Die anthroposophische Bewegung und ihr Prophet (Dr. Rudolf Steiner)

Einer der Gründe für die Absplitterung der Anthroposophischen Bewegung Steiners von der Theosophischen Gesellschaft war,

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German Pages 58 [61] Year 1921

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Die anthroposophische Bewegung und ihr Prophet (Dr. Rudolf Steiner)

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Zweite, vermehrte Auflage«

Verlag von Karl Rohm in Lorch (Württ.)

Die

Anthroposophische Bewegung und

ihr Prophet. Von Max Seiling.

Zweite, stark vermehrte Auflage.

t Lorch (Württemberg). Verlag vo» Karl Rohm.

1921.

A l l e Rechte v o r b e h a l t e n .

Druck der Verlags- und Sandeldruckeret G. m. b. do. Lorch (Württemberg).

Vorwort zur zweiten Auflage. Nach dem erstmaligen Erscheinen dieser Schrift wurden alsbald Stimme« laut, die eine Widerlegung der in ihr enthaltenen Anklagen forderten, widrigenfalls das Ansehen Steiners untergraben sei. So schrieb z. B« Pastor G. Faßmer in Nr. 7 von „Kirche und Schule" 1919 (Beilage zum „Reichsboten"), nachdem er hervorgehoben, daß ein Geist großer Nüchternheit aus der Schrift entgegenwehe: „Wenn auch nur der zehnte Teil der erhobenen Anschuldigungen auf Wahrheit beruht, wäre es nicht schon genug, den Nimbus dieser Persönlichkeit zu zerstören und eine gründ« licht Ernüchterung bei denen, die ihr bisher geneigt gewesen sind, hervorzurufen? Sicherlich ist'S nötig, von dem in SeilingS Schrift vorliegenden Material genaue Kenntnis zu nehmen, anstatt nur auf die Lockstimmen derer zu achten, die ganz oder halb auf Steiners Seite stehen. Wie finden die Parteigänger des Anthroposophen mit dem von Seiling gegen ihn geführten wuchtigen Streichen sich ab? . . . Schreiber dieses will auch mit der Feder keineswegs sich einer Verletzung des achten Gebotes schuldig machen. Er bittet vielmehr offen um eine Widerlegung des Gesagten, wenn anders eine solche Widerlegung mit vollen, lichten Wahrheitsgründen möglich ist." Von einer solch sachlichen Widerlegung ist mir nun nichts bekannt geworden, sondern nur von einem, in Nr. 14 der im Zeichen Steiners stehenden Zeitschrift „Dreigliederung des Sozialen Organismus" erschienenen übel riechenden Ausfall, der mir indessen vom Verfasser (E. Uehli), einem der fanatischesten Anthroposophen, nicht zugesandt wurde, sondern mich auf einem Umweg erreicht hat. Mein Freund Dr. M. G. Conrad schreibt mir hierüber das Folgende: „Es war mir belehrend, diese unflätige Schimpfiade mit der raffinierten Afterdialektik, des abgefeimtesten Talmudisten würdig, leibhaftig vor Augen zu haben. Das also ist die geistige Atmosphäre um Dr. Steiner! — Es ist ein elendes Abwehrmittel, mit „Apostat" um sich zu werfen und voll UeberHebung mit sich selbst groß zu tun, sowie aller ehrlichen Kämpfersitte abtrünnig zu werden in dem Augenblick, wo man sich durch den Gegner

