

Strohpuppe, die den Papst symbolisierte.

schaft. Die wichtigsten Parteigänger LuowIGs

abzudanken. Dieser erklärte, daß er der recht­

Kaiser den Ketzer und Majestätsverbrecher

in Oberitalien waren die Herzöge G ALEAZZO 1.

mäßig gewählte König und der Papst nur für

V 1scoNTI von Mailand, den die Kurie der Ketzerei verdächtigte, und C ANGRANDE 1. DELLA

Kaiserkrönungen zuständig sei. Daraufhin

Auch in Deutschland sicherte der Kaiser nun seine verfassungsrechtliche Stellung, nachdem

bannte und exkommunizierte ihn der Papst im

ein Versuch der Aussöhnung mit BENEDIKT XII.,

ScALA von Verona. Sie brachten den Gegnern

März des Jahres 1324.

des Kaisers - Anhängern des französischen Papstes - mehrere Niederlagen bei. Schon nach dem Tode HEINRICHS v11. hatte Papst K LEMENS

v.

König R OBERT

Reichsverweser

ernannt;

VON

sein

NEAPEL zum Nachfolger

dem Nachfolger JOHANNES'

XXII.,

gescheitert

war. Im Sommer des Jahres 1338 versammel­ Um sich seiner Rechte in Italien zu versichern,

ten sich die Kurfürsten in Rhens (bei Ko­

mußte LUDWIG nun dorthin ziehen, mit den

blenz) und stellten in einer prinzipiellen, nicht

Anführern der Ghibellinen (der kaisertreuen Partei) verhandeln und sich zum italienischen

nur auf LUDWIG

1v.

bezogenen öffentlichen

Erklärung fest, daß allein die Mehrheit der 151

Kurfürsten den König mache. Einer Bestäti­

Aussterben der Askanier hatte dem Land viele

gung durch den Papst bedürfe die Wahl nicht.

Wirren gebracht. Herzog RuDOL F VON SACHSEN

Wäre der Zusammenschluß von Brandenburg

Dieser Kurverein von Rhens setzte damit eine

hatte die Niederlausitz und Teile der Mittel­

mit Bayern von Dauer gewesen, so dürfte die

von der Herrschaft der Wittelsbacher ab.

neue Herrschaftsideologie in Kraft. LUDWIG 1v.

mark besetzt, zog mit AGNES, der Witwe des

deutsche Geschichte wohl einen anderen Ver­

erklärte, daß der König aufgrund der Wahl

letzten Markgrafen WALDEMAR, durch das

lauf genommen haben ...

durch die Kurfürsten wahrer Kaiser sei, einer

Land und warb um Anerkennung seiner

Bestätigung durch andere bedürfe es nicht.

Ansprüche. Da RuooLF und AGNES die Privi­

Ein anderer Expansionsversuch rief noch grö­

Mit dieser Erklärung setzte er die Kaiserkrö­

legien Berlins bestätigten, standen die Berliner

ßeren Widerstand hervor und führte schließ­

nung durch den Papst praktisch zu einer

in

lich zur politischen Katastrophe: Als Herzog

politisch bedeutungslosen Zeremonie herab.

RuDOLFS. In den vierziger Jahren des 14.

HEINRICH VON KÄRNTEN ohne Söhne starb,

Jahrhunderts versuchte LuDWIG DER ÄLTERE in

wollten sich die Wittelsbacher Tirol sichern,

der

Frage

der

Nachfolge

auf

seiten

Im Jahre 1328 übertrug LUDWIG beim Aus­

das Berliner Münzrecht einzugreifen und er­

das

sterben der Markgrafen von Brandenburg die

hob im Jahre 1342 eine Sondersteuer, da seine

(„Maultasch"), die Tochter und Erbin HEIN­

Herrschaft über dieses Territorium seinem

Hofhaltung größere Geldbeträge benötigte.

RICHS, mußte als Zwölfjährige JoHANN HEIN­

Sohn LUDWIG DEM ÄLTEREN, um die Haus­

Dies machte den neuen Landesherrn unbe­

RICH, einen Sohn des böhmischen Königs

macht der

liebt, und 1348 fielen die Städte in der Mark

JoHANN (aus der Luxemburger Dynastie), hei­

Wittelsbacher zu stärken. Das

zur

Erbmasse

gehörte.

MARGARETE

raten. Nach dem Ehestreit ließ sie 1341 die

Der Kunerein von Rhens Die knapp 3000-Seelen-Ge­ meinde Rhens (früher: Rhen­ se) spielte einst eine wichtige reichspolitische Rolle. Seit dem Jahre 1273 versammel­ ten sich hier die Kurfürsten des Reiches, um über Reichsangelegenheiten zu beraten, und am 16. Juli 1338 tagte hier in einem Baumgar­ ten der sogenannte .Kurver­ ein von Rhense", der unter Führung des Trierer Erzbi­ schofs und Kurfürsten Bal­ duin von Luxemburg (13071354) ein „Weistum" (eine „Rechtsfindung") veröffent­ lichte, wonach der deutsche König auch ohne Zustim­ mung des Papstes zur Füh­ rung des Königstitels und zur Ausübung königlicher Gewalt berechtigt sei, sobald die Kur­ fürsten ihn gewählt hätten. Dies war der erste reichspoli-

