Die baltischen Länder und Europa in der Frühen Neuzeit 3412501182, 9783412501181

Die historischen Untersuchungen des Bandes betreffen das Gebiet der heutigen Staaten Estland und Lettland. In der Frühen

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Die baltischen Länder und Europa in der Frühen Neuzeit
 3412501182, 9783412501181

Table of contents :
Norbert Angermann, Karsten Brüggeman, Inna Põltsam-Jürjo / Einleitung 1
Erwin Oberländer / Das Konzept der Frühen Neuzeit und die Geschichte Estlands, Livlands und Kurlands 1561–1795 11
Martin Klöker / Koloniales Modell und regionale Literatur. Die deutsch-livländischen Literaturbeziehungen der Frühen Neuzeit 37
Marina Bessudnova / Groß-Novgorod zwischen Moskau und Livland um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert 67
Anti Selart / Johann Blankenfeld und Russland 105
Stefan Hartmann / Aspekte der Außenbeziehungen Livlands im Spiegel der Korrespondenz Herzog Albrechts von Preußen (1525–1570) 131
Madis Maasing / Die Metropolitanverbindung Rigas mit den preußischen Bistümern zur Zeit des Erzbischofs Wilhelm von Brandenburg 165
Ivar Leimus / Die Münzbeziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarn im 16. Jahrhundert 189
Inna Põltsam-Jürjo / Außenbeziehungen der livländischen Stadt Neu-Pernau in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 205
Gvido Straube / Das Scheitern der von Polen-Litauen begonnenen Gegenreformation in Livland 217
Lea Kõiv / Reval und die Kirchenpolitik Schwedens 227
Volker Keller / Zu den Anfängen der Beziehungen zwischen Kurland und England (1606–1615) 257
Andreas Fülberth / Noch immer ein Forschungsdesiderat? Aspekte der kurländisch-niederländischen Beziehungen zur Zeit Herzog Jakobs 269
Enn Küng / Jacob Porteus’ Manufakturgewerbe in Narva in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts 285
Dirk-Gerd Erpenbeck / Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert 301
Viktor Nikolaevič Zacharov / Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten während des 18. Jahrhunderts 329
Boguslav Dybaś / Johann Reinhold Patkul (1660–1707) und die 'Kapitulation' der livländischen Stände mit August dem Starken (1699) – zwischen fürstlichem Absolutismus und Ständestaat 355
Mati Laur / Generalgouverneur George von Browne und die 'gute Policey' in Livland in den 1760er Jahren 371
Die Autorinnen und Autoren 383
Register 391

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Norbert Angermann, Karsten Brüggemann, Inna Põltsam-Jürjo (Hg.) Die baltischen Länder und Europa in der Frühen Neuzeit

Q UELLEN UN D S T UDI EN ZU R BA LT IS CH EN GESCH ICH T E Herausgegeben im Auftrag der Baltischen Historischen Kommission von Karsten Brüggemann, Matthias Thumser und Ralph Tuchtenhagen Band 26

Norbert Angermann, Karsten Brüggemann, Inna Põltsam-Jürjo (Hg.)

Die baltischen Länder und Europa in der Frühen Neuzeit

2015 BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung und der Baltischen Historischen Kommission. Die Arbeit an dem Band wurde durch die Wissenschaftsförderung der Republik Estland (IUT 31-6) ermöglicht.

Norbert Angermann ist Professor a.D. für Mittlere und Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg. Karsten Brüggemann ist Professor für Estnische und Allgemeine Geschichte an der Universität Tallinn. Inna Põltsam-Jürjo ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Universität Tallinn.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://portal.dnb.de abrufbar. Umschlagabbildung: Der Hafen von Riga. Unbekannter Künstler, zweite Hälfte des 17. Jhs. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Rigaer Museums für Stadtgeschichte und Schifffahrt (VRVM 53844). © 2015 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Druck und Bindung: Strauss, Mörlenbach Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier Printed in the EU ISBN 978-3-412-50118-1

Inhalt Norbert Angermann, Karsten Brüggeman, Inna Põltsam-Jürjo Einleitung.................................................................................................. 1 Erwin Oberländer Das Konzept der Frühen Neuzeit und die Geschichte Estlands, Livlands und Kurlands 1561–1795 ........................................................................ 11 Martin Klöker Koloniales Modell und regionale Literatur. Die deutsch-livländischen Literaturbeziehungen der Frühen Neuzeit ....... 37 Marina Bessudnova Groß-Novgorod zwischen Moskau und Livland um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert .................................................................. 67 Anti Selart Johann Blankenfeld und Russland ......................................................... 105 Stefan Hartmann Aspekte der Außenbeziehungen Livlands im Spiegel der Korrespondenz Herzog Albrechts von Preußen (1525–1570) ......................................... 131 Madis Maasing Die Metropolitanverbindung Rigas mit den preußischen Bistümern zur Zeit des Erzbischofs Wilhelm von Brandenburg............................... 165 Ivar Leimus Die Münzbeziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarn im 16. Jahrhundert ................................................................................ 189 Inna Põltsam-Jürjo Außenbeziehungen der livländischen Stadt Neu-Pernau in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts....................................................... 205

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Inhalt

Gvido Straube Das Scheitern der von Polen-Litauen begonnenen Gegenreformation in Livland .............................................................................................. 217 Lea Kõiv Reval und die Kirchenpolitik Schwedens ............................................... 227 Volker Keller Zu den Anfängen der Beziehungen zwischen Kurland und England (1606–1615)............................................................................ 257 Andreas Fülberth Noch immer ein Forschungsdesiderat? Aspekte der kurländischniederländischen Beziehungen zur Zeit Herzog Jakobs........................... 269 Enn Küng Jacob Porteus’ Manufakturgewerbe in Narva in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts .............................................................................. 285 Dirk-Gerd Erpenbeck Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert ............... 301 Viktor Nikolaevič Zacharov Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten während des 18. Jahrhunderts .............................................................................. 329 Boguslav Dybaś Johann Reinhold Patkul (1660–1707) und die „Kapitulation“ der livländischen Stände mit August dem Starken (1699) – zwischen fürstlichem Absolutismus und Ständestaat .............................. 355 Mati Laur Generalgouverneur George von Browne und die „gute Policey“ in Livland in den 1760er Jahren ............................................................ 371 Die Autorinnen und Autoren................................................................. 383 Register.................................................................................................. 391

Norbert Angermann, Karsten Brüggemann, Inna Põltsam-Jürjo

Einleitung Der vorliegende Sammelband enthält Beiträge, die auf eine Tagung zurückgehen, und dazu passende weitere Aufsätze, deren Autoren die Möglichkeit zur Veröffentlichung in dieser Publikation geboten wurde. Bei der Tagung handelte es sich um das 62. Baltische Historikertreffen vom 6. bis 7. Juni 2009 in Göttingen. Das Thema „Die baltischen Länder und Europa in der Frühen Neuzeit“ bildete dort einen Schwerpunkt. Organisiert wurde die entsprechende Vortragsfolge von Norbert Angermann und Erwin Oberländer; ihre Finanzierung hatten dankenswerterweise die GERDA HENKEL STIFTUNG und die MÖLLGART-STIFTUNG übernommen. Im Rahmen der Göttinger Treffen der Baltischen Historischen Kommission wurde damit erstmals speziell eine Gruppe von Frühneuzeithistorikern zusammengeführt. Die spätere Heranziehung von weiteren Autoren sollte die vergleichsweise vernachlässigte Forschung zur baltischen Geschichte der Frühen Neuzeit zusätzlich anregen, und mit der Publikation auch ihrer Beiträge verbindet sich die Hoffnung, dass unser Band einen genaueren Einblick in dieses Arbeitsfeld ermöglicht. Bei der Region, deren europäische Verbindungen in den folgenden Aufsätzen untersucht werden, handelt es sich um das Gebiet des heutigen Estland und Lettland. Während der drei Jahrhunderte von etwa 1500 bis 1800, für die im Blick auf Europa die Bezeichnung „Frühe Neuzeit“ etabliert ist, existierte dort die Gutswirtschaft mit unfreien estnischen und lettischen Bauern einschließlich einer anfänglichen Übergangsphase als Kontinuum. Aber nur von einem Teil der Historiker wurde dieser Zeitraum auch für die Periodisierung der baltischen Geschichte übernommen. Denn in der politischen Entwicklung dieser Region gab es in der Zeit nach 1500 auffälligere Umbrüche. Bis 1561 bestand „Livland“ im älteren, die späteren Teilgebiete Est-, Liv- und Kurland umfassenden Sinn aus einem Verbund von geistlichen Herrschaftsbildungen mit deutscher Oberschicht. Die wichtigsten Bestandteile dieses im 13. Jahrhundert entstandenen Gefüges waren das Territorium des livländischen Zweiges des Deutschen Ordens und das Erzstift Riga. Infolge der militärischen Schläge des Moskauer Herrschers Ivan Groznyj, der 1558 den Livländischen Krieg entfesselte, ging diese altlivländische

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Konföderation unter, denn die schutzsuchenden Livländer mussten sich den anderen Nachbarmächten unterwerfen. So entstand das polnisch-litauische Lehnsherzogtum Kurland, während das sonstige Territorium im Wesentlichen unter die direkte Herrschaft Polen-Litauens und Schwedens gelangte. Die Entscheidungen dafür fielen im Jahre 1561, das deshalb zumeist als Jahr der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit gilt. Um eine verbindliche Festlegung des Beginns und des Endes der Frühen Neuzeit in der baltischen Region wollen wir uns hier jedoch nicht bemühen, zumal sich die heutige Literatur über Periodisierungsfragen in dieser Hinsicht generell zurückhaltend zeigt. Als weitere höchst bedeutsame Zäsur sei aber noch das Jahr 1710 erwähnt, in dem im Kontext des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) die russische Inbesitznahme Estlands und Livlands besiegelt wurde. Auch in der Zwischenzeit fungierte der baltische Raum wiederholt als Expansionsziel der miteinander rivalisierenden Nachbarmächte bzw. als Aufmarschgebiet russischer, schwedischer und polnisch-litauischer Truppen. Dabei stieg Schweden, das seinen baltischen Besitz zuungunsten Polen-Litauens im 17. Jahrhundert erweiterte, zur nordosteuropäischen Vormacht auf, bis es im frühen 18. Jahrhundert darin von Russland abgelöst wurde. Außer dem damit angesprochenen politisch-militärischen Bereich gelangen im Falle der baltischen Region in unserer Epoche weitere europäische Verbindungen deutlich in das Blickfeld. Baltische Städte, allen voran Riga, stellten wie schon in der Hansezeit wichtige Zentren des Fernhandels dar. Neben der Ausfuhr des einheimischen Getreides vermittelten sie einen Teil des Warenstromes zwischen Norddeutschland und den Niederlanden im Westen und Russland, Weißrussland und Litauen im Osten. Seit den 1520er Jahren verbreitete sich das lutherische Glaubensbekenntnis in Livland, später kam es zu Einflüssen des aus dem Luthertum hervorgegangenen Pietismus. Wie bei diesen kirchlichen Verbindungen gingen auch bei den kulturellen die meisten Impulse von den deutschen Ländern aus, daneben verdient der kulturelle Transfer aus den Niederlanden namentlich für das 17. Jahrhundert besondere Beachtung, ebenso damalige schwedische Einwirkungen. Im 18. Jahrhundert war die Rolle des baltischen Gebiets als kulturelle Brücke zwischen Deutschland und Russland sehr erheblich. Es steht also außer Zweifel, dass die frühneuzeitlichen Europabeziehungen dieses Raumes ein sehr bedeutendes Forschungsgebiet darstellen. Extra hingewiesen sei noch auf eine Besonderheit der Entwicklung in der baltischen Region. Eine eigene Außenpolitik betrieb nach 1561 nur noch das Herzogtum Kurland. Die frühneuzeitlichen Provinzen Estland und Liv-

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land, die, wie erwähnt, zu Schweden und Polen-Litauen sowie später zu Russland gehörten, unterschieden sich aber in vieler Hinsicht vom jeweiligen Zentralstaat, und sie besaßen generell eine sehr weitgehende Autonomie. Die Verbindungen Estlands und Livlands mit den Kerngebieten jener Reiche erscheinen deshalb in erheblichem Maße wie Außenbeziehungen und werden in diesem Band mitberücksichtigt. Beispielsweise findet man hier Beiträge zur Kirchenpolitik Stockholms gegenüber der zum schwedischen Reich gehörigen estländischen Stadt Reval (Tallinn) und zur Kirchenpolitik Polen-Litauens in Livland. Die Reihe der Aufsätze eröffnet Erwin Oberländer mit einem Beitrag grundlegender Art. Der Autor erklärt, wie es zur langdauernden Herrschaft der zumeist deutschen Gutsbesitzer auf baltischem Gebiet kam. Der Gutsbetrieb mit unfreien Bauern als bestimmende Wirtschaftsform verortete dieses im europäischen Osten und wirkte retardierend auf die Entwicklung der Region. Wie Oberländer weiterhin ausführt, treffen die üblichen Definitionsmerkmale für die Frühe Neuzeit, bei denen man den umfassenden Wandel im europäischen Westen vor Augen hat, für die baltischen Länder kaum zu. Ansätze einer Modernisierung gehen am ehesten auf die schwedische Regierung und die Herzöge von Kurland zurück. Ungeachtet der vielfachen kulturellen und sonstigen Außenbeziehungen der baltischen Länder während der Frühen Neuzeit setzten sich moderne Strukturen dort erst im 19. Jahrhundert durch. Mit der Frage nach dem Charakter der deutsch-livländischen Literaturbeziehungen zielt für einen kulturellen Bereich auch Martin Klöker auf etwas Grundsätzliches. Er wendet sich gegen die im modernen nationalen Denken wurzelnde Vorstellung, dass die deutschbaltische Literatur der Frühen Neuzeit von der des deutschen „Mutterlandes“ in einem kolonialen Sinne abhängig gewesen sei. Wie der Autor darlegt, gab es in jener Epoche im inhomogenen deutschen Sprachraum noch keine einheitliche Literatur. Prägend waren vielmehr regionale Unterschiede, wobei die deutschbaltische eine Regionalliteratur wie andere auch darstellte. Als solche leistete sie einen eigenen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Literatur. Zeitlich greift der Beitrag von Marina Bessudnova über die livländischrussischen Beziehungen am weitesten zurück. In das Blickfeld der Lipezker Historikerin gelangt zunächst die Einverleibung Novgorods durch den Moskauer Großfürsten Ivan III. im Jahre 1478, mit der das aufstrebende Moskau zum direkten Nachbarn Livlands wurde. Des Weiteren werden der Handel, die politischen Konflikte, zu denen ein Krieg gehörte, und die gegenseitige Wahrnehmung im livländisch-russischen Beziehungsfeld der Zeit

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um 1500 untersucht. Vieles wird hier wesentlich genauer als in der bisherigen Literatur erkannt. Nachdem bei der Behandlung der livländischrussischen Konfrontation um 1500 auf Seiten der deutschen Forschung vor kurzem die bisherige Vorstellung von den Eroberungsabsichten Ivans III. zurückgewiesen worden ist, zeigt Bessudnova jetzt ein feines Verständnis für den russischerseits bisher als Aggressor gesehenen livländischen Ordensmeister Wolter von Plettenberg. Man kann darin einen Triumpf der Wissenschaft gegenüber tradierten Feindbildern sehen. Ein Rätsel stellte bislang das Verhältnis des Bischofs von Dorpat (Tartu, 1518–1527) und Erzbischofs von Riga (1524–1527) Johann Blankenfeld zu Moskau dar, das von Anti Selart behandelt wird. Blankenfeld war als entschiedener Katholik in innerlivländische Auseinandersetzungen der Reformationszeit involviert. Seine Gegner warfen ihm vor, bei Kontakten mit dem Moskauer Großfürsten Vasilij III. Verrat an Livland geübt zu haben. In diesem Zusammenhang war er zeitweilig sogar inhaftiert. Gab es einen realen Hintergrund für den erhobenen Vorwurf? Selart bejaht diese Frage. Nach dem Vorbild Albrechts von Brandenburg, der als Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen im Zusammenhang mit seinem Kampf gegen Polen von Vasilij III. unterstützt worden war, führte Blankenfeld um 1525 tatsächlich Gespräche mit Repräsentanten des Moskauer Staates, wobei es ihm um Hilfe gegen die abtrünnigen lutherischen Städte in Livland ging. Für diese Deutung kann der Autor aufgrund spezieller Kenntnis der Verhältnisse in Russland und der russischen Außenbeziehungen eine ganze Reihe von Indizien beibringen. Der erwähnte Albrecht von Brandenburg, der im bisherigen Ordensgebiet Preußen ab 1525 als lutherischer Herzog regierte (bis 1568), rückt im anschließenden Aufsatz von Stefan Hartmann stark in den Vordergrund. Seit kurzem liegen in sieben Bänden Vollregesten der Korrespondenz dieses Herzogs mit Briefpartnern in Livland vor – namentlich mit dem Bruder Albrechts, dem Rigaer Erzbischof Wilhelm von Brandenburg (1539–1563, Koadjutor ab 1529). Hartmann, der Herausgeber von sechs dieser Bände, wertet für seinen Beitrag die Gesamtedition aus, die den Zeitraum von 1525 bis 1570 umfasst. Er zeigt, wie sich die Außenbeziehungen Livlands in der Korrespondenz des Herzogs widerspiegeln. Großen Raum beanspruchen dabei Albrechts Bemühungen um die Förderung der Reformation in Livland und seine letztlich gescheiterten Versuche, dort politischen Einfluss auszuüben. In dem gehaltvollen Überblick geht es aber nicht nur um Livlands Beziehungen zu Preußen, sondern etwa auch um Konflikte und Verbindungen mit Russland und Polen-Litauen, namentlich im Kontext des Livländischen

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Krieges. – Das Verhältnis zwischen den Erzbischöfen von Riga und den preußischen Bischöfen ist anschließend Gegenstand einer Feinanalyse von Madis Maasing. Ebenso wie die livländischen Bischöfe gehörten auch die preußischen schon seit dem 13. Jahrhundert zur Rigaer Kirchenprovinz (in Livland bildeten nur die Bischöfe von Reval eine Ausnahme). Diese Verbindung mit Preußen war aber – mit gewissen Schwankungen – sehr locker, wie Maasing in einem historischen Rückblick und dann speziell für die Zeit des Erzbischofs Wilhelms von Brandenburg zeigt. Ivar Leimus dokumentiert Beziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarländern auf dem Gebiet des Münzwesens während des 16. Jahrhunderts. Im Blickfeld stehen hier zunächst die in Reval, Riga und weiteren livländischen Prägestätten anzutreffenden Münzmeister, zu deren Lebensweg oft auch Tätigkeiten in Schweden, Dänemark, Preußen und Litauen gehörten. Im zweiten Teil des Aufsatzes werden die in Livland verbreiteten Münzsysteme betrachtet. Für das Mittelalter zeigt sich dabei namentlich eine Abhängigkeit vom Haupt der Hanse Lübeck, doch übte das livländische Münzwesen auch seinerseits Einfluss auf dasjenige russischer Handelszentren aus. Nachdem Livland im Ergebnis des Livländischen Krieges unter die Herrschaft vor allem Polen-Litauens und Schwedens gelangt war, erfolgte im späten 16. Jahrhundert der Übergang zum polnischen und schwedischen Münzsystem. Zwei Jahrzehnte lang (1582–1602) befand sich Neu-Pernau (Uus-Pärnu) ohne Unterbrechung unter polnisch-litauischer Herrschaft. Vor allem aufgrund des für diese Zeit erhaltenen Protokollbuches des Neu-Pernauer Rats untersucht Inna Põltsam-Jürjo erstmals genauer die damaligen Außenbeziehungen der Stadt. Die zerstörerischen Folgen des Livländischen Krieges machten auch im Falle Neu-Pernaus eine Neuansiedlung von Bürgern notwendig. Neben Zuzüglern aus Norddeutschland ließen sich auch Personen sonstiger Herkunft in der Stadt nieder, deren Bevölkerung als multiethnisch und multikonfessionell bezeichnet werden kann. Im Fernhandel der Hafenstadt wirkte manches aus der Hansezeit nach, so die dominierende Rolle Lübecks als Partner. Signifikant war aber auch die gestiegene Bedeutung der Holländer für den Neu-Pernauer Handel. Von Gvido Straube wird die traditionelle Auffassung in Frage gestellt, die gegenreformatorischen Aktivitäten im polnisch-litauischen Livland hätten eine starke Bedrohung des Luthertums dargestellt. Für die Jahrzehnte um 1600 verdeutlicht er, dass die Jesuiten-Kollegien Riga und Dorpat sowie das neu gegründete katholische Bistum Wenden (Cēsis) wegen schwerer personeller Defizite zu keiner wirksamen Missionierung imstande waren. Schei-

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tern musste auch der hier als Motiv für die Gründung der Jesuiten-Kollegien aufgewertete Plan des päpstlichen Beauftragten Antonio Possevino, den Katholizismus von Dorpat und Riga aus in Russland und Nordeuropa zu verbreiten bzw. wieder zu beleben. Während Straube damit sehr beachtenswerte Anregungen bietet, wirkt der umfangreichere kirchengeschichtliche Beitrag von Lea Kõiv mit seinen vielen archivalischen Belegen und seiner intensiven (auch kritischen) Rezeption der internationalen Literatur wie ein unüberbietbares letztes Wort der Forschung. Die Autorin kennzeichnet die wechselnde schwedische Kirchenpolitik gegenüber Estland, hinter der das Streben nach kirchlicher Einheit in allen Teilen des Staates stand, mit dem Blick auf ihre Bedeutung für Reval. Gleichzeitig thematisiert sie eingehend das zähe Bemühen des Revaler Rats um den Erhalt seiner bestimmenden Stellung im kirchlichen Leben der Stadt. Erst im späten 17. Jahrhundert setzte sich das staatliche Interesse auch in Reval durch, doch konnte die Stadt beim Übergang zur russischen Herrschaft (1710) ihre kirchliche Autonomie wieder erlangen. Beziehungen des Herzogtums Kurland zu Westeuropa werden von Volker Keller und Andreas Fülberth behandelt. Der erstere mustert den Briefwechsel Herzog Wilhelms von Kurland mit dem englischen König Jakob I. in den Jahren 1606 bis 1615. Der Herzog erhoffte sich von Kontakten mit dem König eine Steigerung seines Ansehens, stieß aber in London nur auf zurückhaltende Reaktionen. Völlig vergeblich war es natürlich, dass er den König zu seiner Hochzeit und dann zur Taufe seines Sohnes einlud; dieser später bedeutendste kurländische Herzog erhielt aber den Namen des Königs. Wirklich relevant wurden die kurländisch-englischen Beziehungen erst in den 1620er Jahren, wie der Autor selbst klarstellt. – Fülberth spricht über die kurländisch-niederländischen Beziehungen zur Zeit des erwähnten Herzogs Jakob (1610–1682, Herrschaftsausübung seit 1642). Dabei sieht er sich mit der Tatsache konfrontiert, dass der Historiker Otto Heinz Mattiesen in seinem opus magnum über die Kolonial- und Überseepolitik der kurländischen Herzöge (1940) die kurländisch-niederländische kolonialgeschichtliche Verflechtung bereits sehr eingehend behandelt hat. Spannend ist es, wie der Verfasser nun aber auf eine Reihe von sonstigen Beziehungsthemen hinweisen und dafür den Bedarf an weiterer Klärung verdeutlichen kann. Dazu gehören der Aufenthalt Jakobs in den Niederlanden in den 1630er Jahren und dessen Bedeutung für sein Merkantilismus-Verständnis und seine zukünftigen Kontakte mit diesem Land. Der Techniktransfer, bewirkt durch in Kurland tätige niederländische Fachleute, und Kurlands Handel mit den Niederlanden werden ebenfalls in problematisierender Weise ange-

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sprochen. Die in der Überschrift des Beitrages mit dem Blick auf die kurländisch-niederländischen Beziehungen formulierte Frage „Noch immer ein Forschungsdesiderat?“ wird auf diese Weise bejahend beantwortet. Ebenso, wie Herzog Jakob als Gründer von Manufakturbetrieben hervorgetreten war, förderte auch die schwedische Regierung im 17. Jahrhundert das Manufakturwesen. In diesen Zusammenhang gehört das Wirken des Narvaer Unternehmers Jacob Porteus (1643–1724), das Enn Küng in bewährter Weise untersucht. Bei Narva wurden seit der Mitte des 17. Jahrhunderts Sägemühlen in Betrieb genommen, die es ermöglichten, russisches Holz in bearbeiteter Form in den Westen auszuführen. Porteus errichtete 1681 mit Hilfe eines Baumeisters aus den Niederlanden eine Windsägemühle auf der Insel Kampersholm im Narva-Fluss. Darüber hinaus begann er 1688/89 auf Kampersholm als erster Narvenser mit dem Schiffbau, der in der Folgezeit in Narva auch von einigen anderen Unternehmern intensiv betrieben wurde. Die förderliche Rolle der schwedischen Behörden wird an den behandelten Beispielen konkret sichtbar. Eine kontinuierliche Glaserzeugung gab es in den Ostseeprovinzen seit 1739. Dirk Erpenbeck ermittelt für das weitere 18. Jahrhundert überraschend viele dortige Glashütten und belegt konkret die massenhafte Zuwanderung von deutschen Glasmachern in die baltischen Länder. Er beachtet auch die Weiterwanderung eines Teils der Glasmacher nach Russland. Der weitgehend personengeschichtlichen Arbeit kam die neuerdings gegebene Möglichkeit zugute, die im Baltikum erhaltenen Kirchenbücher in Internetportalen zu nutzen. Viktor Zacharov legt erstmals einen speziellen Beitrag über die Tätigkeit von Kaufleuten aus dem Baltikum in Russland während des 18. Jahrhunderts vor. Der Moskauer Historiker geht von der heutigen russischen Vorstellung aus, dass zum Baltikum (oft bezeichnet als Vostočnaja Pribaltika = Ostbaltikum oder neuerdings als strany Baltii = Baltische Länder) auch die im 20. Jahrhundert in russischen und litauischen Besitz gelangten Teile Ostpreußens gehören. Somit berücksichtigt er auch Kaufleute aus Königsberg (Kaliningrad) und Memel (Klaipėda). Dabei geht es aber nur um einzelne Personen, so dass so gut wie keine Diskrepanz zu den anderen Aufsätzen dieses Bandes vorhanden ist. Dargestellt wird, dass bereits während des Nordischen Krieges zwangsumgesiedelte Kaufleute aus Narva und Dorpat in Russland Handel trieben. In der Zeit nach diesem Kriege gehörten Estland und Livland zum russländischen Staat, wobei die Kaufleute aus Narva, Reval und Riga in Russland in gewisser Weise ausländische Kaufleute blieben. Im Gegensatz zu ihren russischen Berufsgenossen verfügten sie über Verbin-

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dungen zu westlichen Märkten und waren mit Praktiken beispielsweise des Kredithandels vertraut, wie sie in Mittel- und Westeuropa üblich waren. Die vor allem in St. Petersburg, deutlich weniger in Moskau und Archangel’sk konzentrierte Tätigkeit von baltischen Firmen wird hier aufgrund der Erschließung einer Fülle von Material facettenreich dargestellt. Bogusław Dybaś wendet sich einer besonders umstrittenen Persönlichkeit der baltischen Geschichte zu – dem Livländer Johann Reinhold Patkul (1660–1707), der in der deutschbaltischen Geschichtsliteratur lange Zeit als Verteidiger livländischer Rechte heroisiert worden war. In der Tat stand er an der Spitze des Widerstandes des livländischen Adels gegen die absolutistische Politik des schwedischen Königs Karl XI. Speziell geht der polnische Historiker auf eine „Kapitulation“ ein, die 1699 zwischen Patkul als Vertreter des livländischen Adels und August dem Starken als polnischem König vereinbart wurde. In der historischen Realität kam der Vertrag nicht zur Geltung, inhaltlich ist er aber sehr interessant. Er sah den Wechsel Livlands von der schwedischen zur polnischen Oberhoheit und die Schaffung einer an Polen-Litauen angegliederten livländischen Adelsrepublik vor. Dybaś interpretiert dieses Dokument fein und beziehungsreich. Man stimmt ihm zu, wenn er es „schockierend“ findet, wie radikal in dem offenbar von Patkul verfassten Text eine Erweiterung der Rechte des Adels vorgesehen war; Riga dagegen sollte seine Privilegien verlieren. Im letzten Beitrag charakterisiert Mati Laur Verwaltungsanordnungen des Rigaer Generalgouverneurs George von Browne in den 1760er Jahren. Auch diesem auf den ersten Blick nur die inneren Verhältnisse betreffenden Aufsatz sind europäische Perspektiven inhärent. Browne, der dem irischen Adel entstammte, war ein Vertrauensmann Katharinas II., und im Beitrag gelangt die Rolle des Baltikums der russischen Ostseeprovinzen in der Politik der Kaiserin in das Blickfeld. Die Erlasse Brownes, die dem Gemeinwohl dienen sollten, entsprachen zweifellos den Intentionen Katharinas. Dem Verfasser geht es aber nicht primär um Brownes Verhältnis zu Katharina. Er erfasst die „Patente“ Brownes inhaltlich genau und weist die Übereinstimmung ihres Inhalts mit der im Westen verbreiteten Rhetorik und Praxis der „guten Policey“ nach. Damit wird ein besseres Verständnis solcher Verordnungen möglich und zugleich ein kultureller Transfer erkennbar. Das vorliegende Sammelwerk enthält Beiträge von Autoren, die in der einen oder anderen Weise miteinander bekannt sind, aber in verschiedenen Ländern leben und im Rahmen der baltischen Geschichte der Frühen Neuzeit individuelle Erkenntnisinteressen verfolgen. Mit der Veröffentlichung ihrer Arbeiten wurde hier die Förderung ihrer Forschungen und die Präsen-

Einleitung

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tation neuer Ergebnisse erstrebt; eine thematische Ausgeglichenheit des Bandes wäre unter den gegebenen Umständen kein sinnvolles Ziel gewesen. Die wenig miteinander verbundenen Einzelbeiträge können aber insofern einen zutreffenden allgemeinen Eindruck vermitteln, als sie auf die große Vielfalt der europäischen Verbindungen der Region an der Ostküste der Ostsee verweisen. *** Zu guter Letzt seien noch einige Worte des Dankes angefügt. Der GERDAHENKEL STIFTUNG sind wir nicht nur für die finanzielle Unterstützung der Tagung, sondern auch für einen erheblichen Druckkostenzuschuss, der die Produktion des nun vorliegenden Bandes ermöglicht hat, zu Dank verpflichtet. Alle darüber hinaus mit der Drucklegung verbundenen Kosten gingen zu Lasten der BALTISCHEN HISTORISCHEN KOMMISSION, in deren „erster Reihe“ das Buch nun erscheinen kann. Stellvertretend sei dafür dem 1. Vorsitzenden der Kommission, Prof. Dr. Matthias Thumser, recht herzlich gedankt. Last but not least möchten wir unserem Mitautor Madis Maasing dafür danken, dass er sich mit großer Sorgfalt der Erstellung des umfangreichen Registers angenommen hat.

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Das Konzept der Frühen Neuzeit und die Geschichte Estlands, Livlands und Kurlands 1561–1795 I. Das Konzept Frühe Neuzeit, das sich seit den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Epochenbestimmung und Fachdisziplin durchgesetzt hat, bezieht sich auf die drei Jahrhunderte seit dem Ausgang des Mittelalters, also etwa auf die Zeit von der Reformation bis zur Französischen Revolution1. Frühe Neuzeit bezeichnet in der Geschichtswissenschaft die Phase des allmählichen Übergangs von mittelalterlichen zu modernen Strukturen, in der anfangs Altes und Neues lange Zeit kaum voneinander zu trennen waren. Gegen Ende dieser Zeitspanne – um 1800 – aber war deutlich zu erkennen, dass sich vor allem im westlichen Europa ein die ganze Gesellschaft erfassender Wandlungsprozess vollzogen hatte, dass sich – in den einzelnen Staaten natürlich mit sehr unterschiedlicher Intensität – neue Wirtschafts-, Gesellschaft-, Verwaltungs- und Verhaltensformen der Menschen entwickelt hatten. Dazu gehörten unter anderem der Frühkapitalismus mit neuartigen Formen des Waren- und Geldgeschäfts bei fortschreitender Arbeitsteilung, zunehmender Machtverlust der Stände, insbesondere des Adels, bei gleichzeitiger Herausbildung des frühmodernen Staates mit Finanzhoheit, zentraler Verwaltung, Gewaltmonopol, staatlicher Wirt———————————— 1

Vgl. dazu einführend u.a. Rudolf VIERHAUS, Vom Nutzen und Nachteil des Begriffs „Frühe Neuzeit“, in: Frühe Neuzeit – Frühe Moderne. Forschungen zur Vielschichtigkeit von Übergangsprozessen, hg. v. DEMS., Göttingen 1992, S. 13–26; Winfried SCHULZE, Europa in der Frühen Neuzeit – Begriffsgeschichtliche Befunde, in: „Europäische Geschichte“ als historiographisches Problem, hg. v. Heinz DUCHHARDT / Andreas KUNZ, Mainz 1997, S. 35–64; Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft, hg. v. Nada BOŠKOVSKA LEIMGRUBER, Paderborn 1997, hier besonders der Beitrag von Ilja MIECK, Die Frühe Neuzeit. Definitionsprobleme, Methodendiskussion, Forschungstendenzen, S. 17–38; Frühe Neuzeit, hg. v. Anette VÖLKER-RASOR, München 2000; Luise SCHORNSCHÜTTE, Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit: Studienhandbuch 1500–1789, Paderborn 2009 (UTB 8414); Die Frühe Neuzeit als Epoche, hg. v. Helmut NEUHAUS, München 2009 (Historische Zeitschrift, Beiheft 49); Joachim BAHLCKE, Landesherrschaft, Territorien und Staat in der Frühen Neuzeit, München 2012 (Enzyklopädie deutscher Geschichte 91).

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schaftspolitik, Strafjustiz und Schulwesen. Nicht zuletzt diese Institutionen des frühmodernen Staats förderten die allmähliche gesellschaftliche Differenzierung, Mobilisierung und Disziplinierung der Untertanen, ohne die moderne kapitalistische Wirtschaftsformen gar nicht durchsetzbar gewesen wären. Zugleich suchten Staat und Kirche mit Ordnungsgesetzgebung und Kirchenzucht auf die langfristige Änderung sozialer Einstellungen und Verhaltensweisen aller gesellschaftlichen Gruppen hinzuwirken.2 Diese Kriterien sind in den vergangenen Jahrzehnten mit Blick auf einzelne Länder und Regionen Europas immer weiter ausdifferenziert worden, ohne dass der Begriff Frühe Neuzeit als Epochenbegriff der europäischen Geschichte grundsätzlich in Frage gestellt worden wäre. Auch die Geschichte der baltischen Länder vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wird heute recht selbstverständlich der Frühen Neuzeit zugeordnet, doch wird kaum danach gefragt, ob die besonderen Kennzeichen und Entwicklungen, die für das Konzept der Frühen Neuzeit als konstitutiv gelten, auch in Estland, Livland und Kurland in diesen drei Jahrhunderten zu entdecken sind. Denn die Forschung hat auch deutlich gemacht, dass die mit dem Begriff Frühe Neuzeit verbundenen Neuerungen, vor allem auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts primär im Westen Europas, zuerst in den Niederlanden und in England3, dann in etwas abgeschwächter Form im weiteren westlichen Europa, kaum jedoch im östlichen Europa, d.h. östlich einer durch die Flüsse Elbe, Saale und Leitha gekennzeichneten

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Vgl. u.a. Wolfgang REINHARD, Sozialdisziplinierung – Konfessionalisierung – Modernisierung. Ein historiographischer Diskurs, in: Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft (wie Anm. 1), S. 39–56; Heinz SCHILLING, Die Kirchenzucht im frühneuzeitlichen Europa, sowie die kritischen Bemerkungen zu einer allzu undifferenzierten Behauptung, der absolutistische Staat sei der eigentliche Nutznießer der sozialdisziplinierenden Kirchenzucht gewesen, durch Martin BRECHT, Protestantische Kirchenzucht zwischen Kirche und Staat: beide Beiträge in: Kirchenzucht und Sozialdisziplinierung im frühneuzeitlichen Europa, hg. v. Heinz SCHILLING, Berlin 1994 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 16), S. 13–40, 41–48. Robert Brenner hat in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, die außergewöhnliche ökonomische Dynamik eines kleinen Teils Westeuropas und nicht die Frage nach dem „Versagen“ des östlichen Europa in den Mittelpunkt zu stellen, das eher dem langsamen Wandel und Fortschritt des gesamten übrigen Europa entsprach. Vgl. Robert BRENNER, Economic Backwardness in Eastern Europe in Light of Development in the West, in: The Origins of Backwardness in Eastern Europe. Economics and Politics from the Middle Ages Until the Early Twentieth Century, hg. v. Daniel CHIROT, Berkeley 1989, S. 15–52.

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Linie, durchgesetzt haben4. Vielmehr begannen sich die Entwicklungswege des östlichen und des westlichen Europa seit dem 16. Jahrhundert voneinander zu entfernen, so dass man mit Blick auf Osteuropa geradezu von einer „Abbiegung vom westeuropäischen Entwicklungsgang“5 gesprochen hat, was indes eine weitgehende Übereinstimmung der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen West- und Osteuropas im Spätmittelalter vorausgesetzt haben würde, die jedoch umstritten ist6. Unstrittig ist dagegen, dass die Entwicklung im östlichen Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert anders oder zumindest bedeutend langsamer verlief, so dass man gelegentlich auch von der „langen Frühen Neuzeit“ im östlichen Europa spricht. Denn hier verfestigten sich zunächst „vorkapitalistische – teils feudale, teils feudalähnliche – Produktionsweisen“ und „funktional wenig ausdifferenzierte Gesellschaften“7. Als wichtigste Ursache dieses wirtschaftlichen und sozialen „Zurückbleibens“ gelten in erster Linie die Agrarverfassungen des östlichen Europa. Sie waren gekennzeichnet durch die Monopolisierung der Eigentumsrechte an Grund und Boden durch die Oberschicht, durch die Einschränkung der bäuerlichen Freizügigkeit bis hin zur Schollenbindung, durch das Vorherrschen der Natural- und Arbeitsrenten statt der Geldrente, durch die weitgehende Verdrängung der bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit vom Marktgeschehen sowie durch das starke Gewicht der von unentgeltlichen Arbeitskräften bewirtschafteten adeligen Gutswirtschaften8. Während im westlichen Europa Schollenbindung und Fronarbeit schrittweise aufgegeben wurden und der selbständige warenpro———————————— 4

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Dies spiegelt sich sehr deutlich in manchen Überblicksdarstellungen oder Studienbüchern zur „Frühen Neuzeit“ wider, in denen das östliche Europa nur eine relativ marginale Rolle spielt. Vgl. zuletzt SCHORN-SCHÜTTE, Geschichte Europas (wie Anm. 1). Zsigmond Pál PACH, Die ungarische Agrarentwicklung im 16.–17. Jahrhundert: Abbiegung vom westeuropäischen Entwicklungsgang, Budapest 1964 (Studia Historica Academiae Scientiarum Hungaricae 54). Diese Übereinstimmung unterstreichen z.B. Nada BOŠKOVSKA LEIMGRUBER, Vorwort, in: Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft (wie Anm. 1), S. 11 f., und Helga SCHULTZ, Mecklenburg, Ostmitteleuropa und das Problem der Rückständigkeit, in: Festschrift für Gerhard Heitz, hg. v. Ernst MÜNCH / Ralph SCHATTKOWSKY, Rostock 2000 (Studien zur ostelbischen Gesellschaftsgeschichte 1), S. 21–52, hier S. 28, während Holm SUNDHAUSSEN, Die Ursprünge der osteuropäischen Produktionsweise in der Frühen Neuzeit, in: Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft (wie Anm. 1), S. 145–162, hier S. 148, diese Konvergenz eher kritisch beurteilt. Dazu grundlegend Holm SUNDHAUSSEN, Der Wandel in der osteuropäischen Agrarverfassung während der Frühen Neuzeit, in: Südostforschungen 49 (1990), S. 15–56; DERS., Die Ursprünge (wie Anm. 6), Zitat S. 148. SUNDHAUSSEN, Die Ursprünge, S.150–153.

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duzierende Bauer in den Vordergrund trat, schritten die Grundherrn im östlichen Europa zum Ausbau der Eigenwirtschaft, zur Beibehaltung der Schollenpflichtigkeit und zur Steigerung der Fronleistungen. Hier trat der Gutsherr den Bauern weiterhin als Grundherr, Leibherr, Gerichtsherr sowie Träger der Polizei- und Strafgewalt gegenüber. Diese Art der Machtbündelung war der Grundherrschaft westlich der Elbe mit wenigen Ausnahmen fremd, da die öffentlichen Rechte dort beim Landesherren verblieben oder auf ihn übergingen, so dass Christoph Schmidt sicher zu Recht für die Frühe Neuzeit die Gutsherrschaft mit Machtkonzentration, die Grundherrschaft (oder besser Rentengrundherrschaft) aber mit Machtdifferenzierung gleichgesetzt hat9. Gerade die Gutsherrschaft/Gutswirtschaft bildete aber seit dem 16. Jahrhundert in Ostmitteleuropa, also in den ostelbischen Provinzen Preußens, in Polen-Litauen und in den baltischen Ländern die Basis der Agrarverfassung, die „strukturbestimmende epochen- und gebietstypische Institution“10 und legte diese Gebiete auf Jahrhunderte hin auf die Rolle „des agrarischen Hinterhofs für die Gewerbelandschaften Westeuropas“ fest11. Dieser massive Ausbau der Gutsherrschaft als Ordnungsmodell und Produktionssystem, den Adel bzw. Ritterschaften seit dem 15. Jahrhundert im Schutze eines „Walls von Privilegien“ (David Kirby) mit Erfolg betrieben und der im 16. Jahrhundert in die so genannte zweite Leibeigenschaft mündete, ist nur sehr bedingt durch die seit damals zunehmende Einbindung Ostmitteleuropas in den gesamteuropäischen Handel zu erklären, der den Gutsbesitzern Ostmitteleuropas Absatzchancen vor allem für Getreide im Westen eröffnete, auf ———————————— 9

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Christoph SCHMIDT, Leibeigenschaft im Ostseeraum. Versuch einer Typologie, Köln 1997, S. 9; Michael NORTH, Die Entstehung der Gutsherrschaft im südlichen Ostseeraum, in: Zeitschrift für historische Forschung 26 (1999), S. 42–59, hier S. 45. Heinrich KAAK, Die Gutsherrschaft. Theoriegeschichtliche Untersuchungen zum Agrarwesen im ostelbischen Raum, Berlin 1991 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 79), S. 370; Edgar MELTON, Gutsherrschaft in East Elbian Germany and in Livonia, 1500–1800: A Critique of the Model, in: Central European History 21 (1988), S. 315–349. – Auf die umfangreiche Diskussion zu Entstehung, Ausformungen und Vergleichbarkeit von „Gutsherrschaft“ kann hier nicht näher eingegangen werden. Vgl. dazu Jan PETERS, Gutsherrschaftsgeschichte und kein Ende. Versuch einer Auskunft zu aktuellen Ergebnissen und Schwierigkeiten der Forschung, in: Festschrift für Gerhard Heitz (wie Anm. 6), S. 53–80; Markus CERMAN, Agrardualismus in Europa? Die Gutsherrschaft im östlichen Mittel- und Osteuropa, in: Themenportal Europäische Geschichte (2010), URL: http://www.europa.clio-online.de/site/lang__de/ItemID__436/mid__11428/40208214/ default.aspx (letzter Zugriff 30.4.2014). Heinz SCHILLING, Die neue Zeit. Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten 1250–1750, Berlin 1999 (Siedlers Geschichte Europas), S. 184, 290–293.

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die sie mit der Ausweitung der gutsherrlichen Eigenwirtschaft reagiert hätten12. Die eigentlichen Ursachen für die schon früher beginnende „Refeudalisierung“ und die daraus resultierende Rückständigkeit sind demgegenüber vor allem in den natürlichen Gegebenheiten des östlichen Europa zu suchen, die sich auch während der gesamten Frühen Neuzeit deutlich von denen Westeuropas unterschieden: in den demographischen Verhältnissen, im relativ geringen Urbanisierungsgrad und in der niedrigen Produktivität der Landwirtschaft13. Gab es in West- und Mitteleuropa wenig Land bei relativ großer Bevölkerungsdichte, war es in Osteuropa gerade umgekehrt: Während beispielsweise um die Mitte des 16. Jahrhunderts in den Niederlanden 40 und in Frankreich, England und Deutschland 32 Einwohner pro km2 lebten, waren es in Polen 21, in Ungarn 8, in Livland 6, in Litauen 5 und in Russland 4. Im Verhältnis zur Fläche bedeutete dies, dass in den Niederlanden auf jeden Einwohner 2,5 ha, in England und Frankreich 3 ha sowie in Deutschland 5 ha entfielen, während es in Ungarn 12 ha, in Polen 15 ha, in Livland 16 ha und in Russland 35 ha waren14, so dass sich im östlichen Europa der Wert des Landes in erster Linie danach richtete, wie viele Bauern darauf lebten. Missernten, Seuchen und Kriegsfolgen – man denke nur an den Livländischen Krieg 1558–1583, der ganz Livland verwüstete und entvölkerte15 – führten immer wieder zu massiven Einbrüchen in der ohnehin dünnen Bevölkerungsdecke. Der daraus resultierende Arbeitskräftemangel war zweifellos eine der wesentlichen Ursachen für die Unterwerfung der Bauern, die schon seit dem 15. Jahrhundert mit der zunehmenden Einschränkung ihrer Freizügigkeit durch die Gutsbesitzer begann und schließlich im 16. Jahrhundert in die Leibeigenschaft des größeren Teils der Bauernschaft mündete, zu deren Kennzeichen auch in den baltischen Ländern das offenbar als ———————————— 12

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Auf den vergleichsweise geringen Umfang des Getreideexports aus den baltischen Ländern und dessen entsprechend unbedeutenden Einfluss auf die Refeudalisierung hat u.a. Enn TARVEL, The Influence of the Western Grain Market on the Agrarian Economy in NorthEastern Europe in the 15th to 18th Centuries, in: The Role of Feudal Peasantry in History, hg. v. DEMS., Tallinn 1991, S. 191–193, aufmerksam gemacht. Siehe dazu u.a. SUNDHAUSSEN, Der Wandel (wie Anm. 7); SCHULTZ, Mecklenburg (wie Anm. 6), hier bes. S. 27–34. Zahlen nach SUNDHAUSSEN, Der Wandel (wie Anm. 7), S. 24, 26; siehe auch SCHULTZ, Mecklenburg (wie Anm. 6), S. 27–32. Die weit reichenden Folgen dieses Krieges, insbesondere für die Entwicklung der Gutswirtschaft einerseits und der Leibeigenschaft andererseits, sind anschaulich beschrieben bei V[asilij] V[asil’evič] DOROŠENKO, Očerki agrarnoj istorii Latvii v XVI veke [Skizzen zur Agrargeschichte Lettlands im 16. Jahrhundert], Riga 1960.

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selbstverständlich akzeptierte Verkaufen, Verpfänden, Tauschen und Verschenken von Bauern und ihren Familien gehörte16. Dass es den Gutsherren überhaupt gelang, die auf ihren Gütern tätigen Bauern in ihre Gewalt zu bringen, war nicht zuletzt eine Folge des ökonomisch schwachen und rechtlich ungefestigten Städtewesens im östlichen Europa, das von Kleinstädten geprägt war, deren formales Stadtrecht nicht über ihre wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit hinwegtäuschen konnte. Auch in den baltischen Ländern gab es nur drei Städte – Riga, Reval (Tallinn) und Dorpat (Tartu) –, deren Handel und Gewerbe in etwa dem Niveau westeuropäischer Städte entsprach und von denen die beiden ersteren als Seehandelsstädte auch sehr weitgehend in den frühneuzeitlich-frühkapitalistischen internationalen Waren- und Geldverkehr integriert waren. Im allgemeinen konnten die Städte im östlichen Europa jedoch nicht jene Rolle als Partner der Zentralgewalt spielen wie im Westen, wo nicht zuletzt ein langfristiges Patt zwischen Königen, Städten, Adel und Kirche Kompromisse erzwang, die – wie zuerst in den Niederlanden und England – den Rahmen für flexible parlamentarische Systeme schufen, die ihrerseits die erste Blüte moderner kapitalistischer Wirtschaftsformen ermöglichten17. Demgegenüber blieb den Landesherren im östlichen Mitteleuropa, die nicht die Möglichkeit hatten, im Bündnis mit den Städten die Macht des Adels zurückzudrängen, nur der „Kompromiss mit dem Adel, dem nicht nur das Wohlergehen der Bauern, sondern auch die Entfaltungschancen der Städte geopfert wurden“, die sich den Wünschen des Adels zu fügen hatten. Dies galt beispielsweise für die Aufnahme flüchtiger Bauern durch die Städte, die etwa die Ritterschaft in Livland den Städten (einschließlich Rigas) 1554 per Landtagsbeschluss schlicht verbot. Der Kompromiss des Landesherrn mit dem Adel verhinderte für mindestens drei Jahrhunderte jegliche Reformen, die auf Differenzierung und Mobilisierung der Gesellschaft und damit auf die Entfaltung alternativer Produktions- und Gesellschaftssysteme zielten18. Schließlich ist auch die mangelnde Produktivität der Agrarwirtschaft im östlichen Europa, die mit dem notorischen Arbeitskräftemangel eng zusammenhing, für das Zurückbleiben gegenüber dem Westen verantwortlich. Überholte Anbaumethoden und Technologie ließen im 16. Jahrhundert nur ———————————— 16

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Vgl. für Kurland Heinrichs STRODS, Verkauf, Tausch und Schenkung von Bauern in Kurland vom 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Acta Baltica XXXI (1994), S. 133– 149. Dazu Daniel CHIROT, Causes and Consequences of Backwardness, in: The Origins of Backwardness (wie Anm. 3), S. 1–52, hier S. 4 f. SUNDHAUSSEN, Die Ursprünge (wie Anm. 6), S. 161.

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eine Vervierfachung der Aussaat zu, während in West- und Südeuropa etwa das Siebenfache geerntet wurde19 Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts bemühten sich beispielsweise in den baltischen Ländern einzelne Angehörige der Ritterschaft um modernere Formen der Landwirtschaft, ja mit der Forderung nach Freilassung der Bauern sogar um grundlegende soziale und wirtschaftliche Reformen, sofern die privilegierte Stellung der Ritterschaften dadurch nicht in Gefahr geriet. Diese Bestrebungen kamen jedoch über private Reformansätze nicht hinaus und zeitigten damit keine nennenswerten Konsequenzen, die den Abstand zum westlichen Europa verringert hätten. Auch die Bewirtschaftungsweise auf den Gütern des östlichen Europa entsprach in der Frühen Neuzeit eher vorkapitalistisch-feudalen als „kapitalistischen“ Prinzipien. Es ging dem Adel nicht primär um hohe „Unternehmer“gewinne, sondern vorwiegend um die Sicherung einer standesgemäßen Existenz, die noch dazu außerökonomischen Zwang in Anspruch nahm, auf den man nicht verzichten zu können glaubte, der jedoch ein „kapitalistisches“ Lohn- und Pachtverhältnis zwischen Gutsherrn und Bauern ausschloss und damit grundlegende Innovationen blockierte20. II. Wendet man die hier angedeuteten Kennzeichen frühneuzeitlicher Entwicklung als Maßstab auf die baltischen Länder mit ihren Rittergütern, schollenpflichtigen Bauern und – außer Riga, Reval und Dorpat – unterentwickelten Kleinstädten, Naturalrenten und begrenztem Binnenhandel an, dann legt der Befund die Einsicht nahe, dass sie trotz der Vielfalt und Intensität ihrer kulturellen Beziehungen zu Mitteleuropa21 nach heutigem Forschungsstand ———————————— 19

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Die Zahl nach SCHULTZ, Mecklenburg (wie Anm. 6), S. 29. Nach Dorošenko lagen die Erträge in Livland noch erheblich unter dem Vierfachen. DOROŠENKO, Očerki (wie Anm. 15), S. 121–124. Juhan KAHK, Bauer und Baron im Baltikum. Versuch einer historisch-phänomenologischen Studie zum Thema „Gutsherrschaft in den Ostseeprovinzen“, Tallinn 1999, S. 156 f.; Holm SUNDHAUSSEN, Zur Wechselwirkung zwischen frühneuzeitlichem Außenhandel und ökonomischer Rückständigkeit in Osteuropa: Eine Auseinandersetzung mit der Kolonialthese, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 544–563, hier S. 559– 561. Vgl. dazu die folgenden Beiträge in diesem Band sowie Kulturgeschichte der baltischen Länder in der Frühen Neuzeit: mit einem Ausblick in die Moderne, hg. v. Klaus GARBER / Martin KLÖKER, Tübingen 2004 (Frühe Neuzeit. Studien und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur im europäischen Kontext 87); Land und Meer. Kultureller Aus-

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dem „osteuropäischen Entwicklungsweg“ (Holm Sundhaussen) zuzurechnen sind, in dem das für die Frühe Neuzeit charakteristische Nebeneinander von mittelalterlichen und modernen Strukturen sehr viel länger bestand und sich letztere erst mit deutlicher Verspätung, überwiegend erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchsetzten. Das sollte jedoch nicht die bisher kaum gestellte Frage ausschließen, ob nicht auch in den baltischen Ländern vom 16. bis zum 18. Jahrhundert Ansätze zu Entwicklungen zu entdecken sind, die für das Konzept der Frühen Neuzeit als konstitutiv gelten, verspricht doch die nähere Erforschung solcher Ansätze eine differenziertere Einschätzung des Entwicklungswegs der drei Provinzen. Denn Ansätze zu einem für die Frühe Neuzeit bezeichnenden Veränderungswillen gab es auch dort seit dem 16. Jahrhundert immer wieder, nach deren Auswirkungen gezielt gefragt werden sollte. Im nördlichen Estland und in Livland, wo die Gestaltung der Gesellschafts- und Agrarverfassung – im Gegensatz zum Herzogtum Kurland – nicht allein im Belieben des Herzogs bzw. des tonangebenden deutschen Provinzadels, also der Ritterschaften lag, sondern auch von jenen Nachbarreichen entscheidend geprägt wurde, die seit dem Zerfall des Livländischen Staatenbundes diese beiden Provinzen beherrschten, gingen solche Anregungen vor allem von Schweden aus. Auf der Suche nach Schutz vor den Truppen des Moskauer Zaren Ivan IV. (1533/47–1587) hatten sich 1561 das nördliche Estland schwedischer Herrschaft und das übrige Livland dem König von Polen und Großfürsten von Litauen unterworfen. Der König und Großfürst Sigismund II. August (1548–1572) unterstellte das nördlich der Düna gelegene („überdünische“) Livland direkter litauischer (nach der Union von Lublin 1569 dann polnisch-litauischer) Verwaltung, während er Kurland dem letzten Ordensmeister des Livländischen Zweigs des Deutschen Ordens, Gotthard Kettler, nach dem Vorbild des Herzogtums Preußen als ein erbliches polnisch-litauisches Lehnsherzogtum verlieh. In den 1620er Jahren eroberten die Schweden den größten Teil Livlands, ehe Zar Peter I. (1682/87–1725) 1710/1721 Estland und Livland mit dem Russischen Reich vereinigte. Kurland blieb von 1561 bis 1795, also immerhin 234 Jahre, Lehnsherzogtum Polen-Litauens und verfügte damit über eine gewisse Selbständigkeit, die es ihm zumindest im 16. und 17. Jahrhundert ermöglichte, sich vollständiger Fremdbestimmung zu entziehen. 1795 wurde das Herzogtum im Zuge der Teilungen Polen-Litauens ebenfalls dem Russischen Reich eingegliedert. Da die überwiegend deut————————————

tausch zwischen Westeuropa und Ostseeraum in der Frühen Neuzeit, hg. v. Martin KRIEGER / Michael NORTH, Köln 2004.

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schen Ritterschaften in den drei Provinzen auf dem Status quo beharrten, ja alles daran setzten, ihre Privilegien und damit auch die Wirtschafts- und Sozialstruktur unter Ausnutzung der Wechsel der Oberherrschaft möglichst ungeschmälert zu erhalten, liegt die Frage nahe, inwieweit die jeweilige Oberherrschaft im Rahmen ihrer Integrationspolitik bzw. in Kurland die Herzöge von Kurland im Rahmen ihrer Bemühungen um die Zurückbindung des politischen Einflusses des Adels ihrerseits versucht haben, Veränderungen, die auf eine gewisse Modernisierung zielten, anzuregen oder gar durchzusetzen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Agrarverfassungen Polen-Litauens und des Russischen Reichs sehr weitgehend mit der der baltischen Länder übereinstimmten, von dieser Seite also kaum grundlegende Reformanregungen zu erwarten waren. Die polnisch-litauische Herrschaft ließ mit Blick auf die sozialökonomische Struktur Livlands denn auch kaum dezidierten Veränderungswillen erkennen. Im Gegenteil: Anlässlich der Unterwerfung Livlands einschließlich Kurlands unter die polnisch-litauische Herrschaft gewährte der König und Großfürst Sigismund II. August 1561 dem gesamtlivländischen Adel das nach ihm benannte Privilegium Sigismundi Augusti, in dem er die spätmittelalterliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur einschließlich der vollständigen Auslieferung der estnischen und lettischen Bauern an den Gutsadel rechtlich festschrieb22. Er wollte sich damit offenbar die volle Unterstützung der Ritterschaft im Krieg mit dem Zartum Moskau sichern, dessen Truppen fast ganz Livland besetzt hielten. Da Livland bis 1582 Kriegsschauplatz blieb, konnten sich polnisch-litauische Einflüsse erst danach und dann auch nur für wenige Jahrzehnte geltend machen. Die Nachfolger Sigismunds II., Stephan Báthory (1576–1586) und Sigismund III. Wasa (1587–1632), setzten sich zwar immer wieder über wichtige Bestimmungen des Privilegium Sigismundi hinweg, so z.B. durch die aktive Förderung der Gegenreformation, da ihnen vor allem konfessionelle Homogenität als Ga-

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Text in Erwin OBERLÄNDER / Volker KELLER, Kurland. Vom polnisch-litauischen Lehnsherzogtum zur russischen Provinz. Dokumente zur Verfassungsgeschichte 1561–1795, Paderborn 2008, S. 72–93. Vgl. dazu auch die Rezension von Mārīte JAKOVĻEVA in: Nordost-Archiv N.F. 18 (2009), S. 253–258, in der diese unter Verweis auf Forschungen lettischer Historiker Zweifel an der Echtheit bzw. Rechtswirksamkeit des Privilegiums äußert. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass es – selbst wenn es formal nicht rechtswirksam gewesen sein sollte, da die Bestätigung durch den Reichstag fehlte – eine praktisch-politische Wirkung entfaltet hat, die der Historiker nicht außer Acht lassen kann.

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rant der Einheit ihres Reiches galt23. Viel bedrohlicher erschien der livländischen Ritterschaft jedoch die administrative Umgestaltung Livlands nach dem Vorbild Polens, die auf die weitgehende Abschaffung der deutschen Verwaltung und die Besetzung der wichtigen Ämter mit Polen oder Litauern zielte24, was jedoch eher die politische, weniger die ökonomische Sonderstellung der Ritterschaft gefährdete. „Rettung“ für die Ritterschaft nahte schließlich von Schweden, das sich in dem von ihm beherrschten nördlichen Estland viel konzilianter gezeigt hatte und das unter König Gustav II. Adolf (1611–1632) Anfang der 1620er Jahre auch den größten Teil Livlands eroberte. Der schwedische König bestätigte jedoch nur widerwillig und in sehr allgemeinen Wendungen die Rechte und Privilegien der Ritterschaft, da es ihm zunächst vor allem um die erheblichen Steuern aus den Ostseeprovinzen ging, die er zur Verwirklichung seiner weit reichenden militärischen Pläne in Mitteleuropa dringend benötigte und die ihm die deutsche Verwaltung der Provinz erst einmal sicherte. Ausdrücklich behielt er sich grundlegende Reformen im Sinne einer politischen, rechtlichen und sozialen Angleichung an die Verhältnisse in den schwedischen Kernlanden vor. Was das konkret bedeutete, hatte Herzog Karl von Södermanland, der spätere schwedische König Karl IX. (1604–1611) und Vater Gustav II. Adolfs, bereits zwei Jahrzehnte zuvor, nämlich 1601, in Verhandlungen mit Vertretern der livländischen Ritterschaft, die sich im Krieg Karls mit dem König von Polen auf die schwedische Seite schlagen wollten, unmissverständlich klargemacht, nämlich die weitgehende Übernahme des schwedischen Gerichtssystems und eine Verbesserung der bäuerlichen Lebensbedingungen im Sinne der schwedischen Bauernordnung. Da ———————————— 23

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Erwin OBERLÄNDER, Estland, Livland und Kurland unter polnisch-litauischer, schwedischer und russischer Herrschaft 1561–1705, in: Politik und Sprache im frühneuzeitlichen Europa, hg. v. Thomas NICKLAS / Matthias SCHNETTGER, Mainz 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Abteilung für Universalgeschichte 71), S. 153–168, hier S. 160 f. Dass den von der deutschbaltischen Historiographie oft recht übertrieben dargestellten gegenreformatorischen Bemühungen in Livland kaum Erfolg beschieden war, zeigt der Beitrag von Gvido STRAUBE in diesem Band. Bezeichnend dafür waren etwa die von Stephan Báthory erlassenen Constitutiones Livoniae a Stephano rege sancitae (4.12.1582), in: Matthias DOGIEL, Codex diplomaticus regni Poloniae et magni ducatus Litvaniae, Tomus V, in quo ut universae Livoniae, ita speciatim Curlandiae et Semigalliae Ducatuum res continentur, Wilna 1795, Nr. CLXXXVII, S. 320–324. Zur Politik Polen-Litauens vgl. auch Jürgen HEYDE, Bauer, Gutshof und Königsmacht. Die estnischen Bauern in Livland unter polnischer und schwedischer Herrschaft 1561–1650, Köln u.a. 2000 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 16), Kap. I/1.

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es in Schweden nur freie Bauern gab, hieß das langfristig nichts anderes als Bauernbefreiung. Kein Wunder, dass die Vertreter der livländischen Ritterschaft diesen Angriff auf ihre „angestammten“ Hoheits- und Verfügungsrechte über die Bauern 1601 schärfstens zurückgewiesen hatten, da ihrer Meinung nach die Bauernbefreiung dem Land unendlichen Schaden zufügen würde25. Bald sah man sich jedoch erneut mit ähnlichen Reformvorhaben konfrontiert, zumal Gustav Adolf zusammen mit seinem Kanzler Axel Oxenstierna in Schweden selbst weit reichende administrative, konstitutionelle und organisatorische Neuerungen einführte, die allesamt auf die für die Frühe Neuzeit charakteristische „Verdichtung“ der Herrschaft und damit Machtsteigerung des Staates nach innen wie nach außen zielten. Sie reichten von der Gerichtsreform über die Neufassung der Adelsprivilegien, die Fixierung der lutherischen Staatsreligion, den Aufbau einer zentralen Kammerverwaltung und die Errichtung einer festen Kanzleiordnung sowie erster Fachministerien bis hin zur Neuorganisation des Heerwesens mit einem geregelten Aushebungssystem. Der König wünschte diese Neuerungen mit dem Ziel der schrittweisen Integration Estlands und Livlands in das Schwedische Reich auch auf diese Provinzen zu übertragen, doch sind seine diesbezüglichen Pläne aufgrund seiner Feldzüge und seines frühen Todes nicht zur Ausführung gelangt. Vielmehr entschloss sich die Vormundschaftsregierung für die Königin Christina (1644–1654) zunächst, Livland mit der Konstitution von 1634 erneut eine recht weitgehende politische Selbstverwaltung zuzubilligen. Dahinter stand vor allem die Befürchtung, dass der gut organisierte Provinzadel durch eine weitgehende Integration eine gewichtige Mitsprache in Reichsangelegenheiten gewinnen und dadurch die exklusive Rolle des schwedischen Reichsadels gefährden könnte. Stillschweigende Voraussetzung für dieses Entgegenkommen bildete jedoch auch die Erwartung, dass der Adel in Livland den Zufluss ausreichender Geldmittel zur Finanzierung der Großmachtpolitik gewährleistete. Erst als man gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Stockholm zu der Überzeugung kam, dass der gesteigerte Geldbedarf der Zentrale im Rahmen der Selbstverwaltung Livlands nicht zu be-

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Zu den Vorschlägen Karls von Södermanland und der Reaktion der Livländer siehe Jürgen HEYDE, Zwischen Kooperation und Konfrontation: Die Adelspolitik Polen-Litauens und Schwedens in der Provinz Livland 1561–1650, in: Zeitschrift für OstmitteleuropaForschung 47 (1998), S. 544–567, hier S. 560.

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friedigen war, griff Karl XI. (1660–1694) massiv auf die Integrationspläne Gustav II. Adolfs zurück26. Zu den noch unter König Gustav II. Adolf begonnenen bedeutenden Reformprojekten in den baltischen Provinzen gehörte die unter dem Generalgouverneur Johan Skytte eingeleitete Neuordnung des Gerichtswesens, die in der Landgerichtsinstruktion von 1634 gipfelte. Diese hätte die adelige Gerichtsbarkeit zugunsten der königlichen Instanzen stark eingeschränkt, wenn sie erfolgreich durchgesetzt worden wäre, was jedoch nur unvollkommen gelang, da das mittlere und untere Gerichtswesen fast ausschließlich in den Händen des Provinzialadels verblieb. Erfolgreicher verliefen die Reformen im kirchlichen Bereich, zumal jetzt das gemeinsame Bekenntnis zum lutherischen Glauben als entscheidende Klammer des Reiches galt27. In diesem Sinne war die schwedische Kirchenpolitik auch in den baltischen Ländern Teil der schwedischen Großmachtpolitik, gehörte doch die Legitimierung der schwedischen Herrschaft zu ihren wichtigsten Aufgaben28. Kirchspielschulen sollten auch den estnischen und lettischen Bauernkindern Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache vermitteln, was nicht nur der religiösen Unterweisung, sondern langfristig vor allem auch den Integrationsbemühungen des schwedischen Staates auf lokaler Ebene zugute kommen sollte. Doch trotz eines beeindruckenden organisatorischen Rahmens entwickelte sich das Volksschulwesen nur schleppend. Dem Ziel, die Bevölkerung über die Volkssprache direkt zu erreichen, dienten auch eine lettische Bibelübersetzung (1689), eine estnische Übersetzung des Neuen Testaments sowie die Herausgabe verschiedener kirchlicher Hausbücher, die auch wesentlich zur Entwicklung der estnischen und lettischen Schriftsprache beitrugen. In Riga, Reval und Dorpat wurde je ein Gymnasium gegründet, während die 1632 von Gustav II. Adolf ins Leben gerufene Academia Gustaviana, die zweite schwedische Landesuniversität nach Uppsala, bereits 1656 ihre Pforten schloss, um erst 1690 wiedereröffnet zu werden29; auch hier wird erkennbar, dass die höhere Bildung unter schwedischer Herrschaft ein Torso blieb. So war es vor allem die Reform des kirchlichen Lebens in Livland und Estland und dessen straffe Ausrichtung auf das Vorbild Schwedens, das die ———————————— 26 27 28

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Ebenda, S. 561–567. OBERLÄNDER, Estland (wie Anm. 23), S. 162 f. Dazu im einzelnen Ralph TUCHTENHAGEN, Zentralstaat und Provinz im frühneuzeitlichen Nordosteuropa, Wiesbaden 2008 (Veröffentlichungen des Nordost-Instituts 5), S. 186–220. Karl INNO, Tartu University in Estonia During the Swedish Rule (1632–1710), Stockholm 1972, S. 64 f.

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Schwedenzeit prägte. Den Höhepunkt bildete das für das gesamte schwedische Reich erlassene Kirchengesetz von 1686, das seit 1690 auch in den baltischen Ländern gegen den zähen Widerstand der Ritterschaften, die für die Beibehaltung ihres Patronatsrechts und damit ihrer Mitsprache in kirchlichen Angelegenheiten kämpften, durchgesetzt wurde. In der Tat diente die vollständige Integration der Geistlichkeit der baltischen Länder in die schwedische Reichskirche auch der teilweisen Entmachtung der Ritterschaften, da die Pastoren sich nun vollständig auf die schwedische Krone zu orientieren hatten, womit die Rolle der Kirche als Volkserzieherin und damit zugleich als Instrument der Sozialdisziplinierung auf lokaler Ebene fest verankert wurde. Die damit geschaffenen organisatorischen Strukturen für die estländische und livländische Kirche haben weit in die russische Zeit hineingewirkt, auch wenn die Pastoren infolge der nach 1710/1721 einsetzenden Wiederherstellung adeliger Vorrechte erneut stärker unter den Einfluss der adeligen Kirchenpatrone gerieten30. Die Kirchenordnung fiel jedoch schon in die Zeit König Karls XI., der seit den 1680er Jahren Reformen begann, deren Ziel eine absolutistische Konsolidierung im Rahmen einer einheitlichen Verwaltung des Reiches war. Seine Politik, die gerade auch in den baltischen Ländern eine weitgehende politische, vor allem aber soziale und wirtschaftliche Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse herbeiführen sollte, stand ebenso wie die König Gustav II. Adolfs im Zeichen eines für die Frühe Neuzeit bezeichnenden Veränderungswillens, der über das im 17. Jahrhundert in Schweden wie in den baltischen Ländern noch bestehende Feudalsystem hinauswies31. Diese Politik einer möglichst vollständigen Unterordnung der baltischen Provinzen unter die direkte Regierung des Königs erfasste seit den 1680er Jahren nahezu alle Lebensbereiche: Verwaltung, Rechtswesen, Steuersystem, Heeres———————————— 30

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Zur schwedischen Kirchenpolitik siehe auch August WESTREN-DOLL, Die schwedische Zeit in Estland und Livland, in: Baltische Kirchengeschichte, hg. v. Reinhard WITTRAM, Göttingen 1956, S. 87–109, sowie die Untersuchung von Lea Kõiv in diesem Band. Hinweise zur schwedischen Politik in den baltischen Ländern auch bei TUCHTENHAGEN, Zentralstaat (wie Anm. 28). Überblicke bieten Stellan DAHLGREN, Der schwedische Absolutismus am Ende des 17. Jahrhunderts und die Integration des Reiches, in: Die schwedischen Ostseeprovinzen Estland und Livland im 16.–18. Jahrhundert, hg. v. Aleksander LOIT und Helmut PIIRIMÄE, Uppsala 1993, S. 15–31; Aleksander LOIT, Die baltischen Länder im schwedischen Ostseereich, in: Die schwedischen Ostseeprovinzen Estland und Livland im 16.–18. Jahrhundert, hg. v. DEMS., Uppsala 1993 (Studia Baltica Stockholmensia 11) S. 63–85. Siehe auch Torbjörn ENG, Schwedens Ostseeprovinzen in der schwedischen historischen Forschung, in: Nordost-Archiv N.F. 9 (2000), S. 115–166.

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und Kirchenwesen. Den Hebel dazu bildete die Güterreduktion, mit der der König nicht nur die durch die Kriege mit Dänemark und Brandenburg erschöpften Finanzen des Reiches zu sanieren, sondern auch den Adel zu disziplinieren und die Situation der Bauern zu verbessern trachtete. 1680 beschloss der Reichstag, alle Krongüter, auch in Livland und Estland, die zwischenzeitlich verlehnt worden waren, zurückzunehmen sowie alle Privatbesitzer daraufhin zu überprüfen, ob sie sich unrechtmäßig Kronland angeeignet hatten. Die Ergebnisse flossen in ein Bodenkataster ein, das der Vereinheitlichung und zugleich Steigerung der Steuereinnahmen dienen sollte. Gegen den erbitterten Widerstand des Adels gingen in Livland 5/6 und in Estland etwa die Hälfte des bebauten Landes in die Verfügungsgewalt der Krone über, die es durch staatliche Beamte verwalten ließ und damit ihre Einnahmen erheblich steigerte. Zwar beschloss man, kleinere, weniger profitable Güter an deren bisherige Besitzer dauerhaft zu verpachten (also nicht mehr kostenlos zu Lehen zu geben, was zugleich das Ende des Lehnswesens in den baltischen Ländern bedeutete) und durch strikte Vorgaben für die Pachtmodalitäten eine weit reichende Umgestaltung des gutsherrlichbäuerlichen Verhältnisses einzuleiten. Der adelige Pächter sollte künftig Unternehmer auf staatlichem Grundbesitz sein. Überdies wurde die Patrimonialgerichtsbarkeit eingeschränkt, die Abgaben bzw. Leistungen der Bauern strikt normiert und ihre Erhöhung ausgeschlossen32. Offenbar plante Karl XI. langfristig auch die Bauernbefreiung in den baltischen Ländern, denn schon zu Beginn der Reduktionspolitik unterrichtete er 1681 den livländischen Adel von seiner Absicht, die „miserable Sklaverei“ auf den Krongütern aufheben zu wollen, und forderte den Adel auf, seinem Beispiel auf den Adelsgütern zu folgen. Dahinter stand offenbar nicht nur die Absicht, den Einfluss des Adels zurückzudrängen und sich in einem freien Bauernstand ein gewisses Gegengewicht gegen die Adelsopposition zu schaffen, sondern auch die Einsicht, dass die vom König im Zeichen merkantilistischer Politik auch in den baltischen Provinzen intensiv geförderte Ausbreitung von Handel und Gewerbe, etwa in Gestalt der Gründung von Manufakturen, zumindest Ressourcen an verfügbaren Arbeitern voraussetzte, die nur durch Wiederherstellung der bäuerlichen Mobilität zu gewinnen waren. Der erbitterte Widerstand der Ritterschaft gerade gegen dieses Ansinnen des Königs ließ ihn offenbar zurückschrecken und führte dazu, dass die Bauernbefreiung auf jene Bauern beschränkt wurde, die im Rahmen der Redukti———————————— 32

Juhan VASAR, Die große livländische Güterreduktion, Dorpat 1931; Edgars DUNSDORFS, Der große schwedische Kataster in Livland, 1681–1710, Stockholm 1950.

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onspolitik in die Verfügungsgewalt der Krone gelangten, im übrigen aber auf die lange Bank geschoben und trotz mancher Verbesserungen der bäuerlichen Lebensumstände am Ende nicht verwirklicht wurde33. Diese Rücksichtnahme auf die schwindende Loyalität des Adels hinderte Karl XI. jedoch nicht daran, 1694 die permanenten Proteste des livländischen Adels gegen alle seine Reformmaßnahmen recht abrupt mit der Aufhebung der Selbstverwaltung des so genannten livländischen Landesstaats und der weitgehenden Unterstellung der Provinz unter die Zentralregierung in Stockholm zu beantworten. Damit war die von ihm angestrebte Integration der baltischen Provinzen in das Schwedische Reich zumindest formal erreicht. Dass jedoch alle seine auf langfristige sozioökonomische Strukturveränderungen zielenden Maßnahmen letzten Endes scheiterten, lag nur zum Teil am hartnäckigen Widerstand des Adels oder daran, dass die von oben eingeleiteten Reformen zu wenig Rücksicht auf die historisch gewachsenen Strukturen in den baltischen Ländern nahmen. Als entscheidend erwies sich vielmehr die Tatsache, dass Livland und Estland wieder einmal unerwartet den Besitzer wechselten und nun einem Reich eingegliedert wurden, das von dem im 17. Jahrhundert erreichten Entwicklungsstand Schwedens noch weit entfernt war. Zar Peter I. war der heftige Konflikt zwischen dem schwedischen König und dem Adel Estlands und Livlands nicht entgangen, und so setzte er im Zuge der Eroberung dieser Provinzen 1709/1710 alles daran, sich als Retter der Ritterschaften von der „schwedischen servitude“ zu gerieren, der alle Maßnahmen Karls XI. rückgängig machen und die alten Privilegien wieder herstellen werde. Tatsächlich setzte er „eine Wohlgebohrne Ritter- und Landschafft“ mit wenigen Einschränkungen in den „vorigen Stand und alte Freyheit“ wieder ein34, machte die Folgen der schwedischen Reduktionspolitik rückgängig und erkaufte sich so die Loyalität des livländischen und estländischen Adels, dem er vor allem gegenüber der Bauernschaft freie Hand ließ, womit sich im Gegensatz zu den schwedischen Bestrebungen die Lage der Gutsbauern unter russischer Herrschaft erneut verschlechterte. Der Übergang Estlands und Livlands an das Russische Reich markierte somit das weitgehende Scheitern des einzigen breit angelegten frühneuzeitlichen Modernisierungsversuchs in der Region, auch wenn einzelne schwedi———————————— 33

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Zur schwedischen Agrarpolitik unter Karl XI. vgl. die Hinweise bei DAHLGREEN, Absolutismus (wie Anm. 31), S. 20–24; LOIT, Die baltischen Länder (wie Anm. 31), S. 71–74. Zu den Versprechungen Peters I. in Gestalt von Universalen und zur Kapitulation der livländischen Ritterschaft vgl. Die Capitulationen der livländischen Ritter- und Landschaft und der Stadt Riga vom 4. Juli 1710 nebst deren Confirmationen, hg. v. C[arl] SCHIRREN, Dorpat 1865, S. 29–31 und S. 35–46, hier S. 38, §5.

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sche Gesetze oder Reformansätze, vor allem im Gerichtswesen, in der Organisation des zunächst mehr schlecht als recht funktionierenden Bildungswesens sowie im kirchlichen Bereich bis ins 18. Jahrhundert hinein fortgewirkt haben bzw. von der Regierung des Russischen Reiches wieder aufgenommen wurden.35 Erst Katharina II. (1762–1796) setzte mit der Einführung der Statthalterschaftsverfassung sowie der russischen Städte- und Adelsordnung in den 1780er Jahren auf Entmachtung der Ritterschaften zugunsten einer konsequenten Integration der Ostseeprovinzen in den Gesamtstaat, doch hob ihr Sohn und Nachfolger Paul I. (1796–1801) diese ihm offenbar als verfrüht erscheinenden Maßnahmen wieder auf. Dabei sollte auch nicht übersehen werden, dass der Adel der Ostseeprovinzen in den zentralen Ämtern des Russischen Reiches eine herausragende Rolle spielte und dies durchaus in seinem Interesse zu nutzen wusste. Die Grundlagen zu frühneuzeitlicher Modernisierung sollten in den Ostseeprovinzen des Russischen Reiches erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelegt werden, und auch dann nur zögerlich und unter dem massivem Druck der St. Petersburger Regierung, wie die Bauernbefreiungen ohne Land (!) in Estland 1816, Kurland 1817 und Livland 1819 ausweisen. Erst das den Esten und Letten in mehreren Stufen bis 1865 gewährte Recht auf Landbesitz sowie eine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gut funktionierende Elementarschulbildung, die bis in die 1880er Jahre unter der Aufsicht der Ritterschaften bzw. der Geistlichkeit stand, schufen dann die Voraussetzung für soziale Durchlässigkeit und Mobilität und damit auch für wirtschaftliche Alternativen. III. Im Gegensatz zu Estland und Livland gab es im polnisch-litauischen Lehnsherzogtum Kurland (1561–1795) keinerlei Anstöße von außen zu Veränderungen der Wirtschafts- und Sozialstruktur, weder im 16. und 17. Jahrhundert vom Oberlehnsherrn, dem König von Polen und Großfürsten von Li———————————— 35

Das gilt insbesondere für die Verwaltung der Krongüter, aber auch für das Klagerecht der Bauern, vgl. dazu Juhan KAHK, Bauer (wie Anm. 20), S. 101 f.; Mati LAUR, Der Einfluß schwedischer Gesetze auf das politische Leben des Ostbaltikums im 18. Jahrhundert, in: Die schwedischen Ostseeprovinzen (wie Anm. 31), S. 251–256 und Jaak NABER, Volksbildung und Schulen der Esten in Est- und Livland im Zeitalter der Aufklärung, in: Aufklärung in den baltischen Provinzen Rußlands. Ideologie und soziale Wirklichkeit, hg. v. Otto-Heinrich ELIAS, KÖLN 1996 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 15), S. 73–94.

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tauen, noch im 18. Jahrhundert von den russischen Zaren, die zu dieser Zeit sowohl Polen-Litauen als auch das Herzogtum Kurland ihrer weitgehenden Außensteuerung unterworfen hatten. Denn erstens verfügten diese beiden Reiche über ganz ähnliche Agrarverfassungen, und zweitens lag ihnen offensichtlich daran, die Verhältnisse in einem „Kleinstaat“ wie Kurland, dessen innere Entwicklung von einem Dauerkonflikt um Machtbewahrung und Machterweiterung zwischen Herzog und Ritterschaften geprägt war, möglichst unangetastet zu lassen, da ihnen dieser Konflikt maximale Einflussmöglichkeiten sicherte. Die kurländische Ritterschaft entwickelte ihrerseits – von einzelnen Persönlichkeiten insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abgesehen – keine Reformvorstellungen, die einen grundlegenden Veränderungswillen hätten erkennen lassen. Vielmehr erschöpfte sich ihre Aktivität überwiegend darin, ihre Privilegien, wie sie im Privilegium Sigismundi Augusti, im Privilegium Gotthardinum (1570) und teilweise auch in der Formula Regiminis (1617) festgelegt waren36, mit allen Mitteln zu verteidigen und damit ganz entscheidend zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stagnation beizutragen. Den Höhepunkt dieser „Aktivität“ bildete der Verfassungsentwurf der Ritterschaftsvertreter von 1791, welche durch die vollständige Entmachtung des Herzogs die Alleinherrschaft der Ritterschaft und die überkommenen gesellschaftlichen Strukturen ein für allemal festschreiben und sich insbesondere gegen jegliche Partizipationsforderungen des aufstrebenden städtischen Bürgertums absichern wollten. Dieser Entwurf, der einerseits Anregungen und Diktion der Aufklärung im Sinne altständischer Vorstellungen instrumentalisierte, andererseits von Bauernverachtung und Bürgerfeindlichkeit geprägt war37, fand jedoch im PolnischLitauischen Reichstag, der ihm hätte zustimmen müssen, keine Mehrheit. Bleibt also die Frage, ob die Herzöge ihrerseits gewisse als frühneuzeitlich zu qualifizierende Impulse zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse eingebracht haben. Solche Impulse lassen sich durchaus beobachten, beispielsweise in der Kirchenpolitik Herzog Gotthards (1561–1587), in der Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung Hand in Hand gingen, in den Zentralisierungsver———————————— 36

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Abgedruckt in: OBERLÄNDER / KELLER, Kurland (wie Anm. 22), S. 72–93, 98–103, 122– 145. Ebenda, S. 252–287; vgl. Mathias MESENHÖLLER, Entwicklungspotentiale und -grenzen des Adelsparlamentarismus am Beispiel des polnischen Lehnsherzogtums/russischen Gouvernements Kurland, in: Aufbrüche in die Moderne. Frühparlamentarismus zwischen altständischer Ordnung und monarchischem Konstitutionalismus 1750–1850, hg. v. Roland GEHRKE, Köln 2005 (Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte 12), S. 317–332.

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suchen der Herzöge Wilhelm (1587–1616) und Ernst Johann (1737–1740 und 1763–1769), die absolutistische Tendenzen erkennen ließen, in der Städtepolitik Herzog Friedrichs (1587–1642), der ebenso wie seine Nachfolger die Städte als mögliche Bündnispartner gegen die Ritterschaft massiv förderte, in der merkantilistischen Wirtschaftspolitik Herzog Jakobs (1642– 1681), in der am französischem Beispiel orientierten Hofhaltung Herzog Friedrich Kasimirs (1682–1698), in der Domänenpolitik der Herzöge Ernst Johann und Peter sowie in den bildungspolitischen Zielen des letzteren. Alle diese Bestrebungen gingen von den Herzögen aus, die häufig für längere Zeit in Westeuropa weilten und dort mit entsprechenden Anregungen konfrontiert wurden. Es gilt jedoch, diese Impulse im Rahmen des Konzepts „Frühe Neuzeit“ daraufhin neu zu untersuchen, ob es sich bei ihnen lediglich um nahe liegende Reflexe in der Auseinandersetzung mit der hochprivilegierten Ritterschaft handelte oder ob sich deren langfristige Ziele tatsächlich als Ausdruck eines typisch frühneuzeitlichen Veränderungswillens der Herzöge mit dem Ziel der Machterweiterung interpretieren lassen, die Auswirkungen auf die Institutionen, vor allem aber auf die Verhaltensweisen der Untertanen erkennen lassen. Am Beispiel der Kirchenpolitik Herzog Gotthards sowie der vom Merkantilismus geprägten Wirtschaftspolitik Herzog Jakobs soll abschließend kurz angedeutet werden, welche Fragestellungen sich dabei als weiterführend erweisen könnten. Als Gotthard Kettler Herzog von Kurland wurde, musste er den „Staat“, den er künftig regieren sollte, erst einmal „einrichten“. Die Privilegien der Ritterschaft schränkten seine Möglichkeiten zum Aufbau einer zentralen Verwaltung und zur Auswahl ihm genehmer Beamter erheblich ein. Aber es gab eine Institution, der der Herzog nicht nur aus persönlicher Überzeugung zugetan war, sondern die er auch in den Dienst seiner Herrschaftsausübung zu stellen suchte, nämlich die Kirche. Die durchgreifende Neuordnung des gesamten Kirchenwesens und dessen künftige Kontrolle durch regelmäßige Visitationen war von Anfang an ein zentrales Anliegen Gotthardscher Politik. Diese Neuordnung sollte nicht nur der Durchdringung seines „Gottesländchens“ (Ivan IV.) mit der Lutherischen Lehre, insbesondere in klarer Abgrenzung gegenüber dem katholischen Oberlehnsherren, dienen, sondern ihm offenbar auch einen direkten Zugriff auf die Mehrheit seiner in vollständiger Abhängigkeit von den Gutsherren befindlichen Untertanen ermöglichen. Schon auf dem ersten Landtag sprach er 1567 die „Ordnung

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des Kirchenregiments“ an38, und nur drei Jahre danach wurde die Kirchenordnung verabschiedet, die alle kirchlichen Angelegenheiten vom Inhalt des Bekenntnisses bis zu den Aufgaben der Glöckner und Küster im Sinne strengster Kirchenzucht regelte39. Wenn der Herzog auf dem Landtag von 1572 die „Stiftung guter Policey und Ordnung in geistlichen und Profan Sachen“ forderte40, dann stellte er damit bewusst oder unbewusst jenen engen Zusammenhang von Kirche und weltlicher Obrigkeit her, der als Konfessionalisierung auch im Konzept der Frühen Neuzeit eine herausragende Rolle spielt, in dem der Zwang zum konfessionell konformen Verhalten, zum Gehorsam gegenüber kirchlichen Vorschriften als eine entscheidende Voraussetzung für eine bewusste und disziplinierte Lebensführung des modernen Menschen gilt. Nun ist jedoch aus den Visitationsakten, Dekreten und Predigten aus der gesamten Geschichte des Herzogtums zu entnehmen, dass die religiöse Durchdringung des Alltags im Herzogtum trotz aller Vorschriften und Kontrollen kaum in der von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit gewünschten Weise wirksam geworden ist. Vielmehr entzog sich ein großer Teil der Letten offenbar erfolgreich kirchlichen Vorschriften und hing Gebräuchen an, die die Kirchenoberen als heidnisch qualifizierten41. Ist daraus zu schließen, dass die Kirchenpolitik Herzog Gotthards und seiner Nachfolger kaum Auswirkungen auf die lettische ländliche Bevölkerung hatte oder dass sie gar kontraproduktiv wirkte, indem sie die Letten zur Oppo———————————— 38

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Rigischer Rezeß Anno 1567, den 28. Februar: Die Fundation aller Kirchen, in: Archiv für die Geschichte Liv-, Ehst- und Curlands, Bd. 2, hg. v. F[riedrich] G[eorg] VON BUNGE, Dorpat 1843, S. 168–173, enthält ein ganzes Bündel von Maßnahmen zur Hebung der kirchlichen Verhältnisse. Einen detaillierten Überblick über das kirchliche Einrichtungswerk bietet Theodor KALLMEYER, Die Begründung der evangelisch-lutherischen Kirche in Kurland durch Herzog Gotthard, Riga 1851. Kirchen Reformation des Fürstenthumbs Churland und Semigallien, in Liefflandt. Anno domini 1570, Rostock 1572; wieder abgedruckt in: Die evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, hg. v. Emil SEHLING, Bd. 5 (Livland, Estland, Kurland), Leipzig 1913, S. 49–66; dazu auch Andreas ZIEGER, Das religiöse und kirchliche Leben in Preußen und Kurland im Spiegel der evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Köln/Graz 1967. Mitauscher Receß Anno 1572 den 10.Martii, in: Archiv (wie Anm. 38), S. 213–222, hier S. 217. Vgl. dazu neben den umfangreichen Visitationsakten im Historischen Staatsarchiv Lettlands vor allem die Schriften des kurländischen Superintendenten Paul Einhorn, der sich im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts intensiv mit der „Abgötterey und nichtigem Aberglauben, so vorzeiten aus der Heydnischen Abgötterey in diesem Lande entsprossen, und bishero in gebrauche blieben“ befasst hat: Drei Schriften von Paul EINHORN und eine von Johann Wolfgang BÖCKLER aufs neue wieder abgedruckt, Riga 1857, S. 72–86.

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sition provozierte? Bisher ist weder die Frage nach den über den rein religiösen Bereich hinausgehenden politischen Intentionen der Kirchenpolitik des Herzogs noch diejenige nach den Ursachen für deren verhältnismäßig geringe Wirkung auf die Letten geklärt, gerade auch im Vergleich zur Kirchenpolitik Schwedens, die in Livland im 17. Jahrhundert erfolgreicher war. Dies erfordert eine gründliche Neubetrachtung des Verhältnisses von Obrigkeit, Kirche und Bevölkerung im Herzogtum, zu der auch die Policeyordnungen der kurländischen Kleinstädte herangezogen werden sollten, die möglicherweise das Verhalten der überwiegend deutschen Bevölkerung in den Kleinstädten stärker geprägt haben als die kirchlichen Vorschriften. Die Versuche der Herzöge, ihre Macht gegenüber dem einzigen politisch relevanten Stand im Lande, der Ritterschaft, zu erweitern, hat die Geschichte des Herzogtums sehr weitgehend bestimmt. So haben vor allem Herzog Wilhelm in der Hoffnung auf polnische – also auswärtige – Unterstützung, Herzog Jakob im Vertrauen auf die Erfolge seiner international ausgerichteten merkantilistischen Politik und Herzog Ernst Johann unter Ausnutzung seiner hervorragenden Stellung als Regent des Russischen Reiches versucht, die Herzogsgewalt auf Kosten der Adelsrechte zu stärken. Die dabei angewandten Mittel lagen durchaus auf der Linie frühneuzeitlicher „Verdichtung der Herrschaft“. Herzog Wilhelms eher unbeholfene Versuche, den Adel zu disziplinieren, dürften vor allem von der Entwicklung im benachbarten Herzogtum Preußen inspiriert worden sein. Dort hatte der Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach trotz ähnlicher Ausgangslage wie in Kurland ein straff obrigkeitliches Regiment durchgesetzt42, wobei ihm der polnische König Stephan Báthory aus persönlichen wie grundsätzlichen Erwägungen vollkommen freie Hand gelassen und alle Beschwerden der preußischen Stände als unbegründet zurückgewiesen hatte. Im Gegensatz zu König Stephan Báthory nutzte dessen Nachfolger Sigismund III. Wasa 1617 die Zuspitzung des innerkurländischen Konflikts jedoch dazu, zugunsten des bestehenden Zustands scharf durchzugreifen43 und nicht nur Herzog Wilhelm abzusetzen, sondern auch eine Verfassung, die Formula Regiminis, so-

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Vgl. Jürgen PETERSOHN, Fürstenmacht und Ständetum in Preußen während der Regierung Herzog Georg Friedrichs 1587–1603, Würzburg 1963. Zu den Disziplinierungsmaßnahmen Wilhelms und zum daraus resultierenden Streit siehe zuletzt Volker KELLER, Herzog Friedrich von Kurland (1569–1642). Verfassungs-, Nachfolge- und Neutralitätspolitik, Marburg 2005 (Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 11), S. 35–62.

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wie ein Landrecht, die Statuta Curlandica44 zu erlassen, in denen die Rechte des Herzogs und des Adels in einer Weise festgelegt waren, die jeglichen zentralistischen Tendenzen der Herzöge einen dauerhaften Riegel vorschob. Herzog Jakob, der Sohn Herzog Wilhelms, der 1642 seinem kinderlosen Onkel Friedrich auf dem Thron folgte, vermied deshalb jegliche direkte Provokation der Ritterschaft und setzte auf eine zielbewusste Nutzung des Wirtschaftspotentials des Herzogtums im Zeichen des Merkantilismus. Modernes rationales Wirtschaften und internationaler Handel sollten ihm nicht nur innerhalb Kurlands eine der Ritterschaft weit überlegende Machtposition, sondern auch in der internationalen Diplomatie eine herausragende Rolle verschaffen. Der zweifellos bedeutendste kurländische Herzog hatte eine gute Ausbildung erhalten, war mit den theoretischen Grundlagen moderner Staats- und Wirtschaftsverwaltung vertraut und hatte 1634–1637 eine große Westeuropareise unternommen, die ihn u.a. nach England, Frankreich und den Niederlanden führte, deren Wirtschafts- und Handelspolitik er sich für die künftige Entwicklung seines Herzogtums zum Vorbild nahm45. Auch seine wichtigsten Mitarbeiter hatten durchweg in Leiden studiert. Gestützt auf das herzogliche Lehen, das 2/5 des anbaufähigen Grund und Bodens des Herzogtums umfasste, und die darauf lebenden bäuerlichen (lettischen) Arbeitskräfte begann er gleich nach seiner Thronbesteigung mit der Rationalisierung der Landwirtschaft nach holländischem Vorbild in den herzoglichen Domänen, deren Verwaltung nun dem brandenburgischen Beispiel folgte, wozu auch die ersten Schritte von der vorherrschenden Naturalwirtschaft zu einer geordneten Finanzwirtschaft (Zölle, Akzise) gehörten. Zugleich förderte er die Gründung vielfältiger Manufakturen, für die er ausländische Fachleute anwarb und die insbesondere dem Aufbau einer eigenen Handelsflotte zuzuarbeiten hatten. Mit der Begründung einer eigenen Flotte gelang es dem Herzog, sich schrittweise vom holländischen Zwischenhandel in der Ostsee zu befreien und sich seinerseits in den internationalen Handel einzuschalten, von Handelsverträgen mit Frankreich, Spanien, Holland, England, Däne———————————— 44

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Die Regimentsformel und die Kurländischen Statuten von 1617. Nach dem Original herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Theodor SCHIEMANN, Mitau 1876 (lateinisch). Vgl. dazu und zum Folgenden Walter ECKERT, Kurland unter dem Einfluß des Merkantilismus. Ein Beitrag zur Staats- und Wirtschaftspolitik Herzog Jakobs von Kurland (1642– 1682), Riga 1927, hier S. 46–49. Die wirtschaftliche Bedeutung der Flotte Herzog Jakobs ist kürzlich kritisch hinterfragt worden von Mārīte JAKOVĻEVA, Mythos und Realität. Zur Flotte und zum Schiffsbau im Herzogtum Kurland, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 8 (2013), S. 81–102.

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mark und Konzessionen zum Abbau von Eisenerz in Norwegen über den Erwerb von Kolonien (Gambia, Tobago) bis zu Plänen, den Seidenhandel Westeuropas mit Persien über Rußland und Kurland zu leiten. Als erfolgreicher fürstlicher Unternehmer war er also durchaus auf der Höhe der Zeit, doch beschränkte er sich auf die rein wirtschaftliche Entfaltung des in seiner unmittelbaren Verfügungsgewalt stehenden Teils des Herzogtums und schuf damit gleichsam das „andere Kurland“ (Otto Mattiesen) innerhalb Kurlands, ohne jedoch die gesellschaftlichen Strukturen im Herzogtum anzutasten und damit einen nachhaltigen Anstoß zur Reform des ganzen Landes zu geben, woran ihn die vom Oberlehnsherrn garantierten Privilegien der Ritterschaft hinderten. Vielmehr vermied er jegliche Provokationen der Ritterschaft, da diese unweigerlich zu Konflikten mit dem königlichen Oberlehnsherrn geführt hätten, die wiederum die weit gespannten diplomatischen Initiativen des Herzogs gestört oder gar unmöglich gemacht hätten. Die rastlose diplomatische Aktivität des Herzogs galt nämlich nicht nur der Sicherung der Neutralität seines militärisch wehrlosen Herzogtums in den Auseinandersetzungen der übermächtigen Nachbarn Schweden, PolenLitauen und Moskau, sondern auch der schrittweisen Lockerung der Lehnsabhängigkeit von Polen-Litauen, die ihn von den Vorgaben seines bisherigen Lehnsherrn befreit und ihm gegenüber der Ritterschaft freie Hand zur unumschränkten Ausübung fürstlicher Hoheitsrechte im Rahmen eines frühmodernen Staatswesens gegeben hätte. Seine engen diplomatischen Beziehungen zu den unmittelbaren Nachbarn, aber auch zum Reich, zum englischen Königshaus, zu Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, ja sogar zum Papst hatten ihm hohes internationales Ansehen eingebracht, das ihn weitherum als völlig selbständig agierenden Fürsten und kaum noch als Vasall Polen-Litauens erscheinen ließ, also bereits mit einer gewissen Lockerung der Lehnsabhängigkeit nach außen verbunden war. Offenbar vom Beispiel seines Schwagers, des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, inspiriert, der 1657 die Souveränität über das bis dahin ebenfalls polnischlitauische Lehnsherzogtum Preußen erlangt hatte, ließ Herzog Jakob 1658 – also während des Zweiten Nordischen Krieges (1655–1660) – das Angebot einer sehr viel milderen Lehnsabhängigkeit durch den schwedischen König mit der Forderung nach voller Souveränität beantworten46; in etwas abgewandelter Form spielte diese Forderung auch in Verhandlungen mit dem 1656/57 in große militärische Bedrängnis geratenen Polen-Litauen sowie im ———————————— 46

August SERAPHIM, Die Geschichte des Herzogtums Kurland (Livländische Geschichte III), 2. Auflage, Reval 1904, S. 128.

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Entwurf eines Freundschaftsvertrags zwischen Jakob und dem Zaren Aleksej Michajlovič (1645–1676) von 1658 eine Rolle, in dem Letzterer für den Fall seiner Wahl zum polnischen König dem Herzog weitgehende Unabhängigkeit zusagte, doch kam es nicht zur Unterzeichnung des Vertrags47. Im Herbst des gleichen Jahres nahmen schwedische Truppen den Herzog und seine Familie unter dem Vorwand, er konspiriere mit den Gegnern Schwedens – tatsächlich aber wohl als Rache für dessen Weigerung, sich der schwedischen Oberherrschaft zu unterwerfen – im Handstreich gefangen, führten ihn nach der Festung Ivangorod bei Narva und erlaubten ihm erst nach dem Frieden von Oliva (1660) die Rückkehr nach Kurland48. Dort hatten die Kriegshandlungen der Nachbarn inzwischen zum weitgehenden Ruin des herzoglichen Aufbauwerks geführt. Mit großer Energie bemühte sich Herzog Jakob zwar in den folgenden zwei Jahrzehnten um die Wiederherstellung seiner Werften, Manufakturen, Handelskontakte und diplomatischen Verbindungen, doch konnte er nur zum Teil an die Erfolge von 1642 bis 1658 anknüpfen. Kurland erlebte zwar unter dem im frühneuzeitlichen Sinne modernsten Herzog eine kurze wirtschaftliche Blütezeit, ob jedoch dessen handels-, industrie- und kolonialpolitischen Unternehmungen seinen Untertanen „den Weg gewiesen und ein Vorbild gegeben haben“, wie Walter Eckert im Resümee seines verdienstvollen Buches behauptet49, ist sicherlich so pauschal kaum zu bejahen. Ob sich der einheimische Adel wirklich immer mehr der Marktproduktion zuwandte, ob die Städte und insbesondere eine finanzkräftige Kaufmannschaft tatsächlich einen großen Aufschwung nahmen und eine „auf dem Bürgertum ruhende staatliche Finanzwirtschaft“ geschaffen wurde, bedarf genauerer Untersuchung. So beweist etwa das Beispiel Windaus, das den wichtigsten Stützpunkt für den herzoglichen Handel und Schiffbau bildete, eher das Gegenteil: Von den außerhalb der Stadt liegenden Werften und Fabriken des Herzogs profitierten die Stadt und ihre ———————————— 47

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Mārīte JAKOVĻEVA, Die Beziehungen zwischen Herzog Jakob von Kurland und Russland, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 2 (2007), S. 24–56, hier S. 48. Der schwedische König Karl X. ließ dieses Vorgehen interessanterweise damit begründen, dass der Herzog sich einer Politik „extremer Falschheit“ gegenüber Schweden schuldig gemacht habe, da es ihm weniger um die Neutralität seines Herzogtums im Krieg, sondern um den Gewinn der Souveränität und der absoluten Herrschaft über Adel und Städte seines Herzogtums sowie die Umleitung des Handels vom schwedischen Riga nach Mitau (Jelgava), der Hauptstadt des Herzogtums, gegangen sei. Vgl. Friedens- und Kriegsbeschreibung von Anfang des 1657sten biß an das 1661ste Jahr, in: Theatrum Europaeum Continuum, Bd. 8, Frankfurt/M. 1693, S. 645–654, hier S. 648. ECKERT, Kurland (wie Anm. 45), S. 253 f.

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Kaufmannschaft so gut wir gar nicht50. Das Grundübel aber bestand darin, dass es Herzog Jakob mit Rücksicht auf die Privilegien der Ritterschaft versagt blieb, die gesellschaftlichen Strukturen im Herzogtum zu modernisieren, sofern er dies überhaupt beabsichtigte, denn am Status der an die Scholle gebundenen Domänenbauern änderte er beispielsweise nichts. Umso mehr bedarf es einer Erklärung, warum sich trotzdem 1660 zweitausend kurländische (Amts)Bauern aufmachten, um ihrem aus der schwedischen Verbannung zurückkehrenden Herzog bis Riga entgegen zu ziehen und ihn mit Freudenkundgebungen zu empfangen51. Nicht nur mit Blick auf Herzog Jakob sind viele Fragen offen, die auf ein faszinierendes Mit- und Gegeneinander der vom Adel zäh verteidigten feudalen Agrarverfassung östlichen Musters einerseits und von den Herzögen ausgehenden „modernen“ westlichen Impulsen andererseits hindeuten. *** Estland, Livland und Kurland haben in der Zeitspanne vom 16. bis zum 18. Jahrhundert nur sehr bedingt an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen teilgenommen, die für die Frühe Neuzeit im Westen Europas als konstitutiv gelten. In den baltischen Ländern bildeten diese drei Jahrhunderte weniger die „zentrale Umschaltphase“ (Ilja Mieck), vielmehr wurde ihre Entwicklung maßgeblich vom „Hineinragen ständisch gebundener Strukturen in die Moderne“ (Werner Conze) geprägt. Das Nebeneinander von mittelalterlichen und modernen Strukturen war zwar überall ein Kennzeichen der Frühen Neuzeit, nur war ihm in den baltischen Ländern im Rahmen des „osteuropäischen Entwicklungswegs“ eine wesentlich längere Dauer beschieden als in West- und Zentraleuropa. Das heißt jedoch nicht, dass die für die Frühe Neuzeit bezeichnenden Neuerungen in den Verhaltensweisen der Menschen, in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kul———————————— 50

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Kerstin SIEGLER, Aufstieg und Niedergang des Handelsplatzes Windau im 17. Jahrhundert, in: Das Herzogtum Kurland 1561–1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Bd. 2, hg. v. Erwin OBERLÄNDER, Lüneburg 2001, S. 197–238. „Abschrift eines alten Originals: Kurze jedoch Eigentliche Beschreibung der Reise des Durchlauchtigen Fürsten und Herrn Jacobus, zu Liefland zu Curland und Semgallen Herzog […] aus Ivangorod bis Riga und von dannen durch dero Herzogthum Semgallen und Kurland bis dem Schlos Grobin glücklich vollbracht […]. Libau d.24. Julij 1660“, in: Ungedruckte Kurländische und Piltensche Staatsschriften II, in: Latvijas Valsts vēstures arhīvs (Staatliches Historisches Archiv Lettlands, Riga) Bestand 763, Verzeichnis 3, Akte 182, S. 215–217, hier S. 216.

Das Konzept der Frühen Neuzeit

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tur in den baltischen Ländern im 17. und 18. Jahrhundert gar keinen Widerhall gefunden hätten. Vor allem Schweden sorgte in Estland und Livland für eine intensive Begegnung mit solchen Neuerungen, und auch die Herzöge von Kurland haben immer wieder entsprechende Impulse aufgenommen. Auch wenn diese nicht zuletzt am hartnäckigen Widerstand des Adels (Ritterschaften) scheiterten, sollten wir gründlicher nach den längerfristigen Auswirkungen dieser Reformansätze auf die Bewohner und Institutionen der Regionen fragen, um so ein differenzierteres Bild von der Stellung der baltischen Länder in der frühneuzeitlichen Geschichte Gesamteuropas zu entwerfen.

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Koloniales Modell und regionale Literatur. Die deutsch-livländischen Literaturbeziehungen der Frühen Neuzeit „Der Zweck der Literaturgeschichte ist“, so wusste schon 1899 der Felliner Literarhistoriker Theodor von Riekhoff, das geistige Leben, wie es sich in den literarischen Erscheinungsformen offenbart, zu schildern und alle Fäden, welche herüber- und hinüber spielen und die Literaturen verschiedener Gegenden und Völker verknüpfen, bloßzulegen1.

Was heutzutage unter dem Stichwort ‚Kulturtransfer‘ betrachtet wird, hat also eine gewisse Tradition in der baltischen Literaturgeschichtsschreibung2. Die Frage nach dem Verhältnis der so genannten ‚baltischen‘ oder ‚deutsch———————————— 1

2

Theodor von RIEKHOFF, Die Hauptströmungen der Literatur Altlivlands, in: Baltische Monatsschrift 36 (1889), S. 478–523, hier S. 481. Die neuere Forschung zum ‚Kulturtransfer‘ geht vor allem zurück auf Michel ESPAGNE und Michael WERNER, die ab Mitte der 1980er Jahre Begriff und Ansatz auf der Basis von deutsch-französischen Studien geprägt haben. Mittlerweile hat die Frühneuzeit-Forschung das Konzept breit aufgenommen und in Verknüpfung mit der Regionalforschung auch den östlichen Raum erschlossen. Vgl. etwa Metropolen und Kulturtransfer im 15./16. Jahrhundert. Prag – Krakau – Danzig – Wien, hg. v. Andrea LANGER / Georg MICHELS, Stuttgart 2001 (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 12); Wanderungen und Kulturaustausch im östlichen Mitteleuropa. Forschungen zum ausgehenden Mittelalter und zur jüngeren Neuzeit, hg. v. Hans-Werner RAUTENBERG, München 2006 (Völker, Staaten und Kulturen in Ostmitteleuropa 1); Aufklärung und Kulturtransfer in Mittel- und Osteuropa, hg. v. Agnieszka PUFELSKA, Hannover 2009 (Aufklärung und Moderne 19). – Eine kritische Erweiterung des Ansatzes ist im Begriff cultural translation zu sehen, der das Prozesshafte stärker in den Blick nimmt. Vgl. exemplarisch Peter BURKE / Ronnie PO-CHIA HSIA, Cultural Translation in Early Modern Europe, Cambridge 2007. Dem neutraleren Begriff des ‚Kulturkontakts‘ widmete sich 2009 exemplarisch die Innsbrucker Konferenz „Die komplexe Welt der Kulturkontakte. ‚Kontaktzone‘ und ‚Rezeptivität‘ als Mittel für ihre Beschreibung und Analyse.“ Vgl. den Tagungsbericht von Irene HUBER / Gundula SCHWINGHAMMER, einsehbar unter dem URL http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2570 (letzter Zugriff 30.3. 2011). Im selben Jahr fand in Rostock das 3. Vernetzungstreffen themenverwandter Graduiertenkollegs zum Thema „Kulturkontakt: Potential und Grenzen eines Begriffs“ statt. Siehe den Tagungsbericht von Silke HOKLAS / Raphael HÖRMANN, einsehbar unter dem URL http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2671 (letzter Zugriff 30.3.2011).

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baltischen‘ Literatur zur deutschen bzw. zur Literatur in deutschen Landen erfolgte bisher jedoch fast immer aus der Gesamtschau der baltischen Literatur, die in aller Regel deutliche Schwerpunkte bei der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts setzte. Die sich allmählich und unter Osnabrücker Beteiligung in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung etablierende Epoche der Frühen Neuzeit3 hat dabei noch keine explizite Beachtung gefunden. Das koloniale Modell in der (deutsch)baltischen Literaturgeschichtsschreibung Seit dem 19. Jahrhundert bis heute – namentlich bis in die Deutschbaltische Literaturgeschichte von Gero von Wilpert (2005)4 – wird zur Beschreibung des Verhältnisses von deutscher und (deutsch)baltischer Literatur, ja mehr noch zur generellen Charakteristik der deutschen Literatur in den baltischen Landen das koloniale Modell verwendet, indem der Kolonie, also dem alten Livland5 bzw. den Provinzen Liv-, Est- und Kurland, das deutsche ‚Mutterland‘ gegenübergestellt wird. Allerdings fehlen durchgängig sowohl eine nähere Definition als auch eine eingehende Analyse dieser Deutung6. ———————————— 3

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6

Vgl. jetzt die Einführungen von Kai BREMER, Literatur der Frühen Neuzeit. Reformation, Späthumanismus, Barock, Paderborn 2008, und Andreas KELLER, Frühe Neuzeit. Das rhetorische Zeitalter, Berlin 2008 (Akademie Studienbücher Literaturwissenschaft). Zum Osnabrücker Kontext siehe Klaus GARBER, Frühe Neuzeit an einer Neugründung, in: Profile der Wissenschaft. 25 Jahre Universität Osnabrück, hg. v. Rainer KÜNZEL zusammen mit Jörn IPSEN / Chryssula KAMBAS / Heinz W. TRAPP, Osnabrück 1999, S. 15–21. Gero von WILPERT, Deutschbaltische Literaturgeschichte, München 2005. Die Bezeichnung ‚Altlivland‘ (das alte Livland) steht hier für das frühneuzeitliche ‚Livland‘ (Lyfflandt, Liefland usw.) als Region, wie sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts von den ‚Livländern‘ selbst zur Bezeichnung ihres gesamten Landes verwendet wurde. Es ist damit weitgehend deckungsgleich mit den russischen Ostseeprovinzen Est-, Liv- und Kurland sowie den heutigen Staaten Estland und Lettland. Davon zu unterscheiden ist das schwedische Gouvernement, die nachmals russische Provinz Livland. Dazu zeigt jetzt die Mainzer Dissertation von Ulrike PLATH, Esten und Deutsche in den baltischen Provinzen Russlands. Fremdheitskonstruktionen, Lebenswelten, Kolonialphantasien 1750–1850, Wiesbaden 2011 (Veröffentlichungen des Nordost-Instituts 11), eine neue Stoßrichtung auf, indem koloniale Deutungen entwicklungsgeschichtlich auf Fremdwahrnehmungen und Analogiebildungen zurückgeführt werden. Überzeugend sind auf diese Weise die entstehenden Verzerrungen im kolonialen Bild enthüllt. Denn es handelt sich offensichtlich um eine Frage des deutschbaltischen kolonialen Diskurses, der sich nicht mit staatsrechtlichen oder rechtshistorischen Maßstäben fassen lässt, sondern ganz entscheidend von deutschen Kolonialphantasien geprägt wurde – z.B. in der Parallelisierung mit den Südseekolonien; siehe Susanne ZANTOP, Colonial Fantasies: Conquest, Fa-

Koloniales Modell und regionale Literatur

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So heißt es etwa im Jahre 1889 bei Theodor von Riekhoff, „die ersten von Westen kommenden Colonisten“ hätten christliche Kultur und christlichen Glauben gebracht, und das ganze baltische Dasein im 19. Jahrhundert gründe in Sitte und Brauchtum auf dem der Vorfahren, also der Kolonisten7. Dies geht so weit, dass Riekhoff die festgestellte „Armuth an dichterischen Denkmälern“ unter anderem dem Volkscharakter der Niedersachsen und Westfalen, die Livland gegründet hätten, zuschrieb: Sie seien „rauh wie die rauhe Natur ihrer Heimat, mehr der mit Erfolg verbundenen That, als der Pflege des geistigen Lebens“ zugeneigt8. An anderer Stelle heißt es bei Riekhoff: Es ist ja natürlich, dass neben der selbständig auf livländischem Boden entstandenen Poesie auch Vieles aus dem deutschen Mutterlande eingedrungen ist und dass manche und vielleicht gerade die bedeutendsten Dichtergestalten nicht in Livland geboren sind9.

Schon Jahrzehnte zuvor hatte Jegór von Sivers in seinem Buch Deutsche Dichter in Rußland (1855) geschrieben: Die Ostseeprovinzen […] sind […] in stetem geistigem Wechselverkehr mit dem deutschen Mutterlande geblieben, wie noch heute nach 300jährigem Ausscheiden aus den politischen Banden, die es an Deutschland knüpften, und nach 150jähriger Vereinigung mit dem russischen Kaiserthume, dessen Schutz ihm zu Theil ward, das geistige Leben in Liv-, Est- und Kurland blutund wahlverwandt ist mit dem in Deutschland. Versorgt uns Rußland als Amme mit leiblicher Speise, bleibt doch allezeit Deutschland die Mutter, die uns mit geistiger Nahrung erzieht10.

Und 1937 heißt es bei Otto von Petersen: Der engste Zusammenhang mit dem geistigen Mutterboden bleibt für das baltische Schrifttum selbstverständliche Grundlage der Entfaltung. Die sich ablösenden Richtungen Barock, Rokoko, Aufklärung, Empfindsamkeit, die in gleichem Wellenschlage mit der Geistesströmung in Deutschland verlaufen, ————————————

7 8 9 10

mily, and Nation in Precolonial Germany, 1770–1870, Durham [u.a.] 1997. Vgl. auch Ulrike PLATH, „Europa viimased metslased“: eestlased saksa koloniaaldiskursis 1770–1870 [Europas letzte Wilde. Esten im deutschen Kolonialdiskurs 1770–1870], in: Rahvuskultuur ja tema teised, hg. v. Rein UNDUSK, Tallinn 2008 (collegium litterarum 22), S. 37– 64. RIEKHOFF, Die Hauptströmungen (wie Anm. 1), S. 481. Ebenda, S. 482. Ebenda, S. 480. Jegór von SIVERS, Deutsche Dichter in Rußland. Studien zur Literaturgeschichte, Berlin 1855, S. XIX.

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ineinander rinnen, oft im Zustande eines eigenartigen Nebeneinander verharren, erhärten diese Tatsache11.

Auch Lutz Mackensen stimmte 1961 in seinen vor allem dem Spätmittelalter gewidmeten Beiträgen Zur deutschen Literatur Altlivlands ähnlich ein: „Bis tief ins 16. Jahrhundert hinein klopft in der deutschen Dichtung AltLivlands der Herzschlag des Mutterlandes“. Und etwas konkreter: Die Dichter, von denen hier gehandelt wird, kamen alle aus dem Mutterland. Sie schufen die grossen, die bleibenden Werke. Dennoch wurden sie alle, jeder auf seine Art, ‚Balten‘, und was sie schufen, ist ohne den Hintergrund jener grossflächigen, weiten Landschaft und ihrer bewegten Schicksale nicht denkbar12.

Bei Gero von Wilpert nun wird die deutschbaltische Literatur als eine „an der Hochkultur des Mutterlandes orientierte Kolonialliteratur“ betrachtet. Die baltische Barockliteratur erweist sich ihm als „ein echtes Spiegelbild der mutterländischen Literatur“ insofern sie „dem nüchternen norddeutschen Bürgerbarock“ nahe stehe13. Solche Durchsetzungen mit dem kolonialen Modell sind bei ihm durchgängig und bilden aufgrund des völligen Fehlens von Definitionen eher ein assoziatives Bild denn ein Erklärungsmuster für das Geben und Nehmen in den deutsch-livländischen Literaturbeziehungen. Angesichts der weiten Verbreitung und der langen historiografischen Tradition erscheint es doch ein wenig überraschend, dass dieses Modell bisher praktisch keiner kritischen Analyse unterworfen wurde. Lediglich Armin von Ungern-Sternberg hat diesen Aspekt in seinen Erzählregionen (2003) kurz gestreift, freilich im Blick auf die Literatur vor allem des späten 19. und des 20. Jahrhunderts. Immerhin ist sein Befund bemerkenswert, die baltische Literatur sei keine Kolonialliteratur, da in den Texten „ein überlegenes (oder überhaupt deutliches) Gegenüber“ fehle. Vielmehr handele es sich eher um „Kolonistenliteratur“, da die Fremderfahrung, aus der sich die Identität der Autoren herausbilde, auf die eigene Scholle beschränkt bleibe. Darstellung und Verarbeitung des Fremden – also

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Otto von PETERSEN, Schrifttum und Schicksal des baltischen Deutschtums, in: Baltische Monatshefte 1937, S. 616-622, hier S. 619. Lutz MACKENSEN, Zur deutschen Literatur Altlivlands. Untersuchungen, Würzburg 1961 (Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis 18), S. 1. WILPERT, Deutschbaltische Literaturgeschichte (wie Anm. 4), S. 26, 83.

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die spezifisch estnische oder lettische Lebenswirklichkeit im Sinne einer Gegenwelt – seien in der Literatur nicht anzutreffen14. Trotz der hier zuletzt vorgebrachten Bedenken liegt das koloniale Modell aber ganz offensichtlich und grundsätzlich nahe, wenn die Literatur in den baltischen Landen betrachtet wird. Allerdings ist für diese Region in mehrfacher Hinsicht die koloniale Perspektive zu definieren, um nicht in die Schemenhaftigkeit vergangener Mutterlands-Konzepte zu verfallen und den Ansatz der aktuellen postcolonial studies unkritisch mit einzumischen. Gerade im Lichte dieser neueren Theorie fordert freilich die alte Perspektive eine neue Sichtung und Überprüfung geradezu heraus. Der 2006 erschienene Sammelband Baltic postcolonialism bietet in dieser Hinsicht leider wenig Hilfestellung, da er (post)kolonialen Spuren in der estnischen, lettischen und litauischen Literatur gewidmet ist. Zudem werden die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen als ehemalige Kolonien Russlands bzw. der Sowjetunion betrachtet. Dementsprechend reicht der Blick nicht bis in die Frühe Neuzeit zurück15. Aber in dieser Perspektive wird Ungern-Sternbergs Deutung verständlich, welche die deutsche Literatur in den baltischen Landen als „Kolonistenliteratur“ im Gegensatz sieht zur Literatur der ‚kolonisierten‘ autochthonen Völker16. Wer diesem nationalsprachlichen bzw. ethnisch orientierten Ansatz folgt, verharrt dabei jedoch auf einer sprachlichen Ebene, die zwei (oder mehr) in der konkreten Region in enger Beziehung zueinander stehende Teile eines Ganzen trennt. Deutsche und – beispielsweise – estnische Literatur existieren im historischen Estland neben- und miteinander. Eine getrennte Behandlung ist letztlich fast unmöglich, wenn auch zunächst für die Markierung von Eigenarten notwendig. Denn eine deutsche Kolonistenliteratur im Lande hat ihre Basis woanders, sie schöpft auch aus anderer, sozusagen ‚mutterländischer‘ Quelle, während die baltischen Literaturen hier in der Region

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Armin von UNGERN-STERNBERG, „Erzählregionen“. Überlegungen zu literarischen Räumen mit Blick auf die deutsche Literatur des Baltikums, das Baltikum und die deutsche Literatur, Bielefeld 2003, Zitate S. 234 f. Baltic Postcolonialism, ed. by Violeta KELERTAS, Amsterdam / New York 2006 (On the Boundary of Two Worlds: Identity, Freedom, and Moral Imagination in the Baltics 6). In logischer Konsequenz müsste natürlich spätestens für die Zeit ab 1945 die russische bzw. sowjetische Literatur an Stelle der deutschen stehen. Hier wird bereits die Problematik der (post)kolonialen Deutungen für baltische Literaturen an der eigentümlichen Überlagerung und Verschiebung von herrschaftlichen, politischen und kulturellen Einflüssen deutlich.

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ihren originären Ort haben17. Freilich stehen beide in den je nach Zeit und Raum für jede Literatur üblichen Wechselwirkungen mit anderen Literaturen. Die Besonderheit der Literatur der Frühen Neuzeit in dieser Region besteht darin, dass sich zu dieser Zeit die estnische und die lettische Literatur gewissermaßen aus der kirchlichen Gebrauchsliteratur heraus erst konstituierten18. Im Gefolge der schriftsprachlichen Fixierung und der Entwicklung einer estnischen bzw. lettischen Literatursprache bildeten sich allmählich weitere literarische Gattungen heraus, die zunächst noch völlig überlagert wurden von der lateinisch-deutschen Literatur der deutschen Oberschicht, die ihre kulturellen Bedürfnisse eben auf dem gesamten deutschen Markt – und darüber hinaus – befriedigen konnte. Mehrere Studien zum Buchhandel und zum privaten Buchbesitz in den baltischen Landen belegen die gute Versorgung der Region mit den Erzeugnissen westlicher Druckereien bereits im 16. Jahrhundert19. ———————————— 17

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Freilich muss für eine Betrachtung der neueren estnischen Literatur – um im Beispiel zu bleiben – auch das im Exil entstandene Schrifttum als weitere bedeutende Quelle beachtet werden, wie etwa bei Cornelius HASSELBLATT, Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin / New York 2006. Neben den einschlägigen Literaturgeschichten jetzt aktuell mit der weiteren Literatur: Raimo RAAG, Die Literatur der Esten im Zeichen von Reformation und Konfessionalisierung, in: Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland, Kurland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721, hg. v. Matthias ASCHE / Werner BUCHHOLZ / Anton SCHINDLING, Teil 1, Münster 2009 (Katholisches Leben und Kirche im Zeitalter der Glaubensspaltung 69), S. 217–261, und Pēteris VANAGS, Die Literatur der Letten im Zeichen von Reformation und Konfessionalisierung, in: Ebenda, S. 263–305. Liivi AARMA, Buchaustausch zwischen Deutschland und Reval/Estland im 15.-17. Jahrhundert, in: Kulturgeschichte der baltischen Länder in der Frühen Neuzeit. Mit einem Ausblick in die Moderne, hg. v. Klaus GARBER / Martin KLÖKER, Tübingen 2003 (Frühe Neuzeit 87), S. 39–57. Zum privaten Buchbesitz vgl. Viesturs ZANDERS, Privatbibliotheken im kulturhistorischen Kontext Lettlands. Vom 17. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Ebenda, S. 137–147; Hellmuth WEISS, Das Revaler Nachlaßinventar eines auswärtigen Buchführers (Buchhändlers) aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Zeugnis für die geistlichen Bedürfnisse der damaligen Zeit, in: 3. Homburger Gespräch. Beiträge zur baltischen Kunstgeschichte, Bad Homburg 1981, S. 156–164, sowie die zahlreichen grundlegenden Arbeiten von Kyra ROBERT zur Revaler Buch- und Bibliotheksgeschichte in: Raamatutel on oma saatus. Kirjutisi aastaist 1969–1990 [Die Bücher haben ihr Schicksal. Aufsätze 1969–1990], Tallinn 1991, und in: Bibliotheca Revaliensis ad D. Olai. Tallinna Oleviste raamatukogu. Revaler Bibliothek zu St. Olai. Näitus ja kataloog / Ausstellung und Katalog, hg. v. Lea KÕIV / Mare LUUK / Tiiu REIMO, Tallinn 2002; darüber hinaus jetzt auch: Books and Libraries in the Baltic Sea Region

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Das koloniale Modell in der (deutsch)baltischen Landesgeschichtsschreibung Es ist also zweifellos dieser Dominanz der deutschen Kultur und Sprache in Verbindung mit der herrschenden Oberschicht zuzuschreiben, dass die regionale Literatur der Frühen Neuzeit bisher ohne nennenswerte Hinterfragungen kolonial gedeutet wurde. Jenseits von Sprache und Literatur bestanden jedoch seit der Mitte des 16. Jahrhunderts – regional durchaus unterschiedliche – politische Abhängigkeiten von Schweden, Dänemark, PolenLitauen und Russland. Deren Einflüsse sind zwar weniger offensichtlich als der deutsche; sie wurden von deutscher Seite bisher allerdings auch weitgehend vernachlässigt. Das alte Livland gehörte staatsrechtlich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts unzweifelhaft nicht mehr zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation20. Umso mehr überrascht die starke Präsenz des kolonialen Deutungsmusters in der Historiografie. In den großen landesgeschichtlichen Darstellungen in deutscher Sprache – von Alexander von Richter, Theodor Schiemann, Leonid Arbusow senior und junior sowie Ernst Seraphim, Reinhard Wittram und weiteren – ist bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wie Jörg Hackmann zu Recht bemerkte, das koloniale Modell durchgängig zu finden21. Es ist wohl nicht zuletzt dem eigenartigen Span————————————

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from the 16th to the 18th Century. / Bücher und Bibliotheken im Ostseeraum vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, ed. by / hg. v. Lea KÕIV / Tiiu REIMO, Tallinn 2006. Kurioserweise werden die kurländischen Kolonien Tobago (Neu-Kurland, 1654–1659, 1660–1689) und James Island (1649–1660) in deutschen Kolonialgeschichten aufgeführt. Vgl. etwa Gisela GRAICHEN / Horst GRÜNDER, Deutsche Kolonien. Traum und Trauma, 4. Aufl., Berlin 2005; Bernd G. LÄNGIN, Die deutschen Kolonien. Schauplätze und Schicksale 1884–1918, Hamburg / Berlin / Bonn 2005; Horst GRÜNDER, Geschichte der deutschen Kolonien, 5., mit neuer Einleitung und aktualisierter Bibliographie versehene Aufl., Paderborn u.a. 2004. Jörg HACKMANN, Ethnos oder Region? Probleme der baltischen Historiographie im 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 50 (2001), S. 531–556, hier S. 537. – Vgl. Alexander von RICHTER, Geschichte der dem russischen Kaisertum einverleibten deutschen Ostseeprovinzen bis zur Zeit ihrer Vereinigung mit demselben, 2 Bde., Riga 1857–1858; Theodor SCHIEMANN, Rußland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert, Berlin 1886–1887; Leonid ARBUSOW, Grundriß der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, Mitau 1889 [21890, Riga 31907, Riga 41918]; Ernst u. August SERAPHIM, Geschichte Liv-, Est- und Kurlands von der „Aufsegelung“ des Landes bis zur Einverleibung in das russische Reich, 2 Bde. [in 3 Teilen], Reval 1895-96 [2. Aufl. u.d.T. Livländische Geschichte von der „Aufsegelung“ des Landes bis zur Einverleibung in das russische Reich, 3 Bde., Reval 1897–1903]; Ernst SERAPHIM, Geschichte von Livland, Bd. 1: Das livländi-

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nungsverhältnis von nationaler und Volksgeschichte in den baltischen Landen jener Zeiten zuzuschreiben, dass von deutscher Seite dem kolonialen Modell angehangen wurde. Denn eine gemeinsame ‚Nation‘ von Deutschbalten und Esten bzw. Letten war umso mehr ausgeschlossen, je stärker das ‚Nationale Erwachen‘ der autochthonen Völker den Drang zu eigener Staatlichkeit auf der Basis einer eigenen ‚Volksgeschichte‘ hervorkehrte. Die ethnische Orientierung auf beiden Seiten trennte, was im Lande doch zusammen existierte22. Die damit aufgeworfene Frage der Identität und somit der Herkunft der ‚Deutschbalten‘ konnte nur auf deutsche Wurzeln und damit auf ein deutsches ‚Mutterland‘ zurückgehen, wenn deutsche Sprache und Kultur als wesentliche Merkmale nicht verleugnet werden wollten. Die Geschichte legte das koloniale Konzept insofern grundsätzlich nahe. Mit der Eroberung Livlands im Mittelalter wurden zentrale Kriterien für eine Kolonie zunächst erfüllt, indem die Abhängigkeit eines Gebietes von einer größeren staatlichen Einheit bzw. einem (Mutter-)Land sowie eine räumliche Trennung der beiden gegeben waren. Wenn auch die Abhängigkeit schnell einer weitgehenden Selbständigkeit wich, so blieb doch als deutliches Kennzeichen die koloniale Struktur der Landesherrschaft gegenüber den Esten und Letten dauerhaft vorhanden. Die Unterdrückung und Überformung der autochthonen Bevölkerung und deren Kultur, nicht zuletzt auch in religiöser und konfessioneller Hinsicht, ist ein beständiger Faktor. Auf diese Weise beuteten die Eroberer zwar nicht in erster Linie die Bodenschätze, aber umso stärker die Menschen aus. Sprache und Kultur waren von nun an von den Eroberern bestimmt, die ihre eigene Prägung importierten und dem Land auferlegten. Ob diese durch die Unterwerfung entstandene ursprüngliche Konstellation im wissenschaftlichen Sinne als ‚kolonial‘ bezeichnet werden kann oder

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sche Mittelalter und die Zeit der Reformation [mehr nicht erschienen], Gotha 1906 (Allgemeine Staatengeschichte, 3. Abt.: Deutsche Landesgeschichten 7); Ernst SERAPHIM, Baltische Geschichte im Grundriss, Reval 1908; Reinhard WITTRAM, Geschichte der baltischen Deutschen. Grundzüge und Durchblicke, Stuttgart, Berlin 1939; DERS., Baltische Geschichte. Die Ostseelande Liv-, Est- und Kurland 1180–1918, München 1954. HACKMANN, Ethnos oder Region? (wie Anm. 21), stellt heraus, dass jenes Konzept der ‚Volksgeschichte‘ in der baltischen Historiografie weniger analytisch durchdacht als vielmehr „sehr unscharf“ und „eine deutschtumsgeschichtliche Zuspitzung von baltischer Landesgeschichte“ war (S. 541f.). Die koloniale Deutung wird in diesem Zusammenhang jedoch nicht analysiert.

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nicht, möge im Einzelnen von anderer Seite untersucht werden. Für die Frühe Neuzeit hat dies im Grunde genommen keine weitere Bedeutung23. Denn spätestens mit dem Zerfall des Gebietes im 16. Jahrhundert und neuen Abhängigkeiten von unterschiedlichen anderen Staaten (Schweden, Polen und Dänemark), die dann auch noch nach relativ kurzer Zeit gefährdet waren, wechselten und schließlich im 18. Jahrhundert dauerhaft durch russische Herrschaft ersetzt wurden, kann weder von einem homogenen Gebiet noch von der (politischen) Abhängigkeit von Deutschland bzw. dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die Rede sein. Die dem Kolonialprinzip zugrunde liegende Landnahme bzw. ein Landbesitz war seit dem Zerfall des Ordensstaates definitiv nicht mehr gegeben. Aus diesem Blickwinkel handelte es sich in der Frühen Neuzeit allenfalls um Kolonien (der Plural ist hier wichtig!) der genannten anderen Staaten. Für Schweden, das bis 1710 die wichtigste Funktion als Landesherrscher über die baltischen Provinzen einnahm, wurden jüngst „offensichtliche Züge von Kolonialismus [...] in allen wichtigen Bereichen der Gesellschaft“ festgestellt. Diese bildeten „jedoch kein ausreichendes Fundament [...], um von einer durch und durch etablierten Kolonialherrschaft Schwedens in den baltischen Provinzen“ sprechen zu können. Insbesondere die hier verfolgte schwedische Bauernpolitik sowie die Kirchen- und Bildungspolitik können nicht als koloniale Handlungsmuster gedeutet werden24. Die russische Herrschaft über die baltischen Provinzen wird heute im Kontext der imperialen Expansion Russlands Seite an Seite mit den Kolonien im Norden und Osten erwähnt. Auch hier sprechen manche Faktoren, wie etwa das Fehlen einer räumlichen Trennung der baltischen Provinzen und Russland, formal gegen eine Behandlung als Kolonie. Dass Est-, Liv- und Kurland jedoch nicht lediglich ein territorialer Zugewinn Russlands waren, sondern – aufgrund der erteilten Privilegien – in vieler Hinsicht spezielle Territorien mit deutlichen Kontrasten zum russi———————————— 23

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Freilich sind Bedenken durchaus angebracht, war doch das alte Livland in gewisser Weise ein normaler Teil des Heiligen Römischen Reiches – will man den ethnischen Unterschied der Oberschicht zur autochthonen Bevölkerung als zufällig nehmen. Auch die Frage der Abhängigkeit und die weitgehend selbständige Politik Altlivlands sowie die fehlende Ausbeutung des Landes und schließlich die Mitgliedschaft mehrerer Städte in der Hanse sprechen gegen den Status als Kolonie. Aleksander LOIT, Reformation und Konfessionalisierung in den ländlichen Gebieten der baltischen Lande von ca. 1500 bis zum Ende der schwedischen Herrschaft, in: ASCHE / BUCHHOLZ / SCHINDLING, Die baltischen Lande (wie Anm. 18), S. 49–215, hier S. 87– 93, das Zitat S. 91. Auch HASSELBLATT, Geschichte der estnischen Literatur (wie Anm. 17), bezeichnet Estland und Livland als schwedische Kolonien (etwa S. 122).

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schen Kernland, dürfte offensichtlich sein. So kann auch hier zumindest ein kolonialer Charakter der baltischen Provinzen kaum bestritten werden25. Problematisch für eine koloniale Deutung auf dieser Ebene ist aber sowohl für die schwedische als auch für die russische Zeit das Fortbestehen der deutschen Sprache und Kultur, die eben nicht derjenigen des jeweiligen Kolonialherren entsprachen. Zwar gab es neben einer schleichenden Übernahme von einzelnen kulturellen Mustern aus dem Schwedischen und Russischen auch Versuche der Schwedifizierung und der Russifizierung, die u.a. einen stärkeren sprachlichen Anschluss der Provinzen an das Kernland bezweckten. Doch gelang es zu keiner Zeit, in der literaten, mehrheitlich deutschen Oberschicht oder der weitgehend illiteraten estnischen bzw. lettischen Bevölkerung die Sprache der Herrschaft in nennenswertem Umfang als Hauptsprache zu etablieren. Allem Anschein nach war dies auch kein konsequent verfolgtes Ziel der Landesherrscher in der Frühen Neuzeit. Vielmehr wurden das Estnische und das Lettische unter der schwedischen Herrschaft erst durch die massive Ausweitung des Volksschulwesens und die Festschreibung der religiösen Unterweisung in Predigt und Katechismus auf die Sprache der autochthonen Bevölkerung zu Literatursprachen erhoben. Damit wurde die faktische Dreisprachigkeit zementiert: Schwedisch als Sprache der (exterritorialen) Landesherrschaft, Deutsch als Sprache der herrschenden Oberschicht in Stadt und Land, Estnisch bzw. Lettisch als Sprache der (autochthonen) unteren Bevölkerungsschichten26. ———————————— 25

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Vgl. Ein Platz an der Sonne. Die Geschichte der Kolonialreiche, hg. v. Robert ALDRICH, Stuttgart 2008, zu Russland S. 176–195. Russland griff dann allerdings im 19. Jahrhundert mit dem offenen Ziel der Russifizierung massiv in Sprache und Kultur in den Ostseeprovinzen ein. Diese mit großen Auseinandersetzungen verbundene Entwicklung wurde jedoch vom ‚Nationalen Erwachen‘ der Esten und Letten flankiert und letztlich zu Beginn des 20 Jahrhunderts durch die Lösung vom Russischen Reich und die Eigenstaatlichkeit beendet. Freilich war damit auch die schon im Schwinden begriffene Vorherrschaft einer ‚deutschen‘ Kultur endgültig besiegelt. Vgl. Michael HALTZEL, Der Abbau der deutschen ständischen Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen Rußlands 1855–1905, Marburg/Lahn 1977 (Marburger Ostforschungen 37) und den Abschnitt Gert von PISTOHLKORS, Das „baltische Gebiet“ des Russischen Reiches (1860–1914), in: Baltische Länder, hg. v. DEMS., Berlin 1994 (Deutsche Geschichte im Osten Europas), S. 363–450. – Kritisch zum Paradigma der „Russifizierung“ hat sich kürzlich geäußert Karsten BRÜGGEMANN, Als Land und Leute „russisch“ werden sollten. Zum Verständnis des Phänomens der „Russifizierung“ am Beispiel der Ostseeprovinzen des Zarenreichs, in: Kampf um Wort und Schrift. Russifizierung in Osteuropa im 19.–20. Jahrhundert, hrsg. von Zaur GASIMOV, Göttingen 2012 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 90), S. 27–49.