4 — scharf gepackt fühlt. Hier ist der Punkt, wo mit Lug und Trug, Haß und Zorn absolut nichts mehr auezurichten ist. Ist der im Besitz der Wahrheit, der so der Wahrhaftigkeit mit seinem giftigen Gerede inö Geficht speit? Muß da nicht jeder einfache Zuschauer und Zuhörer stutzig werden?!" Nicht minder, wenn auch in anderer Art, bezeichnend ist der Inhalt der zwei einzigen Zuschriften, die ich aus dem Lager der Anthroposophen erhalten habe. Die Schreiber sind dermaßen geblendet, daß sie durch die von mir festgestellten Tatfachen nicht nur nicht irre gemacht worden sind, fondern sich durch meine Schrift in ihrem anthropofophifchen Streben vielmehr „bestärkt" fühlen. Die von Steiner ausgehende, erschreckend große suggestive Macht, wie sie hier zutage tritt, an der Hand eines treffenden Bildes darzulun, ist kaum möglich, da das beste derartige Bild von Schopenhauer für einen viel gelinderen Fall bereits in Anspruch genommen ist. In der Vorrede zu feiner Schrift „Ueber die Freiheit des menschlichen Willens" bringt er nämlich aus dem Criticon des Spaniers Gracian die von ihm überfetzte Geschichte von zwei Reisenden, die irgendwo auf einer Bretterbühne einen tüchtigen Schwadroneur erblicken, dem es gelingt, die gaffenoe Menge dahinzubringen, einen Esel für den Adler deö Jupiter zu halten. Es lohnt sich sehr, die lang ansgefponnene köstliche Geschichte bei Schopenhauer nachzulesen. Aus nichtanthroposophischen Kreisen habe ich hingegen mehrere Zuschriften erhalten, deren Verfasser einstimmig ihre Befriedigung über die Entlarvung des falschen Propheten ausfprechen und diesen zum Teil noch viel geringer bewerten, als man aus meiner Darstellung schließen kann, so daß der sonst sich sehr maßvoll gebende holländische Gelehrte Dr. de Jong durchaus nicht allein dasteht, wenn er in seinem Buche „DaS antike Mysterienwesen" (Verlag Brill, Leiden in Holland) S. 241 sagt: „Dr. Steiner — ein Schwindler wie keiner". Ein Schweizer Gelehrter schreibt zudem: „Als guter Schweizer muß ich mich schämen, daß unsere Behörden ihn hier ungestört sein Wesen treiben lassen; ist es doch dem schweizerischen diametral entgegengesetzt, voller Lug und Trug". Derartige Aeußerungen mehren sich auch in der Oeffentlichtest. So wurde im Schweizerischen Evangelischen Schulblatt (1920, Nr. 26 und 27) in einem „Ein falscher Prophet" überschrieben«» Artikel gegen die Theosophie als ein „fremdes, unschweizerisches Gift" protestiert; ähnlich auch in der Neuen Berner Zeitung vom 25. Sept. 1920. Pfarrer M. Kully wiederum sagt in seiner schneidigen Schrift „DaS GeheimniS des Tempels von Dornach" (Verlag deö Baöler Volksblattes):

„Wir weisen aus schweizerisch-patriotischen Gründen die theosophische Lehre zurück .... Von Anfang an haben wir die theosophische Gründung als ein Landesunglück, nicht allein nach der ethisch-religiösen Seite, sondern auch nach der wirtschaftlichen Seite betrachtet". In Dornach hat sogar eine zahlreich besuchte Protestversammlung der Katholiken der anliegenden Gemeinden stattgefunden, in welcher festgestellt wurde, daß in der einheimischen Bevölkerung — abgesehen von jenen, welche mit den Theosophen in geschäftlicher Beziehung stehen — allgemeine Erbitterung herrsche. — Die Vermehrung dieser neuen Auflage meiner Schrift bezieht sich auf «ine Reihe kleinerer, jedoch wichtiger Zusätze, hauptsächlich aber auf die Beleuchtung der von Steiner neuerdings gespielten Rolle des Sozialpolitikers. Speyer, im Herbst 1920. Max Seiling.