tische Akt der Kurfürsten, von ihren bisherigen Aktivitäten bei den Königswahlen ein­ mal abgesehen. Und es war eine eindeutige Stellungnah­ me zugunsten Ludwigs IV., des Bayern (1314-1347), der am 23. März 1324 von dem in Avignon residieren­ den Papst Johannes XXII. (1316-1334) gebannt wor­ den war, weil er sich nicht der päpstlichen Forderung unter­ worfen hatte, die Führung des Königstitels und die Aus­ übung königlicher Gewalt von der Zustimmung des Papstes abhängig zu ma­ chen. Dabei war das .Weis­ tum" außerordentlich diplo­ matisch formuliert. Wird doch mit keinem Wort auf Ludwig, auf dessen Auseinanderset­ zung mit dem Papsttum oder überhaupt auf irgendwelche

unmittelbar greifbaren Zeiter­ eignisse Bezug genommen! Vielmehr war die Formulie­ rung betont zeitlos. Man hat dieses .Weistum" des Rhen­ ser .Kurvereins" als eine der wichtigsten Rechtsinstitutio­ nen des späten Mittelalters bezeichnet. Tatsächlich bil­ dete es den vorläufigen Ab­ schluß einer dreihundertjäh­ rigen Entwicklung der Inter­ pretation von Staat und Herr­ schermacht. Andererseits aber war der Rhenser .Kur­ verein" nur Glied in der Kette einer weiterführenden Ent­ wicklung. Schon Anfang Au­ gust 1338 schlug Ludwig auf einem Reichstag zu Frankfurt sehr viel schärfere T öne an. Nun wies er auch alle aus der Kaiserkrönung abgeleiteten Rechte des Papstes auf Zu­ stimmung zur Königswahl zurück und erklärte: Wer von den Kurfürsten oder ihrer Mehrheit gewählt worden sei, sei und heiße zurecht Kaiser und bedürfe keiner päpstli­ chen Approbation, um sämt­ lict:ie Rechte eines Kaisers auszuüben ...

Burgtore schließen und verwies den Ehemann im Einvernehmen mit dem T iroler Adel und König LUDWIG des Landes. Ein Jahr darauf heiratete sie den verwitweten LUDWIG voN BRANDENBURG. Der T iroler Adel unterstützte

diesen Herrscherwechsel. Es wurde behaup­ tet, die erste Ehe sei nie vollzogen worden und damit ungültig. Darüber hatte aber der Papst zu entscheiden. Im Mittelalter gab es keine Zivilscheidung, wie sie König LuDWIG einzu­ führen versuchte, indem er von seinen Rechts­ gelehrten Gutachten verfassen ließ, die besag­ ten, daß die Handlungsweise des Kaisers durch ein „Notstandsrecht" legitimiert sei. Der berühmte Rechtsgelehrte MARsruus voN PADUA behauptete sogar, das Eherecht sei eine

Sache des Kaisers und nicht der Kirche. Der Papst verhängte neue Strafmaßnahmen gegen LuDwIG und einen Bann gegen das Herrscher­

paar von T irol. Während sich später HEIN­ RICH VIII. von England in einem Streit um das

Eherecht bekanntlich durchsetzen konnte, in­ dem er eine neue, vom Papst unabhängige Kirche schuf, war LuDwIG dies noch nicht möglich. Mit der zweifelhaften Ehescheidung waren viele Fürsten nicht einverstanden, denn sie wollten keinen solchen Machtzuwachs für die Wittelsbacher und für das Königtum. Die Feinde LuDwms sammelten sich: König JO HANN voN BöHMEN zog mit seinen Rittern durch Europa, beklagte das Unrecht, das seinem Sohn geschehen sei, und warb bei den

Den Königsstuhl von Rhens, zwischen 1373 und 1398 erbaut, bestiegen im 15. Jahrhundert die deutschen Könige zwischen Wahl und Krönung. Das Bauwerk ist 1929 von seinem ursprünglichen Platz auf eine Höhe westlich von Rhens übertragen worden.

Fürsten mit reichen Geschenken um Beistand. Im April des Jahres 1346 forderte der Papst die Kurfürsten zur Wahl eines neuen Königs auf. Und in Rhens wählten im Juli desselben Jahres die drei Erzbischöfe, der böhmische König und Herzog RUDOLF voN SACHSEN den älteren Bruder des verstoßenen Ehemannes zum neuen König. Aber es dauerte viele Jahre, ehe sich KARL durchsetzen konnte.

152

Als »Friedenskaiser« und »Zweiten Konstantin« bezeichnete man ihn. Er erwarb seine Macht durch wohlüberlegte Schachzüge und suchte sie durch Magie zu bewahren:

Beheim erstgeborn sune", d.h.: er verstand sich als der „regierende Kronprinz". Auf dem

K 1 IV, ar

D

I

Italienfeldzug seines Vaters ( 1333) hatte KARL in der Nacht vom

15.

zum

16.