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Eine Kolonie zweier Mutterländer? Dass die baltischen Lande in der Frühen Neuzeit in politischer Hinsicht nicht als deutsche Kolonie gedeutet werden können, ist also mehr als offensichtlich. Wenn aber dem kolonialen Modell in den deutsch-livländischen Beziehungen trotz aller berechtigten Einwände eine so große Bedeutung in der Historiografie zukam, ist letztlich wohl nur eine bewusst in Kauf genommene begriffliche Unschärfe zur Erklärung heranzuziehen, die für eine spezielle Perspektive geeignet erscheinen musste. Die deutschbaltischen Historiografen des 19. und 20. Jahrhunderts waren als Angehörige der deutschen Bevölkerung im Lande und damit als Nachfahren der mittelalterlichen ‚Kolonisten‘ bestrebt, in einer zunehmend ethnisch orientierten Gesellschaft die Wurzeln der eigenen Kultur zu dokumentieren und zu stärken. Deshalb wurde der Blick – mehr oder weniger bewusst – auf die Blüten der deutschen Kultur im Lande gelenkt, während andere Einflüsse weitgehend außer Acht blieben27. Auf diese Weise wurde der Spagat vollzogen, den Jegór von Sivers schon 1855 in dem oben angeführten Zitat mit der Allegorie der zwei Mütter (Mutter und Amme) geprägt hatte: Russland liefert als politisches Mutterland die leibliche Speise, während Deutschland als sozusagen ‚biologische‘ Mutter – wie schon zuvor – die geistige Nahrung gibt. Diese Trennung von politischer Macht und kulturellem Einfluss mündet also in die Benennung der baltischen Lande als Kolonie zweier Mutterländer, was freilich durch keine Theorie gedeckt ist und daher nicht explizit ausformuliert bezie-

———————————— 27

So spricht etwa Leonid ARBUSOW, Zur Würdigung der Kultur Altlivlands im Mittelalter und 16. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 151 (1934), S. 18–47, von einer „Kolonialkultur“ (S. 24), deren Wesen gerade auf der anhaltend starken Einwanderung von „Fremden“ (d.h. Deutschen) beruhe. – Als Überblick unverzichtbar: Heinrich BOSSE, Geschichtsschreibung des baltischen Biedermeier, in: Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung, hg. v. Georg von RAUCH, Köln / Wien 1986 (Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart 20), S. 103–119, und Wilhelm LENZ, „Alt-Livland“ in der deutschbaltischen Geschichtsschreibung 1870–1918, in: Ebenda, S. 203–232, sowie Michael GARLEFF, Geschichtsschreibung der Neuzeit in den baltischen Provinzen 1870– 1918, in: Ebenda, S. 233–271. Vgl. zum größeren Hintergrund auch: Zwischen Konfrontation und Kompromiß. Oldenburger Symposium: „Interethnische Beziehungen in Ostmitteleuropa als historiographisches Problem der 1930er/1940er Jahre“, hg. v. Michael GARLEFF, München 1995 (Schriften des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte 8).

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hungsweise analytisch hinterfragt wurde28. Vielmehr begnügte man sich mit dem auf diese Weise geretteten kolonialen Modell für die Beschreibung der deutschen Kultur und Literatur in den baltischen Landen. Denn im Blickpunkt standen ja die deutschsprachigen Erscheinungen, deren grundsätzlicher Zusammenhang mit der ‚mutterländischen‘ deutschen Literatur und Kultur außer Frage stand und steht. Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit. Neben der grundsätzlichen Frage also, ob das koloniale Modell überhaupt als Beschreibungsmuster für die Literatur der Frühen Neuzeit in den baltischen Landen und ihr Verhältnis zur deutschen geeignet ist und welche Folgen daraus abzuleiten sind, muss zunächst die Bedeutung einer Trennung von politischem und kulturellem Einfluss bzw. der völligen Konzentration auf den kulturellen Einfluss genauer überprüft werden. Gerade für die Frühe Neuzeit ist dies äußerst problematisch, wie sich beim genaueren Hinsehen sofort erschließt. Denn die politischen Abhängigkeiten von Schweden und Dänemark, Polen-Litauen und Russland bewirkten Eingriffe in alltägliche Abläufe und brachten zahllose, nicht zuletzt kulturelle Einflüsse und Wechselwirkungen mit sich. Während der schwedischen Zeit beispielsweise wurden schwedische Adelige mit baltischen Gütern belehnt, verdiente Bürger in den schwedischen Adelsstand erhoben, zahlreiche Gesandtschaften an den schwedischen Hof abgefertigt oder schwedische Regenten mit ihren Familien im Land empfangen. Man denke nur an die vielen schwedischen Beamten, die im Lande tätig waren, darunter der bedeutende schwedische Dichter Georg Stiernhielm (1598–1672)29, und an die vielen Studenten, die aus Schweden nach Dorpat an die Universität kamen30. Auf der anderen Seite gab es Auswanderer, die in Schweden ihr Glück suchten, oder Livländer, die sich im Lande ganz in schwedische Dienste begaben, wie etwa der Pfarrer Heinrich Stahl, der ab 1641 als Superintendent im estländischen Narva ein schwedisches Kirchen- und Bil———————————— 28

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Vgl. die Parallele zur begrifflichen Unschärfe im Blick auf die ‚Volksgeschichte‘, die HACKMANN, Ethnos oder Region? (wie Anm. 21) konstatiert. Zu Stiernhielm in Altlivland vgl. Stiernhielm 400 år. Föredrag vid internationellt symposium i Tartu 1998 [400 Jahre Stiernhielm. Vortrag auf dem Internationalen Symposium in Tartu 1998], red. v. Stig Örjan OHLSSON / Bernt OLSSON, Tartu 2000 (Nordistica Tartuensia 4 / Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademiens Konverenser 50). Werner von SCHULMANN, Die zivile Staatsbeamtenschaft in Estland zur schwedischen Zeit (1561–1710), Posen 1939 (Abhandlungen des Instituts für wissenschaftliche Heimatforschung der Livländischen Gemeinnützigen und Ökonomischen Sozietät 6). – Über die schwedischen Studenten in Dorpat informiert Arvo TERING, Album Academicum der Universität Dorpat (Tartu) 1632–1710, Tallinn 1984 (Publicationes Bibliothecae Universitatis Litterarum Tartuensis 5).

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dungswesen aufbaute31. All diese Faktoren werden vom kolonialen Modell in der Beschränkung auf deutsche Kultur und das Verhältnis zum deutschen Mutterland nicht erfasst. Aus dieser Perspektive wird auch die „Schwedifizierung“ der baltischen Lande im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts mit Güterreduktion und weiteren Maßnahmen als Angriff auf die deutsche bzw. deutschsprachige Kultur im Lande gedeutet. Da sich bei der literaturgeschichtlichen Betrachtung und Wertung aber eine Prävalenz des Deutschtums verbietet, muss eine solche von Selbstbehauptung geprägte Binnenperspektive aufgegeben werden32. Die staatsrechtliche Zugehörigkeit zu einer der benachbarten Großmächte brachte immer – im jeweiligen Fall aber durchaus unterschiedliche – Einflüsse mit sich. Wenn auch die Sprache der Oberschicht deutsch blieb, so entwickelte und veränderte sich im Kontakt mit den verschiedenen Landesherrschern doch die ‚baltische Eigenart‘. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die als Vermittler wirkenden Personen, die in der Regel durch ihr Amt den Kontakt herstellten. Dabei ist es im Grundsatz ———————————— 31

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Über Heinrich Stahl in Narva vgl. Gustav SUITS, Henrik Stahels svenskspråkiga katekes [Heinrich Stahls schwedischer Katechismus], in: Svio-Estonica 10 (1951), S. 154–168; Piret LOTMAN, Veel kord Heinrich Stahli Ingerimaal kirjutatud katekismusest [Noch einmal über den von Heinrich Stahl in Ingermanland geschriebenen Katechismus], in: Keel ja Kirjandus 1995, Nr. 8, S. 541–547; DIES., Heinrich Stahl ja Rootsi kirikupoliitika [Heinrich Stahl und die schwedische Kirchenpolitik], in: Läänemere provintside arenguperspektiivid Rootsi suurriigis 16/17. sajandil II, hg. v. Enn KÜNG, Tartu 2006 (Eesti Ajalooarhiivi toimetised 12 [19]), S. 312–335. Die Beurteilung der Güterreduktion ist in den älteren Landesgeschichten (vgl. oben Anm. 21) durchweg geprägt von einer Entrüstung über den Rechtsbruch durch den König und die weitgehende Rücksichtslosigkeit bei der Durchführung der Maßnahmen. Hierzu Gert von PISTOHLKORS, Geschichtsschreibung und Politik: Die Agrar- und Verfassungsproblematik in der deutschbaltischen Historiographie und Publizistik 1800–1918, in: RAUCH, Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung (wie Anm. 27), S. 273–335, speziell S. 289–292. Zur Sachinformation vgl. Heinz von ZUR MÜHLEN, Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561–1710/1795), in: Baltische Länder (wie Anm. 26), S. 174–264, hier S. 195–202. – Ähnlich verhält es sich bei der Einführung eines ‚königlichen Bürgermeisters‘ in Reval 1687. Wie Johann Dietrich von PEZOLD, Reval 1670–1687. Rat, Gilden und schwedische Stadtherrschaft, Köln / Wien 1975, gezeigt hat, war diese nicht eine „aktive privilegienfeindliche Politik“ Karls XI. gegenüber der Stadt, wie ältere Darstellungen (z.B. Eugen von NOTTBECK / Wilhelm NEUMANN, Geschichte und Kunstdenkmäler der Stadt Reval, 2 Bde., Reval 1896–1904, Bd. 1, S. 189 f.) nahe legen, sondern geschah nur, „weil man in Stockholm wegen der ständigen innerstädtischen Streitigkeiten das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Revaler Rates als örtlicher Obrigkeit verloren hatte“ (S. 369). Vgl. auch LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 24), S. 87–93.

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unwichtig, ob sie diese Funktion bewusst oder unbewusst, mit Freuden oder ablehnend ausübten. Zu denken ist etwa an den Gouverneur und die Landesbeamten, die als Vertreter der politischen Kolonialmacht auftraten. Zu Beginn der schwedischen Zeit etwa ist auffällig, dass die schwedischen Behörden auch in der Regel von gebürtigen Schweden besetzt wurden. Mit der Zeit drangen jedoch auch livländische Gelehrte und Adelige in den Verwaltungsapparat ein33. Auf der anderen Seite standen die Angehörigen der baltischen Ritterschaften auf dem Land und die ratsfähigen Familien in den Städten, erstere um Abgrenzung nach außen bemüht, aber durchaus in Tätigkeitsbereiche vorstoßend, die weit über das baltische Land hinaus und vor allem in das Militär der Kolonialmacht hinein reichten. Die städtischen Magistrate waren demgegenüber offener für Neubürger und nahmen vermehrt – vor allem juristische – Gelehrte in den Dienst, um für den Kontakt mit der Landesherrschaft gerüstet zu sein. Doch auch im Kirchenwesen gab es wortgewaltige Prediger an schwedischen, polnischen und russischen Gemeinden, die je nach Landesherrschaft mehr oder weniger öffentlich präsent waren. Die gelehrten Dichter waren in ihren Schriften auf die jeweilige Landesherrschaft verpflichtet und adressierten ihre Panegyrik zu allen erdenklichen Anlässen dementsprechend zum Beispiel an das schwedische Königshaus oder die russische Zarenfamilie. Solche Aspekte sind nicht wahrnehmbar, wenn der Einfluss der ‚(politischen) Kolonialmacht‘ von vornherein ausgeblendet wird. Probleme der kolonialen Deutung Das koloniale Modell bietet in mancher Hinsicht zwar nahe liegende Erklärungsmuster für die deutsche Literatur in den frühneuzeitlichen baltischen Landen. So kann mit ihm etwa der literarische Markt für deutsche Literatur in deutschen Landen als wichtigste Basis für die deutschsprachige Dichtung in den baltischen Landen erfasst werden. Außerdem ist mit der kolonialen Beziehung die historische Verwurzelung in deutschen Landen, basierend auf der Sprache, benennbar. Eine Prägung ist dann in vieler Hinsicht dauerhaft festzustellen durch den Austausch, der schon allein aufgrund des Größenunterschieds von Mutterland und Kolonie selbstverständlich einen deutlichen Importüberschuss in den baltischen Landen aufweisen musste. Die Einfuhr ———————————— 33

Freilich blieben ihnen in der schwedischen Zeit die Spitzenämter versagt. LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 24), S. 90.

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von deutscher Literatur und damit ihre aktive Rezeption durch Leser und – möglicherweise – ihre Nachformung in der örtlichen baltischen Produktion wird als zentrales Paradigma der kolonialen Beziehung gewichtet. Den Dreh- und Angelpunkt bilden an dieser Stelle also die Leser beziehungsweise die Lesekundigen, die in der Frühen Neuzeit noch zum weit überwiegenden Teil deutsch waren, wie auch die Autoren im Lande. Nicht zu vergessen ist hier die beständige Einwanderung gerade von Gelehrten, also Lese- und Schreibkundigen, aus deutschen Landen. Insofern gilt die Rede vom ‚Mutterland‘ im Blick auf diese Personengruppe häufig nicht allein ideen- oder familiengeschichtlich, sondern als unmittelbare Herkunftsbezeichnung für Autoren in den baltischen Landen. Und der literarische ‚Einfluss‘ der Einwanderer oder lediglich für eine Zeit im Lande Weilenden und Wirkenden kann auf diese Weise berechtigt als direktes Einfließen von zeitgenössischen ‚deutschen‘ literarischen Erscheinungen in die deutsche Literatur der baltischen Lande verstanden werden34. Der Fehler liegt jedoch in der Überspitzung dieses Abhängigkeitsverhältnisses, indem der Blick vor allem auf die Rezeption und weit weniger auf die Produktion von Literatur bzw. literarischen Erscheinungsformen (wie z.B. einzelnen Gattungen) gewandt wird. Daraus folgt, dass deren Aufnahme in baltischen Landen als verspätet und damit als ein Anhängsel der deutschen Kultur gedeutet wird, die zunächst im Mutterland entsteht, dann nach Livland importiert und schließlich (auch) hier rezipiert und gelebt wird. Dies leistet dem gängigen Bild der Verspätung livländischer Literatur – gegenüber der deutschen – deutlichen Vorschub und nimmt eine Deutung eher vorweg, als dass es eine solche ermöglicht. Auch das immer wieder konstatierte Fehlen von einzelnen literarischen Gattungen und Formen in der Produktion der Kolonie wird auf diese Weise als Konsequenz der Abhängigkeit nur scheinbar erklärt. Immerhin kommt zur ‚Entschuldigung‘ die Situation in den baltischen Landen mit den negativen Faktoren für blühende literarische Landschaften in Anrechnung: Kriege und Seuchen, wenige relativ kleine und kaum höfische Zentren, geringe Bevölkerungsdichte usw. Doch greift das Modell insgesamt dabei zu kurz.

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Zu denken ist etwa an: Daniel Herrmann (1543–1601), Salomon Frenzel von Friedenthal (1561 – um 1601), Friedrich Menius († um 1659), Timotheus Polus (1599–1642), Reiner Brockmann (1609–1647), Paul Fleming (1609–1640), Christian Bornmann (†1714), Johann Gottfried Herder (1744–1803) und viele mehr, die sämtlich nicht in Altlivland geboren sind.

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Es leidet vor allem unter der einseitigen Darstellung der Literatur, indem die Spannweite und die Kraft der im Lande wirksamen Einflüsse gegenüber dem mächtigen einfließenden Strom aus dem ‚Mutterland‘ ausgeblendet werden. Zweifellos war die deutsche bzw. deutschsprachige Literatur im Lande insgesamt die bedeutendste in der Frühen Neuzeit, sowohl hinsichtlich ihres Umfangs als auch durch ihre enge Bindung an die gesellschaftliche Oberschicht. Die deutsche Prägung hat sich trotz schwedischer, polnischlitauischer und russischer Regierung halten können und den jeweiligen herrschaftlichen Bemühungen zur Assimilation im Kern widerstanden, wenn auch sonst manch kulturelle Angleichung in unterschiedlichem Maße stattgefunden hat. Auf diese Weise entstand im Spannungsfeld von traditionell deutschem, autochthon estnischem oder lettischem und herrschaftlich schwedischem, polnisch-litauischem und russischem Einfluss jedoch eine regionale Eigenart, die deutsche mit zahlreichen anderen Elementen verband. Das individuelle Ausmaß dieser Verbindungen ist allerdings nicht ausschließlich über die Zeiten hinweg parallel zu den Herrschaftswechseln dem historischen Wandel unterworfen, sondern haftet genauso an der einzelnen Person. Am Beispiel von Heinrich Stahl etwa ist zu sehen, dass ein dem Revaler Bürgertum entstammender ‚Deutscher‘ – im Sinne der Zeit also ein ‚Livländer‘ – sich ganz der estnischen und dann wenige Jahre später in ähnlicher Weise der schwedischen Sprache und Literatur zuwenden konnte35. Auf ganz andere Weise kam der aus Thüringen stammende Arzt Hartmann Gramann in der schwedischen Zeit mit der russischen Kultur in Berührung. Als Mitglied der holstein-gottorfschen Gesandtschaft nach Moskau und Persien, von der Adam Olearius ausführlich berichtet hat, wurde Gramann dem russischen Zaren bekannt, der ihn dann 1639 als Leibarzt in seine Dienste nach Moskau rief. Nach dem Tod der aus Reval stammenden Ehefrau 1656 kamen die minderjährigen Kinder zu deren Familie in die estländische Hafenstadt, so dass hier eine enge Verbindung bestanden haben muss36. ———————————— 35

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Über Stahl allgemein jetzt mit weiterer Literatur Martin KLÖKER, 17. Juni – 350. Todestag: Stahl, Heinrich. Pfarrer, Superintendent, in: Ostdeutsche Gedenktage 2007. Persönlichkeiten und Historische Ereignisse, red. v. Ernst GIERLICH, Bonn 2008, S. 155–160, einsehbar unter dem URL http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/stahl-heinrich-2 (letzter Zugriff 5.5.2014). Adam OLEARIUS, Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen vnd Persischen Reyse, Schleswig 1656, hg. v. Dieter LOHMEIER, Tübingen 1971 (Deutsche Nachdrucke. Reihe: Barock 21); Martin KLÖKER, 11. Januar 2006 – 400. Geburtstag: Gramann, Hartmann. Arzt, in: Ostdeutsche Gedenktage 2005/2006. Persönlichkeiten und Histori-

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Hinzuweisen ist freilich immer auf die zunächst noch stark lateinisch geprägte späthumanistische Gelehrtenkultur, die erst im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts die entscheidende Wendung zur Muttersprache nahm, so dass die unterschiedlichen Idiome als trennendes Element erst allmählich stärker zutage traten37. Vor diesem Hintergrund verweist die Rede vom Mutterland auf die Basis der livländischen Literatur in Renaissance und Humanismus, die als im weitesten Sinne mutterländisch wahrgenommen werden konnten, obwohl sie selbst doch eher europäische Phänomene darstellten, die in gewisser Weise auch in deutschen Landen als ‚Import‘ aus Italien verstanden werden konnten38. Den Gelehrten in den baltischen Landen war insofern zweifellos bewusst, dass die von ihnen gepflegte lateinische literarische Kultur in dieser Region keine eigenen Wurzeln besaß. Ihr Ziel war es, (spät)humanistische lateinische Gelehrsamkeit und damit ‚Literatur‘ in dieser Region zu etablieren. Die durchgreifende Einführung humanistischer Bildung wurde dann jedoch durch die Verknüpfung mit der Reformation überlagert und geschah also im Zeichen der reformatorischen Umbildung von Kirchen- und Schulwesen. Die mittelalterlichen literarischen Verhältnisse mussten den örtlichen Vertretern des neuen Ideals daher in zweifacher Hinsicht negativ erscheinen, nämlich als ‚vorhumanistisch‘ und vorreformatorisch. So nimmt es nicht Wunder, dass die livländischen Autoren des 16. und mehr noch des 17. Jahrhunderts das Bild der vorherigen Verhältnisse nur dunkel zeichnen konnten39. ————————————

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sche Ereignisse, red. v. Ernst GIERLICH, Bonn 2006, S. 259–264, einsehbar unter dem URL: http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/gramann-hartmann-2 (letzter Zugriff 5.5.2014). Wilhelm KÜHLMANN, Nationalliteratur und Latinität: Zum Problem der Zweisprachigkeit in der frühneuzeitlichen Literaturbewegung Deutschlands, in: Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit. Akten des I. Internationalen Osnabrücker Kongresses zur Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, hg. v. Klaus GARBER, Tübingen 1989 (Frühe Neuzeit 1), S. 164–206; Klaus GARBER, Späthumanistische Verheißungen im Spannungsfeld von Latinität und nationalem Aufbruch, in: Germania latina, Latinitas teutonica. Politik, Wissenschaft, humanistische Kultur vom späten Mittelalter bis in unsere Zeit, hg. v. Eckhard KEßLER / Heinrich C. KUHN, 2 Bde., München 2003 (Humanistische Bibliothek I 54), Bd. 1, S. 107–142. So heißt es bei ARBUSOW, Zur Würdigung der Kultur Altlivlands (wie Anm. 27), S. 30: „Der Humanismus war seit etwa der Mitte des 15. Jahrhunderts aus Italien und Deutschland, später auch aus den Niederlanden, in Livland eingedrungen und blieb auch in der Polenzeit des späten 16. Jahrhunderts unter überragendem Einfluss aus Deutschland.“ Zur Verbindung von Reformation und Humanismus noch immer grundlegend: Leonid ARBUSOW, Die Einführung der Reformation in Liv-, Est- und Kurland, Leipzig 1921 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 3). Über die humanistische Litera-

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Der durchaus mit Sendungsbewusstsein auftretende, fast missionarisch zu nennende Einsatz für die Entwicklung der Literatur und Kultur der Region unterschied sich allerdings kaum von den humanistischen Bestrebungen allerorten. Dabei war die jeweilige Volkssprache zwar nicht vorrangig relevant, wirkte aber in den baltischen Landen in besonderer Weise, weil Letten und Esten auf keinerlei eigene literarische Tradition, ja nicht einmal auf eine ausgeprägte Schriftsprache verweisen konnten. Anders die Deutschen im Lande – und mit ihnen die Schweden, Dänen und Polen, die eine Schriftkultur besaßen und in deren Stammländern der Humanismus schon eher Fuß gefasst hatte. Auf diese Weise rückten auf der Herrschaftsebene die Literaturen zusammen. Im Vergleich zu deutschen Landen, wo die illiterate Bevölkerung immerhin die gleiche Muttersprache mit der literaten Oberschicht verband, wurde die Trennung dieser eingewanderten Kultur(en) von jener der Esten und Letten aber noch um eine Stufe verschärft. Einer der zentralen Prozesse in den baltischen Landen der Frühen Neuzeit ist dann der Verminderung oder Beseitigung dieser qualitativen Trennung gewidmet: Im 17. Jahrhundert gelang die Herausbildung einer estnischen und lettischen Literatursprache; im 18. Jahrhundert erfolgte der Durchbruch zur breiten Volksbildung. Die Früchte dieser Entwicklung sollten dann im 19. Jahrhundert mit dem so genannten ‚Nationalen Erwachen‘ voll zum Tragen kommen, indem Esten und Letten eine eigenständige Literatur herausbildeten40. Die Beziehung von Mutterland und Kolonie Wenn aufgrund genealogischer und muttersprachlicher Abhängigkeiten vorausgesetzt werden kann, dass der Einfluss aus deutschen Landen für die ‚deutsche‘ Kultur und Literatur in den baltischen Landen wirklich stark war, ————————————

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tur außerdem: Arnolds SPEKKE, Lateinische Literatur im XVI. Jh. in Livonien, in: Latvijas Bibliotēku padomes Gada grāmata – Annuaire du conseil des bibliothèques de Latvie 2 (1932), S. 88–99. – ARBUSOW, Zur Würdigung der Kultur Altlivlands (wie Anm. 27) wendet sich gegen die Negativdarstellung der Verhältnisse im Mittelalter und 16. Jahrhundert und einer „angeblich notwendigen ‚nochmaligen Entdeckung‘ Livlands im späten 16. Jh.“ (S. 34), wie Arnolds SPEKKE, Quelques nouveaux matériaux pour l’histoire de la cartographie et de l’iconographie de l’Ancienne Livonie, in: Acta Universitatis Latviensis, Phil. Serie II, 2, Riga 1932, S. 193–264, sie aus vor allem katholischen Quellen des 16. Jahrhunderts herausliest. Vgl. HASSELBLATT, Geschichte der estnischen Literatur (wie Anm. 17).

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so bleibt doch die Frage, ob das im kolonialen Modell enthaltene Verhältnis von Mutter und Tochter tragfähig ist für die Beschreibung der Beziehung zueinander. Der zentrale Aspekt der Abstammung und Vererbung hatte in älteren Darstellungen, zumal – aber nicht nur – nationalsozialistischen, noch manchen Literarhistoriker verführt, von einer Prägung durch das Blut, also quasi genetischer Bestimmung des Charakters baltischer Literatur auszugehen. Selbst wenn diese Sichtweise heute mit guten Gründen abgelehnt und stattdessen auf die sozialen Komponenten von Autorschaft verwiesen wird, ist das Vererbungsmodell nicht ganz verschwunden. Allerdings erscheint es in der baltischen Literaturgeschichtsschreibung auf die Region zugespitzt. So wurde im kürzlich erschienenen Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs41 als „primäres“ Kriterium für die Aufnahme von Autorinnen und Autoren die „Geburt in diesen Regionen“ aufgestellt. Wie stark dieses Kriterium gewichtet wurde, zeigt sich darin, dass trotz der Hinzunahme von Zuwanderern (aufgrund der Hauptwirkungsstätte oder nachhaltigem Einfluss in der Region) etwa Paul Fleming oder Johann Gottfried Herder im Lexikon fehlen, obwohl ihre literarische Produktion in den baltischen Landen bedeutend war. Der in Reval geborene Robert Gernhardt hingegen, der im Alter von einem Jahr aus Estland ‚umgesiedelt‘ wurde, erfuhr in einem ausführlichen Artikel Beachtung42. Diese Handlungsweise verdeutlicht allerdings nicht nur das immer noch vorhandene Denken von geburtlicher oder genealogischer Prägung einer regionalen Literatur. Vielmehr zeigt es das Dilemma der deutschtumszentrierten Betrachtung, die im Kern auf Volksgruppenzugehörigkeit beruht und sich nicht allein an der Sprache oder einer Region orientiert. Insofern wurde die Zugehörigkeit zur (deutsch)baltischen oder livländische Literaturgeschichte hier völlig unzureichend reflektiert. Folglich erscheint das Verhältnis der livländischen zur deutschen Literaturgeschichte ganz und gar nebulös. Immerhin muss dem Lexikon zugute gehalten werden, dass die biografi———————————— 41

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Carola L. GOTTZMANN / Petra HÖRNER, Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Bd. I–III, Berlin / New York 2007. Vgl. die Rezensionen des Lexikons von Michael SCHWIDTAL, in: National-Texturen. National-Dichtung als literarisches Konzept in Nordosteuropa, hg. v. Jürgen JOACHIMSTHALER / Hans-Christian TREPTE, Lüneburg 2009 (Nordost-Archiv N.F. 16 [2007]), S. 443– 449; Gero VON WILPERT, in: Arbitrium 27 (2009) H. 1, S. 1–4; Klaus SCHREIBER, in: Informationsmittel für Bibliotheken Jg. 16 (2008), Heft 1/2 (IFB 08-1/2-157), einsehbar unter dem URL: http://swbplus.bsz-bw.de/bsz254477755rez.htm (letzter Zugriff 20.6. 2014); Martin KLÖKER, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 5 (2010) S. 275–283.

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sche Perspektive besonders anfällig ist für genealogische, herkunftsorientierte Sichtweisen. Und es ist selbstverständlich legitim, eine Verbindung von regionaler Mentalität und regionaler Literatur zu prüfen. Dabei kann der familiäre Hintergrund qua Geburt eine Rolle spielen, aber er stellt lediglich einen unter vielen bestimmenden Faktoren dar. Das Mutterland-Modell birgt mit dem Bezug auf das biologische MutterKind-Prinzip ein weiteres Problem in der Beschreibung der Entwicklung der Kolonie. Statt die Dynamik der Generationenfolge nutzen zu können, wird das Mutterland auf seine gebende Rolle festgeschrieben. Die Kolonie bleibt hingegen abhängig und kann nicht im eigentlichen Sinne ‚erwachsen‘ werden, wenn man auf deutsche Sprache, Literatur und Kultur schaut43. Eine (deutsch)baltische Literatur konnte und kann nicht gleichrangig neben die deutsche Literatur des Mutterlands gestellt werden. Die von den Nutzern des Mutterland-Modells implizit offenbarte Erwartungshaltung verfolgte aber offensichtlich genau dieses Ziel, nämlich die deutsche Literatur im alten Livland (später in den Ostseeprovinzen) als eine – zumindest in Teilen – eigenständige, von der Literatur des deutschen Mutterlandes zu trennende zu behaupten, wie es ähnlich immer wieder für die Österreichische oder die Schweizerische Literatur versucht wurde44. Das ‚deutsche Mutterland‘ Wenn hier ein Gegensatz aufzubauen versucht wird, so stellt sich die Frage, was genau mit dem Mutterland gemeint sein kann, das „geistige Nahrung“ gebe und von dem die Literatur in den baltischen Landen in ihrer Entwicklung abhängig sei. Das Mutterland-Konzept entwirft im Gegensatz zu Livland ein ‚Deutschland‘, das in der Frühen Neuzeit nicht existierte. Die ‚deutsche Literatur‘ dieser Zeit ist dezidiert eine vor-nationale. Hier ist ange———————————— 43

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Mit Blick auf die estnische und lettische Literatur könnte man diesen Prozess allerdings durchaus als erfolgreich abgeschlossen betrachten, indem die ‚Kolonistenliteratur‘ überwunden und beendet wurde. Freilich liegt diese Deutung quer zum Mutterlands-Modell, wie es bisher in der (deutsch)baltischen Literaturgeschichte Verwendung fand, und deutet in dieser Richtung vielmehr auf den Reiz der postcolonial studies. Zur damit verbundenen Frage der „Anzahl der deutschen Nationalliteraturen“ vgl. Norbert OELLERS, Aspekte und Prinzipien regionaler Literaturgeschichtsschreibung, in: Literatur an der Grenze. Der Raum Saarland – Lothringen – Luxemburg – Elsaß als Problem der Literaturgeschichtsschreibung. Festgabe für Gerhard Schmidt-Henkel, hg. v. Uwe GRUND / Günter SCHOLDT, Saarbrücken 1992, S. 11–21, speziell S. 18 f.

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sichts der territorialen Zersplitterung in deutsche Kleinstaaten kein Staatsoder Reichskonzept tragfähig, sondern nur ein sprachlich-kulturelles, das geprägt ist von der Vielgestaltigkeit und den vielen regionalen Unterschieden, die sich unter dem Begriff des deutschen Sprachraums wiederfinden lassen. Regionale Verbindungslinien waren oft stärker ausgeprägt als die politischen Grenzziehungen. Über diese hinweg funktionierten Handel und Wandel. Verwandtschaftliche Beziehungen, das Studium an mehreren Universitäten oder gelehrt-freundschaftliche Briefwechsel, beispielsweise, eröffneten die Horizonte und bezogen wie selbstverständlich auch die baltischen Lande mit ein. In diesem Sinne ist die deutsche Literatur der Frühen Neuzeit die Literatur im deutschen Sprachraum der Frühen Neuzeit und nicht etwa die Literatur im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation45. So wenig homogen die deutschen Lande insgesamt waren, so wenig einförmig war auch die deutsche Literatur. Bei so epochalen Bewegungen wie dem Humanismus mit seinen Auswirkungen auf die Literatur, auf Bildung und Gelehrsamkeit wie überhaupt das gesamte Denken ist zwar der Eindruck von einer kulturellen Einheit zu gewinnen, insofern in jeder Region mehr oder weniger bedeutende Spuren der Beteiligung und schließlich die Realisierung sichtbar sind. Allerdings dürfte die vergleichende Analyse von einzelnen deutschen Regionen hinsichtlich dieser Phänomene bedeutende Unterschiede zutage treten lassen. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass solche Bewegungen keinesfalls einem – wie auch immer gearteten – deutschen Mutterland allein zuzuweisen wären. Sie sind vielmehr europäische Phänomene, mithin auch in Schweden, in Dänemark und in Polen anzutreffen; und sie haben selbstverständlich vor keinem Schlagbaum haltgemacht, zumal die späthumanistischen Gelehrten selbst häufig im wahrsten Sinne des Wortes Grenzgänger waren und durch die lateinische Sprache oder weitreichende Fremdsprachenkenntnisse in der Lage waren, politische oder sprachliche Grenzen zu überwinden. Die Rede vom deutschen Mutterland simplifiziert an dieser Stelle weit über Gebühr, indem das koloniale mit dem nationalen Modell verschränkt wird – und damit seine starke Verwurzelung im 19. Jahrhundert offenbart. Eine deutsche Nationalliteratur hat es in der Frühen Neuzeit so wenig gege———————————— 45

Dem Befund von OELLERS, Aspekte und Prinzipien (wie Anm. 44) ist insofern voll und ganz zuzustimmen: „Es wird, was bisher schon nicht ungewöhnlich war, das ganz Gewöhnliche werden: Mit ‚deutscher Literatur‘ wird ‚deutschsprachige Literatur‘ gemeint sein; und der Begriff der ‚Nationalliteratur(en)‘ wird mehr und mehr seinen Sinn verlieren“ (S. 18 f.).

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ben wie einen deutschen Nationalstaat. Deshalb ist es unstatthaft, vom deutschen Mutterland als geistigem Nährboden zu sprechen, wo doch eigentlich bei jedem einzelnen Phänomen einschränkend gesagt werden müsste, aus welcher deutschen Region jeweils die Anregung kommt. Am auffälligsten ist dies bei der Reformation, die laut kolonialem Modell ja ebenfalls aus dem Mutterland aufgenommen und relativ schnell und früh durchgesetzt wird. Die Reformation hatte sich jedoch keinesfalls schon in deutschen Landen allgemein durchgesetzt und gab dann den Impuls auch an die Kolonie weiter, sondern in diesem konkreten Fall war die Kolonie der Entwicklung in manchen Teilen des Mutterlandes weit voraus. Zahlreiche deutsche Territorien führten bedeutend später die Reformation ein46. Es gab also kein homogenes ‚Mutterland‘, sondern lediglich ein relativ unübersichtliches Feld von jeweils ganz unterschiedlich beteiligten Regionen. Die baltischen Lande Livland ist von diesen Regionen nicht zu separieren. Trotz der räumlichen Trennung war der Informationsaustausch genau wie der Handelsverkehr so rege und schnell, dass Neuigkeiten beispielsweise über den Seeweg binnen weniger Tage in beide Richtungen ausgetauscht werden konnten47. Das ist bedeutend schneller als mancher Informationsfluss innerhalb des deutschen Festlandes. Die räumliche Trennung der baltischen Lande und die territoriale Zugehörigkeit zu einem anderen Staat dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Austausch mit den deutschen Zentren insgesamt lebendig war und die Region am nordöstlichen Rande des deutschen Sprachraums mit ihrer gesamten kulturellen Grundstruktur in Verwaltungs-, Kirchenund Bildungswesen wie auch in Sprache und Literatur als Teil eines Ganzen fungierte. Wie jede Region ihre – mehr oder weniger offensichtlichen – speziellen Eigenarten besaß, so bestand die Besonderheit Livlands zum einen in der relativ großen Entfernung von vielen deutschen Zentren und einer Randlage am Übergang in den russischen Kulturkreis, der in vieler Hinsicht fremd erschien. Zum anderen kommen die vielen Faktoren zum Tragen, die eben ———————————— 46

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Zu Verlauf, Bewertung und Einordnung der Reformation im alten Livland vgl. jetzt ASCHE / BUCHHOLZ / SCHINDLING, Die baltischen Lande (wie Anm. 18). 1633 brauchte die holstein-gottorfsche Gesandtschaft von Travemünde nach Riga fünf Tage, wie der Reisebeschreibung von Adam OLEARIUS (wie Anm. 36) zu entnehmen ist.

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genau diese Region in ihrer ganzen Komplexität prägten: Landschaft und Klima, Wirtschaft und Bevölkerung. Dabei spielte die historische Dimension eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn im Zusammenspiel der Faktoren bewirkten Epidemien, Kriege und Herrschaftswechsel grundlegende Veränderungen. Die Entwicklung der Region mit ihrer Kultur und Literatur hing wesentlich an den äußeren Bedingungen. Die politische Entwicklung hat – wie oben gezeigt – die sprachliche Vielfalt in den baltischen Landen nicht verringert, sondern eher vermehrt und intensiviert. Bei der Betrachtung der livländischen Literatur ist also die dreiteilige sprachliche Struktur von polnisch-litauischer, dänischer, schwedischer und russischer Herrschaft, deutscher Oberschicht und estnischer / lettischer unterer Bevölkerungsschicht zu berücksichtigen. Eine isolierte Betrachtung der deutschen Literatur im Lande allein würde über das gelehrt-literarische Leben am Ort nur wenig aussagen und einen der wichtigsten Bereiche ausblenden. Zudem ist die Rolle der einzelnen Sprachen in der literarischen Manifestation näher zu beleuchten, wie etwa beim Polnischen und beim Schwedischen als Literatursprachen in den baltischen Landen. Auffällig ist, dass beispielsweise im frühneuzeitlichen Riga so gut wie kein polnischer Text innerhalb der Gelegenheitsdichtung auftaucht, obwohl doch das gelehrte Ideal von der Vielsprachigkeit dies nahelegen würde und zumindest einige der regionalen Autoren das Polnische vermutlich beherrschten, wie etwa der Syndicus David Hilchen oder der Domschulinspektor Salomon Frenzel von Friedenthal. In Reval hingegen und noch mehr in Narva, aber auch in Dorpat sind schwedische Gedichte wie auch schwedische Leichenpredigten und weitere Texte durchaus präsent. Damit wird ein problematisches Feld berührt, denn noch immer sind die Kenntnisse von dem faktisch vorhandenen genauso wie von dem, was einst vorhanden gewesen sein muss, gering48. ———————————— 48

Die Nationalbibliografien in Estland und Lettland arbeiten seit vielen Jahren an der Dokumentation auch des frühneuzeitlichen Schrifttums, das bisher nur in Teilen nachweisbar ist. Heranzuziehen sind für den fraglichen Zeitraum deshalb bislang vor allem die Verzeichnisse der Dorpater Produktion (Ene-Lille JAANSON, Tartu Ülikooli trükikoda 1632– 1710. Ajalugu ja trükiste bibliograafia / Druckerei der Universität Dorpat 1632–1710. Geschichte und Bibliographie der Druckschriften, Tartu 2000), der Rigaer MollynDrucke (Arend BUCHHOLTZ, Geschichte der Buchdruckerkunst in Riga 1588–1888, Riga 1890), eines Teils der Revaler Literatur (Martin KLÖKER, Literarisches Leben in Reval in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Institutionen der Gelehrsamkeit und Dichten bei Gelegenheit, Teil 1: Darstellung, Teil 2: Bibliographie der Revaler Literatur. Drucke von den Anfängen bis 1657, Tübingen 2005), der Drucke in lettischer Sprache (Seniespiedumi latviešu valodā 1525–1855. Kopkatalogs / Die älteren Drucke in lettischer Sprache

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Innerhalb des vor allem von Livländern und Deutschbalten überlieferten Schrifttums sind die Spuren anderer Einflüsse nur noch schwer zu entdecken. Kriege und Herrschaftswechsel, selektive Überlieferung und geringe Wertschätzung dürften manch wertvolles Schriftstück aus der Region entfernt oder komplett vernichtet haben49. Eine Ursache hierfür liegt wiederum in der lange vorherrschenden nationalen Literaturgeschichtsschreibung, die ihr Augenmerk eben nur jeweils auf estnische oder lettische oder deutsche Texte richtete. Schon in den 1960er Jahren hat der estnische Literaturwissenschaftler Otto Alexander Webermann darauf hingewiesen, dass dadurch „das geistige Leben des Landes als Ganzes nicht genügend berücksichtigt“ und „die literarischen Dokumente [...] isoliert wurden“50. Insofern ist das Konzept einer baltischen oder deutschbaltischen Literatur nach wie vor problematisch, und zwar in besonderer Weise für die Frühe Neuzeit. Denn eine ‚baltische‘ Lebensart und eigene ‚baltische‘ Gesellschaft entstanden erst im 19. Jahrhundert, wie sich überhaupt die Bezeichnung ‚baltisch’ in den Ostseeprovinzen erst im Zuge der Russifizierung als verbindende Kennzeichnung für die deutsche Oberschicht durchsetzte51. Armin von ————————————

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1525–1855. Gesamtkatalog, hg. v. Silvija ŠIŠKO, Riga 1999) und in estnischer Sprache (Eestikeelne raamat 1525–1850 / Estnisches Buch 1525–1850, hg. v. Endel ANNUS, Tallinn 2000) sowie der estländischen Zeitschriften (Eestis ilmunud saksa-, vene- ja muukeelne perioodika 1675–1940 / Deutsch-, russisch- und anderssprachige periodische Schriften in Estland 1675–1940, hg. v. Endel ANNUS, Tallinn 1993). Für die hier vor allem wichtigen Drucke in den ‚fremden‘ Sprachen (also Lateinisch, Deutsch, Schwedisch, Polnisch usw.) wurde soeben das lettische Verzeichnis vorgelegt: Latvijas citvalodu seniespiedumu kopkatalogs / Gesamtkatalog der fremdsprachigen Altdrucke Lettlands 1588– 1830. Sērija / Reihe A, bearb. v. Silvija ŠIŠKO, Riga 2013. Vgl. Martin K LÖKER , Bibliotheken und Archive in Reval/Tallinn. Die Überlieferung der frühneuzeitlichen literarischen Kultur im kommunalen Gelegenheitsschrifttum, in: Handbuch des personalen Gelegenheitsschrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven, Bd. 7, Hildesheim [u.a.] 2003, S. 21–41; DERS., Bibliotheken und Archive in Dorpat/Tartu. Frühneuzeitliche Literaturlandschaft und personales Gelegenheitsschrifttum, in: ebenda, Bd. 8, Hildesheim [u.a.] 2003, S. 21–48; DERS., Bibliotheken und Archive in Riga. Literarische Kultur im Spiegel der rekonstruierten Sammlungen personalen Gelegenheitsschrifttums der Frühen Neuzeit, in: ebenda, Bd. 12, Hildesheim [u.a.] 2004, S. 21–54. Darüber hinaus jetzt einschlägig: Klaus GARBER, Schatzhäuser des Geistes. Alte Bibliotheken und Büchersammlungen im Baltikum, Köln / Weimar / Wien 2007. Otto Alexander WEBERMANN, Deutschbaltische und estnische Literatur, in: Baltische Hefte 7 (1960), S. 17–28, hier S. 17. WILPERT, Deutschbaltische Literaturgeschichte (wie Anm. 4), S. 10. Zentral ist die Bewertung des epochalen Einschnitts mit dem Herrschaftswechsel während des Großen Nordischen Krieges 1710, in dessen Folge auch die älteren literarischen Traditionen abgerissen seien und ein Neuanfang unter russischem Einfluss stattfand, der freilich erst im

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Ungern-Sternberg hat darauf hingewiesen, dass erst aus diesem Blickwinkel die Deutschen in den drei Provinzen zu einem Ganzen wurden, während zuvor die Teilgruppen doch weitgehend unverbunden nebeneinander existierten52. Wenn also selbst Gero von Wilpert meint, erst im 19. Jahrhundert gebe es „eine baltische Literatur eigener Prägung“53, dann bleibt die Frage, wie denn die Literatur der Frühen Neuzeit in dieser Region zu kennzeichnen ist. Von einer „baltischen Sonderart in der Literatur“ zu sprechen, die im 16. Jahrhundert beginne und erst im 19. Jahrhundert zu voller Blüte komme, wie Wilpert es an anderer Stelle tut, erscheint insofern als ein unerlaubter Rückschluss54. Ein kurzer Blick auf die Entwicklung des historischen Rahmens für die Literatur in dieser Region kann das vielleicht verdeutlichen. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es Phasen des Aufbaus, dann durch die reformatorischen Umwälzungen, durch Kriege und Seuchen aber massive Einbrüche im literarischen Leben, die zur Vernichtung zahlloser kultureller Errungenschaften führten, indem sie das funktionierende Gemeinwesen und damit die Grundlage für Produktion und Rezeption auf Zeit dezimierten oder sogar auslöschten. Im 18. Jahrhundert – mit der schwersten Zerstörung durch den Großen Nordischen Krieg gleich zu Beginn – brauchte es bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts, um die notwendigen Strukturen langsam wieder aufzubauen. Hier kam aber zugleich die allmähliche Abkehr von der rhetorischen Epoche mit der Empfindsamkeit zur Geltung; die Aufklärung konnte nun parallel zur russischen Westorientierung reiche Früchte tragen: Im letzten Viertel und zum Ende des Jahrhunderts wurden die Durchbrüche sichtbar mit den Werken von Gadebusch, Hupel und Merkel (um nur einige zu nennen)55. ————————————

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letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wirklich sichtbar wurde. Vgl. UNGERN-STERNBERG, „Erzählregionen“ (wie Anm. 14), S. 269 ff. mit Verweis auf Grundriß einer Geschichte der deutschbaltischen Dichtung, hg. v. Arthur BEHRSING, Leipzig 1928. UNGERN-STERNBERG, „Erzählregionen“ (wie Anm. 14), S. 240 ff. Dass es gleichwohl bis zum Ende der Frühen Neuzeit üblich war, sich der Herkunft nach als „Livländer“ (Livonus) im Sinne des ganzen Landes zu bezeichnen, steht diesem nicht entgegen, zumal hier Variationen sichtbar sind, und sowohl Spezifizierungen hinsichtlich der städtischen Herkunft (z.B. Rigensis, Revaliensis usw.) oder auch mit der Zeit zunehmend die Teilprovinzen Liv-, Est- und Kurland auftauchen. WILPERT, Deutschbaltische Literaturgeschichte (wie Anm. 4), S. 22 f. Ebenda, S. 32. Im 18. Jahrhundert ist dabei durchaus eine allmählich wachsende gemeinsame Identität der deutschsprachigen Einwohner von Liv-, Est- und Kurland als „Livländer“ zu beobachten, die wohl als frühe Vorstufe der Identifikation als „Balte“ gesehen werden kann. Hieran dürfte nicht zuletzt das kommunikationsgeschichtliche – auch über Literatur und den

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Allerdings weisen politisch bedeutsame Änderungen, namentlich die stärkere russische Einflussnahme durch die Statthalterschaftsverfassung, auf eine Veränderung im Verhältnis zu Russland hin. Zwar wurde die neue Verfassung wieder zurückgenommen, doch hatte sich gezeigt, dass die Anbindung an das Russische Reich nun durchgesetzt war und man sich folglich mit ihr arrangieren musste. Unter Zar Alexander I. zog dann eine neue Zeit herauf, die eine Blüte von Wissenschaft und Literatur, aber auch in vieler Hinsicht eine Abkehr von alten livländischen Gepflogenheiten mit sich brachte. Erst jetzt begann das mühsame Festhalten an den tradierten Lebensformen, das dann so charakteristisch wurde für die Literatur der Deutschbalten im 19. und 20. Jahrhundert. Für die Literatur der vorangehenden drei Jahrhunderte ist die Bezeichnung ‚deutschbaltisch‘ insofern verfehlt. Der Begriff ist auch deshalb problematisch, weil er eine ethnologische Komponente enthält und eben nicht allgemein die deutsche Literatur einer Region bezeichnet. Ein in deutscher Sprache schreibender Autor im Estland des 17. Jahrhunderts ist nicht automatisch ein ‚Balte‘ oder ‚Deutschbalte‘, mithin können seine Texte nicht als ‚baltisch‘ oder ‚deutschbaltisch‘ gelten. Wenn Gero von Wilpert die baltische Literatur als „die deutschsprachige Literatur der ehemaligen deutschen Oberschicht in dem Gebiet von Estland und Lettland vom 12. Jahrhundert bis 1939“ definiert, dann ist im Blick auf die Frühe Neuzeit speziell die Bindung an die deutsche Oberschicht zu hinterfragen56. Diese Oberschicht im Lande, d.h. vor allem in den Städten, war keinesfalls homogen deutsch, sondern von schwedischen, polnischen und russischen Einflüssen durchzogen, ganz zu schweigen von assimilierten Esten und Letten und auch ganz zu schweigen von der regionalen Herkunft der Menschen aus deutschen Landen im einzelnen. Der Anteil an gebürtigen Livländern ist bei der beständig starken Zuwanderung relativ gering, immerhin mit der Zeit anwachsend. Wenn das Augenmerk den Lese- und Schreibkundigen gilt, ist die Beschränkung auf die Oberschicht unnötig und sogar problematisch. Unnötig, weil in den meisten anderen Regionen vergleichbare Zustände hinsichtlich des Analphabetentums herrschten, so dass auch in deutschen Städten die frühneuzeitliche Literatur eine Literatur der Oberschicht war. Problematisch hingegen, weil die Mehrsprachigkeit der Autoren ————————————

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literarischen Markt vermittelte – Zusammenwachsen kleinerer regionaler Kulturräume zu größeren Einheiten beteiligt gewesen sein. Vgl. Überblick und Literatur bei Andreas WÜRGLER, Medien in der Frühen Neuzeit, München 2009 (Enzyklopädie deutscher Geschichte 85). WILPERT, Deutschbaltische Literaturgeschichte (wie Anm. 4), S. 12.

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und die Übergänge ins Estnische und Lettische nur im Zusammenspiel mit der gesamtgesellschaftlichen Struktur verständlich sind. Auch wenn die Entwicklung der estnischen und lettischen Literatursprache in dieser Zeit noch von den Gelehrten (die nicht unbedingt deutsch sein mussten) vorangetrieben wurde, handelte es sich zumindest bei der Dichtung von estnischen und lettischen Kirchenliedern keinesfalls um eine Literatur für die deutsche Oberschicht. Die regionale Literatur Um die vielen genannten Probleme bei der Verwendung des kolonialen Modells zu beseitigen, bietet es sich für die Literatur der Frühen Neuzeit in den baltischen Landen an, den Blick auf den betreffenden Raum mit allen auffindbaren Ausprägungen von Literatur zu richten. Da der Gegenstand eine Orientierung allein an den politischen territorialen Grenzen verbietet, kann der weniger statische Begriff der ‚Region Livland‘ dienlich sein57. Dieser korreliert mit der jeweils zeitgenössischen Identifikation mit einer Region. So ist etwa von Bedeutung, wer sich zur fraglichen Zeit als ‚Livländer‘ bezeichnete und wie die Landesbezeichnung Livland (oder ‚Liefland‘) benutzt wurde. Im späten 18. Jahrhundert benutzte beispielsweise Friedrich Konrad Gadebusch diese noch selbstverständlich für seine historisch angelegten Bücher58. Auf diese Weise wird die Begrifflichkeit für einen Raum wie ———————————— 57

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Der Begriff der ‚literarischen Landschaft‘, den Axel E. WALTER, Literarische Landschaften des Baltikums. Überlegungen zu einer regionalen Literaturgeschichte, in: Res humanitariae 2008, Nr. 2 (4), S. 254–288, empfiehlt, bietet im Grunde keine Erweiterung gegenüber der ‚Region‘, die immer als historisch gewachsene und veränderliche Größe zu betrachten ist. Freilich intendiert Walter die handbuchartige Betrachtung einer baltischen Großregion unter Einschluss des Herzogtums Preußen (Ostpreußen) und Polen-Litauens, um die kulturellen und speziell die literarischen Austauschprozesse unter den einzelnen Landschaften (Regionen) markieren zu können, wie sie im jeweiligen Gelegenheitsschrifttum offensichtlich sind. Dies gilt allerdings für zahlreiche Orte, die keinesfalls nur in den Ostseeprovinzen zu finden sind. So existierten beispielsweise zu Rostock und Lübeck, aber auch zu Wittenberg und Nürnberg (um nur einige Städte zu nennen), literarisch wichtige Kontakte, die als überregionale Verbindungen selbstverständlich in einer Literaturgeschichte der baltischen Lande Beachtung finden müssen, ohne dass gleich die Literatur all jener Orte und Regionen insgesamt analysiert werden müsste und könnte. Die Legitimation einer Literaturgeschichte der einzelnen Region wird insofern nicht geschmälert, sondern gestärkt. Friedrich Konrad GADEBUSCH, Abhandlung von Livländischen Geschichtschreibern, Riga 1772; DERS., Livländische Bibliothek, 3 Bde., Riga 1777; DERS., Livländische Jahrbücher,

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damit einhergehend der Raum selbst als Betrachtungsgegenstand vorgegeben, so dass jede andere regionale Definition eines Raums – etwa ‚baltische Lande‘, ‚baltische Länder‘ oder das eigentlich im heutigen Sprachgebrauch Litauen miteinschließende ‚Baltikum‘ – einerseits genau sagen muss, auf welchen Raum sie Bezug nimmt, und andererseits eine mögliche räumliche Erweiterung durch Argumente rechtfertigen muss59. Es erscheint daher naheliegend, die Literatur in den baltischen Landen als eine regionale Literatur zu untersuchen, die ihren deutlichen Schwerpunkt auf der deutschen – und nicht zu vergessen: lateinischen – Sprache hatte, aber auch weitere Sprachen aufweist. Entscheidend ist die durch örtliche Präsenz hergestellte Bindung von Autor und Text an die Region. Die gebürtige Herkunft des Autors allein kann nicht als Kriterium gelten, sofern nicht seine persönliche Gegenwart für eine gewisse Zeit oder aber eine spezielle Vermittlung seiner Texte in die Region gesichert sind. Letzteres gilt etwa für die livländischen Studenten, die während ihres Studiums an deutschen Universitäten Disputationen, Orationen und Gedichte mit Widmungen an die Vaterstadt versehen und dorthin sandten. Hingegen erscheint es bedenklich, den im kurländischen Frauenburg (Saldus) geborenen Johann von Besser (1654–1729) als (deutsch)baltischen Dichter zu vereinnahmen, wie bei Wilpert trotz Einschränkungen geschehen, wo doch sein ganzes entscheidendes Wirken in deutschen Landen zu lokalisieren ist. Man könnte ihn allenfalls am Rande der baltischen oder livländischen Literatur zurechnen, als einen, der für seine Heimat vielleicht wichtig war, einer, auf den man in Livland besonders schaute – wofür natürlich die Belege zu bringen wären. Eine solche Funktion besaßen jedoch auch andere Personen außerhalb Livlands aufgrund anderer Ursachen, wie etwa durch ihr Amt oder durch freundschaftliche Beziehungen zu Livländern oder dergleichen. Aber damit ist der ————————————

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9 Bde., Riga 1780–1783. – Im Gegensatz dazu differenziert August Wilhelm Hupel in seinen (eher der Gegenwart gewidmeten) Büchern: Topographische Nachrichten von Liefund Ehstland. Gesammelt und herausgegeben durch August Wilhelm HUPEL, 2 Bde., Riga 1774–1777; DERS., Idiotikon der deutschen Sprache in Lief- und Ehstland. Nebst eingestreuten Winken für Liebhaber, Riga 1795. Eine Erweiterung um Litauen und St. Petersburg oder noch weiter, wie sie zuweilen gefordert (vgl. WALTER, Literarische Landschaften [wie Anm. 57]) oder durchgeführt (vgl. GOTTZMANN / HÖRNER, Lexikon [wie Anm. 41]) wurde, ist selbstverständlich möglich, erfordert aber eine andere Raumkonstruktion. Der Einbezug Litauens erscheint für die Frühe Neuzeit aufgrund der abweichenden historischen und politisch-territorialen Zusammenhänge und der zeitgenössisch eindeutigen regionalen kulturellen und literarischen Trennung wenig sinnvoll.

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durchaus bewusst unscharf gezeichnete Rand einer regionalen Literaturbetrachtung angedeutet. Auf dieser Grundlage nach den deutsch-livländischen Literaturbeziehungen in der Frühen Neuzeit zu fragen, führt zu einem anderen Ergebnis: Die deutsche Literatur der baltischen Lande weist äußerst enge Beziehungen zu verschiedenen anderen, (vorrangig deutschen) regionalen Literaturen auf. Sie ist jedoch nicht koloniale Literatur, gewissermaßen Supplement oder Anhängsel oder Spiegelbild einer Entwicklung im deutschen ‚Mutterland‘. Auch die von Friedrich Scholz in seinem grundlegenden Werk über die Literaturen des Baltikums (1990) formulierte opinio communis, die deutschbaltische Literatur sei ein „Ableger der deutschen“60, trifft insofern nicht ganz zu. Vielmehr ist sie aktiv beteiligt an der Entwicklung und Fortschreibung einer deutschen Literatur. Sie leistet ihren eigenen Beitrag und nimmt Neuerungen mehr oder weniger vollständig und schnell auf wie jede andere beteiligte regionale Literatur. Dass sie nicht zum Impulsgeber innerhalb der deutschen Literatur wurde, ist den individuellen meist widrigen Verhältnissen zuzuschreiben: Kriege und Seuchen, die relativ kleinen Städte und die geringe Anzahl an potentiellen Autoren und Rezipienten usw. Aber der Anspruch ist vielleicht schon falsch gestellt, denn welche deutsche Region kann dies schon von sich behaupten? Umso bedeutsamer ist jeder Beitrag, der geleistet wird, jedes Mitspielen im großen Spiel, jede Aufnahme und Weitergabe von Impulsen. Wenn also beispielsweise die von August Buchner in Wittenberg gelehrten daktylischen Verse im deutschen Gedicht 1643 in Reval programmatisch durch den Poesie-Professor des Gymnasiums eingeführt werden, dann müsste man innerhalb der deutschen Städte und Regionen den Vergleich ziehen, um über den Stellenwert dieser Aufnahme zu urteilen61. Womit übrigens nicht gesagt sein ———————————— 60

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Das Bild eines „Ablegers“ dürfte im Wesentlichen dem einer Kolonie im MutterlandModell entsprechen. Nicht zufällig meint Scholz, der als Baltist seine Darstellung der estnischen, lettischen und litauischen Literatur widmet, die deutsche weitgehend außer Acht lassen zu können. Friedrich SCHOLZ, Die Literaturen des Baltikums. Ihre Entstehung und Entwicklung, Opladen 1990, S. 16. Entsprechend wäre etwa auch die Einführung der deutschen Prosaekloge in Reval durch Paul Fleming zu betrachten. Seine Schäferei zur Hochzeit von Reiner Brockmann und Dorothea Temme im Revaler Druck von 1635 wurde als äußerst früh im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Regionen gekennzeichnet; hatte doch Martin Opitz gerade einmal fünf Jahre zuvor diese Gattung in deutscher Sprache eingeführt. Vgl. Klaus GARBER, Das Erbe Opitzens im hohen Norden. Paul Flemings Revaler Pastoralgedicht, in: GARBER / KLÖKER, Kulturgeschichte der baltischen Länder (wie Anm. 19) S. 303–317. Der Druck

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soll, dass mit der Einführung in Reval gleich die ganze Region erobert ist. Hier gelten für jede Kleinregion mit ihrem jeweiligen Zentrum gesonderte Bedingungen. Und die literarischen Beziehungen der livländischen Zentren untereinander waren zum Teil deutlich geringer als die der einzelnen Städte zu deutschen Regionen und Zentren. Entsprechend bestand der Kontakt zu den wichtigsten aktuellen Entwicklungen in der deutschen Literatur natürlich auch nicht überall in den baltischen Landen, sondern lediglich punktuell und wurde nicht zuletzt auch durch die berühmt gewordenen Dichter wie Fleming und Herder, Lenz und Kotzebue am jeweiligen Ort realisiert. An diesen beispielhaft Genannten ist jedoch auch zu sehen, dass die Klage vom Weggang ausgerechnet der großen Dichtergestalten für diese Zeit nicht so pauschal trifft. Denn es sind bei diesen gänzlich verschiedene Motivationen auszumachen, zumal Paul Fleming ja bei seinem Tod gerade auf dem Rückweg nach Reval war. Er hat zudem noch stärker als Kotzebue einen Großteil seines herausragenden Werkes in Reval verfasst, wogegen Herders Stern bekanntlich in Riga erst aufging und Lenz die Anerkennung in der Heimat – wie fast überall – versagt blieb. Ob diese Dichter in Livland geboren waren, spielt keine Rolle. Jeder von ihnen brachte etwas in die Literatur der Region ein und trug etwas hinaus, um es an anderen Orten, in anderen Regionen einzubringen, jeder auf seine Weise. Um jedoch dieses Geben und Nehmen in ganzer Breite und Tiefe erfassen und damit dem kolonialen Erklärungsmuster in seiner Pauschalität ein differenziertes Bild entgegensetzen zu können, ist es unabdingbar, Livland als Region mit seiner wechselvollen Geschichte und mit den daraus hervorgehenden Eigenarten wahrzunehmen. Sowohl die innere Struktur mit den sich ganz unterschiedlich entwickelnden Zentren als auch die jeweiligen Beziehungen untereinander sowie nach außen, also in deutsche Lande und genauso nach Schweden und PolenLitauen, nach Dänemark und Russland müssen als Faktoren berücksichtigt werden. Erst dann wird es möglich sein, die deutsche Literatur in den baltischen Landen in ihrer komplexen Beschaffenheit auch und gerade im Verhältnis zur Literatur in deutschen Landen angemessen beurteilen zu können.

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enthält übrigens auch das erste in Reval gedruckte (und gedichtete?) deutschsprachige Sonett.

Marina Bessudnova

Groß-Novgorod zwischen Moskau und Livland um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert Bei der Betrachtung der russisch-livländischen Beziehungen im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit fällt auf, dass sie nach der gewaltsamen Einverleibung Groß-Novgorods in den Moskauer Staat im Jahre 1478 noch konfliktreicher als schon zuvor wurden und es in der Folgezeit eine Reihe intensiver russisch-livländischer Auseinandersetzungen gab. Dabei wird auf die wesentlichen Meinungsunterschiede in der darauf bezüglichen russländischen und westeuropäischen Fachliteratur zu achten sein, die im 19. Jahrhundert zum Ausdruck gekommen waren und sich bis heute kaum ausgleichen ließen. Die ausländischen Forscher halten sich meistens an die von deutschbaltischen Historikern begründete Tradition und führen als Grund für die Entfesselung des Konflikts die livlandfeindliche, selbstverständlich negativ bewertete Politik des Großfürsten von Moskau Ivan III. (1462–1505) an, der nach der Unterwerfung Novgorods zu einem Krieg gegen Livland zu rüsten beschlossen habe, um dadurch seine Macht bis zur Ostseeküste auszuweiten und auf diese Weise die Entwicklung des russischen Handels zu gewährleisten1. Erst vor kurzem begannen westliche Ge———————————— 1

Theodor SCHIEMANN, Russland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert, Bd. 2, Berlin 1887, S. 150–155; Harald COSACK, Zur Geschichte der auswärtigen Verwicklungen des Ordens in Livland 1478–1483, in: Baltische Studien zur Archäologie und Geschichte, Riga 1914, S. 203–240; Wilhelm LENZ, Die auswärtige Politik des livländischen Ordensmeisters Wolter von Plettenberg bis 1510, Riga 1928; Ruth KENTMANN, Livland im russisch-litauischen Konflikt. Die Grundlegung seiner Neutralitätspolitik. 1494–1514, Marburg 1929; Artur ATTMANN, Den ryska marknaden i 1500-talets baltiska politik. 1558– 1595 [Der russische Markt in der baltischen Politik des 16. Jahrhunderts. 1558–1595], Lund 1944; Reinhard WITTRAM, Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918. Grundzüge und Durchblicke, München 1954; Friedrich BENNINGHOVEN, Rußland im Spiegel der livländischen Schonnen Hysthorie von 1508, in: Rossica externa. Studien zum 15.–17. Jahrhundert. Festgabe für Paul Johansen, Marburg 1963, S. 11–35; Eric CHRISTIANSEN, The Northern Crusades. The Baltic and the Catolic Frontier, 1100–1525, London 1980, S. 244; Joel RABA, Der Außenhandel als Faktor der russischen Außenpolitik an der Schwelle der Neuzeit, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 27 (1980), S. 110–132; David KIRBY, Northern Europe in the Early Modern Period. The Baltic World 1492–1772, London 1990, S. 51; Heinz von zur MÜHLEN, Livland von der Christianisierung bis zum Ende seiner Selbstständigkeit (etwa 1180–1561),

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lehrte die Meinung zu vertreten, die russisch-livländischen Auseinandersetzungen des Mittelalters2 und der beginnenden Neuzeit hätten auf keinen fundamentalen Gegensätzen beruht und seien häufig von ganz zufälligen Umständen beeinflusst worden3. Auf der anderen Seite hegten die russländischen Historiker, die bei der Erforschung der russisch-livländischen Beziehungen nicht ganz untätig waren, keinen Zweifel am positiven Charakter des von den Moskauer Herrschern geführten Kampfes um die baltische Region. Dieser großmachtpatriotische Standpunkt kam zum ersten Mal während der dynamischen Wirtschaftsentwicklung Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Geltung und wurde dann in der Sowjetzeit unter den gegebenen Umständen, zu denen der Große Vaterländische Krieg und der Zwang, die „Ostforschung“ der Zeit des Kalten Krieges zu neutralisieren, gehörten, zum Dogma, das die Sowjetunion und ihre Verbündeten aus dem sozialistischen Lager als ideologisches Kampfmittel gegen die Staaten aus dem feindlichen, „kapitalistischen“ Bündnis nutzten4. Die sowjetischen Historiker erforschten die Geschichte der russisch-livländischen Auseinandersetzungen stets im Kontext der Entstehung des russischen Einheitsstaates, seiner Wirtschafts————————————

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in: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder, hg. v. Gert von PISTOHLKORS, Berlin 1994, S. 25–172; Alfred RITSCHER, Reval an der Schwelle zur Neuzeit (1510–1535), Bd. 1: Vom Vorabend der Reformation bis zum Tode Wolters von Plettenberg, Bonn 1998, S. 10–11; Marian BISKUP, Livland als politischer Faktor im Ostseeraum zur Zeit der Kalmarer Union (1397–1521), in: Der Deutsche Orden in der Zeit der Kalmarer Union, 1397–1521, hg. v. Zenon Hubert NOVAK, Toruń 1999, S. 99–134, hier S. 122; Norbert ANGERMANN, Livländisch-russische Beziehungen im Mittelalter, in: Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland, hg. v. DEMS. / Ilgvars MISĀNS, Lüneburg 2001 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 7), S. 129–144, hier S. 140 f. Anti SELART, Livland und die Rus’ im 13. Jahrhundert, Köln 2007 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 21). DERS., Zur Geschichte der Russen in Livland um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert. Der Vorwand zur Schließung des St. Peterhofes in Novgorod im Jahre 1494, in: Städtisches Leben im Baltikum zur Zeit der Hanse, hg. v. Norbert ANGERMANN, Lüneburg 2003 (Baltische Seminare 10), S. 177–210; Norbert ANGERMANN / Thomas LANGE, Am Vorabend des Livländischen Krieges: Die Positionen der politischen Hauptkräfte Livlands gegenüber Russland, in: Baltijskij vopros v konce XV–XVI vv. Sbornik naučnych statej, otv. red. A[leksandr] I. FILJUŠKIN, Moskau 2010, S. 32–39, hier S. 39. Vgl. Aleksandr I. FILJUŠKIN, Der Diskurs von der Notwendigkeit des Durchbruchs zur Ostsee in der russischen Geschichte und Historiographie, in: Narva und die Ostseeregion. Beiträge der II. Internationalen Konferenz über die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Russland und der Ostseeregion, hg. v. Karsten BRÜGGEMANN, Narva 2004 (Studia humaniora et paedagogica Collegii Narovensis 1), S. 171–184.

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entwicklung sowie auch seines europäischen Prestiges und betrachteten darum die auf die Lösung der „Baltischen Frage“ gerichtete Politik der Moskauer Großfürsten als zweckmäßig und politisch ratsam. Die Handlungen der livländischen Landesherren, die nach ihren Kräften dem weiteren russischen Einfluss in Livland entgegenwirkten und ihre Untertanen zu schützen bestrebt waren, fanden in der sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsschreibung selbstverständlich eine sehr negative Beurteilung. Man hielt Livland dabei für ein völlig veraltetes Staatsgebilde ohne Perspektiven einer weiteren Existenz, dessen Machthaber, die Stärkung Russlands fürchtend, dessen ökonomische und politische Entwicklung behinderten und mit Hilfe eines „militaristischen“ Ritterordens eine aggressive Politik gegen die russischen Länder führten5. Eine Ursache dafür liegt darin, dass die russländischen Spezialisten bei ihren Forschungen auf diesem Gebiet traditionellerweise nur russische Quellen nutzen, ohne genauere Bekanntschaft mit dem aus Livland stammenden Material; das Letztere diente ihnen vornehmlich als Illustration für ihre Schlussfolgerungen. Zurzeit beginnt sich die Lage glücklicherweise zu ändern6, und den Historikern aus Russland geht das Verständnis dafür auf, dass die konsequent wechselnde Situation an der Ostsee zu Beginn der Neuzeit tatsächlich viel ———————————— 5

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K[onstantin] V. BAZILEVIČ, Vnešnjaja politika Russkogo centralizovannogo gosudarstva vtoroj poloviny XV v. [Die Außenpolitik des russischen zentralisierten Staates in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts], Moskau 1952, S. 338 f., 376 f.; N[atalija] A. KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija. Konec XIV – načalo XVI v. [Die russisch-livländischen und russisch-hansischen Beziehungen. Ende des 14. – Anfang des 16. Jahrhunderts], Leningrad 1975, S. 27 f., 46 f., 62–64, 154–157 u.ö.; A[nna] L. CHOROŠKEVIČ, Russkoe gosudarstvo v sisteme meždunarodnych otnošenij konca XV – načala XVI vv. [Der Russische Staat im System der internationalen Beziehungen am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts], Moskau 1980, S. 69–70; V[alerij] B. PERCHAVKO, Torgovyj mir srednevekovoj Rusi [Die Handelswelt der mittelalterlichen Rus’], Moskau 2006, S. 451–456; Jurij G. ALEKSEEV, Morskaja politika Ivana III. K postanovke voprosa [Die Meerespolitik Ivans III. Zur Fragestellung], in: Ot Drevnej Rusi k Rossii Novogo vremeni. Sbornik statej. K 70-letiju Anny Leonidovny Choroškevič, Moskau 2003, S. 108–126; DERS. Pervye šagi k morju [Erste Schritte zum Meer], in: Baltijskij vopros v konce XV–XVI vv. (wie Anm. 3), S. 9–11. „Kruglyj stol“: Pervaja vojna meždu Rossijej i Evropoj. „Neizvestnaja“ Livonskaja vojna („Runder Tisch“: Der erste Krieg zwischen Russland und Europa. Der „unbekannte“ Livländische Krieg), in: Rodina 2004, Nr. 12, S. 42–48. Entgegen der bisherigen Auffassung sind die heutigen Forscher, die sich mit der Geschichte des Livländischen Krieges 1559 bis 1583 beschäftigen, nicht geneigt, die russisch-livländischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts für einen Kampf um die Ostsee zu halten, und meinen, Ivan IV. habe den Krieg entfesselt, um das livländische Gebiet zu gewinnen und das Prestige Russlands in Europa und damit seinen eigenen Status als Zar (Kaiser) zu stärken.

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komplizierter war, als sie im Rahmen der durch die ideologischen Zielsetzungen bestimmten und infolgedessen vereinfachten Konzeptionen oft dargestellt wurde. Es wird deutlich, dass die Geschichte des russisch-livländischen Konflikts dieses Zeitabschnitts nur in einem breiten historischen Kontext erforscht werden kann. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei der Konstellation zu widmen, die damals existierte, darunter dem politischen Kalkül und den Handlungen der Deutschordensbehörden in Preußen, der Hanse, der Habsburger, der Herrscher von Dänemark, Schweden und Polen-Litauen, des Papsttums usw. in ihren Entwicklungen, Wechselbeziehungen und gegenseitigen Bedingungen. Ebenso wichtig ist es dabei, die Tendenzen der innenpolitischen Entwicklung Livlands und des Moskauer Staates zu berücksichtigen, ohne spontan erscheinende Faktoren außer Acht zu lassen. Im Rahmen eines so umfangreichen Programms ist es ratsam, bisherige Schlussfolgerungen hinsichtlich der gewaltsamen Einverleibung GroßNovgorods in den Moskauer Staat 1478 etwas zu korrigieren. Besondere Beachtung ist dabei den mannigfaltigen Folgen der territorialen Annäherung Livlands und der Moskauer Rus’ zu widmen, die zuvor durch das riesige Herrschaftsgebiet von Novgorod voneinander getrennt waren. Dazu kann man zunächst bemerken, dass Novgorod am Volchov, die größte Stadt des russischen Nordwestens, jahrhundertelang die Hauptrolle beim Verkehr der russischen Länder mit Westeuropa und Livland spielte, was sich nicht zuletzt mit dem gewinnbringenden Handel der Novgoroder mit den Hansestädten in Livland und Deutschland erklärt7. Die auf den Rechtsbräuchen gegründete novgorodisch-livländische starina, die in der Novgoroder Schra, d.h. in den Vorschriften des Novgoroder Hansekontors (St. Peterhof, russisch: Nemeckoe podvor’e), und in den Handelsverträgen Novgorods mit der Hanse festgelegt worden war, diente als gute Grundlage dieser Handelsbeziehungen8. Dank dieses Umstandes vollzog sich die Entwicklung Groß-Novgorods unter besonders günstigen Bedingungen. Die Stadt wurde zum hervorragen———————————— 7

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Historiografie dazu: Norbert ANGERMANN, Der hansische Rußhandel. Zur Forschungslage, in: Novgorod. Markt und Kontor der Hanse, hg. v. DEMS. / Klaus FRIEDLAND, Köln 2002 (Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte, N.F. 53), S. 5–11; E[lena] A. RYBINA, Novgorod i Ganza [Novgorod und die Hanse], Moskau 2009, S. 18–28. Ferdinand FRENSDORFF, Das statutarische Recht der deutschen Kaufleute in Nowgorod, Abt. 1–2, Göttingen 1887; Die Nowgoroder Schra in sieben Fassungen vom XIII. bis XVII. Jahrhundert, hg. v. Wolfgang SCHLÜTER, Dorpat 1911.

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den Zentrum des Warenaustauschs9, dessen ökonomisches Leben sowie Recht, Kultur und Alltagsleben in nicht geringerem Grad vom westlichen Muster beeinflusst waren10 und, so kann man sagen, einen Beleg für die gewisse Einheitlichkeit des Christentums im Westen und Osten darstellten11. Dass die lebenswichtigen Strukturen dieser russischen Stadt typologisch der Praxis des ökonomischen Verkehrs mit den westlichen Ländern angepasst worden waren, ist nicht überraschend. Anderenfalls wäre es zu schwierig gewesen, die trennenden Absperrungen der orthodoxen Geistlichkeit zu überwinden, die den Russen enge Kontakte mit den „Lateinern“ verbat, und die Rechts-, Kultur- und Lebensunterschiede der miteinander geschäftlich verbundenen Handelspartner teilweise beiseite zu lassen12. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Novgorod für die Kaufleute aus den katholischen Ländern attraktiv und zugänglich wurde, weshalb sie ihre regelmäßigen Handelsfahrten dorthin gern machten und monatelang als Bewohner des Kontors auf dem St. Peterhof weilten13. Die nötigen Voraussetzungen dafür ———————————— 9

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Siegmund von Herberstein, der 1517 und 1526 Russland besucht hatte, bezeichnete Novgorod als größten Marktplatz der ganzen Rus’. Damit waren zu jener Zeit auch die anderen reisenden Ausländer einverstanden. Vgl. G[ennadij] M. KOVALENKO, Velikij Novgorod: Vzgljad iz Evropy [Groß-Novgorod: Der Blick aus Europa], in: Novgorodica2008, Bd. 2, Velikij Novgorod 2009, S. 3–16, hier S. 4 f. Norbert ANGERMANN, Die hansisch-russische kulturelle Begegnung im mittelalterlichen Novgorod, in: Norwegen und die Hanse. Wirtschaftliche und kulturelle Aspekte im europäischen Vergleich, hg. v. Volker HENN / Arnved NEDKVITNE, Frankfurt a. M. 1994, S. 191–214; V[alentin] L. JANIN, Kul’tura Novgoroda na obščerusskom fone [Die Kultur Novgorods vor dem gesamtrussischen Hintergrund], in: DERS., Očerki istorii srednevekovogo Novgoroda [Studien zur Geschichte des mittelalterlichen Novgorod], Moskau 2008, S. 343–358, hier S. 357 f.; L[judmila] M. NIKOLAEVA, Kul’turnye i jazykovye kontakty Novgoroda i Ganzy [Kulturelle und sprachliche Kontakte zwischen Novgorod und der Hanse], in: Novgorodica-2008 (wie Anm. 9), S. 17–23. Jerzy KŁOCZOWSKI, The Christianisation of the Baltic Region against the Background of the Medieval Christianisation of Europe, in: Christianization of the Baltic Region, Pułtusk 2004, S. 9–20, hier S. 9 f. ANGERMANN, Die hansisch-russische kulturelle Begegnung (wie Anm. 10), S. 194 f.; DERS. / Ulrike ENDELL, Die Partnerschaft mit der Hanse, in: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht. 11.–17. Jahrhundert, hg. v. Dagmar HERRMANN, München 1989 (West-östliche Spiegelungen B. 1), S. 83–115. Max GURLAND, Der St. Peterhof zu Nowgorod (1361–1494). Innere Hofverhältnisse, Göttingen 1913; Paul JOHANSEN, Novgorod und die Hanse, in: Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte. Gedächtnisschrift für Fritz Rörig, hg. v. Ahasver von BRANDT / Wilhelm KOPPE, Lübeck 1953, S. 121–148; A[nna] L. CHOROŠKEVIČ, Torgovlja Velikogo Novgoroda s Pribaltikoj i Zapadnoj Evropoj v XIV–XV vekach [Der Handel Groß-Novgorods mit dem Baltikum und Westeuropa im 14. und 15. Jahrhundert], Moskau 1963; KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie

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bot auch das in den novgorodisch-livländischen Handelsverträgen zugrunde gelegte Gleichheitsprinzip, dank dessen sowohl die Hansen in Novgorod als auch die ins Ausland reisenden Novgoroder im Handel und Rechtsbereich gleichgestellt waren14. Obwohl der Handelsverkehr zwischen Novgorod und dem Hansegebiet rechtlich abgesichert war, wäre es falsch, die novgorodisch-hansischen Beziehungen als ganz konfliktfrei zu bewerten. Als Beweggründe für die Streitigkeiten dienten in der Regel verschiedene Störungen des Warenaustauschs, z.B. von beiden Seiten praktizierte Gaunereien, wie auch alltägliche Zwiste, die ziemlich oft in gewaltsames Vorgehen mündeten. Wegen der Anwesenheit zahlreicher Fremder in der großen russischen Stadt war es unmöglich, dies völlig zu beseitigen. Zum Zankapfel wurden ebenfalls die von den Hansen behaupteten Vorrechte, die die Novgoroder im Interesse ihres eigenen Gewinns zeitweilig zu beseitigen suchten15. Gewalt provozierende Konfliktsituationen entstanden auch an der russisch-livländischen Grenze, aber von einem konkreten Kriegsziel war dabei gewöhnlich keine Rede. Wie die jüngsten Forschungen zeigen, waren diese Grenzzwischenfälle vor allem durch die Wirtschaftstätigkeit der Einwohner in nicht zur deutlichen Abgrenzung geeigneten Landschaften (Wäldern, ————————————

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Anm. 5); E[lena] A. RYBINA, Inozemnye dvory v Novgorode XII–XVII vv. [Die ausländischen Höfe in Novgorod im 12.–17. Jahrhundert], Moskau 1986; Norbert ANGERMANN, Die Hanse und Rußland, in: Nordost-Archiv 20 (1987), S. 57–92; RYBINA, Novgorod i Ganza (wie Anm. 7); Anna L. CHOROŠKEVIČ, Der deutsche Hof in Novgorod und die deutsche Herberge (Fondaco dei Tedeschi) in Venedig im 13./14. Jahrhundert. Eine vergleichende Vorstudie, in: Zwischen Lübeck und Novgorod. Wirtschaft, Politik und Kultur im Ostseeraum vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Norbert Angermann zum 60. Geburtstag, hg. v. Ortwin PELC / Gertrud PICKHAN, Lüneburg 1996, S. 67–87. „De Naugarder zal vorwaren den Dutzschen alse zynen brodere, den Naugarden; unde de Dutzsche zal vorwaren den Naugarder alse zynen brodere, den Dutzschen.“ Aus dem novgorodisch-hansischen Vertrag vom 16.7.1436, in: Liv-, est- und kurländisches Urkundenbuch, Abt. I, Bd. 9 (1436–1443), hg. v. Friedrich Georg von BUNGE, Riga 1889, Nr. 76; Hanserezesse, Abt. II (1431–1476), Bd. 1, hg. v. Goswin von der ROPP, Leipzig 1876, Nr. 587; Gramoty Velikogo Novgoroda i Pskova [Die Urkunden Groß-Novgorods und Pleskaus], Moskau 1949, Nr. 67. ANGERMANN / ENDELL, Die Partnerschaft mit der Hanse (wie Anm. 12), S. 99–101; RYBINA, Novgorod i Ganza, (wie Anm. 7), S. 75–77. Die Novgoroder versuchten zeitweilig, gleichberechtigen Handel mit den Hansen in Novgorod zu betreiben, und traten gegen die Festlegung der hansischen Vorrechte in Verträgen auf. E[lena] A. MEL’NIKOVA, O juridičeskom statuse Gotskogo dvora v Novgorode v seredine XIII v. [Über den rechtlichen Status des Gotenhofes in Novgorod in der Mitte des 13. Jahrhunderts], in: Velikij Novgorod i Srednevekovaja Rus’. Sbornik statej k 80-letiju akademika V. L. Janina, Moskau 2009, S. 95–103, hier S. 102 f.

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Sümpfen, Seen) bedingt und blieben örtlich beschränkt und kurzfristig. Interessanterweise brachten sie fast nie erhebliche Grenzveränderungen mit sich16, obwohl dieses betrübliche Geschehen zeitweilig von den livländischen Machthabern wie auch von den russischen Oberbehörden in ihrem politischen Bestreben ausgenutzt wurde17. Da die Novgoroder Grenze zu Livland durch den Fluss Narva genau markiert war, hatte übrigens Novgorod im Unterschied zu Pleskau (Pskov) wenig Vorwände für Streit mit den Nachbarn, was sowohl mit dem langen (bis 1492 dauernden) Fehlen von Festungen am russischen Narva-Ufer18 als auch mit den wenigen Erwähnungen von Grenzzwischenfällen mit den Livländern in den Novgoroder Chroniken übereinstimmt19. Bei sämtlichen Konflikten gerieten die Kaufleute beider Seiten in Bedrängnis, jedoch bedeutete die Erklärung des Konflikts den Beginn öffentlicher und rechtlich bindender Maßnahmen, während derer die Machthaber in Novgorod und Livland ebenso wie alle anderen daran Interessierten über die Konfliktursachen, beiderseitigen Forderungen und vermutlichen Versöhnungsmittel unbedingt benachrichtigt wurden. Das härteste Vorgehen, das in Groß-Novgorod gegen die hansischen Kaufleute praktiziert werden konnte, nämlich die Verhaftung der Kontorinsassen mit ihren Waren (besettinge) und die Schließung des Hansehofs, wurde in der Regel von der Nov———————————— 16

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Anti SELART, Zur Sozialgeschichte der Ostgrenze Estlands im Mittelalter, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 47 (1998), S. 520–543; E[vgenija] L. NAZAROVA, Iz istorii pskovsko-latgal’skogo porubež’ja (okrug Abrene v istoričeskoj retrospektive) [Aus der Geschichte des pleskauisch-letgallischen Grenzgebietes (Der Abrene-Bezirk in historischer Retrospektive)], in: Pskov v rossijskoj i evropejskoj istorii, Bd.1, Moskau 2003, S. 189– 197; M[arina] BESSUDNOVA, Pskov i Pskovskaja zemlja v kontekste russko-livonskich otnošenij konca XV veka (1494–1500) [Pleskau und das Pleskauer Land im Kontext der russisch-livländischen Beziehungen am Ende des 15. Jahrhunderts (1494–1500)], in: Archeologija i istorija Pskova i Pskovskoj zemli, Bd. 54, Pskov 2009, S. 302–324. Anti SELART, Rol’ Pskova v vnutrilivonskoj vojne konca XIII – načala XIV v. [Die Rolle Pleskaus im innerlivländischen Krieg am Ende des 13. – Anfang des 14. Jahrhunderts], in: Pskov v rossijskoj i evropejskoj istorii (wie Anm. 16), S. 173–179. 1417 beabsichtigten die Novgoroder, am Ort des künftigen Ivangorod eine Festung zu errichten, aber dieses Vorhaben blieb ohne Verwirklichung. Siehe Liv-, est- und kurländisches Urkundenbuch, Abt. I, Bd. 5 (1414–1423), hg. v. Friedrich Georg von BUNGE, Riga 1867, Nr. 2142, S. 234; Nr. 2150, S. 248. A[leksandr] IVANOV, Preemstvennost’ russkoj istoriografičeskoj tradicii v osveščenii Rossii i Latvii (do 1917 g.) [Die Kontinuität der russischen historiografischen Tradition bei der Beleuchtung der Beziehungen zwischen Russland und Lettland (bis 1917)], in: Daugavpils Universitātes Humanitārās fakultātes XII Zinātnisko lasījumu materiāli. Vēsture, VI sējums, I daļa, Daugavpils 2003, S. 62–68, hier S. 63.

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goroder Volksversammlung (veče) unter der Augenzeugenschaft von vielen Personen festgelegt. Ebenso wurde ein Beschluss über die Festnahme der russischen Kaufleute in den livländischen Städten von den Stadträten gefasst und schon bald danach vor die Öffentlichkeit gebracht20. Das beiderseitige Interesse am gewinnbringenden Handel förderte die allgemeine Bereitschaft, Streitigkeiten immer wieder zu beenden und einen dauerhaften Frieden herzustellen. Die von beiden Seiten angenommenen und mit dem Küssen des Kreuzes (krestocelovanie) bestätigten Abkommen dienten dabei als Instrument zur Regelung der Streitfragen. An den Friedensverhandlungen nahmen den starina-Normen entsprechend Repräsentanten beider Seiten teil. Gewöhnlich traten der posadnik (borgermester), der tysjackij (hertog) und der Erzbischof auf Seiten Novgorods entsprechend auf, ebenso vertraten der Hofsknecht in Novgorod und die Räte der Hansestädte die hansischen Interessen. Es spricht also vieles dafür, dass Novgorod und Pleskau, eine weitere russische Handelsstadt, die ganz in der Nähe Livlands lag, an der Grenze zwischen dem orthodoxen und dem katholischen kulturell-historischen Raum eine spezifische Puffer- oder Kontaktzone bildeten, wo objektive Bedingungen für ein Zusammenwirken dieser typologisch unterschiedlichen „Welten“ entstanden. Das russische „Unterland“ (Niz, nizovye zemli), wo ähnliche Bedingungen fehlten, konnte infolgedessen seine Beziehungen zum westlichen Europa nur durch Vermittlung der beiden „Veče-Republiken“ Novgorod und Pleskau anknüpfen. Dieses System sicherte die relative Stabilität in den russisch-livländischen Angelegenheiten im ganzen Mittelalter, aber seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts begann es stufenweise zu verfallen. Nach der Unterwerfung Groß-Novgorods durch Ivan III. erstreckte sich das riesige Herrschaftsgebiet, das der Großfürst von Moskau als sein „Vatererbe“ (otčina) begriff, bis an Livlands Grenzen. In der ausländischen Geschichtsliteratur wird dieser Umstand gewöhnlich als Grund für eine Erschwerung der Lage Livlands angeführt, obwohl wir im Moment keinen schlagenden Beweis dafür haben, dass Ivan III. dasselbe ebenfalls seiner Herrschaft zu unterwerfen beabsichtigte. Das nach 1478 folgende Gesche———————————— 20

Jörg LEUSCHNER, Novgorod. Untersuchungen zu einigen Fragen seiner Verfassungs- und Bevölkerungsstruktur, Berlin 1980; ANGERMANN, Die hansisch-russische kulturelle Begegnung (wie Anm. 10), S. 195 f.; DERS. / ENDELL, Die Partnerschaft mit der Hanse (wie Anm. 12), S. 101–106; O[leg] B. MARTYŠIN, Vol’nyj Novgorod. Obščestvenno-političeskij stroj i pravo feodal’noj respubliki [Das freie Novgorod. Die gesellschaftliche und politische Struktur und das Recht der Feudalrepublik], Moskau 1992, S. 370–383; CHOROŠKEVIČ, Der deutsche Hof in Novgorod (wie Anm. 13).

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hen lässt uns annehmen, dass die Hauptursache der mehrfachen Reibungen in den damaligen russisch-livländischen Beziehungen in der vollständigen Veränderung des traditionellen Verkehrs zwischen dem orthodoxen Osten und dem katholischen Westen zu suchen ist. Es ist dabei in Betracht zu ziehen, dass der siegreiche Moskauer Staat im Vergleich zum niedergeworfenen Novgorod ein völlig anderes Modell der gesellschaftlichen Organisation darstellte21. Ohne seine Wirtschaft und seinen Fernhandel zu entwickeln, stand er lange Zeit nicht in Kontakt mit dem katholischen Westen, sondern mit der Goldenen Horde22, mit deren Hilfe Moskau kurz vorher zum mächtigsten der russischen Fürstentümer aufgestiegen war23. Von den tatarischen Khanen, für deren Nachfolger sich der Großfürst von Moskau hielt, übernahm er dann eine besondere Vorstellung von seiner unbegrenzten Macht, die unter dem Einfluss der aus Byzanz rezipierten Ideen schrittweise zum Moskauer Konzept der zarischen Autokratie wurde. Während der Herrscher und seine Untertanen im Westen als Glieder eines politischen Korpus betrachtet wurden, wodurch ihre Zusammenarbeit bei der Regelung von Konflikten und der Staatsverwaltung gesichert wurde, galt der Moskauer Großfürst als Träger der kaiserlichen bzw. von Gott sanktionierten alleinigen Macht. Man glaubte auch, sein Wille verlöre deswegen seine subjektive Na———————————— 21

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Während der Verhandlungen mit Ivan III. 1478/79 baten die Novgoroder, die Ordnung der Stadtverwaltung nicht zu ändern, da das Steuersystem Moskaus ihren Worten nach ihnen ganz unbekannt wäre. Vgl. Nikolaj I. KOSTOMAROV, O značenii Velikogo Novgoroda v russkoj istorii [Über die Bedeutung Groß-Novgorods in der russischen Geschichte], in: DERS., Sobranie sočinenij, Bd. 1, St. Petersburg 1903; B[oris] D. GREKOV, Novgorod i Rus’ [Novgorod und die Rus’], Moskau 1942; N[atalija] L. PODVIGINA, Očerki social’no-ėkonomičeskoj i političeskoj istorii Novgoroda Velikogo v XII–XIII vv. [Studien zur sozialökonomischen und politischen Geschichte Groß-Novgorods im 12.– 13. Jahrhundert], Moskau 1976, S. 3; A[leksandr] A. ZIMIN, Vitjaz na raspute. Feodal’naja vojna v Rossii XV v. [Der Recke am Scheideweg. Der Feudalkrieg in Russland im 15. Jahrhundert], Moskau 1991, S. 191–211; Ė. L. KINAN [Edward L. KEENAN], Problema Moskovii. Nekotorye nabljudenija nad problemami sravnitel’nogo izučenija stilja i žanra v istoričeskich trudach [Das Problem Moskowiens. Einige Beobachtungen zu den Problemen der vergleichenden Erforschung des Stils und Genres in historischen Werken], in: Archiv russkoj istorii, Bd. 3, Moskau 1993, S. 187–208 ; V[iktor] G. SMIRNOV, Istorija Velikogo Novgoroda [Geschichte Groß-Novgorods], Moskau 2006, S. 424–441. Bemerkenswert ist, dass der Handelsverkehr mit der Goldenen Horde im 14. und 15. Jahrhundert für Moskau am intensivsten war. Siehe Norbert ANGERMANN, Deutsche Handelsverbindungen mit Moskau im 15. und 16. Jahrhundert, in: Hansische Geschichtsblätter (künftig HGbll.) 125 (2007), S. 121–142, hier S. 125. N[ikolaj] S. BORISOV, Politika moskovskich knjazej. Konec XIII – pervaja polovina XIV veka [Die Politik der Fürsten von Moskau. Ende des 13. – erste Hälfte des 14. Jahrhunderts], Moskau 1999.

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tur und würde zu einer sakralen Substanz, damit er seine Macht bei bedingungslosem und vollem Gehorsam seiner Untertanen zum Wohle des ganzen orthodoxen Christentums ausüben könne24. Diese Idee kam am ausgeprägtesten in der russischen Publizistik vom Ende des 15. und besonders vom Anfang des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck25. In der Folge entstand im Moskauer Staat ein spezifischer, der Leibeigenschaft ähnlicher Typ der Untertänigkeit (cholopstvo), was den Untertanen aller sozialen Schichten widerspruchlosen Gehorsam zur Pflicht machte26. Der Großfürst sah sich seinerseits vor die Aufgabe gestellt, den orthodoxen Glauben und dessen Angehörige in der ganzen Welt zu beschützen, was für seine Unternehmungen häufig viel wesentlicher als politische Kalkulationen war27. Deshalb ist es nicht ———————————— 24

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Die umfangreiche Historiografie dazu bei A[leksandr] I. FILJUŠKIN, Tituly russkich gosudarej [Die Titel der russischen Herrscher], St. Petersburg 2006. Dazu ausführlich Vladimir VAL’DENBERG, Drevnerusskie učenija o predelach carskoj vlasti [Die altrussischen Lehren von den Grenzen der Zarenmacht], Petrograd 1916 (2. Aufl., Moskau 2006); Rufina P. DMITRIEVA, Skazanie o knjazjach vladimirskich [Die Legende von den Fürsten von Vladimir], Moskau 1955; L[judmila] E. MOROZOVA, Ivan Groznyj i publicisty XVI v. o predelach i charaktere carskoj vlasti [Ivan Groznyj und die Publizisten des 16. Jahrhunderts über die Grenzen der Zarenmacht], in: Rimsko-konstantinopol’skoje nasledie na Rusi: Ideja vlasti i političeskaja praktika, Moskau 1995, S. 236–251; N[ina] V. SINICYNA, Tretij Rim: Istoki i ėvoljucija russkoj srednevekovoj koncepcii [Das Dritte Rom: Die Ursprünge und die Entwicklung der russischen mittelalterlichen Konzeption], Moskau 1998; A[ndrej] L. JURGANOV, Kategorii russkoj srednevekovoj kul’tury [Die Kategorien der russischen mittelalterlichen Kultur], Moskau 1998, S. 34 f.; A[leksandr] I. FILJUŠKIN, Model „carstva“ v russkoj srednevekovoj knižnosti XV–XVI vv. [Das Modell des „Zarenreichs“ im russischen mittelalterlichen Schrifttum des 15.–16. Jahrhunderts], in: Germenevtika drevnerusskoj literatury, Bd. 10, Moskau 2000, S. 261–279; A[ndrej] V. KARAVAŠKIN, Russkaja srednevekovaja publicistika: Ivan Peresvetov, Ivan Groznyj, Andrej Kurbskij [Die russische mittelalterliche Publizistik: Ivan Peresvetov, Ivan Groznyj, Andrej Kurbskij], Moskau 2000. V[ladimir] B. KOBRIN, A[ndrej] L. JURGANOV, Stanovlenie despotičeskogo samoderžavija v srednevekovoj Rusi (k postanovke problemy) [Die Entstehung der despotischen Selbstherrschaft in der mittelalterlichen Rus’ (zur Problemstellung)], in: Istorija SSSR 1991, Nr. 4, S. 54–64. Für die russische Publizistik vom Ende des 15. Jahrhunderts ist der Vergleich Moskaus mit einem mystischen und darum grenzenlosen „Römischen Reich“ typisch. Der Moskauer Herrscher wurde im Rahmen dieses Konzepts als Beschützer des rechten Glaubens bzw. der Orthodoxie in der ganzen Welt bezeichnet. KOBRIN / JURGANOV, Stanovlenie despotičeskogo samoderžavija (wie Anm. 26). Die Kriege mit Litauen und Livland im 16. Jahrhundert wurden darum von den Herrschern von Moskau mit der Notwendigkeit der Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Feinde begründet. Dazu Horst JABLONOVSKI, Westrußland zwischen Wilna und Moskau, Leiden 1955, S. 128–132; M[ichail] M. KROM, Meždu Rus’ju i Litvoj. Pograničnye zemli v sisteme russko-litovskich otnošenij konca XV – pervoj treti XVI v. [Zwischen der Rus’ und Litauen. Die Grenzgebiete im System der

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überraschend, dass der Großfürst von Moskau sich im Recht glaubte, in das Handeln der livländischen Landesherren und Städte ebenso wie in das politische Vorgehen der Herrscher von Litauen und Kazan’, einzugreifen, wenn es um orthodoxe Personen ging. Der politische Anschluss des russischen Nordwestens an Moskau musste also viele Veränderungen mit sich bringen. Der Großfürst von Moskau hatte kaum klare Vorstellungen über die wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen des Novgoroder Fernhandels und über die Verkehrsordnung der Volchovstadt mit dem Westen, aber Novgorods ökonomische und strategische Bedeutung war ihm zweifellos gut bekannt. Livland konnte er auch kaum entbehren. Hinzuweisen ist hier auf seine Botschafter, die durch dieses Land zur Anbahnung diplomatischer Verbindungen mit den europäischen Herrschern und zur Anwerbung von „überseeischen“ Handwerkern hin und her reisten, und ebenso auf die legal und schwarz handelnden Kaufleute, die den großen Bedarf des Moskauer Staates an Metallen, die traditionell als Rohstoffe für das Novgoroder Handwerk dienten28, sowie an moderner Rüstung29 und Kriegspferden aus Livland deckten. Es ist deshalb nicht überraschend, dass Ivan III., der ursprünglich kein Interesse an einer Handelsunterbrechung und an Konflikten mit der Hanse hatte, nach der Unterwerfung Novgorods die novgorodisch-hansische starina nicht brechen ließ und schon bald den geltenden Handelsvertrag von 1474 prolongierte30. Ließe sich Ivan III. in seiner Politik ausschließlich von ökonomischen Kalkulationen leiten, hätte sich diese Tatsache für Livland wohl günstig ausgewirkt. Bei diesem Großfürsten aber spielten die ökonomischen Motive keine so große Rolle, wie es die russländische Forschungstradition darstellt; vielmehr setzte er in seinen inneren und äußeren Angelegenheiten politische und ideologische Anliegen an die oberste Stelle. Ohne die Unterwerfung von Kazan’ und eine ihm genehme Lösung der Streitsachen mit dem Großfürstentum Litauen zu erreichen, worin die Hauptaufgaben seiner Außenpo————————————

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russisch-litauischen Beziehungen am Ende des 15. und im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts], Moskau 2009; A[nna] L. CHOROŠKEVIČ, Rossija v sisteme meždunarodnych otnošenij serediny XVI veka [Russland im System der internationalen Beziehungen in der Mitte des 16. Jahrhunderts], Moskau 2003. V[alentin] L. JANIN, Raskopki v Novgorode [Die Ausgrabungen in Novgorod], in: DERS., Srednevekovyj Novgorod. Očerki archeologii i istorii, Moskau 2004, S. 59–89, hier S. 61 f. 1483 kaufte ein Italiener namens Antonio Waffen für den Moskauer Herrscher in Lübeck. Vgl. ANGERMANN, Deutsche Handelsverbindungen mit Moskau (wie Anm. 22), S. 130. Hansisches Urkundenbuch, Bd. 11 (1486–1500), hg. v. Walther STEIN, München 1916 (künftig HUB 11), Nr. 95.

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litik bestanden31, wäre die Eroberung Livlands zu abenteuerlich gewesen, weil der Moskauer Staat dadurch vor eine schwierige Situation gestellt werden konnte. Aus diesem Grund, so kann man vermuten, bezeichnete Ivan III. Livland nicht als sein „Vatererbe“, wie das sein Enkel Ivan IV. (1533–1583) am Vorabend des Livländischen Krieges tat32. Zum anderen beunruhigte den Großfürsten zweifellos, dass die livländischen Staaten sich mit einem seiner Feinde, vor allem mit Litauen, in ein gegen Moskau gerichtetes Offensivbündnis begeben könnten33, und benötigte darum ein wirkungsvolles Überwachungsmittel, um eine solche gefährliche Annäherung abzuwenden. Die seit 1478 entlang der livländischen Grenze dislozierten russischen Truppen, die er bei seinen Offensiven gegen Litauen und Schweden auszunutzen beabsichtigte, passten für diesen Zweck ideal. Die Stationierung zahlreicher Soldaten im Novgoroder und Pleskauer Land war indessen von ihrem gewaltsamen Vorgehen gegen Livländer begleitet, was die Lage an der Grenze besonders nachteilig beeinflusste. Doch damit ist noch nicht alles gesagt. Dass das Geschehen in Novgorod seinerseits dazu beitrug, steht außer Zweifel. Wie schon der große russische Historiker Michail Nikolaevič Karamzin bemerkte, stand Groß-Novgord wegen seines Gemeinwesens in direktem Widerspruch zur Idee der Alleinherrschaft34; infolgedessen hatte Ivan III. kein Interesse daran, die Stadt in ihrem bisherigen Zustand zu belassen35. Um sie zu einen ihm genehmen Verhalten zu bringen, musste der ———————————— 31

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Andreas KAPPELER, Vom Moskauer Fürstentum des 15. zum eurasischen Vielvölkerreich Russland des 17. Jahrhunderts: Europäische Expansion oder Orientalisierung Osteuropas?, in: Globalgeschichte, 1450–1620. Anfänge und Perspektiven, Wien 2002 (Edition Weltregionen 4), S. 157–178; DERS., Formirovanie Rossijskoj imperii v XV – načale XVI veka: nasledstvo Rusi, Vizantii i Ordy [Die Bildung des Russländischen Reiches im 15. – Anfang des 16. Jahrhunderts: das Erbe der Rus’, von Byzanz und der Horde], in: Rossijskaja imperija v sravnitel’noj perspektive, Moskau 2004, S. 94–114, hier S. 98 f. Angermann meint, dass dieser Diskurs erst später entstand (Norbert ANGERMANN, Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs, Marburg 1972 [Marburger Ostforschungen 32], S. 7–10), aber nach Choroškevič kann man diesen bereits in der ersten Fassung der „Legende über die Fürsten von Vladimir“ finden, die vor 1547 entstanden war (CHOROŠKEVIČ, Rossija v sisteme meždunarodnych otnošeij [wie Anm. 27], S. 202 f.). Grzegorz BŁASZCYK, Litwa na przełomie średniowecza i nowożytności. 1492–1569 [Litauen an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. 1492–1569], Poznań 2002, S. 67. N[ikolaj] M. KARAMZIN, Istorija gosudarstva Rossijskogo [Die Geschichte des russländischen Staates], Bd. 5, Moskau 1993, S. 282. Russländische Historiker gestehen zu, dass Ivan III. seine gesamte Innenpolitik im Rahmen der Überlieferungen der nordöstlichen Rus’ führte und folglich „eine stufenwese Verwandlung seiner Untertanen zu Leibeigenen [cholopy] erstrebte.“ KOBRIN / JURGANOV,

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Großfürst alle Novgoroder Gesellschaftsstrukturen dem moskowitischen „Standard“ anpassen, was von der russländischen Historiografie in der Regel positiv bewertet wird36. Darauf gerichtete Maßnahmen wurden in Novgorod teils bewusst, teils unbewusst – aus Unkenntnis des novgorodischen Spezifikums – von den moskowitischen Statthaltern verwirklicht, die, daran konnte kein Zweifel bestehen, Instruktionen des Großfürsten umsetzten. Dass der Letztgenannte dadurch seine neue Machtposition als „Alleinherrscher der ganzen Rus’“ bestätigen wollte37, steht für uns außer Frage. Wie dem auch sei, Groß-Novgorod erlebte am Ende des 15. Jahrhunderts eine der schwersten Erschütterungen in seiner Geschichte38. Die Macht und die Größe der Volchov-Metropole gehörten jetzt der Vergangenheit an. Mit den kollegialen Machtinstitutionen wurde Schluss gemacht. Man reformierte die Kirche39, die administrative Struktur und damit auch die Wirtschafts- und Steuersysteme, was in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts durch eine Bevölkerungs- und eine Landaufnahme begleitet wurde40. Zum Vorteil der ————————————

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Stanovlenie despotičeskogo samoderžavija (wie Anm. 26), S. 58. Bei der Einverleibung der anderen russischen Fürstentümer, deren Gesellschaftsordnung der moskowitischen ähnlich war, benötigte Moskau keine so radikalen Maßnahmen. R[uslan] G. SKRYNNIKOV, Istorija Rossijskaja IX–XVII vv. [Russländische Geschichte des 9.–17. Jahrhundert], Moskau 1997, S. 196 f. KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 195–198. Es gibt die Auffassung, Ivans III. Macht sei ziemlich beschränkt gewesen, da sie kein solides Fundament hatte. J[urij] V. KRIVOŠEEV, Rus’ i mongoly. Issledovanie po istorii Severo-Vostočnoj Rusi XII–XV vv. [Die Rus’ und die Mongolen. Eine Untersuchung zur Geschichte der Nordöstlichen Rus’ im 12.–15. Jahrhundert], St. Petersburg 2003, S. 405. Um seinen Status als Herrscher im eroberten Novgorod zu stärken, benutzte der Großfürst sowohl den Mythos des Verrats der Novgoroder an der Orthodoxie als auch umfangreiche Bodenverleihungen an die ihn unterstützenden Adligen. Dazu ausführlich R[uslan] G. SKRYNNIKOV, Tragedija Novgoroda [Die Tragödie Novgorods], Moskau 1994; JANIN, Očerki po istorii srednevekovogo Novgoroda (wie Anm. 10), S. 322–330. SKRYNNIKOV, Tragedija Novgoroda (wie Anm. 38), S. 30–33; O[lga] KUZMINA, Respublika svjatoj Sofii [Die Republik der Heiligen Sophie], St. Petersburg 2008, S. 366–374. Andrej M. GNEVUŠEV, Očerki ėkonomičeskoj i social’noj žizni sel’skogo naselenija Novgorodskoj oblasti posle prisoedinenija Novgoroda k Moskve [Studien zum wirtschaftlichen und sozialen Leben der Landbevölkerung des Novgoroder Gebietes nach Novgorods Anschluss an Moskau], Kiev 1915, Bd. 1. S. 131–135, 139–140; V[iktor] N. BERNADSKIJ, Novgorod i Novgorodskaja zemlja v XV v. [Novgorod und das Novgoroder Land im 15. Jahrhundert], Moskau, 1961, S. 314–352; A[leksej] G. NOVOŽYLOV, Derevnja i dvor novgorodskich piscovych knig konca XV v. [Dorf und Hof in den Novgoroder Inventarbüchern vom Ende des 15. Jahrhunderts], in: Trudy kafedry istorii Rossii s drevnejšich vremen do XX veka, St. Petersburg 2006, S. 479–502; A[natolij] A. FROLOV, Novyj vzgljad na territorial’no-administrativnuju sistemu Gospodina Velikogo Nov-

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aus Moskau nach Novgorod umgesiedelten Kaufleute wurde die traditionelle Handelsordnung völlig verändert41, wobei auch die metrische Autonomie Novgorods aufgehoben wurde42. 1508 ließ Ivans Sohn Vasilij III. sogar den Marktplatz nach Moskauer Art umbauen43. Die Novgoroder erlebten dies alles äußerst schmerzhaft, aber dasselbe harte Vorgehen bedrängte auch die in Novgorod handelnden Hansen, hauptsächlich die livländischen Bürger. Anderes war nicht zu erwarten, weil das gesellschaftliche Gemeinwesen Novgorods, das der Großfürst von Moskau konsequent vernichtet hatte, nicht zuletzt durch die Intensivität und Vielfältigkeit der novgorodisch-hansischen Verbindungen bestimmt gewesen war. Die Hansen hatten Interesse an weiteren Handelsfahrten nach Novgorod, sogar auch an der Herstellung eines Warenverkehrs mit Moskau44, aber sie verstanden kaum, dass ihre Beziehungen mit den Russen jetzt rechtlich anders als früher organisiert werden sollten. Am Verhalten des Moskauer Herrschers gegenüber der Hanse wird ganz deutlich erkennbar, dass er nicht beabsichtigte, gegen hansische Privilegien anzukämpfen, dass er auch keine Erfahrung in der Fernhandelsregulierung hatte, wie er auch keine genau konzipierte Politik gegenüber der Hanse verfolgte. Auf dem Wege zur Stärkung seiner Position suchte Ivan III. aber um die Bestätigung durch die Hanse nach, gleichzeitig war er bestrebt, sich an den Novgoroder Beziehungen mit dem Westen als aktiver Faktor zu beteiligen, was nur mit einer totalen Erneuerung sämtlicher auf der starina begründeten russisch-hansischen Kontakte erreichbar war. Hier ist ein substantieller Unterschied zwischen den damaligen deutschen (bzw. westeuropäischen) und moskowitischen Rechtsauffassungen in Betracht zu ziehen. Während die Hansen versuchten, ihre Vorrechte im Russlandhandel durch die Vereinbarungen des geltenden russisch-hansischen Handelsvertrages zu sichern, meinten die Moskowiter, ihr Herrscher hätte als höchster weltlicher Würdenträger das Recht, seinen Willen über staat-

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goroda [Eine neue Auffassung vom territorial-administrativen System des Herrn GroßNovgorod], in: Novgorodskij istoričeskij sbornik 11 (2008), S. 151–165. ANGERMANN, Deutsche Handelsverbindungen mit Moskau (wie Anm. 22), S. 130. I[van] I. SMIRNOV, K voprosu o merach v Moskovskom gosudarstve v XVI veke [Zur Frage nach den Maßen im Moskauer Staat im 16. Jahrhundert], in: Učenye zapiski Leningradskogo gosudarstvennogo universiteta 48 (1939), Serija istoričeskich nauk 5, S. 29. SKRYNNIKOV, Tragedija Novgoroda (wie Anm. 38), S. 52. ANGERMANN, Deutsche Handelsverbindungen mit Moskau (wie Anm. 22). S. 121–142.

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rechtliche Gegebenheiten zu stellen45. Weil das alles für die aus dem Westen stammenden Leute völlig fremd war, betrachteten sie die seit 1478 von den Novgoroder Statthaltern durchgeführten Maßnahmen als ungerecht und willkürlich. Ihre negative Beurteilung der neuen Ordnung, die aus Moskau nach Novgorod übertragen worden war, erhielt noch mehr Gewicht dank des Umstands, dass die Moskowiter den Westeuropäern im Unterschied zu den Novgorodern und Pleskauern fast unbekannt waren und schon deswegen von ihnen als gefährlich betrachtet wurden46. Die Niederlage des livländischen Ritterordens im Krieg, den dieser gegen Pleskau und den das Letztere unterstützenden Großfürsten von Moskau 1480/81 geführt hatte47, zeigte indessen die Schwäche des durch innere Zwiste erschütterten Livland. Darauf folgte jedoch nicht seine Unterwerfung durch Moskau, was als ein indirektes Indiz für den guten Willen Ivans III. gewertet werden könnte. Als der Krieg zu Ende war, normalisierte sich die Lage in der Region ziemlich schnell, weil beide Seiten, jede ihre besonderen Ziele verfolgend, nach einer gegenseitigen Annäherung strebten48. Es gab also gute Gründe für eine Wiederaufnahme der russischhansischen Vertragsbeziehungen. Die Verhandlungen darüber begannen um 1485 und waren 1487 zur Entscheidungsreife gediehen49. Hansischerseits nahmen daran Vertreter Revals (Tallinn) und Dorpats (Tartu) teil, während Novgorod und Pleskau als Repräsentanten des Großfürsten auftraten. Obwohl es damals nicht zu politischen Zugeständnissen kam, wurde der Ver———————————— 45

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Zum ersten Mal wurde diese Idee vom Bischof von Rostov, Vassian Rylo, in seinem „Sendschreiben an die Ugra“ 1480 ausgedrückt. VAL’DENBERG, Drevnerusskie učenija o predelach carskoj vlasti (wie Anm. 25), S. 160 f. BENNINGHOVEN, Rußland im Spiegel der livländischen Schonnen Hysthorie (wie Anm. 1), S. 11. COSACK, Zur Geschichte der auswärtigen Verwicklungen des Ordens in Livland 1478– 1483 (wie Anm. 1), S. 213–224; J[urij] G. ALEKSEEV, Pochody russkich vojsk pri Ivane III. [Die Feldzüge der russischen Truppen unter Ivan III.], Moskau 2006, S. 234–239, 267–269; Marina B. BESSUDNOVA, „Pervaja livonskaja vojna“ 1480–1481 gg. v kontekste ordenskoj diplomatii [Der „erste livländische Krieg“ 1480–1481 im Kontext der Ordensdiplomatie] (im Druck). COSACK, Zur Geschichte der auswärtigen Verwicklungen des Ordens in Livland 1478– 1483 (wie Anm. 1), S. 226 f.; KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 170. HUB 11, Nr. 276. Dazu auch Leopold K. GOETZ, Deutsch-russische Handelsverträge des Mittelalters, Hamburg 1916, S. 218–220; KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 182–195; M[arina] B. BESSUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI vv. [Groß-Novgorod am Ende des 15. – Anfang des 16. Jahrhunderts], Velikij Novgorod 2009, S. 30–39.

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handlungsprozess dadurch sehr erschwert, dass Ivan III., seine Alleinherrschaft beim diplomatischen Spiel zur Geltung bringen wollte und, die qualitative Veränderung des russisch-hansischen Verkehrs bestätigend, von den Hansestädten forderte, ihre Haltung zu ihm durch „Kopfschlagen“ (čelobit’e) anzuerkennen und damit auf die Gleichheit und Gleichberechtigung der vertragschließenden Seiten zu verzichten. Die weiteren Forderungen Ivans III., die die Sicherheit der über die Ostsee reisenden russischen Kaufleute und eine neu geordnete Verteilung der bei Schiffbrüchen geretteten Waren betrafen, standen ebenfalls in direktem Widerspruch zum im Ostseeraum geltenden Grundsatz „jeder trägt seinen Schaden selbst“. Deswegen setzten sich die Hansen dagegen zur Wehr, jedoch ohne Erfolg. Unter dem Druck von Seiten der großfürstlichen Bevollmächtigten gaben die Hansen nach, und dadurch entstand die große Gefahr, dass diese Divergenz zahlreiche Gegensätze im russisch-hansischen Handel provozieren könnte50. Die Erneuerung des Handelsvertrages im Jahre 1487 und die danach folgende Wiederbelebung des hansischen Kontors in Novgorod brachten den russisch-hansischen und russisch-livländischen Beziehungen jedoch keine Stabilität. Die Massendeportationen der reichen Kaufleute und Bojaren in den Jahren 1487 bis 1489 auf den Befehl des Moskauer Großfürsten, der damit seine Herrschaft im besiegten Novgorod sichern wollte, verkleinerten erheblich das soziale Milieu, mit dem die Entwicklung des novgorodischhansischen Handels stets verbunden gewesen war und das die starinaRechtsnormen genutzt hatte. Wenn auch die Frage nach der Zweckmäßigkeit und den Zielen der so gravierenden Maßnahme bis heute ohne klare Antwort bleibt51, kann man doch nicht daran zweifeln, dass sich dieselbe äußerst nachteilig auf den Novgoroder Fernhandel auswirkte52. Dazu ist noch eine wichtige Bemerkung hinzuzufügen: Die gewaltsame Beendigung des traditionellen Warenaustausches war nicht von der Schaffung einer alternativen Variante, die auch nur teilweise so wirkungsvoll hätte sein können, begleitet. Die von Ivan III. nach Novgorod umgesiedelten Leute aus ———————————— 50

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Die Hansen bezeichneten den Handelsvertrag von 1487 als „eyne brugge, darumme nicht to vele uplegge, se vellet anders int wather“ (HUB 11, Nr. 102 § 16). BERNADSKIJ, Novgorod i Novgorodskaja zemlja v XV v. (wie Anm. 40), S. 164 f., 337 f.; KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 195 f.; SELART, Zur Geschichte der Russen in Livland (wie Anm. 3), S. 197–201; PERCHAVKO, Torgovyj mir srednevekovoj Rusi (wie Anm. 5), S. 456–463; JANIN, Očerki po istorii srednevekovogo Novgoroda (wie Anm. 10), S. 329 f. ANGERMANN / ENDELL, Die Partnerschaft mit der Hanse (wie Anm. 12), S. 86; SELART, Zur Geschichte der Russen in Livland (wie Anm. 3), S. 198–204.

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Moskau verfügten über kein Großkapital, hatten keine Geschäftsbeziehungen und Erfahrung, womit sie den Fernhandel mit den westeuropäischen Ländern erfolgreich hätten betreiben können53. Die Konjunktur des Marktes im Ostseeraum und die dort geltenden Rechtsnormen waren ihnen ebenfalls fast unbekannt; sie ließen sich außerdem viel mehr als die Novgoroder und Pleskauer von Misstrauen und Gegnerschaft gegenüber den „Lateinern“ leiten54. Berücksichtigen wir ferner die Liquidation der Bojarendomänen, dieser „Hauptzellen der Novgoroder Struktur“55, die traditionell die Novgoroder Ausfuhrartikel zum Markt geliefert hatten, dann wird uns wohl deutlich, aus welchem Grund Novgorod nach seiner Einverleibung schnell an Bedeutung zu verlieren begann56. Jedenfalls konnte der russisch-hansische Vertrag von 1487 für den Warenaustausch keinen Aufschwung bringen. Außerdem zeigte sich, dass er den Handelsverkehr rechtlich keineswegs sicherte. Schon bald nach dem Vertragsabschluss begannen die Novgoroder Statthalter, die vor kurzem getroffenen Vereinbarungen brechend, die Ordnung im Salz- und Honigverkauf zu ändern, was in der russischen Historiografie gewöhnlich als Zeugnis eines gegen die handelspolitische Herrschaft der Hanse über die Ostsee gerichteten Regierungsprogramms betrachtet wird57. Lassen wir diese kontroverse Schlussfolgerung, die zweifellos eine genauere Untersuchung aufgrund eines soliden Quellenfundus erfordert, vorläufig ohne Antwort, bemerken aber dabei, dass die Vernachlässigung der starina-Normen in Novgorod die mit den Hansen handelnden Russen zu Geschäftsfahrten nach Livland bewog, wo sie fortfuhren, den Handel auf der alten Rechtsgrundlage zu betreiben. Somit beweist die Aktivität der russischen Kaufgäste in Livland, dass sie keine gewichtigen Forderungen nach einer Änderung der starina wie auch gegenüber den Hansen selbst hatten. Das harte Vorgehen Ivans III. war nicht gegen die Hansen, sondern gegen die Reste der Novgoroder Freiheit gerichtet gewesen. Das russische Sprichwort lautet: Wo man Holz schlägt, fallen Späne; die Hansen in Novgorod hatten die Gelegenheit, schlechte Er———————————— 53

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Dieser Umstand wird in den Klagen von Hansen vorgebracht. Siehe Hansisches Urkundenbuch, Bd. 9 (1463–1470), hg. v. Walther STEIN, München 1903, Nr. 227. SELART, Zur Geschichte der Russen in Livland (wie Anm. 3), S. 203 f. V[alentin] L. JANIN, Novgorodskaja feodal’naja votčina (istoriko-genealogičeskoe issledovanie) [Der Novgoroder feudale Erbgrundbesitz (historisch-genealogische Untersuchung)], Moskau 1981; DERS., Raskopki v Novgorode (wie Anm. 28), S. 63. Norbert ANGERMANN, Nowgorod – das Kontor im Osten, in: Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos, hg. v. Jörgen BRACKER, Lübeck 1999, S. 234–241, hier S. 240 f. KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 195–200.

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fahrungen dieser Art zu machen. Allerdings, wenn wir den Niedergang des Novgoroder Fernhandels und die dadurch verursachte Verringerung des Einkommens aus Handelszöllen berücksichtigen, erscheint es als wahrscheinlich, dass die von den Statthaltern veranlasste Erhöhung des Wägegeldes für Salz und Honig nur finanzielle Ursachen hatte. Einen kräftigen Schlag gegen den Hansehandel in Novgorod vollzog Ivan III. mit der Schließung des St. Peterhofes am 6. November 1494. Trotz der langen Forschungsgeschichte ist die Frage nach deren Ursachen und Umständen bis heute Gegenstand von Diskussionen58. Dabei geht es nicht nur um den Mangel an Quellen. Obgleich sich auf jenes Ereignis ziemlich viele Quellen beziehen, führt dies keineswegs dazu, dass sich dessen Hintergründe deutlich erkennen ließen. Die russischen Chroniken, in denen die Novgorod-Aktion in offizieller Weise dargestellt ist, sagen über die Einzelheiten fast nichts. Danach zu urteilen, sieht es so aus, als ob sich der Großfürst von Moskau durch die schlechte Behandlung seiner Gesandten und der russischen Kaufleute in den livländischen Hansestädten und besonders durch die Hinrichtung eines russischen Kaufmanns in Reval stark gekränkt fühlte und daher befahl, das Hansekontor zu schließen und seine Bewohner mit ihren Waren in Haft bzw. in Beschlag zu nehmen. Aber die gegen die Livländer gerichteten Anklagepunkte, die im moskowitischen Diskurs betont wurden, waren von Anfang an verschieden formuliert und erhielten ihre endgültige Fassung erst 149759, was indirekt ihren künstlichen Charakter beweist. Das Fehlen von deutlich formulierten Anklagen überrascht nicht, weil wir hier ein Beispiel der in der russischen Innenpolitik verbreiteten Ungnade (opala) vor uns haben, die im Regelfall nicht eine Strafe für Schuld, sondern eine Folge des „Zorns“ des Herrschers darstellte, „dessen Ursachen zu ken———————————— 58

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Herrmann HILDEBRAND, Die hansisch-livländische Gesandtschaft des Jahres 1494 nach Moskau und die Schließung des deutschen Hofes zu Nowgorod, in: Baltische Monatsschrift 20 (1871), S. 115–136; Erik TIBERG, Moskau, Livland und Hanse 1487 bis 1547, in: HGbll. 93 (1975), S. 13–70, hier S. 30–34, 36–38; N[atalija] A. KAZAKOVA, Ešče raz o zakrytii ganzejskogo dvora v Novgorode v 1494 godu [Nochmals über die Schließung des Hansehofes in Novgorod im Jahre 1494], in: Novgorodskij istoričeskij sbornik 2 (12) (1984), S. 177–187; SELART, Zur Geschichte der Russen in Livland (wie Anm. 3), S. 177–210; BESSUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI v. (wie Anm. 49), S. 54–94; DIES., Die Schließung des hansischen Kontors in Novgorod im Jahre 1494 im Kontext der Beziehungen des Großfürsten von Moskau mit Maximilian von Habsburg, in: HGbll. 127 (2009), S. 69–99. Polnoe sobranie russkich letopisej [Vollständige Sammlung der russischen Chroniken, künftig PSRL], Bd. 28, Moskau 1963, S. 160.

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nen für den Gestraften selbst und für die anderen Untertanen unnötig war“60. Livländische und deutsche Quellen, welche das Bild des Geschehens erheblich ergänzen, lassen erkennen, dass die Ursachen der Schließung des Kontors für die Ausländer noch viel weniger klar waren als für die Russen. In ziemlicher Unkenntnis gelassen, stellten die Livländer und die anderen unterschiedliche Vermutungen an61. An diesen Zeugnissen ist wiederum die ausländische Historiografie stark gebunden. Es ist indessen davon auszugehen, dass wir bisher in den uns derzeit zugänglichen Quellen keinen einzigen zuverlässigen Beleg für die Motive der Schließung des Hansehofes in Novgorod finden können. Darum wäre es ratsam, dieses Ereignis vor dem Hintergrund der allgemeinen russisch-europäischen Problematik zu untersuchen, um die Antwort möglicherweise in der Logik der internationalen Beziehungen zu finden. Es entsteht zunächst der Eindruck, als gäbe es in diesem „zweifelhaften Unternehmen“, wie Nikolaj Borisov die Schließung des Hansekontors bezeichnete62, weder Sinn noch einen Vorteil, näherte sich dasselbe unter den oben geschilderten Umständen doch ohnedies schnell seinem Untergang. Anderseits drohten die Verbote des Handels mit den Russen, womit die Hanse die ausgeübte Gewalt erwartungsgemäß beantwortete, die Zufuhr von Metall, Rüstungsgütern und Kriegspferden entweder völlig zu unterbrechen oder wesentlich zu erschweren63, was am Vorabend des russisch-schwedischen Krieges (1495–1497) und bei den damals wieder entstandenen Zusammenstößen mit Litauen und Kazan’ schlimme Folgen für den Moskauer Staat haben konnte. Die populärste Hypothese lautet, Ivan III. habe den Schließungsbefehl erteilt, um damit seinen aus dem Vertrag von 1493 folgenden Bündnisverpflichtungen gegenüber dem dänischen König Johann I. (Hans) nachzukommen64. In diesem Fall wäre es nötig, genauer die Motive für sein ———————————— 60 61 62 63

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KOBRIN / JURGANOV, Stanovlenie despotičeskogo samoderžavija (wie Anm. 26), S. 59. Dazu SELART, Zur Geschichte der Russen in Livland (wie Anm. 3), S. 190–193. N[ikolaj] S. BORISOV, Ivan III, Moskau 2006, S. 512. Eine eigene Edel- und Buntmetallgewinnung fehlte im Moskauer Staat bis zum 17. Jahrhundert; die Metalle wurden dorthin meistens aus dem Ausland über Novgorod geliefert. Siehe A[leksandr] M. KOLYZIN, Torgovlja drevnej Moskvy (XII – seredina XV vv.) [Der Handel des alten Moskau (12. – Mitte des 15. Jahrhunderts)], Moskau 2001. S[ergej] M. SOLOV’EV, Istorija Rossii s drevnejšich vremen [Geschichte Russlands seit den ältesten Zeiten], Bd. 3, Moskau 1960, S. 130 f.; Georgij V. FORSTEN, Bor’ba iz-za gospodstva na Baltijskom more v XV i XVI stoletijach [Der Kampf um die Herrschaft über die Ostsee im 15. und 16. Jahrhundert], St. Petersburg 1884, S. 156; SCHIEMANN, Russland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert (wie Anm. 1), S. 158; Leopold K. GOETZ, Deutsch-russische Handelsgeschichte des Mittelalters, Lübeck 1922 (Hansische

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Abkommen mit dem Herrscher von Dänemark zu bestimmen, der einen Krieg mit dem Schwedens Statthalter Sten Sture beabsichtigte, obgleich Ivan III. auch mit dem Letztgenannten einige Monate zuvor einen Friedensvertrag geschlossen hatte65. Die Revision des russisch-schwedischen Vertrages von Nöteborg (Orešek) von 1323 und die Rückgabe einiger finnischer Dorfmarken (pogosty), die ursprünglich Groß-Novgorod gehört hatten, bildeten nur den „Gipfel des Eisbergs“ der geheimen Motive Ivans. Der Großfürst musste seine Teilnahme am Kampf gegen Schweden rechtfertigen, dessen Vorteile dem dänischen König zufallen sollten. Bemerkungswert ist, dass diese strittigen Siedlungen für die russischen Herrscher keineswegs von großer Bedeutung waren und erst im 18. Jahrhundert von Russland zurückgewonnen wurden66. Indem er den schweren Krieg im Nordwesten führte67, der dazu ein gegen Moskau gerichtetes Bündnis Schwedens mit Livland hätte zur Folge haben können68, schwächte Ivan III. seine Position in Bezug auf Kazan’ und Litauen, weshalb er große Probleme in diesen Hauptrichtungen seiner Außenpolitik bekam. Im Jahre 1497 wurde Ivans Kreatur in Kazan’ entthront69, und seine damaligen Reibungen mit dem Großfürsten Alexan————————————

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Geschichtsquellen N.F. 5), S. 187; BAZILEVIČ, Vnešnjaja politika (wie Anm. 5), S. 383; Paul JOHANSEN, Novgorod und die Hanse, in: Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte. Gedächtnisschrift für Fritz Rörig, hg. v. Ahasver von BRANDT / Wilhelm KOPPE, Lübeck 1953, S. 121–148, hier S. 141; CHOROŠKEVIČ, Russkoe gosudarstvo (wie Anm. 5), S. 69 f. Den Hintergrund der Kontorschließung bildete nach Tiberg die gegen Schweden gerichtete Politik Ivans III. Vgl. TIBERG, Moskau, Livland und Hanse 1487 bis 1547 (wie Anm. 58), S. 29–38. Der russisch-schwedische Friedensvertrag wurde in Novgorod im Februar 1493 abgeschlossen. Die Russen strebten dabei einen 10-jährigen Frieden an, aber die Schweden gewährten nur einen kurzfristigen. Vgl. Sverges traktater med främmande magter jemte andra dit hörande handlingar [Schwedens Verträge mit fremden Mächten samt anderer dazugehöriger Dokumente, Bd. 3, hg. v. Olof S. RYDBERG, Stockholm 1895, Nr. 420, 422). Bis zum Anfang des Livländischen Krieges waren die Beziehungen zwischen Moskau und Schweden konfliktfrei. Siehe A[leksandr] ŠIROKORAD, Severnye vojny Rossii [Die nördlichen Kriege Russlands], Minsk 2001, S. 96, 104. Die Vereinbarungen von Nöteborg von 1323 wurden erst im Vertrag von Åbo (Turku) 1743 teilweise in die Realität umgesetzt, als Russland den Bezirk Jaskis und den südöstlichen Teil des Lehens Savolax erhielt. ALEKSEEV, Pochody russkich vojsk pri Ivane III (wie Anm. 47), S. 334–366. M[arina] B. BESSUDNOVA, Volter fon Plettenberg i perspektiva oformlenija švedskolivonskogo sojuza v konce XV v. [Wolter von Plettenberg und die Perspektive des Abschlusses eines schwedisch-livländischen Bündnisses am Ende des 15. Jahrhunderts], in: XVI konferencija po izučeniju skandinavskich stran i Finljandii, Moskau 2008, S. 319 f. BAZILEVIČ, Vnešnjaja politika (wie Anm. 5), S. 397–402.

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der von Litauen drohten sich in einen Krieg auszuweiten70. Gleichzeitig bestieg Ivans Verbündeter Johann von Dänemark im Glanze seines Ruhms den schwedischen Thron. Es ist darum wahrscheinlich, dass Ivan III. beim Abschluss des hier behandelten Vertrags den größten Wert auf das Bündnis mit einem der mächtigsten westeuropäischen Herrscher legte. Es ist ja gut bekannt, dass er seit den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts eifrig eine Annäherung an die katholischen Staaten des westlichen Europa anstrebte, aber dabei nicht vorankam. Er verharrte zwischen 1489 und 1492 in der Hoffnung auf eine direkte Beziehung, genauer auf ein Militär- und Ehebündnis, mit dem deutschen König Maximilian von Habsburg, der zunächst großes Interesse an einem gemeinsamen Kampf gegen die Jagiellonen hatte, später aber dieses Projekt ziemlich ungeniert ablehnte71. Die kurz darauf getroffenen Abkommen Ivans III. mit den Herrschern von Dänemark (1493) und Litauen (1494) sollten seine erfolglosen Bemühungen um das glänzende Bündnis mit einem der Repräsentanten der Kaiserfamilie teilweise ausgleichen, aber sie besaßen, wie die weiteren Ereignisse zeigten, kein solides Fundament.

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1497/98 zeigte sich erneut Widerstand der nach dem russisch-litauischen Vertrag von 1494 von Litauen an Moskau übergebenen Städte Mzensk, Ryl’sk, Ljubuzk und Putivl’. Siehe Sbornik Russkogo Istoričeskogo obščestva [Sammelband der Russischen Historischen Gesellschaft, künftig SRIO], Bd. 35, St. Petersburg 1882, S. 125–127. Das gleichzeitige Bestreben Ivans III., die orthodoxen Adligen aus den Grenzgebieten Litauens in seinen Dienst zu ziehen, beantworte Großfürst Alexander mit der teilweisen Verschärfung seiner religiösen Politik. Vgl. KROM, Meždu Rus’ju i Litvoj (wie Anm. 27), S. 81 f., 107– 110. Das alles führte zum Krieg von 1500 bis 1503, der eine neue Stufe des Kampfes um die westrussischen Länder darstellte. Vasilij BAUER, Snošenija Rossii s germanskimi imperatorami v XV i načale XVI stoletij [Russlands Verbindungen mit den deutschen Kaisern im 15. und am Anfang des 16. Jahrhunderts], in: Žurnal ministerstva narodnogo prosveščenija 1870, Nr. 3, S. 55–93; Hans UEBERSBERGER, Österreich und Rußland seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, Wien 1906, S. 1–20; V[oldemar] BALJAZIN, Russko-imperskie otnošenija v pervoj treti XVI v. [Die Beziehungen zwischen Russland und dem Reich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts], in: Voprosy istoriografii i istočnikovedenija slavjano-germanskich otnošenij, Moskau 1973, S. 147–175; Elke WIMMER, Livland – ein Problem der habsburgisch-russischen Beziehungen zur Zeit Maximilians I.?, in: Deutschland – Livland – Russland. Ihre Beziehungen vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. Beiträge aus dem historischen Seminar der Universität Hamburg, hg. v. Norbert ANGERMANN, Lüneburg 1988, S. 53–110; Maike SACH, Hochmeister und Großfürst. Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Orden in Preußen und dem Moskauer Staat um die Wende zur Neuzeit, Stuttgart 2002 (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 62), S. 106–118.