Bekämpfe bat Böse, namentlich aber ba, wo eS deinem Mitmenschen schadet. Solovjeff.

te anthroposophische Bewegung ist aus der theosophischen hervorgegangen. Aeußerlich genommen, hat die Trennung sich dadurch vollzogen, daß der von Dr. Rudolf Steiner geleiteten deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft die Zugehörigkeit zu dieser vor einigen Jahren gekündigt wurde. Was zu diesem Ausschluß geführt hat, war neben Eifersüchteleien die große Verschiedenheit in der Auffassung vom Wesett des Stifters der christlichen Religion. Während Steiner in Christus wenn auch nicht den biblischen Gottmenschen, so doch eine göttliche Wesenheit sieht, die nur das eine Mal in Fleischesgestalt auf der Erde erschienen ist, hat Frau Besant, die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, die Lehre der Frau Blavatsky übernommen, nach welcher der historische Jesus etwa hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung als Jeschu ben Pandira gelebt haben und nur ein großer Eingeweihter wie MoseS, Buddha u. a. gewesen sein soll. Vom baldigen Wiederkommen dieses Eingeweihten überzeugt, hat Frau Besaut den „Orden des Sterns im Osten" gegründet, der dem neuen Messias die Wege bereiten soll. Ja, sie glaubte diesen in der Person eines 14-jährigen Inders, den sie Alkyone taufte und nach England schleppte, bereits gefunden zu haben. Ein näheres Eingehen auf die ganze, mit einem Prozeß endigende Farce lohnt nicht der Mühe. Dagegen ist eS sehr bemerkenswert, daß zwei theofophische Führer hinsichtlich des wichtigsten Ereignisses der ganzen Weltgeschichte, des Erscheinens Christi auf Erden, in ihren Auffassungen so weit auseinandergehen können. Wie sollte man da Vertrauen zu diesen Führern oder zu den Quellen haben, aus denen das theofophische, über allem anderen Wissen stehende „Urwissen" angeblich fließt! Diese Quellen sind die unmittelbare, auf der Ausbildung okkulter Erkennrnisorgane beruhende Wahrnehmung in der geistigen Welt, das Lesen in der sog. Akasha-Chronik und der Verkehr mit höheren geistigen Wesenheiten. Für das ChristusEreignis kommt, da historische Dokumente zur theosophischen Forschung



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vorgeblich nicht benutzt werden, namentlich das Lesen in der Akafha-Chronik in Betracht. Diese ist die Gesamtheit der unvergänglichen Spuren, die alle irdischen Geschehnisse in der geistigen Welt hinterlassen. Wie sollte nun, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, Jesus Christus in dieser Chronik nicht entdeckt und statt seiner nur der verhältnismäßig belanglose Jeschu ben Pandira gesunden werden können? Ist dieser noch wenig bekannte Sachverhalt allein schon geeignet, der Geheimforscherin Annie Sefant alles und jedes Vertrauen zu versagen, so hat C. Schlesinger in der Schrift „Moderne Theosophie und altes Christentum" (Hamm 1914) auch allerhand andere Gründe angegeben, aus denen diese redegewandte Frau, gleichwie H. P. Blavatsky, als Vertrauensperson nicht gelten kann. Wie steht es nun aber mit Steiner? Kann er Anspruch aus das unbedingte Vertrauen machen, das er selbst fordert, wenn et z. B. in ferner Zeitschrift „Lucifer" (Nr. 33, S. 616) sagt: „. . . . Man kann daraus ermessen, wie groß das Vertrauen in den „Guru" (Führer) sein muß in jeder Geheimschulung, welche dieses Namens wirklich wert ist?" Der Beantwortung dieser Frage sollen die folgenden Darlegungen gelten. Hat Schlesinger es für nötig gehalten, die Vertrauensfrage hinsichtlich der beiden genannten Theofophinnen zu stellen und eingehend zu beantworten, so scheint mir dies auch inbezng auf Steiner nicht überflüssig zu sein, obschon er vor jenen Frauen manches voraus hat, was geeignet ist, ihm Anhänger zu gewinnen, wie denn seine Gemeinde schon jetzt mehrere Tausend Mitglieder zählt, die zum Teil auch außerhalb des deutschen Sprachgebietes, namentlich in Holland, in der Schweiz und Skandinavien, wohnen. Eine Untersuchung des Falles Steiner, mit dem die Anthroposophische Bewegung steht und fällt, ist gegenwärtig aber auch deshalb geboten, weil das „metaphysische Bedürfnis" infolge des Krieges sehr gewachsen und damit die Frage nahe gelegt ist, welche Befriedigung «6 innerhalb der genannten Bewegung finden, oder ob eS dabei etwa gar zu Schaden kommen kann.