August einen

eindrucksvollen Traum: Ein Engel trug ihn zu einer Schlacht, und er sah, wie ein zweiter Engel den GRAFEN voN VIENNE wegen seiner Sünden mit dem Flammenschwert tötete. Am nächsten Morgen berichtete er seinem Vater

a KARL 1v. eine Autobiographie verfaßt

französischen König arrangieren. Sein Sohn

und dem Hofstaat von diesem Traum, und

hat, wissen wir viel über seine Jugend

KARL heiratete

wenige Tage später erreichte die Nachricht

und seine politischen Motive. Er kam

Schwester PHILIPPS v1. Im Jahre

1322

B1ANCA voN VALOIS, die wurde

vom Tode dieses Grafen das Feldlager. Von

Prag zur Welt

die Ehe des französischen T hronfolgers JEAN

nun an fühlte sich KARL als Auserwählter. Um

und wurde auf den Namen WENZEL getauft.

mit GmA voN LuxEMBURG arrangiert. -JOHANN

sich des göttlichen Beistandes zu versichern,

Nach einem Ehezerwürfnis entzog der Vater

starb im Jahre

als Verbündeter Frank­

mußte er gottesfürchtig sein. Dieses religiöse

den Dreijährigen der Mutter und sperrte ihn

reichs auf dem Schlachtfeld von Crecy (De­

Selbstverständnis des jungen Prinzen aus dem

zwei Monate lang in einen dunklen Keller, um

partement Somme, Frankreich). Seine Fahr­

Hause Luxemburg kann man auch als eine

seinen Trotz zu brechen. Vielleicht weckte

ten und Abenteuer erinnern an Ritterromane.

Leitlinie seiner Politik in den kommenden

dieses

Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, daß sie

Jahren erkennen. - In Böhmen versicherte er

am

16.

Mai des Jahres

1316 in

Schock-Erlebnis mystische Neigun­

ganz

1346

gen.„ Als Siebenjähriger kam KARL 1v. an den

seiner

Hof des französischen Königs und erhielt

Machtpolitik entsprangen.

spezifischen

1332

Auffassung

von

Verhältnis hatte. Einige Adlige versuchten,

seinen Namen nach seinem Firmpaten Char­

les. Im Jahre 1328 wurde PHILIPP v1. nach dem

sich der Gefolgschaft des böhmischen Hoch­ adels, mit dem sein Vater stets ein gespanntes

Seit Ostern des Jahres

1331

trat KARL an die

Vater und Sohn gegeneinander auszuspielen.

Aussterben des Geschlechts der Capetinger

Seite seines Vaters, in Urkunden bezeichnete

Es gelang KARL, sich mit dem Vater zu

neuer König von Frankreich. Mit dem franzö­

er sich jetzt als

Wir Karle von Gottes Gnaden

versöhnen und seine Rechte wiederzuerlan­

sischen T hronfolger JEAN (Johann) verband

des hochgeborn fuersten kunig Johanis von

gen, aber diese Erfahrung machte ihn miß-



KARL bald eine persönliche Freundschaft. Ferner freundete er sich mit dem Abt PETRUS RoGERn DE FEcAMP an, welcher es bald zum Erzbischof und Kardinal und schließlich sogar zum Papst brachte. Ihm verdankte KARL seine Wahl zum König. Sein Vater eilte mit seinem Gefolge häufig durch Europa, um Bündnisse zu schließen. Er

der Emater Böhmens und der Enstiefvater des deutschen Reiches"

" .„Karl

-

mischte sich in viele Händel ein, und es gab ein geflügeltes Wort: Ohne den König von Böhmen „

kann niemand etwas gut zu Ende bringen". Mit seiner Reisediplomatie versuchte der König einen Traum zu verwirklichen, den bereits die Przemisliden, die Vorfahren seiner Gemahlin ELISABETH, geträumt hatten: die translatio imperii,

-

d.h. ein

Kaisertum, das von den Römern auf Byzanz und die Franken gekommen sei, das sodann die Sachsen und Schwaben an sich brachten und das nun nach Böhmen gehöre. Es müsse stets dem geopolitischen Zentrum zufallen. So versuchte er mit dem Erwerb von Schlesien die böhmische Macht auszu­ weiten, Kärnten und T irol durch Hei­ rat mit der Dynastie zu verbinden und Norditalien zu

1330

erobern.