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Den ungewöhnlichen Charakter der Moskauer mittelalterlichen Politik betonend, bezeichnete Edward Keenan sie mit Recht als „Statuspolitik“72, die nicht nur jedem Dienstmann einen Platz im Verwaltungsapparat nach seinem sozialen Stand bestimmte, sondern auch von ihm forderte, sich gemäß seiner Stellung zu benehmen. Die Handlungen Maximilians mussten einen ambitionierten Herrscher, wie Ivan III. es war73, schmerzlich verletzen, umso mehr, als er sein Agieren als von Gott veranlasst betrachtete. Aus diesem Grund hatte er als der größte russische Machthaber nicht nur sein Gesicht zu wahren, sondern auch als von Gott damit Beauftragter den Richtspruch gegenüber seinem Beleidiger zu fällen. Das Novgoroder Hansekontor war nun der einzige mit dem Heiligen Römischen Reich verbundene „Schmerzpunkt“, auf den der Großfürst von Moskau einwirken konnte. Tatsächlich stammten die in Novgorod verhafteten Hansen zu einem beträchtlichen Teil aus dem Reich74, und was die mit ihnen geschädigten Livländer betrifft, galten sie in Moskau ebenso als Untertanen des Kaisers75. Es ist darum nicht überraschend, dass Ivan III. bald nach dem endgültigen Abbruch der Verhandlungen mit Maximilian, der im Sommer 1493 erfolgte, seinen Zorn an ihnen ausließ. Allerdings musste er bei dieser willkürlichen Aktion, die keine formalrechtlichen Voraussetzungen hatte und zum russisch-hansischen Handelsvertrag von 1487 im Widerspruch stand, dafür sorgen, dass sie als gesetzgemäße Tat erschien. Zu theatralisierenden Gesten neigend76, ließ er deshalb ein „Szenarium“ für das beabsichtigte Unterneh———————————— 72

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Edward L. KEENAN, Moskovite Political Folkways, in: Russian Review 45 (1986), S. 115– 181. BORISOV, Ivan III (wie Anm. 62), S. 405. Von den 45 in Novgorod verhafteten Hansen stammten 17 aus Lübeck; es gab darunter auch Kontorbesucher aus Hamburg und Lüneburg sowie je ein bis drei Personen aus westfälischen Städten, ebenso einige aus Reval und Dorpat. Siehe Hanserezesse, Abt. III (1477–1530), Bd. 3, hg. v. Dietrich SCHÄFER, Leipzig 1888, Nr. 502. Als podderžavniki (Untertanen) des Kaisers wurden die Livländer während der Verhandlungen Ivans III. mit dem Boten Maximilians von Habsburg Nikolaus Poppel bezeichnet, der erklärte, „die Deutschen des livländischen Landes [seien] Untertanen des Reiches unseres Herrschers“ – „nemci Vifljandskie zemli poddani sut’ carstvu gosudarja našego“. Siehe Pamjatniki diplomatičeskich snošenij drevnej Rossii s deržavami inostrannymi, T. 1. Pamjatniki diplomatičeskich snošenij s Imperieju Rimskoju [Denkmäler der diplomatischen Beziehungen des alten Russland mit den ausländischen Mächten, Bd. 1. Denkmäler der diplomatischen Beziehungen mit dem Römischen Reich], St. Petersburg 1851, S. 9 f. Deswegen bezeichnete ihn Borisov als „Moskauer Regisseur“. Nikolaj BORISOV, Povsednevnaja žizn’ srednevekovoj Rusi nakanune konca sveta [Das Alltagsleben der mittelalterlichen Rus’ am Vorabend des Weltendes], Moskau 2004, S. 55.

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men schaffen, dessen Inhalt in der Folgezeit durch die russischen Chronisten präsentiert wurde. Die tendenziöse Darstellung der Schließung des Novgoroder Hansekontors in den russischen Chroniken veranlasste die russländischen Historiker bis heute zu der Meinung, die russischen Kaufleute seien in Livland diskriminiert worden, obwohl dieser Standpunkt im Widerspruch zu den Handlungen des Großfürsten, der den Handel mit Livland nicht verbot77, und zu den Zeugnissen der livländischen und hansischen Urkunden, die aktivere Reisen der russischen Kaufleute in die livländischen Städte bezeugen78, steht. Dabei ist jedoch zu bemerken, dass der russisch-livländische Handel wegen des Geschehens von 1494 wie auch wegen der hansischen Verbote des Warenverkehrs mit den Russen seine traditionellen Formen nicht wahren konnte und zum halbillegalen bzw. ungewöhnlichen Geschäft wurde79. Als Zentren des Warenaustauschs traten von nun an die livländischen Städte an der Grenze, namentlich Dorpat und Narva, sowie auf russischem Boden Pleskau und Dorfmarken an der Neva und am Luga-Fluß hervor80. Es ist bemerkenswert, dass die russischen Kaufleute ihre Handelsfahrten nach Livland keineswegs einstellten, obwohl die Verhaftung der Hansen in Novgorod und die ihr folgenden Arretierungen der russischen „Gäste“ in Riga und Reval sie in Angst um ihre Waren, ihre Freiheit und ihr Leben versetzen mussten. Die livländischen Landesherren mit dem Ordensmeister Wolter von Plettenberg (1494–1535) an der Spitze, die sich vor die Aufgabe gestellt sahen, einen Krieg mit dem Moskauer Staat zu vermeiden, hinderten ihre Untertanen keineswegs, den „ungewöhnlichen“ Handel zu treiben, im Glauben, dass sie

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Als die türkischen Statthalter in Kaffa und Azov die russischen Kaufleute 1492 tatsächlich bedrückten, befahl Ivan III. sofort, den russischen Handel auf der Krim zu beenden. Siehe SRIO, Bd. 41, St. Petersburg 1884, S. 312 f.; vgl. BAZILEVIČ, Vnešnjaja politika (wie Anm. 5), S. 417 f. Norbert ANGERMANN, Deutsche Kaufleute im mittelalterlichen Novgorod und Pleskau, in: Deutsche im Nordosten Europas, hg. v. Hans ROTHE, Köln / Wien 1991 (Studien zum Deutschtum im Osten 22), S. 59–86, hier S. 78. BESUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI v. (wie Anm. 49), S. 95–126. Norbert ANGERMANN, Die Hanse und Rußland (wie Anm. 13), S. 78 f.; DERS., Russkie i belorusskie kupcy v srednevekovoj Livonii [Russische und weißrussische Kaufleute im mittelalterlichen Livland], in: Pskov v rossijskoj i evropejskoj istorii (wie Anm. 16), S. 264–271, hier S. 268.

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auf diese Weise einer Verschlechterung der russisch-livländischen Beziehungen entgegenwirken konnten81. Unter dem Schutz des Stadtrechts sowie der Stadt- und Ordensbehörden nutzten die nach Livland fahrenden Novgoroder und die Kaufleute aus anderen russischen Städten das Recht auf einen „reinen Weg“ (čistyj put'), das ihnen Bewegungsfreiheit und Handel im Landesinneren sicherte. Manchmal wurden sie allerdings zum Opfer von Gaunern und Räubern, deren Zahl sich abhängig von der Entwicklung des „ungewöhnlichen“ Handels vermehrt hatte82, oder litten durch Überfälle seitens der livländischen Bauern, die durch mehrfache russische Raubzüge in das unbefestigte flache Land ebenso wie durch Repressalien gegen livländische Fischer, die die städtischen Machthaber Ivangorods ausübten, stark gereizt worden waren83. Solche Fälle hatten jedoch einen eher episodenhaften Charakter und beeinflussten kaum die Intensität des Handels. Im Großen und Ganzen standen die Livländer mit den Novgorodern und Pleskauern bei ihrer Handelstätigkeit auf gutem Fuße, was wenigstens darauf schließen lässt, dass sie den russischen Kaufleuten keine Schuld an den Gewalttätigkeiten und Belastungen gaben, die die Hansen in den letzten Jahren in Novgorod erlitten hatten. Man gewinnt auch den Eindruck, dass die russischen Kaufleute die hansischen Handelsbeschränkungen ganz ruhig betrachteten – dieses Thema hinterließ in den russischen Chroniken und in der Publizistik der hier behandelten Zeit keine Spur. Die in den livländischen Städten wie auch in Novgorod und Pleskau84 geltende Regel „ein Gast handle nicht mit einem anderen Gast“ war keineswegs identisch mit einer zielgerichteten Diskriminierung des russischen Handels. Was die hansischen Handelsverbote für Waffen, Metalle, Pulver, Schwefel, Salpeter, Kriegspferde und Salz (verwendet für die Konservierung von Lebensmitteln) betrifft, so waren sie durch die Spannungen in den russisch-livländischen Beziehungen verursacht und erscheinen aus dieser Sicht ganz ratsam. Nach der Schließung des Novgoroder ———————————— 81

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Liv-, est- und kurländisches Urkundenbuch, Abt. II, Bd.1 (1494–1500), hg. v. Leonid ARBUSOW, Riga 1900 (künftig LEKUB II, 1), Nr. 132; vgl. BESSUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI v. (wie Anm. 49), S. 107–110. Ebenda S. 105; vgl. auch Marina B. BESSUDNOVA, Russko-livonskie otnošenija konca XV veka: istoki konflikta [Die russisch-livländischen Beziehungen am Ende des 15. Jahrhunderts. Quellen des Konflikts], Kap. 3.2 (im Druck). LEKUB II, 1, Nr. 544, 546. Wenn es auch von Seiten Novgorods keine direkten Verbote von Reisen der Hansen in andere russische Städte gab, bemerkt man doch Tendenzen zu einer Monopolisierung des Handels mit den Deutschen. Siehe ANGERMANN, Deutsche Handelsverbindungen mit Moskau (wie Anm. 22). S. 123.

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Hansekontors forderte die Hanse gemäß den starina-Rechtsnormen, dass die deutschen Kaufleute auf ihre Geschäfte mit den Russen völlig verzichten. Reval folgte diesen Verboten am konsequentesten, was aber nicht durch die Gegnerschaft gegen die russischen Kaufleute, sondern durch das Streben, seine Handelskonkurrenten aus Dorpat und Narva zu schwächen, bestimmt war. Diese sabotierten die Handelssanktionen und setzten den Russlandhandel fort – Narva als nicht zur Hanse gehörende Stadt, Dorpat aufgrund seines besonderen Vertrages mit Pleskau85. Um ihre Aktivität zu stoppen, benutzte Reval einen künstlichen, nämlich durch die Revaler städtische Obrigkeit hergestellten Warenmangel in Dorpat und Narva, weswegen die Kaufleute aus diesen Städten gezwungen waren, das eigene Warenangebot für Russland zu beschränken86. Es verdient auch bemerkt zu werden, dass der gesamte westliche Export nach Livland gegen Ende des 15. Jahrhunderts wegen der Unzuverlässigkeit der politischen Lage an der Ostsee erheblich reduziert worden war87, was selbstverständlich die Lieferung von Hansewaren in die russischen Städte negativ beeinflusste. Die livländischen Bürger und die russischen Kaufleute setzten also, ungeachtet der hansischen Verbote, das lebhafte Handelstreiben fort. 1499 und 1500 untersagte allerdings Ordensmeister Plettenberg, der den Handel seiner Untertanen mit den Russen zuvor nach Kräften unterstützt hatte, die Fahrten russischer Kaufleute nach Narva, aber er tat das nicht aus Abneigung zu ihnen, sondern um dadurch endlich die russischen Überfälle auf Livland zu unterbinden. Es ist auch bemerkungswert, dass die livländischen (Revaler) Kaufleute, die nicht den geringsten Wunsch hatten, sich mit den Nachteilen dieser Maßnahme abzufinden, als Erste ihre Unzufriedenheit mit ihr zeigten88. Ordensmeister Wolter von Plettenberg trat in unserem Kontext von 1494 bis 1497 vor allem im Zusammenhang mit den russisch-livländischen Verhandlungen, die das harte Schicksal der in Novgorod festgesetzten Hansen ———————————— 85 86

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LEKUB II, 1, Nr. 132. BESSUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI v. (wie Anm. 49), S. 99–111, 116–119 Hans J. VOGTHERR, Livlandhandel und Livlandverkehr Lübecks am Ende des 15. Jahrhunderts, in: Fernhandel und Handelspolitik der baltischen Städte in der Hansezeit. Beiträge zur Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Handelsbeziehungen und -wege im europäischen Rahmen, hg. v. Norbert ANGERMANN / Paul KAEGBEIN, Lüneburg 2001 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 11), S. 201–238, hier S. 203– 205. LEKUB II, 1, Nr. 958.

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beenden sollten, in den Vordergrund. Als Novgorod noch unabhängig war, lösten die livländischen Stadträte mit den Amtsleuten aus Novgorod solche Probleme, aber nach 1478 wurden alle für die russisch-livländischen und russisch-hansischen Störungen relevanten Fragen in Moskau entschieden. Man verhandelte also hinfort nur auf diesem staatlichen Niveau, und Ordensmeister Plettenberg sah sich als der führende livländische Machthaber verpflichtet, das Ganze zu organisieren und zum Besten Livlands zu wenden. Zusammen mit den livländischen Untertanen glaubte er, dass die Spannungen, die sich nach 1494 schnell entwickelten, zu einem schweren Krieg zwischen Livland und dem Moskauer Staat führen könnten, und war bemüht, dieser Gefahr bzw. sonstigem harten Vorgehen des Großfürsten gegen Livland möglichst zu entgehen. Er strebte, wie schon erwähnt, die Wiederherstellung des legalen Handels mit den Russen an, der langfristig als Stabilisator der russisch-livländischen Beziehungen wirken sollte, und hoffte wohl, dass seine Bemühungen hinsichtlich der Gefangenen zu einer Finanz- und Militärhilfe der Hanse zugunsten Livlands führen würden. Außerdem war eine erfolgreiche Lösung des ganzen Bündels der für die verhafteten Hansen relevanten Probleme geeignet, die Autorität des Ordensmeisters zu stärken, was dessen Position in der livländischen Staatengemeinschaft gestärkt hätte. Um diese Ziele zu erreichen, sparte Plettenberg bei den Verhandlungen wegen der festgenommenen Hansen weder Mühe noch Geld. Der von ihm zwischen 1494 und 1497 organisierte Gesandtschaftsverkehr umfasste sieben Botschaften mit den besten livländischen Diplomaten Johann Hildorp und Gartlef Pepersack an der Spitze und verursachte für den Orden große Kosten89, die die Hanse trotz eines Versprechens kaum bezahlte90. Ungeachtet seines Glaubens, dass Ivan III. eine livlandfeindliche Haltung einnähme, ließ sich Plettenberg für den Plan gewinnen, die russisch-livländischen Reibungen möglichst konfliktfrei zu gestalten und mit dem Großfürsten auf Grund freier Vereinbarungen zu koexistieren. Das ist an seinem Verhalten gegenüber dem Moskauer Herrscher ganz deutlich erkennbar. Einen erfolgsgekrönten Verhandlungsprozess bezweckend, erachtete es Plettenberg sogar als nützlich, den von der russischen Seite vorgebrachten Forderungen möglichst zuzustimmen. 1495 zwang er z.B. Reval und Riga, die russischen Kaufleute ———————————— 89

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Siegfried von VEGESACK, Die Gesandtschaften Wolters von Plettenberg an den Großfürsten von Moskau in den Jahren 1494–1497, in: Baltische Monatsschrift 75 (1913), S. 315–340, hier S. 340. Nach drei Jahren schickte Plettenberg die Rechnungen nach Lübeck (LEKUB II, 1, Nr. 630), aber über deren Bezahlung haben wir keine Nachricht.

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freizulassen, die in diesen Städten nach den Ereignissen in Novgorod festgesetzt worden waren, und ihre beschlagnahmten Güter ohne Quittungen herauszugeben91. Erwähnenswert ist dabei, dass die Hoffnungen des Ordensmeisters nicht grundlos waren und auf den Worten des Großfürsten beruhten, der ihm versprochen hatte, die Hansen zu befreien. Plettenberg zog dabei aber nicht Ivans divergierendes politisches Bewusstsein in Betracht, war der Großfürst doch an keinem Dialog mit dem Ordensmeister und an keinem Kompromiss interessiert. Ivan III. ging davon aus, dass die Streitsachen seinem Richtspruch unterworfen seien und ließ sich nur von seinen eigenen Gesichtspunkten leiten. Nachdem Reval und Riga seine Forderung nach der Befreiung der russischen Geiseln befriedigt hatten, ließ der Großfürst, sein Wort brechend, nur die „Sprachschüler“, d.h. die in Novgorod das Russische erlernenden Jungen, frei92 und forderte etwas später vom Meister, gegen die Freilassung der Hansen ihm jene Revaler Richter auszuliefern, die 1494 einen russischen Kaufmann zum Tode verurteilt hatten93. Dies alles spricht dafür, dass das europäische Rechtssystem dem Großfürsten entweder unbekannt oder unbegreiflich war; jedenfalls verstand er kaum, dass Plettenberg nicht das Recht besaß, sich in die städtische Jurisdiktion Revals einzumischen, um die von ihm erhobene Forderung zu befriedigen. Ebenso fremd war für die Westeuropäer das moskowitische Prinzip der fürstlichen Allmacht, so dass sie das Verhalten des Großfürsten von Moskau häufig als Willkür und Betrug bewerteten94. Es ist also nicht verwunderlich, dass der diplomatische Verkehr durch das Misstrauen von Plettenberg dem Großfürsten gegenüber95 erheblich erschwert wurde. Außerdem legten einige unvorhergesehene Ereignisse die Verhandlungen zeitweilig lahm. So geschah es im Spätsommer 1496, als die schwedischen Truppen Ivangorod, die von Ivan III. an der Grenze zu Livland 1492 gegründete Festung, in Sturm genommen hatten. Der Großfürst forderte daraufhin von Plettenberg, einige „Bösewichter“, nämlich Bürger von Narva, die daran teilgenommen hatten, ihm zur Aburteilung zu übergeben96. Es kam damals zu erheblichen Spannungen. Obgleich der Großfürst nach dem Ende des russisch-schwedischen Krieges im Frühling 1497 die verhafteten ———————————— 91 92 93 94 95 96

LEKUB II, 1, Nr. 320, 324, 328, 329, 346. Ebenda, Nr. 384. Ebenda, Nr. 384, 507. Ebenda, Nr. 406. Ebenda, Nr. 200. Ebenda, Nr. 507.

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hansischen Kaufleute bis auf vier Revaler freiließ97, stand Livland am Rande eines Krieges, der allerdings wegen der oben erwähnten Verschlechterung der Beziehungen Moskaus mit Kazan’ und Litauen sowie wegen Zwistigkeiten in der Familie des Großfürsten98 nicht ausbrach. Angesichts dieser Lage war Ivan zwar einverstanden, den Dialog mit dem livländischen Ordensmeister fortzusetzen, doch äußerte er dabei den Wunsch, von der Deutschen Hanse anerkannt zu werden, um dadurch einen direkten Kontakt mit der „überseeischen“ Hanse herzustellen99. Da Plettenberg auch seinerseits versuchte, die Hanse zur Teilnahme an seinen Verhandlungen mit dem Großfürsten heranzuziehen, übersandte er diese Nachricht nach Lübeck und bat die Hanse, sich an den bevorstehenden Verhandlungen in Narva zu beteiligen100. Man beabsichtigte, dort die Ansprüche der russischen Seite zu besprechen und konstruktive Lösungen für alle Streitpunkte zu erreichen. Zur Vorbereitung der Verhandlungen empfahl Plettenberg den livländischen und „überseeischen“ Hansestädten ganz dringend, alle Dokumente über die Handelsverträge mit den Russen zu sammeln und sorgfältig zu studieren, damit man den Bevollmächtigten des Großfürsten einen belegten Aufschluss über alles geben könne101. Reval hatte dabei alle gegen die Stadt vorgebrachten Anschuldigungen zu untersuchen. Während Lübeck und andere wendische Hansestädte im Ganzen eine abwartende Haltung einnahmen, erfüllten die Revaler den vom Ordensmeister erteilten Auftrag sehr verantwortungsbewusst, was aus den Protokollen der Verhandlungen in Narva vom Februar 1498 ganz deutlich wird102. Dies schuf aber leider keine Voraussetzungen für eine Vereinbarung. Im Gegensatz dazu suchte die russische Seite ihre Ansprüche gegenüber den livländischen Städten in keiner Weise urkundlich zu untermauern und bereitete sich auf die Tagung ihrer eigenen Manier gemäß vor. 1497 wurde der offizielle Moskauer Diskurs über die Schließung des Novgoroder Hansekontors, darunter die Darstellung der „Revaler Hinrichtungen“ und der sonstigen Willkürhandlungen gegenüber den Untertanen des Großfürsten in

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Ebenda, Nr. 498. ZIMIN, Rossija na rubeže XV–XVI vv. (wie Anm. 5), S. 138–147; BORISOV, Ivan III (wie Anm. 62), S. 612 f. TIBERG, Moskau, Livland und die Hanse 1487 bis 1547 (wie Anm. 58), S. 34. LEKUB II, 1, Nr. 602, 603. Ebenda, Nr. 602. Ebenda, Nr. 647, 648.

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Livland, in den russischen Chroniken dargelegt103, was einem konstruktiven Dialog entgegenstand. Das diplomatische Treiben der russischen Gesandten in Narva bezweckte also nur die Erklärung der großfürstlichen Position ohne die geringste Flexibilität. Aus diesem Grund gingen die Verhandlungen ergebnislos zu Ende, ohne die Gegensätze zu verringern104. Dabei ist wiederum ein erheblicher Unterschied zwischen dem russischen und dem westeuropäischen politisch-rechtlichen Bewusstsein nachweisbar, der in der behandelten Zeit keineswegs zum gegenseitigen Verständnis beitrug. Der folgende Zeitabschnitt, der im Frühling 1498 einsetzte, war durch die sich verschlimmernde Lage an der russisch-livländischen Grenze gekennzeichnet. Es gab dort seit 1492 keine Ruhe, als Ivangorod im Laufe einer einzigen Bausaison errichtet worden war105. Dadurch demonstrierte Ivan III. dem ganzen katholischen Westen seine Anwesenheit an der Ostseeküste sowie auch den Maßstab seiner Möglichkeiten. Die Errichtung der russischen Festung in der Nähe von Narva, also in einem relativ dicht besiedelten Gebiet, sowie auch das plötzliche Auftauchen einer großen Zahl von Menschen (Bauarbeitern, Kaufleuten, Soldaten usw.) verschlechterte selbstverständlich die lokalen Beziehungen zwischen Russen und Livländern. Als das russische Narva-Ufer nahezu wüst und leer war, fischten die livländischen Bauern dort ganz frei, jetzt aber wurden sie von den Ivangoroder Statthaltern als Wilddiebe grausam verfolgt – und beantworteten dies mit Angriffen auf reisende Russen106. Die Soldaten aus Ivangorod unternahmen in ihrer Disziplinlosigkeit107 und vermutlich wegen der schlechten Lebensmittelversor———————————— 103

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PSRL, Bd. 28, Letopisnyj svod 1497 g. (wie Anm. 59), S. 160; PSRL, Bd. 27, Nikanorovskaja letopis’. Sokraščennye letopisnye svody konca XV v. [Die Nikanor-Chronik. Gekürzte Chronik-Zusammenstellungen vom Ende des 15. Jahrhunderts], Moskau 1962, S. 366. KAZAKOVA, Russko-livonskie i russko-ganzejskie otnošenija (wie Anm. 5), S. 283–292; BESSUDNOVA, Russko-livonskie otnošenija konca XV veka (wie Anm. 82), Kap. 3.5. M[ichail] MILČIK, Istorija Ivangoroda v konce XV–XVI vv. i krepostnoe stroitel’stvo na Rusi s učastiem italjanskich masterov [Die Geschichte Ivangorods am Ende des 15. und im 16. Jahrhundert und der Festungsbau in der Rus’ unter Beteiligung italienischer Meister], in: Krepost’ Ivangorod. Novye otkrytija, St. Petersburg 1997, S. 13–63, hier S. 19. Die lebhaften Küstenfahrten der Ivangoroder sind in den Quellen erst seit den 1520er Jahren belegt. Siehe Norbert ANGERMANN, Die Hanse und der Finnische Meerbusen im Mittelalter, in: Europa der Regionen: Der Finnische Meerbusen. Esten, Deutsche und ihre Nachbarn, hg. v. Karsten BRÜGGEMANN, München 2007 (Colloquia Baltica 11), S. 13–29, hier S. 21. LEKUB II, 1, Nr. 544, 546. V[ladimir] VOLKOV, Vojny i vojska Moskovskogo gosudarstva (konec XV – pervaja polovina XVII v.) [Kriege und Truppen des Moskauer Staates (Ende des 15. – erste Hälfte des

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gung108 ihrerseits räuberische Einfälle nach Livland und fügten unbefestigten Dörfern vielfach Schäden zu. Unter diesen Umständen war es den in der Nähe der Grenze lebenden Livländern sehr leicht, an die „Rusche gefahr“ zu glauben, und die Kaufleute aus livländischen und deutschen Städten, die damals in großer Zahl nach Narva kamen, verbreiteten dann diese „Angstbazillen“ in Livland und weiter nach Europa. Zugleich setzte der Vogt von Narva den Ordensmeister Plettenberg ständig über die komplizierte Lage an der Grenze in Kenntnis; der Meister seinerseits verwendete diese Berichte für die Begründung seiner Bitten um Militär- und Finanzhilfe für Livland, die er an den Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen und an die Hansestädte in Deutschland richtete109. Die Handlungen Plettenbergs wurden allerdings nicht nur von den Mitteilungen aus der Grenzregion bestimmt, sondern auch durch Berichte aus Novgorod. Der weitergehende Handelsverkehr der Livländer mit den Novgorodern erleichterte dem livländischen Orden die Aufklärung in der Volchovstadt. Die Kundschafter kamen oft als Kaufleute dorthin, und die Stadtbewohner teilten ihnen gern Informationen mit. Die Ordensbehörden aus den Grenzgebieten und vor allem der Vogt von Narva verhörten außerdem hier ankommende russische Kaufleute, deren leicht zu verstehendes Interesse sie über die Lage in der Heimat berichten ließ. Die verborgene Opposition der Novgoroder gegenüber Moskau und der neuen Ordnung, die von Ivan III. in Nowgorod eingeführt worden war, waren dabei ohne Zweifel ebenfalls von Bedeutung110. Allerdings hatten die Nachrichten, die Plettenberg und die anderen Ordensgebietiger aus Novgorod erhielten, hauptsächlich konkreten Charakter ————————————

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17. Jahrhunderts)], Moskauu 2004; O[leg] A. KURBATOV, Moral’no-psichologičeskie aspekty taktiki russkoj konnicy v seredine XVII v. [Die moralisch-psychologischen Aspekte der Taktik der russischen Kavallerie in der Mitte des 17. Jahrhunderts], in: Voennoistoričeskaja antropologija. Ežegodnik 2003/2004: Novye naučnye napravlenija, Moskau 2005, S. 193–213. Wegen des Fehlens eines Weges nach Ivangorod, den Ivan III. erst Ende 1495 bauen ließ (LEKUB II, 1, Nr. 290), gab es dort Mangel an Lebensnotwendigem. Es fehlte dort auch an Baumaterialien, weshalb die Bewohner Ivangorods mit Zimmerholz (tymmernn) besteuert wurden. Siehe Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, HA XX OBA, Nr. 17722. BESSUDNOVA, Velikij Novgorod v konce XV – načale XVI v. (wie Anm. 49), S. 186–206. DIES., Razvedovatel’naja služba Livonskogo ordena nakanune russko-livonskoj vojny 1501–1503 godov [Der Aufklärungsdienst des Deutschen Ordens in Livland am Vorabend des russisch-livländischen Krieges von 1501–1503)], in: Baltijskij vopros v konce XV–XVI vv. (wie Anm. 5), S. 17–31.

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und spiegelten kaum die strategischen Pläne des Großfürsten wider. Die objektiven Voraussetzungen, die vor allem durch das Fehlen langfristiger geschäftlicher Kontakte der Livländer mit Moskau bestimmt waren, hinderten den livländischen Meister, Informationen „aus erster Hand“ zu bekommen. Aus diesem Grund konnte er die Lage nur mit der Hilfe seiner Gebietiger und seiner „Novgoroder Agentur“, sowie auch auf eigene Intuition gestützt, einschätzen, weshalb seine Schlussfolgerungen manchmal kaum objektiv waren. Wie seine Untertanen war der Meister geneigt, an die „russische Gefahr“ zu glauben, was er stets in seiner Korrespondenz erwähnte. Um ein zielgerichtetes Vorhaben Plettenbergs, Angst vor der „russischen Gefahr“ in Livland zu schüren, das ihm von der russischen Geschichtsschreibung vorgeworfen wird111, geht es dabei allerdings kaum. Es gilt aber doch der Vorbehalt, dass die Schreiben des Meisters bezüglich der militärischen Bedrohung Livlands durch die Russen ein wenig Berechnung enthielten, die angesichts des großen Bedarfs des Ordensmeisters an Geld leicht zu verstehen ist. Indessen werden diese Quellen von westeuropäischen Historikern häufig als beachtenswerte Zeugnisse von russischen Expansionsansichten gegen Livland benutzt, obwohl sie tatsächlich keinen deutlichen Beleg dafür bieten. Der berühmten livländischen Chronik „Schonne histhorie“ von 1508112 und den weiteren livländischen Chroniken des 16. Jahrhunderts ist wegen ihrer zu tendenziösen Darstellung keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist auch nicht außer Acht zu lassen, dass der Diskurs über die „russische Gefahr“ und das in der späteren Publizistik ausgebreitete Feindbild von den Russen in ihrem Frühstadium ganz spontan entstanden, wobei bestimmte Umstände maßgebend waren: a) die neu entstandene Nachbarschaft Livlands mit dem Herrschaftsgebiet des Großfürsten von Moskau; b) die großen ökonomischen, politischen, rechtlichen und kulturellen Unterschiede zwischen der westlichen und der moskowitischen Gesellschaftsstruktur; c) die besondere Machtauffassung Ivans III., die ihm als Aufgabe stellte, die ———————————— 111

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N[atalija] A. KAZAKOVA, Danija, Rossija i Livonija na rubeže XV i XVI stoletij [Dänemark, Russland und Livland an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert], in: Skandinavskij sbornik 25, Tallinn 1964, S. 107–117, hier S. 112. Eynne Schonne hysthorie van vunderlyken gescheffthen der heren tho lyfflanth myth den Rüssen vnde tartaren, hg. v. Carl SCHIRREN, in: Archiv für die Geschichte Liv-, Est- und Kurlands 8 (1861), Nr. 2, S. 113–265. Vgl. BENNINGHOVEN, Rußland im Spiegel der livländischen Schonnen Hysthorie (wie Anm. 1); Matthias THUMSER, Antirussische Propaganda in der ,Schönen Historie von wunderbaren Geschäften der Herren zu Livland mit den Russen und Tataren‘, in: Geschichtsschreibung im mittelalterlichen Livland, hg. von DEMS., Berlin 2011 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 18), S. 133–153.

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Orthodoxen im Ausland zu beschützen, wodurch seine Einmischung in die Politik der benachbarten Herrscher gerechtfertigt wurde; d) der Bau Ivangorods, der das gesellschaftliche Klima an den Ufern der Narva gründlich änderte, und letztendlich e) die Stationierung russischer Truppen, zu denen die mobilen und disziplinlosen Reiterabteilungen des landbesitzenden Adels (dvorjanstvo) und der Tataren gehörten, im Novgoroder Grenzgebiet und deren mehrfache Raubzüge nach Livland. Während des Krieges, den Ivan III. gegen Groß-Novgorod 1478 führte, fielen die Moskauer Truppen zum ersten Mal in das livländische Territorium ein und plünderten stark die Grenzbezirke113. Der Großfürst reagierte darauf leider nicht und förderte dadurch einen folgenschweren Präzedenzfall. Seit dieser Zeit waren die livländischen Grenzmarken zuweilen russischen Überfällen ausgesetzt, die allerdings meistens spontan, nämlich ohne großfürstlichen Befehl aus den obenerwähnten Gründen entstanden. Es spricht viel dafür, dass Ivan III. Livland zunächst für kein Angriffsziel hielt, weil er sich vorerst vor die Aufgabe gestellt sah, alle russischen Länder, die der für ihn wichtige Begriff otčina (Vatererbe) umfasste, seiner Macht zu unterwerfen und sich als „Herrscher der ganzen Rus’“ zu bestätigen. Das livländische Gebiet gehörte also kaum zum Moskauer Expansionsraum, doch war es durchaus Gegenstand der Außenpolitik des Großfürsten. Ivan III. konnte ja nicht zulassen, dass Livland, dessen äußerst günstige wirtschaftliche und strategische Lage ihm gut bekannt war, von seinen Gegnern, nämlich Litauen und Schweden, als Instrument im Kampf gegen Moskau benutzt werden würde, und erstrebte darum von Anfang an, die Friedensverträge mit den livländischen Landesherren und Hansestädten so abzuschließen, dass diese an ihn selbst gebunden waren. Der vergebliche Versuch Ivans III., mit Unterstützung durch Maximilian von Habsburg in die große europäische Politik einzutreten, die Schließung des Novgoroder Hansekontors und die danach folgende Verschlechterung der russischen Beziehungen mit Livland und der Hanse, ferner seine Allianz mit Dänemark und der schon bald entflammte russisch-schwedische Krieg verursachten den Übergang des Moskauer Herrschers zum Druck auf Livland. Also konnte der Großfürst bei der Vorbereitung eines Heerzuges gegen das schwedische Vyborg 1495 ohne Zweifel einen Präventivschlag auf Reval führen lassen, worüber der aus Novgorod kommende Kaufmann Frederik ———————————— 113

[Hermann HELEWEGH], Das rothe Buch inter archiepiscopalia, in: Scriptores rerum Livonicarum, Bd. 2, Riga 1853, S. 729–809, hier S. 765; Pskovskaja 1-aja letopis’ [Die Erste Pleskauer Chronik], in: Pskovskie letopisi, Bd. 1, Moskau 1941, S. 262.

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Korf dem Ordensmeister berichtete114. Weil Reval damals als „Wyborgs Tor“ nach Westeuropa fungierte115, durch das die Schweden regelmäßig Soldaten, Ausrüstung und Geld bekommen hatten, wäre seine Niederwerfung am Vorabend des Krieges mit Schweden für den Großfürsten von Moskau ganz zweckmäßig gewesen. Dann wurde jedoch dieser Plan aus bisher unbekannten Gründen nicht realisiert. Von einer sehr konkret gegen Livland gerichteten Expansion zu sprechen, ginge ohnehin zu weit. Es spricht vieles dafür, dass die Lage Livlands im Verlauf des russisch-schwedischen Krieges, der vom Herbst 1495 bis zum März 1497 währte, ziemlich sicher war. Sogar die Krise wegen des von den Schweden eingenommenen Ivangorod im Spätsommer 1496 brachte Livland nicht zum Krieg mit Moskau. Um dies zu verstehen, ist zu berücksichtigen, dass die Gerüchte über die bevorstehenden Einfälle, die unter den gegebenen Umständen in Livland stets umliefen, sich häufig nicht bestätigten, was die Livländer hinsichtlich der „russischen Gefahr“ vorsichtiger werden ließ. Die Quellen bezeugen indes, dass russische livlandfeindliche Aktionen damals gar keine so große Rolle spielten, wie man auf dem ersten Blick erwarten könnte. Ivan III. war vorsichtig genug, um während des schweren Krieges in Karelien und bei den gespannten Beziehungen mit Alexander von Litauen nicht noch durch das Schüren eines weiteren Gefahrenherds ein Risiko einzugehen. Gleichzeitig erinnerte er die Livländer an sich und seine politischen Interessen zeitweilig durch odiose Maßnahmen, nämlich Grenzsperrungen, Truppendislozierungen bei Ivangorod oder einen Pontonbau am Narvaufer116, die in Livland als unfreundliche, ja feindliche Handlungen aufgefasst wurden. Die Lage an der Grenze wurde indessen nach dem Ende des russischschwedischen Krieges im Frühjahr 1497 äußerst gespannt. Die an dem Krieg beteiligten russischen Truppen waren vermutlich wegen des sich entflammenden dänisch-schwedischen Krieges nicht entlassen, sondern ins Novgoroder und Pleskauer Gebiet verlegt worden, weswegen sich die Raubzüge nach Livland erheblich vermehrten. Man könnte auch vermuten, dass Ivan III. durch solche Aktionen versuchte, den Misserfolg seines karelischen

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LEKUB II, 1, Nr. 144. Rolf DENKER, Finnlands Städte und hansisches Bürgertum (bis 1471), in: HGbll. 77 (1959), S. 13–93, hier S. 29–36; ANGERMANN, Die Hanse und der Finnische Meerbusen im Mittelalter (wie Anm. 105), S. 17–18, 22. LEKUB II, 1, Nr. 544, 546, 550

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Feldzuges ein wenig zu kompensieren sowie auch auf den Ordensmeister, mit dem er verhandelte, Druck auszuüben. Im Frühling 1498 kamen die russischen Einfälle nach Livland besonders in Schwung. Nicht nur Grenzbezirke, sondern auch einige weit entfernte Herrschaftsgebiete des Ordens, des Erzbischofs von Riga und des Bischofs von Dorpat, bis zu 70 Meilen von der Grenze entfernt117, waren davon betroffen, was indirekt auch die Teilnahme von dienstadligen und tatarischen Reiterabteilungen bezeugt. Die Schilderungen der von den Russen dabei verübten Gräueltaten (Mord, Raub, Brandstiftung, Verschleppung der Gefangenen) blieben für immer in der Ordensdokumentation und in den späteren livländischen Chroniken präsent118. Diese Militärzüge unterschieden sich also im Maßstab und nach dem von ihnen erweckten Eindruck von den früheren russisch-livländischen Zwistigkeiten. Zeitlich und kausal fiel dies zusammen mit dem Versuch der Deutschordensführung, durch ein Bündnis Dänemarks, Schwedens und Livlands eine antirussische Union zu bilden (der sogenannte „Plan von Isenburg“)119, ebenso mit dem Beginn der Verhandlungen des livländischen Ordensmeisters mit König Johann von Dänemark120 sowie dem Ersuchen Alexanders von Litauen um livländische Hilfe gegen Moskau.121 Es verdient noch einmal hervorgehoben zu werden, dass Ivan III. in seiner Innen- und Außenpolitik immer nach einer offensiven Rolle strebte und in seiner Politik oft verschiedene Methoden des Drucks benutzte. Um Livland zu kontrollieren und die Herstellung einer moskaufeindlichen Allianz abzuwenden, hielt er es wohl für ratsam, durch Militärund Raubzüge den politischen Druck auf das Land zu verstärken. Seine in ———————————— 117 118

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Eynne Schonne hysthorie (wie Anm. 112), S. 141. Der Vogt von Narva Kord von Strick schrieb Plettenberg im Sommer 1498, die Russen würden seinen Bezirk angreifen; zugleich „spoden se sick hiir seer mith deme buwen“. Siehe LEKUB II, 1, Nr. 689; vgl. Eynne Schonne hysthorie, (wie Anm. 112), S. 137 f. M[arina] B. BESSUDNOVA, Privilegii Nemeckogo ordena, „svjaščennaja vojna“ i ėskalacija russko-livonskogo konflikta v konce XV v. [Die Privilegien des Deutschen Ordens, der „Heilige Krieg“ und die Eskalation des russisch-livländischen Konflikts am Ende des 15. Jahrhunderts], in: Sud’by slavjanstva i ėcho Grjunval’da, St. Petersburg 2010, S. 36–40. Im Herbst 1497 entstand die Idee eines Bündnisses Livlands mit Johann von Dänemark gegen die Russen. Siehe LEKUB II, 1, Nr. 606. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern des Ordensmeisters und Dänemarks begannen im Sommer 1499. Ebenda, Nr. 835; vgl. KAZAKOVA, Danija, Rossija i Livonija na rubeže XV i XVI stoletij (wie Anm. 111). Der Rat von Köln schrieb dem livländischen Ordensmeister am Ende des Sommers 1497 über den Wunsch Alexanders von Litauen, sich mit Livland zu verbünden. Siehe LEKUB II, 1, Nr. 570; vgl. KENTMANN, Livland im russisch-litauischen Konflikt (wie Anm. 1), S. 17 f.

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den Novgoroder und Pleskauer Gebieten dislozierten Truppen waren ihm dabei von Nutzen. Die Vorstellung von der „russischen Gefahr“ gewann unter diesen Umständen rasch an Bedeutung. Plettenberg reagierte mit militärischen Vorbereitungen122, und deshalb war Livland bereits 1501 kriegsbereit. Im Laufe des russisch-livländischen Krieges von 1501 bis 1503 war die Rolle Novgorods wenig bemerkenswert, da die Kriegshandlungen sich im Großen und Ganzen im Pleskauer Bereich abspielten. Nichtsdestoweniger kam dieser Stadt in den strategischen Berechnungen sowohl Ivans III. als auch Plettenbergs ein hoher Stellenwert zu. Für den Großfürsten dienten Novgorod und seine Umgebung bei der Vorbereitung der Heereszüge gegen Livland als Stätten der Konzentration von Streitkräften – z.B. am Vorabend des russischen Angriffes auf Livland vom Herbst 1501123 oder während der Belagerung Pleskaus durch Plettenberg im September 1502124. Ivangorod diente dabei dem Schutz der Novgoroder Grenze gegen Livland und erlaubte dem Ordensmeister nicht, gleichzeitig in zwei Richtungen – südlich und nördlich des Peipussees – anzugreifen. Da er die strategische Bedeutung der Festung gut verstand, befahl Plettenberg den Ordensgebietigern von Narva und Neuschloss (Vasknarva) im Herbst 1501, sie zu erobern und zu zerstören125. Der Versuch war aber erfolglos. Erfolgreicher entwickelte sich der livländische Angriff auf Ivangorod vom März 1502, obwohl die Livländer wieder nicht imstande waren, die Burg einzunehmen126. Man kann vermuten, dass deren Eroberung danach nicht mehr zu den Aufgaben der livländischen Truppen gehörte. Der Ordensmeister bezweckte wohl die Verwüstung der umliegenden Gegend, um dadurch die Flanke des livländischen Heeres bei einem bevorstehenden Sommerzug gegen Pleskau im Norden zu sichern. Dank des Handels mit verbotenen Waren, die man in der Kriegszeit nach Novgorod brachte, wurden die Mündungen der Neva und der Luga – wie es ———————————— 122

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Um den Widerstand des Landes gegen einen bevorstehenden Angriff vorzubereiten und die livländischen Stände zu vereinen, berief Plettenberg im Juli einen Landtag nach Walk (Valga, Valka). Dazu ausführlich Ilgvars MISĀNS, Wolter von Plettenberg und der livländische Landtag, in: Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland (wie Anm. 1), S. 55–72, hier S. 59 f.; M[arina] B. BESSUDNOVA, Ideja obščenarodnogo edinstva na livonskom landtage 1498 goda [Die Idee der Eintracht aller auf dem livländischen Landtag von 1498], in: Vlast’i obščestvo: istorija vzaimootnošenij, Voronež 2007, S. 27 f. Liv-, est- und kurländisches Urkundenbuch, Abt. II, Bd. 2 (1501–1505), hg. v. Leonid ARBUSOW, Riga 1905, Nr. 199, 213 u.ö. LEKUB II, 1, Nr. 382. Ebenda, Nr. 161, 171. Ebenda, Nr. 247.

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in Konfliktfällen stets geschah127 – zu bedeutenden Punkten des Novgoroder Landes. Von hier aus öffnete sich der Weg nach Dänemark und Schweden, woher Metalle und Ausrüstungen geliefert wurden. Plettenberg versuchte, die Neva mit Hilfe von Revaler Kaperschiffen und Ausliegern zu versperren128, aber deren Aktionen fruchteten fast nichts. *** Zum Schluss dieses skizzenhaften Artikels darf erneut vermerkt werden, dass die Forschung hinsichtlich der russisch-livländischen Beziehungen von 1478 bis 1503 von einer primitiven Rollenbesetzung mit einem Aggressor und seinem Opfer Abstand zu nehmen hat. Da sich Ivan III. in dieser Zeit große Aufgaben im Zusammenhang mit der so genannten Sammlung der russischen Lande unter seiner Herrschaft sowie auch für seine Selbstlegitimierung als „Alleinherrscher der ganzen Rus’“ zu lösen suchte, betrachtete er Livland vorläufig nicht als Eroberungsziel. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als beide genannte Aufgaben von den russischen Herrschern gelöst worden waren, ließen sie sich für den Plan gewinnen, ihren Herrschaftsbereich auf Kosten Livlands zu erweitern. Die Historiker, die Ivan III. Expansionspläne hinsichtlich Livlands zuschreiben, projizieren also auf seine Regierungszeit die Situation einer späteren Zeit. Ebenso wie Ivan III. um die Wende des 15. Jahrhunderts keine Absicht hatte, Livland zu erobern, wollten alle livländischen Machthaber, Ordensmeister Plettenberg einbegriffen, nichts gegen den Moskauer Staat unternehmen und hatten ohnehin kaum Möglichkeiten, der russischen Entwicklung im Wege zu stehen. Es sei daran erinnert, dass Livland gegen Ende des 15. Jahrhunderts wegen langfristiger innerer Zwistigkeiten in einer prekären Lage war, weshalb Plettenberg sich vor die Aufgabe gestellt sah, alle Streitpunkte mit Moskau und seinen Satelliten möglichst ohne Krieg zu beseitigen. Nicht ganz unwichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Großfürst von Moskau seinerseits auch ziemlich lange (bis Anfang 1498) Interesse am diplomatischen Verkehr mit Plettenberg hatte. Was die zunehmenden russisch-livländischen Gegensätze betrifft, entstanden sie im Ganzen spontan und wurden durch Umstände verursacht, die nach der Einverleibung Groß-Novgorods in den Moskauer Staat zur ———————————— 127

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ANGERMANN, Die Hanse und der Finnische Meerbusen im Mittelalter (wie Anm. 105), S. 21 f. LEKUB II, 1, Nr. 179, 181, 182, 186.

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Geltung gekommen waren. Die Rede ist nicht nur von der neuen räumlichen Nachbarschaft Livlands mit der Moskauer Rus’, sondern auch von der konsequenten Zerstörung der traditionellen Verkehrsordnung zwischen den Repräsentanten des russischen (orthodoxen) und westlichen (katholischen) Raumes, in deren Rahmen Groß-Novgorod jahrhundertelang als ein eigentümlicher „Adapter“ agiert hatte. Nach seiner Unterwerfung durch Moskau wurde diese organische Komposition gründlich verändert, indem Novgorod durch die Handlungen der großfürstlichen Statthalter, die sich streng an die von Ivan III. erlassenen Instruktionen hielten, und des Großfürsten selbst sein eigentümliches Wesen schnell verlor und den übrigen Städten des Moskauer Staates ähnlich wurde. Die Nachbarschaft so verschiedener gesellschaftlicher Modelle wie dem Moskauer Großfürstentum und Livland, welche ehemals keinen direkten Verkehr hatten und aus diesem Grund einander fast völlig fremd waren, hatte erwartungsgemäß zahlreiche wirtschaftliche und politisch-rechtliche Störungen zur Folge. Dem dialektischen Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität entsprechend, führten die zunehmenden Auseinandersetzungen der beiden Staatsbildungen in die Krisensituation der neunziger Jahre und letztendlich zum Krieg von 1501 bis 1503. Die Novgoroder versuchten dabei, mit den Livländern weiterhin Handel zu treiben, aber seit Anfang des 16. Jahrhunderts verlagerte sich der russisch-livländische Warenaustausch fast völlig vom Volchovufer in die livländischen Städte, die damit ein Teil der russisch-westeuropäischen Kontaktzone blieben.

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Johann Blankenfeld und Russland1 Johann Blankenfeld, der Bischof von Reval (Tallinn, 1514–1524) und Dorpat (Tartu, 1518–1527) sowie der Erzbischof von Riga (1524–1527), gehört zu den nicht wenigen hervorragenden und gleichzeitig umstrittenen Persönlichkeiten in der Geschichte Livlands im 16. Jahrhundert. Die Konflikte des selbstbewussten Landesherren mit seinen Ständen und Städten; seine „papistische“ Position in den Jahren der oft stürmischen livländischen Reformation – und nicht zuletzt die zeitgenössischen Vorwürfe „landesverräterischer“ Konspiration mit dem Großfürsten Vasilij III. von Moskau und dessen Beamten seitens seiner livländischen Gegner haben das Bild des Erzbischofs erheblich geprägt. War er ein Verräter? Unter dem Vorwand, dass er verräterische Verbindungen mit den Russen gepflegt haben soll, wurde der Erzbischof 1525/26 vom livländischen Deutschen Orden in seinem Residenzschloss Ronneburg (Rauna) in Haft gehalten. Die Antwort hängt, wie oft, vom Standpunkt ab, und auch die Quellen sind widersprüchlich. Jedenfalls war der Bischof ein diplomatisch und politisch erfahrener Mann, dessen Politik man kaum als abenteuerlich bezeichnen darf. Johann Blankenfeld2 stammte aus einer soli———————————— 1

2

Der Aufsatz wurde unterstützt von der estnischen Wissenschaftsförderung durch das Projekt PUT 107. Eine russischsprachige Kurzfassung des Aufsatzes ist erschienen: Anti SELART, Iogann Blankenfel’d i Misjur’ Munechin. K istorii livonsko-russkich otnošenii v 1520-e gg. [Johann Blankenfeld und Misjur’ Munechin. Zur Geschichte der livländischrussischen Beziehungen in den 1520er Jahren], in: Studia Slavica et Balcanica Petropolitana 2011, Nr. 1 (9), S. 157–170. Alexander BERENDTS, Johann von Blankenfeld, Erzbischof von Riga, Bischof von Dorpat und Reval, in: Baltische Monatsschrift 53 (1902), S. 408–427; 54 (1902), S. 29–60; Leonid ARBUSOW, Abrechnung der Wittwe des Bürgermeisters Thomas Blankenfeld, Bürgermeisters von Berlin, mit ihrem Sohne, dem Bischof Johann Blankenfeld von Reval 1510–1517, in: Sitzungsberichte der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst 1902 (1903), S. 9–33, hier S. 19; Aloys SCHULTE, Die Fugger in Rom 1495–1523. Mit Studien zur Geschichte des kirchlichen Finanzwesens jener Zeit, Bd. 1–2, Leipzig 1904, hier Bd. 1, S. 278 f.; Wilhelm SCHNÖRING, Johannes Blankenfeld. Ein Lebensbild aus den Anfängen der Reformation (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 86), Halle 1905; Christiane SCHUCHARD, Johann Blankenfeld († 1527) – eine Karriere zwischen Berlin, Rom und Livland, in: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2002, Berlin 2002, S. 27–56.

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den Berliner Familie von Kaufleuten und Ratsherren. Sein Vater Thomas († 1504) und sein Großvater Wilhelm († 1474) waren Bürgermeister der Stadt gewesen. Schon der Vater Johanns hatte für kürzere Zeit die Leipziger Universität besucht, ebenso sein Halbbruder Paul († 1532). Der zukünftige Erzbischof studierte in Wien und Bologna, wo er 1503 als doctor iuris utriusque promovierte. Nach Lehrtätigkeit an den Universitäten Leipzig und Frankfurt an der Oder trat er in den diplomatischen Dienst des Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg (1499–1535)3, dessen Interessen er von 1509 bis 1512 als Assessor am Reichskammergericht in Worms vertrat. Im Jahre 1512 übernahm er das Amt des Generalprokurators des Deutschen Ordens an der päpstlichen Kurie in Rom. Gleichzeitig wirkte er weiterhin nicht nur für den Orden und dessen Hochmeister Albrecht von Brandenburg, sondern auch für den Kurfürsten und die anderen Mitglieder der großen Herrscherfamilie4. Dank seiner persönlichen Beziehungen und der fürstlichen Fürsprache konnte Johann Blankenfeld 1514 an der Kurie seine Ernennung zum Bischof von Reval erwirken. Zum päpstlichen Legaten ernannt, verließ er Rom und kam im Oktober 1515 nach Livland, um sein Bistum zu übernehmen. Vom Herbst 1516 bis September 1517 weilte er wieder in Rom und war danach in Deutschland tätig. Das Amt des Generalprokurators legte er erst 1519 nieder. Im Juli 1518 erhielt Johann Blankenfeld zusätzlich den Bischofsstuhl von Dorpat, den er im August desselben Jahres persönlich einnahm. Die Übernahme der Ämter verlief aber keineswegs unproblematisch. Weil er gegen Willen der örtlichen Kapitel und Stände durch päpstliche Provision zum Bischof erhoben worden war, verschärften sich seine Beziehungen zu den Untertanen, besonders zur Stadt Dorpat. Jedoch gelang es Blankenfeld 1522 noch, die Ernennung zum Koadjutor des alten und kranken Erzbischofs Jasper Linde von Riga zu erreichen. Als Jasper Linde im Sommer 1524 starb, trat Blankenfeld auch im Erzbistum sofort die Regierung an. Auf das Bistum Reval musste er nun jedoch verzichten. ———————————— 3

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Der Kurfürst lebte von 1525 bis 1529 in Ehebruch mit der Schwester Johanns, Katharina, der Gattin eines Bürgers von Cölln. SCHULTE, Die Fugger in Rom (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 92–141; Jan-Erik BEUTTEL, Der Generalprokurator des Deutschen Ordens an der Römischen Kurie. Amt, Funktionen, personelles Umfeld und Finanzierung, Marburg 1999 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 55), S. 76 f., 146; Maike SACH, Hochmeister und Großfürst. Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Orden in Preußen und dem Moskauer Staat um die Wende zur Neuzeit, Stuttgart 2002 (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 62), S. 203 ff.

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Es war die Zeit, als sich die reformatorischen Ideen in Livland rasch verbreiteten5. Die Gegensätze zwischen den Städten und den bischöflichen Landesherren trugen dazu bei, dass es in den Städten zu bilderstürmerischen Tumulten kam. Mit den Glaubenssachen waren die Bemühungen der Ritterschaften und der Städte verflochten, sich von ihren Landesherren zu emanzipieren. Im März 1524 kam es zum Bildersturm in Riga; in Dorpat fand ein solcher Anfang Januar 1525 statt, als nicht nur die Kirchen, sondern auch das bischöfliche Schloss erobert und von der Stadt übernommen wurde6. *** Russland, das östliche Nachbarland Livlands, hatte seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts einen erheblichen Wandel durchgemacht. Vom Großfürsten Ivan III. von Moskau wurde 1478 Novgorod und von seinem Sohn Vasilij III. 1510 Pleskau (Pskov) unterworfen. Das Großfürstentum trat als neuer Spieler in der politischen Landschaft Mittel- und Osteuropas auf. Papst und Kaiser hofften, in Moskau einen Verbündeten bei den Kämpfen gegen die Türken zu finden. Gleichzeitig war Russland ein gefährlicher Nachbar für die Länder von Schweden bis Litauen, die ihr Selbstverständnis als Schutzwall des wahren, katholischen Christentums gegen die östlichen Schismatiker kontinuierlich demonstrierten7. Kriege und Bündnis———————————— 5

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Leonid ARBUSOW, Die Einführung der Reformation in Liv-, Est- und Kurland, Leipzig 1921 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 3); Christoph SCHMIDT, Auf Felsen gesät. Die Reformation in Polen und Livland, Göttingen 2000; Jürgen HEYDE, „Das Wort Gottes und das Heilige Evangelium so zu predigen..., dass daraus Liebe, Eintracht, Friede und kein Aufruhr erwachse“. Städtische Reformation und Landesherrschaft in Livland, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte N.F. 13 (2004), S. 267–287; Joachim KUHLES, Die Reformation in Livland. Religiöse, politische und ökonomische Wirkungen, Hamburg 2007 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa 16); Preußen und Livland im Zeichen der Reformation, hg. v. Arno MENTZELREUTERS / Klaus NEITMANN, Osnabrück 2014 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 28). Richard HAUSMANN, Die Monstranz des Hans Ryssenberg in der K. Ermitage zu St. Petersburg, in: Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands 17 (1900), S. 165–212, hier S. 189–194. Kari TARKIAINEN, Se vanha vainooja. Käsitykset itäisestä naapurista Iivana Julmasta Pietari Suureen [Dieser alte Feind. Vorstellungen über den östlichen Nachbarn von Ivan dem Schrecklichen bis zu Peter dem Großen], Helsinki 1986 (Historiallisia tutkimuksia 132); Nora BEREND, Défense de la Chrétienté et naissance d’une identité. Hongrie, Pologne et péninsule Ibérique au Moyen Âge, in: Annales. Histoire, Sciences Sociales 58 (2003),

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se mit Moskau standen in engster Verbindung mit den Hoffnungen, den Großfürsten für die Kirchenunion und Anerkennung des päpstlichen Primats zu gewinnen. Die Moskauer Herrscher knüpften ihrerseits dynastische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen mit den westeuropäischen Ländern an. 1472 heiratete Ivan III. die Prinzessin Zoe Palaiologos, die Nichte des letzten Kaisers von Byzanz. Aus Italien wurden Architekten und Meister nach Russland berufen. Im Mittelpunkt der russisch-italienischen Beziehungen der Zeit standen die Päpste. Jedoch fehlte es an einer einheitlichen und kontinuierlichen päpstlichen Russlandpolitik. Moskau war ein politischer Spieler, der weitgehend unbekannt war und unvorhersehbar blieb: Die westeuropäischen Hoffnungen auf einen gemeinsamen Türkenkrieg erwiesen sich als trügerisch. Die kirchliche Unionspolitik ließ sich von den unrealistischen Träumen der päpstlichen Kurie und den geschickten diplomatischen Formulierungen der eigennützigen „Randstaaten“ leiten und konnte also keineswegs erfolgreich sein8. Das V. Laterankonzil rief 1513 die christlichen Herrscher auf, sich gegen die Türken zu vereinigen. Entsprechende Erwartungen waren wieder einmal auch mit dem Großfürsten von Moskau verbunden, und die eventuell mögliche politische Zusammenarbeit mit ihm löste unvermeidlich erneut die Frage der Kirchenunion aus. Die Nachbarstaaten des Moskauer Russland ————————————

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S. 1009–1027; Janusz TAZBIR, The Bulwark Myth, in: Acta Poloniae Historica 91 (2005), S. 73–97; Anti SELART, Political rhetoric and the edges of Christianity: Livonia and its evil enemies in the fifteenth century, in: The Edges of the Medieval World, hg. v. Gerhard JARITZ / Juhan KREEM, Budapest 2009 (CEU Medievalia 11; The Muhu Proceedings 1), S. 55–69. Paul PIERLING, La Russie et le Saint-Siège. Études diplomatiques, Bd. 1, Paris 1896; Hans UEBERSBERGER, Österreich und Rußland seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, Wien / Leipzig 1906 (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs); Evgenij F. ŠMURLO, Rim i Moskva. Načalo snošenij Moskovskogo gosudarstva s Papskim prestolom 1462–1528 [Rom und Moskau. Der Beginn der Beziehungen des Moskauer Reiches mit dem päpstlichen Stuhl], in: Zapiski Russkogo Istoričeskogo Obščestva v Prage 3 (1937), S. 91–136; Kurt FORSTREUTER, Preußen und Rußland von den Anfängen des Deutschen Ordens bis zu Peter dem Großen, Göttingen 1955 (Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft 23), S. 21–157; Jacek WIJACZKA, Die moskovitische Frage in den diplomatischen Beziehungen Polen-Litauens zum Reich in der Zeit Kaiser Karls V. (1519–1556), in: 450 Jahre Sigismund von Herbersteins Rerum Moscoviticarum Commentarii 1549–1999, hg. v. Frank KÄMPFER / Reinhard FRÖTSCHNER, Wiesbaden 2002 (Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa 24), S. 293–310; Sergej JAKOVENKO, Rim i Moskva: diplomatičeskie i cerkovnye otnošenija (vtoraja polovina XV – načalo XVII v.) [Rom und Moskau: die diplomatischen und kirchlichen Beziehungen, zweite Hälfte des 15. – Anfang des 17. Jahrhunderts], in: Archivio russo-italiano 4 (2005), S. 95– 146.

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konnten jedoch auch diesmal die Sachlage keineswegs als lapidar ansehen. Während in Schweden, Livland und Litauen bzw. Polen Russland als Feind betrachtet wurde und die Interessenkonflikte nicht selten längere und kürzere Kriege hervorriefen, versuchten der Kaiser sowie der preußische Deutsche Orden im Großfürsten einen Bundesgenossen gegen König Sigismund I. von Polen (1506–1548) zu finden. Gleichzeitig bemühte sich Papst Leo X. (1513–1521) durch seinen Gesandten um eine Vermittlung des Friedens zwischen Polen und Russland. 1514 misslang ein solcher Versuch jedoch, und Sigismund konnte seinen Sieg über das Heer Vasilijs III. bei Orša als Niederlage des schismatischen Tyrannen auslegen. Kaiser Maximilian dagegen vereinigte sich mit dem Moskauer Großfürsten gegen Sigismund; der entsprechende Vertrag wurde im August 1514 bestätigt. Als die Feindschaft zwischen Kaiser und König 1515 beendet war, sandte Maximilian 1516/17 vergebens seinen Diplomaten Sigismund von Herberstein nach Moskau, um die polnisch-russischen Gegensätze beizulegen. Die kaiserlichen Vermittler9 Francesco da Collo und Antonio dei Conti erreichten Ende 1518 nur einen einjährigen Waffenstillstand zwischen Sigismund und Vasilij, der den Krieg nicht ernsthaft beenden wollte. Vasilijs neuer Bundesgenosse war der Hochmeister des Deutschen Ordens Albrecht von Brandenburg10. Ab 1515 wurden zwischen Königsberg und Moskau Briefe und Boten getauscht. Der im Dienste Albrechts stehende Diplomat Dietrich von Schönberg11 konnte im März 1517 in Moskau einen gegen Polen gerichteten Bündnisvertrag mit Vasilij abschließen, der umfangreiche russische Subsidien für Preußen vorsah. 1518 wartete der großfürstliche Beamte Ivan Charlamov schon mit dem Geld für 1 000 Fußknechte in Pleskau, doch

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Joseph FIEDLER, Die Allianz zwischen Kaiser Maximilian I. und Vasilij Ivanovič, Grossfürsten von Russland, von dem Jahre 1514, in: Sitzungsberichte der philosophischhistorischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wien) 43 (1863), S. 183–289, hier S. 276–289. FORSTREUTER, Preußen und Rußland (wie Anm. 8), S. 80–102; SACH, Hochmeister und Großfürst (wie Anm. 4); Aleksej N. LOBIN, Plany voennogo sotrudničestva Tevtonskogo ordena i Rossii v 1517–1522 gg. [Pläne für militärische Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Orden und Russland 1517–1522], in: Studia Slavica et Balcanica Petropolitana 2014, Nr. 1, S. 11-26. Kurt FORSTREUTER, Vom Ordensstaat zum Fürstentum. Geistige und politische Wandlungen im Deutschordenslande Preußen unter den Hochmeistern Friedrich und Albrecht (1498–1525), Kitzingen/Main o.J., S. 60–98, 135–141.

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blieb die Bezahlung aus, weil Albrecht zu diesem Zeitpunkt keinen Krieg gegen Sigismund beginnen konnte.12 Gleichzeitig verflochten sich 1518 die preußisch-russischen Beziehungen mit der päpstlichen Politik, europäische Fürsten gegen das Osmanenreich zu vereinigen sowie eine Kirchenunion mit Moskau zustande zu bringen. Der gelehrte Dominikaner Nicolaus von Schönberg sollte mit einem entsprechenden Brief des Papstes13 nach Moskau reisen, was jedoch von Kaiser Maximilian und König Sigismund verhindert wurde. Der Bruder jenes Nicolaus, Dietrich von Schönberg, überbrachte aber 1519 während seiner dritten Russlandreise dem Großfürsten die päpstliche Bulle. Die Antwort Vasilijs war ablehnend: Er war weder bereit, gegen die Türkei ins Feld zu ziehen, noch den Primat des Papstes anzuerkennen. Der Hochmeister setzte seine antipolnische Haltung fort, und in den Jahren von 1519 bis 1522 tauschten Albrecht und Vasilij mehrere Gesandtschaften aus. Der Hochmeister nahm am letzten Tag des Jahres 1519 den so genannten Reiterkrieg auf, den letzten Kampf des Deutschen Ordens gegen Polen, der im März 1521 mit dem Waffenstillstand von Thorn (Toruń) zu Ende ging. Die Kriegshandlungen zwischen Litauen und Moskau hatten sich schon seit 1512 mit wechselndem Erfolg fortgesetzt. Ungeachtet des preußischpolnischen Waffenstillstandes dauerte das Bündnis mit Russland zunächst an. Ende Juni 1521 bekam Albrecht endlich von den Gesandten Vasilijs Silber im Wert von 1 627 Mark preußisch14. Erst etwas später, im Mai 1522, brach die preußisch-moskauische Zusammenarbeit ab. Am 14. September 1522 kam auch ein Waffenstillstand zwischen Sigismund und Vasilij zustande. Papst Leo X. hatte 1519 den Bischof Zaccaria Ferreri von Guardialfiera15 und den Verwandten des Papstes, den Florentiner Giovanni Tedaldi, nach Moskau geschickt16. Auch diesmal sperrte der ———————————— 12

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Nach LOBIN, Plany voennogo sotrudničestva (wie Anm. 10), S. 19, wurde das Geld 1519 doch ausgezahlt und nach Königsberg transportiert. ŠMURLO, Rim i Moskva (wie Anm. 8), S. 131 f. Vgl. Willi BUDDEE, Zur Geschichte der diplomatischen Missionen des Dominikaners Nikolaus von Schönberg bis zum Jahre 1519. Phil. Diss. Greifswald, Greifswald 1891; SACH, Hochmeister und Großfürst (wie Anm. 4), S. 329–338. SACH, Hochmeister und Großfürst (wie Anm. 4), S. 417. Akty istoričeskie, otnosjaščiesja k Rossii, izvlečennye iz inostrannych archivov i bibliotek [Russland betreffende Akten aus ausländischen Archiven und Bibliotheken], hg. v. Aleksandr I. TURGENEV, Bd. 1, St. Petersburg 1841, Nr. 124, S. 128. Evgenij ŠMURLO, Izvestija Džiovanni Tedal’di o Rossii vremen Ivana Groznogo [Die Nachrichten von Giovanni Tedaldi über Russland zur Zeit Ivan Groznyjs], St. Petersburg 1891, S. 8 f.

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König von Polen, der wohl keine ernsthafte politische Verbindung Moskaus zur westlichen Staatenwelt dulden wollte, den Gesandten den Weg. Erst ein Genueser, der Kaufmann Paolo Centurione, stellte mit seinen Reisen von 1519 bis 152517 den diplomatischen Verkehr zwischen Rom und Moskau wieder her. Mit Centurione ging 1525 der großfürstliche Beamte Dmitrij Gerasimov nach Rom18, der einst in Livland eine Schule besucht hatte und Latein beherrschte19. In seinem Brief an den Papst bestätigte Vasilij III. aber immer nur vorsichtig, dass er, so Gott will, mit allen Christen gegen die Ungläubigen einig sein würde20. Während der Rückreise über Polen und Preußen wurde Gerasimov vom Nuntius Gian Francesco Citus, einem (Titular-)Bischof von Skara, begleitet21. Im Sommer 1526 erreichte der Bischof ———————————— 17

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Akty istoričeskie (wie Anm. 15), Nr. 125, S. 129; Augustin THEINER, Vetera monumenta Poloniae et Lithuaniae gentiumque finitimarum historiam illustrantia, Bd. 2, Romae 1861, Nr. 456, S. 430; Joseph FIEDLER, Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche im sechzehnten Jahrhundert, in: Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wien) 40 (1862), S. 27–123, hier S. 103 f.; Inna S. ŠARKOVA, Zametki o russko-ital’janskich otnošenijach XV – pervoj treti XVI v. [Bemerkungen zu den russisch-italienischen Beziehungen im 15. – ersten Drittel des 16. Jahrhunderts], in: Srednie veka 34 (1971), S. 201–212, hier S. 207–210; Acta nuntiaturae polonae, Bd. 2. Zacharias Ferreri (1519–1521) et nuntii minores (1522–1553), hg. v. Henricus Damianus WOJTYSKA, Romae 1992, Nr. 2, S. 6. Natal’ja A. KAZAKOVA, Dmitrij Gerasimov i russko-evropejskie kul’turnye svjazi v pervoj treti XVI v. [Dmitrij Gerasimov und die russisch-europäischen Kulturbeziehungen im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts], in: Problemy istorii meždunarodnych otnošenij [Fragen der Geschichte der internationalen Beziehungen], Leningrad 1972, S. 248–266; DIES., Dmitrij Gerasimov (Mitja Malyj), in: Slovar’ knižnikov i knižnosti, Bd. 2, Teil 1, hg. v. Dmitrij S. LICHAČEV, Leningrad 1988, S. 195 f. Akty istoričeskie (wie Anm. 15), Nr. 127, S. 131 f.; Pauli JOVII De legatione Basilii Magni Principis Moscoviae ad Clementem VII. Pontificem Maximum, in: Historiae ruthenicae scriptores exteri saeculi XVI, hg. v. Albertus de STARCZEWSKI, Bd. 1, Berolini / Petropoli 1841, Nr. IV; FIEDLER, Ein Versuch (wie Anm. 17), S. 75 f.; Xenja VON ERTZDORFF, Dmitrij Gerasimov und Paolo Giovio: Bericht über Russland, Rom 1525, in: Slavica litteraria. Festschrift für Gerhard Giesemann zum 65. Geburtstag, hg. v. Ulrike JEKUTSCH / Ulrich STELTNER, Wiesbaden 2002 (Opera Slavica N.F. 43), S. 239–255. M. Marcella FERRACCIOLI / Gianfranco GIRAUDO, Documenti riguardanti l’olim Impero russo nella Biblioteca del Museo Correr di Venezia [Dokumente, betreffend das ehemalige Kaiserreich Russland in der Bibliothek des Museo Correr zu Venedig], in: Archivio russoitaliano 4 (2005), S. 9–94, hier S. 29 f. Akty istoričeskie (wie Anm. 15), Nr. 129, S. 133 f.; THEINER, Vetera monumenta (wie Anm. 17), Nr. 460–462, S. 433 ff.; Acta nuntiaturae polonae (wie Anm. 17), Nr. 3, S. 252 ff., Nr. 4, S. 254 ff., Nr. 14–20, S. 258; Nr. 21, S. 258 f.; V. E. JAZYKOVA, Papskij prestol i Moskovskoe gosudarstvo (k istorii diplomatičeskich svjazej v pervoj polovine XVI v.) [Der päpstliche Stuhl und das Moskauer Reich. Zur Geschichte der diplomatischen

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Moskau, wo die kaiserlichen Gesandten Graf Leonardo Nugarola und Sigismund von Herberstein schon früher angekommen waren. Anfang November konnte der Beifrieden zwischen Polen und Russland verlängert werden. Im Dezember 1526 schickte Vasilij III. seine Gesandten Eremej Matveev syn Trusov und Timofej Semenov syn Lodygin als Begleiter des heimkehrenden Bischofs zum Papst22. Zur Reisegesellschaft gehörte auch ein Kaufmann namens Aleksej. Wegen der extrem unsicheren Lage in Italien traf die Gesandtschaft Clemens VII. (1523–1534) erst im Januar 1528 in Orvieto an. Statt die Vereinigung der Kirchen durchzuführen, hatten die russischen Boten aber nur die Aufgabe, in Italien Fachleute für den russischen Dienst anzuwerben23. *** Livland hatte bei diesen Verhandlungen über Kirchenunion, Türkenkrieg und preußisch-polnische militärische Zusammenarbeit die Nebenrolle eines „technischen“ Vermittlers gespielt, weil die Gesandten Albrechts von Brandenburg den direkten Weg über Litauen und/oder Polen verständlicherweise vermeiden sollten. Dabei waren auch die Herren Livlands hinsichtlich der preußisch-russischen Kooperation im Grunde misstrauisch24: Wenn der König von Polen als gemeinsamer Feind den Hochmeister und den Großfürsten einander annäherte, konnte sich diese Zusammenarbeit auch gegen die livländischen Interessen richten. Der Hintergrund der Anklage gegen Blankenfeld kombinierte also eine Art Angst vor den „unmilden Russzen“25 mit teils mehr, teils weniger begründeten Hoffnungen auf politische Zusammenarbeit mit dem Großfürsten Vasilij, die den Gedanken einer eventuell möglichen Kirchenunion nicht ausschloss. ————————————

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Beziehungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts], in: Srednie veka 58 (1995), S. 199–205, hier S. 201. Julija P. GLUŠAKOVA, Neopublikovannye russkie gramoty iz vatikanskogo archiva [Unveröffentlichte russische Urkunden aus dem vatikanischen Archiv], in: Voprosy istorii 1974, Nr. 6, S. 128–132, hier S. 128 ff. FIEDLER, Ein Versuch (wie Anm. 17), S. 76 f.; ŠMURLO, Rim i Moskva (wie Anm. 8), S. 133 f. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 396; FORSTREUTER, Preußen und Rußland (wie Anm. 8), S. 82. Z.B. Akten und Rezesse der livländischen Ständetage, Bd. 3, hg. v. Leonid ARBUSOW, Riga 1910, Nr. 172–173, S. 474 ff.

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Die Forschung hat die Tätigkeit des Erzbischofs recht unterschiedlich bewertet. Christian Kelch (1657–1710) charakterisierte Blankenfeld als „regiersüchtig, zornig, und ein eyfriger Papiste […] hassete den Heer-Meister auffs allerhefftigste, fing auch mit Basilio […] gefährliche Consilia wieder Lieffland zuschmieden“26. Johannes Lossius (1842–1882) sah im „verräterischen Erzbischof“ eine Verkörperung des „kleinlichen Eigennutzes“27. Auch Theodor Schiemann (1847–1921) galt Johann Blankenfeld ohne weiteres als Verräter Livlands28. Alexander Berendts (1863–1912) dagegen schenkte den Anschuldigungen keinen Glauben und meinte, hinter den Vorwürfen stünden wohl die Versuche Blankenfelds, einen Frieden zwischen dem König von Polen und dem Großfürsten von Moskau zu vermitteln, mit dem Ziel, Polen zu ermöglichen, Druck auf die livländischen Feinde des Erzbischofs auszuüben29. Joachim Kuhles verband die Gerüchte mit den vermutlichen Verhandlungen Blankenfelds mit den Russen über die Kirchenunion, die er auf eigene Faust fortgesetzt haben soll30. Leonid Arbusow (jun.) (1882– 1951) räumte die politische Zusammenarbeit Blankenfelds mit Moskau ein: „Blankenfelds Verbindung mit den Russen“ hatte, so Arbusow, „aus verhältnismäßig unschuldigen Anfängen, je schärfer die Spannung zwischen dem Prälaten und Riga und sodann Dorpat wurde, seit Ende 1524 oder Anfang 1525 einen immer gefährlicheren Charakter angenommen“31. Diese Meinung hat später auch allgemeine Anerkennung gefunden32. ———————————— 26

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Christian KELCH, Liefländische Historia, oder Kurtze Beschreibung der Denkwürdigsten Kriegs- und Friedens-Geschichte, Reval 1695, S. 172 ff. Johannes LOSSIUS, Drei Bilder aus dem livländischen Adelsleben des XVI. Jahrhunderts, Bd. 1, Leipzig 1875, S. 10 ff. Theodor SCHIEMANN, Russland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert, Bd. 2, Berlin / Leipzig 1887 (Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen. Hauptabtheilung 2, Bd. 10), S. 216–221. BERENDTS, Johann von Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 55 f.; DERS., Ueber den angeblichen Verrat Johann von Blankenfelds, in: Baltische Monatsschrift 54 (1902), S. 354–364. Vgl. SCHNÖRING, Johannes Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 70 f. Joachmim KUHLES, Wolters von Plettenberg Haltung zur Reformation und Säkularisation Livlands, in: Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland, hg. v. Norbert ANGERMANN / Ilgvars MISĀNS, Lüneburg 2001 (Schriften der baltischen historischen Kommission 7), S. 33–53, hier S. 45. Leonid ARBUSOW, Wolter von Plettenberg und der Untergang des Deutschen Ordens in Preußen, Leipzig 1919 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 131), S. 24; DERS., Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 394–397, 476–481, zitiert S. 477. Hans QUEDNAU, Livland im politischen Wollen Herzog Albrechts von Preußen. Ein Beitrag zur Geschichte des Herzogtums Preußen und des preußisch-livländischen Verhältnis-

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Als Beauftragter Albrechts von Brandenburg und livländischer Landesherr wurde Blankenfeld gewiss in die Russlandpolitik Preußens und Livlands involviert. Die Beziehungen Albrechts und der Päpste zum Großfürsten von Moskau waren für ihn schon in Rom ein Thema. Die angeblichen blutigen Kämpfe des Deutschen Ordens gegen Russen, Schismatiker und Tataren dienten als Begründung, als Johann Blankenfeld 1514 von Leo X. für den Orden eine Privilegienbestätigung erwirkte33. Ebenso hatte Blankenfeld 1515 an der päpstlichen Kurie eine dreijährige Ablasspredigt zugunsten des preußischen Deutschen Ordens erwirkt, unter dem Vorwand, dass das Geld für einen Krieg gegen die Ungläubigen benutzt werde. Blankenfeld wurde selbst zum Kommissar des letztendlich nicht zustande gekommenen Ablasses ernannt34. Zu etwa dieser Zeit sollte der Prokurator in Rom die Gerüchte anfechten, Hochmeister Albrecht hätte mit dem Moskauer Großfürsten ein Bündnis geschlossen, um gegen Sigismund von Polen gemeinsam zu Felde zu ziehen35. Als Landesherr in Livland begegnete Bischof Blankenfeld der angespannten Nachbarschaft seiner Stifte mit Russland. Im Osten des Erzbistums Riga waren an der Pleskauer Grenze umfangreiche Gebiete strittig, welche die liv-

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ses 1525–1540, Leipzig 1939 (Deutschland und der Osten 12), S. 28 f.; SCHMIDT, Auf Felsen gesät (wie Anm. 5), S. 180; Julia PRINZ-AUS DER WIESCHE, Die RussischOrthodoxe Kirche im mittelalterlichen Pskov, Wiesbaden 2004 (Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa 28), S. 174; Lore POELCHAU, Erzbischof Johannes Blankenfeld von Riga in lateinischen Versen des 16. Jahrhunderts, in: Aus der Geschichte AltLivlands. Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, hg. v. Bernhart JÄHNIG / Klaus MILITZER, Münster 2004 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 12), S. 259–273, hier S. 261. Die Urkunden des Deutschordens-Zentralarchivs in Wien. Regesten, nach dem Manuskript von Marian TUMLER hg. v. Udo ARNOLD, Teilband 3, Marburg 2007 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 60/3; Veröffentlichungen der Internationalen historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens 11/3), Nr. 4681, S. 1350. SCHULTE, Die Fugger in Rom (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 127–133, Bd. 2, S. 144; Nikolaus PAULUS, Geschichte des Ablasses im Mittelalter, Bd. 3: Geschichte des Ablasses am Ausgange des Mittelalters, Paderborn 1923, S. 175; SCHUCHARD, Johann Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 36. Dopolnenija k aktam istoričeskim, otnosjaščimsja k Rossii. Sobrany v inostrannych archivach i bibliotekach [Ergänzungen zu den Russland betreffenden historischen Akten. Gesammelt in ausländischen Archiven und Bibliotheken], hg. v. Ioann GRIGOROVIČ / Vasilij KOMOVSKIJ, St. Petersburg 1848, Nr. 152, S. 367 ff.; SACH, Hochmeister und Großfürst (wie Anm. 4), S. 215 f.

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ländische Seite als besetzt wahrnahm36. Das Bistum Dorpat hatte im 14. und 15. Jahrhundert mehrmals wegen Grenzstreitigkeiten, besonders auf dem fischreichen Peipussee (Peipsi järv), gegen Pleskau gekämpft. Spätestens seit den 1470er Jahren wurde in den Verträgen zwischen Dorpat und Pleskau eine Zinspflicht des Bistums fixiert, möglicherweise wegen der Waldhonigbäume, die im Pleskauer Gebiet bei Neuhausen (Vastseliina) lagen, aber von den Bauern des Bischofs benutzt wurden37. Am 14. Februar 1525 bestätigte der livländische Ordensmeister Wolter von Plettenberg in einem Brief an Dorpat, er habe dank einer Mitteilung der Stadt vom 10. Februar von den im ganzen Lande verbreiteten Gerüchten, nach denen Johann Blankenfeld mit den Russen Verhandlungen führe und ihnen Roggen verkaufe, erfahren38. Am 3. März schrieb der Ordensmeister dem Erzbischof über die im Stift Dorpat und in Litauen verbreiteten Nachrichten, Blankenfeld habe beim Großfürsten von Moskau und dem Statthalter zu Pleskau „umb hulpe und biestand angelangtt“ und durch Vermittlung eines gewissen Gert Ringenberg und einiger weiterer Personen mit den Russen Verhandlungen geführt; er selbst wolle dem jedoch keinen Glauben schenken39. Der Erzbischof antwortete sofort und stritt Geheimgespräche mit den Russen ab40. Im Sommer wurden die Vorwürfe gegen Blankenfeld während des livländischen Landtags in Wolmar (Valmiera) wiederholt41. Spätestens im Oktober42 wurden die Kontakte Blankenfelds abermals er———————————— 36

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Vgl. Marina B. BESSUDNOVA, Istorija Velikogo Novgoroda konca XV – načala XVI veka po livonskim istočnikam [Die Geschichte Groß-Novgords vom Ende des 15. – Anfang des 16. Jahrhunderts aufgrund livländischer Quellen], Velikij Novgorod 2009, S. 206 ff. Anti SELART, Der „Dorpater Zins“ und die Dorpat-Pleskauer Beziehungen im Mittelalter, in: Aus der Geschichte Alt-Livlands. Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, hg. v. Bernhart JÄHNIG / Klaus MILITZER, Münster 2004 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 12), S. 11–37; DERS., Vastseliina mesilased Setumaal [Die Neuhausener Bienen in Setumaa], in: Setumaa kogumik, Bd. 3, Tallinn 2005, S. 170–195. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 180, S. 483 f. In seinem Brief an Dorpat vom Vortag hatte Plettenberg die Sache noch nicht erwähnt: Ebenda, Nr. 179, S. 482 f. Ebenda, Nr. 181, S. 484 f. Ebenda, Nr. 182, S. 485 f. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 445 f.; Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den ostpreußischen Folianten, bearb. v. Ulrich MÜLLER, Köln / Weimar / Wien 1996 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 41), Nr. 7, S. 17. Vgl. Hanserecesse, dritte Abtheilung, bearb. v. Dietrich SCHÄFER / Friedrich TECHEN, Bd. 9, München / Leipzig 1913, Nr. 131, S. 180–243, hier S. 189 §13, S. 228 §177. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 481 f.

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wähnt, jetzt aber schon als die feststehende Tatsache. Plettenberg meinte am 8. Dezember, die Briefe würden bezeugen, und Gert Ringenberg habe zusätzlich öffentlich bestätigt, dass Blankenfeld mit dem Moskowiter verhandelt habe und also wohl ein russischer Angriff zu erwarten wäre43. Der Erzbischof dagegen bestritt diese Informationen: Die Gerüchte über seine Verhandlungen und ein Bündnis „mit den Russen, Littauwen und anderen [...] wedder unse gemeine lande“ seien grundlos. Auch sein Brief an Bischof Johannes von Wilna (1519–1536), einen unehelichen Sohn des Königs Sigismund I. von Polen, enthalte nichts über seine angeblichen Pläne, mit den Kleinodien der Kirche nach Litauen zu fliehen. Er habe nur wegen seiner Notlage mit dem Bischof von Wilna (Wilno, Vilnius) Kontakte gepflegt, der ihm auch in der Tat geraten habe, den Kirchenschatz in Litauen sicher zu stellen, weil der König von Polen ja der Protektor des Erzstifts sei. Blankenfeld wusste, dass die unbegründeten Anschuldigungen aus Dorpat und Riga stammten44. Die Stadt Riga hatte 1524 in der Tat den Schatz des Domes eigenmächtig übernommen. Wolter von Plettenberg glaubte am 24. Dezember 1525 jedoch, über sichere Informationen zu verfügen, dass auch gegenwärtig eine Gesandtschaft Blankenfelds in Russland weilte45 und dieser außerdem einen Brief an den König von Polen geschickt hatte46. Schon nach dem Bekanntwerden der Beziehungen habe der Erzbischof einen Geistlichen von Neuhausen nach Pleskau und Polozk (Polack) sowie zum Bischof von Wilna, dem Herzog von Preußen und dem König von Polen gesandt47. Die russischen Verhandlungspartner des Erzbischofs, mit denen er durch Boten, schriftlich und persönlich in Verbindung getreten sei, sollten der Großfürst Vasilij III. von Moskau und dessen Statthalter in Pleskau sein, wodurch ein Angriff der Russen auf Livland bezweckt werde. Unter diesem Vorwand48 wurde Johann Blankenfeld am 22. Dezember 1525 in seinem Schloss Ronneburg inhaf———————————— 43

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Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 214, S. 544 f. §1. Siehe auch Jüri KIVIMÄE, Über den estnischen Druck Anno 1525, in: Eesti vanimad raamatud Tallinnas. Die ältesten estnischen Bücher in Tallinn (Reval), hg. v. Lea KÕIV u.a., Tallinn 2000, S. 36–61, hier S. 55 f. Ebenda, Nr. 216, S. 548 f. §1–3. Ebenda, Nr. 218a, S. 551 ff. Ebenda, Nr. 221 §5, S. 555 ff. Ebenda, Nr. 225, S. 561–565 §2. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 7, S. 17. Vgl. ebenda, Nr. 9, S. 18 f.; Nr. 17, S. 25; ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 448; Monumenta Livoniae antiquae, Bd. 5, hg. v. Eduard FRANTZEN, Riga / Leipzig 1847, S. V–VII.

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tiert, und die Verwaltung seiner Stifte wurde von den Ritterschaften übernommen; tatsächlich gerieten sie aber unter die Kontrolle des livländischen Deutschen Ordens49. Die Ritterschaften klagten gegen ihren Herrn, dass seine Verhandlungen mit den Russen in Neuhausen ohne Dabeisein der Vertreter „des Landes“ durchgeführt wurden50. Eigentlich ging es ja um die „außenpolitischen“ Beziehungen des Staatenkonglomerats Livland. Der seit dem 13. Jahrhundert akute Gegensatz zwischen dem Erzbischof von Riga und dem Deutschen Orden ermöglichte im Lande nur ein labiles politisches Gleichgewicht, das durch eine Kooperation eines der Protagonisten mit auswärtigen Fürsten gefährdet wurde. Sowohl der Erzbischof als auch der Ordensmeister versuchten, Herzog Albrecht von Preußen auf ihre Seite zu ziehen. Blankenfeld bestritt im März 1526 den Gesandten des Herzogs gegenüber landeswidrige Verbindungen mit den Russen oder Litauern – er habe im Gegenteil die von den Russen gegen seine livländischen Widersacher angebotene Hilfe abgelehnt51. Der Protestant Albrecht – ein ehemaliger Gönner Blankenfelds – sah den Grund der Notlage des Erzbischofs in dessen katholischer Gesinnung, wegen der er nun eine göttliche Strafe auf sich ziehe52. In Livland verbreitete sich in den ersten Monaten des Jahres 1526 die Überzeugung, hätte der Großfürst Vasilij keine Komplikationen wegen seiner Ehescheidung (s.u.) gehabt, wäre das russische Heer um den Dreikönigstag in Livland eingedrungen; auch über konkrete litauische Angriffspläne wurde spekuliert53. Dies hatten angeblich u.a. auch Kaufleute, Dolmetscher und ein nach zwanzigjähriger Gefangenschaft aus Moskau zurückgekehrter litauischer Kriegsgefangener mitgeteilt54. Als Urheber der Anklage gegen Blankenfeld wurde im Sommer 1526 wiederholt auch Gert Ringenberg genannt55. Im Juni 1526 wies Johann Blankenfeld auf dem Landtage zu Wolmar56 alle Vorwürfe persönlich zurück. Sein Brief an den Bischof von Wilna habe ———————————— 49

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 13/III, S. 23. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 225, S. 561–565, §2–3. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 10, S. 19; Nr. 12, S. 20; Russisch-livländische Urkunden, hg. v. Karl E. NAPIERSKY, St. Petersburg 1868, Nr. 376 S. 356 ff. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 13/I, S. 22. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 225, S. 561–565 §5; Nr. 231, S. 595 f. §89–90. Ebenda, Nr. 231, S. 573–597, hier S. 589 §68. Ebenda, Nr. 230, S. 569–573 §14; Nr. 237, S. 606–617, hier S. 615 §34. Alexander BERENDTS, Der Landtag von Rujen-Wolmar 1526, in: Baltische Monatsschrift 63 (1907), S. 385–402. Vgl. Helene DOPKEWITSCH, Die Hochmeisterfrage und das Liv-

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dem Land keinen Schaden zugefügt. Die Behauptung, er habe dem Moskauer Großfürsten mehrere Schlösser als Belohnung für die Erzwingung des Gehorsams des Stifts und der Stadt Dorpat versprochen, sei unbegründet. Gert Ringenberg57 habe er zehn Jahre nicht getroffen, obwohl sich dieser einmal mit ihm in Neuhausen treffen wollte. Er habe sogar dem in zwei Briefen Ringenbergs ausgedrückten Hilfsangebot der Pleskauer Herren Misjur’ Munechin und Aleksandr58 abgesagt mit dem Hinweis, Livland habe gute Räte und der Meister und das Land würden ihm zu seinem Recht verhelfen. Die wertvollen Geschenke für den Großfürsten aber hätten nur dem Zweck der guten Nachbarschaft gedient59. Der Rigaer Stadtsyndikus Johann Lohmüller aber, der als Gegner der Politik Blankenfelds und militanter Protestant ja eigentlich keine besondere Zuneigung zum katholischen Erzbi————————————

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landproblem nach der Umwandlung des Ordenslandes Preußen in ein weltliches Herzogtum durch den Krakauer Vertrag vom April 1525, in: Zeitschrift für Ostforschung 16 (1967), S. 201–255, hier S. 215–219; Ilgvars MISĀNS, Wolter von Plettenberg und der livländische Landtag. in: Wolter von Plettenberg (wie Anm. 30), S. 55–71, hier S. 66–69. Gert Ringenberg war in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts als Vermittler der Beziehungen mit Russland aktiv. Schon 1505 bat der livländische Ordensmeister den Revaler Magistrat, dem Bürger der Stadt Kampen Gert Ringenberg wegen einer näher nicht beschriebenen Streitsache die von ihm geforderte „certificatien edder getuchnisse“ herauszugeben (Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch. Zweite Abteilung, Bd. 2, hg. v. Leonid ARBUSOW, Riga / Moskau 1905; Nr. 788, S. 613). Ringenberg vermittelte Briefe des Hochmeisters Albrecht an Großfürst Vasilij in den Jahren 1515 (Erich JOACHIM, Die Politik des letzten Hochmeisters in Preußen Albrecht von Brandenburg, Bd. 1, Leipzig 1892 [Publicationen aus den k. Preußischen Staatsarchiven 50], S. 240 f., Nr. 85; ARBUSOW, Die Einführung der Reformation [wie Anm. 5], S. 397; Erich JOACHIM / Walter HUBATSCH, Regesta historico-diplomatica Ordinis S.Mariae Theutonicorum 1198–1525, Teil 1, Bd. 3, Göttingen 1973, S. 79, Nr. 20541; Aleksej N. LOBIN, Poslanija Vasilija III velikomu magistru Al’brechtu 1515 g. iz sobranija istoričeskogo Kenigsbergskogo sekretnogo archiva [Briefe von Vasilij III. an Hochmeister Albrecht (1515) aus dem historischen Königsberger Geheimarchiv], in: Studia Slavica et Balcanica Petropolitana 2012, Nr. 1, S. 141–152, hier S. 144) und 1517/18 (Pamjatniki diplomatičeskich snošenij Moskovskogo gosudartsva s Nemeckim ordenom v Prussii 1516–1520 gg. [Denkmäler der diplomatischen Beziehungen des Moskauer Reiches mit dem Deutschen Orden in Preußen 1516– 1520], hg. v. Gennadij F. KARPOV, St. Petersburg 1887 [Sbornik Imperatorskogo Russkogo istoričeskogo obščestva 53], S. 41). Die Person Aleksandrs ist nicht identifizierbar. Vor 1520 beteiligte sich aber ein gewisser Aleksandr an der Vermittlung der Kontakte zwischen dem Großfürsten und Albrecht von Preußen. Siehe Russisch-livländische Urkunden (wie Anm. 51), Nr. 360, S. 324 ff., Nr. 372, S. 348 ff. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 22, S. 29. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 477 f. datiert die Verhandlungen auf die Zeit nach den Tumulten in Dorpat im Januar 1525.

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schof gehabt haben dürfte, befand später in seiner Chronik, dass die Gerüchte über die Tätigkeit Blankenfelds keine andere Ursache hatten als die guten und anständigen Beziehungen des Dorpater Herrn mit den russischen Beamten, die er in Neuhausen ehrlich und standesgemäß empfangen hatte. Die Aussagen Gert Ringenbergs, der mit den Russen in der Tat viel zu tun hatte, soll der Orden aber durch Folter erzwungen haben; so habe man „uber gantz Leiflandt geschrien, als were das landt vorrathen und vorlohren“60. Die Vorwürfe gegen den Erzbischof waren jedoch keineswegs nur propagandistisch. Unabhängig von den livländischen Quellen bestätigen auch die russischen letopisi die Beziehungen Blankenfelds zu Russland. In der sogenannten Ersten Pleskauer Chronik findet sich die folgende Passage: Im Jahre 7031 [1523]. Der Erzbischof roven’skij [hier: von Riga]61 erbat beim Großfürsten ein Heer gegen seinen Fürsten [Ordens-] Meister Livlands und schickte seine Gesandten nach Pleskau zum Djaken Misjur’ Munechin; und Misjur’ schickte [die Nachricht bzw. die Gesandten] zum Großfürsten. Und der Großfürst gab ihm kein Heer, aber der Großfürst hatte selber Sorge wegen seiner Großfürstin.62

Danach erwähnt die Chronik die spätsommerliche Rundreise des Großfürsten und zum Herbst die Entscheidung, die unfruchtbare Großfürstin

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Ulrich MÜLLER, Johann Lohmüller und seine livländische Chronik „Warhaftig Histori“. Biographie des Autors, Interpretation und Edition des Werkes, Lüneburg 2001 (Schriften der baltischen historischen Kommission 10), S. 291 f., vgl. S. 227–231. Siehe auch Bartholomäus GREFENTHALs livländische Chronik, hg. v. Friedrich Georg VON BUNGE, in: Monumenta Livoniae antiquae, Bd. 5 (wie Anm. 48), S. 1–123, hier S. 52; Oskar STAVENHAGEN, Fortsetzung einer livländischen Bischofschronik, in: Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands 17 (1900), S. 89–96, hier S. 92; SCHUCHARD, Johann Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 44; Vgl. Klaus NEITMANN, Johann Lohmüllers evangelische Geschichte Livlands. Überlieferung – Quellen – Darstellungsweise – Intention, in: Geschichtsschreibung im mittelalterlichen Livland, hg. v. Matthias THUMSER, Berlin 2011 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 18), S. 155– 200. Zu roven’skij: die erzbischöfliche Residenz Blankenfelds war das Schloss Ronneburg, lettisch Rauna, altrussisch Rovnoj (vgl. Norbert ANGERMANN, Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs, Marburg 1972 [Marburger Ostforschungen 32], S. 27), das hier wohl gemeint war. Zum Itinerar Blankenfelds vgl. Est- und Livländische Brieflade, Bd. 3, hg. v. Philipp SCHWARTZ, Riga / Moskau / Odessa 1879, S. 203 f. Pskovskie letopisi [Pleskauer Chroniken], Bd. 1–2, hg. v. Arsenij N. NASONOV, Moskau 2000–2003 (Polnoe sobranie russkich letopisej 5/1–2), hier Bd. 1, S. 102.

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Solomonija ins Kloster zu schicken (28. November 1525)63. Das falsche Datum 7031 kommt auch in dem eindeutig ablehnenden Bericht über die Scheidung in der Dritten Pleskauer Chronik vor64. Die irrige Datierung (1523 statt 1525)65 der Scheidung und damit auch der Hilfsbitte des Erzbischofs zeigt, dass die beiden Fassungen, sowohl die der Ersten als auch die der Dritten Pleskauer Chronik, hier wohl eine gemeinsame Quelle haben66. Indirekt werden die Verhandlungen Blankenfelds mit Russland um 1525 durch die etwas späteren Quellen über die Reaktion des Großfürsten auf den Dorpater Bildersturm bestätigt, dem auch die russisch-orthodoxe Nikolaikirche der Pleskauer Kaufleute zum Opfer fiel67. Die 1564 erstmals veröffentlichte, von Tillmann Bredenbach vermittelte Erzählung des örtlichen Domherren Philipp Olmen über die Dorpater Reformation erwähnt die drohende Reaktion des Großfürsten Vasilij III. auf die Plünderung der orthodoxen Kirche in Dorpat68. Dass auch diese dem Bildersturm zum Opfer fiel, konnte von Blankenfeld gewiss als Argument in seiner Diplomatie be-

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Ebenda, Bd. 1, S. 102 f.; Prodolženie letopisi po Voskresenskomu spisku [Fortsetzung einer Chronik gemäß dem Voskresenskij-Manuskript], hg. v. Afanasij F. BYČKOV, St. Petersburg 1859 (Polnoe sobranie russkich letopisej 8), S. 271. Vgl. Sofijskie letopisi [Sophien-Chroniken], St. Petersburg 1853 (Polnoe sobranie russkich letopisej 6), S. 264; Tipografskaja letopis’ [Die Chronik der Typographie], hg. v. S. P. ROZANOV, Moskau 2000 (Polnoe sobranie russkich letopisej 24), S. 222 f.; Vologdo-permskaja letopis’ [Die Chronik von Vologda und Perm], hg. v. Michail N. TICHOMIROV, Moskau / Leningrad 1959 (Polnoe sobranie russkich letopisej 26), S. 313; Novgorodskaja letopis’ po spisku P. P. Dubrovskogo [Die Novgoroder Chronik gemäß dem Manuskript von Petr P. Dubrovskij], hg. v. O. L. NOVIKOVA, Moskau 2004 (Polnoe sobranie russkich letopisej 43), S. 217. Pskovskie letopisi (wie Anm. 62), Bd. 2, S. 227. ARBUSOW, Wolter von Plettenberg (wie Anm. 31), S. 24; DERS., Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 531 f.; Aleksandr A. ZIMIN, Rossija na poroge novogo vremeni [Russland an der Schwelle der Neuzeit], Moskau 1972, S. 295 f. Vgl. Nikolaj E. ANDREEV, O charaktere Tret’ej pskovskoj letopisi [Über das Wesen der Dritten Pleskauer Chronik], in: The Religious World of Russian Culture. Russia and Orthodoxy, Bd. 2. Essays in Honor of Georges Florovsky, hg. v. Andrew BLANE, The Hague / Paris 1975 (Slavistic printings and reprintings 260/2), S. 117–158, hier S. 146, 148– 151. Anti SELART, Orthodox Churches in Medieval Livonia, in: The Clash of Cultures on the Medieval Baltic Frontier, hg. v. Alan V. MURRAY, Farnham 2009, S. 273–290, hier S. 285 f. Tilemanni BREDENBACHII et Philippi OLMENI Belli livonici historia, in: Historiae ruthenicae scriptores exteri saeculi XVI (wie Anm. 19), S. 1–25, hier S. 7.

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nutzt werden69: Die Herren von Moskau und Dorpat hatten beide Grund, gegen die livländischen Protestanten zu stehen. Im August 1526 verließ Johann Blankenfeld Livland. 1525 hatte der Hochmeister des Deutschen Ordens den Orden in Preußen säkularisiert und liquidiert; es entstand die Frage im Orden, ob nun der livländische Meister Wolter von Plettenberg oder der Deutschmeister Walther von Cronberg (1526–1543) als neuer Hochmeister bzw. Administrator anzuerkennen sei. Als Befürworter Plettenbergs70 reiste der Erzbischof über Wilna nach Rom und traf hier Papst Clemens VII., der jedoch am Vorabend des Sacco di Roma dringendere Sorgen hatte. Im Jahre 1527 weilte Blankenfeld in Italien und Deutschland; nach erfolgslosen Verhandlungen mit der Ordensleitung in Deutschland segelte er im Sommer von Calais nach Spanien, um dort Kaiser Karl V. zu treffen. Am 9. September 1527 starb er in der nordspanischen Kleinstadt Torquemada bei Palencia. Während das protestantische Lager in Livland damals vermutete, das eigentliche Ziel der Reise Blankenfelds sei der Versuch gewesen, seine Stellung in Livland mit Hilfe der katholischen Herrscher wiederherzustellen71, glaubten die Katholiken, er sei von den Lutheranern vergiftet worden72. *** Es kann also als sicher gelten, dass Johann Blankenfeld als Bischof von Dorpat und Erzbischof von Riga mit den Repräsentanten des Moskauer Staats in Verbindung stand und mit ihnen politische Gespräche führte. Seine beiden geistlichen Fürstentümer hatten eine lange gemeinsame Grenze mit ———————————— 69 70

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Vgl. KELCH, Liefländische Historia (wie Anm. 26), S. 174. Klemens WIESER, Nordosteuropa und der Deutsche Orden. Kurzregesten, Bd. 1–2, Bad Godesberg 1969–1972 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 17, 27), hier Bd. 1, Nr. 551; Axel HERRMANN, Der Deutsche Orden unter Walter von Cronberg (1525–1543). Zur Politik und Struktur des „Teutschen Adels Spitale“ im Reformationszeitalter, Bonn-Godesberg 1974 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 35), S. 4 f., 55–69; DOPKEWITSCH, Die Hochmeisterfrage (wie Anm. 56), S. 232–246. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1534–1540). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 1999 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 49), Nr. 879/XXI, S. 318 (1536). Vgl. POELCHAU, Erzbischof Johannes Blankenfeld (wie Anm. 32), S. 269. Tilemanni BREDENBACHII et Philippi OLMENI Belli livonici historia (wie Anm. 68), S. 7. Vgl. HERRMANN, Der Deutsche Orden (wie Anm. 70), S. 68.

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Russland, und der Verkehr zwischen den Nachbarn war bestimmt Alltag. Zu den Vorwürfen gegen Blankenfeld gehörte jedoch die Behauptung, er habe die Verhandlungen ohne Teilnahme und Kenntnis seiner Landstände durchgeführt. Bei den Treffen mit den Russen waren in der Tat nur die Beamten und Verwandten Blankenfelds als Vertrauensmänner anwesend73. Die „Stände“ seiner Stifte waren nicht beteiligt. Handelte es hier im engeren Sinne um keine Landessache – oder suchte er Hilfe gegen die Ritterschaften und Städte Livlands? Blankenfelds diplomatische Beziehungen mit dem Großfürstentum Moskau gingen in der Tat über die traditionellen Grenzbeziehungen hinaus. In Dorpat vermittelte er den Verkehr zwischen dem Hochmeister bzw. Herzog Albrecht von Preußen mit Russland74. Im Jahre 1517 übermittelte Dietrich von Schönberg Blankenfeld die Nachricht von der angeblichen Unionsbereitschaft des Moskauer Großfürsten, damit der Papst informiert werden konnte75. Im März 1519 erklärte Vasilij III. auf eine entsprechende Bitte Albrechts, der Bischof von Reval stehe unter seinem besonderen Schutz, weshalb dessen Länder und Wasser nicht angegriffen würden, doch sollte der Bischof dem Großfürsten dienlich sein76. Während des Landtags in Wolmar klagte die Stadt Dorpat den Erzbischof dafür an, dass er den Russen zum Nachteil der Stadt eine Fischereierlaubnis erteilt habe77. Neben der „kleinen“, livländischen Politik war der Bischof auch in die „große“, europäische Politik involviert. Johann Blankenfeld besaß wie niemand sonst im Livland dieser Zeit eine erstrangige Bildung und große diplomatische Erfahrung, was ihm auch von Zeitgenossen attestiert wurde78. Er hatte in Rom „gute fruntschaft“ mit dem Kardinal Giulio de Medici, dem

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Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 219, S. 553 f., Nr. 231, S. 595 §89; ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 476; SCHUCHARD, Johann Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 43. Pamjatniki diplomatičeskich snošenij (wie Anm. 57), Nr. 22, S. 221; SCHNÖRING, Johannes Blankenfeld (wie Anm. 2), S. 50, 54. FORSTREUTER, Preussen und Russland (wie Anm. 8), S. 88. Vgl. Marshall POE, „A People Born to Slavery“. Russia in Early Modern European Ethnography, 1476–1748, Ithaca / London 2000 (Studies of the Harriman Institute), S. 22 f. „[A] biskup by nam služil“: Pamjatniki diplomatičeskich snošenij (wie Anm. 57), Nr. 10, S. 96, 100; Nr. 11, S. 107. Vgl. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 394 f. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 237, S. 607 §3. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534) (wie Anm. 41), Nr. 5, S. 11; SCHULTE, Die Fugger in Rom (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 106.

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zukünftigen Papst Clemens VII.79, unterhalten80. Auch der persönliche Aufenthalt Blankenfelds in Livland unterbrach dessen politischen Kontakte mit der römischen Kurie nicht; in den Jahren 1519/20 reiste zum Beispiel der Domherr von Dorpat und spätere Bischof von Ösel (Saaremaa) Reinhold von Buxhoeveden zu Papst Leo X. nach Rom81. Der vom Orden in Haft gehaltene Dorpater Domherr Lorenz Volckersam gab bei einem Verhör Ende 1525 (oder 1526) an, dass die Verhandlungen Blankenfelds mit den Russen in Neuhausen im Auftrage des Papstes Leo X. stattgefunden hätten, mit dem Ziel, den Großfürsten von Moskau für die Kirchenunion unter dem Primat des Papstes zu gewinnen. Leo X. hätte Blankenfeld diesen Auftrag im Beisein des Kardinals Giulio de’ Medici, also des derzeitigen Papstes Clemens VII., erteilt82. Dieses Gespräch in Rom könnte 1514 stattgefunden haben, bevor Blankenfeld Rom verließ83, oder auch in den Jahren 1516 bzw. 1517. Als Agent des preußischen Deutschen Ordens und wohl auch des Papstes sowie als Landesherr der Stifte Dorpat und Riga stand Johann Blankenfeld mit Misjur’ Munechin in Verbindung. Misjur’ (Michail Grigor’evič) Munechin († 1528) wurde 1510, als Pleskau dem Großfürstentum Moskau eingegliedert wurde, dort zum d’jak, also Kanzleileiter, ernannt und bekleidete dieses Amt bis zu seinem Tode. Als hervorragende Persönlichkeit spielte er in der Verwaltung des Pleskauer Landes eine weit bedeutendere Rolle als die häufig wechselnden fürstlichen Statthalter, die namestniki84. Wenigstens in ———————————— 79

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The Pontificate of Clement VII. History, Politics, Culture, hg. v. Kenneth GOUWENS / Sheryl E. REISS, Aldershot 2005. BEUTTEL, Der Generalprokurator (wie Anm. 4), S. 43. Vgl. Leonid ARBUSOW, Ambrosius von Gumppenbergs Bericht über eine Mission des Erzbischofs Johann Blankenfeld von Riga vor der Eroberung Roms 1527, in: Sitzungsberichte der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands aus dem Jahre 1912, Riga 1914), S. 346–366. Jüri KIVIMÄE, Piiskop ja hansakaupmees: Reinhold von Buxhövdeni ja Johann Selhorsti kaubasuhetest 1530. aastate algul [Bischof und Hansekaufmann: über die Handelsbeziehungen Reinholds von Buxhövden und Johann Selhorsts Anfang der 1530er Jahre], in: Sõnasse püütud minevik [Die im Wort gefangene Vergangenheit] in honorem Enn Tarvel, hg. v. Priit RAUDKIVI / Marten SEPPEL, Tallinn 2009, S. 138–158, hier S. 141 f. Vgl. Acta tomiciana, Bd. 8, hg. v. Tytus DZIAŁYŃSKI, Posen 1860, Nr. 99, S. 136. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 219, S. 553 f. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 392. Natalija N. MASLENNIKOVA, Prisoedinenie Pskova k Russkomu centralizovannomu gosudarstvu [Der Anschluss Pleskaus an den zentralisierten russischen Staat], Leningrad 1955, S. 135; ANDREEV, O charaktere Tret’ej pskovskoj letopisi (wie Anm. 66), S. 134; Rufina P. DMITRIEVA, Munechin Michail Grigor’evič, in: Slovar’ knižnikov i knižnosti Drevnej

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den Jahren 1518 und 1519 – für eine längere Periode sind keine Quellen erhalten – vermittelte er von russischer Seite den diplomatischen Verkehr zwischen dem Großfürsten und dem Deutschordenshochmeister Albrecht85. Zwischen Blankenfeld und Munechin bzw. dem ihm untergeordneten Beamten, dem pod’’jačij Oleša, bestanden direkte Verbindungen, deren Inhalt leider unbekannt ist86. In den 1520er Jahren stand Misjur’ hinter dem raschen Aufstieg der religiösen Bedeutung und des politischen und wirtschaftlichen Gewichts des Pleskauer Höhlenklosters dicht an der livländischen Grenze. Leonid Arbusow hat überlegt, ob der ehrwürdige Repräsentant der Russen, den Blankenfeld in Neuhausen standesmäßig empfing, nicht Misjur’ selbst war, zumal dieser das Kloster wiederholt persönlich besucht hat87. Spätestens 1538 gab es eine Straße vom Kloster nach Neuhausen88. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts war im Moskauer Russland ein Kreis von gebildeten Personen tätig, die in ihrem Briefwechsel unter anderem das Thema der möglichen Annäherung der orthodoxen und katholischen Kirche erörtert haben. Der Arzt und Astrologe Nicolaus Bülow aus Lübeck befürwortete die Union mit dem Hauptargument, der kleine Unterschied zwischen Katholizismus und Orthodoxie sei eigentlich unwesentlich. Er hatte schon in den 1490er Jahren in Russland gearbeitet und sich an der Übersetzung lateinischer Schriften am Katheder des Erzbischofs Gennadij von Novgorod beteiligt. Hier hatte zu seinen Aufgaben die Errechnung der Fortsetzung der Ostertafeln gehört, weil die bisher in Russland benutzte Fassung nur bis zum Jahre 1492 reichte. Wohl nach der Absetzung des Erzbischofs (1504) verließ Bülow Russland und stand für eine Zeit im Dienste des Papstes Julius II. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Romreise des Gesandten des Moskauer Großfürsten Andreas Trachaniotes ————————————

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Rusi, Bd. 2, Teil 2 (vtoraja polovina XIV – XVI v.), hg. v. Dmitrij S. LICHAČEV, Leningrad 1989, S. 120 ff.; Vladislav D. NAZAROV, Misjur’ Munechin: sociokul’turnyj kontekst biografii [Misjur’ Munechin: soziokultureller Kontext der Biografie], in: Drevnosti Pskova [Die Altertümer von Pleskau], Bd. 2: K jubileju Labutinoj Ingi Konstantinovny [Festschrift für Inga K. Labutina], hg. v. Valentin L. JANIN u.a., Pskov 2011, S. 264–270. Pamjatniki diplomatičeskich snošenij (wie Anm. 57), S. 71, 120, 148, 157, 158. Opisi carskogo archiva XVI veka i archiva posol’skogo prikaza 1614 goda [Die Verzeichnisse des Zarenarchivs des 16. Jahrhunderts und des Archivs des Gesandtenamtes aus dem Jahre 1614], hg. v. Sigurd O. ŠMIDT, Moskau 1960, S. 24. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 480. Jüri KIVIMÄE, Petr Frjazin or Peter Hannibal? An Italian Architect in Late Medieval Russia and Livonia, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 52 (1996), S. 21–28, hier S. 27.

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1506 kehrte Bülow nach Russland zurück, wo er – nicht ganz freiwillig89 – bis zu seinem Tode 1548 blieb90. Es ist unklar, ob Bülow in Russland mit seiner Propaganda der Prinzipien der Florentiner Union von 1439 und einer christlichen Koalition gegen das Osmanische Reich einen päpstlichen Auftrag erfüllt hat91. Jedenfalls bekam er angeblich vom Papst eine beträchtliche Jahresrente92 – nach der späteren Behauptung seiner Erben auf Lebenszeit – und stand in Moskau in Kontakt mit den Gesandten Albrechts von Brandenburg93, des Papstes94 und des Kaisers95. In Russland gehörten zu seinen Korrespondenten Misjur’ Munechin, der Diplomat Fedor Karpov, der u.a. an den Verhandlungen mit dem Gesandten des Kaisers (1517–1518, 1526), Albrechts von Brandenburg (1518), des Papstes (1526) und des Königs von Polen (1526, 1529) beteiligt war96, ———————————— 89

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Pamjatniki diplomatičeskich snošenij drevnej Rossii s deržavami inostrannymi [Denkmäler der diplomatischen Beziehungen des alten Russland mit den auswärtigen Staaten], Bd. 1, St. Petersburg 1851, S. 416, 424. Norbert ANGERMANN, Neues über Nicolaus Bulow und sein Wirken im Moskauer Rußland, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 17 (1969), S. 408–419; DERS., Bulow (Buelow), Nicolaus, in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Bd. 7, Neumünster 1985, S. 39 f.; Dmitrij M. BULANIN, Bulev (Bjulov) Nikolaj, in: Slovar’ knižnikov, Bd. 2, Teil 1 (wie Anm. 18), S. 101 ff.; Anna L. CHOROŠKEVIČ, Die Quellen Herbersteins und die Moscovia als Quelle zur politischen, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Ruś im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, in: Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Rußlandkunde und die europäische Diplomatie, hg. v. Gerhard PFERSCHY, Graz 1989 (Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchives 17), S. 179–243, hier S. 200 f.; Elke WIMMER, Novgorod – ein Tor zum Westen? Die Übersetzungstätigkeit am Hofe des Novgoroder Erzbischofs Gennadij in ihrem historischen Kontext (um 1500), Hamburg 2005 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa 13), S. 101–110; Sabine DUMSCHAT, Ausländische Mediziner im Moskauer Rußland, Stuttgart 2006 (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 67), S. 340 ff., 376–382, 580 f. DUMSCHAT, Ausländische Mediziner (wie Anm. 90), S. 379. Ludwig PASTOR, Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance von der Wahl Innozenz’ VIII. bis zum Tode Julius II. 1484–1513, Teil 2, Freiburg im Breisgau 1938 (Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters 3/2), S. 878; Gotthard HANSEN, Dr. Nikolai Bulow, 40 Jahre in Rußland, in: Baltische Monatsschrift 39 (1892), S. 60 ff. Die Informationen Pastors stammten aus dem Stadtarchiv Reval. So vermutet ŠMURLO, Rim i Moskva (wie Anm. 8), S. 105. PIERLING, La Russie et le Saint-Siège (wie Anm. 8), S. 286 ff. UEBERSBERGER, Österreich und Russland (wie Anm. 8), S. 149 f. Vjačeslav F. RŽIGA, Bojarin-zapadnik XVI veka (F. I. Karpov) [Der Bojar und Westler des 16. Jahrhunderts Fedor Karpov], in: Rossijskaja associacija naučno-issledovatel’skich institutov obščestvennych nauk. Institut Istorii. Učenye Zapiski 4 (1929), S. 39–48.

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und der Mönch Maxim der Grieche (Maksim Grek, † 1555/56)97. Maxim (Michael Trivolis) hatte, bevor er um 1505 Mönch im Kloster Vatopedi auf dem Berg Athos wurde und dann 1516 nach Russland kam, viele Jahre in Italien gelebt und war wahrscheinlich auch fast ein Jahr in Florenz Novize im Dominikanerkonvent gewesen, wo damals auch Nicolaus von Schönberg lebte98. Er lehnte zwar den Katholizismus wegen angeblicher zahlreicher Fehler ab und konnte entsprechend auch keine Kirchenunion unter dem päpstlichen Primat anerkennen, doch blieb seine antikatholische Polemik sachlich und hinsichtlich einzelner Spezialfragen, wie z.B. der Klosterdisziplin, auch den Gegner anerkennend99. Wegen einer Kritik an Vasilij III. wurde er Ende November 1524 arretiert und 1525 zu Klostergefangenschaft verurteilt100. An Bülow hatte er zwischen 1520 und 1525 wenigstens zwei polemische Briefe verfasst101, die für einen breiteren Leserkreis bestimmt waren, wie daher auch die Traktate Bülows. ———————————— 97

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Vgl. Nina V. SINICYNA, Tretij Rim. Istoki i ėvoljucija russkoj srednevekovoj koncepcii (XV–XVI vv.) [Das Dritte Rom. Anfänge und Entwicklung der russischen mittelalterlichen Konzeption (15.–16. Jahrhunderts)], Moskau 1998, S. 141 f. Nina V. SINICYNA, Novye dannye ob ital’janskom periode žizni prepodobnogo Maksima Greka [Neues zum italienischen Lebensabschnitt des hl. Maxim des Griechen], in: Vestnik cerkovnoj istorii 2006, Nr. 1, S. 193–199; SACH, Hochmeister und Großfürst (wie Anm. 4), S. 329. Élie DENISOFF, Maxime le Grec et l’Occident. Contribution a l’histoire de la pensée religieuse et philosophique de Michel Trivolis, Paris / Louvain 1943 (Université de Louvain. Recueil de travaux d’histoire et de philologie 3/14); Bernhard SCHULTZE, Maksim Grek als Theologe, Roma 1963 (Orientalia Christiana analecta 167); Jack V. HANEY, From Italy to Muscovy. The Life and Works of Maxim the Greek, München 1973 (Humanistische Bibliothek, Reihe 1: Abhandlungen 19); Donald W. TREADGOLD, The Meeting of Moscow and Rome in the Reign of Vasilij III., in: The Religious World (wie Anm. 66), S. 55–74, hier S. 62 f.; Nina V. SINICYNA, Iz istorii polemiki protiv latinjan v XVI veke (o datirovke i atribucii nekotorych sočinenij Maksima Greka) [Aus der Geschichte der Polemik gegen die Lateiner im 16. Jahrhundert. Zur Datierung und Zuschreibung einiger Werke von Maxim dem Griechen], in: Otečestvennaja istorija 2002, Nr. 6, S. 130–141; Ljudmila I. ŽUROVA, Antilatinskie sočinenija Maksima Greka [Die antilateinische Schriften von Maxim dem Griechen], in: Trudy Otdela drevnerusskoj literatury 52 (2001), S. 192–224; DIES., Istorija antilatinskoj polemiki v russkoj rukopisnoj tradicii i antilatinskie sočinenija Maksima Greka [Geschichte der antilateinischen Polemik in der russischen handschriftlichen Tradition und die antilateinischen Werke von Maxim dem Griechen], in: Trudy Otdela drevnerusskoj literatury 57 (2006), S. 145–160. Andrej I. PLIGUZOV, Polemika v russkoj cerkvi pervoj treti XVI stoletija [Die Polemik in der russischen Kirche im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts], Moskau 2002, S. 207–252. MAKSIM GREK, Sočinenija [Werke], hg. von Nina V. SINICYNA u.a, Bd. 1, Moskau 2008, S. 133–138.

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Nicolaus Bülow übersetzte die Warnung des „Almanachs“ (1499) der bekannten Astrologen Johannes Stöffler und Jakob Pflaum ins Russische, ein Text, der für Februar 1524 zwanzig merkwürdige Konjunktionen der Planeten – davon „16 signum aqueum possidebunt“ – vorhersagte, „que universo fere orbi climatibus regnis provincijs statibus dignitatibus brutis beluis marinis cunctisque terre nascentibus indubitatam mutationem variationem ac alternationem significabunt“102. Die Warnung, die Bülow in dem im westlichen Europa verbreiteten Sinne der kommenden Sintflut und als Vorhersage des kommenden Sieges des Kaisers über die Türken sowie der folgenden Vereinigung des Christentums deutete103, wurde von Misjur’ Munechin in Pleskau gelesen – also standen sie in Kontakt104. Munechin schickte den Text dem gelehrten Mönch Filofej des Eleazar-Klosters etwa 30 km nördlich von Pleskau. Ende 1523, Anfang 1524105 antwortete Filofej dem d’jak: keine Sterne, sondern allein der göttliche Wille sei die Ursache der Geschehnisse; die Gespräche der Katholiken über die Beständigkeit und bleibende Autorität der katholischen Kirche seien nicht stichhaltig, sondern einfach häretisch106. Fedor Karpov war in den 1520er Jahren der Adressat von bis zu sechs erhaltenen Briefen von Maxim dem Griechen, die gegen Nicolaus Bülow polemisierten107. Zu dem Kreis gehörte noch Dmitrij Gerasimov108. Als Dol———————————— 102

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Johannes STOEFFLER / Jakob PFLAUM, Almanach nova plurimis annus venturis inservientia, Ulm 1499, [Bl. 387] (unpaginiert). Robert COLLINS, Maxim the Greek, Astrology and the Great Conjunction of 1524, in: Slavonic and East European Review 88 (2010), S. 601–623, hier S. 606 f., 622. David B. MILLER, The Lübeckers Bartholomäus Ghotan and Nicolaus Bülow in Novgorod and Moscow and the problem of early western influences on Russian culture, in: Viator. Medieval and Renasissance Studies 9 (1978), S. 395–412, hier S. 411 f.; Norbert ANGERMANN, Deutsche Übersetzer und Dolmetscher im vorpetrinischen Russland, in: Zwischen Christianisierung und Europäisierung. Beiträge zur Geschichte Osteuropas in Mittelalter und früher Neuzeit. Festschrift für Peter Nitsche zum 65. Geburtstag, hg. v. Eckhard HÜBNER u.a., Stuttgart 1998 (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 51), S. 221–249, hier S. 229 f. Vgl. Frank KÄMPFER, Beobachtungen zu den Sendschreiben Filofejs, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 18 (1970), S. 1–46, hier S. 19–25. Hildegard SCHAEDER, Moskau, das dritte Rom. Studien zur Geschichte der politischen Theorien in der slawischen Welt, Darmstadt 1957, S. 198–206; Aleksandr L. GOL’DBERG, Tri „poslanija Filofeja“ (opyt tekstologičeskogo analiza) [Drei „Sendschreiben von Filofej“. Versuch einer textologischen Analyse], in: Trudy Otdela drevnerusskoj literatury 29 (1974), S. 68–97; SINICYNA, Tretij Rim (wie Anm. 97), S. 134–143, 336–340. MAKSIM GREK, Sočinenija (wie Anm. 101), S. 139 f., 141 f., 171–198, 199–242, 255– 294, 311–334, 359–372; Nina V. SINICYNA, Maksim Grek v Rossii [Maxim der Grieche in Russland], Moskau 1977, S. 74–103.

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metscher war er um diese Zeit an den russischen Gesandtschaften nach Preußen und zum Kaiser beteiligt. Vielleicht um 1517 stand er in Pleskau im Dienste Munechins, dem er die Meinung Maxims über ein in Pleskau und Novgorod lokal verbreitetes, wahrscheinlich von der westchristlichen Kunst beeinflusstes Ikonensujet übermittelte109. Die theologische Bedeutung der Ikonen war auch ein Thema für Bülow gewesen, und der Gesandte des Hochmeisters des Deutschen Ordens, Melchior von Rabenstein, schenkte dem Großfürsten im Herbst 1517 in Moskau ein Bild von der Geburt Christi, dem Metropoliten aber eines über die Barmherzigkeit110. Eine Berührung Blankenfelds mit diesem Personenkreis – über die bezeugten Kontakte mit Munechin hinaus – ist nicht ausgeschlossen. Leonid Arbusow hat angemerkt, dass die zeitliche Übereinstimmung der Vorwürfe gegen Blankenfeld mit der päpstlichen Unionspolitik in den 1520er Jahren eher zufällig sei, weil die Unionsbestrebungen und die entsprechenden Gesandtschaften damals nicht mit Livland, sondern mit Polen in Verbindung standen111. Das diplomatische Eingehen Albrechts von Brandenburg auf Vasilij III. wurde nicht nur der damaligen katholischen „Öffentlichkeit“ als Unionsgespräch präsentiert112, sondern das Thema kam – obwohl erfolglos – tatsächlich zur Geltung. Die antilateinische Polemik Maxims des Griechen und Filofejs sowie deren Verbreitung in den 1520er Jahren zeigen die Aktualität des Themas auch in Russlands (gleichwohl nicht besonders umfangreichen) gelehrten Kreisen, die sich bestimmt nicht nur durch die Aktivitäten Nicolaus Bülows, sondern auch von den diplomatischen Kontakten mit dem päpstlichen Hof und anderen westlichen Würdenträgern anregen ließen – zu Letzteren zählte bestimmt auch Blankenfeld113. Dieser selbst, den man, soweit wir über seine Person informiert sind, kaum als Theologen, sondern eben als Diplomaten und Juristen bezeichnen sollte, sah in diesen Diskussionen wohl in erster Linie die politische Dimension. Und diese Politik richtete sich im Großen und Ganzen nach dem Vorbild Albrechts von Brandenburg. Wie Albrecht in Moskau einen Bündnispartner gegen das christliche Polen gefunden hatte, suchte Blankenfeld Hilfe gegen die abtrünnigen lutherischen Städte in Livland. Beim König von Polen bzw. ———————————— 108 109

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WIMMER, Novgorod (wie Anm. 90), S. 72–93. Maksim Grek, svjatogorec [Maxim der Grieche vom Athos], in: Pribavlenija k izdaniju tvorenij svjatych otcov v russkom perevode 18 (1859), S. 144–192, hier S. 190 ff. FORSTREUTER, Preussen und Russland (wie Anm. 8), S. 86. ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 533–538. Vgl. ebenda, S. 388–396; FORSTREUTER, Preussen und Russland (wie Anm. 8), S. 93 f. SINICYNA, Iz istorii polemiki protiv latinjan (wie Anm. 99), S. 131 f.

Johann Blankenfeld und Russland

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Großfürsten von Litauen hatte Blankenfeld ebenso um Hilfe und Unterstützung nachgesucht114. Der König aber galt sowieso als Schirmherr des Erzbistums115. Die livländischen Gegner des Erzbischofs konnten aber die Gespräche gegen Blankenfeld benutzen, wobei das Hilfsgesuch bei den katholischen Nachbarn Litauen bzw. Polen eigentlich ebenso getadelt wurde wie dasjenige bei den schismatischen Russen. Andererseits wusste Plettenberg spätestens Anfang 1520, dass der Hochmeister Albrecht vom Großfürsten Vasilij Geld erhielt116, ohne daraus eine politische Angelegenheit zu machen. Einer der zentralen Aspekte war hier wohl die Frage, ob die Politik Blankenfelds „wedder unse gemeine lande“ gerichtet war oder nicht: Während dessen Gegner behaupteten, der Erzbischof habe die Absicht gehabt, Livland „myt wiff und kinderen umb liff und gudt […] in de unchristen hande“ zu geben117, war er selbst bestimmt davon überzeugt, dass eine erfolgreiche politische Eliminierung seiner abtrünnigen Stände und die Beseitigung der lutherischen Bewegung im Interesse des Landes sei. Neben dem Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten zeigt sich schon hier eine der Generallinien der politischen Geschichte Livlands im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts: das Bestreben, das Gleichgewicht zwischen den Landesherren zu wahren und sie von möglichen ausländischen Partnern zu isolieren.

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Codex diplomaticus regni Poloniae et magni ducatus Lituaniae, [hg. v. Maciej DOGIEL], Bd. 5, Vilnae 1759, Nr. 104–106, S. 186 ff.; Acta tomiciana, Bd. 8 (wie Anm. 81), Nr. 36–37, S. 53–55; THEINER, Vetera monumenta (wie Anm. 16), Nr. 475, S. 443; Monumenta saeculi XVI. historiam illustrantia, hg. v. Petrus BALAN, Bd. 1, Oeniponte 1885, Nr. 273, S. 357 ff.; Acta nuntiaturae polonae (wie Anm. 17), Nr. 27, S. 271; ARBUSOW, Die Einführung der Reformation (wie Anm. 5), S. 538. Inga ILARIENĖ, Kilka źródeł, dotyczących protektoratu Wielkiego Księstwa Litewskiego nad arcybiskupstwem ryskim: formalna podstawa prawa w stosunkach Litwy i Inflant w trzecim i czwartym dziesięcioleciu XVI w. [Einige Quellen zur Schirmherrschaft des Großfürstentums Litauen über das Erzbistum Riga: formaljuristische Rechtsgrundlagen in den litauisch-livländischen Beziehungen im dritten und vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts], in: Lietuvos Didžiosios Kunigaikštystės istorijos šaltiniai. Faktas. Kontekstas. Interpretacija, hg. v. Artūras DUBONIS u.a., Vilnius 2007, S. 213–246. Dopolnenija k aktam istoričeskim (wie Anm. 35), Nr. 143 [richtig: 153], S. 369 f. Akten und Rezesse (wie Anm. 25), Nr. 225 §3, S. 562 (1526).

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Aspekte der Außenbeziehungen Livlands im Spiegel der Korrespondenz Herzog Albrechts von Preußen (1525–1570) Grundlage der folgenden Ausführungen ist ein abgeschlossenes Projekt des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz Berlin, das in sieben Bänden mit etwa 5 000 Vollregesten den Schriftwechsel Herzog Albrechts mit Livland von 1525 bis 1570, d.h. von der Einführung der Reformation bis zum Abschluss des Friedens von Stettin, erfasst. Die Dokumente befinden sich in der Abt. D „Livland“ des Herzoglichen Briefarchivs (HBA), das zu den wertvollsten Beständen des Geheimen Staatsarchivs gehört und in seiner Aussagekraft weit über den Bereich des im Jahr 1525 säkularisierten Ordenslandes Preußen hinausgeht, indem es den gesamteuropäischen Raum von England bis Russland und von Schweden bis Italien einbezieht. Berücksichtigt wurde auch die Gegenüberlieferung der Königsberger Kanzlei in den Ostpreußischen Folianten. Bei den Regesten handelt es sich um Belege, die die brandenburgisch-preußische Komponente der internationalen Livlandpolitik im 16. Jahrhundert deutlich machen, was auch für die livländischen Außenbeziehungen in jener Zeit gilt. Ihren Niederschlag haben hier vor allem Aspekte gefunden, die für die politische Sicht Herzog Albrechts und seines Bruders Wilhelm, der seit 1530 als Koadjutor und ab 1539 bis zu seinem Tod im Februar 1563 als Erzbischof von Riga amtierte, von vorrangiger Bedeutung gewesen sind. Um festzustellen, in welcher Weise sich in der Zeit von 1525 bis 1570 in der Korrespondenz die Aspekte der livländischen Außenbeziehungen veränderten oder konstant blieben, muss die Betrachtung und Wertung der Ereignisse in ihrem kausalen Zusammenhang erfolgen, wofür die Dichte der in den Regesten übermittelten Berichterstattung eine wichtige Voraussetzung bietet. Zu diesem Zweck sollen im Folgenden alle Bände des Regestenwerks im Einzelnen analysiert werden, wobei nach dem chronologischen Prinzip verfahren werden soll.

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Herzog Albrecht und Livland 1525–15341 Ein zentraler Aspekt ist hier die Einführung der Reformation in Livland mit ihren Konsequenzen und Problemen, die sich auch auf die Außenbeziehungen der damals noch zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Provinz ausgewirkt haben. Großen Anteil hatte daran Herzog Albrecht, der infolge seines Übertritts zum Protestantismus und der Schaffung eines säkularisierten Herzogtums Preußen unter polnischer Lehnsherrschaft zunehmend in Gegensatz zu Kaiser und Reich geraten war. Das hatte 1530 in der förmlichen Belehnung des Deutschen Meisters mit Preußen auf dem Augsburger Reichstag und in der knapp zwei Jahre später über Albrecht verhängten Reichsacht seinen deutlichsten Ausdruck gefunden. Der Herzog versuchte in seiner immer prekärer werdenden Lage, mit Hilfe seines wichtigsten Mittelsmannes, des Rigaer Stadtsekretärs Johann Lohmüller2 – über 90 Briefe sind von ihm in diesem Band überliefert –, Einfluss auf die mit der Reformation sympathisierenden livländischen Stände zu gewinnen und auf diesem Weg seine in der Zurückdrängung oder sogar Zerschlagung der Macht des livländischen Ordenszweiges gipfelnden politischen Pläne zu verwirklichen. In den Regesten finden sich zahlreiche Belege für die Schlüsselrolle der von Martin Luther ausgelösten kirchlichen Neuerungen in den damaligen livländischen Außenbeziehungen, die neben dem Ostseeraum vor allem die protestantisch gewordenen Teile Deutschlands berührten. So wurde 1527 der Königsberger Reformator Johannes Briesmann3 als Prediger an den Rigaer Dom berufen, dessen Kirchenordnung auf gemeinsamen Beschluss Rigas, Revals (Tallinn) und Dorpats (Tartu) in allen drei Städten verbindlich gemacht wurde und der damit die Fundamente für das evangelische Kirchenwesen in Livland legte. Dabei musste allerdings mit dem Widerstand des Meisters Wolter von Plettenberg gerechnet werden, dem sich Riga unter ———————————— 1

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525–1534). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Ulrich MÜLLER, Köln / Weimar / Wien 1996 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz [künftig VAPK] 41). Zum Rigaer Stadtsekretär und Syndikus Johann Lohmüller vgl. Ulrich MÜLLER, Johann Lohmüller und seine livländische Chronik „Warhaftig Histori“. Biographie des Autors, Interpretation und Edition des Werkes, Lüneburg 2001 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 10). Zu Johannes Briesmann vgl. Reinhard WITTRAM, Die Reformation in Livland, Darmstadt 1967 (Sonderdruck aus: Wirkungen der deutschen Reformation bis 1555), S. 432–434.