B

unächst spricht es für Steiner, daß er der von ihm vertretenen Lehre, die, abgesehen von der Stellung zum Christentum, mit der Theofophie im wesentlichen übereinstimmt, den bescheidener klingenden, übrigens nicht neuen Namen „Anthropofophie* gab. Sodann ist er im Gegensatz zu anderen theosophischen Führern ein aus abendländischem Boden stehender Mann der Wissenschaft, der ein reiches Wissen besitzt und sich namentlich auf philosophischem Gebiete in einer Weise hervorgetan hat, daß sein Eintreten für die Theofophie die Aufmerksamkeit auf diese bedeutend erhöhen mußte. Mögen seine trkenntniötheoretischen Schriften („Goethes Erkennt'



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nistheorie" und .Wahrheit und Wissenschaft"), sowie seine „Philosophie der Freiheit" noch so anfechtbar sein,") sein Werk „Die Rätsel der Philosophie", das einen Ueberblick über daS philosophische Denken seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. (beginnend mit Pherekydes und ThaleS) gibt, bedeutet eine Tat insofern, als e6 keine gewöhnliche Geschichte der Philosophie ist, sondern eine Darstellung des Entwicklungsvorganges der philosophischen Fragen liefern will. Ferner sei erwähnt, daß Steiner sich als Goethe-Forscher hervorgetan hat.

Wie konnte nun ein auf streng wissenschaftlichem Boden stehender Mann Theosoph werden? Wenn eS auch unwissenschaftlich ist, die Möglichkeit theosophischer Erkenntnisse von vornherein zu bestreiten, so wird doch der typische Vertreter der Wissenschaft theofophische Forschungsergebnisse so lange ablehnen, bis er etwa selbst in den Besitz okkulter Erkenntnisfähigkeit gekommen ist. In diesem Besitz behauptet nun Steiner nicht nur zu sein, sondern er glaubt auch eine Brücke zwischen der gewöhnlichen Wissenschaft und der „Geisteswissenschaft", wie er die Anthropofophie auch nennt, geschlagen zu haben. „Geisteswissenschaft" hat also, nebenbei be» merkt, nichts mit dem zu tun, was man sonst unter Geisteswissenschafte» versteht, sondern sie ist das Wissen über die als real wahrnehmbar behauptete geistige Welt. Die Brücke zwischen der gewöhnlichen und der Geisteswissenschaft schlägt Steiner in dem „Anthroposophie" über« schriebenen Schlußkapitel seines Buches „Die Rätsel der Philosophie." Die Entwicklung des philosophischen Denkens sei einen Weg gegangen, der in die Geisteswissenschaft einmünde, ohne noch eigentlich beschriften worden zu sein. Ins Auge gefaßt worden sei das Ziel namentlich von Fichte und Schelling. Es handle sich um den Uebergang vom gewöhnlichen Bewußtsein zu einem solchen, in dem die Seele, in der geistigen Welt stehend, sich klar erlebt. Erreicht werde dies durch eine Jnnenarbeit, die in der unbegrenzten Steigerung von Seelenfähigkeiten besteht, die auch das gewöhnliche Bewußtsein kennt, die eS aber in solcher Steigerung nicht anwendet. Nähere Anweisungen für die Erlangung des übersinnlichen, des *) Siehe namentlich die von Arthur DrewS in der „Gegenwart" (1894, Nr. 17) veröffentlichte Besprechung des BucheS. Auch von Ed. v. Hartmann wurde es in einem Briefe an den Verfasser abgelehnt. Daß Steiner dies in der Zeitschrift „Das Reich" (2. Jahrg., S. 224) selbst mitteilt, ist sehr merkwürdig, da die Eigenschaft des großen Charakters, gegen sich selbst Stellung zu nehmen, sonst bei ihm nicht hervortritt. Vergl. ferner Fr. Traub, „R. Steiner als Philosoph und Theosoph" (Tübingen 1919), in welch vorzüglicher Schrift Steiner mit seltener Objektivität nach beiden Richtungen hin betrachtet und — abgelehnt wird. Dem Philosophen wird insbesondere Mangel an begrifflicher Klarheit und ein Hang, alles durcheinander zu wirren, nachgewiesen.