Im Jahre

unterwarf er die wichtigsten

Städte der Lombardei. Um die ita­ lienischen Eroberungen zu si­ chern,

mußte

sich

König

JOHANN voN BöHMEN mit dem

Karl IV. Eine der berühmten Büsten des Meisters Peter Parler (1330-1399) aus dem Triforium des ebenfalls von Peter Parler vollendeten Vettsdomes auf dem Prager Hradschin. Sie zeigt Karl IV. (1347-1378), unter dem das Heilige Römische Reich noch einmal einen glanzvollen Höhepunkt erreichte. Daß die Büste des Herrschers von den Büsten seiner ersten vier Gemahlinnen (1. Blanche von Valois, 2. Anna von der Pfalz, 3. Anna von Schweidnitz sowie 4. Anna von Pommern) umgeben ist, hat seinen guten Grund. Denn all diese vier Frauen trugen erheblich zur Erwetterung seiner luxem­ burgisch-böhmischen Hausmacht bei. Karl IV. trieb mtthin bereits eine ähnliche Form der Hausmachtspolttik l"ie später die Habsburger, auf die der Ungarnkönig Matthias 1. Corvinus (1458-1490) den lateinischen Vers gemünzt haben soll: „Bella gerent alii! Tu, felix Austria, nube!" (,Mögen andere Kriege führen! Du, glückliches Österreich, heirate!") 153

trauisch gegenüber adligen Ratgebern. Er hielt

Die Hausmachtpolitik der Luxemburger, Wittelsbacher und Habsburger

sich später lieber an die Ratschläge seiner geistlichen Freunde. Im Jahre 1340 dann traf KARL seinen frühen Weggefährten PETRUS RooERn wieder. In seiner (etwa 1355 vollende­ ten) Autobiographie berichtet er:



Und er

sagte mir („.) »Du wirst noch König der Römer«". Dies war von beiden Seiten ein politisches Programm, das nach der Tiroler

Scheidungsaffäre, durch die sich LUDWIG DER BAYER diskreditierte, auch Wirklichkeit wurde. KARL wurde in Bonn, der Residenz des Kölner Erzbischofs, gekrönt, war aber anfangs nichts weiter als ein Gegenkönig. Ganz abgesehen von der Kaiserwürde dachte LUDWIG gar nicht daran, sein Königtum aufzugeben und sich den Mehrheitsbeschlüssen der Kurfürsten zu beugen. Fast alle Reichsstädte standen auf seiten Kaiser LUDWIGS. Dieser hatte zwar Anhänger verloren, aber im Reich war das Ansehen seines Rivalen gering. Man nannte ihn einen „Pfaffenkönig", da er auf Drängen des befreundeten Papstes gewählt wurde. Als Kaiser LUDWIG am 11. Oktober des Jahres

r..;;l

1347 auf einer Bärenjagd vom Schlaganfall überrascht wurde, hatte KARL Mühe, sich daraufhin im Reich durchzusetzen. Denn die gegen ihn eingestellten Kurfürsten wählten am 13. Januar des Jahres 1348 EDWARD 11. von England zum deutschen König, allerdings ohne diesen zu fragen, ob er die Wahl annehmen wolle. Und so gelang es KARL, ihn auf seine Seite zu ziehen und zum Verzicht auf die T hronansprüche zu bewegen. Auch mit GüNTER voN ScHWARZBURG, einem anderen Gegenkönig, wurde KARL fertig, indem er ihn mit einer beachtlichen Summe zum Rücktritt

II II II

c:J Luxemburger Wittelsbacher Habsburger

" Hausmachtpolitik führte zum modernen Flächenstaat"

des verstorbenen letzten Askaniers handelte, der auf seinen „Auftritt" von Gegnern der Wittelsbacher gründlich vorbereitet worden war. Vermutlich waren auch Verwandte, dar­ unter der Graf von Anhalt, der den FALSCHEN

bewog. Nach seinem Tode ließ KARL ihn mit

WOLDEMAR identifizierte, mit im Komplott.

königlichen Ehren begraben. siens, um ihre Politik zu finanzieren, und

Der Graf ließ sich von dem Schwindler

KARLS politische Laufbahn begann in gewisser

schließlich: beide stützten sich auf fremde

Erbansprüche bestätigen. Ob auch KARL

Hinsicht ähnlich der des späteren Königs

Mächte, KARL auf Frankreich, FRIEDRICH auf

daran beteiligt war, bleibt unklar. Jedenfalls

1v.

FRIEDRICHS DES II. VON PREUSSEN, dessen burg­

England. Gleichwohl waren sie von unter­

profitierte er von der Affäre. Denn fast alle

gräflicher Ahnherr übrigens mit einer Tochter

schiedlicher Persönlichkeit: KARL wurde von

Städte der Mark Brandenburg erkannten den

KARLS verheiratet war: Beide wuchsen unter

einer geradezu mystischen Frömmigkeit be­

angeblichen Askanier als den rechtmäßigen

dem Druck einer väterlichen Erziehung auf,

herrscht, FRIEDRICH II. VON PREUSSEN war dage­

Landesherrn an. Der Wittelsbacher wurde

die sie seelisch verwundete. Beide waren

gen eher skeptisch.

vertrieben, und KARL belehnte den „Heimkeh­ rer" im Oktober des Jahres 1348 mit der

frankophil und nach den Maßstäben ihrer Zeit sehr gebildet. KARL sprach Deutsch, Franzö­

Wie konnte KARL 1v. nach Lage der Dinge

Mark, dieser trat ihm einen Teil der Mark

sisch, Italienisch, Tschechisch und besaß gute

seine Machtposition konsolidieren? Und wie

Brandenburg ab. Wie schwach der Einfluß

Lateinkenntnisse. Von beiden erwarteten ihre

konnte er seine Position im Reich festigen?