Aspekte der Außenbeziehungen Livlands

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Verletzung des Vertrags von Kirchholm (Salaspils) auch in seinem bisherigen erzbischöflichen Teil unterworfen hatte, was eine Folge der unheilvollen Politik des Erzbischofs Johannes Blankenfeld gewesen war. Erstmals wird Mitte März 1528 die Wahl Thomas Schönings zu dessen Nachfolger in den Regesten erwähnt, während sich die vom Kaiser und Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel4 repräsentierte katholische Partei für einen anderen Kandidaten ausgesprochen hatte, was auf kommende Schwierigkeiten in der Macht- und Glaubensfrage hindeutete. Im Folgenden ist klar zu erkennen, dass Schöning aus Furcht vor der wachsenden Macht des Ordens Albrecht in seinem Vorhaben unterstützte, seinem jüngerem Bruder Wilhelm das Koadjutoramt im Rigaer Erzstift zu verschaffen, was im Abschluss eines Schutzbündnisses des Herzogs mit dem Elekten seinen Ausdruck fand5. Der hier erfasste umfangreiche Schriftwechsel erhellt die intensiven Bemühungen Albrechts und Schönings um die Anerkennung der Wahl des brandenburgischen Markgrafen innerhalb Livlands, aber auch beim Kaiser und Reich, dem Papst und den Königen von Dänemark und Polen, die als zentrale Faktoren in den livländischen Außenbeziehungen hervortreten und die internationale Bedeutung der Rigaer Koadjutorfrage erkennen lassen. Nach dem Eintreffen Wilhelms im Erzstift Anfang Oktober 1530 wurde bald klar, welchen vielfältigen Schwierigkeiten er ausgesetzt war, woran seine Privilegienzusicherung an die erzstiftischen Stände kaum etwas änderte. Nur mit Mühe konnte er die kaiserliche Regalienbestätigung erreichen, während trotz aller hohen Aufwendungen, die über das Augsburger Bankhaus der Fugger beschafft werden mussten, die päpstliche Konfirmation immer wieder verzögert wurde. So erklärte die Kurie in Rom, in dieser Sache ohne Wissen des Ordens nichts tun zu können. Auf Schönings Hilfe konnte Wilhelm in der folgenden Zeit kaum zählen, weil dieser nach dem Scheitern eines Aufstands in Dahlen (Dole)6 seine geistliche Jurisdiktion in der ihm an———————————— 4

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Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel (1514–1568) blieb bis zu seinem Tod katholisch, was ihn zum Sachwalter der Interessen Karls V. in Norddeutschland machte. Dazu Otto HOHNSTEIN, Geschichte des Herzogtums Braunschweig, Braunschweig 1908, S. 262–283. MÜLLER, Regesten (wie Anm. 1), S. 58, Nr. 57, 1529 September 15. Zur Berufung Markgraf Wilhelms zum Koadjutor und dessen Einzug in Livland vgl. Hans QUEDNAU, Livland im politischen Wollen Herzog Albrechts von Preußen, Leipzig 1939 (Deutschland und der Osten 12), S. 46–68. Zum Dahlener Anstand vom 10. August 1530 und dessen Scheitern vgl. MÜLLER, Regesten (wie Anm. 1), S. 304 f., Nr. 294, 1532 August, und Constantin METTIG, Geschichte der Stadt Riga, Riga 1897, S. 225–227.

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gebotenen Teilherrschaft über Riga nicht durchsetzen konnte und schließlich ganz auf sie verzichtete. Seine schwache Stellung dokumentiert sich auch im Unvermögen, die etwa 2 000 Gulden betragenden Kosten für die Erlangung seiner Konfirmation aus eigenen Mitteln aufzubringen, was ihn zur Aufnahme eines Darlehens bei Wilhelm und dessen Verwandten veranlasste. Der Rigaer Erzbischof verfolgte in dieser Situation, die ihm nur wenig Spielraum ließ, eine Schaukelpolitik zwischen dem Orden und den dem katholischen Lager zuneigenden livländischen Prälaten einer- und der Position Albrechts und Wilhelms andererseits, wozu als dritte Kraft die selbstbewusste Stadt Riga trat. Die vom Koadjutor in ihrer Eigenschaft als Protektoren des Erzstifts um Unterstützung gebetenen Könige von Dänemark und Polen beließen es bei verbalen Fürsprachen, die bei der Gegenseite weitgehend wirkungslos verhallten. Bereits in dieser Zeit hatte Wilhelm den entschlossenen Widerstand Rigas gegen alle Versuche, die Herausgabe der eingezogenen Kirchengüter mit der Domkirche an das Domkapitel mit Hilfe des Reichskammergerichts zu erzwingen, zu spüren bekommen, ein Problem, das als „Rigaer Frage“ die Innen- und Außenbeziehungen Livlands in den folgenden Jahrzehnten erheblich belasten sollte. Lohmüller geriet in dieser Angelegenheit in einen Loyalitätskonflikt, weil er als Rigaer Syndikus die Interessen der Stadt vertrat und gleichzeitig im Auftrag des Koadjutors das Eigentum der Kirche zurückgewinnen sollte. Auch das Ende 1531 geschlossene Religionsbündnis Herzog Albrechts mit Riga und wenig später mit der erzstiftischen Ritterschaft konnte die Vorbehalte gegenüber Wilhelm nicht beseitigen und verhalf ihm nicht zum offiziellen Einzug in die unbotmäßige Stadt, so dass er mit der bescheideneren Landstadt Ronneburg (Rauna) als Hoflager Vorlieb nehmen musste, während Schöning in Kokenhusen residierte. Gleichen Misserfolg hatte das am 1. April 1533 in Wenden (Cēsis) geschlossene Bündnis zwischen dem Koadjutor, dem Ordensmeister und Riga zum Schutz des evangelischen Glaubens, da in Wirklichkeit die Gegensätze zwischen den einzelnen Parteien hinsichtlich der Ziele einer künftigen Livlandpolitik unüberbrückbar geworden waren7. In diesem Zusammenhang gewannen die als „Öseler Stiftsfehde“ bezeichneten Auseinandersetzungen um die Besetzung des Öseler Bischofsstuhls an Gewicht, die sich vor allem infolge ihrer Verknüpfung mit der dänischen Grafenfehde zu einem den gesamten Ostseeraum erfassenden internationalen Konflikt ausweiteten. Markgraf Wilhelm ließ sich aus machtpolitischen Erwägungen und zur Erschließung neuer Einkünfte in die Öseler Krise ver———————————— 7

MÜLLER, Regesten (wie Anm. 1), S. 391–393, Nr. 386, 1533 April 1.

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wickeln, was in den Regesten breit dokumentiert wird. Er empfing zwar von der Wiekschen Ritterschaft, in der er zahlreiche Anhänger fand, die Huldigung, scheiterte aber in seinen Versuchen, eine Absetzung des Elekten Reinhold von Buxhoeveden auf diplomatischem und militärischem Weg zu erreichen. Verantwortlich dafür war der Mangel an eigenen Ressourcen, während Buxhoeveden auf die Unterstützung der meisten livländischen Stände, des Kaisers, Papstes und Lübecks, das unter dem Regiment des Bürgermeisters Jürgen Wullenweber seinen Blick auf Livland gerichtet hatte, zählen konnte. Briefe Wilhelms und Lohmüllers Anfang 1533 an Herzog Albrecht belegen die schwierige Lage des Koadjutors, der im eingeschlossenen Hapsal (Haapsalu) die Erfolge von Buxhoevedens Parteigängern ohnmächtig mit ansehen musste8. Die zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung aufgezählten Gewalttaten Buxhoevedens konnten an dieser Situation nichts ändern, wobei sich für Wilhelm das offene Eintreten Plettenbergs für den Öseler Elekten als nachteilig erwies. Die Regesten lassen das Großfürstentum Moskau als wichtigen Faktor in den livländischen Außenbeziehungen erkennen. So teilte Erzbischof Thomas Schöning im Februar 1531 Herzog Albrecht mit, der Meister habe durch seine Gesandten einen Beifrieden auf 20 Jahre bei Großfürst Vasilij III. erwirkt9. Bezeichnenderweise wurde dieser Vertrag von den Statthaltern von Novgorod und Pleskau geschlossen, die damals als Sachwalter der nach Westen gerichteten moskowitischen Interessen eine zentrale Rolle in den russisch-livländischen Beziehungen spielten. Am Vorwurf Vasilijs, die Livländer hätten sich von ihm und seinem väterlichen Erbe Groß Novgorod und Pleskau (Pskov) losgesagt und seien zum polnischen König und Großfürsten von Litauen übergetreten, lässt sich bereits der Kurs Moskaus gegenüber Livland in den folgenden Jahrzehnten erkennen, der weniger auf Kompromiss als auf konsequente Machtpolitik gegenüber dieser das Moskauer Reich von der Ostsee abschließenden Region hindeutete. Bestätigt wurde die alte Grenze vom Peipussee längs der Narva bis zur Ostsee, die von keiner Seite überschritten werden sollte. Vereinbart wurden gegenseitige Handelsfreiheit und eine Verständigung im Rechtswesen. Bei einem Streitwert bis zu 10 Silberstücken sollte die Gerichtsbarkeit bei der Herrschaft liegen, in deren Territorium die Klage erhoben worden war. Lag der Streitwert höher, sollten die Richter des Statthalters von Novgorod mit denen der Mächte Livlands ———————————— 8

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Ebenda, S. 346–348, Nr. 337, 1533 Januar 8, und S. 359–361, Nr. 351, 1533 Februar 10. Ebenda, S. 167–170, Nr. 170, 1531 Februar 20.

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gemeinsam richten. Weitere Klauseln betrafen die Rückgabe konfiszierter Güter und die Wiederherstellung russischer Kirchen in Livland, Forderungen, die Moskau in den kommenden Jahren immer wieder erhob. Herzog Albrecht und Livland 1534–154010 Der am Beginn des zweiten Bandes ausführlich behandelte Landtag von Fellin (Viljandi) im Februar 1534 hat insofern zentrale Bedeutung für die Gestaltung der politischen Verhältnisse Livlands, als sich hier die Bildung einer machtvollen Koalition der livländischen Stände unter Führung des Ordensmeisters, der Bischöfe und Ritterschaften gegen Wilhelm vollzog. Am 15. Februar berichteten dessen Gesandte an Herzog Albrecht, die Beratungen hätten einen negativen Verlauf genommen, weil sich alle Stände „vom großen bis zum kleinsten, vom Haupt bis zum Fuße“ zum Nachteil des Koadjutors für den Öseler Elekten ausgesprochen hätten. Offensichtlich wolle man Wilhelm um Land und Leute bringen, wobei sich Erzbischof Thomas Schöning „mehr als Vater denn als Stiefvater“ gezeigt habe. Wegen ihrer ungestraften Schmähung durch Buxhoevedens Anhänger hätten sie den Landtag vorzeitig verlassen müssen, und der Koadjutor stünde nun ohne jegliche Fürsprache da11. In dem am 20. Februar gefassten Entschluss wurde dieser aufgefordert, sich als christlicher, friedliebender Fürst zu verhalten und seine Proteste allein bei Schöning als livländischem Metropolitan vorzubringen. Er sollte alle Kosten für die Buxhoeveden und dessen Parteigängern zugefügten Schäden übernehmen, da dieser rechtmäßig vom Kaiser regaliert und vom Papst konfirmiert worden sei, und sich nach den Bestimmungen der kaiserlichen Landfriedens- und Reichsordnung verhalte12. In seiner bedrängten Lage suchte der Markgraf bei seinem Oheim Sigismund I. von Polen, seinem Bruder Albrecht und dessen Schwager Christian III. von Dänemark um Unterstützung nach, wodurch die innerlivländischen Verhältnisse erneut in den Kontext der außenpolitischen Machtkonstellationen gerieten. Alle diese Hilferufe verliefen jedoch ergebnislos, weil die angesprochenen Fürsten mit eigenen Problemen zu kämpfen hatten. Über Albrecht ———————————— 10

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Herzog Abrecht von Preußen und Livland (1534–1540). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 1999 (VAPK 49). Ebenda, S. 1–3, Nr. 590, 1534 Februar 15. Ebenda, S. 5 f., Nr. 591, 1534 Februar 20, Beilage VII.

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war 1532 die Reichsacht verhängt worden, deren verhängnisvolle Folgen er für sich und das Herzogtum Preußen befürchten musste, der polnische König hatte sich mit der Abwehr der Moskowiter und Türken zu befassen, und Christian war in die langwierige Grafenfehde verwickelt, die er erst 1535 zu seinen Gunsten beenden konnte. Diesem war Herzog Albrecht im Seekrieg gegen die Lübecker mit seiner Flotte zu Hilfe gekommen, deren Aufbau den größten Teil seiner Ressourcen verschlungen hatte13. In Anbetracht der sich zu einer internationalen Krise ausweitenden Verwicklungen beließ es der polnische König bei Ermahnungen an seinen Neffen Wilhelm, sich seiner geistlichen Würde gemäß zu verhalten, indem er auf den Lärm der Waffen verzichte und das kirchliche Gericht anerkenne, um auf diese Weise eine für ihn günstige Beilegung des Streits zu erreichen14. Die Regesten erhellen, dass sich auch die Hoffnung des Koadjutors auf Förderung seines Anliegens bei Kaiser Karl V., dem römisch-deutschen König Ferdinand I. und den Päpsten Clemens VII. und Paul III. als Trugschluss erwies. Allzu offen war er für die evangelische Sache in Livland eingetreten, was sich besonders deutlich in seinem Eintreten für die protestantische Stadt Riga dokumentierte. Hinzu kam seine enge Verwandtschaft mit dem vom katholischen Glauben abgefallenen Herzog Albrecht, was ihn beim Kaiser und der Kurie besonders verdächtig gemacht hatte. So musste er zwangsläufig im Wettlauf um die Erlangung der päpstlichen Konfirmation als Bischof von Ösel gegenüber seinem Rivalen Reinhold von Buxhoeveden unterliegen. Als besonders verderblich erwies sich, dass er trotz des Rates seines herzoglichen Bruders zur Besonnenheit und Zurückhaltung in der öselschen Frage an seinen Ansprüchen auf das Stift Ösel festhielt und die für ihn ungünstigen Verhältnisse in Livland nicht zur Kenntnis nehmen wollte, die nach dem Tod Plettenbergs und dem Amtsantritt von dessen Nachfolger Hermann von Brüggenei im März 1535 immer klarer erkennbar waren. Dieser machte sich entschlossener als sein Vorgänger zum Sachwalter der Interessen Buxhoevedens und erzwang im Bund mit den livländischen Ständen den schrittweisen Verzicht Wilhelms auf das Stift Ösel. Ihn hatten inzwischen seine eigenen Anhänger ———————————— 13

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Zu Herzog Albrechts Verwicklungen in die Grafenfehde und dem von ihm betriebenen Flottenbau vgl. Kurt FORSTREUTER, Die preußische Kriegsflotte im 16. Jahrhundert, in: DERS., Beiträge zur Preußischen Geschichte im 15. und 16. Jahrhundert, Heidelberg 1960 (Studien zur Geschichte Preußens 7), S. 73–164, hier S. 112–128. Zur Verhängung der Reichsacht über Albrecht vgl. Walther HUBATSCH, Albrecht von BrandenburgAnsbach. Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen, Heidelberg 1960 (Studien zur Geschichte Preußens 8), S. 221 f. Regesten (wie Anm. 10), S. 9, Nr. 592, 1534 März 22, Beilage I.

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in der Wiek und selbst Riga im Stich gelassen, das sich der Partei des Ordens angeschlossen hatte und der von dieser verbreiteten Parole, Herzog Albrecht wolle ohne Vorwarnung die Stadt angreifen, Glauben schenkte, was in Wirklichkeit dessen Diplomatie und militärischen Möglichkeiten widersprach. Vielmehr musste Albrecht seine Flotte weiterhin gegen die Schiffe Lübecks einsetzen, die große Teile der westlichen Ostsee beherrschten. Die veränderte Lage in Riga veranlasste Wilhelms eifrigsten Parteigänger Johann Lohmüller, den der Orden als Unterhändler bei dem vermeintlichen Angriffsvorhaben Albrechts bezichtigt hatte, zur überstürzten Flucht nach Ronneburg, wo sich der Markgraf nach dem immer deutlicher werdenden Scheitern seiner öselschen Ambitionen aufhielt15. Nach längerem Aufenthalt begab sich Lohmüller von dort in das sichere Königsberg, wo ihn der Herzog Anfang April 1536 zu seinem Rat und Hofdiener bestellte. Insgesamt zeichnen die Regesten ein Bild von den inneren Verhältnissen Livlands im Kontext der politischen Großwetterlage, deren geografischer Rahmen sich von England bis Moskau und von Skandinavien bis Nordafrika erstreckte. In diesem Zusammenhang ist auf die den Hauptschreiben häufiger beigefügten Zeitungsberichte zu verweisen, die teils durch Vermittlung Herzog Albrechts, teils über die Ostsee zumeist aus Dänemark, Schweden und Lübeck nach Livland gelangt sind, wobei Riga eine wichtige Vermittlerrolle spielte. Erneut erweist sich hier, dass die Seestadt mit ihrem bedeutenden Hafen damals das zentrale Tor Livlands nach außen gewesen ist. Hier finden sich Nachrichten über die Wiedertäufer in Münster, den Verlauf der Reichstage im Heiligen Römischen Reich, vor allem unter dem Aspekt der sich zuspitzenden Glaubensfragen, die Entstehung des Schmalkaldischen Bundes, die Kriege Karls V. gegen Frankreich und die Türken, die Aufrufe von Papst und Kaiser zur Verteidigung der Christenheit, die vom habsburgisch-französischen Gegensatz bestimmten Verhältnisse in Italien und vor allem über die Haltung der Kurie in Rom, wo in dem beginnenden Pontifikat Papst Pauls III. (1534–1549) die ersten Anzeichen einer intensiv betriebenen Gegenreformation zu erkennen sind. Des Weiteren ist den Regesten zu entnehmen, dass trotz der inneren Wirren nach dem Ableben Vasilijs III. und der Unmündigkeit seines Nachfolgers, des späteren Zaren Ivan IV., dieser Staat in den livländischen Außenbeziehungen weiterhin einen hohen Rang einnahm. So erwähnen die Regesten im August 1534 die Absendung einer livländischen Gesandtschaft nach Moskau unter Führung ———————————— 15

Ebenda, S. 243 f., Nr. 816, 1535 Juli 17. Darin wird auf Lohmüllers Flucht aus Riga Anfang Juli 1535 Bezug genommen.

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des Komturs von Marienburg (Alūksne), über deren Zweck und Ergebnisse allerdings nichts ausgesagt wird. Anfang 1536 berichtete ein durchreisender Narvaer Bürger von der Absicht der Russen, in Litauen einzufallen, weshalb er seine Reise nicht fortsetzen könne und in Riga bleiben müsse. Die Moskowiter hätten viel Kriegsvolk verloren, was der polnische König, der 2 000 Mann nach der „Russischen Narwa“ gebracht habe und viel Land und Pleskau und andere Städte erobern wolle, zu seinem Vorteil ausnutze16. Im Mai 1537 drängte Brüggenei den Rigaer Erzbischof und Koadjutor zur Einberufung eines Landtages und begründete das mit der Empörung des Fürsten Andreas – dabei handelte es sich um Ivans Onkel Andrej Starickij – gegen die Regentin Elena Glinskaja. Jener habe 60 000 Mann gesammelt und Novgorod eingenommen, von wo er nach Pleskau weiterziehen wolle. Wenige Monate später ist einem Schreiben Wilhelms an Albrecht zu entnehmen, dass sich Andrej inzwischen nach Moskau begeben hatte, um gemeinsam mit den Regenten des jungen Großfürsten sein Vaterland gegen die eingefallenen Tataren zu verteidigen, worauf er ins Gefängnis geworfen worden sei, um dort zu verschmachten. Diese Untreue sei den Moskowitern durch die Eroberung und Verwüstung vieler Länder, Schlösser und Städte sowie die Wegführung von Gütern und Menschen durch die Tataren in einem Ausmaß vergolten worden, wie man es in vielen Jahren nicht gehört hat17.

Erwähnung finden auch die Ambitionen des schwedischen Königs Gustav I. Wasa, der sich die Grafenfehde in Holstein und Dänemark zunutze machte, um seine Herrschaft im Ostseeraum zu festigen, wozu die Verstärkung seines Einflusses in Livland gehörte. Im Rahmen dieser komplizierten Mächtekonstellation erscheint Livland angesichts der dortigen instabilen Verhältnisse als eine von ständigen Krisen geschüttelte Region. Viele Schwierigkeiten waren in der territorialen Zerrissenheit begründet, die vor allem beim Orden und dem Erzstift Riga sichtbar werden. Gerade im Abfall Rigas vom Bündnis mit Herzog Albrecht zeigt sich das Scheitern der preußischen Livlandpolitik. Angesichts der erstarkenden katholischen Gegenkräfte und der ungünstigen außenpolitischen Ver———————————— 16

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Ebenda, S. 287, Nr. 861, 1536 Januar 18. Dabei handelte es sich um den fünften litauisch-moskowitischen Krieg 1534–1537, in dem die Wiedergewinnung von Smolensk nicht erreicht wurde. Ebenda, S. 386 f., Nr. 958, 1537 November 6. Zur Auseinandersetzung von Ivans Onkel Andrej Starickij mit der Regentin Elena Glinskaja vgl. Ian GREY, Ivan der Schreckliche, Düsseldorf 2002, S. 42–44.

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hältnisse musste der Herzog erkennen, dass das, was ihm in Preußen gelungen war, nämlich die Umwandlung des dortigen Ordensstaates in ein weltliches Territorium, in Livland nicht zu erreichen war. Auf die Unterstützung des zwischen Aktivität und Resignation schwankenden Markgrafen Wilhelm konnte er kaum zählen, dessen Schwäche hinsichtlich der Durchführung einer folgerichtigen Politik der Wolmarer Rezess vom 29. Juli 153618, in dem er seinen Verzicht auf Ösel offiziell erklären und Buxhoeveden als Bischof anerkennen musste, eindrucksvoll belegt. Der aus diesem Konflikt erfolgreich hervorgegangene Orden betrieb nun energischer die Wiederherstellung seiner Hegemonialstellung in Livland, wobei er Wilhelms Anhänger als Parteigänger der Könige von Dänemark und Schweden brandmarkte und die Verteidigung der Freiheit der livländischen Stände als Scheinargument benutzte. Gemeinsam mit den Prälaten prangerte er den Koadjutor als Förderer des Luthertums an und konnte dabei den unentschlossenen Schöning auf seine Seite ziehen. Diese Taktik hatte insofern außenpolitische Bedeutung, als die Schlappe Wilhelms den Deutschen Meister Walther von Cronberg zum Wiederaufgreifen des Plans der Rückgewinnung Preußens bewog. So war Wilhelms Position kaum gefestigt, als er 1539 die Nachfolge Thomas Schönings im Erzstift antrat. Noch schwieriger als die Erlangung der kaiserlichen Regalien gestaltete sich für ihn die des Palliums, das erst im Mai des folgenden Jahres mit dem päpstlichen Bescheid bei ihm eintraf, zuvor einen Eid beim Erzbischof von Gnesen und dem Bischof von Kurland abzulegen, was der Befürchtung Raum gab, die Kurie wolle damit die Rigaer Kirchenprovinz dem Erzbischof von Gnesen unterstellen19. Herzog Albrecht und Livland 1540–155120 Im Mittelpunkt der Korrespondenz dieses Bandes stehen die intensiven Bemühungen Erzbischof Wilhelms um Durchsetzung seiner Rechte in Riga, die in der Restitution der von der Stadt entzogenen geistlichen Güter, vor allem der Domkirche, bestanden. In ihrer Auseinandersetzung fanden beide ———————————— 18

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Zum Rezess von Wolmar und seiner Vorgeschichte vgl. Regesten (wie Anm. 10), S. 305– 319, Nr. 879 mit 21 Beilagen, 1536 nach Juli 9. Zur damaligen politischen Situation QUEDNAU, Livland im politischen Wollen Herzog Albrechts (wie Anm. 5), S. 151 ff. Regesten (wie Anm. 10), S. 477–479, Nr. 1065, 1540 Mai 16. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1540–1551). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2002 (VAPK 54).

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Seiten Verbündete. Während Riga nach jahrelangen Bemühungen die Aufnahme in den Schmalkaldischen Bund gelang, suchte Wilhelm bei seinen Verwandten, den polnischen Königen Sigismund I. und Sigismund II. August, dem dänischen König Christian III. und besonders bei seinem Bruder Albrecht Beistand. Insgesamt zeichnen die Regesten ein anschauliches Bild von der Komplexität der Rigaer Frage, die sich oft im Kreis zu drehen schien und kaum Fortschritte erkennen ließ. Zwar führten die im August 1542 in Lemsal (Limbaži) geführten Verhandlungen zu einem Vergleich21, in dem der Erzbischof seine geistliche Jurisdiktion über und in Riga bis zur Einberufung eines allgemeinen christlichen Konzils oder einer Reichsversammlung ruhen zu lassen versprach, wofür ihm der Rat und die Bürgerschaft die schuldige Eidespflicht und Huldigung zusicherten. Letztlich scheiterten aber die Gespräche am Widerstand des Domkapitels und den Intrigen des Ordens, der an der Aufrechterhaltung der Differenzen aus eigensüchtigen Motiven interessiert war. Erst ein unter großen Schwierigkeiten zustande gekommenes gemeinsames Vorgehen von Erzbischof und Orden führte im Oktober 154622 zum Vertrag von Neuermühlen (Ādaži), der auf der Grundlage der Lemsaler Vereinbarungen eine gemeinsame weltliche Herrschaft von Erzbischof und Meister über Riga und ein Einreiten beider Potentaten in die Stadt zur Entgegennahme der Huldigung vorsah. Ob sich der Sieg des Kaisers über den Schmalkaldischen Bund und dessen Zerschlagung 1547 auf die Verhandlungsbereitschaft Rigas auswirkten, ist den Regesten nicht direkt zu entnehmen, wenn auch manches für diese These spricht. Sie lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass Erzbischof Wilhelm zu diesem Zeitpunkt seine Herrschaft in Riga und im Erzstift nicht wirklich festigen konnte, weil sich hier die Haltung Brüggeneis, vor allem aber die entschiedene Gegnerschaft seines Koadjutors, des Felliner Komturs Johann von der Recke, zum ganzen Haus Brandenburg als Störfaktor erwies. Dieser hatte im März 1542 vom Römischen König Ferdinand I. das Privileg erlangt, dass niemand in den livländischen Stiften ohne Konsens von Meister und Orden eligiert, postuliert und angenommen werden sollte23. Obwohl das Mandat wegen der inneren Schwäche des Ordens und des einhelligen Protestes der livländi———————————— 21

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Ebenda, S. 140–142, Nr. 1184/1, 1542 nach August 20. Zum Lemsaler Vergleich siehe METTIG, Riga (wie Anm. 6), S. 230 f. Zum Vertrag von Neuermühlen Regesten (wie Anm. 20), S. 360–361, Nr. 1359, 1546 Oktober 24. Abdruck des Vertrages in: Monumenta Livoniae Antiquae, Bd. 4, Riga / Leipzig 1844, Nachdruck Osnabrück 1968, Nr. 167, S. 182–184. Regesten (wie Anm. 20), S. 189 f., Nr. 1220/3, 1542 März 1.

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schen Prälaten nicht zum Tragen kam, blieb doch die latente Bedrohung des Erzstifts von außen bestehen. Die Regesten lassen erkennen, dass die vom Orden geschürte Feindschaft seitens des Kaisers Karl V. gegenüber Wilhelm vor allem auf dem Vorwurf beruhte, durch Reformationsmaßnahmen das Erzstift dem Heiligen Römischen Reich entziehen zu wollen und damit die Gefährdung der livländischen Nordostflanke durch die Moskowiter zu fördern. Über diese und den 1547 zum Zaren gekrönten Ivan IV. finden sich in den Regesten dieses Bandes zahlreiche Belege. Bereits im Juli 1540 hatten sich russische Gesandte über Wilhelms Amtsleute und Untertanen beschwert und im Wiederholungsfall Blutvergießen, Verderb und Verwüstung des Erzstifts angedroht. Im Februar 1541 empfahl der Meister dem Erzbischof die Einberufung eines Landtages, weil der Moskauer Großfürst mit Livland wegen der Grenzen verhandeln und dafür einen schriftlichen Bescheid haben wollte. Eine detaillierte Wegebeschreibung von der Grenzfestung Marienburg bis Moskau und Kazan’ aus dem Jahr 154424 lässt auf handelspolitische Interessen der Livländer an dem großen Nachbarn im Osten schließen, die mit wachsender Furcht vor einer moskowitischen Bedrohung einhergingen. Die Nachricht, Ivan habe während seines Aufenthalts in Pleskau dem dortigen Statthalter die Hände und Füße abhauen lassen, wie die Kunde vom Niederbrennen Moskaus durch die Tataren wurden sorgsam registriert. Die peinliche Befragung des Dolmetschers Heinrich Pinekroll und der Büchsenschützen Baltzer und Tonies, die bezichtigt wurden, Spionagetätigkeit für die Russen betrieben und Leute für den Großfürsten angeworben zu haben, verdeutlicht die damals in Livland herrschende Spannung und Unruhe angesichts der sich konsolidierenden Macht Moskaus. Einem Brief Wilhelms an seinen Bruder vom 28. Oktober 1548 lässt sich entnehmen, dass die moskowitische Bedrohung Livlands inzwischen als so real empfunden wurde, dass man sich um die Befreiung von den Reichssteuern bemühte, solange diese Lande von den Russen bedroht würden. Eine besondere Gefahr sah man in den Umtrieben des aus Goslar stammenden Hans Schlitte, der unter dem Anschein, dem Zaren etliche „Doctores“ und gelehrte Personen zuzuführen und jenen damit zum Christentum – gemeint ist damit die römisch katholische Kirche – zu bekehren, ein kaiserliches Geleit für diese erhalten hatte. In Wirklichkeit verbarg sich dahinter der Plan, Artilleriemeister, Büchsengießer, Papierund Pulvermacher – bis zu 800 Personen – nach Russland zu bringen, die ———————————— 24

Ebenda, S. 257, Nr. 1275, um 1544.

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Ivan IV. zur Modernisierung seiner Streitmacht dringend benötigte25. Die wachsende Unsicherheit der Livländer gegenüber derartigen Machenschaften fand in der Anfrage des Goldinger Komturs Christoph Neuhof an den Ordensmeister Johann von der Recke, der 1549 die Nachfolge Brüggeneis angetreten hatte, nach Verhaltensmaßregeln ihren Niederschlag. Immer selbstbewusster wurde Ivans Sprache, der im September 1550 den Livländern die Bedingungen für die Verlängerung des Friedens geradezu diktierte. Hier wurden Forderungen wie die Rückgabe beschlagnahmter russischer Güter, der ungehinderte Handel moskowitischer Kaufleute in Livland, die auch für die zarische Kriegführung benötigte Artikel aufkaufen konnten, und der ungehinderte Durchzug deutscher kunstreicher Meister und Handwerksleute nach Moskau erhoben26, gegen die ein einvernehmliches Handeln der livländischen Stände nicht zustande kam. Des Öfteren werden in den Regesten die engen Verbindungen zwischen außen- und innenpolitischen Ereignissen sichtbar, in deren Geflecht nicht nur die Interessen Albrechts und Wilhelms, sondern auch die des Gesamthauses Hohenzollern einbezogen sind. Nach der Niederlage der Schmalkaldener und der Gefangennahme ihrer Führer Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen wurden für den Rigaer Erzbischof die Beziehungen zum Haus Brandenburg und insbesondere zum Markgrafen Albrecht dem Jüngeren Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach27 immer wichtiger, der nach seinem Übergang ins kaiserliche Lager im Oktober 1548 eine zentrale Rolle als Vermittler des von Herzog Albrecht entworfenen Ausgleichsplans mit dem Orden bei Karl V. spielen konnte. Dieser sah nach Wilhelms Tod die Einräumung des Erzstifts Riga an den Orden als Entschädigung für Preußen vor. Mit Wilhelms Widerspruch brauchte der Herzog kaum zu rechnen, weil sich jener schon im Juli 1543 gegen eine angemessene Entschädigung zum Verzicht auf sein Territorium bereit erklärt hatte28. Als Wilhelm nach dem Scheitern dieser Verhandlungen weiterhin im Amt blieb, ———————————— 25

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Ebenda, S. 453 f., Nr. 1458, 1548 Oktober 28. Zu Hans Schlitte vgl. Kurt FORSTREUTER, Preußen und Rußland von den Anfängen des Deutschen Ordens bis zu Peter dem Großen, Göttingen 1955 (Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft 23), S. 116– 121, und Erich DONNERT, Der livländische Ordensritterstaat und Rußland. Der Livländische Krieg und die baltische Frage in der europäischen Politik 1558–1583, Berlin 1963, S. 265–269. Regesten (wie Anm. 20), S. 496 f., Nr. 1503, 1550 September 29. Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach (1522–1557), Sohn von Albrechts ältestem Bruder Kasimir. Regesten (wie Anm. 20), S. 452 f., Nr. 1457, 1548 Oktober 26.

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wurde seine Lage immer unbefriedigender. Der ihm feindlich gesinnte Meister Johann von der Recke hatte durch eine konsequent betriebene Familienpolitik – sein Vetter Jodokus war Bischof von Dorpat, ein weiterer Vetter Gotthard Ordensvogt von Tolsburg (Toolse) und Matthias von der Recke Schaffer der Komturei Wenden – seinen Einfluss in Livland gestärkt und rechtfertigte die heimlich oder offen betriebene Aufrüstung des Ordens mit vermeintlichen Angriffsplänen Herzog Albrechts auf die baltischen Lande. Ein breites thematisches und räumliches Spektrum weisen die zahlreichen Zeitungsberichte dieses Bandes auf, die für livländische Empfänger bestimmt waren. Eine Schlüsselrolle spielt weiterhin das Vordringen der Türken in Ungarn und im Mittelmeer, wobei die Nachricht vom Zusammentreffen der Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen in Naumburg, um Maßnahmen zur Abwehr der ihren Territorien von den Osmanen drohenden Gefahren zu treffen, das besondere Interesse der Livländer erweckt haben dürfte. Der Vergleich mit ihrer eigenen prekären Lage am Westrand des expandierenden Moskauer Reiches drängte sich ihnen hier förmlich auf. Ausführlich werden die Auseinandersetzungen zwischen Karl V. und Franz I. von Frankreich dokumentiert, in deren Rahmen auf die engen Beziehungen der Franzosen zu den Türken verwiesen wird, hätte doch Chaireddin Barbarossa29 gemeinsam mit französischen Piraten die Gefangennahme des Papstes geplant. Daneben haben das Vorgehen des Kaisers gegen Magdeburg, die Pacta und Foedera zwischen dem Haus Habsburg und Polen sowie die Bedenken des Reichsausschusses in der polnischen und holsteinischen Frage, die hier vergleichend betrachtet werden, Eingang in die Regesten gefunden. Herzog Albrecht und Livland 1551–155730 Im Mittelpunkt dieses die Amtszeit des Ordensmeisters Heinrich von Galen umfassenden Bandes steht zunächst die weiter schwelende Rigaer Frage, die von der Weigerung der Stadt und damit der Verletzung des Vertrages von Neuermühlen bestimmt war, die beschlagnahmten geistlichen Güter und Gebäude an Erzbischof Wilhelm und das Domkapitel herauszugeben. Er———————————— 29 30

Chaireddin Barbarossa, türkischer Admiral im Mittelmeer. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1551–1557). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2005 (VAPK 57).

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gebnislos verliefen Wilhelms Bemühungen, beim dänischen König Christian III. die Sperrung des Sundes für Rigaer Schiffe und bei Sigismund August von Polen die der litauischen Straße für die Zufuhr über Land als Druckmittel für die unbotmäßige Stadt zu erreichen. Erst im Dezember 1551 erwirkten die kaiserlichen Bevollmächtigten einen Vergleich, der die Restitution des entzogenen Kirchenbesitzes an das Kapitel vorsah, aber dem Rat bis zur Einführung eines Konzils die kirchliche Administration beließ. Allerdings sollte es sich als Fehler erweisen, dass mit der Zahlung von 18 000 Mark Rigisch an Erzbischof und Kapitel alle Differenzen in dieser Sache für aufgehoben erklärt wurden, weil Riga seinen Verpflichtungen nur ungenügend nachkam und vor allem die Domkirche in seinen Händen behielt31. Die Regesten erhellen, dass das Verhältnis Erzbischof Wilhelms und des Rigaer Erzstifts zum livländischen Zweig des Deutschen Ordens zum dominierenden Faktor im Beziehungsgeflecht der Region wurde, an dem neben dem in den Ständen repräsentierten Machtgefüge auswärtige Staaten wie Polen, Dänemark, Schweden und das Zartum Moskau Anteil hatten. Geringeres Interesse an der formal zu ihm gehörenden Provinz hatte das Heilige Römische Reich, das seine Ansprüche auf den entlegenen Raum allenfalls durch Monitorien, weitgehend wirkungslose Mandate und Gesandtschaften geltend machte. Während die Könige von Polen und Dänemark ihre Einmischung in livländische Fragen mit ihrer Funktion als Protektoren und Konservatoren des Erzstifts Riga begründeten, stützte Ivan IV. seine Ansprüche auf Livland auf die von alters her bestehende Zugehörigkeit dieses Gebiets zum Großfürstentum Moskau32. Bereits Anfang 1552 teilte Wilhelm beunruhigt Herzog Albrecht mit, Ivan beabsichtige, nach der Eroberung von Kazan’ Livland zu bekriegen, wobei die Novgoroder bei Narva und im Stift Dorpat und die Pleskauer bei Dünaburg (Daugavpils, Dvinsk) einfallen sollten. Die Hoffnung des Erzbischofs, die tatarische Kriegsmacht werde derartige Pläne zu Nichte machen, sollte sich als trügerisch erweisen. Ausführlich ist in den Regesten von der zunehmend aggressiveren Politik des Zaren gegenüber Livland die Rede. Nach Wilhelms Meinung war der Orden für diese unheilvolle Entwicklung verantwortlich, weil er die moskowitischen Gesandten schlecht behandelt und die Russen mit neuen Zöllen belegt habe. In ———————————— 31 32

Ebenda, S. 22–24, Nr. 1542, 1551 Dezember 16. Zu den Motiven der Eroberungspolitik Zar Ivans IV. gegenüber Livland vgl. Norbert ANGERMANN, Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs, Marburg 1972 (Marburger Ostforschungen 32), S. 1–24.

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der Denkschrift eines unbekannten Verfassers heißt es, die Livländer könnten wegen ihrer beschränkten Ressourcen und ihrer Entlegenheit von deutschen Landen keinen langen Krieg führen. Überdies gebe es in der Provinz nur die festen Städte Riga, Reval und Dorpat. Sonst könne man nur von Märkten und Flecken sprechen. In dieser Situation setzte der Meister auf die Erfolge einer nach Moskau geschickten Gesandtschaft, die allerdings keine greifbaren Ergebnisse mitbrachte und an der permanenten russischen Bedrohung nichts änderte. Die livländischen Stände waren nicht bereit, dem Vorschlag des Rigaer Erzbischofs zum Bündnis mit Dänemark, Schweden und Polen gegen den als „Erbfeind der Christenheit“ bezeichneten Zaren zu entsprechen. Sie verfolgten vielmehr einen Annäherungskurs an Moskau, weil sie sich dadurch einen größeren Freiraum beim Vorgehen gegen Wilhelm und das hinter ihm stehende Polen versprachen33. Schon bald zeigte sich, dass Galens Versuche, Ivan durch Konzessionen, die nicht wirklich eingehalten werden konnten, günstig zu stimmen, eher das Gegenteil bewirkten. Der im Juni 1554 in Novgorod geschlossene 15-jährige Beifrieden34, der unter der Bedingung der Zahlung eines jährlichen Zinses von einer Mark von jedem Einwohner des Stifts Dorpat und einer in drei Jahren zu entrichtenden Nachzahlung für die vergangenen 50 Jahre unter der Garantie ganz Livlands von Ivan IV. angenommen worden war und den Livländern jegliches Bündnis mit Polen-Litauen untersagte, trug schon den Keim des Untergangs der livländischen Selbständigkeit in sich. Durch die einseitige Anlehnung an Moskau hatten sich der Orden und die anderen Stände von ihren Nachbarn isoliert und konnten so zur leichten Beute der russischen Aggression werden. Ein weiteres zentrales Thema, das den internen Konflikt zwischen dem Rigaer Erzbischof und dem Orden auf die internationale Ebene ausweitete, ist die livländische Koadjutorfehde, die in den Regesten breiten Niederschlag gefunden hat35. Den Anlass dazu gab die von Albrechts Schwiegersohn, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, betriebene Kandidatur seines jüngeren Bruders Christoph als Koadjutor des Erzstifts Riga, die die ———————————— 33

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Regesten (wie Anm. 30), S. 87 f., Nr. 1603, 1554 Januar 21. Zur Denkschrift eines unbekannten Verfassers ebenda, S. 26–28, Nr. 1545 aus dem Jahr 1552 ohne weitere Angaben. Zum Beifrieden von Novgorod am 24. Juni 1554 vgl. Leonid ARBUSOW (sen.), Grundriß der Geschichte Est-, Liv- und Kurlands, 4. Aufl. Riga 1918, S. 174 f. Vgl. dazu Stefan HARTMANN, Neue Quellen zur livländischen Koadjutorfehde 1555/56, in: Aus der Geschichte Alt-Livlands. Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, hg. v. Bernhart JÄHNIG / Klaus MILITZER, Münster 2004 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 12), S. 275–306.

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Unterstützung Erzbischof Wilhelms fand, versprach sich dieser doch dadurch eine stärkere Absicherung seiner instabilen Herrschaft durch die Könige von Dänemark und Polen36. Dabei spielte ein Artikel im Wolmarer Rezess von 1546, der die Annahme eines Koadjutors aus fürstlichem Haus von der Zustimmung der Stände abhängig machte, die Schlüsselrolle. Erzbischof Wilhelm geriet hier in eine missliche Lage, weil er den Rezess mitbesiegelt hatte und sein Hinweis auf dessen fehlende Rechtsfähigkeit wegen der nicht eingeholten kaiserlichen Konfirmation die Gegenseite nicht wirklich überzeugen konnte. Auch Albrechts Appelle an Christian III., die Übergriffe des Ordens gegen das dänische Lehen Kolk (Kolga) und die ihm verweigerten Rechte auf Harrien und Wierland zu ahnden, wie auch die Bitte an Sigismund August, seinen jungen Blutsverwandten Christoph in Schutz zu nehmen, um auf diesem Weg seine Interessen in Livland besser wahrzunehmen, brachten nicht die erhoffte Resonanz. Erst allmählich schaltete sich der polnische Hof stärker in das livländische Ränkespiel ein und gab dem nach Wilna (Wilno, Vilnius) entsandten Johann Lohmüller die Zusage, Christophs Bewerbung durch Legationen und Briefe zu unterstützen. Nach längerer Verzögerung war dieser Ende November 1555 bei Erzbischof Wilhelm in Kokenhusen (Koknese) eingetroffen37. Die Berichte des ihn begleitenden Obersekretärs der Königsberger Kanzlei Balthasar Gans werfen ein Licht auf die von Intrigen bestimmten inneren Verhältnisse Livlands. Die fehlende öffentliche Sicherheit bekam auch der polnische Legat Caspar Lacki zu spüren, der weder das Rigaer Domkapitel zur Wahl Christophs noch den Meister und Orden zur Anerkennung der Forderungen seines Monarchen bewegen konnte und bald darauf einer Mordtat in der Nähe von Riga zum Opfer fiel. Diese Ereignisse kündigten die schnelle Entwicklung zur Katastrophe an, die nach den Anfang März 1556 auf dem Wolmarer Landtag ausgetauschten unüberbrückbaren Propositionen beider Seiten unabwendbar erschien. Großen Anteil an dem sich zuspitzenden Konflikt hatte der Landmarschall Jasper von Munster38, der sich zum Fürsprecher einer außenpolitischen Orientierung Livlands an Polen gemacht hatte und damit in offenen ———————————— 36

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Zu den livländischen Ambitionen des Hauses Mecklenburg vgl. Friedrich Wilhelm SCHIRRMACHER, Johann Albrecht I. Herzog von Mecklenburg, Teil 1, Wismar 1885, S. 286 ff. Regesten (wie Anm. 30), S. 213 f., Nr. 1740, 1555 Dezember 8. Zur Person und Laufbahn des livländischen Landmarschalls Jasper von Munster (1515– 1577) vgl. Ritterbrüder im livländischen Zweig des Deutschen Ordens, hg. v. Lutz FENSKE / Klaus MILITZER, Köln / Weimar / Wien 1993 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 12), S. 460 f.

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Gegensatz zum Meister und den Ständen geraten war. Seine Differenzen mit dem Felliner Komtur Wilhelm von Fürstenberg39, der an seiner Stelle zum Koadjutor des Meisteramts in Livland gewählt worden war, hatten die beiderseitigen Spannungen noch vertieft. Jaspers Flucht zu Erzbischof Wilhelm nach Kokenhusen und das Aufgreifen von dessen Briefen an Herzog Albrecht gaben den Anlass zum Einfall der Ordenstruppen in das weitgehend ungeschützte Erzstift, wo die Haupthäuser Kokenhusen und Ronneburg ohne größeren Widerstand eingenommen wurden. Während der Landmarschall rechtzeitig nach Litauen flüchten konnte, fielen Erzbischof Wilhelm und Christoph von Mecklenburg in die Hände Fürstenbergs, der Ersteren nach Smilten (Smiltene) und Adsel (Gaujiena) und Christoph nach Wenden und von dort nach Treiden (Turaida) als Gefangene bringen ließ. Die im Wesentlichen von Herzog Albrecht gesteuerte diplomatische Aktion zur Befreiung und Restitution der beiden Fürsten ist in den Regesten ausführlich belegt. Nach dem Scheitern der Friedensvermittlung der pommerschen Herzöge Philipp I. und Barnim IX.40 entschloss sich der dänische König Christian III., durch Gesandte einen für beide Seiten tragfähigen Vergleich zu bewirken. Diese konnten aber erst Anfang 1557 die Verhandlungen aufnehmen, weil Herzog Albrecht unter Berufung auf die ausstehende Antwort des polnischen Königs die Abfertigung seiner Räte nach Livland immer wieder verzögert hatte. Auch der um die Sicherung der Nordostflanke des Heiligen Römischen Reiches besorgte Ferdinand I. forderte nun gemeinsam mit den auf dem Regensburger Reichstag versammelten Ständen beide livländische Konfliktparteien auf, die Differenzen gütlich beizulegen. Ihre Bevollmächtigten sollten am 1. April 1557 in Lübeck zusammenkommen, um durch Vermittlung von Reichskommissarien einen für beide Seiten tragfähigen Vergleich zu bewirken. Dazu kam es jedoch nicht, weil der polnische König den von den Dänen ausgehandelten Vertragsentwurf ablehnte und das mit der Verweigerung von Wilhelms Ausreise nach Wilna zur Abgabe einer persönlichen Erklärung zu den strittigen Artikeln begründete. Wieweit diese Argumentation stichhaltig ist, muss offen bleiben. Die Regesten äußern sich jedenfalls zu dieser Frage nicht. Gerade als Großfürst von Litauen betrachtete Sigismund August Livland als Vorfeld seiner Interessen, das er nicht dem Einfluss einer niederrangigen Macht wie Dänemark preis———————————— 39

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Zum Koadjutor und Meister Wilhelm von Fürstenberg vgl. Ritterbrüder (wie Anm. 38), S. 243 f. Philipp I., 1532–1560 Herzog von Pommern-Stettin, Barnim IX., 1532–1569 Herzog von Pommern-Wolgast.

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geben wollte. So war beim Tod Heinrichs von Galen die Lage weiter ungewiss, und es blieb abzuwarten, welche Maßnahmen der neue Meister Wilhelm von Fürstenberg angesichts der wachsenden Entschlossenheit des polnischen Monarchen, aktiv in den Konflikt einzutreten, ergreifen würde. Herzog Albrecht und Livland 1557–156041 Die Regesten des Bandes behandeln anfangs die Vorgeschichte und das Zustandekommen des im September 1557 im litauischen Grenzort Pozwol (Pasvalys) geschlossenen Friedens zwischen dem Ordensmeister einer- und dem König von Polen und Erzbischof Wilhelm andererseits, der unter Vermittlung der Gesandten des Heiligen Römischen Reiches Fürstenberg und den Orden zur vollständigen Restitution Wilhelms als Landesherrn im Erzstift Riga verpflichtete. Der Vertrag stellte die Machtverhältnisse vor der Koadjutorfehde wieder her und beinhaltete die gegenseitige Unterstützung bei einem Angriff der Moskowiter, die allerdings für Polen und Litauen erst nach 5 und für Livland erst nach 12 Jahren in Kraft treten konnte, weil in diesem Zeitraum die bestehenden Abkommen mit Moskau keine militärischen Aktionen gegen dieses zuließen. Dieser Beistandspakt bot Ivan IV. den Vorwand zum gewaltsamen Vorgehen gegen die Livländer, die er des Bruchs des 1554 mit ihm geschlossenen Beifriedens bezichtigte, was er mit der Verweigerung des von ihm geforderten Dorpater Tributs noch untermauerte42. Die Regesten vermitteln in zahlreichen Belegen, wie der Orden und die anderen livländischen Stände in ihren Außenbeziehungen zunehmend in das Fahrwasser Polens und vor allem Litauens gerieten, wobei Herzog Albrecht und das mit ihm verbundene erzbischöfliche Lager einen wichtigen, bisher weitgehend unterschätzten Faktor bildeten. Aufschlussreich ist, dass Albrecht und sein Bruder Wilhelm wie viele andere Fürsten vom moskowitischen Einfall in Livland überrascht worden sind. Allzu sehr war ihr Blick auf innere Streitigkeiten im Land gerichtet, die ———————————— 41

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1557–1560). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2006 (VAPK 60). Zur Vorgeschichte und zum Ausbruch des Livländischen Krieges vgl. Erik TIBERG, Zur Vorgeschichte des Livländischen Krieges. Die Beziehungen zwischen Moskau und Litauen 1549–1562, Uppsala 1984 (Studia historica Upsaliensia 134); DERS., Die Politik Moskaus gegenüber Alt-Livland 1550–1558, in: Zeitschrift für Ostforschung 25 (1976), S. 577–617.

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auf der mangelnden Bereitschaft des Meisters, den alten Landmarschall Jasper von Munster angemessen zu entschädigen, und gegenseitigen Vorwürfen, die Koadjutorfehde verursacht zu haben, beruhten. Für den Ausbruch des Livländischen Krieges machten sie nicht nur die Expansions- und Machtgier des Zaren, sondern auch den vom Meister und Orden vollzogenen Kurswechsel von Polen auf die Seite Moskaus verantwortlich, der in der gestatteten Durchfuhr kriegsnotwendiger Güter und im Durchzug deutscher Handwerker nach Russland sichtbar geworden war. Erste Nachrichten wurden Herzog Albrecht in zwei Schreiben vom 25. Januar 1558 vermittelt43, in denen von Ivans Absicht, die Provinz an vier Orten anzugreifen, die Rede ist. Dieser habe zwar die nach Moskau wegen des Friedens geschickten Gesandten sicher nach Livland zurückkehren lassen, die Dorpater Bevollmächtigten, darunter den Stiftsvogt, aber festgehalten. Obwohl das Wüten der moskowitischen Invasoren ständig zunahm, zeigen die im Regestenband breit dokumentierten Verhandlungen auf dem Wolmarer Landtag im März 1558, dass der Ernst der Lage von vielen noch nicht wirklich erkannt worden war. Erst nach kleinlichem Zank und Hader erklärten sich die dort versammelten Stände bereit, die von Ivan geforderten 60 000 Taler durch eine Kontribution von 4 Mark Rigisch für jeden Haken aufzubringen. Städte und Institutionen ohne Landbesitz sollten von jeweils 1 000 Mark gleichfalls 4 Mark entrichten. Als die livländischen Gesandten nach längerer Verzögerung Anfang Juni 1558 in Moskau eintrafen und einen Begleitbrief Fürstenbergs vorwiesen, in dem dieser nicht nur eine Reduzierung, sondern sogar einen Verzicht auf die Zinsforderung begehrte, da sich der Zar mit Raub, Plünderung und Wegführung von Gütern und Menschen aus Livland viel mehr als den Zins geholt habe44, erhielten sie von Ivan, der mit der Einnahme Narvas und anderer livländischer Festungen zum Eroberungskrieg übergegangen war, keinerlei Zugeständnisse45. Die Hoffnung Fürstenbergs, der Moskauer Großfürst werde die von seinen Truppen eingenommenen livländischen Festungen und Gebiete im Hinblick auf deren Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich wieder herausgeben, erfüllte sich nicht. Nach Aussage der Regesten ist der rasche Fall Dorpats im Juli 1558 im Wesentlichen der Uneinigkeit der Livländer zuzuschreiben, die in gegenseitigen Schuldzuweisungen an der Katastrophe zum Ausdruck kam. Die vom Dor———————————— 43

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Regesten (wie Anm. 41), S. 71 f., Nr. 2146, 1558 Januar 25, und S. 72, Nr. 2147, 1558 Januar 25. Ebenda, S. 149, Nr. 2219, 1558 Juni 3. Ebenda, S. 150 f., Nr. 2220, 1558 Juni 5.

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pater Bischof Hermann II. Wesel46 veranlasste Absendung von Boten, die vor dem Zaren „das Haupt schlagen“ und 20 000 Taler und andere Geschenke überreichen sollten, konnte das Schicksal nicht abwenden. Hermann musste vielmehr mit einigen Begleitern den Weg nach Moskau antreten, wo ihn Ivan bis zu seinem Tod festhielt47. Dass sich Erzbischof Wilhelm bereits kurz nach der russischen Eroberung Dorpats dem polnischen König unterstellen wollte, was er auch dem Meister empfahl, lässt auf den Einfluss seines Bruders Albrecht schließen, dessen Livlandpolitik in einer engen Annäherung an Polen und Litauen das einzige Gegengewicht gegen die moskowitische Aggression und Expansion sah. Offen bleibt dabei, inwieweit der Herzog die Taktik des polnischen Monarchen, durch passives Abwarten den Preis für eine aktive Unterstützung Livlands zu steigern, durchschaut hat. Als Belastung erwies sich auch das Verhalten des Koadjutors Christoph von Mecklenburg, der sich nach dem Einfall der Russen in sein Stammland begeben hatte und erst im Winter 1559 auf Drängen Erzbischof Wilhelms in das Erzstift Riga zurückkehrte. Dagegen entwickelte Albrechts Schwiegersohn, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, größeres Engagement, indem er auf dem Augsburger Reichstag für die Interessen Livlands eintrat und auch die Hansestädte für die Rettung des Landes gewinnen wollte48. Angesichts der sich zur Katastrophe entwickelnden Ereignisse, die die Ohnmacht und Zerrissenheit Livlands immer deutlicher zum Ausdruck brachten, gewannen unter den Ständen die Anhänger einer Subjektion unter den König von Polen an Gewicht. Durch diesen Schritt hofften sie, eine mögliche Reichsacht wegen Unterstellung unter eine andere Macht leichter verhindern zu können. Die Inkorporation des Rigaer Erzstifts sollte nur so lange währen, wie die Krone Polen, Litauen und alle damit verbundenen Herrschaften Sigismund August und dessen Nachfolger als gemeinsamen Herrn anerkannten. Da sich auch der neue Ordensmeister Gotthard Kettler49 für eine Unterwerfung unter den polnischen König entschied, war der Weg für ein gemeinsames Vorgehen in dieser Sache bereitet, das in den im August/September 1559 geschlossenen Wilnaverträgen seinen Ausdruck fand. In Wirklichkeit hatte die polnische ———————————— 46 47 48 49

Hermann II. Wesel, 1552–1558 Bischof von Dorpat († 1563 Moskau). Regesten (wie Anm. 41), S. 173 f., Nr. 2244, 1558 Juli 26. Ebenda, S. 300 f., Nr. 2416, 1559 April 25. Zu Gotthard Kettler (1517–1587) vgl. Ritterbrüder (wie Anm. 38), S. 378 f. Zu seiner Regierung als Herzog von Kurland vgl. Kurland. Vom polnischen Lehnsherzogtum zur russischen Provinz. Dokumente zur Verfassungsgeschichte 1561–1795, hg. v. Erwin OBERLÄNDER / Volker KELLER, Paderborn u.a. 2008.

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Politik hier einen doppelgleisigen Charakter, weil sie gleichzeitig Vertragsverhandlungen mit dem Zaren führte und sich mit militärischen Hilfeleistungen an die Livländer zurückhielt. Die russische Eroberung der Schlüsselfestung Marienburg im Februar 1560 ließ erneut erkennen, dass die Differenzen zwischen beiden Vertragspartnern die aktive Bereitschaft zur Verteidigung lähmen mussten und den Moskowitern ungehinderte Vorstöße ins Innere Livlands gestatteten. So kam es nur scheinbar zu einem engeren Zusammenwirken der livländischen und polnischen Seite, wobei der Rat Wilhelms, rasch eine Einigung über Zeit und Ort der Verbindung der Streitkräfte in der zentral gelegenen Gegend um Wolmar (Valmiera) und Ronneburg herbeizuführen, leichtbewaffnete Truppen gegen die Moskowiter einzusetzen und die in der Nähe des Dorpater Gebietes liegenden Schlösser und Festungen Seßwegen (Cesvaine), Tarwast (Tarvastu), Helmet (Helme) und Ermes (Ērģeme, Härgmäe) zu verstärken, kein Gehör fand. Im Rahmen der livländischen Außenbeziehungen kam es in dieser Zeit infolge der Inbesitznahme des Bistums Ösel-Wiek durch Herzog Magnus50, den jüngeren Bruder König Friedrichs II. von Dänemark, zu einem stärkeren Engagement der dänischen Krone in Livland, das sich vor allem auf dessen Norden mit Harrien und Wierland erstreckte, während das sich weiterhin von militärischen Operationen zurückhaltende Polen-Litauen seine Basis bis zur Düna erweiterte. Maßnahmen des Meisters wie die Beschlagnahme lübischer Schiffe mit Kriegsmaterial für den Zaren erwiesen sich als wirkungslos. Von außenpolitischem Belang war auch die Einräumung der Ordensvogtei Grobin (Grobiņa) an Preußen für eine Pfandsumme von 50 000 Gulden, die Kettler zur Fortsetzung der Kriegführung gegen den übermächtigen Feind benötigte. Die breite Überlieferung der preußischen Übernahme und Administration Grobins im Herzoglichen Briefarchiv hat die historische Forschung bisher kaum berücksichtigt. Sie ermöglicht eine Fallstudie zur Territorialpolitik Herzog Albrechts in einem begrenzten und daher gut überschaubaren Raum, der eine Brücke zwischen Preußen und Livland bildete. Weil die im Kampf um die Erhaltung ihrer staatlichen Existenz stehenden Livländer weitgehend auf sich allein gestellt blieben und überdies durch die schwelende Uneinigkeit zwischen dem Meister Kettler und Mag———————————— 50

Zu Herzog Magnus (1540–1583) vgl. Karl Heinrich VON BUSSE, Herzog Magnus. König von Livland. Ein fürstliches Lebensbild aus dem 16. Jahrhundert, Leipzig 1871, und vor allem Ursula RENNER, Herzog Magnus von Holstein als Vasall des Zaren Ivan Groznyj, in: Deutschland – Livland – Russland. Ihre Beziehungen zum 15. bis zum 17. Jahrhundert. Beiträge aus dem Historischen Seminar der Universität Hamburg, hg. v. Norbert ANGERMANN, Lüneburg 1988, S. 137–158, mit weiteren Literaturhinweisen.

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nus geschwächt wurden, war es kaum verwunderlich, dass die Zerschlagung des vom Landmarschall Philipp Schall von Bell geführten kleinen Ordensheeres bei Ermes am 2. August 1560 den Weg in den Untergang eröffnete. Herzog Albrecht und Livland 1560–156451 Die Regesten lassen erkennen, welches politische Gewicht Albrecht auch nach dem Scheitern seines auf Machterweiterung in Livland gerichteten Kurses dort noch immer besaß. Dafür bieten die an ihn gerichteten Hilfeersuchen von Herzog Magnus, Kettler und der Stadt Reval Belege, wobei man ihn vor allem als Vermittler und Fürsprecher beim polnischen König sah. Sigismund August hielt sich jedoch mit aktiver militärischer Hilfe weiterhin zurück, um die Livländer unter dem Druck der Ereignisse schneller zur Unterwerfung unter die polnische Krone zu veranlassen. Der Bericht des Kokenhusener Stiftsvogtes Gerd von Medem über das Wüten des grausamen Feindes, der mit dem Tyrannisieren Livlands fortfahre, erhellt, dass alle diplomatischen Versuche, die moskowitische Flutwelle aufzuhalten, in der Praxis versagten52. Herzog Johann Albrecht hatte zwar von Kaiser Ferdinand I. die Verschreibung einiger Kurfürsten und Fürsten auf den Reichstag von Speyer erreicht, um über Hilfsmaßnahmen für das bedrückte Livland zu beraten. Aber auch diesmal blieb es bei verbalen Bekundungen, und die Zahlung der von den Reichsständen bewilligten 100 000 Gulden erfolgte nicht. Für das Ausbleiben der polnischen und litauischen Einsatztruppen machte Sigismund August nicht die Langsamkeit seiner Entschlüsse, sondern die Weigerung der livländischen Stände, die angebotenen Präsidien53 anzunehmen, verantwortlich. Weitere Gefahrenherde waren die trotz kaiserlichen Verbots von den Lübeckern betriebene Verschiffung kriegswichtiger Artikel in russische Häfen und der in Harrien und Wierland ausgebrochene Bauernaufstand, der nur mit großer Mühe niedergeworfen werden konnte. Die Korrespondenz des Jahres 1561 entwirft ein anschauliches Bild von der fortschreitenden inneren Lähmung Livlands, die sich auf die Außenbe———————————— 51

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1560–1564). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2008 (VAPK 61). Ebenda, S. 9, Nr. 2731, 1560 September 25. Unter Präsidien verstand man damals militärische Besatzungen.

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ziehungen auswirkte. Nach Kettlers Meinung hatte das gewaltsame Vorgehen von Herzog Magnus gegen den Orden die Russen zur Eroberung Fellins und der Wegführung Fürstenbergs nach Moskau ermutigt. Bei einmütigem Handeln aller Stände wäre die Hinrichtung von etwa 500 Gefangenen, darunter die des Landmarschalls Schall von Bell, verhindert worden54. Magnus begründete demgegenüber seinen Standpunkt mit der Entziehung der Stifte Ösel-Wiek und Kurland durch den Orden, wodurch er zum armen Herrn geworden sei. Durch den Einfall der Moskowiter in sein Herrschaftsgebiet, der unter Bruch der dem dänischen König Friedrich II. erfolgten Zusicherungen erfolgt sei, habe sich seine Lage weiter verschlechtert55. In den Außenbeziehungen Livlands erwies sich Herzog Albrecht weiterhin als wichtiger Faktor, indem er nach wie vor ein aktives polnisches Engagement in der Provinz und eine bessere Proviantversorgung der Livländer über die Seestädte forderte, da die Zufuhr aus den benachbarten Ländern Litauen, Schamaiten und Preußen nicht ausreichte. Dass alle diese Probleme Erzbischof Wilhelm zunehmend zur Resignation bewogen, verdeutlicht der Hinweis, dass er seine Translokation auf den Bischofsstuhl von Wilna oder Heilsberg (Lidzbark Warmiński) erhoffte und dabei die Sicherstellung seines Unterhalts im Auge hatte, die angesichts der Verwüstung und Ausplünderung des Erzstifts durch die Moskowiter nicht mehr gegeben war. Von seinem Koadjutor Christoph von Mecklenburg konnte er nicht den erforderlichen Beistand erwarten, weil sich dieser zur Regelung von Erbschaftsfragen in sein Stammland begeben hatte und nur ungern zur Rückkehr nach Livland bereit war. Dort hatte inzwischen Kettler durch die Ernennung zum polnischen Gubernator seine Position auf Kosten Wilhelms gestärkt. Wie trostlos die Lage geworden war, verdeutlichen die vergeblichen Bemühungen um die Hilfe des Kurfürsten von Brandenburg und der ober- und niedersächsischen sowie der westfälischen Kreisstände für das bedrohte Livland, wobei sich der Versuch, Kaiser und Reich in ihrem eigenen Interesse und dem der gesamten Christenheit zum Einschreiten zu veranlassen, als zwecklos erwies56. Der langwierige Streit zwischen Wilhelm und seinem Kapitel um die Verfügung über die Dompropstei und andere kirchliche Güter im Erzstift führte zu einer weiteren Schwächung der livländischen Abwehr gegenüber den Moskowitern, die diese Differenzen zu Vorstößen bis zur Ostseeküste nutzten und Orte wie Lemsal, Treiden und Neuhof (Jaunmuiža) verheerten. ———————————— 54 55 56

Regesten (wie Anm. 51), S. 42 f., Nr. 2780/1, 1561 Januar 9. Ebenda, S. 48–51, Nr. 270, 1561 Februar 4–7. Ebenda, S. 86 f., Nr. 2826, 1561 Mai 6.

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Nach Ansicht des Adels im Erzstift und im Ordensgebiet wäre diese verderbliche Entwicklung unterblieben, wenn sich die Livländer mit den Polen und Litauern rechtzeitig vereinigt hätten. Von Bedeutung für die Außenbeziehungen Livlands waren auch die Rolle des im litauischen Exil lebenden Landmarschalls Jasper von Munster, der gute Kontakte zum polnischen König und zu Herzog Albrecht unterhielt, die Förderung von Handelsbeziehungen zwischen Preußen und Livland sowie die neue Regulierung der livländischen Münze, die durch die tägliche Ausfuhr über die Grenze und die Änderung des Münzfußes geschädigt worden war. Im Vertrag vom 28. November 1561 zwischen Sigismund August und dem livländischen Ordensmeister Kettler und dessen Lehnsbrief nehmen die Regesten Bezug auf die große internationale Politik – die offizielle Auflösung des Ordensstaates erfolgte erst am 5. März 1562 –, wurde doch durch diesen Akt Kurland ein polnisches Lehnsherzogtum nach preußischem Muster und Gotthard Kettler für sich und seine männlichen Nachkommen als Herzog von Kurland und Semgallen anerkannt. Das überdünische Livland und das Erzstift Riga wurden direkt dem polnischen König unterstellt, wobei dem Erzbischof und seinem Koadjutor die Nutznießung aus bestimmten Gebieten und Häusern belassen wurde57. Dass der König damals noch an eine Sonderstellung des Erzstifts dachte, zeigt seine Zusicherung, die erzbischöfliche Residenz Ronneburg nach dem Ende des Krieges an Wilhelm bzw. Christoph zurückzugeben, wobei er ihnen freistellte, im geistlichen Stand zu bleiben oder in den weltlichen überzuwechseln. Das Erzstift sollte an Mitglieder der Häuser Brandenburg und Mecklenburg verliehen werden, wobei alle Privilegien und das Recht, den Rigaer Erzbischof zu wählen, bestehen bleiben sollten. Ein wichtiger Punkt in Wilhelms Instruktion für seine auf den Reichstag von Petrikau (Piotrków Trybunalski) entsandten Bevollmächtigten war die Vereinigung des Erzstifts mit der Krone Polen in Form einer Personalunion wie das Herzogtum Preußen, die eine einseitige Inkorporation in das Großfürstentum Litauen ausschloss58. Den Ambitionen Sigismund Augusts und seines Gubernators Kettler setzte jedoch das machtvolle Eingreifen der schwedischen Militärmacht unter der Herrschaft König Eriks XIV. Grenzen, gelang diesem doch die Annexion des wichtigsten Teils von Estland mit der Stadt Reval, die die Unterwerfung unter Schweden der durch die Polen oder die Moskowiter vorzog. Die ———————————— 57

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Ebenda, S. 148–151, Nr. 2904, 1561 November 28, und S. 152–155, Nr. 2905, 1561 November 28. Ebenda, S. 265–267, Nr. 3027, 1562 November.

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den neuen Machtverhältnissen entsprechende Neugliederung Livlands in einen schwedischen (Estland), polnischen (das überdünische Livland mit dem Erzstift Riga), dänischen (das Ösel, Teile der Wiek und das Stift Pilten umfassende Territorium von Magnus) und russischen Teil (das ehemalige Stift Dorpat, Narva und ein Teil Wierlands) sowie in das Lehnsherzogtum Kurland mit der Residenz Mitau (Jelgava) und die Stadt Riga, die ihre Selbstständigkeit bis 1582 bewahrte, findet in den Regesten ihren Niederschlag. Ein weiteres Thema waren die anhaltenden Differenzen mit Christoph, der sich als treues Glied des Heiligen Römischen Reiches bezeichnete und die Unterstellung unter Polen als Rechtsbruch ablehnte. Besonders verdächtig machte er sich durch seine konspirativen Abmachungen mit Erik XIV., wobei er sogar die Abtretung des inzwischen unter polnischer Herrschaft stehenden Erzstifts an Schweden erwog. Aufgrund dieses Verhaltens wurde er von Sigismund August geächtet, der ihn durch Kettler auf dem Schloss Dahlen gefangen nehmen und nach Wilna überführen ließ59. Der Monarch benutzte diesen Akt als Mittel, um das Haus Mecklenburg in seinen Ansprüchen auf das Rigaer Erzstift auszumanövrieren, und hielt Herzog Johann Albrecht mit unverbindlichen Zusagen und Forderungen hin. Nach dem Tod Erzbischof Wilhelms Anfang Februar 1563 wurde Gotthard Kettler Albrechts vertrauter Mittelsmann in Livland. Bedrohlich blieben vor allem die starke Präsenz der Moskowiter in diesem Raum und der Ausbruch des militärischen Konflikts zwischen Dänemark und Schweden, der das leidgeprüfte Livland sieben Jahre in Furcht und Schrecken versetzen sollte. Aufschlussreich sind die Nachrichten über den vom Zaren abgefallenen Dorpater Statthalter Andrej Michajlovič Kurbskij, dessen polemischer Schriftwechsel mit Ivan IV. zu den wichtigsten historischen Zeugnissen jener Zeit gehört. Sein Wirken und seine Persönlichkeit wurden von Kettler und anderen namhaften Livländern äußerst negativ beurteilt. Sie sahen in ihm nur einen böswilligen Intriganten, der sie beim polnischen König verleumden wollte, während sie nicht zur Kenntnis nahmen, dass Kurbskij das despotische Regime des Zaren scharf verurteilte60.

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Ebenda, S. 411, Nr. 3176/1, 1563 August 4. Ebenda, S. 503, Nr. 3297, 1564 Juni 4.

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Herzog Albrecht und Livland 1565–157061 Der hier erfasste Schriftwechsel lässt erkennen, dass die anhaltenden Unruhen und Unsicherheiten keine stabile Ordnung in Livland zuließen. Der Zar beabsichtigte, die Provinz mit einem starken Heer anzugreifen und Riga zu belagern, während das in den Festungen liegende polnische und litauische Kriegsvolk Exzesse an der schutzlosen Bevölkerung verübte. Auch die unwürdige Behandlung Herzog Johanns von Finnland und seiner Gemahlin Katharina von Polen62, deren Freilassung Erich XIV. verweigerte, förderte die politische Instabilität Livlands und des Ostseeraumes insgesamt. Wegen seiner ungehinderten Proviant- und Materialzufuhr aus den Niederlanden und den Hansestädten hatte Schweden im Krieg gegen Dänemark eine günstige Position gewonnen. Als bedenklich erwies sich, dass sich der zu Wasser und zu Land ausgetragene Konflikt zwischen beiden nordischen Mächten, an dem Polen durch sein Bündnis mit Dänemark beteiligt war, mit dem Aggressionskrieg des Zaren verknüpfte und Livland nun Operationsgebiet verschiedener Mächte – Schweden, Dänemark, Russland, PolenLitauen – wurde, wozu als weiterer Unruhefaktor die Intrigen des Deutschen Meisters bei Ivan IV. kamen, die die Wiederherstellung der Ordensherrschaft in Livland mit Hilfe russischer Truppen als Ziel hatten. Die ständigen militärischen Auseinandersetzungen, oft unter Beteiligung der Hofleute, die aus Zusammenschlüssen verarmter Adliger, vertriebener Ordensdiener, entlaufener Knechte und Bauern entstanden waren und sich an den Meistbietenden verkauften, wie auch die unrechtmäßige Verleihung von Gütern und Ämtern an Adlige, die nicht das Indigenat besaßen, die die polnische Schutzmacht als Okkupanten erscheinen ließ, kennzeichneten die bedrückte Lage der seit Jahren vom Krieg heimgesuchten Region. Die Ersetzung Kettlers in der Funktion des livländischen Gubernators durch den Litauer Jan Chodkiewicz ließ die klare Absicht Sigismund Augusts erkennen, das Erzstift Riga und das überdünische Livland zu einem Land zusammenzufassen und auf Dauer seinem Reich einzuverleiben63. Als Pfahl im Fleisch erwies sich Riga, das allen Versuchen der polnischen Krone, durch Abordnung von Prokuratoren oder Berufung von Kommissarien Einfluss auf ———————————— 61

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1565–1570). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2008 (VAPK 63). Die Tochter König Sigismunds I. von Polen. Regesten (wie Anm. 61), S. 95, Nr. 3485/1, 1566 Dezember 2.

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Handel und Wirtschaft zu nehmen, energisch entgegentrat. Als aktiver Wahrer livländischer Interessen erscheint in den Regesten Gotthard Kettler, der den Widerstand gegen die vordringenden Schweden organisierte und als Schwager Herzog Johann Albrechts von Mecklenburg zwischen diesem und dem polnischen König vermittelte64. Die bei ihm einlaufenden Nachrichten von der Drohung des Zaren, bei einer Verweigerung der Auslieferung von Kurbskij den Krieg mit aller Kraft fortzusetzen, lassen erkennen, wie sehr dieses Problem die beiderseitigen Beziehungen belastete65. Nach Albrechts Tod im März 1568 wurde der preußische Einfluss in Livland weiter reduziert und beschränkte sich auf die vom verstorbenen Herzog aufgebauten Positionen des Einvernehmens mit den in Livland herrschenden Potentaten. Darüber hinaus geben die Regesten Einblick in die zunehmende Spaltung zwischen den polnischen und litauischen Interessen, die das Handlungsvermögen der polnischen Krone im Ostseeraum spürbar einengte. So berichtete der als Mittelsmann zwischen Kurland und Preußen fungierende Friedrich von Kanitz von der Opposition der litauischen Stände gegen Sigismund Augusts Unionsplan, würden diese doch eher mit dem Zaren einen für sie nachteiligen Frieden abschließen als dieser Vereinigung zuzustimmen, in der sie eine unerträgliche Knechtschaft sähen66. Trotz seiner schwachen Position gelang es Kettler, seine Verwicklung in diesen Konflikt und die drohende Assoziation mit dem Großfürstentum Litauen zu vermeiden, wozu auch der Abschluss der Lubliner Union im Juli 1569 beitrug. Durch Beleuchtung der Schreckensherrschaft Erichs XIV. in Schweden und dessen Absetzung durch seinen Bruder, Herzog Johann von Finnland, der als Johann III. den schwedischen Thron bestieg und eine Annäherung an Polen vollzog, vermitteln die Regesten wichtige Hintergrundinformationen zum Verständnis dieser komplexen außenpolitischen Vorgänge, die zu einer tiefgreifenden Veränderung der Mächtekonstellation in Livland führten67. Breiten Raum widmen sie den Versuchen des Zaren, durch weitgehende Friedensangebote einen Keil in die Front seiner Gegner zu treiben, um auf diesem Weg die Herrschaft über ganz Livland zu erlangen. So garantierte er dem Herzog von Kurland nicht nur dessen jetzigen Besitz, sondern verlieh ihm auch alle livländischen Städte und Schlösser im Herrschaftsbe———————————— 64

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Kettler hatte mit Vermittlung Herzog Albrechts Anfang März 1566 die Ehe mit Anna von Mecklenburg geschlossen. Regesten (wie Anm. 61), S. 123 f., Nr. 3534/1, 1567 September 6. Ebenda, S. 170 f., Nr. 3607, 1568 Oktober 8. Nach der Absetzung seines Bruders Erich XIV. regierte Johann III. von 1568 bis 1592 als König von Schweden.

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reich Schwedens und Polens. Dafür forderte er von Kettler ein Unterstellungsverhältnis, wie es für die Reichsfürsten gegenüber dem Kaiser galt. Wie die anderen am Kräftespiel in dieser Region beteiligten Potentaten war Ivan am Besitz Rigas interessiert, dem er unter seiner Herrschaft eine Behandlung als „freie Reichsstadt“ garantierte68. Der häufige Bezug auf die Verfassungsverhältnisse des Heiligen Römischen Reiches lässt darauf schließen, dass er in diesem und vor allem im Kaiser eine Vorbildfunktion für seine imperialen Ambitionen gesehen hat. Die Regesten lassen erkennen, dass die von Ivan betriebene Gewinnung des leichtgläubigen Herzogs Magnus die Fortsetzung seiner Livlandpolitik mit anderen Mitteln gewesen ist, um sein väterliches Erbe und einen breiten Zugang zur Ostsee zu erlangen. Magnus begründete dagegen seine angestrebte Machterweiterung unter russischem Zepter mit der Absicht, dadurch die seit Jahren schwer heimgesuchten Lande vor der Kriegsfurie zu bewahren. Gegenüber dem unerfahrenen Herzog von Holstein erwies sich der Zar als gerissener Taktiker, indem er ihm zwar den Titel eines Königs von Livland verlieh, ihn andererseits aber mit den „geringen Häuslein“ Oberpahlen (Põltsamaa), Wesenberg (Rakvere) und Lais (Laiuse) abspeiste. Mit einem Auszug aus den in Stettin geführten Verhandlungen zwischen Dänemark und Schweden unter Beteiligung der Bevollmächtigten des Kaisers, Frankreichs, Polens und Sachsens, in denen die Konturen des am 13. Dezember 1570 geschlossenen Friedens erkennbar sind, schließen die Regesten dieses Schlussbandes ab. Festzuhalten bleibt, dass hier zum letzten Mal die Lehnshoheit von Kaiser und Reich über die Provinz Livland anerkannt und damit wenigstens formal der Status quo ante im Norden wiederhergestellt wurde. Alarmierende Signale waren jedoch, dass sich weder Magnus, der als Reichsfürst eigentlich an den Stettiner Frieden gebunden war, noch der Zar an dessen Bestimmungen hielten und das Ausplündern der weiterhin formal zum Reich gehörenden Provinz Livland fortsetzten. Ergebnisse Die Regesten geben Einblick in die livländischen Außenbeziehungen von 1525 bis 1570 im Spiegel der Korrespondenz Herzog Albrechts in der Abt. D „Livland“ des Herzoglichen Briefarchivs. Der hier erfasste Schriftwechsel gibt Aufschluss über die Livlandpolitik des Herzogs und die Beurteilung und ———————————— 68

Regesten (wie Anm. 61), S. 195 f., Nr. 3637/1, 1569 Januar.

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Wertung von Ereignissen aus seiner politischen Sicht, wobei die Berichte seines Bruders Wilhelm sowohl den brandenburgisch-preußischen Interessen als auch denen des Erzstifts Riga Rechnung tragen. Damit war eine feste Klammer zwischen Preußen und Livland geschaffen, die eine Achse in den Beziehungen beider Länder und Räume bildete und um die sich die anderen livländischen Gesprächspartner Albrechts gruppierten. Für den gesamten hier erfassten Zeitraum bleibt festzuhalten, dass sich die Außenbeziehungen und inneren Verhältnisse Livlands gegenseitig bedingten und daher nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Wirtschaftliche, soziale und konfessionelle Aspekte, die in den Regesten immer wieder angesprochen werden, können daher nicht ausgeblendet werden. Das Gleiche gilt für konstitutionelle und administrative Belange, die vor allem auf den Landtagen, die das Forum der livländischen Ständekonföderation bildeten, aber auch in den größeren Städten und von den Ritterschaften behandelt worden sind. Im Folgenden soll die Einbindung Livlands in bestimmte Mächtekonstellationen erörtert werden. In den Jahren 1525 bis 1534 steht die Einführung der Reformation in diesem Raum mit ihren Konsequenzen im Mittelpunkt von Albrechts Korrespondenz. Die livländischen Außenbeziehungen gerieten durch die Berufung des Markgrafen Wilhelm zum Koadjutor des Erzstifts Riga in den Konflikt der von Albrecht und seinen Anhängern propagierten neuen protestantischen Ordnung mit den retardierenden katholischen Gegenkräften unter Führung des Ordensmeisters Wolter von Plettenberg, der als Reichsfürst in enger Beziehung zu Karl V. und der katholischen Partei in Livland stand und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem ehemaligen preußischen Hochmeister prinzipiell ablehnte. Trotz Albrechts Schutzbündnis mit dem Rigaer Elekten Thomas Schöning, der eine Schaukelpolitik zwischen den einzelnen Lagern betrieb, konnte Wilhelm seine Isolation nicht wirklich durchbrechen, zumal es die von ihm in ihrer Eigenschaft als Protektoren des Erzstifts um Hilfe ersuchten Könige von Dänemark und Polen bei verbalen Fürsprachen beließen. Hinzu kamen die auf der Weigerung Rigas, die eingezogenen Kirchengüter mit der Domkirche an das Domkapitel herauszugeben, beruhenden fortwährenden Differenzen, die als „Rigaer Frage“ die inneren Verhältnisse und Außenbeziehungen Livlands erheblich belasten sollten. Als großer Fehler erwies sich die Verwicklung Wilhelms in die Öseler Stiftsfehde, die sich infolge ihrer Verbindung mit der dänischen Grafenfehde zu einem den gesamten Ostseeraum erfassenden internationalen Konflikt ausweitete. Die Bedingungen des im Februar 1531 mit dem Moskauer Großfürsten Vasilij III. auf 20 Jahre geschlossenen Beifriedens, deren Kernpunkte die Forderung der Abwendung der Livländer

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vom polnischen Lager, die Rückgabe konfiszierter Güter und die Wiederherstellung russischer Kirchen in Livland waren, deuten bereits auf den Kurs Moskaus in den folgenden Jahrzehnten hin, der weniger auf einen Kompromiss als auf konsequente Machtpolitik ausgerichtet war. Die enge Verknüpfung zwischen livländischer Außen- und Innenpolitik zeigt sich auch in den Jahren 1534 bis 1540. Das belegt der Landtag von Fellin, auf dem sich die Bildung einer machtvollen Koalition der livländischen Stände gegen Wilhelm vollzog, dem es erneut nicht gelang, die mit ihm blutsverwandten Könige von Polen und Dänemark auf seine Seite zu ziehen. Auch die Hoffnung auf Unterstützung seines Anliegens bei Kaiser Karl V., dem Römischen König Ferdinand I. und der Kurie erfüllte sich nicht, wobei seine enge Verwandtschaft mit dem vom katholischen Glauben abgefallenen Herzog in Preußen eine schwere Hypothek war. Gegen diesen hatte der Orden das Gerücht verbreitet, einen Angriff gegen Livland und insbesondere die Stadt Riga zu planen, was in Wirklichkeit Albrechts Diplomatie und militärischen Möglichkeiten widersprach. Sein erfolgreiches Taktieren und Vermitteln zwischen den Mächten, wozu das Knüpfen dynastischer Bindungen zwischen den in Livland engagierten Potentaten kam, wurde vom Orden und anderen livländischen Ständen unterschätzt. Sie sahen in Albrecht einen minderrangigen Fürsten, der nach seiner Ächtung von Kaiser und Reich um seine Existenz ringen musste. Darin sahen sie sich durch das Scheitern der preußischen Livlandpolitik bestätigt, die im Abfall Rigas von dem mit Albrecht geschlossenen Bündnis und dem verfehlten Ziel, die Umwandlung des livländischen Ordensstaates in ein unter seiner Herrschaft oder seiner Familie stehendes weltliches Territorium zu erreichen, offenkundig geworden war. Umso größer dürfte die Überraschung der Livländer gewesen sein, als sie erfuhren, dass Albrecht trotz mangelnder Unterstützung durch seinen Bruder Wilhelm seine Ziele weiter verfolgte, die weniger in der Erweiterung seiner Macht als in der Festigung seines Einflusses in Livland bestanden. Die Zeit von 1540 bis 1551 war zunächst von den Bemühungen Wilhelms – dieser hatte inzwischen die Nachfolge Thomas Schönings als Erzbischof von Riga angetreten – um Durchsetzung seiner nach wie vor verweigerten Rechte in Riga bestimmt. Wie die Öseler Stiftsfehde erhielt auch die „Rigaer Frage“ internationale Bedeutung, indem Riga die Aufnahme in den Schmalkaldischen Bund gelang, während Wilhelm bei den Königen von Polen und Dänemark sowie seinem Bruder Albrecht Beistand suchte. Die Zugeständnisse Rigas im Vertrag von Neuermühlen, die die Stadt allerdings nicht wirklich einhielt und im Vergleich von 1551 nur halbherzig bewilligte,

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trugen kaum zur Stabilisierung von Wilhelms Herrschaft bei. Vielmehr erreichten die Intrigen des Ordens beim Kaiser – des Ersteren bis zum Livländischen Krieg und darüber hinaus andauernde Feindschaft gegenüber Albrecht und Wilhelm bestimmte wie keine andere Komponente die Außenbeziehungen Livlands –, dass der vollends in die Defensive gedrängte Erzbischof gegen eine angemessene Entschädigung sogar zum Verzicht auf sein Territorium bereit war. Die gegenseitigen Spannungen erreichten in der „Koadjutorfehde“ ihren Höhepunkt, die zur Gefangennahme des Erzbischofs und seines Koadjutors Christoph von Mecklenburg durch den Orden führte und eine von Albrecht gesteuerte internationale Befreiungsaktion zur Folge hatte, an der pommersche, dänische und polnische Vermittler teil hatten. Erst in dem im September 1557 geschlossenen Frieden von Pozwol musste der Ordensmeister Wilhelm von Fürstenberg unter polnischem Druck die Restitution Wilhelms und Christophs bewilligen und sich zum Bündnis mit Polen gegen die Moskowiter entschließen, das Ivan IV. den Vorwand zum gewaltsamen Vorgehen gegen die Livländer bot. Die Regesten erhellen, dass der Ausbruch des Livländischen Krieges für Albrecht und Wilhelm zwar unerwartet kam, jedoch eine lange Vorgeschichte hatte, die in der zunehmend aggressiveren Politik des Zaren gegenüber Livland zum Ausdruck kam. Die Differenzen zwischen den vom Orden dominierten Ständen, die einen Annäherungskurs an Moskau betrieben hatten, und Erzbischof Wilhelm, der gemeinsam mit dem Landmarschall Jasper von Munster zum Bündnis mit Dänemark, Schweden und Polen gegen die Moskowiter riet, trugen zur Uneinigkeit und Schwächung der Abwehrkraft der Livländer bei. Ein wichtiger Faktor in den livländischen Außenbeziehungen war der wachsende Einfluss Polen-Litauens, der in den Wilnaverträgen vom Herbst 1559 mit der Unterwerfung des Meisters Kettler und Erzbischof Wilhelms unter die Krone Polen bei fortschreitender Lähmung des Ordensstaats die Voraussetzung für die zwei Jahre später erfolgte Bildung des polnischen Lehnsherzogtums Kurland bot, während das überdünische Livland und das Erzstift Riga König Sigismund August und seinen Nachfolgern direkt unterstellt wurden. Die Folge des Untergangs des Ordens war die den neuen Machtverhältnissen entsprechende Neugliederung Livlands in einen schwedischen, dänischen, russischen und polnischen Teil sowie in das Herzogtum Kurland und die Stadt Riga. Durch die Verflechtung des siebenjährigen Nordischen Krieges zwischen Schweden und den verbündeten Mächten Dänemark und Polen mit dem fortdauernden Aggressionskrieg des Zaren wurde Livland an den Rand der Katastrophe gebracht. Der Friede von Stettin (Szczecin) stellte zwar letztmalig die Lehnshoheit von Kaiser und

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Reich über die Provinz Livland wieder her. Weil sich aber der Zar und sein Vasall Herzog Magnus nicht an dessen Bestimmungen hielten, wurde die Verwüstung und Ausplünderung der schutzlosen Region fortgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in den Außenbeziehungen Livlands zwischen 1525 und 1570 ein ständig wachsender Machtverlust im politischen Handeln der dortigen Stände vollzog. Die Livländer wurden zum weitgehend willenlosen Objekt der benachbarten Mächte, die auf dem Boden der Provinz ihr Ringen um die Vormacht im baltischen Raum austrugen. Da keine Seite die Vorherrschaft erringen konnte, kam es zur Entstehung einzelner Interessenssphären, die weitere militärische Auseinandersetzungen unvermeidbar machten. Die Verantwortung an diesem unheilvollen Prozess trugen die Livländer zum größten Teil selbst, da sie sich nicht zu einer gemeinsamen Abwehr der von außen kommenden Gefahren entschließen konnten und im Interessengegensatz der einzelnen Lager und Gruppierungen verharrten. Eine selbstständige Außenpolitik blieb ihnen daher zunehmend versagt.

Madis Maasing

Die Metropolitanverbindung Rigas mit den preußischen Bistümern zur Zeit des Erzbischofs Wilhelm von Brandenburg1 Preußen und Livland waren im Spätmittelalter durch eine Reihe von Beziehungen miteinander verbunden. Die stärkste militärisch-politische Macht war der Deutsche Orden, die wichtigsten Städte gehörten dem Hansebund an, und die Bistümer – mit Ausnahme des Bistums Reval (Tallinn), das dem Erzbischof von Lund unterstellt war – gehörten zur Kirchenprovinz Riga. Die Beziehungen zwischen dem Erzbischof von Riga und den preußischen Bistümern waren im Vergleich zu denjenigen zwischen den Ordenszweigen jedoch weitaus lockerer. Dies war bedingt durch mehrere Faktoren, wie etwa der geografischen Entfernung und der engen Verbindung der preußischen Bistümer mit dem Deutschen Orden,2 weshalb die Metropoliten und Suff———————————— 1

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Dieser Aufsatz wurde unterstützt von der estnischen Wissenschaftsförderung PUT 107. – Verwendete Abkürzungen: HAL 1 = Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1525– 1534). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den ostpreußischen Folianten [künftig: Regesten], bearb. v. Ulrich MÜLLER, Köln 1996 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz [künftig VAPK] 41); HAL 2 = Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1534–1540). Regesten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln 1999 (VAPK 49), Köln 1999; HAL 3 = Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1540– 1551). Regesten, bearb. v. DEMS., Köln 2002 (VAPK 54); HAL 4 = Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1551–1557). Regesten, bearb. v. DEMS., Köln 2005 (VAPK 57); HAL 6 = Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1560–1565). Regesten, bearb. v. DEMS., Köln 2006 (VAPK 60); HAE 1 = Herzog Albrecht von Preußen und das Bistum Ermland (1525–1550). Regesten, bearb. v. DEMS., Köln 1991 (VAPK 31); HAE 2 = Herzog Albrecht von Preußen und das Bistum Ermland (1551–1568). Regesten, bearb. v. DEMS., Köln 1993 (VAPK 37); UB Culm = Neues Preußisches Urkundenbuch. Westpreußischer Theil, II. Abtheilung. Urkunden der Bisthümer, Kirchen und Klöster, Bd. I. Urkundenbuch des Bisthums Culm, Heft III. Das Bisthum Culm unter Polen 1466– 1774, bearb. v. Carl Peter WOELKY, Danzig 1887. Hans SCHMAUCH, Die Besetzung der Bistümer im Deutschordensstaate (bis zum Jahre 1410), in: Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Ermlands (künftig: ZGAE) 20 (1919), S. 643–752 [Teil 1], und 21 (1923), S. 1–102 [Teil 2]; Brigitte POSCHMANN, Bistümer und Deutscher Orden in Preußen 1243–1525: Untersuchung zur Verfassungsund Verwaltungsgeschichte des Ordensstaates, in: ZGAE 30 (1966), S. 227–356; Andrzej RADZIMIŃSKI, Der Deutsche Orden und die Bischöfe und Domkapitel in Preußen, in: Ritterorden und Kirche im Mittelalter, hg v. Zenon Hubert NOWAK, Toruń 1997, S. 41– 59; Mario GLAUERT, Die Verfassungsentwicklung der Kirche im Deutschordensland und

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ragane zuweilen in entgegengesetzten politischen Lagern standen. Noch komplizierter gestalteten sich diese Beziehungen nach 1466, als Westpreußen unter polnische Herrschaft geriet und versucht wurde, das Bistum Kulm (Chełmno) gemäß dem Zweiten Frieden von Thorn (Toruń) dem Erzbistum Gnesen (Gniezno) einzuverleiben. Nach 1525 büßte Riga infolge der Reformation und der Säkularisation in Preußen faktisch die Bistümer Pomesanien (Pomezania) und Samland (Sambia) ein3. Das Bistum Ermland (Warmia) war bestrebt, sich von der Unterstellung unter den Erzbischof zu befreien und die Exemtion zu erreichen. Nach der Einführung der Reformation wurde die Lage auch dadurch verkompliziert, dass der letzte Rigaer Erzbischof, Markgraf Wilhelm von Brandenburg-Ansbach (1539–1563)4, ein Lutheraner war, während seine Suffragane, die Bischöfe von Kulm und Ermland, katholisch blieben. Die Beziehungen zwischen dem Rigaer Metropoliten und den preußischen Bistümern nach dem Beginn der Reformation sind als eigenständiges Forschungsthema bislang nicht ausführlich untersucht worden. Wahrscheinlich dürfte dabei die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass es sich um ein scheinbar marginales Thema handelt: Die Kontakte zwischen dem Erzbischof und den preußischen Suffraganen waren bereits früher fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Es fragt sich jedoch, was die Reformation in dieser Hinsicht bewirkt hat und ob die erfolgten Entwicklungen in erster Linie auf religiöse Veränderungen oder auf andere Faktoren, etwa auf politische Umwälzungen, zurückzuführen sind. Im Hinblick auf Erzbischof Wilhelm lässt sich zudem fragen, inwieweit religiöse Kontroversen zwischen dem Erzbischof, einem Anhänger der lutherischen Lehre, und seinen katholischen Suffraganen ihre gegenseitigen Beziehungen beeinflussten. Bei Wilhelms Tä————————————

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im Herzogtum Preußen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, in: Kirche und Welt in der frühen Neuzeit, hg. v. Bernhart JÄHNIG, Marburg 2007 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 22), S. 63–88. Mario GLAUERT, Das Domkapitel von Pomesanien (1284–1527), Toruń 2003 (Prussia Sacra 1); Radosław BISKUP, Das Domkapitel von Samland (1285–1525), Toruń 2007 (Prussia Sacra 2). Zur Reformation in Preußen siehe Preußen und Livland im Zeichen der Reformation, hg. v. Arno MENTZEL-REUTERS / Klaus NEITMANN, Osnabrück 2014 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 28); Sven TODE, Die Reformation in Preußen – Einheit und Vielfalt reformatorischer Bewegungen, in: Nordost-Archiv 13 (2004), S. 201–265. Thomas LANGE, Zwischen Reformation und Untergang Alt-Livlands: der Rigaer Erzbischof Wilhelm von Brandenburg im Beziehungsgeflecht der livländischen Konföderation und ihrer Nachbarländer, 2 Bde., Hamburg 2014 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa 21,1–2).

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tigkeit darf man nicht außer Acht lassen, dass sein Bruder Albrecht im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert als Herrscher Ostpreußens fungierte (1511–1525 als Hochmeister des Deutschen Ordens, 1525–1568 als erster Herzog von Preußen) und auf Wilhelms Tätigkeit großen Einfluss ausübte5. Außerdem kam bei den Beziehungen zwischen Riga und Preußen auch dem polnischen König und dem Erzbischof von Gnesen eine Rolle zu. Die Einstellung des Papstes zu den Suffraganen der Rigaer Kirche war nicht immer eindeutig: Durch Anordnungen des Kirchenoberhaupts wurden verschiedene Interessengruppen unterstützt, und mitunter wurde in Rom fast keine Rücksicht auf die tatsächlichen Gegebenheiten genommen6. Daher ist die kirchliche Kommunikation zwischen Riga und den preußischen Bistümern bzw. die Frage, inwieweit die im kanonischen Recht festgelegte Verbindung zwischen dem Metropoliten und seinen Suffraganen verwirklicht werden konnte, von zentraler Bedeutung. Dies kam in erster Linie darin zum Ausdruck, wie das Recht zur Durchführung der ersten Visitation, zur Einberufung der Synoden und zur Ordination der Suffragane faktisch wahrgenommen wurde7. Über die kirchlichen Beziehungen zwischen dem Rigaer Metropoliten und den preußischen Suffraganen wurde im Jahre 1836 eine Übersicht aus der Feder von Heinrich Jacobson veröffentlicht8. Bei der Lektüre seiner Abhandlung, die auf der Kenntnis sowohl der Normen des kanonischen Rechts als auch des damals bekannten Quellenmaterials über Preußen und Livland beruht, gewinnt man den Eindruck, als habe Preußen zu Riga im 15. Jahrhundert ziemlich enge Metropolitanbeziehungen unterhalten, als in beiden ———————————— 5

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Hans QUEDNAU, Livland im politischen Wollen Herzog Albrechts von Preußen. Ein Beitrag zur Geschichte des Herzogtums Preußen und des preußisch-livländischen Verhältnisses 1525–1540, Leipzig 1939 (Deutschland und der Osten. Quellen und Forschungen zur Geschichte ihrer Beziehungen 12); Iselin GUNDERMANN, Grundzüge der preußisch-mecklenburgischen Livlandpolitik im 16. Jahrhundert, in: Baltische Studien NF 52 (1966), S. 31–56. Barbara WOLF-DAHM, 750 Jahre altpreußische Bistümer 1243–1993. Diözesangrenzen im Wandel der Zeiten, in: Zur Siedlungs-, Bevölkerungs- und Kirchengeschichte Preußens, hg. v. Udo ARNOLD, Lüneburg 1999 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung 12), S. 139–171. Heinrich Friedrich JACOBSON, Die Metropolitanverbindung Riga’s mit den Bisthümern Preußens, in: Zeitschrift für die historische Theologie 6 (1836), Stück 2, S. 123–179, hier S. 128; Richard HASSELBLATT, Die Metropolitanverbindung Revals mit Lund, in: Mitteilungen aus dem Gebiete Liv-, Est- und Kurlands 14 (1890), S. 462–466, hier S. 463. JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7).

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Gebieten lokale Konzile abgehalten wurden. Im Allgemeinen kam jedoch eine eher spärliche Kommunikation zustande. Nach Jacobsons Einschätzung erreichte das Bistum Ermland wahrscheinlich Ende des 15. Jahrhunderts die Exemtion, außerdem büßten Samland und Pomesanien infolge der Säkularisation Preußens ihre Stellung als Suffragane von Riga ein; zur selben Zeit habe das Bistum Kulm seinem Metropoliten bis zu dessen Untergang im Jahre 1566 jedoch die Treue bewahrt. Jacobson geht aber nicht ausführlich auf die Beziehungen zwischen Riga und Preußen im 16. Jahrhundert ein. Diese Lücke wurde weitgehend gefüllt von Josef Oswald, der 1942 eine Studie über den Kampf zwischen dem Metropoliten von Riga und dem von Gnesen um die preußischen Bistümer veröffentlichte9. Wie Oswald vorbrachte, waren aus päpstlicher Sicht alle vier preußischen Bistümer bis zur Auflösung des Erzbistums Riga dessen Suffragane geblieben, doch dürfte Riga tatsächliche – wenn auch lockere – kirchliche Beziehungen nach der Reformation nur mit Kulm und Ermland gepflegt haben10.

*** Im Ostseeraum zeichneten sich nicht nur die vier preußischen Bistümer dadurch aus, dass sie mit ihrem Metropoliten nur locker verbunden waren. Der oberste Seelenhirt im Herzogtum Estland, das bis 1346 dem dänischen König gehörte, war der Bischof von Reval, ein Suffragan von Lund. Die Beziehungen des Revaler Bischofs zu seinem Metropoliten waren im 15. Jahrhundert eher locker, und der Deutsche Orden tat seinerseits alles, um sie weiter zu lockern, da es den dänischen Königen, welche die Regierungsgewalt über Estland wiedererlangen wollten, darauf ankam, diese Metropolitanverbindung im 15. Jahrhundert als zusätzliches Argument ins Feld zu führen11. Der Orden war bestrebt, sein Recht der Nomination der Bischöfe einzuführen, doch blieben diese Bemühungen erfolglos: Das Revaler Dom———————————— 9

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Josef OSWALD, Riga und Gnesen im Kampf um die Metropolitangewalt über die Altpreußischen Bistümer, in: Staatliche Akademie zu Braunsberg, Personal- und Vorlesungsverzeichnis. Wintersemester 1942/43. Abhandlung, S. 1–78. Auf einige Mängel der Arbeit Oswalds macht aufmerksam Hans SCHMAUCH, Anzeigen: Josef Oswald, Riga und Gnesen im Kampf um die Metropolitangewalt über die altpreußischen Bistümer, in: ZGAE 28 (1943), H. 1, S. 150–153. Klaus NEITMANN, Der Deutsche Orden und die Revaler Bischofserhebungen im 14. und 15. Jahrhundert, in: Reval. Handel und Wandel vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, hg. v. Norbert ANGERMANN / Wilhelm LENZ, Lüneburg 1997 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 8), S. 43–86.

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kapitel bewahrte das Recht auf die freie Wahl des Bischofs12. In kirchlicher Hinsicht war das Bistum Reval jedoch beträchtlich enger mit Riga als mit Lund verbunden: Der Bischof war im 15. Jahrhundert bei rigaschen Synoden anwesend und wurde mitunter sogar Suffragan von Riga genannt. Es kommt noch hinzu, dass das Erzbistum Lund im Jahre 1536 (wie auch Dänemark) endgültig lutherisch wurde; außerdem wurde im gleichen Jahr das Amt des Erzbischofs abgeschafft und durch einen protestantischen Superintendenten ersetzt. Es ist fraglich, ob man danach überhaupt noch vom Erzbistum Lund reden kann. Die Machtstruktur des Bistums Reval erfuhr dagegen bis 1565 keine Änderungen, und dort wurde das Bischofsamt noch in den 1550er Jahren vom katholisch gesinnten Bischof Friedrich von Ampten (1551–1557) bekleidet13. Trotz allem wurde das Bistum Reval bis in die 1560er Jahre hinein in den Urkunden als Teil der Kirchenprovinz Lund bezeichnet14. Die Beziehungen zwischen Riga und den preußischen Bischöfen waren noch komplizierter. Bischof Christian von Preußen (1215–1245) war zu Beginn seiner Tätigkeit mit dem Erzbischof von Gnesen verbunden, seit 1219 war er jedoch exemt15. In einer ähnlichen Lage befanden sich zunächst auch die Bistümer Samland, Pomesanien, Kulm und Ermland, die von Wilhelm von Modena, dem Legaten des Papstes Innozenz IV. (1243–1254), im Jahre 1243 in Preußen gegründet worden waren. Doch bereits Ende des Jahres 1245 wurden diese Bistümer dem kürzlich ernannten Erzbischof von Preußen, Livland und Estland Albert Suerbeer (1245–1273) unterstellt. Somit entstanden in Preußen zwei Lager, die Anspruch auf die Oberherrschaft erhoben: der Deutsche Orden und das Erzbistum, das faktisch noch nicht gegründet worden war. Zunächst wurde tatsächlich geplant, die Residenz des Erzbischofs in Preußen zu errichten; da der Orden jedoch Angst vor einem mächtigen Konkurrenten hatte, wurde Riga zum Sitz des Metropoliten gewählt16. Dank dessen erlangten die preußischen Bistümer von Anfang an ei———————————— 12

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Ebenda; Bernhart JÄHNIG, Der Kampf des Deutschen Ordens um die Schutzherrschaft über die livländischen Bistümer, in: Ritterorden und Kirche (wie Anm. 2), S. 97–111, hier S. 99–100. Leonid ARBUSOW (sen.), Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhundert [Teil IV], in: Jahrbuch für Genealogie, Heraldik und Sphragistik Jg. 1911/1912 (1913), S. 7–8; HAL 4, Nr. 1529. HASSELBLATT, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7). OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 22. Kurt FORSTREUTER, Die Gründung des Erzbistums Preußen 1245/1246, in: Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg/Pr. 10 (1960), S. 9–31; Anti SELART, Die Bettelmönche im Ostseeraum zur Zeit des Erzbischofs Albert Suerbeer von Riga (Mitte des 13.

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ne recht weitgehende Unabhängigkeit vom Erzbischof, doch gerieten sie in die Einflusssphäre des Ordens. Dem Deutschen Orden gelang es, bis Ende des 13. Jahrhunderts in den Bistümern Pomesanien, Samland und Kulm die Situation zu erreichen, dass die Mitglieder der Domkapitel verpflichtet wurden, dem Deutschen Orden anzugehören; sie waren in ihn „inkorporiert“17. Da das Kapitel den Bischof in der Regel aus dem Kreis seiner Mitglieder wählte, wurden als Bischöfe meistens Priesterbrüder des Deutschen Ordens eingesetzt. Das Bistum Ermland wies im Vergleich zu den erwähnten Bistümern ein beträchtlich größeres Maß an Selbstständigkeit auf: Das dortige Domkapitel wurde nicht inkorporiert, und der Bischof erlangte spätestens bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine ziemlich große weltliche Macht, die er bis 1772 bewahrte. Theoretisch handelte es sich bei allen Bischöfen um Landesherren, die dem Orden gleichgesetzt waren. In der Innenpolitik ihrer Stifte war den Bischöfen bis zum 15. Jahrhundert recht weitgehende Handlungsfreiheit gesichert, doch waren sie in Hinsicht auf die wichtigsten Fragen der Landesverteidigung dem Orden unterstellt. Während des 15. Jahrhunderts erfolgte ein Übergang zur einheitlichen Betrachtung mehrerer Fragen (etwa der Gesetzgebung und der Steuern), die früher in den Zuständigkeitsbereich der Landesherren gefallen waren. Dabei wurde die Beschlussfassung dem Hochmeister übertragen, wodurch er faktisch der oberste Landesherr in Preußen wurde. In der Außenpolitik war die Rolle des Ordens bis zu den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts dagegen ausschlaggebend; später sahen sich die Hochmeister jedoch gezwungen, auch auf die Ansichten der anderen Stände, darunter auf diejenigen der Bischöfe, in stärkerem Maße Rücksicht zu nehmen18. Die Lage der preußischen Bistümer änderte sich grundlegend infolge des Dreizehnjährigen Krieges (1454–1466) und des Zweiten Thorner Friedens. Der Orden büßte die Aufsicht über die Bistümer Kulm und Ermland völlig ein. Das erstere fiel faktisch unter das Nominationsrecht des polnischen Königs, der Bischof verlor seine weltliche Macht, und das Domkapitel wurde ————————————

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Jahrhunderts), in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung (künftig: ZfO) 56 (2007), S. 475–499. Zu diesem Rechtsverhältnis vgl. RADZIMIŃSKI, Der Deutsche Orden (wie Anm. 2), und GLAUERT, Verfassungsentwicklung (wie Anm. 2), S. 66 f.; Hans Erich FEINE, Kirchliche Rechtsgeschichte, Bd. 1. Die katholische Kirche, Weimar 1950, S. 323–333. POSCHMANN, Bistümer (wie Anm. 2), S. 234–301, 326–339; GLAUERT, Verfassungsentwicklung (wie Anm. 2), S. 69–70.

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von den Regeln des Deutschen Ordens befreit19. Das Bistum Ermland konnte der König zunächst nicht in seinen Einflussbereich bringen; erst im Jahre 1479 verpflichtete sich der Bischof, dem polnischen Monarchen den Treueid zu leisten, und in dem Vertrag von Petrikau (Piotrków Trybunalski), der im Jahre 1512 geschlossen wurde, war festgelegt, dass dem König nach dem Ableben des Bischofs die Aufgabe zufiele, dem Kapitel vier Geistliche preußischer Abstammung als Kandidaten vorzuschlagen, von denen einer zum Bischof gewählt werden sollte20. Zur gleichen Zeit gerieten die Bistümer Samland und Pomesanien in große Abhängigkeit vom Hochmeister21. Daher fungierten die letzten Bischöfe, die über die weltliche Gewalt verfügten, Georg von Polenz in Pomesanien (1518–1550, weltliche Herrschaft bis 1525) und Erhard von Queiss in Samland (1523–1529, weltliche Herrschaft bis 1525/27), als enge Mitarbeiter des Hochmeisters und traten ihre weltliche Macht im Jahre 1525 freiwillig an Herzog Albrecht ab, der auch Oberhaupt der Kirche des protestantischen Preußen wurde22. Weder die Bischöfe noch der Herzog hielten es jedoch für notwendig, sich offiziell aus der Unterstellung unter Riga zu lösen23. Diejenigen Teile des katholisch verbliebenen Bistums Pomesanien, die im Königlichen Preußen lagen, wurden zunächst dem Bischof von Ermland, danach demjenigen von Kulm überlassen24, und als 1563 die Wiederherstellung des katholischen Bistums Pomesanien gescheitert war, beschloss die Synode von Gnesen 1577, die päpstliche Genehmigung zu erbitten, dass das Gebiet dieses Bistums für immer dem Bistum Kulm einverleibt werden könne. Der Erzbischof von Gnesen hegte im 16. und 17. Jahrhundert die Absicht, auch das Bistum Samland dem Titel des Bischofs von Kulm oder Ermland hinzuzufügen, um sowohl Pomesanien als auch das Samland zumindest nominell zu rekatholisieren, doch scheiterten seine Pläne am Widerstand der preußischen Herrscher. Der Teil der Diözese Ermland, der im Gebiet des Herzogtums Preußen lag, wurde dagegen im Jahre 1528 dem lu———————————— 19

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WOLF-DAHM, 750 Jahre (wie Anm, 6), S. 144. Franz HIPLER, Die ermländische Bischofswahl vom Jahre 1549, in: ZGAE 11 (1897), S. 56–96, hier S. 56–70. POSCHMANN, Bistümer (wie Anm. 2), S. 248–249, 333–339; GLAUERT, Verfassungsentwicklung (wie Anm. 2), S. 71; Kurt FORSTREUTER, Vom Ordensstaat zum Fürstentum. Geistige und politische Wandlungen im Deutschordensstaate Preußen unter den Hochmeistern Friedrich und Albrecht (1498–1525), Kitzingen/Main 1951. GLAUERT, Verfassungsentwicklung (wie Anm. 2), S. 72–75. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 76. UB Culm, Nr. 852.

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therischen Bistum Pomesanien zugeschlagen25. Die lutherischen Bistümer Samland und Pomesanien wurden in den Jahren 1577 bzw. 1587 aufgelöst26.

*** Der Erzbischof von Riga hatte somit auf die preußischen Bistümer von Anfang an nur geringen Einfluss. Ab Ende des 13. Jahrhunderts mischte sich der Rigaer Erzbischof noch seltener in preußische Angelegenheiten ein, sodass von den Beziehungen zwischen dem Metropoliten und seinen Suffraganen nur die Tatsache zeugte, dass der Erzbischof die Bischöfe hätte ordinieren und diese ihm den Obödienzeid hätten leisten müssen. Der Einfluss des Erzbischofs von Riga auf Preußen wurde des Weiteren durch einen Streit zwischen dem Erzbischof Friedrich von Pernstein (1304–1341) und dem Deutschen Orden stark beeinträchtigt. Der Erzbischof weigerte sich, die Elekten, bei denen es sich um Favoriten des Ordens handelte, zu preußischen Bischöfen zu weihen, weswegen dies vom Papst bevollmächtigte Beamte erledigten27. Auch die nächsten Erzbischöfe unterließen die Ordination ihrer preußischen Suffragane, sodass die Bischöfe im 14. Jahrhundert oft von den Päpsten ernannt wurden28. Erst Erzbischof Johann von Wallenrode (1394–1419), während dessen Regierungszeit das Erzbistum in den Deutschen Orden inkorporiert war, weihte und ordinierte in den Jahren 1415 bis 1417 die neuen Seelenhirten für alle vier preußischen Bistümer. Später wurden dieselben preußischen Bischöfe auch von Papst Martin V. (1419–1431) geweiht und in ihrem Amt bestätigt, sodass die Tätigkeit Wallenrodes nur eine Notmaßnahme wegen des Großen Schismas (1378–1419) gewesen war; die späteren Erzbischöfe kümmerten sich nicht mehr um die Ordination der preußischen Suffragane. Als tatkräftiger Diplomat mischte sich Wallenrode noch wiederholt in preußische Angelegenheiten ein: Er bemühte sich um die Stelle des Bischofs von Ermland29 und hatte den Plan, seinen Neffen Heinrich Schaumberg zum Posten des Bischofs von Pomesanien zu verhelfen; später erreichte er die ———————————— 25 26 27 28 29

WOLF-DAHM, 750 Jahre (wie Anm. 6), S. 147 ff. GLAUERT, Verfassungsentwicklung (wie Anm. 2), S. 76–79. SCHMAUCH, Besetzung [Teil 2] (wie Anm. 2), S. 8–21, 79–81, 100. Ebenda, S. 21–30. Hans KOEPPEN, Die Kandidatur des Rigaer Erzbischofs Johann von Wallenrod für das Bistum Ermland im Jahre 1413, in: ZfO 9 (1960), S. 513–534.

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Wahl des Letzteren zum Bischof von Samland30. Die nächsten Erzbischöfe von Riga waren bestrebt, die preußischen Bischöfe zum Provinzialkonzil zu laden. Johannes Ambundi (1418–1424) tat dies 1423 und Henning Scharpenberg (1424–1448) 1428. Die Preußen leisteten diesen Einladungen jedoch nicht Folge. Zu guter Letzt entsandten die preußischen Bischöfe jedoch ihre Vertreter zum Provinzialkonzil von Riga, das im Jahre 1428 abgehalten wurde, und überreichten dem Erzbischof auch die Ergebnisse des preußischen Lokalkonzils, das 1427 stattgefunden hatte31. Auf der Rigaer Provinzialsynode 1437 war auch der Bischof von Ermland Franz Kuchschmalz anwesend32. Spätere Pläne zur Einberufung einer Provinzialsynode dürften auf den Erzbischof Michael Hildebrand (1484–1509) zurückgehen, der 1504 auf dem Livländischen Landtag darüber klagte, dass es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen sei, die preußischen Bischöfe zur Synode zu laden33. Eine neue Epoche in den Beziehungen zwischen Riga und den preußischen Bischöfen begann nach dem Friedensvertrag von Thorn, in dem festgelegt worden war, dass das Bistum Kulm künftig dem Erzbistum Gnesen unterstellt sei. Doch akzeptierten weder der Papst noch der Rigaer Erzbischof die Änderungen, die von Polen beantragt worden waren, und auch die Bischöfe von Kulm waren nicht daran interessiert, sich der Metropolitangewalt von Gnesen zu unterwerfen. Der Kanzler des polnischen Königs Wincenty Kiełbasa (Bischof von Kulm 1457–1479, Administrator von Pomesa———————————— 30

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Bernhart JÄHNIG, Johann von Wallenrode O.T. Erzbischof von Riga, Königlicher Rat, Deutschordensdiplomat und Bischof von Lüttich im Zeitalter des Schismas und des Konstanzer Konzils (um 1370–1419), Bonn 1970 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 24), S. 63 f., 86 f., 128–130. JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7), S. 145 f.; OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 38–41. Vgl auch Andrzej RADZIMIŃSKI, Synodalstatuten im Deutschordensland Preußen, in: Partikularsynoden im später Mittelalter, hg. v. Nathalie KRUPPA / Leszek ZYGNER, Göttingen 2006, S. 157–176; Arno MENTZEL-REUTERS, Preußische Diözesanstatuten und Reformen im Deutschen Orden, in: Von der Ordnung zur Norm. Statuten in Mittelalter und frühen Neuzeit, hg. v. Gisela DROSSBACH, Paderborn 2010, S. 55–70. Eugen BRACHVOGEL, Kleine Beiträge zur Geschichte der ermländischen Bischöfe, des ermländischen Domkapitels und der ermländischen Archive und Bibliotheken, in: ZGAE 22 (1926), S. 151–165, hier S. 152. JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7), S. 142–147; Akten und Rezesse der livländischen Ständetage, Bd. 3 (1494–1535), bearb. v. Leonid ARBUSOW (jun.), Riga 1910, Nr. 28, S. 37 f. Zuletzt dachte der Erzbischof im Jahre 1522 an ein Provinzialkonzil. Leonid ARBUSOW (jun.). Die Einführung der Reformation in Liv-, Est- und Kurland, Leipzig / Riga 1919 (Forschungen zur Reformationsgeschichte 3), S. 189.

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nien 1467–1479) sowie seine Nachfolger in Kulm Stefan z Niborka (1479– 1495) und Mikołaj Chrapicki (1496–1507) sahen ihr Bistum als exemt an34. Die späteren Bischöfe erklärten sich jedoch zumeist entweder auf Befehl des Papstes oder aber, um die Teilnahme an den Synoden der Kirchenprovinz Gnesen zu verweigern, bereit, ihre kirchliche Unterstellung unter den Rigaer Erzbischof einzuräumen35. Der Erzbischof von Gnesen und der polnische König versuchten zwar in den 1510er und 1520er Jahren beim Papst zu erreichen, Kulm der Metropolitangewalt des Ersteren zu unterwerfen, doch wurden diese Bestrebungen vom Kirchenoberhaupt, das auf den Widerstand des Rigaer Erzbischofs und des Deutschen Ordens Rücksicht nahm, nicht akzeptiert36. Zur Stärkung ihres Einflusses trachteten die Rigaer Erzbischöfe von 1500 bis 1501 und 1513 danach, den preußischen Bischöfen den Treueid abzunehmen, doch blieben ihre Bemühungen vergeblich37. Auch die Bischöfe von Ermland bemühten sich ab Ende des 15. Jahrhunderts um die Erreichung der Exemtion. Besonders weitgehende Ambitionen, die auf dieses Ziel gerichtet waren, hegte Bischof Johann Watzelrode (1489– 1512), auf dessen Initiative um 1505 versucht wurde, ein eigenständiges Erzbistum Preußen zu gründen38. Es sei zugleich erwähnt, dass sich Watzelrodes Vorgänger Nicolaus von Tüngen (1467–1489) während eines Streits mit dem polnischen König, der gewillt war, den Bischof von Kulm und Administrator von Pomesanien Wincenty Kiełbasa zum Administrator von Ermland zu ernennen, an den Rigaer Erzbischof Silvester Stodewescher (1448–1479) gewandt und ihm 1471 auch den Obödienzeid geleistet hatte, um seine Unabhängigkeit vom polnischen Reich und seiner Kirche zu manifestieren39. Nach ihm und Watzelrode kamen zwischen den Bischöfen von ———————————— 34

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„Cuius archiepiscope [Gnesen] iurisdictione usus sit, ignoratur [vom Kiełbasa]; verisimile est eum Rigensem non agnovisse. Neque de Stephano eius successore certum quid habetur. De Nicolao Crapitz similiter ambigitur“ (UB Culm, Nr. 989; wohl September 1547). „Postremorum trium episcoporum Joannis Conopat, Joannis Dantisci nunc Varmiensis, et moderni Tidemanni bullae promotionis extant, quibus archiepiscopo Rigensi tanquam metropolitano subduntur illique commendantur ut suffraganei“. Ebenda; JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7), S. 176; OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 44–50, 67 f. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 52–55. Ebenda, S. 50, 76; JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7), S. 157 f. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 70 f. JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 7), S. 170; Paul von EICHHORN, Geschichte der ermländischen Bischofswahlen, in: ZGAE 1 (1860), S. 93–190 [Teil 1], hier S. 156; Hans SCHMAUCH, Der Kampf zwischen dem ermländischen Bischof Nikolaus

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Ermland und ihrem Metropoliten jedoch nur spärliche Kontakte zustande. Ab den 1520er Jahren lud der Erzbischof von Gnesen die Bischöfe von Ermland wiederholt zu den Synoden ein, aber seine Bemühungen waren erfolglos: Sowohl Fabian von Lossainen (1512–1523), Mauritius Ferber (1523– 1537), Johannes Dantiscus (1538–1548) und Tiedemann Giese (1549– 1550) als auch Stanislaus Hosius (1551–1579) lehnten die Einladungen ab40. Somit hat es den Anschein, als seien auch die Bischöfe von Ermland im 16. Jahrhundert bestrebt gewesen, eine möglichst unabhängige Politik zu betreiben, indem sie sich sowohl vom Metropoliten von Gnesen wie auch von demjenigen von Riga distanzierten. Die Bistümer Pomesanien und Samland waren aber vor der Reformation dem Diktat des Hochmeisters unterstellt, sodass man annehmen kann, dass auch sie keine bemerkenswert engen Beziehungen zu Riga unterhielten41. Die Beziehungen zwischen Riga und den preußischen Bistümern wurden auch von dem Verhältnis zwischen den politischen Kräften Livlands und dem polnischen König beeinflusst. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war dieses Verhältnis im Allgemeinen neutral gewesen, zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatten Livland und Litauen gemeinsam gegen das Großfürstentum Moskau Krieg geführt, während der Regierungszeit Sigismunds I. (1506–1548) wurde aber wieder eine Politik der Neutralität eingeschlagen42. Diese konnte trotz einiger Grenzstreitigkeiten bis 1556 verfolgt werden, als der livländische Zweig des Deutschen Ordens im Laufe eines Streits, der als Koadjutorfehde bezeichnet wird, den Erzbischof Wilhelm verhaftete. Im Sommer 1557 befanden sich der Orden und die anderen livländischen Stände sowie Sigismund II. August (1548–1572) einige Wochen lang sogar im offenen Kriegszustand. Zwischen den Erzbischöfen und dem polnischen König herrschte dagegen ein besseres Verhältnis. Der Letztere

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von Tüngen und Polen oder der Pfaffenkrieg (1467–1479), in: ZGAE 25 (1935), S. 69– 186. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 72 f. Nach Hans SCHMAUCH leisteten die Bischöfe von Pomesanien Johannes von Lessen (1479–1501) und Hiob von Dobeneck (1501–1521) dem Erzbischof jedoch den Obödienzeid: Anzeigen: Josef Oswald (wie Anm. 10), S. 152. Ruth KENTMANN, Livland im russisch-litauischen Konflikt. Die Grundlegung seiner Neutralitätspolitik 1494–1514, in: Beiträge zur Kunde Estlands 14 (1929), H. 3/4, S. 85– 160; Elke WIMMER, Die Russlandpolitik Wolters von Plettenberg, in: Wolter von Plettenberg. Der größte Ordensmeister Livlands, hg. v. Norbert ANGERMANN, Lüneburg 1985 (Schriftenreihe Nordost-Archiv 21), S. 71–99.

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war in seiner Eigenschaft als Großfürst von Litauen auch einer der Schirmherren der livländischen Bistümer43. *** Markgraf Wilhelm von Brandenburg-Ansbach (1498–1563) war ein jüngerer Bruder von Herzog Albrecht von Preußen (1490–1568). Albrecht war bemüht, seinen Bruder zum Posten des Meisters des Deutschen Ordens im Reich und zur Herzogswürde von Masowien zu verhelfen, der Onkel der Brüder König Sigismund I. hoffte indes, dass Wilhelm an Stelle von Albrecht Hochmeister werde44. Im Jahre 1529 besuchte der Rigaer Erzbischof Thomas Schöning (1528–1539), der seine Position in Livland stärken wollte, den preußischen Herzog und erbat Unterstützung gegen den Orden. Herzog Albrecht, der sich während der letzten vier Jahre Mühe gegeben hatte, die Verbreitung des Protestantismus in Livland in jeder Hinsicht zu fördern und insbesondere die Säkularisation des livländischen Deutschordenszweiges zu erreichen45, erklärte sich bereit, Schöning Beistand zu leisten, und 1529 wurde Wilhelm zum Koadjutor des Rigaer Erzbischofs ernannt; dieser Plan wurde unter anderem auch vom polnischen König gutgeheißen46. Wilhelm wurde mit der Aufgabe betraut, die Politik seines Bruders in Livland durchzusetzen, außerdem sollte er zum wichtigsten Protektor der ———————————— 43

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Monumenta Livoniae antiquae, Bd. 5: Die letzten Zeiten des Erzbistums Riga, dargestellt in einer gleichzeitigen Chronik des Bartholemäus Grefenthal und in einer Sammlung der auf jene Zeiten bezüglichen Urkunden [künftig: MLA 5], hg. v. Friedrich Georg von BUNGE, Riga / Leipzig 1847, Nr. 1 (Volltext); HAL 3, Nr. 1249/1; Inga ILARIENĖ, Kilka źródeł, dotyczących protektoratu Wielkiego Księstwa Litewskiego nad arcybiskupstwem ryskim: formalna podstawa prawa w stosunkach Litwy i Inflant w trzecim i czwartym dziesięcioleciu XVI w. [Einige Quellen zur Schirmherrschaft des Großfürstentums Litauen über das Erzbistum Riga: formaljuristische Rechtsgrundlagen in den litauisch-livländischen Beziehungen im dritten und vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts], in: Lietuvos Didžiosios Kunigaikštystės istorijos šaltiniai. Faktas. Kontekstas. Interpretacija, hg. v. Artūras DUBONIS u.a., Vilnius 2007, S. 213–246. Leonid ARBUSOW (sen.), Livlands Geistlichkeit vom Ende des 12. bis ins 16. Jahrhundert [Teil 1], in: Jahrbuch für Genealogie, Heraldik und Sphragistik 1900 (1902), S. 33–80, hier S. 54; Livlands Geistlichkeit [Teil 4] (wie Anm. 13), S. 31; Walther HUBATSCH, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen 1490–1568, Heidelberg 1960, S. 18, 108, 113; Paul KARGE, Die Berufung des Markgrafen Wilhelm zum Koadjutor des Rigaschen Erzbichofs. Ein Betrag zur Reformationsgeschichte, in: Baltische Monatsschrift 61 (1906), S. 117–156, hier S. 125 f. QUEDNAU, Livland (wie Anm. 5). KARGE, Berufung (wie Anm. 46).

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livländischen Lutheraner werden, doch wurde seine Tätigkeit auch maßgeblich von persönlichen Ambitionen beeinflusst. 1532 griff Wilhelm in einen Streit ein, der in der Wiek entbrannt war, und erhob Anspruch auf die Stelle des Bischofs von Ösel. Trotz hoffnungsvollen Beginns nahm der Konflikt für Wilhelm jedoch 1536 einen ungünstigen Ausgang, weswegen er faktisch seine gesamte Anhängerschaft in Livland einbüßte. Im Jahre 1539 wurde Wilhelm Erzbischof, nachdem sich seine Position etwas verbessert hatte. Dem lutherisch gesinnten Erzbischof gelang es, den Empfang der Priesterweihe zu verweigern, doch scheiterten zur gleichen Zeit seine Versuche, in der Stadt Riga die weltliche Gewalt des Erzbischofs wiederherzustellen47. Um dies zu erreichen, ging er 1546 auf dem Landtag zu Wolmar mit dem Orden einen Kompromiss ein, wonach vereinbart wurde, dass die Doppelherrschaft des Erzbischofs und des Ordens über Riga wiederherzustellen sei. Als Gegenleistung musste Wilhelm, der in erster Linie auf ausländische Hilfe zählte, die Bedingung akzeptieren, dass die Koadjutoren, insbesondere solche aus fürstlichem Geschlecht, künftig ohne Bewilligung der anderen livländischen Stände weder ins Land geladen noch in das Amt eingesetzt werden dürfen48. In den 1550er Jahren mischte sich Herzog Albrecht jedoch nach Ablauf von mehr als zwanzig Jahren wieder entscheidend in livländische Angelegenheiten ein, indem er zusammen mit dem polnischen König Sigismund II. und Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg (1547–1576) den Plan verfolgte, Johann Albrechts Bruder Christoph als Wilhelms Koadjutor einzusetzen, womit insbesondere bezweckt wurde, die livländische Politik in weitaus stärkerem Maße polenfreundlich zu machen49. In erster Linie wegen der Aktualisierung der russischen Gefahr in Livland beschloss auch Erzbi———————————— 47

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Paul KARGE, Die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strömungen in Riga 1530–1535, in: Mitteilungen aus der livländischen Geschichte 23 (1924–1926), S. 296–371; Constantin METTIG, Geschichte der Stadt Riga, Riga 1897, S. 183–203, 220–237. Zu Wilhelms religiöser Haltung siehe nun Ulrich MÜLLER, Erzbischof Wilhelm von Riga und die Reformation in Livland 1535–1563, in: Preußen und Livland im Zeichen der Reformation, hg. v. Arno MENTZEL-REUTERS / Klaus NEITMANN, Osnabrück 2014 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 28), S. 241–343. HAL 3, Nr. 1342. GUNDERMANN, Grundzüge (wie Anm. 5); Knud RASMUSSEN, Die Livländische Krise, Kopenhagen 1973; Alexander BERGENGRÜN, Herzog Christoph von Mecklenburg, letzter Koadjutor des Erzbistums Riga. Ein Beitrag zur livländischen und mecklenburgischen Geschichte, Reval 1898.

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schof Wilhelm, diesem Plan zuzustimmen50. Die anderen livländischen Kräfte, insbesondere der Orden, kritisierten die polenfreundliche Politik Wilhelms und sahen den Plan, Christoph als Koadjutor einzusetzen, als eine drohende Gefahr für die Selbstständigkeit Livlands an. Schließlich führten die Streitigkeiten zum Ausbruch der Koadjutorfehde (1556/57)51. Der Deutsche Orden verhaftete Wilhelm, der dank des Eingriffs von Sigismund II. jedoch befreit werden konnte und zusammen mit Koadjutor Christoph wieder in sein Amt eingesetzt wurde. Doch brach, bevor er und seine Verbündeten die verbesserte Lage ausnutzen konnten, der Livländische Krieg aus. Die Politik Wilhelms und des Ordensmeisters Gotthard Kettler (1559–1562) sowie die Angriffe der Russen führten dazu, dass der erhalten gebliebene Teil des Ordensstaates und des Erzbistums 1561 vor Sigismund II. kapitulierte52. Deren weltliche und geistliche Regierungsorgane behielt der König zunächst bei. Nach Wilhelms Ableben am 4. Februar 156353 wurde jedoch kein neuer Erzbischof eingesetzt, und im Dezember 1566, als im Rigaer Domkapitel nur noch vier Domherren verblieben waren, wurde auch das Erzbistum Riga durch die Gründung einer Realunion zwischen Litauen und Livland aufgelöst54. ———————————— 50

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MADIS MAAZING [Madis MAASING], Russkaja opasnost’ v pis’mach Rižskogo archiepiskopa Vilgelma za 1530–1550 gg. [„Die russische Gefahr“ in den Briefen des letzten rigischen Erzbischofs Wilhelm in den 1530er bis 1550er Jahren], in: Studia Slavica et Balcanica Petropolitana = Peterburgskie slavjanskie i balkanskie issledovanija 2010, Nr. 1 (7), S. 184–194. Stefan HARTMANN, Neue Quellen zur livländischen Koadjutorfehde 1555/6, in: Aus der Geschichte Alt-Livlands: Festschrift für Heinz von zur Mühlen zum 90. Geburtstag, hg. v. Bernhart JÄHNIG / Klaus MILITZER, Münster 2004 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 12), S. 275–306. Norbert ANGERMANN / Thomas LANGE, Am Vorabend des Livländischen Krieges. Die Positionen der politischen Hauptkräfte Livlands gegenüber Russland, in: Baltijskij vopros v konce XV–XVI v. Sbornik naučnych statej, hg. v. Aleksandr FILJUŠKIN, Moskau 2010, S. 32–39, hier S. 39. Leonid ARBUSOW (sen.), Bericht über Krankheit und Tod des Erzbischofs Wilhelm von Riga. Dem Herzoge Albrecht von Preussen erstattet vom Hofmarschall Georg Preuss, Leibarzt Zacharias Stopius und Sekretär Lucas Hübner, in: Sitzungsberichte der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands aus dem Jahre 1896, Riga 1897, S. 16–30; HAL 6, Nr. 3070, 3078, 3079. HAL 7, Nr. 3485/1; Enn TARVEL, Die staatsrechtliche Lage der Provinz Livland im 16. und frühen 17. Jahrhundert, in: Russland, Polen und Österreich in der frühen Neuzeit. Festschrift für Walter Leitsch zum 75. Geburtstag, hg. v. Christoph AUGUSTYNOWICZ, Wien 2003 (Veröffentlichungen des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien 19), S. 107–118, besonders S. 108–113.

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*** Als Markgraf Wilhelm im Jahre 1530 in Livland ankam, waren Pomesanien und Samland bereits völlig protestantisch. Der evangelische Markgraf hatte wohl auch kein direktes Interesse, die Bistümer, die seinem Bruder unterstellt waren, als eigene Suffragane zu behandeln. 1545 ließ Wilhelm auf päpstliche Anordnung zwar an alle vier preußischen Bischöfe eine Einladung zum Konzil von Trient ergehen, doch handelte es sich um einen rein formalen Schritt, auf den die protestantischen Bischöfe nicht reagierten55. Somit lässt sich feststellen, dass es zwischen Wilhelm und den Bistümern Samland und Pomesanien weder Beziehungen, die auf eine Verbindung zwischen einem Metropoliten und seinen Suffraganen hinweisen würden, noch andere engere Kontakte gab. Mit den Bischöfen von Kulm und Ermland unterhielt Markgraf Wilhelm jedoch etwas lebhaftere Verbindungen; erste Kontakte mit ihnen hatte er bereits in der Zeit hergestellt, als er das Amt des Koadjutors des Rigaer Erzbischofs innehatte. Johannes Dantiscus, ein Diplomat des polnischen Königs und Humanist, der sowohl Bischof von Kulm (1530–1538) als auch von Ermland (1538–1548) gewesen war, hatte zu Herzog Albrecht in einem guten Verhältnis gestanden56. 1530 war er einer derjenigen, die dem Kaiser und dem Papst anrieten, Wilhelm als Koadjutor des Rigaer Erzbischofs zu bestätigen57. Während des Krieges, der so genannten „Wiekschen Fehde“, die von 1532 bis 1536 zwischen dem Markgrafen Wilhelm und dem Bischof von Ösel-Wiek Reinhold von Buxhoeveden (1530–1541) ausgefochten wurde58, bemühte sich der Markgraf mit Unterstützung der Wiekschen Adligen und bis 1535 auch mit Hilfe der Stadt Riga um den Bischofsstuhl von Ösel-Wiek. Die übrigen livländischen Stände unterstützten ab Anfang 1534 jedoch Buxhoeveden, sodass sich Wilhelm gezwungen sah, um ausländische Hilfe zu bitten. Unter anderem suchte er mit Hilfe des Bruders auch bei den ———————————— 55

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OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 76 f.; JACOBSON, Metropolitanverbindung (wie Anm. 9), S. 163, passim. EICHHORN, Geschichte der ermländischen Bischofswahlen [Teil 2] (wie Anm. 39), S. 342 f. HAL 1, Nr. 135, Anhang (15.10.1530). QUEDNAU, Livland (wie Anm. 5), S. 96–151; Magnus von HIRSCHHEYDT, Der Krieg, der nie stattgefunden hat. Markgraf Wilhelm von Brandeburg-Ansbach, Reinhold von Buxhövden, die Öselsche Bischofsfehde und das Problem der fehlenden Kriegslegitimation, in: Geistliche im Krieg, hg. v. Franz BRENDLE / Anton SCHINDLING, Münster 2009, S. 345–371; Madis MAASING, Die Wieksche Fehde und Markgraf Willhelm von Brandenburg, in: Forschungen zur Baltischen Geschichte 5 (2010), S. 11–35.