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„schauenden" Bewußtseins enthält Steiners Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?" (Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Berlin W., Motzstr. 17). Einen großen Vorzug vor den Vertretern der morgenländischen Theosophie besitzt Steiner ferner infolge seiner positiven Stellung zum biblischen Christentum. Muß O. Zimmermann (S. I.) am Schlüsse seiner AbHandlung „Die neue Theosophie" („Stimmen aus Maria Laach" 1910, S. 387 ff.) trotz seiner ablehnenden Haltung zugeben, daß die Theosophie nicht ohne Grund beanspruche, „eine umfassende Weltansicht, eine Art Philosophie zu sein", so gilt dies im Hinblick auf jene, damals noch wenig bekannte Stellungnahme Steiners in erhöhtem Maße. In zweifacher Hinsicht weicht Steiners Christus-Auffassung von der dogmatischen Lehre freilich ab. Er will nämlich in der Akafha-Chronik gefunden haben, daß Christus und Jesus zwei verschiedene Wesenheiten sind. Christus habe nur drei Jahre — von der Taufe bis zur Gefangennahme — im Leibe des Jesus gewohnt. Der Vorgang bei der Taufe sei ein förmlicher Persönlichkeitswechsel gewesen: das die Persönlichkeit Jesu ausmachende Ich (die Seele) trat auö dem Leibe und zog sich in die geistige Welt zurück, um der geistigen Wesenheit Christi Platz zu machen. Bei der Gefangennahme habe diese den Leib zum größten Teil« wieder verlassen, was bei Mc. 14, 51—52 durch den nackt davon eilenden Jüngling symbolisch zum Ausdruck komme; darauf seien die Worte des Gekreuzigten „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" zu beziehen. — Das andere Resultat von Steiners GeHeimforschung — und damit ist deren Unfehlbarkeit allerdings noch mehr gefährdet — besteht darin, daß Mt. und Lc. zwei verschiedene Jesuskinder schildern, die im 12. Jahre gelegentlich der Szene im Tempel auf geheimniSvolle Weise zu einer einzigen Persönlichkeit vereinigt worden seien: die eine Seele, der wiedergeborene Krishna der Bhagavad-Gita, habe ihren Leib verlassen und sich in die geistige Welt zurückgezogen, während die andere, der wiedergeborene Zarathustra (der Jesus des Mt.) in diesen Leib übergetreten sei, was den Tod des von ihm vorher bewohnten Leibes zur Folge gehabt habe.

Die vielen Fragen, die sich an diese ungeheuerlich erscheinende Lehre anknüpfen lassen, habe ich in der Schrift „Wer war Christus?" (C. Kühn, München) im Sinne Steiners zu beantworten versucht, weil dieser in seiner „Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit" (Phil.-Anthr. Verlag, Berlin), wo er zum erstenmale öffentlich davon spricht, sich so kurz und ungeschickt faßt, daß man es dem Leser nicht verübeln kann, wenn er, wie es sich auch gezeigt hat, über die mit dieser neuen Lehre