KARLS außerhalb seiner eigenen Territorien

Untertanen eine politische Wende und auch

Seine Lage verbesserte sich, als er in Branden­

war, zeigte sich bei den Judenverfolgungen.

Reformen. Beide mußten sich als Realpoliti­

burg Einfluß gewann, als nämlich im Sommer

Die Judensteuern waren die wichtigste regel­

ker bewähren und dabei eine ähnliche Politik

1348 in Magdeburg ein alter Pilger auftrat, der

mäßige Einnahme des Königs, deshalb lag es

verfolgen

Könige

sich als der verschollene Markgraf WOLDEMAR

natürlich in seinem Interesse, die Juden zu

herrschten über Territorien am Rande des

voN BRANDENBURG ausgab. Einige Historiker

schützen. Das war ihm indes nur in Böhmen

Reiches, beide nutzten die Reichtümer Schle-

vermuten, daß es sich dabei um einen Diener

und natürlich auch in Luxemburg mög-

154

wie

ihre Väter.

Beide

lieh. In Nürnberg suchte er sogar selbst von der Enteignung der Juden zu profitieren: Er sicherte dem mit ihm verbündeten Rat, der nach einem Umsturz wieder an die Macht gekommen war und sich für verlorengegange­ nen Besitz an den Juden schadlos halten wollte, Straffreiheit für den Fall zu, daß die Juden einem Pogrom zum Opfer fallen soll­ ten. Am 27. Juni des Jahre 1349 versprach er seinem Gegner aus dem Hause Wittelsbach als Versöhnungsgeste drei große Judenhäuser in Nürnberg. Er ließ die Nürnberger im damali­ gen Judenviertel zwei große Plätze anlegen und an der Stelle der Synagoge eine Marien­ kirche bauen. Nachdem im Dezember dessel­ ben Jahres 560 Juden verbrannt und die übrigen vertrieben worden waren, entstand der Nürnberger Hauptmarkt, und die Marien­ kapelle wurde als eine Reichskapelle nach

dem Vorbild der Aachener Reichskapelle

KARLS DES GROSSEN errichtet. Darin dokumentierte sich KARLS Anspruch, Nachfolger des ersten abendländischen Kai­ sers zu sein. Vorerst war er jedoch nur in Böhmen im Besitz der Macht, also in seinem

ererbten Königreich, wo er sich auf geistliche Helfer stützen konnte. Von diesem Zentrum aus mußte er an Einfluß im Reich gewinnen. Bereits im Jahre 1344 hatte KARL erreicht, daß das bis dahin von Mainz abhängige Bistum Prag zu einem selbständigen Erzbistum erho­ ben wurde; im Jahre 1348 gründete er mit Hilfe des Erzbischofs ERNST VON PARDUBITZ die Prager Universität

-

die erste in Zentral- und

Schließlich kamen wir nach l ljähriger Abwesenheit nach Böhmen... Bei unserer Ankunft fanden wir weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwestern, noch sonst einen Bekannten. Auch hatten wir die böhmische Sprache ganz verlernt. Doch haben wir uns später ihrer wieder bemächtigt, so daß wir sie sprechen und verstehen konnten wie jeder andere Böhme. Durch Gottes Gnade haben wir außer dem Böhmischen auch das Französische, das Italienische, das Deutsche und Lateinische so zu sprechen, schreiben und lesen gelernt, daß wir eine wie die andere dieser Sprachen geläufig schreiben, lesen, sprechen und verstehen konnten... (Karl IV.)

Osteuropa. Die Kirche übernahm die Bezah­ lung der meisten Professoren. Etwa ein Viertel der Studenten stammte aus Böhmen, die anderen kamen aus dem Reich, Schlesien, Preußen und Ungarn. So nahm KARL indirekt Einfluß auf die geistige Elite des Reiches und angrenzender Länder. Aber KARL 1v. beschränkte sich keineswegs auf die Förderung der Wissenschaften. Er trieb aktive Handelspolitik, indem er Handel und Verkehr durch die Sicherung von Straßen förderte, und er setzte das Kapital der Kauf­ leute für sich ein. Vor allem die Nürnberger waren seine Helfer, - nicht nur die Bürger der Reichsstadt, sondern auch die Burggrafen aus dem Geschlecht der HoHENZOLLERN. Sie ge­ hörten zu jenen kleineren Territorialherren, mit denen sich KARL gegen die großen Fami­ lien verbündete. Im Jahre 1367 ging KARL einen besonderen Bund mit den Nürnbergern ein. Er bot ihnen die Öffnung seiner Burgen an. Und im Jahre 1361 kaufte er das Dorf Erlangen vom Bamberger Bischof und baute es zu einer Festung mit Stadtrecht aus, sozusa­ gen zum westlichen Vorposten „Neuböh­ mens". Auch vergrößerte er das Stammland Böhmen durch die Annexion anderer Gebiete: Mähren, Olmütz, Troppau, Schlesien, die Lausitz und Teile der heutigen Oberpfalz. Im 19. Jahrhundert wollten die nationalstaatlich gestimmten Historiker KARL 1v. mit den Wor­ ten des späteren Kaisers MAXIMILIAN 1. als