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Bischöfen von Kulm und Ermland um Unterstützung. Der Bischof von Kulm Dantiscus erklärte sich tatsächlich bereit, für Wilhelms Gesandten Georg von Ungern ein Empfehlungsschreiben an den Kaiser zu verfassen59. Da der Bischof von Ermland Mauritius Ferber größeres politisches Ansehen genoss als der Bischof von Kulm, riet Herzog Albrecht Ungern, den Ersteren auf jeden Fall in sein Lager zu locken60. Albrecht und Wilhelm konnten jedoch nicht erreichen, dass Ferber direkt in ihr Lager übertrat, wenn auch aus den Quellen hervorgeht, dass der Bischof von Ermland vielleicht eher auf ihrer Seite als auf der Buxhoevedens stand, obwohl er den Ersteren keinen entscheidenden Beistand leistete61. Nachdem Wilhelm das Amt des Erzbischofs angetreten hatte, schrieb er 1540 wiederholt an Johannes Dantiscus und bat ihn um Hilfe wegen der Verschiebung der Priesterweihe62. Dantiscus, der als Diplomat große Autorität besaß und bei Papst, Kaiser und polnischem König einen guten Ruf genoss63, zeigte sich tatsächlich bereit, einen diesbezüglichen Brief an die Kurie zu verfassen64. Im Herbst 1545, wieder kurz vor Beginn des Landtages, war Wilhelm bestrebt, Unterstützung gegen das kaiserliche Privileg zu erhalten, das im Jahre 1542 dem Livländischen Orden verliehen worden war und diesem das Aufsichtsrecht über alle Amtsnachfolger der livländischen Prälaten zugesprochen hatte65. Der Markgraf wandte sich sowohl an Dantiscus als auch an den Bischof von Kulm Tiedemann Giese (1538–1549)66. Die Letzteren sicherten Wilhelm zu, ihm gegen die Einschränkung der kirchlichen Freiheiten Beistand zu leisten, und rieten ihm an, sich in dieser Angelegenheit auch an den Schirmherrn des Erzbischofs, den polnischen König, zu wenden67. Somit hatte die Kommunikation zwischen dem Rigaer Erzbischof und den preußischen Bischöfen einen nur episodenhaften Charakter. Dabei kommunizierten sie miteinander als Landesherren, und der Erzbischof war ———————————— 59 60 61

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HAL 1, Nr. 557. HAL 1, Nr. 549, 555. HAL 1, Nr. 561, 562, 564, 578, 602; HAE 1, Nr. 322, 324, 386. EICHHORN, Ermländische Bischofswahlen [Teil 1] (wie Anm. 39), S. 286–323; Elementa ad fontium editiones. Documenta ex Archivo Regiomontano ad Poloniam spectantia, Bd. 53, Rom 1981, Nr. 1032. HAL 3, Nr. 1072, 1078, 1079, 1079/1; HAE 1, Nr. 700, 704, 707, 802, 867. HAL 3, Nr. 1079/1. HAL 3, Nr. 1082, 1087. HAL 3, Nr. 1331/2. HAL 3, Nr. 1315, 1329, 1330, 1331, 1331/1. HAL 3, Nr. 1329/3.

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oft derjenige, der um Hilfe bitten musste. In den 1540er Jahren tauchte jedoch ein ernstes Problem hinsichtlich der kirchlichen Beziehungen zwischen Kulm und Ermland sowie Riga auf. 1542 hatte der Erzbischof von Gnesen Piotr Gamrat (1541–1545) sowohl Tiedemann Giese als auch Johannes Dantiscus zur Provinzialsynode geladen. Doch leistete keiner von beiden der Einladung Folge, wobei sie betonten, dass sie dem Rigaer Metropoliten unterstellt seien und auf der Synode nur unter der Bedingung anwesend sein könnten, dass dieser und der Papst es zuließen68. Als Reaktion auf diese Verweigerung beschloss das Konzil mit dem Erzbischof von Gnesen an der Spitze, gegen den Bischof von Kulm Strafmaßnahmen zu ergreifen. Zur Begründung wurde vorgebracht, dass das Bistum Kulm zum Teil aus Gebieten eines Suffragans von Gnesen, des Bistums Płock, gegründet worden sei, weshalb auch die Unterstellung von Kulm unter Gnesen als rechtmäßig angesehen werde69. Auch im Jahre 1544 fehlten die Bischöfe von Ermland und Kulm auf der Synode, nachdem den beiden Strafen angedroht worden waren70. Doch starb Erzbischof Gamrat im Jahre 1545, und die Strafen konnten nicht vollstreckt werden. Am 22. Juni 1547 lud der neue Erzbischof von Gnesen Mikołaj Dzierzgowski (1546–1559) Giese erneut zur Synode ein und drohte ihm für den Fall seiner Abwesenheit die Exkommunikation und eine Geldbuße in Höhe von 3 000 ungarischen Gulden an71. Giese gab auch diesmal seinen Widerstand nicht auf und richtete Bittschriften an den Papst, den Bischof von Ermland Dantiscus, den polnischen König, dessen Kanzler Samuel Maciejowski, den einflussreichen Kanzleisekretär Stanislaus Hosius72 sowie durch Vermittlung des Herzogs Albrecht auch an den Rigaer Erzbischof Wilhelm73. Herzog Albrecht hatte sich um die kirchliche Unterstellung von Ermland und Kulm bereits im Jahr davor Sorgen gemacht, als er Wilhelm mitteilte, dass Ermland und Kulm Gefahr liefen, unter die geistliche Oberherrschaft des Erzbischofs von Gnesen zu geraten, was unbedingt vermieden werden müsse74. Dasselbe wiederholte er im Juni 154775. Wie Erzbischof Wilhelm ———————————— 68 69 70 71 72 73 74 75

UB Culm, Nr. 963. UB Culm, Nr. 973. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 57. UB Culm, Nr. 983. UB Culm, Nr. 986 und 988; OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 60. UB Culm, Nr. 984 und 985. HAL 3, Nr. 1329. HAL 3, Nr. 1388.

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am 7. Juli 1547 erklärte, habe er beschlossen, dass er dies nicht geschehen lassen werde. Der Bischof von Kurland und Ösel-Wiek Johann von Münchhausen (1540/41–1560) sicherte zu, dass er bei Bedarf zusammen mit den anderen livländischen Bischöfen Wilhelms Interessen an Preußen auf dem künftigen kaiserlichen Konzil wahren werde76. Als Reaktion auf Gieses Bitte, dass der Rigaer Erzbischof seine Suffragane Ermland und Kulm kategorisch zum Gehorsam ermahnen solle, um Giese einen tatsächlichen Anlass zu geben, gegen Gnesen Widerstand zu leisten77, schickte Wilhelm Ende August an die preußischen Bischöfe einen Brief, worin er ihnen befahl, dem Metropoliten von Gnesen den Gehorsam zu verweigern; andernfalls drohte er ihnen die Exkommunikation und eine Geldbuße in Höhe von 5 000 ungarischen Gulden an78. Im September des gleichen Jahres versicherte der Erzbischof in einem Brief an seinen Bruder, dafür zu sorgen, dass die Kirchenprovinz Riga durch die Tätigkeit von Gnesen keinen Schaden erleide79. Wilhelm meinte, dass er seinen Gesandten Hieronymus Commerstadt, der im Begriff war, zum Kaiser aufzubrechen, auch nach Gnesen entsenden könne, damit er dort die Interessen der Rigaer Kirche wahre.80 Ungefähr um dieselbe Zeit schickte Giese ein ausführliches Erklärungsschreiben an den Erzbischof von Gnesen, worin er die Rechtmäßigkeit seiner Unterstellung unter Riga begründete. Seine wichtigsten Argumente lauteten wie folgt: Das Bistum Kulm sei vom Papst selbst dem Rigaer Metropoliten unterstellt worden; das Gebiet von Kulm sei auf päpstlichen Beschluss bereits früher vom Bistum Płock abgetrennt worden, wozu auch der Erzbischof von Gnesen und der Bischof von Płock seine Zustimmung gegeben hätten. Der Friedensvertrag von Thorn habe zwar vorgesehen, dass Kulm Gnesen unterstellt werden müsse, doch gelte diese weltliche Entscheidung für Giese als Kirchenfürsten nicht, solange sie vom Papst nicht gutgeheißen worden sei. Am Schluss des Briefes teilte er mit, dass er bereit sei, zur Synode zu kommen und Gnesen den Obödienzeid zu leisten, wenn ihm der Erzbischof von Riga und der Papst dafür eine Genehmigung erteilen würden81. Auch im Archiv des Herzogs von Preußen wird ein Schriftstück gleichen Inhalts aufbewahrt, an dessen Schluss der Rigaer Erzbischof erklärt, er lege gegen die Anträge von Gnesen Berufung bei Papst Paul III. (1534–1549) ———————————— 76 77 78 79 80 81

HAL 3, Nr. 1405 (7.7.1547, Pilten). UB Culm, Nr. 985. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 59 f. HAL 3, Nr. 1412. HAL 3, Nr. 1424. UB Culm, Nr. 989; OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 62–64.

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ein82. Ende 1547 bedankte sich Giese bei Albrecht und Wilhelm für die Hilfe, und im Oktober 1548 schrieb auch Wilhelm an Giese, wobei er ihm für treue Dienste dankte und ihn bat, unverzüglich mitzuteilen, wenn Kulm, Ermland und Pomesanien wieder einer Gefahr aus der Richtung von Gnesen ausgesetzt seien83. Doch war es 1549 für Wilhelm nach wie vor unklar, ob die Argumente Gieses, der inzwischen Bischof von Ermland geworden war, in Rom eingetroffen waren. Bei Bedarf war der Erzbischof bereit, seinen Gesandten wieder ins Heilige Römische Reich zu schicken84. Zu dieser Zeit war der Streit zwischen Giese und Gnesen jedoch bereits gelöst. Die Synode wurde ohne Beteiligung des Bischofs von Kulm abgehalten, und anstelle des Erzbischofs von Gnesen wurde sie vom königlichen Kanzler Maciejowski geleitet85. Aus den darauffolgenden Jahren sind keine Bemühungen aus Gnesen bekannt, Kulm zu seinem Suffragan werden zu lassen. Dies war vermutlich in erster Linie dadurch bedingt, dass es der polnischen Staatsgewalt nicht darauf ankam, Kulm in kirchlicher Hinsicht Gnesen zu unterstellen86. So war es Tiedemann Giese und seinem formalen Metropoliten gelungen, die bisherige Lage der kirchlichen Beziehungen in Preußen beizubehalten. *** Im Jahre 1549 wurde der Sekretär Sigismunds II. Stanislaus Hosius neuer Bischof von Kulm (1549–1551). Er behauptete bei seinem Amtseintritt, er wisse nicht, welchem Metropoliten er unterstellt sei. Bald teilte ihm die päpstliche Kurie jedoch mit, dass Kulm Riga unterstellt sei87. Hosius räumte dies zwar zu Beginn des Jahres 1552 ausdrücklich ein, doch hatte er damals bereits das Bischofsamt von Ermland angetreten, in welcher Eigenschaft er die Oberherrschaft Rigas nicht anerkennen wollte: Als Wilhelm Hosius bat, ihn auf dem Konzil von Trient zu vertreten, lehnte Letzterer diese Bitte ab,

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HAL 3, Nr. 1461. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 65 f. Unter dem Bistum Pomesanien wurde hier wahrscheinlich der katholisch-polnische Teil des Bistums verstanden. HAL 3, Nr. 1479 (5.7.1549). OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 64 f. Ebenda; UB Culm, Nr. 988. Herzog Albrecht meinte, dass Hosius als ein Nichtpreuße Anhänger von Gnesen werden könnte, und ermahnte seinen Bruder, hinsichtlich desser preußischen Sufragane aufmerksam zu bleiben. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 66.

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indem er das Argument, Ermland sei exemt, ins Feld führte88. Es ist nicht bekannt, dass Erzbischof Wilhelm Protest gegen die Tätigkeit von Hosius erhoben hätte, obwohl ihm Herzog Albrecht in den 1550er Jahren wiederholt riet, seine Rechte in Bezug auf die preußischen Bistümer zu wahren sowie die Versuche von Ermland und Kulm, sich vom Rigaer Metropoliten loszulösen, zu verhindern89. Es ist zu vermuten, dass der Erzbischof wegen der unruhigen Zeiten in Livland keine Zeit hatte, sich um die Angelegenheiten entfernt gelegener Gebiete zu kümmern90. Im August 1556, als der nächste Bischof von Kulm Jan Luboziedski (1551–1562) nach Gnesen zur Synode geladen wurde, erklärte er in seinem Brief an Bischof Hosius, dass er angesichts der Tatsache, dass Kulm zur Kirchenprovinz Riga gehört, nicht gehalten sei, der Einladung Folge zu leisten; gleichwohl wäre es besser, wenn er hingehe oder seine Abwesenheit mit Krankheit entschuldige, denn zusammen mit dem Erzbischof von Gnesen sollte auch der päpstliche Nuntius zur Synode kommen91. Hosius stimmte beiden Standpunkten zu. Schließlich blieb Luboziedski jedoch der Synode fern, es ist aber nicht klar, was er zur Begründung seiner Abwesenheit vorbrachte92. Im Jahre 1558 tauchte ein Problem in Hinsicht auf die lutherische Stadt Thorn auf, die im Bistum Kulm lag93. Der Erzbischof von Gnesen belegte die Stadt mit dem Kirchenbann. In die Ereignisse griff jedoch unverzüglich Herzog Albrecht ein, der sich an König Sigismund II. wandte und betonte, dass Thorn und Kulm der Metropolitangewalt von Riga, nicht derjenigen von Gnesen unterstellt seien; dasselbe teilten dem König auch die Gesandten von Thorn mit94. Sigismund II. gewährte Ende des gleichen Jahres der Stadt tatsächlich die Glaubensfreiheit95, doch 1560 beschloss auch der Bischof von Kulm Luboziedski, über Thorn den Kirchenbann zu verhängen96. Die Einwohner von Thorn wandten sich danach an Erzbischof Wilhelm mit der Bitte, er solle seinen Suffragan ermahnen, die Stadt vom Kirchenbann zu ———————————— 88 89 90 91 92 93 94

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Ebenda, S. 67, 72–74. Vgl. HAE 2, Nr. 2137. HAL 4, Nr. 1568, 1648. BERGENGRÜN, Herzog Christoph von Mecklenburg (wie Anm. 49). UB Culm, Nr. 1051. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 68. LANGE, Zwischen Reformation und Untergang (wie Anm. 4), S. 387–397. Elementa ad fontium editiones. Documenta ex Archivo Regiomontano ad Poloniam spectantia, Bd. 68, Rom 1988, Nr. 4649; UB Culm, Nr. 1058. UB Culm, Nr. 1059. MLA 5, Nr. 220.

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lösen, während der Herzog für die Bürger beim König von Polen um Beihilfe nachsuchte97. Wilhelm untersagte Luboziedski tatsächlich, über Thorn den Kirchenbann auszusprechen, und bat Sigismund II., dass dieser die Glaubensfreiheit, die den Einwohnern von Thorn gewährt worden war, sicherstelle98. Der König wandte sich am 15. August 1560 an Luboziedski und untersagte ihm die religiöse Unterdrückung von Thorn99, und der Bischof von Kulm hob den Kirchenbann im nächsten Jahr auf100. Nach der Auflösung des Erzbistums Riga wurde das Bistum Kulm im Laufe von ein paar Jahrzehnten eindeutig zum Suffragan von Gnesen. Im Allgemeinen wird die Teilnahme des Bischofs von Kulm und der offiziellen Vertreter des Domkapitels an der Synode von Gnesen im Jahre 1589 als der erste sichere Beweis für das Vorliegen eines Suffraganverhältnisses angesehen101. Dem Bistum Ermland aber gelang es nach 1566, sich endgültig die faktische Exemtion zu sichern, die jedoch erst im Jahre 1821 formell bestätigt wurde102. Doch ähnlich wie in einer Auseinandersetzung während der Regierungszeit Wilhelms wiederholt auf Urkunden aus dem 13. Jahrhundert, die inhaltlich längst veraltet waren, zurückgegriffen wurde, um die Metropolitanrechte Rigas zu bestätigen103, wurde sogar noch im Jahre 1635 Kulm in einem Brief des Papstes als Suffragan von Riga bezeichnet104. *** ———————————— 97

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MLA 5, Nr. 221; HA 5, Nr. 2553; Elementa ad fontium editiones. Documenta ex Archivo Regiomontano ad Poloniam spectantia, Bd. 69, Rom 1988, Nr. 4965, 5001, 5013. Ebenda, in Nr. 5016 bezeichnet Albrecht seinen Bruder direkt als Metropoliten von Kulm. MLA 5, Nr. 235, 236, 239. UB Culm, Nr. 1062. MLA 5, S. l; UB Culm, Nr. 1078. OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 70; Andrzej RADZIMIŃSKI, Die Kirche im Deutschordensland Preußen in den Jahren 1243–1525: Innere Struktur und Beziehungen zu den Landesherrn, in: Das Reich und Polen. Parallelen, Interaktionen und Formen der Akkulturation im hohen und späten Mittelalter, hg. v. Thomas WÜNSCH / Alexander PATSCHOVSKY, Konstanz 2003 (Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte 59), S. 215–241, hier S. 240; UB Culm, Nr. 1113. WOLF-DAHM, 750 Jahre (wie Anm. 6), S. 147. HAL 2, Nr. 962; HAL 3, Nr. 1392, 1442, 1461. Hier wurde das Bistum Wersoniensis resp. Seloniensis in der mittelalterlichen Liste der Sufragane Rigas als Bistum Warschau gedeutet; vgl. Anti SELART, Livland und die Rus’ im 13. Jahrhundert, Köln 2007 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 21), S. 201. UB Culm, Nr. 1151; OSWALD, Riga und Gnesen (wie Anm. 9), S. 70, Anm. 134.

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Unterzieht man die Situation einer allgemeinen Betrachtung, so hat es den Anschein, als habe die Metropolitanverbindung Rigas zu Preußen bereits ab dem 13. Jahrhundert einen eher episodenhaften Charakter gehabt. Betrachtet man diese Beziehung unter dem Aspekt der wichtigsten Metropolitanpflichten und -rechte, die das erwähnte kanonische Recht enthielt, so lässt sich feststellen, dass der Erzbischof von Riga nie eine Visitation in Preußen durchgeführt hat. Außerdem wurde die Weihung der Suffragane im 14. Jahrhundert für lange Zeit eingestellt. Leisteten die preußischen Bischöfe im 15. Jahrhundert Riga noch zuweilen den Treueid, so endete diese Praxis spätestens zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Konzile, welche die ganze Kirchenprovinz umfassten, wurden lediglich in den Jahren 1428 und 1436 abgehalten, wobei ein Großteil der preußischen Bischöfe daran nicht teilnahm. Somit kann man schlussfolgern, dass ab Beginn des 16. Jahrhunderts von tatsächlichen kirchlichen Beziehungen zwischen Riga und Preußen nicht mehr die Rede sein kann. Nach der Reformation in Preußen erwies sich die Wiederherstellung der Metropolitanverbindung hinsichtlich der Bistümer Samland und Pomesanien als unmöglich, während die katholisch gebliebenen Bistümer Ermland und Kulm bestrebt waren, sowohl vom Metropoliten von Gnesen als auch von demjenigen Rigas unabhängig zu bleiben. Markgraf Wilhelm wandte sich an die Bischöfe von Ermland und Kulm nur dann, wenn er auf deren diplomatische Hilfe angewiesen war. Dabei betonte der Markgraf auch in seiner Eigenschaft als Erzbischof nicht, dass er der Metropolit von Ermland und Kulm sei. Anders verhielt es sich in den Jahren 1547 und 1560, als die Preußen Wilhelm um Hilfe baten. In beiden Fällen wurde Wilhelm darum gebeten, dass er in die Ereignisse eingreife, um in erster Linie durch die Betonung der Metropolitanbeziehungen zwischen Riga und Kulm die Machtansprüche des Erzbischofs von Gnesen zu delegitimieren. Diese Strategie erwies sich tatsächlich als erfolgreich: Im ersten Fall verweigerte Bischof Tiedemann Giese einen Befehl von Gnesen, im zweiten Fall konnte die lutherische Stadt Thorn vom Kirchenbann gelöst werden. Es sei jedoch betont, dass die Initiative zur Stärkung der Metropolitanbeziehungen zwischen Riga und Preußen immer auf Preußen zurückging – entweder auf die Bistümer, die in Not geraten waren, oder auf Wilhelms Bruder Herzog Albrecht. Eben Albrecht war derjenige, der den Erzbischof Wilhelm recht oft über die Lage in den preußischen Bistümern informierte und darauf bestand, dass man gegen die Ambitionen von Gnesen vorgehen müsse. Abgesehen von den Fällen von Giese und Thorn, wo verlangt wurde, dass der Erzbischof unmittelbar und unverzüglich in die Ereignisse eingreife, und von der Bitte, die 1551 der Erzbischof selbst an Hosius richtete – der

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Letztere möge ihn auf dem Konzil von Trient vertreten –, mischte sich Wilhelm nicht in die Angelegenheiten der preußischen Bistümer ein, sogar dann nicht, als Hosius die Unterstellung von Ermland unter Riga öffentlich verneinte. Wilhelm hoffte jedoch, dass es ihm dank der guten Beziehungen zu den preußischen Suffraganen gelingen könnte, die livländischen Suffragane zu Zugeständnissen zu nötigen, mit dem Ziel, die lutherische Kirchenordnung im Lande einzuführen105. Was den konfessionellen Unterschied zwischen dem Erzbischof und seinen Suffraganen anbetrifft, so spielte dieser in der Regel keine entscheidende Rolle: Sowohl Ferber und Dantiscus als auch Giese unterhielten gute Beziehungen mit Herzog Albrecht und Erzbischof Wilhelm. Erst in den 1550er Jahren waren zwischen den protestantisch gesinnten Brüdern und dem Bischof Hosius einige Kontroversen zu verzeichnen, die durch den Glauben bedingt waren, und in dem Streit um die Stadt Thorn standen der lutherische Erzbischof und sein katholischer Suffragan bereits eindeutig in entgegengesetzten politischen Lagern. Doch kam auch in den letzten Jahren der Regierungszeit Wilhelms religiösen Kontroversen an der östlichen Küste der Ostsee vermutlich nicht die größte Bedeutung zu, heftige konfessionelle Streitigkeiten entbrannten erst in Zusammenhang mit dem polnischschwedischen Konflikt Ende des 16. Jahrhunderts. Die religiöse Spaltung eines Erzbistums war um die Mitte des 16. Jahrhunderts sicherlich nicht außergewöhnlich. Es lag zweifelsohne im Interesse der Leitung der katholischen Kirche, die bisherigen Strukturen gegebenenfalls beizubehalten; dabei galt der Papst bei Bedarf auch für den lutherischen Wilhelm als anerkannte rechtliche Autorität. Und wie sich zeigte, war auch die nur formale Suffraganstellung nicht belanglos: Das Bistum Kulm konnte die Unterstellung unter die Metropolitangewalt von Gnesen nur bis zur Auflösung des Erzbistums Riga vermeiden.

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HAL 3, Nr. 1333; Paul KARGE, Die Reformation und Gottesdienstordnung des Markgrafen-Erzbischofs Wilhelm von Riga vom März 1546, in: Mitteilungen aus der livländischen Geschichte 22 (1924–1928), S. 120–161.

Ivar Leimus

Die Münzbeziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarn im 16. Jahrhundert Livland gehörte zu den Ländern, die zwar im europäischen Osten lagen, aber auch an das westliche Münzsystem angeschlossen waren. Man könnte annehmen, dass eine solche geografische Lage eine gewisse Autarkie bewirkte. Wie das Münzwesen aber tatsächlich aussah, ist hauptsächlich durch die Erforschung der Beziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarn auf diesem Gebiet zu ermitteln. Diese Beziehungen kamen zum Teil auf persönlicher Ebene zustande. Die Münzmeister waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit äußerst mobil und zogen häufig von einem Land zum anderen, von einer Stadt in die andere. Genauso verhielt es sich auch mit den livländischen Münzmeistern. So wissen wir z.B., dass Arent Koningk, der das Amt in Reval (Tallinn) im Jahr 1515 antrat, aus Wismar, vielleicht via Stockholm, dorthin gekommen war. Seine Tätigkeit in Reval dauerte aber nicht lange. Nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Ordensvogt wurde er 1519 verhaftet. Nach seiner Freilassung im Jahre 1522 trat Meister Arent Koningk in den Dienst des späteren schwedischen Königs, damals noch Gouverneurs Gustav Wasa in Uppsala. Er blieb dort bis 1524 und kehrte dann nach Reval zurück, jedoch wurde er nicht wieder angestellt. Wahrscheinlich starb er 1526 in Reval1. Seinen Nachlass erbten die Kinder seines Bruders in Dortmund2. In derselben Zeit (1515–1522) war in Reval noch ein anderer Arent – aus der Familie Prall – tätig. Er stammte ebenfalls aus einem bekannten Münzmeistergeschlecht. Seine Verwandten waren an mehreren Orten in Deutschland und Schweden als Münzmeister angestellt3. 1522 wurde die ordentliche Münzprägung in Reval wegen der Silberverteuerung unterbrochen und erst 1525 wieder aufgenommen. Deswegen ver———————————— 1

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Ivar LEIMUS, Livonian mintmasters of the sixteenth century, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1989–90 (1994), S. 125; DERS., Några anteckningar beträffande Gustav Vasas myntning i Uppsala [Einige Bemerkungen zu Gustav Vasas Münze in Uppsala], in: Svensk Numismatisk Tidskrift 1996, Nr. 3, S. 52–54. Torsten DERRIK, Das Bruderbuch der Revaler Tafelgilde (1364–1549), Marburg 2000 (Edition Wissenschaft. Reihe Geschichte 59), S. 107. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 125.

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breiteten sich 1524 in Estland vielerlei fremde, darunter auch finnische Münzen. Der Revaler Bürgermeister Jacob Richerdes hatte nämlich eine gewisse Geldsumme Gustav Wasa geliehen und wurde später dafür mit einer Münzkonzession in Åbo (Turku) entgolten. In Åbo hatte Richerdes den in Reval geborenen Münzmeister Leinhart Pauwermann angestellt und angefangen, Münzen nach einem verschlechterten schwedischen Münzfuß herzustellen. Als aber die Münzgesellen 1524 geflohen waren, musste auch er selbst mit dem Münzmeister nach Reval zurückkehren. Dort begann er die illegale Münzung, und zwar wurden hier finnische Münzen (d.h. die der schwedischen Krone) weiter geprägt. Dies wurde dem Ordensmeister Wolter von Plettenberg schnell vorgetragen, der dieser Tätigkeit ein jähes Ende setzte. Jedoch wurden die Übeltäter in Reval nicht verurteilt, weil betreffende Präzedenzen und Satzungen im Stadtrecht fehlten. Die Münzherren wurden schuldfrei gesprochen, der Münzmeister aber war gezwungen, Bürgen zu stellen, und reiste danach unter sicherem Geleit hin und wieder nach Schweden, um den König zu besuchen. Leinhart Pauwermann starb vermutlich im Jahr 1525, als sein Boot irgendwo zwischen Estland und Finnland kenterte und er in der See ertrank4. Nach der Amtszeit eines gewissen Hans Wilde (etwa 1527–1534)5, über dessen Person sich nichts weiter sagen lässt, als dass er ebenfalls aus einer Münzerfamilie stammen könnte und möglicherweise mit Albrecht Wilde, dem damaligen Münzmeister in Königsberg und Riga, verwandt war, schloss der Revaler Rat 1534 mit Mattis Gerdes einen Arbeitsvertrag ab. Gerdes stammte aus Dorpat (Tartu), wo er als Silberschmied tätig gewesen war. Wegen eines in den Quellen nicht näher beschriebenen Vergehens kam er ins Gefängnis; nach seiner Befreiung arbeitete er bei Graf Johann von Hoye in Vyborg (Finnland). Es ist bekannt, dass Graf von Hoye Pläne hegte, als Reichsfürst eigene Münzen in Schweden prägen zu lassen, was aber nicht gelang, da das Münzrecht dort ausschließlich von der Krone ausgeübt wur———————————— 4

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Ivar LEIMUS, Jakob Richerdes’ myntningsaffär i Finland och i Reval [Jacob Richerdes’ Münzaffäre in Finnland und Reval], in: Historisk Tidskrift för Finland 1984, Nr. 2, S. 107–122; DERS., Über die Beziehungen zwischen Münzstätten in Tallinn (Reval) und Finnland in den 1520er Jahren, in: Scripta varia numismatico Tuukka Talvio sexagenario dedicata, Helsinki 2008 (Suomen Numismaattisen Yhdistyksen julkaisuja 6), S. 123–131; DERS., How did mintmaster Leinhart Pauwermann die?, in: Suomen Museo 2010 (2011), S. 84–85; Eesti Ajaloomuuseum (Estnisches Historisches Museum, im Folgenden EAM), Bestand: Pabst, Christian-Eduard, Fond 86, Verzeichnis 2, Akte 28, Bl. 124v–125; Tallinna Linnaarhiiv (Revaler Stadtarchiv, im Folgenden TLA), Bestand Große Gilde, Fond 191, Verzeichnis 2, Akte 16, Bl. 254. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 125 f.

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de. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Mattis Gerdes eben deswegen nach Vyborg gegangen oder sogar gerufen worden war. Als der Graf dessen Dienste nicht mehr benötigte, wandte sich Gerdes an den Revaler Rat, und er hatte Glück. Sein schlechter Ruf jedoch begleitete ihn auch bis nach Reval, und bald bewahrheiteten sich die diversen Gerüchte über ihn. Gerdes machte Schulden und zerstritt sich mit vielen Revaler Bürgern und dem Stadtrat. Zunächst rettete ihn das Vertrauen des neuen Ordensmeisters Hermann von Brüggenei, dem er während dessen Besuch in Reval 1536 eine schöne Gedenkmünze, den ersten livländischen Thaler, geprägt hatte. Trotzdem wurde er 1536 aus dem städtischen Dienst entlassen. Der beleidigte Münzmeister entschied sich darauf, zum schwedischen König zu gehen, um dessen Vertrauensmann, den einstigen Rigaer Münzmeister Wolfgang Nothafft, aufzusuchen6. Ob dies gelang, ist nicht überliefert, aber etwas später tauchte Gerdes in Wilna (Vilnius) als angeblicher Freund des Revaler Münzmeisters auf und ließ sich als solcher dem polnischen König vorstellen. Diese Chuzpe veranlasste den Ordensmeister schließlich, Gerdes in Livland für vogelfrei zu erklären7. Der nächste Münzmeister in Reval, Urban Dehn, war spätestens 1533 aus Jülich nach Livland gekommen8. Als Mitglied der Revaler Schwarzenhäupter soll er als Kaufmannsknecht sein Brot verdient haben, wenn auch nicht für lange. 1536 heiratete er die Witwe eines Sohnes des Ratsverwandten Martin Rotgers. Im nächsten Jahr wurde Dehn Münzmeister. Er war einer der erfolgreichsten Vertreter dieses Berufs in Reval und hat unter anderem seine schwedischen Kollegen in Bezug auf Münzen beraten, des Weiteren war er als Geldverleiher tätig. Nach seinem Tod 1560 hat er laut seinem Testament allerlei Gut im Wert von zwei Zentnern Silber hinterlassen. Dehn hatte sich als großzügiger Mäzen gezeigt: Um 1550 spendete er für den Antoniusaltar der Nikolaikirche, was durch sein Bild – das erste namentlich gesicherte Porträt in der Geschichte der Revaler Malerei – auf dem Altargemälde verewigt wurde. Des Weiteren hat er Bücher aus seiner Bibliothek der Olaikir-

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Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1534–1540). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 1999 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 49), Nr. 914. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 126. TLA, Bestand Revaler Magistrat, 230/1/B.b. 7, fol. 51. Ich bedanke mich bei Frau Dr. Anu Mänd für Angaben zu Urban Dehn als Mitglied der Schwarzenhäupter.

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che geschenkt und u.a. (auch estnische) Schuljungen in seinem Testament bedacht9. In Bezug auf Christoff Schenkenberg, den Vater des berühmten „livländischen Hannibals“ Ivo (Iwen u.a.) Schenkenberg, der von Balthasar Russow für einen Münzergesell und Sohn eines Münzmeisters gehalten wurde, ist zu vermuten, dass hier nicht der leibliche Vater Ivos, sondern sein Stiefvater Paul Gulden gemeint wurde10. Paul Gulden war in Annaberg geboren und wird seit 1556 unter den Revaler Schwarzenhäuptern wiederholt angeführt. Unter den livländischen Münzmeistern zeichnet er sich durch sein abenteuerliches Leben aus, machte aber trotzdem eine hervorragende Karriere. 1559 wurde er vom Ordensmeister, etwas später, 1560/61, auch vom Rat als Münzmeister in Reval angestellt. Dies war zugleich die Zeit der Unterstellung Estlands unter den schwedischen König Erich XIV., für den Paul Gulden eine spezielle Geschenkmünze anfertigte und dem er sogar (obgleich vergebens) versprach, eine nicht näher beschriebene Prägemaschine zu bauen. Die ersten Maschinen dieser Art waren knapp ein Jahrzehnt früher in Augsburg aufgestellt worden. Auf einer Geschäftsreise nach Narva 1570 wurde Gulden aber von russischen Truppen während des Livländischen Krieges gefangen genommen und nach Moskau gebracht, wo er im Kreml fast ein ganzes Jahr in Fesseln gehalten wurde. Erst ein Raubzug der Tataren, die die ganze Stadt in Brand steckten, rettete den Münzmeister. 1574 gelang es ihm endlich, nach einer langen und gefährlichen Flucht wieder in seiner Heimatstadt anzukommen. Da seine Stelle schon von Urban Dehns Sohn, der ebenfalls Urban hieß, besetzt war, blieb Gulden nichts übrig, als im Ausland sein Glück zu versuchen. Nach dem Dienst am preußischen Hofe wurde er vom dänischen König angestellt. Gulden schlug von 1581 bis 1584 für den König Münzen, trat dann in den Dienst Georg Friedrichs, des Administrators von Preußen, in Königsberg. Ohne triftigen Grund von seinem Wardein verleumdet, starb er dort im Jahr 159311. ———————————— 9 10

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LEMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 126–128. Ebenda, S. 128; Balthasar RUSSOW, Chronica der Prouintz Lyfflandt, in: Scriptores rerum Livonicarum, Bd. 2, Riga / Leipzig 1853, S. 1–157, hier S. 113 [94 b], 116 [97b], 120 [100b], 137 [117b]; Ivar LEIMUS, Uusi andmeid Ivo Schenckenbergi sõjasalgast [Neue Angaben zu Ivo Schenkenbergs Trupp], in: Tuna 2014, Nr. 2, S. 70–73. Ebenda, S. 128 f.; Günther MEINHADT, Das Leben des Königsberger Münzmeisters Paul Gulden, in: Preußenland und Deutscher Orden. Festschrift für Kurt Forstreuter, Würzburg 1958, S. 272–290; Werner KNAPKE, Preußisches Münzwesen (1569–1640) 1. Paul

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Der einzige Revaler Münzmeister, der auch aus Reval stammte, war, wie erwähnt, Urban Dehn jr. Seine Amtszeit dauerte von 1570 bis 1585, dann aber wurde die Prägetätigkeit in Reval zeitweise unterbrochen12. Die letzten Revaler Münzmeister des 16. Jahrhunderts hatten jeweils Beziehungen nach Preußen und Polen-Litauen. Hans Stippel(t) soll dieses Amt von ungefähr 1570 bis 1573 schon in Königsberg bekleidet haben. Dort soll er 1570 ein Münzwalzwerk eingerichtet haben, was er gemeinsam mit Hans Goebel in den Jahren 1573 bis 1575 in Dresden wiederholte13. Dann kam er nach Reval und erwarb dort 1575 die Bürgerrechte. Im gleichen Jahr wurde er auch Mitglied der Großen, d.h. der Kaufmannsgilde14. Daraufhin zog er nach Polen, doch wurde er 1594 wieder als Münzmeister nach Reval berufen15. In demselben Jahr stellte der Revaler Rat noch einen weiteren Münzmeister an, den bekannten Medailleur Rudolph Lehmann aus Dresden, der vorher schon in Olkusz gearbeitet hatte. Da es zu diesem Zeitpunkt jedoch in Reval eigentlich keine Arbeit für Münzmeister gab, mussten sie die Stadt verlassen. Rudolph Lehmann zog noch 1594 nach Posen (Poznań), wo er Medaillen für König Sigismund III. Wasa schlug. In den 1620er Jahren war er wiederum in der Münze Wilnas tätig16. Hans Stippelt ging nach Mitau (Jelgava) in Kurland, wo er von 1599 bis 1611 Münzen prägte17. Später war auch er bis 1618 als Administrator der Münze in Wilna angestellt18. Demnach müsste er eine außerordentlich lange Karriere gemacht haben, die fast 50 Jahre währte. Daher ist nicht auszuschließen, dass wir es hier mit zwei gleichnamigen Personen zu tun haben. Diese Vermutung wird durch einen

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Gulden, ein Herzoglich Preußischer Münzmeister, in: Zeitschrift für Numismatik 35 (1935), S. 284–294. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 129 f. Marian GUMOWSKI, Hanusz Sztypel – wynalazca maszyny menniczej [Hans Stippel – Erfinder der Prägemaschine], in: Wiadomosci Numizmatyczne 10 (1966), S. 22–25. TLA, Bestand: Die Große Gilde, 191/2/15, fol. 622. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 130. Vincas RUZAS, Lietuva medaliuose. XVI a. – XX. a. pradžia / Lithuania in Medals [16. bis frühes 20. Jahrhundert], Vilnius 1998, S. 17 f. Eckhard KRUGGEL / Gundars GERBAŠEVSKIS, Die Münzen des Herzogtums Kurland, Riga 2000, S. 209. Stanislovas SAJAUSKAS, Vazų dinastijos lietuviškos monetos. Lithuanian coins of the Vasa dynasty, in: Lietuvos monetos. Lithuanian coins, [Vilnius] 2006, S. 91–98, hier S. 93.

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Brief der kursächsischen Räte vom 21. Oktober 1580 bestätigt, in dem es heißt, dass Hans Stippel (Stepel) vor anderthalb Jahren gestorben sei19. Was die anderen Münzungszentren Livlands betrifft, muss Riga besonders hervorgehoben werden. Leider kennen wir zwar eine ganze Reihe von Namen Rigaer Münzmeister, doch ist über deren Leben so gut wie nichts bekannt. Von 1476 bis 1504 ist ein Hermen Muntemester in Riga belegt20. Offensichtlich ist er mit Herman Moller, dem Bruder eines Dorpater Ratsherrn, zu identifizieren, der bis 1488 als Münzmeister in Riga angestellt war und vermutlich 1516 starb21. Daraufhin bekleidete ein Meister Wilhelm das Münzmeisteramt, und 1516 prägte ein gewisser Hans kurzzeitig in Riga Geld22. Weiterhin kennen wir den gelernten Goldschmied Albrecht Wilde († 1541), der 1517 zwar von Erzbischof Jasper Linde (1509–1524) in Riga angestellt wurde23, aber zugleich auch für den livländischen Ordensmeister arbeitete (damals gab es nur gemeinschaftliche Prägungen des Ordensmeisters und des Erzbischofs). Spätestens ab 1515 war er beim Hochmeister in Königsberg tätig, im nächsten Jahr aber wurde er durch einen neuen Münzmeister namens Hans Schmittermeiser ersetzt24, was vermutlich die Ursache seines Umzugs nach Riga war. 1519 berief ihn der Hochmeister jedoch nach Königsberg zurück. Trotz der Versuche Plettenbergs und Lindes, den Münzmeister zu halten – sie hielten dessen Ehefrau fest und beschlag———————————— 19

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Johannes FALCKE, Die Geschichte des Kurfürsten August von Sachsen in volkswirthschaftlicher Beziehung, Leipzig 1868 (Preißchriften, gekrönt und herausgegeben von der Fürstlich Jablonowski’schen Gesellschaft zu Leipzig 8), S. 56. Die Erbebücher der Stadt Riga 1384–1579, bearb. v. Jakob Gottlieb Leonhard NAPIERSKY, Riga 1888, I, Nr. 1064; II, Nr. 117. Anton BUCHHOLZ, Verzeichniß der rigaschen Münz-Wardeine und Münzmeister von 1517–1705, in: Mitteilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands 7 (1854), S. 457–461, hier S. 457, Anm. 2; August BULMERINCQ, Das Münzwesen der Stadt Riga am Ausgang des 15. Jahrhunderts, in: Mitteilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands 23, Riga 1924–1926, S. 172–194, hier S. 174; DERRIK, Das Bruderbuch der Revaler Tafelgilde (wie Anm. 2), S. 102. BULMERINCQ, Münzwesen (wie Anm. 21), S. 174; LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 130. Ebenda, S. 131; Oliver VOLCKART, Die Münzpolitik im Ordensland und Herzogtum Preußen von 1370 bis 1550, Wiesbaden 1996 (Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien 4), S. 286. Das virtuelle Preußische Urkundenbuch. Regesten und Texte zur Geschichte Preußens und des Deutschen Ordens (im Folgenden PrUB), DH 189 ([1515 August 19]. Königsberg); PrUB, JS 231 (1516 Juni 14. Königsberg); VOLCKART, Die Münzpolitik (wie Anm. 23), S. 316, 432.

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nahmten den Besitz –, ließ Albrecht von Brandenburg ihn bis 1527 nicht wegziehen25. Als letzter hochmeisterlicher Münzmeister prägte er 1520 zwar minderwertige, künstlerisch aber auf einem hohen Niveau stehende große Notmünzen26. 1529 stellte ihn Herzog Albrecht von Preußen wieder als Münzmeister an, aber schon im nächsten Jahr wurde seine Stelle mit Jobst Ludwig Dietz besetzt27. Wolfgang Nothafft, der in den 1520er und 1530er Jahren für den livländischen Ordensmeister arbeitete, war vermutlich Mitglied einer vornehmen preußischen Familie. Ob der Ordensbruder Engelhardt Nothaft, der rund hundert Jahre zuvor das Münzmeisteramt des preußischen Ordens in Thorn bekleidete28, ein Verwandter von ihm war, bleibt ungeklärt. Doch ist erwähnenswert, dass Nothafft nach seinem Stand eigentlich Ritter war, sechs Pferde besaß und zum engsten Anhängerkreis Johann Lohmüllers und des Koadjutors des Erzbischofs Wilhelm von Brandenburg in Riga gehörte. Zum ersten Mal kommt er in den Quellen am 23. Dez. 1526 vor, als Ordensmeister Wolter von Plettenberg den rigischen Rat befahl, die Münze dem Meister Wulfgangk zu verlehnen und mit Silber zu versorgen.29 Nach einem Streit mit dem Rigaer Rat musste er 1535 nach Memel (Klaipėda) unter die Protektion Herzog Albrechts von Preußen fliehen, wobei Wilhelm ihn seinem Bruder empfohlen hatte. Darüber hinaus stand Nothafft in besonders guten Beziehungen zum schwedischen König Gustav I. Wasa. Er hatte sogar dem König empfohlen, Lohmüller anzustellen30. 1537 hielt Nothafft sich immer noch beim schwedischen König auf und fungierte anscheinend als Experte in livländischen Angelegenheiten31. Beide, sowohl Gustav I. Wasa als auch

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PrUB, DH 275 (1519 Juni 15. Königsberg); PrUB, DH 283 (1519 Juli 22. Königsberg); PrUB, DH 284 (1519 August 20. Königsberg); PrUB, DH 285 (1519 [o.D.]. Königsberg); VOLCKART, Die Münzpolitik (wie Anm. 23), S. 317 f., 432. Emil WASCHINSKI, Die Münz- und Währungspolitik des Deutschen Ordens in Preußen, ihre historischen Probleme und seltenen Gepräge, Göttingen 1952, S. 172 f. PrUB, JS 233 (1529 April 2. Königsberg); PrUB, JS 235 (1530 März 15. Krakau); VOLCKART, Die Münzpolitik (wie Anm. 23), S. 432. PrUB, JS 226 (1419 März 19. Thorn); VOLCKART, Die Münzpolitik (wie Anm. 23), S. 430. Latvijas valsts vēstures arhīvs, Riga (Historisches Staatsarchiv Lettlands, künftig: LVVA), Fond 673, Verzeichnis 2 (K-2), Akte 44. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (wie Anm. 6), Nr. 805, 847; LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 131. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (wie Anm. 6), Nr. 914.

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Erzbischof Wilhelm, machten sich die Mühe, nach Riga zu schreiben, um für den ehemaligen Münzmeister Fürsprache einzulegen32. Auf seine Münzmeisterrechte in Riga hat Notthaft bis 1539 nicht verzichtet, obgleich schon damals ein anderer Sachkundiger in Riga für den Ordensmeister Münzen prägte. Gerd Schriver, spätestens seit 1517 in Riga ansässig, wird 1523 als Goldschmied aufgeführt und 1560 zuletzt erwähnt33. Aber auch er scheint keine gute Besetzung gewesen zu sein, denn angeblich vernachlässigte er seine Pflichten, weshalb er entlassen wurde34. 1547 wurden der ebenfalls in Riga geborene bisherige Wardein der Stadtmünze Thomas Ramm35 und sein Sohn Christoff vom Ordensmeister angestellt36. Aus Riga war auch Marten Wulff, Gründer der gleichnamigen Münzmeisterdynastie, gebürtig. Wulff wurde 1571 angestellt, als Thomas Ramm schon zu alt war (Christoff war damals bereits verstorben)37. Er selbst ist zwar erst seit 1559 in Riga als Wardein nachweisbar38, die Familie Wulf aber hatte dort während vieler Generationen gelebt39. Ihr Münzerzeichen, eine Lilie, findet sich bis 1609 auf den Rigaer Münzen40. Einige Autoren nennen in diesem Zusammenhang auch Martens Sohn Heinrich, der von 1580 bis 1609 als Münzmeister in Riga tätig gewesen sein soll41, und den Münzpächter Hermann Wulf42. Hierzu haben wir ein (nicht unterschriebenes) Münzgutachten aus dem Anfang der polnischen Herrschaft in Riga, das aber der Handschrift nach noch von Marten Wulff stammen muss43. Leider gibt es bisher keine archivalischen Studien über das Münzwesen Rigas unter polnischer Herrschaft, und Heinrichs Ausscheiden aus dem Amt scheint nur auf-

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LVVA, 673/2 (3-K)/110, Bl. 121. Die Erbebücher der Stadt Riga 1384–1579 (wie Anm. 20), II., Nr. 359, 442, 1249. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 131. Genealogisches Handbuch der Baltischen Ritterschaften. Estland, Bd. 1, bearb. v. Otto Magnus von STACKELBERG, Görlitz 1929–1931, S. 162. LVVA, 673/2 (K-4)/3. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 131–132; BUCHHOLZ, Verzeichniß (wie Anm. 21), S. 458. BUCHHOLZ, Verzeichniß (wie Anm. 21), S. 458. Vgl. Die Erbebücher der Stadt Riga (wie Anm. 20), Register, S. 442, 480; II., Nr. 1402. Eckhard KRUGGE / Gundars GERBAŠEVSKIS, Die Münzen der Stadt Riga unter polnischer Herrschaft 1581–1621, Riga 2002, S. 15. Andrzej MIKOŁAJCZYK, Einführung in die neuzeitliche Münzgeschichte Polens, Lódź 1988, S. 59; BUCHHOLZ, Verzeichniß (wie Anm. 21), S. 458 (ohne Amtsjahre). MIKOŁAJCZYK, Einführung (wie Anm. 41), S. 59. LVVA, 673/1/1281, Bl. 2 f.

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grund des Lilienzeichens datiert worden zu sein. So bleibt die Folge der Wulfs im Münzmeistersamt vorläufig unklar. Erzbischof Jasper Linde ließ niemals für sich allein, sondern nur gemeinsam mit Wolter von Plettenberg Münzen prägen. Demgegenüber hat der nächste Erzbischof Thomas Schöning (1524–1539) seit 1535 in Kokenhusen außerordentlich viele Schillinge aushämmern lassen. Leider ist der Name seines Münzmeisters nicht überliefert, bekannt ist nur, dass er 1536 in Riga dortige Pfennige und alte Münzen einwechselte und sie in seine Münzen umschlug. Diese höchst ärgerliche Tätigkeit wurde vom Ordensmeister verboten44. Wilhelm von Brandenburg, der nächste Erzbischof, stellte 1540 Hans Schnell, Bürger zu Riga (hier 1517–1557 urkundlich belegt), ein. Schnell setzte die Münztätigkeit in Kokenhusen fort45. Anfangs scheint er das volle Vertrauen seines Herrn genossen und sogar Herzog Albrecht in Münzsachen beraten zu haben46. Nach kurzer Zeit jedoch büßte der Münzmeister seine Stellung ein. 1546 beauftragte der Ordensmeister den Rigaer Rat, ihn zu bestrafen, weil er die von Wolfgang Nothafft geschlagenen alten Schillinge umgeprägt und die Münzen verschlechtert hatte47. Sein Verhalten erinnert stark an die Tätigkeit des vorigen Münzmeisters in Kokenhusen, weshalb nicht ausgeschlossen ist, dass Hans Schnell auch schon für Thomas Schöning Münzen angefertigt hat. 1547 ließ Erzbischof Wilhelm seine Münzen von Herzog Albrecht prüfen48, woraufhin er bald den Münzmeister von seinem Amt entband49. Später haben Vater und Sohn Ramm auch für den Erzbischof gemünzt, allerdings schon in Riga, wohin Wilhelm 1547 zurückgekehrt war. Noch knapper sind die Angaben aus Dorpat. Es können nur zwei Münzmeister aus den 1540er bis 1550er Jahren ermittelt werden: ab 1546 Erhard Beck und ab 1553 (zeitweilig schon 1545) Erich Beck50, die vielleicht mit———————————— 44 45

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LVVA, 673/2 (K-3)/109. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (1540–1551). Regesten aus dem Herzoglichen Briefarchiv und den Ostpreußischen Folianten, bearb. v. Stefan HARTMANN, Köln / Weimar / Wien 2002 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz 54), Nr. 1097/3; vgl. Die Erbebücher der Stadt Riga (wie Anm. 20), Nr. 353, 1214. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (wie Anm. 45), Nr. 1097. LVVA, 673/2 (K-3)/143. Herzog Albrecht von Preußen und Livland (wie Anm. 45), Nr. 1374. LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 131. Hannu SARKKINEN, Die dörpschen Electusmünzen, in: Monetary History of the Baltics in the Middle-Ages (12–16th c.). International Symposium in Tallinn, 9–10 Dec. 2010, Tallinn 2012 (Varia historica 6), S. 127.

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einander verwandt waren. Woher sie stammten, ist leider nicht bekannt. Erich Beck begab sich später in den Dienst von Herzog Magnus, wo er bis 1569 blieb, und wurde danach mit einem Stück Land auf Ösel (Saaremaa) belehnt. Das Lehen musste er jedoch bald infolge der dänischen Reduktion von 1573 fast vollständig abgeben51. In den 1570er Jahren gab es noch zwei weitere Münzstätten in Livland – die von Dahlen (Dole) bei Riga und die von Mitau in Kurland. In Dahlen prägten die polnischen Regenten 1572/73 unter Leitung des königlichen Sekretärs Valentin Überfeld (auch Vberfeld, poln. Iberfeld) minderwertige Münzen; da dieses Geld jedoch nicht ausreichend schlecht war, gingen sie Bankrott52. Überfeld war in Münzsachen kein Anfänger – schon 1569 hatte er das Recht erhalten, in Wilna Doppeldenare prägen zu lassen53. Der Herzog von Kurland Gotthard Kettler ließ seine Münzen von 1575 bis 1579 in Mitau ausbringen, vermutlich unter der Leitung von Hans Bolemann aus Wilna, zumindest schloss er mit diesem einen Vertrag54. Hans Bolemann war vermutlich identisch mit dem gleichnamigen Danziger Kaufmann, der vielleicht schon 1567 im Narvahandel tätig gewesen war und später zum Sekretär des Königs von Polen erhoben wurde55. Auch er hatte das Privileg erhalten, in Wilna 1567, 1569 und 1570 aus seinem eigenen Silber Münzen prägen zu lassen56. Überfeld und offensichtlich auch Bolemann scheinen jedoch vielmehr als herzoglich bevollmächtigte Beamte, d.h. als Verwalter der Münze, und nicht als eigentliche Münzmeister gewirkt zu haben. Wer die tatsächliche Arbeit in Dahlen und Mitau geleistet hat, wissen wir leider nicht. ———————————— 51 52

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LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 132. Ivar LEIMUS, Das Münzwesen Livlands im 16. Jahrhundert (1515–1581/94), Stockholm 1995 (Stockholm Studies in Numismatics 1), S. 55–58. Dalia GRIMALAUSKAITĖ, Monetnyj dvor Vil’njusa [Der Münzhof von Wilna], in: Mennice między Baltykiem a morem Czarnym. Wspólnata dziejów. Supraśl 10-12 IX 1998. Materiały z III Międzynarodowej Konferencji Numizmaticznej, Warschau 1998, S. 113–117, hier: S. 113 f.; Eugenij IVANAUSKAS / Robert J. DOUCHIS, Lietuvos monetų kalybos istorija 1495–1769 [Geschichte der litauischen Münzprägung 1495–1769], Vilnius 2002, S. 91. Eduard WINKELMANN, Bibliotheca Livoniae historica, systematisches Verzeichniß der Quellen und Hülfsmittel zur Geschichte Estlands, Livlands und Kurlands, 2. verb. Ausg., Berlin 1878, S. 200, Nr. 4764. Leider sind sowohl das Gesuch Bolemanns als auch seine Bestallungsurkunde, die sich im 19. Jahrhundert im Besitz von J. H. Woldemar in Mitau befanden, verschollen. Heinrich VON STADEN, Aufzeichnungen über den Moskauer Staat, hg. v. Fritz T. EPSTEIN, 2. Aufl., Hamburg 1964, S. 48, Anm. 1. LEIMUS, Das Münzwesen Livlands (wie Anm. 52), S. 55–58.

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Darüber hinaus sind die Münzergesellen nicht zu vergessen, die bekanntlich von einer Münzstätte zur anderen wanderten, um sich für eine bestimmte Zeit zu verdingen57. An der Revaler Münze wurde 1563 sogar eine Herberge erbaut, die vermutlich für die angekommenen Gesellen bestimmt war58. Obgleich uns einige Namen von Gesellen aus dem 16. Jahrhundert überliefert sind59, ist ihr weiteres Schicksal meistens unbekannt. Als Ausnahme darf der spätere Lüneburger und königlich dänische Münzmeister Reinold Junge gelten, der in den 1520er Jahren für Arent Prall in Reval gearbeitet hat60. Wenn wir über die Münzbeziehungen zwischen Livland und seinen Nachbarn sprechen, müssen außer der Ebene der Personen auch weitere Aspekte angesprochen werden. Es fällt auf, dass das livländische Münzsystem und der Münzfuß stark von den jeweiligen Systemen in den Nachbarländern beeinflusst waren. Schon in der Wikingerzeit galt überall in den Ostseeländern ein und dieselbe Gewichtsgeldrechnung in Mark, Öre und Örtuge, deren Existenz durch zahlreiche Funde gleichartiger Waagen und Gewichte im Ostseeraum genügend belegt ist. Später haben frühhansische Kaufleute eine Geldrechnung, die auf dem Wisbyer Münzfuß beruhte und nach der eine Silbermark 4 Mark Münzen gleich war, in einem weiten Gebiet von Wisby bis Smolensk (also einschließlich Livlands) eingeführt61. Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurden die livländischen Pfennige (von den ersten revalschen Pfennigen abgesehen, die dänisch waren62) nach dem gotländischen Münzfuß angefertigt63. Erst mit der immer größer werdenden Bedeutung Lübecks begann zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch die norddeutsche Geldrechnung in den livländischen Städten Fuß zu fassen64. Bei der Verschmelzung beider Systeme bildete sich in Livland eine sehr kompli———————————— 57 58 59 60

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LEIMUS, Livonian mintmasters (wie Anm. 1), S. 121. Ebenda, S. 114. Ebenda, S. 119 f. Reynold Junges møntmesterregnskaber 1534–1540 [Die Münzrechnungen von Reinhold Junge 1534–1540], hg. v. Georg GALSTER, København 1934, S. XI. Ivar LEIMUS, Gotlands og Livlands aeldste mønthistorie belyst af middelalderlige love [Die älteste Münzgeschichte Gotlands und Livlands, beleuchtet von der mittelalterlichen Rechtsgebung], in: Nordisk Numismatisk Unions Medlemsblad 1998, Nr. 4, S. 59–63. Ivar LEIMUS, Udmøntningen i Tallinn under det danske styre 1219–1346 [Die Münzprägung in Tallinn unter dänischer Macht 1219–1346], in: Nordisk Numismatisk Unions Medlemsblad 1995, Nr. 6, S. 74–81. LEIMUS, Gotlands og Livlands aeldste mønthistorie (wie Anm. 61). LEIMUS, Beiträge zur Revaler älteren Münzgeschichte, in: Moneta i kontakty mennicze w rejonie morza Bałtyckiego XIII–XVIII w., Toruń 2002, S. 69–87, hier S. 79 f.

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zierte Geldrechnung heraus, wonach eine Silbermark (seit Ende des 14. Jahrhunderts auch Rechnungsmark) 36 Schillinge, 48 Öre, 144 Örtuge, 432 Lübische oder 1 728 Pfennige wert war65. Die nicht zu umfangreiche gemeinsame Münzprägung des Ordens und des Bischofs in Kurland scheint dagegen ursprünglich auf preußischem Münzfuß beruht zu haben66.Somit beruhte das livländische Münzsystem völlig auf fremden Vorbildern. Bald nach der Eroberung Wisbys durch den dänischen König Waldemar IV. im Jahre 1361 blieb die Münzzufuhr von Gotland nach Livland anscheinend aus oder verminderte sich beträchtlich. Damals schlug man auf Gotland auch schon die ersten größeren sterlingähnlichen Münzen im Ostseeraum, die Goten oder Örtuge, die sich auch bereits in Livland verbreitet und einen guten Ruf erworben hatten67. Jetzt, nach den politischen Umwälzungen, sah man sich in Reval gezwungen, sie an Ort und Stelle anzufertigen. Wahrscheinlich 1363 begann man in Reval, die örtlichen Artige zu prägen, die den gotländischen gleich sein sollten68. Im selben Jahr wurde auch eine andere neue Münzsorte, der Seestling, in Reval eingeführt, dessen Gewicht und Wechselkurs denjenigen der pommerschen Vinkenaugen ähnlich waren69. In den 1390er Jahren fing Reval an, die so genannten Lübischen zu schlagen, die in Lübeck geprägte zweiseitige Pfennige nachahmten70. Ungefähr dieselbe Entwicklung nahm auch das Dorpater Münzwesen, wenn auch

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Andreas [Arkadij] MOLVYGIN, Über die Münz- und Geldgeschichte Estlands vom Beginn der einheimischen Münzprägung bis zum II. Viertel des 15. Jahrhunderts, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1969 (1970), S. 37–65, hier S. 48. In Anbetracht des Durchschnittsgewichts der Münzen, vgl. Tatjana BERGER / Armands VIJUPS, Coinage of the Bishopric of Kurzeme, in: Scripta varia numismatico Tuukka Talvio sexagenario dedicata, Helsinki 2008 (Suomen Numismaattisen Yhdistyksen julkaisuja 6), S. 107–120; Ivar LEIMUS, Monetary history of Courland: some speculations, in: Latvijas Vēstures Institūta Žurnāls 2013, Nr. 4 (89), S. 37–59. Michail NEMIROWITSCH-DANTSCHENKO, Zur Datierung estländischer Schatzfunde aus dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1981 (1982), S. 179–199. LEIMUS, Beiträge zur Revaler älteren Münzgeschichte (wie Anm. 64), S. 81. Ivar LEIMUS, Seestlingid — tõend Tallinna sidemetest Pommeriga 14. sajandil? [Seestlinge – ein Beweis für die Beziehungen zwischen Reval und Pommern im 14. Jahrhundert?], in: Töid ajaloo alalt 3. Studia numismatica II. Festschrift Mihhail Nemirovitš-Dantšenko 80, Tallinn 2001, S. 75–83. MOLVYGIN, Über die Münz- und Geldgeschichte (wie Anm. 65), S. 57.

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mit kleineren Variationen (z.B. gab es dort keine Seestlinge, sondern noch zweimal geringere Pfennige).71 Nach einer schnellen Inflation in den 1390er und 1410er Jahren versuchten die Landesherren in Livland von 1422 bis 1426 eine Münzreform durchzuführen und die alte gute Münze wiederherzustellen, was aber auf den Widerstand der Städte stieß und mit einer Umbenennung der umlaufenden Münzsorten endete. Das Rechnungssystem vereinfachte sich ein wenig: 1 Mark = 4 Ferdinge = 36 Schillinge = 108 Pfennige = 216 Scherfe.72 Parallel wurden die Pfennige auch Verken genannt, was an eine schwedische Münzsorte – fyrk – erinnert, obgleich sie sich damals nicht entsprachen73. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die livländische Geldrechnung ihrerseits einen gewissen Einfluss auf das russische Münzsysten ausübte. Die livländischen Münzen wurden nämlich 1409/10 in Russland, d.h. in Pleskau und Novgorod, in Gebrauch genommen. Erst 1420 verzichtete Novgorod, etwas später auch Pleskau, darauf, woraufhin eine eigene Münzprägung einsetzte74. An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass damals in Novgorod 216 Dengi einen Rubel ausmachten, was auf Grund rein russischer Entwicklungen schwer zu erklären ist und an die livländische Berechnung erinnert. Die alten Münzbeziehungen Livlands zu Schweden wurden auch später nicht vergessen. In den 1520er Jahren schrieb der Rigaer Münzmeister, „von aldens“ seien „dy hier gemuntheden schillinckh meth denn schwedischen [...] ouerein getragen“ worden75. Tatsächlich war die Grundlage beider Rechnungssysteme – die Rigaer und Stockholmer Gewichtsmark – fast gleich, entsprechend 208 und 210,6 g. Und obgleich beide Systeme schon seit langem verzweigt waren, wogen ein livländischer Schilling (seit 1515 ———————————— 71

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Ivar LEIMUS, Vom Münzgebrauch in Livland, insbesondere in Dorpat in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: The Medieval Town in the Baltic. Hanseatic History and Archaeology II, hg. v. Rünno VISSAK / Ain MÄESALU, Tartu 2002, S. 127–132. MOLVYGIN, Über die Münz- und Geldgeschichte (wie Anm. 65), S. 60 f.; Tallinna mündiraamatud – Revaler Münzbücher 1416–1526, hg. v. Ivar LEIMUS, Tallinn 1999 (Tallinna Linnaarhiivi Toimetised 3), S. 44 f., 48 f., 51. Lilian KOTTER, Tallinna rae finantsid 15. sajandil (1433–1507) [Die Finanzen des Revaler Magistrats im 15. Jahrhundert], Tallinn 1999 (Tallinna Linnaarhiivi toimetised 4), S. 28– 31. Arkadij MOLVYGIN, Nominaly melkich monet Livonii s serediny XIII do vtoroj poloviny XVI vv. i nekotorye voprosy denežnogo dela Novgoroda i Pskova [Die Nennwerte der Scheidemünzen Livlands von der Mitte des 13. bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts], in: Eesti NSV Teaduste Akadeemia Toimetised. Ühiskonnateaduste seeria 12 (1963), Nr. 4, S. 379–389, hier S. 385. LEIMUS, Das Münzwesen Livlands (wie Anm. 52), S. 42 f.

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0,31 g) und ein schwedischer Fyrk (seit 1522–24 0,32 g) damals wirklich gleich viel. Als man in Livland 1531 anfing, neue und leichtere Schillinge mit dem Gewicht von 0,21 g zu prägen, antworteten die Schweden mit genau solchen Fyrken schon im nächsten Jahr76. König Gustav I. Wasa persönlich vertrat noch im Jahre 1526 die Meinung, dass in Finnland allein die Revaler Münzen zirkulieren könnten77. Daneben versuchte er, allerdings vergeblich, den Revaler Rat und den Ordensmeister zu zwingen, den livländischen Münzfuß demjenigen Schwedens anzugleichen. Als das nicht gelang, wurde in Schweden 1540 eine Münzverschlechterung durchgeführt, was bedingte, dass man nun in Livland für die Übernahme des schwedischen Münzfußes eintrat78. Alles verlief nach dem Greshamschen Gesetz, laut welchem das schlechte Geld das gute stets verdrängt und die Münzverschlechterung in einem Land denselben Prozess auch in den benachbarten Ländern hervorruft. Nach der Unterwerfung Revals und Nordestlands unter den schwedischen König Erich XIV. im Jahre 1561 wurde das Prägerecht der Stadt von der neuen Macht zwar bestätigt, aber mit einer Bedingung – es sollte hinfort an den schwedischen Münzfuß gebunden sein. Das bedeutete jedoch nicht, dass das schwedische Münzsystem sofort übernommen werden musste. Bei der genannten Bestimmung ging es eigentlich nur darum, dass der aus einer Stockholmer Gewichtsmark Feinsilber herzustellende Betrag sowohl in den schwedischen als auch in den livländischen Münzen gleich sein musste. Da aber das schwedische Münzwesen in den Kriegsjahren eine schnelle Inflation durchmachte, war man in Reval, schon wegen ungenügender Kenntnis der Sachlage, nicht mehr imstande zu folgen. Zwar wurden auch in Reval in den 1570er bis 1580er Jahren fast kupferne Schillinge gemünzt, doch waren sie im Prinzip viel besser als die schwedischen Münzen jener Zeit. Erst 1594 gelang es Sigismund III., das schwedische Münzwesen in eine gewisse Ordnung zu bringen. Damit war auch die Zeit der Revaler Autonomie in Münzsachen vorbei. Von nun an war man in Reval verpflichtet, nur schwedische Nominalwerte nach schwedischem Münzfuß zu prägen79. Dessen ungeachtet versuchte Reval noch 1596, einen ganz anderen Münzfuß einzuführen. Damals war der Silberpreis für das Prägen der neuen vollwertigen schwedischen Münzen zu hoch, doch taugte er ganz gut für die ———————————— 76 77 78 79

Ebenda. LEIMUS, Über die Beziehungen (wie Anm. 4), S. 123. LEIMUS, Das Münzwesen Livlands (wie Anm. 52), S. 43 f. Ebenda, S. 44–52.

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Herstellung polnischer Dreigroschen. Deswegen schrieb Reval an den schwedischen König und bat um Erlaubnis, polnische Dreigroschen zu prägen, wofür sogar Probemünzen angefertigt wurden. Jedoch blieb diese Initiative folgenlos, weshalb Reval weiterhin beim schwedischen Münzfuß bleiben musste80. Die Revaler waren nicht die Einzigen, die auf Polen/Litauen schauten. Da die ziemlich hochwertigen litauischen Halbgroschen schon 1559/60 in Livland durch litauische Söldner in Umlauf gebracht worden waren, ergab sich die Notwendigkeit, ihren festen Tauschkurs zum lokalen Geld festzusetzen. Wegen der engen Handelsbeziehungen Rigas zu Litauen wurde 1561 die Herstellung von litauischen Halbgroschen in Livland akut. Während der Subjektionsverhandlungen in Wilna im Herbst 1561 legten die livländischen Abgesandten sogar Probestücke der neuen Münzen vor. Trotz der wiederholten Versuche von polnischer Seite, in Riga den litauischen Münzfuß einzuführen, sträubten sich die Rigenser aus politischen Gründen dagegen. Erst als Stephan Báthory die eigensinnige Stadt 1581 endlich zum Gehorsam zwang, schrieb er dort den polnischen Münzfuß vor, der von da an auch eingehalten wurde81. Zu nennen wäre auch der letzte Ordensmeister und erste Herzog von Kurland Gotthard Kettler, der auf eigene Initiative 1578/79 in Mitau litauische Doppeldenare für den Geldumlauf im Herzogtum schlagen ließ.82 Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Münzbeziehungen Livlands auf zwei Ebenen abspielten. Obwohl die livländischen Münzmeister gewöhnlich aus Deutschland, besonders aus Preußen kamen, spielten in Riga auch die Ortsansässigen eine nicht unbedeutende Rolle. Oft gehörten die Münzmeister zu einer Berufsfamilie und waren schon deswegen mit entsprechenden Kenntnissen ausgestattet, ganz abgesehen von den Erfahrungen, die sie während ihrer Wanderjahre in Europa gesammelt hatten. Von Reval aus beeinflussten die Münzmeister sowohl das schwedische als auch das finnische Münzwesen, manchmal machten sie sogar eine internationale Karriere. Das livländische Münzsystem und die Geldrechnung dagegen beruhten vollkommen auf fremden Grundlagen. Die prägenden Einflüsse gingen im 13. und 14. Jahrhundert hauptsächlich von den beiden maßgebenden Zen———————————— 80

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LEIMUS, Tallinns 3-groschen 1596 – varför och av vem? [Tallinns Dreigroschen von 1596 – wofür und von wem?], in: Myntstudier 2009, Nr. 1, S. 21 f. LEIMUS, Das Münzwesen Livlands (wie Anm. 52), S. 53–59; Eugenijus IVANAUSKAS, An emergency coinage of Curlandia and Livonia in 1578–1579, in: Nordisk Numismatisk Årsskrift 1992-93 (1997), S. 98–103. LEIMUS, Das Münzwesen Livlands (wie Anm. 52), S. 60 f.

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tren des Ostseehandels der frühen Hansezeit, Gotland und Lübeck, aus, während Preußen sich kaum bemerkbar machte. Später, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, entwickelten sich wieder enge Beziehungen zu Schweden, die aber von ganz anderem Charakter waren und eher die beiderseitigen Bemühungen um Koexistenz von zwei verschiedenen Münzsystemen in ein und demselben Wirtschaftsraum widerspiegeln. Endlich geriet das Land während des Livländischen Krieges in politische Abhängigkeit sowohl von Schweden (Estland) als auch von Polen-Litauen (Livland), was schließlich den endgültigen Übergang zum schwedischen und polnischen Münzfuß und -system bedeutete.

Inna Põltsam-Jürjo

Außenbeziehungen der livländischen Stadt Neu-Pernau in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts In der Geschichte der livländischen Kleinstadt Neu-Pernau (Uus-Pärnu) dauerte die so genannte polnische Zeit vom Jahre 1582 bis 1602 (mit Pausen bis 1617)1. Damals war Neu-Pernau seit dem Beginn des Livländischen Krieges im Jahre 1558 schon zum dritten Mal in die Hände der Polen gefallen. Zum ersten Mal gelangte Pernau 1561 unter polnische Herrschaft, als der Komtur des Deutschen Ordens Rutger Wulff das Ordensschloss dem polnischen Statthalter Heinrich von Dohna übergab. Im Jahre 1565 verdrängten die polenfreundlichen Bürger und Hofleute die Schweden aus der Stadt. Und zum letzten Mal haben die Polen die Stadt 1582 besetzt, als die Russen, die 1575 die Stadt erobert hatten, Neu-Pernau dem polnischen Statthalter Johann Liesnowolsky übergaben. Damit begann in der Geschichte Neu-Pernaus die erste längere Friedensperiode seit dem Beginn des Livländischen Krieges. Was diese Zeit für die Stadt bedeutet hat, ist bis heute kaum untersucht worden. Eine gute Möglichkeit, dieses Thema näher zu behandeln, bietet eine interessante, aber bisher kaum benutzte Quelle, nämlich das Protokollbuch des Rats von NeuPernau für die Jahre 1583 bis 16022. Das Protokollbuch beleuchtet verschiedene Aspekte des Stadtlebens. Der vorliegende Aufsatz konzentriert sich auf die Außenbeziehungen Neu-Pernaus bzw. auf das Verhältnis und die Kommunikation der Stadt mit anderen Gebieten Europas. Diese Kommunikation umfasste sowohl Handels- und Gewerbebeziehungen als auch diplomatische, administrative und kulturelle Kontakte, ebenso die Einwanderung aus Europa nach Neu-Pernau. ———————————— 1

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Dort, wo heute die Stadt Pernau liegt, gab es im Mittelalter und am Anfang der Frühen Neuzeit zwei verschiedene Städte. Am rechten Ufer des gleichnamigen Flusses befand sich das vom Bischof von Ösel-Wiek gegründete Alt-Pernau und am linken Ufer die Deutschordensstadt Neu-Pernau. Im Vergleich zu Neu-Pernau (ca. 1 000 Einwohner) galt AltPernau als Zwergstadt, weil es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nur ca. 300 Einwohner zählte. Eesti Ajalooarhiiv, Tartu (Estnisches Historisches Archiv, künftig EAA), Bestand 1000 (Pernauscher Magistrat), Verz. 1, Nr. 711: Protokolle 1583–1602.

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Migration. Die Ergänzung der städtischen Bevölkerung Sieben Jahre hatte Neu-Pernau unter russischer Herrschaft gestanden, welche tiefe Spuren in der ganzen Stadt hinterließ. Ein bildhaftes Zeugnis davon stammt aus dem Jahr 1592, als Augustin Freiherr zu Mörsberg und Beffort, Mitglied des Johanniterordens, in einem Reisebericht unter anderem auch Neu-Pernau beschrieb. Er sah in Pernau eine kleine Stadt mit starkem Schloss, doch seien alle sonstigen Häuser, Kirchen, Mauern, Pforten und Türme aus Holz und nach russischer Art gebaut3. Der Krieg und die russische Herrschaft hatten die Verwüstung der Stadt mit sich gebracht. Ein Teil der Einwohner war getötet worden, während die anderen die Stadt verlassen hatten. Obwohl nach der Verdrängung der Russen aus der Stadt einige überlebende Bürger nach Neu-Pernau zurückkehrten, war dies nicht genug dafür, dass Neu-Pernau als Stadt wieder normal funktionieren konnte. Dazu war eine stärkere Zuwanderung aus dem Ausland nötig. In derselben Lage wie Neu-Pernau befanden sich auch die anderen livländischen Städte, die 1582 unter polnische Herrschaft gelangten. Nach dem Frieden von Jam Zapolski wurde die Neubesiedlung der Städte und des Landes die dringendste Aufgabe der polnischen Machthaber. Großkanzler Zamojski wandte sich an den König mit einem Memorandum, in dem er betonte, dass unter russischer Herrschaft die livländischen Städte, insbesondere Dorpat (Tartu) und Pernau, fast menschenleer geworden waren4. Zamoijski erachtete es daher als notwendig, eine Aufforderung zu veröffentlichen, um Holländer und „andere solche Völker“ nach Livland zu rufen und den Neusiedlern einige Vergünstigungen zu versprechen5. Dies führte zu einem großangelegten Programm der Kolonisierung Livlands, das in sich staatliche und kirchliche Interessen vereinigte. Der polnische König und der Großkanzler wünschten eine maximale Dichte der Bevölkerung, um das Land besser verteidigen zu können; die päpstliche Kurie sah in der Kolonisierung vor allem das beste Mittel zur Stärkung der katholischen Kirche in Livland. Die päpstlichen Bevollmächtigten Nuntius Alberto Bolognetti und Legat Antonio Possevino suchten für Livland katholische ———————————— 3

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Vello HELK, Reisikirjeldus Eestist 1592 [Eine Reisebeschreibung über Estland aus dem Jahre 1592], in: Tuna 2002, Nr. 2, S. 59–64, hier S. 61. DERS., Jesuiidid Tartus [Die Jesuiten in Dorpat], Tartu 2003, S. 205. Ebenda; vgl. Margus LAIDRE, Dorpat 1558–1708. Linn väe ja vaenu vahel [Dorpat 1558– 1708. Die Stadt zwischen Gewalt und Zwietracht], Tallinn 2008, S. 194.

Außenbeziehungen der livländischen Stadt Neu-Pernau

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Kolonisten aus Bayern, Flandern und sogar aus Italien zu gewinnen6. Der Plan der Bevollmächtigten des Papstes, nach Livland nur katholische Kolonisten zu locken, hatte aber keinen Erfolg. Der polnische König garantierte der Einwohnerschaft Livlands die freie Religionsausübung nach dem Augsburgischen Bekenntnis, was die Abgeordneten der katholischen Kirche für einen großen Fehler hielten7. Obwohl das Kolonisierungsprogramm für Livland bescheidenere Resultate erbrachte, als erhofft worden war, fand doch immerhin eine beachtenswerte Zuwanderung aus Europa statt. Die meisten Kolonisten zogen nach Dorpat, Pernau, Fellin (Viljandi), Wolmar (Valmiera) und Wenden (Cēsis)8. In Dorpat veränderte sich die Stadtbevölkerung zu einem großen Teil; so waren dort um 1582/83 sogar 45% der Grundbesitzer Neusiedler9. Der Umfang der Einwanderung nach Neu-Pernau ist schwer einzuschätzen. Spezielle Untersuchungen fehlen, auch sind diesbezügliche Quellen ziemlich spärlich. Aber sogar aufgrund der vorhandenen Quellen ist es eindeutig, dass im Anschluss an den Livländischen Krieg auch nach Neu-Pernau eine ziemlich starke Einwanderung einsetzte. Beispielsweise ergibt sich aus dem Brüderbuch der Kaufmannsgilde, dass im Jahre 1588 zehn Personen Brüder der Gilde wurden, im folgenden Jahrzehnt 107 und 1600 weitere 1910. Eine besonders starke Zuwanderung setzte aus deutschen Gebieten ein. Im Protokollbuch ist Lübeck oft als Herkunftsort der Neubürger von Neu-Pernau genannt, doch kommen auch Mecklenburg und Westfalen vor. Im Mittelalter bestand die Oberschicht der Stadtbewohner von NeuPernau aus Deutschen und die Unterschicht meistens aus Esten und einzelnen Letten. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts fanden hingegen bedeutende Veränderungen in der Zusammensetzung der Einwohnerschaft statt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kamen Russen und Polen zur Stadtgemeinde hinzu. In der Stadt wurden polnische Beamte eingesetzt, im Schloss befand sich eine polnische Garnison. Der König übergab die an ihn gefallenen erblosen Häuser an Polen11, um neben der deutschen auch die ———————————— 6 7 8 9 10

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HELK, Jesuiidid (wie Anm. 4), S. 207 f., 212 ff. Ebenda, S. 211, 222. Ebenda, S. 207. LAIDRE, Dorpat (wie Anm. 5), S. 195. Heinrich LAAKMANN, Geschichte der Großen Gilde in Pernau, in: Sitzungsberichte der Altertumforschenden Gesellschaft zu Pernau 1914–1925, Bd. 8, Pernau 1926, S. 45–58, hier S. 53. Vgl. auch EAA, 5100 (Die Große Gilde zu Pernau), Verz. 1, Nr. 92: Altes Bruderbuch, Bl. 8 ff. Siehe z.B. EAA, 1000/1/711, Bl. 75, 271, 340, 384v u.ö.

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polnische Bevölkerung in der Stadt zu fördern. Auch unter den Brüdern der Kaufmannsgilde gab es Polen, doch spielten diese keine bedeutende Rolle, da von 1582 bis 1600 nur drei oder vier Polen zur großen Gilde gehörten12. Außerdem gab es in polnischer Zeit ziemlich viele Holländer in NeuPernau. Hierbei ist interessant, dass in Neu-Pernau meistens holländische Kaufleute, in der Nachbarstadt Alt-Pernau aber holländische Handwerker (Leineweber, Schumacher) wohnten oder tätig waren13. In Neu-Pernau wohnten auch aus Skandinavien eingewanderte Personen. Im Unterschied zu Neu-Pernau stammten die Neusiedler in Dorpat meistens aus Polen und Litauen; im Jahre 1582 gab es dort sogar fünf Grundbesitzer aus Schottland, wahrscheinlich handelte es sich um schottische Söldner14. Es ist bemerkenswert, dass gemäß dem Protokollbuch einige „alte“ Bürger von Neu-Pernau bald imstande waren, den Polen die ihnen zugefallenen Häuser abzukaufen. So verkaufte 1591 der Adlige Balthasar Wiesotzky sein Haus an den Ratsherrn Johann Madtfeldt15. Und 1599 wurde in Warschau „uf königlicher ratsstube“ eine Verkaufsurkunde abgefasst, laut welcher der Adlige Adam Mierowsky mit Erlaubnis seiner Ehefrau Zopia Krakowinka sein Haus in Neu-Pernau für 130 Taler an Nicolaus Barenfeldt verkaufte. Diese Verkaufsurkunde wurde von „Joannes Zgorzeltsky Capitain in Warßow“ bestätigt16. Es scheint, dass Neu-Pernau als Wohnort für Polen nicht besonders attraktiv war. Wie groß der Anteil der Bevölkerung von Neu-Pernau war, den die Neusiedler bildeten, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass am Ende des 16. Jahrhunderts die Einwohnerschaft Neu-Pernaus noch multinationaler als im Mittelalter geworden war. Man muss zugleich auf die verschiedenen Konfessionen der Stadtbevölkerung aufmerksam machen. Nebeneinander wohnten hier Lutheraner, Katholiken und Vertreter anderer Konfessionen. Es herrschte zu dieser Zeit indes eine gewisse konfessionelle Spannung in der Stadt. Besonders in den Jahren von 1582 bis 1588, als Fabianus Quadrantinus17 als Priester in Neu-Pernau tätig war, gab es offene Gegensätze und ———————————— 12 13 14 15

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LAAKMANN, Geschichte (wie Anm. 10), S. 53. Siehe EAA, 1000/1/711, Bl. 83v, 175. LAIDRE, Dorpat (wie Anm. 5), S. 195. EAA, 1000/1/711, Bl. 75v. Polnische Namen sind in der deutschen Schreibweise wiedergegeben – daher werden sie kursiv gesetzt. Ebenda, Bl. 383v, 384. Fabianus Quadrantinus wurde 1544 in Stargard geboren. Seit 1567 besuchte er das Jesuitenkollegium zu Braunsberg. 1581 wurde er Kanoniker in Glückstadt, und schon im nächsten Jahr begann seine katholische Missionstätigkeit in Livland. Fabianus war ein ge-

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Kontroversen zwischen Katholiken und Lutheranern18. Die deutschen Bürger waren bereit, die Stadt lieber zu verlassen, als dass sie den katholischen Priester als ihren Seelsorger anerkennen würden. Fabianus Quadrantinus dagegen sprach von dem lutherischen Pastor zu Neu-Pernau als von einem „häretischen Prediger“ und sogar von einem „Teufelssohn“ (filius diaboli)19. Es scheint jedoch, dass die polnischen Beamten in Religionsangelegenheiten in Neu-Pernau keine Gewaltpolitik betreiben wollten und Konflikte mit den Stadtbürgern zu vermeiden suchten. Es gibt auch Nachrichten über reformierte Holländer in Neu-Pernau. Laut dem Protokollbuch kam es im Jahre 1589 zum Streit um den Holländer Wilhelm von Sande, der in Neu-Pernau gestorben war und mit Erlaubnis der Gemeinde auf dem Kirchhof beerdigt wurde20. Seine Witwe bat darum, ihm einen Grabstein errichten zu dürfen, was der Stadtrat ihr verweigerte, da er ein Reformierter, also Andersgläubiger gewesen war. Sogar der Schlosshauptmann Mathias Kalborsky zeigte mehr Toleranz als der Stadtrat und trat für das Anliegen der Witwe ein. Er schrieb dem Rat: Derowegen bitte und ermanne euch, ihr wollet euch bedencken, und den stein hin lassen legen. Dan der stein hatt kein religion, und drauff stehet auch nicht, was für religion der mensche gewesen ist. Der steine sündiget auch nicht, sonder der schon in Gott verstorben ist, wie wir alle sünder seindt, mochte gesündigt haben21.

Leider lässt das Protokollbuch nicht erkennen, wie dieser Streit endete. Da in Neu-Pernau einige Russen wohnten, ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch Orthodoxe gab. Unter der russischen Herrschaft war in Neu-Pernau eine orthodoxe Kirche erbaut worden22, es bleibt aber unklar, ob diese auch in der polnischen Zeit als orthodoxes Gotteshaus benutzt wurde. Es ist be————————————

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bildeter Mann, der die deutsche und polnische Sprache beherrschte und während seines Aufenthalts in Livland auch etwas Estnisch gelernt hat. 1588 wurde er in das Noviziat des Jesuitenordens aufgenommen. Weiterhin wurde er Beichtvater Annas, der Königin von Polen. Seine letzten Lebensjahre hat er wahrscheinlich in Braunsberg verbracht. Theodor CZERNAY, Fabianus Quadrantinus und die Gegenreformation in Pernau, in: Sitzungsberichte der Altertumforschenden Gesellschaft zu Pernau, Bd. 2, Pernau 1901, S. 128–149, hier S. 136 ff. Vgl auch EAA, 1000/1/711, Bl. 14v f., 380 f. CZERNAY, Fabianus Quadrantinus (wie Anm. 18), S. 138. EAA, 1000/1/711, Bl. 39 f. Siehe auch Paul SCHNEIDER, Aus polnischer Zeit, in: Sitzungsberichte der Altertumforschenden Gesellschaft zu Pernau, Bd. 5, Pernau 1908, S. 89–95, hier S. 78 ff. EAA, 1000/1/711, Bl. 40. Siehe ebenda, Bl. 334: „alhie in der stadt hinden bey der reüschen kirchen ahn der mauren belegen“.

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kannt, dass die lutherische Gemeinde diese Kirche für Gottesdienste benutzte, nachdem sie aus der Gemeindekirche, d.h. aus der Nikolaikirche verdrängt worden war23. Die Verwaltung der Stadt. Administrative Beziehungen Als die Polen 1582 die Stadt besetzten, kehrten die nach der Eroberung durch die Russen geflüchteten Ratsherren nach Pernau zurück. Schon in demselben Jahr wurde der alte Rat aus den fünf Ratsherrn, die überlebt hatten24, wieder eingesetzt, und am 20. März 1583 leistete der Rat dem polnischen König Stephan Báthory den Treueid25. Im Jahre 1583 bekam die Stadt wieder einen Bürgermeister (Werner Bartscherer), und im nächsten Jahr wurden vier neue Ratsmitglieder kooptiert26. Der Stadtrat von NeuPernau setzte sich auch in der polnischen Zeit nur aus Ratsherren deutscher Herkunft zusammen. In Dorpat dagegen wünschten die Bürger 1583, dass auch Polen in den Rat gewählt werden27. In Dorpat gab es unter den Ratsherren auch Katholiken28, während derartige Informationen aus Neu-Pernau nicht vorliegen. Wenigstens in der Zusammensetzung des Rats fanden zu jener Zeit in Neu-Pernau keine wesentlichen Veränderungen statt. In dieser Beziehung schließt sich die polnische Zeit eng an die Ordenszeit an, und erst der Schwedisch-Polnische Krieg Anfang des 17. Jahrhunderts hat den Bestand der Pernauer Ratsfamilien gründlich verändert29. Der polnische König bestätigte am 7. Dezember 1582 die alten Rechte und Privilegien der Stadt30. Trotzdem veränderte sich die Verwaltung der Stadt recht stark; der Rat musste mit dem polnischen König als neuem Lan———————————— 23 24

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30

CZERNAY, Fabianus Quadrantinus (wie Anm. 18), S. 140. Die fünf Ratsherren waren: Johann Follen, Werner Bartscherer, Johann Madtfeldt, Hinrick Schenckingk, Reinoldt Schroder. Siehe Pärnu linna ajaloo allikad 13.–16. sajandini / Quellen zur Geschichte der Stadt Pernau 13.–16. Jahrhundert (künftig: QP), hg. v. Inna PÕLTSAM / Aldur VUNK, Pärnu 2001. CZERNAY, Fabianus Quadrantinus (wie Anm. 18), S. 135. QP, S. 135. LAIDRE, Dorpat (wie Anm. 5), S. 191. Ebenda, S. 199. Vgl. Heinrich LAAKMANN, Die Pernauer Ratslinie, in: Sitzungsberichte der Altertumforschenden Gesellschaft zu Pernau 1914–1925, Bd. 8, Pernau 1926, S. 80–142, hier S. 137 ff. Vgl. EAA, 1000/1/21: Extrakte aus der Privilegienurkunde des polnischen Königs Stephan Báthory.

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desherrn rechnen, und auch die ständige Präsenz der polnischen Beamten wie des königlichen Statthalters, des Steuereinnehmers, des Kommandanten des Schlosses, der Offiziere der Garnison usw. war eine neue alltägliche Wirklichkeit, auf die man Rücksicht nehmen musste. Die Stadtverwaltung wurde unter der polnischen Herrschaft auch dadurch kompliziert, dass der städtische Rat und die königlichen Beamten nicht dieselbe Sprache sprachen. Als Amtssprache verlor die deutsche Sprache ihre Bedeutung. Die alltägliche mündliche Kommunikation in NeuPernau geschah meistens mit Hilfe eines Dolmetschers. Beim Abschluss eines Vertrages oder eines Geschäfts waren weiterhin nicht nur die Zeugen, sondern auch ein Dolmetscher notwendig. So kam im Jahre 1591 ein Pole namens Wilsowsky zu einem Bürger von Neu-Pernau mit dem Zeugen und einem Dolmetscher, um über den Kauf eines Wohnhauses zu verhandeln31. Die sprachlichen Kommunikationsschwierigkeiten treten im Protokollbuch mehrmals zutage. Beispielsweise erschienen 1588 vor dem Rat zwei schwedische Schiffer, die sich in mangelhaftem Deutsch verständlich zu machen suchten, um über einen Bürger Neu-Pernaus Beschwerde zu erheben32. In der polnischen Zeit wurde die lateinische Sprache in Neu-Pernau zur Amtssprache bei der Kommunikation mit der Zentralgewalt. Die Bedeutung der lateinischen Sprache stieg in der Frühen Neuzeit in Europa sowohl im administrativen als auch im juristischen Verkehr33. Auch das Protokollbuch des Pernauer Rats zeigt die Steigerung der Bedeutung dieser Sprache. So enthält das Buch verschiedene lateinische Texte – Abschriften von königlichen Mandaten, Briefe und andere Dokumente, außerdem waren lateinische juristische Termini und Ausdrücke in Eintragungen üblich. Ein litauischer Bürgermeister teilte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit, er benutze die lateinische Sprache, um die polnische zu vermeiden34. Der Rat von Neu-Pernau aber versuchte, unter dem Vorwand der Unkenntnis des Lateinischen die Befehle des polnischen Königs zu ignorieren. Aus diesem Grund weigerte sich Bürgermeister Bartscherer 1584, das königliche Mandat über die Kalenderreform öffentlich anzuschlagen. Er erklärte, er selbst verstünde kein Latein und hätte niemanden, der ihm die Mandate übersetzen könne35. ———————————— 31 32 33

34 35

EAA, 1000/1/711, Bl. 66v, 67. Ebenda, Bl. 22. Peter BURKE, Languages and Communities in Early Modern Europe, Cambridge 2004, S. 43 ff. Ebenda, S. 53. CZERNAY, Fabianus Quadrantinus (wie Anm. 18), S. 141.

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Es herrschte großer Mangel an mehrsprachigen Personen. In der Stadtverwaltung Neu-Pernaus musste es aber in dieser Zeit wenigstens eine Person geben, die das Lateinische beherrschte. In der Regel war dies der Stadtsekretär, der in Neu-Pernau eine Zeitlang auch als Schulmeister tätig war36. Die polnischen Beamten im Schloss hatten sowohl mit Deutschen als auch mit Esten zu tun; es ist wahrscheinlich, dass einige von ihnen Deutsch konnten, Estnisch beherrschten sie allerdings nicht. Mit den Esten konnten sie daher nur mit Hilfe eines Dolmetschers kommunizieren. Das Protokollbuch des Rats berichtet von einer kuriosen Geschichte im Zusammenhang mit einem Dolmetscher aus dem Schloss namens Claws. Es stellte sich nämlich heraus, dass dieser Claws ein Räuber war und wahrscheinlich sogar einer Räuberbande angehörte. Daher wurde er 1596 auf dem Marktplatz von Neu-Pernau enthauptet37. Während der polnischen Herrschaft mussten Mitglieder des Rats von Neu-Pernau auch an den polnischen Reichstagen in Warschau teilnehmen. Diese Beteiligung war aufgrund der Entfernung aber sehr kostspielig. So wurden 1592 für die Reisekosten des Ratsherrn Elias Kievel und des Ratssekretärs Heinrich Schele 130 Taler gesammelt38. Dabei handelte sich um eine ziemlich große Geldsumme, denn zur gleichen Zeit kostete eine Last Roggen ca. 18–20 Taler39. Doch bot die Beteiligung an den Reichstagen fast die einzige Möglichkeit, Streitsachen mit der Garnison und mit den katholischen Geistlichen zu regeln oder Rechtsverfahren abzuschließen. Zum Beispiel plante der Pernauer Rat 1583, auf dem Reichstag gegen die Einsetzung des katholischen Priesters Fabianus Quadrantinus als Seelsorger der lutherischen Gemeinde zu protestieren40. Im Jahre 1588 wollte man Abgesandte an den König schicken, um die Bestrafung von polnischen Soldaten zu fordern, die gegenüber den Stadtbürgern Gewalt ausgeübt hatten41. 1599 wurde in Warschau vor dem König und dem Reichstag eine Streitsache zwischen dem Bürger von Alt-Pernau Cordt von Linten und dem Adligen Johannes Zda———————————— 36

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Siehe EAA, 1000/1/711, Bl. 21: „Anno [...] fuffzehen hundert und acht und achtenzich, den neunzehenden tagk des monats Ianuary bin ich, Heinricus Schele Lübecensis, zu einem secretario und schulmeister von einem erbaren wolweisen räthe der Newen stadt Pernow constituirt auf und angenhommen“. Erst 1591 wurde das Sekretariat aus seiner Verbindung mit dem Schulmeisteramt gelöst. Ebenda, Bl. 190v. Ebenda, Bl. 89. Ebenda, Bl. 54. CZERNAY, Fabianus Quadrantinus (wie Anm. 18), S. 136. EAA, 1000/1/711, Bl. 26r–26v.

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nowsky wegen eines Steinhauses in Neu-Pernau erörtert42. Auch die Abgesandten des Dorpater Rats besuchten regelmäßig den König in Warschau. Wegen der hohen Reisekosten wurde 1597 sogar die Ernennung eines ständigen Dorpater Vertreters in Warschau in Erwägung gezogen43. Handels- und Gewerbebeziehungen Nach 1582 begannen der Handel und das Handwerk in Neu-Pernau schnell wieder zu erstarken. Der polnische König suchte den Handel durch Senkung der Zollgebühren zu begünstigen. Im Jahre 1588 wurde die Kaufmannsgilde in Neu-Pernau wieder gegründet44. Obwohl die mittelalterlichen und hansischen Traditionen im Handelsleben von Neu-Pernau noch am Ende des 16. Jahrhunderts fortdauerten, sind doch auch Veränderungen zu verzeichnen. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts galten die Hansestädte Lübeck, Danzig und Rostock als die bedeutendsten Handelspartner Neu-Pernaus. Besonders muss die Rolle Lübecks im Handelsverkehr der Stadt mit dem Westen hervorgehoben werden. Lübeck war schon im 14. Jahrhundert der wichtigste Handelspartner der Stadt gewesen45. Diese Beziehungen waren sehr beständig, und sogar in der Zeit der russischen Herrschaft fuhren Schiffe aus Lübeck nach Pernau. Das Protokollbuch des Rats zeigt eindeutig, dass am Ende des 16. Jahrhunderts Lübeck nach wie vor der wichtigste Handelspartner Neu-Pernaus war. Das Buch belegt die häufigen Aufenthalte von lübischen Kaufgesellen, Kaufleuten und Schiffern in der Stadt. Manche lübischen Schiffer gehörten zur Pernauer Kaufmannsgilde46. Laut dem Protokollbuch hatte Neu-Pernau enge Beziehungen auch zu Flensburg, Danzig und Hamburg. Außerdem weilten Kaufgesellen, Kaufleute und Schiffer aus Rostock, Königsberg, Wismar, Eckernförde und Greifswald von Zeit zu Zeit in der Stadt47. ———————————— 42 43 44 45

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Ebenda, Bl. 385 ff. LAIDRE, Dorpat (wie Anm. 5), S. 192. EAA, 5100/1/92, Bl. 8. Heinrich LAAKMANN, Geschichte der Stadt Pernau in der Deutsch-Ordenszeit (bis 1558), Marburg 1956 (Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde OstMitteleuropas 23), S. 166. Vgl. Jüri KIVIMÄE, Pärnu kui hansalinn [Pernau als Hansestadt], in: Merelinn Pärnu, hg. v. DEMS. / Aivar KRISKA / Inna PÕLTSAM / Aldur VUNK, Pärnu 1998, S. 58–76, hier S. 66 ff. LAAKMANN, Geschichte (wie Anm. 10), S. 53. Siehe z.B. EAA, 1000/1/711, Bl. 96, 173v, 248, 362v, 371.

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Schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts traten holländische Kaufleute in Neu-Pernau in den Vordergrund48. Am Ende des Jahrhunderts steigerte sich ihre Bedeutung und ihr Einfluss auf den Handel der Stadt noch mehr. Dabei reisten holländische Kaufgesellen oder Kaufleute nicht nur in die Stadt, denn einige von ihnen haben anscheinend auch in Neu-Pernau gewohnt49. Die Holländer brachten ihre Waren zur Verschiffung gen Westen nach Neu-Pernau; meistens handelte es sich dabei um Getreide und Flachs, welche sie in der Umgebung Pernaus und Dorpats eingekauft hatten50. Damit gewann in der polnischen Zeit die alte Handelsstraße DorpatPernau wieder an Bedeutung, nachdem Dorpat im Spätmittelalter seine Waren hauptsächlich über Reval (Tallinn) bezogen und verschickt hatte. Auch versuchten die Kaufleute von Neu-Pernau unter der polnischen Herrschaft an ihren alten Privilegien festzuhalten. So beschuldigte der Pernauer Rat 1591 den holländischen Kaufmann Adrian Loßfelth, er hätte gegen den Grundsatz „Gast handele nicht mit dem Gaste“ verstoßen, indem er mit Fremden Wein- und Getreidehandel betrieben habe51. Mit Skandinavien hatte Neu-Pernau im Mittelalter nur wenige und zufällige Beziehungen. Diese Situation änderte sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als schwedische Schiffer und Kaufleute die Stadt ziemlich oft zu besuchen begannen. Das Protokollbuch gibt zum Beispiel Auskunft über ein mit Eisen beladenes schwedisches Schiff, das um 1597 im Herbst nach Neu-Pernau fuhr und dort überwinterte. Die Fracht dieses Schiffes gehörte Lorentz Olofsohnn, einem Bürger von Arbow (Arboga), und Johann Bernds, gebürtig aus Stockholm52. Das Protokollbuch des Rats belegt zugleich, dass die Handelsbeziehungen der Pernauer Kaufleute bis nach Gotland reichten53. Die Liste der nach Neu-Pernau gelieferten Importwaren ist am Ende des 16. Jahrhunderts wohl dieselbe wie im Mittelalter gewesen – in den Quellen werden Handelsartikel wie Salz, Tuch, Hering, Wein und verschiedene Kramwaren genannt. Die Hauptausfuhrwaren bestanden ebenso wie im Mittelalter aus livländischem Getreide, Flachs, Leinsaat, Häuten, Fleisch ———————————— 48

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Inna PÕLTSAM-JÜRJO, Liivimaa väikelinn Uus-Pärnu 16. sajandi teisel poolel [Die livländische Kleinstadt Neu-Pernau, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts], Tallinn 2009, S. 198, 203, 208. Vgl. KIVIMÄE, Pärnu kui hansalinn (wie Anm. 45), S. 74. EAA 1000/1/711, Bl. 22v, 36, 84v. Ebenda, Bl. 27. Ebenda, Bl. 74. Ebenda, Bl. 265v. Ebenda, Bl. 127, 130v.

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und Talg. Auch russische Waren wie Talg und Flachs erscheinen unter den Pernauer Exportartikeln54. Das Protokollbuch des Rates bietet auch Informationen darüber, mit wem nach Pernau verkehrende Schiffe bemannt waren. Im Jahre 1602 fuhr zwischen Neu-Pernau und Danzig die „Schwedische Junkfrau“. Der Kapitän dieses Schiffes, Jacob Braun, stammte aus Colberg (wahrscheinlich Kolberg in Pommern), der Bootsman Marius Stolttenberch aus Newenstadt, der Steuermann Hans Davids sowie der Schiffskoch Hans Hanson aus Danzig und der Matrose Hans Winter aus Lübeck55. Wie man sieht, handelte es sich um eine der regionalen Herkunft nach sehr gemischte Mannschaft. Die Schiffe, die aus den großen europäischen Handelsstädten nach NeuPernau kamen, transportierten nicht nur Menschen und Waren, sondern auch verschiedene Neuigkeiten und Gerüchte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass einige Personen, die aus Westeuropa nach Neu-Pernau eingewandert waren, bestimmte Einzelheiten ihres Lebens gern geheim halten wollten. Laut dem Protokollbuch erschien im Jahre 1593 vor dem Pernauer Rat die Ehefrau des Alt-Pernauer Bürgers Hans Muller55. Die Frau beschuldigte den Einwohner Neu-Pernaus Michell balbierer, er habe über sie üble Nachrede verbreitet: Sie sei in Hamburg „aussgestaupt“ worden. Michell behauptete, er habe davon während seiner Schiffsreise von Lübeck nach Neu-Pernau gehört. Mit Hilfe wohlwollender Vermittler wurde diese Streitsache niedergeschlagen, weshalb leider auch die näheren Umstände des Falles unbekannt bleiben. Dank der Einwanderung aus anderen Gebieten Europas entwickelte sich in Neu-Pernau in polnischer Zeit nicht nur der Handel, sondern auch das Handwerk. Sogar manche neuen Berufe tauchten auf: Vor dem Livländischen Krieg hatte es zum Beispiel keinen Kupferschmied, Apotheker oder Sämischgerber56 in der Stadt gegeben. Zugleich ist es bemerkenswert, dass sogar Handwerksgesellen nach Neu-Pernau einwanderten, um bei den dortigen Meistern ein Amt zu lernen. So arbeitete Matz von Wittenborgk, gebürtig aus Mecklenburg, als Handwerksbursche beim Kleinschmied Hinrich von Zelle57, und Sebastian oder Bosch Osthoff, der aus der Umgebung von

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Ebenda, Bl. 85v, 194v. Ebenda, Bl. 375–376v. Ebenda, Bl. 97. Siehe ebenda, Bl. 43, 162v, 256v.

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Münster stammte, war Geselle beim Pernauer Schuhmacher Jacob Wittkoff58. Schluss In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erlebte Neu-Pernau einen Aufstieg, als der Alltag in der verwüsteten Stadt wieder auflebte. Allerdings waren es vor allem Neusiedler aus Europa, die den dafür notwendigen Bevölkerungszuwachs stellten. Die deutschen, niederländischen und schwedischen Kaufleute halfen dabei, den Handelsverkehr zwischen Neu-Pernau und Europa wieder zu entfalten, was schon deshalb besonders wichtig war, weil der überseeische Handel mit Recht stets als einer der Grundpfeiler des Wohlstands der Stadt galt. So hatten die engen Kontakte Neu-Pernaus mit anderen Teilen Europa für die Entwicklung der Stadt in der polnischen Zeit ohne Zweifel entscheidende Bedeutung.

———————————— 58

Ebenda, Bl. 83.

Gvido Straube

Das Scheitern der von Polen-Litauen begonnenen Gegenreformation in Livland Die Gegenreformation in Livland – oft auch mit polemischem Unterton als polnische Gegenreformation bezeichnet – ist für die Geschichte Lettlands ein Begriff, der häufig sowohl bei Historikern als auch bei historisch interessierten Laien keine weitere Erklärungen zu erfordern scheint. Allerdings treffen wir in der Forschungsliteratur ziemlich unterschiedliche Bewertungen an, manchmal fast diametral gegensätzliche. So kann man zur Schlussfolgerung kommen, dass in dieser Frage vielleicht doch noch nicht alles ganz klar ist und es lohnend sein könnte, dieser Frage noch einmal nachzugehen. Diese Überzeugung verfestigt sich, wenn wir die Forschungen über jene Zeit in Lettland und in anderen Ländern, die ihren Anteil an der lokalen Geschichte hatten oder in denen es ein Interesse daran gibt, nebeneinander betrachten. Dort entwickelte sich das Geschichtsbild manchmal ganz anders, als man es in Lettland bisher angenommen oder gewusst hat. Zuweilen werden die Personen, die in Lettland als Hauptakteure der Zeit gelten, bei unseren Nachbarn ganz anders bewertet – oder sind fast unbekannt. Nennen wir einige Beispiele. In der Gemeinschaftsarbeit von Edgar Dunsdorfs und Arnold Spekke, die unter dem Titel „Die Geschichte Lettlands. 1500–1600“ in den 1960er Jahren im Exil erschienen ist, ist Folgendes zu lesen: Gegenreformation nennt man Rekatholisierung, d.h. die Politik des Herrschers für die Erneuerung des katholischen Glaubens unter denen, die Protestanten geworden waren. In Lettland begann die Gegenreformation mit der Zeit Stephan Báthorys nach dem Frieden von Jam Zapolskij1.

Doch einige Seiten später sind sich die Autoren auf einmal nicht mehr so sicher über die Erfolge der Gegenreformation. Sie konstatieren, dass die Jesuiten in Wenden (Cēsis), Kokenhusen (Koknese), Wolmar (Valmiera) und Ronneburg (Rauna) Niederlassungen besaßen; sie hätten schnell Lettisch gelernt – was der Autor dieser Zeilen durchaus bezweifelt –, doch seien die Er———————————— 1

Edgars DUNSDORFS / Arnolds SPEKKE, Latvijas vēsture. 1500–1600 [Geschichte Lettlands. 1500–1600], Stockholm 1964, S. 184.

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folge wegen der zu geringen Anzahl von Missionaren auf dem Lande ausgeblieben2. Die sowjetische Geschichtsschreibung fand erwartungsgemäß ganz andere Worte für diese Zeit. Im 1986 herausgegebenen ersten Band der zweibändigen „Geschichte der Lettischen SSR“ lesen wir: Selbst in Polen hat in dieser Zeit (1561–1629) die katholische Konterreformation völlig gesiegt, und in kirchlichen Fragen haben die Jesuiten entscheidenden Einfluss errungen. Als der Livländische Krieg beendet war, rechnete der König von Polen Stephan Báthory nicht mehr mit seinem Versprechen an den deutschen Adel in Bezug auf die lutherische Glaubensfreiheit. Er erklärte offen, dass er ‚die Ketzerei ausrotten möchte und den Katholizismus wiederherstellen will‘ [...]. Die Jesuiten haben eine aktive Agitation entfaltet [...]. Dadurch hat die Konterreformation in Livland triumphiert3.

Und nun machen wir einen zeitlichen Sprung zurück. Denn auch die deutschbaltische Historiografie kennt zahlreiche Historiker, die über diese Zeit geschrieben haben. Betrachten wir nur einige Beispiele. Markant sind bereits die von Ernst Seraphim ausgewählten Überschriften für die diesbezüglichen Kapitel in seinem zweibändigen Werk „Geschichte Liv-, Est- und Kurlands“4: „Nach der Katastrophe“5, „Der Beginn der Polennot“6, „Polnische Willkürherrschaft“7, „Der Höhepunkt der Vergewaltigung“8. Doch nicht nur die Titel sind deutlich. Seraphim schrieb: Die Vergewaltigung des Protestantismus, – ein Glied in der weite Länder umfassenden katholischen Gegenreformation, die in Madrid und in Rom, in Wien und München, in Warschau und Krakau eifrig gefördert wurde, – fand im Weichselreich nur zu viele Gönner9.

Schließlich lesen wir am Ende, kurz vor dem nächsten Abschnitt – „Unter schwedischem Regiment“ – die folgenden Zeilen: In den Herzen aller wahren Anhänger unserer Heimat befestigte sich aber mehr und mehr der Gedanke, daß ein Ende mit Schrecken besser sei, als ein ———————————— 2 3

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Ebenda, S. 187. Latvijas PSR vēsture [Geschichte der Lettischen SSR], hg. v. Aleksandrs DRIZULIS, Bd. 1, Riga 1986, S. 69. Ernst SERAPHIM, Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, Bd. 1, Reval 1895; Bd. 2, Reval 1896. Ebenda, Bd. 2, S. 3–24. Ebenda, S. 61–98. Ebenda, S. 99–113. Ebenda, S. 166–185. Ebenda, S. 61 f.

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Schrecken ohne Ende. Ihre Blicke richteten sich wie von selbst auf Schweden, die werdende protestantische Großmacht des Nordens. Von ihr, deren segensreiche Herrschaft das stammesgleiche Estland seit Jahrzehnten genoß, erhoffte man Hilfe und Rettung aus schier unsagbarem Elend10.

Auch der berühmte Leonid Arbusow sen. hat sich 1908 in seinem „Grundriß“ recht skeptisch über diese Zeit geäußert: „Das polnisch gewordene Livland hatte jetzt unter den Wirkungen der sog. Gegenreformation zu leiden“11. Jahrzehnte später beschrieb der Exileste Vello Helk die Situation in seinem Buch „Die Jesuiten in Dorpat. 1583–1625. Ein Vorposten der Gegenreformation in Nordosteuropa“ in den 1970er Jahren wie folgt: Mehr als zwanzig Jahre war mit wechselndem Glück um Livland gekämpft worden. Damit war auch der Weg für die mächtige Welle der Gegenreformation frei. Diese Bewegung unterstützte die Staatsmacht und wurde auch von dieser entsprechend gefördert, allerdings nur im Rahmen der Interessen des Staates12.

Ein neues Verständnis wurde schließlich in dem von Gert von Pistohlkors herausgegebenen Band „Baltische Länder“ der Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“13 eingeführt. Heinz von zur Mühlen, der Verfasser des entsprechenden Kapitels, betonte, dass am Anfang der polnischen Herrschaft die Religionsausübung nach dem Augsburgischen Bekenntnis zweimal garantiert worden sei – im November 1561 und 156614. Doch seit der Regierung von Stephan Báthory seien die Einschränkungen der Freiheit des Augsburgischen Bekenntnisses immer deutlicher geworden15. Heinz von zur Mühlen schrieb: König Stephan Bathory, ganz Soldat und ganz Staatsmann, war als Katholik gewiß kein Fanatiker, aber dennoch als Politiker eng mit den Interessen seiner Kirche verbunden. Der König stand unter dem persönlichen Einfluß seines

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Ebenda, S. 185. Leonid ARBUSOW, Grundriß der Geschichte Liv-, Est- und Kurlands, Riga 1908, S. 182. Vello HELK, Die Jesuiten in Dorpat. 1583–1625. Ein Vorposten der Gegenreformation in Nordosteuropa, Odense 1977, S. 9. Heinz VON ZUR MÜHLEN, Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluss der Nachbarmächte (1561–1710/1795), in: Baltische Länder, hg. v. Gert VON PISTOHLKORS, Berlin 1994 (Deutsche Geschichte im Osten Europas), S. 174–265. Ebenda, S. 181. Ebenda, S. 182.

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Beichtvaters Peter Skarga, des größten Kanzelredners des Jesuitenordens im Osten16.

Gleichzeitig betonte der Historiker jedoch eine sehr wichtige Tatsache, nämlich die Interessen des Papstes Gregor XIII. hinsichtlich des protestantischen Skandinaviens und des schismatischen Moskauer Reichs17. Am Ende konstatierte von zur Mühlen: Bis zur Eroberung Rigas durch die Schweden im Jahre 1621 und der Vertreibung der Jesuiten hatte die Gegenreformation wohl hier und da bei den Bauern Wurzeln geschlagen, aber im ganzen keine Wirkung größeren Ausmaßes erzielt.18

Resümierend kann man sagen, dass in der Historiografie zu der Region, welche das heutige Lettland und auch Estland umfasst, die Meinung vorherrscht, dass die Polenzeit – die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts – eine Zeit der anti-lutherischen Reaktion gewesen sei. Dabei hätten die Jesuiten die Hauptmacht gestellt, die für die Wiederherstellung des Katholizismus in Livland an vorderster Front kämpften. Dank dieser Konzeption herrscht leider im heutigen Lettland, aber wahrscheinlich auch bei unseren estnischen Nachbarn, über diese Zeit ein Geschichtsbild vor, das besagt, die fanatischen Jesuiten hätten nur ein Ziel gekannt – die Livländer und Estländer zurück zum römisch-katholischen Glauben zu führen. Zudem seien sie bereit gewesen, für die Realisierung ihrer Ziele jederzeit alle Mittel anzuwenden, auch die äußersten und extremsten. Doch war es wirklich so schlimm? War die Rückführung der Liv- und Estländer zurück in die katholische Kirche die Hauptaufgabe, ja vielleicht sogar im Wesentlichen die einzige Aufgabe der Jesuiten? Und waren diese nur deshalb nach Livland gekommen und haben ihre Kollegien in Riga und Dorpat (Tartu) gestiftet? Waren die gegenreformatorischen Maßnahmen wirklich so umfassend, so aktiv, so feindlich, so dominierend, so schrecklich, so grausam? Und kann man überhaupt von zielgerichteten Maßnahmen sprechen, oder sind es vielleicht doch nur einzelne Fälle gewesen? Schon die kritische Auswertung einiger Umstände zwingt uns, einige dieser Konzeptionen anzuzweifeln. Betrachten wir zum Beispiel die livländischen-katholischen Bischöfe. In der königlichen Politik gegenüber der Führung der katholischen Kirche in Livland kann man keine wirkliche Strategie erkennen. Als ersten Bischof setzte Stephan Báthory Jan Dymitr Solikowski ———————————— 16 17 18

Ebenda, S. 183. Ebenda. Ebenda, S. 187.

Das Scheitern der Gegenreformation

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(1539–1603) ein, doch wurde dieser noch im selben Jahr 1583 zum Erzbischof von Lemberg ernannt und sah Livlands Städte und Dörfer nie mit eigenen Augen. Doch auch sein Nachfolger hat nie livländischen Boden betreten: Aleksander Mielinski (1527–1584) verstarb schon vor seinem Eintreffen in Livland, also kurz nach Empfang der Weihe, in seinem Amt – wieder ein Fehlschlag. Der 1585 von Papst Sixtus V. eingesetzte Andrzej Patrycy (Patritius) Nidecki (1522–1587) hat Livland immerhin erreicht und dort knapp zwei Jahre gelebt, doch hat er aufgrund seiner Kränklichkeit und fehlenden Sprachkenntnisse – der alte Mann konnte weder Deutsch geschweige denn Lettisch oder Estnisch – diese kurze Zeit in völliger Untätigkeit verbracht. Selbst seine Glaubensgenossen sagten über ihn, er habe „völlig nutz- und zwecklos in Livland gelebt“19. Wohl nur das auf Nidecki folgende Haupt der katholischen Kirche in Livland – Bischof Otto Schenking – hat seit 1589 wirklich aktiv gearbeitet. Doch seine Kräfte waren zu gering, um effektiv ganz Livland zu umfassen und etwas Bedeutendes zu organisieren. Hier müssen wir auch daran erinnern, dass Schenking während des Schwedisch-Polnischen Krieges von 1600 bis 1629 aus Angst vor den Kriegsgefahren über zehn Jahre lang seinem Bistum fern, d.h. in Sicherheit geblieben ist. Ein deutliches Bild zeichnen die Visitationsmaterialien aus dem Jahre 1584. Gemäß den nicht sehr umfassenden Nachrichten zu mehreren Kirchspielen – Adsel (Gaujiena), Smilten (Smiltene), Ronneburg und selbst Wenden, wo sich die Residenz des katholischen Bischofs befand –, waren die katholischen Geistlichen ohne Arbeit20. Waren zu jener Zeit die meisten Letten etwa bereits Katholiken? Der in der Literatur häufig besonders gelobte jesuitische Priester Tolgsdorf, der in Wolmar (Valmiera) diente, klagte in einem Brief 1582, dass allein die Neugierigen seine Gottesdienste besucht und die katholische Predigt ausgelacht und beschimpft hätten21. Vier Jahre später war der Jesuit wegen der Sinnlosigkeit seiner Arbeit in Wolmar schon so deprimiert, dass er bereit war, das kleine Städtchen zu verlassen und nach Riga zu ziehen22. Auch die Kirchenvisitation aus dem Jahre 1613 zeigt uns keine Verbesserung der Situation23. Außerhalb Rigas gab es nur noch sieben lutherische ———————————— 19

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Vgl. Gerhard KLEEBERG, Die polnische Gegenreformation in Livland, Leipzig 1931, S. 45. Ebenda, S. 54. Ebenda, S. 57. Ebenda, S. 58. Ebenda, S. 56.

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Kirchengemeinden, doch die Zahl der katholischen war nicht tröstlicher – es waren zwölf. Also hat auch Schenking keine Verbesserung erreichen können. Er selbst beschrieb die Situation zwischen 1601 und 1610 gemäß der Wiedergabe bei Titus Christani mit folgenden Worten: Die Altäre sind zerstört, die Kirchen verbrannt und aller Ornamente und Kirchengeräthe beraubt und mit Leichen von Häretikern und Katholiken angefüllt. Priester, die im katholischen Glauben unterrichten und ihre Amtspflicht erfüllen könnten, wären wenige, bloß die Jesuiten hätten trotz der Last des Tages auf ihrem Platze ausgehalten24.

Die Mönche aus dem Jesuitenorden begannen ihre Tätigkeit in Livland um 1582/83; dank der Protektion Stephan Báthorys gelangten sie nach Riga und Dorpat. Doch manchmal mussten sie auch ihre Arbeit unterbrechen: die Kalenderunruhen in Riga, der Einmarsch Karls von Södermanland (des späteren Königs Karl IX. von Schweden) in Dorpat 1601 – das waren Ereignisse, welche die Arbeit der Kollegien für einige Zeit zum Stillstand brachten. Diese Unterbrechungen haben den Jesuiten nur geschadet. Das Beispiel Dorpats ist in dieser Hinsicht sehr typisch. Karl IX. hatte 1601 bei seinem Einzug in die Stadt sieben Jesuiten verhaften lassen. Im Jahre 1603, als die Stadt wieder polnisch war, wurde das Kollegium mit neuen Mönchen wieder aufgebaut, die zuvor nie dort gewesen waren und weder über entsprechende Erfahrung noch über estnische Sprachkenntnisse verfügten. Das Letztere – die Sprachkenntnis (Lettisch und Estnisch) – war sehr wichtig, und man kann behaupten, dass die Jesuiten hier nie Erfolge erzielt haben. In Dopat konnten 1597 von 17 Jesuiten nur drei etwas Estnisch, doch nur einer „in erforderlichem Grade“25. Ähnlich war die Situation auch in anderen Jahren, ebenso in Riga. Doch muss eine Frage gestellt werden – war es eigentlich das Ziel der Jesuiten, die lettische bzw. estnische Sprache zu lernen, um dann die Letten und Esten zu bekehren? Sehr wichtig sind meiner Meinung nach die Visionen des berühmten Jesuiten Possevino aus dem Jahre 1582, als er während seiner Rückreise aus Moskau in den Westen in Riga weilte: Er träumte von Riga als einem Zentrum, von dem aus die katholische Kirche ihre Aktivitäten weiter nach Osten und Norden, also nach Russland sowie Schweden und Finnland, entfalten könne26. Dass dies nicht nur Träume waren, zeigen einige Tatsachen. Zuerst wurden aus dem bislang am weitesten im Osten gelegenen Stützpunkt der ———————————— 24 25 26

Titus CHRISTIANI, Uebersicht der Gegenreformation in Dorpat, Dorpat 1883, S. 18. Ebenda, S. 10. HELK, Die Jesuiten in Dorpat (wie Anm. 12), S. 13.

Das Scheitern der Gegenreformation

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Jesuiten, Braunsberg, vier russische Jünglinge nach Livland geschickt27. Wozu wurden Russen nach Livland geschickt? Um sie für die Mission in Russland vorzubereiten. Für dieses außenpolitische Ziel der römischkatholischen Kirche spricht auch die Position Possevinos während des Streits um die Einrichtung eines Seminars. Auch wenn die Mehrheit für Dorpat war, verteidigte er entschieden den Standort Braunsberg, mit dem Argument, Danzig sei nicht weit entfernt – mit einem Hafen, der sehr wichtig war für Missionsreisen über die Ostsee nach Schweden bzw. Finnland28. Gleichzeitig kümmerte er sich stets um Russen als Schüler in Dorpat29. Interessant ist auch, dass derselbe Possevino sich viel intensiver um Dorpat bemühte als um Riga. Als Resümee passt hier sehr gut der folgende Satz von Vello Helk: „Für Possevino war Dorpat ein sehr wichtiger Stein im großen Spiel um Nord- und Osteuropa“30 – Osteuropa nicht im Sinne Livlands und Estlands, sondern Russlands. Gab es für die Jesuiten noch eine andere Zielgruppe? Ja: die Katholiken selbst – in erster Linie das polnische Militär. Die Kriegs- und Nachkriegszeit wirkten sich auf das Verhalten und die seelische Verfassung nicht nur der lokalen Bevölkerung Livlands, sondern auch auf die der Angehörigen der Besatzungsmacht aus. Sitte und Moral unter den polnischen Soldaten und Offizieren sanken sehr tief, es hieß, mehrere Konkubinen für einen Mann seien keine Seltenheit gewesen, und viele der Soldaten hätten jahrelang nicht gebeichtet31. Eine sehr wichtige Aufgabe für die katholische Kirche und insbesondere die Jesuiten war daher die Verbesserung bzw. Erneuerung des christlichen Glaubens unter den Polen in Livland – und dazu dienten nicht zuletzt die Kollegien in Riga und Dorpat. Die reale Bedeutung der Jesuiten wird zumeist überschätzt. Erstens lässt sich leicht erkennen, dass die beiden Kollegien in Riga und Dorpat stets mit einem erheblichen Mangel an Mitarbeitern zu kämpfen hatten. Der größte Teil der Brüder – jeweils vier bis sechs Männer – war ständig am Sitz des Kollegiums selbst beschäftigt. Als katholische Missionare konnten in der Regel nur zwei, zuweilen vielleicht vier Brüder außerhalb der Kollegien arbeiten. Dabei erzielten diese vielleicht zwei Missionarspaare keinen großen Erfolg bei den Einheimischen auf dem Lande. In Helks Worten: ———————————— 27 28 29 30 31

Ebenda, S. 12. Ebenda, S. 54. Ebenda, S. 61. Ebenda, S. 75. Ebenda, S. 32 f.

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Die Jesuiten berichten auch, dass die Landbevölkerung ausserstande sei, zwischen den protestantischen und den katholischen, oder wie sie sagten, römischen Priestern zu unterscheiden. Sie warten deshalb darauf, ob der Priester das Ave Maria mit ihnen beten oder Wasser und Salz segnen würde. Wenn er das tat, seien sie dankbar, wenn nicht, gingen sie grollend fort und schrien ‚kurrat, kurrat‘ (Teufel, Teufel)32. Leider wissen wir nur von einzelnen Missionsreisen von Jesuiten zu Landgemeinden in Livland – 1594 nach Lemsal (Limbaži), 1597 und 1606 nach Rositten (Rēzekne) – und keiner der Einheimischen konnte sich an den vorherigen Besuch der Jesuitenmönche von vor neun Jahren erinnern33. Ein kurzer Blick in die Statistik der Jesuiten bestätigt diese Zweifel34. Zwischen 1585 und 1614 gab es nach Angaben der Jesuiten selbst 1 119 Wiederbekehrte. Die meisten wiederbekehrten „Ketzer“ waren Lutheraner, nur in einem Fall, im Jahre 1607, ging es um 16 Kalvinisten35. Die „Schismatiker“ waren die orthodoxen Russen, und deren gab es 69 Wiederbekehrte. Kleeberg wiederum berichtete nur von 43 Übertritten zum Katholizismus aus der lutherischen Kirche und 29 aus der orthodoxen36, was uns die Ergebnisse der Gegenreformation in Livland als noch viel pessimistischer darstellt. Daneben muss man auch die physischen Kräfte der Jesuiten in Betracht ziehen. Es waren nicht immer Männer von starker Gesundheit, geeignet für das ziemlich raue livländische Klima. Die meisten kamen aus Süddeutschland, einige auch aus Italien. Kälte und Nässe waren nur allzu oft schuld an Krankheiten und auch an Todesfällen unter ihnen. Stephan Báthorys Tod 1586 bedeutete auch das Ende von Possevinos Plänen für eine Nordmission. Gleichzeitig kann man beobachten, dass die Kollegien schon recht bald viel von ihren ohnehin schwachen Kräften verloren. Der nächste polnische König Sigismund III. Vasa indes hat sich ernsthaft mit der Gegenreformation beschäftigt. Zwei Daten sind in diesem Zusammenhang von besonderer Wichtigkeit: der 1. Dezember 1612 – an diesem Tag unterzeichnete er ein Mandat, welches ein ausdrückliches Verbot der lutherischen Predigt für die einheimische Landbevölkerung enthielt –, und ———————————— 32 33

34 35 36

Ebenda, S. 42 f. Die Jahresberichte der Gesellschaft Jesu über ihre Wirksamkeit in Riga und Dorpat. 1583–1614, hg. v. Eduard KURTZ, Riga 1925, S. 182. Ebenda. Ebenda, S. 190. KLEEBERG, Die polnische Gegenreformation (wie Anm. 19), S. 108.

Das Scheitern der Gegenreformation

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der 28. Februar 1614, als ein noch strengerer Befehl des Königs erging, dass kein evangelischer Geistlicher den Letten und Esten predigen und die Sakramente reichen dürfe, zugleich aber auch überall der gregorianische Kalender eingeführt werden solle. Doch auch Sigismund hatte keinen Erfolg in Livland, denn noch 1616 war in Dorpat der römische bzw. Julianische Kalender in Gebrauch. Dieser kurze Überblick zeigt somit recht deutlich, dass die Gegenreformation in Livland den Historikern noch sehr viele Fragen aufgibt, auf die uns die Antworten noch fehlen.

Lea Kõiv

Reval und die Kirchenpolitik Schwedens Einleitung Die Entwicklung des estnischen Gebietes unter der Herrschaft des Königreichs Schweden – Nordestland mit Reval (Tallinn) 1561–1710, Südestland 1625 (1629)–1710, Ösel 1645–1710 – wurde im Großen und Ganzen durch zwei Umstände bestimmt. Einerseits war ausschlaggebend, dass diese Periode mit der schwedischen Großmachtzeit zusammenfiel, als sich der innenpolitische Schwerpunkt des Staates auf die Stärkung der Königsmacht und der staatlichen Einheit richtete. Von diesem Grundprinzip ausgehend, suchte Stockholm die Ostseeprovinzen möglichst fest mit der schwedischen Krone zu verbinden und die Gesellschaftsordnung der Provinzen mit der von Schweden zu vereinheitlichen. Andererseits war bestimmend, dass die Gesellschaftsordnung in den Ostseeprovinzen sich von der im schwedischen Mutterland wesentlich unterschied und die politisch führenden Korporationen der Provinzen – Adel und Stadträte – den Vereinheitlichungsbemühungen des Staates mit dem Versuch begegneten, die in Jahrhunderten herausgebildete Gesellschaftsordnung zu bewahren1. ———————————— 1

Über die Provinzialpolitik Schwedens und die unterschiedlichen Etappen dieser Politik auf estnischem Gebiet siehe Berndt FEDERLEY, Kunglig Majestät, Svenska Kronan och Furstendömet Estland 1592–1600 [Königliche Majestät, schwedische Krone und das Fürstentum Estland 1592–1600], Helsingfors 1946 (Societas Scientarium Fennica. Commentationes Humanarum Litterarum XIV.1); DERS., Konung, Ståthållare och Korporationen: Studier i Estlands förvaltning 1581–1600 [König, Statthalter und Korporationen: Studien zur Verwaltung Estlands 1581–1600], Helsinki-Helsingfors 1962 (Societas Scientiarum Fennica. Commentationes Humanarum Litterarum XXX.I); Torbjörn ENG, Riksbegreppet Sverige: Inrikes och utrikes områden 1561–1721 sedda utifrån statsrättliga akter [Der Staatsbegriff Schweden: In den in- und ausländischen Gebieten 1561–1721 ausgehend von staatsrechtlichen Akten], in: Stat – kyrka – sammhälle. Den stormaktstida samhällsordningen i Sverige och Östersjöprovinserna, hg. v. Torkel JANSSON / Torbjörn ENG, Stockholm 2000 (Acta Universitatis Stockholmiensis. Studia Baltica Stockholmiensia 21), S. 331–424; Aleksander LOIT, Läänemere provintside riigiõiguslik asend Rootsi suurriigis [Die staatsrechtliche Stellung der Ostseeprovinzen im schwedischen Großstaat] 1561–1710 (1721), in: Läänemere provintside arenguperspektiivid Rootsi suurriigis 16./17. sajandil II, hg. v. Enn KÜNG, Tartu 2002 (Eesti Ajalooarhiivi Toimetised 8 [15]),

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Die Bestrebungen des schwedischen Staates, die Macht des Königs und die staatliche Einheit zu stärken, sind unmittelbar mit der infolge der Reformation einsetzenden Spaltung der westlichen Christenheit in unterschiedliche Konfessionen und dem gleichzeitigen Prozess der Bildung konfessionell einheitlicher Territorialstaaten verbunden. Dem Zweck, die staatliche Einheit zu stärken, diente auch die Kirchenpolitik Schwedens, die die religiöse und kirchliche Einheit in allen Teilen des Staates anstrebte2. Im Vergleich zur deutschen protestantischen Kirche wies die schwedische Kirche spezifische Unterschiede auf. Erstens war die Position des Protestantismus in Schweden bekanntermaßen bis zum Konzil von Uppsala 1593 nicht

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S. 7–26; DERS., Eestimaa ja Liivimaa. Kaks Läänemere provintsi Rootsi suurriigis 17. sajandil [Estland und Livland. Zwei Ostseeprovinzen im schwedischen Großstaat im 17. Jh.], in: Läänemere provintside arenguperspektiivid III, hg. v. Enn KÜNG, Tartu 2009 (Eesti Ajalooarhiivi Toimetised 17 [24]), S. 7–40; Ralph TUCHTENHAGEN, Zentralstaat und Provinz im frühneuzeitlichen Nordosteuropa, Wiesbaden 2008 (Veröffentlichungen des Nordost-Instituts 5). Zur Kirchenpolitik Schwedens in den Ostseeprovinzen siehe Aleksander LOIT, Reformation und Konfessionalisierung in den ländlichen Gebieten der baltischen Lande von ca. 1500 bis zum Ende der schwedischen Herrschaft, in: Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland, Kurland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721, Teil I, hg. v. Matthias ASCHE / Werner BUCHHOLZ / Anton SCHINDLING, Münster 2009 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 69), S. 49–216; Andres ANDRESEN, Church and State in the Northern Baltic Region: The Transformation of Lutheran Church Governance in Estland 1561–1743, in: Communities in European History. Representations, Jurisdictions, Conflicts, hg. v. Juan PAN-MONTOJO / Frederik PEDERSEN, Pisa 2007, S. 225–238; DERS., Eestimaa kirikukorraldus [Estländische Kirchenverfassung] 1710–1832, Tartu 2008; DERS., Luterlik territoriaalkirik ja poliitiline võim: kirikukorralduse struktuurimuutused Eestimaal [Lutherische Territorialkirche und politische Macht: Die Strukturveränderungen in der Kirchenverfassung in Estland] 1561–1766, in: Läänemere provintside arenguperspektiivid III (wie Anm. 1), S. 54–79. Die gründlichste Übersicht bieten immer noch die Monografien von Alvin ISBERG, Livlands kyrkostyrelse 1622– 1695: reformsträvanden, åsiktsbrytningar och kompetenstvister i teori och praxis [Livlands Kirchenführung 1622–1695: Reformbewegungen, Anschauungs- und Kompetenzstreiten in Theorie und Praxis], Uppsala 1968 (Acta Universitatis Upsaliensis. Studia HistoricoEcclesiastica Upsaliensia 12); DERS., Kyrkoförvaltningsproblem i Estland 1561–1700 [Kirchenverwaltungsproblem in Estland 1561–1700], Uppsala 1970 (Acta Universitatis Upsaliensis. Studia Historico-Ecclesiastica Upsaliensia 16); DERS, Ösels kyrkoförvaltning 1645–1710. Kompetenstvister och meningsmotsättningar rörande funktionssättet [Ösels Kirchenverwaltung 1645–1710. Die Kompetenzstreiten und Meinungsgegensätze hinsichtlich der Funktionen], Uppsala 1974 (Acta Universitatis Upsaliensis. Studia HistoricoEcclesiastica Upsaliensia 24).

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unantastbar3. Die Kontinuität mit der katholischen Zeit spiegelte sich auch in der ersten schwedischen Kirchenordnung (1571) wider, welche die starke Position der Bischofsinstitution und die einflussreiche Stellung des geistlichen Standes in der Gesellschaft im Allgemeinen gewährleistete. Zweitens gab es in Schweden keine zentrale Kirchenverwaltung. Die wiederholten Versuche der Könige und Vormundschaftsregierungen im 17. Jahrhundert, nach deutschem Muster eine neue, für alle Teile des Staates einheitliche Kirchenordnung zu verfassen, eine aus weltlichen und geistlichen Mitgliedern bestehende zentrale Kirchenverwaltungsinstitution zu gründen und die Kirche der Macht des Königs unterzuordnen, scheiterten am Widerstand der Bischöfe und des geistlichen Standes. Das für den ganzen Staat gültige Kirchengesetz wurde erst 1686 vom absolutistischen König Karl XI. verabschiedet, der mit dem geistlichen Stand keinen Kompromiss suchte. Damit erhielt die lutherische Kirche in Schweden ihre erste systematische Sammlung von kirchlichen Rechtsordnungen4. Im nördlichen Teil Estlands (künftig „Estland“5), das von den estnischen Gebieten am frühesten (1561) unter die schwedische Krone gefallen war, hatte sich das Kirchenwesen seit den 1520er Jahren unter dem Einfluss des deutschen Protestantismus entwickelt. Zu Beginn der schwedischen Herrschaft befand sich aber das dortige Kirchenwesen im Allgemeinen in einer Lage, in der „die katholische Kirche nicht mehr und die lutherische noch nicht existierte“6. Es hatte sich keine einheitliche lutherische Kirche herausgebildet, und es befanden sich mehrere Kirchenordnungen nebeneinander in Gebrauch. Noch in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts stand das ———————————— 3

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Das Konzil von Uppsala erklärte das Luthertum auf der Grundlage des Augsburger Glaubensbekenntnisses in der unveränderten Form von 1530 zur Staatsreligion in Schweden. Durch das „Religionsplakat“ 1663 wurde auch das Konkordienbuch anerkannt; durch das Kirchengesetz von 1686 wurde das Konkordienbuch schließlich offiziell verbindlich. Sven KJÖLLERSTRÖM, Kyrkolagsproblemet i Sverige 1571–1682 [Das Problem des Kirchengesetzes in Schweden 1571–1682], Stockholm 1944 (Samlingar och studier till svenska kyrkans historia 11), S. 46–50; Ingun MONTGOMERY, Enhetskyrkans tid [Die Zeit der Einheitskirche], Stockholm 2002 (Sveriges kyrkohistoria 4), S. 131, 142. MONTGOMERY, Enhetskyrkans tid (wie Anm. 3), darin der von Göran INGER verfasste Abschnitt „Kyrkolagstiftningen under 1600-talet“ [Kirchengesetzgebung im 17. Jahrhundert]), S. 204–213; ENG, Riksbegreppet (wie Anm. 1), S. 392–397; KJÖLLERSTRÖM, Kyrkolagsproblemet (wie Anm. 3). Die neue Provinz wurde 1584 administrativ als ein Gouvernement konstituiert. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie „Herzogtum Estland“ (auch „Fürstentum“) genannt (die erste bekannte Erwähnung stammt aus dem Jahre 1596). Leonid ARBUSOW, Die Einführung der Reformation in Liv-, Est- und Kurland, Leipzig, Riga 1919, S. 824.