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gegebene Zumutung empört ist.") Ueber diese drei Wesenheiten (Christus und die beiden Jesusknaben) und deren Vorgeschichte, ihr bis in die urältesten Zeiten zurückgehendes Eingreifen in die Menschheitsentwicklung von der geistigen Welt aus. hat Steiner in internen Vorträgen die allermerkwürdigsten Mitteilungen gemacht, die er unter keiner geringeren Bezeichnunz als der des „5. Evangeliums" zusammenfaßt. Ob die Verkündigung des 5. Evangeliums zugunsten Steiners spricht, lasse ich vorerst noch dahingestellt; ich bemerke nur noch, daß er der Toppellehre von Reinkarnativn und Karma, die bekanntlich einen der Grundpfeiler der Theosophie bildet, eine christliche Färbung gegeben hat. Während der Buddhist nach baldigster Befreiung vom Wiedergeborenwerden strebt, um in das Nirwana, eingehen zu können, könne der Christ nicht oft genug wiederkommen, um sich höher zu entwickeln, das Leben immer reicher zu gestalten und in das unerschöpfliche Christus-Mysterium immer tiefer einzudringen. Karma wiederum sei mit dem ehrwürdigen Begriffe der Gnade nicht unvereinbar. Hat Christus durch die Liebestat seines Kreuzestodes dem Karma der ganzen Menschheit eine andere Richtung gegeben, so könne er als der „Herr des Karma" auch dem Einzelnen Gnade zuteil werden lassen, wie dies z. B. die Heilung des Blindgeborenen (Joh. 9, 1-7) zeige, insofern dessen Gebrechen karmischer Natur gewesen sei. *) Hier habe ich zu bekennen, daß ich, angezogen von der theosophischen Lehre, 8 Jahre lang Mitglied der Theosophischen, bezw. Anthroposophischen Gesellschaft war und, unter der suggestiven Macht Steiners stehend, meine ChristusSchrift verfaßt habe; daß aber mein allmählich wieder erwachendes kritisches Verhalten mich schließlich zur gänzlichen Lossagung vom neuen Propheten und seiner Gemeinde geführt hat. Daß die Sache Steiners unter Umständen im besten Lichte gesehen werden kann, beweist z. B. Pfarrer Dr. Rittelmeyer, wenn er von dem in Dornach bei Basel gelegenen, nach Angaben Steiners gebauten „Johannesbau" den Eindruck „vorbildlicher Reinheit seiner ganz in den Dienst Christi als Mittelpunkt des Weltgeschehens gestellten Wirksamkeit" erhielt, und es außer Frage stellt, daß „hier mit großer innerer Kraft und reinem Wollen etwas Gutes und Göttliches erstrebt" werde. („Christentum und Gegenwart" 1915, Nr. 10.) Ferner ist es vielleicht beachtenswert, daß sich unter den Mitgliedern der SteinerGemeinde sogar mehrere protestantische Geistliche befinden, von denen einer (Heisler) geradezu als anthroposophischer Agitator bezeichnet werden muß. Was besonders anziehend wirkt, ist das von Steiner wohl nicht ohne Absicht stark betonte Prinzip der Positivttät: man solle an allem und jedem nur das Gute sehen und auf sich wirken lassen, weil die Welt nur dadurch vorwärts gebracht werden könne. Auf diesem Standpunkt stehend, läßt man sich nicht leicht beirren, und wenn man an der Anthroposophischen Bewegung noch so viel Nichtgutes bemerken sollte.