Erzvater Böhmens Reiches adeln, ohne

und zu

Erzstiefvater

des

bedenken, daß KARL -

Burg Karlstein. Knapp 30 (genau: 28) Kilometer südwestlich von Prag erhebt sich auf steilem Kalkfels 72 Meter über einem einst einsamen Waldtal und 319 Meter über dem Meeresspiegel die 1348-1357 im Auftrage Karls IV. von Matthias von Arras erbaute Festung Karlstein (tschechisch: Karl6v TYn). Sie war gleichzeitig Aufbewahrungsort der Reichskleinodien, dynastisches Heiligtum und Lieblings-Aufenthaltsort Karls IV., der sich besonders in der Passionszeit gern dorthin zurückzog, um zu beten und zu meditieren. Manche Historiker sind der Auffassung, Karls Architekt, Matthias von Arras, habe sich beim Bau dieser traumhaften Festung von Schilderungen der legendären Gralsburg leiten lassen. Jedenfalls waren die Wände der Kapellen dieser Burg mit Gold verfugt und mit Edelsteinen ausgelegt - Materialien, die man nicht nur ihres Wertes wegen schätzte, sondern denen man auch magische Bedeutung zuschrieb.„ 155

allen anderen Kaisern gleich - letztlich nur in

Grabmal des Günther von Schwarzburg-Blankenburg im

seinem eigenen Territorium zu bestimmen hat­

Frankfurter Dom. Nicht alle Reichsfürsten waren mit der Wahl Karls IV. zum deutschen König am 11. Juli 1346 einverstanden. Vielmehr erhob eine Gegenpartei, allen voran die der Wittelsbacher, am 30. Januar 1349 den thüringischen Grafen Günther von Schwarzburg-Blankenburg (1304-1349) zum Gegenkönig. Allerdings hatten sie damit auf eine schlechte Karte gesetzt, denn durch geschicktes Taktieren nahm Karl seinem Widersacher jeglichen Wind aus den Segeln und bot ihm schließlich sogar eine beträchtliche Summe für den Rücktritt. Offensichtlich schwer krank, gab Günther nach und starb schon am 14. Juni 1349 in Frankfurt am Main. Karl IV. ließ ihn mit allen königlichen Ehren bestatten. Die Abbildung zeigt die Grabplastik des erfolglosen Gegenkönigs.

te. Dementsprechend mußte all sein Bestreben der Ausweitung dieses Territoriums gelten. Auch die Habsburger handelten später nicht anders, doch da ihre Stammlande deutschspra­ chig waren, blieb ihnen ein derartiger Vorwurf erspart. Nach dem Tode BIANCAS heiratete KARL eine Tochter des Pfalzgrafen RuooLF und söhnte sich mit den Wittelsbachem aus. Am 25. Juli des Jahres 1349 ließ er sich noch einmal diesmal in Aachen - krönen. Nun fehlte ihm nur noch die Kaiserwürde. Zu dieser Zeit suchte der Abenteurer und römische Volkstri­ bun COLA RIENZI ihn für den Plan zu gewin­ nen, ganz Italien zu erobern und zu einen. Aber KARL hatte keinen Sinn für Abenteuer, er war ein Mann der kalkulierten Politik. Zudem mißtraute er, im Unterschied zu seinem Vor­ gänger, auch der Idee eines vom römischen Volk verliehenen Kaisertums. Er zog eine

" zum glücklosen Gegenkönig gewählt.„"

Bestätigung seiner Herrschaft durch den Papst vor. Da RIENZI der Ketzerei verdächtigt wur­ de, lieferte ihn KARL an den Papst ( INNOZENZ v1.

) in Avignon aus, der sich mit RIENZI

arrangierte und diesen nach Rom schickte, um die Stadt im Namen des Papstes zu erobern. Als

der

Bischof von Mailand,

G1ovANN1

V ISCONTI, einer der mächtigsten Gegner des

indes seine Zeitgenossen und zum Teil auch

deutschen Königtums, starb, nutzte KARL IV.

spätere Historiker nicht daran gehindert, ihn

passierenden Gebieten. Die Gefolge der Kur­

die Gelegenheit und brach endlich zur Krö­

nach den alten Maßstäben zu beurteilen.

fürsten begrenzte man auf zweihundert Reiter,

Geleit für den Fall eines Krieges in den zu

von denen nur fünfzig bewaffnet sein durften.

nung nach Rom auf. Am Dreikönigstag des Jahres 1355 wurde er in Mailand zum König