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Kirchenleben in den Landgemeinden unter der Kontrolle des landbesitzenden Adels. Die Landbevölkerung war nicht nur vom Luthertum weit entfernt, sondern von der christlichen Religion im Allgemeinen7. Der Umgestaltungsprozess der Kirche in Estland gemäß den Zielen der Innenpolitik des schwedischen Königreichs bedeutete zugleich den Aufbau der Kirchenverwaltung und die Festigung der Einheit religiöser Auffassungen der Bevölkerung im protestantischen Geiste8. Der Aufbau des Kirchenregiments in den Landgemeinden musste in der Tat aus dem Nichts begonnen werden, und zur Einrichtung eines Netzes kirchlicher Strukturen gelangte man erst am Ende der 1630er und zu Beginn der 1640er Jahre9. Noch mühsamer war es aber auf der Ebene des Kirchenlebens, in der es um die Schaffung einheitlicher religiöser Auffassungen in der Gesellschaft, d.h. die religiöse Erziehung bzw. Umerziehung der Menschen ging. Im Vergleich zum Zustand des Kirchenwesens in den Landgemeinden Estlands war die Situation in Reval völlig anders. Im Zuge der Reformation hatte der Revaler Rat die Stelle des höchsten lutherischen Geistlichen der Stadt, des Oberpastors, eingerichtet, aus welcher sich später die Institution des städtischen Superintendenten entwickelte. Während der Superintendent für die Glaubensfragen zuständig war, regelte der Stadtrat die mit der Verwaltung der Kirchengüter, der Bestätigung von Geistlichen im Amt und deren Besoldung verbundenen Fragen10. In der zweiten Hälfte des 16. Jahr———————————— 7

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Siehe z.B. die Übersichten von LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 68–77; August WESTRÉN-DOLL, Die schwedische Zeit in Estland und Livland, in: Baltische Kirchengeschichte, hg. v. Reinhard WITTRAM, Göttingen 1956, S. 87–109, hier S. 87–95; Gustav Oscar Friedrich WESTLING, Estlands kyrka [Die estnische Kirche] 1571–1644, in: Kyrkohistorisk Årsskrift 21 (1920/21), S. 185–229; Sulev VAHTRE, Kirik, aadel ja talurahvas Eestimaal XVI sajandi lõpul [Kirche, Adel und Bauer in Estland am Ende des 16. Jahrhunderts], in: Religiooni ja ateismi ajaloost Eestis, hg. v. Jüri KIVIMÄE, Tallinn 1987, S. 92–12. Über das Verhältnis der Esten zur lutherischen Kirche während der schwedischen Zeit vgl. u.a. Johan KÖPP, Kirik ja rahvas. Sugemeid eesti rahva vaimse palge kujunemise teelt [Die Kirche und das Volk. Beiträge zum geistigen Werdegang des estnischen Volkes], Lund 1959, S. 22–36. Siehe LOIT, Läänemere provintside riigiõiguslik asend (wie Anm. 1), S. 21. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem i Estland (wie Anm. 2), S. 95–129. Über die Entwicklung der Reformation in Reval und des Revaler Kirchenwesens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts siehe zuletzt Tiina KALA, Kirikuelu ümberkorraldamine Tallinnas 1520. aastatel ning selle majanduslikud ja sotsiaalsed tagamaad [Die Umgestaltung des Kirchenlebens in Reval in den 1520er Jahren und deren wirtschaftliche und soziale Hintergründe], in: Tuna 2007, Nr. 3, S. 10–26; Alfred RITSCHER, Reval an der Schwelle zur Neuzeit, Teil I. Vom Vorabend der Reformation bis zum Tode Wolters von Plettenberg (1510–1535), Bonn 1998, S. 109–135; Teil II. Vom Tode Wolters von Plet-

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hunderts wurden vom Rat mehrere das städtische Kirchenwesen ordnende Beschlüsse und Bestimmungen verabschiedet11. Am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden dem Revaler Kirchenwesen feste rechtliche Grundlagen geschaffen: Es wurde ein sogenannter Gotteskasten für kirchliche Zwecke und Armenfürsorge gegründet und eine eigene Kirchensowie Konsistorialordnung verfasst, welche die in Reval im Laufe des Reformationsjahrhunderts ausgebildeten Handlungsweisen fixierten. Die zentrale Institution (gleichzeitig das Kirchengericht) der Kirchenregierung war das Konsistorium, das aus Vertretern des Rats und städtischen Geistlichen bestand, dessen Vorsteher einer von den Bürgermeistern war, während der Superintendent als stellvertretender Vorsitzender fungierte12. Also entsprach das Kirchensystem Revals dem in deutschen lutherischen Städten üblichen Territorialkirchensystem13. Vor dem Hintergrund des Zustandes in estländischen Landgemeinden hätte die Kirche in Reval dem schwedischen Staat keine Sorgen bereiten müssen: Die städtische Kirchenordnung verkündete Treue zur Augsburgischen Konfession14, das Kirchenleben wurde vom Rat stabil verwaltet, und die schärfsten Probleme in den Landgemeinden (Mangel an Gemeindegeistlichen, der Zustand der Kirchengebäude, eklektische religiöse Anschauungen der estnischen Bevölkerung) waren in Reval nicht akut. Vor dem oben beschriebenen Hintergrund betrachte ich im Folgenden, wie sich die Ambitionen der schwedischen Kirchenpolitik hinsichtlich Revals äußerten und wie die Stadt diesen begegnete. Gute Anhalts- und Ausgangspunkte für die Untersuchung dieses Themas bietet die Darstellung von ————————————

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tenberg bis zum Untergang des Deutschen Ordens in Livland (1535–1561), Bonn 2001, S. 86–89. Tallinna Linnaarhiiv (Revaler Stadtarchiv, künftig TLA), Bestand 1346 (Stadtkonsistorium 1549–1890), Verzeichnis 1, Nr. 1 (Protokollbuch, 1549–1857), Bl. 7 ff.; Justus Nicolaus RIPKE, Beschlüsse des Revalschen Stadt-Ministerii in Bezug auf Kirchenamtliche Angelegenheiten im XVI. und XVII. Jahrhundert, in: Das Inland 1859, Nr. 7, Sp. 105–114. TLA, 230 (Das Archiv des Revaler Magistrats), Verz. 1, Nr. Aa 115 (Kirchenordnung, undatiert, ca. 1608); Die Quellen des Revaler Stadtrechts, Bd. 1, Lief. 2., hg. v. Friedrich Georg von BUNGE, Dorpat 1843, S. 268–279 (Consistorialordnung, aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts); Die Quellen des Revaler Stadtrechts, Bd. 1, Lief. 3., hg. von DEMS., Dorpat 1844, S. 339–348 (Gotteskastenordnung, 1599). ANDRESEN, Eestimaa kirikukorraldus (wie Anm. 2), S. 65 f. Die Domkirche, die sich im Verwaltungszentrum der Provinz Estland, auf dem Domberg in Reval, befand, war nicht der städtischen Kirchenverwaltung unterstellt, sondern gehörte zu den nordestnischen Landgemeinden. TLA, 230, Verz. 1, Nr. Aa 115, Bl. 4.

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Alvin Isberg über die Entwicklung der Kirchenverwaltung in Estland während der schwedischen Zeit15. Während Isberg sich vor allem auf die estländische Kirchenorganisation als Ganze konzentriert und sein Überblick auf den Quellen des Schwedischen Reichsarchivs basiert, werde ich meinerseits versuchen, die Beziehungen zwischen dem Staat und der Stadt in kirchlichen Fragen auf Reval zentriert zu beobachten und den bisherigen Wissensstand aufgrund der in Tallinn erhaltenen Quellen und neuerer Forschungsergebnisse zu systematisieren und zu vervollständigen.

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ISBERG, Kyrkostyrelse i Estland (wie Anm. 2). Über das Kirchenwesen Revals während der schwedischen Zeit liegen nur wenige Publikationen vor: Gotthard von HANSEN, Superintendent Sagittarius. Ein revalsches Sittenbild aus dem Ende des 16. Jh., in: Beiträge zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands 3, Reval 1883, S. 249–263; Rudolf Adam WINKLER, Das Verhältnis der Stadt- und Landgeistlichkeit Estlands zueinander während der Schwedenherrschaft, in: Mitteilungen und Nachrichten für die evangelische Kirche in Rußland 65, Riga 1912, S. 397–420; Lea KÕIV, „Jumalale meelepärane seletus ehk mõnede südametunnistuse-küsimuste teoloogiline deduktsioon”: vaimulik vs ilmalik 17. sajandi Tallinnas [„Gottseelige Erklärung, oder Theologische Deduction-Schrift Etlicher fürgefallener Gewissens Fragen“: Geistliches vs. Weltliches im Reval des 17. Jahrhunderts], in: Ajalookirjutaja aeg, hg. v. Piret LOTMAN, Tallinn 2008 (Eesti Rahvusraamatukogu Toimetised 11), S. 63–90; DIES., „Uue vagaduse“ otsinguil. Andreas Sandhagen ja ortodoksne luterlus Tallinnas [Auf der Suche nach der „neuen Frömmigkeit“. Andreas Sandhagen und das orthodoxe Luthertum in Reval], in: Tuna 2013, Nr. 2, S. 16–43. Nach Abfassung des vorliegenden Artikels erschien ein Beitrag, in dem ebenfalls die kirchlichen Beziehungen zwischen Reval und dem schwedischen Reich in den Jahren 1561–1710 behandelt werden: Enn TARVEL, Kirche und Bürgerschaft in den baltischen Städten im 16. und 17. Jahrhundert, in: Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland, Kurland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721, Teil 3, hg. v. Matthias ASCHE / Werner BUCHHOLZ / Anton SCHINDLING, Münster 2011, S. 17–99, hier S. 79–89. Allgemeine Darstellungen zur Kirchengeschichte fehlen; das Kirchenwesen wird in den der Geschichte der Stadt gewidmeten Büchern beschrieben: Eugen NOTTBECK / Wilhelm NEUMANN, Geschichte und Kunstdenkmäler der Stadt Reval, Bd. 1, Die Geschichte der Stadt Reval, Reval 1904; Ernst GIERLICH, Reval 1621 bis 1645. Von der Eroberung Livlands durch Gustav Adolf bis zum Frieden von Brömsebro, Bonn 1991; Arno WEINMANN, Reval 1646 bis 1672. Vom Frieden von Brömsebro bis zum Beginn der selbständigen Regierung Karls XI., Bonn 1991; Karsten BRÜGGEMANN / Ralph TUCHTENHAGEN, Tallinn. Kleine Geschichte der Stadt, Köln / Weimar / Wien 2010. Da die Beschäftigung mit kirchlichen Themen während der Sowjetzeit nicht gewünscht war – ausgenommen höchstens Kirchenarchitektur und -kunst – gibt es in der bisher einzigen estnischsprachigen Gesamtdarstellung der Geschichte der Stadt keine Kapitel zur Kirchengeschichte. Tallinna ajalugu 1860-ndate aastateni [Geschichte Revals bis zu den 1860er Jahren], hg. v. Raimo PULLAT, Tallinn 1976.

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Die Kirche Revals und der schwedische Staat im 16. Jahrhundert Beim Übergang Revals unter die schwedische Herrschaft im Jahre 1561 bestätigte Erich XIV. die auf dem lübischen Stadtrecht beruhende Revaler Autonomie. Die entsprechende Urkunde – die Bestätigung der Privilegien – geht nicht weiter auf das städtische Kirchenwesen ein; dort steht nur allgemein geschrieben, dass die Stadt „bei der heilsamen lere desz selichmachenden gotlichen worts sollen bleibenn vnnd ruhlich erhaltenn werdenn“16. In der dem estländischen Adel von Erich erteilten Bestätigung der Privilegien aus dem gleichen Jahre 1561 steht aber etwas konkreter, „unser und der stadt superintendent zu Reual“ sei befugt, die Land- und Stadtgemeinden zu visitieren und die Pastoren anzustellen sowie zu entfernen17. Zum Superintendenten bestellte der König in demselben Jahr 1561 den Revaler Geistlichen Johannes Robertus von Geldern, dem Erich XIV. 1565 die Vollmacht des Ordinarius in Livland und Johann III. 1569 den Titel des Bischofs von Reval und Estland verlieh18. Im Falle von Johannes Robertus scheint die Forschung überwiegend der Meinung zu sein, dass er gleichzeitig sowohl ———————————— 16

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Des Königs Erich XIV. Privilegium für die Stadt Reval vom 2. August 1561, in: Die Capitulation der estländischen Ritterschaft und der Stadt Reval, hg. v. Eduard WINKELMANN, Reval 1865, S. 16 ff., hier S. 16; Original im Tallinner Stadtarchiv: TLA, 230, Verz. 1-I, Nr. 1163a. Des Königs Erich XIV. Privilegienbestätigung für die Ritterschaft vom 2. August 1561, in: Die Capitulation (wie Anm. 16), S. 11–14, hier S. 12. Erich XIV. an Klas Horn, 20.8.1561, in: Quellen zur Geschichte des Untergangs livländischer Selbstständigkeit, hg. v. Carl SCHIRREN, Bd. 8, Reval 1881, Nr. 1036, S. 49–56, hier S. 55. Den Lebenslauf von Johannes Robertus von Geldern und die Umstände seiner Ernennung zum Superintendenten stellte präzisierend dar Gustav Oscar Fredrik WESTLING, Einige Mitteilungen über die Bischöfe und Superintendenten in Estland 1561– 1710, in: Sitzungsberichte der Gelehrten Estnischen Gesellschaft 1926, Dorpat 1927, S. 140–151, hier S. 140 f.; siehe auch ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 20; Sulev VAHTRE, Kirik, aadel ja talurahvas (wie Anm. 7), S. 92–123, hier S. 95 f.; Jüri KIVIMÄE, Teateid senitundmatu eestikeelse katekismuse kohta Liivi sõja ajast [Nachrichten über einen unbekannten estnischen Katechismus aus der Zeit des Livländischen Krieges], in: Keel ja Kirjandus 1993, Nr. 7, S. 288–397, hier S. 392–395. Die Behauptung von Titus Christiani, Reval habe erst aufgrund des Privilegs Erichs XIV. eine eigene Superintendentur geschaffen und die Kurländische Kirchenordnung (1572) angenommen, ist unbegründet. Titus CHRISTIANI, Bischof Dr. Johannes Rudbeckius und die erste estländische Provinzialsynode, in: Baltische Monatsschrift 34 (1887), S. 549–587, 637–668, hier S. 555. Auch KIVIMÄE (S. 392) nennt Robertus den „ersten Revaler Superintendenten“. Bekanntlich war der erste Superintendent Revals jedoch Nicolaus Glossenus (Amtszeit 1533–1539). RITSCHER, Reval, I. (wie Anm. 10), S. 127 f.

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Superintendent Revals als auch Estlands wurde. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass Robertus schon Superintendent war, bevor die Stadt unter schwedische Herrschaft fiel19, dass also der König bei der Organisierung des kirchlichen Lebens in den nordestnischen Landgemeinden die Gelegenheit, sich auf die starke Kirchenregierung Revals zu stützen, genutzt und nur die Vollmacht von Robertus erweitert hat. Es scheint ebenfalls unwahrscheinlich, dass der Revaler Rat – wenn man bedenkt, wie genau man in Reval auf die städtische Autonomie achtete –, die Ernennung des Superintendenten für die Stadt Reval durch den Landesherrn ohne weiteres akzeptiert hätte, besonders im Hinblick darauf, dass dieser bis dahin vom Rat selbst ernannt worden war20. Trotz der Tatsache, dass sowohl Reval als auch die übrige estländische Kirche unter die Obhut eines einzigen, vom König ernannten höheren Geistlichen gehörten und dass durch den Superintendenten Robertus eine formale „Direktverbindung“ zwischen der städtischen Kirche und den Landgemeinden entstand, scheint der Staat sich in die inneren Angelegenheiten der Revaler Kirche nicht eingemischt zu haben. Auch die weiteren Herrscher des 16. Jahrhunderts haben die während der Regierungszeit Erichs XIV. herausgebildete Festlegung über die Einheit der Kirchenorganisation Estlands durch ihre Privilegienbestätigungen für Reval anerkannt21. Dennoch haben die Könige nach dem Tod von Robertus (1572) elf Jahre lang keinen neuen Bischof an seiner Stelle ernannt, weshalb auch die Tätigkeit des Staates auf dem Territorium der estländischen Kirche einschlief. Interessanterweise ließ auch der Revaler Rat nach dem Tod von Robertus die Stelle des Superintendenten über längere Zeit unbesetzt22. Das bedeutete ———————————— 19 20

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KIVIMÄE, Teateid senitundmatu eestikeelse katekismuse kohta (wie Anm. 18), S. 394. Der Rat behauptete später, dass sich Robertus als vom König ernannter Superintendent nicht in das Revaler kirchliche Leben eingemischt habe: Corpus privilegiorum et resolutionum regiarum juriumque civitatis Revaliensis (1668), in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Aa 110, Bl. 528. Diese Behauptung war durch die Absicht bedingt, die Unabhängigkeit der Revaler Kirchenverwaltung vom königlicherseits ernannten Leiter der estländischen Kirchenprovinz zu bekräftigen. Die Eintragungen im Protokollbuch des Stadtministeriums (vom 4.9. und vom 4.2.1563) und in den Konsistorialakten spiegeln jedoch die Teilnahme von Robertus am städtischen Kirchenleben wider: TLA, 1346, Verz. 1, Nr. 1, Bl. 16v, 19v; TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 35, Bl. 57v, undatiert. Bestätigungsurkunden von 1570 (Johan III.), 1594 (Sigismund III.) und 1600 (Karl IX.). Siehe ISBERG Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 21; Originale der Urkunden in: TLA, 230, Verz. 1-1, Nr. 1171a, 1187a, 1189a. Der Rat bestellte den neuen Superintendenten erst 1595, also 23 Jahre nach dem Tod von Johannes Robertus. HANSEN, Superintendent Sagittarius (wie Anm. 15), S. 249. Die

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aber, dass das Revaler Kirchenleben immer mehr von der weltlichen Obrigkeit, dem Rat, dominiert wurde23. Die Unabhängigkeit der Revaler Kirche und der vergrößerte Einfluss des Rates auf das Kirchenwesen scheinen die Staatsgewalt im 16. Jahrhundert nicht gestört zu haben. Wegen der andauernden Kriege konnte sich der Staat eigentlich auch erst seit den 1580er Jahren, nach dem Frieden mit Russland, mit den kirchlichen Fragen der Überseeprovinzen systematischer beschäftigen24. Ein weiterer Grund für die langjährige Vakanz auf dem estländischen Bischofssitz und die daraus folgende schwache Verbindung zwischen dem Staat und dem estländischen Kirchenwesen war die Kirchenpolitik Johanns III. Der zum Katholizismus tendierende König zögerte in der Hoffnung auf eine kirchliche Wiedervereinigung mit Rom auch mit der Ernennung neuer Bischöfe. Erst 1583 wurden in Uppsala vier Bischöfe in ihr Amt eingeführt. Einer von ihnen war der „Revaler Bischof und Administrator von Hapsal“ Christian Agricola. Die Agricola für seine Amtsführung gegebenen „Instruktionen“ und die „Ordnung“, die seine Aufgaben bei der Regelung des estländischen Kirchengebiets behandelten, sahen die Beschäftigung mit der Revaler Kirche nicht vor. Soweit bekannt, hat Agricola während seiner kurzen Amtszeit dem Sonderstatus der Revaler Kirche und dem städtisches Kirchenwesen im Allgemeinen aus eigener Initiative keine Aufmerksamkeit geschenkt25. Die Visitation der Revaler Kirchen gehörte auch nicht zum Aufgabenbereich des Geistlichen David Dubberch, der nach Agricolas Tode 1586 vom König zur Visitation der nord- und westestnischen Gemeinden ermächtigt wurde26. In seinem „Visitationsbuch“ hielt Dubberch es für notwendig, auf die Ausnahmestellung der Revaler Kirche konkret hinzuweisen. Dort heißt ————————————

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Meinung von TARVEL, Kirche und Bürgerschaft (wie Anm. 15), S. 82, der Streit des Rates mit dem Superintendenten Gerhard Sagittarius, der im Jahr 1597 ausbrach, habe den Beginn des Kampfes um das städtische Kirchenregiment zwischen dem Rat und der estländischen Landeskirche bedeutet, ist irrig. Sagittarius als der vom Rat bestellte städtische Kirchenbeamte vertrat nicht die Landeskirche. Dieser Konflikt erklärt sich mit dessen ambitionierter Persönlichkeit; der Superintendent griff den Rat öffentlich scharf an wegen dessen und der ganzen Stadt angeblicher Gott- und Morallosigkeit. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 47, 79. Der Waffenstillstand von 1583 wurde 1586 um drei Jahre verlängert; Anfang der 1590er Jahre fand wieder ein schwedisch-russischer Krieg statt, 1593 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, den der Friedensvertrag von Täyssinä 1595 bestätigte. Kari TARKIAINEN, Christian Agricola und die schwedische Kirchenpolitik in Estland 1583–1586, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 4 (2009), S. 58–77. Rudolf WINKLER, Der estländische Landkirchenvisitator David Dubberch und seine Zeit (1584–1603), Reval 1909; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 36–43.

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es: „Reval: Ligt in Harrien. Mit diesen Kirchen hatt der Bischoff vnd Visitator überal, nichts zu schaffen. Die Statt hatt ihre eigene Superintendenten vndt Inspectorn. Die Kirche mit dem Thum ist dem Bischoff vnterworffen“.27 Während Dubberch im Visitationsbuch immerhin nur konstatierend blieb, äußerte er später jedoch einen festen eigenen Standpunkt, ganz im Geiste der Formulierung in der Privilegienbestätigung von Erich XIV. an den estländischen Adel: „Sollen wir eines Königs und Herrn Volk sein, müssen Stadt- und Landpriester ein Korpus sein“28. Die Äußerung Dubberchs scheint durch den Konflikt bedingt gewesen zu sein, der zwischen den Revaler Geistlichen und den Landgeistlichen wegen des Textes des Treueids, dessen Ablegung von den Geistlichen gefordert wurde, entstanden war. Der Boykott des Treueids seitens der Stadtgeistlichen war vermutlich bedingt durch die Tatsache, dass im Text der Hinweis auf die Confessio Augustana fehlte. Die Einstellung zum Treueid, der gegenüber Johann III. geleistet werden sollte, hatte gleichzeitig eine tiefere Bedeutung: Die Akzeptanz des Textes ohne die Erwähnung der Confessio Augustana hätte gleichzeitig die Tolerierung der katholisch gerichteten Reformversuche Johanns III. bedeutet. Also spiegelte sich in diesem Konflikt die aktuelle theologische Kontroverse in Schweden wider, die in Estland im Allgemeinen offensichtlich nicht akut auf der Tagesordnung stand29. Ungeachtet dessen, dass die königliche Macht die Revaler Kirche prinzipiell als eine dem Staat unterworfene gesehen hat, tolerierte der Staat im 16. Jahrhundert die dominierende Position Revals gegenüber den Landgemeinden und begünstigte sie sogar. So war z.B. das Stadtkonsistorium Revals auf Initiative der Staatsmacht an der Lösung von Gerichtssachen der ländlichen kirchlichen Gemeinden beteiligt30, ebenfalls durften die Revaler Geistlichen, wie es seit der Reformation üblich gewesen war, die Pfarrer der Landge———————————— 27

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Extrakt aus dem Visitationsbuch Dubberchs, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bl. 43, Bl. 9v und TLA, 191 (Große Gilde zu Reval), Verz. 1, Nr. 266, Bl. 12. Laut ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 34, ist Dubberchs Visitationsbuch im Original nicht erhalten geblieben. Dubberch an den estländischen Gouverneur Gustav Banér, 29.6.1589, hier zit. nach WINKLER, Der estländische Landkirchenvisitator (wie Anm. 26), S. 19. Ebenda, S. 19 f.; FEDERLEY, Kunglig Majestät (wie Anm. 1), S. 129 f.; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 38, 40; Piret LOTMAN, Heinrich Stahli pastoraalne tegevus Rootsi Läänemere provintsides 17. sajandi esimesel poolel [Die pastorale Tätigkeit von Heinrich Stahl in den schwedischen Ostseeprovinzen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts], Tartu 2010 (Dissertationes theologiae Universitatis Tartuensis 20), S. 29. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 39.

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meinden ordinieren31. Zum großen Teil war diese Einstellung des schwedischen Staates durch seine geringe Eigenkapazität bei der Verwaltung des estländischen Kirchenwesens (und der Administration der Provinz im Allgemeinen) in der zweiten Hälfte des 16. und in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts bedingt, welche wiederum durch die komplizierte außenpolitische Lage Schwedens verursacht war32. Revals ius episcopale in der Sicht der Gründer der estländischen Kirchenverwaltung Die Frage der Herkunft und Begründung der von Reval ausgeübten kirchlichen Autonomie gelangte erstmals im Zusammenhang mit den die Ostseeprovinzen betreffenden Reformplänen (1626) von Gustav II. Adolf stärker ins Blickfeld des schwedischen Staates (davon ausgehend aber auch des Revaler Rates selbst). Die Reform strebte die Schaffung einer einheitlichen Kirchenorganisation und eines einheitlichen Rechtssystems an33. Während der König beschlossen hatte, eine die Reformen vorbereitende Kommission nach Estland zu schicken, beschloss der Rat nach einer längeren Vakanz die Ernennung eines neuen Superintendenten. Die vom Rat genannten Gründe – der Stadt Wohlfahrt und Privilegien geböten es, einen Superintendenten zu wählen, da man von der Gewalt des Bischofs aufgrund der Privilegien eximiert sei und diese nicht dadurch, dass man 26 Jahre keinen Superintendenten gewählt habe, eingeschränkt werden sollten34 – hinterlassen den Eindruck, dass man in Reval in den Reformversuchen des Königs eine Gefahr für die kirchliche Autonomie der Stadt erkannte. Die Vorsicht des Stadtrats war begründet. Im Jahre 1627 bestellte Gustav II. Adolf zum Aufbau der zentralen estländischen Kirchenregierungsinstitution, des Konsistoriums, und zur Visitation von Kirchengemeinden den berühmten schwedischen Bischof von Västerås Johannes Rudbeckius35. Un———————————— 31

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Vgl. ebenda, S. 54; VAHTRE, Kirik, aadel ja talurahvas (wie Anm. 18), S. 120; WINKLER, Das Verhältnis der Stadt- und Landgeistlichkeit (wie Anm. 15), S. 398. Zur schwedischen Kirchenpolitik in Estland 1561–1627 siehe auch LOTMAN, Heinrich Stahli pastoraalne tegevus (wie Anm. 29), S. 23–32. LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 100; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 59. GIERLICH, Reval 1621 bis 1645 (wie Anm. 15), S. 325 f. Fredrik WESTLING, Biskop Johannes Rudbecks visitation i Estland 1627 [Die Visitation des Bischofs Johannes Rudbeckius in Estland 1627], Hernösand 1890; CHRISTIANI, Bi-

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ter anderem hatte dieser die konkrete Aufgabe, auch das Revaler Stadtkonsistorium an das zu gründende estländische Konsistorium anzuschließen36. Von seiner Aufgabe ausgehend, hielt es Rudbeckius für unmöglich, dass sich in Reval eine innerhalb der Kirchenorganisation Estlands autonome, von der staatlichen Macht unabhängige Kirchenregierung erhalten könne. Er ging am eigentlichen Oberhaupt der Revaler Kirche, dem Rat, vorbei und wandte sich zuerst direkt an die Stadtgeistlichen, um sie über seine Ziele zu informieren. Gleichzeitig forderte er von den Stadtgeistlichen einen Treueid auf den König – Landpastoren hatten diesen bereits geleistet – sowie die Beteiligung an der von ihm zusammengerufenen Synode der Geistlichen der Provinz. Die Revaler Geistlichen erweckten zwar einerseits den Eindruck, als wären sie bereit, dem beabsichtigten estländischen Konsistorium und dem künftigen Bischof unterstellt zu sein, unternahmen aber in Wirklichkeit keine entsprechende Schritte in diese Richtung37. Das Verhalten der vom Rat abhängigen städtischen Geistlichen wurde durch den Widerstand des Rats gegenüber der Mission von Rudbeckius bestimmt38. Als Reaktion auf dessen Ankunft protestierte der Rat zunächst gegen dessen Einmischung in die Revaler kirchlichen Angelegenheiten und hinterfragte dessen Vollmacht bezüglich Revals39. Den Ernst der Lage angemessen, legte der Rat dem Bischof eine schriftliche Erklärung (Deductio) über sein ius episcopale40 – die geistliche Jurisdiktion für das städtische Gebiet – vor und präsentierte ihm als die wichtigsten Beweise für die Berechtigung der Unabhängigkeit der Revaler Kirche eine Abschrift der Urkunde des dänischen Königs Erik Menved und des Revaler Bischofs Johannes aus dem Jahre 1284 sowie die Bestätigung der Privilegien der Stadt durch Gustav II. Adolf vor. Die Urkunde von 1284 bestätigte nach Auffassung des Rats, dass ————————————

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schof Dr. Johannes Rudbeckius (wie Anm. 18); ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 66–78; LOTMAN, Heinrich Stahli pastoraalne tegevus (wie Anm. 29), S. 33– 37. Zur Instruktion für Rudbeckius siehe CHRISTIANI, Bischof Dr. Johannes Rudbeckius (wie Anm. 18), S. 566–570; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 78. Zu den Kontakten zwischen der Revaler Geistlichkeit und Rudbeckius im Juli und August 1627 siehe ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 79–83; CHRISTIANI, Bischof Dr. Johannes Rudbeckius (wie Anm. 18), S. 577; GIERLICH, Reval 1621 bis 1645 (wie Anm. 15), S. 326 f. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 79–83. Ebenda, S. 83; Revaler Rat an Rudbeckius, 7.9.1627 (Antwort auf den Brief von Rudbeckius vom 30.8.), in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bl 43, Bl. 4 f. Zum Begriff ius episcopale siehe Theologische Realenzyklopädie, Bd. 35, hg. v. Gerhard MÜLLER, Berlin 2003, S. 63 f.

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der Bischof auf Wunsch König Erichs und unter Einwilligung des Erzbischofs von Lund dem Rat die gleichen Rechte im Kirchenwesen zugesprochen habe, welche der Lübecker Rat besaß41. Damit betonte der Rat, dass die Wurzeln des ius episcopale der Stadt tief in der katholischen Zeit lägen und der schwedische Staat bezüglich dieser Zeit kein Stimmrecht habe. Rudbeckius erkannte zwar die feste Kirchenordnung Revals an, betonte aber zugleich, dass die Stadt gerade aus diesem Grund die Initiative des Staates auf kirchlichem Gebiet unterstützen und mit gutem Vorbild vorangehen sollte42. Seine Auffassung lautete, dass kein Privileg vom Gehorsam gegenüber dem König freisprechen könne und dass der Rat die städtische Kirche eigenmächtig unter seine Verwaltung gebracht habe. Er wollte Dokumente sehen, die eindeutig bewiesen, woher das Recht des Rats rühre, den Superintendenten der Stadt zu wählen und anzustellen sowie die Geistlichen der Revaler Gemeinden in ihrem Amt zu bestätigen; auch woher das Recht stamme, ein eigenes Konsistorium zu gründen, und woher der Rat die Berechtigung habe zu behaupten, er sei in katholischer Zeit vom Bischof unabhängig gewesen43. Rudbeckius verließ Reval im selben Jahr 1627, sich damit abfindend, dass der Status quo in Reval erhalten blieb. Nach dem Tode Gustav II. Adolfs 1632 brachen in Schweden die Debatten zwischen den unterschiedlichen politischen Kräften über die Organisation des Staates und der Gesellschaft aus, die zu einer Wandlung der staatlichen Innenpolitik führten. Zum Hauptideologen während der Zeit der Vormundschaftsregierung (1632–1644) für Königin Kristina wurde der Repräsentant des Hochadels und (ab 1632) Staatskanzler Axel Oxenstierna, der im Unterschied zu Gustav II. Adolf nicht für die unmittelbare Inkorporierung der Provinzen war. Umwandlungen in der Gesellschaftsordnung der Provinzen wurden nur so weit für notwendig gehalten, wie es unmittelbar im Interesse des Staates lag. Diese Richtungsänderung wurde 1634 in der schwedischen Regierungsreform, die für die Provinzen einen im Vergleich ———————————— 41

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Deductio Juris Episcopalis cum Doc. N. 1, 2, 3, 4, Anno 1627 in Commissione Dno Episcopo Arosiensi, Johanni Rudbeckio, regio Commissario & Vistitatori Ecclesiarum per Esthoniam, nomine Civitatis Revaliensis exhibita, 16.8.1627, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 35 I, Bl. 45–48v. Die inhaltlich identische Deductio in: Sveriges Riksarkivet (Schwedisches Reichsarchiv, künftig: SRA), Liv. II., vol. 32, ist auf den 13.10.1627 datiert. Vgl. auch ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 79; CHRISTIANI, Bischof Dr. Johannes Rudbeckius (wie Anm. 18), S. 578. Rudbeckius an den Revaler Rat, 30.8.1627, in: TLA, Verz. 1, Nr. BL 43, Bl. 2. GIERLICH, Reval 1621 bis 1645 (wie Anm. 15), S. 326; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 82.

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zum schwedischen Mutterland und Finnland unterschiedlichen Status vorsah, festgehalten. Für die Stände Estlands bedeutete das eine bessere Aussicht für die Wahrung ihrer bisheriger Rechte und Privilegien44. In den 1630er Jahren wurde auch über die Probleme des Aufbaus der Kirchenverwaltung in Estland debattiert. Das Ziel jedes einzelnen Beteiligten (die alle zu dieser Zeit schon fest der Meinung waren, dass das Kirchenwesen besser organisiert sein sollte) – des Staates, des estländischen Adels und der estländischen Geistlichkeit – bestand darin, möglichst große Entscheidungsrechte über das Kirchenwesen zu erlangen45. Mit dem Thema der Revaler Kirche setzte man sich nicht separat auseinander, und auch der Rat und die Geistlichen Revals blieben diesen Diskussionen fern. In diesem Kontext blieb auch die Frage der kirchlichen Selbständigkeit Revals für die Staatsmacht im Hintergrund, und im Laufe von zehn Jahren nach Rudbeckius warf der Staat die Frage nach der Selbstständigkeit der Revaler Kirche nicht auf. Die Situation änderte sich erst, als die Regierung im Jahre 1638 endlich ein neues Haupt der Kirche Estlands als Bischof „in unserer Stadt Reval und über ganz Estland“ bestellte. Im Großen und Ganzen hatte Bischof Joachim Ihering (Amtszeit 1638–1657) die gleichen Aufgaben wie Rudbeckius. Die wichtigste war die Einführung des estländischen Konsistoriums. Ähnlich wie in den Plänen von Rudbeckius, sah auch die „Instruktion“ Iherings die Integration der Revaler Kirche in die estländische Kirche vor. Unter Berücksichtigung der lehrreichen Erfahrung von Rudbeckius mit dem Revaler Rat empfahl man Ihering, diesem und den Bürgermeistern, um Kommunikationsfehlern vorzubeugen, versöhnlich und behutsam zu begegnen. Andererseits wurde der Rat ermahnt, sich Ihering gegenüber als „dem rechten Bischof und Oberhaupt der Gemeinde“ zu verhalten46. Ungeachtet aller Vorsicht seitens der Regierung gestalteten sich die Beziehungen des Bischofs zu Reval kompliziert. Der Rat reagierte auf die Mahnung, Ihering auch als Bischof über das Kirchenwesen Revals anzuerkennen, mit dem Hinweis auf die 1627 Rudbeckius vorgelegten Dokumente und Argumente. Als Ihering verlangte, der Rat solle die Dokumente über sein ius episcopale auch ihm persönlich vorlegen, erhielt er eine anmaßende Antwort: Der Bischof hätte vor der Abreise aus Stockholm im Staatsarchiv Einsicht in ———————————— 44

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LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 101 f.; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 88. Zu den Debatten über Estlands zukünftige Kirchenorganisation in den Jahren 1630–1638 siehe ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 88–94. Ebenda, S. 95 f., 98 ff.

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jene nehmen können – bestimmt seien die Rudbeckius vorgelegten Abschriften dort vorhanden47. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt war Ihering gezwungen, bei der Regierung um Unterstützung zu bitten, weil die Kooperation weder mit dem Adel noch mit dem Revaler Rat zügig vonstatten ging. Die Stellung Iherings in den Auseinandersetzungen mit Reval und dem estländischen Adel wurde u.a. durch die Tatsache erschwert, dass im Gegensatz zur neuen politischen Richtung Ihering Anhänger der unifizierenden Kirchenpolitik der Zeit von Gustav II. Adolf war. Die Beschlüsse des Staatsrats und des Reichstags aus dem Jahre 1640, worin die Probleme der estländischen Kirche aufgegriffen worden waren, bedeuteten klar einen Rückzug von dem seit Rudbeckius herrschenden Standpunkt: Man hielt es nicht mehr für notwendig, beim Aufbau der estländischen Kirche das schwedische Kirchenwesen unmittelbar zum Vorbild zu nehmen, sondern wollte dabei von den örtlichen Verhältnissen ausgehen. Ihering wurde beauftragt, eine separate Kirchenordnung für Estland zu erstellen48. Der eigenwilligen Haltung der Revaler gegenüber blieb die Staatsverwaltung zurückhaltend. Wahrscheinlich rechnete man u.a. damit, dass die zukünftige estländische Kirchenordnung auch den Status der Revaler Kirche abgrenzen sollte. Für Reval bedeuteten die Beschlüsse des Reichstags, dass das ius episcopale des Rats für einige Zeit belassen wurde. Die „Gnadenfrist“ dauerte sogar länger als erwartet, da das von Ihering 1642 fertiggestellte Projekt der estländischen Kirchenordnung niemals Geltung erlangte: In Schweden stand in den 1640er und 1650er Jahren die Erstellung einer neuen, den ganzen Staat betreffenden Kirchenordnung schon auf der Tagesordnung, und in deren Erwartung hielt man es nicht mehr für zweckmäßig, in der Provinz eine separate Kirchenordnung einzuführen49. Trotz allem gestaltete sich die Tätigkeit Iherings in Estland erfolgreich. Das von ihm zusammengerufene estländische Konsistorium blieb bestehen, und die die ganze Geistlichkeit Estlands umfassenden Synoden der Geistlichen wurden regulär; das Fehlen der Kirchenordnung wurde von Ihering durch die Herausgabe von unterschiedliche Einzelfragen regulierenden Bestimmungen und Verordnungen kompensiert50. Die bischöflichen Regulationen betrafen die Stadt Reval nicht, und ———————————— 47

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Revaler Rat an die Regierung, 10.8.1638, und Ihering an die Regierung, 1.9.1638, in: SRA, Liv. II., vol. 45 und 32; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 99 f. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 103 f. Ebenda, S. 110 ff., 115; KJÖLLERSTRÖM, Kyrkolagsproblemet (wie Anm. 3), S. 139–226. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 115–129; Fredrik WESTLING, Mittheilungen über die Kirchenverfassung in Estland zur Zeit der schwedischen Herrschaft,

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die Revaler Kirche blieb nach den Entscheidungen des Reichstags aus dem Jahre 1640 außerhalb des Tätigkeitsbereichs von Bischof Ihering51. Revals Corpus privilegiorum von 1668 Es ist bemerkt worden, dass die kirchenpolitische Aktivität des schwedischen Staates im 17. Jahrhundert bezüglich der Überseeprovinzen im Allgemeinen in der Zeit der Vormundschaftsregierungen geringer war, und während der Zeit, in der ein Monarch auf dem Thron war, sich als intensiver erwies. Die Gegensätze zwischen dem estländischen Adel und dem Staat hatten im kirchlichen Bereich während der von Gustav II. Adolf initiierten Mission von Rudbeckius in der Tat ihren Höhepunkt erreicht52. Der Konflikt Revals mit Rudbeckius war sehr ernst gewesen, doch tauchte eine reale Gefahr für die kirchliche Unabhängigkeit Revals erst in den 1660er Jahren auf, in der Zeit der Vormundschaftsregierung für König Karl XI. Während früher der unmittelbare Druck auf das ius episcopale des Rates von einzelnen staatlichen Repräsentanten (Rudbeckius, Ihering) ausging, weckten in den 1660er Jahren die Probleme in Revals eigentümlichem Kirchenleben die Aufmerksamkeit, und diesmal schon direkt in Stockholm, bei der Regierung selbst. 1662 kam es wegen der Ambitionen des Rats in der geistlichen Sphäre zu einem Konflikt zwischen dem Rat und den Geistlichen der Stadt, der auch vor die Regierung gelangte53. Außerdem entwickelte sich im selben Jahr in Reval ein theologischer Streit (Synkretismus resp. Calixtinianismus gegen orthodoxes Luthertum) zwischen dem Pastor der Domgemeinde, Justus Heinrich Olde————————————

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in: Beiträge zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands 5 (1900), S. 39–67, S. 131–190, hier S. 143 f.; WESTRÉN-DOLL, Die schwedische Zeit (wie Anm. 7), S. 95. GIERLICH, Reval 1621 bis 1645 (wie Anm. 15), S. 328. Laut TUCHTENHAGEN, Zentralstaat (wie Anm. 1), S. 210 f., war der Leiter der Kirchenprovinz Estland ab 1641 Superintendent. In der Tat blieb der 1561 von Erich XIV. zum Superintendenten ernannte Johannes Robertus der einzige Leiter der estländischen Kirche, der diese Bezeichnung trug. Seit Ihering wurde die Kirchenprovinz von Bischöfen geleitet. Ebenfalls ist die Aussage irreführend: „Auch die Geistlichkeit und das Gymnasium in Reval unterstanden als Stand und Institution der Kirche dem Superintendenten [resp. Bischof] von Reval“ (ebenda). Das Letztgesagte gilt zwar für das in der Instruktion von Bischof Ihering vorgesehene und sein eigenes ursprüngliches Vorhaben, nicht aber für die tatsächliche Lage, gemäß der in Reval nur die Pfarrer der Domkirche dem estländischen Bischof unterstellt waren und die Aufsicht über das Gymnasium zwischen dem Revaler Rat und dem Staat geteilt war. LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 99 f. Vgl. KÕIV, „Jumalale meelepärane seletus“ (wie Anm. 15).

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kop, und dem Superintendenten der Stadt, Gabriel Elvering54. Der Grund des Streites lag in der Interpretation der Erbsünde, wie Oldekop sie verstand: „Ich sage noch einmal und bleibe dabey, d[ass] die Jungen Kinder noch keine wirckliche Sünde auf sich haben“, was Elvering als „reinen Calixtinianismus“ betrachtete. Davon ausgehend, beschuldigte Elvering Oldekop weiter, dass dieser „contra […] Apologiam Augustinae Confessionis et formulam Concordiae“ lehre55. In Stockholm nahm man den Konflikt in der entfernten Provinzstadt sehr ernst, weil sich auch in Schweden insbesondere seit der Mitte des 17. Jahrhunderts aus den deutschen Ländern immer stärker verschiedene religiöse Strömungen verbreiteten. Einer der Grundpfeiler der schwedischen Staatlichkeit war die auf der Augsburgischen Konfession und (seit dem Religionsplakat 1663) dem Konkordienbuch gegründete Glaubenseinheit, von der abzuweichen verboten war56. Aufgrund der Tatsache, dass einer der Streitenden der Rechtsprechung des estländischen Konsistoriums, der andere aber der des Revaler Stadtkonsistoriums unterlag, war es unmöglich den Streit gerichtlich zu behandeln. Obwohl der Revaler Rat ———————————— 54

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Gabriel Elvering (Amtszeit 1658–1670) hatte im Zentrum des orthodoxen Luthertums Wittenberg studiert, Justus Heinrich Oldekop (Pastor an der Domkirche in Reval 1658– 1665) in Helmstedt bei Professor Georg Calixtus. Calixtus war die zentrale Figur der so genannten Synkretismus-Bewegung, die sich für die Überwindung der Gegensätze zwischen den Konfessionen einsetzte, insbesondere zwischen Katholiken und orthodoxen Lutheranern. Bengt HÄGGLUND, Geschichte der Teologie, München 1990, S. 235. Über Oldekop und Elvering siehe Liivi AARMA, Põhja-Eesti vaimulike lühielulood 1525–1885 [Kurzbiografien der Pastoren des Konsistorialbezirks Estland 1525–1885], Tallinn 2007. Johannes Saleman (Pastor zu St. Olai in Reval) im Namen des Revaler Ministeriums, 5.8.1663, in: SRA, Liv. II., vol. 35; Bischof Andreas Virginius an Regierung, August [?] 1663, in: ebenda; Elverings Kritik gegenüber Oldekops Standpunkten, im Namen des Revaler Ministeriums an Bischof Virginius, 10.8.1663, in: ebenda, vol. 32. Zum Konflikt siehe auch: Bischof Virginius an Regierung, 7.8.1663, in: ebenda, vol. 35; die Klage Oldekops über Elvering an den Revaler Rat, 25.7.663, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 8 II; Brief des Rats an Regierung, 6.11.1663, in: ebenda, Nr. Aa 156, Bl. 74 f.; Konsistorialprotokoll, o.D. 1663, in: ebenda, Nr. Bo 36 II, Bl. 87–88v, 90v, 153; Rat an Regierung, 14.4. und 21.8.1666, in: SRA, Liv. II., vol. 47. MONTGOMERY, Sveriges kyrkohistoria (wie Anm. 3), S. 117–120, 131; zum Synkretismus in Schweden siehe Sven GÖRANSSON, Ortodoxi och synkretism i Sverige 1647–1660 [Orthodoxie und Synkretismus in Schweden 1647–1660], Uppsala 1950; über den Fall Oldekop: S. 363; über den so genannten Synkretismus in Estland, u.a. Oldekops Fall, siehe auch Gustav Oscar Fredrik WESTLING, Meddelanden om luthersk ortodoxi, synkretism och pietism i Estland under det svenska väldets tid [Mitteilungen über die lutherische Orthodoxie, den Synkretismus und den Pietismus in Estland in der schwedischen Zeit], in: Kyrklig tidsskrift 1899, S. 304–315, hier S. 308–312; LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 146 f.

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den Wunsch äußerte, dass die Regierung zur Lösung des Problems entweder eine unabhängige Kommission ernennen oder Oldekop unter die Gerichtsbarkeit des Stadtkonsistoriums verweisen möge, ordnete die Regierung endlich an, dass der Konflikt durch Vermittlung des Rats und des Bischofs so beigelegt werden sollte, dass „alle weiterungen in Religions Sachen bequemester maßen“ ausgeschlossen wären57. Eine endgültige Lösung wurde erst 1668 erreicht, als die Reinheit der Ansichten Oldekops durch den ihm in Uppsala verliehenen Doktorgrad bestätigt wurde58. Wegen dieser zwei Fälle gelangte das ius episcopale des Rates akut in den Blickpunkt der Regierung59. Am 30. Juli 1662 forderte die Vormundschaftsregierung vom Revaler Rat, dieser solle „in einem Jahr bis zu Michaelis“ das Corpus privilegiorum – sämtliche Privilegien, die verschiedene Herrscher dem Revaler Rat bestätigt hatten – darunter insbesondere die Dokumente, in denen das ius episcopale bescheinigt wird, vorlegen60. Da das angeforderte Corpus nach einem Jahr noch nicht in Stockholm eingegangen war und die Frage nach dem Sonderstatus der Revaler Kirche besonders wegen des so genannten calixtinianischen Streits aktuell geworden war, wiederholte die Regierung ihre Forderung am 18. September 1663 und verlängerte den Termin bis zum nächsten Sommer61.

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Rat an Regierung, 6.11.1663, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Aa 156, Bl. 75v, und 14.4.1666, in: SRA, Liv. II, vol. 47. ISBERG, Kyrkoförvaltning (wie Anm. 2), S. 144 f. Der Konflikt aus den Revaler Zeiten verfolgte Oldekop auch in Stockholm, wo er die Stelle des deutschen Pfarrers anstrebte. Eines der Gemeindeglieder stellte die Frage, ob er für dieses Amt geeignet sei, und wies auf den diesbezüglichen Verdacht der Revaler hin. Mitglieder der deutschen Gemeinde in Stockholm, 30.9.1665, in: SRA, Liv. II., vol. 35. Zu den Beziehungen zwischen dem Revaler Rat und der Regierung in Fragen des ius episcopale der Stadt in den 1660er Jahren siehe auch die Übersicht bei ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 145–148. Der königliche Befehl vom 30.7.1662, in: Die Quellen des Revaler Stadtrechts, hg. v. Friedrich Georg von BUNGE, Bd. 2, Lief. 5, Dorpat 1846, S. 294 ff, hier S. 294. Im Befehl wurde erneut, nach Rudbeckius und Ihering, die Forderung nach Dokumenten wiederholt, aus denen sich das Recht des Rates, Geistliche anzustellen und sie zu entlassen, das Konsistorium der Stadt zu gründen, einen Superintendenten zu ernennen, und im Konsistorium zu präsidieren ersehen lasse. Laut dem Rat wäre es unmöglich gewesen, innerhalb eines Jahres alle benötigten Beweise aufzusuchen, sogar dann, wenn die Ratskanzlei sich allein damit beschäftigt hätte. TLA, 230, Verz. 1, Nr. BL 19 (Instruktionen für die Deputierten Revals nach Schweden 1607–1700), Bl. 286. Brief der Regierung an den Revaler Rat, 18.9.1663, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. BF 84, Bl. 141 ff.

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Da Dokumente, die dem Rat das ius episcopale unmittelbar zugesprochen hätten, nie existierten, schickte der Rat 1663 seine eigene längere Auffassung davon nach Stockholm. Beigelegt waren Abschriften von den Bestätigungen der Privilegien der Stadt seitens der schwedischen Könige, von den vom Rat Rudbeckius vorgelegten Briefen mit der Begründung der städtischen Rechte sowie von verschiedenen, das städtische Kirchenwesen ordnenden Ratsbeschlüssen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Nach Erachten des Rats gewährleisteten königliche Bestätigungen die Unantastbarkeit sämtlicher Rechte, Freiheiten und „lobenswerten Gebräuche“, die die Stadt schon im Laufe der Herrschaft der Ordensmeister gehabt habe, ohne jene einzuschränken; umgekehrt, sie hätten alles „Alte und Liebe“ noch mehr gefestigt. Im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Rudbeckius und Ihering betonte der Rat, dass aufgrund seiner damaligen Erklärungen die Regierung das Recht der Stadt auf die Verwaltung des Kirchenwesens „ohne fernere Contradiction“ akzeptiert habe – ohne an die Tatsache zu erinnern, dass die beiden Genannten das Recht Revals auf die kirchliche Unabhängigkeit ernsthaft angefochten hatten. Ebenso wurde die neutrale Eintragung im Visitationsbuch von Dubberch, dass „Bischoff und Visitator überall mit der Revalsche Kirchen nicht zu schaffen, und dass die Stadt Ihren eigenen Superintendenten und Inspectoren habe“, als Argument zugunsten der Stadt aufgeführt. Im Interesse stärkerer Überzeugungskraft wurde das Revaler Kirchenwesen auch auf einem breiteren Hintergrund behandelt: Seit der Reformation hätte es sich so wie anderswo in den deutschen Städten im Ostseeraum entwickelt. Zum Beispiel hätte ja der schwedische Staat selbst noch 1648 auch die Rechte und Freiheiten der Stadt Stralsund bestätigt, die dort vor der schwedischen Herrschaft Gültigkeit hatten. Der Rat wies auch auf die Reisebücher von Adam Olearius und Martin Zeiller hin, in denen die Revaler Kirche genau so beschrieben worden sei, wie auch der Rat sie auffasste. Anhand der Abschriften der vom Rat im 16. und 17. Jahrhundert zur Ordnung des Kirchenwesens gefassten Beschlüsse wurde betonte, dass sowohl in der Zeit der Ordensmeister als auch unter der schwedischen Krone niemand anderes als der Rat sich um die Revaler Kirche gekümmert hätte, u.a. um die Beseitigung der „vnbekanten Irrthümer in Religions- und dergleichen hochwichtigen Kirchen Sachen“62 – was im Lichte des Streits um den Oldekops angeblichen Synkretismus von besonderer Wichtigkeit war. ———————————— 62

Revaler Rat an die Regierung, 6.11.1663, in: SRA, Liv. II., vol. 47; Kopien in: SRA, Liv. II., vol. 51A, Bl. 126–140; TLA, 191, Verz. 1, Nr. 266, Bl. 9–19, und TLA, Nr. Aa 156, Bl. 74v–78. Der Rat schrieb, dass er auch zusätzliche Beweise schicken könne – „so noch

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Im Jahre 1666 fragte die Regierung erneut nach dem Corpus privilegiorum – wahrscheinlich anlässlich der Abgrenzung der Aufgaben des neuen Bischofs Estlands, Johann Jacob Pfeiff. Dieses Verlangen war ultimativ: Lege der Rat das Corpus nicht vor, werde die Revaler Kirche unter die Jurisdiktion des Bischofs gestellt. Im Brief der Regierung über die Bekanntgabe der Ernennung des Bischofs stand, dass neben Estland auch die Stadt Reval dem Bischof unterstellt seien und dass die Bürgermeister, der Rat und die Bürger Revals „zu jenen gehören, die ihm gehorsam sein müssen“63. Der Rat teilte in einem Schreiben an den Staatskanzler und den Gouverneur mit, er habe die kirchlichen Angelegenheiten der Stadt bereits wiederholt erläutert und die nötigen Dokumente geliefert, und betonte, dass die schwedischen Könige während der letzten 140 Jahre die Privilegien der Stadt immer bestätigt hätten. Aus dem Wunsch heraus, Konflikten aus dem Wege zu gehen, ermahnte die Regierung den Bischof, mit dem Revaler Rat ausgeglichene Beziehungen zu pflegen, mit der Begründung, dass sie immer noch vom Rat ausreichende Beweise über das ius episcopale erwarte64. Das in Stockholm lang erwartete Corpus privilegiorum wurde schließlich Ende des Jahres 1668 aus Reval nach Stockholm gesandt65. Im Corpus befand sich nochmals die Abschrift des Briefes mit der oben beschriebenen Auffassung des Rates (1663) über sein Recht auf die kirchliche Aufsicht und die kirchlichen Einrichtungen66. Der Rat hoffte, die Vormundschaftsregierung würde das gesamte Paket (die Deduktion und das Corpus) in einem bestätigen, wodurch man zugleich eine Bestätigung für das ius episcopale bekommen hätte. Die erwartete Bestätigung aus Stockholm blieb jedoch aus. Es hat den Anschein, dass man dort weder auf den Brief von 1663 noch das Corpus von 1668 reagierte, ungeachtet dessen, dass der Rat mehrmals danach fragte, zuletzt noch im Jahre 1686, als die neue schwedische Kirchenordnung schon vorlag, die die Kirchen in allen Teilen des schwedischen Staates direkt dem König unterstellte. In demselben Jahr 1686 wurde die ————————————

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auss denen theils zerstrewten, theils fast unleßlichen alten Consistorial-Protocollen“. Ebenda, Bl. 77v. Regierung an den Rat, 26.7.1666, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. BF 84, Bl. 202. Rat an die Regierung, 21.8.1666, in: SRA, Liv. II., vol 47; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 147 f. Corpus privilegiorum et resolutionum regiarum juriumque civitatis Revaliensis, in: SRA, Liv. II., 51A. Das zweite Exemplar des Corpus blieb in Reval und wurde im Ratsarchiv aufbewahrt. TLA, 230, Verz. 1, Nr. Aa 110. SRA, Liv. II., vol. 51A, Bl. 126–140. Im Revaler Exemplar des Corpus fehlt der Brief des Rats vom 6.11.1663.

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Deduktion über das ius episcopale mit den Anlagen nochmals nach Stockholm gesandt. Später jedoch fand man diese Dokumente in der königlichen Kanzlei nicht mehr vor, oder sie hatten die Hauptstadt nie erreicht67. Das Ende der kirchlichen Selbständigkeit Revals Nachdem die deutsche Version des schwedischen Kirchengesetzes von 1686 erschienen war68, beauftragte Karl XI. 1690 den estländischen Bischof Johann Heinrich Gerth (Amtszeit 1685–1693), das neue Gesetz mit den Geistlichen und dem Adel Estlands sowie der Stadt Reval zu besprechen. Zur Diskussion stand, ob man darin etwas ändern sollte69. Im Juli 1690 stellte der Bischof den Geistlichen der Stadt vier übersetzte Exemplare des Gesetzes zur Kenntnisnahme zu und bat die Vertreter der Geistlichen zu sich, um die Probleme zu besprechen, die im Zuge der Umwandlung der ———————————— 67

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Revaler Rat an die Regierung, Mai 1686 (Kopie), in: TLA, 236 (St. Olai Gemeinde), Verz. I, Nr. 123, S. 214–221. Das Original des Briefes vom 7.5.1686 scheint nicht erhalten zu sein, doch wird er in anderen Dokumenten erwähnt: Rat an Bischof Gerth, 26.8. 1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. 37 I, Bl. 102v; Ratsprotokoll, 25.8.1690, in: ebenda, Nr. Ab 124, Bl. 147; Konsistorialprotokoll, 30.9.1690, in: ebenda, Nr. Bo 37 I, Bl. 112. Aus einem Brief des Ratsgesandten Wilhelm Polchow wird ersichtlich, dass 1686 u.a. einige Abschriften geschickt worden waren, die das 1668 gesandte Corpus privilegiorum nicht enthielten. Laut Polchow hatte Kanzleisekretär Brandenburg (Ehrenstolpe) diese Dokumente 1686 übernommen, der sie aber später nicht mehr finden konnte. Polchow an den Rat, 11.11.1690, 14.7. und 17.3.1691, in: ebenda, Nr. BL 8, Bl. 227 f., 250, 265v; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 148. Kirchen-Gesetz und Ordnung, So der Großmächtigste König und Herr, Herr Carl der Eilffte, der Schweden, Gothen und Wenden König, etc. im Jahr 1686 hat verfassen und Im Jahr 1687 im Druck außgehen und publiciren lassen: Mit denen dazu gehörigen Verordnungen, Stockholm. König an Bischof, 5.5.1590 (Kopie), in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. BF 84, Bl. 650 f.; zur Einführung des Kirchengesetzes in Estland: ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 156–163, 173–182; LOIT, Reformation und Konfessionalisierung (wie Anm. 2), S. 135–138; Martin FRIEDRICH, Die Kirchenpolitik Karls XI. im Baltikum, in: Riga und der Ostseeraum. Von der Gründung 1201 bis in die Frühe Neuzeit, hg. v. Ilgvars MISĀNS / Horst WERNICKE, Marburg 2005 (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 22), S. 367–379; Andres ANDRESEN, 1686. aasta Rootsi kirikuseadus Eesti- ja Liivimaa õiguskorralduses [Das schwedische Kirchengesetz 1686 in der Rechtsordnung Estlands und Livlands], in: Ajalooline Ajakiri 1998, Nr. 3, S. 65–75, hier S. 70; Gustav Oscar Friedrich WESTLING, Kirchengesetz und Kirchengesetzarbeiten in Ehstland zur Zeit der schwedischen Herrschaft, in: Beiträge zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands 5 (1900), S. 39–67, hier S. 60–67.

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bisherigen Revaler Kirchenordnung aufkommen könnten70. Selbstverständlich wollte der Rat nicht, dass der Bischof die Angelegenheiten direkt und nur mit den Geistlichen bespricht, weshalb er sozusagen die Leitung übernahm71. Im Auftrag des Rats analysierte das Konsistorium der Stadt im Juli 1690 auf vier Sitzungen das neue Gesetz gründlich nach Kapiteln und Paragraphen und verglich diese mit der in Reval gültigen Kirchenordnung sowie den im Kirchenleben bestehenden Sitten und Bräuchen72. Die Diskussionen, die auf den Sitzungen stattfanden, hinterlassen fast den Eindruck, als ob es keinen eigentlichen Widerstand gegen das neue Kirchengesetz gegeben hätte: Alle Gesetzespunkte wurden einzeln durchgesehen und die Möglichkeiten bedacht, wie Bestimmungen über die kirchlichen Amtshandlungen und Bräuche, die in Reval bis dahin gegolten hatten, durch jenes zu ersetzen seien. Die Einstellung zu den leicht einzuführenden Erneuerungen war nachgiebig73; bei denjenigen Veränderungen allerdings, die in Reval bis dahin unbekannt gewesen waren, wurde beschlossen, „dass man bitten müste, ein solches nicht auf uns zu appliciren“74. Ein wesentliches Argument zugunsten der Beibehaltung der bisherigen Bräuche war, dass „weilen d[er] gemeine mann sich an die alte gewohnheit schon so feste gebunden, daß Er davon abzuweichen vor ein gewißens werck halten dürffte“75. Es ist allerdings auffällig, dass bei der Behandlung des Kirchengesetzes durch Rat und Konsistorium eines seiner – vom Standpunkt der Revaler Autonomieordnung aus gesehen – wesentlichen Aspekte, nämlich die Möglich———————————— 70

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Bischof an Revaler Ministerium, 12.7.1690, in: SRA, Liv. II., vol. 34; siehe auch ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S 163. Ratsprotokoll, 15.7.1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Ab 124, Bl. 24v–25. Ratsprotokoll, 17.7.1690, in: ebenda, Bl. 65; Protokolle der Sitzungen des Konsistoriums vom 21., 22,. 27. und 28.7.[1690], in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 37 I, Bl. 83–88. Die Ansicht von FRIEDRICH, Die Kirchenpolitik Karls XI. (wie Anm. 69), S. 373, der Magistrat habe schon die Beratung über das schwedische Kirchengesetz verboten, findet sich nicht bestätigt. So hätte man z.B. für die Einführung des Gebets, das das Knien voraussetzte, nur die Kirchenbänke umstellen müssen. Konsistorialprotokoll, 21.7., in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 37 I, Bl. 84v; ebenfalls war man bereit, die Taufordnung dem neuen Gesetz anzugleichen. Konsistorialprotokoll, 22. Juli, in: ebenda, Bl. 85. Dies gilt z.B. für die Forderung bezüglich der Gottesdienstzeiten: Es wurde beschlossen, es sei unmöglich, in Reval die Gottesdienste zu den Zeiten, wie das Kirchengesetz es vorsah und wie es in Stockholm oder anderen schwedischen Städten üblich war, durchzuführen (ebenda, Bl. 83v); ebenfalls widersetzte man sich der Einführung der öffentlichen Beichte, die in Reval bis dahin nie praktiziert worden war. Konsistorialprotokoll, 27. Juli, in: ebenda, Bl. 85v. Konsistorialprotokoll, o.D., in: ebenda, Bl. 97v.

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keit, dass die selbständige Kirchenregierung bzw. das Stadtkonsistorium Revals aufgehoben werden könnte, gar nicht diskutiert wurde. Es wurde beispielsweise festgestellt, dass man den einen oder anderen Gesetzespunkt in Reval nicht einführen könne, weil der entsprechende Sachbereich zum Zuständigkeitsbereich des Konsistoriums der Stadt gehöre76. Bezüglich des Anhangs des neuen Kirchengesetzes, der Gerichtsprozessregelung77, wunderte man sich darüber, wie dies in der Stadt überhaupt umzusetzen sei, da die von der Revaler Konsistorialordnung vorgesehene Gerichtspraxis eine ganz andere war. Dementsprechend wurde beschlossen, darum zu bitten, „daß man bey den lübschen Rechte und bisherigen praxi möchte gelaßen werden“78. Obwohl der Bischof bezüglich des Gesetzes die Meinung der Geistlichen Revals erwartete, wurde ihm die Antwort durch den Rat erteilt. Der Rat teilte mit – wie er dies schon seit der Mission von Rudbeckius getan hatte –, dass es nicht möglich sei, die neue Kirchenordnung in Reval anzuwenden, weil die Stadt ihr eigenes ius episcopale habe. Gleichzeitig wurde daran erinnert, dass man nach wie vor von der Regierung die Bestätigung des Corpus privilegiorum von 1668 erwarte. Dem Bischof wurden zwar die Stellungnahmen zugeschickt, die aufgrund der im Konsistorium durchgeführten Diskussion formuliert worden waren, gleichzeitig wurde er aber darum gebeten, den König um die Beibehaltung von Revals ius episcopale zu bitten79. Die mit der neuen Kirchenordnung verbundenen Fragen kamen auf den Sitzungen des Rats im Herbst 1690 immer wieder zur Sprache80. Im September fand auch ein Treffen zwischen dessen Vertretern und dem Bischof statt, wo diesem die Kirchenordnung der Stadt Reval erklärt und eine Kopie der 1686 nach Stockholm gesandten Deduktion bezüglich des ius episcopale überreicht wurde. Der Bischof versicherte, dass er, dem Wunsch des Rats entgegenkommend, in Stockholm zumindest versuchen werde, für die Inte———————————— 76 77

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Konsistorialprotokoll, 27. Juli, in: ebenda, Bl. 86v. Ihr. Königl. Mayt. Verordnung, Wie es mit den Gerichts Processen bey denen ThumbCapituln soll gehalten werden. Gegeben auf dem Schloss zu Stockholm den 11. February Anno 1687. Konsistorialprotokoll, 28. Juli, in: ebenda, Bl. 88, 94v. Die Schlussfolgerung von FRIEDRICH, Die Kirchenpolitik Karls XI. (wie Anm. 69), S. 374, lautet, weder in Estland noch in Livland seien im Zusammenhang mit dem Kirchengesetz Debatten über die grundsätzlichen Probleme zustande gekommen. Revaler Rat an den Bischof, 26.8.1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bl 37 I, Bl. 102 f.; SRA, Liv. II., vol. 34; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 163. Siehe die Ratsprotokolle vom 25.8. bis zum 16.10., in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Ab 124, Bl. 146v–265. Vgl. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 163.

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ressen der Stadt einzustehen. Der Rat versprach dem Bischof seinerseits, seinem Wunsch entsprechend ein Memorial über die Paragraphen des schwedischen Kirchengesetzes, die keinesfalls in Reval eingeführt werden könnten, zusammenzustellen81. Der Rat wurde allerdings vor der Abreise des Bischofs mit dem Memorial nicht fertig. Daher wurde entschieden, ihm dieses später durch die in Stockholm residierenden Ratsgesandten zuzuleiten82. Der Bischof verließ Estland Mitte Oktober 1690, ohne dass er in der Vorbereitung der Einführung des Kirchengesetzes wesentlich weitergekommen wäre. Neben der Einstellung des Rates wirkten sich auch die aufgetretenen Spannungen zwischen dem Bischof und dem Estländischen Generalgouverneur Axel Julius De La Gardie auf die Einführung der Kirchenordnung negativ aus. Diese Spannungen hatten sich an der Frage, ob das Kirchengesetz in Reval nur in den beiden 1689 reduzierten Pastoraten oder in allen Gemeinden der Stadt eingeführt werden sollte, entzündet. Bei der Berichterstattung an den König beschuldigte jeder den anderen der Untätigkeit. Der Revaler Rat wiederum konnte in der entstandenen Situation dem König gegenüber behaupten, dass keiner ihm hinsichtlich des neuen Kirchengesetzes konkrete Anordnungen gegeben habe83. Nachdem der Bischof Estland verlassen hatte, setzte der Ratsgesandte Wilhelm Polchow (der u.a. das Revaler Exemplar des Corpus privilegiorum bei sich trug84) die Bemühungen um den Erhalt der Unabhängigkeit der Revaler Kichenverwaltung in Stockholm fort. Vorerst hatte er allerdings keinen Erfolg. Im November 1690 befahl der König dem Gouverneur, dem Revaler Rat und den Geistlichen resolut beizubringen, dass die höhere Gewalt über die Kirche in den Provinzen ausschließlich ihm zustehe – so wie dies im neuen Kirchengesetz für alle Gebiete des schwedischen Staates vorgesehen sei. Nach dem Erhalt eines diesbezüglichen Reskripts vom Gouverneur (vom 28. November) beschloss der Rat, sofort mit der Bekanntmachung der Kirchenordnung in der Stadt zu beginnen, das heißt die Ordnung in den Kirchen der Stadt vorzulesen85. Die endgültige Anweisung vom König zur Einführung der Kirchenordnung in Reval traf am 2. März 1691 beim Rat ein. ———————————— 81

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Die Begegnung wird im Konsistorialprotokoll vom 30.9.1690 beschrieben, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Bo 37 I, Bl. 112–115. Siehe auch Ratsprotokoll, 30.9.1690, in: ebenda, Nr. Ab 124, Bl. 230. Ratsprotokoll und Konsistorialprotokoll, 16.10., in: ebenda, Nr. Ab 124, Bl. 264v–265v und Nr. Bo 37 I, Bl. 116. ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 163–168. Aus dem Ratsprotokoll vom 25.8.1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Ab 124, Bl. 147. Ratsprotokoll, 28.11.1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. Ab 124, Bl. 399.

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Am gleichen Tag erhielt Bischof Gerth vom König den Befahl, „sobald die Ostsee eisfrei ist“, nach Estland zu reisen und „die Angelegenheit Kirchenordnung zu lösen“ 86. Interessanterweise besaß Bischof Gerth, der schon seit dem Frühjahr 1690 die konkrete Aufgabe hatte, die Vereinigung der Revaler Kirchenregierung mit der estländischen vorzubereiten, noch im Sommer 1691 keine klare Vorstellung darüber, wie dieser Zusammenschluss genau stattfinden solle. Erst jetzt erkundigte er sich beim König, ob das Revaler Consistorium mixtum aufgelöst und seine geistlichen Mitglieder in das estländische Konsistorium aufgenommen werden sollten oder ob er als estländischer Bischof Vorsitzender des Revaler Stadtkonsistoriums werden solle; was werde man aber in diesem Fall mit dem Superintendenten der Stadt vornehmen, so dass dessen Würde nicht angetastet werde, und wie solle man mit den weltlichen Mitgliedern des Stadtkonsistoriums umgehen87? Ebenfalls ist bezeichnend, dass es zu der Zeit, in der man schon über die Einzelheiten der Auflösung der Revaler Kirchenverwaltung nachdachte, dem Gesandten Polchow endlich gelang, die das ius episcopale des Revaler Rats betreffenden Dokumente dem König vorzulegen88. Am 10. Oktober 1691 schrieb Polchow aber an den Rat, dass die Aussichten, dass das Stadtkonsistorium erhalten bleibe, sehr gering seien, da der König dem Sekretär des Staatsarchivs und dem Mitglied des Ausschusses für die Einführung des Kirchengesetzes Sven Leijonmarck den Auftrag gegeben habe, das ius episcopale Revals zu analysieren und zu bewerten. Sven Leijonmarck hätte mit seiner Arbeit schon angefangen und aufgrund der ersten Ergebnisse ihm, Polchow, mitgeteilt, dass „weder Reval noch Riga, de jure solches jus niemahls gehabt“ hätten89. Leijonmarck nahm die Argumentation buchstäblich auseinander, widerlegte inhaltlich alle Argumente des Rats, eins nach dem anderen, und bewertete die Ausgangspunkte der gesamten Auslegung des Rates90. Es sei nämlich ———————————— 86

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TLA, 230, Verz. 1, Nr. BF 84, Bl. 661 ff.; ISBERG, Kyrfkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 168. Memorial des Bischofs, 30.6.1691: Der an Ihr Königl. Maytt von dem herrn Episc. Gerthds ergangenen 8 frage-Puncten prd. d. 24. Augusti 169, in: TLA, 191, Verz. 1, Nr. 266, Bl. 5-6v; ISBERG, Kyrkoförvaltning (wie Anm. 2), S. 171. Siehe auch Polchows Schreiben an den König über das ius episcopale des Rats (undatiert; „in Stockholm“ eingetroffen am 10.9.1691), in: SRA, Liv. II., vol. 505; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 168. TLA, 230, Verz. 1, Nr. BL 8, Bl. 276 ff. Zur Argumentation des Rates über sein ius episcopale vgl. oben den Abschnitt „Revals ius episcopale in der Sicht der Gründer der estländischen Kirchenverwaltung“.

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falsch, eine Begründung für das Recht auf die kirchliche Aufsicht in der katholischen Zeit zu suchen, da ohne päpstliche Einwilligung kein Bischof dieses Recht übertragen konnte, nicht einmal auf eine geistliche Institution, geschweige denn auf eine weltliche wie den Revaler Magistrat. In der katholischen Zeit hätte der Rat keine Macht über die Kirche gehabt, damals existierte ja auch kein Stadtkonsistorium. Die vom Rat als Vergleich vorgebrachte Kirchenordnung der Stadt Lübeck wäre nicht mit der von Reval vergleichbar, der dortige Rat habe keine Rechte gegenüber den Kirchen der Stadt. Leijonmarck suchte zu beweisen, dass der Revaler Rat den Inhalt des ius episcopale schon seit 1627 ganz falsch ausgelegt habe. Ebenso sei der seit dem Augsburger Religionsfrieden in den evangelischen Fürstentümern gültige Grundsatz „wessen Regierung, dessen Glaube“, der den evangelischen Herrschern tatsächlich dasselbe ius episcopale gegeben habe, das den katholischen Bischöfen zustand, nicht den Revaler Verhältnissen anzupassen. Das Bestehen eines eigenen Konsistoriums, eines Superintendenten und einer Kirchenordnung in Reval dürfte nur durch die chaotischen Situationen erklärbar sein, in denen der Rat die Zügel willkürlich in die Hand genommen habe. Im Rückblick auf die Aufgaben und Ziele von Rudbeckius und Ihering brachte Leijonmarck in Erinnerung, dass schon die damaligen schwedischen Regierungen beiden die Anweisung gegeben hätten, im ganzen Land ein einheitliches Kirchensystem inklusive der Revaler Kirche aufzubauen91. Am 20. Oktober 1691 berichtete Polchow aus Stockholm: „Was sonsten jüngst von unsern consistor[ium] Und d[ass] es damit ein gefährliches aussehen hätte, gemeldet, ist nun leyder! an den tag“92. Die von Leijonmarck verfasste „Untertänige Demonstration bezüglich das Ius Episcopale, darauf der Magistrat in Reval bisher prätendiert hat und weiterhin prätendiert“93 war für Karl XI. ein formaler Grund, um in Bezug auf die Revaler Kirche schließlich Stellung zu nehmen – worauf der Rat ja bereits seit 1663 gewartet hatte. Die Stellungnahme brachte eine Enttäuschung: Karl XI. entschied, die Ambitionen des Revaler Rates auf das Recht der kirchlichen Aufsicht seien unbegründet, also stehe dieses Recht ausschließlich dem König zu. Des Königs Resolution an den Bischof, den Gouverneur und den Revaler Rat ———————————— 91

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Sven LEIJONMARCK, Vnderdånig Demonstration angående Ius Episcopale, som Magistraten i Räfle härtills praetenderat, och ännu praetenderar, att äga [Untertänige Demonstration bezüglich das Ius Episcopale, darauf der Magistrat in Reval bisher prätendiert hat und weiterhin prätendiert], 12.10.1691, in: SRA, Liv. II., vol. 505; referiert auch in: ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem, S. 169 f. TLA, 230, Verz. 1, Nr. BL 8, Bl. 280. LEIJONMARCK, Vnderdånig Demonstration (wie Anm. 91).

Reval und die Kirchenpolitik Schwedens

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besagte, dass das Revaler Konsistorium sowie die Institution des Superintendenten aufzulösen und Reval dem estländischen Konsistorium unterzuordnen sei94. Unter den beschriebenen Umständen beschloss der Rat Ende Oktober 1691, die kirchlichen Bräuche, soweit wie in Reval möglich, entsprechend dem Kirchengesetz zu verändern95. Gleichzeitig machte er noch einen Versuch zur Aufrechterhaltung der kirchlichen Unabhängigkeit, indem er den König bat, im Hinblick auf Reval die sogenannte Rigaer Variante anzuwenden. Dies hätte bedeutet, dass das Revaler städtische Konsistorium bestehen geblieben, aber dem estländischen Konsistorium unterstellt worden wäre. Auf alle Fälle wurde nochmals die erste Präferenz des Rates, die Beibehaltung der bestehenden Ordnung, dokumentiert. Der Rat hoffte zunächst, auch vom Generalgouverneur Unterstützung zu erhalten, als er mit seiner Bitte vor den König trat, und anfangs schien dies auch zu glücken. Später allerdings vertrat der Generalgouverneur fest die Meinung, dass es vernünftiger wäre, wenn der Rat auf seine Ambitionen bezüglich des kirchlichen Aufsichtsrechts verzichte96. Dem Ersuchen des Rates folgte im Dezember 1691 noch ein Beschluss des Königs, in dem wieder mitgeteilt wurde, das städtische Konsistorium und die Superintendentur seien aufzulösen. Die Anweisungen des Königs wurden im Januar 1692 in die Tat umgesetzt, wobei aber der Staat einige Zugeständnisse gemacht hatte: Die geistlichen Mitglieder des Revaler Stadtkonsistoriums wurden dem Bestand des estländischen (geistlichen) Konsistoriums zugerechnet, und der Superintendent der Stadt wurde zum stellvertretenden Vorsteher des Konsistoriums97. So hatte man die schwedische Kirchenordnung in Reval schließlich zur Geltung gebracht. Die letzten zehn Jahre der schwedischen Herrschaft gehörte Reval kirchlich zum Bistum Estland und dadurch zur einheitlichen schwedischen Kirchenorganisation, die laut dem Kirchengesetz dem König

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Königliche Resolution, 13.10.1691, in: SRA, Liv. II., vol. 505. Ratsprotokoll, 30.10.1691, in: TLA, Best. 230, Verz. 1, Nr. Ab 125, Bl. 870 f. Rat an König, 20.11.1691, in: SRA, Liv. II., vol. 49; ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 171 f. FRIEDRICH, Die Kirchenpolitik Karls XI. (wie Anm. 69), S. 373, ist der Meinung, dass hinsichtlich des Konflikts wegen der Einführung des Kirchengesetzes in Reval der Gouverneur eindeutig auf Seiten der Stadt stand. Königliche Resolution, 16.12.1691, nach ISBERG, Kyrkoförvaltningsproblem (wie Anm. 2), S. 172.

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unterstellt war98. Es ist bemerkenswert, dass Bischof Gerth den eigentlichen Grund dafür, warum trotz der verzweifelten Versuche des Revaler Rats beschlossen wurde, die selbständige Kirchenregierung Revals aufzulösen, dem Rat schon im September 1690 eröffnet hatte: Dem Argument, dass alle vorigen schwedischen Herrscher das Revaler Recht der kirchlichen Aufsicht bestätigt hätten, stellte er einfach entgegen, dass „nun aber ein ander rerum Sveciarum, könte es leicht erfolgen daß I. K. Mtt alß summo Episcopo in seinem Königreich ein anders belieben möchte“99. Diesen Standpunkt könnte man auch als eine unmittelbare Bestätigung dafür betrachten, dass die „Demonstration“ von Leijonmarck eher eine formale denn eine entscheidende Bedeutung hatte. Ein Untersuchungsthema für sich wäre, wie die Einführung der Kirchenordnung im tatsächlichen Alltag verlief, wobei zu berücksichtigen ist, dass die schwedische Macht in Estland bald zu Ende ging. 1710 gewann der Rat seine Rechte als Oberhaupt der Kirche der Stadt mit dem zwischen den Vertretern der Stadt und dem Oberkommando der russischen Truppen geschlossenen Kapitulationsvertrag, den Peter I. 1712 bestätigte, wieder. Zusammenfassung Der schwedische Staat fand 1561 in Nordestland zwei unterschiedliche Kirchen vor: Erstens eine Kirchenorganisation, die die Stadt Reval umfasste und dem Revaler Rat unterstellt war, und zweitens die estländischen Landgemeinden ohne zentrale Kirchenverwaltung. König Erich XIV. bestätigte zwar die bisherige, auf dem Lübecker Stadtrecht beruhende Autonomie Re———————————— 98

99

Laut TUCHTENHAGEN, Zentralstaat (wie Anm. 1), S. 211 f., erwies sich der Versuch, die Kirchenordnung von 1686 in Reval einzuführen und das städtische ius episcopale sowie das Stadtkonsistorium abzuschaffen, als erfolglos: „Die Krone erreichte nur, dass der Superintendent von Reval vor Antritt seines Amtes seine orthodox-lutherische Einstellung vor dem Erzbischof von Uppsala zu bezeugen hatte. Die Stadt blieb in Kirchenangelegenheiten unter schwedischer Herrschaft also weitgehend autonom und der Grad der Interdependenz und Interpenetration mit dem Gesamtreich auf diesem Feld verhältnismäßig gering“; vgl. auch BRÜGGEMANN / TUCHTENHAGEN, Tallinn (wie Anm. 15), S. 87, 129. Diese Behauptung ist durch einen Fehler Stefan Hartmanns erklärlich, auf den Tuchtenhagens Auffassung beruht: In der fraglichen Quelle (TLA, 230, Verz. 1, Nr. BL 8, Bl. 338v) geht es jedoch um die Rigaer Kirche, nicht um die Revaler. Vgl. Stefan HARTMANN, Reval im Nordischen Krieg, Bonn 1975 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 1), S. 137. Ratsprotokoll, 30.9.1690, in: TLA, 230, Verz. 1, Nr. 124, Bl. 113.

Reval und die Kirchenpolitik Schwedens

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vals, ordnete aber gleichzeitig das Revaler Kirchengebiet dem von ihm ernannten estländischen Kirchenoberhaupt unter. Im 16. Jahrhundert und am Anfang des 17. Jahrhunderts hatte der schwedische Staat wegen der gespannten außenpolitischen Lage keine Kraft, dem Kirchenwesen in Estland größere Aufmerksamkeit zu widmen. Das Recht Revals auf einen kirchlichen Sonderstatus wurde zum ersten Mal in den 1620er und 1630er Jahren hinterfragt. Aber die Veränderung in der schwedischen Provinzialpolitik in den 1630er Jahren und die Widersprüche zwischen den Ambitionen der Staatsmacht und der Geistlichkeit wegen der Kirchenverwaltung in Schweden ermöglichten es dem Revaler Rat, diese Versuche leicht zurückzuweisen. Eine reale Gefahr für die Eigenständigkeit der Revaler Kirchenverwaltung entstand so erst in den 1660er Jahren, und von da an blieb die Konfrontation wegen des ius episcopale des Revaler Rats für Jahrzehnte auf der Tagesordnung. Die Auseinandersetzung über die kirchliche Eigenständigkeit Revals wurde 1690 durch den absolutistischen König Karl XI. beendet, der das schwedische Kirchengesetz des Jahres 1686 in der Stadt einführte. Die unabhängige Kirchenregierung Revals wurde 1710 aufgrund des zwischen den russischen Truppen und der Stadt Reval abgeschlossenen Kapitulationsvertrags wiederhergestellt.

Volker Keller

Zu den Anfängen der Beziehungen zwischen Kurland und England (1606–1615)1 Kurland und England – wer denkt da nicht sofort an Herzog Jakobs Kolonialpolitik und vermutet deshalb, in dieser Zeit müssten auch die kurländischenglischen Beziehungen entstanden sein? Weit gefehlt, denn deren Anfänge lassen sich bis zum Beginn des siebzehnten Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals war das Herzogtum nach außen hin in den Schwedisch-Polnischen Krieg verwickelt und erfuhr im Inneren wegen der politischen Konkurrenz zwischen den Herzögen Friedrich und Wilhelm auf der einen sowie der Ritterschaft auf der anderen Seite sich zuspitzende Auseinandersetzungen. Betrachten wir zunächst den diplomatischen Verkehr von und nach Kurland im hier besprochenen Zeitraum allgemein, so bestand er wenig überraschend vorwiegend aus Korrespondenz mit der polnisch-litauischen Oberherrschaft. Auf dem zweiten Platz rangierte aber schon Schweden, was genau genommen ja Feindesland war, wegen der Religionsverwandtschaft aber weniger zu verwundern braucht. In der weiteren Nachbarschaft hatte das Herzogtum keine Beziehungen mit Moskau, und auch mit dem Verhältnis zu Dänemark war es nicht weit her wegen dessen Protektion Magnus’ von Holstein während des Livländischen Krieges, der die Vereinigung des Bistums Pilten (Piltene) mit dem Herzogtum erfolgreich verhinderte, was letztlich zum Ergebnis hatte, dass Pilten nach diesem Krieg zu einer Adelsrepublik en miniature wurde – zwar nach Vorbild Polen-Litauens, aber aus drei nicht miteinander verbundenen Stückchen bestehend, und diese lagen auch noch mitten im eigentlichen Kurland2. Wie bereits angesprochen, entstand den beiden kurländischen Herzögen damals eine zunehmende Opposition von Seiten der Ritterschaft, die sich gegen eine befürchtete Teilung des Landes zu stemmen versuchte um der ———————————— 1 2

Alle Daten sind alten Stils. Bogusław DYBAŚ, Die Union zwischen Kurland und Pilten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Das Herzogtum Kurland 1561–1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Bd. 2, hg. v. Erwin OBERLÄNDER, Lüneburg 2001, S. 108–114, und DERS., Der Piltener Landtag in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Ventspils Muzeja Raksti (künftig VMR) 1, Riga 2001, S. 108–114.

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Volker Keller

Abwehr einer Verdopplung ihrer Pflichten willen3. Herzog Wilhelms landesherrliche Disziplinierungsversuche mit den Hebeln Rossdienst4 und Güterrekognition5 gegenüber der aus seiner Sicht mit Unbotmäßigen durchsetzten Ritterschaft bestärkten seine Gegner jedoch mehr, als sie die Schwankenden beeindruckten. Folgerichtig erfuhren die Landesfürsten zu Beginn des 17. Jahrhunderts, dass sich die Ritterschaftsopposition organisierte6 und persönlichen Zugang zum Oberlehnsherrn erlangte7. Da kam die Kontaktaufnahme mit England den Herzögen natürlich gerade recht, allein schon wegen der damit verbundenen Steigerung ihres Ansehens. Die kurländisch-englischen Beziehungen wurden offenbar zuletzt vor über dreißig Jahren bearbeitet, und zwar von dem polnischen Historiker Jan Fedorowicz8, dessen Aufsatz den vorliegenden Beitrag anregte. Als Berichtszeitraum soll deshalb das erste Jahrzehnt der Beziehungen beider Länder betrachtet werden, beginnend 1606 und endend 1615, als die Korrespondenz, bedingt durch die politischen Umwälzungen im Herzogtum Kurland, für beinahe zwei Jahre abbrach.

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Zu den verfassungspolitischen Auseinandersetzungen bis 1617 siehe zuletzt Volker KELLER, Herzog Friedrich von Kurland (1569–1642), Verfassungs- Nachfolge- und Neutralitätspolitik, Marburg 2005 (Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 11), S. 11–62. Zu den Teilungstendenzen DERS., „certis legibus convenisse“, in: OBERLÄNDER, Kurland (wie Anm. 2), S. 55–68. Die Verpflichtung, im Krieg eine am Güterumfang gemessene Anzahl Berittener zu stellen. Vgl. Volker KELLER, Lehnspflicht und äußere Bedrohung. Der Streit um den Rossdienst im Herzogtum Kurland 1561 bis 1617, in: Das Herzogtum Kurland, Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, hg. v. Erwin OBERLÄNDER / Ilgvars MISĀNS, Lüneburg 1993, S. 57–98. Die Lehenserneuerung nach dem Tode eines Lehnsherrn oder Lehnsmannes; sie war binnen Jahr und Tag kniend zu leisten. KELLER, Herzog Friedrich (wie Anm. 3), S. 24 ff., 32 ff., 36 f., 45 ff. Der erste Ritterschaftslandtag fand Anfang Oktober 1600 in Kandau (Kandava) statt, sein Abschied (Rezess) vom 9. dieses Monats ist im Druck überliefert in: Archiv für die Geschichte Liv-, Esth- und Curlands, Bd. VI, Reval 1851, S. 309–314. Eine zeitgenössische Abschrift oder gar das Original wurde bisher nicht gefunden. Das muss bereits der Fall gewesen sein vor des Königs (Antwort-)Schreiben an Herzog Wilhelm vom 8.4.1604, das zahlreiche Beschwerden des Adels aufführt. Latvijas Valsts vēstures arhīvs (Historisches Staatsarchiv Lettlands, künftig LVVA), Fonds (Bestand) 554, Apraksts (Verzeichnis) 1, Lieta (Akte) 76a, Bl. 5. Jan FEDOROWICZ, Courland as a Factor in Relations between England and Poland in the First Half of the Seventeenth Century, in: Acta Universitatis Lodziensis 27 (1978), S. 41– 60.

Zu den Anfängen der Beziehungen zwischen Kurland und England

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Die anscheinend früheste Quelle für Kontakte zwischen England und Kurland stellt eine Urkunde vom 8. Oktober 1606 dar9, mit der Herzog Wilhelm von König Jakob I. eine jährliche Rente erhielt. Darin ist jedoch nicht viel mehr zu sehen als eine Art Freundschaftsbezeugung gegenüber einem reisenden Gast, denn diese Rente wurde nur wenige Jahre gezahlt und noch von Wilhelms Sohn Jakob als ausstehende Schuld betrachtet10. Der Briefverkehr begann mit einem Schreiben vom 8. Februar 1607, in dem der englische König dem kurländischen Herzog einen gewissen Thomas Bucke empfahl; Bucke sollte „in exteras nationes“ Kriegserfahrung sammeln, denn in England herrschte gerade Friede11. In England war also bekannt, dass Kurland als Lehen Polen-Litauens in den Polnisch-Schwedischen Krieg verstrickt war. Nach Wilhelms Besuch mag dem anglikanischen König vielleicht auch die besondere Lage des in der europäischen Politik relativ unbedeutenden Herzogtums aufgefallen sein. Als zwar lutherisches, jedenfalls nicht-katholisches Territorium lag es innerhalb des großen katholischen Blockes aus den habsburgischen Besitzungen und Polen-Litauen. Vor dem Hintergrund der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Kurland ist jedenfalls leicht nachzuvollziehen, dass Herzog Wilhelm die Gelegenheit beim Schopf ergriff, um die bereits geknüpften Bande mit einem gekrönten Haupt zu verstärken. So bat er den englischen König schon am 31. Juli desselben Jahres 1607, sich in Schweden für die Wiederherstellung des Friedens einzusetzen12, machte sich mit einem Brief vom 18. Dezember auch Robert Cecil bekannt, dem Ersten Kronsekretär König Jakobs, und bot an, England über den polnischen Vormarsch gegen Moskau oder auch andere Kriegsereignisse in Osteuropa zu unterrichten13. Was der Herzog fortan nach Whitehall14 berichtete war aber nicht von besonderem Wert, weil es auf Hörensagen oder Angaben zweifelhafter Gewährspersonen beruhte15 und meist sehr allgemein gehalten war. So berichtete er in den folgenden Jahren immer wieder nach London, zumeist in grö———————————— 9 10 11

12 13 14 15

LVVA, 556/2/34. Freundliche Mitteilung von Frau Mārīte Jakovļeva, Riga. Res Poloniae Iacobo I Angliae Regnante Conscriptae ex Archivis Publicis Londoniarum, bearb. v. Karol H. TALBOT, Rom 1962 (Elementa ad Fontium Editiones VI), S. 28. Ebenda, S. 35 f. Ebenda, S. 39 f. Von 1049 bis 1698 Residenz. Zum Beispiel auf einem Brief von König Sigismunds Arzt Adamus Maior an Herzog Wilhelm vom 27. 6.1614, in dem es heißt, dass die Türken bereit seien Polen anzugreifen. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 139 f.

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ßeren Abständen und anscheinend unaufgefordert, so etwa am 5. August 1608 über die schwedischen Erfolge bei Riga und Dünamünde (Daugavgrīva) an König Jakob16 und an Robert Cecil17. Herzog Wilhelm hatte also einen noch dünnen Draht nach Whitehall gesponnen; vor dem ziemlich banalen Hintergrund der erwähnten englischen Anfrage und Wilhelms von sich aus angebotener ‚Korrespondententätigkeit‘ überrascht des Herzogs nächster Schritt dann aber sehr. Denn unter dem Datum des 5. November 1608 lud er König Jakob zu seiner Hochzeit mit der Tochter Herzog Albrecht Friedrichs von Preußen ein, beschrieb auch detailliert die dynastischen Bande seiner Braut, vergaß aber interessanterweise die Nennung ihres Vornamens: Sophie18. Diesen teilte der Herzog in einem weiteren Brief vom selben Tage immerhin dem englischen Kronsekretär mit und bat diesen, sich wegen der Annahme dieser Hochzeitseinladung bei seinem König einzusetzen19. Das ganze Unterfangen war natürlich utopisch allein wegen des Standesunterschiedes, aber wir können hierin wenigstens eine besondere Ehrerbietung sehen, die den Zweck hatte, das Gefühl einer Art privater Bindung mit König Jakob zu fördern. Im Übrigen: Hätte der englische König diese Einladung tatsächlich angenommen, was wäre das für ein ungeheurer Prestigegewinn für den Herzog gewesen, den er jederzeit bei seinem Oberlehnsherrn Sigismund III. in die Waagschale hätte werfen können, auch zum Nachteil der kurländischen Ritterschaftsopposition. Wahrscheinlich hatte Wilhelm aber ohnehin nicht ernsthaft mit einer Annahme seiner Hochzeitseinladung gerechnet, denn die Quellen der Folgezeit liefern diesbezüglich keinen Hinweis. Herzog Wilhelm war nach wie vor sehr an Fortdauer und am weiteren Ausbau des beiderseitigen Verhältnisses interessiert. Am 26. November 1608 ließ der kurländische Herzog den englischen König wissen, dass die Polen gegen Schweden und Moskau militärisch vorangekommen waren20, und berichtete ein halbes Jahr später in einem Brief vom 24. April 1609 über Einzelheiten des vergangenen polnischen Reichstages. Dabei bat Wilhelm erneut um englische Fürsprache angesichts einer

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Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 45 f. Ebenda, S. 46 f. Ebenda, S. 48 f. Ebenda, S. 50 f. Ebenda, S. 51.

Zu den Anfängen der Beziehungen zwischen Kurland und England

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drohenden schwedischen Invasion an der Küste Kurlands21. Dieses Anliegen enthielt auch ein Brief an Robert Cecil vom selben Tage22. Eine logische Konsequenz zur weiteren Verbesserung seiner Kontakte mit England war dann des Herzogs Entschluss, sich einen Gesandten in London zu halten, denn am 1. Juli 1609 empfahl er dem Kronsekretär Robert Cecil den Londoner Bürger Cornelius Godfrey als „negotiorum nostrorum gestor“23. Leider wissen wir bisher nichts weiter über Godfrey oder dessen Aktivitäten, sodass wir annehmen müssen, dass dieses Vorhaben Wilhelms fehlschlug. Am 13. September betätigte sich der Herzog aber wieder als Lieferant von Informationen über die Kriegsereignisse in Liv- und Russland24 sowie am 4. Oktober über die schwedische Niederlage bei Dünamünde und die Rückeroberung dieses befestigten Ortes durch die Polen25. Über den Winter 1609/10 ruhte die kurländisch-englische Korrespondenz anscheinend und setzte erst mit dem 21. April 1610 wieder ein, und zwar erneut mit einer Bitte Wilhelms an Cecil, bei König Jakob um Fürsprache bei den Schweden („notorium hostem“) anzuhalten, damit diese Kurland nicht angriffen26. Aber das fruchtete nichts, falls sich England überhaupt eingeschaltet hatte, denn am 13. Oktober musste Herzog Wilhelm dem Kronsekretär über schwedische Angriffe auf Kurland zu Land und von der See aus Mitteilung machen; zusammen mit diesem Brief ließ er Cecil – nicht etwa dem König! – nun aber ein besonderes Geschenk zukommen: acht Falken27. Wir haben leider keine Anhaltspunkte dafür, diese Falken seien eine Dankesgabe für bereits geleistete Dienste gewesen, weshalb sie wohl im Zusammenhang mit Wilhelms nächstem Anliegen vom 1. November zu sehen sind: Der Kronsekretär sollte sich dafür einsetzen, dass König Jakob die Patenschaft für des Herzogs am 28. Oktober geborenen Sohn über- und die zugleich übermittelte Einladung zur Kindtaufe am 16. Dezember 1610 an———————————— 21 22

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Ebenda, S. 55 f. Ebenda, S. 56 f. Die fast wortgleichen Doppelbriefe jeweils an den König und an seinen Sekretär fallen auf, schließlich muss Wilhelm doch klar gewesen sein, dass König Jakob wohl kaum einen an ihn persönlich gerichteten Brief direkt ausgehändigt bekam, ohne dass dieser zuvor durch die Hände eines Sekretärs gegangen war. Wollte Wilhelm sichergehen, dass wenigstens ein Brief durchkam? Ebenda, S. 60. Ebenda, S. 63 f. Ebenda, S. 65 f. Ebenda, S. 75 f. Ebenda, S. 77 f.

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nahm28; ein weiterer Beleg dafür, dass sich Herzog Wilhelm durch den Misserfolg mit der Hochzeitseinladung von vor zwei Jahren nicht abschrecken ließ, weiterhin engere Beziehungen mit England anzustreben, und zwar erneut auf privater Ebene (Falken, Patenschaft, Taufeinladung). Die Taufe des Stammhalters musste aber verschoben werden, weil Wilhelms Gattin Sophie schon am 24. November 1610 an den Folgen der Geburt starb. Davon erfuhr man in England erst einmal nichts, denn am 24. Dezember bedankte sich König Jakob bei Herzog Wilhelm für die Einladung zur Taufe des kurländischen Prinzen und bedauerte, wegen Unpässlichkeit nicht persönlich kommen zu können; er schicke aber Herzog Alexander von Holstein als seinen Vertreter.29 In einem Brief vom 1. Januar 1611 an Robert Cecil teilte der Herzog den Tod seiner Frau mit, aber auch, dass sein Sohn mittlerweile auf den Namen Jakob getauft worden war; bei dieser Gelegenheit bat er den Kronsekretär erneut um Fürsprache, damit König Jakob die angetragene Patenschaft annahm30. König Jakobs Brief vom 24. Dezember 1610 war mittlerweile also noch nicht in Kurland eingetroffen. Am 30. März 1611 schrieb der Herzog in dieser Angelegenheit erneut nach England und bat den König, sich als Paten des am 23. Dezember getauften jungen Herzogs zu betrachten31. Die Formulierung, er möge sich als Pate betrachten, verwendete Wilhelm auch in einem zweiten, fast gleichlautenden Schreiben vom selben Tag, das er dem Kronsekretär sandte32. Jedenfalls trug der junge Kettler-Prinz nun denselben Vornamen wie der Stuart-König. In den folgenden drei Jahren beschränkte sich die Korrespondenz bis Ende 1612 auf Begleit- und Dankschreiben im Zusammenhang mit einem weiteren Falkengeschenk – nun an Heinrich, den Prinzen von Wales33 –, und ———————————— 28 29 30 31 32 33

Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 80 f. LVVA, 554/1/88, Bl. 1. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 92 f. Ebenda, S. 98 f. Ebenda, S. 110 f. Davor lag ein Dankschreiben Cecils vom 21.12.1610 für Wilhelms Falkengeschenk vom 13.10.1610, eingegangen in Goldingen am 11.8. 1611(!) laut Antwortschreiben an Cecil vom 15. 8.1611. Vgl. ebenda, S. 110 f. Dann folgte das Begleitschreiben zu einem Geschenk von acht Falken an den Prinzen von Wales (dieser starb schon am 6. 11.) vom 25.10.1612 aus Königsberg. Ebenda, S. 128. Der weite und zeitraubende Kurierweg kam möglicherweise als Grund infrage für die sich manchmal über Monate erstreckenden Korrespondenzlücken. Die erste reguläre Postlinie durch Kurland, diejenige von Riga nach Memel (Klaipėda), entstand schließlich erst 1632. Vgl. Parsla PETERSONE, Kurzemes un Zemgales Hercogistes pasta organizācijas loma Baltijas Jūras reģiona sakaru attīstībā 17.

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brach anschließend wieder ab, diesmal für mehr als ein Jahr. Es ist möglich, dass in diesem Zusammenhang die bemerkenswert zunehmenden Aktivitäten der kurländischen Ritterschaftsopposition gegen Herzog Wilhelm auch eine Rolle spielten, denn diese erzielte im Laufe des Jahres 1613 erhebliche Fortschritte mit ihren Aktivitäten, die Kontakte zum Oberlehnsherrn zu verbessern. Der eigentliche Grund für diese Unterbrechung der kurländischenglischen Korrespondenz ist jedoch darin zu suchen, dass Wilhelm ab Herbst 1612 eine Auslandsreise unternahm, in deren Verlauf er auch London besuchte und dort empfangen wurde34. Am 20. Januar 1614 schlossen Schweden und Polen „im hoffe Weltz“ (Welse östlich von Goldingen/Kuldīga?) einen Waffenstillstand, der bis zum 1. Mai gelten sollte, und zwar auf Vermittlung der „könige aus Frankreich und Brittannien“ sowie der „Stenden der provintien in Niederlandt“35. Können wir hierin einen Beleg sehen dafür, dass die kurländisch-britischen Beziehungen sich auszuzahlen begannen? Das ist durchaus möglich, denn auch die Verlängerung dieses Stillstandes bis zum 20. Januar 1616, von Gustav Adolf am 20. Juni 1614 ratifiziert, kam zwar ohne französische Beteiligung, dafür aber erneut auf Vermittlung des englischen Königs und der Vereinigten Niederlande zustande36. Nun war ja jeder Waffenstillstand zwischen Schweden und Polen im kurländischen Sinne, doch wie kam es, dass die sich bisher relativ banal gestaltenden kurländisch-englischen Beziehungen anscheinend doch schon Auswirkungen auf die große Politik und vor allem auf das Schicksal Kurlands zeitigten, denn vor welchem Hintergrund sonst könnte England plötzlich im Baltikum ins Spiel gekommen sein? Beide Quellen liefern leider keine Hin————————————

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gadsimtā [Die Rolle der Post im Herzogtum Kurland und Semgallen bei der Entwicklung der Verbindungen im Ostseeraum des 17. Jahrhunderts], in: VMR 1, Riga 2001, S. 154– 172. Wilhelms jüngstes Schreiben kam aus Königsberg, siehe vorige Anmerkung. Sein Aufenthalt im Herzogtum ist danach erst wieder mit dem 3.8.1614 bezeugt. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 143 f. Aus der Zwischenzeit sind aus Kurland nur Schreiben Herzog Friedrichs bekannt. Ein Itinerar Herzog Wilhelms wäre hilfreich; solche der übrigen Herzöge fehlen ebenfalls. Sveriges traktater med främmande magter jemte andra dit hörande handlingar [Schwedens Verträge mit fremden Mächten und dazugehörige Dokumente], Bd. 5,1 (1572–1632), hg. v. Carl Jakob HALLENDORFF / Olof Simon RYDBERG, Stockholm 1903, S. 225 ff. Forschungen über Anfänge und Entwicklung der kurländisch-französischen Beziehungen fehlen; zu denen zwischen Kurland und den Niederlanden siehe den Beitrag von Andreas FÜLBERTH in diesem Band. Ebenda, S. 227 f.

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weise darüber, wie die englische Fürsprache faktisch zustande kam. Vor dem Hintergrund von Wilhelms mehrmaligen Bitten, dass sich England für Kurland einsetzen möge, und der Tatsache, dass der Herzog erst im August wieder in Kurland war, ist es immerhin möglich, dass er sich zur Zeit der Waffenstillstandsverhandlungen noch in London aufhielt. Wir wissen nicht, wann genau Herzog Wilhelm wieder zurück war. Am 3. August 1614 schrieb er jedenfalls aus Goldingen an König Jakob und kündigte ihm ein Falkengeschenk von wenigstens acht Exemplaren an, und das hing doch wohl kaum damit zusammen, dass Wilhelm mitteilen wollte, Thomas Bucke ein Offizierspatent ausgestellt zu haben37. Bucke konnte seinem König also möglicherweise von einer langjährigen Kriegsteilnahme – wir nehmen an, in polnischen Diensten – berichten. Am 29. September 1614 verlängerten Polen und Schweden den laufenden Waffenstillstandsvertrag um weitere zwei Jahre, wobei wir diesmal nichts von ausländischer Fürsprache wissen38. Am 12. Oktober 1614 ließ Herzog Wilhelm König Jakob die im August angekündigten Falken zukommen, ging in seinem Begleitschreiben aber diskret darüber hinweg, dass es statt acht nur sechs Exemplare waren39. Anschließend setzte die Korrespondenz wieder aus, diesmal bis in den Frühling 1615. Zu den auffälligen Falkengeschenken sei Folgendes gesagt: Der früheste Beleg für die Anstellung eines Falkenmeisters in Kurland stammt aus dem Jahre 1618.40 Von Falkenzucht kann zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht gesprochen werden, denn auch in Herzog Jakobs Zeit (1642–1682) wissen wir zwar Einiges über Falkner und Vogelfänger, aber nichts von Zucht im Lande.41 So wurden die Vögel wahrscheinlich von Herzog Wilhelms Agenten anderswo gekauft und dann nach England gebracht. Ein unausgebildeter Wanderfalke entsprach damals im Wert etwa dem von vier Pferden, ein ausgebildeter kostet heute bis zu € 2 500. Die sehr seltenen und deshalb ungleich wertvolleren Gerfalken – falls es sich um solche handelte – waren nur über Dänemark zu beziehen, wo diese sommers nur in Grönland horstenden Greifvögel auf ihrem Zug nach Süden rasteten. Der Deutsche Orden war einst bekannt gewesen für seinen Falkenhandel, dasselbe galt für die Nieder———————————— 37 38 39 40 41

RES POLONIAE (wie Anm. 11), S. 143 f. Sverges Traktater (wie Anm. 35), S. 229. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 144 f. LVVA, 554/3/431, Bl. 25. LVVA, 554/1/264, Bl. 50; 554/1/676, Bl. 30 f., 42 f.; 554/3/521, Bl. 200; 554/3/449, Bl. 32; 554/1/263, Bl. 14.

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länder (Ortsnamen Valkenburg und Valkenswaard)42. Die beiden erwähnten Falkengeschenke Herzog Wilhelms lagen fast genau auf den Tag zwei Jahre auseinander, und die Tatsache, dass es beim dritten Mal nur sechs Exemplare waren, kann auf die zunehmende Beschränkung von Herzog Wilhelms finanziellen Möglichkeiten hinweisen, schließlich hatte er innerhalb von vier Jahren Falken im heutigen Wert von ca. € 55 000 nach England verschenkt. Zurück zur Korrespondenz. Am 9. April 1615 schrieb der Herzog dem englischen König aus Königsberg über den jüngsten polnischen Reichstag, den er gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich besucht hatte43. Das besondere in diesem Zusammenhang ist aber, dass unter demselben Datum und ebenfalls aus Königsberg nun auch Herzog Friedrich erstmals Kontakt zu König Jakob aufnahm44, was kein Zufall sein konnte. Denn mittlerweile war die innenpolitische Atmosphäre im Herzogtum Kurland ziemlich vergiftet, weil die Ritterschaftsopposition Herzog Wilhelm auf dem Reichstag heftig angegriffen und angeklagt hatte, sodass Sigismund III. in seiner Eigenschaft als Oberlehnsherr einen kurländischen Landtag auf den 10. Juni ausschrieb45. Als Hauptgrund für diese Vorgehensweise erklärte der König, die Herzöge seien dem jahrelangen diesbezüglichen Drängen der Ritterschaft nicht nachgekommen46. Von herzoglicher Seite war im Vorfeld zwar manche ausländische Unterstützung zu mobilisieren versucht worden, doch mehr als ein Schreiben des Kurfürsten von Sachsen voller Beschuldigungen an die Adresse gewisser „Rebellische[n] Unterthanen“, „auffrührische[n] und böse[n]Buben“, die Herzog Wilhelms „rechte streitig machen“, ist uns in dieser Angelegenheit nicht bekannt47. Deshalb ist es auch Spekulation, ob ———————————— 42

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Freundliche Mitteilung von der Falknerin Susanne LOCKER. Siehe etwa Gisela HOFMANN, Falkenjagd und Falkenhandel in den nordischen Ländern während des Mittelalters, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 88 (1957/1958), S. 115–149 oder Thomas T. ALLSEN, Falconry and the Exchange Networks of Medieval Eurasia, in: Pre-Modern Russia and its World. Essays in Honor of Thomas S. Noonan, ed. by Kathryn L. RYERSON / Theofanis G. STAVROU / James D. TRACY, Wiesbaden 2006 (Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa 29), S. 135–154. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 150. Ebenda, S. 150 ff. Zur Geschichte der sogenannten Noldeschen Händel siehe etwa Carl Eduard NAPIERSKY, Actenstücke zur Geschichte der Noldeschen Händel in Kurland zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, nebst Anhang, Riga / Leipzig 1839 (Monumenta Livoniae antiquae II). Ebenda, Anhang, S. 210 f. NAPIERSKY, Actenstücke (wie Anm. 45), S. 23 f. Trotz der dynastischen Bande Herzog Wilhelms hielt sich Kurbrandenburg völlig bedeckt; die Linie Ansbach hatte seit nun schon beinahe hundert Jahren das Herzogtum Preußen von der Krone Polen zu Lehen. Entsprechend fruchtete Herzog Wilhelms Order an seine Gesandten vom 24.1.1615

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eine englische Fürsprache in diesem Zusammenhang etwas ausgerichtet hätte. Die innerkurländischen Spannungen eskalierten im unmittelbaren Vorfeld des in den August 1615 verschobenen Landtages am 10. dieses Monats durch die Ermordung der Brüder Nolde, der agilsten Repräsentanten der Ritterschaftsopposition, die im Auftrag König Sigismunds in Mitau (Jelgava) abgestiegen waren48. Die Untersuchungsergebnisse der von der Oberlehnsherrschaft eigens hierzu eingerichteten Kommission lieferten die juristische Grundlage für Herzog Wilhelms Absetzung am 6. Mai 161649. So weit war es aber noch nicht, als der Herzog am 7. September 1615 seine Sicht der Dinge König Jakob mitteilte, von der Mordtat berichtete, seine persönliche Unschuld nachdrücklich beteuerte50 und den englischen König um Beistand bat51. König Jakob ging hierauf aber nicht im Geringsten ein, sondern bedankte sich in einem Brief vom 9. Dezember für die Falken52, auch wenn es zwei weniger als angekündigt waren. Offenbar wollte sich England weder in innerkurländische Belange einmischen noch in solche, die das Verhältnis zu Polen-Litauen hätten belasten können, denn dies wäre bei einseitiger Parteinahme zugunsten Herzog Wilhelms bestimmt der Fall gewesen, solange er als schuldig galt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass König Jakob für beinahe zwei Jahre nicht mehr nach Kurland schrieb. Dort musste Herzog Wilhelm ins Exil und ging zunächst nach Schweden ————————————

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nichts, neben Briefen von Kursachsen und anderen „deutschen Chur- und Fürsten“ denjenigen von Kurbrandenburg Vorrang einzuräumen. Ebenda, Anhang, S. 204. Vorgeschichte und Umfeld dieser Tat bedürfen dringend einer Neubearbeitung. Gegenwärtig gilt, dass Magnus Noldes älterer Bruder Gotthard sich sehr bald nach dem (natürlichen) Tode ihres ältesten Bruders Johann (Ritterschaftshauptmann 1601 – 28.8.1610) selbst (Ritterschafts-) Hauptmann genannt zu haben scheint: LVVA, 554/1/1589, Bl. 8 vom 13.6.1615. Gotthard Nolde soll im Zusammenhang mit der Beerdigung dieses Bruders Johann „allerhandt Ufwiegelung der Miteingesessenen vom Adel [betrieben haben] [...] und sich alß ein Hauptmann wiederumb aufwerffen und einstecken wollen“. Alexander Freiherr von LIEVEN, Der Lehn- und Rossdienst im Herzogthum Curland und im Districte Pilten, und die herzoglichen Schloßcommandanten in Kriegszeiten, in: Jahrbuch für Genealogie, Heraldik und Sphragistik 1898, Mitau 1899, S. 15-44, hier S. 32. Kontumazialdekret vom 6. Mai 1616, in: LVVA, 554/1/77, Bl. 47 ff. Bis zu seinem Tod 1640 wird er nichts anderes behaupten, als an der Mordtat unschuldig gewesen zu sein. So lassen einige Nachrichten eine Intrige als nicht völlig abwegig erscheinen. Vgl. Julius von BOHLEN ZU BOHLENDORF, Fragmente zur Geschichte des Herzogs Wilhelm von Kurland, in: Mittheilungen aus dem Gebiete der Geschichte Liv-, Ehst- und Kurlands, 8 (1856), S. 208–213. Res Poloniae (wie Anm. 11), S. 157. Ebenda, S. 160.

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und dann nach Pommern, wo er bis zu seinem Lebensende (1640) Aufnahme fand. An dieser Stelle, im Dezember 1615, können wir einen ersten Einschnitt in der Geschichte der kurländisch-englischen Beziehungen sehen, denn die Korrespondenz zwischen beiden Ländern hob erst im Herbst 1617 wieder an, als die neue und nun geklärte Lage Kurlands auch der englischen Seite deutlich geworden war. Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass der erste Anlauf zur kurländischerseits angestrebten Instrumentalisierung der beiderseitigen Beziehungen wegen des Umbruchs im Herzogtum gescheitert war53. Das Fädchen nach Whitehall war zu schwach. Dieser erste Anlauf blieb aber auch fruchtlos wegen der noch nicht vorhandenen Gemeinsamkeiten, die ohnehin nur für Kurland einmal politischen Profit hätten abwerfen können, für England nicht. Als Ausblick nur Folgendes: Die spätere Wiederaufnahme des Kontaktes unter Herzog Friedrich wird unter ganz anderen Vorzeichen stehen und in mancher Hinsicht eine Neuanknüpfung sein. Ab Mitte der 1620er Jahre wird es zu einer immensen Intensivierung der kurländisch-englischen Beziehungen kommen, unter anderem mit dem Ergebnis, dass sich England in Polen-Litauen für die Neutralität des Herzogtums54 und die bedrohte Nachfolge Herzog Jakobs engagieren wird55. Vor diesem Hintergrund wäre interessant zu erfahren, ob die kurländisch-englischen Beziehungen vielleicht sogar dazu beitrugen, dass England 1627 eine ständige Gesandtschaft in Polen-Litauen einrichtete.

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Dieser Umbruch vollzog sich in drei Etappen, die zum Teil unmittelbar ineinander übergingen. Das ist sehr schön an der Tätigkeit der polnischen Kommissionen zu sehen. Davon gab es drei, die erste zur Untersuchung der Mordtat (1615/16), die zweite zur Ausarbeitung der Formula Regiminis (1616/17) und die dritte zur letztendlichen Übertragung des Herzogtums an Friedrich (1618). KELLER, Friedrich (wie Anm. 3), S. 115–133, 144. Ebenda, S. 193–196.

Andreas Fülberth

Noch immer ein Forschungsdesiderat? Aspekte der kurländisch-niederländischen Beziehungen zur Zeit Herzog Jakobs Forschungen zu den kurländisch-niederländischen Beziehungen während der Zeit Herzog Jakobs von Kurland (1610–1682, Herzog seit 1642) sind angesichts des generell eher geringen Ausmaßes bisheriger Forschungstätigkeit zu den Außenbeziehungen des Herzogtums potentiell als ein Desiderat einzustufen. Wer sich diesem Thema zuwendet, sieht sich gleichwohl schon jetzt mit einer prägnanten Besonderheit konfrontiert, was den verfügbaren Bestand an Fachliteratur betrifft. Denn in Gestalt von Otto Heinz Mattiesens Monografie über „Die Kolonial- und Überseepolitik der kurländischen Herzöge im 17. und 18. Jahrhundert“1 existiert seit 1940 ein Werk, in welchem zumindest die kolonialgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem Herzogtum und der niederländischen Republik äußerst detailreich abgehandelt sind und dessen imponierender Umfang von fast 1 000 Seiten von vornherein eine unvermeidliche Disproportionalität in Relation zu jeder künftigen Studie über Kurland und die Niederlande, wie umfassend diese auch immer angelegt wäre, zur Folge hat. Eine weitgehende Ausklammerung kolonialgeschichtlicher Bezüge käme bei einer solchen künftigen Studie unterdessen kaum in Betracht: Viel zu sehr beeinflussten kolonialpolitische Ambitionen und das durch sie hervorgerufene gegenseitige Misstrauen den Charakter der Beziehungen insgesamt. Entsprechend unterlag dieser einer allmählichen Veränderung und war gegen Ende der vierzigjährigen Regierungszeit Jakobs längst nicht mehr derselbe wie noch Mitte der 1630er Jahre, als Jakob auf einer Art Kavalierstour mehrere europäische Länder durchreist und dabei gerade die Niederlande recht ausgiebig kennen gelernt hatte. Die Faszination, die das modern anmutende und von Wohlhabenheit zeugende Erscheinungsbild niederländischer Städte damals auf Reisende aus aller Welt ausübte2, dürfte beim Erkunden Amsterdams, Leidens und anderer ———————————— 1

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Otto Heinz MATTIESEN, Die Kolonial- und Überseepolitik der kurländischen Herzöge im 17. und 18. Jahrhundert, Stuttgart 1940. Zu Reiseberichten als Quellen zum „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande vgl. neben den zahlreich vorliegenden ausführlicheren Studien die lesenswerte Einführung von Horst LA-

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Städte auch der spätere Herzog von Kurland verspürt haben. Mattiesens Ausführungen zufolge setzte dieser sich gar zum Ziel, aus seinem Herzogtum „ein ‚zweites Holland‘ zu machen“3. Dass dies nicht nur praktische Techniken etwa im Bereich der Domänenbewirtschaftung oder des Mühlenbaus betraf, sondern weitaus umfassender zu verstehen sein mag, erschließt sich bei Walter Eckert, nach dessen Worten Kurland vor allem „für das weite litauisch-russische Hinterland […] ein vorgelagertes Holland“ hätte werden sollen4 – womöglich mit Mitau (Jelgava) als einem Stapelplatz für Kolonialwaren5. Obwohl er seine eigentlichen Studienjahre bereits lange vor seinem Niederlande-Aufenthalt in Rostock und Leipzig absolviert hatte, scheint es Jakob viel bedeutet zu haben, Vorlesungen an der Universität Leiden hören zu können, die als eine der besten Ausbildungsstätten im damaligen Europa galt. Manche dieser Vorlesungen haben zweifellos dazu beigetragen, sein Verständnis von Merkantilismus zu prägen, und damit einen nicht zu unter———————————— DEMACHER, 3 4

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Wo Glanz ist, ist auch Gloria. Reisende in den Niederlanden des Goldenen Jahrhunderts, Münster / Hamburg 1996. MATTIESEN, Kolonial- und Überseepolitik (wie Anm. 1), S. 32. Walter ECKERT, Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (1561–1682). Ein Beitrag zur Verfassungs-, Verwaltungs-, Finanz- und Wirtschaftsgeschichte Kurlands im 16. und 17. Jahrhundert, Riga 1926, S. 133. Auch wenn Eckert vorgeworfen werden kann, zahlreiche Archivalien nicht selbst eingesehen, sondern sich an deren Auswertung durch andere angelehnt zu haben, bleibt seine Monografie in Teilen bis heute brauchbar. Vgl. ebenda, S. 166. Eine etwaige Vergleichbarkeit Kurlands mit Holland oder mit den Niederlanden insgesamt scheitert ansonsten – abgesehen von so Grundsätzlichem wie der Staatsform und, damit verbunden, der dauerhaft fehlenden Souveränität im Fall Kurlands – vor allem an der äußerst schwachen Stellung des Städtewesens im Herzogtum: Von dessen Städten besaßen lediglich Goldingen, Windau und Hasenpoth (Aizpute) ein bereits im Mittelalter verliehenes Stadtrecht; und die herzoglichen Bemühungen der Zeit um 1600, durch Erhebung weiterer Orte zu Städten sowie durch Neugründungen das Gewicht der Städte innerhalb des Herzogtums zu steigern, blieben weitgehend wirkungslos, denn die 1617 in Kraft gesetzte Formula Regiminis sah nicht einmal eine Teilnahme der Städte an den Landtagen vor. Jeder Initiative von herzoglicher Seite, dies zu ändern und sie zu den Landtagen zuzulassen, wusste der Adel sich im weiteren Verlauf erfolgreich entgegenzustellen. Vgl. Volker KELLER, Das Herzogtum Kurland im 16. und 17. Jahrhundert, in: Kurland. Vom polnisch-litauischen Lehnsherzogtum zur russischen Provinz. Dokumente zur Verfassungsgeschichte 1561–1795, hg. v. Erwin OBERLÄNDER / Volker KELLER, Paderborn u.a. 2008, S. 17–28, hier S. 22; zu sonstigen Hemmnissen für die Entwicklung der kurländischen Städte vgl. außerdem Markus LUX, Riga und die Städte des Herzogtums Kurland und Semgallen, in: Riga und der Ostseeraum. Von der Gründung 1201 bis in die Frühe Neuzeit, hg. v. Ilgvars MISĀNS / Horst WERNICKE, Marburg 2005 (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 22), S. 408–423, sowie ECKERT, Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (wie Anm. 4), S. 221 ff.

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schätzenden Einfluss auf die Geschicke Kurlands gezeitigt. Auch ein Interesse an niederländischer Geschichte wird Jakob nachgesagt6. Vor allem jedoch bevorzugte dieser bei der Auswahl späterer Berater und politischer Funktionsträger recht offenkundig Personen, zu deren eigenen Studienorten Leiden gezählt hatte. Als ein prominentes Beispiel ist der 1639 zum Oberhauptmann von Goldingen (Kuldīga) sowie gut ein Jahrzehnt später zum kurländischen Kanzler berufene Melchior von Fölkersam (1601–1665) zu nennen7. Auf die Zeit, die Jakob Mitte der 1630er Jahre in den Niederlanden verbracht hatte, dürften viele für ihn später bedeutsam gewordene Kontakte zurückgehen. Symptomatisch ist gleichwohl, dass darüber, ob diese tatsächlich in den Niederlanden selbst eingefädelt worden sind, bis heute in den meisten Fällen nur spekuliert werden kann. So findet sich die Feststellung, ein gegenseitiges Kennenlernen „während des Herzogs eigener Reise durch Europa“ sei denkbar, aber nicht nachweisbar, sogar am Ende eines 2004 erschienenen Aufsatzes rund um die Person Joachim de Wicqueforts (1600– 1670) – eines vergleichsweise wichtigen unter den recht zahlreichen ausländischen Berichterstattern, mit denen Jakob regelmäßige Korrespondenz pflegte, um über wesentliche Ereignisse an den jeweiligen Orten Europas stets so aktuell wie möglich informiert zu sein8. Resident in den Niederlanden war Joachim de Wicquefort, ein Bruder des in der Diplomatiegeschichte geläufigeren Abraham de Wicquefort (1598–1682), hauptsächlich für Hessen-Kassel; zu seinen sonstigen Korrespondenzpartnern gehörten neben ———————————— 6

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Ebenda, S. 48; als Beleg dienen Eckert die Verzeichnisse der einstigen herzoglichen Bibliothek. Auch ohne Kenntnis der Lektürevorlieben des Herzogs kann konstatiert werden, dass in den Niederlanden in jedem Fall eine Vielzahl der in dieser Bibliothek versammelten Atlanten, Reiseberichte und Abhandlungen erworben worden war; vgl. MATTIESEN, Kolonial- und Überseepolitik (wie Anm. 1), S. 52. Weitere Ausbildungsorte Fölkersams waren Wilna, Braunsberg, Königsberg und Rostock. Zu Fölkersams Biografie vgl. noch immer den Artikel in: Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland, bearb. v. Johann Friedrich VON RECKE / Karl Eduard NAPIERSKY, Bd. 1, Mitau 1827, S. 589–592. Anuschka TISCHER, West-Ost-Kommunikation im 17. Jahrhundert in ihrem Kontext. Joachim von Wicquefort als Korrespondent und Agent Herzog Jakobs von Kurland, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 5 (2004), S. 143–160, hier S. 156 f. Insgesamt verfolgt Tischers Beitrag primär die Frage nach der Schnelligkeit und Effizienz des damaligen Postverkehrs, der gerade in der Zeit Jakobs eine gewisse Modernisierung auch in und um Kurland erfuhr, was allerdings nicht in erster Linie mit eigenem Betreiben des Herzogs zusammenhing, sondern aus der schwedischen Herrschaftsübernahme in Riga resultierte; denn die damit verbundene Vereinfachung von Postwegen kam dem gesamten weiteren Umland zugute.

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Herzog Jakob, an den überlieferte Briefe aus den Jahren 1646 bis 1663 gerichtet sind, vorwiegend Franzosen9. Keineswegs abwegig ist es, von der Möglichkeit, dass manche Bekanntschaften schon in den Niederlanden zustande kamen, von Fall zu Fall auch bei Personen auszugehen, denen der Herzog technische Errungenschaften für sein Herzogtum verdankte oder von denen er sich Entwürfe für bestimmte Projekte fertigen ließ. Von einem Niederländer – dem Wasserbaumeister Adrians – wurden beispielsweise Pläne für einen Ausbau der von Versandung bedrohten Hafengewässer von Libau (Liepāja) geliefert, die, auch wenn es zur endgültigen Anlegung des dortigen Hafenkanals schließlich doch erst ab 1697 kommen sollte, als nicht unbedeutende Vorüberlegungen hierfür gesehen werden dürfen10. Von unschätzbarem Wert war niederländisches Know-how für Jakob freilich mehr noch bei der Gründung seiner Werft in Windau (Ventspils), mit der der technische Fortschritt, der sich in Kurland seinerzeit manifestierte, bis auf den heutigen Tag in besonderer Weise assoziiert wird. Bis zum Zeitpunkt des Todes Herzog Jakobs entstanden dort unter maßgeblicher Mitwirkung von Niederländern 44 Kriegs- und 79 Handelsschiffe, darunter viele, die frei verkauft und nicht etwa für eigene Vorhaben des Herzogs benötigt wurden. Da Jakob, wie Walter Eckert es formuliert, „auf seiner Werft in Windau und in den anderen industriellen Betrieben mit Vorliebe Letten anstellte“, hat der Aufbau dieser

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Die im Interesse Kurlands verrichteten Tätigkeiten sind dabei ausdrücklich nicht so zu interpretieren, als hätten Persönlichkeiten wie Wicquefort in staatlichen Diensten des Herzogtums gestanden; vielmehr handelte es sich gleichsam um Leistungen für den Herzog als Privatmann. Vgl. Markus LUX, Ein „kurländisches Genua“? Der Handelsplatz Libau unter den KettlerHerzögen, in: Das Herzogtum Kurland 1561–1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Bd. 2, hg. v. Erwin OBERLÄNDER, Lüneburg 2001, S. 147–196, hier S. 157 f. – Wie relativ überschaubar ein Projekt wie dasjenige für Libau sich im Vergleich zu den zahlreichen anderen, die dem Herzog noch vorschwebten, ausnahm und wie groß dessen Bedarf an niederländischem Fachwissen hierbei noch hätte sein können, wird erahnbar, wenn man auf Jakobs Kanalbau-Visionen insgesamt blickt, so etwa die Idee, durch Kanäle zwischen einer Reihe von Flüssen die ostkurländischen Landstriche an die kurländischen Hafenstädte anzubinden, um bei der Ausfuhr von Erzeugnissen aus dem Osten des Herzogtums die Zölle Rigas umgehen zu können. Vgl. Arnold SOOM, Der baltische Getreidehandel im 17. Jahrhundert, Stockholm 1961, S. 107, sowie zur tatsächlichen Aufnahme der Kanalbauarbeiten 1667 und ihrer alsbaldigen Wiedereinstellung ECKERT, Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (wie Anm. 4), S. 207 f.

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Einrichtungen im Übrigen auch Sphären des Kontakts zwischen Niederländern und Letten entstehen lassen11. Wenn der Herzog immer wieder Verbindungen in die Niederlande zu aktivieren und für das Anwerben von Fachleuten zu nutzen verstand, so kommen als Grundlage hierfür neben seiner eigenen Reise sicherlich ebenso sehr seine engen Beziehungen zu Brandenburg in Betracht, das mitunter eine Vermittlerrolle gespielt haben dürfte. In den Jahren 1634 bis 1638, also teilweise zeitgleich mit Jakob, hatte auch dessen späterer Schwager Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) in den Niederlanden geweilt, wobei der Gedanke, bereits hier könnten mithin „die Bande zwischen beiden Fürsten geknüpft worden sein“12, gar nicht unbedingt ausschlaggebend erscheint. Denn auch ganz unabhängig von dieser Möglichkeit stellten die in den Niederlanden gewonnenen Eindrücke eine grundsätzliche Erfahrung, die beide teilten, dar. Bei späteren Gelegenheiten waren sie zwischen ihnen ganz sicher ein Thema und traten als eine zusätzliche Gemeinsamkeit neben andere, rein politische Berührungspunkte, wie sie sich etwa aus der Stellung als Lehnsmann des polnischen Königs ergaben – einer Stellung, in der sich in seiner Eigenschaft als Herzog in Preußen ja auch der Kurfürst befand. Ebendiese Grundkonstellation, als Herren eines protestantisch geprägten Territoriums in Lehnsabhängigkeit von einem katholischen Monarchen zu stehen, ließ die Kettler-Herzöge offenkundig auch schon vor Jakobs Regierungszeit Ausschau nach noch weiteren ebenfalls protestantischen natürlichen Verbündeten halten. Anfangs verbanden sie hiermit wohl auch die Hoffnung, diese wären imstande, auf eine wiederum andere protestantische Macht – gemeint ist Schweden – einzuwirken und sie, wann immer die Umstände es erfordern, für Kurland günstig zu stimmen. Hierauf musste es den Herzögen insbesondere zur Absicherung kurländischer Neutralität im Falle kriegerischer Verwicklungen zwischen Polen und Schweden ankommen. Folgerichtig sind Bemühungen, die „Staten Generaal“13 dazu zu bewegen, ———————————— 11

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Ebenda, S. 231. Quellen zur Charakterisierung dieser Kontakte dürften leider nur sehr schwer aufzuspüren sein. Kritisch zur bisherigen Forschung über die Werften Kurlands Mārīte JAKOVĻEVA, Mythos und Realität: Zur Flotte und zum Schiffbau im Herzogtum Kurland, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 8 (2013), S. 81–102. ECKERT, Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (wie Anm. 4), S. 47. Der als Übersetzung üblich gewordene, aber unpräzise Begriff „Generalstaaten“ sei hier bewusst vermieden, da er allzu oft unmittelbar wie eine Staatsbezeichnung Verwendung findet, statt mit der faktischen Bedeutung „Generalstände“ konnotiert zu werden, aus der er sich lediglich rein metonymisch zu einer Bezeichnung für das Staatsganze entwickelt hat.

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sich in diesem Sinne für Kurland zu verwenden, bereits aus der Endphase des Polnisch-Schwedischen Krieges der Jahre 1621 bis 1629, also noch der Zeit Herzog Friedrichs (1569–1642, Herzog seit 1587), überliefert14. Dass Herzog Jakob, dem Neffen und Nachfolger Friedrichs, im weiteren Verlauf daran lag, jenes Werben um die Niederlande an einen Punkt zu führen, ab dem von tatsächlichen diplomatischen Beziehungen die Rede sein konnte, erscheint nur natürlich – ebenso wie Jakobs anfängliche Einstellung, von Seiten der niederländischen Republik nichts für ihn oder sein Herzogtum Negatives zu erwarten. Denn während das Verhältnis zu Schweden von dessen – nicht unter sämtlichen Schwedenkönigen gleichermaßen ausgeprägten, mehrfach jedoch deutlich zutage getretenen – Versuchen bestimmt war, Einfluss auf das Herzogtum zu gewinnen und es dem eigenen Herrschaftsraum möglichst einzuverleiben, spielten machtpolitische Erwägungen solcher Art im Verhältnis zu den Niederlanden eben nie eine Rolle. Dass die dortige Glaubensausrichtung reformiert und nicht wie in Kurland lutherisch war, gilt es hierbei selbstverständlich nicht zu übersehen; allerdings scheint diesem Umstand nur bedingt Relevanz beigemessen worden zu sein: Schließlich wurde genau dieser Konfessionsgegensatz 1645 ja auch bei Jakobs Eheschließung mit der brandenburgischen Prinzessin Luise Charlotte (1617–1676) für überwindbar erachtet, wobei man im Hinblick auf die zu erwartenden Kinder vereinbarte, die Söhne dem Bekenntnis des Vaters und die Töchter dem der Mutter folgend aufwachsen zu lassen. Nach den kriegs- und seuchenbedingten Bevölkerungsverlusten um 1660 lockerte die Haltung gegenüber Reformierten sich dann immer weiter. Reformierten Bekenntnisses waren daneben nicht wenige verdiente Persönlichkeiten in Jakobs Umgebung, so etwa der 1678 zum Kanzler ernannte Christoph Heinrich von Puttkammer († 1705)15, und 1701 wurde in Mitau sogar eine reformierte Gemeinde gegründet. Motive aus kurländischer Sicht, sich den Niederlanden anzunähern, liegen somit jedenfalls auf der Hand. Zu hinterfragen ist umso mehr, welche Motivationen es für einen Niederländer geben konnte, einem Ruf nach Kurland tatsächlich zu folgen. Diese Frage mag sich ganz besonders in Bezug auf ———————————— 14

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Volker KELLER, Herzog Friedrich von Kurland (1569–1642). Verfassungs-, Nachfolgeund Neutralitätspolitik, Marburg 2005 (Materialien und Studien zur OstmitteleuropaForschung 11), S. 178. Vgl. Almut BUES, Das Herzogtum Kurland und der Norden der polnisch-litauischen Adelsrepublik im 16. und 17. Jahrhundert. Möglichkeiten von Integration und Autonomie, Gießen 2001, S. 265.

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niederländische Schiffbauer stellen, ging es bei dem, worin sie das Herzogtum unterstützten, doch um nichts anderes als die Brechung des niederländischen Transportmonopols auf der Ostsee. Ermöglichte man dem Herzog derlei Erfolge bewusst oder stellten diese eher ein zunächst nicht einkalkuliertes Ergebnis eines einmal begonnenen Agierens dar, bei dem für den Einzelnen fast nur die in Aussicht stehende Lukrativität für ihn persönlich zählte? Kurlands Prosperität um die Mitte des 17. Jahrhunderts, von der man den Eindruck gewinnen kann, dass sie nur dank niederländischen Zutuns überhaupt möglich wurde, äußerte sich jedenfalls gerade auch darin, dass die Monopolbrechung im Transportwesen bis zu einem gewissen Grade tatsächlich gelang. Die betreffenden Personen niederländischer Herkunft sind in den – im Rahmen einer zumeist nationalstaatsgeschichtlich konzeptualisierten Forschung bislang vielfach vernachlässigten – Kreis all der zahllosen damaligen Gelehrten, Kaufleute, Techniker usw. einzuordnen, die ihr Handeln nicht zwangsläufig am Interesse des eigenen Geburtslandes orientierten, sondern sich oftmals weit jenseits von dessen Grenzen betätigten. Indem sie sich gerade dort in unterschiedlichste Innovationsprozesse einbrachten, trugen diese Personenkreise Erhebliches zur Prägung europäischer Geschichte des 17. Jahrhunderts bei. Die Ausmaße, in denen dies der Fall war, werden wohl auch deshalb noch immer unterschätzt, weil vorliegende Studien beispielsweise zu religiös motivierten Migrantenströmen16 dazu verleiten mögen, fast nur Letztere ins Blickfeld zu rücken und die Gesamtperspektive damit zu verengen. Kaum verengt wird diese Perspektive hingegen, wenn von all denen, die in sie einbezogen sein sollten, einigermaßen deutlich so genannte Lieger unterschieden werden, wie sie in den Hafenstädten Libau und Windau als Vertreter großer Amsterdamer Handelshäuser anzutreffen waren. Der von Niederländern bewerkstelligte Techniktransfer ins Herzogtum Kurland lässt sich mutmaßlich weitgehend unabhängig von den Aktivitäten

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Von religiös motivierter Migration profitierte in einem gewissen Sinne auch Kurland – insofern nämlich, als es dort über schon angeworbene Fachkräfte aus deutschen Territorien sowie den Niederlanden hinaus ab etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts auch Zuwanderer aus Schweden gab, unter denen sich nach Schweden gelangte Hugenotten befanden. Vgl. Mārīte JAKOVĻEVA, Merkantilismus und Manufakturen: Die Eisenwerke der Herzöge von Kurland, in: Das Herzogtum Kurland 1561–1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, hg. v. Erwin OBERLÄNDER / Ilgvars MISĀNS, Lüneburg 1993, S. 99–128, hier S. 108.