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CTV Steiner die Rolle eines Menschheitsführers spielt und dem Leser sogar als Verfasser des „5. Evangeliums" vorgestellt werden konnte, ist es klar, daß er den denkbar höchsten Ansprüchen auf Vertrauen bezüglich seines Charakters, seiner Wissenschaftlichkeit und seiner okkulten Fähigfeiten muß genügen können. Was zunächst die keineswegs gleichgiltige äußere Erscheinung betrifft (ist doch, wie Goethe sagt, die Gestalt des Menschen der Text zu allem, was sich über ihn sagen und empfinden läßt), so ist sie nach dem Empfinden vieler leider das gerade Gegenteil von dem, was man von einem zu einer so hohen Mission berufenen Manne erwartet. Diese Erwartung wird z. B. beim russischen ReligionSphilosophen Solovjeff erfüllt, dessen Bild dem 1. Bande seiner „Ausgewählten Werke" (Verlag Eugen Diederichs in Jena) beigegeben ist. Einer seiner Zuhörer, der spätere Professor Zdziechowöki, schreibt: „In dem ChristuS-Antlih des Forschers, in der vom Fasten entkräfteten Gestalt, in den Augen, die nicht das Gesicht des Hörers suchten, sondern in die geheimnisvolle Ferne des Ideals gerichtet waren, lag etwas Metaphysisches. Er schien ein Gast aus einer anderen Welt zu sein, der sich unter di« ihn so wenig verstehenden Menschen verirrt hatte". Wie anders Steiner! So stellt man sich — dieser Vergleich ist schon öfter, zuletzt in den „Psych. Studien" (1917, S. 320) gezogen worden — etwa Cagliostro vor. Auf manche Menschen macht er einen so kalten und unheimlichen Eindruck, daß sie sich ihm um keinen Preis nähern möchten. Dies ist mir sogar von einem Mitglied seiner Gesellschaft bekannt. Als Redner, zumal als das Ende schwer findender Dauerredner, ist er wegen seiner Posen, seiner Gesten und seines Schreiens für viele ungenießbar. Mag das schauspielerische Talent, auch abgesehen vom Berufe, unter Umständen ein Vorzug sein, — für den Menschheitsführer ist es zum mindesten entbehrlich. Nun ist aber Steiner ein Schauspieler ersten Ranges. Ihn in dieser Weise kennen zu lernen, hatte ich reichlich Gelegenheit, da ich bei den vier von ihm verfaßten und geleiteten Mysterienspielen als Darsteller mitgewirkt habe. Er hat bei den Proben nicht nur vielfach vorgespielt, sondern auch die Rollen abwesender Darsteller übernommen und mit sichtlichem Behagen durchgeführt. Nun einige Angaben über Steiners Lebensgang. Geboren ist er 1861 im ungarischen Ort Kraljevic als Sohn eines Eisenbahnbeamten. Die Nationalität Steiners läßt sich zuverlässig nicht feststellen. Dies ist das bemerkenswerte Ergebnis eingehender Nachforschungen, die der Herausgeber des „Leuchtturm", (K. Rohm, Lorch in Württemberg), angestellt und hierüber im 1. „Scheinwerferbrief des Leuchttürmers" unter der Ueberfchrift „Ist Dr. Rudolf Steiner ein Jude?" ausführlich berichtet hat. Daraufhin ist vom Leiter der Zeitschrift „Dreigliederung" lediglich ganz