Der Kaiser regierte das Reich überwiegend

Denn auf früheren Versammlungen hatten

von Italien und zu Ostern in Rom durch den

von Prag aus, hielt aber auch an anderen

mitunter Drohungen und Gewaltanwendun­

päpstlichen Legaten zum Kaiser gekrönt. Auf

Orten Hof. Diese lagen überwiegend an der

gen den Ausschlag gegeben. Das 24. Kapitel

dieser Reise kassierte KARL Abgaben und

Ost-West-Achse von Prag über Nürnberg

über den Rechtsschutz der Kurfürsten lehnte

Zahlungen größeren Ausmaßes für verliehene

nach Luxemburg und Metz oder an der Süd­

sich an den Codex Iustinianus an. Diese

Privilegien. Um nur die höchsten Summen zu

Nord-Achse von Prag über die Mark Bran­

berühmte Goldene Bulle ist bis zum Ende des

nennen: Pisa zahlte 60 000 Goldgulden, Flo­

denburg zur Ostsee. Vergessen wir nicht: Auf

alten Reiches im Jahre 1806, also über 450

renz 100 000, 150 000 erhielt er von den

seinen Reisen mußte er, so gut es ging, den

Jahre, eine Art Reichsgrundgesetz gewesen.

VISCONTI. Viele Italiener waren enttäuscht,

Pestzügen, die sein Zeitalter zutiefst erschüt­

daß KARLIV. nur mit kleinem Gefolge nach

terten, ausweichen. In Nürnberg und Metz

Ein anderes wichtiges

Italien gekommen war und kassierte, statt

verkündete KARL IV. im Jahre 1355/56 eine

Landbuch KARLS IV. aus dem Jahre 1375, das, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alle

Dokument ist das

Ordnung zu schaffen. Sie nannten ihn einen

Reihe von Gesetzen. Die wichtigste Urkunde

„Krämer". Aber er verhielt sich nur der

war die Goldene Bulle (so benannt nach dem

damals bestehenden Siedlungen in der Mark

politischen Lage entsprechend: Denn es war

goldenen Siegel). Sie regelte die Königswahl.

Brandenburg aufzählt. Diesem Orts-Register

ihm ebensowenig möglich, die politischen

Die bisherige Praxis wurde nun zu Gesetzen

war eine Übersicht der Einkünfte aus der

Strukturen in

ändern wie in

festgeschrieben und mit neuen Garantien ver­

Markgrafschaft wie Zölle und Abgaben der

Deutschland, und so versuchte er es gar nicht

sehen. Die (sieben) Kurfürsten bekamen ihre

Bauern und der Städte vorangestellt. Wofür

erst. In den Staatsgeschäften war KARL der

Privilegien als das Wahlkollegium des deut­

dies? Eine solch detaillierte Datensammlung

Italien

zu

kühl kalkulierende „Manager". Bei ihm war

schen Königs verbrieft; außerdem die Münz­

war die Voraussetzung für ein effektives

der allmählich Platz greifende Rollenwechsel

und Zollhoheit; ferner: Die weltlichen Kur­

Staats-Management. Aus diesem Landbuch

vom charismatischen Herrscher zum „Chef­

fürstentümer wurden für unteilbar erklärt, um

kennen wir die Verteilung des Grundbesitzes,

Organisator" des Staates (im Sinne des späte­

Erbfolgestreitigkeiten möglichst zu vermei­

die Getreidearten und die durch die Pest

ren Selbstverständnisses absolutistischer Kö­

den. Die Anreise zur Königswahl wurde

entvölkerten Dörfer (Wüstungen). Es ist dies

nige) bereits weit fortgeschritten. Das hat

durch ein Wegerecht gesichert mit freiem

die wichtigste Quelle der Wirtschafts- und

156

Sozialgeschichte über die Mark Brandenburg im Späten Mittelalter, - eine wahre Fundgru­ be an Informationen. Auf der Ost-West-Achse sicherte KARL

1v.

seiner Dynastie eine Reihe von Stützpunkten.

" Karolus Dei Gracia Romanorum Rex semper Augustus et Boemie Roy"

winklige Straßenzüge um drei Platzanlagen vor. Im neuen Siedlungsgebiet entstanden sechs Klöster. Die Altstadt wurde als Handels­ zentrale, die Neustadt als Handwerkersied­ lung organisiert. Die von K ARL

IV.

erbaute

Brücke über die Moldau trägt noch heute den Namen Karlsbrücke.

Im Osten schuf er eine geschlossene Haus­ macht mit Böhmen, Schlesien, der Lausitz und Pommern. Letzteres erwarb er durch seine (vierte) Eheschließung mit ELISABETH

Im Jahre 1344 legte man im Burgareal den

POMMERN. Schließlich kam noch Bran­

Spitze der wichtigsten königlichen „Behörde"

denburg hinzu, das er im Jahre 1373 von

stand der Kanzler. Unter ihm arbeiteten Nota­

voN

Orro

1v.

L uowIGs

Grundstein für den Dom St. Veit. An der

(dem Faulen), dem jüngsten Sohn

re, Korrektoren und Registratoren. Der Ver­

(des Baiern), erwarb. Zum Aus­

waltungsgang war in der Regel folgender: Der

1v.

gleich trat er neuböhmischen Besitz im heuti­

Kaiser erteilte den Befehl zur Ausfertigung

gen Nordbayern ab und zahlte eine halbe

eines Schriftstückes, der Notar entwarf das

Million Goldgulden in bar.