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dieser Lieger betrachten17; und dass er, obwohl er als idealtypisches Beispiel in den hier beschriebenen Gesamtkontext gehört, nie zum Gegenstand gesonderter Untersuchungen geworden ist, mag teils mit einem nach wie vor zu beklagenden Mangel an west-östlicher Forschungsvernetzung zu erklären sein. Namentlich genannt werden in der einschlägigen Historiografie zu Kurland nur wenige Niederländer. Am ehesten kommen die Namen derjenigen vor, deren Dienste Jakob zum Erwerb seiner beiden Kolonien in Anspruch nahm. Indem er sich hierbei maßgeblich auf Niederländer verließ, folgte er wahrscheinlich bewusst dem Vorbild Brandenburgs. Kurlands ephemerer Status als Kolonialmacht bezog sich bekanntlich auf einen am GambiaStrom in Westafrika gelegenen Handelsstützpunkt sowie eine im Gegensatz dazu als klassische Siedlungskolonie intendierte Niederlassung auf der Karibikinsel Tobago. Als Gouverneur für die gambische Kolonie setzte der Herzog 1652 den Niederländer Jakob du Moulin ein; und auf Tobago fiel dieses Amt an Willem Mollens (den Jüngeren), der 1654 die kurländische Expedition dorthin geleitet und die Inbesitznahme der Insel vollzogen hatte. Vor allem Mollens erfüllte seine Aufgaben offenbar zur vollen Zufriedenheit seines Auftraggebers, wenngleich schon wenige Monate nach der Ankunft der kurländischen Kolonisten Besitzansprüche des Vlissinger Brüderpaars Lampsins durch eine erneute niederländische Anlandung bekräftigt wurden. Für einige Zeit bestanden auf Tobago daraufhin, nur durch einen Bergrücken voneinander getrennt, eine von einem Niederländer angeführte kurländische und eine niederländische Siedlung gleichzeitig, ehe dem Herzog als indirekte Folge seiner zweijährigen Gefangensetzung durch die Schweden ab 1658 beide Kolonien – auch diejenige am Gambia – wieder verloren gingen. Dass sich in jenem Abschnitt der Regierungszeit Jakobs Verstimmungen im Verhältnis zu den Niederlanden und insbesondere zu der mächtigen Westindischen Compagnie (WIC) häuften, lag indes nicht nur am Schicksal der Kolonien selbst; für Belastungen hatte vielmehr das wiederholte Aufbringen kurländischer Schiffe gesorgt, zu dem es nicht nur vor der afrikanischen Küste gekommen war, sondern mehr noch im Nordatlantik, wo Herzog Jakob am Walfischfang zu partizipieren bestrebt war. Wurden entsprechende Vorkommnisse vor niederländischen Gerichten verhandelt, so erkannten diese dem kurländischen Herzog vereinzelt durchaus zu, der Sach———————————— 17

Zu fragen wäre höchstens nach Indizien für eine durch die gemeinsame niederländische Herkunft bedingte Kontaktpflege zwischen Liegern einerseits und Technik-Experten andererseits.

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lage nach im Recht zu sein; gerade in solchen Fällen musste Jakob jedoch damit rechnen, dass das Geschehene für verjährt erklärt wurde. Eine Konstante blieb unterdessen – weitgehend unabhängig von der allmählichen Eintrübung der wechselseitigen Beziehungen und lediglich kurz unterbrochen nach dem Krieg der Jahre 1655 bis 1660/61 – der vor allem aus kurländischer Sicht unverzichtbar gewordene Getreidehandel: Auf die Niederlande als hauptsächlichen Abnehmer seines Getreides (dessen Verkauf oft ohne städtischen Zwischenhandel unmittelbar vom Adel abgewickelt wurde) war das Herzogtum zu Jakobs Lebzeiten nachgerade angewiesen. Von einer Abhängigkeit auch aus niederländischer Sicht zu sprechen, wie es besonders im Fall der so stark verstädterten Provinz Holland auf den ersten Blick plausibel erschiene18, dürfte hingegen verfehlt sein, da ein großer Teil des kurländischen Getreides, das Amsterdam erreichte, in der Regel zum Weiterverkauf bestimmt war19. Wenn Kurland also nicht einmal als Lieferant elementarer Güter an die Niederlande gelten konnte und wenn allzu gern zu Kurlands Nachteil die Übermacht der WIC ausgespielt wurde, so stellt sich die Frage, ob es gemeinsame Interessenlagen mit dem Herzogtum aus gesamtniederländischem Blickwinkel überhaupt gab oder ob als potentielle Partner, von denen die Herzöge sich Kooperationsbereitschaft erhoffen konnten, nicht eher einzelne niederländische Städte zu sehen waren. Befunde dieser Art zeichnen sich im Hinblick auf Rotterdam ab: Eine Stadt, die – fast als hinge das eine mit dem anderen zusammen – zugleich im Kontext einer der wenigen Situationen in den Fokus gerät, in denen Kurland einmal der niederländischen Republik als Ganzer einen Nutzen erwies. Genau dies ergab sich nämlich in der Anfangsphase des Krieges zwischen den Niederlanden und Frankreich ab 1672, an dem auf niederländischer Seite kurländische Söldnerregimenter teilnahmen, angeführt von dem späteren Herzog Friedrich Kasimir (1650–1698, Herzog seit 1682). Das Unterhalten und gegebenenfalls Bereitstellen derartiger Trupps darf ganz sicher als ein für die Zeit typisches Phänomen gelten; im vorliegenden Fall allerdings brachte es den kurländischen Herzog in einige Verlegenheit gegenüber Frankreichs König Ludwig XIV. (1638–1715). Mit Rotterdam ist diese Begebenheit insofern verbunden, als Verwundete aus jenen Regimentern dort medizinisch behandelt wurden. ———————————— 18

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Vgl. die nahezu selbstverständliche Vermutung holländischen Eigenbedarfs an Getreide auch aus Kurland bei ECKERT, Kurland unter dem Einfluss des Merkantilismus (wie Anm. 4), S. 31. Arnold SOOM, Der baltische Getreidehandel (wie Anm. 10), S. 318.

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Der Vorgang fällt in einen Zeitraum, in welchem die Kontakte des Herzogtums gerade zu Rotterdam sich überdies durch Verhandlungen bezüglich allgemeiner Handelsbeziehungen sowie der Insel Tobago verdichteten. Nach einer ersten recht konkreten Erörterung im Jahr 167120 kehrten genau diese beiden Gesprächsgegenstände 1699 noch einmal wieder – mehr als eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der Regierungszeit Herzog Jakobs. Ein entsprechend weiter Blick über die zeitlichen Grenzen unseres eigentlichen Themas hinaus sei einerseits deshalb gestattet, weil jener Episode des Jahres 1699 Aussagekraft hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Niederländern und Kurländern insgesamt zukommt, sowie andererseits deshalb, weil ihr einer der ganz wenigen Beiträge niederländischer Provenienz, die als Forschungsliteratur zu Fragen des Austauschs mit Kurland existieren, gewidmet ist21. Zu verdanken ist dieses ungewöhnliche Stück Forschungsliteratur dem Mediävisten Jan van Herwaarden, der hervorhebt, wie ungewöhnlich für ihn selbst es gewesen sei, sich mit einem frühneuzeitlichen statt wie üblich einem Mittelalter-Thema befasst zu haben. Seine Entscheidung, dies ausnahmsweise einmal zu tun, erklärt van Herwaarden mit der Neugier, die die Schlagwörter „Tobago“, „Kurland“ und „Rotterdam“ an einem Dossier im Rotterdamer Stadtarchiv bei ihm ausgelöst hätten.

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21

Sehr eindeutig verweist auf dieses Datum ein Dokument im Stadtarchiv von Rotterdam (Gemeentearchief Rotterdam, OSA 2210), nach dessen Wortlaut die Unterzeichnung eines seinerzeit diskutierten Handelsvertrages nur des im Folgejahr ausgebrochenen Krieges gegen Frankreich wegen unterblieben ist. Jan VAN HERWAARDEN, Tobago, Koerland en Rotterdam. Mooie plannen voor een avontuurlijke onderneming (1699) [Tobago, Kurland und Rotterdam. Hübsche Pläne für ein abenteuerliches Unternehmen (1699)], Rotterdam 1990. – Das Spektrum an Fachliteratur von niederländischer Seite erweitert sich freilich um ein Vielfaches, sobald Publikationen, die den Austausch mit dem gesamten östlichen Ostseeraum thematisieren, mit in den Blick genommen werden. Als Beispiel aus jüngerer Zeit siehe etwa den Sammelband: Baltic Affairs. Relations between the Netherlands and North-Eastern Europe 1500–1800, hg. v. Jacques Ph. S. LEMMINK / J. S. A. M. VAN KONINGSBRUGGE, Nijmegen 1990. Genannt sei ferner der Beitrag von Anja TJADEN, The Dutch in the Baltic (1544–1721), in: In Quest of Trade and Security. The Baltic in Power Politics, hg. v. Göran RYSTAD / KlausR. BÖHME / Wilhelm M. CARLGREN, Lund 1994, S. 61–136. An Kurzbetrachtungen wie dem Aufsatz von Hans VAN KONINGSBRUGGE, In War and Peace. The Dutch and the Baltic in Early Modern Times, in: Tijdschrift voor skandinavistiek 16 (1995), Nr. 2, S. 189– 200, fällt derweil auf, dass Kurland in ihnen kein einziges Mal Erwähnung findet, was beinahe einem Kuriosum gleichkommt, wenn man sich die geografische Lage des Herzogtums vergegenwärtigt – sowie den Umstand, dass seine Existenzzeit beinahe vollständig mit dem zusammenfällt, was gemeinhin unter Früher Neuzeit verstanden wird.

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Besagte Kontakte zwischen Kurland und der Stadt Rotterdam hatten zum Ziel, ein gemeinschaftliches Kolonisationsprojekt auf Tobago zu realisieren, und zeigen, dass das Herzogtum trotz seiner vermeintlich geringen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung als ein attraktiver Kooperationspartner erscheinen konnte, sofern auch der andere Akteur – in diesem Fall Rotterdam – in seinem eigenen Umfeld eine eher zweitrangige Position einnahm. Betrachtet man Rotterdams kolonialpolitische Bedeutung, so fand diese Zweitrangigkeit mehr als deutlich ihren Ausdruck: Im höchsten Entscheidungsorgan der so genannten „Zweiten Westindischen Compagnie“, die sich 1674 formierte, entfiel auf die von Rotterdam, Delft und Dordrecht dominierte Kammer „Maze“ beispielsweise nur eine Stimme und damit nur ein Viertel des Einflusses, den die Stadt Amsterdam in diesem Gremium ausübte. Theoretisch konnte die Amsterdamer Kammer damit zwar von den übrigen – derjenigen Seelands mit ihren immerhin zwei Stimmen, derjenigen des „Noorderkwartier“ (Enkhuizen), derjenigen von „Stad en Lande“ (Groningen) und eben derjenigen von „De Maze“ – immer noch überstimmt werden; angesichts der von Amsterdam gehaltenen 60 Prozent des Anteile-Kapitals war dies in der Praxis jedoch wenig wahrscheinlich22. Und so bestand der Anreiz für Rotterdam, als es eine gemeinschaftliche Unternehmung mit den Kurländern erwog, zunächst einmal darin, dass es auf die WIC hierbei gar nicht angewiesen gewesen wäre. Hinzu kam die Aussicht, der Stadt könnte fortan eine gewisse Exklusivität bei der Pflege der Beziehungen zwischen Republik und Herzogtum zufallen. Nach Lage der Quellen war nämlich offenbar daran gedacht, die im engeren Sinne Tobago betreffende Zusammenarbeit wiederum mit einem allgemeinen Handelsvertrag zwischen Kurland und Rotterdam zu kombinieren. Hierauf dürfte es den Rotterdamer Unterhändlern letztlich sogar mehr angekommen sein als auf das mögliche Prestige, das eine Kolonisation Tobagos der Stadt hätte einbringen können. Denn als ebenso zweitrangig wie die Akteure Kurland und

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Die organisatorischen Grundstrukturen der „Zweiten Westindischen Compagnie“ finden sich übersichtlich erläutert bei Henk DEN HEIJER: De geschiedenis van de WIC [Die Geschichte der Westindischen Compagnie], Zutphen 1994, S. 111 f. – Die Kammern von Amsterdam und Seeland konnten im Rahmen der WIC zudem über bestimmte Kolonialgebiete, die als besonders einträglich galten, völlig eigenständig verfügen, so etwa Amsterdam über Curaçao. Entsprechende Sonderstellungen der drei kleineren Kammern gab es nicht.

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Rotterdam selbst galt – jedenfalls aus niederländischer Sicht – auch Tobago23. Wie angedeutet, hatten niederländische Zugriffe auf diese Insel bis dahin in der Provinz Seeland ihren Ausgang genommen; und wie sich zeigen sollte, blieb dies auch über den Tod der einflussreichen Brüder Lampsins hinaus so, selbst wenn alle Rechte, die deren Erben Tobago betreffend geltend machen konnten, 1676 an die holländischen Provinzialstände übergegangen waren. Von holländischer Seite wurde in der Folgezeit zunächst offenbar stillschweigend respektiert, dass Tobago dem 1678 geschlossenen Frieden von Nimwegen gemäß an Frankreich gefallen war24; 1698 jedoch traten vier Kaufleute aus Middelburg, der zentralen Stadt Seelands, an die Generalstände heran und baten diese um eine Erlaubnis zur Kolonisierung des ihren Angaben zufolge verlassenen Eilandes. Hiervon muss auch Ferdinand Kettler (1655–1737) erfahren haben, der zu dieser Zeit die Regentschaft für seinen minderjährigen Neffen Friedrich Wilhelm (1692–1711) übernommen hatte, und wie es scheint, bewog die Nachricht von den Absichten der Middelburger ihn, seinerseits den kurländischen Ansprüchen auf die Insel neuerlich Geltung zu verschaffen25 – egal, ob durch einen etwaigen Verkauf dieser Ansprüche oder durch eine erneute Besiedlung Tobagos zwecks Ausbeutung seiner Ressourcen. ———————————— 23

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Unter den Kolonialgebieten, die niederländisches Interesse auf sich zogen, war es im Vergleich zu anderen weit weniger bedeutsam. Wissenschaftliche Beiträge, deren Titel „Eine vergessene niederländische Kolonie“ oder ähnlich lauten, unterstreichen dies mehr als deutlich – so etwa derjenige von C. K. KESLER, Tobago. Een vergeten Nederlandsche kolonie [Tobago. Eine vergessene niederländische Kolonie], in: De Westindische Gids 11 (1929), S. 527–534. Drei Jahrzehnte zuvor hatte bereits J. H. J. Hamelberg einen Zeitschriftenbeitrag identisch betitelt. In den vorangegangenen Friedensschlüssen von Breda (1667) und Westminster (1674) zwischen den Niederlanden und England war Tobago jeweils den Niederlanden zugesprochen worden. Dieser mutmaßliche Hintergrund eröffnet sich, da eine Kopie der Anfrage der vier Middelburger Kaufleute lediglich in Rotterdam (Gemeentearchief Rotterdam, Handschriften, Nr. 3226.1) vorhanden ist, nur auf der Basis der dortigen Archivalien, während er bei MATTIESEN, Kolonial- und Überseepolitik (wie Anm. 1) – dem die Vorgänge von 1699 durch Dokumente im herzoglichen Archiv freilich ebenfalls bekannt sind – nicht in gleicher Weise rekonstruiert werden kann. Zu dieser und anderen Deutungsvarietäten zwischen Mattiesen und van Herwaarden vgl. Andreass FĪLBERTS, Roterdama kā Kurzemes potenciālais partneris. Sadarbības perspektīvas 1699. gadā un to atspoguļojums historiogrāfijā [Rotterdam als potentieller Partner Kurlands. Kooperationsperspektiven im Jahre 1699 und ihre Widerspiegelung in der Historiografie], in: Ventspils Muzeja Raksti, hg. v. Mārīte JAKOVĻEVA / Armands VIJUPS, Ventspils 2009, S. 58-65.

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Zu einem daraufhin 1699 zwischen Kurland und Rotterdam ausgehandelten Kolonisationsprojekt haben sich in Rotterdam etliche Archivalien erhalten, wobei man demjenigen Dokument, in welchem es um Aufbau und Verwaltung der Kolonie geht, leider nicht klar entnehmen kann, ob es lediglich als Diskussionsgrundlage oder bereits als endgültiger Entwurf aufzufassen ist26. Wäre Letzteres der Fall, so läge die Frage nahe, ob das Projekt womöglich nur infolge des Großen Nordischen Krieges der Jahre 1700 bis 1721 unverwirklicht blieb. Tatsächlich aber spricht vieles dafür, dass es schon vor dessen Ausbruch von niemandem mehr für realisierenswert gehalten wurde, und dies aus gleich mehreren Gründen. Anders als um 1670, als Kurländer und Rotterdamer ihren ersten Anlauf zu einer eventuellen Zusammenarbeit nahmen, bestand 1699 eine englischniederländische Personalunion: Der Oranier Wilhelm III. (1650–1702) – seit 1674 Erbstatthalter der Niederlande und seit 1677 verheiratet mit seiner Cousine Maria (1662–1694), der Tochter Jakobs II. (1633–1701, König 1685–1688) – war 1689 als dessen Nachfolger englischer König geworden. Hieraus ergab sich, dass die Ansprüche des Herzogs auf die Insel Tobago, die 1664 von Jakobs Bruder und Vorgänger Karl II. (1630–1685, König seit 1660), nachdem England den kurländischen Stützpunkt an der GambiaMündung eingenommen hatte, im Gegenzug bestätigt worden waren, prinzipiell auch durch Wilhelm anerkannt waren – und damit niederländischerseits eigentlich ebenso wenig in Frage gestellt werden konnten. In der Praxis vermied Wilhelm indes, sich in irgendeiner Weise für die Rechte der Kurländer zu verbürgen, und überließ es im März 1700 schließlich seinen Vertrauten, sie gänzlich in Abrede zu stellen. Auch bedeutete die bis dahin aufrechterhaltene Bestätigung der kurländischen Ansprüche durch die englische Krone zu keinem Zeitpunkt eine automatische Bereitschaft der Engländer, kurländische Kolonisten auf Tobago zu dulden27. Über die Tatsache als solche, dass England, wenn über eine Kolonisierung Tobagos beratschlagt wurde, stets ein Wort mitzureden hatte, dürfte man übrigens in Rotterdam ———————————— 26

27

Das Dokument enthält zahlreiche Bestimmungen über die im Zusammenhang mit der Koloniegründung zu schaffenden Verwaltungsorgane und die Regelung der personellen Besetzung all dieser Organe. Für die Ernennung der fünf Direktoren der zu errichtenden Handelsgesellschaft wären die Bürgermeister von Rotterdam zuständig gewesen, während zur Ernennung des Gouverneurs allein der Herzog hätte berechtigt sein sollen. Dieser sollte dabei allerdings nur aus einer eng begrenzten Zahl von Vorschlägen auswählen können. Ähnlich, nämlich ebenfalls auf Vorschlag aus den Reihen der Anteilseigner, hätte später die Nachbesetzung vakant gewordener Direktorenposten geregelt werden sollen. Vgl. VAN HERWAARDEN, Tobago, Koerland en Rotterdam (wie Anm. 21), S. 16 f.

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noch weniger erfreut gewesen sein als von kurländischer Seite – eventuell sogar so wenig, dass genau dies der Hauptgrund war, weswegen das Rotterdamer Interesse an einem Zusammenwirken mit Kurland rasch wieder nachgelassen haben könnte28. Wie klein das Zeitfenster, innerhalb dessen ein wirkliches beiderseitiges Interesse an kolonialer Zusammenarbeit bestanden haben muss, offenkundig war und wie dieses Zeitfenster zu datieren ist, lässt sich einerseits dadurch ablesen, dass für manche der Schriftstücke, die die Rotterdamer sich fertigen ließen, um sich der Fundiertheit bzw. Seriosität der kurländischen Ansprüche auf Tobago zu vergewissern, exakt das Datum der Abschrift feststeht29 – im Falle zweier wichtiger Dokumente handelt es sich um den 16. Juli 1699 – und dass andererseits schon am 31. Juli 1699 – so Mattiesen unter Berufung auf eine Quelle aus dem herzoglichen Archiv – Ferdinand seinem Gesandten Johann Christoph Praetorius gegenüber zum Ausdruck brachte, „recht wenig erbaut“30 von den Gesprächen in Rotterdam zu sein. Sie erfolgreich abschließen zu können, anstatt, wie er es de facto tat, schon bald nach England weiterzureisen, um Tobago auch dort zur Sprache zu bringen, war in Wahrheit vielleicht wirklich nur für Praetorius eine ernsthafte Option gewesen. Für Rotterdam scheint hingegen der Unwille, englische und zugleich kurländische Souveränitätsrechte zu respektieren, überwogen zu haben; und bei Ferdinand beruhte die Abneigung, sich auf Niederländer einzulassen, allem Anschein nach auf grundsätzlichen Erfahrungen seines Vaters Jakob. Zudem hatte sie mit Schulden des herzoglichen Hauses bei Jakobs einstigem Amsterdamer Agenten Henry Momber zu tun, dessen Sohn und Erbe Henry Momber jun. sich Kurland gegenüber zu jener Zeit höchst ungnädig und verächtlich verhielt. ———————————— 28 29

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Vgl. ebenda, S. 18 f. Verdienstvoll ist in diesem Zusammenhang van Herwaardens Genauigkeit bei der Auswertung der verschiedenen Handschriften, die ihm klare Vermutungen erlaubt, welche der einzelnen Dokumente vor Ort in Rotterdam angefertigt und welche anderen von kurländischer Seite beigesteuert wurden. Handschriftenvergleiche ermöglichen es van Herwaarden darüber hinaus übrigens auch, anhand einer Schreiber-Übereinstimmung plausibel zu machen, dass die Absichten im kolonialen Bereich und die oben schon angesprochene Absicht, einen allgemeinen Handelsvertrag miteinander zu schließen, in enger Verbindung gesehen werden müssen. MATTIESEN, Kolonial- und Überseepolitik (wie Anm. 1), S. 961. Zu Praetorius und dessen eigener Abhandlung über Tobago, auf die auch van Herwaarden sich verschiedentlich bezieht, vgl. den Artikel in: Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon (wie Anm. 7), Bd. 3, Mitau 1831, S. 440 ff.

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Dass es zu der beschriebenen kurzzeitigen Annäherung zwischen Kurland und Rotterdam überhaupt kam, bleibt umso bemerkenswerter. Abgekühlt hatte sich das Verhältnis zwischen Kurländern und Niederländern immerhin seit rund einem halben Jahrhundert, beginnend mit Jakobs ersten Koloniegründungsversuchen. Wie auch immer diese Annäherung daher zu gewichten sein mag – dass man sie wieder aufgab, machte jedenfalls auch Rotterdams Überlegung, unter Umgehung der WIC in der Karibik Fuß fassen zu können, hinfällig. Erst ein Dreivierteljahrhundert später, 1773, wurde den Rotterdamern bzw. der „Kamer van De Maze“ in dieser Region der Welt eine Verantwortung zuteil. Doch nun war es die WIC, die ihnen diese übertrug, und die Verantwortlichkeit galt nicht mehr Tobago, sondern der kleinen Antillen-Insel Sint Eustasius. Womöglich wäre dem Herzogtum Kurland, hätten sich die mit den Rotterdamern geschmiedeten Pläne verwirklicht, heute etwas mehr Aufmerksamkeit in der niederländischen Historiografie beschieden und müsste die Arbeit van Herwaardens nicht als ein Unikum herausgestellt werden. So aber ist es bezeichnend, dass in einem vor geraumer Zeit erschienenen Nachschlagewerk zur Geschichte der Ost- und der Westindischen Compagnie der Artikel zu Tobago (das darin seiner Benennung seitens der Seeländer entsprechend als „Nieuw-Walcheren“ zu finden ist) über die Kurländer weitgehend schweigt – mit Ausnahme ausgerechnet jener Tatsache, welche Mattiesen und andere stets ins Reich der Fabel verwiesen haben, nämlich dass Jakob Kettler die Insel Tobago einst von seinem Paten, dem englischen König, geschenkt worden sei31. Umgekehrt erweist sich auch mancher lettische Fachliteratur-Passus, in dem Stichwörter wie „Niederländer“ oder „die Niederlande“ auftauchen, als ———————————— 31

Peter VAN WIECHEN, Vademecum van de Oost- en West-Indische Compagnie. Historisch-geografisch overzicht van de Nederlandse aanwezigheid in Afrika, Amerika, Azië en West-Australië vanaf 1602 tot heden [Vademekum zur West- und Ostindischen Compagnie. Historisch-geografischer Überblick über die niederländische Präsenz in Afrika, Amerika, Asien und Westaustralien von 1602 bis heute], Utrecht 2002, S. 231. – Der Lektürebefund bei van Wiechen ist freilich kein Einzelfall. Auch ansonsten lässt sich, und zwar nicht nur anhand von Publikationen aus den Niederlanden, feststellen, dass die zweifelhafte Behauptung, Tobago sei Jakob Kettlers Taufgeschenk gewesen, in kolonialhistorische Fachliteratur, in der Kurland nur am Rande berücksichtigt wird, unverdient häufig Eingang gefunden hat. Bei ihrer Wiedergabe sind manchen Autoren obendrein Versehen unterlaufen; vgl. etwa Alexander SUPAN, Die territoriale Entwicklung der Europäischen Kolonien. Mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text, Gotha 1906, S. 55: Dort firmiert anstelle Jakob Kettlers dessen Onkel und Vorgänger, Herzog Friedrich von Kurland, als das von König Jakob I. begünstigte Patenkind.

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wenig beredt. Der nicht außer Acht zu lassende Bereich von Kunst, Kultur und Geistesleben, auf den hier nicht mehr im Einzelnen eingegangen werden soll, bildet dabei keine Ausnahme. Dass eine größere Untersuchung zu all dem, was man als den „niederländischen Anteil“ an der Geschichte Kurlands bezeichnen könnte, schlichtweg fehlt, lässt sich indirekt an der Vagheit mancher beiläufig geäußerter These ermessen. Um ein Beispiel aus dem architektonisch-städtebaulichen Bereich zu nennen: In Irēna Bākules Monografie über Rathäuser in den Städten Lettlands wird mit niederländischen Einflüssen der Umstand in Verbindung gebracht, dass das frühneuzeitliche Rathaus Windaus am Rand bzw. nahe einer Ecke des Marktplatzes – und nicht etwa in dessen Mitte – stand32. Auf welche Belege die Autorin sich hierbei stützt und welche in den Niederlanden befindlichen Rathäuser und Plätze sie vor Augen hat, bleibt mangels weiterer Erläuterungen offen. Mag die sehr detailbezogene Frage, um die es in diesem Beispiel geht, auch nicht zwingend klärungsbedürftig anmuten, so erscheinen solidere Grundlagen für das Aufstellen oder gegebenenfalls Negieren solch verallgemeinernder Thesen doch wünschenswert33.

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Irēna BĀKULE, Rātsnami Latvijas pilsētās [Rathäuser in den Städten Lettlands], Riga 2001, S. 158. Von dem in späterer Zeit als Rathaus genutzten und noch heute erhaltenen eingeschossigen Gebäude gegenüber der Nikolaikirche lag dieser nicht mehr vorhandene ältere Rathausbau also rund 150 Meter nordöstlich entfernt. Ein deutliches Plädoyer dieser Art findet sich ähnlich inzwischen auch bei Alexander GEBEL, Die Beziehungen der Niederlande zum Herzogtum Kurland im 17. Jahrhundert. Zwischen Nordsee, Baltikum, Afrika, Karibik und dem Niederrhein, in: NiederrheinMagazin 2011, Nr. 1, S. 16–31, hier S. 31.

Enn Küng

Jacob Porteus’ Manufakturgewerbe in Narva in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts1 Die Entwicklung von Manufakturen war eine der Prioritäten des merkantilistisch denkenden schwedischen Staates im 17. Jahrhundert. Die Rohstoffe (Eisen- und Kupfererze, Holz usw.) waren im Lande selbst vorhanden, es mangelte aber an technischen Kenntnissen und an Kapital. Beides sollte außerhalb des Staates gesucht werden, vor allem in den Niederlanden. Bei der Einrichtung von Manufakturen waren auch die internationale Konjunktur und die Nachfrage auf den Außenmärkten zu berücksichtigen. In Westeuropa war man vor allem an Metallen und Metallerzeugnissen aus Schweden interessiert, und die Behörden unterstützten auf jede Weise auch die Einrichtung von Manufakturen in den Provinzen des Staates. Die Manufakturen in Est-, Liv- und Ingermanland waren jedoch meistens ein Teil der Guts- oder Stadtwirtschaft und nur von lokaler Bedeutung. Auf dem Lande wurden Kalk, Ziegel und Bausteine hergestellt, in den Städten befanden sich Papier-, Kupfer- und Walkmühlen u.ä. sowie Textil-, Leder- und Metallunternehmen. Nur die Transithandelsstädte Riga, Narva und Nyen konnten mit Holzprodukten die internationalen Märkte erreichen, d.h. dass das aus Russland eingeführte Holz nicht mehr als Balken ausgeführt, sondern in Sägemühlen bearbeitet wurde. Es wurden nicht nur Bretter und Bohlen, sondern auch die für Schiff- und Hausbau nötigen Einzelteile hergestellt. Die Voraussetzung für die Entstehung solcher Manufakturen bestand in der guten Zugänglichkeit des russischen Holzes, das über die Wasserwege aus Nordwestrussland transportiert werden konnte. Beispielsweise mündete die Pljussa in den Narva-Fluss, und über die Rozona bestand auch eine Verbindung zur Luga. Darüber hinaus verfügten die genannten Städte mit der starken Wasserenergie über eine wesentliche Energiequelle, durch die die Sägemühlen betrieben werden konnten.

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Der vorliegende Artikel konnte mithilfe der Unterstützung durch den Estnischen Wissenschaftsfonds (Forschungsstipendium Nr. 8209) abgefasst werden. Der besondere Dank des Verfassers gilt Frau Kai Tafenau für die Übersetzung des Artikels aus dem Estnischen und Herrn Dirk-Gerd Erpenbeck für die kritische Durchsicht des Manuskripts.

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Die Ausfuhr von Holz und Holzprodukten hing von der internationalen Nachfrage ab. Die Konjunktur der neutralen Handelsstädte wurde vor allem durch die ständigen Kriege in Westeuropa belebt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts wuchs in den Niederlanden, in England und in den südeuropäischen Staaten das Bedürfnis nach russischen und nordeuropäischen Waren außerordentlich. Dank der Nachfrage nach den russischen Waren, die über Riga, Narva und Nyen befördert wurden, konnten die örtlichen Kaufleute engere Handelskontakte knüpfen, ihren Wohlstand steigern und ihre Position im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf verstärken. Kaufleute, die sich früher auf eine passive Vermittlungstätigkeit konzentriert hatten, suchten nun Möglichkeiten zum aktiven Handel, sie begannen, eigenständig aus Russland Rohstoffe zu beschaffen, diese vor Ort zu verarbeiten und weiter nach Westen zu liefern. Zum Transport dieser Waren benötigte man Schiffe, an denen es aber während der Kriege zwischen den westeuropäischen Seestaaten, die traditionell den Städten der schwedischen Ostseeprovinzen Frachtdienste geleistet hatten, oft mangelte. Daher musste man über eigene Schiffe verfügen können, um die Waren von äußeren Faktoren unabhängig schnell nach Westen zu befördern. Zunächst wurden Schiffe gekauft; als aber der Wohlstand dank der Hochkonjunktur zugenommen hatte, wurden auch vor Ort geeignete Schiffe gebaut. Im Mittelpunkt des vorliegenden Artikels steht ein Manufakturunternehmer aus Narva, Jacob Porteus, der dort eine Sägemühle einrichtete und anfing, große, für die Hochseefahrt geeignete Schiffe zu bauen. In der Forschung ist Porteus nicht unbekannt: Arnold Soom hat einen Artikel über Holzhandel, Sägemühlen und Schiffbau in Narva am Ende des 17. Jahrhunderts veröffentlicht, in dem er kurz auf dessen Aktivitäten einging2. Später behandelte Soom dieses Thema auch in einem größeren baltischen Kontext3. Der Verfasser des vorliegenden Artikels hat sich sowohl mit dem Manufakturgewerbe4 als auch mit dem Schiffbau5 in Narva am Ende des 17. ———————————— 2

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Arnold SOOM, Narva metsakaubandus ja metsatööstus XVII sajandi lõpul [Narvaer Holzhandel und Holzindustrie am Ende des 17. Jahrhunderts], in: Ajalooline Ajakiri 19 (1940), S. 57–72. DERS., Der ostbaltische Holzhandel und die Holzindustrie im 17. Jahrhundert, in: Hansische Geschichtsblätter 79 (1961), S. 80–100; DERS., Die merkantilistische Wirtschaftspolitik Schwedens und die baltischen Städte im 17. Jahrhundert, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 11 (1963), S. 183–222. Enn KÜNG, Manufaktuuriettevõtlusest ja veskitest Narva jõel 17. saj. II poolel [Über das Manufakturgewerbe und die Mühlen am Narva-Fluss in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts], in: Tuna 2009, Nr. 3, S. 12–33.

Jacob Porteus’ Manufakturgewerbe in Narva

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Jahrhunderts detailliert beschäftigt. Der vorliegende Beitrag ist auf der Grundlage dieser beiden Artikel verfasst worden. Jacob Porteus’ Sägemühle auf Kampersholm Seit Anfang der 1640er Jahre begannen die schwedischen Zentralbehörden folgerichtig darauf hin zu wirken, in Narva günstige Bedingungen für die Einrichtung von Manufakturen zu schaffen. Um das Wirtschaftsleben der Stadt in Schwung zu bringen, führte der Staat mehrere Reformen durch: Narva wurde für den Außenhandel geöffnet, es wurden Möglichkeiten gegesucht, um von außen Kapital zu akquirieren und wohlhabende Westeuropäer für Narva anzuwerben. Darüber hinaus wurden die Handelsbedingungen liberalisiert und der Nachbarstadt Reval (Tallinn) angeglichen sowie die Zollsätze reduziert. Diese staatliche Wirtschaftspolitik war erfolgreich. Der Transithandel belebte sich und schon zum Ende der 1640er Jahre wurden am Wasserfall der Narva die ersten Sägemühlen gebaut. Sie gehörten dem Narvaer Bürgermeister Cordt Pöppelmann und dem Rentmeister Jonas Persson. Die ersten Mühlen waren jedoch nicht lange in Betrieb, da sie während des 1656 ausgebrochenen RussischSchwedischen Krieges zerstört wurden. Nach dem Kriege begann Pöppelmanns Schwiegersohn, der Narvaer Ratsherr, spätere Bürgermeister und Burggraf Jürgen Tunder (geadelt Tunderfeldt), die Sägemühlen am Wasserfall der Narva wieder aufzubauen. Er führte die Unternehmungen seines Schwiegervaters weiter6. Tunderfeldt besaß außerdem Sägemühlen in Ingermanland und wurde im Laufe der Zeit zu einem führenden Holzhändler. Auf der Ivangoroder Seite des Wasserfalls betrieb auch der Rentmeister Axel Christersson Lilljegren mehrere Mühlen, darunter eine Sägemühle; sowohl vor dem Russisch-Schwedischen Krieg als auch nach ———————————— 5

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DERS., Meresõit ja laevaehitus Narvas 17. sajandi teisel poolel [Seefahrt und Schiffbau in Narva in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts], in: Läänemere provintside arenguperspektiivid Rootsi suurriigis 16/17. sajandil III, hg. v. DEMS., Tartu 2009 (Eesti Ajalooarhiivi toimetised, 17 [24]), S. 434–534. Dirk-Gerd ERPENBECK / Enn KÜNG, Narvaer Bürger- und Einwohnerbuch 1581–1704, Dortmund 2000 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund B. 64), S. 105; Enn KÜNG, „Krieg, Pestilenz und theure Zeit“. Schicksalsjahre Narvas 1656–1660, in: Rund um die Meere des Nordens. Festschrift für Hain Rebas, hg. v. Michael ENGELBRECHT / Ulrike HANSSEN-DECKER / Daniel HÖFFKER, Heide 2008, S. 155–164.

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dessen Ende besaß die schwedische Krone verschiedene Mühlen am Wasserfall. Der Name von Jacob Porteus7 taucht erst zu Beginn der 1680er Jahre in Verbindung mit den Sägemühlen auf. Damals wollte er zusammen mit dem Postmeister Gunnar Nilssen Wält8 eine Sägemühle bei der Burg Ivangorod einrichten. Ihr Plan sah vor, einen Graben zu ziehen, um durch diesen das Wasser aus der Narva um die Burg herumzuführen und zwischen den Burgmauern und dem Graben Mehl- und Sägemühlen zu errichten. Der Graben sollte zudem die Verteidigungsfähigkeit der Burg erhöhen. Auf Antrag von Porteus und Wält stellte Karl XI. zu einem nicht bekannten Zeitpunkt auch eine entsprechende Genehmigung aus, war aber dann gezwungen, sie wieder rückgängig zu machen: Am 11. Juli 1681 erklärte er dem damaligen Generalgouverneur Ingermanlands Marten Schultz (im Amt 1681–1682), dass er aufgrund einer Beschwerde Jürgen Tunderfeldts beschlossen habe, dass keine neuen Mühlen „den alten und früher gebauten zum Verderben und Schaden“ errichtet werden dürften. Porteus und Wält mussten die schon begonnene Arbeit bei der Burg Ivangorod einstellen9. Diese Wendung der Dinge war für Porteus und Wält überraschend. Ihrer Ansicht nach hätte ihre Sägemühle weder dem Staat noch Tunderfeldt geschadet. Sie waren sich sicher, dass es in den Gebieten, aus denen die staatlichen und tunderfeldtschen Sägemühlen ihr Holz bezogen, sowie in der Umgebung der Luga und in Russland genügend Holz vorhanden sei. Deshalb beantragten sie beim Generalgouverneur die Einrichtung einer unparteiischen Kommission, die ihre Angelegenheit untersuchen sollte, um zu erweisen, dass ihr Unternehmen sowohl für den Staat als auch für die Stadt von Nutzen sein könnte. Daneben baten sie um Erlaubnis, sich direkt an den ———————————— 7

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Jacob Porteus (* Narva 1643) war Kaufmann und Ältermann der Großen Gilde in Narva, wurde 1672 zum Bürger der Stadt und starb 1724. 1675 heiratete er Anna Margarete Nummens, die Tochter des Narvaer Ratsherrn Levin Nummens. Diese Verbindung machte es gewiss leichter für ihn, seine Handelstätigkeit in der Stadt aufzunehmen: ERPENBECK / KÜNG, Narvaer Bürger- und Einwohnerbuch (wie Anm. 6), S. 117. Arnold Soom vermutete, dass Porteus holländischer Herkunft war: SOOM, Der ostbaltische Holzhandel (wie Anm. 3), S. 96. Gunnar Nilssen Wält war Postmeister in Narva in den Jahren 1646 bis 1694. Daneben war er auch als Landvermesser tätig: Enn KÜNG, Svenskt postväsen i Narva från år 1638 [Das schwedische Postwesen in Narva seit 1638], in: Filatelisten. Svensk filatelistisk tidskrift 100 (1999), 1, S. 56 f. Schwedisches Reichsarchiv, Stockholm (künftig: RA), Riksregistraturet, Vol. 463. Auch die entsprechende Mitteilung des Generalgouverneurs Schultz an Porteus und Wält vom 27.7.1681 ist erhalten.

Jacob Porteus’ Manufakturgewerbe in Narva

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König wenden zu dürfen. Porteus und Wält waren besorgt, dass ihre Idee, einen Graben um Ivangorod zu ziehen, von jemand anderem, vermutlich von Tunderfeldt selbst, genutzt werden könnte10. Porteus gab seinen Gedanken der Errichtung einer Sägemühle indes nicht auf, denn er arbeitete zur gleichen Zeit an der Einrichtung einer weiteren. Wälts Name kommt in diesem Zusammenhang allerdings nicht mehr vor. Es handelte sich um eine Windsägemühle, die Porteus auf der Insel Kampersholm am ingermanländischen Ufer des Flusses Narva, etwa drei Kilometer flussabwärts der Stadt errichtete. Die kleine Insel war vom ingermanländischen Ufer durch einen kleinen Flussarm getrennt. Aus einem späteren Vertrag geht hervor, dass sie früher der Narvaer deutschen Kirche gehört hatte. Am 22. Juni 1681 schloss Porteus mit der Kirche für zwanzig Jahre einen Pachtvertrag über einen Teil der Insel11. Porteus’ Tätigkeiten gaben Tunderfeldt erneut Anlass, beim König zu klagen. Darauf wiederholte Karl XI. sein früheres Verbot und gab am 12. Juli 1682 dem neuen Gouverneur Ingermanlands Hans von Fersen (im Amt 1682–1683) den Befehl zu untersuchen, warum Porteus das vorige Gebot nicht beachtet und eine Windmühle errichtet hatte. Diese Mühle sollte nun nach Auffassung des Königs an einen anderen Ort außerhalb des Stromgebietes von Narva und Luga überführt werden12. Auf Grund der königlichen Anordnung verlangte auch Tunderfeldt im September 1682 von Fersen, dass Porteus’ Windmühle niedergerissen und an einen anderen Ort überführt werden sollte. Tunderfeldt hatte Porteus angeboten, ihm dabei zu helfen, einen geeigneten Ort in Ingermanland zu finden, was jener aber abgelehnt habe. Neben der königlichen Anordnung konnte sich Tunderfeldt auch auf das Gutachten der vom vorigen Generalgouverneur Schultz zusammengerufenen und aus Offizieren und Zivilbeamten zusammengesetzten Kommission stützen, wonach Porteus den Bau seiner Mühle einstellen müsse. Tunderfeldt zufolge hatte Porteus das bei Schultz’ Tod13 eingetretene Machtvakuum in Ingermanland ausgenutzt, um sein Vorhaben zu Ende zu ———————————— 10

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Porteus und Nilssen Wält an den ingermanländischen Generalgouverneur Schultz, undatiert, in: Eesti Ajalooarhiiv, Tartu (Estnisches Historisches Archiv, künftig: EAA), Bestand 1646, Verzeichnis 2, Akte 174. Vertrag des Narvaer Rats mit Porteus, 3.7.1689, in: EAA, 1646/1/1995. Kampersholm wurde nach Porteus auch Porteus-Holm genannt. 1700 befand sich dort das Hauptquartier Peters des Großen. Heute ist der Holm mit dem Ufer zusammengewachsen: SOOM, Narva metsakaubandus (wie Anm. 2), S. 69, Anm. 42. Karl XI. an Fersen, Stockholm, 12.6.1682, in: EAA, 1646/1/3461. Marten Schultz starb am 16.3.1682.

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führen. Darüber hinaus beschuldigte er seinen Widersacher, die russischen Kaufleute hätten wegen dessen Mühle ihre Holzpreise erhöht. Während es früher möglich war, 100 Balken für 15 Rubel zu kaufen, sei er nun gezwungen, 30 Rubel zu bezahlen14. Auf königlichen Befehl hin untersuchte Fersen die Umstände von Porteus’ Windmühlenbau und sandte seinen Bericht am 18. November 1682 nach Stockholm. Darin stellte er sich deutlich auf Porteus’ Seite. Laut Fersen habe dieser seine Mühle schon 1680 in den Niederlanden bauen und im Sommer 1681 auf der kleinen Insel in der Narva errichten lassen. Der Narvaer Rat habe die Erlaubnis zum Mühlenbau erteilt. Das frühere königliche Verbot vom 11. Juli 1681 habe sich nur auf den Porteus’ und Wälts Plan bezogen, die Mühlen bei der Burg Ivangorod zu errichten. Porteus’ Windmühle auf Kampersholm sei aber damals schon fertig gewesen, und Tunderfeldts frühere Klage habe sie nicht erwähnt. Nach Fersens Auffassung war der weitere Betrieb der Windmühle für den Staat notwendig sowohl wegen des Lizenteinkommens als auch wegen der Herstellung der Sägebretter, die bei den Fortifikationsarbeiten der Stadt gebraucht werden konnten. Tunderfeldt dagegen habe seine Bretter in die Niederlande verkauft, weshalb die Bretter, die vor Ort blieben, schlecht und trotzdem teuer seien. Deshalb war der Gouverneur der Meinung, dass sich Tunderfeldt grundlos über die Konkurrenz beschwert habe. Zudem lägen die Mühlen der beiden Unternehmer genügend weit voneinander entfernt, und beide verschafften sich russisches Holz aus verschiedenen Orten. Darüber hinaus wies Fersen auch darauf hin, dass Porteus in Narva der einzige Kaufmann schwedischer Herkunft sei. Zusammenfassend beurteilte der Gouverneur die Stilllegung der Windmühle nicht nur als ruinierend für Porteus selbst, sondern auch als schädlich für die ganze Region15. Die Unterstützung des Gouverneurs war für Porteus sehr nützlich. Am 19. Februar 1683 erließ Karl XI. an Fersen16 und danach am 19. April an den neuen Generalgouverneur Ingermanlands Jöran Sperling (im Amt 1683–1691) eine Anordnung, die den Befehl von 11. Juli 1681 rückgängig machte. Der König fand, dass die Monopolstellung des Burggrafen Tunderfeldt nicht nur für Porteus ruinierend sei, sondern auch die Entwicklung der Stadt Narva hemme. Die Möglichkeit, zwischen mehreren Sägemühlen wählen zu können, sollte im Interesse aller sein, sodass die Mühlen mitei———————————— 14 15 16

Tunderfeldt an Fersen aus Narva, 1.9.1682, in: EAA, 1646/1/3480. Fersen an Karl XI., Narva, 18.11.1682, in: EAA, 1646/1/3458. Resolution Karls XI. an Fersen, Stockholm, 19.2.1683, in: EAA, 1646/1/3461.

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nander sowohl hinsichtlich der Qualität als auch des Preises der Ware konkurrieren könnten. Daneben begründete der König seinen Beschluss mit den großen Ausgaben und Schulden, die Porteus bei der Einrichtung der Sägemühle gemacht habe. Unter anderem sei zur Vollendung der Mühle ein Baumeister aus den Niederlanden bestellt worden. Tunderfeldt wurde untersagt, in dieser Sache eine weitere Klage einzureichen17. Die Bestellung des Baumeisters aus den Niederlanden war auch beim Amsterdamer Notar Jacob de Vlieger registriert worden, der am 6. Juni 1681 bescheinigt hatte, dass Nicolas Porteus als Vertreter seines Bruders Jacob ein Abkommen zur Errichtung einer Sägemühle in Narva mit dem Mühlenmeister Jan Janss Groot (aus Zaandam) und dessen Knecht Cornelis Ruijten (aus Nimwegen) getroffen hätte. Für vier Monate Arbeit wurden Groot 60 und Ruijten 40 Gulden versprochen18. Leider haben wir keine näheren Informationen zu Art und Umfang der Produktion in Porteus’ Sägemühle auf Kampersholm. Ein gewisses Bild davon vermitteln die Narvaer Portorienbücher, die aber nur lückenhaft erhalten sind. Man sollte auch in Betracht ziehen, dass Porteus nicht notwendig selbst das Holz ausführen musste. Seine Produktion konnte von anderen Kaufleuten aufgekauft und exportiert worden sein; ein Teil wurde sicherlich auch vor Ort verbraucht, beispielsweise bei Bauarbeiten in der Stadt oder beim Schiffbau. Aus den Portorienbüchern geht hervor, dass Porteus schon vor der Inbetriebnahme seiner Sägemühle auf Kampersholm bearbeitetes Holz ausgeführt hatte.

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Resolution Karls XI. an Sperling, Stockholm, 19.4.1683, in: EAA, 1656/1/2, und 632/1/2B. In seiner späteren Bittschrift dankte Porteus dem König für seine unterstützende Resolution. Porteus an Karl XI., undatiert, in: RA, Livonica II, Vol. 210. Notarieller Vertrag zwischen Nicolas Porteus, Jan Janss Groot und Cornelis Ruijten, Amsterdam, 6.6.1681, in: Stadsarchief Amsterdam, Notariële Archiven [Stadtarchiv Amsterdam, Notarielles Archiv, künftig: SANA], 3636, Bl. 4.

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Ausfuhr von Porteus’ Holzwaren laut den Narvaer Portorienbüchern19 Anzahl der Schiffe einfache Bretter doppelte Bretter Planken Balken Fichtenbalken Latten Bugspriete und Rahen Mühlenteile skuffstackor Handspeichen Brennholz

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1

1689

1* 1 300

1690 1694 1* 1 500 664 226 163 50 120

58 1 100 1 083 9

4 12

4

* Im Namen von Reinhold Porteus, der im Auftrag seines Bruders Jacob Porteus handelte.

Von Porteus’ Windsägemühle sind mindestens zwei zeitgenössische Beschreibungen überliefert. Die eine stammt von Johan Gabriel Sparwenfeld, der sich 1684 als Mitglied der von Conrad Gyllenstierna geleiteten großen schwedischen Gesandtschaft an einer diplomatischen Mission nach Russland beteiligte. In seinen Reisenotizen erwähnt Sparwenfeld die Narvaer Sägemühlen dreimal, wobei die Beschreibung der Windsägemühle vom 4. Mai besonders ausführlich geraten ist: Zu unserem Vergnügen haben wir heute nichts anderes gemacht, als außerhalb der Stadt zu reiten, zwei Grafen, einige andere Edelleute und ich selbst. In diesem Zusammenhang erlebten wir etwas Interessantes: Wir sahen eine Windmühle, die dazu vorgesehen war, mit Hilfe des Windes Bretter zu sägen. Die Mühle befindet sich am Fluss Narva, eine viertel Meile von der Stadt entfernt. Ein Niederländer hat sie gebaut, und sie kostete mehr als 4 000 Écus. Sie ist sehr gut ausgearbeitet und bietet schönes Zimmermannshandwerk, es werden acht oder neun Bretter auf einmal gesägt, und es gibt dort drei Gruppen von solchen Sägen. Diese Methode ist aber nicht so schnell wie die mit Wasser. Sie brauchen hier drei Stunden, um einen großen Mast fertig zu stellen. Weil aber die Sägen dünner sind, machen sie auch die Bretter glatter, und ———————————— 19

Die Narvaer Portorienbücher aus den Jahren 1679, 1689, 1690 und 1694, in: EAA, 1646/2/348; 1646/1/1073; 1646/1/1074; 1646/1/1083.

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diese werden den Niederländern für zwei oder drei Gulden pro Stück verkauft. Es ist ein großes Gebäude, von einer Ausdehnung, die für den Zweck geeignet ist, und mitten auf dem Dach erhebt sich die Windmühle, die alles beherrscht. Siehe die Abbildung. Wenn es wenig Wind gibt, bewegt sie sich langsam, beim starken Wind könnte sie aber auch gröbere und mehr Sägen bedienen. Der Besitzer ist ein Narvaer Kaufmann, er gibt dem Sägemeister 100 Écus jährlich und bringt das Holz aus Moskowien in die Nähe von Novgorod auf dem Wasserweg20.

Abb. Porteus’ Windsägemühle im Reisetagebuch von Johan Gabriel Sparwenfeld (1684). Quelle: J. G. Sparwenfeld’s Diary (wie Anm. 20), S. 63. Die zweite Beschreibung stammt vom Pernauer Lizentinspektor Johan Georg Müller, der vom livländischen Generalgouverneur Jacob Johann Hastfer im Frühjahr 1688 nach Narva entsandt wurde, um sich mit den ———————————— 20

J. G. Sparwenfeld’s Diary of a Journey to Russia 1684–87. Edited, translated and with a commentary by Ulla BIRGEGÅRD, Stockholm 2002 (Slavica Suecana. Series A, Publications 1), S. 56 f. Die Originalhandschrift (in Französisch) befindet sich in: RA, Tidöarkivet, Vol. 501.

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dort am Fluss eingerichteten Sägemühlen bekanntzumachen. Zu dieser Zeit wurde in Schweden auf staatlicher Ebene die Möglichkeit erörtert, den Niederländern den Holzhandel in Pernau (Pärnu) zu gestatten und dort eine Sägeindustrie aufzubauen21. Dank Müller verfügen wir heute über Beschreibungen sowohl der Narvaer Säge- als auch anderer Mühlen. Im Zusammenhang mit Porteus’ Windsägemühle sprach Müller von einer Curiösen Windmühle welche gleichfalß unferne der Stadt so

fast ein mehrers alß die Waßerwerk an Bretter schneiden praestiren soll, ist wegen ihrer kostbarkeit wenig zu gedenken, denn selbige wie gesaget wird soll bey 3000 Rd. zustehen kommen22. Es sei noch erwähnt, dass 1689 auch Jacob Porteus’ Bruder Reinhold, der bereits mehrere Jahre ersterem im Holzhandel zur Hand gegangen war, den König um die Erlaubnis bat, eine Windsägemühle zu errichten. Darüber hinaus hatte er vor, Narvaer Bürger zu werden. Grundsätzlich unterstützte der König die Idee, doch musste Reinhold, der an einer nicht weiter bestimmten Insel in der Narva interessiert war, den für den Bau nötigen Ort selbst finden. Im königlichen Brief an Sperling wird auf eine Flussinsel hingewiesen, die der Narvaer schwedischen Gemeinde und dem Superintendenten gehörte, deren Verkauf aber weder der König noch der Generalgouverneur verlangen konnte. War das Einverständnis der Gemeinde nicht zu erreichen, sollte Sperling dazu beitragen, einen anderen geeigneten Ort zu finden23. Reinholds Windmühle wurde höchstwahrscheinlich nicht gebaut, wenigstens sind bislang keine entsprechenden Angaben entdeckt worden. In den Narvaer Portorienbüchern von 1689 und 1690 findet sich zwar zweimal der Vermerk, dass für Reinhold Porteus Sägemühlen-Zubehör geliefert wurde24, doch befand er sich wahrscheinlich nach wie vor im Dienst seines Bruders. Aus den Portorienbüchern der 1690er Jahre geht jedenfalls nicht hervor, dass Reinhold im Holzhandel tätig war25. ———————————— 21

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Enn KÜNG, The timber trade in Pärnu in the second half of the seventeenth century, in: Ajalooline Ajakiri 2011, Nr. 3/4, S. 243–263. Müllers Bericht befindet sich als Anlage zum Brief von Jacob Johann Hastfer an Karl XI. aus Riga, 30.4.1688, in: RA, Livonica II, Vol. 90; zum Bericht vgl. SOOM, Der ostbaltische Holzhandel (wie Anm. 3), S. 97. Karl XI. an Sperling aus Stockholm, 22.2.1689, in: RA, Riksregistraturet, Vol. 520. Narvaer Portorienbuch, 25.10.1689, in: EAA, 1646/1/1073; Narvaer Portorienbuch, 27.5.1690, in: EAA, 1646/1/1074. Soweit bekannt, schickte er sowohl 1689 als auch 1690 nur je ein Mal Holzmaterialien nach Amsterdam: Narvaer Portorienbuch, 5.11.1689, in: EAA, 1646/1/1073; Narvaer Portorienbuch, 7.7.1690, in: EAA, 1646/1/1074. Arnold Soom war ebenfalls der Mei-

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Jacob Porteus und der Schiffbau In den 1680er Jahren entwickelte Jacob Porteus seine Sägebetriebe aktiv weiter. Er hatte aber noch größere Pläne, zu deren Verwirklichung er die ganze Insel brauchte. In einer undatierten, sehr wahrscheinlich aber 1688 verfassten Bittschrift an Karl XI. berichtete er, dass die Bretter und Planken aus seiner Sägemühle an den Schiffbau in den Niederlanden und England geliefert würden, nun aber habe er selbst vor Schiffe zu bauen. Er habe in Reval einen Schiffer gefunden und suche jetzt nach schwedischen Reedern, die den Schiffbau finanzieren helfen würden. Seine Schiffe sollten in der Zukunft aus Narva nach England, den Niederlanden und Frankreich segeln. Für den Schiffbau benötigte er aber einen geeigneten Platz, wofür sich seiner Ansicht die ganze Insel Kampersholm anbieten würde26. Das königliche Kommerzkollegium behandelte Porteus’ Antrag am 22. Februar 1689 und beschloss, seinen Wunsch beim König zu unterstützen27. Am selben Tag wurde Generalgouverneur Sperling benachrichtigt. Er sollte Porteus’ Aktivitäten fördern und zum Erwerb der ganzen Insel beitragen28. Am 4. Oktober 1688 bereits war Porteus’ Ansuchen auch beim Narvaer Rat registriert worden. Er habe, wie er schrieb, vor, auf Kampersholm Schiffe zu bauen. Er wollte dort auch Gebäude für die Unterkunft der Zimmerleute und für die Aufbewahrung von Material für den Schiffbau sowie eine Riege zum Trocknen der Bretter errichten29. Nach weniger als einem Jahr, am 3. Juli 1689, kaufte Porteus Kampersholm und einen kleinen Bach auf der Ostseite der Insel vom Narvaer Rat als erblichen Besitz für 200 Reichstaler „in specie“. Die Pachtbedingungen von 1681 blieben jedoch in Kraft und Porteus wurde verpflichtet, neben der Kaufsumme auch noch bis zum Ablauf der Pachtzeit jährlich der deutschen ————————————

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nung, Reinhold Porteus’ Sägemühle sei nicht in Betrieb gesetzt worden und er selbst im Dienst seines Bruders geblieben: SOOM, Narva metsakaubandus (wie Anm. 2), S. 70. Porteus an Karl XI., o.D., in: RA, Livonica II, Vol. 210. Arnold Soom vermutete, dass Porteus sein erstes Schiff auf Kampersholm schon 1684 bauen konnte. Aus den Quellen geht jedoch hervor, dass Soom einen Teil der Ereignisse von 1688 und 1689 in die um fünf Jahre frühere Periode datiert hat: SOOM, Narva metsakaubandus (wie Anm. 2), S. 69. Protokoll des königlichen Kommerzkollegiums, 22.2.1689, in: RA, Kommerskollegium, huvudarkivet, Protokoll, A. I. a. 1, Vol. 34 (1689). Karl XI. an Sperling, Stockholm, 22.2.1689, in: RA, Riksregistraturet, Vol. 520. Jacob Porteus’ Antrag wurde von seinem Bruder Reinhold dem Narvaer Rat vermittelt. Siehe EAA, 1646/2/270.

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Gemeinde 30 Reichstaler und dem Kirchenvorsteher 21 Kupfertaler zu bezahlen. Die letztgenannte Summe kam den örtlichen Bauern zugute30. Es ist zu betonen, dass die erwähnte königliche Erlaubnis zum Kauf der Insel vor allem aufgrund von Porteus’ Versprechen, dort Schiffe zu bauen, erteilt worden war. Das erste Schiff sollte bereits im Sommer desselben Jahres fertiggestellt werden31. Möglicherweise begann er schon Ende 1688 oder Anfang 1689 daran zu arbeiten. Jedenfalls konnte Generalgouverneur Sperling am 13. Juni 1689 dem königlichen Kanzleirat und Reichssekretär Johan Bergenhielm schreiben, dass einen Tag zuvor in Narva ein 150 Last großes Schiff zu Wasser gebracht worden sei. Es handelte sich um das erste in Narva gebaute Schiff, und es wurden schon Vorbereitungen für den Bau eines weiteren getroffen. Der Schlüssel zum weiteren Erfolg war nach Sperlings Auffassung die Möglichkeit, das dafür erforderliche Holz in Russland zu kaufen32. Wahrscheinlich hatte Sperling große, für die Fernfahrt geeignete Schiffe im Auge, für deren Bau spezielle Werften und Einrichtungen nötig waren, denn kleinere Schiffe waren auch früher schon in Narva gebaut worden33. Das Schiff, von dem Sperling Bergenhielm so feierlich berichtete, erhielt von den Narvensern im Hinblick seines Erstlingsstatus den einzig denkbaren Namen: „Carolus“ – in den Quellen kommen auch die Namen „Carolus von Narva“ und „Carolus XI.“ vor. Am 6. August 1689 wurde das neue Schiff von Bürgermeister Johann Christoph Schwartz und den Ratsherren Nicolaes Brüning und Jochim Dittmer abgemessen: Es war auf dem Oberdeck 106 Fuß lang, bei der großen Luke 25½ Fuß breit und 16½ Fuß hoch und konnte nötigenfalls bis zu 40 Kanonen an Bord nehmen34. An demsel———————————— 30

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Vertrag zwischen dem Narvaer Rat und Jacob Porteus, 3.7.1689, in: EAA, 1646/1/1995; ein Konzept des Vertrages in: EAA, 1646/1/2411. Karl XI. an Sperling (wie Anm. 28). Sperling an Bergenhielm, Narva, 13.6.1689, in: RA, Livonica II, Vol. 188. Zu weiteren Angaben über die Ende der 1640er Jahre auf Anordnung des Narvaer Rats gebauten Kleinschiffe siehe Arnold SOOM, Die Politik Schwedens bezüglich des russischen Transithandels über die estnischen Städte in den Jahren 1636–1656, Tartu 1940 (Õpetatud Eesti Seltsi Toimetused 32), S. 189 (siehe auch Anm. 15, S. 217 ff.). Für die Schiffe, die unter schwedischer Flagge segelten, waren in den Gesetzen verschiedene Zollvergünstigungen vorgesehen, die aber von den Maßen des jeweiligen Schiffes abhingen. Beispielsweise sollten 1661 die Schiffe, um die so genannte volle Zollfreiheit zu genießen, 110 Fuß lang und 25 Fuß breit sein, die Höhe des Schiffsdecks sollte 6 Fuß betragen. Darüber hinaus sollten die Schiffe imstande sein, 24 Kanonen an Bord zu nehmen. Die letztgenannte Anforderung rührte daher, dass der Staat das Recht hatte, die Schiffe während des Krieges zu requirieren.

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ben Tag wurden auch die Eigentümer des Schiffes dem Narvaer Rat vorgestellt: Jacob Porteus, Rentmeister A. Christersson Lilljegren, Thomas Lofftus, Johan Rodde, Gödert Hartmann, William Kettlewell und Albert Nummens aus Narva, Dietrich Rodde, Berend Rodde, Thomas Haks, Caspar Knieper und Peter Knack aus Reval sowie Berend Koch und Adrian Tretzel aus Stockholm. Als Schiffer wurde der genannte Revalenser Peter Knack angegeben. Jeder Reeder besaß je 1/16 bzw. 1/8 des Schiffes35. Das Schiff „Carolus“ bietet ein gutes Beispiel dafür, wie Narvaer Kaufleute im Hinblick auf die veränderte Handelskonjunktur in Westeuropa den Weg des aktiven Handels einschlugen und sich zur Beförderung von Waren nach Westeuropa zu einer Handelskompanie zusammenschlossen. Ende 1689 reichte Generalgouverneur Sperling beim königlichen Kommerzkollegium ein Empfehlungsschreiben ein, damit der „Carolus“ die so genannte volle Zollfreiheit (d.h. die Herabsetzung der Zölle um 1/3) zugestanden würde. Die Angelegenheit wurde am 9. April 1690 im Kollegium behandelt, ein Beschluss erfolgte jedoch nicht, weil noch zusätzliche Informationen über das Schiff angefordert wurden36. Soweit bekannt, erhielt die „Carolus“ die gewünschten Zollvergünstigen erst am 20. Januar 1691 aufgrund ihrer technischen Daten – der Anzahl der Kanonen, die an Bord genommen werden konnten – und weil das Schiff schwedischen Untertanen gehörte37. Daraufhin ist die „Carolus“ sowohl nach London als auch nach Amsterdam gesegelt, allerdings nicht für lange: Schon 1693 sank sie bei der zu den Niederlanden gehörenden Insel Vlieland38.

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38

Auszüge aus den Narvaer Ratsprotokollen, 6.8.1689, in: Latvijas Valsts vēstures arhīvs (Historisches Staatsarchiv Lettlands, Riga), Bestand 7402, Verzeichnis 2, Akte 6; Auszüge aus den Narvaer Ratsprotokollen, 6.8.1689, in: EAA, 1646/1/813; 1646/1/2411, 1646/1/2413, 1646/1/2802. Siehe auch Hermann von BRUININGK, Das Geschlecht von Bruiningk in Livland, Riga 1913, S. 84, Anm. 2. Die Eigentümer der Schiffe bzw. Reeder mussten schwedische Bürger sein. Nur dann wurde dem Schiff ein Seepass ausgehändigt, der eine zollfreie Fahrt durch den dänischen Öresund ermöglichte, und eine gewisse Immunität in den Häfen der Krieg führenden westeuropäischen Seestaaten sicherte. Das Protokoll des königlichen Kommerzkollegiums, 9.4.1690, in: RA, Kommerskollegium, huvudarkivet, Protokoll, 1690, A. I. a. 1, Vol. 35. Freibrief für das Schiff „Carolus“, 20.1.1691, in: RA, Kommerskollegium, huvudarkivet, Koncept till fribrev: 1691. B. IIc:4; auch in: RA, Kammararkivet: handel och sjöfart (sjöfartsregister), 3. Seepässe für die „Carolus“ und Auszüge aus den Narvaer Ratsprotokollen, 1.5.1691, 5.5.1693, 15.5.1693, 5.5.1693, in: EAA, 1646/1/104; 1646/1/813; 1646/1/2411; 1646/1/2413; 1646/1/2802; 1646/2/157.

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Interessanterweise hatten die Erben des 1688 verstorbenen Burggrafen Tunderfeldt, die damals den führenden Platz im Holzhandel innehatten, keinen Anteil an diesem Unternehmen39. Sie hatten ihre Zeit im Schiffbau noch vor sich. Auf Kampersholm wurden auch weiterhin Schiffe gebaut. Das nächste Schiff, die „Jungfrau Dorothea Catarina“, wurde 1692 zu Wasser gelassen. Dieses aus Eichen- und Kiefernholz gebaute Schiff war für Narvaer Verhältnisse mit 189 Last bemerkenswert groß. Drei Viertel des Schiffes gehörten dem Narvaer Bürger Johann Hartmann und ein Viertel dem Revaler Bürger J. Lanting. Seinen ersten Seepass erhielt das Schiff am 27. Mai 1693; zu seinen weiter entfernten Bestimmungsorten zählten Häfen in England, den Niederlanden, Frankreich und Portugal. Die letzte Nachricht über das Schiff stammt aus dem Frühjahr 1697; damals gehörte es noch den genannten Reedern40. Möglicherweise wurde das Schiff danach verkauft, weil Hartmann im April 1696 starb41 und seine Erben kein Interesse an der weiteren Benutzung des Schiffes hatten. Das nächste Schiff verblieb im Alleineigentum Hartmanns. Es handelte sich um „Die Stadt Narva“ (194 Last), die von 1693/94 bis 1697 genutzt wurde. Vermutlich wurde auch dieses Schiff auf Kampersholm gebaut, weil Tunderfeldts Erben erst Ende 1694/Anfang 1695 anfingen, in Magerburg bei der Mündung der Rozona in die Narva Schiffe zu bauen. „Die Stadt Narva“ beförderte die traditionellen russischen Waren (Flachs, Hanf, Holz u.a.) aus Narva nach Amsterdam, segelte aber auch zwischen Norwegen und Spanien und gelangte sogar ins Mittelmeer. Dieses Schiff kann ebenfalls nur bis 1697 nachgewiesen werden42, weswegen zu vermuten ist, dass es ebenfalls von Hartmanns Erben verkauft wurde. Man kann also feststellen, dass an der Narva 1689 ein großes Schiff und von 1692 bis 1694 wenigstens zwei Schiffe vom Stapel liefen. 1694 ließen ———————————— 39

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Jürgen Tunderfeldt hatte zwar am 8. September 1673 die königliche Erlaubnis zum Bau von Schiffen in Narva erhalten, die am 7. Dezember 1675 erneuert wurde (RA, Livonica II, Vol. 664), zum tatsächlichen Bau kam er jedoch selbst nicht. Seepässe für das Schiff „Jungfrau Dorothea Catarina“ und Auszüge aus den Narvaer Ratsprotokollen, 20.2.1693, 3.3.1693, 27.5.1693, 5.10.1693, in: EAA, 1646/1/104; 1646/1/811; 1646/1/813; 1646/2/157; Auszüge aus dem Sundzollregister, 20.9.1693, 28.2.1694, 21.5.1694, 6. 8.1694, 14.6.1695, in: Statens Arkiver (Dänisches Staatsarchiv, Kopenhagen, künftig: DSA), Sundtoldregnskaber, 1693–1695. ERPENBECK / KÜNG, Narvaer Bürger- und Einwohnerbuch (wie Anm. 6), S. 135. Seepässe für das Schiff „Die Stadt Narva“ und Auszüge aus dem Sundzollregister, 14.5.1694, 8.6.1694, 8.7.1694, 15.6.1696, 11.9.1696, in: EAA, 1646/1/811; 1646/1/813; 1646/1/1083; DSA, Sundtoldregnskaber, 1694.

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Tunderfeldts Erben das Schiff „St. Georg“ bauen, das wahrscheinlich das erste war, das auf ihrer Werft gebaut wurde. Es ist möglich, dass in dieser Zeit noch weitere Schiffe gebaut wurden, die dann aber sogleich verkauft worden sein dürften, da sie in den Quellen keine Spuren hinterlassen haben. Mitte der 1690er Jahre, als Tunderfeldts Erben ihre Tätigkeit begannen, erlebte der Schiffbau in Narva einen neuerlichen Aufschwung, und in den folgenden Jahren wurden dort schon mehrere Schiffe pro Jahr fertiggestellt: 1695 wenigstens zwei, 1696 und 1697 je drei, und 1698 wurde an einem Schiff gearbeitet. Sicher bestand auch Jacob Porteus’ Werft fort. Am 15. April 1695 schloss sein Bruder Nicolas beim Notar Adriaen van Santen einen Vertrag mit den Schiffbaumeistern Cornelius Tomasz und Barent Buijsman, die nach Narva kommen sollten, um dem Meister Claes Cornelis Groot zu helfen, wofür sie monatlich 22 Reichstaler als Lohn erhalten sollten43. Alle diese Schiffe waren als Narvaer Schiffe registriert. In den meisten Fällen ist es nicht bekannt, auf welcher Werft sie gebaut wurden, ob in der von Porteus oder bei Tunderfeldts Erben. Die Einstellung des Schiffbaus in Narva nach 1697 ist auf die Wirkung des in demselben Jahr geschlossenen Friedens von Rijswijk zurückzuführen, aufgrund dessen sich der westeuropäische Seeverkehr wieder erholte. Während 1697 die Gesamttonnage der Narvaer Schiffe 2 790 Last umfasste, verminderte sie sich 1698 auf 1 115 Last und schrumpfte in den folgenden Jahren weiter44. Zusammenfassung Jacob Porteus war als Unternehmer in mancher Hinsicht eine Ausnahme unter der Narvaer Kaufmannschaft des letzten Viertels des 17. Jahrhunderts. Obwohl sich mehrere unternehmerische Narvenser beim Anstieg der internationalen Nachfrage im Holzhandel engagierten, war Porteus einer der we———————————— 43

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Notarieller Vertrag zwischen Nicolas Porteus, Cornelius Tomasz und Barent Buijsman, Amsterdam, 15.4.1695, in: SANA, 3872, Bl. 174v-175v. KÜNG, Meresõit ja laevaehitus (wie Anm. 5), S. 493. Dieselbe Tendenz lässt sich auch in Stockholm beobachten. Während 1695 dort die Gesamttonnage der Schiffe 13 600 Last betrug, verminderte sie sich nach dem Friedensschluss von Rijswijk auf 12 000 Last im Jahre 1698: Sven GERENTZ, Kommerskollegium och näringslivet. Minneskrift på uppdrag av Kungl. Kommerskollegium till erinran om Kollegii 300-årige ämbetsförvaltning 1651– 1951 [Kommerzkollegium und Wirtschaftsleben. Gedenkschrift im Auftrag des Königlichen Kommerzkollegiums zum Gedächtnis an die 300-jährige Amtsverwaltung des Kollegiums 1651–1951], Stockholm 1951, S. 155.

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nigen, der Ende der 1680er Jahre anfing, neben der Ausfuhr des in der Sägemühle verarbeiteten Holzes vor Ort auch große, für die Hochseefahrt geeignete Schiffe zu bauen. Im Schiffbau überholte Porteus sogar Jürgen Tunderfeldt, den größten Holzhändler in Narva, dessen Erben erst etwa fünf Jahre später anfingen Schiffe zu bauen. Zugleich muss man aber feststellen, dass nicht bekannt ist, mit wessen Geld ein so umfangreiches Unternehmen in Gang gesetzt wurde. Es lassen sich zwar manche Angaben zu Geschäftsverbindungen von Porteus und anderen Narvensern mit westeuropäischen Handelspartnern auffinden, doch wird in vielen Fällen offenbar, dass die Narvenser nur Strohmänner für Westeuropäer waren, die auf diese Weise die für schwedische Schiffe und Waren geltenden Vergünstigungen genießen wollten. Ob auch Jacob Porteus als Strohmann zu betrachten ist, muss zunächst unbeantwortet bleiben. Beim Ausbruch des Großen Nordischen Krieges gerieten Holzhandel und -industrie in Narva für fast zwei Jahrzehnte ins Stocken. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts darbte die einst blühende Handelsstadt dahin.

Dirk-Gerd Erpenbeck

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert Die beste Übersicht zur Verbreitung und Lage der Glashütten in den Gebieten Estland und Livland zum Ausgang des 18. Jahrhunderts bietet der Mellinsche Atlas1. Zwar enthält dessen Hauptkarte bei der „Erklärung der Zeichen“ keinerlei Hinweise auf die zahlreichen Hüttenbetriebe, jedoch findet man auf den Einzelblättern dafür durchweg ein Symbol, einen brennenden Meiler, z.T. mit Orts- und Betriebsangaben für Glashütten, Ziegeleien und Kupferhämmer. August Wilhelm Hupels „Topographische Nachrichten“ waren für mehr als 150 Jahre die immer wieder genutzte einzige Quelle für die Frühgeschichte der Glasindustrie im Baltikum. Jedoch bleibt bei Hupel alles ohne Gesicht. Namen von Glasmachern fehlen völlig, pauschal ist sein Urteil: „Wir machen nur gemeines, schlechtes, weisses und grünes Glas. Die Fabrikanten sind Ausländer, meist Meklenburger; zuweilen lernt ein hiesiger Deutscher bey ihnen aus“2. Dabei gehörte er damals zu den besten Kennern dieses Wirtschaftszweiges: Er war der Ortsgeistliche im damals aufstrebenden Zentrum der Glasmacher in Oberpahlen (Põltsamaa), hatte z.T. die Zugewanderten getraut und deren Kinder getauft. Der Besitzer mehrerer Hütten, Major Woldemar von Lauw auf Schloss Oberpahlen, übernahm zudem Patenschaften in seiner eigenen Familie. Erst durch die vom Revaler Oberlehrer Robert Feldmann3 vorbereitete umfangreiche Personenliste erhielten diese zahlreich zugewanderten Facharbeiter einen persönlichen Hintergrund. Geboten werden Namen, Zuwanderungsjahr, bisweilen Herkunftsangaben von „seit 1740 aus Deutschland nach den baltischen Ostseeprovinzen ausgewanderten Glasmachern“, insgesamt „mehr als 6000 Personen mit über 300 Familiennamen“. Eine sehr ———————————— 1

2

3

Ludwig August Graf MELLIN, Atlas von Liefland und Ehstland, Riga 1791–1814, mit Generalkarte und 14 Kreiskarten, Nachdruck Lüneburg 1972. Insgesamt lassen sich in mindestens folgender Zahl Glashütten nachweisen: Estland 11, Nordlivland 17, Südlivland 26, Kurland 7. August Wilhelm HUPEL, Topographische Nachrichten von Lief- und Ehstland, Bd. II., Riga 1777, S. 347. Robert Feldmann, * 2./14.6.1875 Reval, † 22.2.1927 Reval, Gymnasiallehrer, Leiter und Bibliothekar der 1920 gegründeten Sektion Genealogie bei der Estländischen Literärischen Gesellschaft.

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kurze Übersicht, die sein Sohn 1935 zur Veröffentlichung brachte4, beruhte auf dieser umfangreichen Auswertung der damals zugänglichen Kirchenbücher. Feldmanns Ergebnisse konnten für spätere Arbeiten nur noch von Claus Grimm z.T. genutzt werden5. Nach der Umsiedlung versuchte seit November 1939 Robert Feldmann (jun.) die Arbeiten seines Vaters bei verschiedenen deutschen Stellen zur Veröffentlichung zu bringen, was jedoch nicht gelang6. Danach blieb die Feldmann-Sammlung der weiteren Forschung unzugänglich und daher unberücksichtigt. Die Quelle war jedoch nicht verloren gegangen7, sondern war nach dem Tode Feldmanns (1927) oder später als Nachlass in estnische Archive gekommen und liegt heute im Estnischen Historischen Archiv in Dorpat (Tartu)8. Aus diesem Bestand konnte die Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft (Darmstadt) 2008 eine Teilkopie erwerben, die Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit wurde9. Da seit mehreren Jahren die baltischen Kirchenbücher über die Internetportale Saaga (Estland) und Raduraksti (Lettland) benutzt werden können, wurden vornehmlich diese Quellenbestände durchweg genutzt, wodurch eine sichere personengeschichtliche Grundlage für die frühen ———————————— 4

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8

9

Robert FELDMANN (jr.), Verzeichnis sämtlicher Glasmacher-Familien in Est- u. Livland, in: Baltische familiengeschichtliche Mitteilungen 5 (1935), S. 40–43. – Robert Hermann Feldmann, * 8.10.1909 Walk, † 18.12.1954 Salzburg; stud. phil. Dorpat 1934, vgl. Album Academicum Universitatis Tartuensis 1918–1944, Bd. 2, Tartu 1994, Nr. 9897. Vgl. dazu Claus GRIMM, Zur Geschichte der Glasmacher in Est- und Nordlivland, in: Genealogie 26 (1977), Nr. 1, S. 403–425, mit Verweis (S. 425) auf Robert FELDMANN, Quellensammlung über die Glasmacherfamilien in Est- und Livland, in: Baltische Familiengeschichtliche Mitteilungen 1935, Nr. 5, S. 40. Zur Überlieferungsgeschichte wird dort vermerkt: „Mit Dankbarkeit denke ich an die jahrelange Zusammenarbeit mit Robert Feldmann“. Sowohl Feldmann wie auch Grimm stammten selbst aus diesen Glasmacherfamilien. – Für eine einordnende Darstellung der Glasindustrie in die allgemeine Frühindustrialisierung vgl. Herbert PÖNICKE, Ländliche Industrieunternehmungen in den baltischen Provinzen Rußlands im 18. und 19. Jahrhundert, in: Vierteljahrschrift für Sozialund Wirtschaftsgeschichte 60 (1973), S. 459–489, hier: Glasproduktion, S. 471–475. Vgl. dazu den aufschlussreichen Schriftwechsel in: Bundesarchiv Berlin: R 1509/1806. So noch 1980 die Annahme von Erik AMBURGER, Ingermanland. Eine junge Provinz Rußlands im Wirkungsbereich der Residenz und Weltstadt St. Petersburg-Leningrad, Teilband II, Köln / Wien 1980, S. 760, Anm. 127: „nach verlorengegangenem Material der Herren Robert Feldmann in Reval und Oskar Koerber in Helsingfors“. Eesti Aajalooarhiiv (Estnisches Historisches Archiv, künftig: EAA) Bestand 1850, Verzeichnis 1, Akte 1122–1131, 1187. Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft: Familienarchiv Nachlass Robert Feldmann (Kopie). – Für die freundliche Vermittlung dieser Quelle dankt die Gesellschaft Herrn Kalmer Mäeorg vom Stadtarchiv Tallinn und besonders Herrn Dr. Enn Küng, Tartu.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

303

Glasmacher im Baltikum zur Verfügung steht10. Durch seine industriearchäologisch ausgerichteten Feldforschungen setzte Maks Roosma (1909– 1971) wesentliche neue Impulse für die baltische Glasgeschichte, deren Ergebnisse im Eesti Tarbekunsti- ja Disainimuuseum (Estnisches Museum für Angewandte Kunst und Design), in Reval (Tallinn) aufbewahrt werden11. Schabina Die erste Hüttengründung erfolgte bereits 1716 während des Nordischen Krieges auf Initiative des Fürsten Menšikov an der nordöstlichen Peripherie der von den Russen eroberten Gebiete nahe dem Dorf Schabina (Žabino/Sevena) im Raum Jamburg (Kingisepp)12. Es handelte sich dabei um eine Verlegung der Glashütte Vorob’evo bei Moskau. Als „Kommissar über die kaiserliche Glashütte“ fungierte zunächst Louis de Scheper13, dem nach seinem frühen Tode schon sehr bald als Glasmeister der „Engländer reformierter Religion“ William Villes/Weil und der „englische Glaßmeister“ Michael Viceteller folgten14. Als „Ihro fürstl. Durchl. Herrn Alexander Danielewitz Mentzikoff Glaß Schneider“, zuletzt Gastgeber, tritt seit Februar 1717 Johann Maynhard Schmalkalter auf15. Weitere Facharbeiter dieser „großen Glashütte“ kamen z.T. von einer Hütte in Potsdam. Unklar ist der Name des „französischen reformierten Schmids zu Sabina“, der 1724 verstarb. Zar Peter I. selbst besuchte am 7. Oktober 1717 auf einer Durchreise die Neugründung, die wenig später, am 13. Dezember 1717, an „Russen und Aus———————————— 10

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Der Zugang kann erfolgen für Saaga über den URL: www.ra.ee/dgs/explorer.php und für Raduraksti über den URL: www.lvva-raduraksti.lv (letzter Zugriff jeweils 20.6.2014). Maks ROOSMA, The Glass Industry of Estonia in the 18th and the 19th Century, in: Journal of Glass Studies 15 (1969), S. 70-85. – Zur Bedeutung Roosmas als langjährigem Leiter der Glasabteilung vgl. www.etdm.ee/en/muuseum/klaasikogu (letzter Zugriff 20.6.2014). Mitteilung des Kollegienrats Wladimir Iwanowitsch Rothkirch zum Dorf Schabina, das 1766 aus zarischem Besitz durch Schenkung an die Familie Rothkirch kam, vgl. Sitzungsberichte der Narvaschen Alterthums-Gesellschaft 31 (1868), S. 5; Erik AMBURGER, Ingermanland (wie Anm. 7), S. 312, 317, 753. Begr. 7.11.1717 Narva; ∞ Narva 14.10.1717 mit Hedwig Albogia, Wwe. des RegimentsFeldschers Hamann. William Weil/Vile, begr. 29.9.1737 Narva; ∞ Narva 26.9.1721 Anna Maria Koock (begr. 8.10.1738 Narva); Michael Viceteller, Pate in Narva am 6.1.1718. Johann Schmalkalter wurde 9.5.1726 Bürger in Narva, † 17.1.1732 Narva („gewesener Glasschneider von Jamburg, nachmals Bürger alhier“); ∞ Narva 7.2.1717 Anna Lucia Weckel.

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länder“, 1731 schließlich an den Engländer William Elmsal († 1738) verpachtet wurde. Nach dessen Tod wurde die Glashütte nach St. Petersburg verlegt; seit 1753 bestanden Pläne einer Rückverlegung nach Jamburg, die jedoch nicht ausgeführt wurden. Schabina war die einzige landesherrliche Hüttengründung im baltischen Raum; Rückwirkungen auf die Entwicklung in Est- und Livland sind nicht bekannt. Jedoch liegen spätere Einzelhinweise auf Wanderbewegungen von Glasmachern in und aus dem Jamburger Gebiet vor. Sunzel Der nachweisbare Beginn einer dauerhaften Glasfabrikation in den Ostseeprovinzen setzte erst deutlich später mit der Gründung einer Hütte 1739 in Sunzel (Suntaži) in Süd-Livland ein, wobei die dortige unternehmerische Initiative von dem Besitzer des Gutes Sunzel, Major Erich Johann Meck, ausging16. In einem zwischen ihm und dem „Amtmann“ George Seitz sowie dem „Kommissar“ Georg Adolph Buchholtz vereinbarten Arrendevertrag vom 28. November 1739 wird die „alda befindliche Glashütte“ in Sunzel auf 16 Jahre verpachtet17. Mehrere Hinweise lassen auf ein größeres Projekt schließen. Auffällig ist, dass das damalige Kirchenbuch Sunzel erst 1740, mit den Anfängen der Hütte also, beginnt. Als erster Eintrag im Traubuch erscheint der „Landmesser“ Claudius Nicolaus Eckmann († nach 18.9.1752,

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17

Erich Johann von Meck, * um 1685, † 4.5.1758 Sunzel, begr. Riga (St. Jakob); seit 1721, nach langjähriger Gefangenschaft, wieder auf dem stark verwüsteten Gut Sunzel als seinem väterlichen Erbe; I. ∞ Elisabeth Gertrud Clodt von Jürgensburg; II. ∞ 1727 Beata Justina von Krüdener. Nach seinem Tode stand das Gut, und somit auch die Glashütte, zeitweilig unter der Verwaltung des Hofgerichtsassessors Harald Gustav von Igelström, dessen Mutter aus der Familie Meck stammte. Durch Auktion gelangte das Gut schließlich 1763 an den Kommerzienrat Heinrich Berens von Rautenfeld. Bemerkenswert ist, dass die Familie Igelström auch auf ihrem Besitz in Talkhof Glashütten anlegte. Zu dem Besitzer Erich Johann v. Meck vgl. Harald LANGE, Die Familie von Meck in Livland, Bd. II, Stetten / Filder 1956 (nach einem Manuskript von 1932 veröffentlicht), S. 112– 121. Harald LANGE, Die Familie von Meck in Livland, Bd. I: Urkunden und Regesten, Riga 1913, S. 349, Nr. 474. Von der anscheinend älteren, bereits „alda“ vorhandenen Hütte fehlen weitere Nachrichten. Ivar HERNES, Zur Verteilung der Glashütten in Südlivland im 18. Jahrhundert, in: Nordost-Archiv 14 (1981), Nr. 63-64, S. 21–30, bes. S. 26. – Zu Einzelheiten vgl. den Arrendevertrag von 1739, Anhang 1.

305

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

∞ Sunzel 3.9.1740 Barbara Eleonora Meyer)18. Zwei der angeworbenen Zuwanderer werden, sonst unüblich, als „kunsterfahrene Glasmacher“ besonders hervorgehoben. Und schließlich gab es einen eigenen Arzt, den „Chirurg von der Glashütte“ (1763) Johann Friedrich Hoffmann (* 1702, † 19.10.1766 Sunzel). Tab. 1: Herkunft der Glasmacher in Sunzel seit 1740 Name

Vorname

Albrecht

Otto Heinrich

Albrecht

Christina Elisabeth; V: Glasmacher bei der Ponstorffer Glashütte Otto Johann

Braun Drewing

Tätigkeit Glasmacher

Geburtsort

Tod

(? Lepan) in Holstein Mecklenburg;

Jena (Sachsen) Mecklenburg

† 27.3.1749 Sunzel (85 J.)

Ferlemann

Anna Catharina; V: Johann Heinrich D. aus M.Schwerin Franz

Maurer

Göbel

Nicolaus

Glasmacher

aus dem Hannoverschen Hessen

Gundlach

Johann Friedrich

Glasmacher

Mecklenburg

† 11.3.1747 Sunzel † nach 1758

Gundlach

Anna Margaretha

Mecklenburg

† nach 1758

Gundlach

Mecklenburg

Gundlach

Balthasar Joh. Jürgen Hans

Harder

(Frau)

† 23.6.1748 Sunzel † 28.8.1758 Sunzel † 2.1.1761 Sunzel (75 J.)

Glasmacher

* vor 1678 Mecklenburg Holstein

† nach 1804

———————————— 18

Er ist zuletzt (1752) in Ringmundhof nachweisbar; als Paten treten auf der Bruder Carl Meier (1740) und anderweitig Justina Juliana Eckmann aus Fellin (1750). Paten bei den Glasmachern werden ebenfalls 1741 der Grundherr Erich Johann von Meck und seine Ehefrau Beata Justina.

306 Kiliast

Scheel Schröder

Staack

Tietz

Dirk-Gerd Erpenbeck Anna Eva Hedwig; V: Frantz K., Glasmacher auf Glashütte Vitschow in Mecklenburg Hinrich Friedrich V: Tischler, Bürger in Göttingen. Anna Maria; V: Johann Friedrich Staack, Glasmacher auf der Ponsdorfer Hütte, Mecklenburg Sigmund

* (1720) Mecklenburg

† 27.3.1765 Sunzel

Vizemeister

Mecklenburg

Tischler ?

* 1723 Göttingen

† 21.2.1741 Sunzel † 10.12.1751 Sunzel

* (1746) Mecklenburg

† 13.8.1771 Sunzel (25 J.)

* (1667) Schlesien

† 6.10.1743 Sunzel (76 J.).

Fuhrmann

Bei den zwei genannten Glashütten in Mecklenburg handelt es sich um die Hütten Poverstorf (Ponsdorf), heute Schönlage/Krs. Sternberg, und Vietschow bei Güstrow19. In beiden Fällen tritt fast zeitgleich ein Friedrich Seitz als Hüttenmeister auf: er leitete Poverstorf von 1726 bis zum Konkurs 1728, wonach andere die Hütte weiterführten. Die Hütte in Vietschow hatte Seitz vor 1739 erbaut. Er gab jedoch vorzeitig auf, woraufhin sie von Johann Friedrich Röhl für 3 ½ Jahre übernommen wurde. Das Enddatum für Vietschow stimmt nun auffällig überein mit dem Neubeginn in Sunzel im gleichen Jahr. Noch bemerkenswerter ist, dass kurz nach dem ersten belegbaren Auftreten von Glasmachern in Jürgensburg (Zaube), 30 km nordöstlich von Sunzel, im Herbst 1742 als Pate auftritt der „Contrahent von der Glashütte Herr Röhl“, zusammen mit den Glasmachern Johann Delwich sowie mit Johann Jürgen Kunckel und dessen Bruder20. Das

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20

Vgl. die Hüttenübersicht bei Ralf WENDT, Gesamtverzeichnis der Glashütten in Mecklenburg (17. bis 19. Jahrhundert), in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock 21 (1972), H. 1/1, S. 65–80; Nr. 80: Hütte in Poverstorf, Nr. 114: Hütte in Vietschow. Kirchenbuch (künftig: KB) Jürgensburg, vom 15.8. und 10.10.1742.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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Auftreten im livländischen Jürgensburg fällt somit zeitlich engstens zusamzusammen mit dem Ende der Pachtzeit im mecklenburgischen Vietschow! Jürgensburg Folgt man den Kirchenbucheintragungen, beginnt das Hüttenunternehmen in Jürgensburg im Sommer 1742 (Taufe am 15.8.1742, Patin: „Cammer Junkerin“ Sigrid Christina Clodt von Jürgensburg, geb. Baronesse von Güldenhoff); seit Herbst 1743 halten sich mehrere Glasmacherfamilien dort auf, letztmalig am 28. Oktober 1749. Am 2. April 1755 wird nur noch auf die „ehemalige Jürgensburger Glaßhütte“ verwiesen, wo sich ein Sattler niedergelassen hatte. Ein kurzfristiger Betrieb (1760–1762) könnte sich mit der gleichzeitigen Anwesenheit des Glasmachers Jacob Heinrich Liphardt verbinden. Da mehrere Familien gleichzeitig auch in der Hütte Sunzel auftreten, muss man von persönlichen und wirtschaftlichen Querverbindungen zwischen den beiden Hütten ausgehen. Nach der ersten Hüttenperiode gab es auch später noch Betriebszeiten in Jürgensburg, so von 1794– 1816 und zuletzt nach 1845. Liste 1: Kommunikanten von der Glashütte in Jürgensburg 1743/44 Nicolas Bancorat

Witwe Helena Brisemeister

Christian Delwert

Friedrich/Christoph Fried mit Frau Susanna

Johann Georg Gössel mit Frau Justina

Friedrich Gössel mit Frau u. Schw. Anna Catharina Gössel Johanna Catharina Gössel

Wilhelm Gössel und Hermann Gössel Heinrich Hagen mit Frau Catharina Elisabeth Elias Kunckel und Johann Jürgen Kunckel Maria Elisabeth Lippert Johann Heinrich Paap mit Frau Regina Anna Elisabeth Reichardt (?)

Fritz Hoff mit Frau Anna Maria Hans Jürgen Lippert mit Frau u. Sohn Jost Lippert Jochim/Friedrich Meissner und Frau Dorothea Joachim Heinrich Platz Jochen Staack mit Mutter Christina Margaretha.

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Dirk-Gerd Erpenbeck

Piersal Die erste nachweisbare Glashütte im estländischen Raum entstand nördlich von Hapsal (Haapsalu) in den Wäldern bei Piersal (Piirsalu) im Kirchspiel Nissi, wobei als Grundherr die Familie von Löwen angenommen wird21. Im regulären Kirchenbuch treten, mit einer Ausnahme, keinerlei Hinweise auf22. Die Eintragungen für die Hüttenangehörigen sind stattdessen am Ende des Buches eigenständig zusammengefasst als „Annotationes so bey der Pyrsalschen neuen Glasefabric vorfallen“, woraus sich ergibt, dass es keinen Vorläufer für diese Hütte gab, sondern dass es sich um einen Neuanfang unter der Leitung des Vizemeisters Bluhm handelte. Da nach dem 17. Juli 1743 keine Angaben mehr vorliegen, dürfte Piersal eine typische Wanderhütte gewesen sein. Liste 2: Glasmacherfamilien in Piersal 1740–1743 Vizemeister Bluhm/Blume – sein Vater starb am 18.2.1742 in Piersal; Buchhalter Carton; die Aschbrenner Heinrich Johann (N.) und Andreas Öhlmann (∞ Piersal 20.4.1742 mit Sophia Margarete Dorothea Östreich); Hohlbläser Martin Reichardt (∞ Piersal 18.6.1742 mit Anna Maria Siebers); Schürer (N.) Meier („der alte“) (* 1665, † 4.5.1741 Piersal); die Strecker Brümer und Gundlach; die Werker Johann Jürgen Östreich und Brauer/Bräuer; der alte Siebert; (N.) Stichhorn; Peter Nissi; (Frau) Lippart.

Alle angeführten Männer waren Familienväter mit z.T. älteren oder erst in Piersal geborenen Kindern. Die typischen Glasmacherberufe sind vollständig vertreten. Mehrere von den Glasmachernamen (z.B. Gundlach, Österreich, Stichkorn, Liphardt) treten auch in anderen Hütten auf23, ohne dass jedoch bisher sichere familiäre Beziehungen nachweisbar wären. Möglicherweise stand die Wanderhütte im Zusammenhang mit langjährigen umfangreichen Restaurierungsarbeiten an der örtlichen Kirche, worauf Rechnungen für Glasarbeiten in den Kirchenprotokollen verschiedentlich verweisen. Bei Ausgrabungen in Piersal stieß Maks Roosma vor allem auf ———————————— 21

22

23

So wird die General-Leutnantin Baronin v. Loewen, geb. Schulmann, am 10.3.1781 im „Erbbegräbnis bei der Pyrsahlschen Capelle“ beigesetzt. EAA, 1218/2/1, Bl. 286 ff.; ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 70. Im Kirchenbuch findet sich jedoch kein Hinweis auf die Ernennung – „appointed in 1740“ – des Vizemeisters Bluhm. Vgl. FELDMANN, Verzeichnis (wie Anm. 4).

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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Fensterglas und farbiges Glas24. Auf der Mellinschen Karte ist bei Piersal für die spätere Zeit nur noch eine Ziegelei eingezeichnet, jedoch auch für diese Fabrik ließen sich in den Kirchenbüchern keine Hinweise finden. Lemburg Für die Glashütte Kaltenbrunn im Kirchspiel Lemburg (Mālpils) belegen die Kirchenbücher eine Tätigkeit vom Sommer 1750 bis zum Sommer 1758, wobei die Glasmacher Friedrich Meisner (∞ Dorothea Sternberg) und Christoph Heinrich Drewing (∞ Lemburg 1751 Helena Dorothea Liphard) bemerkenswert sind25. Zumindest ein Glasmacher (Christopher Friede) arbeitete vorher (1744–1748) auf der Hütte Jürgensburg. Als Grundherr könnte der Capitain Wilhelm Christopher Palmstrauch in Frage kommen, denn sowohl er als auch seine Frau übernahmen sonst durchweg seltene Fremd-Patenschaften, während üblicherweise nur Hüttenmitglieder als Paten auftreten. Auffällig ist außerdem, dass 1751 eine Anna Lauw als Patin auftritt; es wäre das zeitlich erste Auftreten dieser später sehr wichtigen Familie im Zusammenhang mit der livländischen Glasfabrikation. Weitere Hütten befanden sich – oft nur für sehr kurze Zeit – in Sissegal (Madliena) (1759, Neue Hütte 1765), im Kirchspiel Serben (Dzērbene) die Hütten Nötkenshof (1770/71) und Alt-Drostenhof (seit 1770), Zögenhof bei Kremon (1772) und Laudohn (Ļaudona) (1772–1795)26. Die Glasmacher sind meist dieselben wie in Sunzel, so dass es sich um Wanderhütten gehandelt hat: Vizemeister Heinrich Paap, Franz Christian Kiliast, Elias Kunckel, Caspar und George Hagen, Johann Friedrich Meissner (mit zwei Söhnen), Johann Martin Reinhardt und Heinrich Drewing. Talkhof Seit Sommer 1750 treten erstmals in den Kirchenbüchern von Talkhof (Kursi) Glasmacherfamilien auf, zunächst nur vereinzelt (Johann Richter mit Frau Anna Kraft sowie Johann Stichkorn mit Frau Anna Sophia). Erst im ———————————— 24 25

26

ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 72: Foto von den Grabungen in Piersal. Ivar HERNES, Die Glasmacherfamilie Drewing im Baltikum, in: Archiv ostdeutscher Familienforscher 15 (2001), Nr. 1, S. 23–30, mit Quellenhinweisen. HERNES, Zur Verteilung der Glashütten in Südlivland (wie Anm. 17), S. 26 f.

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Frühjahr 1757 scheint die Hütte mit 23 Personen („allesamt unter Oberpahlen“) voll betriebsbereit zu sein. Bei der ersten Taufe übernimmt der Grundherr Oberst Johann Manteuffel von Zöge die Patenschaft27. Im ZuZusammenhang mit der Gründung in Talkhof sollte man berücksichtigen, dass der Pachtvertrag in Sunzel zum Johannistag 1756 auslief und schon 1755 nicht geplant war, diese Hütte weiterhin bestehen zu lassen, so dass frühzeitige Abwanderungen durchaus erwartbar sind. Tab. 2: Kommunikanten bei den Glasmachern in Talkhof 1755–1759 1755

1756

1757

1758

1759

4

3–6

23

18

22

Auffällig ist, dass zwei Familiennamen bereits in der aufgegebenen Hütte in Piersal auftraten: die Glasmacher Hans Hinrich Oestreich († 12.11.1755 Talkhof, ∞ Catharina Dorothea) sowie dessen Sohn Justus Christoph Oestreich (∞ vor 1760 Gottlieba Lemcken) und die Frau eines Johann Stichkorn, alle als „unter Oberpahlen“ angeführt. Auch anderweitig handelt es sich um bekannte Familiennamen (Staack, Beck, Hagen, Brisemeister, Mussau, Göschel). Weitere Hüttenbauten in dieser Gegend folgten. Der Besitzer von Kerrafer (Kärevere), Baron Reinhold von Igelström, hatte bereits vor dem Sommer 1765 drei Hütten bauen lassen, wobei die Hüttennamen selbst bisher unbekannt sind28. Die Anwerbung von Facharbeitern durch einen Agenten in Rostock und Lübeck erwies sich als sehr schwierig; z.T. konnten nur ungelernte Personen gefunden werden, die erst in Livland noch auszubilden waren. Nach Roosma bestanden auf Talkhof zwei Hütten mit vier verschiedenen Arbeitsgruppen unter Goeschel, Greiner(t), Heintze und Staack29. In den Kirchenbüchern lassen sich zumindest drei näher bestimmen: der Vizemeister Johannes Goeschel, der Vize-Meister „bey der weißen Hütte unter Talkhof“ (1779) Johann Greiner

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28

29

Zu Hüttengründungen durch Graf Manteuffel auf Talkhof vgl. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 79. Brief Igelströms an Major von Lauw vom 22.8.1765, vgl. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11) S. 79 (nach EAA, 1348/2/15-3, Bl. 36 f.). ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 79 (nach EAA, 138/2/23); GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 412.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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(∞ vor 1763 Eleonore Henck/Henick) und der Glasfabrikant Johann Heintz(e), ebenfalls „bey der weißen Hütte“30. Diese Glashütten pachtete Major von Lauw. Bis 1782 wurden die sonstigen Hütten der Umgebung geschlossen und die dortigen Glasmacher auf den Hütten Tirna (Tirna) – seit 1769 – und Laiwa (Laeva) zusammengefasst. Ab 1782 treten entsprechend die bisher anderweitig arbeitenden Glasmacher im Kirchenbuch Talkhof auf mit dem neuen Zusatz „unter Laiwa“: der früher unter Kerrafer tätige Johann Friedrich Goeschel als „Spiegelfabricant unter Laiwa“ (1782–1785), der Pottaschebrenner Daniel Gundlach, ebenfalls seit 1782; wenig später der Spiegelfabricant Johannes Wilhelm Runge. Letzterer war zusammen mit dem Glasmacher Georg Grimm aus Weibersbrunn im Spessart über Polen nach Livland zugewandert, wobei als Agent der Vizedirektor Balthasar Georg Henrici von der Glasmanufaktur in Lohr am Main tätig geworden war. Wegen des Versuches „zum Schaden und Zerfall der hiesigen Spiegel- und Scheibenmanufaktur zur Anlegung einer auswärtigen Hütte“ hatte man zuvor in Lohr abwanderungswillige Glasmacher inhaftiert, so auch Johannes Fleckenstein, dem ebenfalls am 9. Juni 1773 die Flucht von der „Churfürstlich Maynzischen Spiegelhütte“ gelang31. Dessen Weg führte über Brabant und über die Glashütte Dobrofka bei St. Petersburg zuletzt nach Moskau, von wo er durch den „Kaufmann Knille“ in Oberpahlen angeworben worden sein soll und ab 1782 in Tirna die Leitung der Spiegelglashütte mit 12 weiteren deutschen Glasbläsern übernahm32.

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32

Vermerkt sei, dass 1780 ein Johann Michael Greiner, Glasfabricant zu Castischitz in Rußland, in Talkhof eine Tochter des Vizemeisters Johann Göschel heiratet. Zu den großen Schwierigkeiten ihrer Abwanderung aus dem Kurfürstentum Mainz vgl. GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 407 f. – Henrici wanderte ebenfalls von Rothenfels bei Lohr nach Estland ab (Flucht am 6.6.1773), wo er eine Försterstelle bei Reval erhalten konnte. Friedrich AMELUNG, Studien zur Geschichte Oberpahlens und seiner industriellen Blüthezeit. Ein historischer Vortrag, gehalten am 8. Dezember 1891, Dorpat 1892, S. 29 f., mit biografischen Angaben zu Fleckenstein aus einem Brief von A. C. F. Amelung vom April 1795. – KB Oberpahlen: begr. 12.2.1800, „des Fabrikanten Johann Fleckenstein nachgebliebene Wwe. Catharina, geb. Hartwig, auf der Glashütte unter Ruttigfer“. – Weitere Hinweise in den Akten des Dorpater Ratsgerichts: EAA, 995/1/8710 (Akte in Sachen des Glasfabrikanten Johannes Fleckenstein wider den Glasermeister Johann Gottfried Zinoffsky [1791]).

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Uttzal und Lasone Mit den Fabrikgründungen des Majors Woldemar Johann von Lauw, der die Erbin von Gut Schloss Oberpahlen, Aurora von Fick, geheiratet hatte, begann die erste Phase einer Frühindustrialisierung des Raumes um Oberpahlen33. Bereits seit Spätsommer 1755 bestand jedoch eine sonst unbekannte „Glashütte unter Oberpahlen“, wobei die Glasmacher alle von der Hütte in Talkhof kamen: 1755 Hans Hinrich Oestreich und Johann Stichkorn, 1756 Christian Ludwig Beck, 1757 Joachim Heinrich Staack und Johann Friedrich Beck. 1760 gründete Lauw dann eine neue Hütte im abgelegenen Waldgebiet bei Uttzal (Utsali) an der Pedja. Bereits seit April übernahmen er und seine Frau Aurora auch vereinzelt Patenschaften bei den dortigen Glasmachern, von denen folgende, wiederum mit dem Zusatz „Glasfabrikant unter Oberpahlen“, bekannt sind34: 1760 – Hohlgläser Jost Lippardt und Johann Hinrich Staack; Elias Hinrich Mussum 1761 – Johann Friedrich Beck und Johann Hagen 1762 – Johann Friedrich Brisemeister.

Den bisher einzigen namentlichen Beleg für die Hütte Uttzal in den Kirchen- und Personalbüchern bildet ein Herkunftsverweis für den Hohlgläser Christoph Staack, der 1798 auf der Hütte in Ruttigfer (Rutikvere) arbeitete35. Der Überlieferung nach folgte 1764 eine weitere Hüttengründung für Grünglas in Lasone (Laashoone) am Unterlauf der Pahle, wobei der anfängliche Standort („beim Gesinde Nömme gegenüber Keppaoja“) schon bald aufgegeben wurde. Zuletzt lag die Hütte „an der Stelle der jetzigen Forstei Reika“36, wo bereits in unmittelbarer Nähe eine Pottasche-

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Woldemar Johann von Lauw, * 18.10.1712 (? Pernau), † 15.2.1786; ∞ 14.4.1746 Aurora von Fick, * 1717, † 22.12. 1769, vgl. Genealogisches Handbuch der estländischen Ritterschaft, Bd. II, bearb. v. Otto Magnus von STACKELBERG, Görlitz 1930, S. 112. Vgl. z.B. die Eintragung im KB Talkhof zum 23.4.1760. Saaga (wie Anm. 10): Elk 8-0-90 (1799–1826); wahrscheinlich der Sohn „des Hohlgläsers unter Oberpahlen“ Johann Hinrich Staack (* 23.6.1773 Talkhof). Heutiger Ortsname ist Rõika; AMELUNG, Studien (wie Anm. 32), S. 22 f. mit Verweis auf verschiedenartige Glasfunde, die durch den damaligen Oberförster O. Fürst bei Lasone gemacht wurden; ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 77 f. mit Hinweisen auf neuere Grabungsfunde.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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fabrik bestand37. Entsprechend treten seit Ende Oktober 1764 erstmalig Glasmacher in den Kommunikantenlisten von Klein St. Johann (KolgaJaani) auf, beginnend mit dem Glasmacher Johann Friedrich Brisemeister (∞ Maria Charlotta Stickhorn). Aus Lemburg von der Kaltenbrunnenschen Hütte wanderte Elias Heinrich Musse (Mussau/Musson) (∞ Anna Margarethe Brisemeister) zu. Die Hütte stand bis mindestens 1768 unter der LeiLeitung des Vizemeisters Johann Göschel; weitere Glasmacher tragen die bebekannten Namen Liphardt, Stichkorn, Reichardt, Heubach, Drewing, Hagen und Staack. Spätestens im Frühjahr 1768 gab es bereits einen eigenen Schulmeister, Michael Preuss38. Lauw beabsichtigte außerdem, durch seinen Agenten in Leipzig E. Grelmann39 aus Deutschland und besonders Böhmen neue Facharbeiter anzuwerben, was sich aber als sehr schwierig herausstellte40. Nur eine einzige direkte Zuwanderung liegt bisher vor bei dem „Catholik aus Böhmen“ Johann Stichkorn (begr. 24.1.1780 Talkhof). Es wird sich um diese beiden Hütten in Uttzal und Lasone handeln, die im Wackenbuch des Gutes Pajus (Glashüttenkonto) für 1768/69 ohne Hüttennamen aufgeführt sind41. Hierdurch wird erstmalig eine reichhaltige betriebswirtschaftliche sowie personelle Übersicht zu Produktion und Vertrieb der Hütten möglich. Lauw hatte den Ankauf des wenige Kilometer nördlich von Oberpahlen gelegenen Gutes Pajus bereits seit 1742 angestrebt, konnte dieses Ziel aber erst 1762 erreichen42. Das Kontobuch der Glashütte für das Rechnungsjahr Mai 1768 bis Mai 1769 erfasst in getrennten Einzelaufstellungen sämtlicher Einnahmen und Ausgaben für ———————————— 37

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Das KB Klein St. Johann erwähnt am 11.1.1765 den Leutnant Jablonski von der Woisekschen Pottasche Fabrik. Weitere Personen in den Kommunikantenlisten. Es könnte sich bei dem sonst Unbekannten um Elias Grellmann handeln, den „Buchhalter bei Major von Lauw“, der am 19.1.1763 in Oberpahlen als Pate auftritt. KB Oberpahlen 1758–1765, in: EAA, 1168/2/7, Bl. 9. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 78, nach einem Brief Grelmanns aus Leipzig vom 17.5.1766, enthalten in: EAA, 1348/2/15-4, Bl. 199 f. Das Gut Pajus war wie Oberpahlen eine Schenkung (1720) Zar Peters I. an Heinrich von Fick und kam später in den Besitz von Major Lauw. Das Wackenbuch (EAA, 1348/2/169) befindet sich in einem Archivbestand zum Gut Woiseck. Weiterführend könnte sein: Akte betr. den Ankauf des Gutes Pajus von Major Woldemar von Lauw, in: EAA, 1348/2/146 (1742–1784). Ankauf für 42 000 Rubel von Generalleutnant Ivan Bibikov; vgl. Heinrich von HAGEMEISTER, Materialien zu einer Geschichte der Landgüter Livlands, Riga 1836–1843, Bd. II, S. 193.

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drei Hütten: die „alte Glashütte“ unter Vizemeister Staack (Bl. 91–116) (? Uttzal), die „neue Glashütte“ unter Vizemeister Goeschel (Bl. 117–142) (? Lasone) und die zugepachtete „Talckhofsche Glashütte“ unter Vizemeister Hagen (Bl. 143–166). Tab. 3: Übersicht über die Glasproduktion des Gutes Pajus 1768/69 A. Fensterglas Glasart:

B. Flaschen Größe: B½ Alte Hütte Neue Hütte Talkhof

Nr. 1

Nr. 2

Nr. 3

Alte Hütte

14

355

80

Neue Hütte

42

345

44

Talkhof

7

589

74



B1

B2

B 3-4

B 5-7

B 8-12

Apoth.

4 286

50 150

5 104

1 832

2 784

795

58

11 041

182

51 597

6 067

205

216

81

15

14 029

31 643

24 040

27 461

720

1 107

201

120

keine

Abkürzungen: Fensterglas in drei Qualitätsstufen: Nr. 1 = Auswahl; Nr. 2 = normal; Nr. 3 = Ausschuss B = Bouteillen in 7 Größen: ½ - 12 Stof; Apoth.: Apotheker-Gläser ohne Differenzierung.

Die verstreuten Angaben zu Käufern bzw. Abnehmern der Glaswaren lassen sich in folgenden Gruppen zusammenfassen: 1. Ämter der Glaser in Reval und Riga 2. Glaser in zahlreichen Städten Estlands und Livlands: Linde (? Weissenstein/Paide), Johann Wilhelm Mechmershausen (Ampel/Ambla), Reimers, Sass, Visemeyer, Johann Christoph Wittmann (Wenden/Cēsis) sowie die beiden Russen Kalin Jakowleff (Jakovlev) und Philipp Astafjeff (Filip Astaf’ev). 3. Kaufleute: (? Bernhard Wilhelm) Gonsior (Dorpat), Ulrich Ehlertz (Dorpat), Ludwig (Fellin/Viljandi), Starck (Fellin), Johann Joachim Teissner (Pernau/Pärnu), Sonnenbach (Riga), Jacob Danckwardt (Narva), Helleisen (St. Petersburg).

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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4. Apotheker und Ärzte43: (? Adolf Albrecht) Hamberger (Baltischport/Paldiski), Moritz Kleinecke (Dorpat), Julius Joachim Fedder (Reval), Johann Joachim Schoeler (Fellin), Dr. Johann David Wiessel (Pernau), Dr. Peter Ernst Wilde (Oberpahlen). 5. Gutsbesitzer von Addafer, Mohn, Oberpahlen, Sauck. 6. Sonstige: Ratsherr Schefer (Riga), Arrendator Hausenberg, Assessor Broeker, Kämmerer Ecklundt44, General von Essen, Generalleutnant Berg, Graf von Manteuffel, Offizial (? Anthon Christian) Cappel, die Ordnungsrichter Rosen und Hagemeister45, von Budberg, Frau von zur Mühlen (Reval), Haen (Reval), Mickwitz, Hippius. Daraus ergibt sich, dass eine Glasproduktion, anders als bei den bisherigen Wanderhütten, für das gesamte Gebiet von Estland und Livland angestrebt wurde, mit St. Petersburg und den zwei russischen Aufkäufern auch darüber hinaus. Gorodinka Die Hütte, ca. 35 km südlich von der Stadt Narva in einem Waldgebiet am Mittellauf der Narva gelegen, ist 1770 erstmalig auf einer Karte von Jacob Friedrich Schmidt erwähnt46. Auf der Mellinschen Karte ist sie verzeichnet mit dem Namen Korodinka47. Durch die Ausgrabungen Roosmas (1963) konnten für diese Glashütte zahlreiche Einzelfunde gesichert werden, die ehemalige Anlage ist dagegen wohl weitgehend in mehreren Kriegen zerstört worden48. Noch für 1747 ist dort nur ein „Krug“ nachgewiesen. Seit 1749 kam das Gebiet zur Gutsherrschaft einer Nebenlinie der Familie von Stackelberg auf Paggar, mit dem Ritterschaftshauptmann Otto Magnus v. ———————————— 43

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47

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Alle im Wackenbuch nur durch Nachnamen angeführten Ärzte und Apotheker sind zu klären durch: Erich SEUBERLICH, Liv- und Estlands älteste Apotheken, Riga 1912, sowie Isidor BRENNSOHN, Die Ärzte Estlands, Riga 1922. Vielleicht zugehörig: Georg Gustav Eklund, der 1742 als Kanzlist in Dorpat Pate wurde. Wahrscheinlich: Erbherr von Paunküll Carl Gustav von Hagemeister (∞ Judith Louisa v. Helmersen), 1751 in Pillistfer. Provincia Revaliensis sive Estlandia, St. Petersburg 1770; vgl. Endel VAREP, The Maps of Estonia Published by the Academy of Sciences St. Petersburg in the 18th Century, in: Imago Mundi 31 (1979), S. 88–93, hier S. 92. Als Gorodenko / Gorodenka in: Baltisches historisches Ortslexikon, Teil I. Estland (einschließlich Nordlivland), bearb. v. Gertrud WESTERMANN, Köln / Wien 1985, S. 90. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 76 f. mit Siegeln von Glasflaschen.

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Stackelberg (1704–1765) als Besitzer49. Bereits am 2. April 1766 wurde die Hütte an den Capitain Karl Adolph von Krusenstiern auf sechs Jahre für 2 100 Rubel verpachtet und schon vor Ende der Pachtzeit um 1770/71 geschlossen50. Das erstmalige Auftreten seit Februar 1763 von ca. 15 Personen, die zur Glashütte Gorodinka zu zählen sind, lässt eine Zuwanderung von den älteren baltischen Glashütten in Sunzel und Talkhof annehmen51. Eindeutig sind hierfür vor allem Christian Ludwig Beck, Johann Christoph Berner und Johann Hinrich Staack. Letztmalig erwähnt wird die Hütte bei einer Taufe am 13. Februar 1768 (Glasmacher Christian Gustav Mossom). Hierbei tritt auch noch ein Nachfahre von der früheren Glasfabrik in Jamburg als Pate auf52, woraus auf noch anhaltende Beziehungen zwischen den livländischen und ingermanländischen Hütten geschlossen werden darf. Neben diesen personellen Verflechtungen bestanden offensichtlich auch wirtschaftliche Beziehungen: So wurde am 7. Februar 1769 auf Gut Pajus (s.o.) mit dem Glasmacher Johann Hagen abgerechnet wegen des Transports von Pottasche aus Gorodinka zu den Hütten bei Oberpahlen53. Hergestellt wurden sowohl Fensterglas als auch farbiges Glas. Flaschen waren z.T. mit Herkunftssiegeln versehen, wie es von der Regierung zur Sicherstellung zuverlässiger Größenangaben verlangt wurde: „R“, „CE“ und sehr auffällig „LONDON“. Ob sich letzteres auf eine von Roosma vermutete englische Kapitalbeteiligung in Gorodinka bezieht, erscheint eher unwahrscheinlich; jedoch waren Engländer zeitweilig Pächter einer Hütte im nicht weit entfernten Jamburg (s.o. zu Schabina)54. Die folgende Übersicht fasst zahlreiche Einzelbelege von Glasmachern usw. bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen zusammen.

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53

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Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710–1960, hg. v. Wilhelm LENZ, Köln / Wien 1970, S. 751; AMBURGER, Ingermanland (wie Anm. 7), S. 760, Anm. 127. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 76. Sämtliche Personenangaben sind in den Kirchenbüchern der deutschen Gemeinde St. Johann in Narva und in Einzelfällen im Kirchenbuch Jewe enthalten. Frau Anna Margaretha Schultz, geb. Schmalkalter, wobei im Kirchenbuch zunächst auch noch der Vorname ihres Vaters Meinhardt eingetragen war. „Für 438 Löfe Asche, die durch den Wercker Joh. Hagen zu Garadincka gekauft worden und an selben Kost Geld für 4 Wochen“; vgl. Wackenbuch des Gutes Pajus (wie Anm. 41). Zur Frage der schwierig anzufertigenden Flaschen mit Herkunftssiegeln und Größenangaben vgl. im einzelnen ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 74.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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Liste 3: Glasmacher in Gorodinka Beck, Johann Georg, * 1731, † 13.10.1781 Narva. – Gastgeber auf Sievershausen bei Narva (1767, 1781); ∞ Sabina Clara (N.) Beck, Johann Friedrich, † nach 6.4.1766. – Gorodinka (1763, 1766) Beck, Christian Ludwig, † nach 1765. – 1756 und 1761 Oberpahlen, 1757–1762 Talkhof, 1763–1765 Gorodinka; ∞ 1765 Talkhof Engel Stichkorn Börner/Berner, Johann Christoph, † 1.10.1766 Narva. – 1740–1751 Sunzel, 1766 Gorodinka; ∞ Sophia Elisabeth Plagemann Hagen, Johann Friedrich, * (1761), † 17.2.1801 Narva Hagen, Johann Hinrich. – 1764 Gorodinka; ∞ ? Elisabeth Kofeldt Hagen, Johann Hinrich. – 1765 Gorodinka; ∞ vor 1765 Maria Chr. Brisemeister Hagen, Carl (Heinrich). – 1787 Talkhof; Gorodinka; ∞ Cath. Meisner Hagen, Johann Christopher. – 1764–1766 Vizemeister Gorodinka Hoff, Friedrich, † 15.4.1765 Narva Kielgast, Frantz Christopher. – Koskola in Ingermanland; ∞ vor 1787 Anna Christ. Reichardt Mossom, Christian Gustav. – 1765–1766 Gorodinka Reichard, Gotthard. – Koskola; ∞ vor 16.9.1787 Jacobina Kielgast Staack, Johann Hinrich. – 1760 Hohlgläser unter Oberpahlen; 1766 Gorodinka; ∞ vor 1760 Cath. Marg. Hagen.

Nappo Auf der zum Rittergut Pallfer (Palvere)55 gehörigen Glashütte Nappo (Napu) erscheinen Glasmacher seit Sommer 1772 (Pate am 24.6.1772: „Monsieur de la Montagne für den Grafen Carl Manteuffel“). Wegen eines Brandschadens kam es bereits 1774 zu einem Rechtsstreit zwischen dem Grundherrn und „sämtlichen bei der Pallferschen Glashütte befindlichen Glasleuten“56. Liste 4: Nachweisbare Glasleute in Nappo Albrecht, Hinrich, Vizemeister der Glasfabrikanten (1773, 1775), seit 1785 auf der Hütte in Ampel (∞ Margareta Paap) Beck, Christian Ludwig (∞ Engel Lovisa Stichkorn) Beck, Friedrich (∞ Maria Musson/Moss) Kunkel, Johann, * (1751), † 31.5.1775 Pallfer Lohmann, Johann Friedrich, Zimmergesell aus Hannover, * 1738, † 11.6.1777 Nappo ———————————— 55 56

Sämtliche Personenangaben im KB Kosch/Kose. EAA, 861/1/1175 (1774–1776).

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Reinthal, Peter Heinrich (∞ Eva Anna Elisabeth Kunckel) Staack, Johann, † vor 1775 Stichkorn, Anton Christoph (∞ Maria Elisabeth Hagen).

Besonders bemerkenswert ist, dass auch ein sonst unbekannter „Glasfabrikant Balthasar Friedrich Henrici“ 1776 als Pate in Pallfer auftritt; es dürfte sich dabei um den von der Glashütte in Lohr am Main entflohenen dortigen Vizedirektor und Werber handeln57; auch die „freie Person“ Christina Runge, die am 25. September 1776 Patin wurde, dürfte zur Gruppe der aus dem Spessart abgewanderten Glasmacher gehören. Lechts Außerhalb des zwischen Oberpahlen und Talkhof gelegenen Hüttenzentrums gründete 1776 Major von Zimmermann die „Glas- und BouteillenFabrique unter dem Gut Lechts“ (Lehtse), die er jedoch 1783 bereits wieder an Alexander Magnus von Hoyningen-Huene verkaufte58. Während der Betriebszeit der Hütte, die durch Brand 1808 endete, gab es vier Hüttenmeister: 1776–1785: Johann Georg Buchholz, * Anklam/Pommern, † 5.10.1785 Ampel. – 1769 als Aufbläser in Sunzel; ∞ Sunzel 20.4.1769 Anna Catharina Seiz/Zeitz. 1785–1788: Heinrich Albrecht, 1773 Pate „für sich und Graf Carl Manteuffel“ (von Maecks), 1773 auf Nappo, 1776 Vizemeister der Hütte Pallfer, 1785 Recka (Rekka) (∞ vor 1773 Margarethe Paap, † 12.4.1787 Ampel). 1788–1802: Johann Georg Grimm (Krimm), * 1751 Weibersbrunn/Spessart59, † 14.9.1830; seit 1782 in Recka und seit 1795 dort als Pächter (∞ Ampel 7.10.1787 Anna Maria Elisabeth Buchholz, * (1773), † 23.6.1853 Fennern). 1803–1805: Johann Jakob Gundlach.

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Vgl. die detaillierten Angaben zur Abwanderung Henricis bei GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 407. ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 72–76, mit einem Grabungsbericht (1963); GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 411. GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 409; Johann Georg Grimm wanderte mit Johann Wilhelm Rung(e) nach Estland ab. – Auszug aus den Stammtafeln der Glasfabrikantenfamilie Grimm (1753–1924) aus Mainz. Zusammengestellt von Robert FELDMANN, Reval und ergänzt durch seinen Sohn. Posen 1943, in: Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft Darmstadt, Familienarchiv, Mappe Grimm.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

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Terrastfer Nur für die kurze Zeit von 1779 bis 1783 lässt sich bei Terrastfer (Tarakvere) bisher die „Tarrastfersche Glashütte“ bei Torma nachweisen, die unter dem aus Anklam in Pommern stammenden Vizemeister Georg Buchholtz stand. Dieser wechselte jedoch bereits wenig später zur Glashütte Recka bei Ampel. Weitere Glasmacher waren: Christian Buchholtz, Christian Lanko (vorher in Allasch), Jacob Heinrich Drewing, Johann Friedrich Österreich und Franz Seitz. Catharina und Lisette Mit dem Tode des Großunternehmers Lauw († 15.2.1786) endete auch die von ihm betriebene expansive Entwicklung der Glasfabrikation. Der neue Besitzer von Oberpahlen Graf Aleksej Bobrinskij ließ zunächst die bisherigen Hüttenmeister Fleckenstein und Poppe weitgehend selbständig weiterarbeiten. Eine völlige Umstrukturierung der Glas- und Spiegelherstellung sollte erst mit dem Auftreten der Unternehmerfamilie Amelung aus Braunschweig erfolgen. Dass sich der Markt für Glaswaren im Baltikum anfänglich als schwierig erwies, lag nicht zuletzt auch daran, dass dieser Raum nicht nur mit heimischen Produkten versorgt wurde, sondern auch ausländische Konkurrenz vertreten war. So sind spätestens seit 1787 mehrere Glashändler aus Böhmen in Reval Bürger geworden, die hochwertiges Glas anbieten konnten: Frantz Patzner aus Sandau bei Böhmisch-Leipa (1787), Johann Christoph Meltzer aus Burgstein (1789), Johan George Hiekisch aus Leitmeritz (1792) und Johann Christoph Patzner aus Stein-Schönau (1794)60. Der Kaufmann Anton Christian Friedrich Amelung61, seit 1773 Pächter der braunschweigischen Glashütte Grünenplan bei Alfeld, hatte bereits 1777 einen festen Exportvertrag für Spiegelglaslieferungen auf acht Jahre mit dem ———————————— 60

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Das Revaler Bürgerbuch 1786–1796, hg. v. Csaba János KENÉZ, Tallinn 2006, Nr. 347, 1804, 1879, 1921. * 3.2.1735 Hettlingen/Hannover, † Woiseck, begr. 28.12.1798 Dorpat; ∞ Hannover 13.5.1765 Sophie Margarethe Meyer. Siehe jetzt zu ihm Hartmut RÜß, Portrait eines Weitläufigen: Anton C. F. Amelung (1735–1798), Unternehmer und Wirtschaftspionier zwischen Zeiten und Welten, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 9 (2014), S. 83– 133.

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Handelshaus Friedrich Wilhelm Amburger (1745–1820) in St. Petersburg62. Gravierende Veränderungen bei den russischen Zolltarifen (1783), örtliche wirtschaftliche Konkurrenz und rückständige Hüttenzinsen bei der herzoglichen Kammer führten zu einer größeren Finanzkrise im Frühjahr 1783, so dass sich die Gebrüder Amelung zur Auswanderung entschlossen. Bereits 1783 ging Johann Friedrich in die USA, Anton orientierte sich nach Russland, dem Hauptexportgebiet der Hütte. Sein Sohn Carl Philipp63 war seit 1787 in St. Petersburg bei der Firma Amburger & Sohn, dem wichtigsten Handelspartner in Russland, tätig. In einem Brief vom 18. April 1790 teilte er seinem Vater seine Absicht mit, eine Spiegelglasfabrik in der Nähe von Dorpat zu gründen, und dass er hierfür Facharbeiter suche64. Zunächst gelang es Carl Amelung65 im März 1791 für die Spiegelfabrik Tirna-Kammar das Alleinverkaufsrecht zu erhalten, und im Folgejahr kam es am 23. März 1792 zu einem Pachtvertrag auf drei Jahre zwischen Graf Bobrinskij und der neu gegründeten Firma (Teilhaber: Eberhard Berens von Rautenfeld66, George von Bock und Carl Philipp Amelung). Noch während dieser Pachtzeit wurde mit eigenen Neubauten auf dem Gut Woiseck (Võisiku) begonnen, die seit 1795 unter dem Namen „Spiegelfabrik Catharina-Lisette“ (Rõika-Meleski) ihren Betrieb aufnahmen67. Im braunschweigischen Grünenplan und auf der hannoverschen Hütte Amelith-Polier hatte inzwischen der Vater Anton Amelung unter großen Schwierigkeiten einige Glasmacher zur Abwanderung nach der geplanten Neugründung in Livland gewinnen können: Den Schleifer Christian Seitz, den Gemengemacher Gottfried Reiche sowie Johann Jürgen Sturm und Just Heinrich Witte. Nach zweijähriger Erfahrung in Livland kehrten Seitz und Reiche zurück, offensichtlich mit dem neuen Arbeitsplatz zufrieden. Sie ———————————— 62

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Karl-Friedrich BECKER, Die ältesten braunschweigischen Glashütten an der Weser, in: Niedersächsisches Jahrbuch 4 (1927), S. 1–92, hier S. 35 f., mit einer Aufstellung der Ertragslage der Hütte. Carl Philipp Amelung (* 4.6.1769 Hohenbüchen, † 24.6.1817 Catharina bei Oberpahlen; ∞ St. Petersburg 1.8.1794 Anna Emilie Wolff, * 3.6.1775 St. Petersburg, † 29.5.1838 ebdt. Cornelia POHLMANN, Die Auswanderung aus dem Herzogtum Braunschweig 1720–1897 (Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte 84), Stuttgart 2002, S. 58. Bürger in Reval 20.12.1791; Das Revaler Bürgerbuch (wie Anm. 60), Nr. 1696: „Werde mich in St. Petersburg aufhalten. Das Jurgensche Handlungshaus wird für selbigen in Zukunft die Stadt und Krohns Abgaben erled.“ Eberhard Berens von Rautenfeld (1738–1810), Ratsherr in Riga, Sohn des Besitzers von Sunzel Heinrich B. AMELUNG, Studien (wie Anm. 32), S. 32.

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Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

warben in Grünenplan weitere Interessenten, so dass im Sommer 1794, am 27. August, weitere sechs Facharbeiter folgten: der Hüttenmann Georg Werner, der Polierer Heinrich Witte, die Schleifer Christoph Witte, Conrad Samtleben, Christian Bruns und Friedrich Bode68. Ein erster Hinweis auf die neue Belegschaft ergibt sich aus den Taufpaten für den Spiegelfabrikanten Heinrich Hinz (Heintz) im Herbst 1794: Kaufmann Carl Amelung in St. Petersburg, Direktor der Spiegelfabrik Friedrich Amelung, Buchhalter Johann Heinrich Groth, Poliermeister in Kammar in Oberpahlen Carl Poppe69. Nach der ersten vollständigen Belegschaftsliste für die neugegründeten Fabriken in Catharina und Lisette von 1796 befanden sich in den Fabrikorten insgesamt 125 Personen, davon 34 Männer (17 bis 62 Jahre alt) und 37 Frauen (14 bis 60 Jahre) sowie 28 Jungen und 26 Mädchen70. Liste 5: Die Facharbeiter auf den Glasfabriken Catharina und Lisette 1796 Henze

Heinrich

38 Jahre

Göschel

38 Jahre

Göschel

Johann Friedrich Johann Christ. Erdmann

Teichmeier

40

Stichnoth

Schönfelder

Johann Conrad Jacob

44

Wunderlich

Nicolaus

33

Fleisner

Andreas

18

Werner

Georg

50

Kraeckler

Anton

35

Fricke

Ludwig

49

Samtleben

Conrad

40

Sturm

Johann Heinrich

40

Witte

Christoph

37

30 24

———————————— 68

69

70

POHLMANN, Auswanderung (wie Anm. 64), S. 60; Gottfried ETZOLD, Die Abwerbung von Glashüttenarbeitern aus Grünenplan 1794, in: Brücken in eine neue Welt. Auswanderer aus dem ehemaligen Land Braunschweig, hg. v. Horst Rüdiger JARCK, Köln 2000, S. 119–123, mit dem Gerichtsprotokoll v. 8.9.1794, das die sechs Personen angibt; alle lassen sich 1795/96 in Livland (Klein St. Johann und Oberpahlen) nachweisen. KB Talkhof v. 24.9.1793; der „Direktor“ ist Friedrich Leopold Amelung (1772–1842), der später ebenfalls in die USA auswanderte. Seit 1795 erscheint auch noch der „Direktor“ August Amelung (* 1775 Grünenplan, † 1798 auf der Spiegelfabrik Lisette). Verzeichniß aller auf der Spiegel Glaß Fabrik zu Catharina und Lisette, befindlichen freien Leute, den 30.6.1796, in: EAA, 1285/1/124, Bl. 1. Hier auch weitere Personenlisten für die folgenden Jahre. – Zur Abwanderung vgl. auch Detlef KÜHN, Zwei Stammfolgen des niedersächsischen Glasmachergeschlechts Bode in Livland, in: Archiv ostdeutscher Familienforscher 17 (2007), Nr. 5, S. 144–149.

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Witte

Heinrich

35

Bode

26

Styrie

Johann Friedrich Conrad

Müller

(N.)

48

Meder

Carl (?)

28

Schrader

Friedrich

25

Bode

Gottfried

23

Friedrich

Wilhelm

28

Reiche

Gottfried

28

Hirsch

Gottlieb

35

Dobross

(N.)

30

Siebrecht

(N.)

39

Hencke

Friedrich

40

Battermann

Christoph

32

Fromholt

Gottlieb

23

Freikern ?

Matthias

22

Werner

Joseph

17

Amelung

(N.)

62

Amelung

(N.)

21

Paslack

Johann Friedrich

25

40

Ruttigfer Die Veränderungen der Glas- und Spiegelherstellung im Raum Oberpahlen durch die Amelungs hatten einschneidende Folgen für die bisherigen Betriebe: 1795 wurde die Manufaktur in Oberpahlen eingestellt. Die bisherigen, ohnehin schon stufenweise zurückgedrängten Vizemeister Fleckenstein und Poppe pachteten daraufhin von Igelström die Hohlglashütte in Laiwa und die Scheibenglashütte in Tirna für 12 Jahre. Zusätzlich erfolgte eine Neugründung auf dem Rittergut Ruttigfer (Rutikvere) nördlich von Oberpahlen, die noch bis 1811 bestehen konnte. Über deren Belegschaft liegt ein vollständiges Namenverzeichnis vor, das durch die Angabe der Geburtsorte der Glasmacher einen klaren Aufschluss über die Herkunftsgebiete erlaubt. Der Schwerpunkt liegt immer noch im Ursprungsort der baltischen Glasmacher in Sunzel; Neuzugänge aus Deutschland (ausgenommen Rettin/Redin) liegen nicht vor. Hüttenmeister wurde der von Amelung entlassene Johann Fleckenstein, der als erster seit April 1798 in Ruttigfer arbeitete; die übrigen Familien kamen bis Oktober 1798 nach.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

323

Tab. 4: Herkunft der Glasmacher der Hütte in Ruttigfer 1798 Name

Tätigkeit

Geburtsort

vorher in

Ehefrau

Fleckenstein, Johann Gundlach, Johann Rettin/Redin, Otto

Hüttenmeister

St. Petersburg

Vizemeister

Sunzel

Talkhof

Strecker

Sunzel

Talkhof

Rettin, Christian

Strecker

Mecklenburg

Jamburg

Rettin, Franz

Fleger

Oberpahlen

Regina Rettin aus Sunzel Sophie Heintz aus Braunschweig Elisabeth Staack aus Sunzel

Heubach, Johann Staack, Christoph Detloff, Friedrich Kiljas, Erich

Hohlgläser

Talkhof

Talkhof

Hohlgläser

Utsal

Jamburg

Fleger

Kerrafer

Jamburg

Hohlgläser

Sunzel

Kastinitz/Rsld.