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beispiellos geschimpft worden, während Steiner selbst in Nr. 62 dieser Zeitschrift das Wort ergreift, um eine wichtige, von Rohm festgestellte Tatsache ins Gegenteil zu verkehren, so daß das Rätsel nach wie vor ungelöst bleibt (f. den „Leuchtturm" vom Juni 1920). Daß in seinen Adern jüdisches Blut fließt, ist nicht unwahrscheinlich; wenigstens steht er im Semi-Kürschner und läßt in seinen Gedankengang nicht selten talmudische Spitzfindigkeiten einstießen. Verdächtig ist auch seine undeutsche Sprech­ weise, sowie daß er in dem von ihm 1897—1900 herausgegebenen „Magazin für die Literatur des In- und Auslandes" einmal schreibt: „Es ist doch einerlei, ob jemand Jude oder Germane ist; finde ich ihn nett, so mag ich ihn; ist er ekelhaft, so meide ich ihn". Daß Steiner seinen katholischen Taufschein in der Tasche tragen soll, ist ganz belanglos, da es sich bei der Judenfrage viel weniger um die Religion, als um die Rasse handelt. — Wie er selbst einmal erzählt hat, ist er in einer religiös gleichgültigen Umgebung aufgewachsen. Dieser letztere Umstand ist deshalb von besonderem Interesse, weil Steiner in einem Vortrag über die Mission der Andacht gesagt hat: Wer in der Jugend die Hände nicht gefaltet hat, könne im Alter nicht segnen. Wie sollte er, der im „esoterischen" Kreis seiner Anhänger Miene dazu macht, es da können? Vom zehnten Lebensjähre an besuchte er eine Realschule, studierte später am Wiener Polytech» nikum, wandte sich dann den GeisteSwissenschasten zu und erlangte in Rostock den philosophischen Doktorgrad mit einer Abhandlung über „Die Grundfrage der Erkenntnistheorie". Um im Goethe-Archiv zu arbeiten, lebte er einige Jahre in Weimar. Dort trat er auch Nietzsches Schwester nahe; bald aber überwarf er sich mit ihr, da er sich im Nietzsche-Archiv unmöglich gemacht hatte. Nachdem er zur Theosophie übergegangen (1902), schlug er seinen Wohnsitz in Berlin auf, von wo er zahlreiche VortragSreisen nach vielen Orten Deutschlands und des benachbarten Auslandes unternahm. In der zweiten Hälfte seines Lebens haben die Frauen eine so große Rolle gespielt, daß ihm der Beiname „Weiberherzog" angehängt worden ist. Er hat (im Gegensatz zu den andern Freimaurern) die Frau dem Manne völlig gleichgestellt; er ist von einem weiblichen Stab umgeben und übt trotz seiner etwas femininen Natur eine große AnziehungSkraft auf das weibliche Geschlecht aus. Dies wurde gelegentlich seiner zweiten Heirat (die erste Ehe soll gerichtlich geschieden worden sein) sozusagen offiziell verkündet. Als Grund dieser, noch 1915 vollzogenen Heirat mit seiner langjährigen Freundin^) und Mitarbeiterin, Fräulein M. von *) Diese Freundschaft soll, wie die „Theosophische Rundschau" (Beiblatt der „Theosophie", 8. Jahrgang, Heft 1—3) wissen will, schon zur Zeit der ersten Ehe Steiners bestanden und eine ungewöhnliche Rolle gespielt haben.



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SiverS, wurde nämlich im Münchner Zweig angegeben, er habe eine »Frau zum Reinemachen" nötig gehabt (!). Diese zweite Heirat war für alle höher Denkenden eine große Enttäuschung, weil sie sich mit der von Steiner eingenommenen, weiter unten noch deutlicher hervortretenden Stellung schwer verträgt. Angesichts dieser Stellung ist er eben keine Privatperson, die, wie blindgläubige Anhänger meinen, tun und lassen kann, was sie will. Was Steiners Charakter anlangt, so ist er nichts weniger als unanfechtbar. Man wende nicht ein, daß die Lehre trotzdem großartig und wahr sein könne, wie denn Lehre und Leben bei Philosophen sehr oft nicht harmonieren. Steiner ist jedoch nicht nur Philosoph, sondern auch theosophischer Hellseher. Bei einem solchen lassen sich aber Sache und Person nicht ganz trennen, weil die Richtigkeit jener abhängig ist von bestimmten Eigenschaften dieser, zu denen neben den hellseherischen Fähigkeiten namentlich auch Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit gehören. Wenn ich nun behaupte, daß Steiner diese Eigenschaften in genügendem Maße nicht besitzt, so will ich ihn nicht richten und verurteilen, sondern eben nur feststellen, daß er das nötige Vertrauen zu seinen Offenbarungen nicht beansprachen kann. Diese schwerwiegende Behauptung glaube ich in den „Psychischen Studien" (1917, Januar und Februar) auf 12 Seiten ge­ nügend begründet zu haben, weshalb ich hier nur die wichtigsten Punkte meiner dortigen Beweisführung wiedergebe.

CS-jm Vorwort zu dem in 2. Auflage erschienenen Schriftchen Steiners . Mutze.)

Diese

Protestschrift enthalt u. a. eine ausführliche Darstellung von Goethes Beziehungen zum Okkultismus.

Die Kardinalfrage der Menschheit. 2. Aufl. (Leipzig, C>. Mutze.) Handelt von der Fortdauer nach dem Tode.

Was soll ich! — Weise Lebensregeln. (Leipzig, S.