Konzept - oft in Anlehnung an Formelbü­ cher -, der Korrektor sorgte für die Rein­

KARL ließ die kleine Burg Tangermünde zu

schrift und der Registrator dokumentierte den

einer Residenz ausbauen. Hier verbrachte er

Geschäftsgang. Die Kanzlei war sowohl für

in seinen letzten Lebensjahren viel Zeit. Die Stiftskapelle war mit einem Mosaik von Edel­

Bestätigung alter Privilegien und für die Ver­

steinen ausgelegt - ähnlich wie die Wenzels­ kapelle im Prager Dom und die Kapelle in der

Burg Karlstein. Auch in Tangermünde (bei Magdeburg) war die Kapelle mit Bildern von Angehörigen der Dynastie geschmückt - und

die Briefe KARLS

Siegel Karls IV. Die deutsche Übersetzung des Schrift­ zuges auf der Münze lautet: ,Karl, mrr Gottes Gnade König der Römer, stets Augustus und König Böhmens'.

IV.

zuständig wie für die

leihung neuer. Die feste Residenz machte die Anlage eines umfangreichen Archivs möglich, so daß die neuen Entscheidungen sich auf die sichere Kenntnis früherer stützen konnten. An seinem Hof umgab sich KARL 1v. mit Notaren

damit als dynastisches Heiligtum gekenn­

modern gesprochen, internationalen Welt­ stadt. Der Prager Hof war Kultur- und Ver­

zeichnet. Prag wurde durch K ARL 1v. zu einer,

waltungszentrum. Am 26. März des Jahres

familien. Nur wenige Angehörige des Hoch­

1348 legte KARL den Grundstein für die

adels gehörten zu seinen Vertrauten, - viel­

aus Nürnberger, Prager und Brünner Patrizier­

leicht auch, weil er mit diesen Familien in Prager Neustadt und vergrößerte damit das Ritt zum Reichstag. Auf zwei Reichstagen (am seiner Jugend schlechte Erfahrungen gemacht Stadtgebiet um 180 Prozent. Prag war die 10. Januar 1356 in Nürnberg und am Weihnachtstage desselben Jahres in Metz) hatte. Seine Berater waren überwiegend An­ größte Stadt nördlich der Alpen geworden, wurde die ,Goldene Bulle' beschlossen - ein gehörige einer Bildungselite, gelehrte Männer allerdings keine „Reichshauptstadt", so etwas wegen seiner goldenen Siegel so genanntes wie J OHANN VON NEUMARKT, der von 1353 bis gab es damals nicht! Wer ein steinernes Haus Dokument. Das Schriftstück regelt als eine Art 1373 Kanzler war und zu den Frühhumani­ in der Neustadt erbaute, erhielt zwölf Jahre „Reichsgrundgesetz' vor allem die Aufgaben sten zählte, und SIMONIS VON R rnsENBURG. Die Steuerfreiheit. Der Grundriß sah rechtund Kompetenzen der deutschen Kurfürsten sowie die Prozedur der r:;::::::::::::::�:::: ===:"."'."':::::::=::=::: :: ::========== ::: =IL==P.�::-=ir::.:;:�c===� deutschen Königswahlen. Der päpstliche Approbations­ anspruch (Billigungs­ anspruch) wird stillschwei­ gend übergangen. Um 1400 entstand eine Prunkhand­ schrilt dieser wichtigen Urkunde. Aus ihr stammt die abgebildete Miniatur. Man erblickt Karl IV. (Bildmitte) auf dem Wege zum Reichstag. Ganz rechts (mrr Bischofsmrrra) reitet der Erzbischof von Trier, links von ihm sieht man die drei Kurfürsten von der Pfalz, von Sachsen und von Brandenburg. Hinter dem Kaiser rerret der König von Böhmen, gefolgt von der Kaiserin mit einigen ihrer Hofdamen. �

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Karl IV. und die Kurfürsten. Diese Darstellung aus einem Wappenbuch zeigt Karl IV. (1346-1378) inmitten der Kurtürsten seines Reiches, und zwar im Jahre 1370. Von links nach rechts erblickt man den Erzbischof von Trier (den Erzkanzler für Burgund). Gemäß der ,Goldenen Bulle' von 1356 hatte er das Erststimmrecht der geistlichen Kurtürsten. Ihm folgen der Erzbischof von Köln (Erzkanzler von Italien) und der Erzbischof von Mainz (Erzkanzler für Deutschland). Der Erzbischof von Mainz hatte ebenfalls nach der ,Goldenen Bulle' - die Königs-Wahlversammlungen einzuberufen und nach vollzogener Wahl die �'J•ßC1n9lcc1P •ll10cgtn/ Str,ßcr909 ··�·�rrn�Ml.o" 1 Strz.lnlglnl!r�ml(cl>tn(onbcn ,,. _ Jll • brr e!>o > n une foc1�ond•eeralf POn 51•nbtr.bu19 gilo/ a··�··••brr1Er91ru,1(r8 (ein In der Mitte thront der Kaiser, --l!.!!_