Kiljas, Daniel

Hohlgläser

Koskolowa

Jamburg

Oesterreich, Hans Ritter, Franz

Schürer

Sunzel

Talkhof

Schürer

Gerst, Jacob

Hüttenschreiber

St. Simonis / Reval Oberpahlen

Johanna Rettin aus Oberpahlen Regina Detloff aus Sunzel Sophia Staack aus Sunzel Maria Hoff aus Sunzel

Sehr deutlich wird hier auch die enge Anbindung dieser Glasmacher an den russischen Wirtschaftsraum (Jamburg, Koskolowa, Kastinitz, St. Petersburg). Sie lässt sich auch in den Kirchenbüchern einiger dieser Gemeinden für die folgende Zeit vielfach nachweisen. So befinden sich in Ingermanland mehrere Glashütten, die nahezu durchweg von Nachfahren bekannter Glasmacherfamilien aus Estland betrieben wurden. Bemerkenswert ist hierbei die Stiftung (1798) einer „kristtallend Lichtkrone mit 6 Armen“ durch den Gläser Heinrich Hagen für die Kirche zu Kosemkina, woraus auch die

324

Dirk-Gerd Erpenbeck

besondere Art der dort hergestellten Glaswaren hervorgeht71. Eine gute Übersicht für die in diesem Raum arbeitenden Glasmacher, besonders der Glashütte Karakolja, liegt in den Listen der „Examenskinder“ vor, die zur Vorbereitung auf ihre Konfirmation von der zur Schwedischen Gemeinde St. Michael zu Narva gehörenden Filialkirche in Kosemkina betreut wurden72: Liste 6: Examenskinder von der Glasfabrik Karakolja 1810–1812 26.6.1810: Der Jüngling Johann Heinrich Kilgas, Sohn des Christian Kilgas 16 Jahre Johann Friedrich, Sohn des Hans Östreich 20 die Jungfrau Charlotte Sophia Muson (Musso), Tochter des Joachim Muson 17 19.5.1812: des Joachim Muson Sohn Carl Johann des Vollrad Hagen Sohn Johann Christian des Christian Kilgas Sohn Johann Ferdinand des Arnold Östreich Sohn Carl Christian des Friedrich Staak Tochter Juliana Catharina des Georg Kilgas Tochter Catharina Wilhelmina des Christopher Kofeldts Tochter Catharina Maria des Friedrich Brandts Tochter Christina Sophia des Erich Kilgas Tochter Sophia Catharina des Joachim Muson Tochter Maria Elisabeth

17 15 15 16 16 14 14 18 16 15

Ausklang Die vermehrte Abwanderung der Glasmacher aus dem Baltikum nach Ingermanland (Karakolja, Koskolowa, Pulkowa, Sala) und nach St. Petersburg muss jedoch auch eingeordnet werden in die Gesamtentwicklung der Glasfabrikation73. Die Zukunft gehörte nicht mehr den mit älteren tradierten Kenntnissen und Methoden arbeitenden kleinen, von Vizemeistern geführten Glashüttenbetrieben, sondern den kapitalintensiven und technologisch ———————————— 71

72 73

KB Narva, Schwedische Kirche St. Michael: Filialkirche Kosemkina, in: EAA, 122/1/18, Bl. 1: „1798, den 11. Aprill, verehrte der Herr Gläser Heinrich Hagen an der hiesigen Cosemkinschen Kirche eine kristtallend Lichtkrone mit 6 Armen.“ KB Narva, Schwedische Kirche St. Michael, in: EAA, 122/1/21 (1810–1817), Bl. 118 f. Weitere Hütten in Russland, für die sich direkte Beziehungen nachweisen lassen, sind die „Muraviewsche Glashütte“ bei Olonec, die „Turrsche Glashütte im Bezirk Nr. 2 der Ackersoldaten“ im Gouvernement Novgorod und Keltos im Distrikt Schlüsselburg.

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

325

ausgerichteten Unternehmen. Wie einen Abgesang liest man ein frühes Urteil über die Notwendigkeit dieser Modernisierung, das sich in der Magisterarbeit (Dorpat 1868) des aus rheinländischer Familie stammenden späteren Direktors der Amelungschen Glashütte Lisette Hermann E. Benrath finden lässt. Bei seinen umfassenden empirischen Analysen der damaligen höchst unterschiedlich hergestellten Glaswaren stellte er ein auffällig breites, wissenschaftlich kaum mehr haltbares Spektrum von Verfahren fest, das er als Zeichen einer unzureichenden chemisch-physikalischen Aufarbeitung der Glasherstellung deutete. Verantwortlich machte er dafür die bisherigen Vizemeister mit ihrem Wissensmonopol: Sehr geneigt fühlt man sich nun meist, die Schuld am Fortbestehen solcher Unsicherheit einzig und allein der bekannten zünftigen Exclusivität der Hütten und ihrer Meister und Schmelzer, der verschlossenen, in ihrer Kunst streng conservativen Nachkommen des gentilhomme verrier zuzuschreiben74.

Die aus dem Holsteinschen und Mecklenburgischen gebürtigen „kunsterfahrenen Glasmacher“, Strecker und Schürer, Aschebrenner und Vizemeister dürften nicht alle dieser absehbaren Entqualifizierung ihres handwerklichen Könnens so zukunftsbewusst entgegengeschaut haben wie die aufkommenden Ingenieure und Wirtschaftsfachleute; denn den Nachfahren der gentilhommes verrier waren die Imponderabilien ihres beruflichen Lebens sicher so bekannt wie das Sprichwort: „Glück und Glas, wie leicht bricht das!“

———————————— 74

Hermann Eugen BENRATH, Die Normal-Zusammensetzung bleifreien Glases, Aachen 1868, S. 2. – * 27.3.1838 St. Petersburg, † 12.4.1885 Catharina-Lisette, Sohn eines Technikers aus Stolberg/Rhld.; ∞ 3.9.1865 Marie Clementine Amelung, * 6.7.1846, vgl. Personalbuch der Spiegelfabrik Catharina-Rõika: Personaalraamat VII in: EAA, 1285/1/666, Bl. 2; Deutschbaltisches Biographisches Lexikon (wie Anm. 49), S. 44.

326

Dirk-Gerd Erpenbeck

Anhang 1 Arrendekontrakt über die Sunzelsche Glashütte 1739. Es handelt sich um den bisher frühesten Pachtvertrag für eine Glashütte im Baltikum. Suntzel, 28. November 1739 Major Erich Johann von Meck, Erbherr zu Suntzell, an einem und Amtmann George Seitz und Kommissar Georg Adolf Buchholtz am andern Teil treffen folgenden Kontrakt: 1. Major Meck verakkordiert die alda befindliche Glass Hütte an die beiden Interessenten von Johanni 1740 an gerechnet auf 16 Jahre. 2. Die Grundherrschaft verpflichtet sich, alles nötige Scheiderholz zur rechten Zeit hauen und bei der Glashütte anfahren zu lassen. 3. (keine Angaben) 4. Es steht den Interessenten frei, auch sonst aus dem Lager des Herrn Majors den Abfall und ungesunde Bäume zum Aschbrand zu verwenden. 5. Auch ist ihnen die Jagd auf Hasen, Füchse, Auerhühner, Birkhühner, Haselhühner und anderes Federwild und auch Wölfe und Bären erlaubt, wenn ihnen von letzteren zu nahe getreten werden sollte. 6. Auch bleiben ihnen der Dienstzwang und die Hauszucht über alle bei der Glashütte befindlichen Leute. 7. Wenn die Glasarbeit durch Krieg oder Pest verhindert werden sollte, sollen keine Abgaben von ihnen gefordert werden. 8. Es steht den Interessenten frei, auf allen Plätzen, an denen sie das Holz weggehauen haben, Acker, Wiesen etc. zu machen; nach Ablauf der 16 Jahre verlieren sie aber alles Anrecht daran. 9. Für ebensoviel Vieh, als sie Futter haben, erhalten sie freie Weide. 10. Sie dürfen mälzen und brauen, nicht aber Branntwein brennen. 11. Sämtliches Holz, das zum Anbau der Glashütte und für die übrigen Gebäude nötig ist, sowie auch die Feldsteine und den Lehm lässt der Major im ersten Jahr zu der Glashütte liefern. In den späteren Jahren müssen es die Interessenten sich selbst beschaffen. Nach Ablauf von 16 Jahren fallen alle Gebäude ohne Entgelt dem Major zu. 12. Der Major erhält für jeden Faden Scheiderholz von 6 Fuß Höhe, 6 Fuß Länge und 6 Fuß Breite, den er bei der Glashütte abliefert, 2 ½ Orth bezahlt. 13. Für den Krug, freie Brauerei, einen Haken Landes und Heu zahlen die Interessenten 1 Rtlr. jährlich. 14., 15., 16. (keine Angaben).

Glasmacher und Glashütten im Baltikum im 18. Jahrhundert

327

17. Die Interessenten erhalten für sich und ihre Angehörigen einen Kirchenstand angewiesen. (gez.) E. J. Meck; Georg Seitz; Georg Adolph Buchholtz als Mit-Interessent Aus: Harald LANGE, Die Familie von Meck in Livland, Bd. 1: Urkunden und Regesten, Riga 1913, Nr. 474, S. 349 (Gutsbrieflade Sunzel, Original mit 2 Siegeln, aus: Meckische Documenten. Designiret d. 18. September 1758 und befindlich in der Sunzelschen Brieflade, Nr. 502). Ergänzende Hinweise: a) S. 368, Nr. 8.7: Process mit Buchholz wegen der Glashütte (o.D.); b) Nr. 504, S. 371: Revision der Sunzelschen Güter und Hakentaxation, Suntzel 28.1.1759: „Glashütte: eine angelegt und bisher unterhalten; wird nicht weiter continuiret werden, wenn die Arbeiter aus ihren Schulden heraus sein werden.“

Anhang 2 Zur Lage der Brennstoffversorgung und zum Facharbeitermangel um 1750: „Nachricht wie das Dorfschneiden in dieser Gegend erfunden und eingeführt worden“. Da seit der Pest von 1710 ab das Brennholtz und Strauch dergestalt abgenommen, daß weder die Höffe noch Bauren sich mehr helffen können, so haben Ihro Excellence der Herr General-Lautenant, Ritter und Baron Balthasar Johann von Campenhausen75, Erbherr von Randen und Walguta sehr darauf gedacht, wie Sie der Noth abhelffen möchte. Sie haben an die Orte in Teutschland schreiben lassen, wo Dorf gestochen und gebrent wird, um von da einen Menschen zu kriegen, der die Sache verstünde und hier einrichten könnte. Und nachdem Selbe einige Jahre darauf gewartet, hat sich endlich ein Mensch aus Mecklenburger Land eingefunden nahmens Johann Scheel76, den haben Ihro Excellence 50 Rubel nebst freyen Unterhalt gegeben, welcher dann im Jahr unseres lieben Heilandes 1752 in dem Walgutaschen gleich einen guten fetten Morast entdecket, aus welchen gleich in demselben Sommer eine gute Quantität Dorf gestochen und ge———————————— 75

76

Zu dem bekannten Johann Balthasar von Campenhausen (1689–1758), seit 1743 auch Besitzer des Gutes Walguta, vgl. Deutschbaltisches Biographisches Lexikon (wie Anm. 49), S. 139 f. Verwiesen sei auf den namensgleichen Zuwanderer Heinrich Scheel: † 21.2.1741 Sunzel: „Der gewesene Vice-Meister bey hiesiger Glaße Hütte Heinrich Scheel aus Mecklenburg gebürtig“. Es dürfte sich um den Vizemeister Heinrich Scheel auf der Glashütte zu Schorssow bei Bülow in Mecklenburg handeln, der dort bis 1740/41 nachweisbar ist; vgl. WENDT, Gesamtverzeichnis (wie Anm. 19), Nr. 97, 106.

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Dirk-Gerd Erpenbeck

trucknet worden. Darauf hat sowohl gedachter Mecklenburger als auch die Bauren mehrere Moräste gesucht u. gefunden, die Dorf haben, die Bauren haben auch das Jahr darauf angefangen, Dorf zu schneiden u. zu brennen. Aus: Kirchenbuch Randen 1711–1761, in: EAA, 1263/2/1: 358, Bl. 351.

Anhang 3 Karte: Glashütten im nördlichen Baltikum im 18. Jahrhundert Die Karte orientiert sich an den Beispielen bei ROOSMA, Glass Industry (wie Anm. 11), S. 71 und GRIMM, Geschichte (wie Anm. 5), S. 424. – Für das südliche Livland vgl. HERNES, Zur Verteilung der Glashütten in Südlivland (wie Anm. 17), S. 25. Vgl. auch das umfangreiche, im Ausbau befindliche Projekt bei der Deutsch-Baltischen Genealogischen Gesellschaft von Karl VOLKMANN, Glashütten in Kurland und Livland im 18./19. Jhd., mit Karte und tabellarischer Übersicht (URL: http://www.dbgg.de/proj-glash/glash.htm, letzter Zugriff 1.7.2014).

Viktor Nikolaevič Zacharov

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten während des 18. Jahrhunderts Die Entwicklung des russischen Handels stand im 18. Jahrhundert unter dem Vorzeichen einer ständigen Erweiterung seiner internationalen Verbindungen. Dabei nahm die Zahl der ausländischen Unternehmer und Kaufleute, die in Russland in den verschiedensten wirtschaftlichen Bereichen aktiv waren, bedeutend zu. Unter ihnen wuchs kontinuierlich der Anteil der Kaufleute deutscher Herkunft. Viele von ihnen stammten aus den einstigen Hansestädten, die seit dem Mittelalter stabile Verbindungen mit dem russischen Markt besaßen. Neben diesen erschienen während des 18. Jahrhunderts in Russland immer mehr Kaufleute aus anderen deutschen Städten und Ländern, aus Preußen, Sachsen, Thüringen und den Rheinprovinzen. Zu den Kaufleuten deutscher Herkunft gehörten aber nicht nur solche aus den eigentlichen deutschen Ländern. Unter den sonstigen kam den Kaufleuten aus dem Ostbaltikum eine besondere Stellung zu. Über die Tätigkeit von Kaufleuten aus Hamburg und Lübeck in Russland und über die Handelskontakte dieser Städte mit dem russischen Markt gibt es bereits Untersuchungen oder zumindest bestimmte Informationen im wissenschaftlichen Schrifttum1. Was die baltischen Kaufleute betrifft, so war ihre Tätigkeit im Russland des 18. Jahrhunderts noch nie Gegenstand einer speziellen Untersuchung, und in allgemeinen Darstellungen zur Handelsgeschichte blieben sie an der Peripherie des wissenschaftlichen Interesses der Forscher2. ———————————— 1

2

In erster Linie sind Arbeiten deutscher Forscher zu nennen, und zwar Elisabeth HARDER, Seehandel zwischen Lübeck und Rußland im 17./18. Jahrhundert, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 41 (1961), S. 43–114; 42 (1962), S. 5–53, sowie Anke MARTENS, Hamburger Kaufleute im vorpetrinischen Moskau, Lüneburg 1989 (Hamburger Beiträge zur Geschichte der Deutschen im europäischen Osten 6). Außerdem schreibt der Autor des vorliegenden Aufsatzes in einer Reihe von Arbeiten über die Kaufleute von Hamburg, Lübeck und Rostock in Russland, ebenso A[ndrej] V[ladimirovič] DEMKIN, Zapadnoevropejskoe kupečestvo v Rossii v XVII v. [Die westeuropäische Kaufmannschaft in Russland im 17. Jahrhundert], Bd. 1–2, Moskau 1994. Der Rolle der Zuzügler aus dem Ostbaltikum bei der Entwicklung der russischen Wirtschaft, zugleich dem Anteil der so genannten „städtischen Deutschen“ daran ist ein Aufsatz gewidmet, in dem es allerdings größtenteils um das 19. Jahrhundert geht: Klaus HELLER, Der wirtschaftliche Beitrag der Deutschbalten und der städtischen Russlanddeut-

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Viktor Nikolaevič Zacharov

Im vorliegenden Beitrag wird der Versuch unternommen, das vorhandene Material über die Tätigkeit der Kaufleute aus den baltischen Städten zusammenfassend vorzustellen. Im Wesentlichen stammten diese aus Gebieten, die einst zu Alt-Livland gehörten, im 16. und 17. Jahrhundert von Schweden und Polen abhängig waren und im 18. Jahrhundert Gouvernements des Russischen Imperiums wurden. In der vorrevolutionären russischen Tradition bezeichnete man diese Region als Ostzejskij kraj („Ostseeküstengebiet“, nach der deutschen Bezeichnung „Ostsee“). Die von dorther Stammenden nannte man vielfach Ostzejcy (Ostseeleute), womit in erster Linie die Adligen und Bürger deutscher Herkunft gemeint waren. In der weiteren Entwicklung blieben an dieser Region die Bezeichnungen Pribaltika (Baltikum) oder Vostočnaja Pribaltika (Ostbaltikum) haften, in allerletzter Zeit kam der Begriff strany Baltii (Baltische Länder) in Gebrauch. Zum Ostbaltikum rechnet man bei uns auch das heutige Kaliningrader Gebiet Russlands. Deshalb sollen im Rahmen dieses Aufsatzes auch die Kaufleute aus Königsberg beachtet werden, ebenso die aus Memel (Klaipėda), unter Berücksichtigung des komplizierten Schicksals des Memellandes, das schließlich an Litauen gelangte, eines der Länder des heutigen Baltikums. Das Anliegen des Aufsatzes besteht in der Betrachtung der Tätigkeit der baltischen Kaufleute auf dem russländischen Markt jenseits der Grenzen der Ostseeprovinzen. Das ermöglicht die Klärung ihrer speziellen Rolle als reisende Fernhändler und in gewisser Weise als ausländische Kaufleute, die auf dem russischen Markt agierten. Die Tätigkeit der baltischen Kaufleute in ihren livländischen oder estländischen Heimatstädten wäre Gegenstand einer eigenen materialreicheren Darstellung, analog etwa den grundlegenden Untersuchungen von Vasilij Dorošenko über die Kaufleute Rigas im 17. Jahrhundert und von Georgij Nekrasov über den Handel Revals (Tallinns) im 18. Jahrhundert3. ————————————

3

schen zur Modernisierung und Europäisierung Russlands im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Der Beitrag der Deutschbalten und der städtischen Russlanddeutschen zur Modernisierung und Europäisierung des Russischen Reiches, hg. v. Boris MEISSNER / Alfred EISFELD, Köln 1996, S. 77–94. Außerdem muss eine unveröffentlichte Dissertation genannt werden, in der Material über Kaufleute aus dem Baltikum, die Kontakte zu den Hansestädten in Deutschland unterhielten, beigebracht wird: ChristophFriedrich MENKE, Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der Hansestädte zu Rußland im 18. und frühen 19. Jahrhundert, Diss. Masch. Göttingen 1959. V[asilij] V[asil’evič] DOROŠENKO, Torgovlja i kupečestvo Rigi v XVII veke [Der Handel und die Kaufmannschaft Rigas im 17. Jahrhundert], Riga 1985; G[eorgij] A[leksandrovič] NEKRASOV, Vnešnjaja torgovlja Rossii čerez Revel’skij port v 1721–1756 gg. [Der Außenhandel Russlands über den Revaler Hafen 1721–1756], Moskau 1984.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

331

Der Handel der Kaufleute aus dem Ostbaltikum in Russland besitzt tiefreichende historische Wurzeln. Es ist gut bekannt, dass bei den hansischen Kontakten mit Novgorod die Kaufleute der nahen livländischen Städte Dorpat (Tartu), Reval, Riga usw. eine dominierende Rolle spielten4. Als die Hanse im 16. Jahrhundert einen Niedergang erlebte, wuchs die Rolle Narvas bei der Gewährleistung des russischen Außenhandels in nordwestlicher Richtung5. Narva gehörte nicht zur Hanse, über diese Stadt suchten englische und holländische Kaufleute ihren Handel mit Russland zu führen, die eigene Kaufmannschaft aber war in Narva wie in den anderen Städten des Ostbaltikums zumeist deutscher Herkunft. Im 17. Jahrhundert standen Livland und Estland sowie die Mündung der Neva und Vyborg unter der Herrschaft Schwedens, dessen Regierung mit allen Mitteln bestrebt war, den Warenstrom aus Russland in den Westen und umgekehrt über die Ostseehäfen zu leiten6. Dagegen richtete die russische Regierung ihre Aufmerksamkeit vor allem auf den Handel von Archangel’sk, das praktisch den einzigen Seehafen darstellte, über den eine unmittelbare Verbindung Russlands mit dem westeuropäischen Markt möglich war. Indessen blieben die Bemühungen der schwedischen Regierung nicht erfolglos. Die verfügbaren Daten zeugen von einem wesentlichen Anstieg des Warenumschlags der Ostseehäfen, womit das Erscheinen einer zunehmenden Zahl von Kaufleuten aus den liv- und estländischen Städten in Russland verbunden war. Sie agierten in Novgorod7 und erschienen in Moskau, das für sie als Zentrum des russischen Binnenmarktes sowie als Hauptstadt und Residenz des Zaren attraktiver war. In Moskau existierte damals eine Gruppe von Kaufleuten deutscher Herkunft, die unter der Bezeichnung Moskovskie torgovye nemcy/inozemcy (Moskauer ausländische Kaufleute) be———————————— 4

5

6

7

Vgl. beispielsweise E[lena] A[leksandrovna] RYBINA, Inozemnye dvory v Novgorode XII– XVII vv. [Die Höfe der Ausländer in Novgorod im 12.–17. Jahrhundert], Moskau 1986, S. 65–68. Meike KÖHLER, Die Narvafahrt. Mittel- und westeuropäischer Russlandhandel 1558– 1581, Hamburg 2000 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des europäischen Ostens 6). In jüngster Zeit behandelten diese Frage am gründlichsten Stefan TROEBST, Handelskontrolle–Derivation–Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617–1661, Wiesbaden 1997 (Forschungen zum Ostseeraum 2), und Jarmo KOTILAINE, Russia’s Foreign Trade and Economic Expansion in the Seventeenth Century. Windows on the World, Leiden / Boston 2005. In Novgorod wurde von 1626 bis 1627 speziell für livländische Kaufleute, die Untertanen der Krone Schwedens waren, der „Schwedische Hof“ errichtet. Vgl. Norbert ANGERMANN, Der Lübecker Hof in Novgorod, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 54 (1974), S. 81–86, hier S. 85.

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Viktor Nikolaevič Zacharov

kannt war. Mit großer Wahrscheinlichkeit lässt sich vermuten, dass diese Gruppe hauptsächlich aus Zuzüglern baltischer Herkunft bestand, wie es etwa bei Thomas Kellermann und der Familie Westhoff der Fall war8. Nach Moskau kamen auch Kaufleute direkt aus dem Baltikum, die damals schwedische Untertanen waren. Am Ende des 17. Jahrhunderts lieferten sie insbesondere Kriegsausrüstungen und sonstige Waren aufgrund von Bestellungen des Zarenhofes. Zu dieser Gruppe kann man Heinrich Münter, der im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert in Moskau tätig war, und Thomas Kniper rechnen, welcher den Rang eines schwedischen Konsuls besaß und im Zusammenhang damit den Namen Kniperkron erhielt. Heinrich Münter war anscheinend herkunftsmäßig mit Riga verbunden, seinen Sohn Ivan schickte er nämlich eben dorthin zur kaufmännischen Ausbildung9. Seit dem Beginn des Nordischen Krieges im Jahre 1700 war der Handel über die nordwestliche Grenze Russlands blockiert. Die Verbindung mit dem westeuropäischen Markt war jetzt nur über Archangel’sk möglich, was diesen Handel zwei Jahrzehnte lang florieren ließ. Auf der anderen Seite erschwerte der Nordische Krieg die Tätigkeit der baltischen Kaufleute in Russland extrem. Denn in ihrer Mehrzahl waren sie Untertanen Schwedens und konnten als solche nicht nach Russland reisen. Diejenigen, die sich in russischen Städten aufhielten, wurden interniert. Die Bedingungen des Nordischen Krieges ließen aber auch eine sehr ungewöhnliche Form der Teilnahme baltischer Kaufleute am russischen Handel entstehen. Nach der Einnahme von Narva und Dorpat durch die russischen Truppen wurden nämlich viele ihrer Einwohner in innerrussische Städte umgesiedelt, namentlich nach Jaroslavl’ und Vologda. Dort hatten die Kaufleute die Möglichkeit, Handel zu treiben. Und einige von ihnen hatten dabei Erfolg, sogar auf dem ausländischen Markt. Der aus Narva nach Jaroslavl’ umgesiedelte William Kettlewell sandte von 1713 bis 1716 Waren im Werte von 60 000 Rubel aus Archangel’sk in den Westen, und Kaspar Kehrwieder aus Narva, den es nach Vologda verschlagen hatte, für 15 000 Rubel10. Sidor Krap, der aus Dorpat nach Vologda umgesiedelt worden war, organisierte den Bau kleiner ———————————— 8

9

10

Die Herkunft der Familie Kellermann / Kelderman aus Livland ist quellenmäßig bezeugt. Vgl. Norbert ANGERMANN, Livländisch-russische Kulturbeziehungen vor Peter dem Großen, in: Rußland–Deutschland–Amerika. Festschrift für Fritz T. Epstein, hg. v. Alexander FISCHER / Günther MOLTMANN / Klaus SCHWABE, Wiesbaden 1978, S. 10–23, hier S. 21. Rossijskij gosudarstvennyj archiv drevnich aktov (Russländisches Staatsarchiv für altes Schriftgut, Moskau, künftig RGADA), fond 50, 1698 god, delo 5. RGADA, f. 50, opis’ 1, d. 14559, Bl. 390–495.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

333

Flussschiffe, die er an Handelsleute verkaufte11. Jedoch dauerte die Tätigkeit dieser Kaufleute bzw. Unternehmer im Norden nicht lange. Nach dem Ende des Krieges kehrten praktisch alle in ihre Heimat zurück. Gleichzeitig mit ihnen setzten die „Moskauer ausländischen Kaufleute“ Thomas Kellermann, Paul Westhoff und Heinrich Münter ihre Aktivität fort. Nach der Beendigung des Nordischen Krieges begann eine neue Etappe der Tätigkeit der baltischen Kaufleute im russländischen Handel. Sie bildeten jetzt eine sehr eigenartige Gruppe, deren Angehörige einerseits einen Teil der Kaufmannschaft des Russländischen Reiches bildeten, andererseits aber auch als ausländische Händler aufgefasst werden konnten. Die russländische Untertanenschaft gewährleistete ihnen die Möglichkeit, in den Städten des Reiches in derselben Weise wie die russischen Kaufleute Handel zu treiben. Im Laufe des gesamten 18. Jahrhunderts vollzog sich schrittweise eine Vereinheitlichung der Rechtslage der Ostseeprovinzen und Städte im Rahmen der gesamtrussländischen Gesetzgebung. Als Untertanen des Reiches erhielten die Kaufleute Liv- und Estlands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Status der russländischen Gilde-Kaufmannschaft, und am Außen- und Binnenhandel konnten sie sowohl en gros auch en détail aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gilde teilnehmen. Auf der anderen Seite gibt es guten Grund, die baltischen Handelsleute als Teil der ausländischen Kaufmannschaft in Russland zu betrachten. Sie verfügten über alte und gut eingespielte Verbindungen zum westlichen Markt, was – mit Ausnahmen – untypisch für die eigentlichen russischen Kaufleute war, sogar für die allergrößten unter ihnen. Die baltischen Kaufleute waren durch ihre Herkunft mit dem europäischen Ausland verbunden und besaßen dort Verwandte und Geschäftspartner. In der Mehrzahl stammten sie ursprünglich aus deutschen Ländern, zu einem nicht geringen Teil aus Hansestädten. Ferner war die deutsche Sprache, die Muttersprache der baltischen Kaufleute, unter den ausländischen Kaufleuten in Russland weit verbreitet. Auch im Hinblick auf ihre Vertrautheit mit der Handelspraxis und den Kreditoperationen, wie sie in den westlichen Ländern üblich waren, gehörten die baltischen Handelsleute zur Welt der ausländischen Kaufmannschaft. Die russischen Kaufleute verfügten mit wenigen Ausnahmen über keine entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten. In den Hafen———————————— 11

Archiv Sankt-Peterburgskogo instituta istorii (Archiv des St. Petersburger Instituts für Geschichte), f. 10, op. 3, d. 39. – Aus russischen Quellen übernommene Namen westlicher Kaufleute, die sich nicht anderweitig identifizieren lassen, werden im vorliegenden Aufsatz kursiv wiedergegeben.

334

Viktor Nikolaevič Zacharov

städten Petersburg und Archangel’sk konnten die baltischen Kaufleute deshalb die gleichen Außenhandelsoperationen durchführen wie ausländische Untertanen und mit den russischen Kaufleuten Kredit- und sonstige Geschäfte abschließen, wie es im europäischen Ausland Praxis war. Die baltischen Kaufleute nahmen recht aktiv am Außenhandel Russlands teil. Im 18. Jahrhundert beschränkten sie ihre Tätigkeit nicht mehr auf die Häfen Livlands und Estlands, sondern viele von ihnen agierten in Petersburg und Archangel’sk. Bekanntlich unternahm Peter I. bereits im Laufe des Nordischen Krieges alle möglichen Schritte, um ausländische Kaufleute nach Petersburg zu holen. In dieser Zeit begann möglicherweise die Handelstätigkeit von Jacob Wolff in Petersburg, einem der bedeutendsten Außenhandelskaufleute Russlands im 18. Jahrhundert, und unter denen aus dem Ostbaltikum sicher der größte. Siegmund Adam Wolff war 1669 zusammen mit zwei Brüdern aus der kleinen schlesischen Stadt Sagan nach Narva umgesiedelt, wohin ihnen 1681 ihr Vater folgte12. Im Jahre 1707 wurde der Genannte zusammen mit anderen Einwohnern Narvas nach Vologda verbannt. Von seinen vier Söhnen wurde der älteste, Siegmund Adam, Beamter, erwarb den Adelsrang und erhielt den Titel eines Barons, während die drei anderen Söhne den Kaufmannsberuf wählten. Der älteste von diesen, Jacob Wolff, war in Narva geboren, wurde dann aber in Petersburg tätig und zählte bereits in der Regierungszeit Peters I. zu den bekanntesten ausländischen Kaufleuten. Er unterhielt feste Verbindungen mit englischen Händlern und wurde am Hofe bekannt. Davon zeugt eine Mitgliedschaft in der Spaßgesellschaft „Das berühmte großbritannische Kloster“, der die Mehrzahl der im Außenhandel führenden englischen Kaufleute angehörten (Andrej Ačkin, Jakov Spellmann, John Edvards, Gil’ Evans, Vilim Vejd)13. Diese Kontakte bestimmten auch die weitere Karriere von Wolff, der schließlich britischer Staatsbürger wurde. In der Zeit der Herrschaft von Anna Ivanovna und Elizaveta Petrovna errang er eine führende Stellung unter den englischen Kaufleuten in Russland und erwarb den Rang eines Konsuls von Großbritannien. Wegen seiner Verdienste um die Entwicklung der für Russland vorteilhaften Beziehungen mit Großbritannien erhielt er auf Gesuch der russländischen Regierung den ———————————— 12

13

Genealogisches Handbuch der baltischen Ritterschaften. Teil Livland, Bd. 1, Görlitz [1930–1935], S. 306. S[ergej] F[edorovič] PLATONOV, Iz bytovoj istorii Petrovskoj ėpochi [Zur Alltagsgeschichte der Petrinischen Epoche], in: Izvestija Akademii nauk SSSR 20, Moskau 1926, S. 527– 532.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

335

Titel eines Barons des Heiligen Römischen Reiches14. Ein Kompagnon von Jacob Wolff war viele Jahre hindurch Mathias Schiffner, der aus Riga stammte und ebenfalls die britische Staatsbürgerschaft erwarb15. Eine erfolgreiche Karriere von Kaufleuten aus dem Baltikum im Rahmen der englischen Kaufmannschaft in Russland stellte keineswegs einen Zufall dar. Die englischen Kaufleute, die ihre Handelsprivilegien in Russland verloren hatten, intensivierten in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts bekanntlich ihre Handelstätigkeit in den baltischen Hafenstädten, von wo aus ihnen Kontakte mit dem russländischen Markt möglich waren. Dies führte zu langfristigen Verbindungen zwischen einigen baltischen und britischen Kaufleuten. Im 18. Jahrhundert eroberten sich britische Kaufleute sehr feste Positionen im russländischen Außenhandel. Dabei waren Kontakte mit den in Russland agierenden baltischen Kaufleuten für die Briten zweifellos nützlich. Die Kaufleute aus dem Ostbaltikum kannten den russischen Markt sehr gut und waren gleichzeitig erfahren in der Praxis des europäischen Handels. Schiffner und Wolff blieben vorwiegend im Außenhandel tätig, weshalb sie kein besonderes Interesse daran hatten, der russischen Kaufmannschaft anzugehören, was ihnen für den Binnenhandel dieselben Rechte wie den russischen Untertanen gewährleistet hätte. Sie nahmen im Gegenteil die britische Staatsangehörigkeit an und konnten beim Außenhandel jene Vorteile nutzen, die den englischen Kaufleuten gemäß dem englischrussischen Handelsvertrag von 1734 zustanden. Der Handel, der von anderen Zuzüglern aus dem Baltikum in Petersburg getätigt wurde, war nicht so umfangreich. Unter ihnen ragten vor allem Kaufleute aus Narva hervor. Von allen alten Hafenstädten des Baltikums lag Narva der russischen Hauptstadt am nächsten, und es war sehr eng mit dem russischen Markt verbunden. Die stetige Entwicklung des russländischen Außenhandels über Petersburg führte aber unvermeidlich zur Verringerung des Außenhandelsumsatzes von Narva, das in der vorpetrinischen Zeit eine große Menge von Waren aus dem russischen Binnenland an sich gezogen hatte. Jetzt lief dieser Warenstrom hauptsächlich nach Petersburg. Sofern sie den Willen und die Fähigkeit besaßen, weiterhin in bedeutendem Umfang am Außenhandel teilzunehmen, waren Narvaer Kaufleute nun bestrebt, ihre Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen. Auf diese Weise ist es erklärbar, dass eben Narvenser unter den Kaufleuten aus den Ostseeprovinzen im Außenhandel Petersburgs an erster Stelle standen. So betrug der Warenumschlag ———————————— 14 15

Anthony CROSS, By the Banks of the Neva, Cambridge 1997, S. 56 f. Ebenda, S. 56.

336

Viktor Nikolaevič Zacharov

der Narvaer Kaufleute in Petersburg in den 1760er Jahren 70–90% des Warenumschlages aller Kaufleute aus Estland und Livland (vgl. Tabelle 1). Der Umfang ihres Handels nahm dort auch in der Folgezeit bis zur Mitte der 1790er Jahre stetig zu. Tab. 1. Der Warenumschlag der baltischen Kaufleute beim Außenhandel in Petersburg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (in Rubel)16 Jahr

Kaufleute aus Narva

Kaufleute aus Reval

Kaufleute aus Riga

1764

22 392

1 037

-

1765

13 717

1 680

1772

27 190

1773

Kaufleute aus weiteren baltischen Städten

Baltische Kaufleute insgesamt

Anteil am Warenumschlag Petersburgs

575

24 004

0,2%

1 655

1 675

18 727

0,2%

321 303

199 243

50

547 786

4,1%

158 242

34 580

222 817

5 771

421 410

2,6%

1775

315 054

122 800

1 800

439 654

3,1%

1787

834 011

87 028

44 602

-

965 641

3,1%

1792

1 099 905

72 692

188 796

-

1 361 393

3,1%

1795

354 513

86 256

830 039

-

1 270 808

2,3%

-

Hervorzuheben ist der Narvaer Kaufmann Semen Brumberg, der in der Umgebung von Petersburg Holz gewann und exportierte. Ihren Höhepunkt fand seine Aktivität in den frühen 1740er Jahren. 1742 erreichten ihn 15 Schiffe, 14 davon aus Amsterdam, eines aus Dordrecht17. Offensichtlich sandte Brumberg das von ihm in Russland zubereitete Holz nach Amsterdam, das damals noch der größte Stapelplatz in Europa war. Aber bald geriet sein Handel in eine dauerhafte Krise. Hinfort schickte er nicht mehr als ein ———————————— 16

17

Errechnet nach: Vnešnjaja torgovlja Rossii čerez Peterburgskij port vo vtoroj polovine XVIII – načale XIX v. Vedomosti o sostave kupcov i torgovych oborotach [Der Außenhandel Russlands über den Petersburger Hafen in der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Angaben über die Zusammensetzung der Kaufleute und ihre Handelsumsätze], hg. v. Arkadij I. KOMISSARENKO / I[nna] S[ergeevna] ŠARKOVA, Moskau 1981. Rossijskij gosudarstvennyj archiv Voenno-morskogo flota (Russländisches Staatsarchiv der Kriegsflotte, St. Petersburg), fond 212, 1742 g., delo 26.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

337

Schiff im Jahr über das Meer, und zwar weiterhin nach Amsterdam. In den 1750er Jahren fielen in Petersburg die Operationen des Narvaer Kaufmanns Sutthoff auf. Von 1754 bis 1758 sandte er gemeinsam mit seinem Partner Kramer regelmäßig Schiffe nach Stockholm18. In dieser Zeit war eine Belebung des russländisch-schwedischen Handels bemerkbar, hervorgerufen durch den Siebenjährigen Krieg. In diesem Kriege waren Russland und Schweden Verbündete, und die Versorgung der russischen Truppen, die gegen Preußen kämpften, erfolgte unter Beteiligung der Schweden. Unter anderen Narvaer Kaufleuten und Handelsfirmen, die einige Jahrzehnte lang in Petersburg agierten, verdienen Wilhelm Kassel, Wilhelm Strahlborn, Karl Arps sowie die Firma Sutthoff und Kramer genannt zu werden. Eine kurze Charakteristik ihrer Außenhandelstätigkeit in Petersburg bietet ein früherer Aufsatz des Autors19. Verfügbare Angaben über die Handelsschiffe im Petersburger Hafen ermöglichen es zum Teil, die ausländischen Verbindungen der Kaufleute aus den baltischen Städten zu verfolgen. Dabei ist interessant, dass diese Verbindungen für die Kaufleute jeder Stadt ihre Besonderheit haben. Länger als vierzig Jahre agierte die Firma Kassel und Haak in Petersburg. Joachim Haak war aus Lübeck nach Petersburg gekommen. Sein Kompagnon Wilhelm Kassel wird in den Quellen über den Warenumschlag und die Handelsschifffahrt gewöhnlich als Kaufmann aus Narva erwähnt. Da er in dem Einwohnerverzeichnis von Narva aus dem frühen 18. Jahrhundert nicht genannt ist, kann vermutet werden, dass er sich dort um die Mitte des 18. Jahrhunderts niederließ. Im Interesse der Weiterentwicklung seiner Außenhandelstätigkeit trat er in Kontakt mit dem Kaufmann aus Lübeck, der über Verbindungen mit den norddeutschen Zentren verfügte. Joachim Haak war seinerseits an einem Kompagnon interessiert, der zur Kaufmannschaft einer russländischen Stadt gehörte. Im Ergebnis entstand ein recht stabiles Handelsunternehmen, das in Petersburg, wie gesagt, länger als vierzig Jahre existierte. In der ersten Hälfte der 1740er Jahre stammte ein Großteil der Lieferungen an diese Firma aus Lübeck. Danach aber verlagerte sich ihre Handelstätigkeit in Richtung Schweden und Dänemark. In den Jahren 1748 bis 1775 kam ein bedeutender Teil der Schiffe und Waren für Wilhelm Kassel und seinen Kompagnon aus Stockholm, Göteborg und ———————————— 18 19

RGADA, f. 19, op. 1, d. 262, čast’ 4, čast’ 5. Viktor ZACHAROV, Die Außenhandelstätigkeit der Kaufmannschaft Narvas im 18. Jahrhundert, in: Narva und die Ostseeregion. Beiträge der II. Internationalen Konferenz über die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Russland und der Ostseeregion (Narva, 1.–3. Mai 2003), hg. v. Karsten BRÜGGEMANN, Narva 2004 (Studia humaniora et paedagogica Collegii Narovensis 1), S. 47–59, hier S. 55–57.

338

Viktor Nikolaevič Zacharov

Karlshamm. Anfang der 1780er Jahre nahm die Außenhandelstätigkeit der Firma zu, und ihre Tätigkeit dehnte sich auf den gesamten Ostseeraum aus, unter Einschluss der norddeutschen Hafenstädte Rostock, Lübeck, Stettin und Flensburg. Allerdings dauerte diese Periode nicht lange; nach 1784 fehlen Nachrichten über den Außenhandel der Firma Kassel und Haak in Petersburg. Aus dem Kreis der weiteren Kaufleute Narvas sind in Petersburg aktive Angehörige der Familien Arps und Sutthoff zu erwähnen, die unter den Narvaer Einwohnern des 17. und frühen 18. Jahrhunderts gut fassbar sind. Es ist zu betonen, dass einige Narvaer Kaufleute gemeinsame Firmen mit westeuropäischen Kaufleuten gründeten, was im Umfang und in der Richtung ihrer Außenhandelsoperationen zur Geltung kam. So war in den 1750er bis 1770er Jahren eine der bedeutendsten englischen Firmen in Petersburg die Handelsgesellschaft Ritter, Thornton und Cayley. John Cayley und Godfrey Thornton waren geborene Engländer, Lorentz Bastian Ritter aber stammte aus Narva. Ein Vorfahre des Letzteren war vermutlich Sebastian Ritter, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Narva gelebt hatte, ein gebürtiger Lübecker und zeitweiliger Leiter des Lübecker Hofes in Pleskau (Pskov). Zugleich war dieser ein Großvater mütterlicherseits des oben genannten Jacob Wolff20. Auch die Außenhandelstätigkeit des gebürtigen Narvensers Wilhelm Strahlborn erreichte in der Mitte des 18. Jahrhunderts einen bedeutenden Umfang. Er trieb seinen Handel mit dem bekannten holländischen Kaufmann Avram Limburg als Kompagnon und nach dessen Tod in gleicher Weise mit seiner Witwe. Außerdem ist daran zu erinnern, dass seit dem Ende der 1780er Jahre einige Händler als „ausländische Gäste“ Mitglieder der Kaufmannschaft Narvas wurden, die in der Regel aus norddeutschen Städten stammten und deren Umschlag im Hafen von St. Petersburg erheblich war. Dabei handelte es sich um die Hamburger Joachim Mahs und Nikolaus Haesseler sowie um Hermann Bock aus Lübeck, ferner um Franz Schumacher, der wahrscheinlich aus Bremen stammte, den Rostocker Peter Richter und Gabriel Bacheracht, dessen Vorfahren zur Holländischen Gemeinde Glückstadt gehört hatten und schon im 17. Jahrhundert in Russland ansässig geworden waren21. Sie alle tauchten vorher in keiner Quelle als Narvenser auf. Nach dem Erlass ———————————— 20

21

Genealogisches Handbuch (wie Anm. 12), S. 312, Dirk-Gerd ERPENBECK / Enn KÜNG, Narvaer Bürger- und Einwohnerbuch 1581–1704, Dortmund 2000, S. 110, 114 f.; RGADA, f. 291, op. 1, d. 100070, Bl. 16 f. ZACHAROV, Die Außenhandelstätigkeit (wie Anm. 19), S. 58.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

339

der Stadtverordnung von 1785 entschlossen sie sich jedoch, den Status als „ausländische Gäste“ anzunehmen, um Privilegien für ihren Handel zu erhalten. Viele ausländische Kaufleute, darunter Engländer, zogen es in diesem Zusammenhang vor, sich in Petersburg als „ausländische Gäste“ eintragen zu lassen. Die Genannten aber bevorzugten Narva. Neben den Kaufleuten Narvas nahmen auch Händler aus anderen baltischen Städten am Außenhandel Petersburgs teil. Bemerkt sei, dass es bei weitem nicht immer gelingt, die Zugehörigkeit eines Händlers zur Kaufmannschaft einer bestimmten baltischen Stadt eindeutig festzustellen. Dies gilt für einige verzweigte Geschlechter, deren Angehörige in verschiedenen Städten lebten oder von einer Stadt in die andere übersiedelten. Am meisten sind Verzweigungen solcher Art für Narva und Reval typisch. So sind Angehörige der Geschlechter Wolff, Rodde und Strahlborn sowohl in der einen als auch in der anderen Stadt anzutreffen22. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schalteten sich über Narva hinaus immer aktiver auch Kaufleute aus anderen baltischen Handelszentren in den Außenhandel Petersburgs ein, vor allem solche aus Reval und Riga. Jede dieser Städte war aber nur mit einigen Kaufleuten bzw. Firmen in Petersburg vertreten, weshalb sich Schwankungen im Handel Einzelner auf den Anteil der ganzen Gruppe am Handel Petersburgs auswirkten. Beispielsweise wurde die Zunahme des Revaler Handels im Jahre 1772 durch die Aktivität des Revalensers Thomas Seebeck in Petersburg bestimmt. In diesem Jahr betrug sein Warenumschlag ca. 300 000 Rubel, um im Folgejahr auf gerade einmal 300 Rubel abzustürzen. Man kann vermuten, dass der tausendfache Unterschied im Warenumschlag durch Aufträge bedingt war, die durch Partner aus dem Ausland an ihn ergangen waren. Nachdem er 1772 Importwaren im Werte von 150 000 Rubel bezogen hatte, vermochte er sie nicht mit dem notwendigen Profit abzusetzen, um 1773 seinen Handel auf demselben Niveau fortführen zu können. Möglicherweise stand die Verringerung der Handelstätigkeit auch mit dem fortgeschrittenen Alter dieses Kaufmanns in Verbindung. Nach einer Angabe bei Gottfried Etzold war Thomas Seebeck bereits in den 1720er Jahren Mitglied der Revaler Großen Gilde gewesen23. Die Zunahme des Anteils der Revaler Kaufleute ———————————— 22

23

Angehörige dieser in Narva gut bekannten Familie sind auch unter den Mitgliedern der Schwarzenhäupter und der Großen Gilde Revals zu finden. Vgl. Gottfried ETZOLD, Seehandel und Kaufleute in Reval nach dem Frieden von Nystad bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, Marburg 1975 (Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas 99), S. 220, 223 f. Ebenda, S. 223.

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Viktor Nikolaevič Zacharov

im Jahre 1775 war mit der Aktivierung der Außenhandelstätigkeit von Johann Lüders und Thomas Friedrich Höppener verbunden, die regelmäßig Waren versandten und erhielten. Während sie dabei aber üblicherweise weniger als 10 000 Rubel erreichten, betrug der Warenumschlag von jedem der beiden in jenem Jahr mehr als 50 000 Rubel. Im weiteren Verlauf zeichnete sich die Handelstätigkeit der Angehörigen der Familie Höppener durch Regelmäßigkeit und bedeutenden Maßstab aus. Diese Familie trat unter den Revaler Kaufleuten durch die besondere Kontinuität ihres Petersburger Handels hervor. Dies hing offensichtlich damit zusammen, dass sie während des ganzen Jahrhunderts zur Elite der Revaler Kaufmannschaft gehörte. So gehörten 1727/28 Christian, Constans und Heinrich Höppener der Großen Gilde Revals an, Caspar Höppener war Mitglied der Schwarzenhäupter24. Thomas Friedrich Höppener erhielt 1787 über See Importwaren für 85 000 Rubel, exportierte aber nichts. Im Jahre 1792 wurden auf seine Rechnung Importwaren für 43 000 Rubel nach Petersburg eingeführt, aber nur solche im Wert von 17 000 Rubel von dort über See exportiert25. Wie ersichtlich, befassten sich die Revaler Kaufleute zur Hauptsache mit der Lieferung von Importwaren in die Hauptstadt. Ungeachtet der Tatsache, dass Angaben über die regelmäßige Teilnahme von Revaler Kaufleuten am dortigen Handel vorhanden sind, teilen die Quellen, die über die Schiffsbewegungen vorliegen, praktisch nichts über die Ankunft von Schiffen für die Revaler Kaufleute in Petersburg mit. Möglicherweise hielten diese Ausgaben für ganze Schiffe nicht für notwendig und zogen es vor, Plätze auf Schiffen zu mieten, die zu anderen Kaufleuten geschickt wurden. Die Verbindungen von Revaler Kaufleuten mit dem ausländischen Markt lassen sich aber auf der Grundlage der erhaltenen Angaben des Petersburger Zollamts über die Lieferung von Importwaren aus den 1740er Jahren beurteilen. Aus der Gruppe der Revaler Kaufleute findet man hier Heinrich und Johann Blankenhagen erwähnt. Die Hauptmasse der Lieferungen der Jahre 1745 bis 1747 erhielten sie auf einigen Schiffen, die aus Lübeck kamen. Dabei handelte es sich um Wein (27 Oxhöft im Jahre 1745) und um Stoffe, darunter 220 Arschin gestreiftes Baumwolltuch, geliefert 1747 an Johann Blankenhagen26. Dies zeugt von einer Fortdauer der traditionell intensiven Verbindungen zwischen Reval und Lübeck und vom Anteil der Revaler Kaufleute an der Liefe-

———————————— 24 25 26

Ebenda, S. 218, 222. Vnešnjaja tovgovlja Rossii (wie Anm. 16), S. 111, 146. RGADA, f. 19, op. 1, d. 262, č. 3, Bl. 27, 35.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

341

rung von Waren nach Petersburg, die im Export der ehemaligen Hauptstadt der Hanse klassisch waren. Im Zusammenhang mit dem Anteil der Revaler Kaufleute am Handel Petersburgs muss auch die Firma Brouwer und Bagge erwähnt werden. In den Quellen wird sie in der Regel als holländisch bezeichnet. Der Teilhaber Karl Christian Bagge war aber ein gebürtiger Revalenser27. Offenbar war jedoch sein Partner herkunftsmäßig mit den Niederlanden verbunden. Ihrer Zusammensetzung nach ähnelte diese Kompanie der bereits erwähnten Firma Ritter, Thornton und Cayley, an der gemeinsam mit Engländern ein Kaufmann aus Narva beteiligt war. Die Firma Brouwer und Bagge nahm in den 1750er bis 1780er Jahren unter den holländischen Handelsfirmen eine führende Stellung ein. Damals kamen für diese Kompanie pro Jahr zehn bis zwanzig Handelsschiffe an (1759 sogar 27, und 1762 waren es 24). In den 1790er Jahren erschien an ihrer Stelle die Firma Bagge und van Eyssel mit demselben Umfang der Außenhandelstätigkeit28. Auch der Petersburger Handel von Rigaer Kaufleuten verdient Beachtung. In der hier berücksichtigten Epoche war Riga eines der größten ostbaltischen Handelszentren, dessen Kaufleute seit langem etablierte Verbindungen mit dem europäischen Markt hatten, ebenso mit einem Hinterland, das nicht nur russländische Gebiete, sondern in starkem Maße auch solche Polen-Litauens umfasste. Der Handel Rigas hing sehr viel weniger vom Wachstum des Petersburger Umschlages ab. Dennoch versuchten einige Rigaer Kaufleute in Petersburg Handel zu treiben. Für sie war offenbar die Möglichkeit verlockend, Beziehungen zu entfernten Märkten aufzusuchen, wofür die Hauptstadt große Chancen bot. Einer der ersten Kaufleute Rigas, der über Petersburg im großen Maßstab Handel trieb, war Otto Christopher Lounz. Im Jahre 1772 erreichte sein Warenumschlag 300 000 Rubel. Dabei lieferte er in großem Umfang westliche Importwaren nach Russland. Der Wert der von ihm bezogenen Importwaren betrug 144 000 Rubel, während er russische Waren im Werte von 55 000 Rubel ausführte29. Danach lassen sich mehr als ein Jahrzehnt lang keine Außenhandelsoperationen von Rigensern in Petersburg feststellen. Zu Beginn der 1790er Jahre erschien jedoch Anton Friedrich Thieringk ———————————— 27

28

29

Erik AMBURGER, Die deutsche Kaufmannschaft St. Petersburg, in: Der Herold für Geschlechter-, Wappen- und Siegelkunde 2 (1991), S. 135–146, hier S. 137. V[iktor] N[ikolaevič] ZACHAROV, Zapadnoevropejskie kupcy v rossijskoj torgovle XVIII veka [Westeuropäische Kaufleute im russländischen Handel des 18. Jahrhunderts], Moskau 2005, S. 581–583, Tabelle 6. Vnešnjaja torgovlja Rossii (wie Anm. 16), S. 55.

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als Vertreter der Rigaer Kaufmannschaft im dortigen Hafengeschäft, bald gefolgt von Friedrich Wilhelm Zuckerbecker. Der Warenumschlag des Letzteren erreichte eine halbe Million Rubel und mehr pro Jahr30. Seine Handelsverbindungen erstreckten sich über weite Entfernungen, wobei Kontakte mit England und den britischen Reedereien und Handelsfirmen eine besondere Rolle spielten. Im Jahre 1795 erreichten Zuckerbecker acht Schiffe, davon fünf englische (zwei aus London, zwei aus Great Yarmouth und eines aus der schwedischen Hafenstadt Marstrand)31. Die Verbindungen mit England waren für die Kaufmannschaft Rigas während des gesamten 18. Jahrhunderts charakteristisch. In diesem Zusammenhang sei an den aus Riga stammenden Mathias Schiffner erinnert, den Kompagnon des britischen Konsuls Jacob Wolff. Ein weiterer Rigenser, Anton Friedrich Thieringk, wurde 1790 Mitglied der Petersburger Kaufmannschaft. Er unterhielt ebenfalls vorwiegend Kontakte mit britischen Firmen und Häfen. Im Jahre 1794 erschien bei ihm ein englisches Schiff aus Dublin. Darüber hinaus gehörte Thieringk zu den Petersburger Kaufleuten, die Kontakte mit Nordamerika aufnahmen. Bereits Ende der 1780er Jahre informierte er die Firma Champlin und Fouler in Newport (Staat Rhode Island) über Waren aus West-Indien (Zucker, Kaffee), die in Petersburg Absatz finden könnten. Dabei kooperierte er mit dänischen Kaufleuten, insbesondere mit Nils Reiberg aus Kopenhagen. So erschienen in den 1790er Jahren bei Thieringk dänische Schiffe, abgesandt aus Kopenhagen von Reiberg, die offenbar russländische Exportwaren (Hanf und Eisen) nach Amerika bringen sollten32. Auf diese Weise lässt sich trotz der Verschiedenartigkeit bei den ausländischen Kontakten der baltischen Kaufleute in Petersburg eine Spezifik erkennen. Im Falle der Narvenser waren Verbindungen mit Schweden charakteristisch und für die Kaufleute aus Reval solche mit Lübeck und anderen deutschen Hafenstädten an der Ostsee, während sich die Rigaer Kaufleute durch ihre Verbindungen mit englischen und dänischen Handelsfirmen auszeichneten, was ihnen den Zugang zu weit entfernten Märkten in Großbritannien und sogar Nordamerika eröffnete. Allgemein gilt, dass in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Petersburger Handel Kaufleute hervortraten, ———————————— 30 31 32

Vnešnjaja torgovlja Rossii (wie Anm. 16), S. 146. RGADA, f. 19, op. 1, d. 262, č. 14, Bl. 136–277. RGADA, f. 19, d. 262, č. 15, Bl. 6, 169–220; Rossija i SŠA. Stanovlenie otnošenij. 1765– 1815 [Russland und die USA. Die frühe Entwicklung der Beziehungen. 1765–1815], Moskau 1980, S. 157 f.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

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die der Herkunft nach mit Narva verbunden waren: Jacob Wolff und Semen Brumberg. Später, in den 1760er Jahren, wurde der Anteil der baltischen Kaufleute am Außenhandel Petersburgs bedeutungslos. In den 1770er und 1780er Jahren nahm ihre dortige Aktivität jedoch wesentlich zu, und ihr Anteil am Warenumschlag stabilisierte sich bei 3 bis 4% (vgl. Tabelle 1). Was den Anteil der Kaufleute aus den Ostseeprovinzen am Weißmeerhandel betrifft, war er eher durch zufällige und persönliche Umstände bestimmt. Im 17. Jahrhundert ist der Handel von baltischen Kaufleuten im russischen Norden nicht bezeugt, wenn man außer Betracht lässt, dass dort vereinzelt „Moskauer ausländische Kaufleute“ erschienen, die, wie erwähnt, ständig in Moskau lebten, aber baltischer Herkunft sein konnten. Aus baltischen Städten kamen Kaufleute erst im frühen 18. Jahrhundert, und zwar aufgrund der besonderen Begleiterscheinungen des Nordischen Krieges. Ein anderer Fall liegt bei den Brüdern Kaspar Adolf und Dietrich Rodde vor, die den Grundstein für ein recht langes Wirken von Angehörigen ihres bedeutenden Geschlechts im russischen Norden legten. Die Herkunft der Brüder Rodde sowie ihre geschäftlichen und genealogischen Verbindungen sind sehr typisch für baltische Kaufleute, die in der Epoche Peters I. und in der Zeit danach in Russland tätig waren. Kaspar Adolf und Dietrich hatten Vorfahren und Verwandte in Lübeck. In der Stadt an der Trave war das Geschlecht Rodde bestens bekannt. Im 17. und 18. Jahrhundert saßen Angehörige dieser Familie ständig im Lübecker Rat, sechs von ihnen erreichten das Amt eines Bürgermeisters33. Nach den Genealogien, die im 19. Jahrhundert von Johann Hermann Schnobel erstellt wurden, kamen die ersten Vertreter dieser Familie an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert aus Westfalen nach Lübeck. Adolf Rodde, der älteste von ihnen, wurde der Gründer des Lübecker Zweiges dieses Geschlechts. Seine Brüder Burchard und Berend übersiedelten nach Reval, der weitere Bruder Johann ließ sich in Kolmar nieder. So entstanden familiäre und auf deren Grundlage auch geschäftliche Verbindungen des Geschlechts quasi im gesamten Hanseraum. Dies begünstigte den Erfolg der Handelstätigkeit aller Angehörigen des Geschlechts, darunter auch derjenigen, die sich im Baltikum niederließen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen Neffen Adolfs dorthin – Gotthard nach Riga und Johann nach Narva. In Reval waren an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert Urenkel des erwähnten Berend Rodde tätig – ———————————— 33

Georg WEGEMANN, Die führenden Geschlechter Lübecks und ihre Verschwägerungen, in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 31 (1949), S. 17–51, hier S. 19.

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Johann Joachim, Kaspar Adolf und Dietrich. Allerdings siedelte Kaspar Adolf nach Narva um, wo er zwei Mal verheiratet war, das zweite Mal mit Margarete Hedwig Herbers, der Tochter eines Bürgermeisters. Damals lebte in Narva auch ein Verwandter von ihm, der erwähnte Johann Rodde, der einen gleichnamigen Sohn hatte. Zusammen mit anderen Einwohnern Narvas wurde Johann Rodde der Jüngere nach Vologda deportiert, wo er 1713 ertrank. Seine Witwe Lucia Ulrike kehrte nach Narva zurück und heiratete Hans Otto Sutthoff, der zu einer der bedeutendsten Kaufmannsfamilien Narvas gehörte34. Die Sutthoffs trieben während des ganzen 18. Jahrhunderts aktiven Außenhandel. Kaspar Adolf Rodde vermochte schon am Ende des ersten Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts Handelsoperationen in Russland durchzuführen. Dabei nutzte er die weiten Verbindungen seines Clans im europäischen Ausland, ebenso in Reval und Narva. Offenbar mit Hilfe des Pastors Kaspar Matthias Rodde, eines Bruders des ertrunkenen Johann Rodde, trat er mit pietistischen wohltätigen Organisationen in Verbindung, die von August Hermann Francke aus Halle gegründet worden waren. Seine Verbindungen mit der lutherischen Geistlichkeit festigten sich dank der Heirat von Margarete Elisabeth, einer Tochter Kaspar Adolfs, mit Pastor Christian Gottlieb Becker, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Handelsagent der Franckeschen Stiftungen nach Moskau gekommen war. Kaspar Adolf Rodde verkaufte in Russland Medikamente und sandte über Archangel’sk russische Exportwaren, vor allem Juchtenleder, ins Ausland35. Seine Teilnahme am Außenhandel wurde durch familiäre Verbindungen gefördert. Der erwähnte Pastor Kaspar Matthias Rodde war mit Anne Elisabeth Kettlewell verheiratet36. William Kettlewell aber trieb, wie bereits erwähnt, in den Jahren 1711 bis 1714 Handel in Archangel’sk. Kaspar Adolf Rodde blieb lange in dieser Stadt, zu ihm kamen aus Reval sein Bruder Dietrich sowie später sein Neffe Berend Johann und sein Sohn Johann Joachim. Nach dem Tode von Kaspar Adolf (1731) war Dietrich Rodde der älteste Vertreter des Geschlechts in Archangel’sk. Er trieb fortgesetzt Handel und ———————————— 34

35

36

Archiv der Hansestadt Lübeck, Johann Hermann SCHNOBEL. Lübeckische Geschlechter, S. 1446 f. Bruno LAMMEL, Der Rußlandhandel der Franckeschen Stiftungen im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, in: Deutsch-slawische Wechselseitigkeit in sieben Jahrhunderten, hg. v. Hans H. BIELFELDT, Berlin 1956 (Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik 9), S. 157–192, hier S. 157 f., 160, 166 f. Deutschbaltische Biographisches Lexikon 1710–1960, hg. v. Wilhelm LENZ, Köln / Wien 1970, S. 637.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

345

sandte 1741 Waren im Wert von 4 800 Rubel über See37. Bei der Hegemonie der holländischen Kaufleute im Archangel’skhandel jener Zeit war dies freilich nur ein Prozent der Waren, die von ausländischen Kaufleuten ins Ausland verschifft wurden. Damals wurden einige Ehen geschlossen, die darauf abzielten, das Kapital in der Familie zu halten und die Verbindungen mit den Ostseeprovinzen zu festigen. Dietrich Rodde hatte drei Töchter. Von ihnen heiratete Anna Elisabeth ihren Neffen zweiten Grades Samuel Gottlieb Becker, den Sohn des Pastors. Ihre Schwester Margaret ging die Ehe mit ihrem Vetter Berend Johann Rodde ein. Und die dritte der Schwestern Agneta Gertruda erhielt den Revaler Kaufmann Johann Beil zum Mann38. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stand Berend Johann Rodde an der Spitze des Familienunternehmens in Archangel’sk. Er bildete eine Kompagnie mit seinen Verwandten, und so entstand die Handelsfirma „Beil, Becker und Rodde“, deren Teilnehmer, wie wir sahen, alle mit Töchtern aus einer Familie verheiratet waren. Verbindungen mit dem Baltikum waren auch dadurch gegeben, dass Berend Johann Brüder in Reval hatte. Einer von ihnen, Dietrich, wurde dort Bürgermeister39. Ein weiterer, Christian Adolf, heiratete Dorothea Elisabeth Gernet, die Tochter eines Revaler Kaufmanns. Im Zusammenhang damit erschien in Archangel’sk ein weiterer gebürtiger Revalenser – Peter (Petr Vilimov) Gernet, der anfangs in der Firma seiner Verwandten tätig war, jedoch im Jahre 1773 in Archangel’sk ein eigenes Handelskontor gründete40. Auf diese Weise führte das Erscheinen von Kaspar Adolf Rodde in Archangel’sk in der Zeit des Nordischen Krieges dazu, dass sich dort während des gesamten 18. Jahrhundert recht stabil die Handelstätigkeit eines ganzen kaufmännischen Clans entwickelte, der durch Herkunft und Verwandtschaftsbeziehungen mit dem Baltikum, vor allem mit Reval und Narva, verbunden war. Der Handel von Berend Johann Rodde und seinen Verwandten und Kompagnons war aber nicht auf die baltischen Städte gerichtet. Dies ist leicht erklärbar – zu jener Zeit hatte Archangel’sk vorwiegend Verbindungen ———————————— 37

38

39 40

Jan Willem VELUWENKAMP, The Purchase and Export of Russian Commodities in 1741 by Dutch Merchants Established at Archangel, in: Entrepreneurs and Entrepreneurship in Early Modern Time. Merchants and Industriealists within the Orbit of the Dutch Stable Market, ed. by Clé LESGER, Den Haag 1995, S. 85–100. Erik AMBURGER, Die van Brienen und ihre Sippe in Archangel. Aus dem Leben einer Kolonie, Berlin 1936, S. 62. Deutschbaltisches Biographisches Lexikon (wie Anm. 36), S. 636. Gosudarstvennyj archiv Archangel’skoj oblasti (Staatsarchiv des Gebietes Archangel’sk, Archangel’sk), f. 1, op. 1, d. 8404, Bl. 13–16; d. 10402, op. 1, tom 8, d. 289.

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mit den Häfen an der Nordsee, darunter mit Hamburg. Offensichtlich war das weite Ausgreifen der Handelstätigkeit der Genannten auch durch die traditionellen Kontakte zwischen den Hansestädten mitbedingt. Es ist gut bekannt, dass sich im 18. Jahrhundert die geschäftlichen Beziehungen zwischen den Hamburger und Lübecker Handelshäusern gut entwickelten. Ihre gemeinsamen Interessen führten zur Modernisierung der Transportverbindungen zwischen Lübeck und Hamburg durch den Bau des Eider-Kanals, der die Ost- mit der Nordsee verband. In den Archiven von Archangel’sk und Hamburg erhaltene Quellen über den Schiffs- und Warenverkehr bezeugen regelmäßige Kontakte von Berend Johann Rodde mit den Hamburger Firmen Rodatz und Bote, Jager und Carsdorp, Johann Willingk und weiteren. Rodde und seine Gesellschafter sandten zu einem großen Teil typische Exportwaren des russischen Nordens nach Hamburg – Rindertalg, Kerzen und Seife41. Interessant ist, dass Berend Johann Rodde mitunter selbst nach Hamburg reiste, um in der Hafenstadt an der Elbe im Namen seiner Firma Geschäfte zu tätigen. Bezeugt ist sein dortiger Aufenthalt in den Jahren 1769 bis 1770, wo er sich um die Warenladungen kümmerte, die aus Archangel’sk kamen42. So können wir beobachten, dass sich mit der Handelstätigkeit einiger Generationen der Familie Rodde fast ein Kreis schloss. Angehörige der Familie waren einst aus Lübeck in den Osten gezogen und hatten sich im Ostbaltikum etabliert, dann erreichten sie über den weiten Raum Russlands Archangel’sk am Weißen Meer, von dort aber erstreckten sich ihre Verbindungen bis nach Hamburg. Wenn einer von ihnen dort zum Handel erschien, befand er sich wieder in der Nachbarschaft Lübecks. Aufgrund der Quellenlage ist es beinahe unmöglich, die Tätigkeit der baltischen Kaufleute auf dem russischen Binnenmarkt zu verfolgen. Für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts sind für die Warenbewegungen innerhalb des Landes nur wenige Massenquellen erhalten, und aufgrund der Abschaffung der Binnenzölle im Jahre 1753 verschwanden die Institutionen, bei denen entsprechende Daten erhoben wurden. Die Anwesenheit von Kaufleuten aus dem Baltikum in Moskau, dem Zentrum des russischen Marktes, bezeugen Quellen über den Bestand der Kaufmannschaft (beispielsweise Bevölkerungsverzeichnisse, die zwecks Besteuerung erstellt wurden, Einschreibungen in die Kaufmannschaft und erhaltene Dokumente über Wechselverkehr und die Einziehung von Schulden). Im 18. Jahrhundert wurden ausländische ———————————— 41 42

Staatsarchiv Hamburg, 371-2 Admiralitäts-Kollegium, Nr. F 6, Bd. 26, Bl. 10, 58, 149 ff. Ebenda, Bl. 138, 195; Bd. 27, Bl. 17.

Kaufleute aus dem Baltikum in russischen Städten

347

Handelsleute Mitglieder der Moskauer Kaufmannschaft. Erschöpfende Angaben existieren dazu nicht; die im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach durchgeführte Verzeichnung der lastenpflichtigen Bevölkerung sowie die Akten über Eintragung in die Kaufmannschaft zeigen, dass die Hauptmasse der Kaufleute nichtrussischer Herkunft aus dem europäischen Ausland stammte. Unter ihnen gab es aber auch solche aus den ostbaltischen Städten. Zumeist gehörten sie der Moskauer Kaufmannschaft bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an, d.h. ihre Übersiedlung in das Zentrum Russlands war in der einen oder anderen Weise mit den Ereignissen des Nordischen Krieges verbunden. Zu nennen sind hier die Kaufleute Balk, Samojla Reich, Hans Dietrich Bohlens und Peter Niklas. Kaufleute aus den baltischen Städten hielten sich aber im Verlaufe des gesamten 18. Jahrhunderts in Petersburg, Moskau und anderen Städten auf. Viele von ihnen strebten in das nahe gelegene St. Petersburg, das als neu besiedelte Hauptstadt, in der es von Anfang an viele Ausländer gab, für Livländer und Estländer sehr attraktiv sein musste. Erhalten ist eine Quelle über Ausländer, die sich in den Jahren 1724 bis 1731 in die Petersburger Kaufmannschaft einschrieben43. Darin sind insgesamt 13 Namen von Kaufleuten verzeichnet, von denen die Hälfte aus den baltischen Provinzen sowie aus Vyborg stammte. Es ist wichtig festzuhalten, dass trotz der Einverleibung Estlands und Livlands in das Russländische Reich die Kaufleute der dortigen Städte in Petersburg als Ausländer betrachtet wurden. Die Mehrheit der in jenem Verzeichnis genannten Kaufleute stammte aus Narva: Jakob Rolfink, Artemij Eschenburg, Goler Istrem, Bogdan Kestler. Vermerkt sind auch Jakob Moltrich aus Dorpat und Michael Tomsin aus Vyborg. Aus den folgenden Jahren sind fast gar keine konkreten Angaben über Handelsleute erhalten, die in die Petersburger Kaufmannschaft aufgenommen wurden. Im Schriftgut der Zollämter und in den Quellen über den Wechselverkehr sind viele Namen von ausländischen Kaufleuten zu finden, wobei jedoch Angaben über ihre Nationalität oder Herkunft fehlen. Vielfach liegt nur die Kennzeichnung als „ausländischer Kaufmann“ vor. Zumeist tragen diese Personen deutsche Namen, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass nicht wenige aus den Ostseeprovinzen stammten. In der Regel erhielten sie mit der Aufnahme in die Petersburger Kaufmannschaft das Recht, uneingeschränkt Kleinhandel zu treiben, das sie auch aktiv nutzten. Kaufläden in der Hauptstadt besaßen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Thomas Siewers aus Reval, Sebastian Goette aus Narva und Gavriil Fljug aus Dorpat. ———————————— 43

RGADA, f. 276, op. 1, d. 85.

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Siewers unterhielt auch einen renskovyj pogreb (Weinkeller), aus dem er Rheinwein verkaufte44. Einige Zuzügler aus den baltischen Städten waren auch in Moskau zu finden, ihre Zahl war hier aber wesentlich geringer als in Petersburg. Doch erhielt sich für Moskau mehr diesbezügliches Quellenmaterial: Verzeichnisse der lastenpflichtigen Bevölkerung und Akten über die Einschreibung einzelner Händler in die Moskauer Kaufmannschaft. Dies ermöglicht bestimmte Beobachtungen zur Dynamik bzw. Intensität des Erscheinens von baltischen Kaufleuten in Moskau im Laufe des gesamten 18. Jahrhunderts. Es zeigt sich, dass dieser Prozess bis zur Mitte des 18. Jahrhundert intensiver war. Unter den Ausländern, die sich in den 1730er bis 1750er Jahren in die Moskauer Kaufmannschaft einschrieben, war der Anteil von solchen mit baltischer Herkunft sehr groß. In erheblichem Umfang erklärt sich dies mit den Folgen des Nordischen Krieges, nach dem im zentralen Russland nicht wenige Menschen anzutreffen waren, die sich dort als Gefangene oder Internierte bzw. als Nachkommen von solchen befanden. Aus der Zeit von 1740 bis zum Beginn der 1760er Jahre sind 13 Akten über die Einschreibung von Ausländern in die Moskauer Kaufmannschaft erhalten. In neun Fällen geht es um deutsche Kaufleute, davon stammten fünf aus dem Baltikum. Offenbar sind wir nur über einen Teil der Vorgänge solcher Art informiert, doch spricht die zufällige Auswahl dafür, dass der Anteil der Deutschbalten unter den ausländischen Kaufleuten in Moskau bedeutend war. Im Jahre 1744 wurde Ernst Johann Balk Mitglied der Moskauer Kaufmannschaft. Er war in Nižnij Novgorod geboren als Sohn von Nikolaj Balk, der aus Marienburg (Alūksne) in Livland stammte, in der schwedischen Armee gedient hatte und im Jahre 1700 in russische Gefangenschaft geraten war. Der jüngere Balk durchlief eine Handelslehre und siedelte nach Moskau über, wo er Handelsagent der bekannten Hamburger Kaufleute Konau und Poppe wurde45. Während des Nordischen Krieges gelangte offenbar Johann Reich, ein Waldmeister aus Wenden (Cēsis), nach Moskau. Sein Sohn Samojla wurde Kaufmann, erwarb ein Haus und Kaufläden in der Deutschen Vorstadt und trug sich 1765 in die Moskauer Kaufmannschaft ein46. Hans Friedrich Bolens, ein um die Mitte des 18. Jahrhundert in Moskau bekannter Kaufmann und Unternehmer, erklärte sich als „gebürtiger schwedischer Kaufmann“. Sein Vater lebte in Kronstadt und war Mitarbeiter von ———————————— 44 45 46

RGADA, f. 159, op. 1, d. 464. Ebenda, f. 291, op. 1, d. 7015. Ebenda, d. 13290.

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Jacob Wolff. Wahrscheinlich gehörte er in der schwedischen Zeit der Kaufmannschaft einer der baltischen Städte an. Mit dem Baltikum waren auch die Biografien von Johann Michel Grummert und Petr Davydov Niklas verbunden. Grummert kam 1748 aus Königsberg nach Riga und übersiedelte dann nach St. Petersburg, wo er in der Firma des Lübecker Kaufmanns Stegelmann diente, der ein Hof-Faktor, also Handelsvertreter des russischen kaiserlichen Hofes war. Zum Angebot dieser Firma gehörten auch Importwaren, die der russische Adel nachfragte. Nachdem Grummert in den Besitz der notwendigen Erfahrungen und Kontakte gelangt war, sah er die Chance, mit solchen Waren als selbständiger Kaufmann Handel zu treiben, und zwar in Moskau. Im Jahre 1751 wurde er dort Mitglied der Kaufmannschaft47. Petr Davydov Niklas, geboren 1722, stammte aus einer Memeler Kaufmannsfamilie. Sein Vater und sein älterer Bruder handelten mit Seidenstoffen und unterhielten Verbindungen mit St. Petersburg und Moskau. Er verbrachte einige Zeit in Riga, von wo aus er 1746 nach Moskau kam. Als Moskauer Kaufmann nahm er 1756 die russländische Staatsbürgerschaft an. Bis dahin war er preußischer Untertan und musste nun so verfahren, um in Russland uneingeschränkt Handel treiben zu können, darunter Kleinhandel in Moskau48. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der Kaufleute aus dem Baltikum, die sich in Moskau niederließen, stark ab, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Gesamtzahl der dortigen ausländischen Kaufleute bedeutend erhöhte. Das Material der dritten und vierten Revision (Verzeichnisse der lastenpflichtigen Bevölkerung) für Moskau bezeugt als Angehörige der Kaufmannschaft und des Kleinbürgertums Moskaus nur einige Balten. Dabei handelte es sich um die bereits erwähnten Petr Davydov Niklas († 1780) und nur zwei neu Hinzugekommene: Karl Andreas Rautel aus Narva und Karl Johann von Huene aus Reval. Rautel handelte mit Wein, von Huene aber besaß kein hinreichendes Kapital für den Eintritt in eine Kaufmannsgilde und zählte zum Stand der „Kleinbürger“ (meščane)49. Personen mit baltischer Herkunft kann man mitunter in den Weiten Russlands ausfindig machen, was durchaus nicht typisch für Kaufleute aus dem europäischen Ausland war, die sich in der Regel in den Hauptstädten niederlie———————————— 47 48 49

Ebenda, d. 5191. Ebenda, d. 3338, 7263. Materialy dlja istorii moskovskogo kupečestva [Quellen zur Geschichte der Moskauer Kaufmannschaft], Bd. 3, Moskau 1885, S. 3, 206 f.; Bd. 4, Moskau 1886, S. 446, 450.

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ßen. Der gebürtige Narvenser Hendrik Jakobson war beispielsweise in den 1760er Jahren im Bereich der Lipski-Werke (heute Lipezk) zu finden, wo er es schaffte, eine Tuchfabrik mit zu gründen, um seinen Anteil aber bald verkaufen zu müssen. Er zog dann nach Voronež und trat in den Dienst des dortigen Gouverneurs. Sein Sohn Johann Jakobson vermochte ein Handelsunternehmen zu gründen und wurde Mitglied der Kaufmannschaft von Voronež. Von dort siedelte er nach Moskau über und wurde 1790 in die Erste Gilde aufgenommen. Im Jahre 1772 erschien der Händler Johann Wilhelm Gröner aus dem kurländischen Jakobstadt (Jēkabpils) in Moskau. Von dort zog er über Kazan’ bis Tobol’sk in Sibirien, wo er Mitglied der örtlichen Kaufmannschaft wurde50. Die in den russischen Städten lebenden baltischen Kaufleute betätigten sich ziemlich aktiv im Kreditgeschäft. Die Entwicklung von Vorschusszahlungen und Geldverleih lässt sich anhand der Dokumentation über unbeglichene Wechsel und Wechselproteste bzw. über zahlungsunfähige Schuldner beurteilen, nur Quellen solcher Art sind in den Archiven erhalten. Indessen liegen uns diese in großer Zahl vor, was Schlussfolgerungen über das Profil der Gläubiger und Schuldner und über den Umfang der Kreditgeschäfte möglich macht. Über die Entwicklung des Kredits in Petersburg gewährt ein Buch über Wechselproteste von 1773 Aufschluss, in dem mehr als tausend Wechsel dokumentiert sind, die Ende der 1760er und Anfang der 1770er Jahre ausgestellt worden waren und unbezahlt blieben51. Zu den Gläubigern gehörten Zuzügler aus den baltischen Städten – die uns bereits bekannten Narvenser Semen Brumberg, Karl Arps und Wilhelm Kassel, die Revaler Kaufleute Johann Arnold, Thomas Seebeck, Thomas Friedrich Höppener und Johann Rodde sowie der Rigenser Otto Chris———————————— 50

51

RGADA, f. 291, op. 1, d. 16282; Central’nyj istoričeskij archiv Moskvy (Moskauer Historisches Zentralarchiv, Moskau), f. 32, op. 3, d. 231. RGADA, f. 16, op. 1, d. 497. Erstmals wies auf dieses Buch der Historiker George Munro hin, der in einem kleinen Aufsatz die Verteilung des Kredits hinsichtlich der verschiedenen Gruppen der Schuldner und Gläubiger untersuchte: George MUNRO, The Role of the Veksel’ in Russian Capital Formation: a preliminary inquiry, in: Russian and the World of the Eighteenth Century, ed. by Roger BARTLETT / Anthony CROSS / Karen RASMUSSEN, Bloomington 1984, S. 551–564. Einen analogen Quellenkomplex, der in direkter Beziehung zum Thema unseres Aufsatzes steht, behandelte Elisabeth Harder-Gersdorff. Indem sie den Kreditmarkt Revals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts untersuchte, beleuchtete sie die Kontakte mit Petersburg, einer Reihe weiterer nordwestrussischer Städte und Moskau: Elisabeth HARDER-GERSDORFF, Zwischen Rubel und Reichstaler. Soziales Bezugsgeld und geographische Reichweite des Revaler Wechselmarktes (1762–1800), Lüneburg 2000 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission 91).

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topher Lounz. Sie alle trieben in recht großem Umfang Handel und agierten auch im Außenhandel. Unter den Kreditoren befanden sich aber auch Personen, die nicht zu den großen Kaufleuten gehörten. Solche waren der Dorpatenser Johann Jugander, ferner Christian Ludendorf aus Riga sowie die Revalenser Karl Johann Bang, Dietrich Lomen, Johann Monkwitz und andere. Charakteristisch ist, dass die Kreditoperationen der Großkaufleute mit dem Handel verbunden waren. Ihren Kredit nutzten Kaufleute, die offenbar Waren ohne Bezahlung gegen Wechsel bezogen. Bei Thomas Seebeck hatte beispielsweise der Kaufmann Michael Kotolev aus Rostov Schulden in Höhe von 1 330 Rubel und 40 Kopeken und der Petersburger Kaufmann Ivan Kokuškin solche in Höhe von 2 091 Rubel und 20 Kopeken52. Otto Christopher Lounz besaß protestierte Wechsel für 7 152 Rubel, davon hatte er nur einen Wechsel über 190 Rubel von einem Adligen erhalten, alle anderen Geschäfte hatte er mit Kaufleuten abgeschlossen53. Andererseits befasste sich ein Teil der baltischen Kaufleute offenbar vorwiegend mit Geldverleih gegen Prozente an Adlige oder Handwerker, wie etwa Johann Jugander, Christian Ludendorf und andere. Mitunter führte ein Rückgang der Handelsstätigkeit zur vorwiegenden Beschäftigung mit Geldverleih. Dies lag offenbar im Falle von Semen Brumberg, einem großen Holzhändler aus Narva, vor. Zu seinen Schuldnern gehörte u.a. der Kammerjunker Pavel Potemkin54. Ganz ähnlich sahen die Kreditgeschäfte der baltischen Kaufleute in Moskau aus. Nachdem sich Petr Davydov Niklas aus Memel in Moskau niedergelassen hatte, trieb er Kleinhandel mit Galanteriewaren. In den 1770er Jahren erlebte er jedoch einen geschäftlichen Niedergang; er wurde aus der GildeKaufmannschaft ausgeschlossen und gehörte nun dem Stand der „Kleinbürger“ an. Seine Haupttätigkeit wurde der Geldverleih. Bekannt sind mehr als 20 Wechsel, die er über unterschiedliche Summen erhielt. Zu seinen Schuldnern gehörten Vertreter der Moskauer Aristokratie: ein Graf Apraksin, eine Gräfin Tolstoj, Fürst Kil’dinov, Fürst Fedor Golicyn. Diese geschäftliche Tätigkeit war ebenfalls nicht erfolgreich, und Niklas musste selbst bei in Moskau lebenden russischen und ausländischen Kaufleuten Kredite aufnehmen. Ende der 1770er Jahre war er völlig ruiniert55. Ein anderer Fall liegt bei Christian Heinrich Höppener vor, der der bekannten Revaler Kaufmannsfamilie angehörte. In der zweiten Hälfte des 18. ———————————— 52 53 54 55

RGADA, f. 16, op. 1, d. 497, Bl. 15, 126. Ebenda, Bl. 44 f., 92, 115. Ebenda, Bl. 44. RGADA, f. 308, op. 3, d.39, Bl. 330.

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Jahrhunderts hielt er sich ständig in Moskau auf, trat aber nicht in die Moskauer Kaufmannschaft ein. Dafür bestand keine Notwendigkeit, denn er strebte keinen Ladenhandel an. Nach den Wechseln zu urteilen, über die er verfügte, kooperierte er mit einer ganzen Reihe von großen Kaufleuten Moskaus und St. Petersburgs. Seinen Kredit nutzten in Moskau lebende Händler ausländischer Herkunft wie der Schweizer Jean Jaques Frei, der Franzose Philippe Demaire, der Italiener Domenico Zbarbo und der bereits genannte Livländer Samojla Reich. Bekannte Kaufleute St. Petersburgs, die mittels Wechsel Geld an ihn überwiesen, waren der Sachse Gottfried Krug, der Hamburger Kaufmann Johann Maschmer, der Engländer Sam Runsolt sowie die Lübecker Firma Bruns und Ive. Johann Eberhard Pell, der aus Holland stammte, und der russische Kaufmann Michail Šapošnikov gehörten zu seinen Moskauer Partnern56. Gleichzeitig stand er mit dem Revaler Kreditmarkt in Verbindung57. Christian Heinrich Höppener war also der Repräsentant einer Familienfirma in Moskau, der den Außenhandel seiner Verwandten in Reval und Petersburg mit dem russischen Binnenmarkt in Verbindung brachte. Dabei kooperierte seine Familie mit führenden Handelsfirmen, die in Russland aktiv waren, vor allem mit ausländischen. Auf diese Weise kam die Angliederung des Ostbaltikums an das Russländische Reich der Erweiterung der Tätigkeit der baltischen Kaufleute in den russischen Städten zugute. Dies gelangte darin zum Ausdruck, dass die Handelsleute aus Livland und Estland recht frei in die anderen Städte des Reiches übersiedelten, der örtlichen Kaufmannschaft beitraten und Handelsund Kreditoperationen durchführen konnten. Diese Möglichkeit nutzten erklärlicherweise nicht viele. Am ehesten war es charakteristisch für die Kaufleute Narvas, dessen Handel im 18. Jahrhundert einen gewissen Niedergang erlebte. Am häufigsten hielten sich baltische Kaufleute in St. Petersburg auf, erheblich seltener in Moskau. Eine kleine Gruppe gab es in Archangel’sk, was hauptsächlich mit dem Schicksal der Familie Rodde zusammenhing. In den übrigen Städten des Reiches kam es nur zu einer episodischen Tätigkeit von baltischen Kaufleuten. In St. Petersburg und Archangel’sk waren sie recht intensiv am Außenhandel beteiligt, unter Nutzung ihrer Erfahrungen und ihrer traditionellen Verbindungen mit ausländischen Partnern, vor allem solchen in Lübeck und Hamburg. Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm ihre Aktivität im Außenhandel zu, obgleich ihr Anteil am gesamten Warenaustausch relativ gering ———————————— 56 57

ZACHAROV, Zapadnoevropejskie kupcy (wie Anm. 28), S. 661. HARDER-GERSDORFF (wie Anm. 51), S. 51, 90.

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war, da in Petersburg und Archangel’sk Hunderte von Kaufleuten aus vielen Ländern Europas sowie russische Kaufleute tätig waren. In Moskau gingen die Kaufleute zur Teilnahme am örtlichen Handel über und tätigten Kreditgeschäfte, durch die sie die Verbindung zwischen dem russischen Binnenmarkt und Kaufleuten aus Petersburg und ausländischen Handelsstädten förderten.

Bogusław Dybaś

Johann Reinhold Patkul (1660–1707) und die „Kapitulation“ der livländischen Stände mit August dem Starken (1699) – zwischen fürstlichem Absolutismus und Ständestaat Johann Reinhold Patkul ist eine Persönlichkeit, die bis heute große Diskussionen, ja sogar Emotionen auslöst und die sich nicht eindeutig beurteilen lässt. Einerseits wird seine Rolle im Kontext der Ursachen des Großen Nordischen Krieges erörtert – und in diesem Zusammenhang scheint Patkul ein Politiker zu sein, der riesigen, ja nahezu dämonischen Einfluss auf die internationale Politik an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ausübte. Der polnische Historiker Jacek Staszewski, ein hervorragender Kenner der internationalen Politik dieser Epoche sowie der Geschichte der Diplomatie, reduzierte in seiner Rezension der von Yella Erdmann verfassten Monografie über Patkul (1970) – an das Urteil von Reinhard Wittram anknüpfend – Patkuls Rolle bei der Vorbereitung des Kriegsausbruchs auf die richtige Dimension: auf das, wie er formulierte, „Niveau der Normalität“1. Andererseits galt Patkul im 18. Jahrhundert – und dieser Aspekt der Wahrnehmung seiner Persönlichkeit und seiner historischen Rolle ist für uns besonders interessant – als „showcase of conflict between royal absolutism and centralism on one side and traditional estate privileges and provincial autonomy on the other“ (Pärtel Piirmäe)2. In diesem Zusammenhang weckte er das Interesse der Intellektuellen dieser Epoche wie zum Beispiel das von Daniel Defoe oder Voltaire. Im 19. Jahrhundert benutzte man die Person Patkuls als Beispiel und Argument beim Widerstand der deutschen Eliten in den baltischen Gouvernements gegen die Zentralisierungs- und Russifizierungspolitik der zarischen Regierung. Einen Impuls dafür gab der

———————————— 1

2

Yella ERDMANN, Der livländische Staatsmann Johann Reinhold von Patkul. Ein abenteuerliches Leben zwischen Peter dem Grossen, August dem Starken und Karl von Schweden, Berlin 1970; siehe die Rezension von Jacek STASZEWSKI, in: Zapiski Historyczne 38 (1973), Nr. 1, S. 216–219, hier S. 217. Pärtel PIIRIMÄE, The Pen is a Mighty Sword: Johann Reinhold Patkul’s polemical writings, in: Die baltischen Länder und der Norden. Festschrift für Helmut Piirimäe, hg. v. Mati LAUR / Enn KÜNG / Stig Örjan OHLSSON, Tartu 2005, S. 314–341, hier S. 315.

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Vortrag, den der hervorragende deutschbaltische Historiker Carl Schirren an der Universität Dorpat am 13. März 1869 gehalten hat3. Wie der bereits zitierte Piirimäe feststellte, schwanken die Meinungen über Patkul zwischen „Verräter“ und „Verschwörer“ einerseits und „Patriot“ bzw. „Freiheitsverteidiger“ andererseits. Die jeweilige Einschätzung hängt von verschiedenen Faktoren ab, nicht zuletzt von den politischen Ansichten des Autors und von den verschiedenen Kontexten, in welchen die jeweilige Stellungnahme formuliert wurde. Die Formulierung einer allgemeinen Meinung über Patkul, über seine Legende bzw. über seinen Mythos bedarf auf jeden Fall vieler Forschungen und Überlegungen, nicht zuletzt auf Grund jenes Aspektes seiner Biografie, über den Piirimäe in seinem 2005 veröffentlichten Aufsatz schrieb. Dieser Aufsatz trägt den recht charakteristischen Titel: „The Pen is a Mighty Sword: Johann Reinhold Patkul’s polemical writings“. Piirimäe formuliert darin folgende These: Patkul selbst habe zur Gestaltung seines Porträts entscheidend beigetragen. Mehr noch – er habe dies ganz bewusst getan, denn als hervorragend ausgebildete Person wusste er sehr gut, dass die Feder in der Politik ein ebenso wichtiges Werkzeug ist wie das Schwert. Das Leben von Johann Reinhold Patkul endete 1707 tragisch, als er gerade einmal 47 Jahre alt war4. Die letzten zehn Jahre seines Lebens war er vor allem Politiker und Soldat im Dienst jener Herrscher, die gegen Schweden Krieg führten. Er war in dieser Zeit in der internationalen Arena sehr aktiv. Seine stürmische Karriere begann jedoch ganz anders. 1660 wurde er in einer livländischen Adelsfamilie geboren. Im Jahr 1677 immatrikulierte er sich an der eben erst gegründeten Universität Kiel. Die dort gewonnene juristische Ausbildung nutzte er nach seiner Rückkehr nach Livland in der Praxis. Wie Reinhard Wittram einmal feststellte, verschwendete Patkul die ersten zehn Jahre nach seinem Studienabschluss mit niemals endenden Prozessen vor Gericht. Diese Prozesse initiierte Patkul entweder selbst oder er provo———————————— 3

4

Carl SCHIRREN, Patkul. Vortrag, in der Aula der Universität zu Dorpat gehalten am 13. März 1869, in: DERS., Charaktere und Menschheitsprobleme. Eine Sammlung öffentlicher Vorträge, Kiel 1912, S. 193–219. Biografische Informationen über Patkul und über seine öffentliche Tätigkeit nach ERDMANN, Der livländische Staatsmann (wie Anm. 1), passim; Reinhard WITTRAM, Patkul und der Ausbruch des Nordischen Krieges, in: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-historische Klasse 1952, Nr. 9, S. 201–232; Anton BUCHHOLTZ, Beiträge zur Lebensgeschichte Johann Reinhold Patkuls, Riga 1893; Ernst SERAPHIM, Livländische Geschichte von der „Aufsegelung“ der Lande bis zur Einverleibung in das russische Reich. Ein Hausbuch, Bd. II. Die Provinzialgeschichte bis zur Unterwerfung unter Rußland, Reval 1904, S. 353–389.

Johann Reinhold Patkul und die „Kapitulation“ der livländischen Stände

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zierte sie durch seine streitlustige Haltung5. Seine Streitlust konnte bisweilen zu schlimmeren Streitformen führen – zu Handgreiflichkeiten und Duellen. Zweifelsohne war Patkul eine sehr lebhafte, doch – wie man auch betonen muss – eine sehr gut ausgebildete Person, die ihre Landsleute auf sich aufmerksam machte. Eine solche Position eröffnete ihm auf jeden Fall ganz unterschiedliche Karrieremöglichkeiten. Im Jahr 1687 traf Patkul in seinem Leben eine wichtige Entscheidung. Statt Assessor am Gericht in Dorpat zu werden (um diesen Posten hatte er sich früher bemüht), entschied er sich für eine militärische Karriere, die seinem Temperament höchstwahrscheinlich mehr entsprach. Patkul wurde Hauptmann im Infanterieregiment von Campenhausen, das zur Rigaer Garnison gehörte. Somit wurde er ein Funktionär des schwedischen Staates, dessen damaliger Herrscher, König Karl XI., eine absolutistische Monarchie errichtete. Für Livland war in diesem Zusammenhang ein Aspekt der Politik des schwedischen Königs besonders wichtig, und zwar die so genannte Reduktion der königlichen Güter. Diese Politik war für den livländischen Adel sehr gefährlich, da der Status seiner Güter infolge der kriegerischen Wirren im 16. und 17. Jahrhundert nicht zur Gänze geregelt und geklärt war. Deswegen konnten sie ganz leicht als den livländischen Vasallen verliehene ehemalige Herrscherdomänen wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund brach ein Streit um den Status der livländischen Territorien im Rahmen der Monarchie der schwedischen Könige überhaupt aus. Infolgedessen wünschte Karl XI. 1689 ein Treffen mit den Vertretern der livländischen Stände. Die Livländer sollten dabei dem König ihre Argumente und auch ihre ständischen Privilegien präsentieren. Der livländische Landtag wählte im Februar 1690 Baron Leonhard von Budberg sowie den zwanzig Jahre jüngeren, damals dreißigjährigen Johann Reinhold Patkul in diese Funktion. Die Situation, in der sich Patkul in diesem Moment befand, darf man als „Interessenskonflikt“ bezeichnen. Und wenn wir uns konkret auf den Titel dieses Beitrages berufen: Als königlicher Offizier und Funktionär des absolutistischen Staates befand er sich durch den Landtagsbeschluss gewissermaßen auf jener Seite der Barrikade. Er wurde ein Vertreter der lokalen ständischen Gesellschaft, die sich den zentralisierenden Ansprüchen der Krone widersetzte. Man kann selbstverständlich lange analysieren, was zum einen die Ursache für die rasche Karriere des jungen Offiziers in den ständischen Strukturen war (gerade während desselben Landtags wurde ihm auch die sehr wichtige Funktion des Landmarschalls vorgeschlagen), und was ihn zum anderen ———————————— 5

WITTRAM, Patkul und der Ausbruch des Nordischen Krieges (wie Anm. 4), S. 206.

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dazu motivierte, diese Angebote anzunehmen. Es ist wirklich schwierig zu entscheiden, ob es um die politischen Ansichten Patkuls und seine juristischen Kompetenzen oder eher um seinen Mut und seine Lust zu glänzen ging. Vielleicht war auch sein angeblicher Konflikt mit dem livländischen Generalgouverneur Jacob Johann von Hastfer um eine Frau nicht ganz ohne Bedeutung für seine Motivation. Seit diesem Moment folgten die für das weitere Schicksal Patkuls entscheidenden Ereignisse ziemlich schnell. Zunächst war er in Stockholm, wo er in den Jahren 1690 und 1691 im Namen des livländischen Adels die offiziellen Verhandlungen am königlichen Hof führte. Während dieses Aufenthaltes kam es höchstwahrscheinlich zur inoffiziellen Begegnung mit dem König, wo Patkul angeblich von Karl XI. für den Adel günstige Versprechen erhielt. Im März 1692 berichtete Patkul auf dem Landtag in Wenden (Cēsis) über diese Mission. Während dieser Landtagssitzung warf er dem Generalgouverneur Wortbruch vor, er gab aber auch den Inhalt der geheimen Verhandlungen mit dem König bekannt6. Patkul wurde allmählich zum Anführer des livländischen Adels. Seine Tätigkeit erweckte selbstverständlich die Unzufriedenheit der königlichen Behörden, und er versteckte sich für alle Fälle in Kurland oder genauer gesagt in Erwahlen (Ārlava) im Piltener Kreis bei seinem Onkel Vietinghoff. Am 5. Juni 1694 wurde vor dem Gericht in Stockholm ein Prozess gegen die meuternden Anführer des livländischen Adels begonnen, darunter gesondert gegen Patkul, dem Hochverrat und Majestätsbeleidigung vorgeworfen wurden. Patkul kam mit einem königlichen Geleitbrief nach Stockholm, da er jedoch im Laufe des Prozesses immer deutlicher eine Schlinge um seinen Hals fühlte, floh er am 15. November wieder nach Erwahlen. Am 12. Dezember 1694 wurde Patkul vom königlichen Gericht zu Güterverlust, Abschneiden der rechten Hand und zum Tode verurteilt. Zum Tode wurden auch die anderen drei livländischen Anführer (unter ihnen der schon erwähnte Baron Budberg) verurteilt, sie wurden jedoch vom König begnadigt. Gleichzeitig schränkte man die ständischen Privilegien des Adels drastisch ein, vor allem die Kompetenzen des Landtags.

———————————— 6

Der Landtag zu Wenden 1692. Nach dem Original-concept Patkul’s. Bericht über den Erfolg der Sendung der beiden Deputirten, Landrath von Buddberg und Capitain Joh. Reinhold von Patkul, nach Stockholm, zur Wahrnehmung wohlhergebrachter Rechte und Privilegien der Ritterschaft des Herzogthums Liefland vor dem Throne Sr. Majestät König Carl XI. von Schweden, Leipzig 1841.

Johann Reinhold Patkul und die „Kapitulation“ der livländischen Stände

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Man kann sagen, dass sich Johann Reinhold Patkul 1690 zwischen dem absolutistischen und dem ständischen Staat zugunsten des Letzteren entschied. Diese Wahl sollte ihm in Zukunft seine persönliche Niederlage und Tragödie beibringen. Während wir es jedoch in den Jahren von 1690 bis 1694 mit einem Streit zwischen dem absolutistischen Zentrum und der ständischen Provinz, aber im Rahmen einer Monarchie – des Königreichs Schweden – zu tun hatten, führte Patkuls die weitere Tätigkeit zur Internationalisierung dieses Konflikts. Aus der Sicht eines absolutistischen beziehungsweise jener eines modernen Staates ganz allgemein kann und soll man eine solche Situation als Hochverrat interpretieren, aus der Sicht einer Ständegesellschaft, die sich verletzt fühlte, handelte es sich jedoch um die Suche nach Gerechtigkeit dort, wo man sie zu finden erwartete. Wenn Patkul nach Kurland, das ein Lehnherzogtum im Rahmen der polnisch-litauischen Republik war, floh, wenn er ein paar Jahre später Unterstützung am Hofe des polnischen Königs suchte, war das kein Zufall oder lediglich Folge von rein außenpolitischen Kalkulationen. Aus historischen Gründen bildeten die polnisch-litauische Republik und ihr Herrscher einen offensichtlichen Bezugspunkt. Einer der wichtigen Momente bei den Verhandlungen zwischen dem schwedischen König und den Vertretern des livländischen Adels in den Jahren 1690 und 1691 war der Streit um das Privilegium Sigismundi (1561). Die schwedische Seite zweifelte, ob diese Urkunde überhaupt existierte. Umgekehrt unterstrichen die Livländer, dass dieses Privileg infolge der freiwilligen Verhandlungen mit dem polnischen König in Wilna (Vilnius) im Herbst 1561 formuliert worden war und das Fundament der Position und der Rechte des livländischen Adels darstellte. Ohne Zweifel sollte in diesem Zusammenhang auch das Dokument erörtert werden, dem wir diesen Beitrag widmen möchten, und zwar die so genannte „Kapitulation“, die am 24. August 1699 in Warschau zwischen dem polnischen König August II. dem Starken und dem im Namen des livländischen Adels auftretenden Johann Reinhold Patkul beschlossen wurde. Die „Kapitulation“ wurde in der historischen Fachliteratur nur sehr selten erörtert. Meistens wurde sie gewissermaßen von außen betrachtet – als eines der Elemente der Vorbereitungen des polnischen Königs auf den Krieg gegen Schweden und konkret – als ein Instrument, den livländischen Adel zu gewinnen. Mehr Aufmerksamkeit widmeten ihr die folgenden Forscher: Ernst Adolph Herrmann, ein Historiker, der im Dresdner Archiv den Text der Kapitulation herausgesucht und ihn als erster im Jahr 1854 veröffent-

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lichte7; Carl Hallendorff, der diese Urkunde 1897 neuerlich publizierte8; der nächste war Ernst Seraphim, der in seiner Geschichte Livlands ihre Genese und die „Kapitulation“ selbst besprach, sich dabei jedoch nur auf einen Aspekt konzentrierte, und zwar auf die antistädtische, besonders gegen die Stadt Riga gerichtete Intention der „Kapitulation“9; Reinhard Wittram berichtete zwar über die „Kapitulation“, bezeichnete sie jedoch als vollkommen unrealistische Konzeption10; Alvin Isberg schließlich erörterte die „Kapitulation“ in Jahre 196011. In der polnischen Geschichtsschreibung kann man in jüngster Zeit wohl nur einen Autor nennen, und zwar den jungen Warschauer Historiker Jacek Burdowicz-Nowicki, der 2010 seine umfangreiche, ziemlich merkwürdig betitelte Monografie („Peter I., August II. und die polnisch-litauische Republik“) veröffentlichte. Seine Erörterungen der „Kapitulation“12 stehen zur Gänze im Dienst der Hauptthese des Autors, der zufolge August der Starke stets eine für Polen-Litauen ungünstige Politik geführt habe. Deswegen wählt Burdowicz-Nowicki aus dem Text der „Kapitulation“ nur jene Fragmente, die zu dieser These passen. Zum Beispiel unterstreicht er, dass die „Kapitulation“ fast die vollkommene Unabhängigkeit Livlands von PolenLitauen begründet habe, „vergisst“ jedoch, dass die livländischen Landboten Mitglieder des polnischen Reichstags (Sejm) sein sollten. Der Autor versteht den historischen Kontext der Verbindungen zwischen Livland und PolenLitauen nicht oder ignoriert diesen Kontext zumindest. Es ist ziemlich schwierig, diese etwas publizistisch formulierten Erörterungen zu diskutieren. Man darf sie jedoch als Beispiel für diejenige Richtung in der polnischen Geschichtsschreibung betrachten, die Livland nach wie vor lediglich ———————————— 7

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Ernst Adolph HERRMANN, Quae fuerint Patculii partes ineunte bello septentrionali. Diss. pro venia docendi, Jenae 1847; es gelang mir jedoch nicht, diese Dissertation einzusehen. Ihre kürzere Fassung wurde auch auf Deutsch veröffentlicht, und zwar in der Zeitschrift „Das Inland“: DERS., Was wollte Reinhold Patkul, in: Das Inland 1861, Nr. 40, Sp. 618– 620; Nr. 42, Sp. 647–650; Nr. 43, Sp. 672–674. Text der „Kapitulation“ in: DERS, Actenstücke aus dem Polnisch-Schwedischen Kriege, Livland betreffend, vom Jahre 1699, in: Archiv für die Geschichte Liv-, Ehst- und Curlands 7, Reval 1854, S. 1–24, hier S. 10–24. Carl HALLENDORFF, Bidrag till det stora nordiska krigets förhistoria, Upsala 1897, S. 159–169. SERAPHIM, Livländische Geschichte (wie Anm. 4), S. 499–504. WITTRAM, Patkul und der Ausbruch des Nordischen Krieges (wie Anm. 4), S. 225 f. Alvin ISBERG, Johann Reinhold Patkul och Livland åren 1699–1701, in: Karolinska förbundets årsbok 1960, S. 71–97, hier S. 77. Jacek BURDOWICZ-NOWICKI, Piotr I, August II i Rzeczpospolita 1697–1706 [Peter I., August II. und die polnisch-litauische Republik], Kraków 2010, S. 196–198.

Johann Reinhold Patkul und die „Kapitulation“ der livländischen Stände

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als Gegenstand der Außenpolitik in dieser Region wahrnimmt, ohne die innere Verhältnisse im Lande in ihrer ganzen Komplexität zu berücksichtigen. Die „Kapitulation“ ist eine ziemlich umfangreiche Urkunde, sie besteht aus einer Einleitung und aus 16 Artikeln. Sie wird des Weiteren durch geheime Artikel ergänzt, die vor allem das Interesse des Königs selbst durch die Annahme der Erbschaft der Wettiner als Lehnsherren über Livland sichern. In der Einleitung, die im Namen des polnischen Königs formuliert wurde, wird auf die aktuelle Situation Bezug genommen, also auf den königlichen Plan, Livland zu beherrschen; Livland werde unter den Schutz des polnischen Königs, aber auch der polnisch-litauischen Republik gestellt, und zwar als deren alte, einmal verlorene Provinz (avulsum). Andererseits findet die Verbindung Livlands mit der schwedischen Krone deutliche Erwähnung. Diese Verbindung sei jedoch wegen der Güterentziehung und Entprivilegierung des livländischen Adels völlig zerbrochen. Bildeten die Hauptmotive des polnischen Königs – wenn er nun die Livländische Ritterschaft unter seinen Schutz nahm – zwar sein Mitleid für den Adel und vor allem die alten Verbindungen Livlands mit der polnisch-litauischen Republik, so waren doch die Umstände, unter welchen es zum Bruch der Verbindung mit der schwedischen Krone kam, eine wichtige Voraussetzung für die sich neuerlich entwickelnde Verbindung mit Polen-Litauen. In den folgenden Artikeln der „Kapitulation“ darf man mehrere Hauptstränge unterscheiden. Den ersten bilden die militärischen Angelegenheiten, sehr aktuell im Zusammenhang mit der gerade vorbereiteten Eroberung des Landes, in der sich der livländische Adel als Verbündeter des polnischen Königs deklarierte. Diesem Zweck sollte die vom Adel angenommene Verpflichtung dienen, 5 000 Soldaten Infanterie und 600 Kavalleristen sowie Landmiliz aufzustellen. In dieser Hinsicht waren jedoch vielleicht jene Verpflichtungen und Formulierungen wichtiger, die gewissermaßen von strategischem bzw. strukturellem Charakter waren. Der livländische Adel war sich dessen bewusst, dass Livland in Zukunft als Teil der polnisch-litauischen Republik eine Barriere („eine beständige barriére und Vor-Mauer“) sein sollte, die Polen-Litauen (vor allem jedoch das Großherzogtum Litauen mit Schamaiten und Kurland) gegen Russland und Schweden schützen könnte. Das ist eine ganz deutliche Anknüpfung an die ähnliche strategische Funktion, die Livland aus polnischer und litauischer Perspektive seit dem 16. Jahrhundert, also seit der Epoche der Könige Sigismund August und Stephan Báthory, verliehen worden war. Der Erfüllung dieser militärischen Aufgaben sollte neben der schon erwähnten Streitkraft die entsprechende Infrastruktur dienen – die mit starken Mannschaften besetzten Festungen. Eine ausrei-

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chende Zahl solcher Festungen befand sich bereits auf livländischem Gebiet; der Adel verpflichtete sich, sie auf eigene Kosten in gutem Zustand und in Verteidigungsbereitschaft zu erhalten und sie mit guten Kommandanten, Ingenieuren und starken Garnisonen zu versehen. Ein anderes wichtiges Thema der „Kapitulation“ bildet das zukünftige Verhältnis Livlands gegenüber dem König und der Adelsrepublik, mit anderen Worten der Charakter der Verbindung und Platzierung des Landes in der verfassungsrechtlichen sowie räumlichen Struktur Polen-Litauens. Im gesamten Dokument wird betont, Livland solle in Verbindung mit der polnisch-litauischen Republik ein Lehen „von Ihro Königl. Majt. und der durchlauchtigen Respublic“ bilden. Der Charakter dieses Lehens wurde im umfangreichen siebten Artikel sehr ausführlich beschrieben. Die Vorsorge des livländischen Adels, diese Angelegenheiten sorgfältig zu regeln, war begründet, wenn wir daran denken, mit welchen Problemen und Turbulenzen die Ausgestaltung und weitere Veränderungen der Position Livlands im Rahmen der polnisch-litauischen Republik in der zweiten Hälfte des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts verbunden gewesen waren. Das Lehen sollte also – nach der „Kapitulation“ – einen gewissermaßen äußeren Charakter innehaben, der Adel behielt sich das Recht vor, die inneren Verhältnisse in Livland zu bestimmen. Als Muster wurde die rechtliche Lage im Deutschen Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg genommen, der zufolge der lokale Herrscher (in diesem Fall der livländische Adel) die volle Obrigkeit in seinem Fürstentum innehatte, über Land und Wasser, über Städte und Festungen, über alle Regalien, über politische und kirchliche Angelegenheiten, ohne irgendwelche Einschränkungen, Vorbehalte und Eingriffe seitens des Lehnsherren. Um die Erneuerung des Lehens sollte sich der Adel, von seinen Boten vertreten, bei jedem Wechsel auf dem polnischen Thron beim neuen König bemühen. Bei dieser Gelegenheit sollte zunächst die „Kapitulation“ (mit Berücksichtigung der weiteren Änderungen in der Verfassung Livlands) bestätigt werden. Erst nach dieser Bestätigung könnten die Vertreter des Adels den Lehnseid ablegen. Bei dieser Prozedur berief man sich auf die Epoche von König Sigismund August und die damals geltenden Regeln. Trotz dieser Vorbehalte wurde im nächsten Artikel kein Zweifel darüber gelassen, dass der freie Adel und die gesamte Provinz Livland „ein inseparables membrum von der Cron und Republic Pohlen seyn und bleiben soll“. Dessen Bestätigung sollte gewissermaßen das Recht sein, am Kron-Reichstag (Sejm) teilzunehmen (ein „votum et sessionem in Comitiis Regni“ zu ha-

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ben), jedoch unter Vorbehalt der livländischen Privilegien und Immunitäten. Sehr interessant ist auch die Platzierung der so definierten Provinz Livland gegenüber den Nachbarterritorien. In der „Kapitulation“ wurde ausschließlich denjenigen Teil des mittelalterlichen Alt-Livland berücksichtigt, der im 17. Jahrhundert zu Schweden gehörte. Im neunten Artikel sprach man sich für die Erhaltung der Grenzen der bisherigen schwedischen Provinz Livland mit dem Herzogtum Kurland und mit dem – wie es formuliert wurde – „südlichen Teil Livlands“ aus, also mit der zu Polen-Litauen gehörenden Wojewodschaft (Fürstentum) Livland (das so genannte PolnischLivland, heute Lettgallen) mit der Hauptstadt Dünaburg (Daugavpils). Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansicht formuliert, dass es einerseits darum ging, sich vor einer Auseinandersetzung mit den Ansprüchen der in Kurland herrschenden Dynastie Kettler zu drücken13, andererseits jedoch höchstwahrscheinlich auch darum, sich vor den in Polnisch-Livland sehr starken Einflüssen der katholischen Kirche zu schützen. Hingegen wurde in der „Kapitulation“ eine Möglichkeit offen gelassen, dass sich dem livländischen Adel auch der Adel der bislang schwedischen Provinzen Estland und Ösel anschließen könnte. Den letzten, jedoch wichtigen und interessanten Themenkomplex bilden die in der „Kapitulation“ vorgesehenen Regelungen der sozialen und verfassungsrechtlichen Angelegenheiten in Livland. Die „Kapitulation“ wurde – wie wir bereits wissen – im Namen des livländischen Adels (der Ritterschaft) geschlossen. Der Adel nahm unterschiedliche Verpflichtungen an (neben der oben erwähnten auch jene, das Bildungssystem für die adlige Jugend im Lande zu erhalten – Artikel 6), jedoch wurden in der „Kapitulation“ auch seine verschiedenen Befugnisse formuliert. Im zehnten Artikel behielt sich der livländische Adel das Recht vor, die Matrikel der livländischen Adelsfamilien (Ritterbank) einzusetzen. Eine Voraussetzung dafür war die Überzeugung, dass große Befugnisse des Adels unbedingt einer formalen Regelung der Zugehörigkeit zum Adelsstand bedürften. Nur der Eintrag in diese Matrikel sollte das Recht garantieren, am Landtag teilzunehmen, sämtliche Adelsprivilegien zu genießen sowie das volle Recht, Landgüter innezuhaben.

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Bogusław DYBAŚ, Livland und Polen-Litauen nach dem Frieden von Oliva (1660), in: Reiche und Territorien in Ostmitteleuropa. Historische Beziehungen und politische Herrschaftslegitimation, hg. v. Dietmar WILLOWEIT / Hans LEMBERG, München 2006 (Völker, Staaten und Kulturen in Ostmitteleuropa 2), S. 107–127, hier S. 113 f.

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Der livländische Adel sollte (etwa nach kurländischem Muster) eine festgeschriebene im Lande regierende Kaste werden. Dem so definierten Adel wurde die volle Macht und Obrigkeit über das Land sowie die Gerichtshoheit in weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten verliehen (Artikel 10). Der Status der Provinz sollte unberührt und nicht durch irgendwelche Mandate oder Reskripte (vermutlich waren königliche gemeint) belastet werden (Artikel 14). Der Adel als regierende Kraft im Lande sollte auch das Recht haben, neben den bestehenden neue Städte, Festungen und Häfen zu gründen (Artikel 12). In diesem Zusammenhang schockiert der Artikel 13, der die Stadt Riga betrifft, am meisten. Riga wurde zu Recht als Haupthindernis bei der Durchsetzung der Vorherrschaft des Adels in Livland wahrgenommen. Nach diesem Artikel sollte Riga alle seine von den polnischen Königen Stephan Báthory und Sigismund III. Wasa erhaltenen Privilegien verlieren. Die Stadt habe Polen-Litauen und den polnischen König im Jahr 1621 während der Belagerung durch die Schweden verraten, als die Rigenser Verhandlungen mit den Belagerern begannen. In diesem Fall dürfe man wohl von Hochverrat sprechen. Aufgrund dessen sollten alle Privilegien der Stadt auf den Adel übertragen werden, der Adel sollte das Recht erhalten, den Burggrafen zu nominieren, sowie die Verfügungsgewalt über die Festung, die Zeughäuser und den Schlüssel zu der Stadt erhalten. Die Beurteilung der „Kapitulation“ vom 24. August 1699 ist ohne Zweifel nicht besonders leicht. Die Hauptfrage lautet, ob Patkul ausreichende Vollmachten hatte, einen solchen Vertrag zu verhandeln und zu unterzeichnen. Der mit dem 28. Februar 1699 datierte Brief des livländischen Landrats Gustav von Budberg an den sächsischen General Jakob Heinrich von Flemming sowie die am selben Tage ausgestellte Instruktion des livländischen Adels für Patkul beweisen, dass er die starke Unterstützung des Adels genoss14. Skeptischer ist in dieser Angelegenheit Reinhard Wittram, der – obwohl die genannte Instruktion mit dem Siegel des livländischen Adels versehen war – ausschließt, dass Patkul bei den Verhandlungen in Warschau die Vollmacht des gesamten Adels oder zumindest eines bedeutenden Teils des Adels inne gehabt haben könnte15. Jedoch unabhängig davon, in welchem Ausmaß Patkul auf Grund seiner Rolle in der Opposition der Livländer gegen die zentralisierenden Tendenzen der schwedischen Krone vom Adel bevollmächtigt war, sollte die „Kapi———————————— 14

15

Brief vom 28. Februar 1699, in: HERRMANN, Actenstücke (wie Anm. 7), S. 9 f.; SERAPHIM, Livländische Geschichte (wie Anm. 4), S. 500. WITTRAM, Patkul und der Ausbruch des Nordischen Krieges (wie Anm. 4), S. 223 ff.

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tulation“ als eine interessante, wenn auch ziemlich radikale Konzeption der Regelung des Status von Livland bei der eventuell erneuten Verbindung mit Polen-Litauen betrachtet werden. Wenn wir annehmen, dass Patkul tatsächlich den Text der „Kapitulation“ verfasst hat, sollte man überlegen, auf welchen Quellen, abgesehen von seinen Erlebnissen in Livland, seine Vorschläge beruhten. Ohne Zweifel war er sehr gut über die Geschichte Livlands und die Entwicklung der Verbindung dieses Landes mit der polnisch-litauischen Republik orientiert. Dass er sich dessen bewusst war, welche Bedeutung für die frühneuzeitliche Geschichte Livlands das Privilegium Sigismundi Augusti hatte, bewies er schon in den Verhandlungen mit dem schwedischen König 1690/91. Er hatte ein ausgezeichnetes Bild davon, welche strategische Bedeutung Livland seit dem 16. Jahrhundert für Polen-Litauen hatte. Er kannte auch die Geschichte der Belagerung Rigas durch Schweden im Jahr 1621 sowie alle mit diesem Ereignis verbundenen Kontroversen. Man kann sagen, dass die „Kapitulation“ auf sehr solidem historischem Wissen basierte. Patkul musste auch über die politischen und verfassungsrechtlichen Verhältnisse der polnisch-litauischen Republik am Ende oder – besser gesagt – in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gut Bescheid wissen. Das konnte sowohl Ergebnis seiner früheren Ausbildung als auch Folge der Kenntnisse und Erfahrungen sein, die er nach der Flucht aus Stockholm 1694 gewonnen hatte. Damals – obwohl dieser Zeitabschnitt seiner Biografie am schwächsten erforscht ist – weilte er ohne Zweifel auf dem Gebiet PolenLitauens, wie z.B. in Kurland, das ein Lehen der Republik war. Er trat wieder an der Jahreswende 1698/99 am Hofe von August II. dem Starken in Erscheinung, der sich zu diesem Zeitpunkt in Litauen aufhielt. Meiner Meinung nach ist die Sichtweise der „Kapitulation“ gerade aus dieser Perspektive – derjenigen der politischen und verfassungsrechtlichen Realien PolenLitauens – besonders interessant. Es geht jedoch nicht nur um generelle Feststellungen, wie z.B. um die sehr starke Position des Adels – im Gegensatz zur geringen Bedeutung der Städte im sozialen und verfassungsrechtlichen System der Adelsrepublik. Wichtiger waren vielleicht die Kenntnisse sowie Erfahrungen aus jenen livländischen Territorien, die längere Zeit in Verbindung mit Polen-Litauen blieben. Wie wir gesehen haben, war Patkul eindeutig gegen die Vereinigung aller alten livländischen Gebiete zu einer Gesamtheit. In PolnischLivland könnte ihn neben der starken Position der katholischen Kirche auch die bereits recht weit gediehene Integration dieser Provinz in den polnischlitauischen Staat gestört haben. Im Fall Kurlands dürfte ihn die monarchi-

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sche Stellung der Herzöge aus der Familie Kettler gestört haben. Die Kettlers äußerten von Beginn an, also seit der Gründung des Herzogtums 1561, den Anspruch, das ganze alte Livland in ihren Händen zu vereinigen16. Man kann jedoch vermuten, dass Patkul während seiner Aufenthalte auf dem Gebiet Kurlands in den 1690er Jahren tiefgehende Beobachtungen machte und aus der dortigen politischen Situation weitreichende Schlüsse zog. Selbst in einem verfassungsrechtlichen und politischen Streit in seiner Heimat engagiert, bemerkte er ohne Zweifel die von der Historiografie wenig erforschten, jedoch zu dieser Zeit ganz deutlichen Spannungen zwischen dem Herzog und dem Adel, sowohl dem kurländischen als auch jenem im Kreis Pilten. Ohne Zweifel war ihm auch die Sonderstellung des Kreises Pilten bekannt17. Als sich Patkul um die Wende 1693/94 zum ersten Mal in Erwahlen befand, äußerte Gouverneur Soop in einem Schreiben aus Riga an den schwedischen Residenten in Warschau Wachschlager die Überlegung, ob Patkul „dort Bey der Piltenschen Ritterschafft sich engagiret habe, oder noch engagiren werde“18. Um das Bild abzurunden, sollte man hinzufügen, dass die Zeit um die Mitte der 1690er Jahre eine Zeit der Spannungen zwischen Schweden und Kurland war, wofür die Streitigkeiten zwischen der Stadt Ri———————————— 16

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Auf diese Ansprüche wies auch die Titulatur der kurländischen Herzöge hin: „Von Gottes gnaden Wir Gotthardt in Lieflandt zue Churlandt undt Semigallien Herztzogk“. Hier zit. aus dem Privilegium Gotthardinum vom 25.6.1570, in: Kurland. Vom polnisch-litauischen Lehnsherzogtum zur russischen Provinz. Dokumente zur Verfassungsgeschichte 1561–1795, hg. v. Erwin OBERLÄNDER / Volker KELLER, Paderborn 2008, Nr. 4, S. 98– 103, hier S. 98. Mehr über die Situation im Kreis Pilten in der Regierungszeit des kurländischen Herzogs Friedrich Kasimirs bei Bogusław DYBAŚ, Na obrzeżach Rzeczypospolitej. Sejmik piltyński w latach 1617–1717 (z dziejów instytucji stanowej) [An der Peripherie der polnischlitauischen Republik. Der Piltener Landtag in den Jahren 1617–1717 (aus der Geschichte einer ständischen Institution)], Toruń 2004, S. 187–226; DERS., Die Union zwischen Kurland und Pilten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Das Herzogtum Kurland 1561–1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Bd. 2, hg. v. Erwin OBERLÄNDER, Lüneburg 2001, S. 105–146. Zu dem Status des ehemaligen Stifts Pilten im 16. und 17. Jahrhundert siehe DERS., Stift Pilten oder Kreis Pilten? Ein Beitrag zur konfessionellen Politik Polen-Litauens in Livland im 17. Jahrhundert, in: Konfessionelle Pluralität als Herausforderung. Koexistenz und Konflikt in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Winfried Eberhard zum 65. Geburtstag, hg. v. Joachim BAHLCKE / Karen LAMBRECHT / Hans-Christian MANER, Leipzig 2006, S. 507–520; DERS., Der Piltener Adel im 16. und 17. Jahrhundert. Die Entstehung einer Adelsnation (Skizze über die Piltener Privilegien), in: Das Leben auf dem Lande im Baltikum, hg. v. Jürgen HEYDE, Lüneburg 2012 (Baltische Seminare 16), S. 43–65. Der Brief veröffentlicht in: BUCHHOLTZ, Beiträge zur Lebensgeschichte Johann Reinhold Patkuls (wie Anm. 4), S. 196 f.

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ga und dem kurländischen und Piltener Adel den Hintergrund bildeten. Der Adel gründete an der Ostseeküste wilde Häfen, was das Hafenmonopol der Stadt an der Düna verletzte19. Vielleicht ist es eine zu weitreichende Hypothese, aber meiner Meinung nach kann man im Text der „Kapitulation“ aus dem August 1699 ganz deutliche Reminiszenzen an die Beobachtungen und Erfahrungen in Kurland und Pilten finden. Die Idee, der zufolge der Adel in einem Land fast ohne irgendwelche Beschränkungen regiert, ähnelt auffallend dem Status und der Position des Adels im Kreis Pilten. Die Einsetzung der Matrikel der adeligen Geschlechter erinnert hingegen an Kurland und die Funktionsweise der dortigen Ritterbank, wenn es um den Mechanismus der Gestaltung der dominierenden Position des Adels im Land geht. In Kurland führte die Tätigkeit der königlichen Kommission im Jahr 1617 zur Verleihung der Formula Regiminis, die die faktische Mitmacht des Adels im Herzogtum (gemeinsam mit dem Herzog) gestiftet hatte. Nach diesen Wandlungen darf man Kurland als „eine Adelsrepublik mit monarchischer Spitze“ betrachten20. Wenn wir die Situation in Kurland mit der Konzeption Patkuls für Livland vergleichen, können wir feststellen, dass in Kurland die Verstärkung der Position des Adels gewissermaßen auf Kosten des Herzogs stattfand, während sie in Livland auf Kosten der Stadt Riga erfolgen sollte. Die in der „Kapitulation“ formulierte Konzeption, Riga zu demütigen und ihm seine Privilegien zu entziehen, ist offenbar so schockierend, dass sie bislang die besondere Aufmerksamkeit der Historiker auf sich gezogen hat. Man darf den Grund dieser Angelegenheit selbstverständlich nicht nur auf die persönlichen Konflikte, die Patkul mit dem Magistrat von Riga hatte, reduzieren. Riga war einerseits einer der widerspenstigsten Faktoren in Livland, als dieses Land zu Polen-Litauen gehörte21, andererseits wurde seine wirtschaftliche Position im 17. Jahrhundert von Schweden unterstützt, und die Stadt wurde im Vergleich zu den anderen Ständen, vor allem dem Adel, ———————————— 19

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DYBAŚ, Na obrzeżach Rzeczypospolitej (wie Anm. 17), S. 219; mehr darüber bei Leo BERKHOLZ, Der Handelsvertrag von 1615 zwischen Kurland und Riga, in: Sitzungsberichte der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Russlands aus dem Jahre 1910, Riga 1911, S. 37–69, hier S. 46–59. Erwin OBERLÄNDER, Das Herzogtum Kurland 1561–1795, in: Regionen in der Frühen Neuzeit. Reichkreise im deutschen Raum, Provinzen in Frankreich, Regionen unter polnischer Oberhoheit: ein Vergleich ihrer Strukturen, Funktionen und ihrer Bedeutung, hg. v. Peter Claus HARTMANN, Berlin 1994 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 17), S. 193–207, hier S. 201. Anna ZIEMLEWSKA, Ryga w Rzeczypospolitej polsko-litewskiej (1581–1621) [Riga in der polnisch-litauischen Republik (1581–1621)], Toruń 2008.

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von den schwedischen Königen ganz deutlich favorisiert. In diesem Zusammenhang sollte man den Vorwurf, die Stadt habe 1621 Polen-Litauen verraten, wahrnehmen. Die wirtschaftliche Macht und die Monopole von Riga waren – wie wir schon gesehen haben – ein Stachel im Fleisch des livländischen Adels. Ihre Beschränkung sollte eine conditio sine qua non der Realisierung der von Patkul formulierten Idee des „adeligen Absolutismus“ (Reinhard Wittram) in Livland sein. Gänzlich offen bleibt die Frage, ob diese Idee überhaupt realisierbar war. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass man am Hof des polnischen Königs einen Krieg plante. In diesem Krieg war Riga, ein Schlüssel zu Livland, das erste und ohne Zweifel wichtigste Ziel. Im Falle eines offenkundigen militärischen Erfolgs hätten die Konzeptionen Patkuls Riga zu unterwerfen realistisch werden können. Die Stadt war – trotz ihrer Macht – nicht so stark und so unabhängig wie zum Beispiel Danzig (Gdańsk). Schon in der Vergangenheit, als Riga mit Polen-Litauen verbunden war, musste es ein paar Mal die Oberhoheit der polnischen Könige Stephan Báthory und Sigismund III. Wasa anerkennen. Abschließend können wir feststellen, dass die „Kapitulation“ vom 24. August 1699 eine sehr interessante Konzeption umfasst, Livland erneut in die polnisch-litauische Republik einzugliedern. Diese Konzeption basierte auf Tradition, Geschichte und auf der aktuellen Situation, wenn es um die Verbindungen der livländischen Gebiete mit Polen-Litauen geht. Es ging sowohl um die verfassungsrechtlichen Formen und Modelle als auch um die Mechanismen, diese einzusetzen. Im Vergleich zu der Situation im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die Konzeption von Patkul um die im Deutschen Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg herausgearbeiteten Regeln, auf welchen der Absolutismus der deutschen Fürsten basierte, ergänzt und dadurch gewissermaßen „modernisiert“, selbstverständlich im Fall Livlands in Bezug auf den Adel. Man sollte auch festhalten, dass der offizielle Tenor sehr deutlich auf die „parlamentarische Union“ Livlands mit PolenLitauen hinwies, auch wenn in den geheimen Punkten der „Kapitulation“ die Erbschaft der Wettiner Dynastie in Livland garantiert wurde. Die Landboten aus Livland sollten Mitglieder des polnisch-litauischen Reichstags (Sejm) werden. Diese Inkonsequenzen im Text der „Kapitulation“ darf man als verschiedene, von der Entwicklung der politischen und kriegerischen Situation abhängige Varianten zukünftig möglicher Lösungen interpretieren. Man musste in einem solchen Abkommen sowohl die Interessen des polnischen Königs als auch jene der Republik, die nicht immer gleich waren, berücksichtigen. Andererseits ähneln diese Inkonsequenzen gewissermaßen der Situation bei den Verhandlungen in Wilna im Jahre 1561, als ebenfalls die

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verschiedenen Varianten der Verbindung Livlands mit Polen und Litauen diskutiert wurden – entweder mit Polen oder mit Litauen; endgültig entschied man sich damals für die Unterwerfung unter den König, aber wir hatten in den nächsten Jahrzehnten – bis 1621 – mit der Umsetzung, abhängig von der politischen Situation, auch die andere Variante22. Analysieren wir den Inhalt der „Kapitulation“, können wir den Eindruck gewinnen, dass Patkul (und möglicherweise auch seine Verhandlungspartner) aus den verschiedenen, nicht immer zueinander passenden Elementen ziemlich frei eine Gesamtheit zu komponieren versucht hat. Diese Ganzheit hatte, worauf wir bereits hingewiesen haben, ihre historischen Voraussetzungen und ihren historischen Hintergrund, sie war keine utopische Idee. Sie war ein interessanter Versuch, das politische und verfassungsrechtliche System Polen-Litauens zu rezipieren und zu verstehen, um Livland diesem anzupassen. Die Konzeption Patkuls setzte die Gründung einer livländischen Adelsrepublik, also eines ständischen Gefüges, voraus. Da dies jedoch mit der Beschränkung der Rechte eines anderen Standes, des in Livland (anders als in Kurland und Polnisch-Livland) ziemlich einflussreichen Bürgertums verbunden sein sollte, scheint die Feststellung von Reinhard Wittram über den „adeligen Absolutismus“ begründet zu sein. Man kann vielleicht sagen, dass Patkuls Konzeption ein Versuch war, eine Synthese zwischen dem Ständestaat und dem absolutistischen Staat zu schaffen.

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Edward KUNTZE, Organizacja Inflant w czasach polskich [Die Verfassung Livlands in den polnischen Zeiten], in: Polska a Inflanty, hg. v. Józef BOROWIK, GDYNIA 1939 (Pamiętnik Instytutu Bałtyckiego 34, seria Baltikum 14), S. 1–53; Enn TARVEL, Stosunek prawnoustrojowy Inflant do Rzeczypospolitej oraz ich ustrój administracyjny w l. 1561–1621 [Das verfassungsrechtliche Verhältnis Livlands zu Polen-Litauen sowie seine administrative Verfassung], in: Zapiski Historyczne 34 (1969), Nr. 1, S. 49–77.

Mati Laur

Generalgouverneur George von Browne und die „gute Policey“ in Livland in den 1760er Jahren Die durch ihre Vielseitigkeit gekennzeichnete Politik des russischen Staates in den baltischen Provinzen zu Beginn der Regierungszeit Katharinas II. (1762–1796) ist von mehreren Generationen von Historikern untersucht worden1. Diese Epoche wurde im Allgemeinen als ein Konflikt zwischen der auf dem aufgeklärten Absolutismus beruhenden Unifizierungspolitik und den Bestrebungen der deutschbaltischen Ritterschaften sowie der städtischen Oberschicht, den Status quo zu erhalten, betrachtet. Die Provinzialbehörden mit den Generalgouverneuren an der Spitze wurden in den Abhandlungen dabei je nach den Umständen entweder als Vertreter der Interessen der Zentralmacht oder als Protektoren der Ständegesellschaft angesehen. In den meisten Fällen war dies angemessen. Die Aufgabe des Generalgouverneurs und der von ihm geleiteten Behörde bestand aus der doppelten Anforderung ————————————

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Die Abfassung des Beitrages wurde ermöglicht durch die Wissenschaftsförderung der Republik Estland SF0180006s11 und ETF 9164. Julius ECKARDT, Livland im 18. Jahrhundert, Bd. 1, Leipzig 1876; Hasso VON WEDEL, Die estländische Ritterschaft vornehmlich zwischen 1710 und 1783, Königsberg / Berlin 1935 (Osteuropäische Forschungen N.F. 18); Georg SACKE, Livländische Politik Katharinas II., in: Quellen und Forschungen zur Baltischen Geschichte 5, Riga / Posen 1944, S. 26–72; Janis ZUTIS, Ostzejskij vopros v XVIII veke [Die baltische Frage im 18. Jahrhundert], Riga 1946; Edgars DUNSDORFS, Latvijas vēsture 1710–1800 [Geschichte Lettlands 1710–1800], Stockholm 1973; Hubertus NEUSCHÄFFER, Katharina II. und die baltischen Provinzen, Hannover-Döhren 1975 (Beiträge zur baltischen Geschichte 2); OttoHeinrich ELIAS, Reval in der Reformpolitik Katharinas II. Die Statthalterschaftszeit 1783– 1796, Bonn-Bad Godesberg 1978 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 3); Mati LAUR, Eesti ala valitsemine 18. sajandil (1710–1783) [Die Verwaltung des estnischen Gebiets im 18. Jahrhundert (1710–1783)], Tartu 2000; DERS., Die Verortung des Baltikums im Russischen Imperium zu Beginn der Regierungszeit Katharinas II., in: Estland und Russland. Aspekte der Beziehungen beider Länder, hg. v. Olaf MERTELSMANN, Hamburg 2005 (Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa 11), S. 31–52; DERS., Der aufgeklärte Absolutismus der Kaiserin Katharina II. im Baltikum, in: Narva und die Ostseeregion. Beiträge der II. Internationalen Konferenz über die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Russland und der Ostseeregion (Narva, 1.–3. Mai 2003), hg. v. Karsten BRÜGGEMANN, Narva 2004 (Studia humaniora et paedagogica Collegii Narovensis 1), S. 185–191; Ralph TUCHTENHAGEN, Zentralstaat und Provinz im frühneuzeitlichen Nordosteuropa, Wiesbaden 2008 (Veröffentlichungen des Nordost-Instituts 5).

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Mati Laur

der Wahrung der Interessen des Zentralstaates wie der Provinzialstände2. Daneben ist die selbstständige Tätigkeit der Provinzialbehörden bei der Verwaltung der Gouvernements besonders im 18. Jahrhundert nur wenig beachtet worden. Fast als einzige Ausnahme gilt der livländische Generalgouverneur George von Browne (1698–1792), dessen Anordnungen in erster Linie in Verbindung mit den Propositionen für den livländischen Landtag vom Jahre 1765, die den Anstoß zum Prozess der Bauernbefreiung in den Ostseeprovinzen gaben, eingehender behandelt worden sind3. Auch für diese Regelungen bieten sich neue Auslegungsmöglichkeiten an, wenn man sie in einem breiteren zeitlichen Kontext zusammen mit den anderen vom Generalgouverneur ausgestellten, das gesellschaftliche Leben im Sinne der „guten Policey“4 regulierenden Patenten betrachtet. Zum Generalgouverneur von Riga wurde George von Browne noch von Kaiser Peter III. am 5. März 1762 ernannt5. Browne, der 1698 in einer katholischen irischen Adelsfamilie geboren worden war, machte wie viele seiner Landsleute Karriere in Kontinentaleuropa. Er trat im Jahre 1725 zunächst in den Dienst des Kurfürsten von der Pfalz. Im Jahre 1731 folgte Browne einer Einladung des Schotten James Keith, der von der russischen Kaiserin Anna mit der Formierung des neuen Garderegiments beauftragt ———————————— 2

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TUCHTENHAGEN, Zentralstaat (wie Anm. 1), S. 71. Eine Übersicht über die Struktur und Tätigkeit der Provinzialbehörden in den